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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/39277-8.txt b/39277-8.txt new file mode 100644 index 0000000..aea60fa --- /dev/null +++ b/39277-8.txt @@ -0,0 +1,7076 @@ +The Project Gutenberg EBook of Die Achatnen Kugeln, by Kasimir Edschmid + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die Achatnen Kugeln + Roman + +Author: Kasimir Edschmid + +Release Date: March 27, 2012 [EBook #39277] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ACHATNEN KUGELN *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + +Die +Achatnen Kugeln + +Roman +von +Kasimir Edschmid + + + +Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin 1920 + + + +Alle Rechte vorbehalten +Copyright 1920 by Paul Cassirer, Berlin + + + + +Geschrieben Neunzehnhundertvierzehn bis Neunzehnhundertachtzehn + + +Gruß +an +René Schickele + + + + + + + + +Vorspiel + + +Nun stiegen sie schon die zweite Stufenreihe hinunter. Immer sahen sie auf +der anderen Seite die schwarzen Schatten, die sich wie sie selbst bewegten. + +Die Wasser rauschten langsam. Als sie die dritte Terrasse erreichten, +kehrten sie um nach der anderen Seite, die schwarzen Schatten schwenkten +und traten auf sie zu. Da kam aus dem See unten ein silberner Strahl, er +glühte auf, Licht strömte die Neigung der Rasenterrasse herauf. + +Das Schloß über ihnen schlug eine Mondflamme in den Himmel. + +Zwei Herren traten zur Seite, die anderen bogen Halbkreise um die Gegner, +die die Mäntel abwarfen und in weißen Samthosen, die Brust offen unter dem +Hemd, sich gegenüberstanden. Ein flüsterndes Signal überklirrte das Metall. +Aus dem dunklen Laubgang stöhnte ein Vogel. Ein Mann fiel um, den Säbel in +der Gurgel, die Augen nach oben gebrochen. + +Der andere warf sich aufs Knie. Schob mit dem Daumen die Lider des +Liegenden probend herunter, sie schnellten wieder über die gläserne Pupille +zurück und hefteten sich auf den Knauf des Degens, der ihn durch die Kehle +auf das Rasenbeet kreuzigte. Da stand der andere auf, schüttelte die Haare. +Das war vorbei. + +Er sah sich um, empfand atmend die helle Nacht, die mächtig gewölbt war. + +»Mein Herr . . .« sagte der Sekundant des Gegners. Er deutete mit lockerem +Handgelenk auf den Toten. + +Der Marquis neigte den Kopf nach ihm. Was ihn erfüllte, verschwand. Die +steife Gebärde des Todes löschte die Wut des Abenteuers. Er sah auf, die +Seele nicht mehr zusammengezogen. Wie schien der Mond feurig und entflammte +purpurrot die Zweige. + +»Zaudern Sie nicht« -- flüsterte der Sekundant, »sofort zu begreifen, daß +Sie im königlichen Garten sind. Jetzt noch zu leben, heißt nur bedingt und +halb ein Lebender zu sein.« + +Vaudreuil trat mit einer Verbeugung zurück. Ein spöttisches Lächeln kniff +in seinen abwesenden Mund. Dann kam der Laubengang. Das Dunkel der Nacht +saß darin, unaufgescheucht vom Licht. Die weißen Hermen glommen aus der +blauen Dämmerung. Nun paradierte ihn die Wache. + +Die Rondells mit den Fontänen waren beinahe rot, und die Tritone schäumten +vor sich hin. Auf den Seiten verschwammen die Alleen flaumiger Dämmerung. +Eine quecksilberne Säule stand das Schloß aufgerichtet neben ihm. Zwischen +dem Schwung von zwei Koniferenästen zog sich der ganze Garten noch einmal +zusammen. Dicht über dem tiefen Wasserspiegel am Ende der gesenkten +Terrassen hing riesenhaft der Mond. + +Im runden Ausschnitt der Tanne hing eine Spiegelung, wie aus Silber eine +metallene Platte. + +Nächte voll Schwärmerei und Lichtern hoben sich über dem Park, zogen rasch +vorüber. Zuckende Frauenleiber sträubten sich vor ihm auf. Ein großer Ritt, +der ihn mit Ruhm behängte, glitt durch die Luft, sein Bein hing blutend in +der Bügelung. Ehrgeizige Spiele, sehr erleuchtete gläserne Säle . . . Teile +des Gartens dampften, brachen auf, Nischen entlaubten sich, Gänge warden +ohne Dunkel. Gab es nicht eine Frau? + +Eine Frau, ohne Geheimnis am Körper, verlogenen reizlosen Hirnes, ohne +Leidenschaft der Erfindung, gut für Lakaien. Dennoch schlug er sich heut um +ihre roten Haare. Dies ist das Dasein. Er lächelte, als ob er die weiße +Zofe in den Flieder herunterpfiff oder die Pikardin berührte, die bleich +durch eine Laube in der Parkecke auf ihn wartete. + +Das Bild brach ab. + +Aus allen Bosketts flossen Blumenrüche. Eine Nachtigall jagte einen süßen +wilden Schrei schlaftrunken ins Gebüsch. + +Er sah ohne den Schleier der Spiegelung in den Park. Die Grimasse des +Totengesichts, von seinem stählernen Witzwort in der Gurgel gefaßt, stak am +Boden, bläkte ihn an. Das Schicksal riß durch sein Herz. Waren diese +Terrassen nicht verbraucht bis zum Irrsinn, entblättert die Lauben beim +dritten Knie schon, das er darin geöffnet. Blieb ohne die Erregung des +eigenen Blutes, das sein Feuer zu fremden Abenteuern sich schuf, nichts +übrig wie nackte Enttäuschung, schon oft Gelebtes, sinnlos Wiederholtes. Er +zog den Degen an sich, fror am Eisen. Da sah der Marquis hinuntergleiten in +den See, was ihn ausgefüllt hatte die Jahre. Die Herren, mit denen er soff +und spielte und sich schlug, Damen daneben und Hunde, die an ihren Knieen +wehmütig zitterten und leicht mit dem Kopf nickend ihn verließen. Dann trat +das alles schon nicht mehr ihm zugehörig von der Neigung der letzten +Rasenfälle in Berührung mit dem Wasser. Der Mond nahm es auf und bog es aus +dem Park. Der Marquis sah zu, raffte sich auf, ohne Zorn, ohne Reue. + +Als er sich aber umbog, überfiel ihn alles, und er krümmte sich vor Schmerz +über den Abschied, so sehr hing sein Herz an der Erde, auch wenn sie +verbraucht war. + +Angst kam auf ihn, wenn er bleibe, daß er, eingekerkert in steinerne +Mauern, keine Sonne mehr sehe. Wie liebte er die Freiheit. + +Er machte zwei große Schritte, reckte sich steif, hoch, das Gesicht in +Ruhe, ging überlegen und sicher . . . . wankte und zog den Mantel über den +Kopf und weinte. »Nicht weinen Vaudreuil,« rief er sein Herz an, stieß den +Degen fluchend auf den Boden, biß in den Mantel, zerrte an dem Tuch, »was +weinst du, Affe . . .« Allein er konnte seinen Schmerz nicht kränken und +schluchzte, als er, den Seitenflügel umschreitend, den großen Empfangshof +betrat, der unter seinen Schritten leise aufscholl. Er blieb da stehen. +Kein Garten stand mehr vor ihm. Das große Gebäude verdeckte ihm den Mond. +Er hatte noch nie Abschied genommen. + +In der Kehle ein Zittern riß ihm den Schmerz bis zu den Zehen. Dies +flimmernde Weiß an den Rändern des Schlosses, die Pflastersteine, die der +Mond blau schlug . . . er wollte sich daran halten, sein Herz klammerte +sich an das Licht, an die Luft. Sie hielt nicht. + +Lautlos, taumelnd ging er zum Tor. In weißen Samthosen, die Brust frei +unter dem zerrauften Hemd. Die Wache trat vor, grüßte und grinste. Ein +Soldat sprang in seinen Schatten und bog den Bauch in Verrenkungen hin und +her. Sie hielten ihn für betrunken. + +In der Dämmerung rannten die Pferde nach der Küste. Das zweite trug den +Diener, das dritte Gepäck, Geldrollen, Hemden, Waffen. + +Die Stirnen der Gäule wandten sich im Kreis, zuerst gegen Havre zur +Täuschung, dann ganz herum gedreht nach Dieppe. Paris fiel zurück +unberührt. Dann warfen sie die Gäule nach Westen, schoben eine südliche +große Linie nach Rochelle. Als sie bogen, flammte die Sonne über +Versailles. Tief im Süden sahen sie, rastend in einem Dorf, fern das +Sommerschloß des Marquis. Er ritt davon weg. Dann von eigenwilligen Dämonen +getrieben, ging die Fahrt im Zickzack. Eine Erhebung hinauf, schräg +herunter . . . nach einer schweren Stunde waren sie wieder auf dem Hügel +von der anderen Richtung her. Baptiste sagte kein Wort und folgte. Gegen +Mittag fluchte der Marquis, sie jagten um einen See. Durch Schilf, über +Wiesen mit Rehböcken, die spielten, ging es stundenlang. Baptiste zog die +Riemen der Ledertaschen auf und zu. Am Mittag brachen sie aus +Weidenunterholz und waren wieder an dem See. Der Marquis ließ die Gäule +saufen, ritt rechts in ein Tal, sprang plötzlich wild über einen Gießbach +und jagte zurück, an dem See vorbei in die Landschaft der Küste. Gegen +Abend lahmte das Pferd. Baptiste stieg ab, massierte das Bein. Der Marquis +stieg auf. Er ritt zweimal im Kreis, dann jagte er in den eigenen Spuren +zurück. Gegen Abend kamen sie an den Hügel, später durch das Dorf. Die +Sonne ging unter. Links lag das Sommerschloß. Sie ritten direkt darauf zu. +Sanft stiegen über die Mauern die hellen Bogen der Springbrunnen. Aus der +einstöckigen Front schimmerten die vielen bis zum Boden gesenkten Fenster. +Die Kieswege, angelegt für die Zärtlichkeit von Frauenschenkeln, lagen +träumerisch im Schein des südlichen Abends. Der Marquis ließ Baptiste +vorreiten. Er ritt in den Bügeln stehend, die Mauer war hoch. Sie hielten +nicht an, sprengten am Ende die Mauer wieder zurück, dann hatte der Marquis +ein Messer verloren. Sie fanden es nicht. Sie ritten hinunter, dann in die +Nacht, die anfing. Die Pferde liefen wie die Teufel. + +Das Meer kam, vom Wind geschlagen. Nebel klatschten graue Wellen über die +Küste. Der Segler lag weit draußen und löste die Anker. Matrosen warfen die +Mantelsäcke in die Barke, griffen zu den Rudern. Vaudreuil sprang hinein. +Der Steuermann stieß das eine Bein gegen den Pflock, sah auf. Oben stand +Baptiste. Der Marquis erbleichte. Der Diener stand schlaff. Dann trat er +einen Schritt zurück. + +»Zwölf Jahre waren Sie bei mir . . . hielt ich Sie nicht wie einen Pagen +. . .?« + +Der Marquis stand aufgerichtet im Boot, das schwankte unter krachenden +Wellen. Aber der Diener ballte die Faust, wies auf das Meer, das sich +dunkel donnernd zusammenballte! »Bin ich ein Hund, daß Sie mich mitreißen +auch da hinaus . . . zwölf Jahre habe ich Bügel gehalten, vor Frauenhäusern +gelauert . . .«, er röchelte und verzerrte sein Gesicht vor Haß. + +Da stieg dem Marquis das Grauenvolle des Abschieds bitter in die Kehle wie +kein Schmerz. Einen Augenblick hob er wie bittend die Hand. Als er von +diesem letzten schlechten Stück sich riß, versagte sein Herz, daß er es +demütigte. Er bat eine Sekunde. Dann warf der Wind ihm die Haare über das +Gesicht. + +»Bleiben Sie ruhig,« sagte er, »behalten Sie die Pferde. Gehen Sie zurück +nach Versailles.« Er schrie, denn die Flut machte die Luft voll unruhigem +Geräusch. Das Boot schoß los, sauste eine grüne Welle hinunter. Der Marquis +nickte vom Rücken der nächsten dem Diener zu. + +Der Segler rollte auf hohen Wellen. Der Marquis sah zurück. Auf dem +erhöhten Hügel der Mole lag Baptiste, das Gesicht stumm gegen den Herrn +gerichtet, der ihn verließ. Nebel kamen, verwirrten. Lösten sich und immer +brach sein Bild, auf den Knieen, die Arme verkreuzt, durch den Wasserstaub. + +»Wie feig er ist«, sagte der Marquis, »und doch wie groß seine Sehnsucht.« +Da begann Baptiste zu schreien, als die Barke an den Segler rollte, die +Arme in die Luft zu stoßen, sein Haß und das Schmierige stritten mit dem +guten Gefühl. Vaudreuil litt mit dem Niederen. Aber er empfand seine Stärke +mehr zu leiden mit schmerzlichster Beschwingung. Die Tiefe der +Erschütterung gab ihm ungeahnte Kraft. + +Taue klatschten aufs Wasser. Dreimal schoß eine breite Woge zwischen die +Fregatte und sie, teilte sie. Dann faßte Vaudreuil die Schlinge. Wie ein +Affe erkletterte er das Verdeck. Matrosenhände erfaßten seine nasse Taille, +schoben ihn herein. Das Schiff hatte sich weiß beflaggt, bog sich und +rauschte. Er sah die Küste nicht mehr. Möven lagen auf den Wellenspitzen. +Dann kamen Tage, wo die Sonne nur da war, der Himmel sich seidig +zusammenzog. Er sog den Geruch des Meeres ein, schaute auf das Spielen von +Welle mit Welle, der letzte Strich des Horizontes gab seinem Gefühl die +ruhig sich schaukelnde Sicherheit der Ruhe und des Glückes. + +Am fünften Tag wurden die Segel gerefft, ein Sturm legte die Fregatte auf +die andere Seite, stieß ein Leck in den Speicher. Seekrank lag Vaudreuil +auf einem Haufen Taue in seiner Kabine. Sein Magen spie über Bett und +Tisch. Sein Geist litt unter der Beschmutzung seiner Kleider. Sein +kraftloser Körper, den nur einmal in Barbizon nach einer ausschweifenden +Woche mit Lilotte, der Tänzerin des Dauphin, ein Purgier mit Schweiß +befreite, litt unter der Ohnmacht und stemmte sich mit Wut dagegen. Aber +die Dauer des Zustandes führte ihn in die Überwindung. Ohne Zorn fand er +sich darein, daß seine Kabine stank wie ein Stall, daß er tagelang kotzte. +Als er geduldig ward, befreiten ihn helle Tage. Die Angel lag auf dem +spiegeligen Wasser. Matrosen saßen in den Takelungen. Mit weiß knatternden +Spitzen schlug das Meer gegen den blau aufbrechenden Horizont. Er fing +Germanen, köpfte sie, warf die Körper den Kabeljaus zum Fressen hinunter, +briet die Köpfe. Nie aß er früher so weißes Fleisch. Erfinderisch geworden +in der Ruhe, erfand er neue Speisen. Er röstete Flossen, briet Herzen. Der +Tag ward ihm phantastisch, spielend überwand er die Melancholie der Abende. + +Das Schiff wendete. Die Segel klatschten, standen dick voll Wind. Matrosen +liefen mit Haken und Büchsen nach Backbord. Da stand am Horizont ein Schiff +in der Form saletanischer Piraten, das braune Segelzeug schoß scharf +drachenhoch vor dem Gelb. Der Kapitän schrie. Aus den Verstauräumen kamen +Kanonen angeschleppt, die sonst das Gleichgewicht des Schiffs gegen den +Wind stärkten. Da brauste es aus dem Sprachrohr des Drachenschiffs: »Vila«. + +Da begannen die Matrosen zu grinsen, einer sang. Sie zogen die Hemden aus +und winkten in ihren bronzenen Brüsten hell zwischen den Leinen und dem +blühenden Himmel. Denn das Schiff war gascognisch. Vaudreuil blies die +Backen auf und ging hin und her den Abend. + +Zwischen zwei Felsen fuhren sie in den St. Lorenz. Die Wände standen wie +Pyramiden. Schwärme langgehalster Vögel hoben sich, zogen endlose Spiralen +immer höher und schrieen. Morgens booteten sie aus nach Quibek. Vaudreuil +ging sofort zum Fort. Die Straße war kotig. Mit schmutzigen Schuhen und +Strümpfen kam er, nach Tang riechend, an die Palisaden und nannte seinen +Namen. + +Abends erschien der Kommandant zum Bankett. Er hatte den ganzen Mittag die +Finger seiner Hände hin und zurück gezählt, um nicht sofort hinzulaufen. +Jedoch der Drang seiner Würde war größer als seine Neugier. Auf Vaudreuils +anderer Seite saß der Bischof in violettblauer Sutane. Ihre Fragen +umzingelten ihn, faßten ihn von immer neuen Seiten. Sie schlürften jedes +Wort. Der Geruch Europas war noch an ihm. Sie hielten sich gerade, aßen mit +Bewegungen, die ihren Namen entsprachen, wenn auch ihre Stoffe derb waren, +ihre Schuhe aus Rindsleder, das roch. Er gab, was er wußte, vom Hof, den +Städten, den Frauen, teilnahmslos, halb Gelöschtes aus seinem Gedächtnis. +Der Bischof riß einen Fisch mit beiden Händen am Schwanz auseinander und +frug: »Was planen Sie hier?« Aber Vaudreuil zuckte die Schultern. Sie +wurden verlegen. Der Kommandant trank rasch. Der Bischof leckte an seinen +fetten Fingern. Sie schwiegen eine Zeitlang. + +Beim Dessert verloren sie ihre Haltung. Vaudreuil kam beim Pharao in +Verlust. Als sie zwei Rollen Louis gewonnen hatten, wurden sie höflicher +vor seinen Mitteln. Um vier begannen sie, gebranntes Wasser zu saufen. Boys +brachten Kübel. Um fünf saßen sie hinter den Karten. Vaudreuil hielt Bank, +gewann zurück. Ein Fähnrich kam in Verlust, man verweigerte seine Bons. Er +hockte sich in die Ecke, schrie: Germaine . . . sah nur Waden, beschrieb +sie mit dem Finger, leckte das Maul. Ein Offizier fiel um wie vom Schlag +gerührt. Der Kommandant zuckte die Achseln: »Er liebt, seinen Gewinst +festzuhalten.« Seine Hand schrieb eine Anweisung, die er rotglühenden Auges +Vaudreuil hinüberreichte. Sie machten eine Pause, aßen kleine scharfe +Fische. + +Der Bischof hob den Arm. Schwenkte den andern auf, hob sie und senkte sie +heftig, bis der Apparat rauschte, seine blecherne Stimme anfing zu singen. +»Fettes Schwein«, sagte der Kommandant und schlug im Takt die Fäuste auf +den Tisch. Ein Hauptmann taufte einen Eingeborenen. Das Zimmer dick vor +Rauch. + +Sie kehrten zurück zu den Karten. Die Sonne stand draußen. Der Bischof +setzte die Sutane. Verlor. Der zweite Fähnrich begann ihn sofort zu +entkleiden, wollte ihn als Adam durch den Morgen führen. Der Bischof +quietschte mit Faseltönen, flatterte mit den Händen, umwirbelt von Dampf. +Er stank aus jeder Pore. Dann weinte er und psalmodierte eine Beichte. Der +Kommandant bog sich von seinem Stuhl, fiel krachend zurück in die Lehne, +beugte sich wieder, krampfte die Arme über den Bauch und bekam das Maul +nicht zu vor Geheul. Vaudreuil ging hinaus. + +An der Palisade erreichten ihn Schreie. Die Fähnriche brachten die Sutane +geschleift. Am Fenster hing der Mondbauch des nackten Bischofs. Eine Hand +hob sich über ihm, klatschte auf feine fette Schulter. Des Bischofs Arme +zeterten herunter, er wand sich. Seine Schinken hingen zum Fenster heraus. +»Also doch . . .« Vaudreuil bot Ohrfeigen mit, der flachen Hand. Sie zogen. +»Germaine«, brüllte der eine und fuchtelte in der Luft. Vaudreuil schonte +ihn, wandt sich zum anderen, der stieß ihm, schmalnasig und hager, im +selben Augenblick leicht in die Achsel, warf seinen Degen weg, salutierte +mit der Hand. »Es hätte auch die Kehle sein können.« Vaudreuil packte die +Sutane mit den Fingerspitzen, trug sie hinaus. In der Mitte des Zimmers lag +ein Haufen Fett, das den Himmel vertrat, vor dessen Umarmung jede trübe +Zofe flöhe. Er legte den blauen Rock auf den Haufen. + +Den Rückweg verlegte der Kommandant an den Palisaden. »Den Degen.« Der +Fähnrich, zwölf Soldaten hinter ihm. Vaudreuil lachte, denn seine Stimme +lallte und überschlug sich vor Besäufung. Er richtete die Spitze des Degens +nach hinten, ging so auf die Wache zu. Sein Lachen steckte an. Zuerst +prustete ein Soldat. Dann lachten sie alle, schlugen sich auf die +Schultern, auf den Bauch, ohrfeigten sich, begannen eine Prügelei. Der +Fähnrich zog ein Lächeln um den dünnen Mund und salutierte. Der Kommandant, +Sergeant an Wuchs, donnerte wütend, die Soldaten johlten weiter. Der +Kommandant torkelte einem an den Hals, umarmte ihn, fiel um, ward +aufgehoben, schlug sich den Bauch vor Lachen. Er kommandierte die Wache zum +Salutieren, es geschah unter Schwanken. Arm in Arm mit Vaudreuil verließ er +das Fort. + +An der Ecke blieb er stehen, stampfte auf, um fest zu stehen. »Ich muß Sie +verhaften, ohne Zweifel.« Er stemmte sich mit dem Rücken gegen ein Haus, +rülpste Gelächter. »Ich warte bis zum Abend.« Sie zogen durch die Kneipen. +In der dritten entlieh er eine Rolle Louis. Vaudreuil schlug sie ab. Es gab +einen Skandal. Mitten in der Szene vergaß er es wieder, versprach Vaudreuil +Weiber, frug nach Paris, schlief schnarchend ein. Die Nase fiel auf den +Tisch, begann zu bluten. Eine Rinne lief ganz langsam über die Platte, +schwenkte nach rechts, lief nach links. Vaudreuil blieb sitzen, bis es ihn +erreichte. Dann stand er auf. + +Am Bootshaus lag sein Gepäck. Vor der Mole schaukelte ein großes Segelboot. +Wohin? Nach Montreal. Er erklomm das Schiff an der Seite, wo Männer +loteten; setzte sich unter ein Sonnensegel, zog ein Buch aus der +Manteltasche, begann zu lesen. Die Eingeborenen sangen vor sich hin, indem +sie die Segel besorgten. In der Stille verengte sich der Fluß, das Meer +blieb stürmisch mit schlagenden Wellen zurück. + +Plötzlich stand ein Mann vor ihm, sprach ihn an, verdrehte die Augen, +schnitt Fratzen und bog die Nase nach oben. Zuckte mit den Achseln und +zwitscherte wie ein Vogel. Öffnete die Hand, schloß die Hand, verkrümmte +sich und blinzelte. Wandt sich von Vaudreuil, der weiter las, nach der +anderen Seite der Bank, verneigte sich, schwang die Arme nach hinten. Da +saß ein Offizier mit einem Orden, winkte mit der Hand, das Individuum +verschwand unter den Fäusten der Matrosen. Vaudreuil sah auf, beugte sich +etwas gegen den Offizier. Der erhob sich: »Courbisson«, der Gouverneur. +Vaudreuil blinzelte, schob den Mund schief, begann weiterzulesen. Die +Adlernase kam im Bogen, hing vor ihm, schnitt die Luft: + +»Sie brachen heute mein Gesetz.« + +»Es waren Schweine. Soll dieser Irrtum . . .« + +»Haben Sie zu verlieren?« + +»Das Leben.« + +»Sie wissen es einzusetzen.« + +»Der Ehre halber.« + +»Das genügt nicht. Bei diesen Menschen bedarf es mehr.« + +»Ich bin am Ende. Sah den Arsch des Bischofs die erste Nacht.« + +Der Gouverneur griff an seinen Hut, grüßte, die Matrosen begannen zu +schreien. Baumstämme kamen angeschwommen, sie halsten, bogen aus, im +Schwung umschwebte sie eine betäubende Insel. Der Gouverneur strich den +Knauf, aus dem ein Löwe in die Luft biß. + +»Ich bitte um zwei Fragen . . . haben Sie Mittel?« + +»Die Diskretion der ersten läßt mich auf die zweite verzichten.« + +»Ich rede in einer dringlichen Sache meines Herzens geschäftlich,« der +Gouverneur verneigte sich. Ein Haar breit. + +»Ich habe keine Geschäfte.« + +Da stieß der Gouverneur einen Fluch in die schmalen Lippen. Vaudreuil +machte eine unwillkürliche Bewegung. »Nein«, sagte der Gouverneur, lächelte +zerstreut, gewinnend, Unruhe wölkte seine Stirn. Da legte Vaudreuil sein +Buch hin, kam ihm entgegen: »Verhandeln wir.« + +Courbisson errötete gegen die grauen Schläfen, begann sofort mit Charme zu +reden. Vaudreuil sah ihn aus aufgerissenen Augen an. Beim zweiten Satze des +Gouverneurs schlief er ein. + +Als er erwachte, war es hoch im Mittag. Er war allein. Die Ketten +rasselten, die Segel hingen eingerefft, gebunden, der Anker hielt. Eine +Landschaft kam mit Wiesen heruntergespielt zum Fluß. Er sah große Fasane, +stieg aus zur Jagd. Die Nacht brach er durch Büsche auf dem Rückwege, fand +ein Blockhaus. Auf Heu schlief er. Morgens lockten die Stimmen der Tiere +sein Blut, er bestieg das Schiff nicht, blieb acht Tage, streifte, jagte, +brach in das Dickicht, das ihn schluckte, einsog. + +Am neunten Tage trieb er ein Boot auf, fuhr langsam hinunter nach Montreal, +kaufte fischenden Matrosen ihre Kleider für die Jagd, trat in ein +Blockhaus, spreizte die Beine, warf den Kopf zurück und zeigte eine +Landkarte, fixierte ein Stück mit dem Blei am Ufer. Hinter dem Tisch der +breite Mann zog den Spitzbart. Vaudreuil sah in die Luft. »Das Stück ist +zehn Klafter breit,« sagte der Verkäufer. Vaudreuil zuckte die Achseln. Der +andere zog die Lippen nach vorn, schrieb, Vaudreuil zahlte eine halbe +Goldrolle, drehte um. An der Tür zögerte er kurz, ging hinaus, kehrte nach +zehn Schritten um, zirkelte zu dem Flußgebiet, das er gekauft hatte, das +ganze Hinterland dazu, sah fragend auf. Der Verkäufer grinste und schrieb +ihm den Urwald noch dazu. + +Er mietete ein Rudel Gesindel, fuhr mit ihnen hinauf, ließ Hütten bauen. +Bald kamen Eingeborene. Mit Negern, die er kaufte, gründete er den Kral. +Dann warf er das Geld gegen den Urwald. Ein wütender Kampf bellte auf. Der +Wald wucherte mit Sumpf und Pflanzen gegen ihn auf. Tag um Tag fraß seine +Horde sich in den Wald. Er wirbelte die Äxte hinein, schnitt mit Feuer +Lücken, brach Boden auf Boden ab. Er umzingelte mit einer Gasse, die die +Kerle schlugen, die dicksten Plätze, hungerte sie aus, verwüstete sie, ging +zurück, brach vor. Die Sklaven starben an Fiebern. Er schaffte neue +Scharen, trieb sie gegen den Wald. Ordnete kleine Gruppen, fiel von den +Seiten, vom Rücken gegen das nie angegriffene Urstück. Tiere jagten nachts +heraus. Ein Löwe sprang durch das Dach seines Hauses. Er gab nicht nach. +Fauchend mit den Stimmen seiner Tiere wich der Wald zurück. Nun sogen +Weiden das Wasser aus den modrigen Ufern. Pflüge rissen in das Herz des +Landes. Ochsenwagen zogen nach dem Strom, warfen das Holz in die Boote, +nahmen Saat zurück. Meer von Weizen schlug in schönen Wellen gegen den +Wald. Herden suchten morgens, Boden schlagend, den Strom. Das erste Boot +fuhr nach Quibeck. Zehn folgten. Seine Wolle fuhr über das Meer. Schon war +der Wald eine ferne Linie am Horizont. In Tonnen und Schuppen stapelten die +großen Fischzüge. Er legte einen Gürtel Ablagerungshäuser an. Eines Nachts +flog ein Vogel vom anderen Ufer herüber, seine Flügel hatten eine grüne +Färbung. Als er am Giebel saß, begann das Dach zu brennen. Es war der +dreizehnte Schuppen. Vaudreuil ritt zum Inspizieren. Er fand nichts. Nach +drei Tagen ritt er denselben Weg, ließ es wieder aufbauen. Nach einem +halben Jahr kam er an einen Zug, der Tonnen Fische hinunterschleifte. Er +sprach mit dem Führer, sie bogen um eine Waldecke, da nahte ein Zug, es kam +eine Prozession. Vaudreuil stieg ein wenig in den Bügeln, kniff die Augen. +Dann führte er seine Leute zurück, in einem Hohlweg mit steilen Wänden ließ +er eine Tonne leeren, ritt weiter ein Stück, dann wieder zurück. Sie +erreichten den Weg, als die Läufer der Prozession auf den Fischen +ausglitten. Sie fielen auf Rücken und Bauch, streckten die Beine hoch, die +Zungen heraus, rauften sich an den Haaren. Die dicken Priester fielen auf +den Hintern und rutschten auf den Fischbäuchen die glatte Bahn herunter. +Geschoß kam auf Geschoß. Den Bischof warf sein Esel ab, er flutschte +vorüber, schlug mit den Armen wie ein Häher. Vaudreuil zog weiter. Zwei +Wochen darauf klopfte es nachts an sein Haus. + +»Woher?« + +»Quibeck«. + +Sie machten dem Fremden ein Lager im Flur und lauerten im Halbschlaf mit +schrägen Augen, daß er nichts unternehme. Am Morgen ging Vaudreuil über die +Diele. Da stand der Fremde auf, griff in die Mantelbrust und reichte ihm +ein Papier. »Ich will es quittieren«, sagte Vaudreuil, kramte in Papieren, +sandte dem Bischof für die Exkommunizierung eine Verschreibung von seiner +eigenen Hand. Sie ging auf eine violettblaue Sutane. War vor sechs Jahren +ausgestellt. + +Vaudreuil badete, salbte sich ein Stück, zog Strohsandalen unter die +Schuhe, es war Abend. Ging langsam zum Fluß, nahm ein Paddelboot, fuhr ab, +legte, als der Flußwinkel überfahren war, an im Gebüsch, kehrte zurück, +trat hinter einem Baum heraus mit einer Peitsche und verhieb Neger, die im +Garten tanzten und seine Hüte trugen, entließ den Aufseher, der in der +Küche sich Pasteten buk. Dann ging er über die Äcker zwei Stunden, bis er +Wald erreichte. Eine halbe Stunde lang suchte er, die Nase wie ein Hund +geneigt. Er fand einen Pfad, folgte ihm bis gegen Morgen. Dann schlief er +ein wenig, lief den ganzen Tag weiter ins Innere. Es wurde Nacht, er roch +Feuer, schlich sich heran, wartete eine Stunde, schnitt mit dem Messer +Gestrüpp, verknotete Schlingpflanzen durch, machte einen Bogen, schaffte +bis Mitternacht. Dann kam er an den Rücken eines Schattens, hob ein Tuch, +war in einem Zelt, zündete ein Schwefelholz an, hielt es mitten in den +Raum. Zehn Frauen saßen auf Fellen und schliefen. Eine stand auf, schlanker +als die anderen, blies das Licht aus. Er nahm sie auf den Arm, trug sie +durch das Lager in den Wald, das Kupfer ihrer Haut glänzte unter der +Dunkelheit der Zweige. Sie kamen an sein Boot zum Fluß. »Naimi«, flüsterte +sie. Ihre Augen der zahmen Antilope stellten sich in Rausch schräg gegen +die Wipfel, die über den Mondwellen hingen. Das Rindenboot glitt unter +Ästen mit singenden Vögeln. Ihre Haut roch nach ihren Speisen, nach +Wildbret und Beeren. Er strich ihre junge Brust hoch. »Perlen«, sie lachte +gegen die Hand, band sie in die blauschwarzen Haare. »Wie lange?« Er zuckte +die Achseln. Ihr aus den flimmernden Schatten des Waldes heraus geformter +goldbraun geschwungener Leib zitterte. Sie hob das Gesicht über den Rand. +Da sah sie in den Mondwellen die Perlen, warf sich nach vorn in die Knie, +herüber zu ihm, den Kopf auf seine Hände, die Zunge fuhr über seine Brauen, +die sich im Dreieck zur Stirne spannten. Er weckte sie aus dem Schlaf: +»Naimi«. Sie forschte erschreckt in seinen Augen; als sie Liebe sah, begann +ihre Haut sich zu färben. Sie banden das Boot an. Die Sonne ging über sie. +Manchmal erhob sie sich, sah scheu nach ihm hinüber. Am Abend fuhren sie +weiter. Das Rindenboot schlürfte am Ufer hin im leisen Takt des Stroms. Der +Mond brach weich aus allen Ästen. Ihre Brust war fruchtreif und klein, sie +flüsterte, erschreckt. Er sah sie an. Sie schlief ein. Sie näherten sich +seiner Ansiedlung gegen Morgen. Als sie erwachte, ihn erblickte, war ihr +noch munter. Später hieb er ihr gegen die Schenkel. Sie sah seine Stirn, +erbleichte, knackte zusammen. Beim Aussteigen drehte sie sich einmal noch +um, ihr schmales Gesicht sah ohne Ausdruck nach ihm. Dann sprang sie in den +Wald. Er trieb allein gegen sein Haus. + +Er kam in seine Faktorei, kontrollierte das Schreiben der Aufladung. Da +trat ein Herr herein, grau an den Schläfen. Er ging ein wenig gebückt. »Ich +treffe Sie doch in Geschäften«, lächelte dünn. Vaudreuil verbeugte sich +wortlos: »Courbisson«. Der Gouverneur nahm Vaudreuils Arm, sie gingen durch +den Garten, das Haus, die Anlagen, ritten den Strom herauf, vorbei an den +Ausladehäusern. Sie gingen um die Schuppen, Courbisson prüfte mit der +schmalen Hand die Maiskolben, den Weizen. Er hob die Hand, beschattete das +Auge, blickte ins Innere. Er beugte sich noch tiefer: »Sie wissen nicht, +daß ich das, was hier geleistet, von Ihnen wollte, als wir das erstemal uns +trafen. Dies alles war meine Absicht.« Er fuhr mit der Hand im Kreis herum. +Dann nahm er wieder Vaudreuils Hand, er blieb bis zum Abend. Nach Tisch +schlief er. Sie tranken Kaffee und spielten. Gegen die Dämmerung redeten +sie monoton, einfach. Als es dunkel war, brachte Vaudreuil ihn zu seinem +Schiff. Sie waren noch im Garten, und eine Kröte sprang schwerfällig über +den Schuh des Gouverneurs. Er stand steifer: »Der Krach mit dem Bischof +stellt alles in den Einsatz.« »Ich weiß«, sagte Vaudreuil. Der Gouverneur +ging weiter. Von einem Baum knallte eine Frucht. Das Kinn des Gouverneurs +berührte einen Augenblick die Brust. Dann hoben sich seine Achseln, er +atmete tief. Am Schiff gab er ihm die Hand: »Besuchen sie mich.« Vaudreuils +Brust hob sich hoch, senkte sich. + +Am Morgen torkelten über die Felder eine Schar Weiber, kamen in die +Umzäunung. Unter dem Schmutz erschien ihre weiße Haut. Sie kamen +halbverhungert aus den Wäldern, wo sie breitschenkligen Huronen +nachgelaufen waren, verlangten nach Essen. Sie waren derb und saftig, ihre +Kleider von Dornen zerfetzt, manche fast nackt. Die meisten waren +betrunken, schimpften vor sich hin. Er ließ sie hinaustreiben: Ein Neger +erschien mit einem Seil, das ein anderer faßte. Eine nahm ein Federmesser +und stach es ihm nach der Hüfte. Vaudreuil kam selbst heraus, langsam die +Treppe herunter. Ließ die Sau auf einen Stuhl schnallen, schlagen. Die +Neger rissen die Röcke hoch, schlugen ihr die Haut zu Striemen. Sie brüllte +eine Weile. Dann ward sie still, verkroch sich in ihren Körper wie in eine +fremde Hülle. Als sie losgebunden ging, öffnete sie den Mund, sang. Ihre +Stimme war angenehm, nicht mehr rauh. Das Lied war von den Vorstädten von +Paris. Vaudreuil ging die Treppe hinauf, er hatte sie im Rücken. Sie riß +das Palais Royal vor ihm auf. Er biß die Lippen, aber er drehte nicht um. +Sie hatte einen roten Strumpf. Dies verließ ihn nicht. + +Im Sommer kamen die Meerwölfe ans Ufer, schlichen hinauf und schliefen. Sie +fuhren mit ein paar Schiffen hinunter, kamen in der Dämmerung an, +beschlichen die Plätze in der Frühe, hoben Gruben aus, versteckten sich, +warteten. Als die Sonne heiß ward, pfiffen sie, sprangen heraus, liefen +nach dem Strand und schnitten den Tieren den Rückweg ab. Dann schlugen sie +sie mit Knüppeln tot. Die Tiere gaben kleine Pfiffe, wehrten sich in +schnappigen Sprüngen mit dem Maul über die Luft rasierend. Müde von der +Jagd ritt Vaudreuil in die Stadt, suchte ein schlichtes Haus, trat hinein +zu Courbisson und aß mit ihm. Als er Abschied nahm, sah er, daß der +Gouverneur sehr grau ward: Er lächelte. In der Hauptstraße standen vor +kleinen Häusern europäische Weiber, hoben die Röcke, wiegten mit den +Schenkeln und pfiffen. Er ging weiter, der Geruch gepflegten Fleisches war +noch nicht aus ihm gewichen, und er, der die süße Frische der dunklen +Weiber kannte, war der talentlosen Liebe, mit denen Frankreich +überschwemmte, taub. + +Der Mond kam aus den steifen, hohen Bäumen, er ging hinunter, das Pferd am +Zügel, sah die Strecke an, kam bis an das Ufer, ritt es hinunter, wo der +Lorenzo umbog. Da sah er zum erstenmal seit Jahren das Meer. Der Mond +stürzte aus den Palmenwipfeln heraus, sank gegen das Wasser. Da brach aus +ihm heraus, was er sieben Jahre bezwungen, was aber in der Reibung mit +seinem Herzen wie ein Wolf gewachsen . . . er drückte sein Gesicht in den +Bauch der Stute, zuckte mit den Achseln. Das Pferd hielt starr und +hingebend, obwohl er den Hals mit den Armen ihm verschnürte. + +Er sprang auf das Pferd, mit träumerischen Zügen trieb es langsam ins +Wasser. Wo der Mondstrahl auffiel, spiegelte das Wasser wie Glas, das sich +drehte: Das Schloß . . . mit buntem Kies, gebaut für die Zärtlichkeit der +Frauen. Tiefe Fenster wühlten in der wollüstigen Blumendämmerung. Der Park +stand voll vom Duft der Rosen und Jasminen. Schreibend früh morgens mit +vier Sekretären, noch feucht von der Haut der Geliebten. Da schoß er Tiere. +Warf den Körper in das Bassin, das ihn kristallen umschäumte. Dumpfe Nächte +beim Kartenspiel durchschlug er mit schweißigem Haar. Ein großer Ritt, der +ihn mit Ruhm behängt . . . eine Intrige, die in London sich kraus +entfaltete . . . mit großen Orden, den Degen am Fuß empfing er eine +Fürstin, die Hand am Schlag und sie warf ihm Blicke zu durch das Glas, das +er geschmeichelt nahm. Dann nichts tun einen Sommer, als den Himmel ansehn +durch den Regenbogen der Tritone . . . er trieb das Pferd mit Schlägen; das +seichte Wasser schäumte. Er hob es am Zaum hoch und zwang es tiefer in die +Flut. Indem begann der Mund sich zu öffnen, zuerst leise im Rhythmus, dann +schreiend sang er, was von der Hure in ihm war. Das armselige Lied +befriedigte seine Sehnsucht tief. Als der Gaul versank, schwamm er weiter, +der Mond lag auf weißen Wellen. Er sang nicht mehr, das Wasser schlug an +seiner Kehle und erstickte seinen Ton. Sein Herz war so irrsinnig, daß, als +der Mund die Flamme nicht ausspeien konnte der Sehnsucht, es pochte dumpf +den Namen der Frau, das Übelste an Erinnerung, die er verachtet, um die er +sich geschlagen und die er jedem Lakaien gegeben. Das hatte noch sehr +Gewalt in ihm. + +Als die Kraft ihn verließ und er unterging, kam Wehmut über ihn, er +arbeitete sich hoch, kam mit dem Kopf gegen die Küste, den Mond im Rücken. +Da, als er das Land sah, verließ ihn alles, er wußte nichts als Leben und +das Gefühl des Atmens durchstieß ihn so, daß er weinte vor Gier, +dazubleiben, die Arme zu strecken, nicht zu sterben. Er mühte sich dreimal +verzweifelt, die Welle schlug ihn zurück. Keuchend erreichte er Grund, kam +an die Küste. Fand sein Pferd, das mit dem Schweif schlug und wieherte. +Sein Atem schlug wie eine Säule über den Sand. Er stöhnte, machte drei +Schritte, erreichte den Gaul nicht, sondern fiel mit dem Gesicht auf die +Erde, breitete die Arme aus, schlief an ihr wie an einer Frau. + +Spät am Morgen wachte er auf, drehte sich, nahm das Pferd am Halfter und +ging nach der Stadt. Er drehte sich nicht nach dem Meer um, sah es nie +wieder. Am Eingang zu den Häusern stieg er auf, glättete seine Kleider und +ritt durch. Am anderen Ende kam ein Reiter ihm entgegen, stellte seinen +Gaul etwas schräg, daß Vaudreuil halten mußte. Courbisson reichte ihm die +Hand. Einen Augenblick verweilte des Gouverneurs Auge auf Vaudreuils Stirn. +Er sah, daß er grau geworden war an der einen Schläfe. Er, täglicher Kämpfe +hart im Inneren bewußt, lächelte, sagte nichts. In der Nacht in seinem Haus +wartete Vaudreuil am Fenster. Der Mond flog zärtlich aus der Waldnacht im +Osten. Er sah ihm nach. + +Wochen ließ er sein Geschäft laufen. Er sah nach, aber ohne die Schärfe des +Blicks. Eines Tags widersetzte sich ihm ein Arbeiter ins Gesicht. Er nahm +ihn mit sich in sein Büro. Sie sprachen zwei Stunden. Der Arbeiter kam +heraus mit verändertem Gesicht. Nach drei Tagen übernahm er die Leitung +einer Abteilung. Vaudreuil rüstete sich aus, schaffte zwei Wochen +geheimnisvoll. Als er frühmorgens mit seinem Pferd den Garten verließ, +stand der Arbeiter an dem Pfosten: »Nehmen Sie mich mit?« Vaudreuil ward +zornig. Dann beherrschte er sich, sein Gesicht ward versteckt, starrte über +die Bäume nach Norden. Er schüttelte abwesend den Kopf: »Ich muß hier einen +Vertreter haben«, er gab dem Jungen, dessen Augen hell und ärgerlich über +die Abweisung waren, die Hand. Mit ein paar Eingeborenen schlug er sich +durch. + +Als die Flüsse auf Rindenbooten durchfahren waren, kamen Steppen. Eines +Morgens glänzte Weiß. Es war der Churchilriver, den noch kein Europäer sah. +Er überschritt ihn. Zehn Tage weiter entdeckte er Pelztiere, durchforschte +die Gegend, legte einen Schuppen, eine Kette Niederlassungen zur Küste an, +brach weiter auf. Er kam zu einer Erdspalte, überstieg sie. Wie von Öl +überglänzt, war die Ebene reich gegliedert von großen Seen. Wieder kamen +Steppen. Am Rand blieben die Eingeborenen stehen und frugen achselzuckend, +wohin er wolle. Er hieß sie schweigen und deutete nach Norden. Sie sahen +ihn scheu an, folgten. Sie hatten drei Tage nichts zu trinken. Ein Indianer +floh. Die anderen fingen ihn wieder. Er ließ ihn laufen mit so viel +Verachtung, daß der sich hinwarf und flehte, er solle ihn nicht verstoßen. +Aber er nahm ihn nicht weiter mit. Der Wilde folgte im Abstand, schlief, +lagerte, aß mit ihnen. Am dritten Tag wurden die Stimmen heiser. Morgens +tauchten drei blaue Punkte auf. Wilde nahten: hinter den Eisbergen sei das, +was Menschen tilge . . . Er ward ungeduldig und schrie sie an. Sie senkten +die Köpfe: er würde ein Greis, bis er die nördliche Küste erreiche. Sie +wiesen Renntierhörnerkeule: es gäbe keine Tiere mehr zum Jagen, nur +gefrorene Flüsse . . . Er zog die Brauen zusammen, daß sie im Dreieck +standen. Es trieb ihn, er hatte keine Macht darüber. + +Vier Tage zog er die Eingeborenen mit sich Sie froren die Zehen ab im +Schnee. Sie wollten zurück. Er schalt: »Hunde.« Sie zeigten ihre Füße. Er +riß die Brust auf. Sie neigten den Hals. Er entließ sie. Im Abstand nur +folgte ihm der eine, den er verjagt. Eines Morgens fehlte auch dieser. An +diesem Tage traf er Eskimos. Er machte ihnen Zeichen. Noch eh er zu trinken +bat, grub er das Zeichen des Meeres in den Schnee. Sie schüttelten den +Kopf. Er würde den Punkt nicht erreichen, wo die Unendlichkeit der Ebenen +und die Einsamkeit seines Herzens Europa am nächsten seien. Er würde nicht +den magischen Pol seiner Sehnsucht erreichen, den sein Herz unruhig suchte, +ohne daß er wußte, zu welchem Ziel, in welchem Sinn -- -- -- er sah einmal +den Kreis langsam herum, dann fiel er ab. Sie schleppten ihn mit sich +südwärts. Als sie Lagerfeuer sahen, plünderten sie ihn aus, eh er ihnen +schenken konnte, was sie nahmen, ließen ihn liegen. Halbverhungert wälzte +er sich weiter, schrie und verlor die Besinnung. Am Morgen sah er, wie die +Indianer aufbrachen, er erhob sich und winkte. Sie sahen ihn nicht. Als +aber sein Leben dahinschwand mit den verschwimmenden Konturen der Zelte und +Haarbüsche, kam die Kraft über ihn, daß er lief wie ein Ochse, sie +erreichte, dort zusammenbrach. Sie pflegten ihn durch, zwei Monate lang. Es +waren Iroquois. Als er gesund war, hob er nachts ein Zelttuch, sprang +hinein, entzündete den Schwefelspan, hielt ihn in die Ecke. Eine Frau stand +auf, der schlanke Brüste wie Zitronen saßen, die den Shawl mit einer +gleitenden Leichtigkeit raffte. Sie hob den Kopf, blähte die Nüstern der +bourbonischen Nase, als röche sie ihn, der Blick der wildsamtenen +Antilopenaugen verdunkelte. Sie blies mit einer raschen, schönen Bewegung +das Licht aus. Ihr Körper war glatt wie ein Fisch, golddunkel. Sie frug, +wie lange, am Morgen. Er schüttelte den Kopf und nahm sie mit. Sie kam als +erste in sein Haus. Der Arbeiter gab ihm die Übersicht der Bücher und trat +ein wenig zurück. »Ich danke.« Vaudreuil gab ihm die Hand. Der Arbeiter +errötete, aber, da Vaudreuil nicht weiter sprach, wies er nochmals auf das +Neue, seine zehn Pfade am oberen Lorenzo, den Hafen am Ontario. Vaudreuil +nickte. + +»Ist es nicht genug?« + +Da sah Vaudreuil wieder über ihn hinaus wie am Morgen, als er aufbrach. +Seine Sehnsucht hatte das Tätige nicht gestört. Er stapelte auf die +Verträge von den großen Seen, die Abmachungen, die die Jagd am Sklavensee, +am Makenziriver in seine Hand gaben. Nun flossen die Felle des Inneren +nicht mehr zur Hudsonbay, nun durch ein neues Bett strömte das Innere zu +ihm. Nun liefen die Pelze übers östliche Meer, nach Europa. Seine Besitzung +am Lorenzo ein Strudel, der das Innere des Landes einsog und herriß. Was +war das Bisherige gegen diese Leistung, diesen Horizont? + +Er sah dem Arbeiter ins Auge: »Organisieren Sie es.« Der zog den Mund +zusammen, bückte sich einen Augenblick, hielt dann erstarrt mit geöffnetem +Mund. Dann ging er hart. Nach einem Monat brachte er das Geschaffene. Er +sah auf: Wegweiser, Faktoren, Dolmetscher zogen ins Eis. Die faule Jugend +war diszipliniert, stieg in siebenjähriger Probezeit zu höherer Stellung, +zu Beteiligung, zu Prämien für besondere Leistung. Für Ausdauer stand Lohn, +für Ehrgeiz Befriedigung. Er machte Kräfte frei in gerechtem Wettstreit +. . . »Gut,« sagte Vaudreuil. Da nahm der Arbeiter seine Hand, sagte: +»Verzeihen Sie.« Er wollte kein Lob mehr. Kein Trotz war mehr in ihm. Er +diente. + +Als die Frau ihm einen Sohn ins Bett warf, schreiend, daß die Mägde im Haus +den ganzen Tag zitterten, schenkte er ihr eine Kette mit gewundenem alten +Dukatengold. + +Daran hingen drei achatne Kugeln. + +Courbisson hielt ihn zur Taufe über das Wasser, obwohl die Mutter braun +war, denn seine Schätzung für den Menschen war noch geringer als die für +das Beispiel, mit dem Vaudreuil für das Volk schuf. Am Mittag kam ein Bote, +der die Nachricht hatte, daß ihm die Heimkehr frei sei, daß unter anderem +Gesetz die Stadt stände. Er ging zurück in den Schatten, wohin die Kerzen +nicht langten. Er würde Ruhm haben, Vermögen, Macht, Frauen. Er sah durch +das Fenster, wo die schwere Silhouette des Waldes noch sichtbar in der +Ferne schwang. Es ging über sein Gesicht von oben nach unten, von den +Wangen über den Mund. Der Gouverneur zitterte an der Hand, die den Hut +hielt. Vaudreuil äußerte sich nicht. + +Im Frühjahr verschwand er einige Zeit. Rastete an Feuern, an Seen, Flüssen, +den großen Hauch des Daseins spürend, ging mit Zeit, mit Woche und Jahr. +Der Erde und ihrem Rücken verschwistert, die ihn mit Blut und Saft bis ins +Hirn durchspülte, gingen die Nächte über ihn, die Schwingen des +Sternkreises, der Monde. Er sprang in dieses Zelt, er zündete Hölzer an, er +verließ es. Er hob das Tuch im Wald, auf der Steppe. Nahm jene, dieses, +schwankte, ließ liegen, holte zurück unter Lachen. Schichtete um sich in +Zellen brausend Gelebtes, reich Durchgegangenes, hielt nicht an dieser, +jener Frau, glich sich aus in der Bewegung. + +Am zwölften Geburtstag seines Sohnes kam er von einer Kontrollfahrt. Er +ging sofort in das Zimmer, wo von einem Hausmeister und Lehrer er das Kind +erziehen ließ. Von dort durch die Diele, kam er ins Boudoir seiner Frau. Er +sah sie vom Rücken, sie stand vor einem Spiegel und kämmte ihr Haar. Ihre +Lippen leuchteten voll und rot, der Nacken fiel mit der Glätte der Schlange +und als sie sich ihm zudrehte, standen ihre Brüste klein und gegen ihn +gereckt. Da sah er eine Flechte an ihrem Scheitel weiß, trat zurück, +erbleichte. Ging vor bis dicht an den Spiegel, sah über den straffen +dunklen Zügen sein Haar hell durchblitzt, stürzte hinaus. Drei Tage trieb +er wie irrsinnig durch das Haus, durch den Park. + +Des Nachts brach er auf. Am Pfosten der Tür versuchte er seinen Muskel. Er +warf ihn auf. Sein Gesicht ward sicherer. Am Abend schmerzte ihn sein Fuß. +Er wurde kleinmütig, ging gesenkten Kopfes, setzte sich auf einen Stein. +Als er die Stelle untersuchte, war es eine Quetschung. Sein Auge hellte +auf, als er die Ursache sah. Er kam an den Elkfluß. Zog nördlicher. Kam an +den Athalaskasee. Schuf die Riesenfaktorei am Winnipegsee, nun würden +Tauschwaren in alle Eisbezirke laufen. Der Norden war aufgesprengt. Keine +Aufgabe weiter . . . Am Morgen erhob er sich, drang weiter vor. Unsinnige +Angst, daß das Alter nahe, daß er nicht mehr folgen könne, wenn sein Herz +ihn hineinstieß in das Sehnsüchtige, Dunkle. Er übertrieb seine Kraft, sich +selbst davon zu überzeugen. Er lag zwei Monate krank in einem Hüttenlager. +Gekräftigt, sofort trieb es ihn hoch hinauf. Er kreuzte durch verschneite +Prärieen am Hudson. Eingeborene wiesen ihn östlich, wo große Herden der +Pelztiere seien, Ebenen mit hohem Gras, Ochsen mit gestreifter Haut und +säulenhohen Hörnern sprängen. Aber sein Herz schlug: Nach Norden . . . Er +werde sterben. Es kümmerte ihn nicht. Sein Blut klopfte dumpf gegen das +Dunkle vor ihm, sein Herz kannte nur in ungeheurem Zittern einen Pol. + +Er kam an einen Fluß. Aus der Entfernung einer Meile kam sanftes Geräusch. +Er schlich sich an. Ein Graben deckte ihn. + +Wie Affen standen Tiere um einen Baum. Sie stützten sich auf breite +Schwänze, hatten die Vorderbeine an die Rinde gelegt. Mit weißen Zähnen +sägten sie nach gleichem Takt den Baum durch zwischen den Spalten ihrer +Gänsefüße. An der Ecke saßen zwei andere, machten Gesten, schrieen; womit +sie andere warnten, über die Linie zu treten, in deren Radius der Baum wohl +fiel. Nach dem Ufer zu zog sich eine geordnete Kolonne, die Äste trugen. +Der Fluß war eine unmeßbare Wabe, aus der die Kegelhütten hervorstachen mit +den Spitzen. Dazwischen ein Gewimmel von Tieren, die am Damm bauten, so +weit er sah. + +Auf dem Fluß schaukelten Rosaschatten, der Abend fiel langsam. Die +Dämmerung hüllte das friedhafte Summen der beständigen Arbeit in stumme +Seligkeit. Der Mond schwang darüber, es nahm kein Ende. Der Mond bewegte +sich in der Elegie des tätigen Konzertes, der Baum fiel, aber er stürzte, +als der brausende Rhythmus der Tiere auf der Spitze der Empfindung schwoll. +In langen Kantilenen zernagten sie die Äste, bauten, schufen, langsam klang +die Nacht mit allem Geräusch in die beruhigende Kraft des Tieres. + +Er machte eine Skizze, hielt den großen Biberplatz in der Hand, schlich +zurück, kroch in seinen Schlafsack, warf sich zwei Stunden herum. Dann +stand er auf. Zerriß den Plan. Hatte genug Vermögen. Langsam begann er zu +weinen. Etwas stieg auf, erhob ihn und durchdrang den Überschwang an +Dunklem, das seine Seele mit großen Trieben hinriß da und dort, aber immer +in einer Richtung, die sinnlos war vor unbewußter Sehnsucht. Das Gefühl +erfüllte ihn ganz bis in die Kammern des Herzens, bis in die Poren der +Haut, den Wuchs des Haares und gab ihm eine Schwingung, die er nie gepackt. +Hingerissen, zwischen den Schwüngen des rastlos Stoßenden, das ihn wegblies +wie gegen den Mond und zurückstieß gegen den Boden, den er baute . . ., in +einem unirdischen Ruhepunkt erlebte er die glücklichste Stunde seines +Lebens. Er rührte kurz an die selige Beruhigung, die als Achse zwischen den +Wagen seines Herzens stand. Auch dies verließ ihn nie. + +Mit hölzernen Schlittschuhen trieb er das Eis der Flüsse südlich. Schon kam +Grün, Frühjahr wucherte aus verhaltenen Ästen. Vögel begannen +unwiderstehlich zu kommen aus den monderhellten Dunkelheiten des Waldes. + +Von einem Hügel sah er zum Strom. Tausende Habitants, Sklaven, die die +Maisfelder dunkel machten. Riesenbogen der Landschaft gegen den Wald +gespannt. Eine Kette wie von ausgelaufenem Öl . . . die Schuppen, die den +Fluß gürteten. Schiffe schwankend zum Meer und zurück, Herden, die brüllend +aus den Weiden zum Wasser stampften . . . ein großes Tagewerk. Langsam +schritt er hinunter. Was blieb noch? + +Er ließ die Äxte Jahre gegen den Urwald trommeln. Feuer qualmte am +Horizont. Menschen eroberten sich Erde, Acker. Es geschah mit Ruhe. Er +verließ sein Haus nur zur Jagd. Sein Auge verschleierte sich langsam. Er +lehrte den Sohn, den Wolf auf die glühenden Augen schießen. Eine Erkältung +schlich ihm von den Beinen gegen die Brust. Er stemmte sich etwas dagegen. +Dann lag er ruhig, als er sah, daß es nutzlos war. Er ließ das Bett +herumstellen. Sein Scheitel stand zum Fluß. Sein Auge sah in die +Landschaft. Bis an die Grenze der Wolken getürmt alles sein Werk. Er hob +die Hand über die Brauen. Die Silhouette des Urwalds war zurückgewichen. Er +sah sie nicht mehr. Dies wurzelte. Was blieb? Der Tod. + +Er wartete acht Tage. Die Wolken staffelten Terrassen und flogen blitzend. +Sein Herz begann zu schmerzen. Aber mit den Schmerzen löste sich der Bann +und die ungeheure Treibkraft brach auf, und besinnungslos überfiel es ihn +vor Angst des Todes. Das Quellende, Heiße, das was flatterte und sich +bäumte, hob sich innen gegen dies kalt werdende Fleisch. Niemand kam zu +ihm. Allein lag er stöhnend, wünschend. Dazwischen fluchte er, kämpfte mit +aller Kraft. Er nahm ein Tuch und band es sich um das Kinn und den Kopf, +daß er keinen Laut gebe. Aber seine Lippen sprengten sich auf und stöhnten: +»Jardins . . . du . . . palais . . . royal. -- -- --« Es war das Lied der +Hure. + +Aber auf der Spitze des Schmerzes fiel das Weh in sich selbst zusammen. Er +ließ den Sohn rufen. Sein Gesicht war klar. Er lebte noch einen Tag. Als +der letzte große Griff gegen das Herz ging, flüsterte er: »Der Biberplatz«. + +»Ich verstehe dich nicht«, sagte der Sohn. + + + + +Der erste Abschnitt + + +Der schlief mit einer Dänin mit gelbem Fjordhaar. Er lebte ruhig, stiller +als Männer, die seinen Stand hatten. Er kannte keine anderen Frauen. War +rundherum sicher, wußte, was er tat. Als der Bogen beendet, starb er mit +gleicher Ruhe, wie er dagewesen. Sein Sohn glich ihm genau. Er hinkte mit +dem linken Fuß, hatte blaue Augen zu dunklem Haar. Der Besitz wuchs, indem +er ihn erhielt. Er hatte drei Söhne, einen erschlug der Blitz, der andere +schoß sich vor den Kopf. Der Letzte blieb. Er spielte am Strand, war +träumerisch und ernst. Sie lebten nach innen in der ganzen Linie. Nichts +stieß sie aus dem Kreis heraus, den Landschaft, Erdgeruch, Besitztum um sie +schlug. In der Pause erholte sich die Generation, schöpfte Atem, schluckte +nach innen, in sich hinein. + +Als Daisy die Mutter verließ, flaggten die Schuppen bis Quibec, pfiffen die +Dampfer Schleifen und Spitzen bis zu den Großen Seen. Die Sonne schlug +durch den Zenith. Am Abend starb die Mutter. + +Der Vater trat ins Zimmer, duckte den Nacken etwas, schwieg. Schalen +flammten in kurzer Nacht, umglänzten Daisys ersten Tag. Der vierte +Vaudreuil nahm die Hand des Bischofs, es sprühte in besinnungsloser Trauer +ihm das Gefühl der Ehre. Chorknaben durchsangen die Räume, schwenkten das +Rauchfaß. Abordnungen des Hudson neigten das Kinn gegen die Brust. Im +Fensterglas spiegelte ein Segler, der mit halbgehißter Fahne vom Ontario +kreuzte. Nach dem Essen legte Vaudreuil die feine hart gebogene Hand auf +die des Bischofs: »Sie irren, Eminenz, ich setze sie im Garten bei.« + +Er stand am Fenster, sah, ungerührt, bewegungslos den Bischof hinabgehn, +die Turbine des Motors schäumte weg von ihm, warf ihm Blasen, Wellen +zurück. Abends kam für Daisy eine eingeborene Nurse. In der Nacht +verbrannte er seine Frau im Garten. Die Nurse senkte die Gardinen. In der +Dämmerung erst ging Vaudreuil zurück ins Haus. Abends trat er in ihr +Zimmer. Als er die leere Bettfülle sah, den faden Geruch spürte, begriff er +erst. + +Blieb die Nacht wieder draußen, baute mit vier Gärtnern eine Hütte über der +Asche. Jeder Windstoß erregte ihn. Morgens ging Brise. Die Angst wuchs, die +Asche werde verweht. Sie war das Letzte. Von Montreal brachte der Bote den +Wagen mittags. Brown, anglikanischer Pastor, sprach Gebete. Früher wagte +Vaudreuil nicht, die Asche zu sammeln, so schmerzlich seinem Herz, das ohne +schlagende Dränge nur Liebe kannte zu Respekt und Hergebrachtem, der +Priester anderer Konfession war. Er trug die Vase selbst ins Zimmer, mit +straffen Beinen. Dort fiel er zusammen, schlug die Arme auf den Tisch. +Langsam, fest wuchs er in Stunden zurück, bis er senkrecht saß. Er würde +weiter leben. Auferlegtes Werk weiter verwalten, dies Schicksal tragen, +dieses und jenes, wie alles, das er, Erbe, trug. Doch ohne diese Frau, +. . . er schloß die Augen. + +Brown zog in die Familie ein. Vaudreuil band ihn an Haus, Besitz und +Tätigkeit. Hätte ihn um sich gehalten, stänke er wie Aas, vergaß ihm das +Gebet nicht. Nichts hätte dies zwischen ihnen herausgejagt. Doch Brown +gewann nicht ganz Boden. Der Lebensschlag verwirrte ihn hier. Liebe aber +wischte ihm das andere immer hinweg. Er sprach eckig, unfrei, seine +Handgelenke, unter flatternden, fliehenden Manschetten, waren gerötet. +Einmal erleichterte er sein Gewissen, schlug den Übertritt vor zu seiner +Konfession, dies eine Mal gab Vaudreuil keine Antwort. Nichts war gesagt +worden. Brown war es los. + +Vaudreuil rief den Vorstand der achten Abteilung, zog aus den Akten ein +Bündel, legte ein Papier auf: »Sie irrten.« »Ich würde bedauern.« Der junge +Bursche trug den Fehler selbstbewußt. + +»Sie haben zum zweitenmal geirrt.« + +»Zu Ihrem Vorteil.« + +»Das spielt keine Rolle. Das dritte Mal entlasse ich Sie, so sehr Ihr Eifer +anerkannt wird.« Er drehte sich um. Der Vorstand trat vor, bleich, einen +Zahn in der Lippe. Vaudreuil nickte über die Schulter, der ging, errötete +vor Freude. Die Ledertür fiel. Vaudreuil senkte sein Gesicht. Das Gehaltene +verließ ihn, die Augen sahen durch die Papiere, Holz, Wand. Er ging in den +Garten. Jeden Tag ward die Frist größer, die er blieb, die Intensität +erschreckender, mit der er die Arbeit zusammendrängte, durchfuhr. Brown +sprang ein, wagte es (was allein er konnte), legte die Hand auf seine +Schulter, schlug einen Wechsel vor, des Wohnorts, der Luft. Vaudreuil +schüttelte es ab. Generationen hatten hier gelebt. Er blieb. Brown deutete +den Kiesweg runter, wo die Nurse das Kind heraufschob. »Es handelt sich +nicht um Sie.« Vaudreuil erblaßte etwas, er erkannte. Schwankte, ohne zu +zeigen, was vorging, einige Tage. Dann entschloß er, ging aufs Ganze. +Teilte; arrangierte die Übersiedlung zu den Ottava-Mühlen. Nachts schlief +er am Lorenz, war sein Plan. Morgens fuhr er im Auto zum anderen Stromhaus, +abends wieder zurück. Er hielt auseinander. Da starb die Frau. Dort lag +sein Werk. So hielt er Gleichgewicht, indem er nicht mischte. + +Brown nickte in der Sitzung: »Sie bleiben auf eignem Boden.« Der Vorsteher +der Büros zog zwei Kreise, die sich durchbohrten: »Der Schwerpunkt der +Affären fällt nach Westen«. Nickte. War Franzose, der Plan war sein alter +Plan. »Es geht um die Gesundheit, Fidley. Zaudern Sie nicht, das zu +begreifen,« sagte Vaudreuil. + +Mittags fuhren sie im Auto den Lorenz hinauf, folgten ihm in Launen, +Schlägen, Schnellen. Der Wald war dicht voll Saft, Sonne spielte in fetter +Luft. Vögel schrieen. Schlugen hämmernd hinaus in Weizenebenen. Kühe +tollten unter Bäumen, grad gesetzt, trächtig von Frucht. Blauer Himmel +stieg vom Waldblock herauf, überflog sich taumelnd. Die Nurse saß neben +Daisy. Der Wagen schwenkte nach Norden, fuhr an neuem Strom. Hinauf, +hinauf. Ein Gartenhaus stand unter Blumen. Ottavagemurmel nickte, schwamm +um jeden Kelch. Der Wagen hielt. Die Nurse packte Daisy. Sie stiegen aus. +Daisy schrie hell und scharf, verstummte, wachte auf. Lange dunkle Wimpern +brachen auf. Grau und stählern nahm der Blick die Landschaft, saugte sie +ein, als besäße er sie. + + * * * + +Kam sie am Arm der Nurse schlenkernd herauf vom Fluß, rollten die weißen +Sonnen der Sägen über ihr im Himmel. Gegen die Dämmerung heulten die +Dampfhähne, Feuersignale schossen aus Schloten herauf, herab. Um sie +wimmelten Menschen, grinsten mit gefletschten Zähnen, verbeugten sich, +trugen Hüte in der Hand an ihr vorbei, Weiber drängten um sie Koseworte +herum. Die Rollketten der Wegbahnen knatterten sich in endlosen Ellipsen um +den Horizont herum. Am Garten begann Duft sie zu überfallen. Aus Kronen +seltsam geformter Bäume schüttelten sich Schatten herunter, trieben im +Geruch. Nachts schlief sie auf dem Geschaukel des Ottavageräuschs. Es +füllte langsam, wachsend ihr Ohr. + +Im Garten suchte sie Syg, Tochter der Nurse, hob die Goldregenzweige, +suchte üppige Grasrosenstände durch, zirpte in Schneeballendickicht, +Salmweiden: Syg. Sie schritten mit langen dünnen Beinen über den schiefrig +blauen Kies; setzten sich auf die Bank in die Sonne, sahen nach dem Haus. +Verschwand der Kopf der Nurse, streckten sie Zungen heraus. Erschien er, +scharrten sie träumerisch mit den Füßen, preßten die Ellenbogen aneinander, +verklucksten sich im Gegen-den-Boden-Lachen lautlos. Plötzlich drückte +Daisys Hand die Sygs hart. Die Zweige hinter ihnen wogten und schluckten, +fuhren rückwärts. Nach der leeren Bank flog der Nurse Geschrei. + +Zuerst liefen sie durch Dickicht, Primelbeete, sodann kam das Hundeloch im +Zaun. Hundert Meter dahinter flimmerte Prärie. Unten tief in der zitternden +blauen Dunstwolke, die die Erdscheibe abbog, kam im Halbbogen das Atmen der +Gräser in endlos wellender Flut sanft herauf. Unsichtbare Vögel sangen +gedämpft aus dem Tau der Halme. Das Licht floß auf der Stille, wiegte, +glitt. Sie schlichen bis zu drei Termitenhaufen. Unordnung kam in die +brausende Stille, vom Zaun kamen Rufe. Sie lagen eine Stunde still im +Zittergras, trauten der eingebrochenen Ruhe nicht, die über sie spielte, +fürchteten das Spähauge, die schlaue Lauer der Nurse. Dann zog Syg die +Mittelfinger aus den Ohren. Sie hatten nichts gehört. Daisy hob die Nase. +Sprangen auf. Draußen kam ihnen Wind immer stärker, und wie sie liefen, +knatternd sturmhaft um die Schläfen. + +Sie banden vom Leib sich Tücher ab, ließen sie hinter sich schwenken. An +der Erhöhung blieben sie stehen, drehten sie um sich langsam im Bogen. Die +Sonne fing an, danach sich zu richten, lief mit ihnen im Kreis, sprang aus +einem Tuch in das andere, mitten stand ein roter Knopf in das Viereck +hineingerollt. + +Hinter der Schanze kam der Nurse Hand, faßte Daisys Gelenk, Sygs Ohr. Auf +Sygs Gequietsch legte Daisy die Hand auf der Nurse Leib, stampfte mit dem +Fuß auf, das Weiß des Auges bekam einen kristallischen Kern. »Do . . . do +. . . Daisy«, lockte die Nurse, knotete den Schürzzipfel, tuschelte damit +zu dem Kind, schnalzte mit der Zunge, hob wie der Kordelhanswurst die Arme. +Die Kinder lachten, hingen an ihren dicken Schenkeln. + +Mit acht Jahren war das Tor frei, das Loch verachtet. Sie trugen +gleicherweise dünne Seide, dieselben Röcke bis zu den Knieen, Shawls über +den Schultern. Draußen zogen sie die Schuhe aus. Daisy bog sich in den +Lenden vor, ging steif auf den Zehen, die Hand mit gerundetem Daumen nach +unten. Sie schoß nach unten, hob eine Echse, genau am Hals gefaßt, ohne den +Schwanz zu beschädigen, hoch. Der grüne Leib zuckte, der Kopf fuhr unruhig +züngelnd herum. Riß einen roten großen Klapprachen auf. Ihn hielt Daisy an +Sygs Hand. Die schrie und machte die Faust. Daisy hielt ihre Linke darüber, +den Zeigefinger hinein. Wurde bleich, aber machte nichts, als es klappte. +Es tat kaum weh. + +Syg lag am Bachrain ohne Mucks. Kroch auf den Vieren weiter, blieb wieder +Beine, Arme weggestreckt. Eine Grille schrie, Sygs Hand machte einen Bogen. +Der Schatten des Armes aber lief eilender, das Tier verschwand. Auf den +Knieen kreist sie herum, hing über dem Mausloch in Parade gegen die Sonne +zu. Dann Ruck auf Ruck kam das Tier. Sie fing es wie eine Mücke ab, fegte +es in die Faust. Stieß mißmutiges Geplärr aus, das Ungeduld bewies. +Schlenkerte zu Daisy, blieb neben ihr, setzte von hinten das Tier ihr in +die Brust. Daisy lief aufschreiend, beide Arme im Busen suchend, ein +schmaler Hund lief mit, bellte leis auf, fraß die Grille, die unten aus dem +Rock fiel. Sie tanzten zu dritt im Kreis, schlugen die Arme jedes quer über +den Bauch vor Entzücken, traten das Gras, das unter ihren Beinen elastisch +wieder sich erhob. + +Tiefer in der Prärie bückte sich Daisy. Syg sprang ihr auf den Rücken, sah +sich um. + +Dann zogen sie die Hemden aus, schlichen, die dünnen schlanken Rücken neben +den Gräsern, zitternd auf hohen Beinen nackt bis zum Baum. Sie legten die +Hemden auf den Termitenberg, warfen zwei Steine hinein, sahen Tausende +darüber wimmeln, Saft darauf spritzen. Erkletterte ein Outsider eine Wade, +hupften sie rehhaft herum, schürten aus Rache neuerdings in dem Haufen. +Dann griffen sie die Hemden heraus, liefen damit weit weg, schälten das +letzte Tier heraus, schnauften, legten die Gesichter in das Leinen und +sogen bis zum Rausch an dem Saftparfum. Als Pferde erklangen, lagen sie +tief im Gras. Fidley ritt aus dem Hochgras. »Sie sehen sich ähnlich.« Sie +sahen sich an. »Syg ist dunkler,« sagte Vaudreuil nach einer Weile. + +Im neunten Jahr brachte Brown die Gouvernante ins Büro. Vaudreuil nickte +hinter dem Schreibtisch. Die harte Figur der Frau schob sich zu einem +Knotengeflecht zusammen. Dann wandte sie sich breit zu den Kindern. Daisy +gab abwesend ihr die Hand. Vor Syg harrte die Frau einen Augenblick im +Zweifel. Was in Daisys Blick an Zögerndem, Zweifelndem schwebte, ward fest. +Sie nahm Sygs Hand, legte sie in die der weißen Frau. Dann trat sie zurück, +lauernd, legte den Arm um die Taille der Nurse. + +Nun lockte die Gouvernante den Widerstand aus Daisy heraus. Überraschte sie +mit neuen Dingen, Sachen, Sprüchen, Bildern. Sie bezog alles, was sie gab, +auf sich, als schenke _sie_ den Eifelturm, _sie_ den Tegernsee. Sie machte +Geschenke, nichtswertendes Zeug, das aber überraschte, einen Haarring, ein +Ericri. Sie sah die anknospenden kleinen Brüste, wo die Warzen schon unter +sanftem Rotsaft standen. Lobte die Glieder, den Hüftschwung zum Becken, die +Länge der Taille, die untadelige Wölbung, mit der der Schenkel abbog, mit +der das Knie in die Wade absank. »Du, du. Welche Größe habt ihr an Land. Da +werden Schiffe anfahren von drüben, Prinzen kommen, Daisy zu sehen, und +diese und diese Fahne wird aufgehißt.« Aber der Reflex war von Daisy ein +stummes Fragen. Anders sah sie das Weib nie an. + +Da machte diese den ersten Umweg und verwöhnte Syg. Sie behandelte sie +gleich einer Dame. Da von Dienstboten Sygs Stellung gleich der Daisys +gehalten ward, solange sie Kind schien, aber nicht gefestigt war für +weiterhin, verwöhnte sie sie damit. »Du fährst dann in Autos. Durch Städte +drüben, sitzest in Konzerten. Du hast Perlen, Syg.« Syg lachte. Ihr +imponierte mehr Kölnisches Wasser, das sie auf die Haut strich, das +bitzelte und kühlte und roch. Ihre einfache Dankbarkeit kam der Frau +entgegen. An Daisy aber glitt Sygs Lobgesang vorbei. + +Nun schlug sie die zweite Umwegstour und machte sich an die Nurse, nannte +sie Miß und schenkte ihr Tücher. Gab ihr einen Spiegel. Schwabbelnd hing +die Nurse an ihren Röcken, sprach nur noch von ihr. Die Kinder lachten. Da +machte das Weib die umgekehrte Taktik, versuchte die Nurse auszutreiben, +weil hier der Liebespol der Kinder lag, den sie umleiten wollte. Sie nannte +die Nurse Diebin, machte aus dem Spiegel eine verdrehte Geschichte. Aber +mit Feuer traten die Kinder vor die Nurse. Das Bild der prallen Brüste, aus +denen sie erstes Blut gesogen, lag ihrem Hirn so eingebrannt, daß kein +Verdacht, selbst keine Tat es hinausgewischt hätte. Dies gab einen vollen +Riß. Über ihn hinüber lauerten die Beiden. Da versuchte die Gouvernante das +letzte, doch es war hirnlos. Sie rückte sich dem Gestirn zu, aus dem +Schatten nach Vaudreuil, suchte ihm aufzufallen, an ihm sich zu halten. Er +sah sie nicht. + +Nachts kratzte es an Daisys Tür. Sie öffnete. Syg gab das Zeichen. Daisy +zog die vom Weib verbotenen alten Seidenkleider an, sie verließen auf +bloßen Zehen die Zimmer, zwischen denen das der Gouvernante lag. Mondlos. +Dünne schwarze Schatten liefen sie unter dem Himmel. Zwischen Sternen +schossen unaufhörlich Wolken. Sie hatten nasse Füße vom Grastau. »Syg +. . . sieh.« Sie hob die Hand über die Augen, die Nasenflügel bebten. +Feuergeruch schwebte mit kleinen Rauchsäulen hintereinander deutlich +herauf. »Weißt du es, Syg?« Syg nickte. + +»Weither?« Syg starrte, sagte leis: »Viele Tage.« Daisy legte die +Handflächen auf den Mund. Aus dem Dunkel kamen breite große Flächen. Um die +Ränder band sich weißer Rauch, sodaß es schien, sie flögen, dazu wellte der +Fluß Nebel in zuckenden Linien um sie hoch. Die offenen Feuer schlugen in +den Dampf hinein; brachten ihn zum Feuerexplodieren, Fächerstrahlen, +Prismenschleudern. Gestalten huschten herum, sprangen schwarz von einem +Ende zum andern. Ein riesenhaftes Ruder ward erfaßt von der +Flammenspiegelung, bis an den Horizont aufgeschwungen. Lautlos glitten die +Flöße so herunter. + +Syg legte sich auf den Bauch. Die Stille summte von den Weiden herab. +»Los«, stampfte Daisy ungeduldig. Syg legte die Wange gegen die Erde, +stellte die Zunge gegen den Backen, ließ sie dann herausfahren. Zwei +wimmernde Töne stiegen steil durch die Luft! »Pha . . . lux.« + +Auf dem Fluß erfror die Stille. Eine Sekunde setzte der Flußlauf aus, gebar +sich Leere, atemlos. Dann flog der gleiche Ton auf, langsam, weich und +gedehnt am Anfang, zitterte auf, sank ab. Das zweite Floß fing ihn auf, +ließ ihn nicht verhallen, setzte in der leisesten Verhallattitüde ein, +schwang ihn hinauf, warf ihn hinter sich. Das dritte bog ihn, ferner schon +und daher wehmütiger. Er schnellte den Fluß hinauf in Springkurven, fiel +irgendwie in den Horizont, dessen Mondaufganglicht ihn hochsog. + +Sie gingen Hände ineinander zurück, Syg mit Tanzzucken, das sie +unterschlug, im Knie. Im Korridor stellte Daisy ihren Fuß genau so, daß sie +mit dem anderen ihn schnitt. Stolperte, schlug mit den Händen gegen die +Wand, stieß einen Säbel herunter. Syg hickelte erschreckt. Halbangekleidet +stand die Gouvernante im Gang, mit strohigen Zöpfen, ein dünnes Nachtlicht +in der Hand: »Woher?« + +»Vom Garten.« + +»Was war im Garten?« Nichts war im Garten. Lauerndes Schweigen. »Syg,« +sagte die Gouvernante, die Stimme überschnappte sich. »Wir waren beide im +Garten,« sagte Daisy schnell. »Syg,« ihr Licht schwankte, sie keifte. +»Hier,« Daisy warf Syg zurück, wiederholte Sygs dunklere Stimme, drang ins +Dunkel vor, empfing zweimal die knochige kalte Hand ins Gesicht. Am Morgen +saß sie auf der Terrassentreppe. Am Auto küßte sie sich mit Vaudreuil, +gingen die Treppe hinauf. Als Vaudreuil sie vorgehen ließ durch die Tür, +sah sie schräg zurück: »Was sagten Sie, wenn die Dame Syg schlüge?« +Eiskalt, neugierig ihr Blick. »Es würde an Syg liegen.« Sie war +stehengeblieben, etwas drängte ihn zurück, das hartnäckig tiefer herkam als +die gleichgültige Frage. »Wenn es nicht an Syg läge . . .« »Es würde wohl +an Syg liegen . . .« Da entfaltete sich ihre Stirn, hochmütig, sie gab es +preis: »Sie irren Papa . . . aber -- wenn sie Daisy schlüge und es läge +nicht an Daisy . . . oder: es läge selbst daran.« Die Frage schwebte +zwischen ihnen, erhielt langsam Spannung. Vaudreuil sah die Wange, die ihm +sich entgegenreckte. Sah kurz zu Boden. »Ich ordne es.« Sie glitt zur +Seite. Er ging hinein. Gegen Mittag fuhr das Auto vor. Die Gouvernante +darin, Brown stieg zu, winkte an der Ecke. Die geröteten Handgelenke +stiegen hoch, die Manschetten waren auf der Flucht. + +Syg lief ein Stück nach, schwenkte eine Pfeifenstrauchrute. »Ich wollte +noch sagen, es ist das gleiche: ich und Syg.« Daisy sah auf ihre Nägel. +Vaudreuil fuhr mit der Hand hoch, als ob er gähne: »Es ist nicht das +gleiche. Aber du kannst es dafür halten.« Sie sah nicht auf. Nach drei +Tagen, als das Auto einfuhr, brachte Brown ein blondes Geschöpf, zitternd +vor Angst, voller Hingebung, dünn an Organ und Haltung. Sie erschrak heftig +vor Daisy, verehrte das Kind, war hilflos, gefällig. Diese Güte belästigte +Daisy. Sie verachtete dieses Wesen ein wenig und bemitleidete es dunkel. +Ein junger Mann tauchte später auf, lehrte alles, wußte alles, trug ein +Pincenez auf kleiner Nase, zog einen steifen Kordon um sich, den seine +korrekte Tätigkeit umschloß. In allem übrigen blieb er entfernt. + +Die Mähder gingen im Blau des Damms wie im Himmel entlang. Kühe dampften +vor den Wagen. Als der Stier brüllte, rasselte der Horizont es rundherum +wie ein fliegendes Gong. Tausend kleine Blitze schossen im Gras die quer. +Sie gingen über die Biberwiesen. »Syg, waren es Chipeways . . . sag.« +»Chipeways.« Sie starrte in das Summen der Hitze. »Fahren sie lange auf den +Flößen?« Syg dachte an die Nurse: »Zwei Monate,« sagte sie unsicher. Daisy +zog einen Halm durch den Mund, kaute, schwieg. + +Die Arme auf dem Rücken schlenderte sie vor die Nurse: »Du . . . du . . . +ei, habe ich Chipewaysblut ein wenig von früher?« »O . . . o . . . do +. . . Daisy . . . das sind Hurons.« + +»Aber sind diese größer?« Kopfschütteln. Sie ging. + +Ging sofort in das Büro, stellte sich neben die Ledertür an die Wand, +lautlos. Der Sekretär raffte zusammen, knickte ein, ging. Ein Vorstand kam, +referierte, ging rückwärts hinaus. An zwei Stenotypistinnen erging ein +niederprasselndes Diktat. Eine Kommission trat ein. Da sah sie Vaudreuil. +Sie ging sofort bis an den Tisch, legte die Hand darauf, sprach. Vaudreuil +kniff die Mundwinkel ein, um kein Zucken zu verraten, nur die Lider +blinzelten. »Du hast es von beiden, durch Mütter und Väter.« Sie blieb +stehen: »Syg hat auch von Chipeways.« + +»Aber du hast edleres.« + +Da errötete sie, ging eilig, sicher hinaus. Sagte Syg nicht, daß sie +edleres habe. Liebte Syg über jedes Schweigen hinaus, wie nichts. + +Zum vierzehnten Geburtstag schenkte Vaudreuil ihr ein eigenes Pferd. Abends +ward sie ohnmächtig. Das Blut verließ zum erstenmal die Muttergrube, +sprudelte aus ihrem Leib. Drei Tage lag sie. Als sie herauskam, war sie +Frau. Auf der Haut saß ein glatter Reiz, um den Gang floß ungewisser +Zauber, wiegte hinter ihr her noch wie Zurückgebliebenes. Nur die Augen +wurden heller, besaßen mehr Kraft und Wissen zu durchdringen. Sonst zog +sich alles von oben zur Brusthügelung, unten von Fuß und Knie und Hüfte zum +Mittelpunkt des Leibes hin zusammen, sodaß das Weibliche, Auffangende und +im Wechsel Hingegebene deutlich ward. + +Das Fräulein spielte große Kantilenen. Die Wochen wurden lang dadurch und +hingezogen. Es war, es käme Erlösendes, Rufendes von fern. Erlosch wieder. +Die Jahreszeiten änderten sich, öffneten wie Kapseln ihr Gehäus, gebaren, +stäubten ab, doch das Geheimnis, das ihnen innelag, äußerte sich nicht. Das +Haus ward eng unter vieler Musik. Sie schlug den Blick zum Plafond, haßte +Klavier und blonde Haare, aber sagte es nicht aus Bedauern. Auch der Garten +war schon Grenze und selbst das Hinundherreiten, das ins Wunderbare ging +und endete, hatte schon das Bekannte, hatte Meilensteine, Hürden, an denen +es zerschellte und vor denen das Weite erst brüllend vor Verhaltenheit lag. + +Noch ritten sie um das Rondell, sattelten selbst. Schon lag der Zauber halb +verblättert, reckte darüber her anderer sich schon bitter, lockender und +schwerer im Blut aus der Unbekanntheit her auf, ohne daß man wüßte, +welcher, woher. In einer Lichtung bekamen sie Durst. Syg fand einen Ahorn, +schälte ihn an, bohrte ein Loch hinein. Aus einem dicken Halm sogen sie den +gelblichen Zucker. Als sie, satt, nach den Gäulen sah, umdrehte, starrte +Sygs Kopf glasig und eingefallen. Die Kupferhaut war molkig. Über ihrem +Kopf saß unregbar mit vorgeschossenem Kopf, noch schwebend, die Schlange. +Daisy sprang vor. Nun war ihr, sie fliege. Nun kam, erhob sich +Unbegreifliches, streifte sie mit Seligkeit. Ein ganz leiser Schrei verließ +den Mund, die Augenbrauen standen im Dreieck. Grau und kühl, flimmernd, +neigte ihr Blick sich gegen den des Tieres. Der Baum raschelte, es pfiff +und klapperte im Geäst. Auch Syg drehte sich nun ihr zu, weinte in ihre +Hand. Aber sie fieberte noch auf dem Pferd, hatte Aufruhr in den Knien, +wogte mit der Brust. Unglücklich verging die Nacht. Es war aufgestanden in +ihr etwas, hatte sie gestreift, sie wußte nicht, wie, wo, welche Sache. Es +hatte gebäumt und sich geduckt. Sie fror. + +Die Siebzehnjährigen bestiegen einen Dampfer, den Brown gechartert hatte, +weiß wie Porzellan. Sie reisten ins Innere. Das Fräulein, der Lehrer +bezogen Kabinen. In hellen Kleidern lehnten die Mädchen am Reeling. +Vaudreuil winkte herauf vom Land. Browns Arme schlugen Rudertakt. Daisy +schmollte den Mund schief. Noch einmal: »Komm«. Vaudreuil lachte, +schüttelte den. Kopf. Man fuhr los. »Pa kommt nicht mit«, sagte Syg. In +Daisys Stirn fiel eine Locke: »Du solltest dich nicht weiß anziehen. Du +bist zu dunkel. Nimm blau.« + +Vier Tage fuhren sie den Lorenz hinauf, die Hitze um sich, weiß. Abends +ankerten sie spät, um solang als möglich Fahrtwind zu haben. Dann kam die +Nachthitze traumhaft. Die schwüle Ruhe lastete mit sprengender +Unausgesprochenheit. Spät kam ein Dachs ans Ufer, hob die Ohren, legte den +Kopf fast auf die Luft, so weich, soff dann. Als nichts zu sehen mehr, +erhob sich das Schlürfen anderer Tiere. Mit jähem Luftdruck schwebte ein +Fregattenvogel von den Wellen glatt übers Deck. Aus dem blauen Dunkel +formte sich Figur, Geschehen. In weiten aufschwellenden Kreisen vollzog +sich Manches, nicht gesehen, aber gewußt und geahnt. Das Ufer, das versackt +drüben lag, spannte sich herüber, kam hergeschwebt, riß zurück. Das Gebrumm +der Mücken über dem Schlafnetz steigerte sich, bis, mit allem verwoben, es +eine Höhe erreichte, die sich selbst nicht mehr ertrug. Da schlugen aus der +Spannung von Masten, Geländerspitzen, kleine blaue Flammen auf. + +Das Erregte ward nun lauschend, erwartungsvoll. Mit großen Augen +überwanderte sie den Dunkelheitsbogen. Ihr Herz machte sich heran an jeden +Laut, mit jedem Geräusch ging es hoch und tief. Schlug mit dem Gesäusel des +abfahrenden Wassers an Backbord, mit jedem Astwedel, der schauerte. Doch +kam es auch zurück. Sie fühlte in sich, als geschähe es in ihr, das +träumerische Aufschnellen der Fische und das jagende Husch, wenn ein +Nachtvogel die Seile durchschwamm. Irgendeinmal in solchen Nächten schlief +man dann ein. + +Nun kamen Inseln. Smaragdgrün und gelb war der Strom getupft. Sie loteten +den Tag durch. Gemischtes aus unbekannten Blumen und Wasserfäule lag als +Barriere davor, erstickte sie fast, als sie eindrangen. Betäubendes +Labyrinth von Kanälen umgab sie. Die Inseln wurden kleiner. Ach diese, ach +jene, deuteten sie, und schon war alles verwirrt, erkannten sie die erste +nicht mehr. Sie sahen keinen Boden. Es wucherte nur. Nachts hingen +Schlingpflanzen herunter, im Licht, wie Drähte gespannt, die wogten, durch +die von Astlilien Kopfweh heruntersank und ein grausames Süßes, das sich +kaum über dem Wasser trug, einsank, in die Wellen mischte, so schwer war +es. + +Morgens tat eine Bai sich auf. Silbern trat die Sonne aus dem Wasser am +Horizont, der ruhig, endlos lag. Sie atmeten tief in das nun Geweitete, +befreit. Am Mittag schwammen neue Inseln entgegen. Aus gewaltigen +Grasbüschen wuchsen Bäume mit kalt geformten Blumen. Schlugen Brücken +miteinander. Die Sonne war weg, der Himmel zu. Unten liefen +Regenbogenfische. Oben schwirrten bunte Vögel, ohne Rast in Bewegung und +Getön. Dazwischen wogte blauer heißer Dunst. + +Abends kamen sie ins Freie. Sie liefen wehend zum Vorderschiff, winkten +hinaus. Schrieen: »Das Meer!« Doch im Untergang brach sich die Sonne in +einem gespaltenen Rubinfächer hinter neuen Inselherden. Sie griffen sich +auf, sammelten sich, umtrieben sie mit Kanälen und Buchten, in denen sie +irrten. Syg holte Daisy in der Nacht, sie schlichen im Schatten der Pflöcke +bis hinter die Taurolle. Am Reeling stand neben dem Fräulein der Lehrer, +sie sagten nichts, berührten sich nicht. Er wies immer mit dem Kneifer +gegen das Wasser. Da unten schwamm aber auch nichts. Jedoch sprang später +aus einem Baum eine Katze auf Verdeck, fraß neben der Küche zwei Hühner, +die Matrosen machten Jagd, und das Tier sprang durch die Glasscheibe in +Browns Kajüte. Die nackten Beine sehr verhaart, sonst nur im schwarzen +Predigtrock fuhr er entsetzt mit verschlafenen Haaren auf dem Deck herum, +bis man ihn beruhigte. In der Nacht fuhr das Schiff weiter, es gab ziemlich +Licht von oben. + +Morgens erst schlugen Himmel und Wasser entfernt fest zusammen und machten +einen Kreis. Erst da ward es endlos. »Das Meer«, sagte Daisy. + +»Es ist auf der anderen Seite.« + +»Ich weiß Syg.« Sie machte einen Bogen, am Geländer saß Well, der Wolf des +Steuermanns. Er legte den Kopf, als sie sich kauerte, auf ihr Knie. + +Gegen Mittag ward der Ontario tiefblau, spannte sich in gebogenem Spiegel +hinauf und in seidiger Biegung abebbend hinab. Im glänzenden Himmel +begannen Striche zu wachsen. Hoch über dem Horizont, fast wolkennah +schwebten drei große Schiffe. Der Mittag ward voller, ging auf wie ein +Gestirn, kam aus sich selbst und zerrann. Toste von Farben. Der Horizont +ward dunkel von Glut. Es ballte sich die Weite, durchdrang sich und lud die +Atmosphäre mit einem gepreßten ausschwingenden Atem. Segler nahten da und +dort, hingen Fahnen heraus, bogen über das glashafte Seidene des Sees +herab. Von eigenen Masten flaggten Fahnen, das Deck zog festlich, schmal +dahin. Unter der Brise legte das Schiff sich seitlich. Well sprang auf, +knurrte, schnappte nach ihrer Hand, sie zog ihn an der Gurgel wieder +herunter. Schaumdünn zog Land in einer reinen weißen Wölbung heran. Hinter +ihnen sammelte sich das Geweitete, schwang ab in Klarheit mit dem +berstenden Geknäul. In der dünnen singenden Luft begann das Segel über ihr +sich plötzlich zu drehen. Geräusch von Ruder und geschaufeltem Wasser fiel +aus ihr heraus. Mit dem davonschwingenden riesigen Segel flog es in ihr +hoch. Es bäumte sich wieder, überrannte sie, stieg aus ihr und gab sich +hinaus, erschauernd, tastend, eine Sekunde. Als ihre Haut zu zittern anfing +darunter, sprang das Knattern und Schäumen wieder in sie. Vorbei. Sie +bebte. Wandte sich um. Das Gewesene nahm plötzlich Platz in ihr wie vorher. +Aus einem Hafen kamen Drähte, Stangen, Schorne, schoben auf sie zu, +fesselten sie mit ihrer Gegenwart an. Sie fuhren ein in Toronto. + +Brown brachte ein Tuch. Es ging auf. An der Mole flaggte es viermal. Sogar +eine Rakete schoß hoch und knallte. Darauf kamen Wagen hergerollt aus einer +schrägfallenden Straße. »Sie kommen«, sagte Brown, rieb sich die Hände, +schmunzelte verschmitzt, es ward eine harte Grimasse. Sechs Wagen standen +nebeneinander. Junge Leute sprangen herum, hatten schiefe Helme auf den +Köpfen, sammelten sich, stampften, stellten im Kreis sich um einen starken +Burschen und schrien Hurras. Der junge Mann sprang im Satz an Bord. Brown +fing ihn auf, umarmte ihn, zog ihn beiseite, wisperte, sprach, kicherte. +Hinter seinen Gesten sah der Bursch herüber, schnitt Fratzen vor Ungeduld, +trippelte, hob den Nacken, grinste ins Blaue. Brown brach ab, schnickte den +Kopf, nahm ihn am Arm, führte ihn sorglich hinüber, stellte ihn vor. Sein +Neffe. + +Drei Stunden Zeit. Sie erkletterten Wagen, die Peitschen stäupten auf. +Fuhren den Strand entlang, sahen die Muscheln angeschwemmt in Wällen, einen +Fisch, den Dampfer Skania verkracht, die Kessel gespießt von Klippen. Sahen +grünseidene geschnittene Rasen abgleiten, Blumenschlangen, geordnete Beete. +Sahen von Basalt umstellt eine wütende Quelle, die trommelte, schlug, +aufstieß, im Schweigen noch bebte. Machten einen Korso. Stiegen ab, +empfanden, es war gut, war schön. Sahen sich in die Augen, sahen die Hände, +die Hälse, lachten. Tranken Wein, Schokolade. Lächelten, als Browns Neffe +den Lapin setzte, Brown abschob, bei ihnen landete, das Trittbrett abhieb +im Schwung. Sahen seine Achseln, das Braun des Gesichts, die Hände. Sahen +das weißhelle Blau um die Pupille. Fuhren durch Spaliere, hohe Drähte mit +Gärten, die schwebten. Durch eine Palmenallee, Bosketts mit Hyazinthen, +Springbrunnen, durch Berge Duft. Fuhren durch Straßen mit Riesenfelsen, die +selbst Dynamit nicht zerknackte, unbeugsam blieben. Fuhren unter +Hebelwerken, sausenden Oberbahnen. Fahren durch ein Dickicht, ahnten +Lichtes, spürten Bewegung, sahen dünn wie Lippen Gesträuch sich spalten. +Sagten: »Ontario«. Sahen den See. + +Sygs Tuch fiel. + +Die Augen streiften, erzitterten. Drei junge Männer sahen nach einem alten +Herrn, der ein Ei aufschlug, blieben daran, erröteten, drehten die Hälse +zurück, schwiegen, wandten sich immer mehr um die Achse, verrenkten sich, +sahen zuletzt in die Luft. + +Daisy bückte sich, hob das Tuch selbst, ließ die Lider gesenkt, die +Mundwinkel etwas erschlafft. Lehnte sich ins Polster. Sah Pferdeköpfe, +Pferdehälse, Browns Manschetten kommen, näher, sich vorschieben, bog sich +hinüber: »Zum Hafen«. + +Ging rasch, behend, teilte Handdrücke aus, suchte den Kapitän, ersuchte, +den Abend noch zu fahren, sah nicht zurück, pfiff dem Hund. Der Ontario lag +wie Stahl. Zwei gelbe Segel flauschten groß im Mondschein vorüber. Das +Wasser wellte, spielte um das Licht in riesigem Blaukreis. Sie schloß die +Augen halb, zog den Kopf des Hundes in den Schoß, einen Zug Leids von der +Braue nach der Stirn. Nicht um sich. Sie stand auf. Sie fuhren die Nacht +durch, den Tag. Fuhren an Dörfern vorüber, wendeten, sahen sie das zweite +Mal vorübergleiten. Kamen an eine Bucht, Gelächter erscholl beim Baden. Die +Linie aber wich nicht von der Stirn, die sich zum erstenmal verbog, +belastete, überschnitt. Sie fuhren nach Hamilton. Nach Oswego. Legten an +bei Port Hope, stellten den Dampfer ins Dock, fuhren nach dem Huron. Zwei +Stunden in der Bahn, erbleichte Daisy an den Schläfen, wimmerte hinter +verbissenen Lippen, fiel in Ohnmacht, erwachte die Nacht, fiebrige Augen im +Dunkel. Sie brachten Essen, Trinken. Sie starb fast unter dem Drängen. +Gegen Morgen frug Brown: »Was willst du?« »Zurück«. + +Sie hielt dort an sich drei Tage, saß still bei der Mahlzeit im Garten, +fixierte manchmal das Auto, das kam, fuhr. Knüpfte nach dem Lunch eine +Hängematte auf die Veranda, stieß den Laden zum Privatbüro zurück, +schaukelte; als Vaudreuils Kopf über ihr war, sprang sie auf, eilte über +die Diele, trat in das Büro, bat, daß er Syg adoptiere, stand mit +ausgebreiteten Armen gegen die Wand. + +Der Marquis blieb am Fenster, legte ein Messer auf den Papierstoß, +schnickte das Kinn hoch, zweimal, sah auf das aufgeschlossene Gesicht der +Tochter, aus der die Bitte troff, ein Leid sich weit erhob, starrte, +nickte, aber sein Blut, das ohne Dünkel war, sträubte sich gegen das andere +Blut, auf das sein Name, sein Blut sich legen sollte. Sagte: »Sie muß sich +gewöhnen, noch mehr Schmerz aus ihrem Blut zu haben.« Tonlos, ohne Bewegung +schlug Daisy die Lippe auf: »Sie würde es leichter tragen.« Ein Spalt warf +das Lächeln des Vaters über sie, überlegen, kühl: »Das ist kein Vorteil.« +Aber von ihrer Haltung ging es über ihn und was er vorbrachte hinaus: »Sie +wird es stolzer überwinden.« Da beugte der Marquis den angezogenen Nacken, +machte eine Bewegung mit der Hand, unwillkürlich, schwach, aber mit einer +Bedeutung, die sie ehrte und grüßte. Sie wurde rot, das Straffe, das sie +geführt zum Erfolg, zur Sicherheit, ließ ab, entfaltete sich in eine +rührende Bewegung. Sie ging hinaus. + + * * * + +An der Tür sah sie ihn gebückt, er schob eine Kassette auf, vernahm ihren +Namen, weich eingehüllt von ihm. Er zog die Nickelschlüssel, gebogene, +drahtschlanke, barocke, wählte klirrend, schob auf, kam auf sie zu, sie +ging entgegen. Er sprach beiläufig, ruhig, gewohnt: »Die Frauen trugen sie +zur Hochzeit. Dann ihr Leben. Ich gebe sie dir früher.« Sie trug eine Kette +aus gelbem geflochtenem Dukatengold, daran drei achatne Kugeln. + + * * * + +Lief stracks zum Schiff, winkte, kam näher, sprang auf das Brett, rief nach +dem Steuermann. Sah seine Hand, die die Luke aufstieß, zerlegenes Haar, die +Hemdsärmel, die Riemen, geblendete Iris. »Was willst du für Well,« sie +deutete mit dem Fuß auf den Wolfhund. Er fuhr mit dem Unterarm über die +Stirn, rieb den Handrücken über die Augen, zeigte rasch die Zähne, +schüttelte wirbelnd die Hand. Nein. Sie kam in der Dämmerung wieder, hob +die Luke, stieg zur Kajüte, stellte sich in die Tür, ließ sie offen. +Fragte. »Nein«. Sie lachte, kokettierte, betastete sein Messer, das grüne +Glas, den Wandkork, verzog die schelmisch gestreiften Wangen, sagte zweimal +plötzlich: »Ich lasse Sie entlassen,« ging mit hängenden Armen. In der +Nacht bellte es im Garten, ein Hund bellte wie auf der Jagd. Sie öffnete +die Balkontüre. Well im Garten stand naß, triefend, außer sich. Sie öffnete +unten die Haustür, ließ ihn herein, er legte den Kopf auf ihr Knie. Wie auf +dem Schiff. Sie vergaß es nicht. + +Ging früh zum Dampfer, trat aufs Brett, zog es ab, fuhr zurück, rief in die +Luke, sah unten den Kopf des Steuermannes. »Ich bringe Well zurück.« Ging +mit langen Beinen rasch hinauf. »Do . . . do . . . Daisy . . .,« +schnatterte die Nurse, faßte ihr Kleid, küßte es, den Arm, schloß sie an +den Busen an, schmatzte, schlug die flache Hand auf den Mund, tremolierte. +Hatte von Vaudreuil ein kleines Haus, zwei Kühe, eine Magd. Klatschte in +die Hände, summte still vor sich hin, trat mit dem rechten Fuß dazu auf. Im +Gang tollte Well. Sie ließ ihn zurücktreiben. Saß allein in ihrem Zimmer, +schob das Hemd ab, sah im Spiegel über dem bronzenen Körper die Kette mit +den Kugeln, als liefe ihr Blut hinein, ihr Alleinsein, ihr noch +Unbekanntes, Umschwebendes, ungeheuer Verhülltes, glänzender und kühler als +ihre Haut, aber ihr zugehörig. Wie ihr Bein, ihre Warze, ihr Schmerz. + +Der Steuermann am Morgen stand auf der Diele, zerknitterte den Hut, nickte +mit dem Nacken, breitete das Maul aus, fletschte, hatte einen Sohn im Büro, +spritzte Kautabak, fuhr Pelze seit Jahren, Schiffe, Städte, Stapel . . . +kaute seine Frau heraus, gab ihr Reiz, Alter, ein schiefes Ohr, +Zufriedenheit . . . riß den Hut hoch, die Tür auf. Well stob herein. Er war +unbrauchbar. Sie hatte ihn verdorben. Er blieb nicht mehr. Er brachte ihn +fluchend, Zwinkern in einem Auge. Sie suchte nach einer Note. Er nahm sie +nicht, hätte ihn nie verkauft. Er wollte ihn nicht mehr. Gab ihn ab. Ging. +»Gib ihm ein besseres Schiff,« sagte Daisy Vaudreuil, »ich will nicht, daß +er mir schenkt.« + +Den zehnten Dezember fuhren sie nach Montreal, hoben Syg aus dem Auto, +hoben sie adoptiert hinein, kauften den Tag über, machten Kommissionen, +besahen, beschauten den Mittag, stopften ihn voll, eilend, häufend, bis er +abbrach, die Dämmerung kam mit Laternen. In einer Schwebebahn glitten sie +aus ihnen heraus. Weiß eingenietet brach die Landschaft gegen den Himmel. +Das Nachtlicht flog eisern über Kanäle. »Halt«. + +Daisy stieg aus, sie suchten ihren Schleier, fanden ihn, stiegen ein. Am +Trittbrett wandte sie sich langsam herum: »Nehmen Sie vor uns Platz, +Fräulein.« Sie übersah den Lehrer, zog die Achseln ein wenig an, schüttelte +sich, legte den Arm auf Sygs Schoß, die ihre Grausamkeit nicht begriff. Vor +dem Schlafengehen gaben sie sich die Hand. »Du bist froh Syg?« »Ja.« + +Der Winter nahm Kurve auf Karneval, steigerte mit jedem Tag, den er +vortrieb, das Gedrängte, Erhitzte. Männerstimmen jauchzten aus Schlitten +zu, die die Gegend überkreuzten. Aus Pelzen hoben, winkend, beringte +Frauenhände Tücher. Schellen überflirrten die Nacht. Auf Stahlringen der +Flüsse kerbten Kufe. Damen fuhren mit Meuten, die vorrasten, sich +überschlugen, Haken bogen, von Lachen aufgereizt, verärgert wurden, bis sie +sich verbellten am Schlag wie ein Wespenschwarm. Pistolen funkelten in +Wintersonne, schossen Salut am Portal. Illuminiert, aus jedem Loch Licht +stoßend, hingen die Häuser der Seigneurs am Horizont. Kostüme kamen, +bliesen Tuben. + +Vier Fackelträger stiepten die Glut durch die beißende Luft. Alf fuhr sie +in einer Kurve vors Portal, die Pferde stampften in einer Wolke, spritzten +Schaum. Syg trug blaue Kleider. Diener stürzten auf die Treppe, zwischen +Kerzen über Treppen. Der alte Fribaurt führte Daisy. Syg hatte sein Sohn, +dessen weibische Lippen lächelten, ihre Knabenhände nachbebten, als sie +eine Orange ihm schnitt. Im hohen Fensterbogen sah Daisy sie +vorbeischwimmen, ihre Zähne leuchteten, den Körper eingespannt in den +Schwung des Partners, ihr Gesicht glatt wie Frucht. Sah Syg hineingleiten +in Unbekanntes, ohne Widerstand, ohne Bewußtsein, aufklingen in der +Saalluft, Fremdenlust, Manngetanz. Sie zog die leise aufschwebende Linie +zwischen Auge und Schläfe mit dem Finger aus. Im vierten Gang der +Familienquadrille blieb ihr Blick im Fenster, ihr Fächer fiel, ein kleiner +Schrei, die Paare verwirrten sich, das Arrangement schoß zum Teufel, die +Augen suchten an ihr. Sie deutete auf den Fächer, der alte Fribaurt küßte +ihr, zornkochend, ehrfurchtsvoll die Hand. Sie aber suchte sich noch einmal +hineinzubegeben in das Umfassende, das sie nicht faßte. Sie spannte sich +ihm entgegen mit aller Kraft und suchte es zu erreichen. Nahm den Arm des +spanischen Vetters, gab sich seinen Pas hin, der Eleganz seiner +ungewöhnlichen Kurven, schaukelte, am Platz drehend, durch alle Voluten der +Geschmeidigkeit, trieb mit ihm in die Entfesselung der letzten Äußerung +ihrer Körper. Zog zugleich die Kraft an und den Willen, tastete, drang vor, +erreichte nichts, erreichte Fremdes, glitt ab mit der Seele. Sein Knie +schob sich zwischen ihre Schenkel. Sie ließ die Arme los, die Nasenlinie +ward schärfer. An der Ballustrade erwartete sie Syg. + +Alf auf dem Rücksitz kreuzte die Arme im Muff, Daisy führte, das Eis +schimmerte rosa. An der Ecke der Bucht knirschte das Eis, flimmerte im +Frühlicht, wurde tief, herb, hielt drei Meter, brach. »Pha . . . lux.« + +Sie blieben sitzen. Alf kniete auf dem Eis, haschte die Schlinge, zog sie +an. Riß dem Gaul die Adern am Hals zusammen, zog sacht, langsam den Hals +des strampelnden Tieres hoch. Der Bauch schwappte, die Beine traten immer +mehr Eis hinein. Alf machte eine gewaltige Bewegung, das Tier ward +ohnmächtig, ruhig, ging unter. Nun zog ers herauf, schleifte es aufs feste +Eis, schlug die Schlinge ab. Massierte die Schlagadern am Halsstrang. Das +Tier röchelte, schnappte tief Atem, sprang plötzlich auf die vier Beine, +fing sich in der Kandare. Sie fuhren weiter. Syg klatschte mit den Nägeln +auf den Daumenballen. Da brach das Eis zum zweitenmal. Alf würgte das Tier, +um es zu retten, zog es herauf, frottierte es ins japsende Leben zurück. +Als sie auf das Haus zu hielten, zog Vaudreuils Auto, vom Lorenz her, die +Schleife am Fluß. Sie stiegen zugleich aus. + +»Zweimal mußten wir das Tier erdrosseln,« Syg küßte ihn. »Zweimal«, lachte +Vaudreuil, schlitzte die Augen eng zur Seite. Daisy war bleicher, aber +schöner, gespannter als Syg. + +Der Winter kulminierte, schwang auf der Kurve noch, floß herunter. Ging vor +den Fenstern irgendwie, irgendwo zu Ende, krepierte in den Mulden südlich, +fraß sich satt noch hinter dem Waldgurt zum Hudson. Irgendwelches geschah, +rauschte, färbte sich mit Männern und Frauen und Pferden hinter dem Glas, +das ihrem Atem sich zuwölbte. Manchmal gings in der Nacht über den Horizont +hin, wälzte sich, glühte sich breit aus, manchmal surrte es in der +Saublutsonne, manchmal war es unter sackendem Schnee, brüllte um den +Himmel, jagte an den Bäumen. Sie hob die Achseln, ging zum Stall. Das Eis +sprang bis hoch in den Norden. Alf wartete mit Gäulen. Abends kamen sie von +der oberen Mühle. Der Boden war fester. Blitzende Wolken flirrten zag und +dünn herbei. Hirsche scharrten um eine verdeckte Quelle. Sie umschlich, kam +heran, schoß nicht. Schoß einen Dachs, trug ihn ins Speisezimmer. Vaudreuil +erlaubte den Ausflug mit Alf zu den ersten Faktoreien. Ihre Schenkel waren +stark, sehnig, gereckt vor Grazie und Grausamem, die Hüften in beispiellos +abfallender Glätte. Zwei Tage sattelten sie. Alf pfiff die Hunde heran, +zurück. Ordneten, stapelten. Telephonierten, packten die Säcke für die +Tiere, Teppiche, Pelze. Am vorletzten Tag kam ein Segler den Ottava herauf. + +Unter den Hurras wimmelte es an Helmen am Anlegeplatz. Brown schwebte auf +der Veranda, breitete die Arme, rief, was keiner verstand. Die Torontoner +Studenten kamen in einem überlieferten Zug, vorn ein Dudelsack, dann zwei +mit am Rücken gekreuzten Armen, hinten ein Trommler, ein Schaf, ein Kind, +unterm Arm einen grün bemalten Hahn. Ans Tor kam der Marquis, empfing, +lächelte ein wenig. Es waren Engländer. + +Acht Tage fingen sie Fische. Lagen halbnackt auf den Balkonen. Schlachteten +Ziegen, Schweine, Stiere. Tranken in einer Mondnacht eine Bowle, steckten +eine Hütte an, fuhren mit Lampionruderern aufs Wasser, warfen um. Lungerten +die Weiber um die Pavillons, schrien nachts, quietschten, machten Vaudreuil +sein Schlafzimmer wechseln, kein Wort sagen. Spielten Dudelsack morgens, +abends, boxten, schrien alle durcheinander, hieben aufeinander ein, +entknäulten sich, zogen blitzschnell in Zweireihen singend ins Wasser. +Spritzten, badeten, rauchten. + +Mittags ritt Daisy mit Alf und Browns Neffen über einer Fuchsspur, folgten +sie über einen Acker, trieben um einen Wald, durch einen Bach. Als der Mann +ihn im Schuß hatte, wich er, als bocke der Gaul, zur Seite. Daisy kam ins +Schußfeld, rümpfte die Nase über die Achsel, schoß nicht. + +Alf wagte nicht zu schießen. Ritten stumm nach Haus. Ostwind hatte sich an +den Pappeln hochgewirbelt, war über den Wald aufgebrochen, losgesaust, +wellig, weiß, fließend ohne Pause stürzte er herunter. Sie fuhren ihm in +Jollen schnäbelnd mit der Pinne entgegen, flogen wie Weberschiffe herauf, +herab. Er faßte herüber nach ihrer Hand, da ließ sie den Fock los, der +Großbaum knallte ihm über den Kopf, er wandte, warf sich herum. Faßte +wieder ihre Hand, ihren Namen, ihren Namen vernahm sie, spürte sie, es +wickelte sie ein, das Segel flatterte um sie wie Vögel. Sie hielt sich +fest. Sie hörte immer ihren Namen flüstern, bis das Segel gegen den Wind +stillstand, er am Anlegeplatz stand, ihr die Hand hinhielt. Sie nahm sie +nicht. Sah durch seine ametystblauen Augen. Er hatte Syg übersehen, als sie +farbig war. Der Tochter Vaudreuils nun, adoptierter, geschätzter, machte er +Reverenz, Verbeugung. Er war feig. Sie wandte sich um, drängte dem +entgegen, was seine Augen an ihre band, ihre zu seinen hintrieb. Fühlte +seine Hand rückwärts an der Schulter, seinen Atem, die Lippen. Die Augen +standen im Dreieck. Ein grauer Schein stieß ihn zurück, verlegen, +stotternd, rot. Armselig und zornig stampfte er auf. Sie ging schon +hochmütig, entfernt. Langsam wich der Raum zwischen ihm, zwischen ihr. Die +Ecke bog am Bootshaus. Sie eilte, sprang hinter den Büschen, eilte auf der +Treppe. Sagte das Essen ab, krümmte die Schultern verzogen zusammen, +wimmerte im Sofa. Gab es eine Pause, kam das Bild zurück. Sie verzog das +Kinn, den Mund wie unter sauren Kirschen, Galläpfeln, die Haut schüttelte +sich. Zog die Bluse herunter, das Mieder ab, streifte das Hemd über den +Rock, wusch Wasser über die Brust und den Nacken. Zog sich aus. Sah zum +Fenster hinaus, legte die Hände mit den Flächen fest ins Gesicht. Sah den +bronzenen, gebogenen Körper aus dem Spiegel entgegenkommen. Da nahm sie die +Kette ab mit den Kugeln, raffte sie zusammen, schob sie in die Schublade. +Schloß ab. + + * * * + +Vom Hügel trieb der Fluß weit und schräg hinunter. Die weiße Fahne Torontos +leckte darauf, Segel schossen in die Tiefe hinab. Der Mond schlug noch über +die Felder. Die weißen Räder standen still im Himmel. Nach zwei Stunden +ließ sie Alf halten, ritt in ein Waldstück, kniete, wusch die Brust, den +Nacken in einem Quell. Sie horchte. Er flüsterte weiter, silberte, +verschwand im Laub. Blumenprärien kamen, ein Orchideenpark. Der Horizont +war manchmal gelb, fast seifig, eine Sonne wuchs daran sich hoch, sanften +Rots, später nahm der Wind ihren Glanz an, stimmte sich wie ein +weichkupfernes Abendinstrument, Oboe und Flöte. Mittags wurde er kalt. An +dem Bahnhof verluden sie die Tiere. Zwei Tage darauf kamen sie an die erste +Lager-Station. Ein Pavillon war reserviert, es gab viel Jagd. Alf packte +aus, Teppiche, Säcke, Gepäck. Am Morgen mußte er einpacken, sie ritten den +Tag, kamen in ein Dorf, übernachteten, kamen an die zweite Station. Alf +ging ein paarmal im Viereck um den Raum herum, schwang die Arme, sah unter +sich. Sie ließ nicht auspacken. Als er lange genug gewartet, ging er +hinaus, stieg in seinen Schlafsack, mummelte sich, fluchte, kämmte am +Morgen den Bart nicht. Vor dem Stall knöpfte er sich verdammend seine +langen Gamaschen. Ritt den Morgen hinter ihr her, blieb immer hinten, kam +nie an die Seite ihres Gauls. Sie hob die Hand, äugte nach einem Reh. +Fluchs hielt er seinen an, starrte ebenso. Sie hörte ihn in den Bart reden. +Sie rief ihn heran. Kurz blieb er auf gleicher Höhe, dann sockelte er +zurück, fiel ab, blieb hinten. Mittags trafen sie einen Jäger. Er gab ihnen +Brot, zeichnete mit dem Daumen, da ihm der Zeigefinger fehlte, einen +Halbkreis in die Luft. Sie näherten sich den Ringen. + +Angezogen in ausgebuchteten riesenschweren Halbkreisen spannten sich die +Faktoreien, gleich Wellen anschäumend, gegen das innere Gebiet. Sie lagen +voreinander, Herden gleich, sprangen vor, bestürmten sich, wurden wilder, +angerissener, warfen mit dem letzten Halbring sich vor die starre +Endlosigkeit, nieteten sich gegen Eis, Horizont, blaue Klippen. Sie kamen +gegen den ersten. Sie mußten langsamer reiten, Alf kam nicht nach. Sein +Schimmel ging, als lahme er. Sie hörte, er glitt aus Fluchen ins Gejammer: +au . . you . . . wai! Spuckte und flennte. Sie ritt zurück, stellte ihn +gegen ihr Gesicht. »Ich werde entlassen.« + +»Troll dich.« + +Sie ritt weiter. Alf geknickt hinter ihr. Er durfte nur bis zur zweiten +Faktorei, nicht zu den Bögen. Die Junge vor ihm ritt, als sei er nicht da. +Es machte ihm Kummer, er zog den Nacken ein, wurde flau im Magen. Folgte. +Der erste Schuppen kam der dritten Linie, der zweite kam. Am vierten traten +sie von rückwärts ein. Alf schlich ins Nebenzimmer, sie nach. Ein +Angestellter hängte den Hörer des Telephons rasch ein, begann vor sich +hinzusingen. Ein bärtiger Riese trat ein, begann zu lachen, aufs Bein zu +schlagen, hatte lang keine Frau gesehen. Ein anderer flüsterte ihm Namen +ins Ohr. Es war deutlich: Sein Erstaunen war frisiert. + +Sofort bot er Jagdplätze aus, erstand sich ihre Beachtung durch +Hartnäckigkeit, trat sein Zimmer ab. Es war schon geheizt. Sie sah sich mit +Alf an. Offenkundig Komödie. Sie waren erwartet, ohne gemeldet zu sein. Sie +blieb drei Tage, fing eine große Forelle, mit der sie eine Stunde kämpfte. +Sah sich nicht sonderlich um. Sie ritten weiter. Wurden an der fünften +Station schon erwartet. An der sechsten stellte man sich unwissend, +ungläubig, die Falte des Vorstehers bebte, gefiel ihr nicht. Am Morgen +machten sie einen Haken, kehrten zur fünften zurück. Sie war fast leer nun. +»Was sind das für Pelze?« frug sie. Schwarze Arbeiter deuteten: für die +Bay. Sie zog die Brauen hoch. Kein Wort. Alf bekam dunkelrote Schläfen und +brummte vor sich hin vor Zorn. So liefen sie das Seil der Schuppen weiter, +bis sie gegen die obere aufgespitzte Sichel kamen. Im Sand sahen sie immer +eine Spur vor sich. + +Sie schnitten ab, liefen nicht bis oben hin, sondern zogen eine Sehne in +die Serpentine, kamen auf den neu geschwungenen Bogen, trafen Mittags die +Spur wieder, frischer Abwurf zeigte: sie waren nah. Bald sahen sie einen +Mann auf einem Esel, der zu entkommen suchte. Sie holten ihn ein. + +Eine halbe Stunde ging es hin und her. Der junge Mann errötete tief, wilde +Augen brachen sich um, staunten. Von selbst nahm er ein Papier, gab es +ihnen. Sah noch einmal um, sie wiederholte ihm Wort für Wort, er prägte +sich es ein, ritt auf seiner Spur zurück, murmelnd, daß er es nicht +vergäße, jedes Wort im Mund haltend, wendend, beleckend, als sei es +wertvoll, Gold, ein Stein. + +Abends kamen sie zu Colonel Bol. Er hatte, ein alter Offizier, zwei +Serpentinen unter sich, rollte die R, strich den parfümierten weißen +Spitzbart, küßte ihr die Hand. Sie hatte ein Zimmer, verblüffend. Morgens +früh strich sie mit Alf ins Gebüsch, es pfiff, durch die Lücke trat der +Bursche mit dem Esel. Sie nickte. Er nickte wieder. Empfing ein Billet. +Ritt nach Süden, zurück, immer rascher. + +Bol genoß. Seine Spirituosen waren etikettiert, er ließ die Wahl. Fuhr sie +am Weiher, stand er am Ufer, klatschte Applaus. Einen weißen Hirsch gab er +zum Abschuß ihr, den er von Woche zu Woche als Dessert sich aufhob. Lieh +ihr seine Gummiwanne. Das Blockhaus roch nach Seife, Talkpuder, Wassern der +Walstreet. Unter Glas wuchsen Blumen, die Wasserpfeife stand im Brennpunkt +des Kreises Seidenkissen. In seinen Pelzschuhen, praktischer und wärmer, +kaum größer als ihre, hielt sie auf dem Anstand. Auf den Teppichen tanzte +Adimokuh, mit Säbelbeinen und Hängebauch, ein Negerzwerg. Er schleifte das +Traurigste der Welt auf seinen Knien. Tränen besternten vor Lachen die +Gesichter der Zuschauer. Bol lächelte. In seinem schmalen Kopf saßen Augen +des Elefanten. Spielte Whist abends mit Daisy, brachte sie bis an ihr +Vorzimmer, ging hinaus. Im Vorzimmer schlief Alf. + +Donnerstags galoppierten sechs Gäule am umgerodeten Lagerplatz. Fidley, der +junge, zog den Hut. Die Jäger des Lorenz schossen vor Freude Flinten ab. +Der Bursche, der südlich geritten, drängte sich heraus, war brauner, +stärker geworden. Ritten zur Station. Aßen Lunch, eine Stunde, zwei. +Tranken die etikettierten Liköre, Wein und wieder etikettierte. Aßen +Geflügel, Braten, Gepökeltes, Rauchfisch, Muscheln, Schinken. Tranken +Kaffee. Danach stand Fidley auf, hob das Glas, trank es. Sah Colonel Bol +an: »Du bist entlassen.« + +Kreidehell, mit zitternden Armen warf der sich im Stuhl zurück. Fidley +legte ein Papier auf den Tisch, hob die Faust: »Lump. Hund.« Langsam, +vornehm richtete Bol sich hoch. Frug hochfahrend, mokanter Lippe, zur Seite +geneigt, was den Irrtum ausmache. Fidley schlug auf den Tisch. »Die dritte +Sektion betrügt. Die achte hat siebzig Prozent. Tosson liefert zur Bay.« In +der Tür stand der junge Mann, der die Südlichen geholt. + +Bol sah ihn nicht. + +Wandte sich herum im Kreis, zu Daisy. Sie sagte: »Bei Versva verfaulen zehn +Ballen. Im ersten Bogen fehlt ein Schuppen. Die Staffel Bol ist halb, wird +ganz bezahlt.« + +Da sah Bol den jungen Mann. + +Stand auf, gefaßt, die Haltung gereckt, schön im Spitzbart, küßte Daisy die +Hand, ging hinaus, schoß sich zweimal durch den Bauch. + +Vaudreuils Brief, aus Fidleys Tasche, hatte Gemischtes, Anerkennung, +Staunen, Lob, das verwischt und gedämpft kam, zuletzt Befehl: zurück. Sie +wog den Brief. Ritt allein los, ihn in der Hand. Alf folgte. Sie putschte +ihn zurück wie einen Hund. Er widerstand nicht. Wollte nicht bremsen. Nur +bei ihr sein. Weiter hatte er keinen Wunsch, tiefer ging das Hirn nicht. +Zum erstenmal gab sie ihm die Hand. Aufheulend nahm er sie. Sie kam an den +Rand des Hochplateaus. + +Unter ihr brach es ab, zackte, wirbelte ein Stück hinunter, ward dann +eingeschlungen in das endlose Getöse, das in den Norden sich einfraß. +Sterne tummelten darüber auf wie Sand, der hochgeblasen kreist. Serpentinen +jagten zuerst noch in Schlingen voran, blieben dann hängen, schwach, dünn, +nichts. Aus dem grauen blitzenden Gewell kam etwas gegen sie, dem sich +etwas in ihr entgegenspannte in einer entscheidenden Bestimmtheit. Etwas +trat aus ihr, machte sie leicht, entstammt, entgegenschwingend. Sie hielt +den juckernden Gaul mit den Schenkeln. In ihrer Hand der Brief band sie. +Wog schwerer, hemmte das Überfließende. Staute es zurück, hart und +schmerzlich. Zog sie zurück. Das Herz, der Mann, der sie gezeugt, Geruch +des Stroms, der Gartenerde band sich an sie, riß sie zurück. Der junge +Fidley übernahm den ganzen Bezirk. Ihre Abreise feierten die Boys, salbten +sich mit Bols Parfüms, drehten die Haare, die Bärte, pomadisiert, in die +Höhe. Der junge Bursche trat herein, protestierte bös. Hatte Bol gehaßt, +gehetzt, erledigt. Verbot ihn zu schänden, wo er futsch war, im Weiher +eingescharrt. Fidley gab Daisy Bols Pferd, das so feste Hufe hatte, daß +mans nicht beschlug. + +Als nach halber Tagestour die Eskorde zurückgeritten, glitt ihr Gaul aus an +einem Bach, sie fiel herunter, verstauchte sich die Sehne. Alf wollte auf +seinem sie reiten lassen, der Schmerz machte sie ohnmächtig. Er ritt +zurück. Aber obwohl sie in Decken gut und weich gewickelt lag, kam die +Nacht Fieber über sie, durch die Zunge sausten Stiche immerfort. +Eingeborenenweiber, von Fidley geholt, zogen sie aus, warteten sie, +pflegten. Wuschen, suchten Pretiosen im Achselhaar, fanden ein Zeichen am +Arm, Fisch und Pfeil darin, quatschten die Nacht darüber, speichelten, +summten, suckelten darum hin und her. Sie gaben ihr Milch mit Wurzelzeug, +hineingekocht. Die Nacht gab ihr warmen Schweiß. In wochenlanger Pflege +malten sie ihr mit dünner Nadel eine Sonne um den Nabel mit Strahlen und +Mondzeichen des Tages, an dem sie sie fanden. Kuriere kamen dreimal die +Woche die Kette der Faktoreien herauf, holten Nachricht, ritten zum Lorenz +wieder runter. Später lag sie in der Sonne vor dem Haus. + +Dabei spielte sie mit Getier, Hunden, Vögeln. Einmal umschlich ein Fuchs +das Küchenfenster, wo Hühner hingen. Sie lächelte, gluckste, entsetzt +sprang er zurück. Da rief sie, heller bestimmender, er hielt. Sie lockte, +er kam. Nicht ganz, aber er stand im Kreise ihrer Stimme, die wie ein Lazo +ihn umschlug. Sie erbleichte, rückte zurück, lauschte dem Ton ihrer Stimme, +der nachklang. Versuchte sie wieder, versuchte sie neu. Als ströme aus ihr +hinaus, Gesichertes, Bezähmtes in ein Gefäß der Worte, das sie berauschte +und erregte bis in das Dunkel ihrer innersten Grenzen. Es sang und schwang +das Belastende herauf, machte es leicht, wirbelnd, später sanft und gelöst. +Sie entspannte sich in dem Rausch, hatte eine Macht und eine Befreiung. +Wundersame Ruhe machte ihre Tage lang, klar, gut. + +Sie spielte mit den Weibern, Kindern durch die Stimme. Lernte das Organ +anzupassen, zu biegen in jede Leidenschaft, alle Bewegung. Spürte ihr Herz +klopfen, dann den stillen Mollton des Bluts. Lernte von den Weibern den +Dialekt. Als sie zum erstenmal ausging, trieben die Kleinen hinter ihr her. +Sie scheuchte sie, zog sie zu sich »Go« war: springen. »Fu«: erfroren fast +halten. Mit Vögeln gab es andere Signale. Ein Hase hielt bezaubert von +dünnem glasklarem Wimmern. Ein wenig blieb sie nachdenklich, ward traurig +bei ihm, denn ihr kam in den Sinn Well. Sie kam schon bis zum +Koniferenbaum. Dann bis zum Plateau. Das nördliche Flimmern tobte irgendwo +unter ihr. Sie ging davon, ungerührt. Ging allein, verschmähte die Flinte, +hatte Unlust zur Jagd. Allein im Gehen, Liegen, erfand sie Ton und Laut, +der wie ihr Blut spritzte, säuselte und bebte. Gab sich hinein in Klang und +Fülle der Vokale, als sei es ihr Anfang, ihr Teil, sich darin zu verbinden. +So kam auch die Gegend ihr näher, wenn sie sie ansprach, du Strauch sagte, +Silberlilie, lieber Dorn, mein Freund. Das wandte sich ihr zu dann, ward +mit ihr gefüllt, lehnte sich hinüber zu ihr, empfing ihren Atem. + +Es kamen Schwäne und Musketen, hinter ihnen mit einem Wagen von der Bay her +Syg. Sie brach in das Verweilen ein, die Windstille des Daseins brachte +Unruhe, Ahnung irgendwie von Glück. Trieb Altes, den Lorenzfall herüber in +das Spiegeln des Weihers, blieb aber entfernter als sonst. Wagte nicht das +zu sagen, nicht jenes, denn sie befremdete Ungekanntes an Daisy, das +Nicht-Miterlebte, der Schauer der Krankheit und der ihr entquollenen großen +Säfte und Ideen. Das lag ein wenig dazwischen. + +Fidley schloß den Wagen. Weiber heulten. Die kleinen Affen liefen eine Zeit +noch neben dem Schlag. Dann fiel es zurück. Ein Stück Land schob sich vor +sie, glitt auch zurück. Ein Staffel Matrosen erreichte sie. Dann faßte sie +fest in die Mähne des Gauls, schrie fast und erbleichte nach innen in einem +Schreck, des sie nicht bewußt ward. + +Unten, unter Dampf lag ein Schiff. + +Dahinter das Meer. + +Der Bogen der Sehnsucht schoß ab, die Sehne brauste. Es trat aus ihr +hinaus, kein Brief, der es hemmte, kein Gedanke, nichts. Irgendwo in der +vor Blau zitternden Unbegrenztheit des Horizontes traf sich das Innerste +ihres Blutes mit etwas, dem sie sich hineingab, in das sie verströmte, die +Lider naß. Alles andere war Spiel, vergessen, lieb, aber ohne Gewicht. Als +das Dunkle in ihr hinrann in das Ausschweifendste und Hellste, an dessen +äußerstem Rand dünn die Erscheinung hing der Städte, Inseln, irgendeines +ungeheuren Daseins, schlug die Schiffuhr. Es war fünf Uhr am Abend. Die +Sonne hatte größte Kraft. Sie ritt bis an den Strand. Dort stieg sie ab. + +Das andere ging fast traumhaft. Zu sehr war sie eingehüllt schon in ein +fernres Geschehen, vor dem der jetzige Augenblick nur als Pause stand. Sie +kamen in den Lorenz. Ein Auto wartete. Well sprang hoch. Der Steg. Palmen +hingen herunter. Kanonen lösten sich. Mövenschwärme in Spiralen. Wagen +wühlten hinter ihr ein Geschiebe. Männer kreischten Namen, Gepäcke. Sie +fühlte des Hundes Druck am Knie. Sie bewegte schmerzlich eine Sekunde die +Hände im Fell des Tieres. Dann kam der Ottava. Rauschte dunkel schon +entgegen auf Kilometer. Das Rauschen lag in der Luft wie ein Schneefeld, +sprang in Lawinen ihr leis entgegen. Die Mühlen rochen. Die Schreie der +Nurse blieben hinter Bäumen stecken. Das Gittertor kam, vertraut mit seinem +kalten Eisen. Glitt zurück. + +Des Vaters Hand faßte die ihre. Die Treppe. Sein Mund im Kuß. Er hielt sie +stürmisch mit steifen Armen weg, sie ganz zu beschauen, spürte aus allen +Poren ihres Leibes ihre Richtung, das Hingewandtsein ihrer Seele. Er +erbleichte, senkte den Kopf. Glitt über ihren Leib mit dem Auge, die Brust, +den Hals, das zärtliche und hochmütige Kinn. In ihrem Auge saß, schlagend +und aufgedonnert das Meer. Das Aufgesparte und Vorbereitete in seinem nach +innen gekehrten Leben verstand den Ausbruch. Lächelte. Gab ihr den Arm. Sie +gingen hinein. + + * * * + +Das Lächeln hatte gewährt, Unausgesprochenem sich geneigt, bejaht. Es +erlosch. Nichts gab Erinnerung daran. Es fiel in seine Augen wie in einen +Schlund. Die Woche rollte zurück, wie gewohnt. Vaudreuil hütete sein +Gesicht. Schenkte ihr ein neues Pferd, bestellte ein Reitkleid aus Leder. +Griff vor, erwähnte Zukünftiges, das sich band an Ort und Zusammensein. +Berief einen Unterrichter für ungewohnte Kreise, baute ihr Zimmer an, +Tapeten kamen weiß geädert mit Gold. Besprach eine Überraschung für Sygs +Geburtstag in vier Monaten. Malte den Stand der Rosenbosketts aus auf +Papier, eine Pergola im Bogen vor den Terrassen, Fontänen, Vögel, +glitzernde Fische, sprach vom folgenden Sommer, dem Herumgehen, dem Abend. +Breitete die Zeit aus vor ihr, vor sich, uferlos, vorübergleitend über den +augenblicklichen Zustand. Ohne Pause, ohne Intervall. Sah sie wenig, +zwischen Mußestunden, bei der Mahlzeit, ging ohne Zögern von ihr. Ihre +Erwartung allein spürte, wie tödlich er an den Sekunden hing. Sonntag +bestellte er die Yacht nach dem Ontario. Sie bereiteten sich vor. + +Montag früh berief er sie in das Büro, brach alles ab. Durch die Maske des +gleichgültig gehaltenen Gesichts stieg von unten tief das Lächeln herauf. +Gab Daisy von sich. Entfernte sie aus eigenem Entschluß. Löste sacht die +Ventile von ihr, gab dem nach, was herausbrach, trieb Mauer und Wand zurück +und bog sie hinter das draußen Strömende und Lockende zu einer tiefen +Wölbung, in die er schmiegte, was aus ihr drang. Diktierte nicht. Folgte +nur. Aber die Führung der Hand hatte die wissende Lindheit, die, +nachgebend, bestimmt. So, als sei sein Plan, sein Wille, was er nur abbog, +behütete. Widerlegte Widersprüche, die sie nicht erhob. Bewies Notwendiges, +das sie nicht bezweifelte. Baute eine Verbindung, die nichts mehr löste +zwischen ihm und ihr, indem er verstand und folgte, und das Kindliche, als +es abtrieb, selber abhieb und damit unverlierbar sich gewann. + +Als der Tisch beim Speisen ihr zur schrägen Scheibe ward, durch den Raum +rotierte, Fidleys Pensionen, Schecks, Tips sie umflackerten, das Silber +flimmernd wellte, wogte, Sygs Auge schmerzlich, neidlos, neugierig aufging, +blieb ihr die Stimme Vaudreuils. Ruhig, gelassen wie im Nebel. Einen +Augenblick ertrug sie nicht mehr den trostlosen Schmerz aus der Gefaßtheit +des Tons, sie stand auf, wollte sagen, sie bleibe, nickte, schwieg, ging +hinaus. + +Sie lief um das Zimmer, betastete die Wand, den Kopf des Betts, die +Girlande des Balkons. Der Garten. Wasserdunst lag, hob und senkte sich, +ausgeatmet ihr entgegen von der Prärie. Hindurch, das Auto blinkte vor der +Halle, stieß sich heraus, die gesiebte, durchlöcherte Brust fauchend, +zermalmend die Luft. Sie beugte sich über den Fluß. Murmeln koste ihr +entgegen, entzog sich ihr, floß tiefer, entfernter, uneinholbar. Drüben +schleuderten am Rand des Vorstellbaren Schiffe, Städte, Bahnen sich vor ihr +hin, rissen sie nach. Das Tiefe, Bleibende der Erde zog sie herunter, zu +sich. Es ging nicht. Aber es riß zu Schmerz mit einer Stille, die +verzehrte. + +Sie legte sich auf den Bauch, senkte den Kopf zum Wasser. Über ihrem Nacken +stand schwingend, kreiselnd in der Luft, aufziehend, Glück, Ahnung, in die +sie hineinschwamm, sich hineinbegab, voll, ganz. Unter ihrem Gesicht +brachen Tränen. Zwischen beidem lag sie, faßte die Binsen in die Hand. Sie +wuchsen an ihrer Haut. Sie fühlte, erschüttert, wie sie sich vertauschte +der Landschaft. Ihr Leib wuchs fest mit Geruch und Duft der Erde. Sie faßte +das Gras, riß daran, es hielt. Sie tauchte die Arme ins Wasser, es war +eins. Legte das Gesicht mit der Wange gegen den Weidenstrauch, den +schlanken Baum, da blieb nichts übrig, was trennte, alles floß, verband +sich, gehörte zueinander. Was trennte, riß entzwei. + +Sie spürte plötzlich, das war das Glück. Schon hinter ihr. Nun, wo erkannt, +verdorben, verloren für immer. Je mehr sie sich trennte, um so schärfer +schnitt sie der Schmerz, um so hemmungsloser brach dies Gefühl vor ihr auf. +Dies war ihre Heimat, durchspülte sie mit Erdsaft, machte sicher, frei, +groß. Was kommen sollte, versackte in Staub, bekam feindlichen Atem. Städte +lockten nicht, Menschen fielen schal ab wie von Drähten, Dampferschrauben +wühlten durch ihr Fleisch. Der Tag schien wie Tod, wenn sie sich löse. +Kraft und Sicherheit gingen aus den Adern. Es brach auseinander in ihr. +Teilte sich. Unaufhörlich ging es von ihr: Geruch der Bäume aus den Adern, +mit singenden Vögeln, lieben Namen von Booten, Wolken, Formen der Wellen. +Spaltete sich ab von ihr. Sie hob das Gesicht aus dem Gras. + +Frühstückte. Das Nickel des Wagens saß in der Sonne gleich einem +schwingenden Insekt. Der Horizont ward heller. Sie ging zurück ins Zimmer. +Schloß die Schublade auf, wühlte aus der Ecke eine Kette aus gelbem +Dukatengold mit drei Steinen. Zog sie um mit einer langsamen Bewegung. Im +Spiegel schien es zurück. Das Rot des Achats leuchtete glatt und kühl. Ihre +Jugend stand darin, das Entfernte. Was hinter ihr lag. Die Stille, die +sehnende Ruhe des Blutes. Der Umkreis des so Erlebten spiegelte von den +Rundungen herab, das Land, die Wiese, das Gras. Sie warf den Hals im Ruck +herum. Trat hinaus. Biß die Zähne zusammen. Das Auto schlug an. Es ging +nicht anders. Sie folgte. + +Fuhren Schleifen, den Fluß durch. Hielten am Lorenz. Hinter Zypressen ihr +Geburtshaus. Vaudreuil gab ihr den Arm. Das Tor zum Park. Elastisch gab +Vaudreuil Platz frei, ging dann rasch vor ihr. Als sie seinen Rücken sah, +begriff sie plötzlich, wie sehr er diese Frau geliebt. Fühlte, was sie +versäumt, stand ohne wissendes Blut des Verlustes, ertrug, was sie nie an +Mütterlichem besessen, ganz hell, in einer Sekunde. Die Überlast erhärtete +ihr Herz. Feindlich ging sie durch den Garten. Zedern reckten um die +Bleivase sich in das frühe Rot, Tau perlte in Ketten herab. Die Tür fiel +zu. Zurück, Wind strich über die Mauer, senkte sich brausend einen Moment +herein. Dicker Regen platschte aus einer Fichte. Der Wagen zog an. Bei +Montreal verabschiedete sich Vaudreuil. Plötzlich, daß sie erblaßte. +Zusammengepreßt: »Willst du mich immer lieben?« + +»Ja, Liebling.« Sie gab ihm die kalte Hand. Tränen blieben hinter ihren +Lidern. Fuhr weiter. »Nicht traurig«, spürte Sygs Hand herüberkommen, +zuckte unter dem Schleier, zog ihn hoch. Zu dem blonden Fräulein: »Gehen +Sie gleich aufs Schiff.« Die Koffer stapelten sich. Das Meer schäumte +leicht. Von der Barkasse läutete die Glocke. Neigte sich, küßte Syg. Spürte +an ihrem Leib den Geruch wieder des Waldblocks, des Spiels im Garten, der +Betten, die nebeneinandergestanden. Sie atmete heißer, blieb eine Sekunde. +Dann stieg sie ins Boot. Syg winkte. Es war neblig geworden. Pendelnd, +unsicher schlug Sygs Kopf aus. Bald rückwärts, bald zur Barkasse, die +vorwärts stieß. Winkte noch einmal. Drehte um. Über dem Wagen, den +schiebenden Gäulen stand Abglanz von Blau, Berge, See. Ging ihnen zu. + +Das Ende. + +Es schien ihr, es müsse geschehen etwas, irgendwie. Sie empfand jede Wolke. +Jede Linie der Küste legte sich hart um ihr Herz. Die Pause ging. Nebel +häufte sich dünn vor das Land, Die Barkasse drang weiter in Flut, entfernte +sich, heulte, stieß vor. Nichts geschah. Da überwältigte sie der traurige +Gedanke mit solcher Gewalt, daß sie den Messingknauf des Geländers zwischen +die Hände preßte, die Stirn zusammenbog mit aller Durchdringung, in der +Schmerzlichkeit der Flucht noch die übersinnliche Kraft des Glaubens: nun +reiße die Küste ab, komme herüber, hielte sie. Da schwand das Land. Der +Schrei blieb in der Kehle, erstarrte. Die Faust ballte sich ihr in Haß. +Wandte sich zornig ab vom Boden, den sie liebte. Haßte jede neue +Luftschicht, jede Fahne, Gaffel, Signale um sich. Trank Gift mit dem Atem, +der ihr von der anderen Seite entgegenströmte. Wandte sich aber mit +tieferer Ablehnung weg von dem, was hinter ihr lag. Vorbei. Das Letzte. Die +Augen brannten hell, grau. In rotem Nebel begannen Maschinen zu stampfen, +pufften den Boden auf unterm Fuß mit kleinen rhythmischen Schlägen. Sie +wandte sich um. Die Achseln zuckten. Das Meer vor ihr aufgewölbt von Glut. + + * * * + +Zwei Tage Nebel vermiesten, das Pack johlte, die Feinen wurden nervös. Ein +Matrose griff fehl, stürzte aufs Deck. Ein Gaul brach aus, sprang ins +Schwimmbad, brach den Hals. Abends im Zwischendeck schlug sich ein Dutzend +um eine braune Hure. Einer hatte einen Bruch, einer schlug hin auf den +Bauch, heulte und schrie »maman«. Ein Weib lief mit halbem Ohr und sammelnd +durch die Klassen. Rotteten sich zusammen, spießten einen Alten auf die +Arme: »Vieux Ga . . ga.« Eine dunkle Kugel schob aus dem Wasser, über ihr +ein singender Tag. + +Am abgesperrten Zipfel des Promenadendecks lagen drei Malariakranke. Zwei +unterhielten sich den Vormittag, mittags wurden sie gereizt. Trommelten mit +den Daumen, rauchten. Abends machte der eine Vorwürfe, gereizt, heftig, der +andere pfiff leis. Der dritte schwieg. + +Sah durch ein Glasfenster auf den Korso, langweilte sich am Geschauten, +spiegelte sich allein in dem Glas: zerrissenes Gesicht, geschmeidigen +Körper, rote Haare. Ein Mischling kam, schöner als ein Weib, flüsterte, +verbeugte sich, kam mit Whisky. Der Mann deutete heftig aufs Glas, der +Diener öffnete den Riegel, folgte dem Zeigefinger, sah eine Frau, einen +hünenhaften Mann, nickte, verschwand. Kam in einer Viertelstunde zurück. +Das Paar passierte von Norden her. Lackaugen vom Mann her wanderten +herüber, blieben. Die Frau gähnte. Zwei Tage ging der Korso, zogen fern +langsam Dampfer vorüber. Das Fieber sank, Temperatur ließ nach. Der Rote +erhob sich. Ging am Arm des Dieners hin und her auf der Promenade, anderen +Tags allein am Stock. Fiel auf, elegant, zerrissen, glatt, Augen voll +Geist. Verschenkte Blumen, grüßte, ließ einen Windhund springen. Trug +keinen Hut, die Haare glühend über dem pockennarbigen Gesicht gescheitelt. +Eine Quintrone neben ihm, Chinchilla über der Schulter, schmalen blauen +Auges, auf hohen Beinen. + +Warf plötzlich die Quintrone ab. Benutzte einen Moment: Ging vor, ans +Geländer, fuhr mit dem Tuch an die Stirn, knickte ohnmächtig gegen das +Eisen, der Riese stieß einen kleinen Laut aus. In seinem Arm machte er die +Augen auf, streckte sich lässig. Der Riese zog eine grüne Riechflasche, +hielt den Arm rund, weich, damenhaft, den Kopf schräg. Er atmete rasch. Der +Mischling Moki kam zu seinem Herrn, stützte den Roten. Der deutete aufs +Meer, das violett erzitterte, drehte sich um: »Le Beau.« Lächelte. + +»Fribaurt«, sagte der Riese, sah nur den Diener. Le Beau lud den Riesen +ein, zeigte ihm eine Sammlung Säbel. Ging mit ihm durch den Lesesaal, die +Billardbälle. Gingen durch den Maschinensaal. Standen vor der schmiegsamen +Wucht fressenden Metalls. Hörten die Pfiffe, schritten weiter. Ging mit ihm +durch Regen übers Verdeck, sahen den Mond einschlucksen in grauen Brei, der +innerlich geschwängert Blasen aufstieb, Ballone ins Meer setzte. Le Beau +wickelte ihn ein, führte ihn im Kreis, in einer Spirale, streifte Moki, +trieb ihn enger dem Willenspunkt zu, stieß ihn hinein. + +Verlor Fribaurt, polierte er die Nägel. Gewann er in Bakkarat, Poker, +Sieben, erschien Moki, servierte Zigaretten, Schnaps, Tee. Fribaurt juckte +die Haut, der Blick schweifte rechts, schweifte links, hatte keine +Konzentration, leckte über des Dieners Schenkel. Das Spiel blätterte +auseinander, die beste Karte schlug gegen ihn zurück. Verlor. Spielte +Paroli. Blähte die Nüstern, sog die Luft ein, die ihn verwirrte. Verlor. +Rannte in Paroli. Verlor. Moki verschwand lautlos. Die Summe addiert. +Fribaurt erbleichte. Schrieb einen Wechsel, legte ihn herüber. Le Beau +rührte ihn nicht an. Polierte die Nägel, sah Fribaurt starr in die Pupille, +führte ihn bis an den Rand der Spirale, in die er ihn schlug. Stellte ihn +neben das Zentrum, stieß ihn endlich hinein. Sagte leis drei Sätze, +abgehackt, deutlich, akzentuiert wie ein Ausländer. Fribaurt erblaßte ein +wenig unter der Hypnose des Klangs. Erhob sich. + +Nahm Daisy am Arm auf Deck wie eine Kusine. Die Namen fielen. Sie sah +zwischen Pockennarben einen Blick, der elastisch in ihrem sich bog, ihn +durchstieß, unter ihrem gestählten Zorn nicht brach. Von der harten, +dunklen Stimme fielen Vokale mit glattem dunklem Wohllaut. Überrumpelt, +gereizt sprang sie zum Englischen. Er folgte mit gleicher Gewandtheit, wie +sein Körper, ihren führend, neben ihr ging, gebogen, nachgebend, hart, +fordernd. Er stützte sich ein wenig auf den Stock. Ihr Schritt ward +rascher, wogte auf und herab mit dem Schiffschaukeln. Er hielt. Über die +Achsel sah sie zurück. Er beugte sich, hob ihr Tuch. »Holen Sie kalten +Tee«. Es war heiß geworden. Er drehte um. Sie ging zur Kabine. Le Beau gab +das Tablett dem Steward, warf sich in den Liegestuhl, wartete. In der Kühle +kam sie herauf. Übersah ihn. Die Ablehnung traf ihn, verzog seinen Mund, +lächelnd. Am Geländer spürte Daisy die Richtung eines Fächers, zog den +Blick vom Rosafisch, der sprang, sah in die weiße Iris der Quintrone, +während die Zähne hell sich öffneten. Sahen beide in das Aufzucken der +Lichter, schlossen die Augen, sahen, wie das Schiff festlich, erhöht, auf +eine Masse Lichter zufuhr, die höher wuchsen und stiegen und an ihnen +vorbeiglitten. Die Dampfer tuteten, Lichtschnüre trennten sich, verblaßten. +Fribaurt und Le Beau gingen vorbei. Die Kreolin neigte den Leib, sprach mit +der ganzen Haut. Das Murmeln kam näher, spanische Missionsweiber +psalmodierten, sahen in die Dämmerung, die fiel. Der Quibekaner flüsterte +einer Frau zu, daß sie Regen beschwörten. Sie schrie auf. Er griff in der +Dunkelheit fest in ihr volles Bein, damit die Bewegung ihn nicht verrate. +Der Schrei deckte das Manöver. Am Schornstein applaudierten die Kanadier, +sie gingen langsam hinüber. + +Da sah sie: im Kreuzschein der großen Signallaternen bewegten sich Fribaurt +und Le Beau wie Ratten, mit Brustschild und Maske, florettierend +gegeneinander. Le Beau lag wundervoll in der Hüfte, bewegte sich in der +Lendenwage nach oben gedreht mit fesselloser Kraft. Stieß vor, im Angriff, +schien plötzlich müde. Übersah die Quintrone, die mit aller Haut atmend in +seinen Blickkreis kam. Warf nur einen Blick seitwärts, der dirigierte Moki +hinter seinen Rücken ins vollste Licht. Seine hitzig kalte, fast brausende +Geschmeidigkeit verwirrte sich immer mehr in dem weichen unberechenbar +eleganten Schlag, den Fribaurt in zu seiner Größe und Breite erstaunlichen +fast mit dem Handgelenk gefächerten Etüden heraufwarf. Plötzlich machte Le +Beau eine stumme eindringliche Geste. Mokis Körper schälte sich +bronzeschmal aus der Dämmerung. Beau entblöste die Brust, fing Fribaurts +unsicher schwankende Spitze in letzter Sekunde auf, pfiff von unten die +Gegenlage, schleuderte aufspritzend das Florett des Gegners in die surrende +Dunkelheit. Legte Brustschild, Maske ab, sagte Fribaurt kalt +Schmeichelhaftes. Drehte Wasser an, wusch die Hände. Hob plötzlich den +Kopf. + +Sammelte das Gesicht zum erstenmal ganz, legte es in den Blick. Warf ihn +mit einem wehenden Ruck herum, mitten in Daisys Gesicht. Entjungferte ihr +Auge. Traf es mit einer Gewalt und Absicht in einer eindeutigen Sicherheit, +daß sie wankte. Schmerz spürte, als durchstäche er sie. Ihr Blut aufflammen +fühlte, zurückstürzen. In den Adern eine bäumende, auflösende Kraft. Sie +gab den Blick nicht zurück, schloß über dem Vorgang die Lider herunter, +ging mit dem Gefüllten rasch hinab, unsicher, überwältigt wie ein im Schlaf +begattetes Tier, in der Haltung zart und süß, den Kopf mondhaft, nicht +weinend, zur Seite gebogen. + + * * * + +Sie schnitt ihn. Er übersah es. Sie brüskierte ihn. Er sah es nicht. Sie +reizte ihn, brachte ihn zu keiner Äußerung. Sie traf ihn auf Vorderdeck, +drehte um. Am Lunchsaal strich sie ihn fast, sprach abgewendet zum Steward. +Fuhr in seinen Satz, sprengte die Gruppe, in der er stand. Zeigte ihm ein +Maß der Ablehnung, das sie derart steigerte, daß er ein Lächeln einmal +abends darauf gab. Sie setzte die Kiefer fest aufeinander, behandelte ihn +gleichgültig, suchte seine Nähe, die sie gemieden. Frug ihn nach der Zeit, +lachend nach dem Barometer, scherzend, als glaube sie, es sei von der Jagd, +nach den Narben seines Gesichts. Er nahm es gleichmütig, erinnerte in +nichts an etwas, das traumhaft hinter ihrem Leben nun stand, sie trennte +von allem. Sie aufhob und ungestüm machte nach einer Entfaltung. Ihr Drang +nach Geben und Zurückströmen des Gefüllten war so groß, daß selbst die +nichtssagende Bewegung ihres Ganges, die Haltung ihrer Zigarette eine +Zugehörigkeit und Verbindung mit ihm annahm. Ihr nebensächlichstes Wort +hatte eine Umkleidung, das ihn stach. Ihr Gespräch mit anderen nahm +Richtung auf ihn. Er blieb gleich, unberührbar in seiner Glätte. + +Sie wandte sich Fribaurt entgegen, holte den Klatsch herauf, trat ihn breit +mit ihm, vermengte, versträhnte ihn, daß Le Beau schweigend hörte. Sie +gähnte nicht mehr in des Riesen weibisches Gesicht. Holte neues heraus, +Unerfindliches, Entferntes und breitete es hin. »Sie haben durch den Fächer +bei der Quadrille einen Feind in meiner Familie. Mein Vater haßt Sie, daß +er Sie fast liebt.« Sie lachte ein Lachen, das kein Lachen war. Das +Schweigen neben ihr blieb. Sie lockte es nicht heraus. Sie übernahm sich im +Grauen davor, schob Fribaurt in Dialoge, denen er kaum folgte, erreichte +die Spitze des Erreichbaren: das Gespräch brach ab. Eine Pause fiel. + +Da machte Le Beau eine Bewegung. Moki begann auf der anderen Seite +herumzulungern, glitt auf eine Bank. Fribaurt stotterte, zog den Hut, +verschwand Ihr Alleinsein machte sie wortlos, verlegen, fühlte sich +verloren. Was sie in ihn überleiten, ihm zurückgeben wollte, den Zwang +. . . es bog sich herum, ward Leere und Fassungsloses in ihr. Sie wartete, +daß er ihre Hilflosigkeit erkenne, benutze. Allein er schmiegte sich nicht +hinein, ließ den Augenblick verklingen. Es kam eine Ruhe über sie. Ihre +Hände ballten sich ein wenig zusammen. Er änderte seine Stimme nicht. In +der Nacht hörte sie sie im Schlaf, sie stieg mit ihr herauf ins Erwachen. +Sie bog die Beine herauf, legte das Gesicht darauf in schmerzhafter +Umarmung. Da schlug ihr die Stimme heiß ins Gesicht aus jedem Knie. + +In ihre Augen, Schalen, legte er, was er wollte. Es war Schmiegsames, +Zartes, das sich mischte mit Stahl. Auf ihr Gesicht schrieb er Vorgänge, +ohne sie anzusehen. In sie hinein sprach er, ohne Widerstand. Nichts stieß +ihm entgegen. Gewölbt stand ihm offen das Ganze. Er schmiegte sich hinein. +Warf sein Leben hinaus ans Meer, es prallte zurück, umgab sie. Dämpfte das +Gute, hob das Schwanken. Baute sich aus in ihr, langsam, gespannt, weich +mit einer eindringlichen Unerbittlichkeit. Die Sonne ging in weißem Bogen. +Lauschend bog sie sich über den Tisch. Langsam sammelte es sich bei ihm. +Kam diesmal ohne Wucht, aber mit bis ans Schreien unterdrückter Süßigkeit. +Er flüsterte zwei Worte. Sie gab den Blick langsam, schwer zurück. Nickte. + +Sie stand nachts auf. Es schlug zwei. Die Tür der Kreolin schloß sich, bei +Fribaurt glitt es heraus, dunkel und braun, verschwand. Sie ging die Treppe +hinauf, sagte die Nummer der Kabine mit weißen Lippen vor sich hin, suchte +mit den Augen, den Händen in der Dämmerung des Korridors. Ihr Arm blieb +stehen. Ihr Bein, magisch gezogen, ging unter ihr weiter. Ihre Haut glühte +mit einem Ruck. Da hörte sie neben sich in der Nische ein Geräusch. Sie +bückte sich, durch die Luke kam Nickellicht vom Wasser. Hinter Gittern +kamen die roten Augen kleiner Hasen an sie heran. Ihr Finger berührte die +bewegte Schnauze. »Go . . .« Die Tiere hoben sich, neigten sich herauf. +Begannen sich zu bewegen im Ruf, der sie traf. Ihre Stimme aber kam auf sie +zu, umfaßte sie selbst wie von anderen gesprochen, breitete sich in ihr aus +und verließ sie wieder in Seligkeit und Erfüllung. Was vorging, was sich +sammelte aus ihr heraus im Ton, der sie umschwamm, brachte Ruhe in sie. +Trieb sie in eine Klarheit. Stellte irgendwo etwas auf, dem plötzlich alles +in ihr wie an Fahnen hingeweht sich zubewegte. Ihr Blut spannte sich dem +entgegen. Es ging über alles hinaus. Trieb darauf zu mit der Kraft und der +Inbrunst des Ziels. Sie lächelte. Kehrte zurück, fiel in Schlaf wie Traum. + +Abgelenkt, vorbeigeführt innen an ihm, gab sie ihm die Hand. Keine Miene +zeigt, daß ihn etwas enttäuschte, Unter den Sätzen warb seine Stimme um +sie, um jeden, er blieb gleich. Sein katzenhaft gestraffter großer Körper +blieb neben ihr. Hörner heulten aus dem gegen die Wellen trommelnden Abend. +Blinkfeuer stachen kreuzend ins Licht. Aus Landduft quollen roh, +verquatscht, Hupen. Die Räder gingen langsam, fielen zurück, die Mole hing +voll Menschen gedrängt, wimmelnd, sich verlierend auf der tiefen Fläche. +Unter den rücklaufenden Wogen schellten die Bojen los. Das Schiff stand. Da +sprang plötzlich ihr Herz. + +Die Barkasse legte an. Zwischen gestapelten Koffern irrten Passagiere, +auseinandergespritzt. Hände durchglitten ihre. Das Fräulein stieg auf der +Treppe hinunter zum Wasser. Sie sah scharf nach dem Ufer. Es kam auf sie +zu. + +Sie gab Le Beau die Hand. »Wohin?« Sie wußte es. Er sagte: Paris. Lächelte +plötzlich: »Wohin fährt ein Franzose . . .« Sie lachte über die Schulter +dem Reeling zu. Sie sah zurück: Versäumtes, Verfehltes lag auf seinem +Gesicht plötzlich gesammelt, Schmerzhaftes zog es tief in ihn hinein. Es +blieb. Verließ sie nicht. »Leben Sie wohl.« Wind bewegte sein rotes Haar. +Den Hut unterm Arm. Von unten sah sie ihn am Geländer verschwimmen. +Zwischen den weißen Hosen der Kapelle brach der flackernde Untergang auf. +Die Musik spielte über der Sonne. Die Barkasse legte sich fest an Land. + + + + +Der zweite Abschnitt + + +Da war Berlin, sie erkrankte an Grippe, ihre Umgebung fürchtete den +schlechten Ausgang. Sie genas. In Zackstrahlen von diesem runden +Verharrungspunkt ausgeschleudert, durchschwebte sie die neuen Schichtungen. +Das Fräulein führte die Liste der Stunden. Die Tabellen verengten sich, +gingen bis in die Nacht. Man holte sie. Sie schob sich selbst in das +Drängen. Bald stand ein Defilé vor dem Haus. Mit Holl ging sie in Lewinskys +Generalproben. Vom Bazartee kam sie mit Rosen, die Zofe brachte das +Abendkleid ins Bad. Das Fräulein reichte die Tabelle. Sie runzelte die +Braue etwas hinauf. Verreiste. Böhmer, Below traf sie bei der Holmberg, +überging sie. Erlebte den Skandal, als Männer auf der Nizzapromenade sich +um deren weißbemaltes Fleisch schlugen. Drei davon starben. Andere hätten +sich gewälzt vor Wonne. Fuhr weiter. Drang von Schicht zu Zelle, lächelte. +Es gab keine Grenze, Geld, Wille machten vor ihr alles frei, sie folgte +traumhaft. Bei Utö kam von der Regatta Symes herauf, schlenkerte im Sweater +auf sie zu. Sie sah zuerst vorbei, traf plötzlich seine Gestalt, spürte in +den Knien, im Auge den Schlag, erblaßte. Lief am Strand auf und ab abends, +allein. Reiste zurück nach Nizza die Nacht. + +Bezauberte drei Tage von neuem die Holmberg, deren Hand schmeichelnd kam, +fuhr mit ihr den Korso, dessen Blumenwoge symphonisch in den Himmelrand +schlug. Ihr Blick hing fest irgendwo über ihr, zog etwas daraus fest in +sich Die Gräfin fragte. Sie ward scheu, umschwebte mit dem Blick ihren +Kopf, wich der Hand aus, verschwand. Sah in dem Parkfest eines dekadenten +Mitteldeutschen Fürsten die Megrée auf gemeißelten Beinen kommen, auf einem +Wallach, zwei Messer im Mund, abspringen, den Norweger Stefan umarmen, +nicht tanzen, lachend abreiten. Der mit den eisernen Backenmuskeln wandte +sich ruhig um, sah, überstürzte den Blick nach Daisy. Seit dem Tag war +Stefan hinter ihr her, reiste Station auf Station nach, vermochte nicht zu +bitten, versuchte einen Einbruch, setzte sich selbst herab, mußte sie unter +Menschen ihn hören. Seine athletische Brust zuckte zurück vor ihrem grau +geworfenen Auge. Sie sah ihn kaum. Sie gab sich hin, ließ sich aufnehmen +wie willenlos, von diesem bald, von jenem Hauch. Kam es vom Meer, war es +gut. Kam es vom Land war es gut. Ihr Gesicht selbst war verschleiert. Es +war unsichtbar, was sich vollzog. Nur war das Obere deutlich nicht das +Letzte. Etwas saß darunter, fest zusammengedrängt. Nur, je mehr sie sich +dem Umstrahlenden anschloß, genoß, sog und hintertrieb, bedenkenlos die +Stationen nahm, die sie umwölkten, war etwas in ihrer Hingebung, das sie +dem so heftig Genahten tief entzog. + +Es schwankte herauf und herab in dem Treiben, bald obere, bald untere Welt, +Fahnen und Wagen, auch Meer. Sah Heringsdorf, Menschen bogen sich, +verkrampften den Blick, sahen in die Sonne, neigten die Hälse, flüsterten, +trieben Neugier aufs Gesicht. Durch solch gewölbte Gasse kamen Heroen: +Lyonel, Böhmer, Brandt, Below. Umzischelt, vertuscht, aufgerissen. Vorbei. +Sie lenkte den Blick kühl darüber, er trieb nicht ab, blieb nicht haften, +kein Drang schlug dort hinaus. Sicher fast, in die Höhe gehoben, blieb er +dort. Haftete. Sie spielte einen Preis im Single heraus. Das Lächeln, das +sie zerstreut dem Preisrichter gab, lief durch Revuen, machte ihr Gesicht +bekannt. Darauf, in Zopott, trat im Doppel Stefan gegen sie. Machte ihr +Fehler hin, sie nutzte nicht aus. Schlug erstaunliche Drifs, sie bewunderte +nicht. Schlug einen Ball gegen ihren Schenkel, mit einem Wehlaut sank sie +zusammen. Seine Entschuldigung lenkte den Blick an ihm vorbei. Gewalt +gegenüber war sie eisig verschlossen. In München schwärmte sie unter herber +südlicher Sonne einen Festabend. Unter der Dielentür sah sie Caspare Symes, +er sah sie nicht. Da schwankte ihr Gesicht, an den Molen des Innern brach +sich es, schäumte herum. Sie stieg hinauf. Nahm den Spiegel. Ungewisses, +Zögerndes stand vor ihr, schlug dort hinaus, woher sie kam. Sie bog ihr +Gesicht auf, lernte eine Bewegung, die es zurückschlug, was tastend offen +stand, hinein fuhr in die Tiefe. Das Harte, Gespannte, sammelte sich +dichter unter dem Schleier, ward reifer, fiel fast als Frucht schon heraus. + +Sie saß im Zirkus, wo Sägemehl und Pferdeschaum schwirrte. Mit Steinen um +den verhaltenen Mund neben dem französischen Botschafter. Fuhr im Auto +durch Eifel und Rhön, über Matten, zu den stählern gereckten +Chausseebändern des Bennetrennen. Kinder, Frauen, hinter ihr her, hinter +nie Gesehnem. Offiziere ritten neben ihr im Herbst. Im Lunapark verlor sie +einen Ring, lachte. »Masseldoff«, flüsterte Holl. Sie sah zurück. Die Zeit +staffelte sich darunter. Es ward klar. Was war das all? Nichts. Die Männer, +es beschäftigte sie nicht. Hochmut sprang um den Mund, als sie aufsah. Was +blieb, kannte sie. + +Noch blieb sie in der Schwebe, blieb sich gleich, hingegeben noch wie stets +dem, was bereits vorbei war. Unbestimmbar so auf Straße, Wagen, Park. +Verdichtet aber im Innern. Sie hörte Stimmen, vernahm Dinge, hörte Stefan, +Holls Regie. Wohlig streckte sie sich darin, es ging sie nichts mehr an. In +Christiansand an einer weißen Mauer entschloß sie sich plötzlich, bestimmte +die Rückkehr. An der Reede, von einem Schiff steigend, das kam, traf sie +Symes. Er grüßte. Ihr Gesicht blieb kalt, wie sie es sich gelehrt. Aber +Ohnmacht überfiel sie, so straff hielt sie unnatürlich die Maske. Es schlug +sie den Fahrtmittag nieder, erweichte ihr Gesicht, das mit den heißen +Wellen ging und kam. Gegen Abend warf sie den Aufruhr in sich nieder. +Erreichte den Punkt wieder, wo ihr Blut hinhielt. Hielt die Richtung ein, +verschärfte sie sogar aus Trotz über die Abschwenkung. Warf alles zurück +auf das Zentrum. Der Schleier fiel ab. Das Gesicht fiel reifer heraus, +suchend, ruhig, bestimmt. + +In der Nacht kam sie an. Im Bett früh telephonierte sie nach Lewinsky. Er +war nicht im Theater, nicht in der Wohnung. Sie hörte vom Diener, wo. Fuhr +zu Guildendaal aufs Morgenfest im Park. Suchte die Wiese ab. Sah +Perlhuhnhunde, des Einladers breite Glatze über Favorits, sah eine +Polonaise am Teich. Darin am Ende Lewinsky. Da setzte sie sich beruhigt. +Doch unterbrach ein Skandal. Es kam ein Anruf: die Megrée hatte sich +erschossen. Man rottete sich zusammen. Holl eiferte gegen Stefan, hetzte +fanatisch, jetzt noch in ihre tierhafte Anmut verliebt. Kam Stefan vorbei, +schwiegen sie. Man hatte den Mut nicht, es ihm zu sagen. Fribaurt kniete +neben ihr, erzählte den Fall das drittemal. Sie sah in den blauen +Himmelausschnitt zwischen den Rotbuchen: wie feig sie waren. Sie sah +deutlicher nach Stefan. Eine Stunde blieb sie, überflog die Versammelten, +hielt Zusammenhang immer mit einem Kopf. Plötzlich ging Lewinsky, sie sah +den Hut in seiner Hand. Da stand sie mit einemmal leicht auf. Sie legte, +schon halb herumgewandt, die Hand mit unnachahmlicher Lässigkeit auf +Stefans Schulter: »Die Megrée ist tot.« Ihr Gesicht war anders wie das, was +sie sagte. Fern nach anderen Dingen gewandt, erhielt die helle Schärfe +eines Vogels. Am Wagen blieb ihr Kleid etwas gerefft hängen. Man sah ihr +Knie. Sie fuhr die Allee hinaus. + +Sie fuhr ein paarmal, um Zeit zu gewinnen, um das Viereck, nachdem Lewinsky +vor ihr ausgestiegen. Ließ halten vor ihrer Villa, ging unter Flieder auf +das gelb leuchtende Haus. Im Boudoir zog sie sich um, saß noch einige +Minuten am Fenster. Über dem Kiesweg pflückte sie einen Zweig, schwang ihn +hin und her. Der Gaul wieherte, als sie wieder losfuhr. Sie ließ sich nicht +anmelden und wurde daraufhin abgelehnt. Da gab sie die Karte ab, die Türen +gingen auf, im Arbeitszimmer stand Lewinsky, an ihr vorbei, ihn verlassend, +ging Stefan. Sie stand an der Portiere und brachte Lewinsky aus der +Fassung. Sie hatte ihn den Morgen getroffen, sich nicht annonciert, war +plötzlich da. Sein Blick strich die Wände hinauf, da hingen große Männer +seiner Zeit. Seine Haare waren in der Stirn geschnitten, er stieß mit der +Zunge an, schlug die Arme über die herausfordernde Brust, um sicher zu +scheinen. Er fragte, was sie will. Sie antwortet nicht, macht nur eine +Bewegung, die sie ihm ganz öffnet. Erhebt ihre Stimme. Kein Mensch hat sie +gehört. Sie fühlt sie schweben. Sie spricht eine halbe Stunde vor dem +Gesicht, das an Höflichkeit aufrafft, was es kann. Sie fühlt die Vokale +steigen, glänzen, singen. Es entspannt sich in ihr, vieles geht hinaus. Das +Beste bleibt, ist gehemmt. Als sie eine halbe Stunde gesprochen hat, hebt +sie das Auge auf zu ihm, erschrickt. »Es genügt nicht?« Er spaltet den Mund +nach den Seiten, schaut herauf ihre Figur, herab. Kämpft einen Augenblick +mit den Kinnmuskeln. Dann schüttelt er den Kopf. + + * * * + +Viele Tage verließ sie das Haus nicht. Ihr Mut war so stark, daß der +Mißerfolg sie nicht schlug, sie begriff ihn kaum. Er brachte sie nur +deutlich zu sich, entfernte sie von dem Hin- und Herbewegen und legte sie +fest. Sie sah durch das Straßenfenster, da ging gedämpft der städtische +Verkehr der Grunewaldstraße, rasch, verwirrend, elegant. Sie ging zum +andern, da war rauschender Park. Baumwipfel bogen sich im Wind ihr zu. Sie +hob den Kopf entgegen dem Geräusch, hob ihm die Stimme entgegen. Es klang +zusammen. Belebte sie, gab ihr Resonanz, sie kettete sich daran und bekam +die Leichtigkeit, die sie selbst bezauberte und hinriß. Da war sie ganz +enthalten in den Lauten, wenn sie allein sich preisgab dem Gefühl, das +ausfloß. Da konnte sie Sätze biegen, Wonnen rauschen lassen in blanken +Diphthongen, spielen mit Worten und ungefähren Dingen, die als Sternnebel +um sie waren. Beglückt trat sie zurück. + +Am vierzehnten Tag fuhr sie zur Florath. Die wollte sie ablehnen, sah das +gute Kupee unten stehen, ward neugierig, winkte, sie hereinzuführen. Sie +lag mit gelockerten Beinen auf dem Diwan, musterte Daisy mit den runden +Wolfsaugen, leckte die Lippen und führte beide Arme verführerisch nach den +hell gemalten Haaren. Daisy begann, ohne sich zu setzen, sprach, nicht +lang, aber eindringlich. Beim ersten Laut spürte sie, es fehle, es stoße +neben hinaus, was sie wollte. Als sie ins Gesicht der Schauspielerin sah, +stürzten ihr Tränen in die Augen. Alles verließ sie. Kein Mut, keine +Sicherheit. Mit kindisch unsicherer Haltung raffte sie ein Taschentuch auf, +das ihr gefallen, und als sie wieder stand, sagte sie nach unten hin: »Ich +hatte mich nicht in der Gewalt.« Wieder suchte sie jenen Ton, den sie +seither immer besaß, der ihr eigentümlich war wie ihre Hand. Sie glaubte, +sie träfe ihn, begann von ihm aus sich aufzuschwingen. Als sie unsicher +ward, half ihr der Trotz zu einer intensiven Kraft. Einmal stockte sie, sah +die große Frau auf dem Diwan zusammengerollt, sie nickte ihr zu. Sie fuhr +fort, schleifte es weiter und brach ab. Die Florath reckte die langen +Beine, erhob sich, zog die Knie an, sagte mit ihrer schwärmerischen Stimme: +»Gibt es denn nichts, was Sie sonst befriedigt . . .«, kam mit langen +Schritten auf sie zu. Sie sah auf, wollte, was sich sprengte in ihr, sagen. +Es kamen nur Tränen, sie stampfte ein wenig auf. Als sie den Arm der +Florath im Nacken fühlte, wußte sie, daß jene sie mißverstand. Sie schwieg, +verschloß in sich das Geheimnisvolle, das sie sofort wieder sicher machte. +Demütigung, Verzweiflung bisher, nichts war umsonst gelebt, sie fühlte, es +ward klar. Noch machte an der Tür die Florath eine Bewegung mit dem Kinn, +das rätselhaft herabkam: »Die Welt ist voll Möglichkeiten, reizvollen, wenn +Sie die Ihren suchen . . .«, die runden Wolfsaugen überglitten sie +lächelnd, die Hand glitt über ihre Brust. Sie verneigte sich. Auf der +Treppe ward sie wieder zäh wie vorher. Gelang dies auch nicht, sie spürte +unbedingt, unauslöschlich die Stimme in sich An der Straßenecke stand Moki. +Aus dem Laden trat Fribaurt, bedrängte, behing sie mit Geschwätz. Sie log +ihm Krankheit vor, erklärte ihre Unsichtbarkeit damit, frug ihn, als er +nicht wich, nach dem Diener. Er schmollte mit den Lippen, verschwand. Zu +Haus fand sie einen Brief. Er riet ihr, zu Löw zu gehen. Rivale Lewinskys. +Sie wußte nicht, von wem. Der Goldfischteich glänzte aus der hellen +Dämmerung. Sie biß die Lippen zusammen über den Eingriff, der in ihr Leben +kam, der Garten stand geweitet wie ein Flußtal, Fischflossen glänzten +manchmal weich und rasch. + +Der Papagei schrie lang und heiser. Sie kraute die gesträubten +Haubenfedern. Der Schnabel kreuzte sich, orangen und grün flimmerte es aus +der Ecke: »Dogo . . . Dogo.« Sie wandte sich von ihm um. Nahm ein gepreßtes +Buch, schlug es auf. Neben Lewinskys gesalbter Glattheit stand das +wohlwollende menschliche Gesicht Löws. Es zog sie an. Sie sah auf den +Boden. Im Garten, sangen Nachtvögel herauf, schwebten ihr mit Wind Flüstern +entgegen und nassem Buschzeug aus dem Blau. Sie spürte, daß der Brief sie +gut leiten wollte, zog den Finger aus den Blättern, empfand im Schließen, +wie es sich in ihr spannte, und daß vor diesem Kreuzweg Ja und Nein des +Lebens stand. Dann hatte sie etwas plötzlich, was alles vertrieb. + +Sie fuhr zu Lewinsky. Er hatte sie einmal besiegt. Zeigte, wie schön sie +sei. Hinter der Höflichkeit reckte sich seine Macht. Er gab ihr ein anderes +Buch. Sie wollte es zwingen. »Der Text ist nicht gut.« Ein anderes Spiel. +Sie wechselte. Sie bäumte sich auf, klar und weitschweifend zu sein. Schon +kämpfte sie gegen das Unfaßbare, da ging eine Tür hinter ihr, über den +Spiegel huschte ein Schatten, eine dünne Bewegung. Es löste seine +Oberfläche auf, er stand in Wellen, wurde tief und voll Horizont. Ein +Springbrunn kam hereingeplätschert, ihr Mund spürte Blau und Goldregen und +Baumbewegung. Es kam Geräusch der Ströme. Auf dem Ontario wogten Segel, +hißten Fahnen, grüßten. Rührung und Hingabe legte sich in die Stimme, ward +goldhell, posaunengroß, nun erlebte sich alles. Flog an den Drähten hinauf, +sank zurück ins Blattgepischper. Trug eine Kraft, die schwoll und wuchs. +Sprach zu den Tieren: Ihr Lieben. Zu den Weibern: ei welche Sonne da. Hatte +den Ottawa im Traum, den Erddunst in den Nüstern der Vokale. Hatte ihr +Herz. War voll. War da. + +Ihr Auge frug nicht, ihr Mund hatte kein: Genügts? Lewinskys Kopf war +entblättert. Macht, Höflichkeit, jede Maske war weg. Um die Lippen stand +eine grausame, bebende Linie. Angst, daß ihm dies entgehe. Er versprach, +was sie wolle: Erfolg, Geld, Ruhm. Der Spiegelschatten kam aus dem Polster, +Stefan brachte sie an die Tür, hatte Ersticktes in der Stimme: »Erhielten +Sie meinen Brief?« Sie zögerte, sah Gesenktes an ihm, der Brief war gut. +Dann hob sie schmal das Kinn: »Nein«. Er lachte heiser durch die Zähne. Ihr +Blick blieb verwundert. + +Dies war der Durchbruch. Die Arbeit begann. Lewinsky zeigte klug, was ihr +fehle, wie, was sie in sich trug, nur die Flamme war, die das Gerüst +entzündete und in die obersten Logen der Erfolge trug. Das Gerüst war zu +lernen. Sie sah ein, sie konnte noch nichts. Nun gab es nur dies. Von allem +schnitt es sie ab. Keine Segelfahrten lockten, an keinem Zirkus entzündete +sich die Lust nach dem Dampf der pochenden Pferdebäuche. Fort gingen die +Bahnen, die Wagen. Sie blieb. + +Die Brauen bogen sich vor Spannung. Das I schärfte, jagte sie in den +Plafond gegen Dogo, daß er flatterte und es zurückschrie. Das A baute sie +zu Brücken, weiten Wölbungen, die funkelten vor Kuppelschwung und Material. +Aus dem O kamen schwingende Trommeln, ferne Gewitterstürze, die erregten. +Die Leidenschaften der Wälder, das Sichsagen der Leiber brannte aus dem U. +Die Diphtonge glitten dazwischen. Sie trat ans Fenster, die Hände, die +Brüste am Gitter. + +Ein Lehrer kam, der den ausländischen Akzent abschliff. Nach acht Tagen +sagte die Zofe ihm, es sei genug. Lewinsky sandte andere. Sie verbrauchte +viel und rasch. Fand sie, wo sie einhaken konnte, blieb sie zäh dabei. Das +Regulieren von Zunge und Zähnen, das Siebenmaldurchsprechen der Rolle, bis +die Figur sich entschälte, das Hartnäckige und Sichere, das war ihr Fall, +dem blieb sie treu. Ein Lehrer wies ihr die Bewegung im Raum, teilte ihn +geometrisch, wies ihr die Plätze dekorativ. Stellte ihr die Gebärden, zog +eine Kurve. Sie sah vorbei. Er stülpte den Ärmel hoch, den Arm auf zur +Ekstase. Sie machte es nach mit der Linken, die Rechte gähnte. »Wozu?«, +frug sie Lewinsky mit ermüdeter Schmerzlichkeit. Da brachte er Statisten, +belebte mit Fleisch, mit Blut das Zimmer, suchte durch Lebendes ihre +Verwöhnung zu überwinden. Er machte ein Kabinettstück, bezauberte mit +seiner eigenen Regie, hetzte das Zimmer, die Luft zu Drama. Sie lächelte. +Sie nahm drei Stühle. Sowie sie aus sich selbst sich bewegte, kam Leben in +das Holz, ward Aufruhr und Ergebung. Sie entflammte es. Er zog beleidigt +die Unterlippe ein, grinste impertinent, als sie den Rücken kehrte. Ließ +sie aber tun, was sie wollte. Überzeugt selbst über seine Eitelkeit hinaus. + +Einmal gönnte sie sich Erholung, als Dogo schrie, sie ihn im Hemd mit +Tintenfischen fütterte auf der Veranda und die Morgenkühle ihr unter dem +Leinen den Körper hinauf tastend lockte. Sie ritt mit Guildendaal und +Rotbefrackten eine Allee hinauf. Die Hunde rannten Hasen nach im Gras. Von +einer Pappelreihe her hob sich ein Staubkreisel, flackte über die Äcker und +Weiden herbei. Als er die Allee berührte, fingen zwei Drosseln an zu +schlagen, unaufhörlich. Da wandte sie um, trabte ohne Abschied herum, wie +im Spiel, kam nach Haus, empfing von rückwärts in die Einsamkeit das +Durchflogene, gab sich hin an das Wehen der Gräser, das Summen, Vorbereiten +und dann dem Ansprung des jungen Winds, entfachte sie. Mit glücklichen +großen Augen und einer ganz beschäftigten Stirn versank sie in die Arbeit. + +Besuche nahm sie nicht an. Selbst machte sie keine. Holl, da er Regie +hatte, traf sie manchmal, doch wünschte sie Tips. Ging sie aus, war es mit +Freude und Spannung schon auf die Rückkehr, wo die Distanz zur Arbeit sie +frischer machte, angriffslustiger, heiterer im Spiel. Moki suchte ihr etwas +zu überreichen, sie nahm es nicht. In einer Gartenstraße schlich ein Mann +und riß an ihrem Beutel. Das kleine Messer aus dem Gürtel in der Hand, +begann sie den Widerstand. Doch ließ sie fast im gleichen Augenblick den +Beutel fahren, steckte das Messer ein. Sie hatte wichtigeres vor, um dies +zu riskieren. Der Dieb lief. Sie kleidete sich um. Fuhr den Abend ins +Theater der Florath. Die war nicht da in der ersten Szene. Im Hintergrund +der Loge bereitete eine Frau sie vor, schilderte ihr Bein, ihren Busen. +Ihre Laster. Da kam sie wie ein Tier, das Kleid schaukelte erregt um sie, +als sei ein Abstand zwischen Haut und Kleid. Selbst im Unsichtbaren war ihr +Körper entblößt. Es war, als säße ihre Seele in den Hüften. Alles strömte +zusammen da, erhielt dort den Ausdruck der Verhaltenheit, der erregte bis +zur Stummheit. Sie lächelte einen Mann zu Tod. Er verschwand mit seinem +blonden Bart. Später dirigierte sie sich gegen einen Slawen mit +Bauernschultern, an seiner Stumpfheit blieb sie hängen. Schwebte eine +Herzspanne in der Luft, das Verhüllte knisterte um sie. Sie sog die Sprache +in sich hinein, hinter dem Marmor leckte schon tosend die Glut. Die +aalglatte Hüfte stand fast ruhig, sie spielte mit einer Dose. Ließ sie +fallen. Bäumte, brüllte wie ein Tiger. + +Entsetzt, mitten in der Szene ging Daisy. Sie sah, was fehlte. Wie +unheimlich jene mehr konnte wie sie. Lächelnd stumm in sich hinein, weil +ihre Inbrunst größer war als die Routine der andern. Sie zog den Schluß: +arbeitete heftiger, tief in die Nacht, schon gierig auf den Morgen. + +Doch war die Nacht auf ihr heißes Decolleté gefallen, die Grippe in der +Nacht zurückgerollt. Weinend, fiebrig, schleppte sie sich zum Diwan. Da +stand die Aufgabe. Sie konnte nicht. Die Zofe schellte den Arzt herbei. Er +frug nach Schmerzen, hielt an langen gepflegten Nägeln das Hörrohr ihr an +die Brust. Sie delirierte: »Sie kann die Übergänge . . .« Der Arzt neigte +sich herunter: »Nehmen Sie alle zwei Stunden ein Pulver.« Abends zur Zofe +sagte sie: »Nehmen Sie drei.« + +Achtundvierzig Stunden wimmerte sie, die Zofe verstand nichts. Am dritten +Abend schlug sie die Augen auf, besann sich, bekam ein opaliges Licht +hinein, wies auf ein Buch. Als sie es in der Hand hatte, fiel es ihr vor +Schwäche heraus. Sie sagte: »Nehmen Sie vier.« + +»Es ist zu viel.« + +»Ich habe Eile« + +Am fünften Tag war Sonne. Am achten kam sie in den Garten. In Zweigen und +Flüstern bewegten sich sanft und weich die Sätze. Die Melancholie der +Boskette träumte gold umrahmt vom Mondlicht. Ihr Entzücken entlud sich +unaufhörlich quellend, gleitend auf einer wundervollen Bahn, der die +Nachtigallen sich anschlossen, die aus dem abgeschüttelten Schlaf sich mit +aller Inbrunst entfalteten in ihrer Elegie. + +Fand im Garten, wo der Kies lehmig war, Spuren. Folgte mit dem Fräulein. +Sie liefen durch den Busch zum Eisengitter. Sie zog an den goldgespitzten +Lanzen. Drei gaben nach, machten ein Loch. Die Lanzetten waren +angeschraubt. Nachts nun, wenn sie nicht schlief, ging auf der Straße der +Schritt eines Passanten ruhelos auf und ab. Der Schritt gab Regen und +Wolkenwind den Rhythmus, hallte, lief ohne Pause. Wo es schwarz war und +undurchsichtig hinter dem Gebüsch, erschien ihr ein kreideweißes starrendes +Gesicht manchmal, doch es war in ihr, sie sah es nicht nur draußen. Bei +einer Pfütze blieb sie stehen, der Regenbogen darüber entführte sie, mit +geröteten Wangen wickelte sich ihr auf ein Strom von Bildern, die zogen. +Sie kehrte sich scheu ab. Holl warf das Mädchen an die Wand, stürzte +herein, in jeder Hand Orchideen, verzweifelt, weil man ihn abwies. Sie +öffnete die Fenster hinter ihm, das Szenenhafte nahm der Luft die Ruhe. +Vaudreuil schrieb: Schlug Wechsel ihr vor, baute Pläne auf, was sie sehen, +nehmen solle. Syg reiste nach Ägypten, kam an den Hafenstädten vorüber. Sie +konnte mit. Es hob sich schmeichelnd vor ihr, die Schwester und der Bogen, +der die Ferne einfügte in den Punkt, wo die Sehnsucht in ihr sich staute. +Sie schluchzte eine Nacht. Dann war es vorbei. Sie ließ einen Hund in den +Garten setzen, streichelte ihn und führte ihn am Gitter entlang. Die Spur +ihrer Hände an ihm war noch nicht warm, da war er schon verschwunden. Sie +empfing Lewinsky nach ihrer Krankheit erstmals, sprach nicht von dem +Nächsten, der Arbeit, der Hoffnung mit ihm, sondern erzählte ihm, was all +wünsche, sie zu entführen. Sein Augapfel ward grün, das Gesicht schwammig. +Sie zeigte ihm die Gartenspuren. Er zuckte die Achseln: junge Leute +schwärmten für sie. Er erzählte diese Geschichte, jene Geschichte. Erwärmte +sich Sie sah ihm fest, forschend unter die Stirn. Dann schwamm es weiter, +dies und alles. Sie warf sich der Arbeit hin. + +Holte kleine Kinder, die an Konditoreien die Nase platt drückten, erfragte +sie, erfüllte sie, nahm die Laute auf. Nahm von der Straße einen Bettler +herauf, setzte ihn an ihren Speisetisch, wühlte in ihm. »Warum haben Sie +Furcht?«, frug sie erstaunt. Erregt mit sich selbst redend, machte der sich +pulde. Sie eilte ihm verständnislos nach, er war schon fern, sprang und +lief. + +Um zwölf Uhr schlief sie ein. Sie hatte Begeisterung auf der Zunge. Um Fünf +erwachte sie. Alles war blöd und idiotisch. Schlaff sank sie zurück. Um +Acht erhob sie sich, holte Frische und Lust aus dem Muster des Teppichs, +dem Ton der Tapete. Im Schwanken erfuhr sie die Grenzen, erfuhr sie den +Arbeitssinn. Stellte fest, wie weit sie vorkam, wie stark manches sie +zurückwarf. Sie bemühte sich und erkannte, je näher sie kam einem Ziel, wie +größere dahinter standen. Ihre Kindheit kam manchmal, rührte sie zu weichen +Klängen. Manchmal fehlte sie, der Ton ging leer, verpuffte. Hatte sie etwas +sicher, war es schon nicht mehr von Bedeutung, denn ein anderes hemmte. Sie +lernte aus jedem Erfolg erst die rastlose Verantwortung, die Verpflichtung +der Erfolge, das ungeheure kreisende Räderspiel der Kräfte, die sich +bedingten und steigerten in einer nicht meßbaren Form. Sie sah, daß Ziel +kein Punkt war und kein Ende, sondern nur Etappe, nur Weg, nur ein Stück +der endlosen Bemühung, daß die Aufgabe wachse mit der Potenz der Kraft. Am +Versagen spürte sie, was es bedeute genau wie beim Erreichen: heißer, +heftiger zu streben. Aber manchmal, wenn nichts den Ausdruck ihr brachte, +geschah das Wunderbare und Unerklärliche. Von dem Wind, von dem Grastau kam +es. Von dem Teich stieg es auf die Veranda, vom Himmelabschnitt über der +Ulme sank es blau und bebend. Da war es. Unverlangt und unerbeten. Es war +da. Es umflockte sie hell, blau, klar und alles berührend, was sich danach +in ihr streckte und sehnte. Das war das Äußerste und rauschte sie auf wie +einen Baum. + +Die Leistung atmete sich fort, ohne Gespräch, ohne Leitung. Das Geschaffene +drang durch die Poren des Raums, durch die Straßen, die Stadt. Die Leistung +erhielt die Ausbreitung, die Durchschlagkraft jeder Tat. Die Florath lud +sie ein. Sie ging nicht. Lewinsky bat sie, sie kam. Bei Tisch warf Stefan +Böhmer, der neben ihr saß, ein Billett zu. Nach drei Tagen erschoß er ihn. +Das Lächeln, mit dem Böhmer das Papier geöffnet, begleitete sie einige +Tage. Doch kam sie darüber, leicht, als sie sich bemühte, hinein in den +Strom, der sie führte und weiterspielte. Erklomm solche Ausdehnung und +Tiefe in ihm, daß Lewinsky den Schlußstrich zog. Er bereitete das erste +Auftreten, legte Listen der Geladenen vor. Sie war glücklich den Tag, weich +durch das Erreichte, spielte mit seinen Gästen, saß mit Holl bei Pharao, +und, als sich vor Neid ihm die gebrannten Locken lösten, mit Fribaurt bei +Quarante-et-un. Am Bassin traf sie auf Stefan. Er war versunken. Er hatte +bis zum dreißigsten Jahr gekämpft, gelebt, zugeschlagen. Hatte die +Kinnbacken angezogen, war damit über alles getreten, hatte alles sich, jede +Laune, das Verbrecherische, Wüste zugebilligt. War wie ein Eber nach ihrem +Leben gesprungen. Doch dieser Zug ging in die Luft. Er traf nichts. Stand +erschüttert, verzaubert vor dem Widerstand. Sein Leben fiel von der Achse, +formte sich darunter um, erhielt eine neue Einstellung. Es ging ums Ganze. +Sein Auge drehte sich, besann sich. Hier war die Entscheidung. Er wollte +sie erzwingen. Umlagerte sie von allen Seiten, spielte jede Note, die er +beherrschte, zum Erfolg. Sie sah es nicht. Sie ging an ihm vorüber am +Bassin. Er holte sie ein. »Ich war der Bettler.« Zerriß ihren Weg. Es war +spielerisch, was sie unternahm. Sie gab nicht dem Elenden, half nicht dem +Gestank. Sie durchforschte ihn nur und das war ihm widerlich. Sie trat +zurück, wütend. Da sah sie an seiner Haltung: es war gut, was er wollte. +Hinter ihm trat hervor, was er geleistet: er war das Gesicht in den +Büschen, die Spur im Garten. An seinem Knie rieb sich der verschwundene +Hund. Sie spürte die Kraft, die auf ihr Ziel eindrang, es formen wollte, +abreißen, hinüberzwingen zu sich Es kam mit Beherrschung, gezähmt zu Güte +fast, es machte sie aufsehn, bedenken, es rührte sie, sie reichte ihm zum +Ausgleich etwas zurück, eine Lüge, einen Trotz: »Ich danke für Ihren +Brief.« Langsam, leis. Es beeindruckte sie tief, wie er es nahm. Aber im +gleichen Augenblick war nie der Widerstand stärker gegen das, was männlich +sie hemmte, den Weg kreuzte. Sie hob sich, fast wild, übersprang es, schlug +es zurück. Es blieb im Boskett, als sie darüber war. Kühle, Befreiung kam. +Wie klar die Luft. Weich hingegeben, vom Erfolg und Sicherheit empfänglich +und aufnehmend gemacht, sog sie Hyazinthen ein, die toll aufdufteten. Da +sah sie zwischen Lampions einen Mann. Caspare Symes. Der Garten stürzte +hell mit einer Flut Apfelbäume in die Nacht. + +Aus ihrer Brust riß alles mit. Die Knie standen eng aneinander. Alles war +Bewegung aus ihr hinaus. Nur sein dunkler Kopf kam. Sie nahm ihn auf, in +die Hände, öffnete die hochmütigen Lippen. Sein Mund war schmal, weich. Sie +gingen, es gab keine Leidenschaft, keinen Zorn. »Caspare«. Der Garten +glättete sich in der Lichtwelle. Besinnungslos hing die Minute um sie, kam +auf sie zu. Alles bot sich an, voll Glück. Die Büsche stiegen in +dunkelrotem Ring bis zum Goldbogen auf. Die Äste flammten mit einem Netz +von seidenen Strahlen an den Lauben. Die Schläfen lagen fest aneinander. Es +kam die Obstflut. Da fielen Blüten ins Gras ohne Pause. Es war der Fall +seines Bluts, das von der Ader seiner Schläfe herübersprang. Ihr Blut hörte +auf und setzte in seinen Takt ein. In diesen Bogen spannte sich alles ein, +das Ende sah sie nicht, aber sie spürte, daß es gegen den Rand ihres Lebens +hinunter sich neigte. Aber von der anderen Seite kam zum erstenmal wieder +die Jugend herauf. Unbefangen, ganz das Ohr erfüllt, kam von fern die +Lawine des Ottava und die Flöße. Der Ontario schliff sich blau mit +wiegenden Segeln. Dazwischen stand die Sekunde, in der sie atmete, als sei +sie dem Vergangenen zugehörig. Da fielen die Rosaenden der Blüten sanft +herab, die Erde wogte mit Wurzeln innen entgegen. Und die Bäume bewegten +sich nach dem Tempo ihres Atems. So war durch das Blut, das zusammen floß, +diese Zeit und die andere vereinigt. Das unbefangene Glück der Kindheit zog +an diesem Glück, zog es hinüber, als sei es abgeklärt, schön geworden und +still. Sie schloß die Augen, ein Arm faßte fest um ihre Brust. + +Sie wimmerte, stieß den Fuß auf, beugte den Leib nach vorn, zog ihn zurück, +drückte den Nacken ein paar mal zum Rücken. Dann riß sie sich los, öffnete +die Lider, lief den Kiesweg hinauf, das Tor. Sie sprang in den Wagen, der +zuerst stand. Ein lahmer Klepper. Sie weinte, brüllte in das Tuch des +Kleids. Der Horizont war angefüllt von einem Donner: Caspare . . . es würde +klingen bis in die letzte Süßigkeit alles, was noch kommen konnte. Sie +hielt nicht an, fuhr weiter. Ihr Garten kam. Ihr Zimmer. Die Onyxschale mit +den drei Kugeln, es stach stumm wie von Augen nach ihr. Der Park grollte +den Wipfelwurf ihr zu: den Namen. Die Spiegel fauchten ihn ihr zu. Sie +zuckte die Schenkel, legte die Stirn ans Glas. Verloren. Bis in die +Todesstunde nicht einzuholen. Sie lächelte: es war nicht gewesen, war +drüben vor sich gegangen, wo alles lag, was schön war, sie befreite, die +Jugend. Bis in das Ende des Haares, bis in die Höhle der Achseln empfand +sie: dies war das Höchste, ihr Glück. Träumte sie es zurück, lag +tausendfach Geschichtetes dazwischen. Noch unerreichbar, Arbeit und +Erlösung und Bemühung lagen vor die Möglichkeit allein geschichtet. +Irgendwo wie ein Lichtkegel öffnete diese Sekunde die Ruhe, das Später, +oder vielmehr das Zurück, den einzigen Glückszustand, als die Ströme das +Kind umrauschten. Es war so weit, daß sie die Sekunde kaum noch mit dem +Bewußtsein erreichte. + +Sie stellte drei Stühle auf. Gab jedem einen Partner. Erhob sich daran, +aber mußte sich bald unterbrechen, denn die Tränen kamen mit einer wilden +Wucht, die sie umwarf. Sie lag nur und weinte. Erst nach Stunden, gegen +Morgen, gewann sie die grausame Ruhe, die nötig war zu solchem Gespräch. + + * * * + +Das gab Öl in die Sätze, Mark in das Wort, die große Kraft in die Bewegung. +Das machte einen Boden, aus dem das Spiel der letzten Tage reif und sehr +süchtig schoß. Sie probte den Tag vorher, in einer saftigen Linie lag der +Akt. Sie war gefüllt mit Zufriedenheit, ohne Triumph. Am Abend kamen ihr +die Köpfe des Parketts wie ein Strudel entgegen. Sie ging vor ein Bild, vor +einen Boudoirtisch, nahm die Puderquaste, ihr Körper rauschte sehnig und +voll gedrängtem Saft. Als sie zu sprechen begann, verließ sie etwas. + +Sie starrte in den Raum, faßte sich, sprach weiter. Sie ließ den +Silberstift, das Spiel ging nun in Tragödie. Sie machte den Aufschwung. +Aber unter dem, was geschah, hörte sie dumpf, daß ihr entflog, was sie +suchte. Der dunkle Ton, der Erguß, das selige Gefühl des Hingegebenhabens +in die Worte . . . es fehlte. Sie suchte. Fand es nicht. Die Stimme flog +voll Schmerz, aber das Blut spielte nicht mit. + +Sie wartete, verzweifelt. Sie zwang es. Ging auf und ab, ganz neu und +unerwartet. Warf Worte ein, die der Text nicht hatte. Die Taille verjüngte +sich zu einer Wildheit, die die schmächtige Szene anriß und dehnte. Die +Souffleuse hustetete, verwirrt. Ihr Bein stand federnd, abgezeichnet im +Kleid, ins bleiche Gesicht des Partners drang sie vor, zerstörte es. Brach +mit Leidenschaft ein in das schwankende Schicksal, die die Gefühlshöhe +erweiterte, ihren Ausbruch und die Dichtung abhob. Grenzenloser wurde unter +ihr das Leere. + +Dabei spürte sie, ihr Spiel war gut. Augen hefteten sich gefesselt daran. +Atmosphäre der Erregung band sie an das Parkett. Es genügte nicht. Eine +Traurigkeit, die ihr Bewußtsein nicht traf, da es spielte, das es ahnte +aber, wölkte wie unter ihren Füßen herauf. Sie brachte es fertig, nebenher +zu denken, zu wünschen und herzurufen, was die Inbrunst wecken konnte. Was +ihr Schönes seither gegeben, Zärtlichkeit, Pa und Syg und Brown und das +Porzellanschiff. Es blieb entfernt. Ihr Gehör verdoppelte sich, sie vernahm +sich selbst. Ihr Auge schärfte sich, sie sah sich spielen. Das Bewußtsein +spaltete sich, war nur zur Hälfte beteiligt. Da spielte sie. Dort sah sie +Köpfe, beschaute es müßig: Die Florath, vorgebeugt, der Kopf eine schamlose +Entblößung. Fribaurt mit weibischem Lächeln gebannt an ihr Bein. +Guildendaal, über den Favorits Froschaugen, Holls nervöse spielerische +Stirn. Sie sah, sie hatte sie im Bann. Doch sie selbst, sie selbst . . . Es +sank ab vor ihr, verschwand in der Tiefe. Ein Riß ging durch sie, doch sie +verstand. Sie spielte die Szene zu Ende, sie steigerte sich, schmiß die +Effekte, sah den Erfolg in der Pupille der Florath. Aber in einer +Traurigkeit, die ihr Herz erreichte, wußte sie, es genügte nicht. Der große +Ruf versagte. Es war vorbei. + +Was war ihr Beifall? Erfolg? Nichts drängte sich dazu. Sie wollte, daß ihr +Spiel ihr inneres Wesen erfülle. Daß sich darin restlos und ohne +Sehnsuchtsrest ergieße, was sich aus ihr hob und senkte, was sie gegen das +Meer getrieben und darüber geführt. Sie suchte, daß es in ihr klar werde. +Nicht daß sie nach außen Wirkungen leiste, deren Sinn sie nicht faßte. Dies +war ohne Bedeutung. Es zählte nicht. Und nun begriff sie, daß nicht zu +zwingen sei, was vor den Menschen sich versagte. Es war das Wunderbare, das +aus der Mondnacht, am Fluß und aus den Büschen manchmal schwankte und sie +erhob bis an die Spitze der Sehnsucht. So umflog es sie. Aber sie hatte +keinen Teil. Was in rollenden Kreisen sehnsüchtig, lockend und treibend vor +ihr sich schwemmte, das war noch nicht gefüllt. Doch dies da war nicht der +Weg. Umsonst. Vorbei. + +Es stürzte ab mit jähem Ruck. Wehmütig kam es, für was sie sich bemüht. Das +Erwachen am Morgen, die Seligkeit des Schaffens, die Befriedigung und der +Stolz. Es war noch nicht am Ende. Irgendwo lag es, noch unfaßbar. Blieb ein +Zwiegespräch zwischen ihr und der Ulme. Weiter nichts. Kein Ziel, keine +Erfüllung. Ein Irrtum der Weg. Verworfen. Was erfolgreich daran war, hatte +für sie keinen Sinn. + +So entzog sie sich dem Beifall, entriß sich den Menschen, sah Lewinskys +gerötetes Gesicht, kam durch den Seiteneingang ins Vestibül, auf die +Straße. Ging weiter. Menschen quollen aus Toren, Gehsteigen, Häusern. +Hindurch. Sie hielt nicht. Es röchelte neben ihr. Ein Pferd. Sie strich ihm +über die Stirn. Ein Licht schien grell heraus. Im Spalt saß ein Paar, sie +weinte, er senkte den Nacken. Die Steife blieb um ihren Mund. Dennoch +empfand sie, daß sie mit nichts tiefer verbunden als diesen beiden. Ein +Strom faßte sich an von ihr zu ihnen. Und zurück. Eine Sekunde empfand sie +den Anschluß, das Mitleid, es löste sie fast aus. Doch es währte nur kurz. +War noch nicht so weit. Eiskalt vor Schmerz ging sie weiter, bis an den +Rand gefüllt mit sich selbst, verschlossen wieder. Sie hatte einundzwanzig +Jahre, die Brust war herrlich, der Körper braun, schlank, schön. Sie begann +zu laufen. Alles fiel von ihr ab. Nur der Geruch ihrer Möbel, die Wände +ihres Zimmers lockten, waren da, waren ein Punkt, der stützte, wohltat, +barg. Im Vestibül saß das Fräulein und stickte. Sie hielt kurz an bei der +Pforte. Dann ging sie langsam auf das blonde Geschöpf zu, fiel hin, tat den +Kopf in ihre Knie. Die Schultern zuckten. + +Das Fräulein saß da, die Beine auseinandergerissen. Das Gesicht von nichts +tief gezeichnet, blöd und sinnig, an dünner Sehnsucht erstickt. Sie war +übersehen im Leben, zu einem Bündel gemacht, das Mitleid umspülte, +Verachtung, kleiner Lohn. Kompost für Überfluß, häßlicher armer Lappen. +Badete nicht täglich, war schlecht gekleidet, roch nach Korsett. In ihrem +Gesicht entbrannte ein Staunen: »Auch sie muß weinen.« Dumm sah sie in die +Luft, stierte, faßte es nicht. Doch vom Elend einer Kreatur gereizt, +gerührt, beginnt der ganze Erdball aufzuzucken, mitzuleiden. Sie heulte +nicht. Es ging in die Hände. Die strichen sehr zart über den Kopf zwischen +ihren spitzen Knien. Falteten die Strähnen auseinander, legten alles von +ihr selbst Vernachlässigte, Versäumte in die Bewegung, flochten Zöpfe, +berührten das Haar als seis ein Kind. So kam die Liebe über sie. Die Zunge +machte einen Ruck, machte den Zug der Nurse, schnalzte, wiegte die Hüften, +summte: »Do . . . do . . . do . . . Daisy.« Pfiffs auf den Zähnen. Eine +Sehnsucht gebar sich riesengroß. Wollte gern ihren Backen an Daisys Wange +legen. Aber rührte sich nicht, obwohls nie heißer in ihr gezündet. Wagte es +nicht. Tat es nicht. Sie brachte das Mädchen hinüber, machte Licht, zog es +aus, legte es ins Bett. Löschte das Licht. Morgens fuhr Daisy ans Meer. + + * * * + +Windstille war. An den zweitausend Metern Grundschnur fuhren Kähne raus, +man zog die Angeln an, warf die Kabeljaus ins Boot. Zwei große Ewer hielten +die Schleppnetze ein, ließen Bramsegel vor den Wind fallen, kamen gegen +Land, hochgeschwebt. Seeschwalben überjagten Steingebröckel, zuckten am +Wasser, hakten mit gebogenen Schnäbeln: griä. Jüns hielt eine geschwollene +Aalmutter in der Faust, drückte den Bauch, spritzte durch den Eiergang +junge Zentimeterfische, eins nach dem andern. Sie waren durchsichtig und +quallig, ein Darm ging durch und Aderfäden. Sie lachte mit ihm. Wind ging +den Abend los, pfiff leis, klatschte an, strudelte schon hundert Meter hohe +Pfeifen und Rollen. Krebse schoben über Miesmuschelkolonien, rolzten, +ballten sich, schossen hinunter. Regenpfeifer sausten über den Sand. +Hahnenfuß und Binsenkraut verschlangen sich Die feigen Sturmvögel +klatschten sich an Häuser und Raine. Strandnelken und Butterloch knallten +gegen Dünengras, die Weidenstümpfe. Die Wimmermöve schlägt an, der +korallenrote Schnabel fliegt vor dem samtdunklen Kopf, ehs dunkelt hört +sich nur noch ihr Schrein: gräik . . . gra . . . ik. Das Meer steht toll +verliebt die Nacht vorm Gedün, dehnt sich und schlägt hinten am Horizont +sich fest, beißt dann ans Land, türmt sich haushoch davor. Die Bäume im +Binnenland liegen platt am Boden, die Amseln haben sich verkrochen in +Mauslöcher und Ritzen. Die Keller stecken voll Fledermäuse. Das faulende +Leberzeug der Maischollen duftet weg. Die Fenster sind geschlossen, +Kugelblitze laufen über die Dünung, die weißkochend vor dem zerwühlten +Meerbauch hängt. Daisy legt sich. Die Nacht spielt das Getös geil mit ihrem +Bein, ihrem Ohr, treibt in ihr Blut. Die Kiesel knirschen draus ineinander. + +Von einer hellen Flamme ist der Tag aufgerissen. Es ist der Wind, der blau, +böig, bleibt. Es gibt Lärm, Stimmrufen. Ein Schellfischkahn, der getrieben, +will beilegen. Es gelingt nicht. Sie stehen mit hochgekrämpten Hosen bis an +die Hoden im Wasser, schreien und hantieren und es wird nichts draus. Sie +kämpft sich durch den Wind gegen das Meer runter. Sie kommt durchs Getümpel +noch geschützt, muß aber Schuhe, Strümpfe zurücklassen. An den Erlen hängt +das Wassermerk fest, Berle und Hahnenfuß liegt klatschnaß. Im flachen Sand +faßt der Wind sie, reißt unter die Röcke, nimmt sie vor, gattet sich an +sie, schont den Busen nicht. Sie läuft gerötet durch die Tümpel. Taufrösche +verschwinden schweigend, murren, grunzen hinterher. Feuerkröten wie aus +einer Glasglocke donnern: ku . . . uh, lassen die angewachsene kreisrunde +Zunge auf dem Paukenfell schlagen. Wasserläufer gleiten wie auf der Eisbahn +über die Pfützen, in denen Flohkrebse, Steinsack, Laich liegt. Sie steigt, +hält sich an Gras, versinkt im Sand, hält sich an Hahnenkamm, gelber +Stranddistel. Wie sie den Kopf über den Damm hebt, kocht das Meer, rast +drauf besinnungslos unter ganz blauem Himmel. Sie steigt gänzlich hinauf, +bekommt einen Windschlag, springt hoch, lacht, fällt um, rollt zurück. +Triebsand rutscht nach, verschüttet Knoblauchkröten unten, die wie Katzen +jammern, sehr bunt waren. Eine Möve ist vom Sturm erschlagen worden. Zwölf +Federn am Schwanz, die Brust pelzig im Gefieder. Der Wind hält durch, kommt +jetzt vom Land, stößt das brüllende Wasser zurück. + +Jüns wirft eine Muschel hin. Sie haben in dem Fischhaufen, Makrelen, +Goldbutten, Affheringen, Schollen Aufruhr bemerkt, einen Seewolf mit +grünlichen Jungen im Tang entdeckt. Voll rasender Wut wirft er sich, mit +dem Schwanz hauend, herüber, beißt knackend die Muschel auf. Die +Fischhaufen laufen schwammig aus, kriechen zum Strand und blenden mit den +Schollenflecken. Die Milcher strotzen von Samen, die Weiber haben den Bauch +voll Eier. Das Schellfischfleisch ist heller und weißer als das Fettbraun +der Dorsche. Frauen heben den aufgestülpten Arm aus den Bütten. Kinder +schmeißen die Körper in Kästen, hängen die Eingeweide an Angeln, fangen +unter Wasser andere damit. Der Wind läßt nicht nach. Die Seeschwalben +taumeln in Rudeln hoch. Der Strand ist freigeblasen. + +Die Männer stechen draus Butten, Jungens hüpfen von Tümpel zu Tümpel und +sammeln auf. Im Sand ist in der Ebbe viel geblieben. Froschkraut tastet +wieder nach Grund, zuckt die Wurzeln zum Boden. Sattelmuscheln liegen fest, +Wandermuscheln und wie Eier Steinbohrer. Das Wasser hat sich so gesenkt, +daß die Pfahlgruppen von Ellern mit unsichtbaren Gärten auftauchen, von +Miesmuscheln im Gezweig bedeckt. Schon fahren Kähne, die die Bäume +aufzuziehen. Ein Taschenkrebs hängt an einem Rogen, schmaust, die Asseln +zappeln da und dort. Das Riedohr stellt sich. Dahinter brummen die Kühe, +die Körbe voll Kabeljauköpfen aufgeschüttet riechen, kauen und fressen. +Schon stehen Segel drauf, Leberblumen fachen sich an, werden hell, trocken +und sinken zurück. Sie geht nun durch Tang, Linsen. Seegras dörrt +losgerissen unter der weiß und hoch stehenden Sonne. Sie kommt um die Düne. +Nun hat sie weißen Sand unterm Fuß, der braunrosa sich eindrückt. Moosenten +fallen hinter ihr ab. Auf den Granitklippen stehen blau und rot Gerüste. An +Schwänzen hängen Fische in Bündeln daran, klinkern singend im Wind. Sie +kommt an die Nehrung, muß steigen, fällt. Der kleine Schmerz macht sie +irgendwie verrückt. Sie macht die Arme weit auf, preßt sie an die Seiten. +Lachmöwen gauzen los. Eine Sturzentenschnur, blaugrün und weiß rauscht auf, +zischt noch fern: rädzsch -- -- -- räb . . . wek. Da steht alles voll +Tümpeln. Im Schlick lauern eingebuddelte Klieschen auf die Flut. Die +flachen Bäuche wackeln im Flugsand. Die nach oben verschmitzt stehenden +Augen zucken mit der Stikhaut, verschleiert. Sie kniet, schaut hinein: sie +sind grau. Ihr Auge fällt in sie zurück. Sie hält das Tuch darüber: sie +sind weiß. Die Uhr: sie sind gold. Hinter ihr gehen Raben herunter, hacken +sie auf. Landkrabben nehmen Deckung, graben sich im Sand vor, greifen mit +den Klauen die Sandhupfer. Sie lacht. Ein Faß steht da und Jüns mit +Merlans, weißblitzenden Bäuchen. Hinter der Bucht liegen Raubschwalben, wie +nachts, betäubt vom Wind mit ausgebreiteten Flügeln im erwärmten Sand. Nun +stoßen sie hoch. Alles schwebt nachher, auch das Wasser schwebt in der +Sonne, die es wie von unten her hochschaukelt und hält. Es wird groß und +unermeßlich am Knick. Wie sie es so sieht, zum erstenmal wieder, ist sie +klar und frisch. Gleichgewicht durchbricht ihren Aderngang, die +Enttäuschung ist weg, der Wind war an ihr, hat in den Saft gegriffen. Die +Warzen tun ihr weh. Sie neigt plötzlich sich zurück. Was an Hals zum +Vorschein kommt, ist heller wie all andere Haut an ihr. Sie faßt hinter +sich einen Baum. Der Rücken lehnt daran. Schon tritt der Saft, der nach +oben rauscht, in ihr Blut. Die Hüften fangen an, eine Bewegung zu bekommen, +werden entdeckt, glühen etwas. An der Schlankheit des Baums wie an einem +Tierrücken gleitet sie ab in den Sand, die Knie geöffnet. Die Sonne schlägt +ihr in den Leib. Die Schenkel biegen sich lang und schön, als schliefe sie. +Sie zittert, etwas ist freier geworden, entschwebt, durchbrochen am +Horizont. Himmel und Meer haben sich vereinigt, wölben sich herüber. Sie +springt auf und lacht, die Haut ist glatter geworden, das Auge von innen +her feucht. + +Sie fährt zurück, findet den Wagen nicht, nimmt die Tram, steigt aus, um +den Rest zu Fuß zu gehen. Auf diesem Stück Trottoir sieht sie von einer +Menschenmenge vorbeigespült, in ihr langsam wandelnd, Caspare Symes. Sie +bleibt angedonnert, wiegt den Kopf hin und her, als sei sie alt geworden. +Dann reckt sie sich, fährt um, ihm nach. Sucht ihn zu erreichen. Sie bohrt +sich durch, hört Schelte, Wut, sieht den Schirm, den eine Frau nach ihr +sticht. Sie kommt näher, kann seine Schulter fassen. Alles an ihr ist +durchblutet, entfacht. Da läßt sie die Hand sinken. Es fehlt ihr die Kraft +mit einemmal, ihre Bewegung wird armselig, er aber wächst und steigt +maßlos, daß sie erblaßt. Sie findet den Mut nicht, jetzt das zu fordern, +was sie überging, als sie noch erstrebte, was sie nun abgeworfen. Es geht +süß durch sie hin, während sie stehen bleibt. Sie tut eine große Tat, indem +sie sich nicht rührt, fühlt sie im Blut; was sie opfert, erhebt sie. Sie +nimmt etwas auf sich, während ihr Auge dunkel wird. Sie bleibt immer +stehen, sieht ihn zum letztenmal für immer, weiß daß dies das Höchste ist. +Er biegt um einen Wagen, betrachtet einen Erker, geht über die Straße, ist +verdeckt. Taucht auf zwischen hellen Mützen, dann dreht er ab. Mit einer +unnachahmlichen Bewegung des Halses zieht sie die Linie nach, als er um die +Ecke geht. Dann ist es vorbei. + + * * * + +Sie stellte den Fuß in die Schnur des Vogelbauer und hörte zu. Zuckte die +Achseln. Sie wollte nicht. Als Lewinsky sie bedrängte, drehte sie um, ihre +Ringe klirrten. Die Karte der Florath wies sie ab. Sollte sie am Neid der +Wolfsaugen sehen, wie sehr diese sie fürchtete? Vom Tisch entfernten sich +Bücher und Rollen. Mit diesem Tag verschwand das all. Einen Augenblick +kreuzten sich ihre Blicke mit denen des Fräulein. Ein rascher Blick suchte +in ihren Wärme, klatschte ab. Daisys Augen wurden schmaler, visierten die +Schleife ihres Schuhs. Dann frug sie, das Fräulein stammelte. Ging hinaus, +kam wieder, legte ein Blatt auf den Tisch. Es war Dienstag. Daisy schrieb +einen Brief. Dann legte sie das Blatt der Gouvernante beiseite, hob es +wieder, als röche sie daran. Ging hinaus in den Garten. Donnerstag früh kam +Le Beau. Am Abend besuchte er sie wieder. Als er ging, löste sich ein +Schatten im Garten, er pfiff. Der Schatten bewegte sich hinter ihm. Freitag +brachte er sie aus dem Theater, half beim Aussteigen, steckte den Schlüssel +ins Gartentor. Als sie sich umdrehte im weißen bauschigen Mantel, küßte er +sie mitten in die Brust. Er machte dabei einen kleinen Schrei, sein langer, +katzenhaft geschnellter Körper riß ihren mit allen Muskeln in seinen +hinein. Der Nebel dampfte um sie, abenteuerlich durchschwammen Gebüsche den +Laternenschein des Wagens. Langsam und wild wogte ihr Leib gegen seinen, +sie seufzte, schrie ein wenig, aber heiser. Auf dem Parkweg lag Dunkel. +»Ich bekam heute deinen Brief«, flüsterte Le Beau. Sie verstand ihn nicht. +Er war durch Zufall gekommen . . . Er wies auf den Schatten, Moki. Er hatte +ihn hergegeben, selbst Fribaurt, sich schüttelnd zwar, aber er war so nie +ohne Tip von ihr. Sie schloß die Lider, sah doppelt, schwankte, warf sich +über ihn, zog mit den zarten Schultern den Kopf herunter, fand seinen Mund, +öffnete ihn. + +Nachts sah sie, im Traum, einen Mann. Der kam aus einer engelhaften +Beleuchtung. Trat heraus, machte eine Bewegung, die ihr wehtat, aus dem +Herz was herausriß. Es ward leer in ihr, Traurigkeit schwemmte sich hoch. +Sie fing im Schlaf an zu weinen. Er sah sie zornig an, sie ertrug diesen +Blick nicht. Er sah aus gleich einem Skandinaven, gescheitelt, blond, mit +einer jungen gefurchten Stirn. Es fehlte nicht viel, er ähnelte Symes. Das +machte ihr sofort Ruhe, sie schlief weiter, wachte aber über Tränen auf. Le +Beau lag neben ihr. Ihre Hand an seinem Mund. Er streichelte ihr Knie, den +Muskel des Schenkels, der sich straffte, als sie das Bein aufstellte. Er +küßte ihre lange braune Hand. Küßte jeden Zwischenraum der Finger, hing an +jeder Hautphase, sog sie an, als stürbe er mit ihr, löste sich kaum von der +Pore hier, der Pore da. Küßte Kreise um die Gelenke, legte den Knöchel +wunderbar damit frei, umflutete ihn mit den Lippen, empfing ihn dann im +Mund köstlich und rasend erregt. Wo sie Flaum hatte, blieb er, es strich +seine Haut, er atmete schwer, flocht ihn um den Finger. Über den Leib glitt +die Hand hoch, machte die Schwebung mit, die unerklärlich schön hinauflief, +blieb an den zärtlichen Hügeln. Berührte wirbelnd mit dem kleinen Finger +die Warze, sie spürte die Zunge. Das Zittern nahm ihr den Atem, sie stieß +die Luft fest aus, und nun kam ihr Leib an seinen, entgegengeflogen, die +aufgelösten Gelenke suchten Schutz an seinen. Ihr Blick brach, sie sah nur +noch sein Bild unter dem Lid. »Sprich«, flüsterte sie. Es war zuviel. Er +schwieg. Die Lippen trafen sich, bleich, wortlos. Sein Körper, ohne viel +Fleisch und groß hingelegt, wie ein Römer, spielte auch in der Ekstase +achtungsvoll mit, ward lasterhaft und verehrte zugleich. Die Küsse reizten +sie langsam, wie er sie setzte. Sie verlor die Besinnung, blieb länger +unter dem Bewußtsein, als er wollte, er küßte sie wieder heraus, preßte den +Zahn in die Weiche, sog und fuhr mit der Hand die Rückenwirbel herab. Sie +stürzte höher ins Unerträgliche: »Mehr«. Sein Kopf glühte zwischen ihren +Knien. Seine Hände suchten ihren Rücken herunter, hielten das schmale +Becken hoch. Ihre Haut ward nicht feucht, glättete sich unter den +Umarmungen, dehnte sich so, daß er daran glitt wie an einer Frucht. Sie +wimmerte nur noch, die Lenden zuckten. Da nahm er die Sehnsucht von ihr. +Sie lag dann still, nur manchmal erschüttert von Schauern, die abflogen. +Das Silber der Bürsten, der Draht der Ampel kamen in die Glückseligkeit. +Die Vögel der Tapete musizierten paradiesisch durch die Seide, sie +lächelte, drehte seinen Kopf dahin und streckte Wange an Wange, die Hände +danach aus. Er flocht seine Kragenspange in ihren Flaum. Langsam begann er +entzückte Dinge. Sagte über ihre Brust Vergleiche. Die schwarze kleine +Warze der braunen Brust entflammte ihn wieder. Sie lauschte atemlos. Er +erbebte unter seinen Worten, seine Hände entzündeten sich daran. So nahm er +ihr Kinn, ihr Knie und genoß es mit den Augen, mit den Fingern. Durch die +Dämmerung griff er aus der Schale eine der drei Kugeln, rollte sie über die +Wade, die Bucht an der Lende, zwischen der Brust bis an das Ohr. Von da +führte er es an den Mund, sie schluckte die Kugel. Er grub sie mit der +Zunge heraus, küßte sie, steckte sie in die Tasche seines Pyjama. Der Wind +warf die Gardine ein wenig auf, der Wind kam herein, malte dunkle rote +Schatten auf die Bronzehaut. Sie erzitterte. Die Frauen ihres Geschlechts +hatten die Steine alle vor ihr getragen, es gab eine Lücke im Hirn. Da kam +seine Hand, suchte, liebkoste. Sie fiel zurück, stöhnend. Die Hand gewöhnte +sich an eine Stelle des Fußes, strich weiter, blieb in der Mitte des +Körpers. Die schlanken Hüften erbebten, hoben sich ein wenig. Ihm entgegen. +Die Welle ging über sie. + +Ein einzelner Baum stand wie Glas im Sternlicht, dann aber schwellte eine +helle Flut heran. Sie zog den Kimono um den Hals fest. Die Terrasse bog +sich mit den Stufen entgegen, krampfte sich unter dem Licht, was +herauftrieb. Nun fiel das Tor zu. Sie schwenkte die Ampel noch einmal. Ging +zurück, warf ihm eine Klavierwelle nach. + +Die Sonne ging höher. Die Untergrundbahn rollte durch schmale Korridore. +Sie empfand Le Beau durch die Körper, die sich zwischen sie keilten. Die +Schienen gleißten stahlweiß, verschwanden. Die Türen knallten. Die Körper +standen reglos aneinander gebäumt. Da sah sie in Stefans Gesicht. Er grüßte +mit den Augen. Sie hörte seine rauhe Stimme gedämpft reden, aber es war zu +weit, sie verstand sie nicht. Rückte gequält den Kopf zur Seite. Wie ein +Vogel. Magnetisch wie eine Viper holte er ihn herum. Er hatte einen Koffer, +einen Mantel, die Stirn flackerte. Er machte Zeichen. Sie verstand sie +nicht. Die Station kam. Nun wuchs sein Kinn, strebte auf sie zu. Es gab +keine Hemmung, der Gartenabend hatte ihr Leben irgendwie gebunden, +aneinandergelegt. »Geben Sie . . . Geld.« Sie nestelte an der Tasche, +drängte sie gegen ihn, er faßte sie. Der Wagen hielt an, Er brach sich die +Schulter frei, der Ruck warf ihn brutal herüber. Nahm es mit allem auf. Ein +Mann stand noch zwischen ihnen. Rasch: »Leben Sie wohl!« Sie ward verwirrt +über ihre Kühnheit. Im Vorübergehen hörte sie seine Stimme, aber entfernt: +»Es geht eben schlecht. Ich sehe Sie wieder.« Als der Zug anfuhr, sah sie +durch die Scheibe, daß er, draus auf dem Perron vorwärts strebend, bleich +war. Er sauste ab. Hinunter. Le Beau riß es hoch zu ihr. Sie zuckte ein +wenig die Achseln. Ihr Ohr vergaß aber nicht, was der andere gesagt, ihr +Auge nicht, wie entfärbt er war. Dann drehte sie sich herum, glitt auf +Claudius zu, es war leer geworden. + +Er brachte ihr Katzen, sie behielt eine. Sie spielte mit ihr im Garten. Zog +einen Strich, rief, sie sprangen beide über das Hyazinthenbeet. Drüben, im +Sprung, fing sie das Tier wieder auf. Es legte sich an ihre linke Brust, +hielt sich mit den Pfoten am Schlüsselbein und reckte sich in die Kurve der +Weiche. »Anjá«, rief sie, fuhr mit der Hand blitzschnell gegen den Strich +durch das elektrisch aufschäumende Fell. Das Tier bäumte den Rücken, daß +Vorder- und Hinterfüße nebeneinander standen, sah in die Luft, mit +gerecktem Schweif. Laue Schatten lagen um die rostbraun fallende Sonne, +Raben standen zwischen unruhvoll blauen Wolken. + +Anjá sprang auf die Schulter, von dort in einen Baum. Gegen jeden außer +Daisy ward sie feindlich. Sie tauchte auf, sprang, man sah sie nicht. +Steckte den Kopf in den Lichtschein um ihr Haar, legte die Schnauze auf den +Brustansatz. Aus dem Horizont kamen schwarze Punkte, ruderten herauf, +begannen rauh zu schreien. Daisy gähnte, hielt Anjá nieder, daß sie nicht +fauche, die auf ihrer Hüfte sonnte. Le Beau stand vor ihnen. Ein Hauch +schoß in ihre Haut. Sie sprang auf, gab ihm rasch die Katze hinüber, gab +ihm das Warme, das das Tier von ihrer Lende noch an sich trug. Die Nüstern +schwebten nach außen. Anjá sprang zurück. Sie sah sie bös an, warf sie +zurück an Le Beaus Brust. Das laue faule Treiben der Natur um sie, das +scholl und geschah und sie umkreiste, schwang ab. In den Kreis war Blut +getreten, ihre Schulter hing untrennbar an der Le Beaus. + +Mittags querte sie einen Platz, kein Mensch ging durch die Glut, dünne +Bäume wagten keinen Schatten, ausgedörrt, elend, daß Hunde nicht einmal sie +näßten. Der Kies und Sand flimmerte trocken und müd. Plötzlich sah sie eine +Figur, ein Gesicht. Es schien auf sie zuzugehen, ja fast in sie hinein. Sie +wich aus. Sah sich um, in der Mitte des Platzes ging eine Frau, sonst +niemand, da kam der Mann wieder auf sie zu aus der anderen Richtung, ging +an ihr vorbei. Sie sah ihm nach. Langsam, den Kopf gesenkt, schritt er auf +die Bäume zu, er hatte sie nicht gesehen. Es war das Gesicht des Traums. +Ihre Augen drückten sie, als seien sie von Blut überfüllt. Sie stieß den +dünnen Stock in den Sand und sah rasch auf. Der Mann war echt. Ihr Schreck +hatte ihr eine Vision gegeben. Sie zuckte die Achseln, spürte die +Müdigkeit, die voll und groß abschwemmt, von der Nacht her. Schlief ein den +Abend, aber im Augenblick, wo der Schlaf den Halbtraum abtrennt und +hinunterreißt, standen die Augen des Skandinaven über ihr, quälten sie. + +In der Dämmerung wachte sie auf. Die Vorhänge bogen sich auseinander. Le +Beaus Kopf, sein Knie standen in der Morgenleuchte, er lachte, sprang +herein. Er näherte sich ihrem Bett. Sie zitterte unter der frischen Luft. +Er kam geschmeidig über den Teppich. Sie zog die Beine herauf bis unter die +Brust. Aus seinem Mund kam so viel Frische und um die Raubtierzähne lag das +Rosa des Fleisches so fruchtreif, duftend und voll schönem Saft, daß sie +daran alles vergaß. Er hob sie mit den Kissen auf, schwebte sie schaukelnd +hin und her, setzte sie auf den Diwan: »Sie werden auf die Zofe verzichten +müssen.« Er schloß das Strumpfband an ihr Korsett. + +»Was ist?«, frug Daisy, in Strümpfen und einem Beinkleid, das großfaltig +mit dünnen zahlreichen Plissees ihre schmalen Hüften umzischte. Sie +bürstete das Haar zurück, die Muskeln liefen aus dem Arm in den Rücken mit +einer Kraft und Grazie wie Meer. Er hob den Mund in die freie Achselhöhle. + +»Auch auf das Bad.« Er lächelte und stieß den Löffel in den Schuh. Er pfiff +leise vor sich hin, suchte im Boudoir den kleinen Koffer, wählte in ihren +Strümpfen, Dessous, warf zwei Necessaires hinein. Der Geruch der +aufgewühlten Sachen erfüllte das Zimmer. »Wohin?«, frug sie ratlos, von +innen lachend. Er schob Schubladen zu mit dem Knie, besah sich im Spiegel, +riß sie an sich: »Du wirst es jede halbe Stunde dem Chauffeur sagen.« Alles +gepackt. Er gab den Koffer durchs Fenster. Eine Hand faßte ihn draußen, +während Daisy die Nägel einrieb. Vögel schlugen herein, immer lauter, zogen +sich an Rufen höher, immer andere fielen ein, kreisten auf. Büsche dufteten +herüber, herein mit einer Gewalt und Hingabe, daß sie stehen blieb, +ergriffen, gehalten. Sie sah um auf der Terrasse, das Gitter, die Päonien. +Sie faßte den Schaukelstuhl. Verweilte auf dem Tisch, dem Springbrunn, der +Flosse eines Goldfischs. Le Beaus Arme faßten unter ihre Kniekehlen, der +Schwung in die Luft riß sie los. Nun fing er an zu laufen, schrie wieder +etwas, mit großen Sätzen, sprang in den Wagen. Unter den tutenden +Raubvogelrufen der Hupe brach wie ein gläsernes Gebäude die Stille, das +Haus, der Park mit einem Ruck entzwei. + + * * * + +Sie schwankte, schmiegte sich in die Atmosphäre, reckte sich, faßte Fuß. +Wirkung ging von ihr aus. Ihre Wünsche erfüllten sich, eh sie sie dachte. +Die Inbrunst einer Blutwelle hüllte sie ein, verließ sie nie. So stieß sie +an alles, durch die Wolke verhüllt. Die Lippen hochrot, die Finger voll +Gestein, fuhr sie auf der Rue de Rivoli. Sie hatte den Hauterfolg. Trotz +dunkler Tönung war sie durchsichtiger als die französische, schimmerte weiß +auf Silber. Zwischen alten Tapeten, in Musik, bei den gepflegtesten Frauen +fiel ihre Bewegung, selbst wenn sie den Finger nur hob, den Fuß umrückte, +wild heraus, schlug ein, machte sie zur Mitte, lenkte das andere ab, schob +alles gegen sie. Es verwirrte am Anfang sie etwas. Doch schloß die Welle +sie ab. Sie hatte nur Klang und Richtung nach Einem. Es genügte. Gab der +große Schneider, während Ballen vor ihr sich häuften . . . Manekins +paradierten, um ihren ermüdeten Blick zu erfrischen, durchs Fenster im +Parkschatten das Bild eines tanzenden Balletts, erstaunte sie nichts mehr, +es glitt ab. Vorüber strich es, neigten sich Akteure bedeutenden Namens, +Dichter ihr, selbst d'Annunzios Nelke. Es ging durch sie, wenn Frauen heiße +Blicke warfen. Es blieb nur Kälte und Hochmut, lehnten die Herren an der +Brüstung, sagten Eitelkeiten in die Loge, hatten aber hinter dem Blick, +flüsterten innen kaum verhehlt: bichette, loulou, ma crotte en or. Le Beau +umspannte ihren Horizont mit hartnäckiger Leidenschaft, erfüllte das +Erdenkbarste für ihren Körper, jede Möglichkeit ihrem Geist. Zofen im +Korridor, Wagen, Diener standen dressiert auf ihren Blick, ihre Hand, ihre +Haut. Seine Nerven lauerten auf die Ahnung eines Wechsels, heut stürzte er +in die bunte Pfauflamme der Folies Bergères, morgen sah sie steifstes +klassisches Theater, am Abend fuhren sie vorn auf dem Seinedampfer in +Geruch von Bäumen und Wassernacht. Stieß etwas aus ihr gegen die Welt, +stieß es auf Le Beau. Es gab keine unvereinigte Sekunde. Im Musée Cluny +begeisterte sie sich an alten Spitzen. Sie besaß sie am folgenden Morgen. + +Sie kleidete sich an im Boudoir: »Es reizt mich nicht, wenn Sie Ihr +Vermögen verschwenden . . . noch weniger aber, wenn Sie sich exponieren. +Polizei ist mir widerlich.« Er erbleichte ein wenig. »Es geschieht nicht +Ihretwegen«, sagte er höflich. »Es ist eine Leidenschaft.« + +Er griff in die Tasche, sein großer Körper funkelte in drei Spiegeln, das +rote Haar war ein wenig in die Stirn gestrichen. Er gab ihr Briefe an sie, +die auf verdächtige Weise kamen. Sie legte sie ihm vor, zurück, errötet vor +Zorn, der seidene Unterrock umglockte sie, als sie sich bog. Er lachte. Das +Haus ward Mitte von Versuchung. Sie gaben sich Handikap darum. Wo Daisy +auftauchte, geschah ein Start. Breschen wurden versucht, leichte Minen +gelegt. Le Beau suchte man zu übersehen. Er lächelte. Sie spürte es kaum. +Ward es aufdringlich, schürzte sie den Mund ein wenig, ging darüber. Ihre +Wirkung ward aufreizend; tauchte sie auf, war sie Zentrum, schloß um den +Kreis, sich angliedernd, immer weiteres Herströmen. Vor der Oper fuhr mit +rascher Biegung vor ihren Wagen ein fremder. Hände streckten sich ihr +entgegen. Le Beau riß sie zurück. Nun trug er eine Falte, spürte Gefahr, +streckte sich in eine wunderbare Abwehr. Es begeisterte sie, wie er +Witterung nahm, ohne daß sie begriff, was vorging. Sie ruhte nur nach ihm +hin. Als er bei ihr war, nachts, rief er etwas, sprang hoch und schoß durch +das Fenster. Am Nachmittag, als er den Korridor querte, fing ein Diener an +zu zittern, verbarg etwas, sank gegen die Wand. Er untersuchte nichts, +hatte genug. Wartete nicht mehr. + +Er löschte alle Lichter, ließ die Bedienung für den Abend ausgehn, +veränderte sich, gab Daisy die Kleider einer kleinen Mimi, sich selbst die +abgelegte Eleganz eines Alphonse. Durch den Garten aus dem Haus, im +Boulevard tauchten sie unter. Wagen rollten, sie sprangen heraus, nahmen +andere. Straßen schäumten auf, fielen donnernd zurück, Schatten bog sie in +Parkviertel, Schleifen von Laternenstraßen schwangen vor ihnen stumm hinaus +gegen das Ende. Sie griff nach seiner Hand, begriff plötzlich, wie es um +sie herum sich sammelte. Nichts Freund war, nur Jagd. Aus der Weite, dem +rotumhängten Horizont sammelte sich alles in sie zurück, verweilte eine +Minute und schenkte sich ihm ganz hinein, wie nie. Als Reisende aus Tiflis +bewohnten sie den Mont Martre, als kleine Juden zogen sie zur Concorde. Ein +chilenischer Politiker führte im lateinischen Viertel sein Knie unterm +Tisch an ihren Schenkel, zog es rasch zurück, winkte mit den Brauen, +flüsterte mit seinem Nachbar. Um ihn lag eine Sinnlichkeit aufgespart, wie +nur Weiber sie dicht an die Haut, an den Atem gebunden tragen. Erstaunt, +abgelenkt einen Augenblick streifte sie ihn. Da öffnete sich der Mund, +bebte mit den Lippen: »Zwei Uhr.« Das Blut wallte in ihren Hals, in ihren +Kopf. + +Nachts klirrte die Klinke, Le Beau ging dem Geräusch nach, auf nackten +Sohlen entflog ein Umriß. Sie lockte ihn zurück. Aber er folgte, hatte +endlich eine Spur, setzte auf diese Nummer, lief einer Figur nach im +spitzen Hut, die am Boulevard bald hochschwamm, bald untertauchte. Daisy +wachte. Schon drang das Licht vom Haus ab, ergriff in einer weichen Spirale +Notre Dame. Die silberne Brust schwankte, die Rippen starr gebläht wie von +Glas trieb die Kathedrale in die Mondwelle, glänzte mit Porzellan aus allen +Fenstern und schwebte. Bald auch waren die Türme eingelullt. Das Licht +stieg weiter, ergriff die Seine, das breite Flußband schwang am Horizont +hinauf und Kähne liefen gegen die Sternbilder hin. Dann fiel das Licht in +einen Park und hatte es mit den Bäumen, fiel kurz darauf gegen das Haus. Es +ward fast weiß. Die Gurte der Balkone herunter von einem entfernten Haus +her, wo die Linien der Eisenschnüre schon fast zusammentrafen in einem +spitzen Winkel, kam ein weißer Ballen, geschnellt, gesprungen. Es schlug +zwei Uhr. Er tauchte in Mauerschatten, schwang ins Licht, überkletterte +Barrikaden, klammerte sich an die Hausfront. Das Licht hob ihn, spülte ihn +herüber, er war am dritten Haus. Von unten stieg es herauf, der Schritt Le +Beaus hielt vor der Tür. Er kam, die Stirn mit der Hand umklammert. Ein +Sandsack hatte ihn in einer Torflucht, in die er folgte, +zusammengeschlagen. Nach der Ohnmacht kehrte er sofort zurück, sie hatte +nur zwei Sekunden gedauert, denn im Augenblick des Schlags wußte er, er +müsse zurück. »Du mußtest zurück,« flüsterte sie mit geschlossenen Augen, +die Angst um ihn stieß sie gegen ihn hin. Sie umschloß seinen Nacken, trat +mit ihm auf den Balkon, flüsterte seinen Namen in die Nacht, besinnungslos: +»Chéri . . . doudou . . .«, umwärmte ihn mit ihrem Körper, liebkoste sein +Ohr, seinen Mund. + +Ein weißer Ballen bäumte zurück am Nachbarbalkon. Durch die halboffenen +Lider sah sie gehetzt vom Teufel eine Figur im Nachtweiß zurückfliehen. +Zerrissen in der Balkonecke lag ein Tuch, von Speichel feucht. Sie trug es +hinein. + +Sie konzentrierte alles auf Flucht. Er widerstand, schon halb in neuer +Ohnmacht. Die Zähne entblösten sich gierig, er war im Kampf, blieb auf dem +Posten. Sie streichelte ihn: er stand nicht auf. Sie frug, was er mehr +liebe, seine Eitelkeit gegen Gefahr oder sie, Daisy. Schmollte mit dem Mund +und lächelte, und lauschte, während sie überredete, auf jedes Geräusch. +Sein Blick fiel in den Spiegel, blieb am Bild seiner Kopfkompresse, +schüttelte fiebrig den Kopf. Sie bat. Sie befahl. Unter dem Ton zuckte er +zusammen, durchschaute den Klang, wehrte ab: »Kein Mitleid«. Je tapfrer er +sich wehrte, wuchs in ihr das feste Ziel: ihn in Sicherheit zu wissen, das +andere all war Abgrund. Sie drehte den Plan um, kam mit List, während er +fasziniert vor sich hinsah. Sie lockte ihn weg von seiner Fechterei. Sprach +von seinem Haus, dem Park, den Zimmern. Sprach, wie alles zerfließe, die +Jagd ihr Ruhe nehme und Freude, wie sie in Sehnsucht ihr Leben sich anders +gedacht. Wo sie froh gewesen, ihm entgegengereist, sei dort gewesen. Sie +sah in ihren Schoß. Er nickte langsam, schwer überzeugt. + +Sie wartete eine Stunde, verriet ihre Erfolgfreude nicht. In seinem Haus +war wenigstens ein Wechsel des Orts, parierte Gefahr. Sie fuhren dann Place +St. Michel, nahmen den Métro, erreichten Mont Parnasse, fuhren umsteigend +zur Etoile, nahmen einen antrabenden Fiaker, stiegen irgendwo aus in einer +Gasse, deren Dunkel sie selbst unbekannt umschwirrte, liefen, an den Händen +gefaßt, in den Schattenbogen, drangen in ihn ein so tief, daß hinter ihnen +nichts blieb, alles zurückfiel, nicht die Idee einer Verfolgung in der Luft +hing. Vor einer Taverne standen Wagen. Bis dorthin hielt Le Beau sich. Vorm +Einsteigen schwankte er wieder. Sie legte, während die Gassen, Straßen +zurückblieben, in das Schwindelgewoge um ihn den Körper, die Hand in sein +Gesicht, ihren Mund an sein Ohr: »Ich bin bei dir.« Voll, scharf umrissen +kam sein Gesicht ihrem entgegen. + +Über die Dienertreppe stieg sie zum zweitenmal ins Haus des, der sie zuerst +aufgebrochen. Ihr Blut suchte ihn sofort. Hier lebten sie nun. Niemand +wußte es, es drang nicht nach außen. Ein alter Arzt behandelte ihn von der +Erschütterung. Sie wartete, bis dies vorüber war, dann lockte sie jeder +Platz, selbst der fernste, denn dort war Sicherheit. Aber als selbst der +Siebzigjährige beim Untersuchen eine Schmeichelei hatte für ihren Arm, +brach sie in Weinen aus, verließ das Zimmer, warf sich auf ihren Diwan, +schloß ab, öffnete nicht vorm Abend. Maß sich die Schuld zu, ihrer Haut, +dem Wuchs, dem Duft ihres Haares, daß Le Beau leide. Denn um ihretwillen +zog er sich Feinde, erlitt er Angriff. Sie spürte, so lange sie da sei, +schiebe sich dies und dies zwischen ihn und sie und bohre ihn weg, weil sie +auffiel, weil sie reizte. Er aber trat ein, faßte das überall an, sagte: +»Liebe ich das nicht, warum verletzt du es?« + +Sie traten in die Parklauben, der Sommerduft strich darin herum, sie blieb +stehen, an der Stirn getroffen, machte die Augen zu, küßte ihn +besinnungslos. Gewärtig eines Überfalls hielt sie den Kuß an bis zum +Ersticken, sah lauschende Köpfe aus dem Rosenbeet kommen, Leitern nachts +gegen die Wand sich stellen. Von der Silberkugel zwischen den Staketen, +wogte aus der Metalltiefe Zwielichtiges, Schatten, gedämpftes Ungeheures +heran, gegen sie. Dies drängte ihr Leben zusammen, zielte es in einer +unbekannten Verdichtung gegen ihn allein. Bleich vor Erregung strömte sie +ihre Seele mit der Zunge in seinen Mund. Dachte nicht, selbst nie im +Halbtraum, der fremde, sehnsüchtige Glieder formt, an andere Männer, ja +haßte sie, wurden sie aufdringlich deutlich in der Phantasie. Die +geschmeidige Stoßkraft seines Körpers gab ihr jede Seligkeit, die ihr +Körper verlangte. Er trieb sie höher noch, als sie vermochte, schleifte sie +in die letzte Wollust, schon besinnungslos. Oft lag sie über seinem Gesicht +nachts, bog die Haare ihm aus der Stirn, lauschte, ob sie sein Traum sei. +Legte die Hand auf sein Herz und zog mit dem Finger ihren Namen auf die +Haut der Grube. Ging er von ihr, nur in das nächste Zimmer, war ihr, es sei +für immer. An ihrer Angst wuchs ihre Liebe höher, weiter, als sie von ihm +empfand. Er gesundete, war gefährdeter, je mehr er sich bewegte. Mit jedem +Tag ward ihr Auge größer, erwartender, eingestellter auf Unheil. Er aber +blieb gleich, umschürfte ihr Fleisch mit Witterung, griff an, quälte sie, +liebte sie ohne Änderung, ein Marder, ein edles Tier, voll Geist, der nie +die Beherrschung verlor, nie mit ihr sich traf in einer Höhe, die nur die +übersinnliche wahnsinnige Angst ihrer Seele erreichte. Da blieb das +Männliche zurück, sank zurück, wenn er sich ihr ergossen, flog nicht zu dem +erlösenden Wort, das ihr Mut gab jenseits der Umschlingung der Körper. +Während sie sich noch auftat, ihm entgegenatmete, durch seine Umarmung das +Hemmungslose durchbrach und aufgeschleudert flog in eine leiblose +Ergriffenheit, spürte sie unter wütenden Küssen das Zurückgleitende, Fremde +an ihm, das, was sich nicht gab: _den Mann_. Sie schlug verschleiert die +schräg gebrochenen Augen auf: »Du mußt mich mehr lieben.« Schmeichelnd +umwand sein Körper sie wieder, sein Geist begleitete seine Hände, gab ihnen +Linde und glatte Bewegung, sagte ihr Worte der Liebe, toll, +ausschweifender, als ihr Hirn es träumte, machte sie hingeflossen, in jeder +Blutfaser geöffnet nach seinem Angriff -- er trieb sie in den Abgrund, +erhob sie aus den kleinen Seufzern und Stammeln zu Geschrei, bis ihr Kopf +besinnungslos ward . . . aber erwachend spürte sie unsinnige Angst um ihn, +daß sein Herz das letzte Zerschmelzen kühle, und empfand verzweifelt, was +er nicht zu geben vermochte, was fehlte, und daß sie ihn darum auch lieben +mußte, mehr als er sie. + +Nachts kam er spät zurück. Zwei Arme fielen in der Pergola um seinen +Nacken, eine Stimme, die kaum sprechen konnte, flüsterte seinen Namen. +Zugleich strömte der Weiße-Flieder-Duft mit einem Hauch herunter, Dolden +bebten am Parktor nieder und berührten ihre Gesichter. »Lieber«, atmete +sie. Er hob ihr Gesicht ins Helle. Da hing es, nur sammelnd und aufnehmend, +was sie erwartete, was auch kam. In den Tränen, die es übergossen, sah er +mehr, als was sie bot. Es leuchtete tief in der Stunde und seinem guten +Willen kam es entgegen herauf und er spürte ihr Warten, ihre Angst, die sie +verschwieg. Sie hatte die halbe Nacht am Tor gewartet. In eins zerflossen +gingen sie hinein. Weich von den Tränen und gerührt von seiner Milde mahnte +sie sein Versprechen zum erstenmal die Nacht. Er spürte, wie schwer es ihr +ward. Stand auf, hingegeben an solche Innigkeit, schob den Hochmut +beiseite, brachte aus dem Nachtblau gelb aufflimmernd vom Fenster den +Globus, legte ihn in ihren Schoß, brachte den lauen Blütenwind mit in ihr +Bett: »Was willst du?«, frug er und bot ihr jeden Fleck, den sie benennen +wollte mit dem Fingernagel. Dorthin führen sie morgen. Schon der +Sonnenaufgang hieß Abreise, schon der Mittag Sicherheit. Ihre Liebe stieg +aufs Äußerste. Sie verschmähte es. + +Sie wählte nicht, nahm nicht. Sie schenkte ihm ihre Angst. Verzichtete auf +die Ruhe, um zu leiden für ihre Liebe. Es war das Höchste. Unverlierbar +nahm ihn ihr Auge; als sie ihm die Kugel zurückgab: »Ich will es nicht«, +sagte sie, ihre Stimme trug keinen Laut mehr vor Verwebtheit. Legte sich +zurück, unter ihm kaum mehr lebend, der über sie kam mit ungekannter +Leidenschaft und grausamen Lippen. Was blieb noch, konnte noch kommen? +Entzücken selbst der Tod. + +Tage, Wochen kamen, gingen in der Erwartung. Sie lauerte auf eine Gefahr, +die nicht kam. Manchmal glaubte sie sie nah, gewiß, schon im Vorsaal. Das +stieg und fiel mit den Graden der Hingebung, die sie dem Mann verband. +Manchmal, wenn sie ihm ferner war in ihrer Blutwoche, vergaß sie es, schrak +aber dann zurück. Da die Wochen aber leer waren, ermüdete sich die +Spannung, ihre Augen wurden beruhigter, matter. Menschen streiften das +Haus, sie mischten sich an die ersten Vorposten heran, es ging ohne +Zwischenfall. Ihr Name mit seinem hatte schon Patina in der Verschmelzung, +keinen hörte man allein. Man achtete, nahm hin, was hier fest vereint +schien, etwas resigniert, ein wenig gelangweilt. Es war ihnen fern schon, +gegründet, kein Raub mehr. Nichts geschah. Kein Schrei, keine Hand gehoben +zu ihrer Entführung. Niemand warf sich in Abenteuer. Die Lust umschlich sie +kühl. Sie ermüdete mit einemmal. Aber Le Beau federte die Sicherheit erst +recht, gab ihm knabenhafte Wildheit. Das Raubtierhafte, das verteidigte und +lauerte, spielte nun mit dem Gefühl, tollte darin, daß er sie hatte. Allein +der Bogen der Angst war zusammengewachsen mit ihrer Liebe. Es löste sich +nicht ohne Lockerung auf dem Grund des Gefühls. + +Sie ging spazieren, allein, ruderte einmal am Bois, ritt hin und wieder. +Als ihre Schenkel den Gaul erstmals fühlten, traf sich ihr Herzschlag mit +Entferntem, sie, wußte nicht mit was, war es ein Schwan im Uferduft, eine +Mispel in der Pappelkrone, ein Auto, das den Horizont anrannte. Sie kam +anders zurück. Als sie die Bibliothek kreuzte, wich ein bohnender Arbeiter +aus, glitt ab, stürzte hinter ihr aufs Parkett, wobei er sich an ihrem +Ärmel instinktiv hielt. Aufschreiend blieb sie zitternd an der Wand. Am +Mittag in der Sonne lachte sie über die plötzliche Furcht, aber die +komische Bewegung der Abwehr, die sie gesehen, verbreitete sich, machte sie +düster, schweigsam. Ihre Liebe gliederte sich darin. Der Überschwang kehrte +zurück. Der Schwung dämpfte sich. Was sie aus der innersten Tiefe gehoben, +gefürchtet, die Angst und die Sorge, standen allein, kühl entfernt, die +äußerste Spitze des, was sie durchlebt, war nichts, ein Betrug. Sie tötete +diesen Gedanken und lächelte. Aber wartete nicht mehr in die Ferne, +zitterte nicht mehr um ihn, wenn er ging und kam. Ein Gleichgewicht kam. +Sie reisten. + +Er frug nach Plänen, Wünschen, lauschte auf Ungesagtes, was ihr selbst +nicht bewußt war, verwöhnte sie namenlos. Dirigierte die Reise, zeigte ihr +kaleidoskopisch, kennerisch, abwechselnd, Wirkungen vertauschend, +untermalend das Hauchdünne, verwischend das Grobe, die Schichtung der Welt, +die man einsog, bewunderte, genoß. Suchte nach Flüssen, die im Rauschen ihr +genehm, Wälder, deren Schattenfall ihrer Lunge lieb waren, Ebenen, die das +Auto kielte, Gebirg, in dem der Aufschwung mit dem Tagaufgang über die +Jacken rann. Doch einte die Landschaft sie nicht noch tiefer, die Bilder +glitten harmonisch. Wo aber die Kontraste stiegen und rasten, gab es keinen +Brennpunkt, in den ihr Gefühl zusammenfloß, sondern sie jagten auseinander, +so dies und so das. An einem Abend sahen sie eine italienische Oper. In der +Nacht sah Daisy Le Beau im hellen Licht neben sich. + +Seine Beine wie aus Bronze spielten den Rumpf hinauf, der den Fechter +zeigte, zusammengerissener und stählerner in der Spannung wie in den +Marmorsälen die Ringer. Sein kluger Kopf war voll Geist, auch wenn die +Lider sich schlossen. Sie sah es klar, zum erstenmal. Denn es trat in sie +in dieser Nacht, zu sehen ohne Rausch und ohne Haß. + +Das Licht flimmerte kühl, und es banden sich die Enden der großen +Kantilenen der Sängerin an das Ende ihres erwachten Bewußtseins, und an der +Höhe der Kantilenen ermaß sie die Höhe des, was sie erstrebt, erglüht, als +ihre Stimme noch das Ziel war und ihre kindliche Sehnsucht glaubte, dort +sei der Ruf. Sie drehte um. Sie sah den Körper neben sich, edel und schön +wie wenige, auch liebte sie ihn. Sie fühlte alles, was von ihm zu ihr +gekommen, Begeisterung, Hingabe und Wollust, aber es blieb unten. Genügte +es? War es so viel, daß es sie erfüllte? Es war, was ein Mann an Liebe ihr +geben konnte, fast mehr. Aber sie spürte wie Ziehendes, sie Beschwingendes +und Reißendes die Spitze des abends eingeatmeten Gefühls über sich +schweben, sah alles sich hinneigen nach der Höhe, erblaßt fiel ihr Kopf +zurück. Die lange Strecke, die lag, zwischen dem, was sie erträumt und dem +was sie erreicht und besaß, traf sie vernichtend. Lange lag sie kalt, halb +schlafend. Ein Gesicht tauchte auf, sie lächelte, es verblaßte wieder. +Lange lag sie gewiegt von Dingen, die sie streiften, nie entfachten. Aber +im langen Wachen erkannte sie unerbittlich, wie leer ihr Zustand schwebe +und daß dies nicht sie erfülle, und wie unendlich überlegen ihr Gefühl +schon dem Augenblick geworden, in dem sie war. + + + + +Der dritte Abschnitt + + +Ein rotbärtiger Mann wartete. Der Vorsteher meldete das Verbot des Zuges. +Der Parlamentarier ließ sich nicht sabotieren, stieg auf den Tender und +verlangte eine Lokomotive. Das Personal machte ihm eine Ovation, fuhr sie +heran. Es war Abend. Er redete von der Feuerung herunter. Dann gab er ganz +behutsam Daisy die Hand, sie stieg herauf, bald waren die Lichter hinter +ihnen. Sie fuhren durch die Provinz. Durch den Süden sprach er von Stadt zu +Stadt. Dann kamen sie quer durch die Bretagne. Ein Telegramm rief ihn von +St. Malo zurück. Wieder kamen Olivenbäume. Jeden Tag liefen +rückwärtsgeschleudert erleuchtete Säle mit Menschenmassen zurück. Er kam +aus dem Handdrücken der Komitees direkt in den Wagen. Sie gab ihm die Hände +heraus, er stieg ein. Neue Chausseen bäumten sich, der Mond schwankte +langsam durch die dünnen Alleebäume. Einmal küßte er ihr die Hand, sie +lachte eine Zeitlang über seine Zärtlichkeit. Sie saß in der ersten Reihe, +als in Valence er während des Sprechens die Budjetrede aus Paris erfuhr und +eine wilde Kavalkade dagegen aufmachte. Er aß dann den ganzen Abend. +Unterwegs stieg seine Wut. Abends nahten drei Laternen, sein Geburtsort +Libourne. Seine Vettern erwarteten ihn mit den Weibern, die in Holzschuhen +von einem Bein aufs andere sprangen. Sie staunten sie an, indem sie sich in +den Taillen weit vorneigten, die Arme auf den Rücken schlugen. Er wurde +verlegen, legte ungeschickt den Arm, daß sie fast zusammenbrach, auf ihre +Schulter. Sie lächelte mit den Weibern, nahm sie unter den Arm. Als sie +ihnen ein Schlafzimmer zu zweit anboten, lachte sie, ging hinaus und fuhr +ins Hotel. Die Weiber klatschten auf die Schenkel, grinsten, verhöhnten den +Rotbart. Er ging voll Wut ins Hotel, sie abzuholen, vor ihrem Gesicht +begann er die Hände zu bewegen, als sei sie aus Glas. Er sprach kein Wort. +In der Versammlung stellte er eine Resolution auf, die dem Budjetredner ein +Wort ins Gesicht setzte, das man nur in Libourne verstand. Die Männer +stampften wie die Ochsen und rissen die Mäuler bis gegen das Ohr auf. Sein +Cousin Louis trug es aufs Postamt. Der Beamte weigerte sich. Da holte er +den ganzen Saal, sie steckten die Gartenhütte an, legten ihn auf den Rücken +und spritzten ihm aus einem Winzergummi Schnaps in die Gurgel, bis er es +tickte. Am Mittag schlachtete er ein Schwein. Mit blutigen Armen stand er +breitbeinig im Hof, hob den Kopf und sah sie mit seinen weit +auseinanderliegenden Augen an, seine bloße Brust dampfte. Mittags spät +saßen sie im Auto. Er strahlte und wagte sich zum erstenmal dicht neben sie +zu setzen. Sie zog den Mund spitz, hob den Finger und streckte ihn nach dem +Polster auf der anderen Seite. Sofort glitt er hinüber. In Toulouse zog er +den Rock aus im überfüllten Saal, lief auf dem Podium herum und schrie wie +ein Bär, er war fast heiser, sein Publikum raste. Dem Saaldiener schlug er +in guter Laune auf den Rücken, der bekam einen Hustenanfall, wurde auf drei +Stühle gelegt, bekam die Arme gehoben, den Bauch massiert. Sie ärgerte sich +und beachtete ihn einen Tag nicht. Sie fuhren nach Nizza zu einer +Kundgebung der italienischen Irredentisten. Da sie nicht mit ihm sprach, +räusperte er sich nach der Uhr jede fünfte Minute. Sie sah hinaus. Die +Bläue spielte um die Äste mit einer Leichtigkeit, als durchdrängen sie +sich. Er benutzte den Augenblick, die Hand herüber auf ihr Knie zu legen. +Zornig sah sie ihn an. Sein schwerer Nacken zog sich ein, die schmalen +Augen wurden ängstlich. Er tat ihr leid, sie griff mit der Faust in seinen +Bart, zog ihn von der einen Seite zur anderen, schüttelte ihn und ließ ihn +fahren, er versuchte einen Griff wie nach einer Magd. Sofort zog er sich in +die Ecke zurück, fragte traurig und kindisch: »Sie haben einen Zug um den +Mund, was ist?« Sie lachte. Er schüttelte sich vor Behagen und strich den +Bart glatt. + +Vom Zug kamen sie direkt ins Theater. Ein trentiner Dichter sprach eine +Hymne an das italienische Meer. Der Raum war mit italienischen Flaggen +geschmückt neben den französischen. Der Dichter trat einen Augenblick in +die Loge, den Parlamentarier zu begrüßen. Ihre Blicke kreuzten sich einen +Moment. Doch der Franzose stellte ihn ihr nicht vor. Sie sah einen Schatten +von seinem Auge, als er hinausging. Die Verse langweilten den +Parlamentarier, er wurde müde und schnarchte, aber er mußte bleiben, da er +nachher sprach. Daisy stand auf bei der zweiten Nummer, ging leis hinaus. +Sie ging durch das Foyer. Nun schritt sie gegen einen Spiegel, sah sich, +erreichte die Treppe. Als sie den Pelz um den Hals fester zog an der Tür, +trat mit zwei großen, aber langsamen Schritten der Dichter von dem Pfeiler. +Sie nahm seinen Wagen. + +Der Frühling stieg mit sehr blauen zarten Morgenstunden aus dem Luxembourg. +An einem Abend, den die Boulevardbäume mit einer blassen Schwermut trugen, +stiegen Ballone aus einem Hoteldach, stiegen mit kleinen Kerzen und +erleuchteten an dem Ende der schwärmerischen Kurve den Himmel mit ihrem +Namenszug. Vor Fontainebleau machte ein Torpedoauto eine ovale Schleife, +ihr Wagen bremste und fuhr in den Graben auf zwei schleifenden +Hinterrädern. Der kleine Spritzer hatte gedreht und verschwand hinter einer +grauen Staubwand. Auf der Chaussee lag ein Strauß Narzissen mit einer +italienischen Schleife. Später fand sie einen Brief darin. + +Er kam am Morgen. Selbst sein Parfüm fragte nach ihren Wünschen, die er +erriet, daß es sie bestürzte, denn er brachte ihr keine Geschenke, aber er +lauerte auch auf das Unbewußte jedes Reizes in ihrer Seele. In seinen +Arbeiten kam ihr mit aller Genauigkeit dieser und jener Tag und Gedanke +wieder, nur aus der Frage zum Endgültigen geführt, entgegen. Seine +Schöpferkraft sammelte sich in Verkleidungen um sie, er drang in das +Dunkelste und Träumerischste ihres Lebens und erregte mit der tastenden +Verführung seines Geistes. Sein Kopf war antik-haarlos, die Augen tief und +umschattet, aber der Zauber seines Hirns verstrickte mit einer +Überlegenheit, selbst wo er bat, daß er sich aufhob. Als sie ihn nicht +empfing, sandte er ihr das Gedicht, das die Adria zur Revolte aufrief, aus +dem Theater in Nizza, um ihr zu zeigen, daß dieser Ehrgeiz und sie das +Verehrungswürdigste seien in seinem Leben. Die Aufrichtigkeit führte sie +dicht zu ihm. + +Der französische Staat ließ ihm als Gast Notre Dame allein läuten. Er kam +zu ihr: »Es war keine Schönheit, da du fehltest.« + +Er sagte drei Stunden vor Beginn der Premiere ab, denn Daisy lag an Grippe. +Das Telephon rasselte ohne Unterlaß. Er stellte es ab. Vor dem Zimmer stand +ein Boy, der niemand einließ. + +»Drei Monate Reklame . . . .« flüsterte der eine der Direktoren, als sie +den Boy bestochen hatten, im Salon. Er zuckte die Achseln, als sie den +Tantiemensatz um fünf in die Höhe hoben. »Acht«, sagte der andere leis und +bebend vor Wut, denn sein Gegenüber nahm den Finger nicht von der Lippe. +Daisy schellte. Er ging hinein. Sie war aufgewacht: »Gehen Sie doch«. Er +machte eine geringschätzige Gebärde, er sagte ihr, es läge nichts daran, +denn diesen Ruhm verachte er, es gäbe nur jenen einen, der ihn in der +Öffentlichkeit reize, und er wies auf das Gedicht, das sie auf dem Tisch +liegen hatte. Er ging leis hinaus, als sie die Augen schloß. + +»Zehne«, sagte der Direktor vom Fenster her, wo er mit den Nägeln das Glas +zum Zittern brachte. Er schüttelte stumm den Kopf. Da bekam der andere +einen Kopf wie ein Puter, der erstickt, hob die Stimme und schrie nach ihm: +»Schieber«. + +»Buffone«, er hatte Schaum auf den Lippen. »Marquis de la bouche.« + +Mit einer aalglatten Bewegung gab er sofort nach, zog sie auf den Korridor, +besprach sich, sagte zu, vergaß die Beleidigung -- denn er fürchtete, daß +ihre Stimmen Daisy weckten. + +Gegen Morgen kam er zurück, niedergeschlagen. Sie wagte nicht zu fragen, es +schien eine Niederlage. Sie war frischer, machte Puppen aus den +Kissenenden, schmollte mit ihnen, ließ sie tanzen, lächelte nach der Seite, +bis er auf den Knien lag. Mit dem Frühstück kamen Zeitungen. Sie sah, daß +sein Erfolg riesig war. Er sagte, da sein Blick den ihren nicht traf in der +Loge, habe er die Niederlage gewünscht. Denn ihr Auge allein habe ihm sagen +können, daß dieses Rufen bedeutend für ihn, ja eine Freude sei. + +Er saß auf dem gelben Stuhl ohne Lehne und plauderte den Nachmittag mit +ihr, den sie noch lag. Ein Brief kam, er erbrach ihn, biß die Zähne in die +Oberlippe, drehte sich um und schlug die Hände vor das Gesicht. + +Sie las den Brief. Er kam bis ans Bett, als die Augen sich trafen, sah sie, +wie er schwankte. In der Tiefe, hinter den goldbraunen Ringen entfernte es +sich. Zwei Falten preßten die Augenschlitze gegen die Nase. »Laß packen«, +sagte sie. + +»Du bist noch krank.« Sie nickte ein wenig und schellte der Zofe. Er senkte +den Kopf, ging hinaus. + +Im Zug schmerzte sie der Rücken bis zum Knie, dann die Arme. Wie sie sich +legte, linderte sie nur die Sekunde. Im Tunnel verlor sich das Fieber, +gegen Mittag kam es heftig zurück. Im Schlafwagen lag sie eine Stunde. Das +Decklicht irrte in blauen Kreisen um sie. Sie setzte sich in die Ecke, in +Decken gehüllt. »Laß dich nicht stören«, sagte sie. Seine Augen waren +feucht, kalt nach innen gerichtet, wo er angespannt sich beschäftigte. Sie +nahm eine Zeitung, hielt sie vor das Gesicht, als lese sie, damit er ihre +Schwäche nicht sehe. Er hielt die Hände nebeneinander und sah durch die +dünne Haut auf sie. Die roten Lichtreflexe machten eine unruhige Zartheit +auf ihren Gliedern durch dies Transparent von rosanem Blut. + +Sie kamen bei Regen an. Ein Kommissionär mit schwachsinnigen Augen +umkreiste sie wie ein Hund und fing plötzlich mit den Armen zu drehen und +zu schreien an. Hinten begann eine rasende Musik. Der Regen ward so toll, +daß, als sie auf der Terrasse standen, über den Platz die Herangelaufenen +mit hochgeschlagenen Kragen in die Cafés zurückstürzten. Schwarze Männer +standen auf der Treppe, ein langer Frack warf vom Gaskandelaber den Hut +hoch, knickte die Knie, fuhr hoch, stank aus dem Mund wie ein Fisch. Im +Wagen begann Daisy zu weinen vor Müdigkeit. An der Ecke sah sie die dünne +Erscheinung über den leeren Platz rennen. + +Gegen Abend blickte sie vom Balkon, der Nebel erfrischte. Eine Ziegenherde +kam aus der Nebengasse. Ein Radfahrer bog um und fuhr dem Leittier in die +Beine. Es sprang um, jagte auf die Straße. Die Tiere liefen mit geblendeten +Augen an die Häuser. Einige Geiße bockten, liefen irrsinnig im Kreis, +warfen Kinder um, verletzten einen Gendarmen im Gesicht. Der Hirte suchte +das Leittier, sprang durch die Gruppen und pfiff auf dem Fingergelenk. Da +nahte Musik, alles verlief sich Die Musik hielt vor dem Hotel. Daisy ließ +sich auskleiden. + +Später drang rote Glut in die Fenster. Als er vom Balkon hereinkam, hob sie +den Kopf aus den Kissen. »Die Unterbeamten«, rief er, schon im Salon. Sie +schloß die Augen unter der Müdigkeit der Schlafpulver. Dann gingen im +Nebenzimmer immer Türen, ein Organ sprach, als gurgle es den Mund voll, das +schläferte ein. Die Türen klappten rascher, die Reden gingen wie ein Bad, +es umplätscherte sie aus der Ferne. Sie hatte Durst, bog den Kopf zur Seite +zum Trinken. Da sauste er vorbei, sie griff nach seiner Hand. +»Deputationen«, flüsterte die Zofe. In der halbgeöffneten Tür, als sie +hinausging, stand ein fetter Herr und verbeugte sich tief mit einem fiesen +Lächeln. + +Immer ging seine Stimme wie ein Uhrzeiger durch die anderen, die +herumwanderten, leis klangen, bald spitz, manchmal quatschisch schäumten. +Sie bekam Sehnsucht, ihn zu sehen. Sie sah ihn nur im Sprung. Später +erwachte sie, es war Lärm auf der Straße, sie sah in sein überhitztes +Gesicht. »Der vierte Zug«, rief er ihr zu, als er auf den Balkon stürzte. +Als er zurückkam, frug sie: »Was war es«; sie hatte geschlafen in der +Zwischenzeit. »Studenten«, stöhnte er. Sie verstand ihn nicht. »Was wollen +sie?« »Provinzen.« Sie begriff im Halbschlaf die Zusammenhänge nicht mehr +und schlief sofort ein. + +Sie sah in tiefblauen Himmel, gewölbt und fließend wie Glas. Er stand an +ihrem Bett. Sie sah hinunter. Singende irredentistische Vereine zogen zum +Hafen. Der Schlaf hatte sie erholt, sie legte sich herum, um liegen zu +bleiben. Er nahm sie an der Hand, sie stand auf. Beim Anziehen bekam sie +Fieber. Sie hielt ihm den Puls hin. Er fühlte, verfärbte sich ein wenig, +dann drehte er sich um. Sie sah nicht, was vorging. Es dauerte nur kurz. +Dann sah er sie fragend an. Sie zog sich weiter an, eine solche Spannung +lag in seinem Blick. Er hob sie hinüber ins Boot. Die Molen waren schwarz. +Auf der Triere ward eine Fahne gelegt. Er trat darauf. Sie hörte jedes Wort +aus dem Theater. Die Schärpen standen grell über den Hemden wie auf +Schilder gelegt. In der weißen Glut platzten die Köpfe fast. Sie standen +wie Zinkknöpfe, heiß und schwitzend. Um sie herum lagen Schiffe mit +Tribünen, von denen die Photos unaufhörlich knackten. Ein amerikanisches +Boot suchte ständig die Sperre zu durchfahren. Die Menge wartete, bis die +Glocken den Berg herunterkamen. Dann schaukelten Tücher über dem Schwarz. +Eine Brandung erhob sich am Ufer. Aus Marmor stieg ein Adler von der +Klippe. Eine dumpfe Salve knatterte hinter der Halbinsel. Dann sprach er +jene mystische Revolte, hatte die Hände gegen die Brust gestemmt, die Beine +eine kleine Spanne auseinander. Auf seinem Kopf lag eine Entschlossenheit +der Wollust, als wiege sein Hirn sich in dem Gedanken, den er mit großen +Rhythmen durchmaß. Unter seinen Sätzen aber, die ihm die Höhe seines Lebens +waren, kam aus der Tiefe des Meeres der Glanz langsam herauf. Aber wie er +schloß, überkam sie eine sinnlose Traurigkeit, sie fiel fast zusammen. + +Das Meer schäumte ein wenig, als sie zurückfuhren. So lange sie fuhren, +streichelte er unter dem Mantel ihre Hand. Sie ging sofort in ihr Zimmer, +schloß ab, kleidete sich aus. Dann sprang sie heraus, ließ sich anders +anziehen, legte sich auf den Rücken. Im Nebenzimmer telephonierte er nach +dem Arzt. Er verlangte Rom, einen Spezialisten, rief Summen ins Telephon, +trommelte an ihre Tür. »Öffnen Sie«, sagte sie der Zofe. Im Halbdunkel +beugte er sich über das Bett. Sie brachte den Blick nicht gegen seinen zum +Fixieren. »Welches Unglück«, stöhnte er. Er fluchte, verwünschte den Tag, +maß sich die Schuld zu, daß sie hierher gefolgt, aufs Meer gekommen. Sie +lächelte. Das Telephon rief ihn hinaus. Im Dämmern sah sie auf dem Tisch +etwas Helles. Es mußte vom Mittag liegen. »Schließen Sie«, sagte sie der +Zofe. Sie machte das Telegramm auf, las, bückte sich, krümmte sich wie eine +Katze. + +Er klopfte an die Tür. Er rief durch das Schlüsselloch, er störe sie nicht, +nur bitte er, daß sie den Arzt empfange, wenn er komme. Dann ward es still. +Später kam er noch einmal, sie hörte ihn hin und hergehen, sein Schritt war +beängstend leis, verhalten. + +Nur sie habe Sinn für ihn, murmelte er. Er sprach lange mit sich, die +Portiere dämpfte es. Auf dem Tisch stand sein Bild. Daisy sprang auf. »Der +Arzt«, schrie es im Gang, im Nebenzimmer flog das Fenster auf, sie hörte +einen stehenbleibenden Motor. Sie nahm eine Nadel, zielte dreimal nach dem +Bild, steckte sie rasch in ihr Haar, sie kam durch ihre Tür zum Korridor, +durch die zweite Treppe auf den Gang, dann in das Vestibül. Sie fuhr über +Mailand nach Turin. Dann nach Lyon. Das Fieber ließ nach, sobald sie +härtere Luft atmete, in einer Stunde war es vorbei. Von da fuhr sie bis +Calais. Mit dem Fünf-Uhr-Dampfer kam Syg. Sie schritt mit dem Tuch, ohne +aufzuhören, winkend über den Steg auf sie zu. + + * * * + +Der Mond flog, ein Vogel, durch den Apfelbaum; Die Syringen hingen schwer +und rot über den Kies; Über den Hyazinthen strudelte die Luft in einer +Kupferfäule. Zwischen den Zweigen des Gebüschs fing das Dunkel erst an und +bebte. Bienen stürzten in die Höhe und von ihren übervollen Poren +schaukelten hochgetragene Blüten langsam und taumelnd in das Wasser zurück. +Die tiefgesenkten Gartenfenster brachen mit runden Quecksilberbogen aus den +Säulen heraus. Die magische Tiefe des Glases blätterte sich nach innen in +den schimmernden Kreisen und sog den Kiesweg mit den Tulpen in einer +Spirale hoch und in sich auf. Aus der Gartenhütte taumelte ein Gegenstand +mit unheimlichem Schütteln, schlug wild gegen den Apfelbaum, kam in den +Mondschein, torkelte in ihm über die Wiese nach einer Maus. Dann hielt er, +verdrehte die Augen, schrie »Do . . . go -- -- go. Dogo . . .«, schnurrte +und steckte den Schnabel zwischen die Flügel. Der Mond, wie ein unsichtbar +geschlagenes Schild, war weiß von Metall, zitterte durch den Himmel. + +Dies alles brachte ihr die Heimat nahe, wenn sie Sygs Hand hielt. Sie +gingen angeschmiegt durch den blauen Dunst der angefachten Nacht. Aber es +trug sie nicht hinüber, sie hatte nur Abwehr. Die Unruhe war gewichen, +sobald sie Syg sah und spürte. Dies aber, dachte sie im Bett, was sie froh +machte, war nur die Gegenwart der Schwester, Sygs Figur und Stimme, vor +deren naher Gewalt das Gelebte zurückfiel. Sie empfand Ruhe und Stille. Sie +empfand sogar in Vaudreuils Grüßen das geheime Suchen und Fragen, aber sie +war so sicher, daß sie sie unbefangen zurückgab. + +Elfmal schlug die Uhr, dünn und silbern. Der Ton ging hinaus, wo der Glanz +nicht nachließ. Syg konnte nicht schlafen, legte sich herum. Sie lächelten +sich in das Gesicht. Der große helle Raum stand voll Mondstaub. Vor dem +Fenster schwankten Weidengerten auf und nieder, obwohl kein Wind ging, wie +der bebende Rücken eines Tieres. Nun begannen im Boudoir die Silbersachen +zu leuchten, die Bettseide wurde ein Netz von zartestem Weiß, nun stand der +Mond mitten im Rahmenkreuz und durchstieß gelb und flutend das Fenster. + +Daisy richtete sich auf, als lausche sie: »Und Well?« frug sie und horchte +hinterher . . . »und Well? . . .« Syg sprang aus dem Bett. Der Balkon war +mit wogendem Lichtnebel über den Kletterrosen zugezogen. Die Nacht wurde +immer wärmer und durchsichtiger, schon traten die Figuren vor der +hintersten Hecke deutlich heraus. »O«, flüsterte Syg und führte die flache +Hand über das Geländer. Stück auf Stück der Jugend gaben sie sich in die +Hände, hinüber, herüber wie Bälle, und spielten sie sich zu . . . die +Bäume, die Gouvernante, die vertrocknete Fischkugel, den Ameisenbau. Wie +sich die kleinen Dinge, deren zärtliche Erinnerung sie am sorgfältigsten +erfüllte, aus ihrer Erinnerung hoben, schmolz sie das Gefühl zusammen, daß +die Jahre hinaustraten zwischen ihnen . . . Tage flogen auf und hoben sich +in sanften Farben wie aus Strohhalmen abgesandte Kugeln und schwammen in +den Garten hinein. Im Scheitel der Nacht hing der Mond fröstelnd und starr. + +Die Uhr schlug. Vögel sangen, den Kopf noch an der Brust, in das wollüstige +Grauen. Das Gras begann zu leben, und der Tau glühte mit einer hingegebenen +Leidenschaft an der Erde. Daisy bog sich aus ihrem Bett über Sygs klares +Gesicht. Sie empfand, daß ihr Kopf wie ein Spiegel denselben Ausdruck +trage. Sie empfand das Glück dieser Gegenwart mit einem berückenden Gefühl. + +»Wie lange hattest du Fieber, Syg?« + +»Acht Wochen.« + +»Arme, doch wirst du in Firenze nichts tun wie liegen und blaue Luft +atmen.« Sie legte den Kopf an Sygs Brust und liebkoste sie mit der Wange, +denn die Erinnerung der Schmerzen, die Syg gelitten, quälte sie in dieser +Stunde der Seligkeit mehr, als sei es ein eigenes Leid. + +Die Uhr schlug. Syg gähnte; zog die Beine herauf und schüttelte die Locken, +reckte die Arme. Sie war zu faul zum Aufstehen. Sie schellten nach dem +Frühstück. Die Zofe brachte es zuerst Daisy an die linke Seite des mit +breiten Stäben gegliederten Messingbettes. Sie wies nach Syg. Das Mädchen +sah verwirrt von einer zur anderen. Sygs blaues Haar wallte um das ovale +Gesicht, sie hatte das Kinn auf die Hand gestützt. Sie sah mit den Augen, +die tief und wundervoll ausgeschnitten und mit leidenschaftlichen Schatten +befiedert waren, dem Mädchen zu. In ihrem Weiß lag ein violetter Schimmer. + +Sie wurden ohne Pause verwechselt. Die Bonnen kannten sich nicht aus. Der +Kutscher stammelte. Ärgerlich rief Daisy: Pha . . . lux . . . Freunde +vertauschten sie. Aber dies band sie nun erst aneinander, denn in jenem +Wechseln der Körper und Erscheinung fühlten sie hingegebener die Harmonie. +Sie lachten sich an vor dem Spiegel. Sie zogen sich verschieden an, machten +sich unähnlich. + +Syg trug die Haare hoch um einen dreigezackten Pfeil, Daisy zog sie unter +einer Perle, die über der Stirn lag, halb über die Ohren und scheitelte den +Kopf. Syg trug dunkle Seide. Daisy ging ganz weiß, der Wind schmiegte sich +in die kleinen Blumen des Battists und der Boa. + +Umsonst. + +Sie tauschten den Puder, die Korsetts, die Rotstifte. Syg blaßte ab wie ein +Pierrot. Daisy ging mit anmutig erhellten Wangen. Doch wie sie sich +bemühten, stieg die Verwirrung. Da gaben sie nach, Syg hatte eine Grimasse, +sie tauschten die Rollen. + +»Sie baten mich, die Kette zu besorgen«, sagte ein junger Kanadier, reichte +Daisy ein Etui. + +»Es war meine Schwester«, sagte sie. Sie trug ein silbriges Abendkleid mit +Schwarz, ging hinaus, Syg zu rufen. + +Sie kam zurück mit Goldpuder und einem roten Samt. Er überreichte es ihr. +Sie dankte. Die Tür ging auf. Syg kam in einem blauen Schneiderkleid wie +von der Straße, gab ihm die Hand und frug: »Haben Sie meine, Kette, John?« + +Verblüfft sprang der junge Mann auf: »Haben Sie noch eine Schwester und wel +. . .« Syg klatschte in die Hände, nahm ihn bei den Ohren, schenkte einen +Kognak ein. + +Jeden Tag schob Syg die Abreise hinaus, jeden Morgen freute sich Daisy und +jeden Abend litt ihr Gefühl, das um Syg Sorge trug und doch nicht +vermochte, sich von ihr zu trennen. Die Tage gingen wie ein blauer Mond +nach dem anderen am Fenster vorüber, und Dogo saß in jedem, auf dem Zweig +des Faulbaums sich schaukelnd. + +Fribaurt rief an auf der Durchreise, Syg nahm den Hörer. Er kam nach einer +halben Stunde. Daisy empfing ihn. Er sah ihr von unten in die Augen, und da +er ein geschärftes Ohr hatte für das herbere in Sygs Organ, frug er, den +Rücken weich, hündisch, biegend: »Wozu die Komödie?« Sie gingen auf die +Veranda. Sie hob den Finger an die Lippen. + +Unter ihnen stand Syg, vor ihr ein junger, schlanker Gärtner. Sie tollte +und sprang um ihn herum, verzog das Gesicht, schüttelte den Kopf. Sie frug +ihn, er sagte etwas. Sie preßte die Hände in die Hüften, daß die Ellenbogen +nach auswärts standen und lachte. Ihre Bewegungen waren in diesem +Augenblick ganz unerlöst und kindlich. Dann frug sie wieder. Er sagte einen +slawischen Namen und zischte. Sie schüttelte den Kopf und lachte noch +heller. Sie faßte ihn unter dem Kinn, richtete sein Auge nach ihrem (denn +er schlug es nieder) und horchte angespannt, dabei bewegte sie die Nüstern +in Spott. + +Er errötete, dann schrie er mit voller Stimme: »Zsigis«. Syg blieb ganz +ernst, hob die Hand, fuhr ihm die Grenze der Stirn entlang, sagte ihm etwas +ins Ohr und ging lachend die Treppen zur Veranda hinauf. Oben blieb sie +stehen: »Pony« . . . rief sie. Er hielt an, wandte sich um, errötete und +blickte hinauf. Dann wurde er ganz blaß. Sie winkte. Er ging. + +»Warum nennst du ihn Pony?« + +»Wegen der Haare.« Auch ihre Locken hingen gefächert in die Stirn. + +Daisy preßte plötzlich die Hände fest zusammen: »Fribaurt fährt Donnerstag +nach Italien . . .« Sie stockte. Mit einem seltsamen und nie gesehenen +Ausdruck sah Syg an Fribaurt hinauf und wieder herab, zuckte kaum deutlich +die Schultern. Aber Fribaurt, der stark nach einem süßen Wasser roch, sah +es nicht, denn sein Blick folgte dem Gärtner, der in den Büschen +verschwand. + +Aber Daisy vergaß den Ausdruck nicht, mit dem Syg den anderen angesehen. +Sie blieb den ganzen Tag dicht neben ihr, als ob schon die Entfernung eines +Zimmers, der Raum einer Wand sie trenne. + +»Ich danke, daß du bleibst«, sagte sie stockend, als sie in den breiten +Mondstrom hineingingen. Sie kamen dreimal um das Bassin, dessen Rotunde in +Marmor glühte. Das Gras war blau und Dogo hing in einem Kreis von +Fächerschatten. Als sie um die Hecken bogen, stand der Mondschein gezackt +als Segel über dem Garten, der unter ihren Füßen schwebte. + +»O«, sagte Syg mit plötzlich ganz erhelltem Gesicht, »ich freue mich, daß +du dies sagst.«, Sie gingen hinein, Daisy stumm vor dem Glücksgefühl, das +diese Antwort ihr gab. Aber auf der Treppe zögerte ihr Fuß. Sie spürte, wie +unrecht es sei, daß auch ihr Wunsch nur Syg halte. Aber sie sagte nichts. + +Am nächsten Tag fuhr Syg im Métro zur Etoile, besuchte eine Dame in der +Avenue Wagram, schloß das Tor, fuhr zur Seine, stieg an der Madeleine aus +und suchte zur Oper zu ein Geschäft. Sie sah in ein vorübergleitendes Auto. +Ein Herr sprang heraus, in höchster Erregung auf sie einsprechend, sie sah +seinen Bart zittern, die Leute blieben stehen, als er schrie. Sie nahm ihr +kleines Stilet, drängte ihn bis an den Rand, er sprang in sein Auto, +verdeckte das Gesicht. Sie sah um. Ein Photograph knipste und kurbelte +neben ihr. Ein Herr mit einem Notizbuch zog den Hut. Sie machte eine rasche +gewandte Bewegung, glitt zwischen dem Haufen durch, mitten in ein +Orchester, das vor dem Café konzertierte. Sie saß eine halbe Stunde vor +einem Whisky. Dann fuhr sie heim. + +Zwei Tage sprach sie kein Wort über den Vorfall. Sie lebte neben Daisy. +Aber die Worte, die sie gehört und die nicht ihr galten, sondern Daisys +Leben herausrissen aus Stunden, die sie nicht ahnte, entfielen ihr nicht. +Nachts setzte sie sich neben Daisys Bett und sah sie stumm an. Aber die +Worte spannten sich zwischen sie und die Schwester und trieben sie +auseinander. Sie vermochte nicht mehr, den Blick unbefangen auf Daisy zu +heften. + +»Du hustest?« frug Daisy und fuhr aus dem Schlaf. + +Syg schüttelte den Kopf. Daisy preßte die Lippen, als die Schwester +schlief. Sie fühlte, wie die Unbefangenheit riß, die Ruhe wankte, sie +bangte um die Schwester und wagte nichts zu sagen, denn sie fürchtete, daß +dann das Helle aus dem Himmel falle und die Kraft daraus lösche. Sie lag +lange wach. Plötzlich öffnete Syg die Augen, schloß sie wieder. Mittwoch +Nacht sagte sie, daß sie reise. Daisy sagte kein Wort. Sie gingen +nebeneinander durch den Garten, als sie fuhr. Zwischen den Winden und +Bohnen stand mit hohen, schlanken Beinen der Gärtner. Sie stiegen ein. + +Die Räder rollten. + +Sie fuhr zurück. + +Eine schmutzige Faust reckte sich in ihren Wagen. Sie nahm die Zeitung. Der +Wagen stockte im Lauf eine Sekunde. Sie gab den Sou. Wieder spannten die +Motore sich an. Sie las, ihre Lippen verzerrten sich. Sie verstand zum +erstenmal. Ein maßloser Schreck, dann Zorn verdeckten ihr die Augen. Ekel +schüttelte sie, daß sie die eine Hand mit der anderen festhielt und +geschlossenen Auges zurück sich warf in das Polster. -- Sie sah die +Karikaturen auf den Parlamentarier, sah die Photos, die die Kinos von +seinem Überfall her spielten, sie begriff die Verwechslung . . . die Folies +Bergères trugen die Nummer in ihrer Revue. In der Ecke unten unflätige +Telegramme, die er aus der Provinz, wohin er vor dem Skandal geflohen, +gedrahtet. Sie biß auf den Daumen vor Schmerz, der Wagen rauschte in den +Garten. + +Sie saß auf der Diele. Das tiefe Fenster hinaus nach dem Bassin lag wie ein +niedergelassener Vorhang. In der Tiefe des Gartens stand Pony und +arbeitete. Seine Beine und seine trainierte Brust wiegten mit den +elastischen Ruten der Büsche und Stauden. Der Abendnebel flammte den Geruch +der Erde rötlich um seine Hüften hinauf. + +Sie warf die Hände gegen die Brust und empfand zum erstenmal, wie sie, +gleich einem verlassenen Tier, allein sei. Sygs Zug glitt irgendwo in die +Dämmerung und aus ihrem Leben. Sie blieb zurück, um eine Lüge beraubt, die +sie sich vorgeredet jede Sekunde des Daseins und der Gegenwart der +Schwester. Sie fröstelte. Jugend und Heimat fielen an ihr nieder, hart, als +klirrten Ringe auf der Diele. Woran ihr Herz (sei es auch nur wie ein +Traum) und unwissentlich trotz des Hasses gehangen, nun lag es nackt +verschwunden. Mit kaltem Grauen empfand sie die Einsamkeit, aus der die +zarten Gefühle weggeschwungen. Einsamer und verzweifelter schluchzte sie +auf als jede Stunde, die sie gelebt. + +Es kam ihr, wie lind es sei, wenn sie weinen könne. Aber sie konnte es +nicht. + +Es genügte noch nicht. + +Sie fühlte sich frei und verantwortungslos mit einem Male. Aus der Tiefe +des Blutes kam ein Strom, der sie zu einer Unbedingtheit zwang, deren +zügelloses. Streifen sie zu Gelöstheit erhob, die den Atem benahm. Die +Lippen bebten übereinander. Nichts hielt sie, bedingte ihr Tun, gab +Verantwortung für ihre Handlung. Mit einer zerstörerischen Wollust empfand +sie ihr Ausgestoßensein, das ihr eine Kühnheit verlieh, die sie fast +berauscht empfand. Nun trat Pony aus dem Dampf ins Helle. Sie begann zu +winken. Das Fenster lag wie eine aufgeschlagene Terrasse in dem Garten. +Tritte schlichen herauf. Dogo schrie in seinem Ring und stieß die Flügel +gegen die Wand, als zerbräche er Glas. Sie stand auf. + + * * * + +Zwischen dem dritten und vierten Tanz hob die Kleine, die zwischen den +Stühlen schaukelte, stehend die Hand nach der Seite. Daisy ging hinüber. In +der Toilette brannte eine weiße Flamme. Sie hob den Schleier, zog Rot über +die Lippen. Im Spiegel sah sie die zögernd Eintretende. Ihre Augen trafen +sich in dem Glas. In dem Gesicht der Tänzerin ging ein Schreck auf, sie +flüsterte etwas und glitt zurück. Daisy ging zu Léons Tisch hinaus. Beim +Hinausgehen fragte sie den Kabarettportier nach ihrem Namen. Sie bestellte +sie in das Hotel. Sie kam und bat, zart wie eine Libelle, daß Daisy ihr den +Mann nicht nehme. Sie sah zitternd auf den gefalteten wollüstigen Mund der +Frau vor ihr. Daisy nickte gleichmütig, prüfte sie mit einem Blick, +schenkte ihr Strümpfe, Hosen, Dessous. Oft, wenn sie abends frei war, kam +Renée herauf, ein Band umgab sie. Bald hatten sie kein Geheimnis. Daisy +wußte jede Bewegung des Attachés, seine Lieblingsworte, seine geheimen +Sätze, aber es reizte sie nicht. Sie fuhr mit Léon baden, sie stieg in das +Wasser, das ihren Körper aufsog; ihre Haut aus dem Wasser heraus selbst +trübte ihm die Augen vor Erregung. Auf der Rückfahrt suchte seine Hand nach +ihrer. »Das andere Ufer«, kommandierte sie, er mußte wenden. Sie ging am +Abend mit Renée in den Florissant. + +Zwischen orangenen Lampions drehten Matrosen und Mädchen. Als ihre Hüfte +unter den anderen erschien und in der abendlichen Dämmerung in die +Tanzschleife wogte, umgab sie Gedränge, Blicke, Augen. Ein großer +Steuermann von der savoyischen Linie faßte sie, brach die Finger fast an +ihren Korsettstäben. Sie tanzte mit starrem Blick, ihr Zofenkleid machte +sie noch herber, sie bog in den Vorsaal. Er taumelte, fiel in das Knie, +schäumte, erhob sich, sie führte, sie schwindelten, sie tanzten in den +Garten. Er konnte sich nicht helfen und stammelte Flüche. Sein Kopf fiel +auf ihre Schulter und er schlug sie auf den Arm. Sie ließ nicht nach, bis +sie langsam mit zitternden Knien hineinging in den Dampf, der Mann +besinnungslos auf dem Kiesbeet lag. -- Ein Kolonialoffizier erschoß sich, +einen Ring von ihr auf der Brust, durch den er die Kugel gesandt hatte. Kam +sie mit hochroten Lippen durch die Rue du Purgatoire, ward der See eine +Tönung blässer, der Montblanc steiler am Horizont. Die Augen der Männer +wanderten ruhelos nach ihr. Verkleidet im Mannskostüm bei einem Ball jeute +sie im Kursaal, trat hinaus vor die Schnüre von Lichtern, die die Fassade +umlohten, ihr Blick tauchte in den eines ganz jungen Studenten, er fuhr sie +hinaus. Ihre langgeformten Knie, die eine wundervolle Sehnsucht in seine +Seele zeichneten, verzückten ihn, daß er ins Wasser sprang und am Ufer +schreiend davonlief. Sie ging mit zwei weißen Windhunden durch die +Palmgefieder des Parc des Eaux Vives. Sie blieb stehen, kehrte langsam um. +Auf einer Bank saßen Léon und Renée. Ein Zug seines Mundes erinnerte sie +den Abend lang an Pony. + +Sie fuhr zu ihm. Er hatte den Garten, den sie ihm geschenkt, geschnitten, +begossen, bestellt. Ihren Namen mit Ranunkeln gesetzt, in die vier Bäume +des Eingangs geschnitten. Auf der Höhe des Belchens ihr Wappen mit Steinen +zusammengesetzt. All seine einsamen Tage erstanden als Monument seiner +Liebe. Hinter dem Strohdach sank die Vogesennacht feucht und traurig. Sie +stiegen hinunter am Morgen. Kuheuter und Wiesen rochen unter dem roten +Mond, über dem Rhein lagen die Schwarzwaldtage mit silbernen Wolken. Über +den Grat der Vogesen rollte die purpurne Kugel groß und träg. + +»Hast du die Harmonika?« Er nickte. Nur ein scheuer Blick nach +aufflatternden Vögeln zeigte, daß er Sehnsucht hatte. »Ich schreibe deiner +Schwester«, sagte sie am Morgen. Sie arrangierte ihren Hutkauf, sogar eine +Stelle und nahm ihm mit einem Brief die große Sorge. Aus den Weinbergen +glühte blau die Sonne. Sie lockte unter seinem Fenster. Als er in die Hecke +ihr nachstieg, ließ sie seine Lippen ihn aufmachen und legte ihm +seidenschwarze Brombeeren eine nach der anderen in den Mund, der feucht und +schmal und rot war. Seine Tierischkeit, die die einfältigen schönen Formen +der Natur edel befolgte, gab ihr jeden Tag das Neue. Ringe kamen, Nadeln +für ihn. Er spiegelte sich im Rücken seines Zigarettenetuis. + +Er erbrach sich nachdem er zu viel gefressen. Sie saß an seinem Bett, er +fürchtete sich vor dem Unbekannten, das ihm Leiden brachte, verehrte sie +wie eine Mutter, indem seine Seele zum Schutz dicht an ihre sich schmiegte. +Er tollte in die Gesundung, riß den Schwanz der Hühner aus, saß auf den +Bäumen, ward traurig am Abend, wusch sich nicht, roch nach Schweiß und +Erde, sie fand ihn schöner als je. + +Sie bekam Sehnsucht nach Wasser, als nach einem Gewitter ein Bach neben dem +Haus herabstürzte. Sie fuhren zurück, zusammen diesmal. Neben ihr zwischen +den Hunden schritt Pony in weißen Hosen und Schuhen durch die Rue du Rhône. +Er blieb am Geländer stehen, schaute träumerisch in den tiefblauen Schuß, +der aus der Brücke kam, die Insel umrahmte und überschwungen blieb von +unwahrscheinlichen Schwanenherden. Sie pfiff durch die Zähne. Zwei +Passanten blieben stehen, sahen nach. An der Brücke flog eine Autotür auf, +ein Herr, indem er die Kurve nahm, als sause eine Kugel in einer gebogenen +Schiene, starrte sie an. -- Auf dem Balkon saß Renée im Lederstuhl, die +Knie hochgezogen. Ihre Atropinaugen, tief untermalt, glänzten einen milden +Schein, sie starrte auf Pony, flog darauf Daisy an den Hals. Der Abend +schoß durch die Platanen. Renée legte die Gabel hin, kniff ein +Fünffrancstück ins Auge, legte dem Kellner den Absynthstrohhalm über das +Ohr und breitete die Arme aus. Pony sah auf das Wasser. Die Küste wich +zurück. Schwärmerische Raketen überwanderten den immer neu geäderten +Himmel. Ein Konzertstück wie eine rosa Wolke lag mitten im See. Auf den +Fußspitzen wiegte Renée erwartend den ganzen Körper langsam über die Lehne, +blieb einige Minuten von einem unaufhörlichen Zittern durchflossen. +Plötzlich wühlte sie den Bauch in den Mondschein, bebte in der Wage der +Hüften in einer pfeilschnellen Schwingung, tauchte aus dem Licht, fuhr mit +einer kreisenden tollen überschwingenden Eile wieder hinein -- dann kamen +die Lenden in ein glücklicheres beruhigtes Schweifen, die Muskeln des +Leibes ebbten zurück und wurden spiegelglatt, fast ohne Atmung. Sie tanzte +nur noch mit den Knien, die den Körper in einem fast gläsernen Taumel +ertrugen. Die Hüften malten sich unbeweglich und zart in die Schatten. Nur +der Rock rauschte, Daisy preßte dagegen, sie schwangen atemlos, ihre Leiber +bedeckten sich, sie küßten sich -- »Warum brachtest du mich her?« frug Pony +schauernd in ihrem Arm die Nacht. Sie lachte: »Reizt es dich nicht zu +größerer Liebe?« Sie zog ihn auf ihren Mund: »Pony.« Er schloß die Augen. + +Eines Nachts brachte sie von den Anlegeplätzen vor Versoix Jérôme mit, im +Sweater ohne Kragen und Ärmel. Selbst wenn er flüsterte, war seine Stimme +rauh und biß sich durch die Dunkelheit. Im Zimmer nebenan lag Pony, die +Wand war so dünn, daß das Geräusch einer Fliege im einen Raum im anderen +noch lauter scholl. Sie legte die Kleider langsam ab. Am anderen Tag mußte +Jérôme sie rudern, hinaus, zurück, in die Rhône, um die Insel, dann immer +um ihr Haus. Eine Kette von Schwänen verfolgte das Boot, ihre Weiße +verblich am Abend mählich der Blässe ihrer schimmernden Haut. Sie sah immer +auf Jérômes Nacken, wo die braunen Halsmuskeln wie Fächer +zusammenschnellten. Abends ging sie einsam und allein nach Haus. Die +Schwäne geleiteten sie noch eine Weile in der Dunkelheit am Ufer. Als Léon +von der Gesandtschaft in Bern zurückkam, lag er verzweifelt im Boot vor +ihr, berührte ihre Hände, ihre Schuhe. Sie schüttelte den Kopf. Sogar das +Wasser erhielt eine Feierlichkeit und schäumte leicht in dunkler Erregung, +wie sie mit langen braunen Beinen immer tiefer hineinstieg. Auf der +Terrasse des Café du Nord ballte Léon die Hände und hörte auf zu atmen nach +seiner Frage. Sie ging hinweg über Pony, schaute ihn einen Augenblick an, +die Bernsteinkörper in seinen Augen ihr gegenüber erstarrten, sie ließ eine +Sekunde schweben, dann sagte sie auf sein Drängen, wie er es wage, mit ihr +zu reden, habe er doch Renée. Ihr Hochmut ließ ihn bei diesem Namen eine +Bewegung machen, als lege er dies nebenhin als ohne Gewicht für sein Leben. +Sie zeigte nichts, aber er strich sich damit aus ihrem Dasein. Aber Renées +Geschrei machte sie müde am anderen Tage, denn sie tobte in ihren Zimmern, +weil sie Léon liebte. Die Zarte irrte wie ein Vogel auf den Balkon gegen +das Blaue und zurück in das Zimmer. Daisy sah sie lange an. Sie sagte kein +Wort, gab ihr Geld und zwei Koffer. Am Abend ging sie zum Zug. Renée weinte +gerührt an ihrem Hals. Als der Zug weg war, sah sie einen Männerschatten am +Bahnhofeingang, sie nickte mit dem Kopf. Zu sich selbst. + +Léon griff sie stürmischer an, befreiter, beim Segeln, auf den Quais. Sie +bedeutete ihn ruhig, daß das Opfer, mit dem er sich brüste, ihr nichts +bedeute, denn es sei eine Selbstverständlichkeit und ohne die kleinste +Verpflichtung für sie. Sie kam mit Pony wieder und den Hunden am Abend die +Anlage her, als die Rhône sanft, tiefblau vorüberströmte, schon die +Dämmerung aufnehmend, während ihr Anfang noch biegsam und stählern mit den +Schneebergen glühte. Léon flehte sie an, Pony zu verlassen. + +»Gab ich nicht Renée?« Es verstörte sie eine Sekunde, an die Tänzerin zu +denken. Doch glitt es schon weiter, hinter sie. Sie zog die Augen an, daß +sie schräg standen. + +Am Morgen war sie verreist. Enttäuscht von der Brust eines glatten Fischers +kam sie von Beaurivage. Der Morgen fiel prall und von seraphischer Bläue in +die Schwebe getragen auf den weißen Ufersand. Erstaunt sah sie Genf wieder +auftauchen. In der Betäubung des irrsinnigen Suchens fiel Gelebtes sofort +hinter sie, Leidenschaften verschwammen wie nie geatmet nach Tagen. Die +Landschaft der Woche vorher, das Haus, ihre Gedanken prallten schon im +Wesenlosen. Als Léon, die Hand am Steuer, den Großschot in der anderen +seilend, in ekstatisch erhellter Nacht, in der der Mont Blanc wie ein +weißer Ballon schwamm, schwor, Pony zu erschießen, wenn sie ihn nicht +verjage, sein Auge den fiebrigen Wahnsinn bestätigte, wies sie ihn zurück +mit Nein. Kalt vor Zorn verließ sie ihn über die Drohung, mehr voll Liebe +zu Pony wie je. In dieser Nacht weigerte sich Pony zum erstenmal, sein +gequälter Körper gab ihm Mut, den sein Geist nicht hatte. Sie sprang aus +dem Bett: »Gut . . . du wirst Bonnen wieder haben.« Am Abend kreuzte Léon +Ponys Abreise, sie hatte ihn nicht begleitet. Er nahm einen Wagen, jagte. +Er kam als Sieger. Auf dem Tablett kam mit ihm ein Brief, Daisy nahm ihn, +als Léon eintrat und legte ihn sofort wieder zurück. »Welche Eitelkeit in +Ihrem Gesicht«, höhnte sie und wandte sich um nach dem Shawl und dem +Spiegel. Bestürzt, zerschmettert kehrte Léon um. Am Ende des Zimmers hielt +er, nahm eine Vase und schlug sie hin, blickte starr und ging hinaus. Daisy +trat auf die Rampe des dunkel gewordenen Hauses, um das die Brust des +Wassers langsam stieg und fiel. Sie pfiff. Zwei grüne Lichter bewegten sich +auf dem Anlegeplatz, stachen ins Wasser, kamen im Bogen heran. An Léon +vorbei, strich Jérôme in das Haus. Plötzlich hob er den wirren braunen Kopf +und lauschte. Im untersten Fenster sang eine weiche berückende +Männerstimme: »Andulko me dite --vy se mne libite . . .« »Was ist das?« +frug Jérôme. Sie lauschte. Pony war zurückgekehrt. Sie lachte, zog ihn wie +einen Hammel am Fell. »Einer der Hunde?« frug sie ihn; er fletschte die +Zähne. Sie bückte sich, hob den Brief auf. Die Schrift war von Syg. Sie +ließ ihn in das pfaublaue Wasser hinunterflattern. Am Morgen brachte sie +Pony selbst in die Bahn. + +Ringe in Blumen . . . sie gab die Buketts, ohne sie zu sehen, dem +Zimmermädchen. Ein Kreuz mit Ametyst auf Rosenholz, vom Athos, lag auf +ihren Kissen. Ein Pferd stände bereit, schrieb man. Léon schmiegte sich +manchmal durch die Dämmerungsschatten draußen. Eine Yacht trug ihren Namen +am Lee unter dem Fenster vorbei. Eine kalte Verschwendung trug die Luft +jedem aus ihrem Leben zu, die erzittern machte, wer in ihren Kreis trat. +Sie atmete, sah Augen, Tage, blaue Ausschnitte über dem Salève, kurz und +farbig blitzten Blicke in ihren, schon entrann es zu anderem. Es floß +zurück wie in einen Bogen, in dessen Kurve ihre Seele unermüdlich schwang. +Irrsinnig eines Abends erstürmte Léon die Treppen, kam in ein Zimmer, wo +sie las, streifte die Kleider ab. Sie eilte hinaus, schloß ab, klingelte. +Er flehte. Sie wollte den Skandal. Dann überlegte sie, sie schloß einen +Vertrag, legte ihm auf, daß er sie mitnahm auf die Gesandtschaft in Bern. +Er kompromittierte seinen Namen, die Stellung. Doch er sah sie nur entfernt +wie immer. Sein Diener erzählte ihm von dem Kreis und den Monden auf ihrem +Leib, er ward ohnmächtig. Sie frug ihn nach seiner Arbeit, den Geheimnissen +des Berufs, sein Leben. Seine Nägel ballten sich in die Handflächen, aber +sie sah die geheimsten Akten. »Wäre ich eine Agentin?« Er zuckte die +Achseln, schon war ihm alles gleich. Seine Familie steckte ihn in ein +Sanatorium. Er folgte. Vorher bestach er die Zofe, erhielt eine ihrer +Hosen, schluchzend fuhr er damit im Zug. Er hatte sie nicht gehabt. Er +hatte wenigstens dies. Am Abend spielte sie in einen Mann verkleidet auf +einem Kostümfest, an den »Kleinen Pferden«, verlor, konnte nicht alles +zahlen, bat ihren Partner mitzukommen. Er wartete im Vestibül. Als sie die +Treppe zurück herunterkam, erstarrte er. Sie kam als Frau. + +Er neigte sich über ihre langen Finger. Wie sie in den Wagen stieg, sprang +Jérôme hinter einem Busch heraus und schrie: »Hure«. Etwas blaß, unsichtbar +durchglüht trat sie zögernd ein wenig zurück. Als sie ihn aber ansah, ließ +er die Hände sinken, schlug sie um den Nacken und lief brüllend davon. Der +Wagen rollte. Sie trat mit ihrem Partner ein Treppenhaus mit Marmor hinauf. +Die rote Weste eines Dieners leuchtete hinauf neben ihr unter einem +zehnkerzigen Halter. Die Fräcke im Saal glitten durch einen dünnen +silberbläulichen Rauch, den der Atem des Tanzes und der Getränke schon zum +Rausch gemacht hatten. Sie legte den Arm auf eine Schulter, der blasse +Schein einer Nische umglitt sie. Ein Mund fiel auf ihre Achsel. Sie zuckte +zusammen. Ihre Glieder wurden kalt und abwesend wie oft in unerklärlichem +Wechsel. Sie starrte vor sich hin. Sie hatte einen Brief eingesteckt, als +sie sich umzog. Es fiel ihr ein, sie öffnete ihn. Sie stand auf. Der Mann +hielt sie. »Was?« Ein verzweifeltes Gesicht krallte sich in ihr Auge. »Hast +du mich nicht wahnsinnig gemacht?« Sie schüttelte den Kopf. Sie hatte ihn +kaum bemerkt, ihre Gedanken kreisten irgendwo entfernt, es fiel ihr nicht +ein. Mitten im Saal schrie der Mann ihr nach: »Hure« . . . Sie zuckte kaum +merkbar die Schultern. Sie hörte es zum zweitenmal heute. Allein es drang +auf keinen Punkt in ihr ein, der ihr Gefühl bewegte. Vorbei schon. »Ein +Opfer«, lächelte ein übergroßer lässig gebeugter Herr im Monokel. Schon +suchten an seinem Mund vorüber gleichmütig ihre Augen nach Neuem. Ein +olivenfarbener Jüngling, der wie ein Mädchen tanzte, legte den Arm um sie. +Lächelnd glitten sie Ring auf Ring herum, gewiegt von einer Klarheit der +Füße wie nie in diesen Sekunden. An einer Ecke des Saals fiel ihr das +zweifach gesagte Wort mit einem Mal ein und sie setzte sich. Es war, als +zerschmetterte es etwas in ihr. Sie trat an das Fenster. Unten im Garten +hörte sie deutlich eine Frau weinen. Das faßte sie wie mit Schrauben, sie +glitt hinaus. Eine Bank. Es war, als ströme mit dem Weinen in dem Busch, +ihr Leben weg, bräche ein wie in Eis, zerrinne haltlos zwischen ihren +Händen. Sie sah, wie sie Stück auf Stück verloren hatte, unter dem +Schmerzenston brach es zusammen. Sie versuchte nicht, sich zu wehren. +Perlmutten flauschte im Mondschein ein Segel vorüber und rückte ins Dunkel. +Zerfetzte Trümmer lagen um sie, was sie gesehnt, gedacht, begehrt im Blut +. . . es knallte um sie zusammen. + +Da erst, wie angezogen von der anderen Stimme, konnte sie weinen und je +länger die Tränen über ihr Gesicht strömten, fühlte sie, wie in ihr die +Verzweiflung und das gierige Suchen brach. Sie fühlte sich elend wie nie, +aber gleichzeitig verband sie ein Strom ungekannter Süßigkeit mit der +anderen Weinenden. Es war ihr, wie, als sie erkannte, daß die Stimme +versage, und jedes Leidende, jede Kreatur dicht ihr Herz berühre. Sie stand +in einer wunderbaren Empfindung. Schon rissen die Wochen hinter ihr wie +unwirklich und ihrem Wesen ungehörig sich ab und stießen ins Wesenlose. Aus +der Tiefe des Elends aber zog sie ein Gefühl von einer ergreifenden +Harmonie in die Höhe. Sie empfand, als stehe sie auf anderem Boden, wie +plötzlich ihr Schicksal sich zusammenlegte mit Tausenden von Menschen, an +die sie nie gedacht, daß ihr Schmerz sie erhob und verband, und daß, wie +sie verzweifelt gesucht auf der Jagd und mit den greifenden Händen, in ihr +lag mit einer stillen Verantwortung, die nichts übertraf. Sie sah die Welt +plötzlich anders. Es stieg eine Kraft aus ihrem Elend, die sich in ihr +bäumte. Ein Glücksgefühl überfloß sie. Demütig grüßte sie den Fall der +Jetée, die Neigung der Berge, das träumerische Schleifen der Schwäne. +Herauf kam der Kleinen Gesicht, aber die Schuld, die sie empfand, drückte +sie nicht, sondern entflammte sie zur vollen Anspannung. Ihr war, als ruhe +die Achse alles, was Hülfe bedurfte, in ihrem Herzen in dieser Nacht und +ihr Herz drehte es in einem wunderbaren Stolz. Sie schaute lange unter der +vorgehaltenen Hand ins Wasser. Ein Gesicht kam zurück von der glatten +Fläche. Sie schauten sich an. Dann ging sie hinein. + +Sie hatte ein anderes Gesicht gesehen. + + * * * + +Sie ließ ihre Sachen verteilen. Jérôme sandte sie einen Ring. »Ay . . . ay +. . .« rief sie an der Gasse. Die arabischen Weiber küßten ihre Hände und +Füße. Die Zofen kamen, nahmen. Die Bonnen gingen mit Ballen, zitternden +Händen. Die Kostbarkeiten wurden versteigert. Die Depots sperrte sie. Die +Spitzen rannen ihr durch die Finger. Eine frische stolze Hure in einem +Kleid, daß ihrer Haltung zu gering war, zog sie aus dem Tanzsaal. Die +Hosen, deren Plissees rauschten, in matter Seide zu Dutzenden fielen, +durchfühlte sie mit der Hand, gab sie ihr. Mit jedem Stück, das sie +verließ, schenkte sie sich zurück. Und die Wollust des Hingebens verband +sie den Dingen um sie. Gebend lebte sie drei Tage und fühlte, wie unter dem +Hinweggehen ihres seitherigen Daseins Freiheit in sie strömte. + +Eine kleine Summe füllte sie in ihr Portemonnaie. Sie besaß einen Koffer +noch und ein weiches helles Kleid aus indischer Seide. Sie schellte +Marguerite, die Manikure. Vor dem Spiegel die Figur und den Kleidschnitt +abmessend, bot sie ihr den Tausch an. Die lehnte ab, da es zu kostbar war, +errötete, ließ sich langsam zwingen, küßte Daisys Hand. Mit kleinen Sachen +ging sie auf die Straße, gab dem, jenem, Frauen, Kindern. Es reizte sie +nicht, zu wissen, wer es besaß, denn jede Tat der Entäußerung entlastete +sie zu Glück. Sie beschäftigte ein halbes Dutzend Agenten. Ihre Pariser +Wohnung ward verkauft. Pferde untergebracht. Möbel, Schmuck versteigert. +Die Summen festgelegt, geschlossen. Selig fühlte sie alles entgleiten. Dem +prächtigen Körper eines verlotterten Mädchens, dessen Anmut sie rührte, +schenkte sie ihr Kleid. Sie stand in Hosen plötzlich am Badestrand abends. +Verlegen ging sie in die Kabine, sandte ein Kind mit dem Portemonnaie zu +der Manikure. Das Kind kam mit einem Kleid, brachte das Geld zurück. Sie +zog ihr Armband aus, es Marguerite zu senden, runzelte die Stirn und blieb +eine Minute in einem merkwürdig erhellten Zustand. Darauf schenkte sie es +dem Kind für sich selbst. Küßte es, tief getroffen. Mit der Entledigung zog +die Einsamkeit des Reichtums aus ihr. Sie besaß noch zwei Ringe. Einen warf +sie den Schwänen zu, vom Geländer, abends. + + + + +Der vierte Abschnitt + + +Vierzehn Tage wohnte sie Mont Martre, stieg hinab zu den Hallen, nach drei +Wochen war sie Mont Parnasse, geriet in ein falsches Haus; ein Kind fiel +die Treppe herunter, sie nahm es hoch, es schrie. Ein Mann brüllte sie von +oben herunter an, ging in sinnloser Wut auf sie zu. Sie strich das Kind +über den Kopf, legte es der Frau an die Brust. »Verzeihen Sie«, sagte sie, +schlug die Augen herunter und ging mit einer Stille, daß der Mann, +verstummt, sie grüßte. Sie wohnte Rue Bonaparte, die so eng war, daß vor +der Ecole des Beaux Arts nur eine Linie der Autos vom rechten zum linken +Seineufer durchfuhr, und die ohne Pause zitterte. Sie bewohnte die Hotels +am Boulevard Sebastobol, wo Huren und Apachen nachts schrien. Sie ging +durch die Straßen, früh, mittags, die Nacht. Beim Löwen von Belfort sah sie +Ringer und Stemmer in Trikots unter den Bäumen turnen. Kokotten pfiffen ihr +nach. Rue Richelieu schlugen Huren sie nachts, weil sie glaubten, sie +breche marodierend in ihr Männerquartier. Abends in der Olympia Bar +fletschten vierzig Mulattinnen die Zähne um sie, im Saale der roten +Papageien und drei Kapellen drehte sie sich, tanzte, ging allein, als die +Rudel schönbeiniger Frauen lachend aus der Revue mit dem Geruch ihrer Haut +und der Tierbewegung der Hüften und langen Schenkel kamen. Auf Imperials +rollte sie von Quartier zu Quartier, Liebespaare, Trunkene, Studenten mit +zerrissenen Schuhen, Russen, alte Böcke, aufgegeilt hinter Midinettes her, +neben sich. Im Hotel des Etrangers schrie ihr Nachbar in Herzkrämpfen auf. +Sie saß drei Nächte, kühlte ihm die Brust mit Eis. Als er hochkam, beschloß +er sie dankbar unter die Decke zu ziehen, griff in ihr Bein. Am Panthéon +erschoß sich ihr Visavis, ein blonder Student, der morgens mit roten Lippen +gleichzeitig wie sie die Milchkaraffe in Unterkleidern in seine Tür +hineinzog, an Syphilis. Sie wohnte Rue Monsieur Le Prince, Vaugirard, +Champollion, zählte die Schornsteine, Betrunkene an ihrer Tür, die Fenster, +Mondaufgänge. + +Sie wohnte Rue Gay Lussac. Ihr Geburtstag trüb Quai de Valmy. Kehrte +zurück, als die Seine sie drückte, zu Mme Fleurquin, in das Zittern der Rue +Bonaparte, Bäume schwankten Boulevard St. Germain. Square Monge erlebte die +Überschwemmung. Rue des Bernardins verließ sie das Hotel im Kahn, half +Emigranten retten, ward als Diebin verhaftet, lächelte sich frei. Ging auf +die Mairie neunzehntes Arrondissement, vierundsiebzigstes Quartier, gab +sich hin für Überschwemmtenhilfe, empfing ein ironisches Ziehen des Mundes, +ging wieder. »Geben Sie, Notre Dame des Lorettes willen, einen Sou zum +Métro, damit ich die Kaserne erreiche,« flehte in der Rue Pigalle ein +Piou-Piou. Sie gab ein Fünfzig-Centimes Stück. Er lachte sie aus, suchte +sie zu umarmen. »Kommen Sie, es ist warm darin,« sagte ein großer Mann, +glaubend, sie friere, nahm sie mit in das Café Cluny, las die Zeitung, +ignorierte sie, zahlte für beide, ging mit einem Gruß. Erstaunt suchte sie +ihn drei Tage, fand ihn nie wieder. Sie wohnte gegenüber Ecole +Polytechnique, wo nach Regen Abenddächer mit weißen ovalen Schilden +blitzten, dumpf Seinehörner tuteten, sah die Zöglinge der höchsten +Artillerieschule farbig an Kanonen seltsame Bewegungen machen. Saß Closerie +des Lilas, hörte die Revolte der Kunst. Aux trois Poulards schlug ein Mann +einer Frau durch den Schädel, nahe den Hallen, warf sich heulend über sie. +Sie belauschte das Gespräch zweier Absynthe-Weiber, Ausgedörrte, die gleich +Hyänen gegeneinander stürzten und von der Berührung des Fingers schon +umfielen, in den Pausen der Schlacht, wo sie, unfähig aufzustehen, +nebeneinander in der Gosse lagen. Sie machte dem Trio an der Sorbonne +Platz, dem Star-Mann, dem beinlosen Singenden auf dem Räderbrett, dem +jungen Louis, sie warfen ihr Schlüpfriges nach. Sie aß mit der +Papageienverkäuferin, studierenden Negern, österreichischen Spitzeln, +Lesbierinnen der Place St. Michel, mit spanischen Zöglingen der +Schneiderakademie, Chauffeuren, Gasarbeitern, Deutschen. + +Sie ging zum Löwen von Belfort, wo Ringer und Stemmer unter den Bäumen +turnten. »Wie elend zum Kotzen dies Leben«, sagte ein gesunder Mann, der +Postkarten verkaufte, mit weißen Zähnen lachte. Da brach eine fremde Frau +in Tränen aus. »Haben Sie Hunger?« frug Daisy mit einem Blick auf den +Ellenbogen der Frau; die aber stieß ihr durch das Kreisloch den spitzen +Knochen in den Leib, schrie, fluchte, drückte sich hinaus. Sie wohnte Porte +Maillot, wo Métros aus der Erde stießen, Menschenmassen aufquollen, Korsos +zum Bois wallfahrten, selige Benzingerüche in Parkwipfeln schäumten, lange +Frauenketten in Wagen unhörbar, mit Pelzen und süßen Pferden zu Wiesen +zogen. Sie wohnte Impasse Bérthier, Rue de la Rochefoucauld mit der +Grabesruhe und Sacré Coeur blitzend darüber mit weißen Türmen, +Rosenkränzen, Zitronen. Moulin Rouge brannte das Parterre aus, vom dritten +Stock sprang ein dicker Offizier ab, zerschellte unter dem Flammenschein. +Sie wohnte Quartier Ternes, fleißige kleine Bürger arbeiteten in offenen +Fenstern. Stand Champs Elysées vor Luxushotels, sah Autos anfahren, +gepflegte Frauen, helle Glacés, Skunks, weiße wundervolle Füchse. Sah an +sich herunter. Sah gespannter lang hinüber. Wohnte Rue Delambre, zweiter +Hof, dritte Baracke, Numéro Vierundachtzig. Wohnte neben Jardin du +Luxembourg. Wohnte Parc Monceau, diese Nacht selig von Bodengerüchen. +Wohnte Bastille-Platz. Wohnte zwei Nächte nirgends. Wohnte St. Germain des +Près, sah um sich Pfauenräder der Lichtkaskaden zum Himmel brennen über dem +rötlichen süßen Straßengefieber, folgte einem Ruf, stieg zwei Treppen zu +Musik, sah sich um, prüfte, wer gerufen, ging zurück. Am zweiten Tage hier +folgte sie einer Bluse in ein Kaffeekonzert. + +Einen warfen sie heraus neben ihr, zehn Meter unter der Erde, der zweite +Keller, schrieen: »Sortez-le!! Peschärsche, Affenschwänze, Bauchzimbel, +Irrgebrunste, Saligots!!« Im Rauch fiel ein Sergeant gegen die bemalte +Kalkwand, weiß im Gesicht, beugte sich im Gesäß. »Rotz-Lumpen«, er +verschwand. Ein ungarisches Violinstück kam aus der Ecke. Sie ging über den +Boden, in dessen Lehm ihr Absatz leicht sank, saß nieder der Bühne +gegenüber unter dem zweiten Lampion. Ein Rosablusenmädchen besah im Spiegel +die Zungenwurzel genau und angespannt, schüttelte den Kopf lachend gegen +den Rauch. Eine unsichtbare Stimme, siehe, rief: »Schlaf mit mir, süße +Freundin.« Sie erhob sich und warf sich einer sanften Schwimmenden gleich +in den Dampf. + +Daisy stand mit ihr auf, ging zwischen gesäten Tischen, den Blick fest nach +vorn. Ein altes Weib neben den Kulissen auf einem Faß zog über ihre +schamlosen Beine einen Keuschheitsgürtel, stampfte im Tanz, grimassierte +den Bauch, zwischen gelben Zähnen: »Elle avait un petit cadnaz . . .« Auf +der Bütte in dem Winkel gegenüber schwang die Kitschfanfare eines +militaristischen Fanfarengauls. Sozialisten schrien sich am Ausgang zu: +»Allons Camerades«, stürmten, warfen die Bütte um, schwangen einen Kreis um +die Alte. Daisy stand auf, ging weiter nach vorn. Sie saß in der ersten +Reihe. Auf der Rampe über ihr stand ein Mädchen, und die ungewöhnliche +Zierlichkeit und Anmut ihrer Beine machte ein Loch in den Lärm. Daisys +Blick blieb lange an der Biegung ihrer Lippen, dem Schwung ihres Leibes, +der kindlichen aufreizenden Geste, mit der sie sich entzog. Sie saß nun +ganz an der Spitze des ersten Tisches. Als im Vorgang des Schattenspieles +ein schwarzes Mädchen ohnmächtig ward, der Mittelpunkt des Abends unter +Gemurre schwankte, sagte sie entschlossen: »Ich«, trat hinter das +aufgespannte Leinentuch, fand dort Renée, die den Stoff ihres Kleides +prüfte, ihre Augen dicht ansah, lachte und sie küßte, neben dem +Conférencier Philippe. + +Sie lieh ihre Stimme einem Schwan hin, der an Philippes Hand grotesk in +Schatten verzogen auf der Fläche tanzte und es nicht unterließ, in heftigen +Perfidien dem Präsidenten der Republik nahezutreten, den Abend zu retten. + +Sie gingen eingehängt zum Boulevard St. Michel, überquerten den Platz, +hielten an der Boulangerie. Trabten weiter. Stießen auf d'Harcourt, +passierten, liefen zur Bar, standen vor der Luxembourg-Fontäne, gingen in +die Source, trieben heraus. Wurden aufgehalten, Philipp erkannt, umringt. +Studenten schwenkten die Biretts, drückten aus ihren Mimis süße Schreie. +Einer löschte die Laterne, einer kitzelte den Sergant de Ville. Sie zogen +durchs Croissant, grüßten mit Zuruf Jaurès, stoben im Hinterzimmer über das +Klappern der Jetons, warfen einen Spieltisch um, beknurrt vom Haß der +Tische hinaus. Zurück zu d'Harcourt. Dann zur Source. Reichere Studenten +schrien den Mimis Preise zu. Im Panthéon fiel ein Mann klatschend auf einen +rundoffenen lackierten Hurenmund. Damen von dreißig bis sechzig Franken +stießen verächtliche Parfümwolken aus gegen die Mimis, die frech und +ängstlich an den Armen ihrer Freunde schwebten. Auf dem Boulmich verdrehte +die Mimi Madeleine die Augen, fiel um, blutete aus einem Achselgeschwür. +Sie schafften sie in die Brasserie Lorraine, gaben sie ab, saßen um einen +Tisch, klatschten in die Hände, hoch im Rhythmus, wieder herunter und dann +monoton in einer Schleife. Daisy schlich hinaus, vermochte sich nicht zu +entziehen, denn am Ausgang stieß sie neben der Kranken auf Philippe. Sein +Gesicht, wie er, unermüdlich, helfend, gekniet, beschäftigt war, hielt sie +fest. Sie beugte sich vor, ging überflüssig zurück. Renée tanzte schon auf +dem Tisch, die blanken hellen Scheitel der Dänen blendeten in einem Kreis +um sie, wieder sah sie ihre unvergleichlich schönen Beine. Man ging Rue des +Ecoles, Notre Dame, eine Brücke, Place St. Michel, Rue St. Jaques, Rue des +Etrangers, wühlte sich ins Dreieckkreuzfeuer der Lichter vor der +Nacht-Boulangerie. Zwei wurden abgefaßt beim Gebäckdiebstahl. Die Spionin, +die im Gewühl der aus allen schließenden Cafés sich hier um warme Hörnchen +massierenden Massen lauerte, griff die Gelenke, die Kassadame keifte, vom +Pult brüllte der fette Chef mit aufgeschlagenen Ärmeln: »Steck ihr +Pferdäpfel ins Maul. Kanalsau.« Man riß einige mit aus dem Haufen, +wechselte ein blombiertes Fünffrancsstück, warf ein Pißhaus um, rollte es +über die Trottoirs. Man kam Rue Guijas. Die Droschke mit Madeleine kam an. +Man rettete sich aus der Clique ins Hotel, trug Madeleine vornher, riß +Renée aus den Armen der Studenten in den Chauffeurmänteln, knallte die Tür +hinter sich zu, riegelte ab. + +Sie stiegen durch die drei Hurenetagen zur sechsten der Artisten und +Studenten, trugen Madeleine ins Zimmer Philippes. Er schlug sein Bett für +sie auf, legte ein reines Taschentuch auf das Kissen. Beim Abstieg zum +zweiten Stock in Renées Couloir gab es im dritten Skandal. Zwei Weiber, +eine im Korsett, eine im Hemd, die schimpfte, standen vor zwei Männern mit +Zylindern im Genick, die Kerzen hielten, und einer sagte: »Alte Sau . . .« +Die Hure hieb zu, traf nicht den Hut, sondern das Licht. Das Dunkel +stürzte, eine Tür knallte, es schoß. Aus den Gängen quollen Weiber. Männer +in Pyjamas fluchten, drückten Knipslaternen. Atemloses Geschrei verwirrte +alles, plötzlich lief man. An Daisys Körper griff eine Hand. + +Sie flog an einen schlanken Körper, der sie rasend küßte. Erstarrt hielt +sie in dem Zug, der sie einsog, in Besitz nahm mit den Lippen, plötzlich +schrie sie. In Renées Alkoven aber schlief sie im Traum die Nacht mit jenem +blonden Skandinavier, der die erste Nacht, wo sie auf den Mann traf, bei Le +Beaus Umarmung ihr die Nacht zerfleischte, sie hinaushob über die Seligkeit +des Franzosen und sie an eine Wonne hochstieß, gegen die nichts im späteren +auch nur gering bestand. Der mit der Hand aus ihr streng heraushob, was ihr +Schmerzen machte bis dahin. Er tat nichts, was ihr zurückgab, aber er küßte +ihr Bauch und Bein, durchwühlte sie, ward blitzscharf am Rande des Körpers, +aber im Gesicht milder, als er sie verließ. Dies blieb in ihrem Schlaf, so +daß sie aus dem Traum mit dem Engel glücklicher und befreiter erwachte als +je aus einer Männernacht. Sie stellte die Schüssel auf die Kiste, wusch +sich, schüttete das Wasser in den Schacht, aus dem mit einer Wolke das +Gekeif in das kurz geöffnete Fenster hineinstieß. Sie schloß auf zu Renée, +sah Bewegungen in ihrem Bett, roch den Schweiß des Kampfes. Sie wartete +still, geduldig. »Hundert Sous« im Nebenzimmer. Die Tür klappte. Sie trat +hinein zu Renée, die sich müde im Rücken nach der Schüssel bückte. »Nein,« +sagte Daisy mit unbegreiflichem Lächeln, »laß mich«, und sie hob die +Schüssel auf ihre Knie und wusch Renée das Gesicht und die Brust. +Erbleichend sah sie am eigenen Hals, wie sie sich vorneigte, die +Dukatenkette vorschwingen. Es fehlte seit der Nacht eine Kugel. + +Sie hatte nur noch eine. + + * * * + +Für Madeleine, die ins St. Denis-Hospital gefahren ward, sprach sie +allabendlich im Schattenspiel Philippes Sätze. Ward seine Angestellte, +Vertraute, Sekretärin. Sie erlitt das Kneifen ins Bein zwischen den Tischen +durchgehend, Zurufe Besoffener, während sie sprach und ihre Stimme einen +Schmelz annahm, der sie nie beflügelt. Sie schrieb unter der Petrollampe +seine Briefe, sein Diktat. Sie schloß, war er weg, die Dachluke, räumte +sein Zimmer, besorgte seine armselige Wäsche. Wurde ihr Auge verzerrt von +Gesehenem, gab seines ihr Haltung. Rief er, Kommis und Louis zu ergötzen, +die Nummern des Programms in fanatisch heldischer Pose, las sie zu Haus, +was er schrieb. Ging sie mit ihm neben den Bahnen, verschleierte die Straße +sich in wohltuenden Nebel. Als im Jardin des Plantes der Tiger aus +aufgeklafftem Rachen heulte und sie mit ihm ans Gitter trat, sah sie die +Jungen, nur an den Zitzen spielend, ruhig saufen. Er wehrte jede Hilfe ab, +bot ihr als Ausgleich von seinen sieben Centimes, blieb streng dabei, als +sie lächelte. Bald konnte sie nur tun für ihn, was er nicht merkte. + +Am Tage des Bastillesturms gab er drei Vorstellungen. Am Mittag darauf kam +sie in sein Zimmer. Er schlief auf dem Stuhl. Sie suchte bis mitten in das +Zimmer zu kommen. Dann schlich sie hinaus. Nach einer Stunde kam sie +wieder. Er schlief noch. Sie preßte das Kinn wider die Brust, weckte ihn, +gab ihm den offenen Brief, ihre Augen trafen sich, er nickte. + +Sie gingen durch den Park, wo Kinder kleine Segelboote fahren ließen, durch +Rosahüte, Militärmusik, sanfte Alleen mit Dogcarts. Kamen in Gassen, Geruch +von Fischen, Kartoffeln, süßlichem Kinderschmutz. Eine Wolke Karbol umstand +sie. Eine Schwester mit spöttisch grünem Blick versagte den Eintritt, +Philippe sah sie an, nahm ihre Hand. Sie schwankte, öffnete die Tür. Als +sie eintraten, lauerte eisiges Schweigen, eine Frau wälzte sich lautlos auf +dem Rücken im Kot. Zwei fuhren auf aus den linealstarren Bettkolonnen, +schrien, mit Armen die Kissen zerreißend, nach dem Mann: »Reiß die Mempel +aus! Schlammbeißer, Creusot!« Sie rülpsten, ihre Köpfe waren verbunden und +geschwollen, Eifersüchtige sich wähnend, schmissen die im letzten Stadium +Irren über sechs Betten, die sie trennten, sich ihren Schleim, ihre Wut ins +Gesicht. Er trat heran, sie zu beruhigen, indem er die Schwester leicht +zurückdrängte. Aber als er der einen sich näherte und das Gesicht +herabsenkte, begann sie zu zittern, fiel auf den Rücken, zog das Hemd auf +und stülpte den zerfressenen Schoß ihm entgegen. Er wollte etwas sagen, +doch die Schwester riß ihn zurück, hinaus. Daisys Rock ward gezogen. Eine +dünne Stimme: »Zu mir?« Aus grauenhafter Sehnsucht kehrte ein gläserner +Blick wieder zum Plafond zurück. Die Frau vom Boden stieß sie zur Seite, +lief bis an die Tür, wo der Mann verschwunden, wimmerte, brach zusammen, +umfaßte mit den Fingern die Klinke, die er berührt. Links war die Krankheit +schon Agonie bei einer Kette Betten, rechts saß ein Kind und lächelte, +vierzehn Jahre. Nun kam Daisy zum Fenster, blieb fünf Minuten bei +Madeleine, gab ihr Äpfel, Rosinen, Bananen, Brot. Dann gingen sie auf die +Nachbarbetten zu, legte bald auf jenes Kissen, bald auf dieses Tuch Frucht, +und wie sie austeilte mit einer Armbewegung, die fast nicht da war vor +innerer Inanspruchnahme, begann, ohne daß sie sprach, es immer stiller zu +werden. Als sie fertig war, peitschte ein Schrei, stand, stieß, zerbrach. +Zwei neueingekleidete Mimis, die Kette mit der Indikation der Maladie um +den Hals, die frech herein kamen, bekamen andere Augen, andere Bewegungen, +zerbrachen irgendwie unter dem Schrei. Neben der Toten stand die Schwester. +Madeleine sah auf das Grün im Garten, zurück zu Daisy, ließ ihre Hand nicht +bis zur Türe. »Zu mir?« frug die gläserne Stimme, wandte das zarte Profil +sich hinauf. In die geklemmte Tür noch zwängte Madeleine den Hals, sah +Daisy nach, bis sie verschwand. + +»Dies ist ein Zuchthaus.« + +»Aber auch von St. Denis sehen sie den Himmel«, sagte Philippe. + +Ihr Blick blieb nachdenklich, zugeschüttet, an dem glänzenden Lack der +Kinderhüte und dem weißen Crepe, der die Hemden der Croquetspieler leuchten +ließ auf der Luxembourgterrasse, als streichle er empört ihre Zartheit. + +Abends nahmen und sperrten Apachen unter Jeannot das Café Guijas ihres +Hotels. Sie blieben mit einem Teil, während die meisten Studenten und Mimis +durch den Keller flohen. Jeannot mit sympathischen Augen aß mit Kameraden +um einen Tisch, drei standen Wache. Nach dem Dessert zog er die schmale Ly +herüber, knutschte sie durch, fuhr ihr an den Bauch, lachte, legte sie aufs +Billard. Alle umstellten es im Kreis, sahen zu, reichten ihre Röcke nach +rückwärts. Jeannot strich seine Mouche, herrenhaft amusiert und wandte sich +schon wieder ab, lachend über die Kuriosität der Hermaphrodite, als diese, +außer sich, ihm einen Siffon an den Kopf schmiß. Kellner und Wirt, bleich +vor Angst, dienernd vor Jeannot, schrien sie an. Der irische Aufwischer +faßte sie wie ein Schwein, tat den größten Schimpf, warf sie aus der Tür. +Sie wehrte sich, weinte, biß, kratzte, hielt sich an jedem Tisch, an jedem +Arm. »Gut zum Schlafen, wäre sie nicht . . .« sagte Jeannot achselzuckend +zum Ringkampf, dem er lässig zusah, wandte sich ab. Sie schlug vor den +Scheiben in die Gosse, das Gesicht im abspülenden Regenstrom, wimmernd: »On +m'a sortie.« »Fiaker?« frug ein Kutscher, der vorbeifuhr, gröhlte in sich +hinein, hieb die Gäule um die Ecke. »Hilf«, sagte Daisy leis, als sie +rangen. Aber Philippe blieb unbeweglich, bis sie im Schmutz lag, ging dann +hinaus, tröstete sie, nahm sie am Arm, führte sie zurück vorbei an Jeannot, +der die Pfauenbrauen zuckte, umdrehte, dem Iren mit der flachen Handkante +ins rote Genick schlug, daß der in die Knie schoß und über ihn kindlich +herüberlächelte. + +Sie legten sie in Daisys Zimmer. Um Zwei klopfte es. Philippe brachte zwei +Männer, einer betrunken, der andere fiebernd. Sie teilte die Matratzen. Sie +machte mit Freundlichkeit Platz, haßte ihn nachts, morgens schlich sie in +sein Zimmer, alles aus ihr stürzte in sein Wesen zurück. + +Sie ward seine Begleiterin, nichts geschah ohne sie. An Betten, bei Kranken +war sie hinter ihm. Sein Ausdruck flog ihr an. Mit seinem Wort gab sie +Erhebung. Sie stand unsichtbar, ein sorgender Schatten, vor seiner +täglichen Existenz. Sie wies Renée aus dem Zimmer, die mit den Waden nach +einem Literaten kokettierte, die Stunde störte, wo er sich gab. Sie stand +an der Wand, las er seinem Publikum, Russen, Kranken, Bettlern, Studenten. +Ihre Seele schwang mit, glühte fromm mit seiner, pries er das Unglück, das +tiefer forme, Hunde inniger, Pferde schöner mache. Sie bewunderte ihn, wie +er gab, schenkte, sich teilte und verdoppelte mit einer Freude, die seinem +Gesicht nie die weiche Erfülltheit nahm. + +Sie strebte, ihm zu gleichen. + +Sie warf jeden Gedanken aus dem Hirn, der von seiner Richtung abwich, +kasteite sich, übertraf eine Stunde mit der anderen. Sie gab das Letzte, +was sie trug, den Ring an Ly, die ihn bewunderte wie eine Legende, ihn vor +Freude in den Mund steckte, darauf biß und ihn fast verschlang. Sie +begleitete ihn zu Guigui, sprach mit ihr hinter dem Gitter des +Gefängnisses, vergaß nicht den Zug des Rehhalses am Eisen, kam über die +Korridore mit ihm heraus und begann, als die Sonne herabströmte, zu weinen. + +Doch die unbewegliche Güte seines Gesichts brachte sie ins Gleichgewicht +zurück und sie vergaß die Auflehnung und den Druck, mühte sich stark zu +sein, ihn zu übertreffen. + +Sie mogelte Geld in seine Kasse, hungerte um ihn, kürzte den Schlaf, +brachte ihm Menschen, die sie instinktiv auflas, in seinen Abend, gab ihm, +wenn sie beschwingter ihm folgten, einen Wirkungskreis, der öffentlich ihm +fehlte, da er Elend lobte. + +Sie sah ihn, Vorbild, gerührt ins Letzte, den Vorschuß des Café-Konzert an +ein Kleid Renées geben, Essen für Guigui. Er speiste auf einer Bank im +Monceau, damit sie nicht sah, daß er trockenes Brot aß. Sein Bett lieh er +aus, blieb die Nacht im Stuhl. Er sprach freundlich zur Concièrge, obwohl +er wußte, daß sie seine Manschettenknöpfe stahl. Lächelte, als das Sopha +unter ihm brach. Ging still neben Ly, ohne Protest, als sie unschuldig +wegen des Ringes als Diebin abgeführt ward. Sie sah mit einem schaudernden +Mitleid, wie er sich verschwendete, Unfruchtbares tat jeden Tag, ohne Tat +und Ziel, das half, wie er Hohn bekam, belacht, verschimpft ward, aber +unrührbar blieb in seiner Weise. + +Die Liebe aber zu seinem Vorbild wuchs daran über jeden Begriff, wuchs an +jedem höhnischen Lächeln, das man auf ihn zielte. Bedenkenloser stellte sie +sich vor ihn. Sie suchte noch mehr, ihm alles leicht zu bereiten. Sie sah, +wie er sich quälte, das neue Schattenspiel zu stellen, Ordinäres und +Geistloses aus den Tageskämpfen zog, Unterleib und Hirn des Pöbels zu +reizen, um so die armseligen Sous für sein Leben zu gewinnen, die er doch +wieder weggab. Und schien ihr sein Kampf verfehlt und schlecht eingesetzt +am ungünstigen Hebel in mancher Sekunde, so schien die Stärke, die ihn +überwindend führte, doch ungeheuerlich im Großen, daß sie über alles hinweg +sich diesem hingab, restloser bemüht, zu sein wie er, Übel zu vergessen, +Trost zu geben, ihm Stütze zu sein. Sie überwand sogar, was schwerer schien +wie das andere, was ihr Geist vollbrachte, sie überwand ihren Körper. Holte +Leder und Federn, übte die Tänze ihrer Heimat, deren Bauchkonvulsionen +hinrissen, um seine schwache Nummer zu stützen und gab ihren Leib den +geilsten Blicken. + +Aber ihr Hirn erreichte selbst in der Opferung kein Glück. + +Sie konnte, wo er sie gelehrt, tiefer zu schauen, die Abgründe nicht mit +ihren Händen zusammenschweißen, die aus der Not verfluchter Zeit und dem +Zwang, sie zu lindern, sich ergaben, und Dienen und Helfen schlugen ihr +gleich Gewichten aus der Hand, wenn bei aller Hingabe keine letzte +Befriedigung kam. + +Sie blieb allein. Lief durch die Gassen. Erbleichte unter seinem Anblick, +schloß sich ihm demütig an. Sie kamen ins Café, als Ly von einem Krampf +ergriffen auf dem Rücken lag und schrie. Philippe ging auf sie zu und, +indem er die Hand ausstreckte nach ihrer Stirn, gelang es, daß sie beruhigt +aufstand. Daisy neben ihr auf dem Barstuhl. Renée verkaufte sich einem +blassen Deutschen feilschend um ihre Taxe: hundert Sous. Sie frug nach +Luison. Achselzucken. Sylvie, die mit einem Amerikaner zog, der ihr Opium +ins Gedärm gab, eh er mit ihr schlief . . . »May?« »Die Krankheit.« +»Riette?« »Die Krankheit.« + +St. Denis. + +Das Wort schlug wie ein Hammer sekündlich in ihre Seele. Verheerte, +verwüstete sie, trieb Wut heraus und Auflehnung, bis sie flammte. +Schlichtete ihr Glaube sich an Philippes Nähe sanfter und demütig, ein +jeder Besuch, ein jeder Tag rieb sie an der Unvollkommenheit, dem Irrsinn +der Welt. Bald sah sie nur noch so, daß sie Kontraste maß, Distanzen +spürte, das Riesige, was die Menschen schied und sie unglücklich machte, +nur als geringe Strecke, als kleine Unterscheidung empfand und unverstehend +blieb an der Hartnäckigkeit, mit der gestempelte Dummheit das Glück +hintertrieb. + +Samstag verschwand Renée, sie sah sie nicht wieder. Abends brach eine +kastilische Mimi zusammen, spie das Lokal voll Blut. Man warf sie in einen +Karren, er rollte los. Herauf schwankte ein Beerdigungswagen, ein Auto mit +bemalten Kokotten schnitt die Bahn. Da fiel sie ohnmächtig zurück, wie vom +Blitz zerschmettert von dem einstürzenden Gefühl der Unzulänglichkeit ihres +seitherigen Lebens. + +Die Nacht kam sie zu Philippe. Er hatte die Augen weit und sehnsüchtig auf +sie gerichtet, wie sie, das Licht über dem nackten Arm, hereintrat. Sie +ging bis an sein Bett, kniete auf das Holz. Sie neigte sich zu ihm, und es +fiel ihr schwer zu sagen: »Wäre es nicht schöner, Philippe, du hättest Ly +geholfen, statt mit ihr zu gehen?« + +Er schwieg. + +Dann sagte er: »Ich kann nicht bestimmen, auch du nicht, was ihr Glück ist. +Aber ich suchte zu helfen, als sie litt.« Es gab für ihn keinen anderen +Weg. + +Sie ging, sagte nie mehr ein Wort. Von ihrem Gesicht nahm stets sein Auge +die Auflehnung hinweg. + +Aber sie sah, wie das Café mit neuen Mimis sich füllte, wie die wieder +verschwanden, zu rasch durchgekeltert, zerbrochen, verbraucht. Wie neue +Wellen der Boulevard hereinwarf. Die Lues wütete. St. Denis sich füllte, +gespeist aus tausend Lokalen, Schicksal sich vollzog, in der Maschine des +Hospitals das Fleisch gesiebt ward, die beiden ersten Stadien noch mit +Grazie vergingen, das dritte aber wie Pestilenz die jungen Körper +durchwütete . . . . wie Verlebtes herausschoß, Angenagtes hineinkam, wie +die Maschine kaute, fraß, schlang -- -- und nichts half an der Wurzel, +nichts umstülpte, was gemeinhin half. Gott nicht unterstützte. Was blieb +als helfen? Nachts bohrte ihr Hirn, sie schlug an die Wand, riß an der +Tapete. Ging sie mit Philippe, gab sie Hingebung, Duldung, Erquickung. Ihr +Lächeln bezauberte. Louison beantwortete es zwischen einer Hungerohnmacht. +Madeleine schien es, sie empfange mit ihren Bananen Himmel, Musik, +Freiheit. In Philippes Leben stand sie und fühlte, daß er es brach wie +Brot, zu heben, finden zu lernen, Stärke in Ruinen zu bauen. + +Ihr Hirn jedoch bäumte sich dagegen und ihr Blut, das frisch mit den Dingen +des Daseins strömte, daß er dem Ende der Tragödie sich nur hingab, in schon +Zerschlagenem erst das Menschliche züchtete, statt an der Quelle groß und +sicher die alten Schleußen zu zerschlagen und neue aufzubauen. Und mit Haß +empfand sie seine große Begrenzung, die wohl das Eigentliche wollte und im +Zerbrochenen gleich das Geläuterte sah, aber keinen Sinn hatte für Anfang +und Ende des qualvollen Weges, der das Menschliche verdarb und vergeudete +in einer ungeheuerlichen Preisgabe. Sie konnte nicht unterlassen zu denken, +während er Madeleine sein Geld gab, ihre Geschwüre seien nicht, flöge ein +Paragraph in die Luft; Guigui sei frei, blase ein Tapferer ein dünnes +Vorurteil auf wie Seifenschaum. Wohl empfand sie süß aus jeder hilfreichen +Bewegung, das Wichtigste sei, die Menschen zu bessern am Beginn, Menschen +zu schaffen mit Vorbild und Beispiel, aber was half es, dauerte es +Jahrhunderte. Ihr Herz, das mit tausend Fasern in die Zeit schlug, bewegte +bei jedem Zusammenstoß mit dem Elend ihres Cafés, ihres Hotels, ihres +Zimmers sie, einzugreifen, statt mitzuleiden, und der Irrsinn, der Hundert +zerschmetterte, um wenige sinnlos zu heben, benahm ihr den Atem und ließ +sie in Gedanken sündigen stündlich gegen seinen Sinn. Denn da im Umschwung +des Daseins sie aus der oberen Kuppel des Theaters hinabgestürzt aus dem +Willen ihres Blutes in die hintersten Parterre, empfand sie die Kontraste +deutlicher und schicksalshafter wie er, der im Bodensatz nur lebend liebte +und tröstete. + +Und mit der Berührung des Primäraffekts erlebte sie erst die ganze Rundheit +des Daseins und mehr als je klaffte ihr von dieser Tiefe ihrer Existenz nur +die eine Losung: »Hilfe dem Menschen«, und aus Dreck und Kot und Unzucht +kamen die Übersicht und die Entscheidung in ihr Leben. + +Noch hielt sie seine Güte, noch brach nicht aus, was sich wehrte, noch +rührte die Liebe zu ihm und sein Bild sie zu solchem Mitleid, daß sie +nachts hinausschlich, seine Schuhe reinigte, dem Kaffee, wenn er morgens an +ihrer Etage vorbei ihn sich durch den Garçon bringen ließ, einen Zucker +noch, den er liebte, hinzufügte, wozu sie eine halbe Stunde harrend auf der +Treppe stand. Sie mühte sich, in die Seineantiquariate zu laufen, Kolibris, +Lederfransen und Muscheln zu kaufen, ihr Kostüm heller zu verzieren und +ihren Tanz zu Schleifen zu bringen, die das Letzte, was Scham ihr noch +ließ, preisgaben, damit sie seine Premiere sichere und ihm Ruhe gebe. Sie +schwieg, während ihr Innerstes sich elementar schon empörte, rückte näher +an ihn, schmiegte sich in seine verborgensten Falten, lebte selbst in +seinem eingeschlafenen Gesicht. + +Am Abend der Neuaufführung glühte der Kellereingang phantastisch. Die +Stühle um zwanzig vermehrt. Sie stand im Kostüm halbnackt. Da arretierte +ein Sergeant de Ville ihm die unersetzbare Sprecherin des Uhu. Das Spiel +fiel aus sieben Minuten vor Beginn. Das Weib war im achten Monat, der +Sergeant riß sie schleifend die Treppe hinauf. + +Da überstieg der Zorn über das, was er am Guten verfehlte, an falschen +Plätzen vergeudete und verpraßte und nicht aufhob für das Donnernde, das +seinem Leben Ziel und Erhebung geben konnte, all das in ihr einen +Augenblick lang, das an ihm hing. Geröteten Gesichts unter der Schminke bat +sie heftiger, er solle sich wehren, nicht gefalteter Hand sich selbst +zerstören und abbauen, statt zu schaffen. Aber er wehrte sie mit der Hand +leicht ab und einem Ausdruck um den schöngeschlossenen Mund, daß ihre Hand, +Verzeihung erbittend, die seine strich. + +Aber sie verlor nicht das Gefühl, wie sehr die Unzulänglichkeit seines +Lebens das ihre bedränge und daß sie sich zerstöre und fessele, lebte sie +weiterhin wie seither. Sie verstummte verzweifelt. Sie empfand zum ersten +Male die Ungenügendheit der Menschen, in denen die Führer taub und falsch +gerichtet lagen und an denen zerbrach, was glühte. + +Sie tanzte mit einem Lächeln, das sein Gesicht nicht ausließ, steigerte +sich zu den schamlosesten Gebärden, hob Bauch und Schenkel, daß nichts ihr +blieb, alles ins Publikum fiel an Reiz und Erregung ihres unbegreiflich +schönen gebogenen Körpers. Während ihre Füße in Unzucht gingen, lobte ihr +Mund nur sein Gesicht, forderte ihr Auge sein Lächeln. + +Sie sammelte, durchbrach die knatternden Applause, stellte den gehäuften +Teller vor ihn, strich über seine Hand. Ging. + +In seinem Zimmer begann sie zu schluchzen. Sie sah sich um, verließ es. + +Sie lebte vor Cafés, auf Imperials. Lebte Rue Richelieu, Rue Bonaparte. Kam +Quartier Ternes, fuhr auf einem Karussell mit Affen am Etoile. Glühender +Scheibe gleich sauste der Kreis des Daseins vorbei. Sie blieb draußen. +Atemlos. Ohne Besinnung. Die Zähne aufeinander. Ohnmächtig Knie an Knie. +Immer wars, es stürze wie über Terrassen das Gesehene und Erlebte ab von +ihr. Ihre Verzweiflung trieb die hellsten Tage zurück. Der Papagei der +Savoyardin im Luxembourg, der sie kannte und liebte und dessen Hals sie +kraute seit Wochen in schöner Zärtlichkeit, rieb den grünen Kopf an ihrer +Hand. Sie sah ihn nicht. Sie fuhr nach St. Germain. Vom Imperial brach die +Stange vor der Station, ein Latschmützer sauste ab, hielt sich, stürzte +eine alte Frau auf die Chaussee, sie brach die Beine, schrie aus +kreisrundem Mund »Adolphe«. Kondukteur und Arzt herbei, der Apache bestach, +blieb an der Ecke, höhnte: »un plomb«, der Schaffner warf das Bleistück +wütend auf die Erde, ging mit roten Fäusten auf die Apachen, die die +Zigaretten in den anderen Mundwinkel steckten, ihn über einen Zaun +schmissen. Der Arzt reinigte sich, unter Gequietsch rollte ein Handwagen +mit der Frau ab, die Männer sagten »merde«, schlenderten weiter. Die Vögel +sangen toll. Aus einer blauen Woge trieb sich der Park gleich einer Wolke +heran und stand zitternd in der duftenden Luft. Der Wind wogte golden um +den Hochstieg der Sonne. Die Boskettes fluteten vor Licht. Sie nahm eine +Bank. Hinter dem Brunnen ward der rote Strumpf eines Mädchens deutlicher, +stieg, die Hand eines Mannes hob, der Rock flog auf wie ein Pfau. Als die +kristallene Abendwölbung kam, hing eine rote Windfahne über dem Schloß, ein +Mandelbaum, der fast weiß ward vor Hingabe, roch wie im Traum. + +Frierend fuhr sie zurück. + +Wohnte Trocadero, sah Flugzeuge silbern am Himmel surren. Rue du Château +d'eau schlief sie bei der Concièrge, spielte abends in Porte St. Martin. +Stand mit Heiligenbildern vor St. Sulpice. Wohnte Porte de Bercy, Bois de +Vincennes. In einer Gärtnerei Neuillys goß sie Blumen, hütete ein Kind, bis +es schrie und lief unter dem Schreien plötzlich davon. Stand fest vor der +Porte Maillot mit »Intransigeant«, »La Presse«, empfing das Trinkgeld der +Soldaten, hielt unter den Wasserpalmwedeln durchsausender Automobile, +spielte Karten mit den Zollwächtern der Barrikade. War eine Negerin im +Odeon, entblößte den Bauch und schwang ihn wie ein kupfernes Schild +zwischen den zärtlichen Hüften. Hielt Narzissen in einem Kiosk der Place +des Vosges. Stand auf dem Wagen der demonstrierenden Studenten der +juristischen Fakultät, umbrüllt von Jugend, Benzin, Fleisch. Verkaufte »Les +Trois Couleurs«, mit denen der »Matin« den +Deutschland-Frankreich-Rekordflugpreis des »Journal« bekämpfte. Wohnte Rue +St. Jaques, die barock vom Panthéon steil und dämmerig zum Boulevard de +Port Royal steigt. Sah Madeleine aus einem Auto, verhüllte ihr Gesicht. +Fiel zurück in das Getriebe, sah Gare St. Lazare die Auslandszüge über den +starren Friedhof brausen, drückte Blériots schwielige Faust. Stieß im +Louvre auf Guigui, die mit schwarzem Lorgnon, elegant gekleidet, an ihr +vorbei auf einen zottigen Rumänen sich lanzierte. Sah die blauen Monde +elektrischer Laternen die Sommernacht der Boulevards schwärmerisch +durchschwimmen. Wohnte Tuilerien zwischen Hecken und Marmorbildern. Kam in +ein Musikcafé, eine Geige riß ihr ins Herz, löste sie wundervoll auf und +zog aus dem Verschütteten mit dem schon über das Menschliche hinausgehenden +Hinreißenden ihrer Stimme sie in die Höhe. Sie ging hinaus, begann zu +weinen, kam auf die Bahnhofsbank des Boulevard Montparnasse. »Kommen Sie«, +sagte eine Stimme hinter ihr. Durch Tränen sah sie den Mann, der im Café +Cluny neben ihr die Zeitung gelesen, ihren Kaffee bezahlt hatte. Atemlos +nahm sie seinen Arm. Da sie ausgedurstet war nach einer menschlichen +Stimme, wäre sie gefolgt, wäre sie rauher noch und befehlender gewesen wie +diese. Verscholl. + + * * * + +Aus den Sonnenblumen des Rangunschen Weibergemeinschaftshauses brechend, +schlug Stefan ihr die Arme um den Hals von rückwärts, drückte, schob einen +Knebel in ihren Mund, warf sie auf einen Gaul, das Tier lag in den Knien, +ein anderer Pferdekopf schob sich vor, sie war frei, da rasten die Gäule, +eine Hand riß ihren Zaum. Sie ritten die Nacht durch. Ihre Augen zählten +die Äcker, sieben Bäche, sie lauschte. Geräusche. Alarm. Wasserzüge +leuchteten Metall. Mond über einem Ölbaum. Der Mann schlug Schleifen, ritt +ein Stück mit ihr im Fluß. Der Küstenstrich war alarmiert, er ritt zurück. +Eine Finte. Seine Ohren standen steif vor Anspannung. Die Gäule stoben +durch Gestein zurück auf einen Hügel. Vor dem Himmel gebrochen hingen +Bergzüge in die Weißnacht, darüber eine Kuppe wie ein Segel geflaggt. Hinzu +trieben sie in Wälder. Als sie den Gurt durchbrachen, Zweige um sie +schnellten, flammte die Sonne auf. Sie kamen an ein Bambushaus. Er stellte +die Leiter an, ging in den Verschlag, zog die Leiter hinter ihr ab. Als er +sich umdrehte, ward sie unwohl, die Periode erfüllte sie mit Nebel, warf +sie um. Abends, als sie die Augen aufschlug, entdeckte er es. »Vier Jahre«, +sagte er, seine Hände zitterten. Sie sah an seinen Fingern hinauf, hinab, +schlief ein. Anderen Tages mußte sie reiten. Sie ritt. + +Sie ritt mit ihm, der unter holländischem Lampenhut das Kostüm des +nördlichen Chinesen trug, um die Wette. Schlief bei Tage. Fuhren nachts in +Lagerfeuer. Eingeborene zwischen spritzenden Spänen sausten, die Fäuste in +den Augen, in die blonden Felder. Ölbäume zitterten erregt unten in Ebenen. +Sprach kein Wort mit ihm, nur an seinen Händen sah sie die Sehnsucht von +Jahren. Als sie wohl ward, kniete sie, beugte sich über den Kopf, der +quadratisch geschlossen schnarchte. Beugte sich tiefer, roch ihn, empfand +die Gewalt, schlug die Zweige zurück, auf Schuhspitzen und Handflächen +schlich sie in eine Rinne, kam an den Rand, pfiff die Gäule, ritt nach der +Küste zurück. Hielt am Mittag. Von ihrem Gesicht fiel ab, was sie gelebt +das Jahr und was sie erwartete. Sie lauerte, überströmte sich mit Blut. +Kehrte um, wandte den Rücken, schlug Stefan einen Pfiff, machte Bogen, +führte die Gäule rechts und links am Halfter, rannte mit ihnen ins +Wiesenwachs, ließ los . . . zwei Bogen sausten in den Horizont. Sie schlug +sich morgens zu einer Karawane. Um sie Sand. Nach dem Berg zu. Allein. + +Mitten trugen sie einen Alligator, vorn ein Parah mit Weibern für +Bergradjahs. Die Armenier liefen beim Halt nach vorn, starrten in das +Kattun. Daisy gab einem Ceylonier ein Messer für einen Esel. Er sah auf +ihre Weiberhand, mißtraute ihr in dem Jünglingsrock mit abgeschnittenen +Haaren, bedachte, es sei ein politischer Emissär, meckerte, sah Rebbach in +der Beziehung, blieb treu neben ihr. Abends hob sich der Kattun des +Vorderkamels. Hüften schaukelten prall und weiß. Ein Tuch fiel. Eine Auge +grell nach Fleisch suchte das ihre, die Lider senkten sich, der Kattun +verschluckte nicht das Zeichen. Es galt ihrer männlichen Kleidung, der +tänzerinnenhaften Bronzeschlankheit. Am Morgen kreuzte sie eine Karawane. +In der zweiten Reihe ritt Stefan auf sie zu, sie erstiegen einen Palankin, +sie schloß die Augen. Wieder roch sie seinen Körper, dessen breite Muskeln +sie fast zerbrachen. Demütig nahm sie seinen Zorn, seine Beglückung. Sie +hoben sich aus den Knien. Der Kattun beim Vorderkamel stieg in die Höhe, +das Zeichen des ersten Feuers kam. Dolche sahen in den erhellten Palankin. +Wütend schlug der Kattun zurück. Das Weib heulte die Nacht, geschändet in +ihrem Geschlecht, denn das Tun der beiden Männer im Palankin war ein +Greuel. Am Gebirge bremsten sie, trennten sich von der Masse, schlugen sich +in die Täler. Ein sanftes Gesicht wandte sich ihm zu, als sie allein hinter +einer Düne standen. Allein die Fremdheit dieser Ergebung füllte ihn mit +Mißtrauen so, daß er sie mehr beobachtete, als hätte sie Fäuste in sein +Gesicht geschlagen. Doch sie tat keinen Laut, ergab sich und war in ihrem +Erleiden und sich Schenken von einer Entferntheit, die ihn rasend machte +hinter seinem steinernen Gesicht. Entfernte sie sich: »Halt«. Ging er vor +ihr, sahen zwanzig Augen aus seinem Rücken. Führte sie, fraß sie sein +Blick. Doch je mehr er sich bemühte, um so mehr gab sie sich ihm +schrankenlos in die Hand. Allein er empfand auch hierin nur, was sie +verschwieg. + +Als ihr die Milz schwoll vor Feuchtigkeit, Fieber ihr Hirn verwirrte, trug +er sie am Leib an einen Sonnenabhang. Das gesteigerte Blut wehrte sich, sie +schlug ihm das Gesicht auf. Als das Licht das Fieber aus ihrem Körper warf, +sah sie das Blut. »Ich schlug dich nicht«, sagte sie. Er schwieg. Da küßte +sie seine Hand; »Verzeih.« Sie lag wie ein Kind an ihn geschmiegt. Er sagte +nichts, denn er besaß. + +Je mehr er besaß, um so stärker zog er sie in den Kreis, den seine Kraft um +sie schloß und sie bedingungslos ihm gab. Bronzekörper fielen hinter sie +zurück, Geschlitzte trieben Yaks auf Abhänge, tranken Alkohol, schrieen die +Nacht. Er band sie mit jedem Gedanken, als es schneefrei ward. Ihren Willen +schied er aus. Seinen pumpte er ein. Ihr Schritt ward bestimmt. Das Moos +für den Fuß bezeichnet. Selbst ihren Gang, da das Unaussprechliche ihrer +Ergebung ihn wie mit tausend Widerständen peinigte, regelte er nach Tempo, +Biegung, er hätte versucht, sein Blut ihren Adern einzuführen, das dunkle +Letzte suchend, was er besitzen wollte. Die Nacht nahm er ihr die letzte +der achatnen Kugeln. Im Morgengewölk entblätterte die Spitze. Ein +schnurgerader Weg in Fels gemeißelt blitzte hinauf. Links, rechts sausten +Abgründe. Am Ende oben stand ein Bau. Zweimal stieß Stefan vor, kam zurück. +Das drittemal war er bleich. Er untersuchte die Abstürze, den Stein, blieb +die Nacht weg. Am Morgen kam er: Aus. Rot im Weiß des Auges. Die Hände +hingen schlaff. Sein Mund murmelte die Stationen, die in vier Jahren die +Sehnsucht ins Irrsinnige gesteigert: »Paris . . . Marseille . . . Kalkutta +. . . Pegu.« + +Sie lächelte, band den Gürtel schräg, torkelte, strich die Sandalen ab und +ging mit einem kühlen Schatten neben sich los. Auf das Tor zu. Klopfte den +vierfachen Rhythmus, es schloß sich hinter ihr. Sie glitt in die Welle, die +im Kreis des Hofes brauste. Senkte den Kopf, schritt mit, strich nach zwei +Stunden von der Peripherie, sah ein gelbes Band, kam in den zweiten Stern, +sprach eine Minute, glitt durch die Barriere in die innere Drehung. Die +gelbe Binde verschwand, bückte sich. Ein anderer wiegte an der Seite. Sie +kam näher der Kuppel am Mittag. Der Kreislauf faßte sie enger um die Mitte, +schlang sie ein, trieb sie in den innersten Kern, sie flog von Schleife in +Schleife, glitt an ein Metall, es erzitterte, nach fünf Minuten kam sie +bleich mit einer Tafel. Den Kopf gesenkt, die Welle nahm sie auf. Langsamer +und vorsichtiger spie sie sie aus. Ihr Bein tat weh im Torkeln, aber das +vergangene Jahr verließ sie nicht. Sie strömte durch das Brausen, die +Flügel des Umschwungs geleiteten sie mählich, hochmütiger aus dem Herz des +Sternes. Gegen Abend zog die Menschen-Mühle mit Schweigen, sie bog in die +äußerste Peripherie, stand abgestoßen vor dem Tor. + +Es war dunkel. »Komm«, sagte sie. + +Sie überschritten den Steg, ein schmales Tal schmiegte sich entlang, am +Ende ein Tor. Die Türen sperrten, die Nacht zischte in der Laterne, die ihr +Gesicht überflog, das Licht fiel auf die Tafel, das Gegentor schoß auf. Die +Ebene lag vor ihnen. Sie lächelte. In seine Hand gab sie die Tafel, sie +konnte sein Gesicht nicht sehen, später erst ward der Himmel heller, fiel +weiß im Bogen gegen den Grenzfluß. Unter dieser Bewegung spürte er, daß das +Unwägbare in ihr, was er gesucht und nie erreicht, solang er gezwungen, ihm +näher nun, wo sie sich über ihn schwang, war als je. Dies schlug ihn ganz +zusammen. Sie übersah es. Blieb die gleiche. Frug ihn nach Weg, Leitung, +gab ihm die Führung, folgte ohne Zögern. Sprach ruhig zu ihm von Wäldern +und Flüssen und Dingen, die sie umgaben. Von sonst nichts. Sie häufte alles +auf ihn, was ihm das Ansehen, den Ausschlag, die Leitung gab. Als es ihn zu +sehr bedrückte, ergab sich eine stillschweigende Harmonie, sie wünschte, er +tat, aber sie zeigten, sprachen es nicht aus. Er verstauchte das Knie eines +Tags. Sie blieb erschrocken, da fraß ihn das, was ihm Komödie schien, ans +Herz, er brauste auf, die Schläfen wölbten sich, die Fäuste wuchsen. Sie +aber unterzog sich dem ohne Betonung, demütig, nahm es hin wie vorher. Dies +wischte seine Erregung weg, und von diesem Augenblick blieb er in einer +gefaßten Ruhe, die jede Schwingung seines Blutes in einer ehrfürchtigen +Entfernung hielt. In diesem Gefühl fand er sich wieder, wurde stolzer, +sicherer, und so empfand er die Entfernung, die sie wirklich von seinem +Erleben trennte und zu deren Aufstieg der große Weg ihn noch trennte. Von +weißem Licht bespült, fast unirdisch in der Ruhe der Fächerabende kreiselte +ihr Floß, dessen Ränder sie bewohnten. Der Himmel hatte die Farbe des +Perlhuhns, seiden in der Berückung der Flötendämmerung. So entglitt sie ihm +immer ferner, je tiefer er sie in Wahrheit erkannt und empfand, und indem +sie das sprengte, was er bis zu diesem Tage als höchstes Vertrauen seiner +Kraft in sich hielt, befreite sie in ihm die Freiheit, die mit +schmerzlicher Glut ihn ganz erfüllte. Aus einem Abend stachen +Dampferlichter. Unter senkrechter Flamme entzündete sich ein Hafen. Eine +Stadt mit Musik, Cafés, Papierlaternen und Lichtern kam aus der Wölbung. +Als sie in der Bahn abfuhr, sagte er wie im Garten Guildendaals: »Du bist +der Wirbel, der mein Leben einfängt«, aber er sagte es mit einem +schmerzlich veränderten, zu anderen Entschlüssen umgebrochenem Gesicht. Sie +nickte zurück. Aus dem Aufschlag ihres groß bewimperten Auges blieb eine +träumerische Bewegung in der Luft, die bald rot ward. Die Ebene glitt in +dunklem Samt zurück, der Himmel berauscht, bebend wie eine Trommel, grau +mit tierischem Glänzen der Fluß. Sie schloß die Augen und es kam nur das +lösende Gefühl mit grenzenloser und gütiger Kraft: Schlaf. + + * * * + +Sie sieht ihren schmalen bronzenen Körper im tiefen Glanz des Spiegels +erscheinen. Sie reißt das einzige, was außer der leeren Halskette an ihrem +Leib ist, von ihrem langen Schenkel über dem Knie das Band, zieht die +Schließen an. Verkauft die zwei Perlen. Im Palankin fährt sie ins +Hafenquartier, klopft, verschwindet. Fährt im Männeranzug im Wagen zurück, +mit dem kurzgeschnittenen Haar einem Mischling gleichend, zu einem Magazin, +füllt einen Koffer, fährt zu einer Pension, nimmt einen Raum. Dort klirrt +die Glocke des Rockes um ihre Hüften, zögert die wundervolle kleine Brust +in der Bluse. Da reitet, ißt sie als Herr. + +Ihr Mund hat einen hinreißenden aufbrechenden Zug. Das Auge sucht, hebt +sich, erstarrt, sinkt. Von zwei Seiten durchwühlt sie den Menschenhaufen. +Er fällt nicht vor ihr zurück, gleitet nicht mehr ab. Sie reißt, aus der +Einsamkeit her gesammelt und hoch schon über jeder Enttäuschung, zu sich +jetzt, was sie erwittert. Das Auge glättet, schmeißt auf, enthüllt, zerlegt +. . . die Pupille sinkt. Innerlich voll Spannung, fiebernd erregt. Nach +außen, von vieler Erfahrung her, demütig überlegen. Als Frau zieht sie den +Mann an allen Instinkten, reizt ihn mit Geist, mit der Drehung der Hüfte. +Spürt seinen Blick im Ausschnitt, im Nacken. Sieht den Mut seiner Erregung, +führt ihn, zieht ihn nach, sieht endgültig vor Zielen, Aufgaben ihn +entflammt -- spürt aber, mäßigt sie ihr Blut zu Kühle, ihn zurückgeschraubt +im Thermometer seiner Begierde. Die Pupille sinkt. Sie bohrt von der +anderen Seite sich ins Geheimnis. Selbst in der Maske des Mannes +desavouiert sie ihn in seiner Beziehung zur Frau. Erst hinter dem Weib, das +ihn aufschwänzt, in der Einstellung auf Bauch und Besitz ihn als Klasse +sofort uniform macht (wohl auch riskant und alles in die Wagschale werfend, +doch nur spielerisch und daher unbestimmt und ohne Verlaß), dahinter erst +entdeckt sie den Mann. Ungestört von weiblicher Schwingung trifft sie die +Nüchternheit seiner grauen Stunden, die Lüge seiner Frische gegenüber +Weiblichem. Teilt seine Barnächte, Dürftigkeit seines Spiels, die +Phantasielosigkeit seines Hirns. Außerhalb der Polspannung der Geschlechter +empfindet sie die Indiskretion gegen jede Frau, seine Kameradschaft gegen +das Weib. Sie konsumiert mehr Menschen, ihr Auge wird heißer im Erkennen, +die Pupille sinkt. Ihr Leben wird rastloser. Sie weiß, der Mensch versagt, +und Enttäuschung peitscht sie auf. Lauschend sitzt sie in den Ecken. +Aufmerksam verfolgt sie die Ereignisse der Straße. Sie mischt sich, wo +Meinungen kreuzen, Kräfte aufeinanderstoßen. In Nankingkleidern treibt sie +sich am Hafen hin, kommt arbeitend an die, welche der Instinkt der anderen +als Überlegene, Wollende, Visierende zeigt. Treibt mit Smith vier Tage um +die Fischeransiedlungen, hört, öffnet ihr Ohr weiter, stärker, erreicht die +Grenze. Starrt ihn an, die Pupille sinkt. Kehrt zurück zu den Baggern, +Transportern, aufgeregter Meute in großer körperlicher Bewegtheit +Schaffender. Schwenkt ab zu den Stillen, Vergrabenen, an Maschinen, in +Kellern, Hangars Angeschmiedeten. Findet Abgegrenztes. Wo Ziele sind, +schwach fundiert. Erstrebtes nur im automatischen Gang. Hinter dem Programm +das Nackte, Ehrgeiz, Erfolg des Ich. Sie rettet sich in einem Bogen, mischt +sich unter die Weiber, trägt Armband, Ringe, duftet, rauscht mit Dessous. +Nur Holzbein, Titus und Zwicker denken, und die Ergebnislosigkeit solch +nüchternen Schwungs stößt zurück. Doch sie läßt sich nicht schrecken. Die +Menschen versagen. Aber sie hält nicht. Will. Muß. + +Mischt sich in einen Streik, schmiegt sich an die Leitung, spürt, wittert, +die Pupille sinkt. Schon mißt sie den Einzelnen, den sie sieht, auf seine +Befähigung, richtet ihn nach ihrer Forderung, fast nach dem Geruch, durch +den untrüglichen Instinkt, der sie vorwärts führt. Sie sieht einen +Gentleman einen Hund mit Lebensgefahr retten, pflegen, säubern. Sie +schließt sich ihm an. Sein gutes Herz sieht nur den blinden Einzelfall, +spannt sich nicht aus. Sie zuckt die Achseln. Nicht genug. Die Pupille +sinkt. Im Klub mit Abenteurern spürt sie Fabelhaftes, aber es vollzieht +sich nur aus Rausch. Verschwenderisch, doch unbrauchbar. In der Tiefe die +wilde Grimasse aus Kneipe und Bordell, die sich einsetzt und stirbt, nur +Aufflammen ungezügelten Instinkts. Traf sie auf Ideen, waren es +Schwächlinge, Schwärmer, die Locken nach der Sternansammlung schwenkten. +Kein Handgelenk und Griff. Die Pupille sinkt. Sie sucht nicht für sich, +denkt nicht für sich, wird unermüdlicher, gläubiger. Leid, das sie aus +jeder Stunde anschreit, wirft sie nicht um, hetzt, feuert sie an. +Empfindsam, gleich einem Apparat, zeichnet sich auf sie ab die Struktur des +Daseins, sie mißt, urteilt, findet den Hebelpunkt -- weint, daß sie eine +Frau ist. Lächelt über die Hilflosigkeit des Geschlechts, beißt den Mund +fest und sucht heftiger, strackser. Schon wachsen Ansätze zu Plänen. In der +Dürre des Erfolgs selbst beschwingt sich ihre Seele zu größerem farbigstem +Feuer. Wohnt in Baracken, wohnt im Hotel als Dame, wohnt an der Quarantäne. +Wohnt ein Stück im Lande. Sieht fischende Frauen im Abendlicht mit +Bastkörben von Stein zu Stein springen. Boote vorüberfahren. Dampfer +rauschen. In der Pension als Reiter. Seglerin des Hotels. Lernt aus jeder +der Sekunden. Sieht den Saft aus der Erfahrung, bekommt schärferen Glanz, +mildere Schönheit ins Auge, reift mit Brust und Hüfte in eine schlanke +Rundung. Prüft, hofft, verwirft. Spannt sich in den Glauben mächtig zum +Dehnen. Die Pupille sinkt. Das Lid hebt sich. Die Figur eines Kapitäns +schneidet sich aus einem Dampfer. Der Schall eines Agitators verzückt +erregt. Das Raunen einen Slowenen in einem asyle de nuit sinkt ins Blut. +Die Haltung eines Kaufmanns zu seinem Diener verblüfft. Der Blick wird +grau, das Dreieck spannt sich über die Stirn. Die Pupille erweitert sich, +erschlafft. Sinkt. In einer Barnacht singt die unsterbliche Stimme eines +Dichters die Brüderlichkeit. Am Meer ist seine Seele läpsch wie ein +Schalet. Sie folgt einer Revolte. Es sind Betrunkene. Sie wohnt an dem +Segelhalteplatz, beim Sport. Wohnt in einem kleinen Garten mit Holzhaus, +wird braun wie die Eingeborenen, sieht die Haut der englischen, indischen, +französischen Frauen. Folgt zwei singenden Vögeln. Die Heide schlägt sich +um sie auf im Abend. In der stürzenden Dunkelheit bauen zwei Parteien ein +Duell, legen Knipslaternen auf Steine, reißen zwei Lichtkegel zwei Figuren +aus der Dämmerung. + +Ein Schuß pitscht. Sie weicht zurück, fast umgeschleudert. Ein Auto biegt +vor dem, welcher schießen will. Ein Arm aus dem Auto greift die Hand, +schleudert die Pistole mit einer unbeschreiblich ablehnenden Gebärde auf +den Rasen, springt hinaus, tritt darauf, reißt den Mann mit sich in den +Wagen. Sie hört ihn sagen: »Ich habe andere Aufgaben für dich.« + +Die Pupillen stehen weit in Kreisen glasig erhellt, offen, bekommen +Facetten, glühen vor Licht. + +Sinken nicht. Sie springt in den Wagen. Sie nehmen sie kühl auf. Sie sieht +nur den einen. Sie sitzt den Abend zusammen mit Gordon, Raffaeli, Di Conti. +Die anderen schweigen. Di Conti spricht. Gegen Mitternacht werden außer +seinem die Gesichter mißtrauisch. Ihres glüht. Mit schief im schwarzen Bart +gestrecktem Mund fragt Raffaeli: »Was geben Sie?« »Mich!« Gordon umreißt +mit gierigem Blick ihre Figur. Raffaeli zuckt die Achseln, die Nase biegt +sich skeptisch in den Flügeln, vibriert. Di Conti wiederholt die Frage +kalt. Da lächelt sie, verschenkt sich an sein Gesicht mit aller +grenzenlosen Hingabe. Die von keinem Sou des Angehäuften seither nahm und +lebte, sperrt auf die gesamten Depots. + + * * * + +Jeden Traum sah sie in seiner Hand schon fertige Waffe. Keine Ahnung, die +ihm nicht schon zum Abfeuern geladener Plan. Sein Glaube war so ungeheuer, +daß er ihn schon jenseits der Ekstase mathematisch beherrschte. Aus dem +Herz die Flamme gerann ihm im Hirn. Seine Kühle war unbeschreiblich über +dem barbarischen Feuer, das gebändigt darunter tobte. Selbst Raffaelis +fanatische Unerbittlichkeit schmolz, Gordons nicht ausmeßbare Aktivität +folgte nur seinem Druck. Ihr schwindelte, wenn der Tag sie in die +fassungslose Nacht entließ, wo ohne die Gemeinschaft das Ganze in +Schlagschatten zerrann. Ihm war, was sie als Entfernung der Welten ohne +Brücke sah, aus ungeheurem Wollen geringe Distanz geworden, ihm gab es +keine Hemmungen in seinem Bau. Hatte gewogen, geschaut, gedacht, die +Rechnung gefertigt, die Summe gezogen. War kalt geworden, bedacht vor +Ergebnissen. Trieb nun vor. Sah in dem Ruhenden, Daseienden, im Pathos +bloßer Tradition den Feind, das Erwürgende, sprach gelassen gegen die +Schwerkraft, gegen die Anziehung der Kräfte. Stemmt gegen die drehende Erde +sich mit der Kühle des Überlegenen wie am Schalter eines Automaten. Ihr kam +nachts, daß aus der ungeheuren Kraft seines Wollens, die alle überströmte, +er in die See hinaus, die Tag und Nacht die Fahrt umschäumte, neue +Bewegungen, seinen Rhythmus und Zweck dem Schiff, den Schornen und der +Flutung diktieren könnte. Er stand am Schalter, wies ihr die Spannungen, +die Drähte, sogar die Klingelzeichen der unterirdischen Erregungen. Der +Traum machte ihr sein Bild wahnsinnig. Gordon, der von Marokko bekannt, +verfolgt war wegen Desertion, Aufruhr, Agitation, ging morgens neben ihr +auf dem Verdeck, ließ sie das Spiel seiner Muskeln spüren, Feuer und Lust +seiner Kraft, in diesem Kampf zu führen. Doch Di Conti gewann ohne Kampf, +besaß mit Nichts. An ihm fand sie die Lösung. Er drahtete vom Schiff, +diktierte, erklärte, schrieb, zeichnete Karten, sah auf, lächelte +beherrscht. Gordon trat mit englischem Backenbart aus der Kajüte, ging +geschnellt auf den Ballen, sprach deutschen Dialekt, hatte einen Steckbrief +wegen Agitation im Heer. Raffaeli sah das Meer nicht, sah nach innen. Das +eigene Vaterland ließ Di Conti kühl, es lag an der Peripherie, entwickelte +sich im Lauf des Zentralproblems, fiel später unter Raffaelis +Durcharbeitung. Er selbst zielte aufs Herz Europas, stach nach Paris, um +von dort das Blut in den Körper des Erdteils zu treiben. Für die asiatische +Welle hatte er Aufmerksamkeit, nicht mehr, empfing Depeschen aus Genf, +lauschte auf Berichte der Vertrauensmänner, verglich, maß die Stadien der +Siedespannungen am Barometer, verglich die Leidenschaft der Massen, gab +Ordres, zögerte, tat einen Ruck, setzte andere Spieler ein. Zielte zuerst +gegen den Kitt, die umfangenden Reifen, die Macht, das Militär. Rettete +darum Gordon, der den menschlichen Bruch und Riß trug, im Persönlichen so +schwach zu sein, daß seine Eitelkeit ihn in eigenen Dingen das allgemeine +verleugnen, in jede Tollheit sich werfen ließ. Hatte die Organisation es +aufzuschälen, die Schaukel dann aufzutreiben, die aus Jahrhunderten +rotierende Gesinnung zu stürzen, Massen aufzuwerfen, gerecht die Erde zu +nivellieren. Das Leid der Irren, Kranken, Sklaven, falscher Sehnsucht +endete hier. Sein Paradies war willkürlich, geschaffen, diktiert, es +kümmerte ihn nicht. Gegen Raffaeli hatte er die Kühnheit zum weiteren +Schritt, die Gerechtigkeit zu verleugnen, um sie endgültig einzusetzen. +Sein fachlicher Befehl, der Definitionen verachtete und aus der Berechnung, +die tausendfaches Gefühl ihm geformt, sprach, war bestimmender als +Raffaelis Glut. Er kannte nur kalt Herrschende und Blinde, die sich nicht +befreien konnten, da ihre törichten Herzen die Erkenntnis zum Handeln nicht +zu fassen wagten. Er trug darum die Verantwortung seines Entschlusses mit +präziser Automatigkeit. Zwei Tage vor der Landung kamen Nachrichten von +Gärungen in Lyon, am folgenden putschte Marseille im Hafen, in Nancy +erschoß ein Unbekannter einen Oberst. Mit zusammengepreßtem Herzen, +zitternd, sahen sie das Land. »Es ginge nicht ohne Sie«, verbeugte sich +durch die Dämmerung Raffaeli mit Schätzung und Verachtung zugleich auf das +Geld, mit dem er arbeiten mußte. Es wurde dunkler, Laternen blitzten. Di +Conti stand an der Reeling, hielt ein Papier in der Hand. »Gott selbst +könnte sich nicht widersetzen. Wagte er das Sinnlose, seine Welt liefe taub +aus. Eine furchtbare Gonorrhöe.« Er hatte den Kopf zurückgeworfen, sein +Mund war blaß geworden vor Zusammengedrängtem. Die Nacht sprach er mit ihr +zum erstenmal allein und lang. Sie ward erfüllt von dieser Stunde, daß ihr +Leben sich verankerte in ihr. Nie verließ sie das, nahm Besitz von Blut und +Kräften in einer Durchdringung, die fast den Mond und den Meerraum mit +hineingab in sie. Bei der Ankunft wehte irgendwo eine Flagge. Ein Kind +strauchelte und stieß Raffaeli. Der Portier hatte Briefe, nahm eine Perücke +ab mit einem Zeichen innen. Drei Tage darauf meuterte ein Regiment in der +Aube. Gordon wurde verhaftet. Di Conti schlug zu. + + * * * + +Als sie den Boulevard heraufkam, stand, die Hände über den Augen, Raffaeli +an der Ecke. Sie nickte. Er verschwand. Um zehn Uhr betrat sie das Cafe Rue +Guijas. Drückte sich bis zur Wand, schob die Achsel vor. Vier Frauen +standen am Schießapparat, zielten, schnellten den Hebel, schossen für einen +Sou die Freimarke zum Café für vier. Sie gelangte ans Büfett, ein Mann +stieg vom hohen Stuhl. Sie kletterte, der Neger im Hufeisen ließ eine Tasse +in der Schiene gleiten, ein Porzellan mit Gebäck, erhaschte sie mit einem +Schielblick, schob einen Brief nach. Sie hatte Röte an den Schläfen. Sah +fest nach dem Eingang. Während Mädchen an den Wänden hingen, sangen, +plärrten, Queues das Billard umkreuzten, trieb trotz der Frühe eine +Unterschicht herein, breitete sich aus, füllte heftiger, ein Zittern +durchlief die Körper der Gruppen. Sie drängte weiter. Auf der Erde wieder +wand sie sich herum auf dem Absatz. Der Ire stieß sie zur Seite, brach sich +zum Apparat durch, griff den Studenten am Apparat, der, eingeschossen, +gewann, an seine Brust, stemmte ihn hoch, warf ihn hinaus. Sie sagte etwas, +fast laut. Ein Mann nickte. Ein Mann sah sie fragend an. Sie gab ihm einen +Zettel. Sie hörte Worte, helle, gedämpfte, zischten vorbei, schlugen +vorüber. Eine Gruppe löste sich, ward um sie ein Kreis. Sie kniff die Augen +zusammen, sah in die Höhe. Stieß ein Weib an, versehens, neigte rasch den +Kopf, beglückte eine Sekunde mit den Augen. Hob rasch die Lider, schloß sie +fest, öffnete groß und sah dasselbe in dem Gesicht eines großen Mannes. Sie +durchdrückte die Welle, die auch um die Dominotische schon brauste. Mimis +saßen, setzten, bauten, die sie nicht kannte. Wie von St. Denis hierher die +Kette heraufschwang, ihr Gefühl faßte, der Rachen aufbrach, schlang, wütete +in diesem Fleisch, glomm Stolz in ihrem Auge. Sicher ging sie vorüber. +Etwas schwankte von ihr wie Trost fest um den Tisch. Ihre Hände berührten +Hüften. Eine Stimme drehte sich ihr zu, ohne Ton, heiser wie Blech. Der +Mund war noch schön: Ly. Es bohrte hinter den glasigen Augen, faßte es +nicht, schluchzte in der Gurgel. Das Hirn faßte das Gefühl nicht, sie +heulte auf, erkannte Daisy nicht genau, wußte nur dies und dies und die, +nichts Eindeutiges, bückte sich: »Gib mir zehn Sous.« Sie gab. In der +Bewegung der Hand erfüllte sie das Geben ganz zu Glück. Trat aus ihr +hinaus, sie fühlte, daß in diesen Tag ihr Leben Fülle und Bedeutung +erhielt. Zwei Männer hielten sie an, einer küßte ihre Hand. Sie hörte, +während er sprach, Lys Stimme dahinter: »Combien . . .? Trapez mit dir -- +Sau von Geiz . . .« Bleich vor Angst ein Preuße vor ihr, sie steigerte ihn +über die Taxe. Sie löste sich, schon war sie darüber. Nichts drückte sie +mehr. Glühend flog es auf in ihr. Am letzten Tisch verwirrte sich ihr Auge +in einen Glanz. Le Beau stand gegen die Wand, ein Mann neben ihm, der auf +sie zeigte. Durch Gedränge und Stimmen hielt ihr Atem, ihr Sichsehen fest. +Das Gefühl floß, sie wußte, es würde sie immer verbinden bis in den Tod. +Das erste Erleben des Blutes hielt sie zusammen, nichts wischte das weg, +keine Tiefe. Ein Trauring lag um seinen Finger. »Ruiniert.« Sein Auge war +voll Geist, stolz. Über den Plafond strich es aus Jahren: Autos, Feste, das +Haus des Boulevard Raspail . . . es lag zurück wie tot. Sein Blick tastete +atemlos nach ihr, mißverstand die Pause, die sie ihm gönnte, bog eine Frage +aus ihr heraus. Der Punkt, den sie festhielt, war der Eingang. Dorther +füllte es sich mit einem Maß reifer und übermütiger Freude. Bleich sah er +die Linie der Nase, zog die Luft nach, die sie zurückließ, ging mit dem +Detektiv hinaus. Er hatte sie gesehen. Abgewandt, ihm gehörig, +hoffnungslos. Sie aber, entzündet weit und hoch über ihm und seinem +Lebenskreis, durchbrach die Barrikade von vier Männern, deren Leiber alles +abhielten. Sie kam durch. Ein luftleerer Raum kam, ein Stern von Stühlen. +Sie stellte sich daneben, kam endlich mit dem Rücken an die Wand. + +Da begann ein Wirbel von der Tür her durch die Menge durchzufluten. Der +Raum zitterte, die Luft kam ins Wogen, die Masse brach nicht. Eine Kette +schob vorbei zu den Nischen, eh der Kern sichtbar ward. Sie wurde gegen die +Wand geschüttelt. Fester sog sie sich an dem Eingang fest, mehr glühte ihr +Auge dorthin, ihr Leib streckte sich unmerklich in diese Richtung. Dabei +drehte die abgeschobene Kette neben ihr um, es gab freieren Raum, im +Vorbeihuschen sah sie einen Augenblick Philippes Gesicht. Zum erstenmal +grüßten sie gegeneinander wieder. Da sie nicht mit Worten dastand, unter +denen sie litt, sondern wie an keinem Tage heute zur Höhe getrieben, +entflammt, kam einen Augenblick Triumph in ihren Mund. Doch sie hielt ihn +nicht. Wurde sanfter in den Lippen. Was sie erfüllte, gab ihrem Hochmut +Duldung für ihn. Er hatte sie schauen gelernt, die Liebe gezeigt. Sie sah +ihn abgeglitten von der steileren Aufgabe, rechnete nicht mit ihm, der sich +lächelnd nach innen hinein abwandte . . . Schon löste sich ihr Auge +hiervon. Im Vorderteil hob sich Tumult. Die Mitte drehte sich in einer +Spirale, durchdrang sich. Aus der Eingangstür kamen Kommandos. Sie reckte +sich ganz hoch. Bestimmungen erschollen. Parolen. Ein Schild schwankte. +Meerhaft wogte die Gruppe. Noch höher, unbedingter wuchs sie in die +Richtung. Häusernamen kamen herüber, scharf die Straßenreihen. Arme hoben +sich. Die Masse zuckte auf, riß, ein Gang wölbte sich. Langsam trat ein +häßlicher kleiner schwarzer Mann heraus, es traf sie das Auge Di Contis. + +In ihrer Hand lag der Brief. Er las nicht, nickte, sprach schon zur Seite. +Nur wie er zur Uhr, hastig und scharf, sah, bewies ihr, wie heftig er sie +erwarte. Sie ging. St. Sulpice schlug halb zwölf. Quetschte sich durch die +Haufen, eilte, bog in Rue Monsieur Le Prince. An der Ecke kam in das +Fliegende, Stolze in ihr eine Traurigkeit, die ihr Gesicht rötete. Sie ging +durch den sonnenleeren Garten, durch die Wolke Karbol. Stand an Renées +Bett. Die Schwester beugte sich darüber, nahm ein Tuch weg. Das Gesicht im +Krampf zerrissen, in der Mitte eine Höhle, aus der pilzig Fleisch wucherte. +Die Lider fielen Daisy, sie suchte einen Ton. Fand keinen Ton. Die +Schwester suchte Renée zu wecken. Unmöglich seit Tagen. Sie atmete, stank, +sprach nicht mehr. Drei Jahre spannten sich von dem Gesicht zu dem ihren. +Wie sie sich bückte, blitzte der Glanz vor ihrem Auge, mit dem, +unvergleichlich und bezaubernd in der Schönheit der Beine, Renée die +Hüfttänze in Genf gewiegt. Sie sah das andere nicht mehr, bog sich tiefer, +mit dem Mund zum Ohr: »Es wird gut sein, Geduld.« Malte, schilderte, +versprach, hörte nicht auf mit der Tröstung. Aber Renée hörte nichts, +sperrte röchelnd den Mund kreisrund, roch nach fauligem Gewebe. Sie sprach +weiter, sah verzerrt plötzlich das Gesicht, schwieg langsam, drehte um. An +der Tür hielt eine Hand ihren Rock, aus dem Kopf eines jungen Mädchens traf +sie ein verzweifelter Ausdruck: »Zu mir?« Zwei Augen kehrten starr +enttäuscht, zur Decke zurück. Es traf, verwundete Daisy nicht. + +Schatten fielen aus den feuchten dumpfen Gassen, in Lücken glitzerte +gewitterig die Sonne. Sie spürte das Stück Schuld, das, neben der Welt, sie +an diesem Kadaver trug, aber wie alles Elend dieses Tages löste es Freude +in ihr, trieb in ihr hinauf, denn sie empfand es als Ende. Von hier begann +das Glück. Freude ging über ihre Zunge, Verantwortung und Glaube machten +eine Sicherheit in ihr, die undurchdringlich ward. Gordon befreit, Kasernen +gestürzt, europäische Mauern gesprengt . . . neue Beziehungen trafen von +Herz zu Herz. Es kam als Strom, sie empfand Contis Herz. Sie empfand, wie +er sie besaß und erhob. Eilte, fing alles Unglück ein, nahm es mit, +verarbeitete es . . . nichts konnte es antun ihrer Entzückung. Keine schöne +Taube würde sinnlos zerstört, kein Schoß zertrümmert, kein Wahnsinn +herrschte, tat Unrecht, verdarb, sie kämpfte sich weiter auf den Boulevard, +traumhaft befestigt in klarer Ruhe, machte Bogen. Die Straßen hingen voll +Gedränge. Um Eins kam sie Rue Guijas, sprang in einen Wagen. Sie hörte +Erfolg. Streiks im Borinage, in Brest, in Perpignan, auf der Loire. Unruhen +in Bordeaux. Eine rote Fahne auf Marseille. Sympathieausstand in Mailand. +Meuterei in der Dauphinée. Sie bückte sich, legte die Stirn auf das +Hebelrad, nickte, küßte Contis Hand. Um Zwei begann die Demonstration. + +Der Verkehr stockte. Um halb Drei sperrte Gendarmerie die Eingänge der +Seitenstraßen. Die Seitenstraßen standen gepfropft mit Menschen. Der +Boulevard stand kilometerweit schwarz. Fahnen zeigten die Kolonnen. Plakate +riefen das Volk auf. Eine dünne Kette Polizei stand zwischen der wogenden +Masse des Boulevard und dem Druck der Nebengassen. Um drei brach die Masse +los. In der ersten Reihe Gordons Bild. Malerei gegen die Legion. Hinter den +Führern mit Schärpen Di Conti. Der Zug schwankte, zog langsam zum +Montparnasse, machte eine Schleife, stand um Vier wieder am Observatoire, +eine Lawine. Um dreiviertel Vier waren die Häute gerissen, die Gendarmerie +überschritten. Alle Seitenstraßen mit hermetischem Druck in den Boulevard +hineingeplatzt. Die Masse brodelte an der Spitze. Einer sprang vor, reckte +etwas, immer höher. Es schoß los. + +Alte Gesichter kamen, junge kamen, Weiber. Straßenbahnwagen, hunderte, +hintereinander, besät. Automobile dazwischen. Ohne Musik. Schritte gingen +in dem Boulevard, vereinigten sich, gaben einen einzigen Ton, der sich +band, hallte, brauste. Die hellen Normannen, ehemalige dunkle Soldaten, die +Kokotten der Hallen, Apachen mit Tüchern, Araber, Studenten des Quartiers +gingen in dem sausenden Ton. Er ward dumpfer in der Tiefe, schlug hinauf +die Häuser. Die Straße vor dem Zug war ausgestorben, glühte. Vor dem Zug +schlossen sich die Fenster, Läden der Verkaufshäuser rasten herunter. Die +Kolonnen drängten sich, verbogen sich, kreuzten Rue Monsieur Le Prince, Rue +Guijas, Rue des Etrangers. Aus den Gassen bohrten Keile herein. Ein Knabe +von einem Baum schrie: »Es lebe die Freiheit.« Eine Lawine kam vom +Luxembourg. Der Zug stockte, verdunkelte in der Gedrängtheit, löste sich +ein wenig, ballte sich tiefer zusammen. Verfing sich in sich selbst, hing +wie ein Haken im eigenen Fleisch. Sie brüllten sich zu: dein Kopf, deine +Hand, die Schulter. Hand hing so dicht an Hand, daß sie sie nicht rührten. +Eine Wolke Schweiß brach aus. Zwei große Fahnen flaggten über sieben Etagen +herunter. Sie lasen die Inschrift, eine donnernde Stimme rief über den +leeren Raum die Straße herauf etwas, das die erste Woge traf, sie bäumte. +Die Häuser zitterten unter dem Druck, in oberen Stöcken klirrten die +Scheiben. Die Fahnen hingen starr herunter, erregten, die Stimme ward +lauter. Da brach die Masse, fast schreiend, schwankte, mußte nach vorwärts, +dehnte sich auf die Seite, daß der Stein an den Hüften knirschte, bewegte +sich, flutete. Laternen standen, Bäume im Weg. Eine Sekunde zitterte die +Barriere. Dann gingen die Kolonnen als Fluß, strömten, unwiderstehlich. In +ihrer Mitte hoch, vor den Wagen, den Autos, schwankten die Laternen, Bäume. +Reißend goß es sich auf die Place St. Michel, füllte sie voll und rund. + +Di Conti sprach. + +Die Kühle war gerissen, die Flamme schlug vom Denkmalrand. Der Donner +machte das gefüllte Platzbassin totstill. Er bückte sich wie ein Ringer, +stieß den Arm zum Kreis, zwang die Stille noch tiefer herunter. Sprach. +Formte im Reden die Gesichter unten, zerrte sie auseinander, wischte sie +aus, entleerte sie. Riß sie rasend hinauf, verklärte sie langsam, füllte +begeistert an. Zog die Reihen, sanft einander verschmolzen, dichter heran. +Wuchs. Stieg höher, stand am oberen Rand des Denkmals, bog den Nacken +zurück, rang einen Augenblick die Hände, entfaltete sich mit einer +ungeheueren Bewegung, zog die Masse mit auf, warf sie auf, über sich ihre +Herzen, stemmte sie höher, fabelhaft sich entfaltend, hoch die Arme +geschleudert, wankte und wuchs mit der Last, die er hielt. + +Sprach. + +Ging auf der schmalen Leiste des Bassins hin und her, atmete wie ein Pferd, +zog die Menge im Krampf zusammen, quetschte sie aus, hieb das Bittere in +ihre Visagen, machte Drohung, bestürzte Wut aus den Mäulern, donnerte, roch +den Zorn aufgeballt. Faßte rückwärts, packte hinter sich den Kopf der +Chimäre mit beiden Fäusten, fiel nach vorn, schräg, kam näher, tief +herunter mit dem Gesicht gegen die Masse, war fast bei ihnen. Einigte sie +in eine atemlose Pause. Sprach. Warf die Drohung aus den Augen. +Scheinwerfer zuckten die Sätze. Sprach. Sie drangen in die Herzen. Sprach. +Sie drangen durch die Kleider, die Hemden, die Röcke, trieben in die Pulse, +gaben sich von Leib zu Leib. Das Blut bekam eine Bahn, einzige Wärme, +gleichen Schlag. Floß den Boulevard hinauf, löste, machte Spiralen, schlug +aus, blühte aus jeder Haut. Die Lawine brach los, Stöße kamen herunter, +keilten gewaltig, drängten den Platz ab bis zum Kordon. Dort stemmte es +sich zurück. Conti sprach. Die neue Woge wälzte heran, erstarrte. Sprach. +Die Hände Schallbecher vor dem Mund. Erreichte größere Distanz, durchmaß +mehr Menschen. Es rollte herunter vom Montparnasse. Daisy hielt mit beiden +Armen am Sockelstein sich, die Beine wurden mitgerissen, der Leib drehte +sich, die Augen kamen zum Himmel. Sie sah Di Conti, lächelte, faßte wieder +Fuß. Der Druck der Dreikilometersäule platzte den Pfropfen, schmiß +viertausend gegen die Seine. Conti sprach. Warf sich in die neue Welle, +inbrünstig, verzehrte die Kraft, warb, zerfetzte, diktierte, sänftete, riß +die Herzen plötzlich steil, unnachahmlich erschütternd, hoch, über sich mit +beispiellos schmerzendem Ruck. Die Säule stieß weiter vom Boulevard +herunter, warf, schoß die Menge vom Platz, stürzte sie gegen die Massen vor +dem Kordon, Bäume, Laternen kamen über den Kolonnen gegen die Seine an. +Stießen den Druck unaufhaltsam weiter. Gegen den Kordon Gendarmerie. + +Er verschwand unter ihren Füßen. + +Das Ufer herauf, rechts, links, ritten Kürassiere, Haarschwänze vom +Kupferhelm auf dem Rücken tanzend, Karabiner auf dem Schenkel, warfen sich +vor die Brücke, bewachten vor der Emeute des linken das rechte Ufer, das +Herz der Stadt, Boulevards der Bourgeoisie. Die Wellen kamen, gedrängt, +gedrückt, spieen heftiger an, schlugen wider die Gäule. Sie riefen: +»Camarades, Freiheit, Hunde, Hunde.« Sie sahen in die kleinen dunklen +Löcher, auf das Metall der Drücker. Der Stoß in ihrem Rücken stürzte sie in +Massen gegen die Pferdeköpfe. Ein Pflasterstein flog. Es knallte. Steine +stoben durch das Licht, sausten. Eine dünne Stimme rief: »Tirez.« Die +Kürassiere zitterten, die dunklen Löcher hoben sich über den Schenkeln +höher, steiler, feuerten in die Luft. Vom Blut der Stürmenden ging es +hinüber auf die anderen, durchdrang sie, säugte sie. Die dünne Stimme +schrie wie ein Triller. Ein Mann gab einem Soldaten die Hand. Die Säule +stieß durch, ein ungeheurer Schrei. Körper an Körper gedrängt, Soldaten, +Arbeiter, hatten einen Sinn nur, eine Richtung, gleichen Herzschlag. Ein +spitzes Winseln, sie steckten brennende Zigarren dem Gaul unter den +Schwanz, der Unteroffizier zeigte ein kalkweißes Gesicht, das Tier +klatschte hinunter ins Wasser. Gäule zerstampft. Fraternisierend strudelte +die Masse, wälzte über die kupferrote Abendbrücke in die Stadt. + +Vom Brunnen fiel Di Conti, einen Schuß in der Weiche. Von der unteren +Seineseite durchstach eine Kompagnie von hinten enge Gassen, kam seitlings +auf den Platz, trieb einen Keil in die dünne Masse. »Weg du«, schrie ein +roter Bart. Eine Frau hielt vor Schmerz blaß die Hand zwischen die Knie. +Die Masse floß in den Brückenstrudel, abgelenkt, gerissen. Das Denkmal ward +umzingelt. Di Conti aufgehoben . . . hinter Bajonetten gesichert. Daisy +warf sich auf ihn. Sie schlugen ihr eine Koppel auf den Kopf. Sie konnte +die Hand nicht rühren, ließ nicht nach, biß sich in seinen Rock. Ein Druck +kam auf ihren Kopf, das Gesicht von ihr ward schwarz, noch einmal flüsterte +sie: »Conti --.« Die Masse begriff, schäumte auf, warf sich herüber, gegen +den neuen Kordon, feuerte ihn zurück, Daisy ward zurückgetragen. Conti +schleppten Soldaten durch die Gassen in die Métrohalle. Zu spät. + +Aber er lebte. Zwei Tage war Daisy irrsinnig. Dann empfing sie. Kühl, Dame, +Freunde nahmen ihre Hand: »Wir werden ihn befreien.« Deputierte sprachen: +»Wir werden ihn befreien.« Der Schlag der Masse pulste herauf zu ihr: »Wir +werden ihn befreien.« Sie hörte, die Verwundung wär leicht . . . Ihm werde +des Volkes Stimme dauernder Ruhm. Sie reckte sich, steif, ging zurück, +lachte. Ruhm? Bot man so Geringes? Glaubte jemand, dies sei ein Wort für +dies Gefäß? Maß für diese Tat? Dies Geschenk für Narren und Kinder wagte +Geschwätzigkeit hinzugeben für Blut? Behängte diese Maske ihn nicht zum +Komödianten . . . stand sein Gesicht doch, das schlicht nur dem Ganzen +wirkte, brüllend und wie aus Marmor vor dem Gewissen der Macht. Sie winkte +ab, ging auf und nieder, steckte die Hände in die Taschen, die Augen im +Dreieck. Ein eisgrauer Glanz kam aus dem Blick. Hinab mit Geschwätz und +Trauer. Eins war zu tun, das Ziel erreichen, die Leistung verdoppeln, +Angriff steiler schrauben, unbedingter sich mühen. Di Conti mußte frei +sein. Hierfür war zuerst zu leben. Sie nahm es auf sich. Allein. Ging einen +festen graden Weg. + +Die Lichtflut stieß Breschen ins Dunkel. Die Seine floß gläsern unten. Sie +sah einen Schatten, er löste sich von der Pforte und glitt an ihr vorbei. +Sie drückte ihre Hand fest in seine, das Papier knitterte. Ein Wachtraum im +Keller sprang auf, dreigezackt brannte ein grünes Gaslicht schmetternd +gegen den Kalk. Sie legte ihre Hand auf den Tisch. Als sie sie zurückzog, +blieb etwas. + +Sie trat in das Büro ihrer Gesandtschaft. Sie ging durch drei Räume. Ihre +Karte lief vor ihr. Fünf Minuten sprach sie mit einem eleganten Herrn mit +exotisch flimmernden Augen. Sie gab ein Telegramm auf an ihren Vater. +Darauf gab ihr der Herr seine Karte mit einigen Worten. + +Damit fuhr sie die Champs Elysées hinunter, Bäume streichelten die Luft, +Helligkeit und Süße wob in den Zweigen. Sie fuhr darunter hin, unbeteiligt. +In einer Schleife glitt der Wagen ins Riesenbassin der Concorde . . . der +Wagen glitt, bog, hielt. Über die Teppichstufen des Ministeriums. +Aufgehalten, mit der Karte durchbrechend, gehemmt, vor Achselzucken, +lächelnd, die Karte vor sich . . . sie stand in einem Salon. Ein schöner +Mann im schwarzen Schnurrbart, der elegisch das Kinn rahmte, trat ein, +stutzte. Sie ging mit raschen Schritten an den Tisch, legte ein Bündel in +perlgeschmücktem Etui auf die Kante. Sein Blick leckte nach ihrem Hals, +zögerte, fiel auf den Tisch, er verneigte sich, stieß eine Tür auf. Ein +größerer Salon. In der Mitte eine Jungfrau, die auf einem Brabanter ritt. +Die blaue Seide der Wände, der geschwungenen Stühle verwirrte, sie lernte +die Teppichmuster, sagte immer ein Wort, ein Wort, ein Wort. Eine Stunde. +Ein grauer schmaler Herr trat ein, hinkte, ein Monokel an schwarzer Schnur +flog ins Auge. Er war nicht groß, kam langsam näher, äugte, bis er genau +sie sah, schob mit drei Fingern einen Lehnstuhl zurecht, indem er ihn kaum +berührte. In seiner mageren Hand spielte ihre Karte, er las, sah ihr mitten +ins Gesicht. Blut schoß ihr auf unter dem jähen Anprall. Er sah auf die +Erde neben seinem Schuh: »Ausländer? . . . Italiener . . . in der Tat.« Sie +sah nur seine Brauen. Er notierte den Namen, flüsterte ihn nochmals, stand +auf, ging ans Fenster, trommelte mit den Fingerspitzen ans Glas, murmelte, +sah auf ein knallendes Buchenholz im Kamin zerstreut. Die Lippen Daisys +saßen wie Tiere aufeinander, die Brauen seidenschmiegsam ineinander sich +wölbend. Er trat zurück. Ein drittes Gesicht sprach mit ihr, die Stimme +schlürfte etwas, stieß an die Zunge, die Handbewegung voll zarter +Höflichkeit. Er führte immer, sie folgte. Lauernd. Erschreckt. Er blieb +gleich. Kanadische Jagd, die Quadrille Fribaurts, er kannte es. Versailles +wuchs zwischen seiner Geste, schmeichlerisch, mit Märzwind. Eine Fahrt über +St. Malo. Er neigte das Kinn: daß die Oper Ballette belebe, welcher Zug. Er +stand auf, ging zum Fenster, elastisch in dem Knie, hinkte nicht -- ob ihr +Wagen warte, Pelze darin seien. Setzte sich wieder, ruhig, besorgt. Sie +wartete, faltete die Lippen, daß es käme. Er spielte, lauerte, führte +herauf, hinunter, eilte, pausierte, sie sah sein Gesicht nicht. Seine +Grazie schmeichelte sich in ihre Haut. Plötzlich schlug er die weiße Hand, +die nicht welk war, laß gegen das Knie, der Kopf fuhr auf, sein Blick +prallte ihr wieder ins Gesicht. Sie stand auf. Er hob sich halb: »Wann darf +ich den Wagen senden?« Sie knotete die Hände: »Neun Uhr.« Er läutete, als +sie sich schon wandte, ein kakadufarbener Page öffnete geräuschlos eine +Tapetentür. + +Vierundzwanzig Stunden vorher speiste Conti, verdrehte die Iris, schwankte, +bekam Kälte in die Finger, Blei in die Knie, verzerrte die Zähne über die +Regie der dritten Republik, die selbst die Einrichtungen der Küche +pragmatisch ordnete. Als Daisy morgens heimkam, war Di Conti tot. Sie kam +hin mit einem Gehenlassen der Glieder, das alles hinter sich hat, +abgeschüttelt, selbst ohne Erkenntnis und Bedeutung des Opfers, innerlich +lediglich gerichtet auf das Ziel. + +Sie bog die Lippen tiefer, versteinte an den Schläfen, zwischen Wange und +Mund. Was konnte noch kommen? Ein Telegramm Fidleys: Pa tot. Sie legte das +Papier auseinander, legte es zu dem anderen, frühstückte, badete, ließ sich +massieren. Fuhr in den Luxembourg, fuhr zurück. Am Abend in die Oper, Verdi +rauschte, Sommerhimmel erbrausten, sie speiste, schlief. Stand auf am +Morgen. Nichts war zu schlagen. Je mehr sie spürte, was sie verlor, um so +ungeheuerlicher fühlte sie aus sich brechen das Bewußtsein der Stärke und +der Sammlung. Allein nun empfand sie, wie gefüllt und selbst sie war, voll, +traubenhaft geschwellt, ausbiegend aus ihr mit einer Glut, die sie +erblaßte. Di Conti war in ihr, mehr heute als je. Geballter als im +Menschlichen. Unverlierbar. Vermächtnis besaß sie, beherrschte und +durchtrieb sie unausdenkbar an Berufung. Sie ging gestärkt, wunderbar +entzügelt. Eine Ruhe umgab sie, die den Schmelz der sehnigen Schenkel und +das flimmernde Spiel der Hüften unter der kleinen Brust begehrenswerter, +zarter heraushob. Sie verlor kein Glück. Sie besaß sein Werk. + + * * * + +Pa tot. Fidleys Telegramme, Weisungen stäubten. Es geschah am Horizont. Syg +einem Mann gefolgt. Es geschah in der Ferne. Ihr Mittelpunkt blieb +unerregt. Der Körper hielt stand. Der Geist sah manchmal Bilder. Raffaelis +Bruder, Arzt, sagte, wünschte, befahl Erholung. Sie machte eine kindliche +Gebärde. Er verstand. Sie wurde klug verführt. Sie fuhr mit Briefen, +Papieren Contis zu Freunden nach Kopenhagen. Der Platz der Zusammenkunft +war leer. Die Fahrt im Zug war dumpf, ausgespieen fuhr sie, allein, dennoch +voll Glut. Sie mußte weiter nach Christiania. Nach zwei Tagen stand sie am +Hafen, traf Fribaurt nach einer schmerzlichen Sitzung. Er fuhr mit der +Segelyacht nach einem ungewissen nördlichen Punkt. Sie nahm es sofort. »Ich +komme mit.« + +Die Tage füllten sich mit dem und jenem, Ungenauem, doch ungeheuer in der +Berührung mit schrankenloser Natur, Menschen, deren Geist abgewandt war, +mit denen der eigene sich schön traf beim Rauchen, dem Reffen der Leinen, +Hinaussehen auf glatte See bis zu entfernten Dampferwolken. Inseln kamen. +Riffe türmten sich wie steigende Esel. Gedörrte Fische hingen an den +Felswänden, wie sie die Ufer hinausfuhren. Granit, Urblasen erstarrt, +schaukelte bunte, rote, grüne Häuser wie Spielzeug. Auf den Klippen saßen +Rypen: »ka . . . bauh.« Schneehühner: »j . . . ak -- j . . . ak.« Es +rauschte. Ein Kreis mit heißen Wallungen bäumte um sie. Sie badeten in +einem Fjord, abends ward das Wasser papageirot. Jerkins, Christianias +größter Jäger, stieß auf ein Signal mit der Kupfertrompete dazu. Kam mit +Schneeschuhen aus dem Gebirge. Stunden, ehe er einlief, sahen sie ihn im +Glas oben wie ein metallenes Insekt flitzen in Stemmbogen und Telemarks. +Ein Tal kam aus den Felsen gegen das Meer geflossen, grün, schwärmerisch. +Sie übernachteten im Dorf. Am Ende, eingekeilt, schon zur Ebene zu, hing +über Sandwüsten ein weißes, Licht schleuderndes Haus. Jerkins führte im +Bogen heran, sein Finger überschrieb die Gegend: »Nördliche Lepra«. Der +Kreis war verseucht. Er zuckte die Achseln unwillig, sah Daisy ins Gesicht, +führte sie dennoch heran. Zerfressene Gesichter sahen aus den Fenstern: +»Hüten Sie sich.« Ein Schrei. Sie gingen zurück, warfen den Fock aus. Das +Morgenwasser zischelte . . . Die Nordsee leckte gierig, blau an Lee. Die +Windtrommel saß in dem Segel, schmetterte. + +»Geh in meine Kajüte.« + +Der Schiffsjunge schloß die entzündeten Augen, kroch in die Kabine und +schlief sich aus. Sie lag unter dem Segeldach und gab statt seiner acht. +Das Steuer war angebunden, die Luft ging ganz stät. Die Lappin wurde aufs +vordere Verdeck gerufen. Die Sonne malte auf den Holzplanken. Fribaurt und +Jerkins lagen auf dem Bauch. Das Weib mußte sich legen, äugte schielend mit +schrägen grünen Augen nach Daisy. Sie spielten Karten, lernten die Lappin +zum siebentenmal an, schlugen Atouts auf den Boden, das Weib lauerte, bekam +einen Rippenstoß, zuckte, legte klatschend mit fetter Hand ihre Karte nach. +Die Segel schlappten plötzlich, klatschten hohl hin und zurück zum Großbaum +. . . eine Musik umschwirrte sie . . . eine Wolke Papageitaucher, die wie +Rypen zirpten, flog eilig nach dem Land. Jerkins schoß, auf dem Rücken +liegend, eine Möve, die hinter ihnen her war, fischte sie herein, zog ihr, +die schrie, Kopf und Atlas ein wenig auseinander. Vorbei. Er fuhr mit der +Hand in den orangegelben Flaum und ließ die Federn einzeln zu Daisy +fliegen. »Schöne Frau von der Seefahrt.« Fribaurt sang mit dunklem Bariton. +Der schaukelnde Wind ließ nach, das Meer ward tierisch faul, eine Brise +kam, schwand. Sie lagen still. »Welche Harmonie,« gähnte Fribaurt, stieß +einen Pfiff aus, hielt die Shagpfeife in der Hand und warf die Karten auf, +»wir haben maßlose Zeit, meine Freunde.« Das Segel aufgerefft, die Lappin +in Hosen an der Gaffel mit klebriger Behendigkeit . . . der Tag stand +still. Fribaurt band ein rotes Tuch um den Kopf. Jerkins hob das Weib hoch, +legte es wieder auf den Bauch. Dann bluffte er wie toll, verlor einen +Haufen Geld und lachte, bei jedem Verlust aus Vergnügen. Fribaurt lächelte +ein Diplomatengesicht: »Zu grob.« Er legte auf: »Street.« Die anderen +warfen zusammen, zuckten die Achseln. Plötzlich schob Jerkins auseinander, +runzelte die Stirn, griff hinüber, legte die Karten der Lappin +nebeneinander: »Zu früh . . . zu schick . . .« er bog sich vor Lachen über +Fribaurt. Umgewendet: »Die Sau . . . die Sau . . .« Die Lappin kroch ein +Stück davon aus Angst auf dem Leib. »Was hat sie?« Jerkins hob die Hand von +der Kartenflöte. Sie wälzten sich zu zweit: »Royal Fluch.« Fribaurt zur +Lappin geneigt: »Süße Freundin, welch verschwenderische Tollkühnheit des +Glückes . . .« Jerkins teilte aus, schaute zu Daisy: »Die phantastische +Quote . . . und hat es nicht gewußt.« Weißbrüstig hing eine Brise vor dem +Meer. Geigen im Baum, ein dunkler Frühstrich vor ihr her wirbelte das Meer +mit einem bläulichen Schatten, der Bogen sauste heran. Jerkins sprang auf, +leierte am Großschot, die Lappin ließ das Segel zwischen zwei Tauen herab, +Jerkins wickelte, machte einen Schifferknoten mit den Daumen, das Segel +wechselte, flog hinaus . . . der Stoß kam und erzitterte jeden Nagel, +Fribaurt schmiß das Ruder herum, tänzelnd lief das Boot, sie kamen dem Ufer +näher, die Gaffel wechselte . . . nun fuhren sie in der Windschwankung +parallel. + +Das Ufer neben ihnen, ein hoher Damm, scharf vor den Himmel gelegt. Auf ihm +fuhr in gleicher Linie wie sie ein Pferd. Es zog ein Karreol, flach und +groß wie ein Kanoe. Drin saß ein Mann. Sie fuhren nebeneinander. Fribaurt +deutete mit der Spitze der Pfeife nach ihm. Der Wind zog stärker. Die Blase +des Segels neigte sich schaumig gegen das Wasser. In silbernem Regenbogen +hing eine Springwelle an Lee. Sie starrten hinüber. Es war, als bewege sich +keines, nicht sie, nicht das Pferd, . . . als blieben sie festgehaftet wie +Brennpunkte in dieser Ovalen von Himmel und See. Fribaurt zog die Augen zu +Schlitzen zusammen. Jerkins, die Hände vor dem Mund, die Brust aufgesogen +wie ein Schwamm: »Hall . . . lo . . . o!« Sein Organ schlug den Wind mitten +durch und traf drüben auf. Der Wall schickte vier Echos herüber. Keine +Antwort von dem Mann. Jerkins quoll blau am Hals: »Hallo . . . y . . . lo!« +Eine Pause zitterte, die dünnen Echos quirlten . . . dann kam die Antwort, +kalt: »Holla!« Jerkins stand am Großbaum, klemmte die Wange ans Holz. +»Haltet Ihr die Wette nach Aarvik?« Sie lauschten. Dann eine schneidende +helle Stimme: »Am Arsch.« Sein Pferd sprang über eine Wolke, Staub ringelte +sich in einer umgelegten Säule hinter ihm. Der Damm bog landeinwärts, eine +rötliche Spirale. Daisy verstand nicht, was er norwegisch rief. Sie sah +nach Jerkins. Er machte ein verschlossenes Gesicht. Der Schiffsjunge +fletschte ein Grinsen von Ohr zu Ohr. Daran verstand Fribaurt die Antwort. +Sein Schnurrbart zuckte, er wandte sich zu Daisy und lobte die Farbe der +Mövenfedern. + +Jerkins warf das Ruder herum, halste, das Ufer zog sich tief zurück . . . +um eine Halbinsel, einen kleinen Fjord. Der Berg hob sich von zwei Seiten. +Auf der jenseitigen mitten in der Spirale peitschte der Fahrer sein Pferd, +am Ende des anderen Abfalls lag unten Aarvik. Sie warfen Anker, gingen im +Beiboot ans Land. Ein helles Wirtshaus mit einem Garten, die Terrasse mit +Bäumen, dahinter die Ebene vom Morgen . . . die flimmerte . . . unten am +Fluß mit roten Dächern Aarvik . . . idyllisch unter dem Berg. Auf seiner +Spitze hob sich eine Flamme Staub, das Pferd kulminierte, die Karriole kam +in die Schleifen des ihnen zugewandten abfallenden Teils, verschwand in +einer Schlinge. Nach einer Viertelstunde klapperte sie an hinter dem Haus. +Ein Schock Matrosen lungerte um die Kneipe, graue Zipfelmützen im Nacken. +Der Wirt schmiß sie heraus. Sie drängten nach. Einer stieß mit dem Knie +einer Magd in den Hintern, sie schrie: »Dumme Schicksen.« Der Wirt zeigte +auf ein Holzbrett, sie schüttelten die Fäuste. Er nahm es herunter, hielt +es sich vor den Bauch. »Ein kleines Faß,« schrieen sie, »wir scheißen auf +das Verbot.« »Dåd og Pine . . .« mit Knie und Faust drückte sie der Wirt +die Steintreppe runter. Sie maulten, einer zog den Wirt an einem +Westenknopf neben sein rothaariges Gesicht und flüsterte in sein Ohr. Der +Wirt brüllte auf, stieß ihn in den Magen, daß er wie ein Messer einknickte. +»Kotzt Lumpen«, seine Zunge hing raus vor Wut, er trat dem Mann auf die +Schenkel, der sich verkroch. Da fuhr die Karriole auf den Hof. Sie sahen +den Aussteigenden nur vom Rücken. Er schrie durch den Radau, seine Matrosen +rieben sich die Hände an den Hosen. Er rief nach dem Weg über die Brücke. +»Abgerissen.« Wieder gab es einen kurzen Krach, da die Matrosen sich +beschwerten. Der Wirt dienerte. Zwei der Leute schirrten den Gaul aus. Der +Geprügelte riß plötzlich dem Wirt die Hosen auf die Knie. »Had djävelen +. . . ich schlag dir in die Fresse.« Die Matrosen gröhlten, steckten die +Hände in die Taschen und johlten, bewegten sich mit den Hüften vor und +zurück. Ein Faß rumpelte. Der Fremde winkte, die Matrosen kicherten und +verrollten sich langsam. Der Wirt verzog das Maul, stellte das Brett zur +Seite, schielte giftig zu den Abtrollenden. Der Fremde warf seine Gamaschen +einer Magd zu. »Hafer . . . mir ein Bett . . .« Der Gaul hob den Schwanz +und strich einen großen Furz. Die Matrosen quakten herüber, schlugen sich +die Schenkel vor Lachen. Der Fremde sprang ins Haus. + +Jerkins schlenderte, die Hände in den Taschen, ins Haus, kam zurück. »Wer?« +fragte Fribaurt. »Sven Mair.« Daisy bog sich zu Fribaurt: »Wer ist Sven +Mair?« Fribaurt lächelte mit dem Schnurrbart, strich seine Hand mit der +anderen: »Jerkins Feind.« + +Die Zimmer lagen nach der Seite des Flusses. Eine lange Nacht voll +Geräusche. Die Hunde bellten, wurden plötzlich still. Aus dem Bootshaus +soffen die Matrosen in die Gegend, sangen, rollten langsam in ihre Kabinen. +Kurz die Stimme des Fremden unter seinen Leuten, dann Stille wie Blei. Das +Meer stand in uferlosem Schweigen. Die Felsen kühl und geheimnisvoll über +dem Wasser, panische Stille . . . sie schloß unter ihrem Druck die Augen. +Stunden gingen. Schlaf und Wachsein verschwebten in einander. Plötzlich riß +sie wilder Spektakel auf. Sie eilte ans Fenster. Zwei Karriolen rollten vor +das Haus. Die Nacht war weiß. Kupfriger Schein spann über die Landschaft. +Drei Burschen bläkten die Zähne, schrieen: + +»Sven.« + +Schritte gingen über ihr, die Gesichter schauten hinauf. Ein Pfiff, ein +gedämpfter Ruf von oben: »Skideriks.« Sie grinsten nach oben. Ihre Nasen, +ihre Ohren, die Farbe der Augen -- alles sichtbar. Angelgeräte auf den +Wagen, die Pferde bissen schaumkauend auf dem Eisen. »Sven . . .« Da trat +er heraus aus der Tür unter ihr, ein Schatten lief vor ihm rasch über den +bläulichen Boden. Er hatte Lachszeug über der Schulter, schmiß es in seine +Karriole, krempte die Hosenbeine bis zum Bauch, nahm zwei Pferde, trieb sie +in den Fluß. Schreiend warfen die aus den anderen Karriolen sich auf die +Gäule. Der Fremde drehte sich um, sah nach dem dritten Gaul, bis an die +Knie im Wasser. In der Helligkeit sah sie sein Gesicht. Da wuchs aus der +Nacht der Schlag, hieb besinnungslos in sie, stürzte wie eine Feuersbrunst +zum Herz: + +_Dies Gesicht ähnelte Caspare Symes._ + +Sie ging vom Fenster zurück, fiel mit dem Rücken auf das Bett, hörte +Pferdegeplätscher im Wasser, zwei Rufe, bleierne Stille. Im Plafond über +sich sah sie das Gesicht. Sie warf sich herum. Eingebrannt im Boden glühte +es sie an. Sie starrte durchs Fenster. Es füllte den Rahmen, peitschte sie +auf. Erschöpft sank sie in die Kissen, schloß die Augen. Da stand es innen +in den Lidern mit einer Zärtlichkeit des tiefsten Schmerzes und sah durch +die Iris ihr in die Brust. Ihr Herz zog sich zusammen. Stunden, die sie +lag. Kämpfte mit dem Kopf. Derselbe Ausdruck in seinen Zügen mit dem +Unbekannten, der im Traum ihren Bauch umschlungen in der Nacht Le Beaus, im +Traum des Hotels neben Renée. Mit tödlicher Schärfe riß ihr Dasein herauf, +sie erkannte die Rechenschaft über ihr eigenes Lebens, die er brachte, +kannte, forderte, ungestüm. Er schlug als Zentrum in den Kreis, den sie +gelebt. Kein Leid, das sie gelitten, ohne daß es bestimmt war für dies. +Keine Sehnsucht, keine Handlung, die nicht zielte in diesen magischen +Punkt. Er hob sich, als sie am entferntesten schien, und wie von einem +Wellenbrecher rauschte ihr Leben davor zurück. Nichts blieb außer ihm für +sie: Dinge eitel, Menschen verworfen. Das Meiste umsonst getan. Höllischer +Schmerz verzehrte ihr Auge, ihr Blut. So unerbittlich klar stand in dem +Kontur das Glück, Bestimmung des Leibes, der Sehnsucht unerfüllbar, nicht +erfüllt seither, . . . sie schrie um Gerechtigkeit, starr, ohne die Glieder +zu bewegen, wandte sich an Gott, wandte sich ab, verzweifelte. Der Schmerz +ward so tief, daß sie ihn nicht mehr ertrug, glaubte, sie sterbe. Da drehte +er um und erfüllte sie mit Seligkeit, die alles an sich rief, was sie +erduldet. + +Langsam wuchs sie aus dem Zweifel, überwand ihre Sehnsucht, sah weit vor +sich die Aufgabe, das Gestreckte, Winkende, Rufende, was sie größer füllte. +Und je mehr es in ihr glühte und Di Contis Glaube und Ziel sich erhellte +auf einer Seite, sank der Kopf auf der anderen, das Spiel der Wage ging +hinab. Wohl lag zwischen dem Kopf und allem Geschehen eine Kluft, die +nichts überbrückte: nur ihr Blut. Sie gab es. Litt. Gab es hinüber in das +Unbedingtere, gab sich auf und ganz in die Aufgabe. Verzichtete. Sah zum +ersten Male das Unbeschreiblichste, erkannte, am Nichtgewesen, an allem, +was sie versäumte, ihr großes Glück. Gab es auf, ließ es. Legte den Kopf +weinend in die Hände. Entsagte. Aus Di Contis Atem kam die Befreiung, +lösend, hart, aber tief. + +Das Silber zitterte heller. Sie lag, die Augen wie Stein. Dann stand sie +auf, als ein Boot unten vorbeifuhr. Ging hinaus über die Schwelle. + +Die Arme standen etwas ab. Die Sonne kam. Eine Fahne wehte, das +Georgskreuz, schon vorüber. Welch unendliche Kühle des Sommermorgens. +Welche Frische des Blaues. Sie ging weiter. Der Staub ward rötlich. Die +Riffe des Kessels ballten sich dunkel, unerreicht noch vom Licht. Sie ging. +Gezackte Wolken am Horizont . . . Mövenflügel in Spiralen hoch sich +schleudernd . . . die Eidern weich geschaukelt in der Bucht -- -- -- der +Tag stieg, wölbte Licht. Aus der Wiese kam ein Gaul auf sie zugelaufen, +hielt, hob das rosane frische Maul, legte es auf ihre Schulter. Lief davon. + +Das Kupferbergwerk glühte aus dem Fels. Sand . . . Sonne leckte darauf +. . . die Ebene kam. Oben das spitze Tal. Sie ging hindurch. Fahlweißes +Licht prallte ihr entgegen. Sie stand vor dem Haus wieder, von der anderen +Seite, das, ein Nabel, zwischen der Ebene und dem Gebirge lag. Aus einem +oberen Fenster sah ein blauzerquollenes Gesicht. Ungetrübt durch Schmerz +wehte es rein in ihr auf, durch sie hin. Die Liebe quoll verdichteter in +ihr. Sie schlug die Augen auf. Mit unerbittlich weichen Buchstaben stand +über dem Eingang vor dem Himmel geschrieben: Hilfe den Menschen. + +Eine grelle Stimme: »Was wollen Sie?« + +»Hinein.« + + + + +Der fünfte Abschnitt + + +Die zwanzigste Schüssel . . . sie hing das Tuch an den Ständer, goß den +Zuber aus, stülpte die letzte auf die Neunzehn. -- »Durst.« Sie brachte +Wasser an ein Bett. Sie schaukelte den Zuber in die Badewanne, ließ heißes +Wasser einlaufen, nahm Soda, griff in Schmierseife, schlug Schaum mit einer +Bürste. Nun kamen die Näpfe. Mit einem Zangenpinsel fuhr sie in den Hals +der Urinenten, bog den Draht, schabte den Kalk innen ab. Das Wasser +sprudelte. Sie wusch den Nachtstuhl aus. Die Tür weit offen . . . es +dampfte nach Kaffee. Sie schaukelte das Wasser in die Wanne, wusch die +Wanne aus mit Seife und Sand, schaukelte den Zuber mit den Henkeln auf der +Wanne unter den Hahn. + +Neues heißes Wasser . . . es lief nicht mehr. Sie schob den Schalter +langsam herum und hielt ein Streichholz daran. Der schmale Gasofen an der +Wand spie nach unten Ruß, nach oben die blaue Flamme, es donnerte. Sie +sprang in die Flamme, schob den Schalter zurück. »Langsamer öffnen«, sagte +eine Stimme hinter ihr. Sie öffnete langsam, entzündete das Holz. Der Ofen +explodierte. »Langsamer sage ich . . .« Ihr rußiges Gesicht sah um. Langsam +öffnete sie, die Stichflamme schoß in das Zimmer, das Gas knatterte +irrsinnig, an der Decke das Licht losch aus. + +»Schreiben Sie auf: der Ofen wird repariert.« + +Sie nahm ihr Buch, notierte es. Es stand zum drittenmal mit Blei +geschrieben. Jedesmal untereinander. Der Ofen wurde nicht repariert. + +Die Türe fiel hinter dem Arzt. + +In der Dämmerung wusch sie die Becken im kalten Wasser. Dann trug sie +Bürste, Pinsel, Stuhl hinaus. Auf dem Gang standen Sechs vor einem Tisch in +Hemden und wuschen sich Hals und Brust. »Meine Zahnbürste.« »Schlappmaul +. . . meine.« Ein Rippenstoß . . . sie torkelten im Korridor. »Laßt mich +durch.« Sofort wichen sie zur Seite. Das Klosett verschlossen: »nicht in +Ruhe einmal scheißen . . .« Sie wartete ruhig. Sie bückte sich unter den +Tisch. »Deine Zahnbürste -- -- --« Der Mann winselte. Im Klosett keifte es. +In hängenden Hosen erschien er dann in der Tür, ungekämmt, rieb sich die +Augen mürrisch. Als er sie sah, ging er auf die Seite, wich ihr aus, senkte +den Blick. »Falle nicht,« sagte sie, »der Boden ist naß.« Die sich wuschen, +tuschelten nur noch miteinander, Mund an Ohr. Sie machte das Fenster auf im +Klosett, zog die Wasserspülung, wusch den Boden auf, rieb das Porzellan +glatt. Der Schnee draußen schimmerte frostig. Sie schloß das Fenster. + +Ihr Name flatterte zweimal im Flur. Sie stand neben einem Bett. Sie nahm +zwei Beine, hob sie hoch. Die dicke Schwester, die den Kopf hielt, schrie +den Mann an mit drohendem Baß, die andere band ihm die Hände fest. Der +Schwären auf seiner Weiche juckte ihn so, daß er nun hüpfte im Bett. Die +Dicke gab ihm Kaffee in den Mund, das Brot. + +Sie fuhren die Betten in die Ecke. Achtzehn. Die freie Seite kehrten sie, +wanden Lumpen um die Besen, wuschen auf, ließen trocknen, fuhren die Betten +herüber, bewältigten die andere Seite. + +»Daisy . . .« Bittender Ruf. Sie ging mit. Naga hing in ihrem Arm. Sie +gingen über zwei Korridore in den höheren Stock. »Bist du müde?« Die Brust +der kleinen festen Schwester schmiegte sich an ihren Arm. In dem Zimmer +standen zwei Kolonnen Betten, alle belegt. Die Luft roch scharf nach nassem +Tuch. Große Scheiben gingen ins Land. Aus jedem Bett ragte ein Bein, ein +Arm . . . und lag in einem Gefäß mit Wasser. Naga hielt Bein um Bein, Arm +um Arm. Daisy trug die Wannen hinaus, leerte sie von eitrigem Gerinnsel, +scheuerte sie, füllte sie neu. Das siebente Bett . . . ein junger Mann warf +sich im Fieber herum -- -- -- »Ja, wir werden deiner Mutter schreiben.« Das +elfte Bett . . . die Fieberkurve gestiegen -- sie machte ein Kreuz auf das +Brett, drückte auf einen Knopf. Der Kranke kannte die Bewegung, begann zu +winseln, das Bein blau, geschwollen . . . er warf sich knirschend herum. +Sie drückte wieder auf den Knopf. Jeder kannte die Bewegung. »Nur ein +kleiner Schnitt.« Er lächelte ungläubig, sie nickte. + +Ihr Name auf der Treppe. + +Sie trug mit der großen breiten Schwester Mann auf Mann ins Bad. Sie hielt +sie unter den Armen, die andere an den Knöcheln. Im Bad stand ein Schemel. +Darauf lag wechselnd ein verbundenes Bein, ein Knie, ein Arm. Einer lag +darübergekrümmt auf der Seite. Sie wuschen die Leute ab mit Seife und +dicken Bürsten. Sie hoben sie heraus auf den Stuhl, trockneten sie mit den +Fingerspitzen ab: + +»Du hast Naga geholfen.« + +Sie nickte. + +»Sie soll es nicht tun, wenn sie der Aufgabe nicht gewachsen ist.« + +»Ich habe nichts versäumt.« + +Sie trugen einen anderen herein. Als sie schruppten, ging die Haut ihm ab +wie einer Schlange. Er hatte sich gekratzt, »Du Schwein . . .« Er sah die +große Schwester an, er sprach kein Wort. Daisy rieb vier Leuten den Rücken, +die Schenkel ab mit Spiritus, gab Puder darauf, ging zu Nagas Station, +setzte sich zu dem Fiebernden, horchte, sprach, schrieb . . .: »Liebe +Mutter -- -- -- ich bin nicht schuld . . .« + +Sie aß zu Mittag, ging vor das Haus auf einen Liegestuhl, deckte sich zu +und schloß die Augen. Die Sonne brannte auf den Schnee und färbte ihr +Gesicht. Sie ließ die Glieder sich lösen, Müdigkeit floß an ihr herab, halb +schlafend flog ein Zug zufriedenen Liegens ihr an den Mund. + +Sie stand neben dem Arzt. Ein neuer Kranker ward eingeliefert, ein junger +Prediger, der entsetzt in die Brille des Arztes stierte: »Sie werden gut +tun, sich damit auseinanderzusetzen, daß Sie hier bleiben. Die Welt draußen +ist vorbei. Sie werden hier sterben. Wenn Sie so denken, werden Sie ruhiger +leben, weil Sie ein kluger Mensch sind.« + +Sie ging still mit dem Arzt hinaus, trat von dem Flur in das Nebenzimmer. +Ein Raum dick voll Rauch. Gesichter schwankten mit Bärten zerfließend in +der geballten Luft . . . deutsche Matrosen mit Scharbock von Grönland. Die +leichte Abteilung, nichts gegen die Tragödie drüben. Gesang: + + Isch un du + Mir hawwe uns so gern + un leck'st de misch bei Dag am Arsch + da brauchst de kei Laddern. + +Sie stand auf dem Sims, wusch mit Petroleum das Lambris, wusch das Fenster. +Sie zog ein Spinnweb aus der Ecke. Sie kehrte die Asche der Zigarren am +Boden zusammen, unter der Heizung jagte sie Flocken, putzte das Messing der +Klinken. Immer ein freier Raum um sie. Immer der fremde Gesang. Die Männer +kaum sichtbar in dem Qualm: + + Isch un du + mir hawwe uns so gern + un leck'st de misch bei Nacht am Arsch + da scheine der die Schdern. + +Sie ging auf den Zehen an das Bett des Geistlichen. Sein Auge sah starr, +gebrochen vor Melancholie in die Ecke. Er spürte nichts wie die +Vernichtung. Hier Ende seines Lebens. Aufgezogen von einer schönen Frau, +seiner Mutter, hier nun verfaulen. Unmöglich zu fassen, das konnte nicht +sein, seine guten Glieder . . . dieser Mund, der schöne und tapfere Dinge +sagte . . . wenn Gott war, so war dies unbegreiflich . . . ein schwaches +Lächeln -- er glaubte es nicht -- . . . als die Lippen anschwollen, starrte +er vor sich hin. Fassungslos dies große Ungeheure vor sich, sein Geist zu +enge Öffnung, als daß so Maßloses sich in ihn schon so rasch ergösse. Zu +klein sein Hirn für solchen ungeahnten Gott. Acht Tage lag er steif. Dann +fraß ihn das Neue, indem es ihn an sich gewöhnte. Da gab er sich Wochen der +Wut und der Anklage. Der Ausschnitt seines Zimmers, das Stück kümmerliche +Landschaft ward ihm die Welt. Der Mond, entsetzlich aufsteigend . . . er +würde ihn nie mehr sehen von anderem Ort, die Blumengerüche, der Dampf der +regenbeschwerten Erde . . . ein Bauernmädchen, das vorbeiging . . . nichts +zu halten, in die Ferne gerückt, nie zu berühren und zu haben . . . welches +Schicksal. An das Fenster treten, dies alles inbrünstig sehen, nie haben +werden, mit aller Wildheit begehren, kein Gott, der es ihm in die Hände +geben würde . . . warum diese Grausamkeit . . . warum ihm . . . -- -- Jahre +stiegen auf in dem Fensterbogen, entfalteten sich, zeigten jede Sekunde mit +einer Eindringlichkeit, die die Augen schmerzte . . . Spiele der Jugend +. . . eine schmale Frau trat an sein Bett, ein Garten abends . . . er hielt +es nicht mehr . . . schrie. Daisy kam, stellte Wasser neben ihn, rückte +einen Stuhl zurecht, legte Bücher darauf -- und ging. Er folgte ihr mit dem +Blick, bog ihn zu dem Fenster. Da stand seine Jugend. Wie war es zu tragen +. . . Nun litt er mit geschlossenem Gesicht. Als der Pendel durchschwang, +der Kern des Leides durchlitten war, löste es sich in schmerzliche +Seligkeit, er begann beim Abebben des Zorns eines Nachts zu weinen. Hell +wie ein Kind. Das ganze Haus hörte ihn. Nach Wochen sagte er zu Daisy: +»Wenn ich begreife, daß ein Körper wie meiner verfault -- -- wie soll ich +fassen, daß Sie in einer Arbeit wie dieser leben können.« Da sah er ihren +Blick zum erstenmal, der mehr Abgeschlossenes hatte mit den Dingen wie der +seine, fuhr hoch. »Was wundert Sie?« fragte Daisy. Da begann sein Blick an +ihrem sich zu erstaunen und zu kräftigen. Ihm schien Sterben nicht mehr +schwer von dieser Sekunde. Sein Auge folgte dieser Schwester, wo es sie +sah. + +Der Arzt nahm sie mit in sein Kabinett: »Sie werden mir operieren helfen. +Sie sind ohne Laune, ruhig.« Die große Schwester haßte sie von diesem Tag. +Sie hetzte einen Saal auf. Nachts auf dem Korridor umarmte sie einer von +hinten, fiel unter ihrer Parade schreiend zurück. Licht fiel auf sein +Gesicht: »Ich sage es diesmal nicht dem Arzt.« Er verkroch sich. Auf diesen +Mann konnte sie sich verlassen von nun ab, unbedingt. + +Sie hatte das Zimmer über dem Operationsraum, eine Glaswand trennte diesen +in Manneshöhe von ihr. Sie sah nachts einen Schatten, der die Instrumente +beschmutzte und zerwühlte. Sie stand früh auf und ordnete es wie neu. + +Es kam eine alte Frau, saß an dem Bett des Fiebernden: »Ist das mein Sohn?« + +»Ihr Sohn.« + +»Das ist ungeheuerlich.« + +Der Kloß verdrehte die Augen, flüsterte, schlug die roten Deckel zurück, +die, ohne Lider, nur im engen Schlitz sich noch öffneten. »Das ist +ungeheuerlich. Das ist nicht mein Sohn. Das soll ein Mensch sein . . . +Warum erschlägt man das nicht. Ist das Gottes Güte? . . . Mein Sohn, den +ich auf die Steuerschule schickte . . .« + +»Haben Sie den Mut, es leicht zu nehmen.« + +»Sind sie wahnsinnig, Schwester?« + +»So haben sie -- zum mindesten -- soviel Liebe, tapfer zu sein.« Die Frau +blieb starr unter dieser plötzlich harten Stimme, neigte den Kopf. Daisy +legte ein nasses Tuch auf die Augen des Kranken, wischte sie aus und ging. +Sie ging durch den Flur. Auf der Schwelle saßen Zwei und droschen Karten: +»Mitspielen . . .« Verschmitzte Gesichter. Sie lachte hell: »Ihr Dorsche +. . .« Tief befriedigt brüllten die Zwei in sich hinein. Im Garten der +Frühling. Grün überall leuchtend . . . Eine Amsel schlug an, hob den +silbernen Lauf und bog ihn elegisch in die Höhe. Daisy wiederholte. Die +Amsel pfiff die Läufe zarter und inniger zurück. + +Die Uhr schlug. In einem weißen Zimmer allein stand eine Wanne. Der +Zigeuner darin schlief, die Arme auf den Rändern aufgestützt. Sie band das +Wachstuch weg, legte eine Glocke mit einem Rohr in das Wasser, sog an dem +Schlauch, hing das Ende in einen Eimer, ließ Eimer auf Eimer heraus. Dann +wusch sie mit Spiritus und Watte den Körper ab, immer im Bogen um die +offenen Stellen. Sie nahm die Füße, rieb sie mit Äther aus und gab gelbe +Vaseline darauf. Sie waren im Wasser wie Hirne geworden, weiß, tief +gefurcht. Dann trug sie die Eimer heißes Wasser in die Wanne. + +Der Kranke ließ seinen Urin hinein. + +Sie setzte die Glocke an, leerte aus, goß wieder neues Wasser ein. Eine +Stunde. Der Kranke sah zu, folgte jeder ihrer Bewegungen katzenhaft. Ein +Pfarrer kam, wandte sich zu ihm, allein er schloß die Augen, als schlafe +er. Als Daisy fertig war, grinste er und gab seinen Darm in das frische +Wasser; Daisy sog das Wasser heraus, gab wieder neues zu. Wohltätiger +Besuch kam aus der Stadt. Der Zigeuner zog das Wachstuch weg und zeigte, um +zu größeren Geschenken zu rühren, seinen zerfleischten Körper. Die Dame +schluckte, übergab sich noch im Zimmer und eilte hinaus. Daisy zog das +Erbrochene auf, der Zigeuner warf wütende Blicke. + +»Sie mißt mich falsch«, sagte er dem Arzt. + +»So . . .«, sagte er und zog den Mund herunter. Der Zigeuner sah zur Seite. + +»Scheißen«, rief er. Sie ließ das Wasser aus, zog den Gummiring unter ihm +weg, schob den Stechnapf hinein. Es war eine Lüge. Sie gab ihm neues +Wasser. + +Er ließ den Arzt holen. Sie petze ihn . . . »Du Schwein«, sagte der Arzt +und schlug ihn aufs Ohr. Zwei Tage darauf vertraute er der großen Schwester +an, indem er weinte und sie zu Fragen zwang, er sei traurig, Daisy speise +ihm sein Essen. Sie meldete es, der Pflicht folgend, dem Arzt. »Wie können +Sie . . .?« Sie sagte gegen sein Brausen: »Das Statut.« Der Arzt +untersuchte und gab dem Zigeuner wegen Verleumdung einen Tag Hunger. An +diesem Tag speiste ihn Daisy mit ihrem Essen. Bei der Morgenvisite zeigte +er es an. Seine Stimme lauerte auf den Verweis. Der Arzt tat ihm nicht den +Gefallen, sondern bestrafte die Bosheit mit zwei Tage Hunger. »Es wird +durchgeführt.« Ein Blick in die Runde. Die Tür fiel zu. + +Daisy folgte, setzte sich für ihn ein: »Warum?« Zwei Brillengläser +funkelten sie an. Sie lehnte an den Tisch: »Er wird sein Leben im Wasser +liegen. Sein Haß gegen alles andere ist natürlich. Aber -- Strafe wird ihn +nie bessern.« »Nein,« sagte der Arzt »das ist nicht meine Sache . . . aber +die Autorität wird gewahrt.« In diesen zwei Tagen ließ Daisy von Naga sich +vertreten, tauschte mit ihr die Station. Sie wohnte in Nagas Zimmer. Ein +Gartenbusch lehnte herein. Die Blumenterrasse dahinter schwoll herein, der +Rasen roch. Morgens die Luft blau und gold, Vögel darin, die unsichtbar +sangen. Im Garten Naga, in den Hüften gebeugt. Eine Eidechse lief über den +Kies, grün, glatt, rollte sich über einen heißen Stein, hob die Augen, +züngelte herauf, lief weiter. Naga bückte sich, huschte rasch, geschmeidig +die Hand darauf, hob die Faust, aus der oben der toderschreckte Tierkopf, +unten steif der Schwanz heraussah, federte den schlanken Körper herum +. . . ein Gesicht fassungslos aufgegangen in der Freude. »Bleib«, sagte +Daisy, ging hinauf auf ihre Station, besorgte das Nötige auf der Nagas, die +hinter einem Busch saß, Wolken ansah, die aus dem Meer stiegen. + +Zwei Männer kamen durch den Garten. Sie wiesen ihre Papiere. Sie kamen von +einem spanischen Segler. »Scharbockabteilung. In vier Wochen kommt Ihr +wieder raus.« Naga führte sie hinauf. Sie wurden ausgekleidet, gebadet, +geräuchert, frisch gekleidet. Naga überwachte es. In der Nacht wiegte ein +Gemurmel, lange halb undeutlich, als striche Wind mit Bäumen. Dann schwoll +die Bewegung, die Wände des Gebäudes gaben sie weiter, echoten leis, +knaxten. Stimmen schwebten hindurch, mischten sich. Plötzlich sang einer +heiser und laut. + +Naga ging dem Geräusch nach, blitzte mit der Laterne auf leere Betten, kam +durch Tür und Türen näher. Sie stand vor dem Operationssaal. Den Schlüssel +vergessen abzuziehen . . . sie erbleichte. »Coño«, rief der eine Spanier +und warf seinen Mantel auf den Tisch. Links lagen Flaschen auf dem Boden. +Eingeschmuggelt . . . zu wenig Achtung auf ihre Mäntel . . . der Garten. +Sie ging hinein, rasch, fest. Die Fenster waren geöffnet, die Bettücher +hingen als Flaggen hinaus. Patienten der Lepra mit Flaschen am Mund, +taumelnd, in der Hand . . . die Spanier tanzend und krähend eine Orgie +. . . Naga stand stumm eine Sekunde, verzog den Mund zum Weinen und ging +starr auf den Spanier zu, riß an der Flasche, da ging der Schwarze in das +Knie, zupfte mit kurzen Rucken an ihrem Rock, er fiel nieder, er preßte den +Kopf an ihre Knie. Entsetzt fühlte sie den Druck, schon nach der Tür +. . . Geheul . . . versperrt der Ausgang. Sie sah die Leine, hing sich +daran, schellte Alarm, riß die Schnur ab . . . die Patienten machten Jagd, +stöhnten ihr nach . . . um den Operationstisch. -- -- Da schnitt eine +Stimme herein. Das Licht wurde dreifach, ein Reflektor glühte aus der +offenen Tür. Weit geöffnet schrie der Mund des hereinkommenden Arztes. Sie +wurde ohnmächtig. Schwestern, Gehilfen drangen herein. Der Spanier ward +gefesselt, ein Lepröser in die Zwangsjacke gesteckt, er schäumte. »Still +hinüber«; zwei kurze Befehle: »Me caco de la puñedra y jodida alma de la +grandissima puda madre qué te caco . . .« Ein steiler Arm hob sich kurz vor +Daisy, die ihn unter dem Tisch entdeckte. Hinaus . . . Einen Augenblick +stand ein Kreis noch erregt plaudernd um den Arzt, der sich in Sublimat +wusch. Dann gingen Türen. Als alles still war, öffnete sich leis Daisys +Tür. Naga kam, schmiegte sich auf dem Bett an sie: »Ich kann nicht mehr +. . .« + +Es war dunkel: »Wie lange hast du Kontrakt?« + +»Oktober.« + +»Geh sofort.« + +Doch Augen kamen ihr im Kissen entgegen, die getröstet werden wollten, +gehalten, die noch nicht gehen wollten: »Aber du kannst es doch. Arbeitest +du nicht wie Vier. Hast du nicht Kraft, alle Sehnsucht zu verdrängen. Hast +du dazu nicht mehr gesehen, erlebt wie wir?« Sie zog sie neben sich: »Der +Wille genügt nicht. Nichts wird vom Ende aus begonnen. Geh, lebe. Kommst du +nicht wieder, fandest du Gegebeneres für dein Schicksal. Kommst du wieder, +ist nichts so entsetzlich, du trügest es nicht mit einem Lächeln.« Nagas +verweintes Gesicht suchte auf dem Kissen nach ihrem. Tränen an ihrem Mund. +Schluchzen . . . was sollte dies Kind hier. Erst hindurch durch das andere +. . . was das Leben zärtlich und schön macht. »Geh.« Naga ging schlafen. +Die Nacht darauf hatte Daisy Wache bei dem Zigeuner. Er stellte sich +fiebrig, damit sie nicht zum Schlafen komme. Es klirrte im Nebenraum. Daisy +ging hinein, schloß die Tür hinter sich, reichte Pakete hinaus, ein Kuß mit +Tränen, die im Mund blieben. »Mut«, geflüstert ein heißes Wort zurück, kaum +verständlich vor Weinen. Das Fenster geschlossen . . . zurück zu dem +Zigeuner . . . auch dies vorüber. Naga würde nun fehlen. Kein Lächeln mehr +im Hause sein. + +Der Zigeuner fluchte. Sie lächelte, einzige Antwort. Bosheit verzerrte sein +Gesicht, er klotzte wie ein Neger. Sie hatte ihn kurz verlassen . . . er +beschimpfte sie. Sie hatte Unrecht, ihn eine Sekunde zu verlassen, sie nahm +seinen Vorwurf hin: Du hast recht. Unbeugsam blieb ihr Mund durch seine +Tücke. Er kam in Raserei, gab ihr jeden Fluch seiner Jugend. »Schlaf«, +sagte sie mild. Er spie ihr in das Gesicht. »Du Armer.« Sie setzte sich in +eine Ecke. Dunkel nun im Raum, halb licht vom Morgen. Ganz allein in der +Nacht ihr Wachen . . . unendliche Stille ausgegossen in ihr. Die +Fenstergardinen schwankten . . . Di Contis Atem ging mit dem Wind durch den +Raum. Die Liebe ging auf in ihrem Gesicht. Sie saß bis tief in den Morgen. + +Die Sonne kam weiß aus dem Meer. Das Wasser ward spiegelig grau mit einem +dunklen Rand. Der Sommer auf der Höhe . . . das Wasser stank faulig. Die +Hitze lag kreiselnd am Himmel. Sand, Meer, Gebirge: eine Ebene +erstickendster Trockenheit, von der ein giftiger Hauch am Mittag gegen das +Haus fiel. Aus heißem Bett, schlaflos, fiel sie morgens, die Nerven +zitternd, in den Operationsraum . . . Puls halten, Apparate reichen . . . +sie hielt an einer Zange ein Bein. Zwei Finger des Arztes bohrten im +Fleisch, suchten einen Knochen. Da riß der Gummi des Handschuhs. + +»Äther«, schrie der Arzt. + +»Hier.« Er riß den Stöpsel ab, leerte es über die Hand, stöhnte auf. + +»Jod . . .«, schrie er, die Augen quollen. »Schlafsenkel . . . Gans . . . +ist das Jod?« Schon verbanden ihn andere. Über dem Waschbecken knurrte er +weiter. Vor dem Weggehen warf er ihr einen wütenden Blick zu. Unter den +anderen stehend nickte sie mit dem Kopf. Was war das Unrecht? Hätte sie +nicht wissen müssen, daß er irrte, klüger sein wie er in der Stunde der Not +. . . auch dies. War es ein Unrecht . . . sie nahm es mit in den Dienst. Es +reichte nicht an ihre Ruhe. + +Zwanzigmal das Wasser leeren . . . Gestank. Das eitrige Wasser faulte unter +der Hand. Geruch von Brake und Schlachthaus auf den Korridoren, Schweiß in +den Krankenräumen . . . ein satanischer Sommer. Die Fenster, weit +ausgehängt, lauerten auf Zugluft. Aus den Poren der Mauer kam Hitze. Die +Kranken badeten in ihrem Schweiß, der sie anfraß. Die offenen Schenkel +wurden brandig. Die Gurgeln wurden trocken, krächzten. Einmal begann einer +zu schreien, besinnungslos. Sie stand neben ihm, gab ihm Packungen. Sie kam +zu dem Fiebernden: »Nimm dir Wasser.« Er hob den Hals, konnte sie nicht +ansehen, die umschlossenen, nie mehr zu öffnenden Augen winselten +Dankbarkeit. Sie spritzte mit einer Blumenfontäne Wasser ohne Pause in die +Luft. Dünner Regen kam aromatisch nieder, Trost einer Sekunde. Ein Atemzug +Glück . . . vorbei. Durch das Zimmer fliegend, sah sie das glanzlose Auge +des jungen Priesters. Erstaunt: »Auch Sie . . .« Er schüttelte den Kopf, +kein Kleinmut, er lächelte, solches fiel schwerer ab, was ihm menschliche +Gewöhnung gelernt, zu schätzen, dies: »Der Geruch.« Ihr linkes Augenlid +senkte sich kurz. Sie brachte eine Flasche Eau de Cologne. Er entkorkte die +Flasche, roch sie, Tränen schon in den Augen: dies war die Welt. Er drehte +sich um. Am Ende bei ihrem Vorbeigehen senkte sich ein maulender struppiger +Banditenkopf gebändigt. »Ein Gewitter kommt,« sagte sie, mit dem Leinentuch +wehend zum anderen Ende, »den Abend wird es frisch vom Meer.« Im +Nebenzimmer, wie Fledermäuse ausgetrocknet, hockten die Matrosen, sangen +nicht mehr, Hunde mit trockenen Schnauzen. Lächelnd: »Geduld, Struppige +. . . Wind.« Sie bekamen Ausdruck in die Blickwinkel, schielten sich an, +stießen die Ellenbogen sich in die Seiten, grinsten, schaukelten auf den +Stühlen. »Geduld«, sie wehte zeigend mit dem Tuch nach dem Himmel. Alle +sahen hin, alle in Spannung, sahen nach einer Wolke. Der ganze Saal +sammelte sich nach dem Himmel, lag auf der Lauer. Sie stand im Zimmer: +»Mut.« Der Glaube trat aus ihr heraus. Trat in zwanzig Halbverweste. +Vierzig Augen sahen auf sie, traten in sie ein mit ihrer Hoffnung, +klammerten sich an sie, schauten gläubig, mit ihrem Mut gestärkt, nach der +Erlösung. Rochen nicht mehr ihren Eiter, spürten nicht mehr Schweiß, der +ihr Geschwür biß. Keiner, der haderte, niemandes Schmerzruf . . . ganz +verhaltene Stille. Der Glaube von zwanzig Unglücklichen ballte sich +heftiger als von tausend anderen, der Glaube von zwanzig Unglücklichen +stand in dem Zimmer, wuchs in den Räumen. In allen Zimmern stand er auf. +Bald das Ende der Qual, bald Wind und Mut, weiter das andere zu tragen. Ein +kleiner Windhauch nur . . . welch ein Trost. Die Zimmer verbanden sich mit +einer Schicht Vertrauen, die früher nicht herrschte. Die einzelnen kamen +sich näher, fühlten sich als Genossen, lachten sich zu. Die Deutschen +sangen wieder. Freude stand über den Betten. »Dank.« Sie rief zurück: +»Mut.« Der Tag vorüber, die Nacht rot vor Hitze, der Morgen graublau, +entsetzliche Last. Durch die Zimmer gehen, immer ein Lächeln. Hinaussehen +zum Horizont. Die, die nachts nicht geschlafen, die halb irrsinnig waren +vor Schmerzen, alle, die beginnen wollten zu lästern . . . alle einigten +sich an diesem Lächeln, unternahmen nichts, wurden still, sahen hinaus auf +den Horizont. Sie beruhigte, entflammte still, flüsternd von Ohr zu Ohr, +wenn sie sich bückte: »Geduld . . . es kommt.« Der Glaube wuchs in den +Zimmern, heftiger, tiefer . . . der Glaube der vierzig Augen stieg, die +anderen glaubten, wuchs in die Räume, ballte sich den Tag . . . die ganze +Nacht. Schaum am nächsten Morgen am Meer, am Mittag die lähmendste Stille. +Gegen Abend wuchs ein Segel, schoß in den Himmel wie ein Gaul, bäumte, riß +in einem Rad den Himmel als Strudel in sich . . . Blitze zuckten flatternd, +irr . . . Kühlung kam. Die Augen geschlossen . . . die Hingabe erhob sich +zu ihr, aller Gefühl: »Dank.« + +»Wofür . . .?« Sie starrte hinaus. + +Ein Wagen traf ein. Ein Brief. + + * * * + +Das Verhängte lockte. Das Elend des Einzelnen, der ihr Blut berührt, riß +sie von dem, was sie hielt. Der Brief hatte nichts von Gewalt, viel +Unterwerfung. Ihr Herz rührte sich ihm zu. Sie unterbrach, reiste drei +Tage, fuhr eine Mauer unter Oliven, hörte das Meer, traf in dem Park vor +einem kleinen einstöckigen Schloß Stefan, den sie tödlich getroffen +glaubte, er wandte sich um, warf eine Bananenscheibe weg, kam über den +Rasen. Sie erstarrte, wandte halb um, voll Schmerz und Wut. Hörte seine +Stimme. Er log nicht, sie kam nicht umsonst. Sie kannte sein Leben, das +zwang, niederhielt, bebenden Boden mit den Beinen feststampfte, sieben +Balken im Schweben hielt. Er hatte Minen um sich gelegt. Flog eine, sauste +er mit. Er hatte genug, ließ sie fliegen. Es reizte ihn nichts mehr. Er +lebte allein seit langem. Er wollte sie sehen, ehe er verreckte. + +Ihr Herz war festgebohrt. Es genügte nicht. Sie drehte ganz. Seine Stimme +holte sie ein. Das Raubliebende besaß einen Klang, der sie bannte: »Nimmst +du mir den Rest Erlösung?« Sie sah das Zerrissene seines Lebens darin, das +nun der Erfüllung nahe war. Schicksal, vom Tag, wo sie zuerst ihn sah, +hineingeschrieben in jede Falte des Gesichts, erfuhr unerbittlich seine +Bestimmung. Wie diese Fahrt seines Blutes nun landete in Reue, sich selbst +verwarf, und das Starke sich hinschmiß und bat, ergriff sie mit Rührung, +die alles hinüberneigte zu ihm, zagend und nicht ohne Befremden, doch +bezaubert: »Gehen wir hinein.« + +Sie stellte ihr Leben unter seines, trug im Unbewußten die Last, fühlte +seinen Schmerz, seine Seligkeit, sah die Grenze, die bald alles schloß, +kannte sie nicht, roch die Katastrophe, bäumte sich vor ihr, legte in ihn +hinein, was ihm das Letzte klar machte, beruhigend, sicher, Aufflug und +Klarheit. + +Sie ritt sich die Schenkel wund, er sandte Reithosen und Salbe. Sie rieb +sich die langen schlanken Beine. Durch Gras, durch Fliederhecken, ein +Bogen. Ein verfallener Tempel, ein kupferner Mond darauf, Lusthaus der +Frauen des passierten Jahrhunderts. Dahinter fielen Terrassen. Vor den +tiefen Fenstern des Schlosses tauchten Tritone auf, warfen Wasserlanzen, +bliesen aus Hörnern in den blauen Abend. Sie ging zurück, zog sich ins +Zimmer, speiste, schlief, suchte ihn morgens. Er saß über Papieren, +schrieb. Sie wich zurück. Er sah den Schatten, fuhr herum: »Du störst +nicht. Nie.« Das Geschriebene flog vom Tisch. »Doch.« Sie wollte gegen +seinen Willen, ihm es leicht machen, wandte sich. Er, ihr sich hingebend, +wußte nichts anderes: »Bleib.« Sie blieb. + +Die Luft ward silberblau. Blüten rochen herüber in der Nacht. Im gläsernen +Bauch des Sommers stand noch der Frühling mit Kastanie und Flieder. Es +rauschte Tag auf Tag über die Hängematte. Morgens beim Frühstück frug +Stefan: »Reiten wir?« Sie nickte. Kein Vorschlag, den sie nicht annahm. +Nach einem Galopp schon sah er die dunklen Ringe unter ihrem Auge, verstand +sie, ihre Woche, verlangte, daß sie sofort absteige: »Welch ein Irrsinn +. . .« Doch sie log. Wozu Sorge noch mehr ihm geben, diese Stunden +vergällen. Lächelnd: »Du irrst.« Weiterreiten unter Schmerzen. Reden mit +frischen Lippen. Seine Schläfe lief dick an vor Qual. + +Sie stand am Morgen früh auf, öffnete die Tür ihres Zimmers, ging hinaus +auf den Rasen, die hohe Mauer entlang. Der Morgen, dunkelrot, verführte mit +Pracht, sie ging um das Moorstück mit den dunklen Blumen, bog um den +Pavillon. Sie stand unter den Palmen, kam zurück auf die Terrasse. An dem +Rondell setzte ein Schmetterling sich auf ihre Achsel. Sie drehte sich +herum, da trat Stefan hinter einer Figur vor. »So früh?« sagte er, der spät +aufstand. »Nicht sehr!« sagte sie, verschwieg den Weg, den er ihr ansah. + +Zwischen den Oliven stand die Sonne hell, klar. Der Horizont gewölbt, +kreisrund und stählern, süß die Luft darunter, schwärmerisch die Verzückung +des Abends. Eine Lampe auf der Terrasse . . . der samtene Rasen blau in der +Dämmerung. Eine Syrinx flog über die Mauer. Sie stand auf, müde. Er +begleitete sie bis an ihr Zimmer. Sie drehte sich halb um . . . er folgte +nicht. + +Sie lag die Nacht wach, in gelber Gardine schwamm der Mond. Das Silber der +Stutzuhr im Dunkeln . . . Bilder entblößter Damen, degentragender Herren +steif an den Wänden, undeutlich im Dunkel . . . ein Spiegel glomm tiefer +und ungründiger in seinen matten Glanz hinein auf dem Toilettetisch . . . +kein Geräusch. Kein Vogel. Sie horchte auf Laute. Still und abenteuerlich +der Park. Sie wartete. + +Den Morgen blieb sie lange liegen, wartete auf die Stunde seines +Aufstehens. Als sie hinauskam, sah sie ihn über die Terrasse herkommen. Sie +errötete. »So früh?« Er sah auf seine verstaubten Schuhe. »Nicht sehr!« + +Ein weißer Blitz setzte über ihre Hängematte am Mittag, schoß über das +Rondell, flitzte in den Mittelpavillon. Sie sprang ihm nach. Nach links war +der Flügel geschlossen, nach rechts folgten Räume, große Zimmer, vorüber im +Lauf bemalte Wände, goldene Rebstöcke, japanische Tapeten, Mosaike, +silberne Leuchter . . . die Fenster gingen bis zu dem Rasen . . . da stand +Stefan neben einer kleinen Fontäne mitten im Zimmer. Auf seine Schultern +hatte ein weißer Windhund die Pfoten gelegt, seine Hand fuhr an dem +geschmeidig zitternden Rücken herunter. Er sah ihr Gesicht in der Portiere, +ging ungestüm auf sie zu, unterdrückte eine Wallung: »Nimm den Hund. Ich +gab ihn weg, weil ich zu sehr ihn verzog. Heute kam er zurück --.« »Ach,« +sagte sie, »nein, ich bitte dich, ihn zu behalten.« Er liebte ihn, wie +konnte sie ihn nehmen! Blieb fest Beim Abendspeisen sah sie, daß er litt. +Sie hatte ihn abgewiesen, um ihn zu freuen. »Verzeih«, sagte sie an der +Schwelle ihrer Tür, berührte schwach seinen Arm, sah über die Schulter. +Seine Hand zitternd am Pfosten. Die Tür schloß, er folgte nicht. +Blumengeruch toll die Nacht. Schlaflos bei aufgerührtem Herzen. Wohin +trieben solche Konflikte, helfen wollen und verletzen . . . annehmen und +gegen das Opferbereite verstoßen . . . Leid auf jedem der Wege . . . +Brausen der Springbrunnen in der Nacht . . . diese Erquickung. Sie sprang +hinaus, löste am Bassin der Tritone die Matinee, tauchte in das Wasser. +Eine Wasserrose trug eine Tauperle. Sie stieß daran, das Kristall flutete +vor Licht, zerbrach, der Himmel ward erschüttert von diesem Fall. Die +Büsche schlugen auseinander. Stefan im Pyjama, den Ginster +auseinanderbiegend, oben über den Figuren . . sie schloß die Augen zitternd +. . . sie sah auf. Stefan war fort. Nichts in seinem Gesicht, das davon +sprach den Mittag. Keine Gebärde anders in diesem Kopf. An seiner Ruhe +spürte sie die Gespanntheit vor dem Schlag. Sorgen, Trauer, die sein Hirn +verwüsteten, die Erwartung der tötlichen Minute, vielleicht schon aus dem +Wipfel eines Baums gezückt. Blieb er unrührbar, lief sie heftiger in ihn +ein, erschütterte sie seine Haltung unbedingter zu ihm hin. Einmal schoß +sein Blick unverhüllt von der Seite, sie sah ihn im Spiegel. Sofort +bändigte er ihn wie ein Tier. Sie spürte, wieviel ihm fehle, was er +unterdrücke und wie es ihn fast sprengte, daß er sich überwand, sie nicht +nahm. Ihr Mitleid erreichte die Tiefe, der blitzhafte Aufriß seines +Herzens, das demütig solche Kraft überwand, wies sie zu vertiefterer +Aufgabe. Sie mußte den Himmel ihm schöner überrunden, sich unendlicher mit +dem Blut unter ihn betten, ganz sich verschenken an das, was sie +verschmähte. In der Nacht, als sie schlief, öffnete ein Gewitterwind die +nach innen geschliffenen Rundfenster, stürzte sich auf sie, schreiend fuhr +sie auf, ergriff den Leuchter, rannte los, sah Stefan an einer Portiere, +lief in seinen Arm, entsetzt von Schlaf und Schrecken. Sein Arm kam. +Entfesseltes schlang um ihre Taille, noch tastend, zag. Dem Zögernden +unterzog sie sich, gab sich hinein. Ein seltsamer Ruf, es schwoll heraus, +ihr Hemd schwand, ein Mund nahm ihren. Hände über ihrem Bauch, die langen +Beine fuhr es hinunter. Die Kissen schwollen über ihr. Lippen zogen über +ihren Leib, küßten die Sonne, die um den Nebel lag, alle Strahlen, die rot +wurden. An jede Hautpore wuchs die Hand, unverlierbar nahm sie, ließ +wieder, erfaßte Neues. Tiefster Schmerz durchjubelte die Hingabe. »Daisy.« +Hell, hingegeben dem Schmerzlichen in der heiseren Frage, ohne Zögern: +»Ja.« Die Hand über den Hüften griff zu, Nebel riß über den Augen. Haare +lagen zerstört und locker um den Körper, dessen feuchte glänzende Bronze +das Kerzenflackern überschwemmte. Sie lag, als er schlief. Sie lächelte +über das Geschenk, das sie ihm gab. Es war das Letzte, was sie konnte. Vom +verflossenen Gewitter duftet der Garten herein, durchbricht den Raum. Es +war ihr, sie erreiche die verschlossenste Grenze seines Wesens, habe ihn +erfüllt. Am Morgen öffnete er ihr den versperrten linken Flügel. »Ich +sparte es auf bis heute.« Sie trat ein. + + * * * + +Das Wappen hielt sie fest, lang. Sie zündete die Kerze an. Schlug das Buch +auf, zerfuhr es mit den Fingern, blickte um mit einem rätselvollen Gesicht. +Einen Augenblick trat der Raum hinein. Sie sah nicht die Rebstöcke aus +Gold. Fontänenwasser kam in die verzehrende perlmutterne Schale. Es kamen +gerade Herren, golddunkle Bilder, Damen auf der altjapanischen Tapete und +Jäger mit demantener Agraffe. Es kam ein Degen. Zersplittert, in den +Trümmern gerahmt ein Spiegel mit dem Pistolenschuß in der Mitte. Es kam auf +dem Tabourett in Wachs mit blauen Adern ein Kopf, eine rechte Hand. Es trat +wieder aus ihr hinaus. Sie sah nur das Wappen. Es hielt. Es war das eigene, +kam herauf aus den gestrichenen Jahrzehnten, wurzelte unten im Schoß der +Generation. Ihr Blut griff zu, vermählte sich. Saß über holzgeschnittenen +Signets. Es kamen ungeschickte, gestammelte Worte. Geschnörkelte +Zeichnungen machten den Übergang unsicher. Hochmütige Sätze kamen, +Buchstaben großer Form. Der Wahlspruch schien auf: Wenn ihr mit Männern +spielt, so wißt mit wem . . . Und ist es mit Frauen, um was ihr spielt. -- +Aus dem Buch stieg der Saft des Gelebten. Der Raum erhielt Gewalt. Aus den +Blättern der Miniaturen quoll der angesammelte Atem der Generationen. Die +Farbe der Gewänder bekam Gewalt und blühte. + +Die Miniaturen platzten unter den Muskeln, die sich reckten. Der Stolz der +Frauen sprengte die Taillen und die Sanftmut der Elfenbeinfarben. Die +Wangen röteten sich unter dem Puder und glühten, Lider hoben sich schwarz +und flammten sie an. Degen und brokatene Mäntel zuckten. Ein kühnes Auge +traf sie wild. Ein Turban erschien mit den Augen der Gazelle darunter in +der Galerie der Frauen. Von da ab waren die Köpfe ähnlich wie der ihre, wie +ihres Vaters. + +Sie sah den Ahnen, der dies Haus sich baute. Sein Körper war größer und +gewandter wie der der anderen. Sein Gesicht glatt und gefurcht von zwei +großen leidenschaftlichen Linien. Unter dem Feuer seines Auges fingen die +Spiegel des Raumes zu leuchten an, in ihrem verschleierten Glanz begannen +weiche Hüften der Frauen zu wiegen, braune Torsos schlangen sich dagegen. +Atem wilden Genusses rauschte mit Lachen in der Seide. Dies Gesicht führte +ihr Geschlecht auf den höchsten Punkt ihres Blutes. + +Sie sah seine Schrift, seine Briefe. Frauenleiber wandten sich ihm zu und +sträubten sich auf vor ihm. Ehrgeizige Spiele, sehr erleuchtete gläserne +Säle . . . ein großer Ritt, der ihn mit Ruhm behängte, glitt durch die +Luft. An einem heißen Abend begann er, dies Schloß zu bauen für den Sommer +und die Zärtlichkeit der Frauen. Er stand davor, als er ankam. Die tiefen +Fenster wühlten in der wollüstigen Nacht. Terrassen bogen sich kühl +hinunter zwischen dem Taxus und den Hermen. Der Park stand wild voll Duft +der Rosen und Jasminen. Fontänen bohrten sprühende Lanzen in die blaue +Blumendämmerung. Ein Zimmer war erleuchtet mit vielen Kerzen. Er trat +hinein. Am Morgen schrieb er mit vier Sekretären, noch feucht von der Haut +der Geliebten. Dann ging die Sonne auf, er erhob sich und weckte sie aus +Träumen von ihm. Da jagte er die Tiere. Die Sommer wechselten und fielen +heiß herunter einer in die Spur des anderen. Da liebte er Dirnen. Er schoß +die Saue. Das Pferd rannte unter dem Spiel seiner Schenkel. Kerzen blitzten +um nächtliche Spiele. Lange Profile hingen wie Glas gegen den Schatten. Die +Edelleute naher Höfe schwitzten um seinen Kartenschlag. Da fuhr er in +Wagen. Da schlug er Hunde und küßte die Nägel ungeliebter Frauen. Ein +einsamer Sommer umgab ihn ganz allein. Er wanderte, die Arme über die Brust +gekreuzt, die Wege herauf, die Wege herunter. Seine Augenbrauen schoben +sich im Dreieck zueinander. In einem zitronen trockenen Juli sah er auf der +Landstraße ein braunes Kind, das in den Himmel lachte und nicht sprach. Er +nahm es mit sich. Aus heißen Ritten warf er den Körper in das Bassin, das +kristallen um ihn schäumte. Dumpfe Nächte durchschlief er mit schweißigem +Haar. Mit großen Orden, den Degen zum Knie gesenkt, empfing er eine +Fürstin, den Fuß am Schlag. Sie warf ihm Blicke zu durch das Glas ihrer +Equipage, die er geschmeichelt nahm. Er diktierte Briefe, Befehle, Politik. +Er arbeitete eine Intrige aus, die in London sich kraus gestaltete. -- Dann +schlief er allein durch einen ganzen Sommer sich durch, locker in der +Kleidung, zufrieden und still das Gesicht . . nichts weiter tuend, als den +Himmel ansehen durch den Regenbogen der Tritone . . . + +Das Buch blieb geschlossen, die Lider stellten sich nach innen. Der Raum +trat aus ihr heraus, wie die Fenster sich öffneten alle in den Parkmorgen. +Stefan rief herein, sie ging neben ihm. Blätter, Büsche, Esel tanzten +vorbei. Sie gingen. Das Ende kannte sie, seine Arbeit, seinen Tod. Es hatte +ihre Jugend durchdrungen, ihrem Dasein Luft gegeben, Liebe. Daher kam sie. +Das Vorspiel war neu, unwichtig, aber bestimmend. Er ging vor ihr her, die +gleiche Kurve unten am Rand des Geschlechts, der gleiche Schnittpunkt +führte sie wie ihn. Aus dem Knax kam sein Werk. Sein Rausch wurde Sinn, als +die Gegenströmung in seine Sehnsucht sauste. Die Summen zog er aus dem +Entsagen. Sie reckte sich, spürte sich mit ihm durchblutet. Er ging vor +ihr, war der Vordere, ließ ihr ein Vermächtnis. Sie lächelte, sicher genug +in sich, aber die Rechtfertigung ihres Daseins aus dieser mystischen Quelle +bog sie auf vor Befriedigung. Sie gingen. Luft strömte frischer, die Beeren +leuchteten. Sie gingen rascher. Er hatte gelitten, geschafft, die Lippen +zerbissen, ausgeschlagen, sie empfand jede seiner Minuten. Das Vermächtnis +wuchs. Von Vaudreuils Herzschlag vorwärtsgeschnellt fühlte sie sich +getrieben. Fortsetzung seines Handelns kam an sie nach der Pause des +Geschlechts, nach der Ruhe. Sie führte zurück in die Gemeinschaft, was er +restlos erwarb. Er eroberte. Sie half. Das Angehäufte veredelte nun. Er +schuf Platz für Menschen, siedelte, schaffte Arbeit. Sie aber befreite, die +Sklaven geworden in diesem Beruf. In ihrem Blut saß die Vertrautheit seines +Schicksals so, als habe er sie gezeugt, erzogen, seine Adern hinübergeführt +in ihre. Und jeder Tropfen Blut trieb, forderte, verhieß Vollendung, +Wirkung, aufbäumenden Zwang zur Tat. Die neue Kraft, die bestätigte, +bestürzte sie, machte sie gierig nach Tätigkeit, wenn diese Mission +vollendet, die sie noch umfing. Sie neigte sich zur Seite, nahm Stefans +Hand. Es würde vorübergehen. Sie gingen. + +Das Gefühl durchdrang den Tag, machte Weichheit hingegebener an das +Umgebende, das Umgebende tiefer verliebt in sie. Die Riesennelken der Beete +brachen auf unter ihrer Berührung, die Zinnfiguren trugen ihr Lächeln, die +Mauern wichen tief vor ihrem Blick in den Himmel. Das Tor fiel auf. Unter +den Lerchen flog betäubend der Horizont auf. Bienen schossen in dunklen +Bogen, die Wiese, die sie berührte, flammt gelb und zart. Sie gingen, +nahmen auf, gaben aus. Liebkosten Rehe, scheuten die Saue auf, lachten sie +zurück. Nahmen Pferde an der Ferme, trabten durch die Feigen, um den +dreizackigen Wolkenberg, speisten Zwiebel, Butter, Brot, sanken im tiefen +Schatten in Schlaf. In die violette Dämmerung ergoß sich ihre Ruhe. Kein +Wort. Er hielt ihren Halfter, sie gaben die Gäule ab. Ein Fasan lief über +den Weg, Pfaue gingen in einer Kette. Die Bäume der Allee fielen in rosane +Glut. Stefan nahm eine Göttin, hob sie auf die Erde ins Gebüsch, stellte +Daisy auf den Sockel. Sie senkte die Beine in einer von Anmut so erfüllten +Bewegung, daß ihr Knie seine Stirn traf, dann seinen Mund. Sie spürte ihn, +war plötzlich allein. Suchte, rief seinen Namen. Kam an den Pavillon, +verwirrte sich in den Gladiolen, lief in der Gartenstrecke, kam an die +Lichtung. Die Terrassen hingen beleuchtet. Ein Fest. Die Fenster hell, +Springbrunnen fluteten durch die Nacht. Atemlose Stille. Ihr Name kam breit +und voll Sehnsucht geworfen. Sie ging hinein in den Namen, besinnungslos. + +Sie verließ ihn, ging hinaus, sah den roten Mond durch die Pappel +schwimmen. Das Wasser. Das Bassin überschäumte weiß, bläulich ihre Haut. +Tritone sangen über ihr. Den breiten Guß eines Löwen fing sie mit der +Brust. Die Blumen schwelgten in der heißen Luft. Das silberne Füllhorn +schäumte unter der Sichel. Es überkam sie Sehnsucht, mehr ihm sich noch zu +geben, Furcht, etwas zu versäumen, Schreck, daß das Schicksal niedersause. +Sie überließ sich dem Wasser. Langsam kam die Ruhe, die einbezog sie in das +Geschehen der Nacht. Im Stillerwerden der Luft ward es klarer in ihr, bis +sie den Ausgleich erreichte, wo nichts sie rührte, alles sie verband. Sie +ging hinein, suchte, traf ihn in seinem Schlafzimmer, die Stirn am Fenster, +er hatte ihr zugesehen. Sie lächelte. Ihr Blick sah hinter ihm im Kreis der +Lampe eine Schale. Sie erbleichte. Zog zwei Kugeln heraus, nickte zu einer, +hielt die andere sprachlos ihm auf der offenen Hand entgegen. Ihr Augen +säumten sich, wurden klein. + +Sie frug mit dem Blick. + +Ihre Lippen trugen den Namen. + +Heiser sagte er: + +»Le Beau.« + + * * * + +Befreite er ihn, klappte das Messer, riß die Schlinge, flog die Mine, die +ihn erledigte. Er hatte noch kurze Zeit, bis das Schicksal fiel, lebte, die +Uhr in der Hand. Solange bedurfte er die Sicherheit gegen jede Möglichkeit. +Er hatte Jahre sie gesucht. Paris, Marseille, Kalkutta, Pegu . . . hatte +sein Leben umgestülpt, auf sie gerichtet, wurde gut an ihr. Was wog die +Ausnahme gegen das Ganze? Nichts. Das Gewaltige seiner Änderung umfing sie, +als sie verglich, trieb sie zu ihm, unter ihn: »Ich bin bei dir.« + +Nachts stand der andere auf, forderte. Sie tat Unrecht, um Liebe zu +erweisen. Sie hörte die fadendünne Stutzuhr, sah die Sonne prallen gegen +die Rideaux. Wischte die Nacht weg. Aus den mähnigen, windgestrählten +Sonnenblumen trat Stefan. Sie sah über ihm die Katastrophe. Was galt +Überlegung vorm Tod. Es flog aus ihr, bedingungslos, hinweg. + +Sie grübelte den Abend, die Ausnahme drückte sie. Sie maß ihr keinen Sinn +zu. In der Nacht wurde sie riesig: Es kam nicht an auf die Größe, nur auf +den Sinn. Da sprang durch die Portiere der Windhund, den er ihr geschenkt, +weil er ihn liebte, den sie zurückwies aus Rührung. Der schmale lange Kopf +strich an ihrer Wange. Sie hielt, was Güte an Stefan sie fesselte. Kein +Gedanke quälte mehr. Im Halbschlaf gegen Morgen fuhr sie auf. Ein Mensch +litt um sie. Sie ertrug es nicht. Schleifte den Hund aus dem Nebenzimmer +herein. Der Hund genügte nicht mehr. Sie schwankte, ging herum, besah ihr +Ohr im Spiegel, pflückte Glyzinen am Fenster, bückte sich, wechselte die +Farbe. Stieg die Leiter zum Bad hinauf, drehte ab, kam herunter, atmete, +sah in den Park. Legte sich nieder. Erhob sich, packte einige Dinge in +einen kleinen Koffer. Ging an die Portiere seines Zimmers, sah ihn +schlafen, schwer, fest, Mücken um seinen Kopf. Sein Schicksal, das er +kindlich nahm, wühlte sie so auf, daß sie erbleichte. Als er erwachte, +konnte sie nicht vermeiden, vorzutreten. Als er den Arm reckte, war seine +Not eine Sekunde so groß, daß sie ihn nicht verließ, hineinging wieder in +sein Schicksal. Als sie erwachte in seinem Arm, hob sie den Kopf, lauschte, +bog die Brust aus seinem Muskel, glitt herunter, sah zurück. Sah nichts +mehr als das Unrecht, sah nur den Gefangenen, der litt. Nahm das Gepackte. +Hörte einen Wagen in der Nacht rollen. Holte ihn ein. Kam in das Dorf, in +die Stadt. Schrieb ein Telegramm, das Le Beau befreite. Hob die Brust, nun +atmete sie sicher, sah zurück aus dem Wagen. Konnte nicht anders. Das flog +nun in die Luft. Vorbei. Es mußte sein -- und getragen werden. Von beiden. + + * * * + +Der Wagen kam an eine Barriere, einen Bach, einen Fluß. Der Motor stockte. +Am Mittag saß sie in der Nische über einem kleinen See. Die weißen +Hotelwände prallten von Sonne . . . Sie denkt: Nun ist Le Beau frei. Er +fragt: durch wen? Sieht die Depesche. Weiß: durch sie. Macht sich auf. Noch +einmal fliegt seine Stunde. Das Auge blitzt vor Geist. Er fragt sich durch, +beschäftigt Menschen. Er kommt an das Hotel, fordert. Sie will auch ihm +dienen, seiner Enttäuschung sich unterbreiten, dem Geschlagenen nah sein +. . . Ein Raum schiebt sich zwischen sie und den See. Sie schaut durch die +geschlossenen Lider. Sie kommt gegangen über die Terrasse, geht durch das +Zimmer des Ahnen, öffnet das Schiebfach, hebt die Kerze hinein. Sieht +seinen Kopf, beginnt zu weinen. Eine Stimme aus dem Dunkel: »Ist es +Sommer?« Sie ist tapfer, sagt hell: »Ja, Claudius.« Sie fährt mit der Hand +über sein rötliches Haar: »Ché . . . mon ami . . . ché . . . doudoux.« Er +lächelte: »Mit Gewalt macht es der andere nie.« Sie sagt: »Ich befreie +dich.« Sie kommt mit einem Dolch, versucht das Fenster aufzubrechen. +Unmöglich. Sie nimmt den Spaten, gräbt ein Loch von außen. Da steht Stefan +im Fliederrondell, die Brust leuchtet phosphorisch, die Augen geschlossen. +Sie stürzt in sein Zimmer, er liegt, schläft. Sie beißt die Zähne, zurück, +stößt das Messer ins Schloß, das wie ein Kuhmagen gefächert ist, die Spitze +bricht ab. Er ist bleich, lächelte aus dem verwüsteten Gesicht. Sie schreit +laut: »Ich befreie dich.« Er lächelt mehr: »Das sollst du nicht.« Fast in +der Ohnmacht fragt sie: »Was . . . was kann ich tun?« Sie ist außer sich. +Sein Auge schließt sich: + +»Denk an mich.« + +»Ja.« + +Es gelang. Pappeln gigantisch reckten sich vor bleiernem Himmel, Duft der +Syringen lüstern auf die Terrassen gestreckt, sie kam aus Gebüsch. +»Traurig?« »Nein, da du mich liebst.« Sie beginnt mit den Drähten, arbeitet +eine Stunde, es ist der letzte Plan, in der Pause erschöpft: »Daß du so +leidest.« Er hebt die an ihren Händen verkrampften Augen: »Leide ich, wenn +du mich liebst?« Sie beginnt wieder, steif vor Verzweiflung. Sie schafft +eine halbe Stunde, Uhren schlagen, der Haken faßt, es gelingt die Flucht. +Ein Gewitter bricht über den Wagen, weiße geballte Kugel saust überm +Himmel. Nun sind sie vereinigt. Sie haben ein Haus. Fischerboote laufen +unter ihrem Fenster, Motore überspielen delphinisch die Bucht, der Fjord +wird größer, schlägt sich auf. Sie sehen sich an. Wochen, Monate. Sie gibt +sich jedem Druck seiner Seele, scheucht das Gewesene, Trauer fällt ab, +Stille umgibt sie. Atmet er ruhig, beglückt sie es, streift seine Hand sie, +fühlt sie sein Glück. Eine Nacht wartet sie auf ihn. Er kommt nicht, sie +wartet die Minuten, Stunden, zählt die tickende Uhr. Am Morgen erscheint er +Sie ruft: »Deine Frau?« Er winkt ab. Sie ist erledigt, kein Gedanke streift +sie. Aber der Schatten gräbt sich in ihre Seele. Sie übergeht ihn. Im +Unterdrückten wächst er. Sie bekämpft ihn. Sie hat diesen befreit, will ihm +Jahre ersetzen, Glück, das er Jahre erstrebt, bereiten. Aber ihr Herz +leidet mit der Verstoßenen, sieht den Ring im Traum an Claudius Hand vor +der Demonstration, schreit im Schlaf. Sie kann nicht leben auf Kosten der +Frau. Aber sein Gesicht ist heiß, beschwört sie, fordert Liebe. Sie +lächelt, gibt ihm aufmerksamer. Doch er will mehr. Er will das Strömende, +nicht das Bewußte. Nicht das gut Gegebene, will den freiwilligen Akt. Sie +sieht auf ihre leeren Hände. Sie hat es nicht, verstellt sich, macht, als +seien sie gefüllt. Allein er sieht ihre leeren Hände, schreit verzweifelt. +Sie hört den Ton, er reißt den Raum weg. + +Sie hebt die Lider . . . . -- -- + +Ein Traum erließ ihr, was sie mit Stefan an Partie gespielt, verloren, +dasselbe mit Le Beau. + +Die feinen samtenen Lider senkten sich über den eisgrauen Blick. Der +schmale ovale Kopf hob sich scharf. Schrieb ein Billet, für den Fall, daß +er käme, sie suche, das ihn zurücktrieb und ihn anfeuerte zugleich. »Du +bist elend. Bin ich glücklich? Suche nach Befriedigung wie ich. Um dich wie +um mich stehen Ungezählte. Der Gedanke, daß wir da sind, hilft uns beiden. +Mehr kann der Einzelne nicht tun.« Sie packte, fuhr. Ihre Mission, ihr +Abschweifung, war zu Ende. Sie kehrte zurück, der große Schwung riß sie zu +sich. Die beiden, die ihr Blut unvergeßlich zuerst erregt, fielen aus, +schieden, sie hatte geirrt, ins Einzelne sich verwirrt, versagt. Erkannte +die magische Grenze der Kraft, die sie zurückzog. Wollte sich nicht +verlieren, konnte nicht, apokalyptischer Hure gleich, dem, jenem, diesem, +Schoß des Mitleids sein, sich verzetteln, sündigen gegen das Ziel. Sie +reckte sich, befreit, jeder Verantwortung ledig gegen ihr Leben. Die +beiden, die ihr Dasein immer gekreuzt, bis in die Tiefe der Demut +durchgelebt ihr Schicksal, stürzten zurück. Was blieb: das Werk. Sie fuhr, +stieg steiler. Saugte sich voll des Horizonts, der perlgrau vor sie sich +schmiedete. War voll Gewinnst bis zum Rand. Trieb über die Nächsten ihres +Bluts, die überwunden, dem Ganzen zu. Wie frei die Bahn vor ihr. Wie +geschleudert die Straße gegen den Himmel hinaufgestreckt. Fuhr auf den +Scheitel der Chaussee hinauf, fast schwingend. Gestrafft in jeder Muskel +der Seele. Sicherer wie jede Sekunde, die sie gelebt. Angezogen auf der +Sehne des eigenen Blutes ein Pfeil, der sich zum Losschwung spannte. Fuhr +über den Scheitel der Straße. In der Senkung blieben die beiden: Wegweiser +-- -- -- hin zu den Menschen. Da standen Tausende. + + * * * + +Sie ließ Minsk, kam mit Empfehlungen nach Kiew, sah Contis Liste nach, traf +die Zentrale, ward nicht abgewiesen, mißtrauisch behandelt, trat in ein +offizielles Büro, sah die Taktiken, kam durch politische Korridors höher, +spürte den Gegenschlag, enträtselte ihn nicht ganz, fiel vor der letzten +Erkenntnis, zog eine Meute Männer, über die sie gesprungen, hinter sich +her, verschwand. Bedurfte nichts weiter, hatte den Kernpunkt nicht, spürte +aber die Maschinerie, das System. Es genügte. Gab es nach Minsk, blieb acht +Tage im Südviertel, schaltete die Organisation nach der offiziellen, +verzichtete auf Begleiter. Legte das erste Hebelwerk, pumpte es entgegen, +in der gespanntesten Atmosphäre der Länder, der verfolgenden, war im +Vorsprung, da die Technik die gleiche, Kenntnis der anderen nur bei ihnen. +Glitt die Fäden weiter, wechselte Pässe. Sah in den Listen nach, machte +Abschriften aus Angst, sie zu verlieren, legte die mit Contis Handschrift +in den Safe einer Mittelstadt. Folgte der Linie, Tyska legatione, +Stockholm, in Upsala eine Verschwörung gegen Lund, tastete tiefer, traf den +letzten Zirkel der Jungsozialisten, maß die Spannung zu Wallenberg drüben, +Undên, Branting auf der Gegenseite. Tauchte in Genua auf, studierte +Quarantänen, Auswandererbaracken, Krankenhäuser. Erhielt Verstärkung, +Staffetten, Abwechslung der Reviere. Spannte ein Seil nach Minsk. +Vervollständigte die Listen, füllte Skizzen aus. Kaufte ein kleines Haus +Rue du Purgatoire, Genf, aus Holz, vier Zimmer. Setzte Gordon hinein, +beobachtete durch die Zentrale jede Kaserne, jeden Offizier, Stimmung der +Eingekleideten, führte darüber Buch, bohrte, trieb, jagte den Geist, +Auflehnung, Umstülpung, Bessern in jede Lücke. Rue St. Jacques hinter der +Sorbonne kontrollierte sich die Presse, Gerichte, suchte Menschen auf, +setzte sie in Stand, sondierte, suchte, setzte sie ein, entflammte. Fühlte +mit neuen Kräften die äußersten Spitzen radikaler Kräfte ab. Schob Raffaeli +vor. Trieb weiter, wo Geistiges verkalkte, Soziales verfettete, Unehrliches +scharfes Ziel verfälschte. Zog die Linie von hüben und drüben. Sah die +Listen nach. Schuf eine Mauer, machte, wurde klar. Schoß Druckschriften +durch die Netze, Löcher der zementenen Mauer, hörte die Explosion. Sah +Bordelle Budapests, Kaschemmen Altonas, Vorhäuser Bergens. Tabellen, Pläne +verquickten sich, es rollte sich mehr rundend ein Ganzes gegen die Hebel. +Kam der Schlag, der schleuderte, fuhr es auf, glitt in die neue Form. +Sauste die Schaukel herunter, flog die andere auf, schmolz die letzte +Etappe des Unglücks, verengte sich die Distanz unter Menschen, erstickte +Ungerechtigkeit, irgendwo war Paradies, weiter. Sah vieles, verstand an den +Wurzeln Gutes, Gemeines -- alles fuhr in das Bild, das Conti in der Pupille +trug von der Welt, das sein Hirn dachte: Umschwung der Erde. Traf im Coupé +eine Frau, die zu kreißen begann, gab ihr ein Papier. Ein Mann sprach sie +an, schlicht, sachlich, vornehm, strich über das schwarze Haar, erbat +Mittel für eine Mission. Sie lächelte, das linke Auge schloß sich. Der Mann +erbleichte, begriff ein Überlegenes, ohne daß er verstand. Sie setzte nur +auf den großen Schlag, hielt dicht die Depots zusammen, verbesserte nicht. +Wollte ändern. Traf nicht die Haut, wollte das Herz. Gab nicht +verschlampter heuchlerischer Wohltätigkeit verlogener Gesellschaft einen +Sou, tat nichts in verlorenes verspätetes Spiel. Sah in die Listen. Spürte +durch die Zeilen das zischende vulkanische Geräusch aufsteigender Kräfte. +Sie sagten ihr: Wohlfahrt der Massen. Sagten: Erleichterung der Bürden. Sie +horchte: Bildung des Volkes. Verzog den Mund, höhnisch. Züchtete junges +Fleisch, legte nichts mit lächerlicher Gebärde ins Faule. Ein Mann kam, +eine Mütze mit Metallschild funkelte in den Händen. Sie unterzeichnete ein +Papier: Administration des Prisons. Empfing ein Paket, »als ihr Eigentum +bezeichnet«. Öffnete. Es waren die Haare, die Stefan bei der Flucht in die +Berge ihr abschnitt, daß sie einem Jüngling glich. Er trug sie in seinen +Kleidern. Sie kamen zurück. Sie lächelte, nur die Augenecken bebten. Führte +die Fäden in ein Netz, legte es in Raffaelis Hand. Zog neue Linien. Vom +Grabe Di Contis drang ungeheure Kraft. Gab Wind in sie, Sturm, nie Pause. +Ging in ihre Sprache, ihre Ordnung, ihren Befehl, ihr Unterwerfen. Sein +Geist schnellte von ihrer Zunge, trieb hoch, erwählte, forderte Unbedingtes +-- ging in ihrem Bein, entzündete durch ihr Herz. Bauern starrten blöd auf +die Agierende, lachten sich an breitmäulig, gespalten, gingen heim, +vergaßen es nie. Traf mit ihrem Blick ins Schwankende, vollführte die +Entscheidung. Stieß, wie als Kind die Schlange, Falsches zurück, riß +Geeignetes an sich, mit sich hoch. Männer nahmen den Blick von ihrer Hüfte. +Jünglinge gaben sich ihr mit einem Ruck vorbehaltlos: nimm. Sah die Listen, +ließ die Zentren, teilte Kreise, Quadrate, suchte Provinz, begann Kleines, +spritzte Agenten aus aufs Land, schuf Agitatoren, die es nicht wußten, ließ +erkennen, hatte Vertrauensleute, die es nicht ahnten. Warf Summen in die +Siedepole, weißglühende Spannung, Rußland, Indien. Blieb im Hintergrund, +schaffte, verbarg sich, war kleine Agentin, wußte nicht, wann ereignet es +sich, wann gewinnt mein Ziel. Sah in die Listen. Es genügte. Führte sie. +Sie tat das Vermächtnis. Es war genug. + +Trat in eine Förderation, die kleine Huren erquickte, ihren Bauch ausruhte. +Raffaeli schob den Mund schief im Bart: »Sie sind eine Frau.« Sie +schüttelte die Haare, lachend, machte die Ausnahme, stellte sich gegen die +Polizei der Gesinnung, sah das Blödsinnige wohl ihrer Handlung, in diesem +Falle Aussichtslose der Besserung. Tat es dennoch, hatte zu viel hier +gesehen, zu sehr selbst erlebt, konnte nicht warten, bis das Leben sich +umdrehte, empfand Linderung im Gedanken, es werde gelindert. Belog sich, +wußte es, sah Raffaeli an, er senkte das Auge. Sie zwang Vertrauen auch im +Traum. Blieb sonst eisig. Blieb verborgen, Reisende, spanische Tänzerin, +Studentin, Dame. Sah die Listen, folgte der Kurve, sie ging nach aufwärts. +Noch nicht die Höhe. Erweiterte das Einzelne, vervollkommnete, verlängerte. +Strich durch, verwarf, erneuerte, erhöhte. Gründete ein Restaurant Rue +Monsieur Le Prince, wo gegen Ausweis Abgemühte ihres Geistes Essen +erhielten. Gab Raffaeli das Schloß, bog den Rausch des alten Vaudreuil ein +in den Sinn ihrer Existenz. Warf die Schatten der Frauen hinaus. +Geschlagene ihres Schlachtfeldes gingen auf den Terrassen. Sie selbst sah +es nie mehr. Studierte die Krankenhäuser großer, kleiner Städte, machte +eine Tabelle, zog eine Gleichung, ward nachdenklich. Machte Verzeichnisse, +wog ab. Gab unter der Boulmichlaterne einem schmalen Dichter aus Renées +Genfer Kabarett zwanzig Francs, traf ihn die Nacht mit Mimis im +Absyntherausch, traf ihn wieder Rue Guijas, schlug ihm Geld ab, gab +Anweisung auf Brot: »Schwärmen Sie, ich bin nicht Pedant. Aber essen Sie, +damit Sie tauchen.« Raffaeli schluckte, errötete, schloß die Augen zum +Schlitz: »Verzeihen Sie wegen der Förderation.« Sie schlug einen Kreis um +das Grab Di Contis, befreite. Sprach mit einem Sergeanten, ließ ein Haus +reinigen, gab es einem Balten, machte damit eine Kulisse, brachte die +Häuser an sich, besiedelte sie mit seinen Leuten, armen Menschen. Empfing, +ließ gehen, erhielt, gab aus. Reiste, erschien wieder, blitzte auf, +verscholl, kam mit neuem Plan, dichtete das Netz. Hatte einen Reiz auf +Menschen, der unwiderstehlich entzündete, gierig machte, umschlug, die +Augen veränderte, das Leben. Tätig machte mit ihr, fortzog, dienend, +hochmütig vor Verantwortung. Reiste nördlich. Zog am Todestag Contis die +Liste heraus. Verglich, zeichnete, ging ans Fenster, sah die Maste und +Schorne steif nebeneinander, ein Wald gereckt. Schloß die Liste. Legte den +Kopf zurück: Fast erreicht, fast erfüllt. + +Gab sich der Ruhe hin, Tage, Wochen. Lebte, gab sich preis dem Hafen, dem +ungeheuer Kommenden, Gehenden. Fühlte den Herzschlag des Bodens, Wiegen des +Horizonts. Mit den Schiffen ging sie hinaus, kehrte sie voll zurück. Traf +ein kleines braunes Kind, das die Antennen eines Dampfers visierte, wo die +silbernen Sonnen der drahtlosen Netze blitzten. Nahm es mit, badete es, +legte es zu sich, hörte die Nacht wieder Herzschlag an ihrem. Wachte, ward +nachdenklich, suchte die Gleichung, die Tabellen. Fuhr hinauf über +Christiania, fahles Licht prallte ihr entgegen. Die Schiebetür des +Lazaretts tat sich auf. Sie sprach den Arzt, die Brillengläser standen +scharf auf ihr, er prüfte, legte beiseite. Sie blieb ein paar Tage. Ihr +Zimmer stand leer. Andere Pläne umgaben sie, andere Pflichten. Sie blieb +dennoch. Sie war nicht draußen nötig, hatte erfüllt, was ihre weibliche +Kraft konnte: angeschmiegt an die Aufgabe, diese vorwärts getrieben +unhemmbar. Sie kleidete sich um, schritt hinunter zum Saal: »Ist Naga +hier?« »Nein.« Am Morgen trat sie in das Zimmer des Zigeuners. Er starrte +schweigend: »Durst.« Sie brachte Wasser. Er schiffte in die Wanne. Sie +schöpfte sie aus. Grinsend ließ er seinen Darm hinein. Sie legte die Glocke +ins Wasser, sog den Schlauch an, ließ altes Wasser heraus, neues hinein. Er +lallte einen Fluch. Die Zunge gehorchte ihm nicht mehr. Er sprach +undeutlich. Sie ging in Nagas Saal. Daß sie fehlte. Gut . . . wie schön, +das Leben heiter und reizvoll zu nehmen. Der Fiebernde zog an den Lidern. +Sie gingen nicht mehr auf. Dunkelheit immer um ihn. Keine Mutter am Bett. +»Deine Mutter?« »Tot.« Ihre Hand auf seiner Stirn . . . er erkannte sie. +Licht ging hoch auf seinem Gesicht. Unruhige Schatten schwankten, wenn sie +sie löste. + +»Sie . . . da«, des Predigers Auge irrte unstät von ihr zum Fenster. Er sah +die Welt hinter ihr, roch sie in der Luft, die sie noch umgab. Ein Bogen +schlug sich von ihrer Schulter übers Meer: dort die Welt, unmeßbar gepreßt, +verführerisch, sein Schicksal! Haß kam in seine Augen, brannte auf sie. Sie +neigte sich zurück: »Glauben Sie es immer schön . . . leicht?« Er wollte es +nicht hören: »Nur dort sein.« Sie lächelte: »Und dann?« . . . . . . . . . . +Weiter. Auf und ab die Räume. Blicke gebannt an ihr . . . . . . die Hitze +kam. Der Wind ihres Atems brachte Ergebung, Ruhe. »Wasser«, sie eilte, +kühlte, verband. Wie leicht das Schwerste zu tragen, stand sie daneben. +Welches Glück im Verzweifeln, sah man sie nur fern. Sie teilte aus, +schlichtete, sprach zu, freundlich, unbewegt auch durch Trotz, Feindschaft +prallte ab, ward Neigung. Die große Schwester kam in der Tür mit ihr +zusammen. »Verzeih,« sagte sie, neigte den Kopf, »daß ich deine Instrumente +einmal beschmutzte.« »Schon damals verzieh ich.« Die Schwester küßte +ungeschickt nach ihrer Hand, traf sie nicht, sondern die Klinke. Aus dem +Garten ein Zug . . . ein neuer Kranker, den Blick wie ein Fisch, resigniert +ohne Kampf -- -- -- unmögliches Dasein. Sie stachelte ihn auf, zeigte ihm +täglich das Neue, Buntes, geliebte Landschaft, Bilder von Karussells und +Kirmis. Seine Sehnsucht wuchs, stieg, ward tödlich. Als sie vorbei war, +gefestigt in dem Überwundenen, hatte er Heiterkeit. -- -- -- Sie machte +Schaum aus Soda, Schmierseife, heißem Wasser. Tag auf Tag beginnend mit +Schüssel und Schüssel . . . trotz der Hitze sangen die Matrosen: »Es kommt +Gewitter.« Sie sagte es zehnmal, jedesmal mit erneut gesteigerter Kraft. In +der Unmöglichkeit wuchs der Glaube nur stärker, verbreitete sich, trat aus. +War das Haus eine Kasematte schmelzenden Bleies in weißer Hitze, lauschten +schon halb erquickt die Insassen dem Regenfall, den sie versprach. Der +Glaube der Männer stieg, stand in dem Raum wie eine Wolke. Der Blick des +Predigers traf sie, erstaunt, ohne Haß. »Ich sollte nicht Kraft haben, zu +dulden, wo Sie Ungeheures vermögen?« Sie schnitt ihm das Fleisch, legte die +Messer hin: »Wie gering ist das alles.« + +Nachts beim Füllen des Wassers fiel sie ohnmächtig um neben der Wanne des +Zigeuners. Sie sah auf, erwacht. Die große Schwester drückte ihr ein kaltes +Wasserkissen auf die Brust, schielte mit den Augen zwinkernd nach der +Seite, ein noch nie erblicktes Lächeln um den harten Mund. Der Zigeuner saß +in größter Erregung. Er hatte geschrieen, jetzt beruhigte er sich. Als sie +allein mit ihm war, stammelte er, Sprechens kaum mehr fähig: »Die . . . +vorher . . . schlug mich.« Er tanzte im Wasser auf und ab. Die Angst, sie +zu verlieren, löste ihn. Er schlug in die Hände: »Bitte . . . bitte . . .« +Dann schwieg er. + +Der letzte Sieg. Auch diesen halbverfaulten Kretin, der vor Bösem strotzte, +überwand sie. + +In diesem Augenblick fühlte sie verzweifelt, daß etwas fehle. Schwer atmend +ging sie durch den schwülen Raum. Die Luft vor der Küste war +zusammengezogen von silbernen Nebeln. Die Erde, aufgetan, dampfte zarteste +Glut. Sie ging, erschrak, öffnete sich mit maßlosem Entzücken: das Meer. Es +lag hinter dem Schleier, schlug groß und dumpf. Ein Vogel flog auf, stob +über den Boden, setzte sich wieder. Sie erreichte ihn. Er flog zur anderen +Seite, wischte den Nebel zu großen Strudeln. »Rype«, rief sie ihm. Ein Hase +mit hell leuchtendem Pelz. Der Bach geschliffen, stählern. Langsam das +Rauschen einer schwimmenden Otter wie aus der Ferne. Die Gegend ging +heller, von seinem Dunst ins Gespenstische zugezogen. Möven schlugen sich +hoch. O Möven. Der Mond fiel platt auf das Wasser. Dunkelblau gemeißelt +stieg das Meer, ungeheuer gereckt mit metallen gekühlter Wut. Die Möven, +hochgerollt, hingen eine unbewegliche Schlange vor dem Himmel. Alles trug +ihren demütigen Sieg ihr zu. Am höchsten Triumph spürte sie die Lücke. Es +genügte nicht. Das Letzte fehlte. Woher? + +Sie hatte Sehnsucht, wußte nicht wohin. + +Was Menschliches zu tun war, flammend war es getan. Sie war zufrieden. +Nichts störte ihr Treiben. Im Lallen des leprosen Idioten formte sich +glühend ein Glück. Hatte entsagt dem Eigenen. Nichts Einzelnes sog, lockte, +begehrte. Entwichenes pries nur ihre Unermüdlichkeit. Kein Phantastisches, +Gewähntes verwirrte. Dennoch fehlt das Letzte, stieg das Sehnsüchtige +unerträglich. Dreieck spannte sich aus den Brauen, ihr eisgrauer Blick +streifte das Meer. + +Ihr Rücken stieß an etwas. + +Ein Baum. + +Der Saft zog in sie, ihren Leib, die Schenkel, das Herz. Das Meer ward ein +Spiegel, scharf, nebellos: Smaragdene Inseln tauchten aus Fächern der +Sonne. Abends kamen sie ins Freie. »Meer«, schrieen sie. Die Sonne sank +blutrot über Herden neuer Inseln. Phalux. Der Ottava rauschte, Flöße und +Feuer. Warum flog der Körper nicht über das Segel. Tausend Klüver wiegten +auf dem Ontario, schliffen träumerisch den Horizont stahlblau . . . . + +Sie senkte die Lider, hielt die Sehnsucht fest im Innern, sie durchdrang +sie mit dem Saft in jeder Pore. Ihr Leib und der Baum hoben sich, +ineinandergeflochten, zum schlankesten Instrument der Sehnsucht. Standen im +Traumgrau der Landschaft aufgerichtet, eine Flöte. Der Klang des Blutes, +weich sich hebend, nur nach Getrenntem gierig, war Schmerz des Rohrs nach +der Weide, aus der es geformt. Wurde tigerhaft, stürzte durch die Gefäße, +ein Aufschrei: zurück zur Heimat. + +Der Morgen ging auf. + +Ein Segelschiff bootete aus. Sie nahm es. Eine Stadt entschwand. Nebel +rollten unter der Sonne. Unter braunen Segeln entschwand glühend das +Kupferbergwerk in die Klippe. Noch einmal standen die Flaggen starr. Dann +fraß das Meer mit einem Ruck das Ganze. + +Stand am Schornstein, ging auf Verdeck mit großen raschen Schritten, +schaukelte mit jeder großen Woge, ging hinunter, hinauf, es kam ihr +entgegen. Der magische Pol ihrer Jugend streifte ihr zu, je näher sie +rückte. Studierte Barometer, Karten, die Lotung. Traf Beamte, frug, sah den +Kapitän, lächelte. Wind trug ihr Frische zu. Schaum, vom Bug +heraufgeschlagen, legte sich köstlich auf ihre Haut, Schmelz blühte sie +hoch. Abends unter der eingeholten Fahne kam es: Sie hatte Kraft +verbraucht, ihr Leben hingegeben, Stück für Stück vergeben, gezahlt im +Guten wie im Bösen. Die Spannung blieb wohl, die sie schnellte. Aber erst +der Saft der Erde, aus der sie kam, durchdrang sie neu, strebte ihr +entgegen. Kräftigte sie und machte sie schön, glühend, auf langen Beinen +die zarterhaltenen Brüste, der wilde Zug um den demütigen Mund, die heißen +großen Lippen: daß sie die Stärke habe, tätig und unermüdlich wachsend und +handelnd zu warten, Di Contis Vermächtnis erfüllend, daß irgendetwas, +Erdbeben, ein Komet, die faulige Erde (geschminkt zwar und kokottenhaft +noch lächelnd in ihrer Raserei), durchwühle und stürze, daß Schicksal sich +balle und sie selbst zurückkehre, die Maschine zu entfachen in den großen +Kreis der Tat, gespeist aus dem Atem ihrer Jugenderde zu Mut und +unentspannbarer Dauer. + +Ein Mittag scholl. Klippen. Der Lorenzo. Möven in Spiralen durchwälzten die +Luft. Kanonen brüllten. Der erste Halteplatz kam. Sie raffte die Plaids. +Langsam zählte sie die Koffer, etikettierte, ging über den Steg ins Boot, +ans Land. Das Gepäck häufte sich um sie in der Morgendämmerung, noch grau +unter Bäumen. Ein Park von Wagen scharrte um sie. »Hinweg . . . hinweg --«, +ein Diener stieß sie an, rief einen Namen, rief den Namen, rief ihn +dreimal. Hinter ihr Kommende drückten, kamen vor sie, verdeckten. Da +dienerte ein Neger. »Nein.« Er lutschte die Zunge zurück, steckte die +kleinen Finger in die Ohren, wiegte auf den Beinen. Über ihrer Achsel +schwebte etwas, ein Eselmaul schrie, den Hals hoch neben ihrem Ohr. Etwas +fiel vor ihr hin, als klatsche ein nasser Fisch auf Stein. Sie bückte sich, +faßte ihr Paket, sah rasch auf. Ein Schatten blitzte vorüber. Sofort schloß +sie die Augen, griff namenlos entsetzt an die Brust. Es spielte sich +beißend ab unter den geschlossenen Lidern: Ein Mann mit Lichtkonturen +machte eine Bewegung, aber er riß nichts heraus, sondern streifte die Hand +nach ihr, schob etwas in sie hinein. Eine Beglückung durchfuhr sie, stieg +in ihre Haut, in die Warzen der Brust. Sie schwebte. Sein Gesicht war +blond, gescheitelt, das eines Skandinaven, die Figur ihres Traumes, ihrer +Sehnsucht. Ihre Augen hoben sich, es verschwand, das Erhobene, Blutsüße +blieb. Gepäckträger häuften ihre Koffer auf einen Wagen. Sonne stach durch +das Grau, brauste mit einer Welle durch die Zweige. Ein Wagen streifte ihre +Schulter, schmiß sie fast um. Sie drehte unter der Gewalt des Stoßes sich +um die Achse. Eine rauhe Stimme brüllte: »Idiot.« Sie steckte das Paket in +die Manteltasche, wieder blitzte der Schatten, nur ähnlicher, sie +erbleichte. Zitternd hob sie mit der Hand aus der Tasche die drei achatenen +Kugeln. Zurück? Sie dreht sich wild herum. Die Wagen scharren alle, bewegen +sich, ein Gewölk unter den Palmen. Eine Lichtung entsteht. + +Da steht darin Caspare Symes. Neben ihm ein Pferd. + +Die Kluft ist zu groß -- ihr Herz erstarrt -- zwischen ihm und ihrem Leben. +Sie hat überwunden, längst. Die unbefangenen Gefühle fehlen zu dem, was im +Menschlichen ihr am erstrebenswertesten schien. Vorbei. Sie zieht den Mund +ein. + +Als er den Kopf bewegt, hebt sie die Achseln, ein wenig, zuckend. Sie +schüttelt den Kopf. Nun rast ihr Herz. + +Da sieht sie erschreckend, daß sein Gesicht verändert ist. Di Contis Atem +schlägt ihm aus der Haut, sein Geist vom Auge. Seuche, Leidenschaft, +Erlebnis haben ihn geschlossen zu unsterblich menschlicher Schönheit. + +Da erkennt sie in ihrer tiefsten Minute plötzlich: Daß dies ihr aufgespart +war, damit sie vor eigenem Glück das Größere, Menschliche erst erfahre. Und +da sie tapfer gekämpft bis auf die Höhe, schlägt der andere Pol ihres +Lebens ins Zentrum, wächst, beglückt, ist da, ist da. + +Und da sie nicht enttäuscht und feig vom Dasein kam, sondern durch größte +Bemühung nur der Weisheit näher ein Geringes gekommen, geladen mit Kraft, +gegen die Welt zu stoßen, sie zu ändern und Contis Hebel aufzuschlagen aus +dem nun unfehlbaren Gehäuse, wandte sie ihm, der auf sie zuging, kurz und +heiß die Hand zu: + +»Komm.« + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Achatnen Kugeln, by Kasimir Edschmid + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ACHATNEN KUGELN *** + +***** This file should be named 39277-8.txt or 39277-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/9/2/7/39277/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die Achatnen Kugeln + Roman + +Author: Kasimir Edschmid + +Release Date: March 27, 2012 [EBook #39277] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ACHATNEN KUGELN *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + +</pre> + +<div class="centerpic"><img src="images/cover.jpg" alt="Cover"/></div> + +<div class="trnote" style="page-break-before: always; margin-top: 5em; margin-bottom: 5em;"> +<p class="center"> +<a href="#Anmerkungen">Anmerkungen zur Transkription</a> finden sich am Ende des Buches. +</p> +</div> + +<h1 class="sperr" style="page-break-before:always"> +Die<br /> +Achatnen Kugeln +</h1> + +<p> </p> + +<p class="center sperr"> +Roman<br /> +<br /> +<span class="small">von</span><br /> +<br /> +<span class="large">Kasimir Edschmid</span> +</p> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p class="center sperr small"> +Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin 1920 +</p> + +<p style="page-break-before: always"> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p class="center small"> +Alle Rechte vorbehalten<br /> +Copyright 1920 by Paul Cassirer, Berlin +</p> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p class="center small"> +Geschrieben Neunzehnhundertvierzehn bis Neunzehnhundertachtzehn +</p> + +<p style="page-break-before: always"> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p class="center sperr"> +<span style="letter-spacing:1em;">Gruß</span><br /> +<br /> +an<br /> +<br /> +René Schickele +</p> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<!-- page 007 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-1">Vorspiel +</h2> +<!-- page 009 --> + +<p>Nun stiegen sie schon die zweite Stufenreihe hinunter. +Immer sahen sie auf der anderen Seite +die schwarzen Schatten, die sich wie sie selbst bewegten. +</p> + +<p>Die Wasser rauschten langsam. Als sie die dritte +Terrasse erreichten, kehrten sie um nach der anderen +Seite, die schwarzen Schatten schwenkten und traten +auf sie zu. Da kam aus dem See unten ein silberner +Strahl, er glühte auf, Licht strömte die Neigung der +Rasenterrasse herauf. +</p> + +<p>Das Schloß über ihnen schlug eine Mondflamme +in den Himmel. +</p> + +<p>Zwei Herren traten zur Seite, die anderen bogen +Halbkreise um die Gegner, die die Mäntel abwarfen +und in weißen Samthosen, die Brust offen unter dem +Hemd, sich gegenüberstanden. Ein flüsterndes Signal +überklirrte das Metall. Aus dem dunklen Laubgang +stöhnte ein Vogel. Ein Mann fiel um, den Säbel +in der Gurgel, die Augen nach oben gebrochen. +</p> + +<p>Der andere warf sich aufs Knie. Schob mit dem +Daumen die Lider des Liegenden probend herunter, sie +schnellten wieder über die gläserne Pupille zurück und +<!-- page 010 --> +hefteten sich auf den Knauf des Degens, der ihn durch +die Kehle auf das Rasenbeet kreuzigte. Da stand der +andere auf, schüttelte die Haare. Das war vorbei. +</p> + +<p>Er sah sich um, empfand atmend die helle Nacht, die +mächtig gewölbt war. +</p> + +<p>„Mein Herr . . .“ sagte der Sekundant des Gegners. +Er deutete mit lockerem Handgelenk auf den +Toten. +</p> + +<p>Der Marquis neigte den Kopf nach ihm. Was +ihn erfüllte, verschwand. Die steife Gebärde des Todes +löschte die Wut des Abenteuers. Er sah auf, die Seele +nicht mehr zusammengezogen. Wie schien der Mond +feurig und entflammte purpurrot die Zweige. +</p> + +<p>„Zaudern Sie nicht“ — flüsterte der Sekundant, +„sofort zu begreifen, daß Sie im königlichen Garten +sind. Jetzt noch zu leben, heißt nur bedingt und halb +ein Lebender zu sein.“ +</p> + +<p>Vaudreuil trat mit einer Verbeugung zurück. Ein +spöttisches Lächeln kniff in seinen abwesenden Mund. +Dann kam der Laubengang. Das Dunkel der Nacht +saß darin, unaufgescheucht vom Licht. Die weißen Hermen +glommen aus der blauen Dämmerung. Nun paradierte +ihn die Wache. +</p> + +<p>Die Rondells mit den Fontänen waren beinahe rot, +und die Tritone schäumten vor sich hin. Auf den Seiten +verschwammen die Alleen flaumiger Dämmerung. Eine +quecksilberne Säule stand das Schloß aufgerichtet neben +<!-- page 011 --> +ihm. Zwischen dem Schwung von zwei Koniferenästen +zog sich der ganze Garten noch einmal zusammen. +Dicht über dem tiefen Wasserspiegel am Ende der gesenkten +Terrassen hing riesenhaft der Mond. +</p> + +<p>Im runden Ausschnitt der Tanne hing eine Spiegelung, +wie aus Silber eine metallene Platte. +</p> + +<p>Nächte voll Schwärmerei und Lichtern hoben sich +über dem Park, zogen rasch vorüber. Zuckende Frauenleiber +sträubten sich vor ihm auf. Ein großer Ritt, +der ihn mit Ruhm behängte, glitt durch die Luft, +sein Bein hing blutend in der Bügelung. Ehrgeizige +Spiele, sehr erleuchtete gläserne Säle . . . Teile +des Gartens dampften, brachen auf, Nischen entlaubten +sich, Gänge warden ohne Dunkel. Gab es nicht +eine Frau? +</p> + +<p>Eine Frau, ohne Geheimnis am Körper, verlogenen +reizlosen Hirnes, ohne Leidenschaft der Erfindung, gut +für Lakaien. Dennoch schlug er sich heut um ihre roten +Haare. Dies ist das Dasein. Er lächelte, als ob +er die weiße Zofe in den Flieder herunterpfiff oder +die Pikardin berührte, die bleich durch eine Laube in +der Parkecke auf ihn wartete. +</p> + +<p>Das Bild brach ab. +</p> + +<p>Aus allen Bosketts flossen Blumenrüche. Eine Nachtigall +jagte einen süßen wilden Schrei schlaftrunken ins +Gebüsch. +</p> + +<p>Er sah ohne den Schleier der Spiegelung in den +<!-- page 012 --> +Park. Die Grimasse des Totengesichts, von seinem stählernen +Witzwort in der Gurgel gefaßt, stak am Boden, +bläkte ihn an. Das Schicksal riß durch sein Herz. +Waren diese Terrassen nicht verbraucht bis zum Irrsinn, +entblättert die Lauben beim dritten Knie schon, das +er darin geöffnet. Blieb ohne die Erregung des eigenen +Blutes, das sein Feuer zu fremden Abenteuern sich +schuf, nichts übrig wie nackte Enttäuschung, schon oft +Gelebtes, sinnlos Wiederholtes. Er zog den Degen +an sich, fror am Eisen. Da sah der Marquis hinuntergleiten +in den See, was ihn ausgefüllt hatte die +Jahre. Die Herren, mit denen er soff und spielte und +sich schlug, Damen daneben und Hunde, die an ihren +Knieen wehmütig zitterten und leicht mit dem Kopf +nickend ihn verließen. Dann trat das alles schon nicht +mehr ihm zugehörig von der Neigung der letzten Rasenfälle +in Berührung mit dem Wasser. Der Mond +nahm es auf und bog es aus dem Park. Der Marquis +sah zu, raffte sich auf, ohne Zorn, ohne Reue. +</p> + +<p>Als er sich aber umbog, überfiel ihn alles, und er +krümmte sich vor Schmerz über den Abschied, so sehr +hing sein Herz an der Erde, auch wenn sie verbraucht war. +</p> + +<p>Angst kam auf ihn, wenn er bleibe, daß er, eingekerkert +in steinerne Mauern, keine Sonne mehr sehe. +Wie liebte er die Freiheit. +</p> + +<p>Er machte zwei große Schritte, reckte sich steif, hoch, +das Gesicht in Ruhe, ging überlegen und sicher . . . . +<!-- page 013 --> +wankte und zog den Mantel über den Kopf und +weinte. „Nicht weinen Vaudreuil,“ rief er sein Herz +an, stieß den Degen fluchend auf den Boden, biß in +den Mantel, zerrte an dem Tuch, „was weinst du, +Affe . . .“ Allein er konnte seinen Schmerz nicht +kränken und schluchzte, als er, den Seitenflügel umschreitend, +den großen Empfangshof betrat, der unter +seinen Schritten leise aufscholl. Er blieb da stehen. +Kein Garten stand mehr vor ihm. Das große Gebäude +verdeckte ihm den Mond. Er hatte noch nie +Abschied genommen. +</p> + +<p>In der Kehle ein Zittern riß ihm den Schmerz +bis zu den Zehen. Dies flimmernde Weiß an den +Rändern des Schlosses, die Pflastersteine, die der Mond +blau schlug . . . er wollte sich daran halten, sein Herz +klammerte sich an das Licht, an die Luft. Sie hielt +nicht. +</p> + +<p>Lautlos, taumelnd ging er zum Tor. In weißen +Samthosen, die Brust frei unter dem zerrauften Hemd. +Die Wache trat vor, grüßte und grinste. Ein Soldat +sprang in seinen Schatten und bog den Bauch in Verrenkungen +hin und her. Sie hielten ihn für betrunken. +</p> + +<p>In der Dämmerung rannten die Pferde nach der +Küste. Das zweite trug den Diener, das dritte Gepäck, +Geldrollen, Hemden, Waffen. +</p> + +<p>Die Stirnen der Gäule wandten sich im Kreis, zuerst +gegen Havre zur Täuschung, dann ganz herum gedreht +<!-- page 014 --> +nach Dieppe. Paris fiel zurück unberührt. Dann +warfen sie die Gäule nach Westen, schoben eine +südliche große Linie nach Rochelle. Als sie bogen, +flammte die Sonne über Versailles. Tief im Süden +sahen sie, rastend in einem Dorf, fern das Sommerschloß +des Marquis. Er ritt davon weg. Dann +von eigenwilligen Dämonen getrieben, ging die Fahrt +im Zickzack. Eine Erhebung hinauf, schräg herunter . . . +nach einer schweren Stunde waren sie wieder auf dem +Hügel von der anderen Richtung her. Baptiste sagte +kein Wort und folgte. Gegen Mittag fluchte der +Marquis, sie jagten um einen See. Durch Schilf, +über Wiesen mit Rehböcken, die spielten, ging es +stundenlang. Baptiste zog die Riemen der Ledertaschen +auf und zu. Am Mittag brachen sie aus +Weidenunterholz und waren wieder an dem See. Der +Marquis ließ die Gäule saufen, ritt rechts in ein Tal, +sprang plötzlich wild über einen Gießbach und jagte +zurück, an dem See vorbei in die Landschaft der Küste. +Gegen Abend lahmte das Pferd. Baptiste stieg ab, +massierte das Bein. Der Marquis stieg auf. Er ritt +zweimal im Kreis, dann jagte er in den eigenen Spuren +zurück. Gegen Abend kamen sie an den Hügel, später +durch das Dorf. Die Sonne ging unter. Links lag +das Sommerschloß. Sie ritten direkt darauf zu. Sanft +stiegen über die Mauern die hellen Bogen der Springbrunnen. +Aus der einstöckigen Front schimmerten die +<!-- page 015 --> +vielen bis zum Boden gesenkten Fenster. Die Kieswege, +angelegt für die Zärtlichkeit von Frauenschenkeln, lagen +träumerisch im Schein des südlichen Abends. Der +Marquis ließ Baptiste vorreiten. Er ritt in den <a id="corr-1"></a>Bügeln +stehend, die Mauer war hoch. Sie hielten nicht +an, sprengten am Ende die Mauer wieder zurück, dann +hatte der Marquis ein Messer verloren. Sie fanden +es nicht. Sie ritten hinunter, dann in die Nacht, die +anfing. Die Pferde liefen wie die Teufel. +</p> + +<p>Das Meer kam, vom Wind geschlagen. Nebel +klatschten graue Wellen über die Küste. Der Segler +lag weit draußen und löste die Anker. Matrosen warfen +die Mantelsäcke in die Barke, griffen zu den Rudern. +Vaudreuil sprang hinein. Der Steuermann stieß das +eine Bein gegen den Pflock, sah auf. Oben stand Baptiste. +Der Marquis erbleichte. Der Diener stand schlaff. +Dann trat er einen Schritt zurück. +</p> + +<p>„Zwölf Jahre waren Sie bei mir . . . hielt ich Sie +nicht wie einen Pagen . . .?“ +</p> + +<p>Der Marquis stand aufgerichtet im Boot, das +schwankte unter krachenden Wellen. Aber der Diener ballte +die Faust, wies auf das Meer, das sich dunkel donnernd +zusammenballte! „Bin ich ein Hund, daß Sie mich +mitreißen auch da hinaus . . . zwölf Jahre habe ich +Bügel gehalten, vor Frauenhäusern gelauert . . .“, er +röchelte und verzerrte sein Gesicht vor Haß. +</p> + +<p>Da stieg dem Marquis das Grauenvolle des Abschieds +<!-- page 016 --> +bitter in die Kehle wie kein Schmerz. Einen Augenblick +hob er wie bittend die Hand. Als er von diesem +letzten schlechten Stück sich riß, versagte sein Herz, daß +er es demütigte. Er bat eine Sekunde. Dann warf +der Wind ihm die Haare über das Gesicht. +</p> + +<p>„Bleiben Sie ruhig,“ sagte er, „behalten Sie die +Pferde. Gehen Sie zurück nach Versailles.“ Er schrie, +denn die Flut machte die Luft voll unruhigem Geräusch. +Das Boot schoß los, sauste eine grüne Welle hinunter. +Der Marquis nickte vom Rücken der nächsten dem +Diener zu. +</p> + +<p>Der Segler rollte auf hohen Wellen. Der Marquis +sah zurück. Auf dem erhöhten Hügel der Mole lag +Baptiste, das Gesicht stumm gegen den Herrn gerichtet, +der ihn verließ. Nebel kamen, verwirrten. Lösten sich +und immer brach sein Bild, auf den Knieen, die Arme verkreuzt, +durch den Wasserstaub. +</p> + +<p>„Wie feig er ist“, sagte der Marquis, „und doch +wie groß seine Sehnsucht.“ Da begann Baptiste zu +schreien, als die Barke an den Segler rollte, die Arme +in die Luft zu stoßen, sein Haß und das Schmierige +stritten mit dem guten Gefühl. Vaudreuil litt mit dem +Niederen. Aber er empfand seine Stärke mehr zu leiden +mit schmerzlichster Beschwingung. Die Tiefe der Erschütterung +gab ihm ungeahnte Kraft. +</p> + +<p>Taue klatschten aufs Wasser. Dreimal schoß eine +breite Woge zwischen die Fregatte und sie, teilte sie. +<!-- page 017 --> +Dann faßte Vaudreuil die Schlinge. Wie ein Affe +erkletterte er das Verdeck. Matrosenhände erfaßten seine +nasse Taille, schoben ihn herein. Das Schiff hatte sich +weiß beflaggt, bog sich und rauschte. Er sah die Küste +nicht mehr. Möven lagen auf den Wellenspitzen. Dann +kamen Tage, wo die Sonne nur da war, der Himmel +sich seidig zusammenzog. Er sog den Geruch des Meeres +ein, schaute auf das Spielen von Welle mit Welle, +der letzte Strich des Horizontes gab seinem Gefühl +die ruhig sich schaukelnde Sicherheit der Ruhe und +des Glückes. +</p> + +<p>Am fünften Tag wurden die Segel gerefft, ein Sturm +legte die Fregatte auf die andere Seite, stieß ein Leck +in den Speicher. Seekrank lag Vaudreuil auf einem +Haufen Taue in seiner Kabine. Sein Magen spie +über Bett und Tisch. Sein Geist litt unter der Beschmutzung +seiner Kleider. Sein kraftloser Körper, den +nur einmal in Barbizon nach einer ausschweifenden +Woche mit Lilotte, der Tänzerin des Dauphin, ein +Purgier mit Schweiß befreite, litt unter der Ohnmacht +und stemmte sich mit Wut dagegen. Aber die Dauer +des Zustandes führte ihn in die Überwindung. Ohne +Zorn fand er sich darein, daß seine Kabine stank wie +ein Stall, daß er tagelang kotzte. Als er geduldig +ward, befreiten ihn helle Tage. Die Angel lag auf +dem spiegeligen Wasser. Matrosen saßen in den Takelungen. +Mit weiß knatternden Spitzen schlug das Meer +<!-- page 018 --> +gegen den blau aufbrechenden Horizont. Er fing Germanen, +köpfte sie, warf die Körper den Kabeljaus zum Fressen +hinunter, briet die Köpfe. Nie aß er früher so weißes +Fleisch. Erfinderisch geworden in der Ruhe, erfand er +neue Speisen. Er röstete Flossen, briet Herzen. Der +Tag ward ihm phantastisch, spielend überwand er die +Melancholie der Abende. +</p> + +<p>Das Schiff wendete. Die Segel klatschten, standen +dick voll Wind. Matrosen liefen mit Haken und Büchsen +nach Backbord. Da stand am Horizont ein Schiff +in der Form saletanischer Piraten, das braune Segelzeug +schoß scharf drachenhoch vor dem Gelb. Der Kapitän +schrie. Aus den Verstauräumen kamen Kanonen angeschleppt, +die sonst das Gleichgewicht des Schiffs gegen +den Wind stärkten. Da brauste es aus dem Sprachrohr +des Drachenschiffs: „Vila“. +</p> + +<p>Da begannen die Matrosen zu grinsen, einer sang. +Sie zogen die Hemden aus und winkten in ihren bronzenen +Brüsten hell zwischen den Leinen und dem blühenden +Himmel. Denn das Schiff war gascognisch. +Vaudreuil blies die Backen auf und ging hin und her +den Abend. +</p> + +<p>Zwischen zwei Felsen fuhren sie in den St. Lorenz. +Die Wände standen wie Pyramiden. Schwärme langgehalster +Vögel hoben sich, zogen endlose Spiralen +immer höher und schrieen. Morgens booteten sie aus +nach Quibek. Vaudreuil ging sofort zum Fort. Die +<!-- page 019 --> +Straße war kotig. Mit schmutzigen Schuhen und +Strümpfen kam er, nach Tang riechend, an die <a id="corr-2"></a>Palisaden +und nannte seinen Namen. +</p> + +<p>Abends erschien der Kommandant zum Bankett. Er +hatte den ganzen Mittag die Finger seiner Hände hin +und zurück gezählt, um nicht sofort hinzulaufen. Jedoch +der Drang seiner Würde war größer als seine Neugier. +Auf Vaudreuils anderer Seite saß der Bischof +in violettblauer Sutane. Ihre Fragen umzingelten ihn, +faßten ihn von immer neuen Seiten. Sie schlürften jedes +Wort. Der Geruch Europas war noch an ihm. Sie +hielten sich gerade, aßen mit Bewegungen, die ihren +Namen entsprachen, wenn auch ihre Stoffe derb waren, +ihre Schuhe aus Rindsleder, das roch. Er gab, was er +wußte, vom Hof, den Städten, den Frauen, teilnahmslos, +halb Gelöschtes aus seinem Gedächtnis. Der Bischof +riß einen Fisch mit beiden Händen am Schwanz auseinander +und frug: „Was planen Sie hier?“ Aber +Vaudreuil zuckte die Schultern. Sie wurden verlegen. +Der Kommandant trank rasch. Der Bischof leckte an +seinen fetten Fingern. Sie schwiegen eine Zeitlang. +</p> + +<p>Beim Dessert verloren sie ihre Haltung. Vaudreuil +kam beim Pharao in Verlust. Als sie zwei Rollen +Louis gewonnen hatten, wurden sie höflicher vor seinen +Mitteln. Um vier begannen sie, gebranntes Wasser +zu saufen. Boys brachten Kübel. Um fünf saßen sie +hinter den Karten. Vaudreuil hielt Bank, gewann +<!-- page 020 --> +zurück. Ein Fähnrich kam in Verlust, man verweigerte +seine Bons. Er hockte sich in die Ecke, schrie: Germaine +. . . sah nur Waden, beschrieb sie mit dem +Finger, leckte das Maul. Ein Offizier fiel um wie +vom Schlag gerührt. Der Kommandant zuckte die +Achseln: „Er liebt, seinen Gewinst festzuhalten.“ Seine +Hand schrieb eine Anweisung, die er rotglühenden Auges +Vaudreuil hinüberreichte. Sie machten eine Pause, +aßen kleine scharfe Fische. +</p> + +<p>Der Bischof hob den Arm. Schwenkte den andern +auf, hob sie und senkte sie heftig, bis der Apparat +rauschte, seine blecherne Stimme anfing zu singen. +„Fettes Schwein“, sagte der Kommandant und schlug +im Takt die Fäuste auf den Tisch. Ein Hauptmann +taufte einen Eingeborenen. Das Zimmer dick vor +Rauch. +</p> + +<p>Sie kehrten zurück zu den Karten. Die Sonne stand +draußen. Der Bischof setzte die Sutane. Verlor. Der +zweite Fähnrich begann ihn sofort zu entkleiden, wollte +ihn als Adam durch den Morgen führen. Der Bischof +quietschte mit Faseltönen, flatterte mit den Händen, +umwirbelt von Dampf. Er stank aus jeder Pore. +Dann weinte er und psalmodierte eine Beichte. Der +Kommandant bog sich von seinem Stuhl, fiel krachend +zurück in die Lehne, beugte sich wieder, krampfte die +Arme über den Bauch und bekam das Maul nicht zu +vor Geheul. Vaudreuil ging hinaus. +</p> +<!-- page 021 --> + +<p>An der Palisade erreichten ihn Schreie. Die Fähnriche +brachten die Sutane geschleift. Am Fenster hing +der Mondbauch des nackten Bischofs. Eine Hand hob +sich über ihm, klatschte auf feine fette Schulter. Des +Bischofs Arme zeterten herunter, er wand sich. Seine +Schinken hingen zum Fenster heraus. „Also doch . . .“ +Vaudreuil bot Ohrfeigen mit, der flachen Hand. Sie +zogen. „Germaine“, brüllte der eine und fuchtelte in +der Luft. Vaudreuil schonte ihn, wandt sich zum anderen, +der stieß ihm, schmalnasig und hager, im selben +Augenblick leicht in die Achsel, warf seinen Degen weg, +salutierte mit der Hand. „Es hätte auch die Kehle +sein können.“ Vaudreuil packte die Sutane mit den +Fingerspitzen, trug sie hinaus. In der Mitte des Zimmers +lag ein Haufen Fett, das den Himmel vertrat, vor +dessen Umarmung jede trübe Zofe flöhe. Er legte den +blauen Rock auf den Haufen. +</p> + +<p>Den Rückweg verlegte der Kommandant an den +Palisaden. „Den Degen.“ Der Fähnrich, zwölf +Soldaten hinter ihm. Vaudreuil lachte, denn seine +Stimme lallte und überschlug sich vor Besäufung. +Er richtete die Spitze des Degens nach hinten, ging +so auf die Wache zu. Sein Lachen steckte an. Zuerst +prustete ein Soldat. Dann lachten sie alle, schlugen +sich auf die Schultern, auf den Bauch, ohrfeigten sich, +begannen eine Prügelei. Der Fähnrich zog ein Lächeln +um den dünnen Mund und salutierte. Der Kommandant, +<!-- page 022 --> +Sergeant an Wuchs, donnerte wütend, die +Soldaten johlten weiter. Der Kommandant torkelte +einem an den Hals, umarmte ihn, fiel um, ward +aufgehoben, schlug sich den Bauch vor Lachen. Er +kommandierte die Wache zum Salutieren, es geschah +unter Schwanken. Arm in Arm mit Vaudreuil verließ +er das Fort. +</p> + +<p>An der Ecke blieb er stehen, stampfte auf, um fest +zu stehen. „Ich muß Sie verhaften, ohne Zweifel.“ +Er stemmte sich mit dem Rücken gegen ein Haus, +rülpste Gelächter. „Ich warte bis zum Abend.“ Sie +zogen durch die Kneipen. In der dritten entlieh er +eine Rolle Louis. Vaudreuil schlug sie ab. Es gab +einen Skandal. Mitten in der Szene vergaß er es +wieder, versprach Vaudreuil Weiber, frug nach Paris, +schlief schnarchend ein. Die Nase fiel auf den Tisch, +begann zu bluten. Eine Rinne lief ganz langsam über +die Platte, schwenkte nach rechts, lief nach links. Vaudreuil +blieb sitzen, bis es ihn erreichte. Dann stand er +auf. +</p> + +<p>Am Bootshaus lag sein Gepäck. Vor der Mole +schaukelte ein großes Segelboot. Wohin? Nach +Montreal. Er erklomm das Schiff an der Seite, +wo Männer loteten; setzte sich unter ein Sonnensegel, +zog ein Buch aus der Manteltasche, begann +zu lesen. Die Eingeborenen sangen vor sich hin, indem +sie die Segel besorgten. In der Stille verengte +<!-- page 023 --> +sich der Fluß, das Meer blieb stürmisch mit schlagenden +Wellen zurück. +</p> + +<p>Plötzlich stand ein Mann vor ihm, sprach ihn an, +verdrehte die Augen, schnitt Fratzen und bog die Nase +nach oben. Zuckte mit den Achseln und zwitscherte wie +ein Vogel. Öffnete die Hand, schloß die Hand, verkrümmte +sich und blinzelte. Wandt sich von Vaudreuil, +der weiter las, nach der anderen Seite der Bank, +verneigte sich, schwang die Arme nach hinten. Da saß +ein Offizier mit einem Orden, winkte mit der Hand, +das Individuum verschwand unter den Fäusten der +Matrosen. Vaudreuil sah auf, beugte sich etwas gegen +den Offizier. Der erhob sich: „Courbisson“, der Gouverneur. +Vaudreuil blinzelte, schob den Mund schief, +begann weiterzulesen. Die Adlernase kam im Bogen, +hing vor ihm, schnitt die Luft: +</p> + +<p>„Sie brachen heute mein Gesetz.“ +</p> + +<p>„Es waren Schweine. Soll dieser Irrtum . . .“ +</p> + +<p>„Haben Sie zu verlieren?“ +</p> + +<p>„Das Leben.“ +</p> + +<p>„Sie wissen es einzusetzen.“ +</p> + +<p>„Der Ehre halber.“ +</p> + +<p>„Das genügt nicht. Bei diesen Menschen bedarf es +mehr.“ +</p> + +<p>„Ich bin am Ende. Sah den Arsch des Bischofs +die erste Nacht.“ +</p> + +<p>Der Gouverneur griff an seinen Hut, grüßte, die +<!-- page 024 --> +Matrosen begannen zu schreien. Baumstämme kamen +angeschwommen, sie halsten, bogen aus, im Schwung +umschwebte sie eine betäubende Insel. Der Gouverneur +strich den Knauf, aus dem ein Löwe in die Luft biß. +</p> + +<p>„Ich bitte um zwei Fragen . . . haben Sie Mittel?“ +</p> + +<p>„Die Diskretion der ersten läßt mich auf die zweite +verzichten.“ +</p> + +<p>„Ich rede in einer dringlichen Sache meines Herzens +geschäftlich,“ der Gouverneur verneigte sich. Ein Haar +breit. +</p> + +<p>„Ich habe keine Geschäfte.“ +</p> + +<p>Da stieß der Gouverneur einen Fluch in die schmalen +Lippen. Vaudreuil machte eine unwillkürliche Bewegung. +„Nein“, sagte der Gouverneur, lächelte zerstreut, gewinnend, +Unruhe wölkte seine Stirn. Da legte Vaudreuil +sein Buch hin, kam ihm entgegen: „Verhandeln +wir.“ +</p> + +<p>Courbisson errötete gegen die grauen Schläfen, begann +sofort mit Charme zu reden. Vaudreuil sah ihn +aus aufgerissenen Augen an. Beim zweiten Satze des +Gouverneurs schlief er ein. +</p> + +<p>Als er erwachte, war es hoch im Mittag. Er war +allein. Die Ketten rasselten, die Segel hingen eingerefft, +gebunden, der Anker hielt. Eine Landschaft kam +mit Wiesen heruntergespielt <a id="corr-3"></a>zum Fluß. Er sah große +Fasane, stieg aus zur Jagd. Die Nacht brach er durch +<!-- page 025 --> +Büsche auf dem Rückwege, fand ein Blockhaus. Auf +Heu schlief er. Morgens lockten die Stimmen der +Tiere sein Blut, er bestieg das Schiff nicht, blieb acht +Tage, streifte, jagte, brach in das Dickicht, das ihn +schluckte, einsog. +</p> + +<p>Am neunten Tage trieb er ein Boot auf, fuhr langsam +hinunter nach Montreal, kaufte fischenden Matrosen +ihre Kleider für die Jagd, trat in ein Blockhaus, +spreizte die Beine, warf den Kopf zurück und +zeigte eine Landkarte, fixierte ein Stück mit dem Blei +am Ufer. Hinter dem Tisch der breite Mann zog den +Spitzbart. Vaudreuil sah in die Luft. „Das Stück +ist zehn Klafter breit,“ sagte der Verkäufer. Vaudreuil +zuckte die Achseln. Der andere zog die Lippen nach +vorn, schrieb, Vaudreuil zahlte eine halbe Goldrolle, +drehte um. An der Tür zögerte er kurz, ging hinaus, +kehrte nach zehn Schritten um, zirkelte zu dem Flußgebiet, +das er gekauft hatte, das ganze Hinterland +dazu, sah fragend auf. Der Verkäufer grinste und +schrieb ihm den Urwald noch dazu. +</p> + +<p>Er mietete ein Rudel Gesindel, fuhr mit ihnen hinauf, +ließ Hütten bauen. Bald kamen Eingeborene. Mit +Negern, die er kaufte, gründete er den Kral. Dann +warf er das Geld gegen den Urwald. Ein wütender +Kampf bellte auf. Der Wald wucherte mit Sumpf +und Pflanzen gegen ihn auf. Tag um Tag fraß seine +Horde sich in den Wald. Er wirbelte die Äxte hinein, +<!-- page 026 --> +schnitt mit Feuer Lücken, brach Boden auf Boden ab. +Er umzingelte mit einer Gasse, die die Kerle schlugen, +die dicksten Plätze, hungerte sie aus, verwüstete sie, ging +zurück, brach vor. Die Sklaven starben an Fiebern. +Er schaffte neue Scharen, trieb sie gegen den Wald. +Ordnete kleine Gruppen, fiel von den Seiten, vom +Rücken gegen das nie angegriffene Urstück. Tiere jagten +nachts heraus. Ein Löwe sprang durch das Dach seines +Hauses. Er gab nicht nach. Fauchend mit den Stimmen +seiner Tiere wich der Wald zurück. Nun sogen Weiden +das Wasser aus den modrigen Ufern. Pflüge rissen in +das Herz des Landes. Ochsenwagen zogen nach dem +Strom, warfen das Holz in die Boote, nahmen Saat +zurück. Meer von Weizen schlug in schönen Wellen +gegen den Wald. Herden suchten morgens, Boden +schlagend, den Strom. Das erste Boot fuhr nach +Quibeck. Zehn folgten. Seine Wolle fuhr über das +Meer. Schon war der Wald eine ferne Linie am +Horizont. In Tonnen und Schuppen stapelten die +großen Fischzüge. Er legte einen Gürtel Ablagerungshäuser +an. Eines Nachts flog ein Vogel vom anderen +Ufer herüber, seine Flügel hatten eine grüne Färbung. +Als er am Giebel saß, begann das Dach zu brennen. +Es war der dreizehnte Schuppen. Vaudreuil ritt zum +Inspizieren. Er fand nichts. Nach drei Tagen ritt +er denselben Weg, ließ es wieder aufbauen. Nach einem +halben Jahr kam er an einen Zug, der Tonnen Fische +<!-- page 027 --> +hinunterschleifte. Er sprach mit dem Führer, sie bogen +um eine Waldecke, da nahte ein Zug, es kam eine +Prozession. Vaudreuil stieg ein wenig in den Bügeln, +kniff die Augen. Dann führte er seine Leute zurück, in +einem Hohlweg mit steilen Wänden ließ er eine Tonne +leeren, ritt weiter ein Stück, dann wieder zurück. Sie +erreichten den Weg, als die Läufer der Prozession auf +den Fischen ausglitten. Sie fielen auf Rücken und +Bauch, streckten die Beine hoch, die Zungen heraus, +rauften sich an den Haaren. Die dicken Priester fielen +auf den Hintern und rutschten auf den Fischbäuchen +die glatte Bahn herunter. Geschoß kam auf Geschoß. +Den Bischof warf sein Esel ab, er flutschte vorüber, +schlug mit den Armen wie ein Häher. Vaudreuil zog +weiter. Zwei Wochen darauf klopfte es nachts an sein +Haus. +</p> + +<p>„Woher?“ +</p> + +<p>„Quibeck“. +</p> + +<p>Sie machten dem Fremden ein Lager im Flur und +lauerten im Halbschlaf mit schrägen Augen, daß er +nichts unternehme. Am Morgen ging Vaudreuil über +die Diele. Da stand der Fremde auf, griff in die +Mantelbrust und reichte ihm ein Papier. „Ich will es +quittieren“, sagte Vaudreuil, kramte in Papieren, sandte +dem Bischof für die Exkommunizierung eine Verschreibung +von seiner eigenen Hand. Sie ging auf eine +violettblaue Sutane. War vor sechs Jahren ausgestellt. +</p> +<!-- page 028 --> + +<p>Vaudreuil badete, salbte sich ein Stück, zog Strohsandalen +unter die Schuhe, es war Abend. Ging +langsam zum Fluß, nahm ein Paddelboot, fuhr ab, +legte, als der Flußwinkel überfahren war, an im Gebüsch, +kehrte zurück, trat hinter einem Baum heraus +mit einer Peitsche und verhieb Neger, die im Garten +tanzten und seine Hüte trugen, entließ den Aufseher, +der in der Küche sich Pasteten buk. Dann ging er +über die Äcker zwei Stunden, bis er Wald erreichte. +Eine halbe Stunde lang suchte er, die Nase wie ein +Hund geneigt. Er fand einen Pfad, folgte ihm bis +gegen Morgen. Dann schlief er ein wenig, lief den +ganzen Tag weiter ins Innere. Es wurde Nacht, er +roch Feuer, schlich sich heran, wartete eine Stunde, +schnitt mit dem Messer Gestrüpp, verknotete Schlingpflanzen +durch, machte einen Bogen, schaffte bis Mitternacht. +Dann kam er an den Rücken eines Schattens, +hob ein Tuch, war in einem Zelt, zündete ein Schwefelholz +an, hielt es mitten in den Raum. Zehn Frauen +saßen auf Fellen und schliefen. Eine stand auf, schlanker +als die anderen, blies das Licht aus. Er nahm sie +auf den Arm, trug sie durch das Lager in den Wald, +das Kupfer ihrer Haut glänzte unter der Dunkelheit +der Zweige. Sie kamen an sein Boot zum Fluß. +„Naimi“, flüsterte sie. Ihre Augen der zahmen Antilope +stellten sich in Rausch schräg gegen die Wipfel, die +über den Mondwellen hingen. Das Rindenboot glitt +<!-- page 029 --> +unter Ästen mit singenden Vögeln. Ihre Haut roch +nach ihren Speisen, nach Wildbret und Beeren. Er +strich ihre junge Brust hoch. „Perlen“, sie lachte gegen +die Hand, band sie in die blauschwarzen Haare. „Wie +lange?“ Er zuckte die Achseln. Ihr aus den flimmernden +Schatten des Waldes heraus geformter goldbraun +geschwungener Leib zitterte. Sie hob das Gesicht über +den Rand. Da sah sie in den Mondwellen die Perlen, +warf sich nach vorn in die Knie, herüber zu ihm, den +Kopf auf seine Hände, die Zunge fuhr über seine +Brauen, die sich im Dreieck zur Stirne spannten. +Er weckte sie aus dem Schlaf: „Naimi“. Sie forschte +erschreckt in seinen Augen; als sie Liebe sah, begann +ihre Haut sich zu färben. Sie banden das Boot an. +Die Sonne ging über sie. Manchmal erhob sie sich, +sah scheu nach ihm hinüber. Am Abend fuhren sie +weiter. Das Rindenboot schlürfte am Ufer hin im leisen +Takt des Stroms. Der Mond brach weich aus allen +Ästen. Ihre Brust war fruchtreif und klein, sie flüsterte, +erschreckt. Er sah sie an. Sie schlief ein. Sie näherten +sich seiner Ansiedlung gegen Morgen. Als sie erwachte, +ihn erblickte, war ihr noch munter. Später hieb er +ihr gegen die Schenkel. Sie sah seine Stirn, erbleichte, +knackte zusammen. Beim Aussteigen drehte +sie sich einmal noch um, ihr schmales Gesicht sah ohne +Ausdruck nach ihm. Dann sprang sie in den Wald. +Er trieb allein gegen sein Haus. +</p> +<!-- page 030 --> + +<p>Er kam in seine Faktorei, kontrollierte das Schreiben +der Aufladung. Da trat ein Herr herein, grau an +den Schläfen. Er ging ein wenig gebückt. „Ich treffe +Sie doch in Geschäften“, lächelte dünn. Vaudreuil +verbeugte sich wortlos: „Courbisson“. Der Gouverneur +nahm Vaudreuils Arm, sie gingen durch den Garten, +das Haus, die Anlagen, ritten den Strom herauf, +vorbei an den Ausladehäusern. Sie gingen um die +Schuppen, Courbisson prüfte mit der schmalen Hand +die Maiskolben, den Weizen. Er hob die Hand, beschattete +das Auge, blickte ins Innere. Er beugte sich +noch tiefer: „Sie wissen nicht, daß ich das, was hier +geleistet, von Ihnen wollte, als wir das erstemal uns +trafen. Dies alles war meine Absicht.“ Er fuhr mit +der Hand im Kreis herum. Dann nahm er wieder +Vaudreuils Hand, er blieb bis zum Abend. Nach Tisch +schlief er. Sie tranken Kaffee und spielten. Gegen die +Dämmerung redeten sie monoton, einfach. Als es +dunkel war, brachte Vaudreuil ihn zu seinem Schiff. +Sie waren noch im Garten, und eine Kröte sprang +schwerfällig über den Schuh des Gouverneurs. Er stand +steifer: „Der Krach mit dem Bischof stellt alles in +den Einsatz.“ „Ich weiß“, sagte Vaudreuil. Der +Gouverneur ging weiter. Von einem Baum knallte +eine Frucht. Das Kinn des Gouverneurs berührte einen +Augenblick die Brust. Dann hoben sich seine Achseln, +er atmete tief. Am Schiff gab er ihm die Hand: +<!-- page 031 --> +„Besuchen sie mich.“ Vaudreuils Brust hob sich hoch, +senkte sich. +</p> + +<p>Am Morgen torkelten über die Felder eine Schar +Weiber, kamen in die Umzäunung. Unter dem Schmutz +erschien ihre weiße Haut. Sie kamen halbverhungert +aus den Wäldern, wo sie breitschenkligen Huronen nachgelaufen waren, +verlangten nach Essen. Sie waren derb +und saftig, ihre Kleider von Dornen zerfetzt, manche +fast nackt. Die meisten waren betrunken, schimpften vor +sich hin. Er ließ sie hinaustreiben: Ein Neger erschien +mit einem Seil, das ein anderer faßte. Eine nahm ein +Federmesser und stach es ihm nach der Hüfte. Vaudreuil +kam selbst heraus, langsam die Treppe herunter. Ließ +die Sau auf einen Stuhl schnallen, schlagen. Die +Neger rissen die Röcke hoch, schlugen ihr die Haut +zu Striemen. Sie brüllte eine Weile. Dann ward sie +still, verkroch sich in ihren Körper wie in eine fremde +Hülle. Als sie losgebunden ging, öffnete sie den Mund, +sang. Ihre Stimme war angenehm, nicht mehr rauh. +Das Lied war von den Vorstädten von Paris. Vaudreuil +ging die Treppe hinauf, er hatte sie im Rücken. +Sie riß das Palais Royal vor ihm auf. Er biß die +Lippen, aber er drehte nicht um. Sie hatte einen +roten Strumpf. Dies verließ ihn nicht. +</p> + +<p>Im Sommer kamen die Meerwölfe ans Ufer, +schlichen hinauf und schliefen. Sie fuhren mit ein paar +Schiffen hinunter, kamen in der Dämmerung an, beschlichen +<!-- page 032 --> +die Plätze in der Frühe, hoben Gruben aus, +versteckten sich, warteten. Als die Sonne heiß ward, +pfiffen sie, sprangen heraus, liefen nach dem Strand +und schnitten den Tieren den Rückweg ab. Dann +schlugen sie sie mit Knüppeln tot. Die Tiere gaben +kleine Pfiffe, wehrten sich in schnappigen Sprüngen +mit dem Maul über die Luft rasierend. Müde von +der Jagd ritt Vaudreuil in die Stadt, suchte ein +schlichtes Haus, trat hinein zu Courbisson und aß mit +ihm. Als er Abschied nahm, sah er, daß der Gouverneur +sehr grau ward: Er lächelte. In der Hauptstraße +standen vor kleinen Häusern europäische Weiber, hoben +die Röcke, wiegten mit den Schenkeln und pfiffen. Er +ging weiter, der Geruch gepflegten Fleisches war noch +nicht aus ihm gewichen, und er, der die süße Frische +der dunklen Weiber kannte, war der talentlosen Liebe, +mit denen Frankreich überschwemmte, taub. +</p> + +<p>Der Mond kam aus den steifen, hohen Bäumen, +er ging hinunter, das Pferd am Zügel, sah die Strecke +an, kam bis an das Ufer, ritt es hinunter, wo der +Lorenzo umbog. Da sah er zum erstenmal seit Jahren +das Meer. Der Mond stürzte aus den Palmenwipfeln +heraus, sank gegen das Wasser. Da brach aus ihm +heraus, was er sieben Jahre bezwungen, was aber +in der Reibung mit seinem Herzen wie ein Wolf gewachsen +. . . er drückte sein Gesicht in den Bauch der +Stute, zuckte mit den Achseln. Das Pferd hielt starr +<!-- page 033 --> +und hingebend, obwohl er den Hals mit den Armen +ihm verschnürte. +</p> + +<p>Er sprang auf das Pferd, mit träumerischen Zügen +trieb es langsam ins Wasser. Wo der Mondstrahl +auffiel, spiegelte das Wasser wie Glas, das sich drehte: +Das Schloß . . . mit buntem Kies, gebaut für die +Zärtlichkeit der Frauen. Tiefe Fenster wühlten in der +wollüstigen Blumendämmerung. Der Park stand voll +vom Duft der Rosen und Jasminen. Schreibend früh +morgens mit vier Sekretären, noch feucht von der +Haut der Geliebten. Da schoß er Tiere. Warf den +Körper in das Bassin, das ihn kristallen umschäumte. +Dumpfe Nächte beim Kartenspiel durchschlug er mit +schweißigem Haar. Ein großer Ritt, der ihn mit Ruhm +behängt . . . eine Intrige, die in London sich kraus +entfaltete . . . mit großen Orden, den Degen am Fuß +empfing er eine Fürstin, die Hand am Schlag und sie +warf ihm Blicke zu durch das Glas, das er geschmeichelt +nahm. Dann nichts tun einen Sommer, als den +Himmel ansehn durch den Regenbogen der Tritone . . . +er trieb das Pferd mit Schlägen; das seichte Wasser +schäumte. Er hob es am Zaum hoch und zwang es +tiefer in die Flut. Indem begann der Mund sich zu +öffnen, zuerst leise im Rhythmus, dann schreiend sang +er, was von der Hure in ihm war. Das armselige +Lied befriedigte seine Sehnsucht tief. Als der Gaul +versank, schwamm er weiter, der Mond lag auf weißen +<!-- page 034 --> +Wellen. Er sang nicht mehr, das Wasser schlug an +seiner Kehle und erstickte seinen Ton. Sein Herz war +so irrsinnig, daß, als der Mund die Flamme nicht +ausspeien konnte der Sehnsucht, es pochte dumpf den +Namen der Frau, das Übelste an Erinnerung, die er +verachtet, um die er sich geschlagen und die er jedem +Lakaien gegeben. Das hatte noch sehr Gewalt in ihm. +</p> + +<p>Als die Kraft ihn verließ und er unterging, kam +Wehmut über ihn, er arbeitete sich hoch, kam mit +dem Kopf gegen die Küste, den Mond im Rücken. +Da, als er das Land sah, verließ ihn alles, er wußte +nichts als Leben und das Gefühl des Atmens durchstieß +ihn so, daß er weinte vor Gier, dazubleiben, die +Arme zu strecken, nicht zu sterben. Er mühte sich dreimal +verzweifelt, die Welle schlug ihn zurück. Keuchend +erreichte er Grund, kam an die Küste. Fand sein Pferd, +das mit dem Schweif schlug und wieherte. Sein Atem +schlug wie eine Säule über den Sand. Er stöhnte, +machte drei Schritte, erreichte den Gaul nicht, sondern +fiel mit dem Gesicht auf die Erde, breitete die Arme +aus, schlief an ihr wie an einer Frau. +</p> + +<p>Spät am Morgen wachte er auf, drehte sich, nahm +das Pferd am Halfter und ging nach der Stadt. Er +drehte sich nicht nach dem Meer um, sah es nie +wieder. Am Eingang zu den Häusern stieg er auf, +glättete seine Kleider und ritt durch. Am anderen Ende +kam ein Reiter ihm entgegen, stellte seinen Gaul etwas +<!-- page 035 --> +schräg, daß Vaudreuil halten mußte. Courbisson reichte +ihm die Hand. Einen Augenblick verweilte des Gouverneurs +Auge auf Vaudreuils Stirn. Er sah, daß +er grau geworden war an der einen Schläfe. Er, +täglicher Kämpfe hart im Inneren bewußt, lächelte, +sagte nichts. In der Nacht in seinem Haus wartete +Vaudreuil am Fenster. Der Mond flog zärtlich aus +der Waldnacht im Osten. Er sah ihm nach. +</p> + +<p>Wochen ließ er sein Geschäft laufen. Er sah nach, +aber ohne die Schärfe des Blicks. Eines Tags widersetzte +sich ihm ein Arbeiter ins Gesicht. Er nahm ihn +mit sich in sein Büro. Sie sprachen zwei Stunden. +Der Arbeiter kam heraus mit verändertem Gesicht. Nach +drei Tagen übernahm er die Leitung einer Abteilung. +Vaudreuil rüstete sich aus, schaffte zwei Wochen geheimnisvoll. +Als er frühmorgens mit seinem Pferd den +Garten verließ, stand der Arbeiter an dem Pfosten: +„Nehmen Sie mich mit?“ Vaudreuil ward zornig. +Dann beherrschte er sich, sein Gesicht ward versteckt, +starrte über die Bäume nach Norden. Er schüttelte abwesend +den Kopf: „Ich muß hier einen Vertreter +haben“, er gab dem Jungen, dessen Augen hell und +ärgerlich über die Abweisung waren, die Hand. Mit +ein paar Eingeborenen schlug er sich durch. +</p> + +<p>Als die Flüsse auf Rindenbooten durchfahren waren, +kamen Steppen. Eines Morgens glänzte Weiß. Es +war der Churchilriver, den noch kein Europäer sah. +<!-- page 036 --> +Er überschritt ihn. Zehn Tage weiter entdeckte er Pelztiere, +durchforschte die Gegend, legte einen Schuppen, +eine Kette Niederlassungen zur Küste an, brach weiter +auf. Er kam zu einer Erdspalte, überstieg sie. Wie +von Öl überglänzt, war die Ebene reich gegliedert von +großen Seen. Wieder kamen Steppen. Am Rand +blieben die Eingeborenen stehen und frugen achselzuckend, +wohin er wolle. Er hieß sie schweigen und deutete +nach Norden. Sie sahen ihn scheu an, folgten. Sie +hatten drei Tage nichts zu trinken. Ein Indianer floh. +Die anderen fingen ihn wieder. Er ließ ihn laufen +mit so viel Verachtung, daß der sich hinwarf und flehte, +er solle ihn nicht verstoßen. Aber er nahm ihn nicht +weiter mit. Der Wilde folgte im Abstand, schlief, +lagerte, aß mit ihnen. Am dritten Tag wurden die +Stimmen heiser. Morgens tauchten drei blaue Punkte +auf. Wilde nahten: hinter den Eisbergen sei das, was +Menschen tilge . . . Er ward ungeduldig und schrie sie +an. Sie senkten die Köpfe: er würde ein Greis, bis +er die nördliche Küste erreiche. Sie wiesen Renntierhörnerkeule: +es gäbe keine Tiere mehr zum Jagen, nur +gefrorene Flüsse . . . Er zog die Brauen zusammen, +daß sie im Dreieck standen. Es trieb ihn, er hatte +keine Macht darüber. +</p> + +<p>Vier Tage zog er die Eingeborenen mit sich Sie +froren die Zehen ab im Schnee. Sie wollten zurück. +Er schalt: „Hunde.“ Sie zeigten ihre Füße. Er riß +<!-- page 037 --> +die Brust auf. Sie neigten den Hals. Er entließ sie. +Im Abstand nur folgte ihm der eine, den er verjagt. +Eines Morgens fehlte auch dieser. An diesem Tage +traf er Eskimos. Er machte ihnen Zeichen. Noch eh +er zu trinken bat, grub er das Zeichen des Meeres in +den Schnee. Sie schüttelten den Kopf. Er würde den +Punkt nicht erreichen, wo die Unendlichkeit der Ebenen +und die Einsamkeit seines Herzens Europa am nächsten +seien. Er würde nicht den magischen Pol seiner Sehnsucht +erreichen, den sein Herz unruhig suchte, ohne daß +er wußte, zu welchem Ziel, in welchem Sinn — — — er +sah einmal den Kreis langsam herum, dann fiel er ab. +Sie schleppten ihn mit sich südwärts. Als sie Lagerfeuer +sahen, plünderten sie ihn aus, eh er ihnen +schenken konnte, was sie nahmen, ließen ihn liegen. +Halbverhungert wälzte er sich weiter, schrie und verlor +die Besinnung. Am Morgen sah er, wie die Indianer +aufbrachen, er erhob sich und winkte. Sie sahen ihn +nicht. Als aber sein Leben dahinschwand mit den verschwimmenden +Konturen der Zelte und Haarbüsche, +kam die Kraft über ihn, daß er lief wie ein Ochse, +sie erreichte, dort zusammenbrach. Sie pflegten ihn +durch, zwei Monate lang. Es waren Iroquois. Als +er gesund war, hob er nachts ein Zelttuch, sprang hinein, +entzündete den Schwefelspan, hielt ihn in die Ecke. +Eine Frau stand auf, der schlanke Brüste wie Zitronen +saßen, die den Shawl mit einer gleitenden Leichtigkeit +<!-- page 038 --> +raffte. Sie hob den Kopf, blähte die Nüstern +der bourbonischen Nase, als röche sie ihn, der Blick +der wildsamtenen Antilopenaugen verdunkelte. Sie blies +mit einer raschen, schönen Bewegung das Licht aus. +Ihr Körper war glatt wie ein Fisch, golddunkel. +Sie frug, wie lange, am Morgen. Er schüttelte den +Kopf und nahm sie mit. Sie kam als erste in sein +Haus. Der Arbeiter gab ihm die Übersicht der Bücher +und trat ein wenig zurück. „Ich danke.“ Vaudreuil +gab ihm die Hand. Der Arbeiter errötete, aber, da +Vaudreuil nicht weiter sprach, wies er nochmals auf +das Neue, seine zehn Pfade am oberen Lorenzo, den +Hafen am Ontario. Vaudreuil nickte. +</p> + +<p>„Ist es nicht genug?“ +</p> + +<p>Da sah Vaudreuil wieder über ihn hinaus wie am +Morgen, als er aufbrach. Seine Sehnsucht hatte das +Tätige nicht gestört. Er stapelte auf die Verträge von +den großen Seen, die Abmachungen, die die Jagd +am Sklavensee, am Makenziriver in seine Hand gaben. +Nun flossen die Felle des Inneren nicht mehr zur +Hudsonbay, nun durch ein neues Bett strömte das +Innere zu ihm. Nun liefen die Pelze übers östliche +Meer, nach Europa. Seine Besitzung am Lorenzo +ein Strudel, der das Innere des Landes einsog und +herriß. Was war das Bisherige gegen diese Leistung, +diesen Horizont? +</p> + +<p>Er sah dem Arbeiter ins Auge: „Organisieren Sie +<!-- page 039 --> +es.“ Der zog den Mund zusammen, bückte sich einen +Augenblick, hielt dann erstarrt mit geöffnetem Mund. +Dann ging er hart. Nach einem Monat brachte +er das Geschaffene. Er sah auf: Wegweiser, Faktoren, +Dolmetscher zogen ins Eis. Die faule Jugend war +diszipliniert, stieg in siebenjähriger Probezeit zu höherer +Stellung, zu Beteiligung, zu Prämien für besondere +Leistung. Für Ausdauer stand Lohn, für Ehrgeiz Befriedigung. +Er machte Kräfte frei in gerechtem Wettstreit +. . . „Gut,“ sagte Vaudreuil. Da nahm der +Arbeiter seine Hand, sagte: „Verzeihen Sie.“ Er +wollte kein Lob mehr. Kein Trotz war mehr in ihm. +Er diente. +</p> + +<p>Als die Frau ihm einen Sohn ins Bett warf, +schreiend, daß die Mägde im Haus den ganzen Tag +zitterten, schenkte er ihr eine Kette mit gewundenem +alten Dukatengold. +</p> + +<p>Daran hingen drei achatne Kugeln. +</p> + +<p>Courbisson hielt ihn zur Taufe über das Wasser, +obwohl die Mutter braun war, denn seine Schätzung +für den Menschen war noch geringer als die für das +Beispiel, mit dem Vaudreuil für das Volk schuf. Am +Mittag kam ein Bote, der die Nachricht hatte, daß +ihm die Heimkehr frei sei, daß unter anderem Gesetz +die Stadt stände. Er ging zurück in den Schatten, +wohin die Kerzen nicht langten. Er würde Ruhm +haben, Vermögen, Macht, Frauen. Er sah durch das +<!-- page 040 --> +Fenster, wo die schwere Silhouette des Waldes noch +sichtbar in der Ferne schwang. Es ging über sein Gesicht +von oben nach unten, von den Wangen über +den Mund. Der Gouverneur zitterte an der Hand, +die den Hut hielt. Vaudreuil äußerte sich nicht. +</p> + +<p>Im Frühjahr verschwand er einige Zeit. Rastete an +Feuern, an Seen, Flüssen, den großen Hauch des +Daseins spürend, ging mit Zeit, mit Woche und Jahr. +Der Erde und ihrem Rücken verschwistert, die ihn mit +Blut und Saft bis ins Hirn durchspülte, gingen die +Nächte über ihn, die Schwingen des Sternkreises, der +Monde. Er sprang in dieses Zelt, er zündete Hölzer +an, er verließ es. Er hob das Tuch im Wald, auf der +Steppe. Nahm jene, dieses, schwankte, ließ liegen, holte +zurück unter Lachen. Schichtete um sich in Zellen brausend +Gelebtes, reich Durchgegangenes, hielt nicht an dieser, +jener Frau, glich sich aus in der Bewegung. +</p> + +<p>Am zwölften Geburtstag seines Sohnes kam er von +einer Kontrollfahrt. Er ging sofort in das Zimmer, wo +von einem Hausmeister und Lehrer er das Kind erziehen +ließ. Von dort durch die Diele, kam er ins Boudoir +seiner Frau. Er sah sie vom Rücken, sie stand vor einem +Spiegel und kämmte ihr Haar. Ihre Lippen leuchteten +voll und rot, der Nacken fiel mit der Glätte der +Schlange und als sie sich ihm zudrehte, standen ihre +Brüste klein und gegen ihn gereckt. Da sah er eine +Flechte an ihrem Scheitel weiß, trat zurück, erbleichte. +<!-- page 041 --> +Ging vor bis dicht an den Spiegel, sah über den +straffen dunklen Zügen sein Haar hell durchblitzt, stürzte +hinaus. Drei Tage trieb er wie irrsinnig durch das +Haus, durch den Park. +</p> + +<p>Des Nachts brach er auf. Am Pfosten der Tür +versuchte er seinen Muskel. Er warf ihn auf. Sein +Gesicht ward sicherer. Am Abend schmerzte ihn sein +Fuß. Er wurde kleinmütig, ging gesenkten Kopfes, +setzte sich auf einen Stein. Als er die Stelle untersuchte, +war es eine Quetschung. Sein Auge hellte +auf, als er die Ursache sah. Er kam an den Elkfluß. +Zog nördlicher. Kam an den Athalaskasee. Schuf die +Riesenfaktorei am Winnipegsee, nun würden Tauschwaren +in alle Eisbezirke laufen. Der Norden war aufgesprengt. +Keine Aufgabe weiter . . . Am Morgen erhob +er sich, drang weiter vor. Unsinnige Angst, daß +das Alter nahe, daß er nicht mehr folgen könne, wenn +sein Herz ihn hineinstieß in das Sehnsüchtige, Dunkle. +Er übertrieb seine Kraft, sich selbst davon zu überzeugen. +Er lag zwei Monate krank in einem Hüttenlager. +Gekräftigt, sofort trieb es ihn hoch hinauf. Er kreuzte +durch verschneite Prärieen am Hudson. Eingeborene +wiesen ihn östlich, wo große Herden der Pelztiere seien, +Ebenen mit hohem Gras, Ochsen mit gestreifter Haut +und säulenhohen Hörnern sprängen. Aber sein Herz +schlug: Nach Norden . . . Er werde sterben. Es kümmerte +ihn nicht. Sein Blut klopfte dumpf gegen das +<!-- page 042 --> +Dunkle vor ihm, sein Herz kannte nur in ungeheurem +Zittern einen Pol. +</p> + +<p>Er kam an einen Fluß. Aus der Entfernung einer +Meile kam sanftes Geräusch. Er schlich sich an. Ein +Graben deckte ihn. +</p> + +<p>Wie Affen standen Tiere um einen Baum. Sie +stützten sich auf breite Schwänze, hatten die Vorderbeine +an die Rinde gelegt. Mit weißen Zähnen sägten +sie nach gleichem Takt den Baum durch zwischen den +Spalten ihrer Gänsefüße. An der Ecke saßen zwei +andere, machten Gesten, schrieen; womit sie andere +warnten, über die Linie zu treten, in deren Radius +der Baum wohl fiel. Nach dem Ufer zu zog sich eine +geordnete Kolonne, die Äste trugen. Der Fluß war +eine unmeßbare Wabe, aus der die Kegelhütten hervorstachen +mit den Spitzen. Dazwischen ein Gewimmel +von Tieren, die am Damm bauten, so weit er sah. +</p> + +<p>Auf dem Fluß schaukelten Rosaschatten, der Abend +fiel langsam. Die Dämmerung hüllte das friedhafte +Summen der beständigen Arbeit in stumme Seligkeit. +Der Mond schwang darüber, es nahm kein Ende. +Der Mond bewegte sich in der Elegie des tätigen +Konzertes, der Baum fiel, aber er stürzte, als der brausende +Rhythmus der Tiere auf der Spitze der Empfindung +schwoll. In langen Kantilenen zernagten sie +die Äste, bauten, schufen, langsam klang die Nacht +mit allem Geräusch in die beruhigende Kraft des Tieres. +</p> +<!-- page 043 --> + +<p>Er machte eine Skizze, hielt den großen Biberplatz +in der Hand, schlich zurück, kroch in seinen Schlafsack, +warf sich zwei Stunden herum. Dann stand er +auf. Zerriß den Plan. Hatte genug Vermögen. Langsam +begann er zu weinen. Etwas stieg auf, erhob +ihn und durchdrang den Überschwang an Dunklem, +das seine Seele mit großen Trieben hinriß da und dort, +aber immer in einer Richtung, die sinnlos war vor +unbewußter Sehnsucht. Das Gefühl erfüllte ihn ganz +bis in die Kammern des Herzens, bis in die Poren der +Haut, den Wuchs des Haares und gab ihm eine +Schwingung, die er nie gepackt. Hingerissen, zwischen +den Schwüngen des rastlos Stoßenden, das ihn wegblies +wie gegen den Mond und zurückstieß gegen den +Boden, den er baute . . ., in einem unirdischen Ruhepunkt +erlebte er die glücklichste Stunde seines Lebens. +Er rührte kurz an die selige Beruhigung, die als Achse +zwischen den Wagen seines Herzens stand. Auch dies +verließ ihn nie. +</p> + +<p>Mit hölzernen Schlittschuhen trieb er das Eis der +Flüsse südlich. Schon kam Grün, Frühjahr wucherte +aus verhaltenen Ästen. Vögel begannen unwiderstehlich +zu kommen aus den monderhellten Dunkelheiten des +Waldes. +</p> + +<p>Von einem Hügel sah er zum Strom. Tausende +Habitants, Sklaven, die die Maisfelder dunkel machten. +Riesenbogen der Landschaft gegen den Wald gespannt. +<!-- page 044 --> +Eine Kette wie von ausgelaufenem Öl . . . die Schuppen, +die den Fluß gürteten. Schiffe schwankend zum Meer +und zurück, Herden, die brüllend aus den Weiden zum +Wasser stampften . . . ein großes Tagewerk. Langsam +schritt er hinunter. Was blieb noch? +</p> + +<p>Er ließ die Äxte Jahre gegen den Urwald trommeln. +Feuer qualmte am Horizont. Menschen eroberten +sich Erde, Acker. Es geschah mit Ruhe. +Er verließ sein Haus nur zur Jagd. Sein Auge verschleierte +sich langsam. Er lehrte den Sohn, den Wolf +auf die glühenden Augen schießen. Eine Erkältung +schlich ihm von den Beinen gegen die Brust. Er +stemmte sich etwas dagegen. Dann lag er ruhig, als +er sah, daß es nutzlos war. Er ließ das Bett herumstellen. +Sein Scheitel stand zum Fluß. Sein Auge +sah in die Landschaft. Bis an die Grenze der Wolken +getürmt alles sein Werk. Er hob die Hand über die +Brauen. Die Silhouette des Urwalds war zurückgewichen. +Er sah sie nicht mehr. Dies wurzelte. Was +blieb? Der Tod. +</p> + +<p>Er wartete acht Tage. Die Wolken staffelten Terrassen +und flogen blitzend. Sein Herz begann zu schmerzen. +Aber mit den Schmerzen löste sich der Bann und die +ungeheure Treibkraft brach auf, und besinnungslos überfiel +es ihn vor Angst des Todes. Das Quellende, Heiße, +das was flatterte und sich bäumte, hob sich innen gegen dies +kalt werdende Fleisch. Niemand kam zu ihm. Allein +<!-- page 045 --> +lag er stöhnend, wünschend. Dazwischen fluchte er, +kämpfte mit aller Kraft. Er nahm ein Tuch und band +es sich um das Kinn und den Kopf, daß er keinen +Laut gebe. Aber seine Lippen sprengten sich auf und +stöhnten: „Jardins . . . du . . . palais . . . royal. — — —“ +Es war das Lied der Hure. +</p> + +<p>Aber auf der Spitze des Schmerzes fiel das Weh +in sich selbst zusammen. Er ließ den Sohn rufen. +Sein Gesicht war klar. Er lebte noch einen Tag. Als +der letzte große Griff gegen das Herz ging, flüsterte +er: „Der Biberplatz“. +</p> + +<p>„Ich verstehe dich nicht“, sagte der Sohn. +</p> +<!-- page 047 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-2">Der erste Abschnitt +</h2> +<!-- page 049 --> + +<p>Der schlief mit einer Dänin mit gelbem Fjordhaar. +Er lebte ruhig, stiller als Männer, die seinen +Stand hatten. Er kannte keine anderen Frauen. War +rundherum sicher, wußte, was er tat. Als der Bogen +beendet, starb er mit gleicher Ruhe, wie er dagewesen. +Sein Sohn glich ihm genau. Er hinkte mit dem +linken Fuß, hatte blaue Augen zu dunklem Haar. +Der Besitz wuchs, indem er ihn erhielt. Er hatte drei +Söhne, einen erschlug der Blitz, der andere schoß sich +vor den Kopf. Der Letzte blieb. Er spielte am Strand, +war träumerisch und ernst. Sie lebten nach innen in +der ganzen Linie. Nichts stieß sie aus dem Kreis heraus, +den Landschaft, Erdgeruch, Besitztum um sie +schlug. In der Pause erholte sich die Generation, +schöpfte Atem, schluckte nach innen, in sich hinein. +</p> + +<p>Als Daisy die Mutter verließ, flaggten die Schuppen +bis Quibec, pfiffen die Dampfer Schleifen und Spitzen +bis zu den Großen Seen. Die Sonne schlug durch den +Zenith. Am Abend starb die Mutter. +</p> + +<p>Der Vater trat ins Zimmer, duckte den Nacken +etwas, schwieg. Schalen flammten in kurzer Nacht, +<!-- page 050 --> +umglänzten Daisys ersten Tag. Der vierte Vaudreuil +nahm die Hand des Bischofs, es sprühte in besinnungsloser +Trauer ihm das Gefühl der Ehre. Chorknaben +durchsangen die Räume, schwenkten das Rauchfaß. +Abordnungen des Hudson neigten das Kinn gegen die +Brust. Im Fensterglas spiegelte ein Segler, der mit +halbgehißter Fahne vom Ontario kreuzte. Nach dem +Essen legte Vaudreuil die feine hart gebogene Hand +auf die des Bischofs: „Sie irren, Eminenz, ich setze +sie im Garten bei.“ +</p> + +<p>Er stand am Fenster, sah, ungerührt, bewegungslos +den Bischof hinabgehn, die Turbine des Motors +schäumte weg von ihm, warf ihm Blasen, Wellen +zurück. Abends kam für Daisy eine eingeborene Nurse. +In der Nacht verbrannte er seine Frau im Garten. +Die Nurse senkte die Gardinen. In der Dämmerung +erst ging Vaudreuil zurück ins Haus. Abends +trat er in ihr Zimmer. Als er die leere Bettfülle +sah, den faden Geruch spürte, begriff er erst. +</p> + +<p>Blieb die Nacht wieder draußen, baute mit vier +Gärtnern eine Hütte über der Asche. Jeder Windstoß +erregte ihn. Morgens ging Brise. Die Angst wuchs, +die Asche werde verweht. Sie war das Letzte. Von +Montreal brachte der Bote den Wagen mittags. +Brown, anglikanischer Pastor, sprach Gebete. Früher +wagte Vaudreuil nicht, die Asche zu sammeln, so schmerzlich +seinem Herz, das ohne schlagende Dränge nur +<!-- page 051 --> +Liebe kannte zu Respekt und Hergebrachtem, der Priester +anderer Konfession war. Er trug die Vase selbst ins +Zimmer, mit straffen Beinen. Dort fiel er zusammen, +schlug die Arme auf den Tisch. Langsam, fest wuchs +er in Stunden zurück, bis er senkrecht saß. Er würde +weiter leben. Auferlegtes Werk weiter verwalten, dies +Schicksal tragen, dieses und jenes, wie alles, das er, +Erbe, trug. Doch ohne diese Frau, . . . er schloß die +Augen. +</p> + +<p>Brown zog in die Familie ein. Vaudreuil band +ihn an Haus, Besitz und Tätigkeit. Hätte ihn um +sich gehalten, stänke er wie Aas, vergaß ihm das Gebet +nicht. Nichts hätte dies zwischen ihnen herausgejagt. +Doch Brown gewann nicht ganz Boden. Der +Lebensschlag verwirrte ihn hier. Liebe aber wischte ihm +das andere immer hinweg. Er sprach eckig, unfrei, +seine Handgelenke, unter flatternden, fliehenden Manschetten, +waren gerötet. Einmal erleichterte er sein Gewissen, +schlug den Übertritt vor zu seiner Konfession, +dies eine Mal gab Vaudreuil keine Antwort. Nichts +war gesagt worden. Brown war es los. +</p> + +<p>Vaudreuil rief den Vorstand der achten Abteilung, +zog aus den Akten ein Bündel, legte ein Papier auf: +„Sie irrten.“ „Ich würde bedauern.“ Der junge +Bursche trug den Fehler selbstbewußt. +</p> + +<p>„Sie haben zum zweitenmal geirrt.“ +</p> + +<p>„Zu Ihrem Vorteil.“ +</p> +<!-- page 052 --> + +<p>„Das spielt keine Rolle. Das dritte Mal entlasse +ich Sie, so sehr Ihr Eifer anerkannt wird.“ Er drehte +sich um. Der Vorstand trat vor, bleich, einen Zahn +in der Lippe. Vaudreuil nickte über die Schulter, der +ging, errötete vor Freude. Die Ledertür fiel. Vaudreuil +senkte sein Gesicht. Das Gehaltene verließ ihn, die +Augen sahen durch die Papiere, Holz, Wand. Er ging +in den Garten. Jeden Tag ward die Frist größer, +die er blieb, die Intensität erschreckender, mit der er +die Arbeit zusammendrängte, durchfuhr. Brown sprang +ein, wagte es (was allein er konnte), legte die Hand +auf seine Schulter, schlug einen Wechsel vor, des +Wohnorts, der Luft. Vaudreuil schüttelte es ab. Generationen +hatten hier gelebt. Er blieb. Brown deutete +den Kiesweg runter, wo die Nurse das Kind +heraufschob. „Es handelt sich nicht um Sie.“ Vaudreuil +erblaßte etwas, er erkannte. Schwankte, ohne +zu zeigen, was vorging, einige Tage. Dann entschloß +er, ging aufs Ganze. Teilte; arrangierte die Übersiedlung +zu den Ottava-Mühlen. Nachts schlief er am +Lorenz, war sein Plan. Morgens fuhr er im Auto +zum anderen Stromhaus, abends wieder zurück. Er +hielt auseinander. Da starb die Frau. Dort lag sein +Werk. So hielt er Gleichgewicht, indem er nicht +mischte. +</p> + +<p>Brown nickte in der Sitzung: „Sie bleiben auf +eignem Boden.“ Der Vorsteher der Büros zog zwei +<!-- page 053 --> +Kreise, die sich durchbohrten: „Der Schwerpunkt der +Affären fällt nach Westen“. Nickte. War Franzose, +der Plan war sein alter Plan. „Es geht um die +Gesundheit, Fidley. Zaudern Sie nicht, das zu begreifen,“ +sagte Vaudreuil. +</p> + +<p>Mittags fuhren sie im Auto den Lorenz hinauf, +folgten ihm in Launen, Schlägen, Schnellen. Der +Wald war dicht voll Saft, Sonne spielte in fetter +Luft. Vögel schrieen. Schlugen hämmernd hinaus in +Weizenebenen. Kühe tollten unter Bäumen, grad gesetzt, +trächtig von Frucht. Blauer Himmel stieg vom +Waldblock herauf, überflog sich taumelnd. Die Nurse +saß neben Daisy. Der Wagen schwenkte nach Norden, +fuhr an neuem Strom. Hinauf, hinauf. Ein +Gartenhaus stand unter Blumen. Ottavagemurmel +nickte, schwamm um jeden Kelch. Der Wagen hielt. +Die Nurse packte Daisy. Sie stiegen aus. Daisy schrie +hell und scharf, verstummte, wachte auf. Lange dunkle +Wimpern brachen auf. Grau und stählern nahm der +Blick die Landschaft, saugte sie ein, als besäße er sie. +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p>Kam sie am Arm der Nurse schlenkernd herauf +vom Fluß, rollten die weißen Sonnen der Sägen +über ihr im Himmel. Gegen die Dämmerung heulten +die Dampfhähne, Feuersignale schossen aus Schloten +<!-- page 054 --> +herauf, herab. Um sie wimmelten Menschen, grinsten +mit gefletschten Zähnen, verbeugten sich, trugen Hüte +in der Hand an ihr vorbei, Weiber drängten um sie +Koseworte herum. Die Rollketten der Wegbahnen +knatterten sich in endlosen Ellipsen um den Horizont +herum. Am Garten begann Duft sie zu überfallen. +Aus Kronen seltsam geformter Bäume schüttelten sich +Schatten herunter, trieben im Geruch. Nachts schlief +sie auf dem Geschaukel des Ottavageräuschs. Es füllte +langsam, wachsend ihr Ohr. +</p> + +<p>Im Garten suchte sie Syg, Tochter der Nurse, +hob die Goldregenzweige, suchte üppige Grasrosenstände +durch, zirpte in Schneeballendickicht, Salmweiden: Syg. +Sie schritten mit langen dünnen Beinen über den schiefrig +blauen Kies; setzten sich auf die Bank in die Sonne, sahen +nach dem Haus. Verschwand der Kopf der Nurse, streckten +sie Zungen heraus. Erschien er, scharrten sie träumerisch mit +den Füßen, preßten die Ellenbogen aneinander, verklucksten +sich im Gegen-den-Boden-Lachen lautlos. Plötzlich +drückte Daisys Hand die Sygs hart. Die Zweige +hinter ihnen wogten und schluckten, fuhren rückwärts. +Nach der leeren Bank flog der Nurse Geschrei. +</p> + +<p>Zuerst liefen sie durch Dickicht, Primelbeete, sodann +kam das Hundeloch im Zaun. Hundert Meter dahinter +flimmerte Prärie. Unten tief in der zitternden +blauen Dunstwolke, die die Erdscheibe abbog, kam im +Halbbogen das Atmen der Gräser in endlos wellender +<!-- page 055 --> +Flut sanft herauf. Unsichtbare Vögel sangen gedämpft +aus dem Tau der Halme. Das Licht floß auf der +Stille, wiegte, glitt. Sie schlichen bis zu drei Termitenhaufen. +Unordnung kam in die brausende Stille, +vom Zaun kamen Rufe. Sie lagen eine Stunde still +im Zittergras, trauten der eingebrochenen Ruhe nicht, +die über sie spielte, fürchteten das Spähauge, die schlaue +Lauer der Nurse. Dann zog Syg die Mittelfinger aus den +Ohren. Sie hatten nichts gehört. Daisy hob die Nase. +Sprangen auf. Draußen kam ihnen Wind immer stärker, +und wie sie liefen, knatternd sturmhaft um die Schläfen. +</p> + +<p>Sie banden vom Leib sich Tücher ab, ließen sie +hinter sich schwenken. An der Erhöhung blieben sie +stehen, drehten sie um sich langsam im Bogen. Die +Sonne fing an, danach sich zu richten, lief mit ihnen +im Kreis, sprang aus einem Tuch in das andere, mitten +stand ein roter Knopf in das Viereck hineingerollt. +</p> + +<p>Hinter der Schanze kam der Nurse Hand, faßte +Daisys Gelenk, Sygs Ohr. Auf Sygs Gequietsch +legte Daisy die Hand auf der Nurse Leib, stampfte +mit dem Fuß auf, das Weiß des Auges bekam einen +kristallischen Kern. „Do . . . do . . . Daisy“, lockte die +Nurse, knotete den Schürzzipfel, tuschelte damit zu dem +Kind, schnalzte mit der Zunge, hob wie der Kordelhanswurst +die Arme. Die Kinder lachten, hingen an +ihren dicken Schenkeln. +</p> + +<p>Mit acht Jahren war das Tor frei, das Loch verachtet. +<!-- page 056 --> +Sie trugen gleicherweise dünne Seide, dieselben +Röcke bis zu den Knieen, Shawls über den +Schultern. Draußen zogen sie die Schuhe aus. Daisy +bog sich in den Lenden vor, ging steif auf den Zehen, +die Hand mit gerundetem Daumen nach unten. Sie +schoß nach unten, hob eine Echse, genau am Hals gefaßt, +ohne den Schwanz zu beschädigen, hoch. Der +grüne Leib zuckte, der Kopf fuhr unruhig züngelnd +herum. Riß einen roten großen Klapprachen auf. Ihn +hielt Daisy an Sygs Hand. Die schrie und machte +die Faust. Daisy hielt ihre Linke darüber, den Zeigefinger +hinein. Wurde bleich, aber machte nichts, als +es klappte. Es tat kaum weh. +</p> + +<p>Syg lag am Bachrain ohne Mucks. Kroch auf +den Vieren weiter, blieb wieder Beine, Arme weggestreckt. +Eine Grille schrie, Sygs Hand machte einen +Bogen. Der Schatten des Armes aber lief eilender, +das Tier verschwand. Auf den Knieen kreist sie herum, +hing über dem Mausloch in Parade gegen die +Sonne zu. Dann Ruck auf Ruck kam das Tier. +Sie fing es wie eine Mücke ab, fegte es in die Faust. +Stieß mißmutiges Geplärr aus, das Ungeduld bewies. +Schlenkerte zu Daisy, blieb neben ihr, setzte von hinten +das Tier ihr in die Brust. Daisy lief aufschreiend, +beide Arme im Busen suchend, ein schmaler Hund lief +mit, bellte leis auf, fraß die Grille, die unten aus dem +Rock fiel. Sie tanzten zu dritt im Kreis, schlugen die +<!-- page 057 --> +Arme jedes quer über den Bauch vor Entzücken, traten +das Gras, das unter ihren Beinen elastisch wieder +sich erhob. +</p> + +<p>Tiefer in der Prärie bückte sich Daisy. Syg sprang +ihr auf den Rücken, sah sich um. +</p> + +<p>Dann zogen sie die Hemden aus, schlichen, die +dünnen schlanken Rücken neben den Gräsern, zitternd +auf hohen Beinen nackt bis zum Baum. Sie legten +die Hemden auf den Termitenberg, warfen zwei Steine +hinein, sahen Tausende darüber wimmeln, Saft darauf +spritzen. Erkletterte ein Outsider eine Wade, +hupften sie rehhaft herum, schürten aus Rache neuerdings +in dem Haufen. Dann griffen sie die Hemden +heraus, liefen damit weit weg, schälten das letzte Tier +heraus, schnauften, legten die Gesichter in das Leinen +und sogen bis zum Rausch an dem Saftparfum. Als +Pferde erklangen, lagen sie tief im Gras. Fidley ritt +aus dem Hochgras. „Sie sehen sich ähnlich.“ Sie +sahen sich an. „Syg ist dunkler,“ sagte Vaudreuil +nach einer Weile. +</p> + +<p>Im neunten Jahr brachte Brown die Gouvernante +ins Büro. Vaudreuil nickte hinter dem Schreibtisch. +Die harte Figur der Frau schob sich zu einem Knotengeflecht +zusammen. Dann wandte sie sich breit zu den +Kindern. Daisy gab abwesend ihr die Hand. Vor +Syg harrte die Frau einen Augenblick im Zweifel. +Was in Daisys Blick an Zögerndem, Zweifelndem +<!-- page 058 --> +schwebte, ward fest. Sie nahm Sygs Hand, legte +sie in die der weißen Frau. Dann trat sie zurück, +lauernd, legte den Arm um die Taille der Nurse. +</p> + +<p>Nun lockte die Gouvernante den Widerstand aus +Daisy heraus. Überraschte sie mit neuen Dingen, +Sachen, Sprüchen, Bildern. Sie bezog alles, was +sie gab, auf sich, als schenke <i>sie</i> den Eifelturm, <i>sie</i> den +Tegernsee. Sie machte Geschenke, nichtswertendes +Zeug, das aber überraschte, einen Haarring, ein Ericri. +Sie sah die anknospenden kleinen Brüste, wo +die Warzen schon unter sanftem Rotsaft standen. +Lobte die Glieder, den Hüftschwung zum Becken, die +Länge der Taille, die untadelige Wölbung, mit der der +Schenkel abbog, mit der das Knie in die Wade absank. +„Du, du. Welche Größe habt ihr an Land. +Da werden Schiffe anfahren von drüben, Prinzen +kommen, Daisy zu sehen, und diese und diese Fahne +wird aufgehißt.“ Aber der Reflex war von Daisy +ein stummes Fragen. Anders sah sie das Weib nie an. +</p> + +<p>Da machte diese den ersten Umweg und verwöhnte +Syg. Sie behandelte sie gleich einer Dame. Da von +Dienstboten Sygs Stellung gleich der Daisys gehalten +ward, solange sie Kind schien, aber nicht gefestigt +war für weiterhin, verwöhnte sie sie damit. „Du fährst +dann in Autos. Durch Städte drüben, sitzest in Konzerten. +Du hast Perlen, Syg.“ Syg lachte. Ihr imponierte +mehr Kölnisches Wasser, das sie auf die Haut +<!-- page 059 --> +strich, das bitzelte und kühlte und roch. Ihre einfache +Dankbarkeit kam der Frau entgegen. An Daisy aber +glitt Sygs Lobgesang vorbei. +</p> + +<p>Nun schlug sie die zweite Umwegstour und machte +sich an die Nurse, nannte sie Miß und schenkte ihr +Tücher. Gab ihr einen Spiegel. Schwabbelnd hing +die Nurse an ihren Röcken, sprach nur noch von ihr. +Die Kinder lachten. Da machte das Weib die umgekehrte +Taktik, versuchte die Nurse auszutreiben, weil +hier der Liebespol der Kinder lag, den sie umleiten +wollte. Sie nannte die Nurse Diebin, machte aus +dem Spiegel eine verdrehte Geschichte. Aber mit Feuer +traten die Kinder vor die Nurse. Das Bild der prallen +Brüste, aus denen sie erstes Blut gesogen, lag ihrem +Hirn so eingebrannt, daß kein Verdacht, selbst keine +Tat es hinausgewischt hätte. Dies gab einen vollen +Riß. Über ihn hinüber lauerten die Beiden. Da versuchte +die Gouvernante das letzte, doch es war hirnlos. +Sie rückte sich dem Gestirn zu, aus dem Schatten +nach Vaudreuil, suchte ihm aufzufallen, an ihm sich zu +halten. Er sah sie nicht. +</p> + +<p>Nachts kratzte es an Daisys Tür. Sie öffnete. +Syg gab das Zeichen. Daisy zog die vom Weib +verbotenen alten Seidenkleider an, sie verließen auf +bloßen Zehen die Zimmer, zwischen denen das der +Gouvernante lag. Mondlos. Dünne schwarze Schatten +liefen sie unter dem Himmel. Zwischen Sternen +<!-- page 060 --> +schossen unaufhörlich Wolken. Sie hatten nasse Füße +vom Grastau. „Syg . . . sieh.“ Sie hob die Hand +über die Augen, die Nasenflügel bebten. Feuergeruch +schwebte mit kleinen Rauchsäulen hintereinander deutlich +herauf. „Weißt du es, Syg?“ Syg nickte. +</p> + +<p>„Weither?“ Syg starrte, sagte leis: „Viele Tage.“ +Daisy legte die Handflächen auf den Mund. Aus +dem Dunkel kamen breite große Flächen. Um die +Ränder band sich weißer Rauch, sodaß es schien, sie +flögen, dazu wellte der Fluß Nebel in zuckenden Linien +um sie hoch. Die offenen Feuer schlugen in den +Dampf hinein; brachten ihn zum Feuerexplodieren, +Fächerstrahlen, Prismenschleudern. Gestalten huschten +herum, sprangen schwarz von einem Ende zum andern. +Ein riesenhaftes Ruder ward erfaßt von der Flammenspiegelung, +bis an den Horizont aufgeschwungen. Lautlos +glitten die Flöße so herunter. +</p> + +<p>Syg legte sich auf den Bauch. Die Stille summte +von den Weiden herab. „Los“, stampfte Daisy ungeduldig. +Syg legte die Wange gegen die Erde, stellte +die Zunge gegen den Backen, ließ sie dann herausfahren. +Zwei wimmernde Töne stiegen steil durch die Luft! +„Pha . . . lux.“ +</p> + +<p>Auf dem Fluß erfror die Stille. Eine Sekunde +setzte der Flußlauf aus, gebar sich Leere, atemlos. +Dann flog der gleiche Ton auf, langsam, weich und +gedehnt am Anfang, zitterte auf, sank ab. Das zweite +<!-- page 061 --> +Floß fing ihn auf, ließ ihn nicht verhallen, setzte in +der leisesten Verhallattitüde ein, schwang ihn hinauf, +warf ihn hinter sich. Das dritte bog ihn, ferner schon +und daher wehmütiger. Er schnellte den Fluß hinauf +in Springkurven, fiel irgendwie in den Horizont, dessen +Mondaufganglicht ihn hochsog. +</p> + +<p>Sie gingen Hände ineinander zurück, Syg mit +Tanzzucken, das sie unterschlug, im Knie. Im Korridor +stellte Daisy ihren Fuß genau so, daß sie mit +dem anderen ihn schnitt. Stolperte, schlug mit den +Händen gegen die Wand, stieß einen Säbel herunter. +Syg hickelte erschreckt. Halbangekleidet stand die Gouvernante +im Gang, mit strohigen Zöpfen, ein dünnes +Nachtlicht in der Hand: „Woher?“ +</p> + +<p>„Vom Garten.“ +</p> + +<p>„Was war im Garten?“ Nichts war im Garten. +Lauerndes Schweigen. „Syg,“ sagte die Gouvernante, +die Stimme überschnappte sich. „Wir waren beide +im Garten,“ sagte Daisy schnell. „Syg,“ ihr Licht +schwankte, sie keifte. „Hier,“ Daisy warf Syg zurück, +wiederholte Sygs dunklere Stimme, drang ins Dunkel +vor, empfing zweimal die knochige kalte Hand ins +Gesicht. Am Morgen saß sie auf der Terrassentreppe. +Am Auto küßte sie sich mit Vaudreuil, gingen die +Treppe hinauf. Als Vaudreuil sie vorgehen ließ durch +die Tür, sah sie schräg zurück: „Was sagten Sie, +wenn die Dame Syg schlüge?“ Eiskalt, neugierig ihr +<!-- page 062 --> +Blick. „Es würde an Syg liegen.“ Sie war stehengeblieben, +etwas drängte ihn zurück, das hartnäckig +tiefer herkam als die gleichgültige Frage. „Wenn es +nicht an Syg läge . . .“ „Es würde wohl an Syg +liegen . . .“ Da entfaltete sich ihre Stirn, hochmütig, +sie gab es preis: „Sie irren Papa . . . aber — wenn +sie Daisy schlüge und es läge nicht an Daisy . . . +oder: es läge selbst daran.“ Die Frage schwebte zwischen +ihnen, erhielt langsam Spannung. Vaudreuil sah die +Wange, die ihm sich entgegenreckte. Sah kurz zu Boden. +„Ich ordne es.“ Sie glitt zur Seite. Er ging hinein. +Gegen Mittag fuhr das Auto vor. Die Gouvernante +darin, Brown stieg zu, winkte an der Ecke. Die +geröteten Handgelenke stiegen hoch, die Manschetten +waren auf der Flucht. +</p> + +<p>Syg lief ein Stück nach, schwenkte eine Pfeifenstrauchrute. +„Ich wollte noch sagen, es ist das gleiche: +ich und Syg.“ Daisy sah auf ihre Nägel. Vaudreuil +fuhr mit der Hand hoch, als ob er gähne: „Es +ist nicht das gleiche. Aber du kannst es dafür halten.“ +Sie sah nicht auf. Nach drei Tagen, als das Auto +einfuhr, brachte Brown ein blondes Geschöpf, zitternd +vor Angst, voller Hingebung, dünn an Organ und +Haltung. Sie erschrak heftig vor Daisy, verehrte das +Kind, war hilflos, gefällig. Diese Güte belästigte +Daisy. Sie verachtete dieses Wesen ein wenig und +bemitleidete es dunkel. Ein junger Mann tauchte +<!-- page 063 --> +später auf, lehrte alles, wußte alles, trug ein Pincenez +auf kleiner Nase, zog einen steifen Kordon um sich, +den seine korrekte Tätigkeit umschloß. In allem übrigen +blieb er entfernt. +</p> + +<p>Die Mähder gingen im Blau des Damms wie im +Himmel entlang. Kühe dampften vor den Wagen. +Als der Stier brüllte, rasselte der Horizont es rundherum +wie ein fliegendes Gong. Tausend kleine Blitze +schossen im Gras die quer. Sie gingen über die +Biberwiesen. „Syg, waren es Chipeways . . . sag.“ +„Chipeways.“ Sie starrte in das Summen der Hitze. +„Fahren sie lange auf den Flößen?“ Syg dachte +an die Nurse: „Zwei Monate,“ sagte sie unsicher. +Daisy zog einen Halm durch den Mund, kaute, schwieg. +</p> + +<p>Die Arme auf dem Rücken schlenderte sie vor die +Nurse: „Du . . . du . . . ei, habe ich Chipewaysblut +ein wenig von früher?“ „O . . . o . . . do . . . +Daisy . . . das sind Hurons.“ +</p> + +<p>„Aber sind diese größer?“ Kopfschütteln. Sie ging. +</p> + +<p>Ging sofort in das Büro, stellte sich neben die +Ledertür an die Wand, lautlos. Der Sekretär raffte +zusammen, knickte ein, ging. Ein Vorstand kam, +referierte, ging rückwärts hinaus. An zwei Stenotypistinnen +erging ein niederprasselndes Diktat. Eine +Kommission trat ein. Da sah sie Vaudreuil. Sie +ging sofort bis an den Tisch, legte die Hand darauf, +sprach. Vaudreuil kniff die Mundwinkel ein, um kein +<!-- page 064 --> +Zucken zu verraten, nur die Lider blinzelten. „Du hast +es von beiden, durch Mütter und Väter.“ Sie blieb +stehen: „Syg hat auch von Chipeways.“ +</p> + +<p>„Aber du hast edleres.“ +</p> + +<p>Da errötete sie, ging eilig, sicher hinaus. Sagte +Syg nicht, daß sie edleres habe. Liebte Syg über +jedes Schweigen hinaus, wie nichts. +</p> + +<p>Zum vierzehnten Geburtstag schenkte Vaudreuil ihr +ein eigenes Pferd. Abends ward sie ohnmächtig. Das +Blut verließ zum erstenmal die Muttergrube, sprudelte +aus ihrem Leib. Drei Tage lag sie. Als sie +herauskam, war sie Frau. Auf der Haut saß ein +glatter Reiz, um den Gang floß ungewisser Zauber, +wiegte hinter ihr her noch wie Zurückgebliebenes. Nur +die Augen wurden heller, besaßen mehr Kraft und +Wissen zu durchdringen. Sonst zog sich alles von +oben zur Brusthügelung, unten von Fuß und Knie +und Hüfte zum Mittelpunkt des Leibes hin zusammen, +sodaß das Weibliche, Auffangende und im Wechsel +Hingegebene deutlich ward. +</p> + +<p>Das Fräulein spielte große Kantilenen. Die Wochen +wurden lang dadurch und hingezogen. Es war, es +käme Erlösendes, Rufendes von fern. Erlosch wieder. +Die Jahreszeiten änderten sich, öffneten wie Kapseln +ihr Gehäus, gebaren, stäubten ab, doch das Geheimnis, +das ihnen innelag, äußerte sich nicht. Das Haus +ward eng unter vieler Musik. Sie schlug den Blick +<!-- page 065 --> +zum Plafond, haßte Klavier und blonde Haare, aber +sagte es nicht aus Bedauern. Auch der Garten war +schon Grenze und selbst das Hinundherreiten, das ins +Wunderbare ging und endete, hatte schon das Bekannte, +hatte Meilensteine, Hürden, an denen es zerschellte +und vor denen das Weite erst brüllend vor +Verhaltenheit lag. +</p> + +<p>Noch ritten sie um das Rondell, sattelten selbst. +Schon lag der Zauber halb verblättert, reckte darüber +her anderer sich schon bitter, lockender und schwerer im +Blut aus der Unbekanntheit her auf, ohne daß man +wüßte, welcher, woher. In einer Lichtung bekamen sie +Durst. Syg fand einen Ahorn, schälte ihn an, bohrte +ein Loch hinein. Aus einem dicken Halm sogen sie +den gelblichen Zucker. Als sie, satt, nach den Gäulen +sah, umdrehte, starrte Sygs Kopf glasig und eingefallen. +Die Kupferhaut war molkig. Über ihrem Kopf +saß unregbar mit vorgeschossenem Kopf, noch schwebend, +die Schlange. Daisy sprang vor. Nun war ihr, sie +fliege. Nun kam, erhob sich Unbegreifliches, streifte +sie mit Seligkeit. Ein ganz leiser Schrei verließ den +Mund, die Augenbrauen standen im Dreieck. Grau +und kühl, flimmernd, neigte ihr Blick sich gegen den +des Tieres. Der Baum raschelte, es pfiff und klapperte +im Geäst. Auch Syg drehte sich nun ihr zu, weinte +in ihre Hand. Aber sie fieberte noch auf dem Pferd, +hatte Aufruhr in den Knien, wogte mit der Brust. +<!-- page 066 --> +Unglücklich verging die Nacht. Es war aufgestanden +in ihr etwas, hatte sie gestreift, sie wußte nicht, wie, +wo, welche Sache. Es hatte gebäumt und sich geduckt. +Sie fror. +</p> + +<p>Die Siebzehnjährigen bestiegen einen Dampfer, den +Brown gechartert hatte, weiß wie Porzellan. Sie +reisten ins Innere. Das Fräulein, der Lehrer bezogen +Kabinen. In hellen Kleidern lehnten die Mädchen am +Reeling. Vaudreuil winkte herauf vom Land. Browns +Arme schlugen Rudertakt. Daisy schmollte den Mund +schief. Noch einmal: „Komm“. Vaudreuil lachte, +schüttelte den. Kopf. Man fuhr los. „Pa kommt +nicht mit“, sagte Syg. In Daisys Stirn fiel eine +Locke: „Du solltest dich nicht weiß anziehen. Du bist +zu dunkel. Nimm blau.“ +</p> + +<p>Vier Tage fuhren sie den Lorenz hinauf, die Hitze +um sich, weiß. Abends ankerten sie spät, um solang +als möglich Fahrtwind zu haben. Dann kam die +Nachthitze traumhaft. Die schwüle Ruhe lastete mit +sprengender Unausgesprochenheit. Spät kam ein Dachs +ans Ufer, hob die Ohren, legte den Kopf fast auf die +Luft, so weich, soff dann. Als nichts zu sehen mehr, +erhob sich das Schlürfen anderer Tiere. Mit jähem +Luftdruck schwebte ein Fregattenvogel von den Wellen +glatt übers Deck. Aus dem blauen Dunkel formte sich +Figur, Geschehen. In weiten aufschwellenden Kreisen +vollzog sich Manches, nicht gesehen, aber gewußt und +<!-- page 067 --> +geahnt. Das Ufer, das versackt drüben lag, spannte +sich herüber, kam hergeschwebt, riß zurück. Das Gebrumm +der Mücken über dem Schlafnetz steigerte sich, +bis, mit allem verwoben, es eine Höhe erreichte, die +sich selbst nicht mehr ertrug. Da schlugen aus der +Spannung von Masten, Geländerspitzen, kleine blaue +Flammen auf. +</p> + +<p>Das Erregte ward nun lauschend, erwartungsvoll. +Mit großen Augen überwanderte sie den Dunkelheitsbogen. +Ihr Herz machte sich heran an jeden Laut, +mit jedem Geräusch ging es hoch und tief. Schlug +mit dem Gesäusel des abfahrenden Wassers an Backbord, +mit jedem Astwedel, der schauerte. Doch kam es +auch zurück. Sie fühlte in sich, als geschähe es in +ihr, das träumerische Aufschnellen der Fische und das +jagende Husch, wenn ein Nachtvogel die Seile durchschwamm. +Irgendeinmal in solchen Nächten schlief +man dann ein. +</p> + +<p>Nun kamen Inseln. Smaragdgrün und gelb war +der Strom getupft. Sie loteten den Tag durch. Gemischtes +aus unbekannten Blumen und Wasserfäule +lag als Barriere davor, erstickte sie fast, als sie eindrangen. +Betäubendes Labyrinth von Kanälen umgab +sie. Die Inseln wurden kleiner. Ach diese, ach jene, +deuteten sie, und schon war alles verwirrt, erkannten +sie die erste nicht mehr. Sie sahen keinen Boden. Es +wucherte nur. Nachts hingen Schlingpflanzen herunter, +<!-- page 068 --> +im Licht, wie Drähte gespannt, die wogten, durch die +von Astlilien Kopfweh heruntersank und ein grausames +Süßes, das sich kaum über dem Wasser trug, einsank, +in die Wellen mischte, so schwer war es. +</p> + +<p>Morgens tat eine Bai sich auf. Silbern trat die +Sonne aus dem Wasser am Horizont, der ruhig, +endlos lag. Sie atmeten tief in das nun Geweitete, +befreit. Am Mittag schwammen neue Inseln entgegen. +Aus gewaltigen Grasbüschen wuchsen Bäume mit kalt +geformten Blumen. Schlugen Brücken miteinander. +Die Sonne war weg, der Himmel zu. Unten liefen +Regenbogenfische. Oben schwirrten bunte Vögel, ohne +Rast in Bewegung und Getön. Dazwischen wogte +blauer heißer Dunst. +</p> + +<p>Abends kamen sie ins Freie. Sie liefen wehend +zum Vorderschiff, winkten hinaus. Schrieen: „Das +Meer!“ Doch im Untergang brach sich die Sonne +in einem gespaltenen Rubinfächer hinter neuen Inselherden. +Sie griffen sich auf, sammelten sich, umtrieben +sie mit Kanälen und Buchten, in denen sie irrten. +Syg holte Daisy in der Nacht, sie schlichen im +Schatten der Pflöcke bis hinter die Taurolle. Am +Reeling stand neben dem Fräulein der Lehrer, sie +sagten nichts, berührten sich nicht. Er wies immer +mit dem Kneifer gegen das Wasser. Da unten schwamm +aber auch nichts. Jedoch sprang später aus einem +Baum eine Katze auf Verdeck, fraß neben der Küche +<!-- page 069 --> +zwei Hühner, die Matrosen machten Jagd, und das +Tier sprang durch die Glasscheibe in Browns Kajüte. +Die nackten Beine sehr verhaart, sonst nur im schwarzen +Predigtrock fuhr er entsetzt mit verschlafenen Haaren +auf dem Deck herum, bis man ihn beruhigte. In +der Nacht fuhr das Schiff weiter, es gab ziemlich +Licht von oben. +</p> + +<p>Morgens erst schlugen Himmel und Wasser entfernt +fest zusammen und machten einen Kreis. Erst da +ward es endlos. „Das Meer“, sagte Daisy. +</p> + +<p>„Es ist auf der anderen Seite.“ +</p> + +<p>„Ich weiß Syg.“ Sie machte einen Bogen, am +Geländer saß Well, der Wolf des Steuermanns. Er +legte den Kopf, als sie sich kauerte, auf ihr Knie. +</p> + +<p>Gegen Mittag ward der Ontario tiefblau, spannte +sich in gebogenem Spiegel hinauf und in seidiger Biegung +abebbend hinab. Im glänzenden Himmel begannen +Striche zu wachsen. Hoch über dem Horizont, +fast wolkennah schwebten drei große Schiffe. Der +Mittag ward voller, ging auf wie ein Gestirn, kam +aus sich selbst und zerrann. Toste von Farben. Der Horizont +ward dunkel von Glut. Es ballte sich die Weite, +durchdrang sich und lud die Atmosphäre mit einem +gepreßten ausschwingenden Atem. Segler nahten da +und dort, hingen Fahnen heraus, bogen über das glashafte +Seidene des Sees herab. Von eigenen Masten +flaggten Fahnen, das Deck zog festlich, schmal dahin. +<!-- page 070 --> +Unter der Brise legte das Schiff sich seitlich. Well +sprang auf, knurrte, schnappte nach ihrer Hand, sie zog +ihn an der Gurgel wieder herunter. Schaumdünn zog +Land in einer reinen weißen Wölbung heran. Hinter +ihnen sammelte sich das Geweitete, schwang ab in +Klarheit mit dem berstenden Geknäul. In der dünnen +singenden Luft begann das Segel über ihr sich plötzlich zu +drehen. Geräusch von Ruder und geschaufeltem Wasser +fiel aus ihr heraus. Mit dem davonschwingenden riesigen +Segel flog es in ihr hoch. Es bäumte sich wieder, +überrannte sie, stieg aus ihr und gab sich hinaus, erschauernd, +tastend, eine Sekunde. Als ihre Haut zu +zittern anfing darunter, sprang das Knattern und +Schäumen wieder in sie. Vorbei. Sie bebte. Wandte +sich um. Das Gewesene nahm plötzlich Platz in ihr +wie vorher. Aus einem Hafen kamen Drähte, Stangen, +Schorne, schoben auf sie zu, fesselten sie mit ihrer +Gegenwart an. Sie fuhren ein in Toronto. +</p> + +<p>Brown brachte ein Tuch. Es ging auf. An der +Mole flaggte es viermal. Sogar eine Rakete schoß +hoch und knallte. Darauf kamen Wagen hergerollt +aus einer schrägfallenden Straße. „Sie kommen“, +sagte Brown, rieb sich die Hände, schmunzelte verschmitzt, +es ward eine harte Grimasse. Sechs Wagen +standen nebeneinander. Junge Leute sprangen herum, +hatten schiefe Helme auf den Köpfen, sammelten +sich, stampften, stellten im Kreis sich um einen starken +<!-- page 071 --> +Burschen und schrien Hurras. Der junge Mann +sprang im Satz an Bord. Brown fing ihn auf, umarmte +ihn, zog ihn beiseite, wisperte, sprach, kicherte. +Hinter seinen Gesten sah der Bursch herüber, schnitt +Fratzen vor Ungeduld, trippelte, hob den Nacken, +grinste ins Blaue. Brown brach ab, schnickte den Kopf, +nahm ihn am Arm, führte ihn sorglich hinüber, stellte +ihn vor. Sein Neffe. +</p> + +<p>Drei Stunden Zeit. Sie erkletterten Wagen, die +Peitschen stäupten auf. Fuhren den Strand entlang, +sahen die Muscheln angeschwemmt in Wällen, einen +Fisch, den Dampfer Skania verkracht, die Kessel gespießt +von Klippen. Sahen grünseidene geschnittene +Rasen abgleiten, Blumenschlangen, geordnete Beete. +Sahen von Basalt umstellt eine wütende Quelle, die +trommelte, schlug, aufstieß, im Schweigen noch bebte. +Machten einen Korso. Stiegen ab, empfanden, es war +gut, war schön. Sahen sich in die Augen, sahen die +Hände, die Hälse, lachten. Tranken Wein, Schokolade. +Lächelten, als Browns Neffe den Lapin setzte, Brown +abschob, bei ihnen landete, das Trittbrett abhieb im +Schwung. Sahen seine Achseln, das Braun des Gesichts, +die Hände. Sahen das weißhelle Blau um +die Pupille. Fuhren durch Spaliere, hohe Drähte mit +Gärten, die schwebten. Durch eine Palmenallee, Bosketts +mit Hyazinthen, Springbrunnen, durch Berge +Duft. Fuhren durch Straßen mit Riesenfelsen, die +<!-- page 072 --> +selbst Dynamit nicht zerknackte, unbeugsam blieben. +Fuhren unter Hebelwerken, sausenden Oberbahnen. +Fahren durch ein Dickicht, ahnten Lichtes, spürten Bewegung, +sahen dünn wie Lippen Gesträuch sich spalten. +Sagten: „Ontario“. Sahen den See. +</p> + +<p>Sygs Tuch fiel. +</p> + +<p>Die Augen streiften, erzitterten. Drei junge Männer +sahen nach einem alten Herrn, der ein Ei aufschlug, +blieben daran, erröteten, drehten die Hälse zurück, +schwiegen, wandten sich immer mehr um die Achse, +verrenkten sich, sahen zuletzt in die Luft. +</p> + +<p>Daisy bückte sich, hob das Tuch selbst, ließ die Lider +gesenkt, die Mundwinkel etwas erschlafft. Lehnte +sich ins Polster. Sah Pferdeköpfe, Pferdehälse, Browns +Manschetten kommen, näher, sich vorschieben, bog +sich hinüber: „Zum Hafen“. +</p> + +<p>Ging rasch, behend, teilte Handdrücke aus, suchte +den Kapitän, ersuchte, den Abend noch zu fahren, sah +nicht zurück, pfiff dem Hund. Der Ontario lag wie +Stahl. Zwei gelbe Segel flauschten groß im Mondschein +vorüber. Das Wasser wellte, spielte um das +Licht in riesigem Blaukreis. Sie schloß die Augen +halb, zog den Kopf des Hundes in den Schoß, einen +Zug Leids von der Braue nach der Stirn. Nicht +um sich. Sie stand auf. Sie fuhren die Nacht durch, +den Tag. Fuhren an Dörfern vorüber, wendeten, +sahen sie das zweite Mal vorübergleiten. Kamen an +<!-- page 073 --> +eine Bucht, Gelächter erscholl beim Baden. Die Linie +aber wich nicht von der Stirn, die sich zum erstenmal +verbog, belastete, überschnitt. Sie fuhren nach Hamilton. +Nach Oswego. Legten an bei Port Hope, stellten den +Dampfer ins Dock, fuhren nach dem Huron. Zwei +Stunden in der Bahn, erbleichte Daisy an den Schläfen, +wimmerte hinter verbissenen Lippen, fiel in Ohnmacht, +erwachte die Nacht, fiebrige Augen im Dunkel. Sie +brachten Essen, Trinken. Sie starb fast unter dem +Drängen. Gegen Morgen frug Brown: „Was willst +du?“ „Zurück“. +</p> + +<p>Sie hielt dort an sich drei Tage, saß still bei der +Mahlzeit im Garten, fixierte manchmal das Auto, das +kam, fuhr. Knüpfte nach dem Lunch eine Hängematte auf +die Veranda, stieß den Laden zum Privatbüro zurück, +schaukelte; als Vaudreuils Kopf über ihr war, sprang +sie auf, eilte über die Diele, trat in das Büro, bat, +daß er Syg adoptiere, stand mit ausgebreiteten Armen +gegen die Wand. +</p> + +<p>Der Marquis blieb am Fenster, legte ein Messer +auf den Papierstoß, schnickte das Kinn hoch, zweimal, +sah auf das aufgeschlossene Gesicht der Tochter, aus +der die Bitte troff, ein Leid sich weit erhob, starrte, +nickte, aber sein Blut, das ohne Dünkel war, sträubte +sich gegen das andere Blut, auf das sein Name, sein +Blut sich legen sollte. Sagte: „Sie muß sich gewöhnen, +noch mehr Schmerz aus ihrem Blut zu haben.“ Tonlos, +<!-- page 074 --> +ohne Bewegung schlug Daisy die Lippe auf: „Sie +würde es leichter tragen.“ Ein Spalt warf das Lächeln +des Vaters über sie, überlegen, kühl: „Das ist kein +Vorteil.“ Aber von ihrer Haltung ging es über ihn +und was er vorbrachte hinaus: „Sie wird es stolzer +überwinden.“ Da beugte der Marquis den angezogenen +Nacken, machte eine Bewegung mit der Hand, unwillkürlich, +schwach, aber mit einer Bedeutung, die sie +ehrte und grüßte. Sie wurde rot, das Straffe, das +sie geführt zum Erfolg, zur Sicherheit, ließ ab, entfaltete +sich in eine rührende Bewegung. Sie ging +hinaus. +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p>An der Tür sah sie ihn gebückt, er schob eine Kassette +auf, vernahm ihren Namen, weich eingehüllt von +ihm. Er zog die Nickelschlüssel, gebogene, drahtschlanke, +barocke, wählte klirrend, schob auf, kam auf sie zu, +sie ging entgegen. Er sprach beiläufig, ruhig, gewohnt: +„Die Frauen trugen sie zur Hochzeit. Dann ihr Leben. +Ich gebe sie dir früher.“ Sie trug eine Kette aus +gelbem geflochtenem Dukatengold, daran drei achatne +Kugeln. +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p>Lief stracks zum Schiff, winkte, kam näher, sprang +auf das Brett, rief nach dem Steuermann. Sah seine +<!-- page 075 --> +Hand, die die Luke aufstieß, zerlegenes Haar, die Hemdsärmel, +die Riemen, geblendete Iris. „Was willst du +für Well,“ sie deutete mit dem Fuß auf den Wolfhund. +Er fuhr mit dem Unterarm über die Stirn, rieb +den Handrücken über die Augen, zeigte rasch die Zähne, +schüttelte wirbelnd die Hand. Nein. Sie kam in der +Dämmerung wieder, hob die Luke, stieg zur Kajüte, +stellte sich in die Tür, ließ sie offen. Fragte. „Nein“. +Sie lachte, kokettierte, betastete sein Messer, das grüne +Glas, den Wandkork, verzog die schelmisch gestreiften +Wangen, sagte zweimal plötzlich: „Ich lasse Sie entlassen,“ +ging mit hängenden Armen. In der Nacht +bellte es im Garten, ein Hund bellte wie auf der +Jagd. Sie öffnete die Balkontüre. Well im Garten +stand naß, triefend, außer sich. Sie öffnete unten +die Haustür, ließ ihn herein, er legte den Kopf auf +ihr Knie. Wie auf dem Schiff. Sie vergaß es +nicht. +</p> + +<p>Ging früh zum Dampfer, trat aufs Brett, zog es +ab, fuhr zurück, rief in die Luke, sah unten den Kopf +des Steuermannes. „Ich bringe Well zurück.“ Ging +mit langen Beinen rasch hinauf. „Do . . . do . . . +Daisy . . .,“ schnatterte die Nurse, faßte ihr Kleid, küßte +es, den Arm, schloß sie an den Busen an, schmatzte, +schlug die flache Hand auf den Mund, tremolierte. +Hatte von Vaudreuil ein kleines Haus, zwei Kühe, +eine Magd. Klatschte in die Hände, summte still vor +<!-- page 076 --> +sich hin, trat mit dem rechten Fuß dazu auf. Im +Gang tollte Well. Sie ließ ihn zurücktreiben. Saß +allein in ihrem Zimmer, schob das Hemd ab, sah im +Spiegel über dem bronzenen Körper die Kette mit +den Kugeln, als liefe ihr Blut hinein, ihr Alleinsein, +ihr noch Unbekanntes, Umschwebendes, ungeheuer Verhülltes, +glänzender und kühler als ihre Haut, aber ihr +zugehörig. Wie ihr Bein, ihre Warze, ihr Schmerz. +</p> + +<p>Der Steuermann am Morgen stand auf der Diele, +zerknitterte den Hut, nickte mit dem Nacken, breitete +das Maul aus, fletschte, hatte einen Sohn im Büro, +spritzte Kautabak, fuhr Pelze seit Jahren, Schiffe, +Städte, Stapel . . . kaute seine Frau heraus, gab ihr +Reiz, Alter, ein schiefes Ohr, Zufriedenheit . . . riß +den Hut hoch, die Tür auf. Well stob herein. Er war +unbrauchbar. Sie hatte ihn verdorben. Er blieb nicht mehr. +Er brachte ihn fluchend, Zwinkern in einem Auge. Sie +suchte nach einer Note. Er nahm sie nicht, hätte ihn nie +verkauft. Er wollte ihn nicht mehr. Gab ihn ab. +Ging. „Gib ihm ein besseres Schiff,“ sagte Daisy +Vaudreuil, „ich will nicht, daß er mir schenkt.“ +</p> + +<p>Den zehnten Dezember fuhren sie nach Montreal, +hoben Syg aus dem Auto, hoben sie adoptiert hinein, +kauften den Tag über, machten Kommissionen, besahen, +beschauten den Mittag, stopften ihn voll, eilend, häufend, +bis er abbrach, die Dämmerung kam mit Laternen. +In einer Schwebebahn glitten sie aus ihnen heraus. +<!-- page 077 --> +Weiß eingenietet brach die Landschaft gegen den Himmel. +Das Nachtlicht flog eisern über Kanäle. „Halt“. +</p> + +<p>Daisy stieg aus, sie suchten ihren Schleier, fanden +ihn, stiegen ein. Am Trittbrett wandte sie sich langsam +herum: „Nehmen Sie vor uns Platz, Fräulein.“ Sie +übersah den Lehrer, zog die Achseln ein wenig an, +schüttelte sich, legte den Arm auf Sygs Schoß, die +ihre Grausamkeit nicht begriff. Vor dem Schlafengehen +gaben sie sich die Hand. „Du bist froh Syg?“ +„Ja.“ +</p> + +<p>Der Winter nahm Kurve auf Karneval, steigerte +mit jedem Tag, den er vortrieb, das Gedrängte, Erhitzte. +Männerstimmen jauchzten aus Schlitten zu, +die die Gegend überkreuzten. Aus Pelzen hoben, winkend, +beringte Frauenhände Tücher. Schellen überflirrten +die Nacht. Auf Stahlringen der Flüsse kerbten +Kufe. Damen fuhren mit Meuten, die vorrasten, +sich überschlugen, Haken bogen, von Lachen aufgereizt, +verärgert wurden, bis sie sich verbellten am Schlag +wie ein Wespenschwarm. Pistolen funkelten in Wintersonne, +schossen Salut am Portal. Illuminiert, aus +jedem Loch Licht stoßend, hingen die Häuser der Seigneurs +am Horizont. Kostüme kamen, bliesen Tuben. +</p> + +<p>Vier Fackelträger stiepten die Glut durch die beißende +Luft. Alf fuhr sie in einer Kurve vors Portal, +die Pferde stampften in einer Wolke, spritzten Schaum. +Syg trug blaue Kleider. Diener stürzten auf die Treppe, +<!-- page 078 --> +zwischen Kerzen über Treppen. Der alte Fribaurt führte +Daisy. Syg hatte sein Sohn, dessen weibische Lippen +lächelten, ihre Knabenhände nachbebten, als sie eine +Orange ihm schnitt. Im hohen Fensterbogen sah Daisy +sie vorbeischwimmen, ihre Zähne leuchteten, den Körper +eingespannt in den Schwung des Partners, ihr Gesicht +glatt wie Frucht. Sah Syg hineingleiten in +Unbekanntes, ohne Widerstand, ohne Bewußtsein, aufklingen +in der Saalluft, Fremdenlust, Manngetanz. +Sie zog die leise aufschwebende Linie zwischen Auge +und Schläfe mit dem Finger aus. Im vierten Gang +der Familienquadrille blieb ihr Blick im Fenster, ihr +Fächer fiel, ein kleiner Schrei, die Paare verwirrten +sich, das Arrangement schoß zum Teufel, die Augen +suchten an ihr. Sie deutete auf den Fächer, der alte +Fribaurt küßte ihr, zornkochend, ehrfurchtsvoll die Hand. +Sie aber suchte sich noch einmal hineinzubegeben in +das Umfassende, das sie nicht faßte. Sie spannte +sich ihm entgegen mit aller Kraft und suchte es zu erreichen. +Nahm den Arm des spanischen Vetters, gab +sich seinen Pas hin, der Eleganz seiner ungewöhnlichen +Kurven, schaukelte, am Platz drehend, durch alle Voluten +der Geschmeidigkeit, trieb mit ihm in die Entfesselung +der letzten Äußerung ihrer Körper. Zog zugleich +die Kraft an und den Willen, tastete, drang +vor, erreichte nichts, erreichte Fremdes, glitt ab mit der +Seele. Sein Knie schob sich zwischen ihre Schenkel. +<!-- page 079 --> +Sie ließ die Arme los, die Nasenlinie ward schärfer. +An der Ballustrade erwartete sie Syg. +</p> + +<p>Alf auf dem Rücksitz kreuzte die Arme im Muff, +Daisy führte, das Eis schimmerte rosa. An der Ecke der +Bucht knirschte das Eis, flimmerte im Frühlicht, wurde +tief, herb, hielt drei Meter, brach. „Pha . . . lux.“ +</p> + +<p>Sie blieben sitzen. Alf kniete auf dem Eis, haschte +die Schlinge, zog sie an. Riß dem Gaul die Adern +am Hals zusammen, zog sacht, langsam den Hals des +strampelnden Tieres hoch. Der Bauch schwappte, die +Beine traten immer mehr Eis hinein. Alf machte eine +gewaltige Bewegung, das Tier ward ohnmächtig, ruhig, +ging unter. Nun zog ers herauf, schleifte es aufs feste +Eis, schlug die Schlinge ab. Massierte die Schlagadern +am Halsstrang. Das Tier röchelte, schnappte tief +Atem, sprang plötzlich auf die vier Beine, fing +sich in der Kandare. Sie fuhren weiter. Syg klatschte +mit den Nägeln auf den Daumenballen. Da brach das +Eis zum zweitenmal. Alf würgte das Tier, um es +zu retten, zog es herauf, frottierte es ins japsende Leben +zurück. Als sie auf das Haus zu hielten, zog Vaudreuils +Auto, vom Lorenz her, die Schleife am Fluß. Sie +stiegen zugleich aus. +</p> + +<p>„Zweimal mußten wir das Tier erdrosseln,“ Syg +küßte ihn. „Zweimal“, lachte Vaudreuil, schlitzte die +Augen eng zur Seite. Daisy war bleicher, aber schöner, +gespannter als Syg. +</p> +<!-- page 080 --> + +<p>Der Winter kulminierte, schwang auf der Kurve +noch, floß herunter. Ging vor den Fenstern irgendwie, +irgendwo zu Ende, krepierte in den Mulden südlich, +fraß sich satt noch hinter dem Waldgurt zum Hudson. +Irgendwelches geschah, rauschte, färbte sich mit Männern +und Frauen und Pferden hinter dem Glas, das ihrem +Atem sich zuwölbte. Manchmal gings in der Nacht +über den Horizont hin, wälzte sich, glühte sich breit +aus, manchmal surrte es in der Saublutsonne, manchmal +war es unter sackendem Schnee, brüllte um den +Himmel, jagte an den Bäumen. Sie hob die Achseln, +ging zum Stall. Das Eis sprang bis hoch in +den Norden. Alf wartete mit Gäulen. Abends kamen +sie von der oberen Mühle. Der Boden war fester. +Blitzende Wolken flirrten zag und dünn herbei. Hirsche +scharrten um eine verdeckte Quelle. Sie umschlich, kam +heran, schoß nicht. Schoß einen Dachs, trug ihn ins +Speisezimmer. Vaudreuil erlaubte den Ausflug mit +Alf zu den ersten Faktoreien. Ihre Schenkel waren +stark, sehnig, gereckt vor Grazie und Grausamem, die +Hüften in beispiellos abfallender Glätte. Zwei Tage +sattelten sie. Alf pfiff die Hunde heran, zurück. Ordneten, +stapelten. Telephonierten, packten die Säcke für +die Tiere, Teppiche, Pelze. Am vorletzten Tag kam +ein Segler den Ottava herauf. +</p> + +<p>Unter den Hurras wimmelte es an Helmen am Anlegeplatz. +Brown schwebte auf der Veranda, breitete +<!-- page 081 --> +die Arme, rief, was keiner verstand. Die Torontoner +Studenten kamen in einem überlieferten Zug, vorn ein +Dudelsack, dann zwei mit am Rücken gekreuzten Armen, +hinten ein Trommler, ein Schaf, ein Kind, +unterm Arm einen grün bemalten Hahn. Ans Tor +kam der Marquis, empfing, lächelte ein wenig. Es +waren Engländer. +</p> + +<p>Acht Tage fingen sie Fische. Lagen halbnackt auf +den Balkonen. Schlachteten Ziegen, Schweine, Stiere. +Tranken in einer Mondnacht eine Bowle, steckten eine +Hütte an, fuhren mit Lampionruderern aufs Wasser, +warfen um. Lungerten die Weiber um die Pavillons, +schrien nachts, quietschten, machten Vaudreuil sein Schlafzimmer +wechseln, kein Wort sagen. Spielten Dudelsack +morgens, abends, boxten, schrien alle durcheinander, +hieben aufeinander ein, entknäulten sich, zogen blitzschnell +in Zweireihen singend ins Wasser. Spritzten, badeten, +rauchten. +</p> + +<p>Mittags ritt Daisy mit Alf und Browns Neffen +über einer Fuchsspur, folgten sie über einen Acker, +trieben um einen Wald, durch einen Bach. Als der +Mann ihn im Schuß hatte, wich er, als bocke der +Gaul, zur Seite. Daisy kam ins Schußfeld, rümpfte +die Nase über die Achsel, schoß nicht. +</p> + +<p>Alf wagte nicht zu schießen. Ritten stumm nach Haus. +Ostwind hatte sich an den Pappeln hochgewirbelt, war +über den Wald aufgebrochen, losgesaust, wellig, weiß, fließend +<!-- page 082 --> +ohne Pause stürzte er herunter. Sie fuhren ihm in +Jollen schnäbelnd mit der Pinne entgegen, flogen wie +Weberschiffe herauf, herab. Er faßte herüber nach ihrer +Hand, da ließ sie den Fock los, der Großbaum knallte +ihm über den Kopf, er wandte, warf sich herum. Faßte +wieder ihre Hand, ihren Namen, ihren Namen vernahm +sie, spürte sie, es wickelte sie ein, das Segel flatterte +um sie wie Vögel. Sie hielt sich fest. Sie hörte immer +ihren Namen flüstern, bis das Segel gegen den Wind stillstand, +er am Anlegeplatz stand, ihr die Hand hinhielt. Sie +nahm sie nicht. Sah durch seine ametystblauen Augen. +Er hatte Syg übersehen, als sie farbig war. Der +Tochter Vaudreuils nun, adoptierter, geschätzter, machte +er Reverenz, Verbeugung. Er war feig. Sie wandte +sich um, drängte dem entgegen, was seine Augen an +ihre band, ihre zu seinen hintrieb. Fühlte seine Hand +rückwärts an der Schulter, seinen Atem, die Lippen. +Die Augen standen im Dreieck. Ein grauer Schein +stieß ihn zurück, verlegen, stotternd, rot. Armselig und +zornig stampfte er auf. Sie ging schon hochmütig, +entfernt. Langsam wich der Raum zwischen ihm, zwischen +ihr. Die Ecke bog am Bootshaus. Sie eilte, +sprang hinter den Büschen, eilte auf der Treppe. Sagte +das Essen ab, krümmte die Schultern verzogen zusammen, +wimmerte im Sofa. Gab es eine Pause, kam das +Bild zurück. Sie verzog das Kinn, den Mund wie +unter sauren Kirschen, Galläpfeln, die Haut schüttelte +<!-- page 083 --> +sich. Zog die Bluse herunter, das Mieder ab, streifte +das Hemd über den Rock, wusch Wasser über die Brust +und den Nacken. Zog sich aus. Sah zum Fenster +hinaus, legte die Hände mit den Flächen fest ins Gesicht. +Sah den bronzenen, gebogenen Körper aus dem +Spiegel entgegenkommen. Da nahm sie die Kette ab +mit den Kugeln, raffte sie zusammen, schob sie in die +Schublade. Schloß ab. +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p>Vom Hügel trieb der Fluß weit und schräg hinunter. +Die weiße Fahne Torontos leckte darauf, Segel schossen +in die Tiefe hinab. Der Mond schlug noch über die +Felder. Die weißen Räder standen still im Himmel. +Nach zwei Stunden ließ sie Alf halten, ritt in ein +Waldstück, kniete, wusch die Brust, den Nacken in +einem Quell. Sie horchte. Er flüsterte weiter, silberte, verschwand +im Laub. Blumenprärien kamen, ein Orchideenpark. +Der Horizont war manchmal gelb, fast seifig, +eine Sonne wuchs daran sich hoch, sanften Rots, später +nahm der Wind ihren Glanz an, stimmte sich wie ein +weichkupfernes Abendinstrument, Oboe und Flöte. Mittags +wurde er kalt. An dem Bahnhof verluden sie die +Tiere. Zwei Tage darauf kamen sie an die erste Lager-Station. +Ein Pavillon war reserviert, es gab viel Jagd. +Alf packte aus, Teppiche, Säcke, Gepäck. Am Morgen +<!-- page 084 --> +mußte er einpacken, sie ritten den Tag, kamen in ein +Dorf, übernachteten, kamen an die zweite Station. Alf +ging ein paarmal im Viereck um den Raum herum, +schwang die Arme, sah unter sich. Sie ließ nicht auspacken. +Als er lange genug gewartet, ging er hinaus, +stieg in seinen Schlafsack, mummelte sich, fluchte, kämmte +am Morgen den Bart nicht. Vor dem Stall knöpfte +er sich verdammend seine langen Gamaschen. Ritt den +Morgen hinter ihr her, blieb immer hinten, kam nie an +die Seite ihres Gauls. Sie hob die Hand, äugte nach +einem Reh. Fluchs hielt er seinen an, starrte ebenso. +Sie hörte ihn in den Bart reden. Sie rief ihn heran. +Kurz blieb er auf gleicher Höhe, dann sockelte er zurück, +fiel ab, blieb hinten. Mittags trafen sie einen Jäger. +Er gab ihnen Brot, zeichnete mit dem Daumen, da +ihm der Zeigefinger fehlte, einen Halbkreis in die Luft. +Sie näherten sich den Ringen. +</p> + +<p>Angezogen in ausgebuchteten riesenschweren Halbkreisen +spannten sich die Faktoreien, gleich Wellen anschäumend, +gegen das innere Gebiet. Sie lagen voreinander, Herden +gleich, sprangen vor, bestürmten sich, wurden wilder, +angerissener, warfen mit dem letzten Halbring sich vor +die starre Endlosigkeit, nieteten sich gegen Eis, Horizont, +blaue Klippen. Sie kamen gegen den ersten. Sie +mußten langsamer reiten, Alf kam nicht nach. Sein +Schimmel ging, als lahme er. Sie hörte, er glitt aus +Fluchen ins Gejammer: au . . you . . . wai! Spuckte +<!-- page 085 --> +und flennte. Sie ritt zurück, stellte ihn gegen ihr Gesicht. +„Ich werde entlassen.“ +</p> + +<p>„Troll dich.“ +</p> + +<p>Sie ritt weiter. Alf geknickt hinter ihr. Er durfte +nur bis zur zweiten Faktorei, nicht zu den Bögen. +Die Junge vor ihm ritt, als sei er nicht da. Es +machte ihm Kummer, er zog den Nacken ein, wurde +flau im Magen. Folgte. Der erste Schuppen kam +der dritten Linie, der zweite kam. Am vierten traten +sie von rückwärts ein. Alf schlich ins Nebenzimmer, sie +nach. Ein Angestellter hängte den Hörer des Telephons +rasch ein, begann vor sich hinzusingen. Ein bärtiger +Riese trat ein, begann zu lachen, aufs Bein zu schlagen, +hatte lang keine Frau gesehen. Ein anderer flüsterte +ihm Namen ins Ohr. Es war deutlich: Sein Erstaunen +war frisiert. +</p> + +<p>Sofort bot er Jagdplätze aus, erstand sich ihre Beachtung +durch Hartnäckigkeit, trat sein Zimmer ab. +Es war schon geheizt. Sie sah sich mit Alf an. +Offenkundig Komödie. Sie waren erwartet, ohne gemeldet +zu sein. Sie blieb drei Tage, fing eine große +Forelle, mit der sie eine Stunde kämpfte. Sah +sich nicht sonderlich um. Sie ritten weiter. Wurden an der +fünften Station schon erwartet. An der sechsten stellte man +sich unwissend, ungläubig, die Falte des Vorstehers +bebte, gefiel ihr nicht. Am Morgen machten sie einen +Haken, kehrten zur fünften zurück. Sie war fast leer +<!-- page 086 --> +nun. „Was sind das für Pelze?“ frug sie. Schwarze +Arbeiter deuteten: für die Bay. Sie zog die Brauen +hoch. Kein Wort. Alf bekam dunkelrote Schläfen +und brummte vor sich hin vor Zorn. So liefen sie +das Seil der Schuppen weiter, bis sie gegen die obere +aufgespitzte Sichel kamen. Im Sand sahen sie immer +eine Spur vor sich. +</p> + +<p>Sie schnitten ab, liefen nicht bis oben hin, sondern +zogen eine Sehne in die Serpentine, kamen auf den +neu geschwungenen Bogen, trafen Mittags die Spur +wieder, frischer Abwurf zeigte: sie waren nah. Bald +sahen sie einen Mann auf einem Esel, der zu entkommen +suchte. Sie holten ihn ein. +</p> + +<p>Eine halbe Stunde ging es hin und her. Der junge +Mann errötete tief, wilde Augen brachen sich um, +staunten. Von selbst nahm er ein Papier, gab es ihnen. +Sah noch einmal um, sie wiederholte ihm Wort für +Wort, er prägte sich es ein, ritt auf seiner Spur +zurück, murmelnd, daß er es nicht vergäße, jedes Wort +im Mund haltend, wendend, beleckend, als sei es wertvoll, +Gold, ein Stein. +</p> + +<p>Abends kamen sie zu Colonel Bol. Er hatte, ein alter +Offizier, zwei Serpentinen unter sich, rollte die R, +strich den parfümierten weißen Spitzbart, küßte ihr die +Hand. Sie hatte ein Zimmer, verblüffend. Morgens +früh strich sie mit Alf ins Gebüsch, es pfiff, durch die +Lücke trat der Bursche mit dem Esel. Sie nickte. Er +<!-- page 087 --> +nickte wieder. Empfing ein Billet. Ritt nach Süden, +zurück, immer rascher. +</p> + +<p>Bol genoß. Seine Spirituosen waren etikettiert, er +ließ die Wahl. Fuhr sie am Weiher, stand er am +Ufer, klatschte Applaus. Einen weißen Hirsch gab +er zum Abschuß ihr, den er von Woche zu Woche +als Dessert sich aufhob. Lieh ihr seine Gummiwanne. +Das Blockhaus roch nach Seife, Talkpuder, Wassern +der Walstreet. Unter Glas wuchsen Blumen, die +Wasserpfeife stand im Brennpunkt des Kreises Seidenkissen. +In seinen Pelzschuhen, praktischer und wärmer, +kaum größer als ihre, hielt sie auf dem Anstand. Auf +den Teppichen tanzte Adimokuh, mit Säbelbeinen und +Hängebauch, ein Negerzwerg. Er schleifte das Traurigste +der Welt auf seinen Knien. Tränen besternten +vor Lachen die Gesichter der Zuschauer. Bol lächelte. +In seinem schmalen Kopf saßen Augen des Elefanten. +Spielte Whist abends mit Daisy, brachte sie bis an ihr +Vorzimmer, ging hinaus. Im Vorzimmer schlief Alf. +</p> + +<p>Donnerstags galoppierten sechs Gäule am umgerodeten +Lagerplatz. Fidley, der junge, zog den Hut. Die +Jäger des Lorenz schossen vor Freude Flinten ab. Der +Bursche, der südlich geritten, drängte sich heraus, war +brauner, stärker geworden. Ritten zur Station. Aßen +Lunch, eine Stunde, zwei. Tranken die etikettierten +Liköre, Wein und wieder etikettierte. Aßen Geflügel, +Braten, Gepökeltes, Rauchfisch, Muscheln, Schinken. +<!-- page 088 --> +Tranken Kaffee. Danach stand Fidley auf, hob das +Glas, trank es. Sah Colonel Bol an: „Du bist entlassen.“ +</p> + +<p>Kreidehell, mit zitternden Armen warf der sich im +Stuhl zurück. Fidley legte ein Papier auf den Tisch, +hob die Faust: „Lump. Hund.“ Langsam, vornehm +richtete Bol sich hoch. Frug hochfahrend, mokanter +Lippe, zur Seite geneigt, was den Irrtum ausmache. +Fidley schlug auf den Tisch. „Die dritte Sektion betrügt. +Die achte hat siebzig Prozent. Tosson liefert +zur Bay.“ In der Tür stand der junge Mann, der +die Südlichen geholt. +</p> + +<p>Bol sah ihn nicht. +</p> + +<p>Wandte sich herum im Kreis, zu Daisy. Sie sagte: +„Bei Versva verfaulen zehn Ballen. Im ersten Bogen +fehlt ein Schuppen. Die Staffel Bol ist halb, wird +ganz bezahlt.“ +</p> + +<p>Da sah Bol den jungen Mann. +</p> + +<p>Stand auf, gefaßt, die Haltung gereckt, schön im +Spitzbart, küßte Daisy die Hand, ging hinaus, schoß +sich zweimal durch den Bauch. +</p> + +<p>Vaudreuils Brief, aus Fidleys Tasche, hatte Gemischtes, +Anerkennung, Staunen, Lob, das verwischt +und gedämpft kam, zuletzt Befehl: zurück. Sie wog +den Brief. Ritt allein los, ihn in der Hand. Alf +folgte. Sie putschte ihn zurück wie einen Hund. Er +widerstand nicht. Wollte nicht bremsen. Nur bei ihr +<!-- page 089 --> +sein. Weiter hatte er keinen Wunsch, tiefer ging das +Hirn nicht. Zum erstenmal gab sie ihm die Hand. +Aufheulend nahm er sie. Sie kam an den Rand des +Hochplateaus. +</p> + +<p>Unter ihr brach es ab, zackte, wirbelte ein Stück +hinunter, ward dann eingeschlungen in das endlose Getöse, +das in den Norden sich einfraß. Sterne tummelten +darüber auf wie Sand, der hochgeblasen kreist. +Serpentinen jagten zuerst noch in Schlingen voran, +blieben dann hängen, schwach, dünn, nichts. Aus dem +grauen blitzenden Gewell kam etwas gegen sie, dem +sich etwas in ihr entgegenspannte in einer entscheidenden +Bestimmtheit. Etwas trat aus ihr, machte sie +leicht, entstammt, entgegenschwingend. Sie hielt den +juckernden Gaul mit den Schenkeln. In ihrer Hand +der Brief band sie. Wog schwerer, hemmte das Überfließende. +Staute es zurück, hart und schmerzlich. Zog +sie zurück. Das Herz, der Mann, der sie gezeugt, Geruch +des Stroms, der Gartenerde band sich an sie, riß sie zurück. +Der junge Fidley übernahm den ganzen Bezirk. +Ihre Abreise feierten die Boys, salbten sich mit Bols +Parfüms, drehten die Haare, die Bärte, pomadisiert, in +die Höhe. Der junge Bursche trat herein, protestierte bös. +Hatte Bol gehaßt, gehetzt, erledigt. Verbot ihn zu schänden, +wo er futsch war, im Weiher eingescharrt. Fidley gab +Daisy Bols Pferd, das so feste Hufe hatte, daß mans +nicht beschlug. +</p> +<!-- page 090 --> + +<p>Als nach halber Tagestour die Eskorde zurückgeritten, +glitt ihr Gaul aus an einem Bach, sie fiel herunter, +verstauchte sich die Sehne. Alf wollte auf +seinem sie reiten lassen, der Schmerz machte sie ohnmächtig. +Er ritt zurück. Aber obwohl sie in Decken +gut und weich gewickelt lag, kam die Nacht Fieber +über sie, durch die Zunge sausten Stiche immerfort. +Eingeborenenweiber, von Fidley geholt, zogen sie aus, +warteten sie, pflegten. Wuschen, suchten Pretiosen im +Achselhaar, fanden ein Zeichen am Arm, Fisch und +Pfeil darin, quatschten die Nacht darüber, speichelten, +summten, suckelten darum hin und her. Sie gaben +ihr Milch mit Wurzelzeug, hineingekocht. Die Nacht +gab ihr warmen Schweiß. In wochenlanger Pflege +malten sie ihr mit dünner Nadel eine Sonne um den +Nabel mit Strahlen und Mondzeichen des Tages, +an dem sie sie fanden. Kuriere kamen dreimal die Woche +die Kette der Faktoreien herauf, holten Nachricht, ritten +zum Lorenz wieder runter. Später lag sie in der +Sonne vor dem Haus. +</p> + +<p>Dabei spielte sie mit Getier, Hunden, Vögeln. Einmal +umschlich ein Fuchs das Küchenfenster, wo Hühner +hingen. Sie lächelte, gluckste, entsetzt sprang er +zurück. Da rief sie, heller bestimmender, er hielt. Sie +lockte, er kam. Nicht ganz, aber er stand im Kreise +ihrer Stimme, die wie ein Lazo ihn umschlug. Sie +erbleichte, rückte zurück, lauschte dem Ton ihrer Stimme, +<!-- page 091 --> +der nachklang. Versuchte sie wieder, versuchte sie neu. +Als ströme aus ihr hinaus, Gesichertes, Bezähmtes in +ein Gefäß der Worte, das sie berauschte und erregte +bis in das Dunkel ihrer innersten Grenzen. Es sang +und schwang das Belastende herauf, machte es leicht, +wirbelnd, später sanft und gelöst. Sie entspannte +sich in dem Rausch, hatte eine Macht und eine Befreiung. +Wundersame Ruhe machte ihre Tage lang, klar, +gut. +</p> + +<p>Sie spielte mit den Weibern, Kindern durch die +Stimme. Lernte das Organ anzupassen, zu biegen in +jede Leidenschaft, alle Bewegung. Spürte ihr Herz klopfen, +dann den stillen Mollton des Bluts. Lernte von den +Weibern den Dialekt. Als sie zum erstenmal ausging, +trieben die Kleinen hinter ihr her. Sie scheuchte +sie, zog sie zu sich „Go“ war: springen. „Fu“: erfroren +fast halten. Mit Vögeln gab es andere Signale. +Ein Hase hielt bezaubert von dünnem glasklarem +Wimmern. Ein wenig blieb sie nachdenklich, ward +traurig bei ihm, denn ihr kam in den Sinn Well. Sie +kam schon bis zum Koniferenbaum. Dann bis zum +Plateau. Das nördliche Flimmern tobte irgendwo unter +ihr. Sie ging davon, ungerührt. Ging allein, verschmähte +die Flinte, hatte Unlust zur Jagd. Allein im +Gehen, Liegen, erfand sie Ton und Laut, der wie ihr +Blut spritzte, säuselte und bebte. Gab sich hinein in +Klang und Fülle der Vokale, als sei es ihr Anfang, +<!-- page 092 --> +ihr Teil, sich darin zu verbinden. So kam auch die +Gegend ihr näher, wenn sie sie ansprach, du Strauch +sagte, Silberlilie, lieber Dorn, mein Freund. Das +wandte sich ihr zu dann, ward mit ihr gefüllt, lehnte +sich hinüber zu ihr, empfing ihren Atem. +</p> + +<p>Es kamen Schwäne und Musketen, hinter ihnen +mit einem Wagen von der Bay her Syg. Sie brach +in das Verweilen ein, die Windstille des Daseins +brachte Unruhe, Ahnung irgendwie von Glück. Trieb +Altes, den Lorenzfall herüber in das Spiegeln des +Weihers, blieb aber entfernter als sonst. Wagte nicht +das zu sagen, nicht jenes, denn sie befremdete Ungekanntes +an Daisy, das Nicht-Miterlebte, der Schauer +der Krankheit und der ihr entquollenen großen Säfte +und Ideen. Das lag ein wenig dazwischen. +</p> + +<p>Fidley schloß den Wagen. Weiber heulten. Die +kleinen Affen liefen eine Zeit noch neben dem Schlag. +Dann fiel es zurück. Ein Stück Land schob sich vor +sie, glitt auch zurück. Ein Staffel Matrosen erreichte +sie. Dann faßte sie fest in die Mähne des Gauls, +schrie fast und erbleichte nach innen in einem Schreck, +des sie nicht bewußt ward. +</p> + +<p>Unten, unter Dampf lag ein Schiff. +</p> + +<p>Dahinter das Meer. +</p> + +<p>Der Bogen der Sehnsucht schoß ab, die Sehne brauste. +Es trat aus ihr hinaus, kein Brief, der es hemmte, kein +Gedanke, nichts. Irgendwo in der vor Blau zitternden +<!-- page 093 --> +Unbegrenztheit des Horizontes traf sich das Innerste ihres +Blutes mit etwas, dem sie sich hineingab, in das sie verströmte, +die Lider naß. Alles andere war Spiel, vergessen, +lieb, aber ohne Gewicht. Als das Dunkle in ihr hinrann +in das Ausschweifendste und Hellste, an dessen äußerstem +Rand dünn die Erscheinung hing der Städte, +Inseln, irgendeines ungeheuren Daseins, schlug die +Schiffuhr. Es war fünf Uhr am Abend. Die Sonne +hatte größte Kraft. Sie ritt bis an den Strand. +Dort stieg sie ab. +</p> + +<p>Das andere ging fast traumhaft. Zu sehr war sie +eingehüllt schon in ein fernres Geschehen, vor dem der +jetzige Augenblick nur als Pause stand. Sie kamen +in den Lorenz. Ein Auto wartete. Well sprang hoch. +Der Steg. Palmen hingen herunter. Kanonen lösten +sich. Mövenschwärme in Spiralen. Wagen wühlten +hinter ihr ein Geschiebe. Männer kreischten Namen, +Gepäcke. Sie fühlte des Hundes Druck am Knie. +Sie bewegte schmerzlich eine Sekunde die Hände im +Fell des Tieres. Dann kam der Ottava. Rauschte +dunkel schon entgegen auf Kilometer. Das Rauschen +lag in der Luft wie ein Schneefeld, sprang in Lawinen +ihr leis entgegen. Die Mühlen rochen. Die Schreie +der Nurse blieben hinter Bäumen stecken. Das Gittertor +kam, vertraut mit seinem kalten Eisen. Glitt zurück. +</p> + +<p>Des Vaters Hand faßte die ihre. Die Treppe. Sein +Mund im Kuß. Er hielt sie stürmisch mit steifen +<!-- page 094 --> +Armen weg, sie ganz zu beschauen, spürte aus allen +Poren ihres Leibes ihre Richtung, das Hingewandtsein +ihrer Seele. Er erbleichte, senkte den Kopf. Glitt +über ihren Leib mit dem Auge, die Brust, den Hals, +das zärtliche und hochmütige Kinn. In ihrem Auge +saß, schlagend und aufgedonnert das Meer. Das +Aufgesparte und Vorbereitete in seinem nach innen gekehrten +Leben verstand den Ausbruch. Lächelte. Gab +ihr den Arm. Sie gingen hinein. +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p>Das Lächeln hatte gewährt, Unausgesprochenem +sich geneigt, bejaht. Es erlosch. Nichts gab Erinnerung +daran. Es fiel in seine Augen wie in einen Schlund. +Die Woche rollte zurück, wie gewohnt. Vaudreuil +hütete sein Gesicht. Schenkte ihr ein neues Pferd, bestellte +ein Reitkleid aus Leder. Griff vor, erwähnte +Zukünftiges, das sich band an Ort und Zusammensein. +Berief einen Unterrichter für ungewohnte Kreise, baute +ihr Zimmer an, Tapeten kamen weiß geädert mit +Gold. Besprach eine Überraschung für Sygs Geburtstag +in vier Monaten. Malte den Stand der Rosenbosketts +aus auf Papier, eine Pergola im Bogen vor +den Terrassen, Fontänen, Vögel, glitzernde Fische, sprach +vom folgenden Sommer, dem Herumgehen, dem Abend. +Breitete die Zeit aus vor ihr, vor sich, uferlos, vorübergleitend +<!-- page 095 --> +über den augenblicklichen Zustand. Ohne +Pause, ohne Intervall. Sah sie wenig, zwischen +Mußestunden, bei der Mahlzeit, ging ohne Zögern +von ihr. Ihre Erwartung allein spürte, wie tödlich er +an den Sekunden hing. Sonntag bestellte er die Yacht +nach dem Ontario. Sie bereiteten sich vor. +</p> + +<p>Montag früh berief er sie in das Büro, brach +alles ab. Durch die Maske des gleichgültig gehaltenen +Gesichts stieg von unten tief das Lächeln herauf. Gab +Daisy von sich. Entfernte sie aus eigenem Entschluß. +Löste sacht die Ventile von ihr, gab dem nach, was +herausbrach, trieb Mauer und Wand zurück und bog +sie hinter das draußen Strömende und Lockende zu einer +tiefen Wölbung, in die er schmiegte, was aus ihr +drang. Diktierte nicht. Folgte nur. Aber die Führung +der Hand hatte die wissende Lindheit, die, nachgebend, +bestimmt. So, als sei sein Plan, sein Wille, was er +nur abbog, behütete. Widerlegte Widersprüche, die sie +nicht erhob. Bewies Notwendiges, das sie nicht bezweifelte. +Baute eine Verbindung, die nichts mehr löste +zwischen ihm und ihr, indem er verstand und folgte, +und das Kindliche, als es abtrieb, selber abhieb und +damit unverlierbar sich gewann. +</p> + +<p>Als der Tisch beim Speisen ihr zur schrägen Scheibe +ward, durch den Raum rotierte, Fidleys Pensionen, +Schecks, Tips sie umflackerten, das Silber flimmernd +wellte, wogte, Sygs Auge schmerzlich, neidlos, neugierig +<!-- page 096 --> +aufging, blieb ihr die Stimme Vaudreuils. +Ruhig, gelassen wie im Nebel. Einen Augenblick ertrug +sie nicht mehr den trostlosen Schmerz aus der +Gefaßtheit des Tons, sie stand auf, wollte sagen, sie +bleibe, nickte, schwieg, ging hinaus. +</p> + +<p>Sie lief um das Zimmer, betastete die Wand, den +Kopf des Betts, die Girlande des Balkons. Der +Garten. Wasserdunst lag, hob und senkte sich, ausgeatmet +ihr entgegen von der Prärie. Hindurch, das +Auto blinkte vor der Halle, stieß sich heraus, die gesiebte, +durchlöcherte Brust fauchend, zermalmend die +Luft. Sie beugte sich über den Fluß. Murmeln koste +ihr entgegen, entzog sich ihr, floß tiefer, entfernter, uneinholbar. +Drüben schleuderten am Rand des Vorstellbaren +Schiffe, Städte, Bahnen sich vor ihr hin, rissen +sie nach. Das Tiefe, Bleibende der Erde zog sie herunter, +zu sich. Es ging nicht. Aber es riß zu Schmerz +mit einer Stille, die verzehrte. +</p> + +<p>Sie legte sich auf den Bauch, senkte den Kopf zum +Wasser. Über ihrem Nacken stand schwingend, kreiselnd +in der Luft, aufziehend, Glück, Ahnung, in die sie +hineinschwamm, sich hineinbegab, voll, ganz. Unter +ihrem Gesicht brachen Tränen. Zwischen beidem lag +sie, faßte die Binsen in die Hand. Sie wuchsen +an ihrer Haut. Sie fühlte, erschüttert, wie sie +sich vertauschte der Landschaft. Ihr Leib wuchs fest +mit Geruch und Duft der Erde. Sie faßte das +<!-- page 097 --> +Gras, riß daran, es hielt. Sie tauchte die Arme ins +Wasser, es war eins. Legte das Gesicht mit der +Wange gegen den Weidenstrauch, den schlanken Baum, +da blieb nichts übrig, was trennte, alles floß, verband +sich, gehörte zueinander. Was trennte, riß entzwei. +</p> + +<p>Sie spürte plötzlich, das war das Glück. Schon +hinter ihr. Nun, wo erkannt, verdorben, verloren für +immer. Je mehr sie sich trennte, um so schärfer schnitt +sie der Schmerz, um so hemmungsloser brach dies Gefühl +vor ihr auf. Dies war ihre Heimat, durchspülte +sie mit Erdsaft, machte sicher, frei, groß. Was kommen +sollte, versackte in Staub, bekam feindlichen Atem. +Städte lockten nicht, Menschen fielen schal ab wie von +Drähten, Dampferschrauben wühlten durch ihr Fleisch. +Der Tag schien wie Tod, wenn sie sich löse. Kraft +und Sicherheit gingen aus den Adern. Es brach auseinander +in ihr. Teilte sich. Unaufhörlich ging es von +ihr: Geruch der Bäume aus den Adern, mit singenden +Vögeln, lieben Namen von Booten, Wolken, +Formen der Wellen. Spaltete sich ab von ihr. Sie +hob das Gesicht aus dem Gras. +</p> + +<p>Frühstückte. Das Nickel des Wagens saß in der +Sonne gleich einem schwingenden Insekt. Der Horizont +ward heller. Sie ging zurück ins Zimmer. Schloß +die Schublade auf, wühlte aus der Ecke eine Kette +aus gelbem Dukatengold mit drei Steinen. Zog sie +um mit einer langsamen Bewegung. Im Spiegel +<!-- page 098 --> +schien es zurück. Das Rot des Achats leuchtete glatt +und kühl. Ihre Jugend stand darin, das Entfernte. +Was hinter ihr lag. Die Stille, die sehnende Ruhe +des Blutes. Der Umkreis des so Erlebten spiegelte +von den Rundungen herab, das Land, die Wiese, das +Gras. Sie warf den Hals im Ruck herum. Trat +hinaus. Biß die Zähne zusammen. Das Auto schlug +an. Es ging nicht anders. Sie folgte. +</p> + +<p>Fuhren Schleifen, den Fluß durch. Hielten am +Lorenz. Hinter Zypressen ihr Geburtshaus. Vaudreuil +gab ihr den Arm. Das Tor zum Park. Elastisch gab +Vaudreuil Platz frei, ging dann rasch vor ihr. Als +sie seinen Rücken sah, begriff sie plötzlich, wie sehr er +diese Frau geliebt. Fühlte, was sie versäumt, stand ohne +wissendes Blut des Verlustes, ertrug, was sie nie an +Mütterlichem besessen, ganz hell, in einer Sekunde. +Die Überlast erhärtete ihr Herz. Feindlich ging sie +durch den Garten. Zedern reckten um die Bleivase +sich in das frühe Rot, Tau perlte in Ketten herab. Die +Tür fiel zu. Zurück, Wind strich über die Mauer, +senkte sich brausend einen Moment herein. Dicker Regen +platschte aus einer Fichte. Der Wagen zog an. Bei +Montreal verabschiedete sich Vaudreuil. Plötzlich, daß +sie erblaßte. Zusammengepreßt: „Willst du mich immer +lieben?“ +</p> + +<p>„Ja, Liebling.“ Sie gab ihm die kalte Hand. Tränen +blieben hinter ihren Lidern. Fuhr weiter. „Nicht +<!-- page 099 --> +traurig“, spürte Sygs Hand herüberkommen, zuckte +unter dem Schleier, zog ihn hoch. Zu dem blonden +Fräulein: „Gehen Sie gleich aufs Schiff.“ Die Koffer +stapelten sich. Das Meer schäumte leicht. Von der +Barkasse läutete die Glocke. Neigte sich, küßte Syg. +Spürte an ihrem Leib den Geruch wieder des Waldblocks, +des Spiels im Garten, der Betten, die nebeneinandergestanden. +Sie atmete heißer, blieb eine Sekunde. +Dann stieg sie ins Boot. Syg winkte. Es war +neblig geworden. Pendelnd, unsicher schlug Sygs +Kopf aus. Bald rückwärts, bald zur Barkasse, die +vorwärts stieß. Winkte noch einmal. Drehte um. +Über dem Wagen, den schiebenden Gäulen stand Abglanz +von Blau, Berge, See. Ging ihnen zu. +</p> + +<p>Das Ende. +</p> + +<p>Es schien ihr, es müsse geschehen etwas, irgendwie. +Sie empfand jede Wolke. Jede Linie der Küste legte +sich hart um ihr Herz. Die Pause ging. Nebel +häufte sich dünn vor das Land, Die Barkasse drang +weiter in Flut, entfernte sich, heulte, stieß vor. Nichts +geschah. Da überwältigte sie der traurige Gedanke +mit solcher Gewalt, daß sie den Messingknauf des +Geländers zwischen die Hände preßte, die Stirn zusammenbog +mit aller Durchdringung, in der Schmerzlichkeit +der Flucht noch die übersinnliche Kraft des +Glaubens: nun reiße die Küste ab, komme herüber, +hielte sie. Da schwand das Land. Der Schrei blieb +<!-- page 100 --> +in der Kehle, erstarrte. Die Faust ballte sich ihr in +Haß. Wandte sich zornig ab vom Boden, den sie +liebte. Haßte jede neue Luftschicht, jede Fahne, Gaffel, +Signale um sich. Trank Gift mit dem Atem, der ihr +von der anderen Seite entgegenströmte. Wandte +sich aber mit tieferer Ablehnung weg von dem, was hinter +ihr lag. Vorbei. Das Letzte. Die Augen brannten +hell, grau. In rotem Nebel begannen Maschinen zu +stampfen, pufften den Boden auf unterm Fuß mit +kleinen rhythmischen Schlägen. Sie wandte sich um. +Die Achseln zuckten. Das Meer vor ihr aufgewölbt +von Glut. +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p>Zwei Tage Nebel vermiesten, das Pack johlte, die +Feinen wurden nervös. Ein Matrose griff fehl, stürzte +aufs Deck. Ein Gaul brach aus, sprang ins Schwimmbad, +brach den Hals. Abends im Zwischendeck schlug +sich ein Dutzend um eine braune Hure. Einer hatte +einen Bruch, einer schlug hin auf den Bauch, heulte +und schrie „maman“. Ein Weib lief mit halbem Ohr +und sammelnd durch die Klassen. Rotteten sich zusammen, +spießten einen Alten auf die Arme: „Vieux +Ga . . ga.“ Eine dunkle Kugel schob aus dem Wasser, +über ihr ein singender Tag. +</p> + +<p>Am abgesperrten Zipfel des Promenadendecks lagen +<!-- page 101 --> +drei Malariakranke. Zwei unterhielten sich den Vormittag, +mittags wurden sie gereizt. Trommelten mit +den Daumen, rauchten. Abends machte der eine Vorwürfe, +gereizt, heftig, der andere pfiff leis. Der dritte +schwieg. +</p> + +<p>Sah durch ein Glasfenster auf den Korso, langweilte +sich am Geschauten, spiegelte sich allein in dem +Glas: zerrissenes Gesicht, geschmeidigen Körper, rote +Haare. Ein Mischling kam, schöner als ein Weib, +flüsterte, verbeugte sich, kam mit Whisky. Der Mann +deutete heftig aufs Glas, der Diener öffnete den Riegel, +folgte dem Zeigefinger, sah eine Frau, einen +hünenhaften Mann, nickte, verschwand. Kam in einer +Viertelstunde zurück. Das Paar passierte von Norden +her. Lackaugen vom Mann her wanderten herüber, +blieben. Die Frau gähnte. Zwei Tage ging der Korso, +zogen fern langsam Dampfer vorüber. Das Fieber +sank, Temperatur ließ nach. Der Rote erhob +sich. Ging am Arm des Dieners hin und her auf der +Promenade, anderen Tags allein am Stock. Fiel auf, +elegant, zerrissen, glatt, Augen voll Geist. Verschenkte +Blumen, grüßte, ließ einen Windhund springen. Trug +keinen Hut, die Haare glühend über dem pockennarbigen +Gesicht gescheitelt. Eine Quintrone neben ihm, Chinchilla +über der Schulter, schmalen blauen Auges, auf +hohen Beinen. +</p> + +<p>Warf plötzlich die Quintrone ab. Benutzte einen +<!-- page 102 --> +Moment: Ging vor, ans Geländer, fuhr mit dem +Tuch an die Stirn, knickte ohnmächtig gegen das Eisen, +der Riese stieß einen kleinen Laut aus. In seinem Arm +machte er die Augen auf, streckte sich lässig. Der +Riese zog eine grüne Riechflasche, hielt den Arm rund, +weich, damenhaft, den Kopf schräg. Er atmete rasch. +Der Mischling Moki kam zu seinem Herrn, stützte +den Roten. Der deutete aufs Meer, das violett erzitterte, +drehte sich um: „Le Beau.“ Lächelte. +</p> + +<p>„Fribaurt“, sagte der Riese, sah nur den Diener. +Le Beau lud den Riesen ein, zeigte ihm eine Sammlung +Säbel. Ging mit ihm durch den Lesesaal, die +Billardbälle. Gingen durch den Maschinensaal. Standen +vor der schmiegsamen Wucht fressenden Metalls. +Hörten die Pfiffe, schritten weiter. Ging mit ihm durch +Regen übers Verdeck, sahen den Mond einschlucksen +in grauen Brei, der innerlich geschwängert Blasen aufstieb, +Ballone ins Meer setzte. Le Beau wickelte ihn ein, +führte ihn im Kreis, in einer Spirale, streifte Moki, +trieb ihn enger dem Willenspunkt zu, stieß ihn hinein. +</p> + +<p>Verlor Fribaurt, polierte er die Nägel. Gewann +er in Bakkarat, Poker, Sieben, erschien Moki, servierte +Zigaretten, Schnaps, Tee. Fribaurt juckte die Haut, +der Blick schweifte rechts, schweifte links, hatte keine +Konzentration, leckte über des Dieners Schenkel. Das +Spiel blätterte auseinander, die beste Karte schlug gegen +ihn zurück. Verlor. Spielte Paroli. Blähte die Nüstern, +<!-- page 103 --> +sog die Luft ein, die ihn verwirrte. Verlor. Rannte +in Paroli. Verlor. Moki verschwand lautlos. Die +Summe addiert. Fribaurt erbleichte. Schrieb einen +Wechsel, legte ihn herüber. Le Beau rührte ihn nicht +an. Polierte die Nägel, sah Fribaurt starr in die +Pupille, führte ihn bis an den Rand der Spirale, in +die er ihn schlug. Stellte ihn neben das Zentrum, +stieß ihn endlich hinein. Sagte leis drei Sätze, abgehackt, +deutlich, akzentuiert wie ein Ausländer. Fribaurt erblaßte +ein wenig unter der Hypnose des Klangs. Erhob +sich. +</p> + +<p>Nahm Daisy am Arm auf Deck wie eine Kusine. +Die Namen fielen. Sie sah zwischen Pockennarben +einen Blick, der elastisch in ihrem sich bog, ihn durchstieß, +unter ihrem gestählten Zorn nicht brach. Von +der harten, dunklen Stimme fielen Vokale mit glattem +dunklem Wohllaut. Überrumpelt, gereizt sprang sie zum +Englischen. Er folgte mit gleicher Gewandtheit, wie sein +Körper, ihren führend, neben ihr ging, gebogen, nachgebend, +hart, fordernd. Er stützte sich ein wenig auf +den Stock. Ihr Schritt ward rascher, wogte auf und +herab mit dem Schiffschaukeln. Er hielt. Über die Achsel +sah sie zurück. Er beugte sich, hob ihr Tuch. „Holen +Sie kalten Tee“. Es war heiß geworden. Er drehte +um. Sie ging zur Kabine. Le Beau gab das Tablett +dem Steward, warf sich in den Liegestuhl, wartete. +In der Kühle kam sie herauf. Übersah ihn. Die Ablehnung +traf ihn, verzog seinen Mund, lächelnd. Am +<!-- page 104 --> +Geländer spürte Daisy die Richtung eines Fächers, +zog den Blick vom Rosafisch, der sprang, sah in die +weiße Iris der Quintrone, während die Zähne hell +sich öffneten. Sahen beide in das Aufzucken der Lichter, +schlossen die Augen, sahen, wie das Schiff festlich, erhöht, +auf eine Masse Lichter zufuhr, die höher wuchsen +und stiegen und an ihnen vorbeiglitten. Die Dampfer +tuteten, Lichtschnüre trennten sich, verblaßten. Fribaurt +und Le Beau gingen vorbei. Die Kreolin neigte den +Leib, sprach mit der ganzen Haut. Das Murmeln +kam näher, spanische Missionsweiber psalmodierten, sahen +in die Dämmerung, die fiel. Der Quibekaner flüsterte +einer Frau zu, daß sie Regen beschwörten. Sie schrie auf. +Er griff in der Dunkelheit fest in ihr volles Bein, +damit die Bewegung ihn nicht verrate. Der Schrei +deckte das Manöver. Am Schornstein applaudierten +die Kanadier, sie gingen langsam hinüber. +</p> + +<p>Da sah sie: im Kreuzschein der großen Signallaternen +bewegten sich Fribaurt und Le Beau wie Ratten, mit +Brustschild und Maske, florettierend gegeneinander. +Le Beau lag wundervoll in der Hüfte, bewegte sich in +der Lendenwage nach oben gedreht mit fesselloser Kraft. +Stieß vor, im Angriff, schien plötzlich müde. Übersah +die Quintrone, die mit aller Haut atmend in seinen +Blickkreis kam. Warf nur einen Blick seitwärts, der +dirigierte Moki hinter seinen Rücken ins vollste Licht. +Seine hitzig kalte, fast brausende Geschmeidigkeit verwirrte +<!-- page 105 --> +sich immer mehr in dem weichen unberechenbar +eleganten Schlag, den Fribaurt in zu seiner Größe +und Breite erstaunlichen fast mit dem Handgelenk gefächerten +Etüden heraufwarf. Plötzlich machte Le Beau +eine stumme eindringliche Geste. Mokis Körper schälte +sich bronzeschmal aus der Dämmerung. Beau entblöste +die Brust, fing Fribaurts unsicher schwankende +Spitze in letzter Sekunde auf, pfiff von unten die Gegenlage, +schleuderte aufspritzend das Florett des Gegners +in die surrende Dunkelheit. Legte Brustschild, Maske +ab, sagte Fribaurt kalt Schmeichelhaftes. Drehte Wasser +an, wusch die Hände. Hob plötzlich den Kopf. +</p> + +<p>Sammelte das Gesicht zum erstenmal ganz, legte es in +den Blick. Warf ihn mit einem wehenden Ruck herum, +mitten in Daisys Gesicht. Entjungferte ihr Auge. Traf es +mit einer Gewalt und Absicht in einer eindeutigen Sicherheit, +daß sie wankte. Schmerz spürte, als durchstäche +er sie. Ihr Blut aufflammen fühlte, zurückstürzen. In +den Adern eine bäumende, auflösende Kraft. Sie gab +den Blick nicht zurück, schloß über dem Vorgang die +Lider herunter, ging mit dem Gefüllten rasch hinab, +unsicher, überwältigt wie ein im Schlaf begattetes Tier, +in der Haltung zart und süß, den Kopf mondhaft, +nicht weinend, zur Seite gebogen. +</p> + +<p class="tb"> </p> +<!-- page 106 --> + +<p>Sie schnitt ihn. Er übersah es. Sie brüskierte ihn. +Er sah es nicht. Sie reizte ihn, brachte ihn zu keiner +Äußerung. Sie traf ihn auf Vorderdeck, drehte um. +Am Lunchsaal strich sie ihn fast, sprach abgewendet zum +Steward. Fuhr in seinen Satz, sprengte die Gruppe, +in der er stand. Zeigte ihm ein Maß der Ablehnung, +das sie derart steigerte, daß er ein Lächeln einmal abends +darauf gab. Sie setzte die Kiefer fest aufeinander, behandelte +ihn gleichgültig, suchte seine Nähe, die sie gemieden. +Frug ihn nach der Zeit, lachend nach dem +Barometer, scherzend, als glaube sie, es sei von der +Jagd, nach den Narben seines Gesichts. Er nahm es +gleichmütig, erinnerte in nichts an etwas, das traumhaft +hinter ihrem Leben nun stand, sie trennte von allem. +Sie aufhob und ungestüm machte nach einer Entfaltung. +Ihr Drang nach Geben und Zurückströmen des Gefüllten +war so groß, daß selbst die nichtssagende Bewegung +ihres Ganges, die Haltung ihrer Zigarette eine Zugehörigkeit +und Verbindung mit ihm annahm. Ihr nebensächlichstes +Wort hatte eine Umkleidung, das ihn stach. +Ihr Gespräch mit anderen nahm Richtung auf ihn. +Er blieb gleich, unberührbar in seiner Glätte. +</p> + +<p>Sie wandte sich Fribaurt entgegen, holte den Klatsch +herauf, trat ihn breit mit ihm, vermengte, versträhnte +ihn, daß Le Beau schweigend hörte. Sie gähnte nicht +mehr in des Riesen weibisches Gesicht. Holte neues +heraus, Unerfindliches, Entferntes und breitete es hin. +<!-- page 107 --> +„Sie haben durch den Fächer bei der Quadrille einen +Feind in meiner Familie. Mein Vater haßt Sie, daß +er Sie fast liebt.“ Sie lachte ein Lachen, das kein Lachen +war. Das Schweigen neben ihr blieb. Sie lockte es +nicht heraus. Sie übernahm sich im Grauen davor, +schob Fribaurt in Dialoge, denen er kaum folgte, erreichte +die Spitze des <a id="corr-4"></a>Erreichbaren: das Gespräch brach +ab. Eine Pause fiel. +</p> + +<p>Da machte Le Beau eine Bewegung. Moki begann +auf der anderen Seite herumzulungern, glitt auf eine +Bank. Fribaurt stotterte, zog den Hut, verschwand +Ihr Alleinsein machte sie wortlos, verlegen, fühlte +sich verloren. Was sie in ihn überleiten, ihm zurückgeben +wollte, den Zwang . . . es bog sich herum, ward Leere +und Fassungsloses in ihr. Sie wartete, daß er ihre +Hilflosigkeit erkenne, benutze. Allein er schmiegte +sich nicht hinein, ließ den Augenblick verklingen. Es kam +eine Ruhe über sie. Ihre Hände ballten sich ein wenig +zusammen. Er änderte seine Stimme nicht. In der +Nacht hörte sie sie im Schlaf, sie stieg mit ihr herauf +ins Erwachen. Sie bog die Beine herauf, legte das +Gesicht darauf in schmerzhafter Umarmung. Da schlug +ihr die Stimme heiß ins Gesicht aus jedem Knie. +</p> + +<p>In ihre Augen, Schalen, legte er, was er wollte. +Es war Schmiegsames, Zartes, das sich mischte mit +Stahl. Auf ihr Gesicht schrieb er Vorgänge, ohne sie +anzusehen. In sie hinein sprach er, ohne Widerstand. +<!-- page 108 --> +Nichts stieß ihm entgegen. Gewölbt stand ihm offen +das Ganze. Er schmiegte sich hinein. Warf sein Leben +hinaus ans Meer, es prallte zurück, umgab sie. Dämpfte +das Gute, hob das Schwanken. Baute sich aus in +ihr, langsam, gespannt, weich mit einer eindringlichen +Unerbittlichkeit. Die Sonne ging in weißem Bogen. +Lauschend bog sie sich über den Tisch. Langsam sammelte +es sich bei ihm. Kam diesmal ohne Wucht, aber mit +bis ans Schreien unterdrückter Süßigkeit. Er flüsterte +zwei Worte. Sie gab den Blick langsam, schwer zurück. +Nickte. +</p> + +<p>Sie stand nachts auf. Es schlug zwei. Die Tür +der Kreolin schloß sich, bei Fribaurt glitt es heraus, +dunkel und braun, verschwand. Sie ging die Treppe +hinauf, sagte die Nummer der Kabine mit weißen +Lippen vor sich hin, suchte mit den Augen, den Händen +in der Dämmerung des Korridors. Ihr Arm blieb +stehen. Ihr Bein, magisch gezogen, ging unter ihr +weiter. Ihre Haut glühte mit einem Ruck. Da hörte +sie neben sich in der Nische ein Geräusch. Sie bückte +sich, durch die Luke kam Nickellicht vom Wasser. +Hinter Gittern kamen die roten Augen kleiner Hasen +an sie heran. Ihr Finger berührte die bewegte Schnauze. +„Go . . .“ Die Tiere hoben sich, neigten sich herauf. +Begannen sich zu bewegen im Ruf, der sie traf. Ihre +Stimme aber kam auf sie zu, umfaßte sie selbst wie +von anderen gesprochen, breitete sich in ihr aus und verließ +<!-- page 109 --> +sie wieder in Seligkeit und Erfüllung. Was vorging, +was sich sammelte aus ihr heraus im Ton, der +sie umschwamm, brachte Ruhe in sie. Trieb sie in eine +Klarheit. Stellte irgendwo etwas auf, dem plötzlich +alles in ihr wie an Fahnen hingeweht sich zubewegte. +Ihr Blut spannte sich dem entgegen. Es ging über +alles hinaus. Trieb darauf zu mit der Kraft und der +Inbrunst des Ziels. Sie lächelte. Kehrte zurück, fiel +in Schlaf wie Traum. +</p> + +<p>Abgelenkt, vorbeigeführt innen an ihm, gab sie ihm +die Hand. Keine Miene zeigt, daß ihn etwas enttäuschte, +Unter den Sätzen warb seine Stimme +um sie, um jeden, er blieb gleich. Sein katzenhaft gestraffter +großer Körper blieb neben ihr. Hörner heulten +aus dem gegen die Wellen trommelnden Abend. Blinkfeuer +stachen kreuzend ins Licht. Aus Landduft quollen +roh, verquatscht, Hupen. Die Räder gingen langsam, +fielen zurück, die Mole hing voll Menschen gedrängt, +wimmelnd, sich verlierend auf der tiefen Fläche. Unter +den rücklaufenden Wogen schellten die Bojen los. Das +Schiff stand. Da sprang plötzlich ihr Herz. +</p> + +<p>Die Barkasse legte an. Zwischen gestapelten Koffern +irrten Passagiere, auseinandergespritzt. Hände durchglitten +ihre. Das Fräulein stieg auf der Treppe hinunter zum +Wasser. Sie sah scharf nach dem Ufer. Es kam auf +sie zu. +</p> + +<p>Sie gab Le Beau die Hand. „Wohin?“ Sie +<!-- page 110 --> +wußte es. Er sagte: Paris. Lächelte plötzlich: „Wohin +fährt ein Franzose . . .“ Sie lachte über die Schulter +dem Reeling zu. Sie sah zurück: Versäumtes, Verfehltes +lag auf seinem Gesicht plötzlich gesammelt, +Schmerzhaftes zog es tief in ihn hinein. Es blieb. Verließ +sie nicht. „Leben Sie wohl.“ Wind bewegte sein +rotes Haar. Den Hut unterm Arm. Von unten sah +sie ihn am Geländer verschwimmen. Zwischen den weißen +Hosen der Kapelle brach der flackernde Untergang auf. +Die Musik spielte über der Sonne. Die Barkasse legte +sich fest an Land. +</p> +<!-- page 111 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-3">Der zweite Abschnitt +</h2> +<!-- page 113 --> + +<p>Da war Berlin, sie erkrankte an Grippe, ihre Umgebung +fürchtete den schlechten Ausgang. Sie +<a id="corr-5"></a>genas. In Zackstrahlen von diesem runden Verharrungspunkt +ausgeschleudert, durchschwebte sie die neuen Schichtungen. +Das Fräulein führte die Liste der Stunden. +Die Tabellen verengten sich, gingen bis in die Nacht. +Man holte sie. Sie schob sich selbst in das Drängen. +Bald stand ein Defilé vor dem Haus. Mit Holl +ging sie in Lewinskys Generalproben. Vom Bazartee +kam sie mit Rosen, die Zofe brachte das Abendkleid +ins Bad. Das Fräulein reichte die Tabelle. Sie +runzelte die Braue etwas hinauf. Verreiste. Böhmer, +Below traf sie bei der Holmberg, überging sie. Erlebte +den Skandal, als Männer auf der Nizzapromenade +sich um deren weißbemaltes Fleisch schlugen. Drei +davon starben. Andere hätten sich gewälzt vor Wonne. +Fuhr weiter. Drang von Schicht zu Zelle, lächelte. +Es gab keine Grenze, Geld, Wille machten vor ihr +alles frei, sie folgte traumhaft. Bei Utö kam von der +Regatta Symes herauf, schlenkerte im Sweater auf +sie zu. Sie sah zuerst vorbei, traf plötzlich seine Gestalt, +<!-- page 114 --> +spürte in den Knien, im Auge den Schlag, erblaßte. +Lief am Strand auf und ab abends, allein. +Reiste zurück nach Nizza die Nacht. +</p> + +<p>Bezauberte drei Tage von neuem die Holmberg, +deren Hand schmeichelnd kam, fuhr mit ihr den Korso, +dessen Blumenwoge symphonisch in den Himmelrand +schlug. Ihr Blick hing fest irgendwo über ihr, zog +etwas daraus fest in sich Die Gräfin fragte. Sie +ward scheu, umschwebte mit dem Blick ihren Kopf, +wich der Hand aus, verschwand. Sah in dem Parkfest +eines dekadenten Mitteldeutschen Fürsten die Megrée +auf gemeißelten Beinen kommen, auf einem Wallach, +zwei Messer im Mund, abspringen, den Norweger +Stefan umarmen, nicht tanzen, lachend abreiten. Der +mit den eisernen Backenmuskeln wandte sich ruhig um, +sah, überstürzte den Blick nach Daisy. Seit dem Tag +war Stefan hinter ihr her, reiste Station auf Station +nach, vermochte nicht zu bitten, versuchte einen Einbruch, +setzte sich selbst herab, mußte sie unter Menschen +ihn hören. Seine athletische Brust zuckte zurück vor +ihrem grau geworfenen Auge. Sie sah ihn kaum. +Sie gab sich hin, ließ sich aufnehmen wie willenlos, +von diesem bald, von jenem Hauch. Kam es vom +Meer, war es gut. Kam es vom Land war es gut. +Ihr Gesicht selbst war verschleiert. Es war unsichtbar, +was sich vollzog. Nur war das Obere deutlich +nicht das Letzte. Etwas saß darunter, fest zusammengedrängt. +<!-- page 115 --> +Nur, je mehr sie sich dem Umstrahlenden +anschloß, genoß, sog und hintertrieb, bedenkenlos die +Stationen nahm, die sie umwölkten, war etwas in +ihrer Hingebung, das sie dem so heftig Genahten tief +entzog. +</p> + +<p>Es schwankte herauf und herab in dem Treiben, +bald obere, bald untere Welt, Fahnen und Wagen, +auch Meer. Sah Heringsdorf, Menschen bogen sich, +verkrampften den Blick, sahen in die Sonne, neigten +die Hälse, flüsterten, trieben Neugier aufs Gesicht. +Durch solch gewölbte Gasse kamen Heroen: Lyonel, +Böhmer, Brandt, Below. Umzischelt, vertuscht, aufgerissen. +Vorbei. Sie lenkte den Blick kühl darüber, +er trieb nicht ab, blieb nicht haften, kein Drang schlug +dort hinaus. Sicher fast, in die Höhe gehoben, blieb +er dort. Haftete. Sie spielte einen Preis im Single +heraus. Das Lächeln, das sie zerstreut dem Preisrichter +gab, lief durch Revuen, machte ihr Gesicht bekannt. +Darauf, in Zopott, trat im Doppel Stefan +gegen sie. Machte ihr Fehler hin, sie nutzte nicht aus. +Schlug erstaunliche Drifs, sie bewunderte nicht. Schlug +einen Ball gegen ihren Schenkel, mit einem Wehlaut sank +sie zusammen. Seine Entschuldigung lenkte den Blick an +ihm vorbei. Gewalt gegenüber war sie eisig verschlossen. +In München schwärmte sie unter herber südlicher Sonne +einen Festabend. Unter der Dielentür sah sie Caspare +Symes, er sah sie nicht. Da schwankte ihr Gesicht, +<!-- page 116 --> +an den Molen des Innern brach sich es, schäumte +herum. Sie stieg hinauf. Nahm den Spiegel. Ungewisses, +Zögerndes stand vor ihr, schlug dort hinaus, +woher sie kam. Sie bog ihr Gesicht auf, lernte eine +Bewegung, die es zurückschlug, was tastend offen stand, +hinein fuhr in die Tiefe. Das Harte, Gespannte, +sammelte sich dichter unter dem Schleier, ward reifer, +fiel fast als Frucht schon heraus. +</p> + +<p>Sie saß im Zirkus, wo Sägemehl und Pferdeschaum +schwirrte. Mit Steinen um den verhaltenen Mund +neben dem französischen Botschafter. Fuhr im Auto +durch Eifel und Rhön, über Matten, zu den stählern +gereckten Chausseebändern des Bennetrennen. Kinder, +Frauen, hinter ihr her, hinter nie Gesehnem. Offiziere +ritten neben ihr im Herbst. Im Lunapark verlor sie +einen Ring, lachte. „Masseldoff“, flüsterte Holl. Sie +sah zurück. Die Zeit staffelte sich darunter. Es ward +klar. Was war das all? Nichts. Die Männer, +es beschäftigte sie nicht. Hochmut sprang um den Mund, +als sie aufsah. Was blieb, kannte sie. +</p> + +<p>Noch blieb sie in der Schwebe, blieb sich gleich, hingegeben +noch wie stets dem, was bereits vorbei war. Unbestimmbar +so auf Straße, Wagen, Park. Verdichtet +aber im Innern. Sie hörte Stimmen, vernahm Dinge, +hörte Stefan, Holls Regie. Wohlig streckte sie sich +darin, es ging sie nichts mehr an. In Christiansand +an einer weißen Mauer entschloß sie sich plötzlich, bestimmte +<!-- page 117 --> +die Rückkehr. An der Reede, von einem +Schiff steigend, das kam, traf sie Symes. Er grüßte. +Ihr Gesicht blieb kalt, wie sie es sich gelehrt. Aber +Ohnmacht überfiel sie, so straff hielt sie unnatürlich +die Maske. Es schlug sie den Fahrtmittag nieder, +erweichte ihr Gesicht, das mit den heißen Wellen ging +und kam. Gegen Abend warf sie den Aufruhr in +sich nieder. Erreichte den Punkt wieder, wo ihr Blut +hinhielt. Hielt die Richtung ein, verschärfte sie sogar +aus Trotz über die Abschwenkung. Warf alles zurück +auf das Zentrum. Der Schleier fiel ab. Das Gesicht +fiel reifer heraus, suchend, ruhig, bestimmt. +</p> + +<p>In der Nacht kam sie an. Im Bett früh telephonierte +sie nach Lewinsky. Er war nicht im Theater, +nicht in der Wohnung. Sie hörte vom Diener, wo. +Fuhr zu Guildendaal aufs Morgenfest im Park. +Suchte die Wiese ab. Sah Perlhuhnhunde, des Einladers +breite Glatze über Favorits, sah eine Polonaise +am Teich. Darin am Ende Lewinsky. Da setzte sie sich +beruhigt. Doch unterbrach ein Skandal. Es kam ein +Anruf: die Megrée hatte sich erschossen. Man rottete +sich zusammen. Holl eiferte gegen Stefan, hetzte fanatisch, +jetzt noch in ihre tierhafte Anmut verliebt. Kam +Stefan vorbei, schwiegen sie. Man hatte den Mut +nicht, es ihm zu sagen. Fribaurt kniete neben ihr, +erzählte den Fall das drittemal. Sie sah in den +blauen Himmelausschnitt zwischen den Rotbuchen: wie +<!-- page 118 --> +feig sie waren. Sie sah deutlicher nach Stefan. +Eine Stunde blieb sie, überflog die Versammelten, +hielt Zusammenhang immer mit einem Kopf. Plötzlich +ging Lewinsky, sie sah den Hut in seiner Hand. +Da stand sie mit einemmal leicht auf. Sie legte, +schon halb herumgewandt, die Hand mit unnachahmlicher +Lässigkeit auf Stefans Schulter: „Die Megrée +ist tot.“ Ihr Gesicht war anders wie das, was sie +sagte. Fern nach anderen Dingen gewandt, erhielt +die helle Schärfe eines Vogels. Am Wagen blieb ihr +Kleid etwas gerefft hängen. Man sah ihr Knie. Sie +fuhr die Allee hinaus. +</p> + +<p>Sie fuhr ein paarmal, um Zeit zu gewinnen, +um das Viereck, nachdem Lewinsky vor ihr ausgestiegen. +Ließ halten vor ihrer Villa, ging unter Flieder auf +das gelb leuchtende Haus. Im Boudoir zog sie sich +um, saß noch einige Minuten am Fenster. Über dem +Kiesweg pflückte sie einen Zweig, schwang ihn hin und +her. Der Gaul wieherte, als sie wieder losfuhr. Sie +ließ sich nicht anmelden und wurde daraufhin abgelehnt. +Da gab sie die Karte ab, die Türen gingen auf, im +Arbeitszimmer stand Lewinsky, an ihr vorbei, ihn verlassend, +ging Stefan. Sie stand an der Portiere und +brachte Lewinsky aus der Fassung. Sie hatte ihn den +Morgen getroffen, sich nicht annonciert, war plötzlich +da. Sein Blick strich die Wände hinauf, da hingen +große Männer seiner Zeit. Seine Haare waren in +<!-- page 119 --> +der Stirn geschnitten, er stieß mit der Zunge an, +schlug die Arme über die herausfordernde Brust, um +sicher zu scheinen. Er fragte, was sie will. Sie antwortet +nicht, macht nur eine Bewegung, die sie ihm +ganz öffnet. Erhebt ihre Stimme. Kein Mensch hat +sie gehört. Sie fühlt sie schweben. Sie spricht eine +halbe Stunde vor dem Gesicht, das an Höflichkeit +aufrafft, was es kann. Sie fühlt die Vokale steigen, +glänzen, singen. Es entspannt sich in ihr, vieles geht +hinaus. Das Beste bleibt, ist gehemmt. Als sie eine +halbe Stunde gesprochen hat, hebt sie das Auge auf +zu ihm, erschrickt. „Es genügt nicht?“ Er spaltet +den Mund nach den Seiten, schaut herauf ihre Figur, +herab. Kämpft einen Augenblick mit den Kinnmuskeln. +Dann schüttelt er den Kopf. +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p>Viele Tage verließ sie das Haus nicht. Ihr Mut +war so stark, daß der Mißerfolg sie nicht schlug, sie +begriff ihn kaum. Er brachte sie nur deutlich zu sich, +entfernte sie von dem Hin- und Herbewegen und legte +sie fest. Sie sah durch das Straßenfenster, da ging +gedämpft der städtische Verkehr der Grunewaldstraße, +rasch, verwirrend, elegant. Sie ging zum andern, da +war rauschender Park. Baumwipfel bogen sich im +Wind ihr zu. Sie hob den Kopf entgegen dem Geräusch, +<!-- page 120 --> +hob ihm die Stimme entgegen. Es klang +zusammen. Belebte sie, gab ihr Resonanz, sie kettete +sich daran und bekam die Leichtigkeit, die sie selbst bezauberte +und hinriß. Da war sie ganz enthalten in +den Lauten, wenn sie allein sich preisgab dem Gefühl, +das ausfloß. Da konnte sie Sätze biegen, Wonnen +rauschen lassen in blanken Diphthongen, spielen mit +Worten und ungefähren Dingen, die als Sternnebel um +sie waren. Beglückt trat sie zurück. +</p> + +<p>Am vierzehnten Tag fuhr sie zur Florath. Die +wollte sie ablehnen, sah das gute Kupee unten stehen, +ward neugierig, winkte, sie hereinzuführen. Sie lag +mit gelockerten Beinen auf dem Diwan, musterte Daisy +mit den runden Wolfsaugen, leckte die Lippen und führte +beide Arme verführerisch nach den hell gemalten Haaren. +Daisy begann, ohne sich zu setzen, sprach, nicht lang, +aber eindringlich. Beim ersten Laut spürte sie, es fehle, +es stoße neben hinaus, was sie wollte. Als sie ins Gesicht +der Schauspielerin sah, stürzten ihr Tränen in +die Augen. Alles verließ sie. Kein Mut, keine Sicherheit. +Mit kindisch unsicherer Haltung raffte sie ein +Taschentuch auf, das ihr gefallen, und als sie wieder +stand, sagte sie nach unten hin: „Ich hatte mich nicht +in der Gewalt.“ Wieder suchte sie jenen Ton, den sie +seither immer besaß, der ihr eigentümlich war wie ihre +Hand. Sie glaubte, sie träfe ihn, begann von ihm +aus sich aufzuschwingen. Als sie unsicher ward, half +<!-- page 121 --> +ihr der Trotz zu einer intensiven Kraft. Einmal stockte +sie, sah die große Frau auf dem Diwan zusammengerollt, +sie nickte ihr zu. Sie fuhr fort, schleifte es +weiter und brach ab. Die Florath reckte die langen +Beine, erhob sich, zog die Knie an, sagte mit ihrer +schwärmerischen Stimme: „Gibt es denn nichts, was +Sie sonst befriedigt . . .“, kam mit langen Schritten +auf sie zu. Sie sah auf, wollte, was sich sprengte in +ihr, sagen. Es kamen nur Tränen, sie stampfte ein +wenig auf. Als sie den Arm der Florath im Nacken +fühlte, wußte sie, daß jene sie mißverstand. Sie schwieg, +verschloß in sich das Geheimnisvolle, das sie sofort +wieder sicher machte. Demütigung, Verzweiflung bisher, +nichts war umsonst gelebt, sie fühlte, es ward klar. +Noch machte an der Tür die Florath eine Bewegung +mit dem Kinn, das rätselhaft herabkam: „Die Welt +ist voll Möglichkeiten, reizvollen, wenn Sie die Ihren +suchen . . .“, die runden Wolfsaugen überglitten sie +lächelnd, die Hand glitt über ihre Brust. Sie verneigte +sich. Auf der Treppe ward sie wieder zäh wie +vorher. Gelang dies auch nicht, sie spürte unbedingt, +unauslöschlich die Stimme in sich An der Straßenecke +stand Moki. Aus dem Laden trat Fribaurt, +bedrängte, behing sie mit Geschwätz. Sie log ihm +Krankheit vor, erklärte ihre Unsichtbarkeit damit, frug +ihn, als er nicht wich, nach dem Diener. Er schmollte +mit den Lippen, verschwand. Zu Haus fand sie einen +<!-- page 122 --> +Brief. Er riet ihr, zu Löw zu gehen. Rivale Lewinskys. +Sie wußte nicht, von wem. Der Goldfischteich glänzte +aus der hellen Dämmerung. Sie biß die Lippen zusammen +über den Eingriff, der in ihr Leben kam, der +Garten stand geweitet wie ein Flußtal, Fischflossen +glänzten manchmal weich und rasch. +</p> + +<p>Der Papagei schrie lang und heiser. Sie kraute +die gesträubten Haubenfedern. Der Schnabel kreuzte +sich, orangen und grün flimmerte es aus der Ecke: +„Dogo . . . Dogo.“ Sie wandte sich von ihm um. +Nahm ein gepreßtes Buch, schlug es auf. Neben +Lewinskys gesalbter Glattheit stand das wohlwollende +menschliche Gesicht Löws. Es zog sie an. Sie sah +auf den Boden. Im Garten, sangen Nachtvögel herauf, +schwebten ihr mit Wind Flüstern entgegen und +nassem Buschzeug aus dem Blau. Sie spürte, daß +der Brief sie gut leiten wollte, zog den Finger aus +den Blättern, empfand im Schließen, wie es sich in +ihr spannte, und daß vor diesem Kreuzweg Ja und +Nein des Lebens stand. Dann hatte sie etwas plötzlich, +was alles vertrieb. +</p> + +<p>Sie fuhr zu Lewinsky. Er hatte sie einmal besiegt. +Zeigte, wie schön sie sei. Hinter der Höflichkeit reckte +sich seine Macht. Er gab ihr ein anderes Buch. Sie +wollte es zwingen. „Der Text ist nicht gut.“ Ein +anderes Spiel. Sie wechselte. Sie bäumte sich auf, +klar und weitschweifend zu sein. Schon kämpfte sie +<!-- page 123 --> +gegen das Unfaßbare, da ging eine Tür hinter ihr, +über den Spiegel huschte ein Schatten, eine dünne +Bewegung. Es löste seine Oberfläche auf, er stand in +Wellen, wurde tief und voll Horizont. Ein Springbrunn +kam hereingeplätschert, ihr Mund spürte Blau +und Goldregen und Baumbewegung. Es kam Geräusch +der Ströme. Auf dem Ontario wogten Segel, +hißten Fahnen, grüßten. Rührung und Hingabe legte +sich in die Stimme, ward goldhell, posaunengroß, nun +erlebte sich alles. Flog an den Drähten hinauf, sank +zurück ins Blattgepischper. Trug eine Kraft, die schwoll +und wuchs. Sprach zu den Tieren: Ihr Lieben. Zu +den Weibern: ei welche Sonne da. Hatte den Ottawa +im Traum, den Erddunst in den Nüstern der Vokale. +Hatte ihr Herz. War voll. War da. +</p> + +<p>Ihr Auge frug nicht, ihr Mund hatte kein: Genügts? +Lewinskys Kopf war entblättert. Macht, Höflichkeit, +jede Maske war weg. Um die Lippen stand +eine grausame, bebende Linie. Angst, daß ihm dies entgehe. +Er versprach, was sie wolle: Erfolg, Geld, Ruhm. +Der Spiegelschatten kam aus dem Polster, Stefan +brachte sie an die Tür, hatte Ersticktes in der Stimme: +„Erhielten Sie meinen Brief?“ Sie zögerte, sah Gesenktes +an ihm, der Brief war gut. Dann hob sie +schmal das Kinn: „Nein“. Er lachte heiser durch +die Zähne. Ihr Blick blieb verwundert. +</p> + +<p>Dies war der Durchbruch. Die Arbeit begann. +<!-- page 124 --> +Lewinsky zeigte klug, was ihr fehle, wie, was sie in +sich trug, nur die Flamme war, die das Gerüst entzündete +und in die obersten Logen der Erfolge trug. +Das Gerüst war zu lernen. Sie sah ein, sie konnte +noch nichts. Nun gab es nur dies. Von allem schnitt +es sie ab. Keine Segelfahrten lockten, an keinem Zirkus +entzündete sich die Lust nach dem Dampf der +pochenden Pferdebäuche. Fort gingen die Bahnen, die +Wagen. Sie blieb. +</p> + +<p>Die Brauen bogen sich vor Spannung. Das I +schärfte, jagte sie in den Plafond gegen Dogo, daß er +flatterte und es zurückschrie. Das A baute sie zu +Brücken, weiten Wölbungen, die funkelten vor Kuppelschwung +und Material. Aus dem O kamen schwingende +Trommeln, ferne Gewitterstürze, die erregten. +Die Leidenschaften der Wälder, das Sichsagen der +Leiber brannte aus dem U. Die Diphtonge glitten dazwischen. +Sie trat ans Fenster, die Hände, die Brüste +am Gitter. +</p> + +<p>Ein Lehrer kam, der den ausländischen Akzent abschliff. +Nach acht Tagen sagte die Zofe ihm, es sei +genug. Lewinsky sandte andere. Sie verbrauchte viel +und rasch. Fand sie, wo sie einhaken konnte, blieb sie +zäh dabei. Das Regulieren von Zunge und Zähnen, +das Siebenmaldurchsprechen der Rolle, bis die Figur +sich entschälte, das Hartnäckige und Sichere, das war +ihr Fall, dem blieb sie treu. Ein Lehrer wies ihr die +<!-- page 125 --> +Bewegung im Raum, teilte ihn geometrisch, wies ihr +die Plätze dekorativ. Stellte ihr die Gebärden, zog +eine Kurve. Sie sah vorbei. Er stülpte den Ärmel +hoch, den Arm auf zur Ekstase. Sie machte es nach +mit der Linken, die Rechte gähnte. „Wozu?“, frug +sie Lewinsky mit ermüdeter Schmerzlichkeit. Da brachte +er Statisten, belebte mit Fleisch, mit Blut das Zimmer, +suchte durch Lebendes ihre Verwöhnung zu überwinden. +Er machte ein Kabinettstück, bezauberte mit seiner eigenen +Regie, hetzte das Zimmer, die Luft zu Drama. +Sie lächelte. Sie nahm drei Stühle. Sowie sie aus +sich selbst sich bewegte, kam Leben in das Holz, ward +Aufruhr und Ergebung. Sie entflammte es. Er zog +beleidigt die Unterlippe ein, grinste impertinent, als sie +den Rücken kehrte. Ließ sie aber tun, was sie wollte. +Überzeugt selbst über seine Eitelkeit hinaus. +</p> + +<p>Einmal gönnte sie sich Erholung, als Dogo schrie, +sie ihn im Hemd mit Tintenfischen fütterte auf der +Veranda und die Morgenkühle ihr unter dem Leinen +den Körper hinauf tastend lockte. Sie ritt mit Guildendaal +und Rotbefrackten eine Allee hinauf. Die +Hunde rannten Hasen nach im Gras. Von einer +Pappelreihe her hob sich ein Staubkreisel, flackte über +die Äcker und Weiden herbei. Als er die Allee berührte, +fingen zwei Drosseln an zu schlagen, unaufhörlich. +Da wandte sie um, trabte ohne Abschied +herum, wie im Spiel, kam nach Haus, empfing von +<!-- page 126 --> +rückwärts in die Einsamkeit das Durchflogene, gab sich +hin an das Wehen der Gräser, das Summen, Vorbereiten +und dann dem Ansprung des jungen Winds, +entfachte sie. Mit glücklichen großen Augen und einer +ganz beschäftigten Stirn versank sie in die Arbeit. +</p> + +<p>Besuche nahm sie nicht an. Selbst machte sie keine. +Holl, da er Regie hatte, traf sie manchmal, doch +wünschte sie Tips. Ging sie aus, war es mit Freude +und Spannung schon auf die Rückkehr, wo die Distanz +zur Arbeit sie frischer machte, angriffslustiger, heiterer im +Spiel. Moki suchte ihr etwas zu überreichen, sie nahm +es nicht. In einer Gartenstraße schlich ein Mann und +riß an ihrem Beutel. Das kleine Messer aus dem +Gürtel in der Hand, begann sie den Widerstand. Doch +ließ sie fast im gleichen Augenblick den Beutel fahren, +steckte das Messer ein. Sie hatte wichtigeres vor, um +dies zu riskieren. Der Dieb lief. Sie kleidete sich um. +Fuhr den Abend ins Theater der Florath. Die war +nicht da in der ersten Szene. Im Hintergrund der +Loge bereitete eine Frau sie vor, schilderte ihr Bein, +ihren Busen. Ihre Laster. Da kam sie wie ein Tier, +das Kleid schaukelte erregt um sie, als sei ein Abstand +zwischen Haut und Kleid. Selbst im Unsichtbaren war +ihr Körper entblößt. Es war, als säße ihre Seele in +den Hüften. Alles strömte zusammen da, erhielt dort +den Ausdruck der Verhaltenheit, der erregte bis zur +Stummheit. Sie lächelte einen Mann zu Tod. Er +<!-- page 127 --> +verschwand mit seinem blonden Bart. Später dirigierte +sie sich gegen einen Slawen mit Bauernschultern, an +seiner Stumpfheit blieb sie hängen. Schwebte eine +Herzspanne in der Luft, das Verhüllte knisterte um sie. +Sie sog die Sprache in sich hinein, hinter dem Marmor +leckte schon tosend die Glut. Die aalglatte Hüfte +stand fast ruhig, sie spielte mit einer Dose. Ließ sie +fallen. Bäumte, brüllte wie ein Tiger. +</p> + +<p>Entsetzt, mitten in der Szene ging Daisy. Sie sah, +was fehlte. Wie unheimlich jene mehr konnte wie sie. +Lächelnd stumm in sich hinein, weil ihre Inbrunst +größer war als die Routine der andern. Sie zog den +Schluß: arbeitete heftiger, tief in die Nacht, schon +gierig auf den Morgen. +</p> + +<p>Doch war die Nacht auf ihr heißes Decolleté gefallen, +die Grippe in der Nacht zurückgerollt. Weinend, +fiebrig, schleppte sie sich zum Diwan. Da stand +die Aufgabe. Sie konnte nicht. Die Zofe schellte den +Arzt herbei. Er frug nach Schmerzen, hielt an langen +gepflegten Nägeln das Hörrohr ihr an die Brust. +Sie delirierte: „Sie kann die Übergänge . . .“ Der +Arzt neigte sich herunter: „Nehmen Sie alle zwei +Stunden ein Pulver.“ Abends zur Zofe sagte sie: +„Nehmen Sie drei.“ +</p> + +<p>Achtundvierzig Stunden wimmerte sie, die Zofe verstand +nichts. Am dritten Abend schlug sie die Augen +auf, besann sich, bekam ein opaliges Licht hinein, wies +<!-- page 128 --> +auf ein Buch. Als sie es in der Hand hatte, fiel es +ihr vor Schwäche heraus. Sie sagte: „Nehmen Sie +vier.“ +</p> + +<p>„Es ist zu viel.“ +</p> + +<p>„Ich habe Eile“ +</p> + +<p>Am fünften Tag war Sonne. Am achten kam sie +in den Garten. In Zweigen und Flüstern bewegten +sich sanft und weich die Sätze. Die Melancholie der +Boskette träumte gold umrahmt vom Mondlicht. Ihr +Entzücken entlud sich unaufhörlich quellend, gleitend +auf einer wundervollen Bahn, der die Nachtigallen +sich anschlossen, die aus dem abgeschüttelten Schlaf sich +mit aller Inbrunst entfalteten in ihrer Elegie. +</p> + +<p>Fand im Garten, wo der Kies lehmig war, Spuren. +Folgte mit dem Fräulein. Sie liefen durch den +Busch zum Eisengitter. Sie zog an den goldgespitzten +Lanzen. Drei gaben nach, machten ein Loch. Die +Lanzetten waren angeschraubt. Nachts nun, wenn sie +nicht schlief, ging auf der Straße der Schritt eines +Passanten ruhelos auf und ab. Der Schritt gab Regen +und Wolkenwind den Rhythmus, hallte, lief ohne +Pause. Wo es schwarz war und undurchsichtig hinter +dem Gebüsch, erschien ihr ein kreideweißes starrendes +Gesicht manchmal, doch es war in ihr, sie sah es nicht +nur draußen. Bei einer Pfütze blieb sie stehen, der +Regenbogen darüber entführte sie, mit geröteten Wangen +wickelte sich ihr auf ein Strom von Bildern, die +<!-- page 129 --> +zogen. Sie kehrte sich scheu ab. Holl warf das Mädchen +an die Wand, stürzte herein, in jeder Hand +Orchideen, verzweifelt, weil man ihn abwies. Sie öffnete +die Fenster hinter ihm, das Szenenhafte nahm der Luft +die Ruhe. Vaudreuil schrieb: Schlug Wechsel ihr vor, +baute Pläne auf, was sie sehen, nehmen solle. Syg +reiste nach Ägypten, kam an den Hafenstädten vorüber. +Sie konnte mit. Es hob sich schmeichelnd vor ihr, +die Schwester und der Bogen, der die Ferne einfügte +in den Punkt, wo die Sehnsucht in ihr sich staute. +Sie schluchzte eine Nacht. Dann war es vorbei. Sie +ließ einen Hund in den Garten setzen, streichelte ihn +und führte ihn am Gitter entlang. Die Spur ihrer +Hände an ihm war noch nicht warm, da war er +schon verschwunden. Sie empfing Lewinsky nach ihrer +Krankheit erstmals, sprach nicht von dem Nächsten, +der Arbeit, der Hoffnung mit ihm, sondern erzählte ihm, +was all wünsche, sie zu entführen. Sein Augapfel +ward grün, das Gesicht schwammig. Sie zeigte ihm +die Gartenspuren. Er zuckte die Achseln: junge Leute +schwärmten für sie. Er erzählte diese Geschichte, jene +Geschichte. Erwärmte sich Sie sah ihm fest, forschend +unter die Stirn. Dann schwamm es weiter, dies und +alles. Sie warf sich der Arbeit hin. +</p> + +<p>Holte kleine Kinder, die an Konditoreien die Nase +platt drückten, erfragte sie, erfüllte sie, nahm die Laute +auf. Nahm von der Straße einen Bettler herauf, +<!-- page 130 --> +setzte ihn an ihren Speisetisch, wühlte in ihm. „Warum +haben Sie Furcht?“, frug sie erstaunt. Erregt mit +sich selbst redend, machte der sich pulde. Sie eilte ihm +verständnislos nach, er war schon fern, sprang und lief. +</p> + +<p>Um zwölf Uhr schlief sie ein. Sie hatte Begeisterung +auf der Zunge. Um Fünf erwachte sie. Alles war blöd +und idiotisch. Schlaff sank sie zurück. Um Acht erhob +sie sich, holte Frische und Lust aus dem Muster des +Teppichs, dem Ton der Tapete. Im Schwanken erfuhr +sie die Grenzen, erfuhr sie den Arbeitssinn. Stellte +fest, wie weit sie vorkam, wie stark manches sie zurückwarf. +Sie bemühte sich und erkannte, je näher sie kam +einem Ziel, wie größere dahinter standen. Ihre Kindheit +kam manchmal, rührte sie zu weichen Klängen. +Manchmal fehlte sie, der Ton ging leer, verpuffte. +Hatte sie etwas sicher, war es schon nicht mehr von +Bedeutung, denn ein anderes hemmte. Sie lernte aus +jedem Erfolg erst die rastlose Verantwortung, die Verpflichtung +der Erfolge, das ungeheure kreisende Räderspiel +der Kräfte, die sich bedingten und steigerten in +einer nicht meßbaren Form. Sie sah, daß Ziel kein +Punkt war und kein Ende, sondern nur Etappe, nur +Weg, nur ein Stück der endlosen Bemühung, daß +die Aufgabe wachse mit der Potenz der Kraft. Am +Versagen spürte sie, was es bedeute genau wie beim +Erreichen: heißer, heftiger zu streben. Aber manchmal, +wenn nichts den Ausdruck ihr brachte, geschah das +<!-- page 131 --> +Wunderbare und Unerklärliche. Von dem Wind, von +dem Grastau kam es. Von dem Teich stieg es auf +die Veranda, vom Himmelabschnitt über der Ulme sank +es blau und bebend. Da war es. Unverlangt und unerbeten. +Es war da. Es umflockte sie hell, blau, klar +und alles berührend, was sich danach in ihr streckte und +sehnte. Das war das Äußerste und rauschte sie auf +wie einen Baum. +</p> + +<p>Die Leistung atmete sich fort, ohne Gespräch, ohne +Leitung. Das Geschaffene drang durch die Poren des +Raums, durch die Straßen, die Stadt. Die Leistung +erhielt die Ausbreitung, die Durchschlagkraft jeder Tat. +Die Florath lud sie ein. Sie ging nicht. Lewinsky +bat sie, sie kam. Bei Tisch warf Stefan Böhmer, der +neben ihr saß, ein Billett zu. Nach drei Tagen erschoß +er ihn. Das Lächeln, mit dem Böhmer das Papier +geöffnet, begleitete sie einige Tage. Doch kam sie darüber, +leicht, als sie sich bemühte, hinein in den Strom, der +sie führte und weiterspielte. Erklomm solche Ausdehnung +und Tiefe in ihm, daß Lewinsky den Schlußstrich zog. +Er bereitete das erste Auftreten, legte Listen der Geladenen +vor. Sie war glücklich den Tag, weich durch +das Erreichte, spielte mit seinen Gästen, saß mit Holl +bei Pharao, und, als sich vor Neid ihm die gebrannten +Locken lösten, mit Fribaurt bei Quarante-et-un. +Am Bassin traf sie auf Stefan. Er war versunken. +Er hatte bis zum dreißigsten Jahr gekämpft, gelebt, +<!-- page 132 --> +zugeschlagen. Hatte die Kinnbacken angezogen, war damit +über alles getreten, hatte alles sich, jede Laune, das +Verbrecherische, Wüste zugebilligt. War wie ein Eber +nach ihrem Leben gesprungen. Doch dieser Zug ging in +die Luft. Er traf nichts. Stand erschüttert, verzaubert vor +dem Widerstand. Sein Leben fiel von der Achse, formte +sich darunter um, erhielt eine neue Einstellung. Es +ging ums Ganze. Sein Auge drehte sich, besann sich. +Hier war die Entscheidung. Er wollte sie erzwingen. +Umlagerte sie von allen Seiten, spielte jede Note, die +er beherrschte, zum Erfolg. Sie sah es nicht. Sie ging +an ihm vorüber am Bassin. Er holte sie ein. „Ich +war der Bettler.“ Zerriß ihren Weg. Es war spielerisch, +was sie unternahm. Sie gab nicht dem Elenden, +half nicht dem Gestank. Sie durchforschte ihn nur +und das war ihm widerlich. Sie trat zurück, wütend. +Da sah sie an seiner Haltung: es war gut, was er +wollte. Hinter ihm trat hervor, was er geleistet: er +war das Gesicht in den Büschen, die Spur im Garten. +An seinem Knie rieb sich der verschwundene Hund. Sie +spürte die Kraft, die auf ihr Ziel eindrang, es formen +wollte, abreißen, hinüberzwingen zu sich Es kam mit Beherrschung, +gezähmt zu Güte fast, es machte sie aufsehn, +bedenken, es rührte sie, sie reichte ihm zum Ausgleich etwas +zurück, eine Lüge, einen Trotz: „Ich danke für Ihren +Brief.“ Langsam, leis. Es beeindruckte sie tief, wie +er es nahm. Aber im gleichen Augenblick war nie der +<!-- page 133 --> +Widerstand stärker gegen das, was männlich sie hemmte, +den Weg kreuzte. Sie hob sich, fast wild, übersprang +es, schlug es zurück. Es blieb im Boskett, als sie darüber +war. Kühle, Befreiung kam. Wie klar die Luft. +Weich hingegeben, vom Erfolg und Sicherheit empfänglich +und aufnehmend gemacht, sog sie Hyazinthen +ein, die toll aufdufteten. Da sah sie zwischen Lampions +einen Mann. Caspare Symes. Der Garten stürzte +hell mit einer Flut Apfelbäume in die Nacht. +</p> + +<p>Aus ihrer Brust riß alles mit. Die Knie standen +eng aneinander. Alles war Bewegung aus ihr hinaus. +Nur sein dunkler Kopf kam. Sie nahm ihn auf, in +die Hände, öffnete die hochmütigen Lippen. Sein Mund +war schmal, weich. Sie gingen, es gab keine Leidenschaft, +keinen Zorn. „Caspare“. Der Garten glättete +sich in der Lichtwelle. Besinnungslos hing die Minute +um sie, kam auf sie zu. Alles bot sich an, voll Glück. +Die Büsche stiegen in dunkelrotem Ring bis zum Goldbogen +auf. Die Äste flammten mit einem Netz von +seidenen Strahlen an den Lauben. Die Schläfen lagen +fest aneinander. Es kam die Obstflut. Da fielen Blüten +ins Gras ohne Pause. Es war der Fall seines Bluts, +das von der Ader seiner Schläfe herübersprang. Ihr +Blut hörte auf und setzte in seinen Takt ein. In diesen +Bogen spannte sich alles ein, das Ende sah sie nicht, +aber sie spürte, daß es gegen den Rand ihres Lebens +hinunter sich neigte. Aber von der anderen Seite kam +<!-- page 134 --> +zum erstenmal wieder die Jugend herauf. Unbefangen, +ganz das Ohr erfüllt, kam von fern die Lawine des +Ottava und die Flöße. Der Ontario schliff sich blau +mit wiegenden Segeln. Dazwischen stand die Sekunde, +in der sie atmete, als sei sie dem Vergangenen zugehörig. +Da fielen die Rosaenden der Blüten sanft herab, +die Erde wogte mit Wurzeln innen entgegen. Und die +Bäume bewegten sich nach dem Tempo ihres Atems. +So war durch das Blut, das zusammen floß, diese +Zeit und die andere vereinigt. Das unbefangene Glück +der Kindheit zog an diesem Glück, zog es hinüber, +als sei es abgeklärt, schön geworden und still. Sie +schloß die Augen, ein Arm faßte fest um ihre Brust. +</p> + +<p>Sie wimmerte, stieß den Fuß auf, beugte den Leib +nach vorn, zog ihn zurück, drückte den Nacken ein paar +mal zum Rücken. Dann riß sie sich los, öffnete die +Lider, lief den Kiesweg hinauf, das Tor. Sie sprang +in den Wagen, der zuerst stand. Ein lahmer Klepper. +Sie weinte, brüllte in das Tuch des Kleids. Der Horizont +war angefüllt von einem Donner: Caspare . . . es +würde klingen bis in die letzte Süßigkeit alles, was +noch kommen konnte. Sie hielt nicht an, fuhr weiter. +Ihr Garten kam. Ihr Zimmer. Die Onyxschale mit +den drei Kugeln, es stach stumm wie von Augen nach +ihr. Der Park grollte den Wipfelwurf ihr zu: den +Namen. Die Spiegel fauchten ihn ihr zu. Sie zuckte +die Schenkel, legte die Stirn ans Glas. Verloren. +<!-- page 135 --> +Bis in die Todesstunde nicht einzuholen. Sie lächelte: +es war nicht gewesen, war drüben vor sich gegangen, +wo alles lag, was schön war, sie befreite, die Jugend. +Bis in das Ende des Haares, bis in die Höhle der +Achseln empfand sie: dies war das Höchste, ihr Glück. +Träumte sie es zurück, lag tausendfach Geschichtetes +dazwischen. Noch unerreichbar, Arbeit und Erlösung +und Bemühung lagen vor die Möglichkeit allein geschichtet. +Irgendwo wie ein Lichtkegel öffnete diese +Sekunde die Ruhe, das Später, oder vielmehr das +Zurück, den einzigen Glückszustand, als die Ströme das +Kind umrauschten. Es war so weit, daß sie die Sekunde +kaum noch mit dem Bewußtsein erreichte. +</p> + +<p>Sie stellte drei Stühle auf. Gab jedem einen Partner. +Erhob sich daran, aber mußte sich bald unterbrechen, +denn die Tränen kamen mit einer wilden Wucht, +die sie umwarf. Sie lag nur und weinte. Erst nach +Stunden, gegen Morgen, gewann sie die grausame +Ruhe, die nötig war zu solchem Gespräch. +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p>Das gab Öl in die Sätze, Mark in das Wort, +die große Kraft in die Bewegung. Das machte einen +Boden, aus dem das Spiel der letzten Tage reif und +sehr süchtig schoß. Sie probte den Tag vorher, in +einer saftigen Linie lag der Akt. Sie war gefüllt mit +<!-- page 136 --> +Zufriedenheit, ohne Triumph. Am Abend kamen ihr +die Köpfe des Parketts wie ein Strudel entgegen. Sie +ging vor ein Bild, vor einen Boudoirtisch, nahm die +Puderquaste, ihr Körper rauschte sehnig und voll gedrängtem +Saft. Als sie zu sprechen begann, verließ sie +etwas. +</p> + +<p>Sie starrte in den Raum, faßte sich, sprach weiter. +Sie ließ den Silberstift, das Spiel ging nun in Tragödie. +Sie machte den Aufschwung. Aber unter dem, +was geschah, hörte sie dumpf, daß ihr entflog, was sie +suchte. Der dunkle Ton, der Erguß, das selige Gefühl +des Hingegebenhabens in die Worte . . . es fehlte. Sie +suchte. Fand es nicht. Die Stimme flog voll Schmerz, +aber das Blut spielte nicht mit. +</p> + +<p>Sie wartete, verzweifelt. Sie zwang es. Ging auf +und ab, ganz neu und unerwartet. Warf Worte ein, +die der Text nicht hatte. Die Taille verjüngte sich zu +einer Wildheit, die die schmächtige Szene anriß und +dehnte. Die Souffleuse hustetete, verwirrt. Ihr Bein +stand federnd, abgezeichnet im Kleid, ins bleiche Gesicht +des Partners drang sie vor, zerstörte es. Brach mit +Leidenschaft ein in das schwankende Schicksal, die die +Gefühlshöhe erweiterte, ihren Ausbruch und die Dichtung +abhob. Grenzenloser wurde unter ihr das Leere. +</p> + +<p>Dabei spürte sie, ihr Spiel war gut. Augen hefteten +sich gefesselt daran. Atmosphäre der Erregung band +sie an das Parkett. Es genügte nicht. Eine Traurigkeit, +<!-- page 137 --> +die ihr Bewußtsein nicht traf, da es spielte, das +es ahnte aber, wölkte wie unter ihren Füßen herauf. +Sie brachte es fertig, nebenher zu denken, zu wünschen +und herzurufen, was die Inbrunst wecken konnte. Was +ihr Schönes seither gegeben, Zärtlichkeit, Pa und Syg +und Brown und das Porzellanschiff. Es blieb entfernt. +Ihr Gehör verdoppelte sich, sie vernahm sich selbst. +Ihr Auge schärfte sich, sie sah sich spielen. Das Bewußtsein +spaltete sich, war nur zur Hälfte beteiligt. +Da spielte sie. Dort sah sie Köpfe, beschaute es müßig: +Die Florath, vorgebeugt, der Kopf eine schamlose Entblößung. +Fribaurt mit weibischem Lächeln gebannt an +ihr Bein. Guildendaal, über den Favorits Froschaugen, +Holls nervöse spielerische Stirn. Sie sah, sie hatte sie +im Bann. Doch sie selbst, sie selbst . . . Es sank ab +vor ihr, verschwand in der Tiefe. Ein Riß ging durch +sie, doch sie verstand. Sie spielte die Szene zu Ende, +sie steigerte sich, schmiß die Effekte, sah den Erfolg +in der Pupille der Florath. Aber in einer Traurigkeit, +die ihr Herz erreichte, wußte sie, es genügte nicht. +Der große Ruf versagte. Es war vorbei. +</p> + +<p>Was war ihr Beifall? Erfolg? Nichts drängte +sich dazu. Sie wollte, daß ihr Spiel ihr inneres +Wesen erfülle. Daß sich darin restlos und ohne Sehnsuchtsrest +ergieße, was sich aus ihr hob und senkte, was sie +gegen das Meer getrieben und darüber geführt. Sie +suchte, daß es in ihr klar werde. Nicht daß sie nach +<!-- page 138 --> +außen Wirkungen leiste, deren Sinn sie nicht faßte. +Dies war ohne Bedeutung. Es zählte nicht. Und +nun begriff sie, daß nicht zu zwingen sei, was vor den +Menschen sich versagte. Es war das Wunderbare, +das aus der Mondnacht, am Fluß und aus den +Büschen manchmal schwankte und sie erhob bis an die +Spitze der Sehnsucht. So umflog es sie. Aber sie +hatte keinen Teil. Was in rollenden Kreisen sehnsüchtig, +lockend und treibend vor ihr sich schwemmte, das war +noch nicht gefüllt. Doch dies da war nicht der Weg. +Umsonst. Vorbei. +</p> + +<p>Es stürzte ab mit jähem Ruck. Wehmütig kam +es, für was sie sich bemüht. Das Erwachen am +Morgen, die Seligkeit des Schaffens, die Befriedigung +und der Stolz. Es war noch nicht am Ende. Irgendwo +lag es, noch unfaßbar. Blieb ein Zwiegespräch +zwischen ihr und der Ulme. Weiter nichts. Kein +Ziel, keine Erfüllung. Ein Irrtum der Weg. Verworfen. +Was erfolgreich daran war, hatte für sie +keinen Sinn. +</p> + +<p>So entzog sie sich dem Beifall, entriß sich den +Menschen, sah Lewinskys gerötetes Gesicht, kam durch +den Seiteneingang ins Vestibül, auf die Straße. Ging +weiter. Menschen quollen aus Toren, Gehsteigen, +Häusern. Hindurch. Sie hielt nicht. Es röchelte +neben ihr. Ein Pferd. Sie strich ihm über die Stirn. +Ein Licht schien grell heraus. Im Spalt saß ein +<!-- page 139 --> +Paar, sie weinte, er senkte den Nacken. Die Steife +blieb um ihren Mund. Dennoch empfand sie, daß +sie mit nichts tiefer verbunden als diesen beiden. Ein +Strom faßte sich an von ihr zu ihnen. Und zurück. +Eine Sekunde empfand sie den Anschluß, das Mitleid, +es löste sie fast aus. Doch es währte nur kurz. +War noch nicht so weit. Eiskalt vor Schmerz ging +sie weiter, bis an den Rand gefüllt mit sich selbst, +verschlossen wieder. Sie hatte einundzwanzig Jahre, +die Brust war herrlich, der Körper braun, schlank, +schön. Sie begann zu laufen. Alles fiel von ihr ab. +Nur der Geruch ihrer Möbel, die Wände ihres Zimmers +lockten, waren da, waren ein Punkt, der stützte, +wohltat, barg. Im Vestibül saß das Fräulein und +stickte. Sie hielt kurz an bei der Pforte. Dann ging +sie langsam auf das blonde Geschöpf zu, fiel hin, tat +den Kopf in ihre Knie. Die Schultern zuckten. +</p> + +<p>Das Fräulein saß da, die Beine auseinandergerissen. +Das Gesicht von nichts tief gezeichnet, blöd und sinnig, +an dünner Sehnsucht erstickt. Sie war übersehen im +Leben, zu einem Bündel gemacht, das Mitleid umspülte, +Verachtung, kleiner Lohn. Kompost für Überfluß, +häßlicher armer Lappen. Badete nicht täglich, +war schlecht gekleidet, roch nach Korsett. In ihrem +Gesicht entbrannte ein Staunen: „Auch sie muß +weinen.“ Dumm sah sie in die Luft, stierte, faßte es +nicht. Doch vom Elend einer Kreatur gereizt, gerührt, +<!-- page 140 --> +beginnt der ganze Erdball aufzuzucken, mitzuleiden. Sie +heulte nicht. Es ging in die Hände. Die strichen +sehr zart über den Kopf zwischen ihren spitzen Knien. +Falteten die Strähnen auseinander, legten alles von ihr +selbst Vernachlässigte, Versäumte in die Bewegung, +flochten Zöpfe, berührten das Haar als seis ein Kind. +So kam die Liebe über sie. Die Zunge machte einen +Ruck, machte den Zug der Nurse, schnalzte, wiegte +die Hüften, summte: „Do . . . do . . . do . . . Daisy.“ +Pfiffs auf den Zähnen. Eine Sehnsucht gebar sich +riesengroß. Wollte gern ihren Backen an Daisys +Wange legen. Aber rührte sich nicht, obwohls nie +heißer in ihr gezündet. Wagte es nicht. Tat es nicht. +Sie brachte das Mädchen hinüber, machte Licht, zog +es aus, legte es ins Bett. Löschte das Licht. Morgens +fuhr Daisy ans Meer. +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p>Windstille war. An den zweitausend Metern Grundschnur +fuhren Kähne raus, man zog die Angeln an, warf +die Kabeljaus ins Boot. Zwei große Ewer hielten +die Schleppnetze ein, ließen Bramsegel vor den Wind +fallen, kamen gegen Land, hochgeschwebt. Seeschwalben +überjagten Steingebröckel, zuckten am Wasser, hakten +mit gebogenen Schnäbeln: griä. Jüns hielt eine geschwollene +Aalmutter in der Faust, drückte den Bauch, +<!-- page 141 --> +spritzte durch den Eiergang junge Zentimeterfische, eins +nach dem andern. Sie waren durchsichtig und quallig, +ein Darm ging durch und Aderfäden. Sie lachte +mit ihm. Wind ging den Abend los, pfiff leis, klatschte +an, strudelte schon hundert Meter hohe Pfeifen und +Rollen. Krebse schoben über Miesmuschelkolonien, +rolzten, ballten sich, schossen hinunter. Regenpfeifer +sausten über den Sand. Hahnenfuß und Binsenkraut +verschlangen sich Die feigen Sturmvögel klatschten +sich an Häuser und Raine. Strandnelken und Butterloch +knallten gegen Dünengras, die Weidenstümpfe. +Die Wimmermöve schlägt an, der korallenrote Schnabel +fliegt vor dem samtdunklen Kopf, ehs dunkelt hört sich +nur noch ihr Schrein: gräik . . . gra . . . ik. Das +Meer steht toll verliebt die Nacht vorm Gedün, dehnt +sich und schlägt hinten am Horizont sich fest, beißt +dann ans Land, türmt sich haushoch davor. Die +Bäume im Binnenland liegen platt am Boden, die +Amseln haben sich verkrochen in Mauslöcher und +Ritzen. Die Keller stecken voll Fledermäuse. Das +faulende Leberzeug der Maischollen duftet weg. Die +Fenster sind geschlossen, Kugelblitze laufen über die +Dünung, die weißkochend vor dem zerwühlten Meerbauch +hängt. Daisy legt sich. Die Nacht spielt das +Getös geil mit ihrem Bein, ihrem Ohr, treibt in ihr +Blut. Die Kiesel knirschen draus ineinander. +</p> + +<p>Von einer hellen Flamme ist der Tag aufgerissen. +<!-- page 142 --> +Es ist der Wind, der blau, böig, bleibt. Es gibt +Lärm, Stimmrufen. Ein Schellfischkahn, der getrieben, +will beilegen. Es gelingt nicht. Sie stehen mit hochgekrämpten +Hosen bis an die Hoden im Wasser, +schreien und hantieren und es wird nichts draus. Sie +kämpft sich durch den Wind gegen das Meer runter. +Sie kommt durchs Getümpel noch geschützt, muß aber +Schuhe, Strümpfe zurücklassen. An den Erlen hängt +das Wassermerk fest, Berle und Hahnenfuß liegt klatschnaß. +Im flachen Sand faßt der Wind sie, reißt +unter die Röcke, nimmt sie vor, gattet sich an sie, +schont den Busen nicht. Sie läuft gerötet durch die +Tümpel. Taufrösche verschwinden schweigend, murren, +grunzen hinterher. Feuerkröten wie aus einer Glasglocke +donnern: ku . . . uh, lassen die angewachsene +kreisrunde Zunge auf dem Paukenfell schlagen. Wasserläufer +gleiten wie auf der Eisbahn über die Pfützen, +in denen Flohkrebse, Steinsack, Laich liegt. Sie steigt, +hält sich an Gras, versinkt im Sand, hält sich an +Hahnenkamm, gelber Stranddistel. Wie sie den Kopf +über den Damm hebt, kocht das Meer, rast drauf +besinnungslos unter ganz blauem Himmel. Sie steigt +gänzlich hinauf, bekommt einen Windschlag, springt hoch, +lacht, fällt um, rollt zurück. Triebsand rutscht nach, +verschüttet Knoblauchkröten unten, die wie Katzen jammern, +sehr bunt waren. Eine Möve ist vom Sturm erschlagen +worden. Zwölf Federn am Schwanz, die +<!-- page 143 --> +Brust pelzig im Gefieder. Der Wind hält durch, +kommt jetzt vom Land, stößt das brüllende Wasser zurück. +</p> + +<p>Jüns wirft eine Muschel hin. Sie haben in dem +Fischhaufen, Makrelen, Goldbutten, Affheringen, Schollen +Aufruhr bemerkt, einen Seewolf mit grünlichen Jungen +im Tang entdeckt. Voll rasender Wut wirft er sich, +mit dem Schwanz hauend, herüber, beißt knackend die +Muschel auf. Die Fischhaufen laufen schwammig aus, +kriechen zum Strand und blenden mit den Schollenflecken. +Die Milcher strotzen von Samen, die Weiber +haben den Bauch voll Eier. Das Schellfischfleisch ist +heller und weißer als das Fettbraun der Dorsche. +Frauen heben den aufgestülpten Arm aus den Bütten. +Kinder schmeißen die Körper in Kästen, hängen die +Eingeweide an Angeln, fangen unter Wasser andere +damit. Der Wind läßt nicht nach. Die Seeschwalben +taumeln in Rudeln hoch. Der Strand ist freigeblasen. +</p> + +<p>Die Männer stechen draus Butten, Jungens hüpfen +von Tümpel zu Tümpel und sammeln auf. Im Sand +ist in der Ebbe viel geblieben. Froschkraut tastet wieder +nach Grund, zuckt die Wurzeln zum Boden. Sattelmuscheln +liegen fest, Wandermuscheln und wie Eier +Steinbohrer. Das Wasser hat sich so gesenkt, daß +die Pfahlgruppen von Ellern mit unsichtbaren Gärten +auftauchen, von Miesmuscheln im Gezweig bedeckt. +Schon fahren Kähne, die die Bäume aufzuziehen. Ein +Taschenkrebs hängt an einem Rogen, schmaust, die +<!-- page 144 --> +Asseln zappeln da und dort. Das Riedohr stellt sich. +Dahinter brummen die Kühe, die Körbe voll Kabeljauköpfen +aufgeschüttet riechen, kauen und fressen. Schon +stehen Segel drauf, Leberblumen fachen sich an, werden +hell, trocken und sinken zurück. Sie geht nun durch +Tang, Linsen. Seegras dörrt losgerissen unter der +weiß und hoch stehenden Sonne. Sie kommt um die +Düne. Nun hat sie weißen Sand unterm Fuß, der +braunrosa sich eindrückt. Moosenten fallen hinter ihr +ab. Auf den Granitklippen stehen blau und rot Gerüste. +An Schwänzen hängen Fische in Bündeln daran, +klinkern singend im Wind. Sie kommt an die Nehrung, +muß steigen, fällt. Der kleine Schmerz macht sie +irgendwie verrückt. Sie macht die Arme weit auf, +preßt sie an die Seiten. Lachmöwen gauzen los. Eine +Sturzentenschnur, blaugrün und weiß rauscht auf, zischt +noch fern: rädzsch — — — räb . . . wek. Da steht alles +voll Tümpeln. Im Schlick lauern eingebuddelte Klieschen +auf die Flut. Die flachen Bäuche wackeln im Flugsand. +Die nach oben verschmitzt stehenden Augen zucken +mit der Stikhaut, verschleiert. Sie kniet, schaut hinein: +sie sind grau. Ihr Auge fällt in sie zurück. Sie +hält das Tuch darüber: sie sind weiß. Die Uhr: sie +sind gold. Hinter ihr gehen Raben herunter, hacken +sie auf. Landkrabben nehmen Deckung, graben sich +im Sand vor, greifen mit den Klauen die Sandhupfer. +Sie lacht. Ein Faß steht da und Jüns mit Merlans, +<!-- page 145 --> +weißblitzenden Bäuchen. Hinter der Bucht liegen +Raubschwalben, wie nachts, betäubt vom Wind mit +ausgebreiteten Flügeln im erwärmten Sand. Nun +stoßen sie hoch. Alles schwebt nachher, auch das Wasser +schwebt in der Sonne, die es wie von unten her hochschaukelt +und hält. Es wird groß und unermeßlich am +Knick. Wie sie es so sieht, zum erstenmal wieder, +ist sie klar und frisch. Gleichgewicht durchbricht ihren +Aderngang, die Enttäuschung ist weg, der Wind war +an ihr, hat in den Saft gegriffen. Die Warzen tun +ihr weh. Sie neigt plötzlich sich zurück. Was an +Hals zum Vorschein kommt, ist heller wie all andere +Haut an ihr. Sie faßt hinter sich einen Baum. +Der Rücken lehnt daran. Schon tritt der Saft, der +nach oben rauscht, in ihr Blut. Die Hüften fangen +an, eine Bewegung zu bekommen, werden entdeckt, +glühen etwas. An der Schlankheit des Baums wie +an einem Tierrücken gleitet sie ab in den Sand, die +Knie geöffnet. Die Sonne schlägt ihr in den Leib. +Die Schenkel biegen sich lang und schön, als schliefe +sie. Sie zittert, etwas ist freier geworden, entschwebt, +durchbrochen am Horizont. Himmel und Meer haben +sich vereinigt, wölben sich herüber. Sie springt auf +und lacht, die Haut ist glatter geworden, das Auge +von innen her feucht. +</p> + +<p>Sie fährt zurück, findet den Wagen nicht, nimmt +die Tram, steigt aus, um den Rest zu Fuß zu gehen. +<!-- page 146 --> +Auf diesem Stück Trottoir sieht sie von einer Menschenmenge +vorbeigespült, in ihr langsam wandelnd, Caspare +Symes. Sie bleibt angedonnert, wiegt den Kopf hin +und her, als sei sie alt geworden. Dann reckt sie sich, +fährt um, ihm nach. Sucht ihn zu erreichen. Sie +bohrt sich durch, hört Schelte, Wut, sieht den Schirm, +den eine Frau nach ihr sticht. Sie kommt näher, +kann seine Schulter fassen. Alles an ihr ist durchblutet, +entfacht. Da läßt sie die Hand sinken. Es +fehlt ihr die Kraft mit einemmal, ihre Bewegung +wird armselig, er aber wächst und steigt maßlos, daß +sie erblaßt. Sie findet den Mut nicht, jetzt das zu +fordern, was sie überging, als sie noch erstrebte, was +sie nun abgeworfen. Es geht süß durch sie hin, während +sie stehen bleibt. Sie tut eine große Tat, indem sie +sich nicht rührt, fühlt sie im Blut; was sie opfert, +erhebt sie. Sie nimmt etwas auf sich, während ihr +Auge dunkel wird. Sie bleibt immer stehen, sieht ihn +zum letztenmal für immer, weiß daß dies das Höchste +ist. Er biegt um einen Wagen, betrachtet einen +Erker, geht über die Straße, ist verdeckt. Taucht auf +zwischen hellen Mützen, dann dreht er ab. Mit einer +unnachahmlichen Bewegung des Halses zieht sie die +Linie nach, als er um die Ecke geht. Dann ist es +vorbei. +</p> + +<p class="tb"> </p> +<!-- page 147 --> + +<p>Sie stellte den Fuß in die Schnur des Vogelbauer +und hörte zu. Zuckte die Achseln. Sie wollte nicht. +Als Lewinsky sie bedrängte, drehte sie um, ihre Ringe +klirrten. Die Karte der Florath wies sie ab. Sollte +sie am Neid der Wolfsaugen sehen, wie sehr diese sie +fürchtete? Vom Tisch entfernten sich Bücher und +Rollen. Mit diesem Tag verschwand das all. Einen +Augenblick kreuzten sich ihre Blicke mit denen des +Fräulein. Ein rascher Blick suchte in ihren Wärme, +klatschte ab. Daisys Augen wurden schmaler, visierten +die Schleife ihres Schuhs. Dann frug sie, das Fräulein +stammelte. Ging hinaus, kam wieder, legte ein +Blatt auf den Tisch. Es war Dienstag. Daisy schrieb +einen Brief. Dann legte sie das Blatt der Gouvernante +beiseite, hob es wieder, als röche sie daran. +Ging hinaus in den Garten. Donnerstag früh kam +Le Beau. Am Abend besuchte er sie wieder. Als er ging, +löste sich ein Schatten im Garten, er pfiff. Der +Schatten bewegte sich hinter ihm. Freitag brachte er +sie aus dem Theater, half beim Aussteigen, steckte den +Schlüssel ins Gartentor. Als sie sich umdrehte im +weißen bauschigen Mantel, küßte er sie mitten in die +Brust. Er machte dabei einen kleinen Schrei, sein +langer, katzenhaft geschnellter Körper riß ihren mit allen +Muskeln in seinen hinein. Der Nebel dampfte um +sie, abenteuerlich durchschwammen Gebüsche den Laternenschein +des Wagens. Langsam und wild wogte ihr +<!-- page 148 --> +Leib gegen seinen, sie seufzte, schrie ein wenig, aber +heiser. Auf dem Parkweg lag Dunkel. „Ich bekam +heute deinen Brief“, flüsterte Le Beau. Sie verstand +ihn nicht. Er war durch Zufall gekommen . . . Er +wies auf den Schatten, Moki. Er hatte ihn hergegeben, +selbst Fribaurt, sich schüttelnd zwar, aber er war +so nie ohne Tip von ihr. Sie schloß die Lider, sah +doppelt, schwankte, warf sich über ihn, zog mit den +zarten Schultern den Kopf herunter, fand seinen Mund, +öffnete ihn. +</p> + +<p>Nachts sah sie, im Traum, einen Mann. Der +kam aus einer engelhaften Beleuchtung. Trat heraus, +machte eine Bewegung, die ihr wehtat, aus dem Herz +was herausriß. Es ward leer in ihr, Traurigkeit +schwemmte sich hoch. Sie fing im Schlaf an zu weinen. +Er sah sie zornig an, sie ertrug diesen Blick nicht. Er +sah aus gleich einem Skandinaven, gescheitelt, blond, +mit einer jungen gefurchten Stirn. Es fehlte nicht viel, +er ähnelte Symes. Das machte ihr sofort Ruhe, sie +schlief weiter, wachte aber über Tränen auf. Le Beau +lag neben ihr. Ihre Hand an seinem Mund. Er +streichelte ihr Knie, den Muskel des Schenkels, der +sich straffte, als sie das Bein aufstellte. Er küßte ihre +lange braune Hand. Küßte jeden Zwischenraum der +Finger, hing an jeder Hautphase, sog sie an, als +stürbe er mit ihr, löste sich kaum von der Pore hier, +der Pore da. Küßte Kreise um die Gelenke, legte den +<!-- page 149 --> +Knöchel wunderbar damit frei, umflutete ihn mit den +Lippen, empfing ihn dann im Mund köstlich und rasend +erregt. Wo sie Flaum hatte, blieb er, es strich seine +Haut, er atmete schwer, flocht ihn um den Finger. +Über den Leib glitt die Hand hoch, machte die Schwebung +mit, die unerklärlich schön hinauflief, blieb an +den zärtlichen Hügeln. Berührte wirbelnd mit dem +kleinen Finger die Warze, sie spürte die Zunge. Das +Zittern nahm ihr den Atem, sie stieß die Luft fest aus, +und nun kam ihr Leib an seinen, entgegengeflogen, die +aufgelösten Gelenke suchten Schutz an seinen. Ihr +Blick brach, sie sah nur noch sein Bild unter dem Lid. +„Sprich“, flüsterte sie. Es war zuviel. Er schwieg. +Die Lippen trafen sich, bleich, wortlos. Sein Körper, +ohne viel Fleisch und groß hingelegt, wie ein Römer, +spielte auch in der Ekstase achtungsvoll mit, ward +lasterhaft und verehrte zugleich. Die Küsse reizten sie +langsam, wie er sie setzte. Sie verlor die Besinnung, +blieb länger unter dem Bewußtsein, als er wollte, er +küßte sie wieder heraus, preßte den Zahn in die Weiche, +sog und fuhr mit der Hand die Rückenwirbel herab. +Sie stürzte höher ins Unerträgliche: „Mehr“. Sein +Kopf glühte zwischen ihren Knien. Seine Hände suchten +ihren Rücken herunter, hielten das schmale Becken hoch. +Ihre Haut ward nicht feucht, glättete sich unter den +Umarmungen, dehnte sich so, daß er daran glitt wie an +einer Frucht. Sie wimmerte nur noch, die Lenden +<!-- page 150 --> +zuckten. Da nahm er die Sehnsucht von ihr. Sie lag +dann still, nur manchmal erschüttert von Schauern, +die abflogen. Das Silber der Bürsten, der Draht der +Ampel kamen in die Glückseligkeit. Die Vögel der +Tapete musizierten paradiesisch durch die Seide, sie +lächelte, drehte seinen Kopf dahin und streckte Wange +an Wange, die Hände danach aus. Er flocht seine +Kragenspange in ihren Flaum. Langsam begann er +entzückte Dinge. Sagte über ihre Brust Vergleiche. +Die schwarze kleine Warze der braunen Brust entflammte +ihn wieder. Sie lauschte atemlos. Er erbebte +unter seinen Worten, seine Hände entzündeten sich daran. +So nahm er ihr Kinn, ihr Knie und genoß es mit +den Augen, mit den Fingern. Durch die Dämmerung +griff er aus der Schale eine der drei Kugeln, rollte +sie über die Wade, die Bucht an der Lende, zwischen +der Brust bis an das Ohr. Von da führte er es an +den Mund, sie schluckte die Kugel. Er grub sie mit +der Zunge heraus, küßte sie, steckte sie in die Tasche +seines Pyjama. Der Wind warf die Gardine ein +wenig auf, der Wind kam herein, malte dunkle rote +Schatten auf die Bronzehaut. Sie erzitterte. Die +Frauen ihres Geschlechts hatten die Steine alle vor +ihr getragen, es gab eine Lücke im Hirn. Da kam +seine Hand, suchte, liebkoste. Sie fiel zurück, stöhnend. +Die Hand gewöhnte sich an eine Stelle des Fußes, +strich weiter, blieb in der Mitte des Körpers. Die +<!-- page 151 --> +schlanken Hüften erbebten, hoben sich ein wenig. Ihm +entgegen. Die Welle ging über sie. +</p> + +<p>Ein einzelner Baum stand wie Glas im Sternlicht, +dann aber schwellte eine helle Flut heran. Sie zog +den Kimono um den Hals fest. Die Terrasse bog sich +mit den Stufen entgegen, krampfte sich unter dem Licht, +was herauftrieb. Nun fiel das Tor zu. Sie schwenkte +die Ampel noch einmal. Ging zurück, warf ihm eine +Klavierwelle nach. +</p> + +<p>Die Sonne ging höher. Die Untergrundbahn rollte +durch schmale Korridore. Sie empfand Le Beau durch +die Körper, die sich zwischen sie keilten. Die Schienen +gleißten stahlweiß, verschwanden. Die Türen knallten. +Die Körper standen reglos aneinander gebäumt. Da +sah sie in Stefans Gesicht. Er grüßte mit den Augen. +Sie hörte seine rauhe Stimme gedämpft reden, aber +es war zu weit, sie verstand sie nicht. Rückte gequält +den Kopf zur Seite. Wie ein Vogel. Magnetisch +wie eine Viper holte er ihn herum. Er hatte einen +Koffer, einen Mantel, die Stirn flackerte. Er machte +Zeichen. Sie verstand sie nicht. Die Station kam. +Nun wuchs sein Kinn, strebte auf sie zu. Es gab +keine Hemmung, der Gartenabend hatte ihr Leben +irgendwie gebunden, aneinandergelegt. „Geben Sie . . . +Geld.“ Sie nestelte an der Tasche, drängte sie +gegen ihn, er faßte sie. Der Wagen hielt an, Er +brach sich die Schulter frei, der Ruck warf ihn brutal +<!-- page 152 --> +herüber. Nahm es mit allem auf. Ein Mann stand +noch zwischen ihnen. Rasch: „Leben Sie wohl!“ Sie +ward verwirrt über ihre Kühnheit. Im Vorübergehen +hörte sie seine Stimme, aber entfernt: „Es geht eben +schlecht. Ich sehe Sie wieder.“ Als der Zug anfuhr, +sah sie durch die Scheibe, daß er, draus auf dem +Perron vorwärts strebend, bleich war. Er sauste ab. +Hinunter. Le Beau riß es hoch zu ihr. Sie zuckte +ein wenig die Achseln. Ihr Ohr vergaß aber nicht, +was der andere gesagt, ihr Auge nicht, wie entfärbt +er war. Dann drehte sie sich herum, glitt auf Claudius +zu, es war leer geworden. +</p> + +<p>Er brachte ihr Katzen, sie behielt eine. Sie spielte +mit ihr im Garten. Zog einen Strich, rief, sie sprangen +beide über das Hyazinthenbeet. Drüben, im Sprung, +fing sie das Tier wieder auf. Es legte sich an ihre linke +Brust, hielt sich mit den Pfoten am Schlüsselbein und +reckte sich in die Kurve der Weiche. „Anjá“, rief sie, fuhr +mit der Hand blitzschnell gegen den Strich durch das elektrisch +aufschäumende Fell. Das Tier bäumte den Rücken, +daß Vorder- und Hinterfüße nebeneinander standen, sah +in die Luft, mit gerecktem Schweif. Laue Schatten +lagen um die rostbraun fallende Sonne, Raben standen +zwischen unruhvoll blauen Wolken. +</p> + +<p>Anjá sprang auf die Schulter, von dort in einen +Baum. Gegen jeden außer Daisy ward sie feindlich. +Sie tauchte auf, sprang, man sah sie nicht. Steckte +<!-- page 153 --> +den Kopf in den Lichtschein um ihr Haar, legte die +Schnauze auf den Brustansatz. Aus dem Horizont +kamen schwarze Punkte, ruderten herauf, begannen rauh +zu schreien. Daisy gähnte, hielt Anjá nieder, daß sie +nicht fauche, die auf ihrer Hüfte sonnte. Le Beau +stand vor ihnen. Ein Hauch schoß in ihre Haut. Sie +sprang auf, gab ihm rasch die Katze hinüber, gab ihm +das Warme, das das Tier von ihrer Lende noch an +sich trug. Die Nüstern schwebten nach außen. Anjá +sprang zurück. Sie sah sie bös an, warf sie zurück +an Le Beaus Brust. Das laue faule Treiben der +Natur um sie, das scholl und geschah und sie umkreiste, +schwang ab. In den Kreis war Blut getreten, ihre +Schulter hing untrennbar an der Le Beaus. +</p> + +<p>Mittags querte sie einen Platz, kein Mensch ging +durch die Glut, dünne Bäume wagten keinen Schatten, +ausgedörrt, elend, daß Hunde nicht einmal sie näßten. +Der Kies und Sand flimmerte trocken und müd. +Plötzlich sah sie eine Figur, ein Gesicht. Es schien +auf sie zuzugehen, ja fast in sie hinein. Sie wich aus. +Sah sich um, in der Mitte des Platzes ging eine +Frau, sonst niemand, da kam der Mann wieder auf +sie zu aus der anderen Richtung, ging an ihr vorbei. +Sie sah ihm nach. Langsam, den Kopf gesenkt, schritt +er auf die Bäume zu, er hatte sie nicht gesehen. Es +war das Gesicht des Traums. Ihre Augen drückten +sie, als seien sie von Blut überfüllt. Sie stieß den +<!-- page 154 --> +dünnen Stock in den Sand und sah rasch auf. Der +Mann war echt. Ihr Schreck hatte ihr eine Vision +gegeben. Sie zuckte die Achseln, spürte die Müdigkeit, +die voll und groß abschwemmt, von der Nacht her. +Schlief ein den Abend, aber im Augenblick, wo der +Schlaf den Halbtraum abtrennt und hinunterreißt, +standen die Augen des Skandinaven über ihr, quälten +sie. +</p> + +<p>In der Dämmerung wachte sie auf. Die Vorhänge +bogen sich auseinander. Le Beaus Kopf, sein Knie +standen in der Morgenleuchte, er lachte, sprang herein. +Er näherte sich ihrem Bett. Sie zitterte unter der +frischen Luft. Er kam geschmeidig über den Teppich. +Sie zog die Beine herauf bis unter die Brust. Aus +seinem Mund kam so viel Frische und um die Raubtierzähne +lag das Rosa des Fleisches so fruchtreif, duftend +und voll schönem Saft, daß sie daran alles vergaß. +Er hob sie mit den Kissen auf, schwebte sie +schaukelnd hin und her, setzte sie auf den Diwan: +„Sie werden auf die Zofe verzichten müssen.“ Er +schloß das Strumpfband an ihr Korsett. +</p> + +<p>„Was ist?“, frug Daisy, in Strümpfen und einem +Beinkleid, das großfaltig mit dünnen zahlreichen Plissees +ihre schmalen Hüften umzischte. Sie bürstete das Haar +zurück, die Muskeln liefen aus dem Arm in den +Rücken mit einer Kraft und Grazie wie Meer. Er +hob den Mund in die freie Achselhöhle. +</p> +<!-- page 155 --> + +<p>„Auch auf das Bad.“ Er lächelte und stieß den +Löffel in den Schuh. Er pfiff leise vor sich hin, suchte +im Boudoir den kleinen Koffer, wählte in ihren +Strümpfen, Dessous, warf zwei Necessaires hinein. +Der Geruch der aufgewühlten Sachen erfüllte das +Zimmer. „Wohin?“, frug sie ratlos, von innen lachend. +Er schob Schubladen zu mit dem Knie, besah sich im +Spiegel, riß sie an sich: „Du wirst es jede halbe +Stunde dem Chauffeur sagen.“ Alles gepackt. Er gab +den Koffer durchs Fenster. Eine Hand faßte ihn draußen, +während Daisy die Nägel einrieb. Vögel schlugen +herein, immer lauter, zogen sich an Rufen höher, immer +andere fielen ein, kreisten auf. Büsche dufteten herüber, +herein mit einer Gewalt und Hingabe, daß sie stehen +blieb, ergriffen, gehalten. Sie sah um auf der Terrasse, +das Gitter, die Päonien. Sie faßte den Schaukelstuhl. +Verweilte auf dem Tisch, dem Springbrunn, der Flosse +eines Goldfischs. Le Beaus Arme faßten unter ihre +Kniekehlen, der Schwung in die Luft riß sie los. +Nun fing er an zu laufen, schrie wieder etwas, mit +großen Sätzen, sprang in den Wagen. Unter den +tutenden Raubvogelrufen der Hupe brach wie ein gläsernes +Gebäude die Stille, das Haus, der Park mit +einem Ruck entzwei. +</p> + +<p class="tb"> </p> +<!-- page 156 --> + +<p>Sie schwankte, schmiegte sich in die Atmosphäre, +reckte sich, faßte Fuß. Wirkung ging von ihr aus. +Ihre Wünsche erfüllten sich, eh sie sie dachte. Die +Inbrunst einer Blutwelle hüllte sie ein, verließ sie nie. +So stieß sie an alles, durch die Wolke verhüllt. Die +Lippen hochrot, die Finger voll Gestein, fuhr sie auf +der Rue de Rivoli. Sie hatte den Hauterfolg. Trotz +dunkler Tönung war sie durchsichtiger als die französische, +schimmerte weiß auf Silber. Zwischen alten +Tapeten, in Musik, bei den gepflegtesten Frauen fiel +ihre Bewegung, selbst wenn sie den Finger nur hob, +den Fuß umrückte, wild heraus, schlug ein, machte sie +zur Mitte, lenkte das andere ab, schob alles gegen sie. +Es verwirrte am Anfang sie etwas. Doch schloß die +Welle sie ab. Sie hatte nur Klang und Richtung +nach Einem. Es genügte. Gab der große Schneider, +während Ballen vor ihr sich häuften . . . Manekins +paradierten, um ihren ermüdeten Blick zu erfrischen, +durchs Fenster im Parkschatten das Bild eines tanzenden +<a id="corr-6"></a>Balletts, erstaunte sie nichts mehr, es glitt ab. Vorüber +strich es, neigten sich Akteure bedeutenden Namens, +Dichter ihr, selbst d’Annunzios Nelke. Es ging durch +sie, wenn Frauen heiße Blicke warfen. Es blieb nur +Kälte und Hochmut, lehnten die Herren an der Brüstung, +sagten Eitelkeiten in die Loge, hatten aber hinter dem +Blick, flüsterten innen kaum verhehlt: bichette, loulou, +ma crotte en or. Le Beau umspannte ihren Horizont +<!-- page 157 --> +mit hartnäckiger Leidenschaft, erfüllte das Erdenkbarste +für ihren Körper, jede Möglichkeit ihrem Geist. +Zofen im Korridor, Wagen, Diener standen dressiert +auf ihren Blick, ihre Hand, ihre Haut. Seine Nerven +lauerten auf die Ahnung eines Wechsels, heut stürzte +er in die bunte Pfauflamme der Folies Bergères, +morgen sah sie steifstes klassisches Theater, am Abend +fuhren sie vorn auf dem Seinedampfer in Geruch von +Bäumen und Wassernacht. Stieß etwas aus ihr +gegen die Welt, stieß es auf Le Beau. Es gab keine +unvereinigte Sekunde. Im Musée Cluny begeisterte +sie sich an alten Spitzen. Sie besaß sie am folgenden +Morgen. +</p> + +<p>Sie kleidete sich an im Boudoir: „Es reizt mich +nicht, wenn Sie Ihr Vermögen verschwenden . . . noch +weniger aber, wenn Sie sich exponieren. Polizei ist +mir widerlich.“ Er erbleichte ein wenig. „Es geschieht +nicht Ihretwegen“, sagte er höflich. „Es ist +eine Leidenschaft.“ +</p> + +<p>Er griff in die Tasche, sein großer Körper funkelte +in drei Spiegeln, das rote Haar war ein wenig in +die Stirn gestrichen. Er gab ihr Briefe an sie, die +auf verdächtige Weise kamen. Sie legte sie ihm +vor, zurück, errötet vor Zorn, der seidene Unterrock +umglockte sie, als sie sich bog. Er lachte. Das +Haus ward Mitte von Versuchung. Sie gaben sich +Handikap darum. Wo Daisy auftauchte, geschah +<!-- page 158 --> +ein Start. Breschen wurden versucht, leichte Minen +gelegt. Le Beau suchte man zu übersehen. Er lächelte. +Sie spürte es kaum. Ward es aufdringlich, schürzte +sie den Mund ein wenig, ging darüber. Ihre Wirkung +ward aufreizend; tauchte sie auf, war sie Zentrum, +schloß um den Kreis, sich angliedernd, immer weiteres +Herströmen. Vor der Oper fuhr mit rascher Biegung +vor ihren Wagen ein fremder. Hände streckten sich +ihr entgegen. Le Beau riß sie zurück. Nun trug er +eine Falte, spürte Gefahr, streckte sich in eine wunderbare +Abwehr. Es begeisterte sie, wie er Witterung +nahm, ohne daß sie begriff, was vorging. Sie ruhte +nur nach ihm hin. Als er bei ihr war, nachts, rief +er etwas, sprang hoch und schoß durch das Fenster. +Am Nachmittag, als er den Korridor querte, fing ein +Diener an zu zittern, verbarg etwas, sank gegen die +Wand. Er untersuchte nichts, hatte genug. Wartete +nicht mehr. +</p> + +<p>Er löschte alle Lichter, ließ die Bedienung für den +Abend ausgehn, veränderte sich, gab Daisy die Kleider +einer kleinen Mimi, sich selbst die abgelegte Eleganz +eines Alphonse. Durch den Garten aus dem Haus, +im Boulevard tauchten sie unter. Wagen rollten, sie +sprangen heraus, nahmen andere. Straßen schäumten +auf, fielen donnernd zurück, Schatten bog sie in Parkviertel, +Schleifen von Laternenstraßen schwangen vor +ihnen stumm hinaus gegen das Ende. Sie griff nach +<!-- page 159 --> +seiner Hand, begriff plötzlich, wie es um sie herum sich +sammelte. Nichts Freund war, nur Jagd. Aus der +Weite, dem rotumhängten Horizont sammelte sich alles +in sie zurück, verweilte eine Minute und schenkte sich +ihm ganz hinein, wie nie. Als Reisende aus Tiflis +bewohnten sie den Mont Martre, als kleine Juden +zogen sie zur Concorde. Ein chilenischer Politiker führte +im lateinischen Viertel sein Knie unterm Tisch an +ihren Schenkel, zog es rasch zurück, winkte mit den +Brauen, flüsterte mit seinem Nachbar. Um ihn lag +eine Sinnlichkeit aufgespart, wie nur Weiber sie dicht +an die Haut, an den Atem gebunden tragen. Erstaunt, +abgelenkt einen Augenblick streifte sie ihn. Da +öffnete sich der Mund, bebte mit den Lippen: „Zwei +Uhr.“ Das Blut wallte in ihren Hals, in ihren Kopf. +</p> + +<p>Nachts klirrte die Klinke, Le Beau ging dem Geräusch +nach, auf nackten Sohlen entflog ein Umriß. +Sie lockte ihn zurück. Aber er folgte, hatte endlich +eine Spur, setzte auf diese Nummer, lief einer Figur +nach im spitzen Hut, die am Boulevard bald hochschwamm, +bald untertauchte. Daisy wachte. Schon +drang das Licht vom Haus ab, ergriff in einer weichen +Spirale Notre Dame. Die silberne Brust schwankte, +die Rippen starr gebläht wie von Glas trieb die Kathedrale +in die Mondwelle, glänzte mit Porzellan aus +allen Fenstern und schwebte. Bald auch waren die +Türme eingelullt. Das Licht stieg weiter, ergriff die +<!-- page 160 --> +Seine, das breite Flußband schwang am Horizont +hinauf und Kähne liefen gegen die Sternbilder hin. +Dann fiel das Licht in einen Park und hatte es mit +den Bäumen, fiel kurz darauf gegen das Haus. Es +ward fast weiß. Die Gurte der Balkone herunter von +einem entfernten Haus her, wo die Linien der Eisenschnüre +schon fast zusammentrafen in einem spitzen +Winkel, kam ein weißer Ballen, geschnellt, gesprungen. +Es schlug zwei Uhr. Er tauchte in Mauerschatten, +schwang ins Licht, überkletterte Barrikaden, klammerte +sich an die Hausfront. Das Licht hob ihn, spülte +ihn herüber, er war am dritten Haus. Von unten +stieg es herauf, der Schritt Le Beaus hielt vor der +Tür. Er kam, die Stirn mit der Hand umklammert. +Ein Sandsack hatte ihn in einer Torflucht, in die er +folgte, zusammengeschlagen. Nach der Ohnmacht kehrte +er sofort zurück, sie hatte nur zwei Sekunden gedauert, +denn im Augenblick des Schlags wußte er, er müsse +zurück. „Du mußtest zurück,“ flüsterte sie mit geschlossenen +Augen, die Angst um ihn stieß sie gegen +ihn hin. Sie umschloß seinen Nacken, trat mit ihm +auf den Balkon, flüsterte seinen Namen in die Nacht, +besinnungslos: „Chéri . . . doudou . . .“, umwärmte ihn +mit ihrem Körper, liebkoste sein Ohr, seinen Mund. +</p> + +<p>Ein weißer Ballen bäumte zurück am Nachbarbalkon. +Durch die halboffenen Lider sah sie gehetzt +vom Teufel eine Figur im Nachtweiß zurückfliehen. +<!-- page 161 --> +Zerrissen in der Balkonecke lag ein Tuch, von Speichel +feucht. Sie trug es hinein. +</p> + +<p>Sie konzentrierte alles auf Flucht. Er widerstand, +schon halb in neuer Ohnmacht. Die Zähne entblösten +sich gierig, er war im Kampf, blieb auf dem Posten. +Sie streichelte ihn: er stand nicht auf. Sie frug, +was er mehr liebe, seine Eitelkeit gegen Gefahr oder +sie, Daisy. Schmollte mit dem Mund und lächelte, +und lauschte, während sie überredete, auf jedes Geräusch. +Sein Blick fiel in den Spiegel, blieb am Bild seiner +Kopfkompresse, schüttelte fiebrig den Kopf. Sie bat. +Sie befahl. Unter dem Ton zuckte er zusammen, +durchschaute den Klang, wehrte ab: „Kein Mitleid“. +Je tapfrer er sich wehrte, wuchs in ihr das feste Ziel: +ihn in Sicherheit zu wissen, das andere all war Abgrund. +Sie drehte den Plan um, kam mit List, +während er fasziniert vor sich hinsah. Sie lockte ihn +weg von seiner Fechterei. Sprach von seinem Haus, +dem Park, den Zimmern. Sprach, wie alles zerfließe, +die Jagd ihr Ruhe nehme und Freude, wie sie in +Sehnsucht ihr Leben sich anders gedacht. Wo sie +froh gewesen, ihm entgegengereist, sei dort gewesen. +Sie sah in ihren Schoß. Er nickte langsam, schwer +überzeugt. +</p> + +<p>Sie wartete eine Stunde, verriet ihre Erfolgfreude +nicht. In seinem Haus war wenigstens ein Wechsel +des Orts, parierte Gefahr. Sie fuhren dann Place +<!-- page 162 --> +St. Michel, nahmen den Métro, erreichten Mont +Parnasse, fuhren umsteigend zur Etoile, nahmen einen +antrabenden Fiaker, stiegen irgendwo aus in einer Gasse, +deren Dunkel sie selbst unbekannt umschwirrte, liefen, +an den Händen gefaßt, in den Schattenbogen, drangen +in ihn ein so tief, daß hinter ihnen nichts blieb, alles +zurückfiel, nicht die Idee einer Verfolgung in der Luft +hing. Vor einer Taverne standen Wagen. Bis +dorthin hielt Le Beau sich. Vorm Einsteigen schwankte +er wieder. Sie legte, während die Gassen, Straßen +zurückblieben, in das Schwindelgewoge um ihn den +Körper, die Hand in sein Gesicht, ihren Mund an +sein Ohr: „Ich bin bei dir.“ Voll, scharf umrissen +kam sein Gesicht ihrem entgegen. +</p> + +<p>Über die Dienertreppe stieg sie zum zweitenmal ins +Haus des, der sie zuerst aufgebrochen. Ihr Blut +suchte ihn sofort. Hier lebten sie nun. Niemand +wußte es, es drang nicht nach außen. Ein alter Arzt +behandelte ihn von der Erschütterung. Sie wartete, +bis dies vorüber war, dann lockte sie jeder Platz, selbst +der fernste, denn dort war Sicherheit. Aber als selbst +der Siebzigjährige beim Untersuchen eine Schmeichelei +hatte für ihren Arm, brach sie in Weinen aus, verließ +das Zimmer, warf sich auf ihren Diwan, schloß +ab, öffnete nicht vorm Abend. Maß sich die Schuld +zu, ihrer Haut, dem Wuchs, dem Duft ihres Haares, +daß Le Beau leide. Denn um ihretwillen zog er sich +<!-- page 163 --> +Feinde, erlitt er Angriff. Sie spürte, so lange sie da +sei, schiebe sich dies und dies zwischen ihn und sie und +bohre ihn weg, weil sie auffiel, weil sie reizte. Er aber +trat ein, faßte das überall an, sagte: „Liebe ich das +nicht, warum verletzt du es?“ +</p> + +<p>Sie traten in die Parklauben, der Sommerduft +strich darin herum, sie blieb stehen, an der Stirn getroffen, +machte die Augen zu, küßte ihn besinnungslos. +Gewärtig eines Überfalls hielt sie den Kuß an bis +zum Ersticken, sah lauschende Köpfe aus dem Rosenbeet +kommen, Leitern nachts gegen die Wand sich +stellen. Von der Silberkugel zwischen den Staketen, +wogte aus der Metalltiefe Zwielichtiges, Schatten, +gedämpftes Ungeheures heran, gegen sie. Dies drängte +ihr Leben zusammen, zielte es in einer unbekannten Verdichtung +gegen ihn allein. Bleich vor Erregung strömte +sie ihre Seele mit der Zunge in seinen Mund. Dachte +nicht, selbst nie im Halbtraum, der fremde, sehnsüchtige +Glieder formt, an andere Männer, ja haßte sie, +wurden sie aufdringlich deutlich in der Phantasie. Die +geschmeidige Stoßkraft seines Körpers gab ihr jede +Seligkeit, die ihr Körper verlangte. Er trieb sie höher +noch, als sie vermochte, schleifte sie in die letzte Wollust, +schon besinnungslos. Oft lag sie über seinem Gesicht +nachts, bog die Haare ihm aus der Stirn, lauschte, +ob sie sein Traum sei. Legte die Hand auf sein Herz +und zog mit dem Finger ihren Namen auf die Haut +<!-- page 164 --> +der Grube. Ging er von ihr, nur in das nächste +Zimmer, war ihr, es sei für immer. An ihrer Angst +wuchs ihre Liebe höher, weiter, als sie von ihm empfand. +Er gesundete, war gefährdeter, je mehr er sich bewegte. +Mit jedem Tag ward ihr Auge größer, erwartender, +eingestellter auf Unheil. Er aber blieb gleich, umschürfte +ihr Fleisch mit Witterung, griff an, quälte +sie, liebte sie ohne Änderung, ein Marder, ein edles +Tier, voll Geist, der nie die Beherrschung verlor, nie +mit ihr sich traf in einer Höhe, die nur die übersinnliche +wahnsinnige Angst ihrer Seele erreichte. Da +blieb das Männliche zurück, sank zurück, wenn er sich +ihr ergossen, flog nicht zu dem erlösenden Wort, das +ihr Mut gab jenseits der Umschlingung der Körper. +Während sie sich noch auftat, ihm entgegenatmete, +durch seine Umarmung das Hemmungslose durchbrach +und aufgeschleudert flog in eine leiblose Ergriffenheit, +spürte sie unter wütenden Küssen das Zurückgleitende, +Fremde an ihm, das, was sich nicht gab: <i>den Mann</i>. +Sie schlug verschleiert die schräg gebrochenen Augen +auf: „Du mußt mich mehr lieben.“ Schmeichelnd +umwand sein Körper sie wieder, sein Geist begleitete +seine Hände, gab ihnen Linde und glatte Bewegung, +sagte ihr Worte der Liebe, toll, ausschweifender, als +ihr Hirn es träumte, machte sie hingeflossen, in jeder +Blutfaser geöffnet nach seinem Angriff — er trieb sie +in den Abgrund, erhob sie aus den kleinen Seufzern +<!-- page 165 --> +und Stammeln zu Geschrei, bis ihr Kopf besinnungslos +ward . . . aber erwachend spürte sie unsinnige Angst +um ihn, daß sein Herz das letzte Zerschmelzen kühle, +und empfand verzweifelt, was er nicht zu geben vermochte, +was fehlte, und daß sie ihn darum auch lieben +mußte, mehr als er sie. +</p> + +<p>Nachts kam er spät zurück. Zwei Arme fielen in +der Pergola um seinen Nacken, eine Stimme, die kaum +sprechen konnte, flüsterte seinen Namen. Zugleich strömte +der Weiße-Flieder-Duft mit einem Hauch herunter, Dolden +bebten am Parktor nieder und berührten ihre Gesichter. +„Lieber“, atmete sie. Er hob ihr Gesicht ins +Helle. Da hing es, nur sammelnd und aufnehmend, +was sie erwartete, was auch kam. In den Tränen, die +es übergossen, sah er mehr, als was sie bot. Es leuchtete +tief in der Stunde und seinem guten Willen kam +es entgegen herauf und er spürte ihr Warten, ihre +Angst, die sie verschwieg. Sie hatte die halbe Nacht +am Tor gewartet. In eins zerflossen gingen sie hinein. +Weich von den Tränen und gerührt von seiner Milde +mahnte sie sein Versprechen zum erstenmal die Nacht. +Er spürte, wie schwer es ihr ward. Stand auf, hingegeben +an solche Innigkeit, schob den Hochmut beiseite, +brachte aus dem Nachtblau gelb aufflimmernd +vom Fenster den Globus, legte ihn in ihren Schoß, +brachte den lauen Blütenwind mit in ihr Bett: „Was +willst du?“, frug er und bot ihr jeden Fleck, den sie +<!-- page 166 --> +benennen wollte mit dem Fingernagel. Dorthin führen +sie morgen. Schon der Sonnenaufgang hieß Abreise, +schon der Mittag Sicherheit. Ihre Liebe stieg aufs +Äußerste. Sie verschmähte es. +</p> + +<p>Sie wählte nicht, nahm nicht. Sie schenkte ihm +ihre Angst. Verzichtete auf die Ruhe, um zu leiden für +ihre Liebe. Es war das Höchste. Unverlierbar nahm +ihn ihr Auge; als sie ihm die Kugel zurückgab: „Ich +will es nicht“, sagte sie, ihre Stimme trug keinen Laut +mehr vor Verwebtheit. Legte sich zurück, unter ihm +kaum mehr lebend, der über sie kam mit ungekannter +Leidenschaft und grausamen Lippen. Was blieb noch, +konnte noch kommen? Entzücken selbst der Tod. +</p> + +<p>Tage, Wochen kamen, gingen in der Erwartung. +Sie lauerte auf eine Gefahr, die nicht kam. Manchmal +glaubte sie sie nah, gewiß, schon im Vorsaal. Das +stieg und fiel mit den Graden der Hingebung, die sie +dem Mann verband. Manchmal, wenn sie ihm ferner +war in ihrer Blutwoche, vergaß sie es, schrak aber +dann zurück. Da die Wochen aber leer waren, ermüdete +sich die Spannung, ihre Augen wurden beruhigter, +matter. Menschen streiften das Haus, sie mischten sich +an die ersten Vorposten heran, es ging ohne Zwischenfall. +Ihr Name mit seinem hatte schon Patina in der +Verschmelzung, keinen hörte man allein. Man achtete, +nahm hin, was hier fest vereint schien, etwas resigniert, +ein wenig gelangweilt. Es war ihnen fern schon, +<!-- page 167 --> +gegründet, kein Raub mehr. Nichts geschah. Kein +Schrei, keine Hand gehoben zu ihrer Entführung. Niemand +warf sich in Abenteuer. Die Lust umschlich sie +kühl. Sie ermüdete mit einemmal. Aber Le Beau +federte die Sicherheit erst recht, gab ihm knabenhafte +Wildheit. Das Raubtierhafte, das verteidigte und lauerte, +spielte nun mit dem Gefühl, tollte darin, daß er sie +hatte. Allein der Bogen der Angst war zusammengewachsen +mit ihrer Liebe. Es löste sich nicht ohne +Lockerung auf dem Grund des Gefühls. +</p> + +<p>Sie ging spazieren, allein, ruderte einmal am Bois, +ritt hin und wieder. Als ihre Schenkel den Gaul +erstmals fühlten, traf sich ihr Herzschlag mit Entferntem, +sie, wußte nicht mit was, war es ein Schwan im +Uferduft, eine Mispel in der Pappelkrone, ein Auto, +das den Horizont anrannte. Sie kam anders zurück. +Als sie die Bibliothek kreuzte, wich ein bohnender +Arbeiter aus, glitt ab, stürzte hinter ihr aufs Parkett, +wobei er sich an ihrem Ärmel instinktiv hielt. Aufschreiend +blieb sie zitternd an der Wand. Am Mittag +in der Sonne lachte sie über die plötzliche Furcht, aber +die komische Bewegung der Abwehr, die sie gesehen, +verbreitete sich, machte sie düster, schweigsam. Ihre +Liebe gliederte sich darin. Der Überschwang kehrte zurück. +Der Schwung dämpfte sich. Was sie aus der +innersten Tiefe gehoben, gefürchtet, die Angst und die +Sorge, standen allein, kühl entfernt, die äußerste Spitze +<!-- page 168 --> +des, was sie durchlebt, war nichts, ein Betrug. Sie +tötete diesen Gedanken und lächelte. Aber wartete nicht +mehr in die Ferne, zitterte nicht mehr um ihn, wenn +er ging und kam. Ein Gleichgewicht kam. Sie reisten. +</p> + +<p>Er frug nach Plänen, Wünschen, lauschte auf Ungesagtes, +was ihr selbst nicht bewußt war, verwöhnte sie +namenlos. Dirigierte die Reise, zeigte ihr kaleidoskopisch, +kennerisch, abwechselnd, Wirkungen vertauschend, +untermalend das Hauchdünne, verwischend das Grobe, +die Schichtung der Welt, die man einsog, bewunderte, +genoß. Suchte nach Flüssen, die im Rauschen ihr genehm, +Wälder, deren Schattenfall ihrer Lunge lieb +waren, Ebenen, die das Auto kielte, Gebirg, in dem +der Aufschwung mit dem Tagaufgang über die Jacken +rann. Doch einte die Landschaft sie nicht noch tiefer, +die Bilder glitten harmonisch. Wo aber die Kontraste +stiegen und rasten, gab es keinen Brennpunkt, in den +ihr Gefühl zusammenfloß, sondern sie jagten auseinander, +so dies und so das. An einem Abend sahen sie eine italienische +Oper. In der Nacht sah Daisy Le Beau im +hellen Licht neben sich. +</p> + +<p>Seine Beine wie aus Bronze spielten den Rumpf hinauf, +der den Fechter zeigte, zusammengerissener und stählerner in +der Spannung wie in den Marmorsälen die Ringer. Sein +kluger Kopf war voll Geist, auch wenn die Lider sich schlossen. +Sie sah es klar, zum erstenmal. Denn es trat in sie in +dieser Nacht, zu sehen ohne Rausch und ohne Haß. +</p> +<!-- page 169 --> + +<p>Das Licht flimmerte kühl, und es banden sich die +Enden der großen Kantilenen der Sängerin an das +Ende ihres erwachten Bewußtseins, und an der Höhe +der Kantilenen ermaß sie die Höhe des, was sie erstrebt, +erglüht, als ihre Stimme noch das Ziel war und ihre +kindliche Sehnsucht glaubte, dort sei der Ruf. Sie +drehte um. Sie sah den Körper neben sich, edel +und schön wie wenige, auch liebte sie ihn. Sie +fühlte alles, was von ihm zu ihr gekommen, Begeisterung, +Hingabe und Wollust, aber es blieb unten. +Genügte es? War es so viel, daß es sie erfüllte? Es +war, was ein Mann an Liebe ihr geben konnte, fast +mehr. Aber sie spürte wie Ziehendes, sie Beschwingendes +und Reißendes die Spitze des abends eingeatmeten +Gefühls über sich schweben, sah alles sich hinneigen +nach der Höhe, erblaßt fiel ihr Kopf zurück. +Die lange Strecke, die lag, zwischen dem, was sie erträumt +und dem was sie erreicht und besaß, traf sie +vernichtend. Lange lag sie kalt, halb schlafend. Ein +Gesicht tauchte auf, sie lächelte, es verblaßte wieder. +Lange lag sie gewiegt von Dingen, die sie streiften, nie +entfachten. Aber im langen Wachen erkannte sie unerbittlich, +wie leer ihr Zustand schwebe und daß dies +nicht sie erfülle, und wie unendlich überlegen ihr Gefühl +schon dem Augenblick geworden, in dem sie war. +</p> +<!-- page 171 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-4">Der dritte Abschnitt +</h2> +<!-- page 173 --> + +<p>Ein rotbärtiger Mann wartete. Der Vorsteher meldete +das Verbot des Zuges. Der Parlamentarier ließ +sich nicht sabotieren, stieg auf den Tender und verlangte +eine Lokomotive. Das Personal machte ihm eine Ovation, +fuhr sie heran. Es war Abend. Er redete von der +Feuerung herunter. Dann gab er ganz behutsam Daisy +die Hand, sie stieg herauf, bald waren die Lichter +hinter ihnen. Sie fuhren durch die Provinz. Durch +den Süden sprach er von Stadt zu Stadt. Dann kamen +sie quer durch die Bretagne. Ein Telegramm rief ihn +von St. Malo zurück. Wieder kamen Olivenbäume. +Jeden Tag liefen rückwärtsgeschleudert erleuchtete Säle +mit Menschenmassen zurück. Er kam aus dem Handdrücken +der Komitees direkt in den Wagen. Sie gab +ihm die Hände heraus, er stieg ein. Neue Chausseen +bäumten sich, der Mond schwankte langsam durch die +dünnen Alleebäume. Einmal küßte er ihr die Hand, +sie lachte eine Zeitlang über seine Zärtlichkeit. Sie +saß in der ersten Reihe, als in Valence er während +des Sprechens die Budjetrede aus Paris erfuhr und +eine wilde Kavalkade dagegen aufmachte. Er aß dann +<!-- page 174 --> +den ganzen Abend. Unterwegs stieg seine Wut. Abends +nahten drei Laternen, sein Geburtsort Libourne. Seine +Vettern erwarteten ihn mit den Weibern, die in Holzschuhen +von einem Bein aufs andere sprangen. Sie +staunten sie an, indem sie sich in den Taillen weit +vorneigten, die Arme auf den Rücken schlugen. Er +wurde verlegen, legte ungeschickt den Arm, daß sie fast +zusammenbrach, auf ihre Schulter. Sie lächelte mit +den Weibern, nahm sie unter den Arm. Als sie ihnen +ein Schlafzimmer zu zweit anboten, lachte sie, ging +hinaus und fuhr ins Hotel. Die Weiber klatschten +auf die Schenkel, grinsten, verhöhnten den Rotbart. +Er ging voll Wut ins Hotel, sie abzuholen, vor +ihrem Gesicht begann er die Hände zu bewegen, +als sei sie aus Glas. Er sprach kein Wort. In +der Versammlung stellte er eine Resolution auf, die +dem Budjetredner ein Wort ins Gesicht setzte, das +man nur in Libourne verstand. Die Männer stampften +wie die Ochsen und rissen die Mäuler bis gegen das +Ohr auf. Sein Cousin Louis trug es aufs Postamt. Der +Beamte weigerte sich. Da holte er den ganzen Saal, +sie steckten die Gartenhütte an, legten ihn auf den +Rücken und spritzten ihm aus einem Winzergummi +Schnaps in die Gurgel, bis er es tickte. Am Mittag +schlachtete er ein Schwein. Mit blutigen Armen stand +er breitbeinig im Hof, hob den Kopf und sah sie mit +seinen weit auseinanderliegenden Augen an, seine bloße +<!-- page 175 --> +Brust dampfte. Mittags spät saßen sie im Auto. +Er strahlte und wagte sich zum erstenmal dicht neben +sie zu setzen. Sie zog den Mund spitz, hob den +Finger und streckte ihn nach dem Polster auf der +anderen Seite. Sofort glitt er hinüber. In Toulouse +zog er den Rock aus im überfüllten Saal, lief auf +dem Podium herum und schrie wie ein Bär, er war +fast heiser, sein Publikum raste. Dem Saaldiener +schlug er in guter Laune auf den Rücken, der bekam +einen Hustenanfall, wurde auf drei Stühle gelegt, bekam +die Arme gehoben, den Bauch massiert. Sie +ärgerte sich und beachtete ihn einen Tag nicht. Sie +fuhren nach Nizza zu einer Kundgebung der italienischen +Irredentisten. Da sie nicht mit ihm sprach, räusperte er +sich nach der Uhr jede fünfte Minute. Sie sah hinaus. +Die Bläue spielte um die Äste mit einer Leichtigkeit, +als durchdrängen sie sich. Er benutzte den Augenblick, +die Hand herüber auf ihr Knie zu legen. Zornig +sah sie ihn an. Sein schwerer Nacken zog sich ein, +die schmalen Augen wurden ängstlich. Er tat ihr leid, sie +griff mit der Faust in seinen Bart, zog ihn von der +einen Seite zur anderen, schüttelte ihn und ließ ihn +fahren, er versuchte einen Griff wie nach einer Magd. +Sofort zog er sich in die Ecke zurück, fragte traurig +und kindisch: „Sie haben einen Zug um den Mund, +was ist?“ Sie lachte. Er schüttelte sich vor Behagen +und strich den Bart glatt. +</p> +<!-- page 176 --> + +<p>Vom Zug kamen sie direkt ins Theater. Ein +trentiner Dichter sprach eine Hymne an das italienische +Meer. Der Raum war mit italienischen Flaggen +geschmückt neben den französischen. Der Dichter trat +einen Augenblick in die Loge, den Parlamentarier zu +begrüßen. Ihre Blicke kreuzten sich einen Moment. +Doch der Franzose stellte ihn ihr nicht vor. Sie sah +einen Schatten von seinem Auge, als er hinausging. +Die Verse langweilten den Parlamentarier, er wurde +müde und schnarchte, aber er mußte bleiben, da er +nachher sprach. Daisy stand auf bei der zweiten Nummer, +ging leis hinaus. Sie ging durch das Foyer. Nun +schritt sie gegen einen Spiegel, sah sich, erreichte die +Treppe. Als sie den Pelz um den Hals fester zog an +der Tür, trat mit zwei großen, aber langsamen Schritten +der Dichter von dem Pfeiler. Sie nahm seinen +Wagen. +</p> + +<p>Der Frühling stieg mit sehr blauen zarten Morgenstunden +aus dem Luxembourg. An einem Abend, den +die Boulevardbäume mit einer blassen Schwermut +trugen, stiegen Ballone aus einem Hoteldach, stiegen +mit kleinen Kerzen und erleuchteten an dem Ende der +schwärmerischen Kurve den Himmel mit ihrem Namenszug. +Vor Fontainebleau machte ein Torpedoauto eine +ovale Schleife, ihr Wagen bremste und fuhr in den +Graben auf zwei schleifenden Hinterrädern. Der kleine +Spritzer hatte gedreht und verschwand hinter einer +<!-- page 177 --> +grauen Staubwand. Auf der Chaussee lag ein Strauß +Narzissen mit einer italienischen Schleife. Später +fand sie einen Brief darin. +</p> + +<p>Er kam am Morgen. Selbst sein Parfüm fragte +nach ihren Wünschen, die er erriet, daß es sie bestürzte, +denn er brachte ihr keine Geschenke, aber er +lauerte auch auf das Unbewußte jedes Reizes in ihrer +Seele. In seinen Arbeiten kam ihr mit aller Genauigkeit +dieser und jener Tag und Gedanke wieder, +nur aus der Frage zum Endgültigen geführt, entgegen. +Seine Schöpferkraft sammelte sich in Verkleidungen +um sie, er drang in das Dunkelste und Träumerischste +ihres Lebens und erregte mit der tastenden Verführung +seines Geistes. Sein Kopf war antik-haarlos, die +Augen tief und umschattet, aber der Zauber seines +Hirns verstrickte mit einer Überlegenheit, selbst wo er +bat, daß er sich aufhob. Als sie ihn nicht empfing, +sandte er ihr das Gedicht, das die Adria zur Revolte +aufrief, aus dem Theater in Nizza, um ihr zu zeigen, +daß dieser Ehrgeiz und sie das Verehrungswürdigste +seien in seinem Leben. Die Aufrichtigkeit führte sie +dicht zu ihm. +</p> + +<p>Der französische Staat ließ ihm als Gast Notre +Dame allein läuten. Er kam zu ihr: „Es war keine +Schönheit, da du fehltest.“ +</p> + +<p>Er sagte drei Stunden vor Beginn der Premiere +ab, denn Daisy lag an Grippe. Das Telephon +<!-- page 178 --> +rasselte ohne Unterlaß. Er stellte es ab. Vor dem +Zimmer stand ein Boy, der niemand einließ. +</p> + +<p>„Drei Monate Reklame . . . .“ flüsterte der eine +der Direktoren, als sie den Boy bestochen hatten, im +Salon. Er zuckte die Achseln, als sie den Tantiemensatz +um fünf in die Höhe hoben. „Acht“, sagte der andere +leis und bebend vor Wut, denn sein Gegenüber nahm +den Finger nicht von der Lippe. Daisy schellte. Er +ging hinein. Sie war aufgewacht: „Gehen Sie doch“. +Er machte eine geringschätzige Gebärde, er sagte ihr, +es läge nichts daran, denn diesen Ruhm verachte er, +es gäbe nur jenen einen, der ihn in der Öffentlichkeit +reize, und er wies auf das Gedicht, das sie auf dem +Tisch liegen hatte. Er ging leis hinaus, als sie die +Augen schloß. +</p> + +<p>„Zehne“, sagte der Direktor vom Fenster her, wo +er mit den Nägeln das Glas zum Zittern brachte. +Er schüttelte stumm den Kopf. Da bekam der andere +einen Kopf wie ein Puter, der erstickt, hob die Stimme +und schrie nach ihm: „Schieber“. +</p> + +<p>„Buffone“, er hatte Schaum auf den Lippen. +„Marquis de la bouche.“ +</p> + +<p>Mit einer aalglatten Bewegung gab er sofort nach, +zog sie auf den Korridor, besprach sich, sagte zu, vergaß +die Beleidigung — denn er fürchtete, daß ihre +Stimmen Daisy weckten. +</p> + +<p>Gegen Morgen kam er zurück, niedergeschlagen. +<!-- page 179 --> +Sie wagte nicht zu fragen, es schien eine Niederlage. +Sie war frischer, machte Puppen aus den Kissenenden, +schmollte mit ihnen, ließ sie tanzen, lächelte nach der +Seite, bis er auf den Knien lag. Mit dem Frühstück +kamen Zeitungen. Sie sah, daß sein Erfolg +riesig war. Er sagte, da sein Blick den ihren nicht +traf in der Loge, habe er die Niederlage gewünscht. +Denn ihr Auge allein habe ihm sagen können, daß +dieses Rufen bedeutend für ihn, ja eine Freude sei. +</p> + +<p>Er saß auf dem gelben Stuhl ohne Lehne und +plauderte den Nachmittag mit ihr, den sie noch lag. +Ein Brief kam, er erbrach ihn, biß die Zähne in die +Oberlippe, drehte sich um und schlug die Hände vor +das Gesicht. +</p> + +<p>Sie las den Brief. Er kam bis ans Bett, als +die Augen sich trafen, sah sie, wie er schwankte. In +der Tiefe, hinter den goldbraunen Ringen entfernte es +sich. Zwei Falten preßten die Augenschlitze gegen die +Nase. „Laß packen“, sagte sie. +</p> + +<p>„Du bist noch krank.“ Sie nickte ein wenig und +schellte der Zofe. Er senkte den Kopf, ging hinaus. +</p> + +<p>Im Zug schmerzte sie der Rücken bis zum Knie, +dann die Arme. Wie sie sich legte, linderte sie nur +die Sekunde. Im Tunnel verlor sich das Fieber, gegen +Mittag kam es heftig zurück. Im Schlafwagen lag +sie eine Stunde. Das Decklicht irrte in blauen Kreisen +um sie. Sie setzte sich in die Ecke, in Decken gehüllt. +<!-- page 180 --> +„Laß dich nicht stören“, sagte sie. Seine Augen waren +feucht, kalt nach innen gerichtet, wo er angespannt sich +beschäftigte. Sie nahm eine Zeitung, hielt sie vor +das Gesicht, als lese sie, damit er ihre Schwäche nicht +sehe. Er hielt die Hände nebeneinander und sah durch +die dünne Haut auf sie. Die roten Lichtreflexe machten +eine unruhige Zartheit auf ihren Gliedern durch dies +Transparent von rosanem Blut. +</p> + +<p>Sie kamen bei Regen an. Ein Kommissionär mit +schwachsinnigen Augen umkreiste sie wie ein Hund und +fing plötzlich mit den Armen zu drehen und zu schreien +an. Hinten begann eine rasende Musik. Der Regen +ward so toll, daß, als sie auf der Terrasse standen, +über den Platz die Herangelaufenen mit hochgeschlagenen +Kragen in die Cafés zurückstürzten. Schwarze Männer +standen auf der Treppe, ein langer Frack warf vom +Gaskandelaber den Hut hoch, knickte die Knie, fuhr +hoch, stank aus dem Mund wie ein Fisch. Im Wagen +begann Daisy zu weinen vor Müdigkeit. An der +Ecke sah sie die dünne Erscheinung über den leeren +Platz rennen. +</p> + +<p>Gegen Abend blickte sie vom Balkon, der Nebel +erfrischte. Eine Ziegenherde kam aus der Nebengasse. +Ein Radfahrer bog um und fuhr dem Leittier in die +Beine. Es sprang um, jagte auf die Straße. Die +Tiere liefen mit geblendeten Augen an die Häuser. +Einige Geiße bockten, liefen irrsinnig im Kreis, warfen +<!-- page 181 --> +Kinder um, verletzten einen Gendarmen im Gesicht. +Der Hirte suchte das Leittier, sprang durch die Gruppen +und pfiff auf dem Fingergelenk. Da nahte Musik, +alles verlief sich Die Musik hielt vor dem Hotel. +Daisy ließ sich auskleiden. +</p> + +<p>Später drang rote Glut in die Fenster. Als er +vom Balkon hereinkam, hob sie den Kopf aus den +Kissen. „Die Unterbeamten“, rief er, schon im Salon. +Sie schloß die Augen unter der Müdigkeit der Schlafpulver. +Dann gingen im Nebenzimmer immer Türen, +ein Organ sprach, als gurgle es den Mund voll, +das schläferte ein. Die Türen klappten rascher, die +Reden gingen wie ein Bad, es umplätscherte sie aus +der Ferne. Sie hatte Durst, bog den Kopf zur Seite +zum Trinken. Da sauste er vorbei, sie griff nach +seiner Hand. „Deputationen“, flüsterte die Zofe. In +der halbgeöffneten Tür, als sie hinausging, stand ein +fetter Herr und verbeugte sich tief mit einem fiesen +Lächeln. +</p> + +<p>Immer ging seine Stimme wie ein Uhrzeiger durch +die anderen, die herumwanderten, leis klangen, bald +spitz, manchmal quatschisch schäumten. Sie bekam Sehnsucht, +ihn zu sehen. Sie sah ihn nur im Sprung. +Später erwachte sie, es war Lärm auf der Straße, +sie sah in sein überhitztes Gesicht. „Der vierte Zug“, +rief er ihr zu, als er auf den Balkon stürzte. Als +er zurückkam, frug sie: „Was war es“; sie hatte geschlafen +<!-- page 182 --> +in der Zwischenzeit. „Studenten“, stöhnte er. +Sie verstand ihn nicht. „Was wollen sie?“ „Provinzen.“ +Sie begriff im Halbschlaf die Zusammenhänge +nicht mehr und schlief sofort ein. +</p> + +<p>Sie sah in tiefblauen Himmel, gewölbt und fließend +wie Glas. Er stand an ihrem Bett. Sie sah hinunter. +Singende irredentistische Vereine zogen zum +Hafen. Der Schlaf hatte sie erholt, sie legte sich +herum, um liegen zu bleiben. Er nahm sie an der +Hand, sie stand auf. Beim Anziehen bekam sie Fieber. +Sie hielt ihm den Puls hin. Er fühlte, verfärbte +sich ein wenig, dann drehte er sich um. Sie sah +nicht, was vorging. Es dauerte nur kurz. Dann +sah er sie fragend an. Sie zog sich weiter an, eine +solche Spannung lag in seinem Blick. Er hob sie +hinüber ins Boot. Die Molen waren schwarz. Auf +der Triere ward eine Fahne gelegt. Er trat darauf. +Sie hörte jedes Wort aus dem Theater. Die Schärpen +standen grell über den Hemden wie auf Schilder gelegt. +In der weißen Glut platzten die Köpfe fast. +Sie standen wie Zinkknöpfe, heiß und schwitzend. Um +sie herum lagen Schiffe mit Tribünen, von denen die +Photos unaufhörlich knackten. Ein amerikanisches Boot +suchte ständig die Sperre zu durchfahren. Die Menge +wartete, bis die Glocken den Berg herunterkamen. +Dann schaukelten Tücher über dem Schwarz. Eine +Brandung erhob sich am Ufer. Aus Marmor stieg +<!-- page 183 --> +ein Adler von der Klippe. Eine dumpfe Salve knatterte +hinter der Halbinsel. Dann sprach er jene mystische +Revolte, hatte die Hände gegen die Brust gestemmt, +die Beine eine kleine Spanne auseinander. Auf seinem +Kopf lag eine Entschlossenheit der Wollust, als wiege sein +Hirn sich in dem Gedanken, den er mit großen Rhythmen +durchmaß. Unter seinen Sätzen aber, die ihm die Höhe +seines Lebens waren, kam aus der Tiefe des Meeres der +Glanz langsam herauf. Aber wie er schloß, überkam sie +eine sinnlose Traurigkeit, sie fiel fast zusammen. +</p> + +<p>Das Meer schäumte ein wenig, als sie zurückfuhren. +So lange sie fuhren, streichelte er unter dem Mantel +ihre Hand. Sie ging sofort in ihr Zimmer, schloß +ab, kleidete sich aus. Dann sprang sie heraus, ließ +sich anders anziehen, legte sich auf den Rücken. Im +Nebenzimmer telephonierte er nach dem Arzt. Er verlangte +Rom, einen Spezialisten, rief Summen ins Telephon, +trommelte an ihre Tür. „Öffnen Sie“, sagte sie der +Zofe. Im Halbdunkel beugte er sich über das Bett. +Sie brachte den Blick nicht gegen seinen zum Fixieren. +„Welches Unglück“, stöhnte er. Er fluchte, verwünschte +den Tag, maß sich die Schuld zu, daß sie hierher gefolgt, +aufs Meer gekommen. Sie lächelte. Das Telephon rief +ihn hinaus. Im Dämmern sah sie auf dem Tisch etwas +Helles. Es mußte vom Mittag liegen. „Schließen Sie“, +sagte sie der Zofe. Sie machte das Telegramm auf, las, +bückte sich, krümmte sich wie eine Katze. +</p> +<!-- page 184 --> + +<p>Er klopfte an die Tür. Er rief durch das Schlüsselloch, +er störe sie nicht, nur bitte er, daß sie den Arzt +empfange, wenn er komme. Dann ward es still. +Später kam er noch einmal, sie hörte ihn hin und hergehen, +sein Schritt war beängstend leis, verhalten. +</p> + +<p>Nur sie habe Sinn für ihn, murmelte er. Er +sprach lange mit sich, die Portiere dämpfte es. Auf +dem Tisch stand sein Bild. Daisy sprang auf. „Der +Arzt“, schrie es im Gang, im Nebenzimmer flog das +Fenster auf, sie hörte einen stehenbleibenden Motor. +Sie nahm eine Nadel, zielte dreimal nach dem Bild, +steckte sie rasch in ihr Haar, sie kam durch ihre Tür +zum Korridor, durch die zweite Treppe auf den Gang, +dann in das Vestibül. Sie fuhr über Mailand nach +Turin. Dann nach Lyon. Das Fieber ließ nach, sobald +sie härtere Luft atmete, in einer Stunde war es +vorbei. Von da fuhr sie bis Calais. Mit dem Fünf-Uhr-Dampfer +kam Syg. Sie schritt mit dem Tuch, +ohne aufzuhören, winkend über den Steg auf sie zu. +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p>Der Mond flog, ein Vogel, durch den Apfelbaum; +Die Syringen hingen schwer und rot über den Kies; +Über den Hyazinthen strudelte die Luft in einer Kupferfäule. +Zwischen den Zweigen des Gebüschs fing das +Dunkel erst an und bebte. Bienen stürzten in die Höhe +<!-- page 185 --> +und von ihren übervollen Poren schaukelten hochgetragene +Blüten langsam und taumelnd in das Wasser zurück. +Die tiefgesenkten Gartenfenster brachen mit runden +Quecksilberbogen aus den Säulen heraus. Die magische +Tiefe des Glases blätterte sich nach innen in den +schimmernden Kreisen und sog den Kiesweg mit den +Tulpen in einer Spirale hoch und in sich auf. Aus +der Gartenhütte taumelte ein Gegenstand mit unheimlichem +Schütteln, schlug wild gegen den Apfelbaum, +kam in den Mondschein, torkelte in ihm über die Wiese +nach einer Maus. Dann hielt er, verdrehte die Augen, +schrie „Do . . . go — — go. Dogo . . .“, schnurrte +und steckte den Schnabel zwischen die Flügel. Der +Mond, wie ein unsichtbar geschlagenes Schild, war +weiß von Metall, zitterte durch den Himmel. +</p> + +<p>Dies alles brachte ihr die Heimat nahe, wenn sie +Sygs Hand hielt. Sie gingen angeschmiegt durch den +blauen Dunst der angefachten Nacht. Aber es trug +sie nicht hinüber, sie hatte nur Abwehr. Die Unruhe +war gewichen, sobald sie Syg sah und spürte. Dies +aber, dachte sie im Bett, was sie froh machte, war +nur die Gegenwart der Schwester, Sygs Figur und +Stimme, vor deren naher Gewalt das Gelebte zurückfiel. +Sie empfand Ruhe und Stille. Sie empfand +sogar in Vaudreuils Grüßen das geheime Suchen und +Fragen, aber sie war so sicher, daß sie sie unbefangen +zurückgab. +</p> +<!-- page 186 --> + +<p>Elfmal schlug die Uhr, dünn und silbern. Der +Ton ging hinaus, wo der Glanz nicht nachließ. Syg +konnte nicht schlafen, legte sich herum. Sie lächelten +sich in das Gesicht. Der große helle Raum stand voll +Mondstaub. Vor dem Fenster schwankten Weidengerten +auf und nieder, obwohl kein Wind ging, wie +der bebende Rücken eines Tieres. Nun begannen im +Boudoir die Silbersachen zu leuchten, die Bettseide +wurde ein Netz von zartestem Weiß, nun stand der +Mond mitten im Rahmenkreuz und durchstieß gelb +und flutend das Fenster. +</p> + +<p>Daisy richtete sich auf, als lausche sie: „Und Well?“ +frug sie und horchte hinterher . . . „und Well? . . .“ +Syg sprang aus dem Bett. Der Balkon war mit +wogendem Lichtnebel über den Kletterrosen zugezogen. +Die Nacht wurde immer wärmer und durchsichtiger, +schon traten die Figuren vor der hintersten Hecke deutlich +heraus. „O“, flüsterte Syg und führte die flache +Hand über das Geländer. Stück auf Stück der Jugend +gaben sie sich in die Hände, hinüber, herüber wie Bälle, +und spielten sie sich zu . . . die Bäume, die Gouvernante, +die vertrocknete Fischkugel, den Ameisenbau. +Wie sich die kleinen Dinge, deren zärtliche Erinnerung +sie am sorgfältigsten erfüllte, aus ihrer Erinnerung +hoben, schmolz sie das Gefühl zusammen, daß die Jahre +hinaustraten zwischen ihnen . . . Tage flogen auf und +hoben sich in sanften Farben wie aus Strohhalmen +<!-- page 187 --> +abgesandte Kugeln und schwammen in den Garten +hinein. Im Scheitel der Nacht hing der Mond +fröstelnd und starr. +</p> + +<p>Die Uhr schlug. Vögel sangen, den Kopf noch an +der Brust, in das wollüstige Grauen. Das Gras begann +zu leben, und der Tau glühte mit einer hingegebenen +Leidenschaft an der Erde. Daisy bog sich aus +ihrem Bett über Sygs klares Gesicht. Sie empfand, +daß ihr Kopf wie ein Spiegel denselben Ausdruck +trage. Sie empfand das Glück dieser Gegenwart mit +einem berückenden Gefühl. +</p> + +<p>„Wie lange hattest du Fieber, Syg?“ +</p> + +<p>„Acht Wochen.“ +</p> + +<p>„Arme, doch wirst du in Firenze nichts tun wie +liegen und blaue Luft atmen.“ Sie legte den Kopf +an Sygs Brust und liebkoste sie mit der Wange, +denn die Erinnerung der Schmerzen, die Syg gelitten, +quälte sie in dieser Stunde der Seligkeit mehr, als +sei es ein eigenes Leid. +</p> + +<p>Die Uhr schlug. Syg gähnte; zog die Beine herauf +und schüttelte die Locken, reckte die Arme. Sie +war zu faul zum Aufstehen. Sie schellten nach dem +Frühstück. Die Zofe brachte es zuerst Daisy an die +linke Seite des mit breiten Stäben gegliederten Messingbettes. +Sie wies nach Syg. Das Mädchen sah verwirrt +von einer zur anderen. Sygs blaues Haar wallte +um das ovale Gesicht, sie hatte das Kinn auf die +<!-- page 188 --> +Hand gestützt. Sie sah mit den Augen, die tief und +wundervoll ausgeschnitten und mit leidenschaftlichen +Schatten befiedert waren, dem Mädchen zu. In ihrem +Weiß lag ein violetter Schimmer. +</p> + +<p>Sie wurden ohne Pause verwechselt. Die Bonnen +kannten sich nicht aus. Der Kutscher stammelte. Ärgerlich +rief Daisy: Pha . . . lux . . . Freunde vertauschten +sie. Aber dies band sie nun erst aneinander, denn in jenem +Wechseln der Körper und Erscheinung fühlten sie hingegebener +die Harmonie. Sie lachten sich an vor dem +Spiegel. Sie zogen sich verschieden an, machten sich +unähnlich. +</p> + +<p>Syg trug die Haare hoch um einen dreigezackten +Pfeil, Daisy zog sie unter einer Perle, die über der +Stirn lag, halb über die Ohren und scheitelte den +Kopf. Syg trug dunkle Seide. Daisy ging ganz +weiß, der Wind schmiegte sich in die kleinen Blumen +des Battists und der Boa. +</p> + +<p>Umsonst. +</p> + +<p>Sie tauschten den Puder, die Korsetts, die Rotstifte. +Syg blaßte ab wie ein Pierrot. Daisy ging mit anmutig +erhellten Wangen. Doch wie sie sich bemühten, +stieg die Verwirrung. Da gaben sie nach, Syg hatte +eine Grimasse, sie tauschten die Rollen. +</p> + +<p>„Sie baten mich, die Kette zu besorgen“, sagte ein +junger Kanadier, reichte Daisy ein Etui. +</p> + +<p>„Es war meine Schwester“, sagte sie. Sie trug +<!-- page 189 --> +ein silbriges Abendkleid mit Schwarz, ging hinaus, Syg +zu rufen. +</p> + +<p>Sie kam zurück mit Goldpuder und einem roten +Samt. Er überreichte es ihr. Sie dankte. Die Tür +ging auf. Syg kam in einem blauen Schneiderkleid +wie von der Straße, gab ihm die Hand und frug: +„Haben Sie meine, Kette, John?“ +</p> + +<p>Verblüfft sprang der junge Mann auf: „Haben +Sie noch eine Schwester und wel . . .“ Syg klatschte +in die Hände, nahm ihn bei den Ohren, schenkte einen +Kognak ein. +</p> + +<p>Jeden Tag schob Syg die Abreise hinaus, jeden +Morgen freute sich Daisy und jeden Abend litt ihr +Gefühl, das um Syg Sorge trug und doch nicht +vermochte, sich von ihr zu trennen. Die Tage gingen +wie ein blauer Mond nach dem anderen am Fenster +vorüber, und Dogo saß in jedem, auf dem Zweig des +Faulbaums sich schaukelnd. +</p> + +<p>Fribaurt rief an auf der Durchreise, Syg nahm den +Hörer. Er kam nach einer halben Stunde. Daisy empfing +ihn. Er sah ihr von unten in die Augen, und da er +ein geschärftes Ohr hatte für das herbere in Sygs +Organ, frug er, den Rücken weich, hündisch, biegend: +„Wozu die Komödie?“ Sie gingen auf die Veranda. +Sie hob den Finger an die Lippen. +</p> + +<p>Unter ihnen stand Syg, vor ihr ein junger, schlanker +Gärtner. Sie tollte und sprang um ihn herum, verzog +<!-- page 190 --> +das Gesicht, schüttelte den Kopf. Sie frug ihn, er sagte +etwas. Sie preßte die Hände in die Hüften, daß die +Ellenbogen nach auswärts standen und lachte. Ihre +Bewegungen waren in diesem Augenblick ganz unerlöst +und kindlich. Dann frug sie wieder. Er sagte einen +slawischen Namen und zischte. Sie schüttelte den Kopf +und lachte noch heller. Sie faßte ihn unter dem Kinn, +richtete sein Auge nach ihrem (denn er schlug es nieder) +und horchte angespannt, dabei bewegte sie die Nüstern +in Spott. +</p> + +<p>Er errötete, dann schrie er mit voller Stimme: +„Zsigis“. Syg blieb ganz ernst, hob die Hand, fuhr +ihm die Grenze der Stirn entlang, sagte ihm etwas +ins Ohr und ging lachend die Treppen zur Veranda +hinauf. Oben blieb sie stehen: „Pony“ . . . rief sie. Er +hielt an, wandte sich um, errötete und blickte hinauf. +Dann wurde er ganz blaß. Sie winkte. Er ging. +</p> + +<p>„Warum nennst du ihn Pony?“ +</p> + +<p>„Wegen der Haare.“ Auch ihre Locken hingen gefächert +in die Stirn. +</p> + +<p>Daisy preßte plötzlich die Hände fest zusammen: +„Fribaurt fährt Donnerstag nach Italien . . .“ Sie +stockte. Mit einem seltsamen und nie gesehenen Ausdruck +sah Syg an Fribaurt hinauf und wieder herab, +zuckte kaum deutlich die Schultern. Aber Fribaurt, der stark +nach einem süßen Wasser roch, sah es nicht, denn sein +Blick folgte dem Gärtner, der in den Büschen verschwand. +</p> +<!-- page 191 --> + +<p>Aber Daisy vergaß den Ausdruck nicht, mit dem +Syg den anderen angesehen. Sie blieb den ganzen +Tag dicht neben ihr, als ob schon die Entfernung +eines Zimmers, der Raum einer Wand sie trenne. +</p> + +<p>„Ich danke, daß du bleibst“, sagte sie stockend, als +sie in den breiten Mondstrom hineingingen. Sie kamen +dreimal um das Bassin, dessen Rotunde in Marmor +glühte. Das Gras war blau und Dogo hing in +einem Kreis von Fächerschatten. Als sie um die Hecken +bogen, stand der Mondschein gezackt als Segel über +dem Garten, der unter ihren Füßen schwebte. +</p> + +<p>„O“, sagte Syg mit plötzlich ganz erhelltem Gesicht, +„ich freue mich, daß du dies sagst.“, Sie gingen +hinein, Daisy stumm vor dem Glücksgefühl, das diese +Antwort ihr gab. Aber auf der Treppe zögerte ihr +Fuß. Sie spürte, wie unrecht es sei, daß auch ihr +Wunsch nur Syg halte. Aber sie sagte nichts. +</p> + +<p>Am nächsten Tag fuhr Syg im Métro zur Etoile, +besuchte eine Dame in der Avenue Wagram, schloß +das Tor, fuhr zur Seine, stieg an der Madeleine aus +und suchte zur Oper zu ein Geschäft. Sie sah in ein +vorübergleitendes Auto. Ein Herr sprang heraus, in +höchster Erregung auf sie einsprechend, sie sah seinen +Bart zittern, die Leute blieben stehen, als er schrie. Sie +nahm ihr kleines Stilet, drängte ihn bis an den Rand, +er sprang in sein Auto, verdeckte das Gesicht. Sie +sah um. Ein Photograph knipste und kurbelte neben +<!-- page 192 --> +ihr. Ein Herr mit einem Notizbuch zog den Hut. +Sie machte eine rasche gewandte Bewegung, glitt +zwischen dem Haufen durch, mitten in ein Orchester, +das vor dem Café konzertierte. Sie saß eine halbe +Stunde vor einem Whisky. Dann fuhr sie heim. +</p> + +<p>Zwei Tage sprach sie kein Wort über den Vorfall. +Sie lebte neben Daisy. Aber die Worte, die sie gehört +und die nicht ihr galten, sondern Daisys Leben +herausrissen aus Stunden, die sie nicht ahnte, entfielen +ihr nicht. Nachts setzte sie sich neben Daisys Bett +und sah sie stumm an. Aber die Worte spannten sich +zwischen sie und die Schwester und trieben sie auseinander. +Sie vermochte nicht mehr, den Blick unbefangen +auf Daisy zu heften. +</p> + +<p>„Du hustest?“ frug Daisy und fuhr aus dem Schlaf. +</p> + +<p>Syg schüttelte den Kopf. Daisy preßte die Lippen, +als die Schwester schlief. Sie fühlte, wie die Unbefangenheit +riß, die Ruhe wankte, sie bangte um die +Schwester und wagte nichts zu sagen, denn sie fürchtete, +daß dann das Helle aus dem Himmel falle und +die Kraft daraus lösche. Sie lag lange wach. Plötzlich +öffnete Syg die Augen, schloß sie wieder. Mittwoch +Nacht sagte sie, daß sie reise. Daisy sagte kein +Wort. Sie gingen nebeneinander durch den Garten, +als sie fuhr. Zwischen den Winden und Bohnen +stand mit hohen, schlanken Beinen der Gärtner. Sie +stiegen ein. +</p> +<!-- page 193 --> + +<p>Die Räder rollten. +</p> + +<p>Sie fuhr zurück. +</p> + +<p>Eine schmutzige Faust reckte sich in ihren Wagen. +Sie nahm die Zeitung. Der Wagen stockte im Lauf +eine Sekunde. Sie gab den Sou. Wieder spannten +die Motore sich an. Sie las, ihre Lippen verzerrten +sich. Sie verstand zum erstenmal. Ein maßloser +Schreck, dann Zorn verdeckten ihr die Augen. Ekel +schüttelte sie, daß sie die eine Hand mit der anderen +festhielt und geschlossenen Auges zurück sich warf in +das Polster. — Sie sah die Karikaturen auf den +Parlamentarier, sah die Photos, die die Kinos von +seinem Überfall her spielten, sie begriff die Verwechslung +. . . die Folies Bergères trugen die Nummer +in ihrer Revue. In der Ecke unten unflätige Telegramme, +die er aus der Provinz, wohin er vor +dem Skandal geflohen, gedrahtet. Sie biß auf den +Daumen vor Schmerz, der Wagen rauschte in den +Garten. +</p> + +<p>Sie saß auf der Diele. Das tiefe Fenster hinaus nach +dem Bassin lag wie ein niedergelassener Vorhang. In +der Tiefe des Gartens stand Pony und arbeitete. Seine +Beine und seine trainierte Brust wiegten mit den +elastischen Ruten der Büsche und Stauden. Der Abendnebel +flammte den Geruch der Erde rötlich um seine +Hüften hinauf. +</p> + +<p>Sie warf die Hände gegen die Brust und empfand +<!-- page 194 --> +zum erstenmal, wie sie, gleich einem verlassenen Tier, +allein sei. Sygs Zug glitt irgendwo in die Dämmerung +und aus ihrem Leben. Sie blieb zurück, um +eine Lüge beraubt, die sie sich vorgeredet jede Sekunde +des Daseins und der Gegenwart der Schwester. +Sie fröstelte. Jugend und Heimat fielen an ihr +nieder, hart, als klirrten Ringe auf der Diele. +Woran ihr Herz (sei es auch nur wie ein Traum) +und unwissentlich trotz des Hasses gehangen, nun +lag es nackt verschwunden. Mit kaltem Grauen +empfand sie die Einsamkeit, aus der die zarten Gefühle +weggeschwungen. Einsamer und verzweifelter +schluchzte sie auf als jede Stunde, die sie gelebt. +</p> + +<p>Es kam ihr, wie lind es sei, wenn sie weinen könne. +Aber sie konnte es nicht. +</p> + +<p>Es genügte noch nicht. +</p> + +<p>Sie fühlte sich frei und verantwortungslos mit einem +Male. Aus der Tiefe des Blutes kam ein Strom, der +sie zu einer Unbedingtheit zwang, deren zügelloses. +Streifen sie zu Gelöstheit erhob, die den Atem benahm. +Die Lippen bebten übereinander. Nichts hielt +sie, bedingte ihr Tun, gab Verantwortung für ihre +Handlung. Mit einer zerstörerischen Wollust empfand +sie ihr Ausgestoßensein, das ihr eine Kühnheit verlieh, +die sie fast berauscht empfand. Nun trat Pony aus +dem Dampf ins Helle. Sie begann zu winken. Das +Fenster lag wie eine aufgeschlagene Terrasse in dem +<!-- page 195 --> +Garten. Tritte schlichen herauf. Dogo schrie in +seinem Ring und stieß die Flügel gegen die Wand, +als zerbräche er Glas. Sie stand auf. +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p>Zwischen dem dritten und vierten Tanz hob die Kleine, +die zwischen den Stühlen schaukelte, stehend die Hand +nach der Seite. Daisy ging hinüber. In der Toilette +brannte eine weiße Flamme. Sie hob den Schleier, +zog Rot über die Lippen. Im Spiegel sah sie die +zögernd Eintretende. Ihre Augen trafen sich in dem +Glas. In dem Gesicht der Tänzerin ging ein Schreck +auf, sie flüsterte etwas und glitt zurück. Daisy ging +zu Léons Tisch hinaus. Beim Hinausgehen fragte sie +den Kabarettportier nach ihrem Namen. Sie bestellte +sie in das Hotel. Sie kam und bat, zart wie eine +Libelle, daß Daisy ihr den Mann nicht nehme. Sie +sah zitternd auf den gefalteten wollüstigen Mund der +Frau vor ihr. Daisy nickte gleichmütig, prüfte sie +mit einem Blick, schenkte ihr Strümpfe, Hosen, Dessous. +Oft, wenn sie abends frei war, kam Renée herauf, ein +Band umgab sie. Bald hatten sie kein Geheimnis. +Daisy wußte jede Bewegung des Attachés, seine Lieblingsworte, +seine geheimen Sätze, aber es reizte sie nicht. +Sie fuhr mit Léon baden, sie stieg in das Wasser, +das ihren Körper aufsog; ihre Haut aus dem Wasser +<!-- page 196 --> +heraus selbst trübte ihm die Augen vor Erregung. Auf +der Rückfahrt suchte seine Hand nach ihrer. „Das +andere Ufer“, kommandierte sie, er mußte wenden. Sie +ging am Abend mit Renée in den Florissant. +</p> + +<p>Zwischen orangenen Lampions drehten Matrosen +und Mädchen. Als ihre Hüfte unter den anderen erschien +und in der abendlichen Dämmerung in die Tanzschleife +wogte, umgab sie Gedränge, Blicke, Augen. +Ein großer Steuermann von der savoyischen Linie faßte +sie, brach die Finger fast an ihren Korsettstäben. Sie +tanzte mit starrem Blick, ihr Zofenkleid machte sie noch +herber, sie bog in den Vorsaal. Er taumelte, fiel in +das Knie, schäumte, erhob sich, sie führte, sie schwindelten, +sie tanzten in den Garten. Er konnte sich nicht helfen +und stammelte Flüche. Sein Kopf fiel auf ihre Schulter +und er schlug sie auf den Arm. Sie ließ nicht nach, +bis sie langsam mit zitternden Knien hineinging in den +Dampf, der Mann besinnungslos auf dem Kiesbeet +lag. — Ein Kolonialoffizier erschoß sich, einen Ring +von ihr auf der Brust, durch den er die Kugel gesandt +hatte. Kam sie mit hochroten Lippen durch die Rue +du Purgatoire, ward der See eine Tönung blässer, der +Montblanc steiler am Horizont. Die Augen der Männer +wanderten ruhelos nach ihr. Verkleidet im Mannskostüm +bei einem Ball jeute sie im Kursaal, trat hinaus vor +die Schnüre von Lichtern, die die Fassade umlohten, +ihr Blick tauchte in den eines ganz jungen Studenten, +<!-- page 197 --> +er fuhr sie hinaus. Ihre langgeformten Knie, die +eine wundervolle Sehnsucht in seine Seele zeichneten, +verzückten ihn, daß er ins Wasser sprang und am +Ufer schreiend davonlief. Sie ging mit zwei weißen +Windhunden durch die Palmgefieder des Parc des +Eaux Vives. Sie blieb stehen, kehrte langsam um. +Auf einer Bank saßen Léon und Renée. Ein Zug +seines Mundes erinnerte sie den Abend lang an +Pony. +</p> + +<p>Sie fuhr zu ihm. Er hatte den Garten, den sie +ihm geschenkt, geschnitten, begossen, bestellt. Ihren +Namen mit Ranunkeln gesetzt, in die vier Bäume +des Eingangs geschnitten. Auf der Höhe des Belchens +ihr Wappen mit Steinen zusammengesetzt. All seine +einsamen Tage erstanden als Monument seiner Liebe. +Hinter dem Strohdach sank die Vogesennacht feucht +und traurig. Sie stiegen hinunter am Morgen. Kuheuter +und Wiesen rochen unter dem roten Mond, über +dem Rhein lagen die Schwarzwaldtage mit silbernen +Wolken. Über den Grat der Vogesen rollte die purpurne +Kugel groß und träg. +</p> + +<p>„Hast du die Harmonika?“ Er nickte. Nur ein +scheuer Blick nach aufflatternden Vögeln zeigte, daß +er Sehnsucht hatte. „Ich schreibe deiner Schwester“, +sagte sie am Morgen. Sie arrangierte ihren Hutkauf, +sogar eine Stelle und nahm ihm mit einem Brief die +große Sorge. Aus den Weinbergen glühte blau die +<!-- page 198 --> +Sonne. Sie lockte unter seinem Fenster. Als er in die +Hecke ihr nachstieg, ließ sie seine Lippen ihn aufmachen +und legte ihm seidenschwarze Brombeeren eine nach der +anderen in den Mund, der feucht und schmal und rot +war. Seine Tierischkeit, die die einfältigen schönen Formen +der Natur edel befolgte, gab ihr jeden Tag das +Neue. Ringe kamen, Nadeln für ihn. Er spiegelte +sich im Rücken seines Zigarettenetuis. +</p> + +<p>Er erbrach sich nachdem er zu viel gefressen. Sie +saß an seinem Bett, er fürchtete sich vor dem Unbekannten, +das ihm Leiden brachte, verehrte sie wie eine +Mutter, indem seine Seele zum Schutz dicht an ihre +sich schmiegte. Er tollte in die Gesundung, riß den +Schwanz der Hühner aus, saß auf den Bäumen, ward +traurig am Abend, wusch sich nicht, roch nach Schweiß +und Erde, sie fand ihn schöner als je. +</p> + +<p>Sie bekam Sehnsucht nach Wasser, als nach einem +Gewitter ein Bach neben dem Haus herabstürzte. Sie +fuhren zurück, zusammen diesmal. Neben ihr zwischen +den Hunden schritt Pony in weißen Hosen und Schuhen +durch die Rue du Rhône. Er blieb am Geländer +stehen, schaute träumerisch in den tiefblauen Schuß, +der aus der Brücke kam, die Insel umrahmte und +überschwungen blieb von unwahrscheinlichen Schwanenherden. +Sie pfiff durch die Zähne. Zwei Passanten +blieben stehen, sahen nach. An der Brücke flog eine +Autotür auf, ein Herr, indem er die Kurve nahm, als +<!-- page 199 --> +sause eine Kugel in einer gebogenen Schiene, starrte sie +an. — Auf dem Balkon saß Renée im Lederstuhl, die +Knie hochgezogen. Ihre Atropinaugen, tief untermalt, +glänzten einen milden Schein, sie starrte auf Pony, +flog darauf Daisy an den Hals. Der Abend schoß durch +die Platanen. Renée legte die Gabel hin, kniff ein +Fünffrancstück ins Auge, legte dem Kellner den Absynthstrohhalm +über das Ohr und breitete die Arme aus. +Pony sah auf das Wasser. Die Küste wich zurück. +Schwärmerische Raketen überwanderten den immer neu +geäderten Himmel. Ein Konzertstück wie eine rosa +Wolke lag mitten im See. Auf den Fußspitzen wiegte +Renée erwartend den ganzen Körper langsam über die +Lehne, blieb einige Minuten von einem unaufhörlichen +Zittern durchflossen. Plötzlich wühlte sie den Bauch +in den Mondschein, bebte in der Wage der Hüften +in einer pfeilschnellen Schwingung, tauchte aus dem +Licht, fuhr mit einer kreisenden tollen überschwingenden +Eile wieder hinein — dann kamen die Lenden in ein +glücklicheres beruhigtes Schweifen, die Muskeln des +Leibes ebbten zurück und wurden spiegelglatt, fast ohne +Atmung. Sie tanzte nur noch mit den Knien, die den +Körper in einem fast gläsernen Taumel ertrugen. Die +Hüften malten sich unbeweglich und zart in die Schatten. +Nur der Rock rauschte, Daisy preßte dagegen, sie +schwangen atemlos, ihre Leiber bedeckten sich, sie küßten +sich — „Warum brachtest du mich her?“ frug Pony +<!-- page 200 --> +schauernd in ihrem Arm die Nacht. Sie lachte: „Reizt +es dich nicht zu größerer Liebe?“ Sie zog ihn auf +ihren Mund: „Pony.“ Er schloß die Augen. +</p> + +<p>Eines Nachts brachte sie von den Anlegeplätzen vor +Versoix Jérôme mit, im Sweater ohne Kragen und +Ärmel. Selbst wenn er flüsterte, war seine Stimme +rauh und biß sich durch die Dunkelheit. Im Zimmer +nebenan lag Pony, die Wand war so dünn, daß das +Geräusch einer Fliege im einen Raum im anderen noch +lauter scholl. Sie legte die Kleider langsam ab. Am +anderen Tag mußte Jérôme sie rudern, hinaus, zurück, +in die Rhône, um die Insel, dann immer um ihr +Haus. Eine Kette von Schwänen verfolgte das Boot, +ihre Weiße verblich am Abend mählich der Blässe ihrer +schimmernden Haut. Sie sah immer auf Jérômes +Nacken, wo die braunen Halsmuskeln wie Fächer zusammenschnellten. +Abends ging sie einsam und allein nach +Haus. Die Schwäne geleiteten sie noch eine Weile in der +Dunkelheit am Ufer. Als Léon von der Gesandtschaft +in Bern zurückkam, lag er verzweifelt im Boot vor +ihr, berührte ihre Hände, ihre Schuhe. Sie schüttelte +den Kopf. Sogar das Wasser erhielt eine Feierlichkeit +und schäumte leicht in dunkler Erregung, wie sie +mit langen braunen Beinen immer tiefer hineinstieg. +Auf der Terrasse des Café du Nord ballte Léon die +Hände und hörte auf zu atmen nach seiner Frage. Sie +ging hinweg über Pony, schaute ihn einen Augenblick +<!-- page 201 --> +an, die Bernsteinkörper in seinen Augen ihr gegenüber +erstarrten, sie ließ eine Sekunde schweben, dann sagte +sie auf sein Drängen, wie er es wage, mit ihr zu +reden, habe er doch Renée. Ihr Hochmut ließ ihn +bei diesem Namen eine Bewegung machen, als lege er +dies nebenhin als ohne Gewicht für sein Leben. Sie +zeigte nichts, aber er strich sich damit aus ihrem Dasein. +Aber Renées Geschrei machte sie müde am anderen +Tage, denn sie tobte in ihren Zimmern, weil sie Léon +liebte. Die Zarte irrte wie ein Vogel auf den Balkon +gegen das Blaue und zurück in das Zimmer. Daisy +sah sie lange an. Sie sagte kein Wort, gab ihr Geld +und zwei Koffer. Am Abend ging sie zum Zug. Renée +weinte gerührt an ihrem Hals. Als der Zug weg +war, sah sie einen Männerschatten am Bahnhofeingang, +sie nickte mit dem Kopf. Zu sich selbst. +</p> + +<p>Léon griff sie stürmischer an, befreiter, beim Segeln, +auf den Quais. Sie bedeutete ihn ruhig, daß das Opfer, +mit dem er sich brüste, ihr nichts bedeute, denn es sei eine +Selbstverständlichkeit und ohne die kleinste Verpflichtung +für sie. Sie kam mit Pony wieder und den Hunden am +Abend die Anlage her, als die Rhône sanft, tiefblau +vorüberströmte, schon die Dämmerung aufnehmend, während +ihr Anfang noch biegsam und stählern mit den +Schneebergen glühte. Léon flehte sie an, Pony zu verlassen. +</p> + +<p>„Gab ich nicht Renée?“ Es verstörte sie eine Sekunde, +<!-- page 202 --> +an die Tänzerin zu denken. Doch glitt es schon +weiter, hinter sie. Sie zog die Augen an, daß sie schräg +standen. +</p> + +<p>Am Morgen war sie verreist. Enttäuscht von der +Brust eines glatten Fischers kam sie von Beaurivage. +Der Morgen fiel prall und von seraphischer Bläue +in die Schwebe getragen auf den weißen Ufersand. +Erstaunt sah sie Genf wieder auftauchen. In der Betäubung +des irrsinnigen Suchens fiel Gelebtes sofort hinter +sie, Leidenschaften verschwammen wie nie geatmet +nach Tagen. Die Landschaft der Woche vorher, das +Haus, ihre Gedanken prallten schon im Wesenlosen. +Als Léon, die Hand am Steuer, den Großschot in +der anderen seilend, in ekstatisch erhellter Nacht, in der +der Mont Blanc wie ein weißer Ballon schwamm, +schwor, Pony zu erschießen, wenn sie ihn nicht verjage, +sein Auge den fiebrigen Wahnsinn bestätigte, +wies sie ihn zurück mit Nein. Kalt vor Zorn verließ +sie ihn über die Drohung, mehr voll Liebe zu +Pony wie je. In dieser Nacht weigerte sich Pony +zum erstenmal, sein gequälter Körper gab ihm Mut, +den sein Geist nicht hatte. Sie sprang aus dem +Bett: „Gut . . . du wirst Bonnen wieder haben.“ +Am Abend kreuzte Léon Ponys Abreise, sie hatte +ihn nicht begleitet. Er nahm einen Wagen, jagte. +Er kam als Sieger. Auf dem Tablett kam mit ihm +ein Brief, Daisy nahm ihn, als Léon eintrat und legte +<!-- page 203 --> +ihn sofort wieder zurück. „Welche Eitelkeit in Ihrem +Gesicht“, höhnte sie und wandte sich um nach dem +Shawl und dem Spiegel. Bestürzt, zerschmettert kehrte +Léon um. Am Ende des Zimmers hielt er, nahm eine +Vase und schlug sie hin, blickte starr und ging hinaus. +Daisy trat auf die Rampe des dunkel gewordenen +Hauses, um das die Brust des Wassers langsam stieg +und fiel. Sie pfiff. Zwei grüne Lichter bewegten sich +auf dem Anlegeplatz, stachen ins Wasser, kamen im +Bogen heran. An Léon vorbei, strich Jérôme in das +Haus. Plötzlich hob er den wirren braunen Kopf und +lauschte. Im untersten Fenster sang eine weiche berückende +Männerstimme: „Andulko me dite —vy se mne +libite . . .“ „Was ist das?“ frug Jérôme. Sie +lauschte. Pony war zurückgekehrt. Sie lachte, zog ihn +wie einen Hammel am Fell. „Einer der Hunde?“ +frug sie ihn; er fletschte die Zähne. Sie bückte sich, +hob den Brief auf. Die Schrift war von Syg. Sie +ließ ihn in das pfaublaue Wasser hinunterflattern. +Am Morgen brachte sie Pony selbst in die Bahn. +</p> + +<p>Ringe in Blumen . . . sie gab die Buketts, ohne +sie zu sehen, dem Zimmermädchen. Ein Kreuz mit +Ametyst auf Rosenholz, vom Athos, lag auf ihren +Kissen. Ein Pferd stände bereit, schrieb man. Léon +schmiegte sich manchmal durch die Dämmerungsschatten +draußen. Eine Yacht trug ihren Namen am Lee +unter dem Fenster vorbei. Eine kalte Verschwendung +<!-- page 204 --> +trug die Luft jedem aus ihrem Leben zu, die erzittern +machte, wer in ihren Kreis trat. Sie atmete, sah +Augen, Tage, blaue Ausschnitte über dem Salève, +kurz und farbig blitzten Blicke in ihren, schon entrann +es zu anderem. Es floß zurück wie in einen Bogen, +in dessen Kurve ihre Seele unermüdlich schwang. Irrsinnig +eines Abends erstürmte Léon die Treppen, kam +in ein Zimmer, wo sie las, streifte die Kleider ab. +Sie eilte hinaus, schloß ab, klingelte. Er flehte. Sie +wollte den Skandal. Dann überlegte sie, sie schloß +einen Vertrag, legte ihm auf, daß er sie mitnahm +auf die Gesandtschaft in Bern. Er kompromittierte +seinen Namen, die Stellung. Doch er sah sie nur +entfernt wie immer. Sein Diener erzählte ihm von +dem Kreis und den Monden auf ihrem Leib, er ward +ohnmächtig. Sie frug ihn nach seiner Arbeit, den +Geheimnissen des Berufs, sein Leben. Seine Nägel +ballten sich in die Handflächen, aber sie sah die geheimsten +Akten. „Wäre ich eine Agentin?“ Er +zuckte die Achseln, schon war ihm alles gleich. Seine +Familie steckte ihn in ein Sanatorium. Er folgte. +Vorher bestach er die Zofe, erhielt eine ihrer Hosen, +schluchzend fuhr er damit im Zug. Er hatte sie nicht +gehabt. Er hatte wenigstens dies. Am Abend spielte +sie in einen Mann verkleidet auf einem Kostümfest, +an den „Kleinen Pferden“, verlor, konnte nicht alles +zahlen, bat ihren Partner mitzukommen. Er wartete +<!-- page 205 --> +im Vestibül. Als sie die Treppe zurück herunterkam, +erstarrte er. Sie kam als Frau. +</p> + +<p>Er neigte sich über ihre langen Finger. Wie sie +in den Wagen stieg, sprang Jérôme hinter einem +Busch heraus und schrie: „Hure“. Etwas blaß, +unsichtbar durchglüht trat sie zögernd ein wenig +zurück. Als sie ihn aber ansah, ließ er die Hände +sinken, schlug sie um den Nacken und lief brüllend +davon. Der Wagen rollte. Sie trat mit ihrem +Partner ein Treppenhaus mit Marmor hinauf. Die +rote Weste eines Dieners leuchtete hinauf neben ihr +unter einem zehnkerzigen Halter. Die Fräcke im Saal +glitten durch einen dünnen silberbläulichen Rauch, den +der Atem des Tanzes und der Getränke schon zum +Rausch gemacht hatten. Sie legte den Arm auf eine +Schulter, der blasse Schein einer Nische umglitt sie. +Ein Mund fiel auf ihre Achsel. Sie zuckte zusammen. +Ihre Glieder wurden kalt und abwesend wie oft in +unerklärlichem Wechsel. Sie starrte vor sich hin. +Sie hatte einen Brief eingesteckt, als sie sich umzog. +Es fiel ihr ein, sie öffnete ihn. Sie stand auf. +Der Mann hielt sie. „Was?“ Ein verzweifeltes +Gesicht krallte sich in ihr Auge. „Hast du mich +nicht wahnsinnig gemacht?“ Sie schüttelte den Kopf. +Sie hatte ihn kaum bemerkt, ihre Gedanken kreisten +irgendwo entfernt, es fiel ihr nicht ein. Mitten im Saal +schrie der Mann ihr nach: „Hure“ . . . Sie zuckte kaum +<!-- page 206 --> +merkbar die Schultern. Sie hörte es zum zweitenmal +heute. Allein es drang auf keinen Punkt in ihr ein, der +ihr Gefühl bewegte. Vorbei schon. „Ein Opfer“, lächelte +ein übergroßer lässig gebeugter Herr im Monokel. Schon +suchten an seinem Mund vorüber gleichmütig ihre +Augen nach Neuem. Ein olivenfarbener Jüngling, +der wie ein Mädchen tanzte, legte den Arm um sie. +Lächelnd glitten sie Ring auf Ring herum, gewiegt +von einer Klarheit der Füße wie nie in diesen Sekunden. +An einer Ecke des Saals fiel ihr das zweifach +gesagte Wort mit einem Mal ein und sie setzte sich. +Es war, als zerschmetterte es etwas in ihr. Sie trat +an das Fenster. Unten im Garten hörte sie deutlich +eine Frau weinen. Das faßte sie wie mit Schrauben, +sie glitt hinaus. Eine Bank. Es war, als ströme +mit dem Weinen in dem Busch, ihr Leben weg, bräche +ein wie in Eis, zerrinne haltlos zwischen ihren Händen. +Sie sah, wie sie Stück auf Stück verloren hatte, +unter dem Schmerzenston brach es zusammen. Sie +versuchte nicht, sich zu wehren. Perlmutten flauschte +im Mondschein ein Segel vorüber und rückte ins +Dunkel. Zerfetzte Trümmer lagen um sie, was sie +gesehnt, gedacht, begehrt im Blut . . . es knallte um +sie zusammen. +</p> + +<p>Da erst, wie angezogen von der anderen Stimme, +konnte sie weinen und je länger die Tränen über ihr +Gesicht strömten, fühlte sie, wie in ihr die Verzweiflung +<!-- page 207 --> +und das gierige Suchen brach. Sie fühlte sich elend +wie nie, aber gleichzeitig verband sie ein Strom ungekannter +Süßigkeit mit der anderen Weinenden. Es +war ihr, wie, als sie erkannte, daß die Stimme versage, +und jedes Leidende, jede Kreatur dicht ihr Herz berühre. +Sie stand in einer wunderbaren Empfindung. Schon +rissen die Wochen hinter ihr wie unwirklich und ihrem +Wesen ungehörig sich ab und stießen ins Wesenlose. +Aus der Tiefe des Elends aber zog sie ein Gefühl von +einer ergreifenden Harmonie in die Höhe. Sie empfand, +als stehe sie auf anderem Boden, wie plötzlich +ihr Schicksal sich zusammenlegte mit Tausenden von +Menschen, an die sie nie gedacht, daß ihr Schmerz +sie erhob und verband, und daß, wie sie verzweifelt +gesucht auf der Jagd und mit den greifenden Händen, +in ihr lag mit einer stillen Verantwortung, die nichts +übertraf. Sie sah die Welt plötzlich anders. <a id="corr-7"></a>Es +stieg eine Kraft aus ihrem Elend, die sich in ihr +bäumte. Ein Glücksgefühl überfloß sie. Demütig +grüßte sie den Fall der Jetée, die Neigung der Berge, +das träumerische Schleifen der Schwäne. Herauf +kam der Kleinen Gesicht, aber die Schuld, die sie +empfand, drückte sie nicht, sondern entflammte sie zur +vollen Anspannung. Ihr war, als ruhe die Achse +alles, was Hülfe bedurfte, in ihrem Herzen in dieser +Nacht und ihr Herz drehte es in einem wunderbaren +Stolz. Sie schaute lange unter der vorgehaltenen +<!-- page 208 --> +Hand ins Wasser. Ein Gesicht kam zurück von der +glatten Fläche. Sie schauten sich an. Dann ging +sie hinein. +</p> + +<p>Sie hatte ein anderes Gesicht gesehen. +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p>Sie ließ ihre Sachen verteilen. Jérôme sandte sie +einen Ring. „Ay . . . ay . . .“ rief sie an der Gasse. +Die arabischen Weiber küßten ihre Hände und Füße. +Die Zofen kamen, nahmen. Die Bonnen gingen mit +Ballen, zitternden Händen. Die Kostbarkeiten wurden +versteigert. Die Depots sperrte sie. Die Spitzen +rannen ihr durch die Finger. Eine frische stolze Hure +in einem Kleid, daß ihrer Haltung zu gering war, zog +sie aus dem Tanzsaal. Die Hosen, deren Plissees +rauschten, in matter Seide zu Dutzenden fielen, durchfühlte +sie mit der Hand, gab sie ihr. Mit jedem +Stück, das sie verließ, schenkte sie sich zurück. Und +die Wollust des Hingebens verband sie den Dingen +um sie. Gebend lebte sie drei Tage und fühlte, wie +unter dem Hinweggehen ihres seitherigen Daseins Freiheit +in sie strömte. +</p> + +<p>Eine kleine Summe füllte sie in ihr Portemonnaie. +Sie besaß einen Koffer noch und ein weiches helles +Kleid aus indischer Seide. Sie schellte Marguerite, +<!-- page 209 --> +die Manikure. Vor dem Spiegel die Figur und den +Kleidschnitt abmessend, bot sie ihr den Tausch an. Die +lehnte ab, da es zu kostbar war, errötete, ließ sich +langsam zwingen, küßte Daisys Hand. Mit kleinen +Sachen ging sie auf die Straße, gab dem, jenem, +Frauen, Kindern. Es reizte sie nicht, zu wissen, wer +es besaß, denn jede Tat der Entäußerung entlastete sie +zu Glück. Sie beschäftigte ein halbes Dutzend Agenten. +Ihre Pariser Wohnung ward verkauft. Pferde untergebracht. +Möbel, Schmuck versteigert. Die Summen +festgelegt, geschlossen. Selig fühlte sie alles entgleiten. +Dem prächtigen Körper eines verlotterten Mädchens, +dessen Anmut sie rührte, schenkte sie ihr Kleid. Sie +stand in Hosen plötzlich am Badestrand abends. Verlegen +ging sie in die Kabine, sandte ein Kind mit dem +Portemonnaie zu der Manikure. Das Kind kam mit +einem Kleid, brachte das Geld zurück. Sie zog ihr +Armband aus, es Marguerite zu senden, runzelte die +Stirn und blieb eine Minute in einem merkwürdig +erhellten Zustand. Darauf schenkte sie es dem Kind +für sich selbst. Küßte es, tief getroffen. Mit der +Entledigung zog die Einsamkeit des Reichtums aus ihr. +Sie besaß noch zwei Ringe. Einen warf sie den +Schwänen zu, vom Geländer, abends. +</p> +<!-- page 211 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-5">Der vierte Abschnitt +</h2> +<!-- page 213 --> + +<p>Vierzehn Tage wohnte sie Mont Martre, stieg +hinab zu den Hallen, nach drei Wochen war +sie Mont Parnasse, geriet in ein falsches Haus; ein +Kind fiel die Treppe herunter, sie nahm es hoch, es +schrie. Ein Mann brüllte sie von oben herunter an, +ging in sinnloser Wut auf sie zu. Sie strich das +Kind über den Kopf, legte es der Frau an die Brust. +„Verzeihen Sie“, sagte sie, schlug die Augen herunter +und ging mit einer Stille, daß der Mann, verstummt, +sie grüßte. Sie wohnte Rue Bonaparte, die so eng +war, daß vor der Ecole des Beaux Arts nur eine +Linie der Autos vom rechten zum linken Seineufer +durchfuhr, und die ohne Pause zitterte. Sie bewohnte +die Hotels am Boulevard Sebastobol, wo Huren und +Apachen nachts schrien. Sie ging durch die Straßen, +früh, mittags, die Nacht. Beim Löwen von Belfort +sah sie Ringer und Stemmer in Trikots unter den +Bäumen turnen. Kokotten pfiffen ihr nach. Rue Richelieu +schlugen Huren sie nachts, weil sie glaubten, +sie breche marodierend in ihr Männerquartier. Abends +in der Olympia Bar fletschten vierzig Mulattinnen die +<!-- page 214 --> +Zähne um sie, im Saale der roten Papageien und +drei Kapellen drehte sie sich, tanzte, ging allein, als +die Rudel schönbeiniger Frauen lachend aus der Revue +mit dem Geruch ihrer Haut und der Tierbewegung +der Hüften und langen Schenkel kamen. Auf +Imperials rollte sie von Quartier zu Quartier, Liebespaare, +Trunkene, Studenten mit zerrissenen Schuhen, +Russen, alte Böcke, aufgegeilt hinter Midinettes her, +neben sich. Im Hotel des Etrangers schrie ihr Nachbar +in Herzkrämpfen auf. Sie saß drei Nächte, kühlte +ihm die Brust mit Eis. Als er hochkam, beschloß er +sie dankbar unter die Decke zu ziehen, griff in ihr +Bein. Am Panthéon erschoß sich ihr Visavis, ein +blonder Student, der morgens mit roten Lippen gleichzeitig +wie sie die Milchkaraffe in Unterkleidern in +seine Tür hineinzog, an Syphilis. Sie wohnte Rue +Monsieur Le Prince, Vaugirard, Champollion, zählte +die Schornsteine, Betrunkene an ihrer Tür, die Fenster, +Mondaufgänge. +</p> + +<p>Sie wohnte Rue Gay Lussac. Ihr Geburtstag +trüb Quai de Valmy. Kehrte zurück, als die Seine +sie drückte, zu Mme Fleurquin, in das Zittern der +Rue Bonaparte, Bäume schwankten Boulevard St. +Germain. Square Monge erlebte die Überschwemmung. +Rue des Bernardins verließ sie das Hotel im Kahn, +half Emigranten retten, ward als Diebin verhaftet, +lächelte sich frei. Ging auf die Mairie neunzehntes +<!-- page 215 --> +Arrondissement, vierundsiebzigstes Quartier, gab sich +hin für Überschwemmtenhilfe, empfing ein ironisches +Ziehen des Mundes, ging wieder. „Geben Sie, Notre +Dame des Lorettes willen, einen Sou zum Métro, +damit ich die Kaserne erreiche,“ flehte in der Rue Pigalle +ein Piou-Piou. Sie gab ein Fünfzig-Centimes Stück. +Er lachte sie aus, suchte sie zu umarmen. „Kommen +Sie, es ist warm darin,“ sagte ein großer Mann, +glaubend, sie friere, nahm sie mit in das Café Cluny, +las die Zeitung, ignorierte sie, zahlte für beide, ging +mit einem Gruß. Erstaunt suchte sie ihn drei Tage, +fand ihn nie wieder. Sie wohnte gegenüber Ecole +Polytechnique, wo nach Regen Abenddächer mit weißen +ovalen Schilden blitzten, dumpf Seinehörner tuteten, +sah die Zöglinge der höchsten Artillerieschule farbig an +Kanonen seltsame Bewegungen machen. Saß Closerie +des Lilas, hörte die Revolte der Kunst. Aux trois Poulards +schlug ein Mann einer Frau durch den Schädel, +nahe den Hallen, warf sich heulend über sie. Sie belauschte +das Gespräch zweier Absynthe-Weiber, Ausgedörrte, +die gleich Hyänen gegeneinander stürzten und von +der Berührung des Fingers schon umfielen, in den Pausen +der Schlacht, wo sie, unfähig aufzustehen, nebeneinander +in der Gosse lagen. Sie machte dem Trio an der +Sorbonne Platz, dem Star-Mann, dem beinlosen +Singenden auf dem Räderbrett, dem jungen Louis, +sie warfen ihr Schlüpfriges nach. Sie aß mit der Papageienverkäuferin, +<!-- page 216 --> +studierenden Negern, österreichischen +Spitzeln, Lesbierinnen der Place St. Michel, mit +spanischen Zöglingen der Schneiderakademie, Chauffeuren, +Gasarbeitern, Deutschen. +</p> + +<p>Sie ging zum Löwen von Belfort, wo Ringer und +Stemmer unter den Bäumen turnten. „Wie elend +zum Kotzen dies Leben“, sagte ein gesunder Mann, +der Postkarten verkaufte, mit weißen Zähnen lachte. +Da brach eine fremde Frau in Tränen aus. „Haben +Sie Hunger?“ frug Daisy mit einem Blick auf den +Ellenbogen der Frau; die aber stieß ihr durch das +Kreisloch den spitzen Knochen in den Leib, schrie, fluchte, +drückte sich hinaus. Sie wohnte Porte Maillot, wo +Métros aus der Erde stießen, Menschenmassen aufquollen, +Korsos zum Bois wallfahrten, selige Benzingerüche +in Parkwipfeln schäumten, lange Frauenketten +in Wagen unhörbar, mit Pelzen und süßen Pferden +zu Wiesen zogen. Sie wohnte Impasse Bérthier, +Rue de la Rochefoucauld mit der Grabesruhe und +Sacré Coeur blitzend darüber mit weißen Türmen, +Rosenkränzen, Zitronen. Moulin Rouge brannte das +Parterre aus, vom dritten Stock sprang ein dicker +Offizier ab, zerschellte unter dem Flammenschein. Sie +wohnte Quartier Ternes, fleißige kleine Bürger arbeiteten +in offenen Fenstern. Stand Champs Elysées vor +Luxushotels, sah Autos anfahren, gepflegte Frauen, +helle Glacés, Skunks, weiße wundervolle Füchse. Sah +<!-- page 217 --> +an sich herunter. Sah gespannter lang hinüber. +Wohnte Rue Delambre, zweiter Hof, dritte Baracke, +Numéro Vierundachtzig. Wohnte neben Jardin du +Luxembourg. Wohnte Parc Monceau, diese Nacht +selig von Bodengerüchen. Wohnte Bastille-Platz. +Wohnte zwei Nächte nirgends. Wohnte St. Germain +des Près, sah um sich Pfauenräder der Lichtkaskaden +zum Himmel brennen über dem rötlichen +süßen Straßengefieber, folgte einem Ruf, stieg zwei +Treppen zu Musik, sah sich um, prüfte, wer gerufen, +ging zurück. Am zweiten Tage hier folgte sie einer +Bluse in ein Kaffeekonzert. +</p> + +<p>Einen warfen sie heraus neben ihr, zehn Meter unter +der Erde, der zweite Keller, schrieen: „Sortez-le!! +Peschärsche, Affenschwänze, Bauchzimbel, Irrgebrunste, +Saligots!!“ Im Rauch fiel ein Sergeant gegen die +bemalte Kalkwand, weiß im Gesicht, beugte sich im +Gesäß. „Rotz-Lumpen“, er verschwand. Ein ungarisches +Violinstück kam aus der Ecke. Sie ging über den +Boden, in dessen Lehm ihr Absatz leicht sank, saß +nieder der Bühne gegenüber unter dem zweiten Lampion. +Ein Rosablusenmädchen besah im Spiegel die +Zungenwurzel genau und angespannt, schüttelte den +Kopf lachend gegen den Rauch. Eine unsichtbare +Stimme, siehe, rief: „Schlaf mit mir, süße Freundin.“ +Sie erhob sich und warf sich einer sanften +Schwimmenden gleich in den Dampf. +</p> +<!-- page 218 --> + +<p>Daisy stand mit ihr auf, ging zwischen gesäten +Tischen, den Blick fest nach vorn. Ein altes Weib +neben den Kulissen auf einem Faß zog über ihre +schamlosen Beine einen Keuschheitsgürtel, stampfte im +Tanz, grimassierte den Bauch, zwischen gelben Zähnen: +„Elle avait un petit cadnaz . . .“ Auf der Bütte in +dem Winkel gegenüber schwang die Kitschfanfare eines +militaristischen Fanfarengauls. Sozialisten schrien sich +am Ausgang zu: „Allons Camerades“, stürmten, +warfen die Bütte um, schwangen einen Kreis um die +Alte. Daisy stand auf, ging weiter nach vorn. Sie +saß in der ersten Reihe. Auf der Rampe über ihr +stand ein Mädchen, und die ungewöhnliche Zierlichkeit +und Anmut ihrer Beine machte ein Loch in den Lärm. +Daisys Blick blieb lange an der Biegung ihrer Lippen, +dem Schwung ihres Leibes, der kindlichen aufreizenden +Geste, mit der sie sich entzog. Sie saß nun +ganz an der Spitze des ersten Tisches. Als im Vorgang +des Schattenspieles ein schwarzes Mädchen +ohnmächtig ward, der Mittelpunkt des Abends unter +Gemurre schwankte, sagte sie entschlossen: „Ich“, trat +hinter das aufgespannte Leinentuch, fand dort Renée, +die den Stoff ihres Kleides prüfte, ihre Augen dicht +ansah, lachte und sie küßte, neben dem Conférencier +Philippe. +</p> + +<p>Sie lieh ihre Stimme einem Schwan hin, der an +Philippes Hand grotesk in Schatten verzogen auf der +<!-- page 219 --> +Fläche tanzte und es nicht unterließ, in heftigen Perfidien +dem Präsidenten der Republik nahezutreten, den +Abend zu retten. +</p> + +<p>Sie gingen eingehängt zum Boulevard St. Michel, +überquerten den Platz, hielten an der Boulangerie. +Trabten weiter. Stießen auf d’Harcourt, passierten, +liefen zur Bar, standen vor der Luxembourg-Fontäne, +gingen in die Source, trieben heraus. Wurden aufgehalten, +Philipp erkannt, umringt. Studenten schwenkten +die Biretts, drückten aus ihren Mimis süße Schreie. +Einer löschte die Laterne, einer kitzelte den Sergant de +Ville. Sie zogen durchs Croissant, grüßten mit Zuruf +Jaurès, stoben im Hinterzimmer über das Klappern +der Jetons, warfen einen Spieltisch um, beknurrt +vom Haß der Tische hinaus. Zurück zu d’Harcourt. +Dann zur Source. Reichere Studenten schrien den +Mimis Preise zu. Im Panthéon fiel ein Mann +klatschend auf einen rundoffenen lackierten Hurenmund. +Damen von dreißig bis sechzig Franken stießen verächtliche +Parfümwolken aus gegen die Mimis, die frech +und ängstlich an den Armen ihrer Freunde schwebten. +Auf dem Boulmich verdrehte die Mimi Madeleine +die Augen, fiel um, blutete aus einem Achselgeschwür. +Sie schafften sie in die Brasserie Lorraine, gaben sie +ab, saßen um einen Tisch, klatschten in die Hände, +hoch im Rhythmus, wieder herunter und dann monoton +in einer Schleife. Daisy schlich hinaus, vermochte +<!-- page 220 --> +sich nicht zu entziehen, denn am Ausgang stieß sie neben +der Kranken auf Philippe. Sein Gesicht, wie er, +unermüdlich, helfend, gekniet, beschäftigt war, hielt sie +fest. Sie beugte sich vor, ging überflüssig zurück. +Renée tanzte schon auf dem Tisch, die blanken hellen +Scheitel der Dänen blendeten in einem Kreis um sie, +wieder sah sie ihre unvergleichlich schönen Beine. Man +ging Rue des Ecoles, Notre Dame, eine Brücke, +Place St. Michel, Rue St. Jaques, Rue des Etrangers, +wühlte sich ins Dreieckkreuzfeuer der Lichter vor +der Nacht-Boulangerie. Zwei wurden abgefaßt beim +Gebäckdiebstahl. Die Spionin, die im Gewühl der +aus allen schließenden Cafés sich hier um warme Hörnchen +massierenden Massen lauerte, griff die Gelenke, +die Kassadame keifte, vom Pult brüllte der fette Chef +mit aufgeschlagenen Ärmeln: „Steck ihr Pferdäpfel +ins Maul. Kanalsau.“ Man riß einige mit aus dem +Haufen, wechselte ein blombiertes Fünffrancsstück, warf +ein Pißhaus um, rollte es über die Trottoirs. Man +kam Rue Guijas. Die Droschke mit Madeleine kam +an. Man rettete sich aus der Clique ins Hotel, trug +Madeleine vornher, riß Renée aus den Armen der +Studenten in den Chauffeurmänteln, knallte die Tür +hinter sich zu, riegelte ab. +</p> + +<p>Sie stiegen durch die drei Hurenetagen zur sechsten +der Artisten und Studenten, trugen Madeleine ins +Zimmer Philippes. Er schlug sein Bett für sie auf, +<!-- page 221 --> +legte ein reines Taschentuch auf das Kissen. Beim Abstieg +zum zweiten Stock in Renées Couloir gab es im +dritten Skandal. Zwei Weiber, eine im Korsett, eine +im Hemd, die schimpfte, standen vor zwei Männern +mit Zylindern im Genick, die Kerzen hielten, und einer +sagte: „Alte Sau . . .“ Die Hure hieb zu, traf nicht +den Hut, sondern das Licht. Das Dunkel stürzte, eine +Tür knallte, es schoß. Aus den Gängen quollen Weiber. +Männer in Pyjamas fluchten, drückten Knipslaternen. +Atemloses Geschrei verwirrte alles, plötzlich lief man. +An Daisys Körper griff eine Hand. +</p> + +<p>Sie flog an einen schlanken Körper, der sie rasend +küßte. Erstarrt hielt sie in dem Zug, der sie einsog, +in Besitz nahm mit den Lippen, plötzlich schrie sie. +In Renées Alkoven aber schlief sie im Traum die +Nacht mit jenem blonden Skandinavier, der die erste +Nacht, wo sie auf den Mann traf, bei Le Beaus +Umarmung ihr die Nacht zerfleischte, sie hinaushob +über die Seligkeit des Franzosen und sie an eine Wonne +hochstieß, gegen die nichts im späteren auch nur gering +bestand. Der mit der Hand aus ihr streng heraushob, +was ihr Schmerzen machte bis dahin. Er tat nichts, +was ihr zurückgab, aber er küßte ihr Bauch und Bein, +durchwühlte sie, ward blitzscharf am Rande des Körpers, +aber im Gesicht milder, als er sie verließ. Dies +blieb in ihrem Schlaf, so daß sie aus dem Traum mit +dem Engel glücklicher und befreiter erwachte als je aus +<!-- page 222 --> +einer Männernacht. Sie stellte die Schüssel auf die +Kiste, wusch sich, schüttete das Wasser in den Schacht, +aus dem mit einer Wolke das Gekeif in das kurz geöffnete +Fenster hineinstieß. Sie schloß auf zu Renée, +sah Bewegungen in ihrem Bett, roch den Schweiß +des Kampfes. Sie wartete still, geduldig. „Hundert +Sous“ im Nebenzimmer. Die Tür klappte. Sie trat +hinein zu Renée, die sich müde im Rücken nach der +Schüssel bückte. „Nein,“ sagte Daisy mit unbegreiflichem +Lächeln, „laß mich“, und sie hob die Schüssel +auf ihre Knie und wusch Renée das Gesicht und die +Brust. Erbleichend sah sie am eigenen Hals, wie sie +sich vorneigte, die Dukatenkette vorschwingen. Es fehlte +seit der Nacht eine Kugel. +</p> + +<p>Sie hatte nur noch eine. +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p>Für Madeleine, die ins St. Denis-Hospital gefahren +ward, sprach sie allabendlich im Schattenspiel Philippes +Sätze. Ward seine Angestellte, Vertraute, Sekretärin. +Sie erlitt das Kneifen ins Bein zwischen den Tischen +durchgehend, Zurufe Besoffener, während sie sprach +und ihre Stimme einen Schmelz annahm, der sie nie +beflügelt. Sie schrieb unter der Petrollampe seine Briefe, +sein Diktat. Sie schloß, war er weg, die Dachluke, +räumte sein Zimmer, besorgte seine armselige Wäsche. +<!-- page 223 --> +Wurde ihr Auge verzerrt von Gesehenem, gab seines +ihr Haltung. Rief er, Kommis und Louis zu ergötzen, +die Nummern des Programms in fanatisch heldischer +Pose, las sie zu Haus, was er schrieb. Ging sie mit +ihm neben den Bahnen, verschleierte die Straße sich +in wohltuenden Nebel. Als im Jardin des Plantes +der Tiger aus aufgeklafftem Rachen heulte und sie mit +ihm ans Gitter trat, sah sie die Jungen, nur an den Zitzen +spielend, ruhig saufen. Er wehrte jede Hilfe ab, bot +ihr als Ausgleich von seinen sieben Centimes, blieb +streng dabei, als sie lächelte. Bald konnte sie nur tun +für ihn, was er nicht merkte. +</p> + +<p>Am Tage des Bastillesturms gab er drei Vorstellungen. +Am Mittag darauf kam sie in sein Zimmer. Er +schlief auf dem Stuhl. Sie suchte bis mitten in das +Zimmer zu kommen. Dann schlich sie hinaus. Nach +einer Stunde kam sie wieder. Er schlief noch. Sie +preßte das Kinn wider die Brust, weckte ihn, gab ihm +den offenen Brief, ihre Augen trafen sich, er nickte. +</p> + +<p>Sie gingen durch den Park, wo Kinder kleine Segelboote +fahren ließen, durch Rosahüte, Militärmusik, +sanfte Alleen mit Dogcarts. Kamen in Gassen, Geruch +von Fischen, Kartoffeln, süßlichem Kinderschmutz. +Eine Wolke Karbol umstand sie. Eine Schwester mit +spöttisch grünem Blick versagte den Eintritt, Philippe +sah sie an, nahm ihre Hand. Sie schwankte, öffnete +die Tür. Als sie eintraten, lauerte eisiges Schweigen, +<!-- page 224 --> +eine Frau wälzte sich lautlos auf dem Rücken im Kot. +Zwei fuhren auf aus den linealstarren Bettkolonnen, +schrien, mit Armen die Kissen zerreißend, nach dem +Mann: „Reiß die Mempel aus! Schlammbeißer, +Creusot!“ Sie rülpsten, ihre Köpfe waren verbunden +und geschwollen, Eifersüchtige sich wähnend, schmissen +die im letzten Stadium Irren über sechs Betten, die +sie trennten, sich ihren Schleim, ihre Wut ins Gesicht. +Er trat heran, sie zu beruhigen, indem er die Schwester +leicht zurückdrängte. Aber als er der einen sich näherte +und das Gesicht herabsenkte, begann sie zu zittern, fiel +auf den Rücken, zog das Hemd auf und stülpte den +zerfressenen Schoß ihm entgegen. Er wollte etwas sagen, +doch die Schwester riß ihn zurück, hinaus. Daisys +Rock ward gezogen. Eine dünne Stimme: „Zu mir?“ +Aus grauenhafter Sehnsucht kehrte ein gläserner Blick +wieder zum Plafond zurück. Die Frau vom Boden +stieß sie zur Seite, lief bis an die Tür, wo der Mann +verschwunden, wimmerte, brach zusammen, umfaßte mit +den Fingern die Klinke, die er berührt. Links war die +Krankheit schon Agonie bei einer Kette Betten, rechts +saß ein Kind und lächelte, vierzehn Jahre. Nun kam +Daisy zum Fenster, blieb fünf Minuten bei Madeleine, +gab ihr Äpfel, Rosinen, Bananen, Brot. Dann +gingen sie auf die Nachbarbetten zu, legte bald auf +jenes Kissen, bald auf dieses Tuch Frucht, und wie +sie austeilte mit einer Armbewegung, die fast nicht da +<!-- page 225 --> +war vor innerer Inanspruchnahme, begann, ohne daß +sie sprach, es immer stiller zu werden. Als sie fertig +war, peitschte ein Schrei, stand, stieß, zerbrach. Zwei +neueingekleidete Mimis, die Kette mit der Indikation +der Maladie um den Hals, die frech herein kamen, +bekamen andere Augen, andere Bewegungen, zerbrachen +irgendwie unter dem Schrei. Neben der Toten stand +die Schwester. Madeleine sah auf das Grün im Garten, +zurück zu Daisy, ließ ihre Hand nicht bis zur +Türe. „Zu mir?“ frug die gläserne Stimme, wandte +das zarte Profil sich hinauf. In die geklemmte Tür +noch zwängte Madeleine den Hals, sah Daisy nach, +bis sie verschwand. +</p> + +<p>„Dies ist ein Zuchthaus.“ +</p> + +<p>„Aber auch von St. Denis sehen sie den Himmel“, +sagte Philippe. +</p> + +<p>Ihr Blick blieb nachdenklich, zugeschüttet, an dem +glänzenden Lack der Kinderhüte und dem weißen Crepe, +der die Hemden der Croquetspieler leuchten ließ auf +der Luxembourgterrasse, als streichle er empört ihre +Zartheit. +</p> + +<p>Abends nahmen und sperrten Apachen unter Jeannot +das Café Guijas ihres Hotels. Sie blieben mit einem +Teil, während die meisten Studenten und Mimis durch +den Keller flohen. Jeannot mit sympathischen Augen +aß mit Kameraden um einen Tisch, drei standen Wache. +Nach dem Dessert zog er die schmale Ly herüber, +<!-- page 226 --> +knutschte sie durch, fuhr ihr an den Bauch, lachte, +legte sie aufs Billard. Alle umstellten es im Kreis, +sahen zu, reichten ihre Röcke nach rückwärts. Jeannot +strich seine Mouche, herrenhaft amusiert und wandte +sich schon wieder ab, lachend über die Kuriosität der +Hermaphrodite, als diese, außer sich, ihm einen Siffon +an den Kopf schmiß. Kellner und Wirt, bleich vor +Angst, dienernd vor Jeannot, schrien sie an. Der +irische Aufwischer faßte sie wie ein Schwein, tat den +größten Schimpf, warf sie aus der Tür. Sie wehrte +sich, weinte, biß, kratzte, hielt sich an jedem Tisch, an +jedem Arm. „Gut zum Schlafen, wäre sie nicht . . .“ +sagte Jeannot achselzuckend zum Ringkampf, dem er +lässig zusah, wandte sich ab. Sie schlug vor den +Scheiben in die Gosse, das Gesicht im abspülenden +Regenstrom, wimmernd: „On m’a sortie.“ „Fiaker?“ +frug ein Kutscher, der vorbeifuhr, gröhlte in sich hinein, +hieb die Gäule um die Ecke. „Hilf“, sagte Daisy leis, +als sie rangen. Aber Philippe blieb unbeweglich, bis +sie im Schmutz lag, ging dann hinaus, tröstete sie, +nahm sie am Arm, führte sie zurück vorbei an Jeannot, +der die Pfauenbrauen zuckte, umdrehte, dem Iren mit +der flachen Handkante ins rote Genick schlug, daß der +in die Knie schoß und über ihn kindlich herüberlächelte. +</p> + +<p>Sie legten sie in Daisys Zimmer. Um Zwei klopfte +es. Philippe brachte zwei Männer, einer betrunken, +der andere fiebernd. Sie teilte die Matratzen. Sie +<!-- page 227 --> +machte mit Freundlichkeit Platz, haßte ihn nachts, +morgens schlich sie in sein Zimmer, alles aus ihr stürzte +in sein Wesen zurück. +</p> + +<p>Sie ward seine Begleiterin, nichts geschah ohne sie. +An Betten, bei Kranken war sie hinter ihm. Sein Ausdruck +flog ihr an. Mit seinem Wort gab sie Erhebung. +Sie stand unsichtbar, ein sorgender Schatten, vor seiner +täglichen Existenz. Sie wies Renée aus dem Zimmer, die +mit den Waden nach einem Literaten kokettierte, die Stunde +störte, wo er sich gab. Sie stand an der Wand, las er +seinem Publikum, Russen, Kranken, Bettlern, Studenten. +Ihre Seele schwang mit, glühte fromm mit seiner, pries +er das Unglück, das tiefer forme, Hunde inniger, Pferde +schöner mache. Sie bewunderte ihn, wie er gab, schenkte, +sich teilte und verdoppelte mit einer Freude, die seinem +Gesicht nie die weiche Erfülltheit nahm. +</p> + +<p>Sie strebte, ihm zu gleichen. +</p> + +<p>Sie warf jeden Gedanken aus dem Hirn, der von +seiner Richtung abwich, kasteite sich, übertraf eine +Stunde mit der anderen. Sie gab das Letzte, was sie +trug, den Ring an Ly, die ihn bewunderte wie eine +Legende, ihn vor Freude in den Mund steckte, darauf +biß und ihn fast verschlang. Sie begleitete ihn zu +Guigui, sprach mit ihr hinter dem Gitter des Gefängnisses, +vergaß nicht den Zug des Rehhalses am +Eisen, kam über die Korridore mit ihm heraus und +begann, als die Sonne herabströmte, zu weinen. +</p> +<!-- page 228 --> + +<p>Doch die unbewegliche Güte seines Gesichts brachte +sie ins Gleichgewicht zurück und sie vergaß die Auflehnung +und den Druck, mühte sich stark zu sein, +ihn zu übertreffen. +</p> + +<p>Sie mogelte Geld in seine Kasse, hungerte um ihn, +kürzte den Schlaf, brachte ihm Menschen, die sie instinktiv +auflas, in seinen Abend, gab ihm, wenn sie +beschwingter ihm folgten, einen Wirkungskreis, der öffentlich +ihm fehlte, da er Elend lobte. +</p> + +<p>Sie sah ihn, Vorbild, gerührt ins Letzte, den Vorschuß +des Café-Konzert an ein Kleid Renées geben, +Essen für Guigui. Er speiste auf einer Bank im +Monceau, damit sie nicht sah, daß er trockenes Brot +aß. Sein Bett lieh er aus, blieb die Nacht im Stuhl. +Er sprach freundlich zur Concièrge, obwohl er wußte, +daß sie seine Manschettenknöpfe stahl. Lächelte, als +das Sopha unter ihm brach. Ging still neben Ly, +ohne Protest, als sie unschuldig wegen des Ringes als +Diebin abgeführt ward. Sie sah mit einem schaudernden +Mitleid, wie er sich verschwendete, Unfruchtbares +tat jeden Tag, ohne Tat und Ziel, das half, wie er +Hohn bekam, belacht, verschimpft ward, aber unrührbar +blieb in seiner Weise. +</p> + +<p>Die Liebe aber zu seinem Vorbild wuchs daran über +jeden Begriff, wuchs an jedem höhnischen Lächeln, das +man auf ihn zielte. Bedenkenloser stellte sie sich vor +ihn. Sie suchte noch mehr, ihm alles leicht zu bereiten. +<!-- page 229 --> +Sie sah, wie er sich quälte, das neue Schattenspiel zu +stellen, Ordinäres und Geistloses aus den Tageskämpfen +zog, Unterleib und Hirn des Pöbels zu reizen, um so +die armseligen Sous für sein Leben zu gewinnen, die +er doch wieder weggab. Und schien ihr sein Kampf +verfehlt und schlecht eingesetzt am ungünstigen Hebel in +mancher Sekunde, so schien die Stärke, die ihn überwindend +führte, doch ungeheuerlich im Großen, daß +sie über alles hinweg sich diesem hingab, restloser bemüht, +zu sein wie er, Übel zu vergessen, Trost zu geben, +ihm Stütze zu sein. Sie überwand sogar, was schwerer +schien wie das andere, was ihr Geist vollbrachte, sie +überwand ihren Körper. Holte Leder und Federn, übte +die Tänze ihrer Heimat, deren Bauchkonvulsionen hinrissen, +um seine schwache Nummer zu stützen und gab +ihren Leib den geilsten Blicken. +</p> + +<p>Aber ihr Hirn erreichte selbst in der Opferung kein +Glück. +</p> + +<p>Sie konnte, wo er sie gelehrt, tiefer zu schauen, die +Abgründe nicht mit ihren Händen zusammenschweißen, +die aus der Not verfluchter Zeit und dem Zwang, sie +zu lindern, sich ergaben, und Dienen und Helfen schlugen +ihr gleich Gewichten aus der Hand, wenn bei aller +Hingabe keine letzte Befriedigung kam. +</p> + +<p>Sie blieb allein. Lief durch die Gassen. Erbleichte +unter seinem Anblick, schloß sich ihm demütig an. Sie +kamen ins Café, als Ly von einem Krampf ergriffen +<!-- page 230 --> +auf dem Rücken lag und schrie. Philippe ging auf +sie zu und, indem er die Hand ausstreckte nach ihrer +Stirn, gelang es, daß sie beruhigt aufstand. Daisy +neben ihr auf dem Barstuhl. Renée verkaufte sich +einem blassen Deutschen feilschend um ihre Taxe: hundert +Sous. Sie frug nach Luison. Achselzucken. Sylvie, +die mit einem Amerikaner zog, der ihr Opium ins +Gedärm gab, eh er mit ihr schlief . . . „May?“ +„Die Krankheit.“ „Riette?“ „Die Krankheit.“ +</p> + +<p>St. Denis. +</p> + +<p>Das Wort schlug wie ein Hammer sekündlich in +ihre Seele. Verheerte, verwüstete sie, trieb Wut heraus +und Auflehnung, bis sie flammte. Schlichtete ihr +Glaube sich an Philippes Nähe sanfter und demütig, +ein jeder Besuch, ein jeder Tag rieb sie an der Unvollkommenheit, +dem Irrsinn der Welt. Bald sah +sie nur noch so, daß sie Kontraste maß, Distanzen +spürte, das Riesige, was die Menschen schied und +sie unglücklich machte, nur als geringe Strecke, als +kleine Unterscheidung empfand und unverstehend blieb +an der Hartnäckigkeit, mit der gestempelte Dummheit +das Glück hintertrieb. +</p> + +<p>Samstag verschwand Renée, sie sah sie nicht wieder. +Abends brach eine kastilische Mimi zusammen, spie +das Lokal voll Blut. Man warf sie in einen Karren, +er rollte los. Herauf schwankte ein Beerdigungswagen, +ein Auto mit bemalten Kokotten schnitt die Bahn. +<!-- page 231 --> +Da fiel sie ohnmächtig zurück, wie vom Blitz zerschmettert +von dem einstürzenden Gefühl der Unzulänglichkeit +ihres seitherigen Lebens. +</p> + +<p>Die Nacht kam sie zu Philippe. Er hatte die +Augen weit und sehnsüchtig auf sie gerichtet, wie sie, +das Licht über dem nackten Arm, hereintrat. Sie +ging bis an sein Bett, kniete auf das Holz. Sie +neigte sich zu ihm, und es fiel ihr schwer zu sagen: +„Wäre es nicht schöner, Philippe, du hättest Ly geholfen, +statt mit ihr zu gehen?“ +</p> + +<p>Er schwieg. +</p> + +<p>Dann sagte er: „Ich kann nicht bestimmen, auch +du nicht, was ihr Glück ist. Aber ich suchte zu +helfen, als sie litt.“ Es gab für ihn keinen anderen Weg. +</p> + +<p>Sie ging, sagte nie mehr ein Wort. Von ihrem +Gesicht nahm stets sein Auge die Auflehnung hinweg. +</p> + +<p>Aber sie sah, wie das Café mit neuen Mimis sich +füllte, wie die wieder verschwanden, zu rasch durchgekeltert, +zerbrochen, verbraucht. Wie neue Wellen der +Boulevard hereinwarf. Die Lues wütete. St. Denis +sich füllte, gespeist aus tausend Lokalen, Schicksal sich +vollzog, in der Maschine des Hospitals das Fleisch gesiebt +ward, die beiden ersten Stadien noch mit Grazie +vergingen, das dritte aber wie Pestilenz die jungen +Körper durchwütete . . . . wie Verlebtes herausschoß, +Angenagtes hineinkam, wie die Maschine kaute, fraß, +schlang — — und nichts half an der Wurzel, nichts +<!-- page 232 --> +umstülpte, was gemeinhin half. Gott nicht unterstützte. +Was blieb als helfen? Nachts bohrte ihr +Hirn, sie schlug an die Wand, riß an der Tapete. +Ging sie mit Philippe, gab sie Hingebung, Duldung, +Erquickung. Ihr Lächeln bezauberte. Louison beantwortete +es zwischen einer Hungerohnmacht. Madeleine +schien es, sie empfange mit ihren Bananen Himmel, +Musik, Freiheit. In Philippes Leben stand sie und +fühlte, daß er es brach wie Brot, zu heben, finden +zu lernen, Stärke in Ruinen zu bauen. +</p> + +<p>Ihr Hirn jedoch bäumte sich dagegen und ihr Blut, +das frisch mit den Dingen des Daseins strömte, daß +er dem Ende der Tragödie sich nur hingab, in schon +Zerschlagenem erst das Menschliche züchtete, statt an +der Quelle groß und sicher die alten Schleußen zu zerschlagen +und neue aufzubauen. Und mit Haß empfand +sie seine große Begrenzung, die wohl das Eigentliche +wollte und im Zerbrochenen gleich das Geläuterte sah, +aber keinen Sinn hatte für Anfang und Ende des +qualvollen Weges, der das Menschliche verdarb und +vergeudete in einer ungeheuerlichen Preisgabe. Sie +konnte nicht unterlassen zu denken, während er Madeleine +sein Geld gab, ihre Geschwüre seien nicht, flöge +ein Paragraph in die Luft; Guigui sei frei, blase ein +Tapferer ein dünnes Vorurteil auf wie Seifenschaum. +Wohl empfand sie süß aus jeder hilfreichen Bewegung, +das Wichtigste sei, die Menschen zu bessern am Beginn, +<!-- page 233 --> +Menschen zu schaffen mit Vorbild und Beispiel, +aber was half es, dauerte es Jahrhunderte. Ihr Herz, +das mit tausend Fasern in die Zeit schlug, bewegte bei +jedem Zusammenstoß mit dem Elend ihres Cafés, ihres +Hotels, ihres Zimmers sie, einzugreifen, statt mitzuleiden, +und der Irrsinn, der Hundert zerschmetterte, um wenige +sinnlos zu heben, benahm ihr den Atem und ließ sie +in Gedanken sündigen stündlich gegen seinen Sinn. +Denn da im Umschwung des Daseins sie aus der +oberen Kuppel des Theaters hinabgestürzt aus dem +Willen ihres Blutes in die hintersten Parterre, empfand +sie die Kontraste deutlicher und schicksalshafter wie er, +der im Bodensatz nur lebend liebte und tröstete. +</p> + +<p>Und mit der Berührung des Primäraffekts erlebte +sie erst die ganze Rundheit des Daseins und mehr als +je klaffte ihr von dieser Tiefe ihrer Existenz nur die +eine Losung: „Hilfe dem Menschen“, und aus Dreck +und Kot und Unzucht kamen die Übersicht und die +Entscheidung in ihr Leben. +</p> + +<p>Noch hielt sie seine Güte, noch brach nicht aus, +was sich wehrte, noch rührte die Liebe zu ihm und +sein Bild sie zu solchem Mitleid, daß sie nachts hinausschlich, +seine Schuhe reinigte, dem Kaffee, wenn er +morgens an ihrer Etage vorbei ihn sich durch den +Garçon bringen ließ, einen Zucker noch, den er liebte, +hinzufügte, wozu sie eine halbe Stunde harrend auf +der Treppe stand. Sie mühte sich, in die Seineantiquariate +<!-- page 234 --> +zu laufen, Kolibris, Lederfransen und +Muscheln zu kaufen, ihr Kostüm heller zu verzieren +und ihren Tanz zu Schleifen zu bringen, die das Letzte, +was Scham ihr noch ließ, preisgaben, damit sie seine +Premiere sichere und ihm Ruhe gebe. Sie schwieg, +während ihr Innerstes sich elementar schon empörte, +rückte näher an ihn, schmiegte sich in seine verborgensten +Falten, lebte selbst in seinem eingeschlafenen Gesicht. +</p> + +<p>Am Abend der Neuaufführung glühte der Kellereingang +phantastisch. Die Stühle um zwanzig vermehrt. +Sie stand im Kostüm halbnackt. Da arretierte +ein Sergeant de Ville ihm die unersetzbare Sprecherin +des Uhu. Das Spiel fiel aus sieben Minuten vor +Beginn. Das Weib war im achten Monat, der +Sergeant riß sie schleifend die Treppe hinauf. +</p> + +<p>Da überstieg der Zorn über das, was er am Guten +verfehlte, an falschen Plätzen vergeudete und verpraßte +und nicht aufhob für das Donnernde, das seinem Leben +Ziel und Erhebung geben konnte, all das in ihr einen +Augenblick lang, das an ihm hing. Geröteten Gesichts +unter der Schminke bat sie heftiger, er solle sich +wehren, nicht gefalteter Hand sich selbst zerstören und +abbauen, statt zu schaffen. Aber er wehrte sie mit der +Hand leicht ab und einem Ausdruck um den schöngeschlossenen +Mund, daß ihre Hand, Verzeihung erbittend, +die seine strich. +</p> + +<p>Aber sie verlor nicht das Gefühl, wie sehr die Unzulänglichkeit +<!-- page 235 --> +seines Lebens das ihre bedränge und daß +sie sich zerstöre und fessele, lebte sie weiterhin wie seither. +Sie verstummte verzweifelt. Sie empfand zum +ersten Male die Ungenügendheit der Menschen, in denen +die Führer taub und falsch gerichtet lagen und an denen +zerbrach, was glühte. +</p> + +<p>Sie tanzte mit einem Lächeln, das sein Gesicht nicht +ausließ, steigerte sich zu den schamlosesten Gebärden, +hob Bauch und Schenkel, daß nichts ihr blieb, alles +ins Publikum fiel an Reiz und Erregung ihres unbegreiflich +schönen gebogenen Körpers. Während ihre +Füße in Unzucht gingen, lobte ihr Mund nur sein +Gesicht, forderte ihr Auge sein Lächeln. +</p> + +<p>Sie sammelte, durchbrach die knatternden Applause, +stellte den gehäuften Teller vor ihn, strich über seine +Hand. Ging. +</p> + +<p>In seinem Zimmer begann sie zu schluchzen. Sie +sah sich um, verließ es. +</p> + +<p>Sie lebte vor Cafés, auf Imperials. Lebte Rue +Richelieu, Rue Bonaparte. Kam Quartier Ternes, +fuhr auf einem Karussell mit Affen am Etoile. Glühender +Scheibe gleich sauste der Kreis des Daseins vorbei. Sie +blieb draußen. Atemlos. Ohne Besinnung. Die +Zähne aufeinander. Ohnmächtig Knie an Knie. Immer +wars, es stürze wie über Terrassen das Gesehene und +Erlebte ab von ihr. Ihre Verzweiflung trieb die +hellsten Tage zurück. Der Papagei der Savoyardin +<!-- page 236 --> +im Luxembourg, der sie kannte und liebte und dessen +Hals sie kraute seit Wochen in schöner Zärtlichkeit, +rieb den grünen Kopf an ihrer Hand. Sie sah ihn +nicht. Sie fuhr nach St. Germain. Vom Imperial +brach die Stange vor der Station, ein Latschmützer +sauste ab, hielt sich, stürzte eine alte Frau auf die +Chaussee, sie brach die Beine, schrie aus kreisrundem +Mund „Adolphe“. Kondukteur und Arzt herbei, der +Apache bestach, blieb an der Ecke, höhnte: „un plomb“, +der Schaffner warf das Bleistück wütend auf die +Erde, ging mit roten Fäusten auf die Apachen, die +die Zigaretten in den anderen Mundwinkel steckten, +ihn über einen Zaun schmissen. Der Arzt reinigte sich, +unter Gequietsch rollte ein Handwagen mit der Frau +ab, die Männer sagten „merde“, schlenderten weiter. +Die Vögel sangen toll. Aus einer blauen Woge trieb +sich der Park gleich einer Wolke heran und stand +zitternd in der duftenden Luft. Der Wind wogte +golden um den Hochstieg der Sonne. Die Boskettes +fluteten vor Licht. Sie nahm eine Bank. Hinter +dem Brunnen ward der rote Strumpf eines Mädchens +deutlicher, stieg, die Hand eines Mannes hob, der Rock +flog auf wie ein Pfau. Als die kristallene Abendwölbung +kam, hing eine rote Windfahne über dem +Schloß, ein Mandelbaum, der fast weiß ward vor +Hingabe, roch wie im Traum. +</p> + +<p>Frierend fuhr sie zurück. +</p> +<!-- page 237 --> + +<p>Wohnte Trocadero, sah Flugzeuge silbern am Himmel +surren. Rue du Château d’eau schlief sie bei der +Concièrge, spielte abends in Porte St. Martin. Stand +mit <a id="corr-8"></a>Heiligenbildern vor St. Sulpice. Wohnte Porte +de Bercy, Bois de Vincennes. In einer Gärtnerei +Neuillys goß sie Blumen, hütete ein Kind, bis es +schrie und lief unter dem Schreien plötzlich davon. +Stand fest vor der Porte Maillot mit „Intransigeant“, +„La Presse“, empfing das Trinkgeld der Soldaten, hielt +unter den Wasserpalmwedeln durchsausender Automobile, +spielte Karten mit den Zollwächtern der Barrikade. +War eine Negerin im Odeon, entblößte den Bauch +und schwang ihn wie ein kupfernes Schild zwischen +den zärtlichen Hüften. Hielt Narzissen in einem Kiosk +der Place des Vosges. Stand auf dem Wagen der +demonstrierenden Studenten der juristischen Fakultät, umbrüllt +von Jugend, Benzin, Fleisch. Verkaufte „Les Trois +Couleurs“, mit denen der „Matin“ den Deutschland-Frankreich-Rekordflugpreis +des „Journal“ bekämpfte. +Wohnte Rue St. Jaques, die <a id="corr-9"></a>barock vom Panthéon +steil und dämmerig zum Boulevard de Port Royal +steigt. Sah Madeleine aus einem Auto, verhüllte +ihr Gesicht. Fiel zurück in das Getriebe, sah Gare +St. Lazare die Auslandszüge über den starren Friedhof +brausen, drückte Blériots schwielige Faust. Stieß im +Louvre auf Guigui, die mit schwarzem Lorgnon, elegant +gekleidet, an ihr vorbei auf einen zottigen Rumänen sich +<!-- page 238 --> +lanzierte. Sah die blauen Monde elektrischer Laternen +die Sommernacht der Boulevards schwärmerisch durchschwimmen. +Wohnte Tuilerien zwischen Hecken und +Marmorbildern. Kam in ein Musikcafé, eine Geige +riß ihr ins Herz, löste sie wundervoll auf und zog aus +dem Verschütteten mit dem schon über das Menschliche +hinausgehenden Hinreißenden ihrer Stimme sie in die +Höhe. Sie ging hinaus, begann zu weinen, kam auf die +Bahnhofsbank des Boulevard Montparnasse. „Kommen +Sie“, sagte eine Stimme hinter ihr. Durch Tränen +sah sie den Mann, der im Café Cluny neben ihr die +Zeitung gelesen, ihren Kaffee bezahlt hatte. Atemlos +nahm sie seinen Arm. Da sie ausgedurstet war nach +einer menschlichen Stimme, wäre sie gefolgt, wäre sie +rauher noch und befehlender gewesen wie diese. Verscholl. +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p>Aus den Sonnenblumen des Rangunschen Weibergemeinschaftshauses +brechend, schlug Stefan ihr die +Arme um den Hals von rückwärts, drückte, schob einen +Knebel in ihren Mund, warf sie auf einen Gaul, das +Tier lag in den Knien, ein anderer Pferdekopf schob +sich vor, sie war frei, da rasten die Gäule, eine Hand +riß ihren Zaum. Sie ritten die Nacht durch. Ihre +Augen zählten die Äcker, sieben Bäche, sie lauschte. +Geräusche. Alarm. Wasserzüge leuchteten Metall. +<!-- page 239 --> +Mond über einem Ölbaum. Der Mann schlug Schleifen, +ritt ein Stück mit ihr im Fluß. Der Küstenstrich +war alarmiert, er ritt zurück. Eine Finte. Seine +Ohren standen steif vor Anspannung. Die Gäule stoben +durch Gestein zurück auf einen Hügel. Vor dem Himmel +gebrochen hingen Bergzüge in die Weißnacht, darüber +eine Kuppe wie ein Segel geflaggt. Hinzu trieben +sie in Wälder. Als sie den Gurt durchbrachen, +Zweige um sie schnellten, flammte die Sonne auf. Sie +kamen an ein Bambushaus. Er stellte die Leiter an, +ging in den Verschlag, zog die Leiter hinter ihr ab. +Als er sich umdrehte, ward sie unwohl, die Periode +erfüllte sie mit Nebel, warf sie um. Abends, als sie +die Augen aufschlug, entdeckte er es. „Vier Jahre“, +sagte er, seine Hände zitterten. Sie sah an seinen +Fingern hinauf, hinab, schlief ein. Anderen Tages mußte +sie reiten. Sie ritt. +</p> + +<p>Sie ritt mit ihm, der unter holländischem Lampenhut +das Kostüm des nördlichen Chinesen trug, um die +Wette. Schlief bei Tage. Fuhren nachts in Lagerfeuer. +Eingeborene zwischen spritzenden Spänen sausten, die +Fäuste in den Augen, in die blonden Felder. Ölbäume +zitterten erregt unten in Ebenen. Sprach kein Wort +mit ihm, nur an seinen Händen sah sie die Sehnsucht +von Jahren. Als sie wohl ward, kniete sie, beugte +sich über den Kopf, der quadratisch geschlossen schnarchte. +Beugte sich tiefer, roch ihn, empfand die Gewalt, +<!-- page 240 --> +schlug die Zweige zurück, auf Schuhspitzen und Handflächen +schlich sie in eine Rinne, kam an den Rand, +pfiff die Gäule, ritt nach der Küste zurück. Hielt am +Mittag. Von ihrem Gesicht fiel ab, was sie gelebt +das Jahr und was sie erwartete. Sie lauerte, überströmte +sich mit Blut. Kehrte um, wandte den Rücken, +schlug Stefan einen Pfiff, machte Bogen, führte die +Gäule rechts und links am Halfter, rannte mit ihnen +ins Wiesenwachs, ließ los . . . zwei Bogen sausten +in den Horizont. Sie schlug sich morgens zu einer +Karawane. Um sie Sand. Nach dem Berg zu. +Allein. +</p> + +<p>Mitten trugen sie einen Alligator, vorn ein Parah mit +Weibern für Bergradjahs. Die Armenier liefen beim +Halt nach vorn, starrten in das Kattun. Daisy gab +einem Ceylonier ein Messer für einen Esel. Er sah +auf ihre Weiberhand, mißtraute ihr in dem Jünglingsrock +mit abgeschnittenen Haaren, bedachte, es sei ein +politischer Emissär, meckerte, sah Rebbach in der Beziehung, +blieb treu neben ihr. Abends hob sich der +Kattun des Vorderkamels. Hüften schaukelten prall +und weiß. Ein Tuch fiel. Eine Auge grell nach +Fleisch suchte das ihre, die Lider senkten sich, der Kattun +verschluckte nicht das Zeichen. Es galt ihrer männlichen +Kleidung, der tänzerinnenhaften Bronzeschlankheit. +Am Morgen kreuzte sie eine Karawane. In +der zweiten Reihe ritt Stefan auf sie zu, sie erstiegen +<!-- page 241 --> +einen Palankin, sie schloß die Augen. Wieder roch sie +seinen Körper, dessen breite Muskeln sie fast zerbrachen. +Demütig nahm sie seinen Zorn, seine Beglückung. Sie +hoben sich aus den Knien. Der Kattun beim Vorderkamel +stieg in die Höhe, das Zeichen des ersten +Feuers kam. Dolche sahen in den erhellten Palankin. +Wütend schlug der Kattun zurück. Das Weib heulte die +Nacht, geschändet in ihrem Geschlecht, denn das Tun der +beiden Männer im Palankin war ein Greuel. Am Gebirge +bremsten sie, trennten sich von der Masse, schlugen +sich in die Täler. Ein sanftes Gesicht wandte sich ihm +zu, als sie allein hinter einer Düne standen. Allein die +Fremdheit dieser Ergebung füllte ihn mit Mißtrauen +so, daß er sie mehr beobachtete, als hätte sie Fäuste +in sein Gesicht geschlagen. Doch sie tat keinen Laut, +ergab sich und war in ihrem Erleiden und sich Schenken +von einer Entferntheit, die ihn rasend machte hinter +seinem steinernen Gesicht. Entfernte sie sich: „Halt“. +Ging er vor ihr, sahen zwanzig Augen aus seinem +Rücken. Führte sie, fraß sie sein Blick. Doch je mehr +er sich bemühte, um so mehr gab sie sich ihm schrankenlos +in die Hand. Allein er empfand auch hierin +nur, was sie verschwieg. +</p> + +<p>Als ihr die Milz schwoll vor Feuchtigkeit, Fieber +ihr Hirn verwirrte, trug er sie am Leib an einen Sonnenabhang. +Das gesteigerte Blut wehrte sich, sie schlug +ihm das Gesicht auf. Als das Licht das Fieber aus +<!-- page 242 --> +ihrem Körper warf, sah sie das Blut. „Ich schlug +dich nicht“, sagte sie. Er schwieg. Da küßte sie +seine Hand; „Verzeih.“ Sie lag wie ein Kind an +ihn geschmiegt. Er sagte nichts, denn er besaß. +</p> + +<p>Je mehr er besaß, um so stärker zog er sie in den +Kreis, den seine Kraft um sie schloß und sie bedingungslos +ihm gab. Bronzekörper fielen hinter sie zurück, +Geschlitzte trieben Yaks auf Abhänge, tranken Alkohol, +schrieen die Nacht. Er band sie mit jedem Gedanken, +als es schneefrei ward. Ihren Willen schied +er aus. Seinen pumpte er ein. Ihr Schritt ward +bestimmt. Das Moos für den Fuß bezeichnet. Selbst +ihren Gang, da das Unaussprechliche ihrer Ergebung +ihn wie mit tausend Widerständen peinigte, regelte er +nach Tempo, Biegung, er hätte versucht, sein Blut +ihren Adern einzuführen, das dunkle Letzte suchend, +was er besitzen wollte. Die Nacht nahm er ihr die +letzte der achatnen Kugeln. Im Morgengewölk entblätterte +die Spitze. Ein schnurgerader Weg in Fels gemeißelt +blitzte hinauf. Links, rechts sausten Abgründe. Am Ende +oben stand ein Bau. Zweimal stieß Stefan vor, kam zurück. +Das drittemal war er bleich. Er untersuchte die +Abstürze, den Stein, blieb die Nacht weg. Am Morgen +kam er: Aus. Rot im Weiß des Auges. Die Hände +hingen schlaff. Sein Mund murmelte die Stationen, +die in vier Jahren die Sehnsucht ins Irrsinnige gesteigert: +„Paris . . . Marseille . . . Kalkutta . . . Pegu.“ +</p> +<!-- page 243 --> + +<p>Sie lächelte, band den Gürtel schräg, torkelte, strich +die Sandalen ab und ging mit einem kühlen Schatten +neben sich los. Auf das Tor zu. Klopfte den vierfachen +Rhythmus, es schloß sich hinter ihr. Sie glitt +in die Welle, die im Kreis des Hofes brauste. Senkte +den Kopf, schritt mit, strich nach zwei Stunden von +der Peripherie, sah ein gelbes Band, kam in den zweiten +Stern, sprach eine Minute, glitt durch die Barriere +in die innere Drehung. Die gelbe Binde verschwand, +bückte sich. Ein anderer wiegte an der Seite. Sie +kam näher der Kuppel am Mittag. Der Kreislauf +faßte sie enger um die Mitte, schlang sie ein, trieb +sie in den innersten Kern, sie flog von Schleife in +Schleife, glitt an ein Metall, es erzitterte, nach fünf +Minuten kam sie bleich mit einer Tafel. Den Kopf +gesenkt, die Welle nahm sie auf. Langsamer und vorsichtiger +spie sie sie aus. Ihr Bein tat weh im +Torkeln, aber das vergangene Jahr verließ sie nicht. +Sie strömte durch das Brausen, die Flügel des Umschwungs +geleiteten sie mählich, hochmütiger aus dem +Herz des Sternes. Gegen Abend zog die Menschen-Mühle +mit Schweigen, sie bog in die äußerste Peripherie, +stand abgestoßen vor dem Tor. +</p> + +<p>Es war dunkel. „Komm“, sagte sie. +</p> + +<p>Sie überschritten den Steg, ein schmales Tal schmiegte +sich entlang, am Ende ein Tor. Die Türen sperrten, +die Nacht zischte in der Laterne, die ihr Gesicht überflog, +<!-- page 244 --> +das Licht fiel auf die Tafel, das Gegentor schoß +auf. Die Ebene lag vor ihnen. Sie lächelte. In +seine Hand gab sie die Tafel, sie konnte sein Gesicht +nicht sehen, später erst ward der Himmel heller, fiel +weiß im Bogen gegen den Grenzfluß. Unter dieser +Bewegung spürte er, daß das Unwägbare in ihr, was +er gesucht und nie erreicht, solang er gezwungen, ihm +näher nun, wo sie sich über ihn schwang, war als je. Dies +schlug ihn ganz zusammen. Sie übersah es. Blieb die +gleiche. Frug ihn nach Weg, Leitung, gab ihm die Führung, +folgte ohne Zögern. Sprach ruhig zu ihm von Wäldern +und Flüssen und Dingen, die sie umgaben. Von sonst +nichts. Sie häufte alles auf ihn, was ihm das Ansehen, +den Ausschlag, die Leitung gab. Als es ihn zu sehr bedrückte, +ergab sich eine stillschweigende Harmonie, sie +wünschte, er tat, aber sie zeigten, sprachen es nicht aus. +Er verstauchte das Knie eines Tags. Sie blieb erschrocken, +da fraß ihn das, was ihm Komödie schien, ans Herz, +er brauste auf, die Schläfen wölbten sich, die Fäuste +wuchsen. Sie aber unterzog sich dem ohne Betonung, +demütig, nahm es hin wie vorher. Dies wischte seine +Erregung weg, und von diesem Augenblick blieb er in +einer gefaßten Ruhe, die jede Schwingung seines Blutes +in einer ehrfürchtigen Entfernung hielt. In diesem +Gefühl fand er sich wieder, wurde stolzer, sicherer, und +so empfand er die Entfernung, die sie wirklich von +seinem Erleben trennte und zu deren Aufstieg der große +<!-- page 245 --> +Weg ihn noch trennte. Von weißem Licht bespült, +fast unirdisch in der Ruhe der Fächerabende kreiselte +ihr Floß, dessen Ränder sie bewohnten. Der Himmel +hatte die Farbe des Perlhuhns, seiden in der Berückung +der Flötendämmerung. So entglitt sie ihm immer +ferner, je tiefer er sie in Wahrheit erkannt und empfand, und +indem sie das sprengte, was er bis zu diesem Tage als höchstes +Vertrauen seiner Kraft in sich hielt, befreite sie in ihm +die Freiheit, die mit schmerzlicher Glut ihn ganz erfüllte. +Aus einem Abend stachen Dampferlichter. Unter senkrechter +Flamme entzündete sich ein Hafen. Eine Stadt +mit Musik, Cafés, Papierlaternen und Lichtern kam +aus der Wölbung. Als sie in der Bahn abfuhr, sagte +er wie im Garten Guildendaals: „Du bist der Wirbel, +der mein Leben einfängt“, aber er sagte es mit einem +schmerzlich veränderten, zu anderen Entschlüssen umgebrochenem +Gesicht. Sie nickte zurück. Aus dem Aufschlag +ihres groß bewimperten Auges blieb eine träumerische +Bewegung in der Luft, die bald rot ward. Die +Ebene glitt in dunklem Samt zurück, der Himmel +berauscht, bebend wie eine Trommel, grau mit tierischem +Glänzen der Fluß. Sie schloß die Augen und +es kam nur das lösende Gefühl mit grenzenloser und +gütiger Kraft: Schlaf. +</p> + +<p class="tb"> </p> +<!-- page 246 --> + +<p>Sie sieht ihren schmalen bronzenen Körper im tiefen +Glanz des Spiegels erscheinen. Sie reißt das einzige, +was außer der leeren Halskette an ihrem Leib ist, von +ihrem langen Schenkel über dem Knie das Band, +zieht die Schließen an. Verkauft die zwei Perlen. +Im Palankin fährt sie ins Hafenquartier, klopft, +verschwindet. Fährt im Männeranzug im Wagen zurück, +mit dem kurzgeschnittenen Haar einem Mischling +gleichend, zu einem Magazin, füllt einen Koffer, fährt +zu einer Pension, nimmt einen Raum. Dort klirrt +die Glocke des Rockes um ihre Hüften, zögert die +wundervolle kleine Brust in der Bluse. Da reitet, ißt +sie als Herr. +</p> + +<p>Ihr Mund hat einen hinreißenden aufbrechenden +Zug. Das Auge sucht, hebt sich, erstarrt, sinkt. Von +zwei Seiten durchwühlt sie den Menschenhaufen. Er +fällt nicht vor ihr zurück, gleitet nicht mehr ab. Sie reißt, +aus der Einsamkeit her gesammelt und hoch schon über +jeder Enttäuschung, zu sich jetzt, was sie erwittert. Das +Auge glättet, schmeißt auf, enthüllt, zerlegt . . . die +Pupille sinkt. Innerlich voll Spannung, fiebernd erregt. +Nach außen, von vieler Erfahrung her, demütig +überlegen. Als Frau zieht sie den Mann an allen +Instinkten, reizt ihn mit Geist, mit der Drehung der +Hüfte. Spürt seinen Blick im Ausschnitt, im Nacken. +Sieht den Mut seiner Erregung, führt ihn, zieht ihn +nach, sieht endgültig vor Zielen, Aufgaben ihn entflammt +<!-- page 247 --> +— spürt aber, mäßigt sie ihr Blut zu Kühle, +ihn zurückgeschraubt im Thermometer seiner Begierde. +Die Pupille sinkt. Sie bohrt von der anderen Seite +sich ins Geheimnis. Selbst in der Maske des Mannes +desavouiert sie ihn in seiner Beziehung zur Frau. Erst +hinter dem Weib, das ihn aufschwänzt, in der Einstellung +auf Bauch und Besitz ihn als Klasse sofort +uniform macht (wohl auch riskant und alles in die +Wagschale werfend, doch nur spielerisch und daher unbestimmt +und ohne Verlaß), dahinter erst entdeckt sie +den Mann. Ungestört von weiblicher Schwingung +trifft sie die Nüchternheit seiner grauen Stunden, die +Lüge seiner Frische gegenüber Weiblichem. Teilt seine +Barnächte, Dürftigkeit seines Spiels, die Phantasielosigkeit +seines Hirns. Außerhalb der Polspannung der +Geschlechter empfindet sie die Indiskretion gegen jede +Frau, seine Kameradschaft gegen das Weib. Sie konsumiert +mehr Menschen, ihr Auge wird heißer im +Erkennen, die Pupille sinkt. Ihr Leben wird rastloser. +Sie weiß, der Mensch versagt, und Enttäuschung +peitscht sie auf. Lauschend sitzt sie in den Ecken. Aufmerksam +verfolgt sie die Ereignisse der Straße. Sie +mischt sich, wo Meinungen kreuzen, Kräfte aufeinanderstoßen. +In Nankingkleidern treibt sie sich am Hafen +hin, kommt arbeitend an die, welche der Instinkt der +anderen als Überlegene, Wollende, Visierende zeigt. +Treibt mit Smith vier Tage um die Fischeransiedlungen, +<!-- page 248 --> +hört, öffnet ihr Ohr weiter, stärker, erreicht +die Grenze. Starrt ihn an, die Pupille sinkt. Kehrt +zurück zu den Baggern, Transportern, aufgeregter +Meute in großer körperlicher Bewegtheit Schaffender. +Schwenkt ab zu den Stillen, Vergrabenen, an Maschinen, +in Kellern, Hangars Angeschmiedeten. Findet +Abgegrenztes. Wo Ziele sind, schwach fundiert. Erstrebtes +nur im automatischen Gang. Hinter dem +Programm das Nackte, Ehrgeiz, Erfolg des Ich. Sie +rettet sich in einem Bogen, mischt sich unter die Weiber, +trägt Armband, Ringe, duftet, rauscht mit Dessous. +Nur Holzbein, Titus und Zwicker denken, und die +Ergebnislosigkeit solch nüchternen Schwungs stößt zurück. +Doch sie läßt sich nicht schrecken. Die Menschen +versagen. Aber sie hält nicht. Will. Muß. +</p> + +<p>Mischt sich in einen Streik, schmiegt sich an die +Leitung, spürt, wittert, die Pupille sinkt. Schon mißt +sie den Einzelnen, den sie sieht, auf seine Befähigung, +richtet ihn nach ihrer Forderung, fast nach dem Geruch, +durch den untrüglichen Instinkt, der sie vorwärts führt. +Sie sieht einen Gentleman einen Hund mit Lebensgefahr +retten, pflegen, säubern. Sie schließt sich ihm an. Sein +gutes Herz sieht nur den blinden Einzelfall, spannt sich +nicht aus. Sie zuckt die Achseln. Nicht genug. Die +Pupille sinkt. Im Klub mit Abenteurern spürt sie +Fabelhaftes, aber es vollzieht sich nur aus Rausch. +Verschwenderisch, doch unbrauchbar. In der Tiefe die +<!-- page 249 --> +wilde Grimasse aus Kneipe und Bordell, die sich einsetzt +und stirbt, nur Aufflammen ungezügelten Instinkts. +Traf sie auf Ideen, waren es Schwächlinge, Schwärmer, +die Locken nach der Sternansammlung schwenkten. Kein +Handgelenk und Griff. Die Pupille sinkt. Sie sucht +nicht für sich, denkt nicht für sich, wird unermüdlicher, +gläubiger. Leid, das sie aus jeder Stunde anschreit, +wirft sie nicht um, hetzt, feuert sie an. Empfindsam, +gleich einem Apparat, zeichnet sich auf sie ab die Struktur +des Daseins, sie mißt, urteilt, findet den Hebelpunkt +— weint, daß sie eine Frau ist. Lächelt über die Hilflosigkeit +des Geschlechts, beißt den Mund fest und sucht +heftiger, strackser. Schon wachsen Ansätze zu Plänen. +In der Dürre des Erfolgs selbst beschwingt sich ihre +Seele zu größerem farbigstem Feuer. Wohnt in Baracken, +wohnt im Hotel als Dame, wohnt an der Quarantäne. +Wohnt ein Stück im Lande. Sieht fischende +Frauen im Abendlicht mit Bastkörben von Stein zu +Stein springen. Boote vorüberfahren. Dampfer rauschen. +In der Pension als Reiter. Seglerin des Hotels. Lernt +aus jeder der Sekunden. Sieht den Saft aus der Erfahrung, +bekommt schärferen Glanz, mildere Schönheit +ins Auge, reift mit Brust und Hüfte in eine schlanke +Rundung. Prüft, hofft, verwirft. Spannt sich in den +Glauben mächtig zum Dehnen. Die Pupille sinkt. Das +Lid hebt sich. Die Figur eines Kapitäns schneidet sich +aus einem Dampfer. Der Schall eines Agitators verzückt +<!-- page 250 --> +erregt. Das Raunen einen Slowenen in einem +asyle de nuit sinkt ins Blut. Die Haltung eines Kaufmanns +zu seinem Diener verblüfft. Der Blick wird +grau, das Dreieck spannt sich über die Stirn. Die +Pupille erweitert sich, erschlafft. Sinkt. In einer +Barnacht singt die unsterbliche Stimme eines Dichters +die Brüderlichkeit. Am Meer ist seine Seele läpsch +wie ein Schalet. Sie folgt einer Revolte. Es sind +Betrunkene. Sie wohnt an dem Segelhalteplatz, beim +Sport. Wohnt in einem kleinen Garten mit Holzhaus, +wird braun wie die Eingeborenen, sieht die Haut +der englischen, indischen, französischen Frauen. Folgt +zwei singenden Vögeln. Die Heide schlägt sich um sie +auf im Abend. In der stürzenden Dunkelheit bauen +zwei Parteien ein Duell, legen Knipslaternen auf Steine, +reißen zwei Lichtkegel zwei Figuren aus der Dämmerung. +</p> + +<p>Ein Schuß pitscht. Sie weicht zurück, fast umgeschleudert. +Ein Auto biegt vor dem, welcher schießen +will. Ein Arm aus dem Auto greift die Hand, +schleudert die Pistole mit einer unbeschreiblich ablehnenden +Gebärde auf den Rasen, springt hinaus, tritt darauf, +reißt den Mann mit sich in den Wagen. Sie hört +ihn sagen: „Ich habe andere Aufgaben für dich.“ +</p> + +<p>Die Pupillen stehen weit in Kreisen glasig erhellt, +offen, bekommen Facetten, glühen vor Licht. +</p> + +<p>Sinken nicht. Sie springt in den Wagen. Sie nehmen +<!-- page 251 --> +sie kühl auf. Sie sieht nur den einen. Sie sitzt den Abend +zusammen mit Gordon, Raffaeli, Di Conti. Die anderen +schweigen. Di Conti spricht. Gegen Mitternacht werden +außer seinem die Gesichter mißtrauisch. Ihres glüht. +Mit schief im schwarzen Bart gestrecktem Mund fragt +Raffaeli: „Was geben Sie?“ „Mich!“ Gordon umreißt +mit gierigem Blick ihre Figur. Raffaeli zuckt die +Achseln, die Nase biegt sich skeptisch in den Flügeln, +vibriert. Di Conti wiederholt die Frage kalt. Da +lächelt sie, verschenkt sich an sein Gesicht mit aller +grenzenlosen Hingabe. Die von keinem Sou des Angehäuften +seither nahm und lebte, sperrt auf die gesamten +Depots. +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p>Jeden Traum sah sie in seiner Hand schon fertige +Waffe. Keine Ahnung, die ihm nicht schon zum Abfeuern +geladener Plan. Sein Glaube war so ungeheuer, +daß er ihn schon jenseits der Ekstase mathematisch beherrschte. +Aus dem Herz die Flamme gerann ihm im +Hirn. Seine Kühle war unbeschreiblich über dem barbarischen +Feuer, das gebändigt darunter tobte. Selbst +Raffaelis fanatische Unerbittlichkeit schmolz, Gordons +nicht ausmeßbare Aktivität folgte nur seinem Druck. Ihr +schwindelte, wenn der Tag sie in die fassungslose Nacht +entließ, wo ohne die Gemeinschaft das Ganze in Schlagschatten +<!-- page 252 --> +zerrann. Ihm war, was sie als Entfernung +der Welten ohne Brücke sah, aus ungeheurem Wollen +geringe Distanz geworden, ihm gab es keine Hemmungen +in seinem Bau. Hatte gewogen, geschaut, gedacht, die +Rechnung gefertigt, die Summe gezogen. War kalt +geworden, bedacht vor Ergebnissen. Trieb nun vor. +Sah in dem Ruhenden, Daseienden, im Pathos bloßer +Tradition den Feind, das Erwürgende, sprach gelassen +gegen die Schwerkraft, gegen die Anziehung der Kräfte. +Stemmt gegen die drehende Erde sich mit der Kühle des +Überlegenen wie am Schalter eines Automaten. Ihr +kam nachts, daß aus der ungeheuren Kraft seines +Wollens, die alle überströmte, er in die See hinaus, +die Tag und Nacht die Fahrt umschäumte, neue +Bewegungen, seinen Rhythmus und Zweck dem Schiff, +den Schornen und der Flutung diktieren könnte. Er +stand am Schalter, wies ihr die Spannungen, die +Drähte, sogar die Klingelzeichen der unterirdischen Erregungen. +Der Traum machte ihr sein Bild wahnsinnig. +Gordon, der von Marokko bekannt, verfolgt +war wegen Desertion, Aufruhr, Agitation, ging +morgens neben ihr auf dem Verdeck, ließ sie das +Spiel seiner Muskeln spüren, Feuer und Lust seiner +Kraft, in diesem Kampf zu führen. Doch Di Conti +gewann ohne Kampf, besaß mit Nichts. An ihm +fand sie die Lösung. Er drahtete vom Schiff, diktierte, +erklärte, schrieb, zeichnete Karten, sah auf, lächelte +<!-- page 253 --> +beherrscht. Gordon trat mit englischem Backenbart +aus der Kajüte, ging geschnellt auf den Ballen, sprach +deutschen Dialekt, hatte einen Steckbrief wegen Agitation +im Heer. Raffaeli sah das Meer nicht, sah nach innen. +Das eigene Vaterland ließ Di Conti kühl, es lag an +der Peripherie, entwickelte sich im Lauf des Zentralproblems, +fiel später unter Raffaelis Durcharbeitung. +Er selbst zielte aufs Herz Europas, stach nach Paris, +um von dort das Blut in den Körper des Erdteils zu +treiben. Für die asiatische Welle hatte er Aufmerksamkeit, +nicht mehr, empfing Depeschen aus Genf, +lauschte auf Berichte der Vertrauensmänner, verglich, +maß die Stadien der Siedespannungen am Barometer, +verglich die Leidenschaft der Massen, gab Ordres, +zögerte, tat einen Ruck, setzte andere Spieler ein. Zielte +zuerst gegen den Kitt, die umfangenden Reifen, die +Macht, das Militär. Rettete darum Gordon, der den +menschlichen Bruch und Riß trug, im Persönlichen so +schwach zu sein, daß seine Eitelkeit ihn in eigenen Dingen +das allgemeine verleugnen, in jede Tollheit sich werfen +ließ. Hatte die Organisation es aufzuschälen, die Schaukel +dann aufzutreiben, die aus Jahrhunderten rotierende +Gesinnung zu stürzen, Massen aufzuwerfen, gerecht die +Erde zu nivellieren. Das Leid der Irren, Kranken, +Sklaven, falscher Sehnsucht endete hier. Sein Paradies +war willkürlich, geschaffen, diktiert, es kümmerte ihn nicht. +Gegen Raffaeli hatte er die Kühnheit zum weiteren +<!-- page 254 --> +Schritt, die Gerechtigkeit zu verleugnen, um sie endgültig +einzusetzen. Sein fachlicher Befehl, der Definitionen +verachtete und aus der Berechnung, die tausendfaches Gefühl +ihm geformt, sprach, war bestimmender als Raffaelis +Glut. Er kannte nur kalt Herrschende und Blinde, +die sich nicht befreien konnten, da ihre törichten Herzen +die Erkenntnis zum Handeln nicht zu fassen wagten. +Er trug darum die Verantwortung seines Entschlusses +mit präziser Automatigkeit. Zwei Tage vor der Landung +kamen Nachrichten von Gärungen in Lyon, am +folgenden putschte Marseille im Hafen, in Nancy erschoß +ein Unbekannter einen Oberst. Mit zusammengepreßtem +Herzen, zitternd, sahen sie das Land. „Es +ginge nicht ohne Sie“, verbeugte sich durch die Dämmerung +Raffaeli mit Schätzung und Verachtung zugleich +auf das Geld, mit dem er arbeiten mußte. Es +wurde dunkler, Laternen blitzten. Di Conti stand an der +Reeling, hielt ein Papier in der Hand. „Gott selbst +könnte sich nicht widersetzen. Wagte er das Sinnlose, +seine Welt liefe taub aus. Eine furchtbare Gonorrhöe.“ +Er hatte den Kopf zurückgeworfen, sein Mund war +blaß geworden vor Zusammengedrängtem. Die Nacht +sprach er mit ihr zum erstenmal allein und lang. Sie +ward erfüllt von dieser Stunde, daß ihr Leben sich +verankerte in ihr. Nie verließ sie das, nahm Besitz +von Blut und Kräften in einer Durchdringung, die +fast den Mond und den Meerraum mit hineingab in +<!-- page 255 --> +sie. Bei der Ankunft wehte irgendwo eine Flagge. Ein +Kind strauchelte und stieß Raffaeli. Der Portier hatte +Briefe, nahm eine Perücke ab mit einem Zeichen innen. +Drei Tage darauf meuterte ein Regiment in der Aube. +Gordon wurde verhaftet. Di Conti schlug zu. +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p>Als sie den Boulevard heraufkam, stand, die Hände +über den Augen, Raffaeli an der Ecke. Sie nickte. +Er verschwand. Um zehn Uhr betrat sie das Cafe Rue +Guijas. Drückte sich bis zur Wand, schob die Achsel +vor. Vier Frauen standen am Schießapparat, zielten, +schnellten den Hebel, <a id="corr-10"></a>schossen für einen Sou die Freimarke +zum Café für vier. Sie gelangte ans Büfett, +ein Mann stieg vom hohen Stuhl. Sie kletterte, der +Neger im Hufeisen ließ eine Tasse in der Schiene +gleiten, ein Porzellan mit Gebäck, erhaschte sie mit einem +Schielblick, schob einen Brief nach. Sie hatte Röte +an den Schläfen. Sah fest nach dem Eingang. +Während Mädchen an den Wänden hingen, sangen, +plärrten, Queues das Billard umkreuzten, trieb trotz +der Frühe eine Unterschicht herein, breitete sich aus, +füllte heftiger, ein Zittern durchlief die Körper der +Gruppen. Sie drängte weiter. Auf der Erde wieder +wand sie sich herum auf dem Absatz. Der Ire stieß +sie zur Seite, brach sich zum Apparat durch, griff +<!-- page 256 --> +den Studenten am Apparat, der, eingeschossen, gewann, +an seine Brust, stemmte ihn hoch, warf ihn +hinaus. Sie sagte etwas, fast laut. Ein Mann nickte. +Ein Mann sah sie fragend an. Sie gab ihm einen +Zettel. Sie hörte Worte, helle, gedämpfte, zischten +vorbei, schlugen vorüber. Eine Gruppe löste sich, ward +um sie ein Kreis. Sie kniff die Augen zusammen, sah +in die Höhe. Stieß ein Weib an, versehens, neigte +rasch den Kopf, beglückte eine Sekunde mit den Augen. +Hob rasch die Lider, schloß sie fest, öffnete groß und +sah dasselbe in dem Gesicht eines großen Mannes. +Sie durchdrückte die Welle, die auch um die Dominotische +schon brauste. Mimis saßen, setzten, bauten, die +sie nicht kannte. Wie von St. Denis hierher die Kette +heraufschwang, ihr Gefühl faßte, der Rachen aufbrach, +schlang, wütete in diesem Fleisch, glomm Stolz in +ihrem Auge. Sicher ging sie vorüber. Etwas schwankte +von ihr wie Trost fest um den Tisch. Ihre Hände berührten +Hüften. Eine Stimme drehte sich ihr zu, ohne +Ton, heiser wie Blech. Der Mund war noch schön: +Ly. Es bohrte hinter den glasigen Augen, faßte es nicht, +schluchzte in der Gurgel. Das Hirn faßte das Gefühl +nicht, sie heulte auf, erkannte Daisy nicht genau, wußte +nur dies und dies und die, nichts Eindeutiges, bückte sich: +„Gib mir zehn Sous.“ Sie gab. In der Bewegung der +Hand erfüllte sie das Geben ganz zu Glück. Trat aus +ihr hinaus, sie fühlte, daß in diesen Tag ihr Leben Fülle +<!-- page 257 --> +und Bedeutung erhielt. Zwei Männer hielten sie an, +einer küßte ihre Hand. Sie hörte, während er sprach, +Lys Stimme dahinter: „Combien . . .? Trapez mit +dir — Sau von Geiz . . .“ Bleich vor Angst ein Preuße +vor ihr, sie steigerte ihn über die Taxe. Sie löste sich, +schon war sie darüber. Nichts drückte sie mehr. Glühend +flog es auf in ihr. Am letzten Tisch verwirrte sich ihr +Auge in einen Glanz. Le Beau stand gegen die +Wand, ein Mann neben ihm, der auf sie zeigte. Durch +Gedränge und Stimmen hielt ihr Atem, ihr Sichsehen +fest. Das Gefühl floß, sie wußte, es würde sie immer +verbinden bis in den Tod. Das erste Erleben des Blutes +hielt sie zusammen, nichts wischte das weg, keine Tiefe. +Ein Trauring lag um seinen Finger. „Ruiniert.“ Sein +Auge war voll Geist, stolz. Über den Plafond strich es +aus Jahren: Autos, Feste, das Haus des Boulevard +Raspail . . . es lag zurück wie tot. Sein Blick tastete +atemlos nach ihr, mißverstand die Pause, die sie ihm +gönnte, bog eine Frage aus ihr heraus. Der Punkt, den +sie festhielt, war der Eingang. Dorther füllte es sich mit +einem Maß reifer und übermütiger Freude. Bleich sah +er die Linie der Nase, zog die Luft nach, die sie zurückließ, +ging mit dem Detektiv hinaus. Er hatte sie gesehen. +Abgewandt, ihm gehörig, hoffnungslos. Sie aber, entzündet +weit und hoch über ihm und seinem Lebenskreis, +durchbrach die Barrikade von vier Männern, deren Leiber +alles abhielten. Sie kam durch. Ein luftleerer Raum +<!-- page 258 --> +kam, ein Stern von Stühlen. Sie stellte sich daneben, +kam endlich mit dem Rücken an die Wand. +</p> + +<p>Da begann ein Wirbel von der Tür her durch die +Menge durchzufluten. Der Raum zitterte, die Luft +kam ins Wogen, die Masse brach nicht. Eine Kette schob +vorbei zu den Nischen, eh der Kern sichtbar ward. Sie +wurde gegen die Wand geschüttelt. Fester sog sie sich +an dem Eingang fest, mehr glühte ihr Auge dorthin, +ihr Leib streckte sich unmerklich in diese Richtung. Dabei +drehte die abgeschobene Kette neben ihr um, es gab +freieren Raum, im Vorbeihuschen sah sie einen Augenblick +Philippes Gesicht. Zum erstenmal grüßten sie gegeneinander +wieder. Da sie nicht mit Worten dastand, +unter denen sie litt, sondern wie an keinem Tage heute +zur Höhe getrieben, entflammt, kam einen Augenblick +Triumph in ihren Mund. Doch sie hielt ihn nicht. +Wurde sanfter in den Lippen. Was sie erfüllte, gab +ihrem Hochmut Duldung für ihn. Er hatte sie schauen +gelernt, die Liebe gezeigt. Sie sah ihn abgeglitten von +der steileren Aufgabe, rechnete nicht mit ihm, der sich +lächelnd nach innen hinein abwandte . . . Schon löste sich +ihr Auge hiervon. Im Vorderteil hob sich Tumult. +Die Mitte drehte sich in einer Spirale, durchdrang sich. +Aus der Eingangstür kamen Kommandos. Sie reckte +sich ganz hoch. Bestimmungen erschollen. Parolen. +Ein Schild schwankte. Meerhaft wogte die Gruppe. +Noch höher, unbedingter wuchs sie in die Richtung. +<!-- page 259 --> +Häusernamen kamen herüber, scharf die Straßenreihen. +Arme hoben sich. Die Masse zuckte auf, riß, ein Gang +wölbte sich. Langsam trat ein häßlicher kleiner schwarzer +Mann heraus, es traf sie das Auge Di Contis. +</p> + +<p>In ihrer Hand lag der Brief. Er las nicht, nickte, +sprach schon zur Seite. Nur wie er zur Uhr, hastig +und scharf, sah, bewies ihr, wie heftig er sie erwarte. +Sie ging. St. Sulpice schlug halb zwölf. Quetschte +sich durch die Haufen, eilte, bog in Rue Monsieur +Le Prince. An der Ecke kam in das Fliegende, Stolze +in ihr eine Traurigkeit, die ihr Gesicht rötete. Sie +ging durch den sonnenleeren Garten, durch die Wolke +Karbol. Stand an Renées Bett. Die Schwester +beugte sich darüber, nahm ein Tuch weg. Das Gesicht +im Krampf zerrissen, in der Mitte eine Höhle, +aus der pilzig Fleisch wucherte. Die Lider fielen Daisy, +sie suchte einen Ton. Fand keinen Ton. Die Schwester +suchte Renée zu wecken. Unmöglich seit Tagen. Sie +atmete, stank, sprach nicht mehr. Drei Jahre spannten +sich von dem Gesicht zu dem ihren. Wie sie sich +bückte, blitzte der Glanz vor ihrem Auge, mit dem, unvergleichlich +und bezaubernd in der Schönheit der Beine, +Renée die Hüfttänze in Genf gewiegt. Sie sah das +andere nicht mehr, bog sich tiefer, mit dem Mund zum +Ohr: „Es wird gut sein, Geduld.“ Malte, schilderte, +versprach, hörte nicht auf mit der Tröstung. Aber +Renée hörte nichts, sperrte röchelnd den Mund kreisrund, +<!-- page 260 --> +roch nach fauligem Gewebe. Sie sprach weiter, sah +verzerrt plötzlich das Gesicht, schwieg langsam, drehte +um. An der Tür hielt eine Hand ihren Rock, aus dem +Kopf eines jungen Mädchens traf sie ein verzweifelter +Ausdruck: „Zu mir?“ Zwei Augen kehrten starr enttäuscht, +zur Decke zurück. Es traf, verwundete Daisy +nicht. +</p> + +<p>Schatten fielen aus den feuchten dumpfen Gassen, in +Lücken glitzerte gewitterig die Sonne. Sie spürte das +Stück Schuld, das, neben der Welt, sie an diesem Kadaver +trug, aber wie alles Elend dieses Tages löste es Freude +in ihr, trieb in ihr hinauf, denn sie empfand es als +Ende. Von hier begann das Glück. Freude ging über +ihre Zunge, Verantwortung und Glaube machten eine +Sicherheit in ihr, die undurchdringlich ward. Gordon +befreit, Kasernen gestürzt, europäische Mauern gesprengt . . . +neue Beziehungen trafen von Herz zu Herz. Es kam +als Strom, sie empfand Contis Herz. Sie empfand, wie +er sie besaß und erhob. Eilte, fing alles Unglück ein, +nahm es mit, verarbeitete es . . . nichts konnte es antun +ihrer Entzückung. Keine schöne Taube würde sinnlos zerstört, +kein Schoß zertrümmert, kein Wahnsinn herrschte, tat +Unrecht, verdarb, sie kämpfte sich weiter auf den Boulevard, +traumhaft befestigt in klarer Ruhe, machte Bogen. +Die Straßen hingen voll Gedränge. Um Eins kam +sie Rue Guijas, sprang in einen Wagen. Sie hörte +Erfolg. Streiks im Borinage, in Brest, in Perpignan, +<!-- page 261 --> +auf der Loire. Unruhen in Bordeaux. Eine rote Fahne +auf Marseille. Sympathieausstand in Mailand. Meuterei +in der Dauphinée. Sie bückte sich, legte die Stirn auf +das Hebelrad, nickte, küßte Contis Hand. Um Zwei begann +die Demonstration. +</p> + +<p>Der Verkehr stockte. Um halb Drei sperrte Gendarmerie +die Eingänge der Seitenstraßen. Die Seitenstraßen +standen gepfropft mit Menschen. Der Boulevard stand +kilometerweit schwarz. Fahnen zeigten die Kolonnen. +Plakate riefen das Volk auf. Eine dünne Kette Polizei +stand zwischen der wogenden Masse des Boulevard und +dem Druck der Nebengassen. Um drei brach die Masse +los. In der ersten Reihe Gordons Bild. Malerei +gegen die Legion. Hinter den Führern mit Schärpen +Di Conti. Der Zug schwankte, zog langsam zum +Montparnasse, machte eine Schleife, stand um Vier wieder +am Observatoire, eine Lawine. Um dreiviertel Vier +waren die Häute gerissen, die Gendarmerie überschritten. +Alle Seitenstraßen mit hermetischem Druck in den Boulevard +hineingeplatzt. Die Masse brodelte an der Spitze. +Einer sprang vor, reckte etwas, immer höher. Es +schoß los. +</p> + +<p>Alte Gesichter kamen, junge kamen, Weiber. Straßenbahnwagen, +hunderte, hintereinander, besät. Automobile +dazwischen. Ohne Musik. Schritte gingen in dem +Boulevard, vereinigten sich, gaben einen einzigen Ton, der sich +band, hallte, brauste. Die hellen Normannen, ehemalige +<!-- page 262 --> +dunkle Soldaten, die Kokotten der Hallen, Apachen mit +Tüchern, Araber, Studenten des Quartiers gingen in +dem sausenden Ton. Er ward dumpfer in der Tiefe, +schlug hinauf die Häuser. Die Straße vor dem Zug +war ausgestorben, glühte. Vor dem Zug schlossen sich +die Fenster, Läden der Verkaufshäuser rasten herunter. +Die Kolonnen drängten sich, verbogen sich, kreuzten Rue +Monsieur Le Prince, Rue Guijas, Rue des Etrangers. +Aus den Gassen bohrten Keile herein. Ein Knabe von +einem Baum schrie: „Es lebe die Freiheit.“ Eine +Lawine kam vom Luxembourg. Der Zug stockte, verdunkelte +in der Gedrängtheit, löste sich ein wenig, ballte +sich tiefer zusammen. Verfing sich in sich selbst, hing +wie ein Haken im eigenen Fleisch. Sie brüllten sich +zu: dein Kopf, deine Hand, die Schulter. Hand hing +so dicht an Hand, daß sie sie nicht rührten. Eine +Wolke Schweiß brach aus. Zwei große Fahnen +flaggten über sieben Etagen herunter. Sie lasen die +Inschrift, eine donnernde Stimme rief über den leeren +Raum die Straße herauf etwas, das die erste Woge +traf, sie bäumte. Die Häuser zitterten unter dem Druck, +in oberen Stöcken klirrten die Scheiben. Die Fahnen +hingen starr herunter, erregten, die Stimme ward lauter. +Da brach die Masse, fast schreiend, schwankte, mußte +nach vorwärts, dehnte sich auf die Seite, daß der Stein +an den Hüften knirschte, bewegte sich, flutete. Laternen +standen, Bäume im Weg. Eine Sekunde zitterte die +<!-- page 263 --> +Barriere. Dann gingen die Kolonnen als Fluß, strömten, +unwiderstehlich. In ihrer Mitte hoch, vor den Wagen, +den Autos, schwankten die Laternen, Bäume. Reißend +goß es sich auf die Place St. Michel, füllte sie voll +und rund. +</p> + +<p>Di Conti sprach. +</p> + +<p>Die Kühle war gerissen, die Flamme schlug vom +Denkmalrand. Der Donner machte das gefüllte Platzbassin +totstill. Er bückte sich wie ein Ringer, stieß +den Arm zum Kreis, zwang die Stille noch tiefer +herunter. Sprach. Formte im Reden die Gesichter +unten, zerrte sie auseinander, wischte sie aus, entleerte +sie. Riß sie rasend hinauf, verklärte sie langsam, füllte +begeistert an. Zog die Reihen, sanft einander verschmolzen, +dichter heran. Wuchs. Stieg höher, stand am oberen +Rand des Denkmals, bog den Nacken zurück, rang +einen Augenblick die Hände, entfaltete sich mit einer +ungeheueren Bewegung, zog die Masse mit auf, warf +sie auf, über sich ihre Herzen, stemmte sie höher, fabelhaft +sich entfaltend, hoch die Arme geschleudert, wankte +und wuchs mit der Last, die er hielt. +</p> + +<p>Sprach. +</p> + +<p>Ging auf der schmalen Leiste des Bassins hin und her, +atmete wie ein Pferd, zog die Menge im Krampf zusammen, +quetschte sie aus, hieb das Bittere in ihre Visagen, +machte Drohung, bestürzte Wut aus den Mäulern, +donnerte, roch den Zorn aufgeballt. Faßte rückwärts, +<!-- page 264 --> +packte hinter sich den Kopf der Chimäre mit beiden +Fäusten, fiel nach vorn, schräg, kam näher, tief +herunter mit dem Gesicht gegen die Masse, war fast +bei ihnen. Einigte sie in eine atemlose Pause. +Sprach. Warf die Drohung aus den Augen. +Scheinwerfer zuckten die Sätze. Sprach. Sie drangen +in die Herzen. Sprach. Sie drangen durch die +Kleider, die Hemden, die Röcke, trieben in die Pulse, +gaben sich von Leib zu Leib. Das Blut bekam eine +Bahn, einzige Wärme, gleichen Schlag. Floß den +Boulevard hinauf, löste, machte Spiralen, schlug aus, +blühte aus jeder Haut. Die Lawine brach los, Stöße +kamen herunter, keilten gewaltig, drängten den Platz +ab bis zum Kordon. Dort stemmte es sich zurück. +Conti sprach. Die neue Woge wälzte heran, erstarrte. +Sprach. Die Hände Schallbecher vor dem Mund. +Erreichte größere Distanz, durchmaß mehr Menschen. +Es rollte herunter vom Montparnasse. Daisy hielt +mit beiden Armen am Sockelstein sich, die Beine wurden +mitgerissen, der Leib drehte sich, die Augen kamen zum +Himmel. Sie sah Di Conti, lächelte, faßte wieder +Fuß. Der Druck der Dreikilometersäule platzte den +Pfropfen, schmiß viertausend gegen die Seine. Conti +sprach. Warf sich in die neue Welle, inbrünstig, +verzehrte die Kraft, warb, zerfetzte, diktierte, sänftete, +riß die Herzen plötzlich steil, unnachahmlich erschütternd, +hoch, über sich mit beispiellos schmerzendem Ruck. Die +<!-- page 265 --> +Säule stieß weiter vom Boulevard herunter, warf, +schoß die Menge vom Platz, stürzte sie gegen die +Massen vor dem Kordon, Bäume, Laternen kamen +über den Kolonnen gegen die Seine an. Stießen +den Druck unaufhaltsam weiter. Gegen den Kordon +Gendarmerie. +</p> + +<p>Er verschwand unter ihren Füßen. +</p> + +<p>Das Ufer herauf, rechts, links, ritten Kürassiere, +Haarschwänze vom Kupferhelm auf dem Rücken tanzend, +Karabiner auf dem Schenkel, warfen sich vor die +Brücke, bewachten vor der Emeute des linken das +rechte Ufer, das Herz der Stadt, Boulevards der +Bourgeoisie. Die Wellen kamen, gedrängt, gedrückt, +spieen heftiger an, schlugen wider die Gäule. Sie +riefen: „Camarades, Freiheit, Hunde, Hunde.“ Sie +sahen in die kleinen dunklen Löcher, auf das Metall +der Drücker. Der Stoß in ihrem Rücken stürzte sie +in Massen gegen die Pferdeköpfe. Ein Pflasterstein flog. +Es knallte. Steine stoben durch das Licht, sausten. +Eine dünne Stimme rief: „Tirez.“ Die Kürassiere +zitterten, die dunklen Löcher hoben sich über den Schenkeln +höher, steiler, feuerten in die Luft. Vom Blut der +Stürmenden ging es hinüber auf die anderen, durchdrang +sie, säugte sie. Die dünne Stimme schrie wie +ein Triller. Ein Mann gab einem Soldaten die Hand. +Die Säule stieß durch, ein ungeheurer Schrei. Körper +an Körper gedrängt, Soldaten, Arbeiter, hatten einen +<!-- page 266 --> +Sinn nur, eine Richtung, gleichen Herzschlag. Ein +spitzes Winseln, sie steckten brennende Zigarren dem +Gaul unter den Schwanz, der Unteroffizier zeigte ein +kalkweißes Gesicht, das Tier klatschte hinunter ins +Wasser. Gäule zerstampft. Fraternisierend strudelte +die Masse, wälzte über die kupferrote Abendbrücke in +die Stadt. +</p> + +<p>Vom Brunnen fiel Di Conti, einen Schuß in der +Weiche. Von der unteren Seineseite durchstach eine +Kompagnie von hinten enge Gassen, kam seitlings auf +den Platz, trieb einen Keil in die dünne Masse. „Weg +du“, schrie ein roter Bart. Eine Frau hielt vor +Schmerz blaß die Hand zwischen die Knie. Die +Masse floß in den Brückenstrudel, abgelenkt, gerissen. +Das Denkmal ward umzingelt. Di Conti aufgehoben +. . . hinter Bajonetten gesichert. Daisy warf sich auf +ihn. Sie schlugen ihr eine Koppel auf den Kopf. +Sie konnte die Hand nicht rühren, ließ nicht nach, +biß sich in seinen Rock. Ein Druck kam auf ihren +Kopf, das Gesicht von ihr ward schwarz, noch einmal +flüsterte sie: „Conti —.“ Die Masse begriff, schäumte +auf, warf sich herüber, gegen den neuen Kordon, feuerte +ihn zurück, Daisy ward zurückgetragen. Conti schleppten +Soldaten durch die Gassen in die Métrohalle. Zu spät. +</p> + +<p>Aber er lebte. Zwei Tage war Daisy irrsinnig. +Dann empfing sie. Kühl, Dame, Freunde nahmen +ihre Hand: „Wir werden ihn befreien.“ Deputierte +<!-- page 267 --> +sprachen: „Wir werden ihn befreien.“ Der Schlag +der Masse pulste herauf zu ihr: „Wir werden ihn befreien.“ +Sie hörte, die Verwundung wär leicht . . . +Ihm werde des Volkes Stimme dauernder Ruhm. Sie +reckte sich, steif, ging zurück, lachte. Ruhm? Bot +man so Geringes? Glaubte jemand, dies sei ein Wort +für dies Gefäß? Maß für diese Tat? Dies Geschenk +für Narren und Kinder wagte Geschwätzigkeit +hinzugeben für Blut? Behängte diese Maske ihn +nicht zum Komödianten . . . stand sein Gesicht doch, +das schlicht nur dem Ganzen wirkte, brüllend und wie +aus Marmor vor dem Gewissen der Macht. Sie +winkte ab, ging auf und nieder, steckte die Hände in +die Taschen, die Augen im Dreieck. Ein eisgrauer +Glanz kam aus dem Blick. Hinab mit Geschwätz +und Trauer. Eins war zu tun, das Ziel erreichen, +die Leistung verdoppeln, Angriff steiler schrauben, unbedingter +sich mühen. Di Conti mußte frei sein. +Hierfür war zuerst zu leben. Sie nahm es auf sich. +Allein. Ging einen festen graden Weg. +</p> + +<p>Die Lichtflut stieß Breschen ins Dunkel. Die Seine +floß gläsern unten. Sie sah einen Schatten, er löste sich +von der Pforte und glitt an ihr vorbei. Sie drückte ihre +Hand fest in seine, das Papier knitterte. Ein Wachtraum +im Keller sprang auf, dreigezackt brannte ein grünes Gaslicht +schmetternd gegen den Kalk. Sie legte ihre Hand auf +den Tisch. Als sie sie zurückzog, blieb etwas. +</p> +<!-- page 268 --> + +<p>Sie trat in das Büro ihrer Gesandtschaft. Sie +ging durch drei Räume. Ihre Karte lief vor ihr. +Fünf Minuten sprach sie mit einem eleganten Herrn +mit exotisch flimmernden Augen. Sie gab ein Telegramm +auf an ihren Vater. Darauf gab ihr der +Herr seine Karte mit einigen Worten. +</p> + +<p>Damit fuhr sie die Champs Elysées hinunter, Bäume +streichelten die Luft, Helligkeit und Süße wob in den +Zweigen. Sie fuhr darunter hin, unbeteiligt. In einer +Schleife glitt der Wagen ins Riesenbassin der Concorde +. . . der Wagen glitt, bog, hielt. Über die +Teppichstufen des Ministeriums. Aufgehalten, mit der +Karte durchbrechend, gehemmt, vor Achselzucken, lächelnd, +die Karte vor sich . . . sie stand in einem Salon. +Ein schöner Mann im schwarzen Schnurrbart, der +elegisch das Kinn rahmte, trat ein, stutzte. Sie +ging mit raschen Schritten an den Tisch, legte ein +Bündel in perlgeschmücktem Etui auf die Kante. Sein +Blick leckte nach ihrem Hals, zögerte, fiel auf den +Tisch, er verneigte sich, stieß eine Tür auf. Ein größerer +Salon. In der Mitte eine Jungfrau, die auf einem +Brabanter ritt. Die blaue Seide der Wände, der geschwungenen +Stühle verwirrte, sie lernte die Teppichmuster, +sagte immer ein Wort, ein Wort, ein Wort. +Eine Stunde. Ein grauer schmaler Herr trat ein, +hinkte, ein Monokel an schwarzer Schnur flog ins +Auge. Er war nicht groß, kam langsam näher, äugte, +<!-- page 269 --> +bis er genau sie sah, schob mit drei Fingern einen +Lehnstuhl zurecht, indem er ihn kaum berührte. In +seiner mageren Hand spielte ihre Karte, er las, sah ihr +mitten ins Gesicht. Blut schoß ihr auf unter dem +jähen Anprall. Er sah auf die Erde neben seinem +Schuh: „Ausländer? . . . Italiener . . . in der Tat.“ +Sie sah nur seine Brauen. Er notierte den Namen, +flüsterte ihn nochmals, stand auf, ging ans Fenster, +trommelte mit den Fingerspitzen ans Glas, murmelte, +sah auf ein knallendes Buchenholz im Kamin zerstreut. +Die Lippen Daisys saßen wie Tiere aufeinander, die +Brauen seidenschmiegsam ineinander sich wölbend. Er +trat zurück. Ein drittes Gesicht sprach mit ihr, die +Stimme schlürfte etwas, stieß an die Zunge, die Handbewegung +voll zarter Höflichkeit. Er führte immer, +sie folgte. Lauernd. Erschreckt. Er blieb gleich. Kanadische +Jagd, die Quadrille Fribaurts, er kannte es. +Versailles wuchs zwischen seiner Geste, schmeichlerisch, +mit Märzwind. Eine Fahrt über St. Malo. Er +neigte das Kinn: daß die Oper Ballette belebe, welcher +Zug. Er stand auf, ging zum Fenster, elastisch in dem +Knie, hinkte nicht — ob ihr Wagen warte, Pelze darin +seien. Setzte sich wieder, ruhig, besorgt. Sie wartete, +faltete die Lippen, daß es käme. Er spielte, lauerte, +führte herauf, hinunter, eilte, pausierte, sie sah sein +Gesicht nicht. Seine Grazie schmeichelte sich in ihre +Haut. Plötzlich schlug er die weiße Hand, die nicht +<!-- page 270 --> +welk war, laß gegen das Knie, der Kopf fuhr auf, +sein Blick prallte ihr wieder ins Gesicht. Sie stand +auf. Er hob sich halb: „Wann darf ich den Wagen +senden?“ Sie knotete die Hände: „Neun Uhr.“ Er +läutete, als sie sich schon wandte, ein kakadufarbener +Page öffnete geräuschlos eine Tapetentür. +</p> + +<p>Vierundzwanzig Stunden vorher speiste Conti, verdrehte +die Iris, schwankte, bekam Kälte in die Finger, +Blei in die Knie, verzerrte die Zähne über die Regie der +dritten Republik, die selbst die Einrichtungen der Küche +pragmatisch ordnete. Als Daisy morgens heimkam, war +Di Conti tot. Sie kam hin mit einem Gehenlassen der +Glieder, das alles hinter sich hat, abgeschüttelt, selbst +ohne Erkenntnis und Bedeutung des Opfers, innerlich +lediglich gerichtet auf das Ziel. +</p> + +<p>Sie bog die Lippen tiefer, versteinte an den Schläfen, +zwischen Wange und Mund. Was konnte noch kommen? +Ein Telegramm Fidleys: Pa tot. Sie legte +das Papier auseinander, legte es zu dem anderen, frühstückte, +badete, ließ sich massieren. Fuhr in den Luxembourg, +fuhr zurück. Am Abend in die Oper, Verdi +rauschte, Sommerhimmel erbrausten, sie speiste, schlief. +Stand auf am Morgen. Nichts war zu schlagen. Je +mehr sie spürte, was sie verlor, um so ungeheuerlicher +fühlte sie aus sich brechen das Bewußtsein der Stärke +und der Sammlung. Allein nun empfand sie, wie gefüllt +und selbst sie war, voll, traubenhaft geschwellt, ausbiegend +<!-- page 271 --> +aus ihr mit einer Glut, die sie erblaßte. Di Conti war +in ihr, mehr heute als je. Geballter als im Menschlichen. +Unverlierbar. Vermächtnis besaß sie, beherrschte und +durchtrieb sie unausdenkbar an Berufung. Sie ging gestärkt, +wunderbar entzügelt. Eine Ruhe umgab sie, die +den Schmelz der sehnigen Schenkel und das flimmernde +Spiel der Hüften unter der kleinen Brust begehrenswerter, +zarter heraushob. Sie verlor kein Glück. Sie +besaß sein Werk. +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p>Pa tot. Fidleys Telegramme, Weisungen stäubten. +Es geschah am Horizont. Syg einem Mann gefolgt. +Es geschah in der Ferne. Ihr Mittelpunkt blieb unerregt. +Der Körper hielt stand. Der Geist sah manchmal +Bilder. Raffaelis Bruder, Arzt, sagte, wünschte, befahl +Erholung. Sie machte eine kindliche Gebärde. Er verstand. +Sie wurde klug verführt. Sie fuhr mit Briefen, +Papieren Contis zu Freunden nach Kopenhagen. +Der Platz der Zusammenkunft war leer. Die Fahrt im +Zug war dumpf, ausgespieen fuhr sie, allein, dennoch +voll Glut. Sie mußte weiter nach Christiania. Nach +zwei Tagen stand sie am Hafen, traf Fribaurt nach einer +schmerzlichen Sitzung. Er fuhr mit der Segelyacht +nach einem ungewissen nördlichen Punkt. Sie nahm es +sofort. „Ich komme mit.“ +</p> +<!-- page 272 --> + +<p>Die Tage füllten sich mit dem und jenem, Ungenauem, +doch ungeheuer in der Berührung mit schrankenloser +Natur, Menschen, deren Geist abgewandt war, mit +denen der eigene sich schön traf beim Rauchen, dem +Reffen der Leinen, Hinaussehen auf glatte See bis zu +entfernten Dampferwolken. Inseln kamen. Riffe türmten +sich wie steigende Esel. Gedörrte Fische hingen an +den Felswänden, wie sie die Ufer hinausfuhren. Granit, +Urblasen erstarrt, schaukelte bunte, rote, grüne Häuser +wie Spielzeug. Auf den Klippen saßen Rypen: „ka . . . +bauh.“ Schneehühner: „j . . . ak — j . . . ak.“ Es +rauschte. Ein Kreis mit heißen Wallungen bäumte um +sie. Sie badeten in einem Fjord, abends ward das +Wasser papageirot. Jerkins, Christianias größter Jäger, +stieß auf ein Signal mit der Kupfertrompete dazu. Kam +mit Schneeschuhen aus dem Gebirge. Stunden, ehe er +einlief, sahen sie ihn im Glas oben wie ein metallenes +Insekt flitzen in Stemmbogen und Telemarks. Ein +Tal kam aus den Felsen gegen das Meer geflossen, grün, +schwärmerisch. Sie übernachteten im Dorf. Am Ende, +eingekeilt, schon zur Ebene zu, hing über Sandwüsten +ein weißes, Licht schleuderndes Haus. Jerkins führte im +Bogen heran, sein Finger überschrieb die Gegend: +„Nördliche Lepra“. Der Kreis war verseucht. Er +zuckte die Achseln unwillig, sah Daisy ins Gesicht, +führte sie dennoch heran. Zerfressene Gesichter sahen +aus den Fenstern: „Hüten Sie sich.“ Ein Schrei. +<!-- page 273 --> +Sie gingen zurück, warfen den Fock aus. Das Morgenwasser +zischelte . . . Die Nordsee leckte gierig, blau +an Lee. Die Windtrommel saß in dem Segel, +schmetterte. +</p> + +<p>„Geh in meine Kajüte.“ +</p> + +<p>Der Schiffsjunge schloß die entzündeten Augen, kroch +in die Kabine und schlief sich aus. Sie lag unter dem +Segeldach und gab statt seiner acht. Das Steuer war +angebunden, die Luft ging ganz stät. Die Lappin wurde +aufs vordere Verdeck gerufen. Die Sonne malte auf den +Holzplanken. Fribaurt und Jerkins lagen auf dem +Bauch. Das Weib mußte sich legen, äugte schielend +mit schrägen grünen Augen nach Daisy. Sie spielten +Karten, lernten die Lappin zum siebentenmal an, schlugen +Atouts auf den Boden, das Weib lauerte, bekam einen +Rippenstoß, zuckte, legte klatschend mit fetter Hand ihre +Karte nach. Die Segel schlappten plötzlich, klatschten +hohl hin und zurück zum Großbaum . . . eine Musik +umschwirrte sie . . . eine Wolke Papageitaucher, die wie +Rypen zirpten, flog eilig nach dem Land. Jerkins +schoß, auf dem Rücken liegend, eine Möve, die hinter +ihnen her war, fischte sie herein, zog ihr, die schrie, Kopf +und Atlas ein wenig auseinander. Vorbei. Er fuhr +mit der Hand in den orangegelben Flaum und ließ die +Federn einzeln zu Daisy fliegen. „Schöne Frau von +der Seefahrt.“ Fribaurt sang mit dunklem Bariton. +Der schaukelnde Wind ließ nach, das Meer ward +<!-- page 274 --> +tierisch faul, eine Brise kam, schwand. Sie lagen still. +„Welche Harmonie,“ gähnte Fribaurt, stieß einen Pfiff +aus, hielt die Shagpfeife in der Hand und warf die +Karten auf, „wir haben maßlose Zeit, meine Freunde.“ +Das Segel aufgerefft, die Lappin in Hosen an der Gaffel +mit klebriger Behendigkeit . . . der Tag stand still. Fribaurt +band ein rotes Tuch um den Kopf. Jerkins hob +das Weib hoch, legte es wieder auf den Bauch. Dann +bluffte er wie toll, verlor einen Haufen Geld und lachte, +bei jedem Verlust aus Vergnügen. Fribaurt lächelte ein +Diplomatengesicht: „Zu grob.“ Er legte auf: „Street.“ +Die anderen warfen zusammen, zuckten die Achseln. +Plötzlich schob Jerkins auseinander, runzelte die Stirn, +griff hinüber, legte die Karten der Lappin nebeneinander: +„Zu früh . . . zu schick . . .“ er bog sich vor +Lachen über Fribaurt. Umgewendet: „Die Sau . . . +die Sau . . .“ Die Lappin kroch ein Stück davon aus +Angst auf dem Leib. „Was hat sie?“ Jerkins hob +die Hand von der Kartenflöte. Sie wälzten sich zu +zweit: „Royal Fluch.“ Fribaurt zur Lappin geneigt: +„Süße Freundin, welch verschwenderische Tollkühnheit +des Glückes . . .“ Jerkins teilte aus, schaute zu Daisy: +„Die phantastische Quote . . . und hat es nicht gewußt.“ +Weißbrüstig hing eine Brise vor dem Meer. Geigen +im Baum, ein dunkler Frühstrich vor ihr her wirbelte +das Meer mit einem bläulichen Schatten, der Bogen +sauste heran. Jerkins sprang auf, leierte am Großschot, +<!-- page 275 --> +die Lappin ließ das Segel zwischen zwei Tauen herab, +Jerkins wickelte, machte einen Schifferknoten mit den +Daumen, das Segel wechselte, flog hinaus . . . der +Stoß kam und erzitterte jeden Nagel, Fribaurt schmiß +das Ruder herum, tänzelnd lief das Boot, sie kamen +dem Ufer näher, die Gaffel wechselte . . . nun fuhren +sie in der Windschwankung parallel. +</p> + +<p>Das Ufer neben ihnen, ein hoher Damm, scharf +vor den Himmel gelegt. Auf ihm fuhr in gleicher +Linie wie sie ein Pferd. Es zog ein Karreol, flach +und groß wie ein Kanoe. Drin saß ein Mann. Sie +fuhren nebeneinander. Fribaurt deutete mit der Spitze +der Pfeife nach ihm. Der Wind zog stärker. Die +Blase des Segels neigte sich schaumig gegen das +Wasser. In silbernem Regenbogen hing eine Springwelle +an Lee. Sie starrten hinüber. Es war, als bewege +sich keines, nicht sie, nicht das Pferd, . . . als +blieben sie festgehaftet wie Brennpunkte in dieser Ovalen +von Himmel und See. Fribaurt zog die Augen zu +Schlitzen zusammen. Jerkins, die Hände vor dem +Mund, die Brust aufgesogen wie ein Schwamm: +„Hall . . . lo . . . o!“ Sein Organ schlug den Wind +mitten durch und traf drüben auf. Der Wall schickte +vier Echos herüber. Keine Antwort von dem Mann. +Jerkins quoll blau am Hals: „Hallo . . . y . . . lo!“ +Eine Pause zitterte, die dünnen Echos quirlten . . . dann +kam die Antwort, kalt: „Holla!“ Jerkins stand am +<!-- page 276 --> +Großbaum, klemmte die Wange ans Holz. „Haltet +Ihr die Wette nach Aarvik?“ Sie lauschten. Dann +eine schneidende helle Stimme: „Am Arsch.“ Sein +Pferd sprang über eine Wolke, Staub ringelte sich in +einer umgelegten Säule hinter ihm. Der Damm bog +landeinwärts, eine rötliche Spirale. Daisy verstand +nicht, was er norwegisch rief. Sie sah nach Jerkins. +Er machte ein verschlossenes Gesicht. Der Schiffsjunge +fletschte ein Grinsen von Ohr zu Ohr. Daran verstand +Fribaurt die Antwort. Sein Schnurrbart zuckte, +er wandte sich zu Daisy und lobte die Farbe der +Mövenfedern. +</p> + +<p>Jerkins warf das Ruder herum, halste, das Ufer +zog sich tief zurück . . . um eine Halbinsel, einen kleinen +Fjord. Der Berg hob sich von zwei Seiten. Auf +der jenseitigen mitten in der Spirale peitschte der Fahrer +sein Pferd, am Ende des anderen Abfalls lag unten +Aarvik. Sie warfen Anker, gingen im Beiboot +ans Land. Ein helles Wirtshaus mit einem Garten, +die Terrasse mit Bäumen, dahinter die Ebene vom +Morgen . . . die flimmerte . . . unten am Fluß mit +roten Dächern Aarvik . . . idyllisch unter dem Berg. +Auf seiner Spitze hob sich eine Flamme Staub, das +Pferd kulminierte, die Karriole kam in die Schleifen +des ihnen zugewandten abfallenden Teils, verschwand +in einer Schlinge. Nach einer Viertelstunde klapperte +sie an hinter dem Haus. Ein Schock Matrosen lungerte +<!-- page 277 --> +um die Kneipe, graue Zipfelmützen im Nacken. +Der Wirt schmiß sie heraus. Sie drängten nach. +Einer stieß mit dem Knie einer Magd in den Hintern, +sie schrie: „Dumme Schicksen.“ Der Wirt zeigte auf +ein Holzbrett, sie schüttelten die Fäuste. Er nahm es +herunter, hielt es sich vor den Bauch. „Ein kleines +Faß,“ schrieen sie, „wir scheißen auf das Verbot.“ +„Dåd og Pine . . .“ mit Knie und Faust drückte sie +der Wirt die Steintreppe runter. Sie maulten, einer +zog den Wirt an einem Westenknopf neben sein rothaariges +Gesicht und flüsterte in sein Ohr. Der Wirt +brüllte auf, stieß ihn in den Magen, daß er wie ein +Messer einknickte. „Kotzt Lumpen“, seine Zunge hing +raus vor Wut, er trat dem Mann auf die Schenkel, +der sich verkroch. Da fuhr die Karriole auf den +Hof. Sie sahen den Aussteigenden nur vom Rücken. +Er schrie durch den Radau, seine Matrosen rieben sich +die Hände an den Hosen. Er rief nach dem Weg +über die Brücke. „Abgerissen.“ Wieder gab es einen +kurzen Krach, da die Matrosen sich beschwerten. Der +Wirt dienerte. Zwei der Leute schirrten den Gaul +aus. Der Geprügelte riß plötzlich dem Wirt die Hosen +auf die Knie. „Had djävelen . . . ich schlag dir in die +Fresse.“ Die Matrosen gröhlten, steckten die Hände in +die Taschen und johlten, bewegten sich mit den Hüften +vor und zurück. Ein Faß rumpelte. Der Fremde +winkte, die Matrosen kicherten und verrollten sich langsam. +<!-- page 278 --> +Der Wirt verzog das Maul, stellte das Brett +zur Seite, schielte giftig zu den Abtrollenden. Der +Fremde warf seine Gamaschen einer Magd zu. „Hafer +. . . mir ein Bett . . .“ Der Gaul hob den Schwanz +und strich einen großen Furz. Die Matrosen quakten +herüber, schlugen sich die Schenkel vor Lachen. Der +Fremde sprang ins Haus. +</p> + +<p>Jerkins schlenderte, die Hände in den Taschen, ins +Haus, kam zurück. „Wer?“ fragte Fribaurt. „Sven +Mair.“ Daisy bog sich zu Fribaurt: „Wer ist +Sven Mair?“ Fribaurt lächelte mit dem Schnurrbart, +strich seine Hand mit der anderen: „Jerkins Feind.“ +</p> + +<p>Die Zimmer lagen nach der Seite des Flusses. Eine +lange Nacht voll Geräusche. Die Hunde bellten, wurden +plötzlich still. Aus dem Bootshaus soffen die Matrosen +in die Gegend, sangen, rollten langsam in ihre +Kabinen. Kurz die Stimme des Fremden unter seinen +Leuten, dann Stille wie Blei. Das Meer stand in +uferlosem Schweigen. Die Felsen kühl und geheimnisvoll +über dem Wasser, panische Stille . . . sie schloß +unter ihrem Druck die Augen. Stunden gingen. +Schlaf und Wachsein verschwebten in einander. Plötzlich +riß sie wilder Spektakel auf. Sie eilte ans Fenster. +Zwei Karriolen rollten vor das Haus. Die Nacht war +weiß. Kupfriger Schein spann über die Landschaft. +Drei Burschen bläkten die Zähne, schrieen: +</p> + +<p>„Sven.“ +</p> +<!-- page 279 --> + +<p>Schritte gingen über ihr, die Gesichter schauten hinauf. +Ein Pfiff, ein gedämpfter Ruf von oben: „Skideriks.“ +Sie grinsten nach oben. Ihre Nasen, ihre +Ohren, die Farbe der Augen — alles sichtbar. Angelgeräte +auf den Wagen, die Pferde bissen schaumkauend +auf dem Eisen. „Sven . . .“ Da trat er heraus aus +der Tür unter ihr, ein Schatten lief vor ihm rasch über +den bläulichen Boden. Er hatte Lachszeug über der +Schulter, schmiß es in seine Karriole, krempte die Hosenbeine +bis zum Bauch, nahm zwei Pferde, trieb sie in +den Fluß. Schreiend warfen die aus den anderen Karriolen +sich auf die Gäule. Der Fremde drehte sich um, +sah nach dem dritten Gaul, bis an die Knie im +Wasser. In der Helligkeit sah sie sein Gesicht. Da +wuchs aus der Nacht der Schlag, hieb besinnungslos +in sie, stürzte wie eine Feuersbrunst zum Herz: +</p> + +<p><i>Dies Gesicht ähnelte Caspare Symes.</i> +</p> + +<p>Sie ging vom Fenster zurück, fiel mit dem Rücken +auf das Bett, hörte Pferdegeplätscher im Wasser, +zwei Rufe, bleierne Stille. Im Plafond über sich +sah sie das Gesicht. Sie warf sich herum. Eingebrannt +im Boden glühte es sie an. Sie starrte durchs +Fenster. Es füllte den Rahmen, peitschte sie auf. Erschöpft +sank sie in die Kissen, schloß die Augen. Da +stand es innen in den Lidern mit einer Zärtlichkeit +des tiefsten Schmerzes und sah durch die Iris ihr +in die Brust. Ihr Herz zog sich zusammen. Stunden, +<!-- page 280 --> +die sie lag. Kämpfte mit dem Kopf. Derselbe Ausdruck +in seinen Zügen mit dem Unbekannten, der im +Traum ihren Bauch umschlungen in der Nacht Le +Beaus, im Traum des Hotels neben Renée. Mit +tödlicher Schärfe riß ihr Dasein herauf, sie erkannte +die Rechenschaft über ihr eigenes Lebens, die er brachte, +kannte, forderte, ungestüm. Er schlug als Zentrum +in den Kreis, den sie gelebt. Kein Leid, das sie gelitten, +ohne daß es bestimmt war für dies. Keine +Sehnsucht, keine Handlung, die nicht zielte in diesen +magischen Punkt. Er hob sich, als sie am entferntesten +schien, und wie von einem Wellenbrecher rauschte ihr Leben +davor zurück. Nichts blieb außer ihm für sie: Dinge +eitel, Menschen verworfen. Das Meiste umsonst getan. +Höllischer Schmerz verzehrte ihr Auge, ihr Blut. +So unerbittlich klar stand in dem Kontur das Glück, +Bestimmung des Leibes, der Sehnsucht unerfüllbar, +nicht erfüllt seither, . . . sie schrie um Gerechtigkeit, starr, +ohne die Glieder zu bewegen, wandte sich an Gott, +wandte sich ab, verzweifelte. Der Schmerz ward so +tief, daß sie ihn nicht mehr ertrug, glaubte, sie sterbe. +Da drehte er um und erfüllte sie mit Seligkeit, die +alles an sich rief, was sie erduldet. +</p> + +<p>Langsam wuchs sie aus dem Zweifel, überwand ihre +Sehnsucht, sah weit vor sich die Aufgabe, das Gestreckte, +Winkende, Rufende, was sie größer füllte. +Und je mehr es in ihr glühte und Di Contis Glaube +<!-- page 281 --> +und Ziel sich erhellte auf einer Seite, sank der Kopf +auf der anderen, das Spiel der Wage ging hinab. +Wohl lag zwischen dem Kopf und allem Geschehen +eine Kluft, die nichts überbrückte: nur ihr Blut. Sie +gab es. Litt. Gab es hinüber in das Unbedingtere, gab +sich auf und ganz in die Aufgabe. Verzichtete. Sah zum +ersten Male das Unbeschreiblichste, erkannte, am Nichtgewesen, +an allem, was sie versäumte, ihr großes +Glück. Gab es auf, ließ es. Legte den Kopf weinend +in die Hände. Entsagte. Aus Di Contis Atem kam +die Befreiung, lösend, hart, aber tief. +</p> + +<p>Das Silber zitterte heller. Sie lag, die Augen +wie Stein. Dann stand sie auf, als ein Boot unten +vorbeifuhr. Ging hinaus über die Schwelle. +</p> + +<p>Die Arme standen etwas ab. Die Sonne kam. +Eine Fahne wehte, das Georgskreuz, schon vorüber. +Welch unendliche Kühle des Sommermorgens. +Welche Frische des Blaues. Sie ging weiter. Der +Staub ward rötlich. Die Riffe des Kessels ballten +sich dunkel, unerreicht noch vom Licht. Sie ging. +Gezackte Wolken am Horizont . . . Mövenflügel in +Spiralen hoch sich schleudernd . . . die Eidern weich geschaukelt +in der Bucht — — — der Tag stieg, wölbte +Licht. Aus der Wiese kam ein Gaul auf sie zugelaufen, +hielt, hob das rosane frische Maul, legte es +auf ihre Schulter. Lief davon. +</p> + +<p>Das Kupferbergwerk glühte aus dem Fels. Sand . . . +<!-- page 282 --> +Sonne leckte darauf . . . die Ebene kam. Oben das +spitze Tal. Sie ging hindurch. Fahlweißes Licht +prallte ihr entgegen. Sie stand vor dem Haus wieder, +von der anderen Seite, das, ein Nabel, zwischen +der Ebene und dem Gebirge lag. Aus einem oberen +Fenster sah ein blauzerquollenes Gesicht. Ungetrübt +durch Schmerz wehte es rein in ihr auf, durch sie hin. +Die Liebe quoll verdichteter in ihr. Sie schlug die +Augen auf. Mit unerbittlich weichen Buchstaben +stand über dem Eingang vor dem Himmel geschrieben: +Hilfe den Menschen. +</p> + +<p>Eine grelle Stimme: „Was wollen Sie?“ +</p> + +<p>„Hinein.“ +</p> +<!-- page 283 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-6">Der fünfte Abschnitt +</h2> +<!-- page 285 --> + +<p>Die zwanzigste Schüssel . . . sie hing das Tuch an +den Ständer, goß den Zuber aus, stülpte die letzte +auf die Neunzehn. — „Durst.“ Sie brachte Wasser an +ein Bett. Sie schaukelte den Zuber in die Badewanne, +ließ heißes Wasser einlaufen, nahm Soda, griff in +Schmierseife, schlug Schaum mit einer Bürste. Nun +kamen die Näpfe. Mit einem Zangenpinsel fuhr sie in den +Hals der Urinenten, bog den Draht, schabte den Kalk innen +ab. Das Wasser sprudelte. Sie wusch den Nachtstuhl +aus. Die Tür weit offen . . . es dampfte nach Kaffee. +Sie schaukelte das Wasser in die Wanne, wusch die +Wanne aus mit Seife und Sand, schaukelte den Zuber +mit den Henkeln auf der Wanne unter den Hahn. +</p> + +<p>Neues heißes Wasser . . . es lief nicht mehr. Sie +schob den Schalter langsam herum und hielt ein Streichholz +daran. Der schmale Gasofen an der Wand spie nach unten +Ruß, nach oben die blaue Flamme, es donnerte. Sie sprang +in die Flamme, schob den Schalter zurück. „Langsamer +öffnen“, sagte eine Stimme hinter ihr. Sie öffnete +langsam, entzündete das Holz. Der Ofen explodierte. +„Langsamer sage ich . . .“ Ihr rußiges Gesicht sah +<!-- page 286 --> +um. Langsam öffnete sie, die Stichflamme schoß in +das Zimmer, das Gas knatterte irrsinnig, an der +Decke das Licht losch aus. +</p> + +<p>„Schreiben Sie auf: der Ofen wird repariert.“ +</p> + +<p>Sie nahm ihr Buch, notierte es. Es stand zum +drittenmal mit Blei geschrieben. Jedesmal untereinander. +Der Ofen wurde nicht repariert. +</p> + +<p>Die Türe fiel hinter dem Arzt. +</p> + +<p>In der Dämmerung wusch sie die Becken im kalten +Wasser. Dann trug sie Bürste, Pinsel, Stuhl hinaus. +Auf dem Gang standen Sechs vor einem Tisch +in Hemden und wuschen sich Hals und Brust. „Meine +Zahnbürste.“ „Schlappmaul . . . meine.“ Ein Rippenstoß +. . . sie torkelten im Korridor. „Laßt mich durch.“ +Sofort wichen sie zur Seite. Das Klosett verschlossen: „nicht +in Ruhe einmal scheißen . . .“ Sie wartete ruhig. Sie +bückte sich unter den Tisch. „Deine Zahnbürste — — —“ +Der Mann winselte. Im Klosett keifte es. In hängenden +Hosen erschien er dann in der Tür, ungekämmt, rieb +sich die Augen mürrisch. Als er sie sah, ging er auf +die Seite, wich ihr aus, senkte den Blick. „Falle +nicht,“ sagte sie, „der Boden ist naß.“ Die sich +wuschen, tuschelten nur noch miteinander, Mund an +Ohr. Sie machte das Fenster auf im Klosett, zog +die Wasserspülung, wusch den Boden auf, rieb das +Porzellan glatt. Der Schnee draußen schimmerte frostig. +Sie schloß das Fenster. +</p> +<!-- page 287 --> + +<p>Ihr Name flatterte zweimal im Flur. Sie stand +neben einem Bett. Sie nahm zwei Beine, hob sie hoch. +Die dicke Schwester, die den Kopf hielt, schrie den +Mann an mit drohendem Baß, die andere band ihm +die Hände fest. Der Schwären auf seiner Weiche +juckte ihn so, daß er nun hüpfte im Bett. Die Dicke +gab ihm Kaffee in den Mund, das Brot. +</p> + +<p>Sie fuhren die Betten in die Ecke. Achtzehn. Die +freie Seite kehrten sie, wanden Lumpen um die Besen, +wuschen auf, ließen trocknen, fuhren die Betten herüber, +bewältigten die andere Seite. +</p> + +<p>„Daisy . . .“ Bittender Ruf. Sie ging mit. Naga +hing in ihrem Arm. Sie gingen über zwei Korridore +in den höheren Stock. „Bist du müde?“ Die Brust +der kleinen festen Schwester schmiegte sich an ihren +Arm. In dem Zimmer standen zwei Kolonnen Betten, +alle belegt. Die Luft roch scharf nach nassem Tuch. +Große Scheiben gingen ins Land. Aus jedem Bett +ragte ein Bein, ein Arm . . . und lag in einem Gefäß mit +Wasser. Naga hielt Bein um Bein, Arm um Arm. +Daisy trug die Wannen hinaus, leerte sie von eitrigem +Gerinnsel, scheuerte sie, füllte sie neu. Das siebente +Bett . . . ein junger Mann warf sich im Fieber herum +— — — „Ja, wir werden deiner Mutter schreiben.“ +Das elfte Bett . . . die Fieberkurve gestiegen — sie machte +ein Kreuz auf das Brett, drückte auf einen Knopf. +Der Kranke kannte die Bewegung, begann zu winseln, +<!-- page 288 --> +das Bein blau, geschwollen . . . er warf sich knirschend +herum. Sie drückte wieder auf den Knopf. Jeder +kannte die Bewegung. „Nur ein kleiner Schnitt.“ Er +lächelte ungläubig, sie nickte. +</p> + +<p>Ihr Name auf der Treppe. +</p> + +<p>Sie trug mit der großen breiten Schwester Mann +auf Mann ins Bad. Sie hielt sie unter den Armen, +die andere an den Knöcheln. Im Bad stand ein +Schemel. Darauf lag wechselnd ein verbundenes Bein, +ein Knie, ein Arm. Einer lag darübergekrümmt auf +der Seite. Sie wuschen die Leute ab mit Seife und +dicken Bürsten. Sie hoben sie heraus auf den Stuhl, +trockneten sie mit den Fingerspitzen ab: +</p> + +<p>„Du hast Naga geholfen.“ +</p> + +<p>Sie nickte. +</p> + +<p>„Sie soll es nicht tun, wenn sie der Aufgabe nicht +gewachsen ist.“ +</p> + +<p>„Ich habe nichts versäumt.“ +</p> + +<p>Sie trugen einen anderen herein. Als sie schruppten, +ging die Haut ihm ab wie einer Schlange. Er hatte +sich gekratzt, „Du Schwein . . .“ Er sah die große +Schwester an, er sprach kein Wort. Daisy rieb vier +Leuten den Rücken, die Schenkel ab mit Spiritus, +gab Puder darauf, ging zu Nagas Station, setzte sich +zu dem Fiebernden, horchte, sprach, schrieb . . .: „Liebe +Mutter — — — ich bin nicht schuld . . .“ +</p> + +<p>Sie aß zu Mittag, ging vor das Haus auf einen +<!-- page 289 --> +Liegestuhl, deckte sich zu und schloß die Augen. Die +Sonne brannte auf den Schnee und färbte ihr Gesicht. +Sie ließ die Glieder sich lösen, Müdigkeit floß an ihr +herab, halb schlafend flog ein Zug zufriedenen Liegens +ihr an den Mund. +</p> + +<p>Sie stand neben dem Arzt. Ein neuer Kranker +ward eingeliefert, ein junger Prediger, der entsetzt in +die Brille des Arztes stierte: „Sie werden gut tun, +sich damit auseinanderzusetzen, daß Sie hier bleiben. +Die Welt draußen ist vorbei. Sie werden hier sterben. +Wenn Sie so denken, werden Sie ruhiger leben, weil +Sie ein kluger Mensch sind.“ +</p> + +<p>Sie ging still mit dem Arzt hinaus, trat von dem +Flur in das Nebenzimmer. Ein Raum dick voll Rauch. +Gesichter schwankten mit Bärten zerfließend in der geballten +Luft . . . deutsche Matrosen mit Scharbock von +Grönland. Die leichte Abteilung, nichts gegen die +Tragödie drüben. Gesang: +</p> + +<div class="poem"> +<p class="line">Isch un du</p> +<p class="line">Mir hawwe uns so gern</p> +<p class="line">un leck’st de misch bei Dag am Arsch</p> +<p class="line">da brauchst de kei Laddern.</p> +</div> + +<p>Sie stand auf dem Sims, wusch mit <a id="corr-11"></a>Petroleum +das Lambris, wusch das Fenster. Sie zog ein Spinnweb +aus der Ecke. Sie kehrte die Asche der Zigarren am +Boden zusammen, unter der Heizung jagte sie Flocken, putzte +<!-- page 290 --> +das Messing der Klinken. Immer ein freier Raum um +sie. Immer der fremde Gesang. Die Männer kaum +sichtbar in dem Qualm: +</p> + +<div class="poem"> +<p class="line">Isch un du</p> +<p class="line">mir hawwe uns so gern</p> +<p class="line">un leck’st de misch bei Nacht am Arsch</p> +<p class="line">da scheine der die Schdern.</p> +</div> + +<p>Sie ging auf den Zehen an das Bett des Geistlichen. +Sein Auge sah starr, gebrochen vor Melancholie +in die Ecke. Er spürte nichts wie die Vernichtung. +Hier Ende seines Lebens. Aufgezogen von einer +schönen Frau, seiner Mutter, hier nun verfaulen. Unmöglich +zu fassen, das konnte nicht sein, seine guten Glieder . . . +dieser Mund, der schöne und tapfere Dinge sagte . . . +wenn Gott war, so war dies unbegreiflich . . . ein +schwaches Lächeln — er glaubte es nicht — . . . als die +Lippen anschwollen, starrte er vor sich hin. Fassungslos +dies große Ungeheure vor sich, sein Geist zu enge Öffnung, +als daß so Maßloses sich in ihn schon so rasch +ergösse. Zu klein sein Hirn für solchen ungeahnten +Gott. Acht Tage lag er steif. Dann fraß ihn das +Neue, indem es ihn an sich gewöhnte. Da gab er +sich Wochen der Wut und der Anklage. Der Ausschnitt +seines Zimmers, das Stück kümmerliche Landschaft +ward ihm die Welt. Der Mond, entsetzlich +aufsteigend . . . er würde ihn nie mehr sehen von anderem +<!-- page 291 --> +Ort, die Blumengerüche, der Dampf der regenbeschwerten +Erde . . . ein Bauernmädchen, das vorbeiging +. . . nichts zu halten, in die Ferne gerückt, nie +zu berühren und zu haben . . . welches Schicksal. An +das Fenster treten, dies alles inbrünstig sehen, nie haben +werden, mit aller Wildheit begehren, kein Gott, der +es ihm in die Hände geben würde . . . warum diese +Grausamkeit . . . warum ihm . . . — — Jahre stiegen +auf in dem Fensterbogen, entfalteten sich, zeigten jede +Sekunde mit einer Eindringlichkeit, die die Augen +schmerzte . . . Spiele der Jugend . . . eine schmale Frau +trat an sein Bett, ein Garten abends . . . er hielt es +nicht mehr . . . schrie. Daisy kam, stellte Wasser neben +ihn, rückte einen Stuhl zurecht, legte Bücher darauf — +und ging. Er folgte ihr mit dem Blick, bog ihn zu +dem Fenster. Da stand seine Jugend. Wie war es +zu tragen . . . Nun litt er mit geschlossenem Gesicht. +Als der Pendel durchschwang, der Kern des Leides +durchlitten war, löste es sich in schmerzliche Seligkeit, +er begann beim Abebben des Zorns eines Nachts zu +weinen. Hell wie ein Kind. Das ganze Haus hörte +ihn. Nach Wochen sagte er zu Daisy: „Wenn ich +begreife, daß ein Körper wie meiner verfault — — wie +soll ich fassen, daß Sie in einer Arbeit wie dieser leben +können.“ Da sah er ihren Blick zum erstenmal, der +mehr Abgeschlossenes hatte mit den Dingen wie der +seine, fuhr hoch. „Was wundert Sie?“ fragte Daisy. +<!-- page 292 --> +Da begann sein Blick an ihrem sich zu erstaunen und +zu kräftigen. Ihm schien Sterben nicht mehr schwer +von dieser Sekunde. Sein Auge folgte dieser Schwester, +wo es sie sah. +</p> + +<p>Der Arzt nahm sie mit in sein Kabinett: „Sie +werden mir operieren helfen. Sie sind ohne Laune, +ruhig.“ Die große Schwester haßte sie von diesem +Tag. Sie hetzte einen Saal auf. Nachts auf dem +Korridor umarmte sie einer von hinten, fiel unter ihrer +Parade schreiend zurück. Licht fiel auf sein Gesicht: +„Ich sage es diesmal nicht dem Arzt.“ Er verkroch +sich. Auf diesen Mann konnte sie sich verlassen von +nun ab, unbedingt. +</p> + +<p>Sie hatte das Zimmer über dem Operationsraum, +eine Glaswand trennte diesen in Manneshöhe von ihr. +Sie sah nachts einen Schatten, der die Instrumente +beschmutzte und zerwühlte. Sie stand früh auf und +ordnete es wie neu. +</p> + +<p>Es kam eine alte Frau, saß an dem Bett des Fiebernden: +„Ist das mein Sohn?“ +</p> + +<p>„Ihr Sohn.“ +</p> + +<p>„Das ist ungeheuerlich.“ +</p> + +<p>Der Kloß verdrehte die Augen, flüsterte, schlug die +roten Deckel zurück, die, ohne Lider, nur im engen +Schlitz sich noch öffneten. „Das ist ungeheuerlich. Das +ist nicht mein Sohn. Das soll ein Mensch sein . . . +Warum erschlägt man das nicht. Ist das Gottes +<!-- page 293 --> +Güte? . . . Mein Sohn, den ich auf die Steuerschule +schickte . . .“ +</p> + +<p>„Haben Sie den Mut, es leicht zu nehmen.“ +</p> + +<p>„Sind sie wahnsinnig, Schwester?“ +</p> + +<p>„So haben sie — zum mindesten — soviel Liebe, tapfer zu +sein.“ Die Frau blieb starr unter dieser plötzlich harten +Stimme, neigte den Kopf. Daisy legte ein nasses +Tuch auf die Augen des Kranken, wischte sie aus und +ging. Sie ging durch den Flur. Auf der Schwelle saßen +Zwei und droschen Karten: „Mitspielen . . .“ Verschmitzte +Gesichter. Sie lachte hell: „Ihr Dorsche . . .“ +Tief befriedigt brüllten die Zwei in sich hinein. Im +Garten der Frühling. Grün überall leuchtend . . . +Eine Amsel schlug an, hob den silbernen Lauf und bog +ihn elegisch in die Höhe. Daisy wiederholte. Die +Amsel pfiff die Läufe zarter und inniger zurück. +</p> + +<p>Die Uhr schlug. In einem weißen Zimmer allein stand +eine Wanne. Der Zigeuner darin schlief, die Arme auf +den Rändern aufgestützt. Sie band das Wachstuch weg, +legte eine Glocke mit einem Rohr in das Wasser, sog an +dem Schlauch, hing das Ende in einen Eimer, ließ Eimer +auf Eimer heraus. Dann wusch sie mit Spiritus und +Watte den Körper ab, immer im Bogen um die offenen +Stellen. Sie nahm die Füße, rieb sie mit Äther aus +und gab gelbe Vaseline darauf. Sie waren im Wasser +wie Hirne geworden, weiß, tief gefurcht. Dann trug +sie die Eimer heißes Wasser in die Wanne. +</p> +<!-- page 294 --> + +<p>Der Kranke ließ seinen Urin hinein. +</p> + +<p>Sie setzte die Glocke an, leerte aus, goß wieder +neues Wasser ein. Eine Stunde. Der Kranke sah zu, +folgte jeder ihrer Bewegungen katzenhaft. Ein Pfarrer +kam, wandte sich zu ihm, allein er schloß die Augen, +als schlafe er. Als Daisy fertig war, grinste er und +gab seinen Darm in das frische Wasser; Daisy sog +das Wasser heraus, gab wieder neues zu. Wohltätiger +Besuch kam aus der Stadt. Der Zigeuner zog das +Wachstuch weg und zeigte, um zu größeren Geschenken +zu rühren, seinen zerfleischten Körper. Die Dame +schluckte, übergab sich noch im Zimmer und eilte hinaus. +Daisy zog das Erbrochene auf, der Zigeuner +warf wütende Blicke. +</p> + +<p>„Sie mißt mich falsch“, sagte er dem Arzt. +</p> + +<p>„So . . .“, sagte er und zog den Mund herunter. +Der Zigeuner sah zur Seite. +</p> + +<p>„Scheißen“, rief er. Sie ließ das Wasser aus, zog +den Gummiring unter ihm weg, schob den Stechnapf +hinein. Es war eine Lüge. Sie gab ihm neues +Wasser. +</p> + +<p>Er ließ den Arzt holen. Sie petze ihn . . . „Du +Schwein“, sagte der Arzt und schlug ihn aufs Ohr. +Zwei Tage darauf vertraute er der großen Schwester +an, indem er weinte und sie zu Fragen zwang, er sei +traurig, Daisy speise ihm sein Essen. Sie meldete es, +der Pflicht folgend, dem Arzt. „Wie können Sie . . .?“ +<!-- page 295 --> +Sie sagte gegen sein Brausen: „Das Statut.“ Der +Arzt untersuchte und gab dem Zigeuner wegen Verleumdung +einen Tag Hunger. An diesem Tag speiste +ihn Daisy mit ihrem Essen. Bei der Morgenvisite +zeigte er es an. Seine Stimme lauerte auf den Verweis. +Der Arzt tat ihm nicht den Gefallen, sondern +bestrafte die Bosheit mit zwei Tage Hunger. „Es wird +durchgeführt.“ Ein Blick in die Runde. Die Tür +fiel zu. +</p> + +<p>Daisy folgte, setzte sich für ihn ein: „Warum?“ +Zwei Brillengläser funkelten sie an. Sie lehnte an den +Tisch: „Er wird sein Leben im Wasser liegen. Sein +Haß gegen alles andere ist natürlich. Aber — Strafe +wird ihn nie bessern.“ „Nein,“ sagte der Arzt „das +ist nicht meine Sache . . . aber die Autorität wird +gewahrt.“ In diesen zwei Tagen ließ Daisy von Naga +sich vertreten, tauschte mit ihr die Station. Sie wohnte +in Nagas Zimmer. Ein Gartenbusch lehnte herein. +Die Blumenterrasse dahinter schwoll herein, der Rasen +roch. Morgens die Luft blau und gold, Vögel darin, +die unsichtbar sangen. Im Garten Naga, in den +Hüften gebeugt. Eine Eidechse lief über den Kies, +grün, glatt, rollte sich über einen heißen Stein, hob +die Augen, züngelte herauf, lief weiter. Naga bückte +sich, huschte rasch, geschmeidig die Hand darauf, hob +die Faust, aus der oben der toderschreckte Tierkopf, +unten steif der Schwanz heraussah, federte den schlanken +<!-- page 296 --> +Körper herum . . . ein Gesicht fassungslos aufgegangen +in der Freude. „Bleib“, sagte Daisy, ging hinauf auf +ihre Station, besorgte das Nötige auf der Nagas, +die hinter einem Busch saß, Wolken ansah, die aus +dem Meer stiegen. +</p> + +<p>Zwei Männer kamen durch den Garten. Sie wiesen +ihre Papiere. Sie kamen von einem spanischen Segler. +„Scharbockabteilung. In vier Wochen kommt Ihr +wieder raus.“ Naga führte sie hinauf. Sie wurden +ausgekleidet, gebadet, geräuchert, frisch gekleidet. Naga +überwachte es. In der Nacht wiegte ein Gemurmel, +lange halb undeutlich, als striche Wind mit Bäumen. +Dann schwoll die Bewegung, die Wände des Gebäudes +gaben sie weiter, echoten leis, knaxten. Stimmen +schwebten hindurch, mischten sich. Plötzlich sang einer +heiser und laut. +</p> + +<p>Naga ging dem Geräusch nach, blitzte mit der +Laterne auf leere Betten, kam durch Tür und Türen +näher. Sie stand vor dem Operationssaal. Den +Schlüssel vergessen abzuziehen . . . sie erbleichte. „Coño“, +rief der eine Spanier und warf seinen Mantel auf +den Tisch. Links lagen Flaschen auf dem Boden. Eingeschmuggelt +. . . zu wenig Achtung auf ihre Mäntel . . . +der Garten. Sie ging hinein, rasch, fest. Die Fenster +waren geöffnet, die Bettücher hingen als Flaggen hinaus. +Patienten der Lepra mit Flaschen am Mund, taumelnd, +in der Hand . . . die Spanier tanzend und krähend +<!-- page 297 --> +eine Orgie . . . Naga stand stumm eine Sekunde, verzog +den Mund zum Weinen und ging starr auf den +Spanier zu, riß an der Flasche, da ging der Schwarze +in das Knie, zupfte mit kurzen Rucken an ihrem Rock, +er fiel nieder, er preßte den Kopf an ihre Knie. Entsetzt +fühlte sie den Druck, schon nach der Tür . . . +Geheul . . . versperrt der Ausgang. Sie sah die Leine, +hing sich daran, schellte Alarm, riß die Schnur ab . . . +die Patienten machten Jagd, stöhnten ihr nach . . . +um den Operationstisch. — — Da schnitt eine Stimme +herein. Das Licht wurde dreifach, ein Reflektor +glühte aus der offenen Tür. Weit geöffnet schrie der +Mund des hereinkommenden Arztes. Sie wurde ohnmächtig. +Schwestern, Gehilfen drangen herein. Der +Spanier ward gefesselt, ein Lepröser in die Zwangsjacke +gesteckt, er schäumte. „Still hinüber“; zwei kurze +Befehle: „Me caco de la puñedra y jodida alma de +la grandissima puda madre qué te caco . . .“ Ein +steiler Arm hob sich kurz vor Daisy, die ihn unter +dem Tisch entdeckte. Hinaus . . . Einen Augenblick +stand ein Kreis noch erregt plaudernd um den Arzt, +der sich in Sublimat wusch. Dann gingen Türen. +Als alles still war, öffnete sich leis Daisys Tür. Naga +kam, schmiegte sich auf dem Bett an sie: „Ich kann +nicht mehr . . .“ +</p> + +<p>Es war dunkel: „Wie lange hast du Kontrakt?“ +</p> + +<p>„Oktober.“ +</p> +<!-- page 298 --> + +<p>„Geh sofort.“ +</p> + +<p>Doch Augen kamen ihr im Kissen entgegen, die getröstet +werden wollten, gehalten, die noch nicht gehen +wollten: „Aber du kannst es doch. Arbeitest du nicht +wie Vier. Hast du nicht Kraft, alle Sehnsucht zu verdrängen. +Hast du dazu nicht mehr gesehen, erlebt wie +wir?“ Sie zog sie neben sich: „Der Wille genügt +nicht. Nichts wird vom Ende aus begonnen. Geh, +lebe. Kommst du nicht wieder, fandest du Gegebeneres +für dein Schicksal. Kommst du wieder, ist nichts so +entsetzlich, du trügest es nicht mit einem Lächeln.“ +Nagas verweintes Gesicht suchte auf dem Kissen nach +ihrem. Tränen an ihrem Mund. Schluchzen . . . was +sollte dies Kind hier. Erst hindurch durch das andere . . . +was das Leben zärtlich und schön macht. „Geh.“ +Naga ging schlafen. Die Nacht darauf hatte Daisy +Wache bei dem Zigeuner. Er stellte sich fiebrig, damit +sie nicht zum Schlafen komme. Es klirrte im Nebenraum. +Daisy ging hinein, schloß die Tür hinter sich, +reichte Pakete hinaus, ein Kuß mit Tränen, die im +Mund blieben. „Mut“, geflüstert ein heißes Wort +zurück, kaum verständlich vor Weinen. Das Fenster +geschlossen . . . zurück zu dem Zigeuner . . . auch dies +vorüber. Naga würde nun fehlen. Kein Lächeln mehr +im Hause sein. +</p> + +<p>Der Zigeuner fluchte. Sie lächelte, einzige Antwort. +Bosheit verzerrte sein Gesicht, er klotzte wie ein Neger. +<!-- page 299 --> +Sie hatte ihn kurz verlassen . . . er beschimpfte sie. +Sie hatte Unrecht, ihn eine Sekunde zu verlassen, sie +nahm seinen Vorwurf hin: Du hast recht. Unbeugsam +blieb ihr Mund durch seine Tücke. Er kam in Raserei, +gab ihr jeden Fluch seiner Jugend. „Schlaf“, sagte +sie mild. Er spie ihr in das Gesicht. „Du Armer.“ +Sie setzte sich in eine Ecke. Dunkel nun im Raum, +halb licht vom Morgen. Ganz allein in der Nacht +ihr Wachen . . . unendliche Stille ausgegossen in ihr. +Die Fenstergardinen schwankten . . . Di Contis Atem +ging mit dem Wind durch den Raum. Die Liebe +ging auf in ihrem Gesicht. Sie saß bis tief in den +Morgen. +</p> + +<p>Die Sonne kam weiß aus dem Meer. Das Wasser +ward spiegelig grau mit einem dunklen Rand. Der +Sommer auf der Höhe . . . das Wasser stank faulig. +Die Hitze lag kreiselnd am Himmel. Sand, Meer, +Gebirge: eine Ebene erstickendster Trockenheit, von der +ein giftiger Hauch am Mittag gegen das Haus fiel. +Aus heißem Bett, schlaflos, fiel sie morgens, die Nerven +zitternd, in den Operationsraum . . . Puls halten, +Apparate reichen . . . sie hielt an einer Zange ein Bein. +Zwei Finger des Arztes bohrten im Fleisch, suchten +einen Knochen. Da riß der Gummi des Handschuhs. +</p> + +<p>„Äther“, schrie der Arzt. +</p> + +<p>„Hier.“ Er riß den Stöpsel ab, leerte es über die +Hand, stöhnte auf. +</p> +<!-- page 300 --> + +<p>„Jod . . .“, schrie er, die Augen quollen. „Schlafsenkel +. . . Gans . . . ist das Jod?“ Schon verbanden +ihn andere. Über dem Waschbecken knurrte er weiter. +Vor dem Weggehen warf er ihr einen wütenden Blick +zu. Unter den anderen stehend nickte sie mit dem Kopf. +Was war das Unrecht? Hätte sie nicht wissen müssen, +daß er irrte, klüger sein wie er in der Stunde der +Not . . . auch dies. War es ein Unrecht . . . sie +nahm es mit in den Dienst. Es reichte nicht an ihre +Ruhe. +</p> + +<p>Zwanzigmal das Wasser leeren . . . Gestank. Das +eitrige Wasser faulte unter der Hand. Geruch von +Brake und Schlachthaus auf den Korridoren, Schweiß +in den Krankenräumen . . . ein satanischer Sommer. +Die Fenster, weit ausgehängt, lauerten auf Zugluft. +Aus den Poren der Mauer kam Hitze. Die Kranken +badeten in ihrem Schweiß, der sie anfraß. Die offenen +Schenkel wurden brandig. Die Gurgeln wurden trocken, +krächzten. Einmal begann einer zu schreien, besinnungslos. +Sie stand neben ihm, gab ihm Packungen. Sie +kam zu dem Fiebernden: „Nimm dir Wasser.“ Er +hob den Hals, konnte sie nicht ansehen, die umschlossenen, +nie mehr zu öffnenden Augen winselten Dankbarkeit. +Sie spritzte mit einer Blumenfontäne Wasser +ohne Pause in die Luft. Dünner Regen kam aromatisch +nieder, Trost einer Sekunde. Ein Atemzug Glück . . . +vorbei. Durch das Zimmer fliegend, sah sie das glanzlose +<!-- page 301 --> +Auge des jungen Priesters. Erstaunt: „Auch +Sie . . .“ Er schüttelte den Kopf, kein Kleinmut, er +lächelte, solches fiel schwerer ab, was ihm menschliche +Gewöhnung gelernt, zu schätzen, dies: „Der Geruch.“ +Ihr linkes Augenlid senkte sich kurz. Sie brachte eine +Flasche Eau de Cologne. Er entkorkte die Flasche, roch +sie, Tränen schon in den Augen: dies war die Welt. +Er drehte sich um. Am Ende bei ihrem Vorbeigehen +senkte sich ein maulender struppiger Banditenkopf gebändigt. +„Ein Gewitter kommt,“ sagte sie, mit dem +Leinentuch wehend zum anderen Ende, „den Abend +wird es frisch vom Meer.“ Im Nebenzimmer, wie +Fledermäuse ausgetrocknet, hockten die Matrosen, sangen +nicht mehr, Hunde mit trockenen Schnauzen. Lächelnd: +„Geduld, Struppige . . . Wind.“ Sie bekamen Ausdruck +in die Blickwinkel, schielten sich an, stießen die +Ellenbogen sich in die Seiten, grinsten, schaukelten auf +den Stühlen. „Geduld“, sie wehte zeigend mit dem +Tuch nach dem Himmel. Alle sahen hin, alle in +Spannung, sahen nach einer Wolke. Der ganze Saal +sammelte sich nach dem Himmel, lag auf der Lauer. +Sie stand im Zimmer: „Mut.“ Der Glaube trat +aus ihr heraus. Trat in zwanzig Halbverweste. Vierzig +Augen sahen auf sie, traten in sie ein mit ihrer +Hoffnung, klammerten sich an sie, schauten gläubig, +mit ihrem Mut gestärkt, nach der Erlösung. Rochen +nicht mehr ihren Eiter, spürten nicht mehr Schweiß, +<!-- page 302 --> +der ihr Geschwür biß. Keiner, der haderte, niemandes +Schmerzruf . . . ganz verhaltene Stille. Der Glaube +von zwanzig Unglücklichen ballte sich heftiger als von +tausend anderen, der Glaube von zwanzig Unglücklichen +stand in dem Zimmer, wuchs in den Räumen. In +allen Zimmern stand er auf. Bald das Ende der +Qual, bald Wind und Mut, weiter das andere zu +tragen. Ein kleiner Windhauch nur . . . welch ein +Trost. Die Zimmer verbanden sich mit einer Schicht +Vertrauen, die früher nicht herrschte. Die einzelnen +kamen sich näher, fühlten sich als Genossen, lachten +sich zu. Die Deutschen sangen wieder. Freude stand +über den Betten. „Dank.“ Sie rief zurück: „Mut.“ +Der Tag vorüber, die Nacht rot vor Hitze, der Morgen +graublau, entsetzliche Last. Durch die Zimmer +gehen, immer ein Lächeln. Hinaussehen zum Horizont. +Die, die nachts nicht geschlafen, die halb irrsinnig +waren vor Schmerzen, alle, die beginnen wollten zu +lästern . . . alle einigten sich an diesem Lächeln, unternahmen +nichts, wurden still, sahen hinaus auf den Horizont. +Sie beruhigte, entflammte still, flüsternd von Ohr zu Ohr, +wenn sie sich bückte: „Geduld . . . es kommt.“ Der +Glaube wuchs in den Zimmern, heftiger, tiefer . . . +der Glaube der vierzig Augen stieg, die anderen glaubten, +wuchs in die Räume, ballte sich den Tag . . . die +ganze Nacht. Schaum am nächsten Morgen am Meer, +am Mittag die lähmendste Stille. Gegen Abend +<!-- page 303 --> +wuchs ein Segel, schoß in den Himmel wie ein Gaul, +bäumte, riß in einem Rad den Himmel als Strudel +in sich . . . Blitze zuckten flatternd, irr . . . Kühlung +kam. Die Augen geschlossen . . . die Hingabe erhob +sich zu ihr, aller Gefühl: „Dank.“ +</p> + +<p>„Wofür . . .?“ Sie starrte hinaus. +</p> + +<p>Ein Wagen traf ein. Ein Brief. +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p>Das Verhängte lockte. Das Elend des Einzelnen, +der ihr Blut berührt, riß sie von dem, was sie hielt. +Der Brief hatte nichts von Gewalt, viel Unterwerfung. +Ihr Herz rührte sich ihm zu. Sie unterbrach, reiste +drei Tage, fuhr eine Mauer unter Oliven, hörte das +Meer, traf in dem Park vor einem kleinen einstöckigen +Schloß Stefan, den sie tödlich getroffen glaubte, er +wandte sich um, warf eine Bananenscheibe weg, kam +über den Rasen. Sie erstarrte, wandte halb um, voll +Schmerz und Wut. Hörte seine Stimme. Er log +nicht, sie kam nicht umsonst. Sie kannte sein Leben, +das zwang, niederhielt, bebenden Boden mit den Beinen +feststampfte, sieben Balken im Schweben hielt. Er +hatte Minen um sich gelegt. Flog eine, sauste er mit. +Er hatte genug, ließ sie fliegen. Es reizte ihn nichts +mehr. Er lebte allein seit langem. Er wollte sie sehen, +ehe er verreckte. +</p> +<!-- page 304 --> + +<p>Ihr Herz war festgebohrt. Es genügte nicht. Sie +drehte ganz. Seine Stimme holte sie ein. Das Raubliebende +besaß einen Klang, der sie bannte: „Nimmst +du mir den Rest Erlösung?“ Sie sah das Zerrissene +seines Lebens darin, das nun der Erfüllung nahe war. +Schicksal, vom Tag, wo sie zuerst ihn sah, hineingeschrieben +in jede Falte des Gesichts, erfuhr unerbittlich +seine Bestimmung. Wie diese Fahrt seines +Blutes nun landete in Reue, sich selbst verwarf, und +das Starke sich hinschmiß und bat, ergriff sie mit +Rührung, die alles hinüberneigte zu ihm, zagend und +nicht ohne Befremden, doch bezaubert: „Gehen wir +hinein.“ +</p> + +<p>Sie stellte ihr Leben unter seines, trug im Unbewußten +die Last, fühlte seinen Schmerz, seine Seligkeit, +sah die Grenze, die bald alles schloß, kannte sie nicht, +roch die Katastrophe, bäumte sich vor ihr, legte in ihn +hinein, was ihm das Letzte klar machte, beruhigend, +sicher, Aufflug und Klarheit. +</p> + +<p>Sie ritt sich die Schenkel wund, er sandte Reithosen +und Salbe. Sie rieb sich die langen schlanken Beine. +Durch Gras, durch Fliederhecken, ein Bogen. Ein verfallener +Tempel, ein kupferner Mond darauf, Lusthaus +der Frauen des passierten Jahrhunderts. Dahinter fielen +Terrassen. Vor den tiefen Fenstern des Schlosses +tauchten Tritone auf, warfen Wasserlanzen, bliesen +aus Hörnern in den blauen Abend. Sie ging zurück, +<!-- page 305 --> +zog sich ins Zimmer, speiste, schlief, suchte ihn morgens. +Er saß über Papieren, schrieb. Sie wich zurück. Er +sah den Schatten, fuhr herum: „Du störst nicht. Nie.“ +Das Geschriebene flog vom Tisch. „Doch.“ Sie +wollte gegen seinen Willen, ihm es leicht machen, +wandte sich. Er, ihr sich hingebend, wußte nichts +anderes: „Bleib.“ Sie blieb. +</p> + +<p>Die Luft ward silberblau. Blüten rochen herüber +in der Nacht. Im gläsernen Bauch des Sommers +stand noch der Frühling mit Kastanie und Flieder. Es +rauschte Tag auf Tag über die Hängematte. Morgens +beim Frühstück frug Stefan: „Reiten wir?“ Sie +nickte. Kein Vorschlag, den sie nicht annahm. Nach +einem Galopp schon sah er die dunklen Ringe unter +ihrem Auge, verstand sie, ihre Woche, verlangte, daß sie +sofort absteige: „Welch ein Irrsinn . . .“ Doch sie log. +Wozu Sorge noch mehr ihm geben, diese Stunden vergällen. +Lächelnd: „Du irrst.“ Weiterreiten unter Schmerzen. +Reden mit frischen Lippen. Seine Schläfe lief dick +an vor Qual. +</p> + +<p>Sie stand am Morgen früh auf, öffnete die Tür ihres +Zimmers, ging hinaus auf den Rasen, die hohe Mauer +entlang. Der Morgen, dunkelrot, verführte mit Pracht, +sie ging um das Moorstück mit den dunklen Blumen, bog +um den Pavillon. Sie stand unter den Palmen, kam zurück +auf die Terrasse. An dem Rondell setzte ein Schmetterling +sich auf ihre Achsel. Sie drehte sich herum, da +<!-- page 306 --> +trat Stefan hinter einer Figur vor. „So früh?“ sagte +er, der spät aufstand. „Nicht sehr!“ sagte sie, verschwieg +den Weg, den er ihr ansah. +</p> + +<p>Zwischen den Oliven stand die Sonne hell, klar. +Der Horizont gewölbt, kreisrund und stählern, süß die +Luft darunter, schwärmerisch die Verzückung des Abends. +Eine Lampe auf der Terrasse . . . der samtene Rasen blau +in der Dämmerung. Eine Syrinx flog über die Mauer. +Sie stand auf, müde. Er begleitete sie bis an ihr Zimmer. +Sie drehte sich halb um . . . er folgte nicht. +</p> + +<p>Sie lag die Nacht wach, in gelber Gardine schwamm +der Mond. Das Silber der Stutzuhr im Dunkeln . . . +Bilder entblößter Damen, degentragender Herren steif +an den Wänden, undeutlich im Dunkel . . . ein Spiegel +glomm tiefer und ungründiger in seinen matten Glanz +hinein auf dem Toilettetisch . . . kein Geräusch. Kein +Vogel. Sie horchte auf Laute. Still und abenteuerlich +der Park. Sie wartete. +</p> + +<p>Den Morgen blieb sie lange liegen, wartete auf die +Stunde seines Aufstehens. Als sie hinauskam, sah sie ihn +über die Terrasse herkommen. Sie errötete. „So früh?“ +Er sah auf seine verstaubten Schuhe. „Nicht sehr!“ +</p> + +<p>Ein weißer Blitz setzte über ihre Hängematte am +Mittag, schoß über das Rondell, flitzte in den Mittelpavillon. +Sie sprang ihm nach. Nach links war der +Flügel geschlossen, nach rechts folgten Räume, große +Zimmer, vorüber im Lauf bemalte Wände, goldene +<!-- page 307 --> +Rebstöcke, japanische Tapeten, Mosaike, silberne Leuchter +. . . die Fenster gingen bis zu dem Rasen . . . da +stand Stefan neben einer kleinen Fontäne mitten im +Zimmer. Auf seine Schultern hatte ein weißer Windhund +die Pfoten gelegt, seine Hand fuhr an dem geschmeidig +zitternden Rücken herunter. Er sah ihr Gesicht +in der Portiere, ging ungestüm auf sie zu, unterdrückte +eine Wallung: „Nimm den Hund. Ich gab +ihn weg, weil ich zu sehr ihn verzog. Heute kam er +zurück —.“ „Ach,“ sagte sie, „nein, ich bitte dich, +ihn zu behalten.“ Er liebte ihn, wie konnte sie ihn +nehmen! Blieb fest Beim Abendspeisen sah sie, daß +er litt. Sie hatte ihn abgewiesen, um ihn zu freuen. +„Verzeih“, sagte sie an der Schwelle ihrer Tür, berührte +schwach seinen Arm, sah über die Schulter. +Seine Hand zitternd am Pfosten. Die Tür schloß, er +folgte nicht. Blumengeruch toll die Nacht. Schlaflos +bei aufgerührtem Herzen. Wohin trieben solche Konflikte, +helfen wollen und verletzen . . . annehmen und +gegen das Opferbereite verstoßen . . . Leid auf jedem +der Wege . . . Brausen der Springbrunnen in der +Nacht . . . diese Erquickung. Sie sprang hinaus, löste +am Bassin der Tritone die Matinee, tauchte in das +Wasser. Eine Wasserrose trug eine Tauperle. Sie +stieß daran, das Kristall flutete vor Licht, zerbrach, der +Himmel ward erschüttert von diesem Fall. Die Büsche +schlugen auseinander. Stefan im Pyjama, den Ginster +<!-- page 308 --> +auseinanderbiegend, oben über den Figuren . . sie +schloß die Augen zitternd . . . sie sah auf. Stefan +war fort. Nichts in seinem Gesicht, das davon sprach +den Mittag. Keine Gebärde anders in diesem Kopf. +An seiner Ruhe spürte sie die Gespanntheit vor dem +Schlag. Sorgen, Trauer, die sein Hirn verwüsteten, +die Erwartung der tötlichen Minute, vielleicht schon +aus dem Wipfel eines Baums gezückt. Blieb er unrührbar, +lief sie heftiger in ihn ein, erschütterte sie seine +Haltung unbedingter zu ihm hin. Einmal schoß sein +Blick unverhüllt von der Seite, sie sah ihn im Spiegel. +Sofort bändigte er ihn wie ein Tier. Sie spürte, +wieviel ihm fehle, was er unterdrücke und wie es ihn +fast sprengte, daß er sich überwand, sie nicht nahm. Ihr +Mitleid erreichte die Tiefe, der blitzhafte Aufriß seines Herzens, +das demütig solche Kraft überwand, wies sie zu vertiefterer +Aufgabe. Sie mußte den Himmel ihm schöner +überrunden, sich unendlicher mit dem Blut unter ihn +betten, ganz sich verschenken an das, was sie verschmähte. +In der Nacht, als sie schlief, öffnete ein Gewitterwind +die nach innen geschliffenen Rundfenster, stürzte sich +auf sie, schreiend fuhr sie auf, ergriff den Leuchter, +rannte los, sah Stefan an einer Portiere, lief in seinen +Arm, entsetzt von Schlaf und Schrecken. Sein Arm +kam. Entfesseltes schlang um ihre Taille, noch tastend, +zag. Dem Zögernden unterzog sie sich, gab sich hinein. +Ein seltsamer Ruf, es schwoll heraus, ihr Hemd schwand, +<!-- page 309 --> +ein Mund nahm ihren. Hände über ihrem Bauch, +die langen Beine fuhr es hinunter. Die Kissen schwollen +über ihr. Lippen zogen über ihren Leib, küßten die +Sonne, die um den Nebel lag, alle Strahlen, die rot +wurden. An jede Hautpore wuchs die Hand, unverlierbar +nahm sie, ließ wieder, erfaßte Neues. Tiefster +Schmerz durchjubelte die Hingabe. „Daisy.“ Hell, +hingegeben dem Schmerzlichen in der heiseren Frage, +ohne Zögern: „Ja.“ Die Hand über den Hüften griff +zu, Nebel riß über den Augen. Haare lagen zerstört +und locker um den Körper, dessen feuchte glänzende +Bronze das Kerzenflackern überschwemmte. Sie lag, +als er schlief. Sie lächelte über das Geschenk, das sie +ihm gab. Es war das Letzte, was sie konnte. Vom +verflossenen Gewitter duftet der Garten herein, durchbricht +den Raum. Es war ihr, sie erreiche die verschlossenste +Grenze seines Wesens, habe ihn erfüllt. +Am Morgen öffnete er ihr den versperrten linken +Flügel. „Ich sparte es auf bis heute.“ Sie trat ein. +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p>Das Wappen hielt sie fest, lang. Sie zündete die Kerze +an. Schlug das Buch auf, zerfuhr es mit den Fingern, +blickte um mit einem rätselvollen Gesicht. Einen Augenblick +trat der Raum hinein. Sie sah nicht die Rebstöcke +aus Gold. Fontänenwasser kam in die verzehrende +<!-- page 310 --> +perlmutterne Schale. Es kamen gerade Herren, +golddunkle Bilder, Damen auf der altjapanischen Tapete +und Jäger mit demantener Agraffe. Es kam ein +Degen. Zersplittert, in den Trümmern gerahmt ein +Spiegel mit dem <a id="corr-12"></a>Pistolenschuß in der Mitte. Es +kam auf dem Tabourett in Wachs mit blauen Adern +ein Kopf, eine rechte Hand. Es trat wieder aus ihr hinaus. +Sie sah nur das Wappen. Es hielt. Es war das +eigene, kam herauf aus den gestrichenen Jahrzehnten, wurzelte +unten im Schoß der Generation. Ihr Blut griff zu, +vermählte sich. Saß über holzgeschnittenen Signets. +Es kamen ungeschickte, gestammelte Worte. Geschnörkelte +Zeichnungen machten den Übergang unsicher. Hochmütige +Sätze kamen, Buchstaben großer Form. Der +Wahlspruch schien auf: Wenn ihr mit Männern spielt, +so wißt mit wem . . . Und ist es mit Frauen, um was +ihr spielt. — Aus dem Buch stieg der Saft des Gelebten. +Der Raum erhielt Gewalt. Aus den Blättern der +Miniaturen quoll der angesammelte Atem der Generationen. +Die Farbe der Gewänder bekam Gewalt und blühte. +</p> + +<p>Die Miniaturen platzten unter den Muskeln, die sich +reckten. Der Stolz der Frauen sprengte die Taillen +und die Sanftmut der Elfenbeinfarben. Die Wangen +röteten sich unter dem Puder und glühten, Lider hoben +sich schwarz und flammten sie an. Degen und brokatene +Mäntel zuckten. Ein kühnes Auge traf sie wild. +Ein Turban erschien mit den Augen der Gazelle darunter +<!-- page 311 --> +in der Galerie der Frauen. Von da ab waren +die Köpfe ähnlich wie der ihre, wie ihres Vaters. +</p> + +<p>Sie sah den Ahnen, der dies Haus sich baute. +Sein Körper war größer und gewandter wie der der +anderen. Sein Gesicht glatt und gefurcht von zwei großen +leidenschaftlichen Linien. Unter dem Feuer seines Auges +fingen die Spiegel des Raumes zu leuchten an, in +ihrem verschleierten Glanz begannen weiche Hüften der +Frauen zu wiegen, braune Torsos schlangen sich dagegen. +Atem wilden Genusses rauschte mit Lachen in +der Seide. Dies Gesicht führte ihr Geschlecht auf den +höchsten Punkt ihres Blutes. +</p> + +<p>Sie sah seine Schrift, seine Briefe. Frauenleiber +wandten sich ihm zu und sträubten sich auf vor ihm. +Ehrgeizige Spiele, sehr erleuchtete gläserne Säle . . . +ein großer Ritt, der ihn mit Ruhm behängte, glitt +durch die Luft. An einem heißen Abend begann er, +dies Schloß zu bauen für den Sommer und die Zärtlichkeit +der Frauen. Er stand davor, als er ankam. +Die tiefen Fenster wühlten in der wollüstigen Nacht. +Terrassen bogen sich kühl hinunter zwischen dem Taxus +und den Hermen. Der Park stand wild voll Duft der +Rosen und Jasminen. Fontänen bohrten sprühende +Lanzen in die blaue Blumendämmerung. Ein Zimmer +war erleuchtet mit vielen Kerzen. Er trat hinein. +Am Morgen schrieb er mit vier Sekretären, noch +feucht von der Haut der Geliebten. Dann ging die +<!-- page 312 --> +Sonne auf, er erhob sich und weckte sie aus Träumen +von ihm. Da jagte er die Tiere. Die Sommer +wechselten und fielen heiß herunter einer in die Spur +des anderen. Da liebte er Dirnen. Er schoß die Saue. +Das Pferd rannte unter dem Spiel seiner Schenkel. +Kerzen blitzten um nächtliche Spiele. Lange Profile +hingen wie Glas gegen den Schatten. Die Edelleute +naher Höfe schwitzten um seinen Kartenschlag. Da +fuhr er in Wagen. Da schlug er Hunde und küßte +die Nägel ungeliebter Frauen. Ein einsamer Sommer +umgab ihn ganz allein. Er wanderte, die Arme über +die Brust gekreuzt, die Wege herauf, die Wege herunter. +Seine Augenbrauen schoben sich im Dreieck +zueinander. In einem zitronen trockenen Juli sah er +auf der Landstraße ein braunes Kind, das in den +Himmel lachte und nicht sprach. Er nahm es mit +sich. Aus heißen Ritten warf er den Körper in das +Bassin, das kristallen um ihn schäumte. Dumpfe +Nächte durchschlief er mit schweißigem Haar. Mit +großen Orden, den Degen zum Knie gesenkt, empfing +er eine Fürstin, den Fuß am Schlag. Sie warf ihm +Blicke zu durch das Glas ihrer Equipage, die er geschmeichelt +nahm. Er diktierte Briefe, Befehle, Politik. +Er arbeitete eine Intrige aus, die in London sich +kraus gestaltete. — Dann schlief er allein durch einen +ganzen Sommer sich durch, locker in der Kleidung, +zufrieden und still das Gesicht . . nichts weiter tuend, +<!-- page 313 --> +als den Himmel ansehen durch den Regenbogen der +Tritone . . . +</p> + +<p>Das Buch blieb geschlossen, die Lider stellten sich +nach innen. Der Raum trat aus ihr heraus, wie die +Fenster sich öffneten alle in den Parkmorgen. Stefan +rief herein, sie ging neben ihm. Blätter, Büsche, Esel +tanzten vorbei. Sie gingen. Das Ende kannte sie, +seine Arbeit, seinen Tod. Es hatte ihre Jugend durchdrungen, +ihrem Dasein Luft gegeben, Liebe. Daher kam +sie. Das Vorspiel war neu, unwichtig, aber bestimmend. +Er ging vor ihr her, die gleiche Kurve unten +am Rand des Geschlechts, der gleiche Schnittpunkt +führte sie wie ihn. Aus dem Knax kam sein Werk. +Sein Rausch wurde Sinn, als die Gegenströmung in +seine Sehnsucht sauste. Die Summen zog er aus +dem Entsagen. Sie reckte sich, spürte sich mit ihm +durchblutet. Er ging vor ihr, war der Vordere, ließ +ihr ein Vermächtnis. Sie lächelte, sicher genug in +sich, aber die Rechtfertigung ihres Daseins aus dieser +mystischen Quelle bog sie auf vor Befriedigung. Sie +gingen. Luft strömte frischer, die Beeren leuchteten. +Sie gingen rascher. Er hatte gelitten, geschafft, die +Lippen zerbissen, ausgeschlagen, sie empfand jede seiner +Minuten. Das Vermächtnis wuchs. Von Vaudreuils +Herzschlag vorwärtsgeschnellt fühlte sie sich getrieben. +Fortsetzung seines Handelns kam an sie nach der Pause +des Geschlechts, nach der Ruhe. Sie führte zurück +<!-- page 314 --> +in die Gemeinschaft, was er restlos erwarb. Er eroberte. +Sie half. Das Angehäufte veredelte nun. Er +schuf Platz für Menschen, siedelte, schaffte Arbeit. Sie +aber befreite, die Sklaven geworden in diesem Beruf. In +ihrem Blut saß die Vertrautheit seines Schicksals so, +als habe er sie gezeugt, erzogen, seine Adern hinübergeführt +in ihre. Und jeder Tropfen Blut trieb, forderte, +verhieß Vollendung, Wirkung, aufbäumenden Zwang zur +Tat. Die neue Kraft, die bestätigte, bestürzte sie, machte sie +gierig nach Tätigkeit, wenn diese Mission vollendet, die sie +noch umfing. Sie neigte sich zur Seite, nahm Stefans +Hand. Es würde vorübergehen. Sie gingen. +</p> + +<p>Das Gefühl durchdrang den Tag, machte Weichheit +hingegebener an das Umgebende, das Umgebende +tiefer verliebt in sie. Die Riesennelken der Beete +brachen auf unter ihrer Berührung, die Zinnfiguren +trugen ihr Lächeln, die Mauern wichen tief vor ihrem +Blick in den Himmel. Das Tor fiel auf. Unter den +Lerchen flog betäubend der Horizont auf. Bienen +schossen in dunklen Bogen, die Wiese, die sie berührte, +flammt gelb und zart. Sie gingen, nahmen auf, gaben +aus. Liebkosten Rehe, scheuten die Saue auf, lachten +sie zurück. Nahmen Pferde an der Ferme, trabten +durch die Feigen, um den dreizackigen Wolkenberg, +speisten Zwiebel, Butter, Brot, sanken im tiefen +Schatten in Schlaf. In die violette Dämmerung +ergoß sich ihre Ruhe. Kein Wort. Er hielt ihren +<!-- page 315 --> +Halfter, sie gaben die Gäule ab. Ein Fasan lief +über den Weg, Pfaue gingen in einer Kette. Die +Bäume der Allee fielen in rosane Glut. Stefan nahm +eine Göttin, hob sie auf die Erde ins Gebüsch, stellte +Daisy auf den Sockel. Sie senkte die Beine in +einer von Anmut so erfüllten Bewegung, daß ihr Knie +seine Stirn traf, dann seinen Mund. Sie spürte +ihn, war plötzlich allein. Suchte, rief seinen Namen. +Kam an den Pavillon, verwirrte sich in den Gladiolen, lief +in der Gartenstrecke, kam an die Lichtung. Die Terrassen +hingen beleuchtet. Ein Fest. Die Fenster hell, Springbrunnen +fluteten durch die Nacht. Atemlose Stille. Ihr +Name kam breit und voll Sehnsucht geworfen. Sie ging +hinein in den Namen, besinnungslos. +</p> + +<p>Sie verließ ihn, ging hinaus, sah den roten Mond +durch die Pappel schwimmen. Das Wasser. Das Bassin +überschäumte weiß, bläulich ihre Haut. Tritone sangen +über ihr. Den breiten Guß eines Löwen fing sie mit +der Brust. Die Blumen schwelgten in der heißen +Luft. Das silberne Füllhorn schäumte unter der +Sichel. Es überkam sie Sehnsucht, mehr ihm sich +noch zu geben, Furcht, etwas zu versäumen, Schreck, +daß das Schicksal niedersause. Sie überließ sich dem +Wasser. Langsam kam die Ruhe, die einbezog sie in +das Geschehen der Nacht. Im Stillerwerden der +Luft ward es klarer in ihr, bis sie den Ausgleich erreichte, +wo nichts sie rührte, alles sie verband. Sie +<!-- page 316 --> +ging hinein, suchte, traf ihn in seinem Schlafzimmer, +die Stirn am Fenster, er hatte ihr zugesehen. Sie +lächelte. Ihr Blick sah hinter ihm im Kreis der +Lampe eine Schale. Sie erbleichte. Zog zwei Kugeln +heraus, nickte zu einer, hielt die andere sprachlos ihm +auf der offenen Hand entgegen. Ihr Augen säumten +sich, wurden klein. +</p> + +<p>Sie frug mit dem Blick. +</p> + +<p>Ihre Lippen trugen den Namen. +</p> + +<p>Heiser sagte er: +</p> + +<p>„Le Beau.“ +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p>Befreite er ihn, klappte das Messer, riß die Schlinge, +flog die Mine, die ihn erledigte. Er hatte noch kurze +Zeit, bis das Schicksal fiel, lebte, die Uhr in der +Hand. Solange bedurfte er die Sicherheit gegen +jede Möglichkeit. Er hatte Jahre sie gesucht. Paris, +Marseille, Kalkutta, Pegu . . . hatte sein Leben +umgestülpt, auf sie gerichtet, wurde gut an ihr. Was +wog die Ausnahme gegen das Ganze? Nichts. Das +Gewaltige seiner Änderung umfing sie, als sie verglich, +trieb sie zu ihm, unter ihn: „Ich bin bei dir.“ +</p> + +<p>Nachts stand der andere auf, forderte. Sie tat +Unrecht, um Liebe zu erweisen. Sie hörte die fadendünne +Stutzuhr, sah die Sonne prallen gegen die +Rideaux. Wischte die Nacht weg. Aus den mähnigen, +<!-- page 317 --> +windgestrählten <a id="corr-13"></a>Sonnenblumen trat Stefan. Sie +sah über ihm die Katastrophe. Was galt Überlegung vorm +Tod. Es flog aus ihr, bedingungslos, hinweg. +</p> + +<p>Sie grübelte den Abend, die Ausnahme drückte +sie. Sie maß ihr keinen Sinn zu. In der Nacht +wurde sie riesig: Es kam nicht an auf die Größe, +nur auf den Sinn. Da sprang durch die Portiere der +Windhund, den er ihr geschenkt, weil er ihn liebte, +den sie zurückwies aus Rührung. Der schmale lange +Kopf strich an ihrer Wange. Sie hielt, was Güte +an Stefan sie fesselte. Kein Gedanke quälte mehr. +Im Halbschlaf gegen Morgen fuhr sie auf. Ein +Mensch litt um sie. Sie ertrug es nicht. Schleifte +den Hund aus dem Nebenzimmer herein. Der Hund +genügte nicht mehr. Sie schwankte, ging herum, besah +ihr Ohr im Spiegel, pflückte Glyzinen am Fenster, +bückte sich, wechselte die Farbe. Stieg die Leiter +zum Bad hinauf, drehte ab, kam herunter, atmete, +sah in den Park. Legte sich nieder. Erhob sich, packte +einige Dinge in einen kleinen Koffer. Ging an die +Portiere seines Zimmers, sah ihn schlafen, schwer, +fest, Mücken um seinen Kopf. Sein Schicksal, das +er kindlich nahm, wühlte sie so auf, daß sie erbleichte. +Als er erwachte, konnte sie nicht vermeiden, vorzutreten. +Als er den Arm reckte, war seine Not eine +Sekunde so groß, daß sie ihn nicht verließ, hineinging +wieder in sein Schicksal. Als sie erwachte in +<!-- page 318 --> +seinem Arm, hob sie den Kopf, lauschte, bog die Brust +aus seinem Muskel, glitt herunter, sah zurück. Sah +nichts mehr als das Unrecht, sah nur den Gefangenen, +der litt. Nahm das Gepackte. Hörte einen Wagen +in der Nacht rollen. Holte ihn ein. Kam in das +Dorf, in die Stadt. Schrieb ein Telegramm, das +Le Beau befreite. Hob die Brust, nun atmete sie +sicher, sah zurück aus dem Wagen. Konnte nicht +anders. Das flog nun in die Luft. Vorbei. Es +mußte sein — und getragen werden. Von beiden. +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p>Der Wagen kam an eine Barriere, einen Bach, einen +Fluß. Der Motor stockte. Am Mittag saß sie in der +Nische über einem kleinen See. Die weißen Hotelwände +prallten von Sonne . . . Sie denkt: Nun ist Le Beau +frei. Er fragt: durch wen? Sieht die Depesche. +Weiß: durch sie. Macht sich auf. Noch einmal +fliegt seine Stunde. Das Auge blitzt vor Geist. Er +fragt sich durch, beschäftigt Menschen. Er kommt an +das Hotel, fordert. Sie will auch ihm dienen, seiner +Enttäuschung sich unterbreiten, dem Geschlagenen nah +sein . . . Ein Raum schiebt sich zwischen sie und den +See. Sie schaut durch die geschlossenen Lider. Sie +kommt gegangen über die Terrasse, geht durch das +Zimmer des Ahnen, öffnet das Schiebfach, hebt die +<!-- page 319 --> +Kerze hinein. Sieht seinen Kopf, beginnt zu weinen. +Eine Stimme aus dem Dunkel: „Ist es Sommer?“ +Sie ist tapfer, sagt hell: „Ja, Claudius.“ Sie fährt +mit der Hand über sein rötliches Haar: „Ché . . . +mon ami . . . ché . . . doudoux.“ Er lächelte: „Mit +Gewalt macht es der andere nie.“ Sie sagt: „Ich +befreie dich.“ Sie kommt mit einem Dolch, versucht +das Fenster aufzubrechen. Unmöglich. Sie nimmt +den Spaten, gräbt ein Loch von außen. Da steht Stefan +im Fliederrondell, die Brust leuchtet phosphorisch, die +Augen geschlossen. Sie stürzt in sein Zimmer, er liegt, +schläft. Sie beißt die Zähne, zurück, stößt das Messer +ins Schloß, das wie ein Kuhmagen gefächert ist, die +Spitze bricht ab. Er ist bleich, lächelte aus dem verwüsteten +Gesicht. Sie schreit laut: „Ich befreie dich.“ +Er lächelt mehr: „Das sollst du nicht.“ Fast in der +Ohnmacht fragt sie: „Was . . . was kann ich tun?“ +Sie ist außer sich. Sein Auge schließt sich: +</p> + +<p>„Denk an mich.“ +</p> + +<p>„Ja.“ +</p> + +<p>Es gelang. Pappeln gigantisch reckten sich vor +bleiernem Himmel, Duft der Syringen lüstern auf die +Terrassen gestreckt, sie kam aus Gebüsch. „Traurig?“ +„Nein, da du mich liebst.“ Sie beginnt mit den +Drähten, arbeitet eine Stunde, es ist der letzte Plan, +in der Pause erschöpft: „Daß du so leidest.“ Er hebt +die an ihren Händen verkrampften Augen: „Leide +<!-- page 320 --> +ich, wenn du mich liebst?“ Sie beginnt wieder, steif vor +Verzweiflung. Sie schafft eine halbe Stunde, Uhren +schlagen, der Haken faßt, es gelingt die Flucht. Ein Gewitter +bricht über den Wagen, weiße geballte Kugel +saust überm Himmel. Nun sind sie vereinigt. Sie haben +ein Haus. Fischerboote laufen unter ihrem Fenster, +Motore überspielen delphinisch die Bucht, der Fjord wird +größer, schlägt sich auf. Sie sehen sich an. Wochen, +Monate. Sie gibt sich jedem Druck seiner Seele, +scheucht das Gewesene, Trauer fällt ab, Stille umgibt +sie. Atmet er ruhig, beglückt sie es, streift seine Hand +sie, fühlt sie sein Glück. Eine Nacht wartet sie auf +ihn. Er kommt nicht, sie wartet die Minuten, Stunden, +zählt die tickende Uhr. Am Morgen erscheint er +Sie ruft: „Deine Frau?“ Er winkt ab. Sie ist erledigt, +kein Gedanke streift sie. Aber der Schatten +gräbt sich in ihre Seele. Sie übergeht ihn. Im +Unterdrückten wächst er. Sie bekämpft ihn. Sie hat +diesen befreit, will ihm Jahre ersetzen, Glück, das er +Jahre erstrebt, bereiten. Aber ihr Herz leidet mit der +Verstoßenen, sieht den Ring im Traum an Claudius +Hand vor der Demonstration, schreit im Schlaf. Sie +kann nicht leben auf Kosten der Frau. Aber sein Gesicht +ist heiß, beschwört sie, fordert Liebe. Sie lächelt, +gibt ihm aufmerksamer. Doch er will mehr. Er will +das Strömende, nicht das Bewußte. Nicht das gut +Gegebene, will den freiwilligen Akt. Sie sieht auf +<!-- page 321 --> +ihre leeren Hände. Sie hat es nicht, verstellt sich, +macht, als seien sie gefüllt. Allein er sieht ihre leeren +Hände, schreit verzweifelt. Sie hört den Ton, er reißt +den Raum weg. +</p> + +<p>Sie hebt die Lider . . . . — — +</p> + +<p>Ein Traum erließ ihr, was sie mit Stefan an +Partie gespielt, verloren, dasselbe mit Le Beau. +</p> + +<p>Die feinen samtenen Lider senkten sich über den +eisgrauen Blick. Der schmale ovale Kopf hob sich +scharf. Schrieb ein Billet, für den Fall, daß er +käme, sie suche, das ihn zurücktrieb und ihn anfeuerte +zugleich. „Du bist elend. Bin ich glücklich? +Suche nach Befriedigung wie ich. Um dich wie +um mich stehen Ungezählte. Der Gedanke, daß wir +da sind, hilft uns beiden. Mehr kann der Einzelne +nicht tun.“ Sie packte, fuhr. Ihre Mission, +ihr Abschweifung, war zu Ende. Sie kehrte zurück, +der große Schwung riß sie zu sich. Die beiden, die +ihr Blut unvergeßlich zuerst erregt, fielen aus, schieden, +sie hatte geirrt, ins Einzelne sich verwirrt, versagt. +Erkannte die magische Grenze der Kraft, die sie zurückzog. +Wollte sich nicht verlieren, konnte nicht, apokalyptischer +Hure gleich, dem, jenem, diesem, Schoß +des Mitleids sein, sich verzetteln, sündigen gegen das +Ziel. Sie reckte sich, befreit, jeder Verantwortung ledig +gegen ihr Leben. Die beiden, die ihr Dasein immer +gekreuzt, bis in die Tiefe der Demut durchgelebt ihr +<!-- page 322 --> +Schicksal, stürzten zurück. Was blieb: das Werk. +Sie fuhr, stieg steiler. Saugte sich voll des Horizonts, +der perlgrau vor sie sich schmiedete. War voll Gewinnst +bis zum Rand. Trieb über die Nächsten ihres +Bluts, die überwunden, dem Ganzen zu. Wie frei +die Bahn vor ihr. Wie geschleudert die Straße gegen +den Himmel hinaufgestreckt. Fuhr auf den Scheitel +der Chaussee hinauf, fast schwingend. Gestrafft in +jeder Muskel der Seele. Sicherer wie jede Sekunde, +die sie gelebt. Angezogen auf der Sehne des eigenen +Blutes ein Pfeil, der sich zum Losschwung spannte. +Fuhr über den Scheitel der Straße. In der Senkung +blieben die beiden: Wegweiser — — — hin zu +den Menschen. Da standen Tausende. +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p>Sie ließ Minsk, kam mit Empfehlungen nach +Kiew, sah Contis Liste nach, traf die Zentrale, ward +nicht abgewiesen, mißtrauisch behandelt, trat in ein +offizielles Büro, sah die Taktiken, kam durch politische +Korridors höher, spürte den Gegenschlag, enträtselte +ihn nicht ganz, fiel vor der letzten Erkenntnis, +zog eine Meute Männer, über die sie gesprungen, +hinter sich her, verschwand. Bedurfte nichts weiter, +hatte den Kernpunkt nicht, spürte aber die Maschinerie, +das System. Es genügte. Gab es nach Minsk, +<!-- page 323 --> +blieb acht Tage im Südviertel, schaltete die Organisation +nach der offiziellen, verzichtete auf Begleiter. Legte das +erste Hebelwerk, pumpte es entgegen, in der gespanntesten +Atmosphäre der Länder, der verfolgenden, war im Vorsprung, +da die Technik die gleiche, Kenntnis der anderen +nur bei ihnen. Glitt die Fäden weiter, wechselte Pässe. +Sah in den Listen nach, machte Abschriften aus Angst, +sie zu verlieren, legte die mit Contis Handschrift in den +Safe einer Mittelstadt. Folgte der Linie, Tyska +legatione, Stockholm, in Upsala eine Verschwörung +gegen Lund, tastete tiefer, traf den letzten Zirkel der +Jungsozialisten, maß die Spannung zu Wallenberg +drüben, Undên, Branting auf der Gegenseite. Tauchte +in Genua auf, studierte Quarantänen, Auswandererbaracken, +Krankenhäuser. Erhielt Verstärkung, Staffetten, +Abwechslung der Reviere. Spannte ein Seil +nach Minsk. Vervollständigte die Listen, füllte Skizzen +aus. Kaufte ein kleines Haus Rue du Purgatoire, +Genf, aus Holz, vier Zimmer. Setzte Gordon hinein, +beobachtete durch die Zentrale jede Kaserne, jeden Offizier, +Stimmung der Eingekleideten, führte darüber Buch, +bohrte, trieb, jagte den Geist, Auflehnung, Umstülpung, +Bessern in jede Lücke. Rue St. Jacques hinter der +Sorbonne kontrollierte sich die Presse, Gerichte, suchte +Menschen auf, setzte sie in Stand, sondierte, suchte, +setzte sie ein, entflammte. Fühlte mit neuen Kräften +die äußersten Spitzen radikaler Kräfte ab. Schob +<!-- page 324 --> +Raffaeli vor. Trieb weiter, wo Geistiges verkalkte, +Soziales verfettete, Unehrliches scharfes Ziel verfälschte. +Zog die Linie von hüben und drüben. Sah die Listen +nach. Schuf eine Mauer, machte, wurde klar. Schoß +Druckschriften durch die Netze, Löcher der zementenen +Mauer, hörte die Explosion. Sah Bordelle Budapests, +Kaschemmen Altonas, Vorhäuser Bergens. Tabellen, +Pläne verquickten sich, es rollte sich mehr rundend +ein Ganzes gegen die Hebel. Kam der Schlag, der +schleuderte, fuhr es auf, glitt in die neue Form. Sauste +die Schaukel herunter, flog die andere auf, schmolz die +letzte Etappe des Unglücks, verengte sich die Distanz +unter Menschen, erstickte Ungerechtigkeit, irgendwo war +Paradies, weiter. Sah vieles, verstand an den Wurzeln +Gutes, Gemeines — alles fuhr in das Bild, das Conti +in der Pupille trug von der Welt, das sein Hirn +dachte: Umschwung der Erde. Traf im Coupé eine +Frau, die zu kreißen begann, gab ihr ein Papier. Ein +Mann sprach sie an, schlicht, sachlich, vornehm, strich +über das schwarze Haar, erbat Mittel für eine Mission. +Sie lächelte, das linke Auge schloß sich. Der Mann +erbleichte, begriff ein Überlegenes, ohne daß er verstand. +Sie setzte nur auf den großen Schlag, hielt dicht +die Depots zusammen, verbesserte nicht. Wollte ändern. +Traf nicht die Haut, wollte das Herz. Gab nicht +verschlampter heuchlerischer Wohltätigkeit verlogener Gesellschaft +einen Sou, tat nichts in verlorenes verspätetes +<!-- page 325 --> +Spiel. Sah in die Listen. Spürte durch die Zeilen +das zischende vulkanische Geräusch aufsteigender Kräfte. +Sie sagten ihr: Wohlfahrt der Massen. Sagten: +Erleichterung der Bürden. Sie horchte: Bildung des +Volkes. Verzog den Mund, höhnisch. Züchtete +junges Fleisch, legte nichts mit lächerlicher Gebärde +ins Faule. Ein Mann kam, eine Mütze mit Metallschild +funkelte in den Händen. Sie unterzeichnete ein +Papier: Administration des Prisons. Empfing ein +Paket, „als ihr Eigentum bezeichnet“. Öffnete. Es +waren die Haare, die Stefan bei der Flucht in die Berge +ihr abschnitt, daß sie einem Jüngling glich. Er trug sie +in seinen Kleidern. Sie kamen zurück. Sie lächelte, +nur die Augenecken bebten. Führte die Fäden in ein +Netz, legte es in Raffaelis Hand. Zog neue Linien. +Vom Grabe Di Contis drang ungeheure Kraft. Gab +Wind in sie, Sturm, nie Pause. Ging in ihre +Sprache, ihre Ordnung, ihren Befehl, ihr Unterwerfen. +Sein Geist schnellte von ihrer Zunge, trieb hoch, erwählte, +forderte Unbedingtes — ging in ihrem Bein, +entzündete durch ihr Herz. Bauern starrten blöd auf +die Agierende, lachten sich an breitmäulig, gespalten, +gingen heim, vergaßen es nie. Traf mit ihrem Blick +ins Schwankende, vollführte die Entscheidung. Stieß, +wie als Kind die Schlange, Falsches zurück, riß Geeignetes +an sich, mit sich hoch. Männer nahmen den +Blick von ihrer Hüfte. Jünglinge gaben sich ihr mit +<!-- page 326 --> +einem Ruck vorbehaltlos: nimm. Sah die Listen, ließ +die Zentren, teilte Kreise, Quadrate, suchte Provinz, +begann Kleines, spritzte Agenten aus aufs Land, schuf +Agitatoren, die es nicht wußten, ließ erkennen, hatte +Vertrauensleute, die es nicht ahnten. Warf Summen +in die Siedepole, weißglühende Spannung, Rußland, Indien. +Blieb im Hintergrund, schaffte, verbarg sich, war +kleine Agentin, wußte nicht, wann ereignet es sich, wann +gewinnt mein Ziel. Sah in die Listen. Es genügte. Führte +sie. Sie tat das Vermächtnis. Es war genug. +</p> + +<p>Trat in eine Förderation, die kleine Huren erquickte, +ihren Bauch ausruhte. Raffaeli schob den Mund schief +im Bart: „Sie sind eine Frau.“ Sie schüttelte die Haare, +lachend, machte die Ausnahme, stellte sich gegen die Polizei +der Gesinnung, sah das Blödsinnige wohl ihrer Handlung, +in diesem Falle Aussichtslose der Besserung. Tat es dennoch, +hatte zu viel hier gesehen, zu sehr selbst erlebt, konnte +nicht warten, bis das Leben sich umdrehte, empfand +Linderung im Gedanken, es werde gelindert. Belog +sich, wußte es, sah Raffaeli an, er senkte das Auge. +Sie zwang Vertrauen auch im Traum. Blieb sonst +eisig. Blieb verborgen, Reisende, spanische Tänzerin, +Studentin, Dame. Sah die Listen, folgte der Kurve, +sie ging nach aufwärts. Noch nicht die Höhe. Erweiterte +das Einzelne, vervollkommnete, verlängerte. Strich +durch, verwarf, erneuerte, erhöhte. Gründete ein Restaurant +Rue Monsieur Le Prince, wo gegen Ausweis +<!-- page 327 --> +Abgemühte ihres Geistes Essen erhielten. Gab Raffaeli +das Schloß, bog den Rausch des alten Vaudreuil ein +in den Sinn ihrer Existenz. Warf die Schatten der +Frauen hinaus. Geschlagene ihres Schlachtfeldes gingen +auf den Terrassen. Sie selbst sah es nie mehr. Studierte +die Krankenhäuser großer, kleiner Städte, machte eine +Tabelle, zog eine Gleichung, ward nachdenklich. Machte +Verzeichnisse, wog ab. Gab unter der Boulmichlaterne +einem schmalen Dichter aus Renées Genfer Kabarett +zwanzig Francs, traf ihn die Nacht mit Mimis im +Absyntherausch, traf ihn wieder Rue Guijas, schlug +ihm Geld ab, gab Anweisung auf Brot: „Schwärmen +Sie, ich bin nicht Pedant. Aber essen Sie, damit Sie +tauchen.“ Raffaeli schluckte, errötete, schloß die Augen +zum Schlitz: „Verzeihen Sie wegen der Förderation.“ +Sie schlug einen Kreis um das Grab Di Contis, befreite. +Sprach mit einem Sergeanten, ließ ein Haus +reinigen, gab es einem Balten, machte damit eine +Kulisse, brachte die Häuser an sich, besiedelte sie mit +seinen Leuten, armen Menschen. Empfing, ließ gehen, +erhielt, gab aus. Reiste, erschien wieder, blitzte auf, +verscholl, kam mit neuem Plan, dichtete das Netz. +Hatte einen Reiz auf Menschen, der unwiderstehlich +entzündete, gierig machte, umschlug, die Augen veränderte, +das Leben. Tätig machte mit ihr, fortzog, dienend, +hochmütig vor Verantwortung. Reiste nördlich. Zog +am Todestag Contis die Liste heraus. Verglich, zeichnete, +<!-- page 328 --> +ging ans Fenster, sah die Maste und Schorne steif +nebeneinander, ein Wald gereckt. Schloß die Liste. +Legte den Kopf zurück: Fast erreicht, fast erfüllt. +</p> + +<p>Gab sich der Ruhe hin, Tage, Wochen. Lebte, gab +sich preis dem Hafen, dem ungeheuer Kommenden, +Gehenden. Fühlte den Herzschlag des Bodens, Wiegen +des Horizonts. Mit den Schiffen ging sie hinaus, +kehrte sie voll zurück. Traf ein kleines braunes Kind, +das die Antennen eines Dampfers visierte, wo die +silbernen Sonnen der drahtlosen Netze blitzten. Nahm +es mit, badete es, legte es zu sich, hörte die Nacht +wieder Herzschlag an ihrem. Wachte, ward nachdenklich, +suchte die Gleichung, die Tabellen. Fuhr hinauf +über Christiania, fahles Licht prallte ihr entgegen. Die +Schiebetür des Lazaretts tat sich auf. Sie sprach den +Arzt, die Brillengläser standen scharf auf ihr, er prüfte, +legte beiseite. Sie blieb ein paar Tage. Ihr +Zimmer stand leer. Andere Pläne umgaben sie, andere +Pflichten. Sie blieb dennoch. Sie war nicht draußen +nötig, hatte erfüllt, was ihre weibliche Kraft konnte: +angeschmiegt an die Aufgabe, diese vorwärts getrieben +unhemmbar. Sie kleidete sich um, schritt hinunter +zum Saal: „Ist Naga hier?“ „Nein.“ Am Morgen +trat sie in das Zimmer des Zigeuners. Er starrte +schweigend: „Durst.“ Sie brachte Wasser. Er schiffte +in die Wanne. Sie schöpfte sie aus. Grinsend ließ +er seinen Darm hinein. Sie legte die Glocke ins +<!-- page 329 --> +Wasser, sog den Schlauch an, ließ altes Wasser +heraus, neues hinein. Er lallte einen Fluch. Die +Zunge gehorchte ihm nicht mehr. Er sprach undeutlich. +Sie ging in Nagas Saal. Daß sie fehlte. Gut . . . +wie schön, das Leben heiter und reizvoll zu nehmen. Der +Fiebernde zog an den Lidern. Sie gingen nicht mehr auf. +Dunkelheit immer um ihn. Keine Mutter am Bett. +„Deine Mutter?“ „Tot.“ Ihre Hand auf seiner Stirn +. . . er erkannte sie. Licht ging hoch auf seinem Gesicht. +Unruhige Schatten schwankten, wenn sie sie löste. +</p> + +<p>„Sie . . . da“, des Predigers Auge irrte unstät von +ihr zum Fenster. Er sah die Welt hinter ihr, roch +sie in der Luft, die sie noch umgab. Ein Bogen schlug +sich von ihrer Schulter übers Meer: dort die Welt, +unmeßbar gepreßt, verführerisch, sein Schicksal! Haß +kam in seine Augen, brannte auf sie. Sie neigte sich +zurück: „Glauben Sie es immer schön . . . leicht?“ +Er wollte es nicht hören: „Nur dort sein.“ Sie +lächelte: „Und dann?“ . . . . . . . . . . Weiter. Auf +und ab die Räume. Blicke gebannt an ihr . . . . . . +die Hitze kam. Der Wind ihres Atems brachte Ergebung, +Ruhe. „Wasser“, sie eilte, kühlte, verband. +Wie leicht das Schwerste zu tragen, stand sie daneben. +Welches Glück im Verzweifeln, sah man sie nur fern. +Sie teilte aus, schlichtete, sprach zu, freundlich, unbewegt +auch durch Trotz, Feindschaft prallte ab, ward Neigung. +Die große Schwester kam in der Tür mit ihr zusammen. +<!-- page 330 --> +„Verzeih,“ sagte sie, neigte den Kopf, „daß +ich deine Instrumente einmal beschmutzte.“ „Schon +damals verzieh ich.“ Die Schwester küßte ungeschickt +nach ihrer Hand, traf sie nicht, sondern die Klinke. +Aus dem Garten ein Zug . . . ein neuer Kranker, den +Blick wie ein Fisch, resigniert ohne Kampf — — — +unmögliches Dasein. Sie stachelte ihn auf, zeigte ihm +täglich das Neue, Buntes, geliebte Landschaft, Bilder +von Karussells und Kirmis. Seine Sehnsucht wuchs, +stieg, ward tödlich. Als sie vorbei war, gefestigt in +dem Überwundenen, hatte er Heiterkeit. — — — Sie +machte Schaum aus Soda, Schmierseife, heißem +Wasser. Tag auf Tag beginnend mit Schüssel und +Schüssel . . . trotz der Hitze sangen die Matrosen: „Es +kommt Gewitter.“ Sie sagte es zehnmal, jedesmal +mit erneut gesteigerter Kraft. In der Unmöglichkeit +wuchs der Glaube nur stärker, verbreitete sich, trat aus. +War das Haus eine Kasematte schmelzenden Bleies in +weißer Hitze, lauschten schon halb erquickt die Insassen +dem Regenfall, den sie versprach. Der Glaube der +Männer stieg, stand in dem Raum wie eine Wolke. +Der Blick des Predigers traf sie, erstaunt, ohne Haß. +„Ich sollte nicht Kraft haben, zu dulden, wo Sie +Ungeheures vermögen?“ Sie schnitt ihm das Fleisch, +legte die Messer hin: „Wie gering ist das alles.“ +</p> + +<p>Nachts beim Füllen des Wassers fiel sie ohnmächtig +um neben der Wanne des Zigeuners. Sie sah auf, +<!-- page 331 --> +erwacht. Die große Schwester drückte ihr ein kaltes +Wasserkissen auf die Brust, schielte mit den Augen +zwinkernd nach der Seite, ein noch nie erblicktes Lächeln +um den harten Mund. Der Zigeuner saß in größter +Erregung. Er hatte geschrieen, jetzt beruhigte er sich. +Als sie allein mit ihm war, stammelte er, Sprechens +kaum mehr fähig: „Die . . . vorher . . . schlug mich.“ +Er tanzte im Wasser auf und ab. Die Angst, sie zu +verlieren, löste ihn. Er schlug in die Hände: „Bitte +. . . bitte . . .“ Dann schwieg er. +</p> + +<p>Der letzte Sieg. Auch diesen halbverfaulten Kretin, +der vor Bösem strotzte, überwand sie. +</p> + +<p>In diesem Augenblick fühlte sie verzweifelt, daß etwas +fehle. Schwer atmend ging sie durch den schwülen +Raum. Die Luft vor der Küste war zusammengezogen +von silbernen Nebeln. Die Erde, aufgetan, dampfte +zarteste Glut. Sie ging, erschrak, öffnete sich mit +maßlosem Entzücken: das Meer. Es lag hinter dem +Schleier, schlug groß und dumpf. Ein Vogel flog +auf, stob über den Boden, setzte sich wieder. Sie erreichte +ihn. Er flog zur anderen Seite, wischte den +Nebel zu großen Strudeln. „Rype“, rief sie ihm. +Ein Hase mit hell leuchtendem Pelz. Der Bach geschliffen, +stählern. Langsam das Rauschen einer schwimmenden +Otter wie aus der Ferne. Die Gegend ging heller, +von seinem Dunst ins Gespenstische zugezogen. Möven +schlugen sich hoch. O Möven. Der Mond fiel platt +<!-- page 332 --> +auf das Wasser. Dunkelblau gemeißelt stieg das Meer, +ungeheuer gereckt mit metallen gekühlter Wut. Die +Möven, hochgerollt, hingen eine unbewegliche Schlange +vor dem Himmel. Alles trug ihren demütigen Sieg +ihr zu. Am höchsten Triumph spürte sie die Lücke. +Es genügte nicht. Das Letzte fehlte. Woher? +</p> + +<p>Sie hatte Sehnsucht, wußte nicht wohin. +</p> + +<p>Was Menschliches zu tun war, flammend war es getan. +Sie war zufrieden. Nichts störte ihr Treiben. Im +Lallen des leprosen Idioten formte sich glühend ein +Glück. Hatte entsagt dem Eigenen. Nichts Einzelnes +sog, lockte, begehrte. Entwichenes pries nur ihre Unermüdlichkeit. +Kein Phantastisches, Gewähntes verwirrte. +Dennoch fehlt das <a id="corr-14"></a>Letzte, stieg das Sehnsüchtige unerträglich. +Dreieck spannte sich aus den Brauen, ihr +eisgrauer Blick streifte das Meer. +</p> + +<p>Ihr Rücken stieß an etwas. +</p> + +<p>Ein Baum. +</p> + +<p>Der Saft zog in sie, ihren Leib, die Schenkel, das +Herz. Das Meer ward ein Spiegel, scharf, nebellos: +Smaragdene Inseln tauchten aus Fächern der Sonne. +Abends kamen sie ins Freie. „Meer“, schrieen sie. +Die Sonne sank blutrot über Herden neuer Inseln. +Phalux. Der Ottava rauschte, Flöße und Feuer. Warum +flog der Körper nicht über das Segel. Tausend Klüver +wiegten auf dem Ontario, schliffen träumerisch den +Horizont stahlblau . . . . +</p> +<!-- page 333 --> + +<p>Sie senkte die Lider, hielt die Sehnsucht fest im Innern, +sie durchdrang sie mit dem Saft in jeder Pore. Ihr Leib +und der Baum hoben sich, ineinandergeflochten, zum schlankesten +Instrument der Sehnsucht. Standen im Traumgrau +der Landschaft aufgerichtet, eine Flöte. Der Klang +des Blutes, weich sich hebend, nur nach Getrenntem gierig, +war Schmerz des Rohrs nach der Weide, aus der es geformt. +Wurde tigerhaft, stürzte durch die Gefäße, ein Aufschrei: +zurück zur Heimat. +</p> + +<p>Der Morgen ging auf. +</p> + +<p>Ein Segelschiff bootete aus. Sie nahm es. Eine Stadt +entschwand. Nebel rollten unter der Sonne. Unter braunen +Segeln entschwand glühend das Kupferbergwerk in die +Klippe. Noch einmal standen die Flaggen starr. Dann +fraß das Meer mit einem Ruck das Ganze. +</p> + +<p>Stand am Schornstein, ging auf Verdeck mit großen +raschen Schritten, schaukelte mit jeder großen Woge, +ging hinunter, hinauf, es kam ihr entgegen. Der +magische Pol ihrer Jugend streifte ihr zu, je näher sie +rückte. Studierte Barometer, Karten, die Lotung. +Traf Beamte, frug, sah den Kapitän, lächelte. Wind +trug ihr Frische zu. Schaum, vom Bug heraufgeschlagen, +legte sich köstlich auf ihre Haut, Schmelz +blühte sie hoch. Abends unter der eingeholten Fahne kam +es: Sie hatte Kraft verbraucht, ihr Leben hingegeben, +Stück für Stück vergeben, gezahlt im Guten wie im +Bösen. Die Spannung blieb wohl, die sie schnellte. +<!-- page 334 --> +Aber erst der Saft der Erde, aus der sie kam, durchdrang +sie neu, strebte ihr entgegen. Kräftigte sie und machte +sie schön, glühend, auf langen Beinen die zarterhaltenen +Brüste, der wilde Zug um den demütigen Mund, +die heißen großen Lippen: daß sie die Stärke habe, +tätig und unermüdlich wachsend und handelnd zu warten, +Di Contis Vermächtnis erfüllend, daß irgendetwas, +Erdbeben, ein Komet, die faulige Erde (geschminkt zwar +und kokottenhaft noch lächelnd in ihrer Raserei), durchwühle +und stürze, daß Schicksal sich balle und sie +selbst zurückkehre, die Maschine zu entfachen in den +großen Kreis der Tat, gespeist aus dem Atem ihrer +Jugenderde zu Mut und unentspannbarer Dauer. +</p> + +<p>Ein Mittag scholl. Klippen. Der Lorenzo. Möven +in Spiralen durchwälzten die Luft. Kanonen brüllten. +Der erste Halteplatz kam. Sie raffte die Plaids. Langsam +zählte sie die Koffer, etikettierte, ging über den Steg +ins Boot, ans Land. Das Gepäck häufte sich um sie +in der Morgendämmerung, noch grau unter Bäumen. +Ein Park von Wagen scharrte um sie. „Hinweg +. . . hinweg —“, ein Diener stieß sie an, rief einen +Namen, rief den Namen, rief ihn dreimal. Hinter +ihr Kommende drückten, kamen vor sie, verdeckten. Da +dienerte ein Neger. „Nein.“ Er lutschte die Zunge +zurück, steckte die kleinen Finger in die Ohren, wiegte +auf den Beinen. Über ihrer Achsel schwebte etwas, +ein Eselmaul schrie, den Hals hoch neben ihrem Ohr. +<!-- page 335 --> +Etwas fiel vor ihr hin, als klatsche ein nasser Fisch +auf Stein. Sie bückte sich, faßte ihr Paket, sah +rasch auf. Ein Schatten blitzte vorüber. Sofort +schloß sie die Augen, griff namenlos entsetzt an die +Brust. Es spielte sich beißend ab unter den geschlossenen +Lidern: Ein Mann mit Lichtkonturen machte eine Bewegung, +aber er riß nichts heraus, sondern streifte die +Hand nach ihr, schob etwas in sie hinein. Eine Beglückung +durchfuhr sie, stieg in ihre Haut, in die Warzen +der Brust. Sie schwebte. Sein Gesicht war blond, gescheitelt, +das eines Skandinaven, die Figur ihres Traumes, +ihrer Sehnsucht. Ihre Augen hoben sich, es verschwand, +das Erhobene, Blutsüße blieb. Gepäckträger häuften ihre +Koffer auf einen Wagen. Sonne stach durch das Grau, +brauste mit einer Welle durch die Zweige. Ein Wagen +streifte ihre Schulter, schmiß sie fast um. Sie drehte +unter der Gewalt des Stoßes sich um die Achse. Eine +rauhe Stimme brüllte: „Idiot.“ Sie steckte das Paket +in die Manteltasche, wieder blitzte der Schatten, nur +ähnlicher, sie erbleichte. Zitternd hob sie mit der Hand +aus der Tasche die drei achatenen Kugeln. Zurück? +Sie dreht sich wild herum. Die Wagen scharren +alle, bewegen sich, ein Gewölk unter den Palmen. +Eine Lichtung entsteht. +</p> + +<p>Da steht darin Caspare Symes. Neben ihm ein Pferd. +</p> + +<p>Die Kluft ist zu groß — ihr Herz erstarrt — zwischen +ihm und ihrem Leben. Sie hat überwunden, längst. +<!-- page 336 --> +Die unbefangenen Gefühle fehlen zu dem, was im +Menschlichen ihr am erstrebenswertesten schien. Vorbei. +Sie zieht den Mund ein. +</p> + +<p>Als er den Kopf bewegt, hebt sie die Achseln, ein wenig, +zuckend. Sie schüttelt den Kopf. Nun rast ihr Herz. +</p> + +<p>Da sieht sie erschreckend, daß sein Gesicht verändert +ist. Di Contis Atem schlägt ihm aus der Haut, sein +Geist vom Auge. Seuche, Leidenschaft, Erlebnis haben +ihn geschlossen zu unsterblich menschlicher Schönheit. +</p> + +<p>Da erkennt sie in ihrer tiefsten Minute plötzlich: Daß +dies ihr aufgespart war, damit sie vor eigenem Glück das +Größere, Menschliche erst erfahre. Und da sie tapfer gekämpft +bis auf die Höhe, schlägt der andere Pol ihres +Lebens ins Zentrum, wächst, beglückt, ist da, ist da. +</p> + +<p>Und da sie nicht enttäuscht und feig vom Dasein +kam, sondern durch größte Bemühung nur der Weisheit +näher ein Geringes gekommen, geladen mit Kraft, +gegen die Welt zu stoßen, sie zu ändern und Contis +Hebel aufzuschlagen aus dem nun unfehlbaren Gehäuse, +wandte sie ihm, der auf sie zuging, kurz und heiß die +Hand zu: +</p> + +<p>„Komm.“ +</p> + + +<div class="trnote"> +<p class="center"><a id="Anmerkungen"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></a></p> + +<p class="noindent"> +<br />Die folgenden Korrekturen am Originaltext wurden vorgenommen: +</p> + +<ul> + +<li> +... Marquis ließ Baptiste vorreiten. Er ritt in den <span class="underline">Bügel</span> ...<br /> +... Marquis ließ Baptiste vorreiten. Er ritt in den <a href="#corr-1"><span class="underline">Bügeln</span></a> ... +</li> + +<li> +... Strümpfen kam er, nach Tang riechend, an die <span class="underline">Pallisaden</span> ...<br /> +... Strümpfen kam er, nach Tang riechend, an die <a href="#corr-2"><span class="underline">Palisaden</span></a> ... +</li> + +<li> +... mit Wiesen heruntergespielt <span class="underline">zu</span> Fluß. Er sah große ...<br /> +... mit Wiesen heruntergespielt <a href="#corr-3"><span class="underline">zum</span></a> Fluß. Er sah große ... +</li> + +<li> +... die Spitze des <span class="underline">Ereichbaren</span>: das Gespräch brach ...<br /> +... die Spitze des <a href="#corr-4"><span class="underline">Erreichbaren</span></a>: das Gespräch brach ... +</li> + +<li> +... <span class="underline">genaß</span>. In Zackstrahlen von diesem runden Verharrungspunkt ...<br /> +... <a href="#corr-5"><span class="underline">genas</span></a>. In Zackstrahlen von diesem runden Verharrungspunkt ... +</li> + +<li> +... <span class="underline">Ballets</span>, erstaunte sie nichts mehr, es glitt ab. Vorüber ...<br /> +... <a href="#corr-6"><span class="underline">Balletts</span></a>, erstaunte sie nichts mehr, es glitt ab. Vorüber ... +</li> + +<li> +... übertraf. Sie sah die Welt plötzlich anders. <span class="underline">Er</span> ...<br /> +... übertraf. Sie sah die Welt plötzlich anders. <a href="#corr-7"><span class="underline">Es</span></a> ... +</li> + +<li> +... mit <span class="underline">Heiligenbilder</span> vor St. Sulpice. Wohnte Porte ...<br /> +... mit <a href="#corr-8"><span class="underline">Heiligenbildern</span></a> vor St. Sulpice. Wohnte Porte ... +</li> + +<li> +... Wohnte Rue St. Jaques, die <span class="underline">barok</span> vom Panthéon ...<br /> +... Wohnte Rue St. Jaques, die <a href="#corr-9"><span class="underline">barock</span></a> vom Panthéon ... +</li> + +<li> +... schnellten den Hebel, <span class="underline">schoßen</span> für einen Sou die Freimarke ...<br /> +... schnellten den Hebel, <a href="#corr-10"><span class="underline">schossen</span></a> für einen Sou die Freimarke ... +</li> + +<li> +... Sie stand auf dem Sims, wusch mit <span class="underline">Pertoleum</span> ...<br /> +... Sie stand auf dem Sims, wusch mit <a href="#corr-11"><span class="underline">Petroleum</span></a> ... +</li> + +<li> +... Spiegel mit dem <span class="underline">Pistolenschoß</span> in der Mitte. Es ...<br /> +... Spiegel mit dem <a href="#corr-12"><span class="underline">Pistolenschuß</span></a> in der Mitte. Es ... +</li> + +<li> +... windgestrählten <span class="underline">Sonnenblummen</span> trat Stefan. Sie ...<br /> +... windgestrählten <a href="#corr-13"><span class="underline">Sonnenblumen</span></a> trat Stefan. Sie ... +</li> + +<li> +... Dennoch fehlt das <span class="underline">Letztre</span>, stieg das Sehnsüchtige unerträglich. ...<br /> +... Dennoch fehlt das <a href="#corr-14"><span class="underline">Letzte</span></a>, stieg das Sehnsüchtige unerträglich. ... +</li> + +</ul> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Achatnen Kugeln, by Kasimir Edschmid + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ACHATNEN KUGELN *** + +***** This file should be named 39277-h.htm or 39277-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/9/2/7/39277/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. 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There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> + diff --git a/39277-h/images/cover.jpg b/39277-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..f3e0ba2 --- /dev/null +++ b/39277-h/images/cover.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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