summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/39276-8.txt
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to '39276-8.txt')
-rw-r--r--39276-8.txt4663
1 files changed, 4663 insertions, 0 deletions
diff --git a/39276-8.txt b/39276-8.txt
new file mode 100644
index 0000000..020e2b0
--- /dev/null
+++ b/39276-8.txt
@@ -0,0 +1,4663 @@
+Project Gutenberg's Briefe eines Soldaten, by Eugène Emmanuel Lemercier
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Briefe eines Soldaten
+ Deutsche Ausgabe der Lettres d'un soldat
+
+Author: Eugène Emmanuel Lemercier
+
+Commentator: André Chevrillon
+
+Translator: Eduard Schneegans
+
+Release Date: March 27, 2012 [EBook #39276]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFE EINES SOLDATEN ***
+
+
+
+
+Produced by Jens Sadowski
+
+
+
+
+
+Briefe eines Soldaten
+
+
+
+Deutsche Ausgabe der
+Lettres d'un soldat
+
+
+
+
+1918
+Max Rascher, Verlag, Zürich
+
+
+
+1. bis 5. Tausend
+Nachdruck verboten
+Copyright 1917 by Rascher & Cie., Zürich
+
+
+
+
+Deutsche Übertragung
+von Professor Dr. Schneegans, Neuchâtel
+
+
+
+
+1918
+Buchdruckerei Züricher Post
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+Die folgenden Briefe sind von einem jungen Maler geschrieben, der an der
+Front war von September bis Anfang April, wo er in einem der Kämpfe im
+Argonnerwald verschwunden ist. Soll man von ihm in der Vergangenheit oder
+in der Gegenwart sprechen? Wir wissen es nicht: seit dem Tage, wo sie die
+letzte von Schmutz befleckte Karte erreichte, welche den Angriff meldete,
+in dem er verschwinden sollte, -- welche quälende Stille für diese Frauen,
+die während acht Monaten nur von den fast täglichen Briefen lebten! Doch
+für wieviele Mütter und Frauen ist eine solche Qual heute das tägliche Los?
+
+In dem Atelier, unter den Bildern, in denen der junge Mann seine Träume,
+seine Künstlervisionen festgelegt hatte, habe ich, liebevoll auf einem
+Tische geordnet, alle die weißen Kärtchen gesehen, aus denen dieser
+Briefwechsel besteht. Schwelgende Gegenwart. . . . Ich wußte damals noch
+nicht, welche Seele sich hier in ihrer Fülle ausgedrückt hat, um auf diesem
+Wege an den häuslichen Herd zurückzukehren: eine Seele, die dazu bestimmt
+war, dessen bin ich überzeugt, sich weit über den kleinen Kreis der
+Verwandten hinaus zu ergießen und weithin auf die Menschen zu strahlen. Die
+Seele eines fertigen Künstlers, aber auch eines Dichters, mit der
+Schüchternheit eines Jünglings, der schon mit dreizehn Jahren die Schule
+für das Atelier verlassen hat und ganz allein gelernt hat das, was ihn
+bewegt, in Tönen auszudrücken, deren Schönheit der Leser wird zu würdigen
+wissen. Herzensgüte, inbrünstige Verehrung der Natur, mystisches Verstehen
+ihrer Erscheinungsformen und ihrer ewigen Sprache, das ist es, was die
+Deutschen, die sich die Erben Göthes und Beethovens nennen, allein zu
+besitzen glauben und was uns in diesen, von einem jungen Franzosen für
+seine Teuersten und für sich geschriebenen Briefen ergreift.
+
+Das Rührendste dabei ist vielleicht, daß wir in dem seelischen, so ernsten,
+so religiösen Empfinden, das sich hier ausspricht, Züge wiedererkennen, die
+uns in manchen Briefen von der Front auffielen. In diesen Wochen, diesen
+endlosen Wintermonaten, die sie im Schlamm oder im Schnee der
+Schützengräben verbracht, beim täglichen Anblick des Todes, beim Gedanken
+an den Tod, der vielleicht in demselben Augenblick naht, um ihnen für immer
+die Augen zu schließen, scheinen diese Kinder angefangen zu haben mit
+eindringlicherem, empfänglicherem Auge die ewigen Dinge zu betrachten, wie
+wenn sie alle, in der Fülle ihrer Kraft und ihrer Jugend, glaubten sie zum
+letzten Male zu betrachten:
+
+ »Und sterben sollte nun die Welt
+ Mit meinen Augen, den Spiegeln der Welt.«
+
+Feierliche Stimmung des Menschen, der eben eine lange Nachtwache verbracht
+hat, irgendwo auf Vorposten, und der hinter der grauen, schweigenden,
+nordischen Ebene dort, wo der unsichtbare Feind in der Erde vergraben ist,
+die rote Sonne noch einmal über diese Welt aufgehen sieht. »O herrliche
+Sonne, ich möchte dich noch einmal sehen!« schrieb am Abend des Tages, wo
+er in Frankreich einzog, ein junger schlesischer Soldat, der auf den
+Gefilden der Marne fiel und dessen Tagebuch veröffentlicht worden ist.
+Plötzlich entquillt dieser geheimnisvolle Herzenserguß, mitten unter
+pünktlichen deutschen Aufzeichnungen über Essen und Trinken, Tagemärsche,
+Fußleiden und der Aufzählung der verbrannten Dörfer. In wievielen
+französischen Briefen haben wir diese tiefe Erleuchtung getroffen! Sie ist
+sich immer gleich auf allen Stufen des Ausdrucks: bei jenem Bauern von
+Seine-et-Marne, den ich mit Namen nennen könnte, der vielleicht zum ersten
+Male in seinem Leben für die Glut des Sonnenunterganges ein Auge hat, --
+bei jenem jungen Pariser, der bis dahin nur in Ausdrücken des Skepticismus
+und der Ironie schien reden zu können, und bei dem jungen Künstler, der
+dieses Gefühl in ergreifende Verse umsetzt und es bis zur erhabenen
+Vorstellung steigert, an der die ganze stoische Philosophie hängt. Durch
+soviele Unterschiede hindurch, bei allen, dem deutschen Schullehrer, dem
+Bauern, dem Städter, dem französischen Maler, offenbart sich eine
+gemeinsame Grundlage und der vergängliche Lebende, im Vorgefühl der ewigen
+Nacht, sieht den Sinn und die Schönheit der Welt in ihm sich erweitern. O
+Wunder der Welt! göttlicher Friede dieser Ebene, dieser Bäume, dieser
+fernen Hügel, -- wie man dieser unendlichen Stille lauscht! Oder es ist die
+nächtliche Unermeßlichkeit, in der nichts als Feuersbrünste und ein
+Leuchten verbleibt. Unten ferne Glut von Bränden, oben die Sterne, ihre
+unwandelbaren Bilder, das Flimmern, die Harmonie und erhabene Ordnung des
+Weltalls.
+
+Bald werden das Geknatter der Maschinengewehre, der Donner der
+Sprengstoffe, das Geheul des Ansturms wieder anheben; man beginnt wieder zu
+morden und zu sterben. Welcher Gegensatz der menschlichen Wut und der
+ewigen heitern Ruhe! Mehr oder weniger dunkel, während eines kurzen
+Augenblickes, wird eine tiefsinnige Beziehung zwischen den einfachen
+Erscheinungen am Himmel und auf Erden, deren langsame Entwicklung sich
+begreifen läßt, und dem Beschauer hergestellt. Fühlt dann der Mensch, daß
+alles, was er sieht, er selbst ist, daß sein kleines Dasein und das Leben
+des Baumes, der dort im Schauer des Morgengrauens erbebt und dem Menschen
+zuzuwinken scheint, sich miteinander verbinden im Flusse des ewigen Lebens?
+
+ * * *
+
+Für den Künstler, von dem hier die Rede ist, waren diese Eingebungen und
+Visionen der Rausch jener langen, im Schützengraben verlebten Monate. Unter
+dem weiten Himmel, bei der Berührung mit der Erde, vor der Gefahr und dem
+täglichen Bilde des Todes, erschien ihm das Leben plötzlich seltsam
+erweitert: »Wir haben von unserm Aufenthalt im Freien eine Frische der
+Auffassung, eine Großzügigkeit in den Bewegungen und Gedanken gewonnen, die
+den Überlebenden den Aufenthalt in den Städten gräßlich wird erscheinen
+lassen.« Auch der Tod zeigte sich schöner und schlichter; Tod der Soldaten,
+deren Gestalten er mitleidig betrachtete, während die Natur sie still,
+mütterlich wieder zu sich nahm und allmählich mit der Erde vereinigte. Von
+Tag zu Tag lebte er mehr in dem Gefühl des »Ewigen«. Er blieb freilich
+empfänglich für alle Greuel und jedes Mitleides fähig, -- und man wird
+sehen wie er seine Pflicht erfüllte. Aber »in gleichem Maße leidend«,
+flüchtete er »zu einem höheren Troste«. »Man muß,« sagte er zu denen, die
+ihn lieben und die er -- mit welcher beständigen Fürsorge! -- sich bemüht
+auf das Schlimmste vorzubereiten, »dazu gelangen, daß kein Unglücksfall aus
+unserem Leben etwas Trümmerhaftes, Abgebrochenes, Unharmonisches mache
+. . . Begnüge dich mit der herrlichen Versicherung, daß ich bis heute meine
+Seele zu einer Höhe gehoben habe, wo die Ereignisse ihr nichts mehr antun
+können«. Diese Höhe ist die Gegend, in der über die Unterschiede der
+Bekenntnisse und ihrer äußern Formen hinaus, alle großen religiösen
+Gemeinschaften sich zusammenfinden, wo der eitle Schein verschwindet, wo
+der Mensch allen Behauptungen und Forderungen des Ichs ein _Nein_
+entgegenstellt und sich an das hält, was »wirklich ist«. »Unsere Leiden
+kommen daher, daß unsere schwache menschliche Geduld unseren Bedürfnissen,
+wenn auch den edelsten, zugewandt ist. . . . halte dich dabei nicht auf,
+den Wert der Persönlichkeit derer, die am Leben bleiben, derer, die gehen
+zu betrachten; das heißt die Dinge auf der menschlichen Wagschale abwägen.
+Man muß aber in uns die gewaltige Menge dessen unterscheiden, was besser
+ist als das Menschliche.« (30. Oktober.) Im Grunde ist der Tod machtlos,
+weil auch er ein eitler Schein ist und »Nichts vollständig verloren ist.«
+So findet dieser junge Franzose, der übrigens die Sprache des Christentums
+nicht vergessen hat, in den Schrecken des Krieges den Stoicismus Mark
+Aurels wieder, jene Tugend, »die weder Geduld noch allzu großes
+Selbstvertrauen ist, sondern ein gewisser Glaube an die Ordnung der Dinge,
+ein gewisses Vermögen, bei jeder Prüfung zu sagen, _daß es so recht ist_.«
+Und jenseits des Stoicismus ahnt er und erreicht den uralten, erhabenen
+Gedanken Indiens, der die Erscheinungen und trennenden Unterschiede
+leugnet, und dem Menschen seine eigene Person und die ganze Welt zeigend,
+ihn lehrt, daß er von der einen sage: »Das bin ich _nicht_«, von der
+andern: »_Das bin ich_.« Ergreifende Begegnung: durch alle Entfernungen der
+Jahrhunderte und Völker hindurch setzen die Betrachtungen dieses
+französischen Soldaten vor dem Feinde, den er morgen angreifen wird, den
+seltsamen Zustand der Verzückung fort, in den der Krieger der Bhagavad
+Gîta[*] zwischen zwei Heeren, die aufeinanderprallen sollten, sich
+versenkte. Auch er sieht in der menschlichen Unruhe einen Traum, der uns
+den Anblick der höhern Ordnung und der göttlichen Einheit verschleiern
+wollte. Auch er hat sein Vertrauen in die Dinge gesetzt, die »weder Geburt
+noch Tod kennen«, in das was »nicht geboren, unverwüstlich ist, was nicht
+getötet wird, wenn der Leib getötet wird«. Das ist das ewige Leben, dessen
+Wirken sich fortpflanzt, stets gleich durch alle Formen hindurch, die es
+erzeugt, in jeder bestrebt, sich zu mehr Licht, Frieden, Bewußtsein zu
+erheben. Und dieses Ziel bedingt das Gesetz eines jeden denkenden Wesens,
+die Aufopferung seiner selbst zum Besten des allgemeinen und endlichen
+Wohles; daher bei dem Gedanken an das wirksame Opfer, jene tiefe
+Befriedigung derer, die ihr Leben hingeben, die für die Sache des Lebens
+fallen: »Sage M. . . ., wenn das Schicksal die Besten trifft, daß das nicht
+ungerecht ist: diejenigen, die weiterleben, werden dadurch gebessert
+. . . Ihr wißt nicht, welche Lehre uns der gibt, der fällt. Ich weiß es
+aber.« Und das Opfer ist noch vollständiger, wenn das Leben geben, wenn auf
+sich selbst verzichten, zugleich bedeutet auf das verzichten, was man mehr
+liebte als sich selbst, dem man mit seinem ganzen Leben hatte dienen
+wollen. »Fahnen der Kunst, der Wissenschaft,« die er als Kind vergötterte,
+die er zu tragen angefangen hatte, mit welchem stolzen, vertrauensvollen
+Schauer! Der Mensch lerne ohne Klage zu sterben! »Es genüge ihm zu wissen,
+daß die Fahne wird getragen werden!«
+
+[Fußnote *: »Lied der Gottheit,« Episode des Mahâbhârata. (D. Übers.)]
+
+Der schlichte, gewöhnliche Gehorsam der gegenwärtigen Verpflichtung, das
+ist auch der praktische Abschluß der höchsten Weisheit der Indier, nachdem
+sie den Wahn des Scheins entschleiert hat. Sich nicht in die Einsamkeit und
+Untätigkeit zurückziehen, weil man den Wahn erkannt hat, mit seinen Brüdern
+kämpfen, an seinem Platze und Range, mit offenen Augen, ohne Hoffnung auf
+Ruhm und Gewinn, einfach weil das Gesetz es so will, das ist der Befehl,
+den der Gott dem Krieger Arjuna gibt, als dieser zweifelt, ob er von der
+Betrachtung des Ewigen dem menschlichen Schreckbild der Schlacht sich
+zuwenden solle. »Für jedes Wesen ist Gesetz, das Werk zu vollführen, das
+seine eigene Form ihm vorschreibt. Jeder unterziehe sich dem Handeln, da er
+ein Teil ist dieser Natur, deren Beschaffenheit ihn zum handeln zwingt!«
+Arjuna spanne einfach seinen Bogen mit den andern Kshettryas! Der junge
+Franzose hatte keinen Augenblick gezweifelt. Aber in seinen Briefen sehen
+wir, wie er mitten in den Schrecken des Gemetzels und in den geduldigen und
+langweiligen Arbeiten des Minenganges oder des Schützengrabens seine Blicke
+»auf das Ewige« stets zu richten wußte.
+
+Ich möchte nicht länger bei diesem Vergleiche verweilen. Vielleicht hat er
+durch einige Auszüge aus dem Ramayana den erhabenen Gedanken des uralten
+Asiens vermuten können. Und doch zeigt in der ganz modernen Färbung, in den
+bestimmten Formen und dem so französischen Fluß der Sprache die Seele, die
+sich in diesen Briefen offenbart, wie die Amiels, Michelets, Tolstois,
+Shelleys, eine tiefinnerliche Verwandtschaft mit dem zarten und mystischen
+Genius Indiens. Seltsame Verwandtschaft, die sich nicht allein in dem
+tiefen Gefühl und Verlangen nach dem Allgemeinen und Ewigen offenbart,
+sondern auch in dem unmittelbaren Mitempfinden mit allem, was Leben ist, in
+den Ergüssen der Liebe zu der großen mütterlichen Seele der Natur und allen
+ihren Erscheinungen.
+
+»Liebe«, das ist eines der Wörter, die am meisten in diesen Briefen
+wiederkehren. Liebe zu jenen Gefilden, jener Ebene, über die die Morgen und
+die Abende wie innere Regungen über ein Antlitz ziehen, Liebe zu den
+Bäumen, deren Bewegungen fast menschlich sind, -- einem gewissen, unter
+seinen Wunden männlichen, geduldigen Baume, »der einem Soldaten gleicht,«
+-- Liebe zu den hübschen Tierchen der Felder, die im Schweigen des frühen
+Morgens am Rande der Schützengräben spielend sich bewegen, -- Liebe zu
+allen Dingen am Himmel und auf Erden, jenem beseelten Himmel, jener
+französischen Landschaft mit ihrer so übersichtlichen, so schlichten
+Linienführung, Liebe zumal zu denen, die er neben sich geduldig leiden und
+kämpfen sieht, zu den ernsten Bäuerinnen der Champagne, die alle ihre Söhne
+hingaben, die schweigen, ihre Tränen trocknen und die Arbeit der Vorfahren
+auf den Ackern, in den Weinbergen weiterführen, zu jenen Kameraden, deren
+»Scherze oder Lieder« kein Elend entmutigt, »braven Leuten, denen mein
+schönes Künstlergewand arg hinderlich wäre, ihre Pflicht ehrlich zu tun,
+wie sie sie tun«, -- zu allen jenen einfachen Menschen, die Frankreich
+ausmachen, mit denen man sich so gerne vereint fühlt. Liebe zu allen
+Lebenden (man fühlt wohl, daß er nicht hassen kann, auch nicht den Feind,
+Fleisch von seinem Fleisch, das, wie er selbst, an diese Erde sich
+anklammert, das in demselben Maße duldet). Und dann Liebe zu den Toten,
+deren Anblick er aufsucht, deren stille, von Schweigen und Geheimnis
+schwere Schönheit, sich in langer Betrachtung diesem eindringlichen Auge
+offenbart.
+
+Durch diese der innerlichen, geistigen Bedeutung der Dinge zugewandte
+Aufmerksamkeit, erscheint uns dieser Maler in seinen Briefen besonders als
+ein Dichter, -- ein religiöser Dichter, der in der Welt das Wesen der Dinge
+erfaßt, alle unaussprechlichen Arten des Seins; auch als ein Musiker, der
+in den Schützengräben mit Beethoven, Händel, Schumann, Berlioz
+zusammenlebt, deren Melodien und Gedanken er in sich trägt -- den »die
+schönsten Symphonien mit ihrer Orchesterbegleitung« berauschen. Innere
+Reichtümer, geheime Mächte des Trostes und der Freude, die in den trübsten
+Stunden, in der Nacht und dem Schlamm der langen winterlichen Wachen, so
+nahe zu der Seele zu reden vermögen oder sie mit einem Male in solche Höhen
+und solche Fernen forttragen. Schumann, Beethoven: zwischen diesen
+unsterblichen Geistern, die nur für alle Menschen zu singen wußten, und den
+unmenschlichen Pedanten, welche die Schönheit des Krieges und das starre
+Recht der Gewalt predigten, was bleibt noch Gemeinsames übrig? Haben wir
+sie nicht uns zu eigen gemacht, diese Genien, dadurch, daß wir sie immer
+tiefer verstanden und in uns eindringen ließen? Sind sie nicht unsere
+Freunde geworden? Begleiten sie uns nicht in alle gesegneten Einsamkeiten,
+in denen unser wahres Ich wieder zu leben beginnt, unsere innere Quelle
+wieder fließt?
+
+Den Größten von Allen ruft eine Schar französischer Soldaten wach, drei
+Tage vor der Schlacht, die sie voraussehen, in der mehrere verschwinden
+sollten. Sie sind in der Tiefe einer unterirdischen Kasematte: »Dort
+erwartet man in völliger Dunkelheit die Nacht zum Aufbruch. Plötzlich haben
+wir, meine Kameraden, die Unteroffiziere und ich, die Schauer der neun
+Symphonien von Beethoven erweckt! Eine unaussprechliche Begeisterung
+beseelte uns.« Dieser fast heilige Gesang, diese heroische Begeisterung in
+einem solchen Augenblick, wie widerlegen sie die immer wiederholten
+Theorien der Deutschen über die Grenzen des französischen Gefühls! Welcher
+Dichter eines andern Volkes hat die Natur mit einem brüderlicheren Auge,
+mit einem tiefern Widerhall im Herzen betrachtet, als der dessen Innerstes
+sich hier ausspricht?
+
+ * * *
+
+Diese Tag für Tag geschriebenen und aus dem Schützengraben oder dem
+Quartier geschickten Briefe bilden zusammen eine fortschreitende Folge,
+gleichsam eine Dichtung oder einen Gesang. Ein tiefes inneres Leben birgt
+sich darin: das Leben einer Seele, die wir in der Eintönigkeit dieser
+außerordentlichen Verhältnisse, in denen sehr oft jedes Ereignis fehlt,
+über den gewöhnlichen Gedankenkreis sich erheben, sich selbst übertreffen
+und, je näher die schwersten Prüfungen herankamen, in Friede und heitere
+Ruhe sich hüllen sehen (Februar-April). Man muß diesen seelischen
+Fortschritt verfolgen, den er mit einem unerschütterlichen Willen leitet.
+Es gibt keine ergreifendere Geschichte eines inneren Erlebens. Sein ganzes
+Bemühen ist sich »anzupassen«, und wie fürchterlich es ihm oft wird, das
+spürt man unter der gewöhnlichen Ruhe und Schlichtheit des Ausdrucks. Er
+ist Dichter und Künstler; er hat das Leben aufgefaßt, er hat sich
+entwickelt in einer dem Manne der Tat entgegengesetzten Richtung. Seine
+ganze Bildung, seine besondern künstlerischen Übungen hatten als Folge die
+Verfeinerung einer an sich schon angebornen äußersten Zartfühligkeit. Aus
+innerm Drange und einem selbstgewählten Gesetze folgend, hat er die
+Einsamkeit und Beschaulichkeit aufgesucht. Er fühlt und weiß wohl, daß er
+nur lebt, um ein bestimmtes Abbild der Welt zu sein, und hat sich immer,
+dem innern Triebe gehorchend, bemüht, in sich selbst die reine Form und
+ursprüngliche Wölbung des Spiegels zu bewahren und zu vervollkommnen, der
+eine Neigung hat sich unter den Einflüssen der Umgebung zu verzerren und zu
+trüben. Jetzt heißt es im Gegensatz zu dem eigenen Gesetze leben, und zwar
+nicht weil die Not dazu zwingt, sondern durch einen freien Willensakt. Es
+heißt nun dieses Ich, das sich sorgfältig außerhalb der Welt und der Welt
+gegenüber bewahrt hat, preisgeben, ohne Murren es in das dichteste Gewühl
+werfen, Tag und Nacht nur noch in dem Atem und dem Gedränge der
+Soldatenschar leben, und sich dabei einer rein körperlichen Tätigkeit
+unterziehen für die furchtbaren Aufgaben des Krieges. Und für ein solches
+Dasein, das er von seinem frühern Standpunkte aus als ein Sklavenleben
+betrachtet hätte, muß er als den einzig möglichen Ausgang den Tod ansehen,
+in absehbarer Zeit. Er muß sich daran gewöhnen, in seinem verflossenen
+Leben, -- jenem Leben, das seine Künstlerträume und Hoffnungen
+erleuchteten, das wie in einem Rausch allen Regungen und dem Pulsschlag des
+Lebens des Weltalls entsprach -- nur noch einen Traum zu sehen, einen
+Traum, der entschwunden ist und nie zurückkehren wird.
+
+Das nennt er »sich anpassen«, und wie oft kehrt dieser Ausdruck in seinen
+Briefen wieder! Denn er bezeichnet die Pflicht, eine Pflicht, deren
+Schwierigkeit sich an dem Abstand zwischen Gegenwart und Vergangenheit
+bemessen läßt, zwischen dem angeborenen Trieb einer Seele und der
+Selbstüberwindung, die sie sich auferlegen will. »In voller Schaffenskraft,
+in dem Augenblick, wo das Leben für ihn eine Zeit fortwährender Blüte
+wurde, wird ein junger Mann herausgerissen und auf einen trockenen Boden
+verpflanzt, wo Alles von seiner gewohnten Nahrung ihm fehlt. Nun denn! von
+dem Augenblick an, wo nach dem ersten Riß das Leben ihn nicht verlassen
+hat, bemüht er sich aus den dürftigen Säften seines neuen Bodens zu
+schöpfen. Die Anstrengung verlangt eine Anspannung aller Kräfte, die keinen
+Raum läßt für die Erinnerungen und Hoffnungen . . . Ich erreiche es, außer
+in rasch unterdrückten Stunden der Empörung, wo die Gedanken, die
+Handlungen meines vergangenen Lebens sich erheben, wie wenn ich sie nicht
+vergessen hätte. Ich brauche dann meine ganze Kraft, um meine
+herzzerreißenden Erinnerungen in der Ergebung in den gegenwärtigen
+Augenblick zu ertränken.« Dazu braucht es eine rastlose Anstrengung. Denn
+»sich anpassen« bedeutet für ihn nicht sich durchgreifend verwandeln, indem
+er den Einflüssen der neuen Umgebung nachgibt. Durch die fortgesetzte
+Tätigkeit seiner Lebenskraft will er, im Sinne seiner eigenen
+Persönlichkeit, den Stoff umgestalten, den er aus dieser Umgebung zieht; er
+will darin die Mittel finden trotz Allem in der Richtung seines eigenen
+Wesens sich zu nähren und weiter zu bestehen. Er will Allem entsagen und
+das Wesentliche bewahren, weil sein Ich weiter erhalten bleibt, treu dem
+selbstgeschaffenen Ideal, fähig nicht allein zu leben, sondern noch zu
+blühen, teilzunehmen an dem allgemeinen Fluß des Lebens, der sich in der
+Natur in rastlosem Erblühen offenbart, im Menschen in Regungen der Liebe,
+der Kunst, der Poesie. Um dieses Ziel zu erreichen, gilt es, unter den
+Drohungen und in den Unruhen des Krieges, sich für jede Erscheinung des
+Schönen empfänglich zu erhalten. Denn das Schöne ist für diesen frommen
+Dichter das Göttliche, das mehr oder weniger deutlich in allen Dingen
+durchleuchtet; daher auch die Kraft, die er in der Betrachtung des Schönen
+schöpft, die ihn allmählich über die Zufälligkeiten des Einzelwesens
+hinaushebt. Um den Eindruck voll zu empfangen, um in sich alle Unruhe zu
+bannen, muß er der Vergangenheit und der Zukunft Lebewohl sagen, nichts
+beklagen, nichts erhoffen, nur noch im »gegenwärtigen Augenblick« leben,
+der an diesen Segnungen reich ist. »Ich nehme alles aus der Hand des
+Schicksals an, ich habe ihm aber Alles genommen, was es in den Falten eines
+jeden Augenblickes an Glück birgt.« In diesem Zustand der Einfalt, der fast
+der Zustand der Gnade ist, tritt er mit der lebendigen Wirklichkeit dieser
+Welt in Berührung. »Laßt uns essen und trinken von Allem was ewig ist; denn
+morgen sterben wir Allem ab, was menschlich ist«.
+
+Diese Befreiung der Seele ist nicht sofort erreicht. Die ersten Briefe sind
+sehr schön; aber was sie lehren, erfahren wir auch aus fast allen Briefen
+unserer Soldaten. Er schildert den Seinen die Begeisterung der Soldaten,
+ihre innige Gemeinschaft in einem einzigen flammenden Gedanken, die
+gebieterische Pflicht, seinen eigenen Willen, »ein aufrechtes Gewissen
+soweit zu tragen, als seine Füße es zu führen vermögen« (25. August 1914).
+Aber schon sieht man, wie er sich bemüht, die Richtung seines inneren
+Wesens gegen die Einflüsse und Aufreizungen des Haufens zu behaupten. Es
+gelingt ihm. Indem er sich bewahrt, sich absondert »soviel er vermag«,
+mitten unter den andern, stellt er fest, daß er in geistiger Beziehung
+unberührt ist. Aber noch ist er zwischen den Kasernenmauern oder schreibt
+in Bahnhöfen, an den Haltestellen einer endlosen Eisenbahnfahrt (»vierzig
+Mann in jedem Wagen«). Um ihn wirklich kennen zu lernen, wartet bis er in
+der Kriegszone angelangt, im Quartier, dann in der Feuerlinie, während der
+langen Stunden der Wachen und auf Posten, mit der Erde wieder in Berührung
+getreten ist. Sobald er den Hauch der weiten Ebene eingeatmet, erwacht sein
+angeborener Trieb »Schönheit zu gewinnen«, und vor den Schatten, in die die
+Zukunft sich versenkt, sie »soviel und so schnell wie möglich zu gewinnen«.
+»Ich habe im Schlamm Blumen gepflückt, bewahrt sie zur Erinnerung an mich
+auf,« schreibt er an einem Tage dunkler Vorahnung (11. Februar).
+Bezeichnend für ihn ist, daß er in der Eintönigkeit der Tage im
+Schützengraben, wenn die Gefahr das Geschwätz nicht aufkommen läßt, sie am
+häufigsten findet, jene Wunderblumen. Dann kehrt der innere Friede wieder
+ein, während des Schweigens, das diese Männer befällt, und er kann »seine
+Seele frei mitschwingen lassen«, und gleich empfindet man den
+eigentümlichen Widerhall. Diese Seele hatte zunächst nur die Klänge des
+Mutes und der Brüderlichkeit für uns wiederholt, die sich von unsern Heeren
+gleichmäßig erheben. Jetzt befindet sie sich mitten im Kriege, den ewigen
+Dingen wieder gegenüber, und plötzlich glaubt man zum ersten Male den
+Urklang und die unendliche Feinfühligkeit einer kaum berührten Saite zu
+vernehmen. Aber diese Klänge bleiben nicht zufällig und unzusammenhängend;
+bald setzen sie sich zu einer Melodie zusammen, die immer bestimmter,
+voller, von ergreifender Bedeutung schwerer wird, je mehr er durch eine
+tägliche Übung es lernt, sich von den drückendsten Umständen besser
+auszuschließen. Ein ganz unpersönliches Ich scheint sich jetzt von dem
+körperlichen Ich, das sich abmüht und Gefahren besteht, loszulösen, und die
+Dinge ohne innere Teilnahme zu betrachten, und auch dieses andere Ich, das
+an seinem Platze steht in der allgemeinen Ordnung, zu beobachten, eine
+vergängliche Welle in der Flut, die eine geheimnisvolle Vernunft leitet.
+Seltsame Fähigkeit, ein Doppel- und Traumleben zu führen! Es gelingt ihm,
+sie in der Schlacht selbst zu üben, wo seine Tapferkeit und seine
+militärische Tätigkeit ihm die Glückwünsche seines Vorgesetzten eintragen.
+In dem Höllenschlund, in dem sein Fleisch sich auflösen könnte, hört er
+nicht auf zu schauen, und am nächsten Tage kann er schreiben: »Nun, es war
+interessant!« Und er fügt hinzu: »Was ich Persönliches bewahrt hatte, war
+eine gewisse Empfänglichkeit des Auges, die mich befähigte gewisse Bilder
+in mich aufzunehmen, deren ergreifende Wirkung sich unmittelbar in ebenso
+»künstlerischer Weise« zusammenfügte, wie jede andere menschliche
+Zusammenstellung. Aber gewöhnlich habe ich in diesen Augenblicken nie die
+Absicht aufgegeben zu sehen »wie es gemacht ist« (14. März). Dann offenbart
+sich ihm die Bedeutung der Gewalttätigkeit. Dieser zarten sinnigen Natur
+flößt sie Grauen ein. Deswegen vielleicht frägt sein Geist nach dem Warum.
+Durch die Gewalttätigkeit wird eine unvollkommene und vorübergehende
+Ordnung durchbrochen und die Erscheinungen, die im Begriff waren zu
+erstarren, kommen wieder in Fluß. Das Leben beginnt wieder und eine höhere
+Ordnung wird ermöglicht. Auch hier ist Annahme, Unterwerfung unter die
+Vernunft der Welt, Vertrauen in das, was sich verwirklicht, die Lösung, zu
+der er immer wieder gelangt.
+
+Das sind Augenblicke der eigentlichen Beobachtung, reiner Überlegung, in
+die sich die Regungen des Künstlers und des Dichters nicht mischen. Solche
+Augenblicke sind nicht selten bei ihm; aber dann handelt es sich immer um
+die Welt und menschliche Ereignisse. Sie entstehen vor einem Kriegsbilde,
+einem Charakterzug, bei einer Lektüre, einer künstlerischen oder
+geschichtlichen Erinnerung (oft ruft er eine Bibelstelle wach und im
+ärgsten »Wirrwarr« schöne Bilder aus der griechischen Mythologie). Man
+bewundert diese heitere Willenskraft eines Geistes, der es verstanden hat,
+sein früheres rein geistiges Leben wieder aufzunehmen. Das ist sehr schön,
+ist aber nicht einzigartig: die große geistige Tätigkeit ist nicht selten
+in Frankreich; andere unter den Soldaten haben unter den Granaten
+philosophiert. Was diesen Briefen eine besondere Bedeutung zu verleihen
+scheint, ist der Ausdruck von etwas viel Wesentlicherem, viel Innerlicherem
+als der Gedanke; das Gefühl, das Unendliche und Unbestimmte seiner
+Schattierungen, seine Zusammenklänge mit den Bildern der Landschaft, jene
+Dichtergabe endlich, die mit der musikalischen Begabung zusammenhängt; denn
+sie geht aus demselben Urgrund des Unbewußten im Menschen hervor und strebt
+auch ihrerseits allen verschlungenen Linien des Rhythmus und des Gesanges
+zu. Ich habe schon Shelley aus Anlaß dieses Dichters genannt. Was uns eine
+Bemerkung wie die folgende offenbart, ist die Vereinigung mit dem Innigsten
+und Unaussprechlichsten in der Natur, wie wir sie bei Shelley finden:
+»Namenloser Tag, ohne greifbare Gestalt, in dem trotzdem geheimnisvoll der
+Frühling zu quellen anfängt. Warme Luft in der Verlängerung der Tage;
+plötzliches Erschlaffen, wie ein Vergehen der Natur.« (3. Februar.) Aus
+Anlaß dieses Frühlingshauches, dieser zu plötzlichen Milde, gebraucht er
+sogar einen der häufigsten Ausdrücke des Wortschatzes von Shelley:
+»Vergehen«.[*] Was er im Grunde erstrebt, wie der große englische Dichter,
+den er nicht gekannt zu haben scheint, ist das Selbstvergessen in der
+lyrischen Stimmung, das unsagbare und selige Gefühl des Ichs, das in dem
+betrachteten Gegenstand sich selbst auflöst. Was für ihn im Laufe dieser
+Wochen zählt, was er später ins Gedächtnis zurückruft, was er wiederfinden
+möchte, um es nie wieder zu verlieren, das sind jene Höhepunkte, da er sich
+selbst vergessen durfte, weil er das Unaussprechliche empfunden hatte. Der
+einfachste Gegenstand der Natur kann ihm solche Augenblicke schenken. Zum
+Beispiel in dieser plötzlichen Erleuchtung: »Ich empfand nicht wie früher
+den Segen Gottes, als plötzlich ein schöner, so schöner Baum zu meinem
+Herzen sprach, . . . und ich habe begriffen, daß eine Stunde in dieser
+Betrachtung das ganze Leben ist.« Und andauernder, stärker schwingend ist
+manchmal die innere Erregung, wie wenn der Bogen bis an die Spitze auf
+einer feinfühligen Geige eine langgezogene verzückte Melodie entwickelt:
+»Welche Lust, dieses stets innige Mitschwingen im Schoße der Natur! Gestern
+abend sah ich denselben Horizont, den wir erwachen sahen, in rosiges Licht
+gebadet; dann ist der Vollmond in einem zarten Himmel aufgegangen, auf dem
+die Bäume, wie Korallen und Safran, in zackigen Linien sich abzeichneten.«
+(2. November.) Und wahrlich es klingt wie ein Entzücken in jener
+erstaunlichen Weihnachtsnacht, deren Erinnerung alle, die damals auf der
+Front waren, bewahren werden, -- einer feierlichen, ganz blauen Nacht, voll
+Gestirne und Gesänge, in der die Ordnung und göttliche Einheit des Weltalls
+den Augen der Menschen sich zu offenbaren schien, die einen Augenblick aus
+ihrem Traum des Hasses und des Blutes erwachten und auf den beiden
+Schützenlinien zu singen begannen: »_Hymnen, Hymnen überall_«
+
+[Fußnote *: Défaillance; vergl. Shelley: faint, »my faint heart«, . . . »I
+faint, i perish with my love«. (Der Übersetzer.)]
+
+Doch, im Februar, Gemetzel, deren zunehmende Greuel einige knappe
+Aufzeichnungen mit genügender Schärfe ahnen lassen. Dann nehmen die
+Erzählungen eine raschere Bewegung an; man fühlt die schnellen Rhythmen und
+raschen Ansätze der Handlung, den herrischen Zwang rascher
+Pflichterfüllung, da der junge Sergeant die Verantwortung von Menschenleben
+trägt und furchtbaren, abgegrenzten Aufgaben gegenübersteht. Stets aber, im
+Getümmel des Gemetzels, und in der Eile des Dienstes, plötzliche und
+seltsame Augenblicke des Träumens und des Mitleids; und dann abends, welche
+unendliche Ruhe unter den Toten! In dieser Zeit hören die Aufzeichnungen
+über das Landschaftliche auf; die Beschreibung wird militärisch, technisch,
+oder aber der Gedanke verläßt die Erde. Einmal, gegen Ende, ein einziges
+Mal, ein Rückblick auf die eigene Person, eine kurze ergreifende Klage,
+beim Gedanken an die frühern Hoffnungen, an sein verlornes Künstlerschaffen
+und an die unendliche Größe des auferlegten Opfers: »Wie lang ist dieser
+Krieg für Menschen, die zweifellos eine Aufgabe zu erfüllen hatten! . . .
+Warum bin ich so aufgeopfert, während so viele, die mir nicht gleichkommen,
+geschont werden? und doch hatte ich etwas Gutes auf Erden zu tun! . . .«
+Herzzerreißender Seufzer, der uns noch mehr ergreift als die erhabenen
+Äußerungen dieser Seele, weil die bis dahin unterdrückte Qual plötzlich
+hervorbricht, -- die ganze Hülflosigkeit des Menschen, die unsrige, bekennt
+sich hier, am Vorabend einer Passion -- wie bei dem göttlichen Vorbilde.
+Mitunter ein Zweifel, der andauernde Anblick des Todes, die Müdigkeit, die
+ewige Trostlosigkeit des Regens und des Schlammes, die in ihm den
+Lebensdrang und den sehnsuchtsvollen Aufschwung des Geistes hemmen. Er war
+die junge Pflanze, von der er einmal spricht, die wuchs, nach dem Duft und
+der Pracht ihrer Blume sich sehnte, ihres Gottes sicher war, weil sie nur
+ihn, in sich lebend und wirkend, fühlte. Aber plötzlich spürt sie den
+Schauer, die Drohung der erbarmungslosen Kräfte. Wenn das Weltall leer,
+wenn in dem Endlosen dieser äußeren Welt, unter dem glänzenden Schein,
+nichts als eine gefühllose Notwendigkeit wäre? Wenn auch das Opfer
+Täuschung wäre? »Ich komme in die dunkeln Tage, wo das Nichts das letzte
+Ende aller Dinge zu sein scheint, während alles in meinem Leben die reiche
+Fülle des Weltalls mir bezeugte.« (2. Februar.) Und er stellt sich die
+qualvolle Frage: »Ist es überhaupt sicher, daß die sittliche Anstrengung
+ihre Früchte trägt?« Es ist wie wenn Gott ihn verließe. Doch diese
+Verdunkelung seiner inneren Erleuchtung vergeht rasch. Er findet die
+lichten stillen Höhen wieder, die er nur verläßt, wenn die Pflicht und der
+Kampf rufen, jene Höhen, nach denen er sich sehnte, als er schrieb: »Ich
+möchte, daß, wenn Ihr an mich denkt, Ihr das Bild von denen wachruft, die
+Alles verlassen hatten, . . . die den nächsten Verwandten nur noch in der
+Erinnerung bekannt waren, von denen sie sagten: »Wir haben einen Bruder
+gehabt, der vor langen Jahren von der Welt sich zurückgezogen hat.« (13.
+Januar) Wie seltsam der heitere Friede dieser Höhen ist, wie sehr von ihm
+selbst und allem Irdischen seine Betrachtungen losgelöst waren, das lassen
+zwei kleine Züge beurteilen: Er hat einmal nachts aus einem »mit
+menschlichen Körperteilen« und weiter in der Ferne mit Feuersbrünsten
+übersäten Schlachtfelde, unter dem von Sternen funkelnden Himmel, als
+Lagerstätte eine Aushöhlung gefunden, von der aus seine Augen die
+Mondsichel beobachten und das Kommen des Tages erspähen. Von Zeit zu Zeit
+platzt eine Granate, Erdschollen bedecken ihn, dann sinkt wieder Schweigen
+auf die erstarrte Erde nieder: »Ich habe sie teuer erkauft, ich hatte aber
+Augenblicke einer Einsamkeit, die von Gott erfüllt war.« (28. Februar.) An
+einem Abend irrt er nach fünf Schreckenstagen herum (»wir haben keine
+Offiziere mehr, alle sind als tapfere Soldaten gefallen«) und steht
+plötzlich vor dem ausgestreckten Leichnam eines Freundes. »Weißer
+herrlicher Leichnam im Mondlicht . . . Ich habe in seiner Nähe ausgeruht.«
+(22. Februar) In der Unbeweglichkeit der Natur, neben diesem Toten, hat er
+die innere Ruhe gefunden; er empfindet nur Friede und Schönheit.
+
+ * * *
+
+Diese Briefe sollen anonym bleiben, wenigstens solange man die Rückkehr des
+Verschwundenen erhoffen kann. Es genügt zu wissen, daß sie von einem
+Franzosen geschrieben sind, der mit Liebe und Glauben an den gemeinsamen
+Mühen und Gefahren teilgenommen hat, und froh war, in den Leiden und der
+Hingabe Aller die eigene Person zurücktreten zu lassen. Durch eine Gnade,
+auf die er kaum gefaßt war, als er die unberührte Stille seines
+Künstlerheimes mit dem Schweiß, dem schweren Dienst und der Unruhe des
+Soldatenlebens vertauschte, hat er ohne Zweifel hier sein Bestes offenbart,
+und man kann sich fragen, ob es ihm im regelmäßigen Verlauf eines
+abgeschlossenen Künstlerdaseins, je vergönnt gewesen wäre, mit dieser Fülle
+sein Wesen auszudrücken. Die ihn lieben, finden in diesem Gedanken den
+Trost, der ihnen helfen kann, Alles geduldig hinzunehmen. Seine Seele ist
+in diesen Briefen vielleicht wesentlicher und schöner, als sie selbst sie
+je gekannt haben. Auch Mark-Aurel schrieb im Verlauf eines Krieges seine
+Gedanken nieder. Vielleicht braucht es das Äußerste, um den Seelenadel des
+Menschen zu zwingen sich zu offenbaren; dann staunt man darüber, was die
+Seele in sich selbst entdecken kann, um es dem Schmerz und dem Tode
+entgegenzustellen. So offenbarten sich in den Tagen der Prüfungen so manche
+unserer Söhne und es erstand, zum Erstaunen seiner selbst und der ganzen
+Welt, das Wunder jenes Frankreichs, das noch nicht wußte, was es Alles
+bedeutete. Dadurch berühren uns solche Briefe so tief. Derjenige, der sie
+schrieb, hatte seine Seele mit dem Grundton der Allgemeinheit in Einklang
+gebracht. Unter dem mystischen Ausspinnen der Melodie, das sein eigenes
+Wesen in diesen Grundton hineinbringt, finden wir den erhabenen Gedanken
+wieder, den mehr oder weniger deutlich ausgedrückt, unsere Söhne und Brüder
+von der Front zu uns trugen, die hehre Melodie, die heute noch von dem
+ganzen kämpfenden Frankreich aufsteigt. In allen zur Erfüllung der hohen
+Pflicht versammelten Kameraden hatte er deutlich erkannt, was er Tiefes und
+Schönes in sich selbst entdeckte, und deswegen spricht er immer von ihnen,
+besonders von den einfachsten, mit soviel Liebe und Ehrfurcht. Was ein
+solches Leben, fern von den gewöhnlichen Sorgen und ehrgeizigen Träumen, so
+rauh, so kümmerlich mitten unter den ewigen Erscheinungen, ihnen allen
+bringt, ist eine bis dahin unbekannte »Großzügigkeit in den Bewegungen und
+Gedanken«, »die heitere Ruhe des Gewissens« und die Frische einer
+Empfänglichkeit, die sich allen Erscheinungsformen der Natur harmonisch
+anpaßt. Sie spiegeln nur noch die Natur in sich wieder. Weil sie sich
+selbst hingegeben und vergessen haben, hat sich für sie Alles in
+wunderbarer Weise vereinfacht. Sie erlangen die Durchsichtigkeit der Seele
+und die Erleuchtung der Kindheit wieder. »Wir verleben kindliche Tage, wir
+sind Kinder geworden«. (24. Dezember.)
+
+Diese Verjüngung des Herzens, unter der täglichen Drohung des Todes, diese
+kindliche Ahnungslosigkeit in der täglichen Erfüllung der heroischen
+Pflicht, ist das nicht ein Zustand, der an die Gottseligkeit grenzt?
+
+ André Chevrillon.
+
+
+
+
+Briefe eines Soldaten
+
+
+Den 6. August 1914.
+
+ Teuerste Mutter!
+
+Das sind die ersten Tage meines sehr bewegten kriegerischen Daseins; aber
+die Müdigkeit, die ich empfinde, ist von dem, was ich erwartete, sehr
+verschieden. Ich lebe in einem Zustand starker nervöser Spannung infolge
+des Mangels an Schlaf und köperlicher Bewegung. Ich führe hier das Leben
+eines Beamten. Ich gehöre zu dem, was man Ersatzmannschaft nennt, d. h. die
+seßhafte Abteilung, welche den regelmäßigen Gang derjenigen Dienstzweige
+sichert, die nie unterbrochen werden dürfen, auch nicht während der
+Abwesenheit der Truppen, und die ferner dazu bestimmt ist, die Lücken
+auszufüllen, die etwa in der Feuerlinie entstehen. Was uns fehlt, ist zu
+wissen, was vorgeht. C.-T. ist eine Stadt, in der man keine Zeitungen mehr
+bekommt.
+
+Den 13. August.
+
+Wir sind ohne Nachrichten; während mehrerer Tage wird es so bleiben, denn
+die Zensur ist außerordentlich streng.
+
+Hier ist das Leben ruhig. Das Wetter ist prächtig und alles atmet Ruhe und
+Vertrauen. Wir denken an die, welche bei dieser Hitze kämpfen, und dieser
+Gedanke läßt uns unsere Lage noch zu schön erscheinen. Die Stimmung der
+Reservisten ist vortrefflich.
+
+Sonntag, den 16. August.
+
+Heute Spaziergang auf dem Ufer der Marne. Liebliches Wetter nach etwas
+Regen. Gar angenehmes Zwischenspiel in diesen unruhigen Zeiten. Wir sind
+immer noch ohne Nachrichten wie Ihr auch, und haben zum Glück einen
+stattlichen Vorrat an Geduld. Ich hatte einiges Vergnügen daran, die
+Landschaft zu genießen, trotz der blauen und roten einbrechenden Flut,
+übrigens machten diese blauen und roten Leute den besten seelischen
+Eindruck. Unsere Ersatzmannschaft wird starke Einbußen erleiden und nimmt
+das mit Ruhe auf.
+
+Den 19. August (aus einem Tagebuch).
+
+Die Eintönigkeit des Soldatenlebens stumpft mich ab, aber ich beklage mich
+nicht.
+
+Nach neun Jahren finde ich dieselben Menschentypen wieder, etwas abgeblaßt,
+gebessert, ausgeglichen, und besonders auf den großen Gedanken hin
+gerichtet, den die Nachrichten aus dem Osten dem Geiste vergegenwärtigen.
+Die gewöhnliche Stubenkameradschaft weicht einem würdigeren Gefühl der
+Zusammengehörigkeit und einem löblichen Streben, sich einander anzupassen.
+Einer der Vorzüge unserer gegenwärtigen Lage ist das Gefühl, daß man Soldat
+spielen kann in dem Bewußtsein, seine Zeit nicht zu vergeuden. Diese Summe
+von kindlichen und wenig anstrengenden Beschäftigungen, die alle einen
+unmittelbaren Nutzen und Erfolg haben, stellt das geistige Gleichgewicht
+wieder her und beruhigt die Nerven. Dazu kommt noch der mächtige Deich, der
+alle diese Männer in Schranken hält, ein tiefes und unbestimmtes Gefühl der
+Brüderlichkeit, das alle Herzen denen zuwendet, die kämpfen. Jeder fühlt,
+daß die kleine Unbequemlichkeit, die man zu ertragen hat, nur ein schwaches
+Opfer ist im Vergleich zu dem entsetzlichen Aufwand von allen Kräften und
+aller Hingabe, die der Grenze zustreben.
+
+Den 25. August.
+
+Dieser Brief wird um wenige Augenblicke unserm Abmarsch vorausgehen. Der
+furchtbare Zusammenstoß erfordert unsere Gegenwart bei denen, die bereits
+im Kampfe stehen. Ich verlasse Euch, Großmutter und Dich, in der Hoffnung
+Euch wiederzusehen und in der Zuversicht, daß Ihr alles gutheißen werdet,
+was mir als meine Pflicht erscheinen wird.
+
+Nichts ist verloren und besonders nichts hat die Einsicht in unsere
+Bestimmung erschüttert. Sage denen, die mich ein wenig lieben, daß ich an
+sie denke. Ich habe keine Zeit jemandem zu schreiben. Meine Gesundheit ist
+vortrefflich.
+
+. . . Nach einer solchen Erschütterung kann man sagen, daß unser
+vergangenes Leben abgestorben ist. Laß uns also, liebe Mutter, unsere ganze
+Kraft daran setzen, uns einem vollständig verschiedenem Leben anzupassen,
+Du und ich, wie lange es auch dauern mag.
+
+Sei überzeugt, daß ich keine Gelegenheit aufsuchen werde, die unser Glück
+aufs Spiel setzen könnte, daß ich mich aber bemühen werde, meinem Gewissen
+und dem Deinen genug zu tun. Bis jetzt habe ich mir nichts vorzuwerfen, und
+ich habe den Willen auszuharren.
+
+Den 25. August (zweiter Brief).
+
+Zweiter Brief um Dir mitzuteilen, daß statt des unsrigen Pierres Regiment
+fortzieht. Ich hatte die Freude ihn vor mir vorbeimarschieren zu sehen, als
+ich in der Stadt auf Wache war. Ich habe ihn etwa hundert Meter weit
+begleitet. Dann haben wir uns Lebewohl gesagt. Ich hatte den Eindruck, daß
+wir uns wieder sehen würden.
+
+Die Stunde ist außerordentlich ernst; das Land wird nicht untergehen; aber
+seine Befreiung wird um den Preis von furchtbaren Anstrengungen errungen
+werden. Das Regiment von Pierre ist mit Blumen bedeckt und singend
+ausgezogen. Es war für uns ein inniger Trost, daß wir bis zuletzt zusammen
+sein konnten.
+
+Es ist schön von André,[*] daß er seinen Kameraden vom Ertrinken gerettet
+hat. Man kennt nicht die Schätze an Heldenmut, die Frankreich und die
+intellektuelle Jugend von Paris in sich bergen.
+
+[Fußnote *: Unterleutnant André Cadoux, ruhmvoll vor dem Feinde gefallen,
+den 13. April 1915.]
+
+Was unsere Verluste betrifft, so kann ich dir sagen, daß ganze Divisionen
+vernichtet worden sind. Gewisse Regimenter haben keinen Offizier mehr. Wie
+ich empfinde und was ich für meine Pflicht halte, darüber wird dich mein
+erster Brief vielleicht besser unterrichten. Wisse, daß es eine Schande
+wäre auch nur einen Augenblick an die eigene Rettung zu denken, wenn die
+Rasse unsere volle Hingabe verlangt. Meine einzige Pflicht ist ein
+aufrechtes Gewissen soweit zu tragen, als meine Beine es zu führen
+vermögen.
+
+Den 26. August.
+
+ Teuerste Mutter!
+
+Ich habe mich sehr über einen schönen Artikel von Barrès gefreut, »Der
+Adler und die Nachtigall,« der Punkt für Punkt mit dem zusammenstimmt, was
+ich empfinde.[*] Die Ersatzmannschaften enthalten viel Abfall, aber auch
+kraftvolle Elemente, zu denen ich mich noch nicht zu zählen wage; aber ich
+hoffe sehr, daß ich mit diesen ausziehen werde. Der Stabsarzt hatte mich
+vom Tornistertragen entbunden, aber ich trage ihn doch, um mich zu
+trainieren, und halte es gut aus.
+
+[Fußnote *: Siehe Maurice Barrès: L'âme française et la guerre, I. L'Union
+sacrée, Paris. Emile-Paul. 1915. XVI. L'aigle survole le rossignol. »Schon
+unterscheide ich durch welches Aufblühen die junge Literatur, nach den
+Lehren des Krieges, für den Anteil, den sie an dem gewaltigen Kampf nimmt,
+wird belohnt werden.« Aus dem Kriege zurückgekehrt, »werdet Ihr,
+Schriftsteller, Eure Träume übertreffen, wie der Adler über die Nachtigall
+emporfliegt.« (S. 87.)]
+
+Die einzige Versicherung, die ich dir geben kann, betrifft mein
+körperliches und seelisches Befinden, das vorzüglich ist. Der wahre Tod
+wäre in einem besiegten Lande leben zu müssen; für mich besonders, dessen
+Kunst dann vernichtet wäre.
+
+Ich suche die Einsamkeit auf, so oft ich es vermag, und in geistiger
+Hinsicht bin ich wirklich unberührt. Übrigens ist der seelische Stand der
+Mannschaft viel höher als in gewöhnlichen Zeiten; das Unangenehme ist, daß
+die ewigen Wechsel und Versetzungen uns von Quartier zu Quartier
+herumschleppen, und daß das Vertrauen, welches im Erwachen war, vor den
+stets erneuerten uns bekannten Gesichtern stockt.
+
+Den 30. August.
+
+Liebes Mütterchen, wenn wir auch nicht schon gestern fortgezogen sind,
+sicher ist, daß es sich jetzt nur noch um Stunden handeln kann. Ich will
+Dir nichts schreiben von dem, was ich dir schon sagte; genug für mich, daß
+du mir zustimmst, wie ich dessen sicher war. . . .
+
+Je näher die Entscheidung heranrückt, um so mehr verfliegt alle
+Schlaffheit. Bei dem gestrigen sehr anstrengenden Marsch ist ein einziger
+abgefallen und der war wirklich krank. Frankreich wird aus dieser schlimmen
+Lage herauskommen.
+
+Ich kann dir nur wiederholen, wie sehr ich auf jede Wendung der Dinge
+gefaßt bin, und daß nichts unsere siebenundzwanzig glücklichen Jahre
+streichen kann. Ich bin entschlossen, mich nicht als ein vorbestimmtes
+Opfer anzusehen und ich fasse das Glück der Heimkehr ins Auge, bin aber
+bereit bis zum äußersten meiner Kräfte zu gehen. Wenn du ahnen könntest,
+welche Scham ich empfinden würde bei dem Gedanken, daß ich etwas mehr hätte
+leisten können.
+
+Inmitten all dieses Jammers erleben wir herrliche Stunden, in denen die
+Dinge, die uns am Fremdesten waren, eine erhabene Bedeutung erhalten.
+
+Den 4. September, 6 Uhr (unterwegs, im Zug).
+
+Vierzig Stunden einer Fahrt, in der das »malerische« den äußersten Mangel
+jeglicher Bequemlichkeit übertrifft. Die große Frage ist der Schlaf und die
+Lösung ist nicht einfach, wenn man zu vierzig in einem Viehwagen ist.
+
+Jeden Augenblick hält der Zug und wir begegnen den unglücklichen
+Flüchtlingen. Dann die Verwundeten: schöner patriotischer Anblick. Die
+englischen Truppen. Die Artillerie.
+
+Wir wissen nichts mehr, da wir keine Zeitungen mehr haben und wir können
+uns nur an die Gerüchte halten, die in der geängstigten Bevölkerung
+umgehen. Herrliches Wetter.
+
+Samstag, den 5. September (nach 60 Stunden Fahrt in einem Viehwagen:
+40 Mann in jedem Wagen.)
+
+Am selben Tage sind wir an den Ufern der Seine, dem Walde von Fontainebleau
+gegenüber, und an den Ufern der Loire entlang gefahren. Die Schlösser von
+Blois und von Amboise gesehen. Leider verhinderte uns die Nacht daran, mehr
+zu sehen. Könnte ich Dir nur sagen, welche süße Erinnerungen jene
+herrlichen Loireufer in mir wachgerufen haben!
+
+Seid Ihr von diesen schrecklichen Fliegern beschossen worden? Ich denke an
+Euch in solchen Fällen, an die arme Großmutter besonders, die es wahrlich
+nicht nötig hatte solche Dinge zu erleben. Nun, gute Hoffnung! Wir erfahren
+durch die evakuierten Verwundeten, daß in den ersten Tagen des Augusts im
+hohen Kommando Fehler begangen worden sind und daß sie unerbittlich
+bestraft worden sind. Jetzt müssen wir sie wieder gut machen.
+
+Die englischen Truppen kommen in Menge. Wir sind an mehreren vollgestopften
+Zügen vorbeigefahren.
+
+Nun, dieser Krieg wird nicht der militärische Spaziergang sein, wie Viele
+glaubten, wie ich es nie geglaubt habe; er wird aber das Gute in der ganzen
+Menschheit aufgerüttelt haben. Ich erzähle Euch nichts von den herrlichen
+Bildern, die nicht auf den Krieg Bezug haben, doch wird nichts verloren
+sein.
+
+Den. 5. September 1914, 1. Etappe, 66 Stunden Käfig ohne sich
+ausstrecken zu können.
+
+Fortwährend Berührung mit Eisenteilen und Erschütterung -- aber auf die
+gräßliche Nacht folgt dreimal nacheinander der strahlende Morgen und alle
+Müdigkeit verschwindet!
+
+Wir sind kreuz und quer durch die französische Landschaft gefahren, von der
+etwas trockenen, aber so andeutungsreichen Heiterkeit der Champagne bis zur
+üppigen und kraftvollen Seelenruhe der Bretagne. Dazwischen sind wir an den
+rauschenden und feierlichen Ufern der Loire entlang gefahren, und nun
+. . . O mein herrliches Vaterland! Herz der Welt, in dem alles Göttliche
+auf Erden ruht, welch' Ungeheuer zerfleischt Dich? Wesen, dessen Schönheit
+allein eine Herausforderung war . . .
+
+Vorher liebte ich Frankreich in aufrichtiger Liebe, wenn auch etwas nach
+der Art eines Dilettanten; ich liebte es wie ein Künstler, der stolz ist
+auf dem schönsten Fleck Erde zu leben, aber im Grunde liebte ich es etwa
+wie ein Bild seinen Rahmen lieben könnte.-- Es brauchte dieses Entsetzen,
+um mich das Kindliche, das Innige in den Banden, die mich mit meinem Lande
+verknüpfen, fühlen zu lassen . . .
+
+Den 7. September (aus einem Tagebuch).
+
+. . . Wir haben die Fahrt in das Unbekannte angetreten, ohne irgend ein
+vorherrschendes Gefühl, außer etwa einer leidlich schönen Annahme des
+Unvermeidlichen. Doch die weicheren Regungen werden durch den Anblick der
+Opfer des Krieges wachgehalten. Wir sehen besonders Flüchtlinge. Arme
+Menschen! wahrhaft dem Boden Entwurzelte, oder vielmehr welkes Laub im
+Sturm, kleine Seelen in gewaltigen Ereignissen. Ganze Züge von Viehwagen,
+die kaum ihre Bestimmung gewechselt haben. Züge, in denen der Jammer dieser
+Entrissenen sich anhäuft, die, o wie bald, zur Herde werden! Das Elend hat
+sie aller menschlichen Errungenschaften entblößt. Wir bringen ihnen zu
+essen und zu trinken und dabei lernen wir sie kennen: der Mann trinkt, ohne
+an seine Frau, an seine Kinder zu denken. Die Frau erinnert sich ihres
+Säuglings, einige Weiber aber nehmen sich Zeit, ohne um die Hast der andern
+sich zu kümmern. Unter diesen Schiffbrüchigen berührt mich eine wie ein
+Stich mitten ins Herz. Eine siebenundachtzigjährige Greisin, in allen
+diesen Stößen herumgeschüttelt und herumgeschleppt, wird abwechselnd
+heraufgeladen und aus den rollenden Käfigen heruntergeschafft, so zitternd,
+so hülflos, so verloren . . .
+
+Den 10. September (aus einem Tagebuch).
+
+Wir kommen in eine von guten Nachrichten durchkreuzte Gegend: sehr deutlich
+bekomme ich den Eindruck, daß nunmehr das Schicksal Frankreichs gesichert
+ist. Vom amtlichen Bericht, der bündig und bestimmt einen durchgreifenden
+Erfolg versichert, bis zu dem Bündel phantastische Gerüchte, alles trägt
+dazu bei, dieses Vorgefühl zu verstärken.
+
+Den 13. September (aus einem Tagebuch).
+
+Hier ist Krieg; hier betreten wir den Ort des Entsetzens. Wir haben die
+Dörfer Frankreichs, in denen der Friede schlummerte, verlassen. Jetzt ist
+alles nur noch gewaltsame Bewegung, hier sieht man die ersten unmittelbaren
+Opfer des Krieges.
+
+Die Soldaten: Blut, Schmutz und Schlamm. Verwundete. Diejenigen, denen wir
+zuerst begegnen, sind am leichtesten verwundet: Wunden an den Armen, den
+Händen. Bei den meisten bemerkt man deutlich neben der Müdigkeit und den
+Schmerzen ein Gefühl wahrer Erleichterung, weil sie noch leidlich gut davon
+gekommen sind.
+
+Weiter in der Gegend der Verbandstellen, Verscharren von Toten; sechs sind
+es, auf zwei Karren ausgestreckt. Flach daliegend, in zerrissenen Kleidern
+verloren, führt man sie in eine am Fuß eines Kruzifixes offene Gruft.
+Priester tun eher Kriegsdienst als Gottesdienst, denn auch sie sind als
+Soldaten eingezogen. Etwas Stroh und Weihwasser darüber und wir ziehen
+weiter. Im Grunde sind diese Toten noch zu beneiden. Sie sind gepflegt
+gestorben. Was soll man von denen sagen, die weiter vorn liegen und
+verschieden sind nach Nächten von Todeskampf und Verlassenheit!
+
+. . . . Von diesem Sturme wird uns ein endloses Verlangen nach Mitleid,
+Brüderlichkeit und Güte verbleiben.
+
+Mittwoch, den 16. September 1914.
+
+In dem Kreise des Entsetzens. Die regnerische Dämmerung läßt die Straße
+erbleichen; plötzlich, in einem Graben, -- die Toten! Sie haben sich vom
+Schlachtfeld bis hierher geschleppt. Wie sie gefallen, so liegen sie da --
+jetzt schon stinkend. Die einbrechende Nacht läßt uns nur mit Mühe ihre
+Landeszugehörigkeit unterscheiden, aber dasselbe große Mitleid umfängt sie.
+Es gibt nur ein Wort für alle: armer Junge! Die ganze Nacht unter diesen
+Greueln, dann den Morgen wieder. Der Tag bricht an über angeschwollene
+Pferdeleiber! An einer Waldecke ein erkaltetes Gemetzel. Sie liegen da
+ausgestreckt und starr, schon schwarz von Verwesung -- und ausgeplündert:
+überall sieht man offene Taschen, aufgerissene Brotsäcke. Nichts von dem,
+was ihre Persönlichkeit ausmachte, ist ihnen verblieben. Unter ihnen
+Zivilisten, deren Gegenwart sich aus dem deutschen Verfahren erklärt,
+französische Geiseln unter unserm Feuer marschieren zu lassen.
+
+Wenn diese Aufzeichnungen jemandem in die Hände fallen, mögen sie in einem
+ehrlichen Herzen Schauer erwecken vor der scheußlichen Missetat derer, die
+an diesem Kriege verantwortlich sind. Nie wird es Ruhm genug geben, um all
+diesen Schmutz, all dieses Blut zu verdecken.
+
+Den 21. September 1914.
+
+Der Regen im Krieg: Eine Qual, von der man sich keine Vorstellung machen
+kann. Drei Tage und drei Nächte, ohne etwas anderes tun zu können als
+zittern und jammern und trotzdem muß man den Dienst versehen. In einem mit
+Wasser gefüllten Graben schlafen, das sucht seinesgleichen bei Dante; was
+soll man aber erst vom Erwachen sagen, wenn man auf den Augenblick lauern
+muß, wo man mordet oder ermordet wird! Darüber das Brummen der Granaten,
+welches das Pfeifen des Windes übertönt. Mitunter Knattern der Gewehre.
+Dann kauert man in den Schmutz nieder und läßt die Verzweiflung einen
+durchdringen.
+
+Als diese Qualen ein Ende nahmen, hatte ich eine solche Entspannung der
+Nerven, daß ich geweint habe, ohne zu wissen warum. Das nennt man auf
+Vorposten ziehen nach einem Kampfe.
+
+Den 25. September.
+
+Eine Hölle in der friedlichsten, ländlichsten Gegend. Eine
+Herbstlandschaft, in welche die Kanone Löcher reißt!
+
+Den 27. September.
+
+Wenn es außer der herrlichen Lehre, die aus diesem Kriege hervorgehen wird,
+greifbare Gewinne gibt, so bin ich besonders für einen empfänglich, die
+Betrachtung des nächtlichen Himmels. Niemals brachte mir die Majestät der
+Nacht so vielen Trost wie in diesen sich häufenden Prüfungen. Der
+strahlende Abendstern ist mir ein Freund geworden. . .
+
+Jetzt bin ich mit den Formen der Sternbilder vertraut. Einige ziehen durch
+den Himmel weite Bogen, als wollten sie den Thron Gottes umkreisen. Welche
+Pracht! Wie denkt man dabei an den chaldäischen Hirten!
+
+O Sternbilder! erstes Alphabet! . . . .
+
+Den 1. Oktober.
+
+Ich kann Dich versichern, daß ich in geistiger Beziehung soeben herrliche
+Tage erlebt habe, in deren Verlauf alles, was eitle Sorge war, durch einen
+neuen Geist weggefegt wurde.
+
+Wenn Du je eine trübe Stunde hast und ein einziger meiner Briefe Dich
+erreicht, so soll er Dir sagen, wie erhebend und kostbar diese Qualen
+waren.
+
+1. Oktober (aus einem Tagebuch).
+
+. . . Aus alledem muß man folgern, daß unsere Leiden in jedem einzelnen
+ihrer Momente als die wunderbarste Quelle seelischer Bewegung und der
+Bildung für unser Gewissen zu betrachten sind. . . .
+
+Jetzt weiß ich, welchem Gebiet mein Schicksal mich zuführt. Nicht mehr in
+das stolze, künstliche Land abstrakten Denkens, sondern auf den Weg der
+täglichen kleinlichen Sorgen und in ihren Dienst muß ich eine stets
+wachsame Feinfühligkeit stellen.
+
+Ich sehe, wie leicht eine gerade Natur alles Künstliche im Ausdruck
+aufgibt, um tätig zu sein und einen heilsamen Einfluß auszuüben. Eine
+kostbare Belehrung, die mir im Falle der Rückkehr erlauben würde, weniger
+darunter zu leiden, wenn das Schicksal mir zu malen nicht mehr erlauben
+sollte.
+
+Den 9. Oktober.
+
+. . . Wie es scheint haben wir den Befehl, anzugreifen. So will ich denn
+dieses schwere Wagnis nicht unternehmen, ohne Dir meine Gedanken zuzuwenden
+in den wenigen Augenblicken der Sammlung, die wir haben. . . Alles trägt
+hier dazu bei, den Frieden des Herzens zu bewahren: die Schönheit der
+Wälder, in denen wir leben, das Fehlen geistig komplizierter Aufgaben
+. . . Es ist widersinnig, wie Du sagst, -- und doch sind soeben die
+schönsten Stunden meines seelischen Daseins verflossen . . .
+
+Wisse daß es auf Erden immer Schönheit geben wird und daß der Mensch
+niemals Bosheit genug haben wird, um sie zu zerstören. Ich habe genug
+gesammelt, um damit mein ganzes Leben zu schmücken. Möge das Schicksal mir
+Gelegenheit geben, daß ich alles was ich heute sammle, später seine Früchte
+tragen lasse. Es gibt ein Ding, das niemand uns wird entreißen können, das
+ist der Seelenschatz, den wir angehäuft haben.
+
+Den 12. Oktober.
+
+Bis jetzt verlassen mich deine Liebe und die Vorsehung nicht. Wir sind
+immer noch in herrlichen, verwüsteten Wäldern, mitten im schönsten Herbst.
+Die Natur bringt uns manche Freuden, welche diese Greuel übertönen. Tiefe,
+mächtige Hoffnung, welche Leiden uns auch erwarten mögen.
+
+Den 14. Oktober.
+
+Ohne Zweifel, liebe Mutter, gibt es Opfer, die schwere Kämpfe kosten; doch
+wisse, daß wir beide die nötige Kraft der Seele besitzen, um diese schweren
+Stunden zu durchleben, ohne vor Angst zu beben bei dem Gedanken an das
+Wiedersehn, das wir beide erhoffen.
+
+Das Wichtige ist, den Wert der gegenwärtigen Stunde zu erkennen und sie
+alles uns schenken zu lassen, was sie Schönes, Gutes, Erbauliches enthalten
+mag. Im übrigen vermag niemand die Zukunft zu verpfänden und es wäre eine
+sehr unnötige und zwecklose Quälerei, in dem Gedanken daran zu leben, was
+uns wohl künftig geschehen könnte. Findest Du nicht, daß das Leben uns
+viele Freude gespendet hat und es eine der letzten und die größte war, daß
+wir uns endlich schreiben konnten? Hier gibt es viele arme Menschen, die
+nicht wissen, wo ihre Frauen, ihre Kinder sind, die seit Monaten von allen
+getrennt sind. Wie du siehst, gehören wir noch zu den Bevorzugten.
+
+Liebe Mutter, weniger denn je dürfen wir verzweifeln; denn niemals werden
+wir deutlicher den Eindruck haben, daß alle diese Unruhe und diese
+Verirrungen nichts sind im Vergleich zu dem Anteil Ewigkeit, das jeder in
+sich trägt, und daß alle diese Ungeheuerlichkeiten in einer besseren
+Zukunft ihren Abschluß finden werden. Dieser Krieg ist wie eine
+Welterschütterung, die auf frühere Umwälzungen unseres Erdballs folgt;
+sahst du aber je, daß bei alledem ein Teilchen Seele verloren ging und das
+Gefühl einer höheren Ordnung abgeschwächt wurde? Unsere Leiden kommen
+daher, daß unsere kleine menschliche Geduld unseren Bedürfnissen, wenn auch
+den edelsten, zugewandt ist. Sobald sie die Dinge prüft mit der Absicht,
+darin Harmonie zu entdecken, findet sie die vollkommene Ruhe der Seele. Wir
+wissen nicht, ob diese Gewalt und diese Unordnung unser allgemeines
+Geschick nicht dem endgültig Guten zuführt.
+
+Liebe Mutter, indem ich die festeste und menschlichste Hoffnung bewahre,
+sende ich Dir sowie der geliebten Großmutter meine innigste Liebe. Wende
+auch unsern Freunden, die im Unglück sind, mein ganzes Herz zu. Hilf ihnen
+alles ertragen: zwei Kreuze sind weniger schwer zu tragen als eines. Hab'
+Vertrauen in unsere ewige Freude.
+
+Den 15. Oktober, 7 Uhr.
+
+Ich habe eine Karte von Dir erhalten, vom ersten. Wie froh bin ich, uns
+endlich mit einander verbunden zu sehen! In Wahrheit hatten sich unsere
+Gedanken nie verlassen. Du teilst mir das Unglück von Martha mit und ich
+freue mich, daß Du ihr behülflich sein kannst. Liebe Mutter, das ist unser
+beider Aufgabe: im gegenwärtigen Augenblick nützlich zu sein, ohne etwas
+von der folgenden Minute vorwegzunehmen.
+
+Ja, ich fühle wirklich so innig wie Du, daß ich im Leben eine Aufgabe zu
+erfüllen habe. Aber man muß stündlich so handeln, wie wenn diese Aufgabe
+augenblicklich zu erfüllen wäre. Behalten wir kein Winkelchen unseres
+Herzens für unsere kleinen Hoffnungen. Wir müssen notwendig dazu kommen,
+daß kein Unglücksfall aus unserm Leben etwas Trümmerhaftes, Abgebrochenes,
+Unharmonisches mache. Das ist die schönste Aufgabe, die Aufgabe des
+Augenblickes.
+
+Das übrige, jene Zukunft, welche man nicht befragen darf, liebste Mutter,
+Du sollst sehen, was sie uns Schönes, Gutes, Gerechtes vorbehält. Keine
+unserer Kräfte darf sich ins Leere betätigen; jede eitle Ängstlichkeit ist
+eine schädliche Kraftvergeudung.
+
+Begnüge Dich mit der herrlichen Versicherung, daß ich bis heute meine Seele
+zu einer Höhe gehoben habe, wo die Ereignisse ihr nichts mehr antun können
+und ich verspreche Dir, daß mein Streben dahin geht, sie fernerhin
+vorzubereiten, so gut ich es kann.
+
+Sage M. . ., wenn das Schicksal die Besten trifft, daß es nicht ungerecht
+ist: die Schlechten, die weiterleben, werden dadurch gebessert. Möge sie
+das Opfer annehmen in dem Bewußtsein, daß es nicht zwecklos ist. Ihr wißt
+nicht, welche Lehre uns der gibt, der fällt. Ich aber weiß es.
+
+Für den, der das Leben zu lesen vermag, haben die gegenwärtigen Ereignisse
+alle gewohnte Denkweise zerrissen, sie lassen aber besser denn je die ewige
+Schönheit und Ordnung durchschauen.
+
+Laßt uns uns erholen von der durch diesen Riß verursachten Überraschung,
+und uns sofort den neuen Verhältnissen anpassen, die aus uns Bevorzugte
+machen im Vergleich mit Sokrates, den christlichen Märtyrern und den
+Männern der Revolution. Wir verschmähen im Leben das nur Vergängliche und
+erfreuen uns dessen, was es so selten bietet, des Gefühls des Ewigen.
+
+Den 16. Oktober.
+
+Wir verleben einige Tage in annähernder Ruhe; zwischen zwei Stürmen hat
+meine Kompagnie eine besondere Ruhezeit verdient; so kann ich den Oktober
+voll genießen. Dein guter Brief vom 2. Oktober ist angekommen, jetzt bin
+ich voll Freude und der Friede ist innig . . . .
+
+Fahren wir fort, uns mit Mut zu wappnen, reden wir nicht einmal von Geduld.
+Nur noch Annahme des gegenwärtigen Augenblickes mit allen Schätzen, die er
+uns bringt: es gibt nichts anderes mehr, und gerade in diesen einzigen
+Punkt vereinigt sich alles, was es Schönes in der Welt gibt. Die Schönheit
+lebt, liebe Mutter, sie lebt außerhalb von allem, was wir sonst gewohnt
+waren zu fühlen. Setze Deinen Mut, Deine Liebe zu mir darein, sie zu
+entdecken, sie andere entdecken zu lassen.
+
+Diese neue Schönheit hat nichts zu tun mit den Vorstellungen, welche die
+Worte: Gesundheit, Familie, Vaterland ausdrücken; man erkennt sie, wenn man
+das Stück Ewigkeit, das in jedem Dinge enthalten ist, entdeckt. Aber
+bewahren wir die wunderbare Zuversicht, daß wir _uns wiedersehen_, sie wird
+uns nicht hindern alles zu tun, was unsere Pflicht uns vorschreibt. Sage M
+. . . wie sehr ich an sie denke. Leider ist ihr Fall nicht eine Ausnahme.
+Dieser Krieg hat manche Hoffnungen zertrümmert; so wollen wir, liebe
+Mutter, unsere Hoffnung dorthin verlegen, wo der Krieg sie nicht erreichen
+kann, in die Tiefe unseres Herzens, in die Höhen unserer Seele. . . .
+
+Den 17. Oktober, um 15 Uhr.
+
+Dir schreiben, das Bewußtsein, daß meine Briefe Dich erreichen, das ist mir
+ein tägliches Paradies. Ich lauere auf die Stunde, wo mir das möglich wird.
+Ja, geliebte Mutter, Du mußt fühlen, wie Dein Mut und Deine Lebensfreude
+wiedererwachen; nie darf man als Lebensgrund eine einzige Zuneigung nehmen,
+so berechtigt sie auch sein mag. Kein Unglücksfall darf uns vergessen
+lassen, wozu wir leben. Freilich können wir diese oder jene Aufgabe im
+Leben vorziehen, laß uns jedoch die annehmen, welche sich uns darbietet, so
+unerwartet und kurz sie auch sein mag. Du fühlst wie ich selbst, daß eine
+glückliche Zukunft uns beschieden ist, doch denken wir nicht daran. Denken
+wir an die Arbeit des heutigen Tages, an alle Opfer, die sie uns auferlegt.
+
+Den 22. Oktober.
+
+. . . . Ich nehme alles aus der Hand des Schicksals an; ich habe ihm aber
+alles genommen, was es an Glück in den Falten eines jeden Augenblickes
+birgt. Ach! wenn die Menschen ahnten, wieviel Friede sie vergeuden und was
+eine Minute in sich fassen kann, wie würden sie doch weniger unter der
+scheinbaren Gewalttätigkeit leiden! Freilich gibt es äußerste Qualen, die
+ich noch nicht kenne und welche die Seele vielleicht in einer Weise prüfen,
+die ich nicht ahne; aber ich spanne alle Kräfte meiner Seele dem Ziele
+entgegen, alle Augenblicke und alle Prüfungen anzunehmen. . . .
+
+Was notwendig ist, ist die Erkenntnis des Sieges der Liebe und der
+Schönheit über die Gewalt. Einige Zeiten des Hasses und der Lüge werden
+nicht die ewige Schönheit zu zerstören vermögen, und von dieser Schönheit
+hat jeder von uns einen unsterblichen Schatz.
+
+Den 23. Oktober.
+
+ Liebste Mutter!
+
+Ich habe den Artikel von Barrès, »Der Adler und die Nachtigall« noch einmal
+gelesen. Er ist immer noch so schön, aber schon nicht mehr im Ton. Heute
+besteht nichts außer dem unmittelbar Gegenwärtigem; alles übrige erscheint
+wie ein Schmuck, den man beiseite legt für Festtage, ferne, problematische
+Feste. Aber gleichwohl, man schließt diesen Schmuck sorgfältig in eine
+Schublade ein. So tue ich mit den Schätzen der Freundschaft, dem
+berechtigten Ehrgeiz, dem lobenswerten Streben. Ich habe alles zugedeckt
+und lebe allein dem Genuß des gegenwärtigen Augenblickes.
+
+Diesen Morgen, im Anblick des blauen Himmels, denke ich an die Musik, die
+ich gestern gespielt: ich war vollkommen glücklich. Verzeih mir, daß ich
+nicht in der angstvollen, fieberhaften Erwartung des Wiedersehens lebe. Ich
+glaube, daß Du mir zustimmst, wenn ich unsere teuerste Hoffnung in andere
+Hände lege als die unsrigen.
+
+Den 27. Oktober.
+
+Wenn ich die Freude habe, wie ich es inständig hoffe, Dich wiederzusehen,
+sollst Du erfahren, in wie wunderbarer Weise ich durch die Vorsehung
+geleitet worden bin. Ich habe nur vor einer Macht und einer Güte mich zu
+neigen brauchen, die alle meine stolzesten Vorstellungen überbot.
+
+Ich kann sagen, daß Gott in mir war, wie ich in Gottes Hand bin und ich
+habe nur den einen bestimmten Wunsch, daß ich stets eine solche
+Gemeinschaft empfinden möge. Siehst Du, darauf kommt es an, das Leben
+auszunützen, nicht, wie man es verstehen kann, selbst nicht in unseren
+edelsten Neigungen, sondern indem man sich sagt: Laßt uns essen und trinken
+von allem, was ewig ist; denn morgen sterben wir allem ab, was menschlich
+ist. Es kommt der Augenblick, wo man seine Liebe wachsen sieht, während man
+zugleich allem ängstlichen, kleinlichen Hoffen entsagt.
+
+Den 28. Oktober.
+
+Nun naht das Ende des dritten Monats einer schrecklichen Prüfung, deren
+Lehren mannigfaltig und heilsam sein werden, nicht allein für den, der sie
+zu hören weiß, sondern für die ganze Welt; und das ist der große Trost,
+wenn man von diesem Sturm erfaßt worden ist. Möge es der Trost für die
+sein, die ihre Hoffnung an die Hoffnungen der Kämpfenden geknüpft haben.
+
+Dieser Trost ist besonders in dem übermenschlich klaren Bewußtsein, daß
+alle göttliche und ewige Kraft, die in unserer Gattung wirkt, statt
+geschwächt zu sein, vielmehr gesteigert und mächtig angeregt aus diesen
+Stürmen hervorgehen wird. Glücklich, wer den Friedensgesang hören wird, wie
+in der Pastoralsymphonie, glücklich aber auch derjenige, der ihn im Sturme
+vorausahnt! Was tuts nachher, wenn dieses herrliche Vorgefühl in
+Abwesenheit des Propheten zur Tat wird! Wer das geahnt hat, hat auf Erden
+viele Freuden aufgelesen. Ein höherer wird sagen, ob seine Aufgabe
+vollendet ist.
+
+Den 28. Oktober (zweiter Brief, fast zur selben Stunde).
+
+ Teure geliebte Mutter!
+
+Noch kann ich eine traute Stunde mit Dir verbringen. Wir können nur uns
+immer wieder dasselbe sagen; doch es ist so herrlich, daß man stets neuen
+Ausdruck dafür finden könnte.
+
+Heute leben wir unter einem Himmel mit großen stürmenden kalten Wolken, wie
+bei den holländischen Landschaftsmalern. . . .
+
+Teuerste, ich wage nicht einen Wunsch auszusprechen, ich darf es nicht, man
+darf nicht einmal eine Zeit teilweiser Entspannung ins Auge fassen. Ich
+versichere Dich, daß andauernde Kraftanstrengung weniger ermüdend ist als
+gewisse Zeiten rastloser, fieberhafter Arbeit, die wir durchgemacht haben.
+Nur können wir dabei unsere Seelenkräfte in einer Art Widerstand gegen
+alles Böse in uns anspannen und die Tore allem Guten, was von außen kommt,
+offen lassen.
+
+. . . Ich bin froh, daß Du Tolstoi gelesen hast: er war auch im Krieg. Er
+hat ihn verurteilt, er hat seine Lehren in sich aufgenommen. Wenn Du einen
+Blick in das herrliche Buch »Krieg und Frieden« einwerfen kannst, wirst Du
+darin Bilder finden, die an unsere Lage erinnern. Was es Dir begreiflich
+machen wird, ist die Möglichkeit ruhigen Betrachtens, die dem Soldaten
+gelassen ist, der sie erstrebt.
+
+Was den Zwang betrifft, den der Mangel an jeglichem körperlichen
+Wohlbehagen der Seele auferlegen könnte, so glaube ja nicht daran. Wir
+führen zwar das Dasein von Kaninchen am ersten Jagdtage; trotzdem können
+wir in herrlicher Weise unsere Seele bereichern.
+
+Den 30. Oktober.
+
+Ich schreibe Dir in einer herrlichen Herbstlandschaft, grau, vom Wind
+durchfegt. Für mich aber war der Wind nie verstimmend, weil er mir die
+Seele des Landes jenseits des Hügels zuweht. . . . Der grauenhafte Krieg
+vermag uns nicht aus unserer geistigen Heimstätte herauszureißen. Trotz
+Stunden betäubenden Lärmes findet man sich ungefähr selbst wieder. Ich
+möchte sogar behaupten, daß unser heutiges gewöhnliches Dasein uns eine
+Feinfühligkeit verleiht, die fähig ist, die leiseste Berührung zu
+verzeichnen, wie wenn alle unsere Nerven bloß lägen. Vielleicht wird sich,
+nachdem die Hülle unserer Seele sich abgeschält, eine Kruste bilden und die
+Zurückkehrenden eine Zeitlang abgestumpft sein. Was schadets: dieser
+Zustand seelischer Erschütterung kann nicht ohne Nutzen vorübergehen.
+
+Gestern waren wir in einem hübschen Dorfe der Maasgegend, dessen Reiz durch
+den Gegensatz der umgebenden Ruinen noch erhöht wurde.
+
+Ich konnte mir ein Hemd waschen lassen und, während es trocknete,
+unterhielt ich mich mit der trefflichen Frau, die täglich dem Tode trotzt,
+um ihr Heim zu schützen. Sie hat drei Söhne, alle sind Soldaten, und die
+Nachrichten, die sie von ihnen hat, sind schon alt; einer von ihnen ist
+wenige Kilometer von ihr vorbeimarschiert. Seine Mutter wußte es und hat
+ihn nicht sehen können. Eine andere von diesen französischen Frauen bewacht
+das Haus ihres Schwiegersohnes, der sechs Kinder hat.
+
+ -- --- --
+
+Deine Aufgabe ist es, alles ruhig aufzunehmen und zugleich volles Vertrauen
+in die ewige Gerechtigkeit zu haben.
+
+Halte Dich dabei nicht auf, den Wert der Persönlichkeit derer, die am Leben
+bleiben, derer die gehen, zu betrachten; das heißt die Dinge auf der
+menschlichen Wagschale abwägen. Man muß aber in uns die gewaltige Summe
+dessen unterscheiden, was besser ist als das Menschliche.
+
+Liebe Mutter, unbedingtes Vertrauen! Worin? Wir ahnen es beide.
+
+Den 31. Oktober, 10 Uhr.
+
+. . . Bis jetzt hatte ich die Weisheit des Entsagens, jetzt aber erstrebe
+ich eine Weisheit, die alles willig hinnimmt und auf das künftige Handeln
+hingerichtet ist. Was tut's, wenn die Wolfsgrube sich unter den Füßen des
+Läufers öffnet? Freilich erreicht er sein Ziel nicht; ist der aber klüger,
+der am Rande verkommt unter dem Vorwand, daß er hineinfallen könnte?
+
+Den 1. November, Allerheiligen, 8 Uhr.
+
+Gestern erhielt ich Deine Karte vom 24.--25. Während Du den für uns
+verhüllten Mond betrachtetest, fühltest Du Dich, sehr mit Unrecht,
+ohnmächtig; wie sehr hattest Du aber Recht, daß Du hofftest!
+
+In demselben Augenblick wurde ich durch die Vorsehung beschützt in einer
+Weise, die allen Hochmut über den Haufen wirft.
+
+Am nächsten Tage hatten wir das wundervollste Morgenrot über dem Purpur der
+Herbstwälder in dieser Gegend, wo ich vor drei Jahren meine Skizzen malte.
+Wir sind aber an der Stelle, wo die Landschaft Charakter annimmt, sich
+erweitert und von ergreifender Majestät wird. Wie Dir die Schönheit des
+Horizontes schildern! Wir bleiben in dieser herrlichen Gegend und heute ist
+Allerheiligen!
+
+Zur Stunde schreibe ich Dir im Silberglanz der Sonne, die über den Nebeln
+des Tales aufgeht; wir ahnen das schlafende Land vierzig Kilometer weit in
+der Runde und die Schlacht stört kaum den weihevollen Ernst des
+Landschaftsbildes.
+
+Liebe innig mein geplantes Gemälde. Es verknüpft mich mit meinem Schicksal.
+Wenn ich die Gnade habe, heimzukehren, wird die äußere Anlage des Bildes
+eine andere sein, das Wesen ist aber in der Skizze schon enthalten.
+
+Mittag. -- Herrlicher Allerheiligentag, den die Gewalttätigkeit entweiht.
+
+Herrliche Pracht des Tages.
+
+Den 2. November, Allerseelen.
+
+Strahlendes Fest der Sonne und der Freude in der prächtigen Natur einer
+Maaslandschaft. Im Herzen preßt sich die Hoffnung zusammen, die dem
+Schmerze derer nicht spotten will, für welche dieser Tag der erste Schritt
+auf dem Wege der Trauer ist.
+
+Teure inniggeliebte Mutter, vor achtundzwanzig Jahren warst Du in Trauer
+und Hoffen: heute auch ist die Angst des Hoffens voll. Diese Prüfungen
+kommen über Dich nicht in demselben Alter, aber ein ganzes Leben des
+geduldigen Sichfügens bereitet Dich auf die letzte Weisheit vor.
+
+Welche Lust, dieses stete innige Mitschwingen im Schoße der Natur! Gestern
+abend sah ich denselben Horizont, den wir erwachen sahen, in rosiges Licht
+gebadet; dann ist der Vollmond in einem zarten Himmel aufgegangen, auf den
+die Bäume, wie Korallen und Safran, in zackigen Linien sich abzeichneten.
+
+O Teure, das entsetzliche Martyrologium der besten französischen Jugend
+kann nicht ins Endlose sich ausdehnen. Es ist undenkbar, daß die
+Auserlesenen eines ganzen Volkes zu Grunde gehen.
+
+Es gibt als Aufgabe für das Genie eines Volkes etwas besseres als den
+Krieg: eine tiefe Ahnung zeigt mir in naher Zukunft eine Besserung. Möge
+unser Mut und unsere Einigkeit uns diesem Bessern zuführen. Hoffnung, immer
+neue Hoffnung! Ich habe den lieben Brief von Großmutter und die Karte von
+Herrn R. erhalten, gut und freundlich. O Teure, habt ihr auch heute diese
+schöne Sonne? Wie schön ist die Landschaft, wie gut die Natur! Sie sagt
+dem, der ihre Stimme hört, daß nichts wird verloren sein.
+
+Den 4. November, 1 Uhr.
+
+Ich lebe nur durch den Gedanken an Dich und in der Güte der Natur. Diesen
+Morgen haben unsere Vorgesetzten mit einem Marsche von zwanzig Kilometern
+gedroht und die Drohung ist zur Tat geworden als ein reizender Spaziergang
+in der Landschaft, die ich so innig liebe.
+
+Ein entzückend feiner Dunst, den wir von Stunde zu Stunde steigen sehen,
+der Lockung einer mäßig warmen Sonne folgend; und dort Hügelketten, die ein
+ausgedehntes Landschaftsbild beherrschen, in welches alles in seinen Linien
+sich einzeichnet oder im Nebel angedeutet ist.
+
+Man sieht Hügel mit kahlen Bäumen, die liebliche Umrisse zeigen. Ich denke
+an die alten Maler, an ihre zartempfundenen und gewissenhaften
+Landschaftsbilder. Welche peinlich durchgeführte Majestät, deren erster
+Anblick durch die Größe der Auffassung Bewunderung einflößt und deren
+Einzelheiten tief bewegen!
+
+Du siehst, liebe Mutter, wie Gottes Gnade uns Gaben austeilt, weit über die
+Beschwerden, die wir auf uns nehmen.
+
+Es ist nicht einmal die Rede mehr von Geduld, da die Zeit für uns kein Maß
+mehr hat, da von keiner meßbaren Dauer mehr die Rede ist. Welchen Reichtum
+an Eindrücken birgt aber dafür der Augenblick in sich, der sich uns
+darbietet!
+
+Das ist unser Leben, von dem ich Dir geschrieben habe, daß kein Ereignis
+daraus etwas Unfertiges, Abgebrochenes machen darf; diese Weisheit will ich
+mir bewahren. Zugleich aber will ich sie mit einer andern Weisheit
+verbinden, die der Zukunft zugewandt ist, selbst wenn die Zukunft für uns
+eine verschlossene Gegend ist. Ja, nehmen wir von der Gegenwart alles an
+(und die Gegenwart bringt uns so viele Schätze!); aber laß uns auch die
+Zukunft vorbereiten.
+
+Den 5. November, 8 Uhr.
+
+ Liebe Mutter!
+
+Verhehle mir nichts von Paris, von Deinen Sorgen, von Deinen
+Beschäftigungen. Alles was Du beschließt, ist recht. Mein Glück ist gerade
+dieses Gefühl der Sicherheit, wenn ich in alledem an Deine Seele denke.
+
+Das Wetter ist immer entzückend und sehr mild. Ohne die schöne Gegend zu
+verlassen, in die wir am 20. September gekommen sind, sind wir heute in die
+Wälder zurückgekehrt. Das liebe ich weniger als die freie weite Aussicht;
+aber es gibt doch auch hier gar hübsches zu sehen. Dann ist auch der
+Himmel, jetzt wo die Blätter abgefallen sind, so schön, so zart. Ich habe
+an C. geschrieben und werde an Frau C. schreiben. Ich erwarte einen Brief
+von Dir. Wüßtest Du wie viel länger ein Tag ohne Nachrichten ist! Ich habe
+zwar Deine früheren Briefe, aber der frische Brief hat einen Duft, den ich
+jetzt nicht mehr entbehren kann.
+
+Den 6. November.
+
+Gestern war ich, ohne zu wissen warum, ein wenig verstimmt: was die
+Soldaten »cafard« nennen. Das kam daher, daß ich tags vorher mich von einem
+Tagebuch getrennt hatte, das ich Dir in einem Packet zu schicken mich
+entschlossen hatte. Die Ereignisse von vorgestern, obgleich friedlich,
+hatten mich derart umhergestoßen, daß ich mich dieser Unglückssendung nicht
+so annehmen konnte, wie ich es gewollt hätte. So war ich geteilt zwischen
+einer doppelten Angst: einmal, daß das Paket Dich nicht erreichen möchte
+und diese Aufzeichnungen, die mein Leben vom 1. bis zum 20. Oktober
+darstellen, verloren sein könnten; und dann, daß vielmehr dieses Paket zu
+Dir gelangen möchte vor dem erklärenden Briefe, was dir sonderbar
+erscheinen könnte, da die Sendung unter anderm Namen geschehen ist und der
+Umschlag meines Heftes Anweisungen gibt, damit man Dir gegebenenfalls diese
+Aufzeichnungen zuschicke.
+
+. . . . Wir leben heute in der stimmungsvollsten und zartesten Landschaft
+Corots. Von der Scheune aus, in die wir unsern Vorposten untergebracht
+haben, sehe ich zunächst die Straße mit den Wasserlachen, die der Regen
+zurückgelassen hat. Dann Baumstumpfe, weiterhin hinter einer Wiese eine
+Reihe Weidenbäume am Rande eines eilenden und lieblichen Bächleins. Im
+Hintergrunde hüllen sich einige Häuser in einen leichten Dunst und halten
+jene zarten schwarzen Töne fest, für die unser teurer Landschaftsmaler ein
+so edles Empfinden hatte.
+
+So friedlich ist es heute morgen. Wer könnte glauben, daß hinter uns nichts
+ist als Feuersbrunst und Trümmer! . . . .
+
+Den 7. November, 8 Uhr morgens.
+
+Eben erhalte ich Deine Karte vom 30., die mir die Sendung eines Pakets
+ankündigt. Wie nett! wie man an uns denkt! Alle Süßigkeiten werden
+gebührend gewürdigt.
+
+Gestern entzückender Novembertag. Diesen Morgen zuviel Nebel, um die Freude
+an der Natur zu genießen. Aber gestern nachmittag!
+
+Ein duftiges, ausgesucht zartes Wetter, wo alles sich einzeichnet wie auf
+eine angehauchte Glasscheibe eingeritzt. Die entlaubten Büsche in der Nähe
+unseres Wachpostens sind von einer Schar von Vögeln ausgesucht worden,
+grün, weiß am Rande der Flügel, die Männchen mit schwarzem, weiß getupftem
+Kopf. Wie Dir ausdrücken, was das bloße Rauschen ihres Fluges in dieser
+Stille für mich war! -- Denn auch das ist ein Segen in diesen Kämpfen: in
+der Welt kann es nur eine bestimmte Menge Bosheit geben. Da nun der Mensch
+alles dem Menschen zuwendet, haben die Tiere ihren Vorteil davon,
+wenigstens die Tiere des Waldes, unsere gewöhnlichen Opfer.
+
+Könntest Du nur die Sorglosigkeit der Tierchen des Waldes sehen, Mäuse,
+Feldmäuse! Letzthin folgte ich in unserm Laubversteck den Bewegungen dieser
+Tierchen. Sie waren hübsch wie japanische Holzschnitte, das Innere ihrer
+Ohren rosa wie eine Muschel. Wir haben dann noch dem Ausflug der Kraniche
+beigewohnt: ihr Schrei in der Dämmerung ist erschütternd.
+
+ -- --- --
+
+Wie freue ich mich zu erfahren, daß Du zeichnest. Tu's für uns beide.
+Wüßtest Du wie es mich juckt, alles was uns hier in der Seele bewegt zu
+malen! Wenn Du meine Briefe aus letzter Zeit gelesen hast, wirst Du gemerkt
+haben, wie vieles ich entbehre, aber auch wie vieles mich beglückt.
+
+Den 9. November, Montag 7 Uhr.
+
+. . . Wir haben wieder die freie, weite Ebene erreicht, die ich so sehr
+liebe. Leider sehen wir sie nur undeutlich durch Mäuselöcher hindurch. Nun,
+es ist wenigstens so viel! . . . .
+
+. . . . . Alle diese Tage hindurch habe ich den Reiz einer Landschaft
+genossen, die im süßen Frieden des Herbstes ruht. Dieser Friede wurde
+gestern durch den erschütternden Anblick eines brennenden Dorfes gestört.
+Es war nicht das erste, das wir sehen; aber wahrlich wir waren nicht mehr
+daran gewöhnt.
+
+Wir haben unsern Beobachtungsposten bezogen; es war noch Nacht. Von den
+Höhen, die wir besetzten, sahen wir die gewaltige Glut und, als der Tag
+aufging, war das liebliche im Tal versteckte Dorf nur noch eine Rauchwolke.
+All das in der Silberglorie eines strahlenden Morgens.
+
+Von unserm Mauseloch aus blickten wir in die Talmulde mit den lieblichen
+Windungen ihrer Straße, ihrem von Weidenbäumen umrahmten Bach, ihrem
+Kalvarienberg, und all diese Harmonie sollte in dem Grausen der Zerstörung
+enden.
+
+Die Deutschen haben es in der Nacht mit der Hand in Brand gesteckt; nach
+zwei Tagen wütender Kämpfe waren sie daraus vertrieben worden: ihre
+Handlung kann als ein Zeichen eines auf diesem Punkte beabsichtigen
+Rückzuges aufgefaßt werden. Dieses von unseren Soldaten gehaßte Verfahren
+ist, glaube ich, durch eine strategische Forderung vorgeschrieben. Wenn ein
+Dorf zerstört ist, wird seine Benutzung für unseren Dienst hinter der Front
+sehr erschwert. So haben wir denn den ganzen Tag dieser Verwüstung
+zugeschaut, während über unseren Köpfen die kleinen Feldmäuse das Stroh
+ausnutzen, in dem wir schlafen werden. Unser Infanteristendasein gleicht
+ein wenig dem der Kaninchen während der Jagdzeit. Wir sind dadurch,
+wenigstens die schlimmsten Angstpeter unter uns, in einen Zustand
+immerwährender Spannung gekommen, auf der Suche nach einem Schlupfwinkel.
+Sobald wir darin vergraben sind, schreibt man uns vor, nicht daraus zu
+weichen. Diese klugen Vorschriften werden leider nicht immer mit der
+nötigen Einsicht gehandhabt; so waren wir gestern zu Vieren in einem
+vorgeschobenen Schützengraben, der in einer herrlichen Gegend lag und unter
+Laubwerk vollständig versteckt war. Wir hätten also nach Herzenslust die
+Landschaft genießen können, hätte nicht der Gefreite, ein braver Junge,
+davor gezittert uns ein bischen leben zu lassen. Glücklicherweise sind die
+Artilleristen und Maschinengewehre dazwischen gekommen, haben an unserem
+Standort einen entsetzlichen Höllenlärm vollführt und uns gezeigt, wie
+wenig man auf überflüssige Vorsicht halten muß. Durch dieses Beispiel
+ermutigt, habe ich also in aller Freiheit die Landschaft genießen können,
+gestern leider raucherfüllt, ein erschütternder Anblick. Merke Dir wohl,
+geliebte Mutter, daß ich keine Unvorsichtigkeit begehen will; aber
+wahrlich, dieser Krieg ist der Triumpf des Verhängnisses, der Vorsehung und
+des Schicksals.
+
+Mein sehnlichster Wunsch ist, die Gnade der Rückkehr zu verdienen; aber
+abgesehen von kurzen Augenblicken einer sehr menschlichen Ungeduld, kann
+ich sagen, daß der größte Teil meines Ichs der ruhigen Annahme des
+gegenwärtigen Augenblicks geweiht ist.
+
+ -- --- --
+
+Den 10. November, 11 Uhr.
+
+ Teuerste Mutter!
+
+Was soll ich Dir vom heutigen Tag erzählen! eintönig im Nebel.
+Beschäftigungen, die nicht stumpfsinnig an sich sind, es aber durch die
+geistlose Umgebung werden. Ich ziehe mich in mein Innerstes zurück. Gestern
+schrieb ich Dir einen langen Brief, in dem ich Dir unter anderem sagte, wie
+teuer mir Deine Briefe sind. Du siehst also, daß ich mich etwas langweilte
+als ich das Papier zur Hand nahm; nun aber, da ich mit Dir bin, bin ich
+froh und denke sofort an die Freuden, die dieser Tag mir gebracht hat.
+
+Heute morgen hat mich der Leutnant beim Kommandoposten Eisendraht holen
+lassen, in einem verwüsteten Dorfe, um das herum wir seit Wochen liegen.
+Ich bin durch die Obstgärten hinabgestiegen, die voll waren von den letzten
+abgefallenen Pflaumen. Einige Soldaten lasen sie sorglos auf und sammelten
+sie in Körben. Liebliches Bild, ganz ländlich und idyllisch, trotz der
+roten Hosen, die übrigens sehr abgeschossen sind nach drei Monaten
+Felddienst. Ich freue mich der Freundschaft von Ch. R. . . Er ist ein
+Mensch, der in allen Teilen mit mir übereinstimmt. Ich bin daher überzeugt,
+daß er es mir nicht übelnehmen wird, wenn ich nicht schreibe, besonders
+wenn Du seine Frau meiner Freundschaft versicherst.
+
+Der kleine Dienst, der mir anvertraut worden ist, zwingt mich von Anbruch
+der Nacht bis 9 Uhr zu gehen, dann aber habe ich mitunter Gelegenheit in
+einer Deckung oder einer Scheune zu schlafen, statt nachts in den
+Schützengraben zurückzukehren.
+
+Ich habe nicht mehr die angenehmen Leseabende zu Hause; wenn wir aber
+manchmal im Schützengraben, S. . . . und ich, nebeneinander liegen, kannst
+Du Dir nicht vorstellen, welche Traumbilder wir wachrufen und welche Freude
+uns die alten Erinnerungen bringen, die wir aufrühren. O! unter welchen
+Märchenhimmel reißen uns die Naturwissenschaften und die Neugierde des
+Intellektes und welches Vergnügen bereiten mir die wunderbaren Geschichten
+von diesem Metall oder jener Säure! Für mich scheinen Tausend und eine
+Nacht sich zu wiederholen. Und dann beim Erwachen manchmal die Anmut einer
+Morgenröte. Das ist das Leben, das ich seit dem 13. oder 14. Oktober führe.
+Ohne mehr zu verlangen, begnüge ich mich damit zu staunen, daß wir in einem
+solchen Kriege verhältnismäßig viel ruhige Stunden haben.
+
+Du kannst dir nicht vorstellen, welche Genugtuung es für mich ist, zu
+wissen, daß Du meinen Sachen Deine Seele zuwendest. Wie freut es mich mir
+vorzustellen, daß meine Bücher Dich beschäftigen, Du meine Stiche
+betrachtest! . . . .
+
+Vom 12. November, 15 Uhr.
+
+. . . Heute haben wir einen Übungsmarsch gemacht, so angenehm wie der
+erste, in einem Wetter von wunderbarer Schönheit. Wir sahen in Blau und
+Rosa die fernen Ketten der Hügel von Metz, die weite, von Dörfern besäte
+Ebene, von denen einige einen morgendlichen Sonnenstrahl auffingen, während
+man die andern mehr ahnte als sah.
+
+Wir führen ein Dasein, das in großen Zügen so aussieht: drei Tage bleiben
+wir in der Nähe des Feindes und leben in ganz gut gebauten Verdecken, die
+wir täglich verbessern, dann bleiben wir wieder drei Tage weiter hinten und
+schließlich drei Tage im Quartier in einem nahen Dorfe, gewöhnlich in
+demselben. So kommen wir dazu, Gewohnheiten anzunehmen, zwar recht
+vorübergehende, aber immerhin kommen wir in Berührung mit der übrigens
+schwer geprüften Zivilbevölkerung. -- Die Wollkleider sind unschätzbar und
+unübertrefflich. . . .
+
+. . . Wir haben es mit guten Seelen zu tun. Besonders die liebe Frau, bei
+der ich Dir schreibe und zu der ich schon das letzte Mal gekommen bin,
+plagt und müht sich zu Tod ab, um uns etwas von dem zu geben, was an das
+Heim erinnert. Aber, liebe Mutter, was mich an das Heim erinnert, das trage
+ich im Herzen. Aus Tellern essen und auf einem Stuhle sitzen, das ist
+nichts, was zählt. Deine Liebe ist's, die ich so nahe fühle. . . .
+
+Den 14. November.
+
+Seit dem 12., um acht und ein halb Uhr abends wurden wir herumgeschleppt
+mit der Aussicht, an einem gewaltsamen Vorgehen teilzunehmen. Wir sind
+nachts fort, und in diesem Frieden der Natur klärten sich meine Gedanken
+ein wenig ab nach zwei Tagen Einquartierung, während welcher das
+Körperliche immer etwas überhand nimmt. Wir gingen zur Verstärkung vor,
+voll in das Unbekannte hinein. Wir haben die Anordnungen, die zu treffen
+waren, in einer Scheune abgewartet, wo wir von elf bis vier Uhr auf dem
+Holzboden lagen. Dann gings in die Wälder, die Felder, die der Tag durch
+graue, rote, violette Wolken hindurch allmählich beleuchtete in der
+romantischsten und ergreifendsten Stimmung, die man sich denken kann. Im
+vollen lieblichen Morgen erfuhren wir, daß die Truppen, die uns
+vorausmarschierten, dem Feinde außerordentliche Verluste zugefügt hatten
+und sogar einen sehr leichten Vorteil erreicht hatten. Wir haben also
+unsern gewohnten Standort wieder bezogen und ich bin wieder hier und
+genieße die Pracht der französischen Landschaft, die so ergreifend schön
+ist in dem grauen, stürmischen, leidenschaftlichen November, mit
+Sonnenstrahlen, die in farbigen Flecken über den endlosen Horizont wie
+hingeworfen sind. Liebe Mutter, wie schön ist das, diese weite, ernste
+Landschaft, in der alles edel und wohl abgewogen ist und Einzelheiten sich
+fein abheben! -- Eine mit Bäumen eingefaßte Straße, die bis zur Grenze sich
+schnurgerade hinzieht, Hügel, die vor den duftigen Linien liegen, in denen
+man die deutschen Vogesen zu erkennen glaubt. Das ist der Rahmen und dazu
+kommt etwas Besseres als der Rahmen: es gibt eine Melodie von Beethoven und
+ein Stück von Liszt, die lauten: »Segnung Gottes in der Einsamkeit«.[*] Wir
+haben allerdings keine Einsamkeit, wenn Du aber die Gedichte von Albert
+Samain[**] durchblätterst, wirst Du ein Motto aus Villiers de l'Isle-Adam
+finden: »Wisse, daß es auf Erden immer eine Einsamkeit gibt für diejenigen,
+die ihrer würdig sind.« Jene Einsamkeit der Seele, die alles vergessen
+kann, was nicht mit ihr mitschwingt. . . .
+
+Ich habe zwei Briefe von Dir erhalten vom 6. und 7. Vielleicht werde ich
+diesen Abend noch einen haben. Ja, wir wollen unsern Mut nicht darin
+setzen, daß wir von einander keine Briefe erwarten. Die Briefe sind unser
+Leben, sie teilen uns unsere Freuden mit, unser Glück, die Fülle des
+Genusses, den uns in reichem Maße das Schauspiel der Natur und dieser Zeit
+schenkt.
+
+Wenn Deine Augen nicht wollen, ist das ein zwingender Grund; aber,
+abgesehen von Deiner Gesundheit, versage mir nicht Dein Herz, dessen Liebe
+Deine Briefe mir bringen.
+
+Den 14. November, zweiter Brief.
+
+ Treue, geliebte Mutter!
+
+Jetzt sind wir wieder in unserm gewohnten Quartier und mein Herz ist ganz
+erfüllt von Gedanken, die Dir zustreben. Ich kann Dir nicht alles sagen,
+woran ich stündlich denke in dem Wunsche, mit Dir die mannigfaltigen
+Freuden zu teilen, die inmitten unseres eintönigen Daseins uns durch die
+Finger gleiten, wie Perlen von einem zerrissenen Faden auf den Sand fallen.
+
+[Fußnote *: Beethoven: sechs Lieder von Gellert, Op. 48. Nr. 6. »Die Ehre
+Gottes in der Natur.«]
+
+[Fußnote **: Albert Samain: Au Jardin de l'Infante (L'allée Solitaire).]
+
+Ich möchte mit Dir aussprechen können, wie schön diese Wolke ist, welchen
+ernsten Eindruck diese Ebene auf uns macht, der Poesie des Windes lauschen,
+der über die Berge uns zuweht, wie während unseres Spazierganges in
+Boulogne. Und wenn wir dann hier sind, erlauben mir so manche prosaische
+Beschäftigungen nicht, mit Dir zu reden, wie ich fühle.
+
+Deswegen habe ich Dir auch mein Paket geschickt mit meinem Tagebuch vom 18.
+August bis zum 20. Oktober.[*] Diese Aufzeichnungen wurden zu einer Zeit
+gemacht, wo unsere Tornister weniger beladen waren und leichter sich
+öffneten, wo ich in der Seelenruhe der Tage im Schützengraben, wenn die
+Gefahr das Geschwätz aufhob, meine Seele ungehindert schwingen ließ.
+Seitdem habe ich die viel stärkere, weite, volle Freude entdeckt, Dir zu
+schreiben. Für mich wurde diese neue Zeit ein Paradies. Aber ich liebe das
+Leben im Quartier nicht, weil die Bequemlichkeit und die Sicherheit die
+Seelenkräfte entspannen und einen Wirrwar erzeugen, unter dem ich leide.
+
+[Fußnote *: Ein Teil dieses Heftes ist oben mitgeteilt worden.]
+
+Du kennst das Bedürfnis, mich zu sammeln und allein zu sein, das ich immer
+hatte. Übrigens habe ich sehr gute Freunde und die Offiziere sind sehr
+freundlich. Und dann braucht es nur etwas Geduld, einige Augenblicke, in
+denen mein Gedanke Dir zugewandt ist, um mich glücklich zu machen. Wie war
+diese erste Hälfte November gnädig! Ich habe nicht ein einziges Mal unter
+der Kälte gelitten. Und wie viel Schönheiten! Der Allerheiligentag war ein
+langer Lobgesang, von der klaren Mondnacht über dem dunkeln Bernstein der
+herbstlichen Bäume an bis zur zarten Melodie der Dämmerung. Der endlose,
+rosige Traum der verschleierten Ebene, die sich an die fernen Hügel
+anlehnt. . . . Welch feierlicher Lobgesang! Und manche Tage seitdem singen
+den Ruhm Gottes! Coeli enarrant. . . . Das war das Geschenk dieser Zeiten.
+
+Den 15. November, 7 Uhr.
+
+Gestern gab mir das stürmische und aus der Sicherheit des Quartiers
+beobachtete prächtige Wetter zu Befürchtungen Anlaß für unsern Abmarsch
+heute nacht; doch als ich erwachte, war der klarste, funkelndste Himmel,
+den man sich vorstellen kann! Wie dankbar war ich!
+
+Was wir am meisten fürchten, ist der Regen, der alles durchdringt, ohne daß
+man Feuer und Obdach findet. -- Die Kälte bedeutet nichts -- gegen die sind
+wir gewappnet.
+
+. . . . . Und doch, wie sehr habe ich das Bild dieser weiten Ebene
+bewundert, in die wir hinabgestiegen sind, von dem mächtigen Winde
+gepeitscht. Der niedrige Horizont löste den weiten grauen Himmel ab, an dem
+wenige fahle Ausblicke an das verschwundene Blau gemahnten. -- Ein
+Kalvarienberg, tragisch, schwarz in grau -- dann skelettartige Bäume! Welch
+ein Bild! hier kann ich an Dich denken, an meine liebe Musik! heute habe
+ich die Umgebung, die ich brauche.
+
+. . . . Ich möchte die Gestalt schärfer bestimmen, die mein fester Glaube
+an eine bessere durch diesen Krieg geforderte Zukunft annehmen wird. Diese
+Ereignisse bereiten die Entfaltung eines neuen Lebens vor, der vereinigten
+Staaten Europas.
+
+Nach diesem Zusammenstoß werden diejenigen, die voll und mit kindlicher
+Liebe ihre Pflichten dem Vaterland gegenüber erfüllt haben, vor viel
+ernstere Aufgaben gestellt werden, deren Erfüllung zur Stunde unmöglich
+wäre. Aber das wird gerade unsere Pflicht sein, daß wir unsere Kräfte der
+Zukunft zuwenden. -- Sie werden mit angespannter Energie dahin streben
+müssen, die Spuren der verletzenden Berührung zwischen den Völkern zu
+tilgen. Trotz mancher Fehler, trotz einiger Rückschritte in praktischer
+Hinsicht, mancher Schwächen im Wiederaufbau, hat die französische
+Revolution nichts desto weniger in der menschlichen Seele die herrliche
+Forderung der nationalen Einheit festgelegt. Wohlan, die Greuel des Krieges
+von 1914 führen zur europäischen Einheit, zur Rasseneinheit. Dieser neue
+Zustand wird nicht ohne Erschütterungen, Vergewaltigungen, Kämpfe auf
+unabsehbare Zeit sich festsetzen, aber ohne Zweifel hat sich heute die Türe
+zu diesem neuen Horizont geöffnet.
+
+Den 16. November an Frau C . . .
+
+ Sehr verehrte gnädige Frau
+ und beste Freundin!
+
+Welche Freude und welchen Trost bringt mir Ihr Brief und wie stärkt Ihre
+warme Freundschaft meinen Mut!
+
+Was Sie mir von meiner Mutter erzählen, verknüpft mich innig mit dem Leben.
+Dank für Ihre treue prächtige Freundschaft.
+
+. . . Was soll ich von meinem Leben erzählen? Durch Mühen und Wechselfälle
+hindurch hält mich die Betrachtung der herrlichen Gegend aufrecht, die seit
+zwei Monaten die Schwermut und die Tragik dieser leidenschaftlichen
+Jahreszeit anhäuft. Einer meiner gewohnten Standorte liegt auf den Höhen,
+welche die endlose Ebene der Woëvre beherrschen. Wie herrlich! Welcher
+Segen ist es, stündlich bei Tag und bei Nacht die glühenden Farben des
+Laubes zu beobachten, an jedem Herbsttage! Die schreckliche Zerfahrenheit
+der Menschen vermag die erhabene heitere Ruhe der Natur nicht zu stören.
+Freilich gibt es Augenblicke, wo der Mensch alle vorstellbaren Maße zu
+übersteigen scheint; aber eine aufmerksame Seele unterscheidet bald die
+Harmonie, die alle diese Mißklänge beherrscht und ausgleicht. Glauben Sie
+nicht, daß ich der Trostlosigkeit der Bilder, von denen wir übersättigt
+sind, gefühllos gegenüberstehe: vernichtete Dörfer, in welche die
+Artillerie weiter wütet; Rauchwolken am Tag, Feuerschein in der Nacht;
+Elend der Bevölkerung, die unter den Granaten flüchtet. Jeden Augenblick
+erhält man einen Stich ins volle Herz. Gerade deswegen aber rette ich mich
+in diese höhern tröstenden Gedanken; denn in demselben Maße leidend, könnte
+ich, ohne diese Disziplin des Herzens, unsere Lage nicht ohne innere
+Zerrissenheit ertragen.
+
+Den 17. November, morgens.
+
+ Liebe Mutter!
+
+. . . Ich schreibe Dir im vollen Glück der Morgenröte über meinem lieben
+Dorfe. Die Nacht, die uns im Regen gelassen hatte, hat uns ein klares,
+strahlendes Wetter zurückgegeben. Ich finde meinen ungeheuer weiten
+Horizont wieder, die zarten Umrisse der Hügel, die edelgeschwungenen Linien
+meiner Täler. Wer glaubte, von der Höhe, wo ich bin, daß dieses ländliche
+und friedliche Dorf in Wirklichkeit nur noch ein Trümmerhaufen ist, daß
+kein Haus verschont geblieben ist, daß seit zwei Monaten niemand darin
+verweilen kann im Höllenlärm der Artillerie? Während ich Dir schreibe,
+trifft die Sonne den Kirchturm, den ein noch dunkler Baum in meiner Nähe
+umrahmt, während in der Ferne, über den letzten Hügeln, den letzten
+Erhöhungen des Bodens, die Ebene im Rosagold ihre köstlichen Einzelheiten
+zu offenbaren beginnt.
+
+Den 17. November, 11 Uhr.
+
+Das herrliche Wetter ist mein großer Trost. Ich lebe fast wie wenn ich ein
+Kranker wäre, den man in eine herrliche Gegend schickt, den aber die Kur zu
+unerfreulichen und ermüdenden Beschäftigungen zwingt. Im Grunde liegt
+zwischen Leysin und meinem jetzigen Schützengraben nur die Entwicklung des
+großen Fragezeichens. Immer nichts neues in unserer Kompagnie seit dem 13.
+Oktober.
+
+Die Art des gegenwärtigen Krieges ist sonderbar. Es ist die Art von
+Nachbarn, die sich nicht vertragen. Bedenke, daß gewisse Schützengräben vom
+Feinde kaum durch 100 Meter getrennt sind und daß die Kämpfenden sich
+Handgranaten zuwerfen können: wie Du siehst, bedienen sich die Nachbarn
+gewaltsamer Mittel.
+
+Ein eigenes Leben führe ich nur im Augenblick, wo ich bei Dir verweile, und
+wo ich die Pracht der Natur genieße.
+
+Mitten unter dem Geschwätz gelingt es mir, das Gefühl der Einsamkeit der
+Seele, die ich brauche, mir zu bewahren.
+
+Den 18. November.
+
+Diesen Morgen zeigte uns der Tag die Ebene mit Reif bedeckt, eine
+gleichmäßige Weiße über den Hügeln und dem Walde. Mein Dörfchen sieht
+dadurch ganz eingefroren aus.
+
+Ich hatte den größten Teil der Nacht in einem geheizten Unterstand
+zugebracht und hätte, dank der Freundlichkeit meiner Vorgesetzten darin
+bleiben können; ich bin aber dumm und schüchtern und bin von ein Uhr bis
+vier und ein halb Uhr wieder bei den Kameraden gewesen.
+
+Es ist merkwürdig, wie prachtvoll wir die Kälte ertragen: wir besitzen fast
+alle ein herrliches Kleidungsstück, einen Mehlsack, den man je nach den
+Umständen als kurzen Radmantel und als Fußsack gebrauchen kann. In beiden
+Fällen ein vortrefflicher Wärmeerhälter.
+
+11 Uhr.
+
+Für den Augenblick habe ich eine hübsche, so rührende Melodie von Händel im
+Sinn und auch ein Allegro aus unsern vierhändigen Orgelsonaten: eine
+fröhliche, glänzende, von Tatendrang übersprudelnde Musik. Lieber Händel!
+Oft tröstet er mich.
+
+Beethoven kommt mir selten in die Erinnerung; wenn aber seine Musik in mir
+erwacht, rührt sie an etwas so Grundlegendes, daß es jedesmal ist, wie wenn
+eine Hand Schleier vor der Schöpfung wegrückte.
+
+Arme liebe große Meister! Wird man ihnen daraus ein Verbrechen machen, daß
+sie Deutsche sind? Schumann, wie kann man ihn einem Barbaren zugesellen?
+
+Gestern gemahnte unsere Ebene an die Stelle, die Du mir vor zehn Jahren aus
+»_Rheingold_« vorspieltest: »Freie Gegend aus Bergeshöhen.«[*] Worin aber
+unser französisches Bild die schöne Musik dieses häßlichen Mannes übertraf,
+das war die feste Grundlage, die Klarheit, die Aufrichtigkeit. Ja, unsere
+französische Ebene hatte nichts Verschwommenes.
+
+Was Wagner betrifft und, so schön auch seine Musik, so unbestritten und
+verführerisch sein Genie auch ist, ich glaube doch, daß, wenn man ihn nicht
+mehr hören sollte, man etwas für das französische Genie weniger
+Wesentliches entbehren würde, als wenn die großen Klassiker, seine
+Landsleute, in Frage kämen.
+
+ -- --- --
+
+Ich darf es Dir aufrichtig sagen, in den Augenblicken, wo mir der Gedanke
+an die Möglichkeit der Heimkehr kommt, kümmere ich mich niemals um die
+Frage der kleinlichen Bequemlichkeit, des kleinlichen Wohlbehagens. Etwas
+Höheres und Edleres wendet mich dieser Art Hoffnung zu. Darf ich sagen, daß
+es sogar etwas anderes ist als die unendliche Freude des Wiedersehens? Es
+ist vielmehr die Hoffnung auf eine Wiederaufnahme unserer gemeinsamen
+Bestrebungen, unseres Zusammenarbeitens, dessen Ziel die Entwicklung
+unserer Seele und ihre nützlichere Betätigung auf Erden ist.
+
+[Fußnote *: »Libre étendue sur la Montagne.« Rheingold zweite und vierte
+Szene. »Allmählich gehen die Wogen in Gewölke über . . . und . . . wird
+»_eine freie Gegend auf Bergeshöhen_« sichtbar.« (D. Übers.)]
+
+Den 19. November, morgens.
+
+ Teuerste Mutter!
+
+Heute wurde ich bei der Morgenröte durch ein gewaltiges und zu dieser
+Tageszeit ungewohntes Geschützfeuer geweckt. In dem Augenblick kamen
+Kameraden, starr von einer Nacht im Schützengraben zurück. Ich bin
+aufgestanden, um ihnen Holz zu holen, während auf dem andern Abhang des
+Tales das Schützenfeuer sehr kräftig ertönte. Ich stieg so hoch hinauf wie
+ich konnte und sah in dem sehr klaren Himmel die Sonne sich ankündigen.
+
+Plötzlich hörte ich von der Erhöhung gegenüber, einem jener Hügel, die ich
+so sehr liebe, Geschrei, Geheul kommen: Marsch! Marsch! Es war ein
+Bajonettansturm. Es ist der erste, dem beizuwohnen mir gegeben ist; nicht
+daß ich etwas gesehen hätte; die noch andauernde Dunkelheit und vielleicht
+auch die Beschaffenheit des Bodens verhinderten es. Was ich hörte genügte,
+um den Eindruck des Sturmangriffs zu geben.
+
+Bis jetzt konnte ich mir nur von dem unpersönlichen Krieg ein Bild machen,
+der eine von jenem kriegerischen Mut, wie ihn der Zivilist von Alters her
+sich vorstellt, sehr verschiedene Form der Tapferkeit verlangt. Und
+plötzlich erinnert mich der furchtbare Lärm von heute morgen, mitten in
+meiner Ruhe daran, daß junge Männer, ohne persönlichen Grund des Hasses,
+auf Leute, die sie erwarten, sich stürzen können und müssen, um sie zu
+morden.
+
+Aber die Sonne ging über dem Boden meines Vaterlandes auf. Sie beschien für
+mich das Tal, und von meiner Anhöhe aus unterschied ich zwei Dörfer, zwei
+Trümmerhaufen, von denen ich einen drei Nächte lang hatte brennen sehen. In
+meiner Nähe zwei Kreuze von weißem Holze . . . . Das französische Blut
+fließt im Jahre 1914 . . . .
+
+Den 20. November.
+
+Augenblicklich sehe ich vom Fenster aus, in dessen Nähe ich schreibe, die
+Sonne aufgehen. Sie durchdringt den Reif und ich ahne die schöne Ebene, die
+soviel Greuel erträgt. Wie ich höre, hat dieser Bajonettangriff, den ich
+gestern gehört habe, viele Opfer gekostet. Unter andern ist man ohne
+Nachrichten von zwei Halbzügen des Regimentes, das mit uns die Brigade
+bildet. Während andere ihr Geschick erfüllten, stand ich auf der Höhe des
+schönsten, übrigens in andern Augenblicken höchst ausgesetzten Hügels. Ich
+sah dem Sonnenaufgang zu; ich war tief bewegt im Anblick des Friedens der
+Natur und maß das Verhältnis zwischen der Kleinlichkeit menschlicher
+Gewalttaten und der umgebenden erhabenen Schönheit.
+
+Diese für Dich schwere Zeit, die sich vom 9. bis zum 13. September
+erstreckt, entspricht genau dem ersten Abschnitt des Krieges für mich. Den
+9. September kam ich an, entstieg dem Zug vor der furchtbaren Schlacht an
+der Marne, die sich in einer Entfernung von 35 Kilometern entrollte. Den
+12. erreichte ich das Regiment 106 und seitdem teile ich das Leben der
+Kämpfenden. Wie ich es Dir geschrieben, verließen wir also am 13. Oktober
+herrliche Wälder, in denen die feindliche Artillerie und Infanterie uns
+große Verluste zugefügt haben, besonders am 3. Unsere engere Gemeinschaft
+hat an diesem Tage einen prächtigen Menschen verloren, einen herzensguten
+Jungen, der für's Leben zu gut geworden war. Am 4. wurde ein trefflicher
+Kamerad, ein Architekt von der Kunstakademie, ziemlich ernstlich am Arm
+verwundet, seitdem sind aber die Nachrichten, die er gegeben, gut. So haben
+wir bis zum 13., einem furchtbaren Tag, sehr schwere Zeiten durchgemacht,
+um so mehr als die sehr wirkliche Gefahr verschlimmert wurde durch den
+Eindruck des Erstickens und des Unbekannten, der uns in diesen, in andern
+Zeiten herrlichen Wäldern, erdrückte.
+
+Die Hauptsache ist, den Ernst des gegenwärtigen Augenblickes nicht aus den
+Augen zu verlieren. Das Problem stellt sich uns in ganz besonderer Form
+dar. Auf der einen Seite die himmlische Gnade einer bis auf den heutigen
+Tag vollständigen Unversehrtheit. Andererseits das vollständige
+Weiterbestehen der zufälligen Gefahr für die Zukunft. Hier muß unser
+Wunsch, das Beste zu tun, sich auf den gegenwärtigen Zeitpunkt richten.
+Keine Erforschung der Zukunft kann uns befriedigen, ich glaube aber, daß
+jedes kraftvolle Streben, das die Gegenwart trifft, seine Wirkung nicht
+verfehlt. Es gilt, einen heldenhaften Kampf zu bestehen; aber wir wollen
+nicht auf uns allein bauen und nicht vergessen, daß es eine andere Macht
+gibt und wieviel wirksamer als unsere menschlichen Mittel!
+
+Den 21. November.
+
+Heute bürgerliches und fast zu bequemes Dasein. Die Kälte läßt uns bei der
+außerordentlichen Frau bleiben, die uns bei jedem Aufenthalt in dem Dorfe
+beherbergt, in dem wir drei Tage von neun einquartiert sind. Ich werde Dir
+nicht von der hübschen Aussicht erzählen, die ich von dem Fenster aus habe,
+an dem ich Dir schreibe, kann Dir aber das Heim beschreiben, welches Teile
+unseres Daseins in sich faßt. Am Tag leben wir in zwei, durch einen
+Glasverschluß getrennten Zimmern und von einem Zimmer ins andere können wir
+bald das schöne Feuer und den weiten Kamin bewundern, bald den prächtigen
+Schrank und die Betten, wie man sie in der Maasgegend hat, mit schönen
+alten Kupferbeschlägen. Das gemütliche Dasein von zwei alten Frauen (die
+Mutter, 87 Jahre alt, und ihre Tochter) ist in Unordnung gebracht durch die
+Rauheit, die Derbheit, die Gutherzigkeit und Freigebigkeit des Soldaten.
+Sie ertragen alles und opfern sich auf.
+
+Was Spinoza betrifft, dessen Seele Du bereits in Dir besitzest, so glaube
+ich, daß Du gleich zu den letzten Lehrsätzen übergehen kannst. Du wirst ihn
+sicherlich unmittelbar begreifen, wenn er von der Ruhe der Seele spricht.
+Ja es gibt Augenblicke, für uns schwache Menschen leider zu selten, die
+doch genügen, und in denen wir durch die Erschütterungen und Stöße unserer
+armen menschlichen Natur hindurch eine gewisse Neigung zum Fortdauernden
+und Abschließenden unterscheiden, und wir das wunderbare göttliche Erbteil
+erkennen, das uns anvertraut ist.
+
+ -- --- --
+
+Liebe Mutter, einen wie guten Tag habe ich eben mit Dir erlebt. Wir waren
+zu dreien: wir zwei und die liebliche Landschaft, die ich von meinem
+Fenster aus sehe. Von hier aus gesehen, gibt der Winter von den Dingen ein
+abgedämpftes, abgetöntes Bild. Zwei Wolken oder vielmehr dichter Nebel,
+hüllen die mir benachbarte Anhöhe ein, ohne die Zeichnung der Sträucher auf
+dem Kamm zu vergröbern; der Himmel ist leicht grünlich gefärbt. Alles ist
+gedämpft. Alles schlummert ein. Jetzt ist die Zeit der nächtlichen
+Angriffe, des Sturmgebrülls, der Wachen in den Schützengräben. Wie
+verlangen, jeden Augenblick, unsere Wünsche das Ende dieses Zustandes! Wie
+sehr wünschen wir die Ruhe für Alle, eine ungeheure Entschädigung, einen
+Ersatz für so viele Schmerzen, Leiden, so viele Trennungen.
+
+ Dein Sohn.
+
+Sonntag, den 22. November, 9 1/2 Uhr.
+
+Von meinem Lieblingsplatz schreibe ich Dir diesen Morgen, ohne daß seit
+gestern irgend ein Ereignis Erwähnung verdiente, außer vielleicht den
+tausend wechselnden Einzelheiten der Landschaft. Ich bin mit Sonnenaufgang
+aufgestanden, ihr Silber überflutet den weiten Raum. Die Kälte ist immer
+heftig, aber das Zusammenwirken verschiedener Wollkleider wird in den
+Quartiernächten mit ihr fertig. Das Einzige, was ich erzählen kann, ist:
+morgen ziehen wir in die Schützengräben der zweiten Linie aus, in die jetzt
+skelettartigen, eintönigen Wälder. Von unseren drei Standorten ist das
+vielleicht derjenige, den ich am wenigsten liebe, denn der Himmel ist
+hinter hohe Äste verbannt. Das ist eher eine Landschaft für R. . ., aber
+reizlos und durch das Leben, das man darin führt, verdorben.
+
+In unserer Gegend scheinen die Kämpfe mit einiger Heftigkeit wieder
+beginnen zu wollen. Heute morgen hören wir ein heftiges Gewehrfeuer, was
+sehr selten in der Kriegführung von heute ist, die vornehmlich in
+nächtlichen Angriffen besteht, während der Tag fast ausschließlich zur
+Beschießung durch die Artillerie benutzt wird.
+
+Liebe Mutter, setzen wir unsere Hoffnung in die Seelenstärke, die jede
+Stunde, jeder Augenblick verlangt. . . .
+
+. . . . Ja, es freut mich Dir von dem Leben, das ich führe, zu erzählen; es
+ist in mancher Beziehung schön. Oft wenn ich abends auf der Straße bin,
+wohin mein kleiner Dienst mich führt und die ich allein durchwandere, bin
+ich vollkommen glücklich in der Gemeinschaft mit dieser edlen Landschaft,
+mit den harmonischen Zeichnungen der Gestirne an diesem Himmel, den groß
+und lieblich geschwungenen Linien dieser Hügel; und wenn auch in diesem
+Augenblick die Gefahr immer gegenwärtig ist, so denke ich doch, daß nicht
+allein Dein Mut, Dein Ewigkeitsbewußtsein, sondern auch Deine Liebe mir
+beistimmen werden, wenn ich nicht immer wieder bei der Erforschung des
+Rätsels stehen bleibe.
+
+Mein gegenwärtiges Leben bietet also einige Höhepunkte der Empfindungen,
+die jeder Beziehung auf Fortdauer und Verharren sich entziehen, so z. B.
+schönes Laub, eine Morgenröte, eine liebliche Landschaft, einen
+ergreifenden Mondschein. Lauter Dinge, deren Vergänglichkeit und zugleich
+ewige Wiederholung das Menschenherz absondern und all den Sorgen entreißen,
+die in solchen Zeiten uns einer verzweiflungsvollen Unruhe, einem
+scheußlichen Materialismus, oder einem Optimismus zuführen würden, den ich
+durch eine sehr erhabene Hoffnung ersehen will, die uns gemeinsam ist und
+nicht auf menschlichen Dingen beruht.
+
+Meine zärtliche Liebe und treue Anhänglichkeit für Großmutter, für Euch
+Mut, inneren Frieden, völlige Hingabe, jedoch ohne irgendwelche Entsagung.
+
+Den 23. November.
+
+ Liebe Mutter!
+
+Wir sind wieder in unsern Unterständen der zweiten Linie. Wir wohnen in
+Erdhütten, in denen das Feuer uns ebenso einräuchert als es uns wärmt. Das
+Wetter, das während der Nacht sich verfinstert hatte, hat uns einen
+wunderschönen rosa und blauen Morgen geschenkt. Leider sprechen mich die
+Wälder weniger an als die wundervollen Ausdehnungen der Feuerlinie. Und
+doch ist auch hier alles schön.
+
+Mein gestriger Tag hat in der Freude bestanden, Dir zu schreiben; ich bin
+in die Dorfkirche gegangen, ohne irgend eine Anwandlung von Schwärmerei,
+auch nicht in dem Verlangen nach äußerlicher Tröstung. Meine Vorstellung
+von der göttlichen Harmonie brauchte durch keine äußeren Formen, keine
+volkstümliche Symbolik gestützt zu werden. Später habe ich das große Glück
+gehabt, einen Wagen in der nächsten Umgebung zu begleiten. Ach! welch'
+wundervolle Landschaft von saftiger Farbenpracht stets in rosa und blauen,
+durch den Nebel abgeschwächten Tönen. Diese leuchtenden, prächtigen und
+doch duftigen Farben fanden Stützpunkte in den kräftigen Flecken, welche
+die in den Raum zerstreuten Gestalten bildeten. Meine gewöhnlich durch ihre
+Bestimmtheit an die alten Meister gemahnende Landschaft nahm eine durchaus
+moderne Subtilität der Farbengebung und reiche Nuancierung an.
+
+Ich dachte einen Augenblick an unsere durchgeistigte Pariser Umgebung mit
+ihren unendlich zarten Farben und gedämpften Tönen, hier ist mehr Einfalt
+und Aufrichtigkeit, hier war alles einfach rosa und blau auf der Grundlage
+eines schönen grauen Bodens.
+
+Mein Fuhrmann, der mit seinem Pferde nicht fertig wurde, hat mir eine Gerte
+überreicht, um damit auf das Tier zu schlagen: ich mußte wie eine
+Gliederpuppe aussehen. Wir fuhren an den Kalvarien vorüber, welche die
+Dörfer der Maasgegend beschirmen, einige Bäume, die ein Kreuz umgeben.
+
+Den 24. Nov., 15 1/2 Uhr, auf einem Rückmarsche.
+
+Ich habe soeben einen Brief vom 16. und eine Karte erhalten und einen
+lieben Brief vom 18. Die beiden letzteren melden, daß meine Sendung
+angekommen ist. Wie froh bin ich darüber! Einen Augenblick fragte ich mich,
+ob ich Dir diese Eindrücke schicken sollte, aber unser Leben war nie und
+wird nie etwas anderes sein als ein stetes Forschen in der Gegend der
+ewigen Wahrheiten, ein inbrünstiges Betrachten von dem, was jeder Anblick
+auf Erden davon bietet. Daher bereue ich es nicht, Dir diese kurzen
+Bemerkungen geschickt zu haben.
+
+Die heftigsten Leiden für mich waren die der Regentage im September. Sie
+haben übrigens für alle eine schmerzliche Erinnerung zurückgelassen. Wir
+schliefen umklammert, Gesicht an Gesicht, die Hände übereinandergeschlagen,
+in einer Überschwemmung von Wasser und Schlamm. Nie hätte man sich von
+unserer trostlosen Lage eine Vorstellung machen können.
+
+Um das Maß unserer Leiden voll zu machen, nach diesen entsetzlichen
+Stunden, meldet man, daß der Feind seine Maschinengewehre auf uns richtet
+und daß wir ihn angreifen sollen. Mittlerweile sind wir abgelöst worden und
+die Entspannung war stark.
+
+Mein unvollendetes Gedicht: »Soleil si pâle« . . . bezieht sich auf die
+Tage des 11., 12. und 13. Oktobers, und überhaupt auf die Zeit der Kämpfe
+in den Wäldern, die für unser Regiment vom 22. September bis zum 13.
+Oktober dauerten. Gewisse Sonnenaufgänge über den Opfern des Kampfes haben
+mich innerlich bewegt. Seitdem habe ich nichts mehr geschrieben, außer
+einem Gebet, das ich Dir vor fünf oder sechs Tagen geschickt habe. Ich habe
+es auf jener Straße verfaßt, die ich durchwandern mußte.
+
+Den 25. November, morgens.
+
+. . . . Gestern, während dieses Marsches habe ich in einer Landschaft
+meiner geliebten alten Meister gelebt. Als wir aus den Wäldern
+heraustraten, da wir, einer Straße entlang, herabstiegen, hatten wir in
+unserer Nähe einen weiten, schloßartigen Hof, von einer entlaubten
+Baumgruppe gekrönt, neben einem zugefrorenen Teich.
+
+Fernerhin, in der verkürzten Perspektive, die meine lieben Maler trotz
+ihrer scheinbaren Einfalt so geschickt anwandten, stellte eine Straße, die
+ihre Windungen, ihre Senkungen und Steigungen entrollte, die Verbindung
+zwischen Büschen, einzelnen Bäumen her: alles scharf, feingegliedert, wie
+radiert, und doch rührend. Eine kleine Brücke führte über einen Bach, ein
+Reiter ritt in der Nähe der kleinen Brücke vorbei, bis ins Einzelnste
+scharf umrissen, dann ein kleiner Wagen: abgetönte und doch bestimmte
+Farben in seiner Harmonie, -- all das vor einem Horizont von majestätischen
+Wäldern. Ein grauer Himmel, der die ganz moderne Farbensymphonie von
+vorigem Sonntag aufhob und mich zu jener eindringlichen Peinlichkeit der
+Wiedergabe zurückführte, die uns bei einem Breughel und andern Meistern,
+deren Namen mir entfallen, bewegen. Derart ist auch die wohlgeordnete,
+durchsichtige, reiche Anordnung der Hintergründe von Albrecht Dürer.
+
+Den 26. November.
+
+Geliebte Mutter, ich bin nicht dazu gekommen den gestrigen Brief zu
+vollenden. Wir waren sehr beschäftigt. Heute ist es noch Nacht. Aus meiner
+Höhle, die ich in der Feuerlinie erreicht habe, schicke ich Dir meine
+innige Liebe und den Ausdruck des großen Glückes, das ich habe. Ich fühle,
+wie mein Werk in mir reift. Was ist daran gelegen, wenn die Vorsehung mir
+nicht gewährt es zu verwirklichen? Ich habe die feste Hoffnung, vor allem
+vertraue ich in die ewige Gerechtigkeit, welche Überraschung sie auch der
+menschlichen Vorstellung, die wir uns von ihr machen, bereiten mag. . . . .
+
+Den 28. November.
+
+Die Stellung, die wir einnehmen, nähert uns dem Feinde auf 45 Meter. Der
+Anblick der Laufgräben ist seltsam und wirkt sogar malerisch durch eine
+Herbheit der Linien, die der graue Himmel noch verstärkt.
+
+Wenn unsere Truppen, nachdem sie nächtlicher Weile die Wachsamkeit des
+Feindes getäuscht haben, von dem Tale herkommend, die halbe Höhe, deren
+Abhang uns vor dem Gewehrfeuer schützt, erreichen, treffen sie in den Hügel
+eingegrabene Unterschlüpfe, Höhlen, wo die Abteilungen, die nicht auf Wache
+sind, Schlaf und die Wärme eines rasch gebauten Heims finden. Weiter
+draußen, gerade an der Stelle, wo die freiliegende Landschaft herrlich wird
+durch Weite und Beleuchtung, beginnt der gewundene Einschnitt, den man
+Verbindungsgraben[*] nennt und in den man eindringt. So gelangt man
+unbemerkt in den Schützengraben, wo sich ein wahrhaft kriegerisches,
+ernstes Bild, dem es an Größe nicht fehlt, darbietet, ein tiefer schmaler
+Gang, dessen Decke der graue Himmel ist, und dessen Erdverkleidungen von
+frischem Schnee bedeckt sind. Hier stehen die letzten Einheiten der
+Infanterie; Einheiten von gewöhnlich schwachem Bestand. Der Feind ist hier
+schon weniger als hundert Meter entfernt. Von hier aus geht der
+Verbindungsgang weiter, immer gewundener und tiefer; in ihm empfinde ich
+das, was ich stets bei der Berührung mit frischaufgerührter Erde fühle. Der
+durch Erdarbeiten aufgewühlte Boden erweckt in mir etwas, wie wenn die
+Kräfte der aufgerissenen Erde in mich drängen und mir die Geschichte des
+Lebens erzählten.
+
+In diesen Klüften arbeiten zwei oder drei Schanzengräber des Geniekorps,
+verlängern sie, graben sie tiefer, von den Deutschen beobachtet, die
+bisweilen ungenügend geschützte Stellen erreichen können. Auf diesem
+äußersten Punkt steht der letzte Infanterieposten (etwa vierzig Meter vom
+Feind).
+
+[Fußnote *: »boyau de communication.«]
+
+Du kannst Dir den Gegensatz dieser militärischen Einrichtung und des
+Friedens denken, der an dieser Stelle zu herrschen pflegte. Stelle Dir mein
+Erstaunen vor, wenn ich mich erinnere, daß in dem Bereich meines Blickes
+der Landmann seinen Pflug lenkte und diese Sonne, deren Glorie ich erspähe,
+wie der Gefangene die Freiheit, ihm auf dieser Anhöhe gespendet wurde.
+
+Wenn ich dann in der Dämmerung in die Ebene hinaustrete, welche Wonne! Ich
+will Dir nicht davon sprechen, denn ich verschweige noch mein Glück. Ich
+darf es nicht offenbaren: es ist ein Vöglein, das die Stille liebt. . . .
+Begnügen wir uns damit, was das Wesentlichste ist, von dem Glück zu
+sprechen, das sich nicht aufscheuchen läßt: uns in gleichem Maße auf alles
+vorbereitet zu fühlen.
+
+Den 29. Nov., morgens, im Quartier.
+
+ Teuerste Mutter!
+
+Gestern habe ich die Feuerlinie bei schlechtem Wetter verlassen, das in der
+Nacht nach meiner Ankunft in Regen überging. Ich sehe ihn von meinem
+Lieblingsfenster aus als Nebel fallen. Wenn Du willst, erzähle ich Dir von
+den gestern flüchtig gesehenen Wundern.
+
+Von der in meinem gestrigen Brief beschriebenen Stellung aus sieht man, wie
+ich es Dir oft schon geschrieben, den herrlichsten Horizont. Gestern nun
+zerfetzte ein fürchterlicher Wind einen Schleier von sehr niedrigen Wolken,
+die an den Höhen hängen blieben. Vielleicht wird Dir der Hintergrund meines
+Haheyna eine schwache Vorstellung von dem geben, was ich gesehen habe. Doch
+um wie viel erhabener und stürmischer war mein gestriges Fühlen!
+
+Die Hügel und Täler gingen abwechselnd von Schatten in Licht über, bald
+scharf umgrenzt, bald verschleiert, je nachdem die Nebel sie enthüllten. Am
+Himmel große hellblaue lichtumflossene Lücken.
+
+Das war die Pracht des gestrigen Tages. Soll ich Dir von den letzten
+Abenden erzählen, wo der Mond auf die Landstraße mir die zierliche
+Verästelung der Bäume abzeichnete, die Tragik der Kalvarien, das rührende
+Bild der Häuser, von denen man weiß, daß sie Ruinen sind und welche die
+Nacht wie ein Bild des Friedens erstehen läßt.
+
+Ich freue mich zu sehen, daß Du Verlaine liebst. Lies das schöne Vorwort
+von Coppée, welches die Sammlung der ausgewählten Werke eröffnet, die Du in
+meiner Bibliothek finden wirst.
+
+Seine Frömmigkeit ist von einer Unmittelbarkeit, ich möchte beinahe sagen
+von einer Sinnlichkeit, die mich immer etwas irre macht, gerade weil sie
+der katholischen Frömmigkeit eigen ist, deren bildliche Erscheinung mir
+immer fremd bleiben wird. Aber was für ein Dichter!
+
+Er ist meine fast tägliche Wonne in Paris und hier kommen mir oft die
+Weisen seiner »Paysages Tristes«[*] in den Sinn; denn sie geben genau die
+Stimmung mancher Stunden wieder. Sein Leben ist rührend wie das eines
+kranken Tieres und man staunt darüber, daß eine solche Verkommenheit die
+köstlichen Blumen seiner Poesie nicht verwelken ließ. Seine Belehrung, eher
+die eines Künstlers als die eines Denkers, kam infolge einer Umwälzung in
+seinem Leben nach schweren Vergehungen. (Er war im Gefängnis.)
+
+In »Le Lys Rouge« hat Anatole France unter dem Namen Choulette ein
+lebensvolles Bild von ihm entworfen; vielleicht findet sich dieses Buch bei
+uns.
+
+Die Poesie in »Sagesse« wirkt wunderbar und erbaulich durch den Schwung,
+die Leidenschaft der künstlerischen Absicht, der Neue. Es ist etwa wie wenn
+der Aufschrei der »Mainacht« durch sein ganzes Werk hindurch erklänge.
+
+Unsere beiden stärksten poetischen Begabungen im vergangenen Jahrhundert,
+Müsset und Verlaine, waren zwei Unglückliche, deren doch so herrliche und
+berauschende Blumenpracht keine innere Stütze aufrecht hält. Ich langweile
+Dich vielleicht, indem ich Dir von gleichgültigen Dingen erzähle, aber es
+versenkt mich wieder ein wenig in mein vergangenes Leben. Seitdem ich das
+Glück habe Deine Briefe zu empfangen, habe ich nichts mehr aufgezeichnet.
+Glaube ja nicht, daß die Nebensachen mich das, was wir ersehnen und
+erhoffen, vergessen lassen; doch ich glaube, daß was den Schmuck des Lebens
+ausmacht, gerade das ist, was es für uns beide kostbar macht.
+
+[Fußnote *: In der Sammlung Poèmes Saturniens. (D. Übers.)]
+
+Ich erwarte Briefe von Dir seit dem letzten vom 22.; doch ich werde sicher
+einen hier im Quartier vorfinden. Ich danke Dir für das angekündigte
+Packet. Arme Mütter, wie sie alle sich quälen!
+
+Den 1. Dezember, morgens, im Quartier.
+
+Ich erinnere mich, wie ich mich freute, wenn ich als dienstfrei mich von
+meinen militärischen Obliegenheiten entbunden sah. Es schien mir, als wären
+mein Leben und meine Laufbahn unwiderruflich verloren, wenn ich mit sieben
+und zwanzig Jahren wieder zum Regiment müßte. Und nun bin ich mit acht und
+zwanzig Jahren tief im Soldatenleben drin, fern von meinen Arbeiten, meinen
+Sorgen, meinen ehrgeizigen Plänen, und nie hat mir das Leben eine solche
+Fülle von erhabenen Eindrücken gebracht: niemals vielleicht fand ich, um
+sie aufzuzeichnen, eine solche Fülle der Empfänglichkeit, eine solche Ruhe
+des Bewußtseins. Das sind also die Gnadengaben einer Lage, die meine
+vernünftigen menschlichen Voraussichten mir als ein Verhängnis erscheinen
+ließen. Hier wirkt die von der Vorsehung mir beschiedene Lehre weiter, die
+allen meinen Befürchtungen zum Trotze, Segen in jede Veränderung meiner
+Lage hineinlegt.
+
+Die beiden letzten Sonnenaufgänge gestern und heute waren wundervoll.
+. . .
+
+Ich habe Lust für Dich eine kleine Skizze von der Aussicht meines Fensters
+zu machen. . . .
+
+. . . . Ich mache es aus dem Gedächtnis, aber darüber stelle Dir die
+ergreifendsten Purpurstreifen vor und rechts und links noch endlose
+Ausdehnungen. Das zu betrachten war mir in der letzten Zeit mehrmals
+gegönnt. Augenblicklich bringt ein lieblicher Himmel Harmonie in die
+Obstgärten, in denen wir arbeiten. Mein kleines Amt befreit mich für einige
+Zeit von der Hacke. Das sind die Freuden, die von ferne mir als
+Katastrophen erschienen.
+
+Den 1. Dezember, 2. Brief.
+
+Ich habe soeben Deine Briefe vom 25., 26. und 27. erhalten, sowie einen
+lieben Brief von Großmutter, die so tapfer, so seelenvoll, so geistig
+frisch ist. Er machte mir viel Freude und bringt mir eine köstliche
+Hoffnung, deren glückliches Omen ich mit Freude annehme. Jeder Deiner
+lieben Briefe gibt mir auch, was das Leben für mich Schönstes hat. Mein
+heutiger erster Brief antwortet auf das, was Du mir von der Annahme der
+Prüfungen und Zerstörung der Götzenbilder sagst. Du siehst, daß ich ganz
+wie Du denke und ich hoffe, daß ich zur Stunde kein allzu hemmendes
+Götzenbild im Herzen trage. . . .
+
+Ich glaube, daß mein letztes Gebet in der Tat sehr einfach ist. Die
+Eingebung des Ortes hätte ein Gewand von zu überladener Kunst nicht
+geduldet. Gott war überall und überall Harmonie: die nächtliche Straße, von
+der ich Dir oft erzähle, der Himmel voll Sterne, das Tal voll Murmeln der
+Gewässer, die Bäume, die Kalvarien, die nahen oder fernen Hügel. Für etwas
+Künstliches wäre kein Platz gewesen. Ich brauche nicht darauf zu
+verzichten, Künstler zu sein; denn ich hoffe immer aufrichtig zu sein und
+meiner Kunst mich nur zu bedienen, um damit eine Überzeugung zu schmücken.
+
+Den 5. Dezember, morgens.
+
+. . . . Wir treten aus unsern Höhlen heraus, und auf die drei Tage
+klösterlicher Einschließung folgt der Morgen auf der weiten Ebene. Man kann
+sich keine Vorstellung von dem Durcheinander machen. -- Dein hübsches
+Viertelchen aus Aluminium entzückt jedermann.
+
+Ist's schlimm mit der Wunde von André? Die Mütter stehen furchtbare Angst
+aus in diesem Krieg; doch immer mutig, nichts wird verloren sein! Ich für
+mein Teil befinde mich wohl und bin so glücklich als es die Umstände
+ermöglichen.
+
+Heute furchtbarer Wind, der wundervolle Wolken treibt. Kräftige Luft, mit
+der die Baumäste sich gut abfinden. Alle vergangenen Abende herrlicher
+Mondschein, den wir umsomehr zu schätzen wußten, als das Tageslicht uns
+entzogen war. Teure Mutter, ich schreibe heute schlecht, weil wir durch das
+Tageslicht wie betäubt sind, nach den Stunden in der Finsternis, aber mein
+Herz eilt Dir zu und findet in Dir seine Stütze.
+
+. . . Laß uns an alles mit mutigem Sinn herantreten: laß uns immer und in
+allen Dingen auf Gott vertrauen. Wie fühle ich mit Dir, daß man Ihn nur im
+Geiste anbeten kann! Und mit Dir denke ich, daß man allen Hochmut meiden
+muß, der ein Hohn auf die frommen Gebräuche der andern wäre. Unsere Liebe
+soll ein der allgemeinen Vorsehung zugewandter Bund sein. Übergeben wir ihr
+unser Los in einem beständigen Gebet. Gestehen wir ihr demütig unser
+irdisches Hoffen und versuchen wir jeden Augenblick mit der göttlichen
+Weisheit es zu vereinigen. Das ist eine Aufgabe, deren Schwierigkeit sich
+jetzt offenbart, die aber auch unter den gewöhnlichen Lebensbedingungen
+besteht.
+
+Sonntag, den 6. Dezember.
+
+Ich freue mich, Dich so standhaft dem Mute zugerichtet zu sehen. Wir
+brauchen ihn oder vielmehr wir brauchen etwas, was schwer zu erlangen ist,
+was weder Geduld noch allzustarke Zuversicht ist, sondern ein gewisses
+Vertrauen in die Ordnung der Dinge, -- ein gewisses Vermögen, von jeder
+Prüfung zu sagen, daß es so recht, ist.
+
+Unser Lebenstrieb bringt uns dazu, uns von den gegenwärtigen
+Verpflichtungen frei zu machen, wenn sie zu grausam und häufig sind; aber
+Du hast sehen können, wie auch ich die große Freude hatte es zu erfahren,
+was Spinoza unter der menschlichen Freiheit verstand. Ein unerreichbares
+Ideal, dem man trotzdem zustreben muß. . . .
+
+. . . Liebe Mutter, die Prüfungen, die wir annehmen müssen, sind lang; man
+kann nicht sagen, daß sie eintönig sind; denn sie verlangen, trotz ihrer
+gleichmäßigen Gestalt, einen stets erneuten Mut, halten wir zusammen, damit
+Gott uns die Kraft und die Möglichkeit gibt, alles hinzunehmen! . . .
+
+Du weißt, was ich Religion nenne: was im Menschen alle seine Vorstellungen
+vom Universellen und Ewigen, diesen beiden Formen des Göttlichen,
+vereinigt. Die Religion, im gangbaren Sinne des Wortes, ist weiter nichts
+als die Verbindung gewisser sittlicher und erzieherischer Formeln mit der
+wunderbaren poetischen Gestaltung der kraftvollen biblischen und
+christlichen Philosophien. Wir wollen niemanden verletzen. Bei richtiger
+Betrachtung erscheinen mir die religiösen Formeln, so fremd sie auch den
+Forderungen meines Intellektes sind, lobenswert und sympathisch, insoweit
+sie ein Streben nach Schönheit und Form ausdrücken.
+
+Teure geliebte Mutter, hoffen wir immer; die Prüfungen sind mannigfaltig,
+aber alles Schöne verbleibt. Flehen wir darum, es noch lange betrachten zu
+dürfen. . . .
+
+Montag, den 7. Dezember.
+
+ Vielgeliebte teure Mutter!
+
+Ich schreibe Dir in der Nacht . . ., übrigens ist um 6 Uhr morgens das
+Soldatenleben in vollem Gang. Meine Kerze ist auf ein Bajonnett
+aufgepflanzt und von Zeit zu Zeit bekomme ich einen Wassertropfen auf die
+Nasenspitze. Meine Leidensgefährten versuchen ein trügerisches Feuer
+anzuzünden. Der Aufenthalt in den Schützengräben verwandelt uns in Haufen
+von Schlamm.
+
+Die allgemeine gute Laune ist wunderbar. So sehr sich die Kameraden nach
+Hause zurücksehnen, sie ertragen nicht weniger heldenhaft die Wechselfälle
+des Waffenhandwerks. Ihr Mut, unendlich weniger durchgeistigt als der
+meinige, ist umso werktätiger und den Verhältnissen angepaßter; aber jeder
+Vogel hat seinen Schrei, der meinige hat nichts von dem eines Kriegsvogels.
+Ich bin froh, daß ich bei allen Stößen von außen innerlich mitgeschwungen
+habe und setze meine Hoffnung darein, daß sie meine Seele gestählt haben.
+So lege ich auch in Gott mein Vertrauen für alles, was er mir vorbehalten
+will.
+
+Ich glaube mein künftiges Lebenswerk zu ahnen. Doch ich will aus dieser
+Vorahnung keinen Schluß ziehen; denn ein jeder Künstler trug ein Werk in
+sich, das das Tageslicht nicht gesehen hat.
+
+Mozart dachte daran, seinen Aufflug zu nehmen, als er dem Tode nahe war,
+und Beethoven hat die zehnte Symphonie entworfen, ohne sich um die Kürze
+der Zeit zu kümmern, die das Schicksal ihm übrig ließ.
+
+Die Pflicht des Künstlers ist, seine Knospen aufblühen zu lassen, ohne den
+Frost zu fürchten, und vielleicht erlaubt es Gott, daß mein Bemühen in die
+Zukunft weiterwirkt. Meine Versuche und Proben meiner Arbeit zeigen,
+obgleich sie sehr einheitlich sind, noch etwas Kindliches, Stammelndes in
+der Ausführung, das zu der wirklichen Höhe der Auffassung wenig paßt. Wie
+mir scheint, wird meine Kunst erst in der Reifezeit meines Lebens sich voll
+entfalten. Beten wir zu Gott, daß er mich dahin gelangen lasse. . . .
+
+Was Dein Herz anbelangt, so habe ich ein solches Vertrauen in Deinen Mut,
+daß diese Zuversicht in dieser Stunde mein größter Trost ist. Ich weiß, daß
+meine Mutter zu der Freiheit der Seele gelangt ist, welche das Wirken des
+Weltalls zu betrachten uns erlaubt. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie
+diese Weisheit nur Stückwerk ist, aber es heißt schon Gott besitzen, wenn
+man ihn ahnt.[*] Die Zuversicht, die mir Deine Seele und Deine Liebe
+verleihen, erlaubt mir an die Zukunft zu denken, unter welcher Gestalt es
+auch sein mag.
+
+Den 9. Dezember.
+
+Liebe Mutter, in seinem reizenden Brief sagt mir P. L., daß er gerne seine
+Philosophen gegen ein Gewehr vertauschen würde. Er hat sehr Unrecht. Einmal
+ist Spinoza, der ihm zuwider ist, ein wertvoller Helfer in den
+Schützengräben, und dann müssen diejenigen, die in der Lage sind, jede
+Kultur und jeden Fortschritt auszunutzen, den Fortbestand des französischen
+Geisteslebens sichern. Sie haben eine erdrückende Aufgabe, die viel mehr
+Tatkraft verlangt als die unsrige. Wir sind von allem Zwang befreit. Ich
+denke mir unser Leben wie das der ersten Mönche: eine harte, gleichmäßige,
+von jeder äußeren Obliegenheit freie Regel. . . .
+
+Den 10. Dezember, in der wunderschönen Morgenstunde.
+
+Unser dritter Tag im Quartier bringt uns die liebliche Gabe eines
+versöhnten Wetters. Die entfesselte Sintflut unseres Aufenthaltes in der
+Feuerlinie beruhigt sich etwas und die Sonne zeigt sich schüchtern.
+
+[Fußnote *: Vergleiche Pascal in Le Mystère de Jésus: »Tröste Dich, Du
+würdest, mich nicht suchen wenn Du mich nicht schon gefunden hattest.« (Der
+Übers.)]
+
+Unsere seit zwei Monaten angenehme Lage muß sich notwendigerweise ändern.
+
+Da die Festigkeit der Stellungen den Krieg ins Endlose zu verlängern
+drohen, wird der Angriff des einen der beiden Gegner die Bewegung in Fluß
+bringen und die Ereignisse beschleunigen müssen. Ich glaube, daß die
+Kriegsleitung diese Wendung der Dinge ins Auge faßt, und ich für mein Teil
+wage es kaum, Dir zu sagen, daß ich mich über nichts beklage, was die
+Gelegenheiten, Erfahrungen zu sammeln, vermehrt.
+
+Unser Leben, das zu einem Drittel plattbürgerlich ist, zu zwei Dritteln die
+Gefahren einer chemischen Fabrik bietet, würde schließlich jede Empfindung
+abstumpfen. Sicherlich werden wir nur ungern unsere Gewohnheiten aufgeben,
+aber vielleicht waren wir eben zu sehr an eine gewisse Bequemlichkeit
+gewöhnt, die auf die Dauer unmöglich wurde.
+
+Was mich betrifft, wird meine Stellung sich vielleicht verändern. Ich werde
+wahrscheinlich meinen gewohnten Gang[*] aufgeben müssen, da ich als
+Gefreiter vorgeschlagen bin, was mir einen ständigen Platz im
+Schützengraben und andere Verwendung in der Feuerlinie anweisen wird. Ich
+hoffe, daß Gott mich hierbei ebenso segnen wird wie bis jetzt.
+
+[Fußnote *: S. Brief vom 10. November, 11 Uhr. (D. Übers.)]
+
+. . . . Ich fühle, daß wir um nichts zu bitten brauchen. Wenn in uns etwas
+Ewiges ist, was wir noch auf Erden betätigen sollen, so dürfen wir sicher
+sein, daß Gott uns hier lassen wird, um es zu tun.
+
+Den 10. Dezember, 2. Brief.
+
+Glücklicherweise haben wir ein Gebiet, auf dem alles uns vereinigt, ohne
+daß ein geschriebenes Wort nötig wäre. . . .
+
+Der Himmel wird wieder grau und kündigt einen feuchten Aufenthalt für
+unsere zweiten und ersten Linien an.
+
+Der Tag geht zur Neige und die große Schwermut senkt sich auf alle Dinge.
+Es ist die graue Stunde für alle, die in der Ferne sind, für alle
+Soldatenherzen, die an das Heim zurückdenken und die Nacht über die Erde
+kommen sehen.
+
+Ich gehe zu Dir und schon erwarmt mein Herz. Ich fühle Deine aufmerksame
+Zärtlichkeit und die Weisheit, welche Deinen Mut beseelt. Manchmal scheue
+ich mich, Dir immer dasselbe zu wiederholen; aber wie soll ich neue Worte
+finden für meine arme, durch immer dieselben Wechselfälle hin und her
+geworfene Liebe? Da wir bald von hier fortkommen, werden wir vielleicht
+manche Andenken, die wir aufbewahrten, verlassen müssen; aber die Seele
+darf sich nicht an Fetische festklammern. Unser Herz mag manchmal gewisse
+Dinge benutzen, aber unsere Liebe kann ohne Amulett bestehen.
+
+Den 12. Dez., 10 Uhr (Postkarte).
+
+Lieblicher Tag im Regen. Alles steht gut in unsern Wäldern. In der Nähe hat
+es furchtbaren Kanonendonner auf beiden Seiten gegeben.
+
+Deine Briefe vom 4. und 6. empfangen. Ich freue mich darüber. Es ist das
+wahre Glück meines Lebens. Ich bin froh, daß Du C. . . . besucht hast. Ich
+hoffe Dir ausführlicher zu schreiben. Nicht als ob es mir mehr als sonst an
+der Zeit fehlte, aber ich durchlebe Tage, wo ich für die Schönheit der
+Dinge weniger empfänglich bin. Ich strebe der wahren Weisheit zu. . . .
+
+Den 12. Dez., 7 Uhr nachmittags.
+
+Trotz der wechselnden Schönheit der Sonne und des Regens war ich heute für
+das Schauspiel der Natur nicht empfänglich. Und doch war nie soviel Anmut
+und Güte am Himmel.
+
+Die Landschaft mit dem Brücklein und seinem Reiter, von der ich Dir
+erzählte, wurde von weicher Anmut unter der Pracht der Wolken durchdrungen.
+Aber ich empfand nicht wie früher den Segen Gottes, als plötzlich ein
+schöner, so schöner Baum zu meinem Herzen gesprochen hat. Er hat zu mir von
+der stets lächelnden Schönheit, der Frische des Epheus, geredet, von der
+herbstlichen Röte, von der winterlichen Schärfe der Zeichnung in den
+Baumästen; da habe ich begriffen, daß eine Stunde in solcher Betrachtung
+das ganze Leben ist, dem Dasein seinen Wert verleiht, neben dem alles
+menschliche Erwarten nichts ist als ein böser Traum.
+
+Sonntag, den 13. Dezember.
+
+. . . . Ich ging heute nach einer erquickenden Nacht in diesen Wäldern
+spazieren, wo vor nunmehr drei Monaten die Toten den Boden bedeckten, heute
+breitete der Spätherbst seine Schätze aus und dieselbe Schönheit der
+bemoosten Stämme redete zu mir, wie gestern, von ewiger heiterer Anmut.
+
+Es bedarf allerdings einer ungeheuren aber unerläßlichen Selbstüberwindung,
+um zu begreifen, wie wenig die allgemeine Harmonie gestört wird durch die
+Ereignisse, deren Anblick unser Empfinden gewaltsam erschüttern.
+
+Man muß durch Erfahrung erkennen, daß ein körperlicher Riß wenig bedeutet
+und daß unser wahres Ich in dem Aufschwung der Seele liegt.
+
+Den 14. Dezember (bei herrlichem Wetter und wiedergewonnener
+Seelenruhe).
+
+Wir sind jetzt wieder in unserem Abschnitt der Feuerlinie, aber an einer
+Stelle, wo man den Kopf heben und die Anmut meiner teuern Maashügel
+genießen kann, die eine zarte Beleuchtung aufheitert.
+
+Ich sehe über den Dörfern und den Obstgärten die Birken- und Tannenreihen.
+Die einen färben ihr Baumskelett mit duftigem, weißgeädertem Violett, die
+andern unterstreichen die Horizontlinie mit ihren satten Farben.
+
+Ich wurde innerlich gestärkt durch die wunderbare Lehre, die mir während
+eines Marsches ein schöner Baum gegeben. Ach, liebe Mutter, alles an uns
+kann untergehen, die Natur besteht darum nicht weniger herrlich und, was
+sie mir in Augenblicken von ihren Gaben geschenkt, genügt, um ein ganzes
+Leben zu rechtfertigen. Dieser Baum war wie ein Soldat!
+
+Du kannst Dir nicht vorstellen, wie viel die Wälder in dieser Gegend
+gelitten haben: nicht sowohl durch Beschießung als durch das furchtbare,
+für den Bau von Unterständen und unsere Heizung notwendige Abholzen. Und
+doch mitten in dieser Verwüstung erzählte mir dieser Baum, daß für den Baum
+und den Menschen Schönheit immer bestehen wird.
+
+Auch der Mensch gibt dieselbe Lehre: Sie ist schwerer in ihm zu entziffern,
+ist aber schön, wenn man die wundervolle Lebenskraft dieser Jugend sieht,
+deren Tatkraft durch die Ernte des Todes nicht vermindert wird.
+
+Den 15. Dezember, in der Frühe.
+
+ Teure geliebte Mutter!
+
+Ich habe Deinen lieben Brief vom 9. erhalten, in dem Du von unserm Heim
+erzählst. Ich bin glücklich zu fühlen, wie schön die Lebenskraft ist, die
+rasch nach jeder Trennung, jedem Riß sich wieder einzurichten weiß. Ich bin
+glücklich zu fühlen, daß meine Briefe in Deinem Herzen einen Wiederhall
+finden. Oft fürchtete ich Dich zu ermüden; denn unser Leben, das in mancher
+Hinsicht herrlich ist, ist das denkbar einfachste und bietet wenige
+hervorstechende Ereignisse.
+
+Wenn ich mein Malerhandwerk ausüben könnte, hätte ich die schönsten
+Gelegenheiten zum Sehen vor mir und würde über den umfassendsten Vorrat an
+malerischen Eindrücken, den es geben kann, verfügen. Wenn ich aber versuche
+Himmel, Bäume, Hügel und Horizont zu erzählen, gebrauche ich die Worte
+nicht so feinfühlig wie die Farben und die unendliche Mannigfaltigkeit der
+Bilder beschränkt sich in der Wiedergabe auf einige Grundformen, die, wie
+ich fürchte, sich wiederholen . . . .
+
+Den 15. Dezember.
+
+. . . Man muß sich diesem eigentümlichen Dasein anpassen, das zugleich arm
+an geistiger Tätigkeit und wunderbar reich an plötzlichen seelischen
+Erregungen ist. Ich stelle mir vor, daß in unruhigen Zeiten, vor
+Jahrhunderten, Männer, des überfeinerten Lebens überdrüssig, im Frieden des
+Klosters die Betrachtung der ewigen Fragen aufsuchen und, wenn auch durch
+die Drohung feindlicher Horden belästigt, dort eine Zufluchtsstätte finden
+mochten. Ich stelle mir vor, daß unser Leben dem Leben dieser alten Mönche
+gleicht, deren Dasein sehr kriegerisch war, die mehr als ich für den Kampf
+geeignet waren. Unter ihnen konnten empfängliche Seelen Freuden genießen,
+die ich heute wiederfinde. -- Ich erhalte heute einen rührenden Brief von
+Frau M. . . ., deren Herzlichkeit ich liebe.
+
+Wechselndes, doch ergreifend schönes Wetter.
+
+Es ist unmöglich, mehr als wir getan, über die Haltung zu sagen, die wir
+den Ereignissen gegenüber einnehmen müssen. Worauf es ankommt, das ist die
+Ausführung. Sie ist nicht leicht; ich habe es dieser Tage erfahren,
+obgleich keine neue Schwierigkeit meinem Bemühen, die Weisheit zu
+erreichen, in den Weg trat.
+
+. . . Manchmal faßt man eine gewisse innere Unruhe, die an einem nagt, als
+die Stimme eines wachsamen Gewissens auf.
+
+Den 16. Dezember.
+
+Hier in unsern Unterständen habe ich Dein kleines, leider arg zerknittertes
+Skizzenbuch hervorgeholt und habe versucht, einige Linien des
+Landschaftsbildes zu zeichnen. Die Kälte ließ mich aufhören und ich kehrte
+unbefriedigt zurück; da hatte ich den Einfall einen Kameraden Modell stehen
+zu lassen. Ich kann Dir nicht meine Freude schildern, als etwas dabei
+herauskam! Ich glaube, daß meine kleine Bleistiftzeichnung mir geglückt
+ist. Sie ist in einem Briefe fort für irgend einen »Schatz«. Es war mir ein
+wahrer Genuß zu fühlen, daß ich meine Fähigkeiten nicht eingebüßt habe.
+
+Den 17. Dezember in einem neuen Quartier.
+
+. . . Gestern wurden wir von unsern Gewohnheiten herausgerissen, im
+Augenblick, wo ich, nach drei Tagen vollkommener Ruhe, die Schützengräben
+erster Linie verließ. Man hat uns einen Standort angewiesen, wo wir den 6.
+und 7. Oktober zugebracht hatten. Man spürt in der Luft, daß Neues im Anzug
+ist. Ich weiß nicht was daraus wird; doch die heitere Ruhe des heutigen
+Tages gilt mir als eine gute Vorbedeutung für alles Kommende.
+
+Es gab die letzten Tage wunderbare Anblicke, die ich jetzt besser inne
+werde, als in jenen wenigen Tagen der Niedergeschlagenheit. Es kam daher,
+daß ich mich kleinlichen menschlichen Berechnungen hingegeben hatte.
+
+Ich schreibe Dir an einem Fenster, von dem aus ich die Sonne untergehen
+sehe. Du siehst, daß es für uns immer Gutes gibt.
+
+3 Uhr nachmittags.
+
+. . . . Ich schreibe an diesem Brief weiter in der Dämmerung eines
+einzigartigen Winters; der Tag schläft ebenso friedlich ein wie er
+erwachte. Ich sehe die Wäscherinnen unter der Baumreihe, die sich an einem
+Fluß entlang zieht; der Friede ist überall, ich glaube selbst in den
+Herzen. Die Nacht bricht herein. . . .
+
+Den 19. Dezember, im Quartier.
+
+Lieblicher Tag, der um den Tisch herum seinen Abschluß findet. Stille.
+Zeichnen. Musik. Ich denke mit Ruhe an die Länge der kommenden Tage, indem
+ich sehe, wie rasch die vergangenen Tage verflogen sind. Die Hälfte dieses
+Monates ist nun vorüber, das Weihnachtsfest kommt, während des Krieges. Für
+mich heißt es nur noch, mich unsern Lebensbedingungen wirklich anzupassen,
+dann mit Hülfe unserer Gemeinschaft zu einer Annahme der Dinge zu gelangen,
+die einer höhern Ordnung angehört als die menschliche Tapferkeit.
+
+Den 21. Dez., morgens früh.
+
+ Teuerste Mutter!
+
+Ich habe in meinen Briefen mit Offenheit von meinen Freuden gesprochen,
+aber die Klippe des Glückes ist, daß unsere arme menschliche Natur stets in
+Angst ist, es zu verlieren, ohne zu erkennen, daß erfahrungsgemäß die ewige
+Ordnung immer ein neues Glück neben das alte Glück stellt.
+
+Ich für mein Teil brauche kein neues zu suchen. Ich muß versuchen, beide
+Weisheiten zu vereinigen. Die eine, die menschlich ist, treibt mich dazu
+an, für mein Glück zu sorgen, die andere aber lehrt mich, daß dieses
+menschliche Glück eine gar zarte Blume ist.
+
+Man könnte sagen: Genießen wir die Freuden des Lebens, die ein unerbittlich
+strenges Gewissen ausgewählt hat, aber erkennen wir, was sie alle
+Vergängliches in sich haben.
+
+Ja, die heilige Schrift enthält die schönste und poetischste Philosophie.
+Ich glaube, sie verdankt sie ihrem Zusammenhang mit den viel älteren
+Philosophien. Bei Edouard Schuré[*] ist manches anfechtbar, was man aber
+behalten muß, ist seine Deutungsgabe, die ihn durch alle Lehren hindurch zu
+der unendlich fernen Quelle der menschlichen Weisheit zurückgehen läßt.
+
+Weißt Du, daß die so rührenden mythischen Bilder von einem »guten Hirten«
+und der »Mutter Gottes«, welche in unsern Religionen so glückliche
+Anwendung gefunden haben, alte Schöpfungen der menschlichen Symbolik sind?
+Die Griechen hatten sie von geistigen Vorfahren erhalten und bei ihnen hieß
+der gute Hirte Hermes Psychopompos, Hermes der Seelenführer. Ebenso ist die
+Ahnfrau unserer Muttergottes, die große Demeter, die Mutter, die ein Kind
+auf ihren Armen trägt. Man fühlt, daß alle Religionen, in dem Maße, wie sie
+sich ablösten, die eine auf die andere immer denselben Schatz von Symbolen
+übertragen haben, welche die ewig jugendliche, menschliche Poesie jedesmal
+neu gestaltete.
+
+[Fußnote *: E. Schuré, Les grands initiés.]
+
+Den 23. Dez. (in der Dunkelheit).
+
+Welche Ironie! Ich hatte gestern diesen Brief angefangen, den ich
+unterbrechen mußte. Das Wetter war herrlich, ist es übrigens ungefähr
+geblieben. Aber wir haben unsere Feuerlinie wieder bezogen. Diesmal halten
+wir das Dorf selbst besetzt, -- die hübsche Corotlandschaft, wie vor zwei
+Monaten. Aber die Stellung unseres Vorpostens befindet sich in einem Hause,
+an dem man jede Ritze verschließen muß, um seine Gegenwart dem Feinde zu
+verbergen. So sind wir in einem Zimmer, in dem wir um neun Uhr morgens uns
+der Illusion hingeben können, als feierten wir den heiligen
+Weihnachtsabend.
+
+Dein lieber Brief, den ich kürzlich erhielt, hat mir viel Freude bereitet.
+Es ist wahr, die Anmut und die göttliche Begeisterung sind zwei Ausdrücke
+für denselben Begriff.
+
+Wenn Du einen Gang im Museum des großen Dichters Moreau[*] machst, wirst Du
+ein Gemälde sehen, »das Leben der Menschheit«,[**] glaube ich benannt. Es
+besteht aus neun Abschnitten, welche drei Reihen bilden, die heißen: _das
+goldene Zeitalter, das silberne Zeitalter, das eiserne Zeitalter_. Darüber
+ist ein Giebelfeld, von dem aus Christus diese Darstellung der Menschheit
+beherrscht. Darin aber hat dieser große Künstler dieselbe Vorstellung wie
+Du: jede der drei Reihen trägt den Namen eines Helden, Adam, Orpheus, Kain
+und jede von ihnen umfaßt drei Stunden. Die Stunden des goldenen Zeitalters
+heißen: _die Entzückung, das Gebet, der Schlaf_, während die Stunden des
+_silbernen Zeitalters_ heißen: _die Begeisterung, der Gesang, die Tränen_.
+
+[Fußnote *: Das Musée Gustave Moreau in Paris, Rue La Rochefoucauld.]
+
+[Fußnote **: S. L'Art de Notre Temps: Gustave Moreau par Léon Desbairs
+(Abbildung s. 101, L'Age d'Airain) Paris. La Renaissance du Livre. (D.
+Übers.)]
+
+Die _Entzückung_ ist auch die _Anmut_; denn das Gemälde stellt Adam und Eva
+dar, in der Reinheit ihrer Seelen, inmitten einer herrlichen Blütenpracht
+in die Betrachtung der Gottheit versenkt. Nichts außer einer harmonischen
+Natur hilft ihnen in ihrem Anflug zu Gott.
+
+Die _Begeisterung_, in seinem _silbernen Zeitalter_ ist wieder die_ Anmut_,
+aber schon, durch menschliche Künstlichkeit gestört. Der Dichter Orpheus
+sieht immer noch Gott, aber die Muse steht ihm zur Seite, das Symbol der
+menschlichen Kunst ist schon geschaffen; und die Offenbarung der Gottheit
+im Menschen, der _Gesang_ ist von Tränen, dem Schmerze begleitet.
+
+Den Kreislauf weiter verfolgend und die Entweihung des Menschen erreichend,
+schildert Gustave Moreau das _eiserne Zeitalter_: Kain zur Arbeit und zum
+Verbrechen verurteilt.
+
+Dieses Werk erzählt, daß die göttliche Stunde greifbar, aber flüchtig ist
+und daß sie der gewöhnliche Zustand des Menschen nicht sein kann. Es
+entschuldigt unsere Niederlagen. Die malerische Wiedergabe dieses Gedankens
+ist zu buchmäßig, könnte mancher sagen; doch sie berührt die Seele derer,
+die durch die Eishülle hindurch lesen wollen, unter der in der menschlichen
+Wiedergabe jeder Gedanke erstarrt. Freilich war ein Rembrandt der
+vollkommene geniale Dichter und zugleich der reine »Maler«. Geben wir zu,
+daß unsere Zeit weniger Reichtum, eine seltenere Vielseitigkeit der
+künstlerischen Begabung aufweist; erkennen wir aber zugleich die Schönheit
+der Dichtung von Gustave Moreau an, deren Sinn Du in zwei Worten geahnt
+hast.
+
+ Dein Sohn.
+
+Den 24. Dez., in der Frühe.
+
+Unsern ersten Tag auf Vorposten haben wir in der ländlichen Ruhe einer
+Landschaft verbracht, die den Schnee erwartete. Er ist im Laufe der Nacht
+gekommen. In Hintergärten, dem Auge der Deutschen entzogen, habe ich mir
+den Schnee angesehen, der die kleinsten Gegenstände zeichnet und adelt.
+Dann kehre ich zum Talglicht zurück und nun schreibe ich Dir auf dem
+Tische, auf dem ein Nachbar Schokolade schabt. Das ist der Krieg.
+
+Das Soldatenleben bietet lustige Überraschungen. Wir mußten in die
+Feuerlinie kommen, damit zwei Unteroffiziere eine Badewanne finden und ein
+Bad nehmen können. Ich für mein Teil begnügte mich mit der Hülse einer
+75ger Granate als Wasserkrug.
+
+. . . . Ich will nicht von Geduld sprechen, denn ein großer Vorrat von
+Geduld kann vor dem uns bekannten X versagen. Ich sage Dir aber, daß die
+Zeit außerordentlich rasch vergeht.
+
+Wir verleben kindliche Tage, übrigens sind wir Kinder solchen Ereignissen
+gegenüber, und die Wohltat dieses Krieges wird sein, daß er denen, die
+zurückkehren, die Jugend des Herzens zurückgeben wird. . . .
+
+Liebe Mutter, unser Dorf hat wieder den Besuch von zwei Granaten erhalten.
+Werden sie in Begleitung kommen? Gott behüte uns! Letzthin hatten sie uns
+hundert und fünfzehn geschickt, um einen Mann am Handgelenk zu verwunden.
+Ein Haus, in dem ein Halbzug unserer Kompagnie wohnt, steht in Flammen. Wir
+sehen niemand sich regen. Wünschen wir, daß für unsere Kameraden alles gut
+verläuft.
+
+Ich bin herzlich froh, diese paar Monate verlebt zu haben. Sie haben mich
+gelehrt, was man aus dem Leben machen kann, in welcher Form es sich uns
+auch zeigen möge.
+
+Meine Kameraden sind wunderbar in ihren Offenbarungen französischer
+Eigenart. . . . Sie scherzen, aber ihr Scherz ist die äußere Hülle eines
+herrlichen seelischen Mutes.
+
+Mein großer Fehler als Künstler ist, die Seele meines Volkes stets mit
+einem schönen, mit meinen eigenen Farben bemalten Gewande kleiden zu
+wollen. Diese Menschen gehen mir manchmal auf die Nerven, wenn sie mein
+schönes Kleid beschmutzen; in Wahrheit würde es sie arg daran hindern, ihre
+Pflicht zu erfüllen, wie sie es tun.
+
+Weihnachten in der Frühe.
+
+Welche einzige Nacht! -- Nacht ohne Gleichen, in der die Schönheit siegte,
+in der trotz ihrer blutigen Verirrungen, die Menschheit die Wahrheit ihres
+Bewußtseins bewiesen hat.
+
+Wisse, daß bei gelegentlichem Gewehrfeuer, ein Gesang ohne Unterbrechung
+auf der ganzen Schützenlinie sich erhob!
+
+Uns gegenüber sang eine wundervolle Tenorstimme das Weihnachtslied des
+Feindes. Viel weiter zurück, hinter dem Höhenzug, dort wo unsere Linien
+wieder anfangen, antwortete die Marseillaise. Die wundervolle Nacht
+verschwendete ihre Sterne und Meteore. Hymnen, Hymnen überall.
+
+Es war die ewige Sehnsucht nach Harmonie, der unbezwingliche Aufschrei nach
+Ordnung in Schönheit und Eintracht.
+
+Ich für mein Teil habe meine Erinnerungen eingewiegt, indem ich die
+köstlichen Melodien der _Kindheit Jesu_[*] wachrief. Die jugendliche
+Schönheit, die Taufrische dieser französischen Musik rührten mich. Ich
+dachte an den berühmten _Schlaf der Wanderer_ und den Chor der Hirten. Ein
+Satz, den die Jungfrau Maria singt: »Der Herr hat für meinen Sohn diese
+Stätte gesegnet«, ließ mein Herz erzittern. Die Melodie sang in mir,
+während ich in diesem Häuschen saß, dessen Nachbar in Flammen steht und das
+selbst einem recht kümmerlichen Schicksal geweiht ist.
+
+Ich dachte an alle mir gewährten Freuden, ich dachte, daß vielleicht in
+dieser Stunde Du für mich um Segen flehst über meine Zufluchtsstätte. Der
+Himmel war so schön, daß er mir eine günstige Antwort zu gewähren schien;
+ich wünschte aber ganz besonders die Kraft zu besitzen, um eines
+fortwährend zu flehen, um Weisheit zu jeder Zeit, eine Weisheit, die zwar
+menschlich ist, aber trotzdem vor jeder Überraschung sicher ist.
+
+Jetzt überflutet die herrliche Sonne die Ebene, und ich schreibe Dir beim
+Kerzenlicht, von Zeit zu Zeit gehe ich aber und betrachte sie von den
+Hintergärten aus. Alles ist licht, und die verlassene Ebene empfängt den
+Frieden von oben.
+
+[Fußnote *: »L'Enfance du Christ«, von Hector Berlioz.]
+
+Ich gehe in unser Zimmer zurück, wo im Dämmerlicht die Kupferbeschläge der
+wundervollen Betten der Maasgegend und das geschnitzte Holz der Schränke
+schimmern. Alles hat durch den schlechten Gebrauch, den die Soldaten davon
+machen, gelitten, verschafft uns aber eine wirkliche Behaglichkeit. Wir
+haben Bestecke gefunden, Tafelgeschirr und haben zwei Tage nacheinander
+Schokolade in einer Suppenschüssel bereitet. Üppigkeit!
+
+O liebe Mutter, wenn mir Gott die Freude der Rückkehr gewährt, welche
+Jugend hat mir diese außerordentliche Zeit wieder geschenkt! Wie ich meinem
+lieben P. schrieb, führe ich hier das Leben eines Kindes unter so
+schlichten Menschen, daß wenn auch sehr vereinfacht, meine Lebensart für
+meine Umgebung noch recht umständlich ist.
+
+Teuerste Mutter, dieser sehr lange Krieg entwickelt unsere Fähigkeit im
+Dulden auszuharren; ich habe aber das Gefühl, daß sich alles so
+verwirklicht, wie es mir vorauszuahnen vergönnt war. Ich glaube, daß diese
+langen Zwischenzeiten der Untätigkeit das geistige Werkzeug in mir werden
+ruhen lassen. Wenn ich das Glück habe, es wieder benutzen zu dürfen, wird
+es zwar einige Zeit brauchen, um sich wieder in Bewegung zu setzen, aber
+welche neue Triebkraft wird es besitzen! Mein letztes Werk war reine
+Gedankenarbeit und mein Ehrgeiz, den alles rechtfertigen kann, ist meinem
+Gedanken mehr greifbare Form zu verleihen, je mehr er sich entwickeln wird.
+
+Sonntag, den 27. Dezember, 9 Uhr. 5. Tag in der Schützenlinie.
+
+Es scheint, daß die fürchterliche Stellung, die wir am 14. Oktober mutig
+behauptet haben und die unmittelbar darauf durch unsere Nachfolger verloren
+ging, wieder genommen wurde, mehr als 200 Meter, aber um den Preis von 100
+Mann, die kampfunfähig sind.
+
+Liebe Mutter, der Mangel an Schlaf nimmt mir den Verstand. Man bedarf zwar
+wenig davon für den täglichen Gebrauch in diesem Dasein, aber ich hätte
+gerne mit Dir geplaudert. Mein Trost ist, daß unsere gegenseitige Liebe
+keinen Ausdruck braucht.
+
+Weniges mitzuteilen. Ich bin arg abgestumpft durch den gestrigen Tag, den
+ich ganz im Dunkeln zugebracht habe. Dabei sah ich noch von meinem Platz
+aus einen hübschen Baum am Himmel.
+
+Diesen Morgen sah ich in der lieblichen Dämmerung einen schönen
+außerordentlich leuchtenden Stern. Ich hatte Kohlen und Wasser geholt und
+auf dem Rückweg war dieser außerordentliche Stern immer noch sichtbar,
+obgleich der Tag schon hell war. Mein Gefreiter, der mit mir von Strauch zu
+Strauch unserm Hause zustrebte, sagte mir: »Weißt du, was das ist, dieser
+Stern? Nun! es ist das Erkennungszeichen für die feindlichen Patrouillen.«
+Es war so, und zunächst war ich über die Entweihung des Himmels empört;
+dann aber, abgesehen von der sinnreichen Erfindung dieses Verfahrens, sagte
+ich mir, daß dieser Stern für die armen Leute auf der andern Seite die
+Richtung der Rettung bedeutete. Ich habe ihm weniger gezürnt. Er hatte mir
+so viel Freude gemacht, daß ich mich entschloß, bei meinem ersten Eindruck
+zu verbleiben.
+
+Den 30. Dezember.
+
+Gestern abend empfing ich Deinen Weihnachtsbrief. Vielleicht hast Du zur
+Stunde, wo ich Dir schreibe, den meinigen vom selben Tag erhalten. Damals
+genoß ich trotz der Gefahr die Schönheit der Landschaft, heute aber muß ich
+Dir gestehen, daß sie mir einigermaßen vergiftet ist durch das, was man von
+dem letzten Gemetzel erzählt.
+
+Den 26. hat man uns in unseren Kampfstellungen gelassen, die wir zu
+gewöhnlichen Zeiten nur nachts besetzen. Wir wurden an diesem Tage in
+unserer rein defensiven Stellung bevorzugt, nur daß wir der feindlichen
+Beschießung ausgesetzt waren; aber zu unserer Rechten erhielt ein Regiment
+unserer Division, das eine unserer schrecklichen Stellungen vom 14. Oktober
+einnahm, einen furchtbaren Auftrag, dessen unglücklicher Ausgang mehrere
+hundert Menschenleben gekostet hat. Hier in unserm großen Dorf, wo unsere
+gute Wirtin, wie wir auch, die Opfer kannten, ist alles in Trauer.
+
+Am selben Tage.
+
+. . . . Nichts greift die Seele an. Die Angst mag freilich manchmal groß
+sein, besonders die Vorahnung; aber die Fragen der Zukunft ordnen sich der
+willigen Annahme des Gegenwärtigen unter. Das Wetter ist mild und die Natur
+gleichgültig. Die Toten werden den Frühling nicht stören . . . .
+
+Und wenn einmal die Schrecken des Augenblicks vorüber sind, wenn man dann
+sieht, welchen Platz die Erinnerungen an die Dahingeschwundenen einnimmt,
+empfindet man ein fast süßes Gefühl bei dem Gedanken an das, was _wirklich_
+_besteht_. In diesen düstern Wäldern erkennt man, wie nichtig die Gräber-
+und Leichenfeiern sind. Die Seele dieser armen braven Menschen braucht das
+alles nicht. . . .
+
+4 Uhr. -- Ich vollende das vierte Bild; ein Leutnant meiner Kompagnie.
+Entzückt! Der Tag geht zur Neige. Ich sende Dir mein stets mutiges
+Gedenken, Hoffnung und Weisheit.
+
+Vom 3. Januar 1915.
+
+. . . . Gestern, nach der ersten Befriedigung, die ich empfand, als ich
+mich von den groben Arbeiten befreit sah, habe ich meine Stückchen Tressen
+betrachtet und fühlte mich zunächst erniedrigt; denn statt der gewaltigen
+an keinen Titel geknüpften Überlegenheit, die mich aus jeder militärischen
+Bewertung ausschloß, war ich eine untere Nummer in der Rangordnung
+geworden.
+
+Aber sofort fühlte ich, daß, so oft ich meine roten Tressen ansah, ich
+meiner sozialen Pflicht mich erinnern müsse, die mein Individualismus zu
+oft vergißt. Ich fühlte, daß ich meine Seele auszubilden immer in der Lage
+bin, von ihr nur eine unbedingtere Anspannung werde verlangen müssen.
+
+Den 4. Januar (abgeschickt den 7. Januar) in einem Minengang
+
+Ich schreibe Dir am Eingang eines unterirdischen Ganges, der unter die
+feindliche Stellung führt. Mein kleiner Posten hat den Auftrag, für die
+Sicherheit der Pioniere des Geniekorps zu sorgen, die einen schon ein
+Dutzend Meter vorgedrungenen Gang graben, mit Balken stützen und festigen.
+Um dorthin zu gelangen, stampfen wir im Schlamm bis zu den Schenkeln; aber
+unsere acht Stunden Wache sind durch eine Erdschicht von mehreren Metern
+geschützt.
+
+Ich habe sechs Posten, mit denen ich drei Tage lang ein Dasein von
+Schlaflosigkeit und Entbehrungen teile. Das ist das Einweihungsfest meiner
+neuen Stellung, aber ich bin froh, mich wieder ein wenig in den Prüfungen
+vergangener Tage zu stählen. . . .
+
+Es könnte übrigens geschehen, daß mir das Amt, das ich in Vertretung
+versah, in einigen Tagen nunmehr wirklich übertragen wird. Scheußliches
+Wetter: und um das Unglück voll zu machen, habe ich einen ganz neuen Schuh
+verbrannt und bin, wie die andern übrigens auch, in einem wahren Bad, aber
+in vortrefflicher Gesundheit.
+
+Teuerste, ich will etwas schlafen gehen.
+
+Den 6. Januar, abends.
+
+Teure Mutter, wir sind jetzt wieder im Quartier nach zweiundsiebzig Stunden
+ohne Unterbrechung und Schlaf, in einem namenlosen Sirup von Regen und
+Schlamm. Ich habe verschiedene Briefe von Dir erhalten. Liebe, teuerste
+Mutter, der letzte ist vom ersten. Wie ich sie liebe! Doch um Dir von allem
+erzählen zu können, will ich zuerst ein wenig schlafen.
+
+Den 7. Januar, gegen mittag.
+
+Diesen abgebrochenen Brief vollende ich im Polizeiraum, von wo mein Halbzug
+auf Wache zieht.
+
+Das Wetter ist immer scheußlich. Diese Verschiebung des ganzen Daseins ist
+unerhört. Wir sind im Wasser, die Wände sind voll Schlamm, der Boden und
+die Decke auch.
+
+Den 9. Januar.
+
+. . . . Mancher Trost fehlt mir in diesen Tagen wegen des Wetters. Dieser
+entsetzliche Schlamm erlaubt nicht das Geringste zu schauen. Ich schließe,
+indem ich innig unsere Liebe, den festen Glauben an eine Gerechtigkeit
+anrufe, die höher ist als unsere menschliche.
+
+Liebe Mutter, Sendungen brauche ich tatsächlich nicht. Die Entbehrungen
+sind augenblicklich anderer Art, doch immer Mut. Wenn man nur sicher wüßte,
+daß die seelische Anstrengung Früchte tragen wird!
+
+Den 13. Januar, im Schützengraben, in der Frühe.
+
+Ich möchte, wenn Ihr an mich denkt, daß Ihr das Bild von solchen Menschen
+wachruft, die alles verlassen hatten, Familie, Bekannte, Stellung in der
+Gesellschaft, von Leuten, welche die nächsten Verwandten nur noch in der
+Erinnerung kannten, von denen sie sagten: »Wir haben einen Bruder, der vor
+langen Jahren sich von der Welt zurückgezogen hat, wir wissen nicht, was
+aus ihm geworden ist.« Dann werde ich das Gefühl haben, daß auch Ihr jede
+menschliche Form der Anhänglichkeit aufgegeben habt und werde mich frei
+diesem Leben hingeben, das allen gewohnten menschlichen Beziehungen
+verschlossen ist.
+
+Ich beklage mich nicht über meine neue Stellung, sie versenkt mich wieder
+in Prüfungen, aber mit mehr Erfahrung und einigen Verbesserungen. Ich will
+also fortfahren, so vollständig, wie es mir möglich ist, für den Augenblick
+selbst zu leben; und das wird mir leichter werden, wenn ich fühle, daß Ihr
+selbst Euch an den Gedanken gewöhnt habt, daß das Leben, welches ich
+gegenwärtig führe, nicht vorübergehend zu sein braucht.
+
+Ich habe Dir nicht genug geschrieben, wie ich mich über die _Revue
+Hebdomadaire_ gefreut habe. Ich habe darin Auszüge von Reden über Lamartine
+wiedergefunden, die mich entzückt haben. Die Umstände führten ihn, den
+Dichter, dazu, seiner Kunst nur noch einen winzigen Platz einzuräumen. Das
+allgemeine Leben hat ihn umkreist und legte seiner großen Seele eine
+unmittelbarere und stärkere Aufgabe auf, als sein Genie es erwartete.
+
+Den 15. Januar, im neuen Quartier, 12 Uhr 30 mittags.
+
+Wir haben keine Ahnung mehr von irgend einem Ausgang. Für mich ist die
+einzige Richtschnur mein Gewissen. Wir müssen unser Vertrauen in eine
+unpersönliche, von jedem menschlichen Vermittler unabhängige Gerechtigkeit
+setzen, in eine trotz aller äußeren Schrecken nützliche und harmonische
+Bestimmung.
+
+Den 17. Januar, nachmittags, im Quartier.
+
+Was soll ich Dir schreiben, an diesem Nachmittag eines seltsamen Januars,
+wo der Schnee auf den Donner folgt?
+
+Unser Quartier bietet uns nennenswerte Bequemlichkeiten, besonders aber
+eine berauschende Poesie. Stelle Dir einen See vor in einem von hohen
+Hügeln beschützten Park, dann ein Schloß oder vielmehr ein vornehmes
+Landhaus. Wir wohnen in den Nebengebäuden, aber ich brauche weder Tafelwerk
+noch äußerste Bequemlichkeit, um das Traumleben, das ich seit drei Tagen
+führe, zu vervollständigen. Gestern erhielt unsere liebenswürdige
+Gesellschaft den Besuch von Sängern. Wir waren sehr weit entfernt von der
+Musik, die ich liebe; aber die sentimentale und volkstümliche Romanze
+ersetzte die edle Kunst durch das Feuer der Überzeugung bei dem Sänger.
+Dieser Arbeiter, der ehrbare, ja moralische Lieder sang -- eine etwas
+unreine Moral, aber immerhin eine Moral -- legte soviel Seele hinein, daß
+der Klang seiner Stimme unsere Hauswirtinnen rührte. Das ist das
+volkstümliche Ideal, ein wesenloses, rein negatives Ideal, das aber
+schmerzvolle Monate mich gelehrt haben, mit Wohlwollen zu beurteilen.
+
+Ich lese eben, daß Charles Péguy am Anfang des Krieges gefallen ist.[*] Wie
+viel Lücken hat der Tod in den Reihen der französischen Geisteswelt
+gerissen! Was uns unfaßbar ist (was aber ganz natürlich ist), ist, daß die
+bürgerliche Gesellschaft ihr gewohntes Leben weiterführen kann, während wir
+in diesem Unwetter sind. Ich sah in einem Cri de Paris, der hierher
+getrieben wurde, Programme von Konzerten. Welcher Gegensatz! Nun, liebe
+Mutter, die Hauptsache ist, daß wir in einigen Stunden der Gnade Schönes
+erkannt haben. Das Wetter ist entsetzlich, aber man fühlt das Kommen des
+Frühlings. Nichts spricht augenblicklich von Hoffnung für den Einzelnen,
+sondern von fester Zuversicht für die Allgemeinheit.
+
+[Fußnote *: Den 21. September 1914 bei Villeroy, zwischen Meaux und
+Dammartin, während der Schlacht an der Ourcq. (D. Übers.)]
+
+Den 19. Januar.
+
+Seit gestern sind wir in unsern Stellungen zweiter Linie; wir sind hierher
+gekommen bei herrlichem Schnee- und Frostwetter. Ein stürmischer Himmel,
+rosa und entzückend, schwebte über einem traumhaften schneeweißen Wald, die
+Bäume unten durchsichtig blau, oben braun in zarten Verästelungen, die Erde
+weiß.
+
+Ich habe zwei Packete erhalten, in denen das _Rolandslied_ mir unendliche
+Freude bereitet. Die Einleitung, die von dem Volksepos handelt, spricht
+gerade von dem Mahâbhârata, das, wie es scheint, die Kämpfe der guten mit
+den bösen Geistern erzählt.
+
+Ich freue mich über Deine so lieben Briefe. Was die Leiden betrifft, die Du
+vermutest, in Wirklichkeit sind sie sehr erträglich.
+
+Was man aber bekennen muß, übrigens ohne Scham, ist, daß wir ein
+bürgerliches Volk sind. Wir haben den Honig der Kultur genossen, einen ohne
+Zweifel vergifteten Honig! Doch nein! Sicherlich ist dieses bequeme Dasein
+harmonisch und der gewöhnliche Verlauf unseres Lebens soll nicht eine
+Vorbereitung auf die Gewalttätigkeit sein, eine Gewalttätigkeit, die
+vielleicht heilsam ist, in deren Mitte wir aber die in Friedenszeit geahnte
+Ordnung nicht aus den Augen verlieren dürfen.
+
+Die Ordnung führt zum ewigen Frieden. Die Gewalttätigkeit bringt das Leben
+in Umlauf. Unsere Zielpunkte sind Ordnung und ewiger Friede; aber ohne die
+Gewalttätigkeit, welche den Vorrat an verwendbarer Energie entfesselt,
+wären wir geneigt, die Ordnung als schon erreicht zu betrachten, eine
+verfrühte Ordnung, die nichts weiter als Scheinleben wäre und das Kommen
+der letzten Ordnung nur hemmen würde.
+
+Unsere Qualen kommen nur von der Enttäuschung, die uns diese Verzögerung
+bereitet; aber die menschliche Geduld ist immer zu schwach, um das Kommen
+der wahren Ordnung zu erwarten. Auf alle Fälle und trotz unserer Leiden,
+wollen wir lieber nicht die Werkzeuge der Gewalttätigkeit sein. Es ist
+ungefähr, wie wenn eine geschmolzene Masse zu schnell und in unrichtiger
+Weise erkaltet; man muß einen neuen Guß vornehmen und die Masse nochmals
+dem Feuer aussetzen. Das ist die Aufgabe der Gewalttätigkeit in der
+menschlichen Entwicklung; aber diese nützliche Gewalttätigkeit darf uns
+nicht vergessen lassen, was unser ästhetisches Bürgerleben an dauerhafter
+Ordnung in Frieden und Harmonie errungen hatte. Unsere Qualen kommen gerade
+daher, daß wir das nicht vergessen können.
+
+Den 20. Januar, früh morgens.
+
+Glaube nicht, daß ich mir den Schlaf rauben lasse. In dieser Beziehung ist
+unsere Hygiene sehr unregelmäßig; bald schlafen wir drei Tage und drei
+Nächte, bald ist es umgekehrt.
+
+Augenblicklich fängt die Natur wieder an, mir ihren Trost zu bringen. Die
+fürchterliche Regenzeit wird durch schöne Kältetage unterbrochen. Wir leben
+in einem schönen Frost- und Schneewetter, der harte Boden festigt unsere
+Schritte.
+
+Mein bescheidener Rang bringt mir die Möglichkeit ein, mich etwas
+abzusondern. Ich habe nicht mehr meinen schönen nächtlichen Gang, aber am
+Tag erlaubt mir die Befreiung von dem Arbeitsdienst die Schönheit der Dinge
+zu genießen. Gestern unvergeßlicher Sonnenuntergang. Ein Himmel wie Schaum,
+in dem zarte, farbige Streifen sich zerfasern; unten die kalte Bläue des
+Schnees.
+
+Liebe Mutter, es war ein Heimwehabend. Diese Verse, die mir so vertraut
+sind, klangen friedlich an mein Ohr:
+
+ Mein Kind, meine Schwester,
+ Denke, wie süß es wäre,
+ Dorthin zu gehen, mit Dir zu leben . . .
+ In dem Lande, daß Dir gleicht.
+
+Ja, die »_Aufforderung zur Reise_« von Baudelaire[*] zog durch den
+entzückenden Himmel. Ach! ich war weit weg vom Kriege. Doch Rückschlag des
+Irdischen; als ich zurückkam, wäre ich beinahe um mein Mittagessen gekommen
+. . .
+
+Den 20. Januar, abends.
+
+Stete Ergebenheit. Anpassung an das Leben, das nicht rastet und sich um
+unsere kleinlichen Forderungen nicht kümmert.
+
+Den 21. Januar.
+
+Jetzt sind wir wieder in unseren Stellungen in erster Linie. Der Schnee
+folgte uns nach, leider aber auch das Tauwetter. Zum Glück verlangt unsere
+jetzige Stellung nicht den schrecklichen Aufenthalt im Wasser der
+Schützengräben.
+
+Wer wird die Anmut der Bäume im Winter schildern? Habe ich Dir gesagt, was
+Anatole France darüber im Mannequin d'Osier[**] schreibt? Er liebt ihr
+feingegliedertes Skelett und ihre innerliche Schönheit, die der Winter
+vollkommener offenbart. Auch ich liebe den wundervollen Kontrapunkt ihres
+Geästes mit den tausendfach verschlungenen Linien auf dem Grundton des
+Himmels.
+
+[Fußnote *: Fleurs du Mal (Spleen et Idéal LIV. L'Invitation au Voyage).]
+
+[Fußnote **: Les arbres, pensa-t-il, prennent l'hiver une beauté intime
+qu'ils n'ont pas dans la gloire du feuillage et des fleurs. Ils découvrent
+la délicatesse de leur structure. L'abondance de leur fin corail noir est
+charmante; ce ne sont point des squelettes, c'est une multitude de jolis
+petits membres où la vie sommeille. (Le Mannequin d'Osier, S. 77.)]
+
+Von unserm Unterstand aus sehe ich unser Dorf; das Unglückliche zerfällt
+und zerbröckelt immer mehr. Jeden Tag geben ihm die Granaten mehr den Rest.
+Die Kirche ist auseinandergerissen, doch ihre zerstückelte Schönheit
+verharrt trotz Allem. Das Dorf ist so hübsch zwischen seinen zwei zierlich
+gezeichneten, köstlichen Hügeln versteckt!
+
+Wir hatten viel Glück in zweiter Linie. Das Schneewetter war wirklich schön
+und gnädig. Gestern beschrieb ich Dir den Sonnenuntergang von neulich und
+wie wir vorher in diese herrlichen Wälder gekommen sind . . .
+
+Den 22. Januar.
+
+. . . Ich habe Dir einige Verse geschickt; ich weiß nicht was sie wert
+sind, sie haben mich mit dem Leben versöhnt. Dann war unser letztes
+Quartier auch wirklich wundervoll reich an Gaben der Schönheit, über
+Gestein fließendes Gewässer . . . Weite und klare Wasserspiegel in
+Parkhintergründen, stehende Teiche, träumerische Alleen; das vermag die
+rohe Gewalt nicht zu entweihen, heute Sonnenschein auf dem Schnee. Die
+Schönheit des Schnees war tief erschütternd, wir hatten aber auch häßliche
+Tage gehabt; Tage, wo man nichts als unerfreulichen Schlamm sieht.
+
+Es scheint, daß wir nicht in unser hübsches Quartier zurückkehren werden.
+Offenbar ist etwas in Vorbereitung; denn der regelmäßige Verlauf unseres
+Winterlebens hat ein Ende genommen.
+
+2 Uhr nachmittags.
+
+Herrliches Wetter, Vorbote des Lenzes; wir können es ausnutzen, da unser
+jetziger Standort erlaubt, die Nase herauszustecken.
+
+Ich kann Dir heute nur schlecht schreiben, Dir nur den Ausdruck meiner
+Liebe schicken. Dieser Krieg ist lang und ich kann nicht einmal von Geduld
+sprechen. Meine einzige Freude ist, daß ich Dir oft, während fünf ein halb
+Monaten, sagen konnte, daß nicht alles häßlich war.
+
+Den 23. Januar.
+
+ -- --- --
+
+. . . Ich für mein Teil habe keine Wünsche mehr. Wenn die Prüfungen
+wirklich hart werden, begnüge ich mich damit, recht unglücklich zu sein,
+ohne etwas anderes ins Auge zu fassen.
+
+Wenn sie nachlassen, dann fange ich an zu denken, zu träumen, und meine
+teure Vergangenheit erscheint mir mit derselben fernen Poesie, die in
+glücklichen Zeiten meine Träumereien fremden Ländern zuführte. Eine
+liebgewonnene Straße, gewisse oft besuchte Gegenden tauchen plötzlich auf,
+wie früher gewisse Melodien, gewisse Verse plötzlich traumhafte Inseln,
+Märchenländer in mir erstehen ließen. Jetzt braucht es keine Verse oder
+Melodien; die Lebendigkeit unserer lieben Erinnerungen genügt.
+
+Ich kann mir nicht einmal mehr vorstellen, wie ein neues Leben aussehen
+könnte; ich habe nur die Zuversicht, daß wir Lebendiges schaffen.
+
+Für wen, für wann? darauf kommt es nicht an. Was ich weiß, was in meinem
+tiefsten Innern feststeht, ist, daß die Saat französischen Denkens aufgehen
+wird und das Geistesleben unseres Volkes unter den tiefen Wunden, die ihm
+geschlagen sind, nicht leiden wird.
+
+Wer sagt uns, daß der Bauernbursche, der Kamerad des gefallenen Denkers,
+nicht der Erbe seines Gedankens wird? Keine Erfahrung vermochte uns diese
+herrliche Erleuchtung einzugeben. Der Sohn des Bauern, der einen jungen
+Gelehrten, einen jungen Künstler hat fallen sehen, wird vielleicht das
+unterbrochene Werk wieder aufnehmen; er wird vielleicht das Glied in der
+Kette der einen Augenblick gehemmten Entwicklung sein. Das ist das wahre
+Opfer: auf die Hoffnung verzichten zu müssen, Fackelträger zu sein. Für das
+spielende Kind ist es schön, die Fahne zu tragen; dem Manne muß es genügen
+zu wissen, daß die Fahne getragen wird, trotz Allem! Darin bestärkt mich
+jeder Augenblick der erhabenen Natur. Jede Minute beruhigt mein Herz; die
+Natur macht Fahnen aus dem ersten Besten. Sie sind schöner als diejenigen,
+an die unsere kleinen Gewohnheiten sich anklammern. Fahnen der
+Wissenschaft, Fahnen der Kunst, welche Flocke in der Luft käme euch nicht
+gleich? Und immer wird es Augen geben, um die Lehren des Himmels und der
+Erde aufzunehmen.
+
+Den 26. Januar.
+
+Dein lieber Brief vom 20. hat mich gestern abend erreicht. Du darfst es mir
+nicht übel nehmen, wenn mir manchmal, wie in meinem Briefe vom 13., das
+fehlt, was ich mich doch stets bemüht habe zu erwerben. Doch ich bitte Dich
+zu bedenken, was ein junger Mensch in voller Schaffenskraft, empfinden muß,
+in dem Augenblick, wo das Leben für ihn eine Zeit fortwährender Blüte sein
+müßte, wenn man ihn entwurzelt und auf einen trockenen Boden verpflanzt,
+auf dem ihm fast alles seiner gewohnten Nahrung fehlt.
+
+Nun denn! von dem Augenblick, wo nach dem ersten Riß das Leben ihn nicht
+verlassen hat, bemüht er sich aus den dürftigen Säften seiner neuen Lage zu
+schöpfen. Die Anstrengung ist groß und verlangt mitunter eine Anspannung
+aller Kräfte, die für Erinnerungen und Hoffnungen keinen Raum läßt. Es ist
+ein fortwährendes Streben nach Anpassung und ich erreiche sie, außer in den
+Stunden der rasch unterdrückten Empörung, wo die Gedanken, die Handlungen
+meines vergangenen Lebens, sich erheben, wie wenn ich sie nicht vergessen
+hätte. Ich brauche dann meine ganze Kraft, um meine herzzerreißenden
+Erinnerungen in der Ergebung in den gegenwärtigen Augenblick zu ertränken.
+
+Ich dachte an die schlimmen Stunden, die auch Ihr habt, und die Vernunft
+war es, die mich Euch zu einer sehr unpersönlichen Auffassung unseres
+Verhältnisses ermuntern ließ. Ich weiß, wie stark und auf diese Auffassung
+vorbereitet Du bist. Doch Du hast recht, nehmen wir den Schmerz nicht
+vorweg. Aber manchmal unterscheidet man nicht mehr deutlich wirklichen
+Schmerz, der uns quält, von jenem, der kommen könnte.
+
+Merket wohl, _daß ich alle Hoffnung_ habe und daß ich auf einen Sieg der
+Gnade zähle; aber vor allem bestrebt ein Künstler zu sein, bemühe ich mich
+so viel Schönheit wie möglich zu gewinnen und so schnell wie möglich, da
+ich die Frist, die uns vergönnt ist, nicht kenne.
+
+Den 27. Januar, nachmittags.
+
+Nach zwei -- wegen des Mangels an Stroh -- schlechten Nächten im Quartier
+ist die dritte durch unsern plötzlichen Abmarsch in unsere Stellung zweiter
+Linie unterbrochen worden. Dort habe ich endlich schlafen können.
+
+Herrliches Wetter, Frost und Sonne.
+
+Die weite Natur beginnt mich wieder zu umfangen und ihre jetzt mächtigere
+Stimme stärkt mich. -- Aber, Teuerste, was für ein Riß im Leben! Seit
+meiner Beförderung habe ich soeben Augenblicke erlebt, die in weniger
+fürchterlicher Form an die Anfänge des Septembers erinnern, mit viel
+Schönem dazu. Ich nehme dieses neue Leben an; aber kein Ausblick in die
+Zukunft! . . . . .
+
+Den 28. Januar, in der Morgensonne.
+
+Das eiskalte strahlende Wetter hat das wundervolle an sich, daß es in
+seinem weiten, klaren Himmel eine Pforte für die Poesie offen läßt. Was ich
+Dir über dieses schöne Schneewetter sagen konnte, das kam aus einem durch
+die siegreiche Schönheit gestärkten Herzen.
+
+Ich habe mit Freuden in den Zeitschriften, die Du mir geschickt hast, die
+Abhandlungen über Molière, über das englische Parlament, über Martainville,
+über die religiösen Fragen im Jahre 1830 gelesen. . . . .
+
+Habe ich Dir gesagt, daß ich durch die Zeitungen den Tod von Hillemacher[*]
+erfahren habe. Dieser liebenswürdige Kamerad ist im Verlauf dieses
+schrecklichen Krieges gefallen.
+
+[Fußnote *: Bewerber um den Rompreis der Ecole des Beaux-Arts im vorigen
+Jahre.]
+
+Den 1. Februar.
+
+Teuerste Mutter, ich habe Deine lieben Briefe vom 26. und 27. erhalten: sie
+geben mir neues Leben, wahrhaftig. Bis jetzt ist unsere Stellung erster
+Linie -- diesmal in einem Dorfe -- durch eine völlige Ruhe begünstigt
+worden, und ich habe wieder die beglückenden Stunden gekannt, wo die Natur
+mich tröstete. Meine Stellung hat das Besondere, daß die Dienstarbeiten,
+die ich verrichte, jetzt durch die Gefühle der Verpflichtung dem Ganzen
+gegenüber nicht mehr durch die gefühllose Bestimmung der Dienstordnung
+befohlen sind.
+
+Den 2. Februar.
+
+Liebe Mutter, ich schreibe an diesem Briefe im Quartier weiter, während die
+außerordentliche Inanspruchnahme durch die sich häufenden Dienstarbeiten
+die leeren Stunden füllt, welche die Schwermut trüben möchte. Ich komme in
+die dunkeln Tage, wo das Nichts das letzte Ende aller Dinge zu sein
+scheint, während alles in meinem Leben die reiche Fülle des Weltalls mir
+bezeugte. Die Hingabe nicht an Einzelne, sondern an das gesellschaftliche
+Ideal brüderlicher Zusammengehörigkeit, die ist es, die mich noch aufrecht
+hält. Ach, welch herrliches Vorbild geben uns Christus und die Armen!
+Dieser Gerechte, ein Aristokrat, hat durch den herben Ernst seiner
+Lebensaufgabe das Grenzenlose der Pflicht der Nächstenliebe bewiesen und
+vor allem gelehrt, daß man dafür keinen Dank verlangen soll . . . Ich
+verdanke meinem Verkehr mit den Dingen und den Menschen die Beruhigung, daß
+ich nichts vom Nächsten erwarte. So nimmt die Pflicht eine abstrakte, von
+menschlichen Rücksichten befreite Form an, die das Gräßliche dieser Lage
+verhüllt.
+
+Heute ein unerhört schöner Sonnenaufgang! Wieder ein Frühling, der naht
+. . . Ich will Dir unsere drei Tage in der Feuerlinie erzählen.
+
+Schnee und Frost. Wir sind die Abhänge herunter, die zu unserer Stellung im
+Dorfe führen. In diesem Augenblicke war die Nacht so schön, daß die
+Soldaten davon gerührt waren. Ich werde Dir nie die feinen und doch
+bestimmten Linien dieser Landschaft schildern können. Wie ließe sich diese
+zarte, wie mit dem Grabstichel ausgeführte Zeichnung deutlich machen, die
+sich mit den traumhaften Nebeln verbindet, über denen der Mond schwebt?
+Während drei Tagen führte mich mein Nachtdienst in diese keusche Schönheit,
+in diese Weiße hinein.
+
+Dunkle Verästelung der Bäume, zart wie Goldschmiedearbeit. Und trotz der
+Einfarbigkeit, Halbtöne, rotbraune und blaue Halbtöne.
+
+Es gibt Stunden von solcher Schönheit, daß der nicht sterben sollte, der
+sie umfängt.
+
+Ich war weit vor den ersten Linien und niemals fühlte ich mich geschützter.
+Diesen Morgen, auf dem Rückweg, Sonnenaufgang, rosa und grün, auf dem rosa
+und blauen Schnee; freie Aussicht auf ein Mosaik von Wäldern und
+schneebedeckten Feldern; in der Ferne Hintergründe, in denen die Silbertöne
+der Maas ersterben. O Schönheit, allem zum Trotz!
+
+Den 2. Februar.
+
+Nach endlos traurigen Tagen, plötzliche und flüchtige Ausblicke
+philosophischen Gleichmutes. Pflicht, herbe, doch stärkende Trösterin.
+Unerhörte Schönheit mancher Landschaftsbilder.
+
+Den 3. Februar.
+
+ Teure geliebte Mutter,
+
+Soeben empfange ich im Quartier Deinen Brief vom 29. Namenloser Tag, ohne
+greifbare Gestalt, Tag, in dem trotzdem der Frühling geheimnisvoll zu
+quellen anfängt. Warme Luft in der Verlängerung der Tage; plötzliches
+Erschlaffen, wie ein Vergehen in der Natur. Ach! wie süß wäre dieser
+Schauer der Dinge losgelöst von diesem Sklavenleben; doch hier läßt die
+Erschlaffung, die gewöhnlich den Frühling begleitet, die Last nur schwerer
+empfinden. Liebe Mutter, wie glücklich bin ich, die Teilnahme aller in der
+Ferne zu verspüren. Ach! es gibt doch noch zarte Regungen.
+
+Ich bin über die Zeitschriften entzückt, in denen ich in einem herrlichen
+Artikel über Louis Veuillot[*] diesen Satz mir merkte: »O mein Gott, nimm
+von mir die Verzweiflung und laß mir den Schmerz!« Ja wir dürfen die
+fruchtbare Lehre des Schmerzes nicht verkennen und, wenn ich aus diesem
+Kriege zurückkomme, werde ich eine ohne Zweifel bereicherte und veredelte
+Seele zurückbringen.
+
+So habe ich denn mit Freuden Vorträge über Moliere gelesen und in seinem
+Leben wie anderswo die Einsamkeit erkannt, in der die erhabenen Seelen
+umherirren. Aber ich verdanke meinen alten Herzenswunden, daß ich nie mehr
+durch die Schuld anderer leiden werde. Geliebte Mutter, morgen schreibe ich
+Dir besser.
+
+Den 4. Februar.
+
+Gestern abend, als ich in meine Scheune zurückkehrte. Trunkenheit,
+Streitereien, Geschrei, Singen und Geheul. So ist das Leben! . . . Heute
+morgen aber, da mir das Erwachen nur diese Erinnerung zuführte, bin ich vor
+der Zeit aufgestanden und habe meinen Freund den Mond wieder getroffen, die
+große Nacht, die verflog und die Morgenröte, die sich meiner erbarmte! Der
+gesegnete Frühlingstag vergoldet Alles und teilt seine Versprechungen und
+Hoffnungen aus. -- Teuerste, ich denke über den Titel nach, den Tolstoi
+gewählt hat: _Krieg und Frieden_. Früher glaubte ich, er wolle den
+Gegensatz zwischen diesen zwei Zuständen wachrufen; heute aber frage ich
+mich, ob er nicht diese zwei Gegensätze in dem Gefühl ihrer Nichtigkeit
+vereinigt hat, ob nicht die Menschheit, sei es im Krieg oder im Frieden,
+ihm in gleichem Maße zur Last war. Wir müssen freilich dem Bemühen gut zu
+sein treu bleiben; aber unwillkürlich fassen wir diese Mahnung ähnlich wie
+jene Maueranschläge auf: »Schonet die Tiere«. -- Wie wird inmitten der
+täglichen Arbeit die Selbstprüfung hart!
+
+[Fußnote *: Der bekannte katholische Schriftsteller (1813--1883). (D.
+Übers.)]
+
+Den 5. Februar.
+
+Schlaflose Nacht. Abscheuliche Rückkehr in die Scheune. Derartiger
+Höllenlärm, daß die Gefreiten Klage führen mußten. Strafen.
+
+Am Morgen, Marsch, und zur Erholung in dieser Nacht, Arbeit.
+
+ Teure, geliebte Mutter,
+
+Den 6. Februar.
+
+Nach der schlaflosen,[*] vielmehr weinroten Nacht im Quartier mußten wir
+eine ganze Nacht Dienstarbeit leisten. Daher schlief ich bis zum
+Augenblick, wo ich Dir schreibe. Der Schlaf und die Nacht sind die zwei
+Zufluchtsstätten, wo das Leben noch einen Reiz bietet.
+
+[Fußnote *: Wortspiel »nuit blanche«, »rouge vinass«.]
+
+Liebe Mutter, ich durchlebe wieder die herrliche Legende von Sarpedon und
+diese köstliche Blüte der griechischen Mythologie ist mir noch ein Trost.
+Lies diese Episode der Ilias in meiner schönen Übersetzung von Lecomte de
+l'Isle und Du wirst sehen, daß Zeus dem Schicksal gegenüber Worte
+ausspricht, in denen das Gefühl des Unendlichen und Göttlichen so herrlich
+erstrahlt wie in der christlichen Passion. Er leidet und sein väterliches
+Herz kämpft lange; dann ergibt er sich in den Tod seines Sohnes. Aber
+Hypnos und Thanatos werden ausgesandt, um den geliebten Leichnam zu
+empfangen.[*]
+
+Hypnos, der Schlaf. Daß es soweit mit mir gekommen ist, dem jede Stunde des
+Tages eine Lust war, den jeder Augenblick tätiger Arbeit von Stolz erbeben
+ließ. Ich überrasche mich selbst bei dem Wunsche, weit weg von den mich
+umgebenden Stürmen zu fliehen.
+
+Aber der schöne hellenische Optimismus erstrahlt immer noch auf den Schalen
+des Louvre. Die beiden Genien geben Sarpedon die Unsterblichkeit nach
+seinem körperlichen Tode und wahrlich, Schlaf und Tod steigern und
+erweitern unsere menschliche Beschränktheit ins Unendliche.
+
+Thanatos: ein Geheimnis, dessen Grauen wir dem Mißverständnis verdanken,
+welches der Genuß des Augenblickes uns im allgemeinen zu beseitigen
+verhindert. Aber lies die feierlichen, friedlichen und ewigen Sätze
+Maeterlincks in seinem Buche über den Tod und sieh, wie sie harmonisch
+zusammenklingen mit unserer seelischen Erregung über die fürchterliche
+Tragödie.
+
+[Fußnote *: Ilias XVI. Gesang. -- (D. Übers. )]
+
+Den 7. Februar.
+
+ Teuerste vielgeliebte Mutter,
+
+Gestern Deinen herrlichen Brief vom 1. erhalten. Fürchte Dich nicht das zu
+schicken, was Du für Plaudereien halten könntest. Deine Liebe, die
+Gleichheit unserer Herzen zeigen sich deutlich in Deinen Briefen. Das ist
+das einzige, was für mich gilt. Übrigens bringen sie mir tausend andere
+Dinge von Bedeutung, Lebensfragen.
+
+Wir verleben Stunden erdrückender Arbeit, vor der mich meine Stellung
+einigermaßen sichert. Aber für die Mannschaften gibt es Reihen von fünf
+schlaflosen Nächten, von ähnlichen Reihen gefolgt.
+
+Den 9. Februar.
+
+Noch eine Oase, in der ich, dem Verschmachten nahe, wieder einmal den
+Augenblick der Tröstung erreiche. Der leichte erfrischende Windhauch weht
+noch einmal. Ich hatte das Glück, zum wachhabenden Gefreiten in einer
+reizenden Gegend ernannt zu werden, wo ich Höchstkommandierender bin.
+Entzückendes Frühlingswetter. Was soll ich Dir von dieser Landschaft
+erzählen, deren mächtigen Pulsschlag ich nie so deutlich empfunden? Die
+Stunden und Jahreszeiten folgen aufeinander mit einer solchen Sicherheit --
+unabwendbar -- einer solchen erhabenen Ruhe des Ganzen, daß derjenige, der
+ihr Kommen erspäht, das Ungeheure der Urkraft ahnt.
+
+Oft schon hatte ich die Freude gekannt, den Frühling oder eine andere
+Jahreszeit zu schauen, nie war es mir aber vergönnt, jeden ihrer
+Augenblicke zu erleben. Wie erlangt man doch dadurch ohne Hilfe irgend
+einer Wissenschaft eine zwar unbestimmte, aber doch unleugbare Anschauung
+eines Unbedingten!
+
+Ein armer Mann, vielleicht ein genialer Gelehrter, erklärte, daß er unter
+seinem Seziermesser Gott nicht gefunden habe. Wie ist doch dieses
+Mißverständnis in einer so hochstehenden Seele verletzend! Was braucht man
+ein Seziermesser, wenn das Entzücken und der Schauer unserer Sinne genügen,
+um uns die ewige, alle Entwicklung bestimmende Ordnung begreifen zu lassen.
+Der Dichter sieht die Jahreszeiten wie große Schiffe kommen, deren Rückkehr
+er vorausberechnet. Mitunter verzögert sie der Sturm, bald aber kommen sie
+trotzdem an und bringen die Düfte unbekannter Länder mit. Eine
+wiederkehrende Jahreszeit scheint wonnige Gefühle mit sich zu führen, die
+sie auf langer Fahrt gesammelt hat. Ach, liebe Mutter, könnten wir doch
+noch einmal die Einsamkeit erleben! O Einsamkeit für die, die ihrer würdig
+sind! Wie wird sie mitunter entweiht!
+
+Den 11. Februar.
+
+. . . Vielleicht ist es die herrliche Bestimmung und das Vorrecht unserer
+Generation, Zeuge dieser entsetzlichen Ereignisse zu sein, aber um welchen
+fürchterlichen Preis müssen wir es erkaufen . . . Dennoch: ewiger Glaube,
+der alles beherrscht! Glaube an eine Entwickelung, eine unsere menschliche
+Geduld übersteigende Ordnung.
+
+Den 11. Februar, 2. Tag in der vordersten Stellung.
+
+In diesen Augenblicken muß man in einer außerhalb des Menschlichen
+liegenden Opferfreudigkeit seine Zuflucht suchen; denn es ist unmöglich,
+über den Punkt, den wir erreicht haben, hinauszugehen. Gebt alles
+menschliche Hoffen auf. Sucht etwas anderes, vielleicht habt Ihr es
+gefunden. Ich für mein Teil fühle mich nicht würdig, etwas anderes zu sein
+als eine Erinnerung.
+
+Ich habe versucht, im Schlamm einige Blumen zu pflücken. Behaltet sie zum
+Andenken an mich.
+
+5 Uhr nachmittags. Trotz Allem Mut, Mut trotz Allem.
+
+Den 13. Februar, 4. Tag in der vordersten Stellung.
+
+Teuerste, nach der tränenreichen Empörung, die mich während dieser ganzen
+Zeit erschüttert hat, vermag ich wieder zu sagen: »Dein Wille geschehe.«
+
+Und in dem Maße und der Ausdehnung meiner Fähigkeiten möchte ich derjenige
+sein, der an der Möglichkeit seines Mitwirkens am Ausbau des Tempels nicht
+verzweifelt.
+
+Ich möchte der Arbeiter sein, der weiß, daß sein Gerüst ohne Hoffnung auf
+Rettung zusammenbrechen wird und der doch rastlos an dem Schmucke der
+Kathedrale weiter meißelt. An dem Schmuck. Denn niemals werde ich große
+Steinblöcke in die Höhe ziehen können. Es gibt übrigens Handlanger dafür.
+Ja, es gelingt mir noch, die innere Ruhe wiederzufinden.
+
+Jene gleichmäßige Ruhe, die ich erflehte, habe ich zwar nicht; aber
+manchmal erschaue ich den Schein jenes ruhigen Lichtes, in dem Alles,
+selbst unsere Liebe, in neuer Gestalt erscheint und verklärt.
+
+Ich bin am Fuß eines steilen Hügels, dessen Linien die Natur harmonisch
+gezeichnet hatte. Der Mensch hetzt den Menschen und bald werden sie auf
+einander stürzen. Unterdessen schwingt sich dort die Lerche auf.
+
+Während ich Dir schreibe, erfüllt mich allmählich eine seltsame heitere
+Ruhe, etwas außerordentlich Tröstendes, sei es menschliche Zuversicht, oder
+eine höhere Offenbarung. Um mich herum schläft man.
+
+Den 14. Februar, 5. Tag in der vordersten Stellung.
+
+Um mich herum regt sich alles, wir übrigens auch. Je mehr das Unabweisbare
+eine Form annimmt, lebt die Ruhe wieder in mir auf. Meine teure Landschaft
+wird durch die scheußlichen Vorbereitungen geschändet: die Stille wird
+durch die einleitende Beschießung zerrissen; dem Menschen gelingt es, für
+einen Augenblick jede Schönheit zu verhüllen. Ich glaube, daß sie doch eine
+Zufluchtsstätte finden wird. Seit vierundzwanzig Stunden fasse ich mich
+allmählich wieder.
+
+Teure Mutter, meine Sehnsucht nach meinem Elfenbeinturm ist strafbar; was
+man, nur zu oft, für einen Elfenbeinturm hält, ist ganz einfach der Käse
+der Ratte, die Einsiedler wurde.[*]
+
+Möchte doch eine bessere Einsicht mich dazu führen, daß ich die Wohltat der
+Erschütterung erkenne, die mich aus einer zu bequemen Freistätte
+herausgerissen hat, und danken wir dem Verhängnis, das während einiger
+seltenen aber unvergeßlichen Stunden aus mir einen Mann gemacht hat . . .
+
+Nein, ich führe keine Klage wegen dieser toten Jugend. Sie hat mich über
+verschiedene Abhänge zu den Höhen geführt, wo manchmal die Nebel der
+Erkenntnis zerreißen.
+
+[Fußnote *: Tour d'ivoire, von Sainte-Beuve auf A. de Vignys Weltflucht
+angewandter Ausdruck. -- Vergl. La Fontaine. Fables VII, 3. Le rat qui
+s'est retiré du monde. (Der Übers.)]
+
+Den 16. Februar.
+
+Ich habe soeben in den letzten Tagen Stunden erlebt, welche die großen,
+allgemeinen, jetzt sichtbarer gewordenen Fragen zu entscheidenden
+Schicksalsfragen für mich machten. Wir sind fünf Tage lang in der
+Feuerlinie gehalten worden und wurden in einen sehr harten, durch den
+fürchterlichen Schlamm noch erschwerten Dienst gezwungen. In dem Maße als
+der Aufenthalt dauerte und ich den Kampf gegen die schreckliche Traurigkeit
+meiner Seele fortsetzte, fühlten wir, wie die Lage sich verschärfte und die
+Vorbereitungen sich häuften.
+
+Endlich teilte man uns mit, daß der Augenblick gekommen, das heißt, daß der
+Befehl zum Angriff gegeben sei. Wir hatten nur noch einen oder zwei Tage
+vor uns. Da habe ich Dir zwei Briefe geschrieben, den 13. und 14. glaube
+ich, und wirklich, während ich schrieb, fühlte ich in mir ein solches
+Vollgefühl, eine solche Seligkeit, daß sich daraus nur die Tatsächlichkeit
+des Guten und des Schönen folgern ließ. Die Beschießung unserer Stellung
+war äußerst heftig, aber nichts, was vom Menschen kommt, kann so oder
+anders jenes ersticken, was die Natur zur Seele spricht.
+
+In der Nacht vom 14. zum 15. besetzten wir die Schützengräben, welche die
+Maschinengewehre bestrichen. Die Erschöpfung der Mannschaften war derart,
+daß der Angriff von einem andern Bataillon ausgeführt werden sollte. Wir
+warteten also im nächtlichen Wasser und in der Kälte, als plötzlich die
+Nachricht sich verbreitete, daß wir abgelöst würden. Aus welchem Grunde?
+Ein Geheimnis. Kurz, da sind wir wieder in dem Dorfe, wo die Mannschaften
+ihr armes Herz im Wein ertränken. Arm bin ich wieder in diesem Haufen
+. . .
+
+Liebe Mutter, wenn es etwas Unbedingtes in dem Gebiet des menschlichen
+Gefühls gibt, so ist es der Schmerz. Bis jetzt hatte ich nur in einer
+angenehmen Bedingtheit verschiedener Empfindungen gelebt, zwischen denen
+der Wert des Lebens, seine wesentliche Bedeutung verschwanden. Jetzt fühle
+ich, was das Leben ist. Es ist das Werkzeug, welches den Weg der Seele dem
+Unbedingten zu ausrodet. Aber ich habe weniger in dieser Zeit des Wartens
+gelitten als durch gewisse Berührungen.
+
+Den 16. Februar, 9 Uhr abends.
+
+ Teuerste, geliebte Mutter,
+
+Ich war bei Tisch, als man uns mitteilte, daß wir um Mitternacht aufbrechen
+sollten. Ich war gewiß, daß es so kommen würde und die Gegenbefehle, die
+den Angriff verzögert haben, hatten die Folge, uns einen Tagesmarsch von
+vierzig Kilometern machen zu lassen, der zu den Anstrengungen der
+Feuerlinie hinzukam. Als wir unsern Abschnitt in der Kampflinie verließen,
+sah ich so viel Artillerie ankommen, daß ich wohl dachte, es gebe keine
+Ruhe mehr.
+
+Hier aber erlangt man die Ruhe der Seele wieder. Man friert unter einem
+sternenhellen Himmel.
+
+Den 19. Februar. Postkarte, mitten in der Schlacht geschrieben.
+
+Ein Wort nur. Wir sind in den Händen Gottes. Niemals, niemals haben wir
+mehr vertrauensvolle Weisheit gebraucht.
+
+Der Tod wütet, aber er beherrscht uns nicht. Das Leben bleibt schön. Tote
+oder verwundete Freunde gestern und vorgestern. Teuerste, die Post wird
+wahrscheinlich große Verspätung haben . . .
+
+Den 22. Februar.
+
+Wir sind im Quartier nach der großen Schlacht. Diesmal habe ich alles
+gesehen. Ich habe meine Pflicht erfüllt und die Teilnahme aller hat es mir
+bewiesen. Aber die Besten sind gefallen. Grausame Verluste. Heroisches
+Regiment. Ziel erreicht. Werde besser schreiben.
+
+Den 22. Februar, erster Tag im Quartier.
+
+Teure, vielgeliebte Mutter, ich will Dir die Güte Gottes und das Entsetzen
+auf Erden erzählen.
+
+Die Seelenlast, welche ich seit ein und ein halb Monaten mit mir schleppte,
+war der qualvolle Gedanke an das, was uns in diesen letzten zwanzig Tagen
+erwartete.
+
+Wir sind den 17. auf den Kampfplatz gekommen; die umgebende Landschaft
+hatte keinen Reiz mehr für mich; ich war ganz in der Erwartung des
+Ereignisses.
+
+Um drei Uhr wurde der Sturm entfesselt: Sprengen von sieben Minengängen
+unter den Schützengräben des Feindes; es war wie ein fernes Donnern.
+
+Dann machten die fünfhundert Geschütze einen Höllenlärm, während dessen wir
+losgestürmt sind . . .
+
+Die Nacht brach an, als wir uns in den eroberten Stellungen festsetzten.
+Die ganze Nacht war ich tätig, um für die Sicherheit unserer Truppen, die
+bis dahin wenig gelitten hatten, Vorkehrungen zu treffen. Ich mußte weite
+nächtliche Strecken zurücklegen, auf denen ich die Toten und Verwundeten
+beider Parteien antraf. Mein Herz neigte sich über alle, ich hatte aber nur
+Worte für ihren Jammer.
+
+Morgens wurden wir mit ernstlichen Verlusten bis zu unseren früheren
+Stellungen zurückgetrieben; aber am Abend haben wir wieder angefangen: wir
+haben von unseren eroberten Stellungen wieder Alles zurückgewonnen und auch
+hierbei habe ich meine Pflicht getan.
+
+Ich bin vorgedrungen und habe den Säbel eines Offiziers, der sich ergab, in
+Empfang genommen; dann habe ich die zu besetzenden Stellungen befestigt.
+Der Hauptmann hat mich bei sich behalten und ich habe ihm den Plan unserer
+Stellung entworfen. Er teilte mir mit, daß er entschlossen sei, mich im
+Armeebefehl nennen zu lassen,[*] als er vor meinen Augen fiel.
+
+Dann habe ich während der dreitägigen fürchterlichen Beschießung auch den
+Dienst der Versorgung mit Patronen eingerichtet und aufrechterhalten, wobei
+ich fünf Mann verloren habe. Unsere Verluste sind entsetzlich, die des
+Feindes noch schlimmer. Du kannst Dir nicht vorstellen, geliebte Mutter,
+was der Mensch dem Menschen anzutun vermag. Seit fünf Tagen sind meine
+Schuhe von Menschengehirn fettig, zertrete ich Leichen, stoße auf
+Eingeweide. Die Soldaten verzehren ihr kümmerliches Essen an Leichname
+angelehnt. Das Regiment hat sich heldenhaft benommen, wir haben keine
+Offiziere mehr. Alle sind als tapfere Soldaten gefallen. Zwei gute Freunde,
+von denen der eine für eines meiner letzten Porträts ein liebenswürdiges
+Modell war, sind tot. Das war eine meiner fürchterlichsten nächtlichen
+Begegnungen. Weißer, herrlicher Leichnam im Mondschein: ich habe in seiner
+Nähe ausgeruht. Schönheit der Natur, die wieder in mir erwachte . . .
+
+Endlich nach fünf Tagen des Entsetzens, die uns zwölfhundert Opfer gekostet
+haben, sind wir aus diesem Ort der Greuel zurückgezogen worden.
+
+[Fußnote *: »Citation à l'ordre de l'armée.«]
+
+Das Regiment ist im Armeebefehl genannt.
+
+Liebe Mutter, wer wird das Unerhörte der Dinge, die ich gesehen habe,
+erzählen, wer wird aber von den sicheren Wahrheiten reden, die ein solcher
+Sturm entdecken läßt?
+
+Pflichterfüllung, Selbstüberwindung.
+
+Den 23. Februar.
+
+ Teuerste, geliebte Mutter,
+
+Zweiter Tag im Quartier, dann gehen wir wieder morgen an die Front.
+Teuerste, ich kann Dir jetzt nicht schreiben. Nähern wir uns dem, was
+unsterblich ist und halten wir uns Beide an das, was Pflicht ist. Ich weiß,
+daß Euer Gedanke stets dem meinigen zueilt, und ich richte mein Auge nach
+dem, was in Weisheit unser Glück ist.
+
+Seien wir mutig, ich unter allen diesen jugendlichen Toten, Du in der
+Erwartung. Aber Gott ist über uns.
+
+Den 26. Februar, während eines herrlichen Nachmittags.
+
+Liebe Mutter, jetzt sind wir wieder auf dem Schlachtfeld. Wir haben die
+Höhen bestiegen, auf denen es sich eher geziemen würde die Herrlichkeit
+Gottes zu betrachten, als die Greuel der Menschen zu verdammen. Die
+Leichen, die anfangs zahllos waren, verschwinden allmählich und seltene,
+erdfarbene Unglückliche erregen von Zeit zu Zeit eine peinliche Begegnung.
+
+Die Verluste sind das, was man in den Tagesberichten »ernste« nennt.
+
+Ich kann Dir wenigstens sagen, daß unsere Soldaten durch ihre heldenhafte
+Ergebung Bewunderung erregen. Alle beklagen diesen schändlichen Krieg, aber
+die meisten haben die Empfindung, daß die Annahme einer schrecklichen
+Pflicht das Einzige ist, was in diesem Augenblick die fürchterliche
+Notwendigkeit Mensch zu sein rechtfertigen kann.
+
+Liebe Mutter, ich kann nicht zu Ende schreiben.
+
+Jetzt schläft die Ebene in Malven- und Rosatönen ein. Wie ist es möglich,
+daß es Greuel gibt in dem Maße!
+
+Den 28. Februar, im Quartier.
+
+Teure geliebte Mutter und geliebte teure Großmutter, ich schreibe Euch,
+indem ich kaum aus den furchtbaren Bildern des Schreckens heraustrete und
+soeben dantische Stunden erlebt habe. Was Gustave Doré die Kühnheit hatte
+durch den Text der göttlichen Komödie hindurch zu erschauen, ist in
+Erfüllung gegangen in den mannigfaltigsten Formen, welche die Wirklichkeit
+aufhäufen kann.
+
+Mitten unter den Anstrengungen, deren Wohltat es ist, uns unempfindsam zu
+machen, habe ich genießen können, was unsere Qualen Nutzbringendes hatten.
+
+Den 24. abends, kehrten wir zu unseren Stellungen zurück, aus denen man die
+ekelhaftesten Spuren zu entfernen bereits angefangen hatte, hie und da
+blieben nur noch menschliche Körperteile zurück, welche sich bereits der
+Farbe der Erde anglichen, zu der sie zurückkehrten.
+
+Das Wetter war schön und frisch, und die Höhe, die wir erobert hatten,
+versetzte uns mitten in den Himmel hinein: die endlosen Flächen waren ein
+einziges Leuchten. Oben erstrahlten die Sterne, unten die Röte der
+Feuersbrünste; die schreckliche Beschießung, mit der die Deutschen uns
+überschütten, verschwendete dieses Feuerwerk.
+
+Ich lag in einer Erdhöhle, von der aus ich dem Monde folgte, und erspähte
+den Morgen. Mitunter ließ eine Granate Erde auf mich rollen und betäubte
+mich, dann sank die Stille wieder auf die gefrorene Erde nieder. Ich habe
+sie teuer erkauft, ich hatte aber Augenblicke einer Einsamkeit, die von
+Gott erfüllt war. Ich glaube versucht zu haben, mich vollkommen den
+militärischen Forderungen anzupassen; denn, wie ich es Dir geschrieben
+habe, bin ich zum Sergeanten und für die Nennung im Armeebefehl
+vorgeschlagen worden. Aber, meine teuerste Mutter, wie lang, wahrhaftig zu
+lang ist dieser Krieg für Leute, die zweifellos eine Aufgabe zu erfüllen
+hatten! Was Du mir von den Sympathien sagst, die ich in Paris zurücklasse,
+freut mich; doch wird man mich nicht von hier zurücknehmen für eine bessere
+Verwendung? Warum bin ich so aufgeopfert, während soviele, die mir nicht
+gleichkommen, geschont werden? Und doch hatte ich etwas Gutes auf Erden zu
+tun . . . Nun, da Gott diesen Kelch nicht von mir abwenden will, so
+geschehe sein Wille!
+
+Den 3. März, im Quartier.
+
+Heute vierter Ruhetag, für mich fast Ferien. Etwas trübe Ferien, die an
+gewisse Aufenthalte in Marlotte erinnern. Tage, die in den Versuchen
+vergehen, der körperlichen und seelischen Ermüdung abzuhelfen und gewisse
+allzu leere Zeiträume auszufüllen. Aber schließlich doch Ferien, eine Rast
+vielmehr, die mir erlaubt die Eindrücke, deren Gewalt mein Inneres in
+Verwirrung bringt, einigermaßen zu ordnen.
+
+Ich bin vor Allem durch den Lärm der Granaten betäubt. Bedenke, daß allein
+von französischer Seite vierzigtausend uns über die Köpfe flogen, und von
+deutscher Seite ungefähr ebensoviele, mit dem Unterschiede, daß die
+deutschen mitten unter uns platzten. Ich für meinen Teil wurde auf einmal
+von drei 305 mm Granaten begraben, ganz abgesehen von zahllosen
+Schrappnells, die in der nächsten Nähe platzten. Du kannst Dir denken, daß
+dadurch meine Denkkraft stark erschüttert ist. Endlich lese ich wieder. Ich
+habe soeben in einer Zeitschrift eine Besprechung von drei neuen Romanen
+gelesen und das hat zum großen Teil die Sorgen der Feuerlinie in mir
+gemildert.
+
+Ich habe einen entzückenden Brief von André erhalten, der mein Nachbar sein
+muß. Er denkt wie ich über unsere schreckliche Kriegsliteratur . . . . . .
+Was sich in mir am frischesten entfaltet erhalten hat, ist vielleicht die
+musikalische Improvisation. So hörte ich während dieser ganzen Nacht die
+schönsten Symphonien mit vollständiger Orchesterbegleitung, und wisse, daß
+diese Musik ihr Bestes der großen deutschen Musik verdankte.
+
+. . . Nach einem solchen Sturm kann ich mich nur dem angenehmen Gefühl
+hingeben eben noch am Leben zu sein in der flüchtigen Märzsonne . . .
+
+Den 5. März, 6. Tag im Quartier.
+
+Ich hätte in mir die außerordentliche Feinfühligkeit aus der Zeit vor
+diesen Prüfungen wiederfinden mögen, um Dir die Farben und Erscheinungen
+des Dramas zu schildern, das wir eben durchlebt haben. Augenblicklich bin
+ich noch in einem an sich ziemlich wohligen Zustand der Erstarrung, der
+aber das Bild der Dinge in mir und meine Ausblicke in die Zukunft
+einigermaßen verdunkelt. Ich kann mich nur bemühen, mich an die Erkenntnis
+des Ewigen und Dauernden zu halten und vielleicht wird mir das gelingen.
+
+Und doch enthielten gewisse Ansichten von verwüsteten Feldern eine so
+schöne, so edle, so abschließende Lehre, daß ich mit Dir die herrlichen, in
+diesen vergangenen Tagen offenbarten Wahrheiten fühlen möchte.
+
+Wie friedlich ist der Tod in der Erde, und wie herrlich vollzieht sich die
+Rückkehr in den mütterlichen Schoß, wenn man damit die menschliche
+Kleinlichkeit der Totenfeiern vergleicht! Gestern noch konnte ich glauben,
+daß diese armen verlassenen Toten ein Unrecht erleiden; nachdem ich aber in
+V. . . . dem Begräbnis eines Offiziers beigewohnt habe, finde ich, daß die
+Natur viel mehr Mitleid zeigt als die Menschen . . .
+
+Ja wahrhaftig, der Tod des Soldaten ist den natürlichen Dingen nahe. Er ist
+aufrichtig schauerlich und will nicht über die allgemeine Gewalttätigkeit
+hinwegtäuschen. Ich bin mehrmals an Toten vorbeigegangen, deren
+allmähliches Verscharren ich beobachten konnte, und dieses neue Leben war
+tröstlicher als der kalte und starre Anblick der städtischen Gräber. Wir
+haben von unserem Aufenthalte im Freien, eine Frische der Auffassung, eine
+Großzügigkeit in den Bewegungen und Gedanken gewonnen, die den Überlebenden
+die Städte gräßlich und unnatürlich werden erscheinen lassen.
+
+Liebe Mutter, ich schreibe Dir ungeschickt Dinge, die ich prachtvoll
+empfunden hatte . . . Laß uns in den Frieden des Frühlings und in die
+Pracht des gegenwärtigen Augenblicks flüchten.
+
+Den 7. März, 10 1/2 Uhr.
+
+ Teure vielgeliebte Mutter,
+
+Ich schmücke die Untätigkeit dieses Vormittags aus. Ich genieße die klaren
+Gewässer der Maas, welche die Anmut der Täler und Gärten beleben. Die
+Spiele des Wassers auf dem Untergrunde von Pflanzen und Steinen bieten
+meiner Müdigkeit ein beruhigendes Schauspiel und erzählen das friedliche
+Dasein dieses ansehnlichen von den Hauts de Meuse beschützten Fleckens.
+
+Die Kirche ist vollgestopft von Soldaten, die wie ich selbst die
+unerschütterliche Anschauung eines Ideals haben, aber eine äußerliche und
+weniger unmittelbare Offenbarung desselben verlangen . . .
+
+Ich begebe mich für etwa vierzehn Tage in Kost in jenes Haus, in dem vor
+bald zwei Monaten unsere ausgelassene Bande ihre Sitzungen hielt. Heute sah
+ich diese braven Leute weinen, als sie von den Toten und Verwundeten
+hörten. Ich habe vor dem Abmarsch Deinen Schlafsack erhalten, der
+vortrefflich ist. Ich bin sehr durch rheumatische Schmerzen geplagt, die
+mir seit zwei Monaten manche Nacht im Quartier verderben.
+
+Liebe teure Mutter, Ruhe im Kasernenlärm, der jetzt unser Leben sein wird.
+Da es hier nur Unteroffiziere gibt, sind wir Alle zu Dienstarbeiten
+verpflichtet und ich werde wieder die Bekanntschaft des Besens und der
+Lasten machen, übrigens hat man uns das vorhergesagt: wir sollen harte
+Arbeit mit unsern Händen verrichten, damit wir andern befehlen können.
+
+Den 7. März, zweiter Brief.
+
+Mildes Wetter nach dem Regen. Glockengeläute in den Abend hinein; die
+fließenden Gewässer singen unter den Brücken und die Bäume schlafen ein.
+
+Den 11. März.
+
+ Teure geliebte Mutter,
+
+Ich habe Dir nichts von meinem mit körperlicher Arbeit ausgefüllten Leben
+zu erzählen. Kaum wird von Zeit zu Zeit ein Bild in mir wach, ersteht eine
+Erinnerung. Ich bleibe regungslos und zerschlagen. Ich habe eben einen
+schönen Aufsatz von Renan über den Ursprung der Bibel gelesen. Ich fand ihn
+in einer Revue des deux Mondes vom März 1886. Wenn ich etwas davon behalten
+kann, so wird es mir helfen einige Ordnung in meine recht zusammenhanglosen
+Kenntnisse über diese Fragen zu bringen.
+
+Ich bin etwa, wie wenn ich mich von einem Nervenfieber erholte. Was mir
+Freude macht, sind die Gewässer. Die fließenden und stehenden Gewässer der
+Maas. Die Quellen spielen über den Gräsern und Steinen. Die Teiche ruhen
+unter den großen Bäumen aus. Wasserfälle und Bäche. Auf den
+steilabfallenden Abhängen nimmt der Schnee einen träumerischen Glanz an.
+Ich lebe in allen diesen Bildern, ohne ihnen eine bestimmte Form zu geben.
+Ich schäme mich etwas, so stumpfsinnig zu sein, glaube aber, daß es Allen
+so ergehen wird, jedesmal, wenn man sich von der Hölle der Feuerlinie
+entfernt. Ich esse und schlafe, wenn mein gräßlicher Hexenschuß es mir
+erlauben will.
+
+Verzeih mir, wenn ich so tief unter mir selber stehe. Ich bin wie meines
+innern Haltes beraubt. Nun meinetwegen . . .
+
+5 Uhr Nachmittags.
+
+Ich komme ziemlich müde von der Übung zurück, die herrliche Luft der Maas
+erhält mich aber immer gesund.
+
+Liebe Mutter, ich möchte wieder mit aller Kraft dem Schönen und Edlen
+zustreben. Ich möchte immer in mir die Begeisterung verspüren, die mich den
+Schätzen des Lebens zutriebe. Doch augenblicklich ist mein Denken schwer
+wie Blei . . .
+
+Den 14. März, morgens, im sonntäglichen Frieden.
+
+Teure geliebte Mutter, endlich erreichen mich Deine lieben erfrischenden
+Briefe, nach Tagen der Entbehrung, wodurch ich notwendigerweise den
+tatsächlich großen Genuß erkauft habe, hier ausruhen zu dürfen. Der hübsche
+Flecken erwacht in den Nebeln der Maas; der Bach eilt über die
+abgewaschenen Steine dahin. Alles hat die feine maßvolle zierliche Art, die
+das Merkmal der Gegend ist . . .
+
+. . . Ich lese etwas, bin aber durch die körperliche Anstrengung, zu der
+man uns anhält, derart ermüdet, daß ich fast sofort einschlafe. Man läßt
+uns eine Unzahl Schützengräben herstellen.
+
+Liebe Mutter, um auf die außerordentlichen Ereignisse der letzten
+Februartage zurückzukommen, so muß ich Dir wiederholen, daß ich daran wie
+an ein wissenschaftliches Experiment zurückdenke. Ich hatte meine
+Vorstellung von der Gewalt in eine theoretische Formel gebracht und hatte
+ihre Aufgabe in der Welt erraten. Es war mir aber vergönnt gewesen, ihre
+praktische Wirkung nur in unendlich abgeschwächten Fällen zu beobachten.
+
+Diesmal nahm die Offenbarung der Gewalt einen Umfang an, vor dem meine
+Aufnahmefähigkeit in vollem Maße sich betätigen mußte . . . Nun, es war
+interessant, und ich muß Dir gestehen, daß ich in diesem Augenblick niemals
+von einer kalt und objektiv beobachtenden Haltung abließ. Was ich
+persönliches bewahrt hatte, war eine gewisse Empfänglichkeit des Auges, die
+mich befähigte, gewisse Bilder in mich aufzunehmen, deren ergreifende
+Wirkung sich unmittelbar in ebenso »künstlerischer Weise« zusammenfügte,
+wie jede andere menschliche Zusammenstellung. Aber im allgemeinen habe ich
+in diesen Augenblicken, nie die Absicht aufgegeben zu sehen, »wie es
+gemacht ist«.
+
+Ich bin sehr froh festzustellen, daß die Mordlust keine Macht über mich
+gewonnen hat. Und ich wünsche, daß es auch so bleiben möge. Leider hat
+diese Berührung mit der deutschen Rasse für immer meiner guten Meinung von
+ihr geschadet. Allerdings kann ich es nicht über mich bringen, in mir eine
+gewisse Rührung und ein menschliches Empfinden zu unterdrücken, die
+unangebracht sind, wenn sie, wie bei diesem Anlaß, mich zum Opfer eines
+arglistigen Feindes machen, aber ich gelange dazu zu dulden, was ich früher
+als die Schande und Verneinung des Lebens betrachtet hätte.
+
+Ich habe den Franzosen im Kampfe gesehen. In der Schlacht ist er
+fürchterlich, und nachher großherzig; daß ist ein Ausspruch, ein gar
+vollklingender Gemeinplatz, auf dem unsere größten Schriftsteller, wie das
+bescheidenste unserer Schulkinder herumgetreten sind; weiland mein
+dekadenter Intellektualismus findet keinen besseren Ausdruck beim Anblick,
+welchen die französische Seele gewährt.
+
+Den 14. März 1915.
+
+ An Madame de L. . .,
+
+Meine Mutter hat mir die Prüfung erzählt, die Sie soeben wieder betroffen
+hat; wahrlich, das Leben lastet schwer auf gewissen Seelen. Ich kenne Ihre
+Stärke und weiß, daß Sie nur zu sehr an den Schmerz gewöhnt sind; wie sehr
+aber hätte ich gewünscht, daß dieser Ihnen erspart sein möge! Meine Mutter
+sagte mir, daß man ohne Nachrichten von dem Obersten B . . . sei, und sie
+war unruhig . . . Wir haben eine einzige Besorgnis, den Schmerz unserer
+Angehörigen. In dem Anblick des Soldaten, der fällt, ist eine große, ewige
+Lehre enthalten, die uns panzert und wir möchten sehen, daß auch die, die
+uns teuer sind, aus ihr Nutzen ziehen. Seien Sie versichert, daß das
+Beispiel des Obersten herrliche Früchte tragen wird. Ich kenne aus eigener
+Erfahrung den Heroismus, der den Soldaten verklärt, dessen Führer gefallen
+ist.
+
+Für mich waren diese Tage reich an tragischen Ereignissen. Ich habe
+gewaltsame Stunden erlebt, während welcher ich mich bemüht habe, meine
+Pflicht zu tun. Ich habe alle meine Vorgesetzten fallen sehen, die Reihen
+in meinem Regimente wurden gelichtet. Für den, der in dem Feuerschlunde
+ist, gibt es kein menschliches Hoffen mehr. Ich gebe mich Gott hin und
+bitte ihn nur, mich in einem Seelen- und Herzenszustand zu erhalten, der
+mir erlaubt in seiner Schöpfung Alles zu genießen, was der Mensch nicht zu
+verunstalten und zu verdunkeln vermochte.
+
+Alles andere ist außer Verhältnis zu den Ereignissen.
+
+Den 15. März (Karte).
+
+Teure geliebte Mutter, ich denke Du weißt jetzt, welche Gnade mir zu Teil
+wurde, als ich zu meinem Zuge mich begab. Was mir auch Gott in Zukunft
+vorbehalten mag, diese Rast hat mir erlaubt, mich wieder zu fassen, mich
+selbst wiederzufinden und mich auf die Annahme von Allem vorzubereiten. Ich
+sende Dir meine Liebe und den Ausdruck unserer innigen Vereinigung dem
+Geschick gegenüber.
+
+Den 17. März.
+
+Lieblicher Morgen. Weiße Sonne, die sich in Nebel hüllt, Bäume in scharfem
+Umriß auf den Höhen, die weite Ausdehnung im Licht. Bevorzugte Tage.
+Neulich, da ich eine alte Nummer der Revue des deux Mondes von 1880 las,
+trat ich in einen schönen Aufsatz ein wie in einen lichten Palast mit
+prächtigen Gewölben, reich geschmückten Wänden. Er handelte von Ägypten und
+war George Perrot gezeichnet.
+
+Gestern verließ mein Bataillon in Eile sein Quartier. Ich muß zu meiner
+Ausbildung als Sergeant zurückbleiben. Wie bin ich für diese übrigens
+beschwerliche Wartezeit dankbar, die mich das wiederfinden läßt, woran ich
+am meisten halte, einen hellen Geist und ein für die Natur offenes Herz.
+
+Ich vergaß Dir zu erzählen, daß ich damals während des Sturmes am Abend die
+Kraniche zurückkommen sah. Eine kurze Ruhepause erlaubte mir ihren Schrei
+zu hören. Wie lange ist es schon her, daß ich sie fortziehen sah! Ich
+erinnere mich ihres Wegfluges am Beginn des Winters und dann wurde es noch
+trostloser. Diesmal waren sie für mich wie die Taube der Arche, nicht als
+ob ich mir die noch bleibende Gefahr verhehlte; aber diese Boten der Luft
+brachten mir die sichtbarere Zuversicht in die Ruhe des Weltalls, gegenüber
+unserer eigenen Aufregung. Gestern waren es die Wildgänse, die ihren Flug
+gegen Norden nahmen. Sie bildeten am Himmel verschiedene Flugstellungen,
+und zeichneten regelmäßig Figuren; sie verschwanden am Horizont wie ein
+flatterndes Band.
+
+Ich weiß das Urteil von Herrn C. außerordentlich zu würdigen. Ich hatte von
+jeher schriftstellerische Neigungen, schon als Kind, und bedaure, daß die
+abgebrochene Bildung, die ich mir selbst gegeben habe, soviele Lücken
+aufweist; aber durch alle Wechselfälle hindurch bewahre ich die Fähigkeit
+rechts und links die gefallenen Ähren zu lesen. Da ich nichts von der
+Zukunft vorweggenießen möchte, rede ich natürlich nicht von dem Wunsche
+Herrn E. in besseren Zeiten vorgestellt zu werden, das gehört nicht in
+unser Fach, augenblicklich.
+
+Ich habe Frau L. . . geschrieben. Das ist für sie der letzte Schlag.
+Gewissen Lebensschicksalen ist es beschieden, die Medaille zu sein, in die
+alle Zeichen des Schmerzes sich einprägen. Das Unglück hat sie derart
+bearbeitet, daß sie nichts mehr haben, worauf eine Freude sich einzeichnen
+könnte.
+
+Ich denke mir aber, daß eine so ausschließliche Einstellung eines Lebens
+auf den Schmerz einen geheimnisvollen Ausgleich findet im Gefühl, daß man
+alles Unglück ausgeschöpft habe. Es heißt viel, wenn man die Grenze des
+menschlichen Elends bezeichnet. Solche Schicksale erscheinen wie
+Schildwachen, welche die Andern gegen die Schläge eines feindlichen
+Geschicks beschützen . . .
+
+Jeden Tag sehe ich ein neues Kreuz in dem kleinen Soldatenkirchhof. Und
+über Allem der siegreiche Frühling . . .
+
+Den 20. März.
+
+Unsere Ferien gehen ruhig ihrem Ende zu, während unweit Lärm und
+Blutvergießen herrschen. Ich glaube das Regiment hat sich wieder gut
+gehalten.
+
+Den 20. März.
+
+ Teure geliebte Mutter,
+
+Nach soviel Gnadenbeweisen sollte ich mehr Vertrauen zeigen und will mich
+bemühen, mich Gott hinzugeben, aber die Zeiten sind hart. Ich erfahre unter
+vielen andern, den Tod eines Freundes mit dem ich im Quartier ein Bett
+teilte. Er war vor kurzem zum Unterleutnant ernannt worden.
+
+Liebe Mutter, Liebe. Das ist das einzige menschliche Gefühl, das man noch
+bewahren darf.
+
+Den 21. März.
+
+Liebe Großmutter, da die Zeiten der Prüfungen nahen, will ich Dir all meine
+Liebe senden, mehr kann ich nicht tun. Die Lage erfordert wahrscheinlich
+Opfer, vor denen wir nicht mehr an das denken dürfen, was uns festhielt.
+
+Laßt uns darum beten, daß der feste Glaube an das Schöne und Gute mitten
+unter den Schmerzen uns nicht verlasse.
+
+Den 21. März, Sonntag, bei der schönsten Sonne.
+
+ Teure geliebte Mutter,
+
+Ich glaube, es ist die Rede davon, uns noch einen Tag zu behalten, so daß
+wir erst Dienstag abmarschieren würden. Ich weiß nicht, wo ich mein
+Bataillon wiederfinden werde und in welchem Zustande, denn der Kampf
+scheint außerordentlich hart zu sein und zieht sich hin. Die Nachrichten
+sind sehr widerspruchsvoll, was die Gewinne betrifft. Was die Zahl der
+Opfer betrifft, stimmen alle darin überein, daß sie sehr bedeutend ist. Wir
+hören sehr starken Kanonendonner und das schöne Wetter wird wohl die
+Kriegsleitung auf beiden Seiten dazu bewegen, die Entscheidung zu
+beschleunigen.
+
+Ich hätte Dir gern manches erzählt von der schönen Landschaft, die mich mit
+ihrer Herrlichkeit umgibt, aber wahrhaftig, meine Gedanken sind dort, wo
+die Sonne die Menschen nicht zu ihrer Anbetung vereinigt, sondern nur den
+Haß beleuchtet, wo die Nacht nur Angst und Verrat mit sich bringt. Neulich
+in der herrlichen Ausdehnung dieser Landschaft, die sich dem Frühling
+darbot, dachte ich an die Freude, die ich empfand, ein Mensch zu sein. Und
+nun ein Mensch sein . . .
+
+Unser benachbartes Regiment, das von R. L. . ., ist mit Kompagnien, die nur
+vierzig Mann zählten, zurückgekommen.
+
+Ich wage nicht mehr von Hoffnung zu sprechen . . . was man als Gnade
+erflehen kann, ist, Alles Schöne, was der Augenblick bieten kann,
+ausschöpfen zu dürfen.
+
+Das ist eine neue Art »sich auszuleben«, an die die Literatur bis jetzt
+nicht gedacht hatte.
+
+Liebe Großmutter, wie hat mich Deine zärtliche Liebe in diesen Prüfungen
+gestärkt!
+
+Den 22. März.
+
+Glühende Sonne, vor der man sich staunend sagt, daß man im Krieg steht. Der
+Frühling ist sieghaft eingezogen. Er hat die Menschen mitten im Hasse,
+mitten in der schmachvollen Beleidigung der Schöpfung überrascht.
+Glücklicherweise verschweigen die Tagesberichte, das was vergänglich ist.
+
+Da ich mich jetzt für einundzwanzig volle Tage weit hinter der Front
+befinde, habe ich Mühe mich wieder an das grauenhafte Bild dort zu
+gewöhnen. Aber ich weiß, liebe Mutter, daß mein Leben und Deines nur ein
+Ziel hatten und daß wir, selbst in der letzten Zeit, uns bemüht haben uns
+demselben zu nähern. So wird unser Leben vielleicht nicht zwecklos gewesen
+sein. Das ist heute der einzige Trost für eine ehrgeizige Seele, daß sie
+vorausahnt, in welcher Richtung ihr Wirken einen Wiederhall finden wird.
+
+Ich glaube, daß, wenn es mir vergönnt gewesen wäre, länger zu leben, ich
+nie mein Streben unterbrochen hätte. Da ich aber keine andere Gewißheit
+habe als die der gegenwärtigen Stunde, habe ich versucht, das Beste meines
+Selbst darauf zu verwenden.
+
+Den 25. März.
+
+ Teure geliebte Mutter,
+
+Jetzt führe ich wieder mein Höhlendasein. Ich habe den Platz
+wiedergefunden, den ich im vergangenen Monat verlassen hatte. Während
+meiner Abwesenheit ist nichts geschehen: ein furchtbarer Angriff ist
+unsererseits unternommen worden, hat aber zu keiner Entscheidung geführt.
+Man hatte Regimenter angreifen lassen, die weder unsern Schneid noch unsere
+schöne Haltung unter dem Feuer haben. Sie konnten sich nur zusammenhauen
+lassen und uns die abscheulichste Beschießung zuziehen, die man sich
+vorstellen kann. Wie es scheint war der frühere Kampf nichts im Vergleich
+zu diesem. Meine Kompagnie hatte schwere Verluste infolge von Lufttorpedos.
+Es sind Geschosse von einem Meter Höhe und 27 Zentimeter Umfang, die eine
+äußerst steile Flugbahn zurücklegen und senkrecht einfallen, was ihnen
+ermöglicht, in die engsten Höhlungen hineinzuplatzen. Deswegen leben wir
+mehrere Meter unter der Erde. Mildes Wetter. Wir gehen Nachts aus, um die
+Dienstarbeiten zu verrichten.
+
+Teure, ich hätte Dir gerne einen Haufen Dinge erzählt, die manche
+glückliche Stunden betreffen; aber ich habe es Dir schon geschrieben,
+manche davon darf man durch Worte nicht wachrufen. Die plumpe menschliche
+Freude würde sie erschrecken und ihnen feindlich sein. Sie würden noch
+rascher verschwinden. -- Ich nehme meinen Brief nach einem Schläfchen
+wieder auf. Wir schlafen so viel wir können in unsern Erdhöhlen. Ich hatte
+einen Haufen Gedanken gehabt, welche die Müdigkeit mir nicht erlaubt
+auszudrücken; ich erinnere mich aber, daß ich Beethoven wachrief. Ich habe
+gerade sein Alter, als er vom Schmerz betroffen wurde, und ich dachte an
+das herrliche Vorbild solcher Seelenstärke, die trotz aller Hindernisse
+sich betätigt. Das Hemmnis mußte ihm ebenso endgültig erscheinen als uns
+heute das unsrige. Aber er war Sieger. Für mich war Beethoven die
+herrlichste menschliche Offenbarung der schöpferischen Kraft.
+
+Ich schreibe schlecht, denn ich schlafe noch . . .
+
+Wie war mir alles erleichtert und durch Freundlichkeit gemildert während
+des Rückmarsches! Ich verließ unser Schloß allein und, als ich vor einer
+Artillerie-Batterie vorbeikam, wurde ich von Seiten der Unteroffiziere in
+der brüderlichsten Weise gastfreundlich aufgenommen, übrigens liebt die
+Artillerie die Xer, die sie beschützen und überhaupt flößen wir ein
+lebhaftes Mitleid den Leuten ein, die nicht einmal dem Regen ausgesetzt
+sind.
+
+Ich breche kurz ab und liebe Dich wegen Deines Mutes, der mich aufrecht
+hält. Was auch geschehen mag, ich habe die innere Freude wiedergefunden.
+Schon die Nacht der Ankunft war ja so schön!
+
+Den 26. März.
+
+ Teure geliebte Mutter,
+
+Nichts neues auf unserer Anhöhe, die man weiter in Verteidigungszustand
+setzt. Eine interessante Arbeit, die freilich Schwierigkeiten bietet. Das
+schöne Wetter erleichtert unsere Arbeit. Von Zeit zu Zeit trifft die Hacke
+einen armen Toten, den der Krieg bis in die Erde hinein quält.
+
+Den 28. März, auf den Höhen: graues Wetter an einem durch die gestrige
+Beschießung gestörten Sonntag.
+
+Nun sind wir wieder mitten im Kriege. Ein fürchterlicher Angriff
+unsererseits hat soeben das Gemetzel der vergangenen Woche erneuert. Meine
+Kompagnie, die bei dem früheren Ansturm niedergemäht worden war, ist
+freilich diesmal verschont geblieben und wir mußten nur einen Abschnitt der
+Verteidigungslinie besetzen. Wir bekamen also nur die Spritzer des Kampfes
+ab.
+
+Ich wohnte an einem schönen Frühlingssamstag dem fernen Schauspiel der
+Schlacht bei und sah das kriechende Tier, dem ein Bataillon gleicht,
+vorrücken und im Rauch der Granaten sich winden. Es sind Jäger zu Fuß, die
+trotz der Maschinengewehre und der französischen und deutschen Beschießung
+angreifen. Diese Tapferen haben Allem zum Trotz ihre Aufgabe erfüllt und so
+die Niederlage der vergangenen Woche wieder ausgeglichen, wo unser Angriff
+erfolglos war.
+
+Seit einem Monate ist es mir vergönnt, die Steindrucke Raffets[*] zu
+erleben, mit dem Unterschiede, daß man zur Zeit Raffets ungestrafter in
+denselben Entfernungen Augenzeuge sein konnte, weil die Gewehre weniger
+weit schossen. Aber es gab wirklich schöne Dinge zu sehen, wie zum Beispiel
+diese endlose Ebene, auf die die Felshöhen herabschauen, die wir besetzt
+halten. Sie erstrahlen von den hunderttausend Feuern der Granaten. Und
+davor kletterten die Jäger immer weiter . . .
+
+Sonntag, den 28. März (2. Brief).
+
+ Liebe Mutter,
+
+Strahlendes Wetter, das sich im Laufe des Vormittags aufgeheitert hat. Ich
+habe unsern Sektor ziemlich weit durchwandert; augenblicklich nimmt die
+Beschießung wieder an Stärke zu.
+
+Trotzdem wende ich meine Seele der Hoffnung zu. Für alle Fälle, flehe ich
+um Weisheit für Dich und für mich.
+
+[Fußnote *: Raffet, der durch seine Steindrucke aus dem Soldatenleben,
+besonders der napoleonischen Zeit, bekannte Zeichner (1804-1860). (Der
+Übersetzer.)]
+
+Teure, mitunter fühle ich wie leicht es mir wäre, mich wiederum den
+Beschäftigungen zuzuwenden, die den Reiz und den Sinn meines Lebens
+ausmachten. Mitunter fühle ich mich plötzlich in diesem schönen Frühling,
+derart zur Malerei hingezogen, daß es mir sehr leid tun würde, wenn ich
+nicht mehr malen dürfte. Aber ich bemühe mich doch, meine Seelenkräfte und
+meinen Willen auf dem schmalen und schwierigen Damm dieses Lebens zu
+erhalten.
+
+Den 1. April.
+
+Eine Sonne, die die Jugend des Frühlings enthüllt. Die Maas, ein eiliger
+Bach im Schmuck eines wohlhabenden Dorfes, wohin der Wiederhall des
+Kanonendonners nur noch wie ein dumpfer Stoß gelangt und seine Bedeutung
+verliert. Wir haben unser Quartier gewechselt, denn die Verstärkungen
+gelangen in solcher Menge nach dieser Gegend, daß wir Andern Platz machen
+müssen, und immer wird gerade unser Regiment ausquartiert.
+
+Aber Alles ist heute Licht und Frische. Die weite fette Ebene, welche die
+Hauts de Meuse begrenzen, hüllt ihre Fernen in zartes Silbergrau.
+
+Ich freue mich über den Brief von Gabrielle, der mir zeigt, was die
+französische Seele von diesen Ereignissen zurückbehalten wird. Rührender
+Brief von Pierre, der endlich nach seiner schweren Verwundung als
+dienstuntauglich entlassen ist. Herrlicher Brief von Großmutter. Wie sie
+sich nach dem Wiedersehen sehnt! -- Reden wir nicht davon . . .
+
+ -- --- --
+
+Ich schließe meinen Brief auf dem Ufer des Wassers, indem ich mit Wollust
+die Freuden, die ich beim Malen empfand, wieder wachrufe. Ich habe vor mir
+die lieblichsten Funken des Frühlings.
+
+Den 3. April (Karte).
+
+Nur ein Wort in zweiter Linie. Aufenthalt in den Frühlingswäldern. Sonne
+und Regen, die am Himmel spielen. Mut trotz Allem.
+
+Den 3. April, 2. Brief.
+
+Ich möchte, ich hätte Dir in den letzten Tagen besser geschrieben, damals
+als jede Minute eine Wonne für mich war, selbst in der Feuerlinie. Ich
+gestehe, daß ich mich damit begnügte, mich in der Schönheit der heitern
+Tage dahin leben zu lassen trotz des Krieggeheuls. Wir wissen nicht was
+geschehen wird. Die Bewegungen hin und her mehren sich. Werden wir wieder
+den Ansturm zu tragen haben?
+
+Stelle Dir vor, daß wir während unseres letzten Aufenthaltes in der
+Feuerlinie die Tage in den Unterständen verbringen mußten, die wir,
+gezwungen durch die grauenhafte Beschießung bis zu einer Tiefe von ungefähr
+zehn Metern in die Hügelabhänge graben. Dort erwartet man in völliger
+Dunkelheit die Nacht zum Aufbruch. Plötzlich haben wir meine Kameraden, die
+Unteroffiziere und ich den Schauer der neun Symphonien von Beethoven in uns
+erweckt. Eine unaussprechliche Begeisterung beseelte uns. Die Musik wirkte
+wie ein Feuerwerk in diesem Keller. Unsere chinesische Folter, weder sitzen
+noch stehen noch liegen zu können, war vergessen.
+
+Das Leben eines Sergeanten im Quartier ist recht angenehm; und doch maße
+ich mir nichts an.
+
+Was die Feuerlinie betrifft, so hoffe ich, daß die Vorsehung mir die
+Seelenkraft geben wird, bis zuletzt meine Pflicht zu erfüllen. Ein guter
+Freund, der Führer meines Halbzuges war, ist zum Kompagniefeldwebel ernannt
+worden. Alles das sind Kleinigkeiten, aber Teuerste, ich fühle mich in
+diesen Tagen etwas schwach, da ich nach den Ereignissen des vergangenen
+Monates arg leidend war. So lasse ich mich denn auf den sanften Abhängen
+des Lebens dahingleiten. Was tuts, wenn man dabei den Abgrund streift. Möge
+die Vorsehung uns davon fernhalten!
+
+Den 4. April.
+
+ Teure geliebte Mutter,
+
+Zeit der angstvollen und von nahen Drohungen schwangeren Erwartung. Bis
+dahin, Ruhe und Müßiggang. Ich kann nicht denken und gebe mich dem
+Schicksal hin. Teure, verzeih mir, wenn ich seit einem Monat sehr
+minderwertig bin. Liebe mich und sage unsern Freunden, daß sie mich lieben
+sollen. Hast Du meine Photographie erhalten? . . . Es war in der
+glücklichen Zeit des Stellungskrieges, da wir friedliche Tage verlebten und
+unser einziger Feind die Strenge der Witterung war. Bald darauf wurde ich
+Gefreiter und ein hartes, an unerfreulichen Arbeiten schweres Leben begann
+für mich. Dann das Gewitter, dessen Wiederschein wenigstens noch mein Leben
+beleuchtet.
+
+Den 4. April, abends, Ostersonntag.
+
+Liebe Mutter, jetzt stehen wir wieder unter dem Schutze Gottes. Um 2 Uhr
+gehen wir in den Sturm hinein. Teure, ich denke an Dich, ich denke an Euch.
+Ich liebe Euch und vertraue uns Alle drei der Vorsehung an. Möge Alles was
+kommt uns bereit finden! In voller Seelenstärke, das ist mein Gebet für
+Euch und für mich. Hoffnung trotzdem, aber vor Allem Weisheit und Liebe.
+Ich umarme Euch ohne weitere Worte. Ich raffe mein ganzes Denken zusammen,
+einer schweren Aufgabe zu.
+
+Den 5. April, ein Uhr.
+
+ Liebe Mutter und liebe Großmutter,
+
+Wir brechen auf. Mut. Liebe und Weisheit. Vielleicht ist dies Alles zum
+Besten Aller geschrieben. Ich kann Euch nur mein ganzes Herz zuwenden, mein
+Leben besteht nur noch in Euch.
+
+Den 5. April, gegen Mittag.
+
+ Liebe Mutter,
+
+Jetzt stehen wir in der Prüfung. Bis jetzt zeigt nichts an, daß die
+Gnadengaben uns verlassen. Uns steht es zu, uns zu bemühen, daß wir sie
+immer verdienen. Heute nachmittag werden wir unseren ganzen Willen brauchen
+und müssen die höchste Weisheit anrufen.
+
+Teure geliebte Mutter und liebe Großmutter, könnte ich noch die Freude
+Eurer Briefe haben. Laßt uns beten, daß wir noch unter Alledem aufrecht
+erhalten werden!
+
+Teure innig geliebte Mutter, noch einmal mein ganzes Herz Euch Beiden.
+
+ Euer Sohn.
+
+Den 6. April, mittags.
+
+Teure innig geliebte Mutter, um Mittag; jetzt stehen wir bereit auf der
+äußersten Stellung. Ich sende Dir meine volle Liebe. Was auch geschehen
+mag, das Leben hat uns manch Schönes gegeben.
+
+ * * *
+
+In diesem Kampfe, an diesem Tage, dem 6. April ist der Verfasser dieser
+Briefe spurlos verschwunden.
+
+
+
+
+
+
+
+Europäische Bücher:
+
+Andreas Latzko, Menschen im Krieg
+Romain Rolland, Beethoven
+Leonhard Frank, Der Mensch ist gut
+Leo Tolstoi, Tagebuch 1895--1899
+Henri Barbusse, Das Feuer
+Leonid Andrejew, Das Joch des Krieges
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Briefe eines Soldaten, by Eugène Emmanuel Lemercier
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFE EINES SOLDATEN ***
+
+***** This file should be named 39276-8.txt or 39276-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/3/9/2/7/39276/
+
+Produced by Jens Sadowski
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.