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Tausend +Nachdruck verboten +Copyright 1917 by Rascher & Cie., Zürich + + + + +Deutsche Übertragung +von Professor Dr. Schneegans, Neuchâtel + + + + +1918 +Buchdruckerei Züricher Post + + + + + + + + + + +Vorwort. + + +Die folgenden Briefe sind von einem jungen Maler geschrieben, der an der +Front war von September bis Anfang April, wo er in einem der Kämpfe im +Argonnerwald verschwunden ist. Soll man von ihm in der Vergangenheit oder +in der Gegenwart sprechen? Wir wissen es nicht: seit dem Tage, wo sie die +letzte von Schmutz befleckte Karte erreichte, welche den Angriff meldete, +in dem er verschwinden sollte, -- welche quälende Stille für diese Frauen, +die während acht Monaten nur von den fast täglichen Briefen lebten! Doch +für wieviele Mütter und Frauen ist eine solche Qual heute das tägliche Los? + +In dem Atelier, unter den Bildern, in denen der junge Mann seine Träume, +seine Künstlervisionen festgelegt hatte, habe ich, liebevoll auf einem +Tische geordnet, alle die weißen Kärtchen gesehen, aus denen dieser +Briefwechsel besteht. Schwelgende Gegenwart. . . . Ich wußte damals noch +nicht, welche Seele sich hier in ihrer Fülle ausgedrückt hat, um auf diesem +Wege an den häuslichen Herd zurückzukehren: eine Seele, die dazu bestimmt +war, dessen bin ich überzeugt, sich weit über den kleinen Kreis der +Verwandten hinaus zu ergießen und weithin auf die Menschen zu strahlen. Die +Seele eines fertigen Künstlers, aber auch eines Dichters, mit der +Schüchternheit eines Jünglings, der schon mit dreizehn Jahren die Schule +für das Atelier verlassen hat und ganz allein gelernt hat das, was ihn +bewegt, in Tönen auszudrücken, deren Schönheit der Leser wird zu würdigen +wissen. Herzensgüte, inbrünstige Verehrung der Natur, mystisches Verstehen +ihrer Erscheinungsformen und ihrer ewigen Sprache, das ist es, was die +Deutschen, die sich die Erben Göthes und Beethovens nennen, allein zu +besitzen glauben und was uns in diesen, von einem jungen Franzosen für +seine Teuersten und für sich geschriebenen Briefen ergreift. + +Das Rührendste dabei ist vielleicht, daß wir in dem seelischen, so ernsten, +so religiösen Empfinden, das sich hier ausspricht, Züge wiedererkennen, die +uns in manchen Briefen von der Front auffielen. In diesen Wochen, diesen +endlosen Wintermonaten, die sie im Schlamm oder im Schnee der +Schützengräben verbracht, beim täglichen Anblick des Todes, beim Gedanken +an den Tod, der vielleicht in demselben Augenblick naht, um ihnen für immer +die Augen zu schließen, scheinen diese Kinder angefangen zu haben mit +eindringlicherem, empfänglicherem Auge die ewigen Dinge zu betrachten, wie +wenn sie alle, in der Fülle ihrer Kraft und ihrer Jugend, glaubten sie zum +letzten Male zu betrachten: + + »Und sterben sollte nun die Welt + Mit meinen Augen, den Spiegeln der Welt.« + +Feierliche Stimmung des Menschen, der eben eine lange Nachtwache verbracht +hat, irgendwo auf Vorposten, und der hinter der grauen, schweigenden, +nordischen Ebene dort, wo der unsichtbare Feind in der Erde vergraben ist, +die rote Sonne noch einmal über diese Welt aufgehen sieht. »O herrliche +Sonne, ich möchte dich noch einmal sehen!« schrieb am Abend des Tages, wo +er in Frankreich einzog, ein junger schlesischer Soldat, der auf den +Gefilden der Marne fiel und dessen Tagebuch veröffentlicht worden ist. +Plötzlich entquillt dieser geheimnisvolle Herzenserguß, mitten unter +pünktlichen deutschen Aufzeichnungen über Essen und Trinken, Tagemärsche, +Fußleiden und der Aufzählung der verbrannten Dörfer. In wievielen +französischen Briefen haben wir diese tiefe Erleuchtung getroffen! Sie ist +sich immer gleich auf allen Stufen des Ausdrucks: bei jenem Bauern von +Seine-et-Marne, den ich mit Namen nennen könnte, der vielleicht zum ersten +Male in seinem Leben für die Glut des Sonnenunterganges ein Auge hat, -- +bei jenem jungen Pariser, der bis dahin nur in Ausdrücken des Skepticismus +und der Ironie schien reden zu können, und bei dem jungen Künstler, der +dieses Gefühl in ergreifende Verse umsetzt und es bis zur erhabenen +Vorstellung steigert, an der die ganze stoische Philosophie hängt. Durch +soviele Unterschiede hindurch, bei allen, dem deutschen Schullehrer, dem +Bauern, dem Städter, dem französischen Maler, offenbart sich eine +gemeinsame Grundlage und der vergängliche Lebende, im Vorgefühl der ewigen +Nacht, sieht den Sinn und die Schönheit der Welt in ihm sich erweitern. O +Wunder der Welt! göttlicher Friede dieser Ebene, dieser Bäume, dieser +fernen Hügel, -- wie man dieser unendlichen Stille lauscht! Oder es ist die +nächtliche Unermeßlichkeit, in der nichts als Feuersbrünste und ein +Leuchten verbleibt. Unten ferne Glut von Bränden, oben die Sterne, ihre +unwandelbaren Bilder, das Flimmern, die Harmonie und erhabene Ordnung des +Weltalls. + +Bald werden das Geknatter der Maschinengewehre, der Donner der +Sprengstoffe, das Geheul des Ansturms wieder anheben; man beginnt wieder zu +morden und zu sterben. Welcher Gegensatz der menschlichen Wut und der +ewigen heitern Ruhe! Mehr oder weniger dunkel, während eines kurzen +Augenblickes, wird eine tiefsinnige Beziehung zwischen den einfachen +Erscheinungen am Himmel und auf Erden, deren langsame Entwicklung sich +begreifen läßt, und dem Beschauer hergestellt. Fühlt dann der Mensch, daß +alles, was er sieht, er selbst ist, daß sein kleines Dasein und das Leben +des Baumes, der dort im Schauer des Morgengrauens erbebt und dem Menschen +zuzuwinken scheint, sich miteinander verbinden im Flusse des ewigen Lebens? + + * * * + +Für den Künstler, von dem hier die Rede ist, waren diese Eingebungen und +Visionen der Rausch jener langen, im Schützengraben verlebten Monate. Unter +dem weiten Himmel, bei der Berührung mit der Erde, vor der Gefahr und dem +täglichen Bilde des Todes, erschien ihm das Leben plötzlich seltsam +erweitert: »Wir haben von unserm Aufenthalt im Freien eine Frische der +Auffassung, eine Großzügigkeit in den Bewegungen und Gedanken gewonnen, die +den Überlebenden den Aufenthalt in den Städten gräßlich wird erscheinen +lassen.« Auch der Tod zeigte sich schöner und schlichter; Tod der Soldaten, +deren Gestalten er mitleidig betrachtete, während die Natur sie still, +mütterlich wieder zu sich nahm und allmählich mit der Erde vereinigte. Von +Tag zu Tag lebte er mehr in dem Gefühl des »Ewigen«. Er blieb freilich +empfänglich für alle Greuel und jedes Mitleides fähig, -- und man wird +sehen wie er seine Pflicht erfüllte. Aber »in gleichem Maße leidend«, +flüchtete er »zu einem höheren Troste«. »Man muß,« sagte er zu denen, die +ihn lieben und die er -- mit welcher beständigen Fürsorge! -- sich bemüht +auf das Schlimmste vorzubereiten, »dazu gelangen, daß kein Unglücksfall aus +unserem Leben etwas Trümmerhaftes, Abgebrochenes, Unharmonisches mache +. . . Begnüge dich mit der herrlichen Versicherung, daß ich bis heute meine +Seele zu einer Höhe gehoben habe, wo die Ereignisse ihr nichts mehr antun +können«. Diese Höhe ist die Gegend, in der über die Unterschiede der +Bekenntnisse und ihrer äußern Formen hinaus, alle großen religiösen +Gemeinschaften sich zusammenfinden, wo der eitle Schein verschwindet, wo +der Mensch allen Behauptungen und Forderungen des Ichs ein _Nein_ +entgegenstellt und sich an das hält, was »wirklich ist«. »Unsere Leiden +kommen daher, daß unsere schwache menschliche Geduld unseren Bedürfnissen, +wenn auch den edelsten, zugewandt ist. . . . halte dich dabei nicht auf, +den Wert der Persönlichkeit derer, die am Leben bleiben, derer, die gehen +zu betrachten; das heißt die Dinge auf der menschlichen Wagschale abwägen. +Man muß aber in uns die gewaltige Menge dessen unterscheiden, was besser +ist als das Menschliche.« (30. Oktober.) Im Grunde ist der Tod machtlos, +weil auch er ein eitler Schein ist und »Nichts vollständig verloren ist.« +So findet dieser junge Franzose, der übrigens die Sprache des Christentums +nicht vergessen hat, in den Schrecken des Krieges den Stoicismus Mark +Aurels wieder, jene Tugend, »die weder Geduld noch allzu großes +Selbstvertrauen ist, sondern ein gewisser Glaube an die Ordnung der Dinge, +ein gewisses Vermögen, bei jeder Prüfung zu sagen, _daß es so recht ist_.« +Und jenseits des Stoicismus ahnt er und erreicht den uralten, erhabenen +Gedanken Indiens, der die Erscheinungen und trennenden Unterschiede +leugnet, und dem Menschen seine eigene Person und die ganze Welt zeigend, +ihn lehrt, daß er von der einen sage: »Das bin ich _nicht_«, von der +andern: »_Das bin ich_.« Ergreifende Begegnung: durch alle Entfernungen der +Jahrhunderte und Völker hindurch setzen die Betrachtungen dieses +französischen Soldaten vor dem Feinde, den er morgen angreifen wird, den +seltsamen Zustand der Verzückung fort, in den der Krieger der Bhagavad +Gîta[*] zwischen zwei Heeren, die aufeinanderprallen sollten, sich +versenkte. Auch er sieht in der menschlichen Unruhe einen Traum, der uns +den Anblick der höhern Ordnung und der göttlichen Einheit verschleiern +wollte. Auch er hat sein Vertrauen in die Dinge gesetzt, die »weder Geburt +noch Tod kennen«, in das was »nicht geboren, unverwüstlich ist, was nicht +getötet wird, wenn der Leib getötet wird«. Das ist das ewige Leben, dessen +Wirken sich fortpflanzt, stets gleich durch alle Formen hindurch, die es +erzeugt, in jeder bestrebt, sich zu mehr Licht, Frieden, Bewußtsein zu +erheben. Und dieses Ziel bedingt das Gesetz eines jeden denkenden Wesens, +die Aufopferung seiner selbst zum Besten des allgemeinen und endlichen +Wohles; daher bei dem Gedanken an das wirksame Opfer, jene tiefe +Befriedigung derer, die ihr Leben hingeben, die für die Sache des Lebens +fallen: »Sage M. . . ., wenn das Schicksal die Besten trifft, daß das nicht +ungerecht ist: diejenigen, die weiterleben, werden dadurch gebessert +. . . Ihr wißt nicht, welche Lehre uns der gibt, der fällt. Ich weiß es +aber.« Und das Opfer ist noch vollständiger, wenn das Leben geben, wenn auf +sich selbst verzichten, zugleich bedeutet auf das verzichten, was man mehr +liebte als sich selbst, dem man mit seinem ganzen Leben hatte dienen +wollen. »Fahnen der Kunst, der Wissenschaft,« die er als Kind vergötterte, +die er zu tragen angefangen hatte, mit welchem stolzen, vertrauensvollen +Schauer! Der Mensch lerne ohne Klage zu sterben! »Es genüge ihm zu wissen, +daß die Fahne wird getragen werden!« + +[Fußnote *: »Lied der Gottheit,« Episode des Mahâbhârata. (D. Übers.)] + +Der schlichte, gewöhnliche Gehorsam der gegenwärtigen Verpflichtung, das +ist auch der praktische Abschluß der höchsten Weisheit der Indier, nachdem +sie den Wahn des Scheins entschleiert hat. Sich nicht in die Einsamkeit und +Untätigkeit zurückziehen, weil man den Wahn erkannt hat, mit seinen Brüdern +kämpfen, an seinem Platze und Range, mit offenen Augen, ohne Hoffnung auf +Ruhm und Gewinn, einfach weil das Gesetz es so will, das ist der Befehl, +den der Gott dem Krieger Arjuna gibt, als dieser zweifelt, ob er von der +Betrachtung des Ewigen dem menschlichen Schreckbild der Schlacht sich +zuwenden solle. »Für jedes Wesen ist Gesetz, das Werk zu vollführen, das +seine eigene Form ihm vorschreibt. Jeder unterziehe sich dem Handeln, da er +ein Teil ist dieser Natur, deren Beschaffenheit ihn zum handeln zwingt!« +Arjuna spanne einfach seinen Bogen mit den andern Kshettryas! Der junge +Franzose hatte keinen Augenblick gezweifelt. Aber in seinen Briefen sehen +wir, wie er mitten in den Schrecken des Gemetzels und in den geduldigen und +langweiligen Arbeiten des Minenganges oder des Schützengrabens seine Blicke +»auf das Ewige« stets zu richten wußte. + +Ich möchte nicht länger bei diesem Vergleiche verweilen. Vielleicht hat er +durch einige Auszüge aus dem Ramayana den erhabenen Gedanken des uralten +Asiens vermuten können. Und doch zeigt in der ganz modernen Färbung, in den +bestimmten Formen und dem so französischen Fluß der Sprache die Seele, die +sich in diesen Briefen offenbart, wie die Amiels, Michelets, Tolstois, +Shelleys, eine tiefinnerliche Verwandtschaft mit dem zarten und mystischen +Genius Indiens. Seltsame Verwandtschaft, die sich nicht allein in dem +tiefen Gefühl und Verlangen nach dem Allgemeinen und Ewigen offenbart, +sondern auch in dem unmittelbaren Mitempfinden mit allem, was Leben ist, in +den Ergüssen der Liebe zu der großen mütterlichen Seele der Natur und allen +ihren Erscheinungen. + +»Liebe«, das ist eines der Wörter, die am meisten in diesen Briefen +wiederkehren. Liebe zu jenen Gefilden, jener Ebene, über die die Morgen und +die Abende wie innere Regungen über ein Antlitz ziehen, Liebe zu den +Bäumen, deren Bewegungen fast menschlich sind, -- einem gewissen, unter +seinen Wunden männlichen, geduldigen Baume, »der einem Soldaten gleicht,« +-- Liebe zu den hübschen Tierchen der Felder, die im Schweigen des frühen +Morgens am Rande der Schützengräben spielend sich bewegen, -- Liebe zu +allen Dingen am Himmel und auf Erden, jenem beseelten Himmel, jener +französischen Landschaft mit ihrer so übersichtlichen, so schlichten +Linienführung, Liebe zumal zu denen, die er neben sich geduldig leiden und +kämpfen sieht, zu den ernsten Bäuerinnen der Champagne, die alle ihre Söhne +hingaben, die schweigen, ihre Tränen trocknen und die Arbeit der Vorfahren +auf den Ackern, in den Weinbergen weiterführen, zu jenen Kameraden, deren +»Scherze oder Lieder« kein Elend entmutigt, »braven Leuten, denen mein +schönes Künstlergewand arg hinderlich wäre, ihre Pflicht ehrlich zu tun, +wie sie sie tun«, -- zu allen jenen einfachen Menschen, die Frankreich +ausmachen, mit denen man sich so gerne vereint fühlt. Liebe zu allen +Lebenden (man fühlt wohl, daß er nicht hassen kann, auch nicht den Feind, +Fleisch von seinem Fleisch, das, wie er selbst, an diese Erde sich +anklammert, das in demselben Maße duldet). Und dann Liebe zu den Toten, +deren Anblick er aufsucht, deren stille, von Schweigen und Geheimnis +schwere Schönheit, sich in langer Betrachtung diesem eindringlichen Auge +offenbart. + +Durch diese der innerlichen, geistigen Bedeutung der Dinge zugewandte +Aufmerksamkeit, erscheint uns dieser Maler in seinen Briefen besonders als +ein Dichter, -- ein religiöser Dichter, der in der Welt das Wesen der Dinge +erfaßt, alle unaussprechlichen Arten des Seins; auch als ein Musiker, der +in den Schützengräben mit Beethoven, Händel, Schumann, Berlioz +zusammenlebt, deren Melodien und Gedanken er in sich trägt -- den »die +schönsten Symphonien mit ihrer Orchesterbegleitung« berauschen. Innere +Reichtümer, geheime Mächte des Trostes und der Freude, die in den trübsten +Stunden, in der Nacht und dem Schlamm der langen winterlichen Wachen, so +nahe zu der Seele zu reden vermögen oder sie mit einem Male in solche Höhen +und solche Fernen forttragen. Schumann, Beethoven: zwischen diesen +unsterblichen Geistern, die nur für alle Menschen zu singen wußten, und den +unmenschlichen Pedanten, welche die Schönheit des Krieges und das starre +Recht der Gewalt predigten, was bleibt noch Gemeinsames übrig? Haben wir +sie nicht uns zu eigen gemacht, diese Genien, dadurch, daß wir sie immer +tiefer verstanden und in uns eindringen ließen? Sind sie nicht unsere +Freunde geworden? Begleiten sie uns nicht in alle gesegneten Einsamkeiten, +in denen unser wahres Ich wieder zu leben beginnt, unsere innere Quelle +wieder fließt? + +Den Größten von Allen ruft eine Schar französischer Soldaten wach, drei +Tage vor der Schlacht, die sie voraussehen, in der mehrere verschwinden +sollten. Sie sind in der Tiefe einer unterirdischen Kasematte: »Dort +erwartet man in völliger Dunkelheit die Nacht zum Aufbruch. Plötzlich haben +wir, meine Kameraden, die Unteroffiziere und ich, die Schauer der neun +Symphonien von Beethoven erweckt! Eine unaussprechliche Begeisterung +beseelte uns.« Dieser fast heilige Gesang, diese heroische Begeisterung in +einem solchen Augenblick, wie widerlegen sie die immer wiederholten +Theorien der Deutschen über die Grenzen des französischen Gefühls! Welcher +Dichter eines andern Volkes hat die Natur mit einem brüderlicheren Auge, +mit einem tiefern Widerhall im Herzen betrachtet, als der dessen Innerstes +sich hier ausspricht? + + * * * + +Diese Tag für Tag geschriebenen und aus dem Schützengraben oder dem +Quartier geschickten Briefe bilden zusammen eine fortschreitende Folge, +gleichsam eine Dichtung oder einen Gesang. Ein tiefes inneres Leben birgt +sich darin: das Leben einer Seele, die wir in der Eintönigkeit dieser +außerordentlichen Verhältnisse, in denen sehr oft jedes Ereignis fehlt, +über den gewöhnlichen Gedankenkreis sich erheben, sich selbst übertreffen +und, je näher die schwersten Prüfungen herankamen, in Friede und heitere +Ruhe sich hüllen sehen (Februar-April). Man muß diesen seelischen +Fortschritt verfolgen, den er mit einem unerschütterlichen Willen leitet. +Es gibt keine ergreifendere Geschichte eines inneren Erlebens. Sein ganzes +Bemühen ist sich »anzupassen«, und wie fürchterlich es ihm oft wird, das +spürt man unter der gewöhnlichen Ruhe und Schlichtheit des Ausdrucks. Er +ist Dichter und Künstler; er hat das Leben aufgefaßt, er hat sich +entwickelt in einer dem Manne der Tat entgegengesetzten Richtung. Seine +ganze Bildung, seine besondern künstlerischen Übungen hatten als Folge die +Verfeinerung einer an sich schon angebornen äußersten Zartfühligkeit. Aus +innerm Drange und einem selbstgewählten Gesetze folgend, hat er die +Einsamkeit und Beschaulichkeit aufgesucht. Er fühlt und weiß wohl, daß er +nur lebt, um ein bestimmtes Abbild der Welt zu sein, und hat sich immer, +dem innern Triebe gehorchend, bemüht, in sich selbst die reine Form und +ursprüngliche Wölbung des Spiegels zu bewahren und zu vervollkommnen, der +eine Neigung hat sich unter den Einflüssen der Umgebung zu verzerren und zu +trüben. Jetzt heißt es im Gegensatz zu dem eigenen Gesetze leben, und zwar +nicht weil die Not dazu zwingt, sondern durch einen freien Willensakt. Es +heißt nun dieses Ich, das sich sorgfältig außerhalb der Welt und der Welt +gegenüber bewahrt hat, preisgeben, ohne Murren es in das dichteste Gewühl +werfen, Tag und Nacht nur noch in dem Atem und dem Gedränge der +Soldatenschar leben, und sich dabei einer rein körperlichen Tätigkeit +unterziehen für die furchtbaren Aufgaben des Krieges. Und für ein solches +Dasein, das er von seinem frühern Standpunkte aus als ein Sklavenleben +betrachtet hätte, muß er als den einzig möglichen Ausgang den Tod ansehen, +in absehbarer Zeit. Er muß sich daran gewöhnen, in seinem verflossenen +Leben, -- jenem Leben, das seine Künstlerträume und Hoffnungen +erleuchteten, das wie in einem Rausch allen Regungen und dem Pulsschlag des +Lebens des Weltalls entsprach -- nur noch einen Traum zu sehen, einen +Traum, der entschwunden ist und nie zurückkehren wird. + +Das nennt er »sich anpassen«, und wie oft kehrt dieser Ausdruck in seinen +Briefen wieder! Denn er bezeichnet die Pflicht, eine Pflicht, deren +Schwierigkeit sich an dem Abstand zwischen Gegenwart und Vergangenheit +bemessen läßt, zwischen dem angeborenen Trieb einer Seele und der +Selbstüberwindung, die sie sich auferlegen will. »In voller Schaffenskraft, +in dem Augenblick, wo das Leben für ihn eine Zeit fortwährender Blüte +wurde, wird ein junger Mann herausgerissen und auf einen trockenen Boden +verpflanzt, wo Alles von seiner gewohnten Nahrung ihm fehlt. Nun denn! von +dem Augenblick an, wo nach dem ersten Riß das Leben ihn nicht verlassen +hat, bemüht er sich aus den dürftigen Säften seines neuen Bodens zu +schöpfen. Die Anstrengung verlangt eine Anspannung aller Kräfte, die keinen +Raum läßt für die Erinnerungen und Hoffnungen . . . Ich erreiche es, außer +in rasch unterdrückten Stunden der Empörung, wo die Gedanken, die +Handlungen meines vergangenen Lebens sich erheben, wie wenn ich sie nicht +vergessen hätte. Ich brauche dann meine ganze Kraft, um meine +herzzerreißenden Erinnerungen in der Ergebung in den gegenwärtigen +Augenblick zu ertränken.« Dazu braucht es eine rastlose Anstrengung. Denn +»sich anpassen« bedeutet für ihn nicht sich durchgreifend verwandeln, indem +er den Einflüssen der neuen Umgebung nachgibt. Durch die fortgesetzte +Tätigkeit seiner Lebenskraft will er, im Sinne seiner eigenen +Persönlichkeit, den Stoff umgestalten, den er aus dieser Umgebung zieht; er +will darin die Mittel finden trotz Allem in der Richtung seines eigenen +Wesens sich zu nähren und weiter zu bestehen. Er will Allem entsagen und +das Wesentliche bewahren, weil sein Ich weiter erhalten bleibt, treu dem +selbstgeschaffenen Ideal, fähig nicht allein zu leben, sondern noch zu +blühen, teilzunehmen an dem allgemeinen Fluß des Lebens, der sich in der +Natur in rastlosem Erblühen offenbart, im Menschen in Regungen der Liebe, +der Kunst, der Poesie. Um dieses Ziel zu erreichen, gilt es, unter den +Drohungen und in den Unruhen des Krieges, sich für jede Erscheinung des +Schönen empfänglich zu erhalten. Denn das Schöne ist für diesen frommen +Dichter das Göttliche, das mehr oder weniger deutlich in allen Dingen +durchleuchtet; daher auch die Kraft, die er in der Betrachtung des Schönen +schöpft, die ihn allmählich über die Zufälligkeiten des Einzelwesens +hinaushebt. Um den Eindruck voll zu empfangen, um in sich alle Unruhe zu +bannen, muß er der Vergangenheit und der Zukunft Lebewohl sagen, nichts +beklagen, nichts erhoffen, nur noch im »gegenwärtigen Augenblick« leben, +der an diesen Segnungen reich ist. »Ich nehme alles aus der Hand des +Schicksals an, ich habe ihm aber Alles genommen, was es in den Falten eines +jeden Augenblickes an Glück birgt.« In diesem Zustand der Einfalt, der fast +der Zustand der Gnade ist, tritt er mit der lebendigen Wirklichkeit dieser +Welt in Berührung. »Laßt uns essen und trinken von Allem was ewig ist; denn +morgen sterben wir Allem ab, was menschlich ist«. + +Diese Befreiung der Seele ist nicht sofort erreicht. Die ersten Briefe sind +sehr schön; aber was sie lehren, erfahren wir auch aus fast allen Briefen +unserer Soldaten. Er schildert den Seinen die Begeisterung der Soldaten, +ihre innige Gemeinschaft in einem einzigen flammenden Gedanken, die +gebieterische Pflicht, seinen eigenen Willen, »ein aufrechtes Gewissen +soweit zu tragen, als seine Füße es zu führen vermögen« (25. August 1914). +Aber schon sieht man, wie er sich bemüht, die Richtung seines inneren +Wesens gegen die Einflüsse und Aufreizungen des Haufens zu behaupten. Es +gelingt ihm. Indem er sich bewahrt, sich absondert »soviel er vermag«, +mitten unter den andern, stellt er fest, daß er in geistiger Beziehung +unberührt ist. Aber noch ist er zwischen den Kasernenmauern oder schreibt +in Bahnhöfen, an den Haltestellen einer endlosen Eisenbahnfahrt (»vierzig +Mann in jedem Wagen«). Um ihn wirklich kennen zu lernen, wartet bis er in +der Kriegszone angelangt, im Quartier, dann in der Feuerlinie, während der +langen Stunden der Wachen und auf Posten, mit der Erde wieder in Berührung +getreten ist. Sobald er den Hauch der weiten Ebene eingeatmet, erwacht sein +angeborener Trieb »Schönheit zu gewinnen«, und vor den Schatten, in die die +Zukunft sich versenkt, sie »soviel und so schnell wie möglich zu gewinnen«. +»Ich habe im Schlamm Blumen gepflückt, bewahrt sie zur Erinnerung an mich +auf,« schreibt er an einem Tage dunkler Vorahnung (11. Februar). +Bezeichnend für ihn ist, daß er in der Eintönigkeit der Tage im +Schützengraben, wenn die Gefahr das Geschwätz nicht aufkommen läßt, sie am +häufigsten findet, jene Wunderblumen. Dann kehrt der innere Friede wieder +ein, während des Schweigens, das diese Männer befällt, und er kann »seine +Seele frei mitschwingen lassen«, und gleich empfindet man den +eigentümlichen Widerhall. Diese Seele hatte zunächst nur die Klänge des +Mutes und der Brüderlichkeit für uns wiederholt, die sich von unsern Heeren +gleichmäßig erheben. Jetzt befindet sie sich mitten im Kriege, den ewigen +Dingen wieder gegenüber, und plötzlich glaubt man zum ersten Male den +Urklang und die unendliche Feinfühligkeit einer kaum berührten Saite zu +vernehmen. Aber diese Klänge bleiben nicht zufällig und unzusammenhängend; +bald setzen sie sich zu einer Melodie zusammen, die immer bestimmter, +voller, von ergreifender Bedeutung schwerer wird, je mehr er durch eine +tägliche Übung es lernt, sich von den drückendsten Umständen besser +auszuschließen. Ein ganz unpersönliches Ich scheint sich jetzt von dem +körperlichen Ich, das sich abmüht und Gefahren besteht, loszulösen, und die +Dinge ohne innere Teilnahme zu betrachten, und auch dieses andere Ich, das +an seinem Platze steht in der allgemeinen Ordnung, zu beobachten, eine +vergängliche Welle in der Flut, die eine geheimnisvolle Vernunft leitet. +Seltsame Fähigkeit, ein Doppel- und Traumleben zu führen! Es gelingt ihm, +sie in der Schlacht selbst zu üben, wo seine Tapferkeit und seine +militärische Tätigkeit ihm die Glückwünsche seines Vorgesetzten eintragen. +In dem Höllenschlund, in dem sein Fleisch sich auflösen könnte, hört er +nicht auf zu schauen, und am nächsten Tage kann er schreiben: »Nun, es war +interessant!« Und er fügt hinzu: »Was ich Persönliches bewahrt hatte, war +eine gewisse Empfänglichkeit des Auges, die mich befähigte gewisse Bilder +in mich aufzunehmen, deren ergreifende Wirkung sich unmittelbar in ebenso +»künstlerischer Weise« zusammenfügte, wie jede andere menschliche +Zusammenstellung. Aber gewöhnlich habe ich in diesen Augenblicken nie die +Absicht aufgegeben zu sehen »wie es gemacht ist« (14. März). Dann offenbart +sich ihm die Bedeutung der Gewalttätigkeit. Dieser zarten sinnigen Natur +flößt sie Grauen ein. Deswegen vielleicht frägt sein Geist nach dem Warum. +Durch die Gewalttätigkeit wird eine unvollkommene und vorübergehende +Ordnung durchbrochen und die Erscheinungen, die im Begriff waren zu +erstarren, kommen wieder in Fluß. Das Leben beginnt wieder und eine höhere +Ordnung wird ermöglicht. Auch hier ist Annahme, Unterwerfung unter die +Vernunft der Welt, Vertrauen in das, was sich verwirklicht, die Lösung, zu +der er immer wieder gelangt. + +Das sind Augenblicke der eigentlichen Beobachtung, reiner Überlegung, in +die sich die Regungen des Künstlers und des Dichters nicht mischen. Solche +Augenblicke sind nicht selten bei ihm; aber dann handelt es sich immer um +die Welt und menschliche Ereignisse. Sie entstehen vor einem Kriegsbilde, +einem Charakterzug, bei einer Lektüre, einer künstlerischen oder +geschichtlichen Erinnerung (oft ruft er eine Bibelstelle wach und im +ärgsten »Wirrwarr« schöne Bilder aus der griechischen Mythologie). Man +bewundert diese heitere Willenskraft eines Geistes, der es verstanden hat, +sein früheres rein geistiges Leben wieder aufzunehmen. Das ist sehr schön, +ist aber nicht einzigartig: die große geistige Tätigkeit ist nicht selten +in Frankreich; andere unter den Soldaten haben unter den Granaten +philosophiert. Was diesen Briefen eine besondere Bedeutung zu verleihen +scheint, ist der Ausdruck von etwas viel Wesentlicherem, viel Innerlicherem +als der Gedanke; das Gefühl, das Unendliche und Unbestimmte seiner +Schattierungen, seine Zusammenklänge mit den Bildern der Landschaft, jene +Dichtergabe endlich, die mit der musikalischen Begabung zusammenhängt; denn +sie geht aus demselben Urgrund des Unbewußten im Menschen hervor und strebt +auch ihrerseits allen verschlungenen Linien des Rhythmus und des Gesanges +zu. Ich habe schon Shelley aus Anlaß dieses Dichters genannt. Was uns eine +Bemerkung wie die folgende offenbart, ist die Vereinigung mit dem Innigsten +und Unaussprechlichsten in der Natur, wie wir sie bei Shelley finden: +»Namenloser Tag, ohne greifbare Gestalt, in dem trotzdem geheimnisvoll der +Frühling zu quellen anfängt. Warme Luft in der Verlängerung der Tage; +plötzliches Erschlaffen, wie ein Vergehen der Natur.« (3. Februar.) Aus +Anlaß dieses Frühlingshauches, dieser zu plötzlichen Milde, gebraucht er +sogar einen der häufigsten Ausdrücke des Wortschatzes von Shelley: +»Vergehen«.[*] Was er im Grunde erstrebt, wie der große englische Dichter, +den er nicht gekannt zu haben scheint, ist das Selbstvergessen in der +lyrischen Stimmung, das unsagbare und selige Gefühl des Ichs, das in dem +betrachteten Gegenstand sich selbst auflöst. Was für ihn im Laufe dieser +Wochen zählt, was er später ins Gedächtnis zurückruft, was er wiederfinden +möchte, um es nie wieder zu verlieren, das sind jene Höhepunkte, da er sich +selbst vergessen durfte, weil er das Unaussprechliche empfunden hatte. Der +einfachste Gegenstand der Natur kann ihm solche Augenblicke schenken. Zum +Beispiel in dieser plötzlichen Erleuchtung: »Ich empfand nicht wie früher +den Segen Gottes, als plötzlich ein schöner, so schöner Baum zu meinem +Herzen sprach, . . . und ich habe begriffen, daß eine Stunde in dieser +Betrachtung das ganze Leben ist.« Und andauernder, stärker schwingend ist +manchmal die innere Erregung, wie wenn der Bogen bis an die Spitze auf +einer feinfühligen Geige eine langgezogene verzückte Melodie entwickelt: +»Welche Lust, dieses stets innige Mitschwingen im Schoße der Natur! Gestern +abend sah ich denselben Horizont, den wir erwachen sahen, in rosiges Licht +gebadet; dann ist der Vollmond in einem zarten Himmel aufgegangen, auf dem +die Bäume, wie Korallen und Safran, in zackigen Linien sich abzeichneten.« +(2. November.) Und wahrlich es klingt wie ein Entzücken in jener +erstaunlichen Weihnachtsnacht, deren Erinnerung alle, die damals auf der +Front waren, bewahren werden, -- einer feierlichen, ganz blauen Nacht, voll +Gestirne und Gesänge, in der die Ordnung und göttliche Einheit des Weltalls +den Augen der Menschen sich zu offenbaren schien, die einen Augenblick aus +ihrem Traum des Hasses und des Blutes erwachten und auf den beiden +Schützenlinien zu singen begannen: »_Hymnen, Hymnen überall_« + +[Fußnote *: Défaillance; vergl. Shelley: faint, »my faint heart«, . . . »I +faint, i perish with my love«. (Der Übersetzer.)] + +Doch, im Februar, Gemetzel, deren zunehmende Greuel einige knappe +Aufzeichnungen mit genügender Schärfe ahnen lassen. Dann nehmen die +Erzählungen eine raschere Bewegung an; man fühlt die schnellen Rhythmen und +raschen Ansätze der Handlung, den herrischen Zwang rascher +Pflichterfüllung, da der junge Sergeant die Verantwortung von Menschenleben +trägt und furchtbaren, abgegrenzten Aufgaben gegenübersteht. Stets aber, im +Getümmel des Gemetzels, und in der Eile des Dienstes, plötzliche und +seltsame Augenblicke des Träumens und des Mitleids; und dann abends, welche +unendliche Ruhe unter den Toten! In dieser Zeit hören die Aufzeichnungen +über das Landschaftliche auf; die Beschreibung wird militärisch, technisch, +oder aber der Gedanke verläßt die Erde. Einmal, gegen Ende, ein einziges +Mal, ein Rückblick auf die eigene Person, eine kurze ergreifende Klage, +beim Gedanken an die frühern Hoffnungen, an sein verlornes Künstlerschaffen +und an die unendliche Größe des auferlegten Opfers: »Wie lang ist dieser +Krieg für Menschen, die zweifellos eine Aufgabe zu erfüllen hatten! . . . +Warum bin ich so aufgeopfert, während so viele, die mir nicht gleichkommen, +geschont werden? und doch hatte ich etwas Gutes auf Erden zu tun! . . .« +Herzzerreißender Seufzer, der uns noch mehr ergreift als die erhabenen +Äußerungen dieser Seele, weil die bis dahin unterdrückte Qual plötzlich +hervorbricht, -- die ganze Hülflosigkeit des Menschen, die unsrige, bekennt +sich hier, am Vorabend einer Passion -- wie bei dem göttlichen Vorbilde. +Mitunter ein Zweifel, der andauernde Anblick des Todes, die Müdigkeit, die +ewige Trostlosigkeit des Regens und des Schlammes, die in ihm den +Lebensdrang und den sehnsuchtsvollen Aufschwung des Geistes hemmen. Er war +die junge Pflanze, von der er einmal spricht, die wuchs, nach dem Duft und +der Pracht ihrer Blume sich sehnte, ihres Gottes sicher war, weil sie nur +ihn, in sich lebend und wirkend, fühlte. Aber plötzlich spürt sie den +Schauer, die Drohung der erbarmungslosen Kräfte. Wenn das Weltall leer, +wenn in dem Endlosen dieser äußeren Welt, unter dem glänzenden Schein, +nichts als eine gefühllose Notwendigkeit wäre? Wenn auch das Opfer +Täuschung wäre? »Ich komme in die dunkeln Tage, wo das Nichts das letzte +Ende aller Dinge zu sein scheint, während alles in meinem Leben die reiche +Fülle des Weltalls mir bezeugte.« (2. Februar.) Und er stellt sich die +qualvolle Frage: »Ist es überhaupt sicher, daß die sittliche Anstrengung +ihre Früchte trägt?« Es ist wie wenn Gott ihn verließe. Doch diese +Verdunkelung seiner inneren Erleuchtung vergeht rasch. Er findet die +lichten stillen Höhen wieder, die er nur verläßt, wenn die Pflicht und der +Kampf rufen, jene Höhen, nach denen er sich sehnte, als er schrieb: »Ich +möchte, daß, wenn Ihr an mich denkt, Ihr das Bild von denen wachruft, die +Alles verlassen hatten, . . . die den nächsten Verwandten nur noch in der +Erinnerung bekannt waren, von denen sie sagten: »Wir haben einen Bruder +gehabt, der vor langen Jahren von der Welt sich zurückgezogen hat.« (13. +Januar) Wie seltsam der heitere Friede dieser Höhen ist, wie sehr von ihm +selbst und allem Irdischen seine Betrachtungen losgelöst waren, das lassen +zwei kleine Züge beurteilen: Er hat einmal nachts aus einem »mit +menschlichen Körperteilen« und weiter in der Ferne mit Feuersbrünsten +übersäten Schlachtfelde, unter dem von Sternen funkelnden Himmel, als +Lagerstätte eine Aushöhlung gefunden, von der aus seine Augen die +Mondsichel beobachten und das Kommen des Tages erspähen. Von Zeit zu Zeit +platzt eine Granate, Erdschollen bedecken ihn, dann sinkt wieder Schweigen +auf die erstarrte Erde nieder: »Ich habe sie teuer erkauft, ich hatte aber +Augenblicke einer Einsamkeit, die von Gott erfüllt war.« (28. Februar.) An +einem Abend irrt er nach fünf Schreckenstagen herum (»wir haben keine +Offiziere mehr, alle sind als tapfere Soldaten gefallen«) und steht +plötzlich vor dem ausgestreckten Leichnam eines Freundes. »Weißer +herrlicher Leichnam im Mondlicht . . . Ich habe in seiner Nähe ausgeruht.« +(22. Februar) In der Unbeweglichkeit der Natur, neben diesem Toten, hat er +die innere Ruhe gefunden; er empfindet nur Friede und Schönheit. + + * * * + +Diese Briefe sollen anonym bleiben, wenigstens solange man die Rückkehr des +Verschwundenen erhoffen kann. Es genügt zu wissen, daß sie von einem +Franzosen geschrieben sind, der mit Liebe und Glauben an den gemeinsamen +Mühen und Gefahren teilgenommen hat, und froh war, in den Leiden und der +Hingabe Aller die eigene Person zurücktreten zu lassen. Durch eine Gnade, +auf die er kaum gefaßt war, als er die unberührte Stille seines +Künstlerheimes mit dem Schweiß, dem schweren Dienst und der Unruhe des +Soldatenlebens vertauschte, hat er ohne Zweifel hier sein Bestes offenbart, +und man kann sich fragen, ob es ihm im regelmäßigen Verlauf eines +abgeschlossenen Künstlerdaseins, je vergönnt gewesen wäre, mit dieser Fülle +sein Wesen auszudrücken. Die ihn lieben, finden in diesem Gedanken den +Trost, der ihnen helfen kann, Alles geduldig hinzunehmen. Seine Seele ist +in diesen Briefen vielleicht wesentlicher und schöner, als sie selbst sie +je gekannt haben. Auch Mark-Aurel schrieb im Verlauf eines Krieges seine +Gedanken nieder. Vielleicht braucht es das Äußerste, um den Seelenadel des +Menschen zu zwingen sich zu offenbaren; dann staunt man darüber, was die +Seele in sich selbst entdecken kann, um es dem Schmerz und dem Tode +entgegenzustellen. So offenbarten sich in den Tagen der Prüfungen so manche +unserer Söhne und es erstand, zum Erstaunen seiner selbst und der ganzen +Welt, das Wunder jenes Frankreichs, das noch nicht wußte, was es Alles +bedeutete. Dadurch berühren uns solche Briefe so tief. Derjenige, der sie +schrieb, hatte seine Seele mit dem Grundton der Allgemeinheit in Einklang +gebracht. Unter dem mystischen Ausspinnen der Melodie, das sein eigenes +Wesen in diesen Grundton hineinbringt, finden wir den erhabenen Gedanken +wieder, den mehr oder weniger deutlich ausgedrückt, unsere Söhne und Brüder +von der Front zu uns trugen, die hehre Melodie, die heute noch von dem +ganzen kämpfenden Frankreich aufsteigt. In allen zur Erfüllung der hohen +Pflicht versammelten Kameraden hatte er deutlich erkannt, was er Tiefes und +Schönes in sich selbst entdeckte, und deswegen spricht er immer von ihnen, +besonders von den einfachsten, mit soviel Liebe und Ehrfurcht. Was ein +solches Leben, fern von den gewöhnlichen Sorgen und ehrgeizigen Träumen, so +rauh, so kümmerlich mitten unter den ewigen Erscheinungen, ihnen allen +bringt, ist eine bis dahin unbekannte »Großzügigkeit in den Bewegungen und +Gedanken«, »die heitere Ruhe des Gewissens« und die Frische einer +Empfänglichkeit, die sich allen Erscheinungsformen der Natur harmonisch +anpaßt. Sie spiegeln nur noch die Natur in sich wieder. Weil sie sich +selbst hingegeben und vergessen haben, hat sich für sie Alles in +wunderbarer Weise vereinfacht. Sie erlangen die Durchsichtigkeit der Seele +und die Erleuchtung der Kindheit wieder. »Wir verleben kindliche Tage, wir +sind Kinder geworden«. (24. Dezember.) + +Diese Verjüngung des Herzens, unter der täglichen Drohung des Todes, diese +kindliche Ahnungslosigkeit in der täglichen Erfüllung der heroischen +Pflicht, ist das nicht ein Zustand, der an die Gottseligkeit grenzt? + + André Chevrillon. + + + + +Briefe eines Soldaten + + +Den 6. August 1914. + + Teuerste Mutter! + +Das sind die ersten Tage meines sehr bewegten kriegerischen Daseins; aber +die Müdigkeit, die ich empfinde, ist von dem, was ich erwartete, sehr +verschieden. Ich lebe in einem Zustand starker nervöser Spannung infolge +des Mangels an Schlaf und köperlicher Bewegung. Ich führe hier das Leben +eines Beamten. Ich gehöre zu dem, was man Ersatzmannschaft nennt, d. h. die +seßhafte Abteilung, welche den regelmäßigen Gang derjenigen Dienstzweige +sichert, die nie unterbrochen werden dürfen, auch nicht während der +Abwesenheit der Truppen, und die ferner dazu bestimmt ist, die Lücken +auszufüllen, die etwa in der Feuerlinie entstehen. Was uns fehlt, ist zu +wissen, was vorgeht. C.-T. ist eine Stadt, in der man keine Zeitungen mehr +bekommt. + +Den 13. August. + +Wir sind ohne Nachrichten; während mehrerer Tage wird es so bleiben, denn +die Zensur ist außerordentlich streng. + +Hier ist das Leben ruhig. Das Wetter ist prächtig und alles atmet Ruhe und +Vertrauen. Wir denken an die, welche bei dieser Hitze kämpfen, und dieser +Gedanke läßt uns unsere Lage noch zu schön erscheinen. Die Stimmung der +Reservisten ist vortrefflich. + +Sonntag, den 16. August. + +Heute Spaziergang auf dem Ufer der Marne. Liebliches Wetter nach etwas +Regen. Gar angenehmes Zwischenspiel in diesen unruhigen Zeiten. Wir sind +immer noch ohne Nachrichten wie Ihr auch, und haben zum Glück einen +stattlichen Vorrat an Geduld. Ich hatte einiges Vergnügen daran, die +Landschaft zu genießen, trotz der blauen und roten einbrechenden Flut, +übrigens machten diese blauen und roten Leute den besten seelischen +Eindruck. Unsere Ersatzmannschaft wird starke Einbußen erleiden und nimmt +das mit Ruhe auf. + +Den 19. August (aus einem Tagebuch). + +Die Eintönigkeit des Soldatenlebens stumpft mich ab, aber ich beklage mich +nicht. + +Nach neun Jahren finde ich dieselben Menschentypen wieder, etwas abgeblaßt, +gebessert, ausgeglichen, und besonders auf den großen Gedanken hin +gerichtet, den die Nachrichten aus dem Osten dem Geiste vergegenwärtigen. +Die gewöhnliche Stubenkameradschaft weicht einem würdigeren Gefühl der +Zusammengehörigkeit und einem löblichen Streben, sich einander anzupassen. +Einer der Vorzüge unserer gegenwärtigen Lage ist das Gefühl, daß man Soldat +spielen kann in dem Bewußtsein, seine Zeit nicht zu vergeuden. Diese Summe +von kindlichen und wenig anstrengenden Beschäftigungen, die alle einen +unmittelbaren Nutzen und Erfolg haben, stellt das geistige Gleichgewicht +wieder her und beruhigt die Nerven. Dazu kommt noch der mächtige Deich, der +alle diese Männer in Schranken hält, ein tiefes und unbestimmtes Gefühl der +Brüderlichkeit, das alle Herzen denen zuwendet, die kämpfen. Jeder fühlt, +daß die kleine Unbequemlichkeit, die man zu ertragen hat, nur ein schwaches +Opfer ist im Vergleich zu dem entsetzlichen Aufwand von allen Kräften und +aller Hingabe, die der Grenze zustreben. + +Den 25. August. + +Dieser Brief wird um wenige Augenblicke unserm Abmarsch vorausgehen. Der +furchtbare Zusammenstoß erfordert unsere Gegenwart bei denen, die bereits +im Kampfe stehen. Ich verlasse Euch, Großmutter und Dich, in der Hoffnung +Euch wiederzusehen und in der Zuversicht, daß Ihr alles gutheißen werdet, +was mir als meine Pflicht erscheinen wird. + +Nichts ist verloren und besonders nichts hat die Einsicht in unsere +Bestimmung erschüttert. Sage denen, die mich ein wenig lieben, daß ich an +sie denke. Ich habe keine Zeit jemandem zu schreiben. Meine Gesundheit ist +vortrefflich. + +. . . Nach einer solchen Erschütterung kann man sagen, daß unser +vergangenes Leben abgestorben ist. Laß uns also, liebe Mutter, unsere ganze +Kraft daran setzen, uns einem vollständig verschiedenem Leben anzupassen, +Du und ich, wie lange es auch dauern mag. + +Sei überzeugt, daß ich keine Gelegenheit aufsuchen werde, die unser Glück +aufs Spiel setzen könnte, daß ich mich aber bemühen werde, meinem Gewissen +und dem Deinen genug zu tun. Bis jetzt habe ich mir nichts vorzuwerfen, und +ich habe den Willen auszuharren. + +Den 25. August (zweiter Brief). + +Zweiter Brief um Dir mitzuteilen, daß statt des unsrigen Pierres Regiment +fortzieht. Ich hatte die Freude ihn vor mir vorbeimarschieren zu sehen, als +ich in der Stadt auf Wache war. Ich habe ihn etwa hundert Meter weit +begleitet. Dann haben wir uns Lebewohl gesagt. Ich hatte den Eindruck, daß +wir uns wieder sehen würden. + +Die Stunde ist außerordentlich ernst; das Land wird nicht untergehen; aber +seine Befreiung wird um den Preis von furchtbaren Anstrengungen errungen +werden. Das Regiment von Pierre ist mit Blumen bedeckt und singend +ausgezogen. Es war für uns ein inniger Trost, daß wir bis zuletzt zusammen +sein konnten. + +Es ist schön von André,[*] daß er seinen Kameraden vom Ertrinken gerettet +hat. Man kennt nicht die Schätze an Heldenmut, die Frankreich und die +intellektuelle Jugend von Paris in sich bergen. + +[Fußnote *: Unterleutnant André Cadoux, ruhmvoll vor dem Feinde gefallen, +den 13. April 1915.] + +Was unsere Verluste betrifft, so kann ich dir sagen, daß ganze Divisionen +vernichtet worden sind. Gewisse Regimenter haben keinen Offizier mehr. Wie +ich empfinde und was ich für meine Pflicht halte, darüber wird dich mein +erster Brief vielleicht besser unterrichten. Wisse, daß es eine Schande +wäre auch nur einen Augenblick an die eigene Rettung zu denken, wenn die +Rasse unsere volle Hingabe verlangt. Meine einzige Pflicht ist ein +aufrechtes Gewissen soweit zu tragen, als meine Beine es zu führen +vermögen. + +Den 26. August. + + Teuerste Mutter! + +Ich habe mich sehr über einen schönen Artikel von Barrès gefreut, »Der +Adler und die Nachtigall,« der Punkt für Punkt mit dem zusammenstimmt, was +ich empfinde.[*] Die Ersatzmannschaften enthalten viel Abfall, aber auch +kraftvolle Elemente, zu denen ich mich noch nicht zu zählen wage; aber ich +hoffe sehr, daß ich mit diesen ausziehen werde. Der Stabsarzt hatte mich +vom Tornistertragen entbunden, aber ich trage ihn doch, um mich zu +trainieren, und halte es gut aus. + +[Fußnote *: Siehe Maurice Barrès: L'âme française et la guerre, I. L'Union +sacrée, Paris. Emile-Paul. 1915. XVI. L'aigle survole le rossignol. »Schon +unterscheide ich durch welches Aufblühen die junge Literatur, nach den +Lehren des Krieges, für den Anteil, den sie an dem gewaltigen Kampf nimmt, +wird belohnt werden.« Aus dem Kriege zurückgekehrt, »werdet Ihr, +Schriftsteller, Eure Träume übertreffen, wie der Adler über die Nachtigall +emporfliegt.« (S. 87.)] + +Die einzige Versicherung, die ich dir geben kann, betrifft mein +körperliches und seelisches Befinden, das vorzüglich ist. Der wahre Tod +wäre in einem besiegten Lande leben zu müssen; für mich besonders, dessen +Kunst dann vernichtet wäre. + +Ich suche die Einsamkeit auf, so oft ich es vermag, und in geistiger +Hinsicht bin ich wirklich unberührt. Übrigens ist der seelische Stand der +Mannschaft viel höher als in gewöhnlichen Zeiten; das Unangenehme ist, daß +die ewigen Wechsel und Versetzungen uns von Quartier zu Quartier +herumschleppen, und daß das Vertrauen, welches im Erwachen war, vor den +stets erneuerten uns bekannten Gesichtern stockt. + +Den 30. August. + +Liebes Mütterchen, wenn wir auch nicht schon gestern fortgezogen sind, +sicher ist, daß es sich jetzt nur noch um Stunden handeln kann. Ich will +Dir nichts schreiben von dem, was ich dir schon sagte; genug für mich, daß +du mir zustimmst, wie ich dessen sicher war. . . . + +Je näher die Entscheidung heranrückt, um so mehr verfliegt alle +Schlaffheit. Bei dem gestrigen sehr anstrengenden Marsch ist ein einziger +abgefallen und der war wirklich krank. Frankreich wird aus dieser schlimmen +Lage herauskommen. + +Ich kann dir nur wiederholen, wie sehr ich auf jede Wendung der Dinge +gefaßt bin, und daß nichts unsere siebenundzwanzig glücklichen Jahre +streichen kann. Ich bin entschlossen, mich nicht als ein vorbestimmtes +Opfer anzusehen und ich fasse das Glück der Heimkehr ins Auge, bin aber +bereit bis zum äußersten meiner Kräfte zu gehen. Wenn du ahnen könntest, +welche Scham ich empfinden würde bei dem Gedanken, daß ich etwas mehr hätte +leisten können. + +Inmitten all dieses Jammers erleben wir herrliche Stunden, in denen die +Dinge, die uns am Fremdesten waren, eine erhabene Bedeutung erhalten. + +Den 4. September, 6 Uhr (unterwegs, im Zug). + +Vierzig Stunden einer Fahrt, in der das »malerische« den äußersten Mangel +jeglicher Bequemlichkeit übertrifft. Die große Frage ist der Schlaf und die +Lösung ist nicht einfach, wenn man zu vierzig in einem Viehwagen ist. + +Jeden Augenblick hält der Zug und wir begegnen den unglücklichen +Flüchtlingen. Dann die Verwundeten: schöner patriotischer Anblick. Die +englischen Truppen. Die Artillerie. + +Wir wissen nichts mehr, da wir keine Zeitungen mehr haben und wir können +uns nur an die Gerüchte halten, die in der geängstigten Bevölkerung +umgehen. Herrliches Wetter. + +Samstag, den 5. September (nach 60 Stunden Fahrt in einem Viehwagen: +40 Mann in jedem Wagen.) + +Am selben Tage sind wir an den Ufern der Seine, dem Walde von Fontainebleau +gegenüber, und an den Ufern der Loire entlang gefahren. Die Schlösser von +Blois und von Amboise gesehen. Leider verhinderte uns die Nacht daran, mehr +zu sehen. Könnte ich Dir nur sagen, welche süße Erinnerungen jene +herrlichen Loireufer in mir wachgerufen haben! + +Seid Ihr von diesen schrecklichen Fliegern beschossen worden? Ich denke an +Euch in solchen Fällen, an die arme Großmutter besonders, die es wahrlich +nicht nötig hatte solche Dinge zu erleben. Nun, gute Hoffnung! Wir erfahren +durch die evakuierten Verwundeten, daß in den ersten Tagen des Augusts im +hohen Kommando Fehler begangen worden sind und daß sie unerbittlich +bestraft worden sind. Jetzt müssen wir sie wieder gut machen. + +Die englischen Truppen kommen in Menge. Wir sind an mehreren vollgestopften +Zügen vorbeigefahren. + +Nun, dieser Krieg wird nicht der militärische Spaziergang sein, wie Viele +glaubten, wie ich es nie geglaubt habe; er wird aber das Gute in der ganzen +Menschheit aufgerüttelt haben. Ich erzähle Euch nichts von den herrlichen +Bildern, die nicht auf den Krieg Bezug haben, doch wird nichts verloren +sein. + +Den. 5. September 1914, 1. Etappe, 66 Stunden Käfig ohne sich +ausstrecken zu können. + +Fortwährend Berührung mit Eisenteilen und Erschütterung -- aber auf die +gräßliche Nacht folgt dreimal nacheinander der strahlende Morgen und alle +Müdigkeit verschwindet! + +Wir sind kreuz und quer durch die französische Landschaft gefahren, von der +etwas trockenen, aber so andeutungsreichen Heiterkeit der Champagne bis zur +üppigen und kraftvollen Seelenruhe der Bretagne. Dazwischen sind wir an den +rauschenden und feierlichen Ufern der Loire entlang gefahren, und nun +. . . O mein herrliches Vaterland! Herz der Welt, in dem alles Göttliche +auf Erden ruht, welch' Ungeheuer zerfleischt Dich? Wesen, dessen Schönheit +allein eine Herausforderung war . . . + +Vorher liebte ich Frankreich in aufrichtiger Liebe, wenn auch etwas nach +der Art eines Dilettanten; ich liebte es wie ein Künstler, der stolz ist +auf dem schönsten Fleck Erde zu leben, aber im Grunde liebte ich es etwa +wie ein Bild seinen Rahmen lieben könnte.-- Es brauchte dieses Entsetzen, +um mich das Kindliche, das Innige in den Banden, die mich mit meinem Lande +verknüpfen, fühlen zu lassen . . . + +Den 7. September (aus einem Tagebuch). + +. . . Wir haben die Fahrt in das Unbekannte angetreten, ohne irgend ein +vorherrschendes Gefühl, außer etwa einer leidlich schönen Annahme des +Unvermeidlichen. Doch die weicheren Regungen werden durch den Anblick der +Opfer des Krieges wachgehalten. Wir sehen besonders Flüchtlinge. Arme +Menschen! wahrhaft dem Boden Entwurzelte, oder vielmehr welkes Laub im +Sturm, kleine Seelen in gewaltigen Ereignissen. Ganze Züge von Viehwagen, +die kaum ihre Bestimmung gewechselt haben. Züge, in denen der Jammer dieser +Entrissenen sich anhäuft, die, o wie bald, zur Herde werden! Das Elend hat +sie aller menschlichen Errungenschaften entblößt. Wir bringen ihnen zu +essen und zu trinken und dabei lernen wir sie kennen: der Mann trinkt, ohne +an seine Frau, an seine Kinder zu denken. Die Frau erinnert sich ihres +Säuglings, einige Weiber aber nehmen sich Zeit, ohne um die Hast der andern +sich zu kümmern. Unter diesen Schiffbrüchigen berührt mich eine wie ein +Stich mitten ins Herz. Eine siebenundachtzigjährige Greisin, in allen +diesen Stößen herumgeschüttelt und herumgeschleppt, wird abwechselnd +heraufgeladen und aus den rollenden Käfigen heruntergeschafft, so zitternd, +so hülflos, so verloren . . . + +Den 10. September (aus einem Tagebuch). + +Wir kommen in eine von guten Nachrichten durchkreuzte Gegend: sehr deutlich +bekomme ich den Eindruck, daß nunmehr das Schicksal Frankreichs gesichert +ist. Vom amtlichen Bericht, der bündig und bestimmt einen durchgreifenden +Erfolg versichert, bis zu dem Bündel phantastische Gerüchte, alles trägt +dazu bei, dieses Vorgefühl zu verstärken. + +Den 13. September (aus einem Tagebuch). + +Hier ist Krieg; hier betreten wir den Ort des Entsetzens. Wir haben die +Dörfer Frankreichs, in denen der Friede schlummerte, verlassen. Jetzt ist +alles nur noch gewaltsame Bewegung, hier sieht man die ersten unmittelbaren +Opfer des Krieges. + +Die Soldaten: Blut, Schmutz und Schlamm. Verwundete. Diejenigen, denen wir +zuerst begegnen, sind am leichtesten verwundet: Wunden an den Armen, den +Händen. Bei den meisten bemerkt man deutlich neben der Müdigkeit und den +Schmerzen ein Gefühl wahrer Erleichterung, weil sie noch leidlich gut davon +gekommen sind. + +Weiter in der Gegend der Verbandstellen, Verscharren von Toten; sechs sind +es, auf zwei Karren ausgestreckt. Flach daliegend, in zerrissenen Kleidern +verloren, führt man sie in eine am Fuß eines Kruzifixes offene Gruft. +Priester tun eher Kriegsdienst als Gottesdienst, denn auch sie sind als +Soldaten eingezogen. Etwas Stroh und Weihwasser darüber und wir ziehen +weiter. Im Grunde sind diese Toten noch zu beneiden. Sie sind gepflegt +gestorben. Was soll man von denen sagen, die weiter vorn liegen und +verschieden sind nach Nächten von Todeskampf und Verlassenheit! + +. . . . Von diesem Sturme wird uns ein endloses Verlangen nach Mitleid, +Brüderlichkeit und Güte verbleiben. + +Mittwoch, den 16. September 1914. + +In dem Kreise des Entsetzens. Die regnerische Dämmerung läßt die Straße +erbleichen; plötzlich, in einem Graben, -- die Toten! Sie haben sich vom +Schlachtfeld bis hierher geschleppt. Wie sie gefallen, so liegen sie da -- +jetzt schon stinkend. Die einbrechende Nacht läßt uns nur mit Mühe ihre +Landeszugehörigkeit unterscheiden, aber dasselbe große Mitleid umfängt sie. +Es gibt nur ein Wort für alle: armer Junge! Die ganze Nacht unter diesen +Greueln, dann den Morgen wieder. Der Tag bricht an über angeschwollene +Pferdeleiber! An einer Waldecke ein erkaltetes Gemetzel. Sie liegen da +ausgestreckt und starr, schon schwarz von Verwesung -- und ausgeplündert: +überall sieht man offene Taschen, aufgerissene Brotsäcke. Nichts von dem, +was ihre Persönlichkeit ausmachte, ist ihnen verblieben. Unter ihnen +Zivilisten, deren Gegenwart sich aus dem deutschen Verfahren erklärt, +französische Geiseln unter unserm Feuer marschieren zu lassen. + +Wenn diese Aufzeichnungen jemandem in die Hände fallen, mögen sie in einem +ehrlichen Herzen Schauer erwecken vor der scheußlichen Missetat derer, die +an diesem Kriege verantwortlich sind. Nie wird es Ruhm genug geben, um all +diesen Schmutz, all dieses Blut zu verdecken. + +Den 21. September 1914. + +Der Regen im Krieg: Eine Qual, von der man sich keine Vorstellung machen +kann. Drei Tage und drei Nächte, ohne etwas anderes tun zu können als +zittern und jammern und trotzdem muß man den Dienst versehen. In einem mit +Wasser gefüllten Graben schlafen, das sucht seinesgleichen bei Dante; was +soll man aber erst vom Erwachen sagen, wenn man auf den Augenblick lauern +muß, wo man mordet oder ermordet wird! Darüber das Brummen der Granaten, +welches das Pfeifen des Windes übertönt. Mitunter Knattern der Gewehre. +Dann kauert man in den Schmutz nieder und läßt die Verzweiflung einen +durchdringen. + +Als diese Qualen ein Ende nahmen, hatte ich eine solche Entspannung der +Nerven, daß ich geweint habe, ohne zu wissen warum. Das nennt man auf +Vorposten ziehen nach einem Kampfe. + +Den 25. September. + +Eine Hölle in der friedlichsten, ländlichsten Gegend. Eine +Herbstlandschaft, in welche die Kanone Löcher reißt! + +Den 27. September. + +Wenn es außer der herrlichen Lehre, die aus diesem Kriege hervorgehen wird, +greifbare Gewinne gibt, so bin ich besonders für einen empfänglich, die +Betrachtung des nächtlichen Himmels. Niemals brachte mir die Majestät der +Nacht so vielen Trost wie in diesen sich häufenden Prüfungen. Der +strahlende Abendstern ist mir ein Freund geworden. . . + +Jetzt bin ich mit den Formen der Sternbilder vertraut. Einige ziehen durch +den Himmel weite Bogen, als wollten sie den Thron Gottes umkreisen. Welche +Pracht! Wie denkt man dabei an den chaldäischen Hirten! + +O Sternbilder! erstes Alphabet! . . . . + +Den 1. Oktober. + +Ich kann Dich versichern, daß ich in geistiger Beziehung soeben herrliche +Tage erlebt habe, in deren Verlauf alles, was eitle Sorge war, durch einen +neuen Geist weggefegt wurde. + +Wenn Du je eine trübe Stunde hast und ein einziger meiner Briefe Dich +erreicht, so soll er Dir sagen, wie erhebend und kostbar diese Qualen +waren. + +1. Oktober (aus einem Tagebuch). + +. . . Aus alledem muß man folgern, daß unsere Leiden in jedem einzelnen +ihrer Momente als die wunderbarste Quelle seelischer Bewegung und der +Bildung für unser Gewissen zu betrachten sind. . . . + +Jetzt weiß ich, welchem Gebiet mein Schicksal mich zuführt. Nicht mehr in +das stolze, künstliche Land abstrakten Denkens, sondern auf den Weg der +täglichen kleinlichen Sorgen und in ihren Dienst muß ich eine stets +wachsame Feinfühligkeit stellen. + +Ich sehe, wie leicht eine gerade Natur alles Künstliche im Ausdruck +aufgibt, um tätig zu sein und einen heilsamen Einfluß auszuüben. Eine +kostbare Belehrung, die mir im Falle der Rückkehr erlauben würde, weniger +darunter zu leiden, wenn das Schicksal mir zu malen nicht mehr erlauben +sollte. + +Den 9. Oktober. + +. . . Wie es scheint haben wir den Befehl, anzugreifen. So will ich denn +dieses schwere Wagnis nicht unternehmen, ohne Dir meine Gedanken zuzuwenden +in den wenigen Augenblicken der Sammlung, die wir haben. . . Alles trägt +hier dazu bei, den Frieden des Herzens zu bewahren: die Schönheit der +Wälder, in denen wir leben, das Fehlen geistig komplizierter Aufgaben +. . . Es ist widersinnig, wie Du sagst, -- und doch sind soeben die +schönsten Stunden meines seelischen Daseins verflossen . . . + +Wisse daß es auf Erden immer Schönheit geben wird und daß der Mensch +niemals Bosheit genug haben wird, um sie zu zerstören. Ich habe genug +gesammelt, um damit mein ganzes Leben zu schmücken. Möge das Schicksal mir +Gelegenheit geben, daß ich alles was ich heute sammle, später seine Früchte +tragen lasse. Es gibt ein Ding, das niemand uns wird entreißen können, das +ist der Seelenschatz, den wir angehäuft haben. + +Den 12. Oktober. + +Bis jetzt verlassen mich deine Liebe und die Vorsehung nicht. Wir sind +immer noch in herrlichen, verwüsteten Wäldern, mitten im schönsten Herbst. +Die Natur bringt uns manche Freuden, welche diese Greuel übertönen. Tiefe, +mächtige Hoffnung, welche Leiden uns auch erwarten mögen. + +Den 14. Oktober. + +Ohne Zweifel, liebe Mutter, gibt es Opfer, die schwere Kämpfe kosten; doch +wisse, daß wir beide die nötige Kraft der Seele besitzen, um diese schweren +Stunden zu durchleben, ohne vor Angst zu beben bei dem Gedanken an das +Wiedersehn, das wir beide erhoffen. + +Das Wichtige ist, den Wert der gegenwärtigen Stunde zu erkennen und sie +alles uns schenken zu lassen, was sie Schönes, Gutes, Erbauliches enthalten +mag. Im übrigen vermag niemand die Zukunft zu verpfänden und es wäre eine +sehr unnötige und zwecklose Quälerei, in dem Gedanken daran zu leben, was +uns wohl künftig geschehen könnte. Findest Du nicht, daß das Leben uns +viele Freude gespendet hat und es eine der letzten und die größte war, daß +wir uns endlich schreiben konnten? Hier gibt es viele arme Menschen, die +nicht wissen, wo ihre Frauen, ihre Kinder sind, die seit Monaten von allen +getrennt sind. Wie du siehst, gehören wir noch zu den Bevorzugten. + +Liebe Mutter, weniger denn je dürfen wir verzweifeln; denn niemals werden +wir deutlicher den Eindruck haben, daß alle diese Unruhe und diese +Verirrungen nichts sind im Vergleich zu dem Anteil Ewigkeit, das jeder in +sich trägt, und daß alle diese Ungeheuerlichkeiten in einer besseren +Zukunft ihren Abschluß finden werden. Dieser Krieg ist wie eine +Welterschütterung, die auf frühere Umwälzungen unseres Erdballs folgt; +sahst du aber je, daß bei alledem ein Teilchen Seele verloren ging und das +Gefühl einer höheren Ordnung abgeschwächt wurde? Unsere Leiden kommen +daher, daß unsere kleine menschliche Geduld unseren Bedürfnissen, wenn auch +den edelsten, zugewandt ist. Sobald sie die Dinge prüft mit der Absicht, +darin Harmonie zu entdecken, findet sie die vollkommene Ruhe der Seele. Wir +wissen nicht, ob diese Gewalt und diese Unordnung unser allgemeines +Geschick nicht dem endgültig Guten zuführt. + +Liebe Mutter, indem ich die festeste und menschlichste Hoffnung bewahre, +sende ich Dir sowie der geliebten Großmutter meine innigste Liebe. Wende +auch unsern Freunden, die im Unglück sind, mein ganzes Herz zu. Hilf ihnen +alles ertragen: zwei Kreuze sind weniger schwer zu tragen als eines. Hab' +Vertrauen in unsere ewige Freude. + +Den 15. Oktober, 7 Uhr. + +Ich habe eine Karte von Dir erhalten, vom ersten. Wie froh bin ich, uns +endlich mit einander verbunden zu sehen! In Wahrheit hatten sich unsere +Gedanken nie verlassen. Du teilst mir das Unglück von Martha mit und ich +freue mich, daß Du ihr behülflich sein kannst. Liebe Mutter, das ist unser +beider Aufgabe: im gegenwärtigen Augenblick nützlich zu sein, ohne etwas +von der folgenden Minute vorwegzunehmen. + +Ja, ich fühle wirklich so innig wie Du, daß ich im Leben eine Aufgabe zu +erfüllen habe. Aber man muß stündlich so handeln, wie wenn diese Aufgabe +augenblicklich zu erfüllen wäre. Behalten wir kein Winkelchen unseres +Herzens für unsere kleinen Hoffnungen. Wir müssen notwendig dazu kommen, +daß kein Unglücksfall aus unserm Leben etwas Trümmerhaftes, Abgebrochenes, +Unharmonisches mache. Das ist die schönste Aufgabe, die Aufgabe des +Augenblickes. + +Das übrige, jene Zukunft, welche man nicht befragen darf, liebste Mutter, +Du sollst sehen, was sie uns Schönes, Gutes, Gerechtes vorbehält. Keine +unserer Kräfte darf sich ins Leere betätigen; jede eitle Ängstlichkeit ist +eine schädliche Kraftvergeudung. + +Begnüge Dich mit der herrlichen Versicherung, daß ich bis heute meine Seele +zu einer Höhe gehoben habe, wo die Ereignisse ihr nichts mehr antun können +und ich verspreche Dir, daß mein Streben dahin geht, sie fernerhin +vorzubereiten, so gut ich es kann. + +Sage M. . ., wenn das Schicksal die Besten trifft, daß es nicht ungerecht +ist: die Schlechten, die weiterleben, werden dadurch gebessert. Möge sie +das Opfer annehmen in dem Bewußtsein, daß es nicht zwecklos ist. Ihr wißt +nicht, welche Lehre uns der gibt, der fällt. Ich aber weiß es. + +Für den, der das Leben zu lesen vermag, haben die gegenwärtigen Ereignisse +alle gewohnte Denkweise zerrissen, sie lassen aber besser denn je die ewige +Schönheit und Ordnung durchschauen. + +Laßt uns uns erholen von der durch diesen Riß verursachten Überraschung, +und uns sofort den neuen Verhältnissen anpassen, die aus uns Bevorzugte +machen im Vergleich mit Sokrates, den christlichen Märtyrern und den +Männern der Revolution. Wir verschmähen im Leben das nur Vergängliche und +erfreuen uns dessen, was es so selten bietet, des Gefühls des Ewigen. + +Den 16. Oktober. + +Wir verleben einige Tage in annähernder Ruhe; zwischen zwei Stürmen hat +meine Kompagnie eine besondere Ruhezeit verdient; so kann ich den Oktober +voll genießen. Dein guter Brief vom 2. Oktober ist angekommen, jetzt bin +ich voll Freude und der Friede ist innig . . . . + +Fahren wir fort, uns mit Mut zu wappnen, reden wir nicht einmal von Geduld. +Nur noch Annahme des gegenwärtigen Augenblickes mit allen Schätzen, die er +uns bringt: es gibt nichts anderes mehr, und gerade in diesen einzigen +Punkt vereinigt sich alles, was es Schönes in der Welt gibt. Die Schönheit +lebt, liebe Mutter, sie lebt außerhalb von allem, was wir sonst gewohnt +waren zu fühlen. Setze Deinen Mut, Deine Liebe zu mir darein, sie zu +entdecken, sie andere entdecken zu lassen. + +Diese neue Schönheit hat nichts zu tun mit den Vorstellungen, welche die +Worte: Gesundheit, Familie, Vaterland ausdrücken; man erkennt sie, wenn man +das Stück Ewigkeit, das in jedem Dinge enthalten ist, entdeckt. Aber +bewahren wir die wunderbare Zuversicht, daß wir _uns wiedersehen_, sie wird +uns nicht hindern alles zu tun, was unsere Pflicht uns vorschreibt. Sage M +. . . wie sehr ich an sie denke. Leider ist ihr Fall nicht eine Ausnahme. +Dieser Krieg hat manche Hoffnungen zertrümmert; so wollen wir, liebe +Mutter, unsere Hoffnung dorthin verlegen, wo der Krieg sie nicht erreichen +kann, in die Tiefe unseres Herzens, in die Höhen unserer Seele. . . . + +Den 17. Oktober, um 15 Uhr. + +Dir schreiben, das Bewußtsein, daß meine Briefe Dich erreichen, das ist mir +ein tägliches Paradies. Ich lauere auf die Stunde, wo mir das möglich wird. +Ja, geliebte Mutter, Du mußt fühlen, wie Dein Mut und Deine Lebensfreude +wiedererwachen; nie darf man als Lebensgrund eine einzige Zuneigung nehmen, +so berechtigt sie auch sein mag. Kein Unglücksfall darf uns vergessen +lassen, wozu wir leben. Freilich können wir diese oder jene Aufgabe im +Leben vorziehen, laß uns jedoch die annehmen, welche sich uns darbietet, so +unerwartet und kurz sie auch sein mag. Du fühlst wie ich selbst, daß eine +glückliche Zukunft uns beschieden ist, doch denken wir nicht daran. Denken +wir an die Arbeit des heutigen Tages, an alle Opfer, die sie uns auferlegt. + +Den 22. Oktober. + +. . . . Ich nehme alles aus der Hand des Schicksals an; ich habe ihm aber +alles genommen, was es an Glück in den Falten eines jeden Augenblickes +birgt. Ach! wenn die Menschen ahnten, wieviel Friede sie vergeuden und was +eine Minute in sich fassen kann, wie würden sie doch weniger unter der +scheinbaren Gewalttätigkeit leiden! Freilich gibt es äußerste Qualen, die +ich noch nicht kenne und welche die Seele vielleicht in einer Weise prüfen, +die ich nicht ahne; aber ich spanne alle Kräfte meiner Seele dem Ziele +entgegen, alle Augenblicke und alle Prüfungen anzunehmen. . . . + +Was notwendig ist, ist die Erkenntnis des Sieges der Liebe und der +Schönheit über die Gewalt. Einige Zeiten des Hasses und der Lüge werden +nicht die ewige Schönheit zu zerstören vermögen, und von dieser Schönheit +hat jeder von uns einen unsterblichen Schatz. + +Den 23. Oktober. + + Liebste Mutter! + +Ich habe den Artikel von Barrès, »Der Adler und die Nachtigall« noch einmal +gelesen. Er ist immer noch so schön, aber schon nicht mehr im Ton. Heute +besteht nichts außer dem unmittelbar Gegenwärtigem; alles übrige erscheint +wie ein Schmuck, den man beiseite legt für Festtage, ferne, problematische +Feste. Aber gleichwohl, man schließt diesen Schmuck sorgfältig in eine +Schublade ein. So tue ich mit den Schätzen der Freundschaft, dem +berechtigten Ehrgeiz, dem lobenswerten Streben. Ich habe alles zugedeckt +und lebe allein dem Genuß des gegenwärtigen Augenblickes. + +Diesen Morgen, im Anblick des blauen Himmels, denke ich an die Musik, die +ich gestern gespielt: ich war vollkommen glücklich. Verzeih mir, daß ich +nicht in der angstvollen, fieberhaften Erwartung des Wiedersehens lebe. Ich +glaube, daß Du mir zustimmst, wenn ich unsere teuerste Hoffnung in andere +Hände lege als die unsrigen. + +Den 27. Oktober. + +Wenn ich die Freude habe, wie ich es inständig hoffe, Dich wiederzusehen, +sollst Du erfahren, in wie wunderbarer Weise ich durch die Vorsehung +geleitet worden bin. Ich habe nur vor einer Macht und einer Güte mich zu +neigen brauchen, die alle meine stolzesten Vorstellungen überbot. + +Ich kann sagen, daß Gott in mir war, wie ich in Gottes Hand bin und ich +habe nur den einen bestimmten Wunsch, daß ich stets eine solche +Gemeinschaft empfinden möge. Siehst Du, darauf kommt es an, das Leben +auszunützen, nicht, wie man es verstehen kann, selbst nicht in unseren +edelsten Neigungen, sondern indem man sich sagt: Laßt uns essen und trinken +von allem, was ewig ist; denn morgen sterben wir allem ab, was menschlich +ist. Es kommt der Augenblick, wo man seine Liebe wachsen sieht, während man +zugleich allem ängstlichen, kleinlichen Hoffen entsagt. + +Den 28. Oktober. + +Nun naht das Ende des dritten Monats einer schrecklichen Prüfung, deren +Lehren mannigfaltig und heilsam sein werden, nicht allein für den, der sie +zu hören weiß, sondern für die ganze Welt; und das ist der große Trost, +wenn man von diesem Sturm erfaßt worden ist. Möge es der Trost für die +sein, die ihre Hoffnung an die Hoffnungen der Kämpfenden geknüpft haben. + +Dieser Trost ist besonders in dem übermenschlich klaren Bewußtsein, daß +alle göttliche und ewige Kraft, die in unserer Gattung wirkt, statt +geschwächt zu sein, vielmehr gesteigert und mächtig angeregt aus diesen +Stürmen hervorgehen wird. Glücklich, wer den Friedensgesang hören wird, wie +in der Pastoralsymphonie, glücklich aber auch derjenige, der ihn im Sturme +vorausahnt! Was tuts nachher, wenn dieses herrliche Vorgefühl in +Abwesenheit des Propheten zur Tat wird! Wer das geahnt hat, hat auf Erden +viele Freuden aufgelesen. Ein höherer wird sagen, ob seine Aufgabe +vollendet ist. + +Den 28. Oktober (zweiter Brief, fast zur selben Stunde). + + Teure geliebte Mutter! + +Noch kann ich eine traute Stunde mit Dir verbringen. Wir können nur uns +immer wieder dasselbe sagen; doch es ist so herrlich, daß man stets neuen +Ausdruck dafür finden könnte. + +Heute leben wir unter einem Himmel mit großen stürmenden kalten Wolken, wie +bei den holländischen Landschaftsmalern. . . . + +Teuerste, ich wage nicht einen Wunsch auszusprechen, ich darf es nicht, man +darf nicht einmal eine Zeit teilweiser Entspannung ins Auge fassen. Ich +versichere Dich, daß andauernde Kraftanstrengung weniger ermüdend ist als +gewisse Zeiten rastloser, fieberhafter Arbeit, die wir durchgemacht haben. +Nur können wir dabei unsere Seelenkräfte in einer Art Widerstand gegen +alles Böse in uns anspannen und die Tore allem Guten, was von außen kommt, +offen lassen. + +. . . Ich bin froh, daß Du Tolstoi gelesen hast: er war auch im Krieg. Er +hat ihn verurteilt, er hat seine Lehren in sich aufgenommen. Wenn Du einen +Blick in das herrliche Buch »Krieg und Frieden« einwerfen kannst, wirst Du +darin Bilder finden, die an unsere Lage erinnern. Was es Dir begreiflich +machen wird, ist die Möglichkeit ruhigen Betrachtens, die dem Soldaten +gelassen ist, der sie erstrebt. + +Was den Zwang betrifft, den der Mangel an jeglichem körperlichen +Wohlbehagen der Seele auferlegen könnte, so glaube ja nicht daran. Wir +führen zwar das Dasein von Kaninchen am ersten Jagdtage; trotzdem können +wir in herrlicher Weise unsere Seele bereichern. + +Den 30. Oktober. + +Ich schreibe Dir in einer herrlichen Herbstlandschaft, grau, vom Wind +durchfegt. Für mich aber war der Wind nie verstimmend, weil er mir die +Seele des Landes jenseits des Hügels zuweht. . . . Der grauenhafte Krieg +vermag uns nicht aus unserer geistigen Heimstätte herauszureißen. Trotz +Stunden betäubenden Lärmes findet man sich ungefähr selbst wieder. Ich +möchte sogar behaupten, daß unser heutiges gewöhnliches Dasein uns eine +Feinfühligkeit verleiht, die fähig ist, die leiseste Berührung zu +verzeichnen, wie wenn alle unsere Nerven bloß lägen. Vielleicht wird sich, +nachdem die Hülle unserer Seele sich abgeschält, eine Kruste bilden und die +Zurückkehrenden eine Zeitlang abgestumpft sein. Was schadets: dieser +Zustand seelischer Erschütterung kann nicht ohne Nutzen vorübergehen. + +Gestern waren wir in einem hübschen Dorfe der Maasgegend, dessen Reiz durch +den Gegensatz der umgebenden Ruinen noch erhöht wurde. + +Ich konnte mir ein Hemd waschen lassen und, während es trocknete, +unterhielt ich mich mit der trefflichen Frau, die täglich dem Tode trotzt, +um ihr Heim zu schützen. Sie hat drei Söhne, alle sind Soldaten, und die +Nachrichten, die sie von ihnen hat, sind schon alt; einer von ihnen ist +wenige Kilometer von ihr vorbeimarschiert. Seine Mutter wußte es und hat +ihn nicht sehen können. Eine andere von diesen französischen Frauen bewacht +das Haus ihres Schwiegersohnes, der sechs Kinder hat. + + -- --- -- + +Deine Aufgabe ist es, alles ruhig aufzunehmen und zugleich volles Vertrauen +in die ewige Gerechtigkeit zu haben. + +Halte Dich dabei nicht auf, den Wert der Persönlichkeit derer, die am Leben +bleiben, derer die gehen, zu betrachten; das heißt die Dinge auf der +menschlichen Wagschale abwägen. Man muß aber in uns die gewaltige Summe +dessen unterscheiden, was besser ist als das Menschliche. + +Liebe Mutter, unbedingtes Vertrauen! Worin? Wir ahnen es beide. + +Den 31. Oktober, 10 Uhr. + +. . . Bis jetzt hatte ich die Weisheit des Entsagens, jetzt aber erstrebe +ich eine Weisheit, die alles willig hinnimmt und auf das künftige Handeln +hingerichtet ist. Was tut's, wenn die Wolfsgrube sich unter den Füßen des +Läufers öffnet? Freilich erreicht er sein Ziel nicht; ist der aber klüger, +der am Rande verkommt unter dem Vorwand, daß er hineinfallen könnte? + +Den 1. November, Allerheiligen, 8 Uhr. + +Gestern erhielt ich Deine Karte vom 24.--25. Während Du den für uns +verhüllten Mond betrachtetest, fühltest Du Dich, sehr mit Unrecht, +ohnmächtig; wie sehr hattest Du aber Recht, daß Du hofftest! + +In demselben Augenblick wurde ich durch die Vorsehung beschützt in einer +Weise, die allen Hochmut über den Haufen wirft. + +Am nächsten Tage hatten wir das wundervollste Morgenrot über dem Purpur der +Herbstwälder in dieser Gegend, wo ich vor drei Jahren meine Skizzen malte. +Wir sind aber an der Stelle, wo die Landschaft Charakter annimmt, sich +erweitert und von ergreifender Majestät wird. Wie Dir die Schönheit des +Horizontes schildern! Wir bleiben in dieser herrlichen Gegend und heute ist +Allerheiligen! + +Zur Stunde schreibe ich Dir im Silberglanz der Sonne, die über den Nebeln +des Tales aufgeht; wir ahnen das schlafende Land vierzig Kilometer weit in +der Runde und die Schlacht stört kaum den weihevollen Ernst des +Landschaftsbildes. + +Liebe innig mein geplantes Gemälde. Es verknüpft mich mit meinem Schicksal. +Wenn ich die Gnade habe, heimzukehren, wird die äußere Anlage des Bildes +eine andere sein, das Wesen ist aber in der Skizze schon enthalten. + +Mittag. -- Herrlicher Allerheiligentag, den die Gewalttätigkeit entweiht. + +Herrliche Pracht des Tages. + +Den 2. November, Allerseelen. + +Strahlendes Fest der Sonne und der Freude in der prächtigen Natur einer +Maaslandschaft. Im Herzen preßt sich die Hoffnung zusammen, die dem +Schmerze derer nicht spotten will, für welche dieser Tag der erste Schritt +auf dem Wege der Trauer ist. + +Teure inniggeliebte Mutter, vor achtundzwanzig Jahren warst Du in Trauer +und Hoffen: heute auch ist die Angst des Hoffens voll. Diese Prüfungen +kommen über Dich nicht in demselben Alter, aber ein ganzes Leben des +geduldigen Sichfügens bereitet Dich auf die letzte Weisheit vor. + +Welche Lust, dieses stete innige Mitschwingen im Schoße der Natur! Gestern +abend sah ich denselben Horizont, den wir erwachen sahen, in rosiges Licht +gebadet; dann ist der Vollmond in einem zarten Himmel aufgegangen, auf den +die Bäume, wie Korallen und Safran, in zackigen Linien sich abzeichneten. + +O Teure, das entsetzliche Martyrologium der besten französischen Jugend +kann nicht ins Endlose sich ausdehnen. Es ist undenkbar, daß die +Auserlesenen eines ganzen Volkes zu Grunde gehen. + +Es gibt als Aufgabe für das Genie eines Volkes etwas besseres als den +Krieg: eine tiefe Ahnung zeigt mir in naher Zukunft eine Besserung. Möge +unser Mut und unsere Einigkeit uns diesem Bessern zuführen. Hoffnung, immer +neue Hoffnung! Ich habe den lieben Brief von Großmutter und die Karte von +Herrn R. erhalten, gut und freundlich. O Teure, habt ihr auch heute diese +schöne Sonne? Wie schön ist die Landschaft, wie gut die Natur! Sie sagt +dem, der ihre Stimme hört, daß nichts wird verloren sein. + +Den 4. November, 1 Uhr. + +Ich lebe nur durch den Gedanken an Dich und in der Güte der Natur. Diesen +Morgen haben unsere Vorgesetzten mit einem Marsche von zwanzig Kilometern +gedroht und die Drohung ist zur Tat geworden als ein reizender Spaziergang +in der Landschaft, die ich so innig liebe. + +Ein entzückend feiner Dunst, den wir von Stunde zu Stunde steigen sehen, +der Lockung einer mäßig warmen Sonne folgend; und dort Hügelketten, die ein +ausgedehntes Landschaftsbild beherrschen, in welches alles in seinen Linien +sich einzeichnet oder im Nebel angedeutet ist. + +Man sieht Hügel mit kahlen Bäumen, die liebliche Umrisse zeigen. Ich denke +an die alten Maler, an ihre zartempfundenen und gewissenhaften +Landschaftsbilder. Welche peinlich durchgeführte Majestät, deren erster +Anblick durch die Größe der Auffassung Bewunderung einflößt und deren +Einzelheiten tief bewegen! + +Du siehst, liebe Mutter, wie Gottes Gnade uns Gaben austeilt, weit über die +Beschwerden, die wir auf uns nehmen. + +Es ist nicht einmal die Rede mehr von Geduld, da die Zeit für uns kein Maß +mehr hat, da von keiner meßbaren Dauer mehr die Rede ist. Welchen Reichtum +an Eindrücken birgt aber dafür der Augenblick in sich, der sich uns +darbietet! + +Das ist unser Leben, von dem ich Dir geschrieben habe, daß kein Ereignis +daraus etwas Unfertiges, Abgebrochenes machen darf; diese Weisheit will ich +mir bewahren. Zugleich aber will ich sie mit einer andern Weisheit +verbinden, die der Zukunft zugewandt ist, selbst wenn die Zukunft für uns +eine verschlossene Gegend ist. Ja, nehmen wir von der Gegenwart alles an +(und die Gegenwart bringt uns so viele Schätze!); aber laß uns auch die +Zukunft vorbereiten. + +Den 5. November, 8 Uhr. + + Liebe Mutter! + +Verhehle mir nichts von Paris, von Deinen Sorgen, von Deinen +Beschäftigungen. Alles was Du beschließt, ist recht. Mein Glück ist gerade +dieses Gefühl der Sicherheit, wenn ich in alledem an Deine Seele denke. + +Das Wetter ist immer entzückend und sehr mild. Ohne die schöne Gegend zu +verlassen, in die wir am 20. September gekommen sind, sind wir heute in die +Wälder zurückgekehrt. Das liebe ich weniger als die freie weite Aussicht; +aber es gibt doch auch hier gar hübsches zu sehen. Dann ist auch der +Himmel, jetzt wo die Blätter abgefallen sind, so schön, so zart. Ich habe +an C. geschrieben und werde an Frau C. schreiben. Ich erwarte einen Brief +von Dir. Wüßtest Du wie viel länger ein Tag ohne Nachrichten ist! Ich habe +zwar Deine früheren Briefe, aber der frische Brief hat einen Duft, den ich +jetzt nicht mehr entbehren kann. + +Den 6. November. + +Gestern war ich, ohne zu wissen warum, ein wenig verstimmt: was die +Soldaten »cafard« nennen. Das kam daher, daß ich tags vorher mich von einem +Tagebuch getrennt hatte, das ich Dir in einem Packet zu schicken mich +entschlossen hatte. Die Ereignisse von vorgestern, obgleich friedlich, +hatten mich derart umhergestoßen, daß ich mich dieser Unglückssendung nicht +so annehmen konnte, wie ich es gewollt hätte. So war ich geteilt zwischen +einer doppelten Angst: einmal, daß das Paket Dich nicht erreichen möchte +und diese Aufzeichnungen, die mein Leben vom 1. bis zum 20. Oktober +darstellen, verloren sein könnten; und dann, daß vielmehr dieses Paket zu +Dir gelangen möchte vor dem erklärenden Briefe, was dir sonderbar +erscheinen könnte, da die Sendung unter anderm Namen geschehen ist und der +Umschlag meines Heftes Anweisungen gibt, damit man Dir gegebenenfalls diese +Aufzeichnungen zuschicke. + +. . . . Wir leben heute in der stimmungsvollsten und zartesten Landschaft +Corots. Von der Scheune aus, in die wir unsern Vorposten untergebracht +haben, sehe ich zunächst die Straße mit den Wasserlachen, die der Regen +zurückgelassen hat. Dann Baumstumpfe, weiterhin hinter einer Wiese eine +Reihe Weidenbäume am Rande eines eilenden und lieblichen Bächleins. Im +Hintergrunde hüllen sich einige Häuser in einen leichten Dunst und halten +jene zarten schwarzen Töne fest, für die unser teurer Landschaftsmaler ein +so edles Empfinden hatte. + +So friedlich ist es heute morgen. Wer könnte glauben, daß hinter uns nichts +ist als Feuersbrunst und Trümmer! . . . . + +Den 7. November, 8 Uhr morgens. + +Eben erhalte ich Deine Karte vom 30., die mir die Sendung eines Pakets +ankündigt. Wie nett! wie man an uns denkt! Alle Süßigkeiten werden +gebührend gewürdigt. + +Gestern entzückender Novembertag. Diesen Morgen zuviel Nebel, um die Freude +an der Natur zu genießen. Aber gestern nachmittag! + +Ein duftiges, ausgesucht zartes Wetter, wo alles sich einzeichnet wie auf +eine angehauchte Glasscheibe eingeritzt. Die entlaubten Büsche in der Nähe +unseres Wachpostens sind von einer Schar von Vögeln ausgesucht worden, +grün, weiß am Rande der Flügel, die Männchen mit schwarzem, weiß getupftem +Kopf. Wie Dir ausdrücken, was das bloße Rauschen ihres Fluges in dieser +Stille für mich war! -- Denn auch das ist ein Segen in diesen Kämpfen: in +der Welt kann es nur eine bestimmte Menge Bosheit geben. Da nun der Mensch +alles dem Menschen zuwendet, haben die Tiere ihren Vorteil davon, +wenigstens die Tiere des Waldes, unsere gewöhnlichen Opfer. + +Könntest Du nur die Sorglosigkeit der Tierchen des Waldes sehen, Mäuse, +Feldmäuse! Letzthin folgte ich in unserm Laubversteck den Bewegungen dieser +Tierchen. Sie waren hübsch wie japanische Holzschnitte, das Innere ihrer +Ohren rosa wie eine Muschel. Wir haben dann noch dem Ausflug der Kraniche +beigewohnt: ihr Schrei in der Dämmerung ist erschütternd. + + -- --- -- + +Wie freue ich mich zu erfahren, daß Du zeichnest. Tu's für uns beide. +Wüßtest Du wie es mich juckt, alles was uns hier in der Seele bewegt zu +malen! Wenn Du meine Briefe aus letzter Zeit gelesen hast, wirst Du gemerkt +haben, wie vieles ich entbehre, aber auch wie vieles mich beglückt. + +Den 9. November, Montag 7 Uhr. + +. . . Wir haben wieder die freie, weite Ebene erreicht, die ich so sehr +liebe. Leider sehen wir sie nur undeutlich durch Mäuselöcher hindurch. Nun, +es ist wenigstens so viel! . . . . + +. . . . . Alle diese Tage hindurch habe ich den Reiz einer Landschaft +genossen, die im süßen Frieden des Herbstes ruht. Dieser Friede wurde +gestern durch den erschütternden Anblick eines brennenden Dorfes gestört. +Es war nicht das erste, das wir sehen; aber wahrlich wir waren nicht mehr +daran gewöhnt. + +Wir haben unsern Beobachtungsposten bezogen; es war noch Nacht. Von den +Höhen, die wir besetzten, sahen wir die gewaltige Glut und, als der Tag +aufging, war das liebliche im Tal versteckte Dorf nur noch eine Rauchwolke. +All das in der Silberglorie eines strahlenden Morgens. + +Von unserm Mauseloch aus blickten wir in die Talmulde mit den lieblichen +Windungen ihrer Straße, ihrem von Weidenbäumen umrahmten Bach, ihrem +Kalvarienberg, und all diese Harmonie sollte in dem Grausen der Zerstörung +enden. + +Die Deutschen haben es in der Nacht mit der Hand in Brand gesteckt; nach +zwei Tagen wütender Kämpfe waren sie daraus vertrieben worden: ihre +Handlung kann als ein Zeichen eines auf diesem Punkte beabsichtigen +Rückzuges aufgefaßt werden. Dieses von unseren Soldaten gehaßte Verfahren +ist, glaube ich, durch eine strategische Forderung vorgeschrieben. Wenn ein +Dorf zerstört ist, wird seine Benutzung für unseren Dienst hinter der Front +sehr erschwert. So haben wir denn den ganzen Tag dieser Verwüstung +zugeschaut, während über unseren Köpfen die kleinen Feldmäuse das Stroh +ausnutzen, in dem wir schlafen werden. Unser Infanteristendasein gleicht +ein wenig dem der Kaninchen während der Jagdzeit. Wir sind dadurch, +wenigstens die schlimmsten Angstpeter unter uns, in einen Zustand +immerwährender Spannung gekommen, auf der Suche nach einem Schlupfwinkel. +Sobald wir darin vergraben sind, schreibt man uns vor, nicht daraus zu +weichen. Diese klugen Vorschriften werden leider nicht immer mit der +nötigen Einsicht gehandhabt; so waren wir gestern zu Vieren in einem +vorgeschobenen Schützengraben, der in einer herrlichen Gegend lag und unter +Laubwerk vollständig versteckt war. Wir hätten also nach Herzenslust die +Landschaft genießen können, hätte nicht der Gefreite, ein braver Junge, +davor gezittert uns ein bischen leben zu lassen. Glücklicherweise sind die +Artilleristen und Maschinengewehre dazwischen gekommen, haben an unserem +Standort einen entsetzlichen Höllenlärm vollführt und uns gezeigt, wie +wenig man auf überflüssige Vorsicht halten muß. Durch dieses Beispiel +ermutigt, habe ich also in aller Freiheit die Landschaft genießen können, +gestern leider raucherfüllt, ein erschütternder Anblick. Merke Dir wohl, +geliebte Mutter, daß ich keine Unvorsichtigkeit begehen will; aber +wahrlich, dieser Krieg ist der Triumpf des Verhängnisses, der Vorsehung und +des Schicksals. + +Mein sehnlichster Wunsch ist, die Gnade der Rückkehr zu verdienen; aber +abgesehen von kurzen Augenblicken einer sehr menschlichen Ungeduld, kann +ich sagen, daß der größte Teil meines Ichs der ruhigen Annahme des +gegenwärtigen Augenblicks geweiht ist. + + -- --- -- + +Den 10. November, 11 Uhr. + + Teuerste Mutter! + +Was soll ich Dir vom heutigen Tag erzählen! eintönig im Nebel. +Beschäftigungen, die nicht stumpfsinnig an sich sind, es aber durch die +geistlose Umgebung werden. Ich ziehe mich in mein Innerstes zurück. Gestern +schrieb ich Dir einen langen Brief, in dem ich Dir unter anderem sagte, wie +teuer mir Deine Briefe sind. Du siehst also, daß ich mich etwas langweilte +als ich das Papier zur Hand nahm; nun aber, da ich mit Dir bin, bin ich +froh und denke sofort an die Freuden, die dieser Tag mir gebracht hat. + +Heute morgen hat mich der Leutnant beim Kommandoposten Eisendraht holen +lassen, in einem verwüsteten Dorfe, um das herum wir seit Wochen liegen. +Ich bin durch die Obstgärten hinabgestiegen, die voll waren von den letzten +abgefallenen Pflaumen. Einige Soldaten lasen sie sorglos auf und sammelten +sie in Körben. Liebliches Bild, ganz ländlich und idyllisch, trotz der +roten Hosen, die übrigens sehr abgeschossen sind nach drei Monaten +Felddienst. Ich freue mich der Freundschaft von Ch. R. . . Er ist ein +Mensch, der in allen Teilen mit mir übereinstimmt. Ich bin daher überzeugt, +daß er es mir nicht übelnehmen wird, wenn ich nicht schreibe, besonders +wenn Du seine Frau meiner Freundschaft versicherst. + +Der kleine Dienst, der mir anvertraut worden ist, zwingt mich von Anbruch +der Nacht bis 9 Uhr zu gehen, dann aber habe ich mitunter Gelegenheit in +einer Deckung oder einer Scheune zu schlafen, statt nachts in den +Schützengraben zurückzukehren. + +Ich habe nicht mehr die angenehmen Leseabende zu Hause; wenn wir aber +manchmal im Schützengraben, S. . . . und ich, nebeneinander liegen, kannst +Du Dir nicht vorstellen, welche Traumbilder wir wachrufen und welche Freude +uns die alten Erinnerungen bringen, die wir aufrühren. O! unter welchen +Märchenhimmel reißen uns die Naturwissenschaften und die Neugierde des +Intellektes und welches Vergnügen bereiten mir die wunderbaren Geschichten +von diesem Metall oder jener Säure! Für mich scheinen Tausend und eine +Nacht sich zu wiederholen. Und dann beim Erwachen manchmal die Anmut einer +Morgenröte. Das ist das Leben, das ich seit dem 13. oder 14. Oktober führe. +Ohne mehr zu verlangen, begnüge ich mich damit zu staunen, daß wir in einem +solchen Kriege verhältnismäßig viel ruhige Stunden haben. + +Du kannst dir nicht vorstellen, welche Genugtuung es für mich ist, zu +wissen, daß Du meinen Sachen Deine Seele zuwendest. Wie freut es mich mir +vorzustellen, daß meine Bücher Dich beschäftigen, Du meine Stiche +betrachtest! . . . . + +Vom 12. November, 15 Uhr. + +. . . Heute haben wir einen Übungsmarsch gemacht, so angenehm wie der +erste, in einem Wetter von wunderbarer Schönheit. Wir sahen in Blau und +Rosa die fernen Ketten der Hügel von Metz, die weite, von Dörfern besäte +Ebene, von denen einige einen morgendlichen Sonnenstrahl auffingen, während +man die andern mehr ahnte als sah. + +Wir führen ein Dasein, das in großen Zügen so aussieht: drei Tage bleiben +wir in der Nähe des Feindes und leben in ganz gut gebauten Verdecken, die +wir täglich verbessern, dann bleiben wir wieder drei Tage weiter hinten und +schließlich drei Tage im Quartier in einem nahen Dorfe, gewöhnlich in +demselben. So kommen wir dazu, Gewohnheiten anzunehmen, zwar recht +vorübergehende, aber immerhin kommen wir in Berührung mit der übrigens +schwer geprüften Zivilbevölkerung. -- Die Wollkleider sind unschätzbar und +unübertrefflich. . . . + +. . . Wir haben es mit guten Seelen zu tun. Besonders die liebe Frau, bei +der ich Dir schreibe und zu der ich schon das letzte Mal gekommen bin, +plagt und müht sich zu Tod ab, um uns etwas von dem zu geben, was an das +Heim erinnert. Aber, liebe Mutter, was mich an das Heim erinnert, das trage +ich im Herzen. Aus Tellern essen und auf einem Stuhle sitzen, das ist +nichts, was zählt. Deine Liebe ist's, die ich so nahe fühle. . . . + +Den 14. November. + +Seit dem 12., um acht und ein halb Uhr abends wurden wir herumgeschleppt +mit der Aussicht, an einem gewaltsamen Vorgehen teilzunehmen. Wir sind +nachts fort, und in diesem Frieden der Natur klärten sich meine Gedanken +ein wenig ab nach zwei Tagen Einquartierung, während welcher das +Körperliche immer etwas überhand nimmt. Wir gingen zur Verstärkung vor, +voll in das Unbekannte hinein. Wir haben die Anordnungen, die zu treffen +waren, in einer Scheune abgewartet, wo wir von elf bis vier Uhr auf dem +Holzboden lagen. Dann gings in die Wälder, die Felder, die der Tag durch +graue, rote, violette Wolken hindurch allmählich beleuchtete in der +romantischsten und ergreifendsten Stimmung, die man sich denken kann. Im +vollen lieblichen Morgen erfuhren wir, daß die Truppen, die uns +vorausmarschierten, dem Feinde außerordentliche Verluste zugefügt hatten +und sogar einen sehr leichten Vorteil erreicht hatten. Wir haben also +unsern gewohnten Standort wieder bezogen und ich bin wieder hier und +genieße die Pracht der französischen Landschaft, die so ergreifend schön +ist in dem grauen, stürmischen, leidenschaftlichen November, mit +Sonnenstrahlen, die in farbigen Flecken über den endlosen Horizont wie +hingeworfen sind. Liebe Mutter, wie schön ist das, diese weite, ernste +Landschaft, in der alles edel und wohl abgewogen ist und Einzelheiten sich +fein abheben! -- Eine mit Bäumen eingefaßte Straße, die bis zur Grenze sich +schnurgerade hinzieht, Hügel, die vor den duftigen Linien liegen, in denen +man die deutschen Vogesen zu erkennen glaubt. Das ist der Rahmen und dazu +kommt etwas Besseres als der Rahmen: es gibt eine Melodie von Beethoven und +ein Stück von Liszt, die lauten: »Segnung Gottes in der Einsamkeit«.[*] Wir +haben allerdings keine Einsamkeit, wenn Du aber die Gedichte von Albert +Samain[**] durchblätterst, wirst Du ein Motto aus Villiers de l'Isle-Adam +finden: »Wisse, daß es auf Erden immer eine Einsamkeit gibt für diejenigen, +die ihrer würdig sind.« Jene Einsamkeit der Seele, die alles vergessen +kann, was nicht mit ihr mitschwingt. . . . + +Ich habe zwei Briefe von Dir erhalten vom 6. und 7. Vielleicht werde ich +diesen Abend noch einen haben. Ja, wir wollen unsern Mut nicht darin +setzen, daß wir von einander keine Briefe erwarten. Die Briefe sind unser +Leben, sie teilen uns unsere Freuden mit, unser Glück, die Fülle des +Genusses, den uns in reichem Maße das Schauspiel der Natur und dieser Zeit +schenkt. + +Wenn Deine Augen nicht wollen, ist das ein zwingender Grund; aber, +abgesehen von Deiner Gesundheit, versage mir nicht Dein Herz, dessen Liebe +Deine Briefe mir bringen. + +Den 14. November, zweiter Brief. + + Treue, geliebte Mutter! + +Jetzt sind wir wieder in unserm gewohnten Quartier und mein Herz ist ganz +erfüllt von Gedanken, die Dir zustreben. Ich kann Dir nicht alles sagen, +woran ich stündlich denke in dem Wunsche, mit Dir die mannigfaltigen +Freuden zu teilen, die inmitten unseres eintönigen Daseins uns durch die +Finger gleiten, wie Perlen von einem zerrissenen Faden auf den Sand fallen. + +[Fußnote *: Beethoven: sechs Lieder von Gellert, Op. 48. Nr. 6. »Die Ehre +Gottes in der Natur.«] + +[Fußnote **: Albert Samain: Au Jardin de l'Infante (L'allée Solitaire).] + +Ich möchte mit Dir aussprechen können, wie schön diese Wolke ist, welchen +ernsten Eindruck diese Ebene auf uns macht, der Poesie des Windes lauschen, +der über die Berge uns zuweht, wie während unseres Spazierganges in +Boulogne. Und wenn wir dann hier sind, erlauben mir so manche prosaische +Beschäftigungen nicht, mit Dir zu reden, wie ich fühle. + +Deswegen habe ich Dir auch mein Paket geschickt mit meinem Tagebuch vom 18. +August bis zum 20. Oktober.[*] Diese Aufzeichnungen wurden zu einer Zeit +gemacht, wo unsere Tornister weniger beladen waren und leichter sich +öffneten, wo ich in der Seelenruhe der Tage im Schützengraben, wenn die +Gefahr das Geschwätz aufhob, meine Seele ungehindert schwingen ließ. +Seitdem habe ich die viel stärkere, weite, volle Freude entdeckt, Dir zu +schreiben. Für mich wurde diese neue Zeit ein Paradies. Aber ich liebe das +Leben im Quartier nicht, weil die Bequemlichkeit und die Sicherheit die +Seelenkräfte entspannen und einen Wirrwar erzeugen, unter dem ich leide. + +[Fußnote *: Ein Teil dieses Heftes ist oben mitgeteilt worden.] + +Du kennst das Bedürfnis, mich zu sammeln und allein zu sein, das ich immer +hatte. Übrigens habe ich sehr gute Freunde und die Offiziere sind sehr +freundlich. Und dann braucht es nur etwas Geduld, einige Augenblicke, in +denen mein Gedanke Dir zugewandt ist, um mich glücklich zu machen. Wie war +diese erste Hälfte November gnädig! Ich habe nicht ein einziges Mal unter +der Kälte gelitten. Und wie viel Schönheiten! Der Allerheiligentag war ein +langer Lobgesang, von der klaren Mondnacht über dem dunkeln Bernstein der +herbstlichen Bäume an bis zur zarten Melodie der Dämmerung. Der endlose, +rosige Traum der verschleierten Ebene, die sich an die fernen Hügel +anlehnt. . . . Welch feierlicher Lobgesang! Und manche Tage seitdem singen +den Ruhm Gottes! Coeli enarrant. . . . Das war das Geschenk dieser Zeiten. + +Den 15. November, 7 Uhr. + +Gestern gab mir das stürmische und aus der Sicherheit des Quartiers +beobachtete prächtige Wetter zu Befürchtungen Anlaß für unsern Abmarsch +heute nacht; doch als ich erwachte, war der klarste, funkelndste Himmel, +den man sich vorstellen kann! Wie dankbar war ich! + +Was wir am meisten fürchten, ist der Regen, der alles durchdringt, ohne daß +man Feuer und Obdach findet. -- Die Kälte bedeutet nichts -- gegen die sind +wir gewappnet. + +. . . . . Und doch, wie sehr habe ich das Bild dieser weiten Ebene +bewundert, in die wir hinabgestiegen sind, von dem mächtigen Winde +gepeitscht. Der niedrige Horizont löste den weiten grauen Himmel ab, an dem +wenige fahle Ausblicke an das verschwundene Blau gemahnten. -- Ein +Kalvarienberg, tragisch, schwarz in grau -- dann skelettartige Bäume! Welch +ein Bild! hier kann ich an Dich denken, an meine liebe Musik! heute habe +ich die Umgebung, die ich brauche. + +. . . . Ich möchte die Gestalt schärfer bestimmen, die mein fester Glaube +an eine bessere durch diesen Krieg geforderte Zukunft annehmen wird. Diese +Ereignisse bereiten die Entfaltung eines neuen Lebens vor, der vereinigten +Staaten Europas. + +Nach diesem Zusammenstoß werden diejenigen, die voll und mit kindlicher +Liebe ihre Pflichten dem Vaterland gegenüber erfüllt haben, vor viel +ernstere Aufgaben gestellt werden, deren Erfüllung zur Stunde unmöglich +wäre. Aber das wird gerade unsere Pflicht sein, daß wir unsere Kräfte der +Zukunft zuwenden. -- Sie werden mit angespannter Energie dahin streben +müssen, die Spuren der verletzenden Berührung zwischen den Völkern zu +tilgen. Trotz mancher Fehler, trotz einiger Rückschritte in praktischer +Hinsicht, mancher Schwächen im Wiederaufbau, hat die französische +Revolution nichts desto weniger in der menschlichen Seele die herrliche +Forderung der nationalen Einheit festgelegt. Wohlan, die Greuel des Krieges +von 1914 führen zur europäischen Einheit, zur Rasseneinheit. Dieser neue +Zustand wird nicht ohne Erschütterungen, Vergewaltigungen, Kämpfe auf +unabsehbare Zeit sich festsetzen, aber ohne Zweifel hat sich heute die Türe +zu diesem neuen Horizont geöffnet. + +Den 16. November an Frau C . . . + + Sehr verehrte gnädige Frau + und beste Freundin! + +Welche Freude und welchen Trost bringt mir Ihr Brief und wie stärkt Ihre +warme Freundschaft meinen Mut! + +Was Sie mir von meiner Mutter erzählen, verknüpft mich innig mit dem Leben. +Dank für Ihre treue prächtige Freundschaft. + +. . . Was soll ich von meinem Leben erzählen? Durch Mühen und Wechselfälle +hindurch hält mich die Betrachtung der herrlichen Gegend aufrecht, die seit +zwei Monaten die Schwermut und die Tragik dieser leidenschaftlichen +Jahreszeit anhäuft. Einer meiner gewohnten Standorte liegt auf den Höhen, +welche die endlose Ebene der Woëvre beherrschen. Wie herrlich! Welcher +Segen ist es, stündlich bei Tag und bei Nacht die glühenden Farben des +Laubes zu beobachten, an jedem Herbsttage! Die schreckliche Zerfahrenheit +der Menschen vermag die erhabene heitere Ruhe der Natur nicht zu stören. +Freilich gibt es Augenblicke, wo der Mensch alle vorstellbaren Maße zu +übersteigen scheint; aber eine aufmerksame Seele unterscheidet bald die +Harmonie, die alle diese Mißklänge beherrscht und ausgleicht. Glauben Sie +nicht, daß ich der Trostlosigkeit der Bilder, von denen wir übersättigt +sind, gefühllos gegenüberstehe: vernichtete Dörfer, in welche die +Artillerie weiter wütet; Rauchwolken am Tag, Feuerschein in der Nacht; +Elend der Bevölkerung, die unter den Granaten flüchtet. Jeden Augenblick +erhält man einen Stich ins volle Herz. Gerade deswegen aber rette ich mich +in diese höhern tröstenden Gedanken; denn in demselben Maße leidend, könnte +ich, ohne diese Disziplin des Herzens, unsere Lage nicht ohne innere +Zerrissenheit ertragen. + +Den 17. November, morgens. + + Liebe Mutter! + +. . . Ich schreibe Dir im vollen Glück der Morgenröte über meinem lieben +Dorfe. Die Nacht, die uns im Regen gelassen hatte, hat uns ein klares, +strahlendes Wetter zurückgegeben. Ich finde meinen ungeheuer weiten +Horizont wieder, die zarten Umrisse der Hügel, die edelgeschwungenen Linien +meiner Täler. Wer glaubte, von der Höhe, wo ich bin, daß dieses ländliche +und friedliche Dorf in Wirklichkeit nur noch ein Trümmerhaufen ist, daß +kein Haus verschont geblieben ist, daß seit zwei Monaten niemand darin +verweilen kann im Höllenlärm der Artillerie? Während ich Dir schreibe, +trifft die Sonne den Kirchturm, den ein noch dunkler Baum in meiner Nähe +umrahmt, während in der Ferne, über den letzten Hügeln, den letzten +Erhöhungen des Bodens, die Ebene im Rosagold ihre köstlichen Einzelheiten +zu offenbaren beginnt. + +Den 17. November, 11 Uhr. + +Das herrliche Wetter ist mein großer Trost. Ich lebe fast wie wenn ich ein +Kranker wäre, den man in eine herrliche Gegend schickt, den aber die Kur zu +unerfreulichen und ermüdenden Beschäftigungen zwingt. Im Grunde liegt +zwischen Leysin und meinem jetzigen Schützengraben nur die Entwicklung des +großen Fragezeichens. Immer nichts neues in unserer Kompagnie seit dem 13. +Oktober. + +Die Art des gegenwärtigen Krieges ist sonderbar. Es ist die Art von +Nachbarn, die sich nicht vertragen. Bedenke, daß gewisse Schützengräben vom +Feinde kaum durch 100 Meter getrennt sind und daß die Kämpfenden sich +Handgranaten zuwerfen können: wie Du siehst, bedienen sich die Nachbarn +gewaltsamer Mittel. + +Ein eigenes Leben führe ich nur im Augenblick, wo ich bei Dir verweile, und +wo ich die Pracht der Natur genieße. + +Mitten unter dem Geschwätz gelingt es mir, das Gefühl der Einsamkeit der +Seele, die ich brauche, mir zu bewahren. + +Den 18. November. + +Diesen Morgen zeigte uns der Tag die Ebene mit Reif bedeckt, eine +gleichmäßige Weiße über den Hügeln und dem Walde. Mein Dörfchen sieht +dadurch ganz eingefroren aus. + +Ich hatte den größten Teil der Nacht in einem geheizten Unterstand +zugebracht und hätte, dank der Freundlichkeit meiner Vorgesetzten darin +bleiben können; ich bin aber dumm und schüchtern und bin von ein Uhr bis +vier und ein halb Uhr wieder bei den Kameraden gewesen. + +Es ist merkwürdig, wie prachtvoll wir die Kälte ertragen: wir besitzen fast +alle ein herrliches Kleidungsstück, einen Mehlsack, den man je nach den +Umständen als kurzen Radmantel und als Fußsack gebrauchen kann. In beiden +Fällen ein vortrefflicher Wärmeerhälter. + +11 Uhr. + +Für den Augenblick habe ich eine hübsche, so rührende Melodie von Händel im +Sinn und auch ein Allegro aus unsern vierhändigen Orgelsonaten: eine +fröhliche, glänzende, von Tatendrang übersprudelnde Musik. Lieber Händel! +Oft tröstet er mich. + +Beethoven kommt mir selten in die Erinnerung; wenn aber seine Musik in mir +erwacht, rührt sie an etwas so Grundlegendes, daß es jedesmal ist, wie wenn +eine Hand Schleier vor der Schöpfung wegrückte. + +Arme liebe große Meister! Wird man ihnen daraus ein Verbrechen machen, daß +sie Deutsche sind? Schumann, wie kann man ihn einem Barbaren zugesellen? + +Gestern gemahnte unsere Ebene an die Stelle, die Du mir vor zehn Jahren aus +»_Rheingold_« vorspieltest: »Freie Gegend aus Bergeshöhen.«[*] Worin aber +unser französisches Bild die schöne Musik dieses häßlichen Mannes übertraf, +das war die feste Grundlage, die Klarheit, die Aufrichtigkeit. Ja, unsere +französische Ebene hatte nichts Verschwommenes. + +Was Wagner betrifft und, so schön auch seine Musik, so unbestritten und +verführerisch sein Genie auch ist, ich glaube doch, daß, wenn man ihn nicht +mehr hören sollte, man etwas für das französische Genie weniger +Wesentliches entbehren würde, als wenn die großen Klassiker, seine +Landsleute, in Frage kämen. + + -- --- -- + +Ich darf es Dir aufrichtig sagen, in den Augenblicken, wo mir der Gedanke +an die Möglichkeit der Heimkehr kommt, kümmere ich mich niemals um die +Frage der kleinlichen Bequemlichkeit, des kleinlichen Wohlbehagens. Etwas +Höheres und Edleres wendet mich dieser Art Hoffnung zu. Darf ich sagen, daß +es sogar etwas anderes ist als die unendliche Freude des Wiedersehens? Es +ist vielmehr die Hoffnung auf eine Wiederaufnahme unserer gemeinsamen +Bestrebungen, unseres Zusammenarbeitens, dessen Ziel die Entwicklung +unserer Seele und ihre nützlichere Betätigung auf Erden ist. + +[Fußnote *: »Libre étendue sur la Montagne.« Rheingold zweite und vierte +Szene. »Allmählich gehen die Wogen in Gewölke über . . . und . . . wird +»_eine freie Gegend auf Bergeshöhen_« sichtbar.« (D. Übers.)] + +Den 19. November, morgens. + + Teuerste Mutter! + +Heute wurde ich bei der Morgenröte durch ein gewaltiges und zu dieser +Tageszeit ungewohntes Geschützfeuer geweckt. In dem Augenblick kamen +Kameraden, starr von einer Nacht im Schützengraben zurück. Ich bin +aufgestanden, um ihnen Holz zu holen, während auf dem andern Abhang des +Tales das Schützenfeuer sehr kräftig ertönte. Ich stieg so hoch hinauf wie +ich konnte und sah in dem sehr klaren Himmel die Sonne sich ankündigen. + +Plötzlich hörte ich von der Erhöhung gegenüber, einem jener Hügel, die ich +so sehr liebe, Geschrei, Geheul kommen: Marsch! Marsch! Es war ein +Bajonettansturm. Es ist der erste, dem beizuwohnen mir gegeben ist; nicht +daß ich etwas gesehen hätte; die noch andauernde Dunkelheit und vielleicht +auch die Beschaffenheit des Bodens verhinderten es. Was ich hörte genügte, +um den Eindruck des Sturmangriffs zu geben. + +Bis jetzt konnte ich mir nur von dem unpersönlichen Krieg ein Bild machen, +der eine von jenem kriegerischen Mut, wie ihn der Zivilist von Alters her +sich vorstellt, sehr verschiedene Form der Tapferkeit verlangt. Und +plötzlich erinnert mich der furchtbare Lärm von heute morgen, mitten in +meiner Ruhe daran, daß junge Männer, ohne persönlichen Grund des Hasses, +auf Leute, die sie erwarten, sich stürzen können und müssen, um sie zu +morden. + +Aber die Sonne ging über dem Boden meines Vaterlandes auf. Sie beschien für +mich das Tal, und von meiner Anhöhe aus unterschied ich zwei Dörfer, zwei +Trümmerhaufen, von denen ich einen drei Nächte lang hatte brennen sehen. In +meiner Nähe zwei Kreuze von weißem Holze . . . . Das französische Blut +fließt im Jahre 1914 . . . . + +Den 20. November. + +Augenblicklich sehe ich vom Fenster aus, in dessen Nähe ich schreibe, die +Sonne aufgehen. Sie durchdringt den Reif und ich ahne die schöne Ebene, die +soviel Greuel erträgt. Wie ich höre, hat dieser Bajonettangriff, den ich +gestern gehört habe, viele Opfer gekostet. Unter andern ist man ohne +Nachrichten von zwei Halbzügen des Regimentes, das mit uns die Brigade +bildet. Während andere ihr Geschick erfüllten, stand ich auf der Höhe des +schönsten, übrigens in andern Augenblicken höchst ausgesetzten Hügels. Ich +sah dem Sonnenaufgang zu; ich war tief bewegt im Anblick des Friedens der +Natur und maß das Verhältnis zwischen der Kleinlichkeit menschlicher +Gewalttaten und der umgebenden erhabenen Schönheit. + +Diese für Dich schwere Zeit, die sich vom 9. bis zum 13. September +erstreckt, entspricht genau dem ersten Abschnitt des Krieges für mich. Den +9. September kam ich an, entstieg dem Zug vor der furchtbaren Schlacht an +der Marne, die sich in einer Entfernung von 35 Kilometern entrollte. Den +12. erreichte ich das Regiment 106 und seitdem teile ich das Leben der +Kämpfenden. Wie ich es Dir geschrieben, verließen wir also am 13. Oktober +herrliche Wälder, in denen die feindliche Artillerie und Infanterie uns +große Verluste zugefügt haben, besonders am 3. Unsere engere Gemeinschaft +hat an diesem Tage einen prächtigen Menschen verloren, einen herzensguten +Jungen, der für's Leben zu gut geworden war. Am 4. wurde ein trefflicher +Kamerad, ein Architekt von der Kunstakademie, ziemlich ernstlich am Arm +verwundet, seitdem sind aber die Nachrichten, die er gegeben, gut. So haben +wir bis zum 13., einem furchtbaren Tag, sehr schwere Zeiten durchgemacht, +um so mehr als die sehr wirkliche Gefahr verschlimmert wurde durch den +Eindruck des Erstickens und des Unbekannten, der uns in diesen, in andern +Zeiten herrlichen Wäldern, erdrückte. + +Die Hauptsache ist, den Ernst des gegenwärtigen Augenblickes nicht aus den +Augen zu verlieren. Das Problem stellt sich uns in ganz besonderer Form +dar. Auf der einen Seite die himmlische Gnade einer bis auf den heutigen +Tag vollständigen Unversehrtheit. Andererseits das vollständige +Weiterbestehen der zufälligen Gefahr für die Zukunft. Hier muß unser +Wunsch, das Beste zu tun, sich auf den gegenwärtigen Zeitpunkt richten. +Keine Erforschung der Zukunft kann uns befriedigen, ich glaube aber, daß +jedes kraftvolle Streben, das die Gegenwart trifft, seine Wirkung nicht +verfehlt. Es gilt, einen heldenhaften Kampf zu bestehen; aber wir wollen +nicht auf uns allein bauen und nicht vergessen, daß es eine andere Macht +gibt und wieviel wirksamer als unsere menschlichen Mittel! + +Den 21. November. + +Heute bürgerliches und fast zu bequemes Dasein. Die Kälte läßt uns bei der +außerordentlichen Frau bleiben, die uns bei jedem Aufenthalt in dem Dorfe +beherbergt, in dem wir drei Tage von neun einquartiert sind. Ich werde Dir +nicht von der hübschen Aussicht erzählen, die ich von dem Fenster aus habe, +an dem ich Dir schreibe, kann Dir aber das Heim beschreiben, welches Teile +unseres Daseins in sich faßt. Am Tag leben wir in zwei, durch einen +Glasverschluß getrennten Zimmern und von einem Zimmer ins andere können wir +bald das schöne Feuer und den weiten Kamin bewundern, bald den prächtigen +Schrank und die Betten, wie man sie in der Maasgegend hat, mit schönen +alten Kupferbeschlägen. Das gemütliche Dasein von zwei alten Frauen (die +Mutter, 87 Jahre alt, und ihre Tochter) ist in Unordnung gebracht durch die +Rauheit, die Derbheit, die Gutherzigkeit und Freigebigkeit des Soldaten. +Sie ertragen alles und opfern sich auf. + +Was Spinoza betrifft, dessen Seele Du bereits in Dir besitzest, so glaube +ich, daß Du gleich zu den letzten Lehrsätzen übergehen kannst. Du wirst ihn +sicherlich unmittelbar begreifen, wenn er von der Ruhe der Seele spricht. +Ja es gibt Augenblicke, für uns schwache Menschen leider zu selten, die +doch genügen, und in denen wir durch die Erschütterungen und Stöße unserer +armen menschlichen Natur hindurch eine gewisse Neigung zum Fortdauernden +und Abschließenden unterscheiden, und wir das wunderbare göttliche Erbteil +erkennen, das uns anvertraut ist. + + -- --- -- + +Liebe Mutter, einen wie guten Tag habe ich eben mit Dir erlebt. Wir waren +zu dreien: wir zwei und die liebliche Landschaft, die ich von meinem +Fenster aus sehe. Von hier aus gesehen, gibt der Winter von den Dingen ein +abgedämpftes, abgetöntes Bild. Zwei Wolken oder vielmehr dichter Nebel, +hüllen die mir benachbarte Anhöhe ein, ohne die Zeichnung der Sträucher auf +dem Kamm zu vergröbern; der Himmel ist leicht grünlich gefärbt. Alles ist +gedämpft. Alles schlummert ein. Jetzt ist die Zeit der nächtlichen +Angriffe, des Sturmgebrülls, der Wachen in den Schützengräben. Wie +verlangen, jeden Augenblick, unsere Wünsche das Ende dieses Zustandes! Wie +sehr wünschen wir die Ruhe für Alle, eine ungeheure Entschädigung, einen +Ersatz für so viele Schmerzen, Leiden, so viele Trennungen. + + Dein Sohn. + +Sonntag, den 22. November, 9 1/2 Uhr. + +Von meinem Lieblingsplatz schreibe ich Dir diesen Morgen, ohne daß seit +gestern irgend ein Ereignis Erwähnung verdiente, außer vielleicht den +tausend wechselnden Einzelheiten der Landschaft. Ich bin mit Sonnenaufgang +aufgestanden, ihr Silber überflutet den weiten Raum. Die Kälte ist immer +heftig, aber das Zusammenwirken verschiedener Wollkleider wird in den +Quartiernächten mit ihr fertig. Das Einzige, was ich erzählen kann, ist: +morgen ziehen wir in die Schützengräben der zweiten Linie aus, in die jetzt +skelettartigen, eintönigen Wälder. Von unseren drei Standorten ist das +vielleicht derjenige, den ich am wenigsten liebe, denn der Himmel ist +hinter hohe Äste verbannt. Das ist eher eine Landschaft für R. . ., aber +reizlos und durch das Leben, das man darin führt, verdorben. + +In unserer Gegend scheinen die Kämpfe mit einiger Heftigkeit wieder +beginnen zu wollen. Heute morgen hören wir ein heftiges Gewehrfeuer, was +sehr selten in der Kriegführung von heute ist, die vornehmlich in +nächtlichen Angriffen besteht, während der Tag fast ausschließlich zur +Beschießung durch die Artillerie benutzt wird. + +Liebe Mutter, setzen wir unsere Hoffnung in die Seelenstärke, die jede +Stunde, jeder Augenblick verlangt. . . . + +. . . . Ja, es freut mich Dir von dem Leben, das ich führe, zu erzählen; es +ist in mancher Beziehung schön. Oft wenn ich abends auf der Straße bin, +wohin mein kleiner Dienst mich führt und die ich allein durchwandere, bin +ich vollkommen glücklich in der Gemeinschaft mit dieser edlen Landschaft, +mit den harmonischen Zeichnungen der Gestirne an diesem Himmel, den groß +und lieblich geschwungenen Linien dieser Hügel; und wenn auch in diesem +Augenblick die Gefahr immer gegenwärtig ist, so denke ich doch, daß nicht +allein Dein Mut, Dein Ewigkeitsbewußtsein, sondern auch Deine Liebe mir +beistimmen werden, wenn ich nicht immer wieder bei der Erforschung des +Rätsels stehen bleibe. + +Mein gegenwärtiges Leben bietet also einige Höhepunkte der Empfindungen, +die jeder Beziehung auf Fortdauer und Verharren sich entziehen, so z. B. +schönes Laub, eine Morgenröte, eine liebliche Landschaft, einen +ergreifenden Mondschein. Lauter Dinge, deren Vergänglichkeit und zugleich +ewige Wiederholung das Menschenherz absondern und all den Sorgen entreißen, +die in solchen Zeiten uns einer verzweiflungsvollen Unruhe, einem +scheußlichen Materialismus, oder einem Optimismus zuführen würden, den ich +durch eine sehr erhabene Hoffnung ersehen will, die uns gemeinsam ist und +nicht auf menschlichen Dingen beruht. + +Meine zärtliche Liebe und treue Anhänglichkeit für Großmutter, für Euch +Mut, inneren Frieden, völlige Hingabe, jedoch ohne irgendwelche Entsagung. + +Den 23. November. + + Liebe Mutter! + +Wir sind wieder in unsern Unterständen der zweiten Linie. Wir wohnen in +Erdhütten, in denen das Feuer uns ebenso einräuchert als es uns wärmt. Das +Wetter, das während der Nacht sich verfinstert hatte, hat uns einen +wunderschönen rosa und blauen Morgen geschenkt. Leider sprechen mich die +Wälder weniger an als die wundervollen Ausdehnungen der Feuerlinie. Und +doch ist auch hier alles schön. + +Mein gestriger Tag hat in der Freude bestanden, Dir zu schreiben; ich bin +in die Dorfkirche gegangen, ohne irgend eine Anwandlung von Schwärmerei, +auch nicht in dem Verlangen nach äußerlicher Tröstung. Meine Vorstellung +von der göttlichen Harmonie brauchte durch keine äußeren Formen, keine +volkstümliche Symbolik gestützt zu werden. Später habe ich das große Glück +gehabt, einen Wagen in der nächsten Umgebung zu begleiten. Ach! welch' +wundervolle Landschaft von saftiger Farbenpracht stets in rosa und blauen, +durch den Nebel abgeschwächten Tönen. Diese leuchtenden, prächtigen und +doch duftigen Farben fanden Stützpunkte in den kräftigen Flecken, welche +die in den Raum zerstreuten Gestalten bildeten. Meine gewöhnlich durch ihre +Bestimmtheit an die alten Meister gemahnende Landschaft nahm eine durchaus +moderne Subtilität der Farbengebung und reiche Nuancierung an. + +Ich dachte einen Augenblick an unsere durchgeistigte Pariser Umgebung mit +ihren unendlich zarten Farben und gedämpften Tönen, hier ist mehr Einfalt +und Aufrichtigkeit, hier war alles einfach rosa und blau auf der Grundlage +eines schönen grauen Bodens. + +Mein Fuhrmann, der mit seinem Pferde nicht fertig wurde, hat mir eine Gerte +überreicht, um damit auf das Tier zu schlagen: ich mußte wie eine +Gliederpuppe aussehen. Wir fuhren an den Kalvarien vorüber, welche die +Dörfer der Maasgegend beschirmen, einige Bäume, die ein Kreuz umgeben. + +Den 24. Nov., 15 1/2 Uhr, auf einem Rückmarsche. + +Ich habe soeben einen Brief vom 16. und eine Karte erhalten und einen +lieben Brief vom 18. Die beiden letzteren melden, daß meine Sendung +angekommen ist. Wie froh bin ich darüber! Einen Augenblick fragte ich mich, +ob ich Dir diese Eindrücke schicken sollte, aber unser Leben war nie und +wird nie etwas anderes sein als ein stetes Forschen in der Gegend der +ewigen Wahrheiten, ein inbrünstiges Betrachten von dem, was jeder Anblick +auf Erden davon bietet. Daher bereue ich es nicht, Dir diese kurzen +Bemerkungen geschickt zu haben. + +Die heftigsten Leiden für mich waren die der Regentage im September. Sie +haben übrigens für alle eine schmerzliche Erinnerung zurückgelassen. Wir +schliefen umklammert, Gesicht an Gesicht, die Hände übereinandergeschlagen, +in einer Überschwemmung von Wasser und Schlamm. Nie hätte man sich von +unserer trostlosen Lage eine Vorstellung machen können. + +Um das Maß unserer Leiden voll zu machen, nach diesen entsetzlichen +Stunden, meldet man, daß der Feind seine Maschinengewehre auf uns richtet +und daß wir ihn angreifen sollen. Mittlerweile sind wir abgelöst worden und +die Entspannung war stark. + +Mein unvollendetes Gedicht: »Soleil si pâle« . . . bezieht sich auf die +Tage des 11., 12. und 13. Oktobers, und überhaupt auf die Zeit der Kämpfe +in den Wäldern, die für unser Regiment vom 22. September bis zum 13. +Oktober dauerten. Gewisse Sonnenaufgänge über den Opfern des Kampfes haben +mich innerlich bewegt. Seitdem habe ich nichts mehr geschrieben, außer +einem Gebet, das ich Dir vor fünf oder sechs Tagen geschickt habe. Ich habe +es auf jener Straße verfaßt, die ich durchwandern mußte. + +Den 25. November, morgens. + +. . . . Gestern, während dieses Marsches habe ich in einer Landschaft +meiner geliebten alten Meister gelebt. Als wir aus den Wäldern +heraustraten, da wir, einer Straße entlang, herabstiegen, hatten wir in +unserer Nähe einen weiten, schloßartigen Hof, von einer entlaubten +Baumgruppe gekrönt, neben einem zugefrorenen Teich. + +Fernerhin, in der verkürzten Perspektive, die meine lieben Maler trotz +ihrer scheinbaren Einfalt so geschickt anwandten, stellte eine Straße, die +ihre Windungen, ihre Senkungen und Steigungen entrollte, die Verbindung +zwischen Büschen, einzelnen Bäumen her: alles scharf, feingegliedert, wie +radiert, und doch rührend. Eine kleine Brücke führte über einen Bach, ein +Reiter ritt in der Nähe der kleinen Brücke vorbei, bis ins Einzelnste +scharf umrissen, dann ein kleiner Wagen: abgetönte und doch bestimmte +Farben in seiner Harmonie, -- all das vor einem Horizont von majestätischen +Wäldern. Ein grauer Himmel, der die ganz moderne Farbensymphonie von +vorigem Sonntag aufhob und mich zu jener eindringlichen Peinlichkeit der +Wiedergabe zurückführte, die uns bei einem Breughel und andern Meistern, +deren Namen mir entfallen, bewegen. Derart ist auch die wohlgeordnete, +durchsichtige, reiche Anordnung der Hintergründe von Albrecht Dürer. + +Den 26. November. + +Geliebte Mutter, ich bin nicht dazu gekommen den gestrigen Brief zu +vollenden. Wir waren sehr beschäftigt. Heute ist es noch Nacht. Aus meiner +Höhle, die ich in der Feuerlinie erreicht habe, schicke ich Dir meine +innige Liebe und den Ausdruck des großen Glückes, das ich habe. Ich fühle, +wie mein Werk in mir reift. Was ist daran gelegen, wenn die Vorsehung mir +nicht gewährt es zu verwirklichen? Ich habe die feste Hoffnung, vor allem +vertraue ich in die ewige Gerechtigkeit, welche Überraschung sie auch der +menschlichen Vorstellung, die wir uns von ihr machen, bereiten mag. . . . . + +Den 28. November. + +Die Stellung, die wir einnehmen, nähert uns dem Feinde auf 45 Meter. Der +Anblick der Laufgräben ist seltsam und wirkt sogar malerisch durch eine +Herbheit der Linien, die der graue Himmel noch verstärkt. + +Wenn unsere Truppen, nachdem sie nächtlicher Weile die Wachsamkeit des +Feindes getäuscht haben, von dem Tale herkommend, die halbe Höhe, deren +Abhang uns vor dem Gewehrfeuer schützt, erreichen, treffen sie in den Hügel +eingegrabene Unterschlüpfe, Höhlen, wo die Abteilungen, die nicht auf Wache +sind, Schlaf und die Wärme eines rasch gebauten Heims finden. Weiter +draußen, gerade an der Stelle, wo die freiliegende Landschaft herrlich wird +durch Weite und Beleuchtung, beginnt der gewundene Einschnitt, den man +Verbindungsgraben[*] nennt und in den man eindringt. So gelangt man +unbemerkt in den Schützengraben, wo sich ein wahrhaft kriegerisches, +ernstes Bild, dem es an Größe nicht fehlt, darbietet, ein tiefer schmaler +Gang, dessen Decke der graue Himmel ist, und dessen Erdverkleidungen von +frischem Schnee bedeckt sind. Hier stehen die letzten Einheiten der +Infanterie; Einheiten von gewöhnlich schwachem Bestand. Der Feind ist hier +schon weniger als hundert Meter entfernt. Von hier aus geht der +Verbindungsgang weiter, immer gewundener und tiefer; in ihm empfinde ich +das, was ich stets bei der Berührung mit frischaufgerührter Erde fühle. Der +durch Erdarbeiten aufgewühlte Boden erweckt in mir etwas, wie wenn die +Kräfte der aufgerissenen Erde in mich drängen und mir die Geschichte des +Lebens erzählten. + +In diesen Klüften arbeiten zwei oder drei Schanzengräber des Geniekorps, +verlängern sie, graben sie tiefer, von den Deutschen beobachtet, die +bisweilen ungenügend geschützte Stellen erreichen können. Auf diesem +äußersten Punkt steht der letzte Infanterieposten (etwa vierzig Meter vom +Feind). + +[Fußnote *: »boyau de communication.«] + +Du kannst Dir den Gegensatz dieser militärischen Einrichtung und des +Friedens denken, der an dieser Stelle zu herrschen pflegte. Stelle Dir mein +Erstaunen vor, wenn ich mich erinnere, daß in dem Bereich meines Blickes +der Landmann seinen Pflug lenkte und diese Sonne, deren Glorie ich erspähe, +wie der Gefangene die Freiheit, ihm auf dieser Anhöhe gespendet wurde. + +Wenn ich dann in der Dämmerung in die Ebene hinaustrete, welche Wonne! Ich +will Dir nicht davon sprechen, denn ich verschweige noch mein Glück. Ich +darf es nicht offenbaren: es ist ein Vöglein, das die Stille liebt. . . . +Begnügen wir uns damit, was das Wesentlichste ist, von dem Glück zu +sprechen, das sich nicht aufscheuchen läßt: uns in gleichem Maße auf alles +vorbereitet zu fühlen. + +Den 29. Nov., morgens, im Quartier. + + Teuerste Mutter! + +Gestern habe ich die Feuerlinie bei schlechtem Wetter verlassen, das in der +Nacht nach meiner Ankunft in Regen überging. Ich sehe ihn von meinem +Lieblingsfenster aus als Nebel fallen. Wenn Du willst, erzähle ich Dir von +den gestern flüchtig gesehenen Wundern. + +Von der in meinem gestrigen Brief beschriebenen Stellung aus sieht man, wie +ich es Dir oft schon geschrieben, den herrlichsten Horizont. Gestern nun +zerfetzte ein fürchterlicher Wind einen Schleier von sehr niedrigen Wolken, +die an den Höhen hängen blieben. Vielleicht wird Dir der Hintergrund meines +Haheyna eine schwache Vorstellung von dem geben, was ich gesehen habe. Doch +um wie viel erhabener und stürmischer war mein gestriges Fühlen! + +Die Hügel und Täler gingen abwechselnd von Schatten in Licht über, bald +scharf umgrenzt, bald verschleiert, je nachdem die Nebel sie enthüllten. Am +Himmel große hellblaue lichtumflossene Lücken. + +Das war die Pracht des gestrigen Tages. Soll ich Dir von den letzten +Abenden erzählen, wo der Mond auf die Landstraße mir die zierliche +Verästelung der Bäume abzeichnete, die Tragik der Kalvarien, das rührende +Bild der Häuser, von denen man weiß, daß sie Ruinen sind und welche die +Nacht wie ein Bild des Friedens erstehen läßt. + +Ich freue mich zu sehen, daß Du Verlaine liebst. Lies das schöne Vorwort +von Coppée, welches die Sammlung der ausgewählten Werke eröffnet, die Du in +meiner Bibliothek finden wirst. + +Seine Frömmigkeit ist von einer Unmittelbarkeit, ich möchte beinahe sagen +von einer Sinnlichkeit, die mich immer etwas irre macht, gerade weil sie +der katholischen Frömmigkeit eigen ist, deren bildliche Erscheinung mir +immer fremd bleiben wird. Aber was für ein Dichter! + +Er ist meine fast tägliche Wonne in Paris und hier kommen mir oft die +Weisen seiner »Paysages Tristes«[*] in den Sinn; denn sie geben genau die +Stimmung mancher Stunden wieder. Sein Leben ist rührend wie das eines +kranken Tieres und man staunt darüber, daß eine solche Verkommenheit die +köstlichen Blumen seiner Poesie nicht verwelken ließ. Seine Belehrung, eher +die eines Künstlers als die eines Denkers, kam infolge einer Umwälzung in +seinem Leben nach schweren Vergehungen. (Er war im Gefängnis.) + +In »Le Lys Rouge« hat Anatole France unter dem Namen Choulette ein +lebensvolles Bild von ihm entworfen; vielleicht findet sich dieses Buch bei +uns. + +Die Poesie in »Sagesse« wirkt wunderbar und erbaulich durch den Schwung, +die Leidenschaft der künstlerischen Absicht, der Neue. Es ist etwa wie wenn +der Aufschrei der »Mainacht« durch sein ganzes Werk hindurch erklänge. + +Unsere beiden stärksten poetischen Begabungen im vergangenen Jahrhundert, +Müsset und Verlaine, waren zwei Unglückliche, deren doch so herrliche und +berauschende Blumenpracht keine innere Stütze aufrecht hält. Ich langweile +Dich vielleicht, indem ich Dir von gleichgültigen Dingen erzähle, aber es +versenkt mich wieder ein wenig in mein vergangenes Leben. Seitdem ich das +Glück habe Deine Briefe zu empfangen, habe ich nichts mehr aufgezeichnet. +Glaube ja nicht, daß die Nebensachen mich das, was wir ersehnen und +erhoffen, vergessen lassen; doch ich glaube, daß was den Schmuck des Lebens +ausmacht, gerade das ist, was es für uns beide kostbar macht. + +[Fußnote *: In der Sammlung Poèmes Saturniens. (D. Übers.)] + +Ich erwarte Briefe von Dir seit dem letzten vom 22.; doch ich werde sicher +einen hier im Quartier vorfinden. Ich danke Dir für das angekündigte +Packet. Arme Mütter, wie sie alle sich quälen! + +Den 1. Dezember, morgens, im Quartier. + +Ich erinnere mich, wie ich mich freute, wenn ich als dienstfrei mich von +meinen militärischen Obliegenheiten entbunden sah. Es schien mir, als wären +mein Leben und meine Laufbahn unwiderruflich verloren, wenn ich mit sieben +und zwanzig Jahren wieder zum Regiment müßte. Und nun bin ich mit acht und +zwanzig Jahren tief im Soldatenleben drin, fern von meinen Arbeiten, meinen +Sorgen, meinen ehrgeizigen Plänen, und nie hat mir das Leben eine solche +Fülle von erhabenen Eindrücken gebracht: niemals vielleicht fand ich, um +sie aufzuzeichnen, eine solche Fülle der Empfänglichkeit, eine solche Ruhe +des Bewußtseins. Das sind also die Gnadengaben einer Lage, die meine +vernünftigen menschlichen Voraussichten mir als ein Verhängnis erscheinen +ließen. Hier wirkt die von der Vorsehung mir beschiedene Lehre weiter, die +allen meinen Befürchtungen zum Trotze, Segen in jede Veränderung meiner +Lage hineinlegt. + +Die beiden letzten Sonnenaufgänge gestern und heute waren wundervoll. +. . . + +Ich habe Lust für Dich eine kleine Skizze von der Aussicht meines Fensters +zu machen. . . . + +. . . . Ich mache es aus dem Gedächtnis, aber darüber stelle Dir die +ergreifendsten Purpurstreifen vor und rechts und links noch endlose +Ausdehnungen. Das zu betrachten war mir in der letzten Zeit mehrmals +gegönnt. Augenblicklich bringt ein lieblicher Himmel Harmonie in die +Obstgärten, in denen wir arbeiten. Mein kleines Amt befreit mich für einige +Zeit von der Hacke. Das sind die Freuden, die von ferne mir als +Katastrophen erschienen. + +Den 1. Dezember, 2. Brief. + +Ich habe soeben Deine Briefe vom 25., 26. und 27. erhalten, sowie einen +lieben Brief von Großmutter, die so tapfer, so seelenvoll, so geistig +frisch ist. Er machte mir viel Freude und bringt mir eine köstliche +Hoffnung, deren glückliches Omen ich mit Freude annehme. Jeder Deiner +lieben Briefe gibt mir auch, was das Leben für mich Schönstes hat. Mein +heutiger erster Brief antwortet auf das, was Du mir von der Annahme der +Prüfungen und Zerstörung der Götzenbilder sagst. Du siehst, daß ich ganz +wie Du denke und ich hoffe, daß ich zur Stunde kein allzu hemmendes +Götzenbild im Herzen trage. . . . + +Ich glaube, daß mein letztes Gebet in der Tat sehr einfach ist. Die +Eingebung des Ortes hätte ein Gewand von zu überladener Kunst nicht +geduldet. Gott war überall und überall Harmonie: die nächtliche Straße, von +der ich Dir oft erzähle, der Himmel voll Sterne, das Tal voll Murmeln der +Gewässer, die Bäume, die Kalvarien, die nahen oder fernen Hügel. Für etwas +Künstliches wäre kein Platz gewesen. Ich brauche nicht darauf zu +verzichten, Künstler zu sein; denn ich hoffe immer aufrichtig zu sein und +meiner Kunst mich nur zu bedienen, um damit eine Überzeugung zu schmücken. + +Den 5. Dezember, morgens. + +. . . . Wir treten aus unsern Höhlen heraus, und auf die drei Tage +klösterlicher Einschließung folgt der Morgen auf der weiten Ebene. Man kann +sich keine Vorstellung von dem Durcheinander machen. -- Dein hübsches +Viertelchen aus Aluminium entzückt jedermann. + +Ist's schlimm mit der Wunde von André? Die Mütter stehen furchtbare Angst +aus in diesem Krieg; doch immer mutig, nichts wird verloren sein! Ich für +mein Teil befinde mich wohl und bin so glücklich als es die Umstände +ermöglichen. + +Heute furchtbarer Wind, der wundervolle Wolken treibt. Kräftige Luft, mit +der die Baumäste sich gut abfinden. Alle vergangenen Abende herrlicher +Mondschein, den wir umsomehr zu schätzen wußten, als das Tageslicht uns +entzogen war. Teure Mutter, ich schreibe heute schlecht, weil wir durch das +Tageslicht wie betäubt sind, nach den Stunden in der Finsternis, aber mein +Herz eilt Dir zu und findet in Dir seine Stütze. + +. . . Laß uns an alles mit mutigem Sinn herantreten: laß uns immer und in +allen Dingen auf Gott vertrauen. Wie fühle ich mit Dir, daß man Ihn nur im +Geiste anbeten kann! Und mit Dir denke ich, daß man allen Hochmut meiden +muß, der ein Hohn auf die frommen Gebräuche der andern wäre. Unsere Liebe +soll ein der allgemeinen Vorsehung zugewandter Bund sein. Übergeben wir ihr +unser Los in einem beständigen Gebet. Gestehen wir ihr demütig unser +irdisches Hoffen und versuchen wir jeden Augenblick mit der göttlichen +Weisheit es zu vereinigen. Das ist eine Aufgabe, deren Schwierigkeit sich +jetzt offenbart, die aber auch unter den gewöhnlichen Lebensbedingungen +besteht. + +Sonntag, den 6. Dezember. + +Ich freue mich, Dich so standhaft dem Mute zugerichtet zu sehen. Wir +brauchen ihn oder vielmehr wir brauchen etwas, was schwer zu erlangen ist, +was weder Geduld noch allzustarke Zuversicht ist, sondern ein gewisses +Vertrauen in die Ordnung der Dinge, -- ein gewisses Vermögen, von jeder +Prüfung zu sagen, daß es so recht, ist. + +Unser Lebenstrieb bringt uns dazu, uns von den gegenwärtigen +Verpflichtungen frei zu machen, wenn sie zu grausam und häufig sind; aber +Du hast sehen können, wie auch ich die große Freude hatte es zu erfahren, +was Spinoza unter der menschlichen Freiheit verstand. Ein unerreichbares +Ideal, dem man trotzdem zustreben muß. . . . + +. . . Liebe Mutter, die Prüfungen, die wir annehmen müssen, sind lang; man +kann nicht sagen, daß sie eintönig sind; denn sie verlangen, trotz ihrer +gleichmäßigen Gestalt, einen stets erneuten Mut, halten wir zusammen, damit +Gott uns die Kraft und die Möglichkeit gibt, alles hinzunehmen! . . . + +Du weißt, was ich Religion nenne: was im Menschen alle seine Vorstellungen +vom Universellen und Ewigen, diesen beiden Formen des Göttlichen, +vereinigt. Die Religion, im gangbaren Sinne des Wortes, ist weiter nichts +als die Verbindung gewisser sittlicher und erzieherischer Formeln mit der +wunderbaren poetischen Gestaltung der kraftvollen biblischen und +christlichen Philosophien. Wir wollen niemanden verletzen. Bei richtiger +Betrachtung erscheinen mir die religiösen Formeln, so fremd sie auch den +Forderungen meines Intellektes sind, lobenswert und sympathisch, insoweit +sie ein Streben nach Schönheit und Form ausdrücken. + +Teure geliebte Mutter, hoffen wir immer; die Prüfungen sind mannigfaltig, +aber alles Schöne verbleibt. Flehen wir darum, es noch lange betrachten zu +dürfen. . . . + +Montag, den 7. Dezember. + + Vielgeliebte teure Mutter! + +Ich schreibe Dir in der Nacht . . ., übrigens ist um 6 Uhr morgens das +Soldatenleben in vollem Gang. Meine Kerze ist auf ein Bajonnett +aufgepflanzt und von Zeit zu Zeit bekomme ich einen Wassertropfen auf die +Nasenspitze. Meine Leidensgefährten versuchen ein trügerisches Feuer +anzuzünden. Der Aufenthalt in den Schützengräben verwandelt uns in Haufen +von Schlamm. + +Die allgemeine gute Laune ist wunderbar. So sehr sich die Kameraden nach +Hause zurücksehnen, sie ertragen nicht weniger heldenhaft die Wechselfälle +des Waffenhandwerks. Ihr Mut, unendlich weniger durchgeistigt als der +meinige, ist umso werktätiger und den Verhältnissen angepaßter; aber jeder +Vogel hat seinen Schrei, der meinige hat nichts von dem eines Kriegsvogels. +Ich bin froh, daß ich bei allen Stößen von außen innerlich mitgeschwungen +habe und setze meine Hoffnung darein, daß sie meine Seele gestählt haben. +So lege ich auch in Gott mein Vertrauen für alles, was er mir vorbehalten +will. + +Ich glaube mein künftiges Lebenswerk zu ahnen. Doch ich will aus dieser +Vorahnung keinen Schluß ziehen; denn ein jeder Künstler trug ein Werk in +sich, das das Tageslicht nicht gesehen hat. + +Mozart dachte daran, seinen Aufflug zu nehmen, als er dem Tode nahe war, +und Beethoven hat die zehnte Symphonie entworfen, ohne sich um die Kürze +der Zeit zu kümmern, die das Schicksal ihm übrig ließ. + +Die Pflicht des Künstlers ist, seine Knospen aufblühen zu lassen, ohne den +Frost zu fürchten, und vielleicht erlaubt es Gott, daß mein Bemühen in die +Zukunft weiterwirkt. Meine Versuche und Proben meiner Arbeit zeigen, +obgleich sie sehr einheitlich sind, noch etwas Kindliches, Stammelndes in +der Ausführung, das zu der wirklichen Höhe der Auffassung wenig paßt. Wie +mir scheint, wird meine Kunst erst in der Reifezeit meines Lebens sich voll +entfalten. Beten wir zu Gott, daß er mich dahin gelangen lasse. . . . + +Was Dein Herz anbelangt, so habe ich ein solches Vertrauen in Deinen Mut, +daß diese Zuversicht in dieser Stunde mein größter Trost ist. Ich weiß, daß +meine Mutter zu der Freiheit der Seele gelangt ist, welche das Wirken des +Weltalls zu betrachten uns erlaubt. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie +diese Weisheit nur Stückwerk ist, aber es heißt schon Gott besitzen, wenn +man ihn ahnt.[*] Die Zuversicht, die mir Deine Seele und Deine Liebe +verleihen, erlaubt mir an die Zukunft zu denken, unter welcher Gestalt es +auch sein mag. + +Den 9. Dezember. + +Liebe Mutter, in seinem reizenden Brief sagt mir P. L., daß er gerne seine +Philosophen gegen ein Gewehr vertauschen würde. Er hat sehr Unrecht. Einmal +ist Spinoza, der ihm zuwider ist, ein wertvoller Helfer in den +Schützengräben, und dann müssen diejenigen, die in der Lage sind, jede +Kultur und jeden Fortschritt auszunutzen, den Fortbestand des französischen +Geisteslebens sichern. Sie haben eine erdrückende Aufgabe, die viel mehr +Tatkraft verlangt als die unsrige. Wir sind von allem Zwang befreit. Ich +denke mir unser Leben wie das der ersten Mönche: eine harte, gleichmäßige, +von jeder äußeren Obliegenheit freie Regel. . . . + +Den 10. Dezember, in der wunderschönen Morgenstunde. + +Unser dritter Tag im Quartier bringt uns die liebliche Gabe eines +versöhnten Wetters. Die entfesselte Sintflut unseres Aufenthaltes in der +Feuerlinie beruhigt sich etwas und die Sonne zeigt sich schüchtern. + +[Fußnote *: Vergleiche Pascal in Le Mystère de Jésus: »Tröste Dich, Du +würdest, mich nicht suchen wenn Du mich nicht schon gefunden hattest.« (Der +Übers.)] + +Unsere seit zwei Monaten angenehme Lage muß sich notwendigerweise ändern. + +Da die Festigkeit der Stellungen den Krieg ins Endlose zu verlängern +drohen, wird der Angriff des einen der beiden Gegner die Bewegung in Fluß +bringen und die Ereignisse beschleunigen müssen. Ich glaube, daß die +Kriegsleitung diese Wendung der Dinge ins Auge faßt, und ich für mein Teil +wage es kaum, Dir zu sagen, daß ich mich über nichts beklage, was die +Gelegenheiten, Erfahrungen zu sammeln, vermehrt. + +Unser Leben, das zu einem Drittel plattbürgerlich ist, zu zwei Dritteln die +Gefahren einer chemischen Fabrik bietet, würde schließlich jede Empfindung +abstumpfen. Sicherlich werden wir nur ungern unsere Gewohnheiten aufgeben, +aber vielleicht waren wir eben zu sehr an eine gewisse Bequemlichkeit +gewöhnt, die auf die Dauer unmöglich wurde. + +Was mich betrifft, wird meine Stellung sich vielleicht verändern. Ich werde +wahrscheinlich meinen gewohnten Gang[*] aufgeben müssen, da ich als +Gefreiter vorgeschlagen bin, was mir einen ständigen Platz im +Schützengraben und andere Verwendung in der Feuerlinie anweisen wird. Ich +hoffe, daß Gott mich hierbei ebenso segnen wird wie bis jetzt. + +[Fußnote *: S. Brief vom 10. November, 11 Uhr. (D. Übers.)] + +. . . . Ich fühle, daß wir um nichts zu bitten brauchen. Wenn in uns etwas +Ewiges ist, was wir noch auf Erden betätigen sollen, so dürfen wir sicher +sein, daß Gott uns hier lassen wird, um es zu tun. + +Den 10. Dezember, 2. Brief. + +Glücklicherweise haben wir ein Gebiet, auf dem alles uns vereinigt, ohne +daß ein geschriebenes Wort nötig wäre. . . . + +Der Himmel wird wieder grau und kündigt einen feuchten Aufenthalt für +unsere zweiten und ersten Linien an. + +Der Tag geht zur Neige und die große Schwermut senkt sich auf alle Dinge. +Es ist die graue Stunde für alle, die in der Ferne sind, für alle +Soldatenherzen, die an das Heim zurückdenken und die Nacht über die Erde +kommen sehen. + +Ich gehe zu Dir und schon erwarmt mein Herz. Ich fühle Deine aufmerksame +Zärtlichkeit und die Weisheit, welche Deinen Mut beseelt. Manchmal scheue +ich mich, Dir immer dasselbe zu wiederholen; aber wie soll ich neue Worte +finden für meine arme, durch immer dieselben Wechselfälle hin und her +geworfene Liebe? Da wir bald von hier fortkommen, werden wir vielleicht +manche Andenken, die wir aufbewahrten, verlassen müssen; aber die Seele +darf sich nicht an Fetische festklammern. Unser Herz mag manchmal gewisse +Dinge benutzen, aber unsere Liebe kann ohne Amulett bestehen. + +Den 12. Dez., 10 Uhr (Postkarte). + +Lieblicher Tag im Regen. Alles steht gut in unsern Wäldern. In der Nähe hat +es furchtbaren Kanonendonner auf beiden Seiten gegeben. + +Deine Briefe vom 4. und 6. empfangen. Ich freue mich darüber. Es ist das +wahre Glück meines Lebens. Ich bin froh, daß Du C. . . . besucht hast. Ich +hoffe Dir ausführlicher zu schreiben. Nicht als ob es mir mehr als sonst an +der Zeit fehlte, aber ich durchlebe Tage, wo ich für die Schönheit der +Dinge weniger empfänglich bin. Ich strebe der wahren Weisheit zu. . . . + +Den 12. Dez., 7 Uhr nachmittags. + +Trotz der wechselnden Schönheit der Sonne und des Regens war ich heute für +das Schauspiel der Natur nicht empfänglich. Und doch war nie soviel Anmut +und Güte am Himmel. + +Die Landschaft mit dem Brücklein und seinem Reiter, von der ich Dir +erzählte, wurde von weicher Anmut unter der Pracht der Wolken durchdrungen. +Aber ich empfand nicht wie früher den Segen Gottes, als plötzlich ein +schöner, so schöner Baum zu meinem Herzen gesprochen hat. Er hat zu mir von +der stets lächelnden Schönheit, der Frische des Epheus, geredet, von der +herbstlichen Röte, von der winterlichen Schärfe der Zeichnung in den +Baumästen; da habe ich begriffen, daß eine Stunde in solcher Betrachtung +das ganze Leben ist, dem Dasein seinen Wert verleiht, neben dem alles +menschliche Erwarten nichts ist als ein böser Traum. + +Sonntag, den 13. Dezember. + +. . . . Ich ging heute nach einer erquickenden Nacht in diesen Wäldern +spazieren, wo vor nunmehr drei Monaten die Toten den Boden bedeckten, heute +breitete der Spätherbst seine Schätze aus und dieselbe Schönheit der +bemoosten Stämme redete zu mir, wie gestern, von ewiger heiterer Anmut. + +Es bedarf allerdings einer ungeheuren aber unerläßlichen Selbstüberwindung, +um zu begreifen, wie wenig die allgemeine Harmonie gestört wird durch die +Ereignisse, deren Anblick unser Empfinden gewaltsam erschüttern. + +Man muß durch Erfahrung erkennen, daß ein körperlicher Riß wenig bedeutet +und daß unser wahres Ich in dem Aufschwung der Seele liegt. + +Den 14. Dezember (bei herrlichem Wetter und wiedergewonnener +Seelenruhe). + +Wir sind jetzt wieder in unserem Abschnitt der Feuerlinie, aber an einer +Stelle, wo man den Kopf heben und die Anmut meiner teuern Maashügel +genießen kann, die eine zarte Beleuchtung aufheitert. + +Ich sehe über den Dörfern und den Obstgärten die Birken- und Tannenreihen. +Die einen färben ihr Baumskelett mit duftigem, weißgeädertem Violett, die +andern unterstreichen die Horizontlinie mit ihren satten Farben. + +Ich wurde innerlich gestärkt durch die wunderbare Lehre, die mir während +eines Marsches ein schöner Baum gegeben. Ach, liebe Mutter, alles an uns +kann untergehen, die Natur besteht darum nicht weniger herrlich und, was +sie mir in Augenblicken von ihren Gaben geschenkt, genügt, um ein ganzes +Leben zu rechtfertigen. Dieser Baum war wie ein Soldat! + +Du kannst Dir nicht vorstellen, wie viel die Wälder in dieser Gegend +gelitten haben: nicht sowohl durch Beschießung als durch das furchtbare, +für den Bau von Unterständen und unsere Heizung notwendige Abholzen. Und +doch mitten in dieser Verwüstung erzählte mir dieser Baum, daß für den Baum +und den Menschen Schönheit immer bestehen wird. + +Auch der Mensch gibt dieselbe Lehre: Sie ist schwerer in ihm zu entziffern, +ist aber schön, wenn man die wundervolle Lebenskraft dieser Jugend sieht, +deren Tatkraft durch die Ernte des Todes nicht vermindert wird. + +Den 15. Dezember, in der Frühe. + + Teure geliebte Mutter! + +Ich habe Deinen lieben Brief vom 9. erhalten, in dem Du von unserm Heim +erzählst. Ich bin glücklich zu fühlen, wie schön die Lebenskraft ist, die +rasch nach jeder Trennung, jedem Riß sich wieder einzurichten weiß. Ich bin +glücklich zu fühlen, daß meine Briefe in Deinem Herzen einen Wiederhall +finden. Oft fürchtete ich Dich zu ermüden; denn unser Leben, das in mancher +Hinsicht herrlich ist, ist das denkbar einfachste und bietet wenige +hervorstechende Ereignisse. + +Wenn ich mein Malerhandwerk ausüben könnte, hätte ich die schönsten +Gelegenheiten zum Sehen vor mir und würde über den umfassendsten Vorrat an +malerischen Eindrücken, den es geben kann, verfügen. Wenn ich aber versuche +Himmel, Bäume, Hügel und Horizont zu erzählen, gebrauche ich die Worte +nicht so feinfühlig wie die Farben und die unendliche Mannigfaltigkeit der +Bilder beschränkt sich in der Wiedergabe auf einige Grundformen, die, wie +ich fürchte, sich wiederholen . . . . + +Den 15. Dezember. + +. . . Man muß sich diesem eigentümlichen Dasein anpassen, das zugleich arm +an geistiger Tätigkeit und wunderbar reich an plötzlichen seelischen +Erregungen ist. Ich stelle mir vor, daß in unruhigen Zeiten, vor +Jahrhunderten, Männer, des überfeinerten Lebens überdrüssig, im Frieden des +Klosters die Betrachtung der ewigen Fragen aufsuchen und, wenn auch durch +die Drohung feindlicher Horden belästigt, dort eine Zufluchtsstätte finden +mochten. Ich stelle mir vor, daß unser Leben dem Leben dieser alten Mönche +gleicht, deren Dasein sehr kriegerisch war, die mehr als ich für den Kampf +geeignet waren. Unter ihnen konnten empfängliche Seelen Freuden genießen, +die ich heute wiederfinde. -- Ich erhalte heute einen rührenden Brief von +Frau M. . . ., deren Herzlichkeit ich liebe. + +Wechselndes, doch ergreifend schönes Wetter. + +Es ist unmöglich, mehr als wir getan, über die Haltung zu sagen, die wir +den Ereignissen gegenüber einnehmen müssen. Worauf es ankommt, das ist die +Ausführung. Sie ist nicht leicht; ich habe es dieser Tage erfahren, +obgleich keine neue Schwierigkeit meinem Bemühen, die Weisheit zu +erreichen, in den Weg trat. + +. . . Manchmal faßt man eine gewisse innere Unruhe, die an einem nagt, als +die Stimme eines wachsamen Gewissens auf. + +Den 16. Dezember. + +Hier in unsern Unterständen habe ich Dein kleines, leider arg zerknittertes +Skizzenbuch hervorgeholt und habe versucht, einige Linien des +Landschaftsbildes zu zeichnen. Die Kälte ließ mich aufhören und ich kehrte +unbefriedigt zurück; da hatte ich den Einfall einen Kameraden Modell stehen +zu lassen. Ich kann Dir nicht meine Freude schildern, als etwas dabei +herauskam! Ich glaube, daß meine kleine Bleistiftzeichnung mir geglückt +ist. Sie ist in einem Briefe fort für irgend einen »Schatz«. Es war mir ein +wahrer Genuß zu fühlen, daß ich meine Fähigkeiten nicht eingebüßt habe. + +Den 17. Dezember in einem neuen Quartier. + +. . . Gestern wurden wir von unsern Gewohnheiten herausgerissen, im +Augenblick, wo ich, nach drei Tagen vollkommener Ruhe, die Schützengräben +erster Linie verließ. Man hat uns einen Standort angewiesen, wo wir den 6. +und 7. Oktober zugebracht hatten. Man spürt in der Luft, daß Neues im Anzug +ist. Ich weiß nicht was daraus wird; doch die heitere Ruhe des heutigen +Tages gilt mir als eine gute Vorbedeutung für alles Kommende. + +Es gab die letzten Tage wunderbare Anblicke, die ich jetzt besser inne +werde, als in jenen wenigen Tagen der Niedergeschlagenheit. Es kam daher, +daß ich mich kleinlichen menschlichen Berechnungen hingegeben hatte. + +Ich schreibe Dir an einem Fenster, von dem aus ich die Sonne untergehen +sehe. Du siehst, daß es für uns immer Gutes gibt. + +3 Uhr nachmittags. + +. . . . Ich schreibe an diesem Brief weiter in der Dämmerung eines +einzigartigen Winters; der Tag schläft ebenso friedlich ein wie er +erwachte. Ich sehe die Wäscherinnen unter der Baumreihe, die sich an einem +Fluß entlang zieht; der Friede ist überall, ich glaube selbst in den +Herzen. Die Nacht bricht herein. . . . + +Den 19. Dezember, im Quartier. + +Lieblicher Tag, der um den Tisch herum seinen Abschluß findet. Stille. +Zeichnen. Musik. Ich denke mit Ruhe an die Länge der kommenden Tage, indem +ich sehe, wie rasch die vergangenen Tage verflogen sind. Die Hälfte dieses +Monates ist nun vorüber, das Weihnachtsfest kommt, während des Krieges. Für +mich heißt es nur noch, mich unsern Lebensbedingungen wirklich anzupassen, +dann mit Hülfe unserer Gemeinschaft zu einer Annahme der Dinge zu gelangen, +die einer höhern Ordnung angehört als die menschliche Tapferkeit. + +Den 21. Dez., morgens früh. + + Teuerste Mutter! + +Ich habe in meinen Briefen mit Offenheit von meinen Freuden gesprochen, +aber die Klippe des Glückes ist, daß unsere arme menschliche Natur stets in +Angst ist, es zu verlieren, ohne zu erkennen, daß erfahrungsgemäß die ewige +Ordnung immer ein neues Glück neben das alte Glück stellt. + +Ich für mein Teil brauche kein neues zu suchen. Ich muß versuchen, beide +Weisheiten zu vereinigen. Die eine, die menschlich ist, treibt mich dazu +an, für mein Glück zu sorgen, die andere aber lehrt mich, daß dieses +menschliche Glück eine gar zarte Blume ist. + +Man könnte sagen: Genießen wir die Freuden des Lebens, die ein unerbittlich +strenges Gewissen ausgewählt hat, aber erkennen wir, was sie alle +Vergängliches in sich haben. + +Ja, die heilige Schrift enthält die schönste und poetischste Philosophie. +Ich glaube, sie verdankt sie ihrem Zusammenhang mit den viel älteren +Philosophien. Bei Edouard Schuré[*] ist manches anfechtbar, was man aber +behalten muß, ist seine Deutungsgabe, die ihn durch alle Lehren hindurch zu +der unendlich fernen Quelle der menschlichen Weisheit zurückgehen läßt. + +Weißt Du, daß die so rührenden mythischen Bilder von einem »guten Hirten« +und der »Mutter Gottes«, welche in unsern Religionen so glückliche +Anwendung gefunden haben, alte Schöpfungen der menschlichen Symbolik sind? +Die Griechen hatten sie von geistigen Vorfahren erhalten und bei ihnen hieß +der gute Hirte Hermes Psychopompos, Hermes der Seelenführer. Ebenso ist die +Ahnfrau unserer Muttergottes, die große Demeter, die Mutter, die ein Kind +auf ihren Armen trägt. Man fühlt, daß alle Religionen, in dem Maße, wie sie +sich ablösten, die eine auf die andere immer denselben Schatz von Symbolen +übertragen haben, welche die ewig jugendliche, menschliche Poesie jedesmal +neu gestaltete. + +[Fußnote *: E. Schuré, Les grands initiés.] + +Den 23. Dez. (in der Dunkelheit). + +Welche Ironie! Ich hatte gestern diesen Brief angefangen, den ich +unterbrechen mußte. Das Wetter war herrlich, ist es übrigens ungefähr +geblieben. Aber wir haben unsere Feuerlinie wieder bezogen. Diesmal halten +wir das Dorf selbst besetzt, -- die hübsche Corotlandschaft, wie vor zwei +Monaten. Aber die Stellung unseres Vorpostens befindet sich in einem Hause, +an dem man jede Ritze verschließen muß, um seine Gegenwart dem Feinde zu +verbergen. So sind wir in einem Zimmer, in dem wir um neun Uhr morgens uns +der Illusion hingeben können, als feierten wir den heiligen +Weihnachtsabend. + +Dein lieber Brief, den ich kürzlich erhielt, hat mir viel Freude bereitet. +Es ist wahr, die Anmut und die göttliche Begeisterung sind zwei Ausdrücke +für denselben Begriff. + +Wenn Du einen Gang im Museum des großen Dichters Moreau[*] machst, wirst Du +ein Gemälde sehen, »das Leben der Menschheit«,[**] glaube ich benannt. Es +besteht aus neun Abschnitten, welche drei Reihen bilden, die heißen: _das +goldene Zeitalter, das silberne Zeitalter, das eiserne Zeitalter_. Darüber +ist ein Giebelfeld, von dem aus Christus diese Darstellung der Menschheit +beherrscht. Darin aber hat dieser große Künstler dieselbe Vorstellung wie +Du: jede der drei Reihen trägt den Namen eines Helden, Adam, Orpheus, Kain +und jede von ihnen umfaßt drei Stunden. Die Stunden des goldenen Zeitalters +heißen: _die Entzückung, das Gebet, der Schlaf_, während die Stunden des +_silbernen Zeitalters_ heißen: _die Begeisterung, der Gesang, die Tränen_. + +[Fußnote *: Das Musée Gustave Moreau in Paris, Rue La Rochefoucauld.] + +[Fußnote **: S. L'Art de Notre Temps: Gustave Moreau par Léon Desbairs +(Abbildung s. 101, L'Age d'Airain) Paris. La Renaissance du Livre. (D. +Übers.)] + +Die _Entzückung_ ist auch die _Anmut_; denn das Gemälde stellt Adam und Eva +dar, in der Reinheit ihrer Seelen, inmitten einer herrlichen Blütenpracht +in die Betrachtung der Gottheit versenkt. Nichts außer einer harmonischen +Natur hilft ihnen in ihrem Anflug zu Gott. + +Die _Begeisterung_, in seinem _silbernen Zeitalter_ ist wieder die_ Anmut_, +aber schon, durch menschliche Künstlichkeit gestört. Der Dichter Orpheus +sieht immer noch Gott, aber die Muse steht ihm zur Seite, das Symbol der +menschlichen Kunst ist schon geschaffen; und die Offenbarung der Gottheit +im Menschen, der _Gesang_ ist von Tränen, dem Schmerze begleitet. + +Den Kreislauf weiter verfolgend und die Entweihung des Menschen erreichend, +schildert Gustave Moreau das _eiserne Zeitalter_: Kain zur Arbeit und zum +Verbrechen verurteilt. + +Dieses Werk erzählt, daß die göttliche Stunde greifbar, aber flüchtig ist +und daß sie der gewöhnliche Zustand des Menschen nicht sein kann. Es +entschuldigt unsere Niederlagen. Die malerische Wiedergabe dieses Gedankens +ist zu buchmäßig, könnte mancher sagen; doch sie berührt die Seele derer, +die durch die Eishülle hindurch lesen wollen, unter der in der menschlichen +Wiedergabe jeder Gedanke erstarrt. Freilich war ein Rembrandt der +vollkommene geniale Dichter und zugleich der reine »Maler«. Geben wir zu, +daß unsere Zeit weniger Reichtum, eine seltenere Vielseitigkeit der +künstlerischen Begabung aufweist; erkennen wir aber zugleich die Schönheit +der Dichtung von Gustave Moreau an, deren Sinn Du in zwei Worten geahnt +hast. + + Dein Sohn. + +Den 24. Dez., in der Frühe. + +Unsern ersten Tag auf Vorposten haben wir in der ländlichen Ruhe einer +Landschaft verbracht, die den Schnee erwartete. Er ist im Laufe der Nacht +gekommen. In Hintergärten, dem Auge der Deutschen entzogen, habe ich mir +den Schnee angesehen, der die kleinsten Gegenstände zeichnet und adelt. +Dann kehre ich zum Talglicht zurück und nun schreibe ich Dir auf dem +Tische, auf dem ein Nachbar Schokolade schabt. Das ist der Krieg. + +Das Soldatenleben bietet lustige Überraschungen. Wir mußten in die +Feuerlinie kommen, damit zwei Unteroffiziere eine Badewanne finden und ein +Bad nehmen können. Ich für mein Teil begnügte mich mit der Hülse einer +75ger Granate als Wasserkrug. + +. . . . Ich will nicht von Geduld sprechen, denn ein großer Vorrat von +Geduld kann vor dem uns bekannten X versagen. Ich sage Dir aber, daß die +Zeit außerordentlich rasch vergeht. + +Wir verleben kindliche Tage, übrigens sind wir Kinder solchen Ereignissen +gegenüber, und die Wohltat dieses Krieges wird sein, daß er denen, die +zurückkehren, die Jugend des Herzens zurückgeben wird. . . . + +Liebe Mutter, unser Dorf hat wieder den Besuch von zwei Granaten erhalten. +Werden sie in Begleitung kommen? Gott behüte uns! Letzthin hatten sie uns +hundert und fünfzehn geschickt, um einen Mann am Handgelenk zu verwunden. +Ein Haus, in dem ein Halbzug unserer Kompagnie wohnt, steht in Flammen. Wir +sehen niemand sich regen. Wünschen wir, daß für unsere Kameraden alles gut +verläuft. + +Ich bin herzlich froh, diese paar Monate verlebt zu haben. Sie haben mich +gelehrt, was man aus dem Leben machen kann, in welcher Form es sich uns +auch zeigen möge. + +Meine Kameraden sind wunderbar in ihren Offenbarungen französischer +Eigenart. . . . Sie scherzen, aber ihr Scherz ist die äußere Hülle eines +herrlichen seelischen Mutes. + +Mein großer Fehler als Künstler ist, die Seele meines Volkes stets mit +einem schönen, mit meinen eigenen Farben bemalten Gewande kleiden zu +wollen. Diese Menschen gehen mir manchmal auf die Nerven, wenn sie mein +schönes Kleid beschmutzen; in Wahrheit würde es sie arg daran hindern, ihre +Pflicht zu erfüllen, wie sie es tun. + +Weihnachten in der Frühe. + +Welche einzige Nacht! -- Nacht ohne Gleichen, in der die Schönheit siegte, +in der trotz ihrer blutigen Verirrungen, die Menschheit die Wahrheit ihres +Bewußtseins bewiesen hat. + +Wisse, daß bei gelegentlichem Gewehrfeuer, ein Gesang ohne Unterbrechung +auf der ganzen Schützenlinie sich erhob! + +Uns gegenüber sang eine wundervolle Tenorstimme das Weihnachtslied des +Feindes. Viel weiter zurück, hinter dem Höhenzug, dort wo unsere Linien +wieder anfangen, antwortete die Marseillaise. Die wundervolle Nacht +verschwendete ihre Sterne und Meteore. Hymnen, Hymnen überall. + +Es war die ewige Sehnsucht nach Harmonie, der unbezwingliche Aufschrei nach +Ordnung in Schönheit und Eintracht. + +Ich für mein Teil habe meine Erinnerungen eingewiegt, indem ich die +köstlichen Melodien der _Kindheit Jesu_[*] wachrief. Die jugendliche +Schönheit, die Taufrische dieser französischen Musik rührten mich. Ich +dachte an den berühmten _Schlaf der Wanderer_ und den Chor der Hirten. Ein +Satz, den die Jungfrau Maria singt: »Der Herr hat für meinen Sohn diese +Stätte gesegnet«, ließ mein Herz erzittern. Die Melodie sang in mir, +während ich in diesem Häuschen saß, dessen Nachbar in Flammen steht und das +selbst einem recht kümmerlichen Schicksal geweiht ist. + +Ich dachte an alle mir gewährten Freuden, ich dachte, daß vielleicht in +dieser Stunde Du für mich um Segen flehst über meine Zufluchtsstätte. Der +Himmel war so schön, daß er mir eine günstige Antwort zu gewähren schien; +ich wünschte aber ganz besonders die Kraft zu besitzen, um eines +fortwährend zu flehen, um Weisheit zu jeder Zeit, eine Weisheit, die zwar +menschlich ist, aber trotzdem vor jeder Überraschung sicher ist. + +Jetzt überflutet die herrliche Sonne die Ebene, und ich schreibe Dir beim +Kerzenlicht, von Zeit zu Zeit gehe ich aber und betrachte sie von den +Hintergärten aus. Alles ist licht, und die verlassene Ebene empfängt den +Frieden von oben. + +[Fußnote *: »L'Enfance du Christ«, von Hector Berlioz.] + +Ich gehe in unser Zimmer zurück, wo im Dämmerlicht die Kupferbeschläge der +wundervollen Betten der Maasgegend und das geschnitzte Holz der Schränke +schimmern. Alles hat durch den schlechten Gebrauch, den die Soldaten davon +machen, gelitten, verschafft uns aber eine wirkliche Behaglichkeit. Wir +haben Bestecke gefunden, Tafelgeschirr und haben zwei Tage nacheinander +Schokolade in einer Suppenschüssel bereitet. Üppigkeit! + +O liebe Mutter, wenn mir Gott die Freude der Rückkehr gewährt, welche +Jugend hat mir diese außerordentliche Zeit wieder geschenkt! Wie ich meinem +lieben P. schrieb, führe ich hier das Leben eines Kindes unter so +schlichten Menschen, daß wenn auch sehr vereinfacht, meine Lebensart für +meine Umgebung noch recht umständlich ist. + +Teuerste Mutter, dieser sehr lange Krieg entwickelt unsere Fähigkeit im +Dulden auszuharren; ich habe aber das Gefühl, daß sich alles so +verwirklicht, wie es mir vorauszuahnen vergönnt war. Ich glaube, daß diese +langen Zwischenzeiten der Untätigkeit das geistige Werkzeug in mir werden +ruhen lassen. Wenn ich das Glück habe, es wieder benutzen zu dürfen, wird +es zwar einige Zeit brauchen, um sich wieder in Bewegung zu setzen, aber +welche neue Triebkraft wird es besitzen! Mein letztes Werk war reine +Gedankenarbeit und mein Ehrgeiz, den alles rechtfertigen kann, ist meinem +Gedanken mehr greifbare Form zu verleihen, je mehr er sich entwickeln wird. + +Sonntag, den 27. Dezember, 9 Uhr. 5. Tag in der Schützenlinie. + +Es scheint, daß die fürchterliche Stellung, die wir am 14. Oktober mutig +behauptet haben und die unmittelbar darauf durch unsere Nachfolger verloren +ging, wieder genommen wurde, mehr als 200 Meter, aber um den Preis von 100 +Mann, die kampfunfähig sind. + +Liebe Mutter, der Mangel an Schlaf nimmt mir den Verstand. Man bedarf zwar +wenig davon für den täglichen Gebrauch in diesem Dasein, aber ich hätte +gerne mit Dir geplaudert. Mein Trost ist, daß unsere gegenseitige Liebe +keinen Ausdruck braucht. + +Weniges mitzuteilen. Ich bin arg abgestumpft durch den gestrigen Tag, den +ich ganz im Dunkeln zugebracht habe. Dabei sah ich noch von meinem Platz +aus einen hübschen Baum am Himmel. + +Diesen Morgen sah ich in der lieblichen Dämmerung einen schönen +außerordentlich leuchtenden Stern. Ich hatte Kohlen und Wasser geholt und +auf dem Rückweg war dieser außerordentliche Stern immer noch sichtbar, +obgleich der Tag schon hell war. Mein Gefreiter, der mit mir von Strauch zu +Strauch unserm Hause zustrebte, sagte mir: »Weißt du, was das ist, dieser +Stern? Nun! es ist das Erkennungszeichen für die feindlichen Patrouillen.« +Es war so, und zunächst war ich über die Entweihung des Himmels empört; +dann aber, abgesehen von der sinnreichen Erfindung dieses Verfahrens, sagte +ich mir, daß dieser Stern für die armen Leute auf der andern Seite die +Richtung der Rettung bedeutete. Ich habe ihm weniger gezürnt. Er hatte mir +so viel Freude gemacht, daß ich mich entschloß, bei meinem ersten Eindruck +zu verbleiben. + +Den 30. Dezember. + +Gestern abend empfing ich Deinen Weihnachtsbrief. Vielleicht hast Du zur +Stunde, wo ich Dir schreibe, den meinigen vom selben Tag erhalten. Damals +genoß ich trotz der Gefahr die Schönheit der Landschaft, heute aber muß ich +Dir gestehen, daß sie mir einigermaßen vergiftet ist durch das, was man von +dem letzten Gemetzel erzählt. + +Den 26. hat man uns in unseren Kampfstellungen gelassen, die wir zu +gewöhnlichen Zeiten nur nachts besetzen. Wir wurden an diesem Tage in +unserer rein defensiven Stellung bevorzugt, nur daß wir der feindlichen +Beschießung ausgesetzt waren; aber zu unserer Rechten erhielt ein Regiment +unserer Division, das eine unserer schrecklichen Stellungen vom 14. Oktober +einnahm, einen furchtbaren Auftrag, dessen unglücklicher Ausgang mehrere +hundert Menschenleben gekostet hat. Hier in unserm großen Dorf, wo unsere +gute Wirtin, wie wir auch, die Opfer kannten, ist alles in Trauer. + +Am selben Tage. + +. . . . Nichts greift die Seele an. Die Angst mag freilich manchmal groß +sein, besonders die Vorahnung; aber die Fragen der Zukunft ordnen sich der +willigen Annahme des Gegenwärtigen unter. Das Wetter ist mild und die Natur +gleichgültig. Die Toten werden den Frühling nicht stören . . . . + +Und wenn einmal die Schrecken des Augenblicks vorüber sind, wenn man dann +sieht, welchen Platz die Erinnerungen an die Dahingeschwundenen einnimmt, +empfindet man ein fast süßes Gefühl bei dem Gedanken an das, was _wirklich_ +_besteht_. In diesen düstern Wäldern erkennt man, wie nichtig die Gräber- +und Leichenfeiern sind. Die Seele dieser armen braven Menschen braucht das +alles nicht. . . . + +4 Uhr. -- Ich vollende das vierte Bild; ein Leutnant meiner Kompagnie. +Entzückt! Der Tag geht zur Neige. Ich sende Dir mein stets mutiges +Gedenken, Hoffnung und Weisheit. + +Vom 3. Januar 1915. + +. . . . Gestern, nach der ersten Befriedigung, die ich empfand, als ich +mich von den groben Arbeiten befreit sah, habe ich meine Stückchen Tressen +betrachtet und fühlte mich zunächst erniedrigt; denn statt der gewaltigen +an keinen Titel geknüpften Überlegenheit, die mich aus jeder militärischen +Bewertung ausschloß, war ich eine untere Nummer in der Rangordnung +geworden. + +Aber sofort fühlte ich, daß, so oft ich meine roten Tressen ansah, ich +meiner sozialen Pflicht mich erinnern müsse, die mein Individualismus zu +oft vergißt. Ich fühlte, daß ich meine Seele auszubilden immer in der Lage +bin, von ihr nur eine unbedingtere Anspannung werde verlangen müssen. + +Den 4. Januar (abgeschickt den 7. Januar) in einem Minengang + +Ich schreibe Dir am Eingang eines unterirdischen Ganges, der unter die +feindliche Stellung führt. Mein kleiner Posten hat den Auftrag, für die +Sicherheit der Pioniere des Geniekorps zu sorgen, die einen schon ein +Dutzend Meter vorgedrungenen Gang graben, mit Balken stützen und festigen. +Um dorthin zu gelangen, stampfen wir im Schlamm bis zu den Schenkeln; aber +unsere acht Stunden Wache sind durch eine Erdschicht von mehreren Metern +geschützt. + +Ich habe sechs Posten, mit denen ich drei Tage lang ein Dasein von +Schlaflosigkeit und Entbehrungen teile. Das ist das Einweihungsfest meiner +neuen Stellung, aber ich bin froh, mich wieder ein wenig in den Prüfungen +vergangener Tage zu stählen. . . . + +Es könnte übrigens geschehen, daß mir das Amt, das ich in Vertretung +versah, in einigen Tagen nunmehr wirklich übertragen wird. Scheußliches +Wetter: und um das Unglück voll zu machen, habe ich einen ganz neuen Schuh +verbrannt und bin, wie die andern übrigens auch, in einem wahren Bad, aber +in vortrefflicher Gesundheit. + +Teuerste, ich will etwas schlafen gehen. + +Den 6. Januar, abends. + +Teure Mutter, wir sind jetzt wieder im Quartier nach zweiundsiebzig Stunden +ohne Unterbrechung und Schlaf, in einem namenlosen Sirup von Regen und +Schlamm. Ich habe verschiedene Briefe von Dir erhalten. Liebe, teuerste +Mutter, der letzte ist vom ersten. Wie ich sie liebe! Doch um Dir von allem +erzählen zu können, will ich zuerst ein wenig schlafen. + +Den 7. Januar, gegen mittag. + +Diesen abgebrochenen Brief vollende ich im Polizeiraum, von wo mein Halbzug +auf Wache zieht. + +Das Wetter ist immer scheußlich. Diese Verschiebung des ganzen Daseins ist +unerhört. Wir sind im Wasser, die Wände sind voll Schlamm, der Boden und +die Decke auch. + +Den 9. Januar. + +. . . . Mancher Trost fehlt mir in diesen Tagen wegen des Wetters. Dieser +entsetzliche Schlamm erlaubt nicht das Geringste zu schauen. Ich schließe, +indem ich innig unsere Liebe, den festen Glauben an eine Gerechtigkeit +anrufe, die höher ist als unsere menschliche. + +Liebe Mutter, Sendungen brauche ich tatsächlich nicht. Die Entbehrungen +sind augenblicklich anderer Art, doch immer Mut. Wenn man nur sicher wüßte, +daß die seelische Anstrengung Früchte tragen wird! + +Den 13. Januar, im Schützengraben, in der Frühe. + +Ich möchte, wenn Ihr an mich denkt, daß Ihr das Bild von solchen Menschen +wachruft, die alles verlassen hatten, Familie, Bekannte, Stellung in der +Gesellschaft, von Leuten, welche die nächsten Verwandten nur noch in der +Erinnerung kannten, von denen sie sagten: »Wir haben einen Bruder, der vor +langen Jahren sich von der Welt zurückgezogen hat, wir wissen nicht, was +aus ihm geworden ist.« Dann werde ich das Gefühl haben, daß auch Ihr jede +menschliche Form der Anhänglichkeit aufgegeben habt und werde mich frei +diesem Leben hingeben, das allen gewohnten menschlichen Beziehungen +verschlossen ist. + +Ich beklage mich nicht über meine neue Stellung, sie versenkt mich wieder +in Prüfungen, aber mit mehr Erfahrung und einigen Verbesserungen. Ich will +also fortfahren, so vollständig, wie es mir möglich ist, für den Augenblick +selbst zu leben; und das wird mir leichter werden, wenn ich fühle, daß Ihr +selbst Euch an den Gedanken gewöhnt habt, daß das Leben, welches ich +gegenwärtig führe, nicht vorübergehend zu sein braucht. + +Ich habe Dir nicht genug geschrieben, wie ich mich über die _Revue +Hebdomadaire_ gefreut habe. Ich habe darin Auszüge von Reden über Lamartine +wiedergefunden, die mich entzückt haben. Die Umstände führten ihn, den +Dichter, dazu, seiner Kunst nur noch einen winzigen Platz einzuräumen. Das +allgemeine Leben hat ihn umkreist und legte seiner großen Seele eine +unmittelbarere und stärkere Aufgabe auf, als sein Genie es erwartete. + +Den 15. Januar, im neuen Quartier, 12 Uhr 30 mittags. + +Wir haben keine Ahnung mehr von irgend einem Ausgang. Für mich ist die +einzige Richtschnur mein Gewissen. Wir müssen unser Vertrauen in eine +unpersönliche, von jedem menschlichen Vermittler unabhängige Gerechtigkeit +setzen, in eine trotz aller äußeren Schrecken nützliche und harmonische +Bestimmung. + +Den 17. Januar, nachmittags, im Quartier. + +Was soll ich Dir schreiben, an diesem Nachmittag eines seltsamen Januars, +wo der Schnee auf den Donner folgt? + +Unser Quartier bietet uns nennenswerte Bequemlichkeiten, besonders aber +eine berauschende Poesie. Stelle Dir einen See vor in einem von hohen +Hügeln beschützten Park, dann ein Schloß oder vielmehr ein vornehmes +Landhaus. Wir wohnen in den Nebengebäuden, aber ich brauche weder Tafelwerk +noch äußerste Bequemlichkeit, um das Traumleben, das ich seit drei Tagen +führe, zu vervollständigen. Gestern erhielt unsere liebenswürdige +Gesellschaft den Besuch von Sängern. Wir waren sehr weit entfernt von der +Musik, die ich liebe; aber die sentimentale und volkstümliche Romanze +ersetzte die edle Kunst durch das Feuer der Überzeugung bei dem Sänger. +Dieser Arbeiter, der ehrbare, ja moralische Lieder sang -- eine etwas +unreine Moral, aber immerhin eine Moral -- legte soviel Seele hinein, daß +der Klang seiner Stimme unsere Hauswirtinnen rührte. Das ist das +volkstümliche Ideal, ein wesenloses, rein negatives Ideal, das aber +schmerzvolle Monate mich gelehrt haben, mit Wohlwollen zu beurteilen. + +Ich lese eben, daß Charles Péguy am Anfang des Krieges gefallen ist.[*] Wie +viel Lücken hat der Tod in den Reihen der französischen Geisteswelt +gerissen! Was uns unfaßbar ist (was aber ganz natürlich ist), ist, daß die +bürgerliche Gesellschaft ihr gewohntes Leben weiterführen kann, während wir +in diesem Unwetter sind. Ich sah in einem Cri de Paris, der hierher +getrieben wurde, Programme von Konzerten. Welcher Gegensatz! Nun, liebe +Mutter, die Hauptsache ist, daß wir in einigen Stunden der Gnade Schönes +erkannt haben. Das Wetter ist entsetzlich, aber man fühlt das Kommen des +Frühlings. Nichts spricht augenblicklich von Hoffnung für den Einzelnen, +sondern von fester Zuversicht für die Allgemeinheit. + +[Fußnote *: Den 21. September 1914 bei Villeroy, zwischen Meaux und +Dammartin, während der Schlacht an der Ourcq. (D. Übers.)] + +Den 19. Januar. + +Seit gestern sind wir in unsern Stellungen zweiter Linie; wir sind hierher +gekommen bei herrlichem Schnee- und Frostwetter. Ein stürmischer Himmel, +rosa und entzückend, schwebte über einem traumhaften schneeweißen Wald, die +Bäume unten durchsichtig blau, oben braun in zarten Verästelungen, die Erde +weiß. + +Ich habe zwei Packete erhalten, in denen das _Rolandslied_ mir unendliche +Freude bereitet. Die Einleitung, die von dem Volksepos handelt, spricht +gerade von dem Mahâbhârata, das, wie es scheint, die Kämpfe der guten mit +den bösen Geistern erzählt. + +Ich freue mich über Deine so lieben Briefe. Was die Leiden betrifft, die Du +vermutest, in Wirklichkeit sind sie sehr erträglich. + +Was man aber bekennen muß, übrigens ohne Scham, ist, daß wir ein +bürgerliches Volk sind. Wir haben den Honig der Kultur genossen, einen ohne +Zweifel vergifteten Honig! Doch nein! Sicherlich ist dieses bequeme Dasein +harmonisch und der gewöhnliche Verlauf unseres Lebens soll nicht eine +Vorbereitung auf die Gewalttätigkeit sein, eine Gewalttätigkeit, die +vielleicht heilsam ist, in deren Mitte wir aber die in Friedenszeit geahnte +Ordnung nicht aus den Augen verlieren dürfen. + +Die Ordnung führt zum ewigen Frieden. Die Gewalttätigkeit bringt das Leben +in Umlauf. Unsere Zielpunkte sind Ordnung und ewiger Friede; aber ohne die +Gewalttätigkeit, welche den Vorrat an verwendbarer Energie entfesselt, +wären wir geneigt, die Ordnung als schon erreicht zu betrachten, eine +verfrühte Ordnung, die nichts weiter als Scheinleben wäre und das Kommen +der letzten Ordnung nur hemmen würde. + +Unsere Qualen kommen nur von der Enttäuschung, die uns diese Verzögerung +bereitet; aber die menschliche Geduld ist immer zu schwach, um das Kommen +der wahren Ordnung zu erwarten. Auf alle Fälle und trotz unserer Leiden, +wollen wir lieber nicht die Werkzeuge der Gewalttätigkeit sein. Es ist +ungefähr, wie wenn eine geschmolzene Masse zu schnell und in unrichtiger +Weise erkaltet; man muß einen neuen Guß vornehmen und die Masse nochmals +dem Feuer aussetzen. Das ist die Aufgabe der Gewalttätigkeit in der +menschlichen Entwicklung; aber diese nützliche Gewalttätigkeit darf uns +nicht vergessen lassen, was unser ästhetisches Bürgerleben an dauerhafter +Ordnung in Frieden und Harmonie errungen hatte. Unsere Qualen kommen gerade +daher, daß wir das nicht vergessen können. + +Den 20. Januar, früh morgens. + +Glaube nicht, daß ich mir den Schlaf rauben lasse. In dieser Beziehung ist +unsere Hygiene sehr unregelmäßig; bald schlafen wir drei Tage und drei +Nächte, bald ist es umgekehrt. + +Augenblicklich fängt die Natur wieder an, mir ihren Trost zu bringen. Die +fürchterliche Regenzeit wird durch schöne Kältetage unterbrochen. Wir leben +in einem schönen Frost- und Schneewetter, der harte Boden festigt unsere +Schritte. + +Mein bescheidener Rang bringt mir die Möglichkeit ein, mich etwas +abzusondern. Ich habe nicht mehr meinen schönen nächtlichen Gang, aber am +Tag erlaubt mir die Befreiung von dem Arbeitsdienst die Schönheit der Dinge +zu genießen. Gestern unvergeßlicher Sonnenuntergang. Ein Himmel wie Schaum, +in dem zarte, farbige Streifen sich zerfasern; unten die kalte Bläue des +Schnees. + +Liebe Mutter, es war ein Heimwehabend. Diese Verse, die mir so vertraut +sind, klangen friedlich an mein Ohr: + + Mein Kind, meine Schwester, + Denke, wie süß es wäre, + Dorthin zu gehen, mit Dir zu leben . . . + In dem Lande, daß Dir gleicht. + +Ja, die »_Aufforderung zur Reise_« von Baudelaire[*] zog durch den +entzückenden Himmel. Ach! ich war weit weg vom Kriege. Doch Rückschlag des +Irdischen; als ich zurückkam, wäre ich beinahe um mein Mittagessen gekommen +. . . + +Den 20. Januar, abends. + +Stete Ergebenheit. Anpassung an das Leben, das nicht rastet und sich um +unsere kleinlichen Forderungen nicht kümmert. + +Den 21. Januar. + +Jetzt sind wir wieder in unseren Stellungen in erster Linie. Der Schnee +folgte uns nach, leider aber auch das Tauwetter. Zum Glück verlangt unsere +jetzige Stellung nicht den schrecklichen Aufenthalt im Wasser der +Schützengräben. + +Wer wird die Anmut der Bäume im Winter schildern? Habe ich Dir gesagt, was +Anatole France darüber im Mannequin d'Osier[**] schreibt? Er liebt ihr +feingegliedertes Skelett und ihre innerliche Schönheit, die der Winter +vollkommener offenbart. Auch ich liebe den wundervollen Kontrapunkt ihres +Geästes mit den tausendfach verschlungenen Linien auf dem Grundton des +Himmels. + +[Fußnote *: Fleurs du Mal (Spleen et Idéal LIV. L'Invitation au Voyage).] + +[Fußnote **: Les arbres, pensa-t-il, prennent l'hiver une beauté intime +qu'ils n'ont pas dans la gloire du feuillage et des fleurs. Ils découvrent +la délicatesse de leur structure. L'abondance de leur fin corail noir est +charmante; ce ne sont point des squelettes, c'est une multitude de jolis +petits membres où la vie sommeille. (Le Mannequin d'Osier, S. 77.)] + +Von unserm Unterstand aus sehe ich unser Dorf; das Unglückliche zerfällt +und zerbröckelt immer mehr. Jeden Tag geben ihm die Granaten mehr den Rest. +Die Kirche ist auseinandergerissen, doch ihre zerstückelte Schönheit +verharrt trotz Allem. Das Dorf ist so hübsch zwischen seinen zwei zierlich +gezeichneten, köstlichen Hügeln versteckt! + +Wir hatten viel Glück in zweiter Linie. Das Schneewetter war wirklich schön +und gnädig. Gestern beschrieb ich Dir den Sonnenuntergang von neulich und +wie wir vorher in diese herrlichen Wälder gekommen sind . . . + +Den 22. Januar. + +. . . Ich habe Dir einige Verse geschickt; ich weiß nicht was sie wert +sind, sie haben mich mit dem Leben versöhnt. Dann war unser letztes +Quartier auch wirklich wundervoll reich an Gaben der Schönheit, über +Gestein fließendes Gewässer . . . Weite und klare Wasserspiegel in +Parkhintergründen, stehende Teiche, träumerische Alleen; das vermag die +rohe Gewalt nicht zu entweihen, heute Sonnenschein auf dem Schnee. Die +Schönheit des Schnees war tief erschütternd, wir hatten aber auch häßliche +Tage gehabt; Tage, wo man nichts als unerfreulichen Schlamm sieht. + +Es scheint, daß wir nicht in unser hübsches Quartier zurückkehren werden. +Offenbar ist etwas in Vorbereitung; denn der regelmäßige Verlauf unseres +Winterlebens hat ein Ende genommen. + +2 Uhr nachmittags. + +Herrliches Wetter, Vorbote des Lenzes; wir können es ausnutzen, da unser +jetziger Standort erlaubt, die Nase herauszustecken. + +Ich kann Dir heute nur schlecht schreiben, Dir nur den Ausdruck meiner +Liebe schicken. Dieser Krieg ist lang und ich kann nicht einmal von Geduld +sprechen. Meine einzige Freude ist, daß ich Dir oft, während fünf ein halb +Monaten, sagen konnte, daß nicht alles häßlich war. + +Den 23. Januar. + + -- --- -- + +. . . Ich für mein Teil habe keine Wünsche mehr. Wenn die Prüfungen +wirklich hart werden, begnüge ich mich damit, recht unglücklich zu sein, +ohne etwas anderes ins Auge zu fassen. + +Wenn sie nachlassen, dann fange ich an zu denken, zu träumen, und meine +teure Vergangenheit erscheint mir mit derselben fernen Poesie, die in +glücklichen Zeiten meine Träumereien fremden Ländern zuführte. Eine +liebgewonnene Straße, gewisse oft besuchte Gegenden tauchen plötzlich auf, +wie früher gewisse Melodien, gewisse Verse plötzlich traumhafte Inseln, +Märchenländer in mir erstehen ließen. Jetzt braucht es keine Verse oder +Melodien; die Lebendigkeit unserer lieben Erinnerungen genügt. + +Ich kann mir nicht einmal mehr vorstellen, wie ein neues Leben aussehen +könnte; ich habe nur die Zuversicht, daß wir Lebendiges schaffen. + +Für wen, für wann? darauf kommt es nicht an. Was ich weiß, was in meinem +tiefsten Innern feststeht, ist, daß die Saat französischen Denkens aufgehen +wird und das Geistesleben unseres Volkes unter den tiefen Wunden, die ihm +geschlagen sind, nicht leiden wird. + +Wer sagt uns, daß der Bauernbursche, der Kamerad des gefallenen Denkers, +nicht der Erbe seines Gedankens wird? Keine Erfahrung vermochte uns diese +herrliche Erleuchtung einzugeben. Der Sohn des Bauern, der einen jungen +Gelehrten, einen jungen Künstler hat fallen sehen, wird vielleicht das +unterbrochene Werk wieder aufnehmen; er wird vielleicht das Glied in der +Kette der einen Augenblick gehemmten Entwicklung sein. Das ist das wahre +Opfer: auf die Hoffnung verzichten zu müssen, Fackelträger zu sein. Für das +spielende Kind ist es schön, die Fahne zu tragen; dem Manne muß es genügen +zu wissen, daß die Fahne getragen wird, trotz Allem! Darin bestärkt mich +jeder Augenblick der erhabenen Natur. Jede Minute beruhigt mein Herz; die +Natur macht Fahnen aus dem ersten Besten. Sie sind schöner als diejenigen, +an die unsere kleinen Gewohnheiten sich anklammern. Fahnen der +Wissenschaft, Fahnen der Kunst, welche Flocke in der Luft käme euch nicht +gleich? Und immer wird es Augen geben, um die Lehren des Himmels und der +Erde aufzunehmen. + +Den 26. Januar. + +Dein lieber Brief vom 20. hat mich gestern abend erreicht. Du darfst es mir +nicht übel nehmen, wenn mir manchmal, wie in meinem Briefe vom 13., das +fehlt, was ich mich doch stets bemüht habe zu erwerben. Doch ich bitte Dich +zu bedenken, was ein junger Mensch in voller Schaffenskraft, empfinden muß, +in dem Augenblick, wo das Leben für ihn eine Zeit fortwährender Blüte sein +müßte, wenn man ihn entwurzelt und auf einen trockenen Boden verpflanzt, +auf dem ihm fast alles seiner gewohnten Nahrung fehlt. + +Nun denn! von dem Augenblick, wo nach dem ersten Riß das Leben ihn nicht +verlassen hat, bemüht er sich aus den dürftigen Säften seiner neuen Lage zu +schöpfen. Die Anstrengung ist groß und verlangt mitunter eine Anspannung +aller Kräfte, die für Erinnerungen und Hoffnungen keinen Raum läßt. Es ist +ein fortwährendes Streben nach Anpassung und ich erreiche sie, außer in den +Stunden der rasch unterdrückten Empörung, wo die Gedanken, die Handlungen +meines vergangenen Lebens, sich erheben, wie wenn ich sie nicht vergessen +hätte. Ich brauche dann meine ganze Kraft, um meine herzzerreißenden +Erinnerungen in der Ergebung in den gegenwärtigen Augenblick zu ertränken. + +Ich dachte an die schlimmen Stunden, die auch Ihr habt, und die Vernunft +war es, die mich Euch zu einer sehr unpersönlichen Auffassung unseres +Verhältnisses ermuntern ließ. Ich weiß, wie stark und auf diese Auffassung +vorbereitet Du bist. Doch Du hast recht, nehmen wir den Schmerz nicht +vorweg. Aber manchmal unterscheidet man nicht mehr deutlich wirklichen +Schmerz, der uns quält, von jenem, der kommen könnte. + +Merket wohl, _daß ich alle Hoffnung_ habe und daß ich auf einen Sieg der +Gnade zähle; aber vor allem bestrebt ein Künstler zu sein, bemühe ich mich +so viel Schönheit wie möglich zu gewinnen und so schnell wie möglich, da +ich die Frist, die uns vergönnt ist, nicht kenne. + +Den 27. Januar, nachmittags. + +Nach zwei -- wegen des Mangels an Stroh -- schlechten Nächten im Quartier +ist die dritte durch unsern plötzlichen Abmarsch in unsere Stellung zweiter +Linie unterbrochen worden. Dort habe ich endlich schlafen können. + +Herrliches Wetter, Frost und Sonne. + +Die weite Natur beginnt mich wieder zu umfangen und ihre jetzt mächtigere +Stimme stärkt mich. -- Aber, Teuerste, was für ein Riß im Leben! Seit +meiner Beförderung habe ich soeben Augenblicke erlebt, die in weniger +fürchterlicher Form an die Anfänge des Septembers erinnern, mit viel +Schönem dazu. Ich nehme dieses neue Leben an; aber kein Ausblick in die +Zukunft! . . . . . + +Den 28. Januar, in der Morgensonne. + +Das eiskalte strahlende Wetter hat das wundervolle an sich, daß es in +seinem weiten, klaren Himmel eine Pforte für die Poesie offen läßt. Was ich +Dir über dieses schöne Schneewetter sagen konnte, das kam aus einem durch +die siegreiche Schönheit gestärkten Herzen. + +Ich habe mit Freuden in den Zeitschriften, die Du mir geschickt hast, die +Abhandlungen über Molière, über das englische Parlament, über Martainville, +über die religiösen Fragen im Jahre 1830 gelesen. . . . . + +Habe ich Dir gesagt, daß ich durch die Zeitungen den Tod von Hillemacher[*] +erfahren habe. Dieser liebenswürdige Kamerad ist im Verlauf dieses +schrecklichen Krieges gefallen. + +[Fußnote *: Bewerber um den Rompreis der Ecole des Beaux-Arts im vorigen +Jahre.] + +Den 1. Februar. + +Teuerste Mutter, ich habe Deine lieben Briefe vom 26. und 27. erhalten: sie +geben mir neues Leben, wahrhaftig. Bis jetzt ist unsere Stellung erster +Linie -- diesmal in einem Dorfe -- durch eine völlige Ruhe begünstigt +worden, und ich habe wieder die beglückenden Stunden gekannt, wo die Natur +mich tröstete. Meine Stellung hat das Besondere, daß die Dienstarbeiten, +die ich verrichte, jetzt durch die Gefühle der Verpflichtung dem Ganzen +gegenüber nicht mehr durch die gefühllose Bestimmung der Dienstordnung +befohlen sind. + +Den 2. Februar. + +Liebe Mutter, ich schreibe an diesem Briefe im Quartier weiter, während die +außerordentliche Inanspruchnahme durch die sich häufenden Dienstarbeiten +die leeren Stunden füllt, welche die Schwermut trüben möchte. Ich komme in +die dunkeln Tage, wo das Nichts das letzte Ende aller Dinge zu sein +scheint, während alles in meinem Leben die reiche Fülle des Weltalls mir +bezeugte. Die Hingabe nicht an Einzelne, sondern an das gesellschaftliche +Ideal brüderlicher Zusammengehörigkeit, die ist es, die mich noch aufrecht +hält. Ach, welch herrliches Vorbild geben uns Christus und die Armen! +Dieser Gerechte, ein Aristokrat, hat durch den herben Ernst seiner +Lebensaufgabe das Grenzenlose der Pflicht der Nächstenliebe bewiesen und +vor allem gelehrt, daß man dafür keinen Dank verlangen soll . . . Ich +verdanke meinem Verkehr mit den Dingen und den Menschen die Beruhigung, daß +ich nichts vom Nächsten erwarte. So nimmt die Pflicht eine abstrakte, von +menschlichen Rücksichten befreite Form an, die das Gräßliche dieser Lage +verhüllt. + +Heute ein unerhört schöner Sonnenaufgang! Wieder ein Frühling, der naht +. . . Ich will Dir unsere drei Tage in der Feuerlinie erzählen. + +Schnee und Frost. Wir sind die Abhänge herunter, die zu unserer Stellung im +Dorfe führen. In diesem Augenblicke war die Nacht so schön, daß die +Soldaten davon gerührt waren. Ich werde Dir nie die feinen und doch +bestimmten Linien dieser Landschaft schildern können. Wie ließe sich diese +zarte, wie mit dem Grabstichel ausgeführte Zeichnung deutlich machen, die +sich mit den traumhaften Nebeln verbindet, über denen der Mond schwebt? +Während drei Tagen führte mich mein Nachtdienst in diese keusche Schönheit, +in diese Weiße hinein. + +Dunkle Verästelung der Bäume, zart wie Goldschmiedearbeit. Und trotz der +Einfarbigkeit, Halbtöne, rotbraune und blaue Halbtöne. + +Es gibt Stunden von solcher Schönheit, daß der nicht sterben sollte, der +sie umfängt. + +Ich war weit vor den ersten Linien und niemals fühlte ich mich geschützter. +Diesen Morgen, auf dem Rückweg, Sonnenaufgang, rosa und grün, auf dem rosa +und blauen Schnee; freie Aussicht auf ein Mosaik von Wäldern und +schneebedeckten Feldern; in der Ferne Hintergründe, in denen die Silbertöne +der Maas ersterben. O Schönheit, allem zum Trotz! + +Den 2. Februar. + +Nach endlos traurigen Tagen, plötzliche und flüchtige Ausblicke +philosophischen Gleichmutes. Pflicht, herbe, doch stärkende Trösterin. +Unerhörte Schönheit mancher Landschaftsbilder. + +Den 3. Februar. + + Teure geliebte Mutter, + +Soeben empfange ich im Quartier Deinen Brief vom 29. Namenloser Tag, ohne +greifbare Gestalt, Tag, in dem trotzdem der Frühling geheimnisvoll zu +quellen anfängt. Warme Luft in der Verlängerung der Tage; plötzliches +Erschlaffen, wie ein Vergehen in der Natur. Ach! wie süß wäre dieser +Schauer der Dinge losgelöst von diesem Sklavenleben; doch hier läßt die +Erschlaffung, die gewöhnlich den Frühling begleitet, die Last nur schwerer +empfinden. Liebe Mutter, wie glücklich bin ich, die Teilnahme aller in der +Ferne zu verspüren. Ach! es gibt doch noch zarte Regungen. + +Ich bin über die Zeitschriften entzückt, in denen ich in einem herrlichen +Artikel über Louis Veuillot[*] diesen Satz mir merkte: »O mein Gott, nimm +von mir die Verzweiflung und laß mir den Schmerz!« Ja wir dürfen die +fruchtbare Lehre des Schmerzes nicht verkennen und, wenn ich aus diesem +Kriege zurückkomme, werde ich eine ohne Zweifel bereicherte und veredelte +Seele zurückbringen. + +So habe ich denn mit Freuden Vorträge über Moliere gelesen und in seinem +Leben wie anderswo die Einsamkeit erkannt, in der die erhabenen Seelen +umherirren. Aber ich verdanke meinen alten Herzenswunden, daß ich nie mehr +durch die Schuld anderer leiden werde. Geliebte Mutter, morgen schreibe ich +Dir besser. + +Den 4. Februar. + +Gestern abend, als ich in meine Scheune zurückkehrte. Trunkenheit, +Streitereien, Geschrei, Singen und Geheul. So ist das Leben! . . . Heute +morgen aber, da mir das Erwachen nur diese Erinnerung zuführte, bin ich vor +der Zeit aufgestanden und habe meinen Freund den Mond wieder getroffen, die +große Nacht, die verflog und die Morgenröte, die sich meiner erbarmte! Der +gesegnete Frühlingstag vergoldet Alles und teilt seine Versprechungen und +Hoffnungen aus. -- Teuerste, ich denke über den Titel nach, den Tolstoi +gewählt hat: _Krieg und Frieden_. Früher glaubte ich, er wolle den +Gegensatz zwischen diesen zwei Zuständen wachrufen; heute aber frage ich +mich, ob er nicht diese zwei Gegensätze in dem Gefühl ihrer Nichtigkeit +vereinigt hat, ob nicht die Menschheit, sei es im Krieg oder im Frieden, +ihm in gleichem Maße zur Last war. Wir müssen freilich dem Bemühen gut zu +sein treu bleiben; aber unwillkürlich fassen wir diese Mahnung ähnlich wie +jene Maueranschläge auf: »Schonet die Tiere«. -- Wie wird inmitten der +täglichen Arbeit die Selbstprüfung hart! + +[Fußnote *: Der bekannte katholische Schriftsteller (1813--1883). (D. +Übers.)] + +Den 5. Februar. + +Schlaflose Nacht. Abscheuliche Rückkehr in die Scheune. Derartiger +Höllenlärm, daß die Gefreiten Klage führen mußten. Strafen. + +Am Morgen, Marsch, und zur Erholung in dieser Nacht, Arbeit. + + Teure, geliebte Mutter, + +Den 6. Februar. + +Nach der schlaflosen,[*] vielmehr weinroten Nacht im Quartier mußten wir +eine ganze Nacht Dienstarbeit leisten. Daher schlief ich bis zum +Augenblick, wo ich Dir schreibe. Der Schlaf und die Nacht sind die zwei +Zufluchtsstätten, wo das Leben noch einen Reiz bietet. + +[Fußnote *: Wortspiel »nuit blanche«, »rouge vinass«.] + +Liebe Mutter, ich durchlebe wieder die herrliche Legende von Sarpedon und +diese köstliche Blüte der griechischen Mythologie ist mir noch ein Trost. +Lies diese Episode der Ilias in meiner schönen Übersetzung von Lecomte de +l'Isle und Du wirst sehen, daß Zeus dem Schicksal gegenüber Worte +ausspricht, in denen das Gefühl des Unendlichen und Göttlichen so herrlich +erstrahlt wie in der christlichen Passion. Er leidet und sein väterliches +Herz kämpft lange; dann ergibt er sich in den Tod seines Sohnes. Aber +Hypnos und Thanatos werden ausgesandt, um den geliebten Leichnam zu +empfangen.[*] + +Hypnos, der Schlaf. Daß es soweit mit mir gekommen ist, dem jede Stunde des +Tages eine Lust war, den jeder Augenblick tätiger Arbeit von Stolz erbeben +ließ. Ich überrasche mich selbst bei dem Wunsche, weit weg von den mich +umgebenden Stürmen zu fliehen. + +Aber der schöne hellenische Optimismus erstrahlt immer noch auf den Schalen +des Louvre. Die beiden Genien geben Sarpedon die Unsterblichkeit nach +seinem körperlichen Tode und wahrlich, Schlaf und Tod steigern und +erweitern unsere menschliche Beschränktheit ins Unendliche. + +Thanatos: ein Geheimnis, dessen Grauen wir dem Mißverständnis verdanken, +welches der Genuß des Augenblickes uns im allgemeinen zu beseitigen +verhindert. Aber lies die feierlichen, friedlichen und ewigen Sätze +Maeterlincks in seinem Buche über den Tod und sieh, wie sie harmonisch +zusammenklingen mit unserer seelischen Erregung über die fürchterliche +Tragödie. + +[Fußnote *: Ilias XVI. Gesang. -- (D. Übers. )] + +Den 7. Februar. + + Teuerste vielgeliebte Mutter, + +Gestern Deinen herrlichen Brief vom 1. erhalten. Fürchte Dich nicht das zu +schicken, was Du für Plaudereien halten könntest. Deine Liebe, die +Gleichheit unserer Herzen zeigen sich deutlich in Deinen Briefen. Das ist +das einzige, was für mich gilt. Übrigens bringen sie mir tausend andere +Dinge von Bedeutung, Lebensfragen. + +Wir verleben Stunden erdrückender Arbeit, vor der mich meine Stellung +einigermaßen sichert. Aber für die Mannschaften gibt es Reihen von fünf +schlaflosen Nächten, von ähnlichen Reihen gefolgt. + +Den 9. Februar. + +Noch eine Oase, in der ich, dem Verschmachten nahe, wieder einmal den +Augenblick der Tröstung erreiche. Der leichte erfrischende Windhauch weht +noch einmal. Ich hatte das Glück, zum wachhabenden Gefreiten in einer +reizenden Gegend ernannt zu werden, wo ich Höchstkommandierender bin. +Entzückendes Frühlingswetter. Was soll ich Dir von dieser Landschaft +erzählen, deren mächtigen Pulsschlag ich nie so deutlich empfunden? Die +Stunden und Jahreszeiten folgen aufeinander mit einer solchen Sicherheit -- +unabwendbar -- einer solchen erhabenen Ruhe des Ganzen, daß derjenige, der +ihr Kommen erspäht, das Ungeheure der Urkraft ahnt. + +Oft schon hatte ich die Freude gekannt, den Frühling oder eine andere +Jahreszeit zu schauen, nie war es mir aber vergönnt, jeden ihrer +Augenblicke zu erleben. Wie erlangt man doch dadurch ohne Hilfe irgend +einer Wissenschaft eine zwar unbestimmte, aber doch unleugbare Anschauung +eines Unbedingten! + +Ein armer Mann, vielleicht ein genialer Gelehrter, erklärte, daß er unter +seinem Seziermesser Gott nicht gefunden habe. Wie ist doch dieses +Mißverständnis in einer so hochstehenden Seele verletzend! Was braucht man +ein Seziermesser, wenn das Entzücken und der Schauer unserer Sinne genügen, +um uns die ewige, alle Entwicklung bestimmende Ordnung begreifen zu lassen. +Der Dichter sieht die Jahreszeiten wie große Schiffe kommen, deren Rückkehr +er vorausberechnet. Mitunter verzögert sie der Sturm, bald aber kommen sie +trotzdem an und bringen die Düfte unbekannter Länder mit. Eine +wiederkehrende Jahreszeit scheint wonnige Gefühle mit sich zu führen, die +sie auf langer Fahrt gesammelt hat. Ach, liebe Mutter, könnten wir doch +noch einmal die Einsamkeit erleben! O Einsamkeit für die, die ihrer würdig +sind! Wie wird sie mitunter entweiht! + +Den 11. Februar. + +. . . Vielleicht ist es die herrliche Bestimmung und das Vorrecht unserer +Generation, Zeuge dieser entsetzlichen Ereignisse zu sein, aber um welchen +fürchterlichen Preis müssen wir es erkaufen . . . Dennoch: ewiger Glaube, +der alles beherrscht! Glaube an eine Entwickelung, eine unsere menschliche +Geduld übersteigende Ordnung. + +Den 11. Februar, 2. Tag in der vordersten Stellung. + +In diesen Augenblicken muß man in einer außerhalb des Menschlichen +liegenden Opferfreudigkeit seine Zuflucht suchen; denn es ist unmöglich, +über den Punkt, den wir erreicht haben, hinauszugehen. Gebt alles +menschliche Hoffen auf. Sucht etwas anderes, vielleicht habt Ihr es +gefunden. Ich für mein Teil fühle mich nicht würdig, etwas anderes zu sein +als eine Erinnerung. + +Ich habe versucht, im Schlamm einige Blumen zu pflücken. Behaltet sie zum +Andenken an mich. + +5 Uhr nachmittags. Trotz Allem Mut, Mut trotz Allem. + +Den 13. Februar, 4. Tag in der vordersten Stellung. + +Teuerste, nach der tränenreichen Empörung, die mich während dieser ganzen +Zeit erschüttert hat, vermag ich wieder zu sagen: »Dein Wille geschehe.« + +Und in dem Maße und der Ausdehnung meiner Fähigkeiten möchte ich derjenige +sein, der an der Möglichkeit seines Mitwirkens am Ausbau des Tempels nicht +verzweifelt. + +Ich möchte der Arbeiter sein, der weiß, daß sein Gerüst ohne Hoffnung auf +Rettung zusammenbrechen wird und der doch rastlos an dem Schmucke der +Kathedrale weiter meißelt. An dem Schmuck. Denn niemals werde ich große +Steinblöcke in die Höhe ziehen können. Es gibt übrigens Handlanger dafür. +Ja, es gelingt mir noch, die innere Ruhe wiederzufinden. + +Jene gleichmäßige Ruhe, die ich erflehte, habe ich zwar nicht; aber +manchmal erschaue ich den Schein jenes ruhigen Lichtes, in dem Alles, +selbst unsere Liebe, in neuer Gestalt erscheint und verklärt. + +Ich bin am Fuß eines steilen Hügels, dessen Linien die Natur harmonisch +gezeichnet hatte. Der Mensch hetzt den Menschen und bald werden sie auf +einander stürzen. Unterdessen schwingt sich dort die Lerche auf. + +Während ich Dir schreibe, erfüllt mich allmählich eine seltsame heitere +Ruhe, etwas außerordentlich Tröstendes, sei es menschliche Zuversicht, oder +eine höhere Offenbarung. Um mich herum schläft man. + +Den 14. Februar, 5. Tag in der vordersten Stellung. + +Um mich herum regt sich alles, wir übrigens auch. Je mehr das Unabweisbare +eine Form annimmt, lebt die Ruhe wieder in mir auf. Meine teure Landschaft +wird durch die scheußlichen Vorbereitungen geschändet: die Stille wird +durch die einleitende Beschießung zerrissen; dem Menschen gelingt es, für +einen Augenblick jede Schönheit zu verhüllen. Ich glaube, daß sie doch eine +Zufluchtsstätte finden wird. Seit vierundzwanzig Stunden fasse ich mich +allmählich wieder. + +Teure Mutter, meine Sehnsucht nach meinem Elfenbeinturm ist strafbar; was +man, nur zu oft, für einen Elfenbeinturm hält, ist ganz einfach der Käse +der Ratte, die Einsiedler wurde.[*] + +Möchte doch eine bessere Einsicht mich dazu führen, daß ich die Wohltat der +Erschütterung erkenne, die mich aus einer zu bequemen Freistätte +herausgerissen hat, und danken wir dem Verhängnis, das während einiger +seltenen aber unvergeßlichen Stunden aus mir einen Mann gemacht hat . . . + +Nein, ich führe keine Klage wegen dieser toten Jugend. Sie hat mich über +verschiedene Abhänge zu den Höhen geführt, wo manchmal die Nebel der +Erkenntnis zerreißen. + +[Fußnote *: Tour d'ivoire, von Sainte-Beuve auf A. de Vignys Weltflucht +angewandter Ausdruck. -- Vergl. La Fontaine. Fables VII, 3. Le rat qui +s'est retiré du monde. (Der Übers.)] + +Den 16. Februar. + +Ich habe soeben in den letzten Tagen Stunden erlebt, welche die großen, +allgemeinen, jetzt sichtbarer gewordenen Fragen zu entscheidenden +Schicksalsfragen für mich machten. Wir sind fünf Tage lang in der +Feuerlinie gehalten worden und wurden in einen sehr harten, durch den +fürchterlichen Schlamm noch erschwerten Dienst gezwungen. In dem Maße als +der Aufenthalt dauerte und ich den Kampf gegen die schreckliche Traurigkeit +meiner Seele fortsetzte, fühlten wir, wie die Lage sich verschärfte und die +Vorbereitungen sich häuften. + +Endlich teilte man uns mit, daß der Augenblick gekommen, das heißt, daß der +Befehl zum Angriff gegeben sei. Wir hatten nur noch einen oder zwei Tage +vor uns. Da habe ich Dir zwei Briefe geschrieben, den 13. und 14. glaube +ich, und wirklich, während ich schrieb, fühlte ich in mir ein solches +Vollgefühl, eine solche Seligkeit, daß sich daraus nur die Tatsächlichkeit +des Guten und des Schönen folgern ließ. Die Beschießung unserer Stellung +war äußerst heftig, aber nichts, was vom Menschen kommt, kann so oder +anders jenes ersticken, was die Natur zur Seele spricht. + +In der Nacht vom 14. zum 15. besetzten wir die Schützengräben, welche die +Maschinengewehre bestrichen. Die Erschöpfung der Mannschaften war derart, +daß der Angriff von einem andern Bataillon ausgeführt werden sollte. Wir +warteten also im nächtlichen Wasser und in der Kälte, als plötzlich die +Nachricht sich verbreitete, daß wir abgelöst würden. Aus welchem Grunde? +Ein Geheimnis. Kurz, da sind wir wieder in dem Dorfe, wo die Mannschaften +ihr armes Herz im Wein ertränken. Arm bin ich wieder in diesem Haufen +. . . + +Liebe Mutter, wenn es etwas Unbedingtes in dem Gebiet des menschlichen +Gefühls gibt, so ist es der Schmerz. Bis jetzt hatte ich nur in einer +angenehmen Bedingtheit verschiedener Empfindungen gelebt, zwischen denen +der Wert des Lebens, seine wesentliche Bedeutung verschwanden. Jetzt fühle +ich, was das Leben ist. Es ist das Werkzeug, welches den Weg der Seele dem +Unbedingten zu ausrodet. Aber ich habe weniger in dieser Zeit des Wartens +gelitten als durch gewisse Berührungen. + +Den 16. Februar, 9 Uhr abends. + + Teuerste, geliebte Mutter, + +Ich war bei Tisch, als man uns mitteilte, daß wir um Mitternacht aufbrechen +sollten. Ich war gewiß, daß es so kommen würde und die Gegenbefehle, die +den Angriff verzögert haben, hatten die Folge, uns einen Tagesmarsch von +vierzig Kilometern machen zu lassen, der zu den Anstrengungen der +Feuerlinie hinzukam. Als wir unsern Abschnitt in der Kampflinie verließen, +sah ich so viel Artillerie ankommen, daß ich wohl dachte, es gebe keine +Ruhe mehr. + +Hier aber erlangt man die Ruhe der Seele wieder. Man friert unter einem +sternenhellen Himmel. + +Den 19. Februar. Postkarte, mitten in der Schlacht geschrieben. + +Ein Wort nur. Wir sind in den Händen Gottes. Niemals, niemals haben wir +mehr vertrauensvolle Weisheit gebraucht. + +Der Tod wütet, aber er beherrscht uns nicht. Das Leben bleibt schön. Tote +oder verwundete Freunde gestern und vorgestern. Teuerste, die Post wird +wahrscheinlich große Verspätung haben . . . + +Den 22. Februar. + +Wir sind im Quartier nach der großen Schlacht. Diesmal habe ich alles +gesehen. Ich habe meine Pflicht erfüllt und die Teilnahme aller hat es mir +bewiesen. Aber die Besten sind gefallen. Grausame Verluste. Heroisches +Regiment. Ziel erreicht. Werde besser schreiben. + +Den 22. Februar, erster Tag im Quartier. + +Teure, vielgeliebte Mutter, ich will Dir die Güte Gottes und das Entsetzen +auf Erden erzählen. + +Die Seelenlast, welche ich seit ein und ein halb Monaten mit mir schleppte, +war der qualvolle Gedanke an das, was uns in diesen letzten zwanzig Tagen +erwartete. + +Wir sind den 17. auf den Kampfplatz gekommen; die umgebende Landschaft +hatte keinen Reiz mehr für mich; ich war ganz in der Erwartung des +Ereignisses. + +Um drei Uhr wurde der Sturm entfesselt: Sprengen von sieben Minengängen +unter den Schützengräben des Feindes; es war wie ein fernes Donnern. + +Dann machten die fünfhundert Geschütze einen Höllenlärm, während dessen wir +losgestürmt sind . . . + +Die Nacht brach an, als wir uns in den eroberten Stellungen festsetzten. +Die ganze Nacht war ich tätig, um für die Sicherheit unserer Truppen, die +bis dahin wenig gelitten hatten, Vorkehrungen zu treffen. Ich mußte weite +nächtliche Strecken zurücklegen, auf denen ich die Toten und Verwundeten +beider Parteien antraf. Mein Herz neigte sich über alle, ich hatte aber nur +Worte für ihren Jammer. + +Morgens wurden wir mit ernstlichen Verlusten bis zu unseren früheren +Stellungen zurückgetrieben; aber am Abend haben wir wieder angefangen: wir +haben von unseren eroberten Stellungen wieder Alles zurückgewonnen und auch +hierbei habe ich meine Pflicht getan. + +Ich bin vorgedrungen und habe den Säbel eines Offiziers, der sich ergab, in +Empfang genommen; dann habe ich die zu besetzenden Stellungen befestigt. +Der Hauptmann hat mich bei sich behalten und ich habe ihm den Plan unserer +Stellung entworfen. Er teilte mir mit, daß er entschlossen sei, mich im +Armeebefehl nennen zu lassen,[*] als er vor meinen Augen fiel. + +Dann habe ich während der dreitägigen fürchterlichen Beschießung auch den +Dienst der Versorgung mit Patronen eingerichtet und aufrechterhalten, wobei +ich fünf Mann verloren habe. Unsere Verluste sind entsetzlich, die des +Feindes noch schlimmer. Du kannst Dir nicht vorstellen, geliebte Mutter, +was der Mensch dem Menschen anzutun vermag. Seit fünf Tagen sind meine +Schuhe von Menschengehirn fettig, zertrete ich Leichen, stoße auf +Eingeweide. Die Soldaten verzehren ihr kümmerliches Essen an Leichname +angelehnt. Das Regiment hat sich heldenhaft benommen, wir haben keine +Offiziere mehr. Alle sind als tapfere Soldaten gefallen. Zwei gute Freunde, +von denen der eine für eines meiner letzten Porträts ein liebenswürdiges +Modell war, sind tot. Das war eine meiner fürchterlichsten nächtlichen +Begegnungen. Weißer, herrlicher Leichnam im Mondschein: ich habe in seiner +Nähe ausgeruht. Schönheit der Natur, die wieder in mir erwachte . . . + +Endlich nach fünf Tagen des Entsetzens, die uns zwölfhundert Opfer gekostet +haben, sind wir aus diesem Ort der Greuel zurückgezogen worden. + +[Fußnote *: »Citation à l'ordre de l'armée.«] + +Das Regiment ist im Armeebefehl genannt. + +Liebe Mutter, wer wird das Unerhörte der Dinge, die ich gesehen habe, +erzählen, wer wird aber von den sicheren Wahrheiten reden, die ein solcher +Sturm entdecken läßt? + +Pflichterfüllung, Selbstüberwindung. + +Den 23. Februar. + + Teuerste, geliebte Mutter, + +Zweiter Tag im Quartier, dann gehen wir wieder morgen an die Front. +Teuerste, ich kann Dir jetzt nicht schreiben. Nähern wir uns dem, was +unsterblich ist und halten wir uns Beide an das, was Pflicht ist. Ich weiß, +daß Euer Gedanke stets dem meinigen zueilt, und ich richte mein Auge nach +dem, was in Weisheit unser Glück ist. + +Seien wir mutig, ich unter allen diesen jugendlichen Toten, Du in der +Erwartung. Aber Gott ist über uns. + +Den 26. Februar, während eines herrlichen Nachmittags. + +Liebe Mutter, jetzt sind wir wieder auf dem Schlachtfeld. Wir haben die +Höhen bestiegen, auf denen es sich eher geziemen würde die Herrlichkeit +Gottes zu betrachten, als die Greuel der Menschen zu verdammen. Die +Leichen, die anfangs zahllos waren, verschwinden allmählich und seltene, +erdfarbene Unglückliche erregen von Zeit zu Zeit eine peinliche Begegnung. + +Die Verluste sind das, was man in den Tagesberichten »ernste« nennt. + +Ich kann Dir wenigstens sagen, daß unsere Soldaten durch ihre heldenhafte +Ergebung Bewunderung erregen. Alle beklagen diesen schändlichen Krieg, aber +die meisten haben die Empfindung, daß die Annahme einer schrecklichen +Pflicht das Einzige ist, was in diesem Augenblick die fürchterliche +Notwendigkeit Mensch zu sein rechtfertigen kann. + +Liebe Mutter, ich kann nicht zu Ende schreiben. + +Jetzt schläft die Ebene in Malven- und Rosatönen ein. Wie ist es möglich, +daß es Greuel gibt in dem Maße! + +Den 28. Februar, im Quartier. + +Teure geliebte Mutter und geliebte teure Großmutter, ich schreibe Euch, +indem ich kaum aus den furchtbaren Bildern des Schreckens heraustrete und +soeben dantische Stunden erlebt habe. Was Gustave Doré die Kühnheit hatte +durch den Text der göttlichen Komödie hindurch zu erschauen, ist in +Erfüllung gegangen in den mannigfaltigsten Formen, welche die Wirklichkeit +aufhäufen kann. + +Mitten unter den Anstrengungen, deren Wohltat es ist, uns unempfindsam zu +machen, habe ich genießen können, was unsere Qualen Nutzbringendes hatten. + +Den 24. abends, kehrten wir zu unseren Stellungen zurück, aus denen man die +ekelhaftesten Spuren zu entfernen bereits angefangen hatte, hie und da +blieben nur noch menschliche Körperteile zurück, welche sich bereits der +Farbe der Erde anglichen, zu der sie zurückkehrten. + +Das Wetter war schön und frisch, und die Höhe, die wir erobert hatten, +versetzte uns mitten in den Himmel hinein: die endlosen Flächen waren ein +einziges Leuchten. Oben erstrahlten die Sterne, unten die Röte der +Feuersbrünste; die schreckliche Beschießung, mit der die Deutschen uns +überschütten, verschwendete dieses Feuerwerk. + +Ich lag in einer Erdhöhle, von der aus ich dem Monde folgte, und erspähte +den Morgen. Mitunter ließ eine Granate Erde auf mich rollen und betäubte +mich, dann sank die Stille wieder auf die gefrorene Erde nieder. Ich habe +sie teuer erkauft, ich hatte aber Augenblicke einer Einsamkeit, die von +Gott erfüllt war. Ich glaube versucht zu haben, mich vollkommen den +militärischen Forderungen anzupassen; denn, wie ich es Dir geschrieben +habe, bin ich zum Sergeanten und für die Nennung im Armeebefehl +vorgeschlagen worden. Aber, meine teuerste Mutter, wie lang, wahrhaftig zu +lang ist dieser Krieg für Leute, die zweifellos eine Aufgabe zu erfüllen +hatten! Was Du mir von den Sympathien sagst, die ich in Paris zurücklasse, +freut mich; doch wird man mich nicht von hier zurücknehmen für eine bessere +Verwendung? Warum bin ich so aufgeopfert, während soviele, die mir nicht +gleichkommen, geschont werden? Und doch hatte ich etwas Gutes auf Erden zu +tun . . . Nun, da Gott diesen Kelch nicht von mir abwenden will, so +geschehe sein Wille! + +Den 3. März, im Quartier. + +Heute vierter Ruhetag, für mich fast Ferien. Etwas trübe Ferien, die an +gewisse Aufenthalte in Marlotte erinnern. Tage, die in den Versuchen +vergehen, der körperlichen und seelischen Ermüdung abzuhelfen und gewisse +allzu leere Zeiträume auszufüllen. Aber schließlich doch Ferien, eine Rast +vielmehr, die mir erlaubt die Eindrücke, deren Gewalt mein Inneres in +Verwirrung bringt, einigermaßen zu ordnen. + +Ich bin vor Allem durch den Lärm der Granaten betäubt. Bedenke, daß allein +von französischer Seite vierzigtausend uns über die Köpfe flogen, und von +deutscher Seite ungefähr ebensoviele, mit dem Unterschiede, daß die +deutschen mitten unter uns platzten. Ich für meinen Teil wurde auf einmal +von drei 305 mm Granaten begraben, ganz abgesehen von zahllosen +Schrappnells, die in der nächsten Nähe platzten. Du kannst Dir denken, daß +dadurch meine Denkkraft stark erschüttert ist. Endlich lese ich wieder. Ich +habe soeben in einer Zeitschrift eine Besprechung von drei neuen Romanen +gelesen und das hat zum großen Teil die Sorgen der Feuerlinie in mir +gemildert. + +Ich habe einen entzückenden Brief von André erhalten, der mein Nachbar sein +muß. Er denkt wie ich über unsere schreckliche Kriegsliteratur . . . . . . +Was sich in mir am frischesten entfaltet erhalten hat, ist vielleicht die +musikalische Improvisation. So hörte ich während dieser ganzen Nacht die +schönsten Symphonien mit vollständiger Orchesterbegleitung, und wisse, daß +diese Musik ihr Bestes der großen deutschen Musik verdankte. + +. . . Nach einem solchen Sturm kann ich mich nur dem angenehmen Gefühl +hingeben eben noch am Leben zu sein in der flüchtigen Märzsonne . . . + +Den 5. März, 6. Tag im Quartier. + +Ich hätte in mir die außerordentliche Feinfühligkeit aus der Zeit vor +diesen Prüfungen wiederfinden mögen, um Dir die Farben und Erscheinungen +des Dramas zu schildern, das wir eben durchlebt haben. Augenblicklich bin +ich noch in einem an sich ziemlich wohligen Zustand der Erstarrung, der +aber das Bild der Dinge in mir und meine Ausblicke in die Zukunft +einigermaßen verdunkelt. Ich kann mich nur bemühen, mich an die Erkenntnis +des Ewigen und Dauernden zu halten und vielleicht wird mir das gelingen. + +Und doch enthielten gewisse Ansichten von verwüsteten Feldern eine so +schöne, so edle, so abschließende Lehre, daß ich mit Dir die herrlichen, in +diesen vergangenen Tagen offenbarten Wahrheiten fühlen möchte. + +Wie friedlich ist der Tod in der Erde, und wie herrlich vollzieht sich die +Rückkehr in den mütterlichen Schoß, wenn man damit die menschliche +Kleinlichkeit der Totenfeiern vergleicht! Gestern noch konnte ich glauben, +daß diese armen verlassenen Toten ein Unrecht erleiden; nachdem ich aber in +V. . . . dem Begräbnis eines Offiziers beigewohnt habe, finde ich, daß die +Natur viel mehr Mitleid zeigt als die Menschen . . . + +Ja wahrhaftig, der Tod des Soldaten ist den natürlichen Dingen nahe. Er ist +aufrichtig schauerlich und will nicht über die allgemeine Gewalttätigkeit +hinwegtäuschen. Ich bin mehrmals an Toten vorbeigegangen, deren +allmähliches Verscharren ich beobachten konnte, und dieses neue Leben war +tröstlicher als der kalte und starre Anblick der städtischen Gräber. Wir +haben von unserem Aufenthalte im Freien, eine Frische der Auffassung, eine +Großzügigkeit in den Bewegungen und Gedanken gewonnen, die den Überlebenden +die Städte gräßlich und unnatürlich werden erscheinen lassen. + +Liebe Mutter, ich schreibe Dir ungeschickt Dinge, die ich prachtvoll +empfunden hatte . . . Laß uns in den Frieden des Frühlings und in die +Pracht des gegenwärtigen Augenblicks flüchten. + +Den 7. März, 10 1/2 Uhr. + + Teure vielgeliebte Mutter, + +Ich schmücke die Untätigkeit dieses Vormittags aus. Ich genieße die klaren +Gewässer der Maas, welche die Anmut der Täler und Gärten beleben. Die +Spiele des Wassers auf dem Untergrunde von Pflanzen und Steinen bieten +meiner Müdigkeit ein beruhigendes Schauspiel und erzählen das friedliche +Dasein dieses ansehnlichen von den Hauts de Meuse beschützten Fleckens. + +Die Kirche ist vollgestopft von Soldaten, die wie ich selbst die +unerschütterliche Anschauung eines Ideals haben, aber eine äußerliche und +weniger unmittelbare Offenbarung desselben verlangen . . . + +Ich begebe mich für etwa vierzehn Tage in Kost in jenes Haus, in dem vor +bald zwei Monaten unsere ausgelassene Bande ihre Sitzungen hielt. Heute sah +ich diese braven Leute weinen, als sie von den Toten und Verwundeten +hörten. Ich habe vor dem Abmarsch Deinen Schlafsack erhalten, der +vortrefflich ist. Ich bin sehr durch rheumatische Schmerzen geplagt, die +mir seit zwei Monaten manche Nacht im Quartier verderben. + +Liebe teure Mutter, Ruhe im Kasernenlärm, der jetzt unser Leben sein wird. +Da es hier nur Unteroffiziere gibt, sind wir Alle zu Dienstarbeiten +verpflichtet und ich werde wieder die Bekanntschaft des Besens und der +Lasten machen, übrigens hat man uns das vorhergesagt: wir sollen harte +Arbeit mit unsern Händen verrichten, damit wir andern befehlen können. + +Den 7. März, zweiter Brief. + +Mildes Wetter nach dem Regen. Glockengeläute in den Abend hinein; die +fließenden Gewässer singen unter den Brücken und die Bäume schlafen ein. + +Den 11. März. + + Teure geliebte Mutter, + +Ich habe Dir nichts von meinem mit körperlicher Arbeit ausgefüllten Leben +zu erzählen. Kaum wird von Zeit zu Zeit ein Bild in mir wach, ersteht eine +Erinnerung. Ich bleibe regungslos und zerschlagen. Ich habe eben einen +schönen Aufsatz von Renan über den Ursprung der Bibel gelesen. Ich fand ihn +in einer Revue des deux Mondes vom März 1886. Wenn ich etwas davon behalten +kann, so wird es mir helfen einige Ordnung in meine recht zusammenhanglosen +Kenntnisse über diese Fragen zu bringen. + +Ich bin etwa, wie wenn ich mich von einem Nervenfieber erholte. Was mir +Freude macht, sind die Gewässer. Die fließenden und stehenden Gewässer der +Maas. Die Quellen spielen über den Gräsern und Steinen. Die Teiche ruhen +unter den großen Bäumen aus. Wasserfälle und Bäche. Auf den +steilabfallenden Abhängen nimmt der Schnee einen träumerischen Glanz an. +Ich lebe in allen diesen Bildern, ohne ihnen eine bestimmte Form zu geben. +Ich schäme mich etwas, so stumpfsinnig zu sein, glaube aber, daß es Allen +so ergehen wird, jedesmal, wenn man sich von der Hölle der Feuerlinie +entfernt. Ich esse und schlafe, wenn mein gräßlicher Hexenschuß es mir +erlauben will. + +Verzeih mir, wenn ich so tief unter mir selber stehe. Ich bin wie meines +innern Haltes beraubt. Nun meinetwegen . . . + +5 Uhr Nachmittags. + +Ich komme ziemlich müde von der Übung zurück, die herrliche Luft der Maas +erhält mich aber immer gesund. + +Liebe Mutter, ich möchte wieder mit aller Kraft dem Schönen und Edlen +zustreben. Ich möchte immer in mir die Begeisterung verspüren, die mich den +Schätzen des Lebens zutriebe. Doch augenblicklich ist mein Denken schwer +wie Blei . . . + +Den 14. März, morgens, im sonntäglichen Frieden. + +Teure geliebte Mutter, endlich erreichen mich Deine lieben erfrischenden +Briefe, nach Tagen der Entbehrung, wodurch ich notwendigerweise den +tatsächlich großen Genuß erkauft habe, hier ausruhen zu dürfen. Der hübsche +Flecken erwacht in den Nebeln der Maas; der Bach eilt über die +abgewaschenen Steine dahin. Alles hat die feine maßvolle zierliche Art, die +das Merkmal der Gegend ist . . . + +. . . Ich lese etwas, bin aber durch die körperliche Anstrengung, zu der +man uns anhält, derart ermüdet, daß ich fast sofort einschlafe. Man läßt +uns eine Unzahl Schützengräben herstellen. + +Liebe Mutter, um auf die außerordentlichen Ereignisse der letzten +Februartage zurückzukommen, so muß ich Dir wiederholen, daß ich daran wie +an ein wissenschaftliches Experiment zurückdenke. Ich hatte meine +Vorstellung von der Gewalt in eine theoretische Formel gebracht und hatte +ihre Aufgabe in der Welt erraten. Es war mir aber vergönnt gewesen, ihre +praktische Wirkung nur in unendlich abgeschwächten Fällen zu beobachten. + +Diesmal nahm die Offenbarung der Gewalt einen Umfang an, vor dem meine +Aufnahmefähigkeit in vollem Maße sich betätigen mußte . . . Nun, es war +interessant, und ich muß Dir gestehen, daß ich in diesem Augenblick niemals +von einer kalt und objektiv beobachtenden Haltung abließ. Was ich +persönliches bewahrt hatte, war eine gewisse Empfänglichkeit des Auges, die +mich befähigte, gewisse Bilder in mich aufzunehmen, deren ergreifende +Wirkung sich unmittelbar in ebenso »künstlerischer Weise« zusammenfügte, +wie jede andere menschliche Zusammenstellung. Aber im allgemeinen habe ich +in diesen Augenblicken, nie die Absicht aufgegeben zu sehen, »wie es +gemacht ist«. + +Ich bin sehr froh festzustellen, daß die Mordlust keine Macht über mich +gewonnen hat. Und ich wünsche, daß es auch so bleiben möge. Leider hat +diese Berührung mit der deutschen Rasse für immer meiner guten Meinung von +ihr geschadet. Allerdings kann ich es nicht über mich bringen, in mir eine +gewisse Rührung und ein menschliches Empfinden zu unterdrücken, die +unangebracht sind, wenn sie, wie bei diesem Anlaß, mich zum Opfer eines +arglistigen Feindes machen, aber ich gelange dazu zu dulden, was ich früher +als die Schande und Verneinung des Lebens betrachtet hätte. + +Ich habe den Franzosen im Kampfe gesehen. In der Schlacht ist er +fürchterlich, und nachher großherzig; daß ist ein Ausspruch, ein gar +vollklingender Gemeinplatz, auf dem unsere größten Schriftsteller, wie das +bescheidenste unserer Schulkinder herumgetreten sind; weiland mein +dekadenter Intellektualismus findet keinen besseren Ausdruck beim Anblick, +welchen die französische Seele gewährt. + +Den 14. März 1915. + + An Madame de L. . ., + +Meine Mutter hat mir die Prüfung erzählt, die Sie soeben wieder betroffen +hat; wahrlich, das Leben lastet schwer auf gewissen Seelen. Ich kenne Ihre +Stärke und weiß, daß Sie nur zu sehr an den Schmerz gewöhnt sind; wie sehr +aber hätte ich gewünscht, daß dieser Ihnen erspart sein möge! Meine Mutter +sagte mir, daß man ohne Nachrichten von dem Obersten B . . . sei, und sie +war unruhig . . . Wir haben eine einzige Besorgnis, den Schmerz unserer +Angehörigen. In dem Anblick des Soldaten, der fällt, ist eine große, ewige +Lehre enthalten, die uns panzert und wir möchten sehen, daß auch die, die +uns teuer sind, aus ihr Nutzen ziehen. Seien Sie versichert, daß das +Beispiel des Obersten herrliche Früchte tragen wird. Ich kenne aus eigener +Erfahrung den Heroismus, der den Soldaten verklärt, dessen Führer gefallen +ist. + +Für mich waren diese Tage reich an tragischen Ereignissen. Ich habe +gewaltsame Stunden erlebt, während welcher ich mich bemüht habe, meine +Pflicht zu tun. Ich habe alle meine Vorgesetzten fallen sehen, die Reihen +in meinem Regimente wurden gelichtet. Für den, der in dem Feuerschlunde +ist, gibt es kein menschliches Hoffen mehr. Ich gebe mich Gott hin und +bitte ihn nur, mich in einem Seelen- und Herzenszustand zu erhalten, der +mir erlaubt in seiner Schöpfung Alles zu genießen, was der Mensch nicht zu +verunstalten und zu verdunkeln vermochte. + +Alles andere ist außer Verhältnis zu den Ereignissen. + +Den 15. März (Karte). + +Teure geliebte Mutter, ich denke Du weißt jetzt, welche Gnade mir zu Teil +wurde, als ich zu meinem Zuge mich begab. Was mir auch Gott in Zukunft +vorbehalten mag, diese Rast hat mir erlaubt, mich wieder zu fassen, mich +selbst wiederzufinden und mich auf die Annahme von Allem vorzubereiten. Ich +sende Dir meine Liebe und den Ausdruck unserer innigen Vereinigung dem +Geschick gegenüber. + +Den 17. März. + +Lieblicher Morgen. Weiße Sonne, die sich in Nebel hüllt, Bäume in scharfem +Umriß auf den Höhen, die weite Ausdehnung im Licht. Bevorzugte Tage. +Neulich, da ich eine alte Nummer der Revue des deux Mondes von 1880 las, +trat ich in einen schönen Aufsatz ein wie in einen lichten Palast mit +prächtigen Gewölben, reich geschmückten Wänden. Er handelte von Ägypten und +war George Perrot gezeichnet. + +Gestern verließ mein Bataillon in Eile sein Quartier. Ich muß zu meiner +Ausbildung als Sergeant zurückbleiben. Wie bin ich für diese übrigens +beschwerliche Wartezeit dankbar, die mich das wiederfinden läßt, woran ich +am meisten halte, einen hellen Geist und ein für die Natur offenes Herz. + +Ich vergaß Dir zu erzählen, daß ich damals während des Sturmes am Abend die +Kraniche zurückkommen sah. Eine kurze Ruhepause erlaubte mir ihren Schrei +zu hören. Wie lange ist es schon her, daß ich sie fortziehen sah! Ich +erinnere mich ihres Wegfluges am Beginn des Winters und dann wurde es noch +trostloser. Diesmal waren sie für mich wie die Taube der Arche, nicht als +ob ich mir die noch bleibende Gefahr verhehlte; aber diese Boten der Luft +brachten mir die sichtbarere Zuversicht in die Ruhe des Weltalls, gegenüber +unserer eigenen Aufregung. Gestern waren es die Wildgänse, die ihren Flug +gegen Norden nahmen. Sie bildeten am Himmel verschiedene Flugstellungen, +und zeichneten regelmäßig Figuren; sie verschwanden am Horizont wie ein +flatterndes Band. + +Ich weiß das Urteil von Herrn C. außerordentlich zu würdigen. Ich hatte von +jeher schriftstellerische Neigungen, schon als Kind, und bedaure, daß die +abgebrochene Bildung, die ich mir selbst gegeben habe, soviele Lücken +aufweist; aber durch alle Wechselfälle hindurch bewahre ich die Fähigkeit +rechts und links die gefallenen Ähren zu lesen. Da ich nichts von der +Zukunft vorweggenießen möchte, rede ich natürlich nicht von dem Wunsche +Herrn E. in besseren Zeiten vorgestellt zu werden, das gehört nicht in +unser Fach, augenblicklich. + +Ich habe Frau L. . . geschrieben. Das ist für sie der letzte Schlag. +Gewissen Lebensschicksalen ist es beschieden, die Medaille zu sein, in die +alle Zeichen des Schmerzes sich einprägen. Das Unglück hat sie derart +bearbeitet, daß sie nichts mehr haben, worauf eine Freude sich einzeichnen +könnte. + +Ich denke mir aber, daß eine so ausschließliche Einstellung eines Lebens +auf den Schmerz einen geheimnisvollen Ausgleich findet im Gefühl, daß man +alles Unglück ausgeschöpft habe. Es heißt viel, wenn man die Grenze des +menschlichen Elends bezeichnet. Solche Schicksale erscheinen wie +Schildwachen, welche die Andern gegen die Schläge eines feindlichen +Geschicks beschützen . . . + +Jeden Tag sehe ich ein neues Kreuz in dem kleinen Soldatenkirchhof. Und +über Allem der siegreiche Frühling . . . + +Den 20. März. + +Unsere Ferien gehen ruhig ihrem Ende zu, während unweit Lärm und +Blutvergießen herrschen. Ich glaube das Regiment hat sich wieder gut +gehalten. + +Den 20. März. + + Teure geliebte Mutter, + +Nach soviel Gnadenbeweisen sollte ich mehr Vertrauen zeigen und will mich +bemühen, mich Gott hinzugeben, aber die Zeiten sind hart. Ich erfahre unter +vielen andern, den Tod eines Freundes mit dem ich im Quartier ein Bett +teilte. Er war vor kurzem zum Unterleutnant ernannt worden. + +Liebe Mutter, Liebe. Das ist das einzige menschliche Gefühl, das man noch +bewahren darf. + +Den 21. März. + +Liebe Großmutter, da die Zeiten der Prüfungen nahen, will ich Dir all meine +Liebe senden, mehr kann ich nicht tun. Die Lage erfordert wahrscheinlich +Opfer, vor denen wir nicht mehr an das denken dürfen, was uns festhielt. + +Laßt uns darum beten, daß der feste Glaube an das Schöne und Gute mitten +unter den Schmerzen uns nicht verlasse. + +Den 21. März, Sonntag, bei der schönsten Sonne. + + Teure geliebte Mutter, + +Ich glaube, es ist die Rede davon, uns noch einen Tag zu behalten, so daß +wir erst Dienstag abmarschieren würden. Ich weiß nicht, wo ich mein +Bataillon wiederfinden werde und in welchem Zustande, denn der Kampf +scheint außerordentlich hart zu sein und zieht sich hin. Die Nachrichten +sind sehr widerspruchsvoll, was die Gewinne betrifft. Was die Zahl der +Opfer betrifft, stimmen alle darin überein, daß sie sehr bedeutend ist. Wir +hören sehr starken Kanonendonner und das schöne Wetter wird wohl die +Kriegsleitung auf beiden Seiten dazu bewegen, die Entscheidung zu +beschleunigen. + +Ich hätte Dir gern manches erzählt von der schönen Landschaft, die mich mit +ihrer Herrlichkeit umgibt, aber wahrhaftig, meine Gedanken sind dort, wo +die Sonne die Menschen nicht zu ihrer Anbetung vereinigt, sondern nur den +Haß beleuchtet, wo die Nacht nur Angst und Verrat mit sich bringt. Neulich +in der herrlichen Ausdehnung dieser Landschaft, die sich dem Frühling +darbot, dachte ich an die Freude, die ich empfand, ein Mensch zu sein. Und +nun ein Mensch sein . . . + +Unser benachbartes Regiment, das von R. L. . ., ist mit Kompagnien, die nur +vierzig Mann zählten, zurückgekommen. + +Ich wage nicht mehr von Hoffnung zu sprechen . . . was man als Gnade +erflehen kann, ist, Alles Schöne, was der Augenblick bieten kann, +ausschöpfen zu dürfen. + +Das ist eine neue Art »sich auszuleben«, an die die Literatur bis jetzt +nicht gedacht hatte. + +Liebe Großmutter, wie hat mich Deine zärtliche Liebe in diesen Prüfungen +gestärkt! + +Den 22. März. + +Glühende Sonne, vor der man sich staunend sagt, daß man im Krieg steht. Der +Frühling ist sieghaft eingezogen. Er hat die Menschen mitten im Hasse, +mitten in der schmachvollen Beleidigung der Schöpfung überrascht. +Glücklicherweise verschweigen die Tagesberichte, das was vergänglich ist. + +Da ich mich jetzt für einundzwanzig volle Tage weit hinter der Front +befinde, habe ich Mühe mich wieder an das grauenhafte Bild dort zu +gewöhnen. Aber ich weiß, liebe Mutter, daß mein Leben und Deines nur ein +Ziel hatten und daß wir, selbst in der letzten Zeit, uns bemüht haben uns +demselben zu nähern. So wird unser Leben vielleicht nicht zwecklos gewesen +sein. Das ist heute der einzige Trost für eine ehrgeizige Seele, daß sie +vorausahnt, in welcher Richtung ihr Wirken einen Wiederhall finden wird. + +Ich glaube, daß, wenn es mir vergönnt gewesen wäre, länger zu leben, ich +nie mein Streben unterbrochen hätte. Da ich aber keine andere Gewißheit +habe als die der gegenwärtigen Stunde, habe ich versucht, das Beste meines +Selbst darauf zu verwenden. + +Den 25. März. + + Teure geliebte Mutter, + +Jetzt führe ich wieder mein Höhlendasein. Ich habe den Platz +wiedergefunden, den ich im vergangenen Monat verlassen hatte. Während +meiner Abwesenheit ist nichts geschehen: ein furchtbarer Angriff ist +unsererseits unternommen worden, hat aber zu keiner Entscheidung geführt. +Man hatte Regimenter angreifen lassen, die weder unsern Schneid noch unsere +schöne Haltung unter dem Feuer haben. Sie konnten sich nur zusammenhauen +lassen und uns die abscheulichste Beschießung zuziehen, die man sich +vorstellen kann. Wie es scheint war der frühere Kampf nichts im Vergleich +zu diesem. Meine Kompagnie hatte schwere Verluste infolge von Lufttorpedos. +Es sind Geschosse von einem Meter Höhe und 27 Zentimeter Umfang, die eine +äußerst steile Flugbahn zurücklegen und senkrecht einfallen, was ihnen +ermöglicht, in die engsten Höhlungen hineinzuplatzen. Deswegen leben wir +mehrere Meter unter der Erde. Mildes Wetter. Wir gehen Nachts aus, um die +Dienstarbeiten zu verrichten. + +Teure, ich hätte Dir gerne einen Haufen Dinge erzählt, die manche +glückliche Stunden betreffen; aber ich habe es Dir schon geschrieben, +manche davon darf man durch Worte nicht wachrufen. Die plumpe menschliche +Freude würde sie erschrecken und ihnen feindlich sein. Sie würden noch +rascher verschwinden. -- Ich nehme meinen Brief nach einem Schläfchen +wieder auf. Wir schlafen so viel wir können in unsern Erdhöhlen. Ich hatte +einen Haufen Gedanken gehabt, welche die Müdigkeit mir nicht erlaubt +auszudrücken; ich erinnere mich aber, daß ich Beethoven wachrief. Ich habe +gerade sein Alter, als er vom Schmerz betroffen wurde, und ich dachte an +das herrliche Vorbild solcher Seelenstärke, die trotz aller Hindernisse +sich betätigt. Das Hemmnis mußte ihm ebenso endgültig erscheinen als uns +heute das unsrige. Aber er war Sieger. Für mich war Beethoven die +herrlichste menschliche Offenbarung der schöpferischen Kraft. + +Ich schreibe schlecht, denn ich schlafe noch . . . + +Wie war mir alles erleichtert und durch Freundlichkeit gemildert während +des Rückmarsches! Ich verließ unser Schloß allein und, als ich vor einer +Artillerie-Batterie vorbeikam, wurde ich von Seiten der Unteroffiziere in +der brüderlichsten Weise gastfreundlich aufgenommen, übrigens liebt die +Artillerie die Xer, die sie beschützen und überhaupt flößen wir ein +lebhaftes Mitleid den Leuten ein, die nicht einmal dem Regen ausgesetzt +sind. + +Ich breche kurz ab und liebe Dich wegen Deines Mutes, der mich aufrecht +hält. Was auch geschehen mag, ich habe die innere Freude wiedergefunden. +Schon die Nacht der Ankunft war ja so schön! + +Den 26. März. + + Teure geliebte Mutter, + +Nichts neues auf unserer Anhöhe, die man weiter in Verteidigungszustand +setzt. Eine interessante Arbeit, die freilich Schwierigkeiten bietet. Das +schöne Wetter erleichtert unsere Arbeit. Von Zeit zu Zeit trifft die Hacke +einen armen Toten, den der Krieg bis in die Erde hinein quält. + +Den 28. März, auf den Höhen: graues Wetter an einem durch die gestrige +Beschießung gestörten Sonntag. + +Nun sind wir wieder mitten im Kriege. Ein fürchterlicher Angriff +unsererseits hat soeben das Gemetzel der vergangenen Woche erneuert. Meine +Kompagnie, die bei dem früheren Ansturm niedergemäht worden war, ist +freilich diesmal verschont geblieben und wir mußten nur einen Abschnitt der +Verteidigungslinie besetzen. Wir bekamen also nur die Spritzer des Kampfes +ab. + +Ich wohnte an einem schönen Frühlingssamstag dem fernen Schauspiel der +Schlacht bei und sah das kriechende Tier, dem ein Bataillon gleicht, +vorrücken und im Rauch der Granaten sich winden. Es sind Jäger zu Fuß, die +trotz der Maschinengewehre und der französischen und deutschen Beschießung +angreifen. Diese Tapferen haben Allem zum Trotz ihre Aufgabe erfüllt und so +die Niederlage der vergangenen Woche wieder ausgeglichen, wo unser Angriff +erfolglos war. + +Seit einem Monate ist es mir vergönnt, die Steindrucke Raffets[*] zu +erleben, mit dem Unterschiede, daß man zur Zeit Raffets ungestrafter in +denselben Entfernungen Augenzeuge sein konnte, weil die Gewehre weniger +weit schossen. Aber es gab wirklich schöne Dinge zu sehen, wie zum Beispiel +diese endlose Ebene, auf die die Felshöhen herabschauen, die wir besetzt +halten. Sie erstrahlen von den hunderttausend Feuern der Granaten. Und +davor kletterten die Jäger immer weiter . . . + +Sonntag, den 28. März (2. Brief). + + Liebe Mutter, + +Strahlendes Wetter, das sich im Laufe des Vormittags aufgeheitert hat. Ich +habe unsern Sektor ziemlich weit durchwandert; augenblicklich nimmt die +Beschießung wieder an Stärke zu. + +Trotzdem wende ich meine Seele der Hoffnung zu. Für alle Fälle, flehe ich +um Weisheit für Dich und für mich. + +[Fußnote *: Raffet, der durch seine Steindrucke aus dem Soldatenleben, +besonders der napoleonischen Zeit, bekannte Zeichner (1804-1860). (Der +Übersetzer.)] + +Teure, mitunter fühle ich wie leicht es mir wäre, mich wiederum den +Beschäftigungen zuzuwenden, die den Reiz und den Sinn meines Lebens +ausmachten. Mitunter fühle ich mich plötzlich in diesem schönen Frühling, +derart zur Malerei hingezogen, daß es mir sehr leid tun würde, wenn ich +nicht mehr malen dürfte. Aber ich bemühe mich doch, meine Seelenkräfte und +meinen Willen auf dem schmalen und schwierigen Damm dieses Lebens zu +erhalten. + +Den 1. April. + +Eine Sonne, die die Jugend des Frühlings enthüllt. Die Maas, ein eiliger +Bach im Schmuck eines wohlhabenden Dorfes, wohin der Wiederhall des +Kanonendonners nur noch wie ein dumpfer Stoß gelangt und seine Bedeutung +verliert. Wir haben unser Quartier gewechselt, denn die Verstärkungen +gelangen in solcher Menge nach dieser Gegend, daß wir Andern Platz machen +müssen, und immer wird gerade unser Regiment ausquartiert. + +Aber Alles ist heute Licht und Frische. Die weite fette Ebene, welche die +Hauts de Meuse begrenzen, hüllt ihre Fernen in zartes Silbergrau. + +Ich freue mich über den Brief von Gabrielle, der mir zeigt, was die +französische Seele von diesen Ereignissen zurückbehalten wird. Rührender +Brief von Pierre, der endlich nach seiner schweren Verwundung als +dienstuntauglich entlassen ist. Herrlicher Brief von Großmutter. Wie sie +sich nach dem Wiedersehen sehnt! -- Reden wir nicht davon . . . + + -- --- -- + +Ich schließe meinen Brief auf dem Ufer des Wassers, indem ich mit Wollust +die Freuden, die ich beim Malen empfand, wieder wachrufe. Ich habe vor mir +die lieblichsten Funken des Frühlings. + +Den 3. April (Karte). + +Nur ein Wort in zweiter Linie. Aufenthalt in den Frühlingswäldern. Sonne +und Regen, die am Himmel spielen. Mut trotz Allem. + +Den 3. April, 2. Brief. + +Ich möchte, ich hätte Dir in den letzten Tagen besser geschrieben, damals +als jede Minute eine Wonne für mich war, selbst in der Feuerlinie. Ich +gestehe, daß ich mich damit begnügte, mich in der Schönheit der heitern +Tage dahin leben zu lassen trotz des Krieggeheuls. Wir wissen nicht was +geschehen wird. Die Bewegungen hin und her mehren sich. Werden wir wieder +den Ansturm zu tragen haben? + +Stelle Dir vor, daß wir während unseres letzten Aufenthaltes in der +Feuerlinie die Tage in den Unterständen verbringen mußten, die wir, +gezwungen durch die grauenhafte Beschießung bis zu einer Tiefe von ungefähr +zehn Metern in die Hügelabhänge graben. Dort erwartet man in völliger +Dunkelheit die Nacht zum Aufbruch. Plötzlich haben wir meine Kameraden, die +Unteroffiziere und ich den Schauer der neun Symphonien von Beethoven in uns +erweckt. Eine unaussprechliche Begeisterung beseelte uns. Die Musik wirkte +wie ein Feuerwerk in diesem Keller. Unsere chinesische Folter, weder sitzen +noch stehen noch liegen zu können, war vergessen. + +Das Leben eines Sergeanten im Quartier ist recht angenehm; und doch maße +ich mir nichts an. + +Was die Feuerlinie betrifft, so hoffe ich, daß die Vorsehung mir die +Seelenkraft geben wird, bis zuletzt meine Pflicht zu erfüllen. Ein guter +Freund, der Führer meines Halbzuges war, ist zum Kompagniefeldwebel ernannt +worden. Alles das sind Kleinigkeiten, aber Teuerste, ich fühle mich in +diesen Tagen etwas schwach, da ich nach den Ereignissen des vergangenen +Monates arg leidend war. So lasse ich mich denn auf den sanften Abhängen +des Lebens dahingleiten. Was tuts, wenn man dabei den Abgrund streift. Möge +die Vorsehung uns davon fernhalten! + +Den 4. April. + + Teure geliebte Mutter, + +Zeit der angstvollen und von nahen Drohungen schwangeren Erwartung. Bis +dahin, Ruhe und Müßiggang. Ich kann nicht denken und gebe mich dem +Schicksal hin. Teure, verzeih mir, wenn ich seit einem Monat sehr +minderwertig bin. Liebe mich und sage unsern Freunden, daß sie mich lieben +sollen. Hast Du meine Photographie erhalten? . . . Es war in der +glücklichen Zeit des Stellungskrieges, da wir friedliche Tage verlebten und +unser einziger Feind die Strenge der Witterung war. Bald darauf wurde ich +Gefreiter und ein hartes, an unerfreulichen Arbeiten schweres Leben begann +für mich. Dann das Gewitter, dessen Wiederschein wenigstens noch mein Leben +beleuchtet. + +Den 4. April, abends, Ostersonntag. + +Liebe Mutter, jetzt stehen wir wieder unter dem Schutze Gottes. Um 2 Uhr +gehen wir in den Sturm hinein. Teure, ich denke an Dich, ich denke an Euch. +Ich liebe Euch und vertraue uns Alle drei der Vorsehung an. Möge Alles was +kommt uns bereit finden! In voller Seelenstärke, das ist mein Gebet für +Euch und für mich. Hoffnung trotzdem, aber vor Allem Weisheit und Liebe. +Ich umarme Euch ohne weitere Worte. Ich raffe mein ganzes Denken zusammen, +einer schweren Aufgabe zu. + +Den 5. April, ein Uhr. + + Liebe Mutter und liebe Großmutter, + +Wir brechen auf. Mut. Liebe und Weisheit. Vielleicht ist dies Alles zum +Besten Aller geschrieben. Ich kann Euch nur mein ganzes Herz zuwenden, mein +Leben besteht nur noch in Euch. + +Den 5. April, gegen Mittag. + + Liebe Mutter, + +Jetzt stehen wir in der Prüfung. Bis jetzt zeigt nichts an, daß die +Gnadengaben uns verlassen. Uns steht es zu, uns zu bemühen, daß wir sie +immer verdienen. Heute nachmittag werden wir unseren ganzen Willen brauchen +und müssen die höchste Weisheit anrufen. + +Teure geliebte Mutter und liebe Großmutter, könnte ich noch die Freude +Eurer Briefe haben. Laßt uns beten, daß wir noch unter Alledem aufrecht +erhalten werden! + +Teure innig geliebte Mutter, noch einmal mein ganzes Herz Euch Beiden. + + Euer Sohn. + +Den 6. April, mittags. + +Teure innig geliebte Mutter, um Mittag; jetzt stehen wir bereit auf der +äußersten Stellung. Ich sende Dir meine volle Liebe. Was auch geschehen +mag, das Leben hat uns manch Schönes gegeben. + + * * * + +In diesem Kampfe, an diesem Tage, dem 6. April ist der Verfasser dieser +Briefe spurlos verschwunden. + + + + + + + +Europäische Bücher: + +Andreas Latzko, Menschen im Krieg +Romain Rolland, Beethoven +Leonhard Frank, Der Mensch ist gut +Leo Tolstoi, Tagebuch 1895--1899 +Henri Barbusse, Das Feuer +Leonid Andrejew, Das Joch des Krieges + + + + + + +End of Project Gutenberg's Briefe eines Soldaten, by Eugène Emmanuel Lemercier + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFE EINES SOLDATEN *** + +***** This file should be named 39276-8.txt or 39276-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/9/2/7/39276/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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