summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
-rw-r--r--.gitattributes3
-rw-r--r--39277-8.txt7076
-rw-r--r--39277-8.zipbin0 -> 179566 bytes
-rw-r--r--39277-h.zipbin0 -> 238520 bytes
-rw-r--r--39277-h/39277-h.htm10553
-rw-r--r--39277-h/images/cover.jpgbin0 -> 52500 bytes
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
8 files changed, 17645 insertions, 0 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..6833f05
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,3 @@
+* text=auto
+*.txt text
+*.md text
diff --git a/39277-8.txt b/39277-8.txt
new file mode 100644
index 0000000..aea60fa
--- /dev/null
+++ b/39277-8.txt
@@ -0,0 +1,7076 @@
+The Project Gutenberg EBook of Die Achatnen Kugeln, by Kasimir Edschmid
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die Achatnen Kugeln
+ Roman
+
+Author: Kasimir Edschmid
+
+Release Date: March 27, 2012 [EBook #39277]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ACHATNEN KUGELN ***
+
+
+
+
+Produced by Jens Sadowski
+
+
+
+
+Die
+Achatnen Kugeln
+
+Roman
+von
+Kasimir Edschmid
+
+
+
+Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin 1920
+
+
+
+Alle Rechte vorbehalten
+Copyright 1920 by Paul Cassirer, Berlin
+
+
+
+
+Geschrieben Neunzehnhundertvierzehn bis Neunzehnhundertachtzehn
+
+
+Gruß
+an
+René Schickele
+
+
+
+
+
+
+
+
+Vorspiel
+
+
+Nun stiegen sie schon die zweite Stufenreihe hinunter. Immer sahen sie auf
+der anderen Seite die schwarzen Schatten, die sich wie sie selbst bewegten.
+
+Die Wasser rauschten langsam. Als sie die dritte Terrasse erreichten,
+kehrten sie um nach der anderen Seite, die schwarzen Schatten schwenkten
+und traten auf sie zu. Da kam aus dem See unten ein silberner Strahl, er
+glühte auf, Licht strömte die Neigung der Rasenterrasse herauf.
+
+Das Schloß über ihnen schlug eine Mondflamme in den Himmel.
+
+Zwei Herren traten zur Seite, die anderen bogen Halbkreise um die Gegner,
+die die Mäntel abwarfen und in weißen Samthosen, die Brust offen unter dem
+Hemd, sich gegenüberstanden. Ein flüsterndes Signal überklirrte das Metall.
+Aus dem dunklen Laubgang stöhnte ein Vogel. Ein Mann fiel um, den Säbel in
+der Gurgel, die Augen nach oben gebrochen.
+
+Der andere warf sich aufs Knie. Schob mit dem Daumen die Lider des
+Liegenden probend herunter, sie schnellten wieder über die gläserne Pupille
+zurück und hefteten sich auf den Knauf des Degens, der ihn durch die Kehle
+auf das Rasenbeet kreuzigte. Da stand der andere auf, schüttelte die Haare.
+Das war vorbei.
+
+Er sah sich um, empfand atmend die helle Nacht, die mächtig gewölbt war.
+
+»Mein Herr . . .« sagte der Sekundant des Gegners. Er deutete mit lockerem
+Handgelenk auf den Toten.
+
+Der Marquis neigte den Kopf nach ihm. Was ihn erfüllte, verschwand. Die
+steife Gebärde des Todes löschte die Wut des Abenteuers. Er sah auf, die
+Seele nicht mehr zusammengezogen. Wie schien der Mond feurig und entflammte
+purpurrot die Zweige.
+
+»Zaudern Sie nicht« -- flüsterte der Sekundant, »sofort zu begreifen, daß
+Sie im königlichen Garten sind. Jetzt noch zu leben, heißt nur bedingt und
+halb ein Lebender zu sein.«
+
+Vaudreuil trat mit einer Verbeugung zurück. Ein spöttisches Lächeln kniff
+in seinen abwesenden Mund. Dann kam der Laubengang. Das Dunkel der Nacht
+saß darin, unaufgescheucht vom Licht. Die weißen Hermen glommen aus der
+blauen Dämmerung. Nun paradierte ihn die Wache.
+
+Die Rondells mit den Fontänen waren beinahe rot, und die Tritone schäumten
+vor sich hin. Auf den Seiten verschwammen die Alleen flaumiger Dämmerung.
+Eine quecksilberne Säule stand das Schloß aufgerichtet neben ihm. Zwischen
+dem Schwung von zwei Koniferenästen zog sich der ganze Garten noch einmal
+zusammen. Dicht über dem tiefen Wasserspiegel am Ende der gesenkten
+Terrassen hing riesenhaft der Mond.
+
+Im runden Ausschnitt der Tanne hing eine Spiegelung, wie aus Silber eine
+metallene Platte.
+
+Nächte voll Schwärmerei und Lichtern hoben sich über dem Park, zogen rasch
+vorüber. Zuckende Frauenleiber sträubten sich vor ihm auf. Ein großer Ritt,
+der ihn mit Ruhm behängte, glitt durch die Luft, sein Bein hing blutend in
+der Bügelung. Ehrgeizige Spiele, sehr erleuchtete gläserne Säle . . . Teile
+des Gartens dampften, brachen auf, Nischen entlaubten sich, Gänge warden
+ohne Dunkel. Gab es nicht eine Frau?
+
+Eine Frau, ohne Geheimnis am Körper, verlogenen reizlosen Hirnes, ohne
+Leidenschaft der Erfindung, gut für Lakaien. Dennoch schlug er sich heut um
+ihre roten Haare. Dies ist das Dasein. Er lächelte, als ob er die weiße
+Zofe in den Flieder herunterpfiff oder die Pikardin berührte, die bleich
+durch eine Laube in der Parkecke auf ihn wartete.
+
+Das Bild brach ab.
+
+Aus allen Bosketts flossen Blumenrüche. Eine Nachtigall jagte einen süßen
+wilden Schrei schlaftrunken ins Gebüsch.
+
+Er sah ohne den Schleier der Spiegelung in den Park. Die Grimasse des
+Totengesichts, von seinem stählernen Witzwort in der Gurgel gefaßt, stak am
+Boden, bläkte ihn an. Das Schicksal riß durch sein Herz. Waren diese
+Terrassen nicht verbraucht bis zum Irrsinn, entblättert die Lauben beim
+dritten Knie schon, das er darin geöffnet. Blieb ohne die Erregung des
+eigenen Blutes, das sein Feuer zu fremden Abenteuern sich schuf, nichts
+übrig wie nackte Enttäuschung, schon oft Gelebtes, sinnlos Wiederholtes. Er
+zog den Degen an sich, fror am Eisen. Da sah der Marquis hinuntergleiten in
+den See, was ihn ausgefüllt hatte die Jahre. Die Herren, mit denen er soff
+und spielte und sich schlug, Damen daneben und Hunde, die an ihren Knieen
+wehmütig zitterten und leicht mit dem Kopf nickend ihn verließen. Dann trat
+das alles schon nicht mehr ihm zugehörig von der Neigung der letzten
+Rasenfälle in Berührung mit dem Wasser. Der Mond nahm es auf und bog es aus
+dem Park. Der Marquis sah zu, raffte sich auf, ohne Zorn, ohne Reue.
+
+Als er sich aber umbog, überfiel ihn alles, und er krümmte sich vor Schmerz
+über den Abschied, so sehr hing sein Herz an der Erde, auch wenn sie
+verbraucht war.
+
+Angst kam auf ihn, wenn er bleibe, daß er, eingekerkert in steinerne
+Mauern, keine Sonne mehr sehe. Wie liebte er die Freiheit.
+
+Er machte zwei große Schritte, reckte sich steif, hoch, das Gesicht in
+Ruhe, ging überlegen und sicher . . . . wankte und zog den Mantel über den
+Kopf und weinte. »Nicht weinen Vaudreuil,« rief er sein Herz an, stieß den
+Degen fluchend auf den Boden, biß in den Mantel, zerrte an dem Tuch, »was
+weinst du, Affe . . .« Allein er konnte seinen Schmerz nicht kränken und
+schluchzte, als er, den Seitenflügel umschreitend, den großen Empfangshof
+betrat, der unter seinen Schritten leise aufscholl. Er blieb da stehen.
+Kein Garten stand mehr vor ihm. Das große Gebäude verdeckte ihm den Mond.
+Er hatte noch nie Abschied genommen.
+
+In der Kehle ein Zittern riß ihm den Schmerz bis zu den Zehen. Dies
+flimmernde Weiß an den Rändern des Schlosses, die Pflastersteine, die der
+Mond blau schlug . . . er wollte sich daran halten, sein Herz klammerte
+sich an das Licht, an die Luft. Sie hielt nicht.
+
+Lautlos, taumelnd ging er zum Tor. In weißen Samthosen, die Brust frei
+unter dem zerrauften Hemd. Die Wache trat vor, grüßte und grinste. Ein
+Soldat sprang in seinen Schatten und bog den Bauch in Verrenkungen hin und
+her. Sie hielten ihn für betrunken.
+
+In der Dämmerung rannten die Pferde nach der Küste. Das zweite trug den
+Diener, das dritte Gepäck, Geldrollen, Hemden, Waffen.
+
+Die Stirnen der Gäule wandten sich im Kreis, zuerst gegen Havre zur
+Täuschung, dann ganz herum gedreht nach Dieppe. Paris fiel zurück
+unberührt. Dann warfen sie die Gäule nach Westen, schoben eine südliche
+große Linie nach Rochelle. Als sie bogen, flammte die Sonne über
+Versailles. Tief im Süden sahen sie, rastend in einem Dorf, fern das
+Sommerschloß des Marquis. Er ritt davon weg. Dann von eigenwilligen Dämonen
+getrieben, ging die Fahrt im Zickzack. Eine Erhebung hinauf, schräg
+herunter . . . nach einer schweren Stunde waren sie wieder auf dem Hügel
+von der anderen Richtung her. Baptiste sagte kein Wort und folgte. Gegen
+Mittag fluchte der Marquis, sie jagten um einen See. Durch Schilf, über
+Wiesen mit Rehböcken, die spielten, ging es stundenlang. Baptiste zog die
+Riemen der Ledertaschen auf und zu. Am Mittag brachen sie aus
+Weidenunterholz und waren wieder an dem See. Der Marquis ließ die Gäule
+saufen, ritt rechts in ein Tal, sprang plötzlich wild über einen Gießbach
+und jagte zurück, an dem See vorbei in die Landschaft der Küste. Gegen
+Abend lahmte das Pferd. Baptiste stieg ab, massierte das Bein. Der Marquis
+stieg auf. Er ritt zweimal im Kreis, dann jagte er in den eigenen Spuren
+zurück. Gegen Abend kamen sie an den Hügel, später durch das Dorf. Die
+Sonne ging unter. Links lag das Sommerschloß. Sie ritten direkt darauf zu.
+Sanft stiegen über die Mauern die hellen Bogen der Springbrunnen. Aus der
+einstöckigen Front schimmerten die vielen bis zum Boden gesenkten Fenster.
+Die Kieswege, angelegt für die Zärtlichkeit von Frauenschenkeln, lagen
+träumerisch im Schein des südlichen Abends. Der Marquis ließ Baptiste
+vorreiten. Er ritt in den Bügeln stehend, die Mauer war hoch. Sie hielten
+nicht an, sprengten am Ende die Mauer wieder zurück, dann hatte der Marquis
+ein Messer verloren. Sie fanden es nicht. Sie ritten hinunter, dann in die
+Nacht, die anfing. Die Pferde liefen wie die Teufel.
+
+Das Meer kam, vom Wind geschlagen. Nebel klatschten graue Wellen über die
+Küste. Der Segler lag weit draußen und löste die Anker. Matrosen warfen die
+Mantelsäcke in die Barke, griffen zu den Rudern. Vaudreuil sprang hinein.
+Der Steuermann stieß das eine Bein gegen den Pflock, sah auf. Oben stand
+Baptiste. Der Marquis erbleichte. Der Diener stand schlaff. Dann trat er
+einen Schritt zurück.
+
+»Zwölf Jahre waren Sie bei mir . . . hielt ich Sie nicht wie einen Pagen
+. . .?«
+
+Der Marquis stand aufgerichtet im Boot, das schwankte unter krachenden
+Wellen. Aber der Diener ballte die Faust, wies auf das Meer, das sich
+dunkel donnernd zusammenballte! »Bin ich ein Hund, daß Sie mich mitreißen
+auch da hinaus . . . zwölf Jahre habe ich Bügel gehalten, vor Frauenhäusern
+gelauert . . .«, er röchelte und verzerrte sein Gesicht vor Haß.
+
+Da stieg dem Marquis das Grauenvolle des Abschieds bitter in die Kehle wie
+kein Schmerz. Einen Augenblick hob er wie bittend die Hand. Als er von
+diesem letzten schlechten Stück sich riß, versagte sein Herz, daß er es
+demütigte. Er bat eine Sekunde. Dann warf der Wind ihm die Haare über das
+Gesicht.
+
+»Bleiben Sie ruhig,« sagte er, »behalten Sie die Pferde. Gehen Sie zurück
+nach Versailles.« Er schrie, denn die Flut machte die Luft voll unruhigem
+Geräusch. Das Boot schoß los, sauste eine grüne Welle hinunter. Der Marquis
+nickte vom Rücken der nächsten dem Diener zu.
+
+Der Segler rollte auf hohen Wellen. Der Marquis sah zurück. Auf dem
+erhöhten Hügel der Mole lag Baptiste, das Gesicht stumm gegen den Herrn
+gerichtet, der ihn verließ. Nebel kamen, verwirrten. Lösten sich und immer
+brach sein Bild, auf den Knieen, die Arme verkreuzt, durch den Wasserstaub.
+
+»Wie feig er ist«, sagte der Marquis, »und doch wie groß seine Sehnsucht.«
+Da begann Baptiste zu schreien, als die Barke an den Segler rollte, die
+Arme in die Luft zu stoßen, sein Haß und das Schmierige stritten mit dem
+guten Gefühl. Vaudreuil litt mit dem Niederen. Aber er empfand seine Stärke
+mehr zu leiden mit schmerzlichster Beschwingung. Die Tiefe der
+Erschütterung gab ihm ungeahnte Kraft.
+
+Taue klatschten aufs Wasser. Dreimal schoß eine breite Woge zwischen die
+Fregatte und sie, teilte sie. Dann faßte Vaudreuil die Schlinge. Wie ein
+Affe erkletterte er das Verdeck. Matrosenhände erfaßten seine nasse Taille,
+schoben ihn herein. Das Schiff hatte sich weiß beflaggt, bog sich und
+rauschte. Er sah die Küste nicht mehr. Möven lagen auf den Wellenspitzen.
+Dann kamen Tage, wo die Sonne nur da war, der Himmel sich seidig
+zusammenzog. Er sog den Geruch des Meeres ein, schaute auf das Spielen von
+Welle mit Welle, der letzte Strich des Horizontes gab seinem Gefühl die
+ruhig sich schaukelnde Sicherheit der Ruhe und des Glückes.
+
+Am fünften Tag wurden die Segel gerefft, ein Sturm legte die Fregatte auf
+die andere Seite, stieß ein Leck in den Speicher. Seekrank lag Vaudreuil
+auf einem Haufen Taue in seiner Kabine. Sein Magen spie über Bett und
+Tisch. Sein Geist litt unter der Beschmutzung seiner Kleider. Sein
+kraftloser Körper, den nur einmal in Barbizon nach einer ausschweifenden
+Woche mit Lilotte, der Tänzerin des Dauphin, ein Purgier mit Schweiß
+befreite, litt unter der Ohnmacht und stemmte sich mit Wut dagegen. Aber
+die Dauer des Zustandes führte ihn in die Überwindung. Ohne Zorn fand er
+sich darein, daß seine Kabine stank wie ein Stall, daß er tagelang kotzte.
+Als er geduldig ward, befreiten ihn helle Tage. Die Angel lag auf dem
+spiegeligen Wasser. Matrosen saßen in den Takelungen. Mit weiß knatternden
+Spitzen schlug das Meer gegen den blau aufbrechenden Horizont. Er fing
+Germanen, köpfte sie, warf die Körper den Kabeljaus zum Fressen hinunter,
+briet die Köpfe. Nie aß er früher so weißes Fleisch. Erfinderisch geworden
+in der Ruhe, erfand er neue Speisen. Er röstete Flossen, briet Herzen. Der
+Tag ward ihm phantastisch, spielend überwand er die Melancholie der Abende.
+
+Das Schiff wendete. Die Segel klatschten, standen dick voll Wind. Matrosen
+liefen mit Haken und Büchsen nach Backbord. Da stand am Horizont ein Schiff
+in der Form saletanischer Piraten, das braune Segelzeug schoß scharf
+drachenhoch vor dem Gelb. Der Kapitän schrie. Aus den Verstauräumen kamen
+Kanonen angeschleppt, die sonst das Gleichgewicht des Schiffs gegen den
+Wind stärkten. Da brauste es aus dem Sprachrohr des Drachenschiffs: »Vila«.
+
+Da begannen die Matrosen zu grinsen, einer sang. Sie zogen die Hemden aus
+und winkten in ihren bronzenen Brüsten hell zwischen den Leinen und dem
+blühenden Himmel. Denn das Schiff war gascognisch. Vaudreuil blies die
+Backen auf und ging hin und her den Abend.
+
+Zwischen zwei Felsen fuhren sie in den St. Lorenz. Die Wände standen wie
+Pyramiden. Schwärme langgehalster Vögel hoben sich, zogen endlose Spiralen
+immer höher und schrieen. Morgens booteten sie aus nach Quibek. Vaudreuil
+ging sofort zum Fort. Die Straße war kotig. Mit schmutzigen Schuhen und
+Strümpfen kam er, nach Tang riechend, an die Palisaden und nannte seinen
+Namen.
+
+Abends erschien der Kommandant zum Bankett. Er hatte den ganzen Mittag die
+Finger seiner Hände hin und zurück gezählt, um nicht sofort hinzulaufen.
+Jedoch der Drang seiner Würde war größer als seine Neugier. Auf Vaudreuils
+anderer Seite saß der Bischof in violettblauer Sutane. Ihre Fragen
+umzingelten ihn, faßten ihn von immer neuen Seiten. Sie schlürften jedes
+Wort. Der Geruch Europas war noch an ihm. Sie hielten sich gerade, aßen mit
+Bewegungen, die ihren Namen entsprachen, wenn auch ihre Stoffe derb waren,
+ihre Schuhe aus Rindsleder, das roch. Er gab, was er wußte, vom Hof, den
+Städten, den Frauen, teilnahmslos, halb Gelöschtes aus seinem Gedächtnis.
+Der Bischof riß einen Fisch mit beiden Händen am Schwanz auseinander und
+frug: »Was planen Sie hier?« Aber Vaudreuil zuckte die Schultern. Sie
+wurden verlegen. Der Kommandant trank rasch. Der Bischof leckte an seinen
+fetten Fingern. Sie schwiegen eine Zeitlang.
+
+Beim Dessert verloren sie ihre Haltung. Vaudreuil kam beim Pharao in
+Verlust. Als sie zwei Rollen Louis gewonnen hatten, wurden sie höflicher
+vor seinen Mitteln. Um vier begannen sie, gebranntes Wasser zu saufen. Boys
+brachten Kübel. Um fünf saßen sie hinter den Karten. Vaudreuil hielt Bank,
+gewann zurück. Ein Fähnrich kam in Verlust, man verweigerte seine Bons. Er
+hockte sich in die Ecke, schrie: Germaine . . . sah nur Waden, beschrieb
+sie mit dem Finger, leckte das Maul. Ein Offizier fiel um wie vom Schlag
+gerührt. Der Kommandant zuckte die Achseln: »Er liebt, seinen Gewinst
+festzuhalten.« Seine Hand schrieb eine Anweisung, die er rotglühenden Auges
+Vaudreuil hinüberreichte. Sie machten eine Pause, aßen kleine scharfe
+Fische.
+
+Der Bischof hob den Arm. Schwenkte den andern auf, hob sie und senkte sie
+heftig, bis der Apparat rauschte, seine blecherne Stimme anfing zu singen.
+»Fettes Schwein«, sagte der Kommandant und schlug im Takt die Fäuste auf
+den Tisch. Ein Hauptmann taufte einen Eingeborenen. Das Zimmer dick vor
+Rauch.
+
+Sie kehrten zurück zu den Karten. Die Sonne stand draußen. Der Bischof
+setzte die Sutane. Verlor. Der zweite Fähnrich begann ihn sofort zu
+entkleiden, wollte ihn als Adam durch den Morgen führen. Der Bischof
+quietschte mit Faseltönen, flatterte mit den Händen, umwirbelt von Dampf.
+Er stank aus jeder Pore. Dann weinte er und psalmodierte eine Beichte. Der
+Kommandant bog sich von seinem Stuhl, fiel krachend zurück in die Lehne,
+beugte sich wieder, krampfte die Arme über den Bauch und bekam das Maul
+nicht zu vor Geheul. Vaudreuil ging hinaus.
+
+An der Palisade erreichten ihn Schreie. Die Fähnriche brachten die Sutane
+geschleift. Am Fenster hing der Mondbauch des nackten Bischofs. Eine Hand
+hob sich über ihm, klatschte auf feine fette Schulter. Des Bischofs Arme
+zeterten herunter, er wand sich. Seine Schinken hingen zum Fenster heraus.
+»Also doch . . .« Vaudreuil bot Ohrfeigen mit, der flachen Hand. Sie zogen.
+»Germaine«, brüllte der eine und fuchtelte in der Luft. Vaudreuil schonte
+ihn, wandt sich zum anderen, der stieß ihm, schmalnasig und hager, im
+selben Augenblick leicht in die Achsel, warf seinen Degen weg, salutierte
+mit der Hand. »Es hätte auch die Kehle sein können.« Vaudreuil packte die
+Sutane mit den Fingerspitzen, trug sie hinaus. In der Mitte des Zimmers lag
+ein Haufen Fett, das den Himmel vertrat, vor dessen Umarmung jede trübe
+Zofe flöhe. Er legte den blauen Rock auf den Haufen.
+
+Den Rückweg verlegte der Kommandant an den Palisaden. »Den Degen.« Der
+Fähnrich, zwölf Soldaten hinter ihm. Vaudreuil lachte, denn seine Stimme
+lallte und überschlug sich vor Besäufung. Er richtete die Spitze des Degens
+nach hinten, ging so auf die Wache zu. Sein Lachen steckte an. Zuerst
+prustete ein Soldat. Dann lachten sie alle, schlugen sich auf die
+Schultern, auf den Bauch, ohrfeigten sich, begannen eine Prügelei. Der
+Fähnrich zog ein Lächeln um den dünnen Mund und salutierte. Der Kommandant,
+Sergeant an Wuchs, donnerte wütend, die Soldaten johlten weiter. Der
+Kommandant torkelte einem an den Hals, umarmte ihn, fiel um, ward
+aufgehoben, schlug sich den Bauch vor Lachen. Er kommandierte die Wache zum
+Salutieren, es geschah unter Schwanken. Arm in Arm mit Vaudreuil verließ er
+das Fort.
+
+An der Ecke blieb er stehen, stampfte auf, um fest zu stehen. »Ich muß Sie
+verhaften, ohne Zweifel.« Er stemmte sich mit dem Rücken gegen ein Haus,
+rülpste Gelächter. »Ich warte bis zum Abend.« Sie zogen durch die Kneipen.
+In der dritten entlieh er eine Rolle Louis. Vaudreuil schlug sie ab. Es gab
+einen Skandal. Mitten in der Szene vergaß er es wieder, versprach Vaudreuil
+Weiber, frug nach Paris, schlief schnarchend ein. Die Nase fiel auf den
+Tisch, begann zu bluten. Eine Rinne lief ganz langsam über die Platte,
+schwenkte nach rechts, lief nach links. Vaudreuil blieb sitzen, bis es ihn
+erreichte. Dann stand er auf.
+
+Am Bootshaus lag sein Gepäck. Vor der Mole schaukelte ein großes Segelboot.
+Wohin? Nach Montreal. Er erklomm das Schiff an der Seite, wo Männer
+loteten; setzte sich unter ein Sonnensegel, zog ein Buch aus der
+Manteltasche, begann zu lesen. Die Eingeborenen sangen vor sich hin, indem
+sie die Segel besorgten. In der Stille verengte sich der Fluß, das Meer
+blieb stürmisch mit schlagenden Wellen zurück.
+
+Plötzlich stand ein Mann vor ihm, sprach ihn an, verdrehte die Augen,
+schnitt Fratzen und bog die Nase nach oben. Zuckte mit den Achseln und
+zwitscherte wie ein Vogel. Öffnete die Hand, schloß die Hand, verkrümmte
+sich und blinzelte. Wandt sich von Vaudreuil, der weiter las, nach der
+anderen Seite der Bank, verneigte sich, schwang die Arme nach hinten. Da
+saß ein Offizier mit einem Orden, winkte mit der Hand, das Individuum
+verschwand unter den Fäusten der Matrosen. Vaudreuil sah auf, beugte sich
+etwas gegen den Offizier. Der erhob sich: »Courbisson«, der Gouverneur.
+Vaudreuil blinzelte, schob den Mund schief, begann weiterzulesen. Die
+Adlernase kam im Bogen, hing vor ihm, schnitt die Luft:
+
+»Sie brachen heute mein Gesetz.«
+
+»Es waren Schweine. Soll dieser Irrtum . . .«
+
+»Haben Sie zu verlieren?«
+
+»Das Leben.«
+
+»Sie wissen es einzusetzen.«
+
+»Der Ehre halber.«
+
+»Das genügt nicht. Bei diesen Menschen bedarf es mehr.«
+
+»Ich bin am Ende. Sah den Arsch des Bischofs die erste Nacht.«
+
+Der Gouverneur griff an seinen Hut, grüßte, die Matrosen begannen zu
+schreien. Baumstämme kamen angeschwommen, sie halsten, bogen aus, im
+Schwung umschwebte sie eine betäubende Insel. Der Gouverneur strich den
+Knauf, aus dem ein Löwe in die Luft biß.
+
+»Ich bitte um zwei Fragen . . . haben Sie Mittel?«
+
+»Die Diskretion der ersten läßt mich auf die zweite verzichten.«
+
+»Ich rede in einer dringlichen Sache meines Herzens geschäftlich,« der
+Gouverneur verneigte sich. Ein Haar breit.
+
+»Ich habe keine Geschäfte.«
+
+Da stieß der Gouverneur einen Fluch in die schmalen Lippen. Vaudreuil
+machte eine unwillkürliche Bewegung. »Nein«, sagte der Gouverneur, lächelte
+zerstreut, gewinnend, Unruhe wölkte seine Stirn. Da legte Vaudreuil sein
+Buch hin, kam ihm entgegen: »Verhandeln wir.«
+
+Courbisson errötete gegen die grauen Schläfen, begann sofort mit Charme zu
+reden. Vaudreuil sah ihn aus aufgerissenen Augen an. Beim zweiten Satze des
+Gouverneurs schlief er ein.
+
+Als er erwachte, war es hoch im Mittag. Er war allein. Die Ketten
+rasselten, die Segel hingen eingerefft, gebunden, der Anker hielt. Eine
+Landschaft kam mit Wiesen heruntergespielt zum Fluß. Er sah große Fasane,
+stieg aus zur Jagd. Die Nacht brach er durch Büsche auf dem Rückwege, fand
+ein Blockhaus. Auf Heu schlief er. Morgens lockten die Stimmen der Tiere
+sein Blut, er bestieg das Schiff nicht, blieb acht Tage, streifte, jagte,
+brach in das Dickicht, das ihn schluckte, einsog.
+
+Am neunten Tage trieb er ein Boot auf, fuhr langsam hinunter nach Montreal,
+kaufte fischenden Matrosen ihre Kleider für die Jagd, trat in ein
+Blockhaus, spreizte die Beine, warf den Kopf zurück und zeigte eine
+Landkarte, fixierte ein Stück mit dem Blei am Ufer. Hinter dem Tisch der
+breite Mann zog den Spitzbart. Vaudreuil sah in die Luft. »Das Stück ist
+zehn Klafter breit,« sagte der Verkäufer. Vaudreuil zuckte die Achseln. Der
+andere zog die Lippen nach vorn, schrieb, Vaudreuil zahlte eine halbe
+Goldrolle, drehte um. An der Tür zögerte er kurz, ging hinaus, kehrte nach
+zehn Schritten um, zirkelte zu dem Flußgebiet, das er gekauft hatte, das
+ganze Hinterland dazu, sah fragend auf. Der Verkäufer grinste und schrieb
+ihm den Urwald noch dazu.
+
+Er mietete ein Rudel Gesindel, fuhr mit ihnen hinauf, ließ Hütten bauen.
+Bald kamen Eingeborene. Mit Negern, die er kaufte, gründete er den Kral.
+Dann warf er das Geld gegen den Urwald. Ein wütender Kampf bellte auf. Der
+Wald wucherte mit Sumpf und Pflanzen gegen ihn auf. Tag um Tag fraß seine
+Horde sich in den Wald. Er wirbelte die Äxte hinein, schnitt mit Feuer
+Lücken, brach Boden auf Boden ab. Er umzingelte mit einer Gasse, die die
+Kerle schlugen, die dicksten Plätze, hungerte sie aus, verwüstete sie, ging
+zurück, brach vor. Die Sklaven starben an Fiebern. Er schaffte neue
+Scharen, trieb sie gegen den Wald. Ordnete kleine Gruppen, fiel von den
+Seiten, vom Rücken gegen das nie angegriffene Urstück. Tiere jagten nachts
+heraus. Ein Löwe sprang durch das Dach seines Hauses. Er gab nicht nach.
+Fauchend mit den Stimmen seiner Tiere wich der Wald zurück. Nun sogen
+Weiden das Wasser aus den modrigen Ufern. Pflüge rissen in das Herz des
+Landes. Ochsenwagen zogen nach dem Strom, warfen das Holz in die Boote,
+nahmen Saat zurück. Meer von Weizen schlug in schönen Wellen gegen den
+Wald. Herden suchten morgens, Boden schlagend, den Strom. Das erste Boot
+fuhr nach Quibeck. Zehn folgten. Seine Wolle fuhr über das Meer. Schon war
+der Wald eine ferne Linie am Horizont. In Tonnen und Schuppen stapelten die
+großen Fischzüge. Er legte einen Gürtel Ablagerungshäuser an. Eines Nachts
+flog ein Vogel vom anderen Ufer herüber, seine Flügel hatten eine grüne
+Färbung. Als er am Giebel saß, begann das Dach zu brennen. Es war der
+dreizehnte Schuppen. Vaudreuil ritt zum Inspizieren. Er fand nichts. Nach
+drei Tagen ritt er denselben Weg, ließ es wieder aufbauen. Nach einem
+halben Jahr kam er an einen Zug, der Tonnen Fische hinunterschleifte. Er
+sprach mit dem Führer, sie bogen um eine Waldecke, da nahte ein Zug, es kam
+eine Prozession. Vaudreuil stieg ein wenig in den Bügeln, kniff die Augen.
+Dann führte er seine Leute zurück, in einem Hohlweg mit steilen Wänden ließ
+er eine Tonne leeren, ritt weiter ein Stück, dann wieder zurück. Sie
+erreichten den Weg, als die Läufer der Prozession auf den Fischen
+ausglitten. Sie fielen auf Rücken und Bauch, streckten die Beine hoch, die
+Zungen heraus, rauften sich an den Haaren. Die dicken Priester fielen auf
+den Hintern und rutschten auf den Fischbäuchen die glatte Bahn herunter.
+Geschoß kam auf Geschoß. Den Bischof warf sein Esel ab, er flutschte
+vorüber, schlug mit den Armen wie ein Häher. Vaudreuil zog weiter. Zwei
+Wochen darauf klopfte es nachts an sein Haus.
+
+»Woher?«
+
+»Quibeck«.
+
+Sie machten dem Fremden ein Lager im Flur und lauerten im Halbschlaf mit
+schrägen Augen, daß er nichts unternehme. Am Morgen ging Vaudreuil über die
+Diele. Da stand der Fremde auf, griff in die Mantelbrust und reichte ihm
+ein Papier. »Ich will es quittieren«, sagte Vaudreuil, kramte in Papieren,
+sandte dem Bischof für die Exkommunizierung eine Verschreibung von seiner
+eigenen Hand. Sie ging auf eine violettblaue Sutane. War vor sechs Jahren
+ausgestellt.
+
+Vaudreuil badete, salbte sich ein Stück, zog Strohsandalen unter die
+Schuhe, es war Abend. Ging langsam zum Fluß, nahm ein Paddelboot, fuhr ab,
+legte, als der Flußwinkel überfahren war, an im Gebüsch, kehrte zurück,
+trat hinter einem Baum heraus mit einer Peitsche und verhieb Neger, die im
+Garten tanzten und seine Hüte trugen, entließ den Aufseher, der in der
+Küche sich Pasteten buk. Dann ging er über die Äcker zwei Stunden, bis er
+Wald erreichte. Eine halbe Stunde lang suchte er, die Nase wie ein Hund
+geneigt. Er fand einen Pfad, folgte ihm bis gegen Morgen. Dann schlief er
+ein wenig, lief den ganzen Tag weiter ins Innere. Es wurde Nacht, er roch
+Feuer, schlich sich heran, wartete eine Stunde, schnitt mit dem Messer
+Gestrüpp, verknotete Schlingpflanzen durch, machte einen Bogen, schaffte
+bis Mitternacht. Dann kam er an den Rücken eines Schattens, hob ein Tuch,
+war in einem Zelt, zündete ein Schwefelholz an, hielt es mitten in den
+Raum. Zehn Frauen saßen auf Fellen und schliefen. Eine stand auf, schlanker
+als die anderen, blies das Licht aus. Er nahm sie auf den Arm, trug sie
+durch das Lager in den Wald, das Kupfer ihrer Haut glänzte unter der
+Dunkelheit der Zweige. Sie kamen an sein Boot zum Fluß. »Naimi«, flüsterte
+sie. Ihre Augen der zahmen Antilope stellten sich in Rausch schräg gegen
+die Wipfel, die über den Mondwellen hingen. Das Rindenboot glitt unter
+Ästen mit singenden Vögeln. Ihre Haut roch nach ihren Speisen, nach
+Wildbret und Beeren. Er strich ihre junge Brust hoch. »Perlen«, sie lachte
+gegen die Hand, band sie in die blauschwarzen Haare. »Wie lange?« Er zuckte
+die Achseln. Ihr aus den flimmernden Schatten des Waldes heraus geformter
+goldbraun geschwungener Leib zitterte. Sie hob das Gesicht über den Rand.
+Da sah sie in den Mondwellen die Perlen, warf sich nach vorn in die Knie,
+herüber zu ihm, den Kopf auf seine Hände, die Zunge fuhr über seine Brauen,
+die sich im Dreieck zur Stirne spannten. Er weckte sie aus dem Schlaf:
+»Naimi«. Sie forschte erschreckt in seinen Augen; als sie Liebe sah, begann
+ihre Haut sich zu färben. Sie banden das Boot an. Die Sonne ging über sie.
+Manchmal erhob sie sich, sah scheu nach ihm hinüber. Am Abend fuhren sie
+weiter. Das Rindenboot schlürfte am Ufer hin im leisen Takt des Stroms. Der
+Mond brach weich aus allen Ästen. Ihre Brust war fruchtreif und klein, sie
+flüsterte, erschreckt. Er sah sie an. Sie schlief ein. Sie näherten sich
+seiner Ansiedlung gegen Morgen. Als sie erwachte, ihn erblickte, war ihr
+noch munter. Später hieb er ihr gegen die Schenkel. Sie sah seine Stirn,
+erbleichte, knackte zusammen. Beim Aussteigen drehte sie sich einmal noch
+um, ihr schmales Gesicht sah ohne Ausdruck nach ihm. Dann sprang sie in den
+Wald. Er trieb allein gegen sein Haus.
+
+Er kam in seine Faktorei, kontrollierte das Schreiben der Aufladung. Da
+trat ein Herr herein, grau an den Schläfen. Er ging ein wenig gebückt. »Ich
+treffe Sie doch in Geschäften«, lächelte dünn. Vaudreuil verbeugte sich
+wortlos: »Courbisson«. Der Gouverneur nahm Vaudreuils Arm, sie gingen durch
+den Garten, das Haus, die Anlagen, ritten den Strom herauf, vorbei an den
+Ausladehäusern. Sie gingen um die Schuppen, Courbisson prüfte mit der
+schmalen Hand die Maiskolben, den Weizen. Er hob die Hand, beschattete das
+Auge, blickte ins Innere. Er beugte sich noch tiefer: »Sie wissen nicht,
+daß ich das, was hier geleistet, von Ihnen wollte, als wir das erstemal uns
+trafen. Dies alles war meine Absicht.« Er fuhr mit der Hand im Kreis herum.
+Dann nahm er wieder Vaudreuils Hand, er blieb bis zum Abend. Nach Tisch
+schlief er. Sie tranken Kaffee und spielten. Gegen die Dämmerung redeten
+sie monoton, einfach. Als es dunkel war, brachte Vaudreuil ihn zu seinem
+Schiff. Sie waren noch im Garten, und eine Kröte sprang schwerfällig über
+den Schuh des Gouverneurs. Er stand steifer: »Der Krach mit dem Bischof
+stellt alles in den Einsatz.« »Ich weiß«, sagte Vaudreuil. Der Gouverneur
+ging weiter. Von einem Baum knallte eine Frucht. Das Kinn des Gouverneurs
+berührte einen Augenblick die Brust. Dann hoben sich seine Achseln, er
+atmete tief. Am Schiff gab er ihm die Hand: »Besuchen sie mich.« Vaudreuils
+Brust hob sich hoch, senkte sich.
+
+Am Morgen torkelten über die Felder eine Schar Weiber, kamen in die
+Umzäunung. Unter dem Schmutz erschien ihre weiße Haut. Sie kamen
+halbverhungert aus den Wäldern, wo sie breitschenkligen Huronen
+nachgelaufen waren, verlangten nach Essen. Sie waren derb und saftig, ihre
+Kleider von Dornen zerfetzt, manche fast nackt. Die meisten waren
+betrunken, schimpften vor sich hin. Er ließ sie hinaustreiben: Ein Neger
+erschien mit einem Seil, das ein anderer faßte. Eine nahm ein Federmesser
+und stach es ihm nach der Hüfte. Vaudreuil kam selbst heraus, langsam die
+Treppe herunter. Ließ die Sau auf einen Stuhl schnallen, schlagen. Die
+Neger rissen die Röcke hoch, schlugen ihr die Haut zu Striemen. Sie brüllte
+eine Weile. Dann ward sie still, verkroch sich in ihren Körper wie in eine
+fremde Hülle. Als sie losgebunden ging, öffnete sie den Mund, sang. Ihre
+Stimme war angenehm, nicht mehr rauh. Das Lied war von den Vorstädten von
+Paris. Vaudreuil ging die Treppe hinauf, er hatte sie im Rücken. Sie riß
+das Palais Royal vor ihm auf. Er biß die Lippen, aber er drehte nicht um.
+Sie hatte einen roten Strumpf. Dies verließ ihn nicht.
+
+Im Sommer kamen die Meerwölfe ans Ufer, schlichen hinauf und schliefen. Sie
+fuhren mit ein paar Schiffen hinunter, kamen in der Dämmerung an,
+beschlichen die Plätze in der Frühe, hoben Gruben aus, versteckten sich,
+warteten. Als die Sonne heiß ward, pfiffen sie, sprangen heraus, liefen
+nach dem Strand und schnitten den Tieren den Rückweg ab. Dann schlugen sie
+sie mit Knüppeln tot. Die Tiere gaben kleine Pfiffe, wehrten sich in
+schnappigen Sprüngen mit dem Maul über die Luft rasierend. Müde von der
+Jagd ritt Vaudreuil in die Stadt, suchte ein schlichtes Haus, trat hinein
+zu Courbisson und aß mit ihm. Als er Abschied nahm, sah er, daß der
+Gouverneur sehr grau ward: Er lächelte. In der Hauptstraße standen vor
+kleinen Häusern europäische Weiber, hoben die Röcke, wiegten mit den
+Schenkeln und pfiffen. Er ging weiter, der Geruch gepflegten Fleisches war
+noch nicht aus ihm gewichen, und er, der die süße Frische der dunklen
+Weiber kannte, war der talentlosen Liebe, mit denen Frankreich
+überschwemmte, taub.
+
+Der Mond kam aus den steifen, hohen Bäumen, er ging hinunter, das Pferd am
+Zügel, sah die Strecke an, kam bis an das Ufer, ritt es hinunter, wo der
+Lorenzo umbog. Da sah er zum erstenmal seit Jahren das Meer. Der Mond
+stürzte aus den Palmenwipfeln heraus, sank gegen das Wasser. Da brach aus
+ihm heraus, was er sieben Jahre bezwungen, was aber in der Reibung mit
+seinem Herzen wie ein Wolf gewachsen . . . er drückte sein Gesicht in den
+Bauch der Stute, zuckte mit den Achseln. Das Pferd hielt starr und
+hingebend, obwohl er den Hals mit den Armen ihm verschnürte.
+
+Er sprang auf das Pferd, mit träumerischen Zügen trieb es langsam ins
+Wasser. Wo der Mondstrahl auffiel, spiegelte das Wasser wie Glas, das sich
+drehte: Das Schloß . . . mit buntem Kies, gebaut für die Zärtlichkeit der
+Frauen. Tiefe Fenster wühlten in der wollüstigen Blumendämmerung. Der Park
+stand voll vom Duft der Rosen und Jasminen. Schreibend früh morgens mit
+vier Sekretären, noch feucht von der Haut der Geliebten. Da schoß er Tiere.
+Warf den Körper in das Bassin, das ihn kristallen umschäumte. Dumpfe Nächte
+beim Kartenspiel durchschlug er mit schweißigem Haar. Ein großer Ritt, der
+ihn mit Ruhm behängt . . . eine Intrige, die in London sich kraus
+entfaltete . . . mit großen Orden, den Degen am Fuß empfing er eine
+Fürstin, die Hand am Schlag und sie warf ihm Blicke zu durch das Glas, das
+er geschmeichelt nahm. Dann nichts tun einen Sommer, als den Himmel ansehn
+durch den Regenbogen der Tritone . . . er trieb das Pferd mit Schlägen; das
+seichte Wasser schäumte. Er hob es am Zaum hoch und zwang es tiefer in die
+Flut. Indem begann der Mund sich zu öffnen, zuerst leise im Rhythmus, dann
+schreiend sang er, was von der Hure in ihm war. Das armselige Lied
+befriedigte seine Sehnsucht tief. Als der Gaul versank, schwamm er weiter,
+der Mond lag auf weißen Wellen. Er sang nicht mehr, das Wasser schlug an
+seiner Kehle und erstickte seinen Ton. Sein Herz war so irrsinnig, daß, als
+der Mund die Flamme nicht ausspeien konnte der Sehnsucht, es pochte dumpf
+den Namen der Frau, das Übelste an Erinnerung, die er verachtet, um die er
+sich geschlagen und die er jedem Lakaien gegeben. Das hatte noch sehr
+Gewalt in ihm.
+
+Als die Kraft ihn verließ und er unterging, kam Wehmut über ihn, er
+arbeitete sich hoch, kam mit dem Kopf gegen die Küste, den Mond im Rücken.
+Da, als er das Land sah, verließ ihn alles, er wußte nichts als Leben und
+das Gefühl des Atmens durchstieß ihn so, daß er weinte vor Gier,
+dazubleiben, die Arme zu strecken, nicht zu sterben. Er mühte sich dreimal
+verzweifelt, die Welle schlug ihn zurück. Keuchend erreichte er Grund, kam
+an die Küste. Fand sein Pferd, das mit dem Schweif schlug und wieherte.
+Sein Atem schlug wie eine Säule über den Sand. Er stöhnte, machte drei
+Schritte, erreichte den Gaul nicht, sondern fiel mit dem Gesicht auf die
+Erde, breitete die Arme aus, schlief an ihr wie an einer Frau.
+
+Spät am Morgen wachte er auf, drehte sich, nahm das Pferd am Halfter und
+ging nach der Stadt. Er drehte sich nicht nach dem Meer um, sah es nie
+wieder. Am Eingang zu den Häusern stieg er auf, glättete seine Kleider und
+ritt durch. Am anderen Ende kam ein Reiter ihm entgegen, stellte seinen
+Gaul etwas schräg, daß Vaudreuil halten mußte. Courbisson reichte ihm die
+Hand. Einen Augenblick verweilte des Gouverneurs Auge auf Vaudreuils Stirn.
+Er sah, daß er grau geworden war an der einen Schläfe. Er, täglicher Kämpfe
+hart im Inneren bewußt, lächelte, sagte nichts. In der Nacht in seinem Haus
+wartete Vaudreuil am Fenster. Der Mond flog zärtlich aus der Waldnacht im
+Osten. Er sah ihm nach.
+
+Wochen ließ er sein Geschäft laufen. Er sah nach, aber ohne die Schärfe des
+Blicks. Eines Tags widersetzte sich ihm ein Arbeiter ins Gesicht. Er nahm
+ihn mit sich in sein Büro. Sie sprachen zwei Stunden. Der Arbeiter kam
+heraus mit verändertem Gesicht. Nach drei Tagen übernahm er die Leitung
+einer Abteilung. Vaudreuil rüstete sich aus, schaffte zwei Wochen
+geheimnisvoll. Als er frühmorgens mit seinem Pferd den Garten verließ,
+stand der Arbeiter an dem Pfosten: »Nehmen Sie mich mit?« Vaudreuil ward
+zornig. Dann beherrschte er sich, sein Gesicht ward versteckt, starrte über
+die Bäume nach Norden. Er schüttelte abwesend den Kopf: »Ich muß hier einen
+Vertreter haben«, er gab dem Jungen, dessen Augen hell und ärgerlich über
+die Abweisung waren, die Hand. Mit ein paar Eingeborenen schlug er sich
+durch.
+
+Als die Flüsse auf Rindenbooten durchfahren waren, kamen Steppen. Eines
+Morgens glänzte Weiß. Es war der Churchilriver, den noch kein Europäer sah.
+Er überschritt ihn. Zehn Tage weiter entdeckte er Pelztiere, durchforschte
+die Gegend, legte einen Schuppen, eine Kette Niederlassungen zur Küste an,
+brach weiter auf. Er kam zu einer Erdspalte, überstieg sie. Wie von Öl
+überglänzt, war die Ebene reich gegliedert von großen Seen. Wieder kamen
+Steppen. Am Rand blieben die Eingeborenen stehen und frugen achselzuckend,
+wohin er wolle. Er hieß sie schweigen und deutete nach Norden. Sie sahen
+ihn scheu an, folgten. Sie hatten drei Tage nichts zu trinken. Ein Indianer
+floh. Die anderen fingen ihn wieder. Er ließ ihn laufen mit so viel
+Verachtung, daß der sich hinwarf und flehte, er solle ihn nicht verstoßen.
+Aber er nahm ihn nicht weiter mit. Der Wilde folgte im Abstand, schlief,
+lagerte, aß mit ihnen. Am dritten Tag wurden die Stimmen heiser. Morgens
+tauchten drei blaue Punkte auf. Wilde nahten: hinter den Eisbergen sei das,
+was Menschen tilge . . . Er ward ungeduldig und schrie sie an. Sie senkten
+die Köpfe: er würde ein Greis, bis er die nördliche Küste erreiche. Sie
+wiesen Renntierhörnerkeule: es gäbe keine Tiere mehr zum Jagen, nur
+gefrorene Flüsse . . . Er zog die Brauen zusammen, daß sie im Dreieck
+standen. Es trieb ihn, er hatte keine Macht darüber.
+
+Vier Tage zog er die Eingeborenen mit sich Sie froren die Zehen ab im
+Schnee. Sie wollten zurück. Er schalt: »Hunde.« Sie zeigten ihre Füße. Er
+riß die Brust auf. Sie neigten den Hals. Er entließ sie. Im Abstand nur
+folgte ihm der eine, den er verjagt. Eines Morgens fehlte auch dieser. An
+diesem Tage traf er Eskimos. Er machte ihnen Zeichen. Noch eh er zu trinken
+bat, grub er das Zeichen des Meeres in den Schnee. Sie schüttelten den
+Kopf. Er würde den Punkt nicht erreichen, wo die Unendlichkeit der Ebenen
+und die Einsamkeit seines Herzens Europa am nächsten seien. Er würde nicht
+den magischen Pol seiner Sehnsucht erreichen, den sein Herz unruhig suchte,
+ohne daß er wußte, zu welchem Ziel, in welchem Sinn -- -- -- er sah einmal
+den Kreis langsam herum, dann fiel er ab. Sie schleppten ihn mit sich
+südwärts. Als sie Lagerfeuer sahen, plünderten sie ihn aus, eh er ihnen
+schenken konnte, was sie nahmen, ließen ihn liegen. Halbverhungert wälzte
+er sich weiter, schrie und verlor die Besinnung. Am Morgen sah er, wie die
+Indianer aufbrachen, er erhob sich und winkte. Sie sahen ihn nicht. Als
+aber sein Leben dahinschwand mit den verschwimmenden Konturen der Zelte und
+Haarbüsche, kam die Kraft über ihn, daß er lief wie ein Ochse, sie
+erreichte, dort zusammenbrach. Sie pflegten ihn durch, zwei Monate lang. Es
+waren Iroquois. Als er gesund war, hob er nachts ein Zelttuch, sprang
+hinein, entzündete den Schwefelspan, hielt ihn in die Ecke. Eine Frau stand
+auf, der schlanke Brüste wie Zitronen saßen, die den Shawl mit einer
+gleitenden Leichtigkeit raffte. Sie hob den Kopf, blähte die Nüstern der
+bourbonischen Nase, als röche sie ihn, der Blick der wildsamtenen
+Antilopenaugen verdunkelte. Sie blies mit einer raschen, schönen Bewegung
+das Licht aus. Ihr Körper war glatt wie ein Fisch, golddunkel. Sie frug,
+wie lange, am Morgen. Er schüttelte den Kopf und nahm sie mit. Sie kam als
+erste in sein Haus. Der Arbeiter gab ihm die Übersicht der Bücher und trat
+ein wenig zurück. »Ich danke.« Vaudreuil gab ihm die Hand. Der Arbeiter
+errötete, aber, da Vaudreuil nicht weiter sprach, wies er nochmals auf das
+Neue, seine zehn Pfade am oberen Lorenzo, den Hafen am Ontario. Vaudreuil
+nickte.
+
+»Ist es nicht genug?«
+
+Da sah Vaudreuil wieder über ihn hinaus wie am Morgen, als er aufbrach.
+Seine Sehnsucht hatte das Tätige nicht gestört. Er stapelte auf die
+Verträge von den großen Seen, die Abmachungen, die die Jagd am Sklavensee,
+am Makenziriver in seine Hand gaben. Nun flossen die Felle des Inneren
+nicht mehr zur Hudsonbay, nun durch ein neues Bett strömte das Innere zu
+ihm. Nun liefen die Pelze übers östliche Meer, nach Europa. Seine Besitzung
+am Lorenzo ein Strudel, der das Innere des Landes einsog und herriß. Was
+war das Bisherige gegen diese Leistung, diesen Horizont?
+
+Er sah dem Arbeiter ins Auge: »Organisieren Sie es.« Der zog den Mund
+zusammen, bückte sich einen Augenblick, hielt dann erstarrt mit geöffnetem
+Mund. Dann ging er hart. Nach einem Monat brachte er das Geschaffene. Er
+sah auf: Wegweiser, Faktoren, Dolmetscher zogen ins Eis. Die faule Jugend
+war diszipliniert, stieg in siebenjähriger Probezeit zu höherer Stellung,
+zu Beteiligung, zu Prämien für besondere Leistung. Für Ausdauer stand Lohn,
+für Ehrgeiz Befriedigung. Er machte Kräfte frei in gerechtem Wettstreit
+. . . »Gut,« sagte Vaudreuil. Da nahm der Arbeiter seine Hand, sagte:
+»Verzeihen Sie.« Er wollte kein Lob mehr. Kein Trotz war mehr in ihm. Er
+diente.
+
+Als die Frau ihm einen Sohn ins Bett warf, schreiend, daß die Mägde im Haus
+den ganzen Tag zitterten, schenkte er ihr eine Kette mit gewundenem alten
+Dukatengold.
+
+Daran hingen drei achatne Kugeln.
+
+Courbisson hielt ihn zur Taufe über das Wasser, obwohl die Mutter braun
+war, denn seine Schätzung für den Menschen war noch geringer als die für
+das Beispiel, mit dem Vaudreuil für das Volk schuf. Am Mittag kam ein Bote,
+der die Nachricht hatte, daß ihm die Heimkehr frei sei, daß unter anderem
+Gesetz die Stadt stände. Er ging zurück in den Schatten, wohin die Kerzen
+nicht langten. Er würde Ruhm haben, Vermögen, Macht, Frauen. Er sah durch
+das Fenster, wo die schwere Silhouette des Waldes noch sichtbar in der
+Ferne schwang. Es ging über sein Gesicht von oben nach unten, von den
+Wangen über den Mund. Der Gouverneur zitterte an der Hand, die den Hut
+hielt. Vaudreuil äußerte sich nicht.
+
+Im Frühjahr verschwand er einige Zeit. Rastete an Feuern, an Seen, Flüssen,
+den großen Hauch des Daseins spürend, ging mit Zeit, mit Woche und Jahr.
+Der Erde und ihrem Rücken verschwistert, die ihn mit Blut und Saft bis ins
+Hirn durchspülte, gingen die Nächte über ihn, die Schwingen des
+Sternkreises, der Monde. Er sprang in dieses Zelt, er zündete Hölzer an, er
+verließ es. Er hob das Tuch im Wald, auf der Steppe. Nahm jene, dieses,
+schwankte, ließ liegen, holte zurück unter Lachen. Schichtete um sich in
+Zellen brausend Gelebtes, reich Durchgegangenes, hielt nicht an dieser,
+jener Frau, glich sich aus in der Bewegung.
+
+Am zwölften Geburtstag seines Sohnes kam er von einer Kontrollfahrt. Er
+ging sofort in das Zimmer, wo von einem Hausmeister und Lehrer er das Kind
+erziehen ließ. Von dort durch die Diele, kam er ins Boudoir seiner Frau. Er
+sah sie vom Rücken, sie stand vor einem Spiegel und kämmte ihr Haar. Ihre
+Lippen leuchteten voll und rot, der Nacken fiel mit der Glätte der Schlange
+und als sie sich ihm zudrehte, standen ihre Brüste klein und gegen ihn
+gereckt. Da sah er eine Flechte an ihrem Scheitel weiß, trat zurück,
+erbleichte. Ging vor bis dicht an den Spiegel, sah über den straffen
+dunklen Zügen sein Haar hell durchblitzt, stürzte hinaus. Drei Tage trieb
+er wie irrsinnig durch das Haus, durch den Park.
+
+Des Nachts brach er auf. Am Pfosten der Tür versuchte er seinen Muskel. Er
+warf ihn auf. Sein Gesicht ward sicherer. Am Abend schmerzte ihn sein Fuß.
+Er wurde kleinmütig, ging gesenkten Kopfes, setzte sich auf einen Stein.
+Als er die Stelle untersuchte, war es eine Quetschung. Sein Auge hellte
+auf, als er die Ursache sah. Er kam an den Elkfluß. Zog nördlicher. Kam an
+den Athalaskasee. Schuf die Riesenfaktorei am Winnipegsee, nun würden
+Tauschwaren in alle Eisbezirke laufen. Der Norden war aufgesprengt. Keine
+Aufgabe weiter . . . Am Morgen erhob er sich, drang weiter vor. Unsinnige
+Angst, daß das Alter nahe, daß er nicht mehr folgen könne, wenn sein Herz
+ihn hineinstieß in das Sehnsüchtige, Dunkle. Er übertrieb seine Kraft, sich
+selbst davon zu überzeugen. Er lag zwei Monate krank in einem Hüttenlager.
+Gekräftigt, sofort trieb es ihn hoch hinauf. Er kreuzte durch verschneite
+Prärieen am Hudson. Eingeborene wiesen ihn östlich, wo große Herden der
+Pelztiere seien, Ebenen mit hohem Gras, Ochsen mit gestreifter Haut und
+säulenhohen Hörnern sprängen. Aber sein Herz schlug: Nach Norden . . . Er
+werde sterben. Es kümmerte ihn nicht. Sein Blut klopfte dumpf gegen das
+Dunkle vor ihm, sein Herz kannte nur in ungeheurem Zittern einen Pol.
+
+Er kam an einen Fluß. Aus der Entfernung einer Meile kam sanftes Geräusch.
+Er schlich sich an. Ein Graben deckte ihn.
+
+Wie Affen standen Tiere um einen Baum. Sie stützten sich auf breite
+Schwänze, hatten die Vorderbeine an die Rinde gelegt. Mit weißen Zähnen
+sägten sie nach gleichem Takt den Baum durch zwischen den Spalten ihrer
+Gänsefüße. An der Ecke saßen zwei andere, machten Gesten, schrieen; womit
+sie andere warnten, über die Linie zu treten, in deren Radius der Baum wohl
+fiel. Nach dem Ufer zu zog sich eine geordnete Kolonne, die Äste trugen.
+Der Fluß war eine unmeßbare Wabe, aus der die Kegelhütten hervorstachen mit
+den Spitzen. Dazwischen ein Gewimmel von Tieren, die am Damm bauten, so
+weit er sah.
+
+Auf dem Fluß schaukelten Rosaschatten, der Abend fiel langsam. Die
+Dämmerung hüllte das friedhafte Summen der beständigen Arbeit in stumme
+Seligkeit. Der Mond schwang darüber, es nahm kein Ende. Der Mond bewegte
+sich in der Elegie des tätigen Konzertes, der Baum fiel, aber er stürzte,
+als der brausende Rhythmus der Tiere auf der Spitze der Empfindung schwoll.
+In langen Kantilenen zernagten sie die Äste, bauten, schufen, langsam klang
+die Nacht mit allem Geräusch in die beruhigende Kraft des Tieres.
+
+Er machte eine Skizze, hielt den großen Biberplatz in der Hand, schlich
+zurück, kroch in seinen Schlafsack, warf sich zwei Stunden herum. Dann
+stand er auf. Zerriß den Plan. Hatte genug Vermögen. Langsam begann er zu
+weinen. Etwas stieg auf, erhob ihn und durchdrang den Überschwang an
+Dunklem, das seine Seele mit großen Trieben hinriß da und dort, aber immer
+in einer Richtung, die sinnlos war vor unbewußter Sehnsucht. Das Gefühl
+erfüllte ihn ganz bis in die Kammern des Herzens, bis in die Poren der
+Haut, den Wuchs des Haares und gab ihm eine Schwingung, die er nie gepackt.
+Hingerissen, zwischen den Schwüngen des rastlos Stoßenden, das ihn wegblies
+wie gegen den Mond und zurückstieß gegen den Boden, den er baute . . ., in
+einem unirdischen Ruhepunkt erlebte er die glücklichste Stunde seines
+Lebens. Er rührte kurz an die selige Beruhigung, die als Achse zwischen den
+Wagen seines Herzens stand. Auch dies verließ ihn nie.
+
+Mit hölzernen Schlittschuhen trieb er das Eis der Flüsse südlich. Schon kam
+Grün, Frühjahr wucherte aus verhaltenen Ästen. Vögel begannen
+unwiderstehlich zu kommen aus den monderhellten Dunkelheiten des Waldes.
+
+Von einem Hügel sah er zum Strom. Tausende Habitants, Sklaven, die die
+Maisfelder dunkel machten. Riesenbogen der Landschaft gegen den Wald
+gespannt. Eine Kette wie von ausgelaufenem Öl . . . die Schuppen, die den
+Fluß gürteten. Schiffe schwankend zum Meer und zurück, Herden, die brüllend
+aus den Weiden zum Wasser stampften . . . ein großes Tagewerk. Langsam
+schritt er hinunter. Was blieb noch?
+
+Er ließ die Äxte Jahre gegen den Urwald trommeln. Feuer qualmte am
+Horizont. Menschen eroberten sich Erde, Acker. Es geschah mit Ruhe. Er
+verließ sein Haus nur zur Jagd. Sein Auge verschleierte sich langsam. Er
+lehrte den Sohn, den Wolf auf die glühenden Augen schießen. Eine Erkältung
+schlich ihm von den Beinen gegen die Brust. Er stemmte sich etwas dagegen.
+Dann lag er ruhig, als er sah, daß es nutzlos war. Er ließ das Bett
+herumstellen. Sein Scheitel stand zum Fluß. Sein Auge sah in die
+Landschaft. Bis an die Grenze der Wolken getürmt alles sein Werk. Er hob
+die Hand über die Brauen. Die Silhouette des Urwalds war zurückgewichen. Er
+sah sie nicht mehr. Dies wurzelte. Was blieb? Der Tod.
+
+Er wartete acht Tage. Die Wolken staffelten Terrassen und flogen blitzend.
+Sein Herz begann zu schmerzen. Aber mit den Schmerzen löste sich der Bann
+und die ungeheure Treibkraft brach auf, und besinnungslos überfiel es ihn
+vor Angst des Todes. Das Quellende, Heiße, das was flatterte und sich
+bäumte, hob sich innen gegen dies kalt werdende Fleisch. Niemand kam zu
+ihm. Allein lag er stöhnend, wünschend. Dazwischen fluchte er, kämpfte mit
+aller Kraft. Er nahm ein Tuch und band es sich um das Kinn und den Kopf,
+daß er keinen Laut gebe. Aber seine Lippen sprengten sich auf und stöhnten:
+»Jardins . . . du . . . palais . . . royal. -- -- --« Es war das Lied der
+Hure.
+
+Aber auf der Spitze des Schmerzes fiel das Weh in sich selbst zusammen. Er
+ließ den Sohn rufen. Sein Gesicht war klar. Er lebte noch einen Tag. Als
+der letzte große Griff gegen das Herz ging, flüsterte er: »Der Biberplatz«.
+
+»Ich verstehe dich nicht«, sagte der Sohn.
+
+
+
+
+Der erste Abschnitt
+
+
+Der schlief mit einer Dänin mit gelbem Fjordhaar. Er lebte ruhig, stiller
+als Männer, die seinen Stand hatten. Er kannte keine anderen Frauen. War
+rundherum sicher, wußte, was er tat. Als der Bogen beendet, starb er mit
+gleicher Ruhe, wie er dagewesen. Sein Sohn glich ihm genau. Er hinkte mit
+dem linken Fuß, hatte blaue Augen zu dunklem Haar. Der Besitz wuchs, indem
+er ihn erhielt. Er hatte drei Söhne, einen erschlug der Blitz, der andere
+schoß sich vor den Kopf. Der Letzte blieb. Er spielte am Strand, war
+träumerisch und ernst. Sie lebten nach innen in der ganzen Linie. Nichts
+stieß sie aus dem Kreis heraus, den Landschaft, Erdgeruch, Besitztum um sie
+schlug. In der Pause erholte sich die Generation, schöpfte Atem, schluckte
+nach innen, in sich hinein.
+
+Als Daisy die Mutter verließ, flaggten die Schuppen bis Quibec, pfiffen die
+Dampfer Schleifen und Spitzen bis zu den Großen Seen. Die Sonne schlug
+durch den Zenith. Am Abend starb die Mutter.
+
+Der Vater trat ins Zimmer, duckte den Nacken etwas, schwieg. Schalen
+flammten in kurzer Nacht, umglänzten Daisys ersten Tag. Der vierte
+Vaudreuil nahm die Hand des Bischofs, es sprühte in besinnungsloser Trauer
+ihm das Gefühl der Ehre. Chorknaben durchsangen die Räume, schwenkten das
+Rauchfaß. Abordnungen des Hudson neigten das Kinn gegen die Brust. Im
+Fensterglas spiegelte ein Segler, der mit halbgehißter Fahne vom Ontario
+kreuzte. Nach dem Essen legte Vaudreuil die feine hart gebogene Hand auf
+die des Bischofs: »Sie irren, Eminenz, ich setze sie im Garten bei.«
+
+Er stand am Fenster, sah, ungerührt, bewegungslos den Bischof hinabgehn,
+die Turbine des Motors schäumte weg von ihm, warf ihm Blasen, Wellen
+zurück. Abends kam für Daisy eine eingeborene Nurse. In der Nacht
+verbrannte er seine Frau im Garten. Die Nurse senkte die Gardinen. In der
+Dämmerung erst ging Vaudreuil zurück ins Haus. Abends trat er in ihr
+Zimmer. Als er die leere Bettfülle sah, den faden Geruch spürte, begriff er
+erst.
+
+Blieb die Nacht wieder draußen, baute mit vier Gärtnern eine Hütte über der
+Asche. Jeder Windstoß erregte ihn. Morgens ging Brise. Die Angst wuchs, die
+Asche werde verweht. Sie war das Letzte. Von Montreal brachte der Bote den
+Wagen mittags. Brown, anglikanischer Pastor, sprach Gebete. Früher wagte
+Vaudreuil nicht, die Asche zu sammeln, so schmerzlich seinem Herz, das ohne
+schlagende Dränge nur Liebe kannte zu Respekt und Hergebrachtem, der
+Priester anderer Konfession war. Er trug die Vase selbst ins Zimmer, mit
+straffen Beinen. Dort fiel er zusammen, schlug die Arme auf den Tisch.
+Langsam, fest wuchs er in Stunden zurück, bis er senkrecht saß. Er würde
+weiter leben. Auferlegtes Werk weiter verwalten, dies Schicksal tragen,
+dieses und jenes, wie alles, das er, Erbe, trug. Doch ohne diese Frau,
+. . . er schloß die Augen.
+
+Brown zog in die Familie ein. Vaudreuil band ihn an Haus, Besitz und
+Tätigkeit. Hätte ihn um sich gehalten, stänke er wie Aas, vergaß ihm das
+Gebet nicht. Nichts hätte dies zwischen ihnen herausgejagt. Doch Brown
+gewann nicht ganz Boden. Der Lebensschlag verwirrte ihn hier. Liebe aber
+wischte ihm das andere immer hinweg. Er sprach eckig, unfrei, seine
+Handgelenke, unter flatternden, fliehenden Manschetten, waren gerötet.
+Einmal erleichterte er sein Gewissen, schlug den Übertritt vor zu seiner
+Konfession, dies eine Mal gab Vaudreuil keine Antwort. Nichts war gesagt
+worden. Brown war es los.
+
+Vaudreuil rief den Vorstand der achten Abteilung, zog aus den Akten ein
+Bündel, legte ein Papier auf: »Sie irrten.« »Ich würde bedauern.« Der junge
+Bursche trug den Fehler selbstbewußt.
+
+»Sie haben zum zweitenmal geirrt.«
+
+»Zu Ihrem Vorteil.«
+
+»Das spielt keine Rolle. Das dritte Mal entlasse ich Sie, so sehr Ihr Eifer
+anerkannt wird.« Er drehte sich um. Der Vorstand trat vor, bleich, einen
+Zahn in der Lippe. Vaudreuil nickte über die Schulter, der ging, errötete
+vor Freude. Die Ledertür fiel. Vaudreuil senkte sein Gesicht. Das Gehaltene
+verließ ihn, die Augen sahen durch die Papiere, Holz, Wand. Er ging in den
+Garten. Jeden Tag ward die Frist größer, die er blieb, die Intensität
+erschreckender, mit der er die Arbeit zusammendrängte, durchfuhr. Brown
+sprang ein, wagte es (was allein er konnte), legte die Hand auf seine
+Schulter, schlug einen Wechsel vor, des Wohnorts, der Luft. Vaudreuil
+schüttelte es ab. Generationen hatten hier gelebt. Er blieb. Brown deutete
+den Kiesweg runter, wo die Nurse das Kind heraufschob. »Es handelt sich
+nicht um Sie.« Vaudreuil erblaßte etwas, er erkannte. Schwankte, ohne zu
+zeigen, was vorging, einige Tage. Dann entschloß er, ging aufs Ganze.
+Teilte; arrangierte die Übersiedlung zu den Ottava-Mühlen. Nachts schlief
+er am Lorenz, war sein Plan. Morgens fuhr er im Auto zum anderen Stromhaus,
+abends wieder zurück. Er hielt auseinander. Da starb die Frau. Dort lag
+sein Werk. So hielt er Gleichgewicht, indem er nicht mischte.
+
+Brown nickte in der Sitzung: »Sie bleiben auf eignem Boden.« Der Vorsteher
+der Büros zog zwei Kreise, die sich durchbohrten: »Der Schwerpunkt der
+Affären fällt nach Westen«. Nickte. War Franzose, der Plan war sein alter
+Plan. »Es geht um die Gesundheit, Fidley. Zaudern Sie nicht, das zu
+begreifen,« sagte Vaudreuil.
+
+Mittags fuhren sie im Auto den Lorenz hinauf, folgten ihm in Launen,
+Schlägen, Schnellen. Der Wald war dicht voll Saft, Sonne spielte in fetter
+Luft. Vögel schrieen. Schlugen hämmernd hinaus in Weizenebenen. Kühe
+tollten unter Bäumen, grad gesetzt, trächtig von Frucht. Blauer Himmel
+stieg vom Waldblock herauf, überflog sich taumelnd. Die Nurse saß neben
+Daisy. Der Wagen schwenkte nach Norden, fuhr an neuem Strom. Hinauf,
+hinauf. Ein Gartenhaus stand unter Blumen. Ottavagemurmel nickte, schwamm
+um jeden Kelch. Der Wagen hielt. Die Nurse packte Daisy. Sie stiegen aus.
+Daisy schrie hell und scharf, verstummte, wachte auf. Lange dunkle Wimpern
+brachen auf. Grau und stählern nahm der Blick die Landschaft, saugte sie
+ein, als besäße er sie.
+
+ * * *
+
+Kam sie am Arm der Nurse schlenkernd herauf vom Fluß, rollten die weißen
+Sonnen der Sägen über ihr im Himmel. Gegen die Dämmerung heulten die
+Dampfhähne, Feuersignale schossen aus Schloten herauf, herab. Um sie
+wimmelten Menschen, grinsten mit gefletschten Zähnen, verbeugten sich,
+trugen Hüte in der Hand an ihr vorbei, Weiber drängten um sie Koseworte
+herum. Die Rollketten der Wegbahnen knatterten sich in endlosen Ellipsen um
+den Horizont herum. Am Garten begann Duft sie zu überfallen. Aus Kronen
+seltsam geformter Bäume schüttelten sich Schatten herunter, trieben im
+Geruch. Nachts schlief sie auf dem Geschaukel des Ottavageräuschs. Es
+füllte langsam, wachsend ihr Ohr.
+
+Im Garten suchte sie Syg, Tochter der Nurse, hob die Goldregenzweige,
+suchte üppige Grasrosenstände durch, zirpte in Schneeballendickicht,
+Salmweiden: Syg. Sie schritten mit langen dünnen Beinen über den schiefrig
+blauen Kies; setzten sich auf die Bank in die Sonne, sahen nach dem Haus.
+Verschwand der Kopf der Nurse, streckten sie Zungen heraus. Erschien er,
+scharrten sie träumerisch mit den Füßen, preßten die Ellenbogen aneinander,
+verklucksten sich im Gegen-den-Boden-Lachen lautlos. Plötzlich drückte
+Daisys Hand die Sygs hart. Die Zweige hinter ihnen wogten und schluckten,
+fuhren rückwärts. Nach der leeren Bank flog der Nurse Geschrei.
+
+Zuerst liefen sie durch Dickicht, Primelbeete, sodann kam das Hundeloch im
+Zaun. Hundert Meter dahinter flimmerte Prärie. Unten tief in der zitternden
+blauen Dunstwolke, die die Erdscheibe abbog, kam im Halbbogen das Atmen der
+Gräser in endlos wellender Flut sanft herauf. Unsichtbare Vögel sangen
+gedämpft aus dem Tau der Halme. Das Licht floß auf der Stille, wiegte,
+glitt. Sie schlichen bis zu drei Termitenhaufen. Unordnung kam in die
+brausende Stille, vom Zaun kamen Rufe. Sie lagen eine Stunde still im
+Zittergras, trauten der eingebrochenen Ruhe nicht, die über sie spielte,
+fürchteten das Spähauge, die schlaue Lauer der Nurse. Dann zog Syg die
+Mittelfinger aus den Ohren. Sie hatten nichts gehört. Daisy hob die Nase.
+Sprangen auf. Draußen kam ihnen Wind immer stärker, und wie sie liefen,
+knatternd sturmhaft um die Schläfen.
+
+Sie banden vom Leib sich Tücher ab, ließen sie hinter sich schwenken. An
+der Erhöhung blieben sie stehen, drehten sie um sich langsam im Bogen. Die
+Sonne fing an, danach sich zu richten, lief mit ihnen im Kreis, sprang aus
+einem Tuch in das andere, mitten stand ein roter Knopf in das Viereck
+hineingerollt.
+
+Hinter der Schanze kam der Nurse Hand, faßte Daisys Gelenk, Sygs Ohr. Auf
+Sygs Gequietsch legte Daisy die Hand auf der Nurse Leib, stampfte mit dem
+Fuß auf, das Weiß des Auges bekam einen kristallischen Kern. »Do . . . do
+. . . Daisy«, lockte die Nurse, knotete den Schürzzipfel, tuschelte damit
+zu dem Kind, schnalzte mit der Zunge, hob wie der Kordelhanswurst die Arme.
+Die Kinder lachten, hingen an ihren dicken Schenkeln.
+
+Mit acht Jahren war das Tor frei, das Loch verachtet. Sie trugen
+gleicherweise dünne Seide, dieselben Röcke bis zu den Knieen, Shawls über
+den Schultern. Draußen zogen sie die Schuhe aus. Daisy bog sich in den
+Lenden vor, ging steif auf den Zehen, die Hand mit gerundetem Daumen nach
+unten. Sie schoß nach unten, hob eine Echse, genau am Hals gefaßt, ohne den
+Schwanz zu beschädigen, hoch. Der grüne Leib zuckte, der Kopf fuhr unruhig
+züngelnd herum. Riß einen roten großen Klapprachen auf. Ihn hielt Daisy an
+Sygs Hand. Die schrie und machte die Faust. Daisy hielt ihre Linke darüber,
+den Zeigefinger hinein. Wurde bleich, aber machte nichts, als es klappte.
+Es tat kaum weh.
+
+Syg lag am Bachrain ohne Mucks. Kroch auf den Vieren weiter, blieb wieder
+Beine, Arme weggestreckt. Eine Grille schrie, Sygs Hand machte einen Bogen.
+Der Schatten des Armes aber lief eilender, das Tier verschwand. Auf den
+Knieen kreist sie herum, hing über dem Mausloch in Parade gegen die Sonne
+zu. Dann Ruck auf Ruck kam das Tier. Sie fing es wie eine Mücke ab, fegte
+es in die Faust. Stieß mißmutiges Geplärr aus, das Ungeduld bewies.
+Schlenkerte zu Daisy, blieb neben ihr, setzte von hinten das Tier ihr in
+die Brust. Daisy lief aufschreiend, beide Arme im Busen suchend, ein
+schmaler Hund lief mit, bellte leis auf, fraß die Grille, die unten aus dem
+Rock fiel. Sie tanzten zu dritt im Kreis, schlugen die Arme jedes quer über
+den Bauch vor Entzücken, traten das Gras, das unter ihren Beinen elastisch
+wieder sich erhob.
+
+Tiefer in der Prärie bückte sich Daisy. Syg sprang ihr auf den Rücken, sah
+sich um.
+
+Dann zogen sie die Hemden aus, schlichen, die dünnen schlanken Rücken neben
+den Gräsern, zitternd auf hohen Beinen nackt bis zum Baum. Sie legten die
+Hemden auf den Termitenberg, warfen zwei Steine hinein, sahen Tausende
+darüber wimmeln, Saft darauf spritzen. Erkletterte ein Outsider eine Wade,
+hupften sie rehhaft herum, schürten aus Rache neuerdings in dem Haufen.
+Dann griffen sie die Hemden heraus, liefen damit weit weg, schälten das
+letzte Tier heraus, schnauften, legten die Gesichter in das Leinen und
+sogen bis zum Rausch an dem Saftparfum. Als Pferde erklangen, lagen sie
+tief im Gras. Fidley ritt aus dem Hochgras. »Sie sehen sich ähnlich.« Sie
+sahen sich an. »Syg ist dunkler,« sagte Vaudreuil nach einer Weile.
+
+Im neunten Jahr brachte Brown die Gouvernante ins Büro. Vaudreuil nickte
+hinter dem Schreibtisch. Die harte Figur der Frau schob sich zu einem
+Knotengeflecht zusammen. Dann wandte sie sich breit zu den Kindern. Daisy
+gab abwesend ihr die Hand. Vor Syg harrte die Frau einen Augenblick im
+Zweifel. Was in Daisys Blick an Zögerndem, Zweifelndem schwebte, ward fest.
+Sie nahm Sygs Hand, legte sie in die der weißen Frau. Dann trat sie zurück,
+lauernd, legte den Arm um die Taille der Nurse.
+
+Nun lockte die Gouvernante den Widerstand aus Daisy heraus. Überraschte sie
+mit neuen Dingen, Sachen, Sprüchen, Bildern. Sie bezog alles, was sie gab,
+auf sich, als schenke _sie_ den Eifelturm, _sie_ den Tegernsee. Sie machte
+Geschenke, nichtswertendes Zeug, das aber überraschte, einen Haarring, ein
+Ericri. Sie sah die anknospenden kleinen Brüste, wo die Warzen schon unter
+sanftem Rotsaft standen. Lobte die Glieder, den Hüftschwung zum Becken, die
+Länge der Taille, die untadelige Wölbung, mit der der Schenkel abbog, mit
+der das Knie in die Wade absank. »Du, du. Welche Größe habt ihr an Land. Da
+werden Schiffe anfahren von drüben, Prinzen kommen, Daisy zu sehen, und
+diese und diese Fahne wird aufgehißt.« Aber der Reflex war von Daisy ein
+stummes Fragen. Anders sah sie das Weib nie an.
+
+Da machte diese den ersten Umweg und verwöhnte Syg. Sie behandelte sie
+gleich einer Dame. Da von Dienstboten Sygs Stellung gleich der Daisys
+gehalten ward, solange sie Kind schien, aber nicht gefestigt war für
+weiterhin, verwöhnte sie sie damit. »Du fährst dann in Autos. Durch Städte
+drüben, sitzest in Konzerten. Du hast Perlen, Syg.« Syg lachte. Ihr
+imponierte mehr Kölnisches Wasser, das sie auf die Haut strich, das
+bitzelte und kühlte und roch. Ihre einfache Dankbarkeit kam der Frau
+entgegen. An Daisy aber glitt Sygs Lobgesang vorbei.
+
+Nun schlug sie die zweite Umwegstour und machte sich an die Nurse, nannte
+sie Miß und schenkte ihr Tücher. Gab ihr einen Spiegel. Schwabbelnd hing
+die Nurse an ihren Röcken, sprach nur noch von ihr. Die Kinder lachten. Da
+machte das Weib die umgekehrte Taktik, versuchte die Nurse auszutreiben,
+weil hier der Liebespol der Kinder lag, den sie umleiten wollte. Sie nannte
+die Nurse Diebin, machte aus dem Spiegel eine verdrehte Geschichte. Aber
+mit Feuer traten die Kinder vor die Nurse. Das Bild der prallen Brüste, aus
+denen sie erstes Blut gesogen, lag ihrem Hirn so eingebrannt, daß kein
+Verdacht, selbst keine Tat es hinausgewischt hätte. Dies gab einen vollen
+Riß. Über ihn hinüber lauerten die Beiden. Da versuchte die Gouvernante das
+letzte, doch es war hirnlos. Sie rückte sich dem Gestirn zu, aus dem
+Schatten nach Vaudreuil, suchte ihm aufzufallen, an ihm sich zu halten. Er
+sah sie nicht.
+
+Nachts kratzte es an Daisys Tür. Sie öffnete. Syg gab das Zeichen. Daisy
+zog die vom Weib verbotenen alten Seidenkleider an, sie verließen auf
+bloßen Zehen die Zimmer, zwischen denen das der Gouvernante lag. Mondlos.
+Dünne schwarze Schatten liefen sie unter dem Himmel. Zwischen Sternen
+schossen unaufhörlich Wolken. Sie hatten nasse Füße vom Grastau. »Syg
+. . . sieh.« Sie hob die Hand über die Augen, die Nasenflügel bebten.
+Feuergeruch schwebte mit kleinen Rauchsäulen hintereinander deutlich
+herauf. »Weißt du es, Syg?« Syg nickte.
+
+»Weither?« Syg starrte, sagte leis: »Viele Tage.« Daisy legte die
+Handflächen auf den Mund. Aus dem Dunkel kamen breite große Flächen. Um die
+Ränder band sich weißer Rauch, sodaß es schien, sie flögen, dazu wellte der
+Fluß Nebel in zuckenden Linien um sie hoch. Die offenen Feuer schlugen in
+den Dampf hinein; brachten ihn zum Feuerexplodieren, Fächerstrahlen,
+Prismenschleudern. Gestalten huschten herum, sprangen schwarz von einem
+Ende zum andern. Ein riesenhaftes Ruder ward erfaßt von der
+Flammenspiegelung, bis an den Horizont aufgeschwungen. Lautlos glitten die
+Flöße so herunter.
+
+Syg legte sich auf den Bauch. Die Stille summte von den Weiden herab.
+»Los«, stampfte Daisy ungeduldig. Syg legte die Wange gegen die Erde,
+stellte die Zunge gegen den Backen, ließ sie dann herausfahren. Zwei
+wimmernde Töne stiegen steil durch die Luft! »Pha . . . lux.«
+
+Auf dem Fluß erfror die Stille. Eine Sekunde setzte der Flußlauf aus, gebar
+sich Leere, atemlos. Dann flog der gleiche Ton auf, langsam, weich und
+gedehnt am Anfang, zitterte auf, sank ab. Das zweite Floß fing ihn auf,
+ließ ihn nicht verhallen, setzte in der leisesten Verhallattitüde ein,
+schwang ihn hinauf, warf ihn hinter sich. Das dritte bog ihn, ferner schon
+und daher wehmütiger. Er schnellte den Fluß hinauf in Springkurven, fiel
+irgendwie in den Horizont, dessen Mondaufganglicht ihn hochsog.
+
+Sie gingen Hände ineinander zurück, Syg mit Tanzzucken, das sie
+unterschlug, im Knie. Im Korridor stellte Daisy ihren Fuß genau so, daß sie
+mit dem anderen ihn schnitt. Stolperte, schlug mit den Händen gegen die
+Wand, stieß einen Säbel herunter. Syg hickelte erschreckt. Halbangekleidet
+stand die Gouvernante im Gang, mit strohigen Zöpfen, ein dünnes Nachtlicht
+in der Hand: »Woher?«
+
+»Vom Garten.«
+
+»Was war im Garten?« Nichts war im Garten. Lauerndes Schweigen. »Syg,«
+sagte die Gouvernante, die Stimme überschnappte sich. »Wir waren beide im
+Garten,« sagte Daisy schnell. »Syg,« ihr Licht schwankte, sie keifte.
+»Hier,« Daisy warf Syg zurück, wiederholte Sygs dunklere Stimme, drang ins
+Dunkel vor, empfing zweimal die knochige kalte Hand ins Gesicht. Am Morgen
+saß sie auf der Terrassentreppe. Am Auto küßte sie sich mit Vaudreuil,
+gingen die Treppe hinauf. Als Vaudreuil sie vorgehen ließ durch die Tür,
+sah sie schräg zurück: »Was sagten Sie, wenn die Dame Syg schlüge?«
+Eiskalt, neugierig ihr Blick. »Es würde an Syg liegen.« Sie war
+stehengeblieben, etwas drängte ihn zurück, das hartnäckig tiefer herkam als
+die gleichgültige Frage. »Wenn es nicht an Syg läge . . .« »Es würde wohl
+an Syg liegen . . .« Da entfaltete sich ihre Stirn, hochmütig, sie gab es
+preis: »Sie irren Papa . . . aber -- wenn sie Daisy schlüge und es läge
+nicht an Daisy . . . oder: es läge selbst daran.« Die Frage schwebte
+zwischen ihnen, erhielt langsam Spannung. Vaudreuil sah die Wange, die ihm
+sich entgegenreckte. Sah kurz zu Boden. »Ich ordne es.« Sie glitt zur
+Seite. Er ging hinein. Gegen Mittag fuhr das Auto vor. Die Gouvernante
+darin, Brown stieg zu, winkte an der Ecke. Die geröteten Handgelenke
+stiegen hoch, die Manschetten waren auf der Flucht.
+
+Syg lief ein Stück nach, schwenkte eine Pfeifenstrauchrute. »Ich wollte
+noch sagen, es ist das gleiche: ich und Syg.« Daisy sah auf ihre Nägel.
+Vaudreuil fuhr mit der Hand hoch, als ob er gähne: »Es ist nicht das
+gleiche. Aber du kannst es dafür halten.« Sie sah nicht auf. Nach drei
+Tagen, als das Auto einfuhr, brachte Brown ein blondes Geschöpf, zitternd
+vor Angst, voller Hingebung, dünn an Organ und Haltung. Sie erschrak heftig
+vor Daisy, verehrte das Kind, war hilflos, gefällig. Diese Güte belästigte
+Daisy. Sie verachtete dieses Wesen ein wenig und bemitleidete es dunkel.
+Ein junger Mann tauchte später auf, lehrte alles, wußte alles, trug ein
+Pincenez auf kleiner Nase, zog einen steifen Kordon um sich, den seine
+korrekte Tätigkeit umschloß. In allem übrigen blieb er entfernt.
+
+Die Mähder gingen im Blau des Damms wie im Himmel entlang. Kühe dampften
+vor den Wagen. Als der Stier brüllte, rasselte der Horizont es rundherum
+wie ein fliegendes Gong. Tausend kleine Blitze schossen im Gras die quer.
+Sie gingen über die Biberwiesen. »Syg, waren es Chipeways . . . sag.«
+»Chipeways.« Sie starrte in das Summen der Hitze. »Fahren sie lange auf den
+Flößen?« Syg dachte an die Nurse: »Zwei Monate,« sagte sie unsicher. Daisy
+zog einen Halm durch den Mund, kaute, schwieg.
+
+Die Arme auf dem Rücken schlenderte sie vor die Nurse: »Du . . . du . . .
+ei, habe ich Chipewaysblut ein wenig von früher?« »O . . . o . . . do
+. . . Daisy . . . das sind Hurons.«
+
+»Aber sind diese größer?« Kopfschütteln. Sie ging.
+
+Ging sofort in das Büro, stellte sich neben die Ledertür an die Wand,
+lautlos. Der Sekretär raffte zusammen, knickte ein, ging. Ein Vorstand kam,
+referierte, ging rückwärts hinaus. An zwei Stenotypistinnen erging ein
+niederprasselndes Diktat. Eine Kommission trat ein. Da sah sie Vaudreuil.
+Sie ging sofort bis an den Tisch, legte die Hand darauf, sprach. Vaudreuil
+kniff die Mundwinkel ein, um kein Zucken zu verraten, nur die Lider
+blinzelten. »Du hast es von beiden, durch Mütter und Väter.« Sie blieb
+stehen: »Syg hat auch von Chipeways.«
+
+»Aber du hast edleres.«
+
+Da errötete sie, ging eilig, sicher hinaus. Sagte Syg nicht, daß sie
+edleres habe. Liebte Syg über jedes Schweigen hinaus, wie nichts.
+
+Zum vierzehnten Geburtstag schenkte Vaudreuil ihr ein eigenes Pferd. Abends
+ward sie ohnmächtig. Das Blut verließ zum erstenmal die Muttergrube,
+sprudelte aus ihrem Leib. Drei Tage lag sie. Als sie herauskam, war sie
+Frau. Auf der Haut saß ein glatter Reiz, um den Gang floß ungewisser
+Zauber, wiegte hinter ihr her noch wie Zurückgebliebenes. Nur die Augen
+wurden heller, besaßen mehr Kraft und Wissen zu durchdringen. Sonst zog
+sich alles von oben zur Brusthügelung, unten von Fuß und Knie und Hüfte zum
+Mittelpunkt des Leibes hin zusammen, sodaß das Weibliche, Auffangende und
+im Wechsel Hingegebene deutlich ward.
+
+Das Fräulein spielte große Kantilenen. Die Wochen wurden lang dadurch und
+hingezogen. Es war, es käme Erlösendes, Rufendes von fern. Erlosch wieder.
+Die Jahreszeiten änderten sich, öffneten wie Kapseln ihr Gehäus, gebaren,
+stäubten ab, doch das Geheimnis, das ihnen innelag, äußerte sich nicht. Das
+Haus ward eng unter vieler Musik. Sie schlug den Blick zum Plafond, haßte
+Klavier und blonde Haare, aber sagte es nicht aus Bedauern. Auch der Garten
+war schon Grenze und selbst das Hinundherreiten, das ins Wunderbare ging
+und endete, hatte schon das Bekannte, hatte Meilensteine, Hürden, an denen
+es zerschellte und vor denen das Weite erst brüllend vor Verhaltenheit lag.
+
+Noch ritten sie um das Rondell, sattelten selbst. Schon lag der Zauber halb
+verblättert, reckte darüber her anderer sich schon bitter, lockender und
+schwerer im Blut aus der Unbekanntheit her auf, ohne daß man wüßte,
+welcher, woher. In einer Lichtung bekamen sie Durst. Syg fand einen Ahorn,
+schälte ihn an, bohrte ein Loch hinein. Aus einem dicken Halm sogen sie den
+gelblichen Zucker. Als sie, satt, nach den Gäulen sah, umdrehte, starrte
+Sygs Kopf glasig und eingefallen. Die Kupferhaut war molkig. Über ihrem
+Kopf saß unregbar mit vorgeschossenem Kopf, noch schwebend, die Schlange.
+Daisy sprang vor. Nun war ihr, sie fliege. Nun kam, erhob sich
+Unbegreifliches, streifte sie mit Seligkeit. Ein ganz leiser Schrei verließ
+den Mund, die Augenbrauen standen im Dreieck. Grau und kühl, flimmernd,
+neigte ihr Blick sich gegen den des Tieres. Der Baum raschelte, es pfiff
+und klapperte im Geäst. Auch Syg drehte sich nun ihr zu, weinte in ihre
+Hand. Aber sie fieberte noch auf dem Pferd, hatte Aufruhr in den Knien,
+wogte mit der Brust. Unglücklich verging die Nacht. Es war aufgestanden in
+ihr etwas, hatte sie gestreift, sie wußte nicht, wie, wo, welche Sache. Es
+hatte gebäumt und sich geduckt. Sie fror.
+
+Die Siebzehnjährigen bestiegen einen Dampfer, den Brown gechartert hatte,
+weiß wie Porzellan. Sie reisten ins Innere. Das Fräulein, der Lehrer
+bezogen Kabinen. In hellen Kleidern lehnten die Mädchen am Reeling.
+Vaudreuil winkte herauf vom Land. Browns Arme schlugen Rudertakt. Daisy
+schmollte den Mund schief. Noch einmal: »Komm«. Vaudreuil lachte,
+schüttelte den. Kopf. Man fuhr los. »Pa kommt nicht mit«, sagte Syg. In
+Daisys Stirn fiel eine Locke: »Du solltest dich nicht weiß anziehen. Du
+bist zu dunkel. Nimm blau.«
+
+Vier Tage fuhren sie den Lorenz hinauf, die Hitze um sich, weiß. Abends
+ankerten sie spät, um solang als möglich Fahrtwind zu haben. Dann kam die
+Nachthitze traumhaft. Die schwüle Ruhe lastete mit sprengender
+Unausgesprochenheit. Spät kam ein Dachs ans Ufer, hob die Ohren, legte den
+Kopf fast auf die Luft, so weich, soff dann. Als nichts zu sehen mehr,
+erhob sich das Schlürfen anderer Tiere. Mit jähem Luftdruck schwebte ein
+Fregattenvogel von den Wellen glatt übers Deck. Aus dem blauen Dunkel
+formte sich Figur, Geschehen. In weiten aufschwellenden Kreisen vollzog
+sich Manches, nicht gesehen, aber gewußt und geahnt. Das Ufer, das versackt
+drüben lag, spannte sich herüber, kam hergeschwebt, riß zurück. Das Gebrumm
+der Mücken über dem Schlafnetz steigerte sich, bis, mit allem verwoben, es
+eine Höhe erreichte, die sich selbst nicht mehr ertrug. Da schlugen aus der
+Spannung von Masten, Geländerspitzen, kleine blaue Flammen auf.
+
+Das Erregte ward nun lauschend, erwartungsvoll. Mit großen Augen
+überwanderte sie den Dunkelheitsbogen. Ihr Herz machte sich heran an jeden
+Laut, mit jedem Geräusch ging es hoch und tief. Schlug mit dem Gesäusel des
+abfahrenden Wassers an Backbord, mit jedem Astwedel, der schauerte. Doch
+kam es auch zurück. Sie fühlte in sich, als geschähe es in ihr, das
+träumerische Aufschnellen der Fische und das jagende Husch, wenn ein
+Nachtvogel die Seile durchschwamm. Irgendeinmal in solchen Nächten schlief
+man dann ein.
+
+Nun kamen Inseln. Smaragdgrün und gelb war der Strom getupft. Sie loteten
+den Tag durch. Gemischtes aus unbekannten Blumen und Wasserfäule lag als
+Barriere davor, erstickte sie fast, als sie eindrangen. Betäubendes
+Labyrinth von Kanälen umgab sie. Die Inseln wurden kleiner. Ach diese, ach
+jene, deuteten sie, und schon war alles verwirrt, erkannten sie die erste
+nicht mehr. Sie sahen keinen Boden. Es wucherte nur. Nachts hingen
+Schlingpflanzen herunter, im Licht, wie Drähte gespannt, die wogten, durch
+die von Astlilien Kopfweh heruntersank und ein grausames Süßes, das sich
+kaum über dem Wasser trug, einsank, in die Wellen mischte, so schwer war
+es.
+
+Morgens tat eine Bai sich auf. Silbern trat die Sonne aus dem Wasser am
+Horizont, der ruhig, endlos lag. Sie atmeten tief in das nun Geweitete,
+befreit. Am Mittag schwammen neue Inseln entgegen. Aus gewaltigen
+Grasbüschen wuchsen Bäume mit kalt geformten Blumen. Schlugen Brücken
+miteinander. Die Sonne war weg, der Himmel zu. Unten liefen
+Regenbogenfische. Oben schwirrten bunte Vögel, ohne Rast in Bewegung und
+Getön. Dazwischen wogte blauer heißer Dunst.
+
+Abends kamen sie ins Freie. Sie liefen wehend zum Vorderschiff, winkten
+hinaus. Schrieen: »Das Meer!« Doch im Untergang brach sich die Sonne in
+einem gespaltenen Rubinfächer hinter neuen Inselherden. Sie griffen sich
+auf, sammelten sich, umtrieben sie mit Kanälen und Buchten, in denen sie
+irrten. Syg holte Daisy in der Nacht, sie schlichen im Schatten der Pflöcke
+bis hinter die Taurolle. Am Reeling stand neben dem Fräulein der Lehrer,
+sie sagten nichts, berührten sich nicht. Er wies immer mit dem Kneifer
+gegen das Wasser. Da unten schwamm aber auch nichts. Jedoch sprang später
+aus einem Baum eine Katze auf Verdeck, fraß neben der Küche zwei Hühner,
+die Matrosen machten Jagd, und das Tier sprang durch die Glasscheibe in
+Browns Kajüte. Die nackten Beine sehr verhaart, sonst nur im schwarzen
+Predigtrock fuhr er entsetzt mit verschlafenen Haaren auf dem Deck herum,
+bis man ihn beruhigte. In der Nacht fuhr das Schiff weiter, es gab ziemlich
+Licht von oben.
+
+Morgens erst schlugen Himmel und Wasser entfernt fest zusammen und machten
+einen Kreis. Erst da ward es endlos. »Das Meer«, sagte Daisy.
+
+»Es ist auf der anderen Seite.«
+
+»Ich weiß Syg.« Sie machte einen Bogen, am Geländer saß Well, der Wolf des
+Steuermanns. Er legte den Kopf, als sie sich kauerte, auf ihr Knie.
+
+Gegen Mittag ward der Ontario tiefblau, spannte sich in gebogenem Spiegel
+hinauf und in seidiger Biegung abebbend hinab. Im glänzenden Himmel
+begannen Striche zu wachsen. Hoch über dem Horizont, fast wolkennah
+schwebten drei große Schiffe. Der Mittag ward voller, ging auf wie ein
+Gestirn, kam aus sich selbst und zerrann. Toste von Farben. Der Horizont
+ward dunkel von Glut. Es ballte sich die Weite, durchdrang sich und lud die
+Atmosphäre mit einem gepreßten ausschwingenden Atem. Segler nahten da und
+dort, hingen Fahnen heraus, bogen über das glashafte Seidene des Sees
+herab. Von eigenen Masten flaggten Fahnen, das Deck zog festlich, schmal
+dahin. Unter der Brise legte das Schiff sich seitlich. Well sprang auf,
+knurrte, schnappte nach ihrer Hand, sie zog ihn an der Gurgel wieder
+herunter. Schaumdünn zog Land in einer reinen weißen Wölbung heran. Hinter
+ihnen sammelte sich das Geweitete, schwang ab in Klarheit mit dem
+berstenden Geknäul. In der dünnen singenden Luft begann das Segel über ihr
+sich plötzlich zu drehen. Geräusch von Ruder und geschaufeltem Wasser fiel
+aus ihr heraus. Mit dem davonschwingenden riesigen Segel flog es in ihr
+hoch. Es bäumte sich wieder, überrannte sie, stieg aus ihr und gab sich
+hinaus, erschauernd, tastend, eine Sekunde. Als ihre Haut zu zittern anfing
+darunter, sprang das Knattern und Schäumen wieder in sie. Vorbei. Sie
+bebte. Wandte sich um. Das Gewesene nahm plötzlich Platz in ihr wie vorher.
+Aus einem Hafen kamen Drähte, Stangen, Schorne, schoben auf sie zu,
+fesselten sie mit ihrer Gegenwart an. Sie fuhren ein in Toronto.
+
+Brown brachte ein Tuch. Es ging auf. An der Mole flaggte es viermal. Sogar
+eine Rakete schoß hoch und knallte. Darauf kamen Wagen hergerollt aus einer
+schrägfallenden Straße. »Sie kommen«, sagte Brown, rieb sich die Hände,
+schmunzelte verschmitzt, es ward eine harte Grimasse. Sechs Wagen standen
+nebeneinander. Junge Leute sprangen herum, hatten schiefe Helme auf den
+Köpfen, sammelten sich, stampften, stellten im Kreis sich um einen starken
+Burschen und schrien Hurras. Der junge Mann sprang im Satz an Bord. Brown
+fing ihn auf, umarmte ihn, zog ihn beiseite, wisperte, sprach, kicherte.
+Hinter seinen Gesten sah der Bursch herüber, schnitt Fratzen vor Ungeduld,
+trippelte, hob den Nacken, grinste ins Blaue. Brown brach ab, schnickte den
+Kopf, nahm ihn am Arm, führte ihn sorglich hinüber, stellte ihn vor. Sein
+Neffe.
+
+Drei Stunden Zeit. Sie erkletterten Wagen, die Peitschen stäupten auf.
+Fuhren den Strand entlang, sahen die Muscheln angeschwemmt in Wällen, einen
+Fisch, den Dampfer Skania verkracht, die Kessel gespießt von Klippen. Sahen
+grünseidene geschnittene Rasen abgleiten, Blumenschlangen, geordnete Beete.
+Sahen von Basalt umstellt eine wütende Quelle, die trommelte, schlug,
+aufstieß, im Schweigen noch bebte. Machten einen Korso. Stiegen ab,
+empfanden, es war gut, war schön. Sahen sich in die Augen, sahen die Hände,
+die Hälse, lachten. Tranken Wein, Schokolade. Lächelten, als Browns Neffe
+den Lapin setzte, Brown abschob, bei ihnen landete, das Trittbrett abhieb
+im Schwung. Sahen seine Achseln, das Braun des Gesichts, die Hände. Sahen
+das weißhelle Blau um die Pupille. Fuhren durch Spaliere, hohe Drähte mit
+Gärten, die schwebten. Durch eine Palmenallee, Bosketts mit Hyazinthen,
+Springbrunnen, durch Berge Duft. Fuhren durch Straßen mit Riesenfelsen, die
+selbst Dynamit nicht zerknackte, unbeugsam blieben. Fuhren unter
+Hebelwerken, sausenden Oberbahnen. Fahren durch ein Dickicht, ahnten
+Lichtes, spürten Bewegung, sahen dünn wie Lippen Gesträuch sich spalten.
+Sagten: »Ontario«. Sahen den See.
+
+Sygs Tuch fiel.
+
+Die Augen streiften, erzitterten. Drei junge Männer sahen nach einem alten
+Herrn, der ein Ei aufschlug, blieben daran, erröteten, drehten die Hälse
+zurück, schwiegen, wandten sich immer mehr um die Achse, verrenkten sich,
+sahen zuletzt in die Luft.
+
+Daisy bückte sich, hob das Tuch selbst, ließ die Lider gesenkt, die
+Mundwinkel etwas erschlafft. Lehnte sich ins Polster. Sah Pferdeköpfe,
+Pferdehälse, Browns Manschetten kommen, näher, sich vorschieben, bog sich
+hinüber: »Zum Hafen«.
+
+Ging rasch, behend, teilte Handdrücke aus, suchte den Kapitän, ersuchte,
+den Abend noch zu fahren, sah nicht zurück, pfiff dem Hund. Der Ontario lag
+wie Stahl. Zwei gelbe Segel flauschten groß im Mondschein vorüber. Das
+Wasser wellte, spielte um das Licht in riesigem Blaukreis. Sie schloß die
+Augen halb, zog den Kopf des Hundes in den Schoß, einen Zug Leids von der
+Braue nach der Stirn. Nicht um sich. Sie stand auf. Sie fuhren die Nacht
+durch, den Tag. Fuhren an Dörfern vorüber, wendeten, sahen sie das zweite
+Mal vorübergleiten. Kamen an eine Bucht, Gelächter erscholl beim Baden. Die
+Linie aber wich nicht von der Stirn, die sich zum erstenmal verbog,
+belastete, überschnitt. Sie fuhren nach Hamilton. Nach Oswego. Legten an
+bei Port Hope, stellten den Dampfer ins Dock, fuhren nach dem Huron. Zwei
+Stunden in der Bahn, erbleichte Daisy an den Schläfen, wimmerte hinter
+verbissenen Lippen, fiel in Ohnmacht, erwachte die Nacht, fiebrige Augen im
+Dunkel. Sie brachten Essen, Trinken. Sie starb fast unter dem Drängen.
+Gegen Morgen frug Brown: »Was willst du?« »Zurück«.
+
+Sie hielt dort an sich drei Tage, saß still bei der Mahlzeit im Garten,
+fixierte manchmal das Auto, das kam, fuhr. Knüpfte nach dem Lunch eine
+Hängematte auf die Veranda, stieß den Laden zum Privatbüro zurück,
+schaukelte; als Vaudreuils Kopf über ihr war, sprang sie auf, eilte über
+die Diele, trat in das Büro, bat, daß er Syg adoptiere, stand mit
+ausgebreiteten Armen gegen die Wand.
+
+Der Marquis blieb am Fenster, legte ein Messer auf den Papierstoß,
+schnickte das Kinn hoch, zweimal, sah auf das aufgeschlossene Gesicht der
+Tochter, aus der die Bitte troff, ein Leid sich weit erhob, starrte,
+nickte, aber sein Blut, das ohne Dünkel war, sträubte sich gegen das andere
+Blut, auf das sein Name, sein Blut sich legen sollte. Sagte: »Sie muß sich
+gewöhnen, noch mehr Schmerz aus ihrem Blut zu haben.« Tonlos, ohne Bewegung
+schlug Daisy die Lippe auf: »Sie würde es leichter tragen.« Ein Spalt warf
+das Lächeln des Vaters über sie, überlegen, kühl: »Das ist kein Vorteil.«
+Aber von ihrer Haltung ging es über ihn und was er vorbrachte hinaus: »Sie
+wird es stolzer überwinden.« Da beugte der Marquis den angezogenen Nacken,
+machte eine Bewegung mit der Hand, unwillkürlich, schwach, aber mit einer
+Bedeutung, die sie ehrte und grüßte. Sie wurde rot, das Straffe, das sie
+geführt zum Erfolg, zur Sicherheit, ließ ab, entfaltete sich in eine
+rührende Bewegung. Sie ging hinaus.
+
+ * * *
+
+An der Tür sah sie ihn gebückt, er schob eine Kassette auf, vernahm ihren
+Namen, weich eingehüllt von ihm. Er zog die Nickelschlüssel, gebogene,
+drahtschlanke, barocke, wählte klirrend, schob auf, kam auf sie zu, sie
+ging entgegen. Er sprach beiläufig, ruhig, gewohnt: »Die Frauen trugen sie
+zur Hochzeit. Dann ihr Leben. Ich gebe sie dir früher.« Sie trug eine Kette
+aus gelbem geflochtenem Dukatengold, daran drei achatne Kugeln.
+
+ * * *
+
+Lief stracks zum Schiff, winkte, kam näher, sprang auf das Brett, rief nach
+dem Steuermann. Sah seine Hand, die die Luke aufstieß, zerlegenes Haar, die
+Hemdsärmel, die Riemen, geblendete Iris. »Was willst du für Well,« sie
+deutete mit dem Fuß auf den Wolfhund. Er fuhr mit dem Unterarm über die
+Stirn, rieb den Handrücken über die Augen, zeigte rasch die Zähne,
+schüttelte wirbelnd die Hand. Nein. Sie kam in der Dämmerung wieder, hob
+die Luke, stieg zur Kajüte, stellte sich in die Tür, ließ sie offen.
+Fragte. »Nein«. Sie lachte, kokettierte, betastete sein Messer, das grüne
+Glas, den Wandkork, verzog die schelmisch gestreiften Wangen, sagte zweimal
+plötzlich: »Ich lasse Sie entlassen,« ging mit hängenden Armen. In der
+Nacht bellte es im Garten, ein Hund bellte wie auf der Jagd. Sie öffnete
+die Balkontüre. Well im Garten stand naß, triefend, außer sich. Sie öffnete
+unten die Haustür, ließ ihn herein, er legte den Kopf auf ihr Knie. Wie auf
+dem Schiff. Sie vergaß es nicht.
+
+Ging früh zum Dampfer, trat aufs Brett, zog es ab, fuhr zurück, rief in die
+Luke, sah unten den Kopf des Steuermannes. »Ich bringe Well zurück.« Ging
+mit langen Beinen rasch hinauf. »Do . . . do . . . Daisy . . .,«
+schnatterte die Nurse, faßte ihr Kleid, küßte es, den Arm, schloß sie an
+den Busen an, schmatzte, schlug die flache Hand auf den Mund, tremolierte.
+Hatte von Vaudreuil ein kleines Haus, zwei Kühe, eine Magd. Klatschte in
+die Hände, summte still vor sich hin, trat mit dem rechten Fuß dazu auf. Im
+Gang tollte Well. Sie ließ ihn zurücktreiben. Saß allein in ihrem Zimmer,
+schob das Hemd ab, sah im Spiegel über dem bronzenen Körper die Kette mit
+den Kugeln, als liefe ihr Blut hinein, ihr Alleinsein, ihr noch
+Unbekanntes, Umschwebendes, ungeheuer Verhülltes, glänzender und kühler als
+ihre Haut, aber ihr zugehörig. Wie ihr Bein, ihre Warze, ihr Schmerz.
+
+Der Steuermann am Morgen stand auf der Diele, zerknitterte den Hut, nickte
+mit dem Nacken, breitete das Maul aus, fletschte, hatte einen Sohn im Büro,
+spritzte Kautabak, fuhr Pelze seit Jahren, Schiffe, Städte, Stapel . . .
+kaute seine Frau heraus, gab ihr Reiz, Alter, ein schiefes Ohr,
+Zufriedenheit . . . riß den Hut hoch, die Tür auf. Well stob herein. Er war
+unbrauchbar. Sie hatte ihn verdorben. Er blieb nicht mehr. Er brachte ihn
+fluchend, Zwinkern in einem Auge. Sie suchte nach einer Note. Er nahm sie
+nicht, hätte ihn nie verkauft. Er wollte ihn nicht mehr. Gab ihn ab. Ging.
+»Gib ihm ein besseres Schiff,« sagte Daisy Vaudreuil, »ich will nicht, daß
+er mir schenkt.«
+
+Den zehnten Dezember fuhren sie nach Montreal, hoben Syg aus dem Auto,
+hoben sie adoptiert hinein, kauften den Tag über, machten Kommissionen,
+besahen, beschauten den Mittag, stopften ihn voll, eilend, häufend, bis er
+abbrach, die Dämmerung kam mit Laternen. In einer Schwebebahn glitten sie
+aus ihnen heraus. Weiß eingenietet brach die Landschaft gegen den Himmel.
+Das Nachtlicht flog eisern über Kanäle. »Halt«.
+
+Daisy stieg aus, sie suchten ihren Schleier, fanden ihn, stiegen ein. Am
+Trittbrett wandte sie sich langsam herum: »Nehmen Sie vor uns Platz,
+Fräulein.« Sie übersah den Lehrer, zog die Achseln ein wenig an, schüttelte
+sich, legte den Arm auf Sygs Schoß, die ihre Grausamkeit nicht begriff. Vor
+dem Schlafengehen gaben sie sich die Hand. »Du bist froh Syg?« »Ja.«
+
+Der Winter nahm Kurve auf Karneval, steigerte mit jedem Tag, den er
+vortrieb, das Gedrängte, Erhitzte. Männerstimmen jauchzten aus Schlitten
+zu, die die Gegend überkreuzten. Aus Pelzen hoben, winkend, beringte
+Frauenhände Tücher. Schellen überflirrten die Nacht. Auf Stahlringen der
+Flüsse kerbten Kufe. Damen fuhren mit Meuten, die vorrasten, sich
+überschlugen, Haken bogen, von Lachen aufgereizt, verärgert wurden, bis sie
+sich verbellten am Schlag wie ein Wespenschwarm. Pistolen funkelten in
+Wintersonne, schossen Salut am Portal. Illuminiert, aus jedem Loch Licht
+stoßend, hingen die Häuser der Seigneurs am Horizont. Kostüme kamen,
+bliesen Tuben.
+
+Vier Fackelträger stiepten die Glut durch die beißende Luft. Alf fuhr sie
+in einer Kurve vors Portal, die Pferde stampften in einer Wolke, spritzten
+Schaum. Syg trug blaue Kleider. Diener stürzten auf die Treppe, zwischen
+Kerzen über Treppen. Der alte Fribaurt führte Daisy. Syg hatte sein Sohn,
+dessen weibische Lippen lächelten, ihre Knabenhände nachbebten, als sie
+eine Orange ihm schnitt. Im hohen Fensterbogen sah Daisy sie
+vorbeischwimmen, ihre Zähne leuchteten, den Körper eingespannt in den
+Schwung des Partners, ihr Gesicht glatt wie Frucht. Sah Syg hineingleiten
+in Unbekanntes, ohne Widerstand, ohne Bewußtsein, aufklingen in der
+Saalluft, Fremdenlust, Manngetanz. Sie zog die leise aufschwebende Linie
+zwischen Auge und Schläfe mit dem Finger aus. Im vierten Gang der
+Familienquadrille blieb ihr Blick im Fenster, ihr Fächer fiel, ein kleiner
+Schrei, die Paare verwirrten sich, das Arrangement schoß zum Teufel, die
+Augen suchten an ihr. Sie deutete auf den Fächer, der alte Fribaurt küßte
+ihr, zornkochend, ehrfurchtsvoll die Hand. Sie aber suchte sich noch einmal
+hineinzubegeben in das Umfassende, das sie nicht faßte. Sie spannte sich
+ihm entgegen mit aller Kraft und suchte es zu erreichen. Nahm den Arm des
+spanischen Vetters, gab sich seinen Pas hin, der Eleganz seiner
+ungewöhnlichen Kurven, schaukelte, am Platz drehend, durch alle Voluten der
+Geschmeidigkeit, trieb mit ihm in die Entfesselung der letzten Äußerung
+ihrer Körper. Zog zugleich die Kraft an und den Willen, tastete, drang vor,
+erreichte nichts, erreichte Fremdes, glitt ab mit der Seele. Sein Knie
+schob sich zwischen ihre Schenkel. Sie ließ die Arme los, die Nasenlinie
+ward schärfer. An der Ballustrade erwartete sie Syg.
+
+Alf auf dem Rücksitz kreuzte die Arme im Muff, Daisy führte, das Eis
+schimmerte rosa. An der Ecke der Bucht knirschte das Eis, flimmerte im
+Frühlicht, wurde tief, herb, hielt drei Meter, brach. »Pha . . . lux.«
+
+Sie blieben sitzen. Alf kniete auf dem Eis, haschte die Schlinge, zog sie
+an. Riß dem Gaul die Adern am Hals zusammen, zog sacht, langsam den Hals
+des strampelnden Tieres hoch. Der Bauch schwappte, die Beine traten immer
+mehr Eis hinein. Alf machte eine gewaltige Bewegung, das Tier ward
+ohnmächtig, ruhig, ging unter. Nun zog ers herauf, schleifte es aufs feste
+Eis, schlug die Schlinge ab. Massierte die Schlagadern am Halsstrang. Das
+Tier röchelte, schnappte tief Atem, sprang plötzlich auf die vier Beine,
+fing sich in der Kandare. Sie fuhren weiter. Syg klatschte mit den Nägeln
+auf den Daumenballen. Da brach das Eis zum zweitenmal. Alf würgte das Tier,
+um es zu retten, zog es herauf, frottierte es ins japsende Leben zurück.
+Als sie auf das Haus zu hielten, zog Vaudreuils Auto, vom Lorenz her, die
+Schleife am Fluß. Sie stiegen zugleich aus.
+
+»Zweimal mußten wir das Tier erdrosseln,« Syg küßte ihn. »Zweimal«, lachte
+Vaudreuil, schlitzte die Augen eng zur Seite. Daisy war bleicher, aber
+schöner, gespannter als Syg.
+
+Der Winter kulminierte, schwang auf der Kurve noch, floß herunter. Ging vor
+den Fenstern irgendwie, irgendwo zu Ende, krepierte in den Mulden südlich,
+fraß sich satt noch hinter dem Waldgurt zum Hudson. Irgendwelches geschah,
+rauschte, färbte sich mit Männern und Frauen und Pferden hinter dem Glas,
+das ihrem Atem sich zuwölbte. Manchmal gings in der Nacht über den Horizont
+hin, wälzte sich, glühte sich breit aus, manchmal surrte es in der
+Saublutsonne, manchmal war es unter sackendem Schnee, brüllte um den
+Himmel, jagte an den Bäumen. Sie hob die Achseln, ging zum Stall. Das Eis
+sprang bis hoch in den Norden. Alf wartete mit Gäulen. Abends kamen sie von
+der oberen Mühle. Der Boden war fester. Blitzende Wolken flirrten zag und
+dünn herbei. Hirsche scharrten um eine verdeckte Quelle. Sie umschlich, kam
+heran, schoß nicht. Schoß einen Dachs, trug ihn ins Speisezimmer. Vaudreuil
+erlaubte den Ausflug mit Alf zu den ersten Faktoreien. Ihre Schenkel waren
+stark, sehnig, gereckt vor Grazie und Grausamem, die Hüften in beispiellos
+abfallender Glätte. Zwei Tage sattelten sie. Alf pfiff die Hunde heran,
+zurück. Ordneten, stapelten. Telephonierten, packten die Säcke für die
+Tiere, Teppiche, Pelze. Am vorletzten Tag kam ein Segler den Ottava herauf.
+
+Unter den Hurras wimmelte es an Helmen am Anlegeplatz. Brown schwebte auf
+der Veranda, breitete die Arme, rief, was keiner verstand. Die Torontoner
+Studenten kamen in einem überlieferten Zug, vorn ein Dudelsack, dann zwei
+mit am Rücken gekreuzten Armen, hinten ein Trommler, ein Schaf, ein Kind,
+unterm Arm einen grün bemalten Hahn. Ans Tor kam der Marquis, empfing,
+lächelte ein wenig. Es waren Engländer.
+
+Acht Tage fingen sie Fische. Lagen halbnackt auf den Balkonen. Schlachteten
+Ziegen, Schweine, Stiere. Tranken in einer Mondnacht eine Bowle, steckten
+eine Hütte an, fuhren mit Lampionruderern aufs Wasser, warfen um. Lungerten
+die Weiber um die Pavillons, schrien nachts, quietschten, machten Vaudreuil
+sein Schlafzimmer wechseln, kein Wort sagen. Spielten Dudelsack morgens,
+abends, boxten, schrien alle durcheinander, hieben aufeinander ein,
+entknäulten sich, zogen blitzschnell in Zweireihen singend ins Wasser.
+Spritzten, badeten, rauchten.
+
+Mittags ritt Daisy mit Alf und Browns Neffen über einer Fuchsspur, folgten
+sie über einen Acker, trieben um einen Wald, durch einen Bach. Als der Mann
+ihn im Schuß hatte, wich er, als bocke der Gaul, zur Seite. Daisy kam ins
+Schußfeld, rümpfte die Nase über die Achsel, schoß nicht.
+
+Alf wagte nicht zu schießen. Ritten stumm nach Haus. Ostwind hatte sich an
+den Pappeln hochgewirbelt, war über den Wald aufgebrochen, losgesaust,
+wellig, weiß, fließend ohne Pause stürzte er herunter. Sie fuhren ihm in
+Jollen schnäbelnd mit der Pinne entgegen, flogen wie Weberschiffe herauf,
+herab. Er faßte herüber nach ihrer Hand, da ließ sie den Fock los, der
+Großbaum knallte ihm über den Kopf, er wandte, warf sich herum. Faßte
+wieder ihre Hand, ihren Namen, ihren Namen vernahm sie, spürte sie, es
+wickelte sie ein, das Segel flatterte um sie wie Vögel. Sie hielt sich
+fest. Sie hörte immer ihren Namen flüstern, bis das Segel gegen den Wind
+stillstand, er am Anlegeplatz stand, ihr die Hand hinhielt. Sie nahm sie
+nicht. Sah durch seine ametystblauen Augen. Er hatte Syg übersehen, als sie
+farbig war. Der Tochter Vaudreuils nun, adoptierter, geschätzter, machte er
+Reverenz, Verbeugung. Er war feig. Sie wandte sich um, drängte dem
+entgegen, was seine Augen an ihre band, ihre zu seinen hintrieb. Fühlte
+seine Hand rückwärts an der Schulter, seinen Atem, die Lippen. Die Augen
+standen im Dreieck. Ein grauer Schein stieß ihn zurück, verlegen,
+stotternd, rot. Armselig und zornig stampfte er auf. Sie ging schon
+hochmütig, entfernt. Langsam wich der Raum zwischen ihm, zwischen ihr. Die
+Ecke bog am Bootshaus. Sie eilte, sprang hinter den Büschen, eilte auf der
+Treppe. Sagte das Essen ab, krümmte die Schultern verzogen zusammen,
+wimmerte im Sofa. Gab es eine Pause, kam das Bild zurück. Sie verzog das
+Kinn, den Mund wie unter sauren Kirschen, Galläpfeln, die Haut schüttelte
+sich. Zog die Bluse herunter, das Mieder ab, streifte das Hemd über den
+Rock, wusch Wasser über die Brust und den Nacken. Zog sich aus. Sah zum
+Fenster hinaus, legte die Hände mit den Flächen fest ins Gesicht. Sah den
+bronzenen, gebogenen Körper aus dem Spiegel entgegenkommen. Da nahm sie die
+Kette ab mit den Kugeln, raffte sie zusammen, schob sie in die Schublade.
+Schloß ab.
+
+ * * *
+
+Vom Hügel trieb der Fluß weit und schräg hinunter. Die weiße Fahne Torontos
+leckte darauf, Segel schossen in die Tiefe hinab. Der Mond schlug noch über
+die Felder. Die weißen Räder standen still im Himmel. Nach zwei Stunden
+ließ sie Alf halten, ritt in ein Waldstück, kniete, wusch die Brust, den
+Nacken in einem Quell. Sie horchte. Er flüsterte weiter, silberte,
+verschwand im Laub. Blumenprärien kamen, ein Orchideenpark. Der Horizont
+war manchmal gelb, fast seifig, eine Sonne wuchs daran sich hoch, sanften
+Rots, später nahm der Wind ihren Glanz an, stimmte sich wie ein
+weichkupfernes Abendinstrument, Oboe und Flöte. Mittags wurde er kalt. An
+dem Bahnhof verluden sie die Tiere. Zwei Tage darauf kamen sie an die erste
+Lager-Station. Ein Pavillon war reserviert, es gab viel Jagd. Alf packte
+aus, Teppiche, Säcke, Gepäck. Am Morgen mußte er einpacken, sie ritten den
+Tag, kamen in ein Dorf, übernachteten, kamen an die zweite Station. Alf
+ging ein paarmal im Viereck um den Raum herum, schwang die Arme, sah unter
+sich. Sie ließ nicht auspacken. Als er lange genug gewartet, ging er
+hinaus, stieg in seinen Schlafsack, mummelte sich, fluchte, kämmte am
+Morgen den Bart nicht. Vor dem Stall knöpfte er sich verdammend seine
+langen Gamaschen. Ritt den Morgen hinter ihr her, blieb immer hinten, kam
+nie an die Seite ihres Gauls. Sie hob die Hand, äugte nach einem Reh.
+Fluchs hielt er seinen an, starrte ebenso. Sie hörte ihn in den Bart reden.
+Sie rief ihn heran. Kurz blieb er auf gleicher Höhe, dann sockelte er
+zurück, fiel ab, blieb hinten. Mittags trafen sie einen Jäger. Er gab ihnen
+Brot, zeichnete mit dem Daumen, da ihm der Zeigefinger fehlte, einen
+Halbkreis in die Luft. Sie näherten sich den Ringen.
+
+Angezogen in ausgebuchteten riesenschweren Halbkreisen spannten sich die
+Faktoreien, gleich Wellen anschäumend, gegen das innere Gebiet. Sie lagen
+voreinander, Herden gleich, sprangen vor, bestürmten sich, wurden wilder,
+angerissener, warfen mit dem letzten Halbring sich vor die starre
+Endlosigkeit, nieteten sich gegen Eis, Horizont, blaue Klippen. Sie kamen
+gegen den ersten. Sie mußten langsamer reiten, Alf kam nicht nach. Sein
+Schimmel ging, als lahme er. Sie hörte, er glitt aus Fluchen ins Gejammer:
+au . . you . . . wai! Spuckte und flennte. Sie ritt zurück, stellte ihn
+gegen ihr Gesicht. »Ich werde entlassen.«
+
+»Troll dich.«
+
+Sie ritt weiter. Alf geknickt hinter ihr. Er durfte nur bis zur zweiten
+Faktorei, nicht zu den Bögen. Die Junge vor ihm ritt, als sei er nicht da.
+Es machte ihm Kummer, er zog den Nacken ein, wurde flau im Magen. Folgte.
+Der erste Schuppen kam der dritten Linie, der zweite kam. Am vierten traten
+sie von rückwärts ein. Alf schlich ins Nebenzimmer, sie nach. Ein
+Angestellter hängte den Hörer des Telephons rasch ein, begann vor sich
+hinzusingen. Ein bärtiger Riese trat ein, begann zu lachen, aufs Bein zu
+schlagen, hatte lang keine Frau gesehen. Ein anderer flüsterte ihm Namen
+ins Ohr. Es war deutlich: Sein Erstaunen war frisiert.
+
+Sofort bot er Jagdplätze aus, erstand sich ihre Beachtung durch
+Hartnäckigkeit, trat sein Zimmer ab. Es war schon geheizt. Sie sah sich mit
+Alf an. Offenkundig Komödie. Sie waren erwartet, ohne gemeldet zu sein. Sie
+blieb drei Tage, fing eine große Forelle, mit der sie eine Stunde kämpfte.
+Sah sich nicht sonderlich um. Sie ritten weiter. Wurden an der fünften
+Station schon erwartet. An der sechsten stellte man sich unwissend,
+ungläubig, die Falte des Vorstehers bebte, gefiel ihr nicht. Am Morgen
+machten sie einen Haken, kehrten zur fünften zurück. Sie war fast leer nun.
+»Was sind das für Pelze?« frug sie. Schwarze Arbeiter deuteten: für die
+Bay. Sie zog die Brauen hoch. Kein Wort. Alf bekam dunkelrote Schläfen und
+brummte vor sich hin vor Zorn. So liefen sie das Seil der Schuppen weiter,
+bis sie gegen die obere aufgespitzte Sichel kamen. Im Sand sahen sie immer
+eine Spur vor sich.
+
+Sie schnitten ab, liefen nicht bis oben hin, sondern zogen eine Sehne in
+die Serpentine, kamen auf den neu geschwungenen Bogen, trafen Mittags die
+Spur wieder, frischer Abwurf zeigte: sie waren nah. Bald sahen sie einen
+Mann auf einem Esel, der zu entkommen suchte. Sie holten ihn ein.
+
+Eine halbe Stunde ging es hin und her. Der junge Mann errötete tief, wilde
+Augen brachen sich um, staunten. Von selbst nahm er ein Papier, gab es
+ihnen. Sah noch einmal um, sie wiederholte ihm Wort für Wort, er prägte
+sich es ein, ritt auf seiner Spur zurück, murmelnd, daß er es nicht
+vergäße, jedes Wort im Mund haltend, wendend, beleckend, als sei es
+wertvoll, Gold, ein Stein.
+
+Abends kamen sie zu Colonel Bol. Er hatte, ein alter Offizier, zwei
+Serpentinen unter sich, rollte die R, strich den parfümierten weißen
+Spitzbart, küßte ihr die Hand. Sie hatte ein Zimmer, verblüffend. Morgens
+früh strich sie mit Alf ins Gebüsch, es pfiff, durch die Lücke trat der
+Bursche mit dem Esel. Sie nickte. Er nickte wieder. Empfing ein Billet.
+Ritt nach Süden, zurück, immer rascher.
+
+Bol genoß. Seine Spirituosen waren etikettiert, er ließ die Wahl. Fuhr sie
+am Weiher, stand er am Ufer, klatschte Applaus. Einen weißen Hirsch gab er
+zum Abschuß ihr, den er von Woche zu Woche als Dessert sich aufhob. Lieh
+ihr seine Gummiwanne. Das Blockhaus roch nach Seife, Talkpuder, Wassern der
+Walstreet. Unter Glas wuchsen Blumen, die Wasserpfeife stand im Brennpunkt
+des Kreises Seidenkissen. In seinen Pelzschuhen, praktischer und wärmer,
+kaum größer als ihre, hielt sie auf dem Anstand. Auf den Teppichen tanzte
+Adimokuh, mit Säbelbeinen und Hängebauch, ein Negerzwerg. Er schleifte das
+Traurigste der Welt auf seinen Knien. Tränen besternten vor Lachen die
+Gesichter der Zuschauer. Bol lächelte. In seinem schmalen Kopf saßen Augen
+des Elefanten. Spielte Whist abends mit Daisy, brachte sie bis an ihr
+Vorzimmer, ging hinaus. Im Vorzimmer schlief Alf.
+
+Donnerstags galoppierten sechs Gäule am umgerodeten Lagerplatz. Fidley, der
+junge, zog den Hut. Die Jäger des Lorenz schossen vor Freude Flinten ab.
+Der Bursche, der südlich geritten, drängte sich heraus, war brauner,
+stärker geworden. Ritten zur Station. Aßen Lunch, eine Stunde, zwei.
+Tranken die etikettierten Liköre, Wein und wieder etikettierte. Aßen
+Geflügel, Braten, Gepökeltes, Rauchfisch, Muscheln, Schinken. Tranken
+Kaffee. Danach stand Fidley auf, hob das Glas, trank es. Sah Colonel Bol
+an: »Du bist entlassen.«
+
+Kreidehell, mit zitternden Armen warf der sich im Stuhl zurück. Fidley
+legte ein Papier auf den Tisch, hob die Faust: »Lump. Hund.« Langsam,
+vornehm richtete Bol sich hoch. Frug hochfahrend, mokanter Lippe, zur Seite
+geneigt, was den Irrtum ausmache. Fidley schlug auf den Tisch. »Die dritte
+Sektion betrügt. Die achte hat siebzig Prozent. Tosson liefert zur Bay.« In
+der Tür stand der junge Mann, der die Südlichen geholt.
+
+Bol sah ihn nicht.
+
+Wandte sich herum im Kreis, zu Daisy. Sie sagte: »Bei Versva verfaulen zehn
+Ballen. Im ersten Bogen fehlt ein Schuppen. Die Staffel Bol ist halb, wird
+ganz bezahlt.«
+
+Da sah Bol den jungen Mann.
+
+Stand auf, gefaßt, die Haltung gereckt, schön im Spitzbart, küßte Daisy die
+Hand, ging hinaus, schoß sich zweimal durch den Bauch.
+
+Vaudreuils Brief, aus Fidleys Tasche, hatte Gemischtes, Anerkennung,
+Staunen, Lob, das verwischt und gedämpft kam, zuletzt Befehl: zurück. Sie
+wog den Brief. Ritt allein los, ihn in der Hand. Alf folgte. Sie putschte
+ihn zurück wie einen Hund. Er widerstand nicht. Wollte nicht bremsen. Nur
+bei ihr sein. Weiter hatte er keinen Wunsch, tiefer ging das Hirn nicht.
+Zum erstenmal gab sie ihm die Hand. Aufheulend nahm er sie. Sie kam an den
+Rand des Hochplateaus.
+
+Unter ihr brach es ab, zackte, wirbelte ein Stück hinunter, ward dann
+eingeschlungen in das endlose Getöse, das in den Norden sich einfraß.
+Sterne tummelten darüber auf wie Sand, der hochgeblasen kreist. Serpentinen
+jagten zuerst noch in Schlingen voran, blieben dann hängen, schwach, dünn,
+nichts. Aus dem grauen blitzenden Gewell kam etwas gegen sie, dem sich
+etwas in ihr entgegenspannte in einer entscheidenden Bestimmtheit. Etwas
+trat aus ihr, machte sie leicht, entstammt, entgegenschwingend. Sie hielt
+den juckernden Gaul mit den Schenkeln. In ihrer Hand der Brief band sie.
+Wog schwerer, hemmte das Überfließende. Staute es zurück, hart und
+schmerzlich. Zog sie zurück. Das Herz, der Mann, der sie gezeugt, Geruch
+des Stroms, der Gartenerde band sich an sie, riß sie zurück. Der junge
+Fidley übernahm den ganzen Bezirk. Ihre Abreise feierten die Boys, salbten
+sich mit Bols Parfüms, drehten die Haare, die Bärte, pomadisiert, in die
+Höhe. Der junge Bursche trat herein, protestierte bös. Hatte Bol gehaßt,
+gehetzt, erledigt. Verbot ihn zu schänden, wo er futsch war, im Weiher
+eingescharrt. Fidley gab Daisy Bols Pferd, das so feste Hufe hatte, daß
+mans nicht beschlug.
+
+Als nach halber Tagestour die Eskorde zurückgeritten, glitt ihr Gaul aus an
+einem Bach, sie fiel herunter, verstauchte sich die Sehne. Alf wollte auf
+seinem sie reiten lassen, der Schmerz machte sie ohnmächtig. Er ritt
+zurück. Aber obwohl sie in Decken gut und weich gewickelt lag, kam die
+Nacht Fieber über sie, durch die Zunge sausten Stiche immerfort.
+Eingeborenenweiber, von Fidley geholt, zogen sie aus, warteten sie,
+pflegten. Wuschen, suchten Pretiosen im Achselhaar, fanden ein Zeichen am
+Arm, Fisch und Pfeil darin, quatschten die Nacht darüber, speichelten,
+summten, suckelten darum hin und her. Sie gaben ihr Milch mit Wurzelzeug,
+hineingekocht. Die Nacht gab ihr warmen Schweiß. In wochenlanger Pflege
+malten sie ihr mit dünner Nadel eine Sonne um den Nabel mit Strahlen und
+Mondzeichen des Tages, an dem sie sie fanden. Kuriere kamen dreimal die
+Woche die Kette der Faktoreien herauf, holten Nachricht, ritten zum Lorenz
+wieder runter. Später lag sie in der Sonne vor dem Haus.
+
+Dabei spielte sie mit Getier, Hunden, Vögeln. Einmal umschlich ein Fuchs
+das Küchenfenster, wo Hühner hingen. Sie lächelte, gluckste, entsetzt
+sprang er zurück. Da rief sie, heller bestimmender, er hielt. Sie lockte,
+er kam. Nicht ganz, aber er stand im Kreise ihrer Stimme, die wie ein Lazo
+ihn umschlug. Sie erbleichte, rückte zurück, lauschte dem Ton ihrer Stimme,
+der nachklang. Versuchte sie wieder, versuchte sie neu. Als ströme aus ihr
+hinaus, Gesichertes, Bezähmtes in ein Gefäß der Worte, das sie berauschte
+und erregte bis in das Dunkel ihrer innersten Grenzen. Es sang und schwang
+das Belastende herauf, machte es leicht, wirbelnd, später sanft und gelöst.
+Sie entspannte sich in dem Rausch, hatte eine Macht und eine Befreiung.
+Wundersame Ruhe machte ihre Tage lang, klar, gut.
+
+Sie spielte mit den Weibern, Kindern durch die Stimme. Lernte das Organ
+anzupassen, zu biegen in jede Leidenschaft, alle Bewegung. Spürte ihr Herz
+klopfen, dann den stillen Mollton des Bluts. Lernte von den Weibern den
+Dialekt. Als sie zum erstenmal ausging, trieben die Kleinen hinter ihr her.
+Sie scheuchte sie, zog sie zu sich »Go« war: springen. »Fu«: erfroren fast
+halten. Mit Vögeln gab es andere Signale. Ein Hase hielt bezaubert von
+dünnem glasklarem Wimmern. Ein wenig blieb sie nachdenklich, ward traurig
+bei ihm, denn ihr kam in den Sinn Well. Sie kam schon bis zum
+Koniferenbaum. Dann bis zum Plateau. Das nördliche Flimmern tobte irgendwo
+unter ihr. Sie ging davon, ungerührt. Ging allein, verschmähte die Flinte,
+hatte Unlust zur Jagd. Allein im Gehen, Liegen, erfand sie Ton und Laut,
+der wie ihr Blut spritzte, säuselte und bebte. Gab sich hinein in Klang und
+Fülle der Vokale, als sei es ihr Anfang, ihr Teil, sich darin zu verbinden.
+So kam auch die Gegend ihr näher, wenn sie sie ansprach, du Strauch sagte,
+Silberlilie, lieber Dorn, mein Freund. Das wandte sich ihr zu dann, ward
+mit ihr gefüllt, lehnte sich hinüber zu ihr, empfing ihren Atem.
+
+Es kamen Schwäne und Musketen, hinter ihnen mit einem Wagen von der Bay her
+Syg. Sie brach in das Verweilen ein, die Windstille des Daseins brachte
+Unruhe, Ahnung irgendwie von Glück. Trieb Altes, den Lorenzfall herüber in
+das Spiegeln des Weihers, blieb aber entfernter als sonst. Wagte nicht das
+zu sagen, nicht jenes, denn sie befremdete Ungekanntes an Daisy, das
+Nicht-Miterlebte, der Schauer der Krankheit und der ihr entquollenen großen
+Säfte und Ideen. Das lag ein wenig dazwischen.
+
+Fidley schloß den Wagen. Weiber heulten. Die kleinen Affen liefen eine Zeit
+noch neben dem Schlag. Dann fiel es zurück. Ein Stück Land schob sich vor
+sie, glitt auch zurück. Ein Staffel Matrosen erreichte sie. Dann faßte sie
+fest in die Mähne des Gauls, schrie fast und erbleichte nach innen in einem
+Schreck, des sie nicht bewußt ward.
+
+Unten, unter Dampf lag ein Schiff.
+
+Dahinter das Meer.
+
+Der Bogen der Sehnsucht schoß ab, die Sehne brauste. Es trat aus ihr
+hinaus, kein Brief, der es hemmte, kein Gedanke, nichts. Irgendwo in der
+vor Blau zitternden Unbegrenztheit des Horizontes traf sich das Innerste
+ihres Blutes mit etwas, dem sie sich hineingab, in das sie verströmte, die
+Lider naß. Alles andere war Spiel, vergessen, lieb, aber ohne Gewicht. Als
+das Dunkle in ihr hinrann in das Ausschweifendste und Hellste, an dessen
+äußerstem Rand dünn die Erscheinung hing der Städte, Inseln, irgendeines
+ungeheuren Daseins, schlug die Schiffuhr. Es war fünf Uhr am Abend. Die
+Sonne hatte größte Kraft. Sie ritt bis an den Strand. Dort stieg sie ab.
+
+Das andere ging fast traumhaft. Zu sehr war sie eingehüllt schon in ein
+fernres Geschehen, vor dem der jetzige Augenblick nur als Pause stand. Sie
+kamen in den Lorenz. Ein Auto wartete. Well sprang hoch. Der Steg. Palmen
+hingen herunter. Kanonen lösten sich. Mövenschwärme in Spiralen. Wagen
+wühlten hinter ihr ein Geschiebe. Männer kreischten Namen, Gepäcke. Sie
+fühlte des Hundes Druck am Knie. Sie bewegte schmerzlich eine Sekunde die
+Hände im Fell des Tieres. Dann kam der Ottava. Rauschte dunkel schon
+entgegen auf Kilometer. Das Rauschen lag in der Luft wie ein Schneefeld,
+sprang in Lawinen ihr leis entgegen. Die Mühlen rochen. Die Schreie der
+Nurse blieben hinter Bäumen stecken. Das Gittertor kam, vertraut mit seinem
+kalten Eisen. Glitt zurück.
+
+Des Vaters Hand faßte die ihre. Die Treppe. Sein Mund im Kuß. Er hielt sie
+stürmisch mit steifen Armen weg, sie ganz zu beschauen, spürte aus allen
+Poren ihres Leibes ihre Richtung, das Hingewandtsein ihrer Seele. Er
+erbleichte, senkte den Kopf. Glitt über ihren Leib mit dem Auge, die Brust,
+den Hals, das zärtliche und hochmütige Kinn. In ihrem Auge saß, schlagend
+und aufgedonnert das Meer. Das Aufgesparte und Vorbereitete in seinem nach
+innen gekehrten Leben verstand den Ausbruch. Lächelte. Gab ihr den Arm. Sie
+gingen hinein.
+
+ * * *
+
+Das Lächeln hatte gewährt, Unausgesprochenem sich geneigt, bejaht. Es
+erlosch. Nichts gab Erinnerung daran. Es fiel in seine Augen wie in einen
+Schlund. Die Woche rollte zurück, wie gewohnt. Vaudreuil hütete sein
+Gesicht. Schenkte ihr ein neues Pferd, bestellte ein Reitkleid aus Leder.
+Griff vor, erwähnte Zukünftiges, das sich band an Ort und Zusammensein.
+Berief einen Unterrichter für ungewohnte Kreise, baute ihr Zimmer an,
+Tapeten kamen weiß geädert mit Gold. Besprach eine Überraschung für Sygs
+Geburtstag in vier Monaten. Malte den Stand der Rosenbosketts aus auf
+Papier, eine Pergola im Bogen vor den Terrassen, Fontänen, Vögel,
+glitzernde Fische, sprach vom folgenden Sommer, dem Herumgehen, dem Abend.
+Breitete die Zeit aus vor ihr, vor sich, uferlos, vorübergleitend über den
+augenblicklichen Zustand. Ohne Pause, ohne Intervall. Sah sie wenig,
+zwischen Mußestunden, bei der Mahlzeit, ging ohne Zögern von ihr. Ihre
+Erwartung allein spürte, wie tödlich er an den Sekunden hing. Sonntag
+bestellte er die Yacht nach dem Ontario. Sie bereiteten sich vor.
+
+Montag früh berief er sie in das Büro, brach alles ab. Durch die Maske des
+gleichgültig gehaltenen Gesichts stieg von unten tief das Lächeln herauf.
+Gab Daisy von sich. Entfernte sie aus eigenem Entschluß. Löste sacht die
+Ventile von ihr, gab dem nach, was herausbrach, trieb Mauer und Wand zurück
+und bog sie hinter das draußen Strömende und Lockende zu einer tiefen
+Wölbung, in die er schmiegte, was aus ihr drang. Diktierte nicht. Folgte
+nur. Aber die Führung der Hand hatte die wissende Lindheit, die,
+nachgebend, bestimmt. So, als sei sein Plan, sein Wille, was er nur abbog,
+behütete. Widerlegte Widersprüche, die sie nicht erhob. Bewies Notwendiges,
+das sie nicht bezweifelte. Baute eine Verbindung, die nichts mehr löste
+zwischen ihm und ihr, indem er verstand und folgte, und das Kindliche, als
+es abtrieb, selber abhieb und damit unverlierbar sich gewann.
+
+Als der Tisch beim Speisen ihr zur schrägen Scheibe ward, durch den Raum
+rotierte, Fidleys Pensionen, Schecks, Tips sie umflackerten, das Silber
+flimmernd wellte, wogte, Sygs Auge schmerzlich, neidlos, neugierig aufging,
+blieb ihr die Stimme Vaudreuils. Ruhig, gelassen wie im Nebel. Einen
+Augenblick ertrug sie nicht mehr den trostlosen Schmerz aus der Gefaßtheit
+des Tons, sie stand auf, wollte sagen, sie bleibe, nickte, schwieg, ging
+hinaus.
+
+Sie lief um das Zimmer, betastete die Wand, den Kopf des Betts, die
+Girlande des Balkons. Der Garten. Wasserdunst lag, hob und senkte sich,
+ausgeatmet ihr entgegen von der Prärie. Hindurch, das Auto blinkte vor der
+Halle, stieß sich heraus, die gesiebte, durchlöcherte Brust fauchend,
+zermalmend die Luft. Sie beugte sich über den Fluß. Murmeln koste ihr
+entgegen, entzog sich ihr, floß tiefer, entfernter, uneinholbar. Drüben
+schleuderten am Rand des Vorstellbaren Schiffe, Städte, Bahnen sich vor ihr
+hin, rissen sie nach. Das Tiefe, Bleibende der Erde zog sie herunter, zu
+sich. Es ging nicht. Aber es riß zu Schmerz mit einer Stille, die
+verzehrte.
+
+Sie legte sich auf den Bauch, senkte den Kopf zum Wasser. Über ihrem Nacken
+stand schwingend, kreiselnd in der Luft, aufziehend, Glück, Ahnung, in die
+sie hineinschwamm, sich hineinbegab, voll, ganz. Unter ihrem Gesicht
+brachen Tränen. Zwischen beidem lag sie, faßte die Binsen in die Hand. Sie
+wuchsen an ihrer Haut. Sie fühlte, erschüttert, wie sie sich vertauschte
+der Landschaft. Ihr Leib wuchs fest mit Geruch und Duft der Erde. Sie faßte
+das Gras, riß daran, es hielt. Sie tauchte die Arme ins Wasser, es war
+eins. Legte das Gesicht mit der Wange gegen den Weidenstrauch, den
+schlanken Baum, da blieb nichts übrig, was trennte, alles floß, verband
+sich, gehörte zueinander. Was trennte, riß entzwei.
+
+Sie spürte plötzlich, das war das Glück. Schon hinter ihr. Nun, wo erkannt,
+verdorben, verloren für immer. Je mehr sie sich trennte, um so schärfer
+schnitt sie der Schmerz, um so hemmungsloser brach dies Gefühl vor ihr auf.
+Dies war ihre Heimat, durchspülte sie mit Erdsaft, machte sicher, frei,
+groß. Was kommen sollte, versackte in Staub, bekam feindlichen Atem. Städte
+lockten nicht, Menschen fielen schal ab wie von Drähten, Dampferschrauben
+wühlten durch ihr Fleisch. Der Tag schien wie Tod, wenn sie sich löse.
+Kraft und Sicherheit gingen aus den Adern. Es brach auseinander in ihr.
+Teilte sich. Unaufhörlich ging es von ihr: Geruch der Bäume aus den Adern,
+mit singenden Vögeln, lieben Namen von Booten, Wolken, Formen der Wellen.
+Spaltete sich ab von ihr. Sie hob das Gesicht aus dem Gras.
+
+Frühstückte. Das Nickel des Wagens saß in der Sonne gleich einem
+schwingenden Insekt. Der Horizont ward heller. Sie ging zurück ins Zimmer.
+Schloß die Schublade auf, wühlte aus der Ecke eine Kette aus gelbem
+Dukatengold mit drei Steinen. Zog sie um mit einer langsamen Bewegung. Im
+Spiegel schien es zurück. Das Rot des Achats leuchtete glatt und kühl. Ihre
+Jugend stand darin, das Entfernte. Was hinter ihr lag. Die Stille, die
+sehnende Ruhe des Blutes. Der Umkreis des so Erlebten spiegelte von den
+Rundungen herab, das Land, die Wiese, das Gras. Sie warf den Hals im Ruck
+herum. Trat hinaus. Biß die Zähne zusammen. Das Auto schlug an. Es ging
+nicht anders. Sie folgte.
+
+Fuhren Schleifen, den Fluß durch. Hielten am Lorenz. Hinter Zypressen ihr
+Geburtshaus. Vaudreuil gab ihr den Arm. Das Tor zum Park. Elastisch gab
+Vaudreuil Platz frei, ging dann rasch vor ihr. Als sie seinen Rücken sah,
+begriff sie plötzlich, wie sehr er diese Frau geliebt. Fühlte, was sie
+versäumt, stand ohne wissendes Blut des Verlustes, ertrug, was sie nie an
+Mütterlichem besessen, ganz hell, in einer Sekunde. Die Überlast erhärtete
+ihr Herz. Feindlich ging sie durch den Garten. Zedern reckten um die
+Bleivase sich in das frühe Rot, Tau perlte in Ketten herab. Die Tür fiel
+zu. Zurück, Wind strich über die Mauer, senkte sich brausend einen Moment
+herein. Dicker Regen platschte aus einer Fichte. Der Wagen zog an. Bei
+Montreal verabschiedete sich Vaudreuil. Plötzlich, daß sie erblaßte.
+Zusammengepreßt: »Willst du mich immer lieben?«
+
+»Ja, Liebling.« Sie gab ihm die kalte Hand. Tränen blieben hinter ihren
+Lidern. Fuhr weiter. »Nicht traurig«, spürte Sygs Hand herüberkommen,
+zuckte unter dem Schleier, zog ihn hoch. Zu dem blonden Fräulein: »Gehen
+Sie gleich aufs Schiff.« Die Koffer stapelten sich. Das Meer schäumte
+leicht. Von der Barkasse läutete die Glocke. Neigte sich, küßte Syg. Spürte
+an ihrem Leib den Geruch wieder des Waldblocks, des Spiels im Garten, der
+Betten, die nebeneinandergestanden. Sie atmete heißer, blieb eine Sekunde.
+Dann stieg sie ins Boot. Syg winkte. Es war neblig geworden. Pendelnd,
+unsicher schlug Sygs Kopf aus. Bald rückwärts, bald zur Barkasse, die
+vorwärts stieß. Winkte noch einmal. Drehte um. Über dem Wagen, den
+schiebenden Gäulen stand Abglanz von Blau, Berge, See. Ging ihnen zu.
+
+Das Ende.
+
+Es schien ihr, es müsse geschehen etwas, irgendwie. Sie empfand jede Wolke.
+Jede Linie der Küste legte sich hart um ihr Herz. Die Pause ging. Nebel
+häufte sich dünn vor das Land, Die Barkasse drang weiter in Flut, entfernte
+sich, heulte, stieß vor. Nichts geschah. Da überwältigte sie der traurige
+Gedanke mit solcher Gewalt, daß sie den Messingknauf des Geländers zwischen
+die Hände preßte, die Stirn zusammenbog mit aller Durchdringung, in der
+Schmerzlichkeit der Flucht noch die übersinnliche Kraft des Glaubens: nun
+reiße die Küste ab, komme herüber, hielte sie. Da schwand das Land. Der
+Schrei blieb in der Kehle, erstarrte. Die Faust ballte sich ihr in Haß.
+Wandte sich zornig ab vom Boden, den sie liebte. Haßte jede neue
+Luftschicht, jede Fahne, Gaffel, Signale um sich. Trank Gift mit dem Atem,
+der ihr von der anderen Seite entgegenströmte. Wandte sich aber mit
+tieferer Ablehnung weg von dem, was hinter ihr lag. Vorbei. Das Letzte. Die
+Augen brannten hell, grau. In rotem Nebel begannen Maschinen zu stampfen,
+pufften den Boden auf unterm Fuß mit kleinen rhythmischen Schlägen. Sie
+wandte sich um. Die Achseln zuckten. Das Meer vor ihr aufgewölbt von Glut.
+
+ * * *
+
+Zwei Tage Nebel vermiesten, das Pack johlte, die Feinen wurden nervös. Ein
+Matrose griff fehl, stürzte aufs Deck. Ein Gaul brach aus, sprang ins
+Schwimmbad, brach den Hals. Abends im Zwischendeck schlug sich ein Dutzend
+um eine braune Hure. Einer hatte einen Bruch, einer schlug hin auf den
+Bauch, heulte und schrie »maman«. Ein Weib lief mit halbem Ohr und sammelnd
+durch die Klassen. Rotteten sich zusammen, spießten einen Alten auf die
+Arme: »Vieux Ga . . ga.« Eine dunkle Kugel schob aus dem Wasser, über ihr
+ein singender Tag.
+
+Am abgesperrten Zipfel des Promenadendecks lagen drei Malariakranke. Zwei
+unterhielten sich den Vormittag, mittags wurden sie gereizt. Trommelten mit
+den Daumen, rauchten. Abends machte der eine Vorwürfe, gereizt, heftig, der
+andere pfiff leis. Der dritte schwieg.
+
+Sah durch ein Glasfenster auf den Korso, langweilte sich am Geschauten,
+spiegelte sich allein in dem Glas: zerrissenes Gesicht, geschmeidigen
+Körper, rote Haare. Ein Mischling kam, schöner als ein Weib, flüsterte,
+verbeugte sich, kam mit Whisky. Der Mann deutete heftig aufs Glas, der
+Diener öffnete den Riegel, folgte dem Zeigefinger, sah eine Frau, einen
+hünenhaften Mann, nickte, verschwand. Kam in einer Viertelstunde zurück.
+Das Paar passierte von Norden her. Lackaugen vom Mann her wanderten
+herüber, blieben. Die Frau gähnte. Zwei Tage ging der Korso, zogen fern
+langsam Dampfer vorüber. Das Fieber sank, Temperatur ließ nach. Der Rote
+erhob sich. Ging am Arm des Dieners hin und her auf der Promenade, anderen
+Tags allein am Stock. Fiel auf, elegant, zerrissen, glatt, Augen voll
+Geist. Verschenkte Blumen, grüßte, ließ einen Windhund springen. Trug
+keinen Hut, die Haare glühend über dem pockennarbigen Gesicht gescheitelt.
+Eine Quintrone neben ihm, Chinchilla über der Schulter, schmalen blauen
+Auges, auf hohen Beinen.
+
+Warf plötzlich die Quintrone ab. Benutzte einen Moment: Ging vor, ans
+Geländer, fuhr mit dem Tuch an die Stirn, knickte ohnmächtig gegen das
+Eisen, der Riese stieß einen kleinen Laut aus. In seinem Arm machte er die
+Augen auf, streckte sich lässig. Der Riese zog eine grüne Riechflasche,
+hielt den Arm rund, weich, damenhaft, den Kopf schräg. Er atmete rasch. Der
+Mischling Moki kam zu seinem Herrn, stützte den Roten. Der deutete aufs
+Meer, das violett erzitterte, drehte sich um: »Le Beau.« Lächelte.
+
+»Fribaurt«, sagte der Riese, sah nur den Diener. Le Beau lud den Riesen
+ein, zeigte ihm eine Sammlung Säbel. Ging mit ihm durch den Lesesaal, die
+Billardbälle. Gingen durch den Maschinensaal. Standen vor der schmiegsamen
+Wucht fressenden Metalls. Hörten die Pfiffe, schritten weiter. Ging mit ihm
+durch Regen übers Verdeck, sahen den Mond einschlucksen in grauen Brei, der
+innerlich geschwängert Blasen aufstieb, Ballone ins Meer setzte. Le Beau
+wickelte ihn ein, führte ihn im Kreis, in einer Spirale, streifte Moki,
+trieb ihn enger dem Willenspunkt zu, stieß ihn hinein.
+
+Verlor Fribaurt, polierte er die Nägel. Gewann er in Bakkarat, Poker,
+Sieben, erschien Moki, servierte Zigaretten, Schnaps, Tee. Fribaurt juckte
+die Haut, der Blick schweifte rechts, schweifte links, hatte keine
+Konzentration, leckte über des Dieners Schenkel. Das Spiel blätterte
+auseinander, die beste Karte schlug gegen ihn zurück. Verlor. Spielte
+Paroli. Blähte die Nüstern, sog die Luft ein, die ihn verwirrte. Verlor.
+Rannte in Paroli. Verlor. Moki verschwand lautlos. Die Summe addiert.
+Fribaurt erbleichte. Schrieb einen Wechsel, legte ihn herüber. Le Beau
+rührte ihn nicht an. Polierte die Nägel, sah Fribaurt starr in die Pupille,
+führte ihn bis an den Rand der Spirale, in die er ihn schlug. Stellte ihn
+neben das Zentrum, stieß ihn endlich hinein. Sagte leis drei Sätze,
+abgehackt, deutlich, akzentuiert wie ein Ausländer. Fribaurt erblaßte ein
+wenig unter der Hypnose des Klangs. Erhob sich.
+
+Nahm Daisy am Arm auf Deck wie eine Kusine. Die Namen fielen. Sie sah
+zwischen Pockennarben einen Blick, der elastisch in ihrem sich bog, ihn
+durchstieß, unter ihrem gestählten Zorn nicht brach. Von der harten,
+dunklen Stimme fielen Vokale mit glattem dunklem Wohllaut. Überrumpelt,
+gereizt sprang sie zum Englischen. Er folgte mit gleicher Gewandtheit, wie
+sein Körper, ihren führend, neben ihr ging, gebogen, nachgebend, hart,
+fordernd. Er stützte sich ein wenig auf den Stock. Ihr Schritt ward
+rascher, wogte auf und herab mit dem Schiffschaukeln. Er hielt. Über die
+Achsel sah sie zurück. Er beugte sich, hob ihr Tuch. »Holen Sie kalten
+Tee«. Es war heiß geworden. Er drehte um. Sie ging zur Kabine. Le Beau gab
+das Tablett dem Steward, warf sich in den Liegestuhl, wartete. In der Kühle
+kam sie herauf. Übersah ihn. Die Ablehnung traf ihn, verzog seinen Mund,
+lächelnd. Am Geländer spürte Daisy die Richtung eines Fächers, zog den
+Blick vom Rosafisch, der sprang, sah in die weiße Iris der Quintrone,
+während die Zähne hell sich öffneten. Sahen beide in das Aufzucken der
+Lichter, schlossen die Augen, sahen, wie das Schiff festlich, erhöht, auf
+eine Masse Lichter zufuhr, die höher wuchsen und stiegen und an ihnen
+vorbeiglitten. Die Dampfer tuteten, Lichtschnüre trennten sich, verblaßten.
+Fribaurt und Le Beau gingen vorbei. Die Kreolin neigte den Leib, sprach mit
+der ganzen Haut. Das Murmeln kam näher, spanische Missionsweiber
+psalmodierten, sahen in die Dämmerung, die fiel. Der Quibekaner flüsterte
+einer Frau zu, daß sie Regen beschwörten. Sie schrie auf. Er griff in der
+Dunkelheit fest in ihr volles Bein, damit die Bewegung ihn nicht verrate.
+Der Schrei deckte das Manöver. Am Schornstein applaudierten die Kanadier,
+sie gingen langsam hinüber.
+
+Da sah sie: im Kreuzschein der großen Signallaternen bewegten sich Fribaurt
+und Le Beau wie Ratten, mit Brustschild und Maske, florettierend
+gegeneinander. Le Beau lag wundervoll in der Hüfte, bewegte sich in der
+Lendenwage nach oben gedreht mit fesselloser Kraft. Stieß vor, im Angriff,
+schien plötzlich müde. Übersah die Quintrone, die mit aller Haut atmend in
+seinen Blickkreis kam. Warf nur einen Blick seitwärts, der dirigierte Moki
+hinter seinen Rücken ins vollste Licht. Seine hitzig kalte, fast brausende
+Geschmeidigkeit verwirrte sich immer mehr in dem weichen unberechenbar
+eleganten Schlag, den Fribaurt in zu seiner Größe und Breite erstaunlichen
+fast mit dem Handgelenk gefächerten Etüden heraufwarf. Plötzlich machte Le
+Beau eine stumme eindringliche Geste. Mokis Körper schälte sich
+bronzeschmal aus der Dämmerung. Beau entblöste die Brust, fing Fribaurts
+unsicher schwankende Spitze in letzter Sekunde auf, pfiff von unten die
+Gegenlage, schleuderte aufspritzend das Florett des Gegners in die surrende
+Dunkelheit. Legte Brustschild, Maske ab, sagte Fribaurt kalt
+Schmeichelhaftes. Drehte Wasser an, wusch die Hände. Hob plötzlich den
+Kopf.
+
+Sammelte das Gesicht zum erstenmal ganz, legte es in den Blick. Warf ihn
+mit einem wehenden Ruck herum, mitten in Daisys Gesicht. Entjungferte ihr
+Auge. Traf es mit einer Gewalt und Absicht in einer eindeutigen Sicherheit,
+daß sie wankte. Schmerz spürte, als durchstäche er sie. Ihr Blut aufflammen
+fühlte, zurückstürzen. In den Adern eine bäumende, auflösende Kraft. Sie
+gab den Blick nicht zurück, schloß über dem Vorgang die Lider herunter,
+ging mit dem Gefüllten rasch hinab, unsicher, überwältigt wie ein im Schlaf
+begattetes Tier, in der Haltung zart und süß, den Kopf mondhaft, nicht
+weinend, zur Seite gebogen.
+
+ * * *
+
+Sie schnitt ihn. Er übersah es. Sie brüskierte ihn. Er sah es nicht. Sie
+reizte ihn, brachte ihn zu keiner Äußerung. Sie traf ihn auf Vorderdeck,
+drehte um. Am Lunchsaal strich sie ihn fast, sprach abgewendet zum Steward.
+Fuhr in seinen Satz, sprengte die Gruppe, in der er stand. Zeigte ihm ein
+Maß der Ablehnung, das sie derart steigerte, daß er ein Lächeln einmal
+abends darauf gab. Sie setzte die Kiefer fest aufeinander, behandelte ihn
+gleichgültig, suchte seine Nähe, die sie gemieden. Frug ihn nach der Zeit,
+lachend nach dem Barometer, scherzend, als glaube sie, es sei von der Jagd,
+nach den Narben seines Gesichts. Er nahm es gleichmütig, erinnerte in
+nichts an etwas, das traumhaft hinter ihrem Leben nun stand, sie trennte
+von allem. Sie aufhob und ungestüm machte nach einer Entfaltung. Ihr Drang
+nach Geben und Zurückströmen des Gefüllten war so groß, daß selbst die
+nichtssagende Bewegung ihres Ganges, die Haltung ihrer Zigarette eine
+Zugehörigkeit und Verbindung mit ihm annahm. Ihr nebensächlichstes Wort
+hatte eine Umkleidung, das ihn stach. Ihr Gespräch mit anderen nahm
+Richtung auf ihn. Er blieb gleich, unberührbar in seiner Glätte.
+
+Sie wandte sich Fribaurt entgegen, holte den Klatsch herauf, trat ihn breit
+mit ihm, vermengte, versträhnte ihn, daß Le Beau schweigend hörte. Sie
+gähnte nicht mehr in des Riesen weibisches Gesicht. Holte neues heraus,
+Unerfindliches, Entferntes und breitete es hin. »Sie haben durch den Fächer
+bei der Quadrille einen Feind in meiner Familie. Mein Vater haßt Sie, daß
+er Sie fast liebt.« Sie lachte ein Lachen, das kein Lachen war. Das
+Schweigen neben ihr blieb. Sie lockte es nicht heraus. Sie übernahm sich im
+Grauen davor, schob Fribaurt in Dialoge, denen er kaum folgte, erreichte
+die Spitze des Erreichbaren: das Gespräch brach ab. Eine Pause fiel.
+
+Da machte Le Beau eine Bewegung. Moki begann auf der anderen Seite
+herumzulungern, glitt auf eine Bank. Fribaurt stotterte, zog den Hut,
+verschwand Ihr Alleinsein machte sie wortlos, verlegen, fühlte sich
+verloren. Was sie in ihn überleiten, ihm zurückgeben wollte, den Zwang
+. . . es bog sich herum, ward Leere und Fassungsloses in ihr. Sie wartete,
+daß er ihre Hilflosigkeit erkenne, benutze. Allein er schmiegte sich nicht
+hinein, ließ den Augenblick verklingen. Es kam eine Ruhe über sie. Ihre
+Hände ballten sich ein wenig zusammen. Er änderte seine Stimme nicht. In
+der Nacht hörte sie sie im Schlaf, sie stieg mit ihr herauf ins Erwachen.
+Sie bog die Beine herauf, legte das Gesicht darauf in schmerzhafter
+Umarmung. Da schlug ihr die Stimme heiß ins Gesicht aus jedem Knie.
+
+In ihre Augen, Schalen, legte er, was er wollte. Es war Schmiegsames,
+Zartes, das sich mischte mit Stahl. Auf ihr Gesicht schrieb er Vorgänge,
+ohne sie anzusehen. In sie hinein sprach er, ohne Widerstand. Nichts stieß
+ihm entgegen. Gewölbt stand ihm offen das Ganze. Er schmiegte sich hinein.
+Warf sein Leben hinaus ans Meer, es prallte zurück, umgab sie. Dämpfte das
+Gute, hob das Schwanken. Baute sich aus in ihr, langsam, gespannt, weich
+mit einer eindringlichen Unerbittlichkeit. Die Sonne ging in weißem Bogen.
+Lauschend bog sie sich über den Tisch. Langsam sammelte es sich bei ihm.
+Kam diesmal ohne Wucht, aber mit bis ans Schreien unterdrückter Süßigkeit.
+Er flüsterte zwei Worte. Sie gab den Blick langsam, schwer zurück. Nickte.
+
+Sie stand nachts auf. Es schlug zwei. Die Tür der Kreolin schloß sich, bei
+Fribaurt glitt es heraus, dunkel und braun, verschwand. Sie ging die Treppe
+hinauf, sagte die Nummer der Kabine mit weißen Lippen vor sich hin, suchte
+mit den Augen, den Händen in der Dämmerung des Korridors. Ihr Arm blieb
+stehen. Ihr Bein, magisch gezogen, ging unter ihr weiter. Ihre Haut glühte
+mit einem Ruck. Da hörte sie neben sich in der Nische ein Geräusch. Sie
+bückte sich, durch die Luke kam Nickellicht vom Wasser. Hinter Gittern
+kamen die roten Augen kleiner Hasen an sie heran. Ihr Finger berührte die
+bewegte Schnauze. »Go . . .« Die Tiere hoben sich, neigten sich herauf.
+Begannen sich zu bewegen im Ruf, der sie traf. Ihre Stimme aber kam auf sie
+zu, umfaßte sie selbst wie von anderen gesprochen, breitete sich in ihr aus
+und verließ sie wieder in Seligkeit und Erfüllung. Was vorging, was sich
+sammelte aus ihr heraus im Ton, der sie umschwamm, brachte Ruhe in sie.
+Trieb sie in eine Klarheit. Stellte irgendwo etwas auf, dem plötzlich alles
+in ihr wie an Fahnen hingeweht sich zubewegte. Ihr Blut spannte sich dem
+entgegen. Es ging über alles hinaus. Trieb darauf zu mit der Kraft und der
+Inbrunst des Ziels. Sie lächelte. Kehrte zurück, fiel in Schlaf wie Traum.
+
+Abgelenkt, vorbeigeführt innen an ihm, gab sie ihm die Hand. Keine Miene
+zeigt, daß ihn etwas enttäuschte, Unter den Sätzen warb seine Stimme um
+sie, um jeden, er blieb gleich. Sein katzenhaft gestraffter großer Körper
+blieb neben ihr. Hörner heulten aus dem gegen die Wellen trommelnden Abend.
+Blinkfeuer stachen kreuzend ins Licht. Aus Landduft quollen roh,
+verquatscht, Hupen. Die Räder gingen langsam, fielen zurück, die Mole hing
+voll Menschen gedrängt, wimmelnd, sich verlierend auf der tiefen Fläche.
+Unter den rücklaufenden Wogen schellten die Bojen los. Das Schiff stand. Da
+sprang plötzlich ihr Herz.
+
+Die Barkasse legte an. Zwischen gestapelten Koffern irrten Passagiere,
+auseinandergespritzt. Hände durchglitten ihre. Das Fräulein stieg auf der
+Treppe hinunter zum Wasser. Sie sah scharf nach dem Ufer. Es kam auf sie
+zu.
+
+Sie gab Le Beau die Hand. »Wohin?« Sie wußte es. Er sagte: Paris. Lächelte
+plötzlich: »Wohin fährt ein Franzose . . .« Sie lachte über die Schulter
+dem Reeling zu. Sie sah zurück: Versäumtes, Verfehltes lag auf seinem
+Gesicht plötzlich gesammelt, Schmerzhaftes zog es tief in ihn hinein. Es
+blieb. Verließ sie nicht. »Leben Sie wohl.« Wind bewegte sein rotes Haar.
+Den Hut unterm Arm. Von unten sah sie ihn am Geländer verschwimmen.
+Zwischen den weißen Hosen der Kapelle brach der flackernde Untergang auf.
+Die Musik spielte über der Sonne. Die Barkasse legte sich fest an Land.
+
+
+
+
+Der zweite Abschnitt
+
+
+Da war Berlin, sie erkrankte an Grippe, ihre Umgebung fürchtete den
+schlechten Ausgang. Sie genas. In Zackstrahlen von diesem runden
+Verharrungspunkt ausgeschleudert, durchschwebte sie die neuen Schichtungen.
+Das Fräulein führte die Liste der Stunden. Die Tabellen verengten sich,
+gingen bis in die Nacht. Man holte sie. Sie schob sich selbst in das
+Drängen. Bald stand ein Defilé vor dem Haus. Mit Holl ging sie in Lewinskys
+Generalproben. Vom Bazartee kam sie mit Rosen, die Zofe brachte das
+Abendkleid ins Bad. Das Fräulein reichte die Tabelle. Sie runzelte die
+Braue etwas hinauf. Verreiste. Böhmer, Below traf sie bei der Holmberg,
+überging sie. Erlebte den Skandal, als Männer auf der Nizzapromenade sich
+um deren weißbemaltes Fleisch schlugen. Drei davon starben. Andere hätten
+sich gewälzt vor Wonne. Fuhr weiter. Drang von Schicht zu Zelle, lächelte.
+Es gab keine Grenze, Geld, Wille machten vor ihr alles frei, sie folgte
+traumhaft. Bei Utö kam von der Regatta Symes herauf, schlenkerte im Sweater
+auf sie zu. Sie sah zuerst vorbei, traf plötzlich seine Gestalt, spürte in
+den Knien, im Auge den Schlag, erblaßte. Lief am Strand auf und ab abends,
+allein. Reiste zurück nach Nizza die Nacht.
+
+Bezauberte drei Tage von neuem die Holmberg, deren Hand schmeichelnd kam,
+fuhr mit ihr den Korso, dessen Blumenwoge symphonisch in den Himmelrand
+schlug. Ihr Blick hing fest irgendwo über ihr, zog etwas daraus fest in
+sich Die Gräfin fragte. Sie ward scheu, umschwebte mit dem Blick ihren
+Kopf, wich der Hand aus, verschwand. Sah in dem Parkfest eines dekadenten
+Mitteldeutschen Fürsten die Megrée auf gemeißelten Beinen kommen, auf einem
+Wallach, zwei Messer im Mund, abspringen, den Norweger Stefan umarmen,
+nicht tanzen, lachend abreiten. Der mit den eisernen Backenmuskeln wandte
+sich ruhig um, sah, überstürzte den Blick nach Daisy. Seit dem Tag war
+Stefan hinter ihr her, reiste Station auf Station nach, vermochte nicht zu
+bitten, versuchte einen Einbruch, setzte sich selbst herab, mußte sie unter
+Menschen ihn hören. Seine athletische Brust zuckte zurück vor ihrem grau
+geworfenen Auge. Sie sah ihn kaum. Sie gab sich hin, ließ sich aufnehmen
+wie willenlos, von diesem bald, von jenem Hauch. Kam es vom Meer, war es
+gut. Kam es vom Land war es gut. Ihr Gesicht selbst war verschleiert. Es
+war unsichtbar, was sich vollzog. Nur war das Obere deutlich nicht das
+Letzte. Etwas saß darunter, fest zusammengedrängt. Nur, je mehr sie sich
+dem Umstrahlenden anschloß, genoß, sog und hintertrieb, bedenkenlos die
+Stationen nahm, die sie umwölkten, war etwas in ihrer Hingebung, das sie
+dem so heftig Genahten tief entzog.
+
+Es schwankte herauf und herab in dem Treiben, bald obere, bald untere Welt,
+Fahnen und Wagen, auch Meer. Sah Heringsdorf, Menschen bogen sich,
+verkrampften den Blick, sahen in die Sonne, neigten die Hälse, flüsterten,
+trieben Neugier aufs Gesicht. Durch solch gewölbte Gasse kamen Heroen:
+Lyonel, Böhmer, Brandt, Below. Umzischelt, vertuscht, aufgerissen. Vorbei.
+Sie lenkte den Blick kühl darüber, er trieb nicht ab, blieb nicht haften,
+kein Drang schlug dort hinaus. Sicher fast, in die Höhe gehoben, blieb er
+dort. Haftete. Sie spielte einen Preis im Single heraus. Das Lächeln, das
+sie zerstreut dem Preisrichter gab, lief durch Revuen, machte ihr Gesicht
+bekannt. Darauf, in Zopott, trat im Doppel Stefan gegen sie. Machte ihr
+Fehler hin, sie nutzte nicht aus. Schlug erstaunliche Drifs, sie bewunderte
+nicht. Schlug einen Ball gegen ihren Schenkel, mit einem Wehlaut sank sie
+zusammen. Seine Entschuldigung lenkte den Blick an ihm vorbei. Gewalt
+gegenüber war sie eisig verschlossen. In München schwärmte sie unter herber
+südlicher Sonne einen Festabend. Unter der Dielentür sah sie Caspare Symes,
+er sah sie nicht. Da schwankte ihr Gesicht, an den Molen des Innern brach
+sich es, schäumte herum. Sie stieg hinauf. Nahm den Spiegel. Ungewisses,
+Zögerndes stand vor ihr, schlug dort hinaus, woher sie kam. Sie bog ihr
+Gesicht auf, lernte eine Bewegung, die es zurückschlug, was tastend offen
+stand, hinein fuhr in die Tiefe. Das Harte, Gespannte, sammelte sich
+dichter unter dem Schleier, ward reifer, fiel fast als Frucht schon heraus.
+
+Sie saß im Zirkus, wo Sägemehl und Pferdeschaum schwirrte. Mit Steinen um
+den verhaltenen Mund neben dem französischen Botschafter. Fuhr im Auto
+durch Eifel und Rhön, über Matten, zu den stählern gereckten
+Chausseebändern des Bennetrennen. Kinder, Frauen, hinter ihr her, hinter
+nie Gesehnem. Offiziere ritten neben ihr im Herbst. Im Lunapark verlor sie
+einen Ring, lachte. »Masseldoff«, flüsterte Holl. Sie sah zurück. Die Zeit
+staffelte sich darunter. Es ward klar. Was war das all? Nichts. Die Männer,
+es beschäftigte sie nicht. Hochmut sprang um den Mund, als sie aufsah. Was
+blieb, kannte sie.
+
+Noch blieb sie in der Schwebe, blieb sich gleich, hingegeben noch wie stets
+dem, was bereits vorbei war. Unbestimmbar so auf Straße, Wagen, Park.
+Verdichtet aber im Innern. Sie hörte Stimmen, vernahm Dinge, hörte Stefan,
+Holls Regie. Wohlig streckte sie sich darin, es ging sie nichts mehr an. In
+Christiansand an einer weißen Mauer entschloß sie sich plötzlich, bestimmte
+die Rückkehr. An der Reede, von einem Schiff steigend, das kam, traf sie
+Symes. Er grüßte. Ihr Gesicht blieb kalt, wie sie es sich gelehrt. Aber
+Ohnmacht überfiel sie, so straff hielt sie unnatürlich die Maske. Es schlug
+sie den Fahrtmittag nieder, erweichte ihr Gesicht, das mit den heißen
+Wellen ging und kam. Gegen Abend warf sie den Aufruhr in sich nieder.
+Erreichte den Punkt wieder, wo ihr Blut hinhielt. Hielt die Richtung ein,
+verschärfte sie sogar aus Trotz über die Abschwenkung. Warf alles zurück
+auf das Zentrum. Der Schleier fiel ab. Das Gesicht fiel reifer heraus,
+suchend, ruhig, bestimmt.
+
+In der Nacht kam sie an. Im Bett früh telephonierte sie nach Lewinsky. Er
+war nicht im Theater, nicht in der Wohnung. Sie hörte vom Diener, wo. Fuhr
+zu Guildendaal aufs Morgenfest im Park. Suchte die Wiese ab. Sah
+Perlhuhnhunde, des Einladers breite Glatze über Favorits, sah eine
+Polonaise am Teich. Darin am Ende Lewinsky. Da setzte sie sich beruhigt.
+Doch unterbrach ein Skandal. Es kam ein Anruf: die Megrée hatte sich
+erschossen. Man rottete sich zusammen. Holl eiferte gegen Stefan, hetzte
+fanatisch, jetzt noch in ihre tierhafte Anmut verliebt. Kam Stefan vorbei,
+schwiegen sie. Man hatte den Mut nicht, es ihm zu sagen. Fribaurt kniete
+neben ihr, erzählte den Fall das drittemal. Sie sah in den blauen
+Himmelausschnitt zwischen den Rotbuchen: wie feig sie waren. Sie sah
+deutlicher nach Stefan. Eine Stunde blieb sie, überflog die Versammelten,
+hielt Zusammenhang immer mit einem Kopf. Plötzlich ging Lewinsky, sie sah
+den Hut in seiner Hand. Da stand sie mit einemmal leicht auf. Sie legte,
+schon halb herumgewandt, die Hand mit unnachahmlicher Lässigkeit auf
+Stefans Schulter: »Die Megrée ist tot.« Ihr Gesicht war anders wie das, was
+sie sagte. Fern nach anderen Dingen gewandt, erhielt die helle Schärfe
+eines Vogels. Am Wagen blieb ihr Kleid etwas gerefft hängen. Man sah ihr
+Knie. Sie fuhr die Allee hinaus.
+
+Sie fuhr ein paarmal, um Zeit zu gewinnen, um das Viereck, nachdem Lewinsky
+vor ihr ausgestiegen. Ließ halten vor ihrer Villa, ging unter Flieder auf
+das gelb leuchtende Haus. Im Boudoir zog sie sich um, saß noch einige
+Minuten am Fenster. Über dem Kiesweg pflückte sie einen Zweig, schwang ihn
+hin und her. Der Gaul wieherte, als sie wieder losfuhr. Sie ließ sich nicht
+anmelden und wurde daraufhin abgelehnt. Da gab sie die Karte ab, die Türen
+gingen auf, im Arbeitszimmer stand Lewinsky, an ihr vorbei, ihn verlassend,
+ging Stefan. Sie stand an der Portiere und brachte Lewinsky aus der
+Fassung. Sie hatte ihn den Morgen getroffen, sich nicht annonciert, war
+plötzlich da. Sein Blick strich die Wände hinauf, da hingen große Männer
+seiner Zeit. Seine Haare waren in der Stirn geschnitten, er stieß mit der
+Zunge an, schlug die Arme über die herausfordernde Brust, um sicher zu
+scheinen. Er fragte, was sie will. Sie antwortet nicht, macht nur eine
+Bewegung, die sie ihm ganz öffnet. Erhebt ihre Stimme. Kein Mensch hat sie
+gehört. Sie fühlt sie schweben. Sie spricht eine halbe Stunde vor dem
+Gesicht, das an Höflichkeit aufrafft, was es kann. Sie fühlt die Vokale
+steigen, glänzen, singen. Es entspannt sich in ihr, vieles geht hinaus. Das
+Beste bleibt, ist gehemmt. Als sie eine halbe Stunde gesprochen hat, hebt
+sie das Auge auf zu ihm, erschrickt. »Es genügt nicht?« Er spaltet den Mund
+nach den Seiten, schaut herauf ihre Figur, herab. Kämpft einen Augenblick
+mit den Kinnmuskeln. Dann schüttelt er den Kopf.
+
+ * * *
+
+Viele Tage verließ sie das Haus nicht. Ihr Mut war so stark, daß der
+Mißerfolg sie nicht schlug, sie begriff ihn kaum. Er brachte sie nur
+deutlich zu sich, entfernte sie von dem Hin- und Herbewegen und legte sie
+fest. Sie sah durch das Straßenfenster, da ging gedämpft der städtische
+Verkehr der Grunewaldstraße, rasch, verwirrend, elegant. Sie ging zum
+andern, da war rauschender Park. Baumwipfel bogen sich im Wind ihr zu. Sie
+hob den Kopf entgegen dem Geräusch, hob ihm die Stimme entgegen. Es klang
+zusammen. Belebte sie, gab ihr Resonanz, sie kettete sich daran und bekam
+die Leichtigkeit, die sie selbst bezauberte und hinriß. Da war sie ganz
+enthalten in den Lauten, wenn sie allein sich preisgab dem Gefühl, das
+ausfloß. Da konnte sie Sätze biegen, Wonnen rauschen lassen in blanken
+Diphthongen, spielen mit Worten und ungefähren Dingen, die als Sternnebel
+um sie waren. Beglückt trat sie zurück.
+
+Am vierzehnten Tag fuhr sie zur Florath. Die wollte sie ablehnen, sah das
+gute Kupee unten stehen, ward neugierig, winkte, sie hereinzuführen. Sie
+lag mit gelockerten Beinen auf dem Diwan, musterte Daisy mit den runden
+Wolfsaugen, leckte die Lippen und führte beide Arme verführerisch nach den
+hell gemalten Haaren. Daisy begann, ohne sich zu setzen, sprach, nicht
+lang, aber eindringlich. Beim ersten Laut spürte sie, es fehle, es stoße
+neben hinaus, was sie wollte. Als sie ins Gesicht der Schauspielerin sah,
+stürzten ihr Tränen in die Augen. Alles verließ sie. Kein Mut, keine
+Sicherheit. Mit kindisch unsicherer Haltung raffte sie ein Taschentuch auf,
+das ihr gefallen, und als sie wieder stand, sagte sie nach unten hin: »Ich
+hatte mich nicht in der Gewalt.« Wieder suchte sie jenen Ton, den sie
+seither immer besaß, der ihr eigentümlich war wie ihre Hand. Sie glaubte,
+sie träfe ihn, begann von ihm aus sich aufzuschwingen. Als sie unsicher
+ward, half ihr der Trotz zu einer intensiven Kraft. Einmal stockte sie, sah
+die große Frau auf dem Diwan zusammengerollt, sie nickte ihr zu. Sie fuhr
+fort, schleifte es weiter und brach ab. Die Florath reckte die langen
+Beine, erhob sich, zog die Knie an, sagte mit ihrer schwärmerischen Stimme:
+»Gibt es denn nichts, was Sie sonst befriedigt . . .«, kam mit langen
+Schritten auf sie zu. Sie sah auf, wollte, was sich sprengte in ihr, sagen.
+Es kamen nur Tränen, sie stampfte ein wenig auf. Als sie den Arm der
+Florath im Nacken fühlte, wußte sie, daß jene sie mißverstand. Sie schwieg,
+verschloß in sich das Geheimnisvolle, das sie sofort wieder sicher machte.
+Demütigung, Verzweiflung bisher, nichts war umsonst gelebt, sie fühlte, es
+ward klar. Noch machte an der Tür die Florath eine Bewegung mit dem Kinn,
+das rätselhaft herabkam: »Die Welt ist voll Möglichkeiten, reizvollen, wenn
+Sie die Ihren suchen . . .«, die runden Wolfsaugen überglitten sie
+lächelnd, die Hand glitt über ihre Brust. Sie verneigte sich. Auf der
+Treppe ward sie wieder zäh wie vorher. Gelang dies auch nicht, sie spürte
+unbedingt, unauslöschlich die Stimme in sich An der Straßenecke stand Moki.
+Aus dem Laden trat Fribaurt, bedrängte, behing sie mit Geschwätz. Sie log
+ihm Krankheit vor, erklärte ihre Unsichtbarkeit damit, frug ihn, als er
+nicht wich, nach dem Diener. Er schmollte mit den Lippen, verschwand. Zu
+Haus fand sie einen Brief. Er riet ihr, zu Löw zu gehen. Rivale Lewinskys.
+Sie wußte nicht, von wem. Der Goldfischteich glänzte aus der hellen
+Dämmerung. Sie biß die Lippen zusammen über den Eingriff, der in ihr Leben
+kam, der Garten stand geweitet wie ein Flußtal, Fischflossen glänzten
+manchmal weich und rasch.
+
+Der Papagei schrie lang und heiser. Sie kraute die gesträubten
+Haubenfedern. Der Schnabel kreuzte sich, orangen und grün flimmerte es aus
+der Ecke: »Dogo . . . Dogo.« Sie wandte sich von ihm um. Nahm ein gepreßtes
+Buch, schlug es auf. Neben Lewinskys gesalbter Glattheit stand das
+wohlwollende menschliche Gesicht Löws. Es zog sie an. Sie sah auf den
+Boden. Im Garten, sangen Nachtvögel herauf, schwebten ihr mit Wind Flüstern
+entgegen und nassem Buschzeug aus dem Blau. Sie spürte, daß der Brief sie
+gut leiten wollte, zog den Finger aus den Blättern, empfand im Schließen,
+wie es sich in ihr spannte, und daß vor diesem Kreuzweg Ja und Nein des
+Lebens stand. Dann hatte sie etwas plötzlich, was alles vertrieb.
+
+Sie fuhr zu Lewinsky. Er hatte sie einmal besiegt. Zeigte, wie schön sie
+sei. Hinter der Höflichkeit reckte sich seine Macht. Er gab ihr ein anderes
+Buch. Sie wollte es zwingen. »Der Text ist nicht gut.« Ein anderes Spiel.
+Sie wechselte. Sie bäumte sich auf, klar und weitschweifend zu sein. Schon
+kämpfte sie gegen das Unfaßbare, da ging eine Tür hinter ihr, über den
+Spiegel huschte ein Schatten, eine dünne Bewegung. Es löste seine
+Oberfläche auf, er stand in Wellen, wurde tief und voll Horizont. Ein
+Springbrunn kam hereingeplätschert, ihr Mund spürte Blau und Goldregen und
+Baumbewegung. Es kam Geräusch der Ströme. Auf dem Ontario wogten Segel,
+hißten Fahnen, grüßten. Rührung und Hingabe legte sich in die Stimme, ward
+goldhell, posaunengroß, nun erlebte sich alles. Flog an den Drähten hinauf,
+sank zurück ins Blattgepischper. Trug eine Kraft, die schwoll und wuchs.
+Sprach zu den Tieren: Ihr Lieben. Zu den Weibern: ei welche Sonne da. Hatte
+den Ottawa im Traum, den Erddunst in den Nüstern der Vokale. Hatte ihr
+Herz. War voll. War da.
+
+Ihr Auge frug nicht, ihr Mund hatte kein: Genügts? Lewinskys Kopf war
+entblättert. Macht, Höflichkeit, jede Maske war weg. Um die Lippen stand
+eine grausame, bebende Linie. Angst, daß ihm dies entgehe. Er versprach,
+was sie wolle: Erfolg, Geld, Ruhm. Der Spiegelschatten kam aus dem Polster,
+Stefan brachte sie an die Tür, hatte Ersticktes in der Stimme: »Erhielten
+Sie meinen Brief?« Sie zögerte, sah Gesenktes an ihm, der Brief war gut.
+Dann hob sie schmal das Kinn: »Nein«. Er lachte heiser durch die Zähne. Ihr
+Blick blieb verwundert.
+
+Dies war der Durchbruch. Die Arbeit begann. Lewinsky zeigte klug, was ihr
+fehle, wie, was sie in sich trug, nur die Flamme war, die das Gerüst
+entzündete und in die obersten Logen der Erfolge trug. Das Gerüst war zu
+lernen. Sie sah ein, sie konnte noch nichts. Nun gab es nur dies. Von allem
+schnitt es sie ab. Keine Segelfahrten lockten, an keinem Zirkus entzündete
+sich die Lust nach dem Dampf der pochenden Pferdebäuche. Fort gingen die
+Bahnen, die Wagen. Sie blieb.
+
+Die Brauen bogen sich vor Spannung. Das I schärfte, jagte sie in den
+Plafond gegen Dogo, daß er flatterte und es zurückschrie. Das A baute sie
+zu Brücken, weiten Wölbungen, die funkelten vor Kuppelschwung und Material.
+Aus dem O kamen schwingende Trommeln, ferne Gewitterstürze, die erregten.
+Die Leidenschaften der Wälder, das Sichsagen der Leiber brannte aus dem U.
+Die Diphtonge glitten dazwischen. Sie trat ans Fenster, die Hände, die
+Brüste am Gitter.
+
+Ein Lehrer kam, der den ausländischen Akzent abschliff. Nach acht Tagen
+sagte die Zofe ihm, es sei genug. Lewinsky sandte andere. Sie verbrauchte
+viel und rasch. Fand sie, wo sie einhaken konnte, blieb sie zäh dabei. Das
+Regulieren von Zunge und Zähnen, das Siebenmaldurchsprechen der Rolle, bis
+die Figur sich entschälte, das Hartnäckige und Sichere, das war ihr Fall,
+dem blieb sie treu. Ein Lehrer wies ihr die Bewegung im Raum, teilte ihn
+geometrisch, wies ihr die Plätze dekorativ. Stellte ihr die Gebärden, zog
+eine Kurve. Sie sah vorbei. Er stülpte den Ärmel hoch, den Arm auf zur
+Ekstase. Sie machte es nach mit der Linken, die Rechte gähnte. »Wozu?«,
+frug sie Lewinsky mit ermüdeter Schmerzlichkeit. Da brachte er Statisten,
+belebte mit Fleisch, mit Blut das Zimmer, suchte durch Lebendes ihre
+Verwöhnung zu überwinden. Er machte ein Kabinettstück, bezauberte mit
+seiner eigenen Regie, hetzte das Zimmer, die Luft zu Drama. Sie lächelte.
+Sie nahm drei Stühle. Sowie sie aus sich selbst sich bewegte, kam Leben in
+das Holz, ward Aufruhr und Ergebung. Sie entflammte es. Er zog beleidigt
+die Unterlippe ein, grinste impertinent, als sie den Rücken kehrte. Ließ
+sie aber tun, was sie wollte. Überzeugt selbst über seine Eitelkeit hinaus.
+
+Einmal gönnte sie sich Erholung, als Dogo schrie, sie ihn im Hemd mit
+Tintenfischen fütterte auf der Veranda und die Morgenkühle ihr unter dem
+Leinen den Körper hinauf tastend lockte. Sie ritt mit Guildendaal und
+Rotbefrackten eine Allee hinauf. Die Hunde rannten Hasen nach im Gras. Von
+einer Pappelreihe her hob sich ein Staubkreisel, flackte über die Äcker und
+Weiden herbei. Als er die Allee berührte, fingen zwei Drosseln an zu
+schlagen, unaufhörlich. Da wandte sie um, trabte ohne Abschied herum, wie
+im Spiel, kam nach Haus, empfing von rückwärts in die Einsamkeit das
+Durchflogene, gab sich hin an das Wehen der Gräser, das Summen, Vorbereiten
+und dann dem Ansprung des jungen Winds, entfachte sie. Mit glücklichen
+großen Augen und einer ganz beschäftigten Stirn versank sie in die Arbeit.
+
+Besuche nahm sie nicht an. Selbst machte sie keine. Holl, da er Regie
+hatte, traf sie manchmal, doch wünschte sie Tips. Ging sie aus, war es mit
+Freude und Spannung schon auf die Rückkehr, wo die Distanz zur Arbeit sie
+frischer machte, angriffslustiger, heiterer im Spiel. Moki suchte ihr etwas
+zu überreichen, sie nahm es nicht. In einer Gartenstraße schlich ein Mann
+und riß an ihrem Beutel. Das kleine Messer aus dem Gürtel in der Hand,
+begann sie den Widerstand. Doch ließ sie fast im gleichen Augenblick den
+Beutel fahren, steckte das Messer ein. Sie hatte wichtigeres vor, um dies
+zu riskieren. Der Dieb lief. Sie kleidete sich um. Fuhr den Abend ins
+Theater der Florath. Die war nicht da in der ersten Szene. Im Hintergrund
+der Loge bereitete eine Frau sie vor, schilderte ihr Bein, ihren Busen.
+Ihre Laster. Da kam sie wie ein Tier, das Kleid schaukelte erregt um sie,
+als sei ein Abstand zwischen Haut und Kleid. Selbst im Unsichtbaren war ihr
+Körper entblößt. Es war, als säße ihre Seele in den Hüften. Alles strömte
+zusammen da, erhielt dort den Ausdruck der Verhaltenheit, der erregte bis
+zur Stummheit. Sie lächelte einen Mann zu Tod. Er verschwand mit seinem
+blonden Bart. Später dirigierte sie sich gegen einen Slawen mit
+Bauernschultern, an seiner Stumpfheit blieb sie hängen. Schwebte eine
+Herzspanne in der Luft, das Verhüllte knisterte um sie. Sie sog die Sprache
+in sich hinein, hinter dem Marmor leckte schon tosend die Glut. Die
+aalglatte Hüfte stand fast ruhig, sie spielte mit einer Dose. Ließ sie
+fallen. Bäumte, brüllte wie ein Tiger.
+
+Entsetzt, mitten in der Szene ging Daisy. Sie sah, was fehlte. Wie
+unheimlich jene mehr konnte wie sie. Lächelnd stumm in sich hinein, weil
+ihre Inbrunst größer war als die Routine der andern. Sie zog den Schluß:
+arbeitete heftiger, tief in die Nacht, schon gierig auf den Morgen.
+
+Doch war die Nacht auf ihr heißes Decolleté gefallen, die Grippe in der
+Nacht zurückgerollt. Weinend, fiebrig, schleppte sie sich zum Diwan. Da
+stand die Aufgabe. Sie konnte nicht. Die Zofe schellte den Arzt herbei. Er
+frug nach Schmerzen, hielt an langen gepflegten Nägeln das Hörrohr ihr an
+die Brust. Sie delirierte: »Sie kann die Übergänge . . .« Der Arzt neigte
+sich herunter: »Nehmen Sie alle zwei Stunden ein Pulver.« Abends zur Zofe
+sagte sie: »Nehmen Sie drei.«
+
+Achtundvierzig Stunden wimmerte sie, die Zofe verstand nichts. Am dritten
+Abend schlug sie die Augen auf, besann sich, bekam ein opaliges Licht
+hinein, wies auf ein Buch. Als sie es in der Hand hatte, fiel es ihr vor
+Schwäche heraus. Sie sagte: »Nehmen Sie vier.«
+
+»Es ist zu viel.«
+
+»Ich habe Eile«
+
+Am fünften Tag war Sonne. Am achten kam sie in den Garten. In Zweigen und
+Flüstern bewegten sich sanft und weich die Sätze. Die Melancholie der
+Boskette träumte gold umrahmt vom Mondlicht. Ihr Entzücken entlud sich
+unaufhörlich quellend, gleitend auf einer wundervollen Bahn, der die
+Nachtigallen sich anschlossen, die aus dem abgeschüttelten Schlaf sich mit
+aller Inbrunst entfalteten in ihrer Elegie.
+
+Fand im Garten, wo der Kies lehmig war, Spuren. Folgte mit dem Fräulein.
+Sie liefen durch den Busch zum Eisengitter. Sie zog an den goldgespitzten
+Lanzen. Drei gaben nach, machten ein Loch. Die Lanzetten waren
+angeschraubt. Nachts nun, wenn sie nicht schlief, ging auf der Straße der
+Schritt eines Passanten ruhelos auf und ab. Der Schritt gab Regen und
+Wolkenwind den Rhythmus, hallte, lief ohne Pause. Wo es schwarz war und
+undurchsichtig hinter dem Gebüsch, erschien ihr ein kreideweißes starrendes
+Gesicht manchmal, doch es war in ihr, sie sah es nicht nur draußen. Bei
+einer Pfütze blieb sie stehen, der Regenbogen darüber entführte sie, mit
+geröteten Wangen wickelte sich ihr auf ein Strom von Bildern, die zogen.
+Sie kehrte sich scheu ab. Holl warf das Mädchen an die Wand, stürzte
+herein, in jeder Hand Orchideen, verzweifelt, weil man ihn abwies. Sie
+öffnete die Fenster hinter ihm, das Szenenhafte nahm der Luft die Ruhe.
+Vaudreuil schrieb: Schlug Wechsel ihr vor, baute Pläne auf, was sie sehen,
+nehmen solle. Syg reiste nach Ägypten, kam an den Hafenstädten vorüber. Sie
+konnte mit. Es hob sich schmeichelnd vor ihr, die Schwester und der Bogen,
+der die Ferne einfügte in den Punkt, wo die Sehnsucht in ihr sich staute.
+Sie schluchzte eine Nacht. Dann war es vorbei. Sie ließ einen Hund in den
+Garten setzen, streichelte ihn und führte ihn am Gitter entlang. Die Spur
+ihrer Hände an ihm war noch nicht warm, da war er schon verschwunden. Sie
+empfing Lewinsky nach ihrer Krankheit erstmals, sprach nicht von dem
+Nächsten, der Arbeit, der Hoffnung mit ihm, sondern erzählte ihm, was all
+wünsche, sie zu entführen. Sein Augapfel ward grün, das Gesicht schwammig.
+Sie zeigte ihm die Gartenspuren. Er zuckte die Achseln: junge Leute
+schwärmten für sie. Er erzählte diese Geschichte, jene Geschichte. Erwärmte
+sich Sie sah ihm fest, forschend unter die Stirn. Dann schwamm es weiter,
+dies und alles. Sie warf sich der Arbeit hin.
+
+Holte kleine Kinder, die an Konditoreien die Nase platt drückten, erfragte
+sie, erfüllte sie, nahm die Laute auf. Nahm von der Straße einen Bettler
+herauf, setzte ihn an ihren Speisetisch, wühlte in ihm. »Warum haben Sie
+Furcht?«, frug sie erstaunt. Erregt mit sich selbst redend, machte der sich
+pulde. Sie eilte ihm verständnislos nach, er war schon fern, sprang und
+lief.
+
+Um zwölf Uhr schlief sie ein. Sie hatte Begeisterung auf der Zunge. Um Fünf
+erwachte sie. Alles war blöd und idiotisch. Schlaff sank sie zurück. Um
+Acht erhob sie sich, holte Frische und Lust aus dem Muster des Teppichs,
+dem Ton der Tapete. Im Schwanken erfuhr sie die Grenzen, erfuhr sie den
+Arbeitssinn. Stellte fest, wie weit sie vorkam, wie stark manches sie
+zurückwarf. Sie bemühte sich und erkannte, je näher sie kam einem Ziel, wie
+größere dahinter standen. Ihre Kindheit kam manchmal, rührte sie zu weichen
+Klängen. Manchmal fehlte sie, der Ton ging leer, verpuffte. Hatte sie etwas
+sicher, war es schon nicht mehr von Bedeutung, denn ein anderes hemmte. Sie
+lernte aus jedem Erfolg erst die rastlose Verantwortung, die Verpflichtung
+der Erfolge, das ungeheure kreisende Räderspiel der Kräfte, die sich
+bedingten und steigerten in einer nicht meßbaren Form. Sie sah, daß Ziel
+kein Punkt war und kein Ende, sondern nur Etappe, nur Weg, nur ein Stück
+der endlosen Bemühung, daß die Aufgabe wachse mit der Potenz der Kraft. Am
+Versagen spürte sie, was es bedeute genau wie beim Erreichen: heißer,
+heftiger zu streben. Aber manchmal, wenn nichts den Ausdruck ihr brachte,
+geschah das Wunderbare und Unerklärliche. Von dem Wind, von dem Grastau kam
+es. Von dem Teich stieg es auf die Veranda, vom Himmelabschnitt über der
+Ulme sank es blau und bebend. Da war es. Unverlangt und unerbeten. Es war
+da. Es umflockte sie hell, blau, klar und alles berührend, was sich danach
+in ihr streckte und sehnte. Das war das Äußerste und rauschte sie auf wie
+einen Baum.
+
+Die Leistung atmete sich fort, ohne Gespräch, ohne Leitung. Das Geschaffene
+drang durch die Poren des Raums, durch die Straßen, die Stadt. Die Leistung
+erhielt die Ausbreitung, die Durchschlagkraft jeder Tat. Die Florath lud
+sie ein. Sie ging nicht. Lewinsky bat sie, sie kam. Bei Tisch warf Stefan
+Böhmer, der neben ihr saß, ein Billett zu. Nach drei Tagen erschoß er ihn.
+Das Lächeln, mit dem Böhmer das Papier geöffnet, begleitete sie einige
+Tage. Doch kam sie darüber, leicht, als sie sich bemühte, hinein in den
+Strom, der sie führte und weiterspielte. Erklomm solche Ausdehnung und
+Tiefe in ihm, daß Lewinsky den Schlußstrich zog. Er bereitete das erste
+Auftreten, legte Listen der Geladenen vor. Sie war glücklich den Tag, weich
+durch das Erreichte, spielte mit seinen Gästen, saß mit Holl bei Pharao,
+und, als sich vor Neid ihm die gebrannten Locken lösten, mit Fribaurt bei
+Quarante-et-un. Am Bassin traf sie auf Stefan. Er war versunken. Er hatte
+bis zum dreißigsten Jahr gekämpft, gelebt, zugeschlagen. Hatte die
+Kinnbacken angezogen, war damit über alles getreten, hatte alles sich, jede
+Laune, das Verbrecherische, Wüste zugebilligt. War wie ein Eber nach ihrem
+Leben gesprungen. Doch dieser Zug ging in die Luft. Er traf nichts. Stand
+erschüttert, verzaubert vor dem Widerstand. Sein Leben fiel von der Achse,
+formte sich darunter um, erhielt eine neue Einstellung. Es ging ums Ganze.
+Sein Auge drehte sich, besann sich. Hier war die Entscheidung. Er wollte
+sie erzwingen. Umlagerte sie von allen Seiten, spielte jede Note, die er
+beherrschte, zum Erfolg. Sie sah es nicht. Sie ging an ihm vorüber am
+Bassin. Er holte sie ein. »Ich war der Bettler.« Zerriß ihren Weg. Es war
+spielerisch, was sie unternahm. Sie gab nicht dem Elenden, half nicht dem
+Gestank. Sie durchforschte ihn nur und das war ihm widerlich. Sie trat
+zurück, wütend. Da sah sie an seiner Haltung: es war gut, was er wollte.
+Hinter ihm trat hervor, was er geleistet: er war das Gesicht in den
+Büschen, die Spur im Garten. An seinem Knie rieb sich der verschwundene
+Hund. Sie spürte die Kraft, die auf ihr Ziel eindrang, es formen wollte,
+abreißen, hinüberzwingen zu sich Es kam mit Beherrschung, gezähmt zu Güte
+fast, es machte sie aufsehn, bedenken, es rührte sie, sie reichte ihm zum
+Ausgleich etwas zurück, eine Lüge, einen Trotz: »Ich danke für Ihren
+Brief.« Langsam, leis. Es beeindruckte sie tief, wie er es nahm. Aber im
+gleichen Augenblick war nie der Widerstand stärker gegen das, was männlich
+sie hemmte, den Weg kreuzte. Sie hob sich, fast wild, übersprang es, schlug
+es zurück. Es blieb im Boskett, als sie darüber war. Kühle, Befreiung kam.
+Wie klar die Luft. Weich hingegeben, vom Erfolg und Sicherheit empfänglich
+und aufnehmend gemacht, sog sie Hyazinthen ein, die toll aufdufteten. Da
+sah sie zwischen Lampions einen Mann. Caspare Symes. Der Garten stürzte
+hell mit einer Flut Apfelbäume in die Nacht.
+
+Aus ihrer Brust riß alles mit. Die Knie standen eng aneinander. Alles war
+Bewegung aus ihr hinaus. Nur sein dunkler Kopf kam. Sie nahm ihn auf, in
+die Hände, öffnete die hochmütigen Lippen. Sein Mund war schmal, weich. Sie
+gingen, es gab keine Leidenschaft, keinen Zorn. »Caspare«. Der Garten
+glättete sich in der Lichtwelle. Besinnungslos hing die Minute um sie, kam
+auf sie zu. Alles bot sich an, voll Glück. Die Büsche stiegen in
+dunkelrotem Ring bis zum Goldbogen auf. Die Äste flammten mit einem Netz
+von seidenen Strahlen an den Lauben. Die Schläfen lagen fest aneinander. Es
+kam die Obstflut. Da fielen Blüten ins Gras ohne Pause. Es war der Fall
+seines Bluts, das von der Ader seiner Schläfe herübersprang. Ihr Blut hörte
+auf und setzte in seinen Takt ein. In diesen Bogen spannte sich alles ein,
+das Ende sah sie nicht, aber sie spürte, daß es gegen den Rand ihres Lebens
+hinunter sich neigte. Aber von der anderen Seite kam zum erstenmal wieder
+die Jugend herauf. Unbefangen, ganz das Ohr erfüllt, kam von fern die
+Lawine des Ottava und die Flöße. Der Ontario schliff sich blau mit
+wiegenden Segeln. Dazwischen stand die Sekunde, in der sie atmete, als sei
+sie dem Vergangenen zugehörig. Da fielen die Rosaenden der Blüten sanft
+herab, die Erde wogte mit Wurzeln innen entgegen. Und die Bäume bewegten
+sich nach dem Tempo ihres Atems. So war durch das Blut, das zusammen floß,
+diese Zeit und die andere vereinigt. Das unbefangene Glück der Kindheit zog
+an diesem Glück, zog es hinüber, als sei es abgeklärt, schön geworden und
+still. Sie schloß die Augen, ein Arm faßte fest um ihre Brust.
+
+Sie wimmerte, stieß den Fuß auf, beugte den Leib nach vorn, zog ihn zurück,
+drückte den Nacken ein paar mal zum Rücken. Dann riß sie sich los, öffnete
+die Lider, lief den Kiesweg hinauf, das Tor. Sie sprang in den Wagen, der
+zuerst stand. Ein lahmer Klepper. Sie weinte, brüllte in das Tuch des
+Kleids. Der Horizont war angefüllt von einem Donner: Caspare . . . es würde
+klingen bis in die letzte Süßigkeit alles, was noch kommen konnte. Sie
+hielt nicht an, fuhr weiter. Ihr Garten kam. Ihr Zimmer. Die Onyxschale mit
+den drei Kugeln, es stach stumm wie von Augen nach ihr. Der Park grollte
+den Wipfelwurf ihr zu: den Namen. Die Spiegel fauchten ihn ihr zu. Sie
+zuckte die Schenkel, legte die Stirn ans Glas. Verloren. Bis in die
+Todesstunde nicht einzuholen. Sie lächelte: es war nicht gewesen, war
+drüben vor sich gegangen, wo alles lag, was schön war, sie befreite, die
+Jugend. Bis in das Ende des Haares, bis in die Höhle der Achseln empfand
+sie: dies war das Höchste, ihr Glück. Träumte sie es zurück, lag
+tausendfach Geschichtetes dazwischen. Noch unerreichbar, Arbeit und
+Erlösung und Bemühung lagen vor die Möglichkeit allein geschichtet.
+Irgendwo wie ein Lichtkegel öffnete diese Sekunde die Ruhe, das Später,
+oder vielmehr das Zurück, den einzigen Glückszustand, als die Ströme das
+Kind umrauschten. Es war so weit, daß sie die Sekunde kaum noch mit dem
+Bewußtsein erreichte.
+
+Sie stellte drei Stühle auf. Gab jedem einen Partner. Erhob sich daran,
+aber mußte sich bald unterbrechen, denn die Tränen kamen mit einer wilden
+Wucht, die sie umwarf. Sie lag nur und weinte. Erst nach Stunden, gegen
+Morgen, gewann sie die grausame Ruhe, die nötig war zu solchem Gespräch.
+
+ * * *
+
+Das gab Öl in die Sätze, Mark in das Wort, die große Kraft in die Bewegung.
+Das machte einen Boden, aus dem das Spiel der letzten Tage reif und sehr
+süchtig schoß. Sie probte den Tag vorher, in einer saftigen Linie lag der
+Akt. Sie war gefüllt mit Zufriedenheit, ohne Triumph. Am Abend kamen ihr
+die Köpfe des Parketts wie ein Strudel entgegen. Sie ging vor ein Bild, vor
+einen Boudoirtisch, nahm die Puderquaste, ihr Körper rauschte sehnig und
+voll gedrängtem Saft. Als sie zu sprechen begann, verließ sie etwas.
+
+Sie starrte in den Raum, faßte sich, sprach weiter. Sie ließ den
+Silberstift, das Spiel ging nun in Tragödie. Sie machte den Aufschwung.
+Aber unter dem, was geschah, hörte sie dumpf, daß ihr entflog, was sie
+suchte. Der dunkle Ton, der Erguß, das selige Gefühl des Hingegebenhabens
+in die Worte . . . es fehlte. Sie suchte. Fand es nicht. Die Stimme flog
+voll Schmerz, aber das Blut spielte nicht mit.
+
+Sie wartete, verzweifelt. Sie zwang es. Ging auf und ab, ganz neu und
+unerwartet. Warf Worte ein, die der Text nicht hatte. Die Taille verjüngte
+sich zu einer Wildheit, die die schmächtige Szene anriß und dehnte. Die
+Souffleuse hustetete, verwirrt. Ihr Bein stand federnd, abgezeichnet im
+Kleid, ins bleiche Gesicht des Partners drang sie vor, zerstörte es. Brach
+mit Leidenschaft ein in das schwankende Schicksal, die die Gefühlshöhe
+erweiterte, ihren Ausbruch und die Dichtung abhob. Grenzenloser wurde unter
+ihr das Leere.
+
+Dabei spürte sie, ihr Spiel war gut. Augen hefteten sich gefesselt daran.
+Atmosphäre der Erregung band sie an das Parkett. Es genügte nicht. Eine
+Traurigkeit, die ihr Bewußtsein nicht traf, da es spielte, das es ahnte
+aber, wölkte wie unter ihren Füßen herauf. Sie brachte es fertig, nebenher
+zu denken, zu wünschen und herzurufen, was die Inbrunst wecken konnte. Was
+ihr Schönes seither gegeben, Zärtlichkeit, Pa und Syg und Brown und das
+Porzellanschiff. Es blieb entfernt. Ihr Gehör verdoppelte sich, sie vernahm
+sich selbst. Ihr Auge schärfte sich, sie sah sich spielen. Das Bewußtsein
+spaltete sich, war nur zur Hälfte beteiligt. Da spielte sie. Dort sah sie
+Köpfe, beschaute es müßig: Die Florath, vorgebeugt, der Kopf eine schamlose
+Entblößung. Fribaurt mit weibischem Lächeln gebannt an ihr Bein.
+Guildendaal, über den Favorits Froschaugen, Holls nervöse spielerische
+Stirn. Sie sah, sie hatte sie im Bann. Doch sie selbst, sie selbst . . . Es
+sank ab vor ihr, verschwand in der Tiefe. Ein Riß ging durch sie, doch sie
+verstand. Sie spielte die Szene zu Ende, sie steigerte sich, schmiß die
+Effekte, sah den Erfolg in der Pupille der Florath. Aber in einer
+Traurigkeit, die ihr Herz erreichte, wußte sie, es genügte nicht. Der große
+Ruf versagte. Es war vorbei.
+
+Was war ihr Beifall? Erfolg? Nichts drängte sich dazu. Sie wollte, daß ihr
+Spiel ihr inneres Wesen erfülle. Daß sich darin restlos und ohne
+Sehnsuchtsrest ergieße, was sich aus ihr hob und senkte, was sie gegen das
+Meer getrieben und darüber geführt. Sie suchte, daß es in ihr klar werde.
+Nicht daß sie nach außen Wirkungen leiste, deren Sinn sie nicht faßte. Dies
+war ohne Bedeutung. Es zählte nicht. Und nun begriff sie, daß nicht zu
+zwingen sei, was vor den Menschen sich versagte. Es war das Wunderbare, das
+aus der Mondnacht, am Fluß und aus den Büschen manchmal schwankte und sie
+erhob bis an die Spitze der Sehnsucht. So umflog es sie. Aber sie hatte
+keinen Teil. Was in rollenden Kreisen sehnsüchtig, lockend und treibend vor
+ihr sich schwemmte, das war noch nicht gefüllt. Doch dies da war nicht der
+Weg. Umsonst. Vorbei.
+
+Es stürzte ab mit jähem Ruck. Wehmütig kam es, für was sie sich bemüht. Das
+Erwachen am Morgen, die Seligkeit des Schaffens, die Befriedigung und der
+Stolz. Es war noch nicht am Ende. Irgendwo lag es, noch unfaßbar. Blieb ein
+Zwiegespräch zwischen ihr und der Ulme. Weiter nichts. Kein Ziel, keine
+Erfüllung. Ein Irrtum der Weg. Verworfen. Was erfolgreich daran war, hatte
+für sie keinen Sinn.
+
+So entzog sie sich dem Beifall, entriß sich den Menschen, sah Lewinskys
+gerötetes Gesicht, kam durch den Seiteneingang ins Vestibül, auf die
+Straße. Ging weiter. Menschen quollen aus Toren, Gehsteigen, Häusern.
+Hindurch. Sie hielt nicht. Es röchelte neben ihr. Ein Pferd. Sie strich ihm
+über die Stirn. Ein Licht schien grell heraus. Im Spalt saß ein Paar, sie
+weinte, er senkte den Nacken. Die Steife blieb um ihren Mund. Dennoch
+empfand sie, daß sie mit nichts tiefer verbunden als diesen beiden. Ein
+Strom faßte sich an von ihr zu ihnen. Und zurück. Eine Sekunde empfand sie
+den Anschluß, das Mitleid, es löste sie fast aus. Doch es währte nur kurz.
+War noch nicht so weit. Eiskalt vor Schmerz ging sie weiter, bis an den
+Rand gefüllt mit sich selbst, verschlossen wieder. Sie hatte einundzwanzig
+Jahre, die Brust war herrlich, der Körper braun, schlank, schön. Sie begann
+zu laufen. Alles fiel von ihr ab. Nur der Geruch ihrer Möbel, die Wände
+ihres Zimmers lockten, waren da, waren ein Punkt, der stützte, wohltat,
+barg. Im Vestibül saß das Fräulein und stickte. Sie hielt kurz an bei der
+Pforte. Dann ging sie langsam auf das blonde Geschöpf zu, fiel hin, tat den
+Kopf in ihre Knie. Die Schultern zuckten.
+
+Das Fräulein saß da, die Beine auseinandergerissen. Das Gesicht von nichts
+tief gezeichnet, blöd und sinnig, an dünner Sehnsucht erstickt. Sie war
+übersehen im Leben, zu einem Bündel gemacht, das Mitleid umspülte,
+Verachtung, kleiner Lohn. Kompost für Überfluß, häßlicher armer Lappen.
+Badete nicht täglich, war schlecht gekleidet, roch nach Korsett. In ihrem
+Gesicht entbrannte ein Staunen: »Auch sie muß weinen.« Dumm sah sie in die
+Luft, stierte, faßte es nicht. Doch vom Elend einer Kreatur gereizt,
+gerührt, beginnt der ganze Erdball aufzuzucken, mitzuleiden. Sie heulte
+nicht. Es ging in die Hände. Die strichen sehr zart über den Kopf zwischen
+ihren spitzen Knien. Falteten die Strähnen auseinander, legten alles von
+ihr selbst Vernachlässigte, Versäumte in die Bewegung, flochten Zöpfe,
+berührten das Haar als seis ein Kind. So kam die Liebe über sie. Die Zunge
+machte einen Ruck, machte den Zug der Nurse, schnalzte, wiegte die Hüften,
+summte: »Do . . . do . . . do . . . Daisy.« Pfiffs auf den Zähnen. Eine
+Sehnsucht gebar sich riesengroß. Wollte gern ihren Backen an Daisys Wange
+legen. Aber rührte sich nicht, obwohls nie heißer in ihr gezündet. Wagte es
+nicht. Tat es nicht. Sie brachte das Mädchen hinüber, machte Licht, zog es
+aus, legte es ins Bett. Löschte das Licht. Morgens fuhr Daisy ans Meer.
+
+ * * *
+
+Windstille war. An den zweitausend Metern Grundschnur fuhren Kähne raus,
+man zog die Angeln an, warf die Kabeljaus ins Boot. Zwei große Ewer hielten
+die Schleppnetze ein, ließen Bramsegel vor den Wind fallen, kamen gegen
+Land, hochgeschwebt. Seeschwalben überjagten Steingebröckel, zuckten am
+Wasser, hakten mit gebogenen Schnäbeln: griä. Jüns hielt eine geschwollene
+Aalmutter in der Faust, drückte den Bauch, spritzte durch den Eiergang
+junge Zentimeterfische, eins nach dem andern. Sie waren durchsichtig und
+quallig, ein Darm ging durch und Aderfäden. Sie lachte mit ihm. Wind ging
+den Abend los, pfiff leis, klatschte an, strudelte schon hundert Meter hohe
+Pfeifen und Rollen. Krebse schoben über Miesmuschelkolonien, rolzten,
+ballten sich, schossen hinunter. Regenpfeifer sausten über den Sand.
+Hahnenfuß und Binsenkraut verschlangen sich Die feigen Sturmvögel
+klatschten sich an Häuser und Raine. Strandnelken und Butterloch knallten
+gegen Dünengras, die Weidenstümpfe. Die Wimmermöve schlägt an, der
+korallenrote Schnabel fliegt vor dem samtdunklen Kopf, ehs dunkelt hört
+sich nur noch ihr Schrein: gräik . . . gra . . . ik. Das Meer steht toll
+verliebt die Nacht vorm Gedün, dehnt sich und schlägt hinten am Horizont
+sich fest, beißt dann ans Land, türmt sich haushoch davor. Die Bäume im
+Binnenland liegen platt am Boden, die Amseln haben sich verkrochen in
+Mauslöcher und Ritzen. Die Keller stecken voll Fledermäuse. Das faulende
+Leberzeug der Maischollen duftet weg. Die Fenster sind geschlossen,
+Kugelblitze laufen über die Dünung, die weißkochend vor dem zerwühlten
+Meerbauch hängt. Daisy legt sich. Die Nacht spielt das Getös geil mit ihrem
+Bein, ihrem Ohr, treibt in ihr Blut. Die Kiesel knirschen draus ineinander.
+
+Von einer hellen Flamme ist der Tag aufgerissen. Es ist der Wind, der blau,
+böig, bleibt. Es gibt Lärm, Stimmrufen. Ein Schellfischkahn, der getrieben,
+will beilegen. Es gelingt nicht. Sie stehen mit hochgekrämpten Hosen bis an
+die Hoden im Wasser, schreien und hantieren und es wird nichts draus. Sie
+kämpft sich durch den Wind gegen das Meer runter. Sie kommt durchs Getümpel
+noch geschützt, muß aber Schuhe, Strümpfe zurücklassen. An den Erlen hängt
+das Wassermerk fest, Berle und Hahnenfuß liegt klatschnaß. Im flachen Sand
+faßt der Wind sie, reißt unter die Röcke, nimmt sie vor, gattet sich an
+sie, schont den Busen nicht. Sie läuft gerötet durch die Tümpel. Taufrösche
+verschwinden schweigend, murren, grunzen hinterher. Feuerkröten wie aus
+einer Glasglocke donnern: ku . . . uh, lassen die angewachsene kreisrunde
+Zunge auf dem Paukenfell schlagen. Wasserläufer gleiten wie auf der Eisbahn
+über die Pfützen, in denen Flohkrebse, Steinsack, Laich liegt. Sie steigt,
+hält sich an Gras, versinkt im Sand, hält sich an Hahnenkamm, gelber
+Stranddistel. Wie sie den Kopf über den Damm hebt, kocht das Meer, rast
+drauf besinnungslos unter ganz blauem Himmel. Sie steigt gänzlich hinauf,
+bekommt einen Windschlag, springt hoch, lacht, fällt um, rollt zurück.
+Triebsand rutscht nach, verschüttet Knoblauchkröten unten, die wie Katzen
+jammern, sehr bunt waren. Eine Möve ist vom Sturm erschlagen worden. Zwölf
+Federn am Schwanz, die Brust pelzig im Gefieder. Der Wind hält durch, kommt
+jetzt vom Land, stößt das brüllende Wasser zurück.
+
+Jüns wirft eine Muschel hin. Sie haben in dem Fischhaufen, Makrelen,
+Goldbutten, Affheringen, Schollen Aufruhr bemerkt, einen Seewolf mit
+grünlichen Jungen im Tang entdeckt. Voll rasender Wut wirft er sich, mit
+dem Schwanz hauend, herüber, beißt knackend die Muschel auf. Die
+Fischhaufen laufen schwammig aus, kriechen zum Strand und blenden mit den
+Schollenflecken. Die Milcher strotzen von Samen, die Weiber haben den Bauch
+voll Eier. Das Schellfischfleisch ist heller und weißer als das Fettbraun
+der Dorsche. Frauen heben den aufgestülpten Arm aus den Bütten. Kinder
+schmeißen die Körper in Kästen, hängen die Eingeweide an Angeln, fangen
+unter Wasser andere damit. Der Wind läßt nicht nach. Die Seeschwalben
+taumeln in Rudeln hoch. Der Strand ist freigeblasen.
+
+Die Männer stechen draus Butten, Jungens hüpfen von Tümpel zu Tümpel und
+sammeln auf. Im Sand ist in der Ebbe viel geblieben. Froschkraut tastet
+wieder nach Grund, zuckt die Wurzeln zum Boden. Sattelmuscheln liegen fest,
+Wandermuscheln und wie Eier Steinbohrer. Das Wasser hat sich so gesenkt,
+daß die Pfahlgruppen von Ellern mit unsichtbaren Gärten auftauchen, von
+Miesmuscheln im Gezweig bedeckt. Schon fahren Kähne, die die Bäume
+aufzuziehen. Ein Taschenkrebs hängt an einem Rogen, schmaust, die Asseln
+zappeln da und dort. Das Riedohr stellt sich. Dahinter brummen die Kühe,
+die Körbe voll Kabeljauköpfen aufgeschüttet riechen, kauen und fressen.
+Schon stehen Segel drauf, Leberblumen fachen sich an, werden hell, trocken
+und sinken zurück. Sie geht nun durch Tang, Linsen. Seegras dörrt
+losgerissen unter der weiß und hoch stehenden Sonne. Sie kommt um die Düne.
+Nun hat sie weißen Sand unterm Fuß, der braunrosa sich eindrückt. Moosenten
+fallen hinter ihr ab. Auf den Granitklippen stehen blau und rot Gerüste. An
+Schwänzen hängen Fische in Bündeln daran, klinkern singend im Wind. Sie
+kommt an die Nehrung, muß steigen, fällt. Der kleine Schmerz macht sie
+irgendwie verrückt. Sie macht die Arme weit auf, preßt sie an die Seiten.
+Lachmöwen gauzen los. Eine Sturzentenschnur, blaugrün und weiß rauscht auf,
+zischt noch fern: rädzsch -- -- -- räb . . . wek. Da steht alles voll
+Tümpeln. Im Schlick lauern eingebuddelte Klieschen auf die Flut. Die
+flachen Bäuche wackeln im Flugsand. Die nach oben verschmitzt stehenden
+Augen zucken mit der Stikhaut, verschleiert. Sie kniet, schaut hinein: sie
+sind grau. Ihr Auge fällt in sie zurück. Sie hält das Tuch darüber: sie
+sind weiß. Die Uhr: sie sind gold. Hinter ihr gehen Raben herunter, hacken
+sie auf. Landkrabben nehmen Deckung, graben sich im Sand vor, greifen mit
+den Klauen die Sandhupfer. Sie lacht. Ein Faß steht da und Jüns mit
+Merlans, weißblitzenden Bäuchen. Hinter der Bucht liegen Raubschwalben, wie
+nachts, betäubt vom Wind mit ausgebreiteten Flügeln im erwärmten Sand. Nun
+stoßen sie hoch. Alles schwebt nachher, auch das Wasser schwebt in der
+Sonne, die es wie von unten her hochschaukelt und hält. Es wird groß und
+unermeßlich am Knick. Wie sie es so sieht, zum erstenmal wieder, ist sie
+klar und frisch. Gleichgewicht durchbricht ihren Aderngang, die
+Enttäuschung ist weg, der Wind war an ihr, hat in den Saft gegriffen. Die
+Warzen tun ihr weh. Sie neigt plötzlich sich zurück. Was an Hals zum
+Vorschein kommt, ist heller wie all andere Haut an ihr. Sie faßt hinter
+sich einen Baum. Der Rücken lehnt daran. Schon tritt der Saft, der nach
+oben rauscht, in ihr Blut. Die Hüften fangen an, eine Bewegung zu bekommen,
+werden entdeckt, glühen etwas. An der Schlankheit des Baums wie an einem
+Tierrücken gleitet sie ab in den Sand, die Knie geöffnet. Die Sonne schlägt
+ihr in den Leib. Die Schenkel biegen sich lang und schön, als schliefe sie.
+Sie zittert, etwas ist freier geworden, entschwebt, durchbrochen am
+Horizont. Himmel und Meer haben sich vereinigt, wölben sich herüber. Sie
+springt auf und lacht, die Haut ist glatter geworden, das Auge von innen
+her feucht.
+
+Sie fährt zurück, findet den Wagen nicht, nimmt die Tram, steigt aus, um
+den Rest zu Fuß zu gehen. Auf diesem Stück Trottoir sieht sie von einer
+Menschenmenge vorbeigespült, in ihr langsam wandelnd, Caspare Symes. Sie
+bleibt angedonnert, wiegt den Kopf hin und her, als sei sie alt geworden.
+Dann reckt sie sich, fährt um, ihm nach. Sucht ihn zu erreichen. Sie bohrt
+sich durch, hört Schelte, Wut, sieht den Schirm, den eine Frau nach ihr
+sticht. Sie kommt näher, kann seine Schulter fassen. Alles an ihr ist
+durchblutet, entfacht. Da läßt sie die Hand sinken. Es fehlt ihr die Kraft
+mit einemmal, ihre Bewegung wird armselig, er aber wächst und steigt
+maßlos, daß sie erblaßt. Sie findet den Mut nicht, jetzt das zu fordern,
+was sie überging, als sie noch erstrebte, was sie nun abgeworfen. Es geht
+süß durch sie hin, während sie stehen bleibt. Sie tut eine große Tat, indem
+sie sich nicht rührt, fühlt sie im Blut; was sie opfert, erhebt sie. Sie
+nimmt etwas auf sich, während ihr Auge dunkel wird. Sie bleibt immer
+stehen, sieht ihn zum letztenmal für immer, weiß daß dies das Höchste ist.
+Er biegt um einen Wagen, betrachtet einen Erker, geht über die Straße, ist
+verdeckt. Taucht auf zwischen hellen Mützen, dann dreht er ab. Mit einer
+unnachahmlichen Bewegung des Halses zieht sie die Linie nach, als er um die
+Ecke geht. Dann ist es vorbei.
+
+ * * *
+
+Sie stellte den Fuß in die Schnur des Vogelbauer und hörte zu. Zuckte die
+Achseln. Sie wollte nicht. Als Lewinsky sie bedrängte, drehte sie um, ihre
+Ringe klirrten. Die Karte der Florath wies sie ab. Sollte sie am Neid der
+Wolfsaugen sehen, wie sehr diese sie fürchtete? Vom Tisch entfernten sich
+Bücher und Rollen. Mit diesem Tag verschwand das all. Einen Augenblick
+kreuzten sich ihre Blicke mit denen des Fräulein. Ein rascher Blick suchte
+in ihren Wärme, klatschte ab. Daisys Augen wurden schmaler, visierten die
+Schleife ihres Schuhs. Dann frug sie, das Fräulein stammelte. Ging hinaus,
+kam wieder, legte ein Blatt auf den Tisch. Es war Dienstag. Daisy schrieb
+einen Brief. Dann legte sie das Blatt der Gouvernante beiseite, hob es
+wieder, als röche sie daran. Ging hinaus in den Garten. Donnerstag früh kam
+Le Beau. Am Abend besuchte er sie wieder. Als er ging, löste sich ein
+Schatten im Garten, er pfiff. Der Schatten bewegte sich hinter ihm. Freitag
+brachte er sie aus dem Theater, half beim Aussteigen, steckte den Schlüssel
+ins Gartentor. Als sie sich umdrehte im weißen bauschigen Mantel, küßte er
+sie mitten in die Brust. Er machte dabei einen kleinen Schrei, sein langer,
+katzenhaft geschnellter Körper riß ihren mit allen Muskeln in seinen
+hinein. Der Nebel dampfte um sie, abenteuerlich durchschwammen Gebüsche den
+Laternenschein des Wagens. Langsam und wild wogte ihr Leib gegen seinen,
+sie seufzte, schrie ein wenig, aber heiser. Auf dem Parkweg lag Dunkel.
+»Ich bekam heute deinen Brief«, flüsterte Le Beau. Sie verstand ihn nicht.
+Er war durch Zufall gekommen . . . Er wies auf den Schatten, Moki. Er hatte
+ihn hergegeben, selbst Fribaurt, sich schüttelnd zwar, aber er war so nie
+ohne Tip von ihr. Sie schloß die Lider, sah doppelt, schwankte, warf sich
+über ihn, zog mit den zarten Schultern den Kopf herunter, fand seinen Mund,
+öffnete ihn.
+
+Nachts sah sie, im Traum, einen Mann. Der kam aus einer engelhaften
+Beleuchtung. Trat heraus, machte eine Bewegung, die ihr wehtat, aus dem
+Herz was herausriß. Es ward leer in ihr, Traurigkeit schwemmte sich hoch.
+Sie fing im Schlaf an zu weinen. Er sah sie zornig an, sie ertrug diesen
+Blick nicht. Er sah aus gleich einem Skandinaven, gescheitelt, blond, mit
+einer jungen gefurchten Stirn. Es fehlte nicht viel, er ähnelte Symes. Das
+machte ihr sofort Ruhe, sie schlief weiter, wachte aber über Tränen auf. Le
+Beau lag neben ihr. Ihre Hand an seinem Mund. Er streichelte ihr Knie, den
+Muskel des Schenkels, der sich straffte, als sie das Bein aufstellte. Er
+küßte ihre lange braune Hand. Küßte jeden Zwischenraum der Finger, hing an
+jeder Hautphase, sog sie an, als stürbe er mit ihr, löste sich kaum von der
+Pore hier, der Pore da. Küßte Kreise um die Gelenke, legte den Knöchel
+wunderbar damit frei, umflutete ihn mit den Lippen, empfing ihn dann im
+Mund köstlich und rasend erregt. Wo sie Flaum hatte, blieb er, es strich
+seine Haut, er atmete schwer, flocht ihn um den Finger. Über den Leib glitt
+die Hand hoch, machte die Schwebung mit, die unerklärlich schön hinauflief,
+blieb an den zärtlichen Hügeln. Berührte wirbelnd mit dem kleinen Finger
+die Warze, sie spürte die Zunge. Das Zittern nahm ihr den Atem, sie stieß
+die Luft fest aus, und nun kam ihr Leib an seinen, entgegengeflogen, die
+aufgelösten Gelenke suchten Schutz an seinen. Ihr Blick brach, sie sah nur
+noch sein Bild unter dem Lid. »Sprich«, flüsterte sie. Es war zuviel. Er
+schwieg. Die Lippen trafen sich, bleich, wortlos. Sein Körper, ohne viel
+Fleisch und groß hingelegt, wie ein Römer, spielte auch in der Ekstase
+achtungsvoll mit, ward lasterhaft und verehrte zugleich. Die Küsse reizten
+sie langsam, wie er sie setzte. Sie verlor die Besinnung, blieb länger
+unter dem Bewußtsein, als er wollte, er küßte sie wieder heraus, preßte den
+Zahn in die Weiche, sog und fuhr mit der Hand die Rückenwirbel herab. Sie
+stürzte höher ins Unerträgliche: »Mehr«. Sein Kopf glühte zwischen ihren
+Knien. Seine Hände suchten ihren Rücken herunter, hielten das schmale
+Becken hoch. Ihre Haut ward nicht feucht, glättete sich unter den
+Umarmungen, dehnte sich so, daß er daran glitt wie an einer Frucht. Sie
+wimmerte nur noch, die Lenden zuckten. Da nahm er die Sehnsucht von ihr.
+Sie lag dann still, nur manchmal erschüttert von Schauern, die abflogen.
+Das Silber der Bürsten, der Draht der Ampel kamen in die Glückseligkeit.
+Die Vögel der Tapete musizierten paradiesisch durch die Seide, sie
+lächelte, drehte seinen Kopf dahin und streckte Wange an Wange, die Hände
+danach aus. Er flocht seine Kragenspange in ihren Flaum. Langsam begann er
+entzückte Dinge. Sagte über ihre Brust Vergleiche. Die schwarze kleine
+Warze der braunen Brust entflammte ihn wieder. Sie lauschte atemlos. Er
+erbebte unter seinen Worten, seine Hände entzündeten sich daran. So nahm er
+ihr Kinn, ihr Knie und genoß es mit den Augen, mit den Fingern. Durch die
+Dämmerung griff er aus der Schale eine der drei Kugeln, rollte sie über die
+Wade, die Bucht an der Lende, zwischen der Brust bis an das Ohr. Von da
+führte er es an den Mund, sie schluckte die Kugel. Er grub sie mit der
+Zunge heraus, küßte sie, steckte sie in die Tasche seines Pyjama. Der Wind
+warf die Gardine ein wenig auf, der Wind kam herein, malte dunkle rote
+Schatten auf die Bronzehaut. Sie erzitterte. Die Frauen ihres Geschlechts
+hatten die Steine alle vor ihr getragen, es gab eine Lücke im Hirn. Da kam
+seine Hand, suchte, liebkoste. Sie fiel zurück, stöhnend. Die Hand gewöhnte
+sich an eine Stelle des Fußes, strich weiter, blieb in der Mitte des
+Körpers. Die schlanken Hüften erbebten, hoben sich ein wenig. Ihm entgegen.
+Die Welle ging über sie.
+
+Ein einzelner Baum stand wie Glas im Sternlicht, dann aber schwellte eine
+helle Flut heran. Sie zog den Kimono um den Hals fest. Die Terrasse bog
+sich mit den Stufen entgegen, krampfte sich unter dem Licht, was
+herauftrieb. Nun fiel das Tor zu. Sie schwenkte die Ampel noch einmal. Ging
+zurück, warf ihm eine Klavierwelle nach.
+
+Die Sonne ging höher. Die Untergrundbahn rollte durch schmale Korridore.
+Sie empfand Le Beau durch die Körper, die sich zwischen sie keilten. Die
+Schienen gleißten stahlweiß, verschwanden. Die Türen knallten. Die Körper
+standen reglos aneinander gebäumt. Da sah sie in Stefans Gesicht. Er grüßte
+mit den Augen. Sie hörte seine rauhe Stimme gedämpft reden, aber es war zu
+weit, sie verstand sie nicht. Rückte gequält den Kopf zur Seite. Wie ein
+Vogel. Magnetisch wie eine Viper holte er ihn herum. Er hatte einen Koffer,
+einen Mantel, die Stirn flackerte. Er machte Zeichen. Sie verstand sie
+nicht. Die Station kam. Nun wuchs sein Kinn, strebte auf sie zu. Es gab
+keine Hemmung, der Gartenabend hatte ihr Leben irgendwie gebunden,
+aneinandergelegt. »Geben Sie . . . Geld.« Sie nestelte an der Tasche,
+drängte sie gegen ihn, er faßte sie. Der Wagen hielt an, Er brach sich die
+Schulter frei, der Ruck warf ihn brutal herüber. Nahm es mit allem auf. Ein
+Mann stand noch zwischen ihnen. Rasch: »Leben Sie wohl!« Sie ward verwirrt
+über ihre Kühnheit. Im Vorübergehen hörte sie seine Stimme, aber entfernt:
+»Es geht eben schlecht. Ich sehe Sie wieder.« Als der Zug anfuhr, sah sie
+durch die Scheibe, daß er, draus auf dem Perron vorwärts strebend, bleich
+war. Er sauste ab. Hinunter. Le Beau riß es hoch zu ihr. Sie zuckte ein
+wenig die Achseln. Ihr Ohr vergaß aber nicht, was der andere gesagt, ihr
+Auge nicht, wie entfärbt er war. Dann drehte sie sich herum, glitt auf
+Claudius zu, es war leer geworden.
+
+Er brachte ihr Katzen, sie behielt eine. Sie spielte mit ihr im Garten. Zog
+einen Strich, rief, sie sprangen beide über das Hyazinthenbeet. Drüben, im
+Sprung, fing sie das Tier wieder auf. Es legte sich an ihre linke Brust,
+hielt sich mit den Pfoten am Schlüsselbein und reckte sich in die Kurve der
+Weiche. »Anjá«, rief sie, fuhr mit der Hand blitzschnell gegen den Strich
+durch das elektrisch aufschäumende Fell. Das Tier bäumte den Rücken, daß
+Vorder- und Hinterfüße nebeneinander standen, sah in die Luft, mit
+gerecktem Schweif. Laue Schatten lagen um die rostbraun fallende Sonne,
+Raben standen zwischen unruhvoll blauen Wolken.
+
+Anjá sprang auf die Schulter, von dort in einen Baum. Gegen jeden außer
+Daisy ward sie feindlich. Sie tauchte auf, sprang, man sah sie nicht.
+Steckte den Kopf in den Lichtschein um ihr Haar, legte die Schnauze auf den
+Brustansatz. Aus dem Horizont kamen schwarze Punkte, ruderten herauf,
+begannen rauh zu schreien. Daisy gähnte, hielt Anjá nieder, daß sie nicht
+fauche, die auf ihrer Hüfte sonnte. Le Beau stand vor ihnen. Ein Hauch
+schoß in ihre Haut. Sie sprang auf, gab ihm rasch die Katze hinüber, gab
+ihm das Warme, das das Tier von ihrer Lende noch an sich trug. Die Nüstern
+schwebten nach außen. Anjá sprang zurück. Sie sah sie bös an, warf sie
+zurück an Le Beaus Brust. Das laue faule Treiben der Natur um sie, das
+scholl und geschah und sie umkreiste, schwang ab. In den Kreis war Blut
+getreten, ihre Schulter hing untrennbar an der Le Beaus.
+
+Mittags querte sie einen Platz, kein Mensch ging durch die Glut, dünne
+Bäume wagten keinen Schatten, ausgedörrt, elend, daß Hunde nicht einmal sie
+näßten. Der Kies und Sand flimmerte trocken und müd. Plötzlich sah sie eine
+Figur, ein Gesicht. Es schien auf sie zuzugehen, ja fast in sie hinein. Sie
+wich aus. Sah sich um, in der Mitte des Platzes ging eine Frau, sonst
+niemand, da kam der Mann wieder auf sie zu aus der anderen Richtung, ging
+an ihr vorbei. Sie sah ihm nach. Langsam, den Kopf gesenkt, schritt er auf
+die Bäume zu, er hatte sie nicht gesehen. Es war das Gesicht des Traums.
+Ihre Augen drückten sie, als seien sie von Blut überfüllt. Sie stieß den
+dünnen Stock in den Sand und sah rasch auf. Der Mann war echt. Ihr Schreck
+hatte ihr eine Vision gegeben. Sie zuckte die Achseln, spürte die
+Müdigkeit, die voll und groß abschwemmt, von der Nacht her. Schlief ein den
+Abend, aber im Augenblick, wo der Schlaf den Halbtraum abtrennt und
+hinunterreißt, standen die Augen des Skandinaven über ihr, quälten sie.
+
+In der Dämmerung wachte sie auf. Die Vorhänge bogen sich auseinander. Le
+Beaus Kopf, sein Knie standen in der Morgenleuchte, er lachte, sprang
+herein. Er näherte sich ihrem Bett. Sie zitterte unter der frischen Luft.
+Er kam geschmeidig über den Teppich. Sie zog die Beine herauf bis unter die
+Brust. Aus seinem Mund kam so viel Frische und um die Raubtierzähne lag das
+Rosa des Fleisches so fruchtreif, duftend und voll schönem Saft, daß sie
+daran alles vergaß. Er hob sie mit den Kissen auf, schwebte sie schaukelnd
+hin und her, setzte sie auf den Diwan: »Sie werden auf die Zofe verzichten
+müssen.« Er schloß das Strumpfband an ihr Korsett.
+
+»Was ist?«, frug Daisy, in Strümpfen und einem Beinkleid, das großfaltig
+mit dünnen zahlreichen Plissees ihre schmalen Hüften umzischte. Sie
+bürstete das Haar zurück, die Muskeln liefen aus dem Arm in den Rücken mit
+einer Kraft und Grazie wie Meer. Er hob den Mund in die freie Achselhöhle.
+
+»Auch auf das Bad.« Er lächelte und stieß den Löffel in den Schuh. Er pfiff
+leise vor sich hin, suchte im Boudoir den kleinen Koffer, wählte in ihren
+Strümpfen, Dessous, warf zwei Necessaires hinein. Der Geruch der
+aufgewühlten Sachen erfüllte das Zimmer. »Wohin?«, frug sie ratlos, von
+innen lachend. Er schob Schubladen zu mit dem Knie, besah sich im Spiegel,
+riß sie an sich: »Du wirst es jede halbe Stunde dem Chauffeur sagen.« Alles
+gepackt. Er gab den Koffer durchs Fenster. Eine Hand faßte ihn draußen,
+während Daisy die Nägel einrieb. Vögel schlugen herein, immer lauter, zogen
+sich an Rufen höher, immer andere fielen ein, kreisten auf. Büsche dufteten
+herüber, herein mit einer Gewalt und Hingabe, daß sie stehen blieb,
+ergriffen, gehalten. Sie sah um auf der Terrasse, das Gitter, die Päonien.
+Sie faßte den Schaukelstuhl. Verweilte auf dem Tisch, dem Springbrunn, der
+Flosse eines Goldfischs. Le Beaus Arme faßten unter ihre Kniekehlen, der
+Schwung in die Luft riß sie los. Nun fing er an zu laufen, schrie wieder
+etwas, mit großen Sätzen, sprang in den Wagen. Unter den tutenden
+Raubvogelrufen der Hupe brach wie ein gläsernes Gebäude die Stille, das
+Haus, der Park mit einem Ruck entzwei.
+
+ * * *
+
+Sie schwankte, schmiegte sich in die Atmosphäre, reckte sich, faßte Fuß.
+Wirkung ging von ihr aus. Ihre Wünsche erfüllten sich, eh sie sie dachte.
+Die Inbrunst einer Blutwelle hüllte sie ein, verließ sie nie. So stieß sie
+an alles, durch die Wolke verhüllt. Die Lippen hochrot, die Finger voll
+Gestein, fuhr sie auf der Rue de Rivoli. Sie hatte den Hauterfolg. Trotz
+dunkler Tönung war sie durchsichtiger als die französische, schimmerte weiß
+auf Silber. Zwischen alten Tapeten, in Musik, bei den gepflegtesten Frauen
+fiel ihre Bewegung, selbst wenn sie den Finger nur hob, den Fuß umrückte,
+wild heraus, schlug ein, machte sie zur Mitte, lenkte das andere ab, schob
+alles gegen sie. Es verwirrte am Anfang sie etwas. Doch schloß die Welle
+sie ab. Sie hatte nur Klang und Richtung nach Einem. Es genügte. Gab der
+große Schneider, während Ballen vor ihr sich häuften . . . Manekins
+paradierten, um ihren ermüdeten Blick zu erfrischen, durchs Fenster im
+Parkschatten das Bild eines tanzenden Balletts, erstaunte sie nichts mehr,
+es glitt ab. Vorüber strich es, neigten sich Akteure bedeutenden Namens,
+Dichter ihr, selbst d'Annunzios Nelke. Es ging durch sie, wenn Frauen heiße
+Blicke warfen. Es blieb nur Kälte und Hochmut, lehnten die Herren an der
+Brüstung, sagten Eitelkeiten in die Loge, hatten aber hinter dem Blick,
+flüsterten innen kaum verhehlt: bichette, loulou, ma crotte en or. Le Beau
+umspannte ihren Horizont mit hartnäckiger Leidenschaft, erfüllte das
+Erdenkbarste für ihren Körper, jede Möglichkeit ihrem Geist. Zofen im
+Korridor, Wagen, Diener standen dressiert auf ihren Blick, ihre Hand, ihre
+Haut. Seine Nerven lauerten auf die Ahnung eines Wechsels, heut stürzte er
+in die bunte Pfauflamme der Folies Bergères, morgen sah sie steifstes
+klassisches Theater, am Abend fuhren sie vorn auf dem Seinedampfer in
+Geruch von Bäumen und Wassernacht. Stieß etwas aus ihr gegen die Welt,
+stieß es auf Le Beau. Es gab keine unvereinigte Sekunde. Im Musée Cluny
+begeisterte sie sich an alten Spitzen. Sie besaß sie am folgenden Morgen.
+
+Sie kleidete sich an im Boudoir: »Es reizt mich nicht, wenn Sie Ihr
+Vermögen verschwenden . . . noch weniger aber, wenn Sie sich exponieren.
+Polizei ist mir widerlich.« Er erbleichte ein wenig. »Es geschieht nicht
+Ihretwegen«, sagte er höflich. »Es ist eine Leidenschaft.«
+
+Er griff in die Tasche, sein großer Körper funkelte in drei Spiegeln, das
+rote Haar war ein wenig in die Stirn gestrichen. Er gab ihr Briefe an sie,
+die auf verdächtige Weise kamen. Sie legte sie ihm vor, zurück, errötet vor
+Zorn, der seidene Unterrock umglockte sie, als sie sich bog. Er lachte. Das
+Haus ward Mitte von Versuchung. Sie gaben sich Handikap darum. Wo Daisy
+auftauchte, geschah ein Start. Breschen wurden versucht, leichte Minen
+gelegt. Le Beau suchte man zu übersehen. Er lächelte. Sie spürte es kaum.
+Ward es aufdringlich, schürzte sie den Mund ein wenig, ging darüber. Ihre
+Wirkung ward aufreizend; tauchte sie auf, war sie Zentrum, schloß um den
+Kreis, sich angliedernd, immer weiteres Herströmen. Vor der Oper fuhr mit
+rascher Biegung vor ihren Wagen ein fremder. Hände streckten sich ihr
+entgegen. Le Beau riß sie zurück. Nun trug er eine Falte, spürte Gefahr,
+streckte sich in eine wunderbare Abwehr. Es begeisterte sie, wie er
+Witterung nahm, ohne daß sie begriff, was vorging. Sie ruhte nur nach ihm
+hin. Als er bei ihr war, nachts, rief er etwas, sprang hoch und schoß durch
+das Fenster. Am Nachmittag, als er den Korridor querte, fing ein Diener an
+zu zittern, verbarg etwas, sank gegen die Wand. Er untersuchte nichts,
+hatte genug. Wartete nicht mehr.
+
+Er löschte alle Lichter, ließ die Bedienung für den Abend ausgehn,
+veränderte sich, gab Daisy die Kleider einer kleinen Mimi, sich selbst die
+abgelegte Eleganz eines Alphonse. Durch den Garten aus dem Haus, im
+Boulevard tauchten sie unter. Wagen rollten, sie sprangen heraus, nahmen
+andere. Straßen schäumten auf, fielen donnernd zurück, Schatten bog sie in
+Parkviertel, Schleifen von Laternenstraßen schwangen vor ihnen stumm hinaus
+gegen das Ende. Sie griff nach seiner Hand, begriff plötzlich, wie es um
+sie herum sich sammelte. Nichts Freund war, nur Jagd. Aus der Weite, dem
+rotumhängten Horizont sammelte sich alles in sie zurück, verweilte eine
+Minute und schenkte sich ihm ganz hinein, wie nie. Als Reisende aus Tiflis
+bewohnten sie den Mont Martre, als kleine Juden zogen sie zur Concorde. Ein
+chilenischer Politiker führte im lateinischen Viertel sein Knie unterm
+Tisch an ihren Schenkel, zog es rasch zurück, winkte mit den Brauen,
+flüsterte mit seinem Nachbar. Um ihn lag eine Sinnlichkeit aufgespart, wie
+nur Weiber sie dicht an die Haut, an den Atem gebunden tragen. Erstaunt,
+abgelenkt einen Augenblick streifte sie ihn. Da öffnete sich der Mund,
+bebte mit den Lippen: »Zwei Uhr.« Das Blut wallte in ihren Hals, in ihren
+Kopf.
+
+Nachts klirrte die Klinke, Le Beau ging dem Geräusch nach, auf nackten
+Sohlen entflog ein Umriß. Sie lockte ihn zurück. Aber er folgte, hatte
+endlich eine Spur, setzte auf diese Nummer, lief einer Figur nach im
+spitzen Hut, die am Boulevard bald hochschwamm, bald untertauchte. Daisy
+wachte. Schon drang das Licht vom Haus ab, ergriff in einer weichen Spirale
+Notre Dame. Die silberne Brust schwankte, die Rippen starr gebläht wie von
+Glas trieb die Kathedrale in die Mondwelle, glänzte mit Porzellan aus allen
+Fenstern und schwebte. Bald auch waren die Türme eingelullt. Das Licht
+stieg weiter, ergriff die Seine, das breite Flußband schwang am Horizont
+hinauf und Kähne liefen gegen die Sternbilder hin. Dann fiel das Licht in
+einen Park und hatte es mit den Bäumen, fiel kurz darauf gegen das Haus. Es
+ward fast weiß. Die Gurte der Balkone herunter von einem entfernten Haus
+her, wo die Linien der Eisenschnüre schon fast zusammentrafen in einem
+spitzen Winkel, kam ein weißer Ballen, geschnellt, gesprungen. Es schlug
+zwei Uhr. Er tauchte in Mauerschatten, schwang ins Licht, überkletterte
+Barrikaden, klammerte sich an die Hausfront. Das Licht hob ihn, spülte ihn
+herüber, er war am dritten Haus. Von unten stieg es herauf, der Schritt Le
+Beaus hielt vor der Tür. Er kam, die Stirn mit der Hand umklammert. Ein
+Sandsack hatte ihn in einer Torflucht, in die er folgte,
+zusammengeschlagen. Nach der Ohnmacht kehrte er sofort zurück, sie hatte
+nur zwei Sekunden gedauert, denn im Augenblick des Schlags wußte er, er
+müsse zurück. »Du mußtest zurück,« flüsterte sie mit geschlossenen Augen,
+die Angst um ihn stieß sie gegen ihn hin. Sie umschloß seinen Nacken, trat
+mit ihm auf den Balkon, flüsterte seinen Namen in die Nacht, besinnungslos:
+»Chéri . . . doudou . . .«, umwärmte ihn mit ihrem Körper, liebkoste sein
+Ohr, seinen Mund.
+
+Ein weißer Ballen bäumte zurück am Nachbarbalkon. Durch die halboffenen
+Lider sah sie gehetzt vom Teufel eine Figur im Nachtweiß zurückfliehen.
+Zerrissen in der Balkonecke lag ein Tuch, von Speichel feucht. Sie trug es
+hinein.
+
+Sie konzentrierte alles auf Flucht. Er widerstand, schon halb in neuer
+Ohnmacht. Die Zähne entblösten sich gierig, er war im Kampf, blieb auf dem
+Posten. Sie streichelte ihn: er stand nicht auf. Sie frug, was er mehr
+liebe, seine Eitelkeit gegen Gefahr oder sie, Daisy. Schmollte mit dem Mund
+und lächelte, und lauschte, während sie überredete, auf jedes Geräusch.
+Sein Blick fiel in den Spiegel, blieb am Bild seiner Kopfkompresse,
+schüttelte fiebrig den Kopf. Sie bat. Sie befahl. Unter dem Ton zuckte er
+zusammen, durchschaute den Klang, wehrte ab: »Kein Mitleid«. Je tapfrer er
+sich wehrte, wuchs in ihr das feste Ziel: ihn in Sicherheit zu wissen, das
+andere all war Abgrund. Sie drehte den Plan um, kam mit List, während er
+fasziniert vor sich hinsah. Sie lockte ihn weg von seiner Fechterei. Sprach
+von seinem Haus, dem Park, den Zimmern. Sprach, wie alles zerfließe, die
+Jagd ihr Ruhe nehme und Freude, wie sie in Sehnsucht ihr Leben sich anders
+gedacht. Wo sie froh gewesen, ihm entgegengereist, sei dort gewesen. Sie
+sah in ihren Schoß. Er nickte langsam, schwer überzeugt.
+
+Sie wartete eine Stunde, verriet ihre Erfolgfreude nicht. In seinem Haus
+war wenigstens ein Wechsel des Orts, parierte Gefahr. Sie fuhren dann Place
+St. Michel, nahmen den Métro, erreichten Mont Parnasse, fuhren umsteigend
+zur Etoile, nahmen einen antrabenden Fiaker, stiegen irgendwo aus in einer
+Gasse, deren Dunkel sie selbst unbekannt umschwirrte, liefen, an den Händen
+gefaßt, in den Schattenbogen, drangen in ihn ein so tief, daß hinter ihnen
+nichts blieb, alles zurückfiel, nicht die Idee einer Verfolgung in der Luft
+hing. Vor einer Taverne standen Wagen. Bis dorthin hielt Le Beau sich. Vorm
+Einsteigen schwankte er wieder. Sie legte, während die Gassen, Straßen
+zurückblieben, in das Schwindelgewoge um ihn den Körper, die Hand in sein
+Gesicht, ihren Mund an sein Ohr: »Ich bin bei dir.« Voll, scharf umrissen
+kam sein Gesicht ihrem entgegen.
+
+Über die Dienertreppe stieg sie zum zweitenmal ins Haus des, der sie zuerst
+aufgebrochen. Ihr Blut suchte ihn sofort. Hier lebten sie nun. Niemand
+wußte es, es drang nicht nach außen. Ein alter Arzt behandelte ihn von der
+Erschütterung. Sie wartete, bis dies vorüber war, dann lockte sie jeder
+Platz, selbst der fernste, denn dort war Sicherheit. Aber als selbst der
+Siebzigjährige beim Untersuchen eine Schmeichelei hatte für ihren Arm,
+brach sie in Weinen aus, verließ das Zimmer, warf sich auf ihren Diwan,
+schloß ab, öffnete nicht vorm Abend. Maß sich die Schuld zu, ihrer Haut,
+dem Wuchs, dem Duft ihres Haares, daß Le Beau leide. Denn um ihretwillen
+zog er sich Feinde, erlitt er Angriff. Sie spürte, so lange sie da sei,
+schiebe sich dies und dies zwischen ihn und sie und bohre ihn weg, weil sie
+auffiel, weil sie reizte. Er aber trat ein, faßte das überall an, sagte:
+»Liebe ich das nicht, warum verletzt du es?«
+
+Sie traten in die Parklauben, der Sommerduft strich darin herum, sie blieb
+stehen, an der Stirn getroffen, machte die Augen zu, küßte ihn
+besinnungslos. Gewärtig eines Überfalls hielt sie den Kuß an bis zum
+Ersticken, sah lauschende Köpfe aus dem Rosenbeet kommen, Leitern nachts
+gegen die Wand sich stellen. Von der Silberkugel zwischen den Staketen,
+wogte aus der Metalltiefe Zwielichtiges, Schatten, gedämpftes Ungeheures
+heran, gegen sie. Dies drängte ihr Leben zusammen, zielte es in einer
+unbekannten Verdichtung gegen ihn allein. Bleich vor Erregung strömte sie
+ihre Seele mit der Zunge in seinen Mund. Dachte nicht, selbst nie im
+Halbtraum, der fremde, sehnsüchtige Glieder formt, an andere Männer, ja
+haßte sie, wurden sie aufdringlich deutlich in der Phantasie. Die
+geschmeidige Stoßkraft seines Körpers gab ihr jede Seligkeit, die ihr
+Körper verlangte. Er trieb sie höher noch, als sie vermochte, schleifte sie
+in die letzte Wollust, schon besinnungslos. Oft lag sie über seinem Gesicht
+nachts, bog die Haare ihm aus der Stirn, lauschte, ob sie sein Traum sei.
+Legte die Hand auf sein Herz und zog mit dem Finger ihren Namen auf die
+Haut der Grube. Ging er von ihr, nur in das nächste Zimmer, war ihr, es sei
+für immer. An ihrer Angst wuchs ihre Liebe höher, weiter, als sie von ihm
+empfand. Er gesundete, war gefährdeter, je mehr er sich bewegte. Mit jedem
+Tag ward ihr Auge größer, erwartender, eingestellter auf Unheil. Er aber
+blieb gleich, umschürfte ihr Fleisch mit Witterung, griff an, quälte sie,
+liebte sie ohne Änderung, ein Marder, ein edles Tier, voll Geist, der nie
+die Beherrschung verlor, nie mit ihr sich traf in einer Höhe, die nur die
+übersinnliche wahnsinnige Angst ihrer Seele erreichte. Da blieb das
+Männliche zurück, sank zurück, wenn er sich ihr ergossen, flog nicht zu dem
+erlösenden Wort, das ihr Mut gab jenseits der Umschlingung der Körper.
+Während sie sich noch auftat, ihm entgegenatmete, durch seine Umarmung das
+Hemmungslose durchbrach und aufgeschleudert flog in eine leiblose
+Ergriffenheit, spürte sie unter wütenden Küssen das Zurückgleitende, Fremde
+an ihm, das, was sich nicht gab: _den Mann_. Sie schlug verschleiert die
+schräg gebrochenen Augen auf: »Du mußt mich mehr lieben.« Schmeichelnd
+umwand sein Körper sie wieder, sein Geist begleitete seine Hände, gab ihnen
+Linde und glatte Bewegung, sagte ihr Worte der Liebe, toll,
+ausschweifender, als ihr Hirn es träumte, machte sie hingeflossen, in jeder
+Blutfaser geöffnet nach seinem Angriff -- er trieb sie in den Abgrund,
+erhob sie aus den kleinen Seufzern und Stammeln zu Geschrei, bis ihr Kopf
+besinnungslos ward . . . aber erwachend spürte sie unsinnige Angst um ihn,
+daß sein Herz das letzte Zerschmelzen kühle, und empfand verzweifelt, was
+er nicht zu geben vermochte, was fehlte, und daß sie ihn darum auch lieben
+mußte, mehr als er sie.
+
+Nachts kam er spät zurück. Zwei Arme fielen in der Pergola um seinen
+Nacken, eine Stimme, die kaum sprechen konnte, flüsterte seinen Namen.
+Zugleich strömte der Weiße-Flieder-Duft mit einem Hauch herunter, Dolden
+bebten am Parktor nieder und berührten ihre Gesichter. »Lieber«, atmete
+sie. Er hob ihr Gesicht ins Helle. Da hing es, nur sammelnd und aufnehmend,
+was sie erwartete, was auch kam. In den Tränen, die es übergossen, sah er
+mehr, als was sie bot. Es leuchtete tief in der Stunde und seinem guten
+Willen kam es entgegen herauf und er spürte ihr Warten, ihre Angst, die sie
+verschwieg. Sie hatte die halbe Nacht am Tor gewartet. In eins zerflossen
+gingen sie hinein. Weich von den Tränen und gerührt von seiner Milde mahnte
+sie sein Versprechen zum erstenmal die Nacht. Er spürte, wie schwer es ihr
+ward. Stand auf, hingegeben an solche Innigkeit, schob den Hochmut
+beiseite, brachte aus dem Nachtblau gelb aufflimmernd vom Fenster den
+Globus, legte ihn in ihren Schoß, brachte den lauen Blütenwind mit in ihr
+Bett: »Was willst du?«, frug er und bot ihr jeden Fleck, den sie benennen
+wollte mit dem Fingernagel. Dorthin führen sie morgen. Schon der
+Sonnenaufgang hieß Abreise, schon der Mittag Sicherheit. Ihre Liebe stieg
+aufs Äußerste. Sie verschmähte es.
+
+Sie wählte nicht, nahm nicht. Sie schenkte ihm ihre Angst. Verzichtete auf
+die Ruhe, um zu leiden für ihre Liebe. Es war das Höchste. Unverlierbar
+nahm ihn ihr Auge; als sie ihm die Kugel zurückgab: »Ich will es nicht«,
+sagte sie, ihre Stimme trug keinen Laut mehr vor Verwebtheit. Legte sich
+zurück, unter ihm kaum mehr lebend, der über sie kam mit ungekannter
+Leidenschaft und grausamen Lippen. Was blieb noch, konnte noch kommen?
+Entzücken selbst der Tod.
+
+Tage, Wochen kamen, gingen in der Erwartung. Sie lauerte auf eine Gefahr,
+die nicht kam. Manchmal glaubte sie sie nah, gewiß, schon im Vorsaal. Das
+stieg und fiel mit den Graden der Hingebung, die sie dem Mann verband.
+Manchmal, wenn sie ihm ferner war in ihrer Blutwoche, vergaß sie es, schrak
+aber dann zurück. Da die Wochen aber leer waren, ermüdete sich die
+Spannung, ihre Augen wurden beruhigter, matter. Menschen streiften das
+Haus, sie mischten sich an die ersten Vorposten heran, es ging ohne
+Zwischenfall. Ihr Name mit seinem hatte schon Patina in der Verschmelzung,
+keinen hörte man allein. Man achtete, nahm hin, was hier fest vereint
+schien, etwas resigniert, ein wenig gelangweilt. Es war ihnen fern schon,
+gegründet, kein Raub mehr. Nichts geschah. Kein Schrei, keine Hand gehoben
+zu ihrer Entführung. Niemand warf sich in Abenteuer. Die Lust umschlich sie
+kühl. Sie ermüdete mit einemmal. Aber Le Beau federte die Sicherheit erst
+recht, gab ihm knabenhafte Wildheit. Das Raubtierhafte, das verteidigte und
+lauerte, spielte nun mit dem Gefühl, tollte darin, daß er sie hatte. Allein
+der Bogen der Angst war zusammengewachsen mit ihrer Liebe. Es löste sich
+nicht ohne Lockerung auf dem Grund des Gefühls.
+
+Sie ging spazieren, allein, ruderte einmal am Bois, ritt hin und wieder.
+Als ihre Schenkel den Gaul erstmals fühlten, traf sich ihr Herzschlag mit
+Entferntem, sie, wußte nicht mit was, war es ein Schwan im Uferduft, eine
+Mispel in der Pappelkrone, ein Auto, das den Horizont anrannte. Sie kam
+anders zurück. Als sie die Bibliothek kreuzte, wich ein bohnender Arbeiter
+aus, glitt ab, stürzte hinter ihr aufs Parkett, wobei er sich an ihrem
+Ärmel instinktiv hielt. Aufschreiend blieb sie zitternd an der Wand. Am
+Mittag in der Sonne lachte sie über die plötzliche Furcht, aber die
+komische Bewegung der Abwehr, die sie gesehen, verbreitete sich, machte sie
+düster, schweigsam. Ihre Liebe gliederte sich darin. Der Überschwang kehrte
+zurück. Der Schwung dämpfte sich. Was sie aus der innersten Tiefe gehoben,
+gefürchtet, die Angst und die Sorge, standen allein, kühl entfernt, die
+äußerste Spitze des, was sie durchlebt, war nichts, ein Betrug. Sie tötete
+diesen Gedanken und lächelte. Aber wartete nicht mehr in die Ferne,
+zitterte nicht mehr um ihn, wenn er ging und kam. Ein Gleichgewicht kam.
+Sie reisten.
+
+Er frug nach Plänen, Wünschen, lauschte auf Ungesagtes, was ihr selbst
+nicht bewußt war, verwöhnte sie namenlos. Dirigierte die Reise, zeigte ihr
+kaleidoskopisch, kennerisch, abwechselnd, Wirkungen vertauschend,
+untermalend das Hauchdünne, verwischend das Grobe, die Schichtung der Welt,
+die man einsog, bewunderte, genoß. Suchte nach Flüssen, die im Rauschen ihr
+genehm, Wälder, deren Schattenfall ihrer Lunge lieb waren, Ebenen, die das
+Auto kielte, Gebirg, in dem der Aufschwung mit dem Tagaufgang über die
+Jacken rann. Doch einte die Landschaft sie nicht noch tiefer, die Bilder
+glitten harmonisch. Wo aber die Kontraste stiegen und rasten, gab es keinen
+Brennpunkt, in den ihr Gefühl zusammenfloß, sondern sie jagten auseinander,
+so dies und so das. An einem Abend sahen sie eine italienische Oper. In der
+Nacht sah Daisy Le Beau im hellen Licht neben sich.
+
+Seine Beine wie aus Bronze spielten den Rumpf hinauf, der den Fechter
+zeigte, zusammengerissener und stählerner in der Spannung wie in den
+Marmorsälen die Ringer. Sein kluger Kopf war voll Geist, auch wenn die
+Lider sich schlossen. Sie sah es klar, zum erstenmal. Denn es trat in sie
+in dieser Nacht, zu sehen ohne Rausch und ohne Haß.
+
+Das Licht flimmerte kühl, und es banden sich die Enden der großen
+Kantilenen der Sängerin an das Ende ihres erwachten Bewußtseins, und an der
+Höhe der Kantilenen ermaß sie die Höhe des, was sie erstrebt, erglüht, als
+ihre Stimme noch das Ziel war und ihre kindliche Sehnsucht glaubte, dort
+sei der Ruf. Sie drehte um. Sie sah den Körper neben sich, edel und schön
+wie wenige, auch liebte sie ihn. Sie fühlte alles, was von ihm zu ihr
+gekommen, Begeisterung, Hingabe und Wollust, aber es blieb unten. Genügte
+es? War es so viel, daß es sie erfüllte? Es war, was ein Mann an Liebe ihr
+geben konnte, fast mehr. Aber sie spürte wie Ziehendes, sie Beschwingendes
+und Reißendes die Spitze des abends eingeatmeten Gefühls über sich
+schweben, sah alles sich hinneigen nach der Höhe, erblaßt fiel ihr Kopf
+zurück. Die lange Strecke, die lag, zwischen dem, was sie erträumt und dem
+was sie erreicht und besaß, traf sie vernichtend. Lange lag sie kalt, halb
+schlafend. Ein Gesicht tauchte auf, sie lächelte, es verblaßte wieder.
+Lange lag sie gewiegt von Dingen, die sie streiften, nie entfachten. Aber
+im langen Wachen erkannte sie unerbittlich, wie leer ihr Zustand schwebe
+und daß dies nicht sie erfülle, und wie unendlich überlegen ihr Gefühl
+schon dem Augenblick geworden, in dem sie war.
+
+
+
+
+Der dritte Abschnitt
+
+
+Ein rotbärtiger Mann wartete. Der Vorsteher meldete das Verbot des Zuges.
+Der Parlamentarier ließ sich nicht sabotieren, stieg auf den Tender und
+verlangte eine Lokomotive. Das Personal machte ihm eine Ovation, fuhr sie
+heran. Es war Abend. Er redete von der Feuerung herunter. Dann gab er ganz
+behutsam Daisy die Hand, sie stieg herauf, bald waren die Lichter hinter
+ihnen. Sie fuhren durch die Provinz. Durch den Süden sprach er von Stadt zu
+Stadt. Dann kamen sie quer durch die Bretagne. Ein Telegramm rief ihn von
+St. Malo zurück. Wieder kamen Olivenbäume. Jeden Tag liefen
+rückwärtsgeschleudert erleuchtete Säle mit Menschenmassen zurück. Er kam
+aus dem Handdrücken der Komitees direkt in den Wagen. Sie gab ihm die Hände
+heraus, er stieg ein. Neue Chausseen bäumten sich, der Mond schwankte
+langsam durch die dünnen Alleebäume. Einmal küßte er ihr die Hand, sie
+lachte eine Zeitlang über seine Zärtlichkeit. Sie saß in der ersten Reihe,
+als in Valence er während des Sprechens die Budjetrede aus Paris erfuhr und
+eine wilde Kavalkade dagegen aufmachte. Er aß dann den ganzen Abend.
+Unterwegs stieg seine Wut. Abends nahten drei Laternen, sein Geburtsort
+Libourne. Seine Vettern erwarteten ihn mit den Weibern, die in Holzschuhen
+von einem Bein aufs andere sprangen. Sie staunten sie an, indem sie sich in
+den Taillen weit vorneigten, die Arme auf den Rücken schlugen. Er wurde
+verlegen, legte ungeschickt den Arm, daß sie fast zusammenbrach, auf ihre
+Schulter. Sie lächelte mit den Weibern, nahm sie unter den Arm. Als sie
+ihnen ein Schlafzimmer zu zweit anboten, lachte sie, ging hinaus und fuhr
+ins Hotel. Die Weiber klatschten auf die Schenkel, grinsten, verhöhnten den
+Rotbart. Er ging voll Wut ins Hotel, sie abzuholen, vor ihrem Gesicht
+begann er die Hände zu bewegen, als sei sie aus Glas. Er sprach kein Wort.
+In der Versammlung stellte er eine Resolution auf, die dem Budjetredner ein
+Wort ins Gesicht setzte, das man nur in Libourne verstand. Die Männer
+stampften wie die Ochsen und rissen die Mäuler bis gegen das Ohr auf. Sein
+Cousin Louis trug es aufs Postamt. Der Beamte weigerte sich. Da holte er
+den ganzen Saal, sie steckten die Gartenhütte an, legten ihn auf den Rücken
+und spritzten ihm aus einem Winzergummi Schnaps in die Gurgel, bis er es
+tickte. Am Mittag schlachtete er ein Schwein. Mit blutigen Armen stand er
+breitbeinig im Hof, hob den Kopf und sah sie mit seinen weit
+auseinanderliegenden Augen an, seine bloße Brust dampfte. Mittags spät
+saßen sie im Auto. Er strahlte und wagte sich zum erstenmal dicht neben sie
+zu setzen. Sie zog den Mund spitz, hob den Finger und streckte ihn nach dem
+Polster auf der anderen Seite. Sofort glitt er hinüber. In Toulouse zog er
+den Rock aus im überfüllten Saal, lief auf dem Podium herum und schrie wie
+ein Bär, er war fast heiser, sein Publikum raste. Dem Saaldiener schlug er
+in guter Laune auf den Rücken, der bekam einen Hustenanfall, wurde auf drei
+Stühle gelegt, bekam die Arme gehoben, den Bauch massiert. Sie ärgerte sich
+und beachtete ihn einen Tag nicht. Sie fuhren nach Nizza zu einer
+Kundgebung der italienischen Irredentisten. Da sie nicht mit ihm sprach,
+räusperte er sich nach der Uhr jede fünfte Minute. Sie sah hinaus. Die
+Bläue spielte um die Äste mit einer Leichtigkeit, als durchdrängen sie
+sich. Er benutzte den Augenblick, die Hand herüber auf ihr Knie zu legen.
+Zornig sah sie ihn an. Sein schwerer Nacken zog sich ein, die schmalen
+Augen wurden ängstlich. Er tat ihr leid, sie griff mit der Faust in seinen
+Bart, zog ihn von der einen Seite zur anderen, schüttelte ihn und ließ ihn
+fahren, er versuchte einen Griff wie nach einer Magd. Sofort zog er sich in
+die Ecke zurück, fragte traurig und kindisch: »Sie haben einen Zug um den
+Mund, was ist?« Sie lachte. Er schüttelte sich vor Behagen und strich den
+Bart glatt.
+
+Vom Zug kamen sie direkt ins Theater. Ein trentiner Dichter sprach eine
+Hymne an das italienische Meer. Der Raum war mit italienischen Flaggen
+geschmückt neben den französischen. Der Dichter trat einen Augenblick in
+die Loge, den Parlamentarier zu begrüßen. Ihre Blicke kreuzten sich einen
+Moment. Doch der Franzose stellte ihn ihr nicht vor. Sie sah einen Schatten
+von seinem Auge, als er hinausging. Die Verse langweilten den
+Parlamentarier, er wurde müde und schnarchte, aber er mußte bleiben, da er
+nachher sprach. Daisy stand auf bei der zweiten Nummer, ging leis hinaus.
+Sie ging durch das Foyer. Nun schritt sie gegen einen Spiegel, sah sich,
+erreichte die Treppe. Als sie den Pelz um den Hals fester zog an der Tür,
+trat mit zwei großen, aber langsamen Schritten der Dichter von dem Pfeiler.
+Sie nahm seinen Wagen.
+
+Der Frühling stieg mit sehr blauen zarten Morgenstunden aus dem Luxembourg.
+An einem Abend, den die Boulevardbäume mit einer blassen Schwermut trugen,
+stiegen Ballone aus einem Hoteldach, stiegen mit kleinen Kerzen und
+erleuchteten an dem Ende der schwärmerischen Kurve den Himmel mit ihrem
+Namenszug. Vor Fontainebleau machte ein Torpedoauto eine ovale Schleife,
+ihr Wagen bremste und fuhr in den Graben auf zwei schleifenden
+Hinterrädern. Der kleine Spritzer hatte gedreht und verschwand hinter einer
+grauen Staubwand. Auf der Chaussee lag ein Strauß Narzissen mit einer
+italienischen Schleife. Später fand sie einen Brief darin.
+
+Er kam am Morgen. Selbst sein Parfüm fragte nach ihren Wünschen, die er
+erriet, daß es sie bestürzte, denn er brachte ihr keine Geschenke, aber er
+lauerte auch auf das Unbewußte jedes Reizes in ihrer Seele. In seinen
+Arbeiten kam ihr mit aller Genauigkeit dieser und jener Tag und Gedanke
+wieder, nur aus der Frage zum Endgültigen geführt, entgegen. Seine
+Schöpferkraft sammelte sich in Verkleidungen um sie, er drang in das
+Dunkelste und Träumerischste ihres Lebens und erregte mit der tastenden
+Verführung seines Geistes. Sein Kopf war antik-haarlos, die Augen tief und
+umschattet, aber der Zauber seines Hirns verstrickte mit einer
+Überlegenheit, selbst wo er bat, daß er sich aufhob. Als sie ihn nicht
+empfing, sandte er ihr das Gedicht, das die Adria zur Revolte aufrief, aus
+dem Theater in Nizza, um ihr zu zeigen, daß dieser Ehrgeiz und sie das
+Verehrungswürdigste seien in seinem Leben. Die Aufrichtigkeit führte sie
+dicht zu ihm.
+
+Der französische Staat ließ ihm als Gast Notre Dame allein läuten. Er kam
+zu ihr: »Es war keine Schönheit, da du fehltest.«
+
+Er sagte drei Stunden vor Beginn der Premiere ab, denn Daisy lag an Grippe.
+Das Telephon rasselte ohne Unterlaß. Er stellte es ab. Vor dem Zimmer stand
+ein Boy, der niemand einließ.
+
+»Drei Monate Reklame . . . .« flüsterte der eine der Direktoren, als sie
+den Boy bestochen hatten, im Salon. Er zuckte die Achseln, als sie den
+Tantiemensatz um fünf in die Höhe hoben. »Acht«, sagte der andere leis und
+bebend vor Wut, denn sein Gegenüber nahm den Finger nicht von der Lippe.
+Daisy schellte. Er ging hinein. Sie war aufgewacht: »Gehen Sie doch«. Er
+machte eine geringschätzige Gebärde, er sagte ihr, es läge nichts daran,
+denn diesen Ruhm verachte er, es gäbe nur jenen einen, der ihn in der
+Öffentlichkeit reize, und er wies auf das Gedicht, das sie auf dem Tisch
+liegen hatte. Er ging leis hinaus, als sie die Augen schloß.
+
+»Zehne«, sagte der Direktor vom Fenster her, wo er mit den Nägeln das Glas
+zum Zittern brachte. Er schüttelte stumm den Kopf. Da bekam der andere
+einen Kopf wie ein Puter, der erstickt, hob die Stimme und schrie nach ihm:
+»Schieber«.
+
+»Buffone«, er hatte Schaum auf den Lippen. »Marquis de la bouche.«
+
+Mit einer aalglatten Bewegung gab er sofort nach, zog sie auf den Korridor,
+besprach sich, sagte zu, vergaß die Beleidigung -- denn er fürchtete, daß
+ihre Stimmen Daisy weckten.
+
+Gegen Morgen kam er zurück, niedergeschlagen. Sie wagte nicht zu fragen, es
+schien eine Niederlage. Sie war frischer, machte Puppen aus den
+Kissenenden, schmollte mit ihnen, ließ sie tanzen, lächelte nach der Seite,
+bis er auf den Knien lag. Mit dem Frühstück kamen Zeitungen. Sie sah, daß
+sein Erfolg riesig war. Er sagte, da sein Blick den ihren nicht traf in der
+Loge, habe er die Niederlage gewünscht. Denn ihr Auge allein habe ihm sagen
+können, daß dieses Rufen bedeutend für ihn, ja eine Freude sei.
+
+Er saß auf dem gelben Stuhl ohne Lehne und plauderte den Nachmittag mit
+ihr, den sie noch lag. Ein Brief kam, er erbrach ihn, biß die Zähne in die
+Oberlippe, drehte sich um und schlug die Hände vor das Gesicht.
+
+Sie las den Brief. Er kam bis ans Bett, als die Augen sich trafen, sah sie,
+wie er schwankte. In der Tiefe, hinter den goldbraunen Ringen entfernte es
+sich. Zwei Falten preßten die Augenschlitze gegen die Nase. »Laß packen«,
+sagte sie.
+
+»Du bist noch krank.« Sie nickte ein wenig und schellte der Zofe. Er senkte
+den Kopf, ging hinaus.
+
+Im Zug schmerzte sie der Rücken bis zum Knie, dann die Arme. Wie sie sich
+legte, linderte sie nur die Sekunde. Im Tunnel verlor sich das Fieber,
+gegen Mittag kam es heftig zurück. Im Schlafwagen lag sie eine Stunde. Das
+Decklicht irrte in blauen Kreisen um sie. Sie setzte sich in die Ecke, in
+Decken gehüllt. »Laß dich nicht stören«, sagte sie. Seine Augen waren
+feucht, kalt nach innen gerichtet, wo er angespannt sich beschäftigte. Sie
+nahm eine Zeitung, hielt sie vor das Gesicht, als lese sie, damit er ihre
+Schwäche nicht sehe. Er hielt die Hände nebeneinander und sah durch die
+dünne Haut auf sie. Die roten Lichtreflexe machten eine unruhige Zartheit
+auf ihren Gliedern durch dies Transparent von rosanem Blut.
+
+Sie kamen bei Regen an. Ein Kommissionär mit schwachsinnigen Augen
+umkreiste sie wie ein Hund und fing plötzlich mit den Armen zu drehen und
+zu schreien an. Hinten begann eine rasende Musik. Der Regen ward so toll,
+daß, als sie auf der Terrasse standen, über den Platz die Herangelaufenen
+mit hochgeschlagenen Kragen in die Cafés zurückstürzten. Schwarze Männer
+standen auf der Treppe, ein langer Frack warf vom Gaskandelaber den Hut
+hoch, knickte die Knie, fuhr hoch, stank aus dem Mund wie ein Fisch. Im
+Wagen begann Daisy zu weinen vor Müdigkeit. An der Ecke sah sie die dünne
+Erscheinung über den leeren Platz rennen.
+
+Gegen Abend blickte sie vom Balkon, der Nebel erfrischte. Eine Ziegenherde
+kam aus der Nebengasse. Ein Radfahrer bog um und fuhr dem Leittier in die
+Beine. Es sprang um, jagte auf die Straße. Die Tiere liefen mit geblendeten
+Augen an die Häuser. Einige Geiße bockten, liefen irrsinnig im Kreis,
+warfen Kinder um, verletzten einen Gendarmen im Gesicht. Der Hirte suchte
+das Leittier, sprang durch die Gruppen und pfiff auf dem Fingergelenk. Da
+nahte Musik, alles verlief sich Die Musik hielt vor dem Hotel. Daisy ließ
+sich auskleiden.
+
+Später drang rote Glut in die Fenster. Als er vom Balkon hereinkam, hob sie
+den Kopf aus den Kissen. »Die Unterbeamten«, rief er, schon im Salon. Sie
+schloß die Augen unter der Müdigkeit der Schlafpulver. Dann gingen im
+Nebenzimmer immer Türen, ein Organ sprach, als gurgle es den Mund voll, das
+schläferte ein. Die Türen klappten rascher, die Reden gingen wie ein Bad,
+es umplätscherte sie aus der Ferne. Sie hatte Durst, bog den Kopf zur Seite
+zum Trinken. Da sauste er vorbei, sie griff nach seiner Hand.
+»Deputationen«, flüsterte die Zofe. In der halbgeöffneten Tür, als sie
+hinausging, stand ein fetter Herr und verbeugte sich tief mit einem fiesen
+Lächeln.
+
+Immer ging seine Stimme wie ein Uhrzeiger durch die anderen, die
+herumwanderten, leis klangen, bald spitz, manchmal quatschisch schäumten.
+Sie bekam Sehnsucht, ihn zu sehen. Sie sah ihn nur im Sprung. Später
+erwachte sie, es war Lärm auf der Straße, sie sah in sein überhitztes
+Gesicht. »Der vierte Zug«, rief er ihr zu, als er auf den Balkon stürzte.
+Als er zurückkam, frug sie: »Was war es«; sie hatte geschlafen in der
+Zwischenzeit. »Studenten«, stöhnte er. Sie verstand ihn nicht. »Was wollen
+sie?« »Provinzen.« Sie begriff im Halbschlaf die Zusammenhänge nicht mehr
+und schlief sofort ein.
+
+Sie sah in tiefblauen Himmel, gewölbt und fließend wie Glas. Er stand an
+ihrem Bett. Sie sah hinunter. Singende irredentistische Vereine zogen zum
+Hafen. Der Schlaf hatte sie erholt, sie legte sich herum, um liegen zu
+bleiben. Er nahm sie an der Hand, sie stand auf. Beim Anziehen bekam sie
+Fieber. Sie hielt ihm den Puls hin. Er fühlte, verfärbte sich ein wenig,
+dann drehte er sich um. Sie sah nicht, was vorging. Es dauerte nur kurz.
+Dann sah er sie fragend an. Sie zog sich weiter an, eine solche Spannung
+lag in seinem Blick. Er hob sie hinüber ins Boot. Die Molen waren schwarz.
+Auf der Triere ward eine Fahne gelegt. Er trat darauf. Sie hörte jedes Wort
+aus dem Theater. Die Schärpen standen grell über den Hemden wie auf
+Schilder gelegt. In der weißen Glut platzten die Köpfe fast. Sie standen
+wie Zinkknöpfe, heiß und schwitzend. Um sie herum lagen Schiffe mit
+Tribünen, von denen die Photos unaufhörlich knackten. Ein amerikanisches
+Boot suchte ständig die Sperre zu durchfahren. Die Menge wartete, bis die
+Glocken den Berg herunterkamen. Dann schaukelten Tücher über dem Schwarz.
+Eine Brandung erhob sich am Ufer. Aus Marmor stieg ein Adler von der
+Klippe. Eine dumpfe Salve knatterte hinter der Halbinsel. Dann sprach er
+jene mystische Revolte, hatte die Hände gegen die Brust gestemmt, die Beine
+eine kleine Spanne auseinander. Auf seinem Kopf lag eine Entschlossenheit
+der Wollust, als wiege sein Hirn sich in dem Gedanken, den er mit großen
+Rhythmen durchmaß. Unter seinen Sätzen aber, die ihm die Höhe seines Lebens
+waren, kam aus der Tiefe des Meeres der Glanz langsam herauf. Aber wie er
+schloß, überkam sie eine sinnlose Traurigkeit, sie fiel fast zusammen.
+
+Das Meer schäumte ein wenig, als sie zurückfuhren. So lange sie fuhren,
+streichelte er unter dem Mantel ihre Hand. Sie ging sofort in ihr Zimmer,
+schloß ab, kleidete sich aus. Dann sprang sie heraus, ließ sich anders
+anziehen, legte sich auf den Rücken. Im Nebenzimmer telephonierte er nach
+dem Arzt. Er verlangte Rom, einen Spezialisten, rief Summen ins Telephon,
+trommelte an ihre Tür. »Öffnen Sie«, sagte sie der Zofe. Im Halbdunkel
+beugte er sich über das Bett. Sie brachte den Blick nicht gegen seinen zum
+Fixieren. »Welches Unglück«, stöhnte er. Er fluchte, verwünschte den Tag,
+maß sich die Schuld zu, daß sie hierher gefolgt, aufs Meer gekommen. Sie
+lächelte. Das Telephon rief ihn hinaus. Im Dämmern sah sie auf dem Tisch
+etwas Helles. Es mußte vom Mittag liegen. »Schließen Sie«, sagte sie der
+Zofe. Sie machte das Telegramm auf, las, bückte sich, krümmte sich wie eine
+Katze.
+
+Er klopfte an die Tür. Er rief durch das Schlüsselloch, er störe sie nicht,
+nur bitte er, daß sie den Arzt empfange, wenn er komme. Dann ward es still.
+Später kam er noch einmal, sie hörte ihn hin und hergehen, sein Schritt war
+beängstend leis, verhalten.
+
+Nur sie habe Sinn für ihn, murmelte er. Er sprach lange mit sich, die
+Portiere dämpfte es. Auf dem Tisch stand sein Bild. Daisy sprang auf. »Der
+Arzt«, schrie es im Gang, im Nebenzimmer flog das Fenster auf, sie hörte
+einen stehenbleibenden Motor. Sie nahm eine Nadel, zielte dreimal nach dem
+Bild, steckte sie rasch in ihr Haar, sie kam durch ihre Tür zum Korridor,
+durch die zweite Treppe auf den Gang, dann in das Vestibül. Sie fuhr über
+Mailand nach Turin. Dann nach Lyon. Das Fieber ließ nach, sobald sie
+härtere Luft atmete, in einer Stunde war es vorbei. Von da fuhr sie bis
+Calais. Mit dem Fünf-Uhr-Dampfer kam Syg. Sie schritt mit dem Tuch, ohne
+aufzuhören, winkend über den Steg auf sie zu.
+
+ * * *
+
+Der Mond flog, ein Vogel, durch den Apfelbaum; Die Syringen hingen schwer
+und rot über den Kies; Über den Hyazinthen strudelte die Luft in einer
+Kupferfäule. Zwischen den Zweigen des Gebüschs fing das Dunkel erst an und
+bebte. Bienen stürzten in die Höhe und von ihren übervollen Poren
+schaukelten hochgetragene Blüten langsam und taumelnd in das Wasser zurück.
+Die tiefgesenkten Gartenfenster brachen mit runden Quecksilberbogen aus den
+Säulen heraus. Die magische Tiefe des Glases blätterte sich nach innen in
+den schimmernden Kreisen und sog den Kiesweg mit den Tulpen in einer
+Spirale hoch und in sich auf. Aus der Gartenhütte taumelte ein Gegenstand
+mit unheimlichem Schütteln, schlug wild gegen den Apfelbaum, kam in den
+Mondschein, torkelte in ihm über die Wiese nach einer Maus. Dann hielt er,
+verdrehte die Augen, schrie »Do . . . go -- -- go. Dogo . . .«, schnurrte
+und steckte den Schnabel zwischen die Flügel. Der Mond, wie ein unsichtbar
+geschlagenes Schild, war weiß von Metall, zitterte durch den Himmel.
+
+Dies alles brachte ihr die Heimat nahe, wenn sie Sygs Hand hielt. Sie
+gingen angeschmiegt durch den blauen Dunst der angefachten Nacht. Aber es
+trug sie nicht hinüber, sie hatte nur Abwehr. Die Unruhe war gewichen,
+sobald sie Syg sah und spürte. Dies aber, dachte sie im Bett, was sie froh
+machte, war nur die Gegenwart der Schwester, Sygs Figur und Stimme, vor
+deren naher Gewalt das Gelebte zurückfiel. Sie empfand Ruhe und Stille. Sie
+empfand sogar in Vaudreuils Grüßen das geheime Suchen und Fragen, aber sie
+war so sicher, daß sie sie unbefangen zurückgab.
+
+Elfmal schlug die Uhr, dünn und silbern. Der Ton ging hinaus, wo der Glanz
+nicht nachließ. Syg konnte nicht schlafen, legte sich herum. Sie lächelten
+sich in das Gesicht. Der große helle Raum stand voll Mondstaub. Vor dem
+Fenster schwankten Weidengerten auf und nieder, obwohl kein Wind ging, wie
+der bebende Rücken eines Tieres. Nun begannen im Boudoir die Silbersachen
+zu leuchten, die Bettseide wurde ein Netz von zartestem Weiß, nun stand der
+Mond mitten im Rahmenkreuz und durchstieß gelb und flutend das Fenster.
+
+Daisy richtete sich auf, als lausche sie: »Und Well?« frug sie und horchte
+hinterher . . . »und Well? . . .« Syg sprang aus dem Bett. Der Balkon war
+mit wogendem Lichtnebel über den Kletterrosen zugezogen. Die Nacht wurde
+immer wärmer und durchsichtiger, schon traten die Figuren vor der
+hintersten Hecke deutlich heraus. »O«, flüsterte Syg und führte die flache
+Hand über das Geländer. Stück auf Stück der Jugend gaben sie sich in die
+Hände, hinüber, herüber wie Bälle, und spielten sie sich zu . . . die
+Bäume, die Gouvernante, die vertrocknete Fischkugel, den Ameisenbau. Wie
+sich die kleinen Dinge, deren zärtliche Erinnerung sie am sorgfältigsten
+erfüllte, aus ihrer Erinnerung hoben, schmolz sie das Gefühl zusammen, daß
+die Jahre hinaustraten zwischen ihnen . . . Tage flogen auf und hoben sich
+in sanften Farben wie aus Strohhalmen abgesandte Kugeln und schwammen in
+den Garten hinein. Im Scheitel der Nacht hing der Mond fröstelnd und starr.
+
+Die Uhr schlug. Vögel sangen, den Kopf noch an der Brust, in das wollüstige
+Grauen. Das Gras begann zu leben, und der Tau glühte mit einer hingegebenen
+Leidenschaft an der Erde. Daisy bog sich aus ihrem Bett über Sygs klares
+Gesicht. Sie empfand, daß ihr Kopf wie ein Spiegel denselben Ausdruck
+trage. Sie empfand das Glück dieser Gegenwart mit einem berückenden Gefühl.
+
+»Wie lange hattest du Fieber, Syg?«
+
+»Acht Wochen.«
+
+»Arme, doch wirst du in Firenze nichts tun wie liegen und blaue Luft
+atmen.« Sie legte den Kopf an Sygs Brust und liebkoste sie mit der Wange,
+denn die Erinnerung der Schmerzen, die Syg gelitten, quälte sie in dieser
+Stunde der Seligkeit mehr, als sei es ein eigenes Leid.
+
+Die Uhr schlug. Syg gähnte; zog die Beine herauf und schüttelte die Locken,
+reckte die Arme. Sie war zu faul zum Aufstehen. Sie schellten nach dem
+Frühstück. Die Zofe brachte es zuerst Daisy an die linke Seite des mit
+breiten Stäben gegliederten Messingbettes. Sie wies nach Syg. Das Mädchen
+sah verwirrt von einer zur anderen. Sygs blaues Haar wallte um das ovale
+Gesicht, sie hatte das Kinn auf die Hand gestützt. Sie sah mit den Augen,
+die tief und wundervoll ausgeschnitten und mit leidenschaftlichen Schatten
+befiedert waren, dem Mädchen zu. In ihrem Weiß lag ein violetter Schimmer.
+
+Sie wurden ohne Pause verwechselt. Die Bonnen kannten sich nicht aus. Der
+Kutscher stammelte. Ärgerlich rief Daisy: Pha . . . lux . . . Freunde
+vertauschten sie. Aber dies band sie nun erst aneinander, denn in jenem
+Wechseln der Körper und Erscheinung fühlten sie hingegebener die Harmonie.
+Sie lachten sich an vor dem Spiegel. Sie zogen sich verschieden an, machten
+sich unähnlich.
+
+Syg trug die Haare hoch um einen dreigezackten Pfeil, Daisy zog sie unter
+einer Perle, die über der Stirn lag, halb über die Ohren und scheitelte den
+Kopf. Syg trug dunkle Seide. Daisy ging ganz weiß, der Wind schmiegte sich
+in die kleinen Blumen des Battists und der Boa.
+
+Umsonst.
+
+Sie tauschten den Puder, die Korsetts, die Rotstifte. Syg blaßte ab wie ein
+Pierrot. Daisy ging mit anmutig erhellten Wangen. Doch wie sie sich
+bemühten, stieg die Verwirrung. Da gaben sie nach, Syg hatte eine Grimasse,
+sie tauschten die Rollen.
+
+»Sie baten mich, die Kette zu besorgen«, sagte ein junger Kanadier, reichte
+Daisy ein Etui.
+
+»Es war meine Schwester«, sagte sie. Sie trug ein silbriges Abendkleid mit
+Schwarz, ging hinaus, Syg zu rufen.
+
+Sie kam zurück mit Goldpuder und einem roten Samt. Er überreichte es ihr.
+Sie dankte. Die Tür ging auf. Syg kam in einem blauen Schneiderkleid wie
+von der Straße, gab ihm die Hand und frug: »Haben Sie meine, Kette, John?«
+
+Verblüfft sprang der junge Mann auf: »Haben Sie noch eine Schwester und wel
+. . .« Syg klatschte in die Hände, nahm ihn bei den Ohren, schenkte einen
+Kognak ein.
+
+Jeden Tag schob Syg die Abreise hinaus, jeden Morgen freute sich Daisy und
+jeden Abend litt ihr Gefühl, das um Syg Sorge trug und doch nicht
+vermochte, sich von ihr zu trennen. Die Tage gingen wie ein blauer Mond
+nach dem anderen am Fenster vorüber, und Dogo saß in jedem, auf dem Zweig
+des Faulbaums sich schaukelnd.
+
+Fribaurt rief an auf der Durchreise, Syg nahm den Hörer. Er kam nach einer
+halben Stunde. Daisy empfing ihn. Er sah ihr von unten in die Augen, und da
+er ein geschärftes Ohr hatte für das herbere in Sygs Organ, frug er, den
+Rücken weich, hündisch, biegend: »Wozu die Komödie?« Sie gingen auf die
+Veranda. Sie hob den Finger an die Lippen.
+
+Unter ihnen stand Syg, vor ihr ein junger, schlanker Gärtner. Sie tollte
+und sprang um ihn herum, verzog das Gesicht, schüttelte den Kopf. Sie frug
+ihn, er sagte etwas. Sie preßte die Hände in die Hüften, daß die Ellenbogen
+nach auswärts standen und lachte. Ihre Bewegungen waren in diesem
+Augenblick ganz unerlöst und kindlich. Dann frug sie wieder. Er sagte einen
+slawischen Namen und zischte. Sie schüttelte den Kopf und lachte noch
+heller. Sie faßte ihn unter dem Kinn, richtete sein Auge nach ihrem (denn
+er schlug es nieder) und horchte angespannt, dabei bewegte sie die Nüstern
+in Spott.
+
+Er errötete, dann schrie er mit voller Stimme: »Zsigis«. Syg blieb ganz
+ernst, hob die Hand, fuhr ihm die Grenze der Stirn entlang, sagte ihm etwas
+ins Ohr und ging lachend die Treppen zur Veranda hinauf. Oben blieb sie
+stehen: »Pony« . . . rief sie. Er hielt an, wandte sich um, errötete und
+blickte hinauf. Dann wurde er ganz blaß. Sie winkte. Er ging.
+
+»Warum nennst du ihn Pony?«
+
+»Wegen der Haare.« Auch ihre Locken hingen gefächert in die Stirn.
+
+Daisy preßte plötzlich die Hände fest zusammen: »Fribaurt fährt Donnerstag
+nach Italien . . .« Sie stockte. Mit einem seltsamen und nie gesehenen
+Ausdruck sah Syg an Fribaurt hinauf und wieder herab, zuckte kaum deutlich
+die Schultern. Aber Fribaurt, der stark nach einem süßen Wasser roch, sah
+es nicht, denn sein Blick folgte dem Gärtner, der in den Büschen
+verschwand.
+
+Aber Daisy vergaß den Ausdruck nicht, mit dem Syg den anderen angesehen.
+Sie blieb den ganzen Tag dicht neben ihr, als ob schon die Entfernung eines
+Zimmers, der Raum einer Wand sie trenne.
+
+»Ich danke, daß du bleibst«, sagte sie stockend, als sie in den breiten
+Mondstrom hineingingen. Sie kamen dreimal um das Bassin, dessen Rotunde in
+Marmor glühte. Das Gras war blau und Dogo hing in einem Kreis von
+Fächerschatten. Als sie um die Hecken bogen, stand der Mondschein gezackt
+als Segel über dem Garten, der unter ihren Füßen schwebte.
+
+»O«, sagte Syg mit plötzlich ganz erhelltem Gesicht, »ich freue mich, daß
+du dies sagst.«, Sie gingen hinein, Daisy stumm vor dem Glücksgefühl, das
+diese Antwort ihr gab. Aber auf der Treppe zögerte ihr Fuß. Sie spürte, wie
+unrecht es sei, daß auch ihr Wunsch nur Syg halte. Aber sie sagte nichts.
+
+Am nächsten Tag fuhr Syg im Métro zur Etoile, besuchte eine Dame in der
+Avenue Wagram, schloß das Tor, fuhr zur Seine, stieg an der Madeleine aus
+und suchte zur Oper zu ein Geschäft. Sie sah in ein vorübergleitendes Auto.
+Ein Herr sprang heraus, in höchster Erregung auf sie einsprechend, sie sah
+seinen Bart zittern, die Leute blieben stehen, als er schrie. Sie nahm ihr
+kleines Stilet, drängte ihn bis an den Rand, er sprang in sein Auto,
+verdeckte das Gesicht. Sie sah um. Ein Photograph knipste und kurbelte
+neben ihr. Ein Herr mit einem Notizbuch zog den Hut. Sie machte eine rasche
+gewandte Bewegung, glitt zwischen dem Haufen durch, mitten in ein
+Orchester, das vor dem Café konzertierte. Sie saß eine halbe Stunde vor
+einem Whisky. Dann fuhr sie heim.
+
+Zwei Tage sprach sie kein Wort über den Vorfall. Sie lebte neben Daisy.
+Aber die Worte, die sie gehört und die nicht ihr galten, sondern Daisys
+Leben herausrissen aus Stunden, die sie nicht ahnte, entfielen ihr nicht.
+Nachts setzte sie sich neben Daisys Bett und sah sie stumm an. Aber die
+Worte spannten sich zwischen sie und die Schwester und trieben sie
+auseinander. Sie vermochte nicht mehr, den Blick unbefangen auf Daisy zu
+heften.
+
+»Du hustest?« frug Daisy und fuhr aus dem Schlaf.
+
+Syg schüttelte den Kopf. Daisy preßte die Lippen, als die Schwester
+schlief. Sie fühlte, wie die Unbefangenheit riß, die Ruhe wankte, sie
+bangte um die Schwester und wagte nichts zu sagen, denn sie fürchtete, daß
+dann das Helle aus dem Himmel falle und die Kraft daraus lösche. Sie lag
+lange wach. Plötzlich öffnete Syg die Augen, schloß sie wieder. Mittwoch
+Nacht sagte sie, daß sie reise. Daisy sagte kein Wort. Sie gingen
+nebeneinander durch den Garten, als sie fuhr. Zwischen den Winden und
+Bohnen stand mit hohen, schlanken Beinen der Gärtner. Sie stiegen ein.
+
+Die Räder rollten.
+
+Sie fuhr zurück.
+
+Eine schmutzige Faust reckte sich in ihren Wagen. Sie nahm die Zeitung. Der
+Wagen stockte im Lauf eine Sekunde. Sie gab den Sou. Wieder spannten die
+Motore sich an. Sie las, ihre Lippen verzerrten sich. Sie verstand zum
+erstenmal. Ein maßloser Schreck, dann Zorn verdeckten ihr die Augen. Ekel
+schüttelte sie, daß sie die eine Hand mit der anderen festhielt und
+geschlossenen Auges zurück sich warf in das Polster. -- Sie sah die
+Karikaturen auf den Parlamentarier, sah die Photos, die die Kinos von
+seinem Überfall her spielten, sie begriff die Verwechslung . . . die Folies
+Bergères trugen die Nummer in ihrer Revue. In der Ecke unten unflätige
+Telegramme, die er aus der Provinz, wohin er vor dem Skandal geflohen,
+gedrahtet. Sie biß auf den Daumen vor Schmerz, der Wagen rauschte in den
+Garten.
+
+Sie saß auf der Diele. Das tiefe Fenster hinaus nach dem Bassin lag wie ein
+niedergelassener Vorhang. In der Tiefe des Gartens stand Pony und
+arbeitete. Seine Beine und seine trainierte Brust wiegten mit den
+elastischen Ruten der Büsche und Stauden. Der Abendnebel flammte den Geruch
+der Erde rötlich um seine Hüften hinauf.
+
+Sie warf die Hände gegen die Brust und empfand zum erstenmal, wie sie,
+gleich einem verlassenen Tier, allein sei. Sygs Zug glitt irgendwo in die
+Dämmerung und aus ihrem Leben. Sie blieb zurück, um eine Lüge beraubt, die
+sie sich vorgeredet jede Sekunde des Daseins und der Gegenwart der
+Schwester. Sie fröstelte. Jugend und Heimat fielen an ihr nieder, hart, als
+klirrten Ringe auf der Diele. Woran ihr Herz (sei es auch nur wie ein
+Traum) und unwissentlich trotz des Hasses gehangen, nun lag es nackt
+verschwunden. Mit kaltem Grauen empfand sie die Einsamkeit, aus der die
+zarten Gefühle weggeschwungen. Einsamer und verzweifelter schluchzte sie
+auf als jede Stunde, die sie gelebt.
+
+Es kam ihr, wie lind es sei, wenn sie weinen könne. Aber sie konnte es
+nicht.
+
+Es genügte noch nicht.
+
+Sie fühlte sich frei und verantwortungslos mit einem Male. Aus der Tiefe
+des Blutes kam ein Strom, der sie zu einer Unbedingtheit zwang, deren
+zügelloses. Streifen sie zu Gelöstheit erhob, die den Atem benahm. Die
+Lippen bebten übereinander. Nichts hielt sie, bedingte ihr Tun, gab
+Verantwortung für ihre Handlung. Mit einer zerstörerischen Wollust empfand
+sie ihr Ausgestoßensein, das ihr eine Kühnheit verlieh, die sie fast
+berauscht empfand. Nun trat Pony aus dem Dampf ins Helle. Sie begann zu
+winken. Das Fenster lag wie eine aufgeschlagene Terrasse in dem Garten.
+Tritte schlichen herauf. Dogo schrie in seinem Ring und stieß die Flügel
+gegen die Wand, als zerbräche er Glas. Sie stand auf.
+
+ * * *
+
+Zwischen dem dritten und vierten Tanz hob die Kleine, die zwischen den
+Stühlen schaukelte, stehend die Hand nach der Seite. Daisy ging hinüber. In
+der Toilette brannte eine weiße Flamme. Sie hob den Schleier, zog Rot über
+die Lippen. Im Spiegel sah sie die zögernd Eintretende. Ihre Augen trafen
+sich in dem Glas. In dem Gesicht der Tänzerin ging ein Schreck auf, sie
+flüsterte etwas und glitt zurück. Daisy ging zu Léons Tisch hinaus. Beim
+Hinausgehen fragte sie den Kabarettportier nach ihrem Namen. Sie bestellte
+sie in das Hotel. Sie kam und bat, zart wie eine Libelle, daß Daisy ihr den
+Mann nicht nehme. Sie sah zitternd auf den gefalteten wollüstigen Mund der
+Frau vor ihr. Daisy nickte gleichmütig, prüfte sie mit einem Blick,
+schenkte ihr Strümpfe, Hosen, Dessous. Oft, wenn sie abends frei war, kam
+Renée herauf, ein Band umgab sie. Bald hatten sie kein Geheimnis. Daisy
+wußte jede Bewegung des Attachés, seine Lieblingsworte, seine geheimen
+Sätze, aber es reizte sie nicht. Sie fuhr mit Léon baden, sie stieg in das
+Wasser, das ihren Körper aufsog; ihre Haut aus dem Wasser heraus selbst
+trübte ihm die Augen vor Erregung. Auf der Rückfahrt suchte seine Hand nach
+ihrer. »Das andere Ufer«, kommandierte sie, er mußte wenden. Sie ging am
+Abend mit Renée in den Florissant.
+
+Zwischen orangenen Lampions drehten Matrosen und Mädchen. Als ihre Hüfte
+unter den anderen erschien und in der abendlichen Dämmerung in die
+Tanzschleife wogte, umgab sie Gedränge, Blicke, Augen. Ein großer
+Steuermann von der savoyischen Linie faßte sie, brach die Finger fast an
+ihren Korsettstäben. Sie tanzte mit starrem Blick, ihr Zofenkleid machte
+sie noch herber, sie bog in den Vorsaal. Er taumelte, fiel in das Knie,
+schäumte, erhob sich, sie führte, sie schwindelten, sie tanzten in den
+Garten. Er konnte sich nicht helfen und stammelte Flüche. Sein Kopf fiel
+auf ihre Schulter und er schlug sie auf den Arm. Sie ließ nicht nach, bis
+sie langsam mit zitternden Knien hineinging in den Dampf, der Mann
+besinnungslos auf dem Kiesbeet lag. -- Ein Kolonialoffizier erschoß sich,
+einen Ring von ihr auf der Brust, durch den er die Kugel gesandt hatte. Kam
+sie mit hochroten Lippen durch die Rue du Purgatoire, ward der See eine
+Tönung blässer, der Montblanc steiler am Horizont. Die Augen der Männer
+wanderten ruhelos nach ihr. Verkleidet im Mannskostüm bei einem Ball jeute
+sie im Kursaal, trat hinaus vor die Schnüre von Lichtern, die die Fassade
+umlohten, ihr Blick tauchte in den eines ganz jungen Studenten, er fuhr sie
+hinaus. Ihre langgeformten Knie, die eine wundervolle Sehnsucht in seine
+Seele zeichneten, verzückten ihn, daß er ins Wasser sprang und am Ufer
+schreiend davonlief. Sie ging mit zwei weißen Windhunden durch die
+Palmgefieder des Parc des Eaux Vives. Sie blieb stehen, kehrte langsam um.
+Auf einer Bank saßen Léon und Renée. Ein Zug seines Mundes erinnerte sie
+den Abend lang an Pony.
+
+Sie fuhr zu ihm. Er hatte den Garten, den sie ihm geschenkt, geschnitten,
+begossen, bestellt. Ihren Namen mit Ranunkeln gesetzt, in die vier Bäume
+des Eingangs geschnitten. Auf der Höhe des Belchens ihr Wappen mit Steinen
+zusammengesetzt. All seine einsamen Tage erstanden als Monument seiner
+Liebe. Hinter dem Strohdach sank die Vogesennacht feucht und traurig. Sie
+stiegen hinunter am Morgen. Kuheuter und Wiesen rochen unter dem roten
+Mond, über dem Rhein lagen die Schwarzwaldtage mit silbernen Wolken. Über
+den Grat der Vogesen rollte die purpurne Kugel groß und träg.
+
+»Hast du die Harmonika?« Er nickte. Nur ein scheuer Blick nach
+aufflatternden Vögeln zeigte, daß er Sehnsucht hatte. »Ich schreibe deiner
+Schwester«, sagte sie am Morgen. Sie arrangierte ihren Hutkauf, sogar eine
+Stelle und nahm ihm mit einem Brief die große Sorge. Aus den Weinbergen
+glühte blau die Sonne. Sie lockte unter seinem Fenster. Als er in die Hecke
+ihr nachstieg, ließ sie seine Lippen ihn aufmachen und legte ihm
+seidenschwarze Brombeeren eine nach der anderen in den Mund, der feucht und
+schmal und rot war. Seine Tierischkeit, die die einfältigen schönen Formen
+der Natur edel befolgte, gab ihr jeden Tag das Neue. Ringe kamen, Nadeln
+für ihn. Er spiegelte sich im Rücken seines Zigarettenetuis.
+
+Er erbrach sich nachdem er zu viel gefressen. Sie saß an seinem Bett, er
+fürchtete sich vor dem Unbekannten, das ihm Leiden brachte, verehrte sie
+wie eine Mutter, indem seine Seele zum Schutz dicht an ihre sich schmiegte.
+Er tollte in die Gesundung, riß den Schwanz der Hühner aus, saß auf den
+Bäumen, ward traurig am Abend, wusch sich nicht, roch nach Schweiß und
+Erde, sie fand ihn schöner als je.
+
+Sie bekam Sehnsucht nach Wasser, als nach einem Gewitter ein Bach neben dem
+Haus herabstürzte. Sie fuhren zurück, zusammen diesmal. Neben ihr zwischen
+den Hunden schritt Pony in weißen Hosen und Schuhen durch die Rue du Rhône.
+Er blieb am Geländer stehen, schaute träumerisch in den tiefblauen Schuß,
+der aus der Brücke kam, die Insel umrahmte und überschwungen blieb von
+unwahrscheinlichen Schwanenherden. Sie pfiff durch die Zähne. Zwei
+Passanten blieben stehen, sahen nach. An der Brücke flog eine Autotür auf,
+ein Herr, indem er die Kurve nahm, als sause eine Kugel in einer gebogenen
+Schiene, starrte sie an. -- Auf dem Balkon saß Renée im Lederstuhl, die
+Knie hochgezogen. Ihre Atropinaugen, tief untermalt, glänzten einen milden
+Schein, sie starrte auf Pony, flog darauf Daisy an den Hals. Der Abend
+schoß durch die Platanen. Renée legte die Gabel hin, kniff ein
+Fünffrancstück ins Auge, legte dem Kellner den Absynthstrohhalm über das
+Ohr und breitete die Arme aus. Pony sah auf das Wasser. Die Küste wich
+zurück. Schwärmerische Raketen überwanderten den immer neu geäderten
+Himmel. Ein Konzertstück wie eine rosa Wolke lag mitten im See. Auf den
+Fußspitzen wiegte Renée erwartend den ganzen Körper langsam über die Lehne,
+blieb einige Minuten von einem unaufhörlichen Zittern durchflossen.
+Plötzlich wühlte sie den Bauch in den Mondschein, bebte in der Wage der
+Hüften in einer pfeilschnellen Schwingung, tauchte aus dem Licht, fuhr mit
+einer kreisenden tollen überschwingenden Eile wieder hinein -- dann kamen
+die Lenden in ein glücklicheres beruhigtes Schweifen, die Muskeln des
+Leibes ebbten zurück und wurden spiegelglatt, fast ohne Atmung. Sie tanzte
+nur noch mit den Knien, die den Körper in einem fast gläsernen Taumel
+ertrugen. Die Hüften malten sich unbeweglich und zart in die Schatten. Nur
+der Rock rauschte, Daisy preßte dagegen, sie schwangen atemlos, ihre Leiber
+bedeckten sich, sie küßten sich -- »Warum brachtest du mich her?« frug Pony
+schauernd in ihrem Arm die Nacht. Sie lachte: »Reizt es dich nicht zu
+größerer Liebe?« Sie zog ihn auf ihren Mund: »Pony.« Er schloß die Augen.
+
+Eines Nachts brachte sie von den Anlegeplätzen vor Versoix Jérôme mit, im
+Sweater ohne Kragen und Ärmel. Selbst wenn er flüsterte, war seine Stimme
+rauh und biß sich durch die Dunkelheit. Im Zimmer nebenan lag Pony, die
+Wand war so dünn, daß das Geräusch einer Fliege im einen Raum im anderen
+noch lauter scholl. Sie legte die Kleider langsam ab. Am anderen Tag mußte
+Jérôme sie rudern, hinaus, zurück, in die Rhône, um die Insel, dann immer
+um ihr Haus. Eine Kette von Schwänen verfolgte das Boot, ihre Weiße
+verblich am Abend mählich der Blässe ihrer schimmernden Haut. Sie sah immer
+auf Jérômes Nacken, wo die braunen Halsmuskeln wie Fächer
+zusammenschnellten. Abends ging sie einsam und allein nach Haus. Die
+Schwäne geleiteten sie noch eine Weile in der Dunkelheit am Ufer. Als Léon
+von der Gesandtschaft in Bern zurückkam, lag er verzweifelt im Boot vor
+ihr, berührte ihre Hände, ihre Schuhe. Sie schüttelte den Kopf. Sogar das
+Wasser erhielt eine Feierlichkeit und schäumte leicht in dunkler Erregung,
+wie sie mit langen braunen Beinen immer tiefer hineinstieg. Auf der
+Terrasse des Café du Nord ballte Léon die Hände und hörte auf zu atmen nach
+seiner Frage. Sie ging hinweg über Pony, schaute ihn einen Augenblick an,
+die Bernsteinkörper in seinen Augen ihr gegenüber erstarrten, sie ließ eine
+Sekunde schweben, dann sagte sie auf sein Drängen, wie er es wage, mit ihr
+zu reden, habe er doch Renée. Ihr Hochmut ließ ihn bei diesem Namen eine
+Bewegung machen, als lege er dies nebenhin als ohne Gewicht für sein Leben.
+Sie zeigte nichts, aber er strich sich damit aus ihrem Dasein. Aber Renées
+Geschrei machte sie müde am anderen Tage, denn sie tobte in ihren Zimmern,
+weil sie Léon liebte. Die Zarte irrte wie ein Vogel auf den Balkon gegen
+das Blaue und zurück in das Zimmer. Daisy sah sie lange an. Sie sagte kein
+Wort, gab ihr Geld und zwei Koffer. Am Abend ging sie zum Zug. Renée weinte
+gerührt an ihrem Hals. Als der Zug weg war, sah sie einen Männerschatten am
+Bahnhofeingang, sie nickte mit dem Kopf. Zu sich selbst.
+
+Léon griff sie stürmischer an, befreiter, beim Segeln, auf den Quais. Sie
+bedeutete ihn ruhig, daß das Opfer, mit dem er sich brüste, ihr nichts
+bedeute, denn es sei eine Selbstverständlichkeit und ohne die kleinste
+Verpflichtung für sie. Sie kam mit Pony wieder und den Hunden am Abend die
+Anlage her, als die Rhône sanft, tiefblau vorüberströmte, schon die
+Dämmerung aufnehmend, während ihr Anfang noch biegsam und stählern mit den
+Schneebergen glühte. Léon flehte sie an, Pony zu verlassen.
+
+»Gab ich nicht Renée?« Es verstörte sie eine Sekunde, an die Tänzerin zu
+denken. Doch glitt es schon weiter, hinter sie. Sie zog die Augen an, daß
+sie schräg standen.
+
+Am Morgen war sie verreist. Enttäuscht von der Brust eines glatten Fischers
+kam sie von Beaurivage. Der Morgen fiel prall und von seraphischer Bläue in
+die Schwebe getragen auf den weißen Ufersand. Erstaunt sah sie Genf wieder
+auftauchen. In der Betäubung des irrsinnigen Suchens fiel Gelebtes sofort
+hinter sie, Leidenschaften verschwammen wie nie geatmet nach Tagen. Die
+Landschaft der Woche vorher, das Haus, ihre Gedanken prallten schon im
+Wesenlosen. Als Léon, die Hand am Steuer, den Großschot in der anderen
+seilend, in ekstatisch erhellter Nacht, in der der Mont Blanc wie ein
+weißer Ballon schwamm, schwor, Pony zu erschießen, wenn sie ihn nicht
+verjage, sein Auge den fiebrigen Wahnsinn bestätigte, wies sie ihn zurück
+mit Nein. Kalt vor Zorn verließ sie ihn über die Drohung, mehr voll Liebe
+zu Pony wie je. In dieser Nacht weigerte sich Pony zum erstenmal, sein
+gequälter Körper gab ihm Mut, den sein Geist nicht hatte. Sie sprang aus
+dem Bett: »Gut . . . du wirst Bonnen wieder haben.« Am Abend kreuzte Léon
+Ponys Abreise, sie hatte ihn nicht begleitet. Er nahm einen Wagen, jagte.
+Er kam als Sieger. Auf dem Tablett kam mit ihm ein Brief, Daisy nahm ihn,
+als Léon eintrat und legte ihn sofort wieder zurück. »Welche Eitelkeit in
+Ihrem Gesicht«, höhnte sie und wandte sich um nach dem Shawl und dem
+Spiegel. Bestürzt, zerschmettert kehrte Léon um. Am Ende des Zimmers hielt
+er, nahm eine Vase und schlug sie hin, blickte starr und ging hinaus. Daisy
+trat auf die Rampe des dunkel gewordenen Hauses, um das die Brust des
+Wassers langsam stieg und fiel. Sie pfiff. Zwei grüne Lichter bewegten sich
+auf dem Anlegeplatz, stachen ins Wasser, kamen im Bogen heran. An Léon
+vorbei, strich Jérôme in das Haus. Plötzlich hob er den wirren braunen Kopf
+und lauschte. Im untersten Fenster sang eine weiche berückende
+Männerstimme: »Andulko me dite --vy se mne libite . . .« »Was ist das?«
+frug Jérôme. Sie lauschte. Pony war zurückgekehrt. Sie lachte, zog ihn wie
+einen Hammel am Fell. »Einer der Hunde?« frug sie ihn; er fletschte die
+Zähne. Sie bückte sich, hob den Brief auf. Die Schrift war von Syg. Sie
+ließ ihn in das pfaublaue Wasser hinunterflattern. Am Morgen brachte sie
+Pony selbst in die Bahn.
+
+Ringe in Blumen . . . sie gab die Buketts, ohne sie zu sehen, dem
+Zimmermädchen. Ein Kreuz mit Ametyst auf Rosenholz, vom Athos, lag auf
+ihren Kissen. Ein Pferd stände bereit, schrieb man. Léon schmiegte sich
+manchmal durch die Dämmerungsschatten draußen. Eine Yacht trug ihren Namen
+am Lee unter dem Fenster vorbei. Eine kalte Verschwendung trug die Luft
+jedem aus ihrem Leben zu, die erzittern machte, wer in ihren Kreis trat.
+Sie atmete, sah Augen, Tage, blaue Ausschnitte über dem Salève, kurz und
+farbig blitzten Blicke in ihren, schon entrann es zu anderem. Es floß
+zurück wie in einen Bogen, in dessen Kurve ihre Seele unermüdlich schwang.
+Irrsinnig eines Abends erstürmte Léon die Treppen, kam in ein Zimmer, wo
+sie las, streifte die Kleider ab. Sie eilte hinaus, schloß ab, klingelte.
+Er flehte. Sie wollte den Skandal. Dann überlegte sie, sie schloß einen
+Vertrag, legte ihm auf, daß er sie mitnahm auf die Gesandtschaft in Bern.
+Er kompromittierte seinen Namen, die Stellung. Doch er sah sie nur entfernt
+wie immer. Sein Diener erzählte ihm von dem Kreis und den Monden auf ihrem
+Leib, er ward ohnmächtig. Sie frug ihn nach seiner Arbeit, den Geheimnissen
+des Berufs, sein Leben. Seine Nägel ballten sich in die Handflächen, aber
+sie sah die geheimsten Akten. »Wäre ich eine Agentin?« Er zuckte die
+Achseln, schon war ihm alles gleich. Seine Familie steckte ihn in ein
+Sanatorium. Er folgte. Vorher bestach er die Zofe, erhielt eine ihrer
+Hosen, schluchzend fuhr er damit im Zug. Er hatte sie nicht gehabt. Er
+hatte wenigstens dies. Am Abend spielte sie in einen Mann verkleidet auf
+einem Kostümfest, an den »Kleinen Pferden«, verlor, konnte nicht alles
+zahlen, bat ihren Partner mitzukommen. Er wartete im Vestibül. Als sie die
+Treppe zurück herunterkam, erstarrte er. Sie kam als Frau.
+
+Er neigte sich über ihre langen Finger. Wie sie in den Wagen stieg, sprang
+Jérôme hinter einem Busch heraus und schrie: »Hure«. Etwas blaß, unsichtbar
+durchglüht trat sie zögernd ein wenig zurück. Als sie ihn aber ansah, ließ
+er die Hände sinken, schlug sie um den Nacken und lief brüllend davon. Der
+Wagen rollte. Sie trat mit ihrem Partner ein Treppenhaus mit Marmor hinauf.
+Die rote Weste eines Dieners leuchtete hinauf neben ihr unter einem
+zehnkerzigen Halter. Die Fräcke im Saal glitten durch einen dünnen
+silberbläulichen Rauch, den der Atem des Tanzes und der Getränke schon zum
+Rausch gemacht hatten. Sie legte den Arm auf eine Schulter, der blasse
+Schein einer Nische umglitt sie. Ein Mund fiel auf ihre Achsel. Sie zuckte
+zusammen. Ihre Glieder wurden kalt und abwesend wie oft in unerklärlichem
+Wechsel. Sie starrte vor sich hin. Sie hatte einen Brief eingesteckt, als
+sie sich umzog. Es fiel ihr ein, sie öffnete ihn. Sie stand auf. Der Mann
+hielt sie. »Was?« Ein verzweifeltes Gesicht krallte sich in ihr Auge. »Hast
+du mich nicht wahnsinnig gemacht?« Sie schüttelte den Kopf. Sie hatte ihn
+kaum bemerkt, ihre Gedanken kreisten irgendwo entfernt, es fiel ihr nicht
+ein. Mitten im Saal schrie der Mann ihr nach: »Hure« . . . Sie zuckte kaum
+merkbar die Schultern. Sie hörte es zum zweitenmal heute. Allein es drang
+auf keinen Punkt in ihr ein, der ihr Gefühl bewegte. Vorbei schon. »Ein
+Opfer«, lächelte ein übergroßer lässig gebeugter Herr im Monokel. Schon
+suchten an seinem Mund vorüber gleichmütig ihre Augen nach Neuem. Ein
+olivenfarbener Jüngling, der wie ein Mädchen tanzte, legte den Arm um sie.
+Lächelnd glitten sie Ring auf Ring herum, gewiegt von einer Klarheit der
+Füße wie nie in diesen Sekunden. An einer Ecke des Saals fiel ihr das
+zweifach gesagte Wort mit einem Mal ein und sie setzte sich. Es war, als
+zerschmetterte es etwas in ihr. Sie trat an das Fenster. Unten im Garten
+hörte sie deutlich eine Frau weinen. Das faßte sie wie mit Schrauben, sie
+glitt hinaus. Eine Bank. Es war, als ströme mit dem Weinen in dem Busch,
+ihr Leben weg, bräche ein wie in Eis, zerrinne haltlos zwischen ihren
+Händen. Sie sah, wie sie Stück auf Stück verloren hatte, unter dem
+Schmerzenston brach es zusammen. Sie versuchte nicht, sich zu wehren.
+Perlmutten flauschte im Mondschein ein Segel vorüber und rückte ins Dunkel.
+Zerfetzte Trümmer lagen um sie, was sie gesehnt, gedacht, begehrt im Blut
+. . . es knallte um sie zusammen.
+
+Da erst, wie angezogen von der anderen Stimme, konnte sie weinen und je
+länger die Tränen über ihr Gesicht strömten, fühlte sie, wie in ihr die
+Verzweiflung und das gierige Suchen brach. Sie fühlte sich elend wie nie,
+aber gleichzeitig verband sie ein Strom ungekannter Süßigkeit mit der
+anderen Weinenden. Es war ihr, wie, als sie erkannte, daß die Stimme
+versage, und jedes Leidende, jede Kreatur dicht ihr Herz berühre. Sie stand
+in einer wunderbaren Empfindung. Schon rissen die Wochen hinter ihr wie
+unwirklich und ihrem Wesen ungehörig sich ab und stießen ins Wesenlose. Aus
+der Tiefe des Elends aber zog sie ein Gefühl von einer ergreifenden
+Harmonie in die Höhe. Sie empfand, als stehe sie auf anderem Boden, wie
+plötzlich ihr Schicksal sich zusammenlegte mit Tausenden von Menschen, an
+die sie nie gedacht, daß ihr Schmerz sie erhob und verband, und daß, wie
+sie verzweifelt gesucht auf der Jagd und mit den greifenden Händen, in ihr
+lag mit einer stillen Verantwortung, die nichts übertraf. Sie sah die Welt
+plötzlich anders. Es stieg eine Kraft aus ihrem Elend, die sich in ihr
+bäumte. Ein Glücksgefühl überfloß sie. Demütig grüßte sie den Fall der
+Jetée, die Neigung der Berge, das träumerische Schleifen der Schwäne.
+Herauf kam der Kleinen Gesicht, aber die Schuld, die sie empfand, drückte
+sie nicht, sondern entflammte sie zur vollen Anspannung. Ihr war, als ruhe
+die Achse alles, was Hülfe bedurfte, in ihrem Herzen in dieser Nacht und
+ihr Herz drehte es in einem wunderbaren Stolz. Sie schaute lange unter der
+vorgehaltenen Hand ins Wasser. Ein Gesicht kam zurück von der glatten
+Fläche. Sie schauten sich an. Dann ging sie hinein.
+
+Sie hatte ein anderes Gesicht gesehen.
+
+ * * *
+
+Sie ließ ihre Sachen verteilen. Jérôme sandte sie einen Ring. »Ay . . . ay
+. . .« rief sie an der Gasse. Die arabischen Weiber küßten ihre Hände und
+Füße. Die Zofen kamen, nahmen. Die Bonnen gingen mit Ballen, zitternden
+Händen. Die Kostbarkeiten wurden versteigert. Die Depots sperrte sie. Die
+Spitzen rannen ihr durch die Finger. Eine frische stolze Hure in einem
+Kleid, daß ihrer Haltung zu gering war, zog sie aus dem Tanzsaal. Die
+Hosen, deren Plissees rauschten, in matter Seide zu Dutzenden fielen,
+durchfühlte sie mit der Hand, gab sie ihr. Mit jedem Stück, das sie
+verließ, schenkte sie sich zurück. Und die Wollust des Hingebens verband
+sie den Dingen um sie. Gebend lebte sie drei Tage und fühlte, wie unter dem
+Hinweggehen ihres seitherigen Daseins Freiheit in sie strömte.
+
+Eine kleine Summe füllte sie in ihr Portemonnaie. Sie besaß einen Koffer
+noch und ein weiches helles Kleid aus indischer Seide. Sie schellte
+Marguerite, die Manikure. Vor dem Spiegel die Figur und den Kleidschnitt
+abmessend, bot sie ihr den Tausch an. Die lehnte ab, da es zu kostbar war,
+errötete, ließ sich langsam zwingen, küßte Daisys Hand. Mit kleinen Sachen
+ging sie auf die Straße, gab dem, jenem, Frauen, Kindern. Es reizte sie
+nicht, zu wissen, wer es besaß, denn jede Tat der Entäußerung entlastete
+sie zu Glück. Sie beschäftigte ein halbes Dutzend Agenten. Ihre Pariser
+Wohnung ward verkauft. Pferde untergebracht. Möbel, Schmuck versteigert.
+Die Summen festgelegt, geschlossen. Selig fühlte sie alles entgleiten. Dem
+prächtigen Körper eines verlotterten Mädchens, dessen Anmut sie rührte,
+schenkte sie ihr Kleid. Sie stand in Hosen plötzlich am Badestrand abends.
+Verlegen ging sie in die Kabine, sandte ein Kind mit dem Portemonnaie zu
+der Manikure. Das Kind kam mit einem Kleid, brachte das Geld zurück. Sie
+zog ihr Armband aus, es Marguerite zu senden, runzelte die Stirn und blieb
+eine Minute in einem merkwürdig erhellten Zustand. Darauf schenkte sie es
+dem Kind für sich selbst. Küßte es, tief getroffen. Mit der Entledigung zog
+die Einsamkeit des Reichtums aus ihr. Sie besaß noch zwei Ringe. Einen warf
+sie den Schwänen zu, vom Geländer, abends.
+
+
+
+
+Der vierte Abschnitt
+
+
+Vierzehn Tage wohnte sie Mont Martre, stieg hinab zu den Hallen, nach drei
+Wochen war sie Mont Parnasse, geriet in ein falsches Haus; ein Kind fiel
+die Treppe herunter, sie nahm es hoch, es schrie. Ein Mann brüllte sie von
+oben herunter an, ging in sinnloser Wut auf sie zu. Sie strich das Kind
+über den Kopf, legte es der Frau an die Brust. »Verzeihen Sie«, sagte sie,
+schlug die Augen herunter und ging mit einer Stille, daß der Mann,
+verstummt, sie grüßte. Sie wohnte Rue Bonaparte, die so eng war, daß vor
+der Ecole des Beaux Arts nur eine Linie der Autos vom rechten zum linken
+Seineufer durchfuhr, und die ohne Pause zitterte. Sie bewohnte die Hotels
+am Boulevard Sebastobol, wo Huren und Apachen nachts schrien. Sie ging
+durch die Straßen, früh, mittags, die Nacht. Beim Löwen von Belfort sah sie
+Ringer und Stemmer in Trikots unter den Bäumen turnen. Kokotten pfiffen ihr
+nach. Rue Richelieu schlugen Huren sie nachts, weil sie glaubten, sie
+breche marodierend in ihr Männerquartier. Abends in der Olympia Bar
+fletschten vierzig Mulattinnen die Zähne um sie, im Saale der roten
+Papageien und drei Kapellen drehte sie sich, tanzte, ging allein, als die
+Rudel schönbeiniger Frauen lachend aus der Revue mit dem Geruch ihrer Haut
+und der Tierbewegung der Hüften und langen Schenkel kamen. Auf Imperials
+rollte sie von Quartier zu Quartier, Liebespaare, Trunkene, Studenten mit
+zerrissenen Schuhen, Russen, alte Böcke, aufgegeilt hinter Midinettes her,
+neben sich. Im Hotel des Etrangers schrie ihr Nachbar in Herzkrämpfen auf.
+Sie saß drei Nächte, kühlte ihm die Brust mit Eis. Als er hochkam, beschloß
+er sie dankbar unter die Decke zu ziehen, griff in ihr Bein. Am Panthéon
+erschoß sich ihr Visavis, ein blonder Student, der morgens mit roten Lippen
+gleichzeitig wie sie die Milchkaraffe in Unterkleidern in seine Tür
+hineinzog, an Syphilis. Sie wohnte Rue Monsieur Le Prince, Vaugirard,
+Champollion, zählte die Schornsteine, Betrunkene an ihrer Tür, die Fenster,
+Mondaufgänge.
+
+Sie wohnte Rue Gay Lussac. Ihr Geburtstag trüb Quai de Valmy. Kehrte
+zurück, als die Seine sie drückte, zu Mme Fleurquin, in das Zittern der Rue
+Bonaparte, Bäume schwankten Boulevard St. Germain. Square Monge erlebte die
+Überschwemmung. Rue des Bernardins verließ sie das Hotel im Kahn, half
+Emigranten retten, ward als Diebin verhaftet, lächelte sich frei. Ging auf
+die Mairie neunzehntes Arrondissement, vierundsiebzigstes Quartier, gab
+sich hin für Überschwemmtenhilfe, empfing ein ironisches Ziehen des Mundes,
+ging wieder. »Geben Sie, Notre Dame des Lorettes willen, einen Sou zum
+Métro, damit ich die Kaserne erreiche,« flehte in der Rue Pigalle ein
+Piou-Piou. Sie gab ein Fünfzig-Centimes Stück. Er lachte sie aus, suchte
+sie zu umarmen. »Kommen Sie, es ist warm darin,« sagte ein großer Mann,
+glaubend, sie friere, nahm sie mit in das Café Cluny, las die Zeitung,
+ignorierte sie, zahlte für beide, ging mit einem Gruß. Erstaunt suchte sie
+ihn drei Tage, fand ihn nie wieder. Sie wohnte gegenüber Ecole
+Polytechnique, wo nach Regen Abenddächer mit weißen ovalen Schilden
+blitzten, dumpf Seinehörner tuteten, sah die Zöglinge der höchsten
+Artillerieschule farbig an Kanonen seltsame Bewegungen machen. Saß Closerie
+des Lilas, hörte die Revolte der Kunst. Aux trois Poulards schlug ein Mann
+einer Frau durch den Schädel, nahe den Hallen, warf sich heulend über sie.
+Sie belauschte das Gespräch zweier Absynthe-Weiber, Ausgedörrte, die gleich
+Hyänen gegeneinander stürzten und von der Berührung des Fingers schon
+umfielen, in den Pausen der Schlacht, wo sie, unfähig aufzustehen,
+nebeneinander in der Gosse lagen. Sie machte dem Trio an der Sorbonne
+Platz, dem Star-Mann, dem beinlosen Singenden auf dem Räderbrett, dem
+jungen Louis, sie warfen ihr Schlüpfriges nach. Sie aß mit der
+Papageienverkäuferin, studierenden Negern, österreichischen Spitzeln,
+Lesbierinnen der Place St. Michel, mit spanischen Zöglingen der
+Schneiderakademie, Chauffeuren, Gasarbeitern, Deutschen.
+
+Sie ging zum Löwen von Belfort, wo Ringer und Stemmer unter den Bäumen
+turnten. »Wie elend zum Kotzen dies Leben«, sagte ein gesunder Mann, der
+Postkarten verkaufte, mit weißen Zähnen lachte. Da brach eine fremde Frau
+in Tränen aus. »Haben Sie Hunger?« frug Daisy mit einem Blick auf den
+Ellenbogen der Frau; die aber stieß ihr durch das Kreisloch den spitzen
+Knochen in den Leib, schrie, fluchte, drückte sich hinaus. Sie wohnte Porte
+Maillot, wo Métros aus der Erde stießen, Menschenmassen aufquollen, Korsos
+zum Bois wallfahrten, selige Benzingerüche in Parkwipfeln schäumten, lange
+Frauenketten in Wagen unhörbar, mit Pelzen und süßen Pferden zu Wiesen
+zogen. Sie wohnte Impasse Bérthier, Rue de la Rochefoucauld mit der
+Grabesruhe und Sacré Coeur blitzend darüber mit weißen Türmen,
+Rosenkränzen, Zitronen. Moulin Rouge brannte das Parterre aus, vom dritten
+Stock sprang ein dicker Offizier ab, zerschellte unter dem Flammenschein.
+Sie wohnte Quartier Ternes, fleißige kleine Bürger arbeiteten in offenen
+Fenstern. Stand Champs Elysées vor Luxushotels, sah Autos anfahren,
+gepflegte Frauen, helle Glacés, Skunks, weiße wundervolle Füchse. Sah an
+sich herunter. Sah gespannter lang hinüber. Wohnte Rue Delambre, zweiter
+Hof, dritte Baracke, Numéro Vierundachtzig. Wohnte neben Jardin du
+Luxembourg. Wohnte Parc Monceau, diese Nacht selig von Bodengerüchen.
+Wohnte Bastille-Platz. Wohnte zwei Nächte nirgends. Wohnte St. Germain des
+Près, sah um sich Pfauenräder der Lichtkaskaden zum Himmel brennen über dem
+rötlichen süßen Straßengefieber, folgte einem Ruf, stieg zwei Treppen zu
+Musik, sah sich um, prüfte, wer gerufen, ging zurück. Am zweiten Tage hier
+folgte sie einer Bluse in ein Kaffeekonzert.
+
+Einen warfen sie heraus neben ihr, zehn Meter unter der Erde, der zweite
+Keller, schrieen: »Sortez-le!! Peschärsche, Affenschwänze, Bauchzimbel,
+Irrgebrunste, Saligots!!« Im Rauch fiel ein Sergeant gegen die bemalte
+Kalkwand, weiß im Gesicht, beugte sich im Gesäß. »Rotz-Lumpen«, er
+verschwand. Ein ungarisches Violinstück kam aus der Ecke. Sie ging über den
+Boden, in dessen Lehm ihr Absatz leicht sank, saß nieder der Bühne
+gegenüber unter dem zweiten Lampion. Ein Rosablusenmädchen besah im Spiegel
+die Zungenwurzel genau und angespannt, schüttelte den Kopf lachend gegen
+den Rauch. Eine unsichtbare Stimme, siehe, rief: »Schlaf mit mir, süße
+Freundin.« Sie erhob sich und warf sich einer sanften Schwimmenden gleich
+in den Dampf.
+
+Daisy stand mit ihr auf, ging zwischen gesäten Tischen, den Blick fest nach
+vorn. Ein altes Weib neben den Kulissen auf einem Faß zog über ihre
+schamlosen Beine einen Keuschheitsgürtel, stampfte im Tanz, grimassierte
+den Bauch, zwischen gelben Zähnen: »Elle avait un petit cadnaz . . .« Auf
+der Bütte in dem Winkel gegenüber schwang die Kitschfanfare eines
+militaristischen Fanfarengauls. Sozialisten schrien sich am Ausgang zu:
+»Allons Camerades«, stürmten, warfen die Bütte um, schwangen einen Kreis um
+die Alte. Daisy stand auf, ging weiter nach vorn. Sie saß in der ersten
+Reihe. Auf der Rampe über ihr stand ein Mädchen, und die ungewöhnliche
+Zierlichkeit und Anmut ihrer Beine machte ein Loch in den Lärm. Daisys
+Blick blieb lange an der Biegung ihrer Lippen, dem Schwung ihres Leibes,
+der kindlichen aufreizenden Geste, mit der sie sich entzog. Sie saß nun
+ganz an der Spitze des ersten Tisches. Als im Vorgang des Schattenspieles
+ein schwarzes Mädchen ohnmächtig ward, der Mittelpunkt des Abends unter
+Gemurre schwankte, sagte sie entschlossen: »Ich«, trat hinter das
+aufgespannte Leinentuch, fand dort Renée, die den Stoff ihres Kleides
+prüfte, ihre Augen dicht ansah, lachte und sie küßte, neben dem
+Conférencier Philippe.
+
+Sie lieh ihre Stimme einem Schwan hin, der an Philippes Hand grotesk in
+Schatten verzogen auf der Fläche tanzte und es nicht unterließ, in heftigen
+Perfidien dem Präsidenten der Republik nahezutreten, den Abend zu retten.
+
+Sie gingen eingehängt zum Boulevard St. Michel, überquerten den Platz,
+hielten an der Boulangerie. Trabten weiter. Stießen auf d'Harcourt,
+passierten, liefen zur Bar, standen vor der Luxembourg-Fontäne, gingen in
+die Source, trieben heraus. Wurden aufgehalten, Philipp erkannt, umringt.
+Studenten schwenkten die Biretts, drückten aus ihren Mimis süße Schreie.
+Einer löschte die Laterne, einer kitzelte den Sergant de Ville. Sie zogen
+durchs Croissant, grüßten mit Zuruf Jaurès, stoben im Hinterzimmer über das
+Klappern der Jetons, warfen einen Spieltisch um, beknurrt vom Haß der
+Tische hinaus. Zurück zu d'Harcourt. Dann zur Source. Reichere Studenten
+schrien den Mimis Preise zu. Im Panthéon fiel ein Mann klatschend auf einen
+rundoffenen lackierten Hurenmund. Damen von dreißig bis sechzig Franken
+stießen verächtliche Parfümwolken aus gegen die Mimis, die frech und
+ängstlich an den Armen ihrer Freunde schwebten. Auf dem Boulmich verdrehte
+die Mimi Madeleine die Augen, fiel um, blutete aus einem Achselgeschwür.
+Sie schafften sie in die Brasserie Lorraine, gaben sie ab, saßen um einen
+Tisch, klatschten in die Hände, hoch im Rhythmus, wieder herunter und dann
+monoton in einer Schleife. Daisy schlich hinaus, vermochte sich nicht zu
+entziehen, denn am Ausgang stieß sie neben der Kranken auf Philippe. Sein
+Gesicht, wie er, unermüdlich, helfend, gekniet, beschäftigt war, hielt sie
+fest. Sie beugte sich vor, ging überflüssig zurück. Renée tanzte schon auf
+dem Tisch, die blanken hellen Scheitel der Dänen blendeten in einem Kreis
+um sie, wieder sah sie ihre unvergleichlich schönen Beine. Man ging Rue des
+Ecoles, Notre Dame, eine Brücke, Place St. Michel, Rue St. Jaques, Rue des
+Etrangers, wühlte sich ins Dreieckkreuzfeuer der Lichter vor der
+Nacht-Boulangerie. Zwei wurden abgefaßt beim Gebäckdiebstahl. Die Spionin,
+die im Gewühl der aus allen schließenden Cafés sich hier um warme Hörnchen
+massierenden Massen lauerte, griff die Gelenke, die Kassadame keifte, vom
+Pult brüllte der fette Chef mit aufgeschlagenen Ärmeln: »Steck ihr
+Pferdäpfel ins Maul. Kanalsau.« Man riß einige mit aus dem Haufen,
+wechselte ein blombiertes Fünffrancsstück, warf ein Pißhaus um, rollte es
+über die Trottoirs. Man kam Rue Guijas. Die Droschke mit Madeleine kam an.
+Man rettete sich aus der Clique ins Hotel, trug Madeleine vornher, riß
+Renée aus den Armen der Studenten in den Chauffeurmänteln, knallte die Tür
+hinter sich zu, riegelte ab.
+
+Sie stiegen durch die drei Hurenetagen zur sechsten der Artisten und
+Studenten, trugen Madeleine ins Zimmer Philippes. Er schlug sein Bett für
+sie auf, legte ein reines Taschentuch auf das Kissen. Beim Abstieg zum
+zweiten Stock in Renées Couloir gab es im dritten Skandal. Zwei Weiber,
+eine im Korsett, eine im Hemd, die schimpfte, standen vor zwei Männern mit
+Zylindern im Genick, die Kerzen hielten, und einer sagte: »Alte Sau . . .«
+Die Hure hieb zu, traf nicht den Hut, sondern das Licht. Das Dunkel
+stürzte, eine Tür knallte, es schoß. Aus den Gängen quollen Weiber. Männer
+in Pyjamas fluchten, drückten Knipslaternen. Atemloses Geschrei verwirrte
+alles, plötzlich lief man. An Daisys Körper griff eine Hand.
+
+Sie flog an einen schlanken Körper, der sie rasend küßte. Erstarrt hielt
+sie in dem Zug, der sie einsog, in Besitz nahm mit den Lippen, plötzlich
+schrie sie. In Renées Alkoven aber schlief sie im Traum die Nacht mit jenem
+blonden Skandinavier, der die erste Nacht, wo sie auf den Mann traf, bei Le
+Beaus Umarmung ihr die Nacht zerfleischte, sie hinaushob über die Seligkeit
+des Franzosen und sie an eine Wonne hochstieß, gegen die nichts im späteren
+auch nur gering bestand. Der mit der Hand aus ihr streng heraushob, was ihr
+Schmerzen machte bis dahin. Er tat nichts, was ihr zurückgab, aber er küßte
+ihr Bauch und Bein, durchwühlte sie, ward blitzscharf am Rande des Körpers,
+aber im Gesicht milder, als er sie verließ. Dies blieb in ihrem Schlaf, so
+daß sie aus dem Traum mit dem Engel glücklicher und befreiter erwachte als
+je aus einer Männernacht. Sie stellte die Schüssel auf die Kiste, wusch
+sich, schüttete das Wasser in den Schacht, aus dem mit einer Wolke das
+Gekeif in das kurz geöffnete Fenster hineinstieß. Sie schloß auf zu Renée,
+sah Bewegungen in ihrem Bett, roch den Schweiß des Kampfes. Sie wartete
+still, geduldig. »Hundert Sous« im Nebenzimmer. Die Tür klappte. Sie trat
+hinein zu Renée, die sich müde im Rücken nach der Schüssel bückte. »Nein,«
+sagte Daisy mit unbegreiflichem Lächeln, »laß mich«, und sie hob die
+Schüssel auf ihre Knie und wusch Renée das Gesicht und die Brust.
+Erbleichend sah sie am eigenen Hals, wie sie sich vorneigte, die
+Dukatenkette vorschwingen. Es fehlte seit der Nacht eine Kugel.
+
+Sie hatte nur noch eine.
+
+ * * *
+
+Für Madeleine, die ins St. Denis-Hospital gefahren ward, sprach sie
+allabendlich im Schattenspiel Philippes Sätze. Ward seine Angestellte,
+Vertraute, Sekretärin. Sie erlitt das Kneifen ins Bein zwischen den Tischen
+durchgehend, Zurufe Besoffener, während sie sprach und ihre Stimme einen
+Schmelz annahm, der sie nie beflügelt. Sie schrieb unter der Petrollampe
+seine Briefe, sein Diktat. Sie schloß, war er weg, die Dachluke, räumte
+sein Zimmer, besorgte seine armselige Wäsche. Wurde ihr Auge verzerrt von
+Gesehenem, gab seines ihr Haltung. Rief er, Kommis und Louis zu ergötzen,
+die Nummern des Programms in fanatisch heldischer Pose, las sie zu Haus,
+was er schrieb. Ging sie mit ihm neben den Bahnen, verschleierte die Straße
+sich in wohltuenden Nebel. Als im Jardin des Plantes der Tiger aus
+aufgeklafftem Rachen heulte und sie mit ihm ans Gitter trat, sah sie die
+Jungen, nur an den Zitzen spielend, ruhig saufen. Er wehrte jede Hilfe ab,
+bot ihr als Ausgleich von seinen sieben Centimes, blieb streng dabei, als
+sie lächelte. Bald konnte sie nur tun für ihn, was er nicht merkte.
+
+Am Tage des Bastillesturms gab er drei Vorstellungen. Am Mittag darauf kam
+sie in sein Zimmer. Er schlief auf dem Stuhl. Sie suchte bis mitten in das
+Zimmer zu kommen. Dann schlich sie hinaus. Nach einer Stunde kam sie
+wieder. Er schlief noch. Sie preßte das Kinn wider die Brust, weckte ihn,
+gab ihm den offenen Brief, ihre Augen trafen sich, er nickte.
+
+Sie gingen durch den Park, wo Kinder kleine Segelboote fahren ließen, durch
+Rosahüte, Militärmusik, sanfte Alleen mit Dogcarts. Kamen in Gassen, Geruch
+von Fischen, Kartoffeln, süßlichem Kinderschmutz. Eine Wolke Karbol umstand
+sie. Eine Schwester mit spöttisch grünem Blick versagte den Eintritt,
+Philippe sah sie an, nahm ihre Hand. Sie schwankte, öffnete die Tür. Als
+sie eintraten, lauerte eisiges Schweigen, eine Frau wälzte sich lautlos auf
+dem Rücken im Kot. Zwei fuhren auf aus den linealstarren Bettkolonnen,
+schrien, mit Armen die Kissen zerreißend, nach dem Mann: »Reiß die Mempel
+aus! Schlammbeißer, Creusot!« Sie rülpsten, ihre Köpfe waren verbunden und
+geschwollen, Eifersüchtige sich wähnend, schmissen die im letzten Stadium
+Irren über sechs Betten, die sie trennten, sich ihren Schleim, ihre Wut ins
+Gesicht. Er trat heran, sie zu beruhigen, indem er die Schwester leicht
+zurückdrängte. Aber als er der einen sich näherte und das Gesicht
+herabsenkte, begann sie zu zittern, fiel auf den Rücken, zog das Hemd auf
+und stülpte den zerfressenen Schoß ihm entgegen. Er wollte etwas sagen,
+doch die Schwester riß ihn zurück, hinaus. Daisys Rock ward gezogen. Eine
+dünne Stimme: »Zu mir?« Aus grauenhafter Sehnsucht kehrte ein gläserner
+Blick wieder zum Plafond zurück. Die Frau vom Boden stieß sie zur Seite,
+lief bis an die Tür, wo der Mann verschwunden, wimmerte, brach zusammen,
+umfaßte mit den Fingern die Klinke, die er berührt. Links war die Krankheit
+schon Agonie bei einer Kette Betten, rechts saß ein Kind und lächelte,
+vierzehn Jahre. Nun kam Daisy zum Fenster, blieb fünf Minuten bei
+Madeleine, gab ihr Äpfel, Rosinen, Bananen, Brot. Dann gingen sie auf die
+Nachbarbetten zu, legte bald auf jenes Kissen, bald auf dieses Tuch Frucht,
+und wie sie austeilte mit einer Armbewegung, die fast nicht da war vor
+innerer Inanspruchnahme, begann, ohne daß sie sprach, es immer stiller zu
+werden. Als sie fertig war, peitschte ein Schrei, stand, stieß, zerbrach.
+Zwei neueingekleidete Mimis, die Kette mit der Indikation der Maladie um
+den Hals, die frech herein kamen, bekamen andere Augen, andere Bewegungen,
+zerbrachen irgendwie unter dem Schrei. Neben der Toten stand die Schwester.
+Madeleine sah auf das Grün im Garten, zurück zu Daisy, ließ ihre Hand nicht
+bis zur Türe. »Zu mir?« frug die gläserne Stimme, wandte das zarte Profil
+sich hinauf. In die geklemmte Tür noch zwängte Madeleine den Hals, sah
+Daisy nach, bis sie verschwand.
+
+»Dies ist ein Zuchthaus.«
+
+»Aber auch von St. Denis sehen sie den Himmel«, sagte Philippe.
+
+Ihr Blick blieb nachdenklich, zugeschüttet, an dem glänzenden Lack der
+Kinderhüte und dem weißen Crepe, der die Hemden der Croquetspieler leuchten
+ließ auf der Luxembourgterrasse, als streichle er empört ihre Zartheit.
+
+Abends nahmen und sperrten Apachen unter Jeannot das Café Guijas ihres
+Hotels. Sie blieben mit einem Teil, während die meisten Studenten und Mimis
+durch den Keller flohen. Jeannot mit sympathischen Augen aß mit Kameraden
+um einen Tisch, drei standen Wache. Nach dem Dessert zog er die schmale Ly
+herüber, knutschte sie durch, fuhr ihr an den Bauch, lachte, legte sie aufs
+Billard. Alle umstellten es im Kreis, sahen zu, reichten ihre Röcke nach
+rückwärts. Jeannot strich seine Mouche, herrenhaft amusiert und wandte sich
+schon wieder ab, lachend über die Kuriosität der Hermaphrodite, als diese,
+außer sich, ihm einen Siffon an den Kopf schmiß. Kellner und Wirt, bleich
+vor Angst, dienernd vor Jeannot, schrien sie an. Der irische Aufwischer
+faßte sie wie ein Schwein, tat den größten Schimpf, warf sie aus der Tür.
+Sie wehrte sich, weinte, biß, kratzte, hielt sich an jedem Tisch, an jedem
+Arm. »Gut zum Schlafen, wäre sie nicht . . .« sagte Jeannot achselzuckend
+zum Ringkampf, dem er lässig zusah, wandte sich ab. Sie schlug vor den
+Scheiben in die Gosse, das Gesicht im abspülenden Regenstrom, wimmernd: »On
+m'a sortie.« »Fiaker?« frug ein Kutscher, der vorbeifuhr, gröhlte in sich
+hinein, hieb die Gäule um die Ecke. »Hilf«, sagte Daisy leis, als sie
+rangen. Aber Philippe blieb unbeweglich, bis sie im Schmutz lag, ging dann
+hinaus, tröstete sie, nahm sie am Arm, führte sie zurück vorbei an Jeannot,
+der die Pfauenbrauen zuckte, umdrehte, dem Iren mit der flachen Handkante
+ins rote Genick schlug, daß der in die Knie schoß und über ihn kindlich
+herüberlächelte.
+
+Sie legten sie in Daisys Zimmer. Um Zwei klopfte es. Philippe brachte zwei
+Männer, einer betrunken, der andere fiebernd. Sie teilte die Matratzen. Sie
+machte mit Freundlichkeit Platz, haßte ihn nachts, morgens schlich sie in
+sein Zimmer, alles aus ihr stürzte in sein Wesen zurück.
+
+Sie ward seine Begleiterin, nichts geschah ohne sie. An Betten, bei Kranken
+war sie hinter ihm. Sein Ausdruck flog ihr an. Mit seinem Wort gab sie
+Erhebung. Sie stand unsichtbar, ein sorgender Schatten, vor seiner
+täglichen Existenz. Sie wies Renée aus dem Zimmer, die mit den Waden nach
+einem Literaten kokettierte, die Stunde störte, wo er sich gab. Sie stand
+an der Wand, las er seinem Publikum, Russen, Kranken, Bettlern, Studenten.
+Ihre Seele schwang mit, glühte fromm mit seiner, pries er das Unglück, das
+tiefer forme, Hunde inniger, Pferde schöner mache. Sie bewunderte ihn, wie
+er gab, schenkte, sich teilte und verdoppelte mit einer Freude, die seinem
+Gesicht nie die weiche Erfülltheit nahm.
+
+Sie strebte, ihm zu gleichen.
+
+Sie warf jeden Gedanken aus dem Hirn, der von seiner Richtung abwich,
+kasteite sich, übertraf eine Stunde mit der anderen. Sie gab das Letzte,
+was sie trug, den Ring an Ly, die ihn bewunderte wie eine Legende, ihn vor
+Freude in den Mund steckte, darauf biß und ihn fast verschlang. Sie
+begleitete ihn zu Guigui, sprach mit ihr hinter dem Gitter des
+Gefängnisses, vergaß nicht den Zug des Rehhalses am Eisen, kam über die
+Korridore mit ihm heraus und begann, als die Sonne herabströmte, zu weinen.
+
+Doch die unbewegliche Güte seines Gesichts brachte sie ins Gleichgewicht
+zurück und sie vergaß die Auflehnung und den Druck, mühte sich stark zu
+sein, ihn zu übertreffen.
+
+Sie mogelte Geld in seine Kasse, hungerte um ihn, kürzte den Schlaf,
+brachte ihm Menschen, die sie instinktiv auflas, in seinen Abend, gab ihm,
+wenn sie beschwingter ihm folgten, einen Wirkungskreis, der öffentlich ihm
+fehlte, da er Elend lobte.
+
+Sie sah ihn, Vorbild, gerührt ins Letzte, den Vorschuß des Café-Konzert an
+ein Kleid Renées geben, Essen für Guigui. Er speiste auf einer Bank im
+Monceau, damit sie nicht sah, daß er trockenes Brot aß. Sein Bett lieh er
+aus, blieb die Nacht im Stuhl. Er sprach freundlich zur Concièrge, obwohl
+er wußte, daß sie seine Manschettenknöpfe stahl. Lächelte, als das Sopha
+unter ihm brach. Ging still neben Ly, ohne Protest, als sie unschuldig
+wegen des Ringes als Diebin abgeführt ward. Sie sah mit einem schaudernden
+Mitleid, wie er sich verschwendete, Unfruchtbares tat jeden Tag, ohne Tat
+und Ziel, das half, wie er Hohn bekam, belacht, verschimpft ward, aber
+unrührbar blieb in seiner Weise.
+
+Die Liebe aber zu seinem Vorbild wuchs daran über jeden Begriff, wuchs an
+jedem höhnischen Lächeln, das man auf ihn zielte. Bedenkenloser stellte sie
+sich vor ihn. Sie suchte noch mehr, ihm alles leicht zu bereiten. Sie sah,
+wie er sich quälte, das neue Schattenspiel zu stellen, Ordinäres und
+Geistloses aus den Tageskämpfen zog, Unterleib und Hirn des Pöbels zu
+reizen, um so die armseligen Sous für sein Leben zu gewinnen, die er doch
+wieder weggab. Und schien ihr sein Kampf verfehlt und schlecht eingesetzt
+am ungünstigen Hebel in mancher Sekunde, so schien die Stärke, die ihn
+überwindend führte, doch ungeheuerlich im Großen, daß sie über alles hinweg
+sich diesem hingab, restloser bemüht, zu sein wie er, Übel zu vergessen,
+Trost zu geben, ihm Stütze zu sein. Sie überwand sogar, was schwerer schien
+wie das andere, was ihr Geist vollbrachte, sie überwand ihren Körper. Holte
+Leder und Federn, übte die Tänze ihrer Heimat, deren Bauchkonvulsionen
+hinrissen, um seine schwache Nummer zu stützen und gab ihren Leib den
+geilsten Blicken.
+
+Aber ihr Hirn erreichte selbst in der Opferung kein Glück.
+
+Sie konnte, wo er sie gelehrt, tiefer zu schauen, die Abgründe nicht mit
+ihren Händen zusammenschweißen, die aus der Not verfluchter Zeit und dem
+Zwang, sie zu lindern, sich ergaben, und Dienen und Helfen schlugen ihr
+gleich Gewichten aus der Hand, wenn bei aller Hingabe keine letzte
+Befriedigung kam.
+
+Sie blieb allein. Lief durch die Gassen. Erbleichte unter seinem Anblick,
+schloß sich ihm demütig an. Sie kamen ins Café, als Ly von einem Krampf
+ergriffen auf dem Rücken lag und schrie. Philippe ging auf sie zu und,
+indem er die Hand ausstreckte nach ihrer Stirn, gelang es, daß sie beruhigt
+aufstand. Daisy neben ihr auf dem Barstuhl. Renée verkaufte sich einem
+blassen Deutschen feilschend um ihre Taxe: hundert Sous. Sie frug nach
+Luison. Achselzucken. Sylvie, die mit einem Amerikaner zog, der ihr Opium
+ins Gedärm gab, eh er mit ihr schlief . . . »May?« »Die Krankheit.«
+»Riette?« »Die Krankheit.«
+
+St. Denis.
+
+Das Wort schlug wie ein Hammer sekündlich in ihre Seele. Verheerte,
+verwüstete sie, trieb Wut heraus und Auflehnung, bis sie flammte.
+Schlichtete ihr Glaube sich an Philippes Nähe sanfter und demütig, ein
+jeder Besuch, ein jeder Tag rieb sie an der Unvollkommenheit, dem Irrsinn
+der Welt. Bald sah sie nur noch so, daß sie Kontraste maß, Distanzen
+spürte, das Riesige, was die Menschen schied und sie unglücklich machte,
+nur als geringe Strecke, als kleine Unterscheidung empfand und unverstehend
+blieb an der Hartnäckigkeit, mit der gestempelte Dummheit das Glück
+hintertrieb.
+
+Samstag verschwand Renée, sie sah sie nicht wieder. Abends brach eine
+kastilische Mimi zusammen, spie das Lokal voll Blut. Man warf sie in einen
+Karren, er rollte los. Herauf schwankte ein Beerdigungswagen, ein Auto mit
+bemalten Kokotten schnitt die Bahn. Da fiel sie ohnmächtig zurück, wie vom
+Blitz zerschmettert von dem einstürzenden Gefühl der Unzulänglichkeit ihres
+seitherigen Lebens.
+
+Die Nacht kam sie zu Philippe. Er hatte die Augen weit und sehnsüchtig auf
+sie gerichtet, wie sie, das Licht über dem nackten Arm, hereintrat. Sie
+ging bis an sein Bett, kniete auf das Holz. Sie neigte sich zu ihm, und es
+fiel ihr schwer zu sagen: »Wäre es nicht schöner, Philippe, du hättest Ly
+geholfen, statt mit ihr zu gehen?«
+
+Er schwieg.
+
+Dann sagte er: »Ich kann nicht bestimmen, auch du nicht, was ihr Glück ist.
+Aber ich suchte zu helfen, als sie litt.« Es gab für ihn keinen anderen
+Weg.
+
+Sie ging, sagte nie mehr ein Wort. Von ihrem Gesicht nahm stets sein Auge
+die Auflehnung hinweg.
+
+Aber sie sah, wie das Café mit neuen Mimis sich füllte, wie die wieder
+verschwanden, zu rasch durchgekeltert, zerbrochen, verbraucht. Wie neue
+Wellen der Boulevard hereinwarf. Die Lues wütete. St. Denis sich füllte,
+gespeist aus tausend Lokalen, Schicksal sich vollzog, in der Maschine des
+Hospitals das Fleisch gesiebt ward, die beiden ersten Stadien noch mit
+Grazie vergingen, das dritte aber wie Pestilenz die jungen Körper
+durchwütete . . . . wie Verlebtes herausschoß, Angenagtes hineinkam, wie
+die Maschine kaute, fraß, schlang -- -- und nichts half an der Wurzel,
+nichts umstülpte, was gemeinhin half. Gott nicht unterstützte. Was blieb
+als helfen? Nachts bohrte ihr Hirn, sie schlug an die Wand, riß an der
+Tapete. Ging sie mit Philippe, gab sie Hingebung, Duldung, Erquickung. Ihr
+Lächeln bezauberte. Louison beantwortete es zwischen einer Hungerohnmacht.
+Madeleine schien es, sie empfange mit ihren Bananen Himmel, Musik,
+Freiheit. In Philippes Leben stand sie und fühlte, daß er es brach wie
+Brot, zu heben, finden zu lernen, Stärke in Ruinen zu bauen.
+
+Ihr Hirn jedoch bäumte sich dagegen und ihr Blut, das frisch mit den Dingen
+des Daseins strömte, daß er dem Ende der Tragödie sich nur hingab, in schon
+Zerschlagenem erst das Menschliche züchtete, statt an der Quelle groß und
+sicher die alten Schleußen zu zerschlagen und neue aufzubauen. Und mit Haß
+empfand sie seine große Begrenzung, die wohl das Eigentliche wollte und im
+Zerbrochenen gleich das Geläuterte sah, aber keinen Sinn hatte für Anfang
+und Ende des qualvollen Weges, der das Menschliche verdarb und vergeudete
+in einer ungeheuerlichen Preisgabe. Sie konnte nicht unterlassen zu denken,
+während er Madeleine sein Geld gab, ihre Geschwüre seien nicht, flöge ein
+Paragraph in die Luft; Guigui sei frei, blase ein Tapferer ein dünnes
+Vorurteil auf wie Seifenschaum. Wohl empfand sie süß aus jeder hilfreichen
+Bewegung, das Wichtigste sei, die Menschen zu bessern am Beginn, Menschen
+zu schaffen mit Vorbild und Beispiel, aber was half es, dauerte es
+Jahrhunderte. Ihr Herz, das mit tausend Fasern in die Zeit schlug, bewegte
+bei jedem Zusammenstoß mit dem Elend ihres Cafés, ihres Hotels, ihres
+Zimmers sie, einzugreifen, statt mitzuleiden, und der Irrsinn, der Hundert
+zerschmetterte, um wenige sinnlos zu heben, benahm ihr den Atem und ließ
+sie in Gedanken sündigen stündlich gegen seinen Sinn. Denn da im Umschwung
+des Daseins sie aus der oberen Kuppel des Theaters hinabgestürzt aus dem
+Willen ihres Blutes in die hintersten Parterre, empfand sie die Kontraste
+deutlicher und schicksalshafter wie er, der im Bodensatz nur lebend liebte
+und tröstete.
+
+Und mit der Berührung des Primäraffekts erlebte sie erst die ganze Rundheit
+des Daseins und mehr als je klaffte ihr von dieser Tiefe ihrer Existenz nur
+die eine Losung: »Hilfe dem Menschen«, und aus Dreck und Kot und Unzucht
+kamen die Übersicht und die Entscheidung in ihr Leben.
+
+Noch hielt sie seine Güte, noch brach nicht aus, was sich wehrte, noch
+rührte die Liebe zu ihm und sein Bild sie zu solchem Mitleid, daß sie
+nachts hinausschlich, seine Schuhe reinigte, dem Kaffee, wenn er morgens an
+ihrer Etage vorbei ihn sich durch den Garçon bringen ließ, einen Zucker
+noch, den er liebte, hinzufügte, wozu sie eine halbe Stunde harrend auf der
+Treppe stand. Sie mühte sich, in die Seineantiquariate zu laufen, Kolibris,
+Lederfransen und Muscheln zu kaufen, ihr Kostüm heller zu verzieren und
+ihren Tanz zu Schleifen zu bringen, die das Letzte, was Scham ihr noch
+ließ, preisgaben, damit sie seine Premiere sichere und ihm Ruhe gebe. Sie
+schwieg, während ihr Innerstes sich elementar schon empörte, rückte näher
+an ihn, schmiegte sich in seine verborgensten Falten, lebte selbst in
+seinem eingeschlafenen Gesicht.
+
+Am Abend der Neuaufführung glühte der Kellereingang phantastisch. Die
+Stühle um zwanzig vermehrt. Sie stand im Kostüm halbnackt. Da arretierte
+ein Sergeant de Ville ihm die unersetzbare Sprecherin des Uhu. Das Spiel
+fiel aus sieben Minuten vor Beginn. Das Weib war im achten Monat, der
+Sergeant riß sie schleifend die Treppe hinauf.
+
+Da überstieg der Zorn über das, was er am Guten verfehlte, an falschen
+Plätzen vergeudete und verpraßte und nicht aufhob für das Donnernde, das
+seinem Leben Ziel und Erhebung geben konnte, all das in ihr einen
+Augenblick lang, das an ihm hing. Geröteten Gesichts unter der Schminke bat
+sie heftiger, er solle sich wehren, nicht gefalteter Hand sich selbst
+zerstören und abbauen, statt zu schaffen. Aber er wehrte sie mit der Hand
+leicht ab und einem Ausdruck um den schöngeschlossenen Mund, daß ihre Hand,
+Verzeihung erbittend, die seine strich.
+
+Aber sie verlor nicht das Gefühl, wie sehr die Unzulänglichkeit seines
+Lebens das ihre bedränge und daß sie sich zerstöre und fessele, lebte sie
+weiterhin wie seither. Sie verstummte verzweifelt. Sie empfand zum ersten
+Male die Ungenügendheit der Menschen, in denen die Führer taub und falsch
+gerichtet lagen und an denen zerbrach, was glühte.
+
+Sie tanzte mit einem Lächeln, das sein Gesicht nicht ausließ, steigerte
+sich zu den schamlosesten Gebärden, hob Bauch und Schenkel, daß nichts ihr
+blieb, alles ins Publikum fiel an Reiz und Erregung ihres unbegreiflich
+schönen gebogenen Körpers. Während ihre Füße in Unzucht gingen, lobte ihr
+Mund nur sein Gesicht, forderte ihr Auge sein Lächeln.
+
+Sie sammelte, durchbrach die knatternden Applause, stellte den gehäuften
+Teller vor ihn, strich über seine Hand. Ging.
+
+In seinem Zimmer begann sie zu schluchzen. Sie sah sich um, verließ es.
+
+Sie lebte vor Cafés, auf Imperials. Lebte Rue Richelieu, Rue Bonaparte. Kam
+Quartier Ternes, fuhr auf einem Karussell mit Affen am Etoile. Glühender
+Scheibe gleich sauste der Kreis des Daseins vorbei. Sie blieb draußen.
+Atemlos. Ohne Besinnung. Die Zähne aufeinander. Ohnmächtig Knie an Knie.
+Immer wars, es stürze wie über Terrassen das Gesehene und Erlebte ab von
+ihr. Ihre Verzweiflung trieb die hellsten Tage zurück. Der Papagei der
+Savoyardin im Luxembourg, der sie kannte und liebte und dessen Hals sie
+kraute seit Wochen in schöner Zärtlichkeit, rieb den grünen Kopf an ihrer
+Hand. Sie sah ihn nicht. Sie fuhr nach St. Germain. Vom Imperial brach die
+Stange vor der Station, ein Latschmützer sauste ab, hielt sich, stürzte
+eine alte Frau auf die Chaussee, sie brach die Beine, schrie aus
+kreisrundem Mund »Adolphe«. Kondukteur und Arzt herbei, der Apache bestach,
+blieb an der Ecke, höhnte: »un plomb«, der Schaffner warf das Bleistück
+wütend auf die Erde, ging mit roten Fäusten auf die Apachen, die die
+Zigaretten in den anderen Mundwinkel steckten, ihn über einen Zaun
+schmissen. Der Arzt reinigte sich, unter Gequietsch rollte ein Handwagen
+mit der Frau ab, die Männer sagten »merde«, schlenderten weiter. Die Vögel
+sangen toll. Aus einer blauen Woge trieb sich der Park gleich einer Wolke
+heran und stand zitternd in der duftenden Luft. Der Wind wogte golden um
+den Hochstieg der Sonne. Die Boskettes fluteten vor Licht. Sie nahm eine
+Bank. Hinter dem Brunnen ward der rote Strumpf eines Mädchens deutlicher,
+stieg, die Hand eines Mannes hob, der Rock flog auf wie ein Pfau. Als die
+kristallene Abendwölbung kam, hing eine rote Windfahne über dem Schloß, ein
+Mandelbaum, der fast weiß ward vor Hingabe, roch wie im Traum.
+
+Frierend fuhr sie zurück.
+
+Wohnte Trocadero, sah Flugzeuge silbern am Himmel surren. Rue du Château
+d'eau schlief sie bei der Concièrge, spielte abends in Porte St. Martin.
+Stand mit Heiligenbildern vor St. Sulpice. Wohnte Porte de Bercy, Bois de
+Vincennes. In einer Gärtnerei Neuillys goß sie Blumen, hütete ein Kind, bis
+es schrie und lief unter dem Schreien plötzlich davon. Stand fest vor der
+Porte Maillot mit »Intransigeant«, »La Presse«, empfing das Trinkgeld der
+Soldaten, hielt unter den Wasserpalmwedeln durchsausender Automobile,
+spielte Karten mit den Zollwächtern der Barrikade. War eine Negerin im
+Odeon, entblößte den Bauch und schwang ihn wie ein kupfernes Schild
+zwischen den zärtlichen Hüften. Hielt Narzissen in einem Kiosk der Place
+des Vosges. Stand auf dem Wagen der demonstrierenden Studenten der
+juristischen Fakultät, umbrüllt von Jugend, Benzin, Fleisch. Verkaufte »Les
+Trois Couleurs«, mit denen der »Matin« den
+Deutschland-Frankreich-Rekordflugpreis des »Journal« bekämpfte. Wohnte Rue
+St. Jaques, die barock vom Panthéon steil und dämmerig zum Boulevard de
+Port Royal steigt. Sah Madeleine aus einem Auto, verhüllte ihr Gesicht.
+Fiel zurück in das Getriebe, sah Gare St. Lazare die Auslandszüge über den
+starren Friedhof brausen, drückte Blériots schwielige Faust. Stieß im
+Louvre auf Guigui, die mit schwarzem Lorgnon, elegant gekleidet, an ihr
+vorbei auf einen zottigen Rumänen sich lanzierte. Sah die blauen Monde
+elektrischer Laternen die Sommernacht der Boulevards schwärmerisch
+durchschwimmen. Wohnte Tuilerien zwischen Hecken und Marmorbildern. Kam in
+ein Musikcafé, eine Geige riß ihr ins Herz, löste sie wundervoll auf und
+zog aus dem Verschütteten mit dem schon über das Menschliche hinausgehenden
+Hinreißenden ihrer Stimme sie in die Höhe. Sie ging hinaus, begann zu
+weinen, kam auf die Bahnhofsbank des Boulevard Montparnasse. »Kommen Sie«,
+sagte eine Stimme hinter ihr. Durch Tränen sah sie den Mann, der im Café
+Cluny neben ihr die Zeitung gelesen, ihren Kaffee bezahlt hatte. Atemlos
+nahm sie seinen Arm. Da sie ausgedurstet war nach einer menschlichen
+Stimme, wäre sie gefolgt, wäre sie rauher noch und befehlender gewesen wie
+diese. Verscholl.
+
+ * * *
+
+Aus den Sonnenblumen des Rangunschen Weibergemeinschaftshauses brechend,
+schlug Stefan ihr die Arme um den Hals von rückwärts, drückte, schob einen
+Knebel in ihren Mund, warf sie auf einen Gaul, das Tier lag in den Knien,
+ein anderer Pferdekopf schob sich vor, sie war frei, da rasten die Gäule,
+eine Hand riß ihren Zaum. Sie ritten die Nacht durch. Ihre Augen zählten
+die Äcker, sieben Bäche, sie lauschte. Geräusche. Alarm. Wasserzüge
+leuchteten Metall. Mond über einem Ölbaum. Der Mann schlug Schleifen, ritt
+ein Stück mit ihr im Fluß. Der Küstenstrich war alarmiert, er ritt zurück.
+Eine Finte. Seine Ohren standen steif vor Anspannung. Die Gäule stoben
+durch Gestein zurück auf einen Hügel. Vor dem Himmel gebrochen hingen
+Bergzüge in die Weißnacht, darüber eine Kuppe wie ein Segel geflaggt. Hinzu
+trieben sie in Wälder. Als sie den Gurt durchbrachen, Zweige um sie
+schnellten, flammte die Sonne auf. Sie kamen an ein Bambushaus. Er stellte
+die Leiter an, ging in den Verschlag, zog die Leiter hinter ihr ab. Als er
+sich umdrehte, ward sie unwohl, die Periode erfüllte sie mit Nebel, warf
+sie um. Abends, als sie die Augen aufschlug, entdeckte er es. »Vier Jahre«,
+sagte er, seine Hände zitterten. Sie sah an seinen Fingern hinauf, hinab,
+schlief ein. Anderen Tages mußte sie reiten. Sie ritt.
+
+Sie ritt mit ihm, der unter holländischem Lampenhut das Kostüm des
+nördlichen Chinesen trug, um die Wette. Schlief bei Tage. Fuhren nachts in
+Lagerfeuer. Eingeborene zwischen spritzenden Spänen sausten, die Fäuste in
+den Augen, in die blonden Felder. Ölbäume zitterten erregt unten in Ebenen.
+Sprach kein Wort mit ihm, nur an seinen Händen sah sie die Sehnsucht von
+Jahren. Als sie wohl ward, kniete sie, beugte sich über den Kopf, der
+quadratisch geschlossen schnarchte. Beugte sich tiefer, roch ihn, empfand
+die Gewalt, schlug die Zweige zurück, auf Schuhspitzen und Handflächen
+schlich sie in eine Rinne, kam an den Rand, pfiff die Gäule, ritt nach der
+Küste zurück. Hielt am Mittag. Von ihrem Gesicht fiel ab, was sie gelebt
+das Jahr und was sie erwartete. Sie lauerte, überströmte sich mit Blut.
+Kehrte um, wandte den Rücken, schlug Stefan einen Pfiff, machte Bogen,
+führte die Gäule rechts und links am Halfter, rannte mit ihnen ins
+Wiesenwachs, ließ los . . . zwei Bogen sausten in den Horizont. Sie schlug
+sich morgens zu einer Karawane. Um sie Sand. Nach dem Berg zu. Allein.
+
+Mitten trugen sie einen Alligator, vorn ein Parah mit Weibern für
+Bergradjahs. Die Armenier liefen beim Halt nach vorn, starrten in das
+Kattun. Daisy gab einem Ceylonier ein Messer für einen Esel. Er sah auf
+ihre Weiberhand, mißtraute ihr in dem Jünglingsrock mit abgeschnittenen
+Haaren, bedachte, es sei ein politischer Emissär, meckerte, sah Rebbach in
+der Beziehung, blieb treu neben ihr. Abends hob sich der Kattun des
+Vorderkamels. Hüften schaukelten prall und weiß. Ein Tuch fiel. Eine Auge
+grell nach Fleisch suchte das ihre, die Lider senkten sich, der Kattun
+verschluckte nicht das Zeichen. Es galt ihrer männlichen Kleidung, der
+tänzerinnenhaften Bronzeschlankheit. Am Morgen kreuzte sie eine Karawane.
+In der zweiten Reihe ritt Stefan auf sie zu, sie erstiegen einen Palankin,
+sie schloß die Augen. Wieder roch sie seinen Körper, dessen breite Muskeln
+sie fast zerbrachen. Demütig nahm sie seinen Zorn, seine Beglückung. Sie
+hoben sich aus den Knien. Der Kattun beim Vorderkamel stieg in die Höhe,
+das Zeichen des ersten Feuers kam. Dolche sahen in den erhellten Palankin.
+Wütend schlug der Kattun zurück. Das Weib heulte die Nacht, geschändet in
+ihrem Geschlecht, denn das Tun der beiden Männer im Palankin war ein
+Greuel. Am Gebirge bremsten sie, trennten sich von der Masse, schlugen sich
+in die Täler. Ein sanftes Gesicht wandte sich ihm zu, als sie allein hinter
+einer Düne standen. Allein die Fremdheit dieser Ergebung füllte ihn mit
+Mißtrauen so, daß er sie mehr beobachtete, als hätte sie Fäuste in sein
+Gesicht geschlagen. Doch sie tat keinen Laut, ergab sich und war in ihrem
+Erleiden und sich Schenken von einer Entferntheit, die ihn rasend machte
+hinter seinem steinernen Gesicht. Entfernte sie sich: »Halt«. Ging er vor
+ihr, sahen zwanzig Augen aus seinem Rücken. Führte sie, fraß sie sein
+Blick. Doch je mehr er sich bemühte, um so mehr gab sie sich ihm
+schrankenlos in die Hand. Allein er empfand auch hierin nur, was sie
+verschwieg.
+
+Als ihr die Milz schwoll vor Feuchtigkeit, Fieber ihr Hirn verwirrte, trug
+er sie am Leib an einen Sonnenabhang. Das gesteigerte Blut wehrte sich, sie
+schlug ihm das Gesicht auf. Als das Licht das Fieber aus ihrem Körper warf,
+sah sie das Blut. »Ich schlug dich nicht«, sagte sie. Er schwieg. Da küßte
+sie seine Hand; »Verzeih.« Sie lag wie ein Kind an ihn geschmiegt. Er sagte
+nichts, denn er besaß.
+
+Je mehr er besaß, um so stärker zog er sie in den Kreis, den seine Kraft um
+sie schloß und sie bedingungslos ihm gab. Bronzekörper fielen hinter sie
+zurück, Geschlitzte trieben Yaks auf Abhänge, tranken Alkohol, schrieen die
+Nacht. Er band sie mit jedem Gedanken, als es schneefrei ward. Ihren Willen
+schied er aus. Seinen pumpte er ein. Ihr Schritt ward bestimmt. Das Moos
+für den Fuß bezeichnet. Selbst ihren Gang, da das Unaussprechliche ihrer
+Ergebung ihn wie mit tausend Widerständen peinigte, regelte er nach Tempo,
+Biegung, er hätte versucht, sein Blut ihren Adern einzuführen, das dunkle
+Letzte suchend, was er besitzen wollte. Die Nacht nahm er ihr die letzte
+der achatnen Kugeln. Im Morgengewölk entblätterte die Spitze. Ein
+schnurgerader Weg in Fels gemeißelt blitzte hinauf. Links, rechts sausten
+Abgründe. Am Ende oben stand ein Bau. Zweimal stieß Stefan vor, kam zurück.
+Das drittemal war er bleich. Er untersuchte die Abstürze, den Stein, blieb
+die Nacht weg. Am Morgen kam er: Aus. Rot im Weiß des Auges. Die Hände
+hingen schlaff. Sein Mund murmelte die Stationen, die in vier Jahren die
+Sehnsucht ins Irrsinnige gesteigert: »Paris . . . Marseille . . . Kalkutta
+. . . Pegu.«
+
+Sie lächelte, band den Gürtel schräg, torkelte, strich die Sandalen ab und
+ging mit einem kühlen Schatten neben sich los. Auf das Tor zu. Klopfte den
+vierfachen Rhythmus, es schloß sich hinter ihr. Sie glitt in die Welle, die
+im Kreis des Hofes brauste. Senkte den Kopf, schritt mit, strich nach zwei
+Stunden von der Peripherie, sah ein gelbes Band, kam in den zweiten Stern,
+sprach eine Minute, glitt durch die Barriere in die innere Drehung. Die
+gelbe Binde verschwand, bückte sich. Ein anderer wiegte an der Seite. Sie
+kam näher der Kuppel am Mittag. Der Kreislauf faßte sie enger um die Mitte,
+schlang sie ein, trieb sie in den innersten Kern, sie flog von Schleife in
+Schleife, glitt an ein Metall, es erzitterte, nach fünf Minuten kam sie
+bleich mit einer Tafel. Den Kopf gesenkt, die Welle nahm sie auf. Langsamer
+und vorsichtiger spie sie sie aus. Ihr Bein tat weh im Torkeln, aber das
+vergangene Jahr verließ sie nicht. Sie strömte durch das Brausen, die
+Flügel des Umschwungs geleiteten sie mählich, hochmütiger aus dem Herz des
+Sternes. Gegen Abend zog die Menschen-Mühle mit Schweigen, sie bog in die
+äußerste Peripherie, stand abgestoßen vor dem Tor.
+
+Es war dunkel. »Komm«, sagte sie.
+
+Sie überschritten den Steg, ein schmales Tal schmiegte sich entlang, am
+Ende ein Tor. Die Türen sperrten, die Nacht zischte in der Laterne, die ihr
+Gesicht überflog, das Licht fiel auf die Tafel, das Gegentor schoß auf. Die
+Ebene lag vor ihnen. Sie lächelte. In seine Hand gab sie die Tafel, sie
+konnte sein Gesicht nicht sehen, später erst ward der Himmel heller, fiel
+weiß im Bogen gegen den Grenzfluß. Unter dieser Bewegung spürte er, daß das
+Unwägbare in ihr, was er gesucht und nie erreicht, solang er gezwungen, ihm
+näher nun, wo sie sich über ihn schwang, war als je. Dies schlug ihn ganz
+zusammen. Sie übersah es. Blieb die gleiche. Frug ihn nach Weg, Leitung,
+gab ihm die Führung, folgte ohne Zögern. Sprach ruhig zu ihm von Wäldern
+und Flüssen und Dingen, die sie umgaben. Von sonst nichts. Sie häufte alles
+auf ihn, was ihm das Ansehen, den Ausschlag, die Leitung gab. Als es ihn zu
+sehr bedrückte, ergab sich eine stillschweigende Harmonie, sie wünschte, er
+tat, aber sie zeigten, sprachen es nicht aus. Er verstauchte das Knie eines
+Tags. Sie blieb erschrocken, da fraß ihn das, was ihm Komödie schien, ans
+Herz, er brauste auf, die Schläfen wölbten sich, die Fäuste wuchsen. Sie
+aber unterzog sich dem ohne Betonung, demütig, nahm es hin wie vorher. Dies
+wischte seine Erregung weg, und von diesem Augenblick blieb er in einer
+gefaßten Ruhe, die jede Schwingung seines Blutes in einer ehrfürchtigen
+Entfernung hielt. In diesem Gefühl fand er sich wieder, wurde stolzer,
+sicherer, und so empfand er die Entfernung, die sie wirklich von seinem
+Erleben trennte und zu deren Aufstieg der große Weg ihn noch trennte. Von
+weißem Licht bespült, fast unirdisch in der Ruhe der Fächerabende kreiselte
+ihr Floß, dessen Ränder sie bewohnten. Der Himmel hatte die Farbe des
+Perlhuhns, seiden in der Berückung der Flötendämmerung. So entglitt sie ihm
+immer ferner, je tiefer er sie in Wahrheit erkannt und empfand, und indem
+sie das sprengte, was er bis zu diesem Tage als höchstes Vertrauen seiner
+Kraft in sich hielt, befreite sie in ihm die Freiheit, die mit
+schmerzlicher Glut ihn ganz erfüllte. Aus einem Abend stachen
+Dampferlichter. Unter senkrechter Flamme entzündete sich ein Hafen. Eine
+Stadt mit Musik, Cafés, Papierlaternen und Lichtern kam aus der Wölbung.
+Als sie in der Bahn abfuhr, sagte er wie im Garten Guildendaals: »Du bist
+der Wirbel, der mein Leben einfängt«, aber er sagte es mit einem
+schmerzlich veränderten, zu anderen Entschlüssen umgebrochenem Gesicht. Sie
+nickte zurück. Aus dem Aufschlag ihres groß bewimperten Auges blieb eine
+träumerische Bewegung in der Luft, die bald rot ward. Die Ebene glitt in
+dunklem Samt zurück, der Himmel berauscht, bebend wie eine Trommel, grau
+mit tierischem Glänzen der Fluß. Sie schloß die Augen und es kam nur das
+lösende Gefühl mit grenzenloser und gütiger Kraft: Schlaf.
+
+ * * *
+
+Sie sieht ihren schmalen bronzenen Körper im tiefen Glanz des Spiegels
+erscheinen. Sie reißt das einzige, was außer der leeren Halskette an ihrem
+Leib ist, von ihrem langen Schenkel über dem Knie das Band, zieht die
+Schließen an. Verkauft die zwei Perlen. Im Palankin fährt sie ins
+Hafenquartier, klopft, verschwindet. Fährt im Männeranzug im Wagen zurück,
+mit dem kurzgeschnittenen Haar einem Mischling gleichend, zu einem Magazin,
+füllt einen Koffer, fährt zu einer Pension, nimmt einen Raum. Dort klirrt
+die Glocke des Rockes um ihre Hüften, zögert die wundervolle kleine Brust
+in der Bluse. Da reitet, ißt sie als Herr.
+
+Ihr Mund hat einen hinreißenden aufbrechenden Zug. Das Auge sucht, hebt
+sich, erstarrt, sinkt. Von zwei Seiten durchwühlt sie den Menschenhaufen.
+Er fällt nicht vor ihr zurück, gleitet nicht mehr ab. Sie reißt, aus der
+Einsamkeit her gesammelt und hoch schon über jeder Enttäuschung, zu sich
+jetzt, was sie erwittert. Das Auge glättet, schmeißt auf, enthüllt, zerlegt
+. . . die Pupille sinkt. Innerlich voll Spannung, fiebernd erregt. Nach
+außen, von vieler Erfahrung her, demütig überlegen. Als Frau zieht sie den
+Mann an allen Instinkten, reizt ihn mit Geist, mit der Drehung der Hüfte.
+Spürt seinen Blick im Ausschnitt, im Nacken. Sieht den Mut seiner Erregung,
+führt ihn, zieht ihn nach, sieht endgültig vor Zielen, Aufgaben ihn
+entflammt -- spürt aber, mäßigt sie ihr Blut zu Kühle, ihn zurückgeschraubt
+im Thermometer seiner Begierde. Die Pupille sinkt. Sie bohrt von der
+anderen Seite sich ins Geheimnis. Selbst in der Maske des Mannes
+desavouiert sie ihn in seiner Beziehung zur Frau. Erst hinter dem Weib, das
+ihn aufschwänzt, in der Einstellung auf Bauch und Besitz ihn als Klasse
+sofort uniform macht (wohl auch riskant und alles in die Wagschale werfend,
+doch nur spielerisch und daher unbestimmt und ohne Verlaß), dahinter erst
+entdeckt sie den Mann. Ungestört von weiblicher Schwingung trifft sie die
+Nüchternheit seiner grauen Stunden, die Lüge seiner Frische gegenüber
+Weiblichem. Teilt seine Barnächte, Dürftigkeit seines Spiels, die
+Phantasielosigkeit seines Hirns. Außerhalb der Polspannung der Geschlechter
+empfindet sie die Indiskretion gegen jede Frau, seine Kameradschaft gegen
+das Weib. Sie konsumiert mehr Menschen, ihr Auge wird heißer im Erkennen,
+die Pupille sinkt. Ihr Leben wird rastloser. Sie weiß, der Mensch versagt,
+und Enttäuschung peitscht sie auf. Lauschend sitzt sie in den Ecken.
+Aufmerksam verfolgt sie die Ereignisse der Straße. Sie mischt sich, wo
+Meinungen kreuzen, Kräfte aufeinanderstoßen. In Nankingkleidern treibt sie
+sich am Hafen hin, kommt arbeitend an die, welche der Instinkt der anderen
+als Überlegene, Wollende, Visierende zeigt. Treibt mit Smith vier Tage um
+die Fischeransiedlungen, hört, öffnet ihr Ohr weiter, stärker, erreicht die
+Grenze. Starrt ihn an, die Pupille sinkt. Kehrt zurück zu den Baggern,
+Transportern, aufgeregter Meute in großer körperlicher Bewegtheit
+Schaffender. Schwenkt ab zu den Stillen, Vergrabenen, an Maschinen, in
+Kellern, Hangars Angeschmiedeten. Findet Abgegrenztes. Wo Ziele sind,
+schwach fundiert. Erstrebtes nur im automatischen Gang. Hinter dem Programm
+das Nackte, Ehrgeiz, Erfolg des Ich. Sie rettet sich in einem Bogen, mischt
+sich unter die Weiber, trägt Armband, Ringe, duftet, rauscht mit Dessous.
+Nur Holzbein, Titus und Zwicker denken, und die Ergebnislosigkeit solch
+nüchternen Schwungs stößt zurück. Doch sie läßt sich nicht schrecken. Die
+Menschen versagen. Aber sie hält nicht. Will. Muß.
+
+Mischt sich in einen Streik, schmiegt sich an die Leitung, spürt, wittert,
+die Pupille sinkt. Schon mißt sie den Einzelnen, den sie sieht, auf seine
+Befähigung, richtet ihn nach ihrer Forderung, fast nach dem Geruch, durch
+den untrüglichen Instinkt, der sie vorwärts führt. Sie sieht einen
+Gentleman einen Hund mit Lebensgefahr retten, pflegen, säubern. Sie
+schließt sich ihm an. Sein gutes Herz sieht nur den blinden Einzelfall,
+spannt sich nicht aus. Sie zuckt die Achseln. Nicht genug. Die Pupille
+sinkt. Im Klub mit Abenteurern spürt sie Fabelhaftes, aber es vollzieht
+sich nur aus Rausch. Verschwenderisch, doch unbrauchbar. In der Tiefe die
+wilde Grimasse aus Kneipe und Bordell, die sich einsetzt und stirbt, nur
+Aufflammen ungezügelten Instinkts. Traf sie auf Ideen, waren es
+Schwächlinge, Schwärmer, die Locken nach der Sternansammlung schwenkten.
+Kein Handgelenk und Griff. Die Pupille sinkt. Sie sucht nicht für sich,
+denkt nicht für sich, wird unermüdlicher, gläubiger. Leid, das sie aus
+jeder Stunde anschreit, wirft sie nicht um, hetzt, feuert sie an.
+Empfindsam, gleich einem Apparat, zeichnet sich auf sie ab die Struktur des
+Daseins, sie mißt, urteilt, findet den Hebelpunkt -- weint, daß sie eine
+Frau ist. Lächelt über die Hilflosigkeit des Geschlechts, beißt den Mund
+fest und sucht heftiger, strackser. Schon wachsen Ansätze zu Plänen. In der
+Dürre des Erfolgs selbst beschwingt sich ihre Seele zu größerem farbigstem
+Feuer. Wohnt in Baracken, wohnt im Hotel als Dame, wohnt an der Quarantäne.
+Wohnt ein Stück im Lande. Sieht fischende Frauen im Abendlicht mit
+Bastkörben von Stein zu Stein springen. Boote vorüberfahren. Dampfer
+rauschen. In der Pension als Reiter. Seglerin des Hotels. Lernt aus jeder
+der Sekunden. Sieht den Saft aus der Erfahrung, bekommt schärferen Glanz,
+mildere Schönheit ins Auge, reift mit Brust und Hüfte in eine schlanke
+Rundung. Prüft, hofft, verwirft. Spannt sich in den Glauben mächtig zum
+Dehnen. Die Pupille sinkt. Das Lid hebt sich. Die Figur eines Kapitäns
+schneidet sich aus einem Dampfer. Der Schall eines Agitators verzückt
+erregt. Das Raunen einen Slowenen in einem asyle de nuit sinkt ins Blut.
+Die Haltung eines Kaufmanns zu seinem Diener verblüfft. Der Blick wird
+grau, das Dreieck spannt sich über die Stirn. Die Pupille erweitert sich,
+erschlafft. Sinkt. In einer Barnacht singt die unsterbliche Stimme eines
+Dichters die Brüderlichkeit. Am Meer ist seine Seele läpsch wie ein
+Schalet. Sie folgt einer Revolte. Es sind Betrunkene. Sie wohnt an dem
+Segelhalteplatz, beim Sport. Wohnt in einem kleinen Garten mit Holzhaus,
+wird braun wie die Eingeborenen, sieht die Haut der englischen, indischen,
+französischen Frauen. Folgt zwei singenden Vögeln. Die Heide schlägt sich
+um sie auf im Abend. In der stürzenden Dunkelheit bauen zwei Parteien ein
+Duell, legen Knipslaternen auf Steine, reißen zwei Lichtkegel zwei Figuren
+aus der Dämmerung.
+
+Ein Schuß pitscht. Sie weicht zurück, fast umgeschleudert. Ein Auto biegt
+vor dem, welcher schießen will. Ein Arm aus dem Auto greift die Hand,
+schleudert die Pistole mit einer unbeschreiblich ablehnenden Gebärde auf
+den Rasen, springt hinaus, tritt darauf, reißt den Mann mit sich in den
+Wagen. Sie hört ihn sagen: »Ich habe andere Aufgaben für dich.«
+
+Die Pupillen stehen weit in Kreisen glasig erhellt, offen, bekommen
+Facetten, glühen vor Licht.
+
+Sinken nicht. Sie springt in den Wagen. Sie nehmen sie kühl auf. Sie sieht
+nur den einen. Sie sitzt den Abend zusammen mit Gordon, Raffaeli, Di Conti.
+Die anderen schweigen. Di Conti spricht. Gegen Mitternacht werden außer
+seinem die Gesichter mißtrauisch. Ihres glüht. Mit schief im schwarzen Bart
+gestrecktem Mund fragt Raffaeli: »Was geben Sie?« »Mich!« Gordon umreißt
+mit gierigem Blick ihre Figur. Raffaeli zuckt die Achseln, die Nase biegt
+sich skeptisch in den Flügeln, vibriert. Di Conti wiederholt die Frage
+kalt. Da lächelt sie, verschenkt sich an sein Gesicht mit aller
+grenzenlosen Hingabe. Die von keinem Sou des Angehäuften seither nahm und
+lebte, sperrt auf die gesamten Depots.
+
+ * * *
+
+Jeden Traum sah sie in seiner Hand schon fertige Waffe. Keine Ahnung, die
+ihm nicht schon zum Abfeuern geladener Plan. Sein Glaube war so ungeheuer,
+daß er ihn schon jenseits der Ekstase mathematisch beherrschte. Aus dem
+Herz die Flamme gerann ihm im Hirn. Seine Kühle war unbeschreiblich über
+dem barbarischen Feuer, das gebändigt darunter tobte. Selbst Raffaelis
+fanatische Unerbittlichkeit schmolz, Gordons nicht ausmeßbare Aktivität
+folgte nur seinem Druck. Ihr schwindelte, wenn der Tag sie in die
+fassungslose Nacht entließ, wo ohne die Gemeinschaft das Ganze in
+Schlagschatten zerrann. Ihm war, was sie als Entfernung der Welten ohne
+Brücke sah, aus ungeheurem Wollen geringe Distanz geworden, ihm gab es
+keine Hemmungen in seinem Bau. Hatte gewogen, geschaut, gedacht, die
+Rechnung gefertigt, die Summe gezogen. War kalt geworden, bedacht vor
+Ergebnissen. Trieb nun vor. Sah in dem Ruhenden, Daseienden, im Pathos
+bloßer Tradition den Feind, das Erwürgende, sprach gelassen gegen die
+Schwerkraft, gegen die Anziehung der Kräfte. Stemmt gegen die drehende Erde
+sich mit der Kühle des Überlegenen wie am Schalter eines Automaten. Ihr kam
+nachts, daß aus der ungeheuren Kraft seines Wollens, die alle überströmte,
+er in die See hinaus, die Tag und Nacht die Fahrt umschäumte, neue
+Bewegungen, seinen Rhythmus und Zweck dem Schiff, den Schornen und der
+Flutung diktieren könnte. Er stand am Schalter, wies ihr die Spannungen,
+die Drähte, sogar die Klingelzeichen der unterirdischen Erregungen. Der
+Traum machte ihr sein Bild wahnsinnig. Gordon, der von Marokko bekannt,
+verfolgt war wegen Desertion, Aufruhr, Agitation, ging morgens neben ihr
+auf dem Verdeck, ließ sie das Spiel seiner Muskeln spüren, Feuer und Lust
+seiner Kraft, in diesem Kampf zu führen. Doch Di Conti gewann ohne Kampf,
+besaß mit Nichts. An ihm fand sie die Lösung. Er drahtete vom Schiff,
+diktierte, erklärte, schrieb, zeichnete Karten, sah auf, lächelte
+beherrscht. Gordon trat mit englischem Backenbart aus der Kajüte, ging
+geschnellt auf den Ballen, sprach deutschen Dialekt, hatte einen Steckbrief
+wegen Agitation im Heer. Raffaeli sah das Meer nicht, sah nach innen. Das
+eigene Vaterland ließ Di Conti kühl, es lag an der Peripherie, entwickelte
+sich im Lauf des Zentralproblems, fiel später unter Raffaelis
+Durcharbeitung. Er selbst zielte aufs Herz Europas, stach nach Paris, um
+von dort das Blut in den Körper des Erdteils zu treiben. Für die asiatische
+Welle hatte er Aufmerksamkeit, nicht mehr, empfing Depeschen aus Genf,
+lauschte auf Berichte der Vertrauensmänner, verglich, maß die Stadien der
+Siedespannungen am Barometer, verglich die Leidenschaft der Massen, gab
+Ordres, zögerte, tat einen Ruck, setzte andere Spieler ein. Zielte zuerst
+gegen den Kitt, die umfangenden Reifen, die Macht, das Militär. Rettete
+darum Gordon, der den menschlichen Bruch und Riß trug, im Persönlichen so
+schwach zu sein, daß seine Eitelkeit ihn in eigenen Dingen das allgemeine
+verleugnen, in jede Tollheit sich werfen ließ. Hatte die Organisation es
+aufzuschälen, die Schaukel dann aufzutreiben, die aus Jahrhunderten
+rotierende Gesinnung zu stürzen, Massen aufzuwerfen, gerecht die Erde zu
+nivellieren. Das Leid der Irren, Kranken, Sklaven, falscher Sehnsucht
+endete hier. Sein Paradies war willkürlich, geschaffen, diktiert, es
+kümmerte ihn nicht. Gegen Raffaeli hatte er die Kühnheit zum weiteren
+Schritt, die Gerechtigkeit zu verleugnen, um sie endgültig einzusetzen.
+Sein fachlicher Befehl, der Definitionen verachtete und aus der Berechnung,
+die tausendfaches Gefühl ihm geformt, sprach, war bestimmender als
+Raffaelis Glut. Er kannte nur kalt Herrschende und Blinde, die sich nicht
+befreien konnten, da ihre törichten Herzen die Erkenntnis zum Handeln nicht
+zu fassen wagten. Er trug darum die Verantwortung seines Entschlusses mit
+präziser Automatigkeit. Zwei Tage vor der Landung kamen Nachrichten von
+Gärungen in Lyon, am folgenden putschte Marseille im Hafen, in Nancy
+erschoß ein Unbekannter einen Oberst. Mit zusammengepreßtem Herzen,
+zitternd, sahen sie das Land. »Es ginge nicht ohne Sie«, verbeugte sich
+durch die Dämmerung Raffaeli mit Schätzung und Verachtung zugleich auf das
+Geld, mit dem er arbeiten mußte. Es wurde dunkler, Laternen blitzten. Di
+Conti stand an der Reeling, hielt ein Papier in der Hand. »Gott selbst
+könnte sich nicht widersetzen. Wagte er das Sinnlose, seine Welt liefe taub
+aus. Eine furchtbare Gonorrhöe.« Er hatte den Kopf zurückgeworfen, sein
+Mund war blaß geworden vor Zusammengedrängtem. Die Nacht sprach er mit ihr
+zum erstenmal allein und lang. Sie ward erfüllt von dieser Stunde, daß ihr
+Leben sich verankerte in ihr. Nie verließ sie das, nahm Besitz von Blut und
+Kräften in einer Durchdringung, die fast den Mond und den Meerraum mit
+hineingab in sie. Bei der Ankunft wehte irgendwo eine Flagge. Ein Kind
+strauchelte und stieß Raffaeli. Der Portier hatte Briefe, nahm eine Perücke
+ab mit einem Zeichen innen. Drei Tage darauf meuterte ein Regiment in der
+Aube. Gordon wurde verhaftet. Di Conti schlug zu.
+
+ * * *
+
+Als sie den Boulevard heraufkam, stand, die Hände über den Augen, Raffaeli
+an der Ecke. Sie nickte. Er verschwand. Um zehn Uhr betrat sie das Cafe Rue
+Guijas. Drückte sich bis zur Wand, schob die Achsel vor. Vier Frauen
+standen am Schießapparat, zielten, schnellten den Hebel, schossen für einen
+Sou die Freimarke zum Café für vier. Sie gelangte ans Büfett, ein Mann
+stieg vom hohen Stuhl. Sie kletterte, der Neger im Hufeisen ließ eine Tasse
+in der Schiene gleiten, ein Porzellan mit Gebäck, erhaschte sie mit einem
+Schielblick, schob einen Brief nach. Sie hatte Röte an den Schläfen. Sah
+fest nach dem Eingang. Während Mädchen an den Wänden hingen, sangen,
+plärrten, Queues das Billard umkreuzten, trieb trotz der Frühe eine
+Unterschicht herein, breitete sich aus, füllte heftiger, ein Zittern
+durchlief die Körper der Gruppen. Sie drängte weiter. Auf der Erde wieder
+wand sie sich herum auf dem Absatz. Der Ire stieß sie zur Seite, brach sich
+zum Apparat durch, griff den Studenten am Apparat, der, eingeschossen,
+gewann, an seine Brust, stemmte ihn hoch, warf ihn hinaus. Sie sagte etwas,
+fast laut. Ein Mann nickte. Ein Mann sah sie fragend an. Sie gab ihm einen
+Zettel. Sie hörte Worte, helle, gedämpfte, zischten vorbei, schlugen
+vorüber. Eine Gruppe löste sich, ward um sie ein Kreis. Sie kniff die Augen
+zusammen, sah in die Höhe. Stieß ein Weib an, versehens, neigte rasch den
+Kopf, beglückte eine Sekunde mit den Augen. Hob rasch die Lider, schloß sie
+fest, öffnete groß und sah dasselbe in dem Gesicht eines großen Mannes. Sie
+durchdrückte die Welle, die auch um die Dominotische schon brauste. Mimis
+saßen, setzten, bauten, die sie nicht kannte. Wie von St. Denis hierher die
+Kette heraufschwang, ihr Gefühl faßte, der Rachen aufbrach, schlang, wütete
+in diesem Fleisch, glomm Stolz in ihrem Auge. Sicher ging sie vorüber.
+Etwas schwankte von ihr wie Trost fest um den Tisch. Ihre Hände berührten
+Hüften. Eine Stimme drehte sich ihr zu, ohne Ton, heiser wie Blech. Der
+Mund war noch schön: Ly. Es bohrte hinter den glasigen Augen, faßte es
+nicht, schluchzte in der Gurgel. Das Hirn faßte das Gefühl nicht, sie
+heulte auf, erkannte Daisy nicht genau, wußte nur dies und dies und die,
+nichts Eindeutiges, bückte sich: »Gib mir zehn Sous.« Sie gab. In der
+Bewegung der Hand erfüllte sie das Geben ganz zu Glück. Trat aus ihr
+hinaus, sie fühlte, daß in diesen Tag ihr Leben Fülle und Bedeutung
+erhielt. Zwei Männer hielten sie an, einer küßte ihre Hand. Sie hörte,
+während er sprach, Lys Stimme dahinter: »Combien . . .? Trapez mit dir --
+Sau von Geiz . . .« Bleich vor Angst ein Preuße vor ihr, sie steigerte ihn
+über die Taxe. Sie löste sich, schon war sie darüber. Nichts drückte sie
+mehr. Glühend flog es auf in ihr. Am letzten Tisch verwirrte sich ihr Auge
+in einen Glanz. Le Beau stand gegen die Wand, ein Mann neben ihm, der auf
+sie zeigte. Durch Gedränge und Stimmen hielt ihr Atem, ihr Sichsehen fest.
+Das Gefühl floß, sie wußte, es würde sie immer verbinden bis in den Tod.
+Das erste Erleben des Blutes hielt sie zusammen, nichts wischte das weg,
+keine Tiefe. Ein Trauring lag um seinen Finger. »Ruiniert.« Sein Auge war
+voll Geist, stolz. Über den Plafond strich es aus Jahren: Autos, Feste, das
+Haus des Boulevard Raspail . . . es lag zurück wie tot. Sein Blick tastete
+atemlos nach ihr, mißverstand die Pause, die sie ihm gönnte, bog eine Frage
+aus ihr heraus. Der Punkt, den sie festhielt, war der Eingang. Dorther
+füllte es sich mit einem Maß reifer und übermütiger Freude. Bleich sah er
+die Linie der Nase, zog die Luft nach, die sie zurückließ, ging mit dem
+Detektiv hinaus. Er hatte sie gesehen. Abgewandt, ihm gehörig,
+hoffnungslos. Sie aber, entzündet weit und hoch über ihm und seinem
+Lebenskreis, durchbrach die Barrikade von vier Männern, deren Leiber alles
+abhielten. Sie kam durch. Ein luftleerer Raum kam, ein Stern von Stühlen.
+Sie stellte sich daneben, kam endlich mit dem Rücken an die Wand.
+
+Da begann ein Wirbel von der Tür her durch die Menge durchzufluten. Der
+Raum zitterte, die Luft kam ins Wogen, die Masse brach nicht. Eine Kette
+schob vorbei zu den Nischen, eh der Kern sichtbar ward. Sie wurde gegen die
+Wand geschüttelt. Fester sog sie sich an dem Eingang fest, mehr glühte ihr
+Auge dorthin, ihr Leib streckte sich unmerklich in diese Richtung. Dabei
+drehte die abgeschobene Kette neben ihr um, es gab freieren Raum, im
+Vorbeihuschen sah sie einen Augenblick Philippes Gesicht. Zum erstenmal
+grüßten sie gegeneinander wieder. Da sie nicht mit Worten dastand, unter
+denen sie litt, sondern wie an keinem Tage heute zur Höhe getrieben,
+entflammt, kam einen Augenblick Triumph in ihren Mund. Doch sie hielt ihn
+nicht. Wurde sanfter in den Lippen. Was sie erfüllte, gab ihrem Hochmut
+Duldung für ihn. Er hatte sie schauen gelernt, die Liebe gezeigt. Sie sah
+ihn abgeglitten von der steileren Aufgabe, rechnete nicht mit ihm, der sich
+lächelnd nach innen hinein abwandte . . . Schon löste sich ihr Auge
+hiervon. Im Vorderteil hob sich Tumult. Die Mitte drehte sich in einer
+Spirale, durchdrang sich. Aus der Eingangstür kamen Kommandos. Sie reckte
+sich ganz hoch. Bestimmungen erschollen. Parolen. Ein Schild schwankte.
+Meerhaft wogte die Gruppe. Noch höher, unbedingter wuchs sie in die
+Richtung. Häusernamen kamen herüber, scharf die Straßenreihen. Arme hoben
+sich. Die Masse zuckte auf, riß, ein Gang wölbte sich. Langsam trat ein
+häßlicher kleiner schwarzer Mann heraus, es traf sie das Auge Di Contis.
+
+In ihrer Hand lag der Brief. Er las nicht, nickte, sprach schon zur Seite.
+Nur wie er zur Uhr, hastig und scharf, sah, bewies ihr, wie heftig er sie
+erwarte. Sie ging. St. Sulpice schlug halb zwölf. Quetschte sich durch die
+Haufen, eilte, bog in Rue Monsieur Le Prince. An der Ecke kam in das
+Fliegende, Stolze in ihr eine Traurigkeit, die ihr Gesicht rötete. Sie ging
+durch den sonnenleeren Garten, durch die Wolke Karbol. Stand an Renées
+Bett. Die Schwester beugte sich darüber, nahm ein Tuch weg. Das Gesicht im
+Krampf zerrissen, in der Mitte eine Höhle, aus der pilzig Fleisch wucherte.
+Die Lider fielen Daisy, sie suchte einen Ton. Fand keinen Ton. Die
+Schwester suchte Renée zu wecken. Unmöglich seit Tagen. Sie atmete, stank,
+sprach nicht mehr. Drei Jahre spannten sich von dem Gesicht zu dem ihren.
+Wie sie sich bückte, blitzte der Glanz vor ihrem Auge, mit dem,
+unvergleichlich und bezaubernd in der Schönheit der Beine, Renée die
+Hüfttänze in Genf gewiegt. Sie sah das andere nicht mehr, bog sich tiefer,
+mit dem Mund zum Ohr: »Es wird gut sein, Geduld.« Malte, schilderte,
+versprach, hörte nicht auf mit der Tröstung. Aber Renée hörte nichts,
+sperrte röchelnd den Mund kreisrund, roch nach fauligem Gewebe. Sie sprach
+weiter, sah verzerrt plötzlich das Gesicht, schwieg langsam, drehte um. An
+der Tür hielt eine Hand ihren Rock, aus dem Kopf eines jungen Mädchens traf
+sie ein verzweifelter Ausdruck: »Zu mir?« Zwei Augen kehrten starr
+enttäuscht, zur Decke zurück. Es traf, verwundete Daisy nicht.
+
+Schatten fielen aus den feuchten dumpfen Gassen, in Lücken glitzerte
+gewitterig die Sonne. Sie spürte das Stück Schuld, das, neben der Welt, sie
+an diesem Kadaver trug, aber wie alles Elend dieses Tages löste es Freude
+in ihr, trieb in ihr hinauf, denn sie empfand es als Ende. Von hier begann
+das Glück. Freude ging über ihre Zunge, Verantwortung und Glaube machten
+eine Sicherheit in ihr, die undurchdringlich ward. Gordon befreit, Kasernen
+gestürzt, europäische Mauern gesprengt . . . neue Beziehungen trafen von
+Herz zu Herz. Es kam als Strom, sie empfand Contis Herz. Sie empfand, wie
+er sie besaß und erhob. Eilte, fing alles Unglück ein, nahm es mit,
+verarbeitete es . . . nichts konnte es antun ihrer Entzückung. Keine schöne
+Taube würde sinnlos zerstört, kein Schoß zertrümmert, kein Wahnsinn
+herrschte, tat Unrecht, verdarb, sie kämpfte sich weiter auf den Boulevard,
+traumhaft befestigt in klarer Ruhe, machte Bogen. Die Straßen hingen voll
+Gedränge. Um Eins kam sie Rue Guijas, sprang in einen Wagen. Sie hörte
+Erfolg. Streiks im Borinage, in Brest, in Perpignan, auf der Loire. Unruhen
+in Bordeaux. Eine rote Fahne auf Marseille. Sympathieausstand in Mailand.
+Meuterei in der Dauphinée. Sie bückte sich, legte die Stirn auf das
+Hebelrad, nickte, küßte Contis Hand. Um Zwei begann die Demonstration.
+
+Der Verkehr stockte. Um halb Drei sperrte Gendarmerie die Eingänge der
+Seitenstraßen. Die Seitenstraßen standen gepfropft mit Menschen. Der
+Boulevard stand kilometerweit schwarz. Fahnen zeigten die Kolonnen. Plakate
+riefen das Volk auf. Eine dünne Kette Polizei stand zwischen der wogenden
+Masse des Boulevard und dem Druck der Nebengassen. Um drei brach die Masse
+los. In der ersten Reihe Gordons Bild. Malerei gegen die Legion. Hinter den
+Führern mit Schärpen Di Conti. Der Zug schwankte, zog langsam zum
+Montparnasse, machte eine Schleife, stand um Vier wieder am Observatoire,
+eine Lawine. Um dreiviertel Vier waren die Häute gerissen, die Gendarmerie
+überschritten. Alle Seitenstraßen mit hermetischem Druck in den Boulevard
+hineingeplatzt. Die Masse brodelte an der Spitze. Einer sprang vor, reckte
+etwas, immer höher. Es schoß los.
+
+Alte Gesichter kamen, junge kamen, Weiber. Straßenbahnwagen, hunderte,
+hintereinander, besät. Automobile dazwischen. Ohne Musik. Schritte gingen
+in dem Boulevard, vereinigten sich, gaben einen einzigen Ton, der sich
+band, hallte, brauste. Die hellen Normannen, ehemalige dunkle Soldaten, die
+Kokotten der Hallen, Apachen mit Tüchern, Araber, Studenten des Quartiers
+gingen in dem sausenden Ton. Er ward dumpfer in der Tiefe, schlug hinauf
+die Häuser. Die Straße vor dem Zug war ausgestorben, glühte. Vor dem Zug
+schlossen sich die Fenster, Läden der Verkaufshäuser rasten herunter. Die
+Kolonnen drängten sich, verbogen sich, kreuzten Rue Monsieur Le Prince, Rue
+Guijas, Rue des Etrangers. Aus den Gassen bohrten Keile herein. Ein Knabe
+von einem Baum schrie: »Es lebe die Freiheit.« Eine Lawine kam vom
+Luxembourg. Der Zug stockte, verdunkelte in der Gedrängtheit, löste sich
+ein wenig, ballte sich tiefer zusammen. Verfing sich in sich selbst, hing
+wie ein Haken im eigenen Fleisch. Sie brüllten sich zu: dein Kopf, deine
+Hand, die Schulter. Hand hing so dicht an Hand, daß sie sie nicht rührten.
+Eine Wolke Schweiß brach aus. Zwei große Fahnen flaggten über sieben Etagen
+herunter. Sie lasen die Inschrift, eine donnernde Stimme rief über den
+leeren Raum die Straße herauf etwas, das die erste Woge traf, sie bäumte.
+Die Häuser zitterten unter dem Druck, in oberen Stöcken klirrten die
+Scheiben. Die Fahnen hingen starr herunter, erregten, die Stimme ward
+lauter. Da brach die Masse, fast schreiend, schwankte, mußte nach vorwärts,
+dehnte sich auf die Seite, daß der Stein an den Hüften knirschte, bewegte
+sich, flutete. Laternen standen, Bäume im Weg. Eine Sekunde zitterte die
+Barriere. Dann gingen die Kolonnen als Fluß, strömten, unwiderstehlich. In
+ihrer Mitte hoch, vor den Wagen, den Autos, schwankten die Laternen, Bäume.
+Reißend goß es sich auf die Place St. Michel, füllte sie voll und rund.
+
+Di Conti sprach.
+
+Die Kühle war gerissen, die Flamme schlug vom Denkmalrand. Der Donner
+machte das gefüllte Platzbassin totstill. Er bückte sich wie ein Ringer,
+stieß den Arm zum Kreis, zwang die Stille noch tiefer herunter. Sprach.
+Formte im Reden die Gesichter unten, zerrte sie auseinander, wischte sie
+aus, entleerte sie. Riß sie rasend hinauf, verklärte sie langsam, füllte
+begeistert an. Zog die Reihen, sanft einander verschmolzen, dichter heran.
+Wuchs. Stieg höher, stand am oberen Rand des Denkmals, bog den Nacken
+zurück, rang einen Augenblick die Hände, entfaltete sich mit einer
+ungeheueren Bewegung, zog die Masse mit auf, warf sie auf, über sich ihre
+Herzen, stemmte sie höher, fabelhaft sich entfaltend, hoch die Arme
+geschleudert, wankte und wuchs mit der Last, die er hielt.
+
+Sprach.
+
+Ging auf der schmalen Leiste des Bassins hin und her, atmete wie ein Pferd,
+zog die Menge im Krampf zusammen, quetschte sie aus, hieb das Bittere in
+ihre Visagen, machte Drohung, bestürzte Wut aus den Mäulern, donnerte, roch
+den Zorn aufgeballt. Faßte rückwärts, packte hinter sich den Kopf der
+Chimäre mit beiden Fäusten, fiel nach vorn, schräg, kam näher, tief
+herunter mit dem Gesicht gegen die Masse, war fast bei ihnen. Einigte sie
+in eine atemlose Pause. Sprach. Warf die Drohung aus den Augen.
+Scheinwerfer zuckten die Sätze. Sprach. Sie drangen in die Herzen. Sprach.
+Sie drangen durch die Kleider, die Hemden, die Röcke, trieben in die Pulse,
+gaben sich von Leib zu Leib. Das Blut bekam eine Bahn, einzige Wärme,
+gleichen Schlag. Floß den Boulevard hinauf, löste, machte Spiralen, schlug
+aus, blühte aus jeder Haut. Die Lawine brach los, Stöße kamen herunter,
+keilten gewaltig, drängten den Platz ab bis zum Kordon. Dort stemmte es
+sich zurück. Conti sprach. Die neue Woge wälzte heran, erstarrte. Sprach.
+Die Hände Schallbecher vor dem Mund. Erreichte größere Distanz, durchmaß
+mehr Menschen. Es rollte herunter vom Montparnasse. Daisy hielt mit beiden
+Armen am Sockelstein sich, die Beine wurden mitgerissen, der Leib drehte
+sich, die Augen kamen zum Himmel. Sie sah Di Conti, lächelte, faßte wieder
+Fuß. Der Druck der Dreikilometersäule platzte den Pfropfen, schmiß
+viertausend gegen die Seine. Conti sprach. Warf sich in die neue Welle,
+inbrünstig, verzehrte die Kraft, warb, zerfetzte, diktierte, sänftete, riß
+die Herzen plötzlich steil, unnachahmlich erschütternd, hoch, über sich mit
+beispiellos schmerzendem Ruck. Die Säule stieß weiter vom Boulevard
+herunter, warf, schoß die Menge vom Platz, stürzte sie gegen die Massen vor
+dem Kordon, Bäume, Laternen kamen über den Kolonnen gegen die Seine an.
+Stießen den Druck unaufhaltsam weiter. Gegen den Kordon Gendarmerie.
+
+Er verschwand unter ihren Füßen.
+
+Das Ufer herauf, rechts, links, ritten Kürassiere, Haarschwänze vom
+Kupferhelm auf dem Rücken tanzend, Karabiner auf dem Schenkel, warfen sich
+vor die Brücke, bewachten vor der Emeute des linken das rechte Ufer, das
+Herz der Stadt, Boulevards der Bourgeoisie. Die Wellen kamen, gedrängt,
+gedrückt, spieen heftiger an, schlugen wider die Gäule. Sie riefen:
+»Camarades, Freiheit, Hunde, Hunde.« Sie sahen in die kleinen dunklen
+Löcher, auf das Metall der Drücker. Der Stoß in ihrem Rücken stürzte sie in
+Massen gegen die Pferdeköpfe. Ein Pflasterstein flog. Es knallte. Steine
+stoben durch das Licht, sausten. Eine dünne Stimme rief: »Tirez.« Die
+Kürassiere zitterten, die dunklen Löcher hoben sich über den Schenkeln
+höher, steiler, feuerten in die Luft. Vom Blut der Stürmenden ging es
+hinüber auf die anderen, durchdrang sie, säugte sie. Die dünne Stimme
+schrie wie ein Triller. Ein Mann gab einem Soldaten die Hand. Die Säule
+stieß durch, ein ungeheurer Schrei. Körper an Körper gedrängt, Soldaten,
+Arbeiter, hatten einen Sinn nur, eine Richtung, gleichen Herzschlag. Ein
+spitzes Winseln, sie steckten brennende Zigarren dem Gaul unter den
+Schwanz, der Unteroffizier zeigte ein kalkweißes Gesicht, das Tier
+klatschte hinunter ins Wasser. Gäule zerstampft. Fraternisierend strudelte
+die Masse, wälzte über die kupferrote Abendbrücke in die Stadt.
+
+Vom Brunnen fiel Di Conti, einen Schuß in der Weiche. Von der unteren
+Seineseite durchstach eine Kompagnie von hinten enge Gassen, kam seitlings
+auf den Platz, trieb einen Keil in die dünne Masse. »Weg du«, schrie ein
+roter Bart. Eine Frau hielt vor Schmerz blaß die Hand zwischen die Knie.
+Die Masse floß in den Brückenstrudel, abgelenkt, gerissen. Das Denkmal ward
+umzingelt. Di Conti aufgehoben . . . hinter Bajonetten gesichert. Daisy
+warf sich auf ihn. Sie schlugen ihr eine Koppel auf den Kopf. Sie konnte
+die Hand nicht rühren, ließ nicht nach, biß sich in seinen Rock. Ein Druck
+kam auf ihren Kopf, das Gesicht von ihr ward schwarz, noch einmal flüsterte
+sie: »Conti --.« Die Masse begriff, schäumte auf, warf sich herüber, gegen
+den neuen Kordon, feuerte ihn zurück, Daisy ward zurückgetragen. Conti
+schleppten Soldaten durch die Gassen in die Métrohalle. Zu spät.
+
+Aber er lebte. Zwei Tage war Daisy irrsinnig. Dann empfing sie. Kühl, Dame,
+Freunde nahmen ihre Hand: »Wir werden ihn befreien.« Deputierte sprachen:
+»Wir werden ihn befreien.« Der Schlag der Masse pulste herauf zu ihr: »Wir
+werden ihn befreien.« Sie hörte, die Verwundung wär leicht . . . Ihm werde
+des Volkes Stimme dauernder Ruhm. Sie reckte sich, steif, ging zurück,
+lachte. Ruhm? Bot man so Geringes? Glaubte jemand, dies sei ein Wort für
+dies Gefäß? Maß für diese Tat? Dies Geschenk für Narren und Kinder wagte
+Geschwätzigkeit hinzugeben für Blut? Behängte diese Maske ihn nicht zum
+Komödianten . . . stand sein Gesicht doch, das schlicht nur dem Ganzen
+wirkte, brüllend und wie aus Marmor vor dem Gewissen der Macht. Sie winkte
+ab, ging auf und nieder, steckte die Hände in die Taschen, die Augen im
+Dreieck. Ein eisgrauer Glanz kam aus dem Blick. Hinab mit Geschwätz und
+Trauer. Eins war zu tun, das Ziel erreichen, die Leistung verdoppeln,
+Angriff steiler schrauben, unbedingter sich mühen. Di Conti mußte frei
+sein. Hierfür war zuerst zu leben. Sie nahm es auf sich. Allein. Ging einen
+festen graden Weg.
+
+Die Lichtflut stieß Breschen ins Dunkel. Die Seine floß gläsern unten. Sie
+sah einen Schatten, er löste sich von der Pforte und glitt an ihr vorbei.
+Sie drückte ihre Hand fest in seine, das Papier knitterte. Ein Wachtraum im
+Keller sprang auf, dreigezackt brannte ein grünes Gaslicht schmetternd
+gegen den Kalk. Sie legte ihre Hand auf den Tisch. Als sie sie zurückzog,
+blieb etwas.
+
+Sie trat in das Büro ihrer Gesandtschaft. Sie ging durch drei Räume. Ihre
+Karte lief vor ihr. Fünf Minuten sprach sie mit einem eleganten Herrn mit
+exotisch flimmernden Augen. Sie gab ein Telegramm auf an ihren Vater.
+Darauf gab ihr der Herr seine Karte mit einigen Worten.
+
+Damit fuhr sie die Champs Elysées hinunter, Bäume streichelten die Luft,
+Helligkeit und Süße wob in den Zweigen. Sie fuhr darunter hin, unbeteiligt.
+In einer Schleife glitt der Wagen ins Riesenbassin der Concorde . . . der
+Wagen glitt, bog, hielt. Über die Teppichstufen des Ministeriums.
+Aufgehalten, mit der Karte durchbrechend, gehemmt, vor Achselzucken,
+lächelnd, die Karte vor sich . . . sie stand in einem Salon. Ein schöner
+Mann im schwarzen Schnurrbart, der elegisch das Kinn rahmte, trat ein,
+stutzte. Sie ging mit raschen Schritten an den Tisch, legte ein Bündel in
+perlgeschmücktem Etui auf die Kante. Sein Blick leckte nach ihrem Hals,
+zögerte, fiel auf den Tisch, er verneigte sich, stieß eine Tür auf. Ein
+größerer Salon. In der Mitte eine Jungfrau, die auf einem Brabanter ritt.
+Die blaue Seide der Wände, der geschwungenen Stühle verwirrte, sie lernte
+die Teppichmuster, sagte immer ein Wort, ein Wort, ein Wort. Eine Stunde.
+Ein grauer schmaler Herr trat ein, hinkte, ein Monokel an schwarzer Schnur
+flog ins Auge. Er war nicht groß, kam langsam näher, äugte, bis er genau
+sie sah, schob mit drei Fingern einen Lehnstuhl zurecht, indem er ihn kaum
+berührte. In seiner mageren Hand spielte ihre Karte, er las, sah ihr mitten
+ins Gesicht. Blut schoß ihr auf unter dem jähen Anprall. Er sah auf die
+Erde neben seinem Schuh: »Ausländer? . . . Italiener . . . in der Tat.« Sie
+sah nur seine Brauen. Er notierte den Namen, flüsterte ihn nochmals, stand
+auf, ging ans Fenster, trommelte mit den Fingerspitzen ans Glas, murmelte,
+sah auf ein knallendes Buchenholz im Kamin zerstreut. Die Lippen Daisys
+saßen wie Tiere aufeinander, die Brauen seidenschmiegsam ineinander sich
+wölbend. Er trat zurück. Ein drittes Gesicht sprach mit ihr, die Stimme
+schlürfte etwas, stieß an die Zunge, die Handbewegung voll zarter
+Höflichkeit. Er führte immer, sie folgte. Lauernd. Erschreckt. Er blieb
+gleich. Kanadische Jagd, die Quadrille Fribaurts, er kannte es. Versailles
+wuchs zwischen seiner Geste, schmeichlerisch, mit Märzwind. Eine Fahrt über
+St. Malo. Er neigte das Kinn: daß die Oper Ballette belebe, welcher Zug. Er
+stand auf, ging zum Fenster, elastisch in dem Knie, hinkte nicht -- ob ihr
+Wagen warte, Pelze darin seien. Setzte sich wieder, ruhig, besorgt. Sie
+wartete, faltete die Lippen, daß es käme. Er spielte, lauerte, führte
+herauf, hinunter, eilte, pausierte, sie sah sein Gesicht nicht. Seine
+Grazie schmeichelte sich in ihre Haut. Plötzlich schlug er die weiße Hand,
+die nicht welk war, laß gegen das Knie, der Kopf fuhr auf, sein Blick
+prallte ihr wieder ins Gesicht. Sie stand auf. Er hob sich halb: »Wann darf
+ich den Wagen senden?« Sie knotete die Hände: »Neun Uhr.« Er läutete, als
+sie sich schon wandte, ein kakadufarbener Page öffnete geräuschlos eine
+Tapetentür.
+
+Vierundzwanzig Stunden vorher speiste Conti, verdrehte die Iris, schwankte,
+bekam Kälte in die Finger, Blei in die Knie, verzerrte die Zähne über die
+Regie der dritten Republik, die selbst die Einrichtungen der Küche
+pragmatisch ordnete. Als Daisy morgens heimkam, war Di Conti tot. Sie kam
+hin mit einem Gehenlassen der Glieder, das alles hinter sich hat,
+abgeschüttelt, selbst ohne Erkenntnis und Bedeutung des Opfers, innerlich
+lediglich gerichtet auf das Ziel.
+
+Sie bog die Lippen tiefer, versteinte an den Schläfen, zwischen Wange und
+Mund. Was konnte noch kommen? Ein Telegramm Fidleys: Pa tot. Sie legte das
+Papier auseinander, legte es zu dem anderen, frühstückte, badete, ließ sich
+massieren. Fuhr in den Luxembourg, fuhr zurück. Am Abend in die Oper, Verdi
+rauschte, Sommerhimmel erbrausten, sie speiste, schlief. Stand auf am
+Morgen. Nichts war zu schlagen. Je mehr sie spürte, was sie verlor, um so
+ungeheuerlicher fühlte sie aus sich brechen das Bewußtsein der Stärke und
+der Sammlung. Allein nun empfand sie, wie gefüllt und selbst sie war, voll,
+traubenhaft geschwellt, ausbiegend aus ihr mit einer Glut, die sie
+erblaßte. Di Conti war in ihr, mehr heute als je. Geballter als im
+Menschlichen. Unverlierbar. Vermächtnis besaß sie, beherrschte und
+durchtrieb sie unausdenkbar an Berufung. Sie ging gestärkt, wunderbar
+entzügelt. Eine Ruhe umgab sie, die den Schmelz der sehnigen Schenkel und
+das flimmernde Spiel der Hüften unter der kleinen Brust begehrenswerter,
+zarter heraushob. Sie verlor kein Glück. Sie besaß sein Werk.
+
+ * * *
+
+Pa tot. Fidleys Telegramme, Weisungen stäubten. Es geschah am Horizont. Syg
+einem Mann gefolgt. Es geschah in der Ferne. Ihr Mittelpunkt blieb
+unerregt. Der Körper hielt stand. Der Geist sah manchmal Bilder. Raffaelis
+Bruder, Arzt, sagte, wünschte, befahl Erholung. Sie machte eine kindliche
+Gebärde. Er verstand. Sie wurde klug verführt. Sie fuhr mit Briefen,
+Papieren Contis zu Freunden nach Kopenhagen. Der Platz der Zusammenkunft
+war leer. Die Fahrt im Zug war dumpf, ausgespieen fuhr sie, allein, dennoch
+voll Glut. Sie mußte weiter nach Christiania. Nach zwei Tagen stand sie am
+Hafen, traf Fribaurt nach einer schmerzlichen Sitzung. Er fuhr mit der
+Segelyacht nach einem ungewissen nördlichen Punkt. Sie nahm es sofort. »Ich
+komme mit.«
+
+Die Tage füllten sich mit dem und jenem, Ungenauem, doch ungeheuer in der
+Berührung mit schrankenloser Natur, Menschen, deren Geist abgewandt war,
+mit denen der eigene sich schön traf beim Rauchen, dem Reffen der Leinen,
+Hinaussehen auf glatte See bis zu entfernten Dampferwolken. Inseln kamen.
+Riffe türmten sich wie steigende Esel. Gedörrte Fische hingen an den
+Felswänden, wie sie die Ufer hinausfuhren. Granit, Urblasen erstarrt,
+schaukelte bunte, rote, grüne Häuser wie Spielzeug. Auf den Klippen saßen
+Rypen: »ka . . . bauh.« Schneehühner: »j . . . ak -- j . . . ak.« Es
+rauschte. Ein Kreis mit heißen Wallungen bäumte um sie. Sie badeten in
+einem Fjord, abends ward das Wasser papageirot. Jerkins, Christianias
+größter Jäger, stieß auf ein Signal mit der Kupfertrompete dazu. Kam mit
+Schneeschuhen aus dem Gebirge. Stunden, ehe er einlief, sahen sie ihn im
+Glas oben wie ein metallenes Insekt flitzen in Stemmbogen und Telemarks.
+Ein Tal kam aus den Felsen gegen das Meer geflossen, grün, schwärmerisch.
+Sie übernachteten im Dorf. Am Ende, eingekeilt, schon zur Ebene zu, hing
+über Sandwüsten ein weißes, Licht schleuderndes Haus. Jerkins führte im
+Bogen heran, sein Finger überschrieb die Gegend: »Nördliche Lepra«. Der
+Kreis war verseucht. Er zuckte die Achseln unwillig, sah Daisy ins Gesicht,
+führte sie dennoch heran. Zerfressene Gesichter sahen aus den Fenstern:
+»Hüten Sie sich.« Ein Schrei. Sie gingen zurück, warfen den Fock aus. Das
+Morgenwasser zischelte . . . Die Nordsee leckte gierig, blau an Lee. Die
+Windtrommel saß in dem Segel, schmetterte.
+
+»Geh in meine Kajüte.«
+
+Der Schiffsjunge schloß die entzündeten Augen, kroch in die Kabine und
+schlief sich aus. Sie lag unter dem Segeldach und gab statt seiner acht.
+Das Steuer war angebunden, die Luft ging ganz stät. Die Lappin wurde aufs
+vordere Verdeck gerufen. Die Sonne malte auf den Holzplanken. Fribaurt und
+Jerkins lagen auf dem Bauch. Das Weib mußte sich legen, äugte schielend mit
+schrägen grünen Augen nach Daisy. Sie spielten Karten, lernten die Lappin
+zum siebentenmal an, schlugen Atouts auf den Boden, das Weib lauerte, bekam
+einen Rippenstoß, zuckte, legte klatschend mit fetter Hand ihre Karte nach.
+Die Segel schlappten plötzlich, klatschten hohl hin und zurück zum Großbaum
+. . . eine Musik umschwirrte sie . . . eine Wolke Papageitaucher, die wie
+Rypen zirpten, flog eilig nach dem Land. Jerkins schoß, auf dem Rücken
+liegend, eine Möve, die hinter ihnen her war, fischte sie herein, zog ihr,
+die schrie, Kopf und Atlas ein wenig auseinander. Vorbei. Er fuhr mit der
+Hand in den orangegelben Flaum und ließ die Federn einzeln zu Daisy
+fliegen. »Schöne Frau von der Seefahrt.« Fribaurt sang mit dunklem Bariton.
+Der schaukelnde Wind ließ nach, das Meer ward tierisch faul, eine Brise
+kam, schwand. Sie lagen still. »Welche Harmonie,« gähnte Fribaurt, stieß
+einen Pfiff aus, hielt die Shagpfeife in der Hand und warf die Karten auf,
+»wir haben maßlose Zeit, meine Freunde.« Das Segel aufgerefft, die Lappin
+in Hosen an der Gaffel mit klebriger Behendigkeit . . . der Tag stand
+still. Fribaurt band ein rotes Tuch um den Kopf. Jerkins hob das Weib hoch,
+legte es wieder auf den Bauch. Dann bluffte er wie toll, verlor einen
+Haufen Geld und lachte, bei jedem Verlust aus Vergnügen. Fribaurt lächelte
+ein Diplomatengesicht: »Zu grob.« Er legte auf: »Street.« Die anderen
+warfen zusammen, zuckten die Achseln. Plötzlich schob Jerkins auseinander,
+runzelte die Stirn, griff hinüber, legte die Karten der Lappin
+nebeneinander: »Zu früh . . . zu schick . . .« er bog sich vor Lachen über
+Fribaurt. Umgewendet: »Die Sau . . . die Sau . . .« Die Lappin kroch ein
+Stück davon aus Angst auf dem Leib. »Was hat sie?« Jerkins hob die Hand von
+der Kartenflöte. Sie wälzten sich zu zweit: »Royal Fluch.« Fribaurt zur
+Lappin geneigt: »Süße Freundin, welch verschwenderische Tollkühnheit des
+Glückes . . .« Jerkins teilte aus, schaute zu Daisy: »Die phantastische
+Quote . . . und hat es nicht gewußt.« Weißbrüstig hing eine Brise vor dem
+Meer. Geigen im Baum, ein dunkler Frühstrich vor ihr her wirbelte das Meer
+mit einem bläulichen Schatten, der Bogen sauste heran. Jerkins sprang auf,
+leierte am Großschot, die Lappin ließ das Segel zwischen zwei Tauen herab,
+Jerkins wickelte, machte einen Schifferknoten mit den Daumen, das Segel
+wechselte, flog hinaus . . . der Stoß kam und erzitterte jeden Nagel,
+Fribaurt schmiß das Ruder herum, tänzelnd lief das Boot, sie kamen dem Ufer
+näher, die Gaffel wechselte . . . nun fuhren sie in der Windschwankung
+parallel.
+
+Das Ufer neben ihnen, ein hoher Damm, scharf vor den Himmel gelegt. Auf ihm
+fuhr in gleicher Linie wie sie ein Pferd. Es zog ein Karreol, flach und
+groß wie ein Kanoe. Drin saß ein Mann. Sie fuhren nebeneinander. Fribaurt
+deutete mit der Spitze der Pfeife nach ihm. Der Wind zog stärker. Die Blase
+des Segels neigte sich schaumig gegen das Wasser. In silbernem Regenbogen
+hing eine Springwelle an Lee. Sie starrten hinüber. Es war, als bewege sich
+keines, nicht sie, nicht das Pferd, . . . als blieben sie festgehaftet wie
+Brennpunkte in dieser Ovalen von Himmel und See. Fribaurt zog die Augen zu
+Schlitzen zusammen. Jerkins, die Hände vor dem Mund, die Brust aufgesogen
+wie ein Schwamm: »Hall . . . lo . . . o!« Sein Organ schlug den Wind mitten
+durch und traf drüben auf. Der Wall schickte vier Echos herüber. Keine
+Antwort von dem Mann. Jerkins quoll blau am Hals: »Hallo . . . y . . . lo!«
+Eine Pause zitterte, die dünnen Echos quirlten . . . dann kam die Antwort,
+kalt: »Holla!« Jerkins stand am Großbaum, klemmte die Wange ans Holz.
+»Haltet Ihr die Wette nach Aarvik?« Sie lauschten. Dann eine schneidende
+helle Stimme: »Am Arsch.« Sein Pferd sprang über eine Wolke, Staub ringelte
+sich in einer umgelegten Säule hinter ihm. Der Damm bog landeinwärts, eine
+rötliche Spirale. Daisy verstand nicht, was er norwegisch rief. Sie sah
+nach Jerkins. Er machte ein verschlossenes Gesicht. Der Schiffsjunge
+fletschte ein Grinsen von Ohr zu Ohr. Daran verstand Fribaurt die Antwort.
+Sein Schnurrbart zuckte, er wandte sich zu Daisy und lobte die Farbe der
+Mövenfedern.
+
+Jerkins warf das Ruder herum, halste, das Ufer zog sich tief zurück . . .
+um eine Halbinsel, einen kleinen Fjord. Der Berg hob sich von zwei Seiten.
+Auf der jenseitigen mitten in der Spirale peitschte der Fahrer sein Pferd,
+am Ende des anderen Abfalls lag unten Aarvik. Sie warfen Anker, gingen im
+Beiboot ans Land. Ein helles Wirtshaus mit einem Garten, die Terrasse mit
+Bäumen, dahinter die Ebene vom Morgen . . . die flimmerte . . . unten am
+Fluß mit roten Dächern Aarvik . . . idyllisch unter dem Berg. Auf seiner
+Spitze hob sich eine Flamme Staub, das Pferd kulminierte, die Karriole kam
+in die Schleifen des ihnen zugewandten abfallenden Teils, verschwand in
+einer Schlinge. Nach einer Viertelstunde klapperte sie an hinter dem Haus.
+Ein Schock Matrosen lungerte um die Kneipe, graue Zipfelmützen im Nacken.
+Der Wirt schmiß sie heraus. Sie drängten nach. Einer stieß mit dem Knie
+einer Magd in den Hintern, sie schrie: »Dumme Schicksen.« Der Wirt zeigte
+auf ein Holzbrett, sie schüttelten die Fäuste. Er nahm es herunter, hielt
+es sich vor den Bauch. »Ein kleines Faß,« schrieen sie, »wir scheißen auf
+das Verbot.« »Dåd og Pine . . .« mit Knie und Faust drückte sie der Wirt
+die Steintreppe runter. Sie maulten, einer zog den Wirt an einem
+Westenknopf neben sein rothaariges Gesicht und flüsterte in sein Ohr. Der
+Wirt brüllte auf, stieß ihn in den Magen, daß er wie ein Messer einknickte.
+»Kotzt Lumpen«, seine Zunge hing raus vor Wut, er trat dem Mann auf die
+Schenkel, der sich verkroch. Da fuhr die Karriole auf den Hof. Sie sahen
+den Aussteigenden nur vom Rücken. Er schrie durch den Radau, seine Matrosen
+rieben sich die Hände an den Hosen. Er rief nach dem Weg über die Brücke.
+»Abgerissen.« Wieder gab es einen kurzen Krach, da die Matrosen sich
+beschwerten. Der Wirt dienerte. Zwei der Leute schirrten den Gaul aus. Der
+Geprügelte riß plötzlich dem Wirt die Hosen auf die Knie. »Had djävelen
+. . . ich schlag dir in die Fresse.« Die Matrosen gröhlten, steckten die
+Hände in die Taschen und johlten, bewegten sich mit den Hüften vor und
+zurück. Ein Faß rumpelte. Der Fremde winkte, die Matrosen kicherten und
+verrollten sich langsam. Der Wirt verzog das Maul, stellte das Brett zur
+Seite, schielte giftig zu den Abtrollenden. Der Fremde warf seine Gamaschen
+einer Magd zu. »Hafer . . . mir ein Bett . . .« Der Gaul hob den Schwanz
+und strich einen großen Furz. Die Matrosen quakten herüber, schlugen sich
+die Schenkel vor Lachen. Der Fremde sprang ins Haus.
+
+Jerkins schlenderte, die Hände in den Taschen, ins Haus, kam zurück. »Wer?«
+fragte Fribaurt. »Sven Mair.« Daisy bog sich zu Fribaurt: »Wer ist Sven
+Mair?« Fribaurt lächelte mit dem Schnurrbart, strich seine Hand mit der
+anderen: »Jerkins Feind.«
+
+Die Zimmer lagen nach der Seite des Flusses. Eine lange Nacht voll
+Geräusche. Die Hunde bellten, wurden plötzlich still. Aus dem Bootshaus
+soffen die Matrosen in die Gegend, sangen, rollten langsam in ihre Kabinen.
+Kurz die Stimme des Fremden unter seinen Leuten, dann Stille wie Blei. Das
+Meer stand in uferlosem Schweigen. Die Felsen kühl und geheimnisvoll über
+dem Wasser, panische Stille . . . sie schloß unter ihrem Druck die Augen.
+Stunden gingen. Schlaf und Wachsein verschwebten in einander. Plötzlich riß
+sie wilder Spektakel auf. Sie eilte ans Fenster. Zwei Karriolen rollten vor
+das Haus. Die Nacht war weiß. Kupfriger Schein spann über die Landschaft.
+Drei Burschen bläkten die Zähne, schrieen:
+
+»Sven.«
+
+Schritte gingen über ihr, die Gesichter schauten hinauf. Ein Pfiff, ein
+gedämpfter Ruf von oben: »Skideriks.« Sie grinsten nach oben. Ihre Nasen,
+ihre Ohren, die Farbe der Augen -- alles sichtbar. Angelgeräte auf den
+Wagen, die Pferde bissen schaumkauend auf dem Eisen. »Sven . . .« Da trat
+er heraus aus der Tür unter ihr, ein Schatten lief vor ihm rasch über den
+bläulichen Boden. Er hatte Lachszeug über der Schulter, schmiß es in seine
+Karriole, krempte die Hosenbeine bis zum Bauch, nahm zwei Pferde, trieb sie
+in den Fluß. Schreiend warfen die aus den anderen Karriolen sich auf die
+Gäule. Der Fremde drehte sich um, sah nach dem dritten Gaul, bis an die
+Knie im Wasser. In der Helligkeit sah sie sein Gesicht. Da wuchs aus der
+Nacht der Schlag, hieb besinnungslos in sie, stürzte wie eine Feuersbrunst
+zum Herz:
+
+_Dies Gesicht ähnelte Caspare Symes._
+
+Sie ging vom Fenster zurück, fiel mit dem Rücken auf das Bett, hörte
+Pferdegeplätscher im Wasser, zwei Rufe, bleierne Stille. Im Plafond über
+sich sah sie das Gesicht. Sie warf sich herum. Eingebrannt im Boden glühte
+es sie an. Sie starrte durchs Fenster. Es füllte den Rahmen, peitschte sie
+auf. Erschöpft sank sie in die Kissen, schloß die Augen. Da stand es innen
+in den Lidern mit einer Zärtlichkeit des tiefsten Schmerzes und sah durch
+die Iris ihr in die Brust. Ihr Herz zog sich zusammen. Stunden, die sie
+lag. Kämpfte mit dem Kopf. Derselbe Ausdruck in seinen Zügen mit dem
+Unbekannten, der im Traum ihren Bauch umschlungen in der Nacht Le Beaus, im
+Traum des Hotels neben Renée. Mit tödlicher Schärfe riß ihr Dasein herauf,
+sie erkannte die Rechenschaft über ihr eigenes Lebens, die er brachte,
+kannte, forderte, ungestüm. Er schlug als Zentrum in den Kreis, den sie
+gelebt. Kein Leid, das sie gelitten, ohne daß es bestimmt war für dies.
+Keine Sehnsucht, keine Handlung, die nicht zielte in diesen magischen
+Punkt. Er hob sich, als sie am entferntesten schien, und wie von einem
+Wellenbrecher rauschte ihr Leben davor zurück. Nichts blieb außer ihm für
+sie: Dinge eitel, Menschen verworfen. Das Meiste umsonst getan. Höllischer
+Schmerz verzehrte ihr Auge, ihr Blut. So unerbittlich klar stand in dem
+Kontur das Glück, Bestimmung des Leibes, der Sehnsucht unerfüllbar, nicht
+erfüllt seither, . . . sie schrie um Gerechtigkeit, starr, ohne die Glieder
+zu bewegen, wandte sich an Gott, wandte sich ab, verzweifelte. Der Schmerz
+ward so tief, daß sie ihn nicht mehr ertrug, glaubte, sie sterbe. Da drehte
+er um und erfüllte sie mit Seligkeit, die alles an sich rief, was sie
+erduldet.
+
+Langsam wuchs sie aus dem Zweifel, überwand ihre Sehnsucht, sah weit vor
+sich die Aufgabe, das Gestreckte, Winkende, Rufende, was sie größer füllte.
+Und je mehr es in ihr glühte und Di Contis Glaube und Ziel sich erhellte
+auf einer Seite, sank der Kopf auf der anderen, das Spiel der Wage ging
+hinab. Wohl lag zwischen dem Kopf und allem Geschehen eine Kluft, die
+nichts überbrückte: nur ihr Blut. Sie gab es. Litt. Gab es hinüber in das
+Unbedingtere, gab sich auf und ganz in die Aufgabe. Verzichtete. Sah zum
+ersten Male das Unbeschreiblichste, erkannte, am Nichtgewesen, an allem,
+was sie versäumte, ihr großes Glück. Gab es auf, ließ es. Legte den Kopf
+weinend in die Hände. Entsagte. Aus Di Contis Atem kam die Befreiung,
+lösend, hart, aber tief.
+
+Das Silber zitterte heller. Sie lag, die Augen wie Stein. Dann stand sie
+auf, als ein Boot unten vorbeifuhr. Ging hinaus über die Schwelle.
+
+Die Arme standen etwas ab. Die Sonne kam. Eine Fahne wehte, das
+Georgskreuz, schon vorüber. Welch unendliche Kühle des Sommermorgens.
+Welche Frische des Blaues. Sie ging weiter. Der Staub ward rötlich. Die
+Riffe des Kessels ballten sich dunkel, unerreicht noch vom Licht. Sie ging.
+Gezackte Wolken am Horizont . . . Mövenflügel in Spiralen hoch sich
+schleudernd . . . die Eidern weich geschaukelt in der Bucht -- -- -- der
+Tag stieg, wölbte Licht. Aus der Wiese kam ein Gaul auf sie zugelaufen,
+hielt, hob das rosane frische Maul, legte es auf ihre Schulter. Lief davon.
+
+Das Kupferbergwerk glühte aus dem Fels. Sand . . . Sonne leckte darauf
+. . . die Ebene kam. Oben das spitze Tal. Sie ging hindurch. Fahlweißes
+Licht prallte ihr entgegen. Sie stand vor dem Haus wieder, von der anderen
+Seite, das, ein Nabel, zwischen der Ebene und dem Gebirge lag. Aus einem
+oberen Fenster sah ein blauzerquollenes Gesicht. Ungetrübt durch Schmerz
+wehte es rein in ihr auf, durch sie hin. Die Liebe quoll verdichteter in
+ihr. Sie schlug die Augen auf. Mit unerbittlich weichen Buchstaben stand
+über dem Eingang vor dem Himmel geschrieben: Hilfe den Menschen.
+
+Eine grelle Stimme: »Was wollen Sie?«
+
+»Hinein.«
+
+
+
+
+Der fünfte Abschnitt
+
+
+Die zwanzigste Schüssel . . . sie hing das Tuch an den Ständer, goß den
+Zuber aus, stülpte die letzte auf die Neunzehn. -- »Durst.« Sie brachte
+Wasser an ein Bett. Sie schaukelte den Zuber in die Badewanne, ließ heißes
+Wasser einlaufen, nahm Soda, griff in Schmierseife, schlug Schaum mit einer
+Bürste. Nun kamen die Näpfe. Mit einem Zangenpinsel fuhr sie in den Hals
+der Urinenten, bog den Draht, schabte den Kalk innen ab. Das Wasser
+sprudelte. Sie wusch den Nachtstuhl aus. Die Tür weit offen . . . es
+dampfte nach Kaffee. Sie schaukelte das Wasser in die Wanne, wusch die
+Wanne aus mit Seife und Sand, schaukelte den Zuber mit den Henkeln auf der
+Wanne unter den Hahn.
+
+Neues heißes Wasser . . . es lief nicht mehr. Sie schob den Schalter
+langsam herum und hielt ein Streichholz daran. Der schmale Gasofen an der
+Wand spie nach unten Ruß, nach oben die blaue Flamme, es donnerte. Sie
+sprang in die Flamme, schob den Schalter zurück. »Langsamer öffnen«, sagte
+eine Stimme hinter ihr. Sie öffnete langsam, entzündete das Holz. Der Ofen
+explodierte. »Langsamer sage ich . . .« Ihr rußiges Gesicht sah um. Langsam
+öffnete sie, die Stichflamme schoß in das Zimmer, das Gas knatterte
+irrsinnig, an der Decke das Licht losch aus.
+
+»Schreiben Sie auf: der Ofen wird repariert.«
+
+Sie nahm ihr Buch, notierte es. Es stand zum drittenmal mit Blei
+geschrieben. Jedesmal untereinander. Der Ofen wurde nicht repariert.
+
+Die Türe fiel hinter dem Arzt.
+
+In der Dämmerung wusch sie die Becken im kalten Wasser. Dann trug sie
+Bürste, Pinsel, Stuhl hinaus. Auf dem Gang standen Sechs vor einem Tisch in
+Hemden und wuschen sich Hals und Brust. »Meine Zahnbürste.« »Schlappmaul
+. . . meine.« Ein Rippenstoß . . . sie torkelten im Korridor. »Laßt mich
+durch.« Sofort wichen sie zur Seite. Das Klosett verschlossen: »nicht in
+Ruhe einmal scheißen . . .« Sie wartete ruhig. Sie bückte sich unter den
+Tisch. »Deine Zahnbürste -- -- --« Der Mann winselte. Im Klosett keifte es.
+In hängenden Hosen erschien er dann in der Tür, ungekämmt, rieb sich die
+Augen mürrisch. Als er sie sah, ging er auf die Seite, wich ihr aus, senkte
+den Blick. »Falle nicht,« sagte sie, »der Boden ist naß.« Die sich wuschen,
+tuschelten nur noch miteinander, Mund an Ohr. Sie machte das Fenster auf im
+Klosett, zog die Wasserspülung, wusch den Boden auf, rieb das Porzellan
+glatt. Der Schnee draußen schimmerte frostig. Sie schloß das Fenster.
+
+Ihr Name flatterte zweimal im Flur. Sie stand neben einem Bett. Sie nahm
+zwei Beine, hob sie hoch. Die dicke Schwester, die den Kopf hielt, schrie
+den Mann an mit drohendem Baß, die andere band ihm die Hände fest. Der
+Schwären auf seiner Weiche juckte ihn so, daß er nun hüpfte im Bett. Die
+Dicke gab ihm Kaffee in den Mund, das Brot.
+
+Sie fuhren die Betten in die Ecke. Achtzehn. Die freie Seite kehrten sie,
+wanden Lumpen um die Besen, wuschen auf, ließen trocknen, fuhren die Betten
+herüber, bewältigten die andere Seite.
+
+»Daisy . . .« Bittender Ruf. Sie ging mit. Naga hing in ihrem Arm. Sie
+gingen über zwei Korridore in den höheren Stock. »Bist du müde?« Die Brust
+der kleinen festen Schwester schmiegte sich an ihren Arm. In dem Zimmer
+standen zwei Kolonnen Betten, alle belegt. Die Luft roch scharf nach nassem
+Tuch. Große Scheiben gingen ins Land. Aus jedem Bett ragte ein Bein, ein
+Arm . . . und lag in einem Gefäß mit Wasser. Naga hielt Bein um Bein, Arm
+um Arm. Daisy trug die Wannen hinaus, leerte sie von eitrigem Gerinnsel,
+scheuerte sie, füllte sie neu. Das siebente Bett . . . ein junger Mann warf
+sich im Fieber herum -- -- -- »Ja, wir werden deiner Mutter schreiben.« Das
+elfte Bett . . . die Fieberkurve gestiegen -- sie machte ein Kreuz auf das
+Brett, drückte auf einen Knopf. Der Kranke kannte die Bewegung, begann zu
+winseln, das Bein blau, geschwollen . . . er warf sich knirschend herum.
+Sie drückte wieder auf den Knopf. Jeder kannte die Bewegung. »Nur ein
+kleiner Schnitt.« Er lächelte ungläubig, sie nickte.
+
+Ihr Name auf der Treppe.
+
+Sie trug mit der großen breiten Schwester Mann auf Mann ins Bad. Sie hielt
+sie unter den Armen, die andere an den Knöcheln. Im Bad stand ein Schemel.
+Darauf lag wechselnd ein verbundenes Bein, ein Knie, ein Arm. Einer lag
+darübergekrümmt auf der Seite. Sie wuschen die Leute ab mit Seife und
+dicken Bürsten. Sie hoben sie heraus auf den Stuhl, trockneten sie mit den
+Fingerspitzen ab:
+
+»Du hast Naga geholfen.«
+
+Sie nickte.
+
+»Sie soll es nicht tun, wenn sie der Aufgabe nicht gewachsen ist.«
+
+»Ich habe nichts versäumt.«
+
+Sie trugen einen anderen herein. Als sie schruppten, ging die Haut ihm ab
+wie einer Schlange. Er hatte sich gekratzt, »Du Schwein . . .« Er sah die
+große Schwester an, er sprach kein Wort. Daisy rieb vier Leuten den Rücken,
+die Schenkel ab mit Spiritus, gab Puder darauf, ging zu Nagas Station,
+setzte sich zu dem Fiebernden, horchte, sprach, schrieb . . .: »Liebe
+Mutter -- -- -- ich bin nicht schuld . . .«
+
+Sie aß zu Mittag, ging vor das Haus auf einen Liegestuhl, deckte sich zu
+und schloß die Augen. Die Sonne brannte auf den Schnee und färbte ihr
+Gesicht. Sie ließ die Glieder sich lösen, Müdigkeit floß an ihr herab, halb
+schlafend flog ein Zug zufriedenen Liegens ihr an den Mund.
+
+Sie stand neben dem Arzt. Ein neuer Kranker ward eingeliefert, ein junger
+Prediger, der entsetzt in die Brille des Arztes stierte: »Sie werden gut
+tun, sich damit auseinanderzusetzen, daß Sie hier bleiben. Die Welt draußen
+ist vorbei. Sie werden hier sterben. Wenn Sie so denken, werden Sie ruhiger
+leben, weil Sie ein kluger Mensch sind.«
+
+Sie ging still mit dem Arzt hinaus, trat von dem Flur in das Nebenzimmer.
+Ein Raum dick voll Rauch. Gesichter schwankten mit Bärten zerfließend in
+der geballten Luft . . . deutsche Matrosen mit Scharbock von Grönland. Die
+leichte Abteilung, nichts gegen die Tragödie drüben. Gesang:
+
+ Isch un du
+ Mir hawwe uns so gern
+ un leck'st de misch bei Dag am Arsch
+ da brauchst de kei Laddern.
+
+Sie stand auf dem Sims, wusch mit Petroleum das Lambris, wusch das Fenster.
+Sie zog ein Spinnweb aus der Ecke. Sie kehrte die Asche der Zigarren am
+Boden zusammen, unter der Heizung jagte sie Flocken, putzte das Messing der
+Klinken. Immer ein freier Raum um sie. Immer der fremde Gesang. Die Männer
+kaum sichtbar in dem Qualm:
+
+ Isch un du
+ mir hawwe uns so gern
+ un leck'st de misch bei Nacht am Arsch
+ da scheine der die Schdern.
+
+Sie ging auf den Zehen an das Bett des Geistlichen. Sein Auge sah starr,
+gebrochen vor Melancholie in die Ecke. Er spürte nichts wie die
+Vernichtung. Hier Ende seines Lebens. Aufgezogen von einer schönen Frau,
+seiner Mutter, hier nun verfaulen. Unmöglich zu fassen, das konnte nicht
+sein, seine guten Glieder . . . dieser Mund, der schöne und tapfere Dinge
+sagte . . . wenn Gott war, so war dies unbegreiflich . . . ein schwaches
+Lächeln -- er glaubte es nicht -- . . . als die Lippen anschwollen, starrte
+er vor sich hin. Fassungslos dies große Ungeheure vor sich, sein Geist zu
+enge Öffnung, als daß so Maßloses sich in ihn schon so rasch ergösse. Zu
+klein sein Hirn für solchen ungeahnten Gott. Acht Tage lag er steif. Dann
+fraß ihn das Neue, indem es ihn an sich gewöhnte. Da gab er sich Wochen der
+Wut und der Anklage. Der Ausschnitt seines Zimmers, das Stück kümmerliche
+Landschaft ward ihm die Welt. Der Mond, entsetzlich aufsteigend . . . er
+würde ihn nie mehr sehen von anderem Ort, die Blumengerüche, der Dampf der
+regenbeschwerten Erde . . . ein Bauernmädchen, das vorbeiging . . . nichts
+zu halten, in die Ferne gerückt, nie zu berühren und zu haben . . . welches
+Schicksal. An das Fenster treten, dies alles inbrünstig sehen, nie haben
+werden, mit aller Wildheit begehren, kein Gott, der es ihm in die Hände
+geben würde . . . warum diese Grausamkeit . . . warum ihm . . . -- -- Jahre
+stiegen auf in dem Fensterbogen, entfalteten sich, zeigten jede Sekunde mit
+einer Eindringlichkeit, die die Augen schmerzte . . . Spiele der Jugend
+. . . eine schmale Frau trat an sein Bett, ein Garten abends . . . er hielt
+es nicht mehr . . . schrie. Daisy kam, stellte Wasser neben ihn, rückte
+einen Stuhl zurecht, legte Bücher darauf -- und ging. Er folgte ihr mit dem
+Blick, bog ihn zu dem Fenster. Da stand seine Jugend. Wie war es zu tragen
+. . . Nun litt er mit geschlossenem Gesicht. Als der Pendel durchschwang,
+der Kern des Leides durchlitten war, löste es sich in schmerzliche
+Seligkeit, er begann beim Abebben des Zorns eines Nachts zu weinen. Hell
+wie ein Kind. Das ganze Haus hörte ihn. Nach Wochen sagte er zu Daisy:
+»Wenn ich begreife, daß ein Körper wie meiner verfault -- -- wie soll ich
+fassen, daß Sie in einer Arbeit wie dieser leben können.« Da sah er ihren
+Blick zum erstenmal, der mehr Abgeschlossenes hatte mit den Dingen wie der
+seine, fuhr hoch. »Was wundert Sie?« fragte Daisy. Da begann sein Blick an
+ihrem sich zu erstaunen und zu kräftigen. Ihm schien Sterben nicht mehr
+schwer von dieser Sekunde. Sein Auge folgte dieser Schwester, wo es sie
+sah.
+
+Der Arzt nahm sie mit in sein Kabinett: »Sie werden mir operieren helfen.
+Sie sind ohne Laune, ruhig.« Die große Schwester haßte sie von diesem Tag.
+Sie hetzte einen Saal auf. Nachts auf dem Korridor umarmte sie einer von
+hinten, fiel unter ihrer Parade schreiend zurück. Licht fiel auf sein
+Gesicht: »Ich sage es diesmal nicht dem Arzt.« Er verkroch sich. Auf diesen
+Mann konnte sie sich verlassen von nun ab, unbedingt.
+
+Sie hatte das Zimmer über dem Operationsraum, eine Glaswand trennte diesen
+in Manneshöhe von ihr. Sie sah nachts einen Schatten, der die Instrumente
+beschmutzte und zerwühlte. Sie stand früh auf und ordnete es wie neu.
+
+Es kam eine alte Frau, saß an dem Bett des Fiebernden: »Ist das mein Sohn?«
+
+»Ihr Sohn.«
+
+»Das ist ungeheuerlich.«
+
+Der Kloß verdrehte die Augen, flüsterte, schlug die roten Deckel zurück,
+die, ohne Lider, nur im engen Schlitz sich noch öffneten. »Das ist
+ungeheuerlich. Das ist nicht mein Sohn. Das soll ein Mensch sein . . .
+Warum erschlägt man das nicht. Ist das Gottes Güte? . . . Mein Sohn, den
+ich auf die Steuerschule schickte . . .«
+
+»Haben Sie den Mut, es leicht zu nehmen.«
+
+»Sind sie wahnsinnig, Schwester?«
+
+»So haben sie -- zum mindesten -- soviel Liebe, tapfer zu sein.« Die Frau
+blieb starr unter dieser plötzlich harten Stimme, neigte den Kopf. Daisy
+legte ein nasses Tuch auf die Augen des Kranken, wischte sie aus und ging.
+Sie ging durch den Flur. Auf der Schwelle saßen Zwei und droschen Karten:
+»Mitspielen . . .« Verschmitzte Gesichter. Sie lachte hell: »Ihr Dorsche
+. . .« Tief befriedigt brüllten die Zwei in sich hinein. Im Garten der
+Frühling. Grün überall leuchtend . . . Eine Amsel schlug an, hob den
+silbernen Lauf und bog ihn elegisch in die Höhe. Daisy wiederholte. Die
+Amsel pfiff die Läufe zarter und inniger zurück.
+
+Die Uhr schlug. In einem weißen Zimmer allein stand eine Wanne. Der
+Zigeuner darin schlief, die Arme auf den Rändern aufgestützt. Sie band das
+Wachstuch weg, legte eine Glocke mit einem Rohr in das Wasser, sog an dem
+Schlauch, hing das Ende in einen Eimer, ließ Eimer auf Eimer heraus. Dann
+wusch sie mit Spiritus und Watte den Körper ab, immer im Bogen um die
+offenen Stellen. Sie nahm die Füße, rieb sie mit Äther aus und gab gelbe
+Vaseline darauf. Sie waren im Wasser wie Hirne geworden, weiß, tief
+gefurcht. Dann trug sie die Eimer heißes Wasser in die Wanne.
+
+Der Kranke ließ seinen Urin hinein.
+
+Sie setzte die Glocke an, leerte aus, goß wieder neues Wasser ein. Eine
+Stunde. Der Kranke sah zu, folgte jeder ihrer Bewegungen katzenhaft. Ein
+Pfarrer kam, wandte sich zu ihm, allein er schloß die Augen, als schlafe
+er. Als Daisy fertig war, grinste er und gab seinen Darm in das frische
+Wasser; Daisy sog das Wasser heraus, gab wieder neues zu. Wohltätiger
+Besuch kam aus der Stadt. Der Zigeuner zog das Wachstuch weg und zeigte, um
+zu größeren Geschenken zu rühren, seinen zerfleischten Körper. Die Dame
+schluckte, übergab sich noch im Zimmer und eilte hinaus. Daisy zog das
+Erbrochene auf, der Zigeuner warf wütende Blicke.
+
+»Sie mißt mich falsch«, sagte er dem Arzt.
+
+»So . . .«, sagte er und zog den Mund herunter. Der Zigeuner sah zur Seite.
+
+»Scheißen«, rief er. Sie ließ das Wasser aus, zog den Gummiring unter ihm
+weg, schob den Stechnapf hinein. Es war eine Lüge. Sie gab ihm neues
+Wasser.
+
+Er ließ den Arzt holen. Sie petze ihn . . . »Du Schwein«, sagte der Arzt
+und schlug ihn aufs Ohr. Zwei Tage darauf vertraute er der großen Schwester
+an, indem er weinte und sie zu Fragen zwang, er sei traurig, Daisy speise
+ihm sein Essen. Sie meldete es, der Pflicht folgend, dem Arzt. »Wie können
+Sie . . .?« Sie sagte gegen sein Brausen: »Das Statut.« Der Arzt
+untersuchte und gab dem Zigeuner wegen Verleumdung einen Tag Hunger. An
+diesem Tag speiste ihn Daisy mit ihrem Essen. Bei der Morgenvisite zeigte
+er es an. Seine Stimme lauerte auf den Verweis. Der Arzt tat ihm nicht den
+Gefallen, sondern bestrafte die Bosheit mit zwei Tage Hunger. »Es wird
+durchgeführt.« Ein Blick in die Runde. Die Tür fiel zu.
+
+Daisy folgte, setzte sich für ihn ein: »Warum?« Zwei Brillengläser
+funkelten sie an. Sie lehnte an den Tisch: »Er wird sein Leben im Wasser
+liegen. Sein Haß gegen alles andere ist natürlich. Aber -- Strafe wird ihn
+nie bessern.« »Nein,« sagte der Arzt »das ist nicht meine Sache . . . aber
+die Autorität wird gewahrt.« In diesen zwei Tagen ließ Daisy von Naga sich
+vertreten, tauschte mit ihr die Station. Sie wohnte in Nagas Zimmer. Ein
+Gartenbusch lehnte herein. Die Blumenterrasse dahinter schwoll herein, der
+Rasen roch. Morgens die Luft blau und gold, Vögel darin, die unsichtbar
+sangen. Im Garten Naga, in den Hüften gebeugt. Eine Eidechse lief über den
+Kies, grün, glatt, rollte sich über einen heißen Stein, hob die Augen,
+züngelte herauf, lief weiter. Naga bückte sich, huschte rasch, geschmeidig
+die Hand darauf, hob die Faust, aus der oben der toderschreckte Tierkopf,
+unten steif der Schwanz heraussah, federte den schlanken Körper herum
+. . . ein Gesicht fassungslos aufgegangen in der Freude. »Bleib«, sagte
+Daisy, ging hinauf auf ihre Station, besorgte das Nötige auf der Nagas, die
+hinter einem Busch saß, Wolken ansah, die aus dem Meer stiegen.
+
+Zwei Männer kamen durch den Garten. Sie wiesen ihre Papiere. Sie kamen von
+einem spanischen Segler. »Scharbockabteilung. In vier Wochen kommt Ihr
+wieder raus.« Naga führte sie hinauf. Sie wurden ausgekleidet, gebadet,
+geräuchert, frisch gekleidet. Naga überwachte es. In der Nacht wiegte ein
+Gemurmel, lange halb undeutlich, als striche Wind mit Bäumen. Dann schwoll
+die Bewegung, die Wände des Gebäudes gaben sie weiter, echoten leis,
+knaxten. Stimmen schwebten hindurch, mischten sich. Plötzlich sang einer
+heiser und laut.
+
+Naga ging dem Geräusch nach, blitzte mit der Laterne auf leere Betten, kam
+durch Tür und Türen näher. Sie stand vor dem Operationssaal. Den Schlüssel
+vergessen abzuziehen . . . sie erbleichte. »Coño«, rief der eine Spanier
+und warf seinen Mantel auf den Tisch. Links lagen Flaschen auf dem Boden.
+Eingeschmuggelt . . . zu wenig Achtung auf ihre Mäntel . . . der Garten.
+Sie ging hinein, rasch, fest. Die Fenster waren geöffnet, die Bettücher
+hingen als Flaggen hinaus. Patienten der Lepra mit Flaschen am Mund,
+taumelnd, in der Hand . . . die Spanier tanzend und krähend eine Orgie
+. . . Naga stand stumm eine Sekunde, verzog den Mund zum Weinen und ging
+starr auf den Spanier zu, riß an der Flasche, da ging der Schwarze in das
+Knie, zupfte mit kurzen Rucken an ihrem Rock, er fiel nieder, er preßte den
+Kopf an ihre Knie. Entsetzt fühlte sie den Druck, schon nach der Tür
+. . . Geheul . . . versperrt der Ausgang. Sie sah die Leine, hing sich
+daran, schellte Alarm, riß die Schnur ab . . . die Patienten machten Jagd,
+stöhnten ihr nach . . . um den Operationstisch. -- -- Da schnitt eine
+Stimme herein. Das Licht wurde dreifach, ein Reflektor glühte aus der
+offenen Tür. Weit geöffnet schrie der Mund des hereinkommenden Arztes. Sie
+wurde ohnmächtig. Schwestern, Gehilfen drangen herein. Der Spanier ward
+gefesselt, ein Lepröser in die Zwangsjacke gesteckt, er schäumte. »Still
+hinüber«; zwei kurze Befehle: »Me caco de la puñedra y jodida alma de la
+grandissima puda madre qué te caco . . .« Ein steiler Arm hob sich kurz vor
+Daisy, die ihn unter dem Tisch entdeckte. Hinaus . . . Einen Augenblick
+stand ein Kreis noch erregt plaudernd um den Arzt, der sich in Sublimat
+wusch. Dann gingen Türen. Als alles still war, öffnete sich leis Daisys
+Tür. Naga kam, schmiegte sich auf dem Bett an sie: »Ich kann nicht mehr
+. . .«
+
+Es war dunkel: »Wie lange hast du Kontrakt?«
+
+»Oktober.«
+
+»Geh sofort.«
+
+Doch Augen kamen ihr im Kissen entgegen, die getröstet werden wollten,
+gehalten, die noch nicht gehen wollten: »Aber du kannst es doch. Arbeitest
+du nicht wie Vier. Hast du nicht Kraft, alle Sehnsucht zu verdrängen. Hast
+du dazu nicht mehr gesehen, erlebt wie wir?« Sie zog sie neben sich: »Der
+Wille genügt nicht. Nichts wird vom Ende aus begonnen. Geh, lebe. Kommst du
+nicht wieder, fandest du Gegebeneres für dein Schicksal. Kommst du wieder,
+ist nichts so entsetzlich, du trügest es nicht mit einem Lächeln.« Nagas
+verweintes Gesicht suchte auf dem Kissen nach ihrem. Tränen an ihrem Mund.
+Schluchzen . . . was sollte dies Kind hier. Erst hindurch durch das andere
+. . . was das Leben zärtlich und schön macht. »Geh.« Naga ging schlafen.
+Die Nacht darauf hatte Daisy Wache bei dem Zigeuner. Er stellte sich
+fiebrig, damit sie nicht zum Schlafen komme. Es klirrte im Nebenraum. Daisy
+ging hinein, schloß die Tür hinter sich, reichte Pakete hinaus, ein Kuß mit
+Tränen, die im Mund blieben. »Mut«, geflüstert ein heißes Wort zurück, kaum
+verständlich vor Weinen. Das Fenster geschlossen . . . zurück zu dem
+Zigeuner . . . auch dies vorüber. Naga würde nun fehlen. Kein Lächeln mehr
+im Hause sein.
+
+Der Zigeuner fluchte. Sie lächelte, einzige Antwort. Bosheit verzerrte sein
+Gesicht, er klotzte wie ein Neger. Sie hatte ihn kurz verlassen . . . er
+beschimpfte sie. Sie hatte Unrecht, ihn eine Sekunde zu verlassen, sie nahm
+seinen Vorwurf hin: Du hast recht. Unbeugsam blieb ihr Mund durch seine
+Tücke. Er kam in Raserei, gab ihr jeden Fluch seiner Jugend. »Schlaf«,
+sagte sie mild. Er spie ihr in das Gesicht. »Du Armer.« Sie setzte sich in
+eine Ecke. Dunkel nun im Raum, halb licht vom Morgen. Ganz allein in der
+Nacht ihr Wachen . . . unendliche Stille ausgegossen in ihr. Die
+Fenstergardinen schwankten . . . Di Contis Atem ging mit dem Wind durch den
+Raum. Die Liebe ging auf in ihrem Gesicht. Sie saß bis tief in den Morgen.
+
+Die Sonne kam weiß aus dem Meer. Das Wasser ward spiegelig grau mit einem
+dunklen Rand. Der Sommer auf der Höhe . . . das Wasser stank faulig. Die
+Hitze lag kreiselnd am Himmel. Sand, Meer, Gebirge: eine Ebene
+erstickendster Trockenheit, von der ein giftiger Hauch am Mittag gegen das
+Haus fiel. Aus heißem Bett, schlaflos, fiel sie morgens, die Nerven
+zitternd, in den Operationsraum . . . Puls halten, Apparate reichen . . .
+sie hielt an einer Zange ein Bein. Zwei Finger des Arztes bohrten im
+Fleisch, suchten einen Knochen. Da riß der Gummi des Handschuhs.
+
+»Äther«, schrie der Arzt.
+
+»Hier.« Er riß den Stöpsel ab, leerte es über die Hand, stöhnte auf.
+
+»Jod . . .«, schrie er, die Augen quollen. »Schlafsenkel . . . Gans . . .
+ist das Jod?« Schon verbanden ihn andere. Über dem Waschbecken knurrte er
+weiter. Vor dem Weggehen warf er ihr einen wütenden Blick zu. Unter den
+anderen stehend nickte sie mit dem Kopf. Was war das Unrecht? Hätte sie
+nicht wissen müssen, daß er irrte, klüger sein wie er in der Stunde der Not
+. . . auch dies. War es ein Unrecht . . . sie nahm es mit in den Dienst. Es
+reichte nicht an ihre Ruhe.
+
+Zwanzigmal das Wasser leeren . . . Gestank. Das eitrige Wasser faulte unter
+der Hand. Geruch von Brake und Schlachthaus auf den Korridoren, Schweiß in
+den Krankenräumen . . . ein satanischer Sommer. Die Fenster, weit
+ausgehängt, lauerten auf Zugluft. Aus den Poren der Mauer kam Hitze. Die
+Kranken badeten in ihrem Schweiß, der sie anfraß. Die offenen Schenkel
+wurden brandig. Die Gurgeln wurden trocken, krächzten. Einmal begann einer
+zu schreien, besinnungslos. Sie stand neben ihm, gab ihm Packungen. Sie kam
+zu dem Fiebernden: »Nimm dir Wasser.« Er hob den Hals, konnte sie nicht
+ansehen, die umschlossenen, nie mehr zu öffnenden Augen winselten
+Dankbarkeit. Sie spritzte mit einer Blumenfontäne Wasser ohne Pause in die
+Luft. Dünner Regen kam aromatisch nieder, Trost einer Sekunde. Ein Atemzug
+Glück . . . vorbei. Durch das Zimmer fliegend, sah sie das glanzlose Auge
+des jungen Priesters. Erstaunt: »Auch Sie . . .« Er schüttelte den Kopf,
+kein Kleinmut, er lächelte, solches fiel schwerer ab, was ihm menschliche
+Gewöhnung gelernt, zu schätzen, dies: »Der Geruch.« Ihr linkes Augenlid
+senkte sich kurz. Sie brachte eine Flasche Eau de Cologne. Er entkorkte die
+Flasche, roch sie, Tränen schon in den Augen: dies war die Welt. Er drehte
+sich um. Am Ende bei ihrem Vorbeigehen senkte sich ein maulender struppiger
+Banditenkopf gebändigt. »Ein Gewitter kommt,« sagte sie, mit dem Leinentuch
+wehend zum anderen Ende, »den Abend wird es frisch vom Meer.« Im
+Nebenzimmer, wie Fledermäuse ausgetrocknet, hockten die Matrosen, sangen
+nicht mehr, Hunde mit trockenen Schnauzen. Lächelnd: »Geduld, Struppige
+. . . Wind.« Sie bekamen Ausdruck in die Blickwinkel, schielten sich an,
+stießen die Ellenbogen sich in die Seiten, grinsten, schaukelten auf den
+Stühlen. »Geduld«, sie wehte zeigend mit dem Tuch nach dem Himmel. Alle
+sahen hin, alle in Spannung, sahen nach einer Wolke. Der ganze Saal
+sammelte sich nach dem Himmel, lag auf der Lauer. Sie stand im Zimmer:
+»Mut.« Der Glaube trat aus ihr heraus. Trat in zwanzig Halbverweste.
+Vierzig Augen sahen auf sie, traten in sie ein mit ihrer Hoffnung,
+klammerten sich an sie, schauten gläubig, mit ihrem Mut gestärkt, nach der
+Erlösung. Rochen nicht mehr ihren Eiter, spürten nicht mehr Schweiß, der
+ihr Geschwür biß. Keiner, der haderte, niemandes Schmerzruf . . . ganz
+verhaltene Stille. Der Glaube von zwanzig Unglücklichen ballte sich
+heftiger als von tausend anderen, der Glaube von zwanzig Unglücklichen
+stand in dem Zimmer, wuchs in den Räumen. In allen Zimmern stand er auf.
+Bald das Ende der Qual, bald Wind und Mut, weiter das andere zu tragen. Ein
+kleiner Windhauch nur . . . welch ein Trost. Die Zimmer verbanden sich mit
+einer Schicht Vertrauen, die früher nicht herrschte. Die einzelnen kamen
+sich näher, fühlten sich als Genossen, lachten sich zu. Die Deutschen
+sangen wieder. Freude stand über den Betten. »Dank.« Sie rief zurück:
+»Mut.« Der Tag vorüber, die Nacht rot vor Hitze, der Morgen graublau,
+entsetzliche Last. Durch die Zimmer gehen, immer ein Lächeln. Hinaussehen
+zum Horizont. Die, die nachts nicht geschlafen, die halb irrsinnig waren
+vor Schmerzen, alle, die beginnen wollten zu lästern . . . alle einigten
+sich an diesem Lächeln, unternahmen nichts, wurden still, sahen hinaus auf
+den Horizont. Sie beruhigte, entflammte still, flüsternd von Ohr zu Ohr,
+wenn sie sich bückte: »Geduld . . . es kommt.« Der Glaube wuchs in den
+Zimmern, heftiger, tiefer . . . der Glaube der vierzig Augen stieg, die
+anderen glaubten, wuchs in die Räume, ballte sich den Tag . . . die ganze
+Nacht. Schaum am nächsten Morgen am Meer, am Mittag die lähmendste Stille.
+Gegen Abend wuchs ein Segel, schoß in den Himmel wie ein Gaul, bäumte, riß
+in einem Rad den Himmel als Strudel in sich . . . Blitze zuckten flatternd,
+irr . . . Kühlung kam. Die Augen geschlossen . . . die Hingabe erhob sich
+zu ihr, aller Gefühl: »Dank.«
+
+»Wofür . . .?« Sie starrte hinaus.
+
+Ein Wagen traf ein. Ein Brief.
+
+ * * *
+
+Das Verhängte lockte. Das Elend des Einzelnen, der ihr Blut berührt, riß
+sie von dem, was sie hielt. Der Brief hatte nichts von Gewalt, viel
+Unterwerfung. Ihr Herz rührte sich ihm zu. Sie unterbrach, reiste drei
+Tage, fuhr eine Mauer unter Oliven, hörte das Meer, traf in dem Park vor
+einem kleinen einstöckigen Schloß Stefan, den sie tödlich getroffen
+glaubte, er wandte sich um, warf eine Bananenscheibe weg, kam über den
+Rasen. Sie erstarrte, wandte halb um, voll Schmerz und Wut. Hörte seine
+Stimme. Er log nicht, sie kam nicht umsonst. Sie kannte sein Leben, das
+zwang, niederhielt, bebenden Boden mit den Beinen feststampfte, sieben
+Balken im Schweben hielt. Er hatte Minen um sich gelegt. Flog eine, sauste
+er mit. Er hatte genug, ließ sie fliegen. Es reizte ihn nichts mehr. Er
+lebte allein seit langem. Er wollte sie sehen, ehe er verreckte.
+
+Ihr Herz war festgebohrt. Es genügte nicht. Sie drehte ganz. Seine Stimme
+holte sie ein. Das Raubliebende besaß einen Klang, der sie bannte: »Nimmst
+du mir den Rest Erlösung?« Sie sah das Zerrissene seines Lebens darin, das
+nun der Erfüllung nahe war. Schicksal, vom Tag, wo sie zuerst ihn sah,
+hineingeschrieben in jede Falte des Gesichts, erfuhr unerbittlich seine
+Bestimmung. Wie diese Fahrt seines Blutes nun landete in Reue, sich selbst
+verwarf, und das Starke sich hinschmiß und bat, ergriff sie mit Rührung,
+die alles hinüberneigte zu ihm, zagend und nicht ohne Befremden, doch
+bezaubert: »Gehen wir hinein.«
+
+Sie stellte ihr Leben unter seines, trug im Unbewußten die Last, fühlte
+seinen Schmerz, seine Seligkeit, sah die Grenze, die bald alles schloß,
+kannte sie nicht, roch die Katastrophe, bäumte sich vor ihr, legte in ihn
+hinein, was ihm das Letzte klar machte, beruhigend, sicher, Aufflug und
+Klarheit.
+
+Sie ritt sich die Schenkel wund, er sandte Reithosen und Salbe. Sie rieb
+sich die langen schlanken Beine. Durch Gras, durch Fliederhecken, ein
+Bogen. Ein verfallener Tempel, ein kupferner Mond darauf, Lusthaus der
+Frauen des passierten Jahrhunderts. Dahinter fielen Terrassen. Vor den
+tiefen Fenstern des Schlosses tauchten Tritone auf, warfen Wasserlanzen,
+bliesen aus Hörnern in den blauen Abend. Sie ging zurück, zog sich ins
+Zimmer, speiste, schlief, suchte ihn morgens. Er saß über Papieren,
+schrieb. Sie wich zurück. Er sah den Schatten, fuhr herum: »Du störst
+nicht. Nie.« Das Geschriebene flog vom Tisch. »Doch.« Sie wollte gegen
+seinen Willen, ihm es leicht machen, wandte sich. Er, ihr sich hingebend,
+wußte nichts anderes: »Bleib.« Sie blieb.
+
+Die Luft ward silberblau. Blüten rochen herüber in der Nacht. Im gläsernen
+Bauch des Sommers stand noch der Frühling mit Kastanie und Flieder. Es
+rauschte Tag auf Tag über die Hängematte. Morgens beim Frühstück frug
+Stefan: »Reiten wir?« Sie nickte. Kein Vorschlag, den sie nicht annahm.
+Nach einem Galopp schon sah er die dunklen Ringe unter ihrem Auge, verstand
+sie, ihre Woche, verlangte, daß sie sofort absteige: »Welch ein Irrsinn
+. . .« Doch sie log. Wozu Sorge noch mehr ihm geben, diese Stunden
+vergällen. Lächelnd: »Du irrst.« Weiterreiten unter Schmerzen. Reden mit
+frischen Lippen. Seine Schläfe lief dick an vor Qual.
+
+Sie stand am Morgen früh auf, öffnete die Tür ihres Zimmers, ging hinaus
+auf den Rasen, die hohe Mauer entlang. Der Morgen, dunkelrot, verführte mit
+Pracht, sie ging um das Moorstück mit den dunklen Blumen, bog um den
+Pavillon. Sie stand unter den Palmen, kam zurück auf die Terrasse. An dem
+Rondell setzte ein Schmetterling sich auf ihre Achsel. Sie drehte sich
+herum, da trat Stefan hinter einer Figur vor. »So früh?« sagte er, der spät
+aufstand. »Nicht sehr!« sagte sie, verschwieg den Weg, den er ihr ansah.
+
+Zwischen den Oliven stand die Sonne hell, klar. Der Horizont gewölbt,
+kreisrund und stählern, süß die Luft darunter, schwärmerisch die Verzückung
+des Abends. Eine Lampe auf der Terrasse . . . der samtene Rasen blau in der
+Dämmerung. Eine Syrinx flog über die Mauer. Sie stand auf, müde. Er
+begleitete sie bis an ihr Zimmer. Sie drehte sich halb um . . . er folgte
+nicht.
+
+Sie lag die Nacht wach, in gelber Gardine schwamm der Mond. Das Silber der
+Stutzuhr im Dunkeln . . . Bilder entblößter Damen, degentragender Herren
+steif an den Wänden, undeutlich im Dunkel . . . ein Spiegel glomm tiefer
+und ungründiger in seinen matten Glanz hinein auf dem Toilettetisch . . .
+kein Geräusch. Kein Vogel. Sie horchte auf Laute. Still und abenteuerlich
+der Park. Sie wartete.
+
+Den Morgen blieb sie lange liegen, wartete auf die Stunde seines
+Aufstehens. Als sie hinauskam, sah sie ihn über die Terrasse herkommen. Sie
+errötete. »So früh?« Er sah auf seine verstaubten Schuhe. »Nicht sehr!«
+
+Ein weißer Blitz setzte über ihre Hängematte am Mittag, schoß über das
+Rondell, flitzte in den Mittelpavillon. Sie sprang ihm nach. Nach links war
+der Flügel geschlossen, nach rechts folgten Räume, große Zimmer, vorüber im
+Lauf bemalte Wände, goldene Rebstöcke, japanische Tapeten, Mosaike,
+silberne Leuchter . . . die Fenster gingen bis zu dem Rasen . . . da stand
+Stefan neben einer kleinen Fontäne mitten im Zimmer. Auf seine Schultern
+hatte ein weißer Windhund die Pfoten gelegt, seine Hand fuhr an dem
+geschmeidig zitternden Rücken herunter. Er sah ihr Gesicht in der Portiere,
+ging ungestüm auf sie zu, unterdrückte eine Wallung: »Nimm den Hund. Ich
+gab ihn weg, weil ich zu sehr ihn verzog. Heute kam er zurück --.« »Ach,«
+sagte sie, »nein, ich bitte dich, ihn zu behalten.« Er liebte ihn, wie
+konnte sie ihn nehmen! Blieb fest Beim Abendspeisen sah sie, daß er litt.
+Sie hatte ihn abgewiesen, um ihn zu freuen. »Verzeih«, sagte sie an der
+Schwelle ihrer Tür, berührte schwach seinen Arm, sah über die Schulter.
+Seine Hand zitternd am Pfosten. Die Tür schloß, er folgte nicht.
+Blumengeruch toll die Nacht. Schlaflos bei aufgerührtem Herzen. Wohin
+trieben solche Konflikte, helfen wollen und verletzen . . . annehmen und
+gegen das Opferbereite verstoßen . . . Leid auf jedem der Wege . . .
+Brausen der Springbrunnen in der Nacht . . . diese Erquickung. Sie sprang
+hinaus, löste am Bassin der Tritone die Matinee, tauchte in das Wasser.
+Eine Wasserrose trug eine Tauperle. Sie stieß daran, das Kristall flutete
+vor Licht, zerbrach, der Himmel ward erschüttert von diesem Fall. Die
+Büsche schlugen auseinander. Stefan im Pyjama, den Ginster
+auseinanderbiegend, oben über den Figuren . . sie schloß die Augen zitternd
+. . . sie sah auf. Stefan war fort. Nichts in seinem Gesicht, das davon
+sprach den Mittag. Keine Gebärde anders in diesem Kopf. An seiner Ruhe
+spürte sie die Gespanntheit vor dem Schlag. Sorgen, Trauer, die sein Hirn
+verwüsteten, die Erwartung der tötlichen Minute, vielleicht schon aus dem
+Wipfel eines Baums gezückt. Blieb er unrührbar, lief sie heftiger in ihn
+ein, erschütterte sie seine Haltung unbedingter zu ihm hin. Einmal schoß
+sein Blick unverhüllt von der Seite, sie sah ihn im Spiegel. Sofort
+bändigte er ihn wie ein Tier. Sie spürte, wieviel ihm fehle, was er
+unterdrücke und wie es ihn fast sprengte, daß er sich überwand, sie nicht
+nahm. Ihr Mitleid erreichte die Tiefe, der blitzhafte Aufriß seines
+Herzens, das demütig solche Kraft überwand, wies sie zu vertiefterer
+Aufgabe. Sie mußte den Himmel ihm schöner überrunden, sich unendlicher mit
+dem Blut unter ihn betten, ganz sich verschenken an das, was sie
+verschmähte. In der Nacht, als sie schlief, öffnete ein Gewitterwind die
+nach innen geschliffenen Rundfenster, stürzte sich auf sie, schreiend fuhr
+sie auf, ergriff den Leuchter, rannte los, sah Stefan an einer Portiere,
+lief in seinen Arm, entsetzt von Schlaf und Schrecken. Sein Arm kam.
+Entfesseltes schlang um ihre Taille, noch tastend, zag. Dem Zögernden
+unterzog sie sich, gab sich hinein. Ein seltsamer Ruf, es schwoll heraus,
+ihr Hemd schwand, ein Mund nahm ihren. Hände über ihrem Bauch, die langen
+Beine fuhr es hinunter. Die Kissen schwollen über ihr. Lippen zogen über
+ihren Leib, küßten die Sonne, die um den Nebel lag, alle Strahlen, die rot
+wurden. An jede Hautpore wuchs die Hand, unverlierbar nahm sie, ließ
+wieder, erfaßte Neues. Tiefster Schmerz durchjubelte die Hingabe. »Daisy.«
+Hell, hingegeben dem Schmerzlichen in der heiseren Frage, ohne Zögern:
+»Ja.« Die Hand über den Hüften griff zu, Nebel riß über den Augen. Haare
+lagen zerstört und locker um den Körper, dessen feuchte glänzende Bronze
+das Kerzenflackern überschwemmte. Sie lag, als er schlief. Sie lächelte
+über das Geschenk, das sie ihm gab. Es war das Letzte, was sie konnte. Vom
+verflossenen Gewitter duftet der Garten herein, durchbricht den Raum. Es
+war ihr, sie erreiche die verschlossenste Grenze seines Wesens, habe ihn
+erfüllt. Am Morgen öffnete er ihr den versperrten linken Flügel. »Ich
+sparte es auf bis heute.« Sie trat ein.
+
+ * * *
+
+Das Wappen hielt sie fest, lang. Sie zündete die Kerze an. Schlug das Buch
+auf, zerfuhr es mit den Fingern, blickte um mit einem rätselvollen Gesicht.
+Einen Augenblick trat der Raum hinein. Sie sah nicht die Rebstöcke aus
+Gold. Fontänenwasser kam in die verzehrende perlmutterne Schale. Es kamen
+gerade Herren, golddunkle Bilder, Damen auf der altjapanischen Tapete und
+Jäger mit demantener Agraffe. Es kam ein Degen. Zersplittert, in den
+Trümmern gerahmt ein Spiegel mit dem Pistolenschuß in der Mitte. Es kam auf
+dem Tabourett in Wachs mit blauen Adern ein Kopf, eine rechte Hand. Es trat
+wieder aus ihr hinaus. Sie sah nur das Wappen. Es hielt. Es war das eigene,
+kam herauf aus den gestrichenen Jahrzehnten, wurzelte unten im Schoß der
+Generation. Ihr Blut griff zu, vermählte sich. Saß über holzgeschnittenen
+Signets. Es kamen ungeschickte, gestammelte Worte. Geschnörkelte
+Zeichnungen machten den Übergang unsicher. Hochmütige Sätze kamen,
+Buchstaben großer Form. Der Wahlspruch schien auf: Wenn ihr mit Männern
+spielt, so wißt mit wem . . . Und ist es mit Frauen, um was ihr spielt. --
+Aus dem Buch stieg der Saft des Gelebten. Der Raum erhielt Gewalt. Aus den
+Blättern der Miniaturen quoll der angesammelte Atem der Generationen. Die
+Farbe der Gewänder bekam Gewalt und blühte.
+
+Die Miniaturen platzten unter den Muskeln, die sich reckten. Der Stolz der
+Frauen sprengte die Taillen und die Sanftmut der Elfenbeinfarben. Die
+Wangen röteten sich unter dem Puder und glühten, Lider hoben sich schwarz
+und flammten sie an. Degen und brokatene Mäntel zuckten. Ein kühnes Auge
+traf sie wild. Ein Turban erschien mit den Augen der Gazelle darunter in
+der Galerie der Frauen. Von da ab waren die Köpfe ähnlich wie der ihre, wie
+ihres Vaters.
+
+Sie sah den Ahnen, der dies Haus sich baute. Sein Körper war größer und
+gewandter wie der der anderen. Sein Gesicht glatt und gefurcht von zwei
+großen leidenschaftlichen Linien. Unter dem Feuer seines Auges fingen die
+Spiegel des Raumes zu leuchten an, in ihrem verschleierten Glanz begannen
+weiche Hüften der Frauen zu wiegen, braune Torsos schlangen sich dagegen.
+Atem wilden Genusses rauschte mit Lachen in der Seide. Dies Gesicht führte
+ihr Geschlecht auf den höchsten Punkt ihres Blutes.
+
+Sie sah seine Schrift, seine Briefe. Frauenleiber wandten sich ihm zu und
+sträubten sich auf vor ihm. Ehrgeizige Spiele, sehr erleuchtete gläserne
+Säle . . . ein großer Ritt, der ihn mit Ruhm behängte, glitt durch die
+Luft. An einem heißen Abend begann er, dies Schloß zu bauen für den Sommer
+und die Zärtlichkeit der Frauen. Er stand davor, als er ankam. Die tiefen
+Fenster wühlten in der wollüstigen Nacht. Terrassen bogen sich kühl
+hinunter zwischen dem Taxus und den Hermen. Der Park stand wild voll Duft
+der Rosen und Jasminen. Fontänen bohrten sprühende Lanzen in die blaue
+Blumendämmerung. Ein Zimmer war erleuchtet mit vielen Kerzen. Er trat
+hinein. Am Morgen schrieb er mit vier Sekretären, noch feucht von der Haut
+der Geliebten. Dann ging die Sonne auf, er erhob sich und weckte sie aus
+Träumen von ihm. Da jagte er die Tiere. Die Sommer wechselten und fielen
+heiß herunter einer in die Spur des anderen. Da liebte er Dirnen. Er schoß
+die Saue. Das Pferd rannte unter dem Spiel seiner Schenkel. Kerzen blitzten
+um nächtliche Spiele. Lange Profile hingen wie Glas gegen den Schatten. Die
+Edelleute naher Höfe schwitzten um seinen Kartenschlag. Da fuhr er in
+Wagen. Da schlug er Hunde und küßte die Nägel ungeliebter Frauen. Ein
+einsamer Sommer umgab ihn ganz allein. Er wanderte, die Arme über die Brust
+gekreuzt, die Wege herauf, die Wege herunter. Seine Augenbrauen schoben
+sich im Dreieck zueinander. In einem zitronen trockenen Juli sah er auf der
+Landstraße ein braunes Kind, das in den Himmel lachte und nicht sprach. Er
+nahm es mit sich. Aus heißen Ritten warf er den Körper in das Bassin, das
+kristallen um ihn schäumte. Dumpfe Nächte durchschlief er mit schweißigem
+Haar. Mit großen Orden, den Degen zum Knie gesenkt, empfing er eine
+Fürstin, den Fuß am Schlag. Sie warf ihm Blicke zu durch das Glas ihrer
+Equipage, die er geschmeichelt nahm. Er diktierte Briefe, Befehle, Politik.
+Er arbeitete eine Intrige aus, die in London sich kraus gestaltete. -- Dann
+schlief er allein durch einen ganzen Sommer sich durch, locker in der
+Kleidung, zufrieden und still das Gesicht . . nichts weiter tuend, als den
+Himmel ansehen durch den Regenbogen der Tritone . . .
+
+Das Buch blieb geschlossen, die Lider stellten sich nach innen. Der Raum
+trat aus ihr heraus, wie die Fenster sich öffneten alle in den Parkmorgen.
+Stefan rief herein, sie ging neben ihm. Blätter, Büsche, Esel tanzten
+vorbei. Sie gingen. Das Ende kannte sie, seine Arbeit, seinen Tod. Es hatte
+ihre Jugend durchdrungen, ihrem Dasein Luft gegeben, Liebe. Daher kam sie.
+Das Vorspiel war neu, unwichtig, aber bestimmend. Er ging vor ihr her, die
+gleiche Kurve unten am Rand des Geschlechts, der gleiche Schnittpunkt
+führte sie wie ihn. Aus dem Knax kam sein Werk. Sein Rausch wurde Sinn, als
+die Gegenströmung in seine Sehnsucht sauste. Die Summen zog er aus dem
+Entsagen. Sie reckte sich, spürte sich mit ihm durchblutet. Er ging vor
+ihr, war der Vordere, ließ ihr ein Vermächtnis. Sie lächelte, sicher genug
+in sich, aber die Rechtfertigung ihres Daseins aus dieser mystischen Quelle
+bog sie auf vor Befriedigung. Sie gingen. Luft strömte frischer, die Beeren
+leuchteten. Sie gingen rascher. Er hatte gelitten, geschafft, die Lippen
+zerbissen, ausgeschlagen, sie empfand jede seiner Minuten. Das Vermächtnis
+wuchs. Von Vaudreuils Herzschlag vorwärtsgeschnellt fühlte sie sich
+getrieben. Fortsetzung seines Handelns kam an sie nach der Pause des
+Geschlechts, nach der Ruhe. Sie führte zurück in die Gemeinschaft, was er
+restlos erwarb. Er eroberte. Sie half. Das Angehäufte veredelte nun. Er
+schuf Platz für Menschen, siedelte, schaffte Arbeit. Sie aber befreite, die
+Sklaven geworden in diesem Beruf. In ihrem Blut saß die Vertrautheit seines
+Schicksals so, als habe er sie gezeugt, erzogen, seine Adern hinübergeführt
+in ihre. Und jeder Tropfen Blut trieb, forderte, verhieß Vollendung,
+Wirkung, aufbäumenden Zwang zur Tat. Die neue Kraft, die bestätigte,
+bestürzte sie, machte sie gierig nach Tätigkeit, wenn diese Mission
+vollendet, die sie noch umfing. Sie neigte sich zur Seite, nahm Stefans
+Hand. Es würde vorübergehen. Sie gingen.
+
+Das Gefühl durchdrang den Tag, machte Weichheit hingegebener an das
+Umgebende, das Umgebende tiefer verliebt in sie. Die Riesennelken der Beete
+brachen auf unter ihrer Berührung, die Zinnfiguren trugen ihr Lächeln, die
+Mauern wichen tief vor ihrem Blick in den Himmel. Das Tor fiel auf. Unter
+den Lerchen flog betäubend der Horizont auf. Bienen schossen in dunklen
+Bogen, die Wiese, die sie berührte, flammt gelb und zart. Sie gingen,
+nahmen auf, gaben aus. Liebkosten Rehe, scheuten die Saue auf, lachten sie
+zurück. Nahmen Pferde an der Ferme, trabten durch die Feigen, um den
+dreizackigen Wolkenberg, speisten Zwiebel, Butter, Brot, sanken im tiefen
+Schatten in Schlaf. In die violette Dämmerung ergoß sich ihre Ruhe. Kein
+Wort. Er hielt ihren Halfter, sie gaben die Gäule ab. Ein Fasan lief über
+den Weg, Pfaue gingen in einer Kette. Die Bäume der Allee fielen in rosane
+Glut. Stefan nahm eine Göttin, hob sie auf die Erde ins Gebüsch, stellte
+Daisy auf den Sockel. Sie senkte die Beine in einer von Anmut so erfüllten
+Bewegung, daß ihr Knie seine Stirn traf, dann seinen Mund. Sie spürte ihn,
+war plötzlich allein. Suchte, rief seinen Namen. Kam an den Pavillon,
+verwirrte sich in den Gladiolen, lief in der Gartenstrecke, kam an die
+Lichtung. Die Terrassen hingen beleuchtet. Ein Fest. Die Fenster hell,
+Springbrunnen fluteten durch die Nacht. Atemlose Stille. Ihr Name kam breit
+und voll Sehnsucht geworfen. Sie ging hinein in den Namen, besinnungslos.
+
+Sie verließ ihn, ging hinaus, sah den roten Mond durch die Pappel
+schwimmen. Das Wasser. Das Bassin überschäumte weiß, bläulich ihre Haut.
+Tritone sangen über ihr. Den breiten Guß eines Löwen fing sie mit der
+Brust. Die Blumen schwelgten in der heißen Luft. Das silberne Füllhorn
+schäumte unter der Sichel. Es überkam sie Sehnsucht, mehr ihm sich noch zu
+geben, Furcht, etwas zu versäumen, Schreck, daß das Schicksal niedersause.
+Sie überließ sich dem Wasser. Langsam kam die Ruhe, die einbezog sie in das
+Geschehen der Nacht. Im Stillerwerden der Luft ward es klarer in ihr, bis
+sie den Ausgleich erreichte, wo nichts sie rührte, alles sie verband. Sie
+ging hinein, suchte, traf ihn in seinem Schlafzimmer, die Stirn am Fenster,
+er hatte ihr zugesehen. Sie lächelte. Ihr Blick sah hinter ihm im Kreis der
+Lampe eine Schale. Sie erbleichte. Zog zwei Kugeln heraus, nickte zu einer,
+hielt die andere sprachlos ihm auf der offenen Hand entgegen. Ihr Augen
+säumten sich, wurden klein.
+
+Sie frug mit dem Blick.
+
+Ihre Lippen trugen den Namen.
+
+Heiser sagte er:
+
+»Le Beau.«
+
+ * * *
+
+Befreite er ihn, klappte das Messer, riß die Schlinge, flog die Mine, die
+ihn erledigte. Er hatte noch kurze Zeit, bis das Schicksal fiel, lebte, die
+Uhr in der Hand. Solange bedurfte er die Sicherheit gegen jede Möglichkeit.
+Er hatte Jahre sie gesucht. Paris, Marseille, Kalkutta, Pegu . . . hatte
+sein Leben umgestülpt, auf sie gerichtet, wurde gut an ihr. Was wog die
+Ausnahme gegen das Ganze? Nichts. Das Gewaltige seiner Änderung umfing sie,
+als sie verglich, trieb sie zu ihm, unter ihn: »Ich bin bei dir.«
+
+Nachts stand der andere auf, forderte. Sie tat Unrecht, um Liebe zu
+erweisen. Sie hörte die fadendünne Stutzuhr, sah die Sonne prallen gegen
+die Rideaux. Wischte die Nacht weg. Aus den mähnigen, windgestrählten
+Sonnenblumen trat Stefan. Sie sah über ihm die Katastrophe. Was galt
+Überlegung vorm Tod. Es flog aus ihr, bedingungslos, hinweg.
+
+Sie grübelte den Abend, die Ausnahme drückte sie. Sie maß ihr keinen Sinn
+zu. In der Nacht wurde sie riesig: Es kam nicht an auf die Größe, nur auf
+den Sinn. Da sprang durch die Portiere der Windhund, den er ihr geschenkt,
+weil er ihn liebte, den sie zurückwies aus Rührung. Der schmale lange Kopf
+strich an ihrer Wange. Sie hielt, was Güte an Stefan sie fesselte. Kein
+Gedanke quälte mehr. Im Halbschlaf gegen Morgen fuhr sie auf. Ein Mensch
+litt um sie. Sie ertrug es nicht. Schleifte den Hund aus dem Nebenzimmer
+herein. Der Hund genügte nicht mehr. Sie schwankte, ging herum, besah ihr
+Ohr im Spiegel, pflückte Glyzinen am Fenster, bückte sich, wechselte die
+Farbe. Stieg die Leiter zum Bad hinauf, drehte ab, kam herunter, atmete,
+sah in den Park. Legte sich nieder. Erhob sich, packte einige Dinge in
+einen kleinen Koffer. Ging an die Portiere seines Zimmers, sah ihn
+schlafen, schwer, fest, Mücken um seinen Kopf. Sein Schicksal, das er
+kindlich nahm, wühlte sie so auf, daß sie erbleichte. Als er erwachte,
+konnte sie nicht vermeiden, vorzutreten. Als er den Arm reckte, war seine
+Not eine Sekunde so groß, daß sie ihn nicht verließ, hineinging wieder in
+sein Schicksal. Als sie erwachte in seinem Arm, hob sie den Kopf, lauschte,
+bog die Brust aus seinem Muskel, glitt herunter, sah zurück. Sah nichts
+mehr als das Unrecht, sah nur den Gefangenen, der litt. Nahm das Gepackte.
+Hörte einen Wagen in der Nacht rollen. Holte ihn ein. Kam in das Dorf, in
+die Stadt. Schrieb ein Telegramm, das Le Beau befreite. Hob die Brust, nun
+atmete sie sicher, sah zurück aus dem Wagen. Konnte nicht anders. Das flog
+nun in die Luft. Vorbei. Es mußte sein -- und getragen werden. Von beiden.
+
+ * * *
+
+Der Wagen kam an eine Barriere, einen Bach, einen Fluß. Der Motor stockte.
+Am Mittag saß sie in der Nische über einem kleinen See. Die weißen
+Hotelwände prallten von Sonne . . . Sie denkt: Nun ist Le Beau frei. Er
+fragt: durch wen? Sieht die Depesche. Weiß: durch sie. Macht sich auf. Noch
+einmal fliegt seine Stunde. Das Auge blitzt vor Geist. Er fragt sich durch,
+beschäftigt Menschen. Er kommt an das Hotel, fordert. Sie will auch ihm
+dienen, seiner Enttäuschung sich unterbreiten, dem Geschlagenen nah sein
+. . . Ein Raum schiebt sich zwischen sie und den See. Sie schaut durch die
+geschlossenen Lider. Sie kommt gegangen über die Terrasse, geht durch das
+Zimmer des Ahnen, öffnet das Schiebfach, hebt die Kerze hinein. Sieht
+seinen Kopf, beginnt zu weinen. Eine Stimme aus dem Dunkel: »Ist es
+Sommer?« Sie ist tapfer, sagt hell: »Ja, Claudius.« Sie fährt mit der Hand
+über sein rötliches Haar: »Ché . . . mon ami . . . ché . . . doudoux.« Er
+lächelte: »Mit Gewalt macht es der andere nie.« Sie sagt: »Ich befreie
+dich.« Sie kommt mit einem Dolch, versucht das Fenster aufzubrechen.
+Unmöglich. Sie nimmt den Spaten, gräbt ein Loch von außen. Da steht Stefan
+im Fliederrondell, die Brust leuchtet phosphorisch, die Augen geschlossen.
+Sie stürzt in sein Zimmer, er liegt, schläft. Sie beißt die Zähne, zurück,
+stößt das Messer ins Schloß, das wie ein Kuhmagen gefächert ist, die Spitze
+bricht ab. Er ist bleich, lächelte aus dem verwüsteten Gesicht. Sie schreit
+laut: »Ich befreie dich.« Er lächelt mehr: »Das sollst du nicht.« Fast in
+der Ohnmacht fragt sie: »Was . . . was kann ich tun?« Sie ist außer sich.
+Sein Auge schließt sich:
+
+»Denk an mich.«
+
+»Ja.«
+
+Es gelang. Pappeln gigantisch reckten sich vor bleiernem Himmel, Duft der
+Syringen lüstern auf die Terrassen gestreckt, sie kam aus Gebüsch.
+»Traurig?« »Nein, da du mich liebst.« Sie beginnt mit den Drähten, arbeitet
+eine Stunde, es ist der letzte Plan, in der Pause erschöpft: »Daß du so
+leidest.« Er hebt die an ihren Händen verkrampften Augen: »Leide ich, wenn
+du mich liebst?« Sie beginnt wieder, steif vor Verzweiflung. Sie schafft
+eine halbe Stunde, Uhren schlagen, der Haken faßt, es gelingt die Flucht.
+Ein Gewitter bricht über den Wagen, weiße geballte Kugel saust überm
+Himmel. Nun sind sie vereinigt. Sie haben ein Haus. Fischerboote laufen
+unter ihrem Fenster, Motore überspielen delphinisch die Bucht, der Fjord
+wird größer, schlägt sich auf. Sie sehen sich an. Wochen, Monate. Sie gibt
+sich jedem Druck seiner Seele, scheucht das Gewesene, Trauer fällt ab,
+Stille umgibt sie. Atmet er ruhig, beglückt sie es, streift seine Hand sie,
+fühlt sie sein Glück. Eine Nacht wartet sie auf ihn. Er kommt nicht, sie
+wartet die Minuten, Stunden, zählt die tickende Uhr. Am Morgen erscheint er
+Sie ruft: »Deine Frau?« Er winkt ab. Sie ist erledigt, kein Gedanke streift
+sie. Aber der Schatten gräbt sich in ihre Seele. Sie übergeht ihn. Im
+Unterdrückten wächst er. Sie bekämpft ihn. Sie hat diesen befreit, will ihm
+Jahre ersetzen, Glück, das er Jahre erstrebt, bereiten. Aber ihr Herz
+leidet mit der Verstoßenen, sieht den Ring im Traum an Claudius Hand vor
+der Demonstration, schreit im Schlaf. Sie kann nicht leben auf Kosten der
+Frau. Aber sein Gesicht ist heiß, beschwört sie, fordert Liebe. Sie
+lächelt, gibt ihm aufmerksamer. Doch er will mehr. Er will das Strömende,
+nicht das Bewußte. Nicht das gut Gegebene, will den freiwilligen Akt. Sie
+sieht auf ihre leeren Hände. Sie hat es nicht, verstellt sich, macht, als
+seien sie gefüllt. Allein er sieht ihre leeren Hände, schreit verzweifelt.
+Sie hört den Ton, er reißt den Raum weg.
+
+Sie hebt die Lider . . . . -- --
+
+Ein Traum erließ ihr, was sie mit Stefan an Partie gespielt, verloren,
+dasselbe mit Le Beau.
+
+Die feinen samtenen Lider senkten sich über den eisgrauen Blick. Der
+schmale ovale Kopf hob sich scharf. Schrieb ein Billet, für den Fall, daß
+er käme, sie suche, das ihn zurücktrieb und ihn anfeuerte zugleich. »Du
+bist elend. Bin ich glücklich? Suche nach Befriedigung wie ich. Um dich wie
+um mich stehen Ungezählte. Der Gedanke, daß wir da sind, hilft uns beiden.
+Mehr kann der Einzelne nicht tun.« Sie packte, fuhr. Ihre Mission, ihr
+Abschweifung, war zu Ende. Sie kehrte zurück, der große Schwung riß sie zu
+sich. Die beiden, die ihr Blut unvergeßlich zuerst erregt, fielen aus,
+schieden, sie hatte geirrt, ins Einzelne sich verwirrt, versagt. Erkannte
+die magische Grenze der Kraft, die sie zurückzog. Wollte sich nicht
+verlieren, konnte nicht, apokalyptischer Hure gleich, dem, jenem, diesem,
+Schoß des Mitleids sein, sich verzetteln, sündigen gegen das Ziel. Sie
+reckte sich, befreit, jeder Verantwortung ledig gegen ihr Leben. Die
+beiden, die ihr Dasein immer gekreuzt, bis in die Tiefe der Demut
+durchgelebt ihr Schicksal, stürzten zurück. Was blieb: das Werk. Sie fuhr,
+stieg steiler. Saugte sich voll des Horizonts, der perlgrau vor sie sich
+schmiedete. War voll Gewinnst bis zum Rand. Trieb über die Nächsten ihres
+Bluts, die überwunden, dem Ganzen zu. Wie frei die Bahn vor ihr. Wie
+geschleudert die Straße gegen den Himmel hinaufgestreckt. Fuhr auf den
+Scheitel der Chaussee hinauf, fast schwingend. Gestrafft in jeder Muskel
+der Seele. Sicherer wie jede Sekunde, die sie gelebt. Angezogen auf der
+Sehne des eigenen Blutes ein Pfeil, der sich zum Losschwung spannte. Fuhr
+über den Scheitel der Straße. In der Senkung blieben die beiden: Wegweiser
+-- -- -- hin zu den Menschen. Da standen Tausende.
+
+ * * *
+
+Sie ließ Minsk, kam mit Empfehlungen nach Kiew, sah Contis Liste nach, traf
+die Zentrale, ward nicht abgewiesen, mißtrauisch behandelt, trat in ein
+offizielles Büro, sah die Taktiken, kam durch politische Korridors höher,
+spürte den Gegenschlag, enträtselte ihn nicht ganz, fiel vor der letzten
+Erkenntnis, zog eine Meute Männer, über die sie gesprungen, hinter sich
+her, verschwand. Bedurfte nichts weiter, hatte den Kernpunkt nicht, spürte
+aber die Maschinerie, das System. Es genügte. Gab es nach Minsk, blieb acht
+Tage im Südviertel, schaltete die Organisation nach der offiziellen,
+verzichtete auf Begleiter. Legte das erste Hebelwerk, pumpte es entgegen,
+in der gespanntesten Atmosphäre der Länder, der verfolgenden, war im
+Vorsprung, da die Technik die gleiche, Kenntnis der anderen nur bei ihnen.
+Glitt die Fäden weiter, wechselte Pässe. Sah in den Listen nach, machte
+Abschriften aus Angst, sie zu verlieren, legte die mit Contis Handschrift
+in den Safe einer Mittelstadt. Folgte der Linie, Tyska legatione,
+Stockholm, in Upsala eine Verschwörung gegen Lund, tastete tiefer, traf den
+letzten Zirkel der Jungsozialisten, maß die Spannung zu Wallenberg drüben,
+Undên, Branting auf der Gegenseite. Tauchte in Genua auf, studierte
+Quarantänen, Auswandererbaracken, Krankenhäuser. Erhielt Verstärkung,
+Staffetten, Abwechslung der Reviere. Spannte ein Seil nach Minsk.
+Vervollständigte die Listen, füllte Skizzen aus. Kaufte ein kleines Haus
+Rue du Purgatoire, Genf, aus Holz, vier Zimmer. Setzte Gordon hinein,
+beobachtete durch die Zentrale jede Kaserne, jeden Offizier, Stimmung der
+Eingekleideten, führte darüber Buch, bohrte, trieb, jagte den Geist,
+Auflehnung, Umstülpung, Bessern in jede Lücke. Rue St. Jacques hinter der
+Sorbonne kontrollierte sich die Presse, Gerichte, suchte Menschen auf,
+setzte sie in Stand, sondierte, suchte, setzte sie ein, entflammte. Fühlte
+mit neuen Kräften die äußersten Spitzen radikaler Kräfte ab. Schob Raffaeli
+vor. Trieb weiter, wo Geistiges verkalkte, Soziales verfettete, Unehrliches
+scharfes Ziel verfälschte. Zog die Linie von hüben und drüben. Sah die
+Listen nach. Schuf eine Mauer, machte, wurde klar. Schoß Druckschriften
+durch die Netze, Löcher der zementenen Mauer, hörte die Explosion. Sah
+Bordelle Budapests, Kaschemmen Altonas, Vorhäuser Bergens. Tabellen, Pläne
+verquickten sich, es rollte sich mehr rundend ein Ganzes gegen die Hebel.
+Kam der Schlag, der schleuderte, fuhr es auf, glitt in die neue Form.
+Sauste die Schaukel herunter, flog die andere auf, schmolz die letzte
+Etappe des Unglücks, verengte sich die Distanz unter Menschen, erstickte
+Ungerechtigkeit, irgendwo war Paradies, weiter. Sah vieles, verstand an den
+Wurzeln Gutes, Gemeines -- alles fuhr in das Bild, das Conti in der Pupille
+trug von der Welt, das sein Hirn dachte: Umschwung der Erde. Traf im Coupé
+eine Frau, die zu kreißen begann, gab ihr ein Papier. Ein Mann sprach sie
+an, schlicht, sachlich, vornehm, strich über das schwarze Haar, erbat
+Mittel für eine Mission. Sie lächelte, das linke Auge schloß sich. Der Mann
+erbleichte, begriff ein Überlegenes, ohne daß er verstand. Sie setzte nur
+auf den großen Schlag, hielt dicht die Depots zusammen, verbesserte nicht.
+Wollte ändern. Traf nicht die Haut, wollte das Herz. Gab nicht
+verschlampter heuchlerischer Wohltätigkeit verlogener Gesellschaft einen
+Sou, tat nichts in verlorenes verspätetes Spiel. Sah in die Listen. Spürte
+durch die Zeilen das zischende vulkanische Geräusch aufsteigender Kräfte.
+Sie sagten ihr: Wohlfahrt der Massen. Sagten: Erleichterung der Bürden. Sie
+horchte: Bildung des Volkes. Verzog den Mund, höhnisch. Züchtete junges
+Fleisch, legte nichts mit lächerlicher Gebärde ins Faule. Ein Mann kam,
+eine Mütze mit Metallschild funkelte in den Händen. Sie unterzeichnete ein
+Papier: Administration des Prisons. Empfing ein Paket, »als ihr Eigentum
+bezeichnet«. Öffnete. Es waren die Haare, die Stefan bei der Flucht in die
+Berge ihr abschnitt, daß sie einem Jüngling glich. Er trug sie in seinen
+Kleidern. Sie kamen zurück. Sie lächelte, nur die Augenecken bebten. Führte
+die Fäden in ein Netz, legte es in Raffaelis Hand. Zog neue Linien. Vom
+Grabe Di Contis drang ungeheure Kraft. Gab Wind in sie, Sturm, nie Pause.
+Ging in ihre Sprache, ihre Ordnung, ihren Befehl, ihr Unterwerfen. Sein
+Geist schnellte von ihrer Zunge, trieb hoch, erwählte, forderte Unbedingtes
+-- ging in ihrem Bein, entzündete durch ihr Herz. Bauern starrten blöd auf
+die Agierende, lachten sich an breitmäulig, gespalten, gingen heim,
+vergaßen es nie. Traf mit ihrem Blick ins Schwankende, vollführte die
+Entscheidung. Stieß, wie als Kind die Schlange, Falsches zurück, riß
+Geeignetes an sich, mit sich hoch. Männer nahmen den Blick von ihrer Hüfte.
+Jünglinge gaben sich ihr mit einem Ruck vorbehaltlos: nimm. Sah die Listen,
+ließ die Zentren, teilte Kreise, Quadrate, suchte Provinz, begann Kleines,
+spritzte Agenten aus aufs Land, schuf Agitatoren, die es nicht wußten, ließ
+erkennen, hatte Vertrauensleute, die es nicht ahnten. Warf Summen in die
+Siedepole, weißglühende Spannung, Rußland, Indien. Blieb im Hintergrund,
+schaffte, verbarg sich, war kleine Agentin, wußte nicht, wann ereignet es
+sich, wann gewinnt mein Ziel. Sah in die Listen. Es genügte. Führte sie.
+Sie tat das Vermächtnis. Es war genug.
+
+Trat in eine Förderation, die kleine Huren erquickte, ihren Bauch ausruhte.
+Raffaeli schob den Mund schief im Bart: »Sie sind eine Frau.« Sie
+schüttelte die Haare, lachend, machte die Ausnahme, stellte sich gegen die
+Polizei der Gesinnung, sah das Blödsinnige wohl ihrer Handlung, in diesem
+Falle Aussichtslose der Besserung. Tat es dennoch, hatte zu viel hier
+gesehen, zu sehr selbst erlebt, konnte nicht warten, bis das Leben sich
+umdrehte, empfand Linderung im Gedanken, es werde gelindert. Belog sich,
+wußte es, sah Raffaeli an, er senkte das Auge. Sie zwang Vertrauen auch im
+Traum. Blieb sonst eisig. Blieb verborgen, Reisende, spanische Tänzerin,
+Studentin, Dame. Sah die Listen, folgte der Kurve, sie ging nach aufwärts.
+Noch nicht die Höhe. Erweiterte das Einzelne, vervollkommnete, verlängerte.
+Strich durch, verwarf, erneuerte, erhöhte. Gründete ein Restaurant Rue
+Monsieur Le Prince, wo gegen Ausweis Abgemühte ihres Geistes Essen
+erhielten. Gab Raffaeli das Schloß, bog den Rausch des alten Vaudreuil ein
+in den Sinn ihrer Existenz. Warf die Schatten der Frauen hinaus.
+Geschlagene ihres Schlachtfeldes gingen auf den Terrassen. Sie selbst sah
+es nie mehr. Studierte die Krankenhäuser großer, kleiner Städte, machte
+eine Tabelle, zog eine Gleichung, ward nachdenklich. Machte Verzeichnisse,
+wog ab. Gab unter der Boulmichlaterne einem schmalen Dichter aus Renées
+Genfer Kabarett zwanzig Francs, traf ihn die Nacht mit Mimis im
+Absyntherausch, traf ihn wieder Rue Guijas, schlug ihm Geld ab, gab
+Anweisung auf Brot: »Schwärmen Sie, ich bin nicht Pedant. Aber essen Sie,
+damit Sie tauchen.« Raffaeli schluckte, errötete, schloß die Augen zum
+Schlitz: »Verzeihen Sie wegen der Förderation.« Sie schlug einen Kreis um
+das Grab Di Contis, befreite. Sprach mit einem Sergeanten, ließ ein Haus
+reinigen, gab es einem Balten, machte damit eine Kulisse, brachte die
+Häuser an sich, besiedelte sie mit seinen Leuten, armen Menschen. Empfing,
+ließ gehen, erhielt, gab aus. Reiste, erschien wieder, blitzte auf,
+verscholl, kam mit neuem Plan, dichtete das Netz. Hatte einen Reiz auf
+Menschen, der unwiderstehlich entzündete, gierig machte, umschlug, die
+Augen veränderte, das Leben. Tätig machte mit ihr, fortzog, dienend,
+hochmütig vor Verantwortung. Reiste nördlich. Zog am Todestag Contis die
+Liste heraus. Verglich, zeichnete, ging ans Fenster, sah die Maste und
+Schorne steif nebeneinander, ein Wald gereckt. Schloß die Liste. Legte den
+Kopf zurück: Fast erreicht, fast erfüllt.
+
+Gab sich der Ruhe hin, Tage, Wochen. Lebte, gab sich preis dem Hafen, dem
+ungeheuer Kommenden, Gehenden. Fühlte den Herzschlag des Bodens, Wiegen des
+Horizonts. Mit den Schiffen ging sie hinaus, kehrte sie voll zurück. Traf
+ein kleines braunes Kind, das die Antennen eines Dampfers visierte, wo die
+silbernen Sonnen der drahtlosen Netze blitzten. Nahm es mit, badete es,
+legte es zu sich, hörte die Nacht wieder Herzschlag an ihrem. Wachte, ward
+nachdenklich, suchte die Gleichung, die Tabellen. Fuhr hinauf über
+Christiania, fahles Licht prallte ihr entgegen. Die Schiebetür des
+Lazaretts tat sich auf. Sie sprach den Arzt, die Brillengläser standen
+scharf auf ihr, er prüfte, legte beiseite. Sie blieb ein paar Tage. Ihr
+Zimmer stand leer. Andere Pläne umgaben sie, andere Pflichten. Sie blieb
+dennoch. Sie war nicht draußen nötig, hatte erfüllt, was ihre weibliche
+Kraft konnte: angeschmiegt an die Aufgabe, diese vorwärts getrieben
+unhemmbar. Sie kleidete sich um, schritt hinunter zum Saal: »Ist Naga
+hier?« »Nein.« Am Morgen trat sie in das Zimmer des Zigeuners. Er starrte
+schweigend: »Durst.« Sie brachte Wasser. Er schiffte in die Wanne. Sie
+schöpfte sie aus. Grinsend ließ er seinen Darm hinein. Sie legte die Glocke
+ins Wasser, sog den Schlauch an, ließ altes Wasser heraus, neues hinein. Er
+lallte einen Fluch. Die Zunge gehorchte ihm nicht mehr. Er sprach
+undeutlich. Sie ging in Nagas Saal. Daß sie fehlte. Gut . . . wie schön,
+das Leben heiter und reizvoll zu nehmen. Der Fiebernde zog an den Lidern.
+Sie gingen nicht mehr auf. Dunkelheit immer um ihn. Keine Mutter am Bett.
+»Deine Mutter?« »Tot.« Ihre Hand auf seiner Stirn . . . er erkannte sie.
+Licht ging hoch auf seinem Gesicht. Unruhige Schatten schwankten, wenn sie
+sie löste.
+
+»Sie . . . da«, des Predigers Auge irrte unstät von ihr zum Fenster. Er sah
+die Welt hinter ihr, roch sie in der Luft, die sie noch umgab. Ein Bogen
+schlug sich von ihrer Schulter übers Meer: dort die Welt, unmeßbar gepreßt,
+verführerisch, sein Schicksal! Haß kam in seine Augen, brannte auf sie. Sie
+neigte sich zurück: »Glauben Sie es immer schön . . . leicht?« Er wollte es
+nicht hören: »Nur dort sein.« Sie lächelte: »Und dann?« . . . . . . . . . .
+Weiter. Auf und ab die Räume. Blicke gebannt an ihr . . . . . . die Hitze
+kam. Der Wind ihres Atems brachte Ergebung, Ruhe. »Wasser«, sie eilte,
+kühlte, verband. Wie leicht das Schwerste zu tragen, stand sie daneben.
+Welches Glück im Verzweifeln, sah man sie nur fern. Sie teilte aus,
+schlichtete, sprach zu, freundlich, unbewegt auch durch Trotz, Feindschaft
+prallte ab, ward Neigung. Die große Schwester kam in der Tür mit ihr
+zusammen. »Verzeih,« sagte sie, neigte den Kopf, »daß ich deine Instrumente
+einmal beschmutzte.« »Schon damals verzieh ich.« Die Schwester küßte
+ungeschickt nach ihrer Hand, traf sie nicht, sondern die Klinke. Aus dem
+Garten ein Zug . . . ein neuer Kranker, den Blick wie ein Fisch, resigniert
+ohne Kampf -- -- -- unmögliches Dasein. Sie stachelte ihn auf, zeigte ihm
+täglich das Neue, Buntes, geliebte Landschaft, Bilder von Karussells und
+Kirmis. Seine Sehnsucht wuchs, stieg, ward tödlich. Als sie vorbei war,
+gefestigt in dem Überwundenen, hatte er Heiterkeit. -- -- -- Sie machte
+Schaum aus Soda, Schmierseife, heißem Wasser. Tag auf Tag beginnend mit
+Schüssel und Schüssel . . . trotz der Hitze sangen die Matrosen: »Es kommt
+Gewitter.« Sie sagte es zehnmal, jedesmal mit erneut gesteigerter Kraft. In
+der Unmöglichkeit wuchs der Glaube nur stärker, verbreitete sich, trat aus.
+War das Haus eine Kasematte schmelzenden Bleies in weißer Hitze, lauschten
+schon halb erquickt die Insassen dem Regenfall, den sie versprach. Der
+Glaube der Männer stieg, stand in dem Raum wie eine Wolke. Der Blick des
+Predigers traf sie, erstaunt, ohne Haß. »Ich sollte nicht Kraft haben, zu
+dulden, wo Sie Ungeheures vermögen?« Sie schnitt ihm das Fleisch, legte die
+Messer hin: »Wie gering ist das alles.«
+
+Nachts beim Füllen des Wassers fiel sie ohnmächtig um neben der Wanne des
+Zigeuners. Sie sah auf, erwacht. Die große Schwester drückte ihr ein kaltes
+Wasserkissen auf die Brust, schielte mit den Augen zwinkernd nach der
+Seite, ein noch nie erblicktes Lächeln um den harten Mund. Der Zigeuner saß
+in größter Erregung. Er hatte geschrieen, jetzt beruhigte er sich. Als sie
+allein mit ihm war, stammelte er, Sprechens kaum mehr fähig: »Die . . .
+vorher . . . schlug mich.« Er tanzte im Wasser auf und ab. Die Angst, sie
+zu verlieren, löste ihn. Er schlug in die Hände: »Bitte . . . bitte . . .«
+Dann schwieg er.
+
+Der letzte Sieg. Auch diesen halbverfaulten Kretin, der vor Bösem strotzte,
+überwand sie.
+
+In diesem Augenblick fühlte sie verzweifelt, daß etwas fehle. Schwer atmend
+ging sie durch den schwülen Raum. Die Luft vor der Küste war
+zusammengezogen von silbernen Nebeln. Die Erde, aufgetan, dampfte zarteste
+Glut. Sie ging, erschrak, öffnete sich mit maßlosem Entzücken: das Meer. Es
+lag hinter dem Schleier, schlug groß und dumpf. Ein Vogel flog auf, stob
+über den Boden, setzte sich wieder. Sie erreichte ihn. Er flog zur anderen
+Seite, wischte den Nebel zu großen Strudeln. »Rype«, rief sie ihm. Ein Hase
+mit hell leuchtendem Pelz. Der Bach geschliffen, stählern. Langsam das
+Rauschen einer schwimmenden Otter wie aus der Ferne. Die Gegend ging
+heller, von seinem Dunst ins Gespenstische zugezogen. Möven schlugen sich
+hoch. O Möven. Der Mond fiel platt auf das Wasser. Dunkelblau gemeißelt
+stieg das Meer, ungeheuer gereckt mit metallen gekühlter Wut. Die Möven,
+hochgerollt, hingen eine unbewegliche Schlange vor dem Himmel. Alles trug
+ihren demütigen Sieg ihr zu. Am höchsten Triumph spürte sie die Lücke. Es
+genügte nicht. Das Letzte fehlte. Woher?
+
+Sie hatte Sehnsucht, wußte nicht wohin.
+
+Was Menschliches zu tun war, flammend war es getan. Sie war zufrieden.
+Nichts störte ihr Treiben. Im Lallen des leprosen Idioten formte sich
+glühend ein Glück. Hatte entsagt dem Eigenen. Nichts Einzelnes sog, lockte,
+begehrte. Entwichenes pries nur ihre Unermüdlichkeit. Kein Phantastisches,
+Gewähntes verwirrte. Dennoch fehlt das Letzte, stieg das Sehnsüchtige
+unerträglich. Dreieck spannte sich aus den Brauen, ihr eisgrauer Blick
+streifte das Meer.
+
+Ihr Rücken stieß an etwas.
+
+Ein Baum.
+
+Der Saft zog in sie, ihren Leib, die Schenkel, das Herz. Das Meer ward ein
+Spiegel, scharf, nebellos: Smaragdene Inseln tauchten aus Fächern der
+Sonne. Abends kamen sie ins Freie. »Meer«, schrieen sie. Die Sonne sank
+blutrot über Herden neuer Inseln. Phalux. Der Ottava rauschte, Flöße und
+Feuer. Warum flog der Körper nicht über das Segel. Tausend Klüver wiegten
+auf dem Ontario, schliffen träumerisch den Horizont stahlblau . . . .
+
+Sie senkte die Lider, hielt die Sehnsucht fest im Innern, sie durchdrang
+sie mit dem Saft in jeder Pore. Ihr Leib und der Baum hoben sich,
+ineinandergeflochten, zum schlankesten Instrument der Sehnsucht. Standen im
+Traumgrau der Landschaft aufgerichtet, eine Flöte. Der Klang des Blutes,
+weich sich hebend, nur nach Getrenntem gierig, war Schmerz des Rohrs nach
+der Weide, aus der es geformt. Wurde tigerhaft, stürzte durch die Gefäße,
+ein Aufschrei: zurück zur Heimat.
+
+Der Morgen ging auf.
+
+Ein Segelschiff bootete aus. Sie nahm es. Eine Stadt entschwand. Nebel
+rollten unter der Sonne. Unter braunen Segeln entschwand glühend das
+Kupferbergwerk in die Klippe. Noch einmal standen die Flaggen starr. Dann
+fraß das Meer mit einem Ruck das Ganze.
+
+Stand am Schornstein, ging auf Verdeck mit großen raschen Schritten,
+schaukelte mit jeder großen Woge, ging hinunter, hinauf, es kam ihr
+entgegen. Der magische Pol ihrer Jugend streifte ihr zu, je näher sie
+rückte. Studierte Barometer, Karten, die Lotung. Traf Beamte, frug, sah den
+Kapitän, lächelte. Wind trug ihr Frische zu. Schaum, vom Bug
+heraufgeschlagen, legte sich köstlich auf ihre Haut, Schmelz blühte sie
+hoch. Abends unter der eingeholten Fahne kam es: Sie hatte Kraft
+verbraucht, ihr Leben hingegeben, Stück für Stück vergeben, gezahlt im
+Guten wie im Bösen. Die Spannung blieb wohl, die sie schnellte. Aber erst
+der Saft der Erde, aus der sie kam, durchdrang sie neu, strebte ihr
+entgegen. Kräftigte sie und machte sie schön, glühend, auf langen Beinen
+die zarterhaltenen Brüste, der wilde Zug um den demütigen Mund, die heißen
+großen Lippen: daß sie die Stärke habe, tätig und unermüdlich wachsend und
+handelnd zu warten, Di Contis Vermächtnis erfüllend, daß irgendetwas,
+Erdbeben, ein Komet, die faulige Erde (geschminkt zwar und kokottenhaft
+noch lächelnd in ihrer Raserei), durchwühle und stürze, daß Schicksal sich
+balle und sie selbst zurückkehre, die Maschine zu entfachen in den großen
+Kreis der Tat, gespeist aus dem Atem ihrer Jugenderde zu Mut und
+unentspannbarer Dauer.
+
+Ein Mittag scholl. Klippen. Der Lorenzo. Möven in Spiralen durchwälzten die
+Luft. Kanonen brüllten. Der erste Halteplatz kam. Sie raffte die Plaids.
+Langsam zählte sie die Koffer, etikettierte, ging über den Steg ins Boot,
+ans Land. Das Gepäck häufte sich um sie in der Morgendämmerung, noch grau
+unter Bäumen. Ein Park von Wagen scharrte um sie. »Hinweg . . . hinweg --«,
+ein Diener stieß sie an, rief einen Namen, rief den Namen, rief ihn
+dreimal. Hinter ihr Kommende drückten, kamen vor sie, verdeckten. Da
+dienerte ein Neger. »Nein.« Er lutschte die Zunge zurück, steckte die
+kleinen Finger in die Ohren, wiegte auf den Beinen. Über ihrer Achsel
+schwebte etwas, ein Eselmaul schrie, den Hals hoch neben ihrem Ohr. Etwas
+fiel vor ihr hin, als klatsche ein nasser Fisch auf Stein. Sie bückte sich,
+faßte ihr Paket, sah rasch auf. Ein Schatten blitzte vorüber. Sofort schloß
+sie die Augen, griff namenlos entsetzt an die Brust. Es spielte sich
+beißend ab unter den geschlossenen Lidern: Ein Mann mit Lichtkonturen
+machte eine Bewegung, aber er riß nichts heraus, sondern streifte die Hand
+nach ihr, schob etwas in sie hinein. Eine Beglückung durchfuhr sie, stieg
+in ihre Haut, in die Warzen der Brust. Sie schwebte. Sein Gesicht war
+blond, gescheitelt, das eines Skandinaven, die Figur ihres Traumes, ihrer
+Sehnsucht. Ihre Augen hoben sich, es verschwand, das Erhobene, Blutsüße
+blieb. Gepäckträger häuften ihre Koffer auf einen Wagen. Sonne stach durch
+das Grau, brauste mit einer Welle durch die Zweige. Ein Wagen streifte ihre
+Schulter, schmiß sie fast um. Sie drehte unter der Gewalt des Stoßes sich
+um die Achse. Eine rauhe Stimme brüllte: »Idiot.« Sie steckte das Paket in
+die Manteltasche, wieder blitzte der Schatten, nur ähnlicher, sie
+erbleichte. Zitternd hob sie mit der Hand aus der Tasche die drei achatenen
+Kugeln. Zurück? Sie dreht sich wild herum. Die Wagen scharren alle, bewegen
+sich, ein Gewölk unter den Palmen. Eine Lichtung entsteht.
+
+Da steht darin Caspare Symes. Neben ihm ein Pferd.
+
+Die Kluft ist zu groß -- ihr Herz erstarrt -- zwischen ihm und ihrem Leben.
+Sie hat überwunden, längst. Die unbefangenen Gefühle fehlen zu dem, was im
+Menschlichen ihr am erstrebenswertesten schien. Vorbei. Sie zieht den Mund
+ein.
+
+Als er den Kopf bewegt, hebt sie die Achseln, ein wenig, zuckend. Sie
+schüttelt den Kopf. Nun rast ihr Herz.
+
+Da sieht sie erschreckend, daß sein Gesicht verändert ist. Di Contis Atem
+schlägt ihm aus der Haut, sein Geist vom Auge. Seuche, Leidenschaft,
+Erlebnis haben ihn geschlossen zu unsterblich menschlicher Schönheit.
+
+Da erkennt sie in ihrer tiefsten Minute plötzlich: Daß dies ihr aufgespart
+war, damit sie vor eigenem Glück das Größere, Menschliche erst erfahre. Und
+da sie tapfer gekämpft bis auf die Höhe, schlägt der andere Pol ihres
+Lebens ins Zentrum, wächst, beglückt, ist da, ist da.
+
+Und da sie nicht enttäuscht und feig vom Dasein kam, sondern durch größte
+Bemühung nur der Weisheit näher ein Geringes gekommen, geladen mit Kraft,
+gegen die Welt zu stoßen, sie zu ändern und Contis Hebel aufzuschlagen aus
+dem nun unfehlbaren Gehäuse, wandte sie ihm, der auf sie zuging, kurz und
+heiß die Hand zu:
+
+»Komm.«
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Achatnen Kugeln, by Kasimir Edschmid
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ACHATNEN KUGELN ***
+
+***** This file should be named 39277-8.txt or 39277-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/3/9/2/7/39277/
+
+Produced by Jens Sadowski
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
diff --git a/39277-8.zip b/39277-8.zip
new file mode 100644
index 0000000..25a12e8
--- /dev/null
+++ b/39277-8.zip
Binary files differ
diff --git a/39277-h.zip b/39277-h.zip
new file mode 100644
index 0000000..fe4ce30
--- /dev/null
+++ b/39277-h.zip
Binary files differ
diff --git a/39277-h/39277-h.htm b/39277-h/39277-h.htm
new file mode 100644
index 0000000..f9fd454
--- /dev/null
+++ b/39277-h/39277-h.htm
@@ -0,0 +1,10553 @@
+<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
+"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
+<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml">
+<head>
+<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" />
+<title>Die Achatnen Kugeln</title>
+<!-- AUTHOR="Kasimir Edschmid" -->
+<!-- LANGUAGE="de" -->
+
+<style type='text/css'>
+body { margin-left: 15%; margin-right: 15%; }
+h1 { text-align: center; margin-top: 1%; margin-bottom: 5%; page-break-before: always}
+h2 { text-align: center; margin-top: 5%; margin-bottom: 5%; page-break-before: always; page-break-after: always}
+p { margin-left: 0%;
+ margin-right: 0%;
+ margin-top: 0%;
+ margin-bottom: 0%;
+ text-align: justify;
+ text-indent: 1em;
+ }
+p.noindent { text-indent: 0; }
+p.right { text-indent: 0;
+ text-align: right;
+ margin-left: 8%; margin-right: 4%;
+ margin-top: 0%; margin-bottom: 2%;
+ }
+
+div.poem {
+ margin-left:10%;
+ text-align:left;
+ text-indent:0;
+ margin-top: 2%; margin-bottom: 2%;
+ font-size: small;
+}
+p.line { text-align:left; text-indent:-2em; margin-left:2em; }
+
+p.signature {text-indent: 0;
+ text-align: left;
+ margin-left: 20%; margin-right: 0%;
+ margin-top: 1%; margin-bottom: 2%;
+ }
+p.blockquote {text-indent: 0;
+ margin-left: 8%; margin-right: 4%;
+ margin-top: 2%; margin-bottom: 2%;
+ }
+p.center { text-indent: 0; text-align: center; margin-top: 0%; margin-bottom: 0%; }
+
+p.firstwo { text-indent: 0% }
+p.first { text-indent: 0% }
+span.firstchar {
+float:left;font-size:3em;line-height:0.8;padding-top:1px;padding-bottom:1px;padding-right:2px;
+}
+.small { font-size:small; }
+.large { font-size:large; }
+.sperr { letter-spacing:.1em; }
+span.underline { text-decoration: underline; }
+
+a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); }
+a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); }
+a:hover { text-decoration: underline; }
+a:active { text-decoration: underline; }
+
+ul { margin-left: 0; padding-left: 0; }
+.trnote {
+ font-family: sans-serif;
+ font-size: small;
+ background-color: #ccc;
+ color: #000;
+ border: black 1px dotted;
+ margin: 2em;
+ padding: 1em;
+ page-break-before: always;
+}
+li { text-align: left; margin-bottom: 0.5em; margin-left: 1em; }
+.trnote ul li { list-style-type: square; }
+
+.centerpic {
+ text-align: center;
+ text-indent: 0%;
+ display: block;
+ margin-left: auto;
+ margin-right: auto;
+}
+
+</style>
+</head>
+
+<body>
+
+
+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Die Achatnen Kugeln, by Kasimir Edschmid
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die Achatnen Kugeln
+ Roman
+
+Author: Kasimir Edschmid
+
+Release Date: March 27, 2012 [EBook #39277]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ACHATNEN KUGELN ***
+
+
+
+
+Produced by Jens Sadowski
+
+
+
+
+
+</pre>
+
+<div class="centerpic"><img src="images/cover.jpg" alt="Cover"/></div>
+
+<div class="trnote" style="page-break-before: always; margin-top: 5em; margin-bottom: 5em;">
+<p class="center">
+<a href="#Anmerkungen">Anmerkungen zur Transkription</a> finden sich am Ende des Buches.
+</p>
+</div>
+
+<h1 class="sperr" style="page-break-before:always">
+Die<br />
+Achatnen Kugeln
+</h1>
+
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="center sperr">
+Roman<br />
+<br />
+<span class="small">von</span><br />
+<br />
+<span class="large">Kasimir Edschmid</span>
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="center sperr small">
+Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin 1920
+</p>
+
+<p style="page-break-before: always">&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="center small">
+Alle Rechte vorbehalten<br />
+Copyright 1920 by Paul Cassirer, Berlin
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="center small">
+Geschrieben Neunzehnhundertvierzehn bis Neunzehnhundertachtzehn
+</p>
+
+<p style="page-break-before: always">&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="center sperr">
+<span style="letter-spacing:1em;">Gruß</span><br />
+<br />
+an<br />
+<br />
+René Schickele
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<!-- page 007 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1">Vorspiel
+</h2>
+<!-- page 009 -->
+
+<p>Nun stiegen sie schon die zweite Stufenreihe hinunter.
+Immer sahen sie auf der anderen Seite
+die schwarzen Schatten, die sich wie sie selbst bewegten.
+</p>
+
+<p>Die Wasser rauschten langsam. Als sie die dritte
+Terrasse erreichten, kehrten sie um nach der anderen
+Seite, die schwarzen Schatten schwenkten und traten
+auf sie zu. Da kam aus dem See unten ein silberner
+Strahl, er glühte auf, Licht strömte die Neigung der
+Rasenterrasse herauf.
+</p>
+
+<p>Das Schloß über ihnen schlug eine Mondflamme
+in den Himmel.
+</p>
+
+<p>Zwei Herren traten zur Seite, die anderen bogen
+Halbkreise um die Gegner, die die Mäntel abwarfen
+und in weißen Samthosen, die Brust offen unter dem
+Hemd, sich gegenüberstanden. Ein flüsterndes Signal
+überklirrte das Metall. Aus dem dunklen Laubgang
+stöhnte ein Vogel. Ein Mann fiel um, den Säbel
+in der Gurgel, die Augen nach oben gebrochen.
+</p>
+
+<p>Der andere warf sich aufs Knie. Schob mit dem
+Daumen die Lider des Liegenden probend herunter, sie
+schnellten wieder über die gläserne Pupille zurück und
+<!-- page 010 -->
+hefteten sich auf den Knauf des Degens, der ihn durch
+die Kehle auf das Rasenbeet kreuzigte. Da stand der
+andere auf, schüttelte die Haare. Das war vorbei.
+</p>
+
+<p>Er sah sich um, empfand atmend die helle Nacht, die
+mächtig gewölbt war.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Mein Herr .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; sagte der Sekundant des Gegners.
+Er deutete mit lockerem Handgelenk auf den
+Toten.
+</p>
+
+<p>Der Marquis neigte den Kopf nach ihm. Was
+ihn erfüllte, verschwand. Die steife Gebärde des Todes
+löschte die Wut des Abenteuers. Er sah auf, die Seele
+nicht mehr zusammengezogen. Wie schien der Mond
+feurig und entflammte purpurrot die Zweige.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Zaudern Sie nicht&ldquo; &mdash; flüsterte der Sekundant,
+&bdquo;sofort zu begreifen, daß Sie im königlichen Garten
+sind. Jetzt noch zu leben, heißt nur bedingt und halb
+ein Lebender zu sein.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Vaudreuil trat mit einer Verbeugung zurück. Ein
+spöttisches Lächeln kniff in seinen abwesenden Mund.
+Dann kam der Laubengang. Das Dunkel der Nacht
+saß darin, unaufgescheucht vom Licht. Die weißen Hermen
+glommen aus der blauen Dämmerung. Nun paradierte
+ihn die Wache.
+</p>
+
+<p>Die Rondells mit den Fontänen waren beinahe rot,
+und die Tritone schäumten vor sich hin. Auf den Seiten
+verschwammen die Alleen flaumiger Dämmerung. Eine
+quecksilberne Säule stand das Schloß aufgerichtet neben
+<!-- page 011 -->
+ihm. Zwischen dem Schwung von zwei Koniferenästen
+zog sich der ganze Garten noch einmal zusammen.
+Dicht über dem tiefen Wasserspiegel am Ende der gesenkten
+Terrassen hing riesenhaft der Mond.
+</p>
+
+<p>Im runden Ausschnitt der Tanne hing eine Spiegelung,
+wie aus Silber eine metallene Platte.
+</p>
+
+<p>Nächte voll Schwärmerei und Lichtern hoben sich
+über dem Park, zogen rasch vorüber. Zuckende Frauenleiber
+sträubten sich vor ihm auf. Ein großer Ritt,
+der ihn mit Ruhm behängte, glitt durch die Luft,
+sein Bein hing blutend in der Bügelung. Ehrgeizige
+Spiele, sehr erleuchtete gläserne Säle .&nbsp;.&nbsp;. Teile
+des Gartens dampften, brachen auf, Nischen entlaubten
+sich, Gänge warden ohne Dunkel. Gab es nicht
+eine Frau?
+</p>
+
+<p>Eine Frau, ohne Geheimnis am Körper, verlogenen
+reizlosen Hirnes, ohne Leidenschaft der Erfindung, gut
+für Lakaien. Dennoch schlug er sich heut um ihre roten
+Haare. Dies ist das Dasein. Er lächelte, als ob
+er die weiße Zofe in den Flieder herunterpfiff oder
+die Pikardin berührte, die bleich durch eine Laube in
+der Parkecke auf ihn wartete.
+</p>
+
+<p>Das Bild brach ab.
+</p>
+
+<p>Aus allen Bosketts flossen Blumenrüche. Eine Nachtigall
+jagte einen süßen wilden Schrei schlaftrunken ins
+Gebüsch.
+</p>
+
+<p>Er sah ohne den Schleier der Spiegelung in den
+<!-- page 012 -->
+Park. Die Grimasse des Totengesichts, von seinem stählernen
+Witzwort in der Gurgel gefaßt, stak am Boden,
+bläkte ihn an. Das Schicksal riß durch sein Herz.
+Waren diese Terrassen nicht verbraucht bis zum Irrsinn,
+entblättert die Lauben beim dritten Knie schon, das
+er darin geöffnet. Blieb ohne die Erregung des eigenen
+Blutes, das sein Feuer zu fremden Abenteuern sich
+schuf, nichts übrig wie nackte Enttäuschung, schon oft
+Gelebtes, sinnlos Wiederholtes. Er zog den Degen
+an sich, fror am Eisen. Da sah der Marquis hinuntergleiten
+in den See, was ihn ausgefüllt hatte die
+Jahre. Die Herren, mit denen er soff und spielte und
+sich schlug, Damen daneben und Hunde, die an ihren
+Knieen wehmütig zitterten und leicht mit dem Kopf
+nickend ihn verließen. Dann trat das alles schon nicht
+mehr ihm zugehörig von der Neigung der letzten Rasenfälle
+in Berührung mit dem Wasser. Der Mond
+nahm es auf und bog es aus dem Park. Der Marquis
+sah zu, raffte sich auf, ohne Zorn, ohne Reue.
+</p>
+
+<p>Als er sich aber umbog, überfiel ihn alles, und er
+krümmte sich vor Schmerz über den Abschied, so sehr
+hing sein Herz an der Erde, auch wenn sie verbraucht war.
+</p>
+
+<p>Angst kam auf ihn, wenn er bleibe, daß er, eingekerkert
+in steinerne Mauern, keine Sonne mehr sehe.
+Wie liebte er die Freiheit.
+</p>
+
+<p>Er machte zwei große Schritte, reckte sich steif, hoch,
+das Gesicht in Ruhe, ging überlegen und sicher .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+<!-- page 013 -->
+wankte und zog den Mantel über den Kopf und
+weinte. &bdquo;Nicht weinen Vaudreuil,&ldquo; rief er sein Herz
+an, stieß den Degen fluchend auf den Boden, biß in
+den Mantel, zerrte an dem Tuch, &bdquo;was weinst du,
+Affe .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Allein er konnte seinen Schmerz nicht
+kränken und schluchzte, als er, den Seitenflügel umschreitend,
+den großen Empfangshof betrat, der unter
+seinen Schritten leise aufscholl. Er blieb da stehen.
+Kein Garten stand mehr vor ihm. Das große Gebäude
+verdeckte ihm den Mond. Er hatte noch nie
+Abschied genommen.
+</p>
+
+<p>In der Kehle ein Zittern riß ihm den Schmerz
+bis zu den Zehen. Dies flimmernde Weiß an den
+Rändern des Schlosses, die Pflastersteine, die der Mond
+blau schlug .&nbsp;.&nbsp;. er wollte sich daran halten, sein Herz
+klammerte sich an das Licht, an die Luft. Sie hielt
+nicht.
+</p>
+
+<p>Lautlos, taumelnd ging er zum Tor. In weißen
+Samthosen, die Brust frei unter dem zerrauften Hemd.
+Die Wache trat vor, grüßte und grinste. Ein Soldat
+sprang in seinen Schatten und bog den Bauch in Verrenkungen
+hin und her. Sie hielten ihn für betrunken.
+</p>
+
+<p>In der Dämmerung rannten die Pferde nach der
+Küste. Das zweite trug den Diener, das dritte Gepäck,
+Geldrollen, Hemden, Waffen.
+</p>
+
+<p>Die Stirnen der Gäule wandten sich im Kreis, zuerst
+gegen Havre zur Täuschung, dann ganz herum gedreht
+<!-- page 014 -->
+nach Dieppe. Paris fiel zurück unberührt. Dann
+warfen sie die Gäule nach Westen, schoben eine
+südliche große Linie nach Rochelle. Als sie bogen,
+flammte die Sonne über Versailles. Tief im Süden
+sahen sie, rastend in einem Dorf, fern das Sommerschloß
+des Marquis. Er ritt davon weg. Dann
+von eigenwilligen Dämonen getrieben, ging die Fahrt
+im Zickzack. Eine Erhebung hinauf, schräg herunter .&nbsp;.&nbsp;.
+nach einer schweren Stunde waren sie wieder auf dem
+Hügel von der anderen Richtung her. Baptiste sagte
+kein Wort und folgte. Gegen Mittag fluchte der
+Marquis, sie jagten um einen See. Durch Schilf,
+über Wiesen mit Rehböcken, die spielten, ging es
+stundenlang. Baptiste zog die Riemen der Ledertaschen
+auf und zu. Am Mittag brachen sie aus
+Weidenunterholz und waren wieder an dem See. Der
+Marquis ließ die Gäule saufen, ritt rechts in ein Tal,
+sprang plötzlich wild über einen Gießbach und jagte
+zurück, an dem See vorbei in die Landschaft der Küste.
+Gegen Abend lahmte das Pferd. Baptiste stieg ab,
+massierte das Bein. Der Marquis stieg auf. Er ritt
+zweimal im Kreis, dann jagte er in den eigenen Spuren
+zurück. Gegen Abend kamen sie an den Hügel, später
+durch das Dorf. Die Sonne ging unter. Links lag
+das Sommerschloß. Sie ritten direkt darauf zu. Sanft
+stiegen über die Mauern die hellen Bogen der Springbrunnen.
+Aus der einstöckigen Front schimmerten die
+<!-- page 015 -->
+vielen bis zum Boden gesenkten Fenster. Die Kieswege,
+angelegt für die Zärtlichkeit von Frauenschenkeln, lagen
+träumerisch im Schein des südlichen Abends. Der
+Marquis ließ Baptiste vorreiten. Er ritt in den <a id="corr-1"></a>Bügeln
+stehend, die Mauer war hoch. Sie hielten nicht
+an, sprengten am Ende die Mauer wieder zurück, dann
+hatte der Marquis ein Messer verloren. Sie fanden
+es nicht. Sie ritten hinunter, dann in die Nacht, die
+anfing. Die Pferde liefen wie die Teufel.
+</p>
+
+<p>Das Meer kam, vom Wind geschlagen. Nebel
+klatschten graue Wellen über die Küste. Der Segler
+lag weit draußen und löste die Anker. Matrosen warfen
+die Mantelsäcke in die Barke, griffen zu den Rudern.
+Vaudreuil sprang hinein. Der Steuermann stieß das
+eine Bein gegen den Pflock, sah auf. Oben stand Baptiste.
+Der Marquis erbleichte. Der Diener stand schlaff.
+Dann trat er einen Schritt zurück.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Zwölf Jahre waren Sie bei mir .&nbsp;.&nbsp;. hielt ich Sie
+nicht wie einen Pagen .&nbsp;.&nbsp;.?&ldquo;
+</p>
+
+<p>Der Marquis stand aufgerichtet im Boot, das
+schwankte unter krachenden Wellen. Aber der Diener ballte
+die Faust, wies auf das Meer, das sich dunkel donnernd
+zusammenballte! &bdquo;Bin ich ein Hund, daß Sie mich
+mitreißen auch da hinaus .&nbsp;.&nbsp;. zwölf Jahre habe ich
+Bügel gehalten, vor Frauenhäusern gelauert .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;, er
+röchelte und verzerrte sein Gesicht vor Haß.
+</p>
+
+<p>Da stieg dem Marquis das Grauenvolle des Abschieds
+<!-- page 016 -->
+bitter in die Kehle wie kein Schmerz. Einen Augenblick
+hob er wie bittend die Hand. Als er von diesem
+letzten schlechten Stück sich riß, versagte sein Herz, daß
+er es demütigte. Er bat eine Sekunde. Dann warf
+der Wind ihm die Haare über das Gesicht.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Bleiben Sie ruhig,&ldquo; sagte er, &bdquo;behalten Sie die
+Pferde. Gehen Sie zurück nach Versailles.&ldquo; Er schrie,
+denn die Flut machte die Luft voll unruhigem Geräusch.
+Das Boot schoß los, sauste eine grüne Welle hinunter.
+Der Marquis nickte vom Rücken der nächsten dem
+Diener zu.
+</p>
+
+<p>Der Segler rollte auf hohen Wellen. Der Marquis
+sah zurück. Auf dem erhöhten Hügel der Mole lag
+Baptiste, das Gesicht stumm gegen den Herrn gerichtet,
+der ihn verließ. Nebel kamen, verwirrten. Lösten sich
+und immer brach sein Bild, auf den Knieen, die Arme verkreuzt,
+durch den Wasserstaub.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Wie feig er ist&ldquo;, sagte der Marquis, &bdquo;und doch
+wie groß seine Sehnsucht.&ldquo; Da begann Baptiste zu
+schreien, als die Barke an den Segler rollte, die Arme
+in die Luft zu stoßen, sein Haß und das Schmierige
+stritten mit dem guten Gefühl. Vaudreuil litt mit dem
+Niederen. Aber er empfand seine Stärke mehr zu leiden
+mit schmerzlichster Beschwingung. Die Tiefe der Erschütterung
+gab ihm ungeahnte Kraft.
+</p>
+
+<p>Taue klatschten aufs Wasser. Dreimal schoß eine
+breite Woge zwischen die Fregatte und sie, teilte sie.
+<!-- page 017 -->
+Dann faßte Vaudreuil die Schlinge. Wie ein Affe
+erkletterte er das Verdeck. Matrosenhände erfaßten seine
+nasse Taille, schoben ihn herein. Das Schiff hatte sich
+weiß beflaggt, bog sich und rauschte. Er sah die Küste
+nicht mehr. Möven lagen auf den Wellenspitzen. Dann
+kamen Tage, wo die Sonne nur da war, der Himmel
+sich seidig zusammenzog. Er sog den Geruch des Meeres
+ein, schaute auf das Spielen von Welle mit Welle,
+der letzte Strich des Horizontes gab seinem Gefühl
+die ruhig sich schaukelnde Sicherheit der Ruhe und
+des Glückes.
+</p>
+
+<p>Am fünften Tag wurden die Segel gerefft, ein Sturm
+legte die Fregatte auf die andere Seite, stieß ein Leck
+in den Speicher. Seekrank lag Vaudreuil auf einem
+Haufen Taue in seiner Kabine. Sein Magen spie
+über Bett und Tisch. Sein Geist litt unter der Beschmutzung
+seiner Kleider. Sein kraftloser Körper, den
+nur einmal in Barbizon nach einer ausschweifenden
+Woche mit Lilotte, der Tänzerin des Dauphin, ein
+Purgier mit Schweiß befreite, litt unter der Ohnmacht
+und stemmte sich mit Wut dagegen. Aber die Dauer
+des Zustandes führte ihn in die Überwindung. Ohne
+Zorn fand er sich darein, daß seine Kabine stank wie
+ein Stall, daß er tagelang kotzte. Als er geduldig
+ward, befreiten ihn helle Tage. Die Angel lag auf
+dem spiegeligen Wasser. Matrosen saßen in den Takelungen.
+Mit weiß knatternden Spitzen schlug das Meer
+<!-- page 018 -->
+gegen den blau aufbrechenden Horizont. Er fing Germanen,
+köpfte sie, warf die Körper den Kabeljaus zum Fressen
+hinunter, briet die Köpfe. Nie aß er früher so weißes
+Fleisch. Erfinderisch geworden in der Ruhe, erfand er
+neue Speisen. Er röstete Flossen, briet Herzen. Der
+Tag ward ihm phantastisch, spielend überwand er die
+Melancholie der Abende.
+</p>
+
+<p>Das Schiff wendete. Die Segel klatschten, standen
+dick voll Wind. Matrosen liefen mit Haken und Büchsen
+nach Backbord. Da stand am Horizont ein Schiff
+in der Form saletanischer Piraten, das braune Segelzeug
+schoß scharf drachenhoch vor dem Gelb. Der Kapitän
+schrie. Aus den Verstauräumen kamen Kanonen angeschleppt,
+die sonst das Gleichgewicht des Schiffs gegen
+den Wind stärkten. Da brauste es aus dem Sprachrohr
+des Drachenschiffs: &bdquo;Vila&ldquo;.
+</p>
+
+<p>Da begannen die Matrosen zu grinsen, einer sang.
+Sie zogen die Hemden aus und winkten in ihren bronzenen
+Brüsten hell zwischen den Leinen und dem blühenden
+Himmel. Denn das Schiff war gascognisch.
+Vaudreuil blies die Backen auf und ging hin und her
+den Abend.
+</p>
+
+<p>Zwischen zwei Felsen fuhren sie in den St. Lorenz.
+Die Wände standen wie Pyramiden. Schwärme langgehalster
+Vögel hoben sich, zogen endlose Spiralen
+immer höher und schrieen. Morgens booteten sie aus
+nach Quibek. Vaudreuil ging sofort zum Fort. Die
+<!-- page 019 -->
+Straße war kotig. Mit schmutzigen Schuhen und
+Strümpfen kam er, nach Tang riechend, an die <a id="corr-2"></a>Palisaden
+und nannte seinen Namen.
+</p>
+
+<p>Abends erschien der Kommandant zum Bankett. Er
+hatte den ganzen Mittag die Finger seiner Hände hin
+und zurück gezählt, um nicht sofort hinzulaufen. Jedoch
+der Drang seiner Würde war größer als seine Neugier.
+Auf Vaudreuils anderer Seite saß der Bischof
+in violettblauer Sutane. Ihre Fragen umzingelten ihn,
+faßten ihn von immer neuen Seiten. Sie schlürften jedes
+Wort. Der Geruch Europas war noch an ihm. Sie
+hielten sich gerade, aßen mit Bewegungen, die ihren
+Namen entsprachen, wenn auch ihre Stoffe derb waren,
+ihre Schuhe aus Rindsleder, das roch. Er gab, was er
+wußte, vom Hof, den Städten, den Frauen, teilnahmslos,
+halb Gelöschtes aus seinem Gedächtnis. Der Bischof
+riß einen Fisch mit beiden Händen am Schwanz auseinander
+und frug: &bdquo;Was planen Sie hier?&ldquo; Aber
+Vaudreuil zuckte die Schultern. Sie wurden verlegen.
+Der Kommandant trank rasch. Der Bischof leckte an
+seinen fetten Fingern. Sie schwiegen eine Zeitlang.
+</p>
+
+<p>Beim Dessert verloren sie ihre Haltung. Vaudreuil
+kam beim Pharao in Verlust. Als sie zwei Rollen
+Louis gewonnen hatten, wurden sie höflicher vor seinen
+Mitteln. Um vier begannen sie, gebranntes Wasser
+zu saufen. Boys brachten Kübel. Um fünf saßen sie
+hinter den Karten. Vaudreuil hielt Bank, gewann
+<!-- page 020 -->
+zurück. Ein Fähnrich kam in Verlust, man verweigerte
+seine Bons. Er hockte sich in die Ecke, schrie: Germaine
+.&nbsp;.&nbsp;. sah nur Waden, beschrieb sie mit dem
+Finger, leckte das Maul. Ein Offizier fiel um wie
+vom Schlag gerührt. Der Kommandant zuckte die
+Achseln: &bdquo;Er liebt, seinen Gewinst festzuhalten.&ldquo; Seine
+Hand schrieb eine Anweisung, die er rotglühenden Auges
+Vaudreuil hinüberreichte. Sie machten eine Pause,
+aßen kleine scharfe Fische.
+</p>
+
+<p>Der Bischof hob den Arm. Schwenkte den andern
+auf, hob sie und senkte sie heftig, bis der Apparat
+rauschte, seine blecherne Stimme anfing zu singen.
+&bdquo;Fettes Schwein&ldquo;, sagte der Kommandant und schlug
+im Takt die Fäuste auf den Tisch. Ein Hauptmann
+taufte einen Eingeborenen. Das Zimmer dick vor
+Rauch.
+</p>
+
+<p>Sie kehrten zurück zu den Karten. Die Sonne stand
+draußen. Der Bischof setzte die Sutane. Verlor. Der
+zweite Fähnrich begann ihn sofort zu entkleiden, wollte
+ihn als Adam durch den Morgen führen. Der Bischof
+quietschte mit Faseltönen, flatterte mit den Händen,
+umwirbelt von Dampf. Er stank aus jeder Pore.
+Dann weinte er und psalmodierte eine Beichte. Der
+Kommandant bog sich von seinem Stuhl, fiel krachend
+zurück in die Lehne, beugte sich wieder, krampfte die
+Arme über den Bauch und bekam das Maul nicht zu
+vor Geheul. Vaudreuil ging hinaus.
+</p>
+<!-- page 021 -->
+
+<p>An der Palisade erreichten ihn Schreie. Die Fähnriche
+brachten die Sutane geschleift. Am Fenster hing
+der Mondbauch des nackten Bischofs. Eine Hand hob
+sich über ihm, klatschte auf feine fette Schulter. Des
+Bischofs Arme zeterten herunter, er wand sich. Seine
+Schinken hingen zum Fenster heraus. &bdquo;Also doch .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+Vaudreuil bot Ohrfeigen mit, der flachen Hand. Sie
+zogen. &bdquo;Germaine&ldquo;, brüllte der eine und fuchtelte in
+der Luft. Vaudreuil schonte ihn, wandt sich zum anderen,
+der stieß ihm, schmalnasig und hager, im selben
+Augenblick leicht in die Achsel, warf seinen Degen weg,
+salutierte mit der Hand. &bdquo;Es hätte auch die Kehle
+sein können.&ldquo; Vaudreuil packte die Sutane mit den
+Fingerspitzen, trug sie hinaus. In der Mitte des Zimmers
+lag ein Haufen Fett, das den Himmel vertrat, vor
+dessen Umarmung jede trübe Zofe flöhe. Er legte den
+blauen Rock auf den Haufen.
+</p>
+
+<p>Den Rückweg verlegte der Kommandant an den
+Palisaden. &bdquo;Den Degen.&ldquo; Der Fähnrich, zwölf
+Soldaten hinter ihm. Vaudreuil lachte, denn seine
+Stimme lallte und überschlug sich vor Besäufung.
+Er richtete die Spitze des Degens nach hinten, ging
+so auf die Wache zu. Sein Lachen steckte an. Zuerst
+prustete ein Soldat. Dann lachten sie alle, schlugen
+sich auf die Schultern, auf den Bauch, ohrfeigten sich,
+begannen eine Prügelei. Der Fähnrich zog ein Lächeln
+um den dünnen Mund und salutierte. Der Kommandant,
+<!-- page 022 -->
+Sergeant an Wuchs, donnerte wütend, die
+Soldaten johlten weiter. Der Kommandant torkelte
+einem an den Hals, umarmte ihn, fiel um, ward
+aufgehoben, schlug sich den Bauch vor Lachen. Er
+kommandierte die Wache zum Salutieren, es geschah
+unter Schwanken. Arm in Arm mit Vaudreuil verließ
+er das Fort.
+</p>
+
+<p>An der Ecke blieb er stehen, stampfte auf, um fest
+zu stehen. &bdquo;Ich muß Sie verhaften, ohne Zweifel.&ldquo;
+Er stemmte sich mit dem Rücken gegen ein Haus,
+rülpste Gelächter. &bdquo;Ich warte bis zum Abend.&ldquo; Sie
+zogen durch die Kneipen. In der dritten entlieh er
+eine Rolle Louis. Vaudreuil schlug sie ab. Es gab
+einen Skandal. Mitten in der Szene vergaß er es
+wieder, versprach Vaudreuil Weiber, frug nach Paris,
+schlief schnarchend ein. Die Nase fiel auf den Tisch,
+begann zu bluten. Eine Rinne lief ganz langsam über
+die Platte, schwenkte nach rechts, lief nach links. Vaudreuil
+blieb sitzen, bis es ihn erreichte. Dann stand er
+auf.
+</p>
+
+<p>Am Bootshaus lag sein Gepäck. Vor der Mole
+schaukelte ein großes Segelboot. Wohin? Nach
+Montreal. Er erklomm das Schiff an der Seite,
+wo Männer loteten; setzte sich unter ein Sonnensegel,
+zog ein Buch aus der Manteltasche, begann
+zu lesen. Die Eingeborenen sangen vor sich hin, indem
+sie die Segel besorgten. In der Stille verengte
+<!-- page 023 -->
+sich der Fluß, das Meer blieb stürmisch mit schlagenden
+Wellen zurück.
+</p>
+
+<p>Plötzlich stand ein Mann vor ihm, sprach ihn an,
+verdrehte die Augen, schnitt Fratzen und bog die Nase
+nach oben. Zuckte mit den Achseln und zwitscherte wie
+ein Vogel. Öffnete die Hand, schloß die Hand, verkrümmte
+sich und blinzelte. Wandt sich von Vaudreuil,
+der weiter las, nach der anderen Seite der Bank,
+verneigte sich, schwang die Arme nach hinten. Da saß
+ein Offizier mit einem Orden, winkte mit der Hand,
+das Individuum verschwand unter den Fäusten der
+Matrosen. Vaudreuil sah auf, beugte sich etwas gegen
+den Offizier. Der erhob sich: &bdquo;Courbisson&ldquo;, der Gouverneur.
+Vaudreuil blinzelte, schob den Mund schief,
+begann weiterzulesen. Die Adlernase kam im Bogen,
+hing vor ihm, schnitt die Luft:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Sie brachen heute mein Gesetz.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Es waren Schweine. Soll dieser Irrtum .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Haben Sie zu verlieren?&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Das Leben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Sie wissen es einzusetzen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Der Ehre halber.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Das genügt nicht. Bei diesen Menschen bedarf es
+mehr.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich bin am Ende. Sah den Arsch des Bischofs
+die erste Nacht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Der Gouverneur griff an seinen Hut, grüßte, die
+<!-- page 024 -->
+Matrosen begannen zu schreien. Baumstämme kamen
+angeschwommen, sie halsten, bogen aus, im Schwung
+umschwebte sie eine betäubende Insel. Der Gouverneur
+strich den Knauf, aus dem ein Löwe in die Luft biß.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich bitte um zwei Fragen .&nbsp;.&nbsp;. haben Sie Mittel?&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Die Diskretion der ersten läßt mich auf die zweite
+verzichten.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich rede in einer dringlichen Sache meines Herzens
+geschäftlich,&ldquo; der Gouverneur verneigte sich. Ein Haar
+breit.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich habe keine Geschäfte.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Da stieß der Gouverneur einen Fluch in die schmalen
+Lippen. Vaudreuil machte eine unwillkürliche Bewegung.
+&bdquo;Nein&ldquo;, sagte der Gouverneur, lächelte zerstreut, gewinnend,
+Unruhe wölkte seine Stirn. Da legte Vaudreuil
+sein Buch hin, kam ihm entgegen: &bdquo;Verhandeln
+wir.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Courbisson errötete gegen die grauen Schläfen, begann
+sofort mit Charme zu reden. Vaudreuil sah ihn
+aus aufgerissenen Augen an. Beim zweiten Satze des
+Gouverneurs schlief er ein.
+</p>
+
+<p>Als er erwachte, war es hoch im Mittag. Er war
+allein. Die Ketten rasselten, die Segel hingen eingerefft,
+gebunden, der Anker hielt. Eine Landschaft kam
+mit Wiesen heruntergespielt <a id="corr-3"></a>zum Fluß. Er sah große
+Fasane, stieg aus zur Jagd. Die Nacht brach er durch
+<!-- page 025 -->
+Büsche auf dem Rückwege, fand ein Blockhaus. Auf
+Heu schlief er. Morgens lockten die Stimmen der
+Tiere sein Blut, er bestieg das Schiff nicht, blieb acht
+Tage, streifte, jagte, brach in das Dickicht, das ihn
+schluckte, einsog.
+</p>
+
+<p>Am neunten Tage trieb er ein Boot auf, fuhr langsam
+hinunter nach Montreal, kaufte fischenden Matrosen
+ihre Kleider für die Jagd, trat in ein Blockhaus,
+spreizte die Beine, warf den Kopf zurück und
+zeigte eine Landkarte, fixierte ein Stück mit dem Blei
+am Ufer. Hinter dem Tisch der breite Mann zog den
+Spitzbart. Vaudreuil sah in die Luft. &bdquo;Das Stück
+ist zehn Klafter breit,&ldquo; sagte der Verkäufer. Vaudreuil
+zuckte die Achseln. Der andere zog die Lippen nach
+vorn, schrieb, Vaudreuil zahlte eine halbe Goldrolle,
+drehte um. An der Tür zögerte er kurz, ging hinaus,
+kehrte nach zehn Schritten um, zirkelte zu dem Flußgebiet,
+das er gekauft hatte, das ganze Hinterland
+dazu, sah fragend auf. Der Verkäufer grinste und
+schrieb ihm den Urwald noch dazu.
+</p>
+
+<p>Er mietete ein Rudel Gesindel, fuhr mit ihnen hinauf,
+ließ Hütten bauen. Bald kamen Eingeborene. Mit
+Negern, die er kaufte, gründete er den Kral. Dann
+warf er das Geld gegen den Urwald. Ein wütender
+Kampf bellte auf. Der Wald wucherte mit Sumpf
+und Pflanzen gegen ihn auf. Tag um Tag fraß seine
+Horde sich in den Wald. Er wirbelte die Äxte hinein,
+<!-- page 026 -->
+schnitt mit Feuer Lücken, brach Boden auf Boden ab.
+Er umzingelte mit einer Gasse, die die Kerle schlugen,
+die dicksten Plätze, hungerte sie aus, verwüstete sie, ging
+zurück, brach vor. Die Sklaven starben an Fiebern.
+Er schaffte neue Scharen, trieb sie gegen den Wald.
+Ordnete kleine Gruppen, fiel von den Seiten, vom
+Rücken gegen das nie angegriffene Urstück. Tiere jagten
+nachts heraus. Ein Löwe sprang durch das Dach seines
+Hauses. Er gab nicht nach. Fauchend mit den Stimmen
+seiner Tiere wich der Wald zurück. Nun sogen Weiden
+das Wasser aus den modrigen Ufern. Pflüge rissen in
+das Herz des Landes. Ochsenwagen zogen nach dem
+Strom, warfen das Holz in die Boote, nahmen Saat
+zurück. Meer von Weizen schlug in schönen Wellen
+gegen den Wald. Herden suchten morgens, Boden
+schlagend, den Strom. Das erste Boot fuhr nach
+Quibeck. Zehn folgten. Seine Wolle fuhr über das
+Meer. Schon war der Wald eine ferne Linie am
+Horizont. In Tonnen und Schuppen stapelten die
+großen Fischzüge. Er legte einen Gürtel Ablagerungshäuser
+an. Eines Nachts flog ein Vogel vom anderen
+Ufer herüber, seine Flügel hatten eine grüne Färbung.
+Als er am Giebel saß, begann das Dach zu brennen.
+Es war der dreizehnte Schuppen. Vaudreuil ritt zum
+Inspizieren. Er fand nichts. Nach drei Tagen ritt
+er denselben Weg, ließ es wieder aufbauen. Nach einem
+halben Jahr kam er an einen Zug, der Tonnen Fische
+<!-- page 027 -->
+hinunterschleifte. Er sprach mit dem Führer, sie bogen
+um eine Waldecke, da nahte ein Zug, es kam eine
+Prozession. Vaudreuil stieg ein wenig in den Bügeln,
+kniff die Augen. Dann führte er seine Leute zurück, in
+einem Hohlweg mit steilen Wänden ließ er eine Tonne
+leeren, ritt weiter ein Stück, dann wieder zurück. Sie
+erreichten den Weg, als die Läufer der Prozession auf
+den Fischen ausglitten. Sie fielen auf Rücken und
+Bauch, streckten die Beine hoch, die Zungen heraus,
+rauften sich an den Haaren. Die dicken Priester fielen
+auf den Hintern und rutschten auf den Fischbäuchen
+die glatte Bahn herunter. Geschoß kam auf Geschoß.
+Den Bischof warf sein Esel ab, er flutschte vorüber,
+schlug mit den Armen wie ein Häher. Vaudreuil zog
+weiter. Zwei Wochen darauf klopfte es nachts an sein
+Haus.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Woher?&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Quibeck&ldquo;.
+</p>
+
+<p>Sie machten dem Fremden ein Lager im Flur und
+lauerten im Halbschlaf mit schrägen Augen, daß er
+nichts unternehme. Am Morgen ging Vaudreuil über
+die Diele. Da stand der Fremde auf, griff in die
+Mantelbrust und reichte ihm ein Papier. &bdquo;Ich will es
+quittieren&ldquo;, sagte Vaudreuil, kramte in Papieren, sandte
+dem Bischof für die Exkommunizierung eine Verschreibung
+von seiner eigenen Hand. Sie ging auf eine
+violettblaue Sutane. War vor sechs Jahren ausgestellt.
+</p>
+<!-- page 028 -->
+
+<p>Vaudreuil badete, salbte sich ein Stück, zog Strohsandalen
+unter die Schuhe, es war Abend. Ging
+langsam zum Fluß, nahm ein Paddelboot, fuhr ab,
+legte, als der Flußwinkel überfahren war, an im Gebüsch,
+kehrte zurück, trat hinter einem Baum heraus
+mit einer Peitsche und verhieb Neger, die im Garten
+tanzten und seine Hüte trugen, entließ den Aufseher,
+der in der Küche sich Pasteten buk. Dann ging er
+über die Äcker zwei Stunden, bis er Wald erreichte.
+Eine halbe Stunde lang suchte er, die Nase wie ein
+Hund geneigt. Er fand einen Pfad, folgte ihm bis
+gegen Morgen. Dann schlief er ein wenig, lief den
+ganzen Tag weiter ins Innere. Es wurde Nacht, er
+roch Feuer, schlich sich heran, wartete eine Stunde,
+schnitt mit dem Messer Gestrüpp, verknotete Schlingpflanzen
+durch, machte einen Bogen, schaffte bis Mitternacht.
+Dann kam er an den Rücken eines Schattens,
+hob ein Tuch, war in einem Zelt, zündete ein Schwefelholz
+an, hielt es mitten in den Raum. Zehn Frauen
+saßen auf Fellen und schliefen. Eine stand auf, schlanker
+als die anderen, blies das Licht aus. Er nahm sie
+auf den Arm, trug sie durch das Lager in den Wald,
+das Kupfer ihrer Haut glänzte unter der Dunkelheit
+der Zweige. Sie kamen an sein Boot zum Fluß.
+&bdquo;Naimi&ldquo;, flüsterte sie. Ihre Augen der zahmen Antilope
+stellten sich in Rausch schräg gegen die Wipfel, die
+über den Mondwellen hingen. Das Rindenboot glitt
+<!-- page 029 -->
+unter Ästen mit singenden Vögeln. Ihre Haut roch
+nach ihren Speisen, nach Wildbret und Beeren. Er
+strich ihre junge Brust hoch. &bdquo;Perlen&ldquo;, sie lachte gegen
+die Hand, band sie in die blauschwarzen Haare. &bdquo;Wie
+lange?&ldquo; Er zuckte die Achseln. Ihr aus den flimmernden
+Schatten des Waldes heraus geformter goldbraun
+geschwungener Leib zitterte. Sie hob das Gesicht über
+den Rand. Da sah sie in den Mondwellen die Perlen,
+warf sich nach vorn in die Knie, herüber zu ihm, den
+Kopf auf seine Hände, die Zunge fuhr über seine
+Brauen, die sich im Dreieck zur Stirne spannten.
+Er weckte sie aus dem Schlaf: &bdquo;Naimi&ldquo;. Sie forschte
+erschreckt in seinen Augen; als sie Liebe sah, begann
+ihre Haut sich zu färben. Sie banden das Boot an.
+Die Sonne ging über sie. Manchmal erhob sie sich,
+sah scheu nach ihm hinüber. Am Abend fuhren sie
+weiter. Das Rindenboot schlürfte am Ufer hin im leisen
+Takt des Stroms. Der Mond brach weich aus allen
+Ästen. Ihre Brust war fruchtreif und klein, sie flüsterte,
+erschreckt. Er sah sie an. Sie schlief ein. Sie näherten
+sich seiner Ansiedlung gegen Morgen. Als sie erwachte,
+ihn erblickte, war ihr noch munter. Später hieb er
+ihr gegen die Schenkel. Sie sah seine Stirn, erbleichte,
+knackte zusammen. Beim Aussteigen drehte
+sie sich einmal noch um, ihr schmales Gesicht sah ohne
+Ausdruck nach ihm. Dann sprang sie in den Wald.
+Er trieb allein gegen sein Haus.
+</p>
+<!-- page 030 -->
+
+<p>Er kam in seine Faktorei, kontrollierte das Schreiben
+der Aufladung. Da trat ein Herr herein, grau an
+den Schläfen. Er ging ein wenig gebückt. &bdquo;Ich treffe
+Sie doch in Geschäften&ldquo;, lächelte dünn. Vaudreuil
+verbeugte sich wortlos: &bdquo;Courbisson&ldquo;. Der Gouverneur
+nahm Vaudreuils Arm, sie gingen durch den Garten,
+das Haus, die Anlagen, ritten den Strom herauf,
+vorbei an den Ausladehäusern. Sie gingen um die
+Schuppen, Courbisson prüfte mit der schmalen Hand
+die Maiskolben, den Weizen. Er hob die Hand, beschattete
+das Auge, blickte ins Innere. Er beugte sich
+noch tiefer: &bdquo;Sie wissen nicht, daß ich das, was hier
+geleistet, von Ihnen wollte, als wir das erstemal uns
+trafen. Dies alles war meine Absicht.&ldquo; Er fuhr mit
+der Hand im Kreis herum. Dann nahm er wieder
+Vaudreuils Hand, er blieb bis zum Abend. Nach Tisch
+schlief er. Sie tranken Kaffee und spielten. Gegen die
+Dämmerung redeten sie monoton, einfach. Als es
+dunkel war, brachte Vaudreuil ihn zu seinem Schiff.
+Sie waren noch im Garten, und eine Kröte sprang
+schwerfällig über den Schuh des Gouverneurs. Er stand
+steifer: &bdquo;Der Krach mit dem Bischof stellt alles in
+den Einsatz.&ldquo; &bdquo;Ich weiß&ldquo;, sagte Vaudreuil. Der
+Gouverneur ging weiter. Von einem Baum knallte
+eine Frucht. Das Kinn des Gouverneurs berührte einen
+Augenblick die Brust. Dann hoben sich seine Achseln,
+er atmete tief. Am Schiff gab er ihm die Hand:
+<!-- page 031 -->
+&bdquo;Besuchen sie mich.&ldquo; Vaudreuils Brust hob sich hoch,
+senkte sich.
+</p>
+
+<p>Am Morgen torkelten über die Felder eine Schar
+Weiber, kamen in die Umzäunung. Unter dem Schmutz
+erschien ihre weiße Haut. Sie kamen halbverhungert
+aus den Wäldern, wo sie breitschenkligen Huronen nachgelaufen waren,
+verlangten nach Essen. Sie waren derb
+und saftig, ihre Kleider von Dornen zerfetzt, manche
+fast nackt. Die meisten waren betrunken, schimpften vor
+sich hin. Er ließ sie hinaustreiben: Ein Neger erschien
+mit einem Seil, das ein anderer faßte. Eine nahm ein
+Federmesser und stach es ihm nach der Hüfte. Vaudreuil
+kam selbst heraus, langsam die Treppe herunter. Ließ
+die Sau auf einen Stuhl schnallen, schlagen. Die
+Neger rissen die Röcke hoch, schlugen ihr die Haut
+zu Striemen. Sie brüllte eine Weile. Dann ward sie
+still, verkroch sich in ihren Körper wie in eine fremde
+Hülle. Als sie losgebunden ging, öffnete sie den Mund,
+sang. Ihre Stimme war angenehm, nicht mehr rauh.
+Das Lied war von den Vorstädten von Paris. Vaudreuil
+ging die Treppe hinauf, er hatte sie im Rücken.
+Sie riß das Palais Royal vor ihm auf. Er biß die
+Lippen, aber er drehte nicht um. Sie hatte einen
+roten Strumpf. Dies verließ ihn nicht.
+</p>
+
+<p>Im Sommer kamen die Meerwölfe ans Ufer,
+schlichen hinauf und schliefen. Sie fuhren mit ein paar
+Schiffen hinunter, kamen in der Dämmerung an, beschlichen
+<!-- page 032 -->
+die Plätze in der Frühe, hoben Gruben aus,
+versteckten sich, warteten. Als die Sonne heiß ward,
+pfiffen sie, sprangen heraus, liefen nach dem Strand
+und schnitten den Tieren den Rückweg ab. Dann
+schlugen sie sie mit Knüppeln tot. Die Tiere gaben
+kleine Pfiffe, wehrten sich in schnappigen Sprüngen
+mit dem Maul über die Luft rasierend. Müde von
+der Jagd ritt Vaudreuil in die Stadt, suchte ein
+schlichtes Haus, trat hinein zu Courbisson und aß mit
+ihm. Als er Abschied nahm, sah er, daß der Gouverneur
+sehr grau ward: Er lächelte. In der Hauptstraße
+standen vor kleinen Häusern europäische Weiber, hoben
+die Röcke, wiegten mit den Schenkeln und pfiffen. Er
+ging weiter, der Geruch gepflegten Fleisches war noch
+nicht aus ihm gewichen, und er, der die süße Frische
+der dunklen Weiber kannte, war der talentlosen Liebe,
+mit denen Frankreich überschwemmte, taub.
+</p>
+
+<p>Der Mond kam aus den steifen, hohen Bäumen,
+er ging hinunter, das Pferd am Zügel, sah die Strecke
+an, kam bis an das Ufer, ritt es hinunter, wo der
+Lorenzo umbog. Da sah er zum erstenmal seit Jahren
+das Meer. Der Mond stürzte aus den Palmenwipfeln
+heraus, sank gegen das Wasser. Da brach aus ihm
+heraus, was er sieben Jahre bezwungen, was aber
+in der Reibung mit seinem Herzen wie ein Wolf gewachsen
+.&nbsp;.&nbsp;. er drückte sein Gesicht in den Bauch der
+Stute, zuckte mit den Achseln. Das Pferd hielt starr
+<!-- page 033 -->
+und hingebend, obwohl er den Hals mit den Armen
+ihm verschnürte.
+</p>
+
+<p>Er sprang auf das Pferd, mit träumerischen Zügen
+trieb es langsam ins Wasser. Wo der Mondstrahl
+auffiel, spiegelte das Wasser wie Glas, das sich drehte:
+Das Schloß .&nbsp;.&nbsp;. mit buntem Kies, gebaut für die
+Zärtlichkeit der Frauen. Tiefe Fenster wühlten in der
+wollüstigen Blumendämmerung. Der Park stand voll
+vom Duft der Rosen und Jasminen. Schreibend früh
+morgens mit vier Sekretären, noch feucht von der
+Haut der Geliebten. Da schoß er Tiere. Warf den
+Körper in das Bassin, das ihn kristallen umschäumte.
+Dumpfe Nächte beim Kartenspiel durchschlug er mit
+schweißigem Haar. Ein großer Ritt, der ihn mit Ruhm
+behängt .&nbsp;.&nbsp;. eine Intrige, die in London sich kraus
+entfaltete .&nbsp;.&nbsp;. mit großen Orden, den Degen am Fuß
+empfing er eine Fürstin, die Hand am Schlag und sie
+warf ihm Blicke zu durch das Glas, das er geschmeichelt
+nahm. Dann nichts tun einen Sommer, als den
+Himmel ansehn durch den Regenbogen der Tritone .&nbsp;.&nbsp;.
+er trieb das Pferd mit Schlägen; das seichte Wasser
+schäumte. Er hob es am Zaum hoch und zwang es
+tiefer in die Flut. Indem begann der Mund sich zu
+öffnen, zuerst leise im Rhythmus, dann schreiend sang
+er, was von der Hure in ihm war. Das armselige
+Lied befriedigte seine Sehnsucht tief. Als der Gaul
+versank, schwamm er weiter, der Mond lag auf weißen
+<!-- page 034 -->
+Wellen. Er sang nicht mehr, das Wasser schlug an
+seiner Kehle und erstickte seinen Ton. Sein Herz war
+so irrsinnig, daß, als der Mund die Flamme nicht
+ausspeien konnte der Sehnsucht, es pochte dumpf den
+Namen der Frau, das Übelste an Erinnerung, die er
+verachtet, um die er sich geschlagen und die er jedem
+Lakaien gegeben. Das hatte noch sehr Gewalt in ihm.
+</p>
+
+<p>Als die Kraft ihn verließ und er unterging, kam
+Wehmut über ihn, er arbeitete sich hoch, kam mit
+dem Kopf gegen die Küste, den Mond im Rücken.
+Da, als er das Land sah, verließ ihn alles, er wußte
+nichts als Leben und das Gefühl des Atmens durchstieß
+ihn so, daß er weinte vor Gier, dazubleiben, die
+Arme zu strecken, nicht zu sterben. Er mühte sich dreimal
+verzweifelt, die Welle schlug ihn zurück. Keuchend
+erreichte er Grund, kam an die Küste. Fand sein Pferd,
+das mit dem Schweif schlug und wieherte. Sein Atem
+schlug wie eine Säule über den Sand. Er stöhnte,
+machte drei Schritte, erreichte den Gaul nicht, sondern
+fiel mit dem Gesicht auf die Erde, breitete die Arme
+aus, schlief an ihr wie an einer Frau.
+</p>
+
+<p>Spät am Morgen wachte er auf, drehte sich, nahm
+das Pferd am Halfter und ging nach der Stadt. Er
+drehte sich nicht nach dem Meer um, sah es nie
+wieder. Am Eingang zu den Häusern stieg er auf,
+glättete seine Kleider und ritt durch. Am anderen Ende
+kam ein Reiter ihm entgegen, stellte seinen Gaul etwas
+<!-- page 035 -->
+schräg, daß Vaudreuil halten mußte. Courbisson reichte
+ihm die Hand. Einen Augenblick verweilte des Gouverneurs
+Auge auf Vaudreuils Stirn. Er sah, daß
+er grau geworden war an der einen Schläfe. Er,
+täglicher Kämpfe hart im Inneren bewußt, lächelte,
+sagte nichts. In der Nacht in seinem Haus wartete
+Vaudreuil am Fenster. Der Mond flog zärtlich aus
+der Waldnacht im Osten. Er sah ihm nach.
+</p>
+
+<p>Wochen ließ er sein Geschäft laufen. Er sah nach,
+aber ohne die Schärfe des Blicks. Eines Tags widersetzte
+sich ihm ein Arbeiter ins Gesicht. Er nahm ihn
+mit sich in sein Büro. Sie sprachen zwei Stunden.
+Der Arbeiter kam heraus mit verändertem Gesicht. Nach
+drei Tagen übernahm er die Leitung einer Abteilung.
+Vaudreuil rüstete sich aus, schaffte zwei Wochen geheimnisvoll.
+Als er frühmorgens mit seinem Pferd den
+Garten verließ, stand der Arbeiter an dem Pfosten:
+&bdquo;Nehmen Sie mich mit?&ldquo; Vaudreuil ward zornig.
+Dann beherrschte er sich, sein Gesicht ward versteckt,
+starrte über die Bäume nach Norden. Er schüttelte abwesend
+den Kopf: &bdquo;Ich muß hier einen Vertreter
+haben&ldquo;, er gab dem Jungen, dessen Augen hell und
+ärgerlich über die Abweisung waren, die Hand. Mit
+ein paar Eingeborenen schlug er sich durch.
+</p>
+
+<p>Als die Flüsse auf Rindenbooten durchfahren waren,
+kamen Steppen. Eines Morgens glänzte Weiß. Es
+war der Churchilriver, den noch kein Europäer sah.
+<!-- page 036 -->
+Er überschritt ihn. Zehn Tage weiter entdeckte er Pelztiere,
+durchforschte die Gegend, legte einen Schuppen,
+eine Kette Niederlassungen zur Küste an, brach weiter
+auf. Er kam zu einer Erdspalte, überstieg sie. Wie
+von Öl überglänzt, war die Ebene reich gegliedert von
+großen Seen. Wieder kamen Steppen. Am Rand
+blieben die Eingeborenen stehen und frugen achselzuckend,
+wohin er wolle. Er hieß sie schweigen und deutete
+nach Norden. Sie sahen ihn scheu an, folgten. Sie
+hatten drei Tage nichts zu trinken. Ein Indianer floh.
+Die anderen fingen ihn wieder. Er ließ ihn laufen
+mit so viel Verachtung, daß der sich hinwarf und flehte,
+er solle ihn nicht verstoßen. Aber er nahm ihn nicht
+weiter mit. Der Wilde folgte im Abstand, schlief,
+lagerte, aß mit ihnen. Am dritten Tag wurden die
+Stimmen heiser. Morgens tauchten drei blaue Punkte
+auf. Wilde nahten: hinter den Eisbergen sei das, was
+Menschen tilge .&nbsp;.&nbsp;. Er ward ungeduldig und schrie sie
+an. Sie senkten die Köpfe: er würde ein Greis, bis
+er die nördliche Küste erreiche. Sie wiesen Renntierhörnerkeule:
+es gäbe keine Tiere mehr zum Jagen, nur
+gefrorene Flüsse .&nbsp;.&nbsp;. Er zog die Brauen zusammen,
+daß sie im Dreieck standen. Es trieb ihn, er hatte
+keine Macht darüber.
+</p>
+
+<p>Vier Tage zog er die Eingeborenen mit sich Sie
+froren die Zehen ab im Schnee. Sie wollten zurück.
+Er schalt: &bdquo;Hunde.&ldquo; Sie zeigten ihre Füße. Er riß
+<!-- page 037 -->
+die Brust auf. Sie neigten den Hals. Er entließ sie.
+Im Abstand nur folgte ihm der eine, den er verjagt.
+Eines Morgens fehlte auch dieser. An diesem Tage
+traf er Eskimos. Er machte ihnen Zeichen. Noch eh
+er zu trinken bat, grub er das Zeichen des Meeres in
+den Schnee. Sie schüttelten den Kopf. Er würde den
+Punkt nicht erreichen, wo die Unendlichkeit der Ebenen
+und die Einsamkeit seines Herzens Europa am nächsten
+seien. Er würde nicht den magischen Pol seiner Sehnsucht
+erreichen, den sein Herz unruhig suchte, ohne daß
+er wußte, zu welchem Ziel, in welchem Sinn &mdash; &mdash; &mdash; er
+sah einmal den Kreis langsam herum, dann fiel er ab.
+Sie schleppten ihn mit sich südwärts. Als sie Lagerfeuer
+sahen, plünderten sie ihn aus, eh er ihnen
+schenken konnte, was sie nahmen, ließen ihn liegen.
+Halbverhungert wälzte er sich weiter, schrie und verlor
+die Besinnung. Am Morgen sah er, wie die Indianer
+aufbrachen, er erhob sich und winkte. Sie sahen ihn
+nicht. Als aber sein Leben dahinschwand mit den verschwimmenden
+Konturen der Zelte und Haarbüsche,
+kam die Kraft über ihn, daß er lief wie ein Ochse,
+sie erreichte, dort zusammenbrach. Sie pflegten ihn
+durch, zwei Monate lang. Es waren Iroquois. Als
+er gesund war, hob er nachts ein Zelttuch, sprang hinein,
+entzündete den Schwefelspan, hielt ihn in die Ecke.
+Eine Frau stand auf, der schlanke Brüste wie Zitronen
+saßen, die den Shawl mit einer gleitenden Leichtigkeit
+<!-- page 038 -->
+raffte. Sie hob den Kopf, blähte die Nüstern
+der bourbonischen Nase, als röche sie ihn, der Blick
+der wildsamtenen Antilopenaugen verdunkelte. Sie blies
+mit einer raschen, schönen Bewegung das Licht aus.
+Ihr Körper war glatt wie ein Fisch, golddunkel.
+Sie frug, wie lange, am Morgen. Er schüttelte den
+Kopf und nahm sie mit. Sie kam als erste in sein
+Haus. Der Arbeiter gab ihm die Übersicht der Bücher
+und trat ein wenig zurück. &bdquo;Ich danke.&ldquo; Vaudreuil
+gab ihm die Hand. Der Arbeiter errötete, aber, da
+Vaudreuil nicht weiter sprach, wies er nochmals auf
+das Neue, seine zehn Pfade am oberen Lorenzo, den
+Hafen am Ontario. Vaudreuil nickte.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ist es nicht genug?&ldquo;
+</p>
+
+<p>Da sah Vaudreuil wieder über ihn hinaus wie am
+Morgen, als er aufbrach. Seine Sehnsucht hatte das
+Tätige nicht gestört. Er stapelte auf die Verträge von
+den großen Seen, die Abmachungen, die die Jagd
+am Sklavensee, am Makenziriver in seine Hand gaben.
+Nun flossen die Felle des Inneren nicht mehr zur
+Hudsonbay, nun durch ein neues Bett strömte das
+Innere zu ihm. Nun liefen die Pelze übers östliche
+Meer, nach Europa. Seine Besitzung am Lorenzo
+ein Strudel, der das Innere des Landes einsog und
+herriß. Was war das Bisherige gegen diese Leistung,
+diesen Horizont?
+</p>
+
+<p>Er sah dem Arbeiter ins Auge: &bdquo;Organisieren Sie
+<!-- page 039 -->
+es.&ldquo; Der zog den Mund zusammen, bückte sich einen
+Augenblick, hielt dann erstarrt mit geöffnetem Mund.
+Dann ging er hart. Nach einem Monat brachte
+er das Geschaffene. Er sah auf: Wegweiser, Faktoren,
+Dolmetscher zogen ins Eis. Die faule Jugend war
+diszipliniert, stieg in siebenjähriger Probezeit zu höherer
+Stellung, zu Beteiligung, zu Prämien für besondere
+Leistung. Für Ausdauer stand Lohn, für Ehrgeiz Befriedigung.
+Er machte Kräfte frei in gerechtem Wettstreit
+.&nbsp;.&nbsp;. &bdquo;Gut,&ldquo; sagte Vaudreuil. Da nahm der
+Arbeiter seine Hand, sagte: &bdquo;Verzeihen Sie.&ldquo; Er
+wollte kein Lob mehr. Kein Trotz war mehr in ihm.
+Er diente.
+</p>
+
+<p>Als die Frau ihm einen Sohn ins Bett warf,
+schreiend, daß die Mägde im Haus den ganzen Tag
+zitterten, schenkte er ihr eine Kette mit gewundenem
+alten Dukatengold.
+</p>
+
+<p>Daran hingen drei achatne Kugeln.
+</p>
+
+<p>Courbisson hielt ihn zur Taufe über das Wasser,
+obwohl die Mutter braun war, denn seine Schätzung
+für den Menschen war noch geringer als die für das
+Beispiel, mit dem Vaudreuil für das Volk schuf. Am
+Mittag kam ein Bote, der die Nachricht hatte, daß
+ihm die Heimkehr frei sei, daß unter anderem Gesetz
+die Stadt stände. Er ging zurück in den Schatten,
+wohin die Kerzen nicht langten. Er würde Ruhm
+haben, Vermögen, Macht, Frauen. Er sah durch das
+<!-- page 040 -->
+Fenster, wo die schwere Silhouette des Waldes noch
+sichtbar in der Ferne schwang. Es ging über sein Gesicht
+von oben nach unten, von den Wangen über
+den Mund. Der Gouverneur zitterte an der Hand,
+die den Hut hielt. Vaudreuil äußerte sich nicht.
+</p>
+
+<p>Im Frühjahr verschwand er einige Zeit. Rastete an
+Feuern, an Seen, Flüssen, den großen Hauch des
+Daseins spürend, ging mit Zeit, mit Woche und Jahr.
+Der Erde und ihrem Rücken verschwistert, die ihn mit
+Blut und Saft bis ins Hirn durchspülte, gingen die
+Nächte über ihn, die Schwingen des Sternkreises, der
+Monde. Er sprang in dieses Zelt, er zündete Hölzer
+an, er verließ es. Er hob das Tuch im Wald, auf der
+Steppe. Nahm jene, dieses, schwankte, ließ liegen, holte
+zurück unter Lachen. Schichtete um sich in Zellen brausend
+Gelebtes, reich Durchgegangenes, hielt nicht an dieser,
+jener Frau, glich sich aus in der Bewegung.
+</p>
+
+<p>Am zwölften Geburtstag seines Sohnes kam er von
+einer Kontrollfahrt. Er ging sofort in das Zimmer, wo
+von einem Hausmeister und Lehrer er das Kind erziehen
+ließ. Von dort durch die Diele, kam er ins Boudoir
+seiner Frau. Er sah sie vom Rücken, sie stand vor einem
+Spiegel und kämmte ihr Haar. Ihre Lippen leuchteten
+voll und rot, der Nacken fiel mit der Glätte der
+Schlange und als sie sich ihm zudrehte, standen ihre
+Brüste klein und gegen ihn gereckt. Da sah er eine
+Flechte an ihrem Scheitel weiß, trat zurück, erbleichte.
+<!-- page 041 -->
+Ging vor bis dicht an den Spiegel, sah über den
+straffen dunklen Zügen sein Haar hell durchblitzt, stürzte
+hinaus. Drei Tage trieb er wie irrsinnig durch das
+Haus, durch den Park.
+</p>
+
+<p>Des Nachts brach er auf. Am Pfosten der Tür
+versuchte er seinen Muskel. Er warf ihn auf. Sein
+Gesicht ward sicherer. Am Abend schmerzte ihn sein
+Fuß. Er wurde kleinmütig, ging gesenkten Kopfes,
+setzte sich auf einen Stein. Als er die Stelle untersuchte,
+war es eine Quetschung. Sein Auge hellte
+auf, als er die Ursache sah. Er kam an den Elkfluß.
+Zog nördlicher. Kam an den Athalaskasee. Schuf die
+Riesenfaktorei am Winnipegsee, nun würden Tauschwaren
+in alle Eisbezirke laufen. Der Norden war aufgesprengt.
+Keine Aufgabe weiter .&nbsp;.&nbsp;. Am Morgen erhob
+er sich, drang weiter vor. Unsinnige Angst, daß
+das Alter nahe, daß er nicht mehr folgen könne, wenn
+sein Herz ihn hineinstieß in das Sehnsüchtige, Dunkle.
+Er übertrieb seine Kraft, sich selbst davon zu überzeugen.
+Er lag zwei Monate krank in einem Hüttenlager.
+Gekräftigt, sofort trieb es ihn hoch hinauf. Er kreuzte
+durch verschneite Prärieen am Hudson. Eingeborene
+wiesen ihn östlich, wo große Herden der Pelztiere seien,
+Ebenen mit hohem Gras, Ochsen mit gestreifter Haut
+und säulenhohen Hörnern sprängen. Aber sein Herz
+schlug: Nach Norden .&nbsp;.&nbsp;. Er werde sterben. Es kümmerte
+ihn nicht. Sein Blut klopfte dumpf gegen das
+<!-- page 042 -->
+Dunkle vor ihm, sein Herz kannte nur in ungeheurem
+Zittern einen Pol.
+</p>
+
+<p>Er kam an einen Fluß. Aus der Entfernung einer
+Meile kam sanftes Geräusch. Er schlich sich an. Ein
+Graben deckte ihn.
+</p>
+
+<p>Wie Affen standen Tiere um einen Baum. Sie
+stützten sich auf breite Schwänze, hatten die Vorderbeine
+an die Rinde gelegt. Mit weißen Zähnen sägten
+sie nach gleichem Takt den Baum durch zwischen den
+Spalten ihrer Gänsefüße. An der Ecke saßen zwei
+andere, machten Gesten, schrieen; womit sie andere
+warnten, über die Linie zu treten, in deren Radius
+der Baum wohl fiel. Nach dem Ufer zu zog sich eine
+geordnete Kolonne, die Äste trugen. Der Fluß war
+eine unmeßbare Wabe, aus der die Kegelhütten hervorstachen
+mit den Spitzen. Dazwischen ein Gewimmel
+von Tieren, die am Damm bauten, so weit er sah.
+</p>
+
+<p>Auf dem Fluß schaukelten Rosaschatten, der Abend
+fiel langsam. Die Dämmerung hüllte das friedhafte
+Summen der beständigen Arbeit in stumme Seligkeit.
+Der Mond schwang darüber, es nahm kein Ende.
+Der Mond bewegte sich in der Elegie des tätigen
+Konzertes, der Baum fiel, aber er stürzte, als der brausende
+Rhythmus der Tiere auf der Spitze der Empfindung
+schwoll. In langen Kantilenen zernagten sie
+die Äste, bauten, schufen, langsam klang die Nacht
+mit allem Geräusch in die beruhigende Kraft des Tieres.
+</p>
+<!-- page 043 -->
+
+<p>Er machte eine Skizze, hielt den großen Biberplatz
+in der Hand, schlich zurück, kroch in seinen Schlafsack,
+warf sich zwei Stunden herum. Dann stand er
+auf. Zerriß den Plan. Hatte genug Vermögen. Langsam
+begann er zu weinen. Etwas stieg auf, erhob
+ihn und durchdrang den Überschwang an Dunklem,
+das seine Seele mit großen Trieben hinriß da und dort,
+aber immer in einer Richtung, die sinnlos war vor
+unbewußter Sehnsucht. Das Gefühl erfüllte ihn ganz
+bis in die Kammern des Herzens, bis in die Poren der
+Haut, den Wuchs des Haares und gab ihm eine
+Schwingung, die er nie gepackt. Hingerissen, zwischen
+den Schwüngen des rastlos Stoßenden, das ihn wegblies
+wie gegen den Mond und zurückstieß gegen den
+Boden, den er baute .&nbsp;.&nbsp;., in einem unirdischen Ruhepunkt
+erlebte er die glücklichste Stunde seines Lebens.
+Er rührte kurz an die selige Beruhigung, die als Achse
+zwischen den Wagen seines Herzens stand. Auch dies
+verließ ihn nie.
+</p>
+
+<p>Mit hölzernen Schlittschuhen trieb er das Eis der
+Flüsse südlich. Schon kam Grün, Frühjahr wucherte
+aus verhaltenen Ästen. Vögel begannen unwiderstehlich
+zu kommen aus den monderhellten Dunkelheiten des
+Waldes.
+</p>
+
+<p>Von einem Hügel sah er zum Strom. Tausende
+Habitants, Sklaven, die die Maisfelder dunkel machten.
+Riesenbogen der Landschaft gegen den Wald gespannt.
+<!-- page 044 -->
+Eine Kette wie von ausgelaufenem Öl .&nbsp;.&nbsp;. die Schuppen,
+die den Fluß gürteten. Schiffe schwankend zum Meer
+und zurück, Herden, die brüllend aus den Weiden zum
+Wasser stampften .&nbsp;.&nbsp;. ein großes Tagewerk. Langsam
+schritt er hinunter. Was blieb noch?
+</p>
+
+<p>Er ließ die Äxte Jahre gegen den Urwald trommeln.
+Feuer qualmte am Horizont. Menschen eroberten
+sich Erde, Acker. Es geschah mit Ruhe.
+Er verließ sein Haus nur zur Jagd. Sein Auge verschleierte
+sich langsam. Er lehrte den Sohn, den Wolf
+auf die glühenden Augen schießen. Eine Erkältung
+schlich ihm von den Beinen gegen die Brust. Er
+stemmte sich etwas dagegen. Dann lag er ruhig, als
+er sah, daß es nutzlos war. Er ließ das Bett herumstellen.
+Sein Scheitel stand zum Fluß. Sein Auge
+sah in die Landschaft. Bis an die Grenze der Wolken
+getürmt alles sein Werk. Er hob die Hand über die
+Brauen. Die Silhouette des Urwalds war zurückgewichen.
+Er sah sie nicht mehr. Dies wurzelte. Was
+blieb? Der Tod.
+</p>
+
+<p>Er wartete acht Tage. Die Wolken staffelten Terrassen
+und flogen blitzend. Sein Herz begann zu schmerzen.
+Aber mit den Schmerzen löste sich der Bann und die
+ungeheure Treibkraft brach auf, und besinnungslos überfiel
+es ihn vor Angst des Todes. Das Quellende, Heiße,
+das was flatterte und sich bäumte, hob sich innen gegen dies
+kalt werdende Fleisch. Niemand kam zu ihm. Allein
+<!-- page 045 -->
+lag er stöhnend, wünschend. Dazwischen fluchte er,
+kämpfte mit aller Kraft. Er nahm ein Tuch und band
+es sich um das Kinn und den Kopf, daß er keinen
+Laut gebe. Aber seine Lippen sprengten sich auf und
+stöhnten: &bdquo;Jardins .&nbsp;.&nbsp;. du .&nbsp;.&nbsp;. palais .&nbsp;.&nbsp;. royal. &mdash; &mdash; &mdash;&ldquo;
+Es war das Lied der Hure.
+</p>
+
+<p>Aber auf der Spitze des Schmerzes fiel das Weh
+in sich selbst zusammen. Er ließ den Sohn rufen.
+Sein Gesicht war klar. Er lebte noch einen Tag. Als
+der letzte große Griff gegen das Herz ging, flüsterte
+er: &bdquo;Der Biberplatz&ldquo;.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich verstehe dich nicht&ldquo;, sagte der Sohn.
+</p>
+<!-- page 047 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-2">Der erste Abschnitt
+</h2>
+<!-- page 049 -->
+
+<p>Der schlief mit einer Dänin mit gelbem Fjordhaar.
+Er lebte ruhig, stiller als Männer, die seinen
+Stand hatten. Er kannte keine anderen Frauen. War
+rundherum sicher, wußte, was er tat. Als der Bogen
+beendet, starb er mit gleicher Ruhe, wie er dagewesen.
+Sein Sohn glich ihm genau. Er hinkte mit dem
+linken Fuß, hatte blaue Augen zu dunklem Haar.
+Der Besitz wuchs, indem er ihn erhielt. Er hatte drei
+Söhne, einen erschlug der Blitz, der andere schoß sich
+vor den Kopf. Der Letzte blieb. Er spielte am Strand,
+war träumerisch und ernst. Sie lebten nach innen in
+der ganzen Linie. Nichts stieß sie aus dem Kreis heraus,
+den Landschaft, Erdgeruch, Besitztum um sie
+schlug. In der Pause erholte sich die Generation,
+schöpfte Atem, schluckte nach innen, in sich hinein.
+</p>
+
+<p>Als Daisy die Mutter verließ, flaggten die Schuppen
+bis Quibec, pfiffen die Dampfer Schleifen und Spitzen
+bis zu den Großen Seen. Die Sonne schlug durch den
+Zenith. Am Abend starb die Mutter.
+</p>
+
+<p>Der Vater trat ins Zimmer, duckte den Nacken
+etwas, schwieg. Schalen flammten in kurzer Nacht,
+<!-- page 050 -->
+umglänzten Daisys ersten Tag. Der vierte Vaudreuil
+nahm die Hand des Bischofs, es sprühte in besinnungsloser
+Trauer ihm das Gefühl der Ehre. Chorknaben
+durchsangen die Räume, schwenkten das Rauchfaß.
+Abordnungen des Hudson neigten das Kinn gegen die
+Brust. Im Fensterglas spiegelte ein Segler, der mit
+halbgehißter Fahne vom Ontario kreuzte. Nach dem
+Essen legte Vaudreuil die feine hart gebogene Hand
+auf die des Bischofs: &bdquo;Sie irren, Eminenz, ich setze
+sie im Garten bei.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Er stand am Fenster, sah, ungerührt, bewegungslos
+den Bischof hinabgehn, die Turbine des Motors
+schäumte weg von ihm, warf ihm Blasen, Wellen
+zurück. Abends kam für Daisy eine eingeborene Nurse.
+In der Nacht verbrannte er seine Frau im Garten.
+Die Nurse senkte die Gardinen. In der Dämmerung
+erst ging Vaudreuil zurück ins Haus. Abends
+trat er in ihr Zimmer. Als er die leere Bettfülle
+sah, den faden Geruch spürte, begriff er erst.
+</p>
+
+<p>Blieb die Nacht wieder draußen, baute mit vier
+Gärtnern eine Hütte über der Asche. Jeder Windstoß
+erregte ihn. Morgens ging Brise. Die Angst wuchs,
+die Asche werde verweht. Sie war das Letzte. Von
+Montreal brachte der Bote den Wagen mittags.
+Brown, anglikanischer Pastor, sprach Gebete. Früher
+wagte Vaudreuil nicht, die Asche zu sammeln, so schmerzlich
+seinem Herz, das ohne schlagende Dränge nur
+<!-- page 051 -->
+Liebe kannte zu Respekt und Hergebrachtem, der Priester
+anderer Konfession war. Er trug die Vase selbst ins
+Zimmer, mit straffen Beinen. Dort fiel er zusammen,
+schlug die Arme auf den Tisch. Langsam, fest wuchs
+er in Stunden zurück, bis er senkrecht saß. Er würde
+weiter leben. Auferlegtes Werk weiter verwalten, dies
+Schicksal tragen, dieses und jenes, wie alles, das er,
+Erbe, trug. Doch ohne diese Frau, .&nbsp;.&nbsp;. er schloß die
+Augen.
+</p>
+
+<p>Brown zog in die Familie ein. Vaudreuil band
+ihn an Haus, Besitz und Tätigkeit. Hätte ihn um
+sich gehalten, stänke er wie Aas, vergaß ihm das Gebet
+nicht. Nichts hätte dies zwischen ihnen herausgejagt.
+Doch Brown gewann nicht ganz Boden. Der
+Lebensschlag verwirrte ihn hier. Liebe aber wischte ihm
+das andere immer hinweg. Er sprach eckig, unfrei,
+seine Handgelenke, unter flatternden, fliehenden Manschetten,
+waren gerötet. Einmal erleichterte er sein Gewissen,
+schlug den Übertritt vor zu seiner Konfession,
+dies eine Mal gab Vaudreuil keine Antwort. Nichts
+war gesagt worden. Brown war es los.
+</p>
+
+<p>Vaudreuil rief den Vorstand der achten Abteilung,
+zog aus den Akten ein Bündel, legte ein Papier auf:
+&bdquo;Sie irrten.&ldquo; &bdquo;Ich würde bedauern.&ldquo; Der junge
+Bursche trug den Fehler selbstbewußt.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Sie haben zum zweitenmal geirrt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Zu Ihrem Vorteil.&ldquo;
+</p>
+<!-- page 052 -->
+
+<p>&bdquo;Das spielt keine Rolle. Das dritte Mal entlasse
+ich Sie, so sehr Ihr Eifer anerkannt wird.&ldquo; Er drehte
+sich um. Der Vorstand trat vor, bleich, einen Zahn
+in der Lippe. Vaudreuil nickte über die Schulter, der
+ging, errötete vor Freude. Die Ledertür fiel. Vaudreuil
+senkte sein Gesicht. Das Gehaltene verließ ihn, die
+Augen sahen durch die Papiere, Holz, Wand. Er ging
+in den Garten. Jeden Tag ward die Frist größer,
+die er blieb, die Intensität erschreckender, mit der er
+die Arbeit zusammendrängte, durchfuhr. Brown sprang
+ein, wagte es (was allein er konnte), legte die Hand
+auf seine Schulter, schlug einen Wechsel vor, des
+Wohnorts, der Luft. Vaudreuil schüttelte es ab. Generationen
+hatten hier gelebt. Er blieb. Brown deutete
+den Kiesweg runter, wo die Nurse das Kind
+heraufschob. &bdquo;Es handelt sich nicht um Sie.&ldquo; Vaudreuil
+erblaßte etwas, er erkannte. Schwankte, ohne
+zu zeigen, was vorging, einige Tage. Dann entschloß
+er, ging aufs Ganze. Teilte; arrangierte die Übersiedlung
+zu den Ottava-Mühlen. Nachts schlief er am
+Lorenz, war sein Plan. Morgens fuhr er im Auto
+zum anderen Stromhaus, abends wieder zurück. Er
+hielt auseinander. Da starb die Frau. Dort lag sein
+Werk. So hielt er Gleichgewicht, indem er nicht
+mischte.
+</p>
+
+<p>Brown nickte in der Sitzung: &bdquo;Sie bleiben auf
+eignem Boden.&ldquo; Der Vorsteher der Büros zog zwei
+<!-- page 053 -->
+Kreise, die sich durchbohrten: &bdquo;Der Schwerpunkt der
+Affären fällt nach Westen&ldquo;. Nickte. War Franzose,
+der Plan war sein alter Plan. &bdquo;Es geht um die
+Gesundheit, Fidley. Zaudern Sie nicht, das zu begreifen,&ldquo;
+sagte Vaudreuil.
+</p>
+
+<p>Mittags fuhren sie im Auto den Lorenz hinauf,
+folgten ihm in Launen, Schlägen, Schnellen. Der
+Wald war dicht voll Saft, Sonne spielte in fetter
+Luft. Vögel schrieen. Schlugen hämmernd hinaus in
+Weizenebenen. Kühe tollten unter Bäumen, grad gesetzt,
+trächtig von Frucht. Blauer Himmel stieg vom
+Waldblock herauf, überflog sich taumelnd. Die Nurse
+saß neben Daisy. Der Wagen schwenkte nach Norden,
+fuhr an neuem Strom. Hinauf, hinauf. Ein
+Gartenhaus stand unter Blumen. Ottavagemurmel
+nickte, schwamm um jeden Kelch. Der Wagen hielt.
+Die Nurse packte Daisy. Sie stiegen aus. Daisy schrie
+hell und scharf, verstummte, wachte auf. Lange dunkle
+Wimpern brachen auf. Grau und stählern nahm der
+Blick die Landschaft, saugte sie ein, als besäße er sie.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Kam sie am Arm der Nurse schlenkernd herauf
+vom Fluß, rollten die weißen Sonnen der Sägen
+über ihr im Himmel. Gegen die Dämmerung heulten
+die Dampfhähne, Feuersignale schossen aus Schloten
+<!-- page 054 -->
+herauf, herab. Um sie wimmelten Menschen, grinsten
+mit gefletschten Zähnen, verbeugten sich, trugen Hüte
+in der Hand an ihr vorbei, Weiber drängten um sie
+Koseworte herum. Die Rollketten der Wegbahnen
+knatterten sich in endlosen Ellipsen um den Horizont
+herum. Am Garten begann Duft sie zu überfallen.
+Aus Kronen seltsam geformter Bäume schüttelten sich
+Schatten herunter, trieben im Geruch. Nachts schlief
+sie auf dem Geschaukel des Ottavageräuschs. Es füllte
+langsam, wachsend ihr Ohr.
+</p>
+
+<p>Im Garten suchte sie Syg, Tochter der Nurse,
+hob die Goldregenzweige, suchte üppige Grasrosenstände
+durch, zirpte in Schneeballendickicht, Salmweiden: Syg.
+Sie schritten mit langen dünnen Beinen über den schiefrig
+blauen Kies; setzten sich auf die Bank in die Sonne, sahen
+nach dem Haus. Verschwand der Kopf der Nurse, streckten
+sie Zungen heraus. Erschien er, scharrten sie träumerisch mit
+den Füßen, preßten die Ellenbogen aneinander, verklucksten
+sich im Gegen-den-Boden-Lachen lautlos. Plötzlich
+drückte Daisys Hand die Sygs hart. Die Zweige
+hinter ihnen wogten und schluckten, fuhren rückwärts.
+Nach der leeren Bank flog der Nurse Geschrei.
+</p>
+
+<p>Zuerst liefen sie durch Dickicht, Primelbeete, sodann
+kam das Hundeloch im Zaun. Hundert Meter dahinter
+flimmerte Prärie. Unten tief in der zitternden
+blauen Dunstwolke, die die Erdscheibe abbog, kam im
+Halbbogen das Atmen der Gräser in endlos wellender
+<!-- page 055 -->
+Flut sanft herauf. Unsichtbare Vögel sangen gedämpft
+aus dem Tau der Halme. Das Licht floß auf der
+Stille, wiegte, glitt. Sie schlichen bis zu drei Termitenhaufen.
+Unordnung kam in die brausende Stille,
+vom Zaun kamen Rufe. Sie lagen eine Stunde still
+im Zittergras, trauten der eingebrochenen Ruhe nicht,
+die über sie spielte, fürchteten das Spähauge, die schlaue
+Lauer der Nurse. Dann zog Syg die Mittelfinger aus den
+Ohren. Sie hatten nichts gehört. Daisy hob die Nase.
+Sprangen auf. Draußen kam ihnen Wind immer stärker,
+und wie sie liefen, knatternd sturmhaft um die Schläfen.
+</p>
+
+<p>Sie banden vom Leib sich Tücher ab, ließen sie
+hinter sich schwenken. An der Erhöhung blieben sie
+stehen, drehten sie um sich langsam im Bogen. Die
+Sonne fing an, danach sich zu richten, lief mit ihnen
+im Kreis, sprang aus einem Tuch in das andere, mitten
+stand ein roter Knopf in das Viereck hineingerollt.
+</p>
+
+<p>Hinter der Schanze kam der Nurse Hand, faßte
+Daisys Gelenk, Sygs Ohr. Auf Sygs Gequietsch
+legte Daisy die Hand auf der Nurse Leib, stampfte
+mit dem Fuß auf, das Weiß des Auges bekam einen
+kristallischen Kern. &bdquo;Do .&nbsp;.&nbsp;. do .&nbsp;.&nbsp;. Daisy&ldquo;, lockte die
+Nurse, knotete den Schürzzipfel, tuschelte damit zu dem
+Kind, schnalzte mit der Zunge, hob wie der Kordelhanswurst
+die Arme. Die Kinder lachten, hingen an
+ihren dicken Schenkeln.
+</p>
+
+<p>Mit acht Jahren war das Tor frei, das Loch verachtet.
+<!-- page 056 -->
+Sie trugen gleicherweise dünne Seide, dieselben
+Röcke bis zu den Knieen, Shawls über den
+Schultern. Draußen zogen sie die Schuhe aus. Daisy
+bog sich in den Lenden vor, ging steif auf den Zehen,
+die Hand mit gerundetem Daumen nach unten. Sie
+schoß nach unten, hob eine Echse, genau am Hals gefaßt,
+ohne den Schwanz zu beschädigen, hoch. Der
+grüne Leib zuckte, der Kopf fuhr unruhig züngelnd
+herum. Riß einen roten großen Klapprachen auf. Ihn
+hielt Daisy an Sygs Hand. Die schrie und machte
+die Faust. Daisy hielt ihre Linke darüber, den Zeigefinger
+hinein. Wurde bleich, aber machte nichts, als
+es klappte. Es tat kaum weh.
+</p>
+
+<p>Syg lag am Bachrain ohne Mucks. Kroch auf
+den Vieren weiter, blieb wieder Beine, Arme weggestreckt.
+Eine Grille schrie, Sygs Hand machte einen
+Bogen. Der Schatten des Armes aber lief eilender,
+das Tier verschwand. Auf den Knieen kreist sie herum,
+hing über dem Mausloch in Parade gegen die
+Sonne zu. Dann Ruck auf Ruck kam das Tier.
+Sie fing es wie eine Mücke ab, fegte es in die Faust.
+Stieß mißmutiges Geplärr aus, das Ungeduld bewies.
+Schlenkerte zu Daisy, blieb neben ihr, setzte von hinten
+das Tier ihr in die Brust. Daisy lief aufschreiend,
+beide Arme im Busen suchend, ein schmaler Hund lief
+mit, bellte leis auf, fraß die Grille, die unten aus dem
+Rock fiel. Sie tanzten zu dritt im Kreis, schlugen die
+<!-- page 057 -->
+Arme jedes quer über den Bauch vor Entzücken, traten
+das Gras, das unter ihren Beinen elastisch wieder
+sich erhob.
+</p>
+
+<p>Tiefer in der Prärie bückte sich Daisy. Syg sprang
+ihr auf den Rücken, sah sich um.
+</p>
+
+<p>Dann zogen sie die Hemden aus, schlichen, die
+dünnen schlanken Rücken neben den Gräsern, zitternd
+auf hohen Beinen nackt bis zum Baum. Sie legten
+die Hemden auf den Termitenberg, warfen zwei Steine
+hinein, sahen Tausende darüber wimmeln, Saft darauf
+spritzen. Erkletterte ein Outsider eine Wade,
+hupften sie rehhaft herum, schürten aus Rache neuerdings
+in dem Haufen. Dann griffen sie die Hemden
+heraus, liefen damit weit weg, schälten das letzte Tier
+heraus, schnauften, legten die Gesichter in das Leinen
+und sogen bis zum Rausch an dem Saftparfum. Als
+Pferde erklangen, lagen sie tief im Gras. Fidley ritt
+aus dem Hochgras. &bdquo;Sie sehen sich ähnlich.&ldquo; Sie
+sahen sich an. &bdquo;Syg ist dunkler,&ldquo; sagte Vaudreuil
+nach einer Weile.
+</p>
+
+<p>Im neunten Jahr brachte Brown die Gouvernante
+ins Büro. Vaudreuil nickte hinter dem Schreibtisch.
+Die harte Figur der Frau schob sich zu einem Knotengeflecht
+zusammen. Dann wandte sie sich breit zu den
+Kindern. Daisy gab abwesend ihr die Hand. Vor
+Syg harrte die Frau einen Augenblick im Zweifel.
+Was in Daisys Blick an Zögerndem, Zweifelndem
+<!-- page 058 -->
+schwebte, ward fest. Sie nahm Sygs Hand, legte
+sie in die der weißen Frau. Dann trat sie zurück,
+lauernd, legte den Arm um die Taille der Nurse.
+</p>
+
+<p>Nun lockte die Gouvernante den Widerstand aus
+Daisy heraus. Überraschte sie mit neuen Dingen,
+Sachen, Sprüchen, Bildern. Sie bezog alles, was
+sie gab, auf sich, als schenke <i>sie</i> den Eifelturm, <i>sie</i> den
+Tegernsee. Sie machte Geschenke, nichtswertendes
+Zeug, das aber überraschte, einen Haarring, ein Ericri.
+Sie sah die anknospenden kleinen Brüste, wo
+die Warzen schon unter sanftem Rotsaft standen.
+Lobte die Glieder, den Hüftschwung zum Becken, die
+Länge der Taille, die untadelige Wölbung, mit der der
+Schenkel abbog, mit der das Knie in die Wade absank.
+&bdquo;Du, du. Welche Größe habt ihr an Land.
+Da werden Schiffe anfahren von drüben, Prinzen
+kommen, Daisy zu sehen, und diese und diese Fahne
+wird aufgehißt.&ldquo; Aber der Reflex war von Daisy
+ein stummes Fragen. Anders sah sie das Weib nie an.
+</p>
+
+<p>Da machte diese den ersten Umweg und verwöhnte
+Syg. Sie behandelte sie gleich einer Dame. Da von
+Dienstboten Sygs Stellung gleich der Daisys gehalten
+ward, solange sie Kind schien, aber nicht gefestigt
+war für weiterhin, verwöhnte sie sie damit. &bdquo;Du fährst
+dann in Autos. Durch Städte drüben, sitzest in Konzerten.
+Du hast Perlen, Syg.&ldquo; Syg lachte. Ihr imponierte
+mehr Kölnisches Wasser, das sie auf die Haut
+<!-- page 059 -->
+strich, das bitzelte und kühlte und roch. Ihre einfache
+Dankbarkeit kam der Frau entgegen. An Daisy aber
+glitt Sygs Lobgesang vorbei.
+</p>
+
+<p>Nun schlug sie die zweite Umwegstour und machte
+sich an die Nurse, nannte sie Miß und schenkte ihr
+Tücher. Gab ihr einen Spiegel. Schwabbelnd hing
+die Nurse an ihren Röcken, sprach nur noch von ihr.
+Die Kinder lachten. Da machte das Weib die umgekehrte
+Taktik, versuchte die Nurse auszutreiben, weil
+hier der Liebespol der Kinder lag, den sie umleiten
+wollte. Sie nannte die Nurse Diebin, machte aus
+dem Spiegel eine verdrehte Geschichte. Aber mit Feuer
+traten die Kinder vor die Nurse. Das Bild der prallen
+Brüste, aus denen sie erstes Blut gesogen, lag ihrem
+Hirn so eingebrannt, daß kein Verdacht, selbst keine
+Tat es hinausgewischt hätte. Dies gab einen vollen
+Riß. Über ihn hinüber lauerten die Beiden. Da versuchte
+die Gouvernante das letzte, doch es war hirnlos.
+Sie rückte sich dem Gestirn zu, aus dem Schatten
+nach Vaudreuil, suchte ihm aufzufallen, an ihm sich zu
+halten. Er sah sie nicht.
+</p>
+
+<p>Nachts kratzte es an Daisys Tür. Sie öffnete.
+Syg gab das Zeichen. Daisy zog die vom Weib
+verbotenen alten Seidenkleider an, sie verließen auf
+bloßen Zehen die Zimmer, zwischen denen das der
+Gouvernante lag. Mondlos. Dünne schwarze Schatten
+liefen sie unter dem Himmel. Zwischen Sternen
+<!-- page 060 -->
+schossen unaufhörlich Wolken. Sie hatten nasse Füße
+vom Grastau. &bdquo;Syg .&nbsp;.&nbsp;. sieh.&ldquo; Sie hob die Hand
+über die Augen, die Nasenflügel bebten. Feuergeruch
+schwebte mit kleinen Rauchsäulen hintereinander deutlich
+herauf. &bdquo;Weißt du es, Syg?&ldquo; Syg nickte.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Weither?&ldquo; Syg starrte, sagte leis: &bdquo;Viele Tage.&ldquo;
+Daisy legte die Handflächen auf den Mund. Aus
+dem Dunkel kamen breite große Flächen. Um die
+Ränder band sich weißer Rauch, sodaß es schien, sie
+flögen, dazu wellte der Fluß Nebel in zuckenden Linien
+um sie hoch. Die offenen Feuer schlugen in den
+Dampf hinein; brachten ihn zum Feuerexplodieren,
+Fächerstrahlen, Prismenschleudern. Gestalten huschten
+herum, sprangen schwarz von einem Ende zum andern.
+Ein riesenhaftes Ruder ward erfaßt von der Flammenspiegelung,
+bis an den Horizont aufgeschwungen. Lautlos
+glitten die Flöße so herunter.
+</p>
+
+<p>Syg legte sich auf den Bauch. Die Stille summte
+von den Weiden herab. &bdquo;Los&ldquo;, stampfte Daisy ungeduldig.
+Syg legte die Wange gegen die Erde, stellte
+die Zunge gegen den Backen, ließ sie dann herausfahren.
+Zwei wimmernde Töne stiegen steil durch die Luft!
+&bdquo;Pha .&nbsp;.&nbsp;. lux.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Auf dem Fluß erfror die Stille. Eine Sekunde
+setzte der Flußlauf aus, gebar sich Leere, atemlos.
+Dann flog der gleiche Ton auf, langsam, weich und
+gedehnt am Anfang, zitterte auf, sank ab. Das zweite
+<!-- page 061 -->
+Floß fing ihn auf, ließ ihn nicht verhallen, setzte in
+der leisesten Verhallattitüde ein, schwang ihn hinauf,
+warf ihn hinter sich. Das dritte bog ihn, ferner schon
+und daher wehmütiger. Er schnellte den Fluß hinauf
+in Springkurven, fiel irgendwie in den Horizont, dessen
+Mondaufganglicht ihn hochsog.
+</p>
+
+<p>Sie gingen Hände ineinander zurück, Syg mit
+Tanzzucken, das sie unterschlug, im Knie. Im Korridor
+stellte Daisy ihren Fuß genau so, daß sie mit
+dem anderen ihn schnitt. Stolperte, schlug mit den
+Händen gegen die Wand, stieß einen Säbel herunter.
+Syg hickelte erschreckt. Halbangekleidet stand die Gouvernante
+im Gang, mit strohigen Zöpfen, ein dünnes
+Nachtlicht in der Hand: &bdquo;Woher?&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Vom Garten.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Was war im Garten?&ldquo; Nichts war im Garten.
+Lauerndes Schweigen. &bdquo;Syg,&ldquo; sagte die Gouvernante,
+die Stimme überschnappte sich. &bdquo;Wir waren beide
+im Garten,&ldquo; sagte Daisy schnell. &bdquo;Syg,&ldquo; ihr Licht
+schwankte, sie keifte. &bdquo;Hier,&ldquo; Daisy warf Syg zurück,
+wiederholte Sygs dunklere Stimme, drang ins Dunkel
+vor, empfing zweimal die knochige kalte Hand ins
+Gesicht. Am Morgen saß sie auf der Terrassentreppe.
+Am Auto küßte sie sich mit Vaudreuil, gingen die
+Treppe hinauf. Als Vaudreuil sie vorgehen ließ durch
+die Tür, sah sie schräg zurück: &bdquo;Was sagten Sie,
+wenn die Dame Syg schlüge?&ldquo; Eiskalt, neugierig ihr
+<!-- page 062 -->
+Blick. &bdquo;Es würde an Syg liegen.&ldquo; Sie war stehengeblieben,
+etwas drängte ihn zurück, das hartnäckig
+tiefer herkam als die gleichgültige Frage. &bdquo;Wenn es
+nicht an Syg läge .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; &bdquo;Es würde wohl an Syg
+liegen .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Da entfaltete sich ihre Stirn, hochmütig,
+sie gab es preis: &bdquo;Sie irren Papa .&nbsp;.&nbsp;. aber &mdash; wenn
+sie Daisy schlüge und es läge nicht an Daisy .&nbsp;.&nbsp;.
+oder: es läge selbst daran.&ldquo; Die Frage schwebte zwischen
+ihnen, erhielt langsam Spannung. Vaudreuil sah die
+Wange, die ihm sich entgegenreckte. Sah kurz zu Boden.
+&bdquo;Ich ordne es.&ldquo; Sie glitt zur Seite. Er ging hinein.
+Gegen Mittag fuhr das Auto vor. Die Gouvernante
+darin, Brown stieg zu, winkte an der Ecke. Die
+geröteten Handgelenke stiegen hoch, die Manschetten
+waren auf der Flucht.
+</p>
+
+<p>Syg lief ein Stück nach, schwenkte eine Pfeifenstrauchrute.
+&bdquo;Ich wollte noch sagen, es ist das gleiche:
+ich und Syg.&ldquo; Daisy sah auf ihre Nägel. Vaudreuil
+fuhr mit der Hand hoch, als ob er gähne: &bdquo;Es
+ist nicht das gleiche. Aber du kannst es dafür halten.&ldquo;
+Sie sah nicht auf. Nach drei Tagen, als das Auto
+einfuhr, brachte Brown ein blondes Geschöpf, zitternd
+vor Angst, voller Hingebung, dünn an Organ und
+Haltung. Sie erschrak heftig vor Daisy, verehrte das
+Kind, war hilflos, gefällig. Diese Güte belästigte
+Daisy. Sie verachtete dieses Wesen ein wenig und
+bemitleidete es dunkel. Ein junger Mann tauchte
+<!-- page 063 -->
+später auf, lehrte alles, wußte alles, trug ein Pincenez
+auf kleiner Nase, zog einen steifen Kordon um sich,
+den seine korrekte Tätigkeit umschloß. In allem übrigen
+blieb er entfernt.
+</p>
+
+<p>Die Mähder gingen im Blau des Damms wie im
+Himmel entlang. Kühe dampften vor den Wagen.
+Als der Stier brüllte, rasselte der Horizont es rundherum
+wie ein fliegendes Gong. Tausend kleine Blitze
+schossen im Gras die quer. Sie gingen über die
+Biberwiesen. &bdquo;Syg, waren es Chipeways .&nbsp;.&nbsp;. sag.&ldquo;
+&bdquo;Chipeways.&ldquo; Sie starrte in das Summen der Hitze.
+&bdquo;Fahren sie lange auf den Flößen?&ldquo; Syg dachte
+an die Nurse: &bdquo;Zwei Monate,&ldquo; sagte sie unsicher.
+Daisy zog einen Halm durch den Mund, kaute, schwieg.
+</p>
+
+<p>Die Arme auf dem Rücken schlenderte sie vor die
+Nurse: &bdquo;Du .&nbsp;.&nbsp;. du .&nbsp;.&nbsp;. ei, habe ich Chipewaysblut
+ein wenig von früher?&ldquo; &bdquo;O .&nbsp;.&nbsp;. o .&nbsp;.&nbsp;. do .&nbsp;.&nbsp;.
+Daisy .&nbsp;.&nbsp;. das sind Hurons.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Aber sind diese größer?&ldquo; Kopfschütteln. Sie ging.
+</p>
+
+<p>Ging sofort in das Büro, stellte sich neben die
+Ledertür an die Wand, lautlos. Der Sekretär raffte
+zusammen, knickte ein, ging. Ein Vorstand kam,
+referierte, ging rückwärts hinaus. An zwei Stenotypistinnen
+erging ein niederprasselndes Diktat. Eine
+Kommission trat ein. Da sah sie Vaudreuil. Sie
+ging sofort bis an den Tisch, legte die Hand darauf,
+sprach. Vaudreuil kniff die Mundwinkel ein, um kein
+<!-- page 064 -->
+Zucken zu verraten, nur die Lider blinzelten. &bdquo;Du hast
+es von beiden, durch Mütter und Väter.&ldquo; Sie blieb
+stehen: &bdquo;Syg hat auch von Chipeways.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Aber du hast edleres.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Da errötete sie, ging eilig, sicher hinaus. Sagte
+Syg nicht, daß sie edleres habe. Liebte Syg über
+jedes Schweigen hinaus, wie nichts.
+</p>
+
+<p>Zum vierzehnten Geburtstag schenkte Vaudreuil ihr
+ein eigenes Pferd. Abends ward sie ohnmächtig. Das
+Blut verließ zum erstenmal die Muttergrube, sprudelte
+aus ihrem Leib. Drei Tage lag sie. Als sie
+herauskam, war sie Frau. Auf der Haut saß ein
+glatter Reiz, um den Gang floß ungewisser Zauber,
+wiegte hinter ihr her noch wie Zurückgebliebenes. Nur
+die Augen wurden heller, besaßen mehr Kraft und
+Wissen zu durchdringen. Sonst zog sich alles von
+oben zur Brusthügelung, unten von Fuß und Knie
+und Hüfte zum Mittelpunkt des Leibes hin zusammen,
+sodaß das Weibliche, Auffangende und im Wechsel
+Hingegebene deutlich ward.
+</p>
+
+<p>Das Fräulein spielte große Kantilenen. Die Wochen
+wurden lang dadurch und hingezogen. Es war, es
+käme Erlösendes, Rufendes von fern. Erlosch wieder.
+Die Jahreszeiten änderten sich, öffneten wie Kapseln
+ihr Gehäus, gebaren, stäubten ab, doch das Geheimnis,
+das ihnen innelag, äußerte sich nicht. Das Haus
+ward eng unter vieler Musik. Sie schlug den Blick
+<!-- page 065 -->
+zum Plafond, haßte Klavier und blonde Haare, aber
+sagte es nicht aus Bedauern. Auch der Garten war
+schon Grenze und selbst das Hinundherreiten, das ins
+Wunderbare ging und endete, hatte schon das Bekannte,
+hatte Meilensteine, Hürden, an denen es zerschellte
+und vor denen das Weite erst brüllend vor
+Verhaltenheit lag.
+</p>
+
+<p>Noch ritten sie um das Rondell, sattelten selbst.
+Schon lag der Zauber halb verblättert, reckte darüber
+her anderer sich schon bitter, lockender und schwerer im
+Blut aus der Unbekanntheit her auf, ohne daß man
+wüßte, welcher, woher. In einer Lichtung bekamen sie
+Durst. Syg fand einen Ahorn, schälte ihn an, bohrte
+ein Loch hinein. Aus einem dicken Halm sogen sie
+den gelblichen Zucker. Als sie, satt, nach den Gäulen
+sah, umdrehte, starrte Sygs Kopf glasig und eingefallen.
+Die Kupferhaut war molkig. Über ihrem Kopf
+saß unregbar mit vorgeschossenem Kopf, noch schwebend,
+die Schlange. Daisy sprang vor. Nun war ihr, sie
+fliege. Nun kam, erhob sich Unbegreifliches, streifte
+sie mit Seligkeit. Ein ganz leiser Schrei verließ den
+Mund, die Augenbrauen standen im Dreieck. Grau
+und kühl, flimmernd, neigte ihr Blick sich gegen den
+des Tieres. Der Baum raschelte, es pfiff und klapperte
+im Geäst. Auch Syg drehte sich nun ihr zu, weinte
+in ihre Hand. Aber sie fieberte noch auf dem Pferd,
+hatte Aufruhr in den Knien, wogte mit der Brust.
+<!-- page 066 -->
+Unglücklich verging die Nacht. Es war aufgestanden
+in ihr etwas, hatte sie gestreift, sie wußte nicht, wie,
+wo, welche Sache. Es hatte gebäumt und sich geduckt.
+Sie fror.
+</p>
+
+<p>Die Siebzehnjährigen bestiegen einen Dampfer, den
+Brown gechartert hatte, weiß wie Porzellan. Sie
+reisten ins Innere. Das Fräulein, der Lehrer bezogen
+Kabinen. In hellen Kleidern lehnten die Mädchen am
+Reeling. Vaudreuil winkte herauf vom Land. Browns
+Arme schlugen Rudertakt. Daisy schmollte den Mund
+schief. Noch einmal: &bdquo;Komm&ldquo;. Vaudreuil lachte,
+schüttelte den. Kopf. Man fuhr los. &bdquo;Pa kommt
+nicht mit&ldquo;, sagte Syg. In Daisys Stirn fiel eine
+Locke: &bdquo;Du solltest dich nicht weiß anziehen. Du bist
+zu dunkel. Nimm blau.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Vier Tage fuhren sie den Lorenz hinauf, die Hitze
+um sich, weiß. Abends ankerten sie spät, um solang
+als möglich Fahrtwind zu haben. Dann kam die
+Nachthitze traumhaft. Die schwüle Ruhe lastete mit
+sprengender Unausgesprochenheit. Spät kam ein Dachs
+ans Ufer, hob die Ohren, legte den Kopf fast auf die
+Luft, so weich, soff dann. Als nichts zu sehen mehr,
+erhob sich das Schlürfen anderer Tiere. Mit jähem
+Luftdruck schwebte ein Fregattenvogel von den Wellen
+glatt übers Deck. Aus dem blauen Dunkel formte sich
+Figur, Geschehen. In weiten aufschwellenden Kreisen
+vollzog sich Manches, nicht gesehen, aber gewußt und
+<!-- page 067 -->
+geahnt. Das Ufer, das versackt drüben lag, spannte
+sich herüber, kam hergeschwebt, riß zurück. Das Gebrumm
+der Mücken über dem Schlafnetz steigerte sich,
+bis, mit allem verwoben, es eine Höhe erreichte, die
+sich selbst nicht mehr ertrug. Da schlugen aus der
+Spannung von Masten, Geländerspitzen, kleine blaue
+Flammen auf.
+</p>
+
+<p>Das Erregte ward nun lauschend, erwartungsvoll.
+Mit großen Augen überwanderte sie den Dunkelheitsbogen.
+Ihr Herz machte sich heran an jeden Laut,
+mit jedem Geräusch ging es hoch und tief. Schlug
+mit dem Gesäusel des abfahrenden Wassers an Backbord,
+mit jedem Astwedel, der schauerte. Doch kam es
+auch zurück. Sie fühlte in sich, als geschähe es in
+ihr, das träumerische Aufschnellen der Fische und das
+jagende Husch, wenn ein Nachtvogel die Seile durchschwamm.
+Irgendeinmal in solchen Nächten schlief
+man dann ein.
+</p>
+
+<p>Nun kamen Inseln. Smaragdgrün und gelb war
+der Strom getupft. Sie loteten den Tag durch. Gemischtes
+aus unbekannten Blumen und Wasserfäule
+lag als Barriere davor, erstickte sie fast, als sie eindrangen.
+Betäubendes Labyrinth von Kanälen umgab
+sie. Die Inseln wurden kleiner. Ach diese, ach jene,
+deuteten sie, und schon war alles verwirrt, erkannten
+sie die erste nicht mehr. Sie sahen keinen Boden. Es
+wucherte nur. Nachts hingen Schlingpflanzen herunter,
+<!-- page 068 -->
+im Licht, wie Drähte gespannt, die wogten, durch die
+von Astlilien Kopfweh heruntersank und ein grausames
+Süßes, das sich kaum über dem Wasser trug, einsank,
+in die Wellen mischte, so schwer war es.
+</p>
+
+<p>Morgens tat eine Bai sich auf. Silbern trat die
+Sonne aus dem Wasser am Horizont, der ruhig,
+endlos lag. Sie atmeten tief in das nun Geweitete,
+befreit. Am Mittag schwammen neue Inseln entgegen.
+Aus gewaltigen Grasbüschen wuchsen Bäume mit kalt
+geformten Blumen. Schlugen Brücken miteinander.
+Die Sonne war weg, der Himmel zu. Unten liefen
+Regenbogenfische. Oben schwirrten bunte Vögel, ohne
+Rast in Bewegung und Getön. Dazwischen wogte
+blauer heißer Dunst.
+</p>
+
+<p>Abends kamen sie ins Freie. Sie liefen wehend
+zum Vorderschiff, winkten hinaus. Schrieen: &bdquo;Das
+Meer!&ldquo; Doch im Untergang brach sich die Sonne
+in einem gespaltenen Rubinfächer hinter neuen Inselherden.
+Sie griffen sich auf, sammelten sich, umtrieben
+sie mit Kanälen und Buchten, in denen sie irrten.
+Syg holte Daisy in der Nacht, sie schlichen im
+Schatten der Pflöcke bis hinter die Taurolle. Am
+Reeling stand neben dem Fräulein der Lehrer, sie
+sagten nichts, berührten sich nicht. Er wies immer
+mit dem Kneifer gegen das Wasser. Da unten schwamm
+aber auch nichts. Jedoch sprang später aus einem
+Baum eine Katze auf Verdeck, fraß neben der Küche
+<!-- page 069 -->
+zwei Hühner, die Matrosen machten Jagd, und das
+Tier sprang durch die Glasscheibe in Browns Kajüte.
+Die nackten Beine sehr verhaart, sonst nur im schwarzen
+Predigtrock fuhr er entsetzt mit verschlafenen Haaren
+auf dem Deck herum, bis man ihn beruhigte. In
+der Nacht fuhr das Schiff weiter, es gab ziemlich
+Licht von oben.
+</p>
+
+<p>Morgens erst schlugen Himmel und Wasser entfernt
+fest zusammen und machten einen Kreis. Erst da
+ward es endlos. &bdquo;Das Meer&ldquo;, sagte Daisy.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist auf der anderen Seite.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich weiß Syg.&ldquo; Sie machte einen Bogen, am
+Geländer saß Well, der Wolf des Steuermanns. Er
+legte den Kopf, als sie sich kauerte, auf ihr Knie.
+</p>
+
+<p>Gegen Mittag ward der Ontario tiefblau, spannte
+sich in gebogenem Spiegel hinauf und in seidiger Biegung
+abebbend hinab. Im glänzenden Himmel begannen
+Striche zu wachsen. Hoch über dem Horizont,
+fast wolkennah schwebten drei große Schiffe. Der
+Mittag ward voller, ging auf wie ein Gestirn, kam
+aus sich selbst und zerrann. Toste von Farben. Der Horizont
+ward dunkel von Glut. Es ballte sich die Weite,
+durchdrang sich und lud die Atmosphäre mit einem
+gepreßten ausschwingenden Atem. Segler nahten da
+und dort, hingen Fahnen heraus, bogen über das glashafte
+Seidene des Sees herab. Von eigenen Masten
+flaggten Fahnen, das Deck zog festlich, schmal dahin.
+<!-- page 070 -->
+Unter der Brise legte das Schiff sich seitlich. Well
+sprang auf, knurrte, schnappte nach ihrer Hand, sie zog
+ihn an der Gurgel wieder herunter. Schaumdünn zog
+Land in einer reinen weißen Wölbung heran. Hinter
+ihnen sammelte sich das Geweitete, schwang ab in
+Klarheit mit dem berstenden Geknäul. In der dünnen
+singenden Luft begann das Segel über ihr sich plötzlich zu
+drehen. Geräusch von Ruder und geschaufeltem Wasser
+fiel aus ihr heraus. Mit dem davonschwingenden riesigen
+Segel flog es in ihr hoch. Es bäumte sich wieder,
+überrannte sie, stieg aus ihr und gab sich hinaus, erschauernd,
+tastend, eine Sekunde. Als ihre Haut zu
+zittern anfing darunter, sprang das Knattern und
+Schäumen wieder in sie. Vorbei. Sie bebte. Wandte
+sich um. Das Gewesene nahm plötzlich Platz in ihr
+wie vorher. Aus einem Hafen kamen Drähte, Stangen,
+Schorne, schoben auf sie zu, fesselten sie mit ihrer
+Gegenwart an. Sie fuhren ein in Toronto.
+</p>
+
+<p>Brown brachte ein Tuch. Es ging auf. An der
+Mole flaggte es viermal. Sogar eine Rakete schoß
+hoch und knallte. Darauf kamen Wagen hergerollt
+aus einer schrägfallenden Straße. &bdquo;Sie kommen&ldquo;,
+sagte Brown, rieb sich die Hände, schmunzelte verschmitzt,
+es ward eine harte Grimasse. Sechs Wagen
+standen nebeneinander. Junge Leute sprangen herum,
+hatten schiefe Helme auf den Köpfen, sammelten
+sich, stampften, stellten im Kreis sich um einen starken
+<!-- page 071 -->
+Burschen und schrien Hurras. Der junge Mann
+sprang im Satz an Bord. Brown fing ihn auf, umarmte
+ihn, zog ihn beiseite, wisperte, sprach, kicherte.
+Hinter seinen Gesten sah der Bursch herüber, schnitt
+Fratzen vor Ungeduld, trippelte, hob den Nacken,
+grinste ins Blaue. Brown brach ab, schnickte den Kopf,
+nahm ihn am Arm, führte ihn sorglich hinüber, stellte
+ihn vor. Sein Neffe.
+</p>
+
+<p>Drei Stunden Zeit. Sie erkletterten Wagen, die
+Peitschen stäupten auf. Fuhren den Strand entlang,
+sahen die Muscheln angeschwemmt in Wällen, einen
+Fisch, den Dampfer Skania verkracht, die Kessel gespießt
+von Klippen. Sahen grünseidene geschnittene
+Rasen abgleiten, Blumenschlangen, geordnete Beete.
+Sahen von Basalt umstellt eine wütende Quelle, die
+trommelte, schlug, aufstieß, im Schweigen noch bebte.
+Machten einen Korso. Stiegen ab, empfanden, es war
+gut, war schön. Sahen sich in die Augen, sahen die
+Hände, die Hälse, lachten. Tranken Wein, Schokolade.
+Lächelten, als Browns Neffe den Lapin setzte, Brown
+abschob, bei ihnen landete, das Trittbrett abhieb im
+Schwung. Sahen seine Achseln, das Braun des Gesichts,
+die Hände. Sahen das weißhelle Blau um
+die Pupille. Fuhren durch Spaliere, hohe Drähte mit
+Gärten, die schwebten. Durch eine Palmenallee, Bosketts
+mit Hyazinthen, Springbrunnen, durch Berge
+Duft. Fuhren durch Straßen mit Riesenfelsen, die
+<!-- page 072 -->
+selbst Dynamit nicht zerknackte, unbeugsam blieben.
+Fuhren unter Hebelwerken, sausenden Oberbahnen.
+Fahren durch ein Dickicht, ahnten Lichtes, spürten Bewegung,
+sahen dünn wie Lippen Gesträuch sich spalten.
+Sagten: &bdquo;Ontario&ldquo;. Sahen den See.
+</p>
+
+<p>Sygs Tuch fiel.
+</p>
+
+<p>Die Augen streiften, erzitterten. Drei junge Männer
+sahen nach einem alten Herrn, der ein Ei aufschlug,
+blieben daran, erröteten, drehten die Hälse zurück,
+schwiegen, wandten sich immer mehr um die Achse,
+verrenkten sich, sahen zuletzt in die Luft.
+</p>
+
+<p>Daisy bückte sich, hob das Tuch selbst, ließ die Lider
+gesenkt, die Mundwinkel etwas erschlafft. Lehnte
+sich ins Polster. Sah Pferdeköpfe, Pferdehälse, Browns
+Manschetten kommen, näher, sich vorschieben, bog
+sich hinüber: &bdquo;Zum Hafen&ldquo;.
+</p>
+
+<p>Ging rasch, behend, teilte Handdrücke aus, suchte
+den Kapitän, ersuchte, den Abend noch zu fahren, sah
+nicht zurück, pfiff dem Hund. Der Ontario lag wie
+Stahl. Zwei gelbe Segel flauschten groß im Mondschein
+vorüber. Das Wasser wellte, spielte um das
+Licht in riesigem Blaukreis. Sie schloß die Augen
+halb, zog den Kopf des Hundes in den Schoß, einen
+Zug Leids von der Braue nach der Stirn. Nicht
+um sich. Sie stand auf. Sie fuhren die Nacht durch,
+den Tag. Fuhren an Dörfern vorüber, wendeten,
+sahen sie das zweite Mal vorübergleiten. Kamen an
+<!-- page 073 -->
+eine Bucht, Gelächter erscholl beim Baden. Die Linie
+aber wich nicht von der Stirn, die sich zum erstenmal
+verbog, belastete, überschnitt. Sie fuhren nach Hamilton.
+Nach Oswego. Legten an bei Port Hope, stellten den
+Dampfer ins Dock, fuhren nach dem Huron. Zwei
+Stunden in der Bahn, erbleichte Daisy an den Schläfen,
+wimmerte hinter verbissenen Lippen, fiel in Ohnmacht,
+erwachte die Nacht, fiebrige Augen im Dunkel. Sie
+brachten Essen, Trinken. Sie starb fast unter dem
+Drängen. Gegen Morgen frug Brown: &bdquo;Was willst
+du?&ldquo; &bdquo;Zurück&ldquo;.
+</p>
+
+<p>Sie hielt dort an sich drei Tage, saß still bei der
+Mahlzeit im Garten, fixierte manchmal das Auto, das
+kam, fuhr. Knüpfte nach dem Lunch eine Hängematte auf
+die Veranda, stieß den Laden zum Privatbüro zurück,
+schaukelte; als Vaudreuils Kopf über ihr war, sprang
+sie auf, eilte über die Diele, trat in das Büro, bat,
+daß er Syg adoptiere, stand mit ausgebreiteten Armen
+gegen die Wand.
+</p>
+
+<p>Der Marquis blieb am Fenster, legte ein Messer
+auf den Papierstoß, schnickte das Kinn hoch, zweimal,
+sah auf das aufgeschlossene Gesicht der Tochter, aus
+der die Bitte troff, ein Leid sich weit erhob, starrte,
+nickte, aber sein Blut, das ohne Dünkel war, sträubte
+sich gegen das andere Blut, auf das sein Name, sein
+Blut sich legen sollte. Sagte: &bdquo;Sie muß sich gewöhnen,
+noch mehr Schmerz aus ihrem Blut zu haben.&ldquo; Tonlos,
+<!-- page 074 -->
+ohne Bewegung schlug Daisy die Lippe auf: &bdquo;Sie
+würde es leichter tragen.&ldquo; Ein Spalt warf das Lächeln
+des Vaters über sie, überlegen, kühl: &bdquo;Das ist kein
+Vorteil.&ldquo; Aber von ihrer Haltung ging es über ihn
+und was er vorbrachte hinaus: &bdquo;Sie wird es stolzer
+überwinden.&ldquo; Da beugte der Marquis den angezogenen
+Nacken, machte eine Bewegung mit der Hand, unwillkürlich,
+schwach, aber mit einer Bedeutung, die sie
+ehrte und grüßte. Sie wurde rot, das Straffe, das
+sie geführt zum Erfolg, zur Sicherheit, ließ ab, entfaltete
+sich in eine rührende Bewegung. Sie ging
+hinaus.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>An der Tür sah sie ihn gebückt, er schob eine Kassette
+auf, vernahm ihren Namen, weich eingehüllt von
+ihm. Er zog die Nickelschlüssel, gebogene, drahtschlanke,
+barocke, wählte klirrend, schob auf, kam auf sie zu,
+sie ging entgegen. Er sprach beiläufig, ruhig, gewohnt:
+&bdquo;Die Frauen trugen sie zur Hochzeit. Dann ihr Leben.
+Ich gebe sie dir früher.&ldquo; Sie trug eine Kette aus
+gelbem geflochtenem Dukatengold, daran drei achatne
+Kugeln.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Lief stracks zum Schiff, winkte, kam näher, sprang
+auf das Brett, rief nach dem Steuermann. Sah seine
+<!-- page 075 -->
+Hand, die die Luke aufstieß, zerlegenes Haar, die Hemdsärmel,
+die Riemen, geblendete Iris. &bdquo;Was willst du
+für Well,&ldquo; sie deutete mit dem Fuß auf den Wolfhund.
+Er fuhr mit dem Unterarm über die Stirn, rieb
+den Handrücken über die Augen, zeigte rasch die Zähne,
+schüttelte wirbelnd die Hand. Nein. Sie kam in der
+Dämmerung wieder, hob die Luke, stieg zur Kajüte,
+stellte sich in die Tür, ließ sie offen. Fragte. &bdquo;Nein&ldquo;.
+Sie lachte, kokettierte, betastete sein Messer, das grüne
+Glas, den Wandkork, verzog die schelmisch gestreiften
+Wangen, sagte zweimal plötzlich: &bdquo;Ich lasse Sie entlassen,&ldquo;
+ging mit hängenden Armen. In der Nacht
+bellte es im Garten, ein Hund bellte wie auf der
+Jagd. Sie öffnete die Balkontüre. Well im Garten
+stand naß, triefend, außer sich. Sie öffnete unten
+die Haustür, ließ ihn herein, er legte den Kopf auf
+ihr Knie. Wie auf dem Schiff. Sie vergaß es
+nicht.
+</p>
+
+<p>Ging früh zum Dampfer, trat aufs Brett, zog es
+ab, fuhr zurück, rief in die Luke, sah unten den Kopf
+des Steuermannes. &bdquo;Ich bringe Well zurück.&ldquo; Ging
+mit langen Beinen rasch hinauf. &bdquo;Do .&nbsp;.&nbsp;. do .&nbsp;.&nbsp;.
+Daisy .&nbsp;.&nbsp;.,&ldquo; schnatterte die Nurse, faßte ihr Kleid, küßte
+es, den Arm, schloß sie an den Busen an, schmatzte,
+schlug die flache Hand auf den Mund, tremolierte.
+Hatte von Vaudreuil ein kleines Haus, zwei Kühe,
+eine Magd. Klatschte in die Hände, summte still vor
+<!-- page 076 -->
+sich hin, trat mit dem rechten Fuß dazu auf. Im
+Gang tollte Well. Sie ließ ihn zurücktreiben. Saß
+allein in ihrem Zimmer, schob das Hemd ab, sah im
+Spiegel über dem bronzenen Körper die Kette mit
+den Kugeln, als liefe ihr Blut hinein, ihr Alleinsein,
+ihr noch Unbekanntes, Umschwebendes, ungeheuer Verhülltes,
+glänzender und kühler als ihre Haut, aber ihr
+zugehörig. Wie ihr Bein, ihre Warze, ihr Schmerz.
+</p>
+
+<p>Der Steuermann am Morgen stand auf der Diele,
+zerknitterte den Hut, nickte mit dem Nacken, breitete
+das Maul aus, fletschte, hatte einen Sohn im Büro,
+spritzte Kautabak, fuhr Pelze seit Jahren, Schiffe,
+Städte, Stapel .&nbsp;.&nbsp;. kaute seine Frau heraus, gab ihr
+Reiz, Alter, ein schiefes Ohr, Zufriedenheit .&nbsp;.&nbsp;. riß
+den Hut hoch, die Tür auf. Well stob herein. Er war
+unbrauchbar. Sie hatte ihn verdorben. Er blieb nicht mehr.
+Er brachte ihn fluchend, Zwinkern in einem Auge. Sie
+suchte nach einer Note. Er nahm sie nicht, hätte ihn nie
+verkauft. Er wollte ihn nicht mehr. Gab ihn ab.
+Ging. &bdquo;Gib ihm ein besseres Schiff,&ldquo; sagte Daisy
+Vaudreuil, &bdquo;ich will nicht, daß er mir schenkt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Den zehnten Dezember fuhren sie nach Montreal,
+hoben Syg aus dem Auto, hoben sie adoptiert hinein,
+kauften den Tag über, machten Kommissionen, besahen,
+beschauten den Mittag, stopften ihn voll, eilend, häufend,
+bis er abbrach, die Dämmerung kam mit Laternen.
+In einer Schwebebahn glitten sie aus ihnen heraus.
+<!-- page 077 -->
+Weiß eingenietet brach die Landschaft gegen den Himmel.
+Das Nachtlicht flog eisern über Kanäle. &bdquo;Halt&ldquo;.
+</p>
+
+<p>Daisy stieg aus, sie suchten ihren Schleier, fanden
+ihn, stiegen ein. Am Trittbrett wandte sie sich langsam
+herum: &bdquo;Nehmen Sie vor uns Platz, Fräulein.&ldquo; Sie
+übersah den Lehrer, zog die Achseln ein wenig an,
+schüttelte sich, legte den Arm auf Sygs Schoß, die
+ihre Grausamkeit nicht begriff. Vor dem Schlafengehen
+gaben sie sich die Hand. &bdquo;Du bist froh Syg?&ldquo;
+&bdquo;Ja.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Der Winter nahm Kurve auf Karneval, steigerte
+mit jedem Tag, den er vortrieb, das Gedrängte, Erhitzte.
+Männerstimmen jauchzten aus Schlitten zu,
+die die Gegend überkreuzten. Aus Pelzen hoben, winkend,
+beringte Frauenhände Tücher. Schellen überflirrten
+die Nacht. Auf Stahlringen der Flüsse kerbten
+Kufe. Damen fuhren mit Meuten, die vorrasten,
+sich überschlugen, Haken bogen, von Lachen aufgereizt,
+verärgert wurden, bis sie sich verbellten am Schlag
+wie ein Wespenschwarm. Pistolen funkelten in Wintersonne,
+schossen Salut am Portal. Illuminiert, aus
+jedem Loch Licht stoßend, hingen die Häuser der Seigneurs
+am Horizont. Kostüme kamen, bliesen Tuben.
+</p>
+
+<p>Vier Fackelträger stiepten die Glut durch die beißende
+Luft. Alf fuhr sie in einer Kurve vors Portal,
+die Pferde stampften in einer Wolke, spritzten Schaum.
+Syg trug blaue Kleider. Diener stürzten auf die Treppe,
+<!-- page 078 -->
+zwischen Kerzen über Treppen. Der alte Fribaurt führte
+Daisy. Syg hatte sein Sohn, dessen weibische Lippen
+lächelten, ihre Knabenhände nachbebten, als sie eine
+Orange ihm schnitt. Im hohen Fensterbogen sah Daisy
+sie vorbeischwimmen, ihre Zähne leuchteten, den Körper
+eingespannt in den Schwung des Partners, ihr Gesicht
+glatt wie Frucht. Sah Syg hineingleiten in
+Unbekanntes, ohne Widerstand, ohne Bewußtsein, aufklingen
+in der Saalluft, Fremdenlust, Manngetanz.
+Sie zog die leise aufschwebende Linie zwischen Auge
+und Schläfe mit dem Finger aus. Im vierten Gang
+der Familienquadrille blieb ihr Blick im Fenster, ihr
+Fächer fiel, ein kleiner Schrei, die Paare verwirrten
+sich, das Arrangement schoß zum Teufel, die Augen
+suchten an ihr. Sie deutete auf den Fächer, der alte
+Fribaurt küßte ihr, zornkochend, ehrfurchtsvoll die Hand.
+Sie aber suchte sich noch einmal hineinzubegeben in
+das Umfassende, das sie nicht faßte. Sie spannte
+sich ihm entgegen mit aller Kraft und suchte es zu erreichen.
+Nahm den Arm des spanischen Vetters, gab
+sich seinen Pas hin, der Eleganz seiner ungewöhnlichen
+Kurven, schaukelte, am Platz drehend, durch alle Voluten
+der Geschmeidigkeit, trieb mit ihm in die Entfesselung
+der letzten Äußerung ihrer Körper. Zog zugleich
+die Kraft an und den Willen, tastete, drang
+vor, erreichte nichts, erreichte Fremdes, glitt ab mit der
+Seele. Sein Knie schob sich zwischen ihre Schenkel.
+<!-- page 079 -->
+Sie ließ die Arme los, die Nasenlinie ward schärfer.
+An der Ballustrade erwartete sie Syg.
+</p>
+
+<p>Alf auf dem Rücksitz kreuzte die Arme im Muff,
+Daisy führte, das Eis schimmerte rosa. An der Ecke der
+Bucht knirschte das Eis, flimmerte im Frühlicht, wurde
+tief, herb, hielt drei Meter, brach. &bdquo;Pha .&nbsp;.&nbsp;. lux.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Sie blieben sitzen. Alf kniete auf dem Eis, haschte
+die Schlinge, zog sie an. Riß dem Gaul die Adern
+am Hals zusammen, zog sacht, langsam den Hals des
+strampelnden Tieres hoch. Der Bauch schwappte, die
+Beine traten immer mehr Eis hinein. Alf machte eine
+gewaltige Bewegung, das Tier ward ohnmächtig, ruhig,
+ging unter. Nun zog ers herauf, schleifte es aufs feste
+Eis, schlug die Schlinge ab. Massierte die Schlagadern
+am Halsstrang. Das Tier röchelte, schnappte tief
+Atem, sprang plötzlich auf die vier Beine, fing
+sich in der Kandare. Sie fuhren weiter. Syg klatschte
+mit den Nägeln auf den Daumenballen. Da brach das
+Eis zum zweitenmal. Alf würgte das Tier, um es
+zu retten, zog es herauf, frottierte es ins japsende Leben
+zurück. Als sie auf das Haus zu hielten, zog Vaudreuils
+Auto, vom Lorenz her, die Schleife am Fluß. Sie
+stiegen zugleich aus.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Zweimal mußten wir das Tier erdrosseln,&ldquo; Syg
+küßte ihn. &bdquo;Zweimal&ldquo;, lachte Vaudreuil, schlitzte die
+Augen eng zur Seite. Daisy war bleicher, aber schöner,
+gespannter als Syg.
+</p>
+<!-- page 080 -->
+
+<p>Der Winter kulminierte, schwang auf der Kurve
+noch, floß herunter. Ging vor den Fenstern irgendwie,
+irgendwo zu Ende, krepierte in den Mulden südlich,
+fraß sich satt noch hinter dem Waldgurt zum Hudson.
+Irgendwelches geschah, rauschte, färbte sich mit Männern
+und Frauen und Pferden hinter dem Glas, das ihrem
+Atem sich zuwölbte. Manchmal gings in der Nacht
+über den Horizont hin, wälzte sich, glühte sich breit
+aus, manchmal surrte es in der Saublutsonne, manchmal
+war es unter sackendem Schnee, brüllte um den
+Himmel, jagte an den Bäumen. Sie hob die Achseln,
+ging zum Stall. Das Eis sprang bis hoch in
+den Norden. Alf wartete mit Gäulen. Abends kamen
+sie von der oberen Mühle. Der Boden war fester.
+Blitzende Wolken flirrten zag und dünn herbei. Hirsche
+scharrten um eine verdeckte Quelle. Sie umschlich, kam
+heran, schoß nicht. Schoß einen Dachs, trug ihn ins
+Speisezimmer. Vaudreuil erlaubte den Ausflug mit
+Alf zu den ersten Faktoreien. Ihre Schenkel waren
+stark, sehnig, gereckt vor Grazie und Grausamem, die
+Hüften in beispiellos abfallender Glätte. Zwei Tage
+sattelten sie. Alf pfiff die Hunde heran, zurück. Ordneten,
+stapelten. Telephonierten, packten die Säcke für
+die Tiere, Teppiche, Pelze. Am vorletzten Tag kam
+ein Segler den Ottava herauf.
+</p>
+
+<p>Unter den Hurras wimmelte es an Helmen am Anlegeplatz.
+Brown schwebte auf der Veranda, breitete
+<!-- page 081 -->
+die Arme, rief, was keiner verstand. Die Torontoner
+Studenten kamen in einem überlieferten Zug, vorn ein
+Dudelsack, dann zwei mit am Rücken gekreuzten Armen,
+hinten ein Trommler, ein Schaf, ein Kind,
+unterm Arm einen grün bemalten Hahn. Ans Tor
+kam der Marquis, empfing, lächelte ein wenig. Es
+waren Engländer.
+</p>
+
+<p>Acht Tage fingen sie Fische. Lagen halbnackt auf
+den Balkonen. Schlachteten Ziegen, Schweine, Stiere.
+Tranken in einer Mondnacht eine Bowle, steckten eine
+Hütte an, fuhren mit Lampionruderern aufs Wasser,
+warfen um. Lungerten die Weiber um die Pavillons,
+schrien nachts, quietschten, machten Vaudreuil sein Schlafzimmer
+wechseln, kein Wort sagen. Spielten Dudelsack
+morgens, abends, boxten, schrien alle durcheinander,
+hieben aufeinander ein, entknäulten sich, zogen blitzschnell
+in Zweireihen singend ins Wasser. Spritzten, badeten,
+rauchten.
+</p>
+
+<p>Mittags ritt Daisy mit Alf und Browns Neffen
+über einer Fuchsspur, folgten sie über einen Acker,
+trieben um einen Wald, durch einen Bach. Als der
+Mann ihn im Schuß hatte, wich er, als bocke der
+Gaul, zur Seite. Daisy kam ins Schußfeld, rümpfte
+die Nase über die Achsel, schoß nicht.
+</p>
+
+<p>Alf wagte nicht zu schießen. Ritten stumm nach Haus.
+Ostwind hatte sich an den Pappeln hochgewirbelt, war
+über den Wald aufgebrochen, losgesaust, wellig, weiß, fließend
+<!-- page 082 -->
+ohne Pause stürzte er herunter. Sie fuhren ihm in
+Jollen schnäbelnd mit der Pinne entgegen, flogen wie
+Weberschiffe herauf, herab. Er faßte herüber nach ihrer
+Hand, da ließ sie den Fock los, der Großbaum knallte
+ihm über den Kopf, er wandte, warf sich herum. Faßte
+wieder ihre Hand, ihren Namen, ihren Namen vernahm
+sie, spürte sie, es wickelte sie ein, das Segel flatterte
+um sie wie Vögel. Sie hielt sich fest. Sie hörte immer
+ihren Namen flüstern, bis das Segel gegen den Wind stillstand,
+er am Anlegeplatz stand, ihr die Hand hinhielt. Sie
+nahm sie nicht. Sah durch seine ametystblauen Augen.
+Er hatte Syg übersehen, als sie farbig war. Der
+Tochter Vaudreuils nun, adoptierter, geschätzter, machte
+er Reverenz, Verbeugung. Er war feig. Sie wandte
+sich um, drängte dem entgegen, was seine Augen an
+ihre band, ihre zu seinen hintrieb. Fühlte seine Hand
+rückwärts an der Schulter, seinen Atem, die Lippen.
+Die Augen standen im Dreieck. Ein grauer Schein
+stieß ihn zurück, verlegen, stotternd, rot. Armselig und
+zornig stampfte er auf. Sie ging schon hochmütig,
+entfernt. Langsam wich der Raum zwischen ihm, zwischen
+ihr. Die Ecke bog am Bootshaus. Sie eilte,
+sprang hinter den Büschen, eilte auf der Treppe. Sagte
+das Essen ab, krümmte die Schultern verzogen zusammen,
+wimmerte im Sofa. Gab es eine Pause, kam das
+Bild zurück. Sie verzog das Kinn, den Mund wie
+unter sauren Kirschen, Galläpfeln, die Haut schüttelte
+<!-- page 083 -->
+sich. Zog die Bluse herunter, das Mieder ab, streifte
+das Hemd über den Rock, wusch Wasser über die Brust
+und den Nacken. Zog sich aus. Sah zum Fenster
+hinaus, legte die Hände mit den Flächen fest ins Gesicht.
+Sah den bronzenen, gebogenen Körper aus dem
+Spiegel entgegenkommen. Da nahm sie die Kette ab
+mit den Kugeln, raffte sie zusammen, schob sie in die
+Schublade. Schloß ab.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Vom Hügel trieb der Fluß weit und schräg hinunter.
+Die weiße Fahne Torontos leckte darauf, Segel schossen
+in die Tiefe hinab. Der Mond schlug noch über die
+Felder. Die weißen Räder standen still im Himmel.
+Nach zwei Stunden ließ sie Alf halten, ritt in ein
+Waldstück, kniete, wusch die Brust, den Nacken in
+einem Quell. Sie horchte. Er flüsterte weiter, silberte, verschwand
+im Laub. Blumenprärien kamen, ein Orchideenpark.
+Der Horizont war manchmal gelb, fast seifig,
+eine Sonne wuchs daran sich hoch, sanften Rots, später
+nahm der Wind ihren Glanz an, stimmte sich wie ein
+weichkupfernes Abendinstrument, Oboe und Flöte. Mittags
+wurde er kalt. An dem Bahnhof verluden sie die
+Tiere. Zwei Tage darauf kamen sie an die erste Lager-Station.
+Ein Pavillon war reserviert, es gab viel Jagd.
+Alf packte aus, Teppiche, Säcke, Gepäck. Am Morgen
+<!-- page 084 -->
+mußte er einpacken, sie ritten den Tag, kamen in ein
+Dorf, übernachteten, kamen an die zweite Station. Alf
+ging ein paarmal im Viereck um den Raum herum,
+schwang die Arme, sah unter sich. Sie ließ nicht auspacken.
+Als er lange genug gewartet, ging er hinaus,
+stieg in seinen Schlafsack, mummelte sich, fluchte, kämmte
+am Morgen den Bart nicht. Vor dem Stall knöpfte
+er sich verdammend seine langen Gamaschen. Ritt den
+Morgen hinter ihr her, blieb immer hinten, kam nie an
+die Seite ihres Gauls. Sie hob die Hand, äugte nach
+einem Reh. Fluchs hielt er seinen an, starrte ebenso.
+Sie hörte ihn in den Bart reden. Sie rief ihn heran.
+Kurz blieb er auf gleicher Höhe, dann sockelte er zurück,
+fiel ab, blieb hinten. Mittags trafen sie einen Jäger.
+Er gab ihnen Brot, zeichnete mit dem Daumen, da
+ihm der Zeigefinger fehlte, einen Halbkreis in die Luft.
+Sie näherten sich den Ringen.
+</p>
+
+<p>Angezogen in ausgebuchteten riesenschweren Halbkreisen
+spannten sich die Faktoreien, gleich Wellen anschäumend,
+gegen das innere Gebiet. Sie lagen voreinander, Herden
+gleich, sprangen vor, bestürmten sich, wurden wilder,
+angerissener, warfen mit dem letzten Halbring sich vor
+die starre Endlosigkeit, nieteten sich gegen Eis, Horizont,
+blaue Klippen. Sie kamen gegen den ersten. Sie
+mußten langsamer reiten, Alf kam nicht nach. Sein
+Schimmel ging, als lahme er. Sie hörte, er glitt aus
+Fluchen ins Gejammer: au .&nbsp;. you .&nbsp;.&nbsp;. wai! Spuckte
+<!-- page 085 -->
+und flennte. Sie ritt zurück, stellte ihn gegen ihr Gesicht.
+&bdquo;Ich werde entlassen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Troll dich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Sie ritt weiter. Alf geknickt hinter ihr. Er durfte
+nur bis zur zweiten Faktorei, nicht zu den Bögen.
+Die Junge vor ihm ritt, als sei er nicht da. Es
+machte ihm Kummer, er zog den Nacken ein, wurde
+flau im Magen. Folgte. Der erste Schuppen kam
+der dritten Linie, der zweite kam. Am vierten traten
+sie von rückwärts ein. Alf schlich ins Nebenzimmer, sie
+nach. Ein Angestellter hängte den Hörer des Telephons
+rasch ein, begann vor sich hinzusingen. Ein bärtiger
+Riese trat ein, begann zu lachen, aufs Bein zu schlagen,
+hatte lang keine Frau gesehen. Ein anderer flüsterte
+ihm Namen ins Ohr. Es war deutlich: Sein Erstaunen
+war frisiert.
+</p>
+
+<p>Sofort bot er Jagdplätze aus, erstand sich ihre Beachtung
+durch Hartnäckigkeit, trat sein Zimmer ab.
+Es war schon geheizt. Sie sah sich mit Alf an.
+Offenkundig Komödie. Sie waren erwartet, ohne gemeldet
+zu sein. Sie blieb drei Tage, fing eine große
+Forelle, mit der sie eine Stunde kämpfte. Sah
+sich nicht sonderlich um. Sie ritten weiter. Wurden an der
+fünften Station schon erwartet. An der sechsten stellte man
+sich unwissend, ungläubig, die Falte des Vorstehers
+bebte, gefiel ihr nicht. Am Morgen machten sie einen
+Haken, kehrten zur fünften zurück. Sie war fast leer
+<!-- page 086 -->
+nun. &bdquo;Was sind das für Pelze?&ldquo; frug sie. Schwarze
+Arbeiter deuteten: für die Bay. Sie zog die Brauen
+hoch. Kein Wort. Alf bekam dunkelrote Schläfen
+und brummte vor sich hin vor Zorn. So liefen sie
+das Seil der Schuppen weiter, bis sie gegen die obere
+aufgespitzte Sichel kamen. Im Sand sahen sie immer
+eine Spur vor sich.
+</p>
+
+<p>Sie schnitten ab, liefen nicht bis oben hin, sondern
+zogen eine Sehne in die Serpentine, kamen auf den
+neu geschwungenen Bogen, trafen Mittags die Spur
+wieder, frischer Abwurf zeigte: sie waren nah. Bald
+sahen sie einen Mann auf einem Esel, der zu entkommen
+suchte. Sie holten ihn ein.
+</p>
+
+<p>Eine halbe Stunde ging es hin und her. Der junge
+Mann errötete tief, wilde Augen brachen sich um,
+staunten. Von selbst nahm er ein Papier, gab es ihnen.
+Sah noch einmal um, sie wiederholte ihm Wort für
+Wort, er prägte sich es ein, ritt auf seiner Spur
+zurück, murmelnd, daß er es nicht vergäße, jedes Wort
+im Mund haltend, wendend, beleckend, als sei es wertvoll,
+Gold, ein Stein.
+</p>
+
+<p>Abends kamen sie zu Colonel Bol. Er hatte, ein alter
+Offizier, zwei Serpentinen unter sich, rollte die R,
+strich den parfümierten weißen Spitzbart, küßte ihr die
+Hand. Sie hatte ein Zimmer, verblüffend. Morgens
+früh strich sie mit Alf ins Gebüsch, es pfiff, durch die
+Lücke trat der Bursche mit dem Esel. Sie nickte. Er
+<!-- page 087 -->
+nickte wieder. Empfing ein Billet. Ritt nach Süden,
+zurück, immer rascher.
+</p>
+
+<p>Bol genoß. Seine Spirituosen waren etikettiert, er
+ließ die Wahl. Fuhr sie am Weiher, stand er am
+Ufer, klatschte Applaus. Einen weißen Hirsch gab
+er zum Abschuß ihr, den er von Woche zu Woche
+als Dessert sich aufhob. Lieh ihr seine Gummiwanne.
+Das Blockhaus roch nach Seife, Talkpuder, Wassern
+der Walstreet. Unter Glas wuchsen Blumen, die
+Wasserpfeife stand im Brennpunkt des Kreises Seidenkissen.
+In seinen Pelzschuhen, praktischer und wärmer,
+kaum größer als ihre, hielt sie auf dem Anstand. Auf
+den Teppichen tanzte Adimokuh, mit Säbelbeinen und
+Hängebauch, ein Negerzwerg. Er schleifte das Traurigste
+der Welt auf seinen Knien. Tränen besternten
+vor Lachen die Gesichter der Zuschauer. Bol lächelte.
+In seinem schmalen Kopf saßen Augen des Elefanten.
+Spielte Whist abends mit Daisy, brachte sie bis an ihr
+Vorzimmer, ging hinaus. Im Vorzimmer schlief Alf.
+</p>
+
+<p>Donnerstags galoppierten sechs Gäule am umgerodeten
+Lagerplatz. Fidley, der junge, zog den Hut. Die
+Jäger des Lorenz schossen vor Freude Flinten ab. Der
+Bursche, der südlich geritten, drängte sich heraus, war
+brauner, stärker geworden. Ritten zur Station. Aßen
+Lunch, eine Stunde, zwei. Tranken die etikettierten
+Liköre, Wein und wieder etikettierte. Aßen Geflügel,
+Braten, Gepökeltes, Rauchfisch, Muscheln, Schinken.
+<!-- page 088 -->
+Tranken Kaffee. Danach stand Fidley auf, hob das
+Glas, trank es. Sah Colonel Bol an: &bdquo;Du bist entlassen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Kreidehell, mit zitternden Armen warf der sich im
+Stuhl zurück. Fidley legte ein Papier auf den Tisch,
+hob die Faust: &bdquo;Lump. Hund.&ldquo; Langsam, vornehm
+richtete Bol sich hoch. Frug hochfahrend, mokanter
+Lippe, zur Seite geneigt, was den Irrtum ausmache.
+Fidley schlug auf den Tisch. &bdquo;Die dritte Sektion betrügt.
+Die achte hat siebzig Prozent. Tosson liefert
+zur Bay.&ldquo; In der Tür stand der junge Mann, der
+die Südlichen geholt.
+</p>
+
+<p>Bol sah ihn nicht.
+</p>
+
+<p>Wandte sich herum im Kreis, zu Daisy. Sie sagte:
+&bdquo;Bei Versva verfaulen zehn Ballen. Im ersten Bogen
+fehlt ein Schuppen. Die Staffel Bol ist halb, wird
+ganz bezahlt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Da sah Bol den jungen Mann.
+</p>
+
+<p>Stand auf, gefaßt, die Haltung gereckt, schön im
+Spitzbart, küßte Daisy die Hand, ging hinaus, schoß
+sich zweimal durch den Bauch.
+</p>
+
+<p>Vaudreuils Brief, aus Fidleys Tasche, hatte Gemischtes,
+Anerkennung, Staunen, Lob, das verwischt
+und gedämpft kam, zuletzt Befehl: zurück. Sie wog
+den Brief. Ritt allein los, ihn in der Hand. Alf
+folgte. Sie putschte ihn zurück wie einen Hund. Er
+widerstand nicht. Wollte nicht bremsen. Nur bei ihr
+<!-- page 089 -->
+sein. Weiter hatte er keinen Wunsch, tiefer ging das
+Hirn nicht. Zum erstenmal gab sie ihm die Hand.
+Aufheulend nahm er sie. Sie kam an den Rand des
+Hochplateaus.
+</p>
+
+<p>Unter ihr brach es ab, zackte, wirbelte ein Stück
+hinunter, ward dann eingeschlungen in das endlose Getöse,
+das in den Norden sich einfraß. Sterne tummelten
+darüber auf wie Sand, der hochgeblasen kreist.
+Serpentinen jagten zuerst noch in Schlingen voran,
+blieben dann hängen, schwach, dünn, nichts. Aus dem
+grauen blitzenden Gewell kam etwas gegen sie, dem
+sich etwas in ihr entgegenspannte in einer entscheidenden
+Bestimmtheit. Etwas trat aus ihr, machte sie
+leicht, entstammt, entgegenschwingend. Sie hielt den
+juckernden Gaul mit den Schenkeln. In ihrer Hand
+der Brief band sie. Wog schwerer, hemmte das Überfließende.
+Staute es zurück, hart und schmerzlich. Zog
+sie zurück. Das Herz, der Mann, der sie gezeugt, Geruch
+des Stroms, der Gartenerde band sich an sie, riß sie zurück.
+Der junge Fidley übernahm den ganzen Bezirk.
+Ihre Abreise feierten die Boys, salbten sich mit Bols
+Parfüms, drehten die Haare, die Bärte, pomadisiert, in
+die Höhe. Der junge Bursche trat herein, protestierte bös.
+Hatte Bol gehaßt, gehetzt, erledigt. Verbot ihn zu schänden,
+wo er futsch war, im Weiher eingescharrt. Fidley gab
+Daisy Bols Pferd, das so feste Hufe hatte, daß mans
+nicht beschlug.
+</p>
+<!-- page 090 -->
+
+<p>Als nach halber Tagestour die Eskorde zurückgeritten,
+glitt ihr Gaul aus an einem Bach, sie fiel herunter,
+verstauchte sich die Sehne. Alf wollte auf
+seinem sie reiten lassen, der Schmerz machte sie ohnmächtig.
+Er ritt zurück. Aber obwohl sie in Decken
+gut und weich gewickelt lag, kam die Nacht Fieber
+über sie, durch die Zunge sausten Stiche immerfort.
+Eingeborenenweiber, von Fidley geholt, zogen sie aus,
+warteten sie, pflegten. Wuschen, suchten Pretiosen im
+Achselhaar, fanden ein Zeichen am Arm, Fisch und
+Pfeil darin, quatschten die Nacht darüber, speichelten,
+summten, suckelten darum hin und her. Sie gaben
+ihr Milch mit Wurzelzeug, hineingekocht. Die Nacht
+gab ihr warmen Schweiß. In wochenlanger Pflege
+malten sie ihr mit dünner Nadel eine Sonne um den
+Nabel mit Strahlen und Mondzeichen des Tages,
+an dem sie sie fanden. Kuriere kamen dreimal die Woche
+die Kette der Faktoreien herauf, holten Nachricht, ritten
+zum Lorenz wieder runter. Später lag sie in der
+Sonne vor dem Haus.
+</p>
+
+<p>Dabei spielte sie mit Getier, Hunden, Vögeln. Einmal
+umschlich ein Fuchs das Küchenfenster, wo Hühner
+hingen. Sie lächelte, gluckste, entsetzt sprang er
+zurück. Da rief sie, heller bestimmender, er hielt. Sie
+lockte, er kam. Nicht ganz, aber er stand im Kreise
+ihrer Stimme, die wie ein Lazo ihn umschlug. Sie
+erbleichte, rückte zurück, lauschte dem Ton ihrer Stimme,
+<!-- page 091 -->
+der nachklang. Versuchte sie wieder, versuchte sie neu.
+Als ströme aus ihr hinaus, Gesichertes, Bezähmtes in
+ein Gefäß der Worte, das sie berauschte und erregte
+bis in das Dunkel ihrer innersten Grenzen. Es sang
+und schwang das Belastende herauf, machte es leicht,
+wirbelnd, später sanft und gelöst. Sie entspannte
+sich in dem Rausch, hatte eine Macht und eine Befreiung.
+Wundersame Ruhe machte ihre Tage lang, klar,
+gut.
+</p>
+
+<p>Sie spielte mit den Weibern, Kindern durch die
+Stimme. Lernte das Organ anzupassen, zu biegen in
+jede Leidenschaft, alle Bewegung. Spürte ihr Herz klopfen,
+dann den stillen Mollton des Bluts. Lernte von den
+Weibern den Dialekt. Als sie zum erstenmal ausging,
+trieben die Kleinen hinter ihr her. Sie scheuchte
+sie, zog sie zu sich &bdquo;Go&ldquo; war: springen. &bdquo;Fu&ldquo;: erfroren
+fast halten. Mit Vögeln gab es andere Signale.
+Ein Hase hielt bezaubert von dünnem glasklarem
+Wimmern. Ein wenig blieb sie nachdenklich, ward
+traurig bei ihm, denn ihr kam in den Sinn Well. Sie
+kam schon bis zum Koniferenbaum. Dann bis zum
+Plateau. Das nördliche Flimmern tobte irgendwo unter
+ihr. Sie ging davon, ungerührt. Ging allein, verschmähte
+die Flinte, hatte Unlust zur Jagd. Allein im
+Gehen, Liegen, erfand sie Ton und Laut, der wie ihr
+Blut spritzte, säuselte und bebte. Gab sich hinein in
+Klang und Fülle der Vokale, als sei es ihr Anfang,
+<!-- page 092 -->
+ihr Teil, sich darin zu verbinden. So kam auch die
+Gegend ihr näher, wenn sie sie ansprach, du Strauch
+sagte, Silberlilie, lieber Dorn, mein Freund. Das
+wandte sich ihr zu dann, ward mit ihr gefüllt, lehnte
+sich hinüber zu ihr, empfing ihren Atem.
+</p>
+
+<p>Es kamen Schwäne und Musketen, hinter ihnen
+mit einem Wagen von der Bay her Syg. Sie brach
+in das Verweilen ein, die Windstille des Daseins
+brachte Unruhe, Ahnung irgendwie von Glück. Trieb
+Altes, den Lorenzfall herüber in das Spiegeln des
+Weihers, blieb aber entfernter als sonst. Wagte nicht
+das zu sagen, nicht jenes, denn sie befremdete Ungekanntes
+an Daisy, das Nicht-Miterlebte, der Schauer
+der Krankheit und der ihr entquollenen großen Säfte
+und Ideen. Das lag ein wenig dazwischen.
+</p>
+
+<p>Fidley schloß den Wagen. Weiber heulten. Die
+kleinen Affen liefen eine Zeit noch neben dem Schlag.
+Dann fiel es zurück. Ein Stück Land schob sich vor
+sie, glitt auch zurück. Ein Staffel Matrosen erreichte
+sie. Dann faßte sie fest in die Mähne des Gauls,
+schrie fast und erbleichte nach innen in einem Schreck,
+des sie nicht bewußt ward.
+</p>
+
+<p>Unten, unter Dampf lag ein Schiff.
+</p>
+
+<p>Dahinter das Meer.
+</p>
+
+<p>Der Bogen der Sehnsucht schoß ab, die Sehne brauste.
+Es trat aus ihr hinaus, kein Brief, der es hemmte, kein
+Gedanke, nichts. Irgendwo in der vor Blau zitternden
+<!-- page 093 -->
+Unbegrenztheit des Horizontes traf sich das Innerste ihres
+Blutes mit etwas, dem sie sich hineingab, in das sie verströmte,
+die Lider naß. Alles andere war Spiel, vergessen,
+lieb, aber ohne Gewicht. Als das Dunkle in ihr hinrann
+in das Ausschweifendste und Hellste, an dessen äußerstem
+Rand dünn die Erscheinung hing der Städte,
+Inseln, irgendeines ungeheuren Daseins, schlug die
+Schiffuhr. Es war fünf Uhr am Abend. Die Sonne
+hatte größte Kraft. Sie ritt bis an den Strand.
+Dort stieg sie ab.
+</p>
+
+<p>Das andere ging fast traumhaft. Zu sehr war sie
+eingehüllt schon in ein fernres Geschehen, vor dem der
+jetzige Augenblick nur als Pause stand. Sie kamen
+in den Lorenz. Ein Auto wartete. Well sprang hoch.
+Der Steg. Palmen hingen herunter. Kanonen lösten
+sich. Mövenschwärme in Spiralen. Wagen wühlten
+hinter ihr ein Geschiebe. Männer kreischten Namen,
+Gepäcke. Sie fühlte des Hundes Druck am Knie.
+Sie bewegte schmerzlich eine Sekunde die Hände im
+Fell des Tieres. Dann kam der Ottava. Rauschte
+dunkel schon entgegen auf Kilometer. Das Rauschen
+lag in der Luft wie ein Schneefeld, sprang in Lawinen
+ihr leis entgegen. Die Mühlen rochen. Die Schreie
+der Nurse blieben hinter Bäumen stecken. Das Gittertor
+kam, vertraut mit seinem kalten Eisen. Glitt zurück.
+</p>
+
+<p>Des Vaters Hand faßte die ihre. Die Treppe. Sein
+Mund im Kuß. Er hielt sie stürmisch mit steifen
+<!-- page 094 -->
+Armen weg, sie ganz zu beschauen, spürte aus allen
+Poren ihres Leibes ihre Richtung, das Hingewandtsein
+ihrer Seele. Er erbleichte, senkte den Kopf. Glitt
+über ihren Leib mit dem Auge, die Brust, den Hals,
+das zärtliche und hochmütige Kinn. In ihrem Auge
+saß, schlagend und aufgedonnert das Meer. Das
+Aufgesparte und Vorbereitete in seinem nach innen gekehrten
+Leben verstand den Ausbruch. Lächelte. Gab
+ihr den Arm. Sie gingen hinein.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Das Lächeln hatte gewährt, Unausgesprochenem
+sich geneigt, bejaht. Es erlosch. Nichts gab Erinnerung
+daran. Es fiel in seine Augen wie in einen Schlund.
+Die Woche rollte zurück, wie gewohnt. Vaudreuil
+hütete sein Gesicht. Schenkte ihr ein neues Pferd, bestellte
+ein Reitkleid aus Leder. Griff vor, erwähnte
+Zukünftiges, das sich band an Ort und Zusammensein.
+Berief einen Unterrichter für ungewohnte Kreise, baute
+ihr Zimmer an, Tapeten kamen weiß geädert mit
+Gold. Besprach eine Überraschung für Sygs Geburtstag
+in vier Monaten. Malte den Stand der Rosenbosketts
+aus auf Papier, eine Pergola im Bogen vor
+den Terrassen, Fontänen, Vögel, glitzernde Fische, sprach
+vom folgenden Sommer, dem Herumgehen, dem Abend.
+Breitete die Zeit aus vor ihr, vor sich, uferlos, vorübergleitend
+<!-- page 095 -->
+über den augenblicklichen Zustand. Ohne
+Pause, ohne Intervall. Sah sie wenig, zwischen
+Mußestunden, bei der Mahlzeit, ging ohne Zögern
+von ihr. Ihre Erwartung allein spürte, wie tödlich er
+an den Sekunden hing. Sonntag bestellte er die Yacht
+nach dem Ontario. Sie bereiteten sich vor.
+</p>
+
+<p>Montag früh berief er sie in das Büro, brach
+alles ab. Durch die Maske des gleichgültig gehaltenen
+Gesichts stieg von unten tief das Lächeln herauf. Gab
+Daisy von sich. Entfernte sie aus eigenem Entschluß.
+Löste sacht die Ventile von ihr, gab dem nach, was
+herausbrach, trieb Mauer und Wand zurück und bog
+sie hinter das draußen Strömende und Lockende zu einer
+tiefen Wölbung, in die er schmiegte, was aus ihr
+drang. Diktierte nicht. Folgte nur. Aber die Führung
+der Hand hatte die wissende Lindheit, die, nachgebend,
+bestimmt. So, als sei sein Plan, sein Wille, was er
+nur abbog, behütete. Widerlegte Widersprüche, die sie
+nicht erhob. Bewies Notwendiges, das sie nicht bezweifelte.
+Baute eine Verbindung, die nichts mehr löste
+zwischen ihm und ihr, indem er verstand und folgte,
+und das Kindliche, als es abtrieb, selber abhieb und
+damit unverlierbar sich gewann.
+</p>
+
+<p>Als der Tisch beim Speisen ihr zur schrägen Scheibe
+ward, durch den Raum rotierte, Fidleys Pensionen,
+Schecks, Tips sie umflackerten, das Silber flimmernd
+wellte, wogte, Sygs Auge schmerzlich, neidlos, neugierig
+<!-- page 096 -->
+aufging, blieb ihr die Stimme Vaudreuils.
+Ruhig, gelassen wie im Nebel. Einen Augenblick ertrug
+sie nicht mehr den trostlosen Schmerz aus der
+Gefaßtheit des Tons, sie stand auf, wollte sagen, sie
+bleibe, nickte, schwieg, ging hinaus.
+</p>
+
+<p>Sie lief um das Zimmer, betastete die Wand, den
+Kopf des Betts, die Girlande des Balkons. Der
+Garten. Wasserdunst lag, hob und senkte sich, ausgeatmet
+ihr entgegen von der Prärie. Hindurch, das
+Auto blinkte vor der Halle, stieß sich heraus, die gesiebte,
+durchlöcherte Brust fauchend, zermalmend die
+Luft. Sie beugte sich über den Fluß. Murmeln koste
+ihr entgegen, entzog sich ihr, floß tiefer, entfernter, uneinholbar.
+Drüben schleuderten am Rand des Vorstellbaren
+Schiffe, Städte, Bahnen sich vor ihr hin, rissen
+sie nach. Das Tiefe, Bleibende der Erde zog sie herunter,
+zu sich. Es ging nicht. Aber es riß zu Schmerz
+mit einer Stille, die verzehrte.
+</p>
+
+<p>Sie legte sich auf den Bauch, senkte den Kopf zum
+Wasser. Über ihrem Nacken stand schwingend, kreiselnd
+in der Luft, aufziehend, Glück, Ahnung, in die sie
+hineinschwamm, sich hineinbegab, voll, ganz. Unter
+ihrem Gesicht brachen Tränen. Zwischen beidem lag
+sie, faßte die Binsen in die Hand. Sie wuchsen
+an ihrer Haut. Sie fühlte, erschüttert, wie sie
+sich vertauschte der Landschaft. Ihr Leib wuchs fest
+mit Geruch und Duft der Erde. Sie faßte das
+<!-- page 097 -->
+Gras, riß daran, es hielt. Sie tauchte die Arme ins
+Wasser, es war eins. Legte das Gesicht mit der
+Wange gegen den Weidenstrauch, den schlanken Baum,
+da blieb nichts übrig, was trennte, alles floß, verband
+sich, gehörte zueinander. Was trennte, riß entzwei.
+</p>
+
+<p>Sie spürte plötzlich, das war das Glück. Schon
+hinter ihr. Nun, wo erkannt, verdorben, verloren für
+immer. Je mehr sie sich trennte, um so schärfer schnitt
+sie der Schmerz, um so hemmungsloser brach dies Gefühl
+vor ihr auf. Dies war ihre Heimat, durchspülte
+sie mit Erdsaft, machte sicher, frei, groß. Was kommen
+sollte, versackte in Staub, bekam feindlichen Atem.
+Städte lockten nicht, Menschen fielen schal ab wie von
+Drähten, Dampferschrauben wühlten durch ihr Fleisch.
+Der Tag schien wie Tod, wenn sie sich löse. Kraft
+und Sicherheit gingen aus den Adern. Es brach auseinander
+in ihr. Teilte sich. Unaufhörlich ging es von
+ihr: Geruch der Bäume aus den Adern, mit singenden
+Vögeln, lieben Namen von Booten, Wolken,
+Formen der Wellen. Spaltete sich ab von ihr. Sie
+hob das Gesicht aus dem Gras.
+</p>
+
+<p>Frühstückte. Das Nickel des Wagens saß in der
+Sonne gleich einem schwingenden Insekt. Der Horizont
+ward heller. Sie ging zurück ins Zimmer. Schloß
+die Schublade auf, wühlte aus der Ecke eine Kette
+aus gelbem Dukatengold mit drei Steinen. Zog sie
+um mit einer langsamen Bewegung. Im Spiegel
+<!-- page 098 -->
+schien es zurück. Das Rot des Achats leuchtete glatt
+und kühl. Ihre Jugend stand darin, das Entfernte.
+Was hinter ihr lag. Die Stille, die sehnende Ruhe
+des Blutes. Der Umkreis des so Erlebten spiegelte
+von den Rundungen herab, das Land, die Wiese, das
+Gras. Sie warf den Hals im Ruck herum. Trat
+hinaus. Biß die Zähne zusammen. Das Auto schlug
+an. Es ging nicht anders. Sie folgte.
+</p>
+
+<p>Fuhren Schleifen, den Fluß durch. Hielten am
+Lorenz. Hinter Zypressen ihr Geburtshaus. Vaudreuil
+gab ihr den Arm. Das Tor zum Park. Elastisch gab
+Vaudreuil Platz frei, ging dann rasch vor ihr. Als
+sie seinen Rücken sah, begriff sie plötzlich, wie sehr er
+diese Frau geliebt. Fühlte, was sie versäumt, stand ohne
+wissendes Blut des Verlustes, ertrug, was sie nie an
+Mütterlichem besessen, ganz hell, in einer Sekunde.
+Die Überlast erhärtete ihr Herz. Feindlich ging sie
+durch den Garten. Zedern reckten um die Bleivase
+sich in das frühe Rot, Tau perlte in Ketten herab. Die
+Tür fiel zu. Zurück, Wind strich über die Mauer,
+senkte sich brausend einen Moment herein. Dicker Regen
+platschte aus einer Fichte. Der Wagen zog an. Bei
+Montreal verabschiedete sich Vaudreuil. Plötzlich, daß
+sie erblaßte. Zusammengepreßt: &bdquo;Willst du mich immer
+lieben?&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, Liebling.&ldquo; Sie gab ihm die kalte Hand. Tränen
+blieben hinter ihren Lidern. Fuhr weiter. &bdquo;Nicht
+<!-- page 099 -->
+traurig&ldquo;, spürte Sygs Hand herüberkommen, zuckte
+unter dem Schleier, zog ihn hoch. Zu dem blonden
+Fräulein: &bdquo;Gehen Sie gleich aufs Schiff.&ldquo; Die Koffer
+stapelten sich. Das Meer schäumte leicht. Von der
+Barkasse läutete die Glocke. Neigte sich, küßte Syg.
+Spürte an ihrem Leib den Geruch wieder des Waldblocks,
+des Spiels im Garten, der Betten, die nebeneinandergestanden.
+Sie atmete heißer, blieb eine Sekunde.
+Dann stieg sie ins Boot. Syg winkte. Es war
+neblig geworden. Pendelnd, unsicher schlug Sygs
+Kopf aus. Bald rückwärts, bald zur Barkasse, die
+vorwärts stieß. Winkte noch einmal. Drehte um.
+Über dem Wagen, den schiebenden Gäulen stand Abglanz
+von Blau, Berge, See. Ging ihnen zu.
+</p>
+
+<p>Das Ende.
+</p>
+
+<p>Es schien ihr, es müsse geschehen etwas, irgendwie.
+Sie empfand jede Wolke. Jede Linie der Küste legte
+sich hart um ihr Herz. Die Pause ging. Nebel
+häufte sich dünn vor das Land, Die Barkasse drang
+weiter in Flut, entfernte sich, heulte, stieß vor. Nichts
+geschah. Da überwältigte sie der traurige Gedanke
+mit solcher Gewalt, daß sie den Messingknauf des
+Geländers zwischen die Hände preßte, die Stirn zusammenbog
+mit aller Durchdringung, in der Schmerzlichkeit
+der Flucht noch die übersinnliche Kraft des
+Glaubens: nun reiße die Küste ab, komme herüber,
+hielte sie. Da schwand das Land. Der Schrei blieb
+<!-- page 100 -->
+in der Kehle, erstarrte. Die Faust ballte sich ihr in
+Haß. Wandte sich zornig ab vom Boden, den sie
+liebte. Haßte jede neue Luftschicht, jede Fahne, Gaffel,
+Signale um sich. Trank Gift mit dem Atem, der ihr
+von der anderen Seite entgegenströmte. Wandte
+sich aber mit tieferer Ablehnung weg von dem, was hinter
+ihr lag. Vorbei. Das Letzte. Die Augen brannten
+hell, grau. In rotem Nebel begannen Maschinen zu
+stampfen, pufften den Boden auf unterm Fuß mit
+kleinen rhythmischen Schlägen. Sie wandte sich um.
+Die Achseln zuckten. Das Meer vor ihr aufgewölbt
+von Glut.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Zwei Tage Nebel vermiesten, das Pack johlte, die
+Feinen wurden nervös. Ein Matrose griff fehl, stürzte
+aufs Deck. Ein Gaul brach aus, sprang ins Schwimmbad,
+brach den Hals. Abends im Zwischendeck schlug
+sich ein Dutzend um eine braune Hure. Einer hatte
+einen Bruch, einer schlug hin auf den Bauch, heulte
+und schrie &bdquo;maman&ldquo;. Ein Weib lief mit halbem Ohr
+und sammelnd durch die Klassen. Rotteten sich zusammen,
+spießten einen Alten auf die Arme: &bdquo;Vieux
+Ga .&nbsp;. ga.&ldquo; Eine dunkle Kugel schob aus dem Wasser,
+über ihr ein singender Tag.
+</p>
+
+<p>Am abgesperrten Zipfel des Promenadendecks lagen
+<!-- page 101 -->
+drei Malariakranke. Zwei unterhielten sich den Vormittag,
+mittags wurden sie gereizt. Trommelten mit
+den Daumen, rauchten. Abends machte der eine Vorwürfe,
+gereizt, heftig, der andere pfiff leis. Der dritte
+schwieg.
+</p>
+
+<p>Sah durch ein Glasfenster auf den Korso, langweilte
+sich am Geschauten, spiegelte sich allein in dem
+Glas: zerrissenes Gesicht, geschmeidigen Körper, rote
+Haare. Ein Mischling kam, schöner als ein Weib,
+flüsterte, verbeugte sich, kam mit Whisky. Der Mann
+deutete heftig aufs Glas, der Diener öffnete den Riegel,
+folgte dem Zeigefinger, sah eine Frau, einen
+hünenhaften Mann, nickte, verschwand. Kam in einer
+Viertelstunde zurück. Das Paar passierte von Norden
+her. Lackaugen vom Mann her wanderten herüber,
+blieben. Die Frau gähnte. Zwei Tage ging der Korso,
+zogen fern langsam Dampfer vorüber. Das Fieber
+sank, Temperatur ließ nach. Der Rote erhob
+sich. Ging am Arm des Dieners hin und her auf der
+Promenade, anderen Tags allein am Stock. Fiel auf,
+elegant, zerrissen, glatt, Augen voll Geist. Verschenkte
+Blumen, grüßte, ließ einen Windhund springen. Trug
+keinen Hut, die Haare glühend über dem pockennarbigen
+Gesicht gescheitelt. Eine Quintrone neben ihm, Chinchilla
+über der Schulter, schmalen blauen Auges, auf
+hohen Beinen.
+</p>
+
+<p>Warf plötzlich die Quintrone ab. Benutzte einen
+<!-- page 102 -->
+Moment: Ging vor, ans Geländer, fuhr mit dem
+Tuch an die Stirn, knickte ohnmächtig gegen das Eisen,
+der Riese stieß einen kleinen Laut aus. In seinem Arm
+machte er die Augen auf, streckte sich lässig. Der
+Riese zog eine grüne Riechflasche, hielt den Arm rund,
+weich, damenhaft, den Kopf schräg. Er atmete rasch.
+Der Mischling Moki kam zu seinem Herrn, stützte
+den Roten. Der deutete aufs Meer, das violett erzitterte,
+drehte sich um: &bdquo;Le Beau.&ldquo; Lächelte.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Fribaurt&ldquo;, sagte der Riese, sah nur den Diener.
+Le Beau lud den Riesen ein, zeigte ihm eine Sammlung
+Säbel. Ging mit ihm durch den Lesesaal, die
+Billardbälle. Gingen durch den Maschinensaal. Standen
+vor der schmiegsamen Wucht fressenden Metalls.
+Hörten die Pfiffe, schritten weiter. Ging mit ihm durch
+Regen übers Verdeck, sahen den Mond einschlucksen
+in grauen Brei, der innerlich geschwängert Blasen aufstieb,
+Ballone ins Meer setzte. Le Beau wickelte ihn ein,
+führte ihn im Kreis, in einer Spirale, streifte Moki,
+trieb ihn enger dem Willenspunkt zu, stieß ihn hinein.
+</p>
+
+<p>Verlor Fribaurt, polierte er die Nägel. Gewann
+er in Bakkarat, Poker, Sieben, erschien Moki, servierte
+Zigaretten, Schnaps, Tee. Fribaurt juckte die Haut,
+der Blick schweifte rechts, schweifte links, hatte keine
+Konzentration, leckte über des Dieners Schenkel. Das
+Spiel blätterte auseinander, die beste Karte schlug gegen
+ihn zurück. Verlor. Spielte Paroli. Blähte die Nüstern,
+<!-- page 103 -->
+sog die Luft ein, die ihn verwirrte. Verlor. Rannte
+in Paroli. Verlor. Moki verschwand lautlos. Die
+Summe addiert. Fribaurt erbleichte. Schrieb einen
+Wechsel, legte ihn herüber. Le Beau rührte ihn nicht
+an. Polierte die Nägel, sah Fribaurt starr in die
+Pupille, führte ihn bis an den Rand der Spirale, in
+die er ihn schlug. Stellte ihn neben das Zentrum,
+stieß ihn endlich hinein. Sagte leis drei Sätze, abgehackt,
+deutlich, akzentuiert wie ein Ausländer. Fribaurt erblaßte
+ein wenig unter der Hypnose des Klangs. Erhob
+sich.
+</p>
+
+<p>Nahm Daisy am Arm auf Deck wie eine Kusine.
+Die Namen fielen. Sie sah zwischen Pockennarben
+einen Blick, der elastisch in ihrem sich bog, ihn durchstieß,
+unter ihrem gestählten Zorn nicht brach. Von
+der harten, dunklen Stimme fielen Vokale mit glattem
+dunklem Wohllaut. Überrumpelt, gereizt sprang sie zum
+Englischen. Er folgte mit gleicher Gewandtheit, wie sein
+Körper, ihren führend, neben ihr ging, gebogen, nachgebend,
+hart, fordernd. Er stützte sich ein wenig auf
+den Stock. Ihr Schritt ward rascher, wogte auf und
+herab mit dem Schiffschaukeln. Er hielt. Über die Achsel
+sah sie zurück. Er beugte sich, hob ihr Tuch. &bdquo;Holen
+Sie kalten Tee&ldquo;. Es war heiß geworden. Er drehte
+um. Sie ging zur Kabine. Le Beau gab das Tablett
+dem Steward, warf sich in den Liegestuhl, wartete.
+In der Kühle kam sie herauf. Übersah ihn. Die Ablehnung
+traf ihn, verzog seinen Mund, lächelnd. Am
+<!-- page 104 -->
+Geländer spürte Daisy die Richtung eines Fächers,
+zog den Blick vom Rosafisch, der sprang, sah in die
+weiße Iris der Quintrone, während die Zähne hell
+sich öffneten. Sahen beide in das Aufzucken der Lichter,
+schlossen die Augen, sahen, wie das Schiff festlich, erhöht,
+auf eine Masse Lichter zufuhr, die höher wuchsen
+und stiegen und an ihnen vorbeiglitten. Die Dampfer
+tuteten, Lichtschnüre trennten sich, verblaßten. Fribaurt
+und Le Beau gingen vorbei. Die Kreolin neigte den
+Leib, sprach mit der ganzen Haut. Das Murmeln
+kam näher, spanische Missionsweiber psalmodierten, sahen
+in die Dämmerung, die fiel. Der Quibekaner flüsterte
+einer Frau zu, daß sie Regen beschwörten. Sie schrie auf.
+Er griff in der Dunkelheit fest in ihr volles Bein,
+damit die Bewegung ihn nicht verrate. Der Schrei
+deckte das Manöver. Am Schornstein applaudierten
+die Kanadier, sie gingen langsam hinüber.
+</p>
+
+<p>Da sah sie: im Kreuzschein der großen Signallaternen
+bewegten sich Fribaurt und Le Beau wie Ratten, mit
+Brustschild und Maske, florettierend gegeneinander.
+Le Beau lag wundervoll in der Hüfte, bewegte sich in
+der Lendenwage nach oben gedreht mit fesselloser Kraft.
+Stieß vor, im Angriff, schien plötzlich müde. Übersah
+die Quintrone, die mit aller Haut atmend in seinen
+Blickkreis kam. Warf nur einen Blick seitwärts, der
+dirigierte Moki hinter seinen Rücken ins vollste Licht.
+Seine hitzig kalte, fast brausende Geschmeidigkeit verwirrte
+<!-- page 105 -->
+sich immer mehr in dem weichen unberechenbar
+eleganten Schlag, den Fribaurt in zu seiner Größe
+und Breite erstaunlichen fast mit dem Handgelenk gefächerten
+Etüden heraufwarf. Plötzlich machte Le Beau
+eine stumme eindringliche Geste. Mokis Körper schälte
+sich bronzeschmal aus der Dämmerung. Beau entblöste
+die Brust, fing Fribaurts unsicher schwankende
+Spitze in letzter Sekunde auf, pfiff von unten die Gegenlage,
+schleuderte aufspritzend das Florett des Gegners
+in die surrende Dunkelheit. Legte Brustschild, Maske
+ab, sagte Fribaurt kalt Schmeichelhaftes. Drehte Wasser
+an, wusch die Hände. Hob plötzlich den Kopf.
+</p>
+
+<p>Sammelte das Gesicht zum erstenmal ganz, legte es in
+den Blick. Warf ihn mit einem wehenden Ruck herum,
+mitten in Daisys Gesicht. Entjungferte ihr Auge. Traf es
+mit einer Gewalt und Absicht in einer eindeutigen Sicherheit,
+daß sie wankte. Schmerz spürte, als durchstäche
+er sie. Ihr Blut aufflammen fühlte, zurückstürzen. In
+den Adern eine bäumende, auflösende Kraft. Sie gab
+den Blick nicht zurück, schloß über dem Vorgang die
+Lider herunter, ging mit dem Gefüllten rasch hinab,
+unsicher, überwältigt wie ein im Schlaf begattetes Tier,
+in der Haltung zart und süß, den Kopf mondhaft,
+nicht weinend, zur Seite gebogen.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+<!-- page 106 -->
+
+<p>Sie schnitt ihn. Er übersah es. Sie brüskierte ihn.
+Er sah es nicht. Sie reizte ihn, brachte ihn zu keiner
+Äußerung. Sie traf ihn auf Vorderdeck, drehte um.
+Am Lunchsaal strich sie ihn fast, sprach abgewendet zum
+Steward. Fuhr in seinen Satz, sprengte die Gruppe,
+in der er stand. Zeigte ihm ein Maß der Ablehnung,
+das sie derart steigerte, daß er ein Lächeln einmal abends
+darauf gab. Sie setzte die Kiefer fest aufeinander, behandelte
+ihn gleichgültig, suchte seine Nähe, die sie gemieden.
+Frug ihn nach der Zeit, lachend nach dem
+Barometer, scherzend, als glaube sie, es sei von der
+Jagd, nach den Narben seines Gesichts. Er nahm es
+gleichmütig, erinnerte in nichts an etwas, das traumhaft
+hinter ihrem Leben nun stand, sie trennte von allem.
+Sie aufhob und ungestüm machte nach einer Entfaltung.
+Ihr Drang nach Geben und Zurückströmen des Gefüllten
+war so groß, daß selbst die nichtssagende Bewegung
+ihres Ganges, die Haltung ihrer Zigarette eine Zugehörigkeit
+und Verbindung mit ihm annahm. Ihr nebensächlichstes
+Wort hatte eine Umkleidung, das ihn stach.
+Ihr Gespräch mit anderen nahm Richtung auf ihn.
+Er blieb gleich, unberührbar in seiner Glätte.
+</p>
+
+<p>Sie wandte sich Fribaurt entgegen, holte den Klatsch
+herauf, trat ihn breit mit ihm, vermengte, versträhnte
+ihn, daß Le Beau schweigend hörte. Sie gähnte nicht
+mehr in des Riesen weibisches Gesicht. Holte neues
+heraus, Unerfindliches, Entferntes und breitete es hin.
+<!-- page 107 -->
+&bdquo;Sie haben durch den Fächer bei der Quadrille einen
+Feind in meiner Familie. Mein Vater haßt Sie, daß
+er Sie fast liebt.&ldquo; Sie lachte ein Lachen, das kein Lachen
+war. Das Schweigen neben ihr blieb. Sie lockte es
+nicht heraus. Sie übernahm sich im Grauen davor,
+schob Fribaurt in Dialoge, denen er kaum folgte, erreichte
+die Spitze des <a id="corr-4"></a>Erreichbaren: das Gespräch brach
+ab. Eine Pause fiel.
+</p>
+
+<p>Da machte Le Beau eine Bewegung. Moki begann
+auf der anderen Seite herumzulungern, glitt auf eine
+Bank. Fribaurt stotterte, zog den Hut, verschwand
+Ihr Alleinsein machte sie wortlos, verlegen, fühlte
+sich verloren. Was sie in ihn überleiten, ihm zurückgeben
+wollte, den Zwang .&nbsp;.&nbsp;. es bog sich herum, ward Leere
+und Fassungsloses in ihr. Sie wartete, daß er ihre
+Hilflosigkeit erkenne, benutze. Allein er schmiegte
+sich nicht hinein, ließ den Augenblick verklingen. Es kam
+eine Ruhe über sie. Ihre Hände ballten sich ein wenig
+zusammen. Er änderte seine Stimme nicht. In der
+Nacht hörte sie sie im Schlaf, sie stieg mit ihr herauf
+ins Erwachen. Sie bog die Beine herauf, legte das
+Gesicht darauf in schmerzhafter Umarmung. Da schlug
+ihr die Stimme heiß ins Gesicht aus jedem Knie.
+</p>
+
+<p>In ihre Augen, Schalen, legte er, was er wollte.
+Es war Schmiegsames, Zartes, das sich mischte mit
+Stahl. Auf ihr Gesicht schrieb er Vorgänge, ohne sie
+anzusehen. In sie hinein sprach er, ohne Widerstand.
+<!-- page 108 -->
+Nichts stieß ihm entgegen. Gewölbt stand ihm offen
+das Ganze. Er schmiegte sich hinein. Warf sein Leben
+hinaus ans Meer, es prallte zurück, umgab sie. Dämpfte
+das Gute, hob das Schwanken. Baute sich aus in
+ihr, langsam, gespannt, weich mit einer eindringlichen
+Unerbittlichkeit. Die Sonne ging in weißem Bogen.
+Lauschend bog sie sich über den Tisch. Langsam sammelte
+es sich bei ihm. Kam diesmal ohne Wucht, aber mit
+bis ans Schreien unterdrückter Süßigkeit. Er flüsterte
+zwei Worte. Sie gab den Blick langsam, schwer zurück.
+Nickte.
+</p>
+
+<p>Sie stand nachts auf. Es schlug zwei. Die Tür
+der Kreolin schloß sich, bei Fribaurt glitt es heraus,
+dunkel und braun, verschwand. Sie ging die Treppe
+hinauf, sagte die Nummer der Kabine mit weißen
+Lippen vor sich hin, suchte mit den Augen, den Händen
+in der Dämmerung des Korridors. Ihr Arm blieb
+stehen. Ihr Bein, magisch gezogen, ging unter ihr
+weiter. Ihre Haut glühte mit einem Ruck. Da hörte
+sie neben sich in der Nische ein Geräusch. Sie bückte
+sich, durch die Luke kam Nickellicht vom Wasser.
+Hinter Gittern kamen die roten Augen kleiner Hasen
+an sie heran. Ihr Finger berührte die bewegte Schnauze.
+&bdquo;Go .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Die Tiere hoben sich, neigten sich herauf.
+Begannen sich zu bewegen im Ruf, der sie traf. Ihre
+Stimme aber kam auf sie zu, umfaßte sie selbst wie
+von anderen gesprochen, breitete sich in ihr aus und verließ
+<!-- page 109 -->
+sie wieder in Seligkeit und Erfüllung. Was vorging,
+was sich sammelte aus ihr heraus im Ton, der
+sie umschwamm, brachte Ruhe in sie. Trieb sie in eine
+Klarheit. Stellte irgendwo etwas auf, dem plötzlich
+alles in ihr wie an Fahnen hingeweht sich zubewegte.
+Ihr Blut spannte sich dem entgegen. Es ging über
+alles hinaus. Trieb darauf zu mit der Kraft und der
+Inbrunst des Ziels. Sie lächelte. Kehrte zurück, fiel
+in Schlaf wie Traum.
+</p>
+
+<p>Abgelenkt, vorbeigeführt innen an ihm, gab sie ihm
+die Hand. Keine Miene zeigt, daß ihn etwas enttäuschte,
+Unter den Sätzen warb seine Stimme
+um sie, um jeden, er blieb gleich. Sein katzenhaft gestraffter
+großer Körper blieb neben ihr. Hörner heulten
+aus dem gegen die Wellen trommelnden Abend. Blinkfeuer
+stachen kreuzend ins Licht. Aus Landduft quollen
+roh, verquatscht, Hupen. Die Räder gingen langsam,
+fielen zurück, die Mole hing voll Menschen gedrängt,
+wimmelnd, sich verlierend auf der tiefen Fläche. Unter
+den rücklaufenden Wogen schellten die Bojen los. Das
+Schiff stand. Da sprang plötzlich ihr Herz.
+</p>
+
+<p>Die Barkasse legte an. Zwischen gestapelten Koffern
+irrten Passagiere, auseinandergespritzt. Hände durchglitten
+ihre. Das Fräulein stieg auf der Treppe hinunter zum
+Wasser. Sie sah scharf nach dem Ufer. Es kam auf
+sie zu.
+</p>
+
+<p>Sie gab Le Beau die Hand. &bdquo;Wohin?&ldquo; Sie
+<!-- page 110 -->
+wußte es. Er sagte: Paris. Lächelte plötzlich: &bdquo;Wohin
+fährt ein Franzose .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Sie lachte über die Schulter
+dem Reeling zu. Sie sah zurück: Versäumtes, Verfehltes
+lag auf seinem Gesicht plötzlich gesammelt,
+Schmerzhaftes zog es tief in ihn hinein. Es blieb. Verließ
+sie nicht. &bdquo;Leben Sie wohl.&ldquo; Wind bewegte sein
+rotes Haar. Den Hut unterm Arm. Von unten sah
+sie ihn am Geländer verschwimmen. Zwischen den weißen
+Hosen der Kapelle brach der flackernde Untergang auf.
+Die Musik spielte über der Sonne. Die Barkasse legte
+sich fest an Land.
+</p>
+<!-- page 111 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-3">Der zweite Abschnitt
+</h2>
+<!-- page 113 -->
+
+<p>Da war Berlin, sie erkrankte an Grippe, ihre Umgebung
+fürchtete den schlechten Ausgang. Sie
+<a id="corr-5"></a>genas. In Zackstrahlen von diesem runden Verharrungspunkt
+ausgeschleudert, durchschwebte sie die neuen Schichtungen.
+Das Fräulein führte die Liste der Stunden.
+Die Tabellen verengten sich, gingen bis in die Nacht.
+Man holte sie. Sie schob sich selbst in das Drängen.
+Bald stand ein Defilé vor dem Haus. Mit Holl
+ging sie in Lewinskys Generalproben. Vom Bazartee
+kam sie mit Rosen, die Zofe brachte das Abendkleid
+ins Bad. Das Fräulein reichte die Tabelle. Sie
+runzelte die Braue etwas hinauf. Verreiste. Böhmer,
+Below traf sie bei der Holmberg, überging sie. Erlebte
+den Skandal, als Männer auf der Nizzapromenade
+sich um deren weißbemaltes Fleisch schlugen. Drei
+davon starben. Andere hätten sich gewälzt vor Wonne.
+Fuhr weiter. Drang von Schicht zu Zelle, lächelte.
+Es gab keine Grenze, Geld, Wille machten vor ihr
+alles frei, sie folgte traumhaft. Bei Utö kam von der
+Regatta Symes herauf, schlenkerte im Sweater auf
+sie zu. Sie sah zuerst vorbei, traf plötzlich seine Gestalt,
+<!-- page 114 -->
+spürte in den Knien, im Auge den Schlag, erblaßte.
+Lief am Strand auf und ab abends, allein.
+Reiste zurück nach Nizza die Nacht.
+</p>
+
+<p>Bezauberte drei Tage von neuem die Holmberg,
+deren Hand schmeichelnd kam, fuhr mit ihr den Korso,
+dessen Blumenwoge symphonisch in den Himmelrand
+schlug. Ihr Blick hing fest irgendwo über ihr, zog
+etwas daraus fest in sich Die Gräfin fragte. Sie
+ward scheu, umschwebte mit dem Blick ihren Kopf,
+wich der Hand aus, verschwand. Sah in dem Parkfest
+eines dekadenten Mitteldeutschen Fürsten die Megrée
+auf gemeißelten Beinen kommen, auf einem Wallach,
+zwei Messer im Mund, abspringen, den Norweger
+Stefan umarmen, nicht tanzen, lachend abreiten. Der
+mit den eisernen Backenmuskeln wandte sich ruhig um,
+sah, überstürzte den Blick nach Daisy. Seit dem Tag
+war Stefan hinter ihr her, reiste Station auf Station
+nach, vermochte nicht zu bitten, versuchte einen Einbruch,
+setzte sich selbst herab, mußte sie unter Menschen
+ihn hören. Seine athletische Brust zuckte zurück vor
+ihrem grau geworfenen Auge. Sie sah ihn kaum.
+Sie gab sich hin, ließ sich aufnehmen wie willenlos,
+von diesem bald, von jenem Hauch. Kam es vom
+Meer, war es gut. Kam es vom Land war es gut.
+Ihr Gesicht selbst war verschleiert. Es war unsichtbar,
+was sich vollzog. Nur war das Obere deutlich
+nicht das Letzte. Etwas saß darunter, fest zusammengedrängt.
+<!-- page 115 -->
+Nur, je mehr sie sich dem Umstrahlenden
+anschloß, genoß, sog und hintertrieb, bedenkenlos die
+Stationen nahm, die sie umwölkten, war etwas in
+ihrer Hingebung, das sie dem so heftig Genahten tief
+entzog.
+</p>
+
+<p>Es schwankte herauf und herab in dem Treiben,
+bald obere, bald untere Welt, Fahnen und Wagen,
+auch Meer. Sah Heringsdorf, Menschen bogen sich,
+verkrampften den Blick, sahen in die Sonne, neigten
+die Hälse, flüsterten, trieben Neugier aufs Gesicht.
+Durch solch gewölbte Gasse kamen Heroen: Lyonel,
+Böhmer, Brandt, Below. Umzischelt, vertuscht, aufgerissen.
+Vorbei. Sie lenkte den Blick kühl darüber,
+er trieb nicht ab, blieb nicht haften, kein Drang schlug
+dort hinaus. Sicher fast, in die Höhe gehoben, blieb
+er dort. Haftete. Sie spielte einen Preis im Single
+heraus. Das Lächeln, das sie zerstreut dem Preisrichter
+gab, lief durch Revuen, machte ihr Gesicht bekannt.
+Darauf, in Zopott, trat im Doppel Stefan
+gegen sie. Machte ihr Fehler hin, sie nutzte nicht aus.
+Schlug erstaunliche Drifs, sie bewunderte nicht. Schlug
+einen Ball gegen ihren Schenkel, mit einem Wehlaut sank
+sie zusammen. Seine Entschuldigung lenkte den Blick an
+ihm vorbei. Gewalt gegenüber war sie eisig verschlossen.
+In München schwärmte sie unter herber südlicher Sonne
+einen Festabend. Unter der Dielentür sah sie Caspare
+Symes, er sah sie nicht. Da schwankte ihr Gesicht,
+<!-- page 116 -->
+an den Molen des Innern brach sich es, schäumte
+herum. Sie stieg hinauf. Nahm den Spiegel. Ungewisses,
+Zögerndes stand vor ihr, schlug dort hinaus,
+woher sie kam. Sie bog ihr Gesicht auf, lernte eine
+Bewegung, die es zurückschlug, was tastend offen stand,
+hinein fuhr in die Tiefe. Das Harte, Gespannte,
+sammelte sich dichter unter dem Schleier, ward reifer,
+fiel fast als Frucht schon heraus.
+</p>
+
+<p>Sie saß im Zirkus, wo Sägemehl und Pferdeschaum
+schwirrte. Mit Steinen um den verhaltenen Mund
+neben dem französischen Botschafter. Fuhr im Auto
+durch Eifel und Rhön, über Matten, zu den stählern
+gereckten Chausseebändern des Bennetrennen. Kinder,
+Frauen, hinter ihr her, hinter nie Gesehnem. Offiziere
+ritten neben ihr im Herbst. Im Lunapark verlor sie
+einen Ring, lachte. &bdquo;Masseldoff&ldquo;, flüsterte Holl. Sie
+sah zurück. Die Zeit staffelte sich darunter. Es ward
+klar. Was war das all? Nichts. Die Männer,
+es beschäftigte sie nicht. Hochmut sprang um den Mund,
+als sie aufsah. Was blieb, kannte sie.
+</p>
+
+<p>Noch blieb sie in der Schwebe, blieb sich gleich, hingegeben
+noch wie stets dem, was bereits vorbei war. Unbestimmbar
+so auf Straße, Wagen, Park. Verdichtet
+aber im Innern. Sie hörte Stimmen, vernahm Dinge,
+hörte Stefan, Holls Regie. Wohlig streckte sie sich
+darin, es ging sie nichts mehr an. In Christiansand
+an einer weißen Mauer entschloß sie sich plötzlich, bestimmte
+<!-- page 117 -->
+die Rückkehr. An der Reede, von einem
+Schiff steigend, das kam, traf sie Symes. Er grüßte.
+Ihr Gesicht blieb kalt, wie sie es sich gelehrt. Aber
+Ohnmacht überfiel sie, so straff hielt sie unnatürlich
+die Maske. Es schlug sie den Fahrtmittag nieder,
+erweichte ihr Gesicht, das mit den heißen Wellen ging
+und kam. Gegen Abend warf sie den Aufruhr in
+sich nieder. Erreichte den Punkt wieder, wo ihr Blut
+hinhielt. Hielt die Richtung ein, verschärfte sie sogar
+aus Trotz über die Abschwenkung. Warf alles zurück
+auf das Zentrum. Der Schleier fiel ab. Das Gesicht
+fiel reifer heraus, suchend, ruhig, bestimmt.
+</p>
+
+<p>In der Nacht kam sie an. Im Bett früh telephonierte
+sie nach Lewinsky. Er war nicht im Theater,
+nicht in der Wohnung. Sie hörte vom Diener, wo.
+Fuhr zu Guildendaal aufs Morgenfest im Park.
+Suchte die Wiese ab. Sah Perlhuhnhunde, des Einladers
+breite Glatze über Favorits, sah eine Polonaise
+am Teich. Darin am Ende Lewinsky. Da setzte sie sich
+beruhigt. Doch unterbrach ein Skandal. Es kam ein
+Anruf: die Megrée hatte sich erschossen. Man rottete
+sich zusammen. Holl eiferte gegen Stefan, hetzte fanatisch,
+jetzt noch in ihre tierhafte Anmut verliebt. Kam
+Stefan vorbei, schwiegen sie. Man hatte den Mut
+nicht, es ihm zu sagen. Fribaurt kniete neben ihr,
+erzählte den Fall das drittemal. Sie sah in den
+blauen Himmelausschnitt zwischen den Rotbuchen: wie
+<!-- page 118 -->
+feig sie waren. Sie sah deutlicher nach Stefan.
+Eine Stunde blieb sie, überflog die Versammelten,
+hielt Zusammenhang immer mit einem Kopf. Plötzlich
+ging Lewinsky, sie sah den Hut in seiner Hand.
+Da stand sie mit einemmal leicht auf. Sie legte,
+schon halb herumgewandt, die Hand mit unnachahmlicher
+Lässigkeit auf Stefans Schulter: &bdquo;Die Megrée
+ist tot.&ldquo; Ihr Gesicht war anders wie das, was sie
+sagte. Fern nach anderen Dingen gewandt, erhielt
+die helle Schärfe eines Vogels. Am Wagen blieb ihr
+Kleid etwas gerefft hängen. Man sah ihr Knie. Sie
+fuhr die Allee hinaus.
+</p>
+
+<p>Sie fuhr ein paarmal, um Zeit zu gewinnen,
+um das Viereck, nachdem Lewinsky vor ihr ausgestiegen.
+Ließ halten vor ihrer Villa, ging unter Flieder auf
+das gelb leuchtende Haus. Im Boudoir zog sie sich
+um, saß noch einige Minuten am Fenster. Über dem
+Kiesweg pflückte sie einen Zweig, schwang ihn hin und
+her. Der Gaul wieherte, als sie wieder losfuhr. Sie
+ließ sich nicht anmelden und wurde daraufhin abgelehnt.
+Da gab sie die Karte ab, die Türen gingen auf, im
+Arbeitszimmer stand Lewinsky, an ihr vorbei, ihn verlassend,
+ging Stefan. Sie stand an der Portiere und
+brachte Lewinsky aus der Fassung. Sie hatte ihn den
+Morgen getroffen, sich nicht annonciert, war plötzlich
+da. Sein Blick strich die Wände hinauf, da hingen
+große Männer seiner Zeit. Seine Haare waren in
+<!-- page 119 -->
+der Stirn geschnitten, er stieß mit der Zunge an,
+schlug die Arme über die herausfordernde Brust, um
+sicher zu scheinen. Er fragte, was sie will. Sie antwortet
+nicht, macht nur eine Bewegung, die sie ihm
+ganz öffnet. Erhebt ihre Stimme. Kein Mensch hat
+sie gehört. Sie fühlt sie schweben. Sie spricht eine
+halbe Stunde vor dem Gesicht, das an Höflichkeit
+aufrafft, was es kann. Sie fühlt die Vokale steigen,
+glänzen, singen. Es entspannt sich in ihr, vieles geht
+hinaus. Das Beste bleibt, ist gehemmt. Als sie eine
+halbe Stunde gesprochen hat, hebt sie das Auge auf
+zu ihm, erschrickt. &bdquo;Es genügt nicht?&ldquo; Er spaltet
+den Mund nach den Seiten, schaut herauf ihre Figur,
+herab. Kämpft einen Augenblick mit den Kinnmuskeln.
+Dann schüttelt er den Kopf.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Viele Tage verließ sie das Haus nicht. Ihr Mut
+war so stark, daß der Mißerfolg sie nicht schlug, sie
+begriff ihn kaum. Er brachte sie nur deutlich zu sich,
+entfernte sie von dem Hin- und Herbewegen und legte
+sie fest. Sie sah durch das Straßenfenster, da ging
+gedämpft der städtische Verkehr der Grunewaldstraße,
+rasch, verwirrend, elegant. Sie ging zum andern, da
+war rauschender Park. Baumwipfel bogen sich im
+Wind ihr zu. Sie hob den Kopf entgegen dem Geräusch,
+<!-- page 120 -->
+hob ihm die Stimme entgegen. Es klang
+zusammen. Belebte sie, gab ihr Resonanz, sie kettete
+sich daran und bekam die Leichtigkeit, die sie selbst bezauberte
+und hinriß. Da war sie ganz enthalten in
+den Lauten, wenn sie allein sich preisgab dem Gefühl,
+das ausfloß. Da konnte sie Sätze biegen, Wonnen
+rauschen lassen in blanken Diphthongen, spielen mit
+Worten und ungefähren Dingen, die als Sternnebel um
+sie waren. Beglückt trat sie zurück.
+</p>
+
+<p>Am vierzehnten Tag fuhr sie zur Florath. Die
+wollte sie ablehnen, sah das gute Kupee unten stehen,
+ward neugierig, winkte, sie hereinzuführen. Sie lag
+mit gelockerten Beinen auf dem Diwan, musterte Daisy
+mit den runden Wolfsaugen, leckte die Lippen und führte
+beide Arme verführerisch nach den hell gemalten Haaren.
+Daisy begann, ohne sich zu setzen, sprach, nicht lang,
+aber eindringlich. Beim ersten Laut spürte sie, es fehle,
+es stoße neben hinaus, was sie wollte. Als sie ins Gesicht
+der Schauspielerin sah, stürzten ihr Tränen in
+die Augen. Alles verließ sie. Kein Mut, keine Sicherheit.
+Mit kindisch unsicherer Haltung raffte sie ein
+Taschentuch auf, das ihr gefallen, und als sie wieder
+stand, sagte sie nach unten hin: &bdquo;Ich hatte mich nicht
+in der Gewalt.&ldquo; Wieder suchte sie jenen Ton, den sie
+seither immer besaß, der ihr eigentümlich war wie ihre
+Hand. Sie glaubte, sie träfe ihn, begann von ihm
+aus sich aufzuschwingen. Als sie unsicher ward, half
+<!-- page 121 -->
+ihr der Trotz zu einer intensiven Kraft. Einmal stockte
+sie, sah die große Frau auf dem Diwan zusammengerollt,
+sie nickte ihr zu. Sie fuhr fort, schleifte es
+weiter und brach ab. Die Florath reckte die langen
+Beine, erhob sich, zog die Knie an, sagte mit ihrer
+schwärmerischen Stimme: &bdquo;Gibt es denn nichts, was
+Sie sonst befriedigt .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;, kam mit langen Schritten
+auf sie zu. Sie sah auf, wollte, was sich sprengte in
+ihr, sagen. Es kamen nur Tränen, sie stampfte ein
+wenig auf. Als sie den Arm der Florath im Nacken
+fühlte, wußte sie, daß jene sie mißverstand. Sie schwieg,
+verschloß in sich das Geheimnisvolle, das sie sofort
+wieder sicher machte. Demütigung, Verzweiflung bisher,
+nichts war umsonst gelebt, sie fühlte, es ward klar.
+Noch machte an der Tür die Florath eine Bewegung
+mit dem Kinn, das rätselhaft herabkam: &bdquo;Die Welt
+ist voll Möglichkeiten, reizvollen, wenn Sie die Ihren
+suchen .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;, die runden Wolfsaugen überglitten sie
+lächelnd, die Hand glitt über ihre Brust. Sie verneigte
+sich. Auf der Treppe ward sie wieder zäh wie
+vorher. Gelang dies auch nicht, sie spürte unbedingt,
+unauslöschlich die Stimme in sich An der Straßenecke
+stand Moki. Aus dem Laden trat Fribaurt,
+bedrängte, behing sie mit Geschwätz. Sie log ihm
+Krankheit vor, erklärte ihre Unsichtbarkeit damit, frug
+ihn, als er nicht wich, nach dem Diener. Er schmollte
+mit den Lippen, verschwand. Zu Haus fand sie einen
+<!-- page 122 -->
+Brief. Er riet ihr, zu Löw zu gehen. Rivale Lewinskys.
+Sie wußte nicht, von wem. Der Goldfischteich glänzte
+aus der hellen Dämmerung. Sie biß die Lippen zusammen
+über den Eingriff, der in ihr Leben kam, der
+Garten stand geweitet wie ein Flußtal, Fischflossen
+glänzten manchmal weich und rasch.
+</p>
+
+<p>Der Papagei schrie lang und heiser. Sie kraute
+die gesträubten Haubenfedern. Der Schnabel kreuzte
+sich, orangen und grün flimmerte es aus der Ecke:
+&bdquo;Dogo .&nbsp;.&nbsp;. Dogo.&ldquo; Sie wandte sich von ihm um.
+Nahm ein gepreßtes Buch, schlug es auf. Neben
+Lewinskys gesalbter Glattheit stand das wohlwollende
+menschliche Gesicht Löws. Es zog sie an. Sie sah
+auf den Boden. Im Garten, sangen Nachtvögel herauf,
+schwebten ihr mit Wind Flüstern entgegen und
+nassem Buschzeug aus dem Blau. Sie spürte, daß
+der Brief sie gut leiten wollte, zog den Finger aus
+den Blättern, empfand im Schließen, wie es sich in
+ihr spannte, und daß vor diesem Kreuzweg Ja und
+Nein des Lebens stand. Dann hatte sie etwas plötzlich,
+was alles vertrieb.
+</p>
+
+<p>Sie fuhr zu Lewinsky. Er hatte sie einmal besiegt.
+Zeigte, wie schön sie sei. Hinter der Höflichkeit reckte
+sich seine Macht. Er gab ihr ein anderes Buch. Sie
+wollte es zwingen. &bdquo;Der Text ist nicht gut.&ldquo; Ein
+anderes Spiel. Sie wechselte. Sie bäumte sich auf,
+klar und weitschweifend zu sein. Schon kämpfte sie
+<!-- page 123 -->
+gegen das Unfaßbare, da ging eine Tür hinter ihr,
+über den Spiegel huschte ein Schatten, eine dünne
+Bewegung. Es löste seine Oberfläche auf, er stand in
+Wellen, wurde tief und voll Horizont. Ein Springbrunn
+kam hereingeplätschert, ihr Mund spürte Blau
+und Goldregen und Baumbewegung. Es kam Geräusch
+der Ströme. Auf dem Ontario wogten Segel,
+hißten Fahnen, grüßten. Rührung und Hingabe legte
+sich in die Stimme, ward goldhell, posaunengroß, nun
+erlebte sich alles. Flog an den Drähten hinauf, sank
+zurück ins Blattgepischper. Trug eine Kraft, die schwoll
+und wuchs. Sprach zu den Tieren: Ihr Lieben. Zu
+den Weibern: ei welche Sonne da. Hatte den Ottawa
+im Traum, den Erddunst in den Nüstern der Vokale.
+Hatte ihr Herz. War voll. War da.
+</p>
+
+<p>Ihr Auge frug nicht, ihr Mund hatte kein: Genügts?
+Lewinskys Kopf war entblättert. Macht, Höflichkeit,
+jede Maske war weg. Um die Lippen stand
+eine grausame, bebende Linie. Angst, daß ihm dies entgehe.
+Er versprach, was sie wolle: Erfolg, Geld, Ruhm.
+Der Spiegelschatten kam aus dem Polster, Stefan
+brachte sie an die Tür, hatte Ersticktes in der Stimme:
+&bdquo;Erhielten Sie meinen Brief?&ldquo; Sie zögerte, sah Gesenktes
+an ihm, der Brief war gut. Dann hob sie
+schmal das Kinn: &bdquo;Nein&ldquo;. Er lachte heiser durch
+die Zähne. Ihr Blick blieb verwundert.
+</p>
+
+<p>Dies war der Durchbruch. Die Arbeit begann.
+<!-- page 124 -->
+Lewinsky zeigte klug, was ihr fehle, wie, was sie in
+sich trug, nur die Flamme war, die das Gerüst entzündete
+und in die obersten Logen der Erfolge trug.
+Das Gerüst war zu lernen. Sie sah ein, sie konnte
+noch nichts. Nun gab es nur dies. Von allem schnitt
+es sie ab. Keine Segelfahrten lockten, an keinem Zirkus
+entzündete sich die Lust nach dem Dampf der
+pochenden Pferdebäuche. Fort gingen die Bahnen, die
+Wagen. Sie blieb.
+</p>
+
+<p>Die Brauen bogen sich vor Spannung. Das I
+schärfte, jagte sie in den Plafond gegen Dogo, daß er
+flatterte und es zurückschrie. Das A baute sie zu
+Brücken, weiten Wölbungen, die funkelten vor Kuppelschwung
+und Material. Aus dem O kamen schwingende
+Trommeln, ferne Gewitterstürze, die erregten.
+Die Leidenschaften der Wälder, das Sichsagen der
+Leiber brannte aus dem U. Die Diphtonge glitten dazwischen.
+Sie trat ans Fenster, die Hände, die Brüste
+am Gitter.
+</p>
+
+<p>Ein Lehrer kam, der den ausländischen Akzent abschliff.
+Nach acht Tagen sagte die Zofe ihm, es sei
+genug. Lewinsky sandte andere. Sie verbrauchte viel
+und rasch. Fand sie, wo sie einhaken konnte, blieb sie
+zäh dabei. Das Regulieren von Zunge und Zähnen,
+das Siebenmaldurchsprechen der Rolle, bis die Figur
+sich entschälte, das Hartnäckige und Sichere, das war
+ihr Fall, dem blieb sie treu. Ein Lehrer wies ihr die
+<!-- page 125 -->
+Bewegung im Raum, teilte ihn geometrisch, wies ihr
+die Plätze dekorativ. Stellte ihr die Gebärden, zog
+eine Kurve. Sie sah vorbei. Er stülpte den Ärmel
+hoch, den Arm auf zur Ekstase. Sie machte es nach
+mit der Linken, die Rechte gähnte. &bdquo;Wozu?&ldquo;, frug
+sie Lewinsky mit ermüdeter Schmerzlichkeit. Da brachte
+er Statisten, belebte mit Fleisch, mit Blut das Zimmer,
+suchte durch Lebendes ihre Verwöhnung zu überwinden.
+Er machte ein Kabinettstück, bezauberte mit seiner eigenen
+Regie, hetzte das Zimmer, die Luft zu Drama.
+Sie lächelte. Sie nahm drei Stühle. Sowie sie aus
+sich selbst sich bewegte, kam Leben in das Holz, ward
+Aufruhr und Ergebung. Sie entflammte es. Er zog
+beleidigt die Unterlippe ein, grinste impertinent, als sie
+den Rücken kehrte. Ließ sie aber tun, was sie wollte.
+Überzeugt selbst über seine Eitelkeit hinaus.
+</p>
+
+<p>Einmal gönnte sie sich Erholung, als Dogo schrie,
+sie ihn im Hemd mit Tintenfischen fütterte auf der
+Veranda und die Morgenkühle ihr unter dem Leinen
+den Körper hinauf tastend lockte. Sie ritt mit Guildendaal
+und Rotbefrackten eine Allee hinauf. Die
+Hunde rannten Hasen nach im Gras. Von einer
+Pappelreihe her hob sich ein Staubkreisel, flackte über
+die Äcker und Weiden herbei. Als er die Allee berührte,
+fingen zwei Drosseln an zu schlagen, unaufhörlich.
+Da wandte sie um, trabte ohne Abschied
+herum, wie im Spiel, kam nach Haus, empfing von
+<!-- page 126 -->
+rückwärts in die Einsamkeit das Durchflogene, gab sich
+hin an das Wehen der Gräser, das Summen, Vorbereiten
+und dann dem Ansprung des jungen Winds,
+entfachte sie. Mit glücklichen großen Augen und einer
+ganz beschäftigten Stirn versank sie in die Arbeit.
+</p>
+
+<p>Besuche nahm sie nicht an. Selbst machte sie keine.
+Holl, da er Regie hatte, traf sie manchmal, doch
+wünschte sie Tips. Ging sie aus, war es mit Freude
+und Spannung schon auf die Rückkehr, wo die Distanz
+zur Arbeit sie frischer machte, angriffslustiger, heiterer im
+Spiel. Moki suchte ihr etwas zu überreichen, sie nahm
+es nicht. In einer Gartenstraße schlich ein Mann und
+riß an ihrem Beutel. Das kleine Messer aus dem
+Gürtel in der Hand, begann sie den Widerstand. Doch
+ließ sie fast im gleichen Augenblick den Beutel fahren,
+steckte das Messer ein. Sie hatte wichtigeres vor, um
+dies zu riskieren. Der Dieb lief. Sie kleidete sich um.
+Fuhr den Abend ins Theater der Florath. Die war
+nicht da in der ersten Szene. Im Hintergrund der
+Loge bereitete eine Frau sie vor, schilderte ihr Bein,
+ihren Busen. Ihre Laster. Da kam sie wie ein Tier,
+das Kleid schaukelte erregt um sie, als sei ein Abstand
+zwischen Haut und Kleid. Selbst im Unsichtbaren war
+ihr Körper entblößt. Es war, als säße ihre Seele in
+den Hüften. Alles strömte zusammen da, erhielt dort
+den Ausdruck der Verhaltenheit, der erregte bis zur
+Stummheit. Sie lächelte einen Mann zu Tod. Er
+<!-- page 127 -->
+verschwand mit seinem blonden Bart. Später dirigierte
+sie sich gegen einen Slawen mit Bauernschultern, an
+seiner Stumpfheit blieb sie hängen. Schwebte eine
+Herzspanne in der Luft, das Verhüllte knisterte um sie.
+Sie sog die Sprache in sich hinein, hinter dem Marmor
+leckte schon tosend die Glut. Die aalglatte Hüfte
+stand fast ruhig, sie spielte mit einer Dose. Ließ sie
+fallen. Bäumte, brüllte wie ein Tiger.
+</p>
+
+<p>Entsetzt, mitten in der Szene ging Daisy. Sie sah,
+was fehlte. Wie unheimlich jene mehr konnte wie sie.
+Lächelnd stumm in sich hinein, weil ihre Inbrunst
+größer war als die Routine der andern. Sie zog den
+Schluß: arbeitete heftiger, tief in die Nacht, schon
+gierig auf den Morgen.
+</p>
+
+<p>Doch war die Nacht auf ihr heißes Decolleté gefallen,
+die Grippe in der Nacht zurückgerollt. Weinend,
+fiebrig, schleppte sie sich zum Diwan. Da stand
+die Aufgabe. Sie konnte nicht. Die Zofe schellte den
+Arzt herbei. Er frug nach Schmerzen, hielt an langen
+gepflegten Nägeln das Hörrohr ihr an die Brust.
+Sie delirierte: &bdquo;Sie kann die Übergänge .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Der
+Arzt neigte sich herunter: &bdquo;Nehmen Sie alle zwei
+Stunden ein Pulver.&ldquo; Abends zur Zofe sagte sie:
+&bdquo;Nehmen Sie drei.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Achtundvierzig Stunden wimmerte sie, die Zofe verstand
+nichts. Am dritten Abend schlug sie die Augen
+auf, besann sich, bekam ein opaliges Licht hinein, wies
+<!-- page 128 -->
+auf ein Buch. Als sie es in der Hand hatte, fiel es
+ihr vor Schwäche heraus. Sie sagte: &bdquo;Nehmen Sie
+vier.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist zu viel.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich habe Eile&ldquo;
+</p>
+
+<p>Am fünften Tag war Sonne. Am achten kam sie
+in den Garten. In Zweigen und Flüstern bewegten
+sich sanft und weich die Sätze. Die Melancholie der
+Boskette träumte gold umrahmt vom Mondlicht. Ihr
+Entzücken entlud sich unaufhörlich quellend, gleitend
+auf einer wundervollen Bahn, der die Nachtigallen
+sich anschlossen, die aus dem abgeschüttelten Schlaf sich
+mit aller Inbrunst entfalteten in ihrer Elegie.
+</p>
+
+<p>Fand im Garten, wo der Kies lehmig war, Spuren.
+Folgte mit dem Fräulein. Sie liefen durch den
+Busch zum Eisengitter. Sie zog an den goldgespitzten
+Lanzen. Drei gaben nach, machten ein Loch. Die
+Lanzetten waren angeschraubt. Nachts nun, wenn sie
+nicht schlief, ging auf der Straße der Schritt eines
+Passanten ruhelos auf und ab. Der Schritt gab Regen
+und Wolkenwind den Rhythmus, hallte, lief ohne
+Pause. Wo es schwarz war und undurchsichtig hinter
+dem Gebüsch, erschien ihr ein kreideweißes starrendes
+Gesicht manchmal, doch es war in ihr, sie sah es nicht
+nur draußen. Bei einer Pfütze blieb sie stehen, der
+Regenbogen darüber entführte sie, mit geröteten Wangen
+wickelte sich ihr auf ein Strom von Bildern, die
+<!-- page 129 -->
+zogen. Sie kehrte sich scheu ab. Holl warf das Mädchen
+an die Wand, stürzte herein, in jeder Hand
+Orchideen, verzweifelt, weil man ihn abwies. Sie öffnete
+die Fenster hinter ihm, das Szenenhafte nahm der Luft
+die Ruhe. Vaudreuil schrieb: Schlug Wechsel ihr vor,
+baute Pläne auf, was sie sehen, nehmen solle. Syg
+reiste nach Ägypten, kam an den Hafenstädten vorüber.
+Sie konnte mit. Es hob sich schmeichelnd vor ihr,
+die Schwester und der Bogen, der die Ferne einfügte
+in den Punkt, wo die Sehnsucht in ihr sich staute.
+Sie schluchzte eine Nacht. Dann war es vorbei. Sie
+ließ einen Hund in den Garten setzen, streichelte ihn
+und führte ihn am Gitter entlang. Die Spur ihrer
+Hände an ihm war noch nicht warm, da war er
+schon verschwunden. Sie empfing Lewinsky nach ihrer
+Krankheit erstmals, sprach nicht von dem Nächsten,
+der Arbeit, der Hoffnung mit ihm, sondern erzählte ihm,
+was all wünsche, sie zu entführen. Sein Augapfel
+ward grün, das Gesicht schwammig. Sie zeigte ihm
+die Gartenspuren. Er zuckte die Achseln: junge Leute
+schwärmten für sie. Er erzählte diese Geschichte, jene
+Geschichte. Erwärmte sich Sie sah ihm fest, forschend
+unter die Stirn. Dann schwamm es weiter, dies und
+alles. Sie warf sich der Arbeit hin.
+</p>
+
+<p>Holte kleine Kinder, die an Konditoreien die Nase
+platt drückten, erfragte sie, erfüllte sie, nahm die Laute
+auf. Nahm von der Straße einen Bettler herauf,
+<!-- page 130 -->
+setzte ihn an ihren Speisetisch, wühlte in ihm. &bdquo;Warum
+haben Sie Furcht?&ldquo;, frug sie erstaunt. Erregt mit
+sich selbst redend, machte der sich pulde. Sie eilte ihm
+verständnislos nach, er war schon fern, sprang und lief.
+</p>
+
+<p>Um zwölf Uhr schlief sie ein. Sie hatte Begeisterung
+auf der Zunge. Um Fünf erwachte sie. Alles war blöd
+und idiotisch. Schlaff sank sie zurück. Um Acht erhob
+sie sich, holte Frische und Lust aus dem Muster des
+Teppichs, dem Ton der Tapete. Im Schwanken erfuhr
+sie die Grenzen, erfuhr sie den Arbeitssinn. Stellte
+fest, wie weit sie vorkam, wie stark manches sie zurückwarf.
+Sie bemühte sich und erkannte, je näher sie kam
+einem Ziel, wie größere dahinter standen. Ihre Kindheit
+kam manchmal, rührte sie zu weichen Klängen.
+Manchmal fehlte sie, der Ton ging leer, verpuffte.
+Hatte sie etwas sicher, war es schon nicht mehr von
+Bedeutung, denn ein anderes hemmte. Sie lernte aus
+jedem Erfolg erst die rastlose Verantwortung, die Verpflichtung
+der Erfolge, das ungeheure kreisende Räderspiel
+der Kräfte, die sich bedingten und steigerten in
+einer nicht meßbaren Form. Sie sah, daß Ziel kein
+Punkt war und kein Ende, sondern nur Etappe, nur
+Weg, nur ein Stück der endlosen Bemühung, daß
+die Aufgabe wachse mit der Potenz der Kraft. Am
+Versagen spürte sie, was es bedeute genau wie beim
+Erreichen: heißer, heftiger zu streben. Aber manchmal,
+wenn nichts den Ausdruck ihr brachte, geschah das
+<!-- page 131 -->
+Wunderbare und Unerklärliche. Von dem Wind, von
+dem Grastau kam es. Von dem Teich stieg es auf
+die Veranda, vom Himmelabschnitt über der Ulme sank
+es blau und bebend. Da war es. Unverlangt und unerbeten.
+Es war da. Es umflockte sie hell, blau, klar
+und alles berührend, was sich danach in ihr streckte und
+sehnte. Das war das Äußerste und rauschte sie auf
+wie einen Baum.
+</p>
+
+<p>Die Leistung atmete sich fort, ohne Gespräch, ohne
+Leitung. Das Geschaffene drang durch die Poren des
+Raums, durch die Straßen, die Stadt. Die Leistung
+erhielt die Ausbreitung, die Durchschlagkraft jeder Tat.
+Die Florath lud sie ein. Sie ging nicht. Lewinsky
+bat sie, sie kam. Bei Tisch warf Stefan Böhmer, der
+neben ihr saß, ein Billett zu. Nach drei Tagen erschoß
+er ihn. Das Lächeln, mit dem Böhmer das Papier
+geöffnet, begleitete sie einige Tage. Doch kam sie darüber,
+leicht, als sie sich bemühte, hinein in den Strom, der
+sie führte und weiterspielte. Erklomm solche Ausdehnung
+und Tiefe in ihm, daß Lewinsky den Schlußstrich zog.
+Er bereitete das erste Auftreten, legte Listen der Geladenen
+vor. Sie war glücklich den Tag, weich durch
+das Erreichte, spielte mit seinen Gästen, saß mit Holl
+bei Pharao, und, als sich vor Neid ihm die gebrannten
+Locken lösten, mit Fribaurt bei Quarante-et-un.
+Am Bassin traf sie auf Stefan. Er war versunken.
+Er hatte bis zum dreißigsten Jahr gekämpft, gelebt,
+<!-- page 132 -->
+zugeschlagen. Hatte die Kinnbacken angezogen, war damit
+über alles getreten, hatte alles sich, jede Laune, das
+Verbrecherische, Wüste zugebilligt. War wie ein Eber
+nach ihrem Leben gesprungen. Doch dieser Zug ging in
+die Luft. Er traf nichts. Stand erschüttert, verzaubert vor
+dem Widerstand. Sein Leben fiel von der Achse, formte
+sich darunter um, erhielt eine neue Einstellung. Es
+ging ums Ganze. Sein Auge drehte sich, besann sich.
+Hier war die Entscheidung. Er wollte sie erzwingen.
+Umlagerte sie von allen Seiten, spielte jede Note, die
+er beherrschte, zum Erfolg. Sie sah es nicht. Sie ging
+an ihm vorüber am Bassin. Er holte sie ein. &bdquo;Ich
+war der Bettler.&ldquo; Zerriß ihren Weg. Es war spielerisch,
+was sie unternahm. Sie gab nicht dem Elenden,
+half nicht dem Gestank. Sie durchforschte ihn nur
+und das war ihm widerlich. Sie trat zurück, wütend.
+Da sah sie an seiner Haltung: es war gut, was er
+wollte. Hinter ihm trat hervor, was er geleistet: er
+war das Gesicht in den Büschen, die Spur im Garten.
+An seinem Knie rieb sich der verschwundene Hund. Sie
+spürte die Kraft, die auf ihr Ziel eindrang, es formen
+wollte, abreißen, hinüberzwingen zu sich Es kam mit Beherrschung,
+gezähmt zu Güte fast, es machte sie aufsehn,
+bedenken, es rührte sie, sie reichte ihm zum Ausgleich etwas
+zurück, eine Lüge, einen Trotz: &bdquo;Ich danke für Ihren
+Brief.&ldquo; Langsam, leis. Es beeindruckte sie tief, wie
+er es nahm. Aber im gleichen Augenblick war nie der
+<!-- page 133 -->
+Widerstand stärker gegen das, was männlich sie hemmte,
+den Weg kreuzte. Sie hob sich, fast wild, übersprang
+es, schlug es zurück. Es blieb im Boskett, als sie darüber
+war. Kühle, Befreiung kam. Wie klar die Luft.
+Weich hingegeben, vom Erfolg und Sicherheit empfänglich
+und aufnehmend gemacht, sog sie Hyazinthen
+ein, die toll aufdufteten. Da sah sie zwischen Lampions
+einen Mann. Caspare Symes. Der Garten stürzte
+hell mit einer Flut Apfelbäume in die Nacht.
+</p>
+
+<p>Aus ihrer Brust riß alles mit. Die Knie standen
+eng aneinander. Alles war Bewegung aus ihr hinaus.
+Nur sein dunkler Kopf kam. Sie nahm ihn auf, in
+die Hände, öffnete die hochmütigen Lippen. Sein Mund
+war schmal, weich. Sie gingen, es gab keine Leidenschaft,
+keinen Zorn. &bdquo;Caspare&ldquo;. Der Garten glättete
+sich in der Lichtwelle. Besinnungslos hing die Minute
+um sie, kam auf sie zu. Alles bot sich an, voll Glück.
+Die Büsche stiegen in dunkelrotem Ring bis zum Goldbogen
+auf. Die Äste flammten mit einem Netz von
+seidenen Strahlen an den Lauben. Die Schläfen lagen
+fest aneinander. Es kam die Obstflut. Da fielen Blüten
+ins Gras ohne Pause. Es war der Fall seines Bluts,
+das von der Ader seiner Schläfe herübersprang. Ihr
+Blut hörte auf und setzte in seinen Takt ein. In diesen
+Bogen spannte sich alles ein, das Ende sah sie nicht,
+aber sie spürte, daß es gegen den Rand ihres Lebens
+hinunter sich neigte. Aber von der anderen Seite kam
+<!-- page 134 -->
+zum erstenmal wieder die Jugend herauf. Unbefangen,
+ganz das Ohr erfüllt, kam von fern die Lawine des
+Ottava und die Flöße. Der Ontario schliff sich blau
+mit wiegenden Segeln. Dazwischen stand die Sekunde,
+in der sie atmete, als sei sie dem Vergangenen zugehörig.
+Da fielen die Rosaenden der Blüten sanft herab,
+die Erde wogte mit Wurzeln innen entgegen. Und die
+Bäume bewegten sich nach dem Tempo ihres Atems.
+So war durch das Blut, das zusammen floß, diese
+Zeit und die andere vereinigt. Das unbefangene Glück
+der Kindheit zog an diesem Glück, zog es hinüber,
+als sei es abgeklärt, schön geworden und still. Sie
+schloß die Augen, ein Arm faßte fest um ihre Brust.
+</p>
+
+<p>Sie wimmerte, stieß den Fuß auf, beugte den Leib
+nach vorn, zog ihn zurück, drückte den Nacken ein paar
+mal zum Rücken. Dann riß sie sich los, öffnete die
+Lider, lief den Kiesweg hinauf, das Tor. Sie sprang
+in den Wagen, der zuerst stand. Ein lahmer Klepper.
+Sie weinte, brüllte in das Tuch des Kleids. Der Horizont
+war angefüllt von einem Donner: Caspare .&nbsp;.&nbsp;. es
+würde klingen bis in die letzte Süßigkeit alles, was
+noch kommen konnte. Sie hielt nicht an, fuhr weiter.
+Ihr Garten kam. Ihr Zimmer. Die Onyxschale mit
+den drei Kugeln, es stach stumm wie von Augen nach
+ihr. Der Park grollte den Wipfelwurf ihr zu: den
+Namen. Die Spiegel fauchten ihn ihr zu. Sie zuckte
+die Schenkel, legte die Stirn ans Glas. Verloren.
+<!-- page 135 -->
+Bis in die Todesstunde nicht einzuholen. Sie lächelte:
+es war nicht gewesen, war drüben vor sich gegangen,
+wo alles lag, was schön war, sie befreite, die Jugend.
+Bis in das Ende des Haares, bis in die Höhle der
+Achseln empfand sie: dies war das Höchste, ihr Glück.
+Träumte sie es zurück, lag tausendfach Geschichtetes
+dazwischen. Noch unerreichbar, Arbeit und Erlösung
+und Bemühung lagen vor die Möglichkeit allein geschichtet.
+Irgendwo wie ein Lichtkegel öffnete diese
+Sekunde die Ruhe, das Später, oder vielmehr das
+Zurück, den einzigen Glückszustand, als die Ströme das
+Kind umrauschten. Es war so weit, daß sie die Sekunde
+kaum noch mit dem Bewußtsein erreichte.
+</p>
+
+<p>Sie stellte drei Stühle auf. Gab jedem einen Partner.
+Erhob sich daran, aber mußte sich bald unterbrechen,
+denn die Tränen kamen mit einer wilden Wucht,
+die sie umwarf. Sie lag nur und weinte. Erst nach
+Stunden, gegen Morgen, gewann sie die grausame
+Ruhe, die nötig war zu solchem Gespräch.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Das gab Öl in die Sätze, Mark in das Wort,
+die große Kraft in die Bewegung. Das machte einen
+Boden, aus dem das Spiel der letzten Tage reif und
+sehr süchtig schoß. Sie probte den Tag vorher, in
+einer saftigen Linie lag der Akt. Sie war gefüllt mit
+<!-- page 136 -->
+Zufriedenheit, ohne Triumph. Am Abend kamen ihr
+die Köpfe des Parketts wie ein Strudel entgegen. Sie
+ging vor ein Bild, vor einen Boudoirtisch, nahm die
+Puderquaste, ihr Körper rauschte sehnig und voll gedrängtem
+Saft. Als sie zu sprechen begann, verließ sie
+etwas.
+</p>
+
+<p>Sie starrte in den Raum, faßte sich, sprach weiter.
+Sie ließ den Silberstift, das Spiel ging nun in Tragödie.
+Sie machte den Aufschwung. Aber unter dem,
+was geschah, hörte sie dumpf, daß ihr entflog, was sie
+suchte. Der dunkle Ton, der Erguß, das selige Gefühl
+des Hingegebenhabens in die Worte .&nbsp;.&nbsp;. es fehlte. Sie
+suchte. Fand es nicht. Die Stimme flog voll Schmerz,
+aber das Blut spielte nicht mit.
+</p>
+
+<p>Sie wartete, verzweifelt. Sie zwang es. Ging auf
+und ab, ganz neu und unerwartet. Warf Worte ein,
+die der Text nicht hatte. Die Taille verjüngte sich zu
+einer Wildheit, die die schmächtige Szene anriß und
+dehnte. Die Souffleuse hustetete, verwirrt. Ihr Bein
+stand federnd, abgezeichnet im Kleid, ins bleiche Gesicht
+des Partners drang sie vor, zerstörte es. Brach mit
+Leidenschaft ein in das schwankende Schicksal, die die
+Gefühlshöhe erweiterte, ihren Ausbruch und die Dichtung
+abhob. Grenzenloser wurde unter ihr das Leere.
+</p>
+
+<p>Dabei spürte sie, ihr Spiel war gut. Augen hefteten
+sich gefesselt daran. Atmosphäre der Erregung band
+sie an das Parkett. Es genügte nicht. Eine Traurigkeit,
+<!-- page 137 -->
+die ihr Bewußtsein nicht traf, da es spielte, das
+es ahnte aber, wölkte wie unter ihren Füßen herauf.
+Sie brachte es fertig, nebenher zu denken, zu wünschen
+und herzurufen, was die Inbrunst wecken konnte. Was
+ihr Schönes seither gegeben, Zärtlichkeit, Pa und Syg
+und Brown und das Porzellanschiff. Es blieb entfernt.
+Ihr Gehör verdoppelte sich, sie vernahm sich selbst.
+Ihr Auge schärfte sich, sie sah sich spielen. Das Bewußtsein
+spaltete sich, war nur zur Hälfte beteiligt.
+Da spielte sie. Dort sah sie Köpfe, beschaute es müßig:
+Die Florath, vorgebeugt, der Kopf eine schamlose Entblößung.
+Fribaurt mit weibischem Lächeln gebannt an
+ihr Bein. Guildendaal, über den Favorits Froschaugen,
+Holls nervöse spielerische Stirn. Sie sah, sie hatte sie
+im Bann. Doch sie selbst, sie selbst .&nbsp;.&nbsp;. Es sank ab
+vor ihr, verschwand in der Tiefe. Ein Riß ging durch
+sie, doch sie verstand. Sie spielte die Szene zu Ende,
+sie steigerte sich, schmiß die Effekte, sah den Erfolg
+in der Pupille der Florath. Aber in einer Traurigkeit,
+die ihr Herz erreichte, wußte sie, es genügte nicht.
+Der große Ruf versagte. Es war vorbei.
+</p>
+
+<p>Was war ihr Beifall? Erfolg? Nichts drängte
+sich dazu. Sie wollte, daß ihr Spiel ihr inneres
+Wesen erfülle. Daß sich darin restlos und ohne Sehnsuchtsrest
+ergieße, was sich aus ihr hob und senkte, was sie
+gegen das Meer getrieben und darüber geführt. Sie
+suchte, daß es in ihr klar werde. Nicht daß sie nach
+<!-- page 138 -->
+außen Wirkungen leiste, deren Sinn sie nicht faßte.
+Dies war ohne Bedeutung. Es zählte nicht. Und
+nun begriff sie, daß nicht zu zwingen sei, was vor den
+Menschen sich versagte. Es war das Wunderbare,
+das aus der Mondnacht, am Fluß und aus den
+Büschen manchmal schwankte und sie erhob bis an die
+Spitze der Sehnsucht. So umflog es sie. Aber sie
+hatte keinen Teil. Was in rollenden Kreisen sehnsüchtig,
+lockend und treibend vor ihr sich schwemmte, das war
+noch nicht gefüllt. Doch dies da war nicht der Weg.
+Umsonst. Vorbei.
+</p>
+
+<p>Es stürzte ab mit jähem Ruck. Wehmütig kam
+es, für was sie sich bemüht. Das Erwachen am
+Morgen, die Seligkeit des Schaffens, die Befriedigung
+und der Stolz. Es war noch nicht am Ende. Irgendwo
+lag es, noch unfaßbar. Blieb ein Zwiegespräch
+zwischen ihr und der Ulme. Weiter nichts. Kein
+Ziel, keine Erfüllung. Ein Irrtum der Weg. Verworfen.
+Was erfolgreich daran war, hatte für sie
+keinen Sinn.
+</p>
+
+<p>So entzog sie sich dem Beifall, entriß sich den
+Menschen, sah Lewinskys gerötetes Gesicht, kam durch
+den Seiteneingang ins Vestibül, auf die Straße. Ging
+weiter. Menschen quollen aus Toren, Gehsteigen,
+Häusern. Hindurch. Sie hielt nicht. Es röchelte
+neben ihr. Ein Pferd. Sie strich ihm über die Stirn.
+Ein Licht schien grell heraus. Im Spalt saß ein
+<!-- page 139 -->
+Paar, sie weinte, er senkte den Nacken. Die Steife
+blieb um ihren Mund. Dennoch empfand sie, daß
+sie mit nichts tiefer verbunden als diesen beiden. Ein
+Strom faßte sich an von ihr zu ihnen. Und zurück.
+Eine Sekunde empfand sie den Anschluß, das Mitleid,
+es löste sie fast aus. Doch es währte nur kurz.
+War noch nicht so weit. Eiskalt vor Schmerz ging
+sie weiter, bis an den Rand gefüllt mit sich selbst,
+verschlossen wieder. Sie hatte einundzwanzig Jahre,
+die Brust war herrlich, der Körper braun, schlank,
+schön. Sie begann zu laufen. Alles fiel von ihr ab.
+Nur der Geruch ihrer Möbel, die Wände ihres Zimmers
+lockten, waren da, waren ein Punkt, der stützte,
+wohltat, barg. Im Vestibül saß das Fräulein und
+stickte. Sie hielt kurz an bei der Pforte. Dann ging
+sie langsam auf das blonde Geschöpf zu, fiel hin, tat
+den Kopf in ihre Knie. Die Schultern zuckten.
+</p>
+
+<p>Das Fräulein saß da, die Beine auseinandergerissen.
+Das Gesicht von nichts tief gezeichnet, blöd und sinnig,
+an dünner Sehnsucht erstickt. Sie war übersehen im
+Leben, zu einem Bündel gemacht, das Mitleid umspülte,
+Verachtung, kleiner Lohn. Kompost für Überfluß,
+häßlicher armer Lappen. Badete nicht täglich,
+war schlecht gekleidet, roch nach Korsett. In ihrem
+Gesicht entbrannte ein Staunen: &bdquo;Auch sie muß
+weinen.&ldquo; Dumm sah sie in die Luft, stierte, faßte es
+nicht. Doch vom Elend einer Kreatur gereizt, gerührt,
+<!-- page 140 -->
+beginnt der ganze Erdball aufzuzucken, mitzuleiden. Sie
+heulte nicht. Es ging in die Hände. Die strichen
+sehr zart über den Kopf zwischen ihren spitzen Knien.
+Falteten die Strähnen auseinander, legten alles von ihr
+selbst Vernachlässigte, Versäumte in die Bewegung,
+flochten Zöpfe, berührten das Haar als seis ein Kind.
+So kam die Liebe über sie. Die Zunge machte einen
+Ruck, machte den Zug der Nurse, schnalzte, wiegte
+die Hüften, summte: &bdquo;Do .&nbsp;.&nbsp;. do .&nbsp;.&nbsp;. do .&nbsp;.&nbsp;. Daisy.&ldquo;
+Pfiffs auf den Zähnen. Eine Sehnsucht gebar sich
+riesengroß. Wollte gern ihren Backen an Daisys
+Wange legen. Aber rührte sich nicht, obwohls nie
+heißer in ihr gezündet. Wagte es nicht. Tat es nicht.
+Sie brachte das Mädchen hinüber, machte Licht, zog
+es aus, legte es ins Bett. Löschte das Licht. Morgens
+fuhr Daisy ans Meer.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Windstille war. An den zweitausend Metern Grundschnur
+fuhren Kähne raus, man zog die Angeln an, warf
+die Kabeljaus ins Boot. Zwei große Ewer hielten
+die Schleppnetze ein, ließen Bramsegel vor den Wind
+fallen, kamen gegen Land, hochgeschwebt. Seeschwalben
+überjagten Steingebröckel, zuckten am Wasser, hakten
+mit gebogenen Schnäbeln: griä. Jüns hielt eine geschwollene
+Aalmutter in der Faust, drückte den Bauch,
+<!-- page 141 -->
+spritzte durch den Eiergang junge Zentimeterfische, eins
+nach dem andern. Sie waren durchsichtig und quallig,
+ein Darm ging durch und Aderfäden. Sie lachte
+mit ihm. Wind ging den Abend los, pfiff leis, klatschte
+an, strudelte schon hundert Meter hohe Pfeifen und
+Rollen. Krebse schoben über Miesmuschelkolonien,
+rolzten, ballten sich, schossen hinunter. Regenpfeifer
+sausten über den Sand. Hahnenfuß und Binsenkraut
+verschlangen sich Die feigen Sturmvögel klatschten
+sich an Häuser und Raine. Strandnelken und Butterloch
+knallten gegen Dünengras, die Weidenstümpfe.
+Die Wimmermöve schlägt an, der korallenrote Schnabel
+fliegt vor dem samtdunklen Kopf, ehs dunkelt hört sich
+nur noch ihr Schrein: gräik .&nbsp;.&nbsp;. gra .&nbsp;.&nbsp;. ik. Das
+Meer steht toll verliebt die Nacht vorm Gedün, dehnt
+sich und schlägt hinten am Horizont sich fest, beißt
+dann ans Land, türmt sich haushoch davor. Die
+Bäume im Binnenland liegen platt am Boden, die
+Amseln haben sich verkrochen in Mauslöcher und
+Ritzen. Die Keller stecken voll Fledermäuse. Das
+faulende Leberzeug der Maischollen duftet weg. Die
+Fenster sind geschlossen, Kugelblitze laufen über die
+Dünung, die weißkochend vor dem zerwühlten Meerbauch
+hängt. Daisy legt sich. Die Nacht spielt das
+Getös geil mit ihrem Bein, ihrem Ohr, treibt in ihr
+Blut. Die Kiesel knirschen draus ineinander.
+</p>
+
+<p>Von einer hellen Flamme ist der Tag aufgerissen.
+<!-- page 142 -->
+Es ist der Wind, der blau, böig, bleibt. Es gibt
+Lärm, Stimmrufen. Ein Schellfischkahn, der getrieben,
+will beilegen. Es gelingt nicht. Sie stehen mit hochgekrämpten
+Hosen bis an die Hoden im Wasser,
+schreien und hantieren und es wird nichts draus. Sie
+kämpft sich durch den Wind gegen das Meer runter.
+Sie kommt durchs Getümpel noch geschützt, muß aber
+Schuhe, Strümpfe zurücklassen. An den Erlen hängt
+das Wassermerk fest, Berle und Hahnenfuß liegt klatschnaß.
+Im flachen Sand faßt der Wind sie, reißt
+unter die Röcke, nimmt sie vor, gattet sich an sie,
+schont den Busen nicht. Sie läuft gerötet durch die
+Tümpel. Taufrösche verschwinden schweigend, murren,
+grunzen hinterher. Feuerkröten wie aus einer Glasglocke
+donnern: ku .&nbsp;.&nbsp;. uh, lassen die angewachsene
+kreisrunde Zunge auf dem Paukenfell schlagen. Wasserläufer
+gleiten wie auf der Eisbahn über die Pfützen,
+in denen Flohkrebse, Steinsack, Laich liegt. Sie steigt,
+hält sich an Gras, versinkt im Sand, hält sich an
+Hahnenkamm, gelber Stranddistel. Wie sie den Kopf
+über den Damm hebt, kocht das Meer, rast drauf
+besinnungslos unter ganz blauem Himmel. Sie steigt
+gänzlich hinauf, bekommt einen Windschlag, springt hoch,
+lacht, fällt um, rollt zurück. Triebsand rutscht nach,
+verschüttet Knoblauchkröten unten, die wie Katzen jammern,
+sehr bunt waren. Eine Möve ist vom Sturm erschlagen
+worden. Zwölf Federn am Schwanz, die
+<!-- page 143 -->
+Brust pelzig im Gefieder. Der Wind hält durch,
+kommt jetzt vom Land, stößt das brüllende Wasser zurück.
+</p>
+
+<p>Jüns wirft eine Muschel hin. Sie haben in dem
+Fischhaufen, Makrelen, Goldbutten, Affheringen, Schollen
+Aufruhr bemerkt, einen Seewolf mit grünlichen Jungen
+im Tang entdeckt. Voll rasender Wut wirft er sich,
+mit dem Schwanz hauend, herüber, beißt knackend die
+Muschel auf. Die Fischhaufen laufen schwammig aus,
+kriechen zum Strand und blenden mit den Schollenflecken.
+Die Milcher strotzen von Samen, die Weiber
+haben den Bauch voll Eier. Das Schellfischfleisch ist
+heller und weißer als das Fettbraun der Dorsche.
+Frauen heben den aufgestülpten Arm aus den Bütten.
+Kinder schmeißen die Körper in Kästen, hängen die
+Eingeweide an Angeln, fangen unter Wasser andere
+damit. Der Wind läßt nicht nach. Die Seeschwalben
+taumeln in Rudeln hoch. Der Strand ist freigeblasen.
+</p>
+
+<p>Die Männer stechen draus Butten, Jungens hüpfen
+von Tümpel zu Tümpel und sammeln auf. Im Sand
+ist in der Ebbe viel geblieben. Froschkraut tastet wieder
+nach Grund, zuckt die Wurzeln zum Boden. Sattelmuscheln
+liegen fest, Wandermuscheln und wie Eier
+Steinbohrer. Das Wasser hat sich so gesenkt, daß
+die Pfahlgruppen von Ellern mit unsichtbaren Gärten
+auftauchen, von Miesmuscheln im Gezweig bedeckt.
+Schon fahren Kähne, die die Bäume aufzuziehen. Ein
+Taschenkrebs hängt an einem Rogen, schmaust, die
+<!-- page 144 -->
+Asseln zappeln da und dort. Das Riedohr stellt sich.
+Dahinter brummen die Kühe, die Körbe voll Kabeljauköpfen
+aufgeschüttet riechen, kauen und fressen. Schon
+stehen Segel drauf, Leberblumen fachen sich an, werden
+hell, trocken und sinken zurück. Sie geht nun durch
+Tang, Linsen. Seegras dörrt losgerissen unter der
+weiß und hoch stehenden Sonne. Sie kommt um die
+Düne. Nun hat sie weißen Sand unterm Fuß, der
+braunrosa sich eindrückt. Moosenten fallen hinter ihr
+ab. Auf den Granitklippen stehen blau und rot Gerüste.
+An Schwänzen hängen Fische in Bündeln daran,
+klinkern singend im Wind. Sie kommt an die Nehrung,
+muß steigen, fällt. Der kleine Schmerz macht sie
+irgendwie verrückt. Sie macht die Arme weit auf,
+preßt sie an die Seiten. Lachmöwen gauzen los. Eine
+Sturzentenschnur, blaugrün und weiß rauscht auf, zischt
+noch fern: rädzsch &mdash; &mdash; &mdash; räb .&nbsp;.&nbsp;. wek. Da steht alles
+voll Tümpeln. Im Schlick lauern eingebuddelte Klieschen
+auf die Flut. Die flachen Bäuche wackeln im Flugsand.
+Die nach oben verschmitzt stehenden Augen zucken
+mit der Stikhaut, verschleiert. Sie kniet, schaut hinein:
+sie sind grau. Ihr Auge fällt in sie zurück. Sie
+hält das Tuch darüber: sie sind weiß. Die Uhr: sie
+sind gold. Hinter ihr gehen Raben herunter, hacken
+sie auf. Landkrabben nehmen Deckung, graben sich
+im Sand vor, greifen mit den Klauen die Sandhupfer.
+Sie lacht. Ein Faß steht da und Jüns mit Merlans,
+<!-- page 145 -->
+weißblitzenden Bäuchen. Hinter der Bucht liegen
+Raubschwalben, wie nachts, betäubt vom Wind mit
+ausgebreiteten Flügeln im erwärmten Sand. Nun
+stoßen sie hoch. Alles schwebt nachher, auch das Wasser
+schwebt in der Sonne, die es wie von unten her hochschaukelt
+und hält. Es wird groß und unermeßlich am
+Knick. Wie sie es so sieht, zum erstenmal wieder,
+ist sie klar und frisch. Gleichgewicht durchbricht ihren
+Aderngang, die Enttäuschung ist weg, der Wind war
+an ihr, hat in den Saft gegriffen. Die Warzen tun
+ihr weh. Sie neigt plötzlich sich zurück. Was an
+Hals zum Vorschein kommt, ist heller wie all andere
+Haut an ihr. Sie faßt hinter sich einen Baum.
+Der Rücken lehnt daran. Schon tritt der Saft, der
+nach oben rauscht, in ihr Blut. Die Hüften fangen
+an, eine Bewegung zu bekommen, werden entdeckt,
+glühen etwas. An der Schlankheit des Baums wie
+an einem Tierrücken gleitet sie ab in den Sand, die
+Knie geöffnet. Die Sonne schlägt ihr in den Leib.
+Die Schenkel biegen sich lang und schön, als schliefe
+sie. Sie zittert, etwas ist freier geworden, entschwebt,
+durchbrochen am Horizont. Himmel und Meer haben
+sich vereinigt, wölben sich herüber. Sie springt auf
+und lacht, die Haut ist glatter geworden, das Auge
+von innen her feucht.
+</p>
+
+<p>Sie fährt zurück, findet den Wagen nicht, nimmt
+die Tram, steigt aus, um den Rest zu Fuß zu gehen.
+<!-- page 146 -->
+Auf diesem Stück Trottoir sieht sie von einer Menschenmenge
+vorbeigespült, in ihr langsam wandelnd, Caspare
+Symes. Sie bleibt angedonnert, wiegt den Kopf hin
+und her, als sei sie alt geworden. Dann reckt sie sich,
+fährt um, ihm nach. Sucht ihn zu erreichen. Sie
+bohrt sich durch, hört Schelte, Wut, sieht den Schirm,
+den eine Frau nach ihr sticht. Sie kommt näher,
+kann seine Schulter fassen. Alles an ihr ist durchblutet,
+entfacht. Da läßt sie die Hand sinken. Es
+fehlt ihr die Kraft mit einemmal, ihre Bewegung
+wird armselig, er aber wächst und steigt maßlos, daß
+sie erblaßt. Sie findet den Mut nicht, jetzt das zu
+fordern, was sie überging, als sie noch erstrebte, was
+sie nun abgeworfen. Es geht süß durch sie hin, während
+sie stehen bleibt. Sie tut eine große Tat, indem sie
+sich nicht rührt, fühlt sie im Blut; was sie opfert,
+erhebt sie. Sie nimmt etwas auf sich, während ihr
+Auge dunkel wird. Sie bleibt immer stehen, sieht ihn
+zum letztenmal für immer, weiß daß dies das Höchste
+ist. Er biegt um einen Wagen, betrachtet einen
+Erker, geht über die Straße, ist verdeckt. Taucht auf
+zwischen hellen Mützen, dann dreht er ab. Mit einer
+unnachahmlichen Bewegung des Halses zieht sie die
+Linie nach, als er um die Ecke geht. Dann ist es
+vorbei.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+<!-- page 147 -->
+
+<p>Sie stellte den Fuß in die Schnur des Vogelbauer
+und hörte zu. Zuckte die Achseln. Sie wollte nicht.
+Als Lewinsky sie bedrängte, drehte sie um, ihre Ringe
+klirrten. Die Karte der Florath wies sie ab. Sollte
+sie am Neid der Wolfsaugen sehen, wie sehr diese sie
+fürchtete? Vom Tisch entfernten sich Bücher und
+Rollen. Mit diesem Tag verschwand das all. Einen
+Augenblick kreuzten sich ihre Blicke mit denen des
+Fräulein. Ein rascher Blick suchte in ihren Wärme,
+klatschte ab. Daisys Augen wurden schmaler, visierten
+die Schleife ihres Schuhs. Dann frug sie, das Fräulein
+stammelte. Ging hinaus, kam wieder, legte ein
+Blatt auf den Tisch. Es war Dienstag. Daisy schrieb
+einen Brief. Dann legte sie das Blatt der Gouvernante
+beiseite, hob es wieder, als röche sie daran.
+Ging hinaus in den Garten. Donnerstag früh kam
+Le Beau. Am Abend besuchte er sie wieder. Als er ging,
+löste sich ein Schatten im Garten, er pfiff. Der
+Schatten bewegte sich hinter ihm. Freitag brachte er
+sie aus dem Theater, half beim Aussteigen, steckte den
+Schlüssel ins Gartentor. Als sie sich umdrehte im
+weißen bauschigen Mantel, küßte er sie mitten in die
+Brust. Er machte dabei einen kleinen Schrei, sein
+langer, katzenhaft geschnellter Körper riß ihren mit allen
+Muskeln in seinen hinein. Der Nebel dampfte um
+sie, abenteuerlich durchschwammen Gebüsche den Laternenschein
+des Wagens. Langsam und wild wogte ihr
+<!-- page 148 -->
+Leib gegen seinen, sie seufzte, schrie ein wenig, aber
+heiser. Auf dem Parkweg lag Dunkel. &bdquo;Ich bekam
+heute deinen Brief&ldquo;, flüsterte Le Beau. Sie verstand
+ihn nicht. Er war durch Zufall gekommen .&nbsp;.&nbsp;. Er
+wies auf den Schatten, Moki. Er hatte ihn hergegeben,
+selbst Fribaurt, sich schüttelnd zwar, aber er war
+so nie ohne Tip von ihr. Sie schloß die Lider, sah
+doppelt, schwankte, warf sich über ihn, zog mit den
+zarten Schultern den Kopf herunter, fand seinen Mund,
+öffnete ihn.
+</p>
+
+<p>Nachts sah sie, im Traum, einen Mann. Der
+kam aus einer engelhaften Beleuchtung. Trat heraus,
+machte eine Bewegung, die ihr wehtat, aus dem Herz
+was herausriß. Es ward leer in ihr, Traurigkeit
+schwemmte sich hoch. Sie fing im Schlaf an zu weinen.
+Er sah sie zornig an, sie ertrug diesen Blick nicht. Er
+sah aus gleich einem Skandinaven, gescheitelt, blond,
+mit einer jungen gefurchten Stirn. Es fehlte nicht viel,
+er ähnelte Symes. Das machte ihr sofort Ruhe, sie
+schlief weiter, wachte aber über Tränen auf. Le Beau
+lag neben ihr. Ihre Hand an seinem Mund. Er
+streichelte ihr Knie, den Muskel des Schenkels, der
+sich straffte, als sie das Bein aufstellte. Er küßte ihre
+lange braune Hand. Küßte jeden Zwischenraum der
+Finger, hing an jeder Hautphase, sog sie an, als
+stürbe er mit ihr, löste sich kaum von der Pore hier,
+der Pore da. Küßte Kreise um die Gelenke, legte den
+<!-- page 149 -->
+Knöchel wunderbar damit frei, umflutete ihn mit den
+Lippen, empfing ihn dann im Mund köstlich und rasend
+erregt. Wo sie Flaum hatte, blieb er, es strich seine
+Haut, er atmete schwer, flocht ihn um den Finger.
+Über den Leib glitt die Hand hoch, machte die Schwebung
+mit, die unerklärlich schön hinauflief, blieb an
+den zärtlichen Hügeln. Berührte wirbelnd mit dem
+kleinen Finger die Warze, sie spürte die Zunge. Das
+Zittern nahm ihr den Atem, sie stieß die Luft fest aus,
+und nun kam ihr Leib an seinen, entgegengeflogen, die
+aufgelösten Gelenke suchten Schutz an seinen. Ihr
+Blick brach, sie sah nur noch sein Bild unter dem Lid.
+&bdquo;Sprich&ldquo;, flüsterte sie. Es war zuviel. Er schwieg.
+Die Lippen trafen sich, bleich, wortlos. Sein Körper,
+ohne viel Fleisch und groß hingelegt, wie ein Römer,
+spielte auch in der Ekstase achtungsvoll mit, ward
+lasterhaft und verehrte zugleich. Die Küsse reizten sie
+langsam, wie er sie setzte. Sie verlor die Besinnung,
+blieb länger unter dem Bewußtsein, als er wollte, er
+küßte sie wieder heraus, preßte den Zahn in die Weiche,
+sog und fuhr mit der Hand die Rückenwirbel herab.
+Sie stürzte höher ins Unerträgliche: &bdquo;Mehr&ldquo;. Sein
+Kopf glühte zwischen ihren Knien. Seine Hände suchten
+ihren Rücken herunter, hielten das schmale Becken hoch.
+Ihre Haut ward nicht feucht, glättete sich unter den
+Umarmungen, dehnte sich so, daß er daran glitt wie an
+einer Frucht. Sie wimmerte nur noch, die Lenden
+<!-- page 150 -->
+zuckten. Da nahm er die Sehnsucht von ihr. Sie lag
+dann still, nur manchmal erschüttert von Schauern,
+die abflogen. Das Silber der Bürsten, der Draht der
+Ampel kamen in die Glückseligkeit. Die Vögel der
+Tapete musizierten paradiesisch durch die Seide, sie
+lächelte, drehte seinen Kopf dahin und streckte Wange
+an Wange, die Hände danach aus. Er flocht seine
+Kragenspange in ihren Flaum. Langsam begann er
+entzückte Dinge. Sagte über ihre Brust Vergleiche.
+Die schwarze kleine Warze der braunen Brust entflammte
+ihn wieder. Sie lauschte atemlos. Er erbebte
+unter seinen Worten, seine Hände entzündeten sich daran.
+So nahm er ihr Kinn, ihr Knie und genoß es mit
+den Augen, mit den Fingern. Durch die Dämmerung
+griff er aus der Schale eine der drei Kugeln, rollte
+sie über die Wade, die Bucht an der Lende, zwischen
+der Brust bis an das Ohr. Von da führte er es an
+den Mund, sie schluckte die Kugel. Er grub sie mit
+der Zunge heraus, küßte sie, steckte sie in die Tasche
+seines Pyjama. Der Wind warf die Gardine ein
+wenig auf, der Wind kam herein, malte dunkle rote
+Schatten auf die Bronzehaut. Sie erzitterte. Die
+Frauen ihres Geschlechts hatten die Steine alle vor
+ihr getragen, es gab eine Lücke im Hirn. Da kam
+seine Hand, suchte, liebkoste. Sie fiel zurück, stöhnend.
+Die Hand gewöhnte sich an eine Stelle des Fußes,
+strich weiter, blieb in der Mitte des Körpers. Die
+<!-- page 151 -->
+schlanken Hüften erbebten, hoben sich ein wenig. Ihm
+entgegen. Die Welle ging über sie.
+</p>
+
+<p>Ein einzelner Baum stand wie Glas im Sternlicht,
+dann aber schwellte eine helle Flut heran. Sie zog
+den Kimono um den Hals fest. Die Terrasse bog sich
+mit den Stufen entgegen, krampfte sich unter dem Licht,
+was herauftrieb. Nun fiel das Tor zu. Sie schwenkte
+die Ampel noch einmal. Ging zurück, warf ihm eine
+Klavierwelle nach.
+</p>
+
+<p>Die Sonne ging höher. Die Untergrundbahn rollte
+durch schmale Korridore. Sie empfand Le Beau durch
+die Körper, die sich zwischen sie keilten. Die Schienen
+gleißten stahlweiß, verschwanden. Die Türen knallten.
+Die Körper standen reglos aneinander gebäumt. Da
+sah sie in Stefans Gesicht. Er grüßte mit den Augen.
+Sie hörte seine rauhe Stimme gedämpft reden, aber
+es war zu weit, sie verstand sie nicht. Rückte gequält
+den Kopf zur Seite. Wie ein Vogel. Magnetisch
+wie eine Viper holte er ihn herum. Er hatte einen
+Koffer, einen Mantel, die Stirn flackerte. Er machte
+Zeichen. Sie verstand sie nicht. Die Station kam.
+Nun wuchs sein Kinn, strebte auf sie zu. Es gab
+keine Hemmung, der Gartenabend hatte ihr Leben
+irgendwie gebunden, aneinandergelegt. &bdquo;Geben Sie .&nbsp;.&nbsp;.
+Geld.&ldquo; Sie nestelte an der Tasche, drängte sie
+gegen ihn, er faßte sie. Der Wagen hielt an, Er
+brach sich die Schulter frei, der Ruck warf ihn brutal
+<!-- page 152 -->
+herüber. Nahm es mit allem auf. Ein Mann stand
+noch zwischen ihnen. Rasch: &bdquo;Leben Sie wohl!&ldquo; Sie
+ward verwirrt über ihre Kühnheit. Im Vorübergehen
+hörte sie seine Stimme, aber entfernt: &bdquo;Es geht eben
+schlecht. Ich sehe Sie wieder.&ldquo; Als der Zug anfuhr,
+sah sie durch die Scheibe, daß er, draus auf dem
+Perron vorwärts strebend, bleich war. Er sauste ab.
+Hinunter. Le Beau riß es hoch zu ihr. Sie zuckte
+ein wenig die Achseln. Ihr Ohr vergaß aber nicht,
+was der andere gesagt, ihr Auge nicht, wie entfärbt
+er war. Dann drehte sie sich herum, glitt auf Claudius
+zu, es war leer geworden.
+</p>
+
+<p>Er brachte ihr Katzen, sie behielt eine. Sie spielte
+mit ihr im Garten. Zog einen Strich, rief, sie sprangen
+beide über das Hyazinthenbeet. Drüben, im Sprung,
+fing sie das Tier wieder auf. Es legte sich an ihre linke
+Brust, hielt sich mit den Pfoten am Schlüsselbein und
+reckte sich in die Kurve der Weiche. &bdquo;Anjá&ldquo;, rief sie, fuhr
+mit der Hand blitzschnell gegen den Strich durch das elektrisch
+aufschäumende Fell. Das Tier bäumte den Rücken,
+daß Vorder- und Hinterfüße nebeneinander standen, sah
+in die Luft, mit gerecktem Schweif. Laue Schatten
+lagen um die rostbraun fallende Sonne, Raben standen
+zwischen unruhvoll blauen Wolken.
+</p>
+
+<p>Anjá sprang auf die Schulter, von dort in einen
+Baum. Gegen jeden außer Daisy ward sie feindlich.
+Sie tauchte auf, sprang, man sah sie nicht. Steckte
+<!-- page 153 -->
+den Kopf in den Lichtschein um ihr Haar, legte die
+Schnauze auf den Brustansatz. Aus dem Horizont
+kamen schwarze Punkte, ruderten herauf, begannen rauh
+zu schreien. Daisy gähnte, hielt Anjá nieder, daß sie
+nicht fauche, die auf ihrer Hüfte sonnte. Le Beau
+stand vor ihnen. Ein Hauch schoß in ihre Haut. Sie
+sprang auf, gab ihm rasch die Katze hinüber, gab ihm
+das Warme, das das Tier von ihrer Lende noch an
+sich trug. Die Nüstern schwebten nach außen. Anjá
+sprang zurück. Sie sah sie bös an, warf sie zurück
+an Le Beaus Brust. Das laue faule Treiben der
+Natur um sie, das scholl und geschah und sie umkreiste,
+schwang ab. In den Kreis war Blut getreten, ihre
+Schulter hing untrennbar an der Le Beaus.
+</p>
+
+<p>Mittags querte sie einen Platz, kein Mensch ging
+durch die Glut, dünne Bäume wagten keinen Schatten,
+ausgedörrt, elend, daß Hunde nicht einmal sie näßten.
+Der Kies und Sand flimmerte trocken und müd.
+Plötzlich sah sie eine Figur, ein Gesicht. Es schien
+auf sie zuzugehen, ja fast in sie hinein. Sie wich aus.
+Sah sich um, in der Mitte des Platzes ging eine
+Frau, sonst niemand, da kam der Mann wieder auf
+sie zu aus der anderen Richtung, ging an ihr vorbei.
+Sie sah ihm nach. Langsam, den Kopf gesenkt, schritt
+er auf die Bäume zu, er hatte sie nicht gesehen. Es
+war das Gesicht des Traums. Ihre Augen drückten
+sie, als seien sie von Blut überfüllt. Sie stieß den
+<!-- page 154 -->
+dünnen Stock in den Sand und sah rasch auf. Der
+Mann war echt. Ihr Schreck hatte ihr eine Vision
+gegeben. Sie zuckte die Achseln, spürte die Müdigkeit,
+die voll und groß abschwemmt, von der Nacht her.
+Schlief ein den Abend, aber im Augenblick, wo der
+Schlaf den Halbtraum abtrennt und hinunterreißt,
+standen die Augen des Skandinaven über ihr, quälten
+sie.
+</p>
+
+<p>In der Dämmerung wachte sie auf. Die Vorhänge
+bogen sich auseinander. Le Beaus Kopf, sein Knie
+standen in der Morgenleuchte, er lachte, sprang herein.
+Er näherte sich ihrem Bett. Sie zitterte unter der
+frischen Luft. Er kam geschmeidig über den Teppich.
+Sie zog die Beine herauf bis unter die Brust. Aus
+seinem Mund kam so viel Frische und um die Raubtierzähne
+lag das Rosa des Fleisches so fruchtreif, duftend
+und voll schönem Saft, daß sie daran alles vergaß.
+Er hob sie mit den Kissen auf, schwebte sie
+schaukelnd hin und her, setzte sie auf den Diwan:
+&bdquo;Sie werden auf die Zofe verzichten müssen.&ldquo; Er
+schloß das Strumpfband an ihr Korsett.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Was ist?&ldquo;, frug Daisy, in Strümpfen und einem
+Beinkleid, das großfaltig mit dünnen zahlreichen Plissees
+ihre schmalen Hüften umzischte. Sie bürstete das Haar
+zurück, die Muskeln liefen aus dem Arm in den
+Rücken mit einer Kraft und Grazie wie Meer. Er
+hob den Mund in die freie Achselhöhle.
+</p>
+<!-- page 155 -->
+
+<p>&bdquo;Auch auf das Bad.&ldquo; Er lächelte und stieß den
+Löffel in den Schuh. Er pfiff leise vor sich hin, suchte
+im Boudoir den kleinen Koffer, wählte in ihren
+Strümpfen, Dessous, warf zwei Necessaires hinein.
+Der Geruch der aufgewühlten Sachen erfüllte das
+Zimmer. &bdquo;Wohin?&ldquo;, frug sie ratlos, von innen lachend.
+Er schob Schubladen zu mit dem Knie, besah sich im
+Spiegel, riß sie an sich: &bdquo;Du wirst es jede halbe
+Stunde dem Chauffeur sagen.&ldquo; Alles gepackt. Er gab
+den Koffer durchs Fenster. Eine Hand faßte ihn draußen,
+während Daisy die Nägel einrieb. Vögel schlugen
+herein, immer lauter, zogen sich an Rufen höher, immer
+andere fielen ein, kreisten auf. Büsche dufteten herüber,
+herein mit einer Gewalt und Hingabe, daß sie stehen
+blieb, ergriffen, gehalten. Sie sah um auf der Terrasse,
+das Gitter, die Päonien. Sie faßte den Schaukelstuhl.
+Verweilte auf dem Tisch, dem Springbrunn, der Flosse
+eines Goldfischs. Le Beaus Arme faßten unter ihre
+Kniekehlen, der Schwung in die Luft riß sie los.
+Nun fing er an zu laufen, schrie wieder etwas, mit
+großen Sätzen, sprang in den Wagen. Unter den
+tutenden Raubvogelrufen der Hupe brach wie ein gläsernes
+Gebäude die Stille, das Haus, der Park mit
+einem Ruck entzwei.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+<!-- page 156 -->
+
+<p>Sie schwankte, schmiegte sich in die Atmosphäre,
+reckte sich, faßte Fuß. Wirkung ging von ihr aus.
+Ihre Wünsche erfüllten sich, eh sie sie dachte. Die
+Inbrunst einer Blutwelle hüllte sie ein, verließ sie nie.
+So stieß sie an alles, durch die Wolke verhüllt. Die
+Lippen hochrot, die Finger voll Gestein, fuhr sie auf
+der Rue de Rivoli. Sie hatte den Hauterfolg. Trotz
+dunkler Tönung war sie durchsichtiger als die französische,
+schimmerte weiß auf Silber. Zwischen alten
+Tapeten, in Musik, bei den gepflegtesten Frauen fiel
+ihre Bewegung, selbst wenn sie den Finger nur hob,
+den Fuß umrückte, wild heraus, schlug ein, machte sie
+zur Mitte, lenkte das andere ab, schob alles gegen sie.
+Es verwirrte am Anfang sie etwas. Doch schloß die
+Welle sie ab. Sie hatte nur Klang und Richtung
+nach Einem. Es genügte. Gab der große Schneider,
+während Ballen vor ihr sich häuften .&nbsp;.&nbsp;. Manekins
+paradierten, um ihren ermüdeten Blick zu erfrischen,
+durchs Fenster im Parkschatten das Bild eines tanzenden
+<a id="corr-6"></a>Balletts, erstaunte sie nichts mehr, es glitt ab. Vorüber
+strich es, neigten sich Akteure bedeutenden Namens,
+Dichter ihr, selbst d&rsquo;Annunzios Nelke. Es ging durch
+sie, wenn Frauen heiße Blicke warfen. Es blieb nur
+Kälte und Hochmut, lehnten die Herren an der Brüstung,
+sagten Eitelkeiten in die Loge, hatten aber hinter dem
+Blick, flüsterten innen kaum verhehlt: bichette, loulou,
+ma crotte en or. Le Beau umspannte ihren Horizont
+<!-- page 157 -->
+mit hartnäckiger Leidenschaft, erfüllte das Erdenkbarste
+für ihren Körper, jede Möglichkeit ihrem Geist.
+Zofen im Korridor, Wagen, Diener standen dressiert
+auf ihren Blick, ihre Hand, ihre Haut. Seine Nerven
+lauerten auf die Ahnung eines Wechsels, heut stürzte
+er in die bunte Pfauflamme der Folies Bergères,
+morgen sah sie steifstes klassisches Theater, am Abend
+fuhren sie vorn auf dem Seinedampfer in Geruch von
+Bäumen und Wassernacht. Stieß etwas aus ihr
+gegen die Welt, stieß es auf Le Beau. Es gab keine
+unvereinigte Sekunde. Im Musée Cluny begeisterte
+sie sich an alten Spitzen. Sie besaß sie am folgenden
+Morgen.
+</p>
+
+<p>Sie kleidete sich an im Boudoir: &bdquo;Es reizt mich
+nicht, wenn Sie Ihr Vermögen verschwenden .&nbsp;.&nbsp;. noch
+weniger aber, wenn Sie sich exponieren. Polizei ist
+mir widerlich.&ldquo; Er erbleichte ein wenig. &bdquo;Es geschieht
+nicht Ihretwegen&ldquo;, sagte er höflich. &bdquo;Es ist
+eine Leidenschaft.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Er griff in die Tasche, sein großer Körper funkelte
+in drei Spiegeln, das rote Haar war ein wenig in
+die Stirn gestrichen. Er gab ihr Briefe an sie, die
+auf verdächtige Weise kamen. Sie legte sie ihm
+vor, zurück, errötet vor Zorn, der seidene Unterrock
+umglockte sie, als sie sich bog. Er lachte. Das
+Haus ward Mitte von Versuchung. Sie gaben sich
+Handikap darum. Wo Daisy auftauchte, geschah
+<!-- page 158 -->
+ein Start. Breschen wurden versucht, leichte Minen
+gelegt. Le Beau suchte man zu übersehen. Er lächelte.
+Sie spürte es kaum. Ward es aufdringlich, schürzte
+sie den Mund ein wenig, ging darüber. Ihre Wirkung
+ward aufreizend; tauchte sie auf, war sie Zentrum,
+schloß um den Kreis, sich angliedernd, immer weiteres
+Herströmen. Vor der Oper fuhr mit rascher Biegung
+vor ihren Wagen ein fremder. Hände streckten sich
+ihr entgegen. Le Beau riß sie zurück. Nun trug er
+eine Falte, spürte Gefahr, streckte sich in eine wunderbare
+Abwehr. Es begeisterte sie, wie er Witterung
+nahm, ohne daß sie begriff, was vorging. Sie ruhte
+nur nach ihm hin. Als er bei ihr war, nachts, rief
+er etwas, sprang hoch und schoß durch das Fenster.
+Am Nachmittag, als er den Korridor querte, fing ein
+Diener an zu zittern, verbarg etwas, sank gegen die
+Wand. Er untersuchte nichts, hatte genug. Wartete
+nicht mehr.
+</p>
+
+<p>Er löschte alle Lichter, ließ die Bedienung für den
+Abend ausgehn, veränderte sich, gab Daisy die Kleider
+einer kleinen Mimi, sich selbst die abgelegte Eleganz
+eines Alphonse. Durch den Garten aus dem Haus,
+im Boulevard tauchten sie unter. Wagen rollten, sie
+sprangen heraus, nahmen andere. Straßen schäumten
+auf, fielen donnernd zurück, Schatten bog sie in Parkviertel,
+Schleifen von Laternenstraßen schwangen vor
+ihnen stumm hinaus gegen das Ende. Sie griff nach
+<!-- page 159 -->
+seiner Hand, begriff plötzlich, wie es um sie herum sich
+sammelte. Nichts Freund war, nur Jagd. Aus der
+Weite, dem rotumhängten Horizont sammelte sich alles
+in sie zurück, verweilte eine Minute und schenkte sich
+ihm ganz hinein, wie nie. Als Reisende aus Tiflis
+bewohnten sie den Mont Martre, als kleine Juden
+zogen sie zur Concorde. Ein chilenischer Politiker führte
+im lateinischen Viertel sein Knie unterm Tisch an
+ihren Schenkel, zog es rasch zurück, winkte mit den
+Brauen, flüsterte mit seinem Nachbar. Um ihn lag
+eine Sinnlichkeit aufgespart, wie nur Weiber sie dicht
+an die Haut, an den Atem gebunden tragen. Erstaunt,
+abgelenkt einen Augenblick streifte sie ihn. Da
+öffnete sich der Mund, bebte mit den Lippen: &bdquo;Zwei
+Uhr.&ldquo; Das Blut wallte in ihren Hals, in ihren Kopf.
+</p>
+
+<p>Nachts klirrte die Klinke, Le Beau ging dem Geräusch
+nach, auf nackten Sohlen entflog ein Umriß.
+Sie lockte ihn zurück. Aber er folgte, hatte endlich
+eine Spur, setzte auf diese Nummer, lief einer Figur
+nach im spitzen Hut, die am Boulevard bald hochschwamm,
+bald untertauchte. Daisy wachte. Schon
+drang das Licht vom Haus ab, ergriff in einer weichen
+Spirale Notre Dame. Die silberne Brust schwankte,
+die Rippen starr gebläht wie von Glas trieb die Kathedrale
+in die Mondwelle, glänzte mit Porzellan aus
+allen Fenstern und schwebte. Bald auch waren die
+Türme eingelullt. Das Licht stieg weiter, ergriff die
+<!-- page 160 -->
+Seine, das breite Flußband schwang am Horizont
+hinauf und Kähne liefen gegen die Sternbilder hin.
+Dann fiel das Licht in einen Park und hatte es mit
+den Bäumen, fiel kurz darauf gegen das Haus. Es
+ward fast weiß. Die Gurte der Balkone herunter von
+einem entfernten Haus her, wo die Linien der Eisenschnüre
+schon fast zusammentrafen in einem spitzen
+Winkel, kam ein weißer Ballen, geschnellt, gesprungen.
+Es schlug zwei Uhr. Er tauchte in Mauerschatten,
+schwang ins Licht, überkletterte Barrikaden, klammerte
+sich an die Hausfront. Das Licht hob ihn, spülte
+ihn herüber, er war am dritten Haus. Von unten
+stieg es herauf, der Schritt Le Beaus hielt vor der
+Tür. Er kam, die Stirn mit der Hand umklammert.
+Ein Sandsack hatte ihn in einer Torflucht, in die er
+folgte, zusammengeschlagen. Nach der Ohnmacht kehrte
+er sofort zurück, sie hatte nur zwei Sekunden gedauert,
+denn im Augenblick des Schlags wußte er, er müsse
+zurück. &bdquo;Du mußtest zurück,&ldquo; flüsterte sie mit geschlossenen
+Augen, die Angst um ihn stieß sie gegen
+ihn hin. Sie umschloß seinen Nacken, trat mit ihm
+auf den Balkon, flüsterte seinen Namen in die Nacht,
+besinnungslos: &bdquo;Chéri .&nbsp;.&nbsp;. doudou .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;, umwärmte ihn
+mit ihrem Körper, liebkoste sein Ohr, seinen Mund.
+</p>
+
+<p>Ein weißer Ballen bäumte zurück am Nachbarbalkon.
+Durch die halboffenen Lider sah sie gehetzt
+vom Teufel eine Figur im Nachtweiß zurückfliehen.
+<!-- page 161 -->
+Zerrissen in der Balkonecke lag ein Tuch, von Speichel
+feucht. Sie trug es hinein.
+</p>
+
+<p>Sie konzentrierte alles auf Flucht. Er widerstand,
+schon halb in neuer Ohnmacht. Die Zähne entblösten
+sich gierig, er war im Kampf, blieb auf dem Posten.
+Sie streichelte ihn: er stand nicht auf. Sie frug,
+was er mehr liebe, seine Eitelkeit gegen Gefahr oder
+sie, Daisy. Schmollte mit dem Mund und lächelte,
+und lauschte, während sie überredete, auf jedes Geräusch.
+Sein Blick fiel in den Spiegel, blieb am Bild seiner
+Kopfkompresse, schüttelte fiebrig den Kopf. Sie bat.
+Sie befahl. Unter dem Ton zuckte er zusammen,
+durchschaute den Klang, wehrte ab: &bdquo;Kein Mitleid&ldquo;.
+Je tapfrer er sich wehrte, wuchs in ihr das feste Ziel:
+ihn in Sicherheit zu wissen, das andere all war Abgrund.
+Sie drehte den Plan um, kam mit List,
+während er fasziniert vor sich hinsah. Sie lockte ihn
+weg von seiner Fechterei. Sprach von seinem Haus,
+dem Park, den Zimmern. Sprach, wie alles zerfließe,
+die Jagd ihr Ruhe nehme und Freude, wie sie in
+Sehnsucht ihr Leben sich anders gedacht. Wo sie
+froh gewesen, ihm entgegengereist, sei dort gewesen.
+Sie sah in ihren Schoß. Er nickte langsam, schwer
+überzeugt.
+</p>
+
+<p>Sie wartete eine Stunde, verriet ihre Erfolgfreude
+nicht. In seinem Haus war wenigstens ein Wechsel
+des Orts, parierte Gefahr. Sie fuhren dann Place
+<!-- page 162 -->
+St. Michel, nahmen den Métro, erreichten Mont
+Parnasse, fuhren umsteigend zur Etoile, nahmen einen
+antrabenden Fiaker, stiegen irgendwo aus in einer Gasse,
+deren Dunkel sie selbst unbekannt umschwirrte, liefen,
+an den Händen gefaßt, in den Schattenbogen, drangen
+in ihn ein so tief, daß hinter ihnen nichts blieb, alles
+zurückfiel, nicht die Idee einer Verfolgung in der Luft
+hing. Vor einer Taverne standen Wagen. Bis
+dorthin hielt Le Beau sich. Vorm Einsteigen schwankte
+er wieder. Sie legte, während die Gassen, Straßen
+zurückblieben, in das Schwindelgewoge um ihn den
+Körper, die Hand in sein Gesicht, ihren Mund an
+sein Ohr: &bdquo;Ich bin bei dir.&ldquo; Voll, scharf umrissen
+kam sein Gesicht ihrem entgegen.
+</p>
+
+<p>Über die Dienertreppe stieg sie zum zweitenmal ins
+Haus des, der sie zuerst aufgebrochen. Ihr Blut
+suchte ihn sofort. Hier lebten sie nun. Niemand
+wußte es, es drang nicht nach außen. Ein alter Arzt
+behandelte ihn von der Erschütterung. Sie wartete,
+bis dies vorüber war, dann lockte sie jeder Platz, selbst
+der fernste, denn dort war Sicherheit. Aber als selbst
+der Siebzigjährige beim Untersuchen eine Schmeichelei
+hatte für ihren Arm, brach sie in Weinen aus, verließ
+das Zimmer, warf sich auf ihren Diwan, schloß
+ab, öffnete nicht vorm Abend. Maß sich die Schuld
+zu, ihrer Haut, dem Wuchs, dem Duft ihres Haares,
+daß Le Beau leide. Denn um ihretwillen zog er sich
+<!-- page 163 -->
+Feinde, erlitt er Angriff. Sie spürte, so lange sie da
+sei, schiebe sich dies und dies zwischen ihn und sie und
+bohre ihn weg, weil sie auffiel, weil sie reizte. Er aber
+trat ein, faßte das überall an, sagte: &bdquo;Liebe ich das
+nicht, warum verletzt du es?&ldquo;
+</p>
+
+<p>Sie traten in die Parklauben, der Sommerduft
+strich darin herum, sie blieb stehen, an der Stirn getroffen,
+machte die Augen zu, küßte ihn besinnungslos.
+Gewärtig eines Überfalls hielt sie den Kuß an bis
+zum Ersticken, sah lauschende Köpfe aus dem Rosenbeet
+kommen, Leitern nachts gegen die Wand sich
+stellen. Von der Silberkugel zwischen den Staketen,
+wogte aus der Metalltiefe Zwielichtiges, Schatten,
+gedämpftes Ungeheures heran, gegen sie. Dies drängte
+ihr Leben zusammen, zielte es in einer unbekannten Verdichtung
+gegen ihn allein. Bleich vor Erregung strömte
+sie ihre Seele mit der Zunge in seinen Mund. Dachte
+nicht, selbst nie im Halbtraum, der fremde, sehnsüchtige
+Glieder formt, an andere Männer, ja haßte sie,
+wurden sie aufdringlich deutlich in der Phantasie. Die
+geschmeidige Stoßkraft seines Körpers gab ihr jede
+Seligkeit, die ihr Körper verlangte. Er trieb sie höher
+noch, als sie vermochte, schleifte sie in die letzte Wollust,
+schon besinnungslos. Oft lag sie über seinem Gesicht
+nachts, bog die Haare ihm aus der Stirn, lauschte,
+ob sie sein Traum sei. Legte die Hand auf sein Herz
+und zog mit dem Finger ihren Namen auf die Haut
+<!-- page 164 -->
+der Grube. Ging er von ihr, nur in das nächste
+Zimmer, war ihr, es sei für immer. An ihrer Angst
+wuchs ihre Liebe höher, weiter, als sie von ihm empfand.
+Er gesundete, war gefährdeter, je mehr er sich bewegte.
+Mit jedem Tag ward ihr Auge größer, erwartender,
+eingestellter auf Unheil. Er aber blieb gleich, umschürfte
+ihr Fleisch mit Witterung, griff an, quälte
+sie, liebte sie ohne Änderung, ein Marder, ein edles
+Tier, voll Geist, der nie die Beherrschung verlor, nie
+mit ihr sich traf in einer Höhe, die nur die übersinnliche
+wahnsinnige Angst ihrer Seele erreichte. Da
+blieb das Männliche zurück, sank zurück, wenn er sich
+ihr ergossen, flog nicht zu dem erlösenden Wort, das
+ihr Mut gab jenseits der Umschlingung der Körper.
+Während sie sich noch auftat, ihm entgegenatmete,
+durch seine Umarmung das Hemmungslose durchbrach
+und aufgeschleudert flog in eine leiblose Ergriffenheit,
+spürte sie unter wütenden Küssen das Zurückgleitende,
+Fremde an ihm, das, was sich nicht gab: <i>den Mann</i>.
+Sie schlug verschleiert die schräg gebrochenen Augen
+auf: &bdquo;Du mußt mich mehr lieben.&ldquo; Schmeichelnd
+umwand sein Körper sie wieder, sein Geist begleitete
+seine Hände, gab ihnen Linde und glatte Bewegung,
+sagte ihr Worte der Liebe, toll, ausschweifender, als
+ihr Hirn es träumte, machte sie hingeflossen, in jeder
+Blutfaser geöffnet nach seinem Angriff &mdash; er trieb sie
+in den Abgrund, erhob sie aus den kleinen Seufzern
+<!-- page 165 -->
+und Stammeln zu Geschrei, bis ihr Kopf besinnungslos
+ward .&nbsp;.&nbsp;. aber erwachend spürte sie unsinnige Angst
+um ihn, daß sein Herz das letzte Zerschmelzen kühle,
+und empfand verzweifelt, was er nicht zu geben vermochte,
+was fehlte, und daß sie ihn darum auch lieben
+mußte, mehr als er sie.
+</p>
+
+<p>Nachts kam er spät zurück. Zwei Arme fielen in
+der Pergola um seinen Nacken, eine Stimme, die kaum
+sprechen konnte, flüsterte seinen Namen. Zugleich strömte
+der Weiße-Flieder-Duft mit einem Hauch herunter, Dolden
+bebten am Parktor nieder und berührten ihre Gesichter.
+&bdquo;Lieber&ldquo;, atmete sie. Er hob ihr Gesicht ins
+Helle. Da hing es, nur sammelnd und aufnehmend,
+was sie erwartete, was auch kam. In den Tränen, die
+es übergossen, sah er mehr, als was sie bot. Es leuchtete
+tief in der Stunde und seinem guten Willen kam
+es entgegen herauf und er spürte ihr Warten, ihre
+Angst, die sie verschwieg. Sie hatte die halbe Nacht
+am Tor gewartet. In eins zerflossen gingen sie hinein.
+Weich von den Tränen und gerührt von seiner Milde
+mahnte sie sein Versprechen zum erstenmal die Nacht.
+Er spürte, wie schwer es ihr ward. Stand auf, hingegeben
+an solche Innigkeit, schob den Hochmut beiseite,
+brachte aus dem Nachtblau gelb aufflimmernd
+vom Fenster den Globus, legte ihn in ihren Schoß,
+brachte den lauen Blütenwind mit in ihr Bett: &bdquo;Was
+willst du?&ldquo;, frug er und bot ihr jeden Fleck, den sie
+<!-- page 166 -->
+benennen wollte mit dem Fingernagel. Dorthin führen
+sie morgen. Schon der Sonnenaufgang hieß Abreise,
+schon der Mittag Sicherheit. Ihre Liebe stieg aufs
+Äußerste. Sie verschmähte es.
+</p>
+
+<p>Sie wählte nicht, nahm nicht. Sie schenkte ihm
+ihre Angst. Verzichtete auf die Ruhe, um zu leiden für
+ihre Liebe. Es war das Höchste. Unverlierbar nahm
+ihn ihr Auge; als sie ihm die Kugel zurückgab: &bdquo;Ich
+will es nicht&ldquo;, sagte sie, ihre Stimme trug keinen Laut
+mehr vor Verwebtheit. Legte sich zurück, unter ihm
+kaum mehr lebend, der über sie kam mit ungekannter
+Leidenschaft und grausamen Lippen. Was blieb noch,
+konnte noch kommen? Entzücken selbst der Tod.
+</p>
+
+<p>Tage, Wochen kamen, gingen in der Erwartung.
+Sie lauerte auf eine Gefahr, die nicht kam. Manchmal
+glaubte sie sie nah, gewiß, schon im Vorsaal. Das
+stieg und fiel mit den Graden der Hingebung, die sie
+dem Mann verband. Manchmal, wenn sie ihm ferner
+war in ihrer Blutwoche, vergaß sie es, schrak aber
+dann zurück. Da die Wochen aber leer waren, ermüdete
+sich die Spannung, ihre Augen wurden beruhigter,
+matter. Menschen streiften das Haus, sie mischten sich
+an die ersten Vorposten heran, es ging ohne Zwischenfall.
+Ihr Name mit seinem hatte schon Patina in der
+Verschmelzung, keinen hörte man allein. Man achtete,
+nahm hin, was hier fest vereint schien, etwas resigniert,
+ein wenig gelangweilt. Es war ihnen fern schon,
+<!-- page 167 -->
+gegründet, kein Raub mehr. Nichts geschah. Kein
+Schrei, keine Hand gehoben zu ihrer Entführung. Niemand
+warf sich in Abenteuer. Die Lust umschlich sie
+kühl. Sie ermüdete mit einemmal. Aber Le Beau
+federte die Sicherheit erst recht, gab ihm knabenhafte
+Wildheit. Das Raubtierhafte, das verteidigte und lauerte,
+spielte nun mit dem Gefühl, tollte darin, daß er sie
+hatte. Allein der Bogen der Angst war zusammengewachsen
+mit ihrer Liebe. Es löste sich nicht ohne
+Lockerung auf dem Grund des Gefühls.
+</p>
+
+<p>Sie ging spazieren, allein, ruderte einmal am Bois,
+ritt hin und wieder. Als ihre Schenkel den Gaul
+erstmals fühlten, traf sich ihr Herzschlag mit Entferntem,
+sie, wußte nicht mit was, war es ein Schwan im
+Uferduft, eine Mispel in der Pappelkrone, ein Auto,
+das den Horizont anrannte. Sie kam anders zurück.
+Als sie die Bibliothek kreuzte, wich ein bohnender
+Arbeiter aus, glitt ab, stürzte hinter ihr aufs Parkett,
+wobei er sich an ihrem Ärmel instinktiv hielt. Aufschreiend
+blieb sie zitternd an der Wand. Am Mittag
+in der Sonne lachte sie über die plötzliche Furcht, aber
+die komische Bewegung der Abwehr, die sie gesehen,
+verbreitete sich, machte sie düster, schweigsam. Ihre
+Liebe gliederte sich darin. Der Überschwang kehrte zurück.
+Der Schwung dämpfte sich. Was sie aus der
+innersten Tiefe gehoben, gefürchtet, die Angst und die
+Sorge, standen allein, kühl entfernt, die äußerste Spitze
+<!-- page 168 -->
+des, was sie durchlebt, war nichts, ein Betrug. Sie
+tötete diesen Gedanken und lächelte. Aber wartete nicht
+mehr in die Ferne, zitterte nicht mehr um ihn, wenn
+er ging und kam. Ein Gleichgewicht kam. Sie reisten.
+</p>
+
+<p>Er frug nach Plänen, Wünschen, lauschte auf Ungesagtes,
+was ihr selbst nicht bewußt war, verwöhnte sie
+namenlos. Dirigierte die Reise, zeigte ihr kaleidoskopisch,
+kennerisch, abwechselnd, Wirkungen vertauschend,
+untermalend das Hauchdünne, verwischend das Grobe,
+die Schichtung der Welt, die man einsog, bewunderte,
+genoß. Suchte nach Flüssen, die im Rauschen ihr genehm,
+Wälder, deren Schattenfall ihrer Lunge lieb
+waren, Ebenen, die das Auto kielte, Gebirg, in dem
+der Aufschwung mit dem Tagaufgang über die Jacken
+rann. Doch einte die Landschaft sie nicht noch tiefer,
+die Bilder glitten harmonisch. Wo aber die Kontraste
+stiegen und rasten, gab es keinen Brennpunkt, in den
+ihr Gefühl zusammenfloß, sondern sie jagten auseinander,
+so dies und so das. An einem Abend sahen sie eine italienische
+Oper. In der Nacht sah Daisy Le Beau im
+hellen Licht neben sich.
+</p>
+
+<p>Seine Beine wie aus Bronze spielten den Rumpf hinauf,
+der den Fechter zeigte, zusammengerissener und stählerner in
+der Spannung wie in den Marmorsälen die Ringer. Sein
+kluger Kopf war voll Geist, auch wenn die Lider sich schlossen.
+Sie sah es klar, zum erstenmal. Denn es trat in sie in
+dieser Nacht, zu sehen ohne Rausch und ohne Haß.
+</p>
+<!-- page 169 -->
+
+<p>Das Licht flimmerte kühl, und es banden sich die
+Enden der großen Kantilenen der Sängerin an das
+Ende ihres erwachten Bewußtseins, und an der Höhe
+der Kantilenen ermaß sie die Höhe des, was sie erstrebt,
+erglüht, als ihre Stimme noch das Ziel war und ihre
+kindliche Sehnsucht glaubte, dort sei der Ruf. Sie
+drehte um. Sie sah den Körper neben sich, edel
+und schön wie wenige, auch liebte sie ihn. Sie
+fühlte alles, was von ihm zu ihr gekommen, Begeisterung,
+Hingabe und Wollust, aber es blieb unten.
+Genügte es? War es so viel, daß es sie erfüllte? Es
+war, was ein Mann an Liebe ihr geben konnte, fast
+mehr. Aber sie spürte wie Ziehendes, sie Beschwingendes
+und Reißendes die Spitze des abends eingeatmeten
+Gefühls über sich schweben, sah alles sich hinneigen
+nach der Höhe, erblaßt fiel ihr Kopf zurück.
+Die lange Strecke, die lag, zwischen dem, was sie erträumt
+und dem was sie erreicht und besaß, traf sie
+vernichtend. Lange lag sie kalt, halb schlafend. Ein
+Gesicht tauchte auf, sie lächelte, es verblaßte wieder.
+Lange lag sie gewiegt von Dingen, die sie streiften, nie
+entfachten. Aber im langen Wachen erkannte sie unerbittlich,
+wie leer ihr Zustand schwebe und daß dies
+nicht sie erfülle, und wie unendlich überlegen ihr Gefühl
+schon dem Augenblick geworden, in dem sie war.
+</p>
+<!-- page 171 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-4">Der dritte Abschnitt
+</h2>
+<!-- page 173 -->
+
+<p>Ein rotbärtiger Mann wartete. Der Vorsteher meldete
+das Verbot des Zuges. Der Parlamentarier ließ
+sich nicht sabotieren, stieg auf den Tender und verlangte
+eine Lokomotive. Das Personal machte ihm eine Ovation,
+fuhr sie heran. Es war Abend. Er redete von der
+Feuerung herunter. Dann gab er ganz behutsam Daisy
+die Hand, sie stieg herauf, bald waren die Lichter
+hinter ihnen. Sie fuhren durch die Provinz. Durch
+den Süden sprach er von Stadt zu Stadt. Dann kamen
+sie quer durch die Bretagne. Ein Telegramm rief ihn
+von St. Malo zurück. Wieder kamen Olivenbäume.
+Jeden Tag liefen rückwärtsgeschleudert erleuchtete Säle
+mit Menschenmassen zurück. Er kam aus dem Handdrücken
+der Komitees direkt in den Wagen. Sie gab
+ihm die Hände heraus, er stieg ein. Neue Chausseen
+bäumten sich, der Mond schwankte langsam durch die
+dünnen Alleebäume. Einmal küßte er ihr die Hand,
+sie lachte eine Zeitlang über seine Zärtlichkeit. Sie
+saß in der ersten Reihe, als in Valence er während
+des Sprechens die Budjetrede aus Paris erfuhr und
+eine wilde Kavalkade dagegen aufmachte. Er aß dann
+<!-- page 174 -->
+den ganzen Abend. Unterwegs stieg seine Wut. Abends
+nahten drei Laternen, sein Geburtsort Libourne. Seine
+Vettern erwarteten ihn mit den Weibern, die in Holzschuhen
+von einem Bein aufs andere sprangen. Sie
+staunten sie an, indem sie sich in den Taillen weit
+vorneigten, die Arme auf den Rücken schlugen. Er
+wurde verlegen, legte ungeschickt den Arm, daß sie fast
+zusammenbrach, auf ihre Schulter. Sie lächelte mit
+den Weibern, nahm sie unter den Arm. Als sie ihnen
+ein Schlafzimmer zu zweit anboten, lachte sie, ging
+hinaus und fuhr ins Hotel. Die Weiber klatschten
+auf die Schenkel, grinsten, verhöhnten den Rotbart.
+Er ging voll Wut ins Hotel, sie abzuholen, vor
+ihrem Gesicht begann er die Hände zu bewegen,
+als sei sie aus Glas. Er sprach kein Wort. In
+der Versammlung stellte er eine Resolution auf, die
+dem Budjetredner ein Wort ins Gesicht setzte, das
+man nur in Libourne verstand. Die Männer stampften
+wie die Ochsen und rissen die Mäuler bis gegen das
+Ohr auf. Sein Cousin Louis trug es aufs Postamt. Der
+Beamte weigerte sich. Da holte er den ganzen Saal,
+sie steckten die Gartenhütte an, legten ihn auf den
+Rücken und spritzten ihm aus einem Winzergummi
+Schnaps in die Gurgel, bis er es tickte. Am Mittag
+schlachtete er ein Schwein. Mit blutigen Armen stand
+er breitbeinig im Hof, hob den Kopf und sah sie mit
+seinen weit auseinanderliegenden Augen an, seine bloße
+<!-- page 175 -->
+Brust dampfte. Mittags spät saßen sie im Auto.
+Er strahlte und wagte sich zum erstenmal dicht neben
+sie zu setzen. Sie zog den Mund spitz, hob den
+Finger und streckte ihn nach dem Polster auf der
+anderen Seite. Sofort glitt er hinüber. In Toulouse
+zog er den Rock aus im überfüllten Saal, lief auf
+dem Podium herum und schrie wie ein Bär, er war
+fast heiser, sein Publikum raste. Dem Saaldiener
+schlug er in guter Laune auf den Rücken, der bekam
+einen Hustenanfall, wurde auf drei Stühle gelegt, bekam
+die Arme gehoben, den Bauch massiert. Sie
+ärgerte sich und beachtete ihn einen Tag nicht. Sie
+fuhren nach Nizza zu einer Kundgebung der italienischen
+Irredentisten. Da sie nicht mit ihm sprach, räusperte er
+sich nach der Uhr jede fünfte Minute. Sie sah hinaus.
+Die Bläue spielte um die Äste mit einer Leichtigkeit,
+als durchdrängen sie sich. Er benutzte den Augenblick,
+die Hand herüber auf ihr Knie zu legen. Zornig
+sah sie ihn an. Sein schwerer Nacken zog sich ein,
+die schmalen Augen wurden ängstlich. Er tat ihr leid, sie
+griff mit der Faust in seinen Bart, zog ihn von der
+einen Seite zur anderen, schüttelte ihn und ließ ihn
+fahren, er versuchte einen Griff wie nach einer Magd.
+Sofort zog er sich in die Ecke zurück, fragte traurig
+und kindisch: &bdquo;Sie haben einen Zug um den Mund,
+was ist?&ldquo; Sie lachte. Er schüttelte sich vor Behagen
+und strich den Bart glatt.
+</p>
+<!-- page 176 -->
+
+<p>Vom Zug kamen sie direkt ins Theater. Ein
+trentiner Dichter sprach eine Hymne an das italienische
+Meer. Der Raum war mit italienischen Flaggen
+geschmückt neben den französischen. Der Dichter trat
+einen Augenblick in die Loge, den Parlamentarier zu
+begrüßen. Ihre Blicke kreuzten sich einen Moment.
+Doch der Franzose stellte ihn ihr nicht vor. Sie sah
+einen Schatten von seinem Auge, als er hinausging.
+Die Verse langweilten den Parlamentarier, er wurde
+müde und schnarchte, aber er mußte bleiben, da er
+nachher sprach. Daisy stand auf bei der zweiten Nummer,
+ging leis hinaus. Sie ging durch das Foyer. Nun
+schritt sie gegen einen Spiegel, sah sich, erreichte die
+Treppe. Als sie den Pelz um den Hals fester zog an
+der Tür, trat mit zwei großen, aber langsamen Schritten
+der Dichter von dem Pfeiler. Sie nahm seinen
+Wagen.
+</p>
+
+<p>Der Frühling stieg mit sehr blauen zarten Morgenstunden
+aus dem Luxembourg. An einem Abend, den
+die Boulevardbäume mit einer blassen Schwermut
+trugen, stiegen Ballone aus einem Hoteldach, stiegen
+mit kleinen Kerzen und erleuchteten an dem Ende der
+schwärmerischen Kurve den Himmel mit ihrem Namenszug.
+Vor Fontainebleau machte ein Torpedoauto eine
+ovale Schleife, ihr Wagen bremste und fuhr in den
+Graben auf zwei schleifenden Hinterrädern. Der kleine
+Spritzer hatte gedreht und verschwand hinter einer
+<!-- page 177 -->
+grauen Staubwand. Auf der Chaussee lag ein Strauß
+Narzissen mit einer italienischen Schleife. Später
+fand sie einen Brief darin.
+</p>
+
+<p>Er kam am Morgen. Selbst sein Parfüm fragte
+nach ihren Wünschen, die er erriet, daß es sie bestürzte,
+denn er brachte ihr keine Geschenke, aber er
+lauerte auch auf das Unbewußte jedes Reizes in ihrer
+Seele. In seinen Arbeiten kam ihr mit aller Genauigkeit
+dieser und jener Tag und Gedanke wieder,
+nur aus der Frage zum Endgültigen geführt, entgegen.
+Seine Schöpferkraft sammelte sich in Verkleidungen
+um sie, er drang in das Dunkelste und Träumerischste
+ihres Lebens und erregte mit der tastenden Verführung
+seines Geistes. Sein Kopf war antik-haarlos, die
+Augen tief und umschattet, aber der Zauber seines
+Hirns verstrickte mit einer Überlegenheit, selbst wo er
+bat, daß er sich aufhob. Als sie ihn nicht empfing,
+sandte er ihr das Gedicht, das die Adria zur Revolte
+aufrief, aus dem Theater in Nizza, um ihr zu zeigen,
+daß dieser Ehrgeiz und sie das Verehrungswürdigste
+seien in seinem Leben. Die Aufrichtigkeit führte sie
+dicht zu ihm.
+</p>
+
+<p>Der französische Staat ließ ihm als Gast Notre
+Dame allein läuten. Er kam zu ihr: &bdquo;Es war keine
+Schönheit, da du fehltest.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Er sagte drei Stunden vor Beginn der Premiere
+ab, denn Daisy lag an Grippe. Das Telephon
+<!-- page 178 -->
+rasselte ohne Unterlaß. Er stellte es ab. Vor dem
+Zimmer stand ein Boy, der niemand einließ.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Drei Monate Reklame .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; flüsterte der eine
+der Direktoren, als sie den Boy bestochen hatten, im
+Salon. Er zuckte die Achseln, als sie den Tantiemensatz
+um fünf in die Höhe hoben. &bdquo;Acht&ldquo;, sagte der andere
+leis und bebend vor Wut, denn sein Gegenüber nahm
+den Finger nicht von der Lippe. Daisy schellte. Er
+ging hinein. Sie war aufgewacht: &bdquo;Gehen Sie doch&ldquo;.
+Er machte eine geringschätzige Gebärde, er sagte ihr,
+es läge nichts daran, denn diesen Ruhm verachte er,
+es gäbe nur jenen einen, der ihn in der Öffentlichkeit
+reize, und er wies auf das Gedicht, das sie auf dem
+Tisch liegen hatte. Er ging leis hinaus, als sie die
+Augen schloß.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Zehne&ldquo;, sagte der Direktor vom Fenster her, wo
+er mit den Nägeln das Glas zum Zittern brachte.
+Er schüttelte stumm den Kopf. Da bekam der andere
+einen Kopf wie ein Puter, der erstickt, hob die Stimme
+und schrie nach ihm: &bdquo;Schieber&ldquo;.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Buffone&ldquo;, er hatte Schaum auf den Lippen.
+&bdquo;Marquis de la bouche.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Mit einer aalglatten Bewegung gab er sofort nach,
+zog sie auf den Korridor, besprach sich, sagte zu, vergaß
+die Beleidigung &mdash; denn er fürchtete, daß ihre
+Stimmen Daisy weckten.
+</p>
+
+<p>Gegen Morgen kam er zurück, niedergeschlagen.
+<!-- page 179 -->
+Sie wagte nicht zu fragen, es schien eine Niederlage.
+Sie war frischer, machte Puppen aus den Kissenenden,
+schmollte mit ihnen, ließ sie tanzen, lächelte nach der
+Seite, bis er auf den Knien lag. Mit dem Frühstück
+kamen Zeitungen. Sie sah, daß sein Erfolg
+riesig war. Er sagte, da sein Blick den ihren nicht
+traf in der Loge, habe er die Niederlage gewünscht.
+Denn ihr Auge allein habe ihm sagen können, daß
+dieses Rufen bedeutend für ihn, ja eine Freude sei.
+</p>
+
+<p>Er saß auf dem gelben Stuhl ohne Lehne und
+plauderte den Nachmittag mit ihr, den sie noch lag.
+Ein Brief kam, er erbrach ihn, biß die Zähne in die
+Oberlippe, drehte sich um und schlug die Hände vor
+das Gesicht.
+</p>
+
+<p>Sie las den Brief. Er kam bis ans Bett, als
+die Augen sich trafen, sah sie, wie er schwankte. In
+der Tiefe, hinter den goldbraunen Ringen entfernte es
+sich. Zwei Falten preßten die Augenschlitze gegen die
+Nase. &bdquo;Laß packen&ldquo;, sagte sie.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Du bist noch krank.&ldquo; Sie nickte ein wenig und
+schellte der Zofe. Er senkte den Kopf, ging hinaus.
+</p>
+
+<p>Im Zug schmerzte sie der Rücken bis zum Knie,
+dann die Arme. Wie sie sich legte, linderte sie nur
+die Sekunde. Im Tunnel verlor sich das Fieber, gegen
+Mittag kam es heftig zurück. Im Schlafwagen lag
+sie eine Stunde. Das Decklicht irrte in blauen Kreisen
+um sie. Sie setzte sich in die Ecke, in Decken gehüllt.
+<!-- page 180 -->
+&bdquo;Laß dich nicht stören&ldquo;, sagte sie. Seine Augen waren
+feucht, kalt nach innen gerichtet, wo er angespannt sich
+beschäftigte. Sie nahm eine Zeitung, hielt sie vor
+das Gesicht, als lese sie, damit er ihre Schwäche nicht
+sehe. Er hielt die Hände nebeneinander und sah durch
+die dünne Haut auf sie. Die roten Lichtreflexe machten
+eine unruhige Zartheit auf ihren Gliedern durch dies
+Transparent von rosanem Blut.
+</p>
+
+<p>Sie kamen bei Regen an. Ein Kommissionär mit
+schwachsinnigen Augen umkreiste sie wie ein Hund und
+fing plötzlich mit den Armen zu drehen und zu schreien
+an. Hinten begann eine rasende Musik. Der Regen
+ward so toll, daß, als sie auf der Terrasse standen,
+über den Platz die Herangelaufenen mit hochgeschlagenen
+Kragen in die Cafés zurückstürzten. Schwarze Männer
+standen auf der Treppe, ein langer Frack warf vom
+Gaskandelaber den Hut hoch, knickte die Knie, fuhr
+hoch, stank aus dem Mund wie ein Fisch. Im Wagen
+begann Daisy zu weinen vor Müdigkeit. An der
+Ecke sah sie die dünne Erscheinung über den leeren
+Platz rennen.
+</p>
+
+<p>Gegen Abend blickte sie vom Balkon, der Nebel
+erfrischte. Eine Ziegenherde kam aus der Nebengasse.
+Ein Radfahrer bog um und fuhr dem Leittier in die
+Beine. Es sprang um, jagte auf die Straße. Die
+Tiere liefen mit geblendeten Augen an die Häuser.
+Einige Geiße bockten, liefen irrsinnig im Kreis, warfen
+<!-- page 181 -->
+Kinder um, verletzten einen Gendarmen im Gesicht.
+Der Hirte suchte das Leittier, sprang durch die Gruppen
+und pfiff auf dem Fingergelenk. Da nahte Musik,
+alles verlief sich Die Musik hielt vor dem Hotel.
+Daisy ließ sich auskleiden.
+</p>
+
+<p>Später drang rote Glut in die Fenster. Als er
+vom Balkon hereinkam, hob sie den Kopf aus den
+Kissen. &bdquo;Die Unterbeamten&ldquo;, rief er, schon im Salon.
+Sie schloß die Augen unter der Müdigkeit der Schlafpulver.
+Dann gingen im Nebenzimmer immer Türen,
+ein Organ sprach, als gurgle es den Mund voll,
+das schläferte ein. Die Türen klappten rascher, die
+Reden gingen wie ein Bad, es umplätscherte sie aus
+der Ferne. Sie hatte Durst, bog den Kopf zur Seite
+zum Trinken. Da sauste er vorbei, sie griff nach
+seiner Hand. &bdquo;Deputationen&ldquo;, flüsterte die Zofe. In
+der halbgeöffneten Tür, als sie hinausging, stand ein
+fetter Herr und verbeugte sich tief mit einem fiesen
+Lächeln.
+</p>
+
+<p>Immer ging seine Stimme wie ein Uhrzeiger durch
+die anderen, die herumwanderten, leis klangen, bald
+spitz, manchmal quatschisch schäumten. Sie bekam Sehnsucht,
+ihn zu sehen. Sie sah ihn nur im Sprung.
+Später erwachte sie, es war Lärm auf der Straße,
+sie sah in sein überhitztes Gesicht. &bdquo;Der vierte Zug&ldquo;,
+rief er ihr zu, als er auf den Balkon stürzte. Als
+er zurückkam, frug sie: &bdquo;Was war es&ldquo;; sie hatte geschlafen
+<!-- page 182 -->
+in der Zwischenzeit. &bdquo;Studenten&ldquo;, stöhnte er.
+Sie verstand ihn nicht. &bdquo;Was wollen sie?&ldquo; &bdquo;Provinzen.&ldquo;
+Sie begriff im Halbschlaf die Zusammenhänge
+nicht mehr und schlief sofort ein.
+</p>
+
+<p>Sie sah in tiefblauen Himmel, gewölbt und fließend
+wie Glas. Er stand an ihrem Bett. Sie sah hinunter.
+Singende irredentistische Vereine zogen zum
+Hafen. Der Schlaf hatte sie erholt, sie legte sich
+herum, um liegen zu bleiben. Er nahm sie an der
+Hand, sie stand auf. Beim Anziehen bekam sie Fieber.
+Sie hielt ihm den Puls hin. Er fühlte, verfärbte
+sich ein wenig, dann drehte er sich um. Sie sah
+nicht, was vorging. Es dauerte nur kurz. Dann
+sah er sie fragend an. Sie zog sich weiter an, eine
+solche Spannung lag in seinem Blick. Er hob sie
+hinüber ins Boot. Die Molen waren schwarz. Auf
+der Triere ward eine Fahne gelegt. Er trat darauf.
+Sie hörte jedes Wort aus dem Theater. Die Schärpen
+standen grell über den Hemden wie auf Schilder gelegt.
+In der weißen Glut platzten die Köpfe fast.
+Sie standen wie Zinkknöpfe, heiß und schwitzend. Um
+sie herum lagen Schiffe mit Tribünen, von denen die
+Photos unaufhörlich knackten. Ein amerikanisches Boot
+suchte ständig die Sperre zu durchfahren. Die Menge
+wartete, bis die Glocken den Berg herunterkamen.
+Dann schaukelten Tücher über dem Schwarz. Eine
+Brandung erhob sich am Ufer. Aus Marmor stieg
+<!-- page 183 -->
+ein Adler von der Klippe. Eine dumpfe Salve knatterte
+hinter der Halbinsel. Dann sprach er jene mystische
+Revolte, hatte die Hände gegen die Brust gestemmt,
+die Beine eine kleine Spanne auseinander. Auf seinem
+Kopf lag eine Entschlossenheit der Wollust, als wiege sein
+Hirn sich in dem Gedanken, den er mit großen Rhythmen
+durchmaß. Unter seinen Sätzen aber, die ihm die Höhe
+seines Lebens waren, kam aus der Tiefe des Meeres der
+Glanz langsam herauf. Aber wie er schloß, überkam sie
+eine sinnlose Traurigkeit, sie fiel fast zusammen.
+</p>
+
+<p>Das Meer schäumte ein wenig, als sie zurückfuhren.
+So lange sie fuhren, streichelte er unter dem Mantel
+ihre Hand. Sie ging sofort in ihr Zimmer, schloß
+ab, kleidete sich aus. Dann sprang sie heraus, ließ
+sich anders anziehen, legte sich auf den Rücken. Im
+Nebenzimmer telephonierte er nach dem Arzt. Er verlangte
+Rom, einen Spezialisten, rief Summen ins Telephon,
+trommelte an ihre Tür. &bdquo;Öffnen Sie&ldquo;, sagte sie der
+Zofe. Im Halbdunkel beugte er sich über das Bett.
+Sie brachte den Blick nicht gegen seinen zum Fixieren.
+&bdquo;Welches Unglück&ldquo;, stöhnte er. Er fluchte, verwünschte
+den Tag, maß sich die Schuld zu, daß sie hierher gefolgt,
+aufs Meer gekommen. Sie lächelte. Das Telephon rief
+ihn hinaus. Im Dämmern sah sie auf dem Tisch etwas
+Helles. Es mußte vom Mittag liegen. &bdquo;Schließen Sie&ldquo;,
+sagte sie der Zofe. Sie machte das Telegramm auf, las,
+bückte sich, krümmte sich wie eine Katze.
+</p>
+<!-- page 184 -->
+
+<p>Er klopfte an die Tür. Er rief durch das Schlüsselloch,
+er störe sie nicht, nur bitte er, daß sie den Arzt
+empfange, wenn er komme. Dann ward es still.
+Später kam er noch einmal, sie hörte ihn hin und hergehen,
+sein Schritt war beängstend leis, verhalten.
+</p>
+
+<p>Nur sie habe Sinn für ihn, murmelte er. Er
+sprach lange mit sich, die Portiere dämpfte es. Auf
+dem Tisch stand sein Bild. Daisy sprang auf. &bdquo;Der
+Arzt&ldquo;, schrie es im Gang, im Nebenzimmer flog das
+Fenster auf, sie hörte einen stehenbleibenden Motor.
+Sie nahm eine Nadel, zielte dreimal nach dem Bild,
+steckte sie rasch in ihr Haar, sie kam durch ihre Tür
+zum Korridor, durch die zweite Treppe auf den Gang,
+dann in das Vestibül. Sie fuhr über Mailand nach
+Turin. Dann nach Lyon. Das Fieber ließ nach, sobald
+sie härtere Luft atmete, in einer Stunde war es
+vorbei. Von da fuhr sie bis Calais. Mit dem Fünf-Uhr-Dampfer
+kam Syg. Sie schritt mit dem Tuch,
+ohne aufzuhören, winkend über den Steg auf sie zu.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Der Mond flog, ein Vogel, durch den Apfelbaum;
+Die Syringen hingen schwer und rot über den Kies;
+Über den Hyazinthen strudelte die Luft in einer Kupferfäule.
+Zwischen den Zweigen des Gebüschs fing das
+Dunkel erst an und bebte. Bienen stürzten in die Höhe
+<!-- page 185 -->
+und von ihren übervollen Poren schaukelten hochgetragene
+Blüten langsam und taumelnd in das Wasser zurück.
+Die tiefgesenkten Gartenfenster brachen mit runden
+Quecksilberbogen aus den Säulen heraus. Die magische
+Tiefe des Glases blätterte sich nach innen in den
+schimmernden Kreisen und sog den Kiesweg mit den
+Tulpen in einer Spirale hoch und in sich auf. Aus
+der Gartenhütte taumelte ein Gegenstand mit unheimlichem
+Schütteln, schlug wild gegen den Apfelbaum,
+kam in den Mondschein, torkelte in ihm über die Wiese
+nach einer Maus. Dann hielt er, verdrehte die Augen,
+schrie &bdquo;Do .&nbsp;.&nbsp;. go &mdash; &mdash; go. Dogo .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;, schnurrte
+und steckte den Schnabel zwischen die Flügel. Der
+Mond, wie ein unsichtbar geschlagenes Schild, war
+weiß von Metall, zitterte durch den Himmel.
+</p>
+
+<p>Dies alles brachte ihr die Heimat nahe, wenn sie
+Sygs Hand hielt. Sie gingen angeschmiegt durch den
+blauen Dunst der angefachten Nacht. Aber es trug
+sie nicht hinüber, sie hatte nur Abwehr. Die Unruhe
+war gewichen, sobald sie Syg sah und spürte. Dies
+aber, dachte sie im Bett, was sie froh machte, war
+nur die Gegenwart der Schwester, Sygs Figur und
+Stimme, vor deren naher Gewalt das Gelebte zurückfiel.
+Sie empfand Ruhe und Stille. Sie empfand
+sogar in Vaudreuils Grüßen das geheime Suchen und
+Fragen, aber sie war so sicher, daß sie sie unbefangen
+zurückgab.
+</p>
+<!-- page 186 -->
+
+<p>Elfmal schlug die Uhr, dünn und silbern. Der
+Ton ging hinaus, wo der Glanz nicht nachließ. Syg
+konnte nicht schlafen, legte sich herum. Sie lächelten
+sich in das Gesicht. Der große helle Raum stand voll
+Mondstaub. Vor dem Fenster schwankten Weidengerten
+auf und nieder, obwohl kein Wind ging, wie
+der bebende Rücken eines Tieres. Nun begannen im
+Boudoir die Silbersachen zu leuchten, die Bettseide
+wurde ein Netz von zartestem Weiß, nun stand der
+Mond mitten im Rahmenkreuz und durchstieß gelb
+und flutend das Fenster.
+</p>
+
+<p>Daisy richtete sich auf, als lausche sie: &bdquo;Und Well?&ldquo;
+frug sie und horchte hinterher .&nbsp;.&nbsp;. &bdquo;und Well? .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+Syg sprang aus dem Bett. Der Balkon war mit
+wogendem Lichtnebel über den Kletterrosen zugezogen.
+Die Nacht wurde immer wärmer und durchsichtiger,
+schon traten die Figuren vor der hintersten Hecke deutlich
+heraus. &bdquo;O&ldquo;, flüsterte Syg und führte die flache
+Hand über das Geländer. Stück auf Stück der Jugend
+gaben sie sich in die Hände, hinüber, herüber wie Bälle,
+und spielten sie sich zu .&nbsp;.&nbsp;. die Bäume, die Gouvernante,
+die vertrocknete Fischkugel, den Ameisenbau.
+Wie sich die kleinen Dinge, deren zärtliche Erinnerung
+sie am sorgfältigsten erfüllte, aus ihrer Erinnerung
+hoben, schmolz sie das Gefühl zusammen, daß die Jahre
+hinaustraten zwischen ihnen .&nbsp;.&nbsp;. Tage flogen auf und
+hoben sich in sanften Farben wie aus Strohhalmen
+<!-- page 187 -->
+abgesandte Kugeln und schwammen in den Garten
+hinein. Im Scheitel der Nacht hing der Mond
+fröstelnd und starr.
+</p>
+
+<p>Die Uhr schlug. Vögel sangen, den Kopf noch an
+der Brust, in das wollüstige Grauen. Das Gras begann
+zu leben, und der Tau glühte mit einer hingegebenen
+Leidenschaft an der Erde. Daisy bog sich aus
+ihrem Bett über Sygs klares Gesicht. Sie empfand,
+daß ihr Kopf wie ein Spiegel denselben Ausdruck
+trage. Sie empfand das Glück dieser Gegenwart mit
+einem berückenden Gefühl.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Wie lange hattest du Fieber, Syg?&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Acht Wochen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Arme, doch wirst du in Firenze nichts tun wie
+liegen und blaue Luft atmen.&ldquo; Sie legte den Kopf
+an Sygs Brust und liebkoste sie mit der Wange,
+denn die Erinnerung der Schmerzen, die Syg gelitten,
+quälte sie in dieser Stunde der Seligkeit mehr, als
+sei es ein eigenes Leid.
+</p>
+
+<p>Die Uhr schlug. Syg gähnte; zog die Beine herauf
+und schüttelte die Locken, reckte die Arme. Sie
+war zu faul zum Aufstehen. Sie schellten nach dem
+Frühstück. Die Zofe brachte es zuerst Daisy an die
+linke Seite des mit breiten Stäben gegliederten Messingbettes.
+Sie wies nach Syg. Das Mädchen sah verwirrt
+von einer zur anderen. Sygs blaues Haar wallte
+um das ovale Gesicht, sie hatte das Kinn auf die
+<!-- page 188 -->
+Hand gestützt. Sie sah mit den Augen, die tief und
+wundervoll ausgeschnitten und mit leidenschaftlichen
+Schatten befiedert waren, dem Mädchen zu. In ihrem
+Weiß lag ein violetter Schimmer.
+</p>
+
+<p>Sie wurden ohne Pause verwechselt. Die Bonnen
+kannten sich nicht aus. Der Kutscher stammelte. Ärgerlich
+rief Daisy: Pha .&nbsp;.&nbsp;. lux .&nbsp;.&nbsp;. Freunde vertauschten
+sie. Aber dies band sie nun erst aneinander, denn in jenem
+Wechseln der Körper und Erscheinung fühlten sie hingegebener
+die Harmonie. Sie lachten sich an vor dem
+Spiegel. Sie zogen sich verschieden an, machten sich
+unähnlich.
+</p>
+
+<p>Syg trug die Haare hoch um einen dreigezackten
+Pfeil, Daisy zog sie unter einer Perle, die über der
+Stirn lag, halb über die Ohren und scheitelte den
+Kopf. Syg trug dunkle Seide. Daisy ging ganz
+weiß, der Wind schmiegte sich in die kleinen Blumen
+des Battists und der Boa.
+</p>
+
+<p>Umsonst.
+</p>
+
+<p>Sie tauschten den Puder, die Korsetts, die Rotstifte.
+Syg blaßte ab wie ein Pierrot. Daisy ging mit anmutig
+erhellten Wangen. Doch wie sie sich bemühten,
+stieg die Verwirrung. Da gaben sie nach, Syg hatte
+eine Grimasse, sie tauschten die Rollen.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Sie baten mich, die Kette zu besorgen&ldquo;, sagte ein
+junger Kanadier, reichte Daisy ein Etui.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Es war meine Schwester&ldquo;, sagte sie. Sie trug
+<!-- page 189 -->
+ein silbriges Abendkleid mit Schwarz, ging hinaus, Syg
+zu rufen.
+</p>
+
+<p>Sie kam zurück mit Goldpuder und einem roten
+Samt. Er überreichte es ihr. Sie dankte. Die Tür
+ging auf. Syg kam in einem blauen Schneiderkleid
+wie von der Straße, gab ihm die Hand und frug:
+&bdquo;Haben Sie meine, Kette, John?&ldquo;
+</p>
+
+<p>Verblüfft sprang der junge Mann auf: &bdquo;Haben
+Sie noch eine Schwester und wel .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Syg klatschte
+in die Hände, nahm ihn bei den Ohren, schenkte einen
+Kognak ein.
+</p>
+
+<p>Jeden Tag schob Syg die Abreise hinaus, jeden
+Morgen freute sich Daisy und jeden Abend litt ihr
+Gefühl, das um Syg Sorge trug und doch nicht
+vermochte, sich von ihr zu trennen. Die Tage gingen
+wie ein blauer Mond nach dem anderen am Fenster
+vorüber, und Dogo saß in jedem, auf dem Zweig des
+Faulbaums sich schaukelnd.
+</p>
+
+<p>Fribaurt rief an auf der Durchreise, Syg nahm den
+Hörer. Er kam nach einer halben Stunde. Daisy empfing
+ihn. Er sah ihr von unten in die Augen, und da er
+ein geschärftes Ohr hatte für das herbere in Sygs
+Organ, frug er, den Rücken weich, hündisch, biegend:
+&bdquo;Wozu die Komödie?&ldquo; Sie gingen auf die Veranda.
+Sie hob den Finger an die Lippen.
+</p>
+
+<p>Unter ihnen stand Syg, vor ihr ein junger, schlanker
+Gärtner. Sie tollte und sprang um ihn herum, verzog
+<!-- page 190 -->
+das Gesicht, schüttelte den Kopf. Sie frug ihn, er sagte
+etwas. Sie preßte die Hände in die Hüften, daß die
+Ellenbogen nach auswärts standen und lachte. Ihre
+Bewegungen waren in diesem Augenblick ganz unerlöst
+und kindlich. Dann frug sie wieder. Er sagte einen
+slawischen Namen und zischte. Sie schüttelte den Kopf
+und lachte noch heller. Sie faßte ihn unter dem Kinn,
+richtete sein Auge nach ihrem (denn er schlug es nieder)
+und horchte angespannt, dabei bewegte sie die Nüstern
+in Spott.
+</p>
+
+<p>Er errötete, dann schrie er mit voller Stimme:
+&bdquo;Zsigis&ldquo;. Syg blieb ganz ernst, hob die Hand, fuhr
+ihm die Grenze der Stirn entlang, sagte ihm etwas
+ins Ohr und ging lachend die Treppen zur Veranda
+hinauf. Oben blieb sie stehen: &bdquo;Pony&ldquo; .&nbsp;.&nbsp;. rief sie. Er
+hielt an, wandte sich um, errötete und blickte hinauf.
+Dann wurde er ganz blaß. Sie winkte. Er ging.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Warum nennst du ihn Pony?&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Wegen der Haare.&ldquo; Auch ihre Locken hingen gefächert
+in die Stirn.
+</p>
+
+<p>Daisy preßte plötzlich die Hände fest zusammen:
+&bdquo;Fribaurt fährt Donnerstag nach Italien .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Sie
+stockte. Mit einem seltsamen und nie gesehenen Ausdruck
+sah Syg an Fribaurt hinauf und wieder herab,
+zuckte kaum deutlich die Schultern. Aber Fribaurt, der stark
+nach einem süßen Wasser roch, sah es nicht, denn sein
+Blick folgte dem Gärtner, der in den Büschen verschwand.
+</p>
+<!-- page 191 -->
+
+<p>Aber Daisy vergaß den Ausdruck nicht, mit dem
+Syg den anderen angesehen. Sie blieb den ganzen
+Tag dicht neben ihr, als ob schon die Entfernung
+eines Zimmers, der Raum einer Wand sie trenne.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich danke, daß du bleibst&ldquo;, sagte sie stockend, als
+sie in den breiten Mondstrom hineingingen. Sie kamen
+dreimal um das Bassin, dessen Rotunde in Marmor
+glühte. Das Gras war blau und Dogo hing in
+einem Kreis von Fächerschatten. Als sie um die Hecken
+bogen, stand der Mondschein gezackt als Segel über
+dem Garten, der unter ihren Füßen schwebte.
+</p>
+
+<p>&bdquo;O&ldquo;, sagte Syg mit plötzlich ganz erhelltem Gesicht,
+&bdquo;ich freue mich, daß du dies sagst.&ldquo;, Sie gingen
+hinein, Daisy stumm vor dem Glücksgefühl, das diese
+Antwort ihr gab. Aber auf der Treppe zögerte ihr
+Fuß. Sie spürte, wie unrecht es sei, daß auch ihr
+Wunsch nur Syg halte. Aber sie sagte nichts.
+</p>
+
+<p>Am nächsten Tag fuhr Syg im Métro zur Etoile,
+besuchte eine Dame in der Avenue Wagram, schloß
+das Tor, fuhr zur Seine, stieg an der Madeleine aus
+und suchte zur Oper zu ein Geschäft. Sie sah in ein
+vorübergleitendes Auto. Ein Herr sprang heraus, in
+höchster Erregung auf sie einsprechend, sie sah seinen
+Bart zittern, die Leute blieben stehen, als er schrie. Sie
+nahm ihr kleines Stilet, drängte ihn bis an den Rand,
+er sprang in sein Auto, verdeckte das Gesicht. Sie
+sah um. Ein Photograph knipste und kurbelte neben
+<!-- page 192 -->
+ihr. Ein Herr mit einem Notizbuch zog den Hut.
+Sie machte eine rasche gewandte Bewegung, glitt
+zwischen dem Haufen durch, mitten in ein Orchester,
+das vor dem Café konzertierte. Sie saß eine halbe
+Stunde vor einem Whisky. Dann fuhr sie heim.
+</p>
+
+<p>Zwei Tage sprach sie kein Wort über den Vorfall.
+Sie lebte neben Daisy. Aber die Worte, die sie gehört
+und die nicht ihr galten, sondern Daisys Leben
+herausrissen aus Stunden, die sie nicht ahnte, entfielen
+ihr nicht. Nachts setzte sie sich neben Daisys Bett
+und sah sie stumm an. Aber die Worte spannten sich
+zwischen sie und die Schwester und trieben sie auseinander.
+Sie vermochte nicht mehr, den Blick unbefangen
+auf Daisy zu heften.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Du hustest?&ldquo; frug Daisy und fuhr aus dem Schlaf.
+</p>
+
+<p>Syg schüttelte den Kopf. Daisy preßte die Lippen,
+als die Schwester schlief. Sie fühlte, wie die Unbefangenheit
+riß, die Ruhe wankte, sie bangte um die
+Schwester und wagte nichts zu sagen, denn sie fürchtete,
+daß dann das Helle aus dem Himmel falle und
+die Kraft daraus lösche. Sie lag lange wach. Plötzlich
+öffnete Syg die Augen, schloß sie wieder. Mittwoch
+Nacht sagte sie, daß sie reise. Daisy sagte kein
+Wort. Sie gingen nebeneinander durch den Garten,
+als sie fuhr. Zwischen den Winden und Bohnen
+stand mit hohen, schlanken Beinen der Gärtner. Sie
+stiegen ein.
+</p>
+<!-- page 193 -->
+
+<p>Die Räder rollten.
+</p>
+
+<p>Sie fuhr zurück.
+</p>
+
+<p>Eine schmutzige Faust reckte sich in ihren Wagen.
+Sie nahm die Zeitung. Der Wagen stockte im Lauf
+eine Sekunde. Sie gab den Sou. Wieder spannten
+die Motore sich an. Sie las, ihre Lippen verzerrten
+sich. Sie verstand zum erstenmal. Ein maßloser
+Schreck, dann Zorn verdeckten ihr die Augen. Ekel
+schüttelte sie, daß sie die eine Hand mit der anderen
+festhielt und geschlossenen Auges zurück sich warf in
+das Polster. &mdash; Sie sah die Karikaturen auf den
+Parlamentarier, sah die Photos, die die Kinos von
+seinem Überfall her spielten, sie begriff die Verwechslung
+.&nbsp;.&nbsp;. die Folies Bergères trugen die Nummer
+in ihrer Revue. In der Ecke unten unflätige Telegramme,
+die er aus der Provinz, wohin er vor
+dem Skandal geflohen, gedrahtet. Sie biß auf den
+Daumen vor Schmerz, der Wagen rauschte in den
+Garten.
+</p>
+
+<p>Sie saß auf der Diele. Das tiefe Fenster hinaus nach
+dem Bassin lag wie ein niedergelassener Vorhang. In
+der Tiefe des Gartens stand Pony und arbeitete. Seine
+Beine und seine trainierte Brust wiegten mit den
+elastischen Ruten der Büsche und Stauden. Der Abendnebel
+flammte den Geruch der Erde rötlich um seine
+Hüften hinauf.
+</p>
+
+<p>Sie warf die Hände gegen die Brust und empfand
+<!-- page 194 -->
+zum erstenmal, wie sie, gleich einem verlassenen Tier,
+allein sei. Sygs Zug glitt irgendwo in die Dämmerung
+und aus ihrem Leben. Sie blieb zurück, um
+eine Lüge beraubt, die sie sich vorgeredet jede Sekunde
+des Daseins und der Gegenwart der Schwester.
+Sie fröstelte. Jugend und Heimat fielen an ihr
+nieder, hart, als klirrten Ringe auf der Diele.
+Woran ihr Herz (sei es auch nur wie ein Traum)
+und unwissentlich trotz des Hasses gehangen, nun
+lag es nackt verschwunden. Mit kaltem Grauen
+empfand sie die Einsamkeit, aus der die zarten Gefühle
+weggeschwungen. Einsamer und verzweifelter
+schluchzte sie auf als jede Stunde, die sie gelebt.
+</p>
+
+<p>Es kam ihr, wie lind es sei, wenn sie weinen könne.
+Aber sie konnte es nicht.
+</p>
+
+<p>Es genügte noch nicht.
+</p>
+
+<p>Sie fühlte sich frei und verantwortungslos mit einem
+Male. Aus der Tiefe des Blutes kam ein Strom, der
+sie zu einer Unbedingtheit zwang, deren zügelloses.
+Streifen sie zu Gelöstheit erhob, die den Atem benahm.
+Die Lippen bebten übereinander. Nichts hielt
+sie, bedingte ihr Tun, gab Verantwortung für ihre
+Handlung. Mit einer zerstörerischen Wollust empfand
+sie ihr Ausgestoßensein, das ihr eine Kühnheit verlieh,
+die sie fast berauscht empfand. Nun trat Pony aus
+dem Dampf ins Helle. Sie begann zu winken. Das
+Fenster lag wie eine aufgeschlagene Terrasse in dem
+<!-- page 195 -->
+Garten. Tritte schlichen herauf. Dogo schrie in
+seinem Ring und stieß die Flügel gegen die Wand,
+als zerbräche er Glas. Sie stand auf.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Zwischen dem dritten und vierten Tanz hob die Kleine,
+die zwischen den Stühlen schaukelte, stehend die Hand
+nach der Seite. Daisy ging hinüber. In der Toilette
+brannte eine weiße Flamme. Sie hob den Schleier,
+zog Rot über die Lippen. Im Spiegel sah sie die
+zögernd Eintretende. Ihre Augen trafen sich in dem
+Glas. In dem Gesicht der Tänzerin ging ein Schreck
+auf, sie flüsterte etwas und glitt zurück. Daisy ging
+zu Léons Tisch hinaus. Beim Hinausgehen fragte sie
+den Kabarettportier nach ihrem Namen. Sie bestellte
+sie in das Hotel. Sie kam und bat, zart wie eine
+Libelle, daß Daisy ihr den Mann nicht nehme. Sie
+sah zitternd auf den gefalteten wollüstigen Mund der
+Frau vor ihr. Daisy nickte gleichmütig, prüfte sie
+mit einem Blick, schenkte ihr Strümpfe, Hosen, Dessous.
+Oft, wenn sie abends frei war, kam Renée herauf, ein
+Band umgab sie. Bald hatten sie kein Geheimnis.
+Daisy wußte jede Bewegung des Attachés, seine Lieblingsworte,
+seine geheimen Sätze, aber es reizte sie nicht.
+Sie fuhr mit Léon baden, sie stieg in das Wasser,
+das ihren Körper aufsog; ihre Haut aus dem Wasser
+<!-- page 196 -->
+heraus selbst trübte ihm die Augen vor Erregung. Auf
+der Rückfahrt suchte seine Hand nach ihrer. &bdquo;Das
+andere Ufer&ldquo;, kommandierte sie, er mußte wenden. Sie
+ging am Abend mit Renée in den Florissant.
+</p>
+
+<p>Zwischen orangenen Lampions drehten Matrosen
+und Mädchen. Als ihre Hüfte unter den anderen erschien
+und in der abendlichen Dämmerung in die Tanzschleife
+wogte, umgab sie Gedränge, Blicke, Augen.
+Ein großer Steuermann von der savoyischen Linie faßte
+sie, brach die Finger fast an ihren Korsettstäben. Sie
+tanzte mit starrem Blick, ihr Zofenkleid machte sie noch
+herber, sie bog in den Vorsaal. Er taumelte, fiel in
+das Knie, schäumte, erhob sich, sie führte, sie schwindelten,
+sie tanzten in den Garten. Er konnte sich nicht helfen
+und stammelte Flüche. Sein Kopf fiel auf ihre Schulter
+und er schlug sie auf den Arm. Sie ließ nicht nach,
+bis sie langsam mit zitternden Knien hineinging in den
+Dampf, der Mann besinnungslos auf dem Kiesbeet
+lag. &mdash; Ein Kolonialoffizier erschoß sich, einen Ring
+von ihr auf der Brust, durch den er die Kugel gesandt
+hatte. Kam sie mit hochroten Lippen durch die Rue
+du Purgatoire, ward der See eine Tönung blässer, der
+Montblanc steiler am Horizont. Die Augen der Männer
+wanderten ruhelos nach ihr. Verkleidet im Mannskostüm
+bei einem Ball jeute sie im Kursaal, trat hinaus vor
+die Schnüre von Lichtern, die die Fassade umlohten,
+ihr Blick tauchte in den eines ganz jungen Studenten,
+<!-- page 197 -->
+er fuhr sie hinaus. Ihre langgeformten Knie, die
+eine wundervolle Sehnsucht in seine Seele zeichneten,
+verzückten ihn, daß er ins Wasser sprang und am
+Ufer schreiend davonlief. Sie ging mit zwei weißen
+Windhunden durch die Palmgefieder des Parc des
+Eaux Vives. Sie blieb stehen, kehrte langsam um.
+Auf einer Bank saßen Léon und Renée. Ein Zug
+seines Mundes erinnerte sie den Abend lang an
+Pony.
+</p>
+
+<p>Sie fuhr zu ihm. Er hatte den Garten, den sie
+ihm geschenkt, geschnitten, begossen, bestellt. Ihren
+Namen mit Ranunkeln gesetzt, in die vier Bäume
+des Eingangs geschnitten. Auf der Höhe des Belchens
+ihr Wappen mit Steinen zusammengesetzt. All seine
+einsamen Tage erstanden als Monument seiner Liebe.
+Hinter dem Strohdach sank die Vogesennacht feucht
+und traurig. Sie stiegen hinunter am Morgen. Kuheuter
+und Wiesen rochen unter dem roten Mond, über
+dem Rhein lagen die Schwarzwaldtage mit silbernen
+Wolken. Über den Grat der Vogesen rollte die purpurne
+Kugel groß und träg.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Hast du die Harmonika?&ldquo; Er nickte. Nur ein
+scheuer Blick nach aufflatternden Vögeln zeigte, daß
+er Sehnsucht hatte. &bdquo;Ich schreibe deiner Schwester&ldquo;,
+sagte sie am Morgen. Sie arrangierte ihren Hutkauf,
+sogar eine Stelle und nahm ihm mit einem Brief die
+große Sorge. Aus den Weinbergen glühte blau die
+<!-- page 198 -->
+Sonne. Sie lockte unter seinem Fenster. Als er in die
+Hecke ihr nachstieg, ließ sie seine Lippen ihn aufmachen
+und legte ihm seidenschwarze Brombeeren eine nach der
+anderen in den Mund, der feucht und schmal und rot
+war. Seine Tierischkeit, die die einfältigen schönen Formen
+der Natur edel befolgte, gab ihr jeden Tag das
+Neue. Ringe kamen, Nadeln für ihn. Er spiegelte
+sich im Rücken seines Zigarettenetuis.
+</p>
+
+<p>Er erbrach sich nachdem er zu viel gefressen. Sie
+saß an seinem Bett, er fürchtete sich vor dem Unbekannten,
+das ihm Leiden brachte, verehrte sie wie eine
+Mutter, indem seine Seele zum Schutz dicht an ihre
+sich schmiegte. Er tollte in die Gesundung, riß den
+Schwanz der Hühner aus, saß auf den Bäumen, ward
+traurig am Abend, wusch sich nicht, roch nach Schweiß
+und Erde, sie fand ihn schöner als je.
+</p>
+
+<p>Sie bekam Sehnsucht nach Wasser, als nach einem
+Gewitter ein Bach neben dem Haus herabstürzte. Sie
+fuhren zurück, zusammen diesmal. Neben ihr zwischen
+den Hunden schritt Pony in weißen Hosen und Schuhen
+durch die Rue du Rhône. Er blieb am Geländer
+stehen, schaute träumerisch in den tiefblauen Schuß,
+der aus der Brücke kam, die Insel umrahmte und
+überschwungen blieb von unwahrscheinlichen Schwanenherden.
+Sie pfiff durch die Zähne. Zwei Passanten
+blieben stehen, sahen nach. An der Brücke flog eine
+Autotür auf, ein Herr, indem er die Kurve nahm, als
+<!-- page 199 -->
+sause eine Kugel in einer gebogenen Schiene, starrte sie
+an. &mdash; Auf dem Balkon saß Renée im Lederstuhl, die
+Knie hochgezogen. Ihre Atropinaugen, tief untermalt,
+glänzten einen milden Schein, sie starrte auf Pony,
+flog darauf Daisy an den Hals. Der Abend schoß durch
+die Platanen. Renée legte die Gabel hin, kniff ein
+Fünffrancstück ins Auge, legte dem Kellner den Absynthstrohhalm
+über das Ohr und breitete die Arme aus.
+Pony sah auf das Wasser. Die Küste wich zurück.
+Schwärmerische Raketen überwanderten den immer neu
+geäderten Himmel. Ein Konzertstück wie eine rosa
+Wolke lag mitten im See. Auf den Fußspitzen wiegte
+Renée erwartend den ganzen Körper langsam über die
+Lehne, blieb einige Minuten von einem unaufhörlichen
+Zittern durchflossen. Plötzlich wühlte sie den Bauch
+in den Mondschein, bebte in der Wage der Hüften
+in einer pfeilschnellen Schwingung, tauchte aus dem
+Licht, fuhr mit einer kreisenden tollen überschwingenden
+Eile wieder hinein &mdash; dann kamen die Lenden in ein
+glücklicheres beruhigtes Schweifen, die Muskeln des
+Leibes ebbten zurück und wurden spiegelglatt, fast ohne
+Atmung. Sie tanzte nur noch mit den Knien, die den
+Körper in einem fast gläsernen Taumel ertrugen. Die
+Hüften malten sich unbeweglich und zart in die Schatten.
+Nur der Rock rauschte, Daisy preßte dagegen, sie
+schwangen atemlos, ihre Leiber bedeckten sich, sie küßten
+sich &mdash; &bdquo;Warum brachtest du mich her?&ldquo; frug Pony
+<!-- page 200 -->
+schauernd in ihrem Arm die Nacht. Sie lachte: &bdquo;Reizt
+es dich nicht zu größerer Liebe?&ldquo; Sie zog ihn auf
+ihren Mund: &bdquo;Pony.&ldquo; Er schloß die Augen.
+</p>
+
+<p>Eines Nachts brachte sie von den Anlegeplätzen vor
+Versoix Jérôme mit, im Sweater ohne Kragen und
+Ärmel. Selbst wenn er flüsterte, war seine Stimme
+rauh und biß sich durch die Dunkelheit. Im Zimmer
+nebenan lag Pony, die Wand war so dünn, daß das
+Geräusch einer Fliege im einen Raum im anderen noch
+lauter scholl. Sie legte die Kleider langsam ab. Am
+anderen Tag mußte Jérôme sie rudern, hinaus, zurück,
+in die Rhône, um die Insel, dann immer um ihr
+Haus. Eine Kette von Schwänen verfolgte das Boot,
+ihre Weiße verblich am Abend mählich der Blässe ihrer
+schimmernden Haut. Sie sah immer auf Jérômes
+Nacken, wo die braunen Halsmuskeln wie Fächer zusammenschnellten.
+Abends ging sie einsam und allein nach
+Haus. Die Schwäne geleiteten sie noch eine Weile in der
+Dunkelheit am Ufer. Als Léon von der Gesandtschaft
+in Bern zurückkam, lag er verzweifelt im Boot vor
+ihr, berührte ihre Hände, ihre Schuhe. Sie schüttelte
+den Kopf. Sogar das Wasser erhielt eine Feierlichkeit
+und schäumte leicht in dunkler Erregung, wie sie
+mit langen braunen Beinen immer tiefer hineinstieg.
+Auf der Terrasse des Café du Nord ballte Léon die
+Hände und hörte auf zu atmen nach seiner Frage. Sie
+ging hinweg über Pony, schaute ihn einen Augenblick
+<!-- page 201 -->
+an, die Bernsteinkörper in seinen Augen ihr gegenüber
+erstarrten, sie ließ eine Sekunde schweben, dann sagte
+sie auf sein Drängen, wie er es wage, mit ihr zu
+reden, habe er doch Renée. Ihr Hochmut ließ ihn
+bei diesem Namen eine Bewegung machen, als lege er
+dies nebenhin als ohne Gewicht für sein Leben. Sie
+zeigte nichts, aber er strich sich damit aus ihrem Dasein.
+Aber Renées Geschrei machte sie müde am anderen
+Tage, denn sie tobte in ihren Zimmern, weil sie Léon
+liebte. Die Zarte irrte wie ein Vogel auf den Balkon
+gegen das Blaue und zurück in das Zimmer. Daisy
+sah sie lange an. Sie sagte kein Wort, gab ihr Geld
+und zwei Koffer. Am Abend ging sie zum Zug. Renée
+weinte gerührt an ihrem Hals. Als der Zug weg
+war, sah sie einen Männerschatten am Bahnhofeingang,
+sie nickte mit dem Kopf. Zu sich selbst.
+</p>
+
+<p>Léon griff sie stürmischer an, befreiter, beim Segeln,
+auf den Quais. Sie bedeutete ihn ruhig, daß das Opfer,
+mit dem er sich brüste, ihr nichts bedeute, denn es sei eine
+Selbstverständlichkeit und ohne die kleinste Verpflichtung
+für sie. Sie kam mit Pony wieder und den Hunden am
+Abend die Anlage her, als die Rhône sanft, tiefblau
+vorüberströmte, schon die Dämmerung aufnehmend, während
+ihr Anfang noch biegsam und stählern mit den
+Schneebergen glühte. Léon flehte sie an, Pony zu verlassen.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Gab ich nicht Renée?&ldquo; Es verstörte sie eine Sekunde,
+<!-- page 202 -->
+an die Tänzerin zu denken. Doch glitt es schon
+weiter, hinter sie. Sie zog die Augen an, daß sie schräg
+standen.
+</p>
+
+<p>Am Morgen war sie verreist. Enttäuscht von der
+Brust eines glatten Fischers kam sie von Beaurivage.
+Der Morgen fiel prall und von seraphischer Bläue
+in die Schwebe getragen auf den weißen Ufersand.
+Erstaunt sah sie Genf wieder auftauchen. In der Betäubung
+des irrsinnigen Suchens fiel Gelebtes sofort hinter
+sie, Leidenschaften verschwammen wie nie geatmet
+nach Tagen. Die Landschaft der Woche vorher, das
+Haus, ihre Gedanken prallten schon im Wesenlosen.
+Als Léon, die Hand am Steuer, den Großschot in
+der anderen seilend, in ekstatisch erhellter Nacht, in der
+der Mont Blanc wie ein weißer Ballon schwamm,
+schwor, Pony zu erschießen, wenn sie ihn nicht verjage,
+sein Auge den fiebrigen Wahnsinn bestätigte,
+wies sie ihn zurück mit Nein. Kalt vor Zorn verließ
+sie ihn über die Drohung, mehr voll Liebe zu
+Pony wie je. In dieser Nacht weigerte sich Pony
+zum erstenmal, sein gequälter Körper gab ihm Mut,
+den sein Geist nicht hatte. Sie sprang aus dem
+Bett: &bdquo;Gut .&nbsp;.&nbsp;. du wirst Bonnen wieder haben.&ldquo;
+Am Abend kreuzte Léon Ponys Abreise, sie hatte
+ihn nicht begleitet. Er nahm einen Wagen, jagte.
+Er kam als Sieger. Auf dem Tablett kam mit ihm
+ein Brief, Daisy nahm ihn, als Léon eintrat und legte
+<!-- page 203 -->
+ihn sofort wieder zurück. &bdquo;Welche Eitelkeit in Ihrem
+Gesicht&ldquo;, höhnte sie und wandte sich um nach dem
+Shawl und dem Spiegel. Bestürzt, zerschmettert kehrte
+Léon um. Am Ende des Zimmers hielt er, nahm eine
+Vase und schlug sie hin, blickte starr und ging hinaus.
+Daisy trat auf die Rampe des dunkel gewordenen
+Hauses, um das die Brust des Wassers langsam stieg
+und fiel. Sie pfiff. Zwei grüne Lichter bewegten sich
+auf dem Anlegeplatz, stachen ins Wasser, kamen im
+Bogen heran. An Léon vorbei, strich Jérôme in das
+Haus. Plötzlich hob er den wirren braunen Kopf und
+lauschte. Im untersten Fenster sang eine weiche berückende
+Männerstimme: &bdquo;Andulko me dite &mdash;vy se mne
+libite .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; &bdquo;Was ist das?&ldquo; frug Jérôme. Sie
+lauschte. Pony war zurückgekehrt. Sie lachte, zog ihn
+wie einen Hammel am Fell. &bdquo;Einer der Hunde?&ldquo;
+frug sie ihn; er fletschte die Zähne. Sie bückte sich,
+hob den Brief auf. Die Schrift war von Syg. Sie
+ließ ihn in das pfaublaue Wasser hinunterflattern.
+Am Morgen brachte sie Pony selbst in die Bahn.
+</p>
+
+<p>Ringe in Blumen .&nbsp;.&nbsp;. sie gab die Buketts, ohne
+sie zu sehen, dem Zimmermädchen. Ein Kreuz mit
+Ametyst auf Rosenholz, vom Athos, lag auf ihren
+Kissen. Ein Pferd stände bereit, schrieb man. Léon
+schmiegte sich manchmal durch die Dämmerungsschatten
+draußen. Eine Yacht trug ihren Namen am Lee
+unter dem Fenster vorbei. Eine kalte Verschwendung
+<!-- page 204 -->
+trug die Luft jedem aus ihrem Leben zu, die erzittern
+machte, wer in ihren Kreis trat. Sie atmete, sah
+Augen, Tage, blaue Ausschnitte über dem Salève,
+kurz und farbig blitzten Blicke in ihren, schon entrann
+es zu anderem. Es floß zurück wie in einen Bogen,
+in dessen Kurve ihre Seele unermüdlich schwang. Irrsinnig
+eines Abends erstürmte Léon die Treppen, kam
+in ein Zimmer, wo sie las, streifte die Kleider ab.
+Sie eilte hinaus, schloß ab, klingelte. Er flehte. Sie
+wollte den Skandal. Dann überlegte sie, sie schloß
+einen Vertrag, legte ihm auf, daß er sie mitnahm
+auf die Gesandtschaft in Bern. Er kompromittierte
+seinen Namen, die Stellung. Doch er sah sie nur
+entfernt wie immer. Sein Diener erzählte ihm von
+dem Kreis und den Monden auf ihrem Leib, er ward
+ohnmächtig. Sie frug ihn nach seiner Arbeit, den
+Geheimnissen des Berufs, sein Leben. Seine Nägel
+ballten sich in die Handflächen, aber sie sah die geheimsten
+Akten. &bdquo;Wäre ich eine Agentin?&ldquo; Er
+zuckte die Achseln, schon war ihm alles gleich. Seine
+Familie steckte ihn in ein Sanatorium. Er folgte.
+Vorher bestach er die Zofe, erhielt eine ihrer Hosen,
+schluchzend fuhr er damit im Zug. Er hatte sie nicht
+gehabt. Er hatte wenigstens dies. Am Abend spielte
+sie in einen Mann verkleidet auf einem Kostümfest,
+an den &bdquo;Kleinen Pferden&ldquo;, verlor, konnte nicht alles
+zahlen, bat ihren Partner mitzukommen. Er wartete
+<!-- page 205 -->
+im Vestibül. Als sie die Treppe zurück herunterkam,
+erstarrte er. Sie kam als Frau.
+</p>
+
+<p>Er neigte sich über ihre langen Finger. Wie sie
+in den Wagen stieg, sprang Jérôme hinter einem
+Busch heraus und schrie: &bdquo;Hure&ldquo;. Etwas blaß,
+unsichtbar durchglüht trat sie zögernd ein wenig
+zurück. Als sie ihn aber ansah, ließ er die Hände
+sinken, schlug sie um den Nacken und lief brüllend
+davon. Der Wagen rollte. Sie trat mit ihrem
+Partner ein Treppenhaus mit Marmor hinauf. Die
+rote Weste eines Dieners leuchtete hinauf neben ihr
+unter einem zehnkerzigen Halter. Die Fräcke im Saal
+glitten durch einen dünnen silberbläulichen Rauch, den
+der Atem des Tanzes und der Getränke schon zum
+Rausch gemacht hatten. Sie legte den Arm auf eine
+Schulter, der blasse Schein einer Nische umglitt sie.
+Ein Mund fiel auf ihre Achsel. Sie zuckte zusammen.
+Ihre Glieder wurden kalt und abwesend wie oft in
+unerklärlichem Wechsel. Sie starrte vor sich hin.
+Sie hatte einen Brief eingesteckt, als sie sich umzog.
+Es fiel ihr ein, sie öffnete ihn. Sie stand auf.
+Der Mann hielt sie. &bdquo;Was?&ldquo; Ein verzweifeltes
+Gesicht krallte sich in ihr Auge. &bdquo;Hast du mich
+nicht wahnsinnig gemacht?&ldquo; Sie schüttelte den Kopf.
+Sie hatte ihn kaum bemerkt, ihre Gedanken kreisten
+irgendwo entfernt, es fiel ihr nicht ein. Mitten im Saal
+schrie der Mann ihr nach: &bdquo;Hure&ldquo; .&nbsp;.&nbsp;. Sie zuckte kaum
+<!-- page 206 -->
+merkbar die Schultern. Sie hörte es zum zweitenmal
+heute. Allein es drang auf keinen Punkt in ihr ein, der
+ihr Gefühl bewegte. Vorbei schon. &bdquo;Ein Opfer&ldquo;, lächelte
+ein übergroßer lässig gebeugter Herr im Monokel. Schon
+suchten an seinem Mund vorüber gleichmütig ihre
+Augen nach Neuem. Ein olivenfarbener Jüngling,
+der wie ein Mädchen tanzte, legte den Arm um sie.
+Lächelnd glitten sie Ring auf Ring herum, gewiegt
+von einer Klarheit der Füße wie nie in diesen Sekunden.
+An einer Ecke des Saals fiel ihr das zweifach
+gesagte Wort mit einem Mal ein und sie setzte sich.
+Es war, als zerschmetterte es etwas in ihr. Sie trat
+an das Fenster. Unten im Garten hörte sie deutlich
+eine Frau weinen. Das faßte sie wie mit Schrauben,
+sie glitt hinaus. Eine Bank. Es war, als ströme
+mit dem Weinen in dem Busch, ihr Leben weg, bräche
+ein wie in Eis, zerrinne haltlos zwischen ihren Händen.
+Sie sah, wie sie Stück auf Stück verloren hatte,
+unter dem Schmerzenston brach es zusammen. Sie
+versuchte nicht, sich zu wehren. Perlmutten flauschte
+im Mondschein ein Segel vorüber und rückte ins
+Dunkel. Zerfetzte Trümmer lagen um sie, was sie
+gesehnt, gedacht, begehrt im Blut .&nbsp;.&nbsp;. es knallte um
+sie zusammen.
+</p>
+
+<p>Da erst, wie angezogen von der anderen Stimme,
+konnte sie weinen und je länger die Tränen über ihr
+Gesicht strömten, fühlte sie, wie in ihr die Verzweiflung
+<!-- page 207 -->
+und das gierige Suchen brach. Sie fühlte sich elend
+wie nie, aber gleichzeitig verband sie ein Strom ungekannter
+Süßigkeit mit der anderen Weinenden. Es
+war ihr, wie, als sie erkannte, daß die Stimme versage,
+und jedes Leidende, jede Kreatur dicht ihr Herz berühre.
+Sie stand in einer wunderbaren Empfindung. Schon
+rissen die Wochen hinter ihr wie unwirklich und ihrem
+Wesen ungehörig sich ab und stießen ins Wesenlose.
+Aus der Tiefe des Elends aber zog sie ein Gefühl von
+einer ergreifenden Harmonie in die Höhe. Sie empfand,
+als stehe sie auf anderem Boden, wie plötzlich
+ihr Schicksal sich zusammenlegte mit Tausenden von
+Menschen, an die sie nie gedacht, daß ihr Schmerz
+sie erhob und verband, und daß, wie sie verzweifelt
+gesucht auf der Jagd und mit den greifenden Händen,
+in ihr lag mit einer stillen Verantwortung, die nichts
+übertraf. Sie sah die Welt plötzlich anders. <a id="corr-7"></a>Es
+stieg eine Kraft aus ihrem Elend, die sich in ihr
+bäumte. Ein Glücksgefühl überfloß sie. Demütig
+grüßte sie den Fall der Jetée, die Neigung der Berge,
+das träumerische Schleifen der Schwäne. Herauf
+kam der Kleinen Gesicht, aber die Schuld, die sie
+empfand, drückte sie nicht, sondern entflammte sie zur
+vollen Anspannung. Ihr war, als ruhe die Achse
+alles, was Hülfe bedurfte, in ihrem Herzen in dieser
+Nacht und ihr Herz drehte es in einem wunderbaren
+Stolz. Sie schaute lange unter der vorgehaltenen
+<!-- page 208 -->
+Hand ins Wasser. Ein Gesicht kam zurück von der
+glatten Fläche. Sie schauten sich an. Dann ging
+sie hinein.
+</p>
+
+<p>Sie hatte ein anderes Gesicht gesehen.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Sie ließ ihre Sachen verteilen. Jérôme sandte sie
+einen Ring. &bdquo;Ay .&nbsp;.&nbsp;. ay .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; rief sie an der Gasse.
+Die arabischen Weiber küßten ihre Hände und Füße.
+Die Zofen kamen, nahmen. Die Bonnen gingen mit
+Ballen, zitternden Händen. Die Kostbarkeiten wurden
+versteigert. Die Depots sperrte sie. Die Spitzen
+rannen ihr durch die Finger. Eine frische stolze Hure
+in einem Kleid, daß ihrer Haltung zu gering war, zog
+sie aus dem Tanzsaal. Die Hosen, deren Plissees
+rauschten, in matter Seide zu Dutzenden fielen, durchfühlte
+sie mit der Hand, gab sie ihr. Mit jedem
+Stück, das sie verließ, schenkte sie sich zurück. Und
+die Wollust des Hingebens verband sie den Dingen
+um sie. Gebend lebte sie drei Tage und fühlte, wie
+unter dem Hinweggehen ihres seitherigen Daseins Freiheit
+in sie strömte.
+</p>
+
+<p>Eine kleine Summe füllte sie in ihr Portemonnaie.
+Sie besaß einen Koffer noch und ein weiches helles
+Kleid aus indischer Seide. Sie schellte Marguerite,
+<!-- page 209 -->
+die Manikure. Vor dem Spiegel die Figur und den
+Kleidschnitt abmessend, bot sie ihr den Tausch an. Die
+lehnte ab, da es zu kostbar war, errötete, ließ sich
+langsam zwingen, küßte Daisys Hand. Mit kleinen
+Sachen ging sie auf die Straße, gab dem, jenem,
+Frauen, Kindern. Es reizte sie nicht, zu wissen, wer
+es besaß, denn jede Tat der Entäußerung entlastete sie
+zu Glück. Sie beschäftigte ein halbes Dutzend Agenten.
+Ihre Pariser Wohnung ward verkauft. Pferde untergebracht.
+Möbel, Schmuck versteigert. Die Summen
+festgelegt, geschlossen. Selig fühlte sie alles entgleiten.
+Dem prächtigen Körper eines verlotterten Mädchens,
+dessen Anmut sie rührte, schenkte sie ihr Kleid. Sie
+stand in Hosen plötzlich am Badestrand abends. Verlegen
+ging sie in die Kabine, sandte ein Kind mit dem
+Portemonnaie zu der Manikure. Das Kind kam mit
+einem Kleid, brachte das Geld zurück. Sie zog ihr
+Armband aus, es Marguerite zu senden, runzelte die
+Stirn und blieb eine Minute in einem merkwürdig
+erhellten Zustand. Darauf schenkte sie es dem Kind
+für sich selbst. Küßte es, tief getroffen. Mit der
+Entledigung zog die Einsamkeit des Reichtums aus ihr.
+Sie besaß noch zwei Ringe. Einen warf sie den
+Schwänen zu, vom Geländer, abends.
+</p>
+<!-- page 211 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-5">Der vierte Abschnitt
+</h2>
+<!-- page 213 -->
+
+<p>Vierzehn Tage wohnte sie Mont Martre, stieg
+hinab zu den Hallen, nach drei Wochen war
+sie Mont Parnasse, geriet in ein falsches Haus; ein
+Kind fiel die Treppe herunter, sie nahm es hoch, es
+schrie. Ein Mann brüllte sie von oben herunter an,
+ging in sinnloser Wut auf sie zu. Sie strich das
+Kind über den Kopf, legte es der Frau an die Brust.
+&bdquo;Verzeihen Sie&ldquo;, sagte sie, schlug die Augen herunter
+und ging mit einer Stille, daß der Mann, verstummt,
+sie grüßte. Sie wohnte Rue Bonaparte, die so eng
+war, daß vor der Ecole des Beaux Arts nur eine
+Linie der Autos vom rechten zum linken Seineufer
+durchfuhr, und die ohne Pause zitterte. Sie bewohnte
+die Hotels am Boulevard Sebastobol, wo Huren und
+Apachen nachts schrien. Sie ging durch die Straßen,
+früh, mittags, die Nacht. Beim Löwen von Belfort
+sah sie Ringer und Stemmer in Trikots unter den
+Bäumen turnen. Kokotten pfiffen ihr nach. Rue Richelieu
+schlugen Huren sie nachts, weil sie glaubten,
+sie breche marodierend in ihr Männerquartier. Abends
+in der Olympia Bar fletschten vierzig Mulattinnen die
+<!-- page 214 -->
+Zähne um sie, im Saale der roten Papageien und
+drei Kapellen drehte sie sich, tanzte, ging allein, als
+die Rudel schönbeiniger Frauen lachend aus der Revue
+mit dem Geruch ihrer Haut und der Tierbewegung
+der Hüften und langen Schenkel kamen. Auf
+Imperials rollte sie von Quartier zu Quartier, Liebespaare,
+Trunkene, Studenten mit zerrissenen Schuhen,
+Russen, alte Böcke, aufgegeilt hinter Midinettes her,
+neben sich. Im Hotel des Etrangers schrie ihr Nachbar
+in Herzkrämpfen auf. Sie saß drei Nächte, kühlte
+ihm die Brust mit Eis. Als er hochkam, beschloß er
+sie dankbar unter die Decke zu ziehen, griff in ihr
+Bein. Am Panthéon erschoß sich ihr Visavis, ein
+blonder Student, der morgens mit roten Lippen gleichzeitig
+wie sie die Milchkaraffe in Unterkleidern in
+seine Tür hineinzog, an Syphilis. Sie wohnte Rue
+Monsieur Le Prince, Vaugirard, Champollion, zählte
+die Schornsteine, Betrunkene an ihrer Tür, die Fenster,
+Mondaufgänge.
+</p>
+
+<p>Sie wohnte Rue Gay Lussac. Ihr Geburtstag
+trüb Quai de Valmy. Kehrte zurück, als die Seine
+sie drückte, zu Mme Fleurquin, in das Zittern der
+Rue Bonaparte, Bäume schwankten Boulevard St.
+Germain. Square Monge erlebte die Überschwemmung.
+Rue des Bernardins verließ sie das Hotel im Kahn,
+half Emigranten retten, ward als Diebin verhaftet,
+lächelte sich frei. Ging auf die Mairie neunzehntes
+<!-- page 215 -->
+Arrondissement, vierundsiebzigstes Quartier, gab sich
+hin für Überschwemmtenhilfe, empfing ein ironisches
+Ziehen des Mundes, ging wieder. &bdquo;Geben Sie, Notre
+Dame des Lorettes willen, einen Sou zum Métro,
+damit ich die Kaserne erreiche,&ldquo; flehte in der Rue Pigalle
+ein Piou-Piou. Sie gab ein Fünfzig-Centimes Stück.
+Er lachte sie aus, suchte sie zu umarmen. &bdquo;Kommen
+Sie, es ist warm darin,&ldquo; sagte ein großer Mann,
+glaubend, sie friere, nahm sie mit in das Café Cluny,
+las die Zeitung, ignorierte sie, zahlte für beide, ging
+mit einem Gruß. Erstaunt suchte sie ihn drei Tage,
+fand ihn nie wieder. Sie wohnte gegenüber Ecole
+Polytechnique, wo nach Regen Abenddächer mit weißen
+ovalen Schilden blitzten, dumpf Seinehörner tuteten,
+sah die Zöglinge der höchsten Artillerieschule farbig an
+Kanonen seltsame Bewegungen machen. Saß Closerie
+des Lilas, hörte die Revolte der Kunst. Aux trois Poulards
+schlug ein Mann einer Frau durch den Schädel,
+nahe den Hallen, warf sich heulend über sie. Sie belauschte
+das Gespräch zweier Absynthe-Weiber, Ausgedörrte,
+die gleich Hyänen gegeneinander stürzten und von
+der Berührung des Fingers schon umfielen, in den Pausen
+der Schlacht, wo sie, unfähig aufzustehen, nebeneinander
+in der Gosse lagen. Sie machte dem Trio an der
+Sorbonne Platz, dem Star-Mann, dem beinlosen
+Singenden auf dem Räderbrett, dem jungen Louis,
+sie warfen ihr Schlüpfriges nach. Sie aß mit der Papageienverkäuferin,
+<!-- page 216 -->
+studierenden Negern, österreichischen
+Spitzeln, Lesbierinnen der Place St. Michel, mit
+spanischen Zöglingen der Schneiderakademie, Chauffeuren,
+Gasarbeitern, Deutschen.
+</p>
+
+<p>Sie ging zum Löwen von Belfort, wo Ringer und
+Stemmer unter den Bäumen turnten. &bdquo;Wie elend
+zum Kotzen dies Leben&ldquo;, sagte ein gesunder Mann,
+der Postkarten verkaufte, mit weißen Zähnen lachte.
+Da brach eine fremde Frau in Tränen aus. &bdquo;Haben
+Sie Hunger?&ldquo; frug Daisy mit einem Blick auf den
+Ellenbogen der Frau; die aber stieß ihr durch das
+Kreisloch den spitzen Knochen in den Leib, schrie, fluchte,
+drückte sich hinaus. Sie wohnte Porte Maillot, wo
+Métros aus der Erde stießen, Menschenmassen aufquollen,
+Korsos zum Bois wallfahrten, selige Benzingerüche
+in Parkwipfeln schäumten, lange Frauenketten
+in Wagen unhörbar, mit Pelzen und süßen Pferden
+zu Wiesen zogen. Sie wohnte Impasse Bérthier,
+Rue de la Rochefoucauld mit der Grabesruhe und
+Sacré Coeur blitzend darüber mit weißen Türmen,
+Rosenkränzen, Zitronen. Moulin Rouge brannte das
+Parterre aus, vom dritten Stock sprang ein dicker
+Offizier ab, zerschellte unter dem Flammenschein. Sie
+wohnte Quartier Ternes, fleißige kleine Bürger arbeiteten
+in offenen Fenstern. Stand Champs Elysées vor
+Luxushotels, sah Autos anfahren, gepflegte Frauen,
+helle Glacés, Skunks, weiße wundervolle Füchse. Sah
+<!-- page 217 -->
+an sich herunter. Sah gespannter lang hinüber.
+Wohnte Rue Delambre, zweiter Hof, dritte Baracke,
+Numéro Vierundachtzig. Wohnte neben Jardin du
+Luxembourg. Wohnte Parc Monceau, diese Nacht
+selig von Bodengerüchen. Wohnte Bastille-Platz.
+Wohnte zwei Nächte nirgends. Wohnte St. Germain
+des Près, sah um sich Pfauenräder der Lichtkaskaden
+zum Himmel brennen über dem rötlichen
+süßen Straßengefieber, folgte einem Ruf, stieg zwei
+Treppen zu Musik, sah sich um, prüfte, wer gerufen,
+ging zurück. Am zweiten Tage hier folgte sie einer
+Bluse in ein Kaffeekonzert.
+</p>
+
+<p>Einen warfen sie heraus neben ihr, zehn Meter unter
+der Erde, der zweite Keller, schrieen: &bdquo;Sortez-le!!
+Peschärsche, Affenschwänze, Bauchzimbel, Irrgebrunste,
+Saligots!!&ldquo; Im Rauch fiel ein Sergeant gegen die
+bemalte Kalkwand, weiß im Gesicht, beugte sich im
+Gesäß. &bdquo;Rotz-Lumpen&ldquo;, er verschwand. Ein ungarisches
+Violinstück kam aus der Ecke. Sie ging über den
+Boden, in dessen Lehm ihr Absatz leicht sank, saß
+nieder der Bühne gegenüber unter dem zweiten Lampion.
+Ein Rosablusenmädchen besah im Spiegel die
+Zungenwurzel genau und angespannt, schüttelte den
+Kopf lachend gegen den Rauch. Eine unsichtbare
+Stimme, siehe, rief: &bdquo;Schlaf mit mir, süße Freundin.&ldquo;
+Sie erhob sich und warf sich einer sanften
+Schwimmenden gleich in den Dampf.
+</p>
+<!-- page 218 -->
+
+<p>Daisy stand mit ihr auf, ging zwischen gesäten
+Tischen, den Blick fest nach vorn. Ein altes Weib
+neben den Kulissen auf einem Faß zog über ihre
+schamlosen Beine einen Keuschheitsgürtel, stampfte im
+Tanz, grimassierte den Bauch, zwischen gelben Zähnen:
+&bdquo;Elle avait un petit cadnaz .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Auf der Bütte in
+dem Winkel gegenüber schwang die Kitschfanfare eines
+militaristischen Fanfarengauls. Sozialisten schrien sich
+am Ausgang zu: &bdquo;Allons Camerades&ldquo;, stürmten,
+warfen die Bütte um, schwangen einen Kreis um die
+Alte. Daisy stand auf, ging weiter nach vorn. Sie
+saß in der ersten Reihe. Auf der Rampe über ihr
+stand ein Mädchen, und die ungewöhnliche Zierlichkeit
+und Anmut ihrer Beine machte ein Loch in den Lärm.
+Daisys Blick blieb lange an der Biegung ihrer Lippen,
+dem Schwung ihres Leibes, der kindlichen aufreizenden
+Geste, mit der sie sich entzog. Sie saß nun
+ganz an der Spitze des ersten Tisches. Als im Vorgang
+des Schattenspieles ein schwarzes Mädchen
+ohnmächtig ward, der Mittelpunkt des Abends unter
+Gemurre schwankte, sagte sie entschlossen: &bdquo;Ich&ldquo;, trat
+hinter das aufgespannte Leinentuch, fand dort Renée,
+die den Stoff ihres Kleides prüfte, ihre Augen dicht
+ansah, lachte und sie küßte, neben dem Conférencier
+Philippe.
+</p>
+
+<p>Sie lieh ihre Stimme einem Schwan hin, der an
+Philippes Hand grotesk in Schatten verzogen auf der
+<!-- page 219 -->
+Fläche tanzte und es nicht unterließ, in heftigen Perfidien
+dem Präsidenten der Republik nahezutreten, den
+Abend zu retten.
+</p>
+
+<p>Sie gingen eingehängt zum Boulevard St. Michel,
+überquerten den Platz, hielten an der Boulangerie.
+Trabten weiter. Stießen auf d&rsquo;Harcourt, passierten,
+liefen zur Bar, standen vor der Luxembourg-Fontäne,
+gingen in die Source, trieben heraus. Wurden aufgehalten,
+Philipp erkannt, umringt. Studenten schwenkten
+die Biretts, drückten aus ihren Mimis süße Schreie.
+Einer löschte die Laterne, einer kitzelte den Sergant de
+Ville. Sie zogen durchs Croissant, grüßten mit Zuruf
+Jaurès, stoben im Hinterzimmer über das Klappern
+der Jetons, warfen einen Spieltisch um, beknurrt
+vom Haß der Tische hinaus. Zurück zu d&rsquo;Harcourt.
+Dann zur Source. Reichere Studenten schrien den
+Mimis Preise zu. Im Panthéon fiel ein Mann
+klatschend auf einen rundoffenen lackierten Hurenmund.
+Damen von dreißig bis sechzig Franken stießen verächtliche
+Parfümwolken aus gegen die Mimis, die frech
+und ängstlich an den Armen ihrer Freunde schwebten.
+Auf dem Boulmich verdrehte die Mimi Madeleine
+die Augen, fiel um, blutete aus einem Achselgeschwür.
+Sie schafften sie in die Brasserie Lorraine, gaben sie
+ab, saßen um einen Tisch, klatschten in die Hände,
+hoch im Rhythmus, wieder herunter und dann monoton
+in einer Schleife. Daisy schlich hinaus, vermochte
+<!-- page 220 -->
+sich nicht zu entziehen, denn am Ausgang stieß sie neben
+der Kranken auf Philippe. Sein Gesicht, wie er,
+unermüdlich, helfend, gekniet, beschäftigt war, hielt sie
+fest. Sie beugte sich vor, ging überflüssig zurück.
+Renée tanzte schon auf dem Tisch, die blanken hellen
+Scheitel der Dänen blendeten in einem Kreis um sie,
+wieder sah sie ihre unvergleichlich schönen Beine. Man
+ging Rue des Ecoles, Notre Dame, eine Brücke,
+Place St. Michel, Rue St. Jaques, Rue des Etrangers,
+wühlte sich ins Dreieckkreuzfeuer der Lichter vor
+der Nacht-Boulangerie. Zwei wurden abgefaßt beim
+Gebäckdiebstahl. Die Spionin, die im Gewühl der
+aus allen schließenden Cafés sich hier um warme Hörnchen
+massierenden Massen lauerte, griff die Gelenke,
+die Kassadame keifte, vom Pult brüllte der fette Chef
+mit aufgeschlagenen Ärmeln: &bdquo;Steck ihr Pferdäpfel
+ins Maul. Kanalsau.&ldquo; Man riß einige mit aus dem
+Haufen, wechselte ein blombiertes Fünffrancsstück, warf
+ein Pißhaus um, rollte es über die Trottoirs. Man
+kam Rue Guijas. Die Droschke mit Madeleine kam
+an. Man rettete sich aus der Clique ins Hotel, trug
+Madeleine vornher, riß Renée aus den Armen der
+Studenten in den Chauffeurmänteln, knallte die Tür
+hinter sich zu, riegelte ab.
+</p>
+
+<p>Sie stiegen durch die drei Hurenetagen zur sechsten
+der Artisten und Studenten, trugen Madeleine ins
+Zimmer Philippes. Er schlug sein Bett für sie auf,
+<!-- page 221 -->
+legte ein reines Taschentuch auf das Kissen. Beim Abstieg
+zum zweiten Stock in Renées Couloir gab es im
+dritten Skandal. Zwei Weiber, eine im Korsett, eine
+im Hemd, die schimpfte, standen vor zwei Männern
+mit Zylindern im Genick, die Kerzen hielten, und einer
+sagte: &bdquo;Alte Sau .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Die Hure hieb zu, traf nicht
+den Hut, sondern das Licht. Das Dunkel stürzte, eine
+Tür knallte, es schoß. Aus den Gängen quollen Weiber.
+Männer in Pyjamas fluchten, drückten Knipslaternen.
+Atemloses Geschrei verwirrte alles, plötzlich lief man.
+An Daisys Körper griff eine Hand.
+</p>
+
+<p>Sie flog an einen schlanken Körper, der sie rasend
+küßte. Erstarrt hielt sie in dem Zug, der sie einsog,
+in Besitz nahm mit den Lippen, plötzlich schrie sie.
+In Renées Alkoven aber schlief sie im Traum die
+Nacht mit jenem blonden Skandinavier, der die erste
+Nacht, wo sie auf den Mann traf, bei Le Beaus
+Umarmung ihr die Nacht zerfleischte, sie hinaushob
+über die Seligkeit des Franzosen und sie an eine Wonne
+hochstieß, gegen die nichts im späteren auch nur gering
+bestand. Der mit der Hand aus ihr streng heraushob,
+was ihr Schmerzen machte bis dahin. Er tat nichts,
+was ihr zurückgab, aber er küßte ihr Bauch und Bein,
+durchwühlte sie, ward blitzscharf am Rande des Körpers,
+aber im Gesicht milder, als er sie verließ. Dies
+blieb in ihrem Schlaf, so daß sie aus dem Traum mit
+dem Engel glücklicher und befreiter erwachte als je aus
+<!-- page 222 -->
+einer Männernacht. Sie stellte die Schüssel auf die
+Kiste, wusch sich, schüttete das Wasser in den Schacht,
+aus dem mit einer Wolke das Gekeif in das kurz geöffnete
+Fenster hineinstieß. Sie schloß auf zu Renée,
+sah Bewegungen in ihrem Bett, roch den Schweiß
+des Kampfes. Sie wartete still, geduldig. &bdquo;Hundert
+Sous&ldquo; im Nebenzimmer. Die Tür klappte. Sie trat
+hinein zu Renée, die sich müde im Rücken nach der
+Schüssel bückte. &bdquo;Nein,&ldquo; sagte Daisy mit unbegreiflichem
+Lächeln, &bdquo;laß mich&ldquo;, und sie hob die Schüssel
+auf ihre Knie und wusch Renée das Gesicht und die
+Brust. Erbleichend sah sie am eigenen Hals, wie sie
+sich vorneigte, die Dukatenkette vorschwingen. Es fehlte
+seit der Nacht eine Kugel.
+</p>
+
+<p>Sie hatte nur noch eine.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Für Madeleine, die ins St. Denis-Hospital gefahren
+ward, sprach sie allabendlich im Schattenspiel Philippes
+Sätze. Ward seine Angestellte, Vertraute, Sekretärin.
+Sie erlitt das Kneifen ins Bein zwischen den Tischen
+durchgehend, Zurufe Besoffener, während sie sprach
+und ihre Stimme einen Schmelz annahm, der sie nie
+beflügelt. Sie schrieb unter der Petrollampe seine Briefe,
+sein Diktat. Sie schloß, war er weg, die Dachluke,
+räumte sein Zimmer, besorgte seine armselige Wäsche.
+<!-- page 223 -->
+Wurde ihr Auge verzerrt von Gesehenem, gab seines
+ihr Haltung. Rief er, Kommis und Louis zu ergötzen,
+die Nummern des Programms in fanatisch heldischer
+Pose, las sie zu Haus, was er schrieb. Ging sie mit
+ihm neben den Bahnen, verschleierte die Straße sich
+in wohltuenden Nebel. Als im Jardin des Plantes
+der Tiger aus aufgeklafftem Rachen heulte und sie mit
+ihm ans Gitter trat, sah sie die Jungen, nur an den Zitzen
+spielend, ruhig saufen. Er wehrte jede Hilfe ab, bot
+ihr als Ausgleich von seinen sieben Centimes, blieb
+streng dabei, als sie lächelte. Bald konnte sie nur tun
+für ihn, was er nicht merkte.
+</p>
+
+<p>Am Tage des Bastillesturms gab er drei Vorstellungen.
+Am Mittag darauf kam sie in sein Zimmer. Er
+schlief auf dem Stuhl. Sie suchte bis mitten in das
+Zimmer zu kommen. Dann schlich sie hinaus. Nach
+einer Stunde kam sie wieder. Er schlief noch. Sie
+preßte das Kinn wider die Brust, weckte ihn, gab ihm
+den offenen Brief, ihre Augen trafen sich, er nickte.
+</p>
+
+<p>Sie gingen durch den Park, wo Kinder kleine Segelboote
+fahren ließen, durch Rosahüte, Militärmusik,
+sanfte Alleen mit Dogcarts. Kamen in Gassen, Geruch
+von Fischen, Kartoffeln, süßlichem Kinderschmutz.
+Eine Wolke Karbol umstand sie. Eine Schwester mit
+spöttisch grünem Blick versagte den Eintritt, Philippe
+sah sie an, nahm ihre Hand. Sie schwankte, öffnete
+die Tür. Als sie eintraten, lauerte eisiges Schweigen,
+<!-- page 224 -->
+eine Frau wälzte sich lautlos auf dem Rücken im Kot.
+Zwei fuhren auf aus den linealstarren Bettkolonnen,
+schrien, mit Armen die Kissen zerreißend, nach dem
+Mann: &bdquo;Reiß die Mempel aus! Schlammbeißer,
+Creusot!&ldquo; Sie rülpsten, ihre Köpfe waren verbunden
+und geschwollen, Eifersüchtige sich wähnend, schmissen
+die im letzten Stadium Irren über sechs Betten, die
+sie trennten, sich ihren Schleim, ihre Wut ins Gesicht.
+Er trat heran, sie zu beruhigen, indem er die Schwester
+leicht zurückdrängte. Aber als er der einen sich näherte
+und das Gesicht herabsenkte, begann sie zu zittern, fiel
+auf den Rücken, zog das Hemd auf und stülpte den
+zerfressenen Schoß ihm entgegen. Er wollte etwas sagen,
+doch die Schwester riß ihn zurück, hinaus. Daisys
+Rock ward gezogen. Eine dünne Stimme: &bdquo;Zu mir?&ldquo;
+Aus grauenhafter Sehnsucht kehrte ein gläserner Blick
+wieder zum Plafond zurück. Die Frau vom Boden
+stieß sie zur Seite, lief bis an die Tür, wo der Mann
+verschwunden, wimmerte, brach zusammen, umfaßte mit
+den Fingern die Klinke, die er berührt. Links war die
+Krankheit schon Agonie bei einer Kette Betten, rechts
+saß ein Kind und lächelte, vierzehn Jahre. Nun kam
+Daisy zum Fenster, blieb fünf Minuten bei Madeleine,
+gab ihr Äpfel, Rosinen, Bananen, Brot. Dann
+gingen sie auf die Nachbarbetten zu, legte bald auf
+jenes Kissen, bald auf dieses Tuch Frucht, und wie
+sie austeilte mit einer Armbewegung, die fast nicht da
+<!-- page 225 -->
+war vor innerer Inanspruchnahme, begann, ohne daß
+sie sprach, es immer stiller zu werden. Als sie fertig
+war, peitschte ein Schrei, stand, stieß, zerbrach. Zwei
+neueingekleidete Mimis, die Kette mit der Indikation
+der Maladie um den Hals, die frech herein kamen,
+bekamen andere Augen, andere Bewegungen, zerbrachen
+irgendwie unter dem Schrei. Neben der Toten stand
+die Schwester. Madeleine sah auf das Grün im Garten,
+zurück zu Daisy, ließ ihre Hand nicht bis zur
+Türe. &bdquo;Zu mir?&ldquo; frug die gläserne Stimme, wandte
+das zarte Profil sich hinauf. In die geklemmte Tür
+noch zwängte Madeleine den Hals, sah Daisy nach,
+bis sie verschwand.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Dies ist ein Zuchthaus.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Aber auch von St. Denis sehen sie den Himmel&ldquo;,
+sagte Philippe.
+</p>
+
+<p>Ihr Blick blieb nachdenklich, zugeschüttet, an dem
+glänzenden Lack der Kinderhüte und dem weißen Crepe,
+der die Hemden der Croquetspieler leuchten ließ auf
+der Luxembourgterrasse, als streichle er empört ihre
+Zartheit.
+</p>
+
+<p>Abends nahmen und sperrten Apachen unter Jeannot
+das Café Guijas ihres Hotels. Sie blieben mit einem
+Teil, während die meisten Studenten und Mimis durch
+den Keller flohen. Jeannot mit sympathischen Augen
+aß mit Kameraden um einen Tisch, drei standen Wache.
+Nach dem Dessert zog er die schmale Ly herüber,
+<!-- page 226 -->
+knutschte sie durch, fuhr ihr an den Bauch, lachte,
+legte sie aufs Billard. Alle umstellten es im Kreis,
+sahen zu, reichten ihre Röcke nach rückwärts. Jeannot
+strich seine Mouche, herrenhaft amusiert und wandte
+sich schon wieder ab, lachend über die Kuriosität der
+Hermaphrodite, als diese, außer sich, ihm einen Siffon
+an den Kopf schmiß. Kellner und Wirt, bleich vor
+Angst, dienernd vor Jeannot, schrien sie an. Der
+irische Aufwischer faßte sie wie ein Schwein, tat den
+größten Schimpf, warf sie aus der Tür. Sie wehrte
+sich, weinte, biß, kratzte, hielt sich an jedem Tisch, an
+jedem Arm. &bdquo;Gut zum Schlafen, wäre sie nicht .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+sagte Jeannot achselzuckend zum Ringkampf, dem er
+lässig zusah, wandte sich ab. Sie schlug vor den
+Scheiben in die Gosse, das Gesicht im abspülenden
+Regenstrom, wimmernd: &bdquo;On m&rsquo;a sortie.&ldquo; &bdquo;Fiaker?&ldquo;
+frug ein Kutscher, der vorbeifuhr, gröhlte in sich hinein,
+hieb die Gäule um die Ecke. &bdquo;Hilf&ldquo;, sagte Daisy leis,
+als sie rangen. Aber Philippe blieb unbeweglich, bis
+sie im Schmutz lag, ging dann hinaus, tröstete sie,
+nahm sie am Arm, führte sie zurück vorbei an Jeannot,
+der die Pfauenbrauen zuckte, umdrehte, dem Iren mit
+der flachen Handkante ins rote Genick schlug, daß der
+in die Knie schoß und über ihn kindlich herüberlächelte.
+</p>
+
+<p>Sie legten sie in Daisys Zimmer. Um Zwei klopfte
+es. Philippe brachte zwei Männer, einer betrunken,
+der andere fiebernd. Sie teilte die Matratzen. Sie
+<!-- page 227 -->
+machte mit Freundlichkeit Platz, haßte ihn nachts,
+morgens schlich sie in sein Zimmer, alles aus ihr stürzte
+in sein Wesen zurück.
+</p>
+
+<p>Sie ward seine Begleiterin, nichts geschah ohne sie.
+An Betten, bei Kranken war sie hinter ihm. Sein Ausdruck
+flog ihr an. Mit seinem Wort gab sie Erhebung.
+Sie stand unsichtbar, ein sorgender Schatten, vor seiner
+täglichen Existenz. Sie wies Renée aus dem Zimmer, die
+mit den Waden nach einem Literaten kokettierte, die Stunde
+störte, wo er sich gab. Sie stand an der Wand, las er
+seinem Publikum, Russen, Kranken, Bettlern, Studenten.
+Ihre Seele schwang mit, glühte fromm mit seiner, pries
+er das Unglück, das tiefer forme, Hunde inniger, Pferde
+schöner mache. Sie bewunderte ihn, wie er gab, schenkte,
+sich teilte und verdoppelte mit einer Freude, die seinem
+Gesicht nie die weiche Erfülltheit nahm.
+</p>
+
+<p>Sie strebte, ihm zu gleichen.
+</p>
+
+<p>Sie warf jeden Gedanken aus dem Hirn, der von
+seiner Richtung abwich, kasteite sich, übertraf eine
+Stunde mit der anderen. Sie gab das Letzte, was sie
+trug, den Ring an Ly, die ihn bewunderte wie eine
+Legende, ihn vor Freude in den Mund steckte, darauf
+biß und ihn fast verschlang. Sie begleitete ihn zu
+Guigui, sprach mit ihr hinter dem Gitter des Gefängnisses,
+vergaß nicht den Zug des Rehhalses am
+Eisen, kam über die Korridore mit ihm heraus und
+begann, als die Sonne herabströmte, zu weinen.
+</p>
+<!-- page 228 -->
+
+<p>Doch die unbewegliche Güte seines Gesichts brachte
+sie ins Gleichgewicht zurück und sie vergaß die Auflehnung
+und den Druck, mühte sich stark zu sein,
+ihn zu übertreffen.
+</p>
+
+<p>Sie mogelte Geld in seine Kasse, hungerte um ihn,
+kürzte den Schlaf, brachte ihm Menschen, die sie instinktiv
+auflas, in seinen Abend, gab ihm, wenn sie
+beschwingter ihm folgten, einen Wirkungskreis, der öffentlich
+ihm fehlte, da er Elend lobte.
+</p>
+
+<p>Sie sah ihn, Vorbild, gerührt ins Letzte, den Vorschuß
+des Café-Konzert an ein Kleid Renées geben,
+Essen für Guigui. Er speiste auf einer Bank im
+Monceau, damit sie nicht sah, daß er trockenes Brot
+aß. Sein Bett lieh er aus, blieb die Nacht im Stuhl.
+Er sprach freundlich zur Concièrge, obwohl er wußte,
+daß sie seine Manschettenknöpfe stahl. Lächelte, als
+das Sopha unter ihm brach. Ging still neben Ly,
+ohne Protest, als sie unschuldig wegen des Ringes als
+Diebin abgeführt ward. Sie sah mit einem schaudernden
+Mitleid, wie er sich verschwendete, Unfruchtbares
+tat jeden Tag, ohne Tat und Ziel, das half, wie er
+Hohn bekam, belacht, verschimpft ward, aber unrührbar
+blieb in seiner Weise.
+</p>
+
+<p>Die Liebe aber zu seinem Vorbild wuchs daran über
+jeden Begriff, wuchs an jedem höhnischen Lächeln, das
+man auf ihn zielte. Bedenkenloser stellte sie sich vor
+ihn. Sie suchte noch mehr, ihm alles leicht zu bereiten.
+<!-- page 229 -->
+Sie sah, wie er sich quälte, das neue Schattenspiel zu
+stellen, Ordinäres und Geistloses aus den Tageskämpfen
+zog, Unterleib und Hirn des Pöbels zu reizen, um so
+die armseligen Sous für sein Leben zu gewinnen, die
+er doch wieder weggab. Und schien ihr sein Kampf
+verfehlt und schlecht eingesetzt am ungünstigen Hebel in
+mancher Sekunde, so schien die Stärke, die ihn überwindend
+führte, doch ungeheuerlich im Großen, daß
+sie über alles hinweg sich diesem hingab, restloser bemüht,
+zu sein wie er, Übel zu vergessen, Trost zu geben,
+ihm Stütze zu sein. Sie überwand sogar, was schwerer
+schien wie das andere, was ihr Geist vollbrachte, sie
+überwand ihren Körper. Holte Leder und Federn, übte
+die Tänze ihrer Heimat, deren Bauchkonvulsionen hinrissen,
+um seine schwache Nummer zu stützen und gab
+ihren Leib den geilsten Blicken.
+</p>
+
+<p>Aber ihr Hirn erreichte selbst in der Opferung kein
+Glück.
+</p>
+
+<p>Sie konnte, wo er sie gelehrt, tiefer zu schauen, die
+Abgründe nicht mit ihren Händen zusammenschweißen,
+die aus der Not verfluchter Zeit und dem Zwang, sie
+zu lindern, sich ergaben, und Dienen und Helfen schlugen
+ihr gleich Gewichten aus der Hand, wenn bei aller
+Hingabe keine letzte Befriedigung kam.
+</p>
+
+<p>Sie blieb allein. Lief durch die Gassen. Erbleichte
+unter seinem Anblick, schloß sich ihm demütig an. Sie
+kamen ins Café, als Ly von einem Krampf ergriffen
+<!-- page 230 -->
+auf dem Rücken lag und schrie. Philippe ging auf
+sie zu und, indem er die Hand ausstreckte nach ihrer
+Stirn, gelang es, daß sie beruhigt aufstand. Daisy
+neben ihr auf dem Barstuhl. Renée verkaufte sich
+einem blassen Deutschen feilschend um ihre Taxe: hundert
+Sous. Sie frug nach Luison. Achselzucken. Sylvie,
+die mit einem Amerikaner zog, der ihr Opium ins
+Gedärm gab, eh er mit ihr schlief .&nbsp;.&nbsp;. &bdquo;May?&ldquo;
+&bdquo;Die Krankheit.&ldquo; &bdquo;Riette?&ldquo; &bdquo;Die Krankheit.&ldquo;
+</p>
+
+<p>St. Denis.
+</p>
+
+<p>Das Wort schlug wie ein Hammer sekündlich in
+ihre Seele. Verheerte, verwüstete sie, trieb Wut heraus
+und Auflehnung, bis sie flammte. Schlichtete ihr
+Glaube sich an Philippes Nähe sanfter und demütig,
+ein jeder Besuch, ein jeder Tag rieb sie an der Unvollkommenheit,
+dem Irrsinn der Welt. Bald sah
+sie nur noch so, daß sie Kontraste maß, Distanzen
+spürte, das Riesige, was die Menschen schied und
+sie unglücklich machte, nur als geringe Strecke, als
+kleine Unterscheidung empfand und unverstehend blieb
+an der Hartnäckigkeit, mit der gestempelte Dummheit
+das Glück hintertrieb.
+</p>
+
+<p>Samstag verschwand Renée, sie sah sie nicht wieder.
+Abends brach eine kastilische Mimi zusammen, spie
+das Lokal voll Blut. Man warf sie in einen Karren,
+er rollte los. Herauf schwankte ein Beerdigungswagen,
+ein Auto mit bemalten Kokotten schnitt die Bahn.
+<!-- page 231 -->
+Da fiel sie ohnmächtig zurück, wie vom Blitz zerschmettert
+von dem einstürzenden Gefühl der Unzulänglichkeit
+ihres seitherigen Lebens.
+</p>
+
+<p>Die Nacht kam sie zu Philippe. Er hatte die
+Augen weit und sehnsüchtig auf sie gerichtet, wie sie,
+das Licht über dem nackten Arm, hereintrat. Sie
+ging bis an sein Bett, kniete auf das Holz. Sie
+neigte sich zu ihm, und es fiel ihr schwer zu sagen:
+&bdquo;Wäre es nicht schöner, Philippe, du hättest Ly geholfen,
+statt mit ihr zu gehen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>Er schwieg.
+</p>
+
+<p>Dann sagte er: &bdquo;Ich kann nicht bestimmen, auch
+du nicht, was ihr Glück ist. Aber ich suchte zu
+helfen, als sie litt.&ldquo; Es gab für ihn keinen anderen Weg.
+</p>
+
+<p>Sie ging, sagte nie mehr ein Wort. Von ihrem
+Gesicht nahm stets sein Auge die Auflehnung hinweg.
+</p>
+
+<p>Aber sie sah, wie das Café mit neuen Mimis sich
+füllte, wie die wieder verschwanden, zu rasch durchgekeltert,
+zerbrochen, verbraucht. Wie neue Wellen der
+Boulevard hereinwarf. Die Lues wütete. St. Denis
+sich füllte, gespeist aus tausend Lokalen, Schicksal sich
+vollzog, in der Maschine des Hospitals das Fleisch gesiebt
+ward, die beiden ersten Stadien noch mit Grazie
+vergingen, das dritte aber wie Pestilenz die jungen
+Körper durchwütete .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. wie Verlebtes herausschoß,
+Angenagtes hineinkam, wie die Maschine kaute, fraß,
+schlang &mdash; &mdash; und nichts half an der Wurzel, nichts
+<!-- page 232 -->
+umstülpte, was gemeinhin half. Gott nicht unterstützte.
+Was blieb als helfen? Nachts bohrte ihr
+Hirn, sie schlug an die Wand, riß an der Tapete.
+Ging sie mit Philippe, gab sie Hingebung, Duldung,
+Erquickung. Ihr Lächeln bezauberte. Louison beantwortete
+es zwischen einer Hungerohnmacht. Madeleine
+schien es, sie empfange mit ihren Bananen Himmel,
+Musik, Freiheit. In Philippes Leben stand sie und
+fühlte, daß er es brach wie Brot, zu heben, finden
+zu lernen, Stärke in Ruinen zu bauen.
+</p>
+
+<p>Ihr Hirn jedoch bäumte sich dagegen und ihr Blut,
+das frisch mit den Dingen des Daseins strömte, daß
+er dem Ende der Tragödie sich nur hingab, in schon
+Zerschlagenem erst das Menschliche züchtete, statt an
+der Quelle groß und sicher die alten Schleußen zu zerschlagen
+und neue aufzubauen. Und mit Haß empfand
+sie seine große Begrenzung, die wohl das Eigentliche
+wollte und im Zerbrochenen gleich das Geläuterte sah,
+aber keinen Sinn hatte für Anfang und Ende des
+qualvollen Weges, der das Menschliche verdarb und
+vergeudete in einer ungeheuerlichen Preisgabe. Sie
+konnte nicht unterlassen zu denken, während er Madeleine
+sein Geld gab, ihre Geschwüre seien nicht, flöge
+ein Paragraph in die Luft; Guigui sei frei, blase ein
+Tapferer ein dünnes Vorurteil auf wie Seifenschaum.
+Wohl empfand sie süß aus jeder hilfreichen Bewegung,
+das Wichtigste sei, die Menschen zu bessern am Beginn,
+<!-- page 233 -->
+Menschen zu schaffen mit Vorbild und Beispiel,
+aber was half es, dauerte es Jahrhunderte. Ihr Herz,
+das mit tausend Fasern in die Zeit schlug, bewegte bei
+jedem Zusammenstoß mit dem Elend ihres Cafés, ihres
+Hotels, ihres Zimmers sie, einzugreifen, statt mitzuleiden,
+und der Irrsinn, der Hundert zerschmetterte, um wenige
+sinnlos zu heben, benahm ihr den Atem und ließ sie
+in Gedanken sündigen stündlich gegen seinen Sinn.
+Denn da im Umschwung des Daseins sie aus der
+oberen Kuppel des Theaters hinabgestürzt aus dem
+Willen ihres Blutes in die hintersten Parterre, empfand
+sie die Kontraste deutlicher und schicksalshafter wie er,
+der im Bodensatz nur lebend liebte und tröstete.
+</p>
+
+<p>Und mit der Berührung des Primäraffekts erlebte
+sie erst die ganze Rundheit des Daseins und mehr als
+je klaffte ihr von dieser Tiefe ihrer Existenz nur die
+eine Losung: &bdquo;Hilfe dem Menschen&ldquo;, und aus Dreck
+und Kot und Unzucht kamen die Übersicht und die
+Entscheidung in ihr Leben.
+</p>
+
+<p>Noch hielt sie seine Güte, noch brach nicht aus,
+was sich wehrte, noch rührte die Liebe zu ihm und
+sein Bild sie zu solchem Mitleid, daß sie nachts hinausschlich,
+seine Schuhe reinigte, dem Kaffee, wenn er
+morgens an ihrer Etage vorbei ihn sich durch den
+Garçon bringen ließ, einen Zucker noch, den er liebte,
+hinzufügte, wozu sie eine halbe Stunde harrend auf
+der Treppe stand. Sie mühte sich, in die Seineantiquariate
+<!-- page 234 -->
+zu laufen, Kolibris, Lederfransen und
+Muscheln zu kaufen, ihr Kostüm heller zu verzieren
+und ihren Tanz zu Schleifen zu bringen, die das Letzte,
+was Scham ihr noch ließ, preisgaben, damit sie seine
+Premiere sichere und ihm Ruhe gebe. Sie schwieg,
+während ihr Innerstes sich elementar schon empörte,
+rückte näher an ihn, schmiegte sich in seine verborgensten
+Falten, lebte selbst in seinem eingeschlafenen Gesicht.
+</p>
+
+<p>Am Abend der Neuaufführung glühte der Kellereingang
+phantastisch. Die Stühle um zwanzig vermehrt.
+Sie stand im Kostüm halbnackt. Da arretierte
+ein Sergeant de Ville ihm die unersetzbare Sprecherin
+des Uhu. Das Spiel fiel aus sieben Minuten vor
+Beginn. Das Weib war im achten Monat, der
+Sergeant riß sie schleifend die Treppe hinauf.
+</p>
+
+<p>Da überstieg der Zorn über das, was er am Guten
+verfehlte, an falschen Plätzen vergeudete und verpraßte
+und nicht aufhob für das Donnernde, das seinem Leben
+Ziel und Erhebung geben konnte, all das in ihr einen
+Augenblick lang, das an ihm hing. Geröteten Gesichts
+unter der Schminke bat sie heftiger, er solle sich
+wehren, nicht gefalteter Hand sich selbst zerstören und
+abbauen, statt zu schaffen. Aber er wehrte sie mit der
+Hand leicht ab und einem Ausdruck um den schöngeschlossenen
+Mund, daß ihre Hand, Verzeihung erbittend,
+die seine strich.
+</p>
+
+<p>Aber sie verlor nicht das Gefühl, wie sehr die Unzulänglichkeit
+<!-- page 235 -->
+seines Lebens das ihre bedränge und daß
+sie sich zerstöre und fessele, lebte sie weiterhin wie seither.
+Sie verstummte verzweifelt. Sie empfand zum
+ersten Male die Ungenügendheit der Menschen, in denen
+die Führer taub und falsch gerichtet lagen und an denen
+zerbrach, was glühte.
+</p>
+
+<p>Sie tanzte mit einem Lächeln, das sein Gesicht nicht
+ausließ, steigerte sich zu den schamlosesten Gebärden,
+hob Bauch und Schenkel, daß nichts ihr blieb, alles
+ins Publikum fiel an Reiz und Erregung ihres unbegreiflich
+schönen gebogenen Körpers. Während ihre
+Füße in Unzucht gingen, lobte ihr Mund nur sein
+Gesicht, forderte ihr Auge sein Lächeln.
+</p>
+
+<p>Sie sammelte, durchbrach die knatternden Applause,
+stellte den gehäuften Teller vor ihn, strich über seine
+Hand. Ging.
+</p>
+
+<p>In seinem Zimmer begann sie zu schluchzen. Sie
+sah sich um, verließ es.
+</p>
+
+<p>Sie lebte vor Cafés, auf Imperials. Lebte Rue
+Richelieu, Rue Bonaparte. Kam Quartier Ternes,
+fuhr auf einem Karussell mit Affen am Etoile. Glühender
+Scheibe gleich sauste der Kreis des Daseins vorbei. Sie
+blieb draußen. Atemlos. Ohne Besinnung. Die
+Zähne aufeinander. Ohnmächtig Knie an Knie. Immer
+wars, es stürze wie über Terrassen das Gesehene und
+Erlebte ab von ihr. Ihre Verzweiflung trieb die
+hellsten Tage zurück. Der Papagei der Savoyardin
+<!-- page 236 -->
+im Luxembourg, der sie kannte und liebte und dessen
+Hals sie kraute seit Wochen in schöner Zärtlichkeit,
+rieb den grünen Kopf an ihrer Hand. Sie sah ihn
+nicht. Sie fuhr nach St. Germain. Vom Imperial
+brach die Stange vor der Station, ein Latschmützer
+sauste ab, hielt sich, stürzte eine alte Frau auf die
+Chaussee, sie brach die Beine, schrie aus kreisrundem
+Mund &bdquo;Adolphe&ldquo;. Kondukteur und Arzt herbei, der
+Apache bestach, blieb an der Ecke, höhnte: &bdquo;un plomb&ldquo;,
+der Schaffner warf das Bleistück wütend auf die
+Erde, ging mit roten Fäusten auf die Apachen, die
+die Zigaretten in den anderen Mundwinkel steckten,
+ihn über einen Zaun schmissen. Der Arzt reinigte sich,
+unter Gequietsch rollte ein Handwagen mit der Frau
+ab, die Männer sagten &bdquo;merde&ldquo;, schlenderten weiter.
+Die Vögel sangen toll. Aus einer blauen Woge trieb
+sich der Park gleich einer Wolke heran und stand
+zitternd in der duftenden Luft. Der Wind wogte
+golden um den Hochstieg der Sonne. Die Boskettes
+fluteten vor Licht. Sie nahm eine Bank. Hinter
+dem Brunnen ward der rote Strumpf eines Mädchens
+deutlicher, stieg, die Hand eines Mannes hob, der Rock
+flog auf wie ein Pfau. Als die kristallene Abendwölbung
+kam, hing eine rote Windfahne über dem
+Schloß, ein Mandelbaum, der fast weiß ward vor
+Hingabe, roch wie im Traum.
+</p>
+
+<p>Frierend fuhr sie zurück.
+</p>
+<!-- page 237 -->
+
+<p>Wohnte Trocadero, sah Flugzeuge silbern am Himmel
+surren. Rue du Château d&rsquo;eau schlief sie bei der
+Concièrge, spielte abends in Porte St. Martin. Stand
+mit <a id="corr-8"></a>Heiligenbildern vor St. Sulpice. Wohnte Porte
+de Bercy, Bois de Vincennes. In einer Gärtnerei
+Neuillys goß sie Blumen, hütete ein Kind, bis es
+schrie und lief unter dem Schreien plötzlich davon.
+Stand fest vor der Porte Maillot mit &bdquo;Intransigeant&ldquo;,
+&bdquo;La Presse&ldquo;, empfing das Trinkgeld der Soldaten, hielt
+unter den Wasserpalmwedeln durchsausender Automobile,
+spielte Karten mit den Zollwächtern der Barrikade.
+War eine Negerin im Odeon, entblößte den Bauch
+und schwang ihn wie ein kupfernes Schild zwischen
+den zärtlichen Hüften. Hielt Narzissen in einem Kiosk
+der Place des Vosges. Stand auf dem Wagen der
+demonstrierenden Studenten der juristischen Fakultät, umbrüllt
+von Jugend, Benzin, Fleisch. Verkaufte &bdquo;Les Trois
+Couleurs&ldquo;, mit denen der &bdquo;Matin&ldquo; den Deutschland-Frankreich-Rekordflugpreis
+des &bdquo;Journal&ldquo; bekämpfte.
+Wohnte Rue St. Jaques, die <a id="corr-9"></a>barock vom Panthéon
+steil und dämmerig zum Boulevard de Port Royal
+steigt. Sah Madeleine aus einem Auto, verhüllte
+ihr Gesicht. Fiel zurück in das Getriebe, sah Gare
+St. Lazare die Auslandszüge über den starren Friedhof
+brausen, drückte Blériots schwielige Faust. Stieß im
+Louvre auf Guigui, die mit schwarzem Lorgnon, elegant
+gekleidet, an ihr vorbei auf einen zottigen Rumänen sich
+<!-- page 238 -->
+lanzierte. Sah die blauen Monde elektrischer Laternen
+die Sommernacht der Boulevards schwärmerisch durchschwimmen.
+Wohnte Tuilerien zwischen Hecken und
+Marmorbildern. Kam in ein Musikcafé, eine Geige
+riß ihr ins Herz, löste sie wundervoll auf und zog aus
+dem Verschütteten mit dem schon über das Menschliche
+hinausgehenden Hinreißenden ihrer Stimme sie in die
+Höhe. Sie ging hinaus, begann zu weinen, kam auf die
+Bahnhofsbank des Boulevard Montparnasse. &bdquo;Kommen
+Sie&ldquo;, sagte eine Stimme hinter ihr. Durch Tränen
+sah sie den Mann, der im Café Cluny neben ihr die
+Zeitung gelesen, ihren Kaffee bezahlt hatte. Atemlos
+nahm sie seinen Arm. Da sie ausgedurstet war nach
+einer menschlichen Stimme, wäre sie gefolgt, wäre sie
+rauher noch und befehlender gewesen wie diese. Verscholl.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Aus den Sonnenblumen des Rangunschen Weibergemeinschaftshauses
+brechend, schlug Stefan ihr die
+Arme um den Hals von rückwärts, drückte, schob einen
+Knebel in ihren Mund, warf sie auf einen Gaul, das
+Tier lag in den Knien, ein anderer Pferdekopf schob
+sich vor, sie war frei, da rasten die Gäule, eine Hand
+riß ihren Zaum. Sie ritten die Nacht durch. Ihre
+Augen zählten die Äcker, sieben Bäche, sie lauschte.
+Geräusche. Alarm. Wasserzüge leuchteten Metall.
+<!-- page 239 -->
+Mond über einem Ölbaum. Der Mann schlug Schleifen,
+ritt ein Stück mit ihr im Fluß. Der Küstenstrich
+war alarmiert, er ritt zurück. Eine Finte. Seine
+Ohren standen steif vor Anspannung. Die Gäule stoben
+durch Gestein zurück auf einen Hügel. Vor dem Himmel
+gebrochen hingen Bergzüge in die Weißnacht, darüber
+eine Kuppe wie ein Segel geflaggt. Hinzu trieben
+sie in Wälder. Als sie den Gurt durchbrachen,
+Zweige um sie schnellten, flammte die Sonne auf. Sie
+kamen an ein Bambushaus. Er stellte die Leiter an,
+ging in den Verschlag, zog die Leiter hinter ihr ab.
+Als er sich umdrehte, ward sie unwohl, die Periode
+erfüllte sie mit Nebel, warf sie um. Abends, als sie
+die Augen aufschlug, entdeckte er es. &bdquo;Vier Jahre&ldquo;,
+sagte er, seine Hände zitterten. Sie sah an seinen
+Fingern hinauf, hinab, schlief ein. Anderen Tages mußte
+sie reiten. Sie ritt.
+</p>
+
+<p>Sie ritt mit ihm, der unter holländischem Lampenhut
+das Kostüm des nördlichen Chinesen trug, um die
+Wette. Schlief bei Tage. Fuhren nachts in Lagerfeuer.
+Eingeborene zwischen spritzenden Spänen sausten, die
+Fäuste in den Augen, in die blonden Felder. Ölbäume
+zitterten erregt unten in Ebenen. Sprach kein Wort
+mit ihm, nur an seinen Händen sah sie die Sehnsucht
+von Jahren. Als sie wohl ward, kniete sie, beugte
+sich über den Kopf, der quadratisch geschlossen schnarchte.
+Beugte sich tiefer, roch ihn, empfand die Gewalt,
+<!-- page 240 -->
+schlug die Zweige zurück, auf Schuhspitzen und Handflächen
+schlich sie in eine Rinne, kam an den Rand,
+pfiff die Gäule, ritt nach der Küste zurück. Hielt am
+Mittag. Von ihrem Gesicht fiel ab, was sie gelebt
+das Jahr und was sie erwartete. Sie lauerte, überströmte
+sich mit Blut. Kehrte um, wandte den Rücken,
+schlug Stefan einen Pfiff, machte Bogen, führte die
+Gäule rechts und links am Halfter, rannte mit ihnen
+ins Wiesenwachs, ließ los .&nbsp;.&nbsp;. zwei Bogen sausten
+in den Horizont. Sie schlug sich morgens zu einer
+Karawane. Um sie Sand. Nach dem Berg zu.
+Allein.
+</p>
+
+<p>Mitten trugen sie einen Alligator, vorn ein Parah mit
+Weibern für Bergradjahs. Die Armenier liefen beim
+Halt nach vorn, starrten in das Kattun. Daisy gab
+einem Ceylonier ein Messer für einen Esel. Er sah
+auf ihre Weiberhand, mißtraute ihr in dem Jünglingsrock
+mit abgeschnittenen Haaren, bedachte, es sei ein
+politischer Emissär, meckerte, sah Rebbach in der Beziehung,
+blieb treu neben ihr. Abends hob sich der
+Kattun des Vorderkamels. Hüften schaukelten prall
+und weiß. Ein Tuch fiel. Eine Auge grell nach
+Fleisch suchte das ihre, die Lider senkten sich, der Kattun
+verschluckte nicht das Zeichen. Es galt ihrer männlichen
+Kleidung, der tänzerinnenhaften Bronzeschlankheit.
+Am Morgen kreuzte sie eine Karawane. In
+der zweiten Reihe ritt Stefan auf sie zu, sie erstiegen
+<!-- page 241 -->
+einen Palankin, sie schloß die Augen. Wieder roch sie
+seinen Körper, dessen breite Muskeln sie fast zerbrachen.
+Demütig nahm sie seinen Zorn, seine Beglückung. Sie
+hoben sich aus den Knien. Der Kattun beim Vorderkamel
+stieg in die Höhe, das Zeichen des ersten
+Feuers kam. Dolche sahen in den erhellten Palankin.
+Wütend schlug der Kattun zurück. Das Weib heulte die
+Nacht, geschändet in ihrem Geschlecht, denn das Tun der
+beiden Männer im Palankin war ein Greuel. Am Gebirge
+bremsten sie, trennten sich von der Masse, schlugen
+sich in die Täler. Ein sanftes Gesicht wandte sich ihm
+zu, als sie allein hinter einer Düne standen. Allein die
+Fremdheit dieser Ergebung füllte ihn mit Mißtrauen
+so, daß er sie mehr beobachtete, als hätte sie Fäuste
+in sein Gesicht geschlagen. Doch sie tat keinen Laut,
+ergab sich und war in ihrem Erleiden und sich Schenken
+von einer Entferntheit, die ihn rasend machte hinter
+seinem steinernen Gesicht. Entfernte sie sich: &bdquo;Halt&ldquo;.
+Ging er vor ihr, sahen zwanzig Augen aus seinem
+Rücken. Führte sie, fraß sie sein Blick. Doch je mehr
+er sich bemühte, um so mehr gab sie sich ihm schrankenlos
+in die Hand. Allein er empfand auch hierin
+nur, was sie verschwieg.
+</p>
+
+<p>Als ihr die Milz schwoll vor Feuchtigkeit, Fieber
+ihr Hirn verwirrte, trug er sie am Leib an einen Sonnenabhang.
+Das gesteigerte Blut wehrte sich, sie schlug
+ihm das Gesicht auf. Als das Licht das Fieber aus
+<!-- page 242 -->
+ihrem Körper warf, sah sie das Blut. &bdquo;Ich schlug
+dich nicht&ldquo;, sagte sie. Er schwieg. Da küßte sie
+seine Hand; &bdquo;Verzeih.&ldquo; Sie lag wie ein Kind an
+ihn geschmiegt. Er sagte nichts, denn er besaß.
+</p>
+
+<p>Je mehr er besaß, um so stärker zog er sie in den
+Kreis, den seine Kraft um sie schloß und sie bedingungslos
+ihm gab. Bronzekörper fielen hinter sie zurück,
+Geschlitzte trieben Yaks auf Abhänge, tranken Alkohol,
+schrieen die Nacht. Er band sie mit jedem Gedanken,
+als es schneefrei ward. Ihren Willen schied
+er aus. Seinen pumpte er ein. Ihr Schritt ward
+bestimmt. Das Moos für den Fuß bezeichnet. Selbst
+ihren Gang, da das Unaussprechliche ihrer Ergebung
+ihn wie mit tausend Widerständen peinigte, regelte er
+nach Tempo, Biegung, er hätte versucht, sein Blut
+ihren Adern einzuführen, das dunkle Letzte suchend,
+was er besitzen wollte. Die Nacht nahm er ihr die
+letzte der achatnen Kugeln. Im Morgengewölk entblätterte
+die Spitze. Ein schnurgerader Weg in Fels gemeißelt
+blitzte hinauf. Links, rechts sausten Abgründe. Am Ende
+oben stand ein Bau. Zweimal stieß Stefan vor, kam zurück.
+Das drittemal war er bleich. Er untersuchte die
+Abstürze, den Stein, blieb die Nacht weg. Am Morgen
+kam er: Aus. Rot im Weiß des Auges. Die Hände
+hingen schlaff. Sein Mund murmelte die Stationen,
+die in vier Jahren die Sehnsucht ins Irrsinnige gesteigert:
+&bdquo;Paris .&nbsp;.&nbsp;. Marseille .&nbsp;.&nbsp;. Kalkutta .&nbsp;.&nbsp;. Pegu.&ldquo;
+</p>
+<!-- page 243 -->
+
+<p>Sie lächelte, band den Gürtel schräg, torkelte, strich
+die Sandalen ab und ging mit einem kühlen Schatten
+neben sich los. Auf das Tor zu. Klopfte den vierfachen
+Rhythmus, es schloß sich hinter ihr. Sie glitt
+in die Welle, die im Kreis des Hofes brauste. Senkte
+den Kopf, schritt mit, strich nach zwei Stunden von
+der Peripherie, sah ein gelbes Band, kam in den zweiten
+Stern, sprach eine Minute, glitt durch die Barriere
+in die innere Drehung. Die gelbe Binde verschwand,
+bückte sich. Ein anderer wiegte an der Seite. Sie
+kam näher der Kuppel am Mittag. Der Kreislauf
+faßte sie enger um die Mitte, schlang sie ein, trieb
+sie in den innersten Kern, sie flog von Schleife in
+Schleife, glitt an ein Metall, es erzitterte, nach fünf
+Minuten kam sie bleich mit einer Tafel. Den Kopf
+gesenkt, die Welle nahm sie auf. Langsamer und vorsichtiger
+spie sie sie aus. Ihr Bein tat weh im
+Torkeln, aber das vergangene Jahr verließ sie nicht.
+Sie strömte durch das Brausen, die Flügel des Umschwungs
+geleiteten sie mählich, hochmütiger aus dem
+Herz des Sternes. Gegen Abend zog die Menschen-Mühle
+mit Schweigen, sie bog in die äußerste Peripherie,
+stand abgestoßen vor dem Tor.
+</p>
+
+<p>Es war dunkel. &bdquo;Komm&ldquo;, sagte sie.
+</p>
+
+<p>Sie überschritten den Steg, ein schmales Tal schmiegte
+sich entlang, am Ende ein Tor. Die Türen sperrten,
+die Nacht zischte in der Laterne, die ihr Gesicht überflog,
+<!-- page 244 -->
+das Licht fiel auf die Tafel, das Gegentor schoß
+auf. Die Ebene lag vor ihnen. Sie lächelte. In
+seine Hand gab sie die Tafel, sie konnte sein Gesicht
+nicht sehen, später erst ward der Himmel heller, fiel
+weiß im Bogen gegen den Grenzfluß. Unter dieser
+Bewegung spürte er, daß das Unwägbare in ihr, was
+er gesucht und nie erreicht, solang er gezwungen, ihm
+näher nun, wo sie sich über ihn schwang, war als je. Dies
+schlug ihn ganz zusammen. Sie übersah es. Blieb die
+gleiche. Frug ihn nach Weg, Leitung, gab ihm die Führung,
+folgte ohne Zögern. Sprach ruhig zu ihm von Wäldern
+und Flüssen und Dingen, die sie umgaben. Von sonst
+nichts. Sie häufte alles auf ihn, was ihm das Ansehen,
+den Ausschlag, die Leitung gab. Als es ihn zu sehr bedrückte,
+ergab sich eine stillschweigende Harmonie, sie
+wünschte, er tat, aber sie zeigten, sprachen es nicht aus.
+Er verstauchte das Knie eines Tags. Sie blieb erschrocken,
+da fraß ihn das, was ihm Komödie schien, ans Herz,
+er brauste auf, die Schläfen wölbten sich, die Fäuste
+wuchsen. Sie aber unterzog sich dem ohne Betonung,
+demütig, nahm es hin wie vorher. Dies wischte seine
+Erregung weg, und von diesem Augenblick blieb er in
+einer gefaßten Ruhe, die jede Schwingung seines Blutes
+in einer ehrfürchtigen Entfernung hielt. In diesem
+Gefühl fand er sich wieder, wurde stolzer, sicherer, und
+so empfand er die Entfernung, die sie wirklich von
+seinem Erleben trennte und zu deren Aufstieg der große
+<!-- page 245 -->
+Weg ihn noch trennte. Von weißem Licht bespült,
+fast unirdisch in der Ruhe der Fächerabende kreiselte
+ihr Floß, dessen Ränder sie bewohnten. Der Himmel
+hatte die Farbe des Perlhuhns, seiden in der Berückung
+der Flötendämmerung. So entglitt sie ihm immer
+ferner, je tiefer er sie in Wahrheit erkannt und empfand, und
+indem sie das sprengte, was er bis zu diesem Tage als höchstes
+Vertrauen seiner Kraft in sich hielt, befreite sie in ihm
+die Freiheit, die mit schmerzlicher Glut ihn ganz erfüllte.
+Aus einem Abend stachen Dampferlichter. Unter senkrechter
+Flamme entzündete sich ein Hafen. Eine Stadt
+mit Musik, Cafés, Papierlaternen und Lichtern kam
+aus der Wölbung. Als sie in der Bahn abfuhr, sagte
+er wie im Garten Guildendaals: &bdquo;Du bist der Wirbel,
+der mein Leben einfängt&ldquo;, aber er sagte es mit einem
+schmerzlich veränderten, zu anderen Entschlüssen umgebrochenem
+Gesicht. Sie nickte zurück. Aus dem Aufschlag
+ihres groß bewimperten Auges blieb eine träumerische
+Bewegung in der Luft, die bald rot ward. Die
+Ebene glitt in dunklem Samt zurück, der Himmel
+berauscht, bebend wie eine Trommel, grau mit tierischem
+Glänzen der Fluß. Sie schloß die Augen und
+es kam nur das lösende Gefühl mit grenzenloser und
+gütiger Kraft: Schlaf.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+<!-- page 246 -->
+
+<p>Sie sieht ihren schmalen bronzenen Körper im tiefen
+Glanz des Spiegels erscheinen. Sie reißt das einzige,
+was außer der leeren Halskette an ihrem Leib ist, von
+ihrem langen Schenkel über dem Knie das Band,
+zieht die Schließen an. Verkauft die zwei Perlen.
+Im Palankin fährt sie ins Hafenquartier, klopft,
+verschwindet. Fährt im Männeranzug im Wagen zurück,
+mit dem kurzgeschnittenen Haar einem Mischling
+gleichend, zu einem Magazin, füllt einen Koffer, fährt
+zu einer Pension, nimmt einen Raum. Dort klirrt
+die Glocke des Rockes um ihre Hüften, zögert die
+wundervolle kleine Brust in der Bluse. Da reitet, ißt
+sie als Herr.
+</p>
+
+<p>Ihr Mund hat einen hinreißenden aufbrechenden
+Zug. Das Auge sucht, hebt sich, erstarrt, sinkt. Von
+zwei Seiten durchwühlt sie den Menschenhaufen. Er
+fällt nicht vor ihr zurück, gleitet nicht mehr ab. Sie reißt,
+aus der Einsamkeit her gesammelt und hoch schon über
+jeder Enttäuschung, zu sich jetzt, was sie erwittert. Das
+Auge glättet, schmeißt auf, enthüllt, zerlegt .&nbsp;.&nbsp;. die
+Pupille sinkt. Innerlich voll Spannung, fiebernd erregt.
+Nach außen, von vieler Erfahrung her, demütig
+überlegen. Als Frau zieht sie den Mann an allen
+Instinkten, reizt ihn mit Geist, mit der Drehung der
+Hüfte. Spürt seinen Blick im Ausschnitt, im Nacken.
+Sieht den Mut seiner Erregung, führt ihn, zieht ihn
+nach, sieht endgültig vor Zielen, Aufgaben ihn entflammt
+<!-- page 247 -->
+&mdash; spürt aber, mäßigt sie ihr Blut zu Kühle,
+ihn zurückgeschraubt im Thermometer seiner Begierde.
+Die Pupille sinkt. Sie bohrt von der anderen Seite
+sich ins Geheimnis. Selbst in der Maske des Mannes
+desavouiert sie ihn in seiner Beziehung zur Frau. Erst
+hinter dem Weib, das ihn aufschwänzt, in der Einstellung
+auf Bauch und Besitz ihn als Klasse sofort
+uniform macht (wohl auch riskant und alles in die
+Wagschale werfend, doch nur spielerisch und daher unbestimmt
+und ohne Verlaß), dahinter erst entdeckt sie
+den Mann. Ungestört von weiblicher Schwingung
+trifft sie die Nüchternheit seiner grauen Stunden, die
+Lüge seiner Frische gegenüber Weiblichem. Teilt seine
+Barnächte, Dürftigkeit seines Spiels, die Phantasielosigkeit
+seines Hirns. Außerhalb der Polspannung der
+Geschlechter empfindet sie die Indiskretion gegen jede
+Frau, seine Kameradschaft gegen das Weib. Sie konsumiert
+mehr Menschen, ihr Auge wird heißer im
+Erkennen, die Pupille sinkt. Ihr Leben wird rastloser.
+Sie weiß, der Mensch versagt, und Enttäuschung
+peitscht sie auf. Lauschend sitzt sie in den Ecken. Aufmerksam
+verfolgt sie die Ereignisse der Straße. Sie
+mischt sich, wo Meinungen kreuzen, Kräfte aufeinanderstoßen.
+In Nankingkleidern treibt sie sich am Hafen
+hin, kommt arbeitend an die, welche der Instinkt der
+anderen als Überlegene, Wollende, Visierende zeigt.
+Treibt mit Smith vier Tage um die Fischeransiedlungen,
+<!-- page 248 -->
+hört, öffnet ihr Ohr weiter, stärker, erreicht
+die Grenze. Starrt ihn an, die Pupille sinkt. Kehrt
+zurück zu den Baggern, Transportern, aufgeregter
+Meute in großer körperlicher Bewegtheit Schaffender.
+Schwenkt ab zu den Stillen, Vergrabenen, an Maschinen,
+in Kellern, Hangars Angeschmiedeten. Findet
+Abgegrenztes. Wo Ziele sind, schwach fundiert. Erstrebtes
+nur im automatischen Gang. Hinter dem
+Programm das Nackte, Ehrgeiz, Erfolg des Ich. Sie
+rettet sich in einem Bogen, mischt sich unter die Weiber,
+trägt Armband, Ringe, duftet, rauscht mit Dessous.
+Nur Holzbein, Titus und Zwicker denken, und die
+Ergebnislosigkeit solch nüchternen Schwungs stößt zurück.
+Doch sie läßt sich nicht schrecken. Die Menschen
+versagen. Aber sie hält nicht. Will. Muß.
+</p>
+
+<p>Mischt sich in einen Streik, schmiegt sich an die
+Leitung, spürt, wittert, die Pupille sinkt. Schon mißt
+sie den Einzelnen, den sie sieht, auf seine Befähigung,
+richtet ihn nach ihrer Forderung, fast nach dem Geruch,
+durch den untrüglichen Instinkt, der sie vorwärts führt.
+Sie sieht einen Gentleman einen Hund mit Lebensgefahr
+retten, pflegen, säubern. Sie schließt sich ihm an. Sein
+gutes Herz sieht nur den blinden Einzelfall, spannt sich
+nicht aus. Sie zuckt die Achseln. Nicht genug. Die
+Pupille sinkt. Im Klub mit Abenteurern spürt sie
+Fabelhaftes, aber es vollzieht sich nur aus Rausch.
+Verschwenderisch, doch unbrauchbar. In der Tiefe die
+<!-- page 249 -->
+wilde Grimasse aus Kneipe und Bordell, die sich einsetzt
+und stirbt, nur Aufflammen ungezügelten Instinkts.
+Traf sie auf Ideen, waren es Schwächlinge, Schwärmer,
+die Locken nach der Sternansammlung schwenkten. Kein
+Handgelenk und Griff. Die Pupille sinkt. Sie sucht
+nicht für sich, denkt nicht für sich, wird unermüdlicher,
+gläubiger. Leid, das sie aus jeder Stunde anschreit,
+wirft sie nicht um, hetzt, feuert sie an. Empfindsam,
+gleich einem Apparat, zeichnet sich auf sie ab die Struktur
+des Daseins, sie mißt, urteilt, findet den Hebelpunkt
+&mdash; weint, daß sie eine Frau ist. Lächelt über die Hilflosigkeit
+des Geschlechts, beißt den Mund fest und sucht
+heftiger, strackser. Schon wachsen Ansätze zu Plänen.
+In der Dürre des Erfolgs selbst beschwingt sich ihre
+Seele zu größerem farbigstem Feuer. Wohnt in Baracken,
+wohnt im Hotel als Dame, wohnt an der Quarantäne.
+Wohnt ein Stück im Lande. Sieht fischende
+Frauen im Abendlicht mit Bastkörben von Stein zu
+Stein springen. Boote vorüberfahren. Dampfer rauschen.
+In der Pension als Reiter. Seglerin des Hotels. Lernt
+aus jeder der Sekunden. Sieht den Saft aus der Erfahrung,
+bekommt schärferen Glanz, mildere Schönheit
+ins Auge, reift mit Brust und Hüfte in eine schlanke
+Rundung. Prüft, hofft, verwirft. Spannt sich in den
+Glauben mächtig zum Dehnen. Die Pupille sinkt. Das
+Lid hebt sich. Die Figur eines Kapitäns schneidet sich
+aus einem Dampfer. Der Schall eines Agitators verzückt
+<!-- page 250 -->
+erregt. Das Raunen einen Slowenen in einem
+asyle de nuit sinkt ins Blut. Die Haltung eines Kaufmanns
+zu seinem Diener verblüfft. Der Blick wird
+grau, das Dreieck spannt sich über die Stirn. Die
+Pupille erweitert sich, erschlafft. Sinkt. In einer
+Barnacht singt die unsterbliche Stimme eines Dichters
+die Brüderlichkeit. Am Meer ist seine Seele läpsch
+wie ein Schalet. Sie folgt einer Revolte. Es sind
+Betrunkene. Sie wohnt an dem Segelhalteplatz, beim
+Sport. Wohnt in einem kleinen Garten mit Holzhaus,
+wird braun wie die Eingeborenen, sieht die Haut
+der englischen, indischen, französischen Frauen. Folgt
+zwei singenden Vögeln. Die Heide schlägt sich um sie
+auf im Abend. In der stürzenden Dunkelheit bauen
+zwei Parteien ein Duell, legen Knipslaternen auf Steine,
+reißen zwei Lichtkegel zwei Figuren aus der Dämmerung.
+</p>
+
+<p>Ein Schuß pitscht. Sie weicht zurück, fast umgeschleudert.
+Ein Auto biegt vor dem, welcher schießen
+will. Ein Arm aus dem Auto greift die Hand,
+schleudert die Pistole mit einer unbeschreiblich ablehnenden
+Gebärde auf den Rasen, springt hinaus, tritt darauf,
+reißt den Mann mit sich in den Wagen. Sie hört
+ihn sagen: &bdquo;Ich habe andere Aufgaben für dich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Die Pupillen stehen weit in Kreisen glasig erhellt,
+offen, bekommen Facetten, glühen vor Licht.
+</p>
+
+<p>Sinken nicht. Sie springt in den Wagen. Sie nehmen
+<!-- page 251 -->
+sie kühl auf. Sie sieht nur den einen. Sie sitzt den Abend
+zusammen mit Gordon, Raffaeli, Di Conti. Die anderen
+schweigen. Di Conti spricht. Gegen Mitternacht werden
+außer seinem die Gesichter mißtrauisch. Ihres glüht.
+Mit schief im schwarzen Bart gestrecktem Mund fragt
+Raffaeli: &bdquo;Was geben Sie?&ldquo; &bdquo;Mich!&ldquo; Gordon umreißt
+mit gierigem Blick ihre Figur. Raffaeli zuckt die
+Achseln, die Nase biegt sich skeptisch in den Flügeln,
+vibriert. Di Conti wiederholt die Frage kalt. Da
+lächelt sie, verschenkt sich an sein Gesicht mit aller
+grenzenlosen Hingabe. Die von keinem Sou des Angehäuften
+seither nahm und lebte, sperrt auf die gesamten
+Depots.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Jeden Traum sah sie in seiner Hand schon fertige
+Waffe. Keine Ahnung, die ihm nicht schon zum Abfeuern
+geladener Plan. Sein Glaube war so ungeheuer,
+daß er ihn schon jenseits der Ekstase mathematisch beherrschte.
+Aus dem Herz die Flamme gerann ihm im
+Hirn. Seine Kühle war unbeschreiblich über dem barbarischen
+Feuer, das gebändigt darunter tobte. Selbst
+Raffaelis fanatische Unerbittlichkeit schmolz, Gordons
+nicht ausmeßbare Aktivität folgte nur seinem Druck. Ihr
+schwindelte, wenn der Tag sie in die fassungslose Nacht
+entließ, wo ohne die Gemeinschaft das Ganze in Schlagschatten
+<!-- page 252 -->
+zerrann. Ihm war, was sie als Entfernung
+der Welten ohne Brücke sah, aus ungeheurem Wollen
+geringe Distanz geworden, ihm gab es keine Hemmungen
+in seinem Bau. Hatte gewogen, geschaut, gedacht, die
+Rechnung gefertigt, die Summe gezogen. War kalt
+geworden, bedacht vor Ergebnissen. Trieb nun vor.
+Sah in dem Ruhenden, Daseienden, im Pathos bloßer
+Tradition den Feind, das Erwürgende, sprach gelassen
+gegen die Schwerkraft, gegen die Anziehung der Kräfte.
+Stemmt gegen die drehende Erde sich mit der Kühle des
+Überlegenen wie am Schalter eines Automaten. Ihr
+kam nachts, daß aus der ungeheuren Kraft seines
+Wollens, die alle überströmte, er in die See hinaus,
+die Tag und Nacht die Fahrt umschäumte, neue
+Bewegungen, seinen Rhythmus und Zweck dem Schiff,
+den Schornen und der Flutung diktieren könnte. Er
+stand am Schalter, wies ihr die Spannungen, die
+Drähte, sogar die Klingelzeichen der unterirdischen Erregungen.
+Der Traum machte ihr sein Bild wahnsinnig.
+Gordon, der von Marokko bekannt, verfolgt
+war wegen Desertion, Aufruhr, Agitation, ging
+morgens neben ihr auf dem Verdeck, ließ sie das
+Spiel seiner Muskeln spüren, Feuer und Lust seiner
+Kraft, in diesem Kampf zu führen. Doch Di Conti
+gewann ohne Kampf, besaß mit Nichts. An ihm
+fand sie die Lösung. Er drahtete vom Schiff, diktierte,
+erklärte, schrieb, zeichnete Karten, sah auf, lächelte
+<!-- page 253 -->
+beherrscht. Gordon trat mit englischem Backenbart
+aus der Kajüte, ging geschnellt auf den Ballen, sprach
+deutschen Dialekt, hatte einen Steckbrief wegen Agitation
+im Heer. Raffaeli sah das Meer nicht, sah nach innen.
+Das eigene Vaterland ließ Di Conti kühl, es lag an
+der Peripherie, entwickelte sich im Lauf des Zentralproblems,
+fiel später unter Raffaelis Durcharbeitung.
+Er selbst zielte aufs Herz Europas, stach nach Paris,
+um von dort das Blut in den Körper des Erdteils zu
+treiben. Für die asiatische Welle hatte er Aufmerksamkeit,
+nicht mehr, empfing Depeschen aus Genf,
+lauschte auf Berichte der Vertrauensmänner, verglich,
+maß die Stadien der Siedespannungen am Barometer,
+verglich die Leidenschaft der Massen, gab Ordres,
+zögerte, tat einen Ruck, setzte andere Spieler ein. Zielte
+zuerst gegen den Kitt, die umfangenden Reifen, die
+Macht, das Militär. Rettete darum Gordon, der den
+menschlichen Bruch und Riß trug, im Persönlichen so
+schwach zu sein, daß seine Eitelkeit ihn in eigenen Dingen
+das allgemeine verleugnen, in jede Tollheit sich werfen
+ließ. Hatte die Organisation es aufzuschälen, die Schaukel
+dann aufzutreiben, die aus Jahrhunderten rotierende
+Gesinnung zu stürzen, Massen aufzuwerfen, gerecht die
+Erde zu nivellieren. Das Leid der Irren, Kranken,
+Sklaven, falscher Sehnsucht endete hier. Sein Paradies
+war willkürlich, geschaffen, diktiert, es kümmerte ihn nicht.
+Gegen Raffaeli hatte er die Kühnheit zum weiteren
+<!-- page 254 -->
+Schritt, die Gerechtigkeit zu verleugnen, um sie endgültig
+einzusetzen. Sein fachlicher Befehl, der Definitionen
+verachtete und aus der Berechnung, die tausendfaches Gefühl
+ihm geformt, sprach, war bestimmender als Raffaelis
+Glut. Er kannte nur kalt Herrschende und Blinde,
+die sich nicht befreien konnten, da ihre törichten Herzen
+die Erkenntnis zum Handeln nicht zu fassen wagten.
+Er trug darum die Verantwortung seines Entschlusses
+mit präziser Automatigkeit. Zwei Tage vor der Landung
+kamen Nachrichten von Gärungen in Lyon, am
+folgenden putschte Marseille im Hafen, in Nancy erschoß
+ein Unbekannter einen Oberst. Mit zusammengepreßtem
+Herzen, zitternd, sahen sie das Land. &bdquo;Es
+ginge nicht ohne Sie&ldquo;, verbeugte sich durch die Dämmerung
+Raffaeli mit Schätzung und Verachtung zugleich
+auf das Geld, mit dem er arbeiten mußte. Es
+wurde dunkler, Laternen blitzten. Di Conti stand an der
+Reeling, hielt ein Papier in der Hand. &bdquo;Gott selbst
+könnte sich nicht widersetzen. Wagte er das Sinnlose,
+seine Welt liefe taub aus. Eine furchtbare Gonorrhöe.&ldquo;
+Er hatte den Kopf zurückgeworfen, sein Mund war
+blaß geworden vor Zusammengedrängtem. Die Nacht
+sprach er mit ihr zum erstenmal allein und lang. Sie
+ward erfüllt von dieser Stunde, daß ihr Leben sich
+verankerte in ihr. Nie verließ sie das, nahm Besitz
+von Blut und Kräften in einer Durchdringung, die
+fast den Mond und den Meerraum mit hineingab in
+<!-- page 255 -->
+sie. Bei der Ankunft wehte irgendwo eine Flagge. Ein
+Kind strauchelte und stieß Raffaeli. Der Portier hatte
+Briefe, nahm eine Perücke ab mit einem Zeichen innen.
+Drei Tage darauf meuterte ein Regiment in der Aube.
+Gordon wurde verhaftet. Di Conti schlug zu.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Als sie den Boulevard heraufkam, stand, die Hände
+über den Augen, Raffaeli an der Ecke. Sie nickte.
+Er verschwand. Um zehn Uhr betrat sie das Cafe Rue
+Guijas. Drückte sich bis zur Wand, schob die Achsel
+vor. Vier Frauen standen am Schießapparat, zielten,
+schnellten den Hebel, <a id="corr-10"></a>schossen für einen Sou die Freimarke
+zum Café für vier. Sie gelangte ans Büfett,
+ein Mann stieg vom hohen Stuhl. Sie kletterte, der
+Neger im Hufeisen ließ eine Tasse in der Schiene
+gleiten, ein Porzellan mit Gebäck, erhaschte sie mit einem
+Schielblick, schob einen Brief nach. Sie hatte Röte
+an den Schläfen. Sah fest nach dem Eingang.
+Während Mädchen an den Wänden hingen, sangen,
+plärrten, Queues das Billard umkreuzten, trieb trotz
+der Frühe eine Unterschicht herein, breitete sich aus,
+füllte heftiger, ein Zittern durchlief die Körper der
+Gruppen. Sie drängte weiter. Auf der Erde wieder
+wand sie sich herum auf dem Absatz. Der Ire stieß
+sie zur Seite, brach sich zum Apparat durch, griff
+<!-- page 256 -->
+den Studenten am Apparat, der, eingeschossen, gewann,
+an seine Brust, stemmte ihn hoch, warf ihn
+hinaus. Sie sagte etwas, fast laut. Ein Mann nickte.
+Ein Mann sah sie fragend an. Sie gab ihm einen
+Zettel. Sie hörte Worte, helle, gedämpfte, zischten
+vorbei, schlugen vorüber. Eine Gruppe löste sich, ward
+um sie ein Kreis. Sie kniff die Augen zusammen, sah
+in die Höhe. Stieß ein Weib an, versehens, neigte
+rasch den Kopf, beglückte eine Sekunde mit den Augen.
+Hob rasch die Lider, schloß sie fest, öffnete groß und
+sah dasselbe in dem Gesicht eines großen Mannes.
+Sie durchdrückte die Welle, die auch um die Dominotische
+schon brauste. Mimis saßen, setzten, bauten, die
+sie nicht kannte. Wie von St. Denis hierher die Kette
+heraufschwang, ihr Gefühl faßte, der Rachen aufbrach,
+schlang, wütete in diesem Fleisch, glomm Stolz in
+ihrem Auge. Sicher ging sie vorüber. Etwas schwankte
+von ihr wie Trost fest um den Tisch. Ihre Hände berührten
+Hüften. Eine Stimme drehte sich ihr zu, ohne
+Ton, heiser wie Blech. Der Mund war noch schön:
+Ly. Es bohrte hinter den glasigen Augen, faßte es nicht,
+schluchzte in der Gurgel. Das Hirn faßte das Gefühl
+nicht, sie heulte auf, erkannte Daisy nicht genau, wußte
+nur dies und dies und die, nichts Eindeutiges, bückte sich:
+&bdquo;Gib mir zehn Sous.&ldquo; Sie gab. In der Bewegung der
+Hand erfüllte sie das Geben ganz zu Glück. Trat aus
+ihr hinaus, sie fühlte, daß in diesen Tag ihr Leben Fülle
+<!-- page 257 -->
+und Bedeutung erhielt. Zwei Männer hielten sie an,
+einer küßte ihre Hand. Sie hörte, während er sprach,
+Lys Stimme dahinter: &bdquo;Combien .&nbsp;.&nbsp;.? Trapez mit
+dir &mdash; Sau von Geiz .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Bleich vor Angst ein Preuße
+vor ihr, sie steigerte ihn über die Taxe. Sie löste sich,
+schon war sie darüber. Nichts drückte sie mehr. Glühend
+flog es auf in ihr. Am letzten Tisch verwirrte sich ihr
+Auge in einen Glanz. Le Beau stand gegen die
+Wand, ein Mann neben ihm, der auf sie zeigte. Durch
+Gedränge und Stimmen hielt ihr Atem, ihr Sichsehen
+fest. Das Gefühl floß, sie wußte, es würde sie immer
+verbinden bis in den Tod. Das erste Erleben des Blutes
+hielt sie zusammen, nichts wischte das weg, keine Tiefe.
+Ein Trauring lag um seinen Finger. &bdquo;Ruiniert.&ldquo; Sein
+Auge war voll Geist, stolz. Über den Plafond strich es
+aus Jahren: Autos, Feste, das Haus des Boulevard
+Raspail .&nbsp;.&nbsp;. es lag zurück wie tot. Sein Blick tastete
+atemlos nach ihr, mißverstand die Pause, die sie ihm
+gönnte, bog eine Frage aus ihr heraus. Der Punkt, den
+sie festhielt, war der Eingang. Dorther füllte es sich mit
+einem Maß reifer und übermütiger Freude. Bleich sah
+er die Linie der Nase, zog die Luft nach, die sie zurückließ,
+ging mit dem Detektiv hinaus. Er hatte sie gesehen.
+Abgewandt, ihm gehörig, hoffnungslos. Sie aber, entzündet
+weit und hoch über ihm und seinem Lebenskreis,
+durchbrach die Barrikade von vier Männern, deren Leiber
+alles abhielten. Sie kam durch. Ein luftleerer Raum
+<!-- page 258 -->
+kam, ein Stern von Stühlen. Sie stellte sich daneben,
+kam endlich mit dem Rücken an die Wand.
+</p>
+
+<p>Da begann ein Wirbel von der Tür her durch die
+Menge durchzufluten. Der Raum zitterte, die Luft
+kam ins Wogen, die Masse brach nicht. Eine Kette schob
+vorbei zu den Nischen, eh der Kern sichtbar ward. Sie
+wurde gegen die Wand geschüttelt. Fester sog sie sich
+an dem Eingang fest, mehr glühte ihr Auge dorthin,
+ihr Leib streckte sich unmerklich in diese Richtung. Dabei
+drehte die abgeschobene Kette neben ihr um, es gab
+freieren Raum, im Vorbeihuschen sah sie einen Augenblick
+Philippes Gesicht. Zum erstenmal grüßten sie gegeneinander
+wieder. Da sie nicht mit Worten dastand,
+unter denen sie litt, sondern wie an keinem Tage heute
+zur Höhe getrieben, entflammt, kam einen Augenblick
+Triumph in ihren Mund. Doch sie hielt ihn nicht.
+Wurde sanfter in den Lippen. Was sie erfüllte, gab
+ihrem Hochmut Duldung für ihn. Er hatte sie schauen
+gelernt, die Liebe gezeigt. Sie sah ihn abgeglitten von
+der steileren Aufgabe, rechnete nicht mit ihm, der sich
+lächelnd nach innen hinein abwandte .&nbsp;.&nbsp;. Schon löste sich
+ihr Auge hiervon. Im Vorderteil hob sich Tumult.
+Die Mitte drehte sich in einer Spirale, durchdrang sich.
+Aus der Eingangstür kamen Kommandos. Sie reckte
+sich ganz hoch. Bestimmungen erschollen. Parolen.
+Ein Schild schwankte. Meerhaft wogte die Gruppe.
+Noch höher, unbedingter wuchs sie in die Richtung.
+<!-- page 259 -->
+Häusernamen kamen herüber, scharf die Straßenreihen.
+Arme hoben sich. Die Masse zuckte auf, riß, ein Gang
+wölbte sich. Langsam trat ein häßlicher kleiner schwarzer
+Mann heraus, es traf sie das Auge Di Contis.
+</p>
+
+<p>In ihrer Hand lag der Brief. Er las nicht, nickte,
+sprach schon zur Seite. Nur wie er zur Uhr, hastig
+und scharf, sah, bewies ihr, wie heftig er sie erwarte.
+Sie ging. St. Sulpice schlug halb zwölf. Quetschte
+sich durch die Haufen, eilte, bog in Rue Monsieur
+Le Prince. An der Ecke kam in das Fliegende, Stolze
+in ihr eine Traurigkeit, die ihr Gesicht rötete. Sie
+ging durch den sonnenleeren Garten, durch die Wolke
+Karbol. Stand an Renées Bett. Die Schwester
+beugte sich darüber, nahm ein Tuch weg. Das Gesicht
+im Krampf zerrissen, in der Mitte eine Höhle,
+aus der pilzig Fleisch wucherte. Die Lider fielen Daisy,
+sie suchte einen Ton. Fand keinen Ton. Die Schwester
+suchte Renée zu wecken. Unmöglich seit Tagen. Sie
+atmete, stank, sprach nicht mehr. Drei Jahre spannten
+sich von dem Gesicht zu dem ihren. Wie sie sich
+bückte, blitzte der Glanz vor ihrem Auge, mit dem, unvergleichlich
+und bezaubernd in der Schönheit der Beine,
+Renée die Hüfttänze in Genf gewiegt. Sie sah das
+andere nicht mehr, bog sich tiefer, mit dem Mund zum
+Ohr: &bdquo;Es wird gut sein, Geduld.&ldquo; Malte, schilderte,
+versprach, hörte nicht auf mit der Tröstung. Aber
+Renée hörte nichts, sperrte röchelnd den Mund kreisrund,
+<!-- page 260 -->
+roch nach fauligem Gewebe. Sie sprach weiter, sah
+verzerrt plötzlich das Gesicht, schwieg langsam, drehte
+um. An der Tür hielt eine Hand ihren Rock, aus dem
+Kopf eines jungen Mädchens traf sie ein verzweifelter
+Ausdruck: &bdquo;Zu mir?&ldquo; Zwei Augen kehrten starr enttäuscht,
+zur Decke zurück. Es traf, verwundete Daisy
+nicht.
+</p>
+
+<p>Schatten fielen aus den feuchten dumpfen Gassen, in
+Lücken glitzerte gewitterig die Sonne. Sie spürte das
+Stück Schuld, das, neben der Welt, sie an diesem Kadaver
+trug, aber wie alles Elend dieses Tages löste es Freude
+in ihr, trieb in ihr hinauf, denn sie empfand es als
+Ende. Von hier begann das Glück. Freude ging über
+ihre Zunge, Verantwortung und Glaube machten eine
+Sicherheit in ihr, die undurchdringlich ward. Gordon
+befreit, Kasernen gestürzt, europäische Mauern gesprengt .&nbsp;.&nbsp;.
+neue Beziehungen trafen von Herz zu Herz. Es kam
+als Strom, sie empfand Contis Herz. Sie empfand, wie
+er sie besaß und erhob. Eilte, fing alles Unglück ein,
+nahm es mit, verarbeitete es .&nbsp;.&nbsp;. nichts konnte es antun
+ihrer Entzückung. Keine schöne Taube würde sinnlos zerstört,
+kein Schoß zertrümmert, kein Wahnsinn herrschte, tat
+Unrecht, verdarb, sie kämpfte sich weiter auf den Boulevard,
+traumhaft befestigt in klarer Ruhe, machte Bogen.
+Die Straßen hingen voll Gedränge. Um Eins kam
+sie Rue Guijas, sprang in einen Wagen. Sie hörte
+Erfolg. Streiks im Borinage, in Brest, in Perpignan,
+<!-- page 261 -->
+auf der Loire. Unruhen in Bordeaux. Eine rote Fahne
+auf Marseille. Sympathieausstand in Mailand. Meuterei
+in der Dauphinée. Sie bückte sich, legte die Stirn auf
+das Hebelrad, nickte, küßte Contis Hand. Um Zwei begann
+die Demonstration.
+</p>
+
+<p>Der Verkehr stockte. Um halb Drei sperrte Gendarmerie
+die Eingänge der Seitenstraßen. Die Seitenstraßen
+standen gepfropft mit Menschen. Der Boulevard stand
+kilometerweit schwarz. Fahnen zeigten die Kolonnen.
+Plakate riefen das Volk auf. Eine dünne Kette Polizei
+stand zwischen der wogenden Masse des Boulevard und
+dem Druck der Nebengassen. Um drei brach die Masse
+los. In der ersten Reihe Gordons Bild. Malerei
+gegen die Legion. Hinter den Führern mit Schärpen
+Di Conti. Der Zug schwankte, zog langsam zum
+Montparnasse, machte eine Schleife, stand um Vier wieder
+am Observatoire, eine Lawine. Um dreiviertel Vier
+waren die Häute gerissen, die Gendarmerie überschritten.
+Alle Seitenstraßen mit hermetischem Druck in den Boulevard
+hineingeplatzt. Die Masse brodelte an der Spitze.
+Einer sprang vor, reckte etwas, immer höher. Es
+schoß los.
+</p>
+
+<p>Alte Gesichter kamen, junge kamen, Weiber. Straßenbahnwagen,
+hunderte, hintereinander, besät. Automobile
+dazwischen. Ohne Musik. Schritte gingen in dem
+Boulevard, vereinigten sich, gaben einen einzigen Ton, der sich
+band, hallte, brauste. Die hellen Normannen, ehemalige
+<!-- page 262 -->
+dunkle Soldaten, die Kokotten der Hallen, Apachen mit
+Tüchern, Araber, Studenten des Quartiers gingen in
+dem sausenden Ton. Er ward dumpfer in der Tiefe,
+schlug hinauf die Häuser. Die Straße vor dem Zug
+war ausgestorben, glühte. Vor dem Zug schlossen sich
+die Fenster, Läden der Verkaufshäuser rasten herunter.
+Die Kolonnen drängten sich, verbogen sich, kreuzten Rue
+Monsieur Le Prince, Rue Guijas, Rue des Etrangers.
+Aus den Gassen bohrten Keile herein. Ein Knabe von
+einem Baum schrie: &bdquo;Es lebe die Freiheit.&ldquo; Eine
+Lawine kam vom Luxembourg. Der Zug stockte, verdunkelte
+in der Gedrängtheit, löste sich ein wenig, ballte
+sich tiefer zusammen. Verfing sich in sich selbst, hing
+wie ein Haken im eigenen Fleisch. Sie brüllten sich
+zu: dein Kopf, deine Hand, die Schulter. Hand hing
+so dicht an Hand, daß sie sie nicht rührten. Eine
+Wolke Schweiß brach aus. Zwei große Fahnen
+flaggten über sieben Etagen herunter. Sie lasen die
+Inschrift, eine donnernde Stimme rief über den leeren
+Raum die Straße herauf etwas, das die erste Woge
+traf, sie bäumte. Die Häuser zitterten unter dem Druck,
+in oberen Stöcken klirrten die Scheiben. Die Fahnen
+hingen starr herunter, erregten, die Stimme ward lauter.
+Da brach die Masse, fast schreiend, schwankte, mußte
+nach vorwärts, dehnte sich auf die Seite, daß der Stein
+an den Hüften knirschte, bewegte sich, flutete. Laternen
+standen, Bäume im Weg. Eine Sekunde zitterte die
+<!-- page 263 -->
+Barriere. Dann gingen die Kolonnen als Fluß, strömten,
+unwiderstehlich. In ihrer Mitte hoch, vor den Wagen,
+den Autos, schwankten die Laternen, Bäume. Reißend
+goß es sich auf die Place St. Michel, füllte sie voll
+und rund.
+</p>
+
+<p>Di Conti sprach.
+</p>
+
+<p>Die Kühle war gerissen, die Flamme schlug vom
+Denkmalrand. Der Donner machte das gefüllte Platzbassin
+totstill. Er bückte sich wie ein Ringer, stieß
+den Arm zum Kreis, zwang die Stille noch tiefer
+herunter. Sprach. Formte im Reden die Gesichter
+unten, zerrte sie auseinander, wischte sie aus, entleerte
+sie. Riß sie rasend hinauf, verklärte sie langsam, füllte
+begeistert an. Zog die Reihen, sanft einander verschmolzen,
+dichter heran. Wuchs. Stieg höher, stand am oberen
+Rand des Denkmals, bog den Nacken zurück, rang
+einen Augenblick die Hände, entfaltete sich mit einer
+ungeheueren Bewegung, zog die Masse mit auf, warf
+sie auf, über sich ihre Herzen, stemmte sie höher, fabelhaft
+sich entfaltend, hoch die Arme geschleudert, wankte
+und wuchs mit der Last, die er hielt.
+</p>
+
+<p>Sprach.
+</p>
+
+<p>Ging auf der schmalen Leiste des Bassins hin und her,
+atmete wie ein Pferd, zog die Menge im Krampf zusammen,
+quetschte sie aus, hieb das Bittere in ihre Visagen,
+machte Drohung, bestürzte Wut aus den Mäulern,
+donnerte, roch den Zorn aufgeballt. Faßte rückwärts,
+<!-- page 264 -->
+packte hinter sich den Kopf der Chimäre mit beiden
+Fäusten, fiel nach vorn, schräg, kam näher, tief
+herunter mit dem Gesicht gegen die Masse, war fast
+bei ihnen. Einigte sie in eine atemlose Pause.
+Sprach. Warf die Drohung aus den Augen.
+Scheinwerfer zuckten die Sätze. Sprach. Sie drangen
+in die Herzen. Sprach. Sie drangen durch die
+Kleider, die Hemden, die Röcke, trieben in die Pulse,
+gaben sich von Leib zu Leib. Das Blut bekam eine
+Bahn, einzige Wärme, gleichen Schlag. Floß den
+Boulevard hinauf, löste, machte Spiralen, schlug aus,
+blühte aus jeder Haut. Die Lawine brach los, Stöße
+kamen herunter, keilten gewaltig, drängten den Platz
+ab bis zum Kordon. Dort stemmte es sich zurück.
+Conti sprach. Die neue Woge wälzte heran, erstarrte.
+Sprach. Die Hände Schallbecher vor dem Mund.
+Erreichte größere Distanz, durchmaß mehr Menschen.
+Es rollte herunter vom Montparnasse. Daisy hielt
+mit beiden Armen am Sockelstein sich, die Beine wurden
+mitgerissen, der Leib drehte sich, die Augen kamen zum
+Himmel. Sie sah Di Conti, lächelte, faßte wieder
+Fuß. Der Druck der Dreikilometersäule platzte den
+Pfropfen, schmiß viertausend gegen die Seine. Conti
+sprach. Warf sich in die neue Welle, inbrünstig,
+verzehrte die Kraft, warb, zerfetzte, diktierte, sänftete,
+riß die Herzen plötzlich steil, unnachahmlich erschütternd,
+hoch, über sich mit beispiellos schmerzendem Ruck. Die
+<!-- page 265 -->
+Säule stieß weiter vom Boulevard herunter, warf,
+schoß die Menge vom Platz, stürzte sie gegen die
+Massen vor dem Kordon, Bäume, Laternen kamen
+über den Kolonnen gegen die Seine an. Stießen
+den Druck unaufhaltsam weiter. Gegen den Kordon
+Gendarmerie.
+</p>
+
+<p>Er verschwand unter ihren Füßen.
+</p>
+
+<p>Das Ufer herauf, rechts, links, ritten Kürassiere,
+Haarschwänze vom Kupferhelm auf dem Rücken tanzend,
+Karabiner auf dem Schenkel, warfen sich vor die
+Brücke, bewachten vor der Emeute des linken das
+rechte Ufer, das Herz der Stadt, Boulevards der
+Bourgeoisie. Die Wellen kamen, gedrängt, gedrückt,
+spieen heftiger an, schlugen wider die Gäule. Sie
+riefen: &bdquo;Camarades, Freiheit, Hunde, Hunde.&ldquo; Sie
+sahen in die kleinen dunklen Löcher, auf das Metall
+der Drücker. Der Stoß in ihrem Rücken stürzte sie
+in Massen gegen die Pferdeköpfe. Ein Pflasterstein flog.
+Es knallte. Steine stoben durch das Licht, sausten.
+Eine dünne Stimme rief: &bdquo;Tirez.&ldquo; Die Kürassiere
+zitterten, die dunklen Löcher hoben sich über den Schenkeln
+höher, steiler, feuerten in die Luft. Vom Blut der
+Stürmenden ging es hinüber auf die anderen, durchdrang
+sie, säugte sie. Die dünne Stimme schrie wie
+ein Triller. Ein Mann gab einem Soldaten die Hand.
+Die Säule stieß durch, ein ungeheurer Schrei. Körper
+an Körper gedrängt, Soldaten, Arbeiter, hatten einen
+<!-- page 266 -->
+Sinn nur, eine Richtung, gleichen Herzschlag. Ein
+spitzes Winseln, sie steckten brennende Zigarren dem
+Gaul unter den Schwanz, der Unteroffizier zeigte ein
+kalkweißes Gesicht, das Tier klatschte hinunter ins
+Wasser. Gäule zerstampft. Fraternisierend strudelte
+die Masse, wälzte über die kupferrote Abendbrücke in
+die Stadt.
+</p>
+
+<p>Vom Brunnen fiel Di Conti, einen Schuß in der
+Weiche. Von der unteren Seineseite durchstach eine
+Kompagnie von hinten enge Gassen, kam seitlings auf
+den Platz, trieb einen Keil in die dünne Masse. &bdquo;Weg
+du&ldquo;, schrie ein roter Bart. Eine Frau hielt vor
+Schmerz blaß die Hand zwischen die Knie. Die
+Masse floß in den Brückenstrudel, abgelenkt, gerissen.
+Das Denkmal ward umzingelt. Di Conti aufgehoben
+.&nbsp;.&nbsp;. hinter Bajonetten gesichert. Daisy warf sich auf
+ihn. Sie schlugen ihr eine Koppel auf den Kopf.
+Sie konnte die Hand nicht rühren, ließ nicht nach,
+biß sich in seinen Rock. Ein Druck kam auf ihren
+Kopf, das Gesicht von ihr ward schwarz, noch einmal
+flüsterte sie: &bdquo;Conti &mdash;.&ldquo; Die Masse begriff, schäumte
+auf, warf sich herüber, gegen den neuen Kordon, feuerte
+ihn zurück, Daisy ward zurückgetragen. Conti schleppten
+Soldaten durch die Gassen in die Métrohalle. Zu spät.
+</p>
+
+<p>Aber er lebte. Zwei Tage war Daisy irrsinnig.
+Dann empfing sie. Kühl, Dame, Freunde nahmen
+ihre Hand: &bdquo;Wir werden ihn befreien.&ldquo; Deputierte
+<!-- page 267 -->
+sprachen: &bdquo;Wir werden ihn befreien.&ldquo; Der Schlag
+der Masse pulste herauf zu ihr: &bdquo;Wir werden ihn befreien.&ldquo;
+Sie hörte, die Verwundung wär leicht .&nbsp;.&nbsp;.
+Ihm werde des Volkes Stimme dauernder Ruhm. Sie
+reckte sich, steif, ging zurück, lachte. Ruhm? Bot
+man so Geringes? Glaubte jemand, dies sei ein Wort
+für dies Gefäß? Maß für diese Tat? Dies Geschenk
+für Narren und Kinder wagte Geschwätzigkeit
+hinzugeben für Blut? Behängte diese Maske ihn
+nicht zum Komödianten .&nbsp;.&nbsp;. stand sein Gesicht doch,
+das schlicht nur dem Ganzen wirkte, brüllend und wie
+aus Marmor vor dem Gewissen der Macht. Sie
+winkte ab, ging auf und nieder, steckte die Hände in
+die Taschen, die Augen im Dreieck. Ein eisgrauer
+Glanz kam aus dem Blick. Hinab mit Geschwätz
+und Trauer. Eins war zu tun, das Ziel erreichen,
+die Leistung verdoppeln, Angriff steiler schrauben, unbedingter
+sich mühen. Di Conti mußte frei sein.
+Hierfür war zuerst zu leben. Sie nahm es auf sich.
+Allein. Ging einen festen graden Weg.
+</p>
+
+<p>Die Lichtflut stieß Breschen ins Dunkel. Die Seine
+floß gläsern unten. Sie sah einen Schatten, er löste sich
+von der Pforte und glitt an ihr vorbei. Sie drückte ihre
+Hand fest in seine, das Papier knitterte. Ein Wachtraum
+im Keller sprang auf, dreigezackt brannte ein grünes Gaslicht
+schmetternd gegen den Kalk. Sie legte ihre Hand auf
+den Tisch. Als sie sie zurückzog, blieb etwas.
+</p>
+<!-- page 268 -->
+
+<p>Sie trat in das Büro ihrer Gesandtschaft. Sie
+ging durch drei Räume. Ihre Karte lief vor ihr.
+Fünf Minuten sprach sie mit einem eleganten Herrn
+mit exotisch flimmernden Augen. Sie gab ein Telegramm
+auf an ihren Vater. Darauf gab ihr der
+Herr seine Karte mit einigen Worten.
+</p>
+
+<p>Damit fuhr sie die Champs Elysées hinunter, Bäume
+streichelten die Luft, Helligkeit und Süße wob in den
+Zweigen. Sie fuhr darunter hin, unbeteiligt. In einer
+Schleife glitt der Wagen ins Riesenbassin der Concorde
+.&nbsp;.&nbsp;. der Wagen glitt, bog, hielt. Über die
+Teppichstufen des Ministeriums. Aufgehalten, mit der
+Karte durchbrechend, gehemmt, vor Achselzucken, lächelnd,
+die Karte vor sich .&nbsp;.&nbsp;. sie stand in einem Salon.
+Ein schöner Mann im schwarzen Schnurrbart, der
+elegisch das Kinn rahmte, trat ein, stutzte. Sie
+ging mit raschen Schritten an den Tisch, legte ein
+Bündel in perlgeschmücktem Etui auf die Kante. Sein
+Blick leckte nach ihrem Hals, zögerte, fiel auf den
+Tisch, er verneigte sich, stieß eine Tür auf. Ein größerer
+Salon. In der Mitte eine Jungfrau, die auf einem
+Brabanter ritt. Die blaue Seide der Wände, der geschwungenen
+Stühle verwirrte, sie lernte die Teppichmuster,
+sagte immer ein Wort, ein Wort, ein Wort.
+Eine Stunde. Ein grauer schmaler Herr trat ein,
+hinkte, ein Monokel an schwarzer Schnur flog ins
+Auge. Er war nicht groß, kam langsam näher, äugte,
+<!-- page 269 -->
+bis er genau sie sah, schob mit drei Fingern einen
+Lehnstuhl zurecht, indem er ihn kaum berührte. In
+seiner mageren Hand spielte ihre Karte, er las, sah ihr
+mitten ins Gesicht. Blut schoß ihr auf unter dem
+jähen Anprall. Er sah auf die Erde neben seinem
+Schuh: &bdquo;Ausländer? .&nbsp;.&nbsp;. Italiener .&nbsp;.&nbsp;. in der Tat.&ldquo;
+Sie sah nur seine Brauen. Er notierte den Namen,
+flüsterte ihn nochmals, stand auf, ging ans Fenster,
+trommelte mit den Fingerspitzen ans Glas, murmelte,
+sah auf ein knallendes Buchenholz im Kamin zerstreut.
+Die Lippen Daisys saßen wie Tiere aufeinander, die
+Brauen seidenschmiegsam ineinander sich wölbend. Er
+trat zurück. Ein drittes Gesicht sprach mit ihr, die
+Stimme schlürfte etwas, stieß an die Zunge, die Handbewegung
+voll zarter Höflichkeit. Er führte immer,
+sie folgte. Lauernd. Erschreckt. Er blieb gleich. Kanadische
+Jagd, die Quadrille Fribaurts, er kannte es.
+Versailles wuchs zwischen seiner Geste, schmeichlerisch,
+mit Märzwind. Eine Fahrt über St. Malo. Er
+neigte das Kinn: daß die Oper Ballette belebe, welcher
+Zug. Er stand auf, ging zum Fenster, elastisch in dem
+Knie, hinkte nicht &mdash; ob ihr Wagen warte, Pelze darin
+seien. Setzte sich wieder, ruhig, besorgt. Sie wartete,
+faltete die Lippen, daß es käme. Er spielte, lauerte,
+führte herauf, hinunter, eilte, pausierte, sie sah sein
+Gesicht nicht. Seine Grazie schmeichelte sich in ihre
+Haut. Plötzlich schlug er die weiße Hand, die nicht
+<!-- page 270 -->
+welk war, laß gegen das Knie, der Kopf fuhr auf,
+sein Blick prallte ihr wieder ins Gesicht. Sie stand
+auf. Er hob sich halb: &bdquo;Wann darf ich den Wagen
+senden?&ldquo; Sie knotete die Hände: &bdquo;Neun Uhr.&ldquo; Er
+läutete, als sie sich schon wandte, ein kakadufarbener
+Page öffnete geräuschlos eine Tapetentür.
+</p>
+
+<p>Vierundzwanzig Stunden vorher speiste Conti, verdrehte
+die Iris, schwankte, bekam Kälte in die Finger,
+Blei in die Knie, verzerrte die Zähne über die Regie der
+dritten Republik, die selbst die Einrichtungen der Küche
+pragmatisch ordnete. Als Daisy morgens heimkam, war
+Di Conti tot. Sie kam hin mit einem Gehenlassen der
+Glieder, das alles hinter sich hat, abgeschüttelt, selbst
+ohne Erkenntnis und Bedeutung des Opfers, innerlich
+lediglich gerichtet auf das Ziel.
+</p>
+
+<p>Sie bog die Lippen tiefer, versteinte an den Schläfen,
+zwischen Wange und Mund. Was konnte noch kommen?
+Ein Telegramm Fidleys: Pa tot. Sie legte
+das Papier auseinander, legte es zu dem anderen, frühstückte,
+badete, ließ sich massieren. Fuhr in den Luxembourg,
+fuhr zurück. Am Abend in die Oper, Verdi
+rauschte, Sommerhimmel erbrausten, sie speiste, schlief.
+Stand auf am Morgen. Nichts war zu schlagen. Je
+mehr sie spürte, was sie verlor, um so ungeheuerlicher
+fühlte sie aus sich brechen das Bewußtsein der Stärke
+und der Sammlung. Allein nun empfand sie, wie gefüllt
+und selbst sie war, voll, traubenhaft geschwellt, ausbiegend
+<!-- page 271 -->
+aus ihr mit einer Glut, die sie erblaßte. Di Conti war
+in ihr, mehr heute als je. Geballter als im Menschlichen.
+Unverlierbar. Vermächtnis besaß sie, beherrschte und
+durchtrieb sie unausdenkbar an Berufung. Sie ging gestärkt,
+wunderbar entzügelt. Eine Ruhe umgab sie, die
+den Schmelz der sehnigen Schenkel und das flimmernde
+Spiel der Hüften unter der kleinen Brust begehrenswerter,
+zarter heraushob. Sie verlor kein Glück. Sie
+besaß sein Werk.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Pa tot. Fidleys Telegramme, Weisungen stäubten.
+Es geschah am Horizont. Syg einem Mann gefolgt.
+Es geschah in der Ferne. Ihr Mittelpunkt blieb unerregt.
+Der Körper hielt stand. Der Geist sah manchmal
+Bilder. Raffaelis Bruder, Arzt, sagte, wünschte, befahl
+Erholung. Sie machte eine kindliche Gebärde. Er verstand.
+Sie wurde klug verführt. Sie fuhr mit Briefen,
+Papieren Contis zu Freunden nach Kopenhagen.
+Der Platz der Zusammenkunft war leer. Die Fahrt im
+Zug war dumpf, ausgespieen fuhr sie, allein, dennoch
+voll Glut. Sie mußte weiter nach Christiania. Nach
+zwei Tagen stand sie am Hafen, traf Fribaurt nach einer
+schmerzlichen Sitzung. Er fuhr mit der Segelyacht
+nach einem ungewissen nördlichen Punkt. Sie nahm es
+sofort. &bdquo;Ich komme mit.&ldquo;
+</p>
+<!-- page 272 -->
+
+<p>Die Tage füllten sich mit dem und jenem, Ungenauem,
+doch ungeheuer in der Berührung mit schrankenloser
+Natur, Menschen, deren Geist abgewandt war, mit
+denen der eigene sich schön traf beim Rauchen, dem
+Reffen der Leinen, Hinaussehen auf glatte See bis zu
+entfernten Dampferwolken. Inseln kamen. Riffe türmten
+sich wie steigende Esel. Gedörrte Fische hingen an
+den Felswänden, wie sie die Ufer hinausfuhren. Granit,
+Urblasen erstarrt, schaukelte bunte, rote, grüne Häuser
+wie Spielzeug. Auf den Klippen saßen Rypen: &bdquo;ka .&nbsp;.&nbsp;.
+bauh.&ldquo; Schneehühner: &bdquo;j .&nbsp;.&nbsp;. ak &mdash; j .&nbsp;.&nbsp;. ak.&ldquo; Es
+rauschte. Ein Kreis mit heißen Wallungen bäumte um
+sie. Sie badeten in einem Fjord, abends ward das
+Wasser papageirot. Jerkins, Christianias größter Jäger,
+stieß auf ein Signal mit der Kupfertrompete dazu. Kam
+mit Schneeschuhen aus dem Gebirge. Stunden, ehe er
+einlief, sahen sie ihn im Glas oben wie ein metallenes
+Insekt flitzen in Stemmbogen und Telemarks. Ein
+Tal kam aus den Felsen gegen das Meer geflossen, grün,
+schwärmerisch. Sie übernachteten im Dorf. Am Ende,
+eingekeilt, schon zur Ebene zu, hing über Sandwüsten
+ein weißes, Licht schleuderndes Haus. Jerkins führte im
+Bogen heran, sein Finger überschrieb die Gegend:
+&bdquo;Nördliche Lepra&ldquo;. Der Kreis war verseucht. Er
+zuckte die Achseln unwillig, sah Daisy ins Gesicht,
+führte sie dennoch heran. Zerfressene Gesichter sahen
+aus den Fenstern: &bdquo;Hüten Sie sich.&ldquo; Ein Schrei.
+<!-- page 273 -->
+Sie gingen zurück, warfen den Fock aus. Das Morgenwasser
+zischelte .&nbsp;.&nbsp;. Die Nordsee leckte gierig, blau
+an Lee. Die Windtrommel saß in dem Segel,
+schmetterte.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Geh in meine Kajüte.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Der Schiffsjunge schloß die entzündeten Augen, kroch
+in die Kabine und schlief sich aus. Sie lag unter dem
+Segeldach und gab statt seiner acht. Das Steuer war
+angebunden, die Luft ging ganz stät. Die Lappin wurde
+aufs vordere Verdeck gerufen. Die Sonne malte auf den
+Holzplanken. Fribaurt und Jerkins lagen auf dem
+Bauch. Das Weib mußte sich legen, äugte schielend
+mit schrägen grünen Augen nach Daisy. Sie spielten
+Karten, lernten die Lappin zum siebentenmal an, schlugen
+Atouts auf den Boden, das Weib lauerte, bekam einen
+Rippenstoß, zuckte, legte klatschend mit fetter Hand ihre
+Karte nach. Die Segel schlappten plötzlich, klatschten
+hohl hin und zurück zum Großbaum .&nbsp;.&nbsp;. eine Musik
+umschwirrte sie .&nbsp;.&nbsp;. eine Wolke Papageitaucher, die wie
+Rypen zirpten, flog eilig nach dem Land. Jerkins
+schoß, auf dem Rücken liegend, eine Möve, die hinter
+ihnen her war, fischte sie herein, zog ihr, die schrie, Kopf
+und Atlas ein wenig auseinander. Vorbei. Er fuhr
+mit der Hand in den orangegelben Flaum und ließ die
+Federn einzeln zu Daisy fliegen. &bdquo;Schöne Frau von
+der Seefahrt.&ldquo; Fribaurt sang mit dunklem Bariton.
+Der schaukelnde Wind ließ nach, das Meer ward
+<!-- page 274 -->
+tierisch faul, eine Brise kam, schwand. Sie lagen still.
+&bdquo;Welche Harmonie,&ldquo; gähnte Fribaurt, stieß einen Pfiff
+aus, hielt die Shagpfeife in der Hand und warf die
+Karten auf, &bdquo;wir haben maßlose Zeit, meine Freunde.&ldquo;
+Das Segel aufgerefft, die Lappin in Hosen an der Gaffel
+mit klebriger Behendigkeit .&nbsp;.&nbsp;. der Tag stand still. Fribaurt
+band ein rotes Tuch um den Kopf. Jerkins hob
+das Weib hoch, legte es wieder auf den Bauch. Dann
+bluffte er wie toll, verlor einen Haufen Geld und lachte,
+bei jedem Verlust aus Vergnügen. Fribaurt lächelte ein
+Diplomatengesicht: &bdquo;Zu grob.&ldquo; Er legte auf: &bdquo;Street.&ldquo;
+Die anderen warfen zusammen, zuckten die Achseln.
+Plötzlich schob Jerkins auseinander, runzelte die Stirn,
+griff hinüber, legte die Karten der Lappin nebeneinander:
+&bdquo;Zu früh .&nbsp;.&nbsp;. zu schick .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; er bog sich vor
+Lachen über Fribaurt. Umgewendet: &bdquo;Die Sau .&nbsp;.&nbsp;.
+die Sau .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Die Lappin kroch ein Stück davon aus
+Angst auf dem Leib. &bdquo;Was hat sie?&ldquo; Jerkins hob
+die Hand von der Kartenflöte. Sie wälzten sich zu
+zweit: &bdquo;Royal Fluch.&ldquo; Fribaurt zur Lappin geneigt:
+&bdquo;Süße Freundin, welch verschwenderische Tollkühnheit
+des Glückes .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Jerkins teilte aus, schaute zu Daisy:
+&bdquo;Die phantastische Quote .&nbsp;.&nbsp;. und hat es nicht gewußt.&ldquo;
+Weißbrüstig hing eine Brise vor dem Meer. Geigen
+im Baum, ein dunkler Frühstrich vor ihr her wirbelte
+das Meer mit einem bläulichen Schatten, der Bogen
+sauste heran. Jerkins sprang auf, leierte am Großschot,
+<!-- page 275 -->
+die Lappin ließ das Segel zwischen zwei Tauen herab,
+Jerkins wickelte, machte einen Schifferknoten mit den
+Daumen, das Segel wechselte, flog hinaus .&nbsp;.&nbsp;. der
+Stoß kam und erzitterte jeden Nagel, Fribaurt schmiß
+das Ruder herum, tänzelnd lief das Boot, sie kamen
+dem Ufer näher, die Gaffel wechselte .&nbsp;.&nbsp;. nun fuhren
+sie in der Windschwankung parallel.
+</p>
+
+<p>Das Ufer neben ihnen, ein hoher Damm, scharf
+vor den Himmel gelegt. Auf ihm fuhr in gleicher
+Linie wie sie ein Pferd. Es zog ein Karreol, flach
+und groß wie ein Kanoe. Drin saß ein Mann. Sie
+fuhren nebeneinander. Fribaurt deutete mit der Spitze
+der Pfeife nach ihm. Der Wind zog stärker. Die
+Blase des Segels neigte sich schaumig gegen das
+Wasser. In silbernem Regenbogen hing eine Springwelle
+an Lee. Sie starrten hinüber. Es war, als bewege
+sich keines, nicht sie, nicht das Pferd, .&nbsp;.&nbsp;. als
+blieben sie festgehaftet wie Brennpunkte in dieser Ovalen
+von Himmel und See. Fribaurt zog die Augen zu
+Schlitzen zusammen. Jerkins, die Hände vor dem
+Mund, die Brust aufgesogen wie ein Schwamm:
+&bdquo;Hall .&nbsp;.&nbsp;. lo .&nbsp;.&nbsp;. o!&ldquo; Sein Organ schlug den Wind
+mitten durch und traf drüben auf. Der Wall schickte
+vier Echos herüber. Keine Antwort von dem Mann.
+Jerkins quoll blau am Hals: &bdquo;Hallo .&nbsp;.&nbsp;. y .&nbsp;.&nbsp;. lo!&ldquo;
+Eine Pause zitterte, die dünnen Echos quirlten .&nbsp;.&nbsp;. dann
+kam die Antwort, kalt: &bdquo;Holla!&ldquo; Jerkins stand am
+<!-- page 276 -->
+Großbaum, klemmte die Wange ans Holz. &bdquo;Haltet
+Ihr die Wette nach Aarvik?&ldquo; Sie lauschten. Dann
+eine schneidende helle Stimme: &bdquo;Am Arsch.&ldquo; Sein
+Pferd sprang über eine Wolke, Staub ringelte sich in
+einer umgelegten Säule hinter ihm. Der Damm bog
+landeinwärts, eine rötliche Spirale. Daisy verstand
+nicht, was er norwegisch rief. Sie sah nach Jerkins.
+Er machte ein verschlossenes Gesicht. Der Schiffsjunge
+fletschte ein Grinsen von Ohr zu Ohr. Daran verstand
+Fribaurt die Antwort. Sein Schnurrbart zuckte,
+er wandte sich zu Daisy und lobte die Farbe der
+Mövenfedern.
+</p>
+
+<p>Jerkins warf das Ruder herum, halste, das Ufer
+zog sich tief zurück .&nbsp;.&nbsp;. um eine Halbinsel, einen kleinen
+Fjord. Der Berg hob sich von zwei Seiten. Auf
+der jenseitigen mitten in der Spirale peitschte der Fahrer
+sein Pferd, am Ende des anderen Abfalls lag unten
+Aarvik. Sie warfen Anker, gingen im Beiboot
+ans Land. Ein helles Wirtshaus mit einem Garten,
+die Terrasse mit Bäumen, dahinter die Ebene vom
+Morgen .&nbsp;.&nbsp;. die flimmerte .&nbsp;.&nbsp;. unten am Fluß mit
+roten Dächern Aarvik .&nbsp;.&nbsp;. idyllisch unter dem Berg.
+Auf seiner Spitze hob sich eine Flamme Staub, das
+Pferd kulminierte, die Karriole kam in die Schleifen
+des ihnen zugewandten abfallenden Teils, verschwand
+in einer Schlinge. Nach einer Viertelstunde klapperte
+sie an hinter dem Haus. Ein Schock Matrosen lungerte
+<!-- page 277 -->
+um die Kneipe, graue Zipfelmützen im Nacken.
+Der Wirt schmiß sie heraus. Sie drängten nach.
+Einer stieß mit dem Knie einer Magd in den Hintern,
+sie schrie: &bdquo;Dumme Schicksen.&ldquo; Der Wirt zeigte auf
+ein Holzbrett, sie schüttelten die Fäuste. Er nahm es
+herunter, hielt es sich vor den Bauch. &bdquo;Ein kleines
+Faß,&ldquo; schrieen sie, &bdquo;wir scheißen auf das Verbot.&ldquo;
+&bdquo;Dåd og Pine .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; mit Knie und Faust drückte sie
+der Wirt die Steintreppe runter. Sie maulten, einer
+zog den Wirt an einem Westenknopf neben sein rothaariges
+Gesicht und flüsterte in sein Ohr. Der Wirt
+brüllte auf, stieß ihn in den Magen, daß er wie ein
+Messer einknickte. &bdquo;Kotzt Lumpen&ldquo;, seine Zunge hing
+raus vor Wut, er trat dem Mann auf die Schenkel,
+der sich verkroch. Da fuhr die Karriole auf den
+Hof. Sie sahen den Aussteigenden nur vom Rücken.
+Er schrie durch den Radau, seine Matrosen rieben sich
+die Hände an den Hosen. Er rief nach dem Weg
+über die Brücke. &bdquo;Abgerissen.&ldquo; Wieder gab es einen
+kurzen Krach, da die Matrosen sich beschwerten. Der
+Wirt dienerte. Zwei der Leute schirrten den Gaul
+aus. Der Geprügelte riß plötzlich dem Wirt die Hosen
+auf die Knie. &bdquo;Had djävelen .&nbsp;.&nbsp;. ich schlag dir in die
+Fresse.&ldquo; Die Matrosen gröhlten, steckten die Hände in
+die Taschen und johlten, bewegten sich mit den Hüften
+vor und zurück. Ein Faß rumpelte. Der Fremde
+winkte, die Matrosen kicherten und verrollten sich langsam.
+<!-- page 278 -->
+Der Wirt verzog das Maul, stellte das Brett
+zur Seite, schielte giftig zu den Abtrollenden. Der
+Fremde warf seine Gamaschen einer Magd zu. &bdquo;Hafer
+.&nbsp;.&nbsp;. mir ein Bett .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Der Gaul hob den Schwanz
+und strich einen großen Furz. Die Matrosen quakten
+herüber, schlugen sich die Schenkel vor Lachen. Der
+Fremde sprang ins Haus.
+</p>
+
+<p>Jerkins schlenderte, die Hände in den Taschen, ins
+Haus, kam zurück. &bdquo;Wer?&ldquo; fragte Fribaurt. &bdquo;Sven
+Mair.&ldquo; Daisy bog sich zu Fribaurt: &bdquo;Wer ist
+Sven Mair?&ldquo; Fribaurt lächelte mit dem Schnurrbart,
+strich seine Hand mit der anderen: &bdquo;Jerkins Feind.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Die Zimmer lagen nach der Seite des Flusses. Eine
+lange Nacht voll Geräusche. Die Hunde bellten, wurden
+plötzlich still. Aus dem Bootshaus soffen die Matrosen
+in die Gegend, sangen, rollten langsam in ihre
+Kabinen. Kurz die Stimme des Fremden unter seinen
+Leuten, dann Stille wie Blei. Das Meer stand in
+uferlosem Schweigen. Die Felsen kühl und geheimnisvoll
+über dem Wasser, panische Stille .&nbsp;.&nbsp;. sie schloß
+unter ihrem Druck die Augen. Stunden gingen.
+Schlaf und Wachsein verschwebten in einander. Plötzlich
+riß sie wilder Spektakel auf. Sie eilte ans Fenster.
+Zwei Karriolen rollten vor das Haus. Die Nacht war
+weiß. Kupfriger Schein spann über die Landschaft.
+Drei Burschen bläkten die Zähne, schrieen:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Sven.&ldquo;
+</p>
+<!-- page 279 -->
+
+<p>Schritte gingen über ihr, die Gesichter schauten hinauf.
+Ein Pfiff, ein gedämpfter Ruf von oben: &bdquo;Skideriks.&ldquo;
+Sie grinsten nach oben. Ihre Nasen, ihre
+Ohren, die Farbe der Augen &mdash; alles sichtbar. Angelgeräte
+auf den Wagen, die Pferde bissen schaumkauend
+auf dem Eisen. &bdquo;Sven .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Da trat er heraus aus
+der Tür unter ihr, ein Schatten lief vor ihm rasch über
+den bläulichen Boden. Er hatte Lachszeug über der
+Schulter, schmiß es in seine Karriole, krempte die Hosenbeine
+bis zum Bauch, nahm zwei Pferde, trieb sie in
+den Fluß. Schreiend warfen die aus den anderen Karriolen
+sich auf die Gäule. Der Fremde drehte sich um,
+sah nach dem dritten Gaul, bis an die Knie im
+Wasser. In der Helligkeit sah sie sein Gesicht. Da
+wuchs aus der Nacht der Schlag, hieb besinnungslos
+in sie, stürzte wie eine Feuersbrunst zum Herz:
+</p>
+
+<p><i>Dies Gesicht ähnelte Caspare Symes.</i>
+</p>
+
+<p>Sie ging vom Fenster zurück, fiel mit dem Rücken
+auf das Bett, hörte Pferdegeplätscher im Wasser,
+zwei Rufe, bleierne Stille. Im Plafond über sich
+sah sie das Gesicht. Sie warf sich herum. Eingebrannt
+im Boden glühte es sie an. Sie starrte durchs
+Fenster. Es füllte den Rahmen, peitschte sie auf. Erschöpft
+sank sie in die Kissen, schloß die Augen. Da
+stand es innen in den Lidern mit einer Zärtlichkeit
+des tiefsten Schmerzes und sah durch die Iris ihr
+in die Brust. Ihr Herz zog sich zusammen. Stunden,
+<!-- page 280 -->
+die sie lag. Kämpfte mit dem Kopf. Derselbe Ausdruck
+in seinen Zügen mit dem Unbekannten, der im
+Traum ihren Bauch umschlungen in der Nacht Le
+Beaus, im Traum des Hotels neben Renée. Mit
+tödlicher Schärfe riß ihr Dasein herauf, sie erkannte
+die Rechenschaft über ihr eigenes Lebens, die er brachte,
+kannte, forderte, ungestüm. Er schlug als Zentrum
+in den Kreis, den sie gelebt. Kein Leid, das sie gelitten,
+ohne daß es bestimmt war für dies. Keine
+Sehnsucht, keine Handlung, die nicht zielte in diesen
+magischen Punkt. Er hob sich, als sie am entferntesten
+schien, und wie von einem Wellenbrecher rauschte ihr Leben
+davor zurück. Nichts blieb außer ihm für sie: Dinge
+eitel, Menschen verworfen. Das Meiste umsonst getan.
+Höllischer Schmerz verzehrte ihr Auge, ihr Blut.
+So unerbittlich klar stand in dem Kontur das Glück,
+Bestimmung des Leibes, der Sehnsucht unerfüllbar,
+nicht erfüllt seither, .&nbsp;.&nbsp;. sie schrie um Gerechtigkeit, starr,
+ohne die Glieder zu bewegen, wandte sich an Gott,
+wandte sich ab, verzweifelte. Der Schmerz ward so
+tief, daß sie ihn nicht mehr ertrug, glaubte, sie sterbe.
+Da drehte er um und erfüllte sie mit Seligkeit, die
+alles an sich rief, was sie erduldet.
+</p>
+
+<p>Langsam wuchs sie aus dem Zweifel, überwand ihre
+Sehnsucht, sah weit vor sich die Aufgabe, das Gestreckte,
+Winkende, Rufende, was sie größer füllte.
+Und je mehr es in ihr glühte und Di Contis Glaube
+<!-- page 281 -->
+und Ziel sich erhellte auf einer Seite, sank der Kopf
+auf der anderen, das Spiel der Wage ging hinab.
+Wohl lag zwischen dem Kopf und allem Geschehen
+eine Kluft, die nichts überbrückte: nur ihr Blut. Sie
+gab es. Litt. Gab es hinüber in das Unbedingtere, gab
+sich auf und ganz in die Aufgabe. Verzichtete. Sah zum
+ersten Male das Unbeschreiblichste, erkannte, am Nichtgewesen,
+an allem, was sie versäumte, ihr großes
+Glück. Gab es auf, ließ es. Legte den Kopf weinend
+in die Hände. Entsagte. Aus Di Contis Atem kam
+die Befreiung, lösend, hart, aber tief.
+</p>
+
+<p>Das Silber zitterte heller. Sie lag, die Augen
+wie Stein. Dann stand sie auf, als ein Boot unten
+vorbeifuhr. Ging hinaus über die Schwelle.
+</p>
+
+<p>Die Arme standen etwas ab. Die Sonne kam.
+Eine Fahne wehte, das Georgskreuz, schon vorüber.
+Welch unendliche Kühle des Sommermorgens.
+Welche Frische des Blaues. Sie ging weiter. Der
+Staub ward rötlich. Die Riffe des Kessels ballten
+sich dunkel, unerreicht noch vom Licht. Sie ging.
+Gezackte Wolken am Horizont .&nbsp;.&nbsp;. Mövenflügel in
+Spiralen hoch sich schleudernd .&nbsp;.&nbsp;. die Eidern weich geschaukelt
+in der Bucht &mdash; &mdash; &mdash; der Tag stieg, wölbte
+Licht. Aus der Wiese kam ein Gaul auf sie zugelaufen,
+hielt, hob das rosane frische Maul, legte es
+auf ihre Schulter. Lief davon.
+</p>
+
+<p>Das Kupferbergwerk glühte aus dem Fels. Sand .&nbsp;.&nbsp;.
+<!-- page 282 -->
+Sonne leckte darauf .&nbsp;.&nbsp;. die Ebene kam. Oben das
+spitze Tal. Sie ging hindurch. Fahlweißes Licht
+prallte ihr entgegen. Sie stand vor dem Haus wieder,
+von der anderen Seite, das, ein Nabel, zwischen
+der Ebene und dem Gebirge lag. Aus einem oberen
+Fenster sah ein blauzerquollenes Gesicht. Ungetrübt
+durch Schmerz wehte es rein in ihr auf, durch sie hin.
+Die Liebe quoll verdichteter in ihr. Sie schlug die
+Augen auf. Mit unerbittlich weichen Buchstaben
+stand über dem Eingang vor dem Himmel geschrieben:
+Hilfe den Menschen.
+</p>
+
+<p>Eine grelle Stimme: &bdquo;Was wollen Sie?&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Hinein.&ldquo;
+</p>
+<!-- page 283 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-6">Der fünfte Abschnitt
+</h2>
+<!-- page 285 -->
+
+<p>Die zwanzigste Schüssel .&nbsp;.&nbsp;. sie hing das Tuch an
+den Ständer, goß den Zuber aus, stülpte die letzte
+auf die Neunzehn. &mdash; &bdquo;Durst.&ldquo; Sie brachte Wasser an
+ein Bett. Sie schaukelte den Zuber in die Badewanne,
+ließ heißes Wasser einlaufen, nahm Soda, griff in
+Schmierseife, schlug Schaum mit einer Bürste. Nun
+kamen die Näpfe. Mit einem Zangenpinsel fuhr sie in den
+Hals der Urinenten, bog den Draht, schabte den Kalk innen
+ab. Das Wasser sprudelte. Sie wusch den Nachtstuhl
+aus. Die Tür weit offen .&nbsp;.&nbsp;. es dampfte nach Kaffee.
+Sie schaukelte das Wasser in die Wanne, wusch die
+Wanne aus mit Seife und Sand, schaukelte den Zuber
+mit den Henkeln auf der Wanne unter den Hahn.
+</p>
+
+<p>Neues heißes Wasser .&nbsp;.&nbsp;. es lief nicht mehr. Sie
+schob den Schalter langsam herum und hielt ein Streichholz
+daran. Der schmale Gasofen an der Wand spie nach unten
+Ruß, nach oben die blaue Flamme, es donnerte. Sie sprang
+in die Flamme, schob den Schalter zurück. &bdquo;Langsamer
+öffnen&ldquo;, sagte eine Stimme hinter ihr. Sie öffnete
+langsam, entzündete das Holz. Der Ofen explodierte.
+&bdquo;Langsamer sage ich .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Ihr rußiges Gesicht sah
+<!-- page 286 -->
+um. Langsam öffnete sie, die Stichflamme schoß in
+das Zimmer, das Gas knatterte irrsinnig, an der
+Decke das Licht losch aus.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Schreiben Sie auf: der Ofen wird repariert.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Sie nahm ihr Buch, notierte es. Es stand zum
+drittenmal mit Blei geschrieben. Jedesmal untereinander.
+Der Ofen wurde nicht repariert.
+</p>
+
+<p>Die Türe fiel hinter dem Arzt.
+</p>
+
+<p>In der Dämmerung wusch sie die Becken im kalten
+Wasser. Dann trug sie Bürste, Pinsel, Stuhl hinaus.
+Auf dem Gang standen Sechs vor einem Tisch
+in Hemden und wuschen sich Hals und Brust. &bdquo;Meine
+Zahnbürste.&ldquo; &bdquo;Schlappmaul .&nbsp;.&nbsp;. meine.&ldquo; Ein Rippenstoß
+.&nbsp;.&nbsp;. sie torkelten im Korridor. &bdquo;Laßt mich durch.&ldquo;
+Sofort wichen sie zur Seite. Das Klosett verschlossen: &bdquo;nicht
+in Ruhe einmal scheißen .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Sie wartete ruhig. Sie
+bückte sich unter den Tisch. &bdquo;Deine Zahnbürste &mdash; &mdash; &mdash;&ldquo;
+Der Mann winselte. Im Klosett keifte es. In hängenden
+Hosen erschien er dann in der Tür, ungekämmt, rieb
+sich die Augen mürrisch. Als er sie sah, ging er auf
+die Seite, wich ihr aus, senkte den Blick. &bdquo;Falle
+nicht,&ldquo; sagte sie, &bdquo;der Boden ist naß.&ldquo; Die sich
+wuschen, tuschelten nur noch miteinander, Mund an
+Ohr. Sie machte das Fenster auf im Klosett, zog
+die Wasserspülung, wusch den Boden auf, rieb das
+Porzellan glatt. Der Schnee draußen schimmerte frostig.
+Sie schloß das Fenster.
+</p>
+<!-- page 287 -->
+
+<p>Ihr Name flatterte zweimal im Flur. Sie stand
+neben einem Bett. Sie nahm zwei Beine, hob sie hoch.
+Die dicke Schwester, die den Kopf hielt, schrie den
+Mann an mit drohendem Baß, die andere band ihm
+die Hände fest. Der Schwären auf seiner Weiche
+juckte ihn so, daß er nun hüpfte im Bett. Die Dicke
+gab ihm Kaffee in den Mund, das Brot.
+</p>
+
+<p>Sie fuhren die Betten in die Ecke. Achtzehn. Die
+freie Seite kehrten sie, wanden Lumpen um die Besen,
+wuschen auf, ließen trocknen, fuhren die Betten herüber,
+bewältigten die andere Seite.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Daisy .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Bittender Ruf. Sie ging mit. Naga
+hing in ihrem Arm. Sie gingen über zwei Korridore
+in den höheren Stock. &bdquo;Bist du müde?&ldquo; Die Brust
+der kleinen festen Schwester schmiegte sich an ihren
+Arm. In dem Zimmer standen zwei Kolonnen Betten,
+alle belegt. Die Luft roch scharf nach nassem Tuch.
+Große Scheiben gingen ins Land. Aus jedem Bett
+ragte ein Bein, ein Arm .&nbsp;.&nbsp;. und lag in einem Gefäß mit
+Wasser. Naga hielt Bein um Bein, Arm um Arm.
+Daisy trug die Wannen hinaus, leerte sie von eitrigem
+Gerinnsel, scheuerte sie, füllte sie neu. Das siebente
+Bett .&nbsp;.&nbsp;. ein junger Mann warf sich im Fieber herum
+&mdash; &mdash; &mdash; &bdquo;Ja, wir werden deiner Mutter schreiben.&ldquo;
+Das elfte Bett .&nbsp;.&nbsp;. die Fieberkurve gestiegen &mdash; sie machte
+ein Kreuz auf das Brett, drückte auf einen Knopf.
+Der Kranke kannte die Bewegung, begann zu winseln,
+<!-- page 288 -->
+das Bein blau, geschwollen .&nbsp;.&nbsp;. er warf sich knirschend
+herum. Sie drückte wieder auf den Knopf. Jeder
+kannte die Bewegung. &bdquo;Nur ein kleiner Schnitt.&ldquo; Er
+lächelte ungläubig, sie nickte.
+</p>
+
+<p>Ihr Name auf der Treppe.
+</p>
+
+<p>Sie trug mit der großen breiten Schwester Mann
+auf Mann ins Bad. Sie hielt sie unter den Armen,
+die andere an den Knöcheln. Im Bad stand ein
+Schemel. Darauf lag wechselnd ein verbundenes Bein,
+ein Knie, ein Arm. Einer lag darübergekrümmt auf
+der Seite. Sie wuschen die Leute ab mit Seife und
+dicken Bürsten. Sie hoben sie heraus auf den Stuhl,
+trockneten sie mit den Fingerspitzen ab:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Du hast Naga geholfen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Sie nickte.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Sie soll es nicht tun, wenn sie der Aufgabe nicht
+gewachsen ist.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich habe nichts versäumt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Sie trugen einen anderen herein. Als sie schruppten,
+ging die Haut ihm ab wie einer Schlange. Er hatte
+sich gekratzt, &bdquo;Du Schwein .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Er sah die große
+Schwester an, er sprach kein Wort. Daisy rieb vier
+Leuten den Rücken, die Schenkel ab mit Spiritus,
+gab Puder darauf, ging zu Nagas Station, setzte sich
+zu dem Fiebernden, horchte, sprach, schrieb .&nbsp;.&nbsp;.: &bdquo;Liebe
+Mutter &mdash; &mdash; &mdash; ich bin nicht schuld .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Sie aß zu Mittag, ging vor das Haus auf einen
+<!-- page 289 -->
+Liegestuhl, deckte sich zu und schloß die Augen. Die
+Sonne brannte auf den Schnee und färbte ihr Gesicht.
+Sie ließ die Glieder sich lösen, Müdigkeit floß an ihr
+herab, halb schlafend flog ein Zug zufriedenen Liegens
+ihr an den Mund.
+</p>
+
+<p>Sie stand neben dem Arzt. Ein neuer Kranker
+ward eingeliefert, ein junger Prediger, der entsetzt in
+die Brille des Arztes stierte: &bdquo;Sie werden gut tun,
+sich damit auseinanderzusetzen, daß Sie hier bleiben.
+Die Welt draußen ist vorbei. Sie werden hier sterben.
+Wenn Sie so denken, werden Sie ruhiger leben, weil
+Sie ein kluger Mensch sind.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Sie ging still mit dem Arzt hinaus, trat von dem
+Flur in das Nebenzimmer. Ein Raum dick voll Rauch.
+Gesichter schwankten mit Bärten zerfließend in der geballten
+Luft .&nbsp;.&nbsp;. deutsche Matrosen mit Scharbock von
+Grönland. Die leichte Abteilung, nichts gegen die
+Tragödie drüben. Gesang:
+</p>
+
+<div class="poem">
+<p class="line">Isch un du</p>
+<p class="line">Mir hawwe uns so gern</p>
+<p class="line">un leck&rsquo;st de misch bei Dag am Arsch</p>
+<p class="line">da brauchst de kei Laddern.</p>
+</div>
+
+<p>Sie stand auf dem Sims, wusch mit <a id="corr-11"></a>Petroleum
+das Lambris, wusch das Fenster. Sie zog ein Spinnweb
+aus der Ecke. Sie kehrte die Asche der Zigarren am
+Boden zusammen, unter der Heizung jagte sie Flocken, putzte
+<!-- page 290 -->
+das Messing der Klinken. Immer ein freier Raum um
+sie. Immer der fremde Gesang. Die Männer kaum
+sichtbar in dem Qualm:
+</p>
+
+<div class="poem">
+<p class="line">Isch un du</p>
+<p class="line">mir hawwe uns so gern</p>
+<p class="line">un leck&rsquo;st de misch bei Nacht am Arsch</p>
+<p class="line">da scheine der die Schdern.</p>
+</div>
+
+<p>Sie ging auf den Zehen an das Bett des Geistlichen.
+Sein Auge sah starr, gebrochen vor Melancholie
+in die Ecke. Er spürte nichts wie die Vernichtung.
+Hier Ende seines Lebens. Aufgezogen von einer
+schönen Frau, seiner Mutter, hier nun verfaulen. Unmöglich
+zu fassen, das konnte nicht sein, seine guten Glieder .&nbsp;.&nbsp;.
+dieser Mund, der schöne und tapfere Dinge sagte .&nbsp;.&nbsp;.
+wenn Gott war, so war dies unbegreiflich .&nbsp;.&nbsp;. ein
+schwaches Lächeln &mdash; er glaubte es nicht &mdash; .&nbsp;.&nbsp;. als die
+Lippen anschwollen, starrte er vor sich hin. Fassungslos
+dies große Ungeheure vor sich, sein Geist zu enge Öffnung,
+als daß so Maßloses sich in ihn schon so rasch
+ergösse. Zu klein sein Hirn für solchen ungeahnten
+Gott. Acht Tage lag er steif. Dann fraß ihn das
+Neue, indem es ihn an sich gewöhnte. Da gab er
+sich Wochen der Wut und der Anklage. Der Ausschnitt
+seines Zimmers, das Stück kümmerliche Landschaft
+ward ihm die Welt. Der Mond, entsetzlich
+aufsteigend .&nbsp;.&nbsp;. er würde ihn nie mehr sehen von anderem
+<!-- page 291 -->
+Ort, die Blumengerüche, der Dampf der regenbeschwerten
+Erde .&nbsp;.&nbsp;. ein Bauernmädchen, das vorbeiging
+.&nbsp;.&nbsp;. nichts zu halten, in die Ferne gerückt, nie
+zu berühren und zu haben .&nbsp;.&nbsp;. welches Schicksal. An
+das Fenster treten, dies alles inbrünstig sehen, nie haben
+werden, mit aller Wildheit begehren, kein Gott, der
+es ihm in die Hände geben würde .&nbsp;.&nbsp;. warum diese
+Grausamkeit .&nbsp;.&nbsp;. warum ihm .&nbsp;.&nbsp;. &mdash; &mdash; Jahre stiegen
+auf in dem Fensterbogen, entfalteten sich, zeigten jede
+Sekunde mit einer Eindringlichkeit, die die Augen
+schmerzte .&nbsp;.&nbsp;. Spiele der Jugend .&nbsp;.&nbsp;. eine schmale Frau
+trat an sein Bett, ein Garten abends .&nbsp;.&nbsp;. er hielt es
+nicht mehr .&nbsp;.&nbsp;. schrie. Daisy kam, stellte Wasser neben
+ihn, rückte einen Stuhl zurecht, legte Bücher darauf &mdash;
+und ging. Er folgte ihr mit dem Blick, bog ihn zu
+dem Fenster. Da stand seine Jugend. Wie war es
+zu tragen .&nbsp;.&nbsp;. Nun litt er mit geschlossenem Gesicht.
+Als der Pendel durchschwang, der Kern des Leides
+durchlitten war, löste es sich in schmerzliche Seligkeit,
+er begann beim Abebben des Zorns eines Nachts zu
+weinen. Hell wie ein Kind. Das ganze Haus hörte
+ihn. Nach Wochen sagte er zu Daisy: &bdquo;Wenn ich
+begreife, daß ein Körper wie meiner verfault &mdash; &mdash; wie
+soll ich fassen, daß Sie in einer Arbeit wie dieser leben
+können.&ldquo; Da sah er ihren Blick zum erstenmal, der
+mehr Abgeschlossenes hatte mit den Dingen wie der
+seine, fuhr hoch. &bdquo;Was wundert Sie?&ldquo; fragte Daisy.
+<!-- page 292 -->
+Da begann sein Blick an ihrem sich zu erstaunen und
+zu kräftigen. Ihm schien Sterben nicht mehr schwer
+von dieser Sekunde. Sein Auge folgte dieser Schwester,
+wo es sie sah.
+</p>
+
+<p>Der Arzt nahm sie mit in sein Kabinett: &bdquo;Sie
+werden mir operieren helfen. Sie sind ohne Laune,
+ruhig.&ldquo; Die große Schwester haßte sie von diesem
+Tag. Sie hetzte einen Saal auf. Nachts auf dem
+Korridor umarmte sie einer von hinten, fiel unter ihrer
+Parade schreiend zurück. Licht fiel auf sein Gesicht:
+&bdquo;Ich sage es diesmal nicht dem Arzt.&ldquo; Er verkroch
+sich. Auf diesen Mann konnte sie sich verlassen von
+nun ab, unbedingt.
+</p>
+
+<p>Sie hatte das Zimmer über dem Operationsraum,
+eine Glaswand trennte diesen in Manneshöhe von ihr.
+Sie sah nachts einen Schatten, der die Instrumente
+beschmutzte und zerwühlte. Sie stand früh auf und
+ordnete es wie neu.
+</p>
+
+<p>Es kam eine alte Frau, saß an dem Bett des Fiebernden:
+&bdquo;Ist das mein Sohn?&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ihr Sohn.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Das ist ungeheuerlich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Der Kloß verdrehte die Augen, flüsterte, schlug die
+roten Deckel zurück, die, ohne Lider, nur im engen
+Schlitz sich noch öffneten. &bdquo;Das ist ungeheuerlich. Das
+ist nicht mein Sohn. Das soll ein Mensch sein .&nbsp;.&nbsp;.
+Warum erschlägt man das nicht. Ist das Gottes
+<!-- page 293 -->
+Güte? .&nbsp;.&nbsp;. Mein Sohn, den ich auf die Steuerschule
+schickte .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Haben Sie den Mut, es leicht zu nehmen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Sind sie wahnsinnig, Schwester?&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;So haben sie &mdash; zum mindesten &mdash; soviel Liebe, tapfer zu
+sein.&ldquo; Die Frau blieb starr unter dieser plötzlich harten
+Stimme, neigte den Kopf. Daisy legte ein nasses
+Tuch auf die Augen des Kranken, wischte sie aus und
+ging. Sie ging durch den Flur. Auf der Schwelle saßen
+Zwei und droschen Karten: &bdquo;Mitspielen .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Verschmitzte
+Gesichter. Sie lachte hell: &bdquo;Ihr Dorsche .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+Tief befriedigt brüllten die Zwei in sich hinein. Im
+Garten der Frühling. Grün überall leuchtend .&nbsp;.&nbsp;.
+Eine Amsel schlug an, hob den silbernen Lauf und bog
+ihn elegisch in die Höhe. Daisy wiederholte. Die
+Amsel pfiff die Läufe zarter und inniger zurück.
+</p>
+
+<p>Die Uhr schlug. In einem weißen Zimmer allein stand
+eine Wanne. Der Zigeuner darin schlief, die Arme auf
+den Rändern aufgestützt. Sie band das Wachstuch weg,
+legte eine Glocke mit einem Rohr in das Wasser, sog an
+dem Schlauch, hing das Ende in einen Eimer, ließ Eimer
+auf Eimer heraus. Dann wusch sie mit Spiritus und
+Watte den Körper ab, immer im Bogen um die offenen
+Stellen. Sie nahm die Füße, rieb sie mit Äther aus
+und gab gelbe Vaseline darauf. Sie waren im Wasser
+wie Hirne geworden, weiß, tief gefurcht. Dann trug
+sie die Eimer heißes Wasser in die Wanne.
+</p>
+<!-- page 294 -->
+
+<p>Der Kranke ließ seinen Urin hinein.
+</p>
+
+<p>Sie setzte die Glocke an, leerte aus, goß wieder
+neues Wasser ein. Eine Stunde. Der Kranke sah zu,
+folgte jeder ihrer Bewegungen katzenhaft. Ein Pfarrer
+kam, wandte sich zu ihm, allein er schloß die Augen,
+als schlafe er. Als Daisy fertig war, grinste er und
+gab seinen Darm in das frische Wasser; Daisy sog
+das Wasser heraus, gab wieder neues zu. Wohltätiger
+Besuch kam aus der Stadt. Der Zigeuner zog das
+Wachstuch weg und zeigte, um zu größeren Geschenken
+zu rühren, seinen zerfleischten Körper. Die Dame
+schluckte, übergab sich noch im Zimmer und eilte hinaus.
+Daisy zog das Erbrochene auf, der Zigeuner
+warf wütende Blicke.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Sie mißt mich falsch&ldquo;, sagte er dem Arzt.
+</p>
+
+<p>&bdquo;So .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;, sagte er und zog den Mund herunter.
+Der Zigeuner sah zur Seite.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Scheißen&ldquo;, rief er. Sie ließ das Wasser aus, zog
+den Gummiring unter ihm weg, schob den Stechnapf
+hinein. Es war eine Lüge. Sie gab ihm neues
+Wasser.
+</p>
+
+<p>Er ließ den Arzt holen. Sie petze ihn .&nbsp;.&nbsp;. &bdquo;Du
+Schwein&ldquo;, sagte der Arzt und schlug ihn aufs Ohr.
+Zwei Tage darauf vertraute er der großen Schwester
+an, indem er weinte und sie zu Fragen zwang, er sei
+traurig, Daisy speise ihm sein Essen. Sie meldete es,
+der Pflicht folgend, dem Arzt. &bdquo;Wie können Sie .&nbsp;.&nbsp;.?&ldquo;
+<!-- page 295 -->
+Sie sagte gegen sein Brausen: &bdquo;Das Statut.&ldquo; Der
+Arzt untersuchte und gab dem Zigeuner wegen Verleumdung
+einen Tag Hunger. An diesem Tag speiste
+ihn Daisy mit ihrem Essen. Bei der Morgenvisite
+zeigte er es an. Seine Stimme lauerte auf den Verweis.
+Der Arzt tat ihm nicht den Gefallen, sondern
+bestrafte die Bosheit mit zwei Tage Hunger. &bdquo;Es wird
+durchgeführt.&ldquo; Ein Blick in die Runde. Die Tür
+fiel zu.
+</p>
+
+<p>Daisy folgte, setzte sich für ihn ein: &bdquo;Warum?&ldquo;
+Zwei Brillengläser funkelten sie an. Sie lehnte an den
+Tisch: &bdquo;Er wird sein Leben im Wasser liegen. Sein
+Haß gegen alles andere ist natürlich. Aber &mdash; Strafe
+wird ihn nie bessern.&ldquo; &bdquo;Nein,&ldquo; sagte der Arzt &bdquo;das
+ist nicht meine Sache .&nbsp;.&nbsp;. aber die Autorität wird
+gewahrt.&ldquo; In diesen zwei Tagen ließ Daisy von Naga
+sich vertreten, tauschte mit ihr die Station. Sie wohnte
+in Nagas Zimmer. Ein Gartenbusch lehnte herein.
+Die Blumenterrasse dahinter schwoll herein, der Rasen
+roch. Morgens die Luft blau und gold, Vögel darin,
+die unsichtbar sangen. Im Garten Naga, in den
+Hüften gebeugt. Eine Eidechse lief über den Kies,
+grün, glatt, rollte sich über einen heißen Stein, hob
+die Augen, züngelte herauf, lief weiter. Naga bückte
+sich, huschte rasch, geschmeidig die Hand darauf, hob
+die Faust, aus der oben der toderschreckte Tierkopf,
+unten steif der Schwanz heraussah, federte den schlanken
+<!-- page 296 -->
+Körper herum .&nbsp;.&nbsp;. ein Gesicht fassungslos aufgegangen
+in der Freude. &bdquo;Bleib&ldquo;, sagte Daisy, ging hinauf auf
+ihre Station, besorgte das Nötige auf der Nagas,
+die hinter einem Busch saß, Wolken ansah, die aus
+dem Meer stiegen.
+</p>
+
+<p>Zwei Männer kamen durch den Garten. Sie wiesen
+ihre Papiere. Sie kamen von einem spanischen Segler.
+&bdquo;Scharbockabteilung. In vier Wochen kommt Ihr
+wieder raus.&ldquo; Naga führte sie hinauf. Sie wurden
+ausgekleidet, gebadet, geräuchert, frisch gekleidet. Naga
+überwachte es. In der Nacht wiegte ein Gemurmel,
+lange halb undeutlich, als striche Wind mit Bäumen.
+Dann schwoll die Bewegung, die Wände des Gebäudes
+gaben sie weiter, echoten leis, knaxten. Stimmen
+schwebten hindurch, mischten sich. Plötzlich sang einer
+heiser und laut.
+</p>
+
+<p>Naga ging dem Geräusch nach, blitzte mit der
+Laterne auf leere Betten, kam durch Tür und Türen
+näher. Sie stand vor dem Operationssaal. Den
+Schlüssel vergessen abzuziehen .&nbsp;.&nbsp;. sie erbleichte. &bdquo;Coño&ldquo;,
+rief der eine Spanier und warf seinen Mantel auf
+den Tisch. Links lagen Flaschen auf dem Boden. Eingeschmuggelt
+.&nbsp;.&nbsp;. zu wenig Achtung auf ihre Mäntel .&nbsp;.&nbsp;.
+der Garten. Sie ging hinein, rasch, fest. Die Fenster
+waren geöffnet, die Bettücher hingen als Flaggen hinaus.
+Patienten der Lepra mit Flaschen am Mund, taumelnd,
+in der Hand .&nbsp;.&nbsp;. die Spanier tanzend und krähend
+<!-- page 297 -->
+eine Orgie .&nbsp;.&nbsp;. Naga stand stumm eine Sekunde, verzog
+den Mund zum Weinen und ging starr auf den
+Spanier zu, riß an der Flasche, da ging der Schwarze
+in das Knie, zupfte mit kurzen Rucken an ihrem Rock,
+er fiel nieder, er preßte den Kopf an ihre Knie. Entsetzt
+fühlte sie den Druck, schon nach der Tür .&nbsp;.&nbsp;.
+Geheul .&nbsp;.&nbsp;. versperrt der Ausgang. Sie sah die Leine,
+hing sich daran, schellte Alarm, riß die Schnur ab .&nbsp;.&nbsp;.
+die Patienten machten Jagd, stöhnten ihr nach .&nbsp;.&nbsp;.
+um den Operationstisch. &mdash; &mdash; Da schnitt eine Stimme
+herein. Das Licht wurde dreifach, ein Reflektor
+glühte aus der offenen Tür. Weit geöffnet schrie der
+Mund des hereinkommenden Arztes. Sie wurde ohnmächtig.
+Schwestern, Gehilfen drangen herein. Der
+Spanier ward gefesselt, ein Lepröser in die Zwangsjacke
+gesteckt, er schäumte. &bdquo;Still hinüber&ldquo;; zwei kurze
+Befehle: &bdquo;Me caco de la puñedra y jodida alma de
+la grandissima puda madre qué te caco .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Ein
+steiler Arm hob sich kurz vor Daisy, die ihn unter
+dem Tisch entdeckte. Hinaus .&nbsp;.&nbsp;. Einen Augenblick
+stand ein Kreis noch erregt plaudernd um den Arzt,
+der sich in Sublimat wusch. Dann gingen Türen.
+Als alles still war, öffnete sich leis Daisys Tür. Naga
+kam, schmiegte sich auf dem Bett an sie: &bdquo;Ich kann
+nicht mehr .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Es war dunkel: &bdquo;Wie lange hast du Kontrakt?&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Oktober.&ldquo;
+</p>
+<!-- page 298 -->
+
+<p>&bdquo;Geh sofort.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Doch Augen kamen ihr im Kissen entgegen, die getröstet
+werden wollten, gehalten, die noch nicht gehen
+wollten: &bdquo;Aber du kannst es doch. Arbeitest du nicht
+wie Vier. Hast du nicht Kraft, alle Sehnsucht zu verdrängen.
+Hast du dazu nicht mehr gesehen, erlebt wie
+wir?&ldquo; Sie zog sie neben sich: &bdquo;Der Wille genügt
+nicht. Nichts wird vom Ende aus begonnen. Geh,
+lebe. Kommst du nicht wieder, fandest du Gegebeneres
+für dein Schicksal. Kommst du wieder, ist nichts so
+entsetzlich, du trügest es nicht mit einem Lächeln.&ldquo;
+Nagas verweintes Gesicht suchte auf dem Kissen nach
+ihrem. Tränen an ihrem Mund. Schluchzen .&nbsp;.&nbsp;. was
+sollte dies Kind hier. Erst hindurch durch das andere .&nbsp;.&nbsp;.
+was das Leben zärtlich und schön macht. &bdquo;Geh.&ldquo;
+Naga ging schlafen. Die Nacht darauf hatte Daisy
+Wache bei dem Zigeuner. Er stellte sich fiebrig, damit
+sie nicht zum Schlafen komme. Es klirrte im Nebenraum.
+Daisy ging hinein, schloß die Tür hinter sich,
+reichte Pakete hinaus, ein Kuß mit Tränen, die im
+Mund blieben. &bdquo;Mut&ldquo;, geflüstert ein heißes Wort
+zurück, kaum verständlich vor Weinen. Das Fenster
+geschlossen .&nbsp;.&nbsp;. zurück zu dem Zigeuner .&nbsp;.&nbsp;. auch dies
+vorüber. Naga würde nun fehlen. Kein Lächeln mehr
+im Hause sein.
+</p>
+
+<p>Der Zigeuner fluchte. Sie lächelte, einzige Antwort.
+Bosheit verzerrte sein Gesicht, er klotzte wie ein Neger.
+<!-- page 299 -->
+Sie hatte ihn kurz verlassen .&nbsp;.&nbsp;. er beschimpfte sie.
+Sie hatte Unrecht, ihn eine Sekunde zu verlassen, sie
+nahm seinen Vorwurf hin: Du hast recht. Unbeugsam
+blieb ihr Mund durch seine Tücke. Er kam in Raserei,
+gab ihr jeden Fluch seiner Jugend. &bdquo;Schlaf&ldquo;, sagte
+sie mild. Er spie ihr in das Gesicht. &bdquo;Du Armer.&ldquo;
+Sie setzte sich in eine Ecke. Dunkel nun im Raum,
+halb licht vom Morgen. Ganz allein in der Nacht
+ihr Wachen .&nbsp;.&nbsp;. unendliche Stille ausgegossen in ihr.
+Die Fenstergardinen schwankten .&nbsp;.&nbsp;. Di Contis Atem
+ging mit dem Wind durch den Raum. Die Liebe
+ging auf in ihrem Gesicht. Sie saß bis tief in den
+Morgen.
+</p>
+
+<p>Die Sonne kam weiß aus dem Meer. Das Wasser
+ward spiegelig grau mit einem dunklen Rand. Der
+Sommer auf der Höhe .&nbsp;.&nbsp;. das Wasser stank faulig.
+Die Hitze lag kreiselnd am Himmel. Sand, Meer,
+Gebirge: eine Ebene erstickendster Trockenheit, von der
+ein giftiger Hauch am Mittag gegen das Haus fiel.
+Aus heißem Bett, schlaflos, fiel sie morgens, die Nerven
+zitternd, in den Operationsraum .&nbsp;.&nbsp;. Puls halten,
+Apparate reichen .&nbsp;.&nbsp;. sie hielt an einer Zange ein Bein.
+Zwei Finger des Arztes bohrten im Fleisch, suchten
+einen Knochen. Da riß der Gummi des Handschuhs.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Äther&ldquo;, schrie der Arzt.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Hier.&ldquo; Er riß den Stöpsel ab, leerte es über die
+Hand, stöhnte auf.
+</p>
+<!-- page 300 -->
+
+<p>&bdquo;Jod .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;, schrie er, die Augen quollen. &bdquo;Schlafsenkel
+.&nbsp;.&nbsp;. Gans .&nbsp;.&nbsp;. ist das Jod?&ldquo; Schon verbanden
+ihn andere. Über dem Waschbecken knurrte er weiter.
+Vor dem Weggehen warf er ihr einen wütenden Blick
+zu. Unter den anderen stehend nickte sie mit dem Kopf.
+Was war das Unrecht? Hätte sie nicht wissen müssen,
+daß er irrte, klüger sein wie er in der Stunde der
+Not .&nbsp;.&nbsp;. auch dies. War es ein Unrecht .&nbsp;.&nbsp;. sie
+nahm es mit in den Dienst. Es reichte nicht an ihre
+Ruhe.
+</p>
+
+<p>Zwanzigmal das Wasser leeren .&nbsp;.&nbsp;. Gestank. Das
+eitrige Wasser faulte unter der Hand. Geruch von
+Brake und Schlachthaus auf den Korridoren, Schweiß
+in den Krankenräumen .&nbsp;.&nbsp;. ein satanischer Sommer.
+Die Fenster, weit ausgehängt, lauerten auf Zugluft.
+Aus den Poren der Mauer kam Hitze. Die Kranken
+badeten in ihrem Schweiß, der sie anfraß. Die offenen
+Schenkel wurden brandig. Die Gurgeln wurden trocken,
+krächzten. Einmal begann einer zu schreien, besinnungslos.
+Sie stand neben ihm, gab ihm Packungen. Sie
+kam zu dem Fiebernden: &bdquo;Nimm dir Wasser.&ldquo; Er
+hob den Hals, konnte sie nicht ansehen, die umschlossenen,
+nie mehr zu öffnenden Augen winselten Dankbarkeit.
+Sie spritzte mit einer Blumenfontäne Wasser
+ohne Pause in die Luft. Dünner Regen kam aromatisch
+nieder, Trost einer Sekunde. Ein Atemzug Glück .&nbsp;.&nbsp;.
+vorbei. Durch das Zimmer fliegend, sah sie das glanzlose
+<!-- page 301 -->
+Auge des jungen Priesters. Erstaunt: &bdquo;Auch
+Sie .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Er schüttelte den Kopf, kein Kleinmut, er
+lächelte, solches fiel schwerer ab, was ihm menschliche
+Gewöhnung gelernt, zu schätzen, dies: &bdquo;Der Geruch.&ldquo;
+Ihr linkes Augenlid senkte sich kurz. Sie brachte eine
+Flasche Eau de Cologne. Er entkorkte die Flasche, roch
+sie, Tränen schon in den Augen: dies war die Welt.
+Er drehte sich um. Am Ende bei ihrem Vorbeigehen
+senkte sich ein maulender struppiger Banditenkopf gebändigt.
+&bdquo;Ein Gewitter kommt,&ldquo; sagte sie, mit dem
+Leinentuch wehend zum anderen Ende, &bdquo;den Abend
+wird es frisch vom Meer.&ldquo; Im Nebenzimmer, wie
+Fledermäuse ausgetrocknet, hockten die Matrosen, sangen
+nicht mehr, Hunde mit trockenen Schnauzen. Lächelnd:
+&bdquo;Geduld, Struppige .&nbsp;.&nbsp;. Wind.&ldquo; Sie bekamen Ausdruck
+in die Blickwinkel, schielten sich an, stießen die
+Ellenbogen sich in die Seiten, grinsten, schaukelten auf
+den Stühlen. &bdquo;Geduld&ldquo;, sie wehte zeigend mit dem
+Tuch nach dem Himmel. Alle sahen hin, alle in
+Spannung, sahen nach einer Wolke. Der ganze Saal
+sammelte sich nach dem Himmel, lag auf der Lauer.
+Sie stand im Zimmer: &bdquo;Mut.&ldquo; Der Glaube trat
+aus ihr heraus. Trat in zwanzig Halbverweste. Vierzig
+Augen sahen auf sie, traten in sie ein mit ihrer
+Hoffnung, klammerten sich an sie, schauten gläubig,
+mit ihrem Mut gestärkt, nach der Erlösung. Rochen
+nicht mehr ihren Eiter, spürten nicht mehr Schweiß,
+<!-- page 302 -->
+der ihr Geschwür biß. Keiner, der haderte, niemandes
+Schmerzruf .&nbsp;.&nbsp;. ganz verhaltene Stille. Der Glaube
+von zwanzig Unglücklichen ballte sich heftiger als von
+tausend anderen, der Glaube von zwanzig Unglücklichen
+stand in dem Zimmer, wuchs in den Räumen. In
+allen Zimmern stand er auf. Bald das Ende der
+Qual, bald Wind und Mut, weiter das andere zu
+tragen. Ein kleiner Windhauch nur .&nbsp;.&nbsp;. welch ein
+Trost. Die Zimmer verbanden sich mit einer Schicht
+Vertrauen, die früher nicht herrschte. Die einzelnen
+kamen sich näher, fühlten sich als Genossen, lachten
+sich zu. Die Deutschen sangen wieder. Freude stand
+über den Betten. &bdquo;Dank.&ldquo; Sie rief zurück: &bdquo;Mut.&ldquo;
+Der Tag vorüber, die Nacht rot vor Hitze, der Morgen
+graublau, entsetzliche Last. Durch die Zimmer
+gehen, immer ein Lächeln. Hinaussehen zum Horizont.
+Die, die nachts nicht geschlafen, die halb irrsinnig
+waren vor Schmerzen, alle, die beginnen wollten zu
+lästern .&nbsp;.&nbsp;. alle einigten sich an diesem Lächeln, unternahmen
+nichts, wurden still, sahen hinaus auf den Horizont.
+Sie beruhigte, entflammte still, flüsternd von Ohr zu Ohr,
+wenn sie sich bückte: &bdquo;Geduld .&nbsp;.&nbsp;. es kommt.&ldquo; Der
+Glaube wuchs in den Zimmern, heftiger, tiefer .&nbsp;.&nbsp;.
+der Glaube der vierzig Augen stieg, die anderen glaubten,
+wuchs in die Räume, ballte sich den Tag .&nbsp;.&nbsp;. die
+ganze Nacht. Schaum am nächsten Morgen am Meer,
+am Mittag die lähmendste Stille. Gegen Abend
+<!-- page 303 -->
+wuchs ein Segel, schoß in den Himmel wie ein Gaul,
+bäumte, riß in einem Rad den Himmel als Strudel
+in sich .&nbsp;.&nbsp;. Blitze zuckten flatternd, irr .&nbsp;.&nbsp;. Kühlung
+kam. Die Augen geschlossen .&nbsp;.&nbsp;. die Hingabe erhob
+sich zu ihr, aller Gefühl: &bdquo;Dank.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Wofür .&nbsp;.&nbsp;.?&ldquo; Sie starrte hinaus.
+</p>
+
+<p>Ein Wagen traf ein. Ein Brief.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Das Verhängte lockte. Das Elend des Einzelnen,
+der ihr Blut berührt, riß sie von dem, was sie hielt.
+Der Brief hatte nichts von Gewalt, viel Unterwerfung.
+Ihr Herz rührte sich ihm zu. Sie unterbrach, reiste
+drei Tage, fuhr eine Mauer unter Oliven, hörte das
+Meer, traf in dem Park vor einem kleinen einstöckigen
+Schloß Stefan, den sie tödlich getroffen glaubte, er
+wandte sich um, warf eine Bananenscheibe weg, kam
+über den Rasen. Sie erstarrte, wandte halb um, voll
+Schmerz und Wut. Hörte seine Stimme. Er log
+nicht, sie kam nicht umsonst. Sie kannte sein Leben,
+das zwang, niederhielt, bebenden Boden mit den Beinen
+feststampfte, sieben Balken im Schweben hielt. Er
+hatte Minen um sich gelegt. Flog eine, sauste er mit.
+Er hatte genug, ließ sie fliegen. Es reizte ihn nichts
+mehr. Er lebte allein seit langem. Er wollte sie sehen,
+ehe er verreckte.
+</p>
+<!-- page 304 -->
+
+<p>Ihr Herz war festgebohrt. Es genügte nicht. Sie
+drehte ganz. Seine Stimme holte sie ein. Das Raubliebende
+besaß einen Klang, der sie bannte: &bdquo;Nimmst
+du mir den Rest Erlösung?&ldquo; Sie sah das Zerrissene
+seines Lebens darin, das nun der Erfüllung nahe war.
+Schicksal, vom Tag, wo sie zuerst ihn sah, hineingeschrieben
+in jede Falte des Gesichts, erfuhr unerbittlich
+seine Bestimmung. Wie diese Fahrt seines
+Blutes nun landete in Reue, sich selbst verwarf, und
+das Starke sich hinschmiß und bat, ergriff sie mit
+Rührung, die alles hinüberneigte zu ihm, zagend und
+nicht ohne Befremden, doch bezaubert: &bdquo;Gehen wir
+hinein.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Sie stellte ihr Leben unter seines, trug im Unbewußten
+die Last, fühlte seinen Schmerz, seine Seligkeit,
+sah die Grenze, die bald alles schloß, kannte sie nicht,
+roch die Katastrophe, bäumte sich vor ihr, legte in ihn
+hinein, was ihm das Letzte klar machte, beruhigend,
+sicher, Aufflug und Klarheit.
+</p>
+
+<p>Sie ritt sich die Schenkel wund, er sandte Reithosen
+und Salbe. Sie rieb sich die langen schlanken Beine.
+Durch Gras, durch Fliederhecken, ein Bogen. Ein verfallener
+Tempel, ein kupferner Mond darauf, Lusthaus
+der Frauen des passierten Jahrhunderts. Dahinter fielen
+Terrassen. Vor den tiefen Fenstern des Schlosses
+tauchten Tritone auf, warfen Wasserlanzen, bliesen
+aus Hörnern in den blauen Abend. Sie ging zurück,
+<!-- page 305 -->
+zog sich ins Zimmer, speiste, schlief, suchte ihn morgens.
+Er saß über Papieren, schrieb. Sie wich zurück. Er
+sah den Schatten, fuhr herum: &bdquo;Du störst nicht. Nie.&ldquo;
+Das Geschriebene flog vom Tisch. &bdquo;Doch.&ldquo; Sie
+wollte gegen seinen Willen, ihm es leicht machen,
+wandte sich. Er, ihr sich hingebend, wußte nichts
+anderes: &bdquo;Bleib.&ldquo; Sie blieb.
+</p>
+
+<p>Die Luft ward silberblau. Blüten rochen herüber
+in der Nacht. Im gläsernen Bauch des Sommers
+stand noch der Frühling mit Kastanie und Flieder. Es
+rauschte Tag auf Tag über die Hängematte. Morgens
+beim Frühstück frug Stefan: &bdquo;Reiten wir?&ldquo; Sie
+nickte. Kein Vorschlag, den sie nicht annahm. Nach
+einem Galopp schon sah er die dunklen Ringe unter
+ihrem Auge, verstand sie, ihre Woche, verlangte, daß sie
+sofort absteige: &bdquo;Welch ein Irrsinn .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Doch sie log.
+Wozu Sorge noch mehr ihm geben, diese Stunden vergällen.
+Lächelnd: &bdquo;Du irrst.&ldquo; Weiterreiten unter Schmerzen.
+Reden mit frischen Lippen. Seine Schläfe lief dick
+an vor Qual.
+</p>
+
+<p>Sie stand am Morgen früh auf, öffnete die Tür ihres
+Zimmers, ging hinaus auf den Rasen, die hohe Mauer
+entlang. Der Morgen, dunkelrot, verführte mit Pracht,
+sie ging um das Moorstück mit den dunklen Blumen, bog
+um den Pavillon. Sie stand unter den Palmen, kam zurück
+auf die Terrasse. An dem Rondell setzte ein Schmetterling
+sich auf ihre Achsel. Sie drehte sich herum, da
+<!-- page 306 -->
+trat Stefan hinter einer Figur vor. &bdquo;So früh?&ldquo; sagte
+er, der spät aufstand. &bdquo;Nicht sehr!&ldquo; sagte sie, verschwieg
+den Weg, den er ihr ansah.
+</p>
+
+<p>Zwischen den Oliven stand die Sonne hell, klar.
+Der Horizont gewölbt, kreisrund und stählern, süß die
+Luft darunter, schwärmerisch die Verzückung des Abends.
+Eine Lampe auf der Terrasse .&nbsp;.&nbsp;. der samtene Rasen blau
+in der Dämmerung. Eine Syrinx flog über die Mauer.
+Sie stand auf, müde. Er begleitete sie bis an ihr Zimmer.
+Sie drehte sich halb um .&nbsp;.&nbsp;. er folgte nicht.
+</p>
+
+<p>Sie lag die Nacht wach, in gelber Gardine schwamm
+der Mond. Das Silber der Stutzuhr im Dunkeln .&nbsp;.&nbsp;.
+Bilder entblößter Damen, degentragender Herren steif
+an den Wänden, undeutlich im Dunkel .&nbsp;.&nbsp;. ein Spiegel
+glomm tiefer und ungründiger in seinen matten Glanz
+hinein auf dem Toilettetisch .&nbsp;.&nbsp;. kein Geräusch. Kein
+Vogel. Sie horchte auf Laute. Still und abenteuerlich
+der Park. Sie wartete.
+</p>
+
+<p>Den Morgen blieb sie lange liegen, wartete auf die
+Stunde seines Aufstehens. Als sie hinauskam, sah sie ihn
+über die Terrasse herkommen. Sie errötete. &bdquo;So früh?&ldquo;
+Er sah auf seine verstaubten Schuhe. &bdquo;Nicht sehr!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Ein weißer Blitz setzte über ihre Hängematte am
+Mittag, schoß über das Rondell, flitzte in den Mittelpavillon.
+Sie sprang ihm nach. Nach links war der
+Flügel geschlossen, nach rechts folgten Räume, große
+Zimmer, vorüber im Lauf bemalte Wände, goldene
+<!-- page 307 -->
+Rebstöcke, japanische Tapeten, Mosaike, silberne Leuchter
+.&nbsp;.&nbsp;. die Fenster gingen bis zu dem Rasen .&nbsp;.&nbsp;. da
+stand Stefan neben einer kleinen Fontäne mitten im
+Zimmer. Auf seine Schultern hatte ein weißer Windhund
+die Pfoten gelegt, seine Hand fuhr an dem geschmeidig
+zitternden Rücken herunter. Er sah ihr Gesicht
+in der Portiere, ging ungestüm auf sie zu, unterdrückte
+eine Wallung: &bdquo;Nimm den Hund. Ich gab
+ihn weg, weil ich zu sehr ihn verzog. Heute kam er
+zurück &mdash;.&ldquo; &bdquo;Ach,&ldquo; sagte sie, &bdquo;nein, ich bitte dich,
+ihn zu behalten.&ldquo; Er liebte ihn, wie konnte sie ihn
+nehmen! Blieb fest Beim Abendspeisen sah sie, daß
+er litt. Sie hatte ihn abgewiesen, um ihn zu freuen.
+&bdquo;Verzeih&ldquo;, sagte sie an der Schwelle ihrer Tür, berührte
+schwach seinen Arm, sah über die Schulter.
+Seine Hand zitternd am Pfosten. Die Tür schloß, er
+folgte nicht. Blumengeruch toll die Nacht. Schlaflos
+bei aufgerührtem Herzen. Wohin trieben solche Konflikte,
+helfen wollen und verletzen .&nbsp;.&nbsp;. annehmen und
+gegen das Opferbereite verstoßen .&nbsp;.&nbsp;. Leid auf jedem
+der Wege .&nbsp;.&nbsp;. Brausen der Springbrunnen in der
+Nacht .&nbsp;.&nbsp;. diese Erquickung. Sie sprang hinaus, löste
+am Bassin der Tritone die Matinee, tauchte in das
+Wasser. Eine Wasserrose trug eine Tauperle. Sie
+stieß daran, das Kristall flutete vor Licht, zerbrach, der
+Himmel ward erschüttert von diesem Fall. Die Büsche
+schlugen auseinander. Stefan im Pyjama, den Ginster
+<!-- page 308 -->
+auseinanderbiegend, oben über den Figuren .&nbsp;. sie
+schloß die Augen zitternd .&nbsp;.&nbsp;. sie sah auf. Stefan
+war fort. Nichts in seinem Gesicht, das davon sprach
+den Mittag. Keine Gebärde anders in diesem Kopf.
+An seiner Ruhe spürte sie die Gespanntheit vor dem
+Schlag. Sorgen, Trauer, die sein Hirn verwüsteten,
+die Erwartung der tötlichen Minute, vielleicht schon
+aus dem Wipfel eines Baums gezückt. Blieb er unrührbar,
+lief sie heftiger in ihn ein, erschütterte sie seine
+Haltung unbedingter zu ihm hin. Einmal schoß sein
+Blick unverhüllt von der Seite, sie sah ihn im Spiegel.
+Sofort bändigte er ihn wie ein Tier. Sie spürte,
+wieviel ihm fehle, was er unterdrücke und wie es ihn
+fast sprengte, daß er sich überwand, sie nicht nahm. Ihr
+Mitleid erreichte die Tiefe, der blitzhafte Aufriß seines Herzens,
+das demütig solche Kraft überwand, wies sie zu vertiefterer
+Aufgabe. Sie mußte den Himmel ihm schöner
+überrunden, sich unendlicher mit dem Blut unter ihn
+betten, ganz sich verschenken an das, was sie verschmähte.
+In der Nacht, als sie schlief, öffnete ein Gewitterwind
+die nach innen geschliffenen Rundfenster, stürzte sich
+auf sie, schreiend fuhr sie auf, ergriff den Leuchter,
+rannte los, sah Stefan an einer Portiere, lief in seinen
+Arm, entsetzt von Schlaf und Schrecken. Sein Arm
+kam. Entfesseltes schlang um ihre Taille, noch tastend,
+zag. Dem Zögernden unterzog sie sich, gab sich hinein.
+Ein seltsamer Ruf, es schwoll heraus, ihr Hemd schwand,
+<!-- page 309 -->
+ein Mund nahm ihren. Hände über ihrem Bauch,
+die langen Beine fuhr es hinunter. Die Kissen schwollen
+über ihr. Lippen zogen über ihren Leib, küßten die
+Sonne, die um den Nebel lag, alle Strahlen, die rot
+wurden. An jede Hautpore wuchs die Hand, unverlierbar
+nahm sie, ließ wieder, erfaßte Neues. Tiefster
+Schmerz durchjubelte die Hingabe. &bdquo;Daisy.&ldquo; Hell,
+hingegeben dem Schmerzlichen in der heiseren Frage,
+ohne Zögern: &bdquo;Ja.&ldquo; Die Hand über den Hüften griff
+zu, Nebel riß über den Augen. Haare lagen zerstört
+und locker um den Körper, dessen feuchte glänzende
+Bronze das Kerzenflackern überschwemmte. Sie lag,
+als er schlief. Sie lächelte über das Geschenk, das sie
+ihm gab. Es war das Letzte, was sie konnte. Vom
+verflossenen Gewitter duftet der Garten herein, durchbricht
+den Raum. Es war ihr, sie erreiche die verschlossenste
+Grenze seines Wesens, habe ihn erfüllt.
+Am Morgen öffnete er ihr den versperrten linken
+Flügel. &bdquo;Ich sparte es auf bis heute.&ldquo; Sie trat ein.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Das Wappen hielt sie fest, lang. Sie zündete die Kerze
+an. Schlug das Buch auf, zerfuhr es mit den Fingern,
+blickte um mit einem rätselvollen Gesicht. Einen Augenblick
+trat der Raum hinein. Sie sah nicht die Rebstöcke
+aus Gold. Fontänenwasser kam in die verzehrende
+<!-- page 310 -->
+perlmutterne Schale. Es kamen gerade Herren,
+golddunkle Bilder, Damen auf der altjapanischen Tapete
+und Jäger mit demantener Agraffe. Es kam ein
+Degen. Zersplittert, in den Trümmern gerahmt ein
+Spiegel mit dem <a id="corr-12"></a>Pistolenschuß in der Mitte. Es
+kam auf dem Tabourett in Wachs mit blauen Adern
+ein Kopf, eine rechte Hand. Es trat wieder aus ihr hinaus.
+Sie sah nur das Wappen. Es hielt. Es war das
+eigene, kam herauf aus den gestrichenen Jahrzehnten, wurzelte
+unten im Schoß der Generation. Ihr Blut griff zu,
+vermählte sich. Saß über holzgeschnittenen Signets.
+Es kamen ungeschickte, gestammelte Worte. Geschnörkelte
+Zeichnungen machten den Übergang unsicher. Hochmütige
+Sätze kamen, Buchstaben großer Form. Der
+Wahlspruch schien auf: Wenn ihr mit Männern spielt,
+so wißt mit wem .&nbsp;.&nbsp;. Und ist es mit Frauen, um was
+ihr spielt. &mdash; Aus dem Buch stieg der Saft des Gelebten.
+Der Raum erhielt Gewalt. Aus den Blättern der
+Miniaturen quoll der angesammelte Atem der Generationen.
+Die Farbe der Gewänder bekam Gewalt und blühte.
+</p>
+
+<p>Die Miniaturen platzten unter den Muskeln, die sich
+reckten. Der Stolz der Frauen sprengte die Taillen
+und die Sanftmut der Elfenbeinfarben. Die Wangen
+röteten sich unter dem Puder und glühten, Lider hoben
+sich schwarz und flammten sie an. Degen und brokatene
+Mäntel zuckten. Ein kühnes Auge traf sie wild.
+Ein Turban erschien mit den Augen der Gazelle darunter
+<!-- page 311 -->
+in der Galerie der Frauen. Von da ab waren
+die Köpfe ähnlich wie der ihre, wie ihres Vaters.
+</p>
+
+<p>Sie sah den Ahnen, der dies Haus sich baute.
+Sein Körper war größer und gewandter wie der der
+anderen. Sein Gesicht glatt und gefurcht von zwei großen
+leidenschaftlichen Linien. Unter dem Feuer seines Auges
+fingen die Spiegel des Raumes zu leuchten an, in
+ihrem verschleierten Glanz begannen weiche Hüften der
+Frauen zu wiegen, braune Torsos schlangen sich dagegen.
+Atem wilden Genusses rauschte mit Lachen in
+der Seide. Dies Gesicht führte ihr Geschlecht auf den
+höchsten Punkt ihres Blutes.
+</p>
+
+<p>Sie sah seine Schrift, seine Briefe. Frauenleiber
+wandten sich ihm zu und sträubten sich auf vor ihm.
+Ehrgeizige Spiele, sehr erleuchtete gläserne Säle .&nbsp;.&nbsp;.
+ein großer Ritt, der ihn mit Ruhm behängte, glitt
+durch die Luft. An einem heißen Abend begann er,
+dies Schloß zu bauen für den Sommer und die Zärtlichkeit
+der Frauen. Er stand davor, als er ankam.
+Die tiefen Fenster wühlten in der wollüstigen Nacht.
+Terrassen bogen sich kühl hinunter zwischen dem Taxus
+und den Hermen. Der Park stand wild voll Duft der
+Rosen und Jasminen. Fontänen bohrten sprühende
+Lanzen in die blaue Blumendämmerung. Ein Zimmer
+war erleuchtet mit vielen Kerzen. Er trat hinein.
+Am Morgen schrieb er mit vier Sekretären, noch
+feucht von der Haut der Geliebten. Dann ging die
+<!-- page 312 -->
+Sonne auf, er erhob sich und weckte sie aus Träumen
+von ihm. Da jagte er die Tiere. Die Sommer
+wechselten und fielen heiß herunter einer in die Spur
+des anderen. Da liebte er Dirnen. Er schoß die Saue.
+Das Pferd rannte unter dem Spiel seiner Schenkel.
+Kerzen blitzten um nächtliche Spiele. Lange Profile
+hingen wie Glas gegen den Schatten. Die Edelleute
+naher Höfe schwitzten um seinen Kartenschlag. Da
+fuhr er in Wagen. Da schlug er Hunde und küßte
+die Nägel ungeliebter Frauen. Ein einsamer Sommer
+umgab ihn ganz allein. Er wanderte, die Arme über
+die Brust gekreuzt, die Wege herauf, die Wege herunter.
+Seine Augenbrauen schoben sich im Dreieck
+zueinander. In einem zitronen trockenen Juli sah er
+auf der Landstraße ein braunes Kind, das in den
+Himmel lachte und nicht sprach. Er nahm es mit
+sich. Aus heißen Ritten warf er den Körper in das
+Bassin, das kristallen um ihn schäumte. Dumpfe
+Nächte durchschlief er mit schweißigem Haar. Mit
+großen Orden, den Degen zum Knie gesenkt, empfing
+er eine Fürstin, den Fuß am Schlag. Sie warf ihm
+Blicke zu durch das Glas ihrer Equipage, die er geschmeichelt
+nahm. Er diktierte Briefe, Befehle, Politik.
+Er arbeitete eine Intrige aus, die in London sich
+kraus gestaltete. &mdash; Dann schlief er allein durch einen
+ganzen Sommer sich durch, locker in der Kleidung,
+zufrieden und still das Gesicht .&nbsp;. nichts weiter tuend,
+<!-- page 313 -->
+als den Himmel ansehen durch den Regenbogen der
+Tritone .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Das Buch blieb geschlossen, die Lider stellten sich
+nach innen. Der Raum trat aus ihr heraus, wie die
+Fenster sich öffneten alle in den Parkmorgen. Stefan
+rief herein, sie ging neben ihm. Blätter, Büsche, Esel
+tanzten vorbei. Sie gingen. Das Ende kannte sie,
+seine Arbeit, seinen Tod. Es hatte ihre Jugend durchdrungen,
+ihrem Dasein Luft gegeben, Liebe. Daher kam
+sie. Das Vorspiel war neu, unwichtig, aber bestimmend.
+Er ging vor ihr her, die gleiche Kurve unten
+am Rand des Geschlechts, der gleiche Schnittpunkt
+führte sie wie ihn. Aus dem Knax kam sein Werk.
+Sein Rausch wurde Sinn, als die Gegenströmung in
+seine Sehnsucht sauste. Die Summen zog er aus
+dem Entsagen. Sie reckte sich, spürte sich mit ihm
+durchblutet. Er ging vor ihr, war der Vordere, ließ
+ihr ein Vermächtnis. Sie lächelte, sicher genug in
+sich, aber die Rechtfertigung ihres Daseins aus dieser
+mystischen Quelle bog sie auf vor Befriedigung. Sie
+gingen. Luft strömte frischer, die Beeren leuchteten.
+Sie gingen rascher. Er hatte gelitten, geschafft, die
+Lippen zerbissen, ausgeschlagen, sie empfand jede seiner
+Minuten. Das Vermächtnis wuchs. Von Vaudreuils
+Herzschlag vorwärtsgeschnellt fühlte sie sich getrieben.
+Fortsetzung seines Handelns kam an sie nach der Pause
+des Geschlechts, nach der Ruhe. Sie führte zurück
+<!-- page 314 -->
+in die Gemeinschaft, was er restlos erwarb. Er eroberte.
+Sie half. Das Angehäufte veredelte nun. Er
+schuf Platz für Menschen, siedelte, schaffte Arbeit. Sie
+aber befreite, die Sklaven geworden in diesem Beruf. In
+ihrem Blut saß die Vertrautheit seines Schicksals so,
+als habe er sie gezeugt, erzogen, seine Adern hinübergeführt
+in ihre. Und jeder Tropfen Blut trieb, forderte,
+verhieß Vollendung, Wirkung, aufbäumenden Zwang zur
+Tat. Die neue Kraft, die bestätigte, bestürzte sie, machte sie
+gierig nach Tätigkeit, wenn diese Mission vollendet, die sie
+noch umfing. Sie neigte sich zur Seite, nahm Stefans
+Hand. Es würde vorübergehen. Sie gingen.
+</p>
+
+<p>Das Gefühl durchdrang den Tag, machte Weichheit
+hingegebener an das Umgebende, das Umgebende
+tiefer verliebt in sie. Die Riesennelken der Beete
+brachen auf unter ihrer Berührung, die Zinnfiguren
+trugen ihr Lächeln, die Mauern wichen tief vor ihrem
+Blick in den Himmel. Das Tor fiel auf. Unter den
+Lerchen flog betäubend der Horizont auf. Bienen
+schossen in dunklen Bogen, die Wiese, die sie berührte,
+flammt gelb und zart. Sie gingen, nahmen auf, gaben
+aus. Liebkosten Rehe, scheuten die Saue auf, lachten
+sie zurück. Nahmen Pferde an der Ferme, trabten
+durch die Feigen, um den dreizackigen Wolkenberg,
+speisten Zwiebel, Butter, Brot, sanken im tiefen
+Schatten in Schlaf. In die violette Dämmerung
+ergoß sich ihre Ruhe. Kein Wort. Er hielt ihren
+<!-- page 315 -->
+Halfter, sie gaben die Gäule ab. Ein Fasan lief
+über den Weg, Pfaue gingen in einer Kette. Die
+Bäume der Allee fielen in rosane Glut. Stefan nahm
+eine Göttin, hob sie auf die Erde ins Gebüsch, stellte
+Daisy auf den Sockel. Sie senkte die Beine in
+einer von Anmut so erfüllten Bewegung, daß ihr Knie
+seine Stirn traf, dann seinen Mund. Sie spürte
+ihn, war plötzlich allein. Suchte, rief seinen Namen.
+Kam an den Pavillon, verwirrte sich in den Gladiolen, lief
+in der Gartenstrecke, kam an die Lichtung. Die Terrassen
+hingen beleuchtet. Ein Fest. Die Fenster hell, Springbrunnen
+fluteten durch die Nacht. Atemlose Stille. Ihr
+Name kam breit und voll Sehnsucht geworfen. Sie ging
+hinein in den Namen, besinnungslos.
+</p>
+
+<p>Sie verließ ihn, ging hinaus, sah den roten Mond
+durch die Pappel schwimmen. Das Wasser. Das Bassin
+überschäumte weiß, bläulich ihre Haut. Tritone sangen
+über ihr. Den breiten Guß eines Löwen fing sie mit
+der Brust. Die Blumen schwelgten in der heißen
+Luft. Das silberne Füllhorn schäumte unter der
+Sichel. Es überkam sie Sehnsucht, mehr ihm sich
+noch zu geben, Furcht, etwas zu versäumen, Schreck,
+daß das Schicksal niedersause. Sie überließ sich dem
+Wasser. Langsam kam die Ruhe, die einbezog sie in
+das Geschehen der Nacht. Im Stillerwerden der
+Luft ward es klarer in ihr, bis sie den Ausgleich erreichte,
+wo nichts sie rührte, alles sie verband. Sie
+<!-- page 316 -->
+ging hinein, suchte, traf ihn in seinem Schlafzimmer,
+die Stirn am Fenster, er hatte ihr zugesehen. Sie
+lächelte. Ihr Blick sah hinter ihm im Kreis der
+Lampe eine Schale. Sie erbleichte. Zog zwei Kugeln
+heraus, nickte zu einer, hielt die andere sprachlos ihm
+auf der offenen Hand entgegen. Ihr Augen säumten
+sich, wurden klein.
+</p>
+
+<p>Sie frug mit dem Blick.
+</p>
+
+<p>Ihre Lippen trugen den Namen.
+</p>
+
+<p>Heiser sagte er:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Le Beau.&ldquo;
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Befreite er ihn, klappte das Messer, riß die Schlinge,
+flog die Mine, die ihn erledigte. Er hatte noch kurze
+Zeit, bis das Schicksal fiel, lebte, die Uhr in der
+Hand. Solange bedurfte er die Sicherheit gegen
+jede Möglichkeit. Er hatte Jahre sie gesucht. Paris,
+Marseille, Kalkutta, Pegu .&nbsp;.&nbsp;. hatte sein Leben
+umgestülpt, auf sie gerichtet, wurde gut an ihr. Was
+wog die Ausnahme gegen das Ganze? Nichts. Das
+Gewaltige seiner Änderung umfing sie, als sie verglich,
+trieb sie zu ihm, unter ihn: &bdquo;Ich bin bei dir.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Nachts stand der andere auf, forderte. Sie tat
+Unrecht, um Liebe zu erweisen. Sie hörte die fadendünne
+Stutzuhr, sah die Sonne prallen gegen die
+Rideaux. Wischte die Nacht weg. Aus den mähnigen,
+<!-- page 317 -->
+windgestrählten <a id="corr-13"></a>Sonnenblumen trat Stefan. Sie
+sah über ihm die Katastrophe. Was galt Überlegung vorm
+Tod. Es flog aus ihr, bedingungslos, hinweg.
+</p>
+
+<p>Sie grübelte den Abend, die Ausnahme drückte
+sie. Sie maß ihr keinen Sinn zu. In der Nacht
+wurde sie riesig: Es kam nicht an auf die Größe,
+nur auf den Sinn. Da sprang durch die Portiere der
+Windhund, den er ihr geschenkt, weil er ihn liebte,
+den sie zurückwies aus Rührung. Der schmale lange
+Kopf strich an ihrer Wange. Sie hielt, was Güte
+an Stefan sie fesselte. Kein Gedanke quälte mehr.
+Im Halbschlaf gegen Morgen fuhr sie auf. Ein
+Mensch litt um sie. Sie ertrug es nicht. Schleifte
+den Hund aus dem Nebenzimmer herein. Der Hund
+genügte nicht mehr. Sie schwankte, ging herum, besah
+ihr Ohr im Spiegel, pflückte Glyzinen am Fenster,
+bückte sich, wechselte die Farbe. Stieg die Leiter
+zum Bad hinauf, drehte ab, kam herunter, atmete,
+sah in den Park. Legte sich nieder. Erhob sich, packte
+einige Dinge in einen kleinen Koffer. Ging an die
+Portiere seines Zimmers, sah ihn schlafen, schwer,
+fest, Mücken um seinen Kopf. Sein Schicksal, das
+er kindlich nahm, wühlte sie so auf, daß sie erbleichte.
+Als er erwachte, konnte sie nicht vermeiden, vorzutreten.
+Als er den Arm reckte, war seine Not eine
+Sekunde so groß, daß sie ihn nicht verließ, hineinging
+wieder in sein Schicksal. Als sie erwachte in
+<!-- page 318 -->
+seinem Arm, hob sie den Kopf, lauschte, bog die Brust
+aus seinem Muskel, glitt herunter, sah zurück. Sah
+nichts mehr als das Unrecht, sah nur den Gefangenen,
+der litt. Nahm das Gepackte. Hörte einen Wagen
+in der Nacht rollen. Holte ihn ein. Kam in das
+Dorf, in die Stadt. Schrieb ein Telegramm, das
+Le Beau befreite. Hob die Brust, nun atmete sie
+sicher, sah zurück aus dem Wagen. Konnte nicht
+anders. Das flog nun in die Luft. Vorbei. Es
+mußte sein &mdash; und getragen werden. Von beiden.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Der Wagen kam an eine Barriere, einen Bach, einen
+Fluß. Der Motor stockte. Am Mittag saß sie in der
+Nische über einem kleinen See. Die weißen Hotelwände
+prallten von Sonne .&nbsp;.&nbsp;. Sie denkt: Nun ist Le Beau
+frei. Er fragt: durch wen? Sieht die Depesche.
+Weiß: durch sie. Macht sich auf. Noch einmal
+fliegt seine Stunde. Das Auge blitzt vor Geist. Er
+fragt sich durch, beschäftigt Menschen. Er kommt an
+das Hotel, fordert. Sie will auch ihm dienen, seiner
+Enttäuschung sich unterbreiten, dem Geschlagenen nah
+sein .&nbsp;.&nbsp;. Ein Raum schiebt sich zwischen sie und den
+See. Sie schaut durch die geschlossenen Lider. Sie
+kommt gegangen über die Terrasse, geht durch das
+Zimmer des Ahnen, öffnet das Schiebfach, hebt die
+<!-- page 319 -->
+Kerze hinein. Sieht seinen Kopf, beginnt zu weinen.
+Eine Stimme aus dem Dunkel: &bdquo;Ist es Sommer?&ldquo;
+Sie ist tapfer, sagt hell: &bdquo;Ja, Claudius.&ldquo; Sie fährt
+mit der Hand über sein rötliches Haar: &bdquo;Ché .&nbsp;.&nbsp;.
+mon ami .&nbsp;.&nbsp;. ché .&nbsp;.&nbsp;. doudoux.&ldquo; Er lächelte: &bdquo;Mit
+Gewalt macht es der andere nie.&ldquo; Sie sagt: &bdquo;Ich
+befreie dich.&ldquo; Sie kommt mit einem Dolch, versucht
+das Fenster aufzubrechen. Unmöglich. Sie nimmt
+den Spaten, gräbt ein Loch von außen. Da steht Stefan
+im Fliederrondell, die Brust leuchtet phosphorisch, die
+Augen geschlossen. Sie stürzt in sein Zimmer, er liegt,
+schläft. Sie beißt die Zähne, zurück, stößt das Messer
+ins Schloß, das wie ein Kuhmagen gefächert ist, die
+Spitze bricht ab. Er ist bleich, lächelte aus dem verwüsteten
+Gesicht. Sie schreit laut: &bdquo;Ich befreie dich.&ldquo;
+Er lächelt mehr: &bdquo;Das sollst du nicht.&ldquo; Fast in der
+Ohnmacht fragt sie: &bdquo;Was .&nbsp;.&nbsp;. was kann ich tun?&ldquo;
+Sie ist außer sich. Sein Auge schließt sich:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Denk an mich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ja.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Es gelang. Pappeln gigantisch reckten sich vor
+bleiernem Himmel, Duft der Syringen lüstern auf die
+Terrassen gestreckt, sie kam aus Gebüsch. &bdquo;Traurig?&ldquo;
+&bdquo;Nein, da du mich liebst.&ldquo; Sie beginnt mit den
+Drähten, arbeitet eine Stunde, es ist der letzte Plan,
+in der Pause erschöpft: &bdquo;Daß du so leidest.&ldquo; Er hebt
+die an ihren Händen verkrampften Augen: &bdquo;Leide
+<!-- page 320 -->
+ich, wenn du mich liebst?&ldquo; Sie beginnt wieder, steif vor
+Verzweiflung. Sie schafft eine halbe Stunde, Uhren
+schlagen, der Haken faßt, es gelingt die Flucht. Ein Gewitter
+bricht über den Wagen, weiße geballte Kugel
+saust überm Himmel. Nun sind sie vereinigt. Sie haben
+ein Haus. Fischerboote laufen unter ihrem Fenster,
+Motore überspielen delphinisch die Bucht, der Fjord wird
+größer, schlägt sich auf. Sie sehen sich an. Wochen,
+Monate. Sie gibt sich jedem Druck seiner Seele,
+scheucht das Gewesene, Trauer fällt ab, Stille umgibt
+sie. Atmet er ruhig, beglückt sie es, streift seine Hand
+sie, fühlt sie sein Glück. Eine Nacht wartet sie auf
+ihn. Er kommt nicht, sie wartet die Minuten, Stunden,
+zählt die tickende Uhr. Am Morgen erscheint er
+Sie ruft: &bdquo;Deine Frau?&ldquo; Er winkt ab. Sie ist erledigt,
+kein Gedanke streift sie. Aber der Schatten
+gräbt sich in ihre Seele. Sie übergeht ihn. Im
+Unterdrückten wächst er. Sie bekämpft ihn. Sie hat
+diesen befreit, will ihm Jahre ersetzen, Glück, das er
+Jahre erstrebt, bereiten. Aber ihr Herz leidet mit der
+Verstoßenen, sieht den Ring im Traum an Claudius
+Hand vor der Demonstration, schreit im Schlaf. Sie
+kann nicht leben auf Kosten der Frau. Aber sein Gesicht
+ist heiß, beschwört sie, fordert Liebe. Sie lächelt,
+gibt ihm aufmerksamer. Doch er will mehr. Er will
+das Strömende, nicht das Bewußte. Nicht das gut
+Gegebene, will den freiwilligen Akt. Sie sieht auf
+<!-- page 321 -->
+ihre leeren Hände. Sie hat es nicht, verstellt sich,
+macht, als seien sie gefüllt. Allein er sieht ihre leeren
+Hände, schreit verzweifelt. Sie hört den Ton, er reißt
+den Raum weg.
+</p>
+
+<p>Sie hebt die Lider .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. &mdash; &mdash;
+</p>
+
+<p>Ein Traum erließ ihr, was sie mit Stefan an
+Partie gespielt, verloren, dasselbe mit Le Beau.
+</p>
+
+<p>Die feinen samtenen Lider senkten sich über den
+eisgrauen Blick. Der schmale ovale Kopf hob sich
+scharf. Schrieb ein Billet, für den Fall, daß er
+käme, sie suche, das ihn zurücktrieb und ihn anfeuerte
+zugleich. &bdquo;Du bist elend. Bin ich glücklich?
+Suche nach Befriedigung wie ich. Um dich wie
+um mich stehen Ungezählte. Der Gedanke, daß wir
+da sind, hilft uns beiden. Mehr kann der Einzelne
+nicht tun.&ldquo; Sie packte, fuhr. Ihre Mission,
+ihr Abschweifung, war zu Ende. Sie kehrte zurück,
+der große Schwung riß sie zu sich. Die beiden, die
+ihr Blut unvergeßlich zuerst erregt, fielen aus, schieden,
+sie hatte geirrt, ins Einzelne sich verwirrt, versagt.
+Erkannte die magische Grenze der Kraft, die sie zurückzog.
+Wollte sich nicht verlieren, konnte nicht, apokalyptischer
+Hure gleich, dem, jenem, diesem, Schoß
+des Mitleids sein, sich verzetteln, sündigen gegen das
+Ziel. Sie reckte sich, befreit, jeder Verantwortung ledig
+gegen ihr Leben. Die beiden, die ihr Dasein immer
+gekreuzt, bis in die Tiefe der Demut durchgelebt ihr
+<!-- page 322 -->
+Schicksal, stürzten zurück. Was blieb: das Werk.
+Sie fuhr, stieg steiler. Saugte sich voll des Horizonts,
+der perlgrau vor sie sich schmiedete. War voll Gewinnst
+bis zum Rand. Trieb über die Nächsten ihres
+Bluts, die überwunden, dem Ganzen zu. Wie frei
+die Bahn vor ihr. Wie geschleudert die Straße gegen
+den Himmel hinaufgestreckt. Fuhr auf den Scheitel
+der Chaussee hinauf, fast schwingend. Gestrafft in
+jeder Muskel der Seele. Sicherer wie jede Sekunde,
+die sie gelebt. Angezogen auf der Sehne des eigenen
+Blutes ein Pfeil, der sich zum Losschwung spannte.
+Fuhr über den Scheitel der Straße. In der Senkung
+blieben die beiden: Wegweiser &mdash; &mdash; &mdash; hin zu
+den Menschen. Da standen Tausende.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Sie ließ Minsk, kam mit Empfehlungen nach
+Kiew, sah Contis Liste nach, traf die Zentrale, ward
+nicht abgewiesen, mißtrauisch behandelt, trat in ein
+offizielles Büro, sah die Taktiken, kam durch politische
+Korridors höher, spürte den Gegenschlag, enträtselte
+ihn nicht ganz, fiel vor der letzten Erkenntnis,
+zog eine Meute Männer, über die sie gesprungen,
+hinter sich her, verschwand. Bedurfte nichts weiter,
+hatte den Kernpunkt nicht, spürte aber die Maschinerie,
+das System. Es genügte. Gab es nach Minsk,
+<!-- page 323 -->
+blieb acht Tage im Südviertel, schaltete die Organisation
+nach der offiziellen, verzichtete auf Begleiter. Legte das
+erste Hebelwerk, pumpte es entgegen, in der gespanntesten
+Atmosphäre der Länder, der verfolgenden, war im Vorsprung,
+da die Technik die gleiche, Kenntnis der anderen
+nur bei ihnen. Glitt die Fäden weiter, wechselte Pässe.
+Sah in den Listen nach, machte Abschriften aus Angst,
+sie zu verlieren, legte die mit Contis Handschrift in den
+Safe einer Mittelstadt. Folgte der Linie, Tyska
+legatione, Stockholm, in Upsala eine Verschwörung
+gegen Lund, tastete tiefer, traf den letzten Zirkel der
+Jungsozialisten, maß die Spannung zu Wallenberg
+drüben, Undên, Branting auf der Gegenseite. Tauchte
+in Genua auf, studierte Quarantänen, Auswandererbaracken,
+Krankenhäuser. Erhielt Verstärkung, Staffetten,
+Abwechslung der Reviere. Spannte ein Seil
+nach Minsk. Vervollständigte die Listen, füllte Skizzen
+aus. Kaufte ein kleines Haus Rue du Purgatoire,
+Genf, aus Holz, vier Zimmer. Setzte Gordon hinein,
+beobachtete durch die Zentrale jede Kaserne, jeden Offizier,
+Stimmung der Eingekleideten, führte darüber Buch,
+bohrte, trieb, jagte den Geist, Auflehnung, Umstülpung,
+Bessern in jede Lücke. Rue St. Jacques hinter der
+Sorbonne kontrollierte sich die Presse, Gerichte, suchte
+Menschen auf, setzte sie in Stand, sondierte, suchte,
+setzte sie ein, entflammte. Fühlte mit neuen Kräften
+die äußersten Spitzen radikaler Kräfte ab. Schob
+<!-- page 324 -->
+Raffaeli vor. Trieb weiter, wo Geistiges verkalkte,
+Soziales verfettete, Unehrliches scharfes Ziel verfälschte.
+Zog die Linie von hüben und drüben. Sah die Listen
+nach. Schuf eine Mauer, machte, wurde klar. Schoß
+Druckschriften durch die Netze, Löcher der zementenen
+Mauer, hörte die Explosion. Sah Bordelle Budapests,
+Kaschemmen Altonas, Vorhäuser Bergens. Tabellen,
+Pläne verquickten sich, es rollte sich mehr rundend
+ein Ganzes gegen die Hebel. Kam der Schlag, der
+schleuderte, fuhr es auf, glitt in die neue Form. Sauste
+die Schaukel herunter, flog die andere auf, schmolz die
+letzte Etappe des Unglücks, verengte sich die Distanz
+unter Menschen, erstickte Ungerechtigkeit, irgendwo war
+Paradies, weiter. Sah vieles, verstand an den Wurzeln
+Gutes, Gemeines &mdash; alles fuhr in das Bild, das Conti
+in der Pupille trug von der Welt, das sein Hirn
+dachte: Umschwung der Erde. Traf im Coupé eine
+Frau, die zu kreißen begann, gab ihr ein Papier. Ein
+Mann sprach sie an, schlicht, sachlich, vornehm, strich
+über das schwarze Haar, erbat Mittel für eine Mission.
+Sie lächelte, das linke Auge schloß sich. Der Mann
+erbleichte, begriff ein Überlegenes, ohne daß er verstand.
+Sie setzte nur auf den großen Schlag, hielt dicht
+die Depots zusammen, verbesserte nicht. Wollte ändern.
+Traf nicht die Haut, wollte das Herz. Gab nicht
+verschlampter heuchlerischer Wohltätigkeit verlogener Gesellschaft
+einen Sou, tat nichts in verlorenes verspätetes
+<!-- page 325 -->
+Spiel. Sah in die Listen. Spürte durch die Zeilen
+das zischende vulkanische Geräusch aufsteigender Kräfte.
+Sie sagten ihr: Wohlfahrt der Massen. Sagten:
+Erleichterung der Bürden. Sie horchte: Bildung des
+Volkes. Verzog den Mund, höhnisch. Züchtete
+junges Fleisch, legte nichts mit lächerlicher Gebärde
+ins Faule. Ein Mann kam, eine Mütze mit Metallschild
+funkelte in den Händen. Sie unterzeichnete ein
+Papier: Administration des Prisons. Empfing ein
+Paket, &bdquo;als ihr Eigentum bezeichnet&ldquo;. Öffnete. Es
+waren die Haare, die Stefan bei der Flucht in die Berge
+ihr abschnitt, daß sie einem Jüngling glich. Er trug sie
+in seinen Kleidern. Sie kamen zurück. Sie lächelte,
+nur die Augenecken bebten. Führte die Fäden in ein
+Netz, legte es in Raffaelis Hand. Zog neue Linien.
+Vom Grabe Di Contis drang ungeheure Kraft. Gab
+Wind in sie, Sturm, nie Pause. Ging in ihre
+Sprache, ihre Ordnung, ihren Befehl, ihr Unterwerfen.
+Sein Geist schnellte von ihrer Zunge, trieb hoch, erwählte,
+forderte Unbedingtes &mdash; ging in ihrem Bein,
+entzündete durch ihr Herz. Bauern starrten blöd auf
+die Agierende, lachten sich an breitmäulig, gespalten,
+gingen heim, vergaßen es nie. Traf mit ihrem Blick
+ins Schwankende, vollführte die Entscheidung. Stieß,
+wie als Kind die Schlange, Falsches zurück, riß Geeignetes
+an sich, mit sich hoch. Männer nahmen den
+Blick von ihrer Hüfte. Jünglinge gaben sich ihr mit
+<!-- page 326 -->
+einem Ruck vorbehaltlos: nimm. Sah die Listen, ließ
+die Zentren, teilte Kreise, Quadrate, suchte Provinz,
+begann Kleines, spritzte Agenten aus aufs Land, schuf
+Agitatoren, die es nicht wußten, ließ erkennen, hatte
+Vertrauensleute, die es nicht ahnten. Warf Summen
+in die Siedepole, weißglühende Spannung, Rußland, Indien.
+Blieb im Hintergrund, schaffte, verbarg sich, war
+kleine Agentin, wußte nicht, wann ereignet es sich, wann
+gewinnt mein Ziel. Sah in die Listen. Es genügte. Führte
+sie. Sie tat das Vermächtnis. Es war genug.
+</p>
+
+<p>Trat in eine Förderation, die kleine Huren erquickte,
+ihren Bauch ausruhte. Raffaeli schob den Mund schief
+im Bart: &bdquo;Sie sind eine Frau.&ldquo; Sie schüttelte die Haare,
+lachend, machte die Ausnahme, stellte sich gegen die Polizei
+der Gesinnung, sah das Blödsinnige wohl ihrer Handlung,
+in diesem Falle Aussichtslose der Besserung. Tat es dennoch,
+hatte zu viel hier gesehen, zu sehr selbst erlebt, konnte
+nicht warten, bis das Leben sich umdrehte, empfand
+Linderung im Gedanken, es werde gelindert. Belog
+sich, wußte es, sah Raffaeli an, er senkte das Auge.
+Sie zwang Vertrauen auch im Traum. Blieb sonst
+eisig. Blieb verborgen, Reisende, spanische Tänzerin,
+Studentin, Dame. Sah die Listen, folgte der Kurve,
+sie ging nach aufwärts. Noch nicht die Höhe. Erweiterte
+das Einzelne, vervollkommnete, verlängerte. Strich
+durch, verwarf, erneuerte, erhöhte. Gründete ein Restaurant
+Rue Monsieur Le Prince, wo gegen Ausweis
+<!-- page 327 -->
+Abgemühte ihres Geistes Essen erhielten. Gab Raffaeli
+das Schloß, bog den Rausch des alten Vaudreuil ein
+in den Sinn ihrer Existenz. Warf die Schatten der
+Frauen hinaus. Geschlagene ihres Schlachtfeldes gingen
+auf den Terrassen. Sie selbst sah es nie mehr. Studierte
+die Krankenhäuser großer, kleiner Städte, machte eine
+Tabelle, zog eine Gleichung, ward nachdenklich. Machte
+Verzeichnisse, wog ab. Gab unter der Boulmichlaterne
+einem schmalen Dichter aus Renées Genfer Kabarett
+zwanzig Francs, traf ihn die Nacht mit Mimis im
+Absyntherausch, traf ihn wieder Rue Guijas, schlug
+ihm Geld ab, gab Anweisung auf Brot: &bdquo;Schwärmen
+Sie, ich bin nicht Pedant. Aber essen Sie, damit Sie
+tauchen.&ldquo; Raffaeli schluckte, errötete, schloß die Augen
+zum Schlitz: &bdquo;Verzeihen Sie wegen der Förderation.&ldquo;
+Sie schlug einen Kreis um das Grab Di Contis, befreite.
+Sprach mit einem Sergeanten, ließ ein Haus
+reinigen, gab es einem Balten, machte damit eine
+Kulisse, brachte die Häuser an sich, besiedelte sie mit
+seinen Leuten, armen Menschen. Empfing, ließ gehen,
+erhielt, gab aus. Reiste, erschien wieder, blitzte auf,
+verscholl, kam mit neuem Plan, dichtete das Netz.
+Hatte einen Reiz auf Menschen, der unwiderstehlich
+entzündete, gierig machte, umschlug, die Augen veränderte,
+das Leben. Tätig machte mit ihr, fortzog, dienend,
+hochmütig vor Verantwortung. Reiste nördlich. Zog
+am Todestag Contis die Liste heraus. Verglich, zeichnete,
+<!-- page 328 -->
+ging ans Fenster, sah die Maste und Schorne steif
+nebeneinander, ein Wald gereckt. Schloß die Liste.
+Legte den Kopf zurück: Fast erreicht, fast erfüllt.
+</p>
+
+<p>Gab sich der Ruhe hin, Tage, Wochen. Lebte, gab
+sich preis dem Hafen, dem ungeheuer Kommenden,
+Gehenden. Fühlte den Herzschlag des Bodens, Wiegen
+des Horizonts. Mit den Schiffen ging sie hinaus,
+kehrte sie voll zurück. Traf ein kleines braunes Kind,
+das die Antennen eines Dampfers visierte, wo die
+silbernen Sonnen der drahtlosen Netze blitzten. Nahm
+es mit, badete es, legte es zu sich, hörte die Nacht
+wieder Herzschlag an ihrem. Wachte, ward nachdenklich,
+suchte die Gleichung, die Tabellen. Fuhr hinauf
+über Christiania, fahles Licht prallte ihr entgegen. Die
+Schiebetür des Lazaretts tat sich auf. Sie sprach den
+Arzt, die Brillengläser standen scharf auf ihr, er prüfte,
+legte beiseite. Sie blieb ein paar Tage. Ihr
+Zimmer stand leer. Andere Pläne umgaben sie, andere
+Pflichten. Sie blieb dennoch. Sie war nicht draußen
+nötig, hatte erfüllt, was ihre weibliche Kraft konnte:
+angeschmiegt an die Aufgabe, diese vorwärts getrieben
+unhemmbar. Sie kleidete sich um, schritt hinunter
+zum Saal: &bdquo;Ist Naga hier?&ldquo; &bdquo;Nein.&ldquo; Am Morgen
+trat sie in das Zimmer des Zigeuners. Er starrte
+schweigend: &bdquo;Durst.&ldquo; Sie brachte Wasser. Er schiffte
+in die Wanne. Sie schöpfte sie aus. Grinsend ließ
+er seinen Darm hinein. Sie legte die Glocke ins
+<!-- page 329 -->
+Wasser, sog den Schlauch an, ließ altes Wasser
+heraus, neues hinein. Er lallte einen Fluch. Die
+Zunge gehorchte ihm nicht mehr. Er sprach undeutlich.
+Sie ging in Nagas Saal. Daß sie fehlte. Gut .&nbsp;.&nbsp;.
+wie schön, das Leben heiter und reizvoll zu nehmen. Der
+Fiebernde zog an den Lidern. Sie gingen nicht mehr auf.
+Dunkelheit immer um ihn. Keine Mutter am Bett.
+&bdquo;Deine Mutter?&ldquo; &bdquo;Tot.&ldquo; Ihre Hand auf seiner Stirn
+.&nbsp;.&nbsp;. er erkannte sie. Licht ging hoch auf seinem Gesicht.
+Unruhige Schatten schwankten, wenn sie sie löste.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Sie .&nbsp;.&nbsp;. da&ldquo;, des Predigers Auge irrte unstät von
+ihr zum Fenster. Er sah die Welt hinter ihr, roch
+sie in der Luft, die sie noch umgab. Ein Bogen schlug
+sich von ihrer Schulter übers Meer: dort die Welt,
+unmeßbar gepreßt, verführerisch, sein Schicksal! Haß
+kam in seine Augen, brannte auf sie. Sie neigte sich
+zurück: &bdquo;Glauben Sie es immer schön .&nbsp;.&nbsp;. leicht?&ldquo;
+Er wollte es nicht hören: &bdquo;Nur dort sein.&ldquo; Sie
+lächelte: &bdquo;Und dann?&ldquo; .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Weiter. Auf
+und ab die Räume. Blicke gebannt an ihr .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+die Hitze kam. Der Wind ihres Atems brachte Ergebung,
+Ruhe. &bdquo;Wasser&ldquo;, sie eilte, kühlte, verband.
+Wie leicht das Schwerste zu tragen, stand sie daneben.
+Welches Glück im Verzweifeln, sah man sie nur fern.
+Sie teilte aus, schlichtete, sprach zu, freundlich, unbewegt
+auch durch Trotz, Feindschaft prallte ab, ward Neigung.
+Die große Schwester kam in der Tür mit ihr zusammen.
+<!-- page 330 -->
+&bdquo;Verzeih,&ldquo; sagte sie, neigte den Kopf, &bdquo;daß
+ich deine Instrumente einmal beschmutzte.&ldquo; &bdquo;Schon
+damals verzieh ich.&ldquo; Die Schwester küßte ungeschickt
+nach ihrer Hand, traf sie nicht, sondern die Klinke.
+Aus dem Garten ein Zug .&nbsp;.&nbsp;. ein neuer Kranker, den
+Blick wie ein Fisch, resigniert ohne Kampf &mdash; &mdash; &mdash;
+unmögliches Dasein. Sie stachelte ihn auf, zeigte ihm
+täglich das Neue, Buntes, geliebte Landschaft, Bilder
+von Karussells und Kirmis. Seine Sehnsucht wuchs,
+stieg, ward tödlich. Als sie vorbei war, gefestigt in
+dem Überwundenen, hatte er Heiterkeit. &mdash; &mdash; &mdash; Sie
+machte Schaum aus Soda, Schmierseife, heißem
+Wasser. Tag auf Tag beginnend mit Schüssel und
+Schüssel .&nbsp;.&nbsp;. trotz der Hitze sangen die Matrosen: &bdquo;Es
+kommt Gewitter.&ldquo; Sie sagte es zehnmal, jedesmal
+mit erneut gesteigerter Kraft. In der Unmöglichkeit
+wuchs der Glaube nur stärker, verbreitete sich, trat aus.
+War das Haus eine Kasematte schmelzenden Bleies in
+weißer Hitze, lauschten schon halb erquickt die Insassen
+dem Regenfall, den sie versprach. Der Glaube der
+Männer stieg, stand in dem Raum wie eine Wolke.
+Der Blick des Predigers traf sie, erstaunt, ohne Haß.
+&bdquo;Ich sollte nicht Kraft haben, zu dulden, wo Sie
+Ungeheures vermögen?&ldquo; Sie schnitt ihm das Fleisch,
+legte die Messer hin: &bdquo;Wie gering ist das alles.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Nachts beim Füllen des Wassers fiel sie ohnmächtig
+um neben der Wanne des Zigeuners. Sie sah auf,
+<!-- page 331 -->
+erwacht. Die große Schwester drückte ihr ein kaltes
+Wasserkissen auf die Brust, schielte mit den Augen
+zwinkernd nach der Seite, ein noch nie erblicktes Lächeln
+um den harten Mund. Der Zigeuner saß in größter
+Erregung. Er hatte geschrieen, jetzt beruhigte er sich.
+Als sie allein mit ihm war, stammelte er, Sprechens
+kaum mehr fähig: &bdquo;Die .&nbsp;.&nbsp;. vorher .&nbsp;.&nbsp;. schlug mich.&ldquo;
+Er tanzte im Wasser auf und ab. Die Angst, sie zu
+verlieren, löste ihn. Er schlug in die Hände: &bdquo;Bitte
+.&nbsp;.&nbsp;. bitte .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Dann schwieg er.
+</p>
+
+<p>Der letzte Sieg. Auch diesen halbverfaulten Kretin,
+der vor Bösem strotzte, überwand sie.
+</p>
+
+<p>In diesem Augenblick fühlte sie verzweifelt, daß etwas
+fehle. Schwer atmend ging sie durch den schwülen
+Raum. Die Luft vor der Küste war zusammengezogen
+von silbernen Nebeln. Die Erde, aufgetan, dampfte
+zarteste Glut. Sie ging, erschrak, öffnete sich mit
+maßlosem Entzücken: das Meer. Es lag hinter dem
+Schleier, schlug groß und dumpf. Ein Vogel flog
+auf, stob über den Boden, setzte sich wieder. Sie erreichte
+ihn. Er flog zur anderen Seite, wischte den
+Nebel zu großen Strudeln. &bdquo;Rype&ldquo;, rief sie ihm.
+Ein Hase mit hell leuchtendem Pelz. Der Bach geschliffen,
+stählern. Langsam das Rauschen einer schwimmenden
+Otter wie aus der Ferne. Die Gegend ging heller,
+von seinem Dunst ins Gespenstische zugezogen. Möven
+schlugen sich hoch. O Möven. Der Mond fiel platt
+<!-- page 332 -->
+auf das Wasser. Dunkelblau gemeißelt stieg das Meer,
+ungeheuer gereckt mit metallen gekühlter Wut. Die
+Möven, hochgerollt, hingen eine unbewegliche Schlange
+vor dem Himmel. Alles trug ihren demütigen Sieg
+ihr zu. Am höchsten Triumph spürte sie die Lücke.
+Es genügte nicht. Das Letzte fehlte. Woher?
+</p>
+
+<p>Sie hatte Sehnsucht, wußte nicht wohin.
+</p>
+
+<p>Was Menschliches zu tun war, flammend war es getan.
+Sie war zufrieden. Nichts störte ihr Treiben. Im
+Lallen des leprosen Idioten formte sich glühend ein
+Glück. Hatte entsagt dem Eigenen. Nichts Einzelnes
+sog, lockte, begehrte. Entwichenes pries nur ihre Unermüdlichkeit.
+Kein Phantastisches, Gewähntes verwirrte.
+Dennoch fehlt das <a id="corr-14"></a>Letzte, stieg das Sehnsüchtige unerträglich.
+Dreieck spannte sich aus den Brauen, ihr
+eisgrauer Blick streifte das Meer.
+</p>
+
+<p>Ihr Rücken stieß an etwas.
+</p>
+
+<p>Ein Baum.
+</p>
+
+<p>Der Saft zog in sie, ihren Leib, die Schenkel, das
+Herz. Das Meer ward ein Spiegel, scharf, nebellos:
+Smaragdene Inseln tauchten aus Fächern der Sonne.
+Abends kamen sie ins Freie. &bdquo;Meer&ldquo;, schrieen sie.
+Die Sonne sank blutrot über Herden neuer Inseln.
+Phalux. Der Ottava rauschte, Flöße und Feuer. Warum
+flog der Körper nicht über das Segel. Tausend Klüver
+wiegten auf dem Ontario, schliffen träumerisch den
+Horizont stahlblau .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+<!-- page 333 -->
+
+<p>Sie senkte die Lider, hielt die Sehnsucht fest im Innern,
+sie durchdrang sie mit dem Saft in jeder Pore. Ihr Leib
+und der Baum hoben sich, ineinandergeflochten, zum schlankesten
+Instrument der Sehnsucht. Standen im Traumgrau
+der Landschaft aufgerichtet, eine Flöte. Der Klang
+des Blutes, weich sich hebend, nur nach Getrenntem gierig,
+war Schmerz des Rohrs nach der Weide, aus der es geformt.
+Wurde tigerhaft, stürzte durch die Gefäße, ein Aufschrei:
+zurück zur Heimat.
+</p>
+
+<p>Der Morgen ging auf.
+</p>
+
+<p>Ein Segelschiff bootete aus. Sie nahm es. Eine Stadt
+entschwand. Nebel rollten unter der Sonne. Unter braunen
+Segeln entschwand glühend das Kupferbergwerk in die
+Klippe. Noch einmal standen die Flaggen starr. Dann
+fraß das Meer mit einem Ruck das Ganze.
+</p>
+
+<p>Stand am Schornstein, ging auf Verdeck mit großen
+raschen Schritten, schaukelte mit jeder großen Woge,
+ging hinunter, hinauf, es kam ihr entgegen. Der
+magische Pol ihrer Jugend streifte ihr zu, je näher sie
+rückte. Studierte Barometer, Karten, die Lotung.
+Traf Beamte, frug, sah den Kapitän, lächelte. Wind
+trug ihr Frische zu. Schaum, vom Bug heraufgeschlagen,
+legte sich köstlich auf ihre Haut, Schmelz
+blühte sie hoch. Abends unter der eingeholten Fahne kam
+es: Sie hatte Kraft verbraucht, ihr Leben hingegeben,
+Stück für Stück vergeben, gezahlt im Guten wie im
+Bösen. Die Spannung blieb wohl, die sie schnellte.
+<!-- page 334 -->
+Aber erst der Saft der Erde, aus der sie kam, durchdrang
+sie neu, strebte ihr entgegen. Kräftigte sie und machte
+sie schön, glühend, auf langen Beinen die zarterhaltenen
+Brüste, der wilde Zug um den demütigen Mund,
+die heißen großen Lippen: daß sie die Stärke habe,
+tätig und unermüdlich wachsend und handelnd zu warten,
+Di Contis Vermächtnis erfüllend, daß irgendetwas,
+Erdbeben, ein Komet, die faulige Erde (geschminkt zwar
+und kokottenhaft noch lächelnd in ihrer Raserei), durchwühle
+und stürze, daß Schicksal sich balle und sie
+selbst zurückkehre, die Maschine zu entfachen in den
+großen Kreis der Tat, gespeist aus dem Atem ihrer
+Jugenderde zu Mut und unentspannbarer Dauer.
+</p>
+
+<p>Ein Mittag scholl. Klippen. Der Lorenzo. Möven
+in Spiralen durchwälzten die Luft. Kanonen brüllten.
+Der erste Halteplatz kam. Sie raffte die Plaids. Langsam
+zählte sie die Koffer, etikettierte, ging über den Steg
+ins Boot, ans Land. Das Gepäck häufte sich um sie
+in der Morgendämmerung, noch grau unter Bäumen.
+Ein Park von Wagen scharrte um sie. &bdquo;Hinweg
+.&nbsp;.&nbsp;. hinweg &mdash;&ldquo;, ein Diener stieß sie an, rief einen
+Namen, rief den Namen, rief ihn dreimal. Hinter
+ihr Kommende drückten, kamen vor sie, verdeckten. Da
+dienerte ein Neger. &bdquo;Nein.&ldquo; Er lutschte die Zunge
+zurück, steckte die kleinen Finger in die Ohren, wiegte
+auf den Beinen. Über ihrer Achsel schwebte etwas,
+ein Eselmaul schrie, den Hals hoch neben ihrem Ohr.
+<!-- page 335 -->
+Etwas fiel vor ihr hin, als klatsche ein nasser Fisch
+auf Stein. Sie bückte sich, faßte ihr Paket, sah
+rasch auf. Ein Schatten blitzte vorüber. Sofort
+schloß sie die Augen, griff namenlos entsetzt an die
+Brust. Es spielte sich beißend ab unter den geschlossenen
+Lidern: Ein Mann mit Lichtkonturen machte eine Bewegung,
+aber er riß nichts heraus, sondern streifte die
+Hand nach ihr, schob etwas in sie hinein. Eine Beglückung
+durchfuhr sie, stieg in ihre Haut, in die Warzen
+der Brust. Sie schwebte. Sein Gesicht war blond, gescheitelt,
+das eines Skandinaven, die Figur ihres Traumes,
+ihrer Sehnsucht. Ihre Augen hoben sich, es verschwand,
+das Erhobene, Blutsüße blieb. Gepäckträger häuften ihre
+Koffer auf einen Wagen. Sonne stach durch das Grau,
+brauste mit einer Welle durch die Zweige. Ein Wagen
+streifte ihre Schulter, schmiß sie fast um. Sie drehte
+unter der Gewalt des Stoßes sich um die Achse. Eine
+rauhe Stimme brüllte: &bdquo;Idiot.&ldquo; Sie steckte das Paket
+in die Manteltasche, wieder blitzte der Schatten, nur
+ähnlicher, sie erbleichte. Zitternd hob sie mit der Hand
+aus der Tasche die drei achatenen Kugeln. Zurück?
+Sie dreht sich wild herum. Die Wagen scharren
+alle, bewegen sich, ein Gewölk unter den Palmen.
+Eine Lichtung entsteht.
+</p>
+
+<p>Da steht darin Caspare Symes. Neben ihm ein Pferd.
+</p>
+
+<p>Die Kluft ist zu groß &mdash; ihr Herz erstarrt &mdash; zwischen
+ihm und ihrem Leben. Sie hat überwunden, längst.
+<!-- page 336 -->
+Die unbefangenen Gefühle fehlen zu dem, was im
+Menschlichen ihr am erstrebenswertesten schien. Vorbei.
+Sie zieht den Mund ein.
+</p>
+
+<p>Als er den Kopf bewegt, hebt sie die Achseln, ein wenig,
+zuckend. Sie schüttelt den Kopf. Nun rast ihr Herz.
+</p>
+
+<p>Da sieht sie erschreckend, daß sein Gesicht verändert
+ist. Di Contis Atem schlägt ihm aus der Haut, sein
+Geist vom Auge. Seuche, Leidenschaft, Erlebnis haben
+ihn geschlossen zu unsterblich menschlicher Schönheit.
+</p>
+
+<p>Da erkennt sie in ihrer tiefsten Minute plötzlich: Daß
+dies ihr aufgespart war, damit sie vor eigenem Glück das
+Größere, Menschliche erst erfahre. Und da sie tapfer gekämpft
+bis auf die Höhe, schlägt der andere Pol ihres
+Lebens ins Zentrum, wächst, beglückt, ist da, ist da.
+</p>
+
+<p>Und da sie nicht enttäuscht und feig vom Dasein
+kam, sondern durch größte Bemühung nur der Weisheit
+näher ein Geringes gekommen, geladen mit Kraft,
+gegen die Welt zu stoßen, sie zu ändern und Contis
+Hebel aufzuschlagen aus dem nun unfehlbaren Gehäuse,
+wandte sie ihm, der auf sie zuging, kurz und heiß die
+Hand zu:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Komm.&ldquo;
+</p>
+
+
+<div class="trnote">
+<p class="center"><a id="Anmerkungen"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></a></p>
+
+<p class="noindent">
+<br />Die folgenden Korrekturen am Originaltext wurden vorgenommen:
+</p>
+
+<ul>
+
+<li>
+... Marquis ließ Baptiste vorreiten. Er ritt in den <span class="underline">Bügel</span> ...<br />
+... Marquis ließ Baptiste vorreiten. Er ritt in den <a href="#corr-1"><span class="underline">Bügeln</span></a> ...
+</li>
+
+<li>
+... Strümpfen kam er, nach Tang riechend, an die <span class="underline">Pallisaden</span> ...<br />
+... Strümpfen kam er, nach Tang riechend, an die <a href="#corr-2"><span class="underline">Palisaden</span></a> ...
+</li>
+
+<li>
+... mit Wiesen heruntergespielt <span class="underline">zu</span> Fluß. Er sah große ...<br />
+... mit Wiesen heruntergespielt <a href="#corr-3"><span class="underline">zum</span></a> Fluß. Er sah große ...
+</li>
+
+<li>
+... die Spitze des <span class="underline">Ereichbaren</span>: das Gespräch brach ...<br />
+... die Spitze des <a href="#corr-4"><span class="underline">Erreichbaren</span></a>: das Gespräch brach ...
+</li>
+
+<li>
+... <span class="underline">genaß</span>. In Zackstrahlen von diesem runden Verharrungspunkt ...<br />
+... <a href="#corr-5"><span class="underline">genas</span></a>. In Zackstrahlen von diesem runden Verharrungspunkt ...
+</li>
+
+<li>
+... <span class="underline">Ballets</span>, erstaunte sie nichts mehr, es glitt ab. Vorüber ...<br />
+... <a href="#corr-6"><span class="underline">Balletts</span></a>, erstaunte sie nichts mehr, es glitt ab. Vorüber ...
+</li>
+
+<li>
+... übertraf. Sie sah die Welt plötzlich anders. <span class="underline">Er</span> ...<br />
+... übertraf. Sie sah die Welt plötzlich anders. <a href="#corr-7"><span class="underline">Es</span></a> ...
+</li>
+
+<li>
+... mit <span class="underline">Heiligenbilder</span> vor St. Sulpice. Wohnte Porte ...<br />
+... mit <a href="#corr-8"><span class="underline">Heiligenbildern</span></a> vor St. Sulpice. Wohnte Porte ...
+</li>
+
+<li>
+... Wohnte Rue St. Jaques, die <span class="underline">barok</span> vom Panthéon ...<br />
+... Wohnte Rue St. Jaques, die <a href="#corr-9"><span class="underline">barock</span></a> vom Panthéon ...
+</li>
+
+<li>
+... schnellten den Hebel, <span class="underline">schoßen</span> für einen Sou die Freimarke ...<br />
+... schnellten den Hebel, <a href="#corr-10"><span class="underline">schossen</span></a> für einen Sou die Freimarke ...
+</li>
+
+<li>
+... Sie stand auf dem Sims, wusch mit <span class="underline">Pertoleum</span> ...<br />
+... Sie stand auf dem Sims, wusch mit <a href="#corr-11"><span class="underline">Petroleum</span></a> ...
+</li>
+
+<li>
+... Spiegel mit dem <span class="underline">Pistolenschoß</span> in der Mitte. Es ...<br />
+... Spiegel mit dem <a href="#corr-12"><span class="underline">Pistolenschuß</span></a> in der Mitte. Es ...
+</li>
+
+<li>
+... windgestrählten <span class="underline">Sonnenblummen</span> trat Stefan. Sie ...<br />
+... windgestrählten <a href="#corr-13"><span class="underline">Sonnenblumen</span></a> trat Stefan. Sie ...
+</li>
+
+<li>
+... Dennoch fehlt das <span class="underline">Letztre</span>, stieg das Sehnsüchtige unerträglich. ...<br />
+... Dennoch fehlt das <a href="#corr-14"><span class="underline">Letzte</span></a>, stieg das Sehnsüchtige unerträglich. ...
+</li>
+
+</ul>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Achatnen Kugeln, by Kasimir Edschmid
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ACHATNEN KUGELN ***
+
+***** This file should be named 39277-h.htm or 39277-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/3/9/2/7/39277/
+
+Produced by Jens Sadowski
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+</pre>
+
+</body>
+</html>
+
diff --git a/39277-h/images/cover.jpg b/39277-h/images/cover.jpg
new file mode 100644
index 0000000..f3e0ba2
--- /dev/null
+++ b/39277-h/images/cover.jpg
Binary files differ
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..74a05eb
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #39277 (https://www.gutenberg.org/ebooks/39277)