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+Project Gutenberg's Briefe eines Soldaten, by Eugène Emmanuel Lemercier
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Briefe eines Soldaten
+ Deutsche Ausgabe der Lettres d'un soldat
+
+Author: Eugène Emmanuel Lemercier
+
+Commentator: André Chevrillon
+
+Translator: Eduard Schneegans
+
+Release Date: March 27, 2012 [EBook #39276]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFE EINES SOLDATEN ***
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+Produced by Jens Sadowski
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+Briefe eines Soldaten
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+Deutsche Ausgabe der
+Lettres d'un soldat
+
+
+
+
+1918
+Max Rascher, Verlag, Zürich
+
+
+
+1. bis 5. Tausend
+Nachdruck verboten
+Copyright 1917 by Rascher & Cie., Zürich
+
+
+
+
+Deutsche Übertragung
+von Professor Dr. Schneegans, Neuchâtel
+
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+1918
+Buchdruckerei Züricher Post
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+Vorwort.
+
+
+Die folgenden Briefe sind von einem jungen Maler geschrieben, der an der
+Front war von September bis Anfang April, wo er in einem der Kämpfe im
+Argonnerwald verschwunden ist. Soll man von ihm in der Vergangenheit oder
+in der Gegenwart sprechen? Wir wissen es nicht: seit dem Tage, wo sie die
+letzte von Schmutz befleckte Karte erreichte, welche den Angriff meldete,
+in dem er verschwinden sollte, -- welche quälende Stille für diese Frauen,
+die während acht Monaten nur von den fast täglichen Briefen lebten! Doch
+für wieviele Mütter und Frauen ist eine solche Qual heute das tägliche Los?
+
+In dem Atelier, unter den Bildern, in denen der junge Mann seine Träume,
+seine Künstlervisionen festgelegt hatte, habe ich, liebevoll auf einem
+Tische geordnet, alle die weißen Kärtchen gesehen, aus denen dieser
+Briefwechsel besteht. Schwelgende Gegenwart. . . . Ich wußte damals noch
+nicht, welche Seele sich hier in ihrer Fülle ausgedrückt hat, um auf diesem
+Wege an den häuslichen Herd zurückzukehren: eine Seele, die dazu bestimmt
+war, dessen bin ich überzeugt, sich weit über den kleinen Kreis der
+Verwandten hinaus zu ergießen und weithin auf die Menschen zu strahlen. Die
+Seele eines fertigen Künstlers, aber auch eines Dichters, mit der
+Schüchternheit eines Jünglings, der schon mit dreizehn Jahren die Schule
+für das Atelier verlassen hat und ganz allein gelernt hat das, was ihn
+bewegt, in Tönen auszudrücken, deren Schönheit der Leser wird zu würdigen
+wissen. Herzensgüte, inbrünstige Verehrung der Natur, mystisches Verstehen
+ihrer Erscheinungsformen und ihrer ewigen Sprache, das ist es, was die
+Deutschen, die sich die Erben Göthes und Beethovens nennen, allein zu
+besitzen glauben und was uns in diesen, von einem jungen Franzosen für
+seine Teuersten und für sich geschriebenen Briefen ergreift.
+
+Das Rührendste dabei ist vielleicht, daß wir in dem seelischen, so ernsten,
+so religiösen Empfinden, das sich hier ausspricht, Züge wiedererkennen, die
+uns in manchen Briefen von der Front auffielen. In diesen Wochen, diesen
+endlosen Wintermonaten, die sie im Schlamm oder im Schnee der
+Schützengräben verbracht, beim täglichen Anblick des Todes, beim Gedanken
+an den Tod, der vielleicht in demselben Augenblick naht, um ihnen für immer
+die Augen zu schließen, scheinen diese Kinder angefangen zu haben mit
+eindringlicherem, empfänglicherem Auge die ewigen Dinge zu betrachten, wie
+wenn sie alle, in der Fülle ihrer Kraft und ihrer Jugend, glaubten sie zum
+letzten Male zu betrachten:
+
+ »Und sterben sollte nun die Welt
+ Mit meinen Augen, den Spiegeln der Welt.«
+
+Feierliche Stimmung des Menschen, der eben eine lange Nachtwache verbracht
+hat, irgendwo auf Vorposten, und der hinter der grauen, schweigenden,
+nordischen Ebene dort, wo der unsichtbare Feind in der Erde vergraben ist,
+die rote Sonne noch einmal über diese Welt aufgehen sieht. »O herrliche
+Sonne, ich möchte dich noch einmal sehen!« schrieb am Abend des Tages, wo
+er in Frankreich einzog, ein junger schlesischer Soldat, der auf den
+Gefilden der Marne fiel und dessen Tagebuch veröffentlicht worden ist.
+Plötzlich entquillt dieser geheimnisvolle Herzenserguß, mitten unter
+pünktlichen deutschen Aufzeichnungen über Essen und Trinken, Tagemärsche,
+Fußleiden und der Aufzählung der verbrannten Dörfer. In wievielen
+französischen Briefen haben wir diese tiefe Erleuchtung getroffen! Sie ist
+sich immer gleich auf allen Stufen des Ausdrucks: bei jenem Bauern von
+Seine-et-Marne, den ich mit Namen nennen könnte, der vielleicht zum ersten
+Male in seinem Leben für die Glut des Sonnenunterganges ein Auge hat, --
+bei jenem jungen Pariser, der bis dahin nur in Ausdrücken des Skepticismus
+und der Ironie schien reden zu können, und bei dem jungen Künstler, der
+dieses Gefühl in ergreifende Verse umsetzt und es bis zur erhabenen
+Vorstellung steigert, an der die ganze stoische Philosophie hängt. Durch
+soviele Unterschiede hindurch, bei allen, dem deutschen Schullehrer, dem
+Bauern, dem Städter, dem französischen Maler, offenbart sich eine
+gemeinsame Grundlage und der vergängliche Lebende, im Vorgefühl der ewigen
+Nacht, sieht den Sinn und die Schönheit der Welt in ihm sich erweitern. O
+Wunder der Welt! göttlicher Friede dieser Ebene, dieser Bäume, dieser
+fernen Hügel, -- wie man dieser unendlichen Stille lauscht! Oder es ist die
+nächtliche Unermeßlichkeit, in der nichts als Feuersbrünste und ein
+Leuchten verbleibt. Unten ferne Glut von Bränden, oben die Sterne, ihre
+unwandelbaren Bilder, das Flimmern, die Harmonie und erhabene Ordnung des
+Weltalls.
+
+Bald werden das Geknatter der Maschinengewehre, der Donner der
+Sprengstoffe, das Geheul des Ansturms wieder anheben; man beginnt wieder zu
+morden und zu sterben. Welcher Gegensatz der menschlichen Wut und der
+ewigen heitern Ruhe! Mehr oder weniger dunkel, während eines kurzen
+Augenblickes, wird eine tiefsinnige Beziehung zwischen den einfachen
+Erscheinungen am Himmel und auf Erden, deren langsame Entwicklung sich
+begreifen läßt, und dem Beschauer hergestellt. Fühlt dann der Mensch, daß
+alles, was er sieht, er selbst ist, daß sein kleines Dasein und das Leben
+des Baumes, der dort im Schauer des Morgengrauens erbebt und dem Menschen
+zuzuwinken scheint, sich miteinander verbinden im Flusse des ewigen Lebens?
+
+ * * *
+
+Für den Künstler, von dem hier die Rede ist, waren diese Eingebungen und
+Visionen der Rausch jener langen, im Schützengraben verlebten Monate. Unter
+dem weiten Himmel, bei der Berührung mit der Erde, vor der Gefahr und dem
+täglichen Bilde des Todes, erschien ihm das Leben plötzlich seltsam
+erweitert: »Wir haben von unserm Aufenthalt im Freien eine Frische der
+Auffassung, eine Großzügigkeit in den Bewegungen und Gedanken gewonnen, die
+den Überlebenden den Aufenthalt in den Städten gräßlich wird erscheinen
+lassen.« Auch der Tod zeigte sich schöner und schlichter; Tod der Soldaten,
+deren Gestalten er mitleidig betrachtete, während die Natur sie still,
+mütterlich wieder zu sich nahm und allmählich mit der Erde vereinigte. Von
+Tag zu Tag lebte er mehr in dem Gefühl des »Ewigen«. Er blieb freilich
+empfänglich für alle Greuel und jedes Mitleides fähig, -- und man wird
+sehen wie er seine Pflicht erfüllte. Aber »in gleichem Maße leidend«,
+flüchtete er »zu einem höheren Troste«. »Man muß,« sagte er zu denen, die
+ihn lieben und die er -- mit welcher beständigen Fürsorge! -- sich bemüht
+auf das Schlimmste vorzubereiten, »dazu gelangen, daß kein Unglücksfall aus
+unserem Leben etwas Trümmerhaftes, Abgebrochenes, Unharmonisches mache
+. . . Begnüge dich mit der herrlichen Versicherung, daß ich bis heute meine
+Seele zu einer Höhe gehoben habe, wo die Ereignisse ihr nichts mehr antun
+können«. Diese Höhe ist die Gegend, in der über die Unterschiede der
+Bekenntnisse und ihrer äußern Formen hinaus, alle großen religiösen
+Gemeinschaften sich zusammenfinden, wo der eitle Schein verschwindet, wo
+der Mensch allen Behauptungen und Forderungen des Ichs ein _Nein_
+entgegenstellt und sich an das hält, was »wirklich ist«. »Unsere Leiden
+kommen daher, daß unsere schwache menschliche Geduld unseren Bedürfnissen,
+wenn auch den edelsten, zugewandt ist. . . . halte dich dabei nicht auf,
+den Wert der Persönlichkeit derer, die am Leben bleiben, derer, die gehen
+zu betrachten; das heißt die Dinge auf der menschlichen Wagschale abwägen.
+Man muß aber in uns die gewaltige Menge dessen unterscheiden, was besser
+ist als das Menschliche.« (30. Oktober.) Im Grunde ist der Tod machtlos,
+weil auch er ein eitler Schein ist und »Nichts vollständig verloren ist.«
+So findet dieser junge Franzose, der übrigens die Sprache des Christentums
+nicht vergessen hat, in den Schrecken des Krieges den Stoicismus Mark
+Aurels wieder, jene Tugend, »die weder Geduld noch allzu großes
+Selbstvertrauen ist, sondern ein gewisser Glaube an die Ordnung der Dinge,
+ein gewisses Vermögen, bei jeder Prüfung zu sagen, _daß es so recht ist_.«
+Und jenseits des Stoicismus ahnt er und erreicht den uralten, erhabenen
+Gedanken Indiens, der die Erscheinungen und trennenden Unterschiede
+leugnet, und dem Menschen seine eigene Person und die ganze Welt zeigend,
+ihn lehrt, daß er von der einen sage: »Das bin ich _nicht_«, von der
+andern: »_Das bin ich_.« Ergreifende Begegnung: durch alle Entfernungen der
+Jahrhunderte und Völker hindurch setzen die Betrachtungen dieses
+französischen Soldaten vor dem Feinde, den er morgen angreifen wird, den
+seltsamen Zustand der Verzückung fort, in den der Krieger der Bhagavad
+Gîta[*] zwischen zwei Heeren, die aufeinanderprallen sollten, sich
+versenkte. Auch er sieht in der menschlichen Unruhe einen Traum, der uns
+den Anblick der höhern Ordnung und der göttlichen Einheit verschleiern
+wollte. Auch er hat sein Vertrauen in die Dinge gesetzt, die »weder Geburt
+noch Tod kennen«, in das was »nicht geboren, unverwüstlich ist, was nicht
+getötet wird, wenn der Leib getötet wird«. Das ist das ewige Leben, dessen
+Wirken sich fortpflanzt, stets gleich durch alle Formen hindurch, die es
+erzeugt, in jeder bestrebt, sich zu mehr Licht, Frieden, Bewußtsein zu
+erheben. Und dieses Ziel bedingt das Gesetz eines jeden denkenden Wesens,
+die Aufopferung seiner selbst zum Besten des allgemeinen und endlichen
+Wohles; daher bei dem Gedanken an das wirksame Opfer, jene tiefe
+Befriedigung derer, die ihr Leben hingeben, die für die Sache des Lebens
+fallen: »Sage M. . . ., wenn das Schicksal die Besten trifft, daß das nicht
+ungerecht ist: diejenigen, die weiterleben, werden dadurch gebessert
+. . . Ihr wißt nicht, welche Lehre uns der gibt, der fällt. Ich weiß es
+aber.« Und das Opfer ist noch vollständiger, wenn das Leben geben, wenn auf
+sich selbst verzichten, zugleich bedeutet auf das verzichten, was man mehr
+liebte als sich selbst, dem man mit seinem ganzen Leben hatte dienen
+wollen. »Fahnen der Kunst, der Wissenschaft,« die er als Kind vergötterte,
+die er zu tragen angefangen hatte, mit welchem stolzen, vertrauensvollen
+Schauer! Der Mensch lerne ohne Klage zu sterben! »Es genüge ihm zu wissen,
+daß die Fahne wird getragen werden!«
+
+[Fußnote *: »Lied der Gottheit,« Episode des Mahâbhârata. (D. Übers.)]
+
+Der schlichte, gewöhnliche Gehorsam der gegenwärtigen Verpflichtung, das
+ist auch der praktische Abschluß der höchsten Weisheit der Indier, nachdem
+sie den Wahn des Scheins entschleiert hat. Sich nicht in die Einsamkeit und
+Untätigkeit zurückziehen, weil man den Wahn erkannt hat, mit seinen Brüdern
+kämpfen, an seinem Platze und Range, mit offenen Augen, ohne Hoffnung auf
+Ruhm und Gewinn, einfach weil das Gesetz es so will, das ist der Befehl,
+den der Gott dem Krieger Arjuna gibt, als dieser zweifelt, ob er von der
+Betrachtung des Ewigen dem menschlichen Schreckbild der Schlacht sich
+zuwenden solle. »Für jedes Wesen ist Gesetz, das Werk zu vollführen, das
+seine eigene Form ihm vorschreibt. Jeder unterziehe sich dem Handeln, da er
+ein Teil ist dieser Natur, deren Beschaffenheit ihn zum handeln zwingt!«
+Arjuna spanne einfach seinen Bogen mit den andern Kshettryas! Der junge
+Franzose hatte keinen Augenblick gezweifelt. Aber in seinen Briefen sehen
+wir, wie er mitten in den Schrecken des Gemetzels und in den geduldigen und
+langweiligen Arbeiten des Minenganges oder des Schützengrabens seine Blicke
+»auf das Ewige« stets zu richten wußte.
+
+Ich möchte nicht länger bei diesem Vergleiche verweilen. Vielleicht hat er
+durch einige Auszüge aus dem Ramayana den erhabenen Gedanken des uralten
+Asiens vermuten können. Und doch zeigt in der ganz modernen Färbung, in den
+bestimmten Formen und dem so französischen Fluß der Sprache die Seele, die
+sich in diesen Briefen offenbart, wie die Amiels, Michelets, Tolstois,
+Shelleys, eine tiefinnerliche Verwandtschaft mit dem zarten und mystischen
+Genius Indiens. Seltsame Verwandtschaft, die sich nicht allein in dem
+tiefen Gefühl und Verlangen nach dem Allgemeinen und Ewigen offenbart,
+sondern auch in dem unmittelbaren Mitempfinden mit allem, was Leben ist, in
+den Ergüssen der Liebe zu der großen mütterlichen Seele der Natur und allen
+ihren Erscheinungen.
+
+»Liebe«, das ist eines der Wörter, die am meisten in diesen Briefen
+wiederkehren. Liebe zu jenen Gefilden, jener Ebene, über die die Morgen und
+die Abende wie innere Regungen über ein Antlitz ziehen, Liebe zu den
+Bäumen, deren Bewegungen fast menschlich sind, -- einem gewissen, unter
+seinen Wunden männlichen, geduldigen Baume, »der einem Soldaten gleicht,«
+-- Liebe zu den hübschen Tierchen der Felder, die im Schweigen des frühen
+Morgens am Rande der Schützengräben spielend sich bewegen, -- Liebe zu
+allen Dingen am Himmel und auf Erden, jenem beseelten Himmel, jener
+französischen Landschaft mit ihrer so übersichtlichen, so schlichten
+Linienführung, Liebe zumal zu denen, die er neben sich geduldig leiden und
+kämpfen sieht, zu den ernsten Bäuerinnen der Champagne, die alle ihre Söhne
+hingaben, die schweigen, ihre Tränen trocknen und die Arbeit der Vorfahren
+auf den Ackern, in den Weinbergen weiterführen, zu jenen Kameraden, deren
+»Scherze oder Lieder« kein Elend entmutigt, »braven Leuten, denen mein
+schönes Künstlergewand arg hinderlich wäre, ihre Pflicht ehrlich zu tun,
+wie sie sie tun«, -- zu allen jenen einfachen Menschen, die Frankreich
+ausmachen, mit denen man sich so gerne vereint fühlt. Liebe zu allen
+Lebenden (man fühlt wohl, daß er nicht hassen kann, auch nicht den Feind,
+Fleisch von seinem Fleisch, das, wie er selbst, an diese Erde sich
+anklammert, das in demselben Maße duldet). Und dann Liebe zu den Toten,
+deren Anblick er aufsucht, deren stille, von Schweigen und Geheimnis
+schwere Schönheit, sich in langer Betrachtung diesem eindringlichen Auge
+offenbart.
+
+Durch diese der innerlichen, geistigen Bedeutung der Dinge zugewandte
+Aufmerksamkeit, erscheint uns dieser Maler in seinen Briefen besonders als
+ein Dichter, -- ein religiöser Dichter, der in der Welt das Wesen der Dinge
+erfaßt, alle unaussprechlichen Arten des Seins; auch als ein Musiker, der
+in den Schützengräben mit Beethoven, Händel, Schumann, Berlioz
+zusammenlebt, deren Melodien und Gedanken er in sich trägt -- den »die
+schönsten Symphonien mit ihrer Orchesterbegleitung« berauschen. Innere
+Reichtümer, geheime Mächte des Trostes und der Freude, die in den trübsten
+Stunden, in der Nacht und dem Schlamm der langen winterlichen Wachen, so
+nahe zu der Seele zu reden vermögen oder sie mit einem Male in solche Höhen
+und solche Fernen forttragen. Schumann, Beethoven: zwischen diesen
+unsterblichen Geistern, die nur für alle Menschen zu singen wußten, und den
+unmenschlichen Pedanten, welche die Schönheit des Krieges und das starre
+Recht der Gewalt predigten, was bleibt noch Gemeinsames übrig? Haben wir
+sie nicht uns zu eigen gemacht, diese Genien, dadurch, daß wir sie immer
+tiefer verstanden und in uns eindringen ließen? Sind sie nicht unsere
+Freunde geworden? Begleiten sie uns nicht in alle gesegneten Einsamkeiten,
+in denen unser wahres Ich wieder zu leben beginnt, unsere innere Quelle
+wieder fließt?
+
+Den Größten von Allen ruft eine Schar französischer Soldaten wach, drei
+Tage vor der Schlacht, die sie voraussehen, in der mehrere verschwinden
+sollten. Sie sind in der Tiefe einer unterirdischen Kasematte: »Dort
+erwartet man in völliger Dunkelheit die Nacht zum Aufbruch. Plötzlich haben
+wir, meine Kameraden, die Unteroffiziere und ich, die Schauer der neun
+Symphonien von Beethoven erweckt! Eine unaussprechliche Begeisterung
+beseelte uns.« Dieser fast heilige Gesang, diese heroische Begeisterung in
+einem solchen Augenblick, wie widerlegen sie die immer wiederholten
+Theorien der Deutschen über die Grenzen des französischen Gefühls! Welcher
+Dichter eines andern Volkes hat die Natur mit einem brüderlicheren Auge,
+mit einem tiefern Widerhall im Herzen betrachtet, als der dessen Innerstes
+sich hier ausspricht?
+
+ * * *
+
+Diese Tag für Tag geschriebenen und aus dem Schützengraben oder dem
+Quartier geschickten Briefe bilden zusammen eine fortschreitende Folge,
+gleichsam eine Dichtung oder einen Gesang. Ein tiefes inneres Leben birgt
+sich darin: das Leben einer Seele, die wir in der Eintönigkeit dieser
+außerordentlichen Verhältnisse, in denen sehr oft jedes Ereignis fehlt,
+über den gewöhnlichen Gedankenkreis sich erheben, sich selbst übertreffen
+und, je näher die schwersten Prüfungen herankamen, in Friede und heitere
+Ruhe sich hüllen sehen (Februar-April). Man muß diesen seelischen
+Fortschritt verfolgen, den er mit einem unerschütterlichen Willen leitet.
+Es gibt keine ergreifendere Geschichte eines inneren Erlebens. Sein ganzes
+Bemühen ist sich »anzupassen«, und wie fürchterlich es ihm oft wird, das
+spürt man unter der gewöhnlichen Ruhe und Schlichtheit des Ausdrucks. Er
+ist Dichter und Künstler; er hat das Leben aufgefaßt, er hat sich
+entwickelt in einer dem Manne der Tat entgegengesetzten Richtung. Seine
+ganze Bildung, seine besondern künstlerischen Übungen hatten als Folge die
+Verfeinerung einer an sich schon angebornen äußersten Zartfühligkeit. Aus
+innerm Drange und einem selbstgewählten Gesetze folgend, hat er die
+Einsamkeit und Beschaulichkeit aufgesucht. Er fühlt und weiß wohl, daß er
+nur lebt, um ein bestimmtes Abbild der Welt zu sein, und hat sich immer,
+dem innern Triebe gehorchend, bemüht, in sich selbst die reine Form und
+ursprüngliche Wölbung des Spiegels zu bewahren und zu vervollkommnen, der
+eine Neigung hat sich unter den Einflüssen der Umgebung zu verzerren und zu
+trüben. Jetzt heißt es im Gegensatz zu dem eigenen Gesetze leben, und zwar
+nicht weil die Not dazu zwingt, sondern durch einen freien Willensakt. Es
+heißt nun dieses Ich, das sich sorgfältig außerhalb der Welt und der Welt
+gegenüber bewahrt hat, preisgeben, ohne Murren es in das dichteste Gewühl
+werfen, Tag und Nacht nur noch in dem Atem und dem Gedränge der
+Soldatenschar leben, und sich dabei einer rein körperlichen Tätigkeit
+unterziehen für die furchtbaren Aufgaben des Krieges. Und für ein solches
+Dasein, das er von seinem frühern Standpunkte aus als ein Sklavenleben
+betrachtet hätte, muß er als den einzig möglichen Ausgang den Tod ansehen,
+in absehbarer Zeit. Er muß sich daran gewöhnen, in seinem verflossenen
+Leben, -- jenem Leben, das seine Künstlerträume und Hoffnungen
+erleuchteten, das wie in einem Rausch allen Regungen und dem Pulsschlag des
+Lebens des Weltalls entsprach -- nur noch einen Traum zu sehen, einen
+Traum, der entschwunden ist und nie zurückkehren wird.
+
+Das nennt er »sich anpassen«, und wie oft kehrt dieser Ausdruck in seinen
+Briefen wieder! Denn er bezeichnet die Pflicht, eine Pflicht, deren
+Schwierigkeit sich an dem Abstand zwischen Gegenwart und Vergangenheit
+bemessen läßt, zwischen dem angeborenen Trieb einer Seele und der
+Selbstüberwindung, die sie sich auferlegen will. »In voller Schaffenskraft,
+in dem Augenblick, wo das Leben für ihn eine Zeit fortwährender Blüte
+wurde, wird ein junger Mann herausgerissen und auf einen trockenen Boden
+verpflanzt, wo Alles von seiner gewohnten Nahrung ihm fehlt. Nun denn! von
+dem Augenblick an, wo nach dem ersten Riß das Leben ihn nicht verlassen
+hat, bemüht er sich aus den dürftigen Säften seines neuen Bodens zu
+schöpfen. Die Anstrengung verlangt eine Anspannung aller Kräfte, die keinen
+Raum läßt für die Erinnerungen und Hoffnungen . . . Ich erreiche es, außer
+in rasch unterdrückten Stunden der Empörung, wo die Gedanken, die
+Handlungen meines vergangenen Lebens sich erheben, wie wenn ich sie nicht
+vergessen hätte. Ich brauche dann meine ganze Kraft, um meine
+herzzerreißenden Erinnerungen in der Ergebung in den gegenwärtigen
+Augenblick zu ertränken.« Dazu braucht es eine rastlose Anstrengung. Denn
+»sich anpassen« bedeutet für ihn nicht sich durchgreifend verwandeln, indem
+er den Einflüssen der neuen Umgebung nachgibt. Durch die fortgesetzte
+Tätigkeit seiner Lebenskraft will er, im Sinne seiner eigenen
+Persönlichkeit, den Stoff umgestalten, den er aus dieser Umgebung zieht; er
+will darin die Mittel finden trotz Allem in der Richtung seines eigenen
+Wesens sich zu nähren und weiter zu bestehen. Er will Allem entsagen und
+das Wesentliche bewahren, weil sein Ich weiter erhalten bleibt, treu dem
+selbstgeschaffenen Ideal, fähig nicht allein zu leben, sondern noch zu
+blühen, teilzunehmen an dem allgemeinen Fluß des Lebens, der sich in der
+Natur in rastlosem Erblühen offenbart, im Menschen in Regungen der Liebe,
+der Kunst, der Poesie. Um dieses Ziel zu erreichen, gilt es, unter den
+Drohungen und in den Unruhen des Krieges, sich für jede Erscheinung des
+Schönen empfänglich zu erhalten. Denn das Schöne ist für diesen frommen
+Dichter das Göttliche, das mehr oder weniger deutlich in allen Dingen
+durchleuchtet; daher auch die Kraft, die er in der Betrachtung des Schönen
+schöpft, die ihn allmählich über die Zufälligkeiten des Einzelwesens
+hinaushebt. Um den Eindruck voll zu empfangen, um in sich alle Unruhe zu
+bannen, muß er der Vergangenheit und der Zukunft Lebewohl sagen, nichts
+beklagen, nichts erhoffen, nur noch im »gegenwärtigen Augenblick« leben,
+der an diesen Segnungen reich ist. »Ich nehme alles aus der Hand des
+Schicksals an, ich habe ihm aber Alles genommen, was es in den Falten eines
+jeden Augenblickes an Glück birgt.« In diesem Zustand der Einfalt, der fast
+der Zustand der Gnade ist, tritt er mit der lebendigen Wirklichkeit dieser
+Welt in Berührung. »Laßt uns essen und trinken von Allem was ewig ist; denn
+morgen sterben wir Allem ab, was menschlich ist«.
+
+Diese Befreiung der Seele ist nicht sofort erreicht. Die ersten Briefe sind
+sehr schön; aber was sie lehren, erfahren wir auch aus fast allen Briefen
+unserer Soldaten. Er schildert den Seinen die Begeisterung der Soldaten,
+ihre innige Gemeinschaft in einem einzigen flammenden Gedanken, die
+gebieterische Pflicht, seinen eigenen Willen, »ein aufrechtes Gewissen
+soweit zu tragen, als seine Füße es zu führen vermögen« (25. August 1914).
+Aber schon sieht man, wie er sich bemüht, die Richtung seines inneren
+Wesens gegen die Einflüsse und Aufreizungen des Haufens zu behaupten. Es
+gelingt ihm. Indem er sich bewahrt, sich absondert »soviel er vermag«,
+mitten unter den andern, stellt er fest, daß er in geistiger Beziehung
+unberührt ist. Aber noch ist er zwischen den Kasernenmauern oder schreibt
+in Bahnhöfen, an den Haltestellen einer endlosen Eisenbahnfahrt (»vierzig
+Mann in jedem Wagen«). Um ihn wirklich kennen zu lernen, wartet bis er in
+der Kriegszone angelangt, im Quartier, dann in der Feuerlinie, während der
+langen Stunden der Wachen und auf Posten, mit der Erde wieder in Berührung
+getreten ist. Sobald er den Hauch der weiten Ebene eingeatmet, erwacht sein
+angeborener Trieb »Schönheit zu gewinnen«, und vor den Schatten, in die die
+Zukunft sich versenkt, sie »soviel und so schnell wie möglich zu gewinnen«.
+»Ich habe im Schlamm Blumen gepflückt, bewahrt sie zur Erinnerung an mich
+auf,« schreibt er an einem Tage dunkler Vorahnung (11. Februar).
+Bezeichnend für ihn ist, daß er in der Eintönigkeit der Tage im
+Schützengraben, wenn die Gefahr das Geschwätz nicht aufkommen läßt, sie am
+häufigsten findet, jene Wunderblumen. Dann kehrt der innere Friede wieder
+ein, während des Schweigens, das diese Männer befällt, und er kann »seine
+Seele frei mitschwingen lassen«, und gleich empfindet man den
+eigentümlichen Widerhall. Diese Seele hatte zunächst nur die Klänge des
+Mutes und der Brüderlichkeit für uns wiederholt, die sich von unsern Heeren
+gleichmäßig erheben. Jetzt befindet sie sich mitten im Kriege, den ewigen
+Dingen wieder gegenüber, und plötzlich glaubt man zum ersten Male den
+Urklang und die unendliche Feinfühligkeit einer kaum berührten Saite zu
+vernehmen. Aber diese Klänge bleiben nicht zufällig und unzusammenhängend;
+bald setzen sie sich zu einer Melodie zusammen, die immer bestimmter,
+voller, von ergreifender Bedeutung schwerer wird, je mehr er durch eine
+tägliche Übung es lernt, sich von den drückendsten Umständen besser
+auszuschließen. Ein ganz unpersönliches Ich scheint sich jetzt von dem
+körperlichen Ich, das sich abmüht und Gefahren besteht, loszulösen, und die
+Dinge ohne innere Teilnahme zu betrachten, und auch dieses andere Ich, das
+an seinem Platze steht in der allgemeinen Ordnung, zu beobachten, eine
+vergängliche Welle in der Flut, die eine geheimnisvolle Vernunft leitet.
+Seltsame Fähigkeit, ein Doppel- und Traumleben zu führen! Es gelingt ihm,
+sie in der Schlacht selbst zu üben, wo seine Tapferkeit und seine
+militärische Tätigkeit ihm die Glückwünsche seines Vorgesetzten eintragen.
+In dem Höllenschlund, in dem sein Fleisch sich auflösen könnte, hört er
+nicht auf zu schauen, und am nächsten Tage kann er schreiben: »Nun, es war
+interessant!« Und er fügt hinzu: »Was ich Persönliches bewahrt hatte, war
+eine gewisse Empfänglichkeit des Auges, die mich befähigte gewisse Bilder
+in mich aufzunehmen, deren ergreifende Wirkung sich unmittelbar in ebenso
+»künstlerischer Weise« zusammenfügte, wie jede andere menschliche
+Zusammenstellung. Aber gewöhnlich habe ich in diesen Augenblicken nie die
+Absicht aufgegeben zu sehen »wie es gemacht ist« (14. März). Dann offenbart
+sich ihm die Bedeutung der Gewalttätigkeit. Dieser zarten sinnigen Natur
+flößt sie Grauen ein. Deswegen vielleicht frägt sein Geist nach dem Warum.
+Durch die Gewalttätigkeit wird eine unvollkommene und vorübergehende
+Ordnung durchbrochen und die Erscheinungen, die im Begriff waren zu
+erstarren, kommen wieder in Fluß. Das Leben beginnt wieder und eine höhere
+Ordnung wird ermöglicht. Auch hier ist Annahme, Unterwerfung unter die
+Vernunft der Welt, Vertrauen in das, was sich verwirklicht, die Lösung, zu
+der er immer wieder gelangt.
+
+Das sind Augenblicke der eigentlichen Beobachtung, reiner Überlegung, in
+die sich die Regungen des Künstlers und des Dichters nicht mischen. Solche
+Augenblicke sind nicht selten bei ihm; aber dann handelt es sich immer um
+die Welt und menschliche Ereignisse. Sie entstehen vor einem Kriegsbilde,
+einem Charakterzug, bei einer Lektüre, einer künstlerischen oder
+geschichtlichen Erinnerung (oft ruft er eine Bibelstelle wach und im
+ärgsten »Wirrwarr« schöne Bilder aus der griechischen Mythologie). Man
+bewundert diese heitere Willenskraft eines Geistes, der es verstanden hat,
+sein früheres rein geistiges Leben wieder aufzunehmen. Das ist sehr schön,
+ist aber nicht einzigartig: die große geistige Tätigkeit ist nicht selten
+in Frankreich; andere unter den Soldaten haben unter den Granaten
+philosophiert. Was diesen Briefen eine besondere Bedeutung zu verleihen
+scheint, ist der Ausdruck von etwas viel Wesentlicherem, viel Innerlicherem
+als der Gedanke; das Gefühl, das Unendliche und Unbestimmte seiner
+Schattierungen, seine Zusammenklänge mit den Bildern der Landschaft, jene
+Dichtergabe endlich, die mit der musikalischen Begabung zusammenhängt; denn
+sie geht aus demselben Urgrund des Unbewußten im Menschen hervor und strebt
+auch ihrerseits allen verschlungenen Linien des Rhythmus und des Gesanges
+zu. Ich habe schon Shelley aus Anlaß dieses Dichters genannt. Was uns eine
+Bemerkung wie die folgende offenbart, ist die Vereinigung mit dem Innigsten
+und Unaussprechlichsten in der Natur, wie wir sie bei Shelley finden:
+»Namenloser Tag, ohne greifbare Gestalt, in dem trotzdem geheimnisvoll der
+Frühling zu quellen anfängt. Warme Luft in der Verlängerung der Tage;
+plötzliches Erschlaffen, wie ein Vergehen der Natur.« (3. Februar.) Aus
+Anlaß dieses Frühlingshauches, dieser zu plötzlichen Milde, gebraucht er
+sogar einen der häufigsten Ausdrücke des Wortschatzes von Shelley:
+»Vergehen«.[*] Was er im Grunde erstrebt, wie der große englische Dichter,
+den er nicht gekannt zu haben scheint, ist das Selbstvergessen in der
+lyrischen Stimmung, das unsagbare und selige Gefühl des Ichs, das in dem
+betrachteten Gegenstand sich selbst auflöst. Was für ihn im Laufe dieser
+Wochen zählt, was er später ins Gedächtnis zurückruft, was er wiederfinden
+möchte, um es nie wieder zu verlieren, das sind jene Höhepunkte, da er sich
+selbst vergessen durfte, weil er das Unaussprechliche empfunden hatte. Der
+einfachste Gegenstand der Natur kann ihm solche Augenblicke schenken. Zum
+Beispiel in dieser plötzlichen Erleuchtung: »Ich empfand nicht wie früher
+den Segen Gottes, als plötzlich ein schöner, so schöner Baum zu meinem
+Herzen sprach, . . . und ich habe begriffen, daß eine Stunde in dieser
+Betrachtung das ganze Leben ist.« Und andauernder, stärker schwingend ist
+manchmal die innere Erregung, wie wenn der Bogen bis an die Spitze auf
+einer feinfühligen Geige eine langgezogene verzückte Melodie entwickelt:
+»Welche Lust, dieses stets innige Mitschwingen im Schoße der Natur! Gestern
+abend sah ich denselben Horizont, den wir erwachen sahen, in rosiges Licht
+gebadet; dann ist der Vollmond in einem zarten Himmel aufgegangen, auf dem
+die Bäume, wie Korallen und Safran, in zackigen Linien sich abzeichneten.«
+(2. November.) Und wahrlich es klingt wie ein Entzücken in jener
+erstaunlichen Weihnachtsnacht, deren Erinnerung alle, die damals auf der
+Front waren, bewahren werden, -- einer feierlichen, ganz blauen Nacht, voll
+Gestirne und Gesänge, in der die Ordnung und göttliche Einheit des Weltalls
+den Augen der Menschen sich zu offenbaren schien, die einen Augenblick aus
+ihrem Traum des Hasses und des Blutes erwachten und auf den beiden
+Schützenlinien zu singen begannen: »_Hymnen, Hymnen überall_«
+
+[Fußnote *: Défaillance; vergl. Shelley: faint, »my faint heart«, . . . »I
+faint, i perish with my love«. (Der Übersetzer.)]
+
+Doch, im Februar, Gemetzel, deren zunehmende Greuel einige knappe
+Aufzeichnungen mit genügender Schärfe ahnen lassen. Dann nehmen die
+Erzählungen eine raschere Bewegung an; man fühlt die schnellen Rhythmen und
+raschen Ansätze der Handlung, den herrischen Zwang rascher
+Pflichterfüllung, da der junge Sergeant die Verantwortung von Menschenleben
+trägt und furchtbaren, abgegrenzten Aufgaben gegenübersteht. Stets aber, im
+Getümmel des Gemetzels, und in der Eile des Dienstes, plötzliche und
+seltsame Augenblicke des Träumens und des Mitleids; und dann abends, welche
+unendliche Ruhe unter den Toten! In dieser Zeit hören die Aufzeichnungen
+über das Landschaftliche auf; die Beschreibung wird militärisch, technisch,
+oder aber der Gedanke verläßt die Erde. Einmal, gegen Ende, ein einziges
+Mal, ein Rückblick auf die eigene Person, eine kurze ergreifende Klage,
+beim Gedanken an die frühern Hoffnungen, an sein verlornes Künstlerschaffen
+und an die unendliche Größe des auferlegten Opfers: »Wie lang ist dieser
+Krieg für Menschen, die zweifellos eine Aufgabe zu erfüllen hatten! . . .
+Warum bin ich so aufgeopfert, während so viele, die mir nicht gleichkommen,
+geschont werden? und doch hatte ich etwas Gutes auf Erden zu tun! . . .«
+Herzzerreißender Seufzer, der uns noch mehr ergreift als die erhabenen
+Äußerungen dieser Seele, weil die bis dahin unterdrückte Qual plötzlich
+hervorbricht, -- die ganze Hülflosigkeit des Menschen, die unsrige, bekennt
+sich hier, am Vorabend einer Passion -- wie bei dem göttlichen Vorbilde.
+Mitunter ein Zweifel, der andauernde Anblick des Todes, die Müdigkeit, die
+ewige Trostlosigkeit des Regens und des Schlammes, die in ihm den
+Lebensdrang und den sehnsuchtsvollen Aufschwung des Geistes hemmen. Er war
+die junge Pflanze, von der er einmal spricht, die wuchs, nach dem Duft und
+der Pracht ihrer Blume sich sehnte, ihres Gottes sicher war, weil sie nur
+ihn, in sich lebend und wirkend, fühlte. Aber plötzlich spürt sie den
+Schauer, die Drohung der erbarmungslosen Kräfte. Wenn das Weltall leer,
+wenn in dem Endlosen dieser äußeren Welt, unter dem glänzenden Schein,
+nichts als eine gefühllose Notwendigkeit wäre? Wenn auch das Opfer
+Täuschung wäre? »Ich komme in die dunkeln Tage, wo das Nichts das letzte
+Ende aller Dinge zu sein scheint, während alles in meinem Leben die reiche
+Fülle des Weltalls mir bezeugte.« (2. Februar.) Und er stellt sich die
+qualvolle Frage: »Ist es überhaupt sicher, daß die sittliche Anstrengung
+ihre Früchte trägt?« Es ist wie wenn Gott ihn verließe. Doch diese
+Verdunkelung seiner inneren Erleuchtung vergeht rasch. Er findet die
+lichten stillen Höhen wieder, die er nur verläßt, wenn die Pflicht und der
+Kampf rufen, jene Höhen, nach denen er sich sehnte, als er schrieb: »Ich
+möchte, daß, wenn Ihr an mich denkt, Ihr das Bild von denen wachruft, die
+Alles verlassen hatten, . . . die den nächsten Verwandten nur noch in der
+Erinnerung bekannt waren, von denen sie sagten: »Wir haben einen Bruder
+gehabt, der vor langen Jahren von der Welt sich zurückgezogen hat.« (13.
+Januar) Wie seltsam der heitere Friede dieser Höhen ist, wie sehr von ihm
+selbst und allem Irdischen seine Betrachtungen losgelöst waren, das lassen
+zwei kleine Züge beurteilen: Er hat einmal nachts aus einem »mit
+menschlichen Körperteilen« und weiter in der Ferne mit Feuersbrünsten
+übersäten Schlachtfelde, unter dem von Sternen funkelnden Himmel, als
+Lagerstätte eine Aushöhlung gefunden, von der aus seine Augen die
+Mondsichel beobachten und das Kommen des Tages erspähen. Von Zeit zu Zeit
+platzt eine Granate, Erdschollen bedecken ihn, dann sinkt wieder Schweigen
+auf die erstarrte Erde nieder: »Ich habe sie teuer erkauft, ich hatte aber
+Augenblicke einer Einsamkeit, die von Gott erfüllt war.« (28. Februar.) An
+einem Abend irrt er nach fünf Schreckenstagen herum (»wir haben keine
+Offiziere mehr, alle sind als tapfere Soldaten gefallen«) und steht
+plötzlich vor dem ausgestreckten Leichnam eines Freundes. »Weißer
+herrlicher Leichnam im Mondlicht . . . Ich habe in seiner Nähe ausgeruht.«
+(22. Februar) In der Unbeweglichkeit der Natur, neben diesem Toten, hat er
+die innere Ruhe gefunden; er empfindet nur Friede und Schönheit.
+
+ * * *
+
+Diese Briefe sollen anonym bleiben, wenigstens solange man die Rückkehr des
+Verschwundenen erhoffen kann. Es genügt zu wissen, daß sie von einem
+Franzosen geschrieben sind, der mit Liebe und Glauben an den gemeinsamen
+Mühen und Gefahren teilgenommen hat, und froh war, in den Leiden und der
+Hingabe Aller die eigene Person zurücktreten zu lassen. Durch eine Gnade,
+auf die er kaum gefaßt war, als er die unberührte Stille seines
+Künstlerheimes mit dem Schweiß, dem schweren Dienst und der Unruhe des
+Soldatenlebens vertauschte, hat er ohne Zweifel hier sein Bestes offenbart,
+und man kann sich fragen, ob es ihm im regelmäßigen Verlauf eines
+abgeschlossenen Künstlerdaseins, je vergönnt gewesen wäre, mit dieser Fülle
+sein Wesen auszudrücken. Die ihn lieben, finden in diesem Gedanken den
+Trost, der ihnen helfen kann, Alles geduldig hinzunehmen. Seine Seele ist
+in diesen Briefen vielleicht wesentlicher und schöner, als sie selbst sie
+je gekannt haben. Auch Mark-Aurel schrieb im Verlauf eines Krieges seine
+Gedanken nieder. Vielleicht braucht es das Äußerste, um den Seelenadel des
+Menschen zu zwingen sich zu offenbaren; dann staunt man darüber, was die
+Seele in sich selbst entdecken kann, um es dem Schmerz und dem Tode
+entgegenzustellen. So offenbarten sich in den Tagen der Prüfungen so manche
+unserer Söhne und es erstand, zum Erstaunen seiner selbst und der ganzen
+Welt, das Wunder jenes Frankreichs, das noch nicht wußte, was es Alles
+bedeutete. Dadurch berühren uns solche Briefe so tief. Derjenige, der sie
+schrieb, hatte seine Seele mit dem Grundton der Allgemeinheit in Einklang
+gebracht. Unter dem mystischen Ausspinnen der Melodie, das sein eigenes
+Wesen in diesen Grundton hineinbringt, finden wir den erhabenen Gedanken
+wieder, den mehr oder weniger deutlich ausgedrückt, unsere Söhne und Brüder
+von der Front zu uns trugen, die hehre Melodie, die heute noch von dem
+ganzen kämpfenden Frankreich aufsteigt. In allen zur Erfüllung der hohen
+Pflicht versammelten Kameraden hatte er deutlich erkannt, was er Tiefes und
+Schönes in sich selbst entdeckte, und deswegen spricht er immer von ihnen,
+besonders von den einfachsten, mit soviel Liebe und Ehrfurcht. Was ein
+solches Leben, fern von den gewöhnlichen Sorgen und ehrgeizigen Träumen, so
+rauh, so kümmerlich mitten unter den ewigen Erscheinungen, ihnen allen
+bringt, ist eine bis dahin unbekannte »Großzügigkeit in den Bewegungen und
+Gedanken«, »die heitere Ruhe des Gewissens« und die Frische einer
+Empfänglichkeit, die sich allen Erscheinungsformen der Natur harmonisch
+anpaßt. Sie spiegeln nur noch die Natur in sich wieder. Weil sie sich
+selbst hingegeben und vergessen haben, hat sich für sie Alles in
+wunderbarer Weise vereinfacht. Sie erlangen die Durchsichtigkeit der Seele
+und die Erleuchtung der Kindheit wieder. »Wir verleben kindliche Tage, wir
+sind Kinder geworden«. (24. Dezember.)
+
+Diese Verjüngung des Herzens, unter der täglichen Drohung des Todes, diese
+kindliche Ahnungslosigkeit in der täglichen Erfüllung der heroischen
+Pflicht, ist das nicht ein Zustand, der an die Gottseligkeit grenzt?
+
+ André Chevrillon.
+
+
+
+
+Briefe eines Soldaten
+
+
+Den 6. August 1914.
+
+ Teuerste Mutter!
+
+Das sind die ersten Tage meines sehr bewegten kriegerischen Daseins; aber
+die Müdigkeit, die ich empfinde, ist von dem, was ich erwartete, sehr
+verschieden. Ich lebe in einem Zustand starker nervöser Spannung infolge
+des Mangels an Schlaf und köperlicher Bewegung. Ich führe hier das Leben
+eines Beamten. Ich gehöre zu dem, was man Ersatzmannschaft nennt, d. h. die
+seßhafte Abteilung, welche den regelmäßigen Gang derjenigen Dienstzweige
+sichert, die nie unterbrochen werden dürfen, auch nicht während der
+Abwesenheit der Truppen, und die ferner dazu bestimmt ist, die Lücken
+auszufüllen, die etwa in der Feuerlinie entstehen. Was uns fehlt, ist zu
+wissen, was vorgeht. C.-T. ist eine Stadt, in der man keine Zeitungen mehr
+bekommt.
+
+Den 13. August.
+
+Wir sind ohne Nachrichten; während mehrerer Tage wird es so bleiben, denn
+die Zensur ist außerordentlich streng.
+
+Hier ist das Leben ruhig. Das Wetter ist prächtig und alles atmet Ruhe und
+Vertrauen. Wir denken an die, welche bei dieser Hitze kämpfen, und dieser
+Gedanke läßt uns unsere Lage noch zu schön erscheinen. Die Stimmung der
+Reservisten ist vortrefflich.
+
+Sonntag, den 16. August.
+
+Heute Spaziergang auf dem Ufer der Marne. Liebliches Wetter nach etwas
+Regen. Gar angenehmes Zwischenspiel in diesen unruhigen Zeiten. Wir sind
+immer noch ohne Nachrichten wie Ihr auch, und haben zum Glück einen
+stattlichen Vorrat an Geduld. Ich hatte einiges Vergnügen daran, die
+Landschaft zu genießen, trotz der blauen und roten einbrechenden Flut,
+übrigens machten diese blauen und roten Leute den besten seelischen
+Eindruck. Unsere Ersatzmannschaft wird starke Einbußen erleiden und nimmt
+das mit Ruhe auf.
+
+Den 19. August (aus einem Tagebuch).
+
+Die Eintönigkeit des Soldatenlebens stumpft mich ab, aber ich beklage mich
+nicht.
+
+Nach neun Jahren finde ich dieselben Menschentypen wieder, etwas abgeblaßt,
+gebessert, ausgeglichen, und besonders auf den großen Gedanken hin
+gerichtet, den die Nachrichten aus dem Osten dem Geiste vergegenwärtigen.
+Die gewöhnliche Stubenkameradschaft weicht einem würdigeren Gefühl der
+Zusammengehörigkeit und einem löblichen Streben, sich einander anzupassen.
+Einer der Vorzüge unserer gegenwärtigen Lage ist das Gefühl, daß man Soldat
+spielen kann in dem Bewußtsein, seine Zeit nicht zu vergeuden. Diese Summe
+von kindlichen und wenig anstrengenden Beschäftigungen, die alle einen
+unmittelbaren Nutzen und Erfolg haben, stellt das geistige Gleichgewicht
+wieder her und beruhigt die Nerven. Dazu kommt noch der mächtige Deich, der
+alle diese Männer in Schranken hält, ein tiefes und unbestimmtes Gefühl der
+Brüderlichkeit, das alle Herzen denen zuwendet, die kämpfen. Jeder fühlt,
+daß die kleine Unbequemlichkeit, die man zu ertragen hat, nur ein schwaches
+Opfer ist im Vergleich zu dem entsetzlichen Aufwand von allen Kräften und
+aller Hingabe, die der Grenze zustreben.
+
+Den 25. August.
+
+Dieser Brief wird um wenige Augenblicke unserm Abmarsch vorausgehen. Der
+furchtbare Zusammenstoß erfordert unsere Gegenwart bei denen, die bereits
+im Kampfe stehen. Ich verlasse Euch, Großmutter und Dich, in der Hoffnung
+Euch wiederzusehen und in der Zuversicht, daß Ihr alles gutheißen werdet,
+was mir als meine Pflicht erscheinen wird.
+
+Nichts ist verloren und besonders nichts hat die Einsicht in unsere
+Bestimmung erschüttert. Sage denen, die mich ein wenig lieben, daß ich an
+sie denke. Ich habe keine Zeit jemandem zu schreiben. Meine Gesundheit ist
+vortrefflich.
+
+. . . Nach einer solchen Erschütterung kann man sagen, daß unser
+vergangenes Leben abgestorben ist. Laß uns also, liebe Mutter, unsere ganze
+Kraft daran setzen, uns einem vollständig verschiedenem Leben anzupassen,
+Du und ich, wie lange es auch dauern mag.
+
+Sei überzeugt, daß ich keine Gelegenheit aufsuchen werde, die unser Glück
+aufs Spiel setzen könnte, daß ich mich aber bemühen werde, meinem Gewissen
+und dem Deinen genug zu tun. Bis jetzt habe ich mir nichts vorzuwerfen, und
+ich habe den Willen auszuharren.
+
+Den 25. August (zweiter Brief).
+
+Zweiter Brief um Dir mitzuteilen, daß statt des unsrigen Pierres Regiment
+fortzieht. Ich hatte die Freude ihn vor mir vorbeimarschieren zu sehen, als
+ich in der Stadt auf Wache war. Ich habe ihn etwa hundert Meter weit
+begleitet. Dann haben wir uns Lebewohl gesagt. Ich hatte den Eindruck, daß
+wir uns wieder sehen würden.
+
+Die Stunde ist außerordentlich ernst; das Land wird nicht untergehen; aber
+seine Befreiung wird um den Preis von furchtbaren Anstrengungen errungen
+werden. Das Regiment von Pierre ist mit Blumen bedeckt und singend
+ausgezogen. Es war für uns ein inniger Trost, daß wir bis zuletzt zusammen
+sein konnten.
+
+Es ist schön von André,[*] daß er seinen Kameraden vom Ertrinken gerettet
+hat. Man kennt nicht die Schätze an Heldenmut, die Frankreich und die
+intellektuelle Jugend von Paris in sich bergen.
+
+[Fußnote *: Unterleutnant André Cadoux, ruhmvoll vor dem Feinde gefallen,
+den 13. April 1915.]
+
+Was unsere Verluste betrifft, so kann ich dir sagen, daß ganze Divisionen
+vernichtet worden sind. Gewisse Regimenter haben keinen Offizier mehr. Wie
+ich empfinde und was ich für meine Pflicht halte, darüber wird dich mein
+erster Brief vielleicht besser unterrichten. Wisse, daß es eine Schande
+wäre auch nur einen Augenblick an die eigene Rettung zu denken, wenn die
+Rasse unsere volle Hingabe verlangt. Meine einzige Pflicht ist ein
+aufrechtes Gewissen soweit zu tragen, als meine Beine es zu führen
+vermögen.
+
+Den 26. August.
+
+ Teuerste Mutter!
+
+Ich habe mich sehr über einen schönen Artikel von Barrès gefreut, »Der
+Adler und die Nachtigall,« der Punkt für Punkt mit dem zusammenstimmt, was
+ich empfinde.[*] Die Ersatzmannschaften enthalten viel Abfall, aber auch
+kraftvolle Elemente, zu denen ich mich noch nicht zu zählen wage; aber ich
+hoffe sehr, daß ich mit diesen ausziehen werde. Der Stabsarzt hatte mich
+vom Tornistertragen entbunden, aber ich trage ihn doch, um mich zu
+trainieren, und halte es gut aus.
+
+[Fußnote *: Siehe Maurice Barrès: L'âme française et la guerre, I. L'Union
+sacrée, Paris. Emile-Paul. 1915. XVI. L'aigle survole le rossignol. »Schon
+unterscheide ich durch welches Aufblühen die junge Literatur, nach den
+Lehren des Krieges, für den Anteil, den sie an dem gewaltigen Kampf nimmt,
+wird belohnt werden.« Aus dem Kriege zurückgekehrt, »werdet Ihr,
+Schriftsteller, Eure Träume übertreffen, wie der Adler über die Nachtigall
+emporfliegt.« (S. 87.)]
+
+Die einzige Versicherung, die ich dir geben kann, betrifft mein
+körperliches und seelisches Befinden, das vorzüglich ist. Der wahre Tod
+wäre in einem besiegten Lande leben zu müssen; für mich besonders, dessen
+Kunst dann vernichtet wäre.
+
+Ich suche die Einsamkeit auf, so oft ich es vermag, und in geistiger
+Hinsicht bin ich wirklich unberührt. Übrigens ist der seelische Stand der
+Mannschaft viel höher als in gewöhnlichen Zeiten; das Unangenehme ist, daß
+die ewigen Wechsel und Versetzungen uns von Quartier zu Quartier
+herumschleppen, und daß das Vertrauen, welches im Erwachen war, vor den
+stets erneuerten uns bekannten Gesichtern stockt.
+
+Den 30. August.
+
+Liebes Mütterchen, wenn wir auch nicht schon gestern fortgezogen sind,
+sicher ist, daß es sich jetzt nur noch um Stunden handeln kann. Ich will
+Dir nichts schreiben von dem, was ich dir schon sagte; genug für mich, daß
+du mir zustimmst, wie ich dessen sicher war. . . .
+
+Je näher die Entscheidung heranrückt, um so mehr verfliegt alle
+Schlaffheit. Bei dem gestrigen sehr anstrengenden Marsch ist ein einziger
+abgefallen und der war wirklich krank. Frankreich wird aus dieser schlimmen
+Lage herauskommen.
+
+Ich kann dir nur wiederholen, wie sehr ich auf jede Wendung der Dinge
+gefaßt bin, und daß nichts unsere siebenundzwanzig glücklichen Jahre
+streichen kann. Ich bin entschlossen, mich nicht als ein vorbestimmtes
+Opfer anzusehen und ich fasse das Glück der Heimkehr ins Auge, bin aber
+bereit bis zum äußersten meiner Kräfte zu gehen. Wenn du ahnen könntest,
+welche Scham ich empfinden würde bei dem Gedanken, daß ich etwas mehr hätte
+leisten können.
+
+Inmitten all dieses Jammers erleben wir herrliche Stunden, in denen die
+Dinge, die uns am Fremdesten waren, eine erhabene Bedeutung erhalten.
+
+Den 4. September, 6 Uhr (unterwegs, im Zug).
+
+Vierzig Stunden einer Fahrt, in der das »malerische« den äußersten Mangel
+jeglicher Bequemlichkeit übertrifft. Die große Frage ist der Schlaf und die
+Lösung ist nicht einfach, wenn man zu vierzig in einem Viehwagen ist.
+
+Jeden Augenblick hält der Zug und wir begegnen den unglücklichen
+Flüchtlingen. Dann die Verwundeten: schöner patriotischer Anblick. Die
+englischen Truppen. Die Artillerie.
+
+Wir wissen nichts mehr, da wir keine Zeitungen mehr haben und wir können
+uns nur an die Gerüchte halten, die in der geängstigten Bevölkerung
+umgehen. Herrliches Wetter.
+
+Samstag, den 5. September (nach 60 Stunden Fahrt in einem Viehwagen:
+40 Mann in jedem Wagen.)
+
+Am selben Tage sind wir an den Ufern der Seine, dem Walde von Fontainebleau
+gegenüber, und an den Ufern der Loire entlang gefahren. Die Schlösser von
+Blois und von Amboise gesehen. Leider verhinderte uns die Nacht daran, mehr
+zu sehen. Könnte ich Dir nur sagen, welche süße Erinnerungen jene
+herrlichen Loireufer in mir wachgerufen haben!
+
+Seid Ihr von diesen schrecklichen Fliegern beschossen worden? Ich denke an
+Euch in solchen Fällen, an die arme Großmutter besonders, die es wahrlich
+nicht nötig hatte solche Dinge zu erleben. Nun, gute Hoffnung! Wir erfahren
+durch die evakuierten Verwundeten, daß in den ersten Tagen des Augusts im
+hohen Kommando Fehler begangen worden sind und daß sie unerbittlich
+bestraft worden sind. Jetzt müssen wir sie wieder gut machen.
+
+Die englischen Truppen kommen in Menge. Wir sind an mehreren vollgestopften
+Zügen vorbeigefahren.
+
+Nun, dieser Krieg wird nicht der militärische Spaziergang sein, wie Viele
+glaubten, wie ich es nie geglaubt habe; er wird aber das Gute in der ganzen
+Menschheit aufgerüttelt haben. Ich erzähle Euch nichts von den herrlichen
+Bildern, die nicht auf den Krieg Bezug haben, doch wird nichts verloren
+sein.
+
+Den. 5. September 1914, 1. Etappe, 66 Stunden Käfig ohne sich
+ausstrecken zu können.
+
+Fortwährend Berührung mit Eisenteilen und Erschütterung -- aber auf die
+gräßliche Nacht folgt dreimal nacheinander der strahlende Morgen und alle
+Müdigkeit verschwindet!
+
+Wir sind kreuz und quer durch die französische Landschaft gefahren, von der
+etwas trockenen, aber so andeutungsreichen Heiterkeit der Champagne bis zur
+üppigen und kraftvollen Seelenruhe der Bretagne. Dazwischen sind wir an den
+rauschenden und feierlichen Ufern der Loire entlang gefahren, und nun
+. . . O mein herrliches Vaterland! Herz der Welt, in dem alles Göttliche
+auf Erden ruht, welch' Ungeheuer zerfleischt Dich? Wesen, dessen Schönheit
+allein eine Herausforderung war . . .
+
+Vorher liebte ich Frankreich in aufrichtiger Liebe, wenn auch etwas nach
+der Art eines Dilettanten; ich liebte es wie ein Künstler, der stolz ist
+auf dem schönsten Fleck Erde zu leben, aber im Grunde liebte ich es etwa
+wie ein Bild seinen Rahmen lieben könnte.-- Es brauchte dieses Entsetzen,
+um mich das Kindliche, das Innige in den Banden, die mich mit meinem Lande
+verknüpfen, fühlen zu lassen . . .
+
+Den 7. September (aus einem Tagebuch).
+
+. . . Wir haben die Fahrt in das Unbekannte angetreten, ohne irgend ein
+vorherrschendes Gefühl, außer etwa einer leidlich schönen Annahme des
+Unvermeidlichen. Doch die weicheren Regungen werden durch den Anblick der
+Opfer des Krieges wachgehalten. Wir sehen besonders Flüchtlinge. Arme
+Menschen! wahrhaft dem Boden Entwurzelte, oder vielmehr welkes Laub im
+Sturm, kleine Seelen in gewaltigen Ereignissen. Ganze Züge von Viehwagen,
+die kaum ihre Bestimmung gewechselt haben. Züge, in denen der Jammer dieser
+Entrissenen sich anhäuft, die, o wie bald, zur Herde werden! Das Elend hat
+sie aller menschlichen Errungenschaften entblößt. Wir bringen ihnen zu
+essen und zu trinken und dabei lernen wir sie kennen: der Mann trinkt, ohne
+an seine Frau, an seine Kinder zu denken. Die Frau erinnert sich ihres
+Säuglings, einige Weiber aber nehmen sich Zeit, ohne um die Hast der andern
+sich zu kümmern. Unter diesen Schiffbrüchigen berührt mich eine wie ein
+Stich mitten ins Herz. Eine siebenundachtzigjährige Greisin, in allen
+diesen Stößen herumgeschüttelt und herumgeschleppt, wird abwechselnd
+heraufgeladen und aus den rollenden Käfigen heruntergeschafft, so zitternd,
+so hülflos, so verloren . . .
+
+Den 10. September (aus einem Tagebuch).
+
+Wir kommen in eine von guten Nachrichten durchkreuzte Gegend: sehr deutlich
+bekomme ich den Eindruck, daß nunmehr das Schicksal Frankreichs gesichert
+ist. Vom amtlichen Bericht, der bündig und bestimmt einen durchgreifenden
+Erfolg versichert, bis zu dem Bündel phantastische Gerüchte, alles trägt
+dazu bei, dieses Vorgefühl zu verstärken.
+
+Den 13. September (aus einem Tagebuch).
+
+Hier ist Krieg; hier betreten wir den Ort des Entsetzens. Wir haben die
+Dörfer Frankreichs, in denen der Friede schlummerte, verlassen. Jetzt ist
+alles nur noch gewaltsame Bewegung, hier sieht man die ersten unmittelbaren
+Opfer des Krieges.
+
+Die Soldaten: Blut, Schmutz und Schlamm. Verwundete. Diejenigen, denen wir
+zuerst begegnen, sind am leichtesten verwundet: Wunden an den Armen, den
+Händen. Bei den meisten bemerkt man deutlich neben der Müdigkeit und den
+Schmerzen ein Gefühl wahrer Erleichterung, weil sie noch leidlich gut davon
+gekommen sind.
+
+Weiter in der Gegend der Verbandstellen, Verscharren von Toten; sechs sind
+es, auf zwei Karren ausgestreckt. Flach daliegend, in zerrissenen Kleidern
+verloren, führt man sie in eine am Fuß eines Kruzifixes offene Gruft.
+Priester tun eher Kriegsdienst als Gottesdienst, denn auch sie sind als
+Soldaten eingezogen. Etwas Stroh und Weihwasser darüber und wir ziehen
+weiter. Im Grunde sind diese Toten noch zu beneiden. Sie sind gepflegt
+gestorben. Was soll man von denen sagen, die weiter vorn liegen und
+verschieden sind nach Nächten von Todeskampf und Verlassenheit!
+
+. . . . Von diesem Sturme wird uns ein endloses Verlangen nach Mitleid,
+Brüderlichkeit und Güte verbleiben.
+
+Mittwoch, den 16. September 1914.
+
+In dem Kreise des Entsetzens. Die regnerische Dämmerung läßt die Straße
+erbleichen; plötzlich, in einem Graben, -- die Toten! Sie haben sich vom
+Schlachtfeld bis hierher geschleppt. Wie sie gefallen, so liegen sie da --
+jetzt schon stinkend. Die einbrechende Nacht läßt uns nur mit Mühe ihre
+Landeszugehörigkeit unterscheiden, aber dasselbe große Mitleid umfängt sie.
+Es gibt nur ein Wort für alle: armer Junge! Die ganze Nacht unter diesen
+Greueln, dann den Morgen wieder. Der Tag bricht an über angeschwollene
+Pferdeleiber! An einer Waldecke ein erkaltetes Gemetzel. Sie liegen da
+ausgestreckt und starr, schon schwarz von Verwesung -- und ausgeplündert:
+überall sieht man offene Taschen, aufgerissene Brotsäcke. Nichts von dem,
+was ihre Persönlichkeit ausmachte, ist ihnen verblieben. Unter ihnen
+Zivilisten, deren Gegenwart sich aus dem deutschen Verfahren erklärt,
+französische Geiseln unter unserm Feuer marschieren zu lassen.
+
+Wenn diese Aufzeichnungen jemandem in die Hände fallen, mögen sie in einem
+ehrlichen Herzen Schauer erwecken vor der scheußlichen Missetat derer, die
+an diesem Kriege verantwortlich sind. Nie wird es Ruhm genug geben, um all
+diesen Schmutz, all dieses Blut zu verdecken.
+
+Den 21. September 1914.
+
+Der Regen im Krieg: Eine Qual, von der man sich keine Vorstellung machen
+kann. Drei Tage und drei Nächte, ohne etwas anderes tun zu können als
+zittern und jammern und trotzdem muß man den Dienst versehen. In einem mit
+Wasser gefüllten Graben schlafen, das sucht seinesgleichen bei Dante; was
+soll man aber erst vom Erwachen sagen, wenn man auf den Augenblick lauern
+muß, wo man mordet oder ermordet wird! Darüber das Brummen der Granaten,
+welches das Pfeifen des Windes übertönt. Mitunter Knattern der Gewehre.
+Dann kauert man in den Schmutz nieder und läßt die Verzweiflung einen
+durchdringen.
+
+Als diese Qualen ein Ende nahmen, hatte ich eine solche Entspannung der
+Nerven, daß ich geweint habe, ohne zu wissen warum. Das nennt man auf
+Vorposten ziehen nach einem Kampfe.
+
+Den 25. September.
+
+Eine Hölle in der friedlichsten, ländlichsten Gegend. Eine
+Herbstlandschaft, in welche die Kanone Löcher reißt!
+
+Den 27. September.
+
+Wenn es außer der herrlichen Lehre, die aus diesem Kriege hervorgehen wird,
+greifbare Gewinne gibt, so bin ich besonders für einen empfänglich, die
+Betrachtung des nächtlichen Himmels. Niemals brachte mir die Majestät der
+Nacht so vielen Trost wie in diesen sich häufenden Prüfungen. Der
+strahlende Abendstern ist mir ein Freund geworden. . .
+
+Jetzt bin ich mit den Formen der Sternbilder vertraut. Einige ziehen durch
+den Himmel weite Bogen, als wollten sie den Thron Gottes umkreisen. Welche
+Pracht! Wie denkt man dabei an den chaldäischen Hirten!
+
+O Sternbilder! erstes Alphabet! . . . .
+
+Den 1. Oktober.
+
+Ich kann Dich versichern, daß ich in geistiger Beziehung soeben herrliche
+Tage erlebt habe, in deren Verlauf alles, was eitle Sorge war, durch einen
+neuen Geist weggefegt wurde.
+
+Wenn Du je eine trübe Stunde hast und ein einziger meiner Briefe Dich
+erreicht, so soll er Dir sagen, wie erhebend und kostbar diese Qualen
+waren.
+
+1. Oktober (aus einem Tagebuch).
+
+. . . Aus alledem muß man folgern, daß unsere Leiden in jedem einzelnen
+ihrer Momente als die wunderbarste Quelle seelischer Bewegung und der
+Bildung für unser Gewissen zu betrachten sind. . . .
+
+Jetzt weiß ich, welchem Gebiet mein Schicksal mich zuführt. Nicht mehr in
+das stolze, künstliche Land abstrakten Denkens, sondern auf den Weg der
+täglichen kleinlichen Sorgen und in ihren Dienst muß ich eine stets
+wachsame Feinfühligkeit stellen.
+
+Ich sehe, wie leicht eine gerade Natur alles Künstliche im Ausdruck
+aufgibt, um tätig zu sein und einen heilsamen Einfluß auszuüben. Eine
+kostbare Belehrung, die mir im Falle der Rückkehr erlauben würde, weniger
+darunter zu leiden, wenn das Schicksal mir zu malen nicht mehr erlauben
+sollte.
+
+Den 9. Oktober.
+
+. . . Wie es scheint haben wir den Befehl, anzugreifen. So will ich denn
+dieses schwere Wagnis nicht unternehmen, ohne Dir meine Gedanken zuzuwenden
+in den wenigen Augenblicken der Sammlung, die wir haben. . . Alles trägt
+hier dazu bei, den Frieden des Herzens zu bewahren: die Schönheit der
+Wälder, in denen wir leben, das Fehlen geistig komplizierter Aufgaben
+. . . Es ist widersinnig, wie Du sagst, -- und doch sind soeben die
+schönsten Stunden meines seelischen Daseins verflossen . . .
+
+Wisse daß es auf Erden immer Schönheit geben wird und daß der Mensch
+niemals Bosheit genug haben wird, um sie zu zerstören. Ich habe genug
+gesammelt, um damit mein ganzes Leben zu schmücken. Möge das Schicksal mir
+Gelegenheit geben, daß ich alles was ich heute sammle, später seine Früchte
+tragen lasse. Es gibt ein Ding, das niemand uns wird entreißen können, das
+ist der Seelenschatz, den wir angehäuft haben.
+
+Den 12. Oktober.
+
+Bis jetzt verlassen mich deine Liebe und die Vorsehung nicht. Wir sind
+immer noch in herrlichen, verwüsteten Wäldern, mitten im schönsten Herbst.
+Die Natur bringt uns manche Freuden, welche diese Greuel übertönen. Tiefe,
+mächtige Hoffnung, welche Leiden uns auch erwarten mögen.
+
+Den 14. Oktober.
+
+Ohne Zweifel, liebe Mutter, gibt es Opfer, die schwere Kämpfe kosten; doch
+wisse, daß wir beide die nötige Kraft der Seele besitzen, um diese schweren
+Stunden zu durchleben, ohne vor Angst zu beben bei dem Gedanken an das
+Wiedersehn, das wir beide erhoffen.
+
+Das Wichtige ist, den Wert der gegenwärtigen Stunde zu erkennen und sie
+alles uns schenken zu lassen, was sie Schönes, Gutes, Erbauliches enthalten
+mag. Im übrigen vermag niemand die Zukunft zu verpfänden und es wäre eine
+sehr unnötige und zwecklose Quälerei, in dem Gedanken daran zu leben, was
+uns wohl künftig geschehen könnte. Findest Du nicht, daß das Leben uns
+viele Freude gespendet hat und es eine der letzten und die größte war, daß
+wir uns endlich schreiben konnten? Hier gibt es viele arme Menschen, die
+nicht wissen, wo ihre Frauen, ihre Kinder sind, die seit Monaten von allen
+getrennt sind. Wie du siehst, gehören wir noch zu den Bevorzugten.
+
+Liebe Mutter, weniger denn je dürfen wir verzweifeln; denn niemals werden
+wir deutlicher den Eindruck haben, daß alle diese Unruhe und diese
+Verirrungen nichts sind im Vergleich zu dem Anteil Ewigkeit, das jeder in
+sich trägt, und daß alle diese Ungeheuerlichkeiten in einer besseren
+Zukunft ihren Abschluß finden werden. Dieser Krieg ist wie eine
+Welterschütterung, die auf frühere Umwälzungen unseres Erdballs folgt;
+sahst du aber je, daß bei alledem ein Teilchen Seele verloren ging und das
+Gefühl einer höheren Ordnung abgeschwächt wurde? Unsere Leiden kommen
+daher, daß unsere kleine menschliche Geduld unseren Bedürfnissen, wenn auch
+den edelsten, zugewandt ist. Sobald sie die Dinge prüft mit der Absicht,
+darin Harmonie zu entdecken, findet sie die vollkommene Ruhe der Seele. Wir
+wissen nicht, ob diese Gewalt und diese Unordnung unser allgemeines
+Geschick nicht dem endgültig Guten zuführt.
+
+Liebe Mutter, indem ich die festeste und menschlichste Hoffnung bewahre,
+sende ich Dir sowie der geliebten Großmutter meine innigste Liebe. Wende
+auch unsern Freunden, die im Unglück sind, mein ganzes Herz zu. Hilf ihnen
+alles ertragen: zwei Kreuze sind weniger schwer zu tragen als eines. Hab'
+Vertrauen in unsere ewige Freude.
+
+Den 15. Oktober, 7 Uhr.
+
+Ich habe eine Karte von Dir erhalten, vom ersten. Wie froh bin ich, uns
+endlich mit einander verbunden zu sehen! In Wahrheit hatten sich unsere
+Gedanken nie verlassen. Du teilst mir das Unglück von Martha mit und ich
+freue mich, daß Du ihr behülflich sein kannst. Liebe Mutter, das ist unser
+beider Aufgabe: im gegenwärtigen Augenblick nützlich zu sein, ohne etwas
+von der folgenden Minute vorwegzunehmen.
+
+Ja, ich fühle wirklich so innig wie Du, daß ich im Leben eine Aufgabe zu
+erfüllen habe. Aber man muß stündlich so handeln, wie wenn diese Aufgabe
+augenblicklich zu erfüllen wäre. Behalten wir kein Winkelchen unseres
+Herzens für unsere kleinen Hoffnungen. Wir müssen notwendig dazu kommen,
+daß kein Unglücksfall aus unserm Leben etwas Trümmerhaftes, Abgebrochenes,
+Unharmonisches mache. Das ist die schönste Aufgabe, die Aufgabe des
+Augenblickes.
+
+Das übrige, jene Zukunft, welche man nicht befragen darf, liebste Mutter,
+Du sollst sehen, was sie uns Schönes, Gutes, Gerechtes vorbehält. Keine
+unserer Kräfte darf sich ins Leere betätigen; jede eitle Ängstlichkeit ist
+eine schädliche Kraftvergeudung.
+
+Begnüge Dich mit der herrlichen Versicherung, daß ich bis heute meine Seele
+zu einer Höhe gehoben habe, wo die Ereignisse ihr nichts mehr antun können
+und ich verspreche Dir, daß mein Streben dahin geht, sie fernerhin
+vorzubereiten, so gut ich es kann.
+
+Sage M. . ., wenn das Schicksal die Besten trifft, daß es nicht ungerecht
+ist: die Schlechten, die weiterleben, werden dadurch gebessert. Möge sie
+das Opfer annehmen in dem Bewußtsein, daß es nicht zwecklos ist. Ihr wißt
+nicht, welche Lehre uns der gibt, der fällt. Ich aber weiß es.
+
+Für den, der das Leben zu lesen vermag, haben die gegenwärtigen Ereignisse
+alle gewohnte Denkweise zerrissen, sie lassen aber besser denn je die ewige
+Schönheit und Ordnung durchschauen.
+
+Laßt uns uns erholen von der durch diesen Riß verursachten Überraschung,
+und uns sofort den neuen Verhältnissen anpassen, die aus uns Bevorzugte
+machen im Vergleich mit Sokrates, den christlichen Märtyrern und den
+Männern der Revolution. Wir verschmähen im Leben das nur Vergängliche und
+erfreuen uns dessen, was es so selten bietet, des Gefühls des Ewigen.
+
+Den 16. Oktober.
+
+Wir verleben einige Tage in annähernder Ruhe; zwischen zwei Stürmen hat
+meine Kompagnie eine besondere Ruhezeit verdient; so kann ich den Oktober
+voll genießen. Dein guter Brief vom 2. Oktober ist angekommen, jetzt bin
+ich voll Freude und der Friede ist innig . . . .
+
+Fahren wir fort, uns mit Mut zu wappnen, reden wir nicht einmal von Geduld.
+Nur noch Annahme des gegenwärtigen Augenblickes mit allen Schätzen, die er
+uns bringt: es gibt nichts anderes mehr, und gerade in diesen einzigen
+Punkt vereinigt sich alles, was es Schönes in der Welt gibt. Die Schönheit
+lebt, liebe Mutter, sie lebt außerhalb von allem, was wir sonst gewohnt
+waren zu fühlen. Setze Deinen Mut, Deine Liebe zu mir darein, sie zu
+entdecken, sie andere entdecken zu lassen.
+
+Diese neue Schönheit hat nichts zu tun mit den Vorstellungen, welche die
+Worte: Gesundheit, Familie, Vaterland ausdrücken; man erkennt sie, wenn man
+das Stück Ewigkeit, das in jedem Dinge enthalten ist, entdeckt. Aber
+bewahren wir die wunderbare Zuversicht, daß wir _uns wiedersehen_, sie wird
+uns nicht hindern alles zu tun, was unsere Pflicht uns vorschreibt. Sage M
+. . . wie sehr ich an sie denke. Leider ist ihr Fall nicht eine Ausnahme.
+Dieser Krieg hat manche Hoffnungen zertrümmert; so wollen wir, liebe
+Mutter, unsere Hoffnung dorthin verlegen, wo der Krieg sie nicht erreichen
+kann, in die Tiefe unseres Herzens, in die Höhen unserer Seele. . . .
+
+Den 17. Oktober, um 15 Uhr.
+
+Dir schreiben, das Bewußtsein, daß meine Briefe Dich erreichen, das ist mir
+ein tägliches Paradies. Ich lauere auf die Stunde, wo mir das möglich wird.
+Ja, geliebte Mutter, Du mußt fühlen, wie Dein Mut und Deine Lebensfreude
+wiedererwachen; nie darf man als Lebensgrund eine einzige Zuneigung nehmen,
+so berechtigt sie auch sein mag. Kein Unglücksfall darf uns vergessen
+lassen, wozu wir leben. Freilich können wir diese oder jene Aufgabe im
+Leben vorziehen, laß uns jedoch die annehmen, welche sich uns darbietet, so
+unerwartet und kurz sie auch sein mag. Du fühlst wie ich selbst, daß eine
+glückliche Zukunft uns beschieden ist, doch denken wir nicht daran. Denken
+wir an die Arbeit des heutigen Tages, an alle Opfer, die sie uns auferlegt.
+
+Den 22. Oktober.
+
+. . . . Ich nehme alles aus der Hand des Schicksals an; ich habe ihm aber
+alles genommen, was es an Glück in den Falten eines jeden Augenblickes
+birgt. Ach! wenn die Menschen ahnten, wieviel Friede sie vergeuden und was
+eine Minute in sich fassen kann, wie würden sie doch weniger unter der
+scheinbaren Gewalttätigkeit leiden! Freilich gibt es äußerste Qualen, die
+ich noch nicht kenne und welche die Seele vielleicht in einer Weise prüfen,
+die ich nicht ahne; aber ich spanne alle Kräfte meiner Seele dem Ziele
+entgegen, alle Augenblicke und alle Prüfungen anzunehmen. . . .
+
+Was notwendig ist, ist die Erkenntnis des Sieges der Liebe und der
+Schönheit über die Gewalt. Einige Zeiten des Hasses und der Lüge werden
+nicht die ewige Schönheit zu zerstören vermögen, und von dieser Schönheit
+hat jeder von uns einen unsterblichen Schatz.
+
+Den 23. Oktober.
+
+ Liebste Mutter!
+
+Ich habe den Artikel von Barrès, »Der Adler und die Nachtigall« noch einmal
+gelesen. Er ist immer noch so schön, aber schon nicht mehr im Ton. Heute
+besteht nichts außer dem unmittelbar Gegenwärtigem; alles übrige erscheint
+wie ein Schmuck, den man beiseite legt für Festtage, ferne, problematische
+Feste. Aber gleichwohl, man schließt diesen Schmuck sorgfältig in eine
+Schublade ein. So tue ich mit den Schätzen der Freundschaft, dem
+berechtigten Ehrgeiz, dem lobenswerten Streben. Ich habe alles zugedeckt
+und lebe allein dem Genuß des gegenwärtigen Augenblickes.
+
+Diesen Morgen, im Anblick des blauen Himmels, denke ich an die Musik, die
+ich gestern gespielt: ich war vollkommen glücklich. Verzeih mir, daß ich
+nicht in der angstvollen, fieberhaften Erwartung des Wiedersehens lebe. Ich
+glaube, daß Du mir zustimmst, wenn ich unsere teuerste Hoffnung in andere
+Hände lege als die unsrigen.
+
+Den 27. Oktober.
+
+Wenn ich die Freude habe, wie ich es inständig hoffe, Dich wiederzusehen,
+sollst Du erfahren, in wie wunderbarer Weise ich durch die Vorsehung
+geleitet worden bin. Ich habe nur vor einer Macht und einer Güte mich zu
+neigen brauchen, die alle meine stolzesten Vorstellungen überbot.
+
+Ich kann sagen, daß Gott in mir war, wie ich in Gottes Hand bin und ich
+habe nur den einen bestimmten Wunsch, daß ich stets eine solche
+Gemeinschaft empfinden möge. Siehst Du, darauf kommt es an, das Leben
+auszunützen, nicht, wie man es verstehen kann, selbst nicht in unseren
+edelsten Neigungen, sondern indem man sich sagt: Laßt uns essen und trinken
+von allem, was ewig ist; denn morgen sterben wir allem ab, was menschlich
+ist. Es kommt der Augenblick, wo man seine Liebe wachsen sieht, während man
+zugleich allem ängstlichen, kleinlichen Hoffen entsagt.
+
+Den 28. Oktober.
+
+Nun naht das Ende des dritten Monats einer schrecklichen Prüfung, deren
+Lehren mannigfaltig und heilsam sein werden, nicht allein für den, der sie
+zu hören weiß, sondern für die ganze Welt; und das ist der große Trost,
+wenn man von diesem Sturm erfaßt worden ist. Möge es der Trost für die
+sein, die ihre Hoffnung an die Hoffnungen der Kämpfenden geknüpft haben.
+
+Dieser Trost ist besonders in dem übermenschlich klaren Bewußtsein, daß
+alle göttliche und ewige Kraft, die in unserer Gattung wirkt, statt
+geschwächt zu sein, vielmehr gesteigert und mächtig angeregt aus diesen
+Stürmen hervorgehen wird. Glücklich, wer den Friedensgesang hören wird, wie
+in der Pastoralsymphonie, glücklich aber auch derjenige, der ihn im Sturme
+vorausahnt! Was tuts nachher, wenn dieses herrliche Vorgefühl in
+Abwesenheit des Propheten zur Tat wird! Wer das geahnt hat, hat auf Erden
+viele Freuden aufgelesen. Ein höherer wird sagen, ob seine Aufgabe
+vollendet ist.
+
+Den 28. Oktober (zweiter Brief, fast zur selben Stunde).
+
+ Teure geliebte Mutter!
+
+Noch kann ich eine traute Stunde mit Dir verbringen. Wir können nur uns
+immer wieder dasselbe sagen; doch es ist so herrlich, daß man stets neuen
+Ausdruck dafür finden könnte.
+
+Heute leben wir unter einem Himmel mit großen stürmenden kalten Wolken, wie
+bei den holländischen Landschaftsmalern. . . .
+
+Teuerste, ich wage nicht einen Wunsch auszusprechen, ich darf es nicht, man
+darf nicht einmal eine Zeit teilweiser Entspannung ins Auge fassen. Ich
+versichere Dich, daß andauernde Kraftanstrengung weniger ermüdend ist als
+gewisse Zeiten rastloser, fieberhafter Arbeit, die wir durchgemacht haben.
+Nur können wir dabei unsere Seelenkräfte in einer Art Widerstand gegen
+alles Böse in uns anspannen und die Tore allem Guten, was von außen kommt,
+offen lassen.
+
+. . . Ich bin froh, daß Du Tolstoi gelesen hast: er war auch im Krieg. Er
+hat ihn verurteilt, er hat seine Lehren in sich aufgenommen. Wenn Du einen
+Blick in das herrliche Buch »Krieg und Frieden« einwerfen kannst, wirst Du
+darin Bilder finden, die an unsere Lage erinnern. Was es Dir begreiflich
+machen wird, ist die Möglichkeit ruhigen Betrachtens, die dem Soldaten
+gelassen ist, der sie erstrebt.
+
+Was den Zwang betrifft, den der Mangel an jeglichem körperlichen
+Wohlbehagen der Seele auferlegen könnte, so glaube ja nicht daran. Wir
+führen zwar das Dasein von Kaninchen am ersten Jagdtage; trotzdem können
+wir in herrlicher Weise unsere Seele bereichern.
+
+Den 30. Oktober.
+
+Ich schreibe Dir in einer herrlichen Herbstlandschaft, grau, vom Wind
+durchfegt. Für mich aber war der Wind nie verstimmend, weil er mir die
+Seele des Landes jenseits des Hügels zuweht. . . . Der grauenhafte Krieg
+vermag uns nicht aus unserer geistigen Heimstätte herauszureißen. Trotz
+Stunden betäubenden Lärmes findet man sich ungefähr selbst wieder. Ich
+möchte sogar behaupten, daß unser heutiges gewöhnliches Dasein uns eine
+Feinfühligkeit verleiht, die fähig ist, die leiseste Berührung zu
+verzeichnen, wie wenn alle unsere Nerven bloß lägen. Vielleicht wird sich,
+nachdem die Hülle unserer Seele sich abgeschält, eine Kruste bilden und die
+Zurückkehrenden eine Zeitlang abgestumpft sein. Was schadets: dieser
+Zustand seelischer Erschütterung kann nicht ohne Nutzen vorübergehen.
+
+Gestern waren wir in einem hübschen Dorfe der Maasgegend, dessen Reiz durch
+den Gegensatz der umgebenden Ruinen noch erhöht wurde.
+
+Ich konnte mir ein Hemd waschen lassen und, während es trocknete,
+unterhielt ich mich mit der trefflichen Frau, die täglich dem Tode trotzt,
+um ihr Heim zu schützen. Sie hat drei Söhne, alle sind Soldaten, und die
+Nachrichten, die sie von ihnen hat, sind schon alt; einer von ihnen ist
+wenige Kilometer von ihr vorbeimarschiert. Seine Mutter wußte es und hat
+ihn nicht sehen können. Eine andere von diesen französischen Frauen bewacht
+das Haus ihres Schwiegersohnes, der sechs Kinder hat.
+
+ -- --- --
+
+Deine Aufgabe ist es, alles ruhig aufzunehmen und zugleich volles Vertrauen
+in die ewige Gerechtigkeit zu haben.
+
+Halte Dich dabei nicht auf, den Wert der Persönlichkeit derer, die am Leben
+bleiben, derer die gehen, zu betrachten; das heißt die Dinge auf der
+menschlichen Wagschale abwägen. Man muß aber in uns die gewaltige Summe
+dessen unterscheiden, was besser ist als das Menschliche.
+
+Liebe Mutter, unbedingtes Vertrauen! Worin? Wir ahnen es beide.
+
+Den 31. Oktober, 10 Uhr.
+
+. . . Bis jetzt hatte ich die Weisheit des Entsagens, jetzt aber erstrebe
+ich eine Weisheit, die alles willig hinnimmt und auf das künftige Handeln
+hingerichtet ist. Was tut's, wenn die Wolfsgrube sich unter den Füßen des
+Läufers öffnet? Freilich erreicht er sein Ziel nicht; ist der aber klüger,
+der am Rande verkommt unter dem Vorwand, daß er hineinfallen könnte?
+
+Den 1. November, Allerheiligen, 8 Uhr.
+
+Gestern erhielt ich Deine Karte vom 24.--25. Während Du den für uns
+verhüllten Mond betrachtetest, fühltest Du Dich, sehr mit Unrecht,
+ohnmächtig; wie sehr hattest Du aber Recht, daß Du hofftest!
+
+In demselben Augenblick wurde ich durch die Vorsehung beschützt in einer
+Weise, die allen Hochmut über den Haufen wirft.
+
+Am nächsten Tage hatten wir das wundervollste Morgenrot über dem Purpur der
+Herbstwälder in dieser Gegend, wo ich vor drei Jahren meine Skizzen malte.
+Wir sind aber an der Stelle, wo die Landschaft Charakter annimmt, sich
+erweitert und von ergreifender Majestät wird. Wie Dir die Schönheit des
+Horizontes schildern! Wir bleiben in dieser herrlichen Gegend und heute ist
+Allerheiligen!
+
+Zur Stunde schreibe ich Dir im Silberglanz der Sonne, die über den Nebeln
+des Tales aufgeht; wir ahnen das schlafende Land vierzig Kilometer weit in
+der Runde und die Schlacht stört kaum den weihevollen Ernst des
+Landschaftsbildes.
+
+Liebe innig mein geplantes Gemälde. Es verknüpft mich mit meinem Schicksal.
+Wenn ich die Gnade habe, heimzukehren, wird die äußere Anlage des Bildes
+eine andere sein, das Wesen ist aber in der Skizze schon enthalten.
+
+Mittag. -- Herrlicher Allerheiligentag, den die Gewalttätigkeit entweiht.
+
+Herrliche Pracht des Tages.
+
+Den 2. November, Allerseelen.
+
+Strahlendes Fest der Sonne und der Freude in der prächtigen Natur einer
+Maaslandschaft. Im Herzen preßt sich die Hoffnung zusammen, die dem
+Schmerze derer nicht spotten will, für welche dieser Tag der erste Schritt
+auf dem Wege der Trauer ist.
+
+Teure inniggeliebte Mutter, vor achtundzwanzig Jahren warst Du in Trauer
+und Hoffen: heute auch ist die Angst des Hoffens voll. Diese Prüfungen
+kommen über Dich nicht in demselben Alter, aber ein ganzes Leben des
+geduldigen Sichfügens bereitet Dich auf die letzte Weisheit vor.
+
+Welche Lust, dieses stete innige Mitschwingen im Schoße der Natur! Gestern
+abend sah ich denselben Horizont, den wir erwachen sahen, in rosiges Licht
+gebadet; dann ist der Vollmond in einem zarten Himmel aufgegangen, auf den
+die Bäume, wie Korallen und Safran, in zackigen Linien sich abzeichneten.
+
+O Teure, das entsetzliche Martyrologium der besten französischen Jugend
+kann nicht ins Endlose sich ausdehnen. Es ist undenkbar, daß die
+Auserlesenen eines ganzen Volkes zu Grunde gehen.
+
+Es gibt als Aufgabe für das Genie eines Volkes etwas besseres als den
+Krieg: eine tiefe Ahnung zeigt mir in naher Zukunft eine Besserung. Möge
+unser Mut und unsere Einigkeit uns diesem Bessern zuführen. Hoffnung, immer
+neue Hoffnung! Ich habe den lieben Brief von Großmutter und die Karte von
+Herrn R. erhalten, gut und freundlich. O Teure, habt ihr auch heute diese
+schöne Sonne? Wie schön ist die Landschaft, wie gut die Natur! Sie sagt
+dem, der ihre Stimme hört, daß nichts wird verloren sein.
+
+Den 4. November, 1 Uhr.
+
+Ich lebe nur durch den Gedanken an Dich und in der Güte der Natur. Diesen
+Morgen haben unsere Vorgesetzten mit einem Marsche von zwanzig Kilometern
+gedroht und die Drohung ist zur Tat geworden als ein reizender Spaziergang
+in der Landschaft, die ich so innig liebe.
+
+Ein entzückend feiner Dunst, den wir von Stunde zu Stunde steigen sehen,
+der Lockung einer mäßig warmen Sonne folgend; und dort Hügelketten, die ein
+ausgedehntes Landschaftsbild beherrschen, in welches alles in seinen Linien
+sich einzeichnet oder im Nebel angedeutet ist.
+
+Man sieht Hügel mit kahlen Bäumen, die liebliche Umrisse zeigen. Ich denke
+an die alten Maler, an ihre zartempfundenen und gewissenhaften
+Landschaftsbilder. Welche peinlich durchgeführte Majestät, deren erster
+Anblick durch die Größe der Auffassung Bewunderung einflößt und deren
+Einzelheiten tief bewegen!
+
+Du siehst, liebe Mutter, wie Gottes Gnade uns Gaben austeilt, weit über die
+Beschwerden, die wir auf uns nehmen.
+
+Es ist nicht einmal die Rede mehr von Geduld, da die Zeit für uns kein Maß
+mehr hat, da von keiner meßbaren Dauer mehr die Rede ist. Welchen Reichtum
+an Eindrücken birgt aber dafür der Augenblick in sich, der sich uns
+darbietet!
+
+Das ist unser Leben, von dem ich Dir geschrieben habe, daß kein Ereignis
+daraus etwas Unfertiges, Abgebrochenes machen darf; diese Weisheit will ich
+mir bewahren. Zugleich aber will ich sie mit einer andern Weisheit
+verbinden, die der Zukunft zugewandt ist, selbst wenn die Zukunft für uns
+eine verschlossene Gegend ist. Ja, nehmen wir von der Gegenwart alles an
+(und die Gegenwart bringt uns so viele Schätze!); aber laß uns auch die
+Zukunft vorbereiten.
+
+Den 5. November, 8 Uhr.
+
+ Liebe Mutter!
+
+Verhehle mir nichts von Paris, von Deinen Sorgen, von Deinen
+Beschäftigungen. Alles was Du beschließt, ist recht. Mein Glück ist gerade
+dieses Gefühl der Sicherheit, wenn ich in alledem an Deine Seele denke.
+
+Das Wetter ist immer entzückend und sehr mild. Ohne die schöne Gegend zu
+verlassen, in die wir am 20. September gekommen sind, sind wir heute in die
+Wälder zurückgekehrt. Das liebe ich weniger als die freie weite Aussicht;
+aber es gibt doch auch hier gar hübsches zu sehen. Dann ist auch der
+Himmel, jetzt wo die Blätter abgefallen sind, so schön, so zart. Ich habe
+an C. geschrieben und werde an Frau C. schreiben. Ich erwarte einen Brief
+von Dir. Wüßtest Du wie viel länger ein Tag ohne Nachrichten ist! Ich habe
+zwar Deine früheren Briefe, aber der frische Brief hat einen Duft, den ich
+jetzt nicht mehr entbehren kann.
+
+Den 6. November.
+
+Gestern war ich, ohne zu wissen warum, ein wenig verstimmt: was die
+Soldaten »cafard« nennen. Das kam daher, daß ich tags vorher mich von einem
+Tagebuch getrennt hatte, das ich Dir in einem Packet zu schicken mich
+entschlossen hatte. Die Ereignisse von vorgestern, obgleich friedlich,
+hatten mich derart umhergestoßen, daß ich mich dieser Unglückssendung nicht
+so annehmen konnte, wie ich es gewollt hätte. So war ich geteilt zwischen
+einer doppelten Angst: einmal, daß das Paket Dich nicht erreichen möchte
+und diese Aufzeichnungen, die mein Leben vom 1. bis zum 20. Oktober
+darstellen, verloren sein könnten; und dann, daß vielmehr dieses Paket zu
+Dir gelangen möchte vor dem erklärenden Briefe, was dir sonderbar
+erscheinen könnte, da die Sendung unter anderm Namen geschehen ist und der
+Umschlag meines Heftes Anweisungen gibt, damit man Dir gegebenenfalls diese
+Aufzeichnungen zuschicke.
+
+. . . . Wir leben heute in der stimmungsvollsten und zartesten Landschaft
+Corots. Von der Scheune aus, in die wir unsern Vorposten untergebracht
+haben, sehe ich zunächst die Straße mit den Wasserlachen, die der Regen
+zurückgelassen hat. Dann Baumstumpfe, weiterhin hinter einer Wiese eine
+Reihe Weidenbäume am Rande eines eilenden und lieblichen Bächleins. Im
+Hintergrunde hüllen sich einige Häuser in einen leichten Dunst und halten
+jene zarten schwarzen Töne fest, für die unser teurer Landschaftsmaler ein
+so edles Empfinden hatte.
+
+So friedlich ist es heute morgen. Wer könnte glauben, daß hinter uns nichts
+ist als Feuersbrunst und Trümmer! . . . .
+
+Den 7. November, 8 Uhr morgens.
+
+Eben erhalte ich Deine Karte vom 30., die mir die Sendung eines Pakets
+ankündigt. Wie nett! wie man an uns denkt! Alle Süßigkeiten werden
+gebührend gewürdigt.
+
+Gestern entzückender Novembertag. Diesen Morgen zuviel Nebel, um die Freude
+an der Natur zu genießen. Aber gestern nachmittag!
+
+Ein duftiges, ausgesucht zartes Wetter, wo alles sich einzeichnet wie auf
+eine angehauchte Glasscheibe eingeritzt. Die entlaubten Büsche in der Nähe
+unseres Wachpostens sind von einer Schar von Vögeln ausgesucht worden,
+grün, weiß am Rande der Flügel, die Männchen mit schwarzem, weiß getupftem
+Kopf. Wie Dir ausdrücken, was das bloße Rauschen ihres Fluges in dieser
+Stille für mich war! -- Denn auch das ist ein Segen in diesen Kämpfen: in
+der Welt kann es nur eine bestimmte Menge Bosheit geben. Da nun der Mensch
+alles dem Menschen zuwendet, haben die Tiere ihren Vorteil davon,
+wenigstens die Tiere des Waldes, unsere gewöhnlichen Opfer.
+
+Könntest Du nur die Sorglosigkeit der Tierchen des Waldes sehen, Mäuse,
+Feldmäuse! Letzthin folgte ich in unserm Laubversteck den Bewegungen dieser
+Tierchen. Sie waren hübsch wie japanische Holzschnitte, das Innere ihrer
+Ohren rosa wie eine Muschel. Wir haben dann noch dem Ausflug der Kraniche
+beigewohnt: ihr Schrei in der Dämmerung ist erschütternd.
+
+ -- --- --
+
+Wie freue ich mich zu erfahren, daß Du zeichnest. Tu's für uns beide.
+Wüßtest Du wie es mich juckt, alles was uns hier in der Seele bewegt zu
+malen! Wenn Du meine Briefe aus letzter Zeit gelesen hast, wirst Du gemerkt
+haben, wie vieles ich entbehre, aber auch wie vieles mich beglückt.
+
+Den 9. November, Montag 7 Uhr.
+
+. . . Wir haben wieder die freie, weite Ebene erreicht, die ich so sehr
+liebe. Leider sehen wir sie nur undeutlich durch Mäuselöcher hindurch. Nun,
+es ist wenigstens so viel! . . . .
+
+. . . . . Alle diese Tage hindurch habe ich den Reiz einer Landschaft
+genossen, die im süßen Frieden des Herbstes ruht. Dieser Friede wurde
+gestern durch den erschütternden Anblick eines brennenden Dorfes gestört.
+Es war nicht das erste, das wir sehen; aber wahrlich wir waren nicht mehr
+daran gewöhnt.
+
+Wir haben unsern Beobachtungsposten bezogen; es war noch Nacht. Von den
+Höhen, die wir besetzten, sahen wir die gewaltige Glut und, als der Tag
+aufging, war das liebliche im Tal versteckte Dorf nur noch eine Rauchwolke.
+All das in der Silberglorie eines strahlenden Morgens.
+
+Von unserm Mauseloch aus blickten wir in die Talmulde mit den lieblichen
+Windungen ihrer Straße, ihrem von Weidenbäumen umrahmten Bach, ihrem
+Kalvarienberg, und all diese Harmonie sollte in dem Grausen der Zerstörung
+enden.
+
+Die Deutschen haben es in der Nacht mit der Hand in Brand gesteckt; nach
+zwei Tagen wütender Kämpfe waren sie daraus vertrieben worden: ihre
+Handlung kann als ein Zeichen eines auf diesem Punkte beabsichtigen
+Rückzuges aufgefaßt werden. Dieses von unseren Soldaten gehaßte Verfahren
+ist, glaube ich, durch eine strategische Forderung vorgeschrieben. Wenn ein
+Dorf zerstört ist, wird seine Benutzung für unseren Dienst hinter der Front
+sehr erschwert. So haben wir denn den ganzen Tag dieser Verwüstung
+zugeschaut, während über unseren Köpfen die kleinen Feldmäuse das Stroh
+ausnutzen, in dem wir schlafen werden. Unser Infanteristendasein gleicht
+ein wenig dem der Kaninchen während der Jagdzeit. Wir sind dadurch,
+wenigstens die schlimmsten Angstpeter unter uns, in einen Zustand
+immerwährender Spannung gekommen, auf der Suche nach einem Schlupfwinkel.
+Sobald wir darin vergraben sind, schreibt man uns vor, nicht daraus zu
+weichen. Diese klugen Vorschriften werden leider nicht immer mit der
+nötigen Einsicht gehandhabt; so waren wir gestern zu Vieren in einem
+vorgeschobenen Schützengraben, der in einer herrlichen Gegend lag und unter
+Laubwerk vollständig versteckt war. Wir hätten also nach Herzenslust die
+Landschaft genießen können, hätte nicht der Gefreite, ein braver Junge,
+davor gezittert uns ein bischen leben zu lassen. Glücklicherweise sind die
+Artilleristen und Maschinengewehre dazwischen gekommen, haben an unserem
+Standort einen entsetzlichen Höllenlärm vollführt und uns gezeigt, wie
+wenig man auf überflüssige Vorsicht halten muß. Durch dieses Beispiel
+ermutigt, habe ich also in aller Freiheit die Landschaft genießen können,
+gestern leider raucherfüllt, ein erschütternder Anblick. Merke Dir wohl,
+geliebte Mutter, daß ich keine Unvorsichtigkeit begehen will; aber
+wahrlich, dieser Krieg ist der Triumpf des Verhängnisses, der Vorsehung und
+des Schicksals.
+
+Mein sehnlichster Wunsch ist, die Gnade der Rückkehr zu verdienen; aber
+abgesehen von kurzen Augenblicken einer sehr menschlichen Ungeduld, kann
+ich sagen, daß der größte Teil meines Ichs der ruhigen Annahme des
+gegenwärtigen Augenblicks geweiht ist.
+
+ -- --- --
+
+Den 10. November, 11 Uhr.
+
+ Teuerste Mutter!
+
+Was soll ich Dir vom heutigen Tag erzählen! eintönig im Nebel.
+Beschäftigungen, die nicht stumpfsinnig an sich sind, es aber durch die
+geistlose Umgebung werden. Ich ziehe mich in mein Innerstes zurück. Gestern
+schrieb ich Dir einen langen Brief, in dem ich Dir unter anderem sagte, wie
+teuer mir Deine Briefe sind. Du siehst also, daß ich mich etwas langweilte
+als ich das Papier zur Hand nahm; nun aber, da ich mit Dir bin, bin ich
+froh und denke sofort an die Freuden, die dieser Tag mir gebracht hat.
+
+Heute morgen hat mich der Leutnant beim Kommandoposten Eisendraht holen
+lassen, in einem verwüsteten Dorfe, um das herum wir seit Wochen liegen.
+Ich bin durch die Obstgärten hinabgestiegen, die voll waren von den letzten
+abgefallenen Pflaumen. Einige Soldaten lasen sie sorglos auf und sammelten
+sie in Körben. Liebliches Bild, ganz ländlich und idyllisch, trotz der
+roten Hosen, die übrigens sehr abgeschossen sind nach drei Monaten
+Felddienst. Ich freue mich der Freundschaft von Ch. R. . . Er ist ein
+Mensch, der in allen Teilen mit mir übereinstimmt. Ich bin daher überzeugt,
+daß er es mir nicht übelnehmen wird, wenn ich nicht schreibe, besonders
+wenn Du seine Frau meiner Freundschaft versicherst.
+
+Der kleine Dienst, der mir anvertraut worden ist, zwingt mich von Anbruch
+der Nacht bis 9 Uhr zu gehen, dann aber habe ich mitunter Gelegenheit in
+einer Deckung oder einer Scheune zu schlafen, statt nachts in den
+Schützengraben zurückzukehren.
+
+Ich habe nicht mehr die angenehmen Leseabende zu Hause; wenn wir aber
+manchmal im Schützengraben, S. . . . und ich, nebeneinander liegen, kannst
+Du Dir nicht vorstellen, welche Traumbilder wir wachrufen und welche Freude
+uns die alten Erinnerungen bringen, die wir aufrühren. O! unter welchen
+Märchenhimmel reißen uns die Naturwissenschaften und die Neugierde des
+Intellektes und welches Vergnügen bereiten mir die wunderbaren Geschichten
+von diesem Metall oder jener Säure! Für mich scheinen Tausend und eine
+Nacht sich zu wiederholen. Und dann beim Erwachen manchmal die Anmut einer
+Morgenröte. Das ist das Leben, das ich seit dem 13. oder 14. Oktober führe.
+Ohne mehr zu verlangen, begnüge ich mich damit zu staunen, daß wir in einem
+solchen Kriege verhältnismäßig viel ruhige Stunden haben.
+
+Du kannst dir nicht vorstellen, welche Genugtuung es für mich ist, zu
+wissen, daß Du meinen Sachen Deine Seele zuwendest. Wie freut es mich mir
+vorzustellen, daß meine Bücher Dich beschäftigen, Du meine Stiche
+betrachtest! . . . .
+
+Vom 12. November, 15 Uhr.
+
+. . . Heute haben wir einen Übungsmarsch gemacht, so angenehm wie der
+erste, in einem Wetter von wunderbarer Schönheit. Wir sahen in Blau und
+Rosa die fernen Ketten der Hügel von Metz, die weite, von Dörfern besäte
+Ebene, von denen einige einen morgendlichen Sonnenstrahl auffingen, während
+man die andern mehr ahnte als sah.
+
+Wir führen ein Dasein, das in großen Zügen so aussieht: drei Tage bleiben
+wir in der Nähe des Feindes und leben in ganz gut gebauten Verdecken, die
+wir täglich verbessern, dann bleiben wir wieder drei Tage weiter hinten und
+schließlich drei Tage im Quartier in einem nahen Dorfe, gewöhnlich in
+demselben. So kommen wir dazu, Gewohnheiten anzunehmen, zwar recht
+vorübergehende, aber immerhin kommen wir in Berührung mit der übrigens
+schwer geprüften Zivilbevölkerung. -- Die Wollkleider sind unschätzbar und
+unübertrefflich. . . .
+
+. . . Wir haben es mit guten Seelen zu tun. Besonders die liebe Frau, bei
+der ich Dir schreibe und zu der ich schon das letzte Mal gekommen bin,
+plagt und müht sich zu Tod ab, um uns etwas von dem zu geben, was an das
+Heim erinnert. Aber, liebe Mutter, was mich an das Heim erinnert, das trage
+ich im Herzen. Aus Tellern essen und auf einem Stuhle sitzen, das ist
+nichts, was zählt. Deine Liebe ist's, die ich so nahe fühle. . . .
+
+Den 14. November.
+
+Seit dem 12., um acht und ein halb Uhr abends wurden wir herumgeschleppt
+mit der Aussicht, an einem gewaltsamen Vorgehen teilzunehmen. Wir sind
+nachts fort, und in diesem Frieden der Natur klärten sich meine Gedanken
+ein wenig ab nach zwei Tagen Einquartierung, während welcher das
+Körperliche immer etwas überhand nimmt. Wir gingen zur Verstärkung vor,
+voll in das Unbekannte hinein. Wir haben die Anordnungen, die zu treffen
+waren, in einer Scheune abgewartet, wo wir von elf bis vier Uhr auf dem
+Holzboden lagen. Dann gings in die Wälder, die Felder, die der Tag durch
+graue, rote, violette Wolken hindurch allmählich beleuchtete in der
+romantischsten und ergreifendsten Stimmung, die man sich denken kann. Im
+vollen lieblichen Morgen erfuhren wir, daß die Truppen, die uns
+vorausmarschierten, dem Feinde außerordentliche Verluste zugefügt hatten
+und sogar einen sehr leichten Vorteil erreicht hatten. Wir haben also
+unsern gewohnten Standort wieder bezogen und ich bin wieder hier und
+genieße die Pracht der französischen Landschaft, die so ergreifend schön
+ist in dem grauen, stürmischen, leidenschaftlichen November, mit
+Sonnenstrahlen, die in farbigen Flecken über den endlosen Horizont wie
+hingeworfen sind. Liebe Mutter, wie schön ist das, diese weite, ernste
+Landschaft, in der alles edel und wohl abgewogen ist und Einzelheiten sich
+fein abheben! -- Eine mit Bäumen eingefaßte Straße, die bis zur Grenze sich
+schnurgerade hinzieht, Hügel, die vor den duftigen Linien liegen, in denen
+man die deutschen Vogesen zu erkennen glaubt. Das ist der Rahmen und dazu
+kommt etwas Besseres als der Rahmen: es gibt eine Melodie von Beethoven und
+ein Stück von Liszt, die lauten: »Segnung Gottes in der Einsamkeit«.[*] Wir
+haben allerdings keine Einsamkeit, wenn Du aber die Gedichte von Albert
+Samain[**] durchblätterst, wirst Du ein Motto aus Villiers de l'Isle-Adam
+finden: »Wisse, daß es auf Erden immer eine Einsamkeit gibt für diejenigen,
+die ihrer würdig sind.« Jene Einsamkeit der Seele, die alles vergessen
+kann, was nicht mit ihr mitschwingt. . . .
+
+Ich habe zwei Briefe von Dir erhalten vom 6. und 7. Vielleicht werde ich
+diesen Abend noch einen haben. Ja, wir wollen unsern Mut nicht darin
+setzen, daß wir von einander keine Briefe erwarten. Die Briefe sind unser
+Leben, sie teilen uns unsere Freuden mit, unser Glück, die Fülle des
+Genusses, den uns in reichem Maße das Schauspiel der Natur und dieser Zeit
+schenkt.
+
+Wenn Deine Augen nicht wollen, ist das ein zwingender Grund; aber,
+abgesehen von Deiner Gesundheit, versage mir nicht Dein Herz, dessen Liebe
+Deine Briefe mir bringen.
+
+Den 14. November, zweiter Brief.
+
+ Treue, geliebte Mutter!
+
+Jetzt sind wir wieder in unserm gewohnten Quartier und mein Herz ist ganz
+erfüllt von Gedanken, die Dir zustreben. Ich kann Dir nicht alles sagen,
+woran ich stündlich denke in dem Wunsche, mit Dir die mannigfaltigen
+Freuden zu teilen, die inmitten unseres eintönigen Daseins uns durch die
+Finger gleiten, wie Perlen von einem zerrissenen Faden auf den Sand fallen.
+
+[Fußnote *: Beethoven: sechs Lieder von Gellert, Op. 48. Nr. 6. »Die Ehre
+Gottes in der Natur.«]
+
+[Fußnote **: Albert Samain: Au Jardin de l'Infante (L'allée Solitaire).]
+
+Ich möchte mit Dir aussprechen können, wie schön diese Wolke ist, welchen
+ernsten Eindruck diese Ebene auf uns macht, der Poesie des Windes lauschen,
+der über die Berge uns zuweht, wie während unseres Spazierganges in
+Boulogne. Und wenn wir dann hier sind, erlauben mir so manche prosaische
+Beschäftigungen nicht, mit Dir zu reden, wie ich fühle.
+
+Deswegen habe ich Dir auch mein Paket geschickt mit meinem Tagebuch vom 18.
+August bis zum 20. Oktober.[*] Diese Aufzeichnungen wurden zu einer Zeit
+gemacht, wo unsere Tornister weniger beladen waren und leichter sich
+öffneten, wo ich in der Seelenruhe der Tage im Schützengraben, wenn die
+Gefahr das Geschwätz aufhob, meine Seele ungehindert schwingen ließ.
+Seitdem habe ich die viel stärkere, weite, volle Freude entdeckt, Dir zu
+schreiben. Für mich wurde diese neue Zeit ein Paradies. Aber ich liebe das
+Leben im Quartier nicht, weil die Bequemlichkeit und die Sicherheit die
+Seelenkräfte entspannen und einen Wirrwar erzeugen, unter dem ich leide.
+
+[Fußnote *: Ein Teil dieses Heftes ist oben mitgeteilt worden.]
+
+Du kennst das Bedürfnis, mich zu sammeln und allein zu sein, das ich immer
+hatte. Übrigens habe ich sehr gute Freunde und die Offiziere sind sehr
+freundlich. Und dann braucht es nur etwas Geduld, einige Augenblicke, in
+denen mein Gedanke Dir zugewandt ist, um mich glücklich zu machen. Wie war
+diese erste Hälfte November gnädig! Ich habe nicht ein einziges Mal unter
+der Kälte gelitten. Und wie viel Schönheiten! Der Allerheiligentag war ein
+langer Lobgesang, von der klaren Mondnacht über dem dunkeln Bernstein der
+herbstlichen Bäume an bis zur zarten Melodie der Dämmerung. Der endlose,
+rosige Traum der verschleierten Ebene, die sich an die fernen Hügel
+anlehnt. . . . Welch feierlicher Lobgesang! Und manche Tage seitdem singen
+den Ruhm Gottes! Coeli enarrant. . . . Das war das Geschenk dieser Zeiten.
+
+Den 15. November, 7 Uhr.
+
+Gestern gab mir das stürmische und aus der Sicherheit des Quartiers
+beobachtete prächtige Wetter zu Befürchtungen Anlaß für unsern Abmarsch
+heute nacht; doch als ich erwachte, war der klarste, funkelndste Himmel,
+den man sich vorstellen kann! Wie dankbar war ich!
+
+Was wir am meisten fürchten, ist der Regen, der alles durchdringt, ohne daß
+man Feuer und Obdach findet. -- Die Kälte bedeutet nichts -- gegen die sind
+wir gewappnet.
+
+. . . . . Und doch, wie sehr habe ich das Bild dieser weiten Ebene
+bewundert, in die wir hinabgestiegen sind, von dem mächtigen Winde
+gepeitscht. Der niedrige Horizont löste den weiten grauen Himmel ab, an dem
+wenige fahle Ausblicke an das verschwundene Blau gemahnten. -- Ein
+Kalvarienberg, tragisch, schwarz in grau -- dann skelettartige Bäume! Welch
+ein Bild! hier kann ich an Dich denken, an meine liebe Musik! heute habe
+ich die Umgebung, die ich brauche.
+
+. . . . Ich möchte die Gestalt schärfer bestimmen, die mein fester Glaube
+an eine bessere durch diesen Krieg geforderte Zukunft annehmen wird. Diese
+Ereignisse bereiten die Entfaltung eines neuen Lebens vor, der vereinigten
+Staaten Europas.
+
+Nach diesem Zusammenstoß werden diejenigen, die voll und mit kindlicher
+Liebe ihre Pflichten dem Vaterland gegenüber erfüllt haben, vor viel
+ernstere Aufgaben gestellt werden, deren Erfüllung zur Stunde unmöglich
+wäre. Aber das wird gerade unsere Pflicht sein, daß wir unsere Kräfte der
+Zukunft zuwenden. -- Sie werden mit angespannter Energie dahin streben
+müssen, die Spuren der verletzenden Berührung zwischen den Völkern zu
+tilgen. Trotz mancher Fehler, trotz einiger Rückschritte in praktischer
+Hinsicht, mancher Schwächen im Wiederaufbau, hat die französische
+Revolution nichts desto weniger in der menschlichen Seele die herrliche
+Forderung der nationalen Einheit festgelegt. Wohlan, die Greuel des Krieges
+von 1914 führen zur europäischen Einheit, zur Rasseneinheit. Dieser neue
+Zustand wird nicht ohne Erschütterungen, Vergewaltigungen, Kämpfe auf
+unabsehbare Zeit sich festsetzen, aber ohne Zweifel hat sich heute die Türe
+zu diesem neuen Horizont geöffnet.
+
+Den 16. November an Frau C . . .
+
+ Sehr verehrte gnädige Frau
+ und beste Freundin!
+
+Welche Freude und welchen Trost bringt mir Ihr Brief und wie stärkt Ihre
+warme Freundschaft meinen Mut!
+
+Was Sie mir von meiner Mutter erzählen, verknüpft mich innig mit dem Leben.
+Dank für Ihre treue prächtige Freundschaft.
+
+. . . Was soll ich von meinem Leben erzählen? Durch Mühen und Wechselfälle
+hindurch hält mich die Betrachtung der herrlichen Gegend aufrecht, die seit
+zwei Monaten die Schwermut und die Tragik dieser leidenschaftlichen
+Jahreszeit anhäuft. Einer meiner gewohnten Standorte liegt auf den Höhen,
+welche die endlose Ebene der Woëvre beherrschen. Wie herrlich! Welcher
+Segen ist es, stündlich bei Tag und bei Nacht die glühenden Farben des
+Laubes zu beobachten, an jedem Herbsttage! Die schreckliche Zerfahrenheit
+der Menschen vermag die erhabene heitere Ruhe der Natur nicht zu stören.
+Freilich gibt es Augenblicke, wo der Mensch alle vorstellbaren Maße zu
+übersteigen scheint; aber eine aufmerksame Seele unterscheidet bald die
+Harmonie, die alle diese Mißklänge beherrscht und ausgleicht. Glauben Sie
+nicht, daß ich der Trostlosigkeit der Bilder, von denen wir übersättigt
+sind, gefühllos gegenüberstehe: vernichtete Dörfer, in welche die
+Artillerie weiter wütet; Rauchwolken am Tag, Feuerschein in der Nacht;
+Elend der Bevölkerung, die unter den Granaten flüchtet. Jeden Augenblick
+erhält man einen Stich ins volle Herz. Gerade deswegen aber rette ich mich
+in diese höhern tröstenden Gedanken; denn in demselben Maße leidend, könnte
+ich, ohne diese Disziplin des Herzens, unsere Lage nicht ohne innere
+Zerrissenheit ertragen.
+
+Den 17. November, morgens.
+
+ Liebe Mutter!
+
+. . . Ich schreibe Dir im vollen Glück der Morgenröte über meinem lieben
+Dorfe. Die Nacht, die uns im Regen gelassen hatte, hat uns ein klares,
+strahlendes Wetter zurückgegeben. Ich finde meinen ungeheuer weiten
+Horizont wieder, die zarten Umrisse der Hügel, die edelgeschwungenen Linien
+meiner Täler. Wer glaubte, von der Höhe, wo ich bin, daß dieses ländliche
+und friedliche Dorf in Wirklichkeit nur noch ein Trümmerhaufen ist, daß
+kein Haus verschont geblieben ist, daß seit zwei Monaten niemand darin
+verweilen kann im Höllenlärm der Artillerie? Während ich Dir schreibe,
+trifft die Sonne den Kirchturm, den ein noch dunkler Baum in meiner Nähe
+umrahmt, während in der Ferne, über den letzten Hügeln, den letzten
+Erhöhungen des Bodens, die Ebene im Rosagold ihre köstlichen Einzelheiten
+zu offenbaren beginnt.
+
+Den 17. November, 11 Uhr.
+
+Das herrliche Wetter ist mein großer Trost. Ich lebe fast wie wenn ich ein
+Kranker wäre, den man in eine herrliche Gegend schickt, den aber die Kur zu
+unerfreulichen und ermüdenden Beschäftigungen zwingt. Im Grunde liegt
+zwischen Leysin und meinem jetzigen Schützengraben nur die Entwicklung des
+großen Fragezeichens. Immer nichts neues in unserer Kompagnie seit dem 13.
+Oktober.
+
+Die Art des gegenwärtigen Krieges ist sonderbar. Es ist die Art von
+Nachbarn, die sich nicht vertragen. Bedenke, daß gewisse Schützengräben vom
+Feinde kaum durch 100 Meter getrennt sind und daß die Kämpfenden sich
+Handgranaten zuwerfen können: wie Du siehst, bedienen sich die Nachbarn
+gewaltsamer Mittel.
+
+Ein eigenes Leben führe ich nur im Augenblick, wo ich bei Dir verweile, und
+wo ich die Pracht der Natur genieße.
+
+Mitten unter dem Geschwätz gelingt es mir, das Gefühl der Einsamkeit der
+Seele, die ich brauche, mir zu bewahren.
+
+Den 18. November.
+
+Diesen Morgen zeigte uns der Tag die Ebene mit Reif bedeckt, eine
+gleichmäßige Weiße über den Hügeln und dem Walde. Mein Dörfchen sieht
+dadurch ganz eingefroren aus.
+
+Ich hatte den größten Teil der Nacht in einem geheizten Unterstand
+zugebracht und hätte, dank der Freundlichkeit meiner Vorgesetzten darin
+bleiben können; ich bin aber dumm und schüchtern und bin von ein Uhr bis
+vier und ein halb Uhr wieder bei den Kameraden gewesen.
+
+Es ist merkwürdig, wie prachtvoll wir die Kälte ertragen: wir besitzen fast
+alle ein herrliches Kleidungsstück, einen Mehlsack, den man je nach den
+Umständen als kurzen Radmantel und als Fußsack gebrauchen kann. In beiden
+Fällen ein vortrefflicher Wärmeerhälter.
+
+11 Uhr.
+
+Für den Augenblick habe ich eine hübsche, so rührende Melodie von Händel im
+Sinn und auch ein Allegro aus unsern vierhändigen Orgelsonaten: eine
+fröhliche, glänzende, von Tatendrang übersprudelnde Musik. Lieber Händel!
+Oft tröstet er mich.
+
+Beethoven kommt mir selten in die Erinnerung; wenn aber seine Musik in mir
+erwacht, rührt sie an etwas so Grundlegendes, daß es jedesmal ist, wie wenn
+eine Hand Schleier vor der Schöpfung wegrückte.
+
+Arme liebe große Meister! Wird man ihnen daraus ein Verbrechen machen, daß
+sie Deutsche sind? Schumann, wie kann man ihn einem Barbaren zugesellen?
+
+Gestern gemahnte unsere Ebene an die Stelle, die Du mir vor zehn Jahren aus
+»_Rheingold_« vorspieltest: »Freie Gegend aus Bergeshöhen.«[*] Worin aber
+unser französisches Bild die schöne Musik dieses häßlichen Mannes übertraf,
+das war die feste Grundlage, die Klarheit, die Aufrichtigkeit. Ja, unsere
+französische Ebene hatte nichts Verschwommenes.
+
+Was Wagner betrifft und, so schön auch seine Musik, so unbestritten und
+verführerisch sein Genie auch ist, ich glaube doch, daß, wenn man ihn nicht
+mehr hören sollte, man etwas für das französische Genie weniger
+Wesentliches entbehren würde, als wenn die großen Klassiker, seine
+Landsleute, in Frage kämen.
+
+ -- --- --
+
+Ich darf es Dir aufrichtig sagen, in den Augenblicken, wo mir der Gedanke
+an die Möglichkeit der Heimkehr kommt, kümmere ich mich niemals um die
+Frage der kleinlichen Bequemlichkeit, des kleinlichen Wohlbehagens. Etwas
+Höheres und Edleres wendet mich dieser Art Hoffnung zu. Darf ich sagen, daß
+es sogar etwas anderes ist als die unendliche Freude des Wiedersehens? Es
+ist vielmehr die Hoffnung auf eine Wiederaufnahme unserer gemeinsamen
+Bestrebungen, unseres Zusammenarbeitens, dessen Ziel die Entwicklung
+unserer Seele und ihre nützlichere Betätigung auf Erden ist.
+
+[Fußnote *: »Libre étendue sur la Montagne.« Rheingold zweite und vierte
+Szene. »Allmählich gehen die Wogen in Gewölke über . . . und . . . wird
+»_eine freie Gegend auf Bergeshöhen_« sichtbar.« (D. Übers.)]
+
+Den 19. November, morgens.
+
+ Teuerste Mutter!
+
+Heute wurde ich bei der Morgenröte durch ein gewaltiges und zu dieser
+Tageszeit ungewohntes Geschützfeuer geweckt. In dem Augenblick kamen
+Kameraden, starr von einer Nacht im Schützengraben zurück. Ich bin
+aufgestanden, um ihnen Holz zu holen, während auf dem andern Abhang des
+Tales das Schützenfeuer sehr kräftig ertönte. Ich stieg so hoch hinauf wie
+ich konnte und sah in dem sehr klaren Himmel die Sonne sich ankündigen.
+
+Plötzlich hörte ich von der Erhöhung gegenüber, einem jener Hügel, die ich
+so sehr liebe, Geschrei, Geheul kommen: Marsch! Marsch! Es war ein
+Bajonettansturm. Es ist der erste, dem beizuwohnen mir gegeben ist; nicht
+daß ich etwas gesehen hätte; die noch andauernde Dunkelheit und vielleicht
+auch die Beschaffenheit des Bodens verhinderten es. Was ich hörte genügte,
+um den Eindruck des Sturmangriffs zu geben.
+
+Bis jetzt konnte ich mir nur von dem unpersönlichen Krieg ein Bild machen,
+der eine von jenem kriegerischen Mut, wie ihn der Zivilist von Alters her
+sich vorstellt, sehr verschiedene Form der Tapferkeit verlangt. Und
+plötzlich erinnert mich der furchtbare Lärm von heute morgen, mitten in
+meiner Ruhe daran, daß junge Männer, ohne persönlichen Grund des Hasses,
+auf Leute, die sie erwarten, sich stürzen können und müssen, um sie zu
+morden.
+
+Aber die Sonne ging über dem Boden meines Vaterlandes auf. Sie beschien für
+mich das Tal, und von meiner Anhöhe aus unterschied ich zwei Dörfer, zwei
+Trümmerhaufen, von denen ich einen drei Nächte lang hatte brennen sehen. In
+meiner Nähe zwei Kreuze von weißem Holze . . . . Das französische Blut
+fließt im Jahre 1914 . . . .
+
+Den 20. November.
+
+Augenblicklich sehe ich vom Fenster aus, in dessen Nähe ich schreibe, die
+Sonne aufgehen. Sie durchdringt den Reif und ich ahne die schöne Ebene, die
+soviel Greuel erträgt. Wie ich höre, hat dieser Bajonettangriff, den ich
+gestern gehört habe, viele Opfer gekostet. Unter andern ist man ohne
+Nachrichten von zwei Halbzügen des Regimentes, das mit uns die Brigade
+bildet. Während andere ihr Geschick erfüllten, stand ich auf der Höhe des
+schönsten, übrigens in andern Augenblicken höchst ausgesetzten Hügels. Ich
+sah dem Sonnenaufgang zu; ich war tief bewegt im Anblick des Friedens der
+Natur und maß das Verhältnis zwischen der Kleinlichkeit menschlicher
+Gewalttaten und der umgebenden erhabenen Schönheit.
+
+Diese für Dich schwere Zeit, die sich vom 9. bis zum 13. September
+erstreckt, entspricht genau dem ersten Abschnitt des Krieges für mich. Den
+9. September kam ich an, entstieg dem Zug vor der furchtbaren Schlacht an
+der Marne, die sich in einer Entfernung von 35 Kilometern entrollte. Den
+12. erreichte ich das Regiment 106 und seitdem teile ich das Leben der
+Kämpfenden. Wie ich es Dir geschrieben, verließen wir also am 13. Oktober
+herrliche Wälder, in denen die feindliche Artillerie und Infanterie uns
+große Verluste zugefügt haben, besonders am 3. Unsere engere Gemeinschaft
+hat an diesem Tage einen prächtigen Menschen verloren, einen herzensguten
+Jungen, der für's Leben zu gut geworden war. Am 4. wurde ein trefflicher
+Kamerad, ein Architekt von der Kunstakademie, ziemlich ernstlich am Arm
+verwundet, seitdem sind aber die Nachrichten, die er gegeben, gut. So haben
+wir bis zum 13., einem furchtbaren Tag, sehr schwere Zeiten durchgemacht,
+um so mehr als die sehr wirkliche Gefahr verschlimmert wurde durch den
+Eindruck des Erstickens und des Unbekannten, der uns in diesen, in andern
+Zeiten herrlichen Wäldern, erdrückte.
+
+Die Hauptsache ist, den Ernst des gegenwärtigen Augenblickes nicht aus den
+Augen zu verlieren. Das Problem stellt sich uns in ganz besonderer Form
+dar. Auf der einen Seite die himmlische Gnade einer bis auf den heutigen
+Tag vollständigen Unversehrtheit. Andererseits das vollständige
+Weiterbestehen der zufälligen Gefahr für die Zukunft. Hier muß unser
+Wunsch, das Beste zu tun, sich auf den gegenwärtigen Zeitpunkt richten.
+Keine Erforschung der Zukunft kann uns befriedigen, ich glaube aber, daß
+jedes kraftvolle Streben, das die Gegenwart trifft, seine Wirkung nicht
+verfehlt. Es gilt, einen heldenhaften Kampf zu bestehen; aber wir wollen
+nicht auf uns allein bauen und nicht vergessen, daß es eine andere Macht
+gibt und wieviel wirksamer als unsere menschlichen Mittel!
+
+Den 21. November.
+
+Heute bürgerliches und fast zu bequemes Dasein. Die Kälte läßt uns bei der
+außerordentlichen Frau bleiben, die uns bei jedem Aufenthalt in dem Dorfe
+beherbergt, in dem wir drei Tage von neun einquartiert sind. Ich werde Dir
+nicht von der hübschen Aussicht erzählen, die ich von dem Fenster aus habe,
+an dem ich Dir schreibe, kann Dir aber das Heim beschreiben, welches Teile
+unseres Daseins in sich faßt. Am Tag leben wir in zwei, durch einen
+Glasverschluß getrennten Zimmern und von einem Zimmer ins andere können wir
+bald das schöne Feuer und den weiten Kamin bewundern, bald den prächtigen
+Schrank und die Betten, wie man sie in der Maasgegend hat, mit schönen
+alten Kupferbeschlägen. Das gemütliche Dasein von zwei alten Frauen (die
+Mutter, 87 Jahre alt, und ihre Tochter) ist in Unordnung gebracht durch die
+Rauheit, die Derbheit, die Gutherzigkeit und Freigebigkeit des Soldaten.
+Sie ertragen alles und opfern sich auf.
+
+Was Spinoza betrifft, dessen Seele Du bereits in Dir besitzest, so glaube
+ich, daß Du gleich zu den letzten Lehrsätzen übergehen kannst. Du wirst ihn
+sicherlich unmittelbar begreifen, wenn er von der Ruhe der Seele spricht.
+Ja es gibt Augenblicke, für uns schwache Menschen leider zu selten, die
+doch genügen, und in denen wir durch die Erschütterungen und Stöße unserer
+armen menschlichen Natur hindurch eine gewisse Neigung zum Fortdauernden
+und Abschließenden unterscheiden, und wir das wunderbare göttliche Erbteil
+erkennen, das uns anvertraut ist.
+
+ -- --- --
+
+Liebe Mutter, einen wie guten Tag habe ich eben mit Dir erlebt. Wir waren
+zu dreien: wir zwei und die liebliche Landschaft, die ich von meinem
+Fenster aus sehe. Von hier aus gesehen, gibt der Winter von den Dingen ein
+abgedämpftes, abgetöntes Bild. Zwei Wolken oder vielmehr dichter Nebel,
+hüllen die mir benachbarte Anhöhe ein, ohne die Zeichnung der Sträucher auf
+dem Kamm zu vergröbern; der Himmel ist leicht grünlich gefärbt. Alles ist
+gedämpft. Alles schlummert ein. Jetzt ist die Zeit der nächtlichen
+Angriffe, des Sturmgebrülls, der Wachen in den Schützengräben. Wie
+verlangen, jeden Augenblick, unsere Wünsche das Ende dieses Zustandes! Wie
+sehr wünschen wir die Ruhe für Alle, eine ungeheure Entschädigung, einen
+Ersatz für so viele Schmerzen, Leiden, so viele Trennungen.
+
+ Dein Sohn.
+
+Sonntag, den 22. November, 9 1/2 Uhr.
+
+Von meinem Lieblingsplatz schreibe ich Dir diesen Morgen, ohne daß seit
+gestern irgend ein Ereignis Erwähnung verdiente, außer vielleicht den
+tausend wechselnden Einzelheiten der Landschaft. Ich bin mit Sonnenaufgang
+aufgestanden, ihr Silber überflutet den weiten Raum. Die Kälte ist immer
+heftig, aber das Zusammenwirken verschiedener Wollkleider wird in den
+Quartiernächten mit ihr fertig. Das Einzige, was ich erzählen kann, ist:
+morgen ziehen wir in die Schützengräben der zweiten Linie aus, in die jetzt
+skelettartigen, eintönigen Wälder. Von unseren drei Standorten ist das
+vielleicht derjenige, den ich am wenigsten liebe, denn der Himmel ist
+hinter hohe Äste verbannt. Das ist eher eine Landschaft für R. . ., aber
+reizlos und durch das Leben, das man darin führt, verdorben.
+
+In unserer Gegend scheinen die Kämpfe mit einiger Heftigkeit wieder
+beginnen zu wollen. Heute morgen hören wir ein heftiges Gewehrfeuer, was
+sehr selten in der Kriegführung von heute ist, die vornehmlich in
+nächtlichen Angriffen besteht, während der Tag fast ausschließlich zur
+Beschießung durch die Artillerie benutzt wird.
+
+Liebe Mutter, setzen wir unsere Hoffnung in die Seelenstärke, die jede
+Stunde, jeder Augenblick verlangt. . . .
+
+. . . . Ja, es freut mich Dir von dem Leben, das ich führe, zu erzählen; es
+ist in mancher Beziehung schön. Oft wenn ich abends auf der Straße bin,
+wohin mein kleiner Dienst mich führt und die ich allein durchwandere, bin
+ich vollkommen glücklich in der Gemeinschaft mit dieser edlen Landschaft,
+mit den harmonischen Zeichnungen der Gestirne an diesem Himmel, den groß
+und lieblich geschwungenen Linien dieser Hügel; und wenn auch in diesem
+Augenblick die Gefahr immer gegenwärtig ist, so denke ich doch, daß nicht
+allein Dein Mut, Dein Ewigkeitsbewußtsein, sondern auch Deine Liebe mir
+beistimmen werden, wenn ich nicht immer wieder bei der Erforschung des
+Rätsels stehen bleibe.
+
+Mein gegenwärtiges Leben bietet also einige Höhepunkte der Empfindungen,
+die jeder Beziehung auf Fortdauer und Verharren sich entziehen, so z. B.
+schönes Laub, eine Morgenröte, eine liebliche Landschaft, einen
+ergreifenden Mondschein. Lauter Dinge, deren Vergänglichkeit und zugleich
+ewige Wiederholung das Menschenherz absondern und all den Sorgen entreißen,
+die in solchen Zeiten uns einer verzweiflungsvollen Unruhe, einem
+scheußlichen Materialismus, oder einem Optimismus zuführen würden, den ich
+durch eine sehr erhabene Hoffnung ersehen will, die uns gemeinsam ist und
+nicht auf menschlichen Dingen beruht.
+
+Meine zärtliche Liebe und treue Anhänglichkeit für Großmutter, für Euch
+Mut, inneren Frieden, völlige Hingabe, jedoch ohne irgendwelche Entsagung.
+
+Den 23. November.
+
+ Liebe Mutter!
+
+Wir sind wieder in unsern Unterständen der zweiten Linie. Wir wohnen in
+Erdhütten, in denen das Feuer uns ebenso einräuchert als es uns wärmt. Das
+Wetter, das während der Nacht sich verfinstert hatte, hat uns einen
+wunderschönen rosa und blauen Morgen geschenkt. Leider sprechen mich die
+Wälder weniger an als die wundervollen Ausdehnungen der Feuerlinie. Und
+doch ist auch hier alles schön.
+
+Mein gestriger Tag hat in der Freude bestanden, Dir zu schreiben; ich bin
+in die Dorfkirche gegangen, ohne irgend eine Anwandlung von Schwärmerei,
+auch nicht in dem Verlangen nach äußerlicher Tröstung. Meine Vorstellung
+von der göttlichen Harmonie brauchte durch keine äußeren Formen, keine
+volkstümliche Symbolik gestützt zu werden. Später habe ich das große Glück
+gehabt, einen Wagen in der nächsten Umgebung zu begleiten. Ach! welch'
+wundervolle Landschaft von saftiger Farbenpracht stets in rosa und blauen,
+durch den Nebel abgeschwächten Tönen. Diese leuchtenden, prächtigen und
+doch duftigen Farben fanden Stützpunkte in den kräftigen Flecken, welche
+die in den Raum zerstreuten Gestalten bildeten. Meine gewöhnlich durch ihre
+Bestimmtheit an die alten Meister gemahnende Landschaft nahm eine durchaus
+moderne Subtilität der Farbengebung und reiche Nuancierung an.
+
+Ich dachte einen Augenblick an unsere durchgeistigte Pariser Umgebung mit
+ihren unendlich zarten Farben und gedämpften Tönen, hier ist mehr Einfalt
+und Aufrichtigkeit, hier war alles einfach rosa und blau auf der Grundlage
+eines schönen grauen Bodens.
+
+Mein Fuhrmann, der mit seinem Pferde nicht fertig wurde, hat mir eine Gerte
+überreicht, um damit auf das Tier zu schlagen: ich mußte wie eine
+Gliederpuppe aussehen. Wir fuhren an den Kalvarien vorüber, welche die
+Dörfer der Maasgegend beschirmen, einige Bäume, die ein Kreuz umgeben.
+
+Den 24. Nov., 15 1/2 Uhr, auf einem Rückmarsche.
+
+Ich habe soeben einen Brief vom 16. und eine Karte erhalten und einen
+lieben Brief vom 18. Die beiden letzteren melden, daß meine Sendung
+angekommen ist. Wie froh bin ich darüber! Einen Augenblick fragte ich mich,
+ob ich Dir diese Eindrücke schicken sollte, aber unser Leben war nie und
+wird nie etwas anderes sein als ein stetes Forschen in der Gegend der
+ewigen Wahrheiten, ein inbrünstiges Betrachten von dem, was jeder Anblick
+auf Erden davon bietet. Daher bereue ich es nicht, Dir diese kurzen
+Bemerkungen geschickt zu haben.
+
+Die heftigsten Leiden für mich waren die der Regentage im September. Sie
+haben übrigens für alle eine schmerzliche Erinnerung zurückgelassen. Wir
+schliefen umklammert, Gesicht an Gesicht, die Hände übereinandergeschlagen,
+in einer Überschwemmung von Wasser und Schlamm. Nie hätte man sich von
+unserer trostlosen Lage eine Vorstellung machen können.
+
+Um das Maß unserer Leiden voll zu machen, nach diesen entsetzlichen
+Stunden, meldet man, daß der Feind seine Maschinengewehre auf uns richtet
+und daß wir ihn angreifen sollen. Mittlerweile sind wir abgelöst worden und
+die Entspannung war stark.
+
+Mein unvollendetes Gedicht: »Soleil si pâle« . . . bezieht sich auf die
+Tage des 11., 12. und 13. Oktobers, und überhaupt auf die Zeit der Kämpfe
+in den Wäldern, die für unser Regiment vom 22. September bis zum 13.
+Oktober dauerten. Gewisse Sonnenaufgänge über den Opfern des Kampfes haben
+mich innerlich bewegt. Seitdem habe ich nichts mehr geschrieben, außer
+einem Gebet, das ich Dir vor fünf oder sechs Tagen geschickt habe. Ich habe
+es auf jener Straße verfaßt, die ich durchwandern mußte.
+
+Den 25. November, morgens.
+
+. . . . Gestern, während dieses Marsches habe ich in einer Landschaft
+meiner geliebten alten Meister gelebt. Als wir aus den Wäldern
+heraustraten, da wir, einer Straße entlang, herabstiegen, hatten wir in
+unserer Nähe einen weiten, schloßartigen Hof, von einer entlaubten
+Baumgruppe gekrönt, neben einem zugefrorenen Teich.
+
+Fernerhin, in der verkürzten Perspektive, die meine lieben Maler trotz
+ihrer scheinbaren Einfalt so geschickt anwandten, stellte eine Straße, die
+ihre Windungen, ihre Senkungen und Steigungen entrollte, die Verbindung
+zwischen Büschen, einzelnen Bäumen her: alles scharf, feingegliedert, wie
+radiert, und doch rührend. Eine kleine Brücke führte über einen Bach, ein
+Reiter ritt in der Nähe der kleinen Brücke vorbei, bis ins Einzelnste
+scharf umrissen, dann ein kleiner Wagen: abgetönte und doch bestimmte
+Farben in seiner Harmonie, -- all das vor einem Horizont von majestätischen
+Wäldern. Ein grauer Himmel, der die ganz moderne Farbensymphonie von
+vorigem Sonntag aufhob und mich zu jener eindringlichen Peinlichkeit der
+Wiedergabe zurückführte, die uns bei einem Breughel und andern Meistern,
+deren Namen mir entfallen, bewegen. Derart ist auch die wohlgeordnete,
+durchsichtige, reiche Anordnung der Hintergründe von Albrecht Dürer.
+
+Den 26. November.
+
+Geliebte Mutter, ich bin nicht dazu gekommen den gestrigen Brief zu
+vollenden. Wir waren sehr beschäftigt. Heute ist es noch Nacht. Aus meiner
+Höhle, die ich in der Feuerlinie erreicht habe, schicke ich Dir meine
+innige Liebe und den Ausdruck des großen Glückes, das ich habe. Ich fühle,
+wie mein Werk in mir reift. Was ist daran gelegen, wenn die Vorsehung mir
+nicht gewährt es zu verwirklichen? Ich habe die feste Hoffnung, vor allem
+vertraue ich in die ewige Gerechtigkeit, welche Überraschung sie auch der
+menschlichen Vorstellung, die wir uns von ihr machen, bereiten mag. . . . .
+
+Den 28. November.
+
+Die Stellung, die wir einnehmen, nähert uns dem Feinde auf 45 Meter. Der
+Anblick der Laufgräben ist seltsam und wirkt sogar malerisch durch eine
+Herbheit der Linien, die der graue Himmel noch verstärkt.
+
+Wenn unsere Truppen, nachdem sie nächtlicher Weile die Wachsamkeit des
+Feindes getäuscht haben, von dem Tale herkommend, die halbe Höhe, deren
+Abhang uns vor dem Gewehrfeuer schützt, erreichen, treffen sie in den Hügel
+eingegrabene Unterschlüpfe, Höhlen, wo die Abteilungen, die nicht auf Wache
+sind, Schlaf und die Wärme eines rasch gebauten Heims finden. Weiter
+draußen, gerade an der Stelle, wo die freiliegende Landschaft herrlich wird
+durch Weite und Beleuchtung, beginnt der gewundene Einschnitt, den man
+Verbindungsgraben[*] nennt und in den man eindringt. So gelangt man
+unbemerkt in den Schützengraben, wo sich ein wahrhaft kriegerisches,
+ernstes Bild, dem es an Größe nicht fehlt, darbietet, ein tiefer schmaler
+Gang, dessen Decke der graue Himmel ist, und dessen Erdverkleidungen von
+frischem Schnee bedeckt sind. Hier stehen die letzten Einheiten der
+Infanterie; Einheiten von gewöhnlich schwachem Bestand. Der Feind ist hier
+schon weniger als hundert Meter entfernt. Von hier aus geht der
+Verbindungsgang weiter, immer gewundener und tiefer; in ihm empfinde ich
+das, was ich stets bei der Berührung mit frischaufgerührter Erde fühle. Der
+durch Erdarbeiten aufgewühlte Boden erweckt in mir etwas, wie wenn die
+Kräfte der aufgerissenen Erde in mich drängen und mir die Geschichte des
+Lebens erzählten.
+
+In diesen Klüften arbeiten zwei oder drei Schanzengräber des Geniekorps,
+verlängern sie, graben sie tiefer, von den Deutschen beobachtet, die
+bisweilen ungenügend geschützte Stellen erreichen können. Auf diesem
+äußersten Punkt steht der letzte Infanterieposten (etwa vierzig Meter vom
+Feind).
+
+[Fußnote *: »boyau de communication.«]
+
+Du kannst Dir den Gegensatz dieser militärischen Einrichtung und des
+Friedens denken, der an dieser Stelle zu herrschen pflegte. Stelle Dir mein
+Erstaunen vor, wenn ich mich erinnere, daß in dem Bereich meines Blickes
+der Landmann seinen Pflug lenkte und diese Sonne, deren Glorie ich erspähe,
+wie der Gefangene die Freiheit, ihm auf dieser Anhöhe gespendet wurde.
+
+Wenn ich dann in der Dämmerung in die Ebene hinaustrete, welche Wonne! Ich
+will Dir nicht davon sprechen, denn ich verschweige noch mein Glück. Ich
+darf es nicht offenbaren: es ist ein Vöglein, das die Stille liebt. . . .
+Begnügen wir uns damit, was das Wesentlichste ist, von dem Glück zu
+sprechen, das sich nicht aufscheuchen läßt: uns in gleichem Maße auf alles
+vorbereitet zu fühlen.
+
+Den 29. Nov., morgens, im Quartier.
+
+ Teuerste Mutter!
+
+Gestern habe ich die Feuerlinie bei schlechtem Wetter verlassen, das in der
+Nacht nach meiner Ankunft in Regen überging. Ich sehe ihn von meinem
+Lieblingsfenster aus als Nebel fallen. Wenn Du willst, erzähle ich Dir von
+den gestern flüchtig gesehenen Wundern.
+
+Von der in meinem gestrigen Brief beschriebenen Stellung aus sieht man, wie
+ich es Dir oft schon geschrieben, den herrlichsten Horizont. Gestern nun
+zerfetzte ein fürchterlicher Wind einen Schleier von sehr niedrigen Wolken,
+die an den Höhen hängen blieben. Vielleicht wird Dir der Hintergrund meines
+Haheyna eine schwache Vorstellung von dem geben, was ich gesehen habe. Doch
+um wie viel erhabener und stürmischer war mein gestriges Fühlen!
+
+Die Hügel und Täler gingen abwechselnd von Schatten in Licht über, bald
+scharf umgrenzt, bald verschleiert, je nachdem die Nebel sie enthüllten. Am
+Himmel große hellblaue lichtumflossene Lücken.
+
+Das war die Pracht des gestrigen Tages. Soll ich Dir von den letzten
+Abenden erzählen, wo der Mond auf die Landstraße mir die zierliche
+Verästelung der Bäume abzeichnete, die Tragik der Kalvarien, das rührende
+Bild der Häuser, von denen man weiß, daß sie Ruinen sind und welche die
+Nacht wie ein Bild des Friedens erstehen läßt.
+
+Ich freue mich zu sehen, daß Du Verlaine liebst. Lies das schöne Vorwort
+von Coppée, welches die Sammlung der ausgewählten Werke eröffnet, die Du in
+meiner Bibliothek finden wirst.
+
+Seine Frömmigkeit ist von einer Unmittelbarkeit, ich möchte beinahe sagen
+von einer Sinnlichkeit, die mich immer etwas irre macht, gerade weil sie
+der katholischen Frömmigkeit eigen ist, deren bildliche Erscheinung mir
+immer fremd bleiben wird. Aber was für ein Dichter!
+
+Er ist meine fast tägliche Wonne in Paris und hier kommen mir oft die
+Weisen seiner »Paysages Tristes«[*] in den Sinn; denn sie geben genau die
+Stimmung mancher Stunden wieder. Sein Leben ist rührend wie das eines
+kranken Tieres und man staunt darüber, daß eine solche Verkommenheit die
+köstlichen Blumen seiner Poesie nicht verwelken ließ. Seine Belehrung, eher
+die eines Künstlers als die eines Denkers, kam infolge einer Umwälzung in
+seinem Leben nach schweren Vergehungen. (Er war im Gefängnis.)
+
+In »Le Lys Rouge« hat Anatole France unter dem Namen Choulette ein
+lebensvolles Bild von ihm entworfen; vielleicht findet sich dieses Buch bei
+uns.
+
+Die Poesie in »Sagesse« wirkt wunderbar und erbaulich durch den Schwung,
+die Leidenschaft der künstlerischen Absicht, der Neue. Es ist etwa wie wenn
+der Aufschrei der »Mainacht« durch sein ganzes Werk hindurch erklänge.
+
+Unsere beiden stärksten poetischen Begabungen im vergangenen Jahrhundert,
+Müsset und Verlaine, waren zwei Unglückliche, deren doch so herrliche und
+berauschende Blumenpracht keine innere Stütze aufrecht hält. Ich langweile
+Dich vielleicht, indem ich Dir von gleichgültigen Dingen erzähle, aber es
+versenkt mich wieder ein wenig in mein vergangenes Leben. Seitdem ich das
+Glück habe Deine Briefe zu empfangen, habe ich nichts mehr aufgezeichnet.
+Glaube ja nicht, daß die Nebensachen mich das, was wir ersehnen und
+erhoffen, vergessen lassen; doch ich glaube, daß was den Schmuck des Lebens
+ausmacht, gerade das ist, was es für uns beide kostbar macht.
+
+[Fußnote *: In der Sammlung Poèmes Saturniens. (D. Übers.)]
+
+Ich erwarte Briefe von Dir seit dem letzten vom 22.; doch ich werde sicher
+einen hier im Quartier vorfinden. Ich danke Dir für das angekündigte
+Packet. Arme Mütter, wie sie alle sich quälen!
+
+Den 1. Dezember, morgens, im Quartier.
+
+Ich erinnere mich, wie ich mich freute, wenn ich als dienstfrei mich von
+meinen militärischen Obliegenheiten entbunden sah. Es schien mir, als wären
+mein Leben und meine Laufbahn unwiderruflich verloren, wenn ich mit sieben
+und zwanzig Jahren wieder zum Regiment müßte. Und nun bin ich mit acht und
+zwanzig Jahren tief im Soldatenleben drin, fern von meinen Arbeiten, meinen
+Sorgen, meinen ehrgeizigen Plänen, und nie hat mir das Leben eine solche
+Fülle von erhabenen Eindrücken gebracht: niemals vielleicht fand ich, um
+sie aufzuzeichnen, eine solche Fülle der Empfänglichkeit, eine solche Ruhe
+des Bewußtseins. Das sind also die Gnadengaben einer Lage, die meine
+vernünftigen menschlichen Voraussichten mir als ein Verhängnis erscheinen
+ließen. Hier wirkt die von der Vorsehung mir beschiedene Lehre weiter, die
+allen meinen Befürchtungen zum Trotze, Segen in jede Veränderung meiner
+Lage hineinlegt.
+
+Die beiden letzten Sonnenaufgänge gestern und heute waren wundervoll.
+. . .
+
+Ich habe Lust für Dich eine kleine Skizze von der Aussicht meines Fensters
+zu machen. . . .
+
+. . . . Ich mache es aus dem Gedächtnis, aber darüber stelle Dir die
+ergreifendsten Purpurstreifen vor und rechts und links noch endlose
+Ausdehnungen. Das zu betrachten war mir in der letzten Zeit mehrmals
+gegönnt. Augenblicklich bringt ein lieblicher Himmel Harmonie in die
+Obstgärten, in denen wir arbeiten. Mein kleines Amt befreit mich für einige
+Zeit von der Hacke. Das sind die Freuden, die von ferne mir als
+Katastrophen erschienen.
+
+Den 1. Dezember, 2. Brief.
+
+Ich habe soeben Deine Briefe vom 25., 26. und 27. erhalten, sowie einen
+lieben Brief von Großmutter, die so tapfer, so seelenvoll, so geistig
+frisch ist. Er machte mir viel Freude und bringt mir eine köstliche
+Hoffnung, deren glückliches Omen ich mit Freude annehme. Jeder Deiner
+lieben Briefe gibt mir auch, was das Leben für mich Schönstes hat. Mein
+heutiger erster Brief antwortet auf das, was Du mir von der Annahme der
+Prüfungen und Zerstörung der Götzenbilder sagst. Du siehst, daß ich ganz
+wie Du denke und ich hoffe, daß ich zur Stunde kein allzu hemmendes
+Götzenbild im Herzen trage. . . .
+
+Ich glaube, daß mein letztes Gebet in der Tat sehr einfach ist. Die
+Eingebung des Ortes hätte ein Gewand von zu überladener Kunst nicht
+geduldet. Gott war überall und überall Harmonie: die nächtliche Straße, von
+der ich Dir oft erzähle, der Himmel voll Sterne, das Tal voll Murmeln der
+Gewässer, die Bäume, die Kalvarien, die nahen oder fernen Hügel. Für etwas
+Künstliches wäre kein Platz gewesen. Ich brauche nicht darauf zu
+verzichten, Künstler zu sein; denn ich hoffe immer aufrichtig zu sein und
+meiner Kunst mich nur zu bedienen, um damit eine Überzeugung zu schmücken.
+
+Den 5. Dezember, morgens.
+
+. . . . Wir treten aus unsern Höhlen heraus, und auf die drei Tage
+klösterlicher Einschließung folgt der Morgen auf der weiten Ebene. Man kann
+sich keine Vorstellung von dem Durcheinander machen. -- Dein hübsches
+Viertelchen aus Aluminium entzückt jedermann.
+
+Ist's schlimm mit der Wunde von André? Die Mütter stehen furchtbare Angst
+aus in diesem Krieg; doch immer mutig, nichts wird verloren sein! Ich für
+mein Teil befinde mich wohl und bin so glücklich als es die Umstände
+ermöglichen.
+
+Heute furchtbarer Wind, der wundervolle Wolken treibt. Kräftige Luft, mit
+der die Baumäste sich gut abfinden. Alle vergangenen Abende herrlicher
+Mondschein, den wir umsomehr zu schätzen wußten, als das Tageslicht uns
+entzogen war. Teure Mutter, ich schreibe heute schlecht, weil wir durch das
+Tageslicht wie betäubt sind, nach den Stunden in der Finsternis, aber mein
+Herz eilt Dir zu und findet in Dir seine Stütze.
+
+. . . Laß uns an alles mit mutigem Sinn herantreten: laß uns immer und in
+allen Dingen auf Gott vertrauen. Wie fühle ich mit Dir, daß man Ihn nur im
+Geiste anbeten kann! Und mit Dir denke ich, daß man allen Hochmut meiden
+muß, der ein Hohn auf die frommen Gebräuche der andern wäre. Unsere Liebe
+soll ein der allgemeinen Vorsehung zugewandter Bund sein. Übergeben wir ihr
+unser Los in einem beständigen Gebet. Gestehen wir ihr demütig unser
+irdisches Hoffen und versuchen wir jeden Augenblick mit der göttlichen
+Weisheit es zu vereinigen. Das ist eine Aufgabe, deren Schwierigkeit sich
+jetzt offenbart, die aber auch unter den gewöhnlichen Lebensbedingungen
+besteht.
+
+Sonntag, den 6. Dezember.
+
+Ich freue mich, Dich so standhaft dem Mute zugerichtet zu sehen. Wir
+brauchen ihn oder vielmehr wir brauchen etwas, was schwer zu erlangen ist,
+was weder Geduld noch allzustarke Zuversicht ist, sondern ein gewisses
+Vertrauen in die Ordnung der Dinge, -- ein gewisses Vermögen, von jeder
+Prüfung zu sagen, daß es so recht, ist.
+
+Unser Lebenstrieb bringt uns dazu, uns von den gegenwärtigen
+Verpflichtungen frei zu machen, wenn sie zu grausam und häufig sind; aber
+Du hast sehen können, wie auch ich die große Freude hatte es zu erfahren,
+was Spinoza unter der menschlichen Freiheit verstand. Ein unerreichbares
+Ideal, dem man trotzdem zustreben muß. . . .
+
+. . . Liebe Mutter, die Prüfungen, die wir annehmen müssen, sind lang; man
+kann nicht sagen, daß sie eintönig sind; denn sie verlangen, trotz ihrer
+gleichmäßigen Gestalt, einen stets erneuten Mut, halten wir zusammen, damit
+Gott uns die Kraft und die Möglichkeit gibt, alles hinzunehmen! . . .
+
+Du weißt, was ich Religion nenne: was im Menschen alle seine Vorstellungen
+vom Universellen und Ewigen, diesen beiden Formen des Göttlichen,
+vereinigt. Die Religion, im gangbaren Sinne des Wortes, ist weiter nichts
+als die Verbindung gewisser sittlicher und erzieherischer Formeln mit der
+wunderbaren poetischen Gestaltung der kraftvollen biblischen und
+christlichen Philosophien. Wir wollen niemanden verletzen. Bei richtiger
+Betrachtung erscheinen mir die religiösen Formeln, so fremd sie auch den
+Forderungen meines Intellektes sind, lobenswert und sympathisch, insoweit
+sie ein Streben nach Schönheit und Form ausdrücken.
+
+Teure geliebte Mutter, hoffen wir immer; die Prüfungen sind mannigfaltig,
+aber alles Schöne verbleibt. Flehen wir darum, es noch lange betrachten zu
+dürfen. . . .
+
+Montag, den 7. Dezember.
+
+ Vielgeliebte teure Mutter!
+
+Ich schreibe Dir in der Nacht . . ., übrigens ist um 6 Uhr morgens das
+Soldatenleben in vollem Gang. Meine Kerze ist auf ein Bajonnett
+aufgepflanzt und von Zeit zu Zeit bekomme ich einen Wassertropfen auf die
+Nasenspitze. Meine Leidensgefährten versuchen ein trügerisches Feuer
+anzuzünden. Der Aufenthalt in den Schützengräben verwandelt uns in Haufen
+von Schlamm.
+
+Die allgemeine gute Laune ist wunderbar. So sehr sich die Kameraden nach
+Hause zurücksehnen, sie ertragen nicht weniger heldenhaft die Wechselfälle
+des Waffenhandwerks. Ihr Mut, unendlich weniger durchgeistigt als der
+meinige, ist umso werktätiger und den Verhältnissen angepaßter; aber jeder
+Vogel hat seinen Schrei, der meinige hat nichts von dem eines Kriegsvogels.
+Ich bin froh, daß ich bei allen Stößen von außen innerlich mitgeschwungen
+habe und setze meine Hoffnung darein, daß sie meine Seele gestählt haben.
+So lege ich auch in Gott mein Vertrauen für alles, was er mir vorbehalten
+will.
+
+Ich glaube mein künftiges Lebenswerk zu ahnen. Doch ich will aus dieser
+Vorahnung keinen Schluß ziehen; denn ein jeder Künstler trug ein Werk in
+sich, das das Tageslicht nicht gesehen hat.
+
+Mozart dachte daran, seinen Aufflug zu nehmen, als er dem Tode nahe war,
+und Beethoven hat die zehnte Symphonie entworfen, ohne sich um die Kürze
+der Zeit zu kümmern, die das Schicksal ihm übrig ließ.
+
+Die Pflicht des Künstlers ist, seine Knospen aufblühen zu lassen, ohne den
+Frost zu fürchten, und vielleicht erlaubt es Gott, daß mein Bemühen in die
+Zukunft weiterwirkt. Meine Versuche und Proben meiner Arbeit zeigen,
+obgleich sie sehr einheitlich sind, noch etwas Kindliches, Stammelndes in
+der Ausführung, das zu der wirklichen Höhe der Auffassung wenig paßt. Wie
+mir scheint, wird meine Kunst erst in der Reifezeit meines Lebens sich voll
+entfalten. Beten wir zu Gott, daß er mich dahin gelangen lasse. . . .
+
+Was Dein Herz anbelangt, so habe ich ein solches Vertrauen in Deinen Mut,
+daß diese Zuversicht in dieser Stunde mein größter Trost ist. Ich weiß, daß
+meine Mutter zu der Freiheit der Seele gelangt ist, welche das Wirken des
+Weltalls zu betrachten uns erlaubt. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie
+diese Weisheit nur Stückwerk ist, aber es heißt schon Gott besitzen, wenn
+man ihn ahnt.[*] Die Zuversicht, die mir Deine Seele und Deine Liebe
+verleihen, erlaubt mir an die Zukunft zu denken, unter welcher Gestalt es
+auch sein mag.
+
+Den 9. Dezember.
+
+Liebe Mutter, in seinem reizenden Brief sagt mir P. L., daß er gerne seine
+Philosophen gegen ein Gewehr vertauschen würde. Er hat sehr Unrecht. Einmal
+ist Spinoza, der ihm zuwider ist, ein wertvoller Helfer in den
+Schützengräben, und dann müssen diejenigen, die in der Lage sind, jede
+Kultur und jeden Fortschritt auszunutzen, den Fortbestand des französischen
+Geisteslebens sichern. Sie haben eine erdrückende Aufgabe, die viel mehr
+Tatkraft verlangt als die unsrige. Wir sind von allem Zwang befreit. Ich
+denke mir unser Leben wie das der ersten Mönche: eine harte, gleichmäßige,
+von jeder äußeren Obliegenheit freie Regel. . . .
+
+Den 10. Dezember, in der wunderschönen Morgenstunde.
+
+Unser dritter Tag im Quartier bringt uns die liebliche Gabe eines
+versöhnten Wetters. Die entfesselte Sintflut unseres Aufenthaltes in der
+Feuerlinie beruhigt sich etwas und die Sonne zeigt sich schüchtern.
+
+[Fußnote *: Vergleiche Pascal in Le Mystère de Jésus: »Tröste Dich, Du
+würdest, mich nicht suchen wenn Du mich nicht schon gefunden hattest.« (Der
+Übers.)]
+
+Unsere seit zwei Monaten angenehme Lage muß sich notwendigerweise ändern.
+
+Da die Festigkeit der Stellungen den Krieg ins Endlose zu verlängern
+drohen, wird der Angriff des einen der beiden Gegner die Bewegung in Fluß
+bringen und die Ereignisse beschleunigen müssen. Ich glaube, daß die
+Kriegsleitung diese Wendung der Dinge ins Auge faßt, und ich für mein Teil
+wage es kaum, Dir zu sagen, daß ich mich über nichts beklage, was die
+Gelegenheiten, Erfahrungen zu sammeln, vermehrt.
+
+Unser Leben, das zu einem Drittel plattbürgerlich ist, zu zwei Dritteln die
+Gefahren einer chemischen Fabrik bietet, würde schließlich jede Empfindung
+abstumpfen. Sicherlich werden wir nur ungern unsere Gewohnheiten aufgeben,
+aber vielleicht waren wir eben zu sehr an eine gewisse Bequemlichkeit
+gewöhnt, die auf die Dauer unmöglich wurde.
+
+Was mich betrifft, wird meine Stellung sich vielleicht verändern. Ich werde
+wahrscheinlich meinen gewohnten Gang[*] aufgeben müssen, da ich als
+Gefreiter vorgeschlagen bin, was mir einen ständigen Platz im
+Schützengraben und andere Verwendung in der Feuerlinie anweisen wird. Ich
+hoffe, daß Gott mich hierbei ebenso segnen wird wie bis jetzt.
+
+[Fußnote *: S. Brief vom 10. November, 11 Uhr. (D. Übers.)]
+
+. . . . Ich fühle, daß wir um nichts zu bitten brauchen. Wenn in uns etwas
+Ewiges ist, was wir noch auf Erden betätigen sollen, so dürfen wir sicher
+sein, daß Gott uns hier lassen wird, um es zu tun.
+
+Den 10. Dezember, 2. Brief.
+
+Glücklicherweise haben wir ein Gebiet, auf dem alles uns vereinigt, ohne
+daß ein geschriebenes Wort nötig wäre. . . .
+
+Der Himmel wird wieder grau und kündigt einen feuchten Aufenthalt für
+unsere zweiten und ersten Linien an.
+
+Der Tag geht zur Neige und die große Schwermut senkt sich auf alle Dinge.
+Es ist die graue Stunde für alle, die in der Ferne sind, für alle
+Soldatenherzen, die an das Heim zurückdenken und die Nacht über die Erde
+kommen sehen.
+
+Ich gehe zu Dir und schon erwarmt mein Herz. Ich fühle Deine aufmerksame
+Zärtlichkeit und die Weisheit, welche Deinen Mut beseelt. Manchmal scheue
+ich mich, Dir immer dasselbe zu wiederholen; aber wie soll ich neue Worte
+finden für meine arme, durch immer dieselben Wechselfälle hin und her
+geworfene Liebe? Da wir bald von hier fortkommen, werden wir vielleicht
+manche Andenken, die wir aufbewahrten, verlassen müssen; aber die Seele
+darf sich nicht an Fetische festklammern. Unser Herz mag manchmal gewisse
+Dinge benutzen, aber unsere Liebe kann ohne Amulett bestehen.
+
+Den 12. Dez., 10 Uhr (Postkarte).
+
+Lieblicher Tag im Regen. Alles steht gut in unsern Wäldern. In der Nähe hat
+es furchtbaren Kanonendonner auf beiden Seiten gegeben.
+
+Deine Briefe vom 4. und 6. empfangen. Ich freue mich darüber. Es ist das
+wahre Glück meines Lebens. Ich bin froh, daß Du C. . . . besucht hast. Ich
+hoffe Dir ausführlicher zu schreiben. Nicht als ob es mir mehr als sonst an
+der Zeit fehlte, aber ich durchlebe Tage, wo ich für die Schönheit der
+Dinge weniger empfänglich bin. Ich strebe der wahren Weisheit zu. . . .
+
+Den 12. Dez., 7 Uhr nachmittags.
+
+Trotz der wechselnden Schönheit der Sonne und des Regens war ich heute für
+das Schauspiel der Natur nicht empfänglich. Und doch war nie soviel Anmut
+und Güte am Himmel.
+
+Die Landschaft mit dem Brücklein und seinem Reiter, von der ich Dir
+erzählte, wurde von weicher Anmut unter der Pracht der Wolken durchdrungen.
+Aber ich empfand nicht wie früher den Segen Gottes, als plötzlich ein
+schöner, so schöner Baum zu meinem Herzen gesprochen hat. Er hat zu mir von
+der stets lächelnden Schönheit, der Frische des Epheus, geredet, von der
+herbstlichen Röte, von der winterlichen Schärfe der Zeichnung in den
+Baumästen; da habe ich begriffen, daß eine Stunde in solcher Betrachtung
+das ganze Leben ist, dem Dasein seinen Wert verleiht, neben dem alles
+menschliche Erwarten nichts ist als ein böser Traum.
+
+Sonntag, den 13. Dezember.
+
+. . . . Ich ging heute nach einer erquickenden Nacht in diesen Wäldern
+spazieren, wo vor nunmehr drei Monaten die Toten den Boden bedeckten, heute
+breitete der Spätherbst seine Schätze aus und dieselbe Schönheit der
+bemoosten Stämme redete zu mir, wie gestern, von ewiger heiterer Anmut.
+
+Es bedarf allerdings einer ungeheuren aber unerläßlichen Selbstüberwindung,
+um zu begreifen, wie wenig die allgemeine Harmonie gestört wird durch die
+Ereignisse, deren Anblick unser Empfinden gewaltsam erschüttern.
+
+Man muß durch Erfahrung erkennen, daß ein körperlicher Riß wenig bedeutet
+und daß unser wahres Ich in dem Aufschwung der Seele liegt.
+
+Den 14. Dezember (bei herrlichem Wetter und wiedergewonnener
+Seelenruhe).
+
+Wir sind jetzt wieder in unserem Abschnitt der Feuerlinie, aber an einer
+Stelle, wo man den Kopf heben und die Anmut meiner teuern Maashügel
+genießen kann, die eine zarte Beleuchtung aufheitert.
+
+Ich sehe über den Dörfern und den Obstgärten die Birken- und Tannenreihen.
+Die einen färben ihr Baumskelett mit duftigem, weißgeädertem Violett, die
+andern unterstreichen die Horizontlinie mit ihren satten Farben.
+
+Ich wurde innerlich gestärkt durch die wunderbare Lehre, die mir während
+eines Marsches ein schöner Baum gegeben. Ach, liebe Mutter, alles an uns
+kann untergehen, die Natur besteht darum nicht weniger herrlich und, was
+sie mir in Augenblicken von ihren Gaben geschenkt, genügt, um ein ganzes
+Leben zu rechtfertigen. Dieser Baum war wie ein Soldat!
+
+Du kannst Dir nicht vorstellen, wie viel die Wälder in dieser Gegend
+gelitten haben: nicht sowohl durch Beschießung als durch das furchtbare,
+für den Bau von Unterständen und unsere Heizung notwendige Abholzen. Und
+doch mitten in dieser Verwüstung erzählte mir dieser Baum, daß für den Baum
+und den Menschen Schönheit immer bestehen wird.
+
+Auch der Mensch gibt dieselbe Lehre: Sie ist schwerer in ihm zu entziffern,
+ist aber schön, wenn man die wundervolle Lebenskraft dieser Jugend sieht,
+deren Tatkraft durch die Ernte des Todes nicht vermindert wird.
+
+Den 15. Dezember, in der Frühe.
+
+ Teure geliebte Mutter!
+
+Ich habe Deinen lieben Brief vom 9. erhalten, in dem Du von unserm Heim
+erzählst. Ich bin glücklich zu fühlen, wie schön die Lebenskraft ist, die
+rasch nach jeder Trennung, jedem Riß sich wieder einzurichten weiß. Ich bin
+glücklich zu fühlen, daß meine Briefe in Deinem Herzen einen Wiederhall
+finden. Oft fürchtete ich Dich zu ermüden; denn unser Leben, das in mancher
+Hinsicht herrlich ist, ist das denkbar einfachste und bietet wenige
+hervorstechende Ereignisse.
+
+Wenn ich mein Malerhandwerk ausüben könnte, hätte ich die schönsten
+Gelegenheiten zum Sehen vor mir und würde über den umfassendsten Vorrat an
+malerischen Eindrücken, den es geben kann, verfügen. Wenn ich aber versuche
+Himmel, Bäume, Hügel und Horizont zu erzählen, gebrauche ich die Worte
+nicht so feinfühlig wie die Farben und die unendliche Mannigfaltigkeit der
+Bilder beschränkt sich in der Wiedergabe auf einige Grundformen, die, wie
+ich fürchte, sich wiederholen . . . .
+
+Den 15. Dezember.
+
+. . . Man muß sich diesem eigentümlichen Dasein anpassen, das zugleich arm
+an geistiger Tätigkeit und wunderbar reich an plötzlichen seelischen
+Erregungen ist. Ich stelle mir vor, daß in unruhigen Zeiten, vor
+Jahrhunderten, Männer, des überfeinerten Lebens überdrüssig, im Frieden des
+Klosters die Betrachtung der ewigen Fragen aufsuchen und, wenn auch durch
+die Drohung feindlicher Horden belästigt, dort eine Zufluchtsstätte finden
+mochten. Ich stelle mir vor, daß unser Leben dem Leben dieser alten Mönche
+gleicht, deren Dasein sehr kriegerisch war, die mehr als ich für den Kampf
+geeignet waren. Unter ihnen konnten empfängliche Seelen Freuden genießen,
+die ich heute wiederfinde. -- Ich erhalte heute einen rührenden Brief von
+Frau M. . . ., deren Herzlichkeit ich liebe.
+
+Wechselndes, doch ergreifend schönes Wetter.
+
+Es ist unmöglich, mehr als wir getan, über die Haltung zu sagen, die wir
+den Ereignissen gegenüber einnehmen müssen. Worauf es ankommt, das ist die
+Ausführung. Sie ist nicht leicht; ich habe es dieser Tage erfahren,
+obgleich keine neue Schwierigkeit meinem Bemühen, die Weisheit zu
+erreichen, in den Weg trat.
+
+. . . Manchmal faßt man eine gewisse innere Unruhe, die an einem nagt, als
+die Stimme eines wachsamen Gewissens auf.
+
+Den 16. Dezember.
+
+Hier in unsern Unterständen habe ich Dein kleines, leider arg zerknittertes
+Skizzenbuch hervorgeholt und habe versucht, einige Linien des
+Landschaftsbildes zu zeichnen. Die Kälte ließ mich aufhören und ich kehrte
+unbefriedigt zurück; da hatte ich den Einfall einen Kameraden Modell stehen
+zu lassen. Ich kann Dir nicht meine Freude schildern, als etwas dabei
+herauskam! Ich glaube, daß meine kleine Bleistiftzeichnung mir geglückt
+ist. Sie ist in einem Briefe fort für irgend einen »Schatz«. Es war mir ein
+wahrer Genuß zu fühlen, daß ich meine Fähigkeiten nicht eingebüßt habe.
+
+Den 17. Dezember in einem neuen Quartier.
+
+. . . Gestern wurden wir von unsern Gewohnheiten herausgerissen, im
+Augenblick, wo ich, nach drei Tagen vollkommener Ruhe, die Schützengräben
+erster Linie verließ. Man hat uns einen Standort angewiesen, wo wir den 6.
+und 7. Oktober zugebracht hatten. Man spürt in der Luft, daß Neues im Anzug
+ist. Ich weiß nicht was daraus wird; doch die heitere Ruhe des heutigen
+Tages gilt mir als eine gute Vorbedeutung für alles Kommende.
+
+Es gab die letzten Tage wunderbare Anblicke, die ich jetzt besser inne
+werde, als in jenen wenigen Tagen der Niedergeschlagenheit. Es kam daher,
+daß ich mich kleinlichen menschlichen Berechnungen hingegeben hatte.
+
+Ich schreibe Dir an einem Fenster, von dem aus ich die Sonne untergehen
+sehe. Du siehst, daß es für uns immer Gutes gibt.
+
+3 Uhr nachmittags.
+
+. . . . Ich schreibe an diesem Brief weiter in der Dämmerung eines
+einzigartigen Winters; der Tag schläft ebenso friedlich ein wie er
+erwachte. Ich sehe die Wäscherinnen unter der Baumreihe, die sich an einem
+Fluß entlang zieht; der Friede ist überall, ich glaube selbst in den
+Herzen. Die Nacht bricht herein. . . .
+
+Den 19. Dezember, im Quartier.
+
+Lieblicher Tag, der um den Tisch herum seinen Abschluß findet. Stille.
+Zeichnen. Musik. Ich denke mit Ruhe an die Länge der kommenden Tage, indem
+ich sehe, wie rasch die vergangenen Tage verflogen sind. Die Hälfte dieses
+Monates ist nun vorüber, das Weihnachtsfest kommt, während des Krieges. Für
+mich heißt es nur noch, mich unsern Lebensbedingungen wirklich anzupassen,
+dann mit Hülfe unserer Gemeinschaft zu einer Annahme der Dinge zu gelangen,
+die einer höhern Ordnung angehört als die menschliche Tapferkeit.
+
+Den 21. Dez., morgens früh.
+
+ Teuerste Mutter!
+
+Ich habe in meinen Briefen mit Offenheit von meinen Freuden gesprochen,
+aber die Klippe des Glückes ist, daß unsere arme menschliche Natur stets in
+Angst ist, es zu verlieren, ohne zu erkennen, daß erfahrungsgemäß die ewige
+Ordnung immer ein neues Glück neben das alte Glück stellt.
+
+Ich für mein Teil brauche kein neues zu suchen. Ich muß versuchen, beide
+Weisheiten zu vereinigen. Die eine, die menschlich ist, treibt mich dazu
+an, für mein Glück zu sorgen, die andere aber lehrt mich, daß dieses
+menschliche Glück eine gar zarte Blume ist.
+
+Man könnte sagen: Genießen wir die Freuden des Lebens, die ein unerbittlich
+strenges Gewissen ausgewählt hat, aber erkennen wir, was sie alle
+Vergängliches in sich haben.
+
+Ja, die heilige Schrift enthält die schönste und poetischste Philosophie.
+Ich glaube, sie verdankt sie ihrem Zusammenhang mit den viel älteren
+Philosophien. Bei Edouard Schuré[*] ist manches anfechtbar, was man aber
+behalten muß, ist seine Deutungsgabe, die ihn durch alle Lehren hindurch zu
+der unendlich fernen Quelle der menschlichen Weisheit zurückgehen läßt.
+
+Weißt Du, daß die so rührenden mythischen Bilder von einem »guten Hirten«
+und der »Mutter Gottes«, welche in unsern Religionen so glückliche
+Anwendung gefunden haben, alte Schöpfungen der menschlichen Symbolik sind?
+Die Griechen hatten sie von geistigen Vorfahren erhalten und bei ihnen hieß
+der gute Hirte Hermes Psychopompos, Hermes der Seelenführer. Ebenso ist die
+Ahnfrau unserer Muttergottes, die große Demeter, die Mutter, die ein Kind
+auf ihren Armen trägt. Man fühlt, daß alle Religionen, in dem Maße, wie sie
+sich ablösten, die eine auf die andere immer denselben Schatz von Symbolen
+übertragen haben, welche die ewig jugendliche, menschliche Poesie jedesmal
+neu gestaltete.
+
+[Fußnote *: E. Schuré, Les grands initiés.]
+
+Den 23. Dez. (in der Dunkelheit).
+
+Welche Ironie! Ich hatte gestern diesen Brief angefangen, den ich
+unterbrechen mußte. Das Wetter war herrlich, ist es übrigens ungefähr
+geblieben. Aber wir haben unsere Feuerlinie wieder bezogen. Diesmal halten
+wir das Dorf selbst besetzt, -- die hübsche Corotlandschaft, wie vor zwei
+Monaten. Aber die Stellung unseres Vorpostens befindet sich in einem Hause,
+an dem man jede Ritze verschließen muß, um seine Gegenwart dem Feinde zu
+verbergen. So sind wir in einem Zimmer, in dem wir um neun Uhr morgens uns
+der Illusion hingeben können, als feierten wir den heiligen
+Weihnachtsabend.
+
+Dein lieber Brief, den ich kürzlich erhielt, hat mir viel Freude bereitet.
+Es ist wahr, die Anmut und die göttliche Begeisterung sind zwei Ausdrücke
+für denselben Begriff.
+
+Wenn Du einen Gang im Museum des großen Dichters Moreau[*] machst, wirst Du
+ein Gemälde sehen, »das Leben der Menschheit«,[**] glaube ich benannt. Es
+besteht aus neun Abschnitten, welche drei Reihen bilden, die heißen: _das
+goldene Zeitalter, das silberne Zeitalter, das eiserne Zeitalter_. Darüber
+ist ein Giebelfeld, von dem aus Christus diese Darstellung der Menschheit
+beherrscht. Darin aber hat dieser große Künstler dieselbe Vorstellung wie
+Du: jede der drei Reihen trägt den Namen eines Helden, Adam, Orpheus, Kain
+und jede von ihnen umfaßt drei Stunden. Die Stunden des goldenen Zeitalters
+heißen: _die Entzückung, das Gebet, der Schlaf_, während die Stunden des
+_silbernen Zeitalters_ heißen: _die Begeisterung, der Gesang, die Tränen_.
+
+[Fußnote *: Das Musée Gustave Moreau in Paris, Rue La Rochefoucauld.]
+
+[Fußnote **: S. L'Art de Notre Temps: Gustave Moreau par Léon Desbairs
+(Abbildung s. 101, L'Age d'Airain) Paris. La Renaissance du Livre. (D.
+Übers.)]
+
+Die _Entzückung_ ist auch die _Anmut_; denn das Gemälde stellt Adam und Eva
+dar, in der Reinheit ihrer Seelen, inmitten einer herrlichen Blütenpracht
+in die Betrachtung der Gottheit versenkt. Nichts außer einer harmonischen
+Natur hilft ihnen in ihrem Anflug zu Gott.
+
+Die _Begeisterung_, in seinem _silbernen Zeitalter_ ist wieder die_ Anmut_,
+aber schon, durch menschliche Künstlichkeit gestört. Der Dichter Orpheus
+sieht immer noch Gott, aber die Muse steht ihm zur Seite, das Symbol der
+menschlichen Kunst ist schon geschaffen; und die Offenbarung der Gottheit
+im Menschen, der _Gesang_ ist von Tränen, dem Schmerze begleitet.
+
+Den Kreislauf weiter verfolgend und die Entweihung des Menschen erreichend,
+schildert Gustave Moreau das _eiserne Zeitalter_: Kain zur Arbeit und zum
+Verbrechen verurteilt.
+
+Dieses Werk erzählt, daß die göttliche Stunde greifbar, aber flüchtig ist
+und daß sie der gewöhnliche Zustand des Menschen nicht sein kann. Es
+entschuldigt unsere Niederlagen. Die malerische Wiedergabe dieses Gedankens
+ist zu buchmäßig, könnte mancher sagen; doch sie berührt die Seele derer,
+die durch die Eishülle hindurch lesen wollen, unter der in der menschlichen
+Wiedergabe jeder Gedanke erstarrt. Freilich war ein Rembrandt der
+vollkommene geniale Dichter und zugleich der reine »Maler«. Geben wir zu,
+daß unsere Zeit weniger Reichtum, eine seltenere Vielseitigkeit der
+künstlerischen Begabung aufweist; erkennen wir aber zugleich die Schönheit
+der Dichtung von Gustave Moreau an, deren Sinn Du in zwei Worten geahnt
+hast.
+
+ Dein Sohn.
+
+Den 24. Dez., in der Frühe.
+
+Unsern ersten Tag auf Vorposten haben wir in der ländlichen Ruhe einer
+Landschaft verbracht, die den Schnee erwartete. Er ist im Laufe der Nacht
+gekommen. In Hintergärten, dem Auge der Deutschen entzogen, habe ich mir
+den Schnee angesehen, der die kleinsten Gegenstände zeichnet und adelt.
+Dann kehre ich zum Talglicht zurück und nun schreibe ich Dir auf dem
+Tische, auf dem ein Nachbar Schokolade schabt. Das ist der Krieg.
+
+Das Soldatenleben bietet lustige Überraschungen. Wir mußten in die
+Feuerlinie kommen, damit zwei Unteroffiziere eine Badewanne finden und ein
+Bad nehmen können. Ich für mein Teil begnügte mich mit der Hülse einer
+75ger Granate als Wasserkrug.
+
+. . . . Ich will nicht von Geduld sprechen, denn ein großer Vorrat von
+Geduld kann vor dem uns bekannten X versagen. Ich sage Dir aber, daß die
+Zeit außerordentlich rasch vergeht.
+
+Wir verleben kindliche Tage, übrigens sind wir Kinder solchen Ereignissen
+gegenüber, und die Wohltat dieses Krieges wird sein, daß er denen, die
+zurückkehren, die Jugend des Herzens zurückgeben wird. . . .
+
+Liebe Mutter, unser Dorf hat wieder den Besuch von zwei Granaten erhalten.
+Werden sie in Begleitung kommen? Gott behüte uns! Letzthin hatten sie uns
+hundert und fünfzehn geschickt, um einen Mann am Handgelenk zu verwunden.
+Ein Haus, in dem ein Halbzug unserer Kompagnie wohnt, steht in Flammen. Wir
+sehen niemand sich regen. Wünschen wir, daß für unsere Kameraden alles gut
+verläuft.
+
+Ich bin herzlich froh, diese paar Monate verlebt zu haben. Sie haben mich
+gelehrt, was man aus dem Leben machen kann, in welcher Form es sich uns
+auch zeigen möge.
+
+Meine Kameraden sind wunderbar in ihren Offenbarungen französischer
+Eigenart. . . . Sie scherzen, aber ihr Scherz ist die äußere Hülle eines
+herrlichen seelischen Mutes.
+
+Mein großer Fehler als Künstler ist, die Seele meines Volkes stets mit
+einem schönen, mit meinen eigenen Farben bemalten Gewande kleiden zu
+wollen. Diese Menschen gehen mir manchmal auf die Nerven, wenn sie mein
+schönes Kleid beschmutzen; in Wahrheit würde es sie arg daran hindern, ihre
+Pflicht zu erfüllen, wie sie es tun.
+
+Weihnachten in der Frühe.
+
+Welche einzige Nacht! -- Nacht ohne Gleichen, in der die Schönheit siegte,
+in der trotz ihrer blutigen Verirrungen, die Menschheit die Wahrheit ihres
+Bewußtseins bewiesen hat.
+
+Wisse, daß bei gelegentlichem Gewehrfeuer, ein Gesang ohne Unterbrechung
+auf der ganzen Schützenlinie sich erhob!
+
+Uns gegenüber sang eine wundervolle Tenorstimme das Weihnachtslied des
+Feindes. Viel weiter zurück, hinter dem Höhenzug, dort wo unsere Linien
+wieder anfangen, antwortete die Marseillaise. Die wundervolle Nacht
+verschwendete ihre Sterne und Meteore. Hymnen, Hymnen überall.
+
+Es war die ewige Sehnsucht nach Harmonie, der unbezwingliche Aufschrei nach
+Ordnung in Schönheit und Eintracht.
+
+Ich für mein Teil habe meine Erinnerungen eingewiegt, indem ich die
+köstlichen Melodien der _Kindheit Jesu_[*] wachrief. Die jugendliche
+Schönheit, die Taufrische dieser französischen Musik rührten mich. Ich
+dachte an den berühmten _Schlaf der Wanderer_ und den Chor der Hirten. Ein
+Satz, den die Jungfrau Maria singt: »Der Herr hat für meinen Sohn diese
+Stätte gesegnet«, ließ mein Herz erzittern. Die Melodie sang in mir,
+während ich in diesem Häuschen saß, dessen Nachbar in Flammen steht und das
+selbst einem recht kümmerlichen Schicksal geweiht ist.
+
+Ich dachte an alle mir gewährten Freuden, ich dachte, daß vielleicht in
+dieser Stunde Du für mich um Segen flehst über meine Zufluchtsstätte. Der
+Himmel war so schön, daß er mir eine günstige Antwort zu gewähren schien;
+ich wünschte aber ganz besonders die Kraft zu besitzen, um eines
+fortwährend zu flehen, um Weisheit zu jeder Zeit, eine Weisheit, die zwar
+menschlich ist, aber trotzdem vor jeder Überraschung sicher ist.
+
+Jetzt überflutet die herrliche Sonne die Ebene, und ich schreibe Dir beim
+Kerzenlicht, von Zeit zu Zeit gehe ich aber und betrachte sie von den
+Hintergärten aus. Alles ist licht, und die verlassene Ebene empfängt den
+Frieden von oben.
+
+[Fußnote *: »L'Enfance du Christ«, von Hector Berlioz.]
+
+Ich gehe in unser Zimmer zurück, wo im Dämmerlicht die Kupferbeschläge der
+wundervollen Betten der Maasgegend und das geschnitzte Holz der Schränke
+schimmern. Alles hat durch den schlechten Gebrauch, den die Soldaten davon
+machen, gelitten, verschafft uns aber eine wirkliche Behaglichkeit. Wir
+haben Bestecke gefunden, Tafelgeschirr und haben zwei Tage nacheinander
+Schokolade in einer Suppenschüssel bereitet. Üppigkeit!
+
+O liebe Mutter, wenn mir Gott die Freude der Rückkehr gewährt, welche
+Jugend hat mir diese außerordentliche Zeit wieder geschenkt! Wie ich meinem
+lieben P. schrieb, führe ich hier das Leben eines Kindes unter so
+schlichten Menschen, daß wenn auch sehr vereinfacht, meine Lebensart für
+meine Umgebung noch recht umständlich ist.
+
+Teuerste Mutter, dieser sehr lange Krieg entwickelt unsere Fähigkeit im
+Dulden auszuharren; ich habe aber das Gefühl, daß sich alles so
+verwirklicht, wie es mir vorauszuahnen vergönnt war. Ich glaube, daß diese
+langen Zwischenzeiten der Untätigkeit das geistige Werkzeug in mir werden
+ruhen lassen. Wenn ich das Glück habe, es wieder benutzen zu dürfen, wird
+es zwar einige Zeit brauchen, um sich wieder in Bewegung zu setzen, aber
+welche neue Triebkraft wird es besitzen! Mein letztes Werk war reine
+Gedankenarbeit und mein Ehrgeiz, den alles rechtfertigen kann, ist meinem
+Gedanken mehr greifbare Form zu verleihen, je mehr er sich entwickeln wird.
+
+Sonntag, den 27. Dezember, 9 Uhr. 5. Tag in der Schützenlinie.
+
+Es scheint, daß die fürchterliche Stellung, die wir am 14. Oktober mutig
+behauptet haben und die unmittelbar darauf durch unsere Nachfolger verloren
+ging, wieder genommen wurde, mehr als 200 Meter, aber um den Preis von 100
+Mann, die kampfunfähig sind.
+
+Liebe Mutter, der Mangel an Schlaf nimmt mir den Verstand. Man bedarf zwar
+wenig davon für den täglichen Gebrauch in diesem Dasein, aber ich hätte
+gerne mit Dir geplaudert. Mein Trost ist, daß unsere gegenseitige Liebe
+keinen Ausdruck braucht.
+
+Weniges mitzuteilen. Ich bin arg abgestumpft durch den gestrigen Tag, den
+ich ganz im Dunkeln zugebracht habe. Dabei sah ich noch von meinem Platz
+aus einen hübschen Baum am Himmel.
+
+Diesen Morgen sah ich in der lieblichen Dämmerung einen schönen
+außerordentlich leuchtenden Stern. Ich hatte Kohlen und Wasser geholt und
+auf dem Rückweg war dieser außerordentliche Stern immer noch sichtbar,
+obgleich der Tag schon hell war. Mein Gefreiter, der mit mir von Strauch zu
+Strauch unserm Hause zustrebte, sagte mir: »Weißt du, was das ist, dieser
+Stern? Nun! es ist das Erkennungszeichen für die feindlichen Patrouillen.«
+Es war so, und zunächst war ich über die Entweihung des Himmels empört;
+dann aber, abgesehen von der sinnreichen Erfindung dieses Verfahrens, sagte
+ich mir, daß dieser Stern für die armen Leute auf der andern Seite die
+Richtung der Rettung bedeutete. Ich habe ihm weniger gezürnt. Er hatte mir
+so viel Freude gemacht, daß ich mich entschloß, bei meinem ersten Eindruck
+zu verbleiben.
+
+Den 30. Dezember.
+
+Gestern abend empfing ich Deinen Weihnachtsbrief. Vielleicht hast Du zur
+Stunde, wo ich Dir schreibe, den meinigen vom selben Tag erhalten. Damals
+genoß ich trotz der Gefahr die Schönheit der Landschaft, heute aber muß ich
+Dir gestehen, daß sie mir einigermaßen vergiftet ist durch das, was man von
+dem letzten Gemetzel erzählt.
+
+Den 26. hat man uns in unseren Kampfstellungen gelassen, die wir zu
+gewöhnlichen Zeiten nur nachts besetzen. Wir wurden an diesem Tage in
+unserer rein defensiven Stellung bevorzugt, nur daß wir der feindlichen
+Beschießung ausgesetzt waren; aber zu unserer Rechten erhielt ein Regiment
+unserer Division, das eine unserer schrecklichen Stellungen vom 14. Oktober
+einnahm, einen furchtbaren Auftrag, dessen unglücklicher Ausgang mehrere
+hundert Menschenleben gekostet hat. Hier in unserm großen Dorf, wo unsere
+gute Wirtin, wie wir auch, die Opfer kannten, ist alles in Trauer.
+
+Am selben Tage.
+
+. . . . Nichts greift die Seele an. Die Angst mag freilich manchmal groß
+sein, besonders die Vorahnung; aber die Fragen der Zukunft ordnen sich der
+willigen Annahme des Gegenwärtigen unter. Das Wetter ist mild und die Natur
+gleichgültig. Die Toten werden den Frühling nicht stören . . . .
+
+Und wenn einmal die Schrecken des Augenblicks vorüber sind, wenn man dann
+sieht, welchen Platz die Erinnerungen an die Dahingeschwundenen einnimmt,
+empfindet man ein fast süßes Gefühl bei dem Gedanken an das, was _wirklich_
+_besteht_. In diesen düstern Wäldern erkennt man, wie nichtig die Gräber-
+und Leichenfeiern sind. Die Seele dieser armen braven Menschen braucht das
+alles nicht. . . .
+
+4 Uhr. -- Ich vollende das vierte Bild; ein Leutnant meiner Kompagnie.
+Entzückt! Der Tag geht zur Neige. Ich sende Dir mein stets mutiges
+Gedenken, Hoffnung und Weisheit.
+
+Vom 3. Januar 1915.
+
+. . . . Gestern, nach der ersten Befriedigung, die ich empfand, als ich
+mich von den groben Arbeiten befreit sah, habe ich meine Stückchen Tressen
+betrachtet und fühlte mich zunächst erniedrigt; denn statt der gewaltigen
+an keinen Titel geknüpften Überlegenheit, die mich aus jeder militärischen
+Bewertung ausschloß, war ich eine untere Nummer in der Rangordnung
+geworden.
+
+Aber sofort fühlte ich, daß, so oft ich meine roten Tressen ansah, ich
+meiner sozialen Pflicht mich erinnern müsse, die mein Individualismus zu
+oft vergißt. Ich fühlte, daß ich meine Seele auszubilden immer in der Lage
+bin, von ihr nur eine unbedingtere Anspannung werde verlangen müssen.
+
+Den 4. Januar (abgeschickt den 7. Januar) in einem Minengang
+
+Ich schreibe Dir am Eingang eines unterirdischen Ganges, der unter die
+feindliche Stellung führt. Mein kleiner Posten hat den Auftrag, für die
+Sicherheit der Pioniere des Geniekorps zu sorgen, die einen schon ein
+Dutzend Meter vorgedrungenen Gang graben, mit Balken stützen und festigen.
+Um dorthin zu gelangen, stampfen wir im Schlamm bis zu den Schenkeln; aber
+unsere acht Stunden Wache sind durch eine Erdschicht von mehreren Metern
+geschützt.
+
+Ich habe sechs Posten, mit denen ich drei Tage lang ein Dasein von
+Schlaflosigkeit und Entbehrungen teile. Das ist das Einweihungsfest meiner
+neuen Stellung, aber ich bin froh, mich wieder ein wenig in den Prüfungen
+vergangener Tage zu stählen. . . .
+
+Es könnte übrigens geschehen, daß mir das Amt, das ich in Vertretung
+versah, in einigen Tagen nunmehr wirklich übertragen wird. Scheußliches
+Wetter: und um das Unglück voll zu machen, habe ich einen ganz neuen Schuh
+verbrannt und bin, wie die andern übrigens auch, in einem wahren Bad, aber
+in vortrefflicher Gesundheit.
+
+Teuerste, ich will etwas schlafen gehen.
+
+Den 6. Januar, abends.
+
+Teure Mutter, wir sind jetzt wieder im Quartier nach zweiundsiebzig Stunden
+ohne Unterbrechung und Schlaf, in einem namenlosen Sirup von Regen und
+Schlamm. Ich habe verschiedene Briefe von Dir erhalten. Liebe, teuerste
+Mutter, der letzte ist vom ersten. Wie ich sie liebe! Doch um Dir von allem
+erzählen zu können, will ich zuerst ein wenig schlafen.
+
+Den 7. Januar, gegen mittag.
+
+Diesen abgebrochenen Brief vollende ich im Polizeiraum, von wo mein Halbzug
+auf Wache zieht.
+
+Das Wetter ist immer scheußlich. Diese Verschiebung des ganzen Daseins ist
+unerhört. Wir sind im Wasser, die Wände sind voll Schlamm, der Boden und
+die Decke auch.
+
+Den 9. Januar.
+
+. . . . Mancher Trost fehlt mir in diesen Tagen wegen des Wetters. Dieser
+entsetzliche Schlamm erlaubt nicht das Geringste zu schauen. Ich schließe,
+indem ich innig unsere Liebe, den festen Glauben an eine Gerechtigkeit
+anrufe, die höher ist als unsere menschliche.
+
+Liebe Mutter, Sendungen brauche ich tatsächlich nicht. Die Entbehrungen
+sind augenblicklich anderer Art, doch immer Mut. Wenn man nur sicher wüßte,
+daß die seelische Anstrengung Früchte tragen wird!
+
+Den 13. Januar, im Schützengraben, in der Frühe.
+
+Ich möchte, wenn Ihr an mich denkt, daß Ihr das Bild von solchen Menschen
+wachruft, die alles verlassen hatten, Familie, Bekannte, Stellung in der
+Gesellschaft, von Leuten, welche die nächsten Verwandten nur noch in der
+Erinnerung kannten, von denen sie sagten: »Wir haben einen Bruder, der vor
+langen Jahren sich von der Welt zurückgezogen hat, wir wissen nicht, was
+aus ihm geworden ist.« Dann werde ich das Gefühl haben, daß auch Ihr jede
+menschliche Form der Anhänglichkeit aufgegeben habt und werde mich frei
+diesem Leben hingeben, das allen gewohnten menschlichen Beziehungen
+verschlossen ist.
+
+Ich beklage mich nicht über meine neue Stellung, sie versenkt mich wieder
+in Prüfungen, aber mit mehr Erfahrung und einigen Verbesserungen. Ich will
+also fortfahren, so vollständig, wie es mir möglich ist, für den Augenblick
+selbst zu leben; und das wird mir leichter werden, wenn ich fühle, daß Ihr
+selbst Euch an den Gedanken gewöhnt habt, daß das Leben, welches ich
+gegenwärtig führe, nicht vorübergehend zu sein braucht.
+
+Ich habe Dir nicht genug geschrieben, wie ich mich über die _Revue
+Hebdomadaire_ gefreut habe. Ich habe darin Auszüge von Reden über Lamartine
+wiedergefunden, die mich entzückt haben. Die Umstände führten ihn, den
+Dichter, dazu, seiner Kunst nur noch einen winzigen Platz einzuräumen. Das
+allgemeine Leben hat ihn umkreist und legte seiner großen Seele eine
+unmittelbarere und stärkere Aufgabe auf, als sein Genie es erwartete.
+
+Den 15. Januar, im neuen Quartier, 12 Uhr 30 mittags.
+
+Wir haben keine Ahnung mehr von irgend einem Ausgang. Für mich ist die
+einzige Richtschnur mein Gewissen. Wir müssen unser Vertrauen in eine
+unpersönliche, von jedem menschlichen Vermittler unabhängige Gerechtigkeit
+setzen, in eine trotz aller äußeren Schrecken nützliche und harmonische
+Bestimmung.
+
+Den 17. Januar, nachmittags, im Quartier.
+
+Was soll ich Dir schreiben, an diesem Nachmittag eines seltsamen Januars,
+wo der Schnee auf den Donner folgt?
+
+Unser Quartier bietet uns nennenswerte Bequemlichkeiten, besonders aber
+eine berauschende Poesie. Stelle Dir einen See vor in einem von hohen
+Hügeln beschützten Park, dann ein Schloß oder vielmehr ein vornehmes
+Landhaus. Wir wohnen in den Nebengebäuden, aber ich brauche weder Tafelwerk
+noch äußerste Bequemlichkeit, um das Traumleben, das ich seit drei Tagen
+führe, zu vervollständigen. Gestern erhielt unsere liebenswürdige
+Gesellschaft den Besuch von Sängern. Wir waren sehr weit entfernt von der
+Musik, die ich liebe; aber die sentimentale und volkstümliche Romanze
+ersetzte die edle Kunst durch das Feuer der Überzeugung bei dem Sänger.
+Dieser Arbeiter, der ehrbare, ja moralische Lieder sang -- eine etwas
+unreine Moral, aber immerhin eine Moral -- legte soviel Seele hinein, daß
+der Klang seiner Stimme unsere Hauswirtinnen rührte. Das ist das
+volkstümliche Ideal, ein wesenloses, rein negatives Ideal, das aber
+schmerzvolle Monate mich gelehrt haben, mit Wohlwollen zu beurteilen.
+
+Ich lese eben, daß Charles Péguy am Anfang des Krieges gefallen ist.[*] Wie
+viel Lücken hat der Tod in den Reihen der französischen Geisteswelt
+gerissen! Was uns unfaßbar ist (was aber ganz natürlich ist), ist, daß die
+bürgerliche Gesellschaft ihr gewohntes Leben weiterführen kann, während wir
+in diesem Unwetter sind. Ich sah in einem Cri de Paris, der hierher
+getrieben wurde, Programme von Konzerten. Welcher Gegensatz! Nun, liebe
+Mutter, die Hauptsache ist, daß wir in einigen Stunden der Gnade Schönes
+erkannt haben. Das Wetter ist entsetzlich, aber man fühlt das Kommen des
+Frühlings. Nichts spricht augenblicklich von Hoffnung für den Einzelnen,
+sondern von fester Zuversicht für die Allgemeinheit.
+
+[Fußnote *: Den 21. September 1914 bei Villeroy, zwischen Meaux und
+Dammartin, während der Schlacht an der Ourcq. (D. Übers.)]
+
+Den 19. Januar.
+
+Seit gestern sind wir in unsern Stellungen zweiter Linie; wir sind hierher
+gekommen bei herrlichem Schnee- und Frostwetter. Ein stürmischer Himmel,
+rosa und entzückend, schwebte über einem traumhaften schneeweißen Wald, die
+Bäume unten durchsichtig blau, oben braun in zarten Verästelungen, die Erde
+weiß.
+
+Ich habe zwei Packete erhalten, in denen das _Rolandslied_ mir unendliche
+Freude bereitet. Die Einleitung, die von dem Volksepos handelt, spricht
+gerade von dem Mahâbhârata, das, wie es scheint, die Kämpfe der guten mit
+den bösen Geistern erzählt.
+
+Ich freue mich über Deine so lieben Briefe. Was die Leiden betrifft, die Du
+vermutest, in Wirklichkeit sind sie sehr erträglich.
+
+Was man aber bekennen muß, übrigens ohne Scham, ist, daß wir ein
+bürgerliches Volk sind. Wir haben den Honig der Kultur genossen, einen ohne
+Zweifel vergifteten Honig! Doch nein! Sicherlich ist dieses bequeme Dasein
+harmonisch und der gewöhnliche Verlauf unseres Lebens soll nicht eine
+Vorbereitung auf die Gewalttätigkeit sein, eine Gewalttätigkeit, die
+vielleicht heilsam ist, in deren Mitte wir aber die in Friedenszeit geahnte
+Ordnung nicht aus den Augen verlieren dürfen.
+
+Die Ordnung führt zum ewigen Frieden. Die Gewalttätigkeit bringt das Leben
+in Umlauf. Unsere Zielpunkte sind Ordnung und ewiger Friede; aber ohne die
+Gewalttätigkeit, welche den Vorrat an verwendbarer Energie entfesselt,
+wären wir geneigt, die Ordnung als schon erreicht zu betrachten, eine
+verfrühte Ordnung, die nichts weiter als Scheinleben wäre und das Kommen
+der letzten Ordnung nur hemmen würde.
+
+Unsere Qualen kommen nur von der Enttäuschung, die uns diese Verzögerung
+bereitet; aber die menschliche Geduld ist immer zu schwach, um das Kommen
+der wahren Ordnung zu erwarten. Auf alle Fälle und trotz unserer Leiden,
+wollen wir lieber nicht die Werkzeuge der Gewalttätigkeit sein. Es ist
+ungefähr, wie wenn eine geschmolzene Masse zu schnell und in unrichtiger
+Weise erkaltet; man muß einen neuen Guß vornehmen und die Masse nochmals
+dem Feuer aussetzen. Das ist die Aufgabe der Gewalttätigkeit in der
+menschlichen Entwicklung; aber diese nützliche Gewalttätigkeit darf uns
+nicht vergessen lassen, was unser ästhetisches Bürgerleben an dauerhafter
+Ordnung in Frieden und Harmonie errungen hatte. Unsere Qualen kommen gerade
+daher, daß wir das nicht vergessen können.
+
+Den 20. Januar, früh morgens.
+
+Glaube nicht, daß ich mir den Schlaf rauben lasse. In dieser Beziehung ist
+unsere Hygiene sehr unregelmäßig; bald schlafen wir drei Tage und drei
+Nächte, bald ist es umgekehrt.
+
+Augenblicklich fängt die Natur wieder an, mir ihren Trost zu bringen. Die
+fürchterliche Regenzeit wird durch schöne Kältetage unterbrochen. Wir leben
+in einem schönen Frost- und Schneewetter, der harte Boden festigt unsere
+Schritte.
+
+Mein bescheidener Rang bringt mir die Möglichkeit ein, mich etwas
+abzusondern. Ich habe nicht mehr meinen schönen nächtlichen Gang, aber am
+Tag erlaubt mir die Befreiung von dem Arbeitsdienst die Schönheit der Dinge
+zu genießen. Gestern unvergeßlicher Sonnenuntergang. Ein Himmel wie Schaum,
+in dem zarte, farbige Streifen sich zerfasern; unten die kalte Bläue des
+Schnees.
+
+Liebe Mutter, es war ein Heimwehabend. Diese Verse, die mir so vertraut
+sind, klangen friedlich an mein Ohr:
+
+ Mein Kind, meine Schwester,
+ Denke, wie süß es wäre,
+ Dorthin zu gehen, mit Dir zu leben . . .
+ In dem Lande, daß Dir gleicht.
+
+Ja, die »_Aufforderung zur Reise_« von Baudelaire[*] zog durch den
+entzückenden Himmel. Ach! ich war weit weg vom Kriege. Doch Rückschlag des
+Irdischen; als ich zurückkam, wäre ich beinahe um mein Mittagessen gekommen
+. . .
+
+Den 20. Januar, abends.
+
+Stete Ergebenheit. Anpassung an das Leben, das nicht rastet und sich um
+unsere kleinlichen Forderungen nicht kümmert.
+
+Den 21. Januar.
+
+Jetzt sind wir wieder in unseren Stellungen in erster Linie. Der Schnee
+folgte uns nach, leider aber auch das Tauwetter. Zum Glück verlangt unsere
+jetzige Stellung nicht den schrecklichen Aufenthalt im Wasser der
+Schützengräben.
+
+Wer wird die Anmut der Bäume im Winter schildern? Habe ich Dir gesagt, was
+Anatole France darüber im Mannequin d'Osier[**] schreibt? Er liebt ihr
+feingegliedertes Skelett und ihre innerliche Schönheit, die der Winter
+vollkommener offenbart. Auch ich liebe den wundervollen Kontrapunkt ihres
+Geästes mit den tausendfach verschlungenen Linien auf dem Grundton des
+Himmels.
+
+[Fußnote *: Fleurs du Mal (Spleen et Idéal LIV. L'Invitation au Voyage).]
+
+[Fußnote **: Les arbres, pensa-t-il, prennent l'hiver une beauté intime
+qu'ils n'ont pas dans la gloire du feuillage et des fleurs. Ils découvrent
+la délicatesse de leur structure. L'abondance de leur fin corail noir est
+charmante; ce ne sont point des squelettes, c'est une multitude de jolis
+petits membres où la vie sommeille. (Le Mannequin d'Osier, S. 77.)]
+
+Von unserm Unterstand aus sehe ich unser Dorf; das Unglückliche zerfällt
+und zerbröckelt immer mehr. Jeden Tag geben ihm die Granaten mehr den Rest.
+Die Kirche ist auseinandergerissen, doch ihre zerstückelte Schönheit
+verharrt trotz Allem. Das Dorf ist so hübsch zwischen seinen zwei zierlich
+gezeichneten, köstlichen Hügeln versteckt!
+
+Wir hatten viel Glück in zweiter Linie. Das Schneewetter war wirklich schön
+und gnädig. Gestern beschrieb ich Dir den Sonnenuntergang von neulich und
+wie wir vorher in diese herrlichen Wälder gekommen sind . . .
+
+Den 22. Januar.
+
+. . . Ich habe Dir einige Verse geschickt; ich weiß nicht was sie wert
+sind, sie haben mich mit dem Leben versöhnt. Dann war unser letztes
+Quartier auch wirklich wundervoll reich an Gaben der Schönheit, über
+Gestein fließendes Gewässer . . . Weite und klare Wasserspiegel in
+Parkhintergründen, stehende Teiche, träumerische Alleen; das vermag die
+rohe Gewalt nicht zu entweihen, heute Sonnenschein auf dem Schnee. Die
+Schönheit des Schnees war tief erschütternd, wir hatten aber auch häßliche
+Tage gehabt; Tage, wo man nichts als unerfreulichen Schlamm sieht.
+
+Es scheint, daß wir nicht in unser hübsches Quartier zurückkehren werden.
+Offenbar ist etwas in Vorbereitung; denn der regelmäßige Verlauf unseres
+Winterlebens hat ein Ende genommen.
+
+2 Uhr nachmittags.
+
+Herrliches Wetter, Vorbote des Lenzes; wir können es ausnutzen, da unser
+jetziger Standort erlaubt, die Nase herauszustecken.
+
+Ich kann Dir heute nur schlecht schreiben, Dir nur den Ausdruck meiner
+Liebe schicken. Dieser Krieg ist lang und ich kann nicht einmal von Geduld
+sprechen. Meine einzige Freude ist, daß ich Dir oft, während fünf ein halb
+Monaten, sagen konnte, daß nicht alles häßlich war.
+
+Den 23. Januar.
+
+ -- --- --
+
+. . . Ich für mein Teil habe keine Wünsche mehr. Wenn die Prüfungen
+wirklich hart werden, begnüge ich mich damit, recht unglücklich zu sein,
+ohne etwas anderes ins Auge zu fassen.
+
+Wenn sie nachlassen, dann fange ich an zu denken, zu träumen, und meine
+teure Vergangenheit erscheint mir mit derselben fernen Poesie, die in
+glücklichen Zeiten meine Träumereien fremden Ländern zuführte. Eine
+liebgewonnene Straße, gewisse oft besuchte Gegenden tauchen plötzlich auf,
+wie früher gewisse Melodien, gewisse Verse plötzlich traumhafte Inseln,
+Märchenländer in mir erstehen ließen. Jetzt braucht es keine Verse oder
+Melodien; die Lebendigkeit unserer lieben Erinnerungen genügt.
+
+Ich kann mir nicht einmal mehr vorstellen, wie ein neues Leben aussehen
+könnte; ich habe nur die Zuversicht, daß wir Lebendiges schaffen.
+
+Für wen, für wann? darauf kommt es nicht an. Was ich weiß, was in meinem
+tiefsten Innern feststeht, ist, daß die Saat französischen Denkens aufgehen
+wird und das Geistesleben unseres Volkes unter den tiefen Wunden, die ihm
+geschlagen sind, nicht leiden wird.
+
+Wer sagt uns, daß der Bauernbursche, der Kamerad des gefallenen Denkers,
+nicht der Erbe seines Gedankens wird? Keine Erfahrung vermochte uns diese
+herrliche Erleuchtung einzugeben. Der Sohn des Bauern, der einen jungen
+Gelehrten, einen jungen Künstler hat fallen sehen, wird vielleicht das
+unterbrochene Werk wieder aufnehmen; er wird vielleicht das Glied in der
+Kette der einen Augenblick gehemmten Entwicklung sein. Das ist das wahre
+Opfer: auf die Hoffnung verzichten zu müssen, Fackelträger zu sein. Für das
+spielende Kind ist es schön, die Fahne zu tragen; dem Manne muß es genügen
+zu wissen, daß die Fahne getragen wird, trotz Allem! Darin bestärkt mich
+jeder Augenblick der erhabenen Natur. Jede Minute beruhigt mein Herz; die
+Natur macht Fahnen aus dem ersten Besten. Sie sind schöner als diejenigen,
+an die unsere kleinen Gewohnheiten sich anklammern. Fahnen der
+Wissenschaft, Fahnen der Kunst, welche Flocke in der Luft käme euch nicht
+gleich? Und immer wird es Augen geben, um die Lehren des Himmels und der
+Erde aufzunehmen.
+
+Den 26. Januar.
+
+Dein lieber Brief vom 20. hat mich gestern abend erreicht. Du darfst es mir
+nicht übel nehmen, wenn mir manchmal, wie in meinem Briefe vom 13., das
+fehlt, was ich mich doch stets bemüht habe zu erwerben. Doch ich bitte Dich
+zu bedenken, was ein junger Mensch in voller Schaffenskraft, empfinden muß,
+in dem Augenblick, wo das Leben für ihn eine Zeit fortwährender Blüte sein
+müßte, wenn man ihn entwurzelt und auf einen trockenen Boden verpflanzt,
+auf dem ihm fast alles seiner gewohnten Nahrung fehlt.
+
+Nun denn! von dem Augenblick, wo nach dem ersten Riß das Leben ihn nicht
+verlassen hat, bemüht er sich aus den dürftigen Säften seiner neuen Lage zu
+schöpfen. Die Anstrengung ist groß und verlangt mitunter eine Anspannung
+aller Kräfte, die für Erinnerungen und Hoffnungen keinen Raum läßt. Es ist
+ein fortwährendes Streben nach Anpassung und ich erreiche sie, außer in den
+Stunden der rasch unterdrückten Empörung, wo die Gedanken, die Handlungen
+meines vergangenen Lebens, sich erheben, wie wenn ich sie nicht vergessen
+hätte. Ich brauche dann meine ganze Kraft, um meine herzzerreißenden
+Erinnerungen in der Ergebung in den gegenwärtigen Augenblick zu ertränken.
+
+Ich dachte an die schlimmen Stunden, die auch Ihr habt, und die Vernunft
+war es, die mich Euch zu einer sehr unpersönlichen Auffassung unseres
+Verhältnisses ermuntern ließ. Ich weiß, wie stark und auf diese Auffassung
+vorbereitet Du bist. Doch Du hast recht, nehmen wir den Schmerz nicht
+vorweg. Aber manchmal unterscheidet man nicht mehr deutlich wirklichen
+Schmerz, der uns quält, von jenem, der kommen könnte.
+
+Merket wohl, _daß ich alle Hoffnung_ habe und daß ich auf einen Sieg der
+Gnade zähle; aber vor allem bestrebt ein Künstler zu sein, bemühe ich mich
+so viel Schönheit wie möglich zu gewinnen und so schnell wie möglich, da
+ich die Frist, die uns vergönnt ist, nicht kenne.
+
+Den 27. Januar, nachmittags.
+
+Nach zwei -- wegen des Mangels an Stroh -- schlechten Nächten im Quartier
+ist die dritte durch unsern plötzlichen Abmarsch in unsere Stellung zweiter
+Linie unterbrochen worden. Dort habe ich endlich schlafen können.
+
+Herrliches Wetter, Frost und Sonne.
+
+Die weite Natur beginnt mich wieder zu umfangen und ihre jetzt mächtigere
+Stimme stärkt mich. -- Aber, Teuerste, was für ein Riß im Leben! Seit
+meiner Beförderung habe ich soeben Augenblicke erlebt, die in weniger
+fürchterlicher Form an die Anfänge des Septembers erinnern, mit viel
+Schönem dazu. Ich nehme dieses neue Leben an; aber kein Ausblick in die
+Zukunft! . . . . .
+
+Den 28. Januar, in der Morgensonne.
+
+Das eiskalte strahlende Wetter hat das wundervolle an sich, daß es in
+seinem weiten, klaren Himmel eine Pforte für die Poesie offen läßt. Was ich
+Dir über dieses schöne Schneewetter sagen konnte, das kam aus einem durch
+die siegreiche Schönheit gestärkten Herzen.
+
+Ich habe mit Freuden in den Zeitschriften, die Du mir geschickt hast, die
+Abhandlungen über Molière, über das englische Parlament, über Martainville,
+über die religiösen Fragen im Jahre 1830 gelesen. . . . .
+
+Habe ich Dir gesagt, daß ich durch die Zeitungen den Tod von Hillemacher[*]
+erfahren habe. Dieser liebenswürdige Kamerad ist im Verlauf dieses
+schrecklichen Krieges gefallen.
+
+[Fußnote *: Bewerber um den Rompreis der Ecole des Beaux-Arts im vorigen
+Jahre.]
+
+Den 1. Februar.
+
+Teuerste Mutter, ich habe Deine lieben Briefe vom 26. und 27. erhalten: sie
+geben mir neues Leben, wahrhaftig. Bis jetzt ist unsere Stellung erster
+Linie -- diesmal in einem Dorfe -- durch eine völlige Ruhe begünstigt
+worden, und ich habe wieder die beglückenden Stunden gekannt, wo die Natur
+mich tröstete. Meine Stellung hat das Besondere, daß die Dienstarbeiten,
+die ich verrichte, jetzt durch die Gefühle der Verpflichtung dem Ganzen
+gegenüber nicht mehr durch die gefühllose Bestimmung der Dienstordnung
+befohlen sind.
+
+Den 2. Februar.
+
+Liebe Mutter, ich schreibe an diesem Briefe im Quartier weiter, während die
+außerordentliche Inanspruchnahme durch die sich häufenden Dienstarbeiten
+die leeren Stunden füllt, welche die Schwermut trüben möchte. Ich komme in
+die dunkeln Tage, wo das Nichts das letzte Ende aller Dinge zu sein
+scheint, während alles in meinem Leben die reiche Fülle des Weltalls mir
+bezeugte. Die Hingabe nicht an Einzelne, sondern an das gesellschaftliche
+Ideal brüderlicher Zusammengehörigkeit, die ist es, die mich noch aufrecht
+hält. Ach, welch herrliches Vorbild geben uns Christus und die Armen!
+Dieser Gerechte, ein Aristokrat, hat durch den herben Ernst seiner
+Lebensaufgabe das Grenzenlose der Pflicht der Nächstenliebe bewiesen und
+vor allem gelehrt, daß man dafür keinen Dank verlangen soll . . . Ich
+verdanke meinem Verkehr mit den Dingen und den Menschen die Beruhigung, daß
+ich nichts vom Nächsten erwarte. So nimmt die Pflicht eine abstrakte, von
+menschlichen Rücksichten befreite Form an, die das Gräßliche dieser Lage
+verhüllt.
+
+Heute ein unerhört schöner Sonnenaufgang! Wieder ein Frühling, der naht
+. . . Ich will Dir unsere drei Tage in der Feuerlinie erzählen.
+
+Schnee und Frost. Wir sind die Abhänge herunter, die zu unserer Stellung im
+Dorfe führen. In diesem Augenblicke war die Nacht so schön, daß die
+Soldaten davon gerührt waren. Ich werde Dir nie die feinen und doch
+bestimmten Linien dieser Landschaft schildern können. Wie ließe sich diese
+zarte, wie mit dem Grabstichel ausgeführte Zeichnung deutlich machen, die
+sich mit den traumhaften Nebeln verbindet, über denen der Mond schwebt?
+Während drei Tagen führte mich mein Nachtdienst in diese keusche Schönheit,
+in diese Weiße hinein.
+
+Dunkle Verästelung der Bäume, zart wie Goldschmiedearbeit. Und trotz der
+Einfarbigkeit, Halbtöne, rotbraune und blaue Halbtöne.
+
+Es gibt Stunden von solcher Schönheit, daß der nicht sterben sollte, der
+sie umfängt.
+
+Ich war weit vor den ersten Linien und niemals fühlte ich mich geschützter.
+Diesen Morgen, auf dem Rückweg, Sonnenaufgang, rosa und grün, auf dem rosa
+und blauen Schnee; freie Aussicht auf ein Mosaik von Wäldern und
+schneebedeckten Feldern; in der Ferne Hintergründe, in denen die Silbertöne
+der Maas ersterben. O Schönheit, allem zum Trotz!
+
+Den 2. Februar.
+
+Nach endlos traurigen Tagen, plötzliche und flüchtige Ausblicke
+philosophischen Gleichmutes. Pflicht, herbe, doch stärkende Trösterin.
+Unerhörte Schönheit mancher Landschaftsbilder.
+
+Den 3. Februar.
+
+ Teure geliebte Mutter,
+
+Soeben empfange ich im Quartier Deinen Brief vom 29. Namenloser Tag, ohne
+greifbare Gestalt, Tag, in dem trotzdem der Frühling geheimnisvoll zu
+quellen anfängt. Warme Luft in der Verlängerung der Tage; plötzliches
+Erschlaffen, wie ein Vergehen in der Natur. Ach! wie süß wäre dieser
+Schauer der Dinge losgelöst von diesem Sklavenleben; doch hier läßt die
+Erschlaffung, die gewöhnlich den Frühling begleitet, die Last nur schwerer
+empfinden. Liebe Mutter, wie glücklich bin ich, die Teilnahme aller in der
+Ferne zu verspüren. Ach! es gibt doch noch zarte Regungen.
+
+Ich bin über die Zeitschriften entzückt, in denen ich in einem herrlichen
+Artikel über Louis Veuillot[*] diesen Satz mir merkte: »O mein Gott, nimm
+von mir die Verzweiflung und laß mir den Schmerz!« Ja wir dürfen die
+fruchtbare Lehre des Schmerzes nicht verkennen und, wenn ich aus diesem
+Kriege zurückkomme, werde ich eine ohne Zweifel bereicherte und veredelte
+Seele zurückbringen.
+
+So habe ich denn mit Freuden Vorträge über Moliere gelesen und in seinem
+Leben wie anderswo die Einsamkeit erkannt, in der die erhabenen Seelen
+umherirren. Aber ich verdanke meinen alten Herzenswunden, daß ich nie mehr
+durch die Schuld anderer leiden werde. Geliebte Mutter, morgen schreibe ich
+Dir besser.
+
+Den 4. Februar.
+
+Gestern abend, als ich in meine Scheune zurückkehrte. Trunkenheit,
+Streitereien, Geschrei, Singen und Geheul. So ist das Leben! . . . Heute
+morgen aber, da mir das Erwachen nur diese Erinnerung zuführte, bin ich vor
+der Zeit aufgestanden und habe meinen Freund den Mond wieder getroffen, die
+große Nacht, die verflog und die Morgenröte, die sich meiner erbarmte! Der
+gesegnete Frühlingstag vergoldet Alles und teilt seine Versprechungen und
+Hoffnungen aus. -- Teuerste, ich denke über den Titel nach, den Tolstoi
+gewählt hat: _Krieg und Frieden_. Früher glaubte ich, er wolle den
+Gegensatz zwischen diesen zwei Zuständen wachrufen; heute aber frage ich
+mich, ob er nicht diese zwei Gegensätze in dem Gefühl ihrer Nichtigkeit
+vereinigt hat, ob nicht die Menschheit, sei es im Krieg oder im Frieden,
+ihm in gleichem Maße zur Last war. Wir müssen freilich dem Bemühen gut zu
+sein treu bleiben; aber unwillkürlich fassen wir diese Mahnung ähnlich wie
+jene Maueranschläge auf: »Schonet die Tiere«. -- Wie wird inmitten der
+täglichen Arbeit die Selbstprüfung hart!
+
+[Fußnote *: Der bekannte katholische Schriftsteller (1813--1883). (D.
+Übers.)]
+
+Den 5. Februar.
+
+Schlaflose Nacht. Abscheuliche Rückkehr in die Scheune. Derartiger
+Höllenlärm, daß die Gefreiten Klage führen mußten. Strafen.
+
+Am Morgen, Marsch, und zur Erholung in dieser Nacht, Arbeit.
+
+ Teure, geliebte Mutter,
+
+Den 6. Februar.
+
+Nach der schlaflosen,[*] vielmehr weinroten Nacht im Quartier mußten wir
+eine ganze Nacht Dienstarbeit leisten. Daher schlief ich bis zum
+Augenblick, wo ich Dir schreibe. Der Schlaf und die Nacht sind die zwei
+Zufluchtsstätten, wo das Leben noch einen Reiz bietet.
+
+[Fußnote *: Wortspiel »nuit blanche«, »rouge vinass«.]
+
+Liebe Mutter, ich durchlebe wieder die herrliche Legende von Sarpedon und
+diese köstliche Blüte der griechischen Mythologie ist mir noch ein Trost.
+Lies diese Episode der Ilias in meiner schönen Übersetzung von Lecomte de
+l'Isle und Du wirst sehen, daß Zeus dem Schicksal gegenüber Worte
+ausspricht, in denen das Gefühl des Unendlichen und Göttlichen so herrlich
+erstrahlt wie in der christlichen Passion. Er leidet und sein väterliches
+Herz kämpft lange; dann ergibt er sich in den Tod seines Sohnes. Aber
+Hypnos und Thanatos werden ausgesandt, um den geliebten Leichnam zu
+empfangen.[*]
+
+Hypnos, der Schlaf. Daß es soweit mit mir gekommen ist, dem jede Stunde des
+Tages eine Lust war, den jeder Augenblick tätiger Arbeit von Stolz erbeben
+ließ. Ich überrasche mich selbst bei dem Wunsche, weit weg von den mich
+umgebenden Stürmen zu fliehen.
+
+Aber der schöne hellenische Optimismus erstrahlt immer noch auf den Schalen
+des Louvre. Die beiden Genien geben Sarpedon die Unsterblichkeit nach
+seinem körperlichen Tode und wahrlich, Schlaf und Tod steigern und
+erweitern unsere menschliche Beschränktheit ins Unendliche.
+
+Thanatos: ein Geheimnis, dessen Grauen wir dem Mißverständnis verdanken,
+welches der Genuß des Augenblickes uns im allgemeinen zu beseitigen
+verhindert. Aber lies die feierlichen, friedlichen und ewigen Sätze
+Maeterlincks in seinem Buche über den Tod und sieh, wie sie harmonisch
+zusammenklingen mit unserer seelischen Erregung über die fürchterliche
+Tragödie.
+
+[Fußnote *: Ilias XVI. Gesang. -- (D. Übers. )]
+
+Den 7. Februar.
+
+ Teuerste vielgeliebte Mutter,
+
+Gestern Deinen herrlichen Brief vom 1. erhalten. Fürchte Dich nicht das zu
+schicken, was Du für Plaudereien halten könntest. Deine Liebe, die
+Gleichheit unserer Herzen zeigen sich deutlich in Deinen Briefen. Das ist
+das einzige, was für mich gilt. Übrigens bringen sie mir tausend andere
+Dinge von Bedeutung, Lebensfragen.
+
+Wir verleben Stunden erdrückender Arbeit, vor der mich meine Stellung
+einigermaßen sichert. Aber für die Mannschaften gibt es Reihen von fünf
+schlaflosen Nächten, von ähnlichen Reihen gefolgt.
+
+Den 9. Februar.
+
+Noch eine Oase, in der ich, dem Verschmachten nahe, wieder einmal den
+Augenblick der Tröstung erreiche. Der leichte erfrischende Windhauch weht
+noch einmal. Ich hatte das Glück, zum wachhabenden Gefreiten in einer
+reizenden Gegend ernannt zu werden, wo ich Höchstkommandierender bin.
+Entzückendes Frühlingswetter. Was soll ich Dir von dieser Landschaft
+erzählen, deren mächtigen Pulsschlag ich nie so deutlich empfunden? Die
+Stunden und Jahreszeiten folgen aufeinander mit einer solchen Sicherheit --
+unabwendbar -- einer solchen erhabenen Ruhe des Ganzen, daß derjenige, der
+ihr Kommen erspäht, das Ungeheure der Urkraft ahnt.
+
+Oft schon hatte ich die Freude gekannt, den Frühling oder eine andere
+Jahreszeit zu schauen, nie war es mir aber vergönnt, jeden ihrer
+Augenblicke zu erleben. Wie erlangt man doch dadurch ohne Hilfe irgend
+einer Wissenschaft eine zwar unbestimmte, aber doch unleugbare Anschauung
+eines Unbedingten!
+
+Ein armer Mann, vielleicht ein genialer Gelehrter, erklärte, daß er unter
+seinem Seziermesser Gott nicht gefunden habe. Wie ist doch dieses
+Mißverständnis in einer so hochstehenden Seele verletzend! Was braucht man
+ein Seziermesser, wenn das Entzücken und der Schauer unserer Sinne genügen,
+um uns die ewige, alle Entwicklung bestimmende Ordnung begreifen zu lassen.
+Der Dichter sieht die Jahreszeiten wie große Schiffe kommen, deren Rückkehr
+er vorausberechnet. Mitunter verzögert sie der Sturm, bald aber kommen sie
+trotzdem an und bringen die Düfte unbekannter Länder mit. Eine
+wiederkehrende Jahreszeit scheint wonnige Gefühle mit sich zu führen, die
+sie auf langer Fahrt gesammelt hat. Ach, liebe Mutter, könnten wir doch
+noch einmal die Einsamkeit erleben! O Einsamkeit für die, die ihrer würdig
+sind! Wie wird sie mitunter entweiht!
+
+Den 11. Februar.
+
+. . . Vielleicht ist es die herrliche Bestimmung und das Vorrecht unserer
+Generation, Zeuge dieser entsetzlichen Ereignisse zu sein, aber um welchen
+fürchterlichen Preis müssen wir es erkaufen . . . Dennoch: ewiger Glaube,
+der alles beherrscht! Glaube an eine Entwickelung, eine unsere menschliche
+Geduld übersteigende Ordnung.
+
+Den 11. Februar, 2. Tag in der vordersten Stellung.
+
+In diesen Augenblicken muß man in einer außerhalb des Menschlichen
+liegenden Opferfreudigkeit seine Zuflucht suchen; denn es ist unmöglich,
+über den Punkt, den wir erreicht haben, hinauszugehen. Gebt alles
+menschliche Hoffen auf. Sucht etwas anderes, vielleicht habt Ihr es
+gefunden. Ich für mein Teil fühle mich nicht würdig, etwas anderes zu sein
+als eine Erinnerung.
+
+Ich habe versucht, im Schlamm einige Blumen zu pflücken. Behaltet sie zum
+Andenken an mich.
+
+5 Uhr nachmittags. Trotz Allem Mut, Mut trotz Allem.
+
+Den 13. Februar, 4. Tag in der vordersten Stellung.
+
+Teuerste, nach der tränenreichen Empörung, die mich während dieser ganzen
+Zeit erschüttert hat, vermag ich wieder zu sagen: »Dein Wille geschehe.«
+
+Und in dem Maße und der Ausdehnung meiner Fähigkeiten möchte ich derjenige
+sein, der an der Möglichkeit seines Mitwirkens am Ausbau des Tempels nicht
+verzweifelt.
+
+Ich möchte der Arbeiter sein, der weiß, daß sein Gerüst ohne Hoffnung auf
+Rettung zusammenbrechen wird und der doch rastlos an dem Schmucke der
+Kathedrale weiter meißelt. An dem Schmuck. Denn niemals werde ich große
+Steinblöcke in die Höhe ziehen können. Es gibt übrigens Handlanger dafür.
+Ja, es gelingt mir noch, die innere Ruhe wiederzufinden.
+
+Jene gleichmäßige Ruhe, die ich erflehte, habe ich zwar nicht; aber
+manchmal erschaue ich den Schein jenes ruhigen Lichtes, in dem Alles,
+selbst unsere Liebe, in neuer Gestalt erscheint und verklärt.
+
+Ich bin am Fuß eines steilen Hügels, dessen Linien die Natur harmonisch
+gezeichnet hatte. Der Mensch hetzt den Menschen und bald werden sie auf
+einander stürzen. Unterdessen schwingt sich dort die Lerche auf.
+
+Während ich Dir schreibe, erfüllt mich allmählich eine seltsame heitere
+Ruhe, etwas außerordentlich Tröstendes, sei es menschliche Zuversicht, oder
+eine höhere Offenbarung. Um mich herum schläft man.
+
+Den 14. Februar, 5. Tag in der vordersten Stellung.
+
+Um mich herum regt sich alles, wir übrigens auch. Je mehr das Unabweisbare
+eine Form annimmt, lebt die Ruhe wieder in mir auf. Meine teure Landschaft
+wird durch die scheußlichen Vorbereitungen geschändet: die Stille wird
+durch die einleitende Beschießung zerrissen; dem Menschen gelingt es, für
+einen Augenblick jede Schönheit zu verhüllen. Ich glaube, daß sie doch eine
+Zufluchtsstätte finden wird. Seit vierundzwanzig Stunden fasse ich mich
+allmählich wieder.
+
+Teure Mutter, meine Sehnsucht nach meinem Elfenbeinturm ist strafbar; was
+man, nur zu oft, für einen Elfenbeinturm hält, ist ganz einfach der Käse
+der Ratte, die Einsiedler wurde.[*]
+
+Möchte doch eine bessere Einsicht mich dazu führen, daß ich die Wohltat der
+Erschütterung erkenne, die mich aus einer zu bequemen Freistätte
+herausgerissen hat, und danken wir dem Verhängnis, das während einiger
+seltenen aber unvergeßlichen Stunden aus mir einen Mann gemacht hat . . .
+
+Nein, ich führe keine Klage wegen dieser toten Jugend. Sie hat mich über
+verschiedene Abhänge zu den Höhen geführt, wo manchmal die Nebel der
+Erkenntnis zerreißen.
+
+[Fußnote *: Tour d'ivoire, von Sainte-Beuve auf A. de Vignys Weltflucht
+angewandter Ausdruck. -- Vergl. La Fontaine. Fables VII, 3. Le rat qui
+s'est retiré du monde. (Der Übers.)]
+
+Den 16. Februar.
+
+Ich habe soeben in den letzten Tagen Stunden erlebt, welche die großen,
+allgemeinen, jetzt sichtbarer gewordenen Fragen zu entscheidenden
+Schicksalsfragen für mich machten. Wir sind fünf Tage lang in der
+Feuerlinie gehalten worden und wurden in einen sehr harten, durch den
+fürchterlichen Schlamm noch erschwerten Dienst gezwungen. In dem Maße als
+der Aufenthalt dauerte und ich den Kampf gegen die schreckliche Traurigkeit
+meiner Seele fortsetzte, fühlten wir, wie die Lage sich verschärfte und die
+Vorbereitungen sich häuften.
+
+Endlich teilte man uns mit, daß der Augenblick gekommen, das heißt, daß der
+Befehl zum Angriff gegeben sei. Wir hatten nur noch einen oder zwei Tage
+vor uns. Da habe ich Dir zwei Briefe geschrieben, den 13. und 14. glaube
+ich, und wirklich, während ich schrieb, fühlte ich in mir ein solches
+Vollgefühl, eine solche Seligkeit, daß sich daraus nur die Tatsächlichkeit
+des Guten und des Schönen folgern ließ. Die Beschießung unserer Stellung
+war äußerst heftig, aber nichts, was vom Menschen kommt, kann so oder
+anders jenes ersticken, was die Natur zur Seele spricht.
+
+In der Nacht vom 14. zum 15. besetzten wir die Schützengräben, welche die
+Maschinengewehre bestrichen. Die Erschöpfung der Mannschaften war derart,
+daß der Angriff von einem andern Bataillon ausgeführt werden sollte. Wir
+warteten also im nächtlichen Wasser und in der Kälte, als plötzlich die
+Nachricht sich verbreitete, daß wir abgelöst würden. Aus welchem Grunde?
+Ein Geheimnis. Kurz, da sind wir wieder in dem Dorfe, wo die Mannschaften
+ihr armes Herz im Wein ertränken. Arm bin ich wieder in diesem Haufen
+. . .
+
+Liebe Mutter, wenn es etwas Unbedingtes in dem Gebiet des menschlichen
+Gefühls gibt, so ist es der Schmerz. Bis jetzt hatte ich nur in einer
+angenehmen Bedingtheit verschiedener Empfindungen gelebt, zwischen denen
+der Wert des Lebens, seine wesentliche Bedeutung verschwanden. Jetzt fühle
+ich, was das Leben ist. Es ist das Werkzeug, welches den Weg der Seele dem
+Unbedingten zu ausrodet. Aber ich habe weniger in dieser Zeit des Wartens
+gelitten als durch gewisse Berührungen.
+
+Den 16. Februar, 9 Uhr abends.
+
+ Teuerste, geliebte Mutter,
+
+Ich war bei Tisch, als man uns mitteilte, daß wir um Mitternacht aufbrechen
+sollten. Ich war gewiß, daß es so kommen würde und die Gegenbefehle, die
+den Angriff verzögert haben, hatten die Folge, uns einen Tagesmarsch von
+vierzig Kilometern machen zu lassen, der zu den Anstrengungen der
+Feuerlinie hinzukam. Als wir unsern Abschnitt in der Kampflinie verließen,
+sah ich so viel Artillerie ankommen, daß ich wohl dachte, es gebe keine
+Ruhe mehr.
+
+Hier aber erlangt man die Ruhe der Seele wieder. Man friert unter einem
+sternenhellen Himmel.
+
+Den 19. Februar. Postkarte, mitten in der Schlacht geschrieben.
+
+Ein Wort nur. Wir sind in den Händen Gottes. Niemals, niemals haben wir
+mehr vertrauensvolle Weisheit gebraucht.
+
+Der Tod wütet, aber er beherrscht uns nicht. Das Leben bleibt schön. Tote
+oder verwundete Freunde gestern und vorgestern. Teuerste, die Post wird
+wahrscheinlich große Verspätung haben . . .
+
+Den 22. Februar.
+
+Wir sind im Quartier nach der großen Schlacht. Diesmal habe ich alles
+gesehen. Ich habe meine Pflicht erfüllt und die Teilnahme aller hat es mir
+bewiesen. Aber die Besten sind gefallen. Grausame Verluste. Heroisches
+Regiment. Ziel erreicht. Werde besser schreiben.
+
+Den 22. Februar, erster Tag im Quartier.
+
+Teure, vielgeliebte Mutter, ich will Dir die Güte Gottes und das Entsetzen
+auf Erden erzählen.
+
+Die Seelenlast, welche ich seit ein und ein halb Monaten mit mir schleppte,
+war der qualvolle Gedanke an das, was uns in diesen letzten zwanzig Tagen
+erwartete.
+
+Wir sind den 17. auf den Kampfplatz gekommen; die umgebende Landschaft
+hatte keinen Reiz mehr für mich; ich war ganz in der Erwartung des
+Ereignisses.
+
+Um drei Uhr wurde der Sturm entfesselt: Sprengen von sieben Minengängen
+unter den Schützengräben des Feindes; es war wie ein fernes Donnern.
+
+Dann machten die fünfhundert Geschütze einen Höllenlärm, während dessen wir
+losgestürmt sind . . .
+
+Die Nacht brach an, als wir uns in den eroberten Stellungen festsetzten.
+Die ganze Nacht war ich tätig, um für die Sicherheit unserer Truppen, die
+bis dahin wenig gelitten hatten, Vorkehrungen zu treffen. Ich mußte weite
+nächtliche Strecken zurücklegen, auf denen ich die Toten und Verwundeten
+beider Parteien antraf. Mein Herz neigte sich über alle, ich hatte aber nur
+Worte für ihren Jammer.
+
+Morgens wurden wir mit ernstlichen Verlusten bis zu unseren früheren
+Stellungen zurückgetrieben; aber am Abend haben wir wieder angefangen: wir
+haben von unseren eroberten Stellungen wieder Alles zurückgewonnen und auch
+hierbei habe ich meine Pflicht getan.
+
+Ich bin vorgedrungen und habe den Säbel eines Offiziers, der sich ergab, in
+Empfang genommen; dann habe ich die zu besetzenden Stellungen befestigt.
+Der Hauptmann hat mich bei sich behalten und ich habe ihm den Plan unserer
+Stellung entworfen. Er teilte mir mit, daß er entschlossen sei, mich im
+Armeebefehl nennen zu lassen,[*] als er vor meinen Augen fiel.
+
+Dann habe ich während der dreitägigen fürchterlichen Beschießung auch den
+Dienst der Versorgung mit Patronen eingerichtet und aufrechterhalten, wobei
+ich fünf Mann verloren habe. Unsere Verluste sind entsetzlich, die des
+Feindes noch schlimmer. Du kannst Dir nicht vorstellen, geliebte Mutter,
+was der Mensch dem Menschen anzutun vermag. Seit fünf Tagen sind meine
+Schuhe von Menschengehirn fettig, zertrete ich Leichen, stoße auf
+Eingeweide. Die Soldaten verzehren ihr kümmerliches Essen an Leichname
+angelehnt. Das Regiment hat sich heldenhaft benommen, wir haben keine
+Offiziere mehr. Alle sind als tapfere Soldaten gefallen. Zwei gute Freunde,
+von denen der eine für eines meiner letzten Porträts ein liebenswürdiges
+Modell war, sind tot. Das war eine meiner fürchterlichsten nächtlichen
+Begegnungen. Weißer, herrlicher Leichnam im Mondschein: ich habe in seiner
+Nähe ausgeruht. Schönheit der Natur, die wieder in mir erwachte . . .
+
+Endlich nach fünf Tagen des Entsetzens, die uns zwölfhundert Opfer gekostet
+haben, sind wir aus diesem Ort der Greuel zurückgezogen worden.
+
+[Fußnote *: »Citation à l'ordre de l'armée.«]
+
+Das Regiment ist im Armeebefehl genannt.
+
+Liebe Mutter, wer wird das Unerhörte der Dinge, die ich gesehen habe,
+erzählen, wer wird aber von den sicheren Wahrheiten reden, die ein solcher
+Sturm entdecken läßt?
+
+Pflichterfüllung, Selbstüberwindung.
+
+Den 23. Februar.
+
+ Teuerste, geliebte Mutter,
+
+Zweiter Tag im Quartier, dann gehen wir wieder morgen an die Front.
+Teuerste, ich kann Dir jetzt nicht schreiben. Nähern wir uns dem, was
+unsterblich ist und halten wir uns Beide an das, was Pflicht ist. Ich weiß,
+daß Euer Gedanke stets dem meinigen zueilt, und ich richte mein Auge nach
+dem, was in Weisheit unser Glück ist.
+
+Seien wir mutig, ich unter allen diesen jugendlichen Toten, Du in der
+Erwartung. Aber Gott ist über uns.
+
+Den 26. Februar, während eines herrlichen Nachmittags.
+
+Liebe Mutter, jetzt sind wir wieder auf dem Schlachtfeld. Wir haben die
+Höhen bestiegen, auf denen es sich eher geziemen würde die Herrlichkeit
+Gottes zu betrachten, als die Greuel der Menschen zu verdammen. Die
+Leichen, die anfangs zahllos waren, verschwinden allmählich und seltene,
+erdfarbene Unglückliche erregen von Zeit zu Zeit eine peinliche Begegnung.
+
+Die Verluste sind das, was man in den Tagesberichten »ernste« nennt.
+
+Ich kann Dir wenigstens sagen, daß unsere Soldaten durch ihre heldenhafte
+Ergebung Bewunderung erregen. Alle beklagen diesen schändlichen Krieg, aber
+die meisten haben die Empfindung, daß die Annahme einer schrecklichen
+Pflicht das Einzige ist, was in diesem Augenblick die fürchterliche
+Notwendigkeit Mensch zu sein rechtfertigen kann.
+
+Liebe Mutter, ich kann nicht zu Ende schreiben.
+
+Jetzt schläft die Ebene in Malven- und Rosatönen ein. Wie ist es möglich,
+daß es Greuel gibt in dem Maße!
+
+Den 28. Februar, im Quartier.
+
+Teure geliebte Mutter und geliebte teure Großmutter, ich schreibe Euch,
+indem ich kaum aus den furchtbaren Bildern des Schreckens heraustrete und
+soeben dantische Stunden erlebt habe. Was Gustave Doré die Kühnheit hatte
+durch den Text der göttlichen Komödie hindurch zu erschauen, ist in
+Erfüllung gegangen in den mannigfaltigsten Formen, welche die Wirklichkeit
+aufhäufen kann.
+
+Mitten unter den Anstrengungen, deren Wohltat es ist, uns unempfindsam zu
+machen, habe ich genießen können, was unsere Qualen Nutzbringendes hatten.
+
+Den 24. abends, kehrten wir zu unseren Stellungen zurück, aus denen man die
+ekelhaftesten Spuren zu entfernen bereits angefangen hatte, hie und da
+blieben nur noch menschliche Körperteile zurück, welche sich bereits der
+Farbe der Erde anglichen, zu der sie zurückkehrten.
+
+Das Wetter war schön und frisch, und die Höhe, die wir erobert hatten,
+versetzte uns mitten in den Himmel hinein: die endlosen Flächen waren ein
+einziges Leuchten. Oben erstrahlten die Sterne, unten die Röte der
+Feuersbrünste; die schreckliche Beschießung, mit der die Deutschen uns
+überschütten, verschwendete dieses Feuerwerk.
+
+Ich lag in einer Erdhöhle, von der aus ich dem Monde folgte, und erspähte
+den Morgen. Mitunter ließ eine Granate Erde auf mich rollen und betäubte
+mich, dann sank die Stille wieder auf die gefrorene Erde nieder. Ich habe
+sie teuer erkauft, ich hatte aber Augenblicke einer Einsamkeit, die von
+Gott erfüllt war. Ich glaube versucht zu haben, mich vollkommen den
+militärischen Forderungen anzupassen; denn, wie ich es Dir geschrieben
+habe, bin ich zum Sergeanten und für die Nennung im Armeebefehl
+vorgeschlagen worden. Aber, meine teuerste Mutter, wie lang, wahrhaftig zu
+lang ist dieser Krieg für Leute, die zweifellos eine Aufgabe zu erfüllen
+hatten! Was Du mir von den Sympathien sagst, die ich in Paris zurücklasse,
+freut mich; doch wird man mich nicht von hier zurücknehmen für eine bessere
+Verwendung? Warum bin ich so aufgeopfert, während soviele, die mir nicht
+gleichkommen, geschont werden? Und doch hatte ich etwas Gutes auf Erden zu
+tun . . . Nun, da Gott diesen Kelch nicht von mir abwenden will, so
+geschehe sein Wille!
+
+Den 3. März, im Quartier.
+
+Heute vierter Ruhetag, für mich fast Ferien. Etwas trübe Ferien, die an
+gewisse Aufenthalte in Marlotte erinnern. Tage, die in den Versuchen
+vergehen, der körperlichen und seelischen Ermüdung abzuhelfen und gewisse
+allzu leere Zeiträume auszufüllen. Aber schließlich doch Ferien, eine Rast
+vielmehr, die mir erlaubt die Eindrücke, deren Gewalt mein Inneres in
+Verwirrung bringt, einigermaßen zu ordnen.
+
+Ich bin vor Allem durch den Lärm der Granaten betäubt. Bedenke, daß allein
+von französischer Seite vierzigtausend uns über die Köpfe flogen, und von
+deutscher Seite ungefähr ebensoviele, mit dem Unterschiede, daß die
+deutschen mitten unter uns platzten. Ich für meinen Teil wurde auf einmal
+von drei 305 mm Granaten begraben, ganz abgesehen von zahllosen
+Schrappnells, die in der nächsten Nähe platzten. Du kannst Dir denken, daß
+dadurch meine Denkkraft stark erschüttert ist. Endlich lese ich wieder. Ich
+habe soeben in einer Zeitschrift eine Besprechung von drei neuen Romanen
+gelesen und das hat zum großen Teil die Sorgen der Feuerlinie in mir
+gemildert.
+
+Ich habe einen entzückenden Brief von André erhalten, der mein Nachbar sein
+muß. Er denkt wie ich über unsere schreckliche Kriegsliteratur . . . . . .
+Was sich in mir am frischesten entfaltet erhalten hat, ist vielleicht die
+musikalische Improvisation. So hörte ich während dieser ganzen Nacht die
+schönsten Symphonien mit vollständiger Orchesterbegleitung, und wisse, daß
+diese Musik ihr Bestes der großen deutschen Musik verdankte.
+
+. . . Nach einem solchen Sturm kann ich mich nur dem angenehmen Gefühl
+hingeben eben noch am Leben zu sein in der flüchtigen Märzsonne . . .
+
+Den 5. März, 6. Tag im Quartier.
+
+Ich hätte in mir die außerordentliche Feinfühligkeit aus der Zeit vor
+diesen Prüfungen wiederfinden mögen, um Dir die Farben und Erscheinungen
+des Dramas zu schildern, das wir eben durchlebt haben. Augenblicklich bin
+ich noch in einem an sich ziemlich wohligen Zustand der Erstarrung, der
+aber das Bild der Dinge in mir und meine Ausblicke in die Zukunft
+einigermaßen verdunkelt. Ich kann mich nur bemühen, mich an die Erkenntnis
+des Ewigen und Dauernden zu halten und vielleicht wird mir das gelingen.
+
+Und doch enthielten gewisse Ansichten von verwüsteten Feldern eine so
+schöne, so edle, so abschließende Lehre, daß ich mit Dir die herrlichen, in
+diesen vergangenen Tagen offenbarten Wahrheiten fühlen möchte.
+
+Wie friedlich ist der Tod in der Erde, und wie herrlich vollzieht sich die
+Rückkehr in den mütterlichen Schoß, wenn man damit die menschliche
+Kleinlichkeit der Totenfeiern vergleicht! Gestern noch konnte ich glauben,
+daß diese armen verlassenen Toten ein Unrecht erleiden; nachdem ich aber in
+V. . . . dem Begräbnis eines Offiziers beigewohnt habe, finde ich, daß die
+Natur viel mehr Mitleid zeigt als die Menschen . . .
+
+Ja wahrhaftig, der Tod des Soldaten ist den natürlichen Dingen nahe. Er ist
+aufrichtig schauerlich und will nicht über die allgemeine Gewalttätigkeit
+hinwegtäuschen. Ich bin mehrmals an Toten vorbeigegangen, deren
+allmähliches Verscharren ich beobachten konnte, und dieses neue Leben war
+tröstlicher als der kalte und starre Anblick der städtischen Gräber. Wir
+haben von unserem Aufenthalte im Freien, eine Frische der Auffassung, eine
+Großzügigkeit in den Bewegungen und Gedanken gewonnen, die den Überlebenden
+die Städte gräßlich und unnatürlich werden erscheinen lassen.
+
+Liebe Mutter, ich schreibe Dir ungeschickt Dinge, die ich prachtvoll
+empfunden hatte . . . Laß uns in den Frieden des Frühlings und in die
+Pracht des gegenwärtigen Augenblicks flüchten.
+
+Den 7. März, 10 1/2 Uhr.
+
+ Teure vielgeliebte Mutter,
+
+Ich schmücke die Untätigkeit dieses Vormittags aus. Ich genieße die klaren
+Gewässer der Maas, welche die Anmut der Täler und Gärten beleben. Die
+Spiele des Wassers auf dem Untergrunde von Pflanzen und Steinen bieten
+meiner Müdigkeit ein beruhigendes Schauspiel und erzählen das friedliche
+Dasein dieses ansehnlichen von den Hauts de Meuse beschützten Fleckens.
+
+Die Kirche ist vollgestopft von Soldaten, die wie ich selbst die
+unerschütterliche Anschauung eines Ideals haben, aber eine äußerliche und
+weniger unmittelbare Offenbarung desselben verlangen . . .
+
+Ich begebe mich für etwa vierzehn Tage in Kost in jenes Haus, in dem vor
+bald zwei Monaten unsere ausgelassene Bande ihre Sitzungen hielt. Heute sah
+ich diese braven Leute weinen, als sie von den Toten und Verwundeten
+hörten. Ich habe vor dem Abmarsch Deinen Schlafsack erhalten, der
+vortrefflich ist. Ich bin sehr durch rheumatische Schmerzen geplagt, die
+mir seit zwei Monaten manche Nacht im Quartier verderben.
+
+Liebe teure Mutter, Ruhe im Kasernenlärm, der jetzt unser Leben sein wird.
+Da es hier nur Unteroffiziere gibt, sind wir Alle zu Dienstarbeiten
+verpflichtet und ich werde wieder die Bekanntschaft des Besens und der
+Lasten machen, übrigens hat man uns das vorhergesagt: wir sollen harte
+Arbeit mit unsern Händen verrichten, damit wir andern befehlen können.
+
+Den 7. März, zweiter Brief.
+
+Mildes Wetter nach dem Regen. Glockengeläute in den Abend hinein; die
+fließenden Gewässer singen unter den Brücken und die Bäume schlafen ein.
+
+Den 11. März.
+
+ Teure geliebte Mutter,
+
+Ich habe Dir nichts von meinem mit körperlicher Arbeit ausgefüllten Leben
+zu erzählen. Kaum wird von Zeit zu Zeit ein Bild in mir wach, ersteht eine
+Erinnerung. Ich bleibe regungslos und zerschlagen. Ich habe eben einen
+schönen Aufsatz von Renan über den Ursprung der Bibel gelesen. Ich fand ihn
+in einer Revue des deux Mondes vom März 1886. Wenn ich etwas davon behalten
+kann, so wird es mir helfen einige Ordnung in meine recht zusammenhanglosen
+Kenntnisse über diese Fragen zu bringen.
+
+Ich bin etwa, wie wenn ich mich von einem Nervenfieber erholte. Was mir
+Freude macht, sind die Gewässer. Die fließenden und stehenden Gewässer der
+Maas. Die Quellen spielen über den Gräsern und Steinen. Die Teiche ruhen
+unter den großen Bäumen aus. Wasserfälle und Bäche. Auf den
+steilabfallenden Abhängen nimmt der Schnee einen träumerischen Glanz an.
+Ich lebe in allen diesen Bildern, ohne ihnen eine bestimmte Form zu geben.
+Ich schäme mich etwas, so stumpfsinnig zu sein, glaube aber, daß es Allen
+so ergehen wird, jedesmal, wenn man sich von der Hölle der Feuerlinie
+entfernt. Ich esse und schlafe, wenn mein gräßlicher Hexenschuß es mir
+erlauben will.
+
+Verzeih mir, wenn ich so tief unter mir selber stehe. Ich bin wie meines
+innern Haltes beraubt. Nun meinetwegen . . .
+
+5 Uhr Nachmittags.
+
+Ich komme ziemlich müde von der Übung zurück, die herrliche Luft der Maas
+erhält mich aber immer gesund.
+
+Liebe Mutter, ich möchte wieder mit aller Kraft dem Schönen und Edlen
+zustreben. Ich möchte immer in mir die Begeisterung verspüren, die mich den
+Schätzen des Lebens zutriebe. Doch augenblicklich ist mein Denken schwer
+wie Blei . . .
+
+Den 14. März, morgens, im sonntäglichen Frieden.
+
+Teure geliebte Mutter, endlich erreichen mich Deine lieben erfrischenden
+Briefe, nach Tagen der Entbehrung, wodurch ich notwendigerweise den
+tatsächlich großen Genuß erkauft habe, hier ausruhen zu dürfen. Der hübsche
+Flecken erwacht in den Nebeln der Maas; der Bach eilt über die
+abgewaschenen Steine dahin. Alles hat die feine maßvolle zierliche Art, die
+das Merkmal der Gegend ist . . .
+
+. . . Ich lese etwas, bin aber durch die körperliche Anstrengung, zu der
+man uns anhält, derart ermüdet, daß ich fast sofort einschlafe. Man läßt
+uns eine Unzahl Schützengräben herstellen.
+
+Liebe Mutter, um auf die außerordentlichen Ereignisse der letzten
+Februartage zurückzukommen, so muß ich Dir wiederholen, daß ich daran wie
+an ein wissenschaftliches Experiment zurückdenke. Ich hatte meine
+Vorstellung von der Gewalt in eine theoretische Formel gebracht und hatte
+ihre Aufgabe in der Welt erraten. Es war mir aber vergönnt gewesen, ihre
+praktische Wirkung nur in unendlich abgeschwächten Fällen zu beobachten.
+
+Diesmal nahm die Offenbarung der Gewalt einen Umfang an, vor dem meine
+Aufnahmefähigkeit in vollem Maße sich betätigen mußte . . . Nun, es war
+interessant, und ich muß Dir gestehen, daß ich in diesem Augenblick niemals
+von einer kalt und objektiv beobachtenden Haltung abließ. Was ich
+persönliches bewahrt hatte, war eine gewisse Empfänglichkeit des Auges, die
+mich befähigte, gewisse Bilder in mich aufzunehmen, deren ergreifende
+Wirkung sich unmittelbar in ebenso »künstlerischer Weise« zusammenfügte,
+wie jede andere menschliche Zusammenstellung. Aber im allgemeinen habe ich
+in diesen Augenblicken, nie die Absicht aufgegeben zu sehen, »wie es
+gemacht ist«.
+
+Ich bin sehr froh festzustellen, daß die Mordlust keine Macht über mich
+gewonnen hat. Und ich wünsche, daß es auch so bleiben möge. Leider hat
+diese Berührung mit der deutschen Rasse für immer meiner guten Meinung von
+ihr geschadet. Allerdings kann ich es nicht über mich bringen, in mir eine
+gewisse Rührung und ein menschliches Empfinden zu unterdrücken, die
+unangebracht sind, wenn sie, wie bei diesem Anlaß, mich zum Opfer eines
+arglistigen Feindes machen, aber ich gelange dazu zu dulden, was ich früher
+als die Schande und Verneinung des Lebens betrachtet hätte.
+
+Ich habe den Franzosen im Kampfe gesehen. In der Schlacht ist er
+fürchterlich, und nachher großherzig; daß ist ein Ausspruch, ein gar
+vollklingender Gemeinplatz, auf dem unsere größten Schriftsteller, wie das
+bescheidenste unserer Schulkinder herumgetreten sind; weiland mein
+dekadenter Intellektualismus findet keinen besseren Ausdruck beim Anblick,
+welchen die französische Seele gewährt.
+
+Den 14. März 1915.
+
+ An Madame de L. . .,
+
+Meine Mutter hat mir die Prüfung erzählt, die Sie soeben wieder betroffen
+hat; wahrlich, das Leben lastet schwer auf gewissen Seelen. Ich kenne Ihre
+Stärke und weiß, daß Sie nur zu sehr an den Schmerz gewöhnt sind; wie sehr
+aber hätte ich gewünscht, daß dieser Ihnen erspart sein möge! Meine Mutter
+sagte mir, daß man ohne Nachrichten von dem Obersten B . . . sei, und sie
+war unruhig . . . Wir haben eine einzige Besorgnis, den Schmerz unserer
+Angehörigen. In dem Anblick des Soldaten, der fällt, ist eine große, ewige
+Lehre enthalten, die uns panzert und wir möchten sehen, daß auch die, die
+uns teuer sind, aus ihr Nutzen ziehen. Seien Sie versichert, daß das
+Beispiel des Obersten herrliche Früchte tragen wird. Ich kenne aus eigener
+Erfahrung den Heroismus, der den Soldaten verklärt, dessen Führer gefallen
+ist.
+
+Für mich waren diese Tage reich an tragischen Ereignissen. Ich habe
+gewaltsame Stunden erlebt, während welcher ich mich bemüht habe, meine
+Pflicht zu tun. Ich habe alle meine Vorgesetzten fallen sehen, die Reihen
+in meinem Regimente wurden gelichtet. Für den, der in dem Feuerschlunde
+ist, gibt es kein menschliches Hoffen mehr. Ich gebe mich Gott hin und
+bitte ihn nur, mich in einem Seelen- und Herzenszustand zu erhalten, der
+mir erlaubt in seiner Schöpfung Alles zu genießen, was der Mensch nicht zu
+verunstalten und zu verdunkeln vermochte.
+
+Alles andere ist außer Verhältnis zu den Ereignissen.
+
+Den 15. März (Karte).
+
+Teure geliebte Mutter, ich denke Du weißt jetzt, welche Gnade mir zu Teil
+wurde, als ich zu meinem Zuge mich begab. Was mir auch Gott in Zukunft
+vorbehalten mag, diese Rast hat mir erlaubt, mich wieder zu fassen, mich
+selbst wiederzufinden und mich auf die Annahme von Allem vorzubereiten. Ich
+sende Dir meine Liebe und den Ausdruck unserer innigen Vereinigung dem
+Geschick gegenüber.
+
+Den 17. März.
+
+Lieblicher Morgen. Weiße Sonne, die sich in Nebel hüllt, Bäume in scharfem
+Umriß auf den Höhen, die weite Ausdehnung im Licht. Bevorzugte Tage.
+Neulich, da ich eine alte Nummer der Revue des deux Mondes von 1880 las,
+trat ich in einen schönen Aufsatz ein wie in einen lichten Palast mit
+prächtigen Gewölben, reich geschmückten Wänden. Er handelte von Ägypten und
+war George Perrot gezeichnet.
+
+Gestern verließ mein Bataillon in Eile sein Quartier. Ich muß zu meiner
+Ausbildung als Sergeant zurückbleiben. Wie bin ich für diese übrigens
+beschwerliche Wartezeit dankbar, die mich das wiederfinden läßt, woran ich
+am meisten halte, einen hellen Geist und ein für die Natur offenes Herz.
+
+Ich vergaß Dir zu erzählen, daß ich damals während des Sturmes am Abend die
+Kraniche zurückkommen sah. Eine kurze Ruhepause erlaubte mir ihren Schrei
+zu hören. Wie lange ist es schon her, daß ich sie fortziehen sah! Ich
+erinnere mich ihres Wegfluges am Beginn des Winters und dann wurde es noch
+trostloser. Diesmal waren sie für mich wie die Taube der Arche, nicht als
+ob ich mir die noch bleibende Gefahr verhehlte; aber diese Boten der Luft
+brachten mir die sichtbarere Zuversicht in die Ruhe des Weltalls, gegenüber
+unserer eigenen Aufregung. Gestern waren es die Wildgänse, die ihren Flug
+gegen Norden nahmen. Sie bildeten am Himmel verschiedene Flugstellungen,
+und zeichneten regelmäßig Figuren; sie verschwanden am Horizont wie ein
+flatterndes Band.
+
+Ich weiß das Urteil von Herrn C. außerordentlich zu würdigen. Ich hatte von
+jeher schriftstellerische Neigungen, schon als Kind, und bedaure, daß die
+abgebrochene Bildung, die ich mir selbst gegeben habe, soviele Lücken
+aufweist; aber durch alle Wechselfälle hindurch bewahre ich die Fähigkeit
+rechts und links die gefallenen Ähren zu lesen. Da ich nichts von der
+Zukunft vorweggenießen möchte, rede ich natürlich nicht von dem Wunsche
+Herrn E. in besseren Zeiten vorgestellt zu werden, das gehört nicht in
+unser Fach, augenblicklich.
+
+Ich habe Frau L. . . geschrieben. Das ist für sie der letzte Schlag.
+Gewissen Lebensschicksalen ist es beschieden, die Medaille zu sein, in die
+alle Zeichen des Schmerzes sich einprägen. Das Unglück hat sie derart
+bearbeitet, daß sie nichts mehr haben, worauf eine Freude sich einzeichnen
+könnte.
+
+Ich denke mir aber, daß eine so ausschließliche Einstellung eines Lebens
+auf den Schmerz einen geheimnisvollen Ausgleich findet im Gefühl, daß man
+alles Unglück ausgeschöpft habe. Es heißt viel, wenn man die Grenze des
+menschlichen Elends bezeichnet. Solche Schicksale erscheinen wie
+Schildwachen, welche die Andern gegen die Schläge eines feindlichen
+Geschicks beschützen . . .
+
+Jeden Tag sehe ich ein neues Kreuz in dem kleinen Soldatenkirchhof. Und
+über Allem der siegreiche Frühling . . .
+
+Den 20. März.
+
+Unsere Ferien gehen ruhig ihrem Ende zu, während unweit Lärm und
+Blutvergießen herrschen. Ich glaube das Regiment hat sich wieder gut
+gehalten.
+
+Den 20. März.
+
+ Teure geliebte Mutter,
+
+Nach soviel Gnadenbeweisen sollte ich mehr Vertrauen zeigen und will mich
+bemühen, mich Gott hinzugeben, aber die Zeiten sind hart. Ich erfahre unter
+vielen andern, den Tod eines Freundes mit dem ich im Quartier ein Bett
+teilte. Er war vor kurzem zum Unterleutnant ernannt worden.
+
+Liebe Mutter, Liebe. Das ist das einzige menschliche Gefühl, das man noch
+bewahren darf.
+
+Den 21. März.
+
+Liebe Großmutter, da die Zeiten der Prüfungen nahen, will ich Dir all meine
+Liebe senden, mehr kann ich nicht tun. Die Lage erfordert wahrscheinlich
+Opfer, vor denen wir nicht mehr an das denken dürfen, was uns festhielt.
+
+Laßt uns darum beten, daß der feste Glaube an das Schöne und Gute mitten
+unter den Schmerzen uns nicht verlasse.
+
+Den 21. März, Sonntag, bei der schönsten Sonne.
+
+ Teure geliebte Mutter,
+
+Ich glaube, es ist die Rede davon, uns noch einen Tag zu behalten, so daß
+wir erst Dienstag abmarschieren würden. Ich weiß nicht, wo ich mein
+Bataillon wiederfinden werde und in welchem Zustande, denn der Kampf
+scheint außerordentlich hart zu sein und zieht sich hin. Die Nachrichten
+sind sehr widerspruchsvoll, was die Gewinne betrifft. Was die Zahl der
+Opfer betrifft, stimmen alle darin überein, daß sie sehr bedeutend ist. Wir
+hören sehr starken Kanonendonner und das schöne Wetter wird wohl die
+Kriegsleitung auf beiden Seiten dazu bewegen, die Entscheidung zu
+beschleunigen.
+
+Ich hätte Dir gern manches erzählt von der schönen Landschaft, die mich mit
+ihrer Herrlichkeit umgibt, aber wahrhaftig, meine Gedanken sind dort, wo
+die Sonne die Menschen nicht zu ihrer Anbetung vereinigt, sondern nur den
+Haß beleuchtet, wo die Nacht nur Angst und Verrat mit sich bringt. Neulich
+in der herrlichen Ausdehnung dieser Landschaft, die sich dem Frühling
+darbot, dachte ich an die Freude, die ich empfand, ein Mensch zu sein. Und
+nun ein Mensch sein . . .
+
+Unser benachbartes Regiment, das von R. L. . ., ist mit Kompagnien, die nur
+vierzig Mann zählten, zurückgekommen.
+
+Ich wage nicht mehr von Hoffnung zu sprechen . . . was man als Gnade
+erflehen kann, ist, Alles Schöne, was der Augenblick bieten kann,
+ausschöpfen zu dürfen.
+
+Das ist eine neue Art »sich auszuleben«, an die die Literatur bis jetzt
+nicht gedacht hatte.
+
+Liebe Großmutter, wie hat mich Deine zärtliche Liebe in diesen Prüfungen
+gestärkt!
+
+Den 22. März.
+
+Glühende Sonne, vor der man sich staunend sagt, daß man im Krieg steht. Der
+Frühling ist sieghaft eingezogen. Er hat die Menschen mitten im Hasse,
+mitten in der schmachvollen Beleidigung der Schöpfung überrascht.
+Glücklicherweise verschweigen die Tagesberichte, das was vergänglich ist.
+
+Da ich mich jetzt für einundzwanzig volle Tage weit hinter der Front
+befinde, habe ich Mühe mich wieder an das grauenhafte Bild dort zu
+gewöhnen. Aber ich weiß, liebe Mutter, daß mein Leben und Deines nur ein
+Ziel hatten und daß wir, selbst in der letzten Zeit, uns bemüht haben uns
+demselben zu nähern. So wird unser Leben vielleicht nicht zwecklos gewesen
+sein. Das ist heute der einzige Trost für eine ehrgeizige Seele, daß sie
+vorausahnt, in welcher Richtung ihr Wirken einen Wiederhall finden wird.
+
+Ich glaube, daß, wenn es mir vergönnt gewesen wäre, länger zu leben, ich
+nie mein Streben unterbrochen hätte. Da ich aber keine andere Gewißheit
+habe als die der gegenwärtigen Stunde, habe ich versucht, das Beste meines
+Selbst darauf zu verwenden.
+
+Den 25. März.
+
+ Teure geliebte Mutter,
+
+Jetzt führe ich wieder mein Höhlendasein. Ich habe den Platz
+wiedergefunden, den ich im vergangenen Monat verlassen hatte. Während
+meiner Abwesenheit ist nichts geschehen: ein furchtbarer Angriff ist
+unsererseits unternommen worden, hat aber zu keiner Entscheidung geführt.
+Man hatte Regimenter angreifen lassen, die weder unsern Schneid noch unsere
+schöne Haltung unter dem Feuer haben. Sie konnten sich nur zusammenhauen
+lassen und uns die abscheulichste Beschießung zuziehen, die man sich
+vorstellen kann. Wie es scheint war der frühere Kampf nichts im Vergleich
+zu diesem. Meine Kompagnie hatte schwere Verluste infolge von Lufttorpedos.
+Es sind Geschosse von einem Meter Höhe und 27 Zentimeter Umfang, die eine
+äußerst steile Flugbahn zurücklegen und senkrecht einfallen, was ihnen
+ermöglicht, in die engsten Höhlungen hineinzuplatzen. Deswegen leben wir
+mehrere Meter unter der Erde. Mildes Wetter. Wir gehen Nachts aus, um die
+Dienstarbeiten zu verrichten.
+
+Teure, ich hätte Dir gerne einen Haufen Dinge erzählt, die manche
+glückliche Stunden betreffen; aber ich habe es Dir schon geschrieben,
+manche davon darf man durch Worte nicht wachrufen. Die plumpe menschliche
+Freude würde sie erschrecken und ihnen feindlich sein. Sie würden noch
+rascher verschwinden. -- Ich nehme meinen Brief nach einem Schläfchen
+wieder auf. Wir schlafen so viel wir können in unsern Erdhöhlen. Ich hatte
+einen Haufen Gedanken gehabt, welche die Müdigkeit mir nicht erlaubt
+auszudrücken; ich erinnere mich aber, daß ich Beethoven wachrief. Ich habe
+gerade sein Alter, als er vom Schmerz betroffen wurde, und ich dachte an
+das herrliche Vorbild solcher Seelenstärke, die trotz aller Hindernisse
+sich betätigt. Das Hemmnis mußte ihm ebenso endgültig erscheinen als uns
+heute das unsrige. Aber er war Sieger. Für mich war Beethoven die
+herrlichste menschliche Offenbarung der schöpferischen Kraft.
+
+Ich schreibe schlecht, denn ich schlafe noch . . .
+
+Wie war mir alles erleichtert und durch Freundlichkeit gemildert während
+des Rückmarsches! Ich verließ unser Schloß allein und, als ich vor einer
+Artillerie-Batterie vorbeikam, wurde ich von Seiten der Unteroffiziere in
+der brüderlichsten Weise gastfreundlich aufgenommen, übrigens liebt die
+Artillerie die Xer, die sie beschützen und überhaupt flößen wir ein
+lebhaftes Mitleid den Leuten ein, die nicht einmal dem Regen ausgesetzt
+sind.
+
+Ich breche kurz ab und liebe Dich wegen Deines Mutes, der mich aufrecht
+hält. Was auch geschehen mag, ich habe die innere Freude wiedergefunden.
+Schon die Nacht der Ankunft war ja so schön!
+
+Den 26. März.
+
+ Teure geliebte Mutter,
+
+Nichts neues auf unserer Anhöhe, die man weiter in Verteidigungszustand
+setzt. Eine interessante Arbeit, die freilich Schwierigkeiten bietet. Das
+schöne Wetter erleichtert unsere Arbeit. Von Zeit zu Zeit trifft die Hacke
+einen armen Toten, den der Krieg bis in die Erde hinein quält.
+
+Den 28. März, auf den Höhen: graues Wetter an einem durch die gestrige
+Beschießung gestörten Sonntag.
+
+Nun sind wir wieder mitten im Kriege. Ein fürchterlicher Angriff
+unsererseits hat soeben das Gemetzel der vergangenen Woche erneuert. Meine
+Kompagnie, die bei dem früheren Ansturm niedergemäht worden war, ist
+freilich diesmal verschont geblieben und wir mußten nur einen Abschnitt der
+Verteidigungslinie besetzen. Wir bekamen also nur die Spritzer des Kampfes
+ab.
+
+Ich wohnte an einem schönen Frühlingssamstag dem fernen Schauspiel der
+Schlacht bei und sah das kriechende Tier, dem ein Bataillon gleicht,
+vorrücken und im Rauch der Granaten sich winden. Es sind Jäger zu Fuß, die
+trotz der Maschinengewehre und der französischen und deutschen Beschießung
+angreifen. Diese Tapferen haben Allem zum Trotz ihre Aufgabe erfüllt und so
+die Niederlage der vergangenen Woche wieder ausgeglichen, wo unser Angriff
+erfolglos war.
+
+Seit einem Monate ist es mir vergönnt, die Steindrucke Raffets[*] zu
+erleben, mit dem Unterschiede, daß man zur Zeit Raffets ungestrafter in
+denselben Entfernungen Augenzeuge sein konnte, weil die Gewehre weniger
+weit schossen. Aber es gab wirklich schöne Dinge zu sehen, wie zum Beispiel
+diese endlose Ebene, auf die die Felshöhen herabschauen, die wir besetzt
+halten. Sie erstrahlen von den hunderttausend Feuern der Granaten. Und
+davor kletterten die Jäger immer weiter . . .
+
+Sonntag, den 28. März (2. Brief).
+
+ Liebe Mutter,
+
+Strahlendes Wetter, das sich im Laufe des Vormittags aufgeheitert hat. Ich
+habe unsern Sektor ziemlich weit durchwandert; augenblicklich nimmt die
+Beschießung wieder an Stärke zu.
+
+Trotzdem wende ich meine Seele der Hoffnung zu. Für alle Fälle, flehe ich
+um Weisheit für Dich und für mich.
+
+[Fußnote *: Raffet, der durch seine Steindrucke aus dem Soldatenleben,
+besonders der napoleonischen Zeit, bekannte Zeichner (1804-1860). (Der
+Übersetzer.)]
+
+Teure, mitunter fühle ich wie leicht es mir wäre, mich wiederum den
+Beschäftigungen zuzuwenden, die den Reiz und den Sinn meines Lebens
+ausmachten. Mitunter fühle ich mich plötzlich in diesem schönen Frühling,
+derart zur Malerei hingezogen, daß es mir sehr leid tun würde, wenn ich
+nicht mehr malen dürfte. Aber ich bemühe mich doch, meine Seelenkräfte und
+meinen Willen auf dem schmalen und schwierigen Damm dieses Lebens zu
+erhalten.
+
+Den 1. April.
+
+Eine Sonne, die die Jugend des Frühlings enthüllt. Die Maas, ein eiliger
+Bach im Schmuck eines wohlhabenden Dorfes, wohin der Wiederhall des
+Kanonendonners nur noch wie ein dumpfer Stoß gelangt und seine Bedeutung
+verliert. Wir haben unser Quartier gewechselt, denn die Verstärkungen
+gelangen in solcher Menge nach dieser Gegend, daß wir Andern Platz machen
+müssen, und immer wird gerade unser Regiment ausquartiert.
+
+Aber Alles ist heute Licht und Frische. Die weite fette Ebene, welche die
+Hauts de Meuse begrenzen, hüllt ihre Fernen in zartes Silbergrau.
+
+Ich freue mich über den Brief von Gabrielle, der mir zeigt, was die
+französische Seele von diesen Ereignissen zurückbehalten wird. Rührender
+Brief von Pierre, der endlich nach seiner schweren Verwundung als
+dienstuntauglich entlassen ist. Herrlicher Brief von Großmutter. Wie sie
+sich nach dem Wiedersehen sehnt! -- Reden wir nicht davon . . .
+
+ -- --- --
+
+Ich schließe meinen Brief auf dem Ufer des Wassers, indem ich mit Wollust
+die Freuden, die ich beim Malen empfand, wieder wachrufe. Ich habe vor mir
+die lieblichsten Funken des Frühlings.
+
+Den 3. April (Karte).
+
+Nur ein Wort in zweiter Linie. Aufenthalt in den Frühlingswäldern. Sonne
+und Regen, die am Himmel spielen. Mut trotz Allem.
+
+Den 3. April, 2. Brief.
+
+Ich möchte, ich hätte Dir in den letzten Tagen besser geschrieben, damals
+als jede Minute eine Wonne für mich war, selbst in der Feuerlinie. Ich
+gestehe, daß ich mich damit begnügte, mich in der Schönheit der heitern
+Tage dahin leben zu lassen trotz des Krieggeheuls. Wir wissen nicht was
+geschehen wird. Die Bewegungen hin und her mehren sich. Werden wir wieder
+den Ansturm zu tragen haben?
+
+Stelle Dir vor, daß wir während unseres letzten Aufenthaltes in der
+Feuerlinie die Tage in den Unterständen verbringen mußten, die wir,
+gezwungen durch die grauenhafte Beschießung bis zu einer Tiefe von ungefähr
+zehn Metern in die Hügelabhänge graben. Dort erwartet man in völliger
+Dunkelheit die Nacht zum Aufbruch. Plötzlich haben wir meine Kameraden, die
+Unteroffiziere und ich den Schauer der neun Symphonien von Beethoven in uns
+erweckt. Eine unaussprechliche Begeisterung beseelte uns. Die Musik wirkte
+wie ein Feuerwerk in diesem Keller. Unsere chinesische Folter, weder sitzen
+noch stehen noch liegen zu können, war vergessen.
+
+Das Leben eines Sergeanten im Quartier ist recht angenehm; und doch maße
+ich mir nichts an.
+
+Was die Feuerlinie betrifft, so hoffe ich, daß die Vorsehung mir die
+Seelenkraft geben wird, bis zuletzt meine Pflicht zu erfüllen. Ein guter
+Freund, der Führer meines Halbzuges war, ist zum Kompagniefeldwebel ernannt
+worden. Alles das sind Kleinigkeiten, aber Teuerste, ich fühle mich in
+diesen Tagen etwas schwach, da ich nach den Ereignissen des vergangenen
+Monates arg leidend war. So lasse ich mich denn auf den sanften Abhängen
+des Lebens dahingleiten. Was tuts, wenn man dabei den Abgrund streift. Möge
+die Vorsehung uns davon fernhalten!
+
+Den 4. April.
+
+ Teure geliebte Mutter,
+
+Zeit der angstvollen und von nahen Drohungen schwangeren Erwartung. Bis
+dahin, Ruhe und Müßiggang. Ich kann nicht denken und gebe mich dem
+Schicksal hin. Teure, verzeih mir, wenn ich seit einem Monat sehr
+minderwertig bin. Liebe mich und sage unsern Freunden, daß sie mich lieben
+sollen. Hast Du meine Photographie erhalten? . . . Es war in der
+glücklichen Zeit des Stellungskrieges, da wir friedliche Tage verlebten und
+unser einziger Feind die Strenge der Witterung war. Bald darauf wurde ich
+Gefreiter und ein hartes, an unerfreulichen Arbeiten schweres Leben begann
+für mich. Dann das Gewitter, dessen Wiederschein wenigstens noch mein Leben
+beleuchtet.
+
+Den 4. April, abends, Ostersonntag.
+
+Liebe Mutter, jetzt stehen wir wieder unter dem Schutze Gottes. Um 2 Uhr
+gehen wir in den Sturm hinein. Teure, ich denke an Dich, ich denke an Euch.
+Ich liebe Euch und vertraue uns Alle drei der Vorsehung an. Möge Alles was
+kommt uns bereit finden! In voller Seelenstärke, das ist mein Gebet für
+Euch und für mich. Hoffnung trotzdem, aber vor Allem Weisheit und Liebe.
+Ich umarme Euch ohne weitere Worte. Ich raffe mein ganzes Denken zusammen,
+einer schweren Aufgabe zu.
+
+Den 5. April, ein Uhr.
+
+ Liebe Mutter und liebe Großmutter,
+
+Wir brechen auf. Mut. Liebe und Weisheit. Vielleicht ist dies Alles zum
+Besten Aller geschrieben. Ich kann Euch nur mein ganzes Herz zuwenden, mein
+Leben besteht nur noch in Euch.
+
+Den 5. April, gegen Mittag.
+
+ Liebe Mutter,
+
+Jetzt stehen wir in der Prüfung. Bis jetzt zeigt nichts an, daß die
+Gnadengaben uns verlassen. Uns steht es zu, uns zu bemühen, daß wir sie
+immer verdienen. Heute nachmittag werden wir unseren ganzen Willen brauchen
+und müssen die höchste Weisheit anrufen.
+
+Teure geliebte Mutter und liebe Großmutter, könnte ich noch die Freude
+Eurer Briefe haben. Laßt uns beten, daß wir noch unter Alledem aufrecht
+erhalten werden!
+
+Teure innig geliebte Mutter, noch einmal mein ganzes Herz Euch Beiden.
+
+ Euer Sohn.
+
+Den 6. April, mittags.
+
+Teure innig geliebte Mutter, um Mittag; jetzt stehen wir bereit auf der
+äußersten Stellung. Ich sende Dir meine volle Liebe. Was auch geschehen
+mag, das Leben hat uns manch Schönes gegeben.
+
+ * * *
+
+In diesem Kampfe, an diesem Tage, dem 6. April ist der Verfasser dieser
+Briefe spurlos verschwunden.
+
+
+
+
+
+
+
+Europäische Bücher:
+
+Andreas Latzko, Menschen im Krieg
+Romain Rolland, Beethoven
+Leonhard Frank, Der Mensch ist gut
+Leo Tolstoi, Tagebuch 1895--1899
+Henri Barbusse, Das Feuer
+Leonid Andrejew, Das Joch des Krieges
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Briefe eines Soldaten, by Eugène Emmanuel Lemercier
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFE EINES SOLDATEN ***
+
+***** This file should be named 39276-8.txt or 39276-8.zip *****
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+ http://www.gutenberg.org/3/9/2/7/39276/
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+Produced by Jens Sadowski
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
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+redistribution.
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
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+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
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+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+electronic work or group of works on different terms than are set
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+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
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+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
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+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
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+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
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+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
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+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
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+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
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+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
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+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+Project Gutenberg's Briefe eines Soldaten, by Eugène Emmanuel Lemercier
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
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+Title: Briefe eines Soldaten
+ Deutsche Ausgabe der Lettres d'un soldat
+
+Author: Eugène Emmanuel Lemercier
+
+Commentator: André Chevrillon
+
+Translator: Eduard Schneegans
+
+Release Date: March 27, 2012 [EBook #39276]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFE EINES SOLDATEN ***
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+Produced by Jens Sadowski
+
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+</pre>
+
+<h1 style="page-break-before:always;">
+Briefe eines Soldaten<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<span style="font-size: smaller">
+Deutsche Ausgabe der<br />
+Lettres d'un soldat
+</span>
+</h1>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="center" style="font-size: 110%">
+<span class="sperr">1918<br />
+München bei Georg Müller
+</span>
+</p>
+<p style="page-break-before:always">&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="center">
+1. bis 5. Tausend<br />
+Nachdruck verboten<br />
+Copyright 1917 by Rascher &amp; Cie., Zürich
+</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p class="center">
+Deutsche Übertragung<br />
+von Professor Dr. Schneegans, Neuchâtel
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p class="center">
+1918<br />
+Buchdruckerei Züricher Post
+</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<div class="trnote" style="page-break-before:always;">
+<p class="center">
+<a href="#Anmerkungen">Anmerkungen zur Transkription</a> finden sich am Ende des Buches.
+</p>
+</div>
+
+<!-- page 001 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1">Vorwort.</h2>
+
+<p>Die folgenden Briefe sind von einem jungen
+Maler geschrieben, der an der Front war von
+September bis Anfang April, wo er in einem der
+Kämpfe im Argonnerwald verschwunden ist. Soll
+man von ihm in der Vergangenheit oder in der
+Gegenwart sprechen? Wir wissen es nicht: seit
+dem Tage, wo sie die letzte von Schmutz befleckte
+Karte erreichte, welche den Angriff meldete, in dem
+er verschwinden sollte, &mdash; welche quälende Stille für
+diese Frauen, die während acht Monaten nur von
+den fast täglichen Briefen lebten! Doch für wieviele
+Mütter und Frauen ist eine solche Qual heute
+das tägliche Los?
+</p>
+
+<p>In dem Atelier, unter den Bildern, in denen
+der junge Mann seine Träume, seine Künstlervisionen
+festgelegt hatte, habe ich, liebevoll auf
+einem Tische geordnet, alle die weißen Kärtchen
+gesehen, aus denen dieser Briefwechsel besteht.
+Schwelgende Gegenwart.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Ich wußte damals noch
+nicht, welche Seele sich hier in ihrer Fülle ausgedrückt
+hat, um auf diesem Wege an den häuslichen Herd
+zurückzukehren: eine Seele, die dazu bestimmt war,
+dessen bin ich überzeugt, sich weit über den kleinen
+Kreis der Verwandten hinaus zu ergießen
+<!-- page 002 -->
+und weithin auf die Menschen zu strahlen. Die
+Seele eines fertigen Künstlers, aber auch eines
+Dichters, mit der Schüchternheit eines Jünglings,
+der schon mit dreizehn Jahren die Schule für das
+Atelier verlassen hat und ganz allein gelernt hat
+das, was ihn bewegt, in Tönen auszudrücken,
+deren Schönheit der Leser wird zu würdigen
+wissen. Herzensgüte, inbrünstige Verehrung der
+Natur, mystisches Verstehen ihrer Erscheinungsformen
+und ihrer ewigen Sprache, das ist es, was
+die Deutschen, die sich die Erben Göthes und
+Beethovens nennen, allein zu besitzen glauben und
+was uns in diesen, von einem jungen Franzosen
+für seine Teuersten und für sich geschriebenen
+Briefen ergreift.
+</p>
+
+<p>Das Rührendste dabei ist vielleicht, daß wir in
+dem seelischen, so ernsten, so religiösen Empfinden,
+das sich hier ausspricht, Züge wiedererkennen, die
+uns in manchen Briefen von der Front auffielen.
+In diesen Wochen, diesen endlosen Wintermonaten,
+die sie im Schlamm oder im Schnee der Schützengräben
+verbracht, beim täglichen Anblick des Todes,
+beim Gedanken an den Tod, der vielleicht in demselben
+Augenblick naht, um ihnen für immer die
+Augen zu schließen, scheinen diese Kinder angefangen
+zu haben mit eindringlicherem, empfänglicherem
+Auge die ewigen Dinge zu betrachten, wie
+wenn sie alle, in der Fülle ihrer Kraft und ihrer
+Jugend, glaubten sie zum letzten Male zu betrachten:
+</p>
+<!-- page 003 -->
+
+<div class="poem">
+<p class="line">&bdquo;Und sterben sollte nun die Welt</p>
+<p class="line">Mit meinen Augen, den Spiegeln der Welt.&ldquo;</p>
+</div>
+
+<p>Feierliche Stimmung des Menschen, der eben
+eine lange Nachtwache verbracht hat, irgendwo auf
+Vorposten, und der hinter der grauen, schweigenden,
+nordischen Ebene dort, wo der unsichtbare
+Feind in der Erde vergraben ist, die rote Sonne
+noch einmal über diese Welt aufgehen sieht. &bdquo;O
+herrliche Sonne, ich möchte dich noch einmal sehen!&ldquo;
+schrieb am Abend des Tages, wo er in Frankreich
+einzog, ein junger schlesischer Soldat, der auf
+den Gefilden der Marne fiel und dessen Tagebuch
+veröffentlicht worden ist. Plötzlich entquillt
+dieser geheimnisvolle Herzenserguß, mitten unter
+pünktlichen deutschen Aufzeichnungen über Essen
+und Trinken, Tagemärsche, Fußleiden und der
+Aufzählung der verbrannten Dörfer. In wievielen
+französischen Briefen haben wir diese tiefe Erleuchtung
+getroffen! Sie ist sich immer gleich auf
+allen Stufen des Ausdrucks: bei jenem Bauern
+von Seine-et-Marne, den ich mit Namen nennen
+könnte, der vielleicht zum ersten Male in seinem
+Leben für die Glut des Sonnenunterganges ein
+Auge hat, &mdash; bei jenem jungen Pariser, der bis
+dahin nur in Ausdrücken des Skepticismus und
+der Ironie schien reden zu können, und bei dem
+jungen Künstler, der dieses Gefühl in ergreifende
+Verse umsetzt und es bis zur erhabenen Vorstellung
+steigert, an der die ganze stoische Philosophie
+<!-- page 004 -->
+hängt. Durch soviele Unterschiede hindurch, bei
+allen, dem deutschen Schullehrer, dem Bauern,
+dem Städter, dem französischen Maler, offenbart
+sich eine gemeinsame Grundlage und der vergängliche
+Lebende, im Vorgefühl der ewigen Nacht,
+sieht den Sinn und die Schönheit der Welt in
+ihm sich erweitern. O Wunder der Welt! göttlicher
+Friede dieser Ebene, dieser Bäume, dieser fernen
+Hügel, &mdash; wie man dieser unendlichen Stille
+lauscht! Oder es ist die nächtliche Unermeßlichkeit,
+in der nichts als Feuersbrünste und ein Leuchten
+verbleibt. Unten ferne Glut von Bränden, oben
+die Sterne, ihre unwandelbaren Bilder, das Flimmern,
+die Harmonie und erhabene Ordnung des
+Weltalls.
+</p>
+
+<p>Bald werden das Geknatter der Maschinengewehre,
+der Donner der Sprengstoffe, das Geheul
+des Ansturms wieder anheben; man beginnt
+wieder zu morden und zu sterben. Welcher Gegensatz
+der menschlichen Wut und der ewigen heitern
+Ruhe! Mehr oder weniger dunkel, während eines
+kurzen Augenblickes, wird eine tiefsinnige Beziehung
+zwischen den einfachen Erscheinungen am
+Himmel und auf Erden, deren langsame Entwicklung
+sich begreifen läßt, und dem Beschauer hergestellt.
+Fühlt dann der Mensch, daß alles, was
+er sieht, er selbst ist, daß sein kleines Dasein und
+das Leben des Baumes, der dort im Schauer des
+Morgengrauens erbebt und dem Menschen zuzuwinken
+<!-- page 005 -->
+scheint, sich miteinander verbinden im Flusse
+des ewigen Lebens?
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Für den Künstler, von dem hier die Rede ist,
+waren diese Eingebungen und Visionen der Rausch
+jener langen, im Schützengraben verlebten Monate.
+Unter dem weiten Himmel, bei der Berührung mit
+der Erde, vor der Gefahr und dem täglichen Bilde
+des Todes, erschien ihm das Leben plötzlich seltsam
+erweitert: &bdquo;Wir haben von unserm Aufenthalt
+im Freien eine Frische der Auffassung, eine Großzügigkeit
+in den Bewegungen und Gedanken gewonnen,
+die den Überlebenden den Aufenthalt in
+den Städten gräßlich wird erscheinen lassen.&ldquo; Auch
+der Tod zeigte sich schöner und schlichter; Tod der
+Soldaten, deren Gestalten er mitleidig betrachtete,
+während die Natur sie still, mütterlich wieder zu
+sich nahm und allmählich mit der Erde vereinigte.
+Von Tag zu Tag lebte er mehr in dem Gefühl
+des &bdquo;Ewigen&ldquo;. Er blieb freilich empfänglich für
+alle Greuel und jedes Mitleides fähig, &mdash; und
+man wird sehen wie er seine Pflicht erfüllte. Aber
+&bdquo;in gleichem Maße leidend&ldquo;, flüchtete er &bdquo;zu einem
+höheren Troste&ldquo;. &bdquo;Man muß,&ldquo; sagte er zu denen,
+die ihn lieben und die er &mdash; mit welcher beständigen
+Fürsorge! &mdash; sich bemüht auf das Schlimmste
+vorzubereiten, &bdquo;dazu gelangen, daß kein Unglücksfall
+aus unserem Leben etwas Trümmerhaftes,
+<!-- page 006 -->
+Abgebrochenes, Unharmonisches mache .&nbsp;.&nbsp;. Begnüge
+dich mit der herrlichen Versicherung, daß ich bis
+heute meine Seele zu einer Höhe gehoben habe,
+wo die Ereignisse ihr nichts mehr antun können&ldquo;.
+Diese Höhe ist die Gegend, in der über die Unterschiede
+der Bekenntnisse und ihrer äußern Formen
+hinaus, alle großen religiösen Gemeinschaften sich
+zusammenfinden, wo der eitle Schein verschwindet,
+wo der Mensch allen Behauptungen und Forderungen
+des Ichs ein <i>Nein</i> entgegenstellt und sich
+an das hält, was &bdquo;wirklich ist&ldquo;. &bdquo;Unsere Leiden
+kommen daher, daß unsere schwache menschliche
+Geduld unseren Bedürfnissen, wenn auch den edelsten,
+zugewandt ist.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. halte dich dabei nicht auf,
+den Wert der Persönlichkeit derer, die am Leben
+bleiben, derer, die gehen zu betrachten; das heißt
+die Dinge auf der menschlichen Wagschale abwägen.
+Man muß aber in uns die gewaltige Menge
+dessen unterscheiden, was besser ist als das Menschliche.&ldquo;
+(30. Oktober.) Im Grunde ist der Tod
+machtlos, weil auch er ein eitler Schein ist und
+&bdquo;Nichts vollständig verloren ist.&ldquo; So findet dieser
+junge Franzose, der übrigens die Sprache des
+Christentums nicht vergessen hat, in den Schrecken
+des Krieges den Stoicismus Mark Aurels wieder,
+jene Tugend, &bdquo;die weder Geduld noch allzu großes
+Selbstvertrauen ist, sondern ein gewisser Glaube
+an die Ordnung der Dinge, ein gewisses Vermögen,
+bei jeder Prüfung zu sagen, <i>daß es so
+<!-- page 007 -->
+recht ist</i>.&ldquo; Und jenseits des Stoicismus ahnt
+er und erreicht den uralten, erhabenen Gedanken
+Indiens, der die Erscheinungen und trennenden
+Unterschiede leugnet, und dem Menschen seine
+eigene Person und die ganze Welt zeigend, ihn
+lehrt, daß er von der einen sage: &bdquo;Das bin ich
+<i>nicht</i>&ldquo;, von der andern: &bdquo;<i>Das bin ich</i>.&ldquo; Ergreifende
+Begegnung: durch alle Entfernungen der
+Jahrhunderte und Völker hindurch setzen die Betrachtungen
+dieses französischen Soldaten vor dem
+Feinde, den er morgen angreifen wird, den seltsamen
+Zustand der Verzückung fort, in den der
+Krieger der Bhagavad Gîta<a href="#footnote-1" id="fnote-1"><sup>1</sup>)</a> zwischen zwei Heeren,
+die aufeinanderprallen sollten, sich versenkte. Auch
+er sieht in der menschlichen Unruhe einen Traum,
+der uns den Anblick der höhern Ordnung und der
+göttlichen Einheit verschleiern wollte. Auch er hat
+sein Vertrauen in die Dinge gesetzt, die &bdquo;weder
+Geburt noch Tod kennen&ldquo;, in das was &bdquo;nicht geboren,
+unverwüstlich ist, was nicht getötet wird,
+wenn der Leib getötet wird&ldquo;. Das ist das ewige
+Leben, dessen Wirken sich fortpflanzt, stets gleich
+durch alle Formen hindurch, die es erzeugt, in
+jeder bestrebt, sich zu mehr Licht, Frieden, Bewußtsein
+zu erheben. Und dieses Ziel bedingt das
+Gesetz eines jeden denkenden Wesens, die Aufopferung
+seiner selbst zum Besten des allgemeinen
+<!-- page 008 -->
+und endlichen Wohles; daher bei dem Gedanken
+an das wirksame Opfer, jene tiefe Befriedigung
+derer, die ihr Leben hingeben, die für die Sache
+des Lebens fallen: &bdquo;Sage M.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;., wenn das Schicksal
+die Besten trifft, daß das nicht ungerecht ist:
+diejenigen, die weiterleben, werden dadurch gebessert .&nbsp;.&nbsp;.
+Ihr wißt nicht, welche Lehre uns der
+gibt, der fällt. Ich weiß es aber.&ldquo; Und das Opfer
+ist noch vollständiger, wenn das Leben geben, wenn
+auf sich selbst verzichten, zugleich bedeutet auf das
+verzichten, was man mehr liebte als sich selbst,
+dem man mit seinem ganzen Leben hatte dienen
+wollen. &bdquo;Fahnen der Kunst, der Wissenschaft,&ldquo; die
+er als Kind vergötterte, die er zu tragen angefangen
+hatte, mit welchem stolzen, vertrauensvollen
+Schauer! Der Mensch lerne ohne Klage zu sterben!
+&bdquo;Es genüge ihm zu wissen, daß die Fahne
+wird getragen werden!&ldquo;
+</p>
+
+
+<p>Der schlichte, gewöhnliche Gehorsam der gegenwärtigen
+Verpflichtung, das ist auch der praktische
+Abschluß der höchsten Weisheit der Indier, nachdem
+sie den Wahn des Scheins entschleiert hat.
+Sich nicht in die Einsamkeit und Untätigkeit zurückziehen,
+weil man den Wahn erkannt hat, mit seinen
+Brüdern kämpfen, an seinem Platze und Range,
+mit offenen Augen, ohne Hoffnung auf Ruhm und
+Gewinn, einfach weil das Gesetz es so will, das
+ist der Befehl, den der Gott dem Krieger Arjuna
+gibt, als dieser zweifelt, ob er von der Betrachtung
+<!-- page 009 -->
+des Ewigen dem menschlichen Schreckbild der
+Schlacht sich zuwenden solle. &bdquo;Für jedes Wesen
+ist Gesetz, das Werk zu vollführen, das seine
+eigene Form ihm vorschreibt. Jeder unterziehe
+sich dem Handeln, da er ein Teil ist dieser Natur,
+deren Beschaffenheit ihn zum handeln zwingt!&ldquo;
+Arjuna spanne einfach seinen Bogen mit den
+andern Kshettryas! Der junge Franzose hatte
+keinen Augenblick gezweifelt. Aber in seinen
+Briefen sehen wir, wie er mitten in den Schrecken
+des Gemetzels und in den geduldigen und langweiligen
+Arbeiten des Minenganges oder des
+Schützengrabens seine Blicke &bdquo;auf das Ewige&ldquo;
+stets zu richten wußte.
+</p>
+
+<p>Ich möchte nicht länger bei diesem Vergleiche
+verweilen. Vielleicht hat er durch einige Auszüge
+aus dem Ramayana den erhabenen Gedanken des
+uralten Asiens vermuten können. Und doch zeigt
+in der ganz modernen Färbung, in den bestimmten
+Formen und dem so französischen Fluß der
+Sprache die Seele, die sich in diesen Briefen offenbart,
+wie die Amiels, Michelets, Tolstois, Shelleys,
+eine tiefinnerliche Verwandtschaft mit dem
+zarten und mystischen Genius Indiens. Seltsame
+Verwandtschaft, die sich nicht allein in dem tiefen
+Gefühl und Verlangen nach dem Allgemeinen
+und Ewigen offenbart, sondern auch in dem
+unmittelbaren Mitempfinden mit allem, was
+Leben ist, in den Ergüssen der Liebe zu der
+<!-- page 010 -->
+großen mütterlichen Seele der Natur und allen
+ihren Erscheinungen.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Liebe&ldquo;, das ist eines der Wörter, die am
+meisten in diesen Briefen wiederkehren. Liebe zu
+jenen Gefilden, jener Ebene, über die die Morgen
+und die Abende wie innere Regungen über ein
+Antlitz ziehen, Liebe zu den Bäumen, deren Bewegungen
+fast menschlich sind, &mdash; einem gewissen,
+unter seinen Wunden männlichen, geduldigen
+Baume, &bdquo;der einem Soldaten gleicht,&ldquo; &mdash; Liebe zu
+den hübschen Tierchen der Felder, die im Schweigen
+des frühen Morgens am Rande der Schützengräben
+spielend sich bewegen, &mdash; Liebe zu allen
+Dingen am Himmel und auf Erden, jenem beseelten
+Himmel, jener französischen Landschaft mit ihrer
+so übersichtlichen, so schlichten Linienführung, Liebe
+zumal zu denen, die er neben sich geduldig leiden
+und kämpfen sieht, zu den ernsten Bäuerinnen der
+Champagne, die alle ihre Söhne hingaben, die schweigen,
+ihre Tränen trocknen und die Arbeit der Vorfahren
+auf den Ackern, in den Weinbergen weiterführen,
+zu jenen Kameraden, deren &bdquo;Scherze oder Lieder&ldquo;
+kein Elend entmutigt, &bdquo;braven Leuten, denen mein
+schönes Künstlergewand arg hinderlich wäre, ihre
+Pflicht ehrlich zu tun, wie sie sie tun&ldquo;, &mdash; zu allen
+jenen einfachen Menschen, die Frankreich ausmachen,
+mit denen man sich so gerne vereint fühlt.
+Liebe zu allen Lebenden (man fühlt wohl, daß er
+nicht hassen kann, auch nicht den Feind, Fleisch
+<!-- page 011 -->
+von seinem Fleisch, das, wie er selbst, an diese Erde
+sich anklammert, das in demselben Maße duldet).
+Und dann Liebe zu den Toten, deren Anblick er
+aufsucht, deren stille, von Schweigen und Geheimnis
+schwere Schönheit, sich in langer Betrachtung
+diesem eindringlichen Auge offenbart.
+</p>
+
+<p>Durch diese der innerlichen, geistigen Bedeutung
+der Dinge zugewandte Aufmerksamkeit, erscheint
+uns dieser Maler in seinen Briefen besonders als
+ein Dichter, &mdash; ein religiöser Dichter, der in der
+Welt das Wesen der Dinge erfaßt, alle unaussprechlichen
+Arten des Seins; auch als ein Musiker,
+der in den Schützengräben mit Beethoven, Händel,
+Schumann, Berlioz zusammenlebt, deren Melodien
+und Gedanken er in sich trägt &mdash; den &bdquo;die schönsten
+Symphonien mit ihrer Orchesterbegleitung&ldquo; berauschen.
+Innere Reichtümer, geheime Mächte des
+Trostes und der Freude, die in den trübsten
+Stunden, in der Nacht und dem Schlamm der
+langen winterlichen Wachen, so nahe zu der Seele
+zu reden vermögen oder sie mit einem Male in
+solche Höhen und solche Fernen forttragen. Schumann,
+Beethoven: zwischen diesen unsterblichen
+Geistern, die nur für alle Menschen zu singen
+wußten, und den unmenschlichen Pedanten, welche
+die Schönheit des Krieges und das starre Recht
+der Gewalt predigten, was bleibt noch Gemeinsames
+übrig? Haben wir sie nicht uns zu eigen
+gemacht, diese Genien, dadurch, daß wir sie immer
+<!-- page 012 -->
+tiefer verstanden und in uns eindringen ließen?
+Sind sie nicht unsere Freunde geworden? Begleiten
+sie uns nicht in alle gesegneten Einsamkeiten,
+in denen unser wahres Ich wieder zu leben
+beginnt, unsere innere Quelle wieder fließt?
+</p>
+
+<p>Den Größten von Allen ruft eine Schar französischer
+Soldaten wach, drei Tage vor der Schlacht,
+die sie voraussehen, in der mehrere verschwinden
+sollten. Sie sind in der Tiefe einer unterirdischen
+Kasematte: &bdquo;Dort erwartet man in völliger Dunkelheit
+die Nacht zum Aufbruch. Plötzlich haben wir,
+meine Kameraden, die Unteroffiziere und ich, die
+Schauer der neun Symphonien von Beethoven
+erweckt! Eine unaussprechliche Begeisterung beseelte
+uns.&ldquo; Dieser fast heilige Gesang, diese heroische
+Begeisterung in einem solchen Augenblick,
+wie widerlegen sie die immer wiederholten Theorien
+der Deutschen über die Grenzen des französischen
+Gefühls! Welcher Dichter eines andern Volkes
+hat die Natur mit einem brüderlicheren Auge, mit
+einem tiefern Widerhall im Herzen betrachtet, als
+der dessen Innerstes sich hier ausspricht?
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Diese Tag für Tag geschriebenen und aus dem
+Schützengraben oder dem Quartier geschickten Briefe
+bilden zusammen eine fortschreitende Folge, gleichsam
+eine Dichtung oder einen Gesang. Ein tiefes
+inneres Leben birgt sich darin: das Leben einer
+<!-- page 013 -->
+Seele, die wir in der Eintönigkeit dieser außerordentlichen
+Verhältnisse, in denen sehr oft jedes
+Ereignis fehlt, über den gewöhnlichen Gedankenkreis
+sich erheben, sich selbst übertreffen und, je
+näher die schwersten Prüfungen herankamen, in
+Friede und heitere Ruhe sich hüllen sehen
+(Februar-April). Man muß diesen seelischen Fortschritt
+verfolgen, den er mit einem unerschütterlichen
+Willen leitet. Es gibt keine ergreifendere
+Geschichte eines inneren Erlebens. Sein ganzes
+Bemühen ist sich &bdquo;anzupassen&ldquo;, und wie fürchterlich
+es ihm oft wird, das spürt man unter der
+gewöhnlichen Ruhe und Schlichtheit des Ausdrucks.
+Er ist Dichter und Künstler; er hat das
+Leben aufgefaßt, er hat sich entwickelt in einer
+dem Manne der Tat entgegengesetzten Richtung.
+Seine ganze Bildung, seine besondern künstlerischen
+Übungen hatten als Folge die Verfeinerung einer
+an sich schon angebornen äußersten Zartfühligkeit.
+Aus innerm Drange und einem selbstgewählten
+Gesetze folgend, hat er die Einsamkeit und Beschaulichkeit
+aufgesucht. Er fühlt und weiß wohl,
+daß er nur lebt, um ein bestimmtes Abbild der
+Welt zu sein, und hat sich immer, dem innern
+Triebe gehorchend, bemüht, in sich selbst die reine
+Form und ursprüngliche Wölbung des Spiegels
+zu bewahren und zu vervollkommnen, der eine
+Neigung hat sich unter den Einflüssen der Umgebung
+zu verzerren und zu trüben. Jetzt heißt es
+<!-- page 014 -->
+im Gegensatz zu dem eigenen Gesetze leben, und
+zwar nicht weil die Not dazu zwingt, sondern
+durch einen freien Willensakt. Es heißt nun dieses
+Ich, das sich sorgfältig außerhalb der Welt und
+der Welt gegenüber bewahrt hat, preisgeben, ohne
+Murren es in das dichteste Gewühl werfen, Tag
+und Nacht nur noch in dem Atem und dem Gedränge
+der Soldatenschar leben, und sich dabei
+einer rein körperlichen Tätigkeit unterziehen für
+die furchtbaren Aufgaben des Krieges. Und für
+ein solches Dasein, das er von seinem frühern
+Standpunkte aus als ein Sklavenleben betrachtet
+hätte, muß er als den einzig möglichen Ausgang
+den Tod ansehen, in absehbarer Zeit. Er muß
+sich daran gewöhnen, in seinem verflossenen Leben,
+&mdash; jenem Leben, das seine Künstlerträume und
+Hoffnungen erleuchteten, das wie in einem Rausch
+allen Regungen und dem Pulsschlag des Lebens
+des Weltalls entsprach &mdash; nur noch einen Traum
+zu sehen, einen Traum, der entschwunden ist und
+nie zurückkehren wird.
+</p>
+
+<p>Das nennt er &bdquo;sich anpassen&ldquo;, und wie oft kehrt
+dieser Ausdruck in seinen Briefen wieder! Denn er
+bezeichnet die Pflicht, eine Pflicht, deren Schwierigkeit
+sich an dem Abstand zwischen Gegenwart und
+Vergangenheit bemessen läßt, zwischen dem angeborenen
+Trieb einer Seele und der Selbstüberwindung,
+die sie sich auferlegen will. &bdquo;In voller Schaffenskraft,
+in dem Augenblick, wo das Leben für ihn
+<!-- page 015 -->
+eine Zeit fortwährender Blüte wurde, wird ein
+junger Mann herausgerissen und auf einen trockenen
+Boden verpflanzt, wo Alles von seiner gewohnten
+Nahrung ihm fehlt. Nun denn! von dem Augenblick
+an, wo nach dem ersten Riß das Leben ihn
+nicht verlassen hat, bemüht er sich aus den dürftigen
+Säften seines neuen Bodens zu schöpfen. Die Anstrengung
+verlangt eine Anspannung aller Kräfte,
+die keinen Raum läßt für die Erinnerungen und
+Hoffnungen .&nbsp;.&nbsp;. Ich erreiche es, außer in rasch
+unterdrückten Stunden der Empörung, wo die
+Gedanken, die Handlungen meines vergangenen
+Lebens sich erheben, wie wenn ich sie nicht vergessen
+hätte. Ich brauche dann meine ganze Kraft, um
+meine herzzerreißenden Erinnerungen in der Ergebung
+in den gegenwärtigen Augenblick zu ertränken.&ldquo;
+Dazu braucht es eine rastlose Anstrengung.
+Denn &bdquo;sich anpassen&ldquo; bedeutet für ihn nicht sich
+durchgreifend verwandeln, indem er den Einflüssen
+der neuen Umgebung nachgibt. Durch die fortgesetzte
+Tätigkeit seiner Lebenskraft will er, im Sinne seiner
+eigenen Persönlichkeit, den Stoff umgestalten, den
+er aus dieser Umgebung zieht; er will darin die
+Mittel finden trotz Allem in der Richtung seines
+eigenen Wesens sich zu nähren und weiter zu bestehen.
+Er will Allem entsagen und das Wesentliche
+bewahren, weil sein Ich weiter erhalten bleibt, treu
+dem selbstgeschaffenen Ideal, fähig nicht allein zu
+leben, sondern noch zu blühen, teilzunehmen an
+<!-- page 016 -->
+dem allgemeinen Fluß des Lebens, der sich in der
+Natur in rastlosem Erblühen offenbart, im Menschen
+in Regungen der Liebe, der Kunst, der Poesie. Um
+dieses Ziel zu erreichen, gilt es, unter den Drohungen
+und in den Unruhen des Krieges, sich für jede
+Erscheinung des Schönen empfänglich zu erhalten.
+Denn das Schöne ist für diesen frommen Dichter
+das Göttliche, das mehr oder weniger deutlich in
+allen Dingen durchleuchtet; daher auch die Kraft,
+die er in der Betrachtung des Schönen schöpft, die
+ihn allmählich über die Zufälligkeiten des Einzelwesens
+hinaushebt. Um den Eindruck voll zu empfangen,
+um in sich alle Unruhe zu bannen, muß er
+der Vergangenheit und der Zukunft Lebewohl sagen,
+nichts beklagen, nichts erhoffen, nur noch im &bdquo;gegenwärtigen
+Augenblick&ldquo; leben, der an diesen Segnungen
+reich ist. &bdquo;Ich nehme alles aus der Hand
+des Schicksals an, ich habe ihm aber Alles genommen,
+was es in den Falten eines jeden Augenblickes an
+Glück birgt.&ldquo; In diesem Zustand der Einfalt, der
+fast der Zustand der Gnade ist, tritt er mit der
+lebendigen Wirklichkeit dieser Welt in Berührung.
+&bdquo;Laßt uns essen und trinken von Allem was ewig ist;
+denn morgen sterben wir Allem ab, was menschlich
+ist&ldquo;.
+</p>
+
+<p>Diese Befreiung der Seele ist nicht sofort erreicht.
+Die ersten Briefe sind sehr schön; aber was
+sie lehren, erfahren wir auch aus fast allen Briefen
+unserer Soldaten. Er schildert den Seinen die
+<!-- page 017 -->
+Begeisterung der Soldaten, ihre innige Gemeinschaft
+in einem einzigen flammenden Gedanken,
+die gebieterische Pflicht, seinen eigenen Willen,
+&bdquo;ein aufrechtes Gewissen soweit zu tragen, als
+seine Füße es zu führen vermögen&ldquo; (25. August
+1914). Aber schon sieht man, wie er sich bemüht,
+die Richtung seines inneren Wesens gegen die
+Einflüsse und Aufreizungen des Haufens zu behaupten.
+Es gelingt ihm. Indem er sich bewahrt,
+sich absondert &bdquo;soviel er vermag&ldquo;, mitten unter den
+andern, stellt er fest, daß er in geistiger Beziehung
+unberührt ist. Aber noch ist er zwischen den Kasernenmauern
+oder schreibt in Bahnhöfen, an den
+Haltestellen einer endlosen Eisenbahnfahrt (&bdquo;vierzig
+Mann in jedem Wagen&ldquo;). Um ihn wirklich
+kennen zu lernen, wartet bis er in der Kriegszone
+angelangt, im Quartier, dann in der Feuerlinie,
+während der langen Stunden der Wachen und
+auf Posten, mit der Erde wieder in Berührung
+getreten ist. Sobald er den Hauch der weiten
+Ebene eingeatmet, erwacht sein angeborener Trieb
+&bdquo;Schönheit zu gewinnen&ldquo;, und vor den Schatten,
+in die die Zukunft sich versenkt, sie &bdquo;soviel und so
+schnell wie möglich zu gewinnen&ldquo;. &bdquo;Ich habe im
+Schlamm Blumen gepflückt, bewahrt sie zur Erinnerung
+an mich auf,&ldquo; schreibt er an einem Tage
+dunkler Vorahnung (11. Februar). Bezeichnend
+für ihn ist, daß er in der Eintönigkeit der Tage
+im Schützengraben, wenn die Gefahr das Geschwätz
+<!-- page 018 -->
+nicht aufkommen läßt, sie am häufigsten
+findet, jene Wunderblumen. Dann kehrt der innere
+Friede wieder ein, während des Schweigens,
+das diese Männer befällt, und er kann &bdquo;seine Seele
+frei mitschwingen lassen&ldquo;, und gleich empfindet man
+den eigentümlichen Widerhall. Diese Seele hatte
+zunächst nur die Klänge des Mutes und der Brüderlichkeit
+für uns wiederholt, die sich von unsern
+Heeren gleichmäßig erheben. Jetzt befindet sie sich
+mitten im Kriege, den ewigen Dingen wieder gegenüber,
+und plötzlich glaubt man zum ersten Male
+den Urklang und die unendliche Feinfühligkeit
+einer kaum berührten Saite zu vernehmen. Aber
+diese Klänge bleiben nicht zufällig und unzusammenhängend;
+bald setzen sie sich zu einer Melodie
+zusammen, die immer bestimmter, voller, von ergreifender
+Bedeutung schwerer wird, je mehr er
+durch eine tägliche Übung es lernt, sich von den
+drückendsten Umständen besser auszuschließen. Ein
+ganz unpersönliches Ich scheint sich jetzt von dem
+körperlichen Ich, das sich abmüht und Gefahren
+besteht, loszulösen, und die Dinge ohne innere
+Teilnahme zu betrachten, und auch dieses andere
+Ich, das an seinem Platze steht in der allgemeinen
+Ordnung, zu beobachten, eine vergängliche Welle
+in der Flut, die eine geheimnisvolle Vernunft
+leitet. Seltsame Fähigkeit, ein Doppel- und Traumleben
+zu führen! Es gelingt ihm, sie in der Schlacht
+selbst zu üben, wo seine Tapferkeit und seine militärische
+<!-- page 019 -->
+Tätigkeit ihm die Glückwünsche seines Vorgesetzten
+eintragen. In dem Höllenschlund, in dem
+sein Fleisch sich auflösen könnte, hört er nicht auf
+zu schauen, und am nächsten Tage kann er schreiben:
+&bdquo;Nun, es war interessant!&ldquo; Und er fügt hinzu:
+&bdquo;Was ich Persönliches bewahrt hatte, war
+eine gewisse Empfänglichkeit des Auges, die mich
+befähigte gewisse Bilder in mich aufzunehmen, deren
+ergreifende Wirkung sich unmittelbar in ebenso &bdquo;künstlerischer
+Weise&ldquo; zusammenfügte, wie jede andere
+menschliche Zusammenstellung. Aber gewöhnlich
+habe ich in diesen Augenblicken nie die Absicht
+aufgegeben zu sehen &bdquo;wie es gemacht ist&ldquo; (14. März).
+Dann offenbart sich ihm die Bedeutung der Gewalttätigkeit.
+Dieser zarten sinnigen Natur flößt
+sie Grauen ein. Deswegen vielleicht frägt sein
+Geist nach dem Warum. Durch die Gewalttätigkeit
+wird eine unvollkommene und vorübergehende
+Ordnung durchbrochen und die Erscheinungen, die
+im Begriff waren zu erstarren, kommen wieder in
+Fluß. Das Leben beginnt wieder und eine höhere
+Ordnung wird ermöglicht. Auch hier ist Annahme,
+Unterwerfung unter die Vernunft der Welt, Vertrauen
+in das, was sich verwirklicht, die Lösung,
+zu der er immer wieder gelangt.
+</p>
+
+<p>Das sind Augenblicke der eigentlichen Beobachtung,
+reiner Überlegung, in die sich die Regungen
+des Künstlers und des Dichters nicht mischen. Solche
+Augenblicke sind nicht selten bei ihm; aber dann
+<!-- page 020 -->
+handelt es sich immer um die Welt und menschliche
+Ereignisse. Sie entstehen vor einem Kriegsbilde,
+einem Charakterzug, bei einer Lektüre, einer
+künstlerischen oder geschichtlichen Erinnerung (oft
+ruft er eine Bibelstelle wach und im ärgsten &bdquo;Wirrwarr&ldquo;
+schöne Bilder aus der griechischen Mythologie).
+Man bewundert diese heitere Willenskraft
+eines Geistes, der es verstanden hat, sein früheres
+rein geistiges Leben wieder aufzunehmen. Das
+ist sehr schön, ist aber nicht einzigartig: die
+große geistige Tätigkeit ist nicht selten in Frankreich;
+andere unter den Soldaten haben unter den
+Granaten philosophiert. Was diesen Briefen eine
+besondere Bedeutung zu verleihen scheint, ist der
+Ausdruck von etwas viel Wesentlicherem, viel
+Innerlicherem als der Gedanke; das Gefühl, das
+Unendliche und Unbestimmte seiner Schattierungen,
+seine Zusammenklänge mit den Bildern der Landschaft,
+jene Dichtergabe endlich, die mit der musikalischen
+Begabung zusammenhängt; denn sie geht
+aus demselben Urgrund des Unbewußten im
+Menschen hervor und strebt auch ihrerseits allen
+verschlungenen Linien des Rhythmus und des Gesanges
+zu. Ich habe schon Shelley aus Anlaß
+dieses Dichters genannt. Was uns eine Bemerkung
+wie die folgende offenbart, ist die Vereinigung mit
+dem Innigsten und Unaussprechlichsten in der
+Natur, wie wir sie bei Shelley finden: &bdquo;Namenloser
+Tag, ohne greifbare Gestalt, in dem trotzdem
+<!-- page 021 -->
+geheimnisvoll der Frühling zu quellen anfängt.
+Warme Luft in der Verlängerung der Tage;
+plötzliches Erschlaffen, wie ein Vergehen der
+Natur.&ldquo; (3. Februar.) Aus Anlaß dieses Frühlingshauches,
+dieser zu plötzlichen Milde, gebraucht
+er sogar einen der häufigsten Ausdrücke des Wortschatzes
+von Shelley: &bdquo;Vergehen&ldquo;.<a href="#footnote-2" id="fnote-2"><sup>2</sup>)</a> Was er im
+Grunde erstrebt, wie der große englische Dichter,
+den er nicht gekannt zu haben scheint, ist das
+Selbstvergessen in der lyrischen Stimmung, das
+unsagbare und selige Gefühl des Ichs, das in
+dem betrachteten Gegenstand sich selbst auflöst.
+Was für ihn im Laufe dieser Wochen zählt, was
+er später ins Gedächtnis zurückruft, was er wiederfinden
+möchte, um es nie wieder zu verlieren, das
+sind jene Höhepunkte, da er sich selbst vergessen
+durfte, weil er das Unaussprechliche empfunden
+hatte. Der einfachste Gegenstand der Natur kann
+ihm solche Augenblicke schenken. Zum Beispiel in
+dieser plötzlichen Erleuchtung: &bdquo;Ich empfand nicht
+wie früher den Segen Gottes, als plötzlich ein
+schöner, so schöner Baum zu meinem Herzen sprach,
+.&nbsp;.&nbsp;. und ich habe begriffen, daß eine Stunde in
+dieser Betrachtung das ganze Leben ist.&ldquo; Und andauernder,
+stärker schwingend ist manchmal die
+innere Erregung, wie wenn der Bogen bis an die
+<!-- page 022 -->
+Spitze auf einer feinfühligen Geige eine langgezogene
+verzückte Melodie entwickelt: &bdquo;Welche
+Lust, dieses stets innige Mitschwingen im Schoße
+der Natur! Gestern abend sah ich denselben Horizont,
+den wir erwachen sahen, in rosiges Licht gebadet;
+dann ist der Vollmond in einem zarten
+Himmel aufgegangen, auf dem die Bäume, wie
+Korallen und Safran, in zackigen Linien sich abzeichneten.&ldquo;
+(2. November.) Und wahrlich es klingt
+wie ein Entzücken in jener erstaunlichen Weihnachtsnacht,
+deren Erinnerung alle, die damals
+auf der Front waren, bewahren werden, &mdash; einer
+feierlichen, ganz blauen Nacht, voll Gestirne und
+Gesänge, in der die Ordnung und göttliche Einheit
+des Weltalls den Augen der Menschen sich
+zu offenbaren schien, die einen Augenblick aus
+ihrem Traum des Hasses und des Blutes erwachten
+und auf den beiden Schützenlinien zu
+singen begannen: &bdquo;<i>Hymnen, Hymnen überall</i>&ldquo;
+</p>
+
+
+<p>Doch, im Februar, Gemetzel, deren zunehmende
+Greuel einige knappe Aufzeichnungen mit genügender
+Schärfe ahnen lassen. Dann nehmen die
+Erzählungen eine raschere Bewegung an; man
+fühlt die schnellen Rhythmen und raschen Ansätze
+der Handlung, den herrischen Zwang rascher Pflichterfüllung,
+da der junge Sergeant die Verantwortung
+von Menschenleben trägt und furchtbaren,
+abgegrenzten Aufgaben gegenübersteht. Stets aber,
+im Getümmel des Gemetzels, und in der Eile des
+<!-- page 023 -->
+Dienstes, plötzliche und seltsame Augenblicke des
+Träumens und des Mitleids; und dann abends,
+welche unendliche Ruhe unter den Toten! In
+dieser Zeit hören die Aufzeichnungen über das
+Landschaftliche auf; die Beschreibung wird militärisch,
+technisch, oder aber der Gedanke verläßt
+die Erde. Einmal, gegen Ende, ein einziges Mal,
+ein Rückblick auf die eigene Person, eine kurze
+ergreifende Klage, beim Gedanken an die frühern
+Hoffnungen, an sein verlornes Künstlerschaffen und
+an die unendliche Größe des auferlegten Opfers:
+&bdquo;Wie lang ist dieser Krieg für Menschen, die
+zweifellos eine Aufgabe zu erfüllen hatten! .&nbsp;.&nbsp;.
+Warum bin ich so aufgeopfert, während so viele,
+die mir nicht gleichkommen, geschont werden? und
+doch hatte ich etwas Gutes auf Erden zu tun! .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+Herzzerreißender Seufzer, der uns noch mehr ergreift
+als die erhabenen Äußerungen dieser Seele,
+weil die bis dahin unterdrückte Qual plötzlich hervorbricht,
+&mdash; die ganze Hülflosigkeit des Menschen,
+die unsrige, bekennt sich hier, am Vorabend einer
+Passion &mdash; wie bei dem göttlichen Vorbilde. Mitunter
+ein Zweifel, der andauernde Anblick des
+Todes, die Müdigkeit, die ewige Trostlosigkeit des
+Regens und des Schlammes, die in ihm den
+Lebensdrang und den sehnsuchtsvollen Aufschwung
+des Geistes hemmen. Er war die junge Pflanze,
+von der er einmal spricht, die wuchs, nach dem
+Duft und der Pracht ihrer Blume sich sehnte, ihres
+<!-- page 024 -->
+Gottes sicher war, weil sie nur ihn, in sich lebend
+und wirkend, fühlte. Aber plötzlich spürt sie den
+Schauer, die Drohung der erbarmungslosen Kräfte.
+Wenn das Weltall leer, wenn in dem Endlosen
+dieser äußeren Welt, unter dem glänzenden Schein,
+nichts als eine gefühllose Notwendigkeit wäre?
+Wenn auch das Opfer Täuschung wäre? &bdquo;Ich
+komme in die dunkeln Tage, wo das Nichts das
+letzte Ende aller Dinge zu sein scheint, während
+alles in meinem Leben die reiche Fülle des
+Weltalls mir bezeugte.&ldquo; (2. Februar.) Und er
+stellt sich die qualvolle Frage: &bdquo;Ist es überhaupt
+sicher, daß die sittliche Anstrengung ihre Früchte
+trägt?&ldquo; Es ist wie wenn Gott ihn verließe.
+Doch diese Verdunkelung seiner inneren Erleuchtung
+vergeht rasch. Er findet die lichten stillen Höhen
+wieder, die er nur verläßt, wenn die Pflicht und
+der Kampf rufen, jene Höhen, nach denen er sich
+sehnte, als er schrieb: &bdquo;Ich möchte, daß, wenn Ihr
+an mich denkt, Ihr das Bild von denen wachruft,
+die Alles verlassen hatten, .&nbsp;.&nbsp;. die den nächsten Verwandten
+nur noch in der Erinnerung bekannt waren,
+von denen sie sagten: &bdquo;Wir haben einen Bruder
+gehabt, der vor langen Jahren von der Welt sich
+zurückgezogen hat.&ldquo; (13. Januar) Wie seltsam der
+heitere Friede dieser Höhen ist, wie sehr von ihm
+selbst und allem Irdischen seine Betrachtungen losgelöst
+waren, das lassen zwei kleine Züge beurteilen:
+Er hat einmal nachts aus einem &bdquo;mit menschlichen
+<!-- page 025 -->
+Körperteilen&ldquo; und weiter in der Ferne mit Feuersbrünsten
+übersäten Schlachtfelde, unter dem von
+Sternen funkelnden Himmel, als Lagerstätte eine
+Aushöhlung gefunden, von der aus seine Augen
+die Mondsichel beobachten und das Kommen des
+Tages erspähen. Von Zeit zu Zeit platzt eine
+Granate, Erdschollen bedecken ihn, dann sinkt wieder
+Schweigen auf die erstarrte Erde nieder: &bdquo;Ich
+habe sie teuer erkauft, ich hatte aber Augenblicke
+einer Einsamkeit, die von Gott erfüllt war.&ldquo; (28.
+Februar.) An einem Abend irrt er nach fünf
+Schreckenstagen herum (&bdquo;wir haben keine Offiziere
+mehr, alle sind als tapfere Soldaten gefallen&ldquo;) und
+steht plötzlich vor dem ausgestreckten Leichnam eines
+Freundes. &bdquo;Weißer herrlicher Leichnam im Mondlicht
+.&nbsp;.&nbsp;. Ich habe in seiner Nähe ausgeruht.&ldquo;
+(22. Februar) In der Unbeweglichkeit der Natur,
+neben diesem Toten, hat er die innere Ruhe gefunden;
+er empfindet nur Friede und Schönheit.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Diese Briefe sollen anonym bleiben, wenigstens
+solange man die Rückkehr des Verschwundenen erhoffen
+kann. Es genügt zu wissen, daß sie von
+einem Franzosen geschrieben sind, der mit Liebe und
+Glauben an den gemeinsamen Mühen und Gefahren
+teilgenommen hat, und froh war, in den Leiden
+und der Hingabe Aller die eigene Person zurücktreten
+zu lassen. Durch eine Gnade, auf die er kaum
+<!-- page 026 -->
+gefaßt war, als er die unberührte Stille seines
+Künstlerheimes mit dem Schweiß, dem schweren
+Dienst und der Unruhe des Soldatenlebens vertauschte,
+hat er ohne Zweifel hier sein Bestes offenbart,
+und man kann sich fragen, ob es ihm im
+regelmäßigen Verlauf eines abgeschlossenen Künstlerdaseins,
+je vergönnt gewesen wäre, mit dieser Fülle
+sein Wesen auszudrücken. Die ihn lieben, finden
+in diesem Gedanken den Trost, der ihnen helfen
+kann, Alles geduldig hinzunehmen. Seine Seele
+ist in diesen Briefen vielleicht wesentlicher und schöner,
+als sie selbst sie je gekannt haben. Auch Mark-Aurel
+schrieb im Verlauf eines Krieges seine Gedanken
+nieder. Vielleicht braucht es das Äußerste, um den
+Seelenadel des Menschen zu zwingen sich zu offenbaren;
+dann staunt man darüber, was die Seele
+in sich selbst entdecken kann, um es dem Schmerz
+und dem Tode entgegenzustellen. So offenbarten
+sich in den Tagen der Prüfungen so manche unserer
+Söhne und es erstand, zum Erstaunen seiner selbst
+und der ganzen Welt, das Wunder jenes Frankreichs,
+das noch nicht wußte, was es Alles
+bedeutete. Dadurch berühren uns solche Briefe so
+tief. Derjenige, der sie schrieb, hatte seine Seele mit
+dem Grundton der Allgemeinheit in Einklang gebracht.
+Unter dem mystischen Ausspinnen der Melodie,
+das sein eigenes Wesen in diesen Grundton
+hineinbringt, finden wir den erhabenen Gedanken
+wieder, den mehr oder weniger deutlich ausgedrückt,
+<!-- page 027 -->
+unsere Söhne und Brüder von der Front zu uns
+trugen, die hehre Melodie, die heute noch von dem
+ganzen kämpfenden Frankreich aufsteigt. In allen zur
+Erfüllung der hohen Pflicht versammelten Kameraden
+hatte er deutlich erkannt, was er Tiefes und Schönes
+in sich selbst entdeckte, und deswegen spricht er
+immer von ihnen, besonders von den einfachsten,
+mit soviel Liebe und Ehrfurcht. Was ein solches
+Leben, fern von den gewöhnlichen Sorgen und ehrgeizigen
+Träumen, so rauh, so kümmerlich mitten
+unter den ewigen Erscheinungen, ihnen allen bringt,
+ist eine bis dahin unbekannte &bdquo;Großzügigkeit in den
+Bewegungen und Gedanken&ldquo;, &bdquo;die heitere Ruhe des
+Gewissens&ldquo; und die Frische einer Empfänglichkeit,
+die sich allen Erscheinungsformen der Natur harmonisch
+anpaßt. Sie spiegeln nur noch die Natur
+in sich wieder. Weil sie sich selbst hingegeben und
+vergessen haben, hat sich für sie Alles in wunderbarer
+Weise vereinfacht. Sie erlangen die Durchsichtigkeit
+der Seele und die Erleuchtung der Kindheit
+wieder. &bdquo;Wir verleben kindliche Tage, wir sind
+Kinder geworden&ldquo;. (24. Dezember.)
+</p>
+
+<p>Diese Verjüngung des Herzens, unter der täglichen
+Drohung des Todes, diese kindliche Ahnungslosigkeit
+in der täglichen Erfüllung der heroischen
+Pflicht, ist das nicht ein Zustand, der an die Gottseligkeit
+grenzt?
+</p>
+
+<p class="signature">André Chevrillon.</p>
+<!-- page 029 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-2">Briefe eines Soldaten</h2>
+
+<p class="date">Den 6. August 1914.
+</p>
+
+<p class="address">Teuerste Mutter!</p>
+
+<p>Das sind die ersten Tage meines sehr bewegten
+kriegerischen Daseins; aber die Müdigkeit, die ich
+empfinde, ist von dem, was ich erwartete, sehr
+verschieden. Ich lebe in einem Zustand starker
+nervöser Spannung infolge des Mangels an Schlaf
+und köperlicher Bewegung. Ich führe hier das
+Leben eines Beamten. Ich gehöre zu dem, was
+man Ersatzmannschaft nennt, d.&nbsp;h. die seßhafte Abteilung,
+welche den regelmäßigen Gang derjenigen
+Dienstzweige sichert, die nie unterbrochen werden
+dürfen, auch nicht während der Abwesenheit der
+Truppen, und die ferner dazu bestimmt ist, die
+Lücken auszufüllen, die etwa in der Feuerlinie entstehen.
+Was uns fehlt, ist zu wissen, was vorgeht.
+C.-T. ist eine Stadt, in der man keine Zeitungen
+mehr bekommt.
+</p>
+
+<p class="date">Den 13. August.
+</p>
+
+<p>Wir sind ohne Nachrichten; während mehrerer
+Tage wird es so bleiben, denn die Zensur ist
+außerordentlich streng.
+</p>
+
+<p>Hier ist das Leben ruhig. Das Wetter ist prächtig
+und alles atmet Ruhe und Vertrauen. Wir
+denken an die, welche bei dieser Hitze kämpfen,
+<!-- page 030 -->
+und dieser Gedanke läßt uns unsere Lage noch zu
+schön erscheinen. Die Stimmung der Reservisten
+ist vortrefflich.
+</p>
+
+<p class="date">Sonntag, den 16. August.
+</p>
+
+<p>Heute Spaziergang auf dem Ufer der Marne.
+Liebliches Wetter nach etwas Regen. Gar angenehmes
+Zwischenspiel in diesen unruhigen Zeiten.
+Wir sind immer noch ohne Nachrichten wie Ihr
+auch, und haben zum Glück einen stattlichen Vorrat
+an Geduld. Ich hatte einiges Vergnügen daran,
+die Landschaft zu genießen, trotz der blauen und
+roten einbrechenden Flut, übrigens machten diese
+blauen und roten Leute den besten seelischen Eindruck.
+Unsere Ersatzmannschaft wird starke Einbußen
+erleiden und nimmt das mit Ruhe auf.
+</p>
+
+<p class="date">Den 19. August (aus einem Tagebuch).
+</p>
+
+<p>Die Eintönigkeit des Soldatenlebens stumpft
+mich ab, aber ich beklage mich nicht.
+</p>
+
+<p>Nach neun Jahren finde ich dieselben Menschentypen
+wieder, etwas abgeblaßt, gebessert, ausgeglichen,
+und besonders auf den großen Gedanken
+hin gerichtet, den die Nachrichten aus dem Osten
+dem Geiste vergegenwärtigen. Die gewöhnliche
+Stubenkameradschaft weicht einem würdigeren Gefühl
+der Zusammengehörigkeit und einem löblichen
+Streben, sich einander anzupassen. Einer der Vorzüge
+unserer gegenwärtigen Lage ist das Gefühl,
+daß man Soldat spielen kann in dem Bewußtsein,
+<!-- page 031 -->
+seine Zeit nicht zu vergeuden. Diese Summe von
+kindlichen und wenig anstrengenden Beschäftigungen,
+die alle einen unmittelbaren Nutzen und
+Erfolg haben, stellt das geistige Gleichgewicht wieder
+her und beruhigt die Nerven. Dazu kommt noch der
+mächtige Deich, der alle diese Männer in Schranken
+hält, ein tiefes und unbestimmtes Gefühl der
+Brüderlichkeit, das alle Herzen denen zuwendet,
+die kämpfen. Jeder fühlt, daß die kleine Unbequemlichkeit,
+die man zu ertragen hat, nur ein
+schwaches Opfer ist im Vergleich zu dem entsetzlichen
+Aufwand von allen Kräften und aller Hingabe,
+die der Grenze zustreben.
+</p>
+
+<p class="date">Den 25. August.
+</p>
+
+<p>Dieser Brief wird um wenige Augenblicke unserm
+Abmarsch vorausgehen. Der furchtbare Zusammenstoß
+erfordert unsere Gegenwart bei denen,
+die bereits im Kampfe stehen. Ich verlasse Euch,
+Großmutter und Dich, in der Hoffnung Euch wiederzusehen
+und in der Zuversicht, daß Ihr alles
+gutheißen werdet, was mir als meine Pflicht erscheinen
+wird.
+</p>
+
+<p>Nichts ist verloren und besonders nichts hat
+die Einsicht in unsere Bestimmung erschüttert. Sage
+denen, die mich ein wenig lieben, daß ich an sie
+denke. Ich habe keine Zeit jemandem zu schreiben.
+Meine Gesundheit ist vortrefflich.
+</p>
+
+<p>.&nbsp;.&nbsp;. Nach einer solchen Erschütterung kann man
+<!-- page 032 -->
+sagen, daß unser vergangenes Leben abgestorben
+ist. Laß uns also, liebe Mutter, unsere ganze
+Kraft daran setzen, uns einem vollständig verschiedenem
+Leben anzupassen, Du und ich, wie lange
+es auch dauern mag.
+</p>
+
+<p>Sei überzeugt, daß ich keine Gelegenheit aufsuchen
+werde, die unser Glück aufs Spiel setzen
+könnte, daß ich mich aber bemühen werde, meinem
+Gewissen und dem Deinen genug zu tun. Bis
+jetzt habe ich mir nichts vorzuwerfen, und ich habe
+den Willen auszuharren.
+</p>
+
+<p class="date">Den 25. August (zweiter Brief).
+</p>
+
+<p>Zweiter Brief um Dir mitzuteilen, daß statt des
+unsrigen Pierres Regiment fortzieht. Ich hatte
+die Freude ihn vor mir vorbeimarschieren zu sehen,
+als ich in der Stadt auf Wache war. Ich habe
+ihn etwa hundert Meter weit begleitet. Dann
+haben wir uns Lebewohl gesagt. Ich hatte den
+Eindruck, daß wir uns wieder sehen würden.
+</p>
+
+<p>Die Stunde ist außerordentlich ernst; das Land
+wird nicht untergehen; aber seine Befreiung wird
+um den Preis von furchtbaren Anstrengungen errungen
+werden. Das Regiment von Pierre ist mit
+Blumen bedeckt und singend ausgezogen. Es war für
+uns ein inniger Trost, daß wir bis zuletzt zusammen
+sein konnten.
+</p>
+
+<p>Es ist schön von André,<a href="#footnote-3" id="fnote-3"><sup>3</sup>)</a> daß er seinen Kameraden
+<!-- page 033 -->
+vom Ertrinken gerettet hat. Man kennt
+nicht die Schätze an Heldenmut, die Frankreich
+und die intellektuelle Jugend von Paris in sich
+bergen.
+</p>
+
+
+<p>Was unsere Verluste betrifft, so kann ich
+dir sagen, daß ganze Divisionen vernichtet worden
+sind. Gewisse Regimenter haben keinen Offizier
+mehr. Wie ich empfinde und was ich für
+meine Pflicht halte, darüber wird dich mein erster
+Brief vielleicht besser unterrichten. Wisse, daß es
+eine Schande wäre auch nur einen Augenblick an
+die eigene Rettung zu denken, wenn die Rasse
+unsere volle Hingabe verlangt. Meine einzige Pflicht
+ist ein aufrechtes Gewissen soweit zu tragen, als
+meine Beine es zu führen vermögen.
+</p>
+
+<p class="date">Den 26. August.
+</p>
+
+<p class="address">Teuerste Mutter!</p>
+
+<p>Ich habe mich sehr über einen schönen Artikel von
+Barrès gefreut, &bdquo;Der Adler und die Nachtigall,&ldquo;
+der Punkt für Punkt mit dem zusammenstimmt, was
+ich empfinde.<a href="#footnote-4" id="fnote-4"><sup>4</sup>)</a> Die Ersatzmannschaften enthalten
+<!-- page 034 -->
+viel Abfall, aber auch kraftvolle Elemente, zu denen
+ich mich noch nicht zu zählen wage; aber ich hoffe
+sehr, daß ich mit diesen ausziehen werde. Der
+Stabsarzt hatte mich vom Tornistertragen entbunden,
+aber ich trage ihn doch, um mich zu trainieren,
+und halte es gut aus.
+</p>
+
+
+<p>Die einzige Versicherung, die ich dir geben
+kann, betrifft mein körperliches und seelisches Befinden,
+das vorzüglich ist. Der wahre Tod wäre
+in einem besiegten Lande leben zu müssen; für
+mich besonders, dessen Kunst dann vernichtet wäre.
+</p>
+
+<p>Ich suche die Einsamkeit auf, so oft ich es vermag,
+und in geistiger Hinsicht bin ich wirklich unberührt.
+Übrigens ist der seelische Stand der
+Mannschaft viel höher als in gewöhnlichen Zeiten;
+das Unangenehme ist, daß die ewigen Wechsel
+und Versetzungen uns von Quartier zu Quartier
+herumschleppen, und daß das Vertrauen, welches
+im Erwachen war, vor den stets erneuerten uns
+bekannten Gesichtern stockt.
+</p>
+
+<p class="date">Den 30. August.
+</p>
+
+<p>Liebes Mütterchen, wenn wir auch nicht schon
+gestern fortgezogen sind, sicher ist, daß es sich jetzt
+nur noch um Stunden handeln kann. Ich will Dir
+nichts schreiben von dem, was ich dir schon sagte;
+genug für mich, daß du mir zustimmst, wie ich dessen
+sicher war.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Je näher die Entscheidung heranrückt, um so
+mehr verfliegt alle Schlaffheit. Bei dem gestrigen
+<!-- page 035 -->
+sehr anstrengenden Marsch ist ein einziger abgefallen
+und der war wirklich krank. Frankreich
+wird aus dieser schlimmen Lage herauskommen.
+</p>
+
+<p>Ich kann dir nur wiederholen, wie sehr ich
+auf jede Wendung der Dinge gefaßt bin, und daß
+nichts unsere siebenundzwanzig glücklichen Jahre
+streichen kann. Ich bin entschlossen, mich nicht als
+ein vorbestimmtes Opfer anzusehen und ich fasse
+das Glück der Heimkehr ins Auge, bin aber bereit
+bis zum äußersten meiner Kräfte zu gehen. Wenn
+du ahnen könntest, welche Scham ich empfinden
+würde bei dem Gedanken, daß ich etwas mehr
+hätte leisten können.
+</p>
+
+<p>Inmitten all dieses Jammers erleben wir herrliche
+Stunden, in denen die Dinge, die uns am
+Fremdesten waren, eine erhabene Bedeutung erhalten.
+</p>
+
+
+<p class="date">Den 4. September, 6 Uhr (unterwegs, im Zug).
+</p>
+
+<p>Vierzig Stunden einer Fahrt, in der das &bdquo;malerische&ldquo;
+den äußersten Mangel jeglicher Bequemlichkeit
+übertrifft. Die große Frage ist der Schlaf und
+die Lösung ist nicht einfach, wenn man zu vierzig
+in einem Viehwagen ist.
+</p>
+
+<p>Jeden Augenblick hält der Zug und wir begegnen
+den unglücklichen Flüchtlingen. Dann die Verwundeten:
+schöner patriotischer Anblick. Die englischen
+Truppen. Die Artillerie.
+</p>
+<!-- page 036 -->
+
+<p>Wir wissen nichts mehr, da wir keine Zeitungen
+mehr haben und wir können uns nur an die Gerüchte
+halten, die in der geängstigten Bevölkerung umgehen.
+Herrliches Wetter.
+</p>
+
+<p class="date">Samstag, den 5. September<br />
+<span class="smaller">(nach 60 Stunden Fahrt in einem Viehwagen:<br />
+40 Mann in jedem Wagen.)
+</span>
+</p>
+
+<p>Am selben Tage sind wir an den Ufern der Seine,
+dem Walde von Fontainebleau gegenüber, und an
+den Ufern der Loire entlang gefahren. Die Schlösser
+von Blois und von Amboise gesehen. Leider verhinderte
+uns die Nacht daran, mehr zu sehen. Könnte
+ich Dir nur sagen, welche süße Erinnerungen jene
+herrlichen Loireufer in mir wachgerufen haben!
+</p>
+
+<p>Seid Ihr von diesen schrecklichen Fliegern beschossen
+worden? Ich denke an Euch in solchen
+Fällen, an die arme Großmutter besonders, die
+es wahrlich nicht nötig hatte solche Dinge zu erleben.
+Nun, gute Hoffnung! Wir erfahren durch die
+evakuierten Verwundeten, daß in den ersten Tagen
+des Augusts im hohen Kommando Fehler begangen
+worden sind und daß sie unerbittlich bestraft worden
+sind. Jetzt müssen wir sie wieder gut machen.
+</p>
+
+<p>Die englischen Truppen kommen in Menge. Wir
+sind an mehreren vollgestopften Zügen vorbeigefahren.
+</p>
+
+<p>Nun, dieser Krieg wird nicht der militärische
+Spaziergang sein, wie Viele glaubten, wie ich es
+nie geglaubt habe; er wird aber das Gute in der
+ganzen Menschheit aufgerüttelt haben. Ich erzähle
+<!-- page 037 -->
+Euch nichts von den herrlichen Bildern, die nicht
+auf den Krieg Bezug haben, doch wird nichts
+verloren sein.
+</p>
+
+<p class="date">Den. 5. September 1914,<br />
+<span class="smaller">1. Etappe, 66 Stunden Käfig ohne sich ausstrecken zu können.
+</span>
+</p>
+
+<p>Fortwährend Berührung mit Eisenteilen und
+Erschütterung &mdash; aber auf die gräßliche Nacht folgt
+dreimal nacheinander der strahlende Morgen und
+alle Müdigkeit verschwindet!
+</p>
+
+<p>Wir sind kreuz und quer durch die französische
+Landschaft gefahren, von der etwas trockenen, aber
+so andeutungsreichen Heiterkeit der Champagne bis
+zur üppigen und kraftvollen Seelenruhe der Bretagne.
+Dazwischen sind wir an den rauschenden und feierlichen
+Ufern der Loire entlang gefahren, und nun .&nbsp;.&nbsp;.
+O mein herrliches Vaterland! Herz der Welt, in
+dem alles Göttliche auf Erden ruht, welch&rsquo; Ungeheuer
+zerfleischt Dich? Wesen, dessen Schönheit
+allein eine Herausforderung war .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Vorher liebte ich Frankreich in aufrichtiger Liebe,
+wenn auch etwas nach der Art eines Dilettanten;
+ich liebte es wie ein Künstler, der stolz ist auf dem
+schönsten Fleck Erde zu leben, aber im Grunde
+liebte ich es etwa wie ein Bild seinen Rahmen lieben
+könnte.&mdash; Es brauchte dieses Entsetzen, um mich
+das Kindliche, das Innige in den Banden, die mich
+mit meinem Lande verknüpfen, fühlen zu lassen .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p class="date">Den 7. September (aus einem Tagebuch).
+</p>
+
+<p>.&nbsp;.&nbsp;. Wir haben die Fahrt in das Unbekannte
+<!-- page 038 -->
+angetreten, ohne irgend ein vorherrschendes Gefühl,
+außer etwa einer leidlich schönen Annahme des
+Unvermeidlichen. Doch die weicheren Regungen
+werden durch den Anblick der Opfer des Krieges
+wachgehalten. Wir sehen besonders Flüchtlinge.
+Arme Menschen! wahrhaft dem Boden Entwurzelte,
+oder vielmehr welkes Laub im Sturm, kleine Seelen
+in gewaltigen Ereignissen. Ganze Züge von Viehwagen,
+die kaum ihre Bestimmung gewechselt haben.
+Züge, in denen der Jammer dieser Entrissenen sich
+anhäuft, die, o wie bald, zur Herde werden! Das
+Elend hat sie aller menschlichen Errungenschaften
+entblößt. Wir bringen ihnen zu essen und zu trinken
+und dabei lernen wir sie kennen: der Mann trinkt,
+ohne an seine Frau, an seine Kinder zu denken.
+Die Frau erinnert sich ihres Säuglings, einige
+Weiber aber nehmen sich Zeit, ohne um die Hast
+der andern sich zu kümmern. Unter diesen Schiffbrüchigen
+berührt mich eine wie ein Stich mitten
+ins Herz. Eine siebenundachtzigjährige Greisin, in
+allen diesen Stößen herumgeschüttelt und herumgeschleppt,
+wird abwechselnd heraufgeladen und aus
+den rollenden Käfigen heruntergeschafft, so zitternd,
+so hülflos, so verloren .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p class="date">Den 10. September (aus einem Tagebuch).
+</p>
+
+<p>Wir kommen in eine von guten Nachrichten
+durchkreuzte Gegend: sehr deutlich bekomme ich den
+Eindruck, daß nunmehr das Schicksal Frankreichs
+<!-- page 039 -->
+gesichert ist. Vom amtlichen Bericht, der bündig
+und bestimmt einen durchgreifenden Erfolg versichert,
+bis zu dem Bündel phantastische Gerüchte,
+alles trägt dazu bei, dieses Vorgefühl zu verstärken.
+</p>
+
+<p class="date">Den 13. September (aus einem Tagebuch).
+</p>
+
+<p>Hier ist Krieg; hier betreten wir den Ort des
+Entsetzens. Wir haben die Dörfer Frankreichs, in
+denen der Friede schlummerte, verlassen. Jetzt ist
+alles nur noch gewaltsame Bewegung, hier sieht
+man die ersten unmittelbaren Opfer des Krieges.
+</p>
+
+<p>Die Soldaten: Blut, Schmutz und Schlamm.
+Verwundete. Diejenigen, denen wir zuerst begegnen,
+sind am leichtesten verwundet: Wunden an
+den Armen, den Händen. Bei den meisten bemerkt
+man deutlich neben der Müdigkeit und den
+Schmerzen ein Gefühl wahrer Erleichterung, weil
+sie noch leidlich gut davon gekommen sind.
+</p>
+
+<p>Weiter in der Gegend der Verbandstellen,
+Verscharren von Toten; sechs sind es, auf zwei
+Karren ausgestreckt. Flach daliegend, in zerrissenen
+Kleidern verloren, führt man sie in eine am Fuß
+eines Kruzifixes offene Gruft. Priester tun eher
+Kriegsdienst als Gottesdienst, denn auch sie
+sind als Soldaten eingezogen. Etwas Stroh
+und Weihwasser darüber und wir ziehen weiter.
+Im Grunde sind diese Toten noch zu beneiden.
+Sie sind gepflegt gestorben. Was soll man
+<!-- page 040 -->
+von denen sagen, die weiter vorn liegen und verschieden
+sind nach Nächten von Todeskampf und
+Verlassenheit!
+</p>
+
+<p>.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Von diesem Sturme wird uns ein endloses
+Verlangen nach Mitleid, Brüderlichkeit und
+Güte verbleiben.
+</p>
+
+<p class="date">Mittwoch, den 16. September 1914.
+</p>
+
+<p>In dem Kreise des Entsetzens. Die regnerische
+Dämmerung läßt die Straße erbleichen; plötzlich,
+in einem Graben, &mdash; die Toten! Sie haben sich
+vom Schlachtfeld bis hierher geschleppt. Wie sie
+gefallen, so liegen sie da &mdash; jetzt schon stinkend.
+Die einbrechende Nacht läßt uns nur mit Mühe
+ihre Landeszugehörigkeit unterscheiden, aber dasselbe
+große Mitleid umfängt sie. Es gibt nur ein
+Wort für alle: armer Junge! Die ganze Nacht
+unter diesen Greueln, dann den Morgen wieder.
+Der Tag bricht an über angeschwollene Pferdeleiber!
+An einer Waldecke ein erkaltetes Gemetzel.
+Sie liegen da ausgestreckt und starr, schon schwarz
+von Verwesung &mdash; und ausgeplündert: überall
+sieht man offene Taschen, aufgerissene Brotsäcke.
+Nichts von dem, was ihre Persönlichkeit ausmachte,
+ist ihnen verblieben. Unter ihnen Zivilisten,
+deren Gegenwart sich aus dem deutschen Verfahren
+erklärt, französische Geiseln unter unserm
+Feuer marschieren zu lassen.
+</p>
+
+<p>Wenn diese Aufzeichnungen jemandem in die
+<!-- page 041 -->
+Hände fallen, mögen sie in einem ehrlichen Herzen
+Schauer erwecken vor der scheußlichen Missetat
+derer, die an diesem Kriege verantwortlich sind.
+Nie wird es Ruhm genug geben, um all diesen
+Schmutz, all dieses Blut zu verdecken.
+</p>
+
+<p class="date">Den 21. September 1914.
+</p>
+
+<p>Der Regen im Krieg: Eine Qual, von der man
+sich keine Vorstellung machen kann. Drei Tage und
+drei Nächte, ohne etwas anderes tun zu können
+als zittern und jammern und trotzdem muß man
+den Dienst versehen. In einem mit Wasser gefüllten
+Graben schlafen, das sucht seinesgleichen
+bei Dante; was soll man aber erst vom Erwachen
+sagen, wenn man auf den Augenblick lauern muß,
+wo man mordet oder ermordet wird! Darüber das
+Brummen der Granaten, welches das Pfeifen des
+Windes übertönt. Mitunter Knattern der Gewehre.
+Dann kauert man in den Schmutz nieder und läßt
+die Verzweiflung einen durchdringen.
+</p>
+
+<p>Als diese Qualen ein Ende nahmen, hatte ich
+eine solche Entspannung der Nerven, daß ich geweint
+habe, ohne zu wissen warum. Das nennt
+man auf Vorposten ziehen nach einem Kampfe.
+</p>
+
+<p class="date">Den 25. September.
+</p>
+
+<p>Eine Hölle in der friedlichsten, ländlichsten
+Gegend. Eine Herbstlandschaft, in welche die Kanone
+Löcher reißt!
+</p>
+<!-- page 042 -->
+
+<p class="date">Den 27. September.
+</p>
+
+<p>Wenn es außer der herrlichen Lehre, die aus
+diesem Kriege hervorgehen wird, greifbare Gewinne
+gibt, so bin ich besonders für einen empfänglich,
+die Betrachtung des nächtlichen Himmels. Niemals
+brachte mir die Majestät der Nacht so vielen
+Trost wie in diesen sich häufenden Prüfungen. Der
+strahlende Abendstern ist mir ein Freund geworden.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Jetzt bin ich mit den Formen der Sternbilder
+vertraut. Einige ziehen durch den Himmel weite
+Bogen, als wollten sie den Thron Gottes umkreisen.
+Welche Pracht! Wie denkt man dabei an
+den chaldäischen Hirten!
+</p>
+
+<p>O Sternbilder! erstes Alphabet! .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p class="date">Den 1. Oktober.
+</p>
+
+<p>Ich kann Dich versichern, daß ich in geistiger
+Beziehung soeben herrliche Tage erlebt habe, in
+deren Verlauf alles, was eitle Sorge war, durch
+einen neuen Geist weggefegt wurde.
+</p>
+
+<p>Wenn Du je eine trübe Stunde hast und ein
+einziger meiner Briefe Dich erreicht, so soll er Dir
+sagen, wie erhebend und kostbar diese Qualen waren.
+</p>
+
+<p class="date">1. Oktober (aus einem Tagebuch).
+</p>
+
+<p>.&nbsp;.&nbsp;. Aus alledem muß man folgern, daß unsere
+Leiden in jedem einzelnen ihrer Momente als die
+wunderbarste Quelle seelischer Bewegung und der
+Bildung für unser Gewissen zu betrachten sind.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+<!-- page 043 -->
+
+<p>Jetzt weiß ich, welchem Gebiet mein Schicksal
+mich zuführt. Nicht mehr in das stolze, künstliche
+Land abstrakten Denkens, sondern auf den Weg
+der täglichen kleinlichen Sorgen und in ihren
+Dienst muß ich eine stets wachsame Feinfühligkeit
+stellen.
+</p>
+
+<p>Ich sehe, wie leicht eine gerade Natur alles
+Künstliche im Ausdruck aufgibt, um tätig zu sein
+und einen heilsamen Einfluß auszuüben. Eine
+kostbare Belehrung, die mir im Falle der Rückkehr
+erlauben würde, weniger darunter zu leiden, wenn
+das Schicksal mir zu malen nicht mehr erlauben sollte.
+</p>
+
+<p class="date">Den 9. Oktober.
+</p>
+
+<p>.&nbsp;.&nbsp;. Wie es scheint haben wir den Befehl, anzugreifen.
+So will ich denn dieses schwere Wagnis
+nicht unternehmen, ohne Dir meine Gedanken zuzuwenden
+in den wenigen Augenblicken der Sammlung,
+die wir haben.&nbsp;.&nbsp;. Alles trägt hier dazu bei,
+den Frieden des Herzens zu bewahren: die Schönheit
+der Wälder, in denen wir leben, das Fehlen geistig
+komplizierter Aufgaben .&nbsp;.&nbsp;. Es ist widersinnig, wie
+Du sagst, &mdash; und doch sind soeben die schönsten
+Stunden meines seelischen Daseins verflossen .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Wisse daß es auf Erden immer Schönheit geben
+wird und daß der Mensch niemals Bosheit genug
+haben wird, um sie zu zerstören. Ich habe genug
+gesammelt, um damit mein ganzes Leben zu schmücken.
+Möge das Schicksal mir Gelegenheit geben, daß ich
+<!-- page 044 -->
+alles was ich heute sammle, später seine Früchte
+tragen lasse. Es gibt ein Ding, das niemand uns
+wird entreißen können, das ist der Seelenschatz, den
+wir angehäuft haben.
+</p>
+
+<p class="date">Den 12. Oktober.
+</p>
+
+<p>Bis jetzt verlassen mich deine Liebe und die
+Vorsehung nicht. Wir sind immer noch in herrlichen,
+verwüsteten Wäldern, mitten im schönsten Herbst. Die
+Natur bringt uns manche Freuden, welche diese
+Greuel übertönen. Tiefe, mächtige Hoffnung, welche
+Leiden uns auch erwarten mögen.
+</p>
+
+<p class="date">Den 14. Oktober.
+</p>
+
+<p>Ohne Zweifel, liebe Mutter, gibt es Opfer, die
+schwere Kämpfe kosten; doch wisse, daß wir beide
+die nötige Kraft der Seele besitzen, um diese schweren
+Stunden zu durchleben, ohne vor Angst zu beben
+bei dem Gedanken an das Wiedersehn, das wir
+beide erhoffen.
+</p>
+
+<p>Das Wichtige ist, den Wert der gegenwärtigen
+Stunde zu erkennen und sie alles uns schenken zu
+lassen, was sie Schönes, Gutes, Erbauliches enthalten
+mag. Im übrigen vermag niemand die Zukunft
+zu verpfänden und es wäre eine sehr unnötige
+und zwecklose Quälerei, in dem Gedanken daran
+zu leben, was uns wohl künftig geschehen könnte.
+Findest Du nicht, daß das Leben uns viele Freude
+gespendet hat und es eine der letzten und die größte
+war, daß wir uns endlich schreiben konnten? Hier
+<!-- page 045 -->
+gibt es viele arme Menschen, die nicht wissen, wo
+ihre Frauen, ihre Kinder sind, die seit Monaten
+von allen getrennt sind. Wie du siehst, gehören
+wir noch zu den Bevorzugten.
+</p>
+
+<p>Liebe Mutter, weniger denn je dürfen wir verzweifeln;
+denn niemals werden wir deutlicher den
+Eindruck haben, daß alle diese Unruhe und diese
+Verirrungen nichts sind im Vergleich zu dem Anteil
+Ewigkeit, das jeder in sich trägt, und daß alle
+diese Ungeheuerlichkeiten in einer besseren Zukunft
+ihren Abschluß finden werden. Dieser Krieg ist wie
+eine Welterschütterung, die auf frühere Umwälzungen
+unseres Erdballs folgt; sahst du aber je, daß bei
+alledem ein Teilchen Seele verloren ging und das
+Gefühl einer höheren Ordnung abgeschwächt wurde?
+Unsere Leiden kommen daher, daß unsere kleine
+menschliche Geduld unseren Bedürfnissen, wenn auch
+den edelsten, zugewandt ist. Sobald sie die Dinge
+prüft mit der Absicht, darin Harmonie zu entdecken,
+findet sie die vollkommene Ruhe der Seele.
+Wir wissen nicht, ob diese Gewalt und diese Unordnung
+unser allgemeines Geschick nicht dem endgültig
+Guten zuführt.
+</p>
+
+<p>Liebe Mutter, indem ich die festeste und menschlichste
+Hoffnung bewahre, sende ich Dir sowie der
+geliebten Großmutter meine innigste Liebe. Wende
+auch unsern Freunden, die im Unglück sind, mein
+ganzes Herz zu. Hilf ihnen alles ertragen: zwei
+<!-- page 046 -->
+Kreuze sind weniger schwer zu tragen als eines.
+Hab&rsquo; Vertrauen in unsere ewige Freude.
+</p>
+
+<p class="date">Den 15. Oktober, 7 Uhr.
+</p>
+
+<p>Ich habe eine Karte von Dir erhalten, vom
+ersten. Wie froh bin ich, uns endlich mit einander
+verbunden zu sehen! In Wahrheit hatten sich
+unsere Gedanken nie verlassen. Du teilst mir das
+Unglück von Martha mit und ich freue mich, daß
+Du ihr behülflich sein kannst. Liebe Mutter, das
+ist unser beider Aufgabe: im gegenwärtigen Augenblick
+nützlich zu sein, ohne etwas von der folgenden
+Minute vorwegzunehmen.
+</p>
+
+<p>Ja, ich fühle wirklich so innig wie Du, daß ich
+im Leben eine Aufgabe zu erfüllen habe. Aber
+man muß stündlich so handeln, wie wenn diese
+Aufgabe augenblicklich zu erfüllen wäre. Behalten
+wir kein Winkelchen unseres Herzens für unsere
+kleinen Hoffnungen. Wir müssen notwendig dazu
+kommen, daß kein Unglücksfall aus unserm
+Leben etwas Trümmerhaftes, Abgebrochenes, Unharmonisches
+mache. Das ist die schönste Aufgabe,
+die Aufgabe des Augenblickes.
+</p>
+
+<p>Das übrige, jene Zukunft, welche man nicht
+befragen darf, liebste Mutter, Du sollst sehen, was
+sie uns Schönes, Gutes, Gerechtes vorbehält.
+Keine unserer Kräfte darf sich ins Leere betätigen;
+jede eitle Ängstlichkeit ist eine schädliche Kraftvergeudung.
+</p>
+<!-- page 047 -->
+
+<p>Begnüge Dich mit der herrlichen Versicherung,
+daß ich bis heute meine Seele zu einer Höhe gehoben
+habe, wo die Ereignisse ihr nichts mehr antun
+können und ich verspreche Dir, daß mein
+Streben dahin geht, sie fernerhin vorzubereiten, so
+gut ich es kann.
+</p>
+
+<p>Sage M.&nbsp;.&nbsp;., wenn das Schicksal die Besten
+trifft, daß es nicht ungerecht ist: die Schlechten,
+die weiterleben, werden dadurch gebessert. Möge
+sie das Opfer annehmen in dem Bewußtsein, daß
+es nicht zwecklos ist. Ihr wißt nicht, welche Lehre
+uns der gibt, der fällt. Ich aber weiß es.
+</p>
+
+<p>Für den, der das Leben zu lesen vermag,
+haben die gegenwärtigen Ereignisse alle gewohnte
+Denkweise zerrissen, sie lassen aber besser denn je
+die ewige Schönheit und Ordnung durchschauen.
+</p>
+
+<p>Laßt uns uns erholen von der durch diesen
+Riß verursachten Überraschung, und uns sofort
+den neuen Verhältnissen anpassen, die aus uns
+Bevorzugte machen im Vergleich mit Sokrates,
+den christlichen Märtyrern und den Männern der
+Revolution. Wir verschmähen im Leben das nur
+Vergängliche und erfreuen uns dessen, was es so
+selten bietet, des Gefühls des Ewigen.
+</p>
+
+<p class="date">Den 16. Oktober.
+</p>
+
+<p>Wir verleben einige Tage in annähernder Ruhe;
+zwischen zwei Stürmen hat meine Kompagnie eine
+besondere Ruhezeit verdient; so kann ich den
+<!-- page 048 -->
+Oktober voll genießen. Dein guter Brief vom
+2. Oktober ist angekommen, jetzt bin ich voll Freude
+und der Friede ist innig .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Fahren wir fort, uns mit Mut zu wappnen,
+reden wir nicht einmal von Geduld. Nur noch
+Annahme des gegenwärtigen Augenblickes mit
+allen Schätzen, die er uns bringt: es gibt nichts
+anderes mehr, und gerade in diesen einzigen Punkt
+vereinigt sich alles, was es Schönes in der Welt
+gibt. Die Schönheit lebt, liebe Mutter, sie lebt
+außerhalb von allem, was wir sonst gewohnt
+waren zu fühlen. Setze Deinen Mut, Deine Liebe
+zu mir darein, sie zu entdecken, sie andere entdecken
+zu lassen.
+</p>
+
+<p>Diese neue Schönheit hat nichts zu tun mit
+den Vorstellungen, welche die Worte: Gesundheit,
+Familie, Vaterland ausdrücken; man erkennt sie,
+wenn man das Stück Ewigkeit, das in jedem
+Dinge enthalten ist, entdeckt. Aber bewahren wir
+die wunderbare Zuversicht, daß wir <i>uns wiedersehen</i>,
+sie wird uns nicht hindern alles zu tun,
+was unsere Pflicht uns vorschreibt. Sage M .&nbsp;.&nbsp;.
+wie sehr ich an sie denke. Leider ist ihr Fall nicht
+eine Ausnahme. Dieser Krieg hat manche Hoffnungen
+zertrümmert; so wollen wir, liebe Mutter,
+unsere Hoffnung dorthin verlegen, wo der Krieg
+sie nicht erreichen kann, in die Tiefe unseres Herzens,
+in die Höhen unserer Seele.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+<!-- page 049 -->
+
+<p class="date">Den 17. Oktober, um 15 Uhr.
+</p>
+
+<p>Dir schreiben, das Bewußtsein, daß meine
+Briefe Dich erreichen, das ist mir ein tägliches Paradies.
+Ich lauere auf die Stunde, wo mir das
+möglich wird. Ja, geliebte Mutter, Du mußt fühlen,
+wie Dein Mut und Deine Lebensfreude wiedererwachen;
+nie darf man als Lebensgrund eine einzige
+Zuneigung nehmen, so berechtigt sie auch sein
+mag. Kein Unglücksfall darf uns vergessen lassen,
+wozu wir leben. Freilich können wir diese oder
+jene Aufgabe im Leben vorziehen, laß uns jedoch
+die annehmen, welche sich uns darbietet, so unerwartet
+und kurz sie auch sein mag. Du fühlst wie
+ich selbst, daß eine glückliche Zukunft uns beschieden
+ist, doch denken wir nicht daran. Denken wir
+an die Arbeit des heutigen Tages, an alle Opfer,
+die sie uns auferlegt.
+</p>
+
+<p class="date">Den 22. Oktober.
+</p>
+
+<p>.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Ich nehme alles aus der Hand des Schicksals
+an; ich habe ihm aber alles genommen, was
+es an Glück in den Falten eines jeden Augenblickes
+birgt. Ach! wenn die Menschen ahnten,
+wieviel Friede sie vergeuden und was eine Minute
+in sich fassen kann, wie würden sie doch weniger
+unter der scheinbaren Gewalttätigkeit leiden!
+Freilich gibt es äußerste Qualen, die ich noch nicht
+kenne und welche die Seele vielleicht in einer
+Weise prüfen, die ich nicht ahne; aber ich spanne
+<!-- page 050 -->
+alle Kräfte meiner Seele dem Ziele entgegen, alle
+Augenblicke und alle Prüfungen anzunehmen.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Was notwendig ist, ist die Erkenntnis des
+Sieges der Liebe und der Schönheit über die Gewalt.
+Einige Zeiten des Hasses und der Lüge
+werden nicht die ewige Schönheit zu zerstören vermögen,
+und von dieser Schönheit hat jeder von
+uns einen unsterblichen Schatz.
+</p>
+
+<p class="date">Den 23. Oktober.
+</p>
+
+<p class="address">Liebste Mutter!</p>
+
+<p>Ich habe den Artikel von Barrès, &bdquo;Der Adler
+und die Nachtigall&ldquo; noch einmal gelesen. Er ist
+immer noch so schön, aber schon nicht mehr im
+Ton. Heute besteht nichts außer dem unmittelbar
+Gegenwärtigem; alles übrige erscheint wie ein
+Schmuck, den man beiseite legt für Festtage, ferne,
+problematische Feste. Aber gleichwohl, man schließt
+diesen Schmuck sorgfältig in eine Schublade ein.
+So tue ich mit den Schätzen der Freundschaft, dem
+berechtigten Ehrgeiz, dem lobenswerten Streben.
+Ich habe alles zugedeckt und lebe allein dem Genuß
+des gegenwärtigen Augenblickes.
+</p>
+
+<p>Diesen Morgen, im Anblick des blauen Himmels,
+denke ich an die Musik, die ich gestern gespielt:
+ich war vollkommen glücklich. Verzeih mir,
+daß ich nicht in der angstvollen, fieberhaften Erwartung
+des Wiedersehens lebe. Ich glaube, daß
+Du mir zustimmst, wenn ich unsere teuerste Hoffnung
+in andere Hände lege als die unsrigen.
+</p>
+<!-- page 051 -->
+
+<p class="date">Den 27. Oktober.
+</p>
+
+<p>Wenn ich die Freude habe, wie ich es inständig
+hoffe, Dich wiederzusehen, sollst Du erfahren,
+in wie wunderbarer Weise ich durch die Vorsehung
+geleitet worden bin. Ich habe nur vor
+einer Macht und einer Güte mich zu neigen brauchen,
+die alle meine stolzesten Vorstellungen überbot.
+</p>
+
+<p>Ich kann sagen, daß Gott in mir war, wie ich
+in Gottes Hand bin und ich habe nur den einen
+bestimmten Wunsch, daß ich stets eine solche Gemeinschaft
+empfinden möge. Siehst Du, darauf
+kommt es an, das Leben auszunützen, nicht, wie
+man es verstehen kann, selbst nicht in unseren
+edelsten Neigungen, sondern indem man sich sagt:
+Laßt uns essen und trinken von allem, was ewig
+ist; denn morgen sterben wir allem ab, was menschlich
+ist. Es kommt der Augenblick, wo man seine
+Liebe wachsen sieht, während man zugleich allem
+ängstlichen, kleinlichen Hoffen entsagt.
+</p>
+
+<p class="date">Den 28. Oktober.
+</p>
+
+<p>Nun naht das Ende des dritten Monats einer
+schrecklichen Prüfung, deren Lehren mannigfaltig
+und heilsam sein werden, nicht allein für den, der
+sie zu hören weiß, sondern für die ganze Welt;
+und das ist der große Trost, wenn man von diesem
+Sturm erfaßt worden ist. Möge es der Trost
+für die sein, die ihre Hoffnung an die Hoffnungen
+der Kämpfenden geknüpft haben.
+</p>
+<!-- page 052 -->
+
+<p>Dieser Trost ist besonders in dem übermenschlich
+klaren Bewußtsein, daß alle göttliche und
+ewige Kraft, die in unserer Gattung wirkt, statt
+geschwächt zu sein, vielmehr gesteigert und mächtig
+angeregt aus diesen Stürmen hervorgehen
+wird. Glücklich, wer den Friedensgesang hören
+wird, wie in der Pastoralsymphonie, glücklich aber
+auch derjenige, der ihn im Sturme vorausahnt!
+Was tuts nachher, wenn dieses herrliche Vorgefühl
+in Abwesenheit des Propheten zur Tat wird!
+Wer das geahnt hat, hat auf Erden viele Freuden
+aufgelesen. Ein höherer wird sagen, ob seine
+Aufgabe vollendet ist.
+</p>
+
+<p class="date">Den 28. Oktober<br />
+<span class="smaller">(zweiter Brief, fast zur selben Stunde).
+</span>
+</p>
+
+<p class="address">Teure geliebte Mutter!</p>
+
+<p>Noch kann ich eine traute Stunde mit Dir verbringen.
+Wir können nur uns immer wieder
+dasselbe sagen; doch es ist so herrlich, daß man
+stets neuen Ausdruck dafür finden könnte.
+</p>
+
+<p>Heute leben wir unter einem Himmel mit
+großen stürmenden kalten Wolken, wie bei den
+holländischen Landschaftsmalern.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Teuerste, ich wage nicht einen Wunsch auszusprechen,
+ich darf es nicht, man darf nicht einmal
+eine Zeit teilweiser Entspannung ins Auge fassen.
+Ich <a id="corr-1"></a>versichere Dich, daß andauernde Kraftanstrengung
+weniger ermüdend ist als gewisse Zeiten rastloser,
+<!-- page 053 -->
+fieberhafter Arbeit, die wir durchgemacht haben.
+Nur können wir dabei unsere Seelenkräfte in einer
+Art Widerstand gegen alles Böse in uns anspannen
+und die Tore allem Guten, was von
+außen kommt, offen lassen.
+</p>
+
+<p>.&nbsp;.&nbsp;. Ich bin froh, daß Du Tolstoi gelesen hast:
+er war auch im Krieg. Er hat ihn verurteilt, er
+hat seine Lehren in sich aufgenommen. Wenn Du
+einen Blick in das herrliche Buch &bdquo;Krieg und
+Frieden&ldquo; einwerfen kannst, wirst Du darin Bilder
+finden, die an unsere Lage erinnern. Was es Dir
+begreiflich machen wird, ist die Möglichkeit ruhigen
+Betrachtens, die dem Soldaten gelassen ist,
+der sie erstrebt.
+</p>
+
+<p>Was den Zwang betrifft, den der Mangel an
+jeglichem körperlichen Wohlbehagen der Seele auferlegen
+könnte, so glaube ja nicht daran. Wir
+führen zwar das Dasein von Kaninchen am ersten
+Jagdtage; trotzdem können wir in herrlicher Weise
+unsere Seele bereichern.
+</p>
+
+<p class="date">Den 30. Oktober.
+</p>
+
+<p>Ich schreibe Dir in einer herrlichen Herbstlandschaft,
+grau, vom Wind durchfegt. Für mich aber
+war der Wind nie verstimmend, weil er mir die
+Seele des Landes jenseits des Hügels zuweht.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+Der grauenhafte Krieg vermag uns nicht aus unserer
+geistigen Heimstätte herauszureißen. Trotz
+Stunden betäubenden Lärmes findet man sich ungefähr
+selbst wieder. Ich möchte sogar behaupten,
+<!-- page 054 -->
+daß unser heutiges gewöhnliches Dasein uns eine
+Feinfühligkeit verleiht, die fähig ist, die leiseste Berührung
+zu verzeichnen, wie wenn alle unsere Nerven
+bloß lägen. Vielleicht wird sich, nachdem die
+Hülle unserer Seele sich abgeschält, eine Kruste
+bilden und die Zurückkehrenden eine Zeitlang <a id="corr-2"></a>abgestumpft
+sein. Was schadets: dieser Zustand seelischer
+Erschütterung kann nicht ohne Nutzen vorübergehen.
+</p>
+
+<p>Gestern waren wir in einem hübschen Dorfe
+der Maasgegend, dessen Reiz durch den Gegensatz
+der umgebenden Ruinen noch erhöht wurde.
+</p>
+
+<p>Ich konnte mir ein Hemd waschen lassen und,
+während es trocknete, unterhielt ich mich mit der
+trefflichen Frau, die täglich dem Tode trotzt, um
+ihr Heim zu schützen. Sie hat drei Söhne, alle
+sind Soldaten, und die Nachrichten, die sie von
+ihnen hat, sind schon alt; einer von ihnen ist
+wenige Kilometer von ihr vorbeimarschiert. Seine
+Mutter wußte es und hat ihn nicht sehen können.
+Eine andere von diesen französischen Frauen bewacht
+das Haus ihres Schwiegersohnes, der sechs
+Kinder hat.
+</p>
+
+<div class="tb"><hr class="dash" /></div>
+
+<p>Deine Aufgabe ist es, alles ruhig aufzunehmen
+und zugleich volles Vertrauen in die ewige Gerechtigkeit
+zu haben.
+</p>
+
+<p>Halte Dich dabei nicht auf, den Wert der Persönlichkeit
+derer, die am Leben bleiben, derer die
+<!-- page 055 -->
+gehen, zu betrachten; das heißt die Dinge auf der
+menschlichen Wagschale abwägen. Man muß aber
+in uns die gewaltige Summe dessen unterscheiden,
+was besser ist als das Menschliche.
+</p>
+
+<p>Liebe Mutter, unbedingtes Vertrauen! Worin?
+Wir ahnen es beide.
+</p>
+
+<p class="date">Den 31. Oktober, 10 Uhr.
+</p>
+
+<p>.&nbsp;.&nbsp;. Bis jetzt hatte ich die Weisheit des Entsagens,
+jetzt aber erstrebe ich eine Weisheit, die
+alles willig hinnimmt und auf das künftige Handeln
+hingerichtet ist. Was tut&rsquo;s, wenn die Wolfsgrube
+sich unter den Füßen des Läufers öffnet?
+Freilich erreicht er sein Ziel nicht; ist der aber
+klüger, der am Rande verkommt unter dem Vorwand,
+daß er hineinfallen könnte?
+</p>
+
+<p class="date">Den 1. November, Allerheiligen, 8 Uhr.
+</p>
+
+<p>Gestern erhielt ich Deine Karte vom 24.&mdash;25.
+Während Du den für uns verhüllten Mond betrachtetest,
+fühltest Du Dich, sehr mit Unrecht, ohnmächtig;
+wie sehr hattest Du aber Recht, daß Du
+hofftest!
+</p>
+
+<p>In demselben Augenblick wurde ich durch die
+Vorsehung beschützt in einer Weise, die allen
+Hochmut über den Haufen wirft.
+</p>
+
+<p>Am nächsten Tage hatten wir das wundervollste
+Morgenrot über dem Purpur der Herbstwälder
+in dieser Gegend, wo ich vor drei Jahren
+meine Skizzen malte. Wir sind aber an der Stelle,
+<!-- page 056 -->
+wo die Landschaft Charakter annimmt, sich erweitert
+und von ergreifender Majestät wird. Wie
+Dir die Schönheit des Horizontes schildern! Wir
+bleiben in dieser herrlichen Gegend und heute ist
+Allerheiligen!
+</p>
+
+<p>Zur Stunde schreibe ich Dir im Silberglanz
+der Sonne, die über den Nebeln des Tales aufgeht;
+wir ahnen das schlafende Land vierzig Kilometer
+weit in der Runde und die Schlacht stört
+kaum den weihevollen Ernst des Landschaftsbildes.
+</p>
+
+<p>Liebe innig mein geplantes Gemälde. Es verknüpft
+mich mit meinem Schicksal. Wenn ich die
+Gnade habe, heimzukehren, wird die äußere Anlage
+des Bildes eine andere sein, das Wesen ist
+aber in der Skizze schon enthalten.
+</p>
+
+<p>Mittag. &mdash; Herrlicher Allerheiligentag, den die
+Gewalttätigkeit entweiht.
+</p>
+
+<p>Herrliche Pracht des Tages.
+</p>
+
+<p class="date">Den 2. November, Allerseelen.
+</p>
+
+<p>Strahlendes Fest der Sonne und der Freude
+in der prächtigen Natur einer Maaslandschaft.
+Im Herzen preßt sich die Hoffnung zusammen, die
+dem Schmerze derer nicht spotten will, für welche
+dieser Tag der erste Schritt auf dem Wege der
+Trauer ist.
+</p>
+
+<p>Teure inniggeliebte Mutter, vor achtundzwanzig
+Jahren warst Du in Trauer und Hoffen: heute
+<!-- page 057 -->
+auch ist die Angst des Hoffens voll. Diese Prüfungen
+kommen über Dich nicht in demselben Alter,
+aber ein ganzes Leben des geduldigen Sichfügens
+bereitet Dich auf die letzte Weisheit vor.
+</p>
+
+<p>Welche Lust, dieses stete innige Mitschwingen
+im Schoße der Natur! Gestern abend sah ich denselben
+Horizont, den wir erwachen sahen, in rosiges
+Licht gebadet; dann ist der Vollmond in einem
+zarten Himmel aufgegangen, auf den die Bäume,
+wie Korallen und Safran, in zackigen Linien sich
+abzeichneten.
+</p>
+
+<p>O Teure, das entsetzliche Martyrologium der
+besten französischen Jugend kann nicht ins Endlose
+sich ausdehnen. Es ist undenkbar, daß die Auserlesenen
+eines ganzen Volkes zu Grunde gehen.
+</p>
+
+<p>Es gibt als Aufgabe für das Genie eines Volkes
+etwas besseres als den Krieg: eine tiefe Ahnung
+zeigt mir in naher Zukunft eine Besserung. Möge
+unser Mut und unsere Einigkeit uns diesem Bessern
+zuführen. Hoffnung, immer neue Hoffnung! Ich
+habe den lieben Brief von Großmutter und die
+Karte von Herrn R. erhalten, gut und freundlich.
+O Teure, habt ihr auch heute diese schöne Sonne?
+Wie schön ist die Landschaft, wie gut die Natur!
+Sie sagt dem, der ihre Stimme hört, daß nichts
+wird verloren sein.
+</p>
+
+<p class="date">Den 4. November, 1 Uhr.
+</p>
+
+<p>Ich lebe nur durch den Gedanken an Dich und
+in der Güte der Natur. Diesen Morgen haben
+<!-- page 058 -->
+unsere Vorgesetzten mit einem Marsche von zwanzig
+Kilometern gedroht und die Drohung ist zur Tat
+geworden als ein reizender Spaziergang in der
+Landschaft, die ich so innig liebe.
+</p>
+
+<p>Ein entzückend feiner Dunst, den wir von Stunde
+zu Stunde steigen sehen, der Lockung einer mäßig
+warmen Sonne folgend; und dort Hügelketten, die
+ein ausgedehntes Landschaftsbild beherrschen, in
+welches alles in seinen Linien sich einzeichnet oder
+im Nebel angedeutet ist.
+</p>
+
+<p>Man sieht Hügel mit kahlen Bäumen, die liebliche
+Umrisse zeigen. Ich denke an die alten Maler,
+an ihre zartempfundenen und gewissenhaften Landschaftsbilder.
+Welche peinlich durchgeführte Majestät,
+deren erster Anblick durch die Größe der Auffassung
+Bewunderung einflößt und deren Einzelheiten tief
+bewegen!
+</p>
+
+<p>Du siehst, liebe Mutter, wie Gottes Gnade uns
+Gaben austeilt, weit über die Beschwerden, die wir
+auf uns nehmen.
+</p>
+
+<p>Es ist nicht einmal die Rede mehr von Geduld,
+da die Zeit für uns kein Maß mehr hat, da von
+keiner meßbaren Dauer mehr die Rede ist. Welchen
+Reichtum an Eindrücken birgt aber dafür der Augenblick
+in sich, der sich uns darbietet!
+</p>
+
+<p>Das ist unser Leben, von dem ich Dir geschrieben
+habe, daß kein Ereignis daraus etwas Unfertiges,
+Abgebrochenes machen darf; diese Weisheit will
+ich mir bewahren. Zugleich aber will ich sie mit einer
+<!-- page 059 -->
+andern Weisheit verbinden, die der Zukunft zugewandt
+ist, selbst wenn die Zukunft für uns eine
+verschlossene Gegend ist. Ja, nehmen wir von der
+Gegenwart alles an (und die Gegenwart bringt uns
+so viele Schätze!); aber laß uns auch die Zukunft
+vorbereiten.
+</p>
+
+<p class="date">Den 5. November, 8 Uhr.
+</p>
+
+<p class="address">Liebe Mutter!</p>
+
+<p>Verhehle mir nichts von Paris, von Deinen Sorgen,
+von Deinen Beschäftigungen. Alles was Du
+beschließt, ist recht. Mein Glück ist gerade dieses
+Gefühl der Sicherheit, wenn ich in alledem an
+Deine Seele denke.
+</p>
+
+<p>Das Wetter ist immer entzückend und sehr mild.
+Ohne die schöne Gegend zu verlassen, in die wir
+am 20. September gekommen sind, sind wir heute
+in die Wälder zurückgekehrt. Das liebe ich weniger
+als die freie weite Aussicht; aber es gibt doch auch
+hier gar hübsches zu sehen. Dann ist auch der
+Himmel, jetzt wo die Blätter abgefallen sind, so
+schön, so zart. Ich habe an C. geschrieben und
+werde an Frau C. schreiben. Ich erwarte einen
+Brief von Dir. Wüßtest Du wie viel länger ein
+Tag ohne Nachrichten ist! Ich habe zwar Deine
+früheren Briefe, aber der frische Brief hat einen
+Duft, den ich jetzt nicht mehr entbehren kann.
+</p>
+
+<p class="date">Den 6. November.
+</p>
+
+<p>Gestern war ich, ohne zu wissen warum, ein
+wenig verstimmt: was die Soldaten &bdquo;cafard&ldquo;
+<!-- page 060 -->
+nennen. Das kam daher, daß ich tags vorher mich
+von einem Tagebuch getrennt hatte, das ich Dir
+in einem Packet zu schicken mich entschlossen hatte.
+Die Ereignisse von vorgestern, obgleich friedlich,
+hatten mich derart umhergestoßen, daß ich mich
+dieser Unglückssendung nicht so annehmen konnte,
+wie ich es gewollt hätte. So war ich geteilt
+zwischen einer doppelten Angst: einmal, daß das
+Paket Dich nicht erreichen möchte und diese Aufzeichnungen,
+die mein Leben vom 1. bis zum
+20. Oktober darstellen, verloren sein könnten; und
+dann, daß vielmehr dieses Paket zu Dir gelangen
+möchte vor dem erklärenden Briefe, was dir
+sonderbar erscheinen könnte, da die Sendung unter
+anderm Namen geschehen ist und der Umschlag
+meines Heftes Anweisungen gibt, damit man Dir
+gegebenenfalls diese Aufzeichnungen zuschicke.
+</p>
+
+<p>.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Wir leben heute in der stimmungsvollsten
+und zartesten Landschaft Corots. Von der Scheune
+aus, in die wir unsern Vorposten untergebracht
+haben, sehe ich zunächst die Straße mit den Wasserlachen,
+die der Regen zurückgelassen hat. Dann
+Baumstumpfe, weiterhin hinter einer Wiese eine
+Reihe Weidenbäume am Rande eines eilenden
+und lieblichen Bächleins. Im Hintergrunde hüllen
+sich einige Häuser in einen leichten Dunst und
+halten jene zarten schwarzen Töne fest, für die
+unser teurer Landschaftsmaler ein so edles Empfinden
+hatte.
+</p>
+<!-- page 061 -->
+
+<p>So friedlich ist es heute morgen. Wer könnte
+glauben, daß hinter uns nichts ist als Feuersbrunst
+und Trümmer! .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p class="date">Den 7. November, 8 Uhr morgens.
+</p>
+
+<p>Eben erhalte ich Deine Karte vom 30., die mir
+die Sendung eines Pakets ankündigt. Wie nett!
+wie man an uns denkt! Alle Süßigkeiten werden
+gebührend gewürdigt.
+</p>
+
+<p>Gestern entzückender Novembertag. Diesen
+Morgen zuviel Nebel, um die Freude an der
+Natur zu genießen. Aber gestern nachmittag!
+</p>
+
+<p>Ein duftiges, ausgesucht zartes Wetter, wo
+alles sich einzeichnet wie auf eine angehauchte
+Glasscheibe eingeritzt. Die entlaubten Büsche in
+der Nähe unseres Wachpostens sind von einer
+Schar von Vögeln ausgesucht worden, grün, weiß
+am Rande der Flügel, die Männchen mit schwarzem,
+weiß getupftem Kopf. Wie Dir ausdrücken,
+was das bloße Rauschen ihres Fluges in dieser
+Stille für mich war! &mdash; Denn auch das ist ein
+Segen in diesen Kämpfen: in der Welt kann es
+nur eine bestimmte Menge Bosheit geben. Da
+nun der Mensch alles dem Menschen zuwendet,
+haben die Tiere ihren Vorteil davon, wenigstens
+die Tiere des Waldes, unsere gewöhnlichen Opfer.
+</p>
+
+<p>Könntest Du nur die Sorglosigkeit der Tierchen
+des Waldes sehen, Mäuse, Feldmäuse! Letzthin
+folgte ich in unserm Laubversteck den Bewegungen
+<!-- page 062 -->
+dieser Tierchen. Sie waren hübsch wie japanische
+Holzschnitte, das Innere ihrer Ohren rosa wie eine
+Muschel. Wir haben dann noch dem Ausflug der
+Kraniche beigewohnt: ihr Schrei in der Dämmerung
+ist erschütternd.
+</p>
+
+<div class="tb"><hr class="dash" /></div>
+
+<p>Wie freue ich mich zu erfahren, daß Du zeichnest.
+Tu&rsquo;s für uns beide. Wüßtest Du wie es mich
+juckt, alles was uns hier in der Seele bewegt zu
+malen! Wenn Du meine Briefe aus letzter Zeit
+gelesen hast, wirst Du gemerkt haben, wie vieles
+ich entbehre, aber auch wie vieles mich beglückt.
+</p>
+
+<p class="date">Den 9. November, Montag 7 Uhr.
+</p>
+
+<p>.&nbsp;.&nbsp;. Wir haben wieder die freie, weite Ebene
+erreicht, die ich so sehr liebe. Leider sehen wir sie
+nur undeutlich durch Mäuselöcher hindurch. Nun,
+es ist wenigstens so viel! .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Alle diese Tage hindurch habe ich den
+Reiz einer Landschaft genossen, die im süßen
+Frieden des Herbstes ruht. Dieser Friede wurde
+gestern durch den erschütternden Anblick eines
+brennenden Dorfes gestört. Es war nicht das erste,
+das wir sehen; aber wahrlich wir waren nicht mehr
+daran gewöhnt.
+</p>
+
+<p>Wir haben unsern Beobachtungsposten bezogen;
+es war noch Nacht. Von den Höhen, die wir besetzten,
+sahen wir die gewaltige Glut und, als der
+Tag aufging, war das liebliche im Tal versteckte
+<!-- page 063 -->
+Dorf nur noch eine Rauchwolke. All das in der
+Silberglorie eines strahlenden Morgens.
+</p>
+
+<p>Von unserm Mauseloch aus blickten wir in die
+Talmulde mit den lieblichen Windungen ihrer
+Straße, ihrem von Weidenbäumen umrahmten Bach,
+ihrem Kalvarienberg, und all diese Harmonie sollte
+in dem Grausen der Zerstörung enden.
+</p>
+
+<p>Die Deutschen haben es in der Nacht mit der
+Hand in Brand gesteckt; nach zwei Tagen wütender
+Kämpfe waren sie daraus vertrieben worden:
+ihre Handlung kann als ein Zeichen eines auf diesem
+Punkte beabsichtigen Rückzuges aufgefaßt werden.
+Dieses von unseren Soldaten gehaßte Verfahren ist,
+glaube ich, durch eine strategische Forderung vorgeschrieben.
+Wenn ein Dorf zerstört ist, wird seine
+Benutzung für unseren Dienst hinter der Front sehr
+erschwert. So haben wir denn den ganzen Tag
+dieser Verwüstung zugeschaut, während über unseren
+Köpfen die kleinen Feldmäuse das Stroh ausnutzen,
+in dem wir schlafen werden. Unser Infanteristendasein
+gleicht ein wenig dem der Kaninchen während der
+Jagdzeit. Wir sind dadurch, wenigstens die schlimmsten
+Angstpeter unter uns, in einen Zustand immerwährender
+Spannung gekommen, auf der Suche
+nach einem Schlupfwinkel. Sobald wir darin vergraben
+sind, schreibt man uns vor, nicht daraus zu
+weichen. Diese klugen Vorschriften werden leider
+nicht immer mit der nötigen Einsicht gehandhabt;
+so waren wir gestern zu Vieren in einem vorgeschobenen
+<!-- page 064 -->
+Schützengraben, der in einer herrlichen
+Gegend lag und unter Laubwerk vollständig versteckt
+war. Wir hätten also nach Herzenslust die
+Landschaft genießen können, hätte nicht der Gefreite,
+ein braver Junge, davor gezittert uns ein bischen
+leben zu lassen. Glücklicherweise sind die Artilleristen
+und Maschinengewehre dazwischen gekommen, haben
+an unserem Standort einen entsetzlichen Höllenlärm
+vollführt und uns gezeigt, wie wenig man auf überflüssige
+Vorsicht halten muß. Durch dieses Beispiel
+ermutigt, habe ich also in aller Freiheit die Landschaft
+genießen können, gestern leider raucherfüllt,
+ein erschütternder Anblick. Merke Dir wohl, geliebte
+Mutter, daß ich keine Unvorsichtigkeit begehen will;
+aber wahrlich, dieser Krieg ist der Triumpf des
+Verhängnisses, der Vorsehung und des Schicksals.
+</p>
+
+<p>Mein sehnlichster Wunsch ist, die Gnade der
+Rückkehr zu verdienen; aber abgesehen von kurzen
+Augenblicken einer sehr menschlichen Ungeduld, kann
+ich sagen, daß der größte Teil meines Ichs der
+ruhigen Annahme des gegenwärtigen Augenblicks
+geweiht ist.
+</p>
+
+<div class="tb"><hr class="dash" /></div>
+
+<p class="date">Den 10. November, 11 Uhr.
+</p>
+
+<p class="address">Teuerste Mutter!</p>
+
+<p>Was soll ich Dir vom heutigen Tag erzählen!
+eintönig im Nebel. Beschäftigungen, die nicht stumpfsinnig
+an sich sind, es aber durch die geistlose Umgebung
+werden. Ich ziehe mich in mein Innerstes
+<!-- page 065 -->
+zurück. Gestern schrieb ich Dir einen langen Brief,
+in dem ich Dir unter anderem sagte, wie teuer mir
+Deine Briefe sind. Du siehst also, daß ich mich etwas
+langweilte als ich das Papier zur Hand nahm;
+nun aber, da ich mit Dir bin, bin ich froh und
+denke sofort an die Freuden, die dieser Tag mir
+gebracht hat.
+</p>
+
+<p>Heute morgen hat mich der Leutnant beim
+Kommandoposten Eisendraht holen lassen, in einem
+verwüsteten Dorfe, um das herum wir seit Wochen
+liegen. Ich bin durch die Obstgärten hinabgestiegen,
+die voll waren von den letzten abgefallenen Pflaumen.
+Einige Soldaten lasen sie sorglos auf und sammelten
+sie in Körben. Liebliches Bild, ganz ländlich und idyllisch,
+trotz der roten Hosen, die übrigens sehr abgeschossen
+sind nach drei Monaten Felddienst. Ich freue
+mich der Freundschaft von Ch. R.&nbsp;.&nbsp;. Er ist ein Mensch,
+der in allen Teilen mit mir übereinstimmt. Ich bin
+daher überzeugt, daß er es mir nicht übelnehmen
+wird, wenn ich nicht schreibe, besonders wenn Du
+seine Frau meiner Freundschaft versicherst.
+</p>
+
+<p>Der kleine Dienst, der mir anvertraut worden
+ist, zwingt mich von Anbruch der Nacht bis 9 Uhr
+zu gehen, dann aber habe ich mitunter Gelegenheit
+in einer Deckung oder einer Scheune zu schlafen,
+statt nachts in den Schützengraben zurückzukehren.
+</p>
+
+<p>Ich habe nicht mehr die angenehmen Leseabende
+zu Hause; wenn wir aber manchmal im Schützengraben,
+S.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. und ich, nebeneinander liegen, kannst
+<!-- page 066 -->
+Du Dir nicht vorstellen, welche Traumbilder wir wachrufen
+und welche Freude uns die alten Erinnerungen
+bringen, die wir aufrühren. O! unter welchen Märchenhimmel
+reißen uns die Naturwissenschaften und
+die Neugierde des Intellektes und welches Vergnügen
+bereiten mir die wunderbaren Geschichten
+von diesem Metall oder jener Säure! Für mich
+scheinen Tausend und eine Nacht sich zu wiederholen.
+Und dann beim Erwachen manchmal die Anmut
+einer Morgenröte. Das ist das Leben, das ich seit
+dem 13. oder 14. Oktober führe. Ohne mehr zu verlangen,
+begnüge ich mich damit zu staunen, daß
+wir in einem solchen Kriege verhältnismäßig viel
+ruhige Stunden haben.
+</p>
+
+<p>Du kannst dir nicht vorstellen, welche Genugtuung
+es für mich ist, zu wissen, daß Du meinen
+Sachen Deine Seele zuwendest. Wie freut es mich
+mir vorzustellen, daß meine Bücher Dich beschäftigen,
+Du meine Stiche betrachtest! .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p class="date">Vom 12. November, 15 Uhr.
+</p>
+
+<p>.&nbsp;.&nbsp;. Heute haben wir einen Übungsmarsch gemacht,
+so angenehm wie der erste, in einem Wetter
+von wunderbarer Schönheit. Wir sahen in Blau
+und Rosa die fernen Ketten der Hügel von Metz,
+die weite, von Dörfern besäte Ebene, von denen
+einige einen morgendlichen Sonnenstrahl auffingen,
+während man die andern mehr ahnte als sah.
+</p>
+
+<p>Wir führen ein Dasein, das in großen Zügen
+<!-- page 067 -->
+so aussieht: drei Tage bleiben wir in der Nähe
+des Feindes und leben in ganz gut gebauten Verdecken,
+die wir täglich verbessern, dann bleiben wir
+wieder drei Tage weiter hinten und schließlich drei
+Tage im Quartier in einem nahen Dorfe, gewöhnlich
+in demselben. So kommen wir dazu, Gewohnheiten
+anzunehmen, zwar recht vorübergehende,
+aber immerhin kommen wir in Berührung mit der
+übrigens schwer geprüften Zivilbevölkerung. &mdash;
+Die Wollkleider sind unschätzbar und unübertrefflich.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>.&nbsp;.&nbsp;. Wir haben es mit guten Seelen zu tun.
+Besonders die liebe Frau, bei der ich Dir schreibe
+und zu der ich schon das letzte Mal gekommen
+bin, plagt und müht sich zu Tod ab, um uns
+etwas von dem zu geben, was an das Heim erinnert.
+Aber, liebe Mutter, was mich an das
+Heim erinnert, das trage ich im Herzen. Aus Tellern
+essen und auf einem Stuhle sitzen, das ist
+nichts, was zählt. Deine Liebe ist&rsquo;s, die ich so
+nahe fühle.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p class="date">Den 14. November.
+</p>
+
+<p>Seit dem 12., um acht und ein halb Uhr abends
+wurden wir herumgeschleppt mit der Aussicht, an
+einem gewaltsamen Vorgehen teilzunehmen. Wir
+sind nachts fort, und in diesem Frieden der Natur
+klärten sich meine Gedanken ein wenig ab nach
+zwei Tagen Einquartierung, während welcher das
+<!-- page 068 -->
+Körperliche immer etwas überhand nimmt. Wir
+gingen zur Verstärkung vor, voll in das Unbekannte
+hinein. Wir haben die Anordnungen, die
+zu treffen waren, in einer Scheune abgewartet, wo
+wir von elf bis vier Uhr auf dem Holzboden lagen.
+Dann gings in die Wälder, die Felder, die der
+Tag durch graue, rote, violette Wolken hindurch
+allmählich beleuchtete in der romantischsten und
+ergreifendsten Stimmung, die man sich denken kann.
+Im vollen lieblichen Morgen erfuhren wir, daß
+die Truppen, die uns vorausmarschierten, dem
+Feinde außerordentliche Verluste zugefügt hatten
+und sogar einen sehr leichten Vorteil erreicht hatten.
+Wir haben also unsern gewohnten Standort wieder
+bezogen und ich bin wieder hier und genieße
+die Pracht der französischen Landschaft, die so ergreifend
+schön ist in dem grauen, stürmischen, leidenschaftlichen
+November, mit Sonnenstrahlen, die
+in farbigen Flecken über den endlosen Horizont
+wie hingeworfen sind. Liebe Mutter, wie schön ist
+das, diese weite, ernste Landschaft, in der alles
+edel und wohl abgewogen ist und Einzelheiten sich
+fein abheben! &mdash; Eine mit Bäumen eingefaßte
+Straße, die bis zur Grenze sich schnurgerade hinzieht,
+Hügel, die vor den duftigen Linien liegen,
+in denen man die deutschen Vogesen zu erkennen
+glaubt. Das ist der Rahmen und dazu kommt etwas
+Besseres als der Rahmen: es gibt eine Melodie
+von Beethoven und ein Stück von Liszt, die lauten:
+<!-- page 069 -->
+&bdquo;Segnung Gottes in der Einsamkeit&ldquo;.<a href="#footnote-5" id="fnote-5"><sup>5</sup>)</a> Wir haben
+allerdings keine Einsamkeit, wenn Du aber die
+Gedichte von Albert Samain<a href="#footnote-6" id="fnote-6"><sup>6</sup>)</a> durchblätterst,
+wirst Du ein Motto aus Villiers de l&rsquo;Isle-Adam
+finden: &bdquo;Wisse, daß es auf Erden immer eine Einsamkeit
+gibt für diejenigen, die ihrer würdig sind.&ldquo;
+Jene Einsamkeit der Seele, die alles vergessen
+kann, was nicht mit ihr mitschwingt.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Ich habe zwei Briefe von Dir erhalten vom
+6. und 7. Vielleicht werde ich diesen Abend noch
+einen haben. Ja, wir wollen unsern Mut nicht
+darin setzen, daß wir von einander keine Briefe
+erwarten. Die Briefe sind unser Leben, sie teilen
+uns unsere Freuden mit, unser Glück, die Fülle
+des Genusses, den uns in reichem Maße das Schauspiel
+der Natur und dieser Zeit schenkt.
+</p>
+
+<p>Wenn Deine Augen nicht wollen, ist das ein
+zwingender Grund; aber, abgesehen von Deiner
+Gesundheit, versage mir nicht Dein Herz, dessen
+Liebe Deine Briefe mir bringen.
+</p>
+
+<p class="date">Den 14. November, zweiter Brief.
+</p>
+
+<p class="address">Treue, geliebte Mutter!</p>
+
+<p>Jetzt sind wir wieder in unserm gewohnten
+Quartier und mein Herz ist ganz erfüllt von Gedanken,
+die Dir zustreben. Ich kann Dir nicht alles
+<!-- page 070 -->
+sagen, woran ich stündlich denke in dem Wunsche,
+mit Dir die mannigfaltigen Freuden zu teilen, die
+inmitten unseres eintönigen Daseins uns durch die
+Finger gleiten, wie Perlen von einem zerrissenen
+Faden auf den Sand fallen.
+</p>
+
+
+
+<p>Ich möchte mit Dir aussprechen können, wie
+schön diese Wolke ist, welchen ernsten Eindruck diese
+Ebene auf uns macht, der Poesie des Windes
+lauschen, der über die Berge uns zuweht, wie
+während unseres Spazierganges in Boulogne. Und
+wenn wir dann hier sind, erlauben mir so manche
+prosaische Beschäftigungen nicht, mit Dir zu reden,
+wie ich fühle.
+</p>
+
+<p>Deswegen habe ich Dir auch mein Paket geschickt
+mit meinem Tagebuch vom 18. August bis
+zum 20. Oktober.<a href="#footnote-7" id="fnote-7"><sup>7</sup>)</a> Diese Aufzeichnungen wurden
+zu einer Zeit gemacht, wo unsere Tornister weniger
+beladen waren und leichter sich öffneten, wo
+ich in der Seelenruhe der Tage im Schützengraben,
+wenn die Gefahr das Geschwätz aufhob, meine
+Seele ungehindert schwingen ließ. Seitdem habe
+ich die viel stärkere, weite, volle Freude entdeckt, Dir
+zu schreiben. Für mich wurde diese neue Zeit ein
+Paradies. Aber ich liebe das Leben im Quartier
+nicht, weil die Bequemlichkeit und die Sicherheit
+die Seelenkräfte entspannen und einen Wirrwar
+erzeugen, unter dem ich leide.
+</p>
+
+<!-- page 071 -->
+
+<p>Du kennst das Bedürfnis, mich zu sammeln
+und allein zu sein, das ich immer hatte. Übrigens
+habe ich sehr gute Freunde und die Offiziere sind
+sehr freundlich. Und dann braucht es nur etwas
+Geduld, einige Augenblicke, in denen mein Gedanke
+Dir zugewandt ist, um mich glücklich zu machen.
+Wie war diese erste Hälfte November gnädig!
+Ich habe nicht ein einziges Mal unter der Kälte
+gelitten. Und wie viel Schönheiten! Der Allerheiligentag
+war ein langer Lobgesang, von der
+klaren Mondnacht über dem dunkeln Bernstein
+der herbstlichen Bäume an bis zur zarten Melodie
+der Dämmerung. Der endlose, rosige Traum
+der verschleierten Ebene, die sich an die fernen
+Hügel anlehnt.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Welch feierlicher Lobgesang! Und
+manche Tage seitdem singen den Ruhm Gottes! Coeli
+enarrant.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Das war das Geschenk dieser Zeiten.
+</p>
+
+<p class="date">Den 15. November, 7 Uhr.
+</p>
+
+<p>Gestern gab mir das stürmische und aus der
+Sicherheit des Quartiers beobachtete prächtige Wetter
+zu Befürchtungen Anlaß für unsern Abmarsch heute
+nacht; doch als ich erwachte, war der klarste, funkelndste
+Himmel, den man sich vorstellen kann! Wie
+dankbar war ich!
+</p>
+
+<p>Was wir am meisten fürchten, ist der Regen,
+der alles durchdringt, ohne daß man Feuer und
+Obdach findet. &mdash; Die Kälte bedeutet nichts &mdash;
+gegen die sind wir gewappnet.
+</p>
+
+<p>.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Und doch, wie sehr habe ich das Bild
+<!-- page 072 -->
+dieser weiten Ebene bewundert, in die wir hinabgestiegen
+sind, von dem mächtigen Winde gepeitscht.
+Der niedrige Horizont löste den weiten
+grauen Himmel ab, an dem wenige fahle Ausblicke
+an das verschwundene Blau gemahnten. &mdash;
+Ein Kalvarienberg, tragisch, schwarz in grau &mdash;
+dann skelettartige Bäume! Welch ein Bild! hier
+kann ich an Dich denken, an meine liebe Musik!
+heute habe ich die Umgebung, die ich brauche.
+</p>
+
+<p>.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Ich möchte die Gestalt schärfer bestimmen,
+die mein fester Glaube an eine bessere durch diesen
+Krieg geforderte Zukunft annehmen wird. Diese
+Ereignisse bereiten die Entfaltung eines neuen
+Lebens vor, der vereinigten Staaten Europas.
+</p>
+
+<p>Nach diesem Zusammenstoß werden diejenigen,
+die voll und mit kindlicher Liebe ihre Pflichten
+dem Vaterland gegenüber erfüllt haben, vor
+viel ernstere Aufgaben gestellt werden, deren Erfüllung
+zur Stunde unmöglich wäre. Aber das
+wird gerade unsere Pflicht sein, daß wir unsere
+Kräfte der Zukunft zuwenden. &mdash; Sie werden mit
+angespannter Energie dahin streben müssen, die
+Spuren der verletzenden Berührung zwischen den
+Völkern zu tilgen. Trotz mancher Fehler, trotz
+einiger Rückschritte in praktischer Hinsicht, mancher
+Schwächen im Wiederaufbau, hat die französische
+Revolution nichts desto weniger in der menschlichen
+Seele die herrliche Forderung der nationalen
+Einheit festgelegt. Wohlan, die Greuel des Krieges
+<!-- page 073 -->
+von 1914 führen zur europäischen Einheit, zur
+Rasseneinheit. Dieser neue Zustand wird nicht
+ohne Erschütterungen, Vergewaltigungen, Kämpfe
+auf unabsehbare Zeit sich festsetzen, aber ohne
+Zweifel hat sich heute die Türe zu diesem neuen
+Horizont geöffnet.
+</p>
+
+<p class="date">Den 16. November an Frau C .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p class="address">Sehr verehrte gnädige Frau<br />
+und beste Freundin!</p>
+
+<p>Welche Freude und welchen Trost bringt mir
+Ihr Brief und wie stärkt Ihre warme Freundschaft
+meinen Mut!
+</p>
+
+<p>Was Sie mir von meiner Mutter erzählen,
+verknüpft mich innig mit dem Leben. Dank für
+Ihre treue prächtige Freundschaft.
+</p>
+
+<p>.&nbsp;.&nbsp;. Was soll ich von meinem Leben erzählen?
+Durch Mühen und Wechselfälle hindurch hält
+mich die Betrachtung der herrlichen Gegend aufrecht,
+die seit zwei Monaten die Schwermut
+und die Tragik dieser leidenschaftlichen Jahreszeit
+anhäuft. Einer meiner gewohnten Standorte
+liegt auf den Höhen, welche die endlose Ebene
+der Woëvre beherrschen. Wie herrlich! Welcher
+Segen ist es, stündlich bei Tag und bei Nacht die
+glühenden Farben des Laubes zu beobachten, an
+jedem Herbsttage! Die schreckliche Zerfahrenheit der
+Menschen vermag die erhabene heitere Ruhe der
+Natur nicht zu stören. Freilich gibt es Augenblicke,
+<!-- page 074 -->
+wo der Mensch alle vorstellbaren Maße
+zu übersteigen scheint; aber eine aufmerksame
+Seele unterscheidet bald die Harmonie, die alle
+diese Mißklänge beherrscht und ausgleicht. Glauben
+Sie nicht, daß ich der Trostlosigkeit der
+Bilder, von denen wir übersättigt sind, gefühllos
+gegenüberstehe: vernichtete Dörfer, in welche die
+Artillerie weiter wütet; Rauchwolken am Tag,
+Feuerschein in der Nacht; Elend der Bevölkerung,
+die unter den Granaten flüchtet. Jeden Augenblick
+erhält man einen Stich ins volle Herz. Gerade
+deswegen aber rette ich mich in diese höhern
+tröstenden Gedanken; denn in demselben Maße
+leidend, könnte ich, ohne diese Disziplin des Herzens,
+unsere Lage nicht ohne innere Zerrissenheit
+ertragen.
+</p>
+
+<p class="date">Den 17. November, morgens.
+</p>
+
+<p class="address">Liebe Mutter!</p>
+
+<p>.&nbsp;.&nbsp;. Ich schreibe Dir im vollen Glück der
+Morgenröte über meinem lieben Dorfe. Die Nacht,
+die uns im Regen gelassen hatte, hat uns ein
+klares, strahlendes Wetter zurückgegeben. Ich finde
+meinen ungeheuer weiten Horizont wieder, die
+zarten Umrisse der Hügel, die edelgeschwungenen
+Linien meiner Täler. Wer glaubte, von der Höhe,
+wo ich bin, daß dieses ländliche und friedliche
+Dorf in Wirklichkeit nur noch ein Trümmerhaufen
+ist, daß kein Haus verschont geblieben ist, daß seit
+zwei Monaten niemand darin verweilen kann im
+<!-- page 075 -->
+Höllenlärm der Artillerie? Während ich Dir
+schreibe, trifft die Sonne den Kirchturm, den ein
+noch dunkler Baum in meiner Nähe umrahmt,
+während in der Ferne, über den letzten Hügeln,
+den letzten Erhöhungen des Bodens, die Ebene
+im Rosagold ihre köstlichen Einzelheiten zu offenbaren
+beginnt.
+</p>
+
+<p class="date">Den 17. November, 11 Uhr.
+</p>
+
+<p>Das herrliche Wetter ist mein großer Trost.
+Ich lebe fast wie wenn ich ein Kranker wäre, den
+man in eine herrliche Gegend schickt, den aber die
+Kur zu unerfreulichen und ermüdenden Beschäftigungen
+zwingt. Im Grunde liegt zwischen Leysin
+und meinem jetzigen Schützengraben nur die Entwicklung
+des großen Fragezeichens. Immer nichts
+neues in unserer Kompagnie seit dem 13. Oktober.
+</p>
+
+<p>Die Art des gegenwärtigen Krieges ist sonderbar.
+Es ist die Art von Nachbarn, die sich nicht
+vertragen. Bedenke, daß gewisse Schützengräben
+vom Feinde kaum durch 100 Meter getrennt sind
+und daß die Kämpfenden sich Handgranaten zuwerfen
+können: wie Du siehst, bedienen sich die
+Nachbarn gewaltsamer Mittel.
+</p>
+
+<p>Ein eigenes Leben führe ich nur im Augenblick,
+wo ich bei Dir verweile, und wo ich die
+Pracht der Natur genieße.
+</p>
+
+<p>Mitten unter dem Geschwätz gelingt es mir,
+das Gefühl der Einsamkeit der Seele, die ich
+brauche, mir zu bewahren.
+</p>
+<!-- page 076 -->
+
+<p class="date">Den 18. November.
+</p>
+
+<p>Diesen Morgen zeigte uns der Tag die Ebene
+mit Reif bedeckt, eine gleichmäßige Weiße über
+den Hügeln und dem Walde. Mein Dörfchen
+sieht dadurch ganz eingefroren aus.
+</p>
+
+<p>Ich hatte den größten Teil der Nacht in einem
+geheizten Unterstand zugebracht und hätte, dank der
+Freundlichkeit meiner Vorgesetzten darin bleiben
+können; ich bin aber dumm und schüchtern und
+bin von ein Uhr bis vier und ein halb Uhr wieder
+bei den Kameraden gewesen.
+</p>
+
+<p>Es ist merkwürdig, wie prachtvoll wir die Kälte
+ertragen: wir besitzen fast alle ein herrliches Kleidungsstück,
+einen Mehlsack, den man je nach den
+Umständen als kurzen Radmantel und als Fußsack
+gebrauchen kann. In beiden Fällen ein vortrefflicher
+Wärmeerhälter.
+</p>
+
+<p class="date">11 Uhr.
+</p>
+
+<p>Für den Augenblick habe ich eine hübsche, so
+rührende Melodie von Händel im Sinn und auch
+ein Allegro aus unsern vierhändigen Orgelsonaten:
+eine fröhliche, glänzende, von Tatendrang übersprudelnde
+Musik. Lieber Händel! Oft tröstet er
+mich.
+</p>
+
+<p>Beethoven kommt mir selten in die Erinnerung;
+wenn aber seine Musik in mir erwacht, rührt sie
+an etwas so Grundlegendes, daß es jedesmal ist,
+wie wenn eine Hand Schleier vor der Schöpfung
+wegrückte.
+</p>
+<!-- page 077 -->
+
+<p>Arme liebe große Meister! Wird man ihnen
+daraus ein Verbrechen machen, daß sie Deutsche
+sind? Schumann, wie kann man ihn einem Barbaren
+zugesellen?
+</p>
+
+<p>Gestern gemahnte unsere Ebene an die Stelle,
+die Du mir vor zehn Jahren aus &bdquo;<i>Rheingold</i>&ldquo;
+vorspieltest: &bdquo;Freie Gegend aus Bergeshöhen.&ldquo;<a href="#footnote-8" id="fnote-8"><sup>8</sup>)</a>
+Worin aber unser französisches Bild die schöne Musik
+dieses häßlichen Mannes übertraf, das war die
+feste Grundlage, die Klarheit, die Aufrichtigkeit.
+Ja, unsere französische Ebene hatte nichts Verschwommenes.
+</p>
+
+<p>Was Wagner betrifft und, so schön auch seine
+Musik, so unbestritten und verführerisch sein Genie
+auch ist, ich glaube doch, daß, wenn man ihn nicht
+mehr hören sollte, man etwas für das französische
+Genie weniger Wesentliches entbehren würde, als
+wenn die großen Klassiker, seine Landsleute, in
+Frage kämen.
+</p>
+
+<div class="tb"><hr class="dash" /></div>
+
+<p>Ich darf es Dir aufrichtig sagen, in den
+Augenblicken, wo mir der Gedanke an die Möglichkeit
+der Heimkehr kommt, kümmere ich mich
+niemals um die Frage der kleinlichen Bequemlichkeit,
+des kleinlichen Wohlbehagens. Etwas
+<!-- page 078 -->
+Höheres und Edleres wendet mich dieser Art Hoffnung
+zu. Darf ich sagen, daß es sogar etwas
+anderes ist als die unendliche Freude des Wiedersehens?
+Es ist vielmehr die Hoffnung auf eine
+Wiederaufnahme unserer gemeinsamen Bestrebungen,
+unseres Zusammenarbeitens, dessen Ziel die
+Entwicklung unserer Seele und ihre nützlichere
+Betätigung auf Erden ist.
+</p>
+
+
+<p class="date">Den 19. November, morgens.
+</p>
+
+<p class="address">Teuerste Mutter!</p>
+
+<p>Heute wurde ich bei der Morgenröte durch ein
+gewaltiges und zu dieser Tageszeit ungewohntes
+Geschützfeuer geweckt. In dem Augenblick kamen
+Kameraden, starr von einer Nacht im Schützengraben
+zurück. Ich bin aufgestanden, um ihnen Holz
+zu holen, während auf dem andern Abhang des
+Tales das Schützenfeuer sehr kräftig ertönte. Ich
+stieg so hoch hinauf wie ich konnte und sah in
+dem sehr klaren Himmel die Sonne sich ankündigen.
+</p>
+
+<p>Plötzlich hörte ich von der Erhöhung gegenüber,
+einem jener Hügel, die ich so sehr liebe,
+Geschrei, Geheul kommen: Marsch! Marsch! Es
+war ein Bajonettansturm. Es ist der erste, dem
+beizuwohnen mir gegeben ist; nicht daß ich etwas
+gesehen hätte; die noch andauernde Dunkelheit und
+vielleicht auch die Beschaffenheit des Bodens verhinderten
+es. Was ich hörte genügte, um den Eindruck
+des Sturmangriffs zu geben.
+</p>
+<!-- page 079 -->
+
+<p>Bis jetzt konnte ich mir nur von dem unpersönlichen
+Krieg ein Bild machen, der eine von jenem
+kriegerischen Mut, wie ihn der Zivilist von Alters
+her sich vorstellt, sehr verschiedene Form der
+Tapferkeit verlangt. Und plötzlich erinnert mich
+der furchtbare Lärm von heute morgen, mitten in
+meiner Ruhe daran, daß junge Männer, ohne
+persönlichen Grund des Hasses, auf Leute, die sie
+erwarten, sich stürzen können und müssen, um sie
+zu morden.
+</p>
+
+<p>Aber die Sonne ging über <a id="corr-3"></a>dem Boden meines
+Vaterlandes auf. Sie beschien für mich das Tal,
+und von meiner Anhöhe aus unterschied ich zwei
+Dörfer, zwei Trümmerhaufen, von denen ich einen
+drei Nächte lang hatte brennen sehen. In meiner
+Nähe zwei Kreuze von weißem Holze .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Das
+französische Blut fließt im Jahre 1914 .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p class="date">Den 20. November.
+</p>
+
+<p>Augenblicklich sehe ich vom Fenster aus, in dessen
+Nähe ich schreibe, die Sonne aufgehen. Sie durchdringt
+den Reif und ich ahne die schöne Ebene,
+die soviel Greuel erträgt. Wie ich höre, hat dieser
+Bajonettangriff, den ich gestern gehört habe, viele
+Opfer gekostet. Unter andern ist man ohne Nachrichten
+von zwei Halbzügen des Regimentes, das
+mit uns die Brigade bildet. Während andere ihr
+Geschick erfüllten, stand ich auf der Höhe des schönsten,
+übrigens in andern Augenblicken höchst ausgesetzten
+<!-- page 080 -->
+Hügels. Ich sah dem Sonnenaufgang zu; ich war
+tief bewegt im Anblick des Friedens der Natur
+und maß das Verhältnis zwischen der Kleinlichkeit
+menschlicher Gewalttaten und der umgebenden erhabenen
+Schönheit.
+</p>
+
+<p>Diese für Dich schwere Zeit, die sich vom 9. bis
+zum 13. September erstreckt, entspricht genau dem
+ersten Abschnitt des Krieges für mich. Den 9. September
+kam ich an, entstieg dem Zug vor der furchtbaren
+Schlacht an der Marne, die sich in einer
+Entfernung von 35 Kilometern entrollte. Den 12.
+erreichte ich das Regiment 106 und seitdem teile ich
+das Leben der Kämpfenden. Wie ich es Dir geschrieben,
+verließen wir also am 13. Oktober herrliche
+Wälder, in denen die feindliche Artillerie und
+Infanterie uns große Verluste zugefügt haben, besonders
+am 3. Unsere engere Gemeinschaft hat an
+diesem Tage einen prächtigen Menschen verloren,
+einen herzensguten Jungen, der für&rsquo;s Leben zu gut
+geworden war. Am 4. wurde ein trefflicher Kamerad,
+ein Architekt von der Kunstakademie, ziemlich ernstlich
+am Arm verwundet, seitdem sind aber die Nachrichten,
+die er gegeben, gut. So haben wir bis zum
+13., einem furchtbaren Tag, sehr schwere Zeiten
+durchgemacht, um so mehr als die sehr wirkliche Gefahr
+verschlimmert wurde durch den Eindruck des
+Erstickens und des Unbekannten, der uns in diesen,
+in andern Zeiten herrlichen Wäldern, erdrückte.
+</p>
+<!-- page 081 -->
+
+<p>Die Hauptsache ist, den Ernst des gegenwärtigen
+Augenblickes nicht aus den Augen zu verlieren.
+Das Problem stellt sich uns in ganz besonderer Form
+dar. Auf der einen Seite die himmlische Gnade
+einer bis auf den heutigen Tag vollständigen Unversehrtheit.
+Andererseits das vollständige Weiterbestehen
+der zufälligen Gefahr für die Zukunft. Hier
+muß unser Wunsch, das Beste zu tun, sich auf
+den gegenwärtigen Zeitpunkt richten. Keine Erforschung
+der Zukunft kann uns befriedigen, ich glaube
+aber, daß jedes kraftvolle Streben, das die Gegenwart
+trifft, seine Wirkung nicht verfehlt. Es
+gilt, einen heldenhaften Kampf zu bestehen; aber
+wir wollen nicht auf uns allein bauen und nicht
+vergessen, daß es eine andere Macht gibt und wieviel
+wirksamer als unsere menschlichen Mittel!
+</p>
+
+<p class="date">Den 21. November.
+</p>
+
+<p>Heute bürgerliches und fast zu bequemes Dasein.
+Die Kälte läßt uns bei der außerordentlichen Frau
+bleiben, die uns bei jedem Aufenthalt in dem Dorfe
+beherbergt, in dem wir drei Tage von neun einquartiert
+sind. Ich werde Dir nicht von der hübschen
+Aussicht erzählen, die ich von dem Fenster aus habe,
+an dem ich Dir schreibe, kann Dir aber das Heim
+beschreiben, welches Teile unseres Daseins in sich
+faßt. Am Tag leben wir in zwei, durch einen Glasverschluß
+getrennten Zimmern und von einem Zimmer
+ins andere können wir bald das schöne Feuer und
+<!-- page 082 -->
+den weiten Kamin bewundern, bald den prächtigen
+Schrank und die Betten, wie man sie in der Maasgegend
+hat, mit schönen alten Kupferbeschlägen.
+Das gemütliche Dasein von zwei alten Frauen
+(die Mutter, 87 Jahre alt, und ihre Tochter) ist in
+Unordnung gebracht durch die Rauheit, die Derbheit,
+die Gutherzigkeit und Freigebigkeit des Soldaten.
+Sie ertragen alles und opfern sich auf.
+</p>
+
+<p>Was Spinoza betrifft, dessen Seele Du bereits
+in Dir besitzest, so glaube ich, daß Du gleich zu den
+letzten Lehrsätzen übergehen kannst. Du wirst ihn
+sicherlich unmittelbar begreifen, wenn er von der
+Ruhe der Seele spricht. Ja es gibt Augenblicke,
+für uns schwache Menschen leider zu selten, die doch
+genügen, und in denen wir durch die Erschütterungen
+und Stöße unserer armen menschlichen Natur hindurch
+eine gewisse Neigung zum Fortdauernden
+und Abschließenden unterscheiden, und wir das
+wunderbare göttliche Erbteil erkennen, das uns
+anvertraut ist.
+</p>
+
+<div class="tb"><hr class="dash" /></div>
+
+<p>Liebe Mutter, einen wie guten Tag habe ich
+eben mit Dir erlebt. Wir waren zu dreien: wir
+zwei und die liebliche Landschaft, die ich von meinem
+Fenster aus sehe. Von hier aus gesehen, gibt
+der Winter von den Dingen ein abgedämpftes,
+abgetöntes Bild. Zwei Wolken oder vielmehr
+dichter Nebel, hüllen die mir benachbarte Anhöhe
+ein, ohne die Zeichnung der Sträucher auf dem
+<!-- page 083 -->
+Kamm zu vergröbern; der Himmel ist leicht grünlich
+gefärbt. Alles ist gedämpft. Alles schlummert
+ein. Jetzt ist die Zeit der nächtlichen Angriffe, des
+Sturmgebrülls, der Wachen in den Schützengräben.
+Wie verlangen, jeden Augenblick, unsere Wünsche
+das Ende dieses Zustandes! Wie sehr wünschen
+wir die Ruhe für Alle, eine ungeheure Entschädigung,
+einen Ersatz für so viele Schmerzen, Leiden,
+so viele Trennungen.
+</p>
+
+<p class="signature">Dein Sohn.</p>
+
+<p class="date">Sonntag, den 22. November, 9&frac12; Uhr.
+</p>
+
+<p>Von meinem Lieblingsplatz schreibe ich Dir
+diesen Morgen, ohne daß seit gestern irgend ein
+Ereignis Erwähnung verdiente, außer vielleicht den
+tausend wechselnden Einzelheiten der Landschaft.
+Ich bin mit Sonnenaufgang aufgestanden, ihr Silber
+überflutet den weiten Raum. Die Kälte ist immer
+heftig, aber das Zusammenwirken verschiedener
+Wollkleider wird in den Quartiernächten mit ihr
+fertig. Das Einzige, was ich erzählen kann, ist:
+morgen ziehen wir in die Schützengräben der zweiten
+Linie aus, in die jetzt skelettartigen, eintönigen
+Wälder. Von unseren drei Standorten ist das vielleicht
+derjenige, den ich am wenigsten liebe, denn
+der Himmel ist hinter hohe Äste verbannt. Das
+ist eher eine Landschaft für R.&nbsp;.&nbsp;., aber reizlos und
+durch das Leben, das man darin führt, verdorben.
+</p>
+
+<p>In unserer Gegend scheinen die Kämpfe mit
+einiger Heftigkeit wieder beginnen zu wollen. Heute
+<!-- page 084 -->
+morgen hören wir ein heftiges Gewehrfeuer, was
+sehr selten in der Kriegführung von heute ist, die
+vornehmlich in nächtlichen Angriffen besteht, während
+der Tag fast ausschließlich zur Beschießung
+durch die Artillerie benutzt wird.
+</p>
+
+<p>Liebe Mutter, setzen wir unsere Hoffnung in
+die Seelenstärke, die jede Stunde, jeder Augenblick
+verlangt.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Ja, es freut mich Dir von dem Leben,
+das ich führe, zu erzählen; es ist in mancher Beziehung
+schön. Oft wenn ich abends auf der
+Straße bin, wohin mein kleiner Dienst mich führt
+und die ich allein durchwandere, bin ich vollkommen
+glücklich in der Gemeinschaft mit dieser edlen
+Landschaft, mit den harmonischen Zeichnungen der
+Gestirne an diesem Himmel, den groß und lieblich
+geschwungenen Linien dieser Hügel; und wenn
+auch in diesem Augenblick die Gefahr immer
+gegenwärtig ist, so denke ich doch, daß nicht allein
+Dein Mut, Dein Ewigkeitsbewußtsein, sondern
+auch Deine Liebe mir beistimmen werden, wenn
+ich nicht immer wieder bei der Erforschung des
+Rätsels stehen bleibe.
+</p>
+
+<p>Mein gegenwärtiges Leben bietet also einige
+Höhepunkte der Empfindungen, die jeder Beziehung
+auf Fortdauer und Verharren sich entziehen,
+so z.&nbsp;B. schönes Laub, eine Morgenröte,
+eine liebliche Landschaft, einen ergreifenden Mondschein.
+Lauter Dinge, deren Vergänglichkeit und
+<!-- page 085 -->
+zugleich ewige Wiederholung das Menschenherz
+absondern und all den Sorgen entreißen, die in
+solchen Zeiten uns einer verzweiflungsvollen Unruhe,
+einem scheußlichen Materialismus, oder
+einem Optimismus zuführen würden, den ich durch
+eine sehr erhabene Hoffnung ersehen will, die uns
+gemeinsam ist und nicht auf menschlichen Dingen
+beruht.
+</p>
+
+<p>Meine zärtliche Liebe und treue Anhänglichkeit
+für Großmutter, für Euch Mut, inneren Frieden,
+völlige Hingabe, jedoch ohne irgendwelche Entsagung.
+</p>
+
+<p class="date">Den 23. November.
+</p>
+
+<p class="address">Liebe Mutter!</p>
+
+<p>Wir sind wieder in unsern Unterständen der
+zweiten Linie. Wir wohnen in Erdhütten, in denen
+das Feuer uns ebenso einräuchert als es uns
+wärmt. Das Wetter, das während der Nacht sich
+verfinstert hatte, hat uns einen wunderschönen rosa
+und blauen Morgen geschenkt. Leider sprechen
+mich die Wälder weniger an als die wundervollen
+Ausdehnungen der Feuerlinie. Und doch ist auch
+hier alles schön.
+</p>
+
+<p>Mein gestriger Tag hat in der Freude bestanden,
+Dir zu schreiben; ich bin in die Dorfkirche
+gegangen, ohne irgend eine Anwandlung von
+Schwärmerei, auch nicht in dem Verlangen nach
+äußerlicher Tröstung. Meine Vorstellung von der
+göttlichen Harmonie brauchte durch keine äußeren
+<!-- page 086 -->
+Formen, keine volkstümliche Symbolik gestützt zu
+werden. Später habe ich das große Glück gehabt,
+einen Wagen in der nächsten Umgebung zu begleiten.
+Ach! welch&rsquo; wundervolle Landschaft von
+saftiger Farbenpracht stets in rosa und blauen,
+durch den Nebel abgeschwächten Tönen. Diese
+leuchtenden, prächtigen und doch duftigen Farben
+fanden Stützpunkte in den kräftigen Flecken, welche
+die in den Raum zerstreuten Gestalten bildeten.
+Meine gewöhnlich durch ihre Bestimmtheit an die
+alten Meister gemahnende Landschaft nahm eine
+durchaus moderne Subtilität der Farbengebung
+und reiche Nuancierung an.
+</p>
+
+<p>Ich dachte einen Augenblick an unsere durchgeistigte
+Pariser Umgebung mit ihren unendlich
+zarten Farben und gedämpften Tönen, hier ist mehr
+Einfalt und Aufrichtigkeit, hier war alles einfach
+rosa und blau auf der Grundlage eines schönen
+grauen Bodens.
+</p>
+
+<p>Mein Fuhrmann, der mit seinem Pferde nicht
+fertig wurde, hat mir eine Gerte überreicht, um
+damit auf das Tier zu schlagen: ich mußte wie
+eine Gliederpuppe aussehen. Wir fuhren an den
+Kalvarien vorüber, welche die Dörfer der Maasgegend
+beschirmen, einige Bäume, die ein Kreuz
+umgeben.
+</p>
+
+<p class="date">Den 24. Nov., 15&frac12; Uhr, auf einem Rückmarsche.
+</p>
+
+<p>Ich habe soeben einen Brief vom 16. und eine
+Karte erhalten und einen lieben Brief vom 18.
+<!-- page 087 -->
+Die beiden letzteren melden, daß meine Sendung
+angekommen ist. Wie froh bin ich darüber! Einen
+Augenblick fragte ich mich, ob ich Dir diese Eindrücke
+schicken sollte, aber unser Leben war nie
+und wird nie etwas anderes sein als ein stetes
+Forschen in der Gegend der ewigen Wahrheiten,
+ein inbrünstiges Betrachten von dem, was jeder
+Anblick auf Erden davon bietet. Daher bereue ich
+es nicht, Dir diese kurzen Bemerkungen geschickt
+zu haben.
+</p>
+
+<p>Die heftigsten Leiden für mich waren die der
+Regentage im September. Sie haben übrigens
+für alle eine schmerzliche Erinnerung zurückgelassen.
+Wir schliefen umklammert, Gesicht an Gesicht, die
+Hände übereinandergeschlagen, in einer Überschwemmung
+von Wasser und Schlamm. Nie hätte man
+sich von unserer trostlosen Lage eine Vorstellung
+machen können.
+</p>
+
+<p>Um das Maß unserer Leiden voll zu machen,
+nach diesen entsetzlichen Stunden, meldet man, daß
+der Feind seine Maschinengewehre auf uns richtet
+und daß wir ihn angreifen sollen. Mittlerweile
+sind wir abgelöst worden und die Entspannung
+war stark.
+</p>
+
+<p>Mein unvollendetes Gedicht: &bdquo;Soleil si pâle&ldquo; .&nbsp;.&nbsp;.
+bezieht sich auf die Tage des 11., 12. und 13. Oktobers,
+und überhaupt auf die Zeit der Kämpfe
+in den Wäldern, die für unser Regiment vom
+22. September bis zum 13. Oktober dauerten. Gewisse
+<!-- page 088 -->
+Sonnenaufgänge über den Opfern des Kampfes
+haben mich innerlich bewegt. Seitdem habe ich
+nichts mehr geschrieben, außer einem Gebet, das
+ich Dir vor fünf oder sechs Tagen geschickt habe.
+Ich habe es auf jener Straße verfaßt, die ich
+durchwandern mußte.
+</p>
+
+<p class="date">Den 25. November, morgens.
+</p>
+
+<p>.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Gestern, während dieses Marsches habe
+ich in einer Landschaft meiner geliebten alten Meister
+gelebt. Als wir aus den Wäldern heraustraten,
+da wir, einer Straße entlang, herabstiegen,
+hatten wir in unserer Nähe einen weiten, schloßartigen
+Hof, von einer entlaubten Baumgruppe
+gekrönt, neben einem zugefrorenen Teich.
+</p>
+
+<p>Fernerhin, in der verkürzten Perspektive, die
+meine lieben Maler trotz ihrer scheinbaren Einfalt
+so geschickt anwandten, stellte eine Straße, die ihre
+Windungen, ihre Senkungen und Steigungen entrollte,
+die Verbindung zwischen Büschen, einzelnen
+Bäumen her: alles scharf, feingegliedert, wie radiert,
+und doch rührend. Eine kleine Brücke führte
+über einen Bach, ein Reiter ritt in der Nähe der
+kleinen Brücke vorbei, bis ins Einzelnste scharf umrissen,
+dann ein kleiner Wagen: abgetönte und
+doch bestimmte Farben in seiner Harmonie, &mdash; all
+das vor einem Horizont von majestätischen Wäldern.
+Ein grauer Himmel, der die ganz moderne
+Farbensymphonie von vorigem Sonntag aufhob
+<!-- page 089 -->
+und mich zu jener eindringlichen Peinlichkeit der
+Wiedergabe zurückführte, die uns bei einem Breughel
+und andern Meistern, deren Namen mir entfallen,
+bewegen. Derart ist auch die wohlgeordnete, durchsichtige,
+reiche Anordnung der Hintergründe von
+Albrecht Dürer.
+</p>
+
+<p class="date">Den 26. November.
+</p>
+
+<p>Geliebte Mutter, ich bin nicht dazu gekommen
+den gestrigen Brief zu vollenden. Wir waren sehr
+beschäftigt. Heute ist es noch Nacht. Aus meiner
+Höhle, die ich in der Feuerlinie erreicht habe,
+schicke ich Dir meine innige Liebe und den Ausdruck
+des großen Glückes, das ich habe. Ich fühle,
+wie mein Werk in mir reift. Was ist daran gelegen,
+wenn die Vorsehung mir nicht gewährt es
+zu verwirklichen? Ich habe die feste Hoffnung,
+vor allem vertraue ich in die ewige Gerechtigkeit,
+welche Überraschung sie auch der menschlichen Vorstellung,
+die wir uns von ihr machen, bereiten
+mag.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p class="date">Den 28. November.
+</p>
+
+<p>Die Stellung, die wir <a id="corr-4"></a>einnehmen, nähert uns dem
+Feinde auf 45 Meter. Der Anblick der Laufgräben ist
+seltsam und wirkt sogar malerisch durch eine Herbheit
+der Linien, die der graue Himmel noch verstärkt.
+</p>
+
+<p>Wenn unsere Truppen, nachdem sie nächtlicher
+Weile die Wachsamkeit des Feindes getäuscht
+haben, von dem Tale herkommend, die halbe Höhe,
+deren Abhang uns vor dem Gewehrfeuer schützt,
+<!-- page 090 -->
+erreichen, treffen sie in den Hügel eingegrabene
+Unterschlüpfe, Höhlen, wo die Abteilungen, die
+nicht auf Wache sind, Schlaf und die Wärme eines
+rasch gebauten Heims finden. Weiter draußen,
+gerade an der Stelle, wo die freiliegende Landschaft
+herrlich wird durch Weite und Beleuchtung,
+beginnt der gewundene Einschnitt, den man Verbindungsgraben<a href="#footnote-9" id="fnote-9"><sup>9</sup>)</a>
+nennt und in den man eindringt.
+So gelangt man unbemerkt in den Schützengraben,
+wo sich ein wahrhaft kriegerisches, ernstes
+Bild, dem es an Größe nicht fehlt, darbietet, ein
+tiefer schmaler Gang, dessen Decke der graue Himmel
+ist, und dessen Erdverkleidungen von frischem
+Schnee bedeckt sind. Hier stehen die letzten Einheiten
+der Infanterie; Einheiten von gewöhnlich
+schwachem Bestand. Der Feind ist hier schon weniger
+als hundert Meter entfernt. Von hier aus geht
+der Verbindungsgang weiter, immer gewundener
+und tiefer; in ihm empfinde ich das, was ich stets
+bei der Berührung mit frischaufgerührter Erde
+fühle. Der durch Erdarbeiten aufgewühlte Boden
+erweckt in mir etwas, wie wenn die Kräfte der
+aufgerissenen Erde in mich drängen und mir die
+Geschichte des Lebens erzählten.
+</p>
+
+<p>In diesen Klüften arbeiten zwei oder drei
+Schanzengräber des Geniekorps, verlängern sie,
+graben sie tiefer, von den Deutschen beobachtet, die
+<!-- page 091 -->
+bisweilen ungenügend geschützte Stellen erreichen
+können. Auf diesem äußersten Punkt steht der
+letzte Infanterieposten (etwa vierzig Meter vom
+Feind).
+</p>
+
+
+<p>Du kannst Dir den Gegensatz dieser militärischen
+Einrichtung und des Friedens denken, der
+an dieser Stelle zu herrschen pflegte. Stelle Dir
+mein Erstaunen vor, wenn ich mich erinnere, daß
+in dem Bereich meines Blickes der Landmann
+seinen Pflug lenkte und diese Sonne, deren Glorie
+ich erspähe, wie der Gefangene die Freiheit,
+ihm auf dieser Anhöhe gespendet wurde.
+</p>
+
+<p>Wenn ich dann in der Dämmerung in die
+Ebene hinaustrete, welche Wonne! Ich will Dir
+nicht davon sprechen, denn ich verschweige noch
+mein Glück. Ich darf es nicht offenbaren: es ist
+ein Vöglein, das die Stille liebt.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Begnügen
+wir uns damit, was das Wesentlichste ist, von dem
+Glück zu sprechen, das sich nicht aufscheuchen läßt:
+uns in gleichem Maße auf alles vorbereitet zu
+fühlen.
+</p>
+
+<p class="date">Den 29. Nov., morgens, im Quartier.
+</p>
+
+<p class="address">Teuerste Mutter!</p>
+
+<p>Gestern habe ich die Feuerlinie bei schlechtem
+Wetter verlassen, das in der Nacht nach meiner
+Ankunft in Regen überging. Ich sehe ihn von
+meinem Lieblingsfenster aus als Nebel fallen. Wenn
+Du willst, erzähle ich Dir von den gestern flüchtig
+gesehenen Wundern.
+</p>
+<!-- page 092 -->
+
+<p>Von der in meinem gestrigen Brief beschriebenen
+Stellung aus sieht man, wie ich es Dir oft
+schon geschrieben, den herrlichsten Horizont. Gestern
+nun zerfetzte ein fürchterlicher Wind einen Schleier
+von sehr niedrigen Wolken, die an den Höhen
+hängen blieben. Vielleicht wird Dir der Hintergrund
+meines Haheyna eine schwache Vorstellung
+von dem geben, was ich gesehen habe. Doch um
+wie viel erhabener und stürmischer war mein
+gestriges Fühlen!
+</p>
+
+<p>Die Hügel und Täler gingen abwechselnd von
+Schatten in Licht über, bald scharf umgrenzt, bald
+verschleiert, je nachdem die Nebel sie enthüllten.
+Am Himmel große hellblaue lichtumflossene Lücken.
+</p>
+
+<p>Das war die Pracht des gestrigen Tages. Soll
+ich Dir von den letzten Abenden erzählen, wo der
+Mond auf die Landstraße mir die zierliche Verästelung
+der Bäume abzeichnete, die Tragik der
+Kalvarien, das rührende Bild der Häuser, von
+denen man weiß, daß sie Ruinen sind und welche
+die Nacht wie ein Bild des Friedens erstehen
+läßt.
+</p>
+
+<p>Ich freue mich zu sehen, daß Du Verlaine
+liebst. Lies das schöne Vorwort von Coppée,
+welches die Sammlung der ausgewählten Werke
+eröffnet, die Du in meiner Bibliothek finden wirst.
+</p>
+
+<p>Seine Frömmigkeit ist von einer Unmittelbarkeit,
+ich möchte beinahe sagen von einer Sinnlichkeit,
+die mich immer etwas irre macht, gerade weil
+<!-- page 093 -->
+sie der katholischen Frömmigkeit eigen ist, deren
+bildliche Erscheinung mir immer fremd bleiben
+wird. Aber was für ein Dichter!
+</p>
+
+<p>Er ist meine fast tägliche Wonne in Paris und
+hier kommen mir oft die Weisen seiner &bdquo;Paysages
+Tristes&ldquo;<a href="#footnote-10" id="fnote-10"><sup>10</sup>)</a> in den Sinn; denn sie geben genau
+die Stimmung mancher Stunden wieder. Sein
+Leben ist rührend wie das eines kranken Tieres
+und man staunt darüber, daß eine solche Verkommenheit
+die köstlichen Blumen seiner Poesie
+nicht verwelken ließ. Seine Belehrung, eher die
+eines Künstlers als die eines Denkers, kam infolge
+einer Umwälzung in seinem Leben nach
+schweren Vergehungen. (Er war im Gefängnis.)
+</p>
+
+<p>In &bdquo;Le Lys Rouge&ldquo; hat Anatole France
+unter dem Namen Choulette ein lebensvolles Bild
+von ihm entworfen; vielleicht findet sich dieses
+Buch bei uns.
+</p>
+
+<p>Die Poesie in &bdquo;Sagesse&ldquo; wirkt wunderbar und
+erbaulich durch den Schwung, die Leidenschaft der
+künstlerischen Absicht, der Neue. Es ist etwa wie
+wenn der Aufschrei der &bdquo;Mainacht&ldquo; durch sein
+ganzes Werk hindurch erklänge.
+</p>
+
+<p>Unsere beiden stärksten poetischen Begabungen
+im vergangenen Jahrhundert, Müsset und Verlaine,
+waren zwei Unglückliche, deren doch so
+herrliche und berauschende Blumenpracht keine
+<!-- page 094 -->
+innere Stütze aufrecht hält. Ich langweile Dich
+vielleicht, indem ich Dir von gleichgültigen Dingen
+erzähle, aber es versenkt mich wieder ein wenig
+in mein vergangenes Leben. Seitdem ich das Glück
+habe Deine Briefe zu empfangen, habe ich nichts
+mehr aufgezeichnet. Glaube ja nicht, daß die
+Nebensachen mich das, was wir ersehnen und erhoffen,
+vergessen lassen; doch ich glaube, daß was
+den Schmuck des Lebens ausmacht, gerade das ist,
+was es für uns beide kostbar macht.
+</p>
+
+
+<p>Ich erwarte Briefe von Dir seit dem letzten
+vom 22.; doch ich werde sicher einen hier im
+Quartier vorfinden. Ich danke Dir für das angekündigte
+Packet. Arme Mütter, wie sie alle sich
+quälen!
+</p>
+
+<p class="date">Den 1. Dezember, morgens, im Quartier.
+</p>
+
+<p>Ich erinnere mich, wie ich mich freute, wenn
+ich als dienstfrei mich von meinen militärischen
+Obliegenheiten entbunden sah. Es schien mir, als
+wären mein Leben und meine Laufbahn unwiderruflich
+verloren, wenn ich mit sieben und zwanzig
+Jahren wieder zum Regiment müßte. Und nun
+bin ich mit acht und zwanzig Jahren tief im Soldatenleben
+drin, fern von meinen Arbeiten, meinen
+Sorgen, meinen ehrgeizigen Plänen, und nie hat
+mir das Leben eine solche Fülle von erhabenen
+Eindrücken gebracht: niemals vielleicht fand ich,
+um sie aufzuzeichnen, eine solche Fülle der Empfänglichkeit,
+<!-- page 095 -->
+eine solche Ruhe des Bewußtseins.
+Das sind also die Gnadengaben einer Lage, die
+meine vernünftigen menschlichen Voraussichten mir
+als ein Verhängnis erscheinen ließen. Hier wirkt
+die von der Vorsehung mir beschiedene Lehre
+weiter, die allen meinen Befürchtungen zum Trotze,
+Segen in jede Veränderung meiner Lage hineinlegt.
+</p>
+
+<p>Die beiden letzten Sonnenaufgänge gestern
+und heute waren wundervoll.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Ich habe Lust für Dich eine kleine Skizze von
+der Aussicht meines Fensters zu machen.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Ich mache es aus dem Gedächtnis, aber
+darüber stelle Dir die ergreifendsten Purpurstreifen
+vor und rechts und links noch endlose Ausdehnungen.
+Das zu betrachten war mir in der letzten
+Zeit mehrmals gegönnt. Augenblicklich bringt ein
+lieblicher Himmel Harmonie in die Obstgärten, in
+denen wir arbeiten. Mein kleines Amt befreit mich
+für einige Zeit von der Hacke. Das sind die Freuden,
+die von ferne mir als Katastrophen erschienen.
+</p>
+
+<p class="date">Den 1. Dezember, 2. Brief.
+</p>
+
+<p>Ich habe soeben Deine Briefe vom 25., 26.
+und 27. erhalten, sowie einen lieben Brief von
+Großmutter, die so tapfer, so seelenvoll, so geistig
+frisch ist. Er machte mir viel Freude und bringt
+mir eine köstliche Hoffnung, deren glückliches Omen
+ich mit Freude annehme. Jeder Deiner lieben Briefe
+gibt mir auch, was das Leben für mich Schönstes
+<!-- page 096 -->
+hat. Mein heutiger erster Brief antwortet auf das,
+was Du mir von der Annahme der Prüfungen
+und Zerstörung der Götzenbilder sagst. Du siehst,
+daß ich ganz wie Du denke und ich hoffe, daß ich
+zur Stunde kein allzu hemmendes Götzenbild im
+Herzen trage.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Ich glaube, daß mein letztes Gebet in der Tat
+sehr einfach ist. Die Eingebung des Ortes hätte
+ein Gewand von zu überladener Kunst nicht geduldet.
+Gott war überall und überall Harmonie:
+die nächtliche Straße, von der ich Dir oft erzähle,
+der Himmel voll Sterne, das Tal voll Murmeln
+der Gewässer, die Bäume, die Kalvarien, die
+nahen oder fernen Hügel. Für etwas Künstliches
+wäre kein Platz gewesen. Ich brauche nicht darauf
+zu verzichten, Künstler zu sein; denn ich hoffe
+immer aufrichtig zu sein und meiner Kunst mich
+nur zu bedienen, um damit eine Überzeugung zu
+schmücken.
+</p>
+
+<p class="date">Den 5. Dezember, morgens.
+</p>
+
+<p>.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Wir treten aus unsern Höhlen heraus,
+und auf die drei Tage klösterlicher Einschließung
+folgt der Morgen auf der weiten Ebene. Man
+kann sich keine Vorstellung von dem Durcheinander
+machen. &mdash; Dein hübsches Viertelchen aus Aluminium
+entzückt jedermann.
+</p>
+
+<p>Ist&rsquo;s schlimm mit der Wunde von André?
+Die Mütter stehen furchtbare Angst aus in diesem
+Krieg; doch immer mutig, nichts wird verloren
+<!-- page 097 -->
+sein! Ich für mein Teil befinde mich wohl und
+bin so glücklich als es die Umstände ermöglichen.
+</p>
+
+<p>Heute furchtbarer Wind, der wundervolle Wolken
+treibt. Kräftige Luft, mit der die Baumäste
+sich gut abfinden. Alle vergangenen Abende herrlicher
+Mondschein, den wir umsomehr zu schätzen
+wußten, als das Tageslicht uns entzogen war.
+Teure Mutter, ich schreibe heute schlecht, weil wir
+durch das Tageslicht wie betäubt sind, nach den
+Stunden in der Finsternis, aber mein Herz eilt Dir
+zu und findet in Dir seine Stütze.
+</p>
+
+<p>.&nbsp;.&nbsp;. Laß uns an alles mit mutigem Sinn herantreten:
+laß uns immer und in allen Dingen auf
+Gott vertrauen. Wie fühle ich mit Dir, daß
+man Ihn nur im Geiste anbeten kann! Und mit
+Dir denke ich, daß man allen Hochmut meiden
+muß, der ein Hohn auf die frommen Gebräuche
+der andern wäre. Unsere Liebe soll ein der allgemeinen
+Vorsehung zugewandter Bund sein. Übergeben
+wir ihr unser Los in einem beständigen
+Gebet. Gestehen wir ihr demütig unser irdisches
+Hoffen und versuchen wir jeden Augenblick mit
+der göttlichen Weisheit es zu vereinigen. Das ist
+eine Aufgabe, deren Schwierigkeit sich jetzt offenbart,
+die aber auch unter den gewöhnlichen Lebensbedingungen
+besteht.
+</p>
+
+<p class="date">Sonntag, den 6. Dezember.
+</p>
+
+<p>Ich freue mich, Dich so standhaft dem Mute
+zugerichtet zu sehen. Wir brauchen ihn oder vielmehr
+<!-- page 098 -->
+wir brauchen etwas, was schwer zu erlangen
+ist, was weder Geduld noch allzustarke Zuversicht
+ist, sondern ein gewisses Vertrauen in die
+Ordnung der Dinge, &mdash; ein gewisses Vermögen,
+von jeder Prüfung zu sagen, daß es so recht, ist.
+</p>
+
+<p>Unser Lebenstrieb bringt uns dazu, uns von
+den gegenwärtigen Verpflichtungen frei zu machen,
+wenn sie zu grausam und häufig sind; aber Du
+hast sehen können, wie auch ich die große Freude
+hatte es zu erfahren, was Spinoza unter der
+menschlichen Freiheit verstand. Ein unerreichbares
+Ideal, dem man trotzdem zustreben muß.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>.&nbsp;.&nbsp;. Liebe Mutter, die Prüfungen, die wir
+annehmen müssen, sind lang; man kann nicht
+sagen, daß sie eintönig sind; denn sie verlangen,
+trotz ihrer gleichmäßigen Gestalt, einen stets erneuten
+Mut, halten wir zusammen, damit Gott
+uns die Kraft und die Möglichkeit gibt, alles hinzunehmen!
+.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Du weißt, was ich Religion nenne: was im
+Menschen alle seine Vorstellungen vom Universellen
+und Ewigen, diesen beiden Formen des Göttlichen,
+vereinigt. Die Religion, im gangbaren
+Sinne des Wortes, ist weiter nichts als die Verbindung
+gewisser sittlicher und erzieherischer Formeln
+mit der wunderbaren poetischen Gestaltung
+der kraftvollen biblischen und christlichen Philosophien.
+Wir wollen niemanden verletzen. Bei
+richtiger Betrachtung erscheinen mir die religiösen
+<!-- page 099 -->
+Formeln, so fremd sie auch den Forderungen
+meines Intellektes sind, lobenswert und sympathisch,
+insoweit sie ein Streben nach Schönheit
+und Form ausdrücken.
+</p>
+
+<p>Teure geliebte Mutter, hoffen wir immer; die
+Prüfungen sind mannigfaltig, aber alles Schöne
+verbleibt. Flehen wir darum, es noch lange betrachten
+zu dürfen.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p class="date">Montag, den 7. Dezember.
+</p>
+
+<p class="address">Vielgeliebte teure Mutter!</p>
+
+<p>Ich schreibe Dir in der Nacht .&nbsp;.&nbsp;., übrigens ist
+um 6 Uhr morgens das Soldatenleben in vollem
+Gang. Meine Kerze ist auf ein Bajonnett aufgepflanzt
+und von Zeit zu Zeit bekomme ich einen
+Wassertropfen auf die Nasenspitze. Meine Leidensgefährten
+versuchen ein trügerisches Feuer anzuzünden.
+Der Aufenthalt in den Schützengräben
+verwandelt uns in Haufen von Schlamm.
+</p>
+
+<p>Die allgemeine gute Laune ist wunderbar. So
+sehr sich die Kameraden nach Hause zurücksehnen,
+sie ertragen nicht weniger heldenhaft die Wechselfälle
+des Waffenhandwerks. Ihr Mut, unendlich
+weniger durchgeistigt als der meinige, ist umso
+werktätiger und den Verhältnissen angepaßter; aber
+jeder Vogel hat seinen Schrei, der meinige hat
+nichts von dem eines Kriegsvogels. Ich bin froh,
+daß ich bei allen Stößen von außen innerlich mitgeschwungen
+habe und setze meine Hoffnung darein,
+daß sie meine Seele gestählt haben. So lege
+<!-- page 100 -->
+ich auch in Gott mein Vertrauen für alles, was
+er mir vorbehalten will.
+</p>
+
+<p>Ich <a id="corr-5"></a>glaube mein künftiges Lebenswerk zu ahnen.
+Doch ich will aus dieser Vorahnung keinen Schluß
+ziehen; denn ein jeder Künstler trug ein Werk in
+sich, das das Tageslicht nicht gesehen hat.
+</p>
+
+<p>Mozart dachte daran, seinen Aufflug zu nehmen,
+als er dem Tode nahe war, und Beethoven
+hat die zehnte Symphonie entworfen, ohne sich um
+die Kürze der Zeit zu kümmern, die das Schicksal
+ihm übrig ließ.
+</p>
+
+<p>Die Pflicht des Künstlers ist, seine Knospen
+aufblühen zu lassen, ohne den Frost zu fürchten,
+und vielleicht erlaubt es Gott, daß mein Bemühen
+in die Zukunft weiterwirkt. Meine Versuche und
+Proben meiner Arbeit zeigen, obgleich sie sehr einheitlich
+sind, noch etwas Kindliches, Stammelndes
+in der Ausführung, das zu der wirklichen Höhe
+der Auffassung wenig paßt. Wie mir scheint, wird
+meine Kunst erst in der Reifezeit meines Lebens
+sich voll entfalten. Beten wir zu Gott, daß er mich
+dahin gelangen lasse.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Was Dein Herz anbelangt, so habe ich ein
+solches Vertrauen in Deinen Mut, daß diese Zuversicht
+in dieser Stunde mein größter Trost ist.
+Ich weiß, daß meine Mutter zu der Freiheit der
+Seele gelangt ist, welche das Wirken des Weltalls
+zu betrachten uns erlaubt. Ich weiß aus
+eigener Erfahrung, wie diese Weisheit nur Stückwerk
+<!-- page 101 -->
+ist, aber es heißt schon Gott besitzen, wenn
+man ihn ahnt.<a href="#footnote-11" id="fnote-11"><sup>11</sup>)</a> Die Zuversicht, die mir Deine
+Seele und Deine Liebe verleihen, erlaubt mir an
+die Zukunft zu denken, unter welcher Gestalt es
+auch sein mag.
+</p>
+
+<p class="date">Den 9. Dezember.
+</p>
+
+<p>Liebe Mutter, in seinem reizenden Brief sagt
+mir P. L., daß er gerne seine Philosophen gegen
+ein Gewehr vertauschen würde. Er hat sehr Unrecht.
+Einmal ist Spinoza, der ihm zuwider ist,
+ein wertvoller Helfer in den Schützengräben, und
+dann müssen diejenigen, die in der Lage sind, jede
+Kultur und jeden Fortschritt auszunutzen, den
+Fortbestand des französischen Geisteslebens sichern.
+Sie haben eine erdrückende Aufgabe, die viel mehr
+Tatkraft verlangt als die unsrige. Wir sind von
+allem Zwang befreit. Ich denke mir unser Leben
+wie das der ersten Mönche: eine harte, gleichmäßige,
+von jeder äußeren Obliegenheit freie
+Regel.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p class="date">Den 10. Dezember,<br />
+<span class="smaller">in der wunderschönen Morgenstunde.
+</span>
+</p>
+
+<p>Unser dritter Tag im Quartier bringt uns die
+liebliche Gabe eines versöhnten Wetters. Die entfesselte
+Sintflut unseres Aufenthaltes in der Feuerlinie
+beruhigt sich etwas und die Sonne zeigt sich
+schüchtern.
+</p>
+
+<!-- page 102 -->
+
+<p>Unsere seit zwei Monaten angenehme Lage
+muß sich notwendigerweise ändern.
+</p>
+
+<p>Da die Festigkeit der Stellungen den Krieg ins
+Endlose zu verlängern drohen, wird der Angriff
+des einen der beiden Gegner die Bewegung in
+Fluß bringen und die Ereignisse beschleunigen
+müssen. Ich glaube, daß die Kriegsleitung diese
+Wendung der Dinge ins Auge faßt, und ich für
+mein Teil wage es kaum, Dir zu sagen, daß ich
+mich über nichts beklage, was die Gelegenheiten,
+Erfahrungen zu sammeln, vermehrt.
+</p>
+
+<p>Unser Leben, das zu einem Drittel plattbürgerlich
+ist, zu zwei Dritteln die Gefahren einer chemischen
+Fabrik bietet, würde schließlich jede Empfindung
+abstumpfen. Sicherlich werden wir nur ungern
+unsere Gewohnheiten aufgeben, aber vielleicht
+waren wir eben zu sehr an eine gewisse
+Bequemlichkeit gewöhnt, die auf die Dauer unmöglich
+wurde.
+</p>
+
+<p>Was mich betrifft, wird meine Stellung sich
+vielleicht verändern. Ich werde wahrscheinlich meinen
+gewohnten Gang<a href="#footnote-12" id="fnote-12"><sup>12</sup>)</a> aufgeben müssen, da ich als
+Gefreiter vorgeschlagen bin, was mir einen ständigen
+Platz im Schützengraben und andere Verwendung
+in der Feuerlinie anweisen wird. Ich
+hoffe, daß Gott mich hierbei ebenso segnen wird
+wie bis jetzt.
+</p>
+
+<!-- page 103 -->
+
+<p>.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Ich fühle, daß wir um nichts zu bitten
+brauchen. Wenn in uns etwas Ewiges ist, was wir
+noch auf Erden betätigen sollen, so dürfen wir sicher
+sein, daß Gott uns hier lassen wird, um es zu tun.
+</p>
+
+<p class="date">Den 10. Dezember, 2. Brief.
+</p>
+
+<p>Glücklicherweise haben wir ein Gebiet, auf dem
+alles uns vereinigt, ohne daß ein geschriebenes
+Wort nötig wäre.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Der Himmel wird wieder grau und kündigt
+einen feuchten Aufenthalt für unsere zweiten und
+ersten Linien an.
+</p>
+
+<p>Der Tag geht zur Neige und die große
+Schwermut senkt sich auf alle Dinge. Es ist die
+graue Stunde für alle, die in der Ferne sind, für
+alle Soldatenherzen, die an das Heim zurückdenken
+und die Nacht über die Erde kommen sehen.
+</p>
+
+<p>Ich gehe zu Dir und schon erwarmt mein
+Herz. Ich fühle Deine aufmerksame Zärtlichkeit und
+die Weisheit, welche Deinen Mut beseelt. Manchmal
+scheue ich mich, Dir immer dasselbe zu wiederholen;
+aber wie soll ich neue Worte finden für
+meine arme, durch immer dieselben Wechselfälle
+hin und her geworfene Liebe? Da wir bald von
+hier fortkommen, werden wir vielleicht manche Andenken,
+die wir aufbewahrten, verlassen müssen;
+aber die Seele darf sich nicht an Fetische festklammern.
+Unser Herz mag manchmal gewisse
+Dinge benutzen, aber unsere Liebe kann ohne
+Amulett bestehen.
+</p>
+<!-- page 104 -->
+
+<p class="date">Den 12. Dez., 10 Uhr (Postkarte).
+</p>
+
+<p>Lieblicher Tag im Regen. Alles steht gut in
+unsern Wäldern. In der Nähe hat es furchtbaren
+Kanonendonner auf beiden Seiten gegeben.
+</p>
+
+<p>Deine Briefe vom 4. und 6. empfangen. Ich
+freue mich darüber. Es ist das wahre Glück meines
+Lebens. Ich bin froh, daß Du C.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. besucht
+hast. Ich hoffe Dir ausführlicher zu schreiben.
+Nicht als ob es mir mehr als sonst an der Zeit
+fehlte, aber ich durchlebe Tage, wo ich für die
+Schönheit der Dinge weniger empfänglich bin. Ich
+strebe der wahren Weisheit zu.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p class="date">Den 12. Dez., 7 Uhr nachmittags.
+</p>
+
+<p>Trotz der wechselnden Schönheit der Sonne
+und des Regens war ich heute für das Schauspiel
+der Natur nicht empfänglich. Und doch war nie
+soviel Anmut und Güte am Himmel.
+</p>
+
+<p>Die Landschaft mit dem Brücklein und seinem
+Reiter, von der ich Dir erzählte, wurde von weicher
+Anmut unter der Pracht der Wolken durchdrungen.
+Aber ich empfand nicht wie früher den Segen
+Gottes, als plötzlich ein schöner, so schöner Baum
+zu meinem Herzen gesprochen hat. Er hat zu mir
+von der stets lächelnden Schönheit, der Frische
+des Epheus, geredet, von der herbstlichen Röte,
+von der winterlichen Schärfe der Zeichnung in
+den Baumästen; da habe ich begriffen, daß eine
+Stunde in solcher Betrachtung das ganze Leben
+<!-- page 105 -->
+ist, dem Dasein seinen Wert verleiht, neben dem
+alles menschliche Erwarten nichts ist als ein böser
+Traum.
+</p>
+
+<p class="date">Sonntag, den 13. Dezember.
+</p>
+
+<p>.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Ich ging heute nach einer erquickenden
+Nacht in diesen Wäldern spazieren, wo vor nunmehr
+drei Monaten die Toten den Boden bedeckten,
+heute breitete der Spätherbst seine Schätze
+aus und dieselbe Schönheit der bemoosten Stämme
+redete zu mir, wie gestern, von ewiger heiterer
+Anmut.
+</p>
+
+<p>Es bedarf allerdings einer ungeheuren aber
+unerläßlichen Selbstüberwindung, um zu begreifen,
+wie wenig die allgemeine Harmonie gestört wird
+durch die Ereignisse, deren Anblick unser Empfinden
+gewaltsam erschüttern.
+</p>
+
+<p>Man muß durch Erfahrung erkennen, daß ein
+körperlicher Riß wenig bedeutet und daß unser
+wahres Ich in dem Aufschwung der Seele liegt.
+</p>
+
+<p class="date">Den 14. Dezember<br />
+<span class="smaller">(bei herrlichem Wetter und<br />
+wiedergewonnener Seelenruhe).
+</span>
+</p>
+
+<p>Wir sind jetzt wieder in unserem Abschnitt der
+Feuerlinie, aber an einer Stelle, wo man den
+Kopf heben und die Anmut meiner teuern Maashügel
+genießen kann, die eine zarte Beleuchtung
+aufheitert.
+</p>
+
+<p>Ich sehe über den Dörfern und den Obstgärten
+die Birken- und Tannenreihen. Die einen färben
+<!-- page 106 -->
+ihr Baumskelett mit duftigem, weißgeädertem
+Violett, die andern unterstreichen die Horizontlinie
+mit ihren satten Farben.
+</p>
+
+<p>Ich wurde innerlich gestärkt durch die wunderbare
+Lehre, die mir während eines Marsches ein
+schöner Baum gegeben. Ach, liebe Mutter, alles
+an uns kann untergehen, die Natur besteht darum
+nicht weniger herrlich und, was sie mir in Augenblicken
+von ihren Gaben geschenkt, genügt, um ein
+ganzes Leben zu rechtfertigen. Dieser Baum war
+wie ein Soldat!
+</p>
+
+<p>Du kannst Dir nicht vorstellen, wie viel die
+Wälder in dieser Gegend gelitten haben: nicht
+sowohl durch Beschießung als durch das furchtbare,
+für den Bau von Unterständen und unsere
+Heizung notwendige Abholzen. Und doch mitten
+in dieser Verwüstung erzählte mir dieser Baum,
+daß für den Baum und den Menschen Schönheit
+immer bestehen wird.
+</p>
+
+<p>Auch der Mensch gibt dieselbe Lehre: Sie ist
+schwerer in ihm zu entziffern, ist aber schön, wenn
+man die wundervolle Lebenskraft dieser Jugend
+sieht, deren Tatkraft durch die Ernte des Todes
+nicht vermindert wird.
+</p>
+
+<p class="date">Den 15. Dezember, in der Frühe.
+</p>
+
+<p class="address">Teure geliebte Mutter!</p>
+
+<p>Ich habe Deinen lieben Brief vom 9. erhalten,
+in dem Du von unserm Heim erzählst. Ich
+<!-- page 107 -->
+bin glücklich zu fühlen, wie schön die Lebenskraft
+ist, die rasch nach jeder Trennung, jedem Riß sich
+wieder einzurichten weiß. Ich bin glücklich zu fühlen,
+daß meine Briefe in Deinem Herzen einen
+Wiederhall finden. Oft fürchtete ich Dich zu ermüden;
+denn unser Leben, das in mancher Hinsicht
+herrlich ist, ist das denkbar einfachste und
+bietet wenige hervorstechende Ereignisse.
+</p>
+
+<p>Wenn ich mein Malerhandwerk ausüben könnte,
+hätte ich die schönsten Gelegenheiten zum Sehen
+vor mir und würde über den umfassendsten Vorrat
+an malerischen Eindrücken, den es geben kann,
+verfügen. Wenn ich aber versuche Himmel, Bäume,
+Hügel und Horizont zu erzählen, gebrauche ich die
+Worte nicht so feinfühlig wie die Farben und die
+unendliche Mannigfaltigkeit der Bilder beschränkt
+sich in der Wiedergabe auf einige Grundformen,
+die, wie ich fürchte, sich wiederholen .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p class="date">Den 15. Dezember.
+</p>
+
+<p>.&nbsp;.&nbsp;. Man muß sich diesem eigentümlichen Dasein
+anpassen, das zugleich arm an geistiger Tätigkeit
+und wunderbar reich an plötzlichen seelischen
+Erregungen ist. Ich stelle mir vor, daß in unruhigen
+Zeiten, vor Jahrhunderten, Männer, des
+überfeinerten Lebens überdrüssig, im Frieden des
+Klosters die Betrachtung der ewigen Fragen aufsuchen
+und, wenn auch durch die Drohung feindlicher
+Horden belästigt, dort eine Zufluchtsstätte
+<!-- page 108 -->
+finden mochten. Ich stelle mir vor, daß unser Leben
+dem Leben dieser alten Mönche gleicht, deren
+Dasein sehr kriegerisch war, die mehr als ich für
+den Kampf geeignet waren. Unter ihnen konnten
+empfängliche Seelen Freuden genießen, die ich
+heute wiederfinde. &mdash; Ich erhalte heute einen rührenden
+Brief von Frau M.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;., deren Herzlichkeit
+ich liebe.
+</p>
+
+<p>Wechselndes, doch ergreifend schönes Wetter.
+</p>
+
+<p>Es ist unmöglich, mehr als wir getan, über
+die Haltung zu sagen, die wir den Ereignissen
+gegenüber einnehmen müssen. Worauf es ankommt,
+das ist die Ausführung. Sie ist nicht leicht; ich
+habe es dieser Tage erfahren, obgleich keine neue
+Schwierigkeit meinem Bemühen, die Weisheit zu
+erreichen, in den Weg trat.
+</p>
+
+<p>.&nbsp;.&nbsp;. Manchmal faßt man eine gewisse innere
+Unruhe, die an einem nagt, als die Stimme eines
+wachsamen Gewissens auf.
+</p>
+
+<p class="date">Den 16. Dezember.
+</p>
+
+<p>Hier in unsern Unterständen habe ich Dein
+kleines, leider arg zerknittertes Skizzenbuch hervorgeholt
+und habe versucht, einige Linien des
+Landschaftsbildes zu zeichnen. Die Kälte ließ mich
+aufhören und ich kehrte unbefriedigt zurück; da
+hatte ich den Einfall einen Kameraden Modell
+stehen zu lassen. Ich kann Dir nicht meine Freude
+schildern, als etwas dabei herauskam! Ich glaube,
+<!-- page 109 -->
+daß meine kleine Bleistiftzeichnung mir geglückt ist.
+Sie ist in einem Briefe fort für irgend einen &bdquo;Schatz&ldquo;.
+Es war mir ein wahrer Genuß zu fühlen, daß
+ich meine Fähigkeiten nicht eingebüßt habe.
+</p>
+
+<p class="date">Den 17. Dezember<br />
+<span class="smaller">in einem neuen Quartier.
+</span>
+</p>
+
+<p>.&nbsp;.&nbsp;. Gestern wurden wir von unsern Gewohnheiten
+herausgerissen, im Augenblick, wo ich, nach
+drei Tagen vollkommener Ruhe, die Schützengräben
+erster Linie verließ. Man hat uns einen Standort
+angewiesen, wo wir den 6. und 7. Oktober zugebracht
+hatten. Man spürt in der Luft, daß Neues
+im Anzug ist. Ich weiß nicht was daraus wird;
+doch die heitere Ruhe des heutigen Tages gilt
+mir als eine gute Vorbedeutung für alles Kommende.
+</p>
+
+<p>Es gab die letzten Tage wunderbare Anblicke,
+die ich jetzt besser inne werde, als in jenen wenigen
+Tagen der Niedergeschlagenheit. Es kam daher,
+daß ich mich kleinlichen menschlichen Berechnungen
+hingegeben hatte.
+</p>
+
+<p>Ich schreibe Dir an einem Fenster, von dem
+aus ich die Sonne untergehen sehe. Du siehst,
+daß es für uns immer Gutes gibt.
+</p>
+
+<p class="date">3 Uhr nachmittags.
+</p>
+
+<p>.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Ich schreibe an diesem Brief weiter in
+der Dämmerung eines einzigartigen Winters; der
+Tag schläft ebenso friedlich ein wie er erwachte.
+Ich sehe die Wäscherinnen unter der Baumreihe,
+<!-- page 110 -->
+die sich an einem Fluß entlang zieht; der Friede
+ist überall, ich glaube selbst in den Herzen. Die
+Nacht bricht herein.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p class="date">Den 19. Dezember, im Quartier.
+</p>
+
+<p>Lieblicher Tag, der um den Tisch herum seinen
+Abschluß findet. Stille. Zeichnen. Musik. Ich denke
+mit Ruhe an die Länge der kommenden Tage,
+indem ich sehe, wie rasch die vergangenen Tage
+verflogen sind. Die Hälfte dieses Monates ist nun
+vorüber, das Weihnachtsfest kommt, während des
+Krieges. Für mich heißt es nur noch, mich unsern
+Lebensbedingungen wirklich anzupassen, dann mit
+Hülfe unserer Gemeinschaft zu einer Annahme der
+Dinge zu gelangen, die einer höhern Ordnung angehört
+als die menschliche Tapferkeit.
+</p>
+
+<p class="date">Den 21. Dez., morgens früh.
+</p>
+
+<p class="address">Teuerste Mutter!</p>
+
+<p>Ich habe in meinen Briefen mit Offenheit von
+meinen Freuden gesprochen, aber die Klippe des
+Glückes ist, daß unsere arme menschliche Natur
+stets in Angst ist, es zu verlieren, ohne zu erkennen,
+daß erfahrungsgemäß die ewige Ordnung
+immer ein neues Glück neben das alte Glück stellt.
+</p>
+
+<p>Ich für mein Teil brauche kein neues zu suchen.
+Ich muß versuchen, beide Weisheiten zu vereinigen.
+Die eine, die menschlich ist, treibt mich
+dazu an, für mein Glück zu sorgen, die andere
+<!-- page 111 -->
+aber lehrt mich, daß dieses menschliche Glück eine
+gar zarte Blume ist.
+</p>
+
+<p>Man könnte sagen: Genießen wir die Freuden
+des Lebens, die ein unerbittlich strenges Gewissen
+ausgewählt hat, aber erkennen wir, was sie alle
+Vergängliches in sich haben.
+</p>
+
+<p>Ja, die heilige Schrift enthält die schönste und
+poetischste Philosophie. Ich glaube, sie verdankt sie
+ihrem Zusammenhang mit den viel älteren Philosophien.
+Bei Edouard Schuré<a href="#footnote-13" id="fnote-13"><sup>13</sup>)</a> ist manches anfechtbar,
+was man aber behalten muß, ist seine
+Deutungsgabe, die ihn durch alle Lehren hindurch
+zu der unendlich fernen Quelle der menschlichen
+Weisheit zurückgehen läßt.
+</p>
+
+<p>Weißt Du, daß die so rührenden mythischen
+Bilder von einem &bdquo;guten Hirten&ldquo; und der &bdquo;Mutter
+Gottes&ldquo;, welche in unsern Religionen so glückliche
+Anwendung gefunden haben, alte Schöpfungen
+der menschlichen Symbolik sind? Die Griechen
+hatten sie von geistigen Vorfahren erhalten und
+bei ihnen hieß der gute Hirte Hermes Psychopompos,
+Hermes der Seelenführer. Ebenso ist die
+Ahnfrau unserer Muttergottes, die große Demeter,
+die Mutter, die ein Kind auf ihren Armen trägt.
+Man fühlt, daß alle Religionen, in dem Maße,
+wie sie sich ablösten, die eine auf die andere
+immer denselben Schatz von Symbolen übertragen
+<!-- page 112 -->
+haben, welche die ewig jugendliche, menschliche
+Poesie jedesmal neu gestaltete.
+</p>
+
+
+<p class="date">Den 23. Dez. (in der Dunkelheit).
+</p>
+
+<p>Welche Ironie! Ich hatte gestern diesen Brief
+angefangen, den ich unterbrechen mußte. Das
+Wetter war herrlich, ist es übrigens ungefähr geblieben.
+Aber wir haben unsere Feuerlinie wieder
+bezogen. Diesmal halten wir das Dorf selbst besetzt,
+&mdash; die hübsche Corotlandschaft, wie vor zwei
+Monaten. Aber die Stellung unseres Vorpostens
+befindet sich in einem Hause, an dem man jede
+Ritze verschließen muß, um seine Gegenwart dem
+Feinde zu verbergen. So sind wir in einem Zimmer,
+in dem wir um neun Uhr morgens uns der
+Illusion hingeben können, als feierten wir den
+heiligen Weihnachtsabend.
+</p>
+
+<p>Dein lieber Brief, den ich kürzlich erhielt, hat
+mir viel Freude bereitet. Es ist wahr, die Anmut
+und die göttliche Begeisterung sind zwei Ausdrücke
+für denselben Begriff.
+</p>
+
+<p>Wenn Du einen Gang im Museum des großen
+Dichters Moreau<a href="#footnote-14" id="fnote-14"><sup>14</sup>)</a> machst, wirst Du ein Gemälde
+sehen, &bdquo;das Leben der Menschheit&ldquo;,<a href="#footnote-15" id="fnote-15"><sup>15</sup>)</a> glaube ich
+<!-- page 113 -->
+benannt. Es besteht aus neun Abschnitten, welche
+drei Reihen bilden, die heißen: <i>das goldene
+Zeitalter, das silberne Zeitalter, das
+eiserne Zeitalter</i>. Darüber ist ein Giebelfeld,
+von dem aus Christus diese Darstellung der
+Menschheit beherrscht. Darin aber hat dieser große
+Künstler dieselbe Vorstellung wie Du: jede der
+drei Reihen trägt den Namen eines Helden, Adam,
+Orpheus, Kain und jede von ihnen umfaßt drei
+Stunden. Die Stunden des goldenen Zeitalters
+heißen: <i>die Entzückung, das Gebet, der
+Schlaf</i>, während die Stunden des <i>silbernen
+Zeitalters</i> heißen: <i>die Begeisterung, der
+Gesang, die Tränen</i>.
+</p>
+
+
+
+<p>Die <i>Entzückung</i> ist auch die <i>Anmut</i>; denn
+das Gemälde stellt Adam und Eva dar, in der
+Reinheit ihrer Seelen, inmitten einer herrlichen
+Blütenpracht in die Betrachtung der Gottheit versenkt.
+Nichts außer einer harmonischen Natur hilft
+ihnen in ihrem Anflug zu Gott.
+</p>
+
+<p>Die <i>Begeisterung</i>, in seinem <i>silbernen
+Zeitalter</i> ist wieder die<i> Anmut</i>, aber schon, durch
+menschliche Künstlichkeit gestört. Der Dichter Orpheus
+sieht immer noch Gott, aber die Muse steht
+ihm zur Seite, das Symbol der menschlichen
+Kunst ist schon geschaffen; und die Offenbarung
+der Gottheit im Menschen, der <i>Gesang</i> ist von
+Tränen, dem Schmerze begleitet.
+</p>
+<!-- page 114 -->
+
+<p>Den Kreislauf weiter verfolgend und die Entweihung
+des Menschen erreichend, schildert Gustave
+Moreau das <i>eiserne Zeitalter</i>: Kain zur Arbeit
+und zum Verbrechen verurteilt.
+</p>
+
+<p>Dieses Werk erzählt, daß die göttliche Stunde
+greifbar, aber flüchtig ist und daß sie der gewöhnliche
+Zustand des Menschen nicht sein kann. Es
+entschuldigt unsere Niederlagen. Die malerische
+Wiedergabe dieses Gedankens ist zu buchmäßig,
+könnte mancher sagen; doch sie berührt die Seele
+derer, die durch die Eishülle hindurch lesen wollen,
+unter der in der menschlichen Wiedergabe jeder
+Gedanke erstarrt. Freilich war ein Rembrandt der
+vollkommene geniale Dichter und zugleich der reine
+&bdquo;Maler&ldquo;. Geben wir zu, daß unsere Zeit weniger
+Reichtum, eine seltenere Vielseitigkeit der künstlerischen
+Begabung aufweist; erkennen wir aber zugleich
+die Schönheit der Dichtung von Gustave
+Moreau an, deren Sinn Du in zwei Worten geahnt
+hast.
+</p>
+
+<p class="signature">Dein Sohn.</p>
+
+<p class="date">Den 24. Dez., in der Frühe.
+</p>
+
+<p>Unsern ersten Tag auf Vorposten haben wir
+in der ländlichen Ruhe einer Landschaft verbracht,
+die den Schnee erwartete. Er ist im Laufe der
+Nacht gekommen. In Hintergärten, dem Auge der
+Deutschen entzogen, habe ich mir den Schnee angesehen,
+der die kleinsten Gegenstände zeichnet und
+adelt. Dann kehre ich zum Talglicht zurück und
+<!-- page 115 -->
+nun schreibe ich Dir auf dem Tische, auf dem ein
+Nachbar Schokolade schabt. Das ist der Krieg.
+</p>
+
+<p>Das Soldatenleben bietet lustige Überraschungen.
+Wir mußten in die Feuerlinie kommen, damit zwei
+Unteroffiziere eine Badewanne finden und ein Bad
+nehmen können. Ich für mein Teil begnügte mich
+mit der Hülse einer 75ger Granate als Wasserkrug.
+</p>
+
+<p>.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Ich will nicht von Geduld sprechen, denn
+ein großer Vorrat von Geduld kann vor dem uns
+bekannten X versagen. Ich sage Dir aber, daß die
+Zeit außerordentlich rasch vergeht.
+</p>
+
+<p>Wir verleben kindliche Tage, übrigens sind wir
+Kinder solchen Ereignissen gegenüber, und die
+Wohltat dieses Krieges wird sein, daß er denen,
+die zurückkehren, die Jugend des Herzens zurückgeben
+wird.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Liebe Mutter, unser Dorf hat wieder den Besuch
+von zwei Granaten erhalten. Werden sie in
+Begleitung kommen? Gott behüte uns! Letzthin
+hatten sie uns hundert und fünfzehn geschickt, um
+einen Mann am Handgelenk zu verwunden. Ein
+Haus, in dem ein Halbzug unserer Kompagnie
+wohnt, steht in Flammen. Wir sehen niemand sich
+regen. Wünschen wir, daß für unsere Kameraden
+alles gut verläuft.
+</p>
+
+<p>Ich bin herzlich froh, diese paar Monate verlebt
+zu haben. Sie haben mich gelehrt, was man
+<!-- page 116 -->
+aus dem Leben machen kann, in welcher Form
+es sich uns auch zeigen möge.
+</p>
+
+<p>Meine Kameraden sind wunderbar in ihren
+Offenbarungen französischer Eigenart.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Sie
+scherzen, aber ihr Scherz ist die äußere Hülle eines
+herrlichen seelischen Mutes.
+</p>
+
+<p>Mein großer Fehler als Künstler ist, die Seele
+meines Volkes stets mit einem schönen, mit meinen
+eigenen Farben bemalten Gewande kleiden zu
+wollen. Diese Menschen gehen mir manchmal auf
+die Nerven, wenn sie mein schönes Kleid beschmutzen;
+in Wahrheit würde es sie arg daran
+hindern, ihre Pflicht zu erfüllen, wie sie es tun.
+</p>
+
+<p class="date">Weihnachten in der Frühe.
+</p>
+
+<p>Welche einzige Nacht! &mdash; Nacht ohne Gleichen,
+in der die Schönheit siegte, in der trotz ihrer
+blutigen Verirrungen, die Menschheit die Wahrheit
+ihres Bewußtseins bewiesen hat.
+</p>
+
+<p>Wisse, daß bei gelegentlichem Gewehrfeuer,
+ein Gesang ohne Unterbrechung auf der ganzen
+Schützenlinie sich erhob!
+</p>
+
+<p>Uns gegenüber sang eine wundervolle Tenorstimme
+das Weihnachtslied des Feindes. Viel
+weiter zurück, hinter dem Höhenzug, dort wo unsere
+Linien wieder anfangen, antwortete die Marseillaise.
+Die wundervolle Nacht verschwendete ihre
+Sterne und Meteore. Hymnen, Hymnen überall.
+</p>
+<!-- page 117 -->
+
+<p>Es war die ewige Sehnsucht nach Harmonie,
+der unbezwingliche Aufschrei nach Ordnung in
+Schönheit und Eintracht.
+</p>
+
+<p>Ich für mein Teil habe meine Erinnerungen
+eingewiegt, indem ich die köstlichen Melodien der
+<i>Kindheit Jesu</i><a href="#footnote-16" id="fnote-16"><sup>16</sup>)</a> wachrief. Die jugendliche Schönheit,
+die Taufrische dieser französischen Musik rührten
+mich. Ich dachte an den berühmten <i>Schlaf
+der Wanderer</i> und den Chor der Hirten. Ein
+Satz, den die Jungfrau Maria singt: &bdquo;Der Herr
+hat für meinen Sohn diese Stätte gesegnet&ldquo;, ließ
+mein Herz erzittern. Die Melodie sang in mir,
+während ich in diesem Häuschen saß, dessen Nachbar
+in Flammen steht und das selbst einem recht
+kümmerlichen Schicksal geweiht ist.
+</p>
+
+<p>Ich dachte an alle mir gewährten Freuden,
+ich dachte, daß vielleicht in dieser Stunde Du für
+mich um Segen flehst über meine Zufluchtsstätte.
+Der Himmel war so schön, daß er mir eine günstige
+Antwort zu gewähren schien; ich wünschte
+aber ganz besonders die Kraft zu besitzen, um
+eines fortwährend zu flehen, um Weisheit zu jeder
+Zeit, eine Weisheit, die zwar menschlich ist, aber
+trotzdem vor jeder Überraschung sicher ist.
+</p>
+
+<p>Jetzt überflutet die herrliche Sonne die Ebene,
+und ich schreibe Dir beim Kerzenlicht, von Zeit zu
+Zeit gehe ich aber und betrachte sie von den
+<!-- page 118 -->
+Hintergärten aus. Alles ist licht, und die verlassene
+Ebene empfängt den Frieden von oben.
+</p>
+
+
+<p>Ich gehe in unser Zimmer zurück, wo im
+Dämmerlicht die Kupferbeschläge der wundervollen
+Betten der Maasgegend und das geschnitzte Holz
+der Schränke schimmern. Alles hat durch den
+schlechten Gebrauch, den die Soldaten davon machen,
+gelitten, verschafft uns aber eine wirkliche
+Behaglichkeit. Wir haben Bestecke gefunden, Tafelgeschirr
+und haben zwei Tage nacheinander
+Schokolade in einer Suppenschüssel bereitet.
+Üppigkeit!
+</p>
+
+<p>O liebe Mutter, wenn mir Gott die Freude der
+Rückkehr gewährt, welche Jugend hat mir diese
+außerordentliche Zeit wieder geschenkt! Wie ich
+meinem lieben P. schrieb, führe ich hier das Leben
+eines Kindes unter so schlichten Menschen, daß
+wenn auch sehr vereinfacht, meine Lebensart für
+meine Umgebung noch recht umständlich ist.
+</p>
+
+<p>Teuerste Mutter, dieser sehr lange Krieg entwickelt
+unsere Fähigkeit im Dulden auszuharren;
+ich habe aber das Gefühl, daß sich alles so verwirklicht,
+wie es mir vorauszuahnen vergönnt war.
+Ich glaube, daß diese langen Zwischenzeiten der
+Untätigkeit das geistige Werkzeug in mir werden
+ruhen lassen. Wenn ich das Glück habe, es wieder
+benutzen zu dürfen, wird es zwar einige Zeit
+brauchen, um sich wieder in Bewegung zu setzen,
+aber welche neue Triebkraft wird es besitzen! Mein
+<!-- page 119 -->
+letztes Werk war reine Gedankenarbeit und mein
+Ehrgeiz, den alles rechtfertigen kann, ist meinem
+Gedanken mehr greifbare Form zu verleihen, je
+mehr er sich entwickeln wird.
+</p>
+
+<p class="date">Sonntag, den 27. Dezember, 9 Uhr.<br />
+<span class="smaller">5. Tag in der Schützenlinie.
+</span>
+</p>
+
+<p>Es scheint, daß die fürchterliche Stellung, die
+wir am 14. Oktober mutig behauptet haben und
+die unmittelbar darauf durch unsere Nachfolger
+verloren ging, wieder genommen wurde, mehr als
+200 Meter, aber um den Preis von 100 Mann,
+die kampfunfähig sind.
+</p>
+
+<p>Liebe Mutter, der Mangel an Schlaf nimmt
+mir den Verstand. Man bedarf zwar wenig davon
+für den täglichen Gebrauch in diesem Dasein, aber
+ich hätte gerne mit Dir geplaudert. Mein Trost
+ist, daß unsere gegenseitige Liebe keinen Ausdruck
+braucht.
+</p>
+
+<p>Weniges mitzuteilen. Ich bin arg abgestumpft
+durch den gestrigen Tag, den ich ganz im Dunkeln
+zugebracht habe. Dabei sah ich noch von meinem
+Platz aus einen hübschen Baum am Himmel.
+</p>
+
+<p>Diesen Morgen sah ich in der lieblichen Dämmerung
+einen schönen außerordentlich leuchtenden
+Stern. Ich hatte Kohlen und Wasser geholt und
+auf dem Rückweg war dieser außerordentliche
+Stern immer noch sichtbar, obgleich der Tag schon
+hell war. Mein Gefreiter, der mit mir von Strauch
+<!-- page 120 -->
+zu Strauch unserm Hause zustrebte, sagte mir:
+&bdquo;Weißt du, was das ist, dieser Stern? Nun! es
+ist das Erkennungszeichen für die feindlichen Patrouillen.&ldquo;
+Es war so, und zunächst war ich über
+die Entweihung des Himmels empört; dann aber,
+abgesehen von der sinnreichen Erfindung dieses
+Verfahrens, sagte ich mir, daß dieser Stern für
+die armen Leute auf der andern Seite die Richtung
+der Rettung bedeutete. Ich habe ihm weniger
+gezürnt. Er hatte mir so viel Freude gemacht,
+daß ich mich entschloß, bei meinem ersten Eindruck
+zu verbleiben.
+</p>
+
+<p class="date">Den 30. Dezember.
+</p>
+
+<p>Gestern abend empfing ich Deinen Weihnachtsbrief.
+Vielleicht hast Du zur Stunde, wo ich Dir
+schreibe, den meinigen vom selben Tag erhalten.
+Damals genoß ich trotz der Gefahr die Schönheit
+der Landschaft, heute aber muß ich Dir gestehen,
+daß sie mir einigermaßen vergiftet ist durch das,
+was man von dem letzten Gemetzel erzählt.
+</p>
+
+<p>Den 26. hat man uns in unseren Kampfstellungen
+gelassen, die wir zu gewöhnlichen Zeiten
+nur nachts besetzen. Wir wurden an diesem Tage
+in unserer rein defensiven Stellung bevorzugt, nur
+daß wir der feindlichen Beschießung ausgesetzt
+waren; aber zu unserer Rechten erhielt ein Regiment
+unserer Division, das eine unserer schrecklichen
+Stellungen vom 14. Oktober einnahm, einen
+<!-- page 121 -->
+furchtbaren Auftrag, dessen unglücklicher Ausgang
+mehrere hundert Menschenleben gekostet hat. Hier
+in unserm großen Dorf, wo unsere gute Wirtin,
+wie wir auch, die Opfer kannten, ist alles in Trauer.
+</p>
+
+<p class="date">Am selben Tage.
+</p>
+
+<p>.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Nichts greift die Seele an. Die Angst
+mag freilich manchmal groß sein, besonders die
+Vorahnung; aber die Fragen der Zukunft ordnen
+sich der willigen Annahme des Gegenwärtigen
+unter. Das Wetter ist mild und die Natur gleichgültig.
+Die Toten werden den Frühling nicht
+stören .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Und wenn einmal die Schrecken des Augenblicks
+vorüber sind, wenn man dann sieht, welchen
+Platz die Erinnerungen an die Dahingeschwundenen
+einnimmt, empfindet man ein fast süßes Gefühl
+bei dem Gedanken an das, was <i>wirklich</i>
+<i>besteht</i>. In diesen düstern Wäldern erkennt man,
+wie nichtig die Gräber- und Leichenfeiern sind.
+Die Seele dieser armen braven Menschen braucht
+das alles nicht.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>4 Uhr. &mdash; Ich vollende das vierte Bild; ein
+Leutnant meiner Kompagnie. Entzückt! Der Tag
+geht zur Neige. Ich sende Dir mein stets mutiges
+Gedenken, Hoffnung und Weisheit.
+</p>
+
+<p class="date">Vom 3. Januar 1915.
+</p>
+
+<p>.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Gestern, nach der ersten Befriedigung,
+die ich empfand, als ich mich von den groben
+<!-- page 122 -->
+Arbeiten befreit sah, habe ich meine Stückchen
+Tressen betrachtet und fühlte mich zunächst erniedrigt;
+denn statt der gewaltigen an keinen Titel
+geknüpften Überlegenheit, die mich aus jeder militärischen
+Bewertung ausschloß, war ich eine untere
+Nummer in der Rangordnung geworden.
+</p>
+
+<p>Aber sofort fühlte ich, daß, so oft ich meine
+roten Tressen ansah, ich meiner sozialen Pflicht
+mich erinnern müsse, die mein Individualismus
+zu oft vergißt. Ich fühlte, daß ich meine Seele
+auszubilden immer in der Lage bin, von ihr nur
+eine unbedingtere Anspannung werde verlangen
+müssen.
+</p>
+
+<p class="date">Den 4. Januar (abgeschickt den 7. Januar)<br />
+<span class="smaller">in einem Minengang
+</span>
+</p>
+
+<p>Ich schreibe Dir am Eingang eines unterirdischen
+Ganges, der unter die feindliche Stellung
+führt. Mein kleiner Posten hat den Auftrag, für
+die Sicherheit der Pioniere des Geniekorps zu
+sorgen, die einen schon ein Dutzend Meter vorgedrungenen
+Gang graben, mit Balken stützen
+und festigen. Um dorthin zu gelangen, stampfen
+wir im Schlamm bis zu den Schenkeln; aber
+unsere acht Stunden Wache sind durch eine Erdschicht
+von mehreren Metern geschützt.
+</p>
+
+<p>Ich habe sechs Posten, mit denen ich drei Tage
+lang ein Dasein von Schlaflosigkeit und Entbehrungen
+teile. Das ist das Einweihungsfest meiner
+neuen Stellung, aber ich bin froh, mich wieder
+<!-- page 123 -->
+ein wenig in den Prüfungen vergangener Tage
+zu stählen.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Es könnte übrigens geschehen, daß mir das
+Amt, das ich in Vertretung versah, in einigen
+Tagen nunmehr wirklich übertragen wird. Scheußliches
+Wetter: und um das Unglück voll zu machen,
+habe ich einen ganz neuen Schuh verbrannt
+und bin, wie die andern übrigens auch, in einem
+wahren Bad, aber in vortrefflicher Gesundheit.
+</p>
+
+<p>Teuerste, ich will etwas schlafen gehen.
+</p>
+
+<p class="date">Den 6. Januar, abends.
+</p>
+
+<p>Teure Mutter, wir sind jetzt wieder im Quartier
+nach zweiundsiebzig Stunden ohne Unterbrechung
+und Schlaf, in einem namenlosen Sirup von
+Regen und Schlamm. Ich habe verschiedene Briefe
+von Dir erhalten. Liebe, teuerste Mutter, der letzte
+ist vom ersten. Wie ich sie liebe! Doch um Dir
+von allem erzählen zu können, will ich zuerst ein
+wenig schlafen.
+</p>
+
+<p class="date">Den 7. Januar, gegen mittag.
+</p>
+
+<p>Diesen abgebrochenen Brief vollende ich im
+Polizeiraum, von wo mein Halbzug auf Wache zieht.
+</p>
+
+<p>Das Wetter ist immer scheußlich. Diese Verschiebung
+des ganzen Daseins ist unerhört. Wir
+sind im Wasser, die Wände sind voll Schlamm,
+der Boden und die Decke auch.
+</p>
+<!-- page 124 -->
+
+<p class="date">Den 9. Januar.
+</p>
+
+<p>.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Mancher Trost fehlt mir in diesen Tagen
+wegen des Wetters. Dieser entsetzliche Schlamm
+erlaubt nicht das Geringste zu schauen. Ich schließe,
+indem ich innig unsere Liebe, den festen Glauben
+an eine Gerechtigkeit anrufe, die höher ist als
+unsere menschliche.
+</p>
+
+<p>Liebe Mutter, Sendungen brauche ich tatsächlich
+nicht. Die Entbehrungen sind augenblicklich
+anderer Art, doch immer Mut. Wenn man nur
+sicher wüßte, daß die seelische Anstrengung Früchte
+tragen wird!
+</p>
+
+<p class="date">Den 13. Januar, im Schützengraben, in der Frühe.
+</p>
+
+<p>Ich möchte, wenn Ihr an mich denkt, daß Ihr
+das Bild von solchen Menschen wachruft, die alles
+verlassen hatten, Familie, Bekannte, Stellung in
+der Gesellschaft, von Leuten, welche die nächsten
+Verwandten nur noch in der Erinnerung kannten,
+von denen sie sagten: &bdquo;Wir haben einen Bruder,
+der vor langen Jahren sich von der Welt zurückgezogen
+hat, wir wissen nicht, was aus ihm geworden
+ist.&ldquo; Dann werde ich das Gefühl haben,
+daß auch Ihr jede menschliche Form der Anhänglichkeit
+aufgegeben habt und werde mich frei diesem
+Leben hingeben, das allen gewohnten menschlichen
+Beziehungen verschlossen ist.
+</p>
+
+<p>Ich beklage mich nicht über meine neue Stellung,
+sie versenkt mich wieder in Prüfungen, aber
+<!-- page 125 -->
+mit mehr Erfahrung und einigen Verbesserungen.
+Ich will also fortfahren, so vollständig, wie es mir
+möglich ist, für den Augenblick selbst zu leben;
+und das wird mir leichter werden, wenn ich fühle,
+daß Ihr selbst Euch an den Gedanken gewöhnt habt,
+daß das Leben, welches ich gegenwärtig führe,
+nicht vorübergehend zu sein braucht.
+</p>
+
+<p>Ich habe Dir nicht genug geschrieben, wie ich
+mich über die <i>Revue Hebdomadaire</i> gefreut
+habe. Ich habe darin Auszüge von Reden über
+Lamartine wiedergefunden, die mich entzückt haben.
+Die Umstände führten ihn, den Dichter, dazu,
+seiner Kunst nur noch einen winzigen Platz einzuräumen.
+Das allgemeine Leben hat ihn umkreist
+und legte seiner großen Seele eine unmittelbarere
+und stärkere Aufgabe auf, als sein Genie es erwartete.
+</p>
+
+
+<p class="date">Den 15. Januar, im neuen Quartier,<br />
+<span class="smaller">12 Uhr 30 mittags.
+</span>
+</p>
+
+<p>Wir haben keine Ahnung mehr von irgend
+einem Ausgang. Für mich ist die einzige Richtschnur
+mein Gewissen. Wir müssen unser Vertrauen
+in eine unpersönliche, von jedem menschlichen
+Vermittler unabhängige Gerechtigkeit setzen,
+in eine trotz aller äußeren Schrecken nützliche und
+harmonische Bestimmung.
+</p>
+
+<p class="date">Den 17. Januar, nachmittags, im Quartier.
+</p>
+
+<p>Was soll ich Dir schreiben, an diesem Nachmittag
+<!-- page 126 -->
+eines seltsamen Januars, wo der Schnee
+auf den Donner folgt?
+</p>
+
+<p>Unser Quartier bietet uns nennenswerte Bequemlichkeiten,
+besonders aber eine berauschende
+Poesie. Stelle Dir einen See vor in einem von
+hohen Hügeln beschützten Park, dann ein Schloß
+oder vielmehr ein vornehmes Landhaus. Wir
+wohnen in den Nebengebäuden, aber ich brauche
+weder Tafelwerk noch äußerste Bequemlichkeit, um
+das Traumleben, das ich seit drei Tagen führe,
+zu vervollständigen. Gestern erhielt unsere liebenswürdige
+Gesellschaft den Besuch von Sängern.
+Wir waren sehr weit entfernt von der Musik, die
+ich liebe; aber die sentimentale und volkstümliche
+Romanze ersetzte die edle Kunst durch das Feuer
+der Überzeugung bei dem Sänger. Dieser Arbeiter,
+der ehrbare, ja moralische Lieder sang &mdash; eine
+etwas unreine Moral, aber immerhin eine Moral
+&mdash; legte soviel Seele hinein, daß der Klang seiner
+Stimme unsere Hauswirtinnen rührte. Das ist
+das volkstümliche Ideal, ein wesenloses, rein
+negatives Ideal, das aber schmerzvolle Monate
+mich gelehrt haben, mit Wohlwollen zu beurteilen.
+</p>
+
+<p>Ich lese eben, daß Charles Péguy am Anfang
+des Krieges gefallen ist.<a href="#footnote-17" id="fnote-17"><sup>17</sup>)</a> Wie viel Lücken hat
+der Tod in den Reihen der französischen Geisteswelt
+<!-- page 127 -->
+gerissen! Was uns unfaßbar ist (was aber
+ganz natürlich ist), ist, daß die bürgerliche Gesellschaft
+ihr gewohntes Leben weiterführen kann,
+während wir in diesem Unwetter sind. Ich sah in
+einem Cri de Paris, der hierher getrieben wurde,
+Programme von Konzerten. Welcher Gegensatz!
+Nun, liebe Mutter, die Hauptsache ist, daß wir
+in einigen Stunden der Gnade Schönes erkannt
+haben. Das Wetter ist entsetzlich, aber man fühlt
+das Kommen des Frühlings. Nichts spricht augenblicklich
+von Hoffnung für den Einzelnen, sondern
+von fester Zuversicht für die Allgemeinheit.
+</p>
+
+
+<p class="date">Den 19. Januar.
+</p>
+
+<p>Seit gestern sind wir in unsern Stellungen
+zweiter Linie; wir sind hierher gekommen bei herrlichem
+Schnee- und Frostwetter. Ein stürmischer
+Himmel, rosa und entzückend, schwebte über einem
+traumhaften schneeweißen Wald, die Bäume unten
+durchsichtig blau, oben braun in zarten Verästelungen,
+die Erde weiß.
+</p>
+
+<p>Ich habe zwei Packete erhalten, in denen das
+<i>Rolandslied</i> mir unendliche Freude bereitet.
+Die Einleitung, die von dem Volksepos handelt,
+spricht gerade von dem <a id="corr-6"></a>Mahâbhârata, das, wie
+es scheint, die Kämpfe der guten mit den bösen
+Geistern erzählt.
+</p>
+
+<p>Ich freue mich über Deine so lieben Briefe.
+<!-- page 128 -->
+Was die Leiden betrifft, die Du vermutest, in
+Wirklichkeit sind sie sehr erträglich.
+</p>
+
+<p>Was man aber bekennen muß, übrigens ohne
+Scham, ist, daß wir ein bürgerliches Volk sind.
+Wir haben den Honig der Kultur genossen, einen
+ohne Zweifel vergifteten Honig! Doch nein! Sicherlich
+ist dieses bequeme Dasein harmonisch und der
+gewöhnliche Verlauf unseres Lebens soll nicht eine
+Vorbereitung auf die Gewalttätigkeit sein, eine
+Gewalttätigkeit, die vielleicht heilsam ist, in deren
+Mitte wir aber die in Friedenszeit geahnte Ordnung
+nicht aus den Augen verlieren dürfen.
+</p>
+
+<p>Die Ordnung führt zum ewigen Frieden. Die
+Gewalttätigkeit bringt das Leben in Umlauf. Unsere
+Zielpunkte sind Ordnung und ewiger Friede; aber
+ohne die Gewalttätigkeit, welche den Vorrat an
+verwendbarer Energie entfesselt, wären wir geneigt,
+die Ordnung als schon erreicht zu betrachten, eine
+verfrühte Ordnung, die nichts weiter als Scheinleben
+wäre und das Kommen der letzten Ordnung
+nur hemmen würde.
+</p>
+
+<p>Unsere Qualen kommen nur von der Enttäuschung,
+die uns diese Verzögerung bereitet;
+aber die menschliche Geduld ist immer zu schwach,
+um das Kommen der wahren Ordnung zu erwarten.
+Auf alle Fälle und trotz unserer Leiden,
+wollen wir lieber nicht die Werkzeuge der Gewalttätigkeit
+sein. Es ist ungefähr, wie wenn eine geschmolzene
+Masse zu schnell und in unrichtiger
+<!-- page 129 -->
+Weise erkaltet; man muß einen neuen Guß vornehmen
+und die Masse nochmals dem Feuer aussetzen.
+Das ist die Aufgabe der Gewalttätigkeit
+in der menschlichen Entwicklung; aber diese nützliche
+Gewalttätigkeit darf uns nicht vergessen lassen, was
+unser ästhetisches Bürgerleben an dauerhafter Ordnung
+in Frieden und Harmonie errungen hatte.
+Unsere Qualen kommen gerade daher, daß wir das
+nicht vergessen können.
+</p>
+
+<p class="date">Den 20. Januar, früh morgens.
+</p>
+
+<p>Glaube nicht, daß ich mir den Schlaf rauben
+lasse. In dieser Beziehung ist unsere Hygiene sehr
+unregelmäßig; bald schlafen wir drei Tage und
+drei Nächte, bald ist es umgekehrt.
+</p>
+
+<p>Augenblicklich fängt die Natur wieder an, mir
+ihren Trost zu bringen. Die fürchterliche Regenzeit
+wird durch schöne Kältetage unterbrochen. Wir leben
+in einem schönen Frost- und Schneewetter, der harte
+Boden festigt unsere Schritte.
+</p>
+
+<p>Mein bescheidener Rang bringt mir die Möglichkeit
+ein, mich etwas abzusondern. Ich habe nicht
+mehr meinen schönen nächtlichen Gang, aber am
+Tag erlaubt mir die Befreiung von dem Arbeitsdienst
+die Schönheit der Dinge zu genießen. Gestern unvergeßlicher
+Sonnenuntergang. Ein Himmel wie
+Schaum, in dem zarte, farbige Streifen sich zerfasern;
+unten die kalte Bläue des Schnees.
+</p>
+
+<p>Liebe Mutter, es war ein Heimwehabend. Diese
+<!-- page 130 -->
+Verse, die mir so vertraut sind, klangen friedlich
+an mein Ohr:
+</p>
+
+<div class="poem">
+<p class="line">Mein Kind, meine Schwester,</p>
+<p class="line">Denke, wie süß es wäre,</p>
+<p class="line">Dorthin zu gehen, mit Dir zu leben .&nbsp;.&nbsp;.</p>
+<p class="line">In dem Lande, daß Dir gleicht.</p>
+</div>
+
+<p>Ja, die &bdquo;<i>Aufforderung zur Reise</i>&ldquo; von
+Baudelaire<a href="#footnote-18" id="fnote-18"><sup>18</sup>)</a> zog durch den entzückenden Himmel.
+Ach! ich war weit weg vom Kriege. Doch Rückschlag
+des Irdischen; als ich zurückkam, wäre ich
+beinahe um mein Mittagessen gekommen .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p class="date">Den 20. Januar, abends.
+</p>
+
+<p>Stete Ergebenheit. Anpassung an das Leben,
+das nicht rastet und sich um unsere kleinlichen
+Forderungen nicht kümmert.
+</p>
+
+<p class="date">Den 21. Januar.
+</p>
+
+<p>Jetzt sind wir wieder in unseren Stellungen in
+erster Linie. Der Schnee folgte uns nach, leider aber
+auch das Tauwetter. Zum Glück verlangt unsere
+jetzige Stellung nicht den schrecklichen Aufenthalt im
+Wasser der Schützengräben.
+</p>
+
+<p>Wer wird die Anmut der Bäume im Winter
+schildern? Habe ich Dir gesagt, was Anatole
+France darüber im Mannequin d&rsquo;Osier<a href="#footnote-19" id="fnote-19"><sup>19</sup>)</a> schreibt?
+Er liebt ihr feingegliedertes Skelett und ihre innerliche
+<!-- page 131 -->
+Schönheit, die der Winter vollkommener offenbart.
+Auch ich liebe den wundervollen Kontrapunkt
+ihres Geästes mit den tausendfach verschlungenen
+Linien auf dem Grundton des Himmels.
+</p>
+
+
+
+<p>Von unserm Unterstand aus sehe ich unser Dorf;
+das Unglückliche zerfällt und zerbröckelt immer mehr.
+Jeden Tag geben ihm die Granaten mehr den
+Rest. Die Kirche ist auseinandergerissen, doch ihre
+zerstückelte Schönheit verharrt trotz Allem. Das
+Dorf ist so hübsch zwischen seinen zwei zierlich gezeichneten,
+köstlichen Hügeln versteckt!
+</p>
+
+<p>Wir hatten viel Glück in zweiter Linie. Das
+Schneewetter war wirklich schön und gnädig. Gestern
+beschrieb ich Dir den Sonnenuntergang von neulich
+und wie wir vorher in diese herrlichen Wälder
+gekommen sind .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p class="date">Den 22. Januar.
+</p>
+
+<p>.&nbsp;.&nbsp;. Ich habe Dir einige Verse geschickt; ich
+weiß nicht was sie wert sind, sie haben mich mit
+dem Leben versöhnt. Dann war unser letztes Quartier
+auch wirklich wundervoll reich an Gaben der Schönheit,
+über Gestein fließendes Gewässer .&nbsp;.&nbsp;. Weite
+und klare Wasserspiegel in Parkhintergründen,
+stehende Teiche, träumerische Alleen; das vermag
+<!-- page 132 -->
+die rohe Gewalt nicht zu entweihen, heute Sonnenschein
+auf dem Schnee. Die Schönheit des Schnees
+war tief erschütternd, wir hatten aber auch häßliche
+Tage gehabt; Tage, wo man nichts als unerfreulichen
+Schlamm sieht.
+</p>
+
+<p>Es scheint, daß wir nicht in unser hübsches Quartier
+zurückkehren werden. Offenbar ist etwas in Vorbereitung;
+denn der regelmäßige Verlauf unseres
+Winterlebens hat ein Ende genommen.
+</p>
+
+<p class="date">2 Uhr nachmittags.
+</p>
+
+<p>Herrliches Wetter, Vorbote des Lenzes; wir
+können es ausnutzen, da unser jetziger Standort
+erlaubt, die Nase herauszustecken.
+</p>
+
+<p>Ich kann Dir heute nur schlecht schreiben, Dir
+nur den Ausdruck meiner Liebe schicken. Dieser
+Krieg ist lang und ich kann nicht einmal von Geduld
+sprechen. Meine einzige Freude ist, daß ich
+Dir oft, während fünf ein halb Monaten, sagen
+konnte, daß nicht alles häßlich war.
+</p>
+
+<p class="date">Den 23. Januar.
+</p>
+
+<div class="tb"><hr class="dash" /></div>
+
+<p>.&nbsp;.&nbsp;. Ich für mein Teil habe keine Wünsche mehr.
+Wenn die Prüfungen wirklich hart werden, begnüge
+ich mich damit, recht unglücklich zu sein, ohne etwas
+anderes ins Auge zu fassen.
+</p>
+
+<p>Wenn sie nachlassen, dann fange ich an zu
+denken, zu träumen, und meine teure Vergangenheit
+<!-- page 133 -->
+erscheint mir mit derselben fernen Poesie, die in
+glücklichen Zeiten meine Träumereien fremden
+Ländern zuführte. Eine liebgewonnene Straße, gewisse
+oft besuchte Gegenden tauchen plötzlich auf,
+wie früher gewisse Melodien, gewisse Verse plötzlich
+traumhafte Inseln, Märchenländer in mir
+erstehen ließen. Jetzt braucht es keine Verse oder
+Melodien; die Lebendigkeit unserer lieben Erinnerungen
+genügt.
+</p>
+
+<p>Ich kann mir nicht einmal mehr vorstellen, wie
+ein neues Leben aussehen könnte; ich habe nur
+die Zuversicht, daß wir Lebendiges schaffen.
+</p>
+
+<p>Für wen, für wann? darauf kommt es nicht
+an. Was ich weiß, was in meinem tiefsten Innern
+feststeht, ist, daß die Saat französischen Denkens
+aufgehen wird und das Geistesleben unseres Volkes
+unter den tiefen Wunden, die ihm geschlagen sind,
+nicht leiden wird.
+</p>
+
+<p>Wer sagt uns, daß der Bauernbursche, der
+Kamerad des gefallenen Denkers, nicht der Erbe
+seines Gedankens wird? Keine Erfahrung vermochte
+uns diese herrliche Erleuchtung einzugeben.
+Der Sohn des Bauern, der einen jungen Gelehrten,
+einen jungen Künstler hat fallen sehen, wird vielleicht
+das unterbrochene Werk wieder aufnehmen;
+er wird vielleicht das Glied in der Kette der einen
+Augenblick gehemmten Entwicklung sein. Das ist
+das wahre Opfer: auf die Hoffnung verzichten zu
+müssen, Fackelträger zu sein. Für das spielende
+<!-- page 134 -->
+Kind ist es schön, die Fahne zu tragen; dem Manne
+muß es genügen zu wissen, daß die Fahne getragen
+wird, trotz Allem! Darin bestärkt mich jeder Augenblick
+der erhabenen Natur. Jede Minute beruhigt
+mein Herz; die Natur macht Fahnen aus dem
+ersten Besten. Sie sind schöner als diejenigen, an
+die unsere kleinen Gewohnheiten sich anklammern.
+Fahnen der Wissenschaft, Fahnen der Kunst, welche
+Flocke in der Luft käme euch nicht gleich? Und
+immer wird es Augen geben, um die Lehren des
+Himmels und der Erde aufzunehmen.
+</p>
+
+<p class="date">Den 26. Januar.
+</p>
+
+<p>Dein lieber Brief vom 20. hat mich gestern
+abend erreicht. Du darfst es mir nicht übel nehmen,
+wenn mir manchmal, wie in meinem Briefe vom
+13., das fehlt, was ich mich doch stets bemüht
+habe zu erwerben. Doch ich bitte Dich zu bedenken,
+was ein junger Mensch in voller Schaffenskraft,
+empfinden muß, in dem Augenblick, wo das Leben
+für ihn eine Zeit fortwährender Blüte sein müßte,
+wenn man ihn entwurzelt und auf einen trockenen
+Boden verpflanzt, auf dem ihm fast alles seiner
+gewohnten Nahrung fehlt.
+</p>
+
+<p>Nun denn! von dem Augenblick, wo nach dem
+ersten Riß das Leben ihn nicht verlassen hat, bemüht
+er sich aus den dürftigen Säften seiner neuen
+Lage zu schöpfen. Die Anstrengung ist groß und
+verlangt mitunter eine Anspannung aller Kräfte,
+<!-- page 135 -->
+die für Erinnerungen und Hoffnungen keinen Raum
+läßt. Es ist ein fortwährendes Streben nach Anpassung
+und ich erreiche sie, außer in den Stunden
+der rasch unterdrückten Empörung, wo die
+Gedanken, die Handlungen meines vergangenen
+Lebens, sich erheben, wie wenn ich sie nicht vergessen
+hätte. Ich brauche dann meine ganze Kraft,
+um meine herzzerreißenden Erinnerungen in der
+Ergebung in den gegenwärtigen Augenblick zu ertränken.
+</p>
+
+<p>Ich dachte an die schlimmen Stunden, die auch
+Ihr habt, und die Vernunft war es, die mich Euch
+zu einer sehr unpersönlichen Auffassung unseres
+Verhältnisses ermuntern ließ. Ich weiß, wie stark
+und auf diese Auffassung vorbereitet Du bist. Doch
+Du hast recht, nehmen wir den Schmerz nicht vorweg.
+Aber manchmal unterscheidet man nicht mehr
+deutlich wirklichen Schmerz, der uns quält, von
+jenem, der kommen könnte.
+</p>
+
+<p>Merket wohl, <i>daß ich alle Hoffnung</i> habe
+und daß ich auf einen Sieg der Gnade zähle; aber
+vor allem bestrebt ein Künstler zu sein, bemühe ich
+mich so viel Schönheit wie möglich zu gewinnen
+und so schnell wie möglich, da ich die Frist, die
+uns vergönnt ist, nicht kenne.
+</p>
+
+<p class="date">Den 27. Januar, nachmittags.
+</p>
+
+<p>Nach zwei &mdash; wegen des Mangels an Stroh
+&mdash; schlechten Nächten im Quartier ist die dritte durch
+<!-- page 136 -->
+unsern plötzlichen Abmarsch in unsere Stellung
+zweiter Linie unterbrochen worden. Dort habe ich
+endlich schlafen können.
+</p>
+
+<p>Herrliches Wetter, Frost und Sonne.
+</p>
+
+<p>Die weite Natur beginnt mich wieder zu umfangen
+und ihre jetzt mächtigere Stimme stärkt mich. &mdash;
+Aber, Teuerste, was für ein Riß im Leben! Seit
+meiner Beförderung habe ich soeben Augenblicke
+erlebt, die in weniger fürchterlicher Form an die
+Anfänge des Septembers erinnern, mit viel Schönem
+dazu. Ich nehme dieses neue Leben an; aber
+kein Ausblick in die Zukunft! .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p class="date">Den 28. Januar, in der Morgensonne.
+</p>
+
+<p>Das eiskalte strahlende Wetter hat das wundervolle
+an sich, daß es in seinem weiten, klaren
+Himmel eine Pforte für die Poesie offen läßt.
+Was ich Dir über dieses schöne Schneewetter
+sagen konnte, das kam aus einem durch die siegreiche
+Schönheit gestärkten Herzen.
+</p>
+
+<p>Ich habe mit Freuden in den Zeitschriften, die
+Du mir geschickt hast, die Abhandlungen über
+Molière, über das englische Parlament, über
+Martainville, über die religiösen Fragen im
+Jahre 1830 gelesen.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Habe ich Dir gesagt, daß ich durch die Zeitungen
+den Tod von Hillemacher<a href="#footnote-20" id="fnote-20"><sup>20</sup>)</a> erfahren habe.
+<!-- page 137 -->
+Dieser liebenswürdige Kamerad ist im Verlauf
+dieses schrecklichen Krieges gefallen.
+</p>
+
+
+<p class="date">Den 1. Februar.
+</p>
+
+<p>Teuerste Mutter, ich habe Deine lieben Briefe
+vom 26. und 27. erhalten: sie geben mir neues
+Leben, wahrhaftig. Bis jetzt ist unsere Stellung
+erster Linie &mdash; diesmal in einem Dorfe &mdash; durch eine
+völlige Ruhe begünstigt worden, und ich habe
+wieder die beglückenden Stunden gekannt, wo die
+Natur mich tröstete. Meine Stellung hat das Besondere,
+daß die Dienstarbeiten, die ich verrichte,
+jetzt durch die Gefühle der Verpflichtung dem
+Ganzen gegenüber nicht mehr durch die gefühllose
+<a id="corr-7"></a>Bestimmung der Dienstordnung befohlen sind.
+</p>
+
+<p class="date">Den 2. Februar.
+</p>
+
+<p>Liebe Mutter, ich schreibe an diesem Briefe im
+Quartier weiter, während die außerordentliche Inanspruchnahme
+durch die sich häufenden Dienstarbeiten
+die leeren Stunden füllt, welche die Schwermut
+trüben möchte. Ich komme in die dunkeln
+Tage, wo das Nichts das letzte Ende aller Dinge
+zu sein scheint, während alles in meinem Leben
+die reiche Fülle des Weltalls mir bezeugte. Die
+Hingabe nicht an Einzelne, sondern an das gesellschaftliche
+Ideal brüderlicher Zusammengehörigkeit,
+die ist es, die mich noch aufrecht hält. Ach, welch
+herrliches Vorbild geben uns Christus und die
+Armen! Dieser Gerechte, ein Aristokrat, hat durch
+<!-- page 138 -->
+den herben Ernst seiner Lebensaufgabe das Grenzenlose
+der Pflicht der Nächstenliebe bewiesen und
+vor allem gelehrt, daß man dafür keinen Dank
+verlangen soll .&nbsp;.&nbsp;. Ich verdanke meinem Verkehr
+mit den Dingen und den Menschen die Beruhigung,
+daß ich nichts vom Nächsten erwarte. So nimmt
+die Pflicht eine abstrakte, von menschlichen Rücksichten
+befreite Form an, die das Gräßliche dieser
+Lage verhüllt.
+</p>
+
+<p>Heute ein unerhört schöner Sonnenaufgang!
+Wieder ein Frühling, der naht .&nbsp;.&nbsp;. Ich will Dir
+unsere drei Tage in der Feuerlinie erzählen.
+</p>
+
+<p>Schnee und Frost. Wir sind die Abhänge
+herunter, die zu unserer Stellung im Dorfe führen.
+In diesem Augenblicke war die Nacht so schön,
+daß die Soldaten davon gerührt waren. Ich werde
+Dir nie die feinen und doch bestimmten Linien
+dieser Landschaft schildern können. Wie ließe sich
+diese zarte, wie mit dem Grabstichel ausgeführte
+Zeichnung deutlich machen, die sich mit den traumhaften
+Nebeln verbindet, über denen der Mond
+schwebt? Während drei Tagen führte mich mein
+Nachtdienst in diese keusche Schönheit, in diese
+Weiße hinein.
+</p>
+
+<p>Dunkle Verästelung der Bäume, zart wie Goldschmiedearbeit.
+Und trotz der Einfarbigkeit, Halbtöne,
+rotbraune und blaue Halbtöne.
+</p>
+
+<p>Es gibt Stunden von solcher Schönheit, daß
+der nicht sterben sollte, der sie umfängt.
+</p>
+<!-- page 139 -->
+
+<p>Ich war weit vor den ersten Linien und niemals
+fühlte ich mich geschützter. Diesen Morgen,
+auf dem Rückweg, Sonnenaufgang, rosa und grün,
+auf dem rosa und blauen Schnee; freie Aussicht
+auf ein Mosaik von Wäldern und schneebedeckten
+Feldern; in der Ferne Hintergründe, in denen die
+Silbertöne der Maas ersterben. O Schönheit,
+allem zum Trotz!
+</p>
+
+<p class="date">Den 2. Februar.
+</p>
+
+<p>Nach endlos traurigen Tagen, plötzliche und
+flüchtige Ausblicke philosophischen Gleichmutes.
+Pflicht, herbe, doch stärkende Trösterin. Unerhörte
+Schönheit mancher Landschaftsbilder.
+</p>
+
+<p class="date">Den 3. Februar.
+</p>
+
+<p class="address">Teure geliebte Mutter,</p>
+
+<p>Soeben empfange ich im Quartier Deinen Brief
+vom 29. Namenloser Tag, ohne greifbare Gestalt,
+Tag, in dem trotzdem der Frühling geheimnisvoll
+zu quellen anfängt. Warme Luft in der Verlängerung
+der Tage; plötzliches Erschlaffen, wie ein
+Vergehen in der Natur. Ach! wie süß wäre dieser
+Schauer der Dinge losgelöst von diesem Sklavenleben;
+doch hier läßt die Erschlaffung, die gewöhnlich
+den Frühling begleitet, die Last nur schwerer
+empfinden. Liebe Mutter, wie glücklich bin ich,
+die Teilnahme aller in der Ferne zu verspüren.
+Ach! es gibt doch noch zarte Regungen.
+</p>
+
+<p>Ich bin über die Zeitschriften entzückt, in denen
+<!-- page 140 -->
+ich in einem herrlichen Artikel über Louis Veuillot<a href="#footnote-21" id="fnote-21"><sup>21</sup>)</a>
+diesen Satz mir merkte: &bdquo;O mein Gott, nimm von
+mir die Verzweiflung und laß mir den Schmerz!&ldquo;
+Ja wir dürfen die fruchtbare Lehre des Schmerzes
+nicht verkennen und, wenn ich aus diesem Kriege
+zurückkomme, werde ich eine ohne Zweifel bereicherte
+und veredelte Seele zurückbringen.
+</p>
+
+<p>So habe ich denn mit Freuden Vorträge über
+Moliere gelesen und in seinem Leben wie anderswo
+die Einsamkeit erkannt, in der die erhabenen
+Seelen umherirren. Aber ich verdanke meinen alten
+Herzenswunden, daß ich nie mehr durch die Schuld
+anderer leiden werde. Geliebte Mutter, morgen
+schreibe ich Dir besser.
+</p>
+
+<p class="date">Den 4. Februar.
+</p>
+
+<p>Gestern abend, als ich in meine Scheune zurückkehrte.
+Trunkenheit, Streitereien, Geschrei, Singen
+und Geheul. So ist das Leben! .&nbsp;.&nbsp;. Heute morgen
+aber, da mir das Erwachen nur diese Erinnerung
+zuführte, bin ich vor der Zeit aufgestanden und
+habe meinen Freund den Mond wieder getroffen,
+die große Nacht, die verflog und die Morgenröte,
+die sich meiner erbarmte! Der gesegnete Frühlingstag
+vergoldet Alles und teilt seine Versprechungen
+und Hoffnungen aus. &mdash; Teuerste, ich denke über den
+Titel nach, den Tolstoi gewählt hat: <i>Krieg und
+Frieden</i>. Früher glaubte ich, er wolle den Gegensatz
+<!-- page 141 -->
+zwischen diesen zwei Zuständen wachrufen;
+heute aber frage ich mich, ob er nicht diese zwei
+Gegensätze in dem Gefühl ihrer Nichtigkeit vereinigt
+hat, ob nicht die Menschheit, sei es im
+Krieg oder im Frieden, ihm in gleichem Maße zur
+Last war. Wir müssen freilich dem Bemühen gut
+zu sein treu bleiben; aber unwillkürlich fassen wir diese
+Mahnung ähnlich wie jene Maueranschläge auf:
+&bdquo;Schonet die Tiere&ldquo;. &mdash; Wie wird inmitten der
+täglichen Arbeit die Selbstprüfung hart!
+</p>
+
+
+<p class="date">Den 5. Februar.
+</p>
+
+<p>Schlaflose Nacht. Abscheuliche Rückkehr in die
+Scheune. Derartiger Höllenlärm, daß die Gefreiten
+Klage führen mußten. Strafen.
+</p>
+
+<p>Am Morgen, Marsch, und zur Erholung in
+dieser Nacht, Arbeit.
+</p>
+
+<p class="address">Teure, geliebte Mutter,</p>
+
+<p class="date">Den 6. Februar.
+</p>
+
+<p>Nach der schlaflosen,<a href="#footnote-22" id="fnote-22"><sup>22</sup>)</a> vielmehr weinroten Nacht
+im Quartier mußten wir eine ganze Nacht Dienstarbeit
+leisten. Daher schlief ich bis zum Augenblick,
+wo ich Dir schreibe. Der Schlaf und die
+Nacht sind die zwei Zufluchtsstätten, wo das Leben
+noch einen Reiz bietet.
+</p>
+
+
+<p>Liebe Mutter, ich durchlebe wieder die herrliche
+Legende von Sarpedon und diese köstliche Blüte
+<!-- page 142 -->
+der griechischen Mythologie ist mir noch ein Trost.
+Lies diese Episode der Ilias in meiner schönen
+Übersetzung von Lecomte de l&rsquo;Isle und Du wirst
+sehen, daß Zeus dem Schicksal gegenüber Worte
+ausspricht, in denen das Gefühl des Unendlichen
+und Göttlichen so herrlich erstrahlt wie in der
+christlichen Passion. Er leidet und sein väterliches
+Herz kämpft lange; dann ergibt er sich in den Tod
+seines Sohnes. Aber Hypnos und Thanatos werden
+ausgesandt, um den geliebten Leichnam zu
+empfangen.<a href="#footnote-23" id="fnote-23"><sup>23</sup>)</a>
+</p>
+
+<p>Hypnos, der Schlaf. Daß es soweit mit mir
+gekommen ist, dem jede Stunde des Tages eine
+Lust war, den jeder Augenblick tätiger Arbeit von
+Stolz erbeben ließ. Ich überrasche mich selbst bei
+dem Wunsche, weit weg von den mich umgebenden
+Stürmen zu fliehen.
+</p>
+
+<p>Aber der schöne hellenische Optimismus erstrahlt
+immer noch auf den Schalen des Louvre.
+Die beiden Genien geben Sarpedon die Unsterblichkeit
+nach seinem körperlichen Tode und wahrlich,
+Schlaf und Tod steigern und erweitern unsere
+menschliche Beschränktheit ins Unendliche.
+</p>
+
+<p>Thanatos: ein Geheimnis, dessen Grauen wir
+dem Mißverständnis verdanken, welches der Genuß
+des Augenblickes uns im allgemeinen zu beseitigen
+verhindert. Aber lies die feierlichen, friedlichen
+<!-- page 143 -->
+und ewigen Sätze Maeterlincks in seinem Buche
+über den Tod und sieh, wie sie harmonisch zusammenklingen
+mit unserer seelischen Erregung über
+die fürchterliche Tragödie.
+</p>
+
+
+<p class="date">Den 7. Februar.
+</p>
+
+<p class="address">Teuerste vielgeliebte Mutter,</p>
+
+<p>Gestern Deinen herrlichen Brief vom 1. erhalten.
+Fürchte Dich nicht das zu schicken, was Du für
+Plaudereien halten könntest. Deine Liebe, die Gleichheit
+unserer Herzen zeigen sich deutlich in Deinen
+Briefen. Das ist das einzige, was für mich gilt.
+Übrigens bringen sie mir tausend andere Dinge
+von Bedeutung, Lebensfragen.
+</p>
+
+<p>Wir verleben Stunden erdrückender Arbeit,
+vor der mich meine Stellung einigermaßen sichert.
+Aber für die Mannschaften gibt es Reihen von
+fünf schlaflosen Nächten, von ähnlichen Reihen gefolgt.
+</p>
+
+<p class="date">Den 9. Februar.
+</p>
+
+<p>Noch eine Oase, in der ich, dem Verschmachten
+nahe, wieder einmal den Augenblick der Tröstung
+erreiche. Der leichte erfrischende Windhauch weht
+noch einmal. Ich hatte das Glück, zum wachhabenden
+Gefreiten in einer reizenden Gegend ernannt
+zu werden, wo ich Höchstkommandierender
+bin. Entzückendes Frühlingswetter. Was soll ich
+Dir von dieser Landschaft erzählen, deren mächtigen
+Pulsschlag ich nie so deutlich empfunden? Die
+<!-- page 144 -->
+Stunden und Jahreszeiten folgen aufeinander mit
+einer solchen Sicherheit &mdash; unabwendbar &mdash; einer
+solchen erhabenen Ruhe des Ganzen, daß derjenige,
+der ihr Kommen erspäht, das Ungeheure
+der Urkraft ahnt.
+</p>
+
+<p>Oft schon hatte ich die Freude gekannt, den
+Frühling oder eine andere Jahreszeit zu schauen,
+nie war es mir aber vergönnt, jeden ihrer Augenblicke
+zu erleben. Wie erlangt man doch dadurch
+ohne Hilfe irgend einer Wissenschaft eine zwar
+unbestimmte, aber doch unleugbare Anschauung
+eines Unbedingten!
+</p>
+
+<p>Ein armer Mann, vielleicht ein genialer Gelehrter,
+erklärte, daß er unter seinem Seziermesser
+Gott nicht gefunden habe. Wie ist doch dieses
+Mißverständnis in einer so hochstehenden Seele
+verletzend! Was braucht man ein Seziermesser,
+wenn das Entzücken und der Schauer unserer
+Sinne genügen, um uns die ewige, alle Entwicklung
+bestimmende Ordnung begreifen zu lassen. Der
+Dichter sieht die Jahreszeiten wie große Schiffe
+kommen, deren Rückkehr er vorausberechnet. Mitunter
+verzögert sie der Sturm, bald aber kommen
+sie trotzdem an und bringen die Düfte unbekannter
+Länder mit. Eine wiederkehrende Jahreszeit scheint
+wonnige Gefühle mit sich zu führen, die sie auf
+langer Fahrt gesammelt hat. Ach, liebe Mutter,
+könnten wir doch noch einmal die Einsamkeit erleben!
+<!-- page 145 -->
+O Einsamkeit für die, die ihrer würdig
+sind! Wie wird sie mitunter entweiht!
+</p>
+
+<p class="date">Den 11. Februar.
+</p>
+
+<p>.&nbsp;.&nbsp;. Vielleicht ist es die herrliche Bestimmung
+und das Vorrecht unserer Generation, Zeuge dieser
+entsetzlichen Ereignisse zu sein, aber um welchen
+fürchterlichen Preis müssen wir es erkaufen .&nbsp;.&nbsp;.
+Dennoch: ewiger Glaube, der alles beherrscht!
+Glaube an eine Entwickelung, eine unsere menschliche
+Geduld übersteigende Ordnung.
+</p>
+
+<p class="date">Den 11. Februar,<br />
+<span class="smaller">2. Tag in der vordersten Stellung.
+</span>
+</p>
+
+<p>In diesen Augenblicken muß man in einer außerhalb
+des Menschlichen liegenden Opferfreudigkeit
+seine Zuflucht suchen; denn es ist unmöglich, über
+den Punkt, den wir erreicht haben, hinauszugehen.
+Gebt alles menschliche Hoffen auf. Sucht etwas
+anderes, vielleicht habt Ihr es gefunden. Ich für
+mein Teil fühle mich nicht würdig, etwas anderes
+zu sein als eine Erinnerung.
+</p>
+
+<p>Ich habe versucht, im Schlamm einige Blumen
+zu pflücken. Behaltet sie zum Andenken an mich.
+</p>
+
+<p>5 Uhr nachmittags. Trotz Allem Mut, Mut
+trotz Allem.
+</p>
+
+<p class="date">Den 13. Februar,<br />
+<span class="smaller">4. Tag in der vordersten Stellung.
+</span>
+</p>
+
+<p>Teuerste, nach der tränenreichen Empörung, die
+mich während dieser ganzen Zeit erschüttert hat,
+<!-- page 146 -->
+vermag ich wieder zu sagen: &bdquo;Dein Wille geschehe.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Und in dem Maße und der Ausdehnung meiner
+Fähigkeiten möchte ich derjenige sein, der an
+der Möglichkeit seines Mitwirkens am Ausbau des
+Tempels nicht verzweifelt.
+</p>
+
+<p>Ich möchte der Arbeiter sein, der weiß, daß
+sein Gerüst ohne Hoffnung auf Rettung zusammenbrechen
+wird und der doch rastlos an dem Schmucke
+der Kathedrale weiter meißelt. An dem Schmuck.
+Denn niemals werde ich große Steinblöcke in die
+Höhe ziehen können. Es gibt übrigens Handlanger
+dafür. Ja, es gelingt mir noch, die innere Ruhe
+wiederzufinden.
+</p>
+
+<p>Jene gleichmäßige Ruhe, die ich erflehte, habe ich
+zwar nicht; aber manchmal erschaue ich den Schein
+jenes ruhigen Lichtes, in dem Alles, selbst unsere
+Liebe, in neuer Gestalt erscheint und verklärt.
+</p>
+
+<p>Ich bin am Fuß eines steilen Hügels, dessen
+Linien die Natur harmonisch gezeichnet hatte. Der
+Mensch hetzt den Menschen und bald werden sie
+auf einander stürzen. Unterdessen schwingt sich
+dort die Lerche auf.
+</p>
+
+<p>Während ich Dir schreibe, erfüllt mich allmählich
+eine seltsame heitere Ruhe, etwas außerordentlich
+Tröstendes, sei es menschliche Zuversicht, oder
+eine höhere Offenbarung. Um mich herum schläft
+man.
+</p>
+<!-- page 147 -->
+
+<p class="date">Den 14. Februar,<br />
+<span class="smaller">5. Tag in der vordersten Stellung.
+</span>
+</p>
+
+<p>Um mich herum regt sich alles, wir übrigens
+auch. Je mehr das Unabweisbare eine Form annimmt,
+lebt die Ruhe wieder in mir auf. Meine
+teure Landschaft wird durch die scheußlichen Vorbereitungen
+geschändet: die Stille wird durch die
+einleitende Beschießung zerrissen; dem Menschen
+gelingt es, für einen Augenblick jede Schönheit
+zu verhüllen. Ich glaube, daß sie doch eine Zufluchtsstätte
+finden wird. Seit vierundzwanzig
+Stunden fasse ich mich allmählich wieder.
+</p>
+
+<p>Teure Mutter, meine Sehnsucht nach meinem
+Elfenbeinturm ist strafbar; was man, nur zu oft,
+für einen Elfenbeinturm hält, ist ganz einfach der
+Käse der Ratte, die Einsiedler wurde.<a href="#footnote-24" id="fnote-24"><sup>24</sup>)</a>
+</p>
+
+<p>Möchte doch eine bessere Einsicht mich dazu
+führen, daß ich die Wohltat der Erschütterung erkenne,
+die mich aus einer zu bequemen Freistätte
+herausgerissen hat, und danken wir dem Verhängnis,
+das während einiger seltenen aber unvergeßlichen
+Stunden aus mir einen Mann gemacht
+hat .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Nein, ich führe keine Klage wegen dieser toten
+Jugend. Sie hat mich über verschiedene Abhänge
+<!-- page 148 -->
+zu den Höhen geführt, wo manchmal die Nebel der
+Erkenntnis zerreißen.
+</p>
+
+
+<p class="date">Den 16. Februar.
+</p>
+
+<p>Ich habe soeben in den letzten Tagen Stunden
+erlebt, welche die großen, allgemeinen, jetzt sichtbarer
+gewordenen Fragen zu entscheidenden Schicksalsfragen
+für mich machten. Wir sind fünf Tage lang
+in der Feuerlinie gehalten worden und wurden in
+einen sehr harten, durch den fürchterlichen Schlamm
+noch erschwerten Dienst gezwungen. In dem Maße
+als der Aufenthalt dauerte und ich den Kampf
+gegen die schreckliche Traurigkeit meiner Seele fortsetzte,
+fühlten wir, wie die Lage sich verschärfte und
+die Vorbereitungen sich häuften.
+</p>
+
+<p>Endlich teilte man uns mit, daß der Augenblick
+gekommen, das heißt, daß der Befehl zum Angriff
+gegeben sei. Wir hatten nur noch einen oder
+zwei Tage vor uns. Da habe ich Dir zwei Briefe
+geschrieben, den 13. und 14. glaube ich, und wirklich,
+während ich schrieb, fühlte ich in mir ein solches
+Vollgefühl, eine solche Seligkeit, daß sich daraus
+nur die Tatsächlichkeit des Guten und des Schönen
+folgern ließ. Die Beschießung unserer Stellung
+war äußerst heftig, aber nichts, was vom Menschen
+kommt, kann so oder anders jenes ersticken, was
+die Natur zur Seele spricht.
+</p>
+
+<p>In der Nacht vom 14. zum 15. besetzten wir die
+Schützengräben, welche die Maschinengewehre bestrichen.
+<!-- page 149 -->
+Die Erschöpfung der Mannschaften war derart,
+daß der Angriff von einem andern Bataillon ausgeführt
+werden sollte. Wir warteten also im nächtlichen
+Wasser und in der Kälte, als plötzlich die
+Nachricht sich verbreitete, daß wir abgelöst würden.
+Aus welchem Grunde? Ein Geheimnis. Kurz,
+da sind wir wieder in dem Dorfe, wo die Mannschaften
+ihr armes Herz im Wein ertränken. Arm
+bin ich wieder in diesem Haufen .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Liebe Mutter, wenn es etwas Unbedingtes in
+dem Gebiet des menschlichen Gefühls gibt, so ist
+es der Schmerz. Bis jetzt hatte ich nur in einer
+angenehmen Bedingtheit verschiedener Empfindungen
+gelebt, zwischen denen der Wert des Lebens,
+seine wesentliche Bedeutung verschwanden. Jetzt
+fühle ich, was das Leben ist. Es ist das Werkzeug,
+welches den Weg der Seele dem Unbedingten
+zu ausrodet. Aber ich habe weniger in dieser Zeit
+des Wartens gelitten als durch gewisse Berührungen.
+</p>
+
+<p class="date">Den 16. Februar, 9 Uhr abends.
+</p>
+
+<p class="address">Teuerste, geliebte Mutter,</p>
+
+<p>Ich war bei Tisch, als man uns mitteilte, daß
+wir um Mitternacht aufbrechen sollten. Ich war
+gewiß, daß es so kommen würde und die Gegenbefehle,
+die den Angriff verzögert haben, hatten
+die Folge, uns einen Tagesmarsch von vierzig Kilometern
+machen zu lassen, der zu den Anstrengungen
+der Feuerlinie hinzukam. Als wir unsern Abschnitt
+<!-- page 150 -->
+in der Kampflinie verließen, sah ich so viel Artillerie
+ankommen, daß ich wohl dachte, es gebe keine
+Ruhe mehr.
+</p>
+
+<p>Hier aber erlangt man die Ruhe der Seele
+wieder. Man friert unter einem sternenhellen
+Himmel.
+</p>
+
+<p class="date">Den 19. Februar.<br />
+<span class="smaller">Postkarte, mitten in der Schlacht geschrieben.
+</span>
+</p>
+
+<p>Ein Wort nur. Wir sind in den Händen Gottes.
+Niemals, niemals haben wir mehr vertrauensvolle
+Weisheit gebraucht.
+</p>
+
+<p>Der Tod wütet, aber er beherrscht uns nicht.
+Das Leben bleibt schön. Tote oder verwundete
+Freunde gestern und vorgestern. Teuerste, die Post
+wird wahrscheinlich große Verspätung haben .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p class="date">Den 22. Februar.
+</p>
+
+<p>Wir sind im Quartier nach der großen Schlacht.
+Diesmal habe ich alles gesehen. Ich habe meine
+Pflicht erfüllt und die Teilnahme aller hat es mir
+bewiesen. Aber die Besten sind gefallen. Grausame
+Verluste. Heroisches Regiment. Ziel erreicht. Werde
+besser schreiben.
+</p>
+
+<p class="date">Den 22. Februar,<br />
+<span class="smaller">erster Tag im Quartier.
+</span>
+</p>
+
+<p>Teure, vielgeliebte Mutter, ich will Dir die
+Güte Gottes und das Entsetzen auf Erden erzählen.
+</p>
+
+<p>Die Seelenlast, welche ich seit ein und ein halb
+<!-- page 151 -->
+Monaten mit mir schleppte, war der qualvolle Gedanke
+an das, was uns in diesen letzten zwanzig
+Tagen erwartete.
+</p>
+
+<p>Wir sind den 17. auf den Kampfplatz gekommen;
+die umgebende Landschaft hatte keinen Reiz
+mehr für mich; ich war ganz in der Erwartung
+des Ereignisses.
+</p>
+
+<p>Um drei Uhr wurde der Sturm entfesselt:
+Sprengen von sieben Minengängen unter den
+Schützengräben des Feindes; es war wie ein fernes
+Donnern.
+</p>
+
+<p>Dann machten die fünfhundert Geschütze einen
+Höllenlärm, während dessen wir losgestürmt sind .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Die Nacht brach an, als wir uns in den eroberten
+Stellungen festsetzten. Die ganze Nacht
+war ich tätig, um für die Sicherheit unserer Truppen,
+die bis dahin wenig gelitten hatten, Vorkehrungen
+zu treffen. Ich mußte weite nächtliche
+Strecken zurücklegen, auf denen ich die Toten und
+Verwundeten beider Parteien antraf. Mein Herz
+neigte sich über alle, ich hatte aber nur Worte für
+ihren Jammer.
+</p>
+
+<p>Morgens wurden wir mit ernstlichen Verlusten
+bis zu unseren früheren Stellungen zurückgetrieben;
+aber am Abend haben wir wieder angefangen: wir
+haben von unseren eroberten Stellungen wieder
+Alles zurückgewonnen und auch hierbei habe ich
+meine Pflicht getan.
+</p>
+
+<p>Ich bin vorgedrungen und habe den Säbel
+<!-- page 152 -->
+eines Offiziers, der sich ergab, in Empfang genommen;
+dann habe ich die zu besetzenden Stellungen
+befestigt. Der Hauptmann hat mich bei sich
+behalten und ich habe ihm den Plan unserer Stellung
+entworfen. Er teilte mir mit, daß er entschlossen
+sei, mich im Armeebefehl nennen zu
+lassen,<a href="#footnote-25" id="fnote-25"><sup>25</sup>)</a> als er vor meinen Augen fiel.
+</p>
+
+<p>Dann habe ich während der dreitägigen fürchterlichen
+Beschießung auch den Dienst der Versorgung
+mit Patronen eingerichtet und aufrechterhalten, wobei
+ich fünf Mann verloren habe. Unsere Verluste
+sind entsetzlich, die des Feindes noch schlimmer. Du
+kannst Dir nicht vorstellen, geliebte Mutter, was der
+Mensch dem Menschen anzutun vermag. Seit fünf
+Tagen sind meine Schuhe von Menschengehirn
+fettig, zertrete ich Leichen, stoße auf Eingeweide.
+Die Soldaten verzehren ihr kümmerliches Essen an
+Leichname angelehnt. Das Regiment hat sich heldenhaft
+benommen, wir haben keine Offiziere mehr.
+Alle sind als tapfere Soldaten gefallen. Zwei gute
+Freunde, von denen der eine für eines meiner
+letzten Porträts ein liebenswürdiges Modell war,
+sind tot. Das war eine meiner fürchterlichsten nächtlichen
+Begegnungen. Weißer, herrlicher Leichnam
+im Mondschein: ich habe in seiner Nähe ausgeruht.
+Schönheit der Natur, die wieder in mir erwachte
+.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Endlich nach fünf Tagen des Entsetzens, die
+<!-- page 153 -->
+uns zwölfhundert Opfer gekostet haben, sind wir
+aus diesem Ort der Greuel zurückgezogen worden.
+</p>
+
+
+<p>Das Regiment ist im Armeebefehl genannt.
+</p>
+
+<p>Liebe Mutter, wer wird das Unerhörte der
+Dinge, die ich gesehen habe, erzählen, wer wird
+aber von den sicheren Wahrheiten reden, die ein
+solcher Sturm entdecken läßt?
+</p>
+
+<p>Pflichterfüllung, Selbstüberwindung.
+</p>
+
+<p class="date">Den 23. Februar.
+</p>
+
+<p class="address">Teuerste, geliebte Mutter,</p>
+
+<p>Zweiter Tag im Quartier, dann gehen wir wieder
+morgen an die Front. Teuerste, ich kann Dir jetzt
+nicht schreiben. Nähern wir uns dem, was unsterblich
+ist und halten wir uns Beide an das, was Pflicht
+ist. Ich weiß, daß Euer Gedanke stets dem meinigen
+zueilt, und ich richte mein Auge nach dem, was
+in Weisheit unser Glück ist.
+</p>
+
+<p>Seien wir mutig, ich unter allen diesen jugendlichen
+Toten, Du in der Erwartung. Aber Gott ist
+über uns.
+</p>
+
+<p class="date">Den 26. Februar,<br />
+<span class="smaller">während eines herrlichen Nachmittags.
+</span>
+</p>
+
+<p>Liebe Mutter, jetzt sind wir wieder auf dem
+Schlachtfeld. Wir haben die Höhen bestiegen, auf
+denen es sich eher geziemen würde die Herrlichkeit
+Gottes zu betrachten, als die Greuel der Menschen
+zu verdammen. Die Leichen, die anfangs zahllos
+waren, verschwinden allmählich und seltene, erdfarbene
+<!-- page 154 -->
+Unglückliche erregen von Zeit zu Zeit eine
+peinliche Begegnung.
+</p>
+
+<p>Die Verluste sind das, was man in den Tagesberichten
+&bdquo;ernste&ldquo; nennt.
+</p>
+
+<p>Ich kann Dir wenigstens sagen, daß unsere
+Soldaten durch ihre heldenhafte Ergebung Bewunderung
+erregen. Alle beklagen diesen schändlichen
+Krieg, aber die meisten haben die Empfindung,
+daß die Annahme einer schrecklichen Pflicht das
+Einzige ist, was in diesem Augenblick die fürchterliche
+Notwendigkeit Mensch zu sein rechtfertigen kann.
+</p>
+
+<p>Liebe Mutter, ich kann nicht zu Ende schreiben.
+</p>
+
+<p>Jetzt schläft die Ebene in Malven- und Rosatönen
+ein. Wie ist es möglich, daß es Greuel gibt
+in dem Maße!
+</p>
+
+<p class="date">Den 28. Februar, im Quartier.
+</p>
+
+<p>Teure geliebte Mutter und geliebte teure Großmutter,
+ich schreibe Euch, indem ich kaum aus den
+furchtbaren Bildern des Schreckens heraustrete und
+soeben dantische Stunden erlebt habe. Was Gustave
+Doré die Kühnheit hatte durch den Text der göttlichen
+Komödie hindurch zu erschauen, ist in Erfüllung
+gegangen in den mannigfaltigsten Formen,
+welche die Wirklichkeit aufhäufen kann.
+</p>
+
+<p>Mitten unter den Anstrengungen, deren Wohltat
+es ist, uns unempfindsam zu machen, habe ich
+genießen können, was unsere Qualen Nutzbringendes
+hatten.
+</p>
+
+<p>Den 24. abends, kehrten wir zu unseren Stellungen
+<!-- page 155 -->
+zurück, aus denen man die ekelhaftesten
+Spuren zu entfernen bereits angefangen hatte, hie
+und da blieben nur noch menschliche Körperteile
+zurück, welche sich bereits der Farbe der Erde
+anglichen, zu der sie zurückkehrten.
+</p>
+
+<p>Das Wetter war schön und frisch, und die
+Höhe, die wir erobert hatten, versetzte uns mitten
+in den Himmel hinein: die endlosen Flächen waren
+ein einziges Leuchten. Oben erstrahlten die Sterne,
+unten die Röte der Feuersbrünste; die schreckliche
+Beschießung, mit der die Deutschen uns überschütten,
+verschwendete dieses Feuerwerk.
+</p>
+
+<p>Ich lag in einer Erdhöhle, von der aus ich dem
+Monde folgte, und erspähte den Morgen. Mitunter
+ließ eine Granate Erde auf mich rollen und
+betäubte mich, dann sank die Stille wieder auf die
+gefrorene Erde nieder. Ich habe sie teuer erkauft,
+ich hatte aber Augenblicke einer Einsamkeit, die
+von Gott erfüllt war. Ich glaube versucht zu haben,
+mich vollkommen den militärischen Forderungen
+anzupassen; denn, wie ich es Dir geschrieben habe,
+bin ich zum Sergeanten und für die Nennung im
+Armeebefehl vorgeschlagen worden. Aber, meine
+teuerste Mutter, wie lang, wahrhaftig zu lang ist
+dieser Krieg für Leute, die zweifellos eine Aufgabe
+zu erfüllen hatten! Was Du mir von den Sympathien
+sagst, die ich in Paris zurücklasse, freut
+mich; doch wird man mich nicht von hier zurücknehmen
+für eine bessere Verwendung? Warum
+<!-- page 156 -->
+bin ich so aufgeopfert, während soviele, die mir
+nicht gleichkommen, geschont werden? Und doch
+hatte ich etwas Gutes auf Erden zu tun .&nbsp;.&nbsp;.
+Nun, da Gott diesen Kelch nicht von mir abwenden
+will, so geschehe sein Wille!
+</p>
+
+<p class="date">Den 3. März, im Quartier.
+</p>
+
+<p>Heute vierter Ruhetag, für mich fast Ferien.
+Etwas trübe Ferien, die an gewisse Aufenthalte
+in Marlotte erinnern. Tage, die in den Versuchen
+vergehen, der körperlichen und seelischen Ermüdung
+abzuhelfen und gewisse allzu leere Zeiträume auszufüllen.
+Aber schließlich doch Ferien, eine Rast
+vielmehr, die mir erlaubt die Eindrücke, deren Gewalt
+mein Inneres in Verwirrung bringt, einigermaßen
+zu ordnen.
+</p>
+
+<p>Ich bin vor Allem durch den Lärm der Granaten
+betäubt. Bedenke, daß allein von französischer
+Seite vierzigtausend uns über die Köpfe flogen,
+und von deutscher Seite ungefähr ebensoviele, mit
+dem Unterschiede, daß die deutschen mitten unter
+uns platzten. Ich für meinen Teil wurde auf einmal
+von drei 305 mm Granaten begraben, ganz
+abgesehen von zahllosen Schrappnells, die in der
+nächsten Nähe platzten. Du kannst Dir denken, daß
+dadurch meine Denkkraft stark erschüttert ist. Endlich
+lese ich wieder. Ich habe soeben in einer Zeitschrift
+eine Besprechung von drei neuen Romanen
+<!-- page 157 -->
+gelesen und das hat zum großen Teil die Sorgen
+der Feuerlinie in mir gemildert.
+</p>
+
+<p>Ich habe einen entzückenden Brief von André
+erhalten, der mein Nachbar sein muß. Er denkt
+wie ich über unsere schreckliche Kriegsliteratur .&nbsp;.&nbsp;.
+.&nbsp;.&nbsp;. Was sich in mir am frischesten entfaltet erhalten
+hat, ist vielleicht die musikalische Improvisation.
+So hörte ich während dieser ganzen Nacht
+die schönsten Symphonien mit vollständiger Orchesterbegleitung,
+und wisse, daß diese Musik ihr Bestes
+der großen deutschen Musik verdankte.
+</p>
+
+<p>.&nbsp;.&nbsp;. Nach einem solchen Sturm kann ich mich
+nur dem angenehmen Gefühl hingeben eben noch am
+Leben zu sein in der flüchtigen Märzsonne .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p class="date">Den 5. März,<br />
+<span class="smaller">6. Tag im Quartier.
+</span>
+</p>
+
+<p>Ich hätte in mir die außerordentliche Feinfühligkeit
+aus der Zeit vor diesen Prüfungen
+wiederfinden mögen, um Dir die Farben und Erscheinungen
+des Dramas zu schildern, das wir eben
+durchlebt haben. Augenblicklich bin ich noch in einem
+an sich ziemlich wohligen Zustand der Erstarrung,
+der aber das Bild der Dinge in mir und meine
+Ausblicke in die Zukunft einigermaßen verdunkelt.
+Ich kann mich nur bemühen, mich an die Erkenntnis
+des Ewigen und Dauernden zu halten und
+vielleicht wird mir das gelingen.
+</p>
+
+<p>Und doch enthielten gewisse Ansichten von verwüsteten
+Feldern eine so schöne, so edle, so abschließende
+<!-- page 158 -->
+Lehre, daß ich mit Dir die herrlichen,
+in diesen vergangenen Tagen offenbarten Wahrheiten
+fühlen möchte.
+</p>
+
+<p>Wie friedlich ist der Tod in der Erde, und wie
+herrlich vollzieht sich die Rückkehr in den mütterlichen
+Schoß, wenn man damit die menschliche
+Kleinlichkeit der Totenfeiern vergleicht! Gestern
+noch konnte ich glauben, daß diese armen verlassenen
+Toten ein Unrecht erleiden; nachdem ich aber in
+V.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. dem Begräbnis eines Offiziers beigewohnt
+habe, finde ich, daß die Natur viel mehr Mitleid
+zeigt als die Menschen .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Ja wahrhaftig, der Tod des Soldaten ist den
+natürlichen Dingen nahe. Er ist aufrichtig schauerlich
+und will nicht über die allgemeine Gewalttätigkeit
+hinwegtäuschen. Ich bin mehrmals an
+Toten vorbeigegangen, deren allmähliches Verscharren
+ich beobachten konnte, und dieses neue
+Leben war tröstlicher als der kalte und starre Anblick
+der städtischen Gräber. Wir haben von unserem
+Aufenthalte im Freien, eine Frische der Auffassung,
+eine Großzügigkeit in den Bewegungen und Gedanken
+gewonnen, die den Überlebenden die Städte
+gräßlich und unnatürlich werden erscheinen lassen.
+</p>
+
+<p>Liebe Mutter, ich schreibe Dir ungeschickt Dinge,
+die ich prachtvoll empfunden hatte .&nbsp;.&nbsp;. Laß uns
+in den Frieden des Frühlings und in die Pracht
+des gegenwärtigen Augenblicks flüchten.
+</p>
+<!-- page 159 -->
+
+<p class="date">Den 7. März, 10&frac12; Uhr.
+</p>
+
+<p class="address">Teure vielgeliebte Mutter,</p>
+
+<p>Ich schmücke die Untätigkeit dieses Vormittags
+aus. Ich genieße die klaren Gewässer der Maas,
+welche die Anmut der Täler und Gärten beleben.
+Die Spiele des Wassers auf dem Untergrunde
+von Pflanzen und Steinen bieten meiner Müdigkeit
+ein beruhigendes Schauspiel und erzählen das
+friedliche Dasein dieses ansehnlichen von den Hauts
+de Meuse beschützten Fleckens.
+</p>
+
+<p>Die Kirche ist vollgestopft von Soldaten, die
+wie ich selbst die unerschütterliche Anschauung eines
+Ideals haben, aber eine äußerliche und weniger
+unmittelbare Offenbarung desselben verlangen .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Ich begebe mich für etwa vierzehn Tage in
+Kost in jenes Haus, in dem vor bald zwei Monaten
+unsere ausgelassene Bande ihre Sitzungen hielt.
+Heute sah ich diese braven Leute weinen, als sie
+von den Toten und Verwundeten hörten. Ich habe
+vor dem Abmarsch Deinen Schlafsack erhalten, der
+vortrefflich ist. Ich bin sehr durch rheumatische
+Schmerzen geplagt, die mir seit zwei Monaten
+manche Nacht im Quartier verderben.
+</p>
+
+<p>Liebe teure Mutter, Ruhe im Kasernenlärm, der
+jetzt unser Leben sein wird. Da es hier nur Unteroffiziere
+gibt, sind wir Alle zu Dienstarbeiten verpflichtet
+und ich werde wieder die Bekanntschaft
+des Besens und der Lasten machen, übrigens hat
+man uns das vorhergesagt: wir sollen harte Arbeit
+<!-- page 160 -->
+mit unsern Händen verrichten, damit wir andern
+befehlen können.
+</p>
+
+<p class="date">Den 7. März, zweiter Brief.
+</p>
+
+<p>Mildes Wetter nach dem Regen. Glockengeläute
+in den Abend hinein; die fließenden Gewässer
+singen unter den Brücken und die Bäume
+schlafen ein.
+</p>
+
+<p class="date">Den 11. März.
+</p>
+
+<p class="address">Teure geliebte Mutter,</p>
+
+<p>Ich habe Dir nichts von meinem mit körperlicher
+Arbeit ausgefüllten Leben zu erzählen. Kaum
+wird von Zeit zu Zeit ein Bild in mir wach, ersteht
+eine Erinnerung. Ich bleibe regungslos und zerschlagen.
+Ich habe eben einen schönen Aufsatz von Renan
+über den Ursprung der Bibel gelesen. Ich fand
+ihn in einer Revue des deux Mondes vom März
+1886. Wenn ich etwas davon behalten kann, so
+wird es mir helfen einige Ordnung in meine recht
+zusammenhanglosen Kenntnisse über diese Fragen
+zu bringen.
+</p>
+
+<p>Ich bin etwa, wie wenn ich mich von einem
+Nervenfieber erholte. Was mir Freude macht, sind
+die Gewässer. Die fließenden und stehenden Gewässer
+der Maas. Die Quellen spielen über den
+Gräsern und Steinen. Die Teiche ruhen unter den
+großen Bäumen aus. Wasserfälle und Bäche. Auf
+den steilabfallenden Abhängen nimmt der Schnee
+einen träumerischen Glanz an. Ich lebe in allen
+<!-- page 161 -->
+diesen Bildern, ohne ihnen eine bestimmte Form
+zu geben. Ich schäme mich etwas, so stumpfsinnig
+zu sein, glaube aber, daß es Allen so ergehen wird,
+jedesmal, wenn man sich von der Hölle der Feuerlinie
+entfernt. Ich esse und schlafe, wenn mein gräßlicher
+Hexenschuß es mir erlauben will.
+</p>
+
+<p>Verzeih mir, wenn ich so tief unter mir selber
+stehe. Ich bin wie meines innern Haltes beraubt.
+Nun meinetwegen .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p class="date">5 Uhr Nachmittags.
+</p>
+
+<p>Ich komme ziemlich müde von der Übung zurück,
+die herrliche Luft der Maas erhält mich aber
+immer gesund.
+</p>
+
+<p>Liebe Mutter, ich möchte wieder mit aller Kraft
+dem Schönen und Edlen zustreben. Ich möchte
+immer in mir die Begeisterung verspüren, die mich
+den Schätzen des Lebens zutriebe. Doch augenblicklich
+ist mein Denken schwer wie Blei .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p class="date">Den 14. März, morgens,<br />
+<span class="smaller">im sonntäglichen Frieden.
+</span>
+</p>
+
+<p>Teure geliebte Mutter, endlich erreichen mich
+Deine lieben erfrischenden Briefe, nach Tagen der
+Entbehrung, wodurch ich notwendigerweise den tatsächlich
+großen Genuß erkauft habe, hier ausruhen
+zu dürfen. Der hübsche Flecken erwacht in den
+Nebeln der Maas; der Bach eilt über die abgewaschenen
+Steine dahin. Alles hat die feine maßvolle
+zierliche Art, die das Merkmal der Gegend
+ist .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+<!-- page 162 -->
+
+<p>.&nbsp;.&nbsp;. Ich lese etwas, bin aber durch die körperliche
+Anstrengung, zu der man uns anhält, derart
+ermüdet, daß ich fast sofort einschlafe. Man läßt
+uns eine Unzahl Schützengräben herstellen.
+</p>
+
+<p>Liebe Mutter, um auf die außerordentlichen
+Ereignisse der letzten Februartage zurückzukommen,
+so muß ich Dir wiederholen, daß ich daran wie
+an ein wissenschaftliches Experiment zurückdenke.
+Ich hatte meine Vorstellung von der Gewalt in
+eine theoretische Formel gebracht und hatte ihre
+Aufgabe in der Welt erraten. Es war mir aber
+vergönnt gewesen, ihre praktische Wirkung nur in
+unendlich abgeschwächten Fällen zu beobachten.
+</p>
+
+<p>Diesmal nahm die Offenbarung der Gewalt
+einen Umfang an, vor dem meine Aufnahmefähigkeit
+in vollem Maße sich betätigen mußte .&nbsp;.&nbsp;. Nun,
+es war interessant, und ich muß Dir gestehen, daß
+ich in diesem Augenblick niemals von einer kalt
+und objektiv beobachtenden Haltung abließ. Was
+ich persönliches bewahrt hatte, war eine gewisse
+Empfänglichkeit des Auges, die mich befähigte,
+gewisse Bilder in mich aufzunehmen, deren ergreifende
+Wirkung sich unmittelbar in ebenso &bdquo;künstlerischer
+Weise&ldquo; zusammenfügte, wie jede andere
+menschliche Zusammenstellung. Aber im allgemeinen
+habe ich in diesen Augenblicken, nie die Absicht
+aufgegeben zu sehen, &bdquo;wie es gemacht ist&ldquo;.
+</p>
+
+<p>Ich bin sehr froh festzustellen, daß die Mordlust
+keine Macht über mich gewonnen hat. Und
+<!-- page 163 -->
+ich wünsche, daß es auch so bleiben möge. Leider
+hat diese Berührung mit der deutschen Rasse für
+immer meiner guten Meinung von ihr geschadet.
+Allerdings kann ich es nicht über mich bringen, in
+mir eine gewisse Rührung und ein menschliches
+Empfinden zu unterdrücken, die unangebracht sind,
+wenn sie, wie bei diesem Anlaß, mich zum Opfer
+eines arglistigen Feindes machen, aber ich gelange
+dazu zu dulden, was ich früher als die Schande
+und Verneinung des Lebens betrachtet hätte.
+</p>
+
+<p>Ich habe den Franzosen im Kampfe gesehen.
+In der Schlacht ist er fürchterlich, und nachher
+großherzig; daß ist ein Ausspruch, ein gar vollklingender
+Gemeinplatz, auf dem unsere größten
+Schriftsteller, wie das bescheidenste unserer Schulkinder
+herumgetreten sind; weiland mein dekadenter
+Intellektualismus findet keinen besseren Ausdruck
+beim Anblick, welchen die französische Seele gewährt.
+</p>
+
+<p class="date">Den 14. März 1915.
+</p>
+
+<p class="address">An Madame de L.&nbsp;.&nbsp;.,</p>
+
+<p>Meine Mutter hat mir die Prüfung erzählt,
+die Sie soeben wieder betroffen hat; wahrlich, das
+Leben lastet schwer auf gewissen Seelen. Ich kenne
+Ihre Stärke und weiß, daß Sie nur zu sehr an
+den Schmerz gewöhnt sind; wie sehr aber hätte ich
+gewünscht, daß dieser Ihnen erspart sein möge!
+Meine Mutter sagte mir, daß man ohne Nachrichten
+von dem Obersten B .&nbsp;.&nbsp;. sei, und sie war
+<!-- page 164 -->
+unruhig .&nbsp;.&nbsp;. Wir haben eine einzige Besorgnis,
+den Schmerz unserer Angehörigen. In dem Anblick
+des Soldaten, der fällt, ist eine große, ewige Lehre
+enthalten, die uns panzert und wir möchten sehen,
+daß auch die, die uns teuer sind, aus ihr Nutzen
+ziehen. Seien Sie versichert, daß das Beispiel des
+Obersten herrliche Früchte tragen wird. Ich kenne
+aus eigener Erfahrung den Heroismus, der den
+Soldaten verklärt, dessen Führer gefallen ist.
+</p>
+
+<p>Für mich waren diese Tage reich an tragischen
+Ereignissen. Ich habe gewaltsame Stunden erlebt,
+während welcher ich mich bemüht habe, meine Pflicht
+zu tun. Ich habe alle meine Vorgesetzten fallen
+sehen, die Reihen in meinem Regimente wurden
+gelichtet. Für den, der in dem Feuerschlunde ist,
+gibt es kein menschliches Hoffen mehr. Ich gebe
+mich Gott hin und bitte ihn nur, mich in einem
+Seelen- und Herzenszustand zu erhalten, der mir
+erlaubt in seiner Schöpfung Alles zu genießen,
+was der Mensch nicht zu verunstalten und zu verdunkeln
+vermochte.
+</p>
+
+<p>Alles andere ist außer Verhältnis zu den Ereignissen.
+</p>
+
+<p class="date">Den 15. März (Karte).
+</p>
+
+<p>Teure geliebte Mutter, ich denke Du weißt jetzt,
+welche Gnade mir zu Teil wurde, als ich zu meinem
+Zuge mich begab. Was mir auch Gott in Zukunft
+vorbehalten mag, diese Rast hat mir erlaubt, mich
+wieder zu fassen, mich selbst wiederzufinden und
+<!-- page 165 -->
+mich auf die Annahme von Allem vorzubereiten.
+Ich sende Dir meine Liebe und den Ausdruck
+unserer innigen Vereinigung dem Geschick gegenüber.
+</p>
+
+<p class="date">Den 17. März.
+</p>
+
+<p>Lieblicher Morgen. Weiße Sonne, die sich in
+Nebel hüllt, Bäume in scharfem Umriß auf den
+Höhen, die weite Ausdehnung im Licht. Bevorzugte
+Tage. Neulich, da ich eine alte Nummer
+der Revue des deux Mondes von 1880 las, trat
+ich in einen schönen Aufsatz ein wie in einen lichten
+Palast mit prächtigen Gewölben, reich geschmückten
+Wänden. Er handelte von Ägypten und war George
+Perrot gezeichnet.
+</p>
+
+<p>Gestern verließ mein Bataillon in Eile sein Quartier.
+Ich muß zu meiner Ausbildung als Sergeant
+zurückbleiben. Wie bin ich für diese übrigens beschwerliche
+Wartezeit dankbar, die mich das wiederfinden
+läßt, woran ich am meisten halte, einen
+hellen Geist und ein für die Natur offenes Herz.
+</p>
+
+<p>Ich vergaß Dir zu erzählen, daß ich damals
+während des Sturmes am Abend die Kraniche zurückkommen
+sah. Eine kurze Ruhepause erlaubte mir
+ihren Schrei zu hören. Wie lange ist es schon her,
+daß ich sie fortziehen sah! Ich erinnere mich ihres
+Wegfluges am Beginn des Winters und dann
+wurde es noch trostloser. Diesmal waren sie für
+mich wie die Taube der Arche, nicht als ob ich
+mir die noch bleibende Gefahr verhehlte; aber diese
+<!-- page 166 -->
+Boten der Luft brachten mir die sichtbarere Zuversicht
+in die Ruhe des Weltalls, gegenüber unserer
+eigenen Aufregung. Gestern waren es die Wildgänse,
+die ihren Flug gegen Norden nahmen. Sie
+bildeten am Himmel verschiedene Flugstellungen,
+und zeichneten regelmäßig Figuren; sie verschwanden
+am Horizont wie ein flatterndes Band.
+</p>
+
+<p>Ich weiß das Urteil von Herrn C. außerordentlich
+zu würdigen. Ich hatte von jeher schriftstellerische
+Neigungen, schon als Kind, und bedaure,
+daß die abgebrochene Bildung, die ich mir selbst
+gegeben habe, soviele Lücken aufweist; aber durch
+alle Wechselfälle hindurch bewahre ich die Fähigkeit
+rechts und links die gefallenen Ähren zu lesen.
+Da ich nichts von der Zukunft vorweggenießen
+möchte, rede ich natürlich nicht von dem Wunsche
+Herrn E. in besseren Zeiten vorgestellt zu werden,
+das gehört nicht in unser Fach, augenblicklich.
+</p>
+
+<p>Ich habe Frau L.&nbsp;.&nbsp;. geschrieben. Das ist für sie
+der letzte Schlag. Gewissen Lebensschicksalen ist es beschieden,
+die Medaille zu sein, in die alle Zeichen
+des Schmerzes sich einprägen. Das Unglück hat
+sie derart bearbeitet, daß sie nichts mehr haben,
+worauf eine Freude sich einzeichnen könnte.
+</p>
+
+<p>Ich denke mir aber, daß eine so ausschließliche
+Einstellung eines Lebens auf den Schmerz einen
+geheimnisvollen Ausgleich findet im Gefühl, daß
+man alles Unglück ausgeschöpft habe. Es heißt
+viel, wenn man die Grenze des menschlichen Elends
+<!-- page 167 -->
+bezeichnet. Solche Schicksale erscheinen wie Schildwachen,
+welche die Andern gegen die Schläge eines
+feindlichen Geschicks beschützen .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Jeden Tag sehe ich ein neues Kreuz in dem
+kleinen Soldatenkirchhof. Und über Allem der siegreiche
+Frühling .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p class="date">Den 20. März.
+</p>
+
+<p>Unsere Ferien gehen ruhig ihrem Ende zu,
+während unweit Lärm und Blutvergießen herrschen.
+Ich glaube das Regiment hat sich wieder gut gehalten.
+</p>
+
+<p class="date">Den 20. März.
+</p>
+
+<p class="address">Teure geliebte Mutter,</p>
+
+<p>Nach soviel Gnadenbeweisen sollte ich mehr
+Vertrauen zeigen und will mich bemühen, mich Gott
+hinzugeben, aber die Zeiten sind hart. Ich erfahre
+unter vielen andern, den Tod eines Freundes mit
+dem ich im Quartier ein Bett teilte. Er war vor
+kurzem zum Unterleutnant ernannt worden.
+</p>
+
+<p>Liebe Mutter, Liebe. Das ist das einzige menschliche
+Gefühl, das man noch bewahren darf.
+</p>
+
+<p class="date">Den 21. März.
+</p>
+
+<p>Liebe Großmutter, da die Zeiten der Prüfungen
+nahen, will ich Dir all meine Liebe senden, mehr
+kann ich nicht tun. Die Lage erfordert wahrscheinlich
+Opfer, vor denen wir nicht mehr an das denken
+dürfen, was uns festhielt.
+</p>
+<!-- page 168 -->
+
+<p>Laßt uns darum beten, daß der feste Glaube
+an das Schöne und Gute mitten unter den Schmerzen
+uns nicht verlasse.
+</p>
+
+<p class="date">Den 21. März,<br />
+<span class="smaller">Sonntag, bei der schönsten Sonne.
+</span>
+</p>
+
+<p class="address">Teure geliebte Mutter,</p>
+
+<p>Ich glaube, es ist die Rede davon, uns noch
+einen Tag zu behalten, so daß wir erst Dienstag
+abmarschieren würden. Ich weiß nicht, wo ich mein
+Bataillon wiederfinden werde und in welchem Zustande,
+denn der Kampf scheint außerordentlich hart
+zu sein und zieht sich hin. Die Nachrichten sind sehr
+widerspruchsvoll, was die Gewinne betrifft. Was
+die Zahl der Opfer betrifft, stimmen alle darin
+überein, daß sie sehr bedeutend ist. Wir hören sehr
+starken Kanonendonner und das schöne Wetter wird
+wohl die Kriegsleitung auf beiden Seiten dazu bewegen,
+die Entscheidung zu beschleunigen.
+</p>
+
+<p>Ich hätte Dir gern manches erzählt von der
+schönen Landschaft, die mich mit ihrer Herrlichkeit
+umgibt, aber wahrhaftig, meine Gedanken sind dort,
+wo die Sonne die Menschen nicht zu ihrer Anbetung
+vereinigt, sondern nur den Haß beleuchtet,
+wo die Nacht nur Angst und Verrat mit sich bringt.
+Neulich in der herrlichen Ausdehnung dieser Landschaft,
+die sich dem Frühling darbot, dachte ich an
+die Freude, die ich empfand, ein Mensch zu sein.
+Und nun ein Mensch sein .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+<!-- page 169 -->
+
+<p>Unser benachbartes Regiment, das von R. L.&nbsp;.&nbsp;.,
+ist mit Kompagnien, die nur vierzig Mann zählten,
+zurückgekommen.
+</p>
+
+<p>Ich wage nicht mehr von Hoffnung zu sprechen .&nbsp;.&nbsp;.
+was man als Gnade erflehen kann, ist, Alles
+Schöne, was der Augenblick bieten kann, ausschöpfen
+zu dürfen.
+</p>
+
+<p>Das ist eine neue Art &bdquo;sich auszuleben&ldquo;, an
+die die Literatur bis jetzt nicht gedacht hatte.
+</p>
+
+<p>Liebe Großmutter, wie hat mich Deine zärtliche
+Liebe in diesen Prüfungen gestärkt!
+</p>
+
+<p class="date">Den 22. März.
+</p>
+
+<p>Glühende Sonne, vor der man sich staunend
+sagt, daß man im Krieg steht. Der Frühling ist
+sieghaft eingezogen. Er hat die Menschen mitten
+im Hasse, mitten in der schmachvollen Beleidigung
+der Schöpfung überrascht. Glücklicherweise verschweigen
+die Tagesberichte, das was vergänglich
+ist.
+</p>
+
+<p>Da ich mich jetzt für einundzwanzig volle Tage
+weit hinter der Front befinde, habe ich Mühe mich
+wieder an das grauenhafte Bild dort zu gewöhnen.
+Aber ich weiß, liebe Mutter, daß mein Leben und
+Deines nur ein Ziel hatten und daß wir, selbst in
+der letzten Zeit, uns bemüht haben uns demselben
+zu nähern. So wird unser Leben vielleicht nicht
+zwecklos gewesen sein. Das ist heute der einzige
+Trost für eine ehrgeizige Seele, daß sie vorausahnt,
+<!-- page 170 -->
+in welcher Richtung ihr Wirken einen Wiederhall
+finden wird.
+</p>
+
+<p>Ich glaube, daß, wenn es mir vergönnt gewesen
+wäre, länger zu leben, ich nie mein Streben unterbrochen
+hätte. Da ich aber keine andere Gewißheit
+habe als die der gegenwärtigen Stunde, habe ich
+versucht, das Beste meines Selbst darauf zu verwenden.
+</p>
+
+<p class="date">Den 25. März.
+</p>
+
+<p class="address">Teure geliebte Mutter,</p>
+
+<p>Jetzt führe ich wieder mein Höhlendasein. Ich
+habe den Platz wiedergefunden, den ich im vergangenen
+Monat verlassen hatte. Während meiner
+Abwesenheit ist nichts geschehen: ein furchtbarer
+Angriff ist unsererseits unternommen worden, hat
+aber zu keiner Entscheidung geführt. Man hatte
+Regimenter angreifen lassen, die weder unsern
+Schneid noch unsere schöne Haltung unter dem
+Feuer haben. Sie konnten sich nur zusammenhauen
+lassen und uns die abscheulichste Beschießung zuziehen,
+die man sich vorstellen kann. Wie es scheint
+war der frühere Kampf nichts im Vergleich zu
+diesem. Meine Kompagnie hatte schwere Verluste
+infolge von Lufttorpedos. Es sind Geschosse von
+einem Meter Höhe und 27 Zentimeter Umfang,
+die eine äußerst steile Flugbahn zurücklegen und
+senkrecht einfallen, was ihnen ermöglicht, in die
+engsten Höhlungen hineinzuplatzen. Deswegen leben
+wir mehrere Meter unter der Erde. Mildes Wetter.
+<!-- page 171 -->
+Wir gehen Nachts aus, um die Dienstarbeiten zu
+verrichten.
+</p>
+
+<p>Teure, ich hätte Dir gerne einen Haufen Dinge
+erzählt, die manche glückliche Stunden betreffen;
+aber ich habe es Dir schon geschrieben, manche
+davon darf man durch Worte nicht wachrufen. Die
+plumpe menschliche Freude würde sie erschrecken
+und ihnen feindlich sein. Sie würden noch rascher
+verschwinden. &mdash; Ich nehme meinen Brief nach einem
+Schläfchen wieder auf. Wir schlafen so viel wir
+können in unsern Erdhöhlen. Ich hatte einen
+Haufen Gedanken gehabt, welche die Müdigkeit
+mir nicht erlaubt auszudrücken; ich erinnere mich
+aber, daß ich Beethoven wachrief. Ich habe gerade
+sein Alter, als er vom Schmerz betroffen wurde,
+und ich dachte an das herrliche Vorbild solcher
+Seelenstärke, die trotz aller Hindernisse sich betätigt.
+Das Hemmnis mußte ihm ebenso endgültig erscheinen
+als uns heute das unsrige. Aber er war
+Sieger. Für mich war Beethoven die herrlichste
+menschliche Offenbarung der schöpferischen Kraft.
+</p>
+
+<p>Ich schreibe schlecht, denn ich schlafe noch .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Wie war mir alles erleichtert und durch Freundlichkeit
+gemildert während des Rückmarsches! Ich
+verließ unser Schloß allein und, als ich vor einer
+Artillerie-Batterie vorbeikam, wurde ich von Seiten
+der Unteroffiziere in der brüderlichsten Weise gastfreundlich
+aufgenommen, übrigens liebt die Artillerie
+die X<sup>er</sup>, die sie beschützen und überhaupt
+<!-- page 172 -->
+flößen wir ein lebhaftes Mitleid den Leuten ein,
+die nicht einmal dem Regen ausgesetzt sind.
+</p>
+
+<p>Ich breche kurz ab und liebe Dich wegen Deines
+Mutes, der mich aufrecht hält. Was auch geschehen
+mag, ich habe die innere Freude wiedergefunden.
+Schon die Nacht der Ankunft war ja
+so schön!
+</p>
+
+<p class="date">Den 26. März.
+</p>
+
+<p class="address">Teure geliebte Mutter,</p>
+
+<p>Nichts neues auf unserer Anhöhe, die man
+weiter in Verteidigungszustand setzt. Eine interessante
+Arbeit, die freilich Schwierigkeiten bietet.
+Das schöne Wetter erleichtert unsere Arbeit. Von
+Zeit zu Zeit trifft die Hacke einen armen Toten,
+den der Krieg bis in die Erde hinein quält.
+</p>
+
+<p class="date">Den 28. März,<br />
+<span class="smaller">auf den Höhen: graues Wetter an einem durch<br />
+die gestrige Beschießung gestörten Sonntag.
+</span>
+</p>
+
+<p>Nun sind wir wieder mitten im Kriege. Ein
+fürchterlicher Angriff unsererseits hat soeben das
+Gemetzel der vergangenen Woche erneuert. Meine
+Kompagnie, die bei dem früheren Ansturm niedergemäht
+worden war, ist freilich diesmal verschont
+geblieben und wir mußten nur einen Abschnitt der
+Verteidigungslinie besetzen. Wir bekamen also nur
+die Spritzer des Kampfes ab.
+</p>
+
+<p>Ich wohnte an einem schönen Frühlingssamstag
+dem fernen Schauspiel der Schlacht bei und sah
+das kriechende Tier, dem ein Bataillon gleicht,
+<!-- page 173 -->
+vorrücken und im Rauch der Granaten sich winden.
+Es sind Jäger zu Fuß, die trotz der Maschinengewehre
+und der französischen und deutschen Beschießung
+angreifen. Diese Tapferen haben Allem
+zum Trotz ihre Aufgabe erfüllt und so die Niederlage
+der vergangenen Woche wieder ausgeglichen,
+wo unser Angriff erfolglos war.
+</p>
+
+<p>Seit einem Monate ist es mir vergönnt, die
+Steindrucke Raffets<a href="#footnote-26" id="fnote-26"><sup>26</sup>)</a> zu erleben, mit dem Unterschiede,
+daß man zur Zeit Raffets ungestrafter in
+denselben Entfernungen Augenzeuge sein konnte,
+weil die Gewehre weniger weit schossen. Aber es
+gab wirklich schöne Dinge zu sehen, wie zum Beispiel
+diese endlose Ebene, auf die die Felshöhen
+herabschauen, die wir besetzt halten. Sie erstrahlen
+von den hunderttausend Feuern der Granaten. Und
+davor kletterten die Jäger immer weiter .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p class="date">Sonntag, den 28. März (2. Brief).
+</p>
+
+<p class="address">Liebe Mutter,</p>
+
+<p>Strahlendes Wetter, das sich im Laufe des
+Vormittags aufgeheitert hat. Ich habe unsern Sektor
+ziemlich weit durchwandert; augenblicklich nimmt
+die Beschießung wieder an Stärke zu.
+</p>
+
+<p>Trotzdem wende ich meine Seele der Hoffnung
+zu. Für alle Fälle, flehe ich um Weisheit für Dich
+und für mich.
+</p>
+
+<!-- page 174 -->
+
+<p>Teure, mitunter fühle ich wie leicht es mir wäre,
+mich wiederum den Beschäftigungen zuzuwenden,
+die den Reiz und den Sinn meines Lebens ausmachten.
+Mitunter fühle ich mich plötzlich in diesem
+schönen Frühling, derart zur Malerei hingezogen,
+daß es mir sehr leid tun würde, wenn ich nicht
+mehr malen dürfte. Aber ich bemühe mich doch,
+meine Seelenkräfte und meinen Willen auf dem
+schmalen und schwierigen Damm dieses Lebens zu
+erhalten.
+</p>
+
+<p class="date">Den 1. April.
+</p>
+
+<p>Eine Sonne, die die Jugend des Frühlings
+enthüllt. Die Maas, ein eiliger Bach im Schmuck
+eines wohlhabenden Dorfes, wohin der Wiederhall
+des Kanonendonners nur noch wie ein dumpfer
+Stoß gelangt und seine Bedeutung verliert. Wir
+haben unser Quartier gewechselt, denn die Verstärkungen
+gelangen in solcher Menge nach dieser
+Gegend, daß wir Andern Platz machen müssen,
+und immer wird gerade unser Regiment ausquartiert.
+</p>
+
+<p>Aber Alles ist heute Licht und Frische. Die
+weite fette Ebene, welche die Hauts de Meuse begrenzen,
+hüllt ihre Fernen in zartes Silbergrau.
+</p>
+
+<p>Ich freue mich über den Brief von Gabrielle,
+der mir zeigt, was die französische Seele von diesen
+Ereignissen zurückbehalten wird. Rührender Brief
+von Pierre, der endlich nach seiner schweren Verwundung
+als dienstuntauglich entlassen ist. Herrlicher
+<!-- page 175 -->
+Brief von Großmutter. Wie sie sich nach dem
+Wiedersehen sehnt! &mdash; Reden wir nicht davon .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<div class="tb"><hr class="dash" /></div>
+
+<p>Ich schließe meinen Brief auf dem Ufer des
+Wassers, indem ich mit Wollust die Freuden, die
+ich beim Malen empfand, wieder wachrufe. Ich
+habe vor mir die lieblichsten Funken des Frühlings.
+</p>
+
+<p class="date">Den 3. April (Karte).
+</p>
+
+<p>Nur ein Wort in zweiter Linie. Aufenthalt in
+den Frühlingswäldern. Sonne und Regen, die
+am Himmel spielen. Mut trotz Allem.
+</p>
+
+<p class="date">Den 3. April, 2. Brief.
+</p>
+
+<p>Ich möchte, ich hätte Dir in den letzten Tagen
+besser geschrieben, damals als jede Minute eine
+Wonne für mich war, selbst in der Feuerlinie. Ich
+gestehe, daß ich mich damit begnügte, mich in der
+Schönheit der heitern Tage dahin leben zu lassen
+trotz des Krieggeheuls. Wir wissen nicht was geschehen
+wird. Die Bewegungen hin und her mehren
+sich. Werden wir wieder den Ansturm zu tragen
+haben?
+</p>
+
+<p>Stelle Dir vor, daß wir während unseres letzten
+Aufenthaltes in der Feuerlinie die Tage in den
+Unterständen verbringen mußten, die wir, gezwungen
+durch die grauenhafte Beschießung bis zu einer
+Tiefe von ungefähr zehn Metern in die Hügelabhänge
+graben. Dort erwartet man in völliger
+<!-- page 176 -->
+Dunkelheit die Nacht zum Aufbruch. Plötzlich haben
+wir meine Kameraden, die Unteroffiziere und ich
+den Schauer der neun Symphonien von Beethoven
+in uns erweckt. Eine unaussprechliche Begeisterung
+beseelte uns. Die Musik wirkte wie ein Feuerwerk
+in diesem Keller. Unsere chinesische Folter, weder
+sitzen noch stehen noch liegen zu können, war vergessen.
+</p>
+
+<p>Das Leben eines Sergeanten im Quartier ist
+recht angenehm; und doch maße ich mir nichts an.
+</p>
+
+<p>Was die Feuerlinie betrifft, so hoffe ich, daß
+die Vorsehung mir die Seelenkraft geben wird,
+bis zuletzt meine Pflicht zu erfüllen. Ein guter
+Freund, der Führer meines Halbzuges war, ist
+zum Kompagniefeldwebel ernannt worden. Alles
+das sind Kleinigkeiten, aber Teuerste, ich fühle mich
+in diesen Tagen etwas schwach, da ich nach den
+Ereignissen des vergangenen Monates arg leidend
+war. So lasse ich mich denn auf den sanften Abhängen
+des Lebens dahingleiten. Was tuts, wenn
+man dabei den Abgrund streift. Möge die Vorsehung
+uns davon fernhalten!
+</p>
+
+<p class="date">Den 4. April.
+</p>
+
+<p class="address">Teure geliebte Mutter,</p>
+
+<p>Zeit der angstvollen und von nahen Drohungen
+schwangeren Erwartung. Bis dahin, Ruhe und
+Müßiggang. Ich kann nicht denken und gebe mich
+dem Schicksal hin. Teure, verzeih mir, wenn ich
+<!-- page 177 -->
+seit einem Monat sehr minderwertig bin. Liebe
+mich und sage unsern Freunden, daß sie mich lieben
+sollen. Hast Du meine Photographie erhalten? .&nbsp;.&nbsp;.
+Es war in der glücklichen Zeit des Stellungskrieges,
+da wir friedliche Tage verlebten und unser einziger
+Feind die Strenge der Witterung war. Bald darauf
+wurde ich Gefreiter und ein hartes, an unerfreulichen
+Arbeiten schweres Leben begann für
+mich. Dann das Gewitter, dessen Wiederschein
+wenigstens noch mein Leben beleuchtet.
+</p>
+
+<p class="date">Den 4. April, abends, Ostersonntag.
+</p>
+
+<p>Liebe Mutter, jetzt stehen wir wieder unter dem
+Schutze Gottes. Um 2 Uhr gehen wir in den
+Sturm hinein. Teure, ich denke an Dich, ich denke
+an Euch. Ich liebe Euch und vertraue uns Alle
+drei der Vorsehung an. Möge Alles was kommt
+uns bereit finden! In voller Seelenstärke, das ist
+mein Gebet für Euch und für mich. Hoffnung
+trotzdem, aber vor Allem Weisheit und Liebe. Ich
+umarme Euch ohne weitere Worte. Ich raffe mein
+ganzes Denken zusammen, einer schweren Aufgabe zu.
+</p>
+
+<p class="date">Den 5. April, ein Uhr.
+</p>
+
+<p class="address">Liebe Mutter und liebe Großmutter,</p>
+
+<p>Wir brechen auf. Mut. Liebe und Weisheit. Vielleicht
+ist dies Alles zum Besten Aller geschrieben.
+Ich kann Euch nur mein ganzes Herz zuwenden,
+mein Leben besteht nur noch in Euch.
+</p>
+<!-- page 178 -->
+
+<p class="date">Den 5. April, gegen Mittag.
+</p>
+
+<p class="address">Liebe Mutter,</p>
+
+<p>Jetzt stehen wir in der Prüfung. Bis jetzt zeigt
+nichts an, daß die Gnadengaben uns verlassen.
+Uns steht es zu, uns zu bemühen, daß wir sie
+immer verdienen. Heute nachmittag werden wir
+unseren ganzen Willen brauchen und müssen die
+höchste Weisheit anrufen.
+</p>
+
+<p>Teure geliebte Mutter und liebe Großmutter,
+könnte ich noch die Freude Eurer Briefe haben.
+Laßt uns beten, daß wir noch unter Alledem aufrecht
+erhalten werden!
+</p>
+
+<p>Teure innig geliebte Mutter, noch einmal mein
+ganzes Herz Euch Beiden.
+</p>
+
+<p class="signature">Euer Sohn.</p>
+
+<p class="date">Den 6. April, mittags.
+</p>
+
+<p>Teure innig geliebte Mutter, um Mittag; jetzt
+stehen wir bereit auf der äußersten Stellung. Ich sende
+Dir meine volle Liebe. Was auch geschehen mag,
+das Leben hat uns manch Schönes gegeben.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>In diesem Kampfe, an diesem Tage, dem 6. April ist
+der Verfasser dieser Briefe spurlos verschwunden.
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h3 style="page-break-before: always">Fußnoten</h3>
+
+<p class="footnote" id="footnote-1"><a href="#fnote-1">1)</a> &bdquo;Lied der Gottheit,&ldquo; Episode des Mahâbhârata.
+(D. Übers.)
+</p>
+<p class="footnote" id="footnote-2"><a href="#fnote-2">2)</a> Défaillance; vergl. Shelley: faint, &bdquo;my faint
+heart&ldquo;, .&nbsp;.&nbsp;. &bdquo;I faint, i perish with my love&ldquo;. (Der
+Übersetzer.)
+</p>
+<p class="footnote" id="footnote-3"><a href="#fnote-3">3)</a> Unterleutnant André Cadoux, ruhmvoll vor dem
+Feinde gefallen, den 13. April 1915.
+</p>
+<p class="footnote" id="footnote-4"><a href="#fnote-4">4)</a> Siehe Maurice Barrès: L&rsquo;âme française et la
+guerre, I. L&rsquo;Union sacrée, Paris. Emile-Paul. 1915.
+XVI. L&rsquo;aigle survole le rossignol. &bdquo;Schon unterscheide
+ich durch welches Aufblühen die junge Literatur, nach den
+Lehren des Krieges, für den Anteil, den sie an dem gewaltigen
+Kampf nimmt, wird belohnt werden.&ldquo; Aus dem
+Kriege zurückgekehrt, &bdquo;werdet Ihr, Schriftsteller, Eure
+Träume übertreffen, wie der Adler über die Nachtigall
+emporfliegt.&ldquo; (S. 87.)
+</p>
+<p class="footnote" id="footnote-5"><a href="#fnote-5">5)</a> Beethoven: sechs Lieder von Gellert, Op. 48.
+Nr. 6. &bdquo;Die Ehre Gottes in der Natur.&ldquo;
+</p>
+<p class="footnote" id="footnote-6"><a href="#fnote-6">6)</a> Albert Samain: Au Jardin de l&rsquo;Infante (L&rsquo;allée
+Solitaire).
+</p>
+<p class="footnote" id="footnote-7"><a href="#fnote-7">7)</a> Ein Teil dieses Heftes ist oben mitgeteilt worden.
+</p>
+<p class="footnote" id="footnote-8"><a href="#fnote-8">8)</a> &bdquo;Libre étendue sur la Montagne.&ldquo; Rheingold
+zweite und vierte Szene. &bdquo;Allmählich gehen die Wogen
+in Gewölke über .&nbsp;.&nbsp;. und .&nbsp;.&nbsp;. wird &bdquo;<i>eine freie Gegend
+auf Bergeshöhen</i>&ldquo; sichtbar.&ldquo; (D. Übers.)
+</p>
+<p class="footnote" id="footnote-9"><a href="#fnote-9">9)</a> &bdquo;boyau de communication.&ldquo;
+</p>
+<p class="footnote" id="footnote-10"><a href="#fnote-10">10)</a> In der Sammlung Poèmes Saturniens. (D. Übers.)
+</p>
+<p class="footnote" id="footnote-11"><a href="#fnote-11">11)</a> Vergleiche Pascal in Le Mystère de Jésus: &bdquo;Tröste
+Dich, Du würdest, mich nicht suchen wenn Du mich nicht
+schon gefunden hattest.&ldquo; (Der Übers.)
+</p>
+<p class="footnote" id="footnote-12"><a href="#fnote-12">12)</a> S. Brief vom 10. November, 11 Uhr. (D. Übers.)
+</p>
+<p class="footnote" id="footnote-13"><a href="#fnote-13">13)</a> E. Schuré, Les grands initiés.
+</p>
+<p class="footnote" id="footnote-14"><a href="#fnote-14">14)</a> Das Musée Gustave Moreau in Paris, Rue La
+Rochefoucauld.
+</p>
+<p class="footnote" id="footnote-15"><a href="#fnote-15">15)</a> S. L&rsquo;Art de Notre Temps: Gustave Moreau par
+Léon Desbairs (Abbildung s. 101, L&rsquo;Age d&rsquo;Airain) Paris.
+La Renaissance du Livre. (D. Übers.)
+</p>
+<p class="footnote" id="footnote-16"><a href="#fnote-16">16)</a> &bdquo;L&rsquo;Enfance du Christ&ldquo;, von Hector Berlioz.
+</p>
+<p class="footnote" id="footnote-17"><a href="#fnote-17">17)</a> Den 21. September 1914 bei Villeroy, zwischen
+Meaux und Dammartin, während der Schlacht an der
+Ourcq. (D. Übers.)
+</p>
+<p class="footnote" id="footnote-18"><a href="#fnote-18">18)</a> Fleurs du Mal (Spleen et Idéal LIV. L&rsquo;Invitation
+au Voyage).
+</p>
+<p class="footnote" id="footnote-19"><a href="#fnote-19">19)</a> Les arbres, pensa-t-il, prennent l&rsquo;hiver une
+beauté intime qu&rsquo;ils n&rsquo;ont pas dans la gloire du feuillage
+et des fleurs. Ils découvrent la délicatesse de leur
+structure. L&rsquo;abondance de leur fin corail noir est
+charmante; ce ne sont point des squelettes, c&rsquo;est une
+multitude de jolis petits membres où la vie sommeille.
+(Le Mannequin d&rsquo;Osier, S. 77.)
+</p>
+<p class="footnote" id="footnote-20"><a href="#fnote-20">20)</a> Bewerber um den Rompreis der Ecole des Beaux-Arts
+im vorigen Jahre.
+</p>
+<p class="footnote" id="footnote-21"><a href="#fnote-21">21)</a> Der bekannte katholische Schriftsteller (1813&mdash;1883).
+(D. Übers.)
+</p>
+<p class="footnote" id="footnote-22"><a href="#fnote-22">22)</a> Wortspiel &bdquo;nuit blanche&ldquo;, &bdquo;rouge vinass&ldquo;.
+</p>
+<p class="footnote" id="footnote-23"><a href="#fnote-23">23)</a> Ilias XVI. Gesang. &mdash; (D. Übers. )
+</p>
+<p class="footnote" id="footnote-24"><a href="#fnote-24">24)</a> Tour d&rsquo;ivoire, von Sainte-Beuve auf A. de
+Vignys Weltflucht angewandter Ausdruck. &mdash; Vergl. La
+Fontaine. Fables VII, 3. Le rat qui s&rsquo;est retiré du monde.
+(Der Übers.)
+</p>
+<p class="footnote" id="footnote-25"><a href="#fnote-25">25)</a> &bdquo;Citation à l&rsquo;ordre de l&rsquo;armée.&ldquo;
+</p>
+<p class="footnote" id="footnote-26"><a href="#fnote-26">26)</a> Raffet, der durch seine Steindrucke aus dem Soldatenleben,
+besonders der napoleonischen Zeit, bekannte Zeichner
+(1804-1860). (Der Übersetzer.)
+</p>
+<p style="page-break-before:always">&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h3>Europäische Bücher:</h3>
+
+<p class="center">
+<b>Andreas Latzko</b>, Menschen im Krieg<br />
+<b>Romain Rolland</b>, Beethoven<br />
+<b>Leonhard Frank</b>, Der Mensch ist gut <br />
+<b>Leo Tolstoi</b>, Tagebuch 1895&mdash;1899<br />
+<b>Henri Barbusse</b>, Das Feuer<br />
+<b>Leonid Andrejew</b>, Das Joch des Krieges
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<div class="trnote">
+<p class="center"><a id="Anmerkungen"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></a></p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p class="noindent">
+Spätere Ausgaben dieses Buches identifizieren Eugène Emmanuel
+Lemercier als Verfasser.
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p class="noindent">
+Fußnoten wurden am Ende des Bandes gesammelt.
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p class="noindent">
+Die folgenden Korrekturen am Originaltext wurden vorgenommen:
+</p>
+
+<ul>
+
+<li>
+... Ich <span class="underline">versiche</span> Dich, daß andauernde Kraftanstrengung ...<br />
+... Ich <a href="#corr-1"><span class="underline">versichere</span></a> Dich, daß andauernde Kraftanstrengung ...
+</li>
+
+<li>
+... bilden und die Zurückkehrenden eine Zeitlang <span class="underline">abgestumpt</span> ...<br />
+... bilden und die Zurückkehrenden eine Zeitlang <a href="#corr-2"><span class="underline">abgestumpft</span></a> ...
+</li>
+
+<li>
+... Aber die Sonne ging über <span class="underline">den</span> Boden meines ...<br />
+... Aber die Sonne ging über <a href="#corr-3"><span class="underline">dem</span></a> Boden meines ...
+</li>
+
+<li>
+... Die Stellung, die wir <span class="underline">einnnehmen</span>, nähert uns dem ...<br />
+... Die Stellung, die wir <a href="#corr-4"><span class="underline">einnehmen</span></a>, nähert uns dem ...
+</li>
+
+<li>
+... Ich <span class="underline">glaue</span> mein künftiges Lebenswerk zu ahnen. ...<br />
+... Ich <a href="#corr-5"><span class="underline">glaube</span></a> mein künftiges Lebenswerk zu ahnen. ...
+</li>
+
+<li>
+... spricht gerade von dem <span class="underline">Mahâbharâta</span>, das, wie ...<br />
+... spricht gerade von dem <a href="#corr-6"><span class="underline">Mahâbhârata</span></a>, das, wie ...
+</li>
+
+<li>
+... <span class="underline">Bestimmmung</span> der Dienstordnung befohlen sind. ...<br />
+... <a href="#corr-7"><span class="underline">Bestimmung</span></a> der Dienstordnung befohlen sind. ...
+</li>
+
+</ul>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Briefe eines Soldaten, by Eugène Emmanuel Lemercier
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFE EINES SOLDATEN ***
+
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+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
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+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
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+
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+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+</pre>
+
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
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+
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+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
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+status under the laws that apply to them.
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