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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/39276-8.txt b/39276-8.txt new file mode 100644 index 0000000..020e2b0 --- /dev/null +++ b/39276-8.txt @@ -0,0 +1,4663 @@ +Project Gutenberg's Briefe eines Soldaten, by Eugène Emmanuel Lemercier + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Briefe eines Soldaten + Deutsche Ausgabe der Lettres d'un soldat + +Author: Eugène Emmanuel Lemercier + +Commentator: André Chevrillon + +Translator: Eduard Schneegans + +Release Date: March 27, 2012 [EBook #39276] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFE EINES SOLDATEN *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + +Briefe eines Soldaten + + + +Deutsche Ausgabe der +Lettres d'un soldat + + + + +1918 +Max Rascher, Verlag, Zürich + + + +1. bis 5. Tausend +Nachdruck verboten +Copyright 1917 by Rascher & Cie., Zürich + + + + +Deutsche Übertragung +von Professor Dr. Schneegans, Neuchâtel + + + + +1918 +Buchdruckerei Züricher Post + + + + + + + + + + +Vorwort. + + +Die folgenden Briefe sind von einem jungen Maler geschrieben, der an der +Front war von September bis Anfang April, wo er in einem der Kämpfe im +Argonnerwald verschwunden ist. Soll man von ihm in der Vergangenheit oder +in der Gegenwart sprechen? Wir wissen es nicht: seit dem Tage, wo sie die +letzte von Schmutz befleckte Karte erreichte, welche den Angriff meldete, +in dem er verschwinden sollte, -- welche quälende Stille für diese Frauen, +die während acht Monaten nur von den fast täglichen Briefen lebten! Doch +für wieviele Mütter und Frauen ist eine solche Qual heute das tägliche Los? + +In dem Atelier, unter den Bildern, in denen der junge Mann seine Träume, +seine Künstlervisionen festgelegt hatte, habe ich, liebevoll auf einem +Tische geordnet, alle die weißen Kärtchen gesehen, aus denen dieser +Briefwechsel besteht. Schwelgende Gegenwart. . . . Ich wußte damals noch +nicht, welche Seele sich hier in ihrer Fülle ausgedrückt hat, um auf diesem +Wege an den häuslichen Herd zurückzukehren: eine Seele, die dazu bestimmt +war, dessen bin ich überzeugt, sich weit über den kleinen Kreis der +Verwandten hinaus zu ergießen und weithin auf die Menschen zu strahlen. Die +Seele eines fertigen Künstlers, aber auch eines Dichters, mit der +Schüchternheit eines Jünglings, der schon mit dreizehn Jahren die Schule +für das Atelier verlassen hat und ganz allein gelernt hat das, was ihn +bewegt, in Tönen auszudrücken, deren Schönheit der Leser wird zu würdigen +wissen. Herzensgüte, inbrünstige Verehrung der Natur, mystisches Verstehen +ihrer Erscheinungsformen und ihrer ewigen Sprache, das ist es, was die +Deutschen, die sich die Erben Göthes und Beethovens nennen, allein zu +besitzen glauben und was uns in diesen, von einem jungen Franzosen für +seine Teuersten und für sich geschriebenen Briefen ergreift. + +Das Rührendste dabei ist vielleicht, daß wir in dem seelischen, so ernsten, +so religiösen Empfinden, das sich hier ausspricht, Züge wiedererkennen, die +uns in manchen Briefen von der Front auffielen. In diesen Wochen, diesen +endlosen Wintermonaten, die sie im Schlamm oder im Schnee der +Schützengräben verbracht, beim täglichen Anblick des Todes, beim Gedanken +an den Tod, der vielleicht in demselben Augenblick naht, um ihnen für immer +die Augen zu schließen, scheinen diese Kinder angefangen zu haben mit +eindringlicherem, empfänglicherem Auge die ewigen Dinge zu betrachten, wie +wenn sie alle, in der Fülle ihrer Kraft und ihrer Jugend, glaubten sie zum +letzten Male zu betrachten: + + »Und sterben sollte nun die Welt + Mit meinen Augen, den Spiegeln der Welt.« + +Feierliche Stimmung des Menschen, der eben eine lange Nachtwache verbracht +hat, irgendwo auf Vorposten, und der hinter der grauen, schweigenden, +nordischen Ebene dort, wo der unsichtbare Feind in der Erde vergraben ist, +die rote Sonne noch einmal über diese Welt aufgehen sieht. »O herrliche +Sonne, ich möchte dich noch einmal sehen!« schrieb am Abend des Tages, wo +er in Frankreich einzog, ein junger schlesischer Soldat, der auf den +Gefilden der Marne fiel und dessen Tagebuch veröffentlicht worden ist. +Plötzlich entquillt dieser geheimnisvolle Herzenserguß, mitten unter +pünktlichen deutschen Aufzeichnungen über Essen und Trinken, Tagemärsche, +Fußleiden und der Aufzählung der verbrannten Dörfer. In wievielen +französischen Briefen haben wir diese tiefe Erleuchtung getroffen! Sie ist +sich immer gleich auf allen Stufen des Ausdrucks: bei jenem Bauern von +Seine-et-Marne, den ich mit Namen nennen könnte, der vielleicht zum ersten +Male in seinem Leben für die Glut des Sonnenunterganges ein Auge hat, -- +bei jenem jungen Pariser, der bis dahin nur in Ausdrücken des Skepticismus +und der Ironie schien reden zu können, und bei dem jungen Künstler, der +dieses Gefühl in ergreifende Verse umsetzt und es bis zur erhabenen +Vorstellung steigert, an der die ganze stoische Philosophie hängt. Durch +soviele Unterschiede hindurch, bei allen, dem deutschen Schullehrer, dem +Bauern, dem Städter, dem französischen Maler, offenbart sich eine +gemeinsame Grundlage und der vergängliche Lebende, im Vorgefühl der ewigen +Nacht, sieht den Sinn und die Schönheit der Welt in ihm sich erweitern. O +Wunder der Welt! göttlicher Friede dieser Ebene, dieser Bäume, dieser +fernen Hügel, -- wie man dieser unendlichen Stille lauscht! Oder es ist die +nächtliche Unermeßlichkeit, in der nichts als Feuersbrünste und ein +Leuchten verbleibt. Unten ferne Glut von Bränden, oben die Sterne, ihre +unwandelbaren Bilder, das Flimmern, die Harmonie und erhabene Ordnung des +Weltalls. + +Bald werden das Geknatter der Maschinengewehre, der Donner der +Sprengstoffe, das Geheul des Ansturms wieder anheben; man beginnt wieder zu +morden und zu sterben. Welcher Gegensatz der menschlichen Wut und der +ewigen heitern Ruhe! Mehr oder weniger dunkel, während eines kurzen +Augenblickes, wird eine tiefsinnige Beziehung zwischen den einfachen +Erscheinungen am Himmel und auf Erden, deren langsame Entwicklung sich +begreifen läßt, und dem Beschauer hergestellt. Fühlt dann der Mensch, daß +alles, was er sieht, er selbst ist, daß sein kleines Dasein und das Leben +des Baumes, der dort im Schauer des Morgengrauens erbebt und dem Menschen +zuzuwinken scheint, sich miteinander verbinden im Flusse des ewigen Lebens? + + * * * + +Für den Künstler, von dem hier die Rede ist, waren diese Eingebungen und +Visionen der Rausch jener langen, im Schützengraben verlebten Monate. Unter +dem weiten Himmel, bei der Berührung mit der Erde, vor der Gefahr und dem +täglichen Bilde des Todes, erschien ihm das Leben plötzlich seltsam +erweitert: »Wir haben von unserm Aufenthalt im Freien eine Frische der +Auffassung, eine Großzügigkeit in den Bewegungen und Gedanken gewonnen, die +den Überlebenden den Aufenthalt in den Städten gräßlich wird erscheinen +lassen.« Auch der Tod zeigte sich schöner und schlichter; Tod der Soldaten, +deren Gestalten er mitleidig betrachtete, während die Natur sie still, +mütterlich wieder zu sich nahm und allmählich mit der Erde vereinigte. Von +Tag zu Tag lebte er mehr in dem Gefühl des »Ewigen«. Er blieb freilich +empfänglich für alle Greuel und jedes Mitleides fähig, -- und man wird +sehen wie er seine Pflicht erfüllte. Aber »in gleichem Maße leidend«, +flüchtete er »zu einem höheren Troste«. »Man muß,« sagte er zu denen, die +ihn lieben und die er -- mit welcher beständigen Fürsorge! -- sich bemüht +auf das Schlimmste vorzubereiten, »dazu gelangen, daß kein Unglücksfall aus +unserem Leben etwas Trümmerhaftes, Abgebrochenes, Unharmonisches mache +. . . Begnüge dich mit der herrlichen Versicherung, daß ich bis heute meine +Seele zu einer Höhe gehoben habe, wo die Ereignisse ihr nichts mehr antun +können«. Diese Höhe ist die Gegend, in der über die Unterschiede der +Bekenntnisse und ihrer äußern Formen hinaus, alle großen religiösen +Gemeinschaften sich zusammenfinden, wo der eitle Schein verschwindet, wo +der Mensch allen Behauptungen und Forderungen des Ichs ein _Nein_ +entgegenstellt und sich an das hält, was »wirklich ist«. »Unsere Leiden +kommen daher, daß unsere schwache menschliche Geduld unseren Bedürfnissen, +wenn auch den edelsten, zugewandt ist. . . . halte dich dabei nicht auf, +den Wert der Persönlichkeit derer, die am Leben bleiben, derer, die gehen +zu betrachten; das heißt die Dinge auf der menschlichen Wagschale abwägen. +Man muß aber in uns die gewaltige Menge dessen unterscheiden, was besser +ist als das Menschliche.« (30. Oktober.) Im Grunde ist der Tod machtlos, +weil auch er ein eitler Schein ist und »Nichts vollständig verloren ist.« +So findet dieser junge Franzose, der übrigens die Sprache des Christentums +nicht vergessen hat, in den Schrecken des Krieges den Stoicismus Mark +Aurels wieder, jene Tugend, »die weder Geduld noch allzu großes +Selbstvertrauen ist, sondern ein gewisser Glaube an die Ordnung der Dinge, +ein gewisses Vermögen, bei jeder Prüfung zu sagen, _daß es so recht ist_.« +Und jenseits des Stoicismus ahnt er und erreicht den uralten, erhabenen +Gedanken Indiens, der die Erscheinungen und trennenden Unterschiede +leugnet, und dem Menschen seine eigene Person und die ganze Welt zeigend, +ihn lehrt, daß er von der einen sage: »Das bin ich _nicht_«, von der +andern: »_Das bin ich_.« Ergreifende Begegnung: durch alle Entfernungen der +Jahrhunderte und Völker hindurch setzen die Betrachtungen dieses +französischen Soldaten vor dem Feinde, den er morgen angreifen wird, den +seltsamen Zustand der Verzückung fort, in den der Krieger der Bhagavad +Gîta[*] zwischen zwei Heeren, die aufeinanderprallen sollten, sich +versenkte. Auch er sieht in der menschlichen Unruhe einen Traum, der uns +den Anblick der höhern Ordnung und der göttlichen Einheit verschleiern +wollte. Auch er hat sein Vertrauen in die Dinge gesetzt, die »weder Geburt +noch Tod kennen«, in das was »nicht geboren, unverwüstlich ist, was nicht +getötet wird, wenn der Leib getötet wird«. Das ist das ewige Leben, dessen +Wirken sich fortpflanzt, stets gleich durch alle Formen hindurch, die es +erzeugt, in jeder bestrebt, sich zu mehr Licht, Frieden, Bewußtsein zu +erheben. Und dieses Ziel bedingt das Gesetz eines jeden denkenden Wesens, +die Aufopferung seiner selbst zum Besten des allgemeinen und endlichen +Wohles; daher bei dem Gedanken an das wirksame Opfer, jene tiefe +Befriedigung derer, die ihr Leben hingeben, die für die Sache des Lebens +fallen: »Sage M. . . ., wenn das Schicksal die Besten trifft, daß das nicht +ungerecht ist: diejenigen, die weiterleben, werden dadurch gebessert +. . . Ihr wißt nicht, welche Lehre uns der gibt, der fällt. Ich weiß es +aber.« Und das Opfer ist noch vollständiger, wenn das Leben geben, wenn auf +sich selbst verzichten, zugleich bedeutet auf das verzichten, was man mehr +liebte als sich selbst, dem man mit seinem ganzen Leben hatte dienen +wollen. »Fahnen der Kunst, der Wissenschaft,« die er als Kind vergötterte, +die er zu tragen angefangen hatte, mit welchem stolzen, vertrauensvollen +Schauer! Der Mensch lerne ohne Klage zu sterben! »Es genüge ihm zu wissen, +daß die Fahne wird getragen werden!« + +[Fußnote *: »Lied der Gottheit,« Episode des Mahâbhârata. (D. Übers.)] + +Der schlichte, gewöhnliche Gehorsam der gegenwärtigen Verpflichtung, das +ist auch der praktische Abschluß der höchsten Weisheit der Indier, nachdem +sie den Wahn des Scheins entschleiert hat. Sich nicht in die Einsamkeit und +Untätigkeit zurückziehen, weil man den Wahn erkannt hat, mit seinen Brüdern +kämpfen, an seinem Platze und Range, mit offenen Augen, ohne Hoffnung auf +Ruhm und Gewinn, einfach weil das Gesetz es so will, das ist der Befehl, +den der Gott dem Krieger Arjuna gibt, als dieser zweifelt, ob er von der +Betrachtung des Ewigen dem menschlichen Schreckbild der Schlacht sich +zuwenden solle. »Für jedes Wesen ist Gesetz, das Werk zu vollführen, das +seine eigene Form ihm vorschreibt. Jeder unterziehe sich dem Handeln, da er +ein Teil ist dieser Natur, deren Beschaffenheit ihn zum handeln zwingt!« +Arjuna spanne einfach seinen Bogen mit den andern Kshettryas! Der junge +Franzose hatte keinen Augenblick gezweifelt. Aber in seinen Briefen sehen +wir, wie er mitten in den Schrecken des Gemetzels und in den geduldigen und +langweiligen Arbeiten des Minenganges oder des Schützengrabens seine Blicke +»auf das Ewige« stets zu richten wußte. + +Ich möchte nicht länger bei diesem Vergleiche verweilen. Vielleicht hat er +durch einige Auszüge aus dem Ramayana den erhabenen Gedanken des uralten +Asiens vermuten können. Und doch zeigt in der ganz modernen Färbung, in den +bestimmten Formen und dem so französischen Fluß der Sprache die Seele, die +sich in diesen Briefen offenbart, wie die Amiels, Michelets, Tolstois, +Shelleys, eine tiefinnerliche Verwandtschaft mit dem zarten und mystischen +Genius Indiens. Seltsame Verwandtschaft, die sich nicht allein in dem +tiefen Gefühl und Verlangen nach dem Allgemeinen und Ewigen offenbart, +sondern auch in dem unmittelbaren Mitempfinden mit allem, was Leben ist, in +den Ergüssen der Liebe zu der großen mütterlichen Seele der Natur und allen +ihren Erscheinungen. + +»Liebe«, das ist eines der Wörter, die am meisten in diesen Briefen +wiederkehren. Liebe zu jenen Gefilden, jener Ebene, über die die Morgen und +die Abende wie innere Regungen über ein Antlitz ziehen, Liebe zu den +Bäumen, deren Bewegungen fast menschlich sind, -- einem gewissen, unter +seinen Wunden männlichen, geduldigen Baume, »der einem Soldaten gleicht,« +-- Liebe zu den hübschen Tierchen der Felder, die im Schweigen des frühen +Morgens am Rande der Schützengräben spielend sich bewegen, -- Liebe zu +allen Dingen am Himmel und auf Erden, jenem beseelten Himmel, jener +französischen Landschaft mit ihrer so übersichtlichen, so schlichten +Linienführung, Liebe zumal zu denen, die er neben sich geduldig leiden und +kämpfen sieht, zu den ernsten Bäuerinnen der Champagne, die alle ihre Söhne +hingaben, die schweigen, ihre Tränen trocknen und die Arbeit der Vorfahren +auf den Ackern, in den Weinbergen weiterführen, zu jenen Kameraden, deren +»Scherze oder Lieder« kein Elend entmutigt, »braven Leuten, denen mein +schönes Künstlergewand arg hinderlich wäre, ihre Pflicht ehrlich zu tun, +wie sie sie tun«, -- zu allen jenen einfachen Menschen, die Frankreich +ausmachen, mit denen man sich so gerne vereint fühlt. Liebe zu allen +Lebenden (man fühlt wohl, daß er nicht hassen kann, auch nicht den Feind, +Fleisch von seinem Fleisch, das, wie er selbst, an diese Erde sich +anklammert, das in demselben Maße duldet). Und dann Liebe zu den Toten, +deren Anblick er aufsucht, deren stille, von Schweigen und Geheimnis +schwere Schönheit, sich in langer Betrachtung diesem eindringlichen Auge +offenbart. + +Durch diese der innerlichen, geistigen Bedeutung der Dinge zugewandte +Aufmerksamkeit, erscheint uns dieser Maler in seinen Briefen besonders als +ein Dichter, -- ein religiöser Dichter, der in der Welt das Wesen der Dinge +erfaßt, alle unaussprechlichen Arten des Seins; auch als ein Musiker, der +in den Schützengräben mit Beethoven, Händel, Schumann, Berlioz +zusammenlebt, deren Melodien und Gedanken er in sich trägt -- den »die +schönsten Symphonien mit ihrer Orchesterbegleitung« berauschen. Innere +Reichtümer, geheime Mächte des Trostes und der Freude, die in den trübsten +Stunden, in der Nacht und dem Schlamm der langen winterlichen Wachen, so +nahe zu der Seele zu reden vermögen oder sie mit einem Male in solche Höhen +und solche Fernen forttragen. Schumann, Beethoven: zwischen diesen +unsterblichen Geistern, die nur für alle Menschen zu singen wußten, und den +unmenschlichen Pedanten, welche die Schönheit des Krieges und das starre +Recht der Gewalt predigten, was bleibt noch Gemeinsames übrig? Haben wir +sie nicht uns zu eigen gemacht, diese Genien, dadurch, daß wir sie immer +tiefer verstanden und in uns eindringen ließen? Sind sie nicht unsere +Freunde geworden? Begleiten sie uns nicht in alle gesegneten Einsamkeiten, +in denen unser wahres Ich wieder zu leben beginnt, unsere innere Quelle +wieder fließt? + +Den Größten von Allen ruft eine Schar französischer Soldaten wach, drei +Tage vor der Schlacht, die sie voraussehen, in der mehrere verschwinden +sollten. Sie sind in der Tiefe einer unterirdischen Kasematte: »Dort +erwartet man in völliger Dunkelheit die Nacht zum Aufbruch. Plötzlich haben +wir, meine Kameraden, die Unteroffiziere und ich, die Schauer der neun +Symphonien von Beethoven erweckt! Eine unaussprechliche Begeisterung +beseelte uns.« Dieser fast heilige Gesang, diese heroische Begeisterung in +einem solchen Augenblick, wie widerlegen sie die immer wiederholten +Theorien der Deutschen über die Grenzen des französischen Gefühls! Welcher +Dichter eines andern Volkes hat die Natur mit einem brüderlicheren Auge, +mit einem tiefern Widerhall im Herzen betrachtet, als der dessen Innerstes +sich hier ausspricht? + + * * * + +Diese Tag für Tag geschriebenen und aus dem Schützengraben oder dem +Quartier geschickten Briefe bilden zusammen eine fortschreitende Folge, +gleichsam eine Dichtung oder einen Gesang. Ein tiefes inneres Leben birgt +sich darin: das Leben einer Seele, die wir in der Eintönigkeit dieser +außerordentlichen Verhältnisse, in denen sehr oft jedes Ereignis fehlt, +über den gewöhnlichen Gedankenkreis sich erheben, sich selbst übertreffen +und, je näher die schwersten Prüfungen herankamen, in Friede und heitere +Ruhe sich hüllen sehen (Februar-April). Man muß diesen seelischen +Fortschritt verfolgen, den er mit einem unerschütterlichen Willen leitet. +Es gibt keine ergreifendere Geschichte eines inneren Erlebens. Sein ganzes +Bemühen ist sich »anzupassen«, und wie fürchterlich es ihm oft wird, das +spürt man unter der gewöhnlichen Ruhe und Schlichtheit des Ausdrucks. Er +ist Dichter und Künstler; er hat das Leben aufgefaßt, er hat sich +entwickelt in einer dem Manne der Tat entgegengesetzten Richtung. Seine +ganze Bildung, seine besondern künstlerischen Übungen hatten als Folge die +Verfeinerung einer an sich schon angebornen äußersten Zartfühligkeit. Aus +innerm Drange und einem selbstgewählten Gesetze folgend, hat er die +Einsamkeit und Beschaulichkeit aufgesucht. Er fühlt und weiß wohl, daß er +nur lebt, um ein bestimmtes Abbild der Welt zu sein, und hat sich immer, +dem innern Triebe gehorchend, bemüht, in sich selbst die reine Form und +ursprüngliche Wölbung des Spiegels zu bewahren und zu vervollkommnen, der +eine Neigung hat sich unter den Einflüssen der Umgebung zu verzerren und zu +trüben. Jetzt heißt es im Gegensatz zu dem eigenen Gesetze leben, und zwar +nicht weil die Not dazu zwingt, sondern durch einen freien Willensakt. Es +heißt nun dieses Ich, das sich sorgfältig außerhalb der Welt und der Welt +gegenüber bewahrt hat, preisgeben, ohne Murren es in das dichteste Gewühl +werfen, Tag und Nacht nur noch in dem Atem und dem Gedränge der +Soldatenschar leben, und sich dabei einer rein körperlichen Tätigkeit +unterziehen für die furchtbaren Aufgaben des Krieges. Und für ein solches +Dasein, das er von seinem frühern Standpunkte aus als ein Sklavenleben +betrachtet hätte, muß er als den einzig möglichen Ausgang den Tod ansehen, +in absehbarer Zeit. Er muß sich daran gewöhnen, in seinem verflossenen +Leben, -- jenem Leben, das seine Künstlerträume und Hoffnungen +erleuchteten, das wie in einem Rausch allen Regungen und dem Pulsschlag des +Lebens des Weltalls entsprach -- nur noch einen Traum zu sehen, einen +Traum, der entschwunden ist und nie zurückkehren wird. + +Das nennt er »sich anpassen«, und wie oft kehrt dieser Ausdruck in seinen +Briefen wieder! Denn er bezeichnet die Pflicht, eine Pflicht, deren +Schwierigkeit sich an dem Abstand zwischen Gegenwart und Vergangenheit +bemessen läßt, zwischen dem angeborenen Trieb einer Seele und der +Selbstüberwindung, die sie sich auferlegen will. »In voller Schaffenskraft, +in dem Augenblick, wo das Leben für ihn eine Zeit fortwährender Blüte +wurde, wird ein junger Mann herausgerissen und auf einen trockenen Boden +verpflanzt, wo Alles von seiner gewohnten Nahrung ihm fehlt. Nun denn! von +dem Augenblick an, wo nach dem ersten Riß das Leben ihn nicht verlassen +hat, bemüht er sich aus den dürftigen Säften seines neuen Bodens zu +schöpfen. Die Anstrengung verlangt eine Anspannung aller Kräfte, die keinen +Raum läßt für die Erinnerungen und Hoffnungen . . . Ich erreiche es, außer +in rasch unterdrückten Stunden der Empörung, wo die Gedanken, die +Handlungen meines vergangenen Lebens sich erheben, wie wenn ich sie nicht +vergessen hätte. Ich brauche dann meine ganze Kraft, um meine +herzzerreißenden Erinnerungen in der Ergebung in den gegenwärtigen +Augenblick zu ertränken.« Dazu braucht es eine rastlose Anstrengung. Denn +»sich anpassen« bedeutet für ihn nicht sich durchgreifend verwandeln, indem +er den Einflüssen der neuen Umgebung nachgibt. Durch die fortgesetzte +Tätigkeit seiner Lebenskraft will er, im Sinne seiner eigenen +Persönlichkeit, den Stoff umgestalten, den er aus dieser Umgebung zieht; er +will darin die Mittel finden trotz Allem in der Richtung seines eigenen +Wesens sich zu nähren und weiter zu bestehen. Er will Allem entsagen und +das Wesentliche bewahren, weil sein Ich weiter erhalten bleibt, treu dem +selbstgeschaffenen Ideal, fähig nicht allein zu leben, sondern noch zu +blühen, teilzunehmen an dem allgemeinen Fluß des Lebens, der sich in der +Natur in rastlosem Erblühen offenbart, im Menschen in Regungen der Liebe, +der Kunst, der Poesie. Um dieses Ziel zu erreichen, gilt es, unter den +Drohungen und in den Unruhen des Krieges, sich für jede Erscheinung des +Schönen empfänglich zu erhalten. Denn das Schöne ist für diesen frommen +Dichter das Göttliche, das mehr oder weniger deutlich in allen Dingen +durchleuchtet; daher auch die Kraft, die er in der Betrachtung des Schönen +schöpft, die ihn allmählich über die Zufälligkeiten des Einzelwesens +hinaushebt. Um den Eindruck voll zu empfangen, um in sich alle Unruhe zu +bannen, muß er der Vergangenheit und der Zukunft Lebewohl sagen, nichts +beklagen, nichts erhoffen, nur noch im »gegenwärtigen Augenblick« leben, +der an diesen Segnungen reich ist. »Ich nehme alles aus der Hand des +Schicksals an, ich habe ihm aber Alles genommen, was es in den Falten eines +jeden Augenblickes an Glück birgt.« In diesem Zustand der Einfalt, der fast +der Zustand der Gnade ist, tritt er mit der lebendigen Wirklichkeit dieser +Welt in Berührung. »Laßt uns essen und trinken von Allem was ewig ist; denn +morgen sterben wir Allem ab, was menschlich ist«. + +Diese Befreiung der Seele ist nicht sofort erreicht. Die ersten Briefe sind +sehr schön; aber was sie lehren, erfahren wir auch aus fast allen Briefen +unserer Soldaten. Er schildert den Seinen die Begeisterung der Soldaten, +ihre innige Gemeinschaft in einem einzigen flammenden Gedanken, die +gebieterische Pflicht, seinen eigenen Willen, »ein aufrechtes Gewissen +soweit zu tragen, als seine Füße es zu führen vermögen« (25. August 1914). +Aber schon sieht man, wie er sich bemüht, die Richtung seines inneren +Wesens gegen die Einflüsse und Aufreizungen des Haufens zu behaupten. Es +gelingt ihm. Indem er sich bewahrt, sich absondert »soviel er vermag«, +mitten unter den andern, stellt er fest, daß er in geistiger Beziehung +unberührt ist. Aber noch ist er zwischen den Kasernenmauern oder schreibt +in Bahnhöfen, an den Haltestellen einer endlosen Eisenbahnfahrt (»vierzig +Mann in jedem Wagen«). Um ihn wirklich kennen zu lernen, wartet bis er in +der Kriegszone angelangt, im Quartier, dann in der Feuerlinie, während der +langen Stunden der Wachen und auf Posten, mit der Erde wieder in Berührung +getreten ist. Sobald er den Hauch der weiten Ebene eingeatmet, erwacht sein +angeborener Trieb »Schönheit zu gewinnen«, und vor den Schatten, in die die +Zukunft sich versenkt, sie »soviel und so schnell wie möglich zu gewinnen«. +»Ich habe im Schlamm Blumen gepflückt, bewahrt sie zur Erinnerung an mich +auf,« schreibt er an einem Tage dunkler Vorahnung (11. Februar). +Bezeichnend für ihn ist, daß er in der Eintönigkeit der Tage im +Schützengraben, wenn die Gefahr das Geschwätz nicht aufkommen läßt, sie am +häufigsten findet, jene Wunderblumen. Dann kehrt der innere Friede wieder +ein, während des Schweigens, das diese Männer befällt, und er kann »seine +Seele frei mitschwingen lassen«, und gleich empfindet man den +eigentümlichen Widerhall. Diese Seele hatte zunächst nur die Klänge des +Mutes und der Brüderlichkeit für uns wiederholt, die sich von unsern Heeren +gleichmäßig erheben. Jetzt befindet sie sich mitten im Kriege, den ewigen +Dingen wieder gegenüber, und plötzlich glaubt man zum ersten Male den +Urklang und die unendliche Feinfühligkeit einer kaum berührten Saite zu +vernehmen. Aber diese Klänge bleiben nicht zufällig und unzusammenhängend; +bald setzen sie sich zu einer Melodie zusammen, die immer bestimmter, +voller, von ergreifender Bedeutung schwerer wird, je mehr er durch eine +tägliche Übung es lernt, sich von den drückendsten Umständen besser +auszuschließen. Ein ganz unpersönliches Ich scheint sich jetzt von dem +körperlichen Ich, das sich abmüht und Gefahren besteht, loszulösen, und die +Dinge ohne innere Teilnahme zu betrachten, und auch dieses andere Ich, das +an seinem Platze steht in der allgemeinen Ordnung, zu beobachten, eine +vergängliche Welle in der Flut, die eine geheimnisvolle Vernunft leitet. +Seltsame Fähigkeit, ein Doppel- und Traumleben zu führen! Es gelingt ihm, +sie in der Schlacht selbst zu üben, wo seine Tapferkeit und seine +militärische Tätigkeit ihm die Glückwünsche seines Vorgesetzten eintragen. +In dem Höllenschlund, in dem sein Fleisch sich auflösen könnte, hört er +nicht auf zu schauen, und am nächsten Tage kann er schreiben: »Nun, es war +interessant!« Und er fügt hinzu: »Was ich Persönliches bewahrt hatte, war +eine gewisse Empfänglichkeit des Auges, die mich befähigte gewisse Bilder +in mich aufzunehmen, deren ergreifende Wirkung sich unmittelbar in ebenso +»künstlerischer Weise« zusammenfügte, wie jede andere menschliche +Zusammenstellung. Aber gewöhnlich habe ich in diesen Augenblicken nie die +Absicht aufgegeben zu sehen »wie es gemacht ist« (14. März). Dann offenbart +sich ihm die Bedeutung der Gewalttätigkeit. Dieser zarten sinnigen Natur +flößt sie Grauen ein. Deswegen vielleicht frägt sein Geist nach dem Warum. +Durch die Gewalttätigkeit wird eine unvollkommene und vorübergehende +Ordnung durchbrochen und die Erscheinungen, die im Begriff waren zu +erstarren, kommen wieder in Fluß. Das Leben beginnt wieder und eine höhere +Ordnung wird ermöglicht. Auch hier ist Annahme, Unterwerfung unter die +Vernunft der Welt, Vertrauen in das, was sich verwirklicht, die Lösung, zu +der er immer wieder gelangt. + +Das sind Augenblicke der eigentlichen Beobachtung, reiner Überlegung, in +die sich die Regungen des Künstlers und des Dichters nicht mischen. Solche +Augenblicke sind nicht selten bei ihm; aber dann handelt es sich immer um +die Welt und menschliche Ereignisse. Sie entstehen vor einem Kriegsbilde, +einem Charakterzug, bei einer Lektüre, einer künstlerischen oder +geschichtlichen Erinnerung (oft ruft er eine Bibelstelle wach und im +ärgsten »Wirrwarr« schöne Bilder aus der griechischen Mythologie). Man +bewundert diese heitere Willenskraft eines Geistes, der es verstanden hat, +sein früheres rein geistiges Leben wieder aufzunehmen. Das ist sehr schön, +ist aber nicht einzigartig: die große geistige Tätigkeit ist nicht selten +in Frankreich; andere unter den Soldaten haben unter den Granaten +philosophiert. Was diesen Briefen eine besondere Bedeutung zu verleihen +scheint, ist der Ausdruck von etwas viel Wesentlicherem, viel Innerlicherem +als der Gedanke; das Gefühl, das Unendliche und Unbestimmte seiner +Schattierungen, seine Zusammenklänge mit den Bildern der Landschaft, jene +Dichtergabe endlich, die mit der musikalischen Begabung zusammenhängt; denn +sie geht aus demselben Urgrund des Unbewußten im Menschen hervor und strebt +auch ihrerseits allen verschlungenen Linien des Rhythmus und des Gesanges +zu. Ich habe schon Shelley aus Anlaß dieses Dichters genannt. Was uns eine +Bemerkung wie die folgende offenbart, ist die Vereinigung mit dem Innigsten +und Unaussprechlichsten in der Natur, wie wir sie bei Shelley finden: +»Namenloser Tag, ohne greifbare Gestalt, in dem trotzdem geheimnisvoll der +Frühling zu quellen anfängt. Warme Luft in der Verlängerung der Tage; +plötzliches Erschlaffen, wie ein Vergehen der Natur.« (3. Februar.) Aus +Anlaß dieses Frühlingshauches, dieser zu plötzlichen Milde, gebraucht er +sogar einen der häufigsten Ausdrücke des Wortschatzes von Shelley: +»Vergehen«.[*] Was er im Grunde erstrebt, wie der große englische Dichter, +den er nicht gekannt zu haben scheint, ist das Selbstvergessen in der +lyrischen Stimmung, das unsagbare und selige Gefühl des Ichs, das in dem +betrachteten Gegenstand sich selbst auflöst. Was für ihn im Laufe dieser +Wochen zählt, was er später ins Gedächtnis zurückruft, was er wiederfinden +möchte, um es nie wieder zu verlieren, das sind jene Höhepunkte, da er sich +selbst vergessen durfte, weil er das Unaussprechliche empfunden hatte. Der +einfachste Gegenstand der Natur kann ihm solche Augenblicke schenken. Zum +Beispiel in dieser plötzlichen Erleuchtung: »Ich empfand nicht wie früher +den Segen Gottes, als plötzlich ein schöner, so schöner Baum zu meinem +Herzen sprach, . . . und ich habe begriffen, daß eine Stunde in dieser +Betrachtung das ganze Leben ist.« Und andauernder, stärker schwingend ist +manchmal die innere Erregung, wie wenn der Bogen bis an die Spitze auf +einer feinfühligen Geige eine langgezogene verzückte Melodie entwickelt: +»Welche Lust, dieses stets innige Mitschwingen im Schoße der Natur! Gestern +abend sah ich denselben Horizont, den wir erwachen sahen, in rosiges Licht +gebadet; dann ist der Vollmond in einem zarten Himmel aufgegangen, auf dem +die Bäume, wie Korallen und Safran, in zackigen Linien sich abzeichneten.« +(2. November.) Und wahrlich es klingt wie ein Entzücken in jener +erstaunlichen Weihnachtsnacht, deren Erinnerung alle, die damals auf der +Front waren, bewahren werden, -- einer feierlichen, ganz blauen Nacht, voll +Gestirne und Gesänge, in der die Ordnung und göttliche Einheit des Weltalls +den Augen der Menschen sich zu offenbaren schien, die einen Augenblick aus +ihrem Traum des Hasses und des Blutes erwachten und auf den beiden +Schützenlinien zu singen begannen: »_Hymnen, Hymnen überall_« + +[Fußnote *: Défaillance; vergl. Shelley: faint, »my faint heart«, . . . »I +faint, i perish with my love«. (Der Übersetzer.)] + +Doch, im Februar, Gemetzel, deren zunehmende Greuel einige knappe +Aufzeichnungen mit genügender Schärfe ahnen lassen. Dann nehmen die +Erzählungen eine raschere Bewegung an; man fühlt die schnellen Rhythmen und +raschen Ansätze der Handlung, den herrischen Zwang rascher +Pflichterfüllung, da der junge Sergeant die Verantwortung von Menschenleben +trägt und furchtbaren, abgegrenzten Aufgaben gegenübersteht. Stets aber, im +Getümmel des Gemetzels, und in der Eile des Dienstes, plötzliche und +seltsame Augenblicke des Träumens und des Mitleids; und dann abends, welche +unendliche Ruhe unter den Toten! In dieser Zeit hören die Aufzeichnungen +über das Landschaftliche auf; die Beschreibung wird militärisch, technisch, +oder aber der Gedanke verläßt die Erde. Einmal, gegen Ende, ein einziges +Mal, ein Rückblick auf die eigene Person, eine kurze ergreifende Klage, +beim Gedanken an die frühern Hoffnungen, an sein verlornes Künstlerschaffen +und an die unendliche Größe des auferlegten Opfers: »Wie lang ist dieser +Krieg für Menschen, die zweifellos eine Aufgabe zu erfüllen hatten! . . . +Warum bin ich so aufgeopfert, während so viele, die mir nicht gleichkommen, +geschont werden? und doch hatte ich etwas Gutes auf Erden zu tun! . . .« +Herzzerreißender Seufzer, der uns noch mehr ergreift als die erhabenen +Äußerungen dieser Seele, weil die bis dahin unterdrückte Qual plötzlich +hervorbricht, -- die ganze Hülflosigkeit des Menschen, die unsrige, bekennt +sich hier, am Vorabend einer Passion -- wie bei dem göttlichen Vorbilde. +Mitunter ein Zweifel, der andauernde Anblick des Todes, die Müdigkeit, die +ewige Trostlosigkeit des Regens und des Schlammes, die in ihm den +Lebensdrang und den sehnsuchtsvollen Aufschwung des Geistes hemmen. Er war +die junge Pflanze, von der er einmal spricht, die wuchs, nach dem Duft und +der Pracht ihrer Blume sich sehnte, ihres Gottes sicher war, weil sie nur +ihn, in sich lebend und wirkend, fühlte. Aber plötzlich spürt sie den +Schauer, die Drohung der erbarmungslosen Kräfte. Wenn das Weltall leer, +wenn in dem Endlosen dieser äußeren Welt, unter dem glänzenden Schein, +nichts als eine gefühllose Notwendigkeit wäre? Wenn auch das Opfer +Täuschung wäre? »Ich komme in die dunkeln Tage, wo das Nichts das letzte +Ende aller Dinge zu sein scheint, während alles in meinem Leben die reiche +Fülle des Weltalls mir bezeugte.« (2. Februar.) Und er stellt sich die +qualvolle Frage: »Ist es überhaupt sicher, daß die sittliche Anstrengung +ihre Früchte trägt?« Es ist wie wenn Gott ihn verließe. Doch diese +Verdunkelung seiner inneren Erleuchtung vergeht rasch. Er findet die +lichten stillen Höhen wieder, die er nur verläßt, wenn die Pflicht und der +Kampf rufen, jene Höhen, nach denen er sich sehnte, als er schrieb: »Ich +möchte, daß, wenn Ihr an mich denkt, Ihr das Bild von denen wachruft, die +Alles verlassen hatten, . . . die den nächsten Verwandten nur noch in der +Erinnerung bekannt waren, von denen sie sagten: »Wir haben einen Bruder +gehabt, der vor langen Jahren von der Welt sich zurückgezogen hat.« (13. +Januar) Wie seltsam der heitere Friede dieser Höhen ist, wie sehr von ihm +selbst und allem Irdischen seine Betrachtungen losgelöst waren, das lassen +zwei kleine Züge beurteilen: Er hat einmal nachts aus einem »mit +menschlichen Körperteilen« und weiter in der Ferne mit Feuersbrünsten +übersäten Schlachtfelde, unter dem von Sternen funkelnden Himmel, als +Lagerstätte eine Aushöhlung gefunden, von der aus seine Augen die +Mondsichel beobachten und das Kommen des Tages erspähen. Von Zeit zu Zeit +platzt eine Granate, Erdschollen bedecken ihn, dann sinkt wieder Schweigen +auf die erstarrte Erde nieder: »Ich habe sie teuer erkauft, ich hatte aber +Augenblicke einer Einsamkeit, die von Gott erfüllt war.« (28. Februar.) An +einem Abend irrt er nach fünf Schreckenstagen herum (»wir haben keine +Offiziere mehr, alle sind als tapfere Soldaten gefallen«) und steht +plötzlich vor dem ausgestreckten Leichnam eines Freundes. »Weißer +herrlicher Leichnam im Mondlicht . . . Ich habe in seiner Nähe ausgeruht.« +(22. Februar) In der Unbeweglichkeit der Natur, neben diesem Toten, hat er +die innere Ruhe gefunden; er empfindet nur Friede und Schönheit. + + * * * + +Diese Briefe sollen anonym bleiben, wenigstens solange man die Rückkehr des +Verschwundenen erhoffen kann. Es genügt zu wissen, daß sie von einem +Franzosen geschrieben sind, der mit Liebe und Glauben an den gemeinsamen +Mühen und Gefahren teilgenommen hat, und froh war, in den Leiden und der +Hingabe Aller die eigene Person zurücktreten zu lassen. Durch eine Gnade, +auf die er kaum gefaßt war, als er die unberührte Stille seines +Künstlerheimes mit dem Schweiß, dem schweren Dienst und der Unruhe des +Soldatenlebens vertauschte, hat er ohne Zweifel hier sein Bestes offenbart, +und man kann sich fragen, ob es ihm im regelmäßigen Verlauf eines +abgeschlossenen Künstlerdaseins, je vergönnt gewesen wäre, mit dieser Fülle +sein Wesen auszudrücken. Die ihn lieben, finden in diesem Gedanken den +Trost, der ihnen helfen kann, Alles geduldig hinzunehmen. Seine Seele ist +in diesen Briefen vielleicht wesentlicher und schöner, als sie selbst sie +je gekannt haben. Auch Mark-Aurel schrieb im Verlauf eines Krieges seine +Gedanken nieder. Vielleicht braucht es das Äußerste, um den Seelenadel des +Menschen zu zwingen sich zu offenbaren; dann staunt man darüber, was die +Seele in sich selbst entdecken kann, um es dem Schmerz und dem Tode +entgegenzustellen. So offenbarten sich in den Tagen der Prüfungen so manche +unserer Söhne und es erstand, zum Erstaunen seiner selbst und der ganzen +Welt, das Wunder jenes Frankreichs, das noch nicht wußte, was es Alles +bedeutete. Dadurch berühren uns solche Briefe so tief. Derjenige, der sie +schrieb, hatte seine Seele mit dem Grundton der Allgemeinheit in Einklang +gebracht. Unter dem mystischen Ausspinnen der Melodie, das sein eigenes +Wesen in diesen Grundton hineinbringt, finden wir den erhabenen Gedanken +wieder, den mehr oder weniger deutlich ausgedrückt, unsere Söhne und Brüder +von der Front zu uns trugen, die hehre Melodie, die heute noch von dem +ganzen kämpfenden Frankreich aufsteigt. In allen zur Erfüllung der hohen +Pflicht versammelten Kameraden hatte er deutlich erkannt, was er Tiefes und +Schönes in sich selbst entdeckte, und deswegen spricht er immer von ihnen, +besonders von den einfachsten, mit soviel Liebe und Ehrfurcht. Was ein +solches Leben, fern von den gewöhnlichen Sorgen und ehrgeizigen Träumen, so +rauh, so kümmerlich mitten unter den ewigen Erscheinungen, ihnen allen +bringt, ist eine bis dahin unbekannte »Großzügigkeit in den Bewegungen und +Gedanken«, »die heitere Ruhe des Gewissens« und die Frische einer +Empfänglichkeit, die sich allen Erscheinungsformen der Natur harmonisch +anpaßt. Sie spiegeln nur noch die Natur in sich wieder. Weil sie sich +selbst hingegeben und vergessen haben, hat sich für sie Alles in +wunderbarer Weise vereinfacht. Sie erlangen die Durchsichtigkeit der Seele +und die Erleuchtung der Kindheit wieder. »Wir verleben kindliche Tage, wir +sind Kinder geworden«. (24. Dezember.) + +Diese Verjüngung des Herzens, unter der täglichen Drohung des Todes, diese +kindliche Ahnungslosigkeit in der täglichen Erfüllung der heroischen +Pflicht, ist das nicht ein Zustand, der an die Gottseligkeit grenzt? + + André Chevrillon. + + + + +Briefe eines Soldaten + + +Den 6. August 1914. + + Teuerste Mutter! + +Das sind die ersten Tage meines sehr bewegten kriegerischen Daseins; aber +die Müdigkeit, die ich empfinde, ist von dem, was ich erwartete, sehr +verschieden. Ich lebe in einem Zustand starker nervöser Spannung infolge +des Mangels an Schlaf und köperlicher Bewegung. Ich führe hier das Leben +eines Beamten. Ich gehöre zu dem, was man Ersatzmannschaft nennt, d. h. die +seßhafte Abteilung, welche den regelmäßigen Gang derjenigen Dienstzweige +sichert, die nie unterbrochen werden dürfen, auch nicht während der +Abwesenheit der Truppen, und die ferner dazu bestimmt ist, die Lücken +auszufüllen, die etwa in der Feuerlinie entstehen. Was uns fehlt, ist zu +wissen, was vorgeht. C.-T. ist eine Stadt, in der man keine Zeitungen mehr +bekommt. + +Den 13. August. + +Wir sind ohne Nachrichten; während mehrerer Tage wird es so bleiben, denn +die Zensur ist außerordentlich streng. + +Hier ist das Leben ruhig. Das Wetter ist prächtig und alles atmet Ruhe und +Vertrauen. Wir denken an die, welche bei dieser Hitze kämpfen, und dieser +Gedanke läßt uns unsere Lage noch zu schön erscheinen. Die Stimmung der +Reservisten ist vortrefflich. + +Sonntag, den 16. August. + +Heute Spaziergang auf dem Ufer der Marne. Liebliches Wetter nach etwas +Regen. Gar angenehmes Zwischenspiel in diesen unruhigen Zeiten. Wir sind +immer noch ohne Nachrichten wie Ihr auch, und haben zum Glück einen +stattlichen Vorrat an Geduld. Ich hatte einiges Vergnügen daran, die +Landschaft zu genießen, trotz der blauen und roten einbrechenden Flut, +übrigens machten diese blauen und roten Leute den besten seelischen +Eindruck. Unsere Ersatzmannschaft wird starke Einbußen erleiden und nimmt +das mit Ruhe auf. + +Den 19. August (aus einem Tagebuch). + +Die Eintönigkeit des Soldatenlebens stumpft mich ab, aber ich beklage mich +nicht. + +Nach neun Jahren finde ich dieselben Menschentypen wieder, etwas abgeblaßt, +gebessert, ausgeglichen, und besonders auf den großen Gedanken hin +gerichtet, den die Nachrichten aus dem Osten dem Geiste vergegenwärtigen. +Die gewöhnliche Stubenkameradschaft weicht einem würdigeren Gefühl der +Zusammengehörigkeit und einem löblichen Streben, sich einander anzupassen. +Einer der Vorzüge unserer gegenwärtigen Lage ist das Gefühl, daß man Soldat +spielen kann in dem Bewußtsein, seine Zeit nicht zu vergeuden. Diese Summe +von kindlichen und wenig anstrengenden Beschäftigungen, die alle einen +unmittelbaren Nutzen und Erfolg haben, stellt das geistige Gleichgewicht +wieder her und beruhigt die Nerven. Dazu kommt noch der mächtige Deich, der +alle diese Männer in Schranken hält, ein tiefes und unbestimmtes Gefühl der +Brüderlichkeit, das alle Herzen denen zuwendet, die kämpfen. Jeder fühlt, +daß die kleine Unbequemlichkeit, die man zu ertragen hat, nur ein schwaches +Opfer ist im Vergleich zu dem entsetzlichen Aufwand von allen Kräften und +aller Hingabe, die der Grenze zustreben. + +Den 25. August. + +Dieser Brief wird um wenige Augenblicke unserm Abmarsch vorausgehen. Der +furchtbare Zusammenstoß erfordert unsere Gegenwart bei denen, die bereits +im Kampfe stehen. Ich verlasse Euch, Großmutter und Dich, in der Hoffnung +Euch wiederzusehen und in der Zuversicht, daß Ihr alles gutheißen werdet, +was mir als meine Pflicht erscheinen wird. + +Nichts ist verloren und besonders nichts hat die Einsicht in unsere +Bestimmung erschüttert. Sage denen, die mich ein wenig lieben, daß ich an +sie denke. Ich habe keine Zeit jemandem zu schreiben. Meine Gesundheit ist +vortrefflich. + +. . . Nach einer solchen Erschütterung kann man sagen, daß unser +vergangenes Leben abgestorben ist. Laß uns also, liebe Mutter, unsere ganze +Kraft daran setzen, uns einem vollständig verschiedenem Leben anzupassen, +Du und ich, wie lange es auch dauern mag. + +Sei überzeugt, daß ich keine Gelegenheit aufsuchen werde, die unser Glück +aufs Spiel setzen könnte, daß ich mich aber bemühen werde, meinem Gewissen +und dem Deinen genug zu tun. Bis jetzt habe ich mir nichts vorzuwerfen, und +ich habe den Willen auszuharren. + +Den 25. August (zweiter Brief). + +Zweiter Brief um Dir mitzuteilen, daß statt des unsrigen Pierres Regiment +fortzieht. Ich hatte die Freude ihn vor mir vorbeimarschieren zu sehen, als +ich in der Stadt auf Wache war. Ich habe ihn etwa hundert Meter weit +begleitet. Dann haben wir uns Lebewohl gesagt. Ich hatte den Eindruck, daß +wir uns wieder sehen würden. + +Die Stunde ist außerordentlich ernst; das Land wird nicht untergehen; aber +seine Befreiung wird um den Preis von furchtbaren Anstrengungen errungen +werden. Das Regiment von Pierre ist mit Blumen bedeckt und singend +ausgezogen. Es war für uns ein inniger Trost, daß wir bis zuletzt zusammen +sein konnten. + +Es ist schön von André,[*] daß er seinen Kameraden vom Ertrinken gerettet +hat. Man kennt nicht die Schätze an Heldenmut, die Frankreich und die +intellektuelle Jugend von Paris in sich bergen. + +[Fußnote *: Unterleutnant André Cadoux, ruhmvoll vor dem Feinde gefallen, +den 13. April 1915.] + +Was unsere Verluste betrifft, so kann ich dir sagen, daß ganze Divisionen +vernichtet worden sind. Gewisse Regimenter haben keinen Offizier mehr. Wie +ich empfinde und was ich für meine Pflicht halte, darüber wird dich mein +erster Brief vielleicht besser unterrichten. Wisse, daß es eine Schande +wäre auch nur einen Augenblick an die eigene Rettung zu denken, wenn die +Rasse unsere volle Hingabe verlangt. Meine einzige Pflicht ist ein +aufrechtes Gewissen soweit zu tragen, als meine Beine es zu führen +vermögen. + +Den 26. August. + + Teuerste Mutter! + +Ich habe mich sehr über einen schönen Artikel von Barrès gefreut, »Der +Adler und die Nachtigall,« der Punkt für Punkt mit dem zusammenstimmt, was +ich empfinde.[*] Die Ersatzmannschaften enthalten viel Abfall, aber auch +kraftvolle Elemente, zu denen ich mich noch nicht zu zählen wage; aber ich +hoffe sehr, daß ich mit diesen ausziehen werde. Der Stabsarzt hatte mich +vom Tornistertragen entbunden, aber ich trage ihn doch, um mich zu +trainieren, und halte es gut aus. + +[Fußnote *: Siehe Maurice Barrès: L'âme française et la guerre, I. L'Union +sacrée, Paris. Emile-Paul. 1915. XVI. L'aigle survole le rossignol. »Schon +unterscheide ich durch welches Aufblühen die junge Literatur, nach den +Lehren des Krieges, für den Anteil, den sie an dem gewaltigen Kampf nimmt, +wird belohnt werden.« Aus dem Kriege zurückgekehrt, »werdet Ihr, +Schriftsteller, Eure Träume übertreffen, wie der Adler über die Nachtigall +emporfliegt.« (S. 87.)] + +Die einzige Versicherung, die ich dir geben kann, betrifft mein +körperliches und seelisches Befinden, das vorzüglich ist. Der wahre Tod +wäre in einem besiegten Lande leben zu müssen; für mich besonders, dessen +Kunst dann vernichtet wäre. + +Ich suche die Einsamkeit auf, so oft ich es vermag, und in geistiger +Hinsicht bin ich wirklich unberührt. Übrigens ist der seelische Stand der +Mannschaft viel höher als in gewöhnlichen Zeiten; das Unangenehme ist, daß +die ewigen Wechsel und Versetzungen uns von Quartier zu Quartier +herumschleppen, und daß das Vertrauen, welches im Erwachen war, vor den +stets erneuerten uns bekannten Gesichtern stockt. + +Den 30. August. + +Liebes Mütterchen, wenn wir auch nicht schon gestern fortgezogen sind, +sicher ist, daß es sich jetzt nur noch um Stunden handeln kann. Ich will +Dir nichts schreiben von dem, was ich dir schon sagte; genug für mich, daß +du mir zustimmst, wie ich dessen sicher war. . . . + +Je näher die Entscheidung heranrückt, um so mehr verfliegt alle +Schlaffheit. Bei dem gestrigen sehr anstrengenden Marsch ist ein einziger +abgefallen und der war wirklich krank. Frankreich wird aus dieser schlimmen +Lage herauskommen. + +Ich kann dir nur wiederholen, wie sehr ich auf jede Wendung der Dinge +gefaßt bin, und daß nichts unsere siebenundzwanzig glücklichen Jahre +streichen kann. Ich bin entschlossen, mich nicht als ein vorbestimmtes +Opfer anzusehen und ich fasse das Glück der Heimkehr ins Auge, bin aber +bereit bis zum äußersten meiner Kräfte zu gehen. Wenn du ahnen könntest, +welche Scham ich empfinden würde bei dem Gedanken, daß ich etwas mehr hätte +leisten können. + +Inmitten all dieses Jammers erleben wir herrliche Stunden, in denen die +Dinge, die uns am Fremdesten waren, eine erhabene Bedeutung erhalten. + +Den 4. September, 6 Uhr (unterwegs, im Zug). + +Vierzig Stunden einer Fahrt, in der das »malerische« den äußersten Mangel +jeglicher Bequemlichkeit übertrifft. Die große Frage ist der Schlaf und die +Lösung ist nicht einfach, wenn man zu vierzig in einem Viehwagen ist. + +Jeden Augenblick hält der Zug und wir begegnen den unglücklichen +Flüchtlingen. Dann die Verwundeten: schöner patriotischer Anblick. Die +englischen Truppen. Die Artillerie. + +Wir wissen nichts mehr, da wir keine Zeitungen mehr haben und wir können +uns nur an die Gerüchte halten, die in der geängstigten Bevölkerung +umgehen. Herrliches Wetter. + +Samstag, den 5. September (nach 60 Stunden Fahrt in einem Viehwagen: +40 Mann in jedem Wagen.) + +Am selben Tage sind wir an den Ufern der Seine, dem Walde von Fontainebleau +gegenüber, und an den Ufern der Loire entlang gefahren. Die Schlösser von +Blois und von Amboise gesehen. Leider verhinderte uns die Nacht daran, mehr +zu sehen. Könnte ich Dir nur sagen, welche süße Erinnerungen jene +herrlichen Loireufer in mir wachgerufen haben! + +Seid Ihr von diesen schrecklichen Fliegern beschossen worden? Ich denke an +Euch in solchen Fällen, an die arme Großmutter besonders, die es wahrlich +nicht nötig hatte solche Dinge zu erleben. Nun, gute Hoffnung! Wir erfahren +durch die evakuierten Verwundeten, daß in den ersten Tagen des Augusts im +hohen Kommando Fehler begangen worden sind und daß sie unerbittlich +bestraft worden sind. Jetzt müssen wir sie wieder gut machen. + +Die englischen Truppen kommen in Menge. Wir sind an mehreren vollgestopften +Zügen vorbeigefahren. + +Nun, dieser Krieg wird nicht der militärische Spaziergang sein, wie Viele +glaubten, wie ich es nie geglaubt habe; er wird aber das Gute in der ganzen +Menschheit aufgerüttelt haben. Ich erzähle Euch nichts von den herrlichen +Bildern, die nicht auf den Krieg Bezug haben, doch wird nichts verloren +sein. + +Den. 5. September 1914, 1. Etappe, 66 Stunden Käfig ohne sich +ausstrecken zu können. + +Fortwährend Berührung mit Eisenteilen und Erschütterung -- aber auf die +gräßliche Nacht folgt dreimal nacheinander der strahlende Morgen und alle +Müdigkeit verschwindet! + +Wir sind kreuz und quer durch die französische Landschaft gefahren, von der +etwas trockenen, aber so andeutungsreichen Heiterkeit der Champagne bis zur +üppigen und kraftvollen Seelenruhe der Bretagne. Dazwischen sind wir an den +rauschenden und feierlichen Ufern der Loire entlang gefahren, und nun +. . . O mein herrliches Vaterland! Herz der Welt, in dem alles Göttliche +auf Erden ruht, welch' Ungeheuer zerfleischt Dich? Wesen, dessen Schönheit +allein eine Herausforderung war . . . + +Vorher liebte ich Frankreich in aufrichtiger Liebe, wenn auch etwas nach +der Art eines Dilettanten; ich liebte es wie ein Künstler, der stolz ist +auf dem schönsten Fleck Erde zu leben, aber im Grunde liebte ich es etwa +wie ein Bild seinen Rahmen lieben könnte.-- Es brauchte dieses Entsetzen, +um mich das Kindliche, das Innige in den Banden, die mich mit meinem Lande +verknüpfen, fühlen zu lassen . . . + +Den 7. September (aus einem Tagebuch). + +. . . Wir haben die Fahrt in das Unbekannte angetreten, ohne irgend ein +vorherrschendes Gefühl, außer etwa einer leidlich schönen Annahme des +Unvermeidlichen. Doch die weicheren Regungen werden durch den Anblick der +Opfer des Krieges wachgehalten. Wir sehen besonders Flüchtlinge. Arme +Menschen! wahrhaft dem Boden Entwurzelte, oder vielmehr welkes Laub im +Sturm, kleine Seelen in gewaltigen Ereignissen. Ganze Züge von Viehwagen, +die kaum ihre Bestimmung gewechselt haben. Züge, in denen der Jammer dieser +Entrissenen sich anhäuft, die, o wie bald, zur Herde werden! Das Elend hat +sie aller menschlichen Errungenschaften entblößt. Wir bringen ihnen zu +essen und zu trinken und dabei lernen wir sie kennen: der Mann trinkt, ohne +an seine Frau, an seine Kinder zu denken. Die Frau erinnert sich ihres +Säuglings, einige Weiber aber nehmen sich Zeit, ohne um die Hast der andern +sich zu kümmern. Unter diesen Schiffbrüchigen berührt mich eine wie ein +Stich mitten ins Herz. Eine siebenundachtzigjährige Greisin, in allen +diesen Stößen herumgeschüttelt und herumgeschleppt, wird abwechselnd +heraufgeladen und aus den rollenden Käfigen heruntergeschafft, so zitternd, +so hülflos, so verloren . . . + +Den 10. September (aus einem Tagebuch). + +Wir kommen in eine von guten Nachrichten durchkreuzte Gegend: sehr deutlich +bekomme ich den Eindruck, daß nunmehr das Schicksal Frankreichs gesichert +ist. Vom amtlichen Bericht, der bündig und bestimmt einen durchgreifenden +Erfolg versichert, bis zu dem Bündel phantastische Gerüchte, alles trägt +dazu bei, dieses Vorgefühl zu verstärken. + +Den 13. September (aus einem Tagebuch). + +Hier ist Krieg; hier betreten wir den Ort des Entsetzens. Wir haben die +Dörfer Frankreichs, in denen der Friede schlummerte, verlassen. Jetzt ist +alles nur noch gewaltsame Bewegung, hier sieht man die ersten unmittelbaren +Opfer des Krieges. + +Die Soldaten: Blut, Schmutz und Schlamm. Verwundete. Diejenigen, denen wir +zuerst begegnen, sind am leichtesten verwundet: Wunden an den Armen, den +Händen. Bei den meisten bemerkt man deutlich neben der Müdigkeit und den +Schmerzen ein Gefühl wahrer Erleichterung, weil sie noch leidlich gut davon +gekommen sind. + +Weiter in der Gegend der Verbandstellen, Verscharren von Toten; sechs sind +es, auf zwei Karren ausgestreckt. Flach daliegend, in zerrissenen Kleidern +verloren, führt man sie in eine am Fuß eines Kruzifixes offene Gruft. +Priester tun eher Kriegsdienst als Gottesdienst, denn auch sie sind als +Soldaten eingezogen. Etwas Stroh und Weihwasser darüber und wir ziehen +weiter. Im Grunde sind diese Toten noch zu beneiden. Sie sind gepflegt +gestorben. Was soll man von denen sagen, die weiter vorn liegen und +verschieden sind nach Nächten von Todeskampf und Verlassenheit! + +. . . . Von diesem Sturme wird uns ein endloses Verlangen nach Mitleid, +Brüderlichkeit und Güte verbleiben. + +Mittwoch, den 16. September 1914. + +In dem Kreise des Entsetzens. Die regnerische Dämmerung läßt die Straße +erbleichen; plötzlich, in einem Graben, -- die Toten! Sie haben sich vom +Schlachtfeld bis hierher geschleppt. Wie sie gefallen, so liegen sie da -- +jetzt schon stinkend. Die einbrechende Nacht läßt uns nur mit Mühe ihre +Landeszugehörigkeit unterscheiden, aber dasselbe große Mitleid umfängt sie. +Es gibt nur ein Wort für alle: armer Junge! Die ganze Nacht unter diesen +Greueln, dann den Morgen wieder. Der Tag bricht an über angeschwollene +Pferdeleiber! An einer Waldecke ein erkaltetes Gemetzel. Sie liegen da +ausgestreckt und starr, schon schwarz von Verwesung -- und ausgeplündert: +überall sieht man offene Taschen, aufgerissene Brotsäcke. Nichts von dem, +was ihre Persönlichkeit ausmachte, ist ihnen verblieben. Unter ihnen +Zivilisten, deren Gegenwart sich aus dem deutschen Verfahren erklärt, +französische Geiseln unter unserm Feuer marschieren zu lassen. + +Wenn diese Aufzeichnungen jemandem in die Hände fallen, mögen sie in einem +ehrlichen Herzen Schauer erwecken vor der scheußlichen Missetat derer, die +an diesem Kriege verantwortlich sind. Nie wird es Ruhm genug geben, um all +diesen Schmutz, all dieses Blut zu verdecken. + +Den 21. September 1914. + +Der Regen im Krieg: Eine Qual, von der man sich keine Vorstellung machen +kann. Drei Tage und drei Nächte, ohne etwas anderes tun zu können als +zittern und jammern und trotzdem muß man den Dienst versehen. In einem mit +Wasser gefüllten Graben schlafen, das sucht seinesgleichen bei Dante; was +soll man aber erst vom Erwachen sagen, wenn man auf den Augenblick lauern +muß, wo man mordet oder ermordet wird! Darüber das Brummen der Granaten, +welches das Pfeifen des Windes übertönt. Mitunter Knattern der Gewehre. +Dann kauert man in den Schmutz nieder und läßt die Verzweiflung einen +durchdringen. + +Als diese Qualen ein Ende nahmen, hatte ich eine solche Entspannung der +Nerven, daß ich geweint habe, ohne zu wissen warum. Das nennt man auf +Vorposten ziehen nach einem Kampfe. + +Den 25. September. + +Eine Hölle in der friedlichsten, ländlichsten Gegend. Eine +Herbstlandschaft, in welche die Kanone Löcher reißt! + +Den 27. September. + +Wenn es außer der herrlichen Lehre, die aus diesem Kriege hervorgehen wird, +greifbare Gewinne gibt, so bin ich besonders für einen empfänglich, die +Betrachtung des nächtlichen Himmels. Niemals brachte mir die Majestät der +Nacht so vielen Trost wie in diesen sich häufenden Prüfungen. Der +strahlende Abendstern ist mir ein Freund geworden. . . + +Jetzt bin ich mit den Formen der Sternbilder vertraut. Einige ziehen durch +den Himmel weite Bogen, als wollten sie den Thron Gottes umkreisen. Welche +Pracht! Wie denkt man dabei an den chaldäischen Hirten! + +O Sternbilder! erstes Alphabet! . . . . + +Den 1. Oktober. + +Ich kann Dich versichern, daß ich in geistiger Beziehung soeben herrliche +Tage erlebt habe, in deren Verlauf alles, was eitle Sorge war, durch einen +neuen Geist weggefegt wurde. + +Wenn Du je eine trübe Stunde hast und ein einziger meiner Briefe Dich +erreicht, so soll er Dir sagen, wie erhebend und kostbar diese Qualen +waren. + +1. Oktober (aus einem Tagebuch). + +. . . Aus alledem muß man folgern, daß unsere Leiden in jedem einzelnen +ihrer Momente als die wunderbarste Quelle seelischer Bewegung und der +Bildung für unser Gewissen zu betrachten sind. . . . + +Jetzt weiß ich, welchem Gebiet mein Schicksal mich zuführt. Nicht mehr in +das stolze, künstliche Land abstrakten Denkens, sondern auf den Weg der +täglichen kleinlichen Sorgen und in ihren Dienst muß ich eine stets +wachsame Feinfühligkeit stellen. + +Ich sehe, wie leicht eine gerade Natur alles Künstliche im Ausdruck +aufgibt, um tätig zu sein und einen heilsamen Einfluß auszuüben. Eine +kostbare Belehrung, die mir im Falle der Rückkehr erlauben würde, weniger +darunter zu leiden, wenn das Schicksal mir zu malen nicht mehr erlauben +sollte. + +Den 9. Oktober. + +. . . Wie es scheint haben wir den Befehl, anzugreifen. So will ich denn +dieses schwere Wagnis nicht unternehmen, ohne Dir meine Gedanken zuzuwenden +in den wenigen Augenblicken der Sammlung, die wir haben. . . Alles trägt +hier dazu bei, den Frieden des Herzens zu bewahren: die Schönheit der +Wälder, in denen wir leben, das Fehlen geistig komplizierter Aufgaben +. . . Es ist widersinnig, wie Du sagst, -- und doch sind soeben die +schönsten Stunden meines seelischen Daseins verflossen . . . + +Wisse daß es auf Erden immer Schönheit geben wird und daß der Mensch +niemals Bosheit genug haben wird, um sie zu zerstören. Ich habe genug +gesammelt, um damit mein ganzes Leben zu schmücken. Möge das Schicksal mir +Gelegenheit geben, daß ich alles was ich heute sammle, später seine Früchte +tragen lasse. Es gibt ein Ding, das niemand uns wird entreißen können, das +ist der Seelenschatz, den wir angehäuft haben. + +Den 12. Oktober. + +Bis jetzt verlassen mich deine Liebe und die Vorsehung nicht. Wir sind +immer noch in herrlichen, verwüsteten Wäldern, mitten im schönsten Herbst. +Die Natur bringt uns manche Freuden, welche diese Greuel übertönen. Tiefe, +mächtige Hoffnung, welche Leiden uns auch erwarten mögen. + +Den 14. Oktober. + +Ohne Zweifel, liebe Mutter, gibt es Opfer, die schwere Kämpfe kosten; doch +wisse, daß wir beide die nötige Kraft der Seele besitzen, um diese schweren +Stunden zu durchleben, ohne vor Angst zu beben bei dem Gedanken an das +Wiedersehn, das wir beide erhoffen. + +Das Wichtige ist, den Wert der gegenwärtigen Stunde zu erkennen und sie +alles uns schenken zu lassen, was sie Schönes, Gutes, Erbauliches enthalten +mag. Im übrigen vermag niemand die Zukunft zu verpfänden und es wäre eine +sehr unnötige und zwecklose Quälerei, in dem Gedanken daran zu leben, was +uns wohl künftig geschehen könnte. Findest Du nicht, daß das Leben uns +viele Freude gespendet hat und es eine der letzten und die größte war, daß +wir uns endlich schreiben konnten? Hier gibt es viele arme Menschen, die +nicht wissen, wo ihre Frauen, ihre Kinder sind, die seit Monaten von allen +getrennt sind. Wie du siehst, gehören wir noch zu den Bevorzugten. + +Liebe Mutter, weniger denn je dürfen wir verzweifeln; denn niemals werden +wir deutlicher den Eindruck haben, daß alle diese Unruhe und diese +Verirrungen nichts sind im Vergleich zu dem Anteil Ewigkeit, das jeder in +sich trägt, und daß alle diese Ungeheuerlichkeiten in einer besseren +Zukunft ihren Abschluß finden werden. Dieser Krieg ist wie eine +Welterschütterung, die auf frühere Umwälzungen unseres Erdballs folgt; +sahst du aber je, daß bei alledem ein Teilchen Seele verloren ging und das +Gefühl einer höheren Ordnung abgeschwächt wurde? Unsere Leiden kommen +daher, daß unsere kleine menschliche Geduld unseren Bedürfnissen, wenn auch +den edelsten, zugewandt ist. Sobald sie die Dinge prüft mit der Absicht, +darin Harmonie zu entdecken, findet sie die vollkommene Ruhe der Seele. Wir +wissen nicht, ob diese Gewalt und diese Unordnung unser allgemeines +Geschick nicht dem endgültig Guten zuführt. + +Liebe Mutter, indem ich die festeste und menschlichste Hoffnung bewahre, +sende ich Dir sowie der geliebten Großmutter meine innigste Liebe. Wende +auch unsern Freunden, die im Unglück sind, mein ganzes Herz zu. Hilf ihnen +alles ertragen: zwei Kreuze sind weniger schwer zu tragen als eines. Hab' +Vertrauen in unsere ewige Freude. + +Den 15. Oktober, 7 Uhr. + +Ich habe eine Karte von Dir erhalten, vom ersten. Wie froh bin ich, uns +endlich mit einander verbunden zu sehen! In Wahrheit hatten sich unsere +Gedanken nie verlassen. Du teilst mir das Unglück von Martha mit und ich +freue mich, daß Du ihr behülflich sein kannst. Liebe Mutter, das ist unser +beider Aufgabe: im gegenwärtigen Augenblick nützlich zu sein, ohne etwas +von der folgenden Minute vorwegzunehmen. + +Ja, ich fühle wirklich so innig wie Du, daß ich im Leben eine Aufgabe zu +erfüllen habe. Aber man muß stündlich so handeln, wie wenn diese Aufgabe +augenblicklich zu erfüllen wäre. Behalten wir kein Winkelchen unseres +Herzens für unsere kleinen Hoffnungen. Wir müssen notwendig dazu kommen, +daß kein Unglücksfall aus unserm Leben etwas Trümmerhaftes, Abgebrochenes, +Unharmonisches mache. Das ist die schönste Aufgabe, die Aufgabe des +Augenblickes. + +Das übrige, jene Zukunft, welche man nicht befragen darf, liebste Mutter, +Du sollst sehen, was sie uns Schönes, Gutes, Gerechtes vorbehält. Keine +unserer Kräfte darf sich ins Leere betätigen; jede eitle Ängstlichkeit ist +eine schädliche Kraftvergeudung. + +Begnüge Dich mit der herrlichen Versicherung, daß ich bis heute meine Seele +zu einer Höhe gehoben habe, wo die Ereignisse ihr nichts mehr antun können +und ich verspreche Dir, daß mein Streben dahin geht, sie fernerhin +vorzubereiten, so gut ich es kann. + +Sage M. . ., wenn das Schicksal die Besten trifft, daß es nicht ungerecht +ist: die Schlechten, die weiterleben, werden dadurch gebessert. Möge sie +das Opfer annehmen in dem Bewußtsein, daß es nicht zwecklos ist. Ihr wißt +nicht, welche Lehre uns der gibt, der fällt. Ich aber weiß es. + +Für den, der das Leben zu lesen vermag, haben die gegenwärtigen Ereignisse +alle gewohnte Denkweise zerrissen, sie lassen aber besser denn je die ewige +Schönheit und Ordnung durchschauen. + +Laßt uns uns erholen von der durch diesen Riß verursachten Überraschung, +und uns sofort den neuen Verhältnissen anpassen, die aus uns Bevorzugte +machen im Vergleich mit Sokrates, den christlichen Märtyrern und den +Männern der Revolution. Wir verschmähen im Leben das nur Vergängliche und +erfreuen uns dessen, was es so selten bietet, des Gefühls des Ewigen. + +Den 16. Oktober. + +Wir verleben einige Tage in annähernder Ruhe; zwischen zwei Stürmen hat +meine Kompagnie eine besondere Ruhezeit verdient; so kann ich den Oktober +voll genießen. Dein guter Brief vom 2. Oktober ist angekommen, jetzt bin +ich voll Freude und der Friede ist innig . . . . + +Fahren wir fort, uns mit Mut zu wappnen, reden wir nicht einmal von Geduld. +Nur noch Annahme des gegenwärtigen Augenblickes mit allen Schätzen, die er +uns bringt: es gibt nichts anderes mehr, und gerade in diesen einzigen +Punkt vereinigt sich alles, was es Schönes in der Welt gibt. Die Schönheit +lebt, liebe Mutter, sie lebt außerhalb von allem, was wir sonst gewohnt +waren zu fühlen. Setze Deinen Mut, Deine Liebe zu mir darein, sie zu +entdecken, sie andere entdecken zu lassen. + +Diese neue Schönheit hat nichts zu tun mit den Vorstellungen, welche die +Worte: Gesundheit, Familie, Vaterland ausdrücken; man erkennt sie, wenn man +das Stück Ewigkeit, das in jedem Dinge enthalten ist, entdeckt. Aber +bewahren wir die wunderbare Zuversicht, daß wir _uns wiedersehen_, sie wird +uns nicht hindern alles zu tun, was unsere Pflicht uns vorschreibt. Sage M +. . . wie sehr ich an sie denke. Leider ist ihr Fall nicht eine Ausnahme. +Dieser Krieg hat manche Hoffnungen zertrümmert; so wollen wir, liebe +Mutter, unsere Hoffnung dorthin verlegen, wo der Krieg sie nicht erreichen +kann, in die Tiefe unseres Herzens, in die Höhen unserer Seele. . . . + +Den 17. Oktober, um 15 Uhr. + +Dir schreiben, das Bewußtsein, daß meine Briefe Dich erreichen, das ist mir +ein tägliches Paradies. Ich lauere auf die Stunde, wo mir das möglich wird. +Ja, geliebte Mutter, Du mußt fühlen, wie Dein Mut und Deine Lebensfreude +wiedererwachen; nie darf man als Lebensgrund eine einzige Zuneigung nehmen, +so berechtigt sie auch sein mag. Kein Unglücksfall darf uns vergessen +lassen, wozu wir leben. Freilich können wir diese oder jene Aufgabe im +Leben vorziehen, laß uns jedoch die annehmen, welche sich uns darbietet, so +unerwartet und kurz sie auch sein mag. Du fühlst wie ich selbst, daß eine +glückliche Zukunft uns beschieden ist, doch denken wir nicht daran. Denken +wir an die Arbeit des heutigen Tages, an alle Opfer, die sie uns auferlegt. + +Den 22. Oktober. + +. . . . Ich nehme alles aus der Hand des Schicksals an; ich habe ihm aber +alles genommen, was es an Glück in den Falten eines jeden Augenblickes +birgt. Ach! wenn die Menschen ahnten, wieviel Friede sie vergeuden und was +eine Minute in sich fassen kann, wie würden sie doch weniger unter der +scheinbaren Gewalttätigkeit leiden! Freilich gibt es äußerste Qualen, die +ich noch nicht kenne und welche die Seele vielleicht in einer Weise prüfen, +die ich nicht ahne; aber ich spanne alle Kräfte meiner Seele dem Ziele +entgegen, alle Augenblicke und alle Prüfungen anzunehmen. . . . + +Was notwendig ist, ist die Erkenntnis des Sieges der Liebe und der +Schönheit über die Gewalt. Einige Zeiten des Hasses und der Lüge werden +nicht die ewige Schönheit zu zerstören vermögen, und von dieser Schönheit +hat jeder von uns einen unsterblichen Schatz. + +Den 23. Oktober. + + Liebste Mutter! + +Ich habe den Artikel von Barrès, »Der Adler und die Nachtigall« noch einmal +gelesen. Er ist immer noch so schön, aber schon nicht mehr im Ton. Heute +besteht nichts außer dem unmittelbar Gegenwärtigem; alles übrige erscheint +wie ein Schmuck, den man beiseite legt für Festtage, ferne, problematische +Feste. Aber gleichwohl, man schließt diesen Schmuck sorgfältig in eine +Schublade ein. So tue ich mit den Schätzen der Freundschaft, dem +berechtigten Ehrgeiz, dem lobenswerten Streben. Ich habe alles zugedeckt +und lebe allein dem Genuß des gegenwärtigen Augenblickes. + +Diesen Morgen, im Anblick des blauen Himmels, denke ich an die Musik, die +ich gestern gespielt: ich war vollkommen glücklich. Verzeih mir, daß ich +nicht in der angstvollen, fieberhaften Erwartung des Wiedersehens lebe. Ich +glaube, daß Du mir zustimmst, wenn ich unsere teuerste Hoffnung in andere +Hände lege als die unsrigen. + +Den 27. Oktober. + +Wenn ich die Freude habe, wie ich es inständig hoffe, Dich wiederzusehen, +sollst Du erfahren, in wie wunderbarer Weise ich durch die Vorsehung +geleitet worden bin. Ich habe nur vor einer Macht und einer Güte mich zu +neigen brauchen, die alle meine stolzesten Vorstellungen überbot. + +Ich kann sagen, daß Gott in mir war, wie ich in Gottes Hand bin und ich +habe nur den einen bestimmten Wunsch, daß ich stets eine solche +Gemeinschaft empfinden möge. Siehst Du, darauf kommt es an, das Leben +auszunützen, nicht, wie man es verstehen kann, selbst nicht in unseren +edelsten Neigungen, sondern indem man sich sagt: Laßt uns essen und trinken +von allem, was ewig ist; denn morgen sterben wir allem ab, was menschlich +ist. Es kommt der Augenblick, wo man seine Liebe wachsen sieht, während man +zugleich allem ängstlichen, kleinlichen Hoffen entsagt. + +Den 28. Oktober. + +Nun naht das Ende des dritten Monats einer schrecklichen Prüfung, deren +Lehren mannigfaltig und heilsam sein werden, nicht allein für den, der sie +zu hören weiß, sondern für die ganze Welt; und das ist der große Trost, +wenn man von diesem Sturm erfaßt worden ist. Möge es der Trost für die +sein, die ihre Hoffnung an die Hoffnungen der Kämpfenden geknüpft haben. + +Dieser Trost ist besonders in dem übermenschlich klaren Bewußtsein, daß +alle göttliche und ewige Kraft, die in unserer Gattung wirkt, statt +geschwächt zu sein, vielmehr gesteigert und mächtig angeregt aus diesen +Stürmen hervorgehen wird. Glücklich, wer den Friedensgesang hören wird, wie +in der Pastoralsymphonie, glücklich aber auch derjenige, der ihn im Sturme +vorausahnt! Was tuts nachher, wenn dieses herrliche Vorgefühl in +Abwesenheit des Propheten zur Tat wird! Wer das geahnt hat, hat auf Erden +viele Freuden aufgelesen. Ein höherer wird sagen, ob seine Aufgabe +vollendet ist. + +Den 28. Oktober (zweiter Brief, fast zur selben Stunde). + + Teure geliebte Mutter! + +Noch kann ich eine traute Stunde mit Dir verbringen. Wir können nur uns +immer wieder dasselbe sagen; doch es ist so herrlich, daß man stets neuen +Ausdruck dafür finden könnte. + +Heute leben wir unter einem Himmel mit großen stürmenden kalten Wolken, wie +bei den holländischen Landschaftsmalern. . . . + +Teuerste, ich wage nicht einen Wunsch auszusprechen, ich darf es nicht, man +darf nicht einmal eine Zeit teilweiser Entspannung ins Auge fassen. Ich +versichere Dich, daß andauernde Kraftanstrengung weniger ermüdend ist als +gewisse Zeiten rastloser, fieberhafter Arbeit, die wir durchgemacht haben. +Nur können wir dabei unsere Seelenkräfte in einer Art Widerstand gegen +alles Böse in uns anspannen und die Tore allem Guten, was von außen kommt, +offen lassen. + +. . . Ich bin froh, daß Du Tolstoi gelesen hast: er war auch im Krieg. Er +hat ihn verurteilt, er hat seine Lehren in sich aufgenommen. Wenn Du einen +Blick in das herrliche Buch »Krieg und Frieden« einwerfen kannst, wirst Du +darin Bilder finden, die an unsere Lage erinnern. Was es Dir begreiflich +machen wird, ist die Möglichkeit ruhigen Betrachtens, die dem Soldaten +gelassen ist, der sie erstrebt. + +Was den Zwang betrifft, den der Mangel an jeglichem körperlichen +Wohlbehagen der Seele auferlegen könnte, so glaube ja nicht daran. Wir +führen zwar das Dasein von Kaninchen am ersten Jagdtage; trotzdem können +wir in herrlicher Weise unsere Seele bereichern. + +Den 30. Oktober. + +Ich schreibe Dir in einer herrlichen Herbstlandschaft, grau, vom Wind +durchfegt. Für mich aber war der Wind nie verstimmend, weil er mir die +Seele des Landes jenseits des Hügels zuweht. . . . Der grauenhafte Krieg +vermag uns nicht aus unserer geistigen Heimstätte herauszureißen. Trotz +Stunden betäubenden Lärmes findet man sich ungefähr selbst wieder. Ich +möchte sogar behaupten, daß unser heutiges gewöhnliches Dasein uns eine +Feinfühligkeit verleiht, die fähig ist, die leiseste Berührung zu +verzeichnen, wie wenn alle unsere Nerven bloß lägen. Vielleicht wird sich, +nachdem die Hülle unserer Seele sich abgeschält, eine Kruste bilden und die +Zurückkehrenden eine Zeitlang abgestumpft sein. Was schadets: dieser +Zustand seelischer Erschütterung kann nicht ohne Nutzen vorübergehen. + +Gestern waren wir in einem hübschen Dorfe der Maasgegend, dessen Reiz durch +den Gegensatz der umgebenden Ruinen noch erhöht wurde. + +Ich konnte mir ein Hemd waschen lassen und, während es trocknete, +unterhielt ich mich mit der trefflichen Frau, die täglich dem Tode trotzt, +um ihr Heim zu schützen. Sie hat drei Söhne, alle sind Soldaten, und die +Nachrichten, die sie von ihnen hat, sind schon alt; einer von ihnen ist +wenige Kilometer von ihr vorbeimarschiert. Seine Mutter wußte es und hat +ihn nicht sehen können. Eine andere von diesen französischen Frauen bewacht +das Haus ihres Schwiegersohnes, der sechs Kinder hat. + + -- --- -- + +Deine Aufgabe ist es, alles ruhig aufzunehmen und zugleich volles Vertrauen +in die ewige Gerechtigkeit zu haben. + +Halte Dich dabei nicht auf, den Wert der Persönlichkeit derer, die am Leben +bleiben, derer die gehen, zu betrachten; das heißt die Dinge auf der +menschlichen Wagschale abwägen. Man muß aber in uns die gewaltige Summe +dessen unterscheiden, was besser ist als das Menschliche. + +Liebe Mutter, unbedingtes Vertrauen! Worin? Wir ahnen es beide. + +Den 31. Oktober, 10 Uhr. + +. . . Bis jetzt hatte ich die Weisheit des Entsagens, jetzt aber erstrebe +ich eine Weisheit, die alles willig hinnimmt und auf das künftige Handeln +hingerichtet ist. Was tut's, wenn die Wolfsgrube sich unter den Füßen des +Läufers öffnet? Freilich erreicht er sein Ziel nicht; ist der aber klüger, +der am Rande verkommt unter dem Vorwand, daß er hineinfallen könnte? + +Den 1. November, Allerheiligen, 8 Uhr. + +Gestern erhielt ich Deine Karte vom 24.--25. Während Du den für uns +verhüllten Mond betrachtetest, fühltest Du Dich, sehr mit Unrecht, +ohnmächtig; wie sehr hattest Du aber Recht, daß Du hofftest! + +In demselben Augenblick wurde ich durch die Vorsehung beschützt in einer +Weise, die allen Hochmut über den Haufen wirft. + +Am nächsten Tage hatten wir das wundervollste Morgenrot über dem Purpur der +Herbstwälder in dieser Gegend, wo ich vor drei Jahren meine Skizzen malte. +Wir sind aber an der Stelle, wo die Landschaft Charakter annimmt, sich +erweitert und von ergreifender Majestät wird. Wie Dir die Schönheit des +Horizontes schildern! Wir bleiben in dieser herrlichen Gegend und heute ist +Allerheiligen! + +Zur Stunde schreibe ich Dir im Silberglanz der Sonne, die über den Nebeln +des Tales aufgeht; wir ahnen das schlafende Land vierzig Kilometer weit in +der Runde und die Schlacht stört kaum den weihevollen Ernst des +Landschaftsbildes. + +Liebe innig mein geplantes Gemälde. Es verknüpft mich mit meinem Schicksal. +Wenn ich die Gnade habe, heimzukehren, wird die äußere Anlage des Bildes +eine andere sein, das Wesen ist aber in der Skizze schon enthalten. + +Mittag. -- Herrlicher Allerheiligentag, den die Gewalttätigkeit entweiht. + +Herrliche Pracht des Tages. + +Den 2. November, Allerseelen. + +Strahlendes Fest der Sonne und der Freude in der prächtigen Natur einer +Maaslandschaft. Im Herzen preßt sich die Hoffnung zusammen, die dem +Schmerze derer nicht spotten will, für welche dieser Tag der erste Schritt +auf dem Wege der Trauer ist. + +Teure inniggeliebte Mutter, vor achtundzwanzig Jahren warst Du in Trauer +und Hoffen: heute auch ist die Angst des Hoffens voll. Diese Prüfungen +kommen über Dich nicht in demselben Alter, aber ein ganzes Leben des +geduldigen Sichfügens bereitet Dich auf die letzte Weisheit vor. + +Welche Lust, dieses stete innige Mitschwingen im Schoße der Natur! Gestern +abend sah ich denselben Horizont, den wir erwachen sahen, in rosiges Licht +gebadet; dann ist der Vollmond in einem zarten Himmel aufgegangen, auf den +die Bäume, wie Korallen und Safran, in zackigen Linien sich abzeichneten. + +O Teure, das entsetzliche Martyrologium der besten französischen Jugend +kann nicht ins Endlose sich ausdehnen. Es ist undenkbar, daß die +Auserlesenen eines ganzen Volkes zu Grunde gehen. + +Es gibt als Aufgabe für das Genie eines Volkes etwas besseres als den +Krieg: eine tiefe Ahnung zeigt mir in naher Zukunft eine Besserung. Möge +unser Mut und unsere Einigkeit uns diesem Bessern zuführen. Hoffnung, immer +neue Hoffnung! Ich habe den lieben Brief von Großmutter und die Karte von +Herrn R. erhalten, gut und freundlich. O Teure, habt ihr auch heute diese +schöne Sonne? Wie schön ist die Landschaft, wie gut die Natur! Sie sagt +dem, der ihre Stimme hört, daß nichts wird verloren sein. + +Den 4. November, 1 Uhr. + +Ich lebe nur durch den Gedanken an Dich und in der Güte der Natur. Diesen +Morgen haben unsere Vorgesetzten mit einem Marsche von zwanzig Kilometern +gedroht und die Drohung ist zur Tat geworden als ein reizender Spaziergang +in der Landschaft, die ich so innig liebe. + +Ein entzückend feiner Dunst, den wir von Stunde zu Stunde steigen sehen, +der Lockung einer mäßig warmen Sonne folgend; und dort Hügelketten, die ein +ausgedehntes Landschaftsbild beherrschen, in welches alles in seinen Linien +sich einzeichnet oder im Nebel angedeutet ist. + +Man sieht Hügel mit kahlen Bäumen, die liebliche Umrisse zeigen. Ich denke +an die alten Maler, an ihre zartempfundenen und gewissenhaften +Landschaftsbilder. Welche peinlich durchgeführte Majestät, deren erster +Anblick durch die Größe der Auffassung Bewunderung einflößt und deren +Einzelheiten tief bewegen! + +Du siehst, liebe Mutter, wie Gottes Gnade uns Gaben austeilt, weit über die +Beschwerden, die wir auf uns nehmen. + +Es ist nicht einmal die Rede mehr von Geduld, da die Zeit für uns kein Maß +mehr hat, da von keiner meßbaren Dauer mehr die Rede ist. Welchen Reichtum +an Eindrücken birgt aber dafür der Augenblick in sich, der sich uns +darbietet! + +Das ist unser Leben, von dem ich Dir geschrieben habe, daß kein Ereignis +daraus etwas Unfertiges, Abgebrochenes machen darf; diese Weisheit will ich +mir bewahren. Zugleich aber will ich sie mit einer andern Weisheit +verbinden, die der Zukunft zugewandt ist, selbst wenn die Zukunft für uns +eine verschlossene Gegend ist. Ja, nehmen wir von der Gegenwart alles an +(und die Gegenwart bringt uns so viele Schätze!); aber laß uns auch die +Zukunft vorbereiten. + +Den 5. November, 8 Uhr. + + Liebe Mutter! + +Verhehle mir nichts von Paris, von Deinen Sorgen, von Deinen +Beschäftigungen. Alles was Du beschließt, ist recht. Mein Glück ist gerade +dieses Gefühl der Sicherheit, wenn ich in alledem an Deine Seele denke. + +Das Wetter ist immer entzückend und sehr mild. Ohne die schöne Gegend zu +verlassen, in die wir am 20. September gekommen sind, sind wir heute in die +Wälder zurückgekehrt. Das liebe ich weniger als die freie weite Aussicht; +aber es gibt doch auch hier gar hübsches zu sehen. Dann ist auch der +Himmel, jetzt wo die Blätter abgefallen sind, so schön, so zart. Ich habe +an C. geschrieben und werde an Frau C. schreiben. Ich erwarte einen Brief +von Dir. Wüßtest Du wie viel länger ein Tag ohne Nachrichten ist! Ich habe +zwar Deine früheren Briefe, aber der frische Brief hat einen Duft, den ich +jetzt nicht mehr entbehren kann. + +Den 6. November. + +Gestern war ich, ohne zu wissen warum, ein wenig verstimmt: was die +Soldaten »cafard« nennen. Das kam daher, daß ich tags vorher mich von einem +Tagebuch getrennt hatte, das ich Dir in einem Packet zu schicken mich +entschlossen hatte. Die Ereignisse von vorgestern, obgleich friedlich, +hatten mich derart umhergestoßen, daß ich mich dieser Unglückssendung nicht +so annehmen konnte, wie ich es gewollt hätte. So war ich geteilt zwischen +einer doppelten Angst: einmal, daß das Paket Dich nicht erreichen möchte +und diese Aufzeichnungen, die mein Leben vom 1. bis zum 20. Oktober +darstellen, verloren sein könnten; und dann, daß vielmehr dieses Paket zu +Dir gelangen möchte vor dem erklärenden Briefe, was dir sonderbar +erscheinen könnte, da die Sendung unter anderm Namen geschehen ist und der +Umschlag meines Heftes Anweisungen gibt, damit man Dir gegebenenfalls diese +Aufzeichnungen zuschicke. + +. . . . Wir leben heute in der stimmungsvollsten und zartesten Landschaft +Corots. Von der Scheune aus, in die wir unsern Vorposten untergebracht +haben, sehe ich zunächst die Straße mit den Wasserlachen, die der Regen +zurückgelassen hat. Dann Baumstumpfe, weiterhin hinter einer Wiese eine +Reihe Weidenbäume am Rande eines eilenden und lieblichen Bächleins. Im +Hintergrunde hüllen sich einige Häuser in einen leichten Dunst und halten +jene zarten schwarzen Töne fest, für die unser teurer Landschaftsmaler ein +so edles Empfinden hatte. + +So friedlich ist es heute morgen. Wer könnte glauben, daß hinter uns nichts +ist als Feuersbrunst und Trümmer! . . . . + +Den 7. November, 8 Uhr morgens. + +Eben erhalte ich Deine Karte vom 30., die mir die Sendung eines Pakets +ankündigt. Wie nett! wie man an uns denkt! Alle Süßigkeiten werden +gebührend gewürdigt. + +Gestern entzückender Novembertag. Diesen Morgen zuviel Nebel, um die Freude +an der Natur zu genießen. Aber gestern nachmittag! + +Ein duftiges, ausgesucht zartes Wetter, wo alles sich einzeichnet wie auf +eine angehauchte Glasscheibe eingeritzt. Die entlaubten Büsche in der Nähe +unseres Wachpostens sind von einer Schar von Vögeln ausgesucht worden, +grün, weiß am Rande der Flügel, die Männchen mit schwarzem, weiß getupftem +Kopf. Wie Dir ausdrücken, was das bloße Rauschen ihres Fluges in dieser +Stille für mich war! -- Denn auch das ist ein Segen in diesen Kämpfen: in +der Welt kann es nur eine bestimmte Menge Bosheit geben. Da nun der Mensch +alles dem Menschen zuwendet, haben die Tiere ihren Vorteil davon, +wenigstens die Tiere des Waldes, unsere gewöhnlichen Opfer. + +Könntest Du nur die Sorglosigkeit der Tierchen des Waldes sehen, Mäuse, +Feldmäuse! Letzthin folgte ich in unserm Laubversteck den Bewegungen dieser +Tierchen. Sie waren hübsch wie japanische Holzschnitte, das Innere ihrer +Ohren rosa wie eine Muschel. Wir haben dann noch dem Ausflug der Kraniche +beigewohnt: ihr Schrei in der Dämmerung ist erschütternd. + + -- --- -- + +Wie freue ich mich zu erfahren, daß Du zeichnest. Tu's für uns beide. +Wüßtest Du wie es mich juckt, alles was uns hier in der Seele bewegt zu +malen! Wenn Du meine Briefe aus letzter Zeit gelesen hast, wirst Du gemerkt +haben, wie vieles ich entbehre, aber auch wie vieles mich beglückt. + +Den 9. November, Montag 7 Uhr. + +. . . Wir haben wieder die freie, weite Ebene erreicht, die ich so sehr +liebe. Leider sehen wir sie nur undeutlich durch Mäuselöcher hindurch. Nun, +es ist wenigstens so viel! . . . . + +. . . . . Alle diese Tage hindurch habe ich den Reiz einer Landschaft +genossen, die im süßen Frieden des Herbstes ruht. Dieser Friede wurde +gestern durch den erschütternden Anblick eines brennenden Dorfes gestört. +Es war nicht das erste, das wir sehen; aber wahrlich wir waren nicht mehr +daran gewöhnt. + +Wir haben unsern Beobachtungsposten bezogen; es war noch Nacht. Von den +Höhen, die wir besetzten, sahen wir die gewaltige Glut und, als der Tag +aufging, war das liebliche im Tal versteckte Dorf nur noch eine Rauchwolke. +All das in der Silberglorie eines strahlenden Morgens. + +Von unserm Mauseloch aus blickten wir in die Talmulde mit den lieblichen +Windungen ihrer Straße, ihrem von Weidenbäumen umrahmten Bach, ihrem +Kalvarienberg, und all diese Harmonie sollte in dem Grausen der Zerstörung +enden. + +Die Deutschen haben es in der Nacht mit der Hand in Brand gesteckt; nach +zwei Tagen wütender Kämpfe waren sie daraus vertrieben worden: ihre +Handlung kann als ein Zeichen eines auf diesem Punkte beabsichtigen +Rückzuges aufgefaßt werden. Dieses von unseren Soldaten gehaßte Verfahren +ist, glaube ich, durch eine strategische Forderung vorgeschrieben. Wenn ein +Dorf zerstört ist, wird seine Benutzung für unseren Dienst hinter der Front +sehr erschwert. So haben wir denn den ganzen Tag dieser Verwüstung +zugeschaut, während über unseren Köpfen die kleinen Feldmäuse das Stroh +ausnutzen, in dem wir schlafen werden. Unser Infanteristendasein gleicht +ein wenig dem der Kaninchen während der Jagdzeit. Wir sind dadurch, +wenigstens die schlimmsten Angstpeter unter uns, in einen Zustand +immerwährender Spannung gekommen, auf der Suche nach einem Schlupfwinkel. +Sobald wir darin vergraben sind, schreibt man uns vor, nicht daraus zu +weichen. Diese klugen Vorschriften werden leider nicht immer mit der +nötigen Einsicht gehandhabt; so waren wir gestern zu Vieren in einem +vorgeschobenen Schützengraben, der in einer herrlichen Gegend lag und unter +Laubwerk vollständig versteckt war. Wir hätten also nach Herzenslust die +Landschaft genießen können, hätte nicht der Gefreite, ein braver Junge, +davor gezittert uns ein bischen leben zu lassen. Glücklicherweise sind die +Artilleristen und Maschinengewehre dazwischen gekommen, haben an unserem +Standort einen entsetzlichen Höllenlärm vollführt und uns gezeigt, wie +wenig man auf überflüssige Vorsicht halten muß. Durch dieses Beispiel +ermutigt, habe ich also in aller Freiheit die Landschaft genießen können, +gestern leider raucherfüllt, ein erschütternder Anblick. Merke Dir wohl, +geliebte Mutter, daß ich keine Unvorsichtigkeit begehen will; aber +wahrlich, dieser Krieg ist der Triumpf des Verhängnisses, der Vorsehung und +des Schicksals. + +Mein sehnlichster Wunsch ist, die Gnade der Rückkehr zu verdienen; aber +abgesehen von kurzen Augenblicken einer sehr menschlichen Ungeduld, kann +ich sagen, daß der größte Teil meines Ichs der ruhigen Annahme des +gegenwärtigen Augenblicks geweiht ist. + + -- --- -- + +Den 10. November, 11 Uhr. + + Teuerste Mutter! + +Was soll ich Dir vom heutigen Tag erzählen! eintönig im Nebel. +Beschäftigungen, die nicht stumpfsinnig an sich sind, es aber durch die +geistlose Umgebung werden. Ich ziehe mich in mein Innerstes zurück. Gestern +schrieb ich Dir einen langen Brief, in dem ich Dir unter anderem sagte, wie +teuer mir Deine Briefe sind. Du siehst also, daß ich mich etwas langweilte +als ich das Papier zur Hand nahm; nun aber, da ich mit Dir bin, bin ich +froh und denke sofort an die Freuden, die dieser Tag mir gebracht hat. + +Heute morgen hat mich der Leutnant beim Kommandoposten Eisendraht holen +lassen, in einem verwüsteten Dorfe, um das herum wir seit Wochen liegen. +Ich bin durch die Obstgärten hinabgestiegen, die voll waren von den letzten +abgefallenen Pflaumen. Einige Soldaten lasen sie sorglos auf und sammelten +sie in Körben. Liebliches Bild, ganz ländlich und idyllisch, trotz der +roten Hosen, die übrigens sehr abgeschossen sind nach drei Monaten +Felddienst. Ich freue mich der Freundschaft von Ch. R. . . Er ist ein +Mensch, der in allen Teilen mit mir übereinstimmt. Ich bin daher überzeugt, +daß er es mir nicht übelnehmen wird, wenn ich nicht schreibe, besonders +wenn Du seine Frau meiner Freundschaft versicherst. + +Der kleine Dienst, der mir anvertraut worden ist, zwingt mich von Anbruch +der Nacht bis 9 Uhr zu gehen, dann aber habe ich mitunter Gelegenheit in +einer Deckung oder einer Scheune zu schlafen, statt nachts in den +Schützengraben zurückzukehren. + +Ich habe nicht mehr die angenehmen Leseabende zu Hause; wenn wir aber +manchmal im Schützengraben, S. . . . und ich, nebeneinander liegen, kannst +Du Dir nicht vorstellen, welche Traumbilder wir wachrufen und welche Freude +uns die alten Erinnerungen bringen, die wir aufrühren. O! unter welchen +Märchenhimmel reißen uns die Naturwissenschaften und die Neugierde des +Intellektes und welches Vergnügen bereiten mir die wunderbaren Geschichten +von diesem Metall oder jener Säure! Für mich scheinen Tausend und eine +Nacht sich zu wiederholen. Und dann beim Erwachen manchmal die Anmut einer +Morgenröte. Das ist das Leben, das ich seit dem 13. oder 14. Oktober führe. +Ohne mehr zu verlangen, begnüge ich mich damit zu staunen, daß wir in einem +solchen Kriege verhältnismäßig viel ruhige Stunden haben. + +Du kannst dir nicht vorstellen, welche Genugtuung es für mich ist, zu +wissen, daß Du meinen Sachen Deine Seele zuwendest. Wie freut es mich mir +vorzustellen, daß meine Bücher Dich beschäftigen, Du meine Stiche +betrachtest! . . . . + +Vom 12. November, 15 Uhr. + +. . . Heute haben wir einen Übungsmarsch gemacht, so angenehm wie der +erste, in einem Wetter von wunderbarer Schönheit. Wir sahen in Blau und +Rosa die fernen Ketten der Hügel von Metz, die weite, von Dörfern besäte +Ebene, von denen einige einen morgendlichen Sonnenstrahl auffingen, während +man die andern mehr ahnte als sah. + +Wir führen ein Dasein, das in großen Zügen so aussieht: drei Tage bleiben +wir in der Nähe des Feindes und leben in ganz gut gebauten Verdecken, die +wir täglich verbessern, dann bleiben wir wieder drei Tage weiter hinten und +schließlich drei Tage im Quartier in einem nahen Dorfe, gewöhnlich in +demselben. So kommen wir dazu, Gewohnheiten anzunehmen, zwar recht +vorübergehende, aber immerhin kommen wir in Berührung mit der übrigens +schwer geprüften Zivilbevölkerung. -- Die Wollkleider sind unschätzbar und +unübertrefflich. . . . + +. . . Wir haben es mit guten Seelen zu tun. Besonders die liebe Frau, bei +der ich Dir schreibe und zu der ich schon das letzte Mal gekommen bin, +plagt und müht sich zu Tod ab, um uns etwas von dem zu geben, was an das +Heim erinnert. Aber, liebe Mutter, was mich an das Heim erinnert, das trage +ich im Herzen. Aus Tellern essen und auf einem Stuhle sitzen, das ist +nichts, was zählt. Deine Liebe ist's, die ich so nahe fühle. . . . + +Den 14. November. + +Seit dem 12., um acht und ein halb Uhr abends wurden wir herumgeschleppt +mit der Aussicht, an einem gewaltsamen Vorgehen teilzunehmen. Wir sind +nachts fort, und in diesem Frieden der Natur klärten sich meine Gedanken +ein wenig ab nach zwei Tagen Einquartierung, während welcher das +Körperliche immer etwas überhand nimmt. Wir gingen zur Verstärkung vor, +voll in das Unbekannte hinein. Wir haben die Anordnungen, die zu treffen +waren, in einer Scheune abgewartet, wo wir von elf bis vier Uhr auf dem +Holzboden lagen. Dann gings in die Wälder, die Felder, die der Tag durch +graue, rote, violette Wolken hindurch allmählich beleuchtete in der +romantischsten und ergreifendsten Stimmung, die man sich denken kann. Im +vollen lieblichen Morgen erfuhren wir, daß die Truppen, die uns +vorausmarschierten, dem Feinde außerordentliche Verluste zugefügt hatten +und sogar einen sehr leichten Vorteil erreicht hatten. Wir haben also +unsern gewohnten Standort wieder bezogen und ich bin wieder hier und +genieße die Pracht der französischen Landschaft, die so ergreifend schön +ist in dem grauen, stürmischen, leidenschaftlichen November, mit +Sonnenstrahlen, die in farbigen Flecken über den endlosen Horizont wie +hingeworfen sind. Liebe Mutter, wie schön ist das, diese weite, ernste +Landschaft, in der alles edel und wohl abgewogen ist und Einzelheiten sich +fein abheben! -- Eine mit Bäumen eingefaßte Straße, die bis zur Grenze sich +schnurgerade hinzieht, Hügel, die vor den duftigen Linien liegen, in denen +man die deutschen Vogesen zu erkennen glaubt. Das ist der Rahmen und dazu +kommt etwas Besseres als der Rahmen: es gibt eine Melodie von Beethoven und +ein Stück von Liszt, die lauten: »Segnung Gottes in der Einsamkeit«.[*] Wir +haben allerdings keine Einsamkeit, wenn Du aber die Gedichte von Albert +Samain[**] durchblätterst, wirst Du ein Motto aus Villiers de l'Isle-Adam +finden: »Wisse, daß es auf Erden immer eine Einsamkeit gibt für diejenigen, +die ihrer würdig sind.« Jene Einsamkeit der Seele, die alles vergessen +kann, was nicht mit ihr mitschwingt. . . . + +Ich habe zwei Briefe von Dir erhalten vom 6. und 7. Vielleicht werde ich +diesen Abend noch einen haben. Ja, wir wollen unsern Mut nicht darin +setzen, daß wir von einander keine Briefe erwarten. Die Briefe sind unser +Leben, sie teilen uns unsere Freuden mit, unser Glück, die Fülle des +Genusses, den uns in reichem Maße das Schauspiel der Natur und dieser Zeit +schenkt. + +Wenn Deine Augen nicht wollen, ist das ein zwingender Grund; aber, +abgesehen von Deiner Gesundheit, versage mir nicht Dein Herz, dessen Liebe +Deine Briefe mir bringen. + +Den 14. November, zweiter Brief. + + Treue, geliebte Mutter! + +Jetzt sind wir wieder in unserm gewohnten Quartier und mein Herz ist ganz +erfüllt von Gedanken, die Dir zustreben. Ich kann Dir nicht alles sagen, +woran ich stündlich denke in dem Wunsche, mit Dir die mannigfaltigen +Freuden zu teilen, die inmitten unseres eintönigen Daseins uns durch die +Finger gleiten, wie Perlen von einem zerrissenen Faden auf den Sand fallen. + +[Fußnote *: Beethoven: sechs Lieder von Gellert, Op. 48. Nr. 6. »Die Ehre +Gottes in der Natur.«] + +[Fußnote **: Albert Samain: Au Jardin de l'Infante (L'allée Solitaire).] + +Ich möchte mit Dir aussprechen können, wie schön diese Wolke ist, welchen +ernsten Eindruck diese Ebene auf uns macht, der Poesie des Windes lauschen, +der über die Berge uns zuweht, wie während unseres Spazierganges in +Boulogne. Und wenn wir dann hier sind, erlauben mir so manche prosaische +Beschäftigungen nicht, mit Dir zu reden, wie ich fühle. + +Deswegen habe ich Dir auch mein Paket geschickt mit meinem Tagebuch vom 18. +August bis zum 20. Oktober.[*] Diese Aufzeichnungen wurden zu einer Zeit +gemacht, wo unsere Tornister weniger beladen waren und leichter sich +öffneten, wo ich in der Seelenruhe der Tage im Schützengraben, wenn die +Gefahr das Geschwätz aufhob, meine Seele ungehindert schwingen ließ. +Seitdem habe ich die viel stärkere, weite, volle Freude entdeckt, Dir zu +schreiben. Für mich wurde diese neue Zeit ein Paradies. Aber ich liebe das +Leben im Quartier nicht, weil die Bequemlichkeit und die Sicherheit die +Seelenkräfte entspannen und einen Wirrwar erzeugen, unter dem ich leide. + +[Fußnote *: Ein Teil dieses Heftes ist oben mitgeteilt worden.] + +Du kennst das Bedürfnis, mich zu sammeln und allein zu sein, das ich immer +hatte. Übrigens habe ich sehr gute Freunde und die Offiziere sind sehr +freundlich. Und dann braucht es nur etwas Geduld, einige Augenblicke, in +denen mein Gedanke Dir zugewandt ist, um mich glücklich zu machen. Wie war +diese erste Hälfte November gnädig! Ich habe nicht ein einziges Mal unter +der Kälte gelitten. Und wie viel Schönheiten! Der Allerheiligentag war ein +langer Lobgesang, von der klaren Mondnacht über dem dunkeln Bernstein der +herbstlichen Bäume an bis zur zarten Melodie der Dämmerung. Der endlose, +rosige Traum der verschleierten Ebene, die sich an die fernen Hügel +anlehnt. . . . Welch feierlicher Lobgesang! Und manche Tage seitdem singen +den Ruhm Gottes! Coeli enarrant. . . . Das war das Geschenk dieser Zeiten. + +Den 15. November, 7 Uhr. + +Gestern gab mir das stürmische und aus der Sicherheit des Quartiers +beobachtete prächtige Wetter zu Befürchtungen Anlaß für unsern Abmarsch +heute nacht; doch als ich erwachte, war der klarste, funkelndste Himmel, +den man sich vorstellen kann! Wie dankbar war ich! + +Was wir am meisten fürchten, ist der Regen, der alles durchdringt, ohne daß +man Feuer und Obdach findet. -- Die Kälte bedeutet nichts -- gegen die sind +wir gewappnet. + +. . . . . Und doch, wie sehr habe ich das Bild dieser weiten Ebene +bewundert, in die wir hinabgestiegen sind, von dem mächtigen Winde +gepeitscht. Der niedrige Horizont löste den weiten grauen Himmel ab, an dem +wenige fahle Ausblicke an das verschwundene Blau gemahnten. -- Ein +Kalvarienberg, tragisch, schwarz in grau -- dann skelettartige Bäume! Welch +ein Bild! hier kann ich an Dich denken, an meine liebe Musik! heute habe +ich die Umgebung, die ich brauche. + +. . . . Ich möchte die Gestalt schärfer bestimmen, die mein fester Glaube +an eine bessere durch diesen Krieg geforderte Zukunft annehmen wird. Diese +Ereignisse bereiten die Entfaltung eines neuen Lebens vor, der vereinigten +Staaten Europas. + +Nach diesem Zusammenstoß werden diejenigen, die voll und mit kindlicher +Liebe ihre Pflichten dem Vaterland gegenüber erfüllt haben, vor viel +ernstere Aufgaben gestellt werden, deren Erfüllung zur Stunde unmöglich +wäre. Aber das wird gerade unsere Pflicht sein, daß wir unsere Kräfte der +Zukunft zuwenden. -- Sie werden mit angespannter Energie dahin streben +müssen, die Spuren der verletzenden Berührung zwischen den Völkern zu +tilgen. Trotz mancher Fehler, trotz einiger Rückschritte in praktischer +Hinsicht, mancher Schwächen im Wiederaufbau, hat die französische +Revolution nichts desto weniger in der menschlichen Seele die herrliche +Forderung der nationalen Einheit festgelegt. Wohlan, die Greuel des Krieges +von 1914 führen zur europäischen Einheit, zur Rasseneinheit. Dieser neue +Zustand wird nicht ohne Erschütterungen, Vergewaltigungen, Kämpfe auf +unabsehbare Zeit sich festsetzen, aber ohne Zweifel hat sich heute die Türe +zu diesem neuen Horizont geöffnet. + +Den 16. November an Frau C . . . + + Sehr verehrte gnädige Frau + und beste Freundin! + +Welche Freude und welchen Trost bringt mir Ihr Brief und wie stärkt Ihre +warme Freundschaft meinen Mut! + +Was Sie mir von meiner Mutter erzählen, verknüpft mich innig mit dem Leben. +Dank für Ihre treue prächtige Freundschaft. + +. . . Was soll ich von meinem Leben erzählen? Durch Mühen und Wechselfälle +hindurch hält mich die Betrachtung der herrlichen Gegend aufrecht, die seit +zwei Monaten die Schwermut und die Tragik dieser leidenschaftlichen +Jahreszeit anhäuft. Einer meiner gewohnten Standorte liegt auf den Höhen, +welche die endlose Ebene der Woëvre beherrschen. Wie herrlich! Welcher +Segen ist es, stündlich bei Tag und bei Nacht die glühenden Farben des +Laubes zu beobachten, an jedem Herbsttage! Die schreckliche Zerfahrenheit +der Menschen vermag die erhabene heitere Ruhe der Natur nicht zu stören. +Freilich gibt es Augenblicke, wo der Mensch alle vorstellbaren Maße zu +übersteigen scheint; aber eine aufmerksame Seele unterscheidet bald die +Harmonie, die alle diese Mißklänge beherrscht und ausgleicht. Glauben Sie +nicht, daß ich der Trostlosigkeit der Bilder, von denen wir übersättigt +sind, gefühllos gegenüberstehe: vernichtete Dörfer, in welche die +Artillerie weiter wütet; Rauchwolken am Tag, Feuerschein in der Nacht; +Elend der Bevölkerung, die unter den Granaten flüchtet. Jeden Augenblick +erhält man einen Stich ins volle Herz. Gerade deswegen aber rette ich mich +in diese höhern tröstenden Gedanken; denn in demselben Maße leidend, könnte +ich, ohne diese Disziplin des Herzens, unsere Lage nicht ohne innere +Zerrissenheit ertragen. + +Den 17. November, morgens. + + Liebe Mutter! + +. . . Ich schreibe Dir im vollen Glück der Morgenröte über meinem lieben +Dorfe. Die Nacht, die uns im Regen gelassen hatte, hat uns ein klares, +strahlendes Wetter zurückgegeben. Ich finde meinen ungeheuer weiten +Horizont wieder, die zarten Umrisse der Hügel, die edelgeschwungenen Linien +meiner Täler. Wer glaubte, von der Höhe, wo ich bin, daß dieses ländliche +und friedliche Dorf in Wirklichkeit nur noch ein Trümmerhaufen ist, daß +kein Haus verschont geblieben ist, daß seit zwei Monaten niemand darin +verweilen kann im Höllenlärm der Artillerie? Während ich Dir schreibe, +trifft die Sonne den Kirchturm, den ein noch dunkler Baum in meiner Nähe +umrahmt, während in der Ferne, über den letzten Hügeln, den letzten +Erhöhungen des Bodens, die Ebene im Rosagold ihre köstlichen Einzelheiten +zu offenbaren beginnt. + +Den 17. November, 11 Uhr. + +Das herrliche Wetter ist mein großer Trost. Ich lebe fast wie wenn ich ein +Kranker wäre, den man in eine herrliche Gegend schickt, den aber die Kur zu +unerfreulichen und ermüdenden Beschäftigungen zwingt. Im Grunde liegt +zwischen Leysin und meinem jetzigen Schützengraben nur die Entwicklung des +großen Fragezeichens. Immer nichts neues in unserer Kompagnie seit dem 13. +Oktober. + +Die Art des gegenwärtigen Krieges ist sonderbar. Es ist die Art von +Nachbarn, die sich nicht vertragen. Bedenke, daß gewisse Schützengräben vom +Feinde kaum durch 100 Meter getrennt sind und daß die Kämpfenden sich +Handgranaten zuwerfen können: wie Du siehst, bedienen sich die Nachbarn +gewaltsamer Mittel. + +Ein eigenes Leben führe ich nur im Augenblick, wo ich bei Dir verweile, und +wo ich die Pracht der Natur genieße. + +Mitten unter dem Geschwätz gelingt es mir, das Gefühl der Einsamkeit der +Seele, die ich brauche, mir zu bewahren. + +Den 18. November. + +Diesen Morgen zeigte uns der Tag die Ebene mit Reif bedeckt, eine +gleichmäßige Weiße über den Hügeln und dem Walde. Mein Dörfchen sieht +dadurch ganz eingefroren aus. + +Ich hatte den größten Teil der Nacht in einem geheizten Unterstand +zugebracht und hätte, dank der Freundlichkeit meiner Vorgesetzten darin +bleiben können; ich bin aber dumm und schüchtern und bin von ein Uhr bis +vier und ein halb Uhr wieder bei den Kameraden gewesen. + +Es ist merkwürdig, wie prachtvoll wir die Kälte ertragen: wir besitzen fast +alle ein herrliches Kleidungsstück, einen Mehlsack, den man je nach den +Umständen als kurzen Radmantel und als Fußsack gebrauchen kann. In beiden +Fällen ein vortrefflicher Wärmeerhälter. + +11 Uhr. + +Für den Augenblick habe ich eine hübsche, so rührende Melodie von Händel im +Sinn und auch ein Allegro aus unsern vierhändigen Orgelsonaten: eine +fröhliche, glänzende, von Tatendrang übersprudelnde Musik. Lieber Händel! +Oft tröstet er mich. + +Beethoven kommt mir selten in die Erinnerung; wenn aber seine Musik in mir +erwacht, rührt sie an etwas so Grundlegendes, daß es jedesmal ist, wie wenn +eine Hand Schleier vor der Schöpfung wegrückte. + +Arme liebe große Meister! Wird man ihnen daraus ein Verbrechen machen, daß +sie Deutsche sind? Schumann, wie kann man ihn einem Barbaren zugesellen? + +Gestern gemahnte unsere Ebene an die Stelle, die Du mir vor zehn Jahren aus +»_Rheingold_« vorspieltest: »Freie Gegend aus Bergeshöhen.«[*] Worin aber +unser französisches Bild die schöne Musik dieses häßlichen Mannes übertraf, +das war die feste Grundlage, die Klarheit, die Aufrichtigkeit. Ja, unsere +französische Ebene hatte nichts Verschwommenes. + +Was Wagner betrifft und, so schön auch seine Musik, so unbestritten und +verführerisch sein Genie auch ist, ich glaube doch, daß, wenn man ihn nicht +mehr hören sollte, man etwas für das französische Genie weniger +Wesentliches entbehren würde, als wenn die großen Klassiker, seine +Landsleute, in Frage kämen. + + -- --- -- + +Ich darf es Dir aufrichtig sagen, in den Augenblicken, wo mir der Gedanke +an die Möglichkeit der Heimkehr kommt, kümmere ich mich niemals um die +Frage der kleinlichen Bequemlichkeit, des kleinlichen Wohlbehagens. Etwas +Höheres und Edleres wendet mich dieser Art Hoffnung zu. Darf ich sagen, daß +es sogar etwas anderes ist als die unendliche Freude des Wiedersehens? Es +ist vielmehr die Hoffnung auf eine Wiederaufnahme unserer gemeinsamen +Bestrebungen, unseres Zusammenarbeitens, dessen Ziel die Entwicklung +unserer Seele und ihre nützlichere Betätigung auf Erden ist. + +[Fußnote *: »Libre étendue sur la Montagne.« Rheingold zweite und vierte +Szene. »Allmählich gehen die Wogen in Gewölke über . . . und . . . wird +»_eine freie Gegend auf Bergeshöhen_« sichtbar.« (D. Übers.)] + +Den 19. November, morgens. + + Teuerste Mutter! + +Heute wurde ich bei der Morgenröte durch ein gewaltiges und zu dieser +Tageszeit ungewohntes Geschützfeuer geweckt. In dem Augenblick kamen +Kameraden, starr von einer Nacht im Schützengraben zurück. Ich bin +aufgestanden, um ihnen Holz zu holen, während auf dem andern Abhang des +Tales das Schützenfeuer sehr kräftig ertönte. Ich stieg so hoch hinauf wie +ich konnte und sah in dem sehr klaren Himmel die Sonne sich ankündigen. + +Plötzlich hörte ich von der Erhöhung gegenüber, einem jener Hügel, die ich +so sehr liebe, Geschrei, Geheul kommen: Marsch! Marsch! Es war ein +Bajonettansturm. Es ist der erste, dem beizuwohnen mir gegeben ist; nicht +daß ich etwas gesehen hätte; die noch andauernde Dunkelheit und vielleicht +auch die Beschaffenheit des Bodens verhinderten es. Was ich hörte genügte, +um den Eindruck des Sturmangriffs zu geben. + +Bis jetzt konnte ich mir nur von dem unpersönlichen Krieg ein Bild machen, +der eine von jenem kriegerischen Mut, wie ihn der Zivilist von Alters her +sich vorstellt, sehr verschiedene Form der Tapferkeit verlangt. Und +plötzlich erinnert mich der furchtbare Lärm von heute morgen, mitten in +meiner Ruhe daran, daß junge Männer, ohne persönlichen Grund des Hasses, +auf Leute, die sie erwarten, sich stürzen können und müssen, um sie zu +morden. + +Aber die Sonne ging über dem Boden meines Vaterlandes auf. Sie beschien für +mich das Tal, und von meiner Anhöhe aus unterschied ich zwei Dörfer, zwei +Trümmerhaufen, von denen ich einen drei Nächte lang hatte brennen sehen. In +meiner Nähe zwei Kreuze von weißem Holze . . . . Das französische Blut +fließt im Jahre 1914 . . . . + +Den 20. November. + +Augenblicklich sehe ich vom Fenster aus, in dessen Nähe ich schreibe, die +Sonne aufgehen. Sie durchdringt den Reif und ich ahne die schöne Ebene, die +soviel Greuel erträgt. Wie ich höre, hat dieser Bajonettangriff, den ich +gestern gehört habe, viele Opfer gekostet. Unter andern ist man ohne +Nachrichten von zwei Halbzügen des Regimentes, das mit uns die Brigade +bildet. Während andere ihr Geschick erfüllten, stand ich auf der Höhe des +schönsten, übrigens in andern Augenblicken höchst ausgesetzten Hügels. Ich +sah dem Sonnenaufgang zu; ich war tief bewegt im Anblick des Friedens der +Natur und maß das Verhältnis zwischen der Kleinlichkeit menschlicher +Gewalttaten und der umgebenden erhabenen Schönheit. + +Diese für Dich schwere Zeit, die sich vom 9. bis zum 13. September +erstreckt, entspricht genau dem ersten Abschnitt des Krieges für mich. Den +9. September kam ich an, entstieg dem Zug vor der furchtbaren Schlacht an +der Marne, die sich in einer Entfernung von 35 Kilometern entrollte. Den +12. erreichte ich das Regiment 106 und seitdem teile ich das Leben der +Kämpfenden. Wie ich es Dir geschrieben, verließen wir also am 13. Oktober +herrliche Wälder, in denen die feindliche Artillerie und Infanterie uns +große Verluste zugefügt haben, besonders am 3. Unsere engere Gemeinschaft +hat an diesem Tage einen prächtigen Menschen verloren, einen herzensguten +Jungen, der für's Leben zu gut geworden war. Am 4. wurde ein trefflicher +Kamerad, ein Architekt von der Kunstakademie, ziemlich ernstlich am Arm +verwundet, seitdem sind aber die Nachrichten, die er gegeben, gut. So haben +wir bis zum 13., einem furchtbaren Tag, sehr schwere Zeiten durchgemacht, +um so mehr als die sehr wirkliche Gefahr verschlimmert wurde durch den +Eindruck des Erstickens und des Unbekannten, der uns in diesen, in andern +Zeiten herrlichen Wäldern, erdrückte. + +Die Hauptsache ist, den Ernst des gegenwärtigen Augenblickes nicht aus den +Augen zu verlieren. Das Problem stellt sich uns in ganz besonderer Form +dar. Auf der einen Seite die himmlische Gnade einer bis auf den heutigen +Tag vollständigen Unversehrtheit. Andererseits das vollständige +Weiterbestehen der zufälligen Gefahr für die Zukunft. Hier muß unser +Wunsch, das Beste zu tun, sich auf den gegenwärtigen Zeitpunkt richten. +Keine Erforschung der Zukunft kann uns befriedigen, ich glaube aber, daß +jedes kraftvolle Streben, das die Gegenwart trifft, seine Wirkung nicht +verfehlt. Es gilt, einen heldenhaften Kampf zu bestehen; aber wir wollen +nicht auf uns allein bauen und nicht vergessen, daß es eine andere Macht +gibt und wieviel wirksamer als unsere menschlichen Mittel! + +Den 21. November. + +Heute bürgerliches und fast zu bequemes Dasein. Die Kälte läßt uns bei der +außerordentlichen Frau bleiben, die uns bei jedem Aufenthalt in dem Dorfe +beherbergt, in dem wir drei Tage von neun einquartiert sind. Ich werde Dir +nicht von der hübschen Aussicht erzählen, die ich von dem Fenster aus habe, +an dem ich Dir schreibe, kann Dir aber das Heim beschreiben, welches Teile +unseres Daseins in sich faßt. Am Tag leben wir in zwei, durch einen +Glasverschluß getrennten Zimmern und von einem Zimmer ins andere können wir +bald das schöne Feuer und den weiten Kamin bewundern, bald den prächtigen +Schrank und die Betten, wie man sie in der Maasgegend hat, mit schönen +alten Kupferbeschlägen. Das gemütliche Dasein von zwei alten Frauen (die +Mutter, 87 Jahre alt, und ihre Tochter) ist in Unordnung gebracht durch die +Rauheit, die Derbheit, die Gutherzigkeit und Freigebigkeit des Soldaten. +Sie ertragen alles und opfern sich auf. + +Was Spinoza betrifft, dessen Seele Du bereits in Dir besitzest, so glaube +ich, daß Du gleich zu den letzten Lehrsätzen übergehen kannst. Du wirst ihn +sicherlich unmittelbar begreifen, wenn er von der Ruhe der Seele spricht. +Ja es gibt Augenblicke, für uns schwache Menschen leider zu selten, die +doch genügen, und in denen wir durch die Erschütterungen und Stöße unserer +armen menschlichen Natur hindurch eine gewisse Neigung zum Fortdauernden +und Abschließenden unterscheiden, und wir das wunderbare göttliche Erbteil +erkennen, das uns anvertraut ist. + + -- --- -- + +Liebe Mutter, einen wie guten Tag habe ich eben mit Dir erlebt. Wir waren +zu dreien: wir zwei und die liebliche Landschaft, die ich von meinem +Fenster aus sehe. Von hier aus gesehen, gibt der Winter von den Dingen ein +abgedämpftes, abgetöntes Bild. Zwei Wolken oder vielmehr dichter Nebel, +hüllen die mir benachbarte Anhöhe ein, ohne die Zeichnung der Sträucher auf +dem Kamm zu vergröbern; der Himmel ist leicht grünlich gefärbt. Alles ist +gedämpft. Alles schlummert ein. Jetzt ist die Zeit der nächtlichen +Angriffe, des Sturmgebrülls, der Wachen in den Schützengräben. Wie +verlangen, jeden Augenblick, unsere Wünsche das Ende dieses Zustandes! Wie +sehr wünschen wir die Ruhe für Alle, eine ungeheure Entschädigung, einen +Ersatz für so viele Schmerzen, Leiden, so viele Trennungen. + + Dein Sohn. + +Sonntag, den 22. November, 9 1/2 Uhr. + +Von meinem Lieblingsplatz schreibe ich Dir diesen Morgen, ohne daß seit +gestern irgend ein Ereignis Erwähnung verdiente, außer vielleicht den +tausend wechselnden Einzelheiten der Landschaft. Ich bin mit Sonnenaufgang +aufgestanden, ihr Silber überflutet den weiten Raum. Die Kälte ist immer +heftig, aber das Zusammenwirken verschiedener Wollkleider wird in den +Quartiernächten mit ihr fertig. Das Einzige, was ich erzählen kann, ist: +morgen ziehen wir in die Schützengräben der zweiten Linie aus, in die jetzt +skelettartigen, eintönigen Wälder. Von unseren drei Standorten ist das +vielleicht derjenige, den ich am wenigsten liebe, denn der Himmel ist +hinter hohe Äste verbannt. Das ist eher eine Landschaft für R. . ., aber +reizlos und durch das Leben, das man darin führt, verdorben. + +In unserer Gegend scheinen die Kämpfe mit einiger Heftigkeit wieder +beginnen zu wollen. Heute morgen hören wir ein heftiges Gewehrfeuer, was +sehr selten in der Kriegführung von heute ist, die vornehmlich in +nächtlichen Angriffen besteht, während der Tag fast ausschließlich zur +Beschießung durch die Artillerie benutzt wird. + +Liebe Mutter, setzen wir unsere Hoffnung in die Seelenstärke, die jede +Stunde, jeder Augenblick verlangt. . . . + +. . . . Ja, es freut mich Dir von dem Leben, das ich führe, zu erzählen; es +ist in mancher Beziehung schön. Oft wenn ich abends auf der Straße bin, +wohin mein kleiner Dienst mich führt und die ich allein durchwandere, bin +ich vollkommen glücklich in der Gemeinschaft mit dieser edlen Landschaft, +mit den harmonischen Zeichnungen der Gestirne an diesem Himmel, den groß +und lieblich geschwungenen Linien dieser Hügel; und wenn auch in diesem +Augenblick die Gefahr immer gegenwärtig ist, so denke ich doch, daß nicht +allein Dein Mut, Dein Ewigkeitsbewußtsein, sondern auch Deine Liebe mir +beistimmen werden, wenn ich nicht immer wieder bei der Erforschung des +Rätsels stehen bleibe. + +Mein gegenwärtiges Leben bietet also einige Höhepunkte der Empfindungen, +die jeder Beziehung auf Fortdauer und Verharren sich entziehen, so z. B. +schönes Laub, eine Morgenröte, eine liebliche Landschaft, einen +ergreifenden Mondschein. Lauter Dinge, deren Vergänglichkeit und zugleich +ewige Wiederholung das Menschenherz absondern und all den Sorgen entreißen, +die in solchen Zeiten uns einer verzweiflungsvollen Unruhe, einem +scheußlichen Materialismus, oder einem Optimismus zuführen würden, den ich +durch eine sehr erhabene Hoffnung ersehen will, die uns gemeinsam ist und +nicht auf menschlichen Dingen beruht. + +Meine zärtliche Liebe und treue Anhänglichkeit für Großmutter, für Euch +Mut, inneren Frieden, völlige Hingabe, jedoch ohne irgendwelche Entsagung. + +Den 23. November. + + Liebe Mutter! + +Wir sind wieder in unsern Unterständen der zweiten Linie. Wir wohnen in +Erdhütten, in denen das Feuer uns ebenso einräuchert als es uns wärmt. Das +Wetter, das während der Nacht sich verfinstert hatte, hat uns einen +wunderschönen rosa und blauen Morgen geschenkt. Leider sprechen mich die +Wälder weniger an als die wundervollen Ausdehnungen der Feuerlinie. Und +doch ist auch hier alles schön. + +Mein gestriger Tag hat in der Freude bestanden, Dir zu schreiben; ich bin +in die Dorfkirche gegangen, ohne irgend eine Anwandlung von Schwärmerei, +auch nicht in dem Verlangen nach äußerlicher Tröstung. Meine Vorstellung +von der göttlichen Harmonie brauchte durch keine äußeren Formen, keine +volkstümliche Symbolik gestützt zu werden. Später habe ich das große Glück +gehabt, einen Wagen in der nächsten Umgebung zu begleiten. Ach! welch' +wundervolle Landschaft von saftiger Farbenpracht stets in rosa und blauen, +durch den Nebel abgeschwächten Tönen. Diese leuchtenden, prächtigen und +doch duftigen Farben fanden Stützpunkte in den kräftigen Flecken, welche +die in den Raum zerstreuten Gestalten bildeten. Meine gewöhnlich durch ihre +Bestimmtheit an die alten Meister gemahnende Landschaft nahm eine durchaus +moderne Subtilität der Farbengebung und reiche Nuancierung an. + +Ich dachte einen Augenblick an unsere durchgeistigte Pariser Umgebung mit +ihren unendlich zarten Farben und gedämpften Tönen, hier ist mehr Einfalt +und Aufrichtigkeit, hier war alles einfach rosa und blau auf der Grundlage +eines schönen grauen Bodens. + +Mein Fuhrmann, der mit seinem Pferde nicht fertig wurde, hat mir eine Gerte +überreicht, um damit auf das Tier zu schlagen: ich mußte wie eine +Gliederpuppe aussehen. Wir fuhren an den Kalvarien vorüber, welche die +Dörfer der Maasgegend beschirmen, einige Bäume, die ein Kreuz umgeben. + +Den 24. Nov., 15 1/2 Uhr, auf einem Rückmarsche. + +Ich habe soeben einen Brief vom 16. und eine Karte erhalten und einen +lieben Brief vom 18. Die beiden letzteren melden, daß meine Sendung +angekommen ist. Wie froh bin ich darüber! Einen Augenblick fragte ich mich, +ob ich Dir diese Eindrücke schicken sollte, aber unser Leben war nie und +wird nie etwas anderes sein als ein stetes Forschen in der Gegend der +ewigen Wahrheiten, ein inbrünstiges Betrachten von dem, was jeder Anblick +auf Erden davon bietet. Daher bereue ich es nicht, Dir diese kurzen +Bemerkungen geschickt zu haben. + +Die heftigsten Leiden für mich waren die der Regentage im September. Sie +haben übrigens für alle eine schmerzliche Erinnerung zurückgelassen. Wir +schliefen umklammert, Gesicht an Gesicht, die Hände übereinandergeschlagen, +in einer Überschwemmung von Wasser und Schlamm. Nie hätte man sich von +unserer trostlosen Lage eine Vorstellung machen können. + +Um das Maß unserer Leiden voll zu machen, nach diesen entsetzlichen +Stunden, meldet man, daß der Feind seine Maschinengewehre auf uns richtet +und daß wir ihn angreifen sollen. Mittlerweile sind wir abgelöst worden und +die Entspannung war stark. + +Mein unvollendetes Gedicht: »Soleil si pâle« . . . bezieht sich auf die +Tage des 11., 12. und 13. Oktobers, und überhaupt auf die Zeit der Kämpfe +in den Wäldern, die für unser Regiment vom 22. September bis zum 13. +Oktober dauerten. Gewisse Sonnenaufgänge über den Opfern des Kampfes haben +mich innerlich bewegt. Seitdem habe ich nichts mehr geschrieben, außer +einem Gebet, das ich Dir vor fünf oder sechs Tagen geschickt habe. Ich habe +es auf jener Straße verfaßt, die ich durchwandern mußte. + +Den 25. November, morgens. + +. . . . Gestern, während dieses Marsches habe ich in einer Landschaft +meiner geliebten alten Meister gelebt. Als wir aus den Wäldern +heraustraten, da wir, einer Straße entlang, herabstiegen, hatten wir in +unserer Nähe einen weiten, schloßartigen Hof, von einer entlaubten +Baumgruppe gekrönt, neben einem zugefrorenen Teich. + +Fernerhin, in der verkürzten Perspektive, die meine lieben Maler trotz +ihrer scheinbaren Einfalt so geschickt anwandten, stellte eine Straße, die +ihre Windungen, ihre Senkungen und Steigungen entrollte, die Verbindung +zwischen Büschen, einzelnen Bäumen her: alles scharf, feingegliedert, wie +radiert, und doch rührend. Eine kleine Brücke führte über einen Bach, ein +Reiter ritt in der Nähe der kleinen Brücke vorbei, bis ins Einzelnste +scharf umrissen, dann ein kleiner Wagen: abgetönte und doch bestimmte +Farben in seiner Harmonie, -- all das vor einem Horizont von majestätischen +Wäldern. Ein grauer Himmel, der die ganz moderne Farbensymphonie von +vorigem Sonntag aufhob und mich zu jener eindringlichen Peinlichkeit der +Wiedergabe zurückführte, die uns bei einem Breughel und andern Meistern, +deren Namen mir entfallen, bewegen. Derart ist auch die wohlgeordnete, +durchsichtige, reiche Anordnung der Hintergründe von Albrecht Dürer. + +Den 26. November. + +Geliebte Mutter, ich bin nicht dazu gekommen den gestrigen Brief zu +vollenden. Wir waren sehr beschäftigt. Heute ist es noch Nacht. Aus meiner +Höhle, die ich in der Feuerlinie erreicht habe, schicke ich Dir meine +innige Liebe und den Ausdruck des großen Glückes, das ich habe. Ich fühle, +wie mein Werk in mir reift. Was ist daran gelegen, wenn die Vorsehung mir +nicht gewährt es zu verwirklichen? Ich habe die feste Hoffnung, vor allem +vertraue ich in die ewige Gerechtigkeit, welche Überraschung sie auch der +menschlichen Vorstellung, die wir uns von ihr machen, bereiten mag. . . . . + +Den 28. November. + +Die Stellung, die wir einnehmen, nähert uns dem Feinde auf 45 Meter. Der +Anblick der Laufgräben ist seltsam und wirkt sogar malerisch durch eine +Herbheit der Linien, die der graue Himmel noch verstärkt. + +Wenn unsere Truppen, nachdem sie nächtlicher Weile die Wachsamkeit des +Feindes getäuscht haben, von dem Tale herkommend, die halbe Höhe, deren +Abhang uns vor dem Gewehrfeuer schützt, erreichen, treffen sie in den Hügel +eingegrabene Unterschlüpfe, Höhlen, wo die Abteilungen, die nicht auf Wache +sind, Schlaf und die Wärme eines rasch gebauten Heims finden. Weiter +draußen, gerade an der Stelle, wo die freiliegende Landschaft herrlich wird +durch Weite und Beleuchtung, beginnt der gewundene Einschnitt, den man +Verbindungsgraben[*] nennt und in den man eindringt. So gelangt man +unbemerkt in den Schützengraben, wo sich ein wahrhaft kriegerisches, +ernstes Bild, dem es an Größe nicht fehlt, darbietet, ein tiefer schmaler +Gang, dessen Decke der graue Himmel ist, und dessen Erdverkleidungen von +frischem Schnee bedeckt sind. Hier stehen die letzten Einheiten der +Infanterie; Einheiten von gewöhnlich schwachem Bestand. Der Feind ist hier +schon weniger als hundert Meter entfernt. Von hier aus geht der +Verbindungsgang weiter, immer gewundener und tiefer; in ihm empfinde ich +das, was ich stets bei der Berührung mit frischaufgerührter Erde fühle. Der +durch Erdarbeiten aufgewühlte Boden erweckt in mir etwas, wie wenn die +Kräfte der aufgerissenen Erde in mich drängen und mir die Geschichte des +Lebens erzählten. + +In diesen Klüften arbeiten zwei oder drei Schanzengräber des Geniekorps, +verlängern sie, graben sie tiefer, von den Deutschen beobachtet, die +bisweilen ungenügend geschützte Stellen erreichen können. Auf diesem +äußersten Punkt steht der letzte Infanterieposten (etwa vierzig Meter vom +Feind). + +[Fußnote *: »boyau de communication.«] + +Du kannst Dir den Gegensatz dieser militärischen Einrichtung und des +Friedens denken, der an dieser Stelle zu herrschen pflegte. Stelle Dir mein +Erstaunen vor, wenn ich mich erinnere, daß in dem Bereich meines Blickes +der Landmann seinen Pflug lenkte und diese Sonne, deren Glorie ich erspähe, +wie der Gefangene die Freiheit, ihm auf dieser Anhöhe gespendet wurde. + +Wenn ich dann in der Dämmerung in die Ebene hinaustrete, welche Wonne! Ich +will Dir nicht davon sprechen, denn ich verschweige noch mein Glück. Ich +darf es nicht offenbaren: es ist ein Vöglein, das die Stille liebt. . . . +Begnügen wir uns damit, was das Wesentlichste ist, von dem Glück zu +sprechen, das sich nicht aufscheuchen läßt: uns in gleichem Maße auf alles +vorbereitet zu fühlen. + +Den 29. Nov., morgens, im Quartier. + + Teuerste Mutter! + +Gestern habe ich die Feuerlinie bei schlechtem Wetter verlassen, das in der +Nacht nach meiner Ankunft in Regen überging. Ich sehe ihn von meinem +Lieblingsfenster aus als Nebel fallen. Wenn Du willst, erzähle ich Dir von +den gestern flüchtig gesehenen Wundern. + +Von der in meinem gestrigen Brief beschriebenen Stellung aus sieht man, wie +ich es Dir oft schon geschrieben, den herrlichsten Horizont. Gestern nun +zerfetzte ein fürchterlicher Wind einen Schleier von sehr niedrigen Wolken, +die an den Höhen hängen blieben. Vielleicht wird Dir der Hintergrund meines +Haheyna eine schwache Vorstellung von dem geben, was ich gesehen habe. Doch +um wie viel erhabener und stürmischer war mein gestriges Fühlen! + +Die Hügel und Täler gingen abwechselnd von Schatten in Licht über, bald +scharf umgrenzt, bald verschleiert, je nachdem die Nebel sie enthüllten. Am +Himmel große hellblaue lichtumflossene Lücken. + +Das war die Pracht des gestrigen Tages. Soll ich Dir von den letzten +Abenden erzählen, wo der Mond auf die Landstraße mir die zierliche +Verästelung der Bäume abzeichnete, die Tragik der Kalvarien, das rührende +Bild der Häuser, von denen man weiß, daß sie Ruinen sind und welche die +Nacht wie ein Bild des Friedens erstehen läßt. + +Ich freue mich zu sehen, daß Du Verlaine liebst. Lies das schöne Vorwort +von Coppée, welches die Sammlung der ausgewählten Werke eröffnet, die Du in +meiner Bibliothek finden wirst. + +Seine Frömmigkeit ist von einer Unmittelbarkeit, ich möchte beinahe sagen +von einer Sinnlichkeit, die mich immer etwas irre macht, gerade weil sie +der katholischen Frömmigkeit eigen ist, deren bildliche Erscheinung mir +immer fremd bleiben wird. Aber was für ein Dichter! + +Er ist meine fast tägliche Wonne in Paris und hier kommen mir oft die +Weisen seiner »Paysages Tristes«[*] in den Sinn; denn sie geben genau die +Stimmung mancher Stunden wieder. Sein Leben ist rührend wie das eines +kranken Tieres und man staunt darüber, daß eine solche Verkommenheit die +köstlichen Blumen seiner Poesie nicht verwelken ließ. Seine Belehrung, eher +die eines Künstlers als die eines Denkers, kam infolge einer Umwälzung in +seinem Leben nach schweren Vergehungen. (Er war im Gefängnis.) + +In »Le Lys Rouge« hat Anatole France unter dem Namen Choulette ein +lebensvolles Bild von ihm entworfen; vielleicht findet sich dieses Buch bei +uns. + +Die Poesie in »Sagesse« wirkt wunderbar und erbaulich durch den Schwung, +die Leidenschaft der künstlerischen Absicht, der Neue. Es ist etwa wie wenn +der Aufschrei der »Mainacht« durch sein ganzes Werk hindurch erklänge. + +Unsere beiden stärksten poetischen Begabungen im vergangenen Jahrhundert, +Müsset und Verlaine, waren zwei Unglückliche, deren doch so herrliche und +berauschende Blumenpracht keine innere Stütze aufrecht hält. Ich langweile +Dich vielleicht, indem ich Dir von gleichgültigen Dingen erzähle, aber es +versenkt mich wieder ein wenig in mein vergangenes Leben. Seitdem ich das +Glück habe Deine Briefe zu empfangen, habe ich nichts mehr aufgezeichnet. +Glaube ja nicht, daß die Nebensachen mich das, was wir ersehnen und +erhoffen, vergessen lassen; doch ich glaube, daß was den Schmuck des Lebens +ausmacht, gerade das ist, was es für uns beide kostbar macht. + +[Fußnote *: In der Sammlung Poèmes Saturniens. (D. Übers.)] + +Ich erwarte Briefe von Dir seit dem letzten vom 22.; doch ich werde sicher +einen hier im Quartier vorfinden. Ich danke Dir für das angekündigte +Packet. Arme Mütter, wie sie alle sich quälen! + +Den 1. Dezember, morgens, im Quartier. + +Ich erinnere mich, wie ich mich freute, wenn ich als dienstfrei mich von +meinen militärischen Obliegenheiten entbunden sah. Es schien mir, als wären +mein Leben und meine Laufbahn unwiderruflich verloren, wenn ich mit sieben +und zwanzig Jahren wieder zum Regiment müßte. Und nun bin ich mit acht und +zwanzig Jahren tief im Soldatenleben drin, fern von meinen Arbeiten, meinen +Sorgen, meinen ehrgeizigen Plänen, und nie hat mir das Leben eine solche +Fülle von erhabenen Eindrücken gebracht: niemals vielleicht fand ich, um +sie aufzuzeichnen, eine solche Fülle der Empfänglichkeit, eine solche Ruhe +des Bewußtseins. Das sind also die Gnadengaben einer Lage, die meine +vernünftigen menschlichen Voraussichten mir als ein Verhängnis erscheinen +ließen. Hier wirkt die von der Vorsehung mir beschiedene Lehre weiter, die +allen meinen Befürchtungen zum Trotze, Segen in jede Veränderung meiner +Lage hineinlegt. + +Die beiden letzten Sonnenaufgänge gestern und heute waren wundervoll. +. . . + +Ich habe Lust für Dich eine kleine Skizze von der Aussicht meines Fensters +zu machen. . . . + +. . . . Ich mache es aus dem Gedächtnis, aber darüber stelle Dir die +ergreifendsten Purpurstreifen vor und rechts und links noch endlose +Ausdehnungen. Das zu betrachten war mir in der letzten Zeit mehrmals +gegönnt. Augenblicklich bringt ein lieblicher Himmel Harmonie in die +Obstgärten, in denen wir arbeiten. Mein kleines Amt befreit mich für einige +Zeit von der Hacke. Das sind die Freuden, die von ferne mir als +Katastrophen erschienen. + +Den 1. Dezember, 2. Brief. + +Ich habe soeben Deine Briefe vom 25., 26. und 27. erhalten, sowie einen +lieben Brief von Großmutter, die so tapfer, so seelenvoll, so geistig +frisch ist. Er machte mir viel Freude und bringt mir eine köstliche +Hoffnung, deren glückliches Omen ich mit Freude annehme. Jeder Deiner +lieben Briefe gibt mir auch, was das Leben für mich Schönstes hat. Mein +heutiger erster Brief antwortet auf das, was Du mir von der Annahme der +Prüfungen und Zerstörung der Götzenbilder sagst. Du siehst, daß ich ganz +wie Du denke und ich hoffe, daß ich zur Stunde kein allzu hemmendes +Götzenbild im Herzen trage. . . . + +Ich glaube, daß mein letztes Gebet in der Tat sehr einfach ist. Die +Eingebung des Ortes hätte ein Gewand von zu überladener Kunst nicht +geduldet. Gott war überall und überall Harmonie: die nächtliche Straße, von +der ich Dir oft erzähle, der Himmel voll Sterne, das Tal voll Murmeln der +Gewässer, die Bäume, die Kalvarien, die nahen oder fernen Hügel. Für etwas +Künstliches wäre kein Platz gewesen. Ich brauche nicht darauf zu +verzichten, Künstler zu sein; denn ich hoffe immer aufrichtig zu sein und +meiner Kunst mich nur zu bedienen, um damit eine Überzeugung zu schmücken. + +Den 5. Dezember, morgens. + +. . . . Wir treten aus unsern Höhlen heraus, und auf die drei Tage +klösterlicher Einschließung folgt der Morgen auf der weiten Ebene. Man kann +sich keine Vorstellung von dem Durcheinander machen. -- Dein hübsches +Viertelchen aus Aluminium entzückt jedermann. + +Ist's schlimm mit der Wunde von André? Die Mütter stehen furchtbare Angst +aus in diesem Krieg; doch immer mutig, nichts wird verloren sein! Ich für +mein Teil befinde mich wohl und bin so glücklich als es die Umstände +ermöglichen. + +Heute furchtbarer Wind, der wundervolle Wolken treibt. Kräftige Luft, mit +der die Baumäste sich gut abfinden. Alle vergangenen Abende herrlicher +Mondschein, den wir umsomehr zu schätzen wußten, als das Tageslicht uns +entzogen war. Teure Mutter, ich schreibe heute schlecht, weil wir durch das +Tageslicht wie betäubt sind, nach den Stunden in der Finsternis, aber mein +Herz eilt Dir zu und findet in Dir seine Stütze. + +. . . Laß uns an alles mit mutigem Sinn herantreten: laß uns immer und in +allen Dingen auf Gott vertrauen. Wie fühle ich mit Dir, daß man Ihn nur im +Geiste anbeten kann! Und mit Dir denke ich, daß man allen Hochmut meiden +muß, der ein Hohn auf die frommen Gebräuche der andern wäre. Unsere Liebe +soll ein der allgemeinen Vorsehung zugewandter Bund sein. Übergeben wir ihr +unser Los in einem beständigen Gebet. Gestehen wir ihr demütig unser +irdisches Hoffen und versuchen wir jeden Augenblick mit der göttlichen +Weisheit es zu vereinigen. Das ist eine Aufgabe, deren Schwierigkeit sich +jetzt offenbart, die aber auch unter den gewöhnlichen Lebensbedingungen +besteht. + +Sonntag, den 6. Dezember. + +Ich freue mich, Dich so standhaft dem Mute zugerichtet zu sehen. Wir +brauchen ihn oder vielmehr wir brauchen etwas, was schwer zu erlangen ist, +was weder Geduld noch allzustarke Zuversicht ist, sondern ein gewisses +Vertrauen in die Ordnung der Dinge, -- ein gewisses Vermögen, von jeder +Prüfung zu sagen, daß es so recht, ist. + +Unser Lebenstrieb bringt uns dazu, uns von den gegenwärtigen +Verpflichtungen frei zu machen, wenn sie zu grausam und häufig sind; aber +Du hast sehen können, wie auch ich die große Freude hatte es zu erfahren, +was Spinoza unter der menschlichen Freiheit verstand. Ein unerreichbares +Ideal, dem man trotzdem zustreben muß. . . . + +. . . Liebe Mutter, die Prüfungen, die wir annehmen müssen, sind lang; man +kann nicht sagen, daß sie eintönig sind; denn sie verlangen, trotz ihrer +gleichmäßigen Gestalt, einen stets erneuten Mut, halten wir zusammen, damit +Gott uns die Kraft und die Möglichkeit gibt, alles hinzunehmen! . . . + +Du weißt, was ich Religion nenne: was im Menschen alle seine Vorstellungen +vom Universellen und Ewigen, diesen beiden Formen des Göttlichen, +vereinigt. Die Religion, im gangbaren Sinne des Wortes, ist weiter nichts +als die Verbindung gewisser sittlicher und erzieherischer Formeln mit der +wunderbaren poetischen Gestaltung der kraftvollen biblischen und +christlichen Philosophien. Wir wollen niemanden verletzen. Bei richtiger +Betrachtung erscheinen mir die religiösen Formeln, so fremd sie auch den +Forderungen meines Intellektes sind, lobenswert und sympathisch, insoweit +sie ein Streben nach Schönheit und Form ausdrücken. + +Teure geliebte Mutter, hoffen wir immer; die Prüfungen sind mannigfaltig, +aber alles Schöne verbleibt. Flehen wir darum, es noch lange betrachten zu +dürfen. . . . + +Montag, den 7. Dezember. + + Vielgeliebte teure Mutter! + +Ich schreibe Dir in der Nacht . . ., übrigens ist um 6 Uhr morgens das +Soldatenleben in vollem Gang. Meine Kerze ist auf ein Bajonnett +aufgepflanzt und von Zeit zu Zeit bekomme ich einen Wassertropfen auf die +Nasenspitze. Meine Leidensgefährten versuchen ein trügerisches Feuer +anzuzünden. Der Aufenthalt in den Schützengräben verwandelt uns in Haufen +von Schlamm. + +Die allgemeine gute Laune ist wunderbar. So sehr sich die Kameraden nach +Hause zurücksehnen, sie ertragen nicht weniger heldenhaft die Wechselfälle +des Waffenhandwerks. Ihr Mut, unendlich weniger durchgeistigt als der +meinige, ist umso werktätiger und den Verhältnissen angepaßter; aber jeder +Vogel hat seinen Schrei, der meinige hat nichts von dem eines Kriegsvogels. +Ich bin froh, daß ich bei allen Stößen von außen innerlich mitgeschwungen +habe und setze meine Hoffnung darein, daß sie meine Seele gestählt haben. +So lege ich auch in Gott mein Vertrauen für alles, was er mir vorbehalten +will. + +Ich glaube mein künftiges Lebenswerk zu ahnen. Doch ich will aus dieser +Vorahnung keinen Schluß ziehen; denn ein jeder Künstler trug ein Werk in +sich, das das Tageslicht nicht gesehen hat. + +Mozart dachte daran, seinen Aufflug zu nehmen, als er dem Tode nahe war, +und Beethoven hat die zehnte Symphonie entworfen, ohne sich um die Kürze +der Zeit zu kümmern, die das Schicksal ihm übrig ließ. + +Die Pflicht des Künstlers ist, seine Knospen aufblühen zu lassen, ohne den +Frost zu fürchten, und vielleicht erlaubt es Gott, daß mein Bemühen in die +Zukunft weiterwirkt. Meine Versuche und Proben meiner Arbeit zeigen, +obgleich sie sehr einheitlich sind, noch etwas Kindliches, Stammelndes in +der Ausführung, das zu der wirklichen Höhe der Auffassung wenig paßt. Wie +mir scheint, wird meine Kunst erst in der Reifezeit meines Lebens sich voll +entfalten. Beten wir zu Gott, daß er mich dahin gelangen lasse. . . . + +Was Dein Herz anbelangt, so habe ich ein solches Vertrauen in Deinen Mut, +daß diese Zuversicht in dieser Stunde mein größter Trost ist. Ich weiß, daß +meine Mutter zu der Freiheit der Seele gelangt ist, welche das Wirken des +Weltalls zu betrachten uns erlaubt. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie +diese Weisheit nur Stückwerk ist, aber es heißt schon Gott besitzen, wenn +man ihn ahnt.[*] Die Zuversicht, die mir Deine Seele und Deine Liebe +verleihen, erlaubt mir an die Zukunft zu denken, unter welcher Gestalt es +auch sein mag. + +Den 9. Dezember. + +Liebe Mutter, in seinem reizenden Brief sagt mir P. L., daß er gerne seine +Philosophen gegen ein Gewehr vertauschen würde. Er hat sehr Unrecht. Einmal +ist Spinoza, der ihm zuwider ist, ein wertvoller Helfer in den +Schützengräben, und dann müssen diejenigen, die in der Lage sind, jede +Kultur und jeden Fortschritt auszunutzen, den Fortbestand des französischen +Geisteslebens sichern. Sie haben eine erdrückende Aufgabe, die viel mehr +Tatkraft verlangt als die unsrige. Wir sind von allem Zwang befreit. Ich +denke mir unser Leben wie das der ersten Mönche: eine harte, gleichmäßige, +von jeder äußeren Obliegenheit freie Regel. . . . + +Den 10. Dezember, in der wunderschönen Morgenstunde. + +Unser dritter Tag im Quartier bringt uns die liebliche Gabe eines +versöhnten Wetters. Die entfesselte Sintflut unseres Aufenthaltes in der +Feuerlinie beruhigt sich etwas und die Sonne zeigt sich schüchtern. + +[Fußnote *: Vergleiche Pascal in Le Mystère de Jésus: »Tröste Dich, Du +würdest, mich nicht suchen wenn Du mich nicht schon gefunden hattest.« (Der +Übers.)] + +Unsere seit zwei Monaten angenehme Lage muß sich notwendigerweise ändern. + +Da die Festigkeit der Stellungen den Krieg ins Endlose zu verlängern +drohen, wird der Angriff des einen der beiden Gegner die Bewegung in Fluß +bringen und die Ereignisse beschleunigen müssen. Ich glaube, daß die +Kriegsleitung diese Wendung der Dinge ins Auge faßt, und ich für mein Teil +wage es kaum, Dir zu sagen, daß ich mich über nichts beklage, was die +Gelegenheiten, Erfahrungen zu sammeln, vermehrt. + +Unser Leben, das zu einem Drittel plattbürgerlich ist, zu zwei Dritteln die +Gefahren einer chemischen Fabrik bietet, würde schließlich jede Empfindung +abstumpfen. Sicherlich werden wir nur ungern unsere Gewohnheiten aufgeben, +aber vielleicht waren wir eben zu sehr an eine gewisse Bequemlichkeit +gewöhnt, die auf die Dauer unmöglich wurde. + +Was mich betrifft, wird meine Stellung sich vielleicht verändern. Ich werde +wahrscheinlich meinen gewohnten Gang[*] aufgeben müssen, da ich als +Gefreiter vorgeschlagen bin, was mir einen ständigen Platz im +Schützengraben und andere Verwendung in der Feuerlinie anweisen wird. Ich +hoffe, daß Gott mich hierbei ebenso segnen wird wie bis jetzt. + +[Fußnote *: S. Brief vom 10. November, 11 Uhr. (D. Übers.)] + +. . . . Ich fühle, daß wir um nichts zu bitten brauchen. Wenn in uns etwas +Ewiges ist, was wir noch auf Erden betätigen sollen, so dürfen wir sicher +sein, daß Gott uns hier lassen wird, um es zu tun. + +Den 10. Dezember, 2. Brief. + +Glücklicherweise haben wir ein Gebiet, auf dem alles uns vereinigt, ohne +daß ein geschriebenes Wort nötig wäre. . . . + +Der Himmel wird wieder grau und kündigt einen feuchten Aufenthalt für +unsere zweiten und ersten Linien an. + +Der Tag geht zur Neige und die große Schwermut senkt sich auf alle Dinge. +Es ist die graue Stunde für alle, die in der Ferne sind, für alle +Soldatenherzen, die an das Heim zurückdenken und die Nacht über die Erde +kommen sehen. + +Ich gehe zu Dir und schon erwarmt mein Herz. Ich fühle Deine aufmerksame +Zärtlichkeit und die Weisheit, welche Deinen Mut beseelt. Manchmal scheue +ich mich, Dir immer dasselbe zu wiederholen; aber wie soll ich neue Worte +finden für meine arme, durch immer dieselben Wechselfälle hin und her +geworfene Liebe? Da wir bald von hier fortkommen, werden wir vielleicht +manche Andenken, die wir aufbewahrten, verlassen müssen; aber die Seele +darf sich nicht an Fetische festklammern. Unser Herz mag manchmal gewisse +Dinge benutzen, aber unsere Liebe kann ohne Amulett bestehen. + +Den 12. Dez., 10 Uhr (Postkarte). + +Lieblicher Tag im Regen. Alles steht gut in unsern Wäldern. In der Nähe hat +es furchtbaren Kanonendonner auf beiden Seiten gegeben. + +Deine Briefe vom 4. und 6. empfangen. Ich freue mich darüber. Es ist das +wahre Glück meines Lebens. Ich bin froh, daß Du C. . . . besucht hast. Ich +hoffe Dir ausführlicher zu schreiben. Nicht als ob es mir mehr als sonst an +der Zeit fehlte, aber ich durchlebe Tage, wo ich für die Schönheit der +Dinge weniger empfänglich bin. Ich strebe der wahren Weisheit zu. . . . + +Den 12. Dez., 7 Uhr nachmittags. + +Trotz der wechselnden Schönheit der Sonne und des Regens war ich heute für +das Schauspiel der Natur nicht empfänglich. Und doch war nie soviel Anmut +und Güte am Himmel. + +Die Landschaft mit dem Brücklein und seinem Reiter, von der ich Dir +erzählte, wurde von weicher Anmut unter der Pracht der Wolken durchdrungen. +Aber ich empfand nicht wie früher den Segen Gottes, als plötzlich ein +schöner, so schöner Baum zu meinem Herzen gesprochen hat. Er hat zu mir von +der stets lächelnden Schönheit, der Frische des Epheus, geredet, von der +herbstlichen Röte, von der winterlichen Schärfe der Zeichnung in den +Baumästen; da habe ich begriffen, daß eine Stunde in solcher Betrachtung +das ganze Leben ist, dem Dasein seinen Wert verleiht, neben dem alles +menschliche Erwarten nichts ist als ein böser Traum. + +Sonntag, den 13. Dezember. + +. . . . Ich ging heute nach einer erquickenden Nacht in diesen Wäldern +spazieren, wo vor nunmehr drei Monaten die Toten den Boden bedeckten, heute +breitete der Spätherbst seine Schätze aus und dieselbe Schönheit der +bemoosten Stämme redete zu mir, wie gestern, von ewiger heiterer Anmut. + +Es bedarf allerdings einer ungeheuren aber unerläßlichen Selbstüberwindung, +um zu begreifen, wie wenig die allgemeine Harmonie gestört wird durch die +Ereignisse, deren Anblick unser Empfinden gewaltsam erschüttern. + +Man muß durch Erfahrung erkennen, daß ein körperlicher Riß wenig bedeutet +und daß unser wahres Ich in dem Aufschwung der Seele liegt. + +Den 14. Dezember (bei herrlichem Wetter und wiedergewonnener +Seelenruhe). + +Wir sind jetzt wieder in unserem Abschnitt der Feuerlinie, aber an einer +Stelle, wo man den Kopf heben und die Anmut meiner teuern Maashügel +genießen kann, die eine zarte Beleuchtung aufheitert. + +Ich sehe über den Dörfern und den Obstgärten die Birken- und Tannenreihen. +Die einen färben ihr Baumskelett mit duftigem, weißgeädertem Violett, die +andern unterstreichen die Horizontlinie mit ihren satten Farben. + +Ich wurde innerlich gestärkt durch die wunderbare Lehre, die mir während +eines Marsches ein schöner Baum gegeben. Ach, liebe Mutter, alles an uns +kann untergehen, die Natur besteht darum nicht weniger herrlich und, was +sie mir in Augenblicken von ihren Gaben geschenkt, genügt, um ein ganzes +Leben zu rechtfertigen. Dieser Baum war wie ein Soldat! + +Du kannst Dir nicht vorstellen, wie viel die Wälder in dieser Gegend +gelitten haben: nicht sowohl durch Beschießung als durch das furchtbare, +für den Bau von Unterständen und unsere Heizung notwendige Abholzen. Und +doch mitten in dieser Verwüstung erzählte mir dieser Baum, daß für den Baum +und den Menschen Schönheit immer bestehen wird. + +Auch der Mensch gibt dieselbe Lehre: Sie ist schwerer in ihm zu entziffern, +ist aber schön, wenn man die wundervolle Lebenskraft dieser Jugend sieht, +deren Tatkraft durch die Ernte des Todes nicht vermindert wird. + +Den 15. Dezember, in der Frühe. + + Teure geliebte Mutter! + +Ich habe Deinen lieben Brief vom 9. erhalten, in dem Du von unserm Heim +erzählst. Ich bin glücklich zu fühlen, wie schön die Lebenskraft ist, die +rasch nach jeder Trennung, jedem Riß sich wieder einzurichten weiß. Ich bin +glücklich zu fühlen, daß meine Briefe in Deinem Herzen einen Wiederhall +finden. Oft fürchtete ich Dich zu ermüden; denn unser Leben, das in mancher +Hinsicht herrlich ist, ist das denkbar einfachste und bietet wenige +hervorstechende Ereignisse. + +Wenn ich mein Malerhandwerk ausüben könnte, hätte ich die schönsten +Gelegenheiten zum Sehen vor mir und würde über den umfassendsten Vorrat an +malerischen Eindrücken, den es geben kann, verfügen. Wenn ich aber versuche +Himmel, Bäume, Hügel und Horizont zu erzählen, gebrauche ich die Worte +nicht so feinfühlig wie die Farben und die unendliche Mannigfaltigkeit der +Bilder beschränkt sich in der Wiedergabe auf einige Grundformen, die, wie +ich fürchte, sich wiederholen . . . . + +Den 15. Dezember. + +. . . Man muß sich diesem eigentümlichen Dasein anpassen, das zugleich arm +an geistiger Tätigkeit und wunderbar reich an plötzlichen seelischen +Erregungen ist. Ich stelle mir vor, daß in unruhigen Zeiten, vor +Jahrhunderten, Männer, des überfeinerten Lebens überdrüssig, im Frieden des +Klosters die Betrachtung der ewigen Fragen aufsuchen und, wenn auch durch +die Drohung feindlicher Horden belästigt, dort eine Zufluchtsstätte finden +mochten. Ich stelle mir vor, daß unser Leben dem Leben dieser alten Mönche +gleicht, deren Dasein sehr kriegerisch war, die mehr als ich für den Kampf +geeignet waren. Unter ihnen konnten empfängliche Seelen Freuden genießen, +die ich heute wiederfinde. -- Ich erhalte heute einen rührenden Brief von +Frau M. . . ., deren Herzlichkeit ich liebe. + +Wechselndes, doch ergreifend schönes Wetter. + +Es ist unmöglich, mehr als wir getan, über die Haltung zu sagen, die wir +den Ereignissen gegenüber einnehmen müssen. Worauf es ankommt, das ist die +Ausführung. Sie ist nicht leicht; ich habe es dieser Tage erfahren, +obgleich keine neue Schwierigkeit meinem Bemühen, die Weisheit zu +erreichen, in den Weg trat. + +. . . Manchmal faßt man eine gewisse innere Unruhe, die an einem nagt, als +die Stimme eines wachsamen Gewissens auf. + +Den 16. Dezember. + +Hier in unsern Unterständen habe ich Dein kleines, leider arg zerknittertes +Skizzenbuch hervorgeholt und habe versucht, einige Linien des +Landschaftsbildes zu zeichnen. Die Kälte ließ mich aufhören und ich kehrte +unbefriedigt zurück; da hatte ich den Einfall einen Kameraden Modell stehen +zu lassen. Ich kann Dir nicht meine Freude schildern, als etwas dabei +herauskam! Ich glaube, daß meine kleine Bleistiftzeichnung mir geglückt +ist. Sie ist in einem Briefe fort für irgend einen »Schatz«. Es war mir ein +wahrer Genuß zu fühlen, daß ich meine Fähigkeiten nicht eingebüßt habe. + +Den 17. Dezember in einem neuen Quartier. + +. . . Gestern wurden wir von unsern Gewohnheiten herausgerissen, im +Augenblick, wo ich, nach drei Tagen vollkommener Ruhe, die Schützengräben +erster Linie verließ. Man hat uns einen Standort angewiesen, wo wir den 6. +und 7. Oktober zugebracht hatten. Man spürt in der Luft, daß Neues im Anzug +ist. Ich weiß nicht was daraus wird; doch die heitere Ruhe des heutigen +Tages gilt mir als eine gute Vorbedeutung für alles Kommende. + +Es gab die letzten Tage wunderbare Anblicke, die ich jetzt besser inne +werde, als in jenen wenigen Tagen der Niedergeschlagenheit. Es kam daher, +daß ich mich kleinlichen menschlichen Berechnungen hingegeben hatte. + +Ich schreibe Dir an einem Fenster, von dem aus ich die Sonne untergehen +sehe. Du siehst, daß es für uns immer Gutes gibt. + +3 Uhr nachmittags. + +. . . . Ich schreibe an diesem Brief weiter in der Dämmerung eines +einzigartigen Winters; der Tag schläft ebenso friedlich ein wie er +erwachte. Ich sehe die Wäscherinnen unter der Baumreihe, die sich an einem +Fluß entlang zieht; der Friede ist überall, ich glaube selbst in den +Herzen. Die Nacht bricht herein. . . . + +Den 19. Dezember, im Quartier. + +Lieblicher Tag, der um den Tisch herum seinen Abschluß findet. Stille. +Zeichnen. Musik. Ich denke mit Ruhe an die Länge der kommenden Tage, indem +ich sehe, wie rasch die vergangenen Tage verflogen sind. Die Hälfte dieses +Monates ist nun vorüber, das Weihnachtsfest kommt, während des Krieges. Für +mich heißt es nur noch, mich unsern Lebensbedingungen wirklich anzupassen, +dann mit Hülfe unserer Gemeinschaft zu einer Annahme der Dinge zu gelangen, +die einer höhern Ordnung angehört als die menschliche Tapferkeit. + +Den 21. Dez., morgens früh. + + Teuerste Mutter! + +Ich habe in meinen Briefen mit Offenheit von meinen Freuden gesprochen, +aber die Klippe des Glückes ist, daß unsere arme menschliche Natur stets in +Angst ist, es zu verlieren, ohne zu erkennen, daß erfahrungsgemäß die ewige +Ordnung immer ein neues Glück neben das alte Glück stellt. + +Ich für mein Teil brauche kein neues zu suchen. Ich muß versuchen, beide +Weisheiten zu vereinigen. Die eine, die menschlich ist, treibt mich dazu +an, für mein Glück zu sorgen, die andere aber lehrt mich, daß dieses +menschliche Glück eine gar zarte Blume ist. + +Man könnte sagen: Genießen wir die Freuden des Lebens, die ein unerbittlich +strenges Gewissen ausgewählt hat, aber erkennen wir, was sie alle +Vergängliches in sich haben. + +Ja, die heilige Schrift enthält die schönste und poetischste Philosophie. +Ich glaube, sie verdankt sie ihrem Zusammenhang mit den viel älteren +Philosophien. Bei Edouard Schuré[*] ist manches anfechtbar, was man aber +behalten muß, ist seine Deutungsgabe, die ihn durch alle Lehren hindurch zu +der unendlich fernen Quelle der menschlichen Weisheit zurückgehen läßt. + +Weißt Du, daß die so rührenden mythischen Bilder von einem »guten Hirten« +und der »Mutter Gottes«, welche in unsern Religionen so glückliche +Anwendung gefunden haben, alte Schöpfungen der menschlichen Symbolik sind? +Die Griechen hatten sie von geistigen Vorfahren erhalten und bei ihnen hieß +der gute Hirte Hermes Psychopompos, Hermes der Seelenführer. Ebenso ist die +Ahnfrau unserer Muttergottes, die große Demeter, die Mutter, die ein Kind +auf ihren Armen trägt. Man fühlt, daß alle Religionen, in dem Maße, wie sie +sich ablösten, die eine auf die andere immer denselben Schatz von Symbolen +übertragen haben, welche die ewig jugendliche, menschliche Poesie jedesmal +neu gestaltete. + +[Fußnote *: E. Schuré, Les grands initiés.] + +Den 23. Dez. (in der Dunkelheit). + +Welche Ironie! Ich hatte gestern diesen Brief angefangen, den ich +unterbrechen mußte. Das Wetter war herrlich, ist es übrigens ungefähr +geblieben. Aber wir haben unsere Feuerlinie wieder bezogen. Diesmal halten +wir das Dorf selbst besetzt, -- die hübsche Corotlandschaft, wie vor zwei +Monaten. Aber die Stellung unseres Vorpostens befindet sich in einem Hause, +an dem man jede Ritze verschließen muß, um seine Gegenwart dem Feinde zu +verbergen. So sind wir in einem Zimmer, in dem wir um neun Uhr morgens uns +der Illusion hingeben können, als feierten wir den heiligen +Weihnachtsabend. + +Dein lieber Brief, den ich kürzlich erhielt, hat mir viel Freude bereitet. +Es ist wahr, die Anmut und die göttliche Begeisterung sind zwei Ausdrücke +für denselben Begriff. + +Wenn Du einen Gang im Museum des großen Dichters Moreau[*] machst, wirst Du +ein Gemälde sehen, »das Leben der Menschheit«,[**] glaube ich benannt. Es +besteht aus neun Abschnitten, welche drei Reihen bilden, die heißen: _das +goldene Zeitalter, das silberne Zeitalter, das eiserne Zeitalter_. Darüber +ist ein Giebelfeld, von dem aus Christus diese Darstellung der Menschheit +beherrscht. Darin aber hat dieser große Künstler dieselbe Vorstellung wie +Du: jede der drei Reihen trägt den Namen eines Helden, Adam, Orpheus, Kain +und jede von ihnen umfaßt drei Stunden. Die Stunden des goldenen Zeitalters +heißen: _die Entzückung, das Gebet, der Schlaf_, während die Stunden des +_silbernen Zeitalters_ heißen: _die Begeisterung, der Gesang, die Tränen_. + +[Fußnote *: Das Musée Gustave Moreau in Paris, Rue La Rochefoucauld.] + +[Fußnote **: S. L'Art de Notre Temps: Gustave Moreau par Léon Desbairs +(Abbildung s. 101, L'Age d'Airain) Paris. La Renaissance du Livre. (D. +Übers.)] + +Die _Entzückung_ ist auch die _Anmut_; denn das Gemälde stellt Adam und Eva +dar, in der Reinheit ihrer Seelen, inmitten einer herrlichen Blütenpracht +in die Betrachtung der Gottheit versenkt. Nichts außer einer harmonischen +Natur hilft ihnen in ihrem Anflug zu Gott. + +Die _Begeisterung_, in seinem _silbernen Zeitalter_ ist wieder die_ Anmut_, +aber schon, durch menschliche Künstlichkeit gestört. Der Dichter Orpheus +sieht immer noch Gott, aber die Muse steht ihm zur Seite, das Symbol der +menschlichen Kunst ist schon geschaffen; und die Offenbarung der Gottheit +im Menschen, der _Gesang_ ist von Tränen, dem Schmerze begleitet. + +Den Kreislauf weiter verfolgend und die Entweihung des Menschen erreichend, +schildert Gustave Moreau das _eiserne Zeitalter_: Kain zur Arbeit und zum +Verbrechen verurteilt. + +Dieses Werk erzählt, daß die göttliche Stunde greifbar, aber flüchtig ist +und daß sie der gewöhnliche Zustand des Menschen nicht sein kann. Es +entschuldigt unsere Niederlagen. Die malerische Wiedergabe dieses Gedankens +ist zu buchmäßig, könnte mancher sagen; doch sie berührt die Seele derer, +die durch die Eishülle hindurch lesen wollen, unter der in der menschlichen +Wiedergabe jeder Gedanke erstarrt. Freilich war ein Rembrandt der +vollkommene geniale Dichter und zugleich der reine »Maler«. Geben wir zu, +daß unsere Zeit weniger Reichtum, eine seltenere Vielseitigkeit der +künstlerischen Begabung aufweist; erkennen wir aber zugleich die Schönheit +der Dichtung von Gustave Moreau an, deren Sinn Du in zwei Worten geahnt +hast. + + Dein Sohn. + +Den 24. Dez., in der Frühe. + +Unsern ersten Tag auf Vorposten haben wir in der ländlichen Ruhe einer +Landschaft verbracht, die den Schnee erwartete. Er ist im Laufe der Nacht +gekommen. In Hintergärten, dem Auge der Deutschen entzogen, habe ich mir +den Schnee angesehen, der die kleinsten Gegenstände zeichnet und adelt. +Dann kehre ich zum Talglicht zurück und nun schreibe ich Dir auf dem +Tische, auf dem ein Nachbar Schokolade schabt. Das ist der Krieg. + +Das Soldatenleben bietet lustige Überraschungen. Wir mußten in die +Feuerlinie kommen, damit zwei Unteroffiziere eine Badewanne finden und ein +Bad nehmen können. Ich für mein Teil begnügte mich mit der Hülse einer +75ger Granate als Wasserkrug. + +. . . . Ich will nicht von Geduld sprechen, denn ein großer Vorrat von +Geduld kann vor dem uns bekannten X versagen. Ich sage Dir aber, daß die +Zeit außerordentlich rasch vergeht. + +Wir verleben kindliche Tage, übrigens sind wir Kinder solchen Ereignissen +gegenüber, und die Wohltat dieses Krieges wird sein, daß er denen, die +zurückkehren, die Jugend des Herzens zurückgeben wird. . . . + +Liebe Mutter, unser Dorf hat wieder den Besuch von zwei Granaten erhalten. +Werden sie in Begleitung kommen? Gott behüte uns! Letzthin hatten sie uns +hundert und fünfzehn geschickt, um einen Mann am Handgelenk zu verwunden. +Ein Haus, in dem ein Halbzug unserer Kompagnie wohnt, steht in Flammen. Wir +sehen niemand sich regen. Wünschen wir, daß für unsere Kameraden alles gut +verläuft. + +Ich bin herzlich froh, diese paar Monate verlebt zu haben. Sie haben mich +gelehrt, was man aus dem Leben machen kann, in welcher Form es sich uns +auch zeigen möge. + +Meine Kameraden sind wunderbar in ihren Offenbarungen französischer +Eigenart. . . . Sie scherzen, aber ihr Scherz ist die äußere Hülle eines +herrlichen seelischen Mutes. + +Mein großer Fehler als Künstler ist, die Seele meines Volkes stets mit +einem schönen, mit meinen eigenen Farben bemalten Gewande kleiden zu +wollen. Diese Menschen gehen mir manchmal auf die Nerven, wenn sie mein +schönes Kleid beschmutzen; in Wahrheit würde es sie arg daran hindern, ihre +Pflicht zu erfüllen, wie sie es tun. + +Weihnachten in der Frühe. + +Welche einzige Nacht! -- Nacht ohne Gleichen, in der die Schönheit siegte, +in der trotz ihrer blutigen Verirrungen, die Menschheit die Wahrheit ihres +Bewußtseins bewiesen hat. + +Wisse, daß bei gelegentlichem Gewehrfeuer, ein Gesang ohne Unterbrechung +auf der ganzen Schützenlinie sich erhob! + +Uns gegenüber sang eine wundervolle Tenorstimme das Weihnachtslied des +Feindes. Viel weiter zurück, hinter dem Höhenzug, dort wo unsere Linien +wieder anfangen, antwortete die Marseillaise. Die wundervolle Nacht +verschwendete ihre Sterne und Meteore. Hymnen, Hymnen überall. + +Es war die ewige Sehnsucht nach Harmonie, der unbezwingliche Aufschrei nach +Ordnung in Schönheit und Eintracht. + +Ich für mein Teil habe meine Erinnerungen eingewiegt, indem ich die +köstlichen Melodien der _Kindheit Jesu_[*] wachrief. Die jugendliche +Schönheit, die Taufrische dieser französischen Musik rührten mich. Ich +dachte an den berühmten _Schlaf der Wanderer_ und den Chor der Hirten. Ein +Satz, den die Jungfrau Maria singt: »Der Herr hat für meinen Sohn diese +Stätte gesegnet«, ließ mein Herz erzittern. Die Melodie sang in mir, +während ich in diesem Häuschen saß, dessen Nachbar in Flammen steht und das +selbst einem recht kümmerlichen Schicksal geweiht ist. + +Ich dachte an alle mir gewährten Freuden, ich dachte, daß vielleicht in +dieser Stunde Du für mich um Segen flehst über meine Zufluchtsstätte. Der +Himmel war so schön, daß er mir eine günstige Antwort zu gewähren schien; +ich wünschte aber ganz besonders die Kraft zu besitzen, um eines +fortwährend zu flehen, um Weisheit zu jeder Zeit, eine Weisheit, die zwar +menschlich ist, aber trotzdem vor jeder Überraschung sicher ist. + +Jetzt überflutet die herrliche Sonne die Ebene, und ich schreibe Dir beim +Kerzenlicht, von Zeit zu Zeit gehe ich aber und betrachte sie von den +Hintergärten aus. Alles ist licht, und die verlassene Ebene empfängt den +Frieden von oben. + +[Fußnote *: »L'Enfance du Christ«, von Hector Berlioz.] + +Ich gehe in unser Zimmer zurück, wo im Dämmerlicht die Kupferbeschläge der +wundervollen Betten der Maasgegend und das geschnitzte Holz der Schränke +schimmern. Alles hat durch den schlechten Gebrauch, den die Soldaten davon +machen, gelitten, verschafft uns aber eine wirkliche Behaglichkeit. Wir +haben Bestecke gefunden, Tafelgeschirr und haben zwei Tage nacheinander +Schokolade in einer Suppenschüssel bereitet. Üppigkeit! + +O liebe Mutter, wenn mir Gott die Freude der Rückkehr gewährt, welche +Jugend hat mir diese außerordentliche Zeit wieder geschenkt! Wie ich meinem +lieben P. schrieb, führe ich hier das Leben eines Kindes unter so +schlichten Menschen, daß wenn auch sehr vereinfacht, meine Lebensart für +meine Umgebung noch recht umständlich ist. + +Teuerste Mutter, dieser sehr lange Krieg entwickelt unsere Fähigkeit im +Dulden auszuharren; ich habe aber das Gefühl, daß sich alles so +verwirklicht, wie es mir vorauszuahnen vergönnt war. Ich glaube, daß diese +langen Zwischenzeiten der Untätigkeit das geistige Werkzeug in mir werden +ruhen lassen. Wenn ich das Glück habe, es wieder benutzen zu dürfen, wird +es zwar einige Zeit brauchen, um sich wieder in Bewegung zu setzen, aber +welche neue Triebkraft wird es besitzen! Mein letztes Werk war reine +Gedankenarbeit und mein Ehrgeiz, den alles rechtfertigen kann, ist meinem +Gedanken mehr greifbare Form zu verleihen, je mehr er sich entwickeln wird. + +Sonntag, den 27. Dezember, 9 Uhr. 5. Tag in der Schützenlinie. + +Es scheint, daß die fürchterliche Stellung, die wir am 14. Oktober mutig +behauptet haben und die unmittelbar darauf durch unsere Nachfolger verloren +ging, wieder genommen wurde, mehr als 200 Meter, aber um den Preis von 100 +Mann, die kampfunfähig sind. + +Liebe Mutter, der Mangel an Schlaf nimmt mir den Verstand. Man bedarf zwar +wenig davon für den täglichen Gebrauch in diesem Dasein, aber ich hätte +gerne mit Dir geplaudert. Mein Trost ist, daß unsere gegenseitige Liebe +keinen Ausdruck braucht. + +Weniges mitzuteilen. Ich bin arg abgestumpft durch den gestrigen Tag, den +ich ganz im Dunkeln zugebracht habe. Dabei sah ich noch von meinem Platz +aus einen hübschen Baum am Himmel. + +Diesen Morgen sah ich in der lieblichen Dämmerung einen schönen +außerordentlich leuchtenden Stern. Ich hatte Kohlen und Wasser geholt und +auf dem Rückweg war dieser außerordentliche Stern immer noch sichtbar, +obgleich der Tag schon hell war. Mein Gefreiter, der mit mir von Strauch zu +Strauch unserm Hause zustrebte, sagte mir: »Weißt du, was das ist, dieser +Stern? Nun! es ist das Erkennungszeichen für die feindlichen Patrouillen.« +Es war so, und zunächst war ich über die Entweihung des Himmels empört; +dann aber, abgesehen von der sinnreichen Erfindung dieses Verfahrens, sagte +ich mir, daß dieser Stern für die armen Leute auf der andern Seite die +Richtung der Rettung bedeutete. Ich habe ihm weniger gezürnt. Er hatte mir +so viel Freude gemacht, daß ich mich entschloß, bei meinem ersten Eindruck +zu verbleiben. + +Den 30. Dezember. + +Gestern abend empfing ich Deinen Weihnachtsbrief. Vielleicht hast Du zur +Stunde, wo ich Dir schreibe, den meinigen vom selben Tag erhalten. Damals +genoß ich trotz der Gefahr die Schönheit der Landschaft, heute aber muß ich +Dir gestehen, daß sie mir einigermaßen vergiftet ist durch das, was man von +dem letzten Gemetzel erzählt. + +Den 26. hat man uns in unseren Kampfstellungen gelassen, die wir zu +gewöhnlichen Zeiten nur nachts besetzen. Wir wurden an diesem Tage in +unserer rein defensiven Stellung bevorzugt, nur daß wir der feindlichen +Beschießung ausgesetzt waren; aber zu unserer Rechten erhielt ein Regiment +unserer Division, das eine unserer schrecklichen Stellungen vom 14. Oktober +einnahm, einen furchtbaren Auftrag, dessen unglücklicher Ausgang mehrere +hundert Menschenleben gekostet hat. Hier in unserm großen Dorf, wo unsere +gute Wirtin, wie wir auch, die Opfer kannten, ist alles in Trauer. + +Am selben Tage. + +. . . . Nichts greift die Seele an. Die Angst mag freilich manchmal groß +sein, besonders die Vorahnung; aber die Fragen der Zukunft ordnen sich der +willigen Annahme des Gegenwärtigen unter. Das Wetter ist mild und die Natur +gleichgültig. Die Toten werden den Frühling nicht stören . . . . + +Und wenn einmal die Schrecken des Augenblicks vorüber sind, wenn man dann +sieht, welchen Platz die Erinnerungen an die Dahingeschwundenen einnimmt, +empfindet man ein fast süßes Gefühl bei dem Gedanken an das, was _wirklich_ +_besteht_. In diesen düstern Wäldern erkennt man, wie nichtig die Gräber- +und Leichenfeiern sind. Die Seele dieser armen braven Menschen braucht das +alles nicht. . . . + +4 Uhr. -- Ich vollende das vierte Bild; ein Leutnant meiner Kompagnie. +Entzückt! Der Tag geht zur Neige. Ich sende Dir mein stets mutiges +Gedenken, Hoffnung und Weisheit. + +Vom 3. Januar 1915. + +. . . . Gestern, nach der ersten Befriedigung, die ich empfand, als ich +mich von den groben Arbeiten befreit sah, habe ich meine Stückchen Tressen +betrachtet und fühlte mich zunächst erniedrigt; denn statt der gewaltigen +an keinen Titel geknüpften Überlegenheit, die mich aus jeder militärischen +Bewertung ausschloß, war ich eine untere Nummer in der Rangordnung +geworden. + +Aber sofort fühlte ich, daß, so oft ich meine roten Tressen ansah, ich +meiner sozialen Pflicht mich erinnern müsse, die mein Individualismus zu +oft vergißt. Ich fühlte, daß ich meine Seele auszubilden immer in der Lage +bin, von ihr nur eine unbedingtere Anspannung werde verlangen müssen. + +Den 4. Januar (abgeschickt den 7. Januar) in einem Minengang + +Ich schreibe Dir am Eingang eines unterirdischen Ganges, der unter die +feindliche Stellung führt. Mein kleiner Posten hat den Auftrag, für die +Sicherheit der Pioniere des Geniekorps zu sorgen, die einen schon ein +Dutzend Meter vorgedrungenen Gang graben, mit Balken stützen und festigen. +Um dorthin zu gelangen, stampfen wir im Schlamm bis zu den Schenkeln; aber +unsere acht Stunden Wache sind durch eine Erdschicht von mehreren Metern +geschützt. + +Ich habe sechs Posten, mit denen ich drei Tage lang ein Dasein von +Schlaflosigkeit und Entbehrungen teile. Das ist das Einweihungsfest meiner +neuen Stellung, aber ich bin froh, mich wieder ein wenig in den Prüfungen +vergangener Tage zu stählen. . . . + +Es könnte übrigens geschehen, daß mir das Amt, das ich in Vertretung +versah, in einigen Tagen nunmehr wirklich übertragen wird. Scheußliches +Wetter: und um das Unglück voll zu machen, habe ich einen ganz neuen Schuh +verbrannt und bin, wie die andern übrigens auch, in einem wahren Bad, aber +in vortrefflicher Gesundheit. + +Teuerste, ich will etwas schlafen gehen. + +Den 6. Januar, abends. + +Teure Mutter, wir sind jetzt wieder im Quartier nach zweiundsiebzig Stunden +ohne Unterbrechung und Schlaf, in einem namenlosen Sirup von Regen und +Schlamm. Ich habe verschiedene Briefe von Dir erhalten. Liebe, teuerste +Mutter, der letzte ist vom ersten. Wie ich sie liebe! Doch um Dir von allem +erzählen zu können, will ich zuerst ein wenig schlafen. + +Den 7. Januar, gegen mittag. + +Diesen abgebrochenen Brief vollende ich im Polizeiraum, von wo mein Halbzug +auf Wache zieht. + +Das Wetter ist immer scheußlich. Diese Verschiebung des ganzen Daseins ist +unerhört. Wir sind im Wasser, die Wände sind voll Schlamm, der Boden und +die Decke auch. + +Den 9. Januar. + +. . . . Mancher Trost fehlt mir in diesen Tagen wegen des Wetters. Dieser +entsetzliche Schlamm erlaubt nicht das Geringste zu schauen. Ich schließe, +indem ich innig unsere Liebe, den festen Glauben an eine Gerechtigkeit +anrufe, die höher ist als unsere menschliche. + +Liebe Mutter, Sendungen brauche ich tatsächlich nicht. Die Entbehrungen +sind augenblicklich anderer Art, doch immer Mut. Wenn man nur sicher wüßte, +daß die seelische Anstrengung Früchte tragen wird! + +Den 13. Januar, im Schützengraben, in der Frühe. + +Ich möchte, wenn Ihr an mich denkt, daß Ihr das Bild von solchen Menschen +wachruft, die alles verlassen hatten, Familie, Bekannte, Stellung in der +Gesellschaft, von Leuten, welche die nächsten Verwandten nur noch in der +Erinnerung kannten, von denen sie sagten: »Wir haben einen Bruder, der vor +langen Jahren sich von der Welt zurückgezogen hat, wir wissen nicht, was +aus ihm geworden ist.« Dann werde ich das Gefühl haben, daß auch Ihr jede +menschliche Form der Anhänglichkeit aufgegeben habt und werde mich frei +diesem Leben hingeben, das allen gewohnten menschlichen Beziehungen +verschlossen ist. + +Ich beklage mich nicht über meine neue Stellung, sie versenkt mich wieder +in Prüfungen, aber mit mehr Erfahrung und einigen Verbesserungen. Ich will +also fortfahren, so vollständig, wie es mir möglich ist, für den Augenblick +selbst zu leben; und das wird mir leichter werden, wenn ich fühle, daß Ihr +selbst Euch an den Gedanken gewöhnt habt, daß das Leben, welches ich +gegenwärtig führe, nicht vorübergehend zu sein braucht. + +Ich habe Dir nicht genug geschrieben, wie ich mich über die _Revue +Hebdomadaire_ gefreut habe. Ich habe darin Auszüge von Reden über Lamartine +wiedergefunden, die mich entzückt haben. Die Umstände führten ihn, den +Dichter, dazu, seiner Kunst nur noch einen winzigen Platz einzuräumen. Das +allgemeine Leben hat ihn umkreist und legte seiner großen Seele eine +unmittelbarere und stärkere Aufgabe auf, als sein Genie es erwartete. + +Den 15. Januar, im neuen Quartier, 12 Uhr 30 mittags. + +Wir haben keine Ahnung mehr von irgend einem Ausgang. Für mich ist die +einzige Richtschnur mein Gewissen. Wir müssen unser Vertrauen in eine +unpersönliche, von jedem menschlichen Vermittler unabhängige Gerechtigkeit +setzen, in eine trotz aller äußeren Schrecken nützliche und harmonische +Bestimmung. + +Den 17. Januar, nachmittags, im Quartier. + +Was soll ich Dir schreiben, an diesem Nachmittag eines seltsamen Januars, +wo der Schnee auf den Donner folgt? + +Unser Quartier bietet uns nennenswerte Bequemlichkeiten, besonders aber +eine berauschende Poesie. Stelle Dir einen See vor in einem von hohen +Hügeln beschützten Park, dann ein Schloß oder vielmehr ein vornehmes +Landhaus. Wir wohnen in den Nebengebäuden, aber ich brauche weder Tafelwerk +noch äußerste Bequemlichkeit, um das Traumleben, das ich seit drei Tagen +führe, zu vervollständigen. Gestern erhielt unsere liebenswürdige +Gesellschaft den Besuch von Sängern. Wir waren sehr weit entfernt von der +Musik, die ich liebe; aber die sentimentale und volkstümliche Romanze +ersetzte die edle Kunst durch das Feuer der Überzeugung bei dem Sänger. +Dieser Arbeiter, der ehrbare, ja moralische Lieder sang -- eine etwas +unreine Moral, aber immerhin eine Moral -- legte soviel Seele hinein, daß +der Klang seiner Stimme unsere Hauswirtinnen rührte. Das ist das +volkstümliche Ideal, ein wesenloses, rein negatives Ideal, das aber +schmerzvolle Monate mich gelehrt haben, mit Wohlwollen zu beurteilen. + +Ich lese eben, daß Charles Péguy am Anfang des Krieges gefallen ist.[*] Wie +viel Lücken hat der Tod in den Reihen der französischen Geisteswelt +gerissen! Was uns unfaßbar ist (was aber ganz natürlich ist), ist, daß die +bürgerliche Gesellschaft ihr gewohntes Leben weiterführen kann, während wir +in diesem Unwetter sind. Ich sah in einem Cri de Paris, der hierher +getrieben wurde, Programme von Konzerten. Welcher Gegensatz! Nun, liebe +Mutter, die Hauptsache ist, daß wir in einigen Stunden der Gnade Schönes +erkannt haben. Das Wetter ist entsetzlich, aber man fühlt das Kommen des +Frühlings. Nichts spricht augenblicklich von Hoffnung für den Einzelnen, +sondern von fester Zuversicht für die Allgemeinheit. + +[Fußnote *: Den 21. September 1914 bei Villeroy, zwischen Meaux und +Dammartin, während der Schlacht an der Ourcq. (D. Übers.)] + +Den 19. Januar. + +Seit gestern sind wir in unsern Stellungen zweiter Linie; wir sind hierher +gekommen bei herrlichem Schnee- und Frostwetter. Ein stürmischer Himmel, +rosa und entzückend, schwebte über einem traumhaften schneeweißen Wald, die +Bäume unten durchsichtig blau, oben braun in zarten Verästelungen, die Erde +weiß. + +Ich habe zwei Packete erhalten, in denen das _Rolandslied_ mir unendliche +Freude bereitet. Die Einleitung, die von dem Volksepos handelt, spricht +gerade von dem Mahâbhârata, das, wie es scheint, die Kämpfe der guten mit +den bösen Geistern erzählt. + +Ich freue mich über Deine so lieben Briefe. Was die Leiden betrifft, die Du +vermutest, in Wirklichkeit sind sie sehr erträglich. + +Was man aber bekennen muß, übrigens ohne Scham, ist, daß wir ein +bürgerliches Volk sind. Wir haben den Honig der Kultur genossen, einen ohne +Zweifel vergifteten Honig! Doch nein! Sicherlich ist dieses bequeme Dasein +harmonisch und der gewöhnliche Verlauf unseres Lebens soll nicht eine +Vorbereitung auf die Gewalttätigkeit sein, eine Gewalttätigkeit, die +vielleicht heilsam ist, in deren Mitte wir aber die in Friedenszeit geahnte +Ordnung nicht aus den Augen verlieren dürfen. + +Die Ordnung führt zum ewigen Frieden. Die Gewalttätigkeit bringt das Leben +in Umlauf. Unsere Zielpunkte sind Ordnung und ewiger Friede; aber ohne die +Gewalttätigkeit, welche den Vorrat an verwendbarer Energie entfesselt, +wären wir geneigt, die Ordnung als schon erreicht zu betrachten, eine +verfrühte Ordnung, die nichts weiter als Scheinleben wäre und das Kommen +der letzten Ordnung nur hemmen würde. + +Unsere Qualen kommen nur von der Enttäuschung, die uns diese Verzögerung +bereitet; aber die menschliche Geduld ist immer zu schwach, um das Kommen +der wahren Ordnung zu erwarten. Auf alle Fälle und trotz unserer Leiden, +wollen wir lieber nicht die Werkzeuge der Gewalttätigkeit sein. Es ist +ungefähr, wie wenn eine geschmolzene Masse zu schnell und in unrichtiger +Weise erkaltet; man muß einen neuen Guß vornehmen und die Masse nochmals +dem Feuer aussetzen. Das ist die Aufgabe der Gewalttätigkeit in der +menschlichen Entwicklung; aber diese nützliche Gewalttätigkeit darf uns +nicht vergessen lassen, was unser ästhetisches Bürgerleben an dauerhafter +Ordnung in Frieden und Harmonie errungen hatte. Unsere Qualen kommen gerade +daher, daß wir das nicht vergessen können. + +Den 20. Januar, früh morgens. + +Glaube nicht, daß ich mir den Schlaf rauben lasse. In dieser Beziehung ist +unsere Hygiene sehr unregelmäßig; bald schlafen wir drei Tage und drei +Nächte, bald ist es umgekehrt. + +Augenblicklich fängt die Natur wieder an, mir ihren Trost zu bringen. Die +fürchterliche Regenzeit wird durch schöne Kältetage unterbrochen. Wir leben +in einem schönen Frost- und Schneewetter, der harte Boden festigt unsere +Schritte. + +Mein bescheidener Rang bringt mir die Möglichkeit ein, mich etwas +abzusondern. Ich habe nicht mehr meinen schönen nächtlichen Gang, aber am +Tag erlaubt mir die Befreiung von dem Arbeitsdienst die Schönheit der Dinge +zu genießen. Gestern unvergeßlicher Sonnenuntergang. Ein Himmel wie Schaum, +in dem zarte, farbige Streifen sich zerfasern; unten die kalte Bläue des +Schnees. + +Liebe Mutter, es war ein Heimwehabend. Diese Verse, die mir so vertraut +sind, klangen friedlich an mein Ohr: + + Mein Kind, meine Schwester, + Denke, wie süß es wäre, + Dorthin zu gehen, mit Dir zu leben . . . + In dem Lande, daß Dir gleicht. + +Ja, die »_Aufforderung zur Reise_« von Baudelaire[*] zog durch den +entzückenden Himmel. Ach! ich war weit weg vom Kriege. Doch Rückschlag des +Irdischen; als ich zurückkam, wäre ich beinahe um mein Mittagessen gekommen +. . . + +Den 20. Januar, abends. + +Stete Ergebenheit. Anpassung an das Leben, das nicht rastet und sich um +unsere kleinlichen Forderungen nicht kümmert. + +Den 21. Januar. + +Jetzt sind wir wieder in unseren Stellungen in erster Linie. Der Schnee +folgte uns nach, leider aber auch das Tauwetter. Zum Glück verlangt unsere +jetzige Stellung nicht den schrecklichen Aufenthalt im Wasser der +Schützengräben. + +Wer wird die Anmut der Bäume im Winter schildern? Habe ich Dir gesagt, was +Anatole France darüber im Mannequin d'Osier[**] schreibt? Er liebt ihr +feingegliedertes Skelett und ihre innerliche Schönheit, die der Winter +vollkommener offenbart. Auch ich liebe den wundervollen Kontrapunkt ihres +Geästes mit den tausendfach verschlungenen Linien auf dem Grundton des +Himmels. + +[Fußnote *: Fleurs du Mal (Spleen et Idéal LIV. L'Invitation au Voyage).] + +[Fußnote **: Les arbres, pensa-t-il, prennent l'hiver une beauté intime +qu'ils n'ont pas dans la gloire du feuillage et des fleurs. Ils découvrent +la délicatesse de leur structure. L'abondance de leur fin corail noir est +charmante; ce ne sont point des squelettes, c'est une multitude de jolis +petits membres où la vie sommeille. (Le Mannequin d'Osier, S. 77.)] + +Von unserm Unterstand aus sehe ich unser Dorf; das Unglückliche zerfällt +und zerbröckelt immer mehr. Jeden Tag geben ihm die Granaten mehr den Rest. +Die Kirche ist auseinandergerissen, doch ihre zerstückelte Schönheit +verharrt trotz Allem. Das Dorf ist so hübsch zwischen seinen zwei zierlich +gezeichneten, köstlichen Hügeln versteckt! + +Wir hatten viel Glück in zweiter Linie. Das Schneewetter war wirklich schön +und gnädig. Gestern beschrieb ich Dir den Sonnenuntergang von neulich und +wie wir vorher in diese herrlichen Wälder gekommen sind . . . + +Den 22. Januar. + +. . . Ich habe Dir einige Verse geschickt; ich weiß nicht was sie wert +sind, sie haben mich mit dem Leben versöhnt. Dann war unser letztes +Quartier auch wirklich wundervoll reich an Gaben der Schönheit, über +Gestein fließendes Gewässer . . . Weite und klare Wasserspiegel in +Parkhintergründen, stehende Teiche, träumerische Alleen; das vermag die +rohe Gewalt nicht zu entweihen, heute Sonnenschein auf dem Schnee. Die +Schönheit des Schnees war tief erschütternd, wir hatten aber auch häßliche +Tage gehabt; Tage, wo man nichts als unerfreulichen Schlamm sieht. + +Es scheint, daß wir nicht in unser hübsches Quartier zurückkehren werden. +Offenbar ist etwas in Vorbereitung; denn der regelmäßige Verlauf unseres +Winterlebens hat ein Ende genommen. + +2 Uhr nachmittags. + +Herrliches Wetter, Vorbote des Lenzes; wir können es ausnutzen, da unser +jetziger Standort erlaubt, die Nase herauszustecken. + +Ich kann Dir heute nur schlecht schreiben, Dir nur den Ausdruck meiner +Liebe schicken. Dieser Krieg ist lang und ich kann nicht einmal von Geduld +sprechen. Meine einzige Freude ist, daß ich Dir oft, während fünf ein halb +Monaten, sagen konnte, daß nicht alles häßlich war. + +Den 23. Januar. + + -- --- -- + +. . . Ich für mein Teil habe keine Wünsche mehr. Wenn die Prüfungen +wirklich hart werden, begnüge ich mich damit, recht unglücklich zu sein, +ohne etwas anderes ins Auge zu fassen. + +Wenn sie nachlassen, dann fange ich an zu denken, zu träumen, und meine +teure Vergangenheit erscheint mir mit derselben fernen Poesie, die in +glücklichen Zeiten meine Träumereien fremden Ländern zuführte. Eine +liebgewonnene Straße, gewisse oft besuchte Gegenden tauchen plötzlich auf, +wie früher gewisse Melodien, gewisse Verse plötzlich traumhafte Inseln, +Märchenländer in mir erstehen ließen. Jetzt braucht es keine Verse oder +Melodien; die Lebendigkeit unserer lieben Erinnerungen genügt. + +Ich kann mir nicht einmal mehr vorstellen, wie ein neues Leben aussehen +könnte; ich habe nur die Zuversicht, daß wir Lebendiges schaffen. + +Für wen, für wann? darauf kommt es nicht an. Was ich weiß, was in meinem +tiefsten Innern feststeht, ist, daß die Saat französischen Denkens aufgehen +wird und das Geistesleben unseres Volkes unter den tiefen Wunden, die ihm +geschlagen sind, nicht leiden wird. + +Wer sagt uns, daß der Bauernbursche, der Kamerad des gefallenen Denkers, +nicht der Erbe seines Gedankens wird? Keine Erfahrung vermochte uns diese +herrliche Erleuchtung einzugeben. Der Sohn des Bauern, der einen jungen +Gelehrten, einen jungen Künstler hat fallen sehen, wird vielleicht das +unterbrochene Werk wieder aufnehmen; er wird vielleicht das Glied in der +Kette der einen Augenblick gehemmten Entwicklung sein. Das ist das wahre +Opfer: auf die Hoffnung verzichten zu müssen, Fackelträger zu sein. Für das +spielende Kind ist es schön, die Fahne zu tragen; dem Manne muß es genügen +zu wissen, daß die Fahne getragen wird, trotz Allem! Darin bestärkt mich +jeder Augenblick der erhabenen Natur. Jede Minute beruhigt mein Herz; die +Natur macht Fahnen aus dem ersten Besten. Sie sind schöner als diejenigen, +an die unsere kleinen Gewohnheiten sich anklammern. Fahnen der +Wissenschaft, Fahnen der Kunst, welche Flocke in der Luft käme euch nicht +gleich? Und immer wird es Augen geben, um die Lehren des Himmels und der +Erde aufzunehmen. + +Den 26. Januar. + +Dein lieber Brief vom 20. hat mich gestern abend erreicht. Du darfst es mir +nicht übel nehmen, wenn mir manchmal, wie in meinem Briefe vom 13., das +fehlt, was ich mich doch stets bemüht habe zu erwerben. Doch ich bitte Dich +zu bedenken, was ein junger Mensch in voller Schaffenskraft, empfinden muß, +in dem Augenblick, wo das Leben für ihn eine Zeit fortwährender Blüte sein +müßte, wenn man ihn entwurzelt und auf einen trockenen Boden verpflanzt, +auf dem ihm fast alles seiner gewohnten Nahrung fehlt. + +Nun denn! von dem Augenblick, wo nach dem ersten Riß das Leben ihn nicht +verlassen hat, bemüht er sich aus den dürftigen Säften seiner neuen Lage zu +schöpfen. Die Anstrengung ist groß und verlangt mitunter eine Anspannung +aller Kräfte, die für Erinnerungen und Hoffnungen keinen Raum läßt. Es ist +ein fortwährendes Streben nach Anpassung und ich erreiche sie, außer in den +Stunden der rasch unterdrückten Empörung, wo die Gedanken, die Handlungen +meines vergangenen Lebens, sich erheben, wie wenn ich sie nicht vergessen +hätte. Ich brauche dann meine ganze Kraft, um meine herzzerreißenden +Erinnerungen in der Ergebung in den gegenwärtigen Augenblick zu ertränken. + +Ich dachte an die schlimmen Stunden, die auch Ihr habt, und die Vernunft +war es, die mich Euch zu einer sehr unpersönlichen Auffassung unseres +Verhältnisses ermuntern ließ. Ich weiß, wie stark und auf diese Auffassung +vorbereitet Du bist. Doch Du hast recht, nehmen wir den Schmerz nicht +vorweg. Aber manchmal unterscheidet man nicht mehr deutlich wirklichen +Schmerz, der uns quält, von jenem, der kommen könnte. + +Merket wohl, _daß ich alle Hoffnung_ habe und daß ich auf einen Sieg der +Gnade zähle; aber vor allem bestrebt ein Künstler zu sein, bemühe ich mich +so viel Schönheit wie möglich zu gewinnen und so schnell wie möglich, da +ich die Frist, die uns vergönnt ist, nicht kenne. + +Den 27. Januar, nachmittags. + +Nach zwei -- wegen des Mangels an Stroh -- schlechten Nächten im Quartier +ist die dritte durch unsern plötzlichen Abmarsch in unsere Stellung zweiter +Linie unterbrochen worden. Dort habe ich endlich schlafen können. + +Herrliches Wetter, Frost und Sonne. + +Die weite Natur beginnt mich wieder zu umfangen und ihre jetzt mächtigere +Stimme stärkt mich. -- Aber, Teuerste, was für ein Riß im Leben! Seit +meiner Beförderung habe ich soeben Augenblicke erlebt, die in weniger +fürchterlicher Form an die Anfänge des Septembers erinnern, mit viel +Schönem dazu. Ich nehme dieses neue Leben an; aber kein Ausblick in die +Zukunft! . . . . . + +Den 28. Januar, in der Morgensonne. + +Das eiskalte strahlende Wetter hat das wundervolle an sich, daß es in +seinem weiten, klaren Himmel eine Pforte für die Poesie offen läßt. Was ich +Dir über dieses schöne Schneewetter sagen konnte, das kam aus einem durch +die siegreiche Schönheit gestärkten Herzen. + +Ich habe mit Freuden in den Zeitschriften, die Du mir geschickt hast, die +Abhandlungen über Molière, über das englische Parlament, über Martainville, +über die religiösen Fragen im Jahre 1830 gelesen. . . . . + +Habe ich Dir gesagt, daß ich durch die Zeitungen den Tod von Hillemacher[*] +erfahren habe. Dieser liebenswürdige Kamerad ist im Verlauf dieses +schrecklichen Krieges gefallen. + +[Fußnote *: Bewerber um den Rompreis der Ecole des Beaux-Arts im vorigen +Jahre.] + +Den 1. Februar. + +Teuerste Mutter, ich habe Deine lieben Briefe vom 26. und 27. erhalten: sie +geben mir neues Leben, wahrhaftig. Bis jetzt ist unsere Stellung erster +Linie -- diesmal in einem Dorfe -- durch eine völlige Ruhe begünstigt +worden, und ich habe wieder die beglückenden Stunden gekannt, wo die Natur +mich tröstete. Meine Stellung hat das Besondere, daß die Dienstarbeiten, +die ich verrichte, jetzt durch die Gefühle der Verpflichtung dem Ganzen +gegenüber nicht mehr durch die gefühllose Bestimmung der Dienstordnung +befohlen sind. + +Den 2. Februar. + +Liebe Mutter, ich schreibe an diesem Briefe im Quartier weiter, während die +außerordentliche Inanspruchnahme durch die sich häufenden Dienstarbeiten +die leeren Stunden füllt, welche die Schwermut trüben möchte. Ich komme in +die dunkeln Tage, wo das Nichts das letzte Ende aller Dinge zu sein +scheint, während alles in meinem Leben die reiche Fülle des Weltalls mir +bezeugte. Die Hingabe nicht an Einzelne, sondern an das gesellschaftliche +Ideal brüderlicher Zusammengehörigkeit, die ist es, die mich noch aufrecht +hält. Ach, welch herrliches Vorbild geben uns Christus und die Armen! +Dieser Gerechte, ein Aristokrat, hat durch den herben Ernst seiner +Lebensaufgabe das Grenzenlose der Pflicht der Nächstenliebe bewiesen und +vor allem gelehrt, daß man dafür keinen Dank verlangen soll . . . Ich +verdanke meinem Verkehr mit den Dingen und den Menschen die Beruhigung, daß +ich nichts vom Nächsten erwarte. So nimmt die Pflicht eine abstrakte, von +menschlichen Rücksichten befreite Form an, die das Gräßliche dieser Lage +verhüllt. + +Heute ein unerhört schöner Sonnenaufgang! Wieder ein Frühling, der naht +. . . Ich will Dir unsere drei Tage in der Feuerlinie erzählen. + +Schnee und Frost. Wir sind die Abhänge herunter, die zu unserer Stellung im +Dorfe führen. In diesem Augenblicke war die Nacht so schön, daß die +Soldaten davon gerührt waren. Ich werde Dir nie die feinen und doch +bestimmten Linien dieser Landschaft schildern können. Wie ließe sich diese +zarte, wie mit dem Grabstichel ausgeführte Zeichnung deutlich machen, die +sich mit den traumhaften Nebeln verbindet, über denen der Mond schwebt? +Während drei Tagen führte mich mein Nachtdienst in diese keusche Schönheit, +in diese Weiße hinein. + +Dunkle Verästelung der Bäume, zart wie Goldschmiedearbeit. Und trotz der +Einfarbigkeit, Halbtöne, rotbraune und blaue Halbtöne. + +Es gibt Stunden von solcher Schönheit, daß der nicht sterben sollte, der +sie umfängt. + +Ich war weit vor den ersten Linien und niemals fühlte ich mich geschützter. +Diesen Morgen, auf dem Rückweg, Sonnenaufgang, rosa und grün, auf dem rosa +und blauen Schnee; freie Aussicht auf ein Mosaik von Wäldern und +schneebedeckten Feldern; in der Ferne Hintergründe, in denen die Silbertöne +der Maas ersterben. O Schönheit, allem zum Trotz! + +Den 2. Februar. + +Nach endlos traurigen Tagen, plötzliche und flüchtige Ausblicke +philosophischen Gleichmutes. Pflicht, herbe, doch stärkende Trösterin. +Unerhörte Schönheit mancher Landschaftsbilder. + +Den 3. Februar. + + Teure geliebte Mutter, + +Soeben empfange ich im Quartier Deinen Brief vom 29. Namenloser Tag, ohne +greifbare Gestalt, Tag, in dem trotzdem der Frühling geheimnisvoll zu +quellen anfängt. Warme Luft in der Verlängerung der Tage; plötzliches +Erschlaffen, wie ein Vergehen in der Natur. Ach! wie süß wäre dieser +Schauer der Dinge losgelöst von diesem Sklavenleben; doch hier läßt die +Erschlaffung, die gewöhnlich den Frühling begleitet, die Last nur schwerer +empfinden. Liebe Mutter, wie glücklich bin ich, die Teilnahme aller in der +Ferne zu verspüren. Ach! es gibt doch noch zarte Regungen. + +Ich bin über die Zeitschriften entzückt, in denen ich in einem herrlichen +Artikel über Louis Veuillot[*] diesen Satz mir merkte: »O mein Gott, nimm +von mir die Verzweiflung und laß mir den Schmerz!« Ja wir dürfen die +fruchtbare Lehre des Schmerzes nicht verkennen und, wenn ich aus diesem +Kriege zurückkomme, werde ich eine ohne Zweifel bereicherte und veredelte +Seele zurückbringen. + +So habe ich denn mit Freuden Vorträge über Moliere gelesen und in seinem +Leben wie anderswo die Einsamkeit erkannt, in der die erhabenen Seelen +umherirren. Aber ich verdanke meinen alten Herzenswunden, daß ich nie mehr +durch die Schuld anderer leiden werde. Geliebte Mutter, morgen schreibe ich +Dir besser. + +Den 4. Februar. + +Gestern abend, als ich in meine Scheune zurückkehrte. Trunkenheit, +Streitereien, Geschrei, Singen und Geheul. So ist das Leben! . . . Heute +morgen aber, da mir das Erwachen nur diese Erinnerung zuführte, bin ich vor +der Zeit aufgestanden und habe meinen Freund den Mond wieder getroffen, die +große Nacht, die verflog und die Morgenröte, die sich meiner erbarmte! Der +gesegnete Frühlingstag vergoldet Alles und teilt seine Versprechungen und +Hoffnungen aus. -- Teuerste, ich denke über den Titel nach, den Tolstoi +gewählt hat: _Krieg und Frieden_. Früher glaubte ich, er wolle den +Gegensatz zwischen diesen zwei Zuständen wachrufen; heute aber frage ich +mich, ob er nicht diese zwei Gegensätze in dem Gefühl ihrer Nichtigkeit +vereinigt hat, ob nicht die Menschheit, sei es im Krieg oder im Frieden, +ihm in gleichem Maße zur Last war. Wir müssen freilich dem Bemühen gut zu +sein treu bleiben; aber unwillkürlich fassen wir diese Mahnung ähnlich wie +jene Maueranschläge auf: »Schonet die Tiere«. -- Wie wird inmitten der +täglichen Arbeit die Selbstprüfung hart! + +[Fußnote *: Der bekannte katholische Schriftsteller (1813--1883). (D. +Übers.)] + +Den 5. Februar. + +Schlaflose Nacht. Abscheuliche Rückkehr in die Scheune. Derartiger +Höllenlärm, daß die Gefreiten Klage führen mußten. Strafen. + +Am Morgen, Marsch, und zur Erholung in dieser Nacht, Arbeit. + + Teure, geliebte Mutter, + +Den 6. Februar. + +Nach der schlaflosen,[*] vielmehr weinroten Nacht im Quartier mußten wir +eine ganze Nacht Dienstarbeit leisten. Daher schlief ich bis zum +Augenblick, wo ich Dir schreibe. Der Schlaf und die Nacht sind die zwei +Zufluchtsstätten, wo das Leben noch einen Reiz bietet. + +[Fußnote *: Wortspiel »nuit blanche«, »rouge vinass«.] + +Liebe Mutter, ich durchlebe wieder die herrliche Legende von Sarpedon und +diese köstliche Blüte der griechischen Mythologie ist mir noch ein Trost. +Lies diese Episode der Ilias in meiner schönen Übersetzung von Lecomte de +l'Isle und Du wirst sehen, daß Zeus dem Schicksal gegenüber Worte +ausspricht, in denen das Gefühl des Unendlichen und Göttlichen so herrlich +erstrahlt wie in der christlichen Passion. Er leidet und sein väterliches +Herz kämpft lange; dann ergibt er sich in den Tod seines Sohnes. Aber +Hypnos und Thanatos werden ausgesandt, um den geliebten Leichnam zu +empfangen.[*] + +Hypnos, der Schlaf. Daß es soweit mit mir gekommen ist, dem jede Stunde des +Tages eine Lust war, den jeder Augenblick tätiger Arbeit von Stolz erbeben +ließ. Ich überrasche mich selbst bei dem Wunsche, weit weg von den mich +umgebenden Stürmen zu fliehen. + +Aber der schöne hellenische Optimismus erstrahlt immer noch auf den Schalen +des Louvre. Die beiden Genien geben Sarpedon die Unsterblichkeit nach +seinem körperlichen Tode und wahrlich, Schlaf und Tod steigern und +erweitern unsere menschliche Beschränktheit ins Unendliche. + +Thanatos: ein Geheimnis, dessen Grauen wir dem Mißverständnis verdanken, +welches der Genuß des Augenblickes uns im allgemeinen zu beseitigen +verhindert. Aber lies die feierlichen, friedlichen und ewigen Sätze +Maeterlincks in seinem Buche über den Tod und sieh, wie sie harmonisch +zusammenklingen mit unserer seelischen Erregung über die fürchterliche +Tragödie. + +[Fußnote *: Ilias XVI. Gesang. -- (D. Übers. )] + +Den 7. Februar. + + Teuerste vielgeliebte Mutter, + +Gestern Deinen herrlichen Brief vom 1. erhalten. Fürchte Dich nicht das zu +schicken, was Du für Plaudereien halten könntest. Deine Liebe, die +Gleichheit unserer Herzen zeigen sich deutlich in Deinen Briefen. Das ist +das einzige, was für mich gilt. Übrigens bringen sie mir tausend andere +Dinge von Bedeutung, Lebensfragen. + +Wir verleben Stunden erdrückender Arbeit, vor der mich meine Stellung +einigermaßen sichert. Aber für die Mannschaften gibt es Reihen von fünf +schlaflosen Nächten, von ähnlichen Reihen gefolgt. + +Den 9. Februar. + +Noch eine Oase, in der ich, dem Verschmachten nahe, wieder einmal den +Augenblick der Tröstung erreiche. Der leichte erfrischende Windhauch weht +noch einmal. Ich hatte das Glück, zum wachhabenden Gefreiten in einer +reizenden Gegend ernannt zu werden, wo ich Höchstkommandierender bin. +Entzückendes Frühlingswetter. Was soll ich Dir von dieser Landschaft +erzählen, deren mächtigen Pulsschlag ich nie so deutlich empfunden? Die +Stunden und Jahreszeiten folgen aufeinander mit einer solchen Sicherheit -- +unabwendbar -- einer solchen erhabenen Ruhe des Ganzen, daß derjenige, der +ihr Kommen erspäht, das Ungeheure der Urkraft ahnt. + +Oft schon hatte ich die Freude gekannt, den Frühling oder eine andere +Jahreszeit zu schauen, nie war es mir aber vergönnt, jeden ihrer +Augenblicke zu erleben. Wie erlangt man doch dadurch ohne Hilfe irgend +einer Wissenschaft eine zwar unbestimmte, aber doch unleugbare Anschauung +eines Unbedingten! + +Ein armer Mann, vielleicht ein genialer Gelehrter, erklärte, daß er unter +seinem Seziermesser Gott nicht gefunden habe. Wie ist doch dieses +Mißverständnis in einer so hochstehenden Seele verletzend! Was braucht man +ein Seziermesser, wenn das Entzücken und der Schauer unserer Sinne genügen, +um uns die ewige, alle Entwicklung bestimmende Ordnung begreifen zu lassen. +Der Dichter sieht die Jahreszeiten wie große Schiffe kommen, deren Rückkehr +er vorausberechnet. Mitunter verzögert sie der Sturm, bald aber kommen sie +trotzdem an und bringen die Düfte unbekannter Länder mit. Eine +wiederkehrende Jahreszeit scheint wonnige Gefühle mit sich zu führen, die +sie auf langer Fahrt gesammelt hat. Ach, liebe Mutter, könnten wir doch +noch einmal die Einsamkeit erleben! O Einsamkeit für die, die ihrer würdig +sind! Wie wird sie mitunter entweiht! + +Den 11. Februar. + +. . . Vielleicht ist es die herrliche Bestimmung und das Vorrecht unserer +Generation, Zeuge dieser entsetzlichen Ereignisse zu sein, aber um welchen +fürchterlichen Preis müssen wir es erkaufen . . . Dennoch: ewiger Glaube, +der alles beherrscht! Glaube an eine Entwickelung, eine unsere menschliche +Geduld übersteigende Ordnung. + +Den 11. Februar, 2. Tag in der vordersten Stellung. + +In diesen Augenblicken muß man in einer außerhalb des Menschlichen +liegenden Opferfreudigkeit seine Zuflucht suchen; denn es ist unmöglich, +über den Punkt, den wir erreicht haben, hinauszugehen. Gebt alles +menschliche Hoffen auf. Sucht etwas anderes, vielleicht habt Ihr es +gefunden. Ich für mein Teil fühle mich nicht würdig, etwas anderes zu sein +als eine Erinnerung. + +Ich habe versucht, im Schlamm einige Blumen zu pflücken. Behaltet sie zum +Andenken an mich. + +5 Uhr nachmittags. Trotz Allem Mut, Mut trotz Allem. + +Den 13. Februar, 4. Tag in der vordersten Stellung. + +Teuerste, nach der tränenreichen Empörung, die mich während dieser ganzen +Zeit erschüttert hat, vermag ich wieder zu sagen: »Dein Wille geschehe.« + +Und in dem Maße und der Ausdehnung meiner Fähigkeiten möchte ich derjenige +sein, der an der Möglichkeit seines Mitwirkens am Ausbau des Tempels nicht +verzweifelt. + +Ich möchte der Arbeiter sein, der weiß, daß sein Gerüst ohne Hoffnung auf +Rettung zusammenbrechen wird und der doch rastlos an dem Schmucke der +Kathedrale weiter meißelt. An dem Schmuck. Denn niemals werde ich große +Steinblöcke in die Höhe ziehen können. Es gibt übrigens Handlanger dafür. +Ja, es gelingt mir noch, die innere Ruhe wiederzufinden. + +Jene gleichmäßige Ruhe, die ich erflehte, habe ich zwar nicht; aber +manchmal erschaue ich den Schein jenes ruhigen Lichtes, in dem Alles, +selbst unsere Liebe, in neuer Gestalt erscheint und verklärt. + +Ich bin am Fuß eines steilen Hügels, dessen Linien die Natur harmonisch +gezeichnet hatte. Der Mensch hetzt den Menschen und bald werden sie auf +einander stürzen. Unterdessen schwingt sich dort die Lerche auf. + +Während ich Dir schreibe, erfüllt mich allmählich eine seltsame heitere +Ruhe, etwas außerordentlich Tröstendes, sei es menschliche Zuversicht, oder +eine höhere Offenbarung. Um mich herum schläft man. + +Den 14. Februar, 5. Tag in der vordersten Stellung. + +Um mich herum regt sich alles, wir übrigens auch. Je mehr das Unabweisbare +eine Form annimmt, lebt die Ruhe wieder in mir auf. Meine teure Landschaft +wird durch die scheußlichen Vorbereitungen geschändet: die Stille wird +durch die einleitende Beschießung zerrissen; dem Menschen gelingt es, für +einen Augenblick jede Schönheit zu verhüllen. Ich glaube, daß sie doch eine +Zufluchtsstätte finden wird. Seit vierundzwanzig Stunden fasse ich mich +allmählich wieder. + +Teure Mutter, meine Sehnsucht nach meinem Elfenbeinturm ist strafbar; was +man, nur zu oft, für einen Elfenbeinturm hält, ist ganz einfach der Käse +der Ratte, die Einsiedler wurde.[*] + +Möchte doch eine bessere Einsicht mich dazu führen, daß ich die Wohltat der +Erschütterung erkenne, die mich aus einer zu bequemen Freistätte +herausgerissen hat, und danken wir dem Verhängnis, das während einiger +seltenen aber unvergeßlichen Stunden aus mir einen Mann gemacht hat . . . + +Nein, ich führe keine Klage wegen dieser toten Jugend. Sie hat mich über +verschiedene Abhänge zu den Höhen geführt, wo manchmal die Nebel der +Erkenntnis zerreißen. + +[Fußnote *: Tour d'ivoire, von Sainte-Beuve auf A. de Vignys Weltflucht +angewandter Ausdruck. -- Vergl. La Fontaine. Fables VII, 3. Le rat qui +s'est retiré du monde. (Der Übers.)] + +Den 16. Februar. + +Ich habe soeben in den letzten Tagen Stunden erlebt, welche die großen, +allgemeinen, jetzt sichtbarer gewordenen Fragen zu entscheidenden +Schicksalsfragen für mich machten. Wir sind fünf Tage lang in der +Feuerlinie gehalten worden und wurden in einen sehr harten, durch den +fürchterlichen Schlamm noch erschwerten Dienst gezwungen. In dem Maße als +der Aufenthalt dauerte und ich den Kampf gegen die schreckliche Traurigkeit +meiner Seele fortsetzte, fühlten wir, wie die Lage sich verschärfte und die +Vorbereitungen sich häuften. + +Endlich teilte man uns mit, daß der Augenblick gekommen, das heißt, daß der +Befehl zum Angriff gegeben sei. Wir hatten nur noch einen oder zwei Tage +vor uns. Da habe ich Dir zwei Briefe geschrieben, den 13. und 14. glaube +ich, und wirklich, während ich schrieb, fühlte ich in mir ein solches +Vollgefühl, eine solche Seligkeit, daß sich daraus nur die Tatsächlichkeit +des Guten und des Schönen folgern ließ. Die Beschießung unserer Stellung +war äußerst heftig, aber nichts, was vom Menschen kommt, kann so oder +anders jenes ersticken, was die Natur zur Seele spricht. + +In der Nacht vom 14. zum 15. besetzten wir die Schützengräben, welche die +Maschinengewehre bestrichen. Die Erschöpfung der Mannschaften war derart, +daß der Angriff von einem andern Bataillon ausgeführt werden sollte. Wir +warteten also im nächtlichen Wasser und in der Kälte, als plötzlich die +Nachricht sich verbreitete, daß wir abgelöst würden. Aus welchem Grunde? +Ein Geheimnis. Kurz, da sind wir wieder in dem Dorfe, wo die Mannschaften +ihr armes Herz im Wein ertränken. Arm bin ich wieder in diesem Haufen +. . . + +Liebe Mutter, wenn es etwas Unbedingtes in dem Gebiet des menschlichen +Gefühls gibt, so ist es der Schmerz. Bis jetzt hatte ich nur in einer +angenehmen Bedingtheit verschiedener Empfindungen gelebt, zwischen denen +der Wert des Lebens, seine wesentliche Bedeutung verschwanden. Jetzt fühle +ich, was das Leben ist. Es ist das Werkzeug, welches den Weg der Seele dem +Unbedingten zu ausrodet. Aber ich habe weniger in dieser Zeit des Wartens +gelitten als durch gewisse Berührungen. + +Den 16. Februar, 9 Uhr abends. + + Teuerste, geliebte Mutter, + +Ich war bei Tisch, als man uns mitteilte, daß wir um Mitternacht aufbrechen +sollten. Ich war gewiß, daß es so kommen würde und die Gegenbefehle, die +den Angriff verzögert haben, hatten die Folge, uns einen Tagesmarsch von +vierzig Kilometern machen zu lassen, der zu den Anstrengungen der +Feuerlinie hinzukam. Als wir unsern Abschnitt in der Kampflinie verließen, +sah ich so viel Artillerie ankommen, daß ich wohl dachte, es gebe keine +Ruhe mehr. + +Hier aber erlangt man die Ruhe der Seele wieder. Man friert unter einem +sternenhellen Himmel. + +Den 19. Februar. Postkarte, mitten in der Schlacht geschrieben. + +Ein Wort nur. Wir sind in den Händen Gottes. Niemals, niemals haben wir +mehr vertrauensvolle Weisheit gebraucht. + +Der Tod wütet, aber er beherrscht uns nicht. Das Leben bleibt schön. Tote +oder verwundete Freunde gestern und vorgestern. Teuerste, die Post wird +wahrscheinlich große Verspätung haben . . . + +Den 22. Februar. + +Wir sind im Quartier nach der großen Schlacht. Diesmal habe ich alles +gesehen. Ich habe meine Pflicht erfüllt und die Teilnahme aller hat es mir +bewiesen. Aber die Besten sind gefallen. Grausame Verluste. Heroisches +Regiment. Ziel erreicht. Werde besser schreiben. + +Den 22. Februar, erster Tag im Quartier. + +Teure, vielgeliebte Mutter, ich will Dir die Güte Gottes und das Entsetzen +auf Erden erzählen. + +Die Seelenlast, welche ich seit ein und ein halb Monaten mit mir schleppte, +war der qualvolle Gedanke an das, was uns in diesen letzten zwanzig Tagen +erwartete. + +Wir sind den 17. auf den Kampfplatz gekommen; die umgebende Landschaft +hatte keinen Reiz mehr für mich; ich war ganz in der Erwartung des +Ereignisses. + +Um drei Uhr wurde der Sturm entfesselt: Sprengen von sieben Minengängen +unter den Schützengräben des Feindes; es war wie ein fernes Donnern. + +Dann machten die fünfhundert Geschütze einen Höllenlärm, während dessen wir +losgestürmt sind . . . + +Die Nacht brach an, als wir uns in den eroberten Stellungen festsetzten. +Die ganze Nacht war ich tätig, um für die Sicherheit unserer Truppen, die +bis dahin wenig gelitten hatten, Vorkehrungen zu treffen. Ich mußte weite +nächtliche Strecken zurücklegen, auf denen ich die Toten und Verwundeten +beider Parteien antraf. Mein Herz neigte sich über alle, ich hatte aber nur +Worte für ihren Jammer. + +Morgens wurden wir mit ernstlichen Verlusten bis zu unseren früheren +Stellungen zurückgetrieben; aber am Abend haben wir wieder angefangen: wir +haben von unseren eroberten Stellungen wieder Alles zurückgewonnen und auch +hierbei habe ich meine Pflicht getan. + +Ich bin vorgedrungen und habe den Säbel eines Offiziers, der sich ergab, in +Empfang genommen; dann habe ich die zu besetzenden Stellungen befestigt. +Der Hauptmann hat mich bei sich behalten und ich habe ihm den Plan unserer +Stellung entworfen. Er teilte mir mit, daß er entschlossen sei, mich im +Armeebefehl nennen zu lassen,[*] als er vor meinen Augen fiel. + +Dann habe ich während der dreitägigen fürchterlichen Beschießung auch den +Dienst der Versorgung mit Patronen eingerichtet und aufrechterhalten, wobei +ich fünf Mann verloren habe. Unsere Verluste sind entsetzlich, die des +Feindes noch schlimmer. Du kannst Dir nicht vorstellen, geliebte Mutter, +was der Mensch dem Menschen anzutun vermag. Seit fünf Tagen sind meine +Schuhe von Menschengehirn fettig, zertrete ich Leichen, stoße auf +Eingeweide. Die Soldaten verzehren ihr kümmerliches Essen an Leichname +angelehnt. Das Regiment hat sich heldenhaft benommen, wir haben keine +Offiziere mehr. Alle sind als tapfere Soldaten gefallen. Zwei gute Freunde, +von denen der eine für eines meiner letzten Porträts ein liebenswürdiges +Modell war, sind tot. Das war eine meiner fürchterlichsten nächtlichen +Begegnungen. Weißer, herrlicher Leichnam im Mondschein: ich habe in seiner +Nähe ausgeruht. Schönheit der Natur, die wieder in mir erwachte . . . + +Endlich nach fünf Tagen des Entsetzens, die uns zwölfhundert Opfer gekostet +haben, sind wir aus diesem Ort der Greuel zurückgezogen worden. + +[Fußnote *: »Citation à l'ordre de l'armée.«] + +Das Regiment ist im Armeebefehl genannt. + +Liebe Mutter, wer wird das Unerhörte der Dinge, die ich gesehen habe, +erzählen, wer wird aber von den sicheren Wahrheiten reden, die ein solcher +Sturm entdecken läßt? + +Pflichterfüllung, Selbstüberwindung. + +Den 23. Februar. + + Teuerste, geliebte Mutter, + +Zweiter Tag im Quartier, dann gehen wir wieder morgen an die Front. +Teuerste, ich kann Dir jetzt nicht schreiben. Nähern wir uns dem, was +unsterblich ist und halten wir uns Beide an das, was Pflicht ist. Ich weiß, +daß Euer Gedanke stets dem meinigen zueilt, und ich richte mein Auge nach +dem, was in Weisheit unser Glück ist. + +Seien wir mutig, ich unter allen diesen jugendlichen Toten, Du in der +Erwartung. Aber Gott ist über uns. + +Den 26. Februar, während eines herrlichen Nachmittags. + +Liebe Mutter, jetzt sind wir wieder auf dem Schlachtfeld. Wir haben die +Höhen bestiegen, auf denen es sich eher geziemen würde die Herrlichkeit +Gottes zu betrachten, als die Greuel der Menschen zu verdammen. Die +Leichen, die anfangs zahllos waren, verschwinden allmählich und seltene, +erdfarbene Unglückliche erregen von Zeit zu Zeit eine peinliche Begegnung. + +Die Verluste sind das, was man in den Tagesberichten »ernste« nennt. + +Ich kann Dir wenigstens sagen, daß unsere Soldaten durch ihre heldenhafte +Ergebung Bewunderung erregen. Alle beklagen diesen schändlichen Krieg, aber +die meisten haben die Empfindung, daß die Annahme einer schrecklichen +Pflicht das Einzige ist, was in diesem Augenblick die fürchterliche +Notwendigkeit Mensch zu sein rechtfertigen kann. + +Liebe Mutter, ich kann nicht zu Ende schreiben. + +Jetzt schläft die Ebene in Malven- und Rosatönen ein. Wie ist es möglich, +daß es Greuel gibt in dem Maße! + +Den 28. Februar, im Quartier. + +Teure geliebte Mutter und geliebte teure Großmutter, ich schreibe Euch, +indem ich kaum aus den furchtbaren Bildern des Schreckens heraustrete und +soeben dantische Stunden erlebt habe. Was Gustave Doré die Kühnheit hatte +durch den Text der göttlichen Komödie hindurch zu erschauen, ist in +Erfüllung gegangen in den mannigfaltigsten Formen, welche die Wirklichkeit +aufhäufen kann. + +Mitten unter den Anstrengungen, deren Wohltat es ist, uns unempfindsam zu +machen, habe ich genießen können, was unsere Qualen Nutzbringendes hatten. + +Den 24. abends, kehrten wir zu unseren Stellungen zurück, aus denen man die +ekelhaftesten Spuren zu entfernen bereits angefangen hatte, hie und da +blieben nur noch menschliche Körperteile zurück, welche sich bereits der +Farbe der Erde anglichen, zu der sie zurückkehrten. + +Das Wetter war schön und frisch, und die Höhe, die wir erobert hatten, +versetzte uns mitten in den Himmel hinein: die endlosen Flächen waren ein +einziges Leuchten. Oben erstrahlten die Sterne, unten die Röte der +Feuersbrünste; die schreckliche Beschießung, mit der die Deutschen uns +überschütten, verschwendete dieses Feuerwerk. + +Ich lag in einer Erdhöhle, von der aus ich dem Monde folgte, und erspähte +den Morgen. Mitunter ließ eine Granate Erde auf mich rollen und betäubte +mich, dann sank die Stille wieder auf die gefrorene Erde nieder. Ich habe +sie teuer erkauft, ich hatte aber Augenblicke einer Einsamkeit, die von +Gott erfüllt war. Ich glaube versucht zu haben, mich vollkommen den +militärischen Forderungen anzupassen; denn, wie ich es Dir geschrieben +habe, bin ich zum Sergeanten und für die Nennung im Armeebefehl +vorgeschlagen worden. Aber, meine teuerste Mutter, wie lang, wahrhaftig zu +lang ist dieser Krieg für Leute, die zweifellos eine Aufgabe zu erfüllen +hatten! Was Du mir von den Sympathien sagst, die ich in Paris zurücklasse, +freut mich; doch wird man mich nicht von hier zurücknehmen für eine bessere +Verwendung? Warum bin ich so aufgeopfert, während soviele, die mir nicht +gleichkommen, geschont werden? Und doch hatte ich etwas Gutes auf Erden zu +tun . . . Nun, da Gott diesen Kelch nicht von mir abwenden will, so +geschehe sein Wille! + +Den 3. März, im Quartier. + +Heute vierter Ruhetag, für mich fast Ferien. Etwas trübe Ferien, die an +gewisse Aufenthalte in Marlotte erinnern. Tage, die in den Versuchen +vergehen, der körperlichen und seelischen Ermüdung abzuhelfen und gewisse +allzu leere Zeiträume auszufüllen. Aber schließlich doch Ferien, eine Rast +vielmehr, die mir erlaubt die Eindrücke, deren Gewalt mein Inneres in +Verwirrung bringt, einigermaßen zu ordnen. + +Ich bin vor Allem durch den Lärm der Granaten betäubt. Bedenke, daß allein +von französischer Seite vierzigtausend uns über die Köpfe flogen, und von +deutscher Seite ungefähr ebensoviele, mit dem Unterschiede, daß die +deutschen mitten unter uns platzten. Ich für meinen Teil wurde auf einmal +von drei 305 mm Granaten begraben, ganz abgesehen von zahllosen +Schrappnells, die in der nächsten Nähe platzten. Du kannst Dir denken, daß +dadurch meine Denkkraft stark erschüttert ist. Endlich lese ich wieder. Ich +habe soeben in einer Zeitschrift eine Besprechung von drei neuen Romanen +gelesen und das hat zum großen Teil die Sorgen der Feuerlinie in mir +gemildert. + +Ich habe einen entzückenden Brief von André erhalten, der mein Nachbar sein +muß. Er denkt wie ich über unsere schreckliche Kriegsliteratur . . . . . . +Was sich in mir am frischesten entfaltet erhalten hat, ist vielleicht die +musikalische Improvisation. So hörte ich während dieser ganzen Nacht die +schönsten Symphonien mit vollständiger Orchesterbegleitung, und wisse, daß +diese Musik ihr Bestes der großen deutschen Musik verdankte. + +. . . Nach einem solchen Sturm kann ich mich nur dem angenehmen Gefühl +hingeben eben noch am Leben zu sein in der flüchtigen Märzsonne . . . + +Den 5. März, 6. Tag im Quartier. + +Ich hätte in mir die außerordentliche Feinfühligkeit aus der Zeit vor +diesen Prüfungen wiederfinden mögen, um Dir die Farben und Erscheinungen +des Dramas zu schildern, das wir eben durchlebt haben. Augenblicklich bin +ich noch in einem an sich ziemlich wohligen Zustand der Erstarrung, der +aber das Bild der Dinge in mir und meine Ausblicke in die Zukunft +einigermaßen verdunkelt. Ich kann mich nur bemühen, mich an die Erkenntnis +des Ewigen und Dauernden zu halten und vielleicht wird mir das gelingen. + +Und doch enthielten gewisse Ansichten von verwüsteten Feldern eine so +schöne, so edle, so abschließende Lehre, daß ich mit Dir die herrlichen, in +diesen vergangenen Tagen offenbarten Wahrheiten fühlen möchte. + +Wie friedlich ist der Tod in der Erde, und wie herrlich vollzieht sich die +Rückkehr in den mütterlichen Schoß, wenn man damit die menschliche +Kleinlichkeit der Totenfeiern vergleicht! Gestern noch konnte ich glauben, +daß diese armen verlassenen Toten ein Unrecht erleiden; nachdem ich aber in +V. . . . dem Begräbnis eines Offiziers beigewohnt habe, finde ich, daß die +Natur viel mehr Mitleid zeigt als die Menschen . . . + +Ja wahrhaftig, der Tod des Soldaten ist den natürlichen Dingen nahe. Er ist +aufrichtig schauerlich und will nicht über die allgemeine Gewalttätigkeit +hinwegtäuschen. Ich bin mehrmals an Toten vorbeigegangen, deren +allmähliches Verscharren ich beobachten konnte, und dieses neue Leben war +tröstlicher als der kalte und starre Anblick der städtischen Gräber. Wir +haben von unserem Aufenthalte im Freien, eine Frische der Auffassung, eine +Großzügigkeit in den Bewegungen und Gedanken gewonnen, die den Überlebenden +die Städte gräßlich und unnatürlich werden erscheinen lassen. + +Liebe Mutter, ich schreibe Dir ungeschickt Dinge, die ich prachtvoll +empfunden hatte . . . Laß uns in den Frieden des Frühlings und in die +Pracht des gegenwärtigen Augenblicks flüchten. + +Den 7. März, 10 1/2 Uhr. + + Teure vielgeliebte Mutter, + +Ich schmücke die Untätigkeit dieses Vormittags aus. Ich genieße die klaren +Gewässer der Maas, welche die Anmut der Täler und Gärten beleben. Die +Spiele des Wassers auf dem Untergrunde von Pflanzen und Steinen bieten +meiner Müdigkeit ein beruhigendes Schauspiel und erzählen das friedliche +Dasein dieses ansehnlichen von den Hauts de Meuse beschützten Fleckens. + +Die Kirche ist vollgestopft von Soldaten, die wie ich selbst die +unerschütterliche Anschauung eines Ideals haben, aber eine äußerliche und +weniger unmittelbare Offenbarung desselben verlangen . . . + +Ich begebe mich für etwa vierzehn Tage in Kost in jenes Haus, in dem vor +bald zwei Monaten unsere ausgelassene Bande ihre Sitzungen hielt. Heute sah +ich diese braven Leute weinen, als sie von den Toten und Verwundeten +hörten. Ich habe vor dem Abmarsch Deinen Schlafsack erhalten, der +vortrefflich ist. Ich bin sehr durch rheumatische Schmerzen geplagt, die +mir seit zwei Monaten manche Nacht im Quartier verderben. + +Liebe teure Mutter, Ruhe im Kasernenlärm, der jetzt unser Leben sein wird. +Da es hier nur Unteroffiziere gibt, sind wir Alle zu Dienstarbeiten +verpflichtet und ich werde wieder die Bekanntschaft des Besens und der +Lasten machen, übrigens hat man uns das vorhergesagt: wir sollen harte +Arbeit mit unsern Händen verrichten, damit wir andern befehlen können. + +Den 7. März, zweiter Brief. + +Mildes Wetter nach dem Regen. Glockengeläute in den Abend hinein; die +fließenden Gewässer singen unter den Brücken und die Bäume schlafen ein. + +Den 11. März. + + Teure geliebte Mutter, + +Ich habe Dir nichts von meinem mit körperlicher Arbeit ausgefüllten Leben +zu erzählen. Kaum wird von Zeit zu Zeit ein Bild in mir wach, ersteht eine +Erinnerung. Ich bleibe regungslos und zerschlagen. Ich habe eben einen +schönen Aufsatz von Renan über den Ursprung der Bibel gelesen. Ich fand ihn +in einer Revue des deux Mondes vom März 1886. Wenn ich etwas davon behalten +kann, so wird es mir helfen einige Ordnung in meine recht zusammenhanglosen +Kenntnisse über diese Fragen zu bringen. + +Ich bin etwa, wie wenn ich mich von einem Nervenfieber erholte. Was mir +Freude macht, sind die Gewässer. Die fließenden und stehenden Gewässer der +Maas. Die Quellen spielen über den Gräsern und Steinen. Die Teiche ruhen +unter den großen Bäumen aus. Wasserfälle und Bäche. Auf den +steilabfallenden Abhängen nimmt der Schnee einen träumerischen Glanz an. +Ich lebe in allen diesen Bildern, ohne ihnen eine bestimmte Form zu geben. +Ich schäme mich etwas, so stumpfsinnig zu sein, glaube aber, daß es Allen +so ergehen wird, jedesmal, wenn man sich von der Hölle der Feuerlinie +entfernt. Ich esse und schlafe, wenn mein gräßlicher Hexenschuß es mir +erlauben will. + +Verzeih mir, wenn ich so tief unter mir selber stehe. Ich bin wie meines +innern Haltes beraubt. Nun meinetwegen . . . + +5 Uhr Nachmittags. + +Ich komme ziemlich müde von der Übung zurück, die herrliche Luft der Maas +erhält mich aber immer gesund. + +Liebe Mutter, ich möchte wieder mit aller Kraft dem Schönen und Edlen +zustreben. Ich möchte immer in mir die Begeisterung verspüren, die mich den +Schätzen des Lebens zutriebe. Doch augenblicklich ist mein Denken schwer +wie Blei . . . + +Den 14. März, morgens, im sonntäglichen Frieden. + +Teure geliebte Mutter, endlich erreichen mich Deine lieben erfrischenden +Briefe, nach Tagen der Entbehrung, wodurch ich notwendigerweise den +tatsächlich großen Genuß erkauft habe, hier ausruhen zu dürfen. Der hübsche +Flecken erwacht in den Nebeln der Maas; der Bach eilt über die +abgewaschenen Steine dahin. Alles hat die feine maßvolle zierliche Art, die +das Merkmal der Gegend ist . . . + +. . . Ich lese etwas, bin aber durch die körperliche Anstrengung, zu der +man uns anhält, derart ermüdet, daß ich fast sofort einschlafe. Man läßt +uns eine Unzahl Schützengräben herstellen. + +Liebe Mutter, um auf die außerordentlichen Ereignisse der letzten +Februartage zurückzukommen, so muß ich Dir wiederholen, daß ich daran wie +an ein wissenschaftliches Experiment zurückdenke. Ich hatte meine +Vorstellung von der Gewalt in eine theoretische Formel gebracht und hatte +ihre Aufgabe in der Welt erraten. Es war mir aber vergönnt gewesen, ihre +praktische Wirkung nur in unendlich abgeschwächten Fällen zu beobachten. + +Diesmal nahm die Offenbarung der Gewalt einen Umfang an, vor dem meine +Aufnahmefähigkeit in vollem Maße sich betätigen mußte . . . Nun, es war +interessant, und ich muß Dir gestehen, daß ich in diesem Augenblick niemals +von einer kalt und objektiv beobachtenden Haltung abließ. Was ich +persönliches bewahrt hatte, war eine gewisse Empfänglichkeit des Auges, die +mich befähigte, gewisse Bilder in mich aufzunehmen, deren ergreifende +Wirkung sich unmittelbar in ebenso »künstlerischer Weise« zusammenfügte, +wie jede andere menschliche Zusammenstellung. Aber im allgemeinen habe ich +in diesen Augenblicken, nie die Absicht aufgegeben zu sehen, »wie es +gemacht ist«. + +Ich bin sehr froh festzustellen, daß die Mordlust keine Macht über mich +gewonnen hat. Und ich wünsche, daß es auch so bleiben möge. Leider hat +diese Berührung mit der deutschen Rasse für immer meiner guten Meinung von +ihr geschadet. Allerdings kann ich es nicht über mich bringen, in mir eine +gewisse Rührung und ein menschliches Empfinden zu unterdrücken, die +unangebracht sind, wenn sie, wie bei diesem Anlaß, mich zum Opfer eines +arglistigen Feindes machen, aber ich gelange dazu zu dulden, was ich früher +als die Schande und Verneinung des Lebens betrachtet hätte. + +Ich habe den Franzosen im Kampfe gesehen. In der Schlacht ist er +fürchterlich, und nachher großherzig; daß ist ein Ausspruch, ein gar +vollklingender Gemeinplatz, auf dem unsere größten Schriftsteller, wie das +bescheidenste unserer Schulkinder herumgetreten sind; weiland mein +dekadenter Intellektualismus findet keinen besseren Ausdruck beim Anblick, +welchen die französische Seele gewährt. + +Den 14. März 1915. + + An Madame de L. . ., + +Meine Mutter hat mir die Prüfung erzählt, die Sie soeben wieder betroffen +hat; wahrlich, das Leben lastet schwer auf gewissen Seelen. Ich kenne Ihre +Stärke und weiß, daß Sie nur zu sehr an den Schmerz gewöhnt sind; wie sehr +aber hätte ich gewünscht, daß dieser Ihnen erspart sein möge! Meine Mutter +sagte mir, daß man ohne Nachrichten von dem Obersten B . . . sei, und sie +war unruhig . . . Wir haben eine einzige Besorgnis, den Schmerz unserer +Angehörigen. In dem Anblick des Soldaten, der fällt, ist eine große, ewige +Lehre enthalten, die uns panzert und wir möchten sehen, daß auch die, die +uns teuer sind, aus ihr Nutzen ziehen. Seien Sie versichert, daß das +Beispiel des Obersten herrliche Früchte tragen wird. Ich kenne aus eigener +Erfahrung den Heroismus, der den Soldaten verklärt, dessen Führer gefallen +ist. + +Für mich waren diese Tage reich an tragischen Ereignissen. Ich habe +gewaltsame Stunden erlebt, während welcher ich mich bemüht habe, meine +Pflicht zu tun. Ich habe alle meine Vorgesetzten fallen sehen, die Reihen +in meinem Regimente wurden gelichtet. Für den, der in dem Feuerschlunde +ist, gibt es kein menschliches Hoffen mehr. Ich gebe mich Gott hin und +bitte ihn nur, mich in einem Seelen- und Herzenszustand zu erhalten, der +mir erlaubt in seiner Schöpfung Alles zu genießen, was der Mensch nicht zu +verunstalten und zu verdunkeln vermochte. + +Alles andere ist außer Verhältnis zu den Ereignissen. + +Den 15. März (Karte). + +Teure geliebte Mutter, ich denke Du weißt jetzt, welche Gnade mir zu Teil +wurde, als ich zu meinem Zuge mich begab. Was mir auch Gott in Zukunft +vorbehalten mag, diese Rast hat mir erlaubt, mich wieder zu fassen, mich +selbst wiederzufinden und mich auf die Annahme von Allem vorzubereiten. Ich +sende Dir meine Liebe und den Ausdruck unserer innigen Vereinigung dem +Geschick gegenüber. + +Den 17. März. + +Lieblicher Morgen. Weiße Sonne, die sich in Nebel hüllt, Bäume in scharfem +Umriß auf den Höhen, die weite Ausdehnung im Licht. Bevorzugte Tage. +Neulich, da ich eine alte Nummer der Revue des deux Mondes von 1880 las, +trat ich in einen schönen Aufsatz ein wie in einen lichten Palast mit +prächtigen Gewölben, reich geschmückten Wänden. Er handelte von Ägypten und +war George Perrot gezeichnet. + +Gestern verließ mein Bataillon in Eile sein Quartier. Ich muß zu meiner +Ausbildung als Sergeant zurückbleiben. Wie bin ich für diese übrigens +beschwerliche Wartezeit dankbar, die mich das wiederfinden läßt, woran ich +am meisten halte, einen hellen Geist und ein für die Natur offenes Herz. + +Ich vergaß Dir zu erzählen, daß ich damals während des Sturmes am Abend die +Kraniche zurückkommen sah. Eine kurze Ruhepause erlaubte mir ihren Schrei +zu hören. Wie lange ist es schon her, daß ich sie fortziehen sah! Ich +erinnere mich ihres Wegfluges am Beginn des Winters und dann wurde es noch +trostloser. Diesmal waren sie für mich wie die Taube der Arche, nicht als +ob ich mir die noch bleibende Gefahr verhehlte; aber diese Boten der Luft +brachten mir die sichtbarere Zuversicht in die Ruhe des Weltalls, gegenüber +unserer eigenen Aufregung. Gestern waren es die Wildgänse, die ihren Flug +gegen Norden nahmen. Sie bildeten am Himmel verschiedene Flugstellungen, +und zeichneten regelmäßig Figuren; sie verschwanden am Horizont wie ein +flatterndes Band. + +Ich weiß das Urteil von Herrn C. außerordentlich zu würdigen. Ich hatte von +jeher schriftstellerische Neigungen, schon als Kind, und bedaure, daß die +abgebrochene Bildung, die ich mir selbst gegeben habe, soviele Lücken +aufweist; aber durch alle Wechselfälle hindurch bewahre ich die Fähigkeit +rechts und links die gefallenen Ähren zu lesen. Da ich nichts von der +Zukunft vorweggenießen möchte, rede ich natürlich nicht von dem Wunsche +Herrn E. in besseren Zeiten vorgestellt zu werden, das gehört nicht in +unser Fach, augenblicklich. + +Ich habe Frau L. . . geschrieben. Das ist für sie der letzte Schlag. +Gewissen Lebensschicksalen ist es beschieden, die Medaille zu sein, in die +alle Zeichen des Schmerzes sich einprägen. Das Unglück hat sie derart +bearbeitet, daß sie nichts mehr haben, worauf eine Freude sich einzeichnen +könnte. + +Ich denke mir aber, daß eine so ausschließliche Einstellung eines Lebens +auf den Schmerz einen geheimnisvollen Ausgleich findet im Gefühl, daß man +alles Unglück ausgeschöpft habe. Es heißt viel, wenn man die Grenze des +menschlichen Elends bezeichnet. Solche Schicksale erscheinen wie +Schildwachen, welche die Andern gegen die Schläge eines feindlichen +Geschicks beschützen . . . + +Jeden Tag sehe ich ein neues Kreuz in dem kleinen Soldatenkirchhof. Und +über Allem der siegreiche Frühling . . . + +Den 20. März. + +Unsere Ferien gehen ruhig ihrem Ende zu, während unweit Lärm und +Blutvergießen herrschen. Ich glaube das Regiment hat sich wieder gut +gehalten. + +Den 20. März. + + Teure geliebte Mutter, + +Nach soviel Gnadenbeweisen sollte ich mehr Vertrauen zeigen und will mich +bemühen, mich Gott hinzugeben, aber die Zeiten sind hart. Ich erfahre unter +vielen andern, den Tod eines Freundes mit dem ich im Quartier ein Bett +teilte. Er war vor kurzem zum Unterleutnant ernannt worden. + +Liebe Mutter, Liebe. Das ist das einzige menschliche Gefühl, das man noch +bewahren darf. + +Den 21. März. + +Liebe Großmutter, da die Zeiten der Prüfungen nahen, will ich Dir all meine +Liebe senden, mehr kann ich nicht tun. Die Lage erfordert wahrscheinlich +Opfer, vor denen wir nicht mehr an das denken dürfen, was uns festhielt. + +Laßt uns darum beten, daß der feste Glaube an das Schöne und Gute mitten +unter den Schmerzen uns nicht verlasse. + +Den 21. März, Sonntag, bei der schönsten Sonne. + + Teure geliebte Mutter, + +Ich glaube, es ist die Rede davon, uns noch einen Tag zu behalten, so daß +wir erst Dienstag abmarschieren würden. Ich weiß nicht, wo ich mein +Bataillon wiederfinden werde und in welchem Zustande, denn der Kampf +scheint außerordentlich hart zu sein und zieht sich hin. Die Nachrichten +sind sehr widerspruchsvoll, was die Gewinne betrifft. Was die Zahl der +Opfer betrifft, stimmen alle darin überein, daß sie sehr bedeutend ist. Wir +hören sehr starken Kanonendonner und das schöne Wetter wird wohl die +Kriegsleitung auf beiden Seiten dazu bewegen, die Entscheidung zu +beschleunigen. + +Ich hätte Dir gern manches erzählt von der schönen Landschaft, die mich mit +ihrer Herrlichkeit umgibt, aber wahrhaftig, meine Gedanken sind dort, wo +die Sonne die Menschen nicht zu ihrer Anbetung vereinigt, sondern nur den +Haß beleuchtet, wo die Nacht nur Angst und Verrat mit sich bringt. Neulich +in der herrlichen Ausdehnung dieser Landschaft, die sich dem Frühling +darbot, dachte ich an die Freude, die ich empfand, ein Mensch zu sein. Und +nun ein Mensch sein . . . + +Unser benachbartes Regiment, das von R. L. . ., ist mit Kompagnien, die nur +vierzig Mann zählten, zurückgekommen. + +Ich wage nicht mehr von Hoffnung zu sprechen . . . was man als Gnade +erflehen kann, ist, Alles Schöne, was der Augenblick bieten kann, +ausschöpfen zu dürfen. + +Das ist eine neue Art »sich auszuleben«, an die die Literatur bis jetzt +nicht gedacht hatte. + +Liebe Großmutter, wie hat mich Deine zärtliche Liebe in diesen Prüfungen +gestärkt! + +Den 22. März. + +Glühende Sonne, vor der man sich staunend sagt, daß man im Krieg steht. Der +Frühling ist sieghaft eingezogen. Er hat die Menschen mitten im Hasse, +mitten in der schmachvollen Beleidigung der Schöpfung überrascht. +Glücklicherweise verschweigen die Tagesberichte, das was vergänglich ist. + +Da ich mich jetzt für einundzwanzig volle Tage weit hinter der Front +befinde, habe ich Mühe mich wieder an das grauenhafte Bild dort zu +gewöhnen. Aber ich weiß, liebe Mutter, daß mein Leben und Deines nur ein +Ziel hatten und daß wir, selbst in der letzten Zeit, uns bemüht haben uns +demselben zu nähern. So wird unser Leben vielleicht nicht zwecklos gewesen +sein. Das ist heute der einzige Trost für eine ehrgeizige Seele, daß sie +vorausahnt, in welcher Richtung ihr Wirken einen Wiederhall finden wird. + +Ich glaube, daß, wenn es mir vergönnt gewesen wäre, länger zu leben, ich +nie mein Streben unterbrochen hätte. Da ich aber keine andere Gewißheit +habe als die der gegenwärtigen Stunde, habe ich versucht, das Beste meines +Selbst darauf zu verwenden. + +Den 25. März. + + Teure geliebte Mutter, + +Jetzt führe ich wieder mein Höhlendasein. Ich habe den Platz +wiedergefunden, den ich im vergangenen Monat verlassen hatte. Während +meiner Abwesenheit ist nichts geschehen: ein furchtbarer Angriff ist +unsererseits unternommen worden, hat aber zu keiner Entscheidung geführt. +Man hatte Regimenter angreifen lassen, die weder unsern Schneid noch unsere +schöne Haltung unter dem Feuer haben. Sie konnten sich nur zusammenhauen +lassen und uns die abscheulichste Beschießung zuziehen, die man sich +vorstellen kann. Wie es scheint war der frühere Kampf nichts im Vergleich +zu diesem. Meine Kompagnie hatte schwere Verluste infolge von Lufttorpedos. +Es sind Geschosse von einem Meter Höhe und 27 Zentimeter Umfang, die eine +äußerst steile Flugbahn zurücklegen und senkrecht einfallen, was ihnen +ermöglicht, in die engsten Höhlungen hineinzuplatzen. Deswegen leben wir +mehrere Meter unter der Erde. Mildes Wetter. Wir gehen Nachts aus, um die +Dienstarbeiten zu verrichten. + +Teure, ich hätte Dir gerne einen Haufen Dinge erzählt, die manche +glückliche Stunden betreffen; aber ich habe es Dir schon geschrieben, +manche davon darf man durch Worte nicht wachrufen. Die plumpe menschliche +Freude würde sie erschrecken und ihnen feindlich sein. Sie würden noch +rascher verschwinden. -- Ich nehme meinen Brief nach einem Schläfchen +wieder auf. Wir schlafen so viel wir können in unsern Erdhöhlen. Ich hatte +einen Haufen Gedanken gehabt, welche die Müdigkeit mir nicht erlaubt +auszudrücken; ich erinnere mich aber, daß ich Beethoven wachrief. Ich habe +gerade sein Alter, als er vom Schmerz betroffen wurde, und ich dachte an +das herrliche Vorbild solcher Seelenstärke, die trotz aller Hindernisse +sich betätigt. Das Hemmnis mußte ihm ebenso endgültig erscheinen als uns +heute das unsrige. Aber er war Sieger. Für mich war Beethoven die +herrlichste menschliche Offenbarung der schöpferischen Kraft. + +Ich schreibe schlecht, denn ich schlafe noch . . . + +Wie war mir alles erleichtert und durch Freundlichkeit gemildert während +des Rückmarsches! Ich verließ unser Schloß allein und, als ich vor einer +Artillerie-Batterie vorbeikam, wurde ich von Seiten der Unteroffiziere in +der brüderlichsten Weise gastfreundlich aufgenommen, übrigens liebt die +Artillerie die Xer, die sie beschützen und überhaupt flößen wir ein +lebhaftes Mitleid den Leuten ein, die nicht einmal dem Regen ausgesetzt +sind. + +Ich breche kurz ab und liebe Dich wegen Deines Mutes, der mich aufrecht +hält. Was auch geschehen mag, ich habe die innere Freude wiedergefunden. +Schon die Nacht der Ankunft war ja so schön! + +Den 26. März. + + Teure geliebte Mutter, + +Nichts neues auf unserer Anhöhe, die man weiter in Verteidigungszustand +setzt. Eine interessante Arbeit, die freilich Schwierigkeiten bietet. Das +schöne Wetter erleichtert unsere Arbeit. Von Zeit zu Zeit trifft die Hacke +einen armen Toten, den der Krieg bis in die Erde hinein quält. + +Den 28. März, auf den Höhen: graues Wetter an einem durch die gestrige +Beschießung gestörten Sonntag. + +Nun sind wir wieder mitten im Kriege. Ein fürchterlicher Angriff +unsererseits hat soeben das Gemetzel der vergangenen Woche erneuert. Meine +Kompagnie, die bei dem früheren Ansturm niedergemäht worden war, ist +freilich diesmal verschont geblieben und wir mußten nur einen Abschnitt der +Verteidigungslinie besetzen. Wir bekamen also nur die Spritzer des Kampfes +ab. + +Ich wohnte an einem schönen Frühlingssamstag dem fernen Schauspiel der +Schlacht bei und sah das kriechende Tier, dem ein Bataillon gleicht, +vorrücken und im Rauch der Granaten sich winden. Es sind Jäger zu Fuß, die +trotz der Maschinengewehre und der französischen und deutschen Beschießung +angreifen. Diese Tapferen haben Allem zum Trotz ihre Aufgabe erfüllt und so +die Niederlage der vergangenen Woche wieder ausgeglichen, wo unser Angriff +erfolglos war. + +Seit einem Monate ist es mir vergönnt, die Steindrucke Raffets[*] zu +erleben, mit dem Unterschiede, daß man zur Zeit Raffets ungestrafter in +denselben Entfernungen Augenzeuge sein konnte, weil die Gewehre weniger +weit schossen. Aber es gab wirklich schöne Dinge zu sehen, wie zum Beispiel +diese endlose Ebene, auf die die Felshöhen herabschauen, die wir besetzt +halten. Sie erstrahlen von den hunderttausend Feuern der Granaten. Und +davor kletterten die Jäger immer weiter . . . + +Sonntag, den 28. März (2. Brief). + + Liebe Mutter, + +Strahlendes Wetter, das sich im Laufe des Vormittags aufgeheitert hat. Ich +habe unsern Sektor ziemlich weit durchwandert; augenblicklich nimmt die +Beschießung wieder an Stärke zu. + +Trotzdem wende ich meine Seele der Hoffnung zu. Für alle Fälle, flehe ich +um Weisheit für Dich und für mich. + +[Fußnote *: Raffet, der durch seine Steindrucke aus dem Soldatenleben, +besonders der napoleonischen Zeit, bekannte Zeichner (1804-1860). (Der +Übersetzer.)] + +Teure, mitunter fühle ich wie leicht es mir wäre, mich wiederum den +Beschäftigungen zuzuwenden, die den Reiz und den Sinn meines Lebens +ausmachten. Mitunter fühle ich mich plötzlich in diesem schönen Frühling, +derart zur Malerei hingezogen, daß es mir sehr leid tun würde, wenn ich +nicht mehr malen dürfte. Aber ich bemühe mich doch, meine Seelenkräfte und +meinen Willen auf dem schmalen und schwierigen Damm dieses Lebens zu +erhalten. + +Den 1. April. + +Eine Sonne, die die Jugend des Frühlings enthüllt. Die Maas, ein eiliger +Bach im Schmuck eines wohlhabenden Dorfes, wohin der Wiederhall des +Kanonendonners nur noch wie ein dumpfer Stoß gelangt und seine Bedeutung +verliert. Wir haben unser Quartier gewechselt, denn die Verstärkungen +gelangen in solcher Menge nach dieser Gegend, daß wir Andern Platz machen +müssen, und immer wird gerade unser Regiment ausquartiert. + +Aber Alles ist heute Licht und Frische. Die weite fette Ebene, welche die +Hauts de Meuse begrenzen, hüllt ihre Fernen in zartes Silbergrau. + +Ich freue mich über den Brief von Gabrielle, der mir zeigt, was die +französische Seele von diesen Ereignissen zurückbehalten wird. Rührender +Brief von Pierre, der endlich nach seiner schweren Verwundung als +dienstuntauglich entlassen ist. Herrlicher Brief von Großmutter. Wie sie +sich nach dem Wiedersehen sehnt! -- Reden wir nicht davon . . . + + -- --- -- + +Ich schließe meinen Brief auf dem Ufer des Wassers, indem ich mit Wollust +die Freuden, die ich beim Malen empfand, wieder wachrufe. Ich habe vor mir +die lieblichsten Funken des Frühlings. + +Den 3. April (Karte). + +Nur ein Wort in zweiter Linie. Aufenthalt in den Frühlingswäldern. Sonne +und Regen, die am Himmel spielen. Mut trotz Allem. + +Den 3. April, 2. Brief. + +Ich möchte, ich hätte Dir in den letzten Tagen besser geschrieben, damals +als jede Minute eine Wonne für mich war, selbst in der Feuerlinie. Ich +gestehe, daß ich mich damit begnügte, mich in der Schönheit der heitern +Tage dahin leben zu lassen trotz des Krieggeheuls. Wir wissen nicht was +geschehen wird. Die Bewegungen hin und her mehren sich. Werden wir wieder +den Ansturm zu tragen haben? + +Stelle Dir vor, daß wir während unseres letzten Aufenthaltes in der +Feuerlinie die Tage in den Unterständen verbringen mußten, die wir, +gezwungen durch die grauenhafte Beschießung bis zu einer Tiefe von ungefähr +zehn Metern in die Hügelabhänge graben. Dort erwartet man in völliger +Dunkelheit die Nacht zum Aufbruch. Plötzlich haben wir meine Kameraden, die +Unteroffiziere und ich den Schauer der neun Symphonien von Beethoven in uns +erweckt. Eine unaussprechliche Begeisterung beseelte uns. Die Musik wirkte +wie ein Feuerwerk in diesem Keller. Unsere chinesische Folter, weder sitzen +noch stehen noch liegen zu können, war vergessen. + +Das Leben eines Sergeanten im Quartier ist recht angenehm; und doch maße +ich mir nichts an. + +Was die Feuerlinie betrifft, so hoffe ich, daß die Vorsehung mir die +Seelenkraft geben wird, bis zuletzt meine Pflicht zu erfüllen. Ein guter +Freund, der Führer meines Halbzuges war, ist zum Kompagniefeldwebel ernannt +worden. Alles das sind Kleinigkeiten, aber Teuerste, ich fühle mich in +diesen Tagen etwas schwach, da ich nach den Ereignissen des vergangenen +Monates arg leidend war. So lasse ich mich denn auf den sanften Abhängen +des Lebens dahingleiten. Was tuts, wenn man dabei den Abgrund streift. Möge +die Vorsehung uns davon fernhalten! + +Den 4. April. + + Teure geliebte Mutter, + +Zeit der angstvollen und von nahen Drohungen schwangeren Erwartung. Bis +dahin, Ruhe und Müßiggang. Ich kann nicht denken und gebe mich dem +Schicksal hin. Teure, verzeih mir, wenn ich seit einem Monat sehr +minderwertig bin. Liebe mich und sage unsern Freunden, daß sie mich lieben +sollen. Hast Du meine Photographie erhalten? . . . Es war in der +glücklichen Zeit des Stellungskrieges, da wir friedliche Tage verlebten und +unser einziger Feind die Strenge der Witterung war. Bald darauf wurde ich +Gefreiter und ein hartes, an unerfreulichen Arbeiten schweres Leben begann +für mich. Dann das Gewitter, dessen Wiederschein wenigstens noch mein Leben +beleuchtet. + +Den 4. April, abends, Ostersonntag. + +Liebe Mutter, jetzt stehen wir wieder unter dem Schutze Gottes. Um 2 Uhr +gehen wir in den Sturm hinein. Teure, ich denke an Dich, ich denke an Euch. +Ich liebe Euch und vertraue uns Alle drei der Vorsehung an. Möge Alles was +kommt uns bereit finden! In voller Seelenstärke, das ist mein Gebet für +Euch und für mich. Hoffnung trotzdem, aber vor Allem Weisheit und Liebe. +Ich umarme Euch ohne weitere Worte. Ich raffe mein ganzes Denken zusammen, +einer schweren Aufgabe zu. + +Den 5. April, ein Uhr. + + Liebe Mutter und liebe Großmutter, + +Wir brechen auf. Mut. Liebe und Weisheit. Vielleicht ist dies Alles zum +Besten Aller geschrieben. Ich kann Euch nur mein ganzes Herz zuwenden, mein +Leben besteht nur noch in Euch. + +Den 5. April, gegen Mittag. + + Liebe Mutter, + +Jetzt stehen wir in der Prüfung. Bis jetzt zeigt nichts an, daß die +Gnadengaben uns verlassen. Uns steht es zu, uns zu bemühen, daß wir sie +immer verdienen. Heute nachmittag werden wir unseren ganzen Willen brauchen +und müssen die höchste Weisheit anrufen. + +Teure geliebte Mutter und liebe Großmutter, könnte ich noch die Freude +Eurer Briefe haben. Laßt uns beten, daß wir noch unter Alledem aufrecht +erhalten werden! + +Teure innig geliebte Mutter, noch einmal mein ganzes Herz Euch Beiden. + + Euer Sohn. + +Den 6. April, mittags. + +Teure innig geliebte Mutter, um Mittag; jetzt stehen wir bereit auf der +äußersten Stellung. Ich sende Dir meine volle Liebe. Was auch geschehen +mag, das Leben hat uns manch Schönes gegeben. + + * * * + +In diesem Kampfe, an diesem Tage, dem 6. April ist der Verfasser dieser +Briefe spurlos verschwunden. + + + + + + + +Europäische Bücher: + +Andreas Latzko, Menschen im Krieg +Romain Rolland, Beethoven +Leonhard Frank, Der Mensch ist gut +Leo Tolstoi, Tagebuch 1895--1899 +Henri Barbusse, Das Feuer +Leonid Andrejew, Das Joch des Krieges + + + + + + +End of Project Gutenberg's Briefe eines Soldaten, by Eugène Emmanuel Lemercier + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFE EINES SOLDATEN *** + +***** This file should be named 39276-8.txt or 39276-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/9/2/7/39276/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Briefe eines Soldaten + Deutsche Ausgabe der Lettres d'un soldat + +Author: Eugène Emmanuel Lemercier + +Commentator: André Chevrillon + +Translator: Eduard Schneegans + +Release Date: March 27, 2012 [EBook #39276] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFE EINES SOLDATEN *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + +</pre> + +<h1 style="page-break-before:always;"> +Briefe eines Soldaten<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<span style="font-size: smaller"> +Deutsche Ausgabe der<br /> +Lettres d'un soldat +</span> +</h1> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p class="center" style="font-size: 110%"> +<span class="sperr">1918<br /> +München bei Georg Müller +</span> +</p> +<p style="page-break-before:always"> </p> +<p> </p> + +<p class="center"> +1. bis 5. Tausend<br /> +Nachdruck verboten<br /> +Copyright 1917 by Rascher & Cie., Zürich +</p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p class="center"> +Deutsche Übertragung<br /> +von Professor Dr. Schneegans, Neuchâtel +</p> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p class="center"> +1918<br /> +Buchdruckerei Züricher Post +</p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<div class="trnote" style="page-break-before:always;"> +<p class="center"> +<a href="#Anmerkungen">Anmerkungen zur Transkription</a> finden sich am Ende des Buches. +</p> +</div> + +<!-- page 001 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-1">Vorwort.</h2> + +<p>Die folgenden Briefe sind von einem jungen +Maler geschrieben, der an der Front war von +September bis Anfang April, wo er in einem der +Kämpfe im Argonnerwald verschwunden ist. Soll +man von ihm in der Vergangenheit oder in der +Gegenwart sprechen? Wir wissen es nicht: seit +dem Tage, wo sie die letzte von Schmutz befleckte +Karte erreichte, welche den Angriff meldete, in dem +er verschwinden sollte, — welche quälende Stille für +diese Frauen, die während acht Monaten nur von +den fast täglichen Briefen lebten! Doch für wieviele +Mütter und Frauen ist eine solche Qual heute +das tägliche Los? +</p> + +<p>In dem Atelier, unter den Bildern, in denen +der junge Mann seine Träume, seine Künstlervisionen +festgelegt hatte, habe ich, liebevoll auf +einem Tische geordnet, alle die weißen Kärtchen +gesehen, aus denen dieser Briefwechsel besteht. +Schwelgende Gegenwart. . . . Ich wußte damals noch +nicht, welche Seele sich hier in ihrer Fülle ausgedrückt +hat, um auf diesem Wege an den häuslichen Herd +zurückzukehren: eine Seele, die dazu bestimmt war, +dessen bin ich überzeugt, sich weit über den kleinen +Kreis der Verwandten hinaus zu ergießen +<!-- page 002 --> +und weithin auf die Menschen zu strahlen. Die +Seele eines fertigen Künstlers, aber auch eines +Dichters, mit der Schüchternheit eines Jünglings, +der schon mit dreizehn Jahren die Schule für das +Atelier verlassen hat und ganz allein gelernt hat +das, was ihn bewegt, in Tönen auszudrücken, +deren Schönheit der Leser wird zu würdigen +wissen. Herzensgüte, inbrünstige Verehrung der +Natur, mystisches Verstehen ihrer Erscheinungsformen +und ihrer ewigen Sprache, das ist es, was +die Deutschen, die sich die Erben Göthes und +Beethovens nennen, allein zu besitzen glauben und +was uns in diesen, von einem jungen Franzosen +für seine Teuersten und für sich geschriebenen +Briefen ergreift. +</p> + +<p>Das Rührendste dabei ist vielleicht, daß wir in +dem seelischen, so ernsten, so religiösen Empfinden, +das sich hier ausspricht, Züge wiedererkennen, die +uns in manchen Briefen von der Front auffielen. +In diesen Wochen, diesen endlosen Wintermonaten, +die sie im Schlamm oder im Schnee der Schützengräben +verbracht, beim täglichen Anblick des Todes, +beim Gedanken an den Tod, der vielleicht in demselben +Augenblick naht, um ihnen für immer die +Augen zu schließen, scheinen diese Kinder angefangen +zu haben mit eindringlicherem, empfänglicherem +Auge die ewigen Dinge zu betrachten, wie +wenn sie alle, in der Fülle ihrer Kraft und ihrer +Jugend, glaubten sie zum letzten Male zu betrachten: +</p> +<!-- page 003 --> + +<div class="poem"> +<p class="line">„Und sterben sollte nun die Welt</p> +<p class="line">Mit meinen Augen, den Spiegeln der Welt.“</p> +</div> + +<p>Feierliche Stimmung des Menschen, der eben +eine lange Nachtwache verbracht hat, irgendwo auf +Vorposten, und der hinter der grauen, schweigenden, +nordischen Ebene dort, wo der unsichtbare +Feind in der Erde vergraben ist, die rote Sonne +noch einmal über diese Welt aufgehen sieht. „O +herrliche Sonne, ich möchte dich noch einmal sehen!“ +schrieb am Abend des Tages, wo er in Frankreich +einzog, ein junger schlesischer Soldat, der auf +den Gefilden der Marne fiel und dessen Tagebuch +veröffentlicht worden ist. Plötzlich entquillt +dieser geheimnisvolle Herzenserguß, mitten unter +pünktlichen deutschen Aufzeichnungen über Essen +und Trinken, Tagemärsche, Fußleiden und der +Aufzählung der verbrannten Dörfer. In wievielen +französischen Briefen haben wir diese tiefe Erleuchtung +getroffen! Sie ist sich immer gleich auf +allen Stufen des Ausdrucks: bei jenem Bauern +von Seine-et-Marne, den ich mit Namen nennen +könnte, der vielleicht zum ersten Male in seinem +Leben für die Glut des Sonnenunterganges ein +Auge hat, — bei jenem jungen Pariser, der bis +dahin nur in Ausdrücken des Skepticismus und +der Ironie schien reden zu können, und bei dem +jungen Künstler, der dieses Gefühl in ergreifende +Verse umsetzt und es bis zur erhabenen Vorstellung +steigert, an der die ganze stoische Philosophie +<!-- page 004 --> +hängt. Durch soviele Unterschiede hindurch, bei +allen, dem deutschen Schullehrer, dem Bauern, +dem Städter, dem französischen Maler, offenbart +sich eine gemeinsame Grundlage und der vergängliche +Lebende, im Vorgefühl der ewigen Nacht, +sieht den Sinn und die Schönheit der Welt in +ihm sich erweitern. O Wunder der Welt! göttlicher +Friede dieser Ebene, dieser Bäume, dieser fernen +Hügel, — wie man dieser unendlichen Stille +lauscht! Oder es ist die nächtliche Unermeßlichkeit, +in der nichts als Feuersbrünste und ein Leuchten +verbleibt. Unten ferne Glut von Bränden, oben +die Sterne, ihre unwandelbaren Bilder, das Flimmern, +die Harmonie und erhabene Ordnung des +Weltalls. +</p> + +<p>Bald werden das Geknatter der Maschinengewehre, +der Donner der Sprengstoffe, das Geheul +des Ansturms wieder anheben; man beginnt +wieder zu morden und zu sterben. Welcher Gegensatz +der menschlichen Wut und der ewigen heitern +Ruhe! Mehr oder weniger dunkel, während eines +kurzen Augenblickes, wird eine tiefsinnige Beziehung +zwischen den einfachen Erscheinungen am +Himmel und auf Erden, deren langsame Entwicklung +sich begreifen läßt, und dem Beschauer hergestellt. +Fühlt dann der Mensch, daß alles, was +er sieht, er selbst ist, daß sein kleines Dasein und +das Leben des Baumes, der dort im Schauer des +Morgengrauens erbebt und dem Menschen zuzuwinken +<!-- page 005 --> +scheint, sich miteinander verbinden im Flusse +des ewigen Lebens? +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p>Für den Künstler, von dem hier die Rede ist, +waren diese Eingebungen und Visionen der Rausch +jener langen, im Schützengraben verlebten Monate. +Unter dem weiten Himmel, bei der Berührung mit +der Erde, vor der Gefahr und dem täglichen Bilde +des Todes, erschien ihm das Leben plötzlich seltsam +erweitert: „Wir haben von unserm Aufenthalt +im Freien eine Frische der Auffassung, eine Großzügigkeit +in den Bewegungen und Gedanken gewonnen, +die den Überlebenden den Aufenthalt in +den Städten gräßlich wird erscheinen lassen.“ Auch +der Tod zeigte sich schöner und schlichter; Tod der +Soldaten, deren Gestalten er mitleidig betrachtete, +während die Natur sie still, mütterlich wieder zu +sich nahm und allmählich mit der Erde vereinigte. +Von Tag zu Tag lebte er mehr in dem Gefühl +des „Ewigen“. Er blieb freilich empfänglich für +alle Greuel und jedes Mitleides fähig, — und +man wird sehen wie er seine Pflicht erfüllte. Aber +„in gleichem Maße leidend“, flüchtete er „zu einem +höheren Troste“. „Man muß,“ sagte er zu denen, +die ihn lieben und die er — mit welcher beständigen +Fürsorge! — sich bemüht auf das Schlimmste +vorzubereiten, „dazu gelangen, daß kein Unglücksfall +aus unserem Leben etwas Trümmerhaftes, +<!-- page 006 --> +Abgebrochenes, Unharmonisches mache . . . Begnüge +dich mit der herrlichen Versicherung, daß ich bis +heute meine Seele zu einer Höhe gehoben habe, +wo die Ereignisse ihr nichts mehr antun können“. +Diese Höhe ist die Gegend, in der über die Unterschiede +der Bekenntnisse und ihrer äußern Formen +hinaus, alle großen religiösen Gemeinschaften sich +zusammenfinden, wo der eitle Schein verschwindet, +wo der Mensch allen Behauptungen und Forderungen +des Ichs ein <i>Nein</i> entgegenstellt und sich +an das hält, was „wirklich ist“. „Unsere Leiden +kommen daher, daß unsere schwache menschliche +Geduld unseren Bedürfnissen, wenn auch den edelsten, +zugewandt ist. . . . halte dich dabei nicht auf, +den Wert der Persönlichkeit derer, die am Leben +bleiben, derer, die gehen zu betrachten; das heißt +die Dinge auf der menschlichen Wagschale abwägen. +Man muß aber in uns die gewaltige Menge +dessen unterscheiden, was besser ist als das Menschliche.“ +(30. Oktober.) Im Grunde ist der Tod +machtlos, weil auch er ein eitler Schein ist und +„Nichts vollständig verloren ist.“ So findet dieser +junge Franzose, der übrigens die Sprache des +Christentums nicht vergessen hat, in den Schrecken +des Krieges den Stoicismus Mark Aurels wieder, +jene Tugend, „die weder Geduld noch allzu großes +Selbstvertrauen ist, sondern ein gewisser Glaube +an die Ordnung der Dinge, ein gewisses Vermögen, +bei jeder Prüfung zu sagen, <i>daß es so +<!-- page 007 --> +recht ist</i>.“ Und jenseits des Stoicismus ahnt +er und erreicht den uralten, erhabenen Gedanken +Indiens, der die Erscheinungen und trennenden +Unterschiede leugnet, und dem Menschen seine +eigene Person und die ganze Welt zeigend, ihn +lehrt, daß er von der einen sage: „Das bin ich +<i>nicht</i>“, von der andern: „<i>Das bin ich</i>.“ Ergreifende +Begegnung: durch alle Entfernungen der +Jahrhunderte und Völker hindurch setzen die Betrachtungen +dieses französischen Soldaten vor dem +Feinde, den er morgen angreifen wird, den seltsamen +Zustand der Verzückung fort, in den der +Krieger der Bhagavad Gîta<a href="#footnote-1" id="fnote-1"><sup>1</sup>)</a> zwischen zwei Heeren, +die aufeinanderprallen sollten, sich versenkte. Auch +er sieht in der menschlichen Unruhe einen Traum, +der uns den Anblick der höhern Ordnung und der +göttlichen Einheit verschleiern wollte. Auch er hat +sein Vertrauen in die Dinge gesetzt, die „weder +Geburt noch Tod kennen“, in das was „nicht geboren, +unverwüstlich ist, was nicht getötet wird, +wenn der Leib getötet wird“. Das ist das ewige +Leben, dessen Wirken sich fortpflanzt, stets gleich +durch alle Formen hindurch, die es erzeugt, in +jeder bestrebt, sich zu mehr Licht, Frieden, Bewußtsein +zu erheben. Und dieses Ziel bedingt das +Gesetz eines jeden denkenden Wesens, die Aufopferung +seiner selbst zum Besten des allgemeinen +<!-- page 008 --> +und endlichen Wohles; daher bei dem Gedanken +an das wirksame Opfer, jene tiefe Befriedigung +derer, die ihr Leben hingeben, die für die Sache +des Lebens fallen: „Sage M. . . ., wenn das Schicksal +die Besten trifft, daß das nicht ungerecht ist: +diejenigen, die weiterleben, werden dadurch gebessert . . . +Ihr wißt nicht, welche Lehre uns der +gibt, der fällt. Ich weiß es aber.“ Und das Opfer +ist noch vollständiger, wenn das Leben geben, wenn +auf sich selbst verzichten, zugleich bedeutet auf das +verzichten, was man mehr liebte als sich selbst, +dem man mit seinem ganzen Leben hatte dienen +wollen. „Fahnen der Kunst, der Wissenschaft,“ die +er als Kind vergötterte, die er zu tragen angefangen +hatte, mit welchem stolzen, vertrauensvollen +Schauer! Der Mensch lerne ohne Klage zu sterben! +„Es genüge ihm zu wissen, daß die Fahne +wird getragen werden!“ +</p> + + +<p>Der schlichte, gewöhnliche Gehorsam der gegenwärtigen +Verpflichtung, das ist auch der praktische +Abschluß der höchsten Weisheit der Indier, nachdem +sie den Wahn des Scheins entschleiert hat. +Sich nicht in die Einsamkeit und Untätigkeit zurückziehen, +weil man den Wahn erkannt hat, mit seinen +Brüdern kämpfen, an seinem Platze und Range, +mit offenen Augen, ohne Hoffnung auf Ruhm und +Gewinn, einfach weil das Gesetz es so will, das +ist der Befehl, den der Gott dem Krieger Arjuna +gibt, als dieser zweifelt, ob er von der Betrachtung +<!-- page 009 --> +des Ewigen dem menschlichen Schreckbild der +Schlacht sich zuwenden solle. „Für jedes Wesen +ist Gesetz, das Werk zu vollführen, das seine +eigene Form ihm vorschreibt. Jeder unterziehe +sich dem Handeln, da er ein Teil ist dieser Natur, +deren Beschaffenheit ihn zum handeln zwingt!“ +Arjuna spanne einfach seinen Bogen mit den +andern Kshettryas! Der junge Franzose hatte +keinen Augenblick gezweifelt. Aber in seinen +Briefen sehen wir, wie er mitten in den Schrecken +des Gemetzels und in den geduldigen und langweiligen +Arbeiten des Minenganges oder des +Schützengrabens seine Blicke „auf das Ewige“ +stets zu richten wußte. +</p> + +<p>Ich möchte nicht länger bei diesem Vergleiche +verweilen. Vielleicht hat er durch einige Auszüge +aus dem Ramayana den erhabenen Gedanken des +uralten Asiens vermuten können. Und doch zeigt +in der ganz modernen Färbung, in den bestimmten +Formen und dem so französischen Fluß der +Sprache die Seele, die sich in diesen Briefen offenbart, +wie die Amiels, Michelets, Tolstois, Shelleys, +eine tiefinnerliche Verwandtschaft mit dem +zarten und mystischen Genius Indiens. Seltsame +Verwandtschaft, die sich nicht allein in dem tiefen +Gefühl und Verlangen nach dem Allgemeinen +und Ewigen offenbart, sondern auch in dem +unmittelbaren Mitempfinden mit allem, was +Leben ist, in den Ergüssen der Liebe zu der +<!-- page 010 --> +großen mütterlichen Seele der Natur und allen +ihren Erscheinungen. +</p> + +<p>„Liebe“, das ist eines der Wörter, die am +meisten in diesen Briefen wiederkehren. Liebe zu +jenen Gefilden, jener Ebene, über die die Morgen +und die Abende wie innere Regungen über ein +Antlitz ziehen, Liebe zu den Bäumen, deren Bewegungen +fast menschlich sind, — einem gewissen, +unter seinen Wunden männlichen, geduldigen +Baume, „der einem Soldaten gleicht,“ — Liebe zu +den hübschen Tierchen der Felder, die im Schweigen +des frühen Morgens am Rande der Schützengräben +spielend sich bewegen, — Liebe zu allen +Dingen am Himmel und auf Erden, jenem beseelten +Himmel, jener französischen Landschaft mit ihrer +so übersichtlichen, so schlichten Linienführung, Liebe +zumal zu denen, die er neben sich geduldig leiden +und kämpfen sieht, zu den ernsten Bäuerinnen der +Champagne, die alle ihre Söhne hingaben, die schweigen, +ihre Tränen trocknen und die Arbeit der Vorfahren +auf den Ackern, in den Weinbergen weiterführen, +zu jenen Kameraden, deren „Scherze oder Lieder“ +kein Elend entmutigt, „braven Leuten, denen mein +schönes Künstlergewand arg hinderlich wäre, ihre +Pflicht ehrlich zu tun, wie sie sie tun“, — zu allen +jenen einfachen Menschen, die Frankreich ausmachen, +mit denen man sich so gerne vereint fühlt. +Liebe zu allen Lebenden (man fühlt wohl, daß er +nicht hassen kann, auch nicht den Feind, Fleisch +<!-- page 011 --> +von seinem Fleisch, das, wie er selbst, an diese Erde +sich anklammert, das in demselben Maße duldet). +Und dann Liebe zu den Toten, deren Anblick er +aufsucht, deren stille, von Schweigen und Geheimnis +schwere Schönheit, sich in langer Betrachtung +diesem eindringlichen Auge offenbart. +</p> + +<p>Durch diese der innerlichen, geistigen Bedeutung +der Dinge zugewandte Aufmerksamkeit, erscheint +uns dieser Maler in seinen Briefen besonders als +ein Dichter, — ein religiöser Dichter, der in der +Welt das Wesen der Dinge erfaßt, alle unaussprechlichen +Arten des Seins; auch als ein Musiker, +der in den Schützengräben mit Beethoven, Händel, +Schumann, Berlioz zusammenlebt, deren Melodien +und Gedanken er in sich trägt — den „die schönsten +Symphonien mit ihrer Orchesterbegleitung“ berauschen. +Innere Reichtümer, geheime Mächte des +Trostes und der Freude, die in den trübsten +Stunden, in der Nacht und dem Schlamm der +langen winterlichen Wachen, so nahe zu der Seele +zu reden vermögen oder sie mit einem Male in +solche Höhen und solche Fernen forttragen. Schumann, +Beethoven: zwischen diesen unsterblichen +Geistern, die nur für alle Menschen zu singen +wußten, und den unmenschlichen Pedanten, welche +die Schönheit des Krieges und das starre Recht +der Gewalt predigten, was bleibt noch Gemeinsames +übrig? Haben wir sie nicht uns zu eigen +gemacht, diese Genien, dadurch, daß wir sie immer +<!-- page 012 --> +tiefer verstanden und in uns eindringen ließen? +Sind sie nicht unsere Freunde geworden? Begleiten +sie uns nicht in alle gesegneten Einsamkeiten, +in denen unser wahres Ich wieder zu leben +beginnt, unsere innere Quelle wieder fließt? +</p> + +<p>Den Größten von Allen ruft eine Schar französischer +Soldaten wach, drei Tage vor der Schlacht, +die sie voraussehen, in der mehrere verschwinden +sollten. Sie sind in der Tiefe einer unterirdischen +Kasematte: „Dort erwartet man in völliger Dunkelheit +die Nacht zum Aufbruch. Plötzlich haben wir, +meine Kameraden, die Unteroffiziere und ich, die +Schauer der neun Symphonien von Beethoven +erweckt! Eine unaussprechliche Begeisterung beseelte +uns.“ Dieser fast heilige Gesang, diese heroische +Begeisterung in einem solchen Augenblick, +wie widerlegen sie die immer wiederholten Theorien +der Deutschen über die Grenzen des französischen +Gefühls! Welcher Dichter eines andern Volkes +hat die Natur mit einem brüderlicheren Auge, mit +einem tiefern Widerhall im Herzen betrachtet, als +der dessen Innerstes sich hier ausspricht? +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p>Diese Tag für Tag geschriebenen und aus dem +Schützengraben oder dem Quartier geschickten Briefe +bilden zusammen eine fortschreitende Folge, gleichsam +eine Dichtung oder einen Gesang. Ein tiefes +inneres Leben birgt sich darin: das Leben einer +<!-- page 013 --> +Seele, die wir in der Eintönigkeit dieser außerordentlichen +Verhältnisse, in denen sehr oft jedes +Ereignis fehlt, über den gewöhnlichen Gedankenkreis +sich erheben, sich selbst übertreffen und, je +näher die schwersten Prüfungen herankamen, in +Friede und heitere Ruhe sich hüllen sehen +(Februar-April). Man muß diesen seelischen Fortschritt +verfolgen, den er mit einem unerschütterlichen +Willen leitet. Es gibt keine ergreifendere +Geschichte eines inneren Erlebens. Sein ganzes +Bemühen ist sich „anzupassen“, und wie fürchterlich +es ihm oft wird, das spürt man unter der +gewöhnlichen Ruhe und Schlichtheit des Ausdrucks. +Er ist Dichter und Künstler; er hat das +Leben aufgefaßt, er hat sich entwickelt in einer +dem Manne der Tat entgegengesetzten Richtung. +Seine ganze Bildung, seine besondern künstlerischen +Übungen hatten als Folge die Verfeinerung einer +an sich schon angebornen äußersten Zartfühligkeit. +Aus innerm Drange und einem selbstgewählten +Gesetze folgend, hat er die Einsamkeit und Beschaulichkeit +aufgesucht. Er fühlt und weiß wohl, +daß er nur lebt, um ein bestimmtes Abbild der +Welt zu sein, und hat sich immer, dem innern +Triebe gehorchend, bemüht, in sich selbst die reine +Form und ursprüngliche Wölbung des Spiegels +zu bewahren und zu vervollkommnen, der eine +Neigung hat sich unter den Einflüssen der Umgebung +zu verzerren und zu trüben. Jetzt heißt es +<!-- page 014 --> +im Gegensatz zu dem eigenen Gesetze leben, und +zwar nicht weil die Not dazu zwingt, sondern +durch einen freien Willensakt. Es heißt nun dieses +Ich, das sich sorgfältig außerhalb der Welt und +der Welt gegenüber bewahrt hat, preisgeben, ohne +Murren es in das dichteste Gewühl werfen, Tag +und Nacht nur noch in dem Atem und dem Gedränge +der Soldatenschar leben, und sich dabei +einer rein körperlichen Tätigkeit unterziehen für +die furchtbaren Aufgaben des Krieges. Und für +ein solches Dasein, das er von seinem frühern +Standpunkte aus als ein Sklavenleben betrachtet +hätte, muß er als den einzig möglichen Ausgang +den Tod ansehen, in absehbarer Zeit. Er muß +sich daran gewöhnen, in seinem verflossenen Leben, +— jenem Leben, das seine Künstlerträume und +Hoffnungen erleuchteten, das wie in einem Rausch +allen Regungen und dem Pulsschlag des Lebens +des Weltalls entsprach — nur noch einen Traum +zu sehen, einen Traum, der entschwunden ist und +nie zurückkehren wird. +</p> + +<p>Das nennt er „sich anpassen“, und wie oft kehrt +dieser Ausdruck in seinen Briefen wieder! Denn er +bezeichnet die Pflicht, eine Pflicht, deren Schwierigkeit +sich an dem Abstand zwischen Gegenwart und +Vergangenheit bemessen läßt, zwischen dem angeborenen +Trieb einer Seele und der Selbstüberwindung, +die sie sich auferlegen will. „In voller Schaffenskraft, +in dem Augenblick, wo das Leben für ihn +<!-- page 015 --> +eine Zeit fortwährender Blüte wurde, wird ein +junger Mann herausgerissen und auf einen trockenen +Boden verpflanzt, wo Alles von seiner gewohnten +Nahrung ihm fehlt. Nun denn! von dem Augenblick +an, wo nach dem ersten Riß das Leben ihn +nicht verlassen hat, bemüht er sich aus den dürftigen +Säften seines neuen Bodens zu schöpfen. Die Anstrengung +verlangt eine Anspannung aller Kräfte, +die keinen Raum läßt für die Erinnerungen und +Hoffnungen . . . Ich erreiche es, außer in rasch +unterdrückten Stunden der Empörung, wo die +Gedanken, die Handlungen meines vergangenen +Lebens sich erheben, wie wenn ich sie nicht vergessen +hätte. Ich brauche dann meine ganze Kraft, um +meine herzzerreißenden Erinnerungen in der Ergebung +in den gegenwärtigen Augenblick zu ertränken.“ +Dazu braucht es eine rastlose Anstrengung. +Denn „sich anpassen“ bedeutet für ihn nicht sich +durchgreifend verwandeln, indem er den Einflüssen +der neuen Umgebung nachgibt. Durch die fortgesetzte +Tätigkeit seiner Lebenskraft will er, im Sinne seiner +eigenen Persönlichkeit, den Stoff umgestalten, den +er aus dieser Umgebung zieht; er will darin die +Mittel finden trotz Allem in der Richtung seines +eigenen Wesens sich zu nähren und weiter zu bestehen. +Er will Allem entsagen und das Wesentliche +bewahren, weil sein Ich weiter erhalten bleibt, treu +dem selbstgeschaffenen Ideal, fähig nicht allein zu +leben, sondern noch zu blühen, teilzunehmen an +<!-- page 016 --> +dem allgemeinen Fluß des Lebens, der sich in der +Natur in rastlosem Erblühen offenbart, im Menschen +in Regungen der Liebe, der Kunst, der Poesie. Um +dieses Ziel zu erreichen, gilt es, unter den Drohungen +und in den Unruhen des Krieges, sich für jede +Erscheinung des Schönen empfänglich zu erhalten. +Denn das Schöne ist für diesen frommen Dichter +das Göttliche, das mehr oder weniger deutlich in +allen Dingen durchleuchtet; daher auch die Kraft, +die er in der Betrachtung des Schönen schöpft, die +ihn allmählich über die Zufälligkeiten des Einzelwesens +hinaushebt. Um den Eindruck voll zu empfangen, +um in sich alle Unruhe zu bannen, muß er +der Vergangenheit und der Zukunft Lebewohl sagen, +nichts beklagen, nichts erhoffen, nur noch im „gegenwärtigen +Augenblick“ leben, der an diesen Segnungen +reich ist. „Ich nehme alles aus der Hand +des Schicksals an, ich habe ihm aber Alles genommen, +was es in den Falten eines jeden Augenblickes an +Glück birgt.“ In diesem Zustand der Einfalt, der +fast der Zustand der Gnade ist, tritt er mit der +lebendigen Wirklichkeit dieser Welt in Berührung. +„Laßt uns essen und trinken von Allem was ewig ist; +denn morgen sterben wir Allem ab, was menschlich +ist“. +</p> + +<p>Diese Befreiung der Seele ist nicht sofort erreicht. +Die ersten Briefe sind sehr schön; aber was +sie lehren, erfahren wir auch aus fast allen Briefen +unserer Soldaten. Er schildert den Seinen die +<!-- page 017 --> +Begeisterung der Soldaten, ihre innige Gemeinschaft +in einem einzigen flammenden Gedanken, +die gebieterische Pflicht, seinen eigenen Willen, +„ein aufrechtes Gewissen soweit zu tragen, als +seine Füße es zu führen vermögen“ (25. August +1914). Aber schon sieht man, wie er sich bemüht, +die Richtung seines inneren Wesens gegen die +Einflüsse und Aufreizungen des Haufens zu behaupten. +Es gelingt ihm. Indem er sich bewahrt, +sich absondert „soviel er vermag“, mitten unter den +andern, stellt er fest, daß er in geistiger Beziehung +unberührt ist. Aber noch ist er zwischen den Kasernenmauern +oder schreibt in Bahnhöfen, an den +Haltestellen einer endlosen Eisenbahnfahrt („vierzig +Mann in jedem Wagen“). Um ihn wirklich +kennen zu lernen, wartet bis er in der Kriegszone +angelangt, im Quartier, dann in der Feuerlinie, +während der langen Stunden der Wachen und +auf Posten, mit der Erde wieder in Berührung +getreten ist. Sobald er den Hauch der weiten +Ebene eingeatmet, erwacht sein angeborener Trieb +„Schönheit zu gewinnen“, und vor den Schatten, +in die die Zukunft sich versenkt, sie „soviel und so +schnell wie möglich zu gewinnen“. „Ich habe im +Schlamm Blumen gepflückt, bewahrt sie zur Erinnerung +an mich auf,“ schreibt er an einem Tage +dunkler Vorahnung (11. Februar). Bezeichnend +für ihn ist, daß er in der Eintönigkeit der Tage +im Schützengraben, wenn die Gefahr das Geschwätz +<!-- page 018 --> +nicht aufkommen läßt, sie am häufigsten +findet, jene Wunderblumen. Dann kehrt der innere +Friede wieder ein, während des Schweigens, +das diese Männer befällt, und er kann „seine Seele +frei mitschwingen lassen“, und gleich empfindet man +den eigentümlichen Widerhall. Diese Seele hatte +zunächst nur die Klänge des Mutes und der Brüderlichkeit +für uns wiederholt, die sich von unsern +Heeren gleichmäßig erheben. Jetzt befindet sie sich +mitten im Kriege, den ewigen Dingen wieder gegenüber, +und plötzlich glaubt man zum ersten Male +den Urklang und die unendliche Feinfühligkeit +einer kaum berührten Saite zu vernehmen. Aber +diese Klänge bleiben nicht zufällig und unzusammenhängend; +bald setzen sie sich zu einer Melodie +zusammen, die immer bestimmter, voller, von ergreifender +Bedeutung schwerer wird, je mehr er +durch eine tägliche Übung es lernt, sich von den +drückendsten Umständen besser auszuschließen. Ein +ganz unpersönliches Ich scheint sich jetzt von dem +körperlichen Ich, das sich abmüht und Gefahren +besteht, loszulösen, und die Dinge ohne innere +Teilnahme zu betrachten, und auch dieses andere +Ich, das an seinem Platze steht in der allgemeinen +Ordnung, zu beobachten, eine vergängliche Welle +in der Flut, die eine geheimnisvolle Vernunft +leitet. Seltsame Fähigkeit, ein Doppel- und Traumleben +zu führen! Es gelingt ihm, sie in der Schlacht +selbst zu üben, wo seine Tapferkeit und seine militärische +<!-- page 019 --> +Tätigkeit ihm die Glückwünsche seines Vorgesetzten +eintragen. In dem Höllenschlund, in dem +sein Fleisch sich auflösen könnte, hört er nicht auf +zu schauen, und am nächsten Tage kann er schreiben: +„Nun, es war interessant!“ Und er fügt hinzu: +„Was ich Persönliches bewahrt hatte, war +eine gewisse Empfänglichkeit des Auges, die mich +befähigte gewisse Bilder in mich aufzunehmen, deren +ergreifende Wirkung sich unmittelbar in ebenso „künstlerischer +Weise“ zusammenfügte, wie jede andere +menschliche Zusammenstellung. Aber gewöhnlich +habe ich in diesen Augenblicken nie die Absicht +aufgegeben zu sehen „wie es gemacht ist“ (14. März). +Dann offenbart sich ihm die Bedeutung der Gewalttätigkeit. +Dieser zarten sinnigen Natur flößt +sie Grauen ein. Deswegen vielleicht frägt sein +Geist nach dem Warum. Durch die Gewalttätigkeit +wird eine unvollkommene und vorübergehende +Ordnung durchbrochen und die Erscheinungen, die +im Begriff waren zu erstarren, kommen wieder in +Fluß. Das Leben beginnt wieder und eine höhere +Ordnung wird ermöglicht. Auch hier ist Annahme, +Unterwerfung unter die Vernunft der Welt, Vertrauen +in das, was sich verwirklicht, die Lösung, +zu der er immer wieder gelangt. +</p> + +<p>Das sind Augenblicke der eigentlichen Beobachtung, +reiner Überlegung, in die sich die Regungen +des Künstlers und des Dichters nicht mischen. Solche +Augenblicke sind nicht selten bei ihm; aber dann +<!-- page 020 --> +handelt es sich immer um die Welt und menschliche +Ereignisse. Sie entstehen vor einem Kriegsbilde, +einem Charakterzug, bei einer Lektüre, einer +künstlerischen oder geschichtlichen Erinnerung (oft +ruft er eine Bibelstelle wach und im ärgsten „Wirrwarr“ +schöne Bilder aus der griechischen Mythologie). +Man bewundert diese heitere Willenskraft +eines Geistes, der es verstanden hat, sein früheres +rein geistiges Leben wieder aufzunehmen. Das +ist sehr schön, ist aber nicht einzigartig: die +große geistige Tätigkeit ist nicht selten in Frankreich; +andere unter den Soldaten haben unter den +Granaten philosophiert. Was diesen Briefen eine +besondere Bedeutung zu verleihen scheint, ist der +Ausdruck von etwas viel Wesentlicherem, viel +Innerlicherem als der Gedanke; das Gefühl, das +Unendliche und Unbestimmte seiner Schattierungen, +seine Zusammenklänge mit den Bildern der Landschaft, +jene Dichtergabe endlich, die mit der musikalischen +Begabung zusammenhängt; denn sie geht +aus demselben Urgrund des Unbewußten im +Menschen hervor und strebt auch ihrerseits allen +verschlungenen Linien des Rhythmus und des Gesanges +zu. Ich habe schon Shelley aus Anlaß +dieses Dichters genannt. Was uns eine Bemerkung +wie die folgende offenbart, ist die Vereinigung mit +dem Innigsten und Unaussprechlichsten in der +Natur, wie wir sie bei Shelley finden: „Namenloser +Tag, ohne greifbare Gestalt, in dem trotzdem +<!-- page 021 --> +geheimnisvoll der Frühling zu quellen anfängt. +Warme Luft in der Verlängerung der Tage; +plötzliches Erschlaffen, wie ein Vergehen der +Natur.“ (3. Februar.) Aus Anlaß dieses Frühlingshauches, +dieser zu plötzlichen Milde, gebraucht +er sogar einen der häufigsten Ausdrücke des Wortschatzes +von Shelley: „Vergehen“.<a href="#footnote-2" id="fnote-2"><sup>2</sup>)</a> Was er im +Grunde erstrebt, wie der große englische Dichter, +den er nicht gekannt zu haben scheint, ist das +Selbstvergessen in der lyrischen Stimmung, das +unsagbare und selige Gefühl des Ichs, das in +dem betrachteten Gegenstand sich selbst auflöst. +Was für ihn im Laufe dieser Wochen zählt, was +er später ins Gedächtnis zurückruft, was er wiederfinden +möchte, um es nie wieder zu verlieren, das +sind jene Höhepunkte, da er sich selbst vergessen +durfte, weil er das Unaussprechliche empfunden +hatte. Der einfachste Gegenstand der Natur kann +ihm solche Augenblicke schenken. Zum Beispiel in +dieser plötzlichen Erleuchtung: „Ich empfand nicht +wie früher den Segen Gottes, als plötzlich ein +schöner, so schöner Baum zu meinem Herzen sprach, +. . . und ich habe begriffen, daß eine Stunde in +dieser Betrachtung das ganze Leben ist.“ Und andauernder, +stärker schwingend ist manchmal die +innere Erregung, wie wenn der Bogen bis an die +<!-- page 022 --> +Spitze auf einer feinfühligen Geige eine langgezogene +verzückte Melodie entwickelt: „Welche +Lust, dieses stets innige Mitschwingen im Schoße +der Natur! Gestern abend sah ich denselben Horizont, +den wir erwachen sahen, in rosiges Licht gebadet; +dann ist der Vollmond in einem zarten +Himmel aufgegangen, auf dem die Bäume, wie +Korallen und Safran, in zackigen Linien sich abzeichneten.“ +(2. November.) Und wahrlich es klingt +wie ein Entzücken in jener erstaunlichen Weihnachtsnacht, +deren Erinnerung alle, die damals +auf der Front waren, bewahren werden, — einer +feierlichen, ganz blauen Nacht, voll Gestirne und +Gesänge, in der die Ordnung und göttliche Einheit +des Weltalls den Augen der Menschen sich +zu offenbaren schien, die einen Augenblick aus +ihrem Traum des Hasses und des Blutes erwachten +und auf den beiden Schützenlinien zu +singen begannen: „<i>Hymnen, Hymnen überall</i>“ +</p> + + +<p>Doch, im Februar, Gemetzel, deren zunehmende +Greuel einige knappe Aufzeichnungen mit genügender +Schärfe ahnen lassen. Dann nehmen die +Erzählungen eine raschere Bewegung an; man +fühlt die schnellen Rhythmen und raschen Ansätze +der Handlung, den herrischen Zwang rascher Pflichterfüllung, +da der junge Sergeant die Verantwortung +von Menschenleben trägt und furchtbaren, +abgegrenzten Aufgaben gegenübersteht. Stets aber, +im Getümmel des Gemetzels, und in der Eile des +<!-- page 023 --> +Dienstes, plötzliche und seltsame Augenblicke des +Träumens und des Mitleids; und dann abends, +welche unendliche Ruhe unter den Toten! In +dieser Zeit hören die Aufzeichnungen über das +Landschaftliche auf; die Beschreibung wird militärisch, +technisch, oder aber der Gedanke verläßt +die Erde. Einmal, gegen Ende, ein einziges Mal, +ein Rückblick auf die eigene Person, eine kurze +ergreifende Klage, beim Gedanken an die frühern +Hoffnungen, an sein verlornes Künstlerschaffen und +an die unendliche Größe des auferlegten Opfers: +„Wie lang ist dieser Krieg für Menschen, die +zweifellos eine Aufgabe zu erfüllen hatten! . . . +Warum bin ich so aufgeopfert, während so viele, +die mir nicht gleichkommen, geschont werden? und +doch hatte ich etwas Gutes auf Erden zu tun! . . .“ +Herzzerreißender Seufzer, der uns noch mehr ergreift +als die erhabenen Äußerungen dieser Seele, +weil die bis dahin unterdrückte Qual plötzlich hervorbricht, +— die ganze Hülflosigkeit des Menschen, +die unsrige, bekennt sich hier, am Vorabend einer +Passion — wie bei dem göttlichen Vorbilde. Mitunter +ein Zweifel, der andauernde Anblick des +Todes, die Müdigkeit, die ewige Trostlosigkeit des +Regens und des Schlammes, die in ihm den +Lebensdrang und den sehnsuchtsvollen Aufschwung +des Geistes hemmen. Er war die junge Pflanze, +von der er einmal spricht, die wuchs, nach dem +Duft und der Pracht ihrer Blume sich sehnte, ihres +<!-- page 024 --> +Gottes sicher war, weil sie nur ihn, in sich lebend +und wirkend, fühlte. Aber plötzlich spürt sie den +Schauer, die Drohung der erbarmungslosen Kräfte. +Wenn das Weltall leer, wenn in dem Endlosen +dieser äußeren Welt, unter dem glänzenden Schein, +nichts als eine gefühllose Notwendigkeit wäre? +Wenn auch das Opfer Täuschung wäre? „Ich +komme in die dunkeln Tage, wo das Nichts das +letzte Ende aller Dinge zu sein scheint, während +alles in meinem Leben die reiche Fülle des +Weltalls mir bezeugte.“ (2. Februar.) Und er +stellt sich die qualvolle Frage: „Ist es überhaupt +sicher, daß die sittliche Anstrengung ihre Früchte +trägt?“ Es ist wie wenn Gott ihn verließe. +Doch diese Verdunkelung seiner inneren Erleuchtung +vergeht rasch. Er findet die lichten stillen Höhen +wieder, die er nur verläßt, wenn die Pflicht und +der Kampf rufen, jene Höhen, nach denen er sich +sehnte, als er schrieb: „Ich möchte, daß, wenn Ihr +an mich denkt, Ihr das Bild von denen wachruft, +die Alles verlassen hatten, . . . die den nächsten Verwandten +nur noch in der Erinnerung bekannt waren, +von denen sie sagten: „Wir haben einen Bruder +gehabt, der vor langen Jahren von der Welt sich +zurückgezogen hat.“ (13. Januar) Wie seltsam der +heitere Friede dieser Höhen ist, wie sehr von ihm +selbst und allem Irdischen seine Betrachtungen losgelöst +waren, das lassen zwei kleine Züge beurteilen: +Er hat einmal nachts aus einem „mit menschlichen +<!-- page 025 --> +Körperteilen“ und weiter in der Ferne mit Feuersbrünsten +übersäten Schlachtfelde, unter dem von +Sternen funkelnden Himmel, als Lagerstätte eine +Aushöhlung gefunden, von der aus seine Augen +die Mondsichel beobachten und das Kommen des +Tages erspähen. Von Zeit zu Zeit platzt eine +Granate, Erdschollen bedecken ihn, dann sinkt wieder +Schweigen auf die erstarrte Erde nieder: „Ich +habe sie teuer erkauft, ich hatte aber Augenblicke +einer Einsamkeit, die von Gott erfüllt war.“ (28. +Februar.) An einem Abend irrt er nach fünf +Schreckenstagen herum („wir haben keine Offiziere +mehr, alle sind als tapfere Soldaten gefallen“) und +steht plötzlich vor dem ausgestreckten Leichnam eines +Freundes. „Weißer herrlicher Leichnam im Mondlicht +. . . Ich habe in seiner Nähe ausgeruht.“ +(22. Februar) In der Unbeweglichkeit der Natur, +neben diesem Toten, hat er die innere Ruhe gefunden; +er empfindet nur Friede und Schönheit. +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p>Diese Briefe sollen anonym bleiben, wenigstens +solange man die Rückkehr des Verschwundenen erhoffen +kann. Es genügt zu wissen, daß sie von +einem Franzosen geschrieben sind, der mit Liebe und +Glauben an den gemeinsamen Mühen und Gefahren +teilgenommen hat, und froh war, in den Leiden +und der Hingabe Aller die eigene Person zurücktreten +zu lassen. Durch eine Gnade, auf die er kaum +<!-- page 026 --> +gefaßt war, als er die unberührte Stille seines +Künstlerheimes mit dem Schweiß, dem schweren +Dienst und der Unruhe des Soldatenlebens vertauschte, +hat er ohne Zweifel hier sein Bestes offenbart, +und man kann sich fragen, ob es ihm im +regelmäßigen Verlauf eines abgeschlossenen Künstlerdaseins, +je vergönnt gewesen wäre, mit dieser Fülle +sein Wesen auszudrücken. Die ihn lieben, finden +in diesem Gedanken den Trost, der ihnen helfen +kann, Alles geduldig hinzunehmen. Seine Seele +ist in diesen Briefen vielleicht wesentlicher und schöner, +als sie selbst sie je gekannt haben. Auch Mark-Aurel +schrieb im Verlauf eines Krieges seine Gedanken +nieder. Vielleicht braucht es das Äußerste, um den +Seelenadel des Menschen zu zwingen sich zu offenbaren; +dann staunt man darüber, was die Seele +in sich selbst entdecken kann, um es dem Schmerz +und dem Tode entgegenzustellen. So offenbarten +sich in den Tagen der Prüfungen so manche unserer +Söhne und es erstand, zum Erstaunen seiner selbst +und der ganzen Welt, das Wunder jenes Frankreichs, +das noch nicht wußte, was es Alles +bedeutete. Dadurch berühren uns solche Briefe so +tief. Derjenige, der sie schrieb, hatte seine Seele mit +dem Grundton der Allgemeinheit in Einklang gebracht. +Unter dem mystischen Ausspinnen der Melodie, +das sein eigenes Wesen in diesen Grundton +hineinbringt, finden wir den erhabenen Gedanken +wieder, den mehr oder weniger deutlich ausgedrückt, +<!-- page 027 --> +unsere Söhne und Brüder von der Front zu uns +trugen, die hehre Melodie, die heute noch von dem +ganzen kämpfenden Frankreich aufsteigt. In allen zur +Erfüllung der hohen Pflicht versammelten Kameraden +hatte er deutlich erkannt, was er Tiefes und Schönes +in sich selbst entdeckte, und deswegen spricht er +immer von ihnen, besonders von den einfachsten, +mit soviel Liebe und Ehrfurcht. Was ein solches +Leben, fern von den gewöhnlichen Sorgen und ehrgeizigen +Träumen, so rauh, so kümmerlich mitten +unter den ewigen Erscheinungen, ihnen allen bringt, +ist eine bis dahin unbekannte „Großzügigkeit in den +Bewegungen und Gedanken“, „die heitere Ruhe des +Gewissens“ und die Frische einer Empfänglichkeit, +die sich allen Erscheinungsformen der Natur harmonisch +anpaßt. Sie spiegeln nur noch die Natur +in sich wieder. Weil sie sich selbst hingegeben und +vergessen haben, hat sich für sie Alles in wunderbarer +Weise vereinfacht. Sie erlangen die Durchsichtigkeit +der Seele und die Erleuchtung der Kindheit +wieder. „Wir verleben kindliche Tage, wir sind +Kinder geworden“. (24. Dezember.) +</p> + +<p>Diese Verjüngung des Herzens, unter der täglichen +Drohung des Todes, diese kindliche Ahnungslosigkeit +in der täglichen Erfüllung der heroischen +Pflicht, ist das nicht ein Zustand, der an die Gottseligkeit +grenzt? +</p> + +<p class="signature">André Chevrillon.</p> +<!-- page 029 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-2">Briefe eines Soldaten</h2> + +<p class="date">Den 6. August 1914. +</p> + +<p class="address">Teuerste Mutter!</p> + +<p>Das sind die ersten Tage meines sehr bewegten +kriegerischen Daseins; aber die Müdigkeit, die ich +empfinde, ist von dem, was ich erwartete, sehr +verschieden. Ich lebe in einem Zustand starker +nervöser Spannung infolge des Mangels an Schlaf +und köperlicher Bewegung. Ich führe hier das +Leben eines Beamten. Ich gehöre zu dem, was +man Ersatzmannschaft nennt, d. h. die seßhafte Abteilung, +welche den regelmäßigen Gang derjenigen +Dienstzweige sichert, die nie unterbrochen werden +dürfen, auch nicht während der Abwesenheit der +Truppen, und die ferner dazu bestimmt ist, die +Lücken auszufüllen, die etwa in der Feuerlinie entstehen. +Was uns fehlt, ist zu wissen, was vorgeht. +C.-T. ist eine Stadt, in der man keine Zeitungen +mehr bekommt. +</p> + +<p class="date">Den 13. August. +</p> + +<p>Wir sind ohne Nachrichten; während mehrerer +Tage wird es so bleiben, denn die Zensur ist +außerordentlich streng. +</p> + +<p>Hier ist das Leben ruhig. Das Wetter ist prächtig +und alles atmet Ruhe und Vertrauen. Wir +denken an die, welche bei dieser Hitze kämpfen, +<!-- page 030 --> +und dieser Gedanke läßt uns unsere Lage noch zu +schön erscheinen. Die Stimmung der Reservisten +ist vortrefflich. +</p> + +<p class="date">Sonntag, den 16. August. +</p> + +<p>Heute Spaziergang auf dem Ufer der Marne. +Liebliches Wetter nach etwas Regen. Gar angenehmes +Zwischenspiel in diesen unruhigen Zeiten. +Wir sind immer noch ohne Nachrichten wie Ihr +auch, und haben zum Glück einen stattlichen Vorrat +an Geduld. Ich hatte einiges Vergnügen daran, +die Landschaft zu genießen, trotz der blauen und +roten einbrechenden Flut, übrigens machten diese +blauen und roten Leute den besten seelischen Eindruck. +Unsere Ersatzmannschaft wird starke Einbußen +erleiden und nimmt das mit Ruhe auf. +</p> + +<p class="date">Den 19. August (aus einem Tagebuch). +</p> + +<p>Die Eintönigkeit des Soldatenlebens stumpft +mich ab, aber ich beklage mich nicht. +</p> + +<p>Nach neun Jahren finde ich dieselben Menschentypen +wieder, etwas abgeblaßt, gebessert, ausgeglichen, +und besonders auf den großen Gedanken +hin gerichtet, den die Nachrichten aus dem Osten +dem Geiste vergegenwärtigen. Die gewöhnliche +Stubenkameradschaft weicht einem würdigeren Gefühl +der Zusammengehörigkeit und einem löblichen +Streben, sich einander anzupassen. Einer der Vorzüge +unserer gegenwärtigen Lage ist das Gefühl, +daß man Soldat spielen kann in dem Bewußtsein, +<!-- page 031 --> +seine Zeit nicht zu vergeuden. Diese Summe von +kindlichen und wenig anstrengenden Beschäftigungen, +die alle einen unmittelbaren Nutzen und +Erfolg haben, stellt das geistige Gleichgewicht wieder +her und beruhigt die Nerven. Dazu kommt noch der +mächtige Deich, der alle diese Männer in Schranken +hält, ein tiefes und unbestimmtes Gefühl der +Brüderlichkeit, das alle Herzen denen zuwendet, +die kämpfen. Jeder fühlt, daß die kleine Unbequemlichkeit, +die man zu ertragen hat, nur ein +schwaches Opfer ist im Vergleich zu dem entsetzlichen +Aufwand von allen Kräften und aller Hingabe, +die der Grenze zustreben. +</p> + +<p class="date">Den 25. August. +</p> + +<p>Dieser Brief wird um wenige Augenblicke unserm +Abmarsch vorausgehen. Der furchtbare Zusammenstoß +erfordert unsere Gegenwart bei denen, +die bereits im Kampfe stehen. Ich verlasse Euch, +Großmutter und Dich, in der Hoffnung Euch wiederzusehen +und in der Zuversicht, daß Ihr alles +gutheißen werdet, was mir als meine Pflicht erscheinen +wird. +</p> + +<p>Nichts ist verloren und besonders nichts hat +die Einsicht in unsere Bestimmung erschüttert. Sage +denen, die mich ein wenig lieben, daß ich an sie +denke. Ich habe keine Zeit jemandem zu schreiben. +Meine Gesundheit ist vortrefflich. +</p> + +<p>. . . Nach einer solchen Erschütterung kann man +<!-- page 032 --> +sagen, daß unser vergangenes Leben abgestorben +ist. Laß uns also, liebe Mutter, unsere ganze +Kraft daran setzen, uns einem vollständig verschiedenem +Leben anzupassen, Du und ich, wie lange +es auch dauern mag. +</p> + +<p>Sei überzeugt, daß ich keine Gelegenheit aufsuchen +werde, die unser Glück aufs Spiel setzen +könnte, daß ich mich aber bemühen werde, meinem +Gewissen und dem Deinen genug zu tun. Bis +jetzt habe ich mir nichts vorzuwerfen, und ich habe +den Willen auszuharren. +</p> + +<p class="date">Den 25. August (zweiter Brief). +</p> + +<p>Zweiter Brief um Dir mitzuteilen, daß statt des +unsrigen Pierres Regiment fortzieht. Ich hatte +die Freude ihn vor mir vorbeimarschieren zu sehen, +als ich in der Stadt auf Wache war. Ich habe +ihn etwa hundert Meter weit begleitet. Dann +haben wir uns Lebewohl gesagt. Ich hatte den +Eindruck, daß wir uns wieder sehen würden. +</p> + +<p>Die Stunde ist außerordentlich ernst; das Land +wird nicht untergehen; aber seine Befreiung wird +um den Preis von furchtbaren Anstrengungen errungen +werden. Das Regiment von Pierre ist mit +Blumen bedeckt und singend ausgezogen. Es war für +uns ein inniger Trost, daß wir bis zuletzt zusammen +sein konnten. +</p> + +<p>Es ist schön von André,<a href="#footnote-3" id="fnote-3"><sup>3</sup>)</a> daß er seinen Kameraden +<!-- page 033 --> +vom Ertrinken gerettet hat. Man kennt +nicht die Schätze an Heldenmut, die Frankreich +und die intellektuelle Jugend von Paris in sich +bergen. +</p> + + +<p>Was unsere Verluste betrifft, so kann ich +dir sagen, daß ganze Divisionen vernichtet worden +sind. Gewisse Regimenter haben keinen Offizier +mehr. Wie ich empfinde und was ich für +meine Pflicht halte, darüber wird dich mein erster +Brief vielleicht besser unterrichten. Wisse, daß es +eine Schande wäre auch nur einen Augenblick an +die eigene Rettung zu denken, wenn die Rasse +unsere volle Hingabe verlangt. Meine einzige Pflicht +ist ein aufrechtes Gewissen soweit zu tragen, als +meine Beine es zu führen vermögen. +</p> + +<p class="date">Den 26. August. +</p> + +<p class="address">Teuerste Mutter!</p> + +<p>Ich habe mich sehr über einen schönen Artikel von +Barrès gefreut, „Der Adler und die Nachtigall,“ +der Punkt für Punkt mit dem zusammenstimmt, was +ich empfinde.<a href="#footnote-4" id="fnote-4"><sup>4</sup>)</a> Die Ersatzmannschaften enthalten +<!-- page 034 --> +viel Abfall, aber auch kraftvolle Elemente, zu denen +ich mich noch nicht zu zählen wage; aber ich hoffe +sehr, daß ich mit diesen ausziehen werde. Der +Stabsarzt hatte mich vom Tornistertragen entbunden, +aber ich trage ihn doch, um mich zu trainieren, +und halte es gut aus. +</p> + + +<p>Die einzige Versicherung, die ich dir geben +kann, betrifft mein körperliches und seelisches Befinden, +das vorzüglich ist. Der wahre Tod wäre +in einem besiegten Lande leben zu müssen; für +mich besonders, dessen Kunst dann vernichtet wäre. +</p> + +<p>Ich suche die Einsamkeit auf, so oft ich es vermag, +und in geistiger Hinsicht bin ich wirklich unberührt. +Übrigens ist der seelische Stand der +Mannschaft viel höher als in gewöhnlichen Zeiten; +das Unangenehme ist, daß die ewigen Wechsel +und Versetzungen uns von Quartier zu Quartier +herumschleppen, und daß das Vertrauen, welches +im Erwachen war, vor den stets erneuerten uns +bekannten Gesichtern stockt. +</p> + +<p class="date">Den 30. August. +</p> + +<p>Liebes Mütterchen, wenn wir auch nicht schon +gestern fortgezogen sind, sicher ist, daß es sich jetzt +nur noch um Stunden handeln kann. Ich will Dir +nichts schreiben von dem, was ich dir schon sagte; +genug für mich, daß du mir zustimmst, wie ich dessen +sicher war. . . . +</p> + +<p>Je näher die Entscheidung heranrückt, um so +mehr verfliegt alle Schlaffheit. Bei dem gestrigen +<!-- page 035 --> +sehr anstrengenden Marsch ist ein einziger abgefallen +und der war wirklich krank. Frankreich +wird aus dieser schlimmen Lage herauskommen. +</p> + +<p>Ich kann dir nur wiederholen, wie sehr ich +auf jede Wendung der Dinge gefaßt bin, und daß +nichts unsere siebenundzwanzig glücklichen Jahre +streichen kann. Ich bin entschlossen, mich nicht als +ein vorbestimmtes Opfer anzusehen und ich fasse +das Glück der Heimkehr ins Auge, bin aber bereit +bis zum äußersten meiner Kräfte zu gehen. Wenn +du ahnen könntest, welche Scham ich empfinden +würde bei dem Gedanken, daß ich etwas mehr +hätte leisten können. +</p> + +<p>Inmitten all dieses Jammers erleben wir herrliche +Stunden, in denen die Dinge, die uns am +Fremdesten waren, eine erhabene Bedeutung erhalten. +</p> + + +<p class="date">Den 4. September, 6 Uhr (unterwegs, im Zug). +</p> + +<p>Vierzig Stunden einer Fahrt, in der das „malerische“ +den äußersten Mangel jeglicher Bequemlichkeit +übertrifft. Die große Frage ist der Schlaf und +die Lösung ist nicht einfach, wenn man zu vierzig +in einem Viehwagen ist. +</p> + +<p>Jeden Augenblick hält der Zug und wir begegnen +den unglücklichen Flüchtlingen. Dann die Verwundeten: +schöner patriotischer Anblick. Die englischen +Truppen. Die Artillerie. +</p> +<!-- page 036 --> + +<p>Wir wissen nichts mehr, da wir keine Zeitungen +mehr haben und wir können uns nur an die Gerüchte +halten, die in der geängstigten Bevölkerung umgehen. +Herrliches Wetter. +</p> + +<p class="date">Samstag, den 5. September<br /> +<span class="smaller">(nach 60 Stunden Fahrt in einem Viehwagen:<br /> +40 Mann in jedem Wagen.) +</span> +</p> + +<p>Am selben Tage sind wir an den Ufern der Seine, +dem Walde von Fontainebleau gegenüber, und an +den Ufern der Loire entlang gefahren. Die Schlösser +von Blois und von Amboise gesehen. Leider verhinderte +uns die Nacht daran, mehr zu sehen. Könnte +ich Dir nur sagen, welche süße Erinnerungen jene +herrlichen Loireufer in mir wachgerufen haben! +</p> + +<p>Seid Ihr von diesen schrecklichen Fliegern beschossen +worden? Ich denke an Euch in solchen +Fällen, an die arme Großmutter besonders, die +es wahrlich nicht nötig hatte solche Dinge zu erleben. +Nun, gute Hoffnung! Wir erfahren durch die +evakuierten Verwundeten, daß in den ersten Tagen +des Augusts im hohen Kommando Fehler begangen +worden sind und daß sie unerbittlich bestraft worden +sind. Jetzt müssen wir sie wieder gut machen. +</p> + +<p>Die englischen Truppen kommen in Menge. Wir +sind an mehreren vollgestopften Zügen vorbeigefahren. +</p> + +<p>Nun, dieser Krieg wird nicht der militärische +Spaziergang sein, wie Viele glaubten, wie ich es +nie geglaubt habe; er wird aber das Gute in der +ganzen Menschheit aufgerüttelt haben. Ich erzähle +<!-- page 037 --> +Euch nichts von den herrlichen Bildern, die nicht +auf den Krieg Bezug haben, doch wird nichts +verloren sein. +</p> + +<p class="date">Den. 5. September 1914,<br /> +<span class="smaller">1. Etappe, 66 Stunden Käfig ohne sich ausstrecken zu können. +</span> +</p> + +<p>Fortwährend Berührung mit Eisenteilen und +Erschütterung — aber auf die gräßliche Nacht folgt +dreimal nacheinander der strahlende Morgen und +alle Müdigkeit verschwindet! +</p> + +<p>Wir sind kreuz und quer durch die französische +Landschaft gefahren, von der etwas trockenen, aber +so andeutungsreichen Heiterkeit der Champagne bis +zur üppigen und kraftvollen Seelenruhe der Bretagne. +Dazwischen sind wir an den rauschenden und feierlichen +Ufern der Loire entlang gefahren, und nun . . . +O mein herrliches Vaterland! Herz der Welt, in +dem alles Göttliche auf Erden ruht, welch’ Ungeheuer +zerfleischt Dich? Wesen, dessen Schönheit +allein eine Herausforderung war . . . +</p> + +<p>Vorher liebte ich Frankreich in aufrichtiger Liebe, +wenn auch etwas nach der Art eines Dilettanten; +ich liebte es wie ein Künstler, der stolz ist auf dem +schönsten Fleck Erde zu leben, aber im Grunde +liebte ich es etwa wie ein Bild seinen Rahmen lieben +könnte.— Es brauchte dieses Entsetzen, um mich +das Kindliche, das Innige in den Banden, die mich +mit meinem Lande verknüpfen, fühlen zu lassen . . . +</p> + +<p class="date">Den 7. September (aus einem Tagebuch). +</p> + +<p>. . . Wir haben die Fahrt in das Unbekannte +<!-- page 038 --> +angetreten, ohne irgend ein vorherrschendes Gefühl, +außer etwa einer leidlich schönen Annahme des +Unvermeidlichen. Doch die weicheren Regungen +werden durch den Anblick der Opfer des Krieges +wachgehalten. Wir sehen besonders Flüchtlinge. +Arme Menschen! wahrhaft dem Boden Entwurzelte, +oder vielmehr welkes Laub im Sturm, kleine Seelen +in gewaltigen Ereignissen. Ganze Züge von Viehwagen, +die kaum ihre Bestimmung gewechselt haben. +Züge, in denen der Jammer dieser Entrissenen sich +anhäuft, die, o wie bald, zur Herde werden! Das +Elend hat sie aller menschlichen Errungenschaften +entblößt. Wir bringen ihnen zu essen und zu trinken +und dabei lernen wir sie kennen: der Mann trinkt, +ohne an seine Frau, an seine Kinder zu denken. +Die Frau erinnert sich ihres Säuglings, einige +Weiber aber nehmen sich Zeit, ohne um die Hast +der andern sich zu kümmern. Unter diesen Schiffbrüchigen +berührt mich eine wie ein Stich mitten +ins Herz. Eine siebenundachtzigjährige Greisin, in +allen diesen Stößen herumgeschüttelt und herumgeschleppt, +wird abwechselnd heraufgeladen und aus +den rollenden Käfigen heruntergeschafft, so zitternd, +so hülflos, so verloren . . . +</p> + +<p class="date">Den 10. September (aus einem Tagebuch). +</p> + +<p>Wir kommen in eine von guten Nachrichten +durchkreuzte Gegend: sehr deutlich bekomme ich den +Eindruck, daß nunmehr das Schicksal Frankreichs +<!-- page 039 --> +gesichert ist. Vom amtlichen Bericht, der bündig +und bestimmt einen durchgreifenden Erfolg versichert, +bis zu dem Bündel phantastische Gerüchte, +alles trägt dazu bei, dieses Vorgefühl zu verstärken. +</p> + +<p class="date">Den 13. September (aus einem Tagebuch). +</p> + +<p>Hier ist Krieg; hier betreten wir den Ort des +Entsetzens. Wir haben die Dörfer Frankreichs, in +denen der Friede schlummerte, verlassen. Jetzt ist +alles nur noch gewaltsame Bewegung, hier sieht +man die ersten unmittelbaren Opfer des Krieges. +</p> + +<p>Die Soldaten: Blut, Schmutz und Schlamm. +Verwundete. Diejenigen, denen wir zuerst begegnen, +sind am leichtesten verwundet: Wunden an +den Armen, den Händen. Bei den meisten bemerkt +man deutlich neben der Müdigkeit und den +Schmerzen ein Gefühl wahrer Erleichterung, weil +sie noch leidlich gut davon gekommen sind. +</p> + +<p>Weiter in der Gegend der Verbandstellen, +Verscharren von Toten; sechs sind es, auf zwei +Karren ausgestreckt. Flach daliegend, in zerrissenen +Kleidern verloren, führt man sie in eine am Fuß +eines Kruzifixes offene Gruft. Priester tun eher +Kriegsdienst als Gottesdienst, denn auch sie +sind als Soldaten eingezogen. Etwas Stroh +und Weihwasser darüber und wir ziehen weiter. +Im Grunde sind diese Toten noch zu beneiden. +Sie sind gepflegt gestorben. Was soll man +<!-- page 040 --> +von denen sagen, die weiter vorn liegen und verschieden +sind nach Nächten von Todeskampf und +Verlassenheit! +</p> + +<p>. . . . Von diesem Sturme wird uns ein endloses +Verlangen nach Mitleid, Brüderlichkeit und +Güte verbleiben. +</p> + +<p class="date">Mittwoch, den 16. September 1914. +</p> + +<p>In dem Kreise des Entsetzens. Die regnerische +Dämmerung läßt die Straße erbleichen; plötzlich, +in einem Graben, — die Toten! Sie haben sich +vom Schlachtfeld bis hierher geschleppt. Wie sie +gefallen, so liegen sie da — jetzt schon stinkend. +Die einbrechende Nacht läßt uns nur mit Mühe +ihre Landeszugehörigkeit unterscheiden, aber dasselbe +große Mitleid umfängt sie. Es gibt nur ein +Wort für alle: armer Junge! Die ganze Nacht +unter diesen Greueln, dann den Morgen wieder. +Der Tag bricht an über angeschwollene Pferdeleiber! +An einer Waldecke ein erkaltetes Gemetzel. +Sie liegen da ausgestreckt und starr, schon schwarz +von Verwesung — und ausgeplündert: überall +sieht man offene Taschen, aufgerissene Brotsäcke. +Nichts von dem, was ihre Persönlichkeit ausmachte, +ist ihnen verblieben. Unter ihnen Zivilisten, +deren Gegenwart sich aus dem deutschen Verfahren +erklärt, französische Geiseln unter unserm +Feuer marschieren zu lassen. +</p> + +<p>Wenn diese Aufzeichnungen jemandem in die +<!-- page 041 --> +Hände fallen, mögen sie in einem ehrlichen Herzen +Schauer erwecken vor der scheußlichen Missetat +derer, die an diesem Kriege verantwortlich sind. +Nie wird es Ruhm genug geben, um all diesen +Schmutz, all dieses Blut zu verdecken. +</p> + +<p class="date">Den 21. September 1914. +</p> + +<p>Der Regen im Krieg: Eine Qual, von der man +sich keine Vorstellung machen kann. Drei Tage und +drei Nächte, ohne etwas anderes tun zu können +als zittern und jammern und trotzdem muß man +den Dienst versehen. In einem mit Wasser gefüllten +Graben schlafen, das sucht seinesgleichen +bei Dante; was soll man aber erst vom Erwachen +sagen, wenn man auf den Augenblick lauern muß, +wo man mordet oder ermordet wird! Darüber das +Brummen der Granaten, welches das Pfeifen des +Windes übertönt. Mitunter Knattern der Gewehre. +Dann kauert man in den Schmutz nieder und läßt +die Verzweiflung einen durchdringen. +</p> + +<p>Als diese Qualen ein Ende nahmen, hatte ich +eine solche Entspannung der Nerven, daß ich geweint +habe, ohne zu wissen warum. Das nennt +man auf Vorposten ziehen nach einem Kampfe. +</p> + +<p class="date">Den 25. September. +</p> + +<p>Eine Hölle in der friedlichsten, ländlichsten +Gegend. Eine Herbstlandschaft, in welche die Kanone +Löcher reißt! +</p> +<!-- page 042 --> + +<p class="date">Den 27. September. +</p> + +<p>Wenn es außer der herrlichen Lehre, die aus +diesem Kriege hervorgehen wird, greifbare Gewinne +gibt, so bin ich besonders für einen empfänglich, +die Betrachtung des nächtlichen Himmels. Niemals +brachte mir die Majestät der Nacht so vielen +Trost wie in diesen sich häufenden Prüfungen. Der +strahlende Abendstern ist mir ein Freund geworden. . . +</p> + +<p>Jetzt bin ich mit den Formen der Sternbilder +vertraut. Einige ziehen durch den Himmel weite +Bogen, als wollten sie den Thron Gottes umkreisen. +Welche Pracht! Wie denkt man dabei an +den chaldäischen Hirten! +</p> + +<p>O Sternbilder! erstes Alphabet! . . . . +</p> + +<p class="date">Den 1. Oktober. +</p> + +<p>Ich kann Dich versichern, daß ich in geistiger +Beziehung soeben herrliche Tage erlebt habe, in +deren Verlauf alles, was eitle Sorge war, durch +einen neuen Geist weggefegt wurde. +</p> + +<p>Wenn Du je eine trübe Stunde hast und ein +einziger meiner Briefe Dich erreicht, so soll er Dir +sagen, wie erhebend und kostbar diese Qualen waren. +</p> + +<p class="date">1. Oktober (aus einem Tagebuch). +</p> + +<p>. . . Aus alledem muß man folgern, daß unsere +Leiden in jedem einzelnen ihrer Momente als die +wunderbarste Quelle seelischer Bewegung und der +Bildung für unser Gewissen zu betrachten sind. . . . +</p> +<!-- page 043 --> + +<p>Jetzt weiß ich, welchem Gebiet mein Schicksal +mich zuführt. Nicht mehr in das stolze, künstliche +Land abstrakten Denkens, sondern auf den Weg +der täglichen kleinlichen Sorgen und in ihren +Dienst muß ich eine stets wachsame Feinfühligkeit +stellen. +</p> + +<p>Ich sehe, wie leicht eine gerade Natur alles +Künstliche im Ausdruck aufgibt, um tätig zu sein +und einen heilsamen Einfluß auszuüben. Eine +kostbare Belehrung, die mir im Falle der Rückkehr +erlauben würde, weniger darunter zu leiden, wenn +das Schicksal mir zu malen nicht mehr erlauben sollte. +</p> + +<p class="date">Den 9. Oktober. +</p> + +<p>. . . Wie es scheint haben wir den Befehl, anzugreifen. +So will ich denn dieses schwere Wagnis +nicht unternehmen, ohne Dir meine Gedanken zuzuwenden +in den wenigen Augenblicken der Sammlung, +die wir haben. . . Alles trägt hier dazu bei, +den Frieden des Herzens zu bewahren: die Schönheit +der Wälder, in denen wir leben, das Fehlen geistig +komplizierter Aufgaben . . . Es ist widersinnig, wie +Du sagst, — und doch sind soeben die schönsten +Stunden meines seelischen Daseins verflossen . . . +</p> + +<p>Wisse daß es auf Erden immer Schönheit geben +wird und daß der Mensch niemals Bosheit genug +haben wird, um sie zu zerstören. Ich habe genug +gesammelt, um damit mein ganzes Leben zu schmücken. +Möge das Schicksal mir Gelegenheit geben, daß ich +<!-- page 044 --> +alles was ich heute sammle, später seine Früchte +tragen lasse. Es gibt ein Ding, das niemand uns +wird entreißen können, das ist der Seelenschatz, den +wir angehäuft haben. +</p> + +<p class="date">Den 12. Oktober. +</p> + +<p>Bis jetzt verlassen mich deine Liebe und die +Vorsehung nicht. Wir sind immer noch in herrlichen, +verwüsteten Wäldern, mitten im schönsten Herbst. Die +Natur bringt uns manche Freuden, welche diese +Greuel übertönen. Tiefe, mächtige Hoffnung, welche +Leiden uns auch erwarten mögen. +</p> + +<p class="date">Den 14. Oktober. +</p> + +<p>Ohne Zweifel, liebe Mutter, gibt es Opfer, die +schwere Kämpfe kosten; doch wisse, daß wir beide +die nötige Kraft der Seele besitzen, um diese schweren +Stunden zu durchleben, ohne vor Angst zu beben +bei dem Gedanken an das Wiedersehn, das wir +beide erhoffen. +</p> + +<p>Das Wichtige ist, den Wert der gegenwärtigen +Stunde zu erkennen und sie alles uns schenken zu +lassen, was sie Schönes, Gutes, Erbauliches enthalten +mag. Im übrigen vermag niemand die Zukunft +zu verpfänden und es wäre eine sehr unnötige +und zwecklose Quälerei, in dem Gedanken daran +zu leben, was uns wohl künftig geschehen könnte. +Findest Du nicht, daß das Leben uns viele Freude +gespendet hat und es eine der letzten und die größte +war, daß wir uns endlich schreiben konnten? Hier +<!-- page 045 --> +gibt es viele arme Menschen, die nicht wissen, wo +ihre Frauen, ihre Kinder sind, die seit Monaten +von allen getrennt sind. Wie du siehst, gehören +wir noch zu den Bevorzugten. +</p> + +<p>Liebe Mutter, weniger denn je dürfen wir verzweifeln; +denn niemals werden wir deutlicher den +Eindruck haben, daß alle diese Unruhe und diese +Verirrungen nichts sind im Vergleich zu dem Anteil +Ewigkeit, das jeder in sich trägt, und daß alle +diese Ungeheuerlichkeiten in einer besseren Zukunft +ihren Abschluß finden werden. Dieser Krieg ist wie +eine Welterschütterung, die auf frühere Umwälzungen +unseres Erdballs folgt; sahst du aber je, daß bei +alledem ein Teilchen Seele verloren ging und das +Gefühl einer höheren Ordnung abgeschwächt wurde? +Unsere Leiden kommen daher, daß unsere kleine +menschliche Geduld unseren Bedürfnissen, wenn auch +den edelsten, zugewandt ist. Sobald sie die Dinge +prüft mit der Absicht, darin Harmonie zu entdecken, +findet sie die vollkommene Ruhe der Seele. +Wir wissen nicht, ob diese Gewalt und diese Unordnung +unser allgemeines Geschick nicht dem endgültig +Guten zuführt. +</p> + +<p>Liebe Mutter, indem ich die festeste und menschlichste +Hoffnung bewahre, sende ich Dir sowie der +geliebten Großmutter meine innigste Liebe. Wende +auch unsern Freunden, die im Unglück sind, mein +ganzes Herz zu. Hilf ihnen alles ertragen: zwei +<!-- page 046 --> +Kreuze sind weniger schwer zu tragen als eines. +Hab’ Vertrauen in unsere ewige Freude. +</p> + +<p class="date">Den 15. Oktober, 7 Uhr. +</p> + +<p>Ich habe eine Karte von Dir erhalten, vom +ersten. Wie froh bin ich, uns endlich mit einander +verbunden zu sehen! In Wahrheit hatten sich +unsere Gedanken nie verlassen. Du teilst mir das +Unglück von Martha mit und ich freue mich, daß +Du ihr behülflich sein kannst. Liebe Mutter, das +ist unser beider Aufgabe: im gegenwärtigen Augenblick +nützlich zu sein, ohne etwas von der folgenden +Minute vorwegzunehmen. +</p> + +<p>Ja, ich fühle wirklich so innig wie Du, daß ich +im Leben eine Aufgabe zu erfüllen habe. Aber +man muß stündlich so handeln, wie wenn diese +Aufgabe augenblicklich zu erfüllen wäre. Behalten +wir kein Winkelchen unseres Herzens für unsere +kleinen Hoffnungen. Wir müssen notwendig dazu +kommen, daß kein Unglücksfall aus unserm +Leben etwas Trümmerhaftes, Abgebrochenes, Unharmonisches +mache. Das ist die schönste Aufgabe, +die Aufgabe des Augenblickes. +</p> + +<p>Das übrige, jene Zukunft, welche man nicht +befragen darf, liebste Mutter, Du sollst sehen, was +sie uns Schönes, Gutes, Gerechtes vorbehält. +Keine unserer Kräfte darf sich ins Leere betätigen; +jede eitle Ängstlichkeit ist eine schädliche Kraftvergeudung. +</p> +<!-- page 047 --> + +<p>Begnüge Dich mit der herrlichen Versicherung, +daß ich bis heute meine Seele zu einer Höhe gehoben +habe, wo die Ereignisse ihr nichts mehr antun +können und ich verspreche Dir, daß mein +Streben dahin geht, sie fernerhin vorzubereiten, so +gut ich es kann. +</p> + +<p>Sage M. . ., wenn das Schicksal die Besten +trifft, daß es nicht ungerecht ist: die Schlechten, +die weiterleben, werden dadurch gebessert. Möge +sie das Opfer annehmen in dem Bewußtsein, daß +es nicht zwecklos ist. Ihr wißt nicht, welche Lehre +uns der gibt, der fällt. Ich aber weiß es. +</p> + +<p>Für den, der das Leben zu lesen vermag, +haben die gegenwärtigen Ereignisse alle gewohnte +Denkweise zerrissen, sie lassen aber besser denn je +die ewige Schönheit und Ordnung durchschauen. +</p> + +<p>Laßt uns uns erholen von der durch diesen +Riß verursachten Überraschung, und uns sofort +den neuen Verhältnissen anpassen, die aus uns +Bevorzugte machen im Vergleich mit Sokrates, +den christlichen Märtyrern und den Männern der +Revolution. Wir verschmähen im Leben das nur +Vergängliche und erfreuen uns dessen, was es so +selten bietet, des Gefühls des Ewigen. +</p> + +<p class="date">Den 16. Oktober. +</p> + +<p>Wir verleben einige Tage in annähernder Ruhe; +zwischen zwei Stürmen hat meine Kompagnie eine +besondere Ruhezeit verdient; so kann ich den +<!-- page 048 --> +Oktober voll genießen. Dein guter Brief vom +2. Oktober ist angekommen, jetzt bin ich voll Freude +und der Friede ist innig . . . . +</p> + +<p>Fahren wir fort, uns mit Mut zu wappnen, +reden wir nicht einmal von Geduld. Nur noch +Annahme des gegenwärtigen Augenblickes mit +allen Schätzen, die er uns bringt: es gibt nichts +anderes mehr, und gerade in diesen einzigen Punkt +vereinigt sich alles, was es Schönes in der Welt +gibt. Die Schönheit lebt, liebe Mutter, sie lebt +außerhalb von allem, was wir sonst gewohnt +waren zu fühlen. Setze Deinen Mut, Deine Liebe +zu mir darein, sie zu entdecken, sie andere entdecken +zu lassen. +</p> + +<p>Diese neue Schönheit hat nichts zu tun mit +den Vorstellungen, welche die Worte: Gesundheit, +Familie, Vaterland ausdrücken; man erkennt sie, +wenn man das Stück Ewigkeit, das in jedem +Dinge enthalten ist, entdeckt. Aber bewahren wir +die wunderbare Zuversicht, daß wir <i>uns wiedersehen</i>, +sie wird uns nicht hindern alles zu tun, +was unsere Pflicht uns vorschreibt. Sage M . . . +wie sehr ich an sie denke. Leider ist ihr Fall nicht +eine Ausnahme. Dieser Krieg hat manche Hoffnungen +zertrümmert; so wollen wir, liebe Mutter, +unsere Hoffnung dorthin verlegen, wo der Krieg +sie nicht erreichen kann, in die Tiefe unseres Herzens, +in die Höhen unserer Seele. . . . +</p> +<!-- page 049 --> + +<p class="date">Den 17. Oktober, um 15 Uhr. +</p> + +<p>Dir schreiben, das Bewußtsein, daß meine +Briefe Dich erreichen, das ist mir ein tägliches Paradies. +Ich lauere auf die Stunde, wo mir das +möglich wird. Ja, geliebte Mutter, Du mußt fühlen, +wie Dein Mut und Deine Lebensfreude wiedererwachen; +nie darf man als Lebensgrund eine einzige +Zuneigung nehmen, so berechtigt sie auch sein +mag. Kein Unglücksfall darf uns vergessen lassen, +wozu wir leben. Freilich können wir diese oder +jene Aufgabe im Leben vorziehen, laß uns jedoch +die annehmen, welche sich uns darbietet, so unerwartet +und kurz sie auch sein mag. Du fühlst wie +ich selbst, daß eine glückliche Zukunft uns beschieden +ist, doch denken wir nicht daran. Denken wir +an die Arbeit des heutigen Tages, an alle Opfer, +die sie uns auferlegt. +</p> + +<p class="date">Den 22. Oktober. +</p> + +<p>. . . . Ich nehme alles aus der Hand des Schicksals +an; ich habe ihm aber alles genommen, was +es an Glück in den Falten eines jeden Augenblickes +birgt. Ach! wenn die Menschen ahnten, +wieviel Friede sie vergeuden und was eine Minute +in sich fassen kann, wie würden sie doch weniger +unter der scheinbaren Gewalttätigkeit leiden! +Freilich gibt es äußerste Qualen, die ich noch nicht +kenne und welche die Seele vielleicht in einer +Weise prüfen, die ich nicht ahne; aber ich spanne +<!-- page 050 --> +alle Kräfte meiner Seele dem Ziele entgegen, alle +Augenblicke und alle Prüfungen anzunehmen. . . . +</p> + +<p>Was notwendig ist, ist die Erkenntnis des +Sieges der Liebe und der Schönheit über die Gewalt. +Einige Zeiten des Hasses und der Lüge +werden nicht die ewige Schönheit zu zerstören vermögen, +und von dieser Schönheit hat jeder von +uns einen unsterblichen Schatz. +</p> + +<p class="date">Den 23. Oktober. +</p> + +<p class="address">Liebste Mutter!</p> + +<p>Ich habe den Artikel von Barrès, „Der Adler +und die Nachtigall“ noch einmal gelesen. Er ist +immer noch so schön, aber schon nicht mehr im +Ton. Heute besteht nichts außer dem unmittelbar +Gegenwärtigem; alles übrige erscheint wie ein +Schmuck, den man beiseite legt für Festtage, ferne, +problematische Feste. Aber gleichwohl, man schließt +diesen Schmuck sorgfältig in eine Schublade ein. +So tue ich mit den Schätzen der Freundschaft, dem +berechtigten Ehrgeiz, dem lobenswerten Streben. +Ich habe alles zugedeckt und lebe allein dem Genuß +des gegenwärtigen Augenblickes. +</p> + +<p>Diesen Morgen, im Anblick des blauen Himmels, +denke ich an die Musik, die ich gestern gespielt: +ich war vollkommen glücklich. Verzeih mir, +daß ich nicht in der angstvollen, fieberhaften Erwartung +des Wiedersehens lebe. Ich glaube, daß +Du mir zustimmst, wenn ich unsere teuerste Hoffnung +in andere Hände lege als die unsrigen. +</p> +<!-- page 051 --> + +<p class="date">Den 27. Oktober. +</p> + +<p>Wenn ich die Freude habe, wie ich es inständig +hoffe, Dich wiederzusehen, sollst Du erfahren, +in wie wunderbarer Weise ich durch die Vorsehung +geleitet worden bin. Ich habe nur vor +einer Macht und einer Güte mich zu neigen brauchen, +die alle meine stolzesten Vorstellungen überbot. +</p> + +<p>Ich kann sagen, daß Gott in mir war, wie ich +in Gottes Hand bin und ich habe nur den einen +bestimmten Wunsch, daß ich stets eine solche Gemeinschaft +empfinden möge. Siehst Du, darauf +kommt es an, das Leben auszunützen, nicht, wie +man es verstehen kann, selbst nicht in unseren +edelsten Neigungen, sondern indem man sich sagt: +Laßt uns essen und trinken von allem, was ewig +ist; denn morgen sterben wir allem ab, was menschlich +ist. Es kommt der Augenblick, wo man seine +Liebe wachsen sieht, während man zugleich allem +ängstlichen, kleinlichen Hoffen entsagt. +</p> + +<p class="date">Den 28. Oktober. +</p> + +<p>Nun naht das Ende des dritten Monats einer +schrecklichen Prüfung, deren Lehren mannigfaltig +und heilsam sein werden, nicht allein für den, der +sie zu hören weiß, sondern für die ganze Welt; +und das ist der große Trost, wenn man von diesem +Sturm erfaßt worden ist. Möge es der Trost +für die sein, die ihre Hoffnung an die Hoffnungen +der Kämpfenden geknüpft haben. +</p> +<!-- page 052 --> + +<p>Dieser Trost ist besonders in dem übermenschlich +klaren Bewußtsein, daß alle göttliche und +ewige Kraft, die in unserer Gattung wirkt, statt +geschwächt zu sein, vielmehr gesteigert und mächtig +angeregt aus diesen Stürmen hervorgehen +wird. Glücklich, wer den Friedensgesang hören +wird, wie in der Pastoralsymphonie, glücklich aber +auch derjenige, der ihn im Sturme vorausahnt! +Was tuts nachher, wenn dieses herrliche Vorgefühl +in Abwesenheit des Propheten zur Tat wird! +Wer das geahnt hat, hat auf Erden viele Freuden +aufgelesen. Ein höherer wird sagen, ob seine +Aufgabe vollendet ist. +</p> + +<p class="date">Den 28. Oktober<br /> +<span class="smaller">(zweiter Brief, fast zur selben Stunde). +</span> +</p> + +<p class="address">Teure geliebte Mutter!</p> + +<p>Noch kann ich eine traute Stunde mit Dir verbringen. +Wir können nur uns immer wieder +dasselbe sagen; doch es ist so herrlich, daß man +stets neuen Ausdruck dafür finden könnte. +</p> + +<p>Heute leben wir unter einem Himmel mit +großen stürmenden kalten Wolken, wie bei den +holländischen Landschaftsmalern. . . . +</p> + +<p>Teuerste, ich wage nicht einen Wunsch auszusprechen, +ich darf es nicht, man darf nicht einmal +eine Zeit teilweiser Entspannung ins Auge fassen. +Ich <a id="corr-1"></a>versichere Dich, daß andauernde Kraftanstrengung +weniger ermüdend ist als gewisse Zeiten rastloser, +<!-- page 053 --> +fieberhafter Arbeit, die wir durchgemacht haben. +Nur können wir dabei unsere Seelenkräfte in einer +Art Widerstand gegen alles Böse in uns anspannen +und die Tore allem Guten, was von +außen kommt, offen lassen. +</p> + +<p>. . . Ich bin froh, daß Du Tolstoi gelesen hast: +er war auch im Krieg. Er hat ihn verurteilt, er +hat seine Lehren in sich aufgenommen. Wenn Du +einen Blick in das herrliche Buch „Krieg und +Frieden“ einwerfen kannst, wirst Du darin Bilder +finden, die an unsere Lage erinnern. Was es Dir +begreiflich machen wird, ist die Möglichkeit ruhigen +Betrachtens, die dem Soldaten gelassen ist, +der sie erstrebt. +</p> + +<p>Was den Zwang betrifft, den der Mangel an +jeglichem körperlichen Wohlbehagen der Seele auferlegen +könnte, so glaube ja nicht daran. Wir +führen zwar das Dasein von Kaninchen am ersten +Jagdtage; trotzdem können wir in herrlicher Weise +unsere Seele bereichern. +</p> + +<p class="date">Den 30. Oktober. +</p> + +<p>Ich schreibe Dir in einer herrlichen Herbstlandschaft, +grau, vom Wind durchfegt. Für mich aber +war der Wind nie verstimmend, weil er mir die +Seele des Landes jenseits des Hügels zuweht. . . . +Der grauenhafte Krieg vermag uns nicht aus unserer +geistigen Heimstätte herauszureißen. Trotz +Stunden betäubenden Lärmes findet man sich ungefähr +selbst wieder. Ich möchte sogar behaupten, +<!-- page 054 --> +daß unser heutiges gewöhnliches Dasein uns eine +Feinfühligkeit verleiht, die fähig ist, die leiseste Berührung +zu verzeichnen, wie wenn alle unsere Nerven +bloß lägen. Vielleicht wird sich, nachdem die +Hülle unserer Seele sich abgeschält, eine Kruste +bilden und die Zurückkehrenden eine Zeitlang <a id="corr-2"></a>abgestumpft +sein. Was schadets: dieser Zustand seelischer +Erschütterung kann nicht ohne Nutzen vorübergehen. +</p> + +<p>Gestern waren wir in einem hübschen Dorfe +der Maasgegend, dessen Reiz durch den Gegensatz +der umgebenden Ruinen noch erhöht wurde. +</p> + +<p>Ich konnte mir ein Hemd waschen lassen und, +während es trocknete, unterhielt ich mich mit der +trefflichen Frau, die täglich dem Tode trotzt, um +ihr Heim zu schützen. Sie hat drei Söhne, alle +sind Soldaten, und die Nachrichten, die sie von +ihnen hat, sind schon alt; einer von ihnen ist +wenige Kilometer von ihr vorbeimarschiert. Seine +Mutter wußte es und hat ihn nicht sehen können. +Eine andere von diesen französischen Frauen bewacht +das Haus ihres Schwiegersohnes, der sechs +Kinder hat. +</p> + +<div class="tb"><hr class="dash" /></div> + +<p>Deine Aufgabe ist es, alles ruhig aufzunehmen +und zugleich volles Vertrauen in die ewige Gerechtigkeit +zu haben. +</p> + +<p>Halte Dich dabei nicht auf, den Wert der Persönlichkeit +derer, die am Leben bleiben, derer die +<!-- page 055 --> +gehen, zu betrachten; das heißt die Dinge auf der +menschlichen Wagschale abwägen. Man muß aber +in uns die gewaltige Summe dessen unterscheiden, +was besser ist als das Menschliche. +</p> + +<p>Liebe Mutter, unbedingtes Vertrauen! Worin? +Wir ahnen es beide. +</p> + +<p class="date">Den 31. Oktober, 10 Uhr. +</p> + +<p>. . . Bis jetzt hatte ich die Weisheit des Entsagens, +jetzt aber erstrebe ich eine Weisheit, die +alles willig hinnimmt und auf das künftige Handeln +hingerichtet ist. Was tut’s, wenn die Wolfsgrube +sich unter den Füßen des Läufers öffnet? +Freilich erreicht er sein Ziel nicht; ist der aber +klüger, der am Rande verkommt unter dem Vorwand, +daß er hineinfallen könnte? +</p> + +<p class="date">Den 1. November, Allerheiligen, 8 Uhr. +</p> + +<p>Gestern erhielt ich Deine Karte vom 24.—25. +Während Du den für uns verhüllten Mond betrachtetest, +fühltest Du Dich, sehr mit Unrecht, ohnmächtig; +wie sehr hattest Du aber Recht, daß Du +hofftest! +</p> + +<p>In demselben Augenblick wurde ich durch die +Vorsehung beschützt in einer Weise, die allen +Hochmut über den Haufen wirft. +</p> + +<p>Am nächsten Tage hatten wir das wundervollste +Morgenrot über dem Purpur der Herbstwälder +in dieser Gegend, wo ich vor drei Jahren +meine Skizzen malte. Wir sind aber an der Stelle, +<!-- page 056 --> +wo die Landschaft Charakter annimmt, sich erweitert +und von ergreifender Majestät wird. Wie +Dir die Schönheit des Horizontes schildern! Wir +bleiben in dieser herrlichen Gegend und heute ist +Allerheiligen! +</p> + +<p>Zur Stunde schreibe ich Dir im Silberglanz +der Sonne, die über den Nebeln des Tales aufgeht; +wir ahnen das schlafende Land vierzig Kilometer +weit in der Runde und die Schlacht stört +kaum den weihevollen Ernst des Landschaftsbildes. +</p> + +<p>Liebe innig mein geplantes Gemälde. Es verknüpft +mich mit meinem Schicksal. Wenn ich die +Gnade habe, heimzukehren, wird die äußere Anlage +des Bildes eine andere sein, das Wesen ist +aber in der Skizze schon enthalten. +</p> + +<p>Mittag. — Herrlicher Allerheiligentag, den die +Gewalttätigkeit entweiht. +</p> + +<p>Herrliche Pracht des Tages. +</p> + +<p class="date">Den 2. November, Allerseelen. +</p> + +<p>Strahlendes Fest der Sonne und der Freude +in der prächtigen Natur einer Maaslandschaft. +Im Herzen preßt sich die Hoffnung zusammen, die +dem Schmerze derer nicht spotten will, für welche +dieser Tag der erste Schritt auf dem Wege der +Trauer ist. +</p> + +<p>Teure inniggeliebte Mutter, vor achtundzwanzig +Jahren warst Du in Trauer und Hoffen: heute +<!-- page 057 --> +auch ist die Angst des Hoffens voll. Diese Prüfungen +kommen über Dich nicht in demselben Alter, +aber ein ganzes Leben des geduldigen Sichfügens +bereitet Dich auf die letzte Weisheit vor. +</p> + +<p>Welche Lust, dieses stete innige Mitschwingen +im Schoße der Natur! Gestern abend sah ich denselben +Horizont, den wir erwachen sahen, in rosiges +Licht gebadet; dann ist der Vollmond in einem +zarten Himmel aufgegangen, auf den die Bäume, +wie Korallen und Safran, in zackigen Linien sich +abzeichneten. +</p> + +<p>O Teure, das entsetzliche Martyrologium der +besten französischen Jugend kann nicht ins Endlose +sich ausdehnen. Es ist undenkbar, daß die Auserlesenen +eines ganzen Volkes zu Grunde gehen. +</p> + +<p>Es gibt als Aufgabe für das Genie eines Volkes +etwas besseres als den Krieg: eine tiefe Ahnung +zeigt mir in naher Zukunft eine Besserung. Möge +unser Mut und unsere Einigkeit uns diesem Bessern +zuführen. Hoffnung, immer neue Hoffnung! Ich +habe den lieben Brief von Großmutter und die +Karte von Herrn R. erhalten, gut und freundlich. +O Teure, habt ihr auch heute diese schöne Sonne? +Wie schön ist die Landschaft, wie gut die Natur! +Sie sagt dem, der ihre Stimme hört, daß nichts +wird verloren sein. +</p> + +<p class="date">Den 4. November, 1 Uhr. +</p> + +<p>Ich lebe nur durch den Gedanken an Dich und +in der Güte der Natur. Diesen Morgen haben +<!-- page 058 --> +unsere Vorgesetzten mit einem Marsche von zwanzig +Kilometern gedroht und die Drohung ist zur Tat +geworden als ein reizender Spaziergang in der +Landschaft, die ich so innig liebe. +</p> + +<p>Ein entzückend feiner Dunst, den wir von Stunde +zu Stunde steigen sehen, der Lockung einer mäßig +warmen Sonne folgend; und dort Hügelketten, die +ein ausgedehntes Landschaftsbild beherrschen, in +welches alles in seinen Linien sich einzeichnet oder +im Nebel angedeutet ist. +</p> + +<p>Man sieht Hügel mit kahlen Bäumen, die liebliche +Umrisse zeigen. Ich denke an die alten Maler, +an ihre zartempfundenen und gewissenhaften Landschaftsbilder. +Welche peinlich durchgeführte Majestät, +deren erster Anblick durch die Größe der Auffassung +Bewunderung einflößt und deren Einzelheiten tief +bewegen! +</p> + +<p>Du siehst, liebe Mutter, wie Gottes Gnade uns +Gaben austeilt, weit über die Beschwerden, die wir +auf uns nehmen. +</p> + +<p>Es ist nicht einmal die Rede mehr von Geduld, +da die Zeit für uns kein Maß mehr hat, da von +keiner meßbaren Dauer mehr die Rede ist. Welchen +Reichtum an Eindrücken birgt aber dafür der Augenblick +in sich, der sich uns darbietet! +</p> + +<p>Das ist unser Leben, von dem ich Dir geschrieben +habe, daß kein Ereignis daraus etwas Unfertiges, +Abgebrochenes machen darf; diese Weisheit will +ich mir bewahren. Zugleich aber will ich sie mit einer +<!-- page 059 --> +andern Weisheit verbinden, die der Zukunft zugewandt +ist, selbst wenn die Zukunft für uns eine +verschlossene Gegend ist. Ja, nehmen wir von der +Gegenwart alles an (und die Gegenwart bringt uns +so viele Schätze!); aber laß uns auch die Zukunft +vorbereiten. +</p> + +<p class="date">Den 5. November, 8 Uhr. +</p> + +<p class="address">Liebe Mutter!</p> + +<p>Verhehle mir nichts von Paris, von Deinen Sorgen, +von Deinen Beschäftigungen. Alles was Du +beschließt, ist recht. Mein Glück ist gerade dieses +Gefühl der Sicherheit, wenn ich in alledem an +Deine Seele denke. +</p> + +<p>Das Wetter ist immer entzückend und sehr mild. +Ohne die schöne Gegend zu verlassen, in die wir +am 20. September gekommen sind, sind wir heute +in die Wälder zurückgekehrt. Das liebe ich weniger +als die freie weite Aussicht; aber es gibt doch auch +hier gar hübsches zu sehen. Dann ist auch der +Himmel, jetzt wo die Blätter abgefallen sind, so +schön, so zart. Ich habe an C. geschrieben und +werde an Frau C. schreiben. Ich erwarte einen +Brief von Dir. Wüßtest Du wie viel länger ein +Tag ohne Nachrichten ist! Ich habe zwar Deine +früheren Briefe, aber der frische Brief hat einen +Duft, den ich jetzt nicht mehr entbehren kann. +</p> + +<p class="date">Den 6. November. +</p> + +<p>Gestern war ich, ohne zu wissen warum, ein +wenig verstimmt: was die Soldaten „cafard“ +<!-- page 060 --> +nennen. Das kam daher, daß ich tags vorher mich +von einem Tagebuch getrennt hatte, das ich Dir +in einem Packet zu schicken mich entschlossen hatte. +Die Ereignisse von vorgestern, obgleich friedlich, +hatten mich derart umhergestoßen, daß ich mich +dieser Unglückssendung nicht so annehmen konnte, +wie ich es gewollt hätte. So war ich geteilt +zwischen einer doppelten Angst: einmal, daß das +Paket Dich nicht erreichen möchte und diese Aufzeichnungen, +die mein Leben vom 1. bis zum +20. Oktober darstellen, verloren sein könnten; und +dann, daß vielmehr dieses Paket zu Dir gelangen +möchte vor dem erklärenden Briefe, was dir +sonderbar erscheinen könnte, da die Sendung unter +anderm Namen geschehen ist und der Umschlag +meines Heftes Anweisungen gibt, damit man Dir +gegebenenfalls diese Aufzeichnungen zuschicke. +</p> + +<p>. . . . Wir leben heute in der stimmungsvollsten +und zartesten Landschaft Corots. Von der Scheune +aus, in die wir unsern Vorposten untergebracht +haben, sehe ich zunächst die Straße mit den Wasserlachen, +die der Regen zurückgelassen hat. Dann +Baumstumpfe, weiterhin hinter einer Wiese eine +Reihe Weidenbäume am Rande eines eilenden +und lieblichen Bächleins. Im Hintergrunde hüllen +sich einige Häuser in einen leichten Dunst und +halten jene zarten schwarzen Töne fest, für die +unser teurer Landschaftsmaler ein so edles Empfinden +hatte. +</p> +<!-- page 061 --> + +<p>So friedlich ist es heute morgen. Wer könnte +glauben, daß hinter uns nichts ist als Feuersbrunst +und Trümmer! . . . . +</p> + +<p class="date">Den 7. November, 8 Uhr morgens. +</p> + +<p>Eben erhalte ich Deine Karte vom 30., die mir +die Sendung eines Pakets ankündigt. Wie nett! +wie man an uns denkt! Alle Süßigkeiten werden +gebührend gewürdigt. +</p> + +<p>Gestern entzückender Novembertag. Diesen +Morgen zuviel Nebel, um die Freude an der +Natur zu genießen. Aber gestern nachmittag! +</p> + +<p>Ein duftiges, ausgesucht zartes Wetter, wo +alles sich einzeichnet wie auf eine angehauchte +Glasscheibe eingeritzt. Die entlaubten Büsche in +der Nähe unseres Wachpostens sind von einer +Schar von Vögeln ausgesucht worden, grün, weiß +am Rande der Flügel, die Männchen mit schwarzem, +weiß getupftem Kopf. Wie Dir ausdrücken, +was das bloße Rauschen ihres Fluges in dieser +Stille für mich war! — Denn auch das ist ein +Segen in diesen Kämpfen: in der Welt kann es +nur eine bestimmte Menge Bosheit geben. Da +nun der Mensch alles dem Menschen zuwendet, +haben die Tiere ihren Vorteil davon, wenigstens +die Tiere des Waldes, unsere gewöhnlichen Opfer. +</p> + +<p>Könntest Du nur die Sorglosigkeit der Tierchen +des Waldes sehen, Mäuse, Feldmäuse! Letzthin +folgte ich in unserm Laubversteck den Bewegungen +<!-- page 062 --> +dieser Tierchen. Sie waren hübsch wie japanische +Holzschnitte, das Innere ihrer Ohren rosa wie eine +Muschel. Wir haben dann noch dem Ausflug der +Kraniche beigewohnt: ihr Schrei in der Dämmerung +ist erschütternd. +</p> + +<div class="tb"><hr class="dash" /></div> + +<p>Wie freue ich mich zu erfahren, daß Du zeichnest. +Tu’s für uns beide. Wüßtest Du wie es mich +juckt, alles was uns hier in der Seele bewegt zu +malen! Wenn Du meine Briefe aus letzter Zeit +gelesen hast, wirst Du gemerkt haben, wie vieles +ich entbehre, aber auch wie vieles mich beglückt. +</p> + +<p class="date">Den 9. November, Montag 7 Uhr. +</p> + +<p>. . . Wir haben wieder die freie, weite Ebene +erreicht, die ich so sehr liebe. Leider sehen wir sie +nur undeutlich durch Mäuselöcher hindurch. Nun, +es ist wenigstens so viel! . . . . +</p> + +<p>. . . . . Alle diese Tage hindurch habe ich den +Reiz einer Landschaft genossen, die im süßen +Frieden des Herbstes ruht. Dieser Friede wurde +gestern durch den erschütternden Anblick eines +brennenden Dorfes gestört. Es war nicht das erste, +das wir sehen; aber wahrlich wir waren nicht mehr +daran gewöhnt. +</p> + +<p>Wir haben unsern Beobachtungsposten bezogen; +es war noch Nacht. Von den Höhen, die wir besetzten, +sahen wir die gewaltige Glut und, als der +Tag aufging, war das liebliche im Tal versteckte +<!-- page 063 --> +Dorf nur noch eine Rauchwolke. All das in der +Silberglorie eines strahlenden Morgens. +</p> + +<p>Von unserm Mauseloch aus blickten wir in die +Talmulde mit den lieblichen Windungen ihrer +Straße, ihrem von Weidenbäumen umrahmten Bach, +ihrem Kalvarienberg, und all diese Harmonie sollte +in dem Grausen der Zerstörung enden. +</p> + +<p>Die Deutschen haben es in der Nacht mit der +Hand in Brand gesteckt; nach zwei Tagen wütender +Kämpfe waren sie daraus vertrieben worden: +ihre Handlung kann als ein Zeichen eines auf diesem +Punkte beabsichtigen Rückzuges aufgefaßt werden. +Dieses von unseren Soldaten gehaßte Verfahren ist, +glaube ich, durch eine strategische Forderung vorgeschrieben. +Wenn ein Dorf zerstört ist, wird seine +Benutzung für unseren Dienst hinter der Front sehr +erschwert. So haben wir denn den ganzen Tag +dieser Verwüstung zugeschaut, während über unseren +Köpfen die kleinen Feldmäuse das Stroh ausnutzen, +in dem wir schlafen werden. Unser Infanteristendasein +gleicht ein wenig dem der Kaninchen während der +Jagdzeit. Wir sind dadurch, wenigstens die schlimmsten +Angstpeter unter uns, in einen Zustand immerwährender +Spannung gekommen, auf der Suche +nach einem Schlupfwinkel. Sobald wir darin vergraben +sind, schreibt man uns vor, nicht daraus zu +weichen. Diese klugen Vorschriften werden leider +nicht immer mit der nötigen Einsicht gehandhabt; +so waren wir gestern zu Vieren in einem vorgeschobenen +<!-- page 064 --> +Schützengraben, der in einer herrlichen +Gegend lag und unter Laubwerk vollständig versteckt +war. Wir hätten also nach Herzenslust die +Landschaft genießen können, hätte nicht der Gefreite, +ein braver Junge, davor gezittert uns ein bischen +leben zu lassen. Glücklicherweise sind die Artilleristen +und Maschinengewehre dazwischen gekommen, haben +an unserem Standort einen entsetzlichen Höllenlärm +vollführt und uns gezeigt, wie wenig man auf überflüssige +Vorsicht halten muß. Durch dieses Beispiel +ermutigt, habe ich also in aller Freiheit die Landschaft +genießen können, gestern leider raucherfüllt, +ein erschütternder Anblick. Merke Dir wohl, geliebte +Mutter, daß ich keine Unvorsichtigkeit begehen will; +aber wahrlich, dieser Krieg ist der Triumpf des +Verhängnisses, der Vorsehung und des Schicksals. +</p> + +<p>Mein sehnlichster Wunsch ist, die Gnade der +Rückkehr zu verdienen; aber abgesehen von kurzen +Augenblicken einer sehr menschlichen Ungeduld, kann +ich sagen, daß der größte Teil meines Ichs der +ruhigen Annahme des gegenwärtigen Augenblicks +geweiht ist. +</p> + +<div class="tb"><hr class="dash" /></div> + +<p class="date">Den 10. November, 11 Uhr. +</p> + +<p class="address">Teuerste Mutter!</p> + +<p>Was soll ich Dir vom heutigen Tag erzählen! +eintönig im Nebel. Beschäftigungen, die nicht stumpfsinnig +an sich sind, es aber durch die geistlose Umgebung +werden. Ich ziehe mich in mein Innerstes +<!-- page 065 --> +zurück. Gestern schrieb ich Dir einen langen Brief, +in dem ich Dir unter anderem sagte, wie teuer mir +Deine Briefe sind. Du siehst also, daß ich mich etwas +langweilte als ich das Papier zur Hand nahm; +nun aber, da ich mit Dir bin, bin ich froh und +denke sofort an die Freuden, die dieser Tag mir +gebracht hat. +</p> + +<p>Heute morgen hat mich der Leutnant beim +Kommandoposten Eisendraht holen lassen, in einem +verwüsteten Dorfe, um das herum wir seit Wochen +liegen. Ich bin durch die Obstgärten hinabgestiegen, +die voll waren von den letzten abgefallenen Pflaumen. +Einige Soldaten lasen sie sorglos auf und sammelten +sie in Körben. Liebliches Bild, ganz ländlich und idyllisch, +trotz der roten Hosen, die übrigens sehr abgeschossen +sind nach drei Monaten Felddienst. Ich freue +mich der Freundschaft von Ch. R. . . Er ist ein Mensch, +der in allen Teilen mit mir übereinstimmt. Ich bin +daher überzeugt, daß er es mir nicht übelnehmen +wird, wenn ich nicht schreibe, besonders wenn Du +seine Frau meiner Freundschaft versicherst. +</p> + +<p>Der kleine Dienst, der mir anvertraut worden +ist, zwingt mich von Anbruch der Nacht bis 9 Uhr +zu gehen, dann aber habe ich mitunter Gelegenheit +in einer Deckung oder einer Scheune zu schlafen, +statt nachts in den Schützengraben zurückzukehren. +</p> + +<p>Ich habe nicht mehr die angenehmen Leseabende +zu Hause; wenn wir aber manchmal im Schützengraben, +S. . . . und ich, nebeneinander liegen, kannst +<!-- page 066 --> +Du Dir nicht vorstellen, welche Traumbilder wir wachrufen +und welche Freude uns die alten Erinnerungen +bringen, die wir aufrühren. O! unter welchen Märchenhimmel +reißen uns die Naturwissenschaften und +die Neugierde des Intellektes und welches Vergnügen +bereiten mir die wunderbaren Geschichten +von diesem Metall oder jener Säure! Für mich +scheinen Tausend und eine Nacht sich zu wiederholen. +Und dann beim Erwachen manchmal die Anmut +einer Morgenröte. Das ist das Leben, das ich seit +dem 13. oder 14. Oktober führe. Ohne mehr zu verlangen, +begnüge ich mich damit zu staunen, daß +wir in einem solchen Kriege verhältnismäßig viel +ruhige Stunden haben. +</p> + +<p>Du kannst dir nicht vorstellen, welche Genugtuung +es für mich ist, zu wissen, daß Du meinen +Sachen Deine Seele zuwendest. Wie freut es mich +mir vorzustellen, daß meine Bücher Dich beschäftigen, +Du meine Stiche betrachtest! . . . . +</p> + +<p class="date">Vom 12. November, 15 Uhr. +</p> + +<p>. . . Heute haben wir einen Übungsmarsch gemacht, +so angenehm wie der erste, in einem Wetter +von wunderbarer Schönheit. Wir sahen in Blau +und Rosa die fernen Ketten der Hügel von Metz, +die weite, von Dörfern besäte Ebene, von denen +einige einen morgendlichen Sonnenstrahl auffingen, +während man die andern mehr ahnte als sah. +</p> + +<p>Wir führen ein Dasein, das in großen Zügen +<!-- page 067 --> +so aussieht: drei Tage bleiben wir in der Nähe +des Feindes und leben in ganz gut gebauten Verdecken, +die wir täglich verbessern, dann bleiben wir +wieder drei Tage weiter hinten und schließlich drei +Tage im Quartier in einem nahen Dorfe, gewöhnlich +in demselben. So kommen wir dazu, Gewohnheiten +anzunehmen, zwar recht vorübergehende, +aber immerhin kommen wir in Berührung mit der +übrigens schwer geprüften Zivilbevölkerung. — +Die Wollkleider sind unschätzbar und unübertrefflich. . . . +</p> + +<p>. . . Wir haben es mit guten Seelen zu tun. +Besonders die liebe Frau, bei der ich Dir schreibe +und zu der ich schon das letzte Mal gekommen +bin, plagt und müht sich zu Tod ab, um uns +etwas von dem zu geben, was an das Heim erinnert. +Aber, liebe Mutter, was mich an das +Heim erinnert, das trage ich im Herzen. Aus Tellern +essen und auf einem Stuhle sitzen, das ist +nichts, was zählt. Deine Liebe ist’s, die ich so +nahe fühle. . . . +</p> + +<p class="date">Den 14. November. +</p> + +<p>Seit dem 12., um acht und ein halb Uhr abends +wurden wir herumgeschleppt mit der Aussicht, an +einem gewaltsamen Vorgehen teilzunehmen. Wir +sind nachts fort, und in diesem Frieden der Natur +klärten sich meine Gedanken ein wenig ab nach +zwei Tagen Einquartierung, während welcher das +<!-- page 068 --> +Körperliche immer etwas überhand nimmt. Wir +gingen zur Verstärkung vor, voll in das Unbekannte +hinein. Wir haben die Anordnungen, die +zu treffen waren, in einer Scheune abgewartet, wo +wir von elf bis vier Uhr auf dem Holzboden lagen. +Dann gings in die Wälder, die Felder, die der +Tag durch graue, rote, violette Wolken hindurch +allmählich beleuchtete in der romantischsten und +ergreifendsten Stimmung, die man sich denken kann. +Im vollen lieblichen Morgen erfuhren wir, daß +die Truppen, die uns vorausmarschierten, dem +Feinde außerordentliche Verluste zugefügt hatten +und sogar einen sehr leichten Vorteil erreicht hatten. +Wir haben also unsern gewohnten Standort wieder +bezogen und ich bin wieder hier und genieße +die Pracht der französischen Landschaft, die so ergreifend +schön ist in dem grauen, stürmischen, leidenschaftlichen +November, mit Sonnenstrahlen, die +in farbigen Flecken über den endlosen Horizont +wie hingeworfen sind. Liebe Mutter, wie schön ist +das, diese weite, ernste Landschaft, in der alles +edel und wohl abgewogen ist und Einzelheiten sich +fein abheben! — Eine mit Bäumen eingefaßte +Straße, die bis zur Grenze sich schnurgerade hinzieht, +Hügel, die vor den duftigen Linien liegen, +in denen man die deutschen Vogesen zu erkennen +glaubt. Das ist der Rahmen und dazu kommt etwas +Besseres als der Rahmen: es gibt eine Melodie +von Beethoven und ein Stück von Liszt, die lauten: +<!-- page 069 --> +„Segnung Gottes in der Einsamkeit“.<a href="#footnote-5" id="fnote-5"><sup>5</sup>)</a> Wir haben +allerdings keine Einsamkeit, wenn Du aber die +Gedichte von Albert Samain<a href="#footnote-6" id="fnote-6"><sup>6</sup>)</a> durchblätterst, +wirst Du ein Motto aus Villiers de l’Isle-Adam +finden: „Wisse, daß es auf Erden immer eine Einsamkeit +gibt für diejenigen, die ihrer würdig sind.“ +Jene Einsamkeit der Seele, die alles vergessen +kann, was nicht mit ihr mitschwingt. . . . +</p> + +<p>Ich habe zwei Briefe von Dir erhalten vom +6. und 7. Vielleicht werde ich diesen Abend noch +einen haben. Ja, wir wollen unsern Mut nicht +darin setzen, daß wir von einander keine Briefe +erwarten. Die Briefe sind unser Leben, sie teilen +uns unsere Freuden mit, unser Glück, die Fülle +des Genusses, den uns in reichem Maße das Schauspiel +der Natur und dieser Zeit schenkt. +</p> + +<p>Wenn Deine Augen nicht wollen, ist das ein +zwingender Grund; aber, abgesehen von Deiner +Gesundheit, versage mir nicht Dein Herz, dessen +Liebe Deine Briefe mir bringen. +</p> + +<p class="date">Den 14. November, zweiter Brief. +</p> + +<p class="address">Treue, geliebte Mutter!</p> + +<p>Jetzt sind wir wieder in unserm gewohnten +Quartier und mein Herz ist ganz erfüllt von Gedanken, +die Dir zustreben. Ich kann Dir nicht alles +<!-- page 070 --> +sagen, woran ich stündlich denke in dem Wunsche, +mit Dir die mannigfaltigen Freuden zu teilen, die +inmitten unseres eintönigen Daseins uns durch die +Finger gleiten, wie Perlen von einem zerrissenen +Faden auf den Sand fallen. +</p> + + + +<p>Ich möchte mit Dir aussprechen können, wie +schön diese Wolke ist, welchen ernsten Eindruck diese +Ebene auf uns macht, der Poesie des Windes +lauschen, der über die Berge uns zuweht, wie +während unseres Spazierganges in Boulogne. Und +wenn wir dann hier sind, erlauben mir so manche +prosaische Beschäftigungen nicht, mit Dir zu reden, +wie ich fühle. +</p> + +<p>Deswegen habe ich Dir auch mein Paket geschickt +mit meinem Tagebuch vom 18. August bis +zum 20. Oktober.<a href="#footnote-7" id="fnote-7"><sup>7</sup>)</a> Diese Aufzeichnungen wurden +zu einer Zeit gemacht, wo unsere Tornister weniger +beladen waren und leichter sich öffneten, wo +ich in der Seelenruhe der Tage im Schützengraben, +wenn die Gefahr das Geschwätz aufhob, meine +Seele ungehindert schwingen ließ. Seitdem habe +ich die viel stärkere, weite, volle Freude entdeckt, Dir +zu schreiben. Für mich wurde diese neue Zeit ein +Paradies. Aber ich liebe das Leben im Quartier +nicht, weil die Bequemlichkeit und die Sicherheit +die Seelenkräfte entspannen und einen Wirrwar +erzeugen, unter dem ich leide. +</p> + +<!-- page 071 --> + +<p>Du kennst das Bedürfnis, mich zu sammeln +und allein zu sein, das ich immer hatte. Übrigens +habe ich sehr gute Freunde und die Offiziere sind +sehr freundlich. Und dann braucht es nur etwas +Geduld, einige Augenblicke, in denen mein Gedanke +Dir zugewandt ist, um mich glücklich zu machen. +Wie war diese erste Hälfte November gnädig! +Ich habe nicht ein einziges Mal unter der Kälte +gelitten. Und wie viel Schönheiten! Der Allerheiligentag +war ein langer Lobgesang, von der +klaren Mondnacht über dem dunkeln Bernstein +der herbstlichen Bäume an bis zur zarten Melodie +der Dämmerung. Der endlose, rosige Traum +der verschleierten Ebene, die sich an die fernen +Hügel anlehnt. . . . Welch feierlicher Lobgesang! Und +manche Tage seitdem singen den Ruhm Gottes! Coeli +enarrant. . . . Das war das Geschenk dieser Zeiten. +</p> + +<p class="date">Den 15. November, 7 Uhr. +</p> + +<p>Gestern gab mir das stürmische und aus der +Sicherheit des Quartiers beobachtete prächtige Wetter +zu Befürchtungen Anlaß für unsern Abmarsch heute +nacht; doch als ich erwachte, war der klarste, funkelndste +Himmel, den man sich vorstellen kann! Wie +dankbar war ich! +</p> + +<p>Was wir am meisten fürchten, ist der Regen, +der alles durchdringt, ohne daß man Feuer und +Obdach findet. — Die Kälte bedeutet nichts — +gegen die sind wir gewappnet. +</p> + +<p>. . . . . Und doch, wie sehr habe ich das Bild +<!-- page 072 --> +dieser weiten Ebene bewundert, in die wir hinabgestiegen +sind, von dem mächtigen Winde gepeitscht. +Der niedrige Horizont löste den weiten +grauen Himmel ab, an dem wenige fahle Ausblicke +an das verschwundene Blau gemahnten. — +Ein Kalvarienberg, tragisch, schwarz in grau — +dann skelettartige Bäume! Welch ein Bild! hier +kann ich an Dich denken, an meine liebe Musik! +heute habe ich die Umgebung, die ich brauche. +</p> + +<p>. . . . Ich möchte die Gestalt schärfer bestimmen, +die mein fester Glaube an eine bessere durch diesen +Krieg geforderte Zukunft annehmen wird. Diese +Ereignisse bereiten die Entfaltung eines neuen +Lebens vor, der vereinigten Staaten Europas. +</p> + +<p>Nach diesem Zusammenstoß werden diejenigen, +die voll und mit kindlicher Liebe ihre Pflichten +dem Vaterland gegenüber erfüllt haben, vor +viel ernstere Aufgaben gestellt werden, deren Erfüllung +zur Stunde unmöglich wäre. Aber das +wird gerade unsere Pflicht sein, daß wir unsere +Kräfte der Zukunft zuwenden. — Sie werden mit +angespannter Energie dahin streben müssen, die +Spuren der verletzenden Berührung zwischen den +Völkern zu tilgen. Trotz mancher Fehler, trotz +einiger Rückschritte in praktischer Hinsicht, mancher +Schwächen im Wiederaufbau, hat die französische +Revolution nichts desto weniger in der menschlichen +Seele die herrliche Forderung der nationalen +Einheit festgelegt. Wohlan, die Greuel des Krieges +<!-- page 073 --> +von 1914 führen zur europäischen Einheit, zur +Rasseneinheit. Dieser neue Zustand wird nicht +ohne Erschütterungen, Vergewaltigungen, Kämpfe +auf unabsehbare Zeit sich festsetzen, aber ohne +Zweifel hat sich heute die Türe zu diesem neuen +Horizont geöffnet. +</p> + +<p class="date">Den 16. November an Frau C . . . +</p> + +<p class="address">Sehr verehrte gnädige Frau<br /> +und beste Freundin!</p> + +<p>Welche Freude und welchen Trost bringt mir +Ihr Brief und wie stärkt Ihre warme Freundschaft +meinen Mut! +</p> + +<p>Was Sie mir von meiner Mutter erzählen, +verknüpft mich innig mit dem Leben. Dank für +Ihre treue prächtige Freundschaft. +</p> + +<p>. . . Was soll ich von meinem Leben erzählen? +Durch Mühen und Wechselfälle hindurch hält +mich die Betrachtung der herrlichen Gegend aufrecht, +die seit zwei Monaten die Schwermut +und die Tragik dieser leidenschaftlichen Jahreszeit +anhäuft. Einer meiner gewohnten Standorte +liegt auf den Höhen, welche die endlose Ebene +der Woëvre beherrschen. Wie herrlich! Welcher +Segen ist es, stündlich bei Tag und bei Nacht die +glühenden Farben des Laubes zu beobachten, an +jedem Herbsttage! Die schreckliche Zerfahrenheit der +Menschen vermag die erhabene heitere Ruhe der +Natur nicht zu stören. Freilich gibt es Augenblicke, +<!-- page 074 --> +wo der Mensch alle vorstellbaren Maße +zu übersteigen scheint; aber eine aufmerksame +Seele unterscheidet bald die Harmonie, die alle +diese Mißklänge beherrscht und ausgleicht. Glauben +Sie nicht, daß ich der Trostlosigkeit der +Bilder, von denen wir übersättigt sind, gefühllos +gegenüberstehe: vernichtete Dörfer, in welche die +Artillerie weiter wütet; Rauchwolken am Tag, +Feuerschein in der Nacht; Elend der Bevölkerung, +die unter den Granaten flüchtet. Jeden Augenblick +erhält man einen Stich ins volle Herz. Gerade +deswegen aber rette ich mich in diese höhern +tröstenden Gedanken; denn in demselben Maße +leidend, könnte ich, ohne diese Disziplin des Herzens, +unsere Lage nicht ohne innere Zerrissenheit +ertragen. +</p> + +<p class="date">Den 17. November, morgens. +</p> + +<p class="address">Liebe Mutter!</p> + +<p>. . . Ich schreibe Dir im vollen Glück der +Morgenröte über meinem lieben Dorfe. Die Nacht, +die uns im Regen gelassen hatte, hat uns ein +klares, strahlendes Wetter zurückgegeben. Ich finde +meinen ungeheuer weiten Horizont wieder, die +zarten Umrisse der Hügel, die edelgeschwungenen +Linien meiner Täler. Wer glaubte, von der Höhe, +wo ich bin, daß dieses ländliche und friedliche +Dorf in Wirklichkeit nur noch ein Trümmerhaufen +ist, daß kein Haus verschont geblieben ist, daß seit +zwei Monaten niemand darin verweilen kann im +<!-- page 075 --> +Höllenlärm der Artillerie? Während ich Dir +schreibe, trifft die Sonne den Kirchturm, den ein +noch dunkler Baum in meiner Nähe umrahmt, +während in der Ferne, über den letzten Hügeln, +den letzten Erhöhungen des Bodens, die Ebene +im Rosagold ihre köstlichen Einzelheiten zu offenbaren +beginnt. +</p> + +<p class="date">Den 17. November, 11 Uhr. +</p> + +<p>Das herrliche Wetter ist mein großer Trost. +Ich lebe fast wie wenn ich ein Kranker wäre, den +man in eine herrliche Gegend schickt, den aber die +Kur zu unerfreulichen und ermüdenden Beschäftigungen +zwingt. Im Grunde liegt zwischen Leysin +und meinem jetzigen Schützengraben nur die Entwicklung +des großen Fragezeichens. Immer nichts +neues in unserer Kompagnie seit dem 13. Oktober. +</p> + +<p>Die Art des gegenwärtigen Krieges ist sonderbar. +Es ist die Art von Nachbarn, die sich nicht +vertragen. Bedenke, daß gewisse Schützengräben +vom Feinde kaum durch 100 Meter getrennt sind +und daß die Kämpfenden sich Handgranaten zuwerfen +können: wie Du siehst, bedienen sich die +Nachbarn gewaltsamer Mittel. +</p> + +<p>Ein eigenes Leben führe ich nur im Augenblick, +wo ich bei Dir verweile, und wo ich die +Pracht der Natur genieße. +</p> + +<p>Mitten unter dem Geschwätz gelingt es mir, +das Gefühl der Einsamkeit der Seele, die ich +brauche, mir zu bewahren. +</p> +<!-- page 076 --> + +<p class="date">Den 18. November. +</p> + +<p>Diesen Morgen zeigte uns der Tag die Ebene +mit Reif bedeckt, eine gleichmäßige Weiße über +den Hügeln und dem Walde. Mein Dörfchen +sieht dadurch ganz eingefroren aus. +</p> + +<p>Ich hatte den größten Teil der Nacht in einem +geheizten Unterstand zugebracht und hätte, dank der +Freundlichkeit meiner Vorgesetzten darin bleiben +können; ich bin aber dumm und schüchtern und +bin von ein Uhr bis vier und ein halb Uhr wieder +bei den Kameraden gewesen. +</p> + +<p>Es ist merkwürdig, wie prachtvoll wir die Kälte +ertragen: wir besitzen fast alle ein herrliches Kleidungsstück, +einen Mehlsack, den man je nach den +Umständen als kurzen Radmantel und als Fußsack +gebrauchen kann. In beiden Fällen ein vortrefflicher +Wärmeerhälter. +</p> + +<p class="date">11 Uhr. +</p> + +<p>Für den Augenblick habe ich eine hübsche, so +rührende Melodie von Händel im Sinn und auch +ein Allegro aus unsern vierhändigen Orgelsonaten: +eine fröhliche, glänzende, von Tatendrang übersprudelnde +Musik. Lieber Händel! Oft tröstet er +mich. +</p> + +<p>Beethoven kommt mir selten in die Erinnerung; +wenn aber seine Musik in mir erwacht, rührt sie +an etwas so Grundlegendes, daß es jedesmal ist, +wie wenn eine Hand Schleier vor der Schöpfung +wegrückte. +</p> +<!-- page 077 --> + +<p>Arme liebe große Meister! Wird man ihnen +daraus ein Verbrechen machen, daß sie Deutsche +sind? Schumann, wie kann man ihn einem Barbaren +zugesellen? +</p> + +<p>Gestern gemahnte unsere Ebene an die Stelle, +die Du mir vor zehn Jahren aus „<i>Rheingold</i>“ +vorspieltest: „Freie Gegend aus Bergeshöhen.“<a href="#footnote-8" id="fnote-8"><sup>8</sup>)</a> +Worin aber unser französisches Bild die schöne Musik +dieses häßlichen Mannes übertraf, das war die +feste Grundlage, die Klarheit, die Aufrichtigkeit. +Ja, unsere französische Ebene hatte nichts Verschwommenes. +</p> + +<p>Was Wagner betrifft und, so schön auch seine +Musik, so unbestritten und verführerisch sein Genie +auch ist, ich glaube doch, daß, wenn man ihn nicht +mehr hören sollte, man etwas für das französische +Genie weniger Wesentliches entbehren würde, als +wenn die großen Klassiker, seine Landsleute, in +Frage kämen. +</p> + +<div class="tb"><hr class="dash" /></div> + +<p>Ich darf es Dir aufrichtig sagen, in den +Augenblicken, wo mir der Gedanke an die Möglichkeit +der Heimkehr kommt, kümmere ich mich +niemals um die Frage der kleinlichen Bequemlichkeit, +des kleinlichen Wohlbehagens. Etwas +<!-- page 078 --> +Höheres und Edleres wendet mich dieser Art Hoffnung +zu. Darf ich sagen, daß es sogar etwas +anderes ist als die unendliche Freude des Wiedersehens? +Es ist vielmehr die Hoffnung auf eine +Wiederaufnahme unserer gemeinsamen Bestrebungen, +unseres Zusammenarbeitens, dessen Ziel die +Entwicklung unserer Seele und ihre nützlichere +Betätigung auf Erden ist. +</p> + + +<p class="date">Den 19. November, morgens. +</p> + +<p class="address">Teuerste Mutter!</p> + +<p>Heute wurde ich bei der Morgenröte durch ein +gewaltiges und zu dieser Tageszeit ungewohntes +Geschützfeuer geweckt. In dem Augenblick kamen +Kameraden, starr von einer Nacht im Schützengraben +zurück. Ich bin aufgestanden, um ihnen Holz +zu holen, während auf dem andern Abhang des +Tales das Schützenfeuer sehr kräftig ertönte. Ich +stieg so hoch hinauf wie ich konnte und sah in +dem sehr klaren Himmel die Sonne sich ankündigen. +</p> + +<p>Plötzlich hörte ich von der Erhöhung gegenüber, +einem jener Hügel, die ich so sehr liebe, +Geschrei, Geheul kommen: Marsch! Marsch! Es +war ein Bajonettansturm. Es ist der erste, dem +beizuwohnen mir gegeben ist; nicht daß ich etwas +gesehen hätte; die noch andauernde Dunkelheit und +vielleicht auch die Beschaffenheit des Bodens verhinderten +es. Was ich hörte genügte, um den Eindruck +des Sturmangriffs zu geben. +</p> +<!-- page 079 --> + +<p>Bis jetzt konnte ich mir nur von dem unpersönlichen +Krieg ein Bild machen, der eine von jenem +kriegerischen Mut, wie ihn der Zivilist von Alters +her sich vorstellt, sehr verschiedene Form der +Tapferkeit verlangt. Und plötzlich erinnert mich +der furchtbare Lärm von heute morgen, mitten in +meiner Ruhe daran, daß junge Männer, ohne +persönlichen Grund des Hasses, auf Leute, die sie +erwarten, sich stürzen können und müssen, um sie +zu morden. +</p> + +<p>Aber die Sonne ging über <a id="corr-3"></a>dem Boden meines +Vaterlandes auf. Sie beschien für mich das Tal, +und von meiner Anhöhe aus unterschied ich zwei +Dörfer, zwei Trümmerhaufen, von denen ich einen +drei Nächte lang hatte brennen sehen. In meiner +Nähe zwei Kreuze von weißem Holze . . . . Das +französische Blut fließt im Jahre 1914 . . . . +</p> + +<p class="date">Den 20. November. +</p> + +<p>Augenblicklich sehe ich vom Fenster aus, in dessen +Nähe ich schreibe, die Sonne aufgehen. Sie durchdringt +den Reif und ich ahne die schöne Ebene, +die soviel Greuel erträgt. Wie ich höre, hat dieser +Bajonettangriff, den ich gestern gehört habe, viele +Opfer gekostet. Unter andern ist man ohne Nachrichten +von zwei Halbzügen des Regimentes, das +mit uns die Brigade bildet. Während andere ihr +Geschick erfüllten, stand ich auf der Höhe des schönsten, +übrigens in andern Augenblicken höchst ausgesetzten +<!-- page 080 --> +Hügels. Ich sah dem Sonnenaufgang zu; ich war +tief bewegt im Anblick des Friedens der Natur +und maß das Verhältnis zwischen der Kleinlichkeit +menschlicher Gewalttaten und der umgebenden erhabenen +Schönheit. +</p> + +<p>Diese für Dich schwere Zeit, die sich vom 9. bis +zum 13. September erstreckt, entspricht genau dem +ersten Abschnitt des Krieges für mich. Den 9. September +kam ich an, entstieg dem Zug vor der furchtbaren +Schlacht an der Marne, die sich in einer +Entfernung von 35 Kilometern entrollte. Den 12. +erreichte ich das Regiment 106 und seitdem teile ich +das Leben der Kämpfenden. Wie ich es Dir geschrieben, +verließen wir also am 13. Oktober herrliche +Wälder, in denen die feindliche Artillerie und +Infanterie uns große Verluste zugefügt haben, besonders +am 3. Unsere engere Gemeinschaft hat an +diesem Tage einen prächtigen Menschen verloren, +einen herzensguten Jungen, der für’s Leben zu gut +geworden war. Am 4. wurde ein trefflicher Kamerad, +ein Architekt von der Kunstakademie, ziemlich ernstlich +am Arm verwundet, seitdem sind aber die Nachrichten, +die er gegeben, gut. So haben wir bis zum +13., einem furchtbaren Tag, sehr schwere Zeiten +durchgemacht, um so mehr als die sehr wirkliche Gefahr +verschlimmert wurde durch den Eindruck des +Erstickens und des Unbekannten, der uns in diesen, +in andern Zeiten herrlichen Wäldern, erdrückte. +</p> +<!-- page 081 --> + +<p>Die Hauptsache ist, den Ernst des gegenwärtigen +Augenblickes nicht aus den Augen zu verlieren. +Das Problem stellt sich uns in ganz besonderer Form +dar. Auf der einen Seite die himmlische Gnade +einer bis auf den heutigen Tag vollständigen Unversehrtheit. +Andererseits das vollständige Weiterbestehen +der zufälligen Gefahr für die Zukunft. Hier +muß unser Wunsch, das Beste zu tun, sich auf +den gegenwärtigen Zeitpunkt richten. Keine Erforschung +der Zukunft kann uns befriedigen, ich glaube +aber, daß jedes kraftvolle Streben, das die Gegenwart +trifft, seine Wirkung nicht verfehlt. Es +gilt, einen heldenhaften Kampf zu bestehen; aber +wir wollen nicht auf uns allein bauen und nicht +vergessen, daß es eine andere Macht gibt und wieviel +wirksamer als unsere menschlichen Mittel! +</p> + +<p class="date">Den 21. November. +</p> + +<p>Heute bürgerliches und fast zu bequemes Dasein. +Die Kälte läßt uns bei der außerordentlichen Frau +bleiben, die uns bei jedem Aufenthalt in dem Dorfe +beherbergt, in dem wir drei Tage von neun einquartiert +sind. Ich werde Dir nicht von der hübschen +Aussicht erzählen, die ich von dem Fenster aus habe, +an dem ich Dir schreibe, kann Dir aber das Heim +beschreiben, welches Teile unseres Daseins in sich +faßt. Am Tag leben wir in zwei, durch einen Glasverschluß +getrennten Zimmern und von einem Zimmer +ins andere können wir bald das schöne Feuer und +<!-- page 082 --> +den weiten Kamin bewundern, bald den prächtigen +Schrank und die Betten, wie man sie in der Maasgegend +hat, mit schönen alten Kupferbeschlägen. +Das gemütliche Dasein von zwei alten Frauen +(die Mutter, 87 Jahre alt, und ihre Tochter) ist in +Unordnung gebracht durch die Rauheit, die Derbheit, +die Gutherzigkeit und Freigebigkeit des Soldaten. +Sie ertragen alles und opfern sich auf. +</p> + +<p>Was Spinoza betrifft, dessen Seele Du bereits +in Dir besitzest, so glaube ich, daß Du gleich zu den +letzten Lehrsätzen übergehen kannst. Du wirst ihn +sicherlich unmittelbar begreifen, wenn er von der +Ruhe der Seele spricht. Ja es gibt Augenblicke, +für uns schwache Menschen leider zu selten, die doch +genügen, und in denen wir durch die Erschütterungen +und Stöße unserer armen menschlichen Natur hindurch +eine gewisse Neigung zum Fortdauernden +und Abschließenden unterscheiden, und wir das +wunderbare göttliche Erbteil erkennen, das uns +anvertraut ist. +</p> + +<div class="tb"><hr class="dash" /></div> + +<p>Liebe Mutter, einen wie guten Tag habe ich +eben mit Dir erlebt. Wir waren zu dreien: wir +zwei und die liebliche Landschaft, die ich von meinem +Fenster aus sehe. Von hier aus gesehen, gibt +der Winter von den Dingen ein abgedämpftes, +abgetöntes Bild. Zwei Wolken oder vielmehr +dichter Nebel, hüllen die mir benachbarte Anhöhe +ein, ohne die Zeichnung der Sträucher auf dem +<!-- page 083 --> +Kamm zu vergröbern; der Himmel ist leicht grünlich +gefärbt. Alles ist gedämpft. Alles schlummert +ein. Jetzt ist die Zeit der nächtlichen Angriffe, des +Sturmgebrülls, der Wachen in den Schützengräben. +Wie verlangen, jeden Augenblick, unsere Wünsche +das Ende dieses Zustandes! Wie sehr wünschen +wir die Ruhe für Alle, eine ungeheure Entschädigung, +einen Ersatz für so viele Schmerzen, Leiden, +so viele Trennungen. +</p> + +<p class="signature">Dein Sohn.</p> + +<p class="date">Sonntag, den 22. November, 9½ Uhr. +</p> + +<p>Von meinem Lieblingsplatz schreibe ich Dir +diesen Morgen, ohne daß seit gestern irgend ein +Ereignis Erwähnung verdiente, außer vielleicht den +tausend wechselnden Einzelheiten der Landschaft. +Ich bin mit Sonnenaufgang aufgestanden, ihr Silber +überflutet den weiten Raum. Die Kälte ist immer +heftig, aber das Zusammenwirken verschiedener +Wollkleider wird in den Quartiernächten mit ihr +fertig. Das Einzige, was ich erzählen kann, ist: +morgen ziehen wir in die Schützengräben der zweiten +Linie aus, in die jetzt skelettartigen, eintönigen +Wälder. Von unseren drei Standorten ist das vielleicht +derjenige, den ich am wenigsten liebe, denn +der Himmel ist hinter hohe Äste verbannt. Das +ist eher eine Landschaft für R. . ., aber reizlos und +durch das Leben, das man darin führt, verdorben. +</p> + +<p>In unserer Gegend scheinen die Kämpfe mit +einiger Heftigkeit wieder beginnen zu wollen. Heute +<!-- page 084 --> +morgen hören wir ein heftiges Gewehrfeuer, was +sehr selten in der Kriegführung von heute ist, die +vornehmlich in nächtlichen Angriffen besteht, während +der Tag fast ausschließlich zur Beschießung +durch die Artillerie benutzt wird. +</p> + +<p>Liebe Mutter, setzen wir unsere Hoffnung in +die Seelenstärke, die jede Stunde, jeder Augenblick +verlangt. . . . +</p> + +<p>. . . . Ja, es freut mich Dir von dem Leben, +das ich führe, zu erzählen; es ist in mancher Beziehung +schön. Oft wenn ich abends auf der +Straße bin, wohin mein kleiner Dienst mich führt +und die ich allein durchwandere, bin ich vollkommen +glücklich in der Gemeinschaft mit dieser edlen +Landschaft, mit den harmonischen Zeichnungen der +Gestirne an diesem Himmel, den groß und lieblich +geschwungenen Linien dieser Hügel; und wenn +auch in diesem Augenblick die Gefahr immer +gegenwärtig ist, so denke ich doch, daß nicht allein +Dein Mut, Dein Ewigkeitsbewußtsein, sondern +auch Deine Liebe mir beistimmen werden, wenn +ich nicht immer wieder bei der Erforschung des +Rätsels stehen bleibe. +</p> + +<p>Mein gegenwärtiges Leben bietet also einige +Höhepunkte der Empfindungen, die jeder Beziehung +auf Fortdauer und Verharren sich entziehen, +so z. B. schönes Laub, eine Morgenröte, +eine liebliche Landschaft, einen ergreifenden Mondschein. +Lauter Dinge, deren Vergänglichkeit und +<!-- page 085 --> +zugleich ewige Wiederholung das Menschenherz +absondern und all den Sorgen entreißen, die in +solchen Zeiten uns einer verzweiflungsvollen Unruhe, +einem scheußlichen Materialismus, oder +einem Optimismus zuführen würden, den ich durch +eine sehr erhabene Hoffnung ersehen will, die uns +gemeinsam ist und nicht auf menschlichen Dingen +beruht. +</p> + +<p>Meine zärtliche Liebe und treue Anhänglichkeit +für Großmutter, für Euch Mut, inneren Frieden, +völlige Hingabe, jedoch ohne irgendwelche Entsagung. +</p> + +<p class="date">Den 23. November. +</p> + +<p class="address">Liebe Mutter!</p> + +<p>Wir sind wieder in unsern Unterständen der +zweiten Linie. Wir wohnen in Erdhütten, in denen +das Feuer uns ebenso einräuchert als es uns +wärmt. Das Wetter, das während der Nacht sich +verfinstert hatte, hat uns einen wunderschönen rosa +und blauen Morgen geschenkt. Leider sprechen +mich die Wälder weniger an als die wundervollen +Ausdehnungen der Feuerlinie. Und doch ist auch +hier alles schön. +</p> + +<p>Mein gestriger Tag hat in der Freude bestanden, +Dir zu schreiben; ich bin in die Dorfkirche +gegangen, ohne irgend eine Anwandlung von +Schwärmerei, auch nicht in dem Verlangen nach +äußerlicher Tröstung. Meine Vorstellung von der +göttlichen Harmonie brauchte durch keine äußeren +<!-- page 086 --> +Formen, keine volkstümliche Symbolik gestützt zu +werden. Später habe ich das große Glück gehabt, +einen Wagen in der nächsten Umgebung zu begleiten. +Ach! welch’ wundervolle Landschaft von +saftiger Farbenpracht stets in rosa und blauen, +durch den Nebel abgeschwächten Tönen. Diese +leuchtenden, prächtigen und doch duftigen Farben +fanden Stützpunkte in den kräftigen Flecken, welche +die in den Raum zerstreuten Gestalten bildeten. +Meine gewöhnlich durch ihre Bestimmtheit an die +alten Meister gemahnende Landschaft nahm eine +durchaus moderne Subtilität der Farbengebung +und reiche Nuancierung an. +</p> + +<p>Ich dachte einen Augenblick an unsere durchgeistigte +Pariser Umgebung mit ihren unendlich +zarten Farben und gedämpften Tönen, hier ist mehr +Einfalt und Aufrichtigkeit, hier war alles einfach +rosa und blau auf der Grundlage eines schönen +grauen Bodens. +</p> + +<p>Mein Fuhrmann, der mit seinem Pferde nicht +fertig wurde, hat mir eine Gerte überreicht, um +damit auf das Tier zu schlagen: ich mußte wie +eine Gliederpuppe aussehen. Wir fuhren an den +Kalvarien vorüber, welche die Dörfer der Maasgegend +beschirmen, einige Bäume, die ein Kreuz +umgeben. +</p> + +<p class="date">Den 24. Nov., 15½ Uhr, auf einem Rückmarsche. +</p> + +<p>Ich habe soeben einen Brief vom 16. und eine +Karte erhalten und einen lieben Brief vom 18. +<!-- page 087 --> +Die beiden letzteren melden, daß meine Sendung +angekommen ist. Wie froh bin ich darüber! Einen +Augenblick fragte ich mich, ob ich Dir diese Eindrücke +schicken sollte, aber unser Leben war nie +und wird nie etwas anderes sein als ein stetes +Forschen in der Gegend der ewigen Wahrheiten, +ein inbrünstiges Betrachten von dem, was jeder +Anblick auf Erden davon bietet. Daher bereue ich +es nicht, Dir diese kurzen Bemerkungen geschickt +zu haben. +</p> + +<p>Die heftigsten Leiden für mich waren die der +Regentage im September. Sie haben übrigens +für alle eine schmerzliche Erinnerung zurückgelassen. +Wir schliefen umklammert, Gesicht an Gesicht, die +Hände übereinandergeschlagen, in einer Überschwemmung +von Wasser und Schlamm. Nie hätte man +sich von unserer trostlosen Lage eine Vorstellung +machen können. +</p> + +<p>Um das Maß unserer Leiden voll zu machen, +nach diesen entsetzlichen Stunden, meldet man, daß +der Feind seine Maschinengewehre auf uns richtet +und daß wir ihn angreifen sollen. Mittlerweile +sind wir abgelöst worden und die Entspannung +war stark. +</p> + +<p>Mein unvollendetes Gedicht: „Soleil si pâle“ . . . +bezieht sich auf die Tage des 11., 12. und 13. Oktobers, +und überhaupt auf die Zeit der Kämpfe +in den Wäldern, die für unser Regiment vom +22. September bis zum 13. Oktober dauerten. Gewisse +<!-- page 088 --> +Sonnenaufgänge über den Opfern des Kampfes +haben mich innerlich bewegt. Seitdem habe ich +nichts mehr geschrieben, außer einem Gebet, das +ich Dir vor fünf oder sechs Tagen geschickt habe. +Ich habe es auf jener Straße verfaßt, die ich +durchwandern mußte. +</p> + +<p class="date">Den 25. November, morgens. +</p> + +<p>. . . . Gestern, während dieses Marsches habe +ich in einer Landschaft meiner geliebten alten Meister +gelebt. Als wir aus den Wäldern heraustraten, +da wir, einer Straße entlang, herabstiegen, +hatten wir in unserer Nähe einen weiten, schloßartigen +Hof, von einer entlaubten Baumgruppe +gekrönt, neben einem zugefrorenen Teich. +</p> + +<p>Fernerhin, in der verkürzten Perspektive, die +meine lieben Maler trotz ihrer scheinbaren Einfalt +so geschickt anwandten, stellte eine Straße, die ihre +Windungen, ihre Senkungen und Steigungen entrollte, +die Verbindung zwischen Büschen, einzelnen +Bäumen her: alles scharf, feingegliedert, wie radiert, +und doch rührend. Eine kleine Brücke führte +über einen Bach, ein Reiter ritt in der Nähe der +kleinen Brücke vorbei, bis ins Einzelnste scharf umrissen, +dann ein kleiner Wagen: abgetönte und +doch bestimmte Farben in seiner Harmonie, — all +das vor einem Horizont von majestätischen Wäldern. +Ein grauer Himmel, der die ganz moderne +Farbensymphonie von vorigem Sonntag aufhob +<!-- page 089 --> +und mich zu jener eindringlichen Peinlichkeit der +Wiedergabe zurückführte, die uns bei einem Breughel +und andern Meistern, deren Namen mir entfallen, +bewegen. Derart ist auch die wohlgeordnete, durchsichtige, +reiche Anordnung der Hintergründe von +Albrecht Dürer. +</p> + +<p class="date">Den 26. November. +</p> + +<p>Geliebte Mutter, ich bin nicht dazu gekommen +den gestrigen Brief zu vollenden. Wir waren sehr +beschäftigt. Heute ist es noch Nacht. Aus meiner +Höhle, die ich in der Feuerlinie erreicht habe, +schicke ich Dir meine innige Liebe und den Ausdruck +des großen Glückes, das ich habe. Ich fühle, +wie mein Werk in mir reift. Was ist daran gelegen, +wenn die Vorsehung mir nicht gewährt es +zu verwirklichen? Ich habe die feste Hoffnung, +vor allem vertraue ich in die ewige Gerechtigkeit, +welche Überraschung sie auch der menschlichen Vorstellung, +die wir uns von ihr machen, bereiten +mag. . . . . +</p> + +<p class="date">Den 28. November. +</p> + +<p>Die Stellung, die wir <a id="corr-4"></a>einnehmen, nähert uns dem +Feinde auf 45 Meter. Der Anblick der Laufgräben ist +seltsam und wirkt sogar malerisch durch eine Herbheit +der Linien, die der graue Himmel noch verstärkt. +</p> + +<p>Wenn unsere Truppen, nachdem sie nächtlicher +Weile die Wachsamkeit des Feindes getäuscht +haben, von dem Tale herkommend, die halbe Höhe, +deren Abhang uns vor dem Gewehrfeuer schützt, +<!-- page 090 --> +erreichen, treffen sie in den Hügel eingegrabene +Unterschlüpfe, Höhlen, wo die Abteilungen, die +nicht auf Wache sind, Schlaf und die Wärme eines +rasch gebauten Heims finden. Weiter draußen, +gerade an der Stelle, wo die freiliegende Landschaft +herrlich wird durch Weite und Beleuchtung, +beginnt der gewundene Einschnitt, den man Verbindungsgraben<a href="#footnote-9" id="fnote-9"><sup>9</sup>)</a> +nennt und in den man eindringt. +So gelangt man unbemerkt in den Schützengraben, +wo sich ein wahrhaft kriegerisches, ernstes +Bild, dem es an Größe nicht fehlt, darbietet, ein +tiefer schmaler Gang, dessen Decke der graue Himmel +ist, und dessen Erdverkleidungen von frischem +Schnee bedeckt sind. Hier stehen die letzten Einheiten +der Infanterie; Einheiten von gewöhnlich +schwachem Bestand. Der Feind ist hier schon weniger +als hundert Meter entfernt. Von hier aus geht +der Verbindungsgang weiter, immer gewundener +und tiefer; in ihm empfinde ich das, was ich stets +bei der Berührung mit frischaufgerührter Erde +fühle. Der durch Erdarbeiten aufgewühlte Boden +erweckt in mir etwas, wie wenn die Kräfte der +aufgerissenen Erde in mich drängen und mir die +Geschichte des Lebens erzählten. +</p> + +<p>In diesen Klüften arbeiten zwei oder drei +Schanzengräber des Geniekorps, verlängern sie, +graben sie tiefer, von den Deutschen beobachtet, die +<!-- page 091 --> +bisweilen ungenügend geschützte Stellen erreichen +können. Auf diesem äußersten Punkt steht der +letzte Infanterieposten (etwa vierzig Meter vom +Feind). +</p> + + +<p>Du kannst Dir den Gegensatz dieser militärischen +Einrichtung und des Friedens denken, der +an dieser Stelle zu herrschen pflegte. Stelle Dir +mein Erstaunen vor, wenn ich mich erinnere, daß +in dem Bereich meines Blickes der Landmann +seinen Pflug lenkte und diese Sonne, deren Glorie +ich erspähe, wie der Gefangene die Freiheit, +ihm auf dieser Anhöhe gespendet wurde. +</p> + +<p>Wenn ich dann in der Dämmerung in die +Ebene hinaustrete, welche Wonne! Ich will Dir +nicht davon sprechen, denn ich verschweige noch +mein Glück. Ich darf es nicht offenbaren: es ist +ein Vöglein, das die Stille liebt. . . . Begnügen +wir uns damit, was das Wesentlichste ist, von dem +Glück zu sprechen, das sich nicht aufscheuchen läßt: +uns in gleichem Maße auf alles vorbereitet zu +fühlen. +</p> + +<p class="date">Den 29. Nov., morgens, im Quartier. +</p> + +<p class="address">Teuerste Mutter!</p> + +<p>Gestern habe ich die Feuerlinie bei schlechtem +Wetter verlassen, das in der Nacht nach meiner +Ankunft in Regen überging. Ich sehe ihn von +meinem Lieblingsfenster aus als Nebel fallen. Wenn +Du willst, erzähle ich Dir von den gestern flüchtig +gesehenen Wundern. +</p> +<!-- page 092 --> + +<p>Von der in meinem gestrigen Brief beschriebenen +Stellung aus sieht man, wie ich es Dir oft +schon geschrieben, den herrlichsten Horizont. Gestern +nun zerfetzte ein fürchterlicher Wind einen Schleier +von sehr niedrigen Wolken, die an den Höhen +hängen blieben. Vielleicht wird Dir der Hintergrund +meines Haheyna eine schwache Vorstellung +von dem geben, was ich gesehen habe. Doch um +wie viel erhabener und stürmischer war mein +gestriges Fühlen! +</p> + +<p>Die Hügel und Täler gingen abwechselnd von +Schatten in Licht über, bald scharf umgrenzt, bald +verschleiert, je nachdem die Nebel sie enthüllten. +Am Himmel große hellblaue lichtumflossene Lücken. +</p> + +<p>Das war die Pracht des gestrigen Tages. Soll +ich Dir von den letzten Abenden erzählen, wo der +Mond auf die Landstraße mir die zierliche Verästelung +der Bäume abzeichnete, die Tragik der +Kalvarien, das rührende Bild der Häuser, von +denen man weiß, daß sie Ruinen sind und welche +die Nacht wie ein Bild des Friedens erstehen +läßt. +</p> + +<p>Ich freue mich zu sehen, daß Du Verlaine +liebst. Lies das schöne Vorwort von Coppée, +welches die Sammlung der ausgewählten Werke +eröffnet, die Du in meiner Bibliothek finden wirst. +</p> + +<p>Seine Frömmigkeit ist von einer Unmittelbarkeit, +ich möchte beinahe sagen von einer Sinnlichkeit, +die mich immer etwas irre macht, gerade weil +<!-- page 093 --> +sie der katholischen Frömmigkeit eigen ist, deren +bildliche Erscheinung mir immer fremd bleiben +wird. Aber was für ein Dichter! +</p> + +<p>Er ist meine fast tägliche Wonne in Paris und +hier kommen mir oft die Weisen seiner „Paysages +Tristes“<a href="#footnote-10" id="fnote-10"><sup>10</sup>)</a> in den Sinn; denn sie geben genau +die Stimmung mancher Stunden wieder. Sein +Leben ist rührend wie das eines kranken Tieres +und man staunt darüber, daß eine solche Verkommenheit +die köstlichen Blumen seiner Poesie +nicht verwelken ließ. Seine Belehrung, eher die +eines Künstlers als die eines Denkers, kam infolge +einer Umwälzung in seinem Leben nach +schweren Vergehungen. (Er war im Gefängnis.) +</p> + +<p>In „Le Lys Rouge“ hat Anatole France +unter dem Namen Choulette ein lebensvolles Bild +von ihm entworfen; vielleicht findet sich dieses +Buch bei uns. +</p> + +<p>Die Poesie in „Sagesse“ wirkt wunderbar und +erbaulich durch den Schwung, die Leidenschaft der +künstlerischen Absicht, der Neue. Es ist etwa wie +wenn der Aufschrei der „Mainacht“ durch sein +ganzes Werk hindurch erklänge. +</p> + +<p>Unsere beiden stärksten poetischen Begabungen +im vergangenen Jahrhundert, Müsset und Verlaine, +waren zwei Unglückliche, deren doch so +herrliche und berauschende Blumenpracht keine +<!-- page 094 --> +innere Stütze aufrecht hält. Ich langweile Dich +vielleicht, indem ich Dir von gleichgültigen Dingen +erzähle, aber es versenkt mich wieder ein wenig +in mein vergangenes Leben. Seitdem ich das Glück +habe Deine Briefe zu empfangen, habe ich nichts +mehr aufgezeichnet. Glaube ja nicht, daß die +Nebensachen mich das, was wir ersehnen und erhoffen, +vergessen lassen; doch ich glaube, daß was +den Schmuck des Lebens ausmacht, gerade das ist, +was es für uns beide kostbar macht. +</p> + + +<p>Ich erwarte Briefe von Dir seit dem letzten +vom 22.; doch ich werde sicher einen hier im +Quartier vorfinden. Ich danke Dir für das angekündigte +Packet. Arme Mütter, wie sie alle sich +quälen! +</p> + +<p class="date">Den 1. Dezember, morgens, im Quartier. +</p> + +<p>Ich erinnere mich, wie ich mich freute, wenn +ich als dienstfrei mich von meinen militärischen +Obliegenheiten entbunden sah. Es schien mir, als +wären mein Leben und meine Laufbahn unwiderruflich +verloren, wenn ich mit sieben und zwanzig +Jahren wieder zum Regiment müßte. Und nun +bin ich mit acht und zwanzig Jahren tief im Soldatenleben +drin, fern von meinen Arbeiten, meinen +Sorgen, meinen ehrgeizigen Plänen, und nie hat +mir das Leben eine solche Fülle von erhabenen +Eindrücken gebracht: niemals vielleicht fand ich, +um sie aufzuzeichnen, eine solche Fülle der Empfänglichkeit, +<!-- page 095 --> +eine solche Ruhe des Bewußtseins. +Das sind also die Gnadengaben einer Lage, die +meine vernünftigen menschlichen Voraussichten mir +als ein Verhängnis erscheinen ließen. Hier wirkt +die von der Vorsehung mir beschiedene Lehre +weiter, die allen meinen Befürchtungen zum Trotze, +Segen in jede Veränderung meiner Lage hineinlegt. +</p> + +<p>Die beiden letzten Sonnenaufgänge gestern +und heute waren wundervoll. . . . +</p> + +<p>Ich habe Lust für Dich eine kleine Skizze von +der Aussicht meines Fensters zu machen. . . . +</p> + +<p>. . . . Ich mache es aus dem Gedächtnis, aber +darüber stelle Dir die ergreifendsten Purpurstreifen +vor und rechts und links noch endlose Ausdehnungen. +Das zu betrachten war mir in der letzten +Zeit mehrmals gegönnt. Augenblicklich bringt ein +lieblicher Himmel Harmonie in die Obstgärten, in +denen wir arbeiten. Mein kleines Amt befreit mich +für einige Zeit von der Hacke. Das sind die Freuden, +die von ferne mir als Katastrophen erschienen. +</p> + +<p class="date">Den 1. Dezember, 2. Brief. +</p> + +<p>Ich habe soeben Deine Briefe vom 25., 26. +und 27. erhalten, sowie einen lieben Brief von +Großmutter, die so tapfer, so seelenvoll, so geistig +frisch ist. Er machte mir viel Freude und bringt +mir eine köstliche Hoffnung, deren glückliches Omen +ich mit Freude annehme. Jeder Deiner lieben Briefe +gibt mir auch, was das Leben für mich Schönstes +<!-- page 096 --> +hat. Mein heutiger erster Brief antwortet auf das, +was Du mir von der Annahme der Prüfungen +und Zerstörung der Götzenbilder sagst. Du siehst, +daß ich ganz wie Du denke und ich hoffe, daß ich +zur Stunde kein allzu hemmendes Götzenbild im +Herzen trage. . . . +</p> + +<p>Ich glaube, daß mein letztes Gebet in der Tat +sehr einfach ist. Die Eingebung des Ortes hätte +ein Gewand von zu überladener Kunst nicht geduldet. +Gott war überall und überall Harmonie: +die nächtliche Straße, von der ich Dir oft erzähle, +der Himmel voll Sterne, das Tal voll Murmeln +der Gewässer, die Bäume, die Kalvarien, die +nahen oder fernen Hügel. Für etwas Künstliches +wäre kein Platz gewesen. Ich brauche nicht darauf +zu verzichten, Künstler zu sein; denn ich hoffe +immer aufrichtig zu sein und meiner Kunst mich +nur zu bedienen, um damit eine Überzeugung zu +schmücken. +</p> + +<p class="date">Den 5. Dezember, morgens. +</p> + +<p>. . . . Wir treten aus unsern Höhlen heraus, +und auf die drei Tage klösterlicher Einschließung +folgt der Morgen auf der weiten Ebene. Man +kann sich keine Vorstellung von dem Durcheinander +machen. — Dein hübsches Viertelchen aus Aluminium +entzückt jedermann. +</p> + +<p>Ist’s schlimm mit der Wunde von André? +Die Mütter stehen furchtbare Angst aus in diesem +Krieg; doch immer mutig, nichts wird verloren +<!-- page 097 --> +sein! Ich für mein Teil befinde mich wohl und +bin so glücklich als es die Umstände ermöglichen. +</p> + +<p>Heute furchtbarer Wind, der wundervolle Wolken +treibt. Kräftige Luft, mit der die Baumäste +sich gut abfinden. Alle vergangenen Abende herrlicher +Mondschein, den wir umsomehr zu schätzen +wußten, als das Tageslicht uns entzogen war. +Teure Mutter, ich schreibe heute schlecht, weil wir +durch das Tageslicht wie betäubt sind, nach den +Stunden in der Finsternis, aber mein Herz eilt Dir +zu und findet in Dir seine Stütze. +</p> + +<p>. . . Laß uns an alles mit mutigem Sinn herantreten: +laß uns immer und in allen Dingen auf +Gott vertrauen. Wie fühle ich mit Dir, daß +man Ihn nur im Geiste anbeten kann! Und mit +Dir denke ich, daß man allen Hochmut meiden +muß, der ein Hohn auf die frommen Gebräuche +der andern wäre. Unsere Liebe soll ein der allgemeinen +Vorsehung zugewandter Bund sein. Übergeben +wir ihr unser Los in einem beständigen +Gebet. Gestehen wir ihr demütig unser irdisches +Hoffen und versuchen wir jeden Augenblick mit +der göttlichen Weisheit es zu vereinigen. Das ist +eine Aufgabe, deren Schwierigkeit sich jetzt offenbart, +die aber auch unter den gewöhnlichen Lebensbedingungen +besteht. +</p> + +<p class="date">Sonntag, den 6. Dezember. +</p> + +<p>Ich freue mich, Dich so standhaft dem Mute +zugerichtet zu sehen. Wir brauchen ihn oder vielmehr +<!-- page 098 --> +wir brauchen etwas, was schwer zu erlangen +ist, was weder Geduld noch allzustarke Zuversicht +ist, sondern ein gewisses Vertrauen in die +Ordnung der Dinge, — ein gewisses Vermögen, +von jeder Prüfung zu sagen, daß es so recht, ist. +</p> + +<p>Unser Lebenstrieb bringt uns dazu, uns von +den gegenwärtigen Verpflichtungen frei zu machen, +wenn sie zu grausam und häufig sind; aber Du +hast sehen können, wie auch ich die große Freude +hatte es zu erfahren, was Spinoza unter der +menschlichen Freiheit verstand. Ein unerreichbares +Ideal, dem man trotzdem zustreben muß. . . . +</p> + +<p>. . . Liebe Mutter, die Prüfungen, die wir +annehmen müssen, sind lang; man kann nicht +sagen, daß sie eintönig sind; denn sie verlangen, +trotz ihrer gleichmäßigen Gestalt, einen stets erneuten +Mut, halten wir zusammen, damit Gott +uns die Kraft und die Möglichkeit gibt, alles hinzunehmen! +. . . +</p> + +<p>Du weißt, was ich Religion nenne: was im +Menschen alle seine Vorstellungen vom Universellen +und Ewigen, diesen beiden Formen des Göttlichen, +vereinigt. Die Religion, im gangbaren +Sinne des Wortes, ist weiter nichts als die Verbindung +gewisser sittlicher und erzieherischer Formeln +mit der wunderbaren poetischen Gestaltung +der kraftvollen biblischen und christlichen Philosophien. +Wir wollen niemanden verletzen. Bei +richtiger Betrachtung erscheinen mir die religiösen +<!-- page 099 --> +Formeln, so fremd sie auch den Forderungen +meines Intellektes sind, lobenswert und sympathisch, +insoweit sie ein Streben nach Schönheit +und Form ausdrücken. +</p> + +<p>Teure geliebte Mutter, hoffen wir immer; die +Prüfungen sind mannigfaltig, aber alles Schöne +verbleibt. Flehen wir darum, es noch lange betrachten +zu dürfen. . . . +</p> + +<p class="date">Montag, den 7. Dezember. +</p> + +<p class="address">Vielgeliebte teure Mutter!</p> + +<p>Ich schreibe Dir in der Nacht . . ., übrigens ist +um 6 Uhr morgens das Soldatenleben in vollem +Gang. Meine Kerze ist auf ein Bajonnett aufgepflanzt +und von Zeit zu Zeit bekomme ich einen +Wassertropfen auf die Nasenspitze. Meine Leidensgefährten +versuchen ein trügerisches Feuer anzuzünden. +Der Aufenthalt in den Schützengräben +verwandelt uns in Haufen von Schlamm. +</p> + +<p>Die allgemeine gute Laune ist wunderbar. So +sehr sich die Kameraden nach Hause zurücksehnen, +sie ertragen nicht weniger heldenhaft die Wechselfälle +des Waffenhandwerks. Ihr Mut, unendlich +weniger durchgeistigt als der meinige, ist umso +werktätiger und den Verhältnissen angepaßter; aber +jeder Vogel hat seinen Schrei, der meinige hat +nichts von dem eines Kriegsvogels. Ich bin froh, +daß ich bei allen Stößen von außen innerlich mitgeschwungen +habe und setze meine Hoffnung darein, +daß sie meine Seele gestählt haben. So lege +<!-- page 100 --> +ich auch in Gott mein Vertrauen für alles, was +er mir vorbehalten will. +</p> + +<p>Ich <a id="corr-5"></a>glaube mein künftiges Lebenswerk zu ahnen. +Doch ich will aus dieser Vorahnung keinen Schluß +ziehen; denn ein jeder Künstler trug ein Werk in +sich, das das Tageslicht nicht gesehen hat. +</p> + +<p>Mozart dachte daran, seinen Aufflug zu nehmen, +als er dem Tode nahe war, und Beethoven +hat die zehnte Symphonie entworfen, ohne sich um +die Kürze der Zeit zu kümmern, die das Schicksal +ihm übrig ließ. +</p> + +<p>Die Pflicht des Künstlers ist, seine Knospen +aufblühen zu lassen, ohne den Frost zu fürchten, +und vielleicht erlaubt es Gott, daß mein Bemühen +in die Zukunft weiterwirkt. Meine Versuche und +Proben meiner Arbeit zeigen, obgleich sie sehr einheitlich +sind, noch etwas Kindliches, Stammelndes +in der Ausführung, das zu der wirklichen Höhe +der Auffassung wenig paßt. Wie mir scheint, wird +meine Kunst erst in der Reifezeit meines Lebens +sich voll entfalten. Beten wir zu Gott, daß er mich +dahin gelangen lasse. . . . +</p> + +<p>Was Dein Herz anbelangt, so habe ich ein +solches Vertrauen in Deinen Mut, daß diese Zuversicht +in dieser Stunde mein größter Trost ist. +Ich weiß, daß meine Mutter zu der Freiheit der +Seele gelangt ist, welche das Wirken des Weltalls +zu betrachten uns erlaubt. Ich weiß aus +eigener Erfahrung, wie diese Weisheit nur Stückwerk +<!-- page 101 --> +ist, aber es heißt schon Gott besitzen, wenn +man ihn ahnt.<a href="#footnote-11" id="fnote-11"><sup>11</sup>)</a> Die Zuversicht, die mir Deine +Seele und Deine Liebe verleihen, erlaubt mir an +die Zukunft zu denken, unter welcher Gestalt es +auch sein mag. +</p> + +<p class="date">Den 9. Dezember. +</p> + +<p>Liebe Mutter, in seinem reizenden Brief sagt +mir P. L., daß er gerne seine Philosophen gegen +ein Gewehr vertauschen würde. Er hat sehr Unrecht. +Einmal ist Spinoza, der ihm zuwider ist, +ein wertvoller Helfer in den Schützengräben, und +dann müssen diejenigen, die in der Lage sind, jede +Kultur und jeden Fortschritt auszunutzen, den +Fortbestand des französischen Geisteslebens sichern. +Sie haben eine erdrückende Aufgabe, die viel mehr +Tatkraft verlangt als die unsrige. Wir sind von +allem Zwang befreit. Ich denke mir unser Leben +wie das der ersten Mönche: eine harte, gleichmäßige, +von jeder äußeren Obliegenheit freie +Regel. . . . +</p> + +<p class="date">Den 10. Dezember,<br /> +<span class="smaller">in der wunderschönen Morgenstunde. +</span> +</p> + +<p>Unser dritter Tag im Quartier bringt uns die +liebliche Gabe eines versöhnten Wetters. Die entfesselte +Sintflut unseres Aufenthaltes in der Feuerlinie +beruhigt sich etwas und die Sonne zeigt sich +schüchtern. +</p> + +<!-- page 102 --> + +<p>Unsere seit zwei Monaten angenehme Lage +muß sich notwendigerweise ändern. +</p> + +<p>Da die Festigkeit der Stellungen den Krieg ins +Endlose zu verlängern drohen, wird der Angriff +des einen der beiden Gegner die Bewegung in +Fluß bringen und die Ereignisse beschleunigen +müssen. Ich glaube, daß die Kriegsleitung diese +Wendung der Dinge ins Auge faßt, und ich für +mein Teil wage es kaum, Dir zu sagen, daß ich +mich über nichts beklage, was die Gelegenheiten, +Erfahrungen zu sammeln, vermehrt. +</p> + +<p>Unser Leben, das zu einem Drittel plattbürgerlich +ist, zu zwei Dritteln die Gefahren einer chemischen +Fabrik bietet, würde schließlich jede Empfindung +abstumpfen. Sicherlich werden wir nur ungern +unsere Gewohnheiten aufgeben, aber vielleicht +waren wir eben zu sehr an eine gewisse +Bequemlichkeit gewöhnt, die auf die Dauer unmöglich +wurde. +</p> + +<p>Was mich betrifft, wird meine Stellung sich +vielleicht verändern. Ich werde wahrscheinlich meinen +gewohnten Gang<a href="#footnote-12" id="fnote-12"><sup>12</sup>)</a> aufgeben müssen, da ich als +Gefreiter vorgeschlagen bin, was mir einen ständigen +Platz im Schützengraben und andere Verwendung +in der Feuerlinie anweisen wird. Ich +hoffe, daß Gott mich hierbei ebenso segnen wird +wie bis jetzt. +</p> + +<!-- page 103 --> + +<p>. . . . Ich fühle, daß wir um nichts zu bitten +brauchen. Wenn in uns etwas Ewiges ist, was wir +noch auf Erden betätigen sollen, so dürfen wir sicher +sein, daß Gott uns hier lassen wird, um es zu tun. +</p> + +<p class="date">Den 10. Dezember, 2. Brief. +</p> + +<p>Glücklicherweise haben wir ein Gebiet, auf dem +alles uns vereinigt, ohne daß ein geschriebenes +Wort nötig wäre. . . . +</p> + +<p>Der Himmel wird wieder grau und kündigt +einen feuchten Aufenthalt für unsere zweiten und +ersten Linien an. +</p> + +<p>Der Tag geht zur Neige und die große +Schwermut senkt sich auf alle Dinge. Es ist die +graue Stunde für alle, die in der Ferne sind, für +alle Soldatenherzen, die an das Heim zurückdenken +und die Nacht über die Erde kommen sehen. +</p> + +<p>Ich gehe zu Dir und schon erwarmt mein +Herz. Ich fühle Deine aufmerksame Zärtlichkeit und +die Weisheit, welche Deinen Mut beseelt. Manchmal +scheue ich mich, Dir immer dasselbe zu wiederholen; +aber wie soll ich neue Worte finden für +meine arme, durch immer dieselben Wechselfälle +hin und her geworfene Liebe? Da wir bald von +hier fortkommen, werden wir vielleicht manche Andenken, +die wir aufbewahrten, verlassen müssen; +aber die Seele darf sich nicht an Fetische festklammern. +Unser Herz mag manchmal gewisse +Dinge benutzen, aber unsere Liebe kann ohne +Amulett bestehen. +</p> +<!-- page 104 --> + +<p class="date">Den 12. Dez., 10 Uhr (Postkarte). +</p> + +<p>Lieblicher Tag im Regen. Alles steht gut in +unsern Wäldern. In der Nähe hat es furchtbaren +Kanonendonner auf beiden Seiten gegeben. +</p> + +<p>Deine Briefe vom 4. und 6. empfangen. Ich +freue mich darüber. Es ist das wahre Glück meines +Lebens. Ich bin froh, daß Du C. . . . besucht +hast. Ich hoffe Dir ausführlicher zu schreiben. +Nicht als ob es mir mehr als sonst an der Zeit +fehlte, aber ich durchlebe Tage, wo ich für die +Schönheit der Dinge weniger empfänglich bin. Ich +strebe der wahren Weisheit zu. . . . +</p> + +<p class="date">Den 12. Dez., 7 Uhr nachmittags. +</p> + +<p>Trotz der wechselnden Schönheit der Sonne +und des Regens war ich heute für das Schauspiel +der Natur nicht empfänglich. Und doch war nie +soviel Anmut und Güte am Himmel. +</p> + +<p>Die Landschaft mit dem Brücklein und seinem +Reiter, von der ich Dir erzählte, wurde von weicher +Anmut unter der Pracht der Wolken durchdrungen. +Aber ich empfand nicht wie früher den Segen +Gottes, als plötzlich ein schöner, so schöner Baum +zu meinem Herzen gesprochen hat. Er hat zu mir +von der stets lächelnden Schönheit, der Frische +des Epheus, geredet, von der herbstlichen Röte, +von der winterlichen Schärfe der Zeichnung in +den Baumästen; da habe ich begriffen, daß eine +Stunde in solcher Betrachtung das ganze Leben +<!-- page 105 --> +ist, dem Dasein seinen Wert verleiht, neben dem +alles menschliche Erwarten nichts ist als ein böser +Traum. +</p> + +<p class="date">Sonntag, den 13. Dezember. +</p> + +<p>. . . . Ich ging heute nach einer erquickenden +Nacht in diesen Wäldern spazieren, wo vor nunmehr +drei Monaten die Toten den Boden bedeckten, +heute breitete der Spätherbst seine Schätze +aus und dieselbe Schönheit der bemoosten Stämme +redete zu mir, wie gestern, von ewiger heiterer +Anmut. +</p> + +<p>Es bedarf allerdings einer ungeheuren aber +unerläßlichen Selbstüberwindung, um zu begreifen, +wie wenig die allgemeine Harmonie gestört wird +durch die Ereignisse, deren Anblick unser Empfinden +gewaltsam erschüttern. +</p> + +<p>Man muß durch Erfahrung erkennen, daß ein +körperlicher Riß wenig bedeutet und daß unser +wahres Ich in dem Aufschwung der Seele liegt. +</p> + +<p class="date">Den 14. Dezember<br /> +<span class="smaller">(bei herrlichem Wetter und<br /> +wiedergewonnener Seelenruhe). +</span> +</p> + +<p>Wir sind jetzt wieder in unserem Abschnitt der +Feuerlinie, aber an einer Stelle, wo man den +Kopf heben und die Anmut meiner teuern Maashügel +genießen kann, die eine zarte Beleuchtung +aufheitert. +</p> + +<p>Ich sehe über den Dörfern und den Obstgärten +die Birken- und Tannenreihen. Die einen färben +<!-- page 106 --> +ihr Baumskelett mit duftigem, weißgeädertem +Violett, die andern unterstreichen die Horizontlinie +mit ihren satten Farben. +</p> + +<p>Ich wurde innerlich gestärkt durch die wunderbare +Lehre, die mir während eines Marsches ein +schöner Baum gegeben. Ach, liebe Mutter, alles +an uns kann untergehen, die Natur besteht darum +nicht weniger herrlich und, was sie mir in Augenblicken +von ihren Gaben geschenkt, genügt, um ein +ganzes Leben zu rechtfertigen. Dieser Baum war +wie ein Soldat! +</p> + +<p>Du kannst Dir nicht vorstellen, wie viel die +Wälder in dieser Gegend gelitten haben: nicht +sowohl durch Beschießung als durch das furchtbare, +für den Bau von Unterständen und unsere +Heizung notwendige Abholzen. Und doch mitten +in dieser Verwüstung erzählte mir dieser Baum, +daß für den Baum und den Menschen Schönheit +immer bestehen wird. +</p> + +<p>Auch der Mensch gibt dieselbe Lehre: Sie ist +schwerer in ihm zu entziffern, ist aber schön, wenn +man die wundervolle Lebenskraft dieser Jugend +sieht, deren Tatkraft durch die Ernte des Todes +nicht vermindert wird. +</p> + +<p class="date">Den 15. Dezember, in der Frühe. +</p> + +<p class="address">Teure geliebte Mutter!</p> + +<p>Ich habe Deinen lieben Brief vom 9. erhalten, +in dem Du von unserm Heim erzählst. Ich +<!-- page 107 --> +bin glücklich zu fühlen, wie schön die Lebenskraft +ist, die rasch nach jeder Trennung, jedem Riß sich +wieder einzurichten weiß. Ich bin glücklich zu fühlen, +daß meine Briefe in Deinem Herzen einen +Wiederhall finden. Oft fürchtete ich Dich zu ermüden; +denn unser Leben, das in mancher Hinsicht +herrlich ist, ist das denkbar einfachste und +bietet wenige hervorstechende Ereignisse. +</p> + +<p>Wenn ich mein Malerhandwerk ausüben könnte, +hätte ich die schönsten Gelegenheiten zum Sehen +vor mir und würde über den umfassendsten Vorrat +an malerischen Eindrücken, den es geben kann, +verfügen. Wenn ich aber versuche Himmel, Bäume, +Hügel und Horizont zu erzählen, gebrauche ich die +Worte nicht so feinfühlig wie die Farben und die +unendliche Mannigfaltigkeit der Bilder beschränkt +sich in der Wiedergabe auf einige Grundformen, +die, wie ich fürchte, sich wiederholen . . . . +</p> + +<p class="date">Den 15. Dezember. +</p> + +<p>. . . Man muß sich diesem eigentümlichen Dasein +anpassen, das zugleich arm an geistiger Tätigkeit +und wunderbar reich an plötzlichen seelischen +Erregungen ist. Ich stelle mir vor, daß in unruhigen +Zeiten, vor Jahrhunderten, Männer, des +überfeinerten Lebens überdrüssig, im Frieden des +Klosters die Betrachtung der ewigen Fragen aufsuchen +und, wenn auch durch die Drohung feindlicher +Horden belästigt, dort eine Zufluchtsstätte +<!-- page 108 --> +finden mochten. Ich stelle mir vor, daß unser Leben +dem Leben dieser alten Mönche gleicht, deren +Dasein sehr kriegerisch war, die mehr als ich für +den Kampf geeignet waren. Unter ihnen konnten +empfängliche Seelen Freuden genießen, die ich +heute wiederfinde. — Ich erhalte heute einen rührenden +Brief von Frau M. . . ., deren Herzlichkeit +ich liebe. +</p> + +<p>Wechselndes, doch ergreifend schönes Wetter. +</p> + +<p>Es ist unmöglich, mehr als wir getan, über +die Haltung zu sagen, die wir den Ereignissen +gegenüber einnehmen müssen. Worauf es ankommt, +das ist die Ausführung. Sie ist nicht leicht; ich +habe es dieser Tage erfahren, obgleich keine neue +Schwierigkeit meinem Bemühen, die Weisheit zu +erreichen, in den Weg trat. +</p> + +<p>. . . Manchmal faßt man eine gewisse innere +Unruhe, die an einem nagt, als die Stimme eines +wachsamen Gewissens auf. +</p> + +<p class="date">Den 16. Dezember. +</p> + +<p>Hier in unsern Unterständen habe ich Dein +kleines, leider arg zerknittertes Skizzenbuch hervorgeholt +und habe versucht, einige Linien des +Landschaftsbildes zu zeichnen. Die Kälte ließ mich +aufhören und ich kehrte unbefriedigt zurück; da +hatte ich den Einfall einen Kameraden Modell +stehen zu lassen. Ich kann Dir nicht meine Freude +schildern, als etwas dabei herauskam! Ich glaube, +<!-- page 109 --> +daß meine kleine Bleistiftzeichnung mir geglückt ist. +Sie ist in einem Briefe fort für irgend einen „Schatz“. +Es war mir ein wahrer Genuß zu fühlen, daß +ich meine Fähigkeiten nicht eingebüßt habe. +</p> + +<p class="date">Den 17. Dezember<br /> +<span class="smaller">in einem neuen Quartier. +</span> +</p> + +<p>. . . Gestern wurden wir von unsern Gewohnheiten +herausgerissen, im Augenblick, wo ich, nach +drei Tagen vollkommener Ruhe, die Schützengräben +erster Linie verließ. Man hat uns einen Standort +angewiesen, wo wir den 6. und 7. Oktober zugebracht +hatten. Man spürt in der Luft, daß Neues +im Anzug ist. Ich weiß nicht was daraus wird; +doch die heitere Ruhe des heutigen Tages gilt +mir als eine gute Vorbedeutung für alles Kommende. +</p> + +<p>Es gab die letzten Tage wunderbare Anblicke, +die ich jetzt besser inne werde, als in jenen wenigen +Tagen der Niedergeschlagenheit. Es kam daher, +daß ich mich kleinlichen menschlichen Berechnungen +hingegeben hatte. +</p> + +<p>Ich schreibe Dir an einem Fenster, von dem +aus ich die Sonne untergehen sehe. Du siehst, +daß es für uns immer Gutes gibt. +</p> + +<p class="date">3 Uhr nachmittags. +</p> + +<p>. . . . Ich schreibe an diesem Brief weiter in +der Dämmerung eines einzigartigen Winters; der +Tag schläft ebenso friedlich ein wie er erwachte. +Ich sehe die Wäscherinnen unter der Baumreihe, +<!-- page 110 --> +die sich an einem Fluß entlang zieht; der Friede +ist überall, ich glaube selbst in den Herzen. Die +Nacht bricht herein. . . . +</p> + +<p class="date">Den 19. Dezember, im Quartier. +</p> + +<p>Lieblicher Tag, der um den Tisch herum seinen +Abschluß findet. Stille. Zeichnen. Musik. Ich denke +mit Ruhe an die Länge der kommenden Tage, +indem ich sehe, wie rasch die vergangenen Tage +verflogen sind. Die Hälfte dieses Monates ist nun +vorüber, das Weihnachtsfest kommt, während des +Krieges. Für mich heißt es nur noch, mich unsern +Lebensbedingungen wirklich anzupassen, dann mit +Hülfe unserer Gemeinschaft zu einer Annahme der +Dinge zu gelangen, die einer höhern Ordnung angehört +als die menschliche Tapferkeit. +</p> + +<p class="date">Den 21. Dez., morgens früh. +</p> + +<p class="address">Teuerste Mutter!</p> + +<p>Ich habe in meinen Briefen mit Offenheit von +meinen Freuden gesprochen, aber die Klippe des +Glückes ist, daß unsere arme menschliche Natur +stets in Angst ist, es zu verlieren, ohne zu erkennen, +daß erfahrungsgemäß die ewige Ordnung +immer ein neues Glück neben das alte Glück stellt. +</p> + +<p>Ich für mein Teil brauche kein neues zu suchen. +Ich muß versuchen, beide Weisheiten zu vereinigen. +Die eine, die menschlich ist, treibt mich +dazu an, für mein Glück zu sorgen, die andere +<!-- page 111 --> +aber lehrt mich, daß dieses menschliche Glück eine +gar zarte Blume ist. +</p> + +<p>Man könnte sagen: Genießen wir die Freuden +des Lebens, die ein unerbittlich strenges Gewissen +ausgewählt hat, aber erkennen wir, was sie alle +Vergängliches in sich haben. +</p> + +<p>Ja, die heilige Schrift enthält die schönste und +poetischste Philosophie. Ich glaube, sie verdankt sie +ihrem Zusammenhang mit den viel älteren Philosophien. +Bei Edouard Schuré<a href="#footnote-13" id="fnote-13"><sup>13</sup>)</a> ist manches anfechtbar, +was man aber behalten muß, ist seine +Deutungsgabe, die ihn durch alle Lehren hindurch +zu der unendlich fernen Quelle der menschlichen +Weisheit zurückgehen läßt. +</p> + +<p>Weißt Du, daß die so rührenden mythischen +Bilder von einem „guten Hirten“ und der „Mutter +Gottes“, welche in unsern Religionen so glückliche +Anwendung gefunden haben, alte Schöpfungen +der menschlichen Symbolik sind? Die Griechen +hatten sie von geistigen Vorfahren erhalten und +bei ihnen hieß der gute Hirte Hermes Psychopompos, +Hermes der Seelenführer. Ebenso ist die +Ahnfrau unserer Muttergottes, die große Demeter, +die Mutter, die ein Kind auf ihren Armen trägt. +Man fühlt, daß alle Religionen, in dem Maße, +wie sie sich ablösten, die eine auf die andere +immer denselben Schatz von Symbolen übertragen +<!-- page 112 --> +haben, welche die ewig jugendliche, menschliche +Poesie jedesmal neu gestaltete. +</p> + + +<p class="date">Den 23. Dez. (in der Dunkelheit). +</p> + +<p>Welche Ironie! Ich hatte gestern diesen Brief +angefangen, den ich unterbrechen mußte. Das +Wetter war herrlich, ist es übrigens ungefähr geblieben. +Aber wir haben unsere Feuerlinie wieder +bezogen. Diesmal halten wir das Dorf selbst besetzt, +— die hübsche Corotlandschaft, wie vor zwei +Monaten. Aber die Stellung unseres Vorpostens +befindet sich in einem Hause, an dem man jede +Ritze verschließen muß, um seine Gegenwart dem +Feinde zu verbergen. So sind wir in einem Zimmer, +in dem wir um neun Uhr morgens uns der +Illusion hingeben können, als feierten wir den +heiligen Weihnachtsabend. +</p> + +<p>Dein lieber Brief, den ich kürzlich erhielt, hat +mir viel Freude bereitet. Es ist wahr, die Anmut +und die göttliche Begeisterung sind zwei Ausdrücke +für denselben Begriff. +</p> + +<p>Wenn Du einen Gang im Museum des großen +Dichters Moreau<a href="#footnote-14" id="fnote-14"><sup>14</sup>)</a> machst, wirst Du ein Gemälde +sehen, „das Leben der Menschheit“,<a href="#footnote-15" id="fnote-15"><sup>15</sup>)</a> glaube ich +<!-- page 113 --> +benannt. Es besteht aus neun Abschnitten, welche +drei Reihen bilden, die heißen: <i>das goldene +Zeitalter, das silberne Zeitalter, das +eiserne Zeitalter</i>. Darüber ist ein Giebelfeld, +von dem aus Christus diese Darstellung der +Menschheit beherrscht. Darin aber hat dieser große +Künstler dieselbe Vorstellung wie Du: jede der +drei Reihen trägt den Namen eines Helden, Adam, +Orpheus, Kain und jede von ihnen umfaßt drei +Stunden. Die Stunden des goldenen Zeitalters +heißen: <i>die Entzückung, das Gebet, der +Schlaf</i>, während die Stunden des <i>silbernen +Zeitalters</i> heißen: <i>die Begeisterung, der +Gesang, die Tränen</i>. +</p> + + + +<p>Die <i>Entzückung</i> ist auch die <i>Anmut</i>; denn +das Gemälde stellt Adam und Eva dar, in der +Reinheit ihrer Seelen, inmitten einer herrlichen +Blütenpracht in die Betrachtung der Gottheit versenkt. +Nichts außer einer harmonischen Natur hilft +ihnen in ihrem Anflug zu Gott. +</p> + +<p>Die <i>Begeisterung</i>, in seinem <i>silbernen +Zeitalter</i> ist wieder die<i> Anmut</i>, aber schon, durch +menschliche Künstlichkeit gestört. Der Dichter Orpheus +sieht immer noch Gott, aber die Muse steht +ihm zur Seite, das Symbol der menschlichen +Kunst ist schon geschaffen; und die Offenbarung +der Gottheit im Menschen, der <i>Gesang</i> ist von +Tränen, dem Schmerze begleitet. +</p> +<!-- page 114 --> + +<p>Den Kreislauf weiter verfolgend und die Entweihung +des Menschen erreichend, schildert Gustave +Moreau das <i>eiserne Zeitalter</i>: Kain zur Arbeit +und zum Verbrechen verurteilt. +</p> + +<p>Dieses Werk erzählt, daß die göttliche Stunde +greifbar, aber flüchtig ist und daß sie der gewöhnliche +Zustand des Menschen nicht sein kann. Es +entschuldigt unsere Niederlagen. Die malerische +Wiedergabe dieses Gedankens ist zu buchmäßig, +könnte mancher sagen; doch sie berührt die Seele +derer, die durch die Eishülle hindurch lesen wollen, +unter der in der menschlichen Wiedergabe jeder +Gedanke erstarrt. Freilich war ein Rembrandt der +vollkommene geniale Dichter und zugleich der reine +„Maler“. Geben wir zu, daß unsere Zeit weniger +Reichtum, eine seltenere Vielseitigkeit der künstlerischen +Begabung aufweist; erkennen wir aber zugleich +die Schönheit der Dichtung von Gustave +Moreau an, deren Sinn Du in zwei Worten geahnt +hast. +</p> + +<p class="signature">Dein Sohn.</p> + +<p class="date">Den 24. Dez., in der Frühe. +</p> + +<p>Unsern ersten Tag auf Vorposten haben wir +in der ländlichen Ruhe einer Landschaft verbracht, +die den Schnee erwartete. Er ist im Laufe der +Nacht gekommen. In Hintergärten, dem Auge der +Deutschen entzogen, habe ich mir den Schnee angesehen, +der die kleinsten Gegenstände zeichnet und +adelt. Dann kehre ich zum Talglicht zurück und +<!-- page 115 --> +nun schreibe ich Dir auf dem Tische, auf dem ein +Nachbar Schokolade schabt. Das ist der Krieg. +</p> + +<p>Das Soldatenleben bietet lustige Überraschungen. +Wir mußten in die Feuerlinie kommen, damit zwei +Unteroffiziere eine Badewanne finden und ein Bad +nehmen können. Ich für mein Teil begnügte mich +mit der Hülse einer 75ger Granate als Wasserkrug. +</p> + +<p>. . . . Ich will nicht von Geduld sprechen, denn +ein großer Vorrat von Geduld kann vor dem uns +bekannten X versagen. Ich sage Dir aber, daß die +Zeit außerordentlich rasch vergeht. +</p> + +<p>Wir verleben kindliche Tage, übrigens sind wir +Kinder solchen Ereignissen gegenüber, und die +Wohltat dieses Krieges wird sein, daß er denen, +die zurückkehren, die Jugend des Herzens zurückgeben +wird. . . . +</p> + +<p>Liebe Mutter, unser Dorf hat wieder den Besuch +von zwei Granaten erhalten. Werden sie in +Begleitung kommen? Gott behüte uns! Letzthin +hatten sie uns hundert und fünfzehn geschickt, um +einen Mann am Handgelenk zu verwunden. Ein +Haus, in dem ein Halbzug unserer Kompagnie +wohnt, steht in Flammen. Wir sehen niemand sich +regen. Wünschen wir, daß für unsere Kameraden +alles gut verläuft. +</p> + +<p>Ich bin herzlich froh, diese paar Monate verlebt +zu haben. Sie haben mich gelehrt, was man +<!-- page 116 --> +aus dem Leben machen kann, in welcher Form +es sich uns auch zeigen möge. +</p> + +<p>Meine Kameraden sind wunderbar in ihren +Offenbarungen französischer Eigenart. . . . Sie +scherzen, aber ihr Scherz ist die äußere Hülle eines +herrlichen seelischen Mutes. +</p> + +<p>Mein großer Fehler als Künstler ist, die Seele +meines Volkes stets mit einem schönen, mit meinen +eigenen Farben bemalten Gewande kleiden zu +wollen. Diese Menschen gehen mir manchmal auf +die Nerven, wenn sie mein schönes Kleid beschmutzen; +in Wahrheit würde es sie arg daran +hindern, ihre Pflicht zu erfüllen, wie sie es tun. +</p> + +<p class="date">Weihnachten in der Frühe. +</p> + +<p>Welche einzige Nacht! — Nacht ohne Gleichen, +in der die Schönheit siegte, in der trotz ihrer +blutigen Verirrungen, die Menschheit die Wahrheit +ihres Bewußtseins bewiesen hat. +</p> + +<p>Wisse, daß bei gelegentlichem Gewehrfeuer, +ein Gesang ohne Unterbrechung auf der ganzen +Schützenlinie sich erhob! +</p> + +<p>Uns gegenüber sang eine wundervolle Tenorstimme +das Weihnachtslied des Feindes. Viel +weiter zurück, hinter dem Höhenzug, dort wo unsere +Linien wieder anfangen, antwortete die Marseillaise. +Die wundervolle Nacht verschwendete ihre +Sterne und Meteore. Hymnen, Hymnen überall. +</p> +<!-- page 117 --> + +<p>Es war die ewige Sehnsucht nach Harmonie, +der unbezwingliche Aufschrei nach Ordnung in +Schönheit und Eintracht. +</p> + +<p>Ich für mein Teil habe meine Erinnerungen +eingewiegt, indem ich die köstlichen Melodien der +<i>Kindheit Jesu</i><a href="#footnote-16" id="fnote-16"><sup>16</sup>)</a> wachrief. Die jugendliche Schönheit, +die Taufrische dieser französischen Musik rührten +mich. Ich dachte an den berühmten <i>Schlaf +der Wanderer</i> und den Chor der Hirten. Ein +Satz, den die Jungfrau Maria singt: „Der Herr +hat für meinen Sohn diese Stätte gesegnet“, ließ +mein Herz erzittern. Die Melodie sang in mir, +während ich in diesem Häuschen saß, dessen Nachbar +in Flammen steht und das selbst einem recht +kümmerlichen Schicksal geweiht ist. +</p> + +<p>Ich dachte an alle mir gewährten Freuden, +ich dachte, daß vielleicht in dieser Stunde Du für +mich um Segen flehst über meine Zufluchtsstätte. +Der Himmel war so schön, daß er mir eine günstige +Antwort zu gewähren schien; ich wünschte +aber ganz besonders die Kraft zu besitzen, um +eines fortwährend zu flehen, um Weisheit zu jeder +Zeit, eine Weisheit, die zwar menschlich ist, aber +trotzdem vor jeder Überraschung sicher ist. +</p> + +<p>Jetzt überflutet die herrliche Sonne die Ebene, +und ich schreibe Dir beim Kerzenlicht, von Zeit zu +Zeit gehe ich aber und betrachte sie von den +<!-- page 118 --> +Hintergärten aus. Alles ist licht, und die verlassene +Ebene empfängt den Frieden von oben. +</p> + + +<p>Ich gehe in unser Zimmer zurück, wo im +Dämmerlicht die Kupferbeschläge der wundervollen +Betten der Maasgegend und das geschnitzte Holz +der Schränke schimmern. Alles hat durch den +schlechten Gebrauch, den die Soldaten davon machen, +gelitten, verschafft uns aber eine wirkliche +Behaglichkeit. Wir haben Bestecke gefunden, Tafelgeschirr +und haben zwei Tage nacheinander +Schokolade in einer Suppenschüssel bereitet. +Üppigkeit! +</p> + +<p>O liebe Mutter, wenn mir Gott die Freude der +Rückkehr gewährt, welche Jugend hat mir diese +außerordentliche Zeit wieder geschenkt! Wie ich +meinem lieben P. schrieb, führe ich hier das Leben +eines Kindes unter so schlichten Menschen, daß +wenn auch sehr vereinfacht, meine Lebensart für +meine Umgebung noch recht umständlich ist. +</p> + +<p>Teuerste Mutter, dieser sehr lange Krieg entwickelt +unsere Fähigkeit im Dulden auszuharren; +ich habe aber das Gefühl, daß sich alles so verwirklicht, +wie es mir vorauszuahnen vergönnt war. +Ich glaube, daß diese langen Zwischenzeiten der +Untätigkeit das geistige Werkzeug in mir werden +ruhen lassen. Wenn ich das Glück habe, es wieder +benutzen zu dürfen, wird es zwar einige Zeit +brauchen, um sich wieder in Bewegung zu setzen, +aber welche neue Triebkraft wird es besitzen! Mein +<!-- page 119 --> +letztes Werk war reine Gedankenarbeit und mein +Ehrgeiz, den alles rechtfertigen kann, ist meinem +Gedanken mehr greifbare Form zu verleihen, je +mehr er sich entwickeln wird. +</p> + +<p class="date">Sonntag, den 27. Dezember, 9 Uhr.<br /> +<span class="smaller">5. Tag in der Schützenlinie. +</span> +</p> + +<p>Es scheint, daß die fürchterliche Stellung, die +wir am 14. Oktober mutig behauptet haben und +die unmittelbar darauf durch unsere Nachfolger +verloren ging, wieder genommen wurde, mehr als +200 Meter, aber um den Preis von 100 Mann, +die kampfunfähig sind. +</p> + +<p>Liebe Mutter, der Mangel an Schlaf nimmt +mir den Verstand. Man bedarf zwar wenig davon +für den täglichen Gebrauch in diesem Dasein, aber +ich hätte gerne mit Dir geplaudert. Mein Trost +ist, daß unsere gegenseitige Liebe keinen Ausdruck +braucht. +</p> + +<p>Weniges mitzuteilen. Ich bin arg abgestumpft +durch den gestrigen Tag, den ich ganz im Dunkeln +zugebracht habe. Dabei sah ich noch von meinem +Platz aus einen hübschen Baum am Himmel. +</p> + +<p>Diesen Morgen sah ich in der lieblichen Dämmerung +einen schönen außerordentlich leuchtenden +Stern. Ich hatte Kohlen und Wasser geholt und +auf dem Rückweg war dieser außerordentliche +Stern immer noch sichtbar, obgleich der Tag schon +hell war. Mein Gefreiter, der mit mir von Strauch +<!-- page 120 --> +zu Strauch unserm Hause zustrebte, sagte mir: +„Weißt du, was das ist, dieser Stern? Nun! es +ist das Erkennungszeichen für die feindlichen Patrouillen.“ +Es war so, und zunächst war ich über +die Entweihung des Himmels empört; dann aber, +abgesehen von der sinnreichen Erfindung dieses +Verfahrens, sagte ich mir, daß dieser Stern für +die armen Leute auf der andern Seite die Richtung +der Rettung bedeutete. Ich habe ihm weniger +gezürnt. Er hatte mir so viel Freude gemacht, +daß ich mich entschloß, bei meinem ersten Eindruck +zu verbleiben. +</p> + +<p class="date">Den 30. Dezember. +</p> + +<p>Gestern abend empfing ich Deinen Weihnachtsbrief. +Vielleicht hast Du zur Stunde, wo ich Dir +schreibe, den meinigen vom selben Tag erhalten. +Damals genoß ich trotz der Gefahr die Schönheit +der Landschaft, heute aber muß ich Dir gestehen, +daß sie mir einigermaßen vergiftet ist durch das, +was man von dem letzten Gemetzel erzählt. +</p> + +<p>Den 26. hat man uns in unseren Kampfstellungen +gelassen, die wir zu gewöhnlichen Zeiten +nur nachts besetzen. Wir wurden an diesem Tage +in unserer rein defensiven Stellung bevorzugt, nur +daß wir der feindlichen Beschießung ausgesetzt +waren; aber zu unserer Rechten erhielt ein Regiment +unserer Division, das eine unserer schrecklichen +Stellungen vom 14. Oktober einnahm, einen +<!-- page 121 --> +furchtbaren Auftrag, dessen unglücklicher Ausgang +mehrere hundert Menschenleben gekostet hat. Hier +in unserm großen Dorf, wo unsere gute Wirtin, +wie wir auch, die Opfer kannten, ist alles in Trauer. +</p> + +<p class="date">Am selben Tage. +</p> + +<p>. . . . Nichts greift die Seele an. Die Angst +mag freilich manchmal groß sein, besonders die +Vorahnung; aber die Fragen der Zukunft ordnen +sich der willigen Annahme des Gegenwärtigen +unter. Das Wetter ist mild und die Natur gleichgültig. +Die Toten werden den Frühling nicht +stören . . . . +</p> + +<p>Und wenn einmal die Schrecken des Augenblicks +vorüber sind, wenn man dann sieht, welchen +Platz die Erinnerungen an die Dahingeschwundenen +einnimmt, empfindet man ein fast süßes Gefühl +bei dem Gedanken an das, was <i>wirklich</i> +<i>besteht</i>. In diesen düstern Wäldern erkennt man, +wie nichtig die Gräber- und Leichenfeiern sind. +Die Seele dieser armen braven Menschen braucht +das alles nicht. . . . +</p> + +<p>4 Uhr. — Ich vollende das vierte Bild; ein +Leutnant meiner Kompagnie. Entzückt! Der Tag +geht zur Neige. Ich sende Dir mein stets mutiges +Gedenken, Hoffnung und Weisheit. +</p> + +<p class="date">Vom 3. Januar 1915. +</p> + +<p>. . . . Gestern, nach der ersten Befriedigung, +die ich empfand, als ich mich von den groben +<!-- page 122 --> +Arbeiten befreit sah, habe ich meine Stückchen +Tressen betrachtet und fühlte mich zunächst erniedrigt; +denn statt der gewaltigen an keinen Titel +geknüpften Überlegenheit, die mich aus jeder militärischen +Bewertung ausschloß, war ich eine untere +Nummer in der Rangordnung geworden. +</p> + +<p>Aber sofort fühlte ich, daß, so oft ich meine +roten Tressen ansah, ich meiner sozialen Pflicht +mich erinnern müsse, die mein Individualismus +zu oft vergißt. Ich fühlte, daß ich meine Seele +auszubilden immer in der Lage bin, von ihr nur +eine unbedingtere Anspannung werde verlangen +müssen. +</p> + +<p class="date">Den 4. Januar (abgeschickt den 7. Januar)<br /> +<span class="smaller">in einem Minengang +</span> +</p> + +<p>Ich schreibe Dir am Eingang eines unterirdischen +Ganges, der unter die feindliche Stellung +führt. Mein kleiner Posten hat den Auftrag, für +die Sicherheit der Pioniere des Geniekorps zu +sorgen, die einen schon ein Dutzend Meter vorgedrungenen +Gang graben, mit Balken stützen +und festigen. Um dorthin zu gelangen, stampfen +wir im Schlamm bis zu den Schenkeln; aber +unsere acht Stunden Wache sind durch eine Erdschicht +von mehreren Metern geschützt. +</p> + +<p>Ich habe sechs Posten, mit denen ich drei Tage +lang ein Dasein von Schlaflosigkeit und Entbehrungen +teile. Das ist das Einweihungsfest meiner +neuen Stellung, aber ich bin froh, mich wieder +<!-- page 123 --> +ein wenig in den Prüfungen vergangener Tage +zu stählen. . . . +</p> + +<p>Es könnte übrigens geschehen, daß mir das +Amt, das ich in Vertretung versah, in einigen +Tagen nunmehr wirklich übertragen wird. Scheußliches +Wetter: und um das Unglück voll zu machen, +habe ich einen ganz neuen Schuh verbrannt +und bin, wie die andern übrigens auch, in einem +wahren Bad, aber in vortrefflicher Gesundheit. +</p> + +<p>Teuerste, ich will etwas schlafen gehen. +</p> + +<p class="date">Den 6. Januar, abends. +</p> + +<p>Teure Mutter, wir sind jetzt wieder im Quartier +nach zweiundsiebzig Stunden ohne Unterbrechung +und Schlaf, in einem namenlosen Sirup von +Regen und Schlamm. Ich habe verschiedene Briefe +von Dir erhalten. Liebe, teuerste Mutter, der letzte +ist vom ersten. Wie ich sie liebe! Doch um Dir +von allem erzählen zu können, will ich zuerst ein +wenig schlafen. +</p> + +<p class="date">Den 7. Januar, gegen mittag. +</p> + +<p>Diesen abgebrochenen Brief vollende ich im +Polizeiraum, von wo mein Halbzug auf Wache zieht. +</p> + +<p>Das Wetter ist immer scheußlich. Diese Verschiebung +des ganzen Daseins ist unerhört. Wir +sind im Wasser, die Wände sind voll Schlamm, +der Boden und die Decke auch. +</p> +<!-- page 124 --> + +<p class="date">Den 9. Januar. +</p> + +<p>. . . . Mancher Trost fehlt mir in diesen Tagen +wegen des Wetters. Dieser entsetzliche Schlamm +erlaubt nicht das Geringste zu schauen. Ich schließe, +indem ich innig unsere Liebe, den festen Glauben +an eine Gerechtigkeit anrufe, die höher ist als +unsere menschliche. +</p> + +<p>Liebe Mutter, Sendungen brauche ich tatsächlich +nicht. Die Entbehrungen sind augenblicklich +anderer Art, doch immer Mut. Wenn man nur +sicher wüßte, daß die seelische Anstrengung Früchte +tragen wird! +</p> + +<p class="date">Den 13. Januar, im Schützengraben, in der Frühe. +</p> + +<p>Ich möchte, wenn Ihr an mich denkt, daß Ihr +das Bild von solchen Menschen wachruft, die alles +verlassen hatten, Familie, Bekannte, Stellung in +der Gesellschaft, von Leuten, welche die nächsten +Verwandten nur noch in der Erinnerung kannten, +von denen sie sagten: „Wir haben einen Bruder, +der vor langen Jahren sich von der Welt zurückgezogen +hat, wir wissen nicht, was aus ihm geworden +ist.“ Dann werde ich das Gefühl haben, +daß auch Ihr jede menschliche Form der Anhänglichkeit +aufgegeben habt und werde mich frei diesem +Leben hingeben, das allen gewohnten menschlichen +Beziehungen verschlossen ist. +</p> + +<p>Ich beklage mich nicht über meine neue Stellung, +sie versenkt mich wieder in Prüfungen, aber +<!-- page 125 --> +mit mehr Erfahrung und einigen Verbesserungen. +Ich will also fortfahren, so vollständig, wie es mir +möglich ist, für den Augenblick selbst zu leben; +und das wird mir leichter werden, wenn ich fühle, +daß Ihr selbst Euch an den Gedanken gewöhnt habt, +daß das Leben, welches ich gegenwärtig führe, +nicht vorübergehend zu sein braucht. +</p> + +<p>Ich habe Dir nicht genug geschrieben, wie ich +mich über die <i>Revue Hebdomadaire</i> gefreut +habe. Ich habe darin Auszüge von Reden über +Lamartine wiedergefunden, die mich entzückt haben. +Die Umstände führten ihn, den Dichter, dazu, +seiner Kunst nur noch einen winzigen Platz einzuräumen. +Das allgemeine Leben hat ihn umkreist +und legte seiner großen Seele eine unmittelbarere +und stärkere Aufgabe auf, als sein Genie es erwartete. +</p> + + +<p class="date">Den 15. Januar, im neuen Quartier,<br /> +<span class="smaller">12 Uhr 30 mittags. +</span> +</p> + +<p>Wir haben keine Ahnung mehr von irgend +einem Ausgang. Für mich ist die einzige Richtschnur +mein Gewissen. Wir müssen unser Vertrauen +in eine unpersönliche, von jedem menschlichen +Vermittler unabhängige Gerechtigkeit setzen, +in eine trotz aller äußeren Schrecken nützliche und +harmonische Bestimmung. +</p> + +<p class="date">Den 17. Januar, nachmittags, im Quartier. +</p> + +<p>Was soll ich Dir schreiben, an diesem Nachmittag +<!-- page 126 --> +eines seltsamen Januars, wo der Schnee +auf den Donner folgt? +</p> + +<p>Unser Quartier bietet uns nennenswerte Bequemlichkeiten, +besonders aber eine berauschende +Poesie. Stelle Dir einen See vor in einem von +hohen Hügeln beschützten Park, dann ein Schloß +oder vielmehr ein vornehmes Landhaus. Wir +wohnen in den Nebengebäuden, aber ich brauche +weder Tafelwerk noch äußerste Bequemlichkeit, um +das Traumleben, das ich seit drei Tagen führe, +zu vervollständigen. Gestern erhielt unsere liebenswürdige +Gesellschaft den Besuch von Sängern. +Wir waren sehr weit entfernt von der Musik, die +ich liebe; aber die sentimentale und volkstümliche +Romanze ersetzte die edle Kunst durch das Feuer +der Überzeugung bei dem Sänger. Dieser Arbeiter, +der ehrbare, ja moralische Lieder sang — eine +etwas unreine Moral, aber immerhin eine Moral +— legte soviel Seele hinein, daß der Klang seiner +Stimme unsere Hauswirtinnen rührte. Das ist +das volkstümliche Ideal, ein wesenloses, rein +negatives Ideal, das aber schmerzvolle Monate +mich gelehrt haben, mit Wohlwollen zu beurteilen. +</p> + +<p>Ich lese eben, daß Charles Péguy am Anfang +des Krieges gefallen ist.<a href="#footnote-17" id="fnote-17"><sup>17</sup>)</a> Wie viel Lücken hat +der Tod in den Reihen der französischen Geisteswelt +<!-- page 127 --> +gerissen! Was uns unfaßbar ist (was aber +ganz natürlich ist), ist, daß die bürgerliche Gesellschaft +ihr gewohntes Leben weiterführen kann, +während wir in diesem Unwetter sind. Ich sah in +einem Cri de Paris, der hierher getrieben wurde, +Programme von Konzerten. Welcher Gegensatz! +Nun, liebe Mutter, die Hauptsache ist, daß wir +in einigen Stunden der Gnade Schönes erkannt +haben. Das Wetter ist entsetzlich, aber man fühlt +das Kommen des Frühlings. Nichts spricht augenblicklich +von Hoffnung für den Einzelnen, sondern +von fester Zuversicht für die Allgemeinheit. +</p> + + +<p class="date">Den 19. Januar. +</p> + +<p>Seit gestern sind wir in unsern Stellungen +zweiter Linie; wir sind hierher gekommen bei herrlichem +Schnee- und Frostwetter. Ein stürmischer +Himmel, rosa und entzückend, schwebte über einem +traumhaften schneeweißen Wald, die Bäume unten +durchsichtig blau, oben braun in zarten Verästelungen, +die Erde weiß. +</p> + +<p>Ich habe zwei Packete erhalten, in denen das +<i>Rolandslied</i> mir unendliche Freude bereitet. +Die Einleitung, die von dem Volksepos handelt, +spricht gerade von dem <a id="corr-6"></a>Mahâbhârata, das, wie +es scheint, die Kämpfe der guten mit den bösen +Geistern erzählt. +</p> + +<p>Ich freue mich über Deine so lieben Briefe. +<!-- page 128 --> +Was die Leiden betrifft, die Du vermutest, in +Wirklichkeit sind sie sehr erträglich. +</p> + +<p>Was man aber bekennen muß, übrigens ohne +Scham, ist, daß wir ein bürgerliches Volk sind. +Wir haben den Honig der Kultur genossen, einen +ohne Zweifel vergifteten Honig! Doch nein! Sicherlich +ist dieses bequeme Dasein harmonisch und der +gewöhnliche Verlauf unseres Lebens soll nicht eine +Vorbereitung auf die Gewalttätigkeit sein, eine +Gewalttätigkeit, die vielleicht heilsam ist, in deren +Mitte wir aber die in Friedenszeit geahnte Ordnung +nicht aus den Augen verlieren dürfen. +</p> + +<p>Die Ordnung führt zum ewigen Frieden. Die +Gewalttätigkeit bringt das Leben in Umlauf. Unsere +Zielpunkte sind Ordnung und ewiger Friede; aber +ohne die Gewalttätigkeit, welche den Vorrat an +verwendbarer Energie entfesselt, wären wir geneigt, +die Ordnung als schon erreicht zu betrachten, eine +verfrühte Ordnung, die nichts weiter als Scheinleben +wäre und das Kommen der letzten Ordnung +nur hemmen würde. +</p> + +<p>Unsere Qualen kommen nur von der Enttäuschung, +die uns diese Verzögerung bereitet; +aber die menschliche Geduld ist immer zu schwach, +um das Kommen der wahren Ordnung zu erwarten. +Auf alle Fälle und trotz unserer Leiden, +wollen wir lieber nicht die Werkzeuge der Gewalttätigkeit +sein. Es ist ungefähr, wie wenn eine geschmolzene +Masse zu schnell und in unrichtiger +<!-- page 129 --> +Weise erkaltet; man muß einen neuen Guß vornehmen +und die Masse nochmals dem Feuer aussetzen. +Das ist die Aufgabe der Gewalttätigkeit +in der menschlichen Entwicklung; aber diese nützliche +Gewalttätigkeit darf uns nicht vergessen lassen, was +unser ästhetisches Bürgerleben an dauerhafter Ordnung +in Frieden und Harmonie errungen hatte. +Unsere Qualen kommen gerade daher, daß wir das +nicht vergessen können. +</p> + +<p class="date">Den 20. Januar, früh morgens. +</p> + +<p>Glaube nicht, daß ich mir den Schlaf rauben +lasse. In dieser Beziehung ist unsere Hygiene sehr +unregelmäßig; bald schlafen wir drei Tage und +drei Nächte, bald ist es umgekehrt. +</p> + +<p>Augenblicklich fängt die Natur wieder an, mir +ihren Trost zu bringen. Die fürchterliche Regenzeit +wird durch schöne Kältetage unterbrochen. Wir leben +in einem schönen Frost- und Schneewetter, der harte +Boden festigt unsere Schritte. +</p> + +<p>Mein bescheidener Rang bringt mir die Möglichkeit +ein, mich etwas abzusondern. Ich habe nicht +mehr meinen schönen nächtlichen Gang, aber am +Tag erlaubt mir die Befreiung von dem Arbeitsdienst +die Schönheit der Dinge zu genießen. Gestern unvergeßlicher +Sonnenuntergang. Ein Himmel wie +Schaum, in dem zarte, farbige Streifen sich zerfasern; +unten die kalte Bläue des Schnees. +</p> + +<p>Liebe Mutter, es war ein Heimwehabend. Diese +<!-- page 130 --> +Verse, die mir so vertraut sind, klangen friedlich +an mein Ohr: +</p> + +<div class="poem"> +<p class="line">Mein Kind, meine Schwester,</p> +<p class="line">Denke, wie süß es wäre,</p> +<p class="line">Dorthin zu gehen, mit Dir zu leben . . .</p> +<p class="line">In dem Lande, daß Dir gleicht.</p> +</div> + +<p>Ja, die „<i>Aufforderung zur Reise</i>“ von +Baudelaire<a href="#footnote-18" id="fnote-18"><sup>18</sup>)</a> zog durch den entzückenden Himmel. +Ach! ich war weit weg vom Kriege. Doch Rückschlag +des Irdischen; als ich zurückkam, wäre ich +beinahe um mein Mittagessen gekommen . . . +</p> + +<p class="date">Den 20. Januar, abends. +</p> + +<p>Stete Ergebenheit. Anpassung an das Leben, +das nicht rastet und sich um unsere kleinlichen +Forderungen nicht kümmert. +</p> + +<p class="date">Den 21. Januar. +</p> + +<p>Jetzt sind wir wieder in unseren Stellungen in +erster Linie. Der Schnee folgte uns nach, leider aber +auch das Tauwetter. Zum Glück verlangt unsere +jetzige Stellung nicht den schrecklichen Aufenthalt im +Wasser der Schützengräben. +</p> + +<p>Wer wird die Anmut der Bäume im Winter +schildern? Habe ich Dir gesagt, was Anatole +France darüber im Mannequin d’Osier<a href="#footnote-19" id="fnote-19"><sup>19</sup>)</a> schreibt? +Er liebt ihr feingegliedertes Skelett und ihre innerliche +<!-- page 131 --> +Schönheit, die der Winter vollkommener offenbart. +Auch ich liebe den wundervollen Kontrapunkt +ihres Geästes mit den tausendfach verschlungenen +Linien auf dem Grundton des Himmels. +</p> + + + +<p>Von unserm Unterstand aus sehe ich unser Dorf; +das Unglückliche zerfällt und zerbröckelt immer mehr. +Jeden Tag geben ihm die Granaten mehr den +Rest. Die Kirche ist auseinandergerissen, doch ihre +zerstückelte Schönheit verharrt trotz Allem. Das +Dorf ist so hübsch zwischen seinen zwei zierlich gezeichneten, +köstlichen Hügeln versteckt! +</p> + +<p>Wir hatten viel Glück in zweiter Linie. Das +Schneewetter war wirklich schön und gnädig. Gestern +beschrieb ich Dir den Sonnenuntergang von neulich +und wie wir vorher in diese herrlichen Wälder +gekommen sind . . . +</p> + +<p class="date">Den 22. Januar. +</p> + +<p>. . . Ich habe Dir einige Verse geschickt; ich +weiß nicht was sie wert sind, sie haben mich mit +dem Leben versöhnt. Dann war unser letztes Quartier +auch wirklich wundervoll reich an Gaben der Schönheit, +über Gestein fließendes Gewässer . . . Weite +und klare Wasserspiegel in Parkhintergründen, +stehende Teiche, träumerische Alleen; das vermag +<!-- page 132 --> +die rohe Gewalt nicht zu entweihen, heute Sonnenschein +auf dem Schnee. Die Schönheit des Schnees +war tief erschütternd, wir hatten aber auch häßliche +Tage gehabt; Tage, wo man nichts als unerfreulichen +Schlamm sieht. +</p> + +<p>Es scheint, daß wir nicht in unser hübsches Quartier +zurückkehren werden. Offenbar ist etwas in Vorbereitung; +denn der regelmäßige Verlauf unseres +Winterlebens hat ein Ende genommen. +</p> + +<p class="date">2 Uhr nachmittags. +</p> + +<p>Herrliches Wetter, Vorbote des Lenzes; wir +können es ausnutzen, da unser jetziger Standort +erlaubt, die Nase herauszustecken. +</p> + +<p>Ich kann Dir heute nur schlecht schreiben, Dir +nur den Ausdruck meiner Liebe schicken. Dieser +Krieg ist lang und ich kann nicht einmal von Geduld +sprechen. Meine einzige Freude ist, daß ich +Dir oft, während fünf ein halb Monaten, sagen +konnte, daß nicht alles häßlich war. +</p> + +<p class="date">Den 23. Januar. +</p> + +<div class="tb"><hr class="dash" /></div> + +<p>. . . Ich für mein Teil habe keine Wünsche mehr. +Wenn die Prüfungen wirklich hart werden, begnüge +ich mich damit, recht unglücklich zu sein, ohne etwas +anderes ins Auge zu fassen. +</p> + +<p>Wenn sie nachlassen, dann fange ich an zu +denken, zu träumen, und meine teure Vergangenheit +<!-- page 133 --> +erscheint mir mit derselben fernen Poesie, die in +glücklichen Zeiten meine Träumereien fremden +Ländern zuführte. Eine liebgewonnene Straße, gewisse +oft besuchte Gegenden tauchen plötzlich auf, +wie früher gewisse Melodien, gewisse Verse plötzlich +traumhafte Inseln, Märchenländer in mir +erstehen ließen. Jetzt braucht es keine Verse oder +Melodien; die Lebendigkeit unserer lieben Erinnerungen +genügt. +</p> + +<p>Ich kann mir nicht einmal mehr vorstellen, wie +ein neues Leben aussehen könnte; ich habe nur +die Zuversicht, daß wir Lebendiges schaffen. +</p> + +<p>Für wen, für wann? darauf kommt es nicht +an. Was ich weiß, was in meinem tiefsten Innern +feststeht, ist, daß die Saat französischen Denkens +aufgehen wird und das Geistesleben unseres Volkes +unter den tiefen Wunden, die ihm geschlagen sind, +nicht leiden wird. +</p> + +<p>Wer sagt uns, daß der Bauernbursche, der +Kamerad des gefallenen Denkers, nicht der Erbe +seines Gedankens wird? Keine Erfahrung vermochte +uns diese herrliche Erleuchtung einzugeben. +Der Sohn des Bauern, der einen jungen Gelehrten, +einen jungen Künstler hat fallen sehen, wird vielleicht +das unterbrochene Werk wieder aufnehmen; +er wird vielleicht das Glied in der Kette der einen +Augenblick gehemmten Entwicklung sein. Das ist +das wahre Opfer: auf die Hoffnung verzichten zu +müssen, Fackelträger zu sein. Für das spielende +<!-- page 134 --> +Kind ist es schön, die Fahne zu tragen; dem Manne +muß es genügen zu wissen, daß die Fahne getragen +wird, trotz Allem! Darin bestärkt mich jeder Augenblick +der erhabenen Natur. Jede Minute beruhigt +mein Herz; die Natur macht Fahnen aus dem +ersten Besten. Sie sind schöner als diejenigen, an +die unsere kleinen Gewohnheiten sich anklammern. +Fahnen der Wissenschaft, Fahnen der Kunst, welche +Flocke in der Luft käme euch nicht gleich? Und +immer wird es Augen geben, um die Lehren des +Himmels und der Erde aufzunehmen. +</p> + +<p class="date">Den 26. Januar. +</p> + +<p>Dein lieber Brief vom 20. hat mich gestern +abend erreicht. Du darfst es mir nicht übel nehmen, +wenn mir manchmal, wie in meinem Briefe vom +13., das fehlt, was ich mich doch stets bemüht +habe zu erwerben. Doch ich bitte Dich zu bedenken, +was ein junger Mensch in voller Schaffenskraft, +empfinden muß, in dem Augenblick, wo das Leben +für ihn eine Zeit fortwährender Blüte sein müßte, +wenn man ihn entwurzelt und auf einen trockenen +Boden verpflanzt, auf dem ihm fast alles seiner +gewohnten Nahrung fehlt. +</p> + +<p>Nun denn! von dem Augenblick, wo nach dem +ersten Riß das Leben ihn nicht verlassen hat, bemüht +er sich aus den dürftigen Säften seiner neuen +Lage zu schöpfen. Die Anstrengung ist groß und +verlangt mitunter eine Anspannung aller Kräfte, +<!-- page 135 --> +die für Erinnerungen und Hoffnungen keinen Raum +läßt. Es ist ein fortwährendes Streben nach Anpassung +und ich erreiche sie, außer in den Stunden +der rasch unterdrückten Empörung, wo die +Gedanken, die Handlungen meines vergangenen +Lebens, sich erheben, wie wenn ich sie nicht vergessen +hätte. Ich brauche dann meine ganze Kraft, +um meine herzzerreißenden Erinnerungen in der +Ergebung in den gegenwärtigen Augenblick zu ertränken. +</p> + +<p>Ich dachte an die schlimmen Stunden, die auch +Ihr habt, und die Vernunft war es, die mich Euch +zu einer sehr unpersönlichen Auffassung unseres +Verhältnisses ermuntern ließ. Ich weiß, wie stark +und auf diese Auffassung vorbereitet Du bist. Doch +Du hast recht, nehmen wir den Schmerz nicht vorweg. +Aber manchmal unterscheidet man nicht mehr +deutlich wirklichen Schmerz, der uns quält, von +jenem, der kommen könnte. +</p> + +<p>Merket wohl, <i>daß ich alle Hoffnung</i> habe +und daß ich auf einen Sieg der Gnade zähle; aber +vor allem bestrebt ein Künstler zu sein, bemühe ich +mich so viel Schönheit wie möglich zu gewinnen +und so schnell wie möglich, da ich die Frist, die +uns vergönnt ist, nicht kenne. +</p> + +<p class="date">Den 27. Januar, nachmittags. +</p> + +<p>Nach zwei — wegen des Mangels an Stroh +— schlechten Nächten im Quartier ist die dritte durch +<!-- page 136 --> +unsern plötzlichen Abmarsch in unsere Stellung +zweiter Linie unterbrochen worden. Dort habe ich +endlich schlafen können. +</p> + +<p>Herrliches Wetter, Frost und Sonne. +</p> + +<p>Die weite Natur beginnt mich wieder zu umfangen +und ihre jetzt mächtigere Stimme stärkt mich. — +Aber, Teuerste, was für ein Riß im Leben! Seit +meiner Beförderung habe ich soeben Augenblicke +erlebt, die in weniger fürchterlicher Form an die +Anfänge des Septembers erinnern, mit viel Schönem +dazu. Ich nehme dieses neue Leben an; aber +kein Ausblick in die Zukunft! . . . . . +</p> + +<p class="date">Den 28. Januar, in der Morgensonne. +</p> + +<p>Das eiskalte strahlende Wetter hat das wundervolle +an sich, daß es in seinem weiten, klaren +Himmel eine Pforte für die Poesie offen läßt. +Was ich Dir über dieses schöne Schneewetter +sagen konnte, das kam aus einem durch die siegreiche +Schönheit gestärkten Herzen. +</p> + +<p>Ich habe mit Freuden in den Zeitschriften, die +Du mir geschickt hast, die Abhandlungen über +Molière, über das englische Parlament, über +Martainville, über die religiösen Fragen im +Jahre 1830 gelesen. . . . . +</p> + +<p>Habe ich Dir gesagt, daß ich durch die Zeitungen +den Tod von Hillemacher<a href="#footnote-20" id="fnote-20"><sup>20</sup>)</a> erfahren habe. +<!-- page 137 --> +Dieser liebenswürdige Kamerad ist im Verlauf +dieses schrecklichen Krieges gefallen. +</p> + + +<p class="date">Den 1. Februar. +</p> + +<p>Teuerste Mutter, ich habe Deine lieben Briefe +vom 26. und 27. erhalten: sie geben mir neues +Leben, wahrhaftig. Bis jetzt ist unsere Stellung +erster Linie — diesmal in einem Dorfe — durch eine +völlige Ruhe begünstigt worden, und ich habe +wieder die beglückenden Stunden gekannt, wo die +Natur mich tröstete. Meine Stellung hat das Besondere, +daß die Dienstarbeiten, die ich verrichte, +jetzt durch die Gefühle der Verpflichtung dem +Ganzen gegenüber nicht mehr durch die gefühllose +<a id="corr-7"></a>Bestimmung der Dienstordnung befohlen sind. +</p> + +<p class="date">Den 2. Februar. +</p> + +<p>Liebe Mutter, ich schreibe an diesem Briefe im +Quartier weiter, während die außerordentliche Inanspruchnahme +durch die sich häufenden Dienstarbeiten +die leeren Stunden füllt, welche die Schwermut +trüben möchte. Ich komme in die dunkeln +Tage, wo das Nichts das letzte Ende aller Dinge +zu sein scheint, während alles in meinem Leben +die reiche Fülle des Weltalls mir bezeugte. Die +Hingabe nicht an Einzelne, sondern an das gesellschaftliche +Ideal brüderlicher Zusammengehörigkeit, +die ist es, die mich noch aufrecht hält. Ach, welch +herrliches Vorbild geben uns Christus und die +Armen! Dieser Gerechte, ein Aristokrat, hat durch +<!-- page 138 --> +den herben Ernst seiner Lebensaufgabe das Grenzenlose +der Pflicht der Nächstenliebe bewiesen und +vor allem gelehrt, daß man dafür keinen Dank +verlangen soll . . . Ich verdanke meinem Verkehr +mit den Dingen und den Menschen die Beruhigung, +daß ich nichts vom Nächsten erwarte. So nimmt +die Pflicht eine abstrakte, von menschlichen Rücksichten +befreite Form an, die das Gräßliche dieser +Lage verhüllt. +</p> + +<p>Heute ein unerhört schöner Sonnenaufgang! +Wieder ein Frühling, der naht . . . Ich will Dir +unsere drei Tage in der Feuerlinie erzählen. +</p> + +<p>Schnee und Frost. Wir sind die Abhänge +herunter, die zu unserer Stellung im Dorfe führen. +In diesem Augenblicke war die Nacht so schön, +daß die Soldaten davon gerührt waren. Ich werde +Dir nie die feinen und doch bestimmten Linien +dieser Landschaft schildern können. Wie ließe sich +diese zarte, wie mit dem Grabstichel ausgeführte +Zeichnung deutlich machen, die sich mit den traumhaften +Nebeln verbindet, über denen der Mond +schwebt? Während drei Tagen führte mich mein +Nachtdienst in diese keusche Schönheit, in diese +Weiße hinein. +</p> + +<p>Dunkle Verästelung der Bäume, zart wie Goldschmiedearbeit. +Und trotz der Einfarbigkeit, Halbtöne, +rotbraune und blaue Halbtöne. +</p> + +<p>Es gibt Stunden von solcher Schönheit, daß +der nicht sterben sollte, der sie umfängt. +</p> +<!-- page 139 --> + +<p>Ich war weit vor den ersten Linien und niemals +fühlte ich mich geschützter. Diesen Morgen, +auf dem Rückweg, Sonnenaufgang, rosa und grün, +auf dem rosa und blauen Schnee; freie Aussicht +auf ein Mosaik von Wäldern und schneebedeckten +Feldern; in der Ferne Hintergründe, in denen die +Silbertöne der Maas ersterben. O Schönheit, +allem zum Trotz! +</p> + +<p class="date">Den 2. Februar. +</p> + +<p>Nach endlos traurigen Tagen, plötzliche und +flüchtige Ausblicke philosophischen Gleichmutes. +Pflicht, herbe, doch stärkende Trösterin. Unerhörte +Schönheit mancher Landschaftsbilder. +</p> + +<p class="date">Den 3. Februar. +</p> + +<p class="address">Teure geliebte Mutter,</p> + +<p>Soeben empfange ich im Quartier Deinen Brief +vom 29. Namenloser Tag, ohne greifbare Gestalt, +Tag, in dem trotzdem der Frühling geheimnisvoll +zu quellen anfängt. Warme Luft in der Verlängerung +der Tage; plötzliches Erschlaffen, wie ein +Vergehen in der Natur. Ach! wie süß wäre dieser +Schauer der Dinge losgelöst von diesem Sklavenleben; +doch hier läßt die Erschlaffung, die gewöhnlich +den Frühling begleitet, die Last nur schwerer +empfinden. Liebe Mutter, wie glücklich bin ich, +die Teilnahme aller in der Ferne zu verspüren. +Ach! es gibt doch noch zarte Regungen. +</p> + +<p>Ich bin über die Zeitschriften entzückt, in denen +<!-- page 140 --> +ich in einem herrlichen Artikel über Louis Veuillot<a href="#footnote-21" id="fnote-21"><sup>21</sup>)</a> +diesen Satz mir merkte: „O mein Gott, nimm von +mir die Verzweiflung und laß mir den Schmerz!“ +Ja wir dürfen die fruchtbare Lehre des Schmerzes +nicht verkennen und, wenn ich aus diesem Kriege +zurückkomme, werde ich eine ohne Zweifel bereicherte +und veredelte Seele zurückbringen. +</p> + +<p>So habe ich denn mit Freuden Vorträge über +Moliere gelesen und in seinem Leben wie anderswo +die Einsamkeit erkannt, in der die erhabenen +Seelen umherirren. Aber ich verdanke meinen alten +Herzenswunden, daß ich nie mehr durch die Schuld +anderer leiden werde. Geliebte Mutter, morgen +schreibe ich Dir besser. +</p> + +<p class="date">Den 4. Februar. +</p> + +<p>Gestern abend, als ich in meine Scheune zurückkehrte. +Trunkenheit, Streitereien, Geschrei, Singen +und Geheul. So ist das Leben! . . . Heute morgen +aber, da mir das Erwachen nur diese Erinnerung +zuführte, bin ich vor der Zeit aufgestanden und +habe meinen Freund den Mond wieder getroffen, +die große Nacht, die verflog und die Morgenröte, +die sich meiner erbarmte! Der gesegnete Frühlingstag +vergoldet Alles und teilt seine Versprechungen +und Hoffnungen aus. — Teuerste, ich denke über den +Titel nach, den Tolstoi gewählt hat: <i>Krieg und +Frieden</i>. Früher glaubte ich, er wolle den Gegensatz +<!-- page 141 --> +zwischen diesen zwei Zuständen wachrufen; +heute aber frage ich mich, ob er nicht diese zwei +Gegensätze in dem Gefühl ihrer Nichtigkeit vereinigt +hat, ob nicht die Menschheit, sei es im +Krieg oder im Frieden, ihm in gleichem Maße zur +Last war. Wir müssen freilich dem Bemühen gut +zu sein treu bleiben; aber unwillkürlich fassen wir diese +Mahnung ähnlich wie jene Maueranschläge auf: +„Schonet die Tiere“. — Wie wird inmitten der +täglichen Arbeit die Selbstprüfung hart! +</p> + + +<p class="date">Den 5. Februar. +</p> + +<p>Schlaflose Nacht. Abscheuliche Rückkehr in die +Scheune. Derartiger Höllenlärm, daß die Gefreiten +Klage führen mußten. Strafen. +</p> + +<p>Am Morgen, Marsch, und zur Erholung in +dieser Nacht, Arbeit. +</p> + +<p class="address">Teure, geliebte Mutter,</p> + +<p class="date">Den 6. Februar. +</p> + +<p>Nach der schlaflosen,<a href="#footnote-22" id="fnote-22"><sup>22</sup>)</a> vielmehr weinroten Nacht +im Quartier mußten wir eine ganze Nacht Dienstarbeit +leisten. Daher schlief ich bis zum Augenblick, +wo ich Dir schreibe. Der Schlaf und die +Nacht sind die zwei Zufluchtsstätten, wo das Leben +noch einen Reiz bietet. +</p> + + +<p>Liebe Mutter, ich durchlebe wieder die herrliche +Legende von Sarpedon und diese köstliche Blüte +<!-- page 142 --> +der griechischen Mythologie ist mir noch ein Trost. +Lies diese Episode der Ilias in meiner schönen +Übersetzung von Lecomte de l’Isle und Du wirst +sehen, daß Zeus dem Schicksal gegenüber Worte +ausspricht, in denen das Gefühl des Unendlichen +und Göttlichen so herrlich erstrahlt wie in der +christlichen Passion. Er leidet und sein väterliches +Herz kämpft lange; dann ergibt er sich in den Tod +seines Sohnes. Aber Hypnos und Thanatos werden +ausgesandt, um den geliebten Leichnam zu +empfangen.<a href="#footnote-23" id="fnote-23"><sup>23</sup>)</a> +</p> + +<p>Hypnos, der Schlaf. Daß es soweit mit mir +gekommen ist, dem jede Stunde des Tages eine +Lust war, den jeder Augenblick tätiger Arbeit von +Stolz erbeben ließ. Ich überrasche mich selbst bei +dem Wunsche, weit weg von den mich umgebenden +Stürmen zu fliehen. +</p> + +<p>Aber der schöne hellenische Optimismus erstrahlt +immer noch auf den Schalen des Louvre. +Die beiden Genien geben Sarpedon die Unsterblichkeit +nach seinem körperlichen Tode und wahrlich, +Schlaf und Tod steigern und erweitern unsere +menschliche Beschränktheit ins Unendliche. +</p> + +<p>Thanatos: ein Geheimnis, dessen Grauen wir +dem Mißverständnis verdanken, welches der Genuß +des Augenblickes uns im allgemeinen zu beseitigen +verhindert. Aber lies die feierlichen, friedlichen +<!-- page 143 --> +und ewigen Sätze Maeterlincks in seinem Buche +über den Tod und sieh, wie sie harmonisch zusammenklingen +mit unserer seelischen Erregung über +die fürchterliche Tragödie. +</p> + + +<p class="date">Den 7. Februar. +</p> + +<p class="address">Teuerste vielgeliebte Mutter,</p> + +<p>Gestern Deinen herrlichen Brief vom 1. erhalten. +Fürchte Dich nicht das zu schicken, was Du für +Plaudereien halten könntest. Deine Liebe, die Gleichheit +unserer Herzen zeigen sich deutlich in Deinen +Briefen. Das ist das einzige, was für mich gilt. +Übrigens bringen sie mir tausend andere Dinge +von Bedeutung, Lebensfragen. +</p> + +<p>Wir verleben Stunden erdrückender Arbeit, +vor der mich meine Stellung einigermaßen sichert. +Aber für die Mannschaften gibt es Reihen von +fünf schlaflosen Nächten, von ähnlichen Reihen gefolgt. +</p> + +<p class="date">Den 9. Februar. +</p> + +<p>Noch eine Oase, in der ich, dem Verschmachten +nahe, wieder einmal den Augenblick der Tröstung +erreiche. Der leichte erfrischende Windhauch weht +noch einmal. Ich hatte das Glück, zum wachhabenden +Gefreiten in einer reizenden Gegend ernannt +zu werden, wo ich Höchstkommandierender +bin. Entzückendes Frühlingswetter. Was soll ich +Dir von dieser Landschaft erzählen, deren mächtigen +Pulsschlag ich nie so deutlich empfunden? Die +<!-- page 144 --> +Stunden und Jahreszeiten folgen aufeinander mit +einer solchen Sicherheit — unabwendbar — einer +solchen erhabenen Ruhe des Ganzen, daß derjenige, +der ihr Kommen erspäht, das Ungeheure +der Urkraft ahnt. +</p> + +<p>Oft schon hatte ich die Freude gekannt, den +Frühling oder eine andere Jahreszeit zu schauen, +nie war es mir aber vergönnt, jeden ihrer Augenblicke +zu erleben. Wie erlangt man doch dadurch +ohne Hilfe irgend einer Wissenschaft eine zwar +unbestimmte, aber doch unleugbare Anschauung +eines Unbedingten! +</p> + +<p>Ein armer Mann, vielleicht ein genialer Gelehrter, +erklärte, daß er unter seinem Seziermesser +Gott nicht gefunden habe. Wie ist doch dieses +Mißverständnis in einer so hochstehenden Seele +verletzend! Was braucht man ein Seziermesser, +wenn das Entzücken und der Schauer unserer +Sinne genügen, um uns die ewige, alle Entwicklung +bestimmende Ordnung begreifen zu lassen. Der +Dichter sieht die Jahreszeiten wie große Schiffe +kommen, deren Rückkehr er vorausberechnet. Mitunter +verzögert sie der Sturm, bald aber kommen +sie trotzdem an und bringen die Düfte unbekannter +Länder mit. Eine wiederkehrende Jahreszeit scheint +wonnige Gefühle mit sich zu führen, die sie auf +langer Fahrt gesammelt hat. Ach, liebe Mutter, +könnten wir doch noch einmal die Einsamkeit erleben! +<!-- page 145 --> +O Einsamkeit für die, die ihrer würdig +sind! Wie wird sie mitunter entweiht! +</p> + +<p class="date">Den 11. Februar. +</p> + +<p>. . . Vielleicht ist es die herrliche Bestimmung +und das Vorrecht unserer Generation, Zeuge dieser +entsetzlichen Ereignisse zu sein, aber um welchen +fürchterlichen Preis müssen wir es erkaufen . . . +Dennoch: ewiger Glaube, der alles beherrscht! +Glaube an eine Entwickelung, eine unsere menschliche +Geduld übersteigende Ordnung. +</p> + +<p class="date">Den 11. Februar,<br /> +<span class="smaller">2. Tag in der vordersten Stellung. +</span> +</p> + +<p>In diesen Augenblicken muß man in einer außerhalb +des Menschlichen liegenden Opferfreudigkeit +seine Zuflucht suchen; denn es ist unmöglich, über +den Punkt, den wir erreicht haben, hinauszugehen. +Gebt alles menschliche Hoffen auf. Sucht etwas +anderes, vielleicht habt Ihr es gefunden. Ich für +mein Teil fühle mich nicht würdig, etwas anderes +zu sein als eine Erinnerung. +</p> + +<p>Ich habe versucht, im Schlamm einige Blumen +zu pflücken. Behaltet sie zum Andenken an mich. +</p> + +<p>5 Uhr nachmittags. Trotz Allem Mut, Mut +trotz Allem. +</p> + +<p class="date">Den 13. Februar,<br /> +<span class="smaller">4. Tag in der vordersten Stellung. +</span> +</p> + +<p>Teuerste, nach der tränenreichen Empörung, die +mich während dieser ganzen Zeit erschüttert hat, +<!-- page 146 --> +vermag ich wieder zu sagen: „Dein Wille geschehe.“ +</p> + +<p>Und in dem Maße und der Ausdehnung meiner +Fähigkeiten möchte ich derjenige sein, der an +der Möglichkeit seines Mitwirkens am Ausbau des +Tempels nicht verzweifelt. +</p> + +<p>Ich möchte der Arbeiter sein, der weiß, daß +sein Gerüst ohne Hoffnung auf Rettung zusammenbrechen +wird und der doch rastlos an dem Schmucke +der Kathedrale weiter meißelt. An dem Schmuck. +Denn niemals werde ich große Steinblöcke in die +Höhe ziehen können. Es gibt übrigens Handlanger +dafür. Ja, es gelingt mir noch, die innere Ruhe +wiederzufinden. +</p> + +<p>Jene gleichmäßige Ruhe, die ich erflehte, habe ich +zwar nicht; aber manchmal erschaue ich den Schein +jenes ruhigen Lichtes, in dem Alles, selbst unsere +Liebe, in neuer Gestalt erscheint und verklärt. +</p> + +<p>Ich bin am Fuß eines steilen Hügels, dessen +Linien die Natur harmonisch gezeichnet hatte. Der +Mensch hetzt den Menschen und bald werden sie +auf einander stürzen. Unterdessen schwingt sich +dort die Lerche auf. +</p> + +<p>Während ich Dir schreibe, erfüllt mich allmählich +eine seltsame heitere Ruhe, etwas außerordentlich +Tröstendes, sei es menschliche Zuversicht, oder +eine höhere Offenbarung. Um mich herum schläft +man. +</p> +<!-- page 147 --> + +<p class="date">Den 14. Februar,<br /> +<span class="smaller">5. Tag in der vordersten Stellung. +</span> +</p> + +<p>Um mich herum regt sich alles, wir übrigens +auch. Je mehr das Unabweisbare eine Form annimmt, +lebt die Ruhe wieder in mir auf. Meine +teure Landschaft wird durch die scheußlichen Vorbereitungen +geschändet: die Stille wird durch die +einleitende Beschießung zerrissen; dem Menschen +gelingt es, für einen Augenblick jede Schönheit +zu verhüllen. Ich glaube, daß sie doch eine Zufluchtsstätte +finden wird. Seit vierundzwanzig +Stunden fasse ich mich allmählich wieder. +</p> + +<p>Teure Mutter, meine Sehnsucht nach meinem +Elfenbeinturm ist strafbar; was man, nur zu oft, +für einen Elfenbeinturm hält, ist ganz einfach der +Käse der Ratte, die Einsiedler wurde.<a href="#footnote-24" id="fnote-24"><sup>24</sup>)</a> +</p> + +<p>Möchte doch eine bessere Einsicht mich dazu +führen, daß ich die Wohltat der Erschütterung erkenne, +die mich aus einer zu bequemen Freistätte +herausgerissen hat, und danken wir dem Verhängnis, +das während einiger seltenen aber unvergeßlichen +Stunden aus mir einen Mann gemacht +hat . . . +</p> + +<p>Nein, ich führe keine Klage wegen dieser toten +Jugend. Sie hat mich über verschiedene Abhänge +<!-- page 148 --> +zu den Höhen geführt, wo manchmal die Nebel der +Erkenntnis zerreißen. +</p> + + +<p class="date">Den 16. Februar. +</p> + +<p>Ich habe soeben in den letzten Tagen Stunden +erlebt, welche die großen, allgemeinen, jetzt sichtbarer +gewordenen Fragen zu entscheidenden Schicksalsfragen +für mich machten. Wir sind fünf Tage lang +in der Feuerlinie gehalten worden und wurden in +einen sehr harten, durch den fürchterlichen Schlamm +noch erschwerten Dienst gezwungen. In dem Maße +als der Aufenthalt dauerte und ich den Kampf +gegen die schreckliche Traurigkeit meiner Seele fortsetzte, +fühlten wir, wie die Lage sich verschärfte und +die Vorbereitungen sich häuften. +</p> + +<p>Endlich teilte man uns mit, daß der Augenblick +gekommen, das heißt, daß der Befehl zum Angriff +gegeben sei. Wir hatten nur noch einen oder +zwei Tage vor uns. Da habe ich Dir zwei Briefe +geschrieben, den 13. und 14. glaube ich, und wirklich, +während ich schrieb, fühlte ich in mir ein solches +Vollgefühl, eine solche Seligkeit, daß sich daraus +nur die Tatsächlichkeit des Guten und des Schönen +folgern ließ. Die Beschießung unserer Stellung +war äußerst heftig, aber nichts, was vom Menschen +kommt, kann so oder anders jenes ersticken, was +die Natur zur Seele spricht. +</p> + +<p>In der Nacht vom 14. zum 15. besetzten wir die +Schützengräben, welche die Maschinengewehre bestrichen. +<!-- page 149 --> +Die Erschöpfung der Mannschaften war derart, +daß der Angriff von einem andern Bataillon ausgeführt +werden sollte. Wir warteten also im nächtlichen +Wasser und in der Kälte, als plötzlich die +Nachricht sich verbreitete, daß wir abgelöst würden. +Aus welchem Grunde? Ein Geheimnis. Kurz, +da sind wir wieder in dem Dorfe, wo die Mannschaften +ihr armes Herz im Wein ertränken. Arm +bin ich wieder in diesem Haufen . . . +</p> + +<p>Liebe Mutter, wenn es etwas Unbedingtes in +dem Gebiet des menschlichen Gefühls gibt, so ist +es der Schmerz. Bis jetzt hatte ich nur in einer +angenehmen Bedingtheit verschiedener Empfindungen +gelebt, zwischen denen der Wert des Lebens, +seine wesentliche Bedeutung verschwanden. Jetzt +fühle ich, was das Leben ist. Es ist das Werkzeug, +welches den Weg der Seele dem Unbedingten +zu ausrodet. Aber ich habe weniger in dieser Zeit +des Wartens gelitten als durch gewisse Berührungen. +</p> + +<p class="date">Den 16. Februar, 9 Uhr abends. +</p> + +<p class="address">Teuerste, geliebte Mutter,</p> + +<p>Ich war bei Tisch, als man uns mitteilte, daß +wir um Mitternacht aufbrechen sollten. Ich war +gewiß, daß es so kommen würde und die Gegenbefehle, +die den Angriff verzögert haben, hatten +die Folge, uns einen Tagesmarsch von vierzig Kilometern +machen zu lassen, der zu den Anstrengungen +der Feuerlinie hinzukam. Als wir unsern Abschnitt +<!-- page 150 --> +in der Kampflinie verließen, sah ich so viel Artillerie +ankommen, daß ich wohl dachte, es gebe keine +Ruhe mehr. +</p> + +<p>Hier aber erlangt man die Ruhe der Seele +wieder. Man friert unter einem sternenhellen +Himmel. +</p> + +<p class="date">Den 19. Februar.<br /> +<span class="smaller">Postkarte, mitten in der Schlacht geschrieben. +</span> +</p> + +<p>Ein Wort nur. Wir sind in den Händen Gottes. +Niemals, niemals haben wir mehr vertrauensvolle +Weisheit gebraucht. +</p> + +<p>Der Tod wütet, aber er beherrscht uns nicht. +Das Leben bleibt schön. Tote oder verwundete +Freunde gestern und vorgestern. Teuerste, die Post +wird wahrscheinlich große Verspätung haben . . . +</p> + +<p class="date">Den 22. Februar. +</p> + +<p>Wir sind im Quartier nach der großen Schlacht. +Diesmal habe ich alles gesehen. Ich habe meine +Pflicht erfüllt und die Teilnahme aller hat es mir +bewiesen. Aber die Besten sind gefallen. Grausame +Verluste. Heroisches Regiment. Ziel erreicht. Werde +besser schreiben. +</p> + +<p class="date">Den 22. Februar,<br /> +<span class="smaller">erster Tag im Quartier. +</span> +</p> + +<p>Teure, vielgeliebte Mutter, ich will Dir die +Güte Gottes und das Entsetzen auf Erden erzählen. +</p> + +<p>Die Seelenlast, welche ich seit ein und ein halb +<!-- page 151 --> +Monaten mit mir schleppte, war der qualvolle Gedanke +an das, was uns in diesen letzten zwanzig +Tagen erwartete. +</p> + +<p>Wir sind den 17. auf den Kampfplatz gekommen; +die umgebende Landschaft hatte keinen Reiz +mehr für mich; ich war ganz in der Erwartung +des Ereignisses. +</p> + +<p>Um drei Uhr wurde der Sturm entfesselt: +Sprengen von sieben Minengängen unter den +Schützengräben des Feindes; es war wie ein fernes +Donnern. +</p> + +<p>Dann machten die fünfhundert Geschütze einen +Höllenlärm, während dessen wir losgestürmt sind . . . +</p> + +<p>Die Nacht brach an, als wir uns in den eroberten +Stellungen festsetzten. Die ganze Nacht +war ich tätig, um für die Sicherheit unserer Truppen, +die bis dahin wenig gelitten hatten, Vorkehrungen +zu treffen. Ich mußte weite nächtliche +Strecken zurücklegen, auf denen ich die Toten und +Verwundeten beider Parteien antraf. Mein Herz +neigte sich über alle, ich hatte aber nur Worte für +ihren Jammer. +</p> + +<p>Morgens wurden wir mit ernstlichen Verlusten +bis zu unseren früheren Stellungen zurückgetrieben; +aber am Abend haben wir wieder angefangen: wir +haben von unseren eroberten Stellungen wieder +Alles zurückgewonnen und auch hierbei habe ich +meine Pflicht getan. +</p> + +<p>Ich bin vorgedrungen und habe den Säbel +<!-- page 152 --> +eines Offiziers, der sich ergab, in Empfang genommen; +dann habe ich die zu besetzenden Stellungen +befestigt. Der Hauptmann hat mich bei sich +behalten und ich habe ihm den Plan unserer Stellung +entworfen. Er teilte mir mit, daß er entschlossen +sei, mich im Armeebefehl nennen zu +lassen,<a href="#footnote-25" id="fnote-25"><sup>25</sup>)</a> als er vor meinen Augen fiel. +</p> + +<p>Dann habe ich während der dreitägigen fürchterlichen +Beschießung auch den Dienst der Versorgung +mit Patronen eingerichtet und aufrechterhalten, wobei +ich fünf Mann verloren habe. Unsere Verluste +sind entsetzlich, die des Feindes noch schlimmer. Du +kannst Dir nicht vorstellen, geliebte Mutter, was der +Mensch dem Menschen anzutun vermag. Seit fünf +Tagen sind meine Schuhe von Menschengehirn +fettig, zertrete ich Leichen, stoße auf Eingeweide. +Die Soldaten verzehren ihr kümmerliches Essen an +Leichname angelehnt. Das Regiment hat sich heldenhaft +benommen, wir haben keine Offiziere mehr. +Alle sind als tapfere Soldaten gefallen. Zwei gute +Freunde, von denen der eine für eines meiner +letzten Porträts ein liebenswürdiges Modell war, +sind tot. Das war eine meiner fürchterlichsten nächtlichen +Begegnungen. Weißer, herrlicher Leichnam +im Mondschein: ich habe in seiner Nähe ausgeruht. +Schönheit der Natur, die wieder in mir erwachte +. . . +</p> + +<p>Endlich nach fünf Tagen des Entsetzens, die +<!-- page 153 --> +uns zwölfhundert Opfer gekostet haben, sind wir +aus diesem Ort der Greuel zurückgezogen worden. +</p> + + +<p>Das Regiment ist im Armeebefehl genannt. +</p> + +<p>Liebe Mutter, wer wird das Unerhörte der +Dinge, die ich gesehen habe, erzählen, wer wird +aber von den sicheren Wahrheiten reden, die ein +solcher Sturm entdecken läßt? +</p> + +<p>Pflichterfüllung, Selbstüberwindung. +</p> + +<p class="date">Den 23. Februar. +</p> + +<p class="address">Teuerste, geliebte Mutter,</p> + +<p>Zweiter Tag im Quartier, dann gehen wir wieder +morgen an die Front. Teuerste, ich kann Dir jetzt +nicht schreiben. Nähern wir uns dem, was unsterblich +ist und halten wir uns Beide an das, was Pflicht +ist. Ich weiß, daß Euer Gedanke stets dem meinigen +zueilt, und ich richte mein Auge nach dem, was +in Weisheit unser Glück ist. +</p> + +<p>Seien wir mutig, ich unter allen diesen jugendlichen +Toten, Du in der Erwartung. Aber Gott ist +über uns. +</p> + +<p class="date">Den 26. Februar,<br /> +<span class="smaller">während eines herrlichen Nachmittags. +</span> +</p> + +<p>Liebe Mutter, jetzt sind wir wieder auf dem +Schlachtfeld. Wir haben die Höhen bestiegen, auf +denen es sich eher geziemen würde die Herrlichkeit +Gottes zu betrachten, als die Greuel der Menschen +zu verdammen. Die Leichen, die anfangs zahllos +waren, verschwinden allmählich und seltene, erdfarbene +<!-- page 154 --> +Unglückliche erregen von Zeit zu Zeit eine +peinliche Begegnung. +</p> + +<p>Die Verluste sind das, was man in den Tagesberichten +„ernste“ nennt. +</p> + +<p>Ich kann Dir wenigstens sagen, daß unsere +Soldaten durch ihre heldenhafte Ergebung Bewunderung +erregen. Alle beklagen diesen schändlichen +Krieg, aber die meisten haben die Empfindung, +daß die Annahme einer schrecklichen Pflicht das +Einzige ist, was in diesem Augenblick die fürchterliche +Notwendigkeit Mensch zu sein rechtfertigen kann. +</p> + +<p>Liebe Mutter, ich kann nicht zu Ende schreiben. +</p> + +<p>Jetzt schläft die Ebene in Malven- und Rosatönen +ein. Wie ist es möglich, daß es Greuel gibt +in dem Maße! +</p> + +<p class="date">Den 28. Februar, im Quartier. +</p> + +<p>Teure geliebte Mutter und geliebte teure Großmutter, +ich schreibe Euch, indem ich kaum aus den +furchtbaren Bildern des Schreckens heraustrete und +soeben dantische Stunden erlebt habe. Was Gustave +Doré die Kühnheit hatte durch den Text der göttlichen +Komödie hindurch zu erschauen, ist in Erfüllung +gegangen in den mannigfaltigsten Formen, +welche die Wirklichkeit aufhäufen kann. +</p> + +<p>Mitten unter den Anstrengungen, deren Wohltat +es ist, uns unempfindsam zu machen, habe ich +genießen können, was unsere Qualen Nutzbringendes +hatten. +</p> + +<p>Den 24. abends, kehrten wir zu unseren Stellungen +<!-- page 155 --> +zurück, aus denen man die ekelhaftesten +Spuren zu entfernen bereits angefangen hatte, hie +und da blieben nur noch menschliche Körperteile +zurück, welche sich bereits der Farbe der Erde +anglichen, zu der sie zurückkehrten. +</p> + +<p>Das Wetter war schön und frisch, und die +Höhe, die wir erobert hatten, versetzte uns mitten +in den Himmel hinein: die endlosen Flächen waren +ein einziges Leuchten. Oben erstrahlten die Sterne, +unten die Röte der Feuersbrünste; die schreckliche +Beschießung, mit der die Deutschen uns überschütten, +verschwendete dieses Feuerwerk. +</p> + +<p>Ich lag in einer Erdhöhle, von der aus ich dem +Monde folgte, und erspähte den Morgen. Mitunter +ließ eine Granate Erde auf mich rollen und +betäubte mich, dann sank die Stille wieder auf die +gefrorene Erde nieder. Ich habe sie teuer erkauft, +ich hatte aber Augenblicke einer Einsamkeit, die +von Gott erfüllt war. Ich glaube versucht zu haben, +mich vollkommen den militärischen Forderungen +anzupassen; denn, wie ich es Dir geschrieben habe, +bin ich zum Sergeanten und für die Nennung im +Armeebefehl vorgeschlagen worden. Aber, meine +teuerste Mutter, wie lang, wahrhaftig zu lang ist +dieser Krieg für Leute, die zweifellos eine Aufgabe +zu erfüllen hatten! Was Du mir von den Sympathien +sagst, die ich in Paris zurücklasse, freut +mich; doch wird man mich nicht von hier zurücknehmen +für eine bessere Verwendung? Warum +<!-- page 156 --> +bin ich so aufgeopfert, während soviele, die mir +nicht gleichkommen, geschont werden? Und doch +hatte ich etwas Gutes auf Erden zu tun . . . +Nun, da Gott diesen Kelch nicht von mir abwenden +will, so geschehe sein Wille! +</p> + +<p class="date">Den 3. März, im Quartier. +</p> + +<p>Heute vierter Ruhetag, für mich fast Ferien. +Etwas trübe Ferien, die an gewisse Aufenthalte +in Marlotte erinnern. Tage, die in den Versuchen +vergehen, der körperlichen und seelischen Ermüdung +abzuhelfen und gewisse allzu leere Zeiträume auszufüllen. +Aber schließlich doch Ferien, eine Rast +vielmehr, die mir erlaubt die Eindrücke, deren Gewalt +mein Inneres in Verwirrung bringt, einigermaßen +zu ordnen. +</p> + +<p>Ich bin vor Allem durch den Lärm der Granaten +betäubt. Bedenke, daß allein von französischer +Seite vierzigtausend uns über die Köpfe flogen, +und von deutscher Seite ungefähr ebensoviele, mit +dem Unterschiede, daß die deutschen mitten unter +uns platzten. Ich für meinen Teil wurde auf einmal +von drei 305 mm Granaten begraben, ganz +abgesehen von zahllosen Schrappnells, die in der +nächsten Nähe platzten. Du kannst Dir denken, daß +dadurch meine Denkkraft stark erschüttert ist. Endlich +lese ich wieder. Ich habe soeben in einer Zeitschrift +eine Besprechung von drei neuen Romanen +<!-- page 157 --> +gelesen und das hat zum großen Teil die Sorgen +der Feuerlinie in mir gemildert. +</p> + +<p>Ich habe einen entzückenden Brief von André +erhalten, der mein Nachbar sein muß. Er denkt +wie ich über unsere schreckliche Kriegsliteratur . . . +. . . Was sich in mir am frischesten entfaltet erhalten +hat, ist vielleicht die musikalische Improvisation. +So hörte ich während dieser ganzen Nacht +die schönsten Symphonien mit vollständiger Orchesterbegleitung, +und wisse, daß diese Musik ihr Bestes +der großen deutschen Musik verdankte. +</p> + +<p>. . . Nach einem solchen Sturm kann ich mich +nur dem angenehmen Gefühl hingeben eben noch am +Leben zu sein in der flüchtigen Märzsonne . . . +</p> + +<p class="date">Den 5. März,<br /> +<span class="smaller">6. Tag im Quartier. +</span> +</p> + +<p>Ich hätte in mir die außerordentliche Feinfühligkeit +aus der Zeit vor diesen Prüfungen +wiederfinden mögen, um Dir die Farben und Erscheinungen +des Dramas zu schildern, das wir eben +durchlebt haben. Augenblicklich bin ich noch in einem +an sich ziemlich wohligen Zustand der Erstarrung, +der aber das Bild der Dinge in mir und meine +Ausblicke in die Zukunft einigermaßen verdunkelt. +Ich kann mich nur bemühen, mich an die Erkenntnis +des Ewigen und Dauernden zu halten und +vielleicht wird mir das gelingen. +</p> + +<p>Und doch enthielten gewisse Ansichten von verwüsteten +Feldern eine so schöne, so edle, so abschließende +<!-- page 158 --> +Lehre, daß ich mit Dir die herrlichen, +in diesen vergangenen Tagen offenbarten Wahrheiten +fühlen möchte. +</p> + +<p>Wie friedlich ist der Tod in der Erde, und wie +herrlich vollzieht sich die Rückkehr in den mütterlichen +Schoß, wenn man damit die menschliche +Kleinlichkeit der Totenfeiern vergleicht! Gestern +noch konnte ich glauben, daß diese armen verlassenen +Toten ein Unrecht erleiden; nachdem ich aber in +V. . . . dem Begräbnis eines Offiziers beigewohnt +habe, finde ich, daß die Natur viel mehr Mitleid +zeigt als die Menschen . . . +</p> + +<p>Ja wahrhaftig, der Tod des Soldaten ist den +natürlichen Dingen nahe. Er ist aufrichtig schauerlich +und will nicht über die allgemeine Gewalttätigkeit +hinwegtäuschen. Ich bin mehrmals an +Toten vorbeigegangen, deren allmähliches Verscharren +ich beobachten konnte, und dieses neue +Leben war tröstlicher als der kalte und starre Anblick +der städtischen Gräber. Wir haben von unserem +Aufenthalte im Freien, eine Frische der Auffassung, +eine Großzügigkeit in den Bewegungen und Gedanken +gewonnen, die den Überlebenden die Städte +gräßlich und unnatürlich werden erscheinen lassen. +</p> + +<p>Liebe Mutter, ich schreibe Dir ungeschickt Dinge, +die ich prachtvoll empfunden hatte . . . Laß uns +in den Frieden des Frühlings und in die Pracht +des gegenwärtigen Augenblicks flüchten. +</p> +<!-- page 159 --> + +<p class="date">Den 7. März, 10½ Uhr. +</p> + +<p class="address">Teure vielgeliebte Mutter,</p> + +<p>Ich schmücke die Untätigkeit dieses Vormittags +aus. Ich genieße die klaren Gewässer der Maas, +welche die Anmut der Täler und Gärten beleben. +Die Spiele des Wassers auf dem Untergrunde +von Pflanzen und Steinen bieten meiner Müdigkeit +ein beruhigendes Schauspiel und erzählen das +friedliche Dasein dieses ansehnlichen von den Hauts +de Meuse beschützten Fleckens. +</p> + +<p>Die Kirche ist vollgestopft von Soldaten, die +wie ich selbst die unerschütterliche Anschauung eines +Ideals haben, aber eine äußerliche und weniger +unmittelbare Offenbarung desselben verlangen . . . +</p> + +<p>Ich begebe mich für etwa vierzehn Tage in +Kost in jenes Haus, in dem vor bald zwei Monaten +unsere ausgelassene Bande ihre Sitzungen hielt. +Heute sah ich diese braven Leute weinen, als sie +von den Toten und Verwundeten hörten. Ich habe +vor dem Abmarsch Deinen Schlafsack erhalten, der +vortrefflich ist. Ich bin sehr durch rheumatische +Schmerzen geplagt, die mir seit zwei Monaten +manche Nacht im Quartier verderben. +</p> + +<p>Liebe teure Mutter, Ruhe im Kasernenlärm, der +jetzt unser Leben sein wird. Da es hier nur Unteroffiziere +gibt, sind wir Alle zu Dienstarbeiten verpflichtet +und ich werde wieder die Bekanntschaft +des Besens und der Lasten machen, übrigens hat +man uns das vorhergesagt: wir sollen harte Arbeit +<!-- page 160 --> +mit unsern Händen verrichten, damit wir andern +befehlen können. +</p> + +<p class="date">Den 7. März, zweiter Brief. +</p> + +<p>Mildes Wetter nach dem Regen. Glockengeläute +in den Abend hinein; die fließenden Gewässer +singen unter den Brücken und die Bäume +schlafen ein. +</p> + +<p class="date">Den 11. März. +</p> + +<p class="address">Teure geliebte Mutter,</p> + +<p>Ich habe Dir nichts von meinem mit körperlicher +Arbeit ausgefüllten Leben zu erzählen. Kaum +wird von Zeit zu Zeit ein Bild in mir wach, ersteht +eine Erinnerung. Ich bleibe regungslos und zerschlagen. +Ich habe eben einen schönen Aufsatz von Renan +über den Ursprung der Bibel gelesen. Ich fand +ihn in einer Revue des deux Mondes vom März +1886. Wenn ich etwas davon behalten kann, so +wird es mir helfen einige Ordnung in meine recht +zusammenhanglosen Kenntnisse über diese Fragen +zu bringen. +</p> + +<p>Ich bin etwa, wie wenn ich mich von einem +Nervenfieber erholte. Was mir Freude macht, sind +die Gewässer. Die fließenden und stehenden Gewässer +der Maas. Die Quellen spielen über den +Gräsern und Steinen. Die Teiche ruhen unter den +großen Bäumen aus. Wasserfälle und Bäche. Auf +den steilabfallenden Abhängen nimmt der Schnee +einen träumerischen Glanz an. Ich lebe in allen +<!-- page 161 --> +diesen Bildern, ohne ihnen eine bestimmte Form +zu geben. Ich schäme mich etwas, so stumpfsinnig +zu sein, glaube aber, daß es Allen so ergehen wird, +jedesmal, wenn man sich von der Hölle der Feuerlinie +entfernt. Ich esse und schlafe, wenn mein gräßlicher +Hexenschuß es mir erlauben will. +</p> + +<p>Verzeih mir, wenn ich so tief unter mir selber +stehe. Ich bin wie meines innern Haltes beraubt. +Nun meinetwegen . . . +</p> + +<p class="date">5 Uhr Nachmittags. +</p> + +<p>Ich komme ziemlich müde von der Übung zurück, +die herrliche Luft der Maas erhält mich aber +immer gesund. +</p> + +<p>Liebe Mutter, ich möchte wieder mit aller Kraft +dem Schönen und Edlen zustreben. Ich möchte +immer in mir die Begeisterung verspüren, die mich +den Schätzen des Lebens zutriebe. Doch augenblicklich +ist mein Denken schwer wie Blei . . . +</p> + +<p class="date">Den 14. März, morgens,<br /> +<span class="smaller">im sonntäglichen Frieden. +</span> +</p> + +<p>Teure geliebte Mutter, endlich erreichen mich +Deine lieben erfrischenden Briefe, nach Tagen der +Entbehrung, wodurch ich notwendigerweise den tatsächlich +großen Genuß erkauft habe, hier ausruhen +zu dürfen. Der hübsche Flecken erwacht in den +Nebeln der Maas; der Bach eilt über die abgewaschenen +Steine dahin. Alles hat die feine maßvolle +zierliche Art, die das Merkmal der Gegend +ist . . . +</p> +<!-- page 162 --> + +<p>. . . Ich lese etwas, bin aber durch die körperliche +Anstrengung, zu der man uns anhält, derart +ermüdet, daß ich fast sofort einschlafe. Man läßt +uns eine Unzahl Schützengräben herstellen. +</p> + +<p>Liebe Mutter, um auf die außerordentlichen +Ereignisse der letzten Februartage zurückzukommen, +so muß ich Dir wiederholen, daß ich daran wie +an ein wissenschaftliches Experiment zurückdenke. +Ich hatte meine Vorstellung von der Gewalt in +eine theoretische Formel gebracht und hatte ihre +Aufgabe in der Welt erraten. Es war mir aber +vergönnt gewesen, ihre praktische Wirkung nur in +unendlich abgeschwächten Fällen zu beobachten. +</p> + +<p>Diesmal nahm die Offenbarung der Gewalt +einen Umfang an, vor dem meine Aufnahmefähigkeit +in vollem Maße sich betätigen mußte . . . Nun, +es war interessant, und ich muß Dir gestehen, daß +ich in diesem Augenblick niemals von einer kalt +und objektiv beobachtenden Haltung abließ. Was +ich persönliches bewahrt hatte, war eine gewisse +Empfänglichkeit des Auges, die mich befähigte, +gewisse Bilder in mich aufzunehmen, deren ergreifende +Wirkung sich unmittelbar in ebenso „künstlerischer +Weise“ zusammenfügte, wie jede andere +menschliche Zusammenstellung. Aber im allgemeinen +habe ich in diesen Augenblicken, nie die Absicht +aufgegeben zu sehen, „wie es gemacht ist“. +</p> + +<p>Ich bin sehr froh festzustellen, daß die Mordlust +keine Macht über mich gewonnen hat. Und +<!-- page 163 --> +ich wünsche, daß es auch so bleiben möge. Leider +hat diese Berührung mit der deutschen Rasse für +immer meiner guten Meinung von ihr geschadet. +Allerdings kann ich es nicht über mich bringen, in +mir eine gewisse Rührung und ein menschliches +Empfinden zu unterdrücken, die unangebracht sind, +wenn sie, wie bei diesem Anlaß, mich zum Opfer +eines arglistigen Feindes machen, aber ich gelange +dazu zu dulden, was ich früher als die Schande +und Verneinung des Lebens betrachtet hätte. +</p> + +<p>Ich habe den Franzosen im Kampfe gesehen. +In der Schlacht ist er fürchterlich, und nachher +großherzig; daß ist ein Ausspruch, ein gar vollklingender +Gemeinplatz, auf dem unsere größten +Schriftsteller, wie das bescheidenste unserer Schulkinder +herumgetreten sind; weiland mein dekadenter +Intellektualismus findet keinen besseren Ausdruck +beim Anblick, welchen die französische Seele gewährt. +</p> + +<p class="date">Den 14. März 1915. +</p> + +<p class="address">An Madame de L. . .,</p> + +<p>Meine Mutter hat mir die Prüfung erzählt, +die Sie soeben wieder betroffen hat; wahrlich, das +Leben lastet schwer auf gewissen Seelen. Ich kenne +Ihre Stärke und weiß, daß Sie nur zu sehr an +den Schmerz gewöhnt sind; wie sehr aber hätte ich +gewünscht, daß dieser Ihnen erspart sein möge! +Meine Mutter sagte mir, daß man ohne Nachrichten +von dem Obersten B . . . sei, und sie war +<!-- page 164 --> +unruhig . . . Wir haben eine einzige Besorgnis, +den Schmerz unserer Angehörigen. In dem Anblick +des Soldaten, der fällt, ist eine große, ewige Lehre +enthalten, die uns panzert und wir möchten sehen, +daß auch die, die uns teuer sind, aus ihr Nutzen +ziehen. Seien Sie versichert, daß das Beispiel des +Obersten herrliche Früchte tragen wird. Ich kenne +aus eigener Erfahrung den Heroismus, der den +Soldaten verklärt, dessen Führer gefallen ist. +</p> + +<p>Für mich waren diese Tage reich an tragischen +Ereignissen. Ich habe gewaltsame Stunden erlebt, +während welcher ich mich bemüht habe, meine Pflicht +zu tun. Ich habe alle meine Vorgesetzten fallen +sehen, die Reihen in meinem Regimente wurden +gelichtet. Für den, der in dem Feuerschlunde ist, +gibt es kein menschliches Hoffen mehr. Ich gebe +mich Gott hin und bitte ihn nur, mich in einem +Seelen- und Herzenszustand zu erhalten, der mir +erlaubt in seiner Schöpfung Alles zu genießen, +was der Mensch nicht zu verunstalten und zu verdunkeln +vermochte. +</p> + +<p>Alles andere ist außer Verhältnis zu den Ereignissen. +</p> + +<p class="date">Den 15. März (Karte). +</p> + +<p>Teure geliebte Mutter, ich denke Du weißt jetzt, +welche Gnade mir zu Teil wurde, als ich zu meinem +Zuge mich begab. Was mir auch Gott in Zukunft +vorbehalten mag, diese Rast hat mir erlaubt, mich +wieder zu fassen, mich selbst wiederzufinden und +<!-- page 165 --> +mich auf die Annahme von Allem vorzubereiten. +Ich sende Dir meine Liebe und den Ausdruck +unserer innigen Vereinigung dem Geschick gegenüber. +</p> + +<p class="date">Den 17. März. +</p> + +<p>Lieblicher Morgen. Weiße Sonne, die sich in +Nebel hüllt, Bäume in scharfem Umriß auf den +Höhen, die weite Ausdehnung im Licht. Bevorzugte +Tage. Neulich, da ich eine alte Nummer +der Revue des deux Mondes von 1880 las, trat +ich in einen schönen Aufsatz ein wie in einen lichten +Palast mit prächtigen Gewölben, reich geschmückten +Wänden. Er handelte von Ägypten und war George +Perrot gezeichnet. +</p> + +<p>Gestern verließ mein Bataillon in Eile sein Quartier. +Ich muß zu meiner Ausbildung als Sergeant +zurückbleiben. Wie bin ich für diese übrigens beschwerliche +Wartezeit dankbar, die mich das wiederfinden +läßt, woran ich am meisten halte, einen +hellen Geist und ein für die Natur offenes Herz. +</p> + +<p>Ich vergaß Dir zu erzählen, daß ich damals +während des Sturmes am Abend die Kraniche zurückkommen +sah. Eine kurze Ruhepause erlaubte mir +ihren Schrei zu hören. Wie lange ist es schon her, +daß ich sie fortziehen sah! Ich erinnere mich ihres +Wegfluges am Beginn des Winters und dann +wurde es noch trostloser. Diesmal waren sie für +mich wie die Taube der Arche, nicht als ob ich +mir die noch bleibende Gefahr verhehlte; aber diese +<!-- page 166 --> +Boten der Luft brachten mir die sichtbarere Zuversicht +in die Ruhe des Weltalls, gegenüber unserer +eigenen Aufregung. Gestern waren es die Wildgänse, +die ihren Flug gegen Norden nahmen. Sie +bildeten am Himmel verschiedene Flugstellungen, +und zeichneten regelmäßig Figuren; sie verschwanden +am Horizont wie ein flatterndes Band. +</p> + +<p>Ich weiß das Urteil von Herrn C. außerordentlich +zu würdigen. Ich hatte von jeher schriftstellerische +Neigungen, schon als Kind, und bedaure, +daß die abgebrochene Bildung, die ich mir selbst +gegeben habe, soviele Lücken aufweist; aber durch +alle Wechselfälle hindurch bewahre ich die Fähigkeit +rechts und links die gefallenen Ähren zu lesen. +Da ich nichts von der Zukunft vorweggenießen +möchte, rede ich natürlich nicht von dem Wunsche +Herrn E. in besseren Zeiten vorgestellt zu werden, +das gehört nicht in unser Fach, augenblicklich. +</p> + +<p>Ich habe Frau L. . . geschrieben. Das ist für sie +der letzte Schlag. Gewissen Lebensschicksalen ist es beschieden, +die Medaille zu sein, in die alle Zeichen +des Schmerzes sich einprägen. Das Unglück hat +sie derart bearbeitet, daß sie nichts mehr haben, +worauf eine Freude sich einzeichnen könnte. +</p> + +<p>Ich denke mir aber, daß eine so ausschließliche +Einstellung eines Lebens auf den Schmerz einen +geheimnisvollen Ausgleich findet im Gefühl, daß +man alles Unglück ausgeschöpft habe. Es heißt +viel, wenn man die Grenze des menschlichen Elends +<!-- page 167 --> +bezeichnet. Solche Schicksale erscheinen wie Schildwachen, +welche die Andern gegen die Schläge eines +feindlichen Geschicks beschützen . . . +</p> + +<p>Jeden Tag sehe ich ein neues Kreuz in dem +kleinen Soldatenkirchhof. Und über Allem der siegreiche +Frühling . . . +</p> + +<p class="date">Den 20. März. +</p> + +<p>Unsere Ferien gehen ruhig ihrem Ende zu, +während unweit Lärm und Blutvergießen herrschen. +Ich glaube das Regiment hat sich wieder gut gehalten. +</p> + +<p class="date">Den 20. März. +</p> + +<p class="address">Teure geliebte Mutter,</p> + +<p>Nach soviel Gnadenbeweisen sollte ich mehr +Vertrauen zeigen und will mich bemühen, mich Gott +hinzugeben, aber die Zeiten sind hart. Ich erfahre +unter vielen andern, den Tod eines Freundes mit +dem ich im Quartier ein Bett teilte. Er war vor +kurzem zum Unterleutnant ernannt worden. +</p> + +<p>Liebe Mutter, Liebe. Das ist das einzige menschliche +Gefühl, das man noch bewahren darf. +</p> + +<p class="date">Den 21. März. +</p> + +<p>Liebe Großmutter, da die Zeiten der Prüfungen +nahen, will ich Dir all meine Liebe senden, mehr +kann ich nicht tun. Die Lage erfordert wahrscheinlich +Opfer, vor denen wir nicht mehr an das denken +dürfen, was uns festhielt. +</p> +<!-- page 168 --> + +<p>Laßt uns darum beten, daß der feste Glaube +an das Schöne und Gute mitten unter den Schmerzen +uns nicht verlasse. +</p> + +<p class="date">Den 21. März,<br /> +<span class="smaller">Sonntag, bei der schönsten Sonne. +</span> +</p> + +<p class="address">Teure geliebte Mutter,</p> + +<p>Ich glaube, es ist die Rede davon, uns noch +einen Tag zu behalten, so daß wir erst Dienstag +abmarschieren würden. Ich weiß nicht, wo ich mein +Bataillon wiederfinden werde und in welchem Zustande, +denn der Kampf scheint außerordentlich hart +zu sein und zieht sich hin. Die Nachrichten sind sehr +widerspruchsvoll, was die Gewinne betrifft. Was +die Zahl der Opfer betrifft, stimmen alle darin +überein, daß sie sehr bedeutend ist. Wir hören sehr +starken Kanonendonner und das schöne Wetter wird +wohl die Kriegsleitung auf beiden Seiten dazu bewegen, +die Entscheidung zu beschleunigen. +</p> + +<p>Ich hätte Dir gern manches erzählt von der +schönen Landschaft, die mich mit ihrer Herrlichkeit +umgibt, aber wahrhaftig, meine Gedanken sind dort, +wo die Sonne die Menschen nicht zu ihrer Anbetung +vereinigt, sondern nur den Haß beleuchtet, +wo die Nacht nur Angst und Verrat mit sich bringt. +Neulich in der herrlichen Ausdehnung dieser Landschaft, +die sich dem Frühling darbot, dachte ich an +die Freude, die ich empfand, ein Mensch zu sein. +Und nun ein Mensch sein . . . +</p> +<!-- page 169 --> + +<p>Unser benachbartes Regiment, das von R. L. . ., +ist mit Kompagnien, die nur vierzig Mann zählten, +zurückgekommen. +</p> + +<p>Ich wage nicht mehr von Hoffnung zu sprechen . . . +was man als Gnade erflehen kann, ist, Alles +Schöne, was der Augenblick bieten kann, ausschöpfen +zu dürfen. +</p> + +<p>Das ist eine neue Art „sich auszuleben“, an +die die Literatur bis jetzt nicht gedacht hatte. +</p> + +<p>Liebe Großmutter, wie hat mich Deine zärtliche +Liebe in diesen Prüfungen gestärkt! +</p> + +<p class="date">Den 22. März. +</p> + +<p>Glühende Sonne, vor der man sich staunend +sagt, daß man im Krieg steht. Der Frühling ist +sieghaft eingezogen. Er hat die Menschen mitten +im Hasse, mitten in der schmachvollen Beleidigung +der Schöpfung überrascht. Glücklicherweise verschweigen +die Tagesberichte, das was vergänglich +ist. +</p> + +<p>Da ich mich jetzt für einundzwanzig volle Tage +weit hinter der Front befinde, habe ich Mühe mich +wieder an das grauenhafte Bild dort zu gewöhnen. +Aber ich weiß, liebe Mutter, daß mein Leben und +Deines nur ein Ziel hatten und daß wir, selbst in +der letzten Zeit, uns bemüht haben uns demselben +zu nähern. So wird unser Leben vielleicht nicht +zwecklos gewesen sein. Das ist heute der einzige +Trost für eine ehrgeizige Seele, daß sie vorausahnt, +<!-- page 170 --> +in welcher Richtung ihr Wirken einen Wiederhall +finden wird. +</p> + +<p>Ich glaube, daß, wenn es mir vergönnt gewesen +wäre, länger zu leben, ich nie mein Streben unterbrochen +hätte. Da ich aber keine andere Gewißheit +habe als die der gegenwärtigen Stunde, habe ich +versucht, das Beste meines Selbst darauf zu verwenden. +</p> + +<p class="date">Den 25. März. +</p> + +<p class="address">Teure geliebte Mutter,</p> + +<p>Jetzt führe ich wieder mein Höhlendasein. Ich +habe den Platz wiedergefunden, den ich im vergangenen +Monat verlassen hatte. Während meiner +Abwesenheit ist nichts geschehen: ein furchtbarer +Angriff ist unsererseits unternommen worden, hat +aber zu keiner Entscheidung geführt. Man hatte +Regimenter angreifen lassen, die weder unsern +Schneid noch unsere schöne Haltung unter dem +Feuer haben. Sie konnten sich nur zusammenhauen +lassen und uns die abscheulichste Beschießung zuziehen, +die man sich vorstellen kann. Wie es scheint +war der frühere Kampf nichts im Vergleich zu +diesem. Meine Kompagnie hatte schwere Verluste +infolge von Lufttorpedos. Es sind Geschosse von +einem Meter Höhe und 27 Zentimeter Umfang, +die eine äußerst steile Flugbahn zurücklegen und +senkrecht einfallen, was ihnen ermöglicht, in die +engsten Höhlungen hineinzuplatzen. Deswegen leben +wir mehrere Meter unter der Erde. Mildes Wetter. +<!-- page 171 --> +Wir gehen Nachts aus, um die Dienstarbeiten zu +verrichten. +</p> + +<p>Teure, ich hätte Dir gerne einen Haufen Dinge +erzählt, die manche glückliche Stunden betreffen; +aber ich habe es Dir schon geschrieben, manche +davon darf man durch Worte nicht wachrufen. Die +plumpe menschliche Freude würde sie erschrecken +und ihnen feindlich sein. Sie würden noch rascher +verschwinden. — Ich nehme meinen Brief nach einem +Schläfchen wieder auf. Wir schlafen so viel wir +können in unsern Erdhöhlen. Ich hatte einen +Haufen Gedanken gehabt, welche die Müdigkeit +mir nicht erlaubt auszudrücken; ich erinnere mich +aber, daß ich Beethoven wachrief. Ich habe gerade +sein Alter, als er vom Schmerz betroffen wurde, +und ich dachte an das herrliche Vorbild solcher +Seelenstärke, die trotz aller Hindernisse sich betätigt. +Das Hemmnis mußte ihm ebenso endgültig erscheinen +als uns heute das unsrige. Aber er war +Sieger. Für mich war Beethoven die herrlichste +menschliche Offenbarung der schöpferischen Kraft. +</p> + +<p>Ich schreibe schlecht, denn ich schlafe noch . . . +</p> + +<p>Wie war mir alles erleichtert und durch Freundlichkeit +gemildert während des Rückmarsches! Ich +verließ unser Schloß allein und, als ich vor einer +Artillerie-Batterie vorbeikam, wurde ich von Seiten +der Unteroffiziere in der brüderlichsten Weise gastfreundlich +aufgenommen, übrigens liebt die Artillerie +die X<sup>er</sup>, die sie beschützen und überhaupt +<!-- page 172 --> +flößen wir ein lebhaftes Mitleid den Leuten ein, +die nicht einmal dem Regen ausgesetzt sind. +</p> + +<p>Ich breche kurz ab und liebe Dich wegen Deines +Mutes, der mich aufrecht hält. Was auch geschehen +mag, ich habe die innere Freude wiedergefunden. +Schon die Nacht der Ankunft war ja +so schön! +</p> + +<p class="date">Den 26. März. +</p> + +<p class="address">Teure geliebte Mutter,</p> + +<p>Nichts neues auf unserer Anhöhe, die man +weiter in Verteidigungszustand setzt. Eine interessante +Arbeit, die freilich Schwierigkeiten bietet. +Das schöne Wetter erleichtert unsere Arbeit. Von +Zeit zu Zeit trifft die Hacke einen armen Toten, +den der Krieg bis in die Erde hinein quält. +</p> + +<p class="date">Den 28. März,<br /> +<span class="smaller">auf den Höhen: graues Wetter an einem durch<br /> +die gestrige Beschießung gestörten Sonntag. +</span> +</p> + +<p>Nun sind wir wieder mitten im Kriege. Ein +fürchterlicher Angriff unsererseits hat soeben das +Gemetzel der vergangenen Woche erneuert. Meine +Kompagnie, die bei dem früheren Ansturm niedergemäht +worden war, ist freilich diesmal verschont +geblieben und wir mußten nur einen Abschnitt der +Verteidigungslinie besetzen. Wir bekamen also nur +die Spritzer des Kampfes ab. +</p> + +<p>Ich wohnte an einem schönen Frühlingssamstag +dem fernen Schauspiel der Schlacht bei und sah +das kriechende Tier, dem ein Bataillon gleicht, +<!-- page 173 --> +vorrücken und im Rauch der Granaten sich winden. +Es sind Jäger zu Fuß, die trotz der Maschinengewehre +und der französischen und deutschen Beschießung +angreifen. Diese Tapferen haben Allem +zum Trotz ihre Aufgabe erfüllt und so die Niederlage +der vergangenen Woche wieder ausgeglichen, +wo unser Angriff erfolglos war. +</p> + +<p>Seit einem Monate ist es mir vergönnt, die +Steindrucke Raffets<a href="#footnote-26" id="fnote-26"><sup>26</sup>)</a> zu erleben, mit dem Unterschiede, +daß man zur Zeit Raffets ungestrafter in +denselben Entfernungen Augenzeuge sein konnte, +weil die Gewehre weniger weit schossen. Aber es +gab wirklich schöne Dinge zu sehen, wie zum Beispiel +diese endlose Ebene, auf die die Felshöhen +herabschauen, die wir besetzt halten. Sie erstrahlen +von den hunderttausend Feuern der Granaten. Und +davor kletterten die Jäger immer weiter . . . +</p> + +<p class="date">Sonntag, den 28. März (2. Brief). +</p> + +<p class="address">Liebe Mutter,</p> + +<p>Strahlendes Wetter, das sich im Laufe des +Vormittags aufgeheitert hat. Ich habe unsern Sektor +ziemlich weit durchwandert; augenblicklich nimmt +die Beschießung wieder an Stärke zu. +</p> + +<p>Trotzdem wende ich meine Seele der Hoffnung +zu. Für alle Fälle, flehe ich um Weisheit für Dich +und für mich. +</p> + +<!-- page 174 --> + +<p>Teure, mitunter fühle ich wie leicht es mir wäre, +mich wiederum den Beschäftigungen zuzuwenden, +die den Reiz und den Sinn meines Lebens ausmachten. +Mitunter fühle ich mich plötzlich in diesem +schönen Frühling, derart zur Malerei hingezogen, +daß es mir sehr leid tun würde, wenn ich nicht +mehr malen dürfte. Aber ich bemühe mich doch, +meine Seelenkräfte und meinen Willen auf dem +schmalen und schwierigen Damm dieses Lebens zu +erhalten. +</p> + +<p class="date">Den 1. April. +</p> + +<p>Eine Sonne, die die Jugend des Frühlings +enthüllt. Die Maas, ein eiliger Bach im Schmuck +eines wohlhabenden Dorfes, wohin der Wiederhall +des Kanonendonners nur noch wie ein dumpfer +Stoß gelangt und seine Bedeutung verliert. Wir +haben unser Quartier gewechselt, denn die Verstärkungen +gelangen in solcher Menge nach dieser +Gegend, daß wir Andern Platz machen müssen, +und immer wird gerade unser Regiment ausquartiert. +</p> + +<p>Aber Alles ist heute Licht und Frische. Die +weite fette Ebene, welche die Hauts de Meuse begrenzen, +hüllt ihre Fernen in zartes Silbergrau. +</p> + +<p>Ich freue mich über den Brief von Gabrielle, +der mir zeigt, was die französische Seele von diesen +Ereignissen zurückbehalten wird. Rührender Brief +von Pierre, der endlich nach seiner schweren Verwundung +als dienstuntauglich entlassen ist. Herrlicher +<!-- page 175 --> +Brief von Großmutter. Wie sie sich nach dem +Wiedersehen sehnt! — Reden wir nicht davon . . . +</p> + +<div class="tb"><hr class="dash" /></div> + +<p>Ich schließe meinen Brief auf dem Ufer des +Wassers, indem ich mit Wollust die Freuden, die +ich beim Malen empfand, wieder wachrufe. Ich +habe vor mir die lieblichsten Funken des Frühlings. +</p> + +<p class="date">Den 3. April (Karte). +</p> + +<p>Nur ein Wort in zweiter Linie. Aufenthalt in +den Frühlingswäldern. Sonne und Regen, die +am Himmel spielen. Mut trotz Allem. +</p> + +<p class="date">Den 3. April, 2. Brief. +</p> + +<p>Ich möchte, ich hätte Dir in den letzten Tagen +besser geschrieben, damals als jede Minute eine +Wonne für mich war, selbst in der Feuerlinie. Ich +gestehe, daß ich mich damit begnügte, mich in der +Schönheit der heitern Tage dahin leben zu lassen +trotz des Krieggeheuls. Wir wissen nicht was geschehen +wird. Die Bewegungen hin und her mehren +sich. Werden wir wieder den Ansturm zu tragen +haben? +</p> + +<p>Stelle Dir vor, daß wir während unseres letzten +Aufenthaltes in der Feuerlinie die Tage in den +Unterständen verbringen mußten, die wir, gezwungen +durch die grauenhafte Beschießung bis zu einer +Tiefe von ungefähr zehn Metern in die Hügelabhänge +graben. Dort erwartet man in völliger +<!-- page 176 --> +Dunkelheit die Nacht zum Aufbruch. Plötzlich haben +wir meine Kameraden, die Unteroffiziere und ich +den Schauer der neun Symphonien von Beethoven +in uns erweckt. Eine unaussprechliche Begeisterung +beseelte uns. Die Musik wirkte wie ein Feuerwerk +in diesem Keller. Unsere chinesische Folter, weder +sitzen noch stehen noch liegen zu können, war vergessen. +</p> + +<p>Das Leben eines Sergeanten im Quartier ist +recht angenehm; und doch maße ich mir nichts an. +</p> + +<p>Was die Feuerlinie betrifft, so hoffe ich, daß +die Vorsehung mir die Seelenkraft geben wird, +bis zuletzt meine Pflicht zu erfüllen. Ein guter +Freund, der Führer meines Halbzuges war, ist +zum Kompagniefeldwebel ernannt worden. Alles +das sind Kleinigkeiten, aber Teuerste, ich fühle mich +in diesen Tagen etwas schwach, da ich nach den +Ereignissen des vergangenen Monates arg leidend +war. So lasse ich mich denn auf den sanften Abhängen +des Lebens dahingleiten. Was tuts, wenn +man dabei den Abgrund streift. Möge die Vorsehung +uns davon fernhalten! +</p> + +<p class="date">Den 4. April. +</p> + +<p class="address">Teure geliebte Mutter,</p> + +<p>Zeit der angstvollen und von nahen Drohungen +schwangeren Erwartung. Bis dahin, Ruhe und +Müßiggang. Ich kann nicht denken und gebe mich +dem Schicksal hin. Teure, verzeih mir, wenn ich +<!-- page 177 --> +seit einem Monat sehr minderwertig bin. Liebe +mich und sage unsern Freunden, daß sie mich lieben +sollen. Hast Du meine Photographie erhalten? . . . +Es war in der glücklichen Zeit des Stellungskrieges, +da wir friedliche Tage verlebten und unser einziger +Feind die Strenge der Witterung war. Bald darauf +wurde ich Gefreiter und ein hartes, an unerfreulichen +Arbeiten schweres Leben begann für +mich. Dann das Gewitter, dessen Wiederschein +wenigstens noch mein Leben beleuchtet. +</p> + +<p class="date">Den 4. April, abends, Ostersonntag. +</p> + +<p>Liebe Mutter, jetzt stehen wir wieder unter dem +Schutze Gottes. Um 2 Uhr gehen wir in den +Sturm hinein. Teure, ich denke an Dich, ich denke +an Euch. Ich liebe Euch und vertraue uns Alle +drei der Vorsehung an. Möge Alles was kommt +uns bereit finden! In voller Seelenstärke, das ist +mein Gebet für Euch und für mich. Hoffnung +trotzdem, aber vor Allem Weisheit und Liebe. Ich +umarme Euch ohne weitere Worte. Ich raffe mein +ganzes Denken zusammen, einer schweren Aufgabe zu. +</p> + +<p class="date">Den 5. April, ein Uhr. +</p> + +<p class="address">Liebe Mutter und liebe Großmutter,</p> + +<p>Wir brechen auf. Mut. Liebe und Weisheit. Vielleicht +ist dies Alles zum Besten Aller geschrieben. +Ich kann Euch nur mein ganzes Herz zuwenden, +mein Leben besteht nur noch in Euch. +</p> +<!-- page 178 --> + +<p class="date">Den 5. April, gegen Mittag. +</p> + +<p class="address">Liebe Mutter,</p> + +<p>Jetzt stehen wir in der Prüfung. Bis jetzt zeigt +nichts an, daß die Gnadengaben uns verlassen. +Uns steht es zu, uns zu bemühen, daß wir sie +immer verdienen. Heute nachmittag werden wir +unseren ganzen Willen brauchen und müssen die +höchste Weisheit anrufen. +</p> + +<p>Teure geliebte Mutter und liebe Großmutter, +könnte ich noch die Freude Eurer Briefe haben. +Laßt uns beten, daß wir noch unter Alledem aufrecht +erhalten werden! +</p> + +<p>Teure innig geliebte Mutter, noch einmal mein +ganzes Herz Euch Beiden. +</p> + +<p class="signature">Euer Sohn.</p> + +<p class="date">Den 6. April, mittags. +</p> + +<p>Teure innig geliebte Mutter, um Mittag; jetzt +stehen wir bereit auf der äußersten Stellung. Ich sende +Dir meine volle Liebe. Was auch geschehen mag, +das Leben hat uns manch Schönes gegeben. +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p>In diesem Kampfe, an diesem Tage, dem 6. April ist +der Verfasser dieser Briefe spurlos verschwunden. +</p> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<h3 style="page-break-before: always">Fußnoten</h3> + +<p class="footnote" id="footnote-1"><a href="#fnote-1">1)</a> „Lied der Gottheit,“ Episode des Mahâbhârata. +(D. Übers.) +</p> +<p class="footnote" id="footnote-2"><a href="#fnote-2">2)</a> Défaillance; vergl. Shelley: faint, „my faint +heart“, . . . „I faint, i perish with my love“. (Der +Übersetzer.) +</p> +<p class="footnote" id="footnote-3"><a href="#fnote-3">3)</a> Unterleutnant André Cadoux, ruhmvoll vor dem +Feinde gefallen, den 13. April 1915. +</p> +<p class="footnote" id="footnote-4"><a href="#fnote-4">4)</a> Siehe Maurice Barrès: L’âme française et la +guerre, I. L’Union sacrée, Paris. Emile-Paul. 1915. +XVI. L’aigle survole le rossignol. „Schon unterscheide +ich durch welches Aufblühen die junge Literatur, nach den +Lehren des Krieges, für den Anteil, den sie an dem gewaltigen +Kampf nimmt, wird belohnt werden.“ Aus dem +Kriege zurückgekehrt, „werdet Ihr, Schriftsteller, Eure +Träume übertreffen, wie der Adler über die Nachtigall +emporfliegt.“ (S. 87.) +</p> +<p class="footnote" id="footnote-5"><a href="#fnote-5">5)</a> Beethoven: sechs Lieder von Gellert, Op. 48. +Nr. 6. „Die Ehre Gottes in der Natur.“ +</p> +<p class="footnote" id="footnote-6"><a href="#fnote-6">6)</a> Albert Samain: Au Jardin de l’Infante (L’allée +Solitaire). +</p> +<p class="footnote" id="footnote-7"><a href="#fnote-7">7)</a> Ein Teil dieses Heftes ist oben mitgeteilt worden. +</p> +<p class="footnote" id="footnote-8"><a href="#fnote-8">8)</a> „Libre étendue sur la Montagne.“ Rheingold +zweite und vierte Szene. „Allmählich gehen die Wogen +in Gewölke über . . . und . . . wird „<i>eine freie Gegend +auf Bergeshöhen</i>“ sichtbar.“ (D. Übers.) +</p> +<p class="footnote" id="footnote-9"><a href="#fnote-9">9)</a> „boyau de communication.“ +</p> +<p class="footnote" id="footnote-10"><a href="#fnote-10">10)</a> In der Sammlung Poèmes Saturniens. (D. Übers.) +</p> +<p class="footnote" id="footnote-11"><a href="#fnote-11">11)</a> Vergleiche Pascal in Le Mystère de Jésus: „Tröste +Dich, Du würdest, mich nicht suchen wenn Du mich nicht +schon gefunden hattest.“ (Der Übers.) +</p> +<p class="footnote" id="footnote-12"><a href="#fnote-12">12)</a> S. Brief vom 10. November, 11 Uhr. (D. Übers.) +</p> +<p class="footnote" id="footnote-13"><a href="#fnote-13">13)</a> E. Schuré, Les grands initiés. +</p> +<p class="footnote" id="footnote-14"><a href="#fnote-14">14)</a> Das Musée Gustave Moreau in Paris, Rue La +Rochefoucauld. +</p> +<p class="footnote" id="footnote-15"><a href="#fnote-15">15)</a> S. L’Art de Notre Temps: Gustave Moreau par +Léon Desbairs (Abbildung s. 101, L’Age d’Airain) Paris. +La Renaissance du Livre. (D. Übers.) +</p> +<p class="footnote" id="footnote-16"><a href="#fnote-16">16)</a> „L’Enfance du Christ“, von Hector Berlioz. +</p> +<p class="footnote" id="footnote-17"><a href="#fnote-17">17)</a> Den 21. September 1914 bei Villeroy, zwischen +Meaux und Dammartin, während der Schlacht an der +Ourcq. (D. Übers.) +</p> +<p class="footnote" id="footnote-18"><a href="#fnote-18">18)</a> Fleurs du Mal (Spleen et Idéal LIV. L’Invitation +au Voyage). +</p> +<p class="footnote" id="footnote-19"><a href="#fnote-19">19)</a> Les arbres, pensa-t-il, prennent l’hiver une +beauté intime qu’ils n’ont pas dans la gloire du feuillage +et des fleurs. Ils découvrent la délicatesse de leur +structure. L’abondance de leur fin corail noir est +charmante; ce ne sont point des squelettes, c’est une +multitude de jolis petits membres où la vie sommeille. +(Le Mannequin d’Osier, S. 77.) +</p> +<p class="footnote" id="footnote-20"><a href="#fnote-20">20)</a> Bewerber um den Rompreis der Ecole des Beaux-Arts +im vorigen Jahre. +</p> +<p class="footnote" id="footnote-21"><a href="#fnote-21">21)</a> Der bekannte katholische Schriftsteller (1813—1883). +(D. Übers.) +</p> +<p class="footnote" id="footnote-22"><a href="#fnote-22">22)</a> Wortspiel „nuit blanche“, „rouge vinass“. +</p> +<p class="footnote" id="footnote-23"><a href="#fnote-23">23)</a> Ilias XVI. Gesang. — (D. Übers. ) +</p> +<p class="footnote" id="footnote-24"><a href="#fnote-24">24)</a> Tour d’ivoire, von Sainte-Beuve auf A. de +Vignys Weltflucht angewandter Ausdruck. — Vergl. La +Fontaine. Fables VII, 3. Le rat qui s’est retiré du monde. +(Der Übers.) +</p> +<p class="footnote" id="footnote-25"><a href="#fnote-25">25)</a> „Citation à l’ordre de l’armée.“ +</p> +<p class="footnote" id="footnote-26"><a href="#fnote-26">26)</a> Raffet, der durch seine Steindrucke aus dem Soldatenleben, +besonders der napoleonischen Zeit, bekannte Zeichner +(1804-1860). (Der Übersetzer.) +</p> +<p style="page-break-before:always"> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<h3>Europäische Bücher:</h3> + +<p class="center"> +<b>Andreas Latzko</b>, Menschen im Krieg<br /> +<b>Romain Rolland</b>, Beethoven<br /> +<b>Leonhard Frank</b>, Der Mensch ist gut <br /> +<b>Leo Tolstoi</b>, Tagebuch 1895—1899<br /> +<b>Henri Barbusse</b>, Das Feuer<br /> +<b>Leonid Andrejew</b>, Das Joch des Krieges +</p> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<div class="trnote"> +<p class="center"><a id="Anmerkungen"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></a></p> + +<p> </p> +<p class="noindent"> +Spätere Ausgaben dieses Buches identifizieren Eugène Emmanuel +Lemercier als Verfasser. +</p> + +<p> </p> +<p class="noindent"> +Fußnoten wurden am Ende des Bandes gesammelt. +</p> + +<p> </p> +<p class="noindent"> +Die folgenden Korrekturen am Originaltext wurden vorgenommen: +</p> + +<ul> + +<li> +... Ich <span class="underline">versiche</span> Dich, daß andauernde Kraftanstrengung ...<br /> +... Ich <a href="#corr-1"><span class="underline">versichere</span></a> Dich, daß andauernde Kraftanstrengung ... +</li> + +<li> +... bilden und die Zurückkehrenden eine Zeitlang <span class="underline">abgestumpt</span> ...<br /> +... bilden und die Zurückkehrenden eine Zeitlang <a href="#corr-2"><span class="underline">abgestumpft</span></a> ... +</li> + +<li> +... Aber die Sonne ging über <span class="underline">den</span> Boden meines ...<br /> +... Aber die Sonne ging über <a href="#corr-3"><span class="underline">dem</span></a> Boden meines ... +</li> + +<li> +... Die Stellung, die wir <span class="underline">einnnehmen</span>, nähert uns dem ...<br /> +... Die Stellung, die wir <a href="#corr-4"><span class="underline">einnehmen</span></a>, nähert uns dem ... +</li> + +<li> +... Ich <span class="underline">glaue</span> mein künftiges Lebenswerk zu ahnen. ...<br /> +... Ich <a href="#corr-5"><span class="underline">glaube</span></a> mein künftiges Lebenswerk zu ahnen. ... +</li> + +<li> +... spricht gerade von dem <span class="underline">Mahâbharâta</span>, das, wie ...<br /> +... spricht gerade von dem <a href="#corr-6"><span class="underline">Mahâbhârata</span></a>, das, wie ... +</li> + +<li> +... <span class="underline">Bestimmmung</span> der Dienstordnung befohlen sind. ...<br /> +... <a href="#corr-7"><span class="underline">Bestimmung</span></a> der Dienstordnung befohlen sind. ... +</li> + +</ul> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of Project Gutenberg's Briefe eines Soldaten, by Eugène Emmanuel Lemercier + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFE EINES SOLDATEN *** + +***** This file should be named 39276-h.htm or 39276-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/9/2/7/39276/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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