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diff --git a/39247-0.txt b/39247-0.txt new file mode 100644 index 0000000..9b108c3 --- /dev/null +++ b/39247-0.txt @@ -0,0 +1,2400 @@ +The Project Gutenberg EBook of Der Spaziergang, by Robert Walser + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org/license + + +Title: Der Spaziergang + +Author: Robert Walser + +Release Date: March 24, 2012 [EBook #39247] +[Last updated: September 12, 2020] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SPAZIERGANG *** + + + + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This book was +produced from scanned images of public domain material +from the Google Print project.) + + + + + + + [ Anmerkungen zur Transkription: + + Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; + lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste + der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes. + + Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert. + Im Original in Antiqua gedruckter Text wurde mit _ markiert. + Im Original fett gedruckter Text wurde mit ~ markiert. + ] + + + + +Schweizerische Erzähler / Band 9 + +Die Einbandzeichnung ist nicht, wie auf der Rückseite des Buchtitels +angegeben ist, von =Karl Walser=, sondern von ~Otto Baumberger~. Infolge +von Beförderungszwischenfällen kam der Karl Walser erteilte Auftrag +nicht zur Ausführung. + + + + + Der Spaziergang + + Von + Robert Walser + + Frauenfeld und Leipzig + Verlag: Huber & Co. + + + + +Den Einband zeichnete Karl Walser, Berlin + +Copyright 1917 by Huber & Co., Frauenfeld & Leipzig + +Druck von Huber & Co. in Frauenfeld + + + + +Ich teile mit, daß ich eines schönen Vormittags, ich weiß nicht mehr +genau, um wieviel Uhr, da mich die Lust, einen Spaziergang zu machen, +ankam, den Hut auf den Kopf setzte, das Schreib- oder Geisterzimmer +verließ, die Treppe hinunterlief, um auf die Straße zu eilen. Beifügen +könnte ich, daß mir im Treppenhaus eine Frau begegnete, die wie eine +Spanierin, Peruanerin oder Kreolin aussah. Sie trug etwelche bleiche, +welke Majestät zur Schau. Ich muß mir jedoch auf das strengste +verbieten, mich auch nur zwei Sekunden lang bei dieser Brasilianerin +oder was sie sonst sein mochte, aufzuhalten; denn ich darf weder Raum +noch Zeit verschwenden. So viel ich mich heute, wo ich dieses alles +schreibe, noch zu erinnern vermag, befand ich mich, als ich auf die +offene helle und heitere Straße trat, in einer romantisch-abenteuerlichen +Gemütsverfassung, die mich tief beglückte. Die morgendliche +Welt, die sich vor meinen Augen ausbreitete, erschien mir +so schön, als sähe ich sie zum erstenmal. Alles, was ich erblickte, +machte mir den angenehmen Eindruck der Freundlichkeit, Güte und Jugend. +Rasch vergaß ich, daß ich oben in meiner Stube soeben noch düster über +ein leeres Blatt Papier hingebrütet hatte. Alle Trauer, aller Schmerz +und alle schweren Gedanken waren wie verschwunden, obschon ich einen +gewissen Ernst, als Klang, noch immer vor mir und hinter mir lebhaft +spürte. Freudig war ich auf alles gespannt, was mir auf dem Spaziergang +etwa begegnen oder entgegentreten könnte. Meine Schritte waren gemessen +und ruhig, und soviel ich weiß, ließ ich, indem ich so meines Weges +ging, ziemlich viel würdevolles Wesen sehen. Meine Empfindungen liebe +ich vor den Augen meiner Mitmenschen zu verbergen, ohne daß ich mich +jedoch deswegen ängstlich bemühe, was ich für einen großen Fehler und +für eine starke Dummheit halten würde. Ich war noch nicht zwanzig oder +dreißig Schritte weit über einen weiten menschenbelebten Platz gegangen, +als mir Herr Professor Meili, eine Kapazität allerersten Ranges, leicht +begegnete. Wie die unumstürzliche Autorität schritt Herr Professor Meili +ernst, feierlich und hoheitvoll daher; in der Hand trug er einen +unbeugsamen wissenschaftlichen Spazierstock, der mir Grauen, Ehrfurcht +und Respekt einflößte. Professor Meilis Nase war eine strenge, +gebieterische, scharfe Adler- oder Habichtsnase, und der Mund war +juristisch zugeklemmt und zugekniffen. Des berühmten Gelehrten Gangart +glich einem ehernen Gesetz; Weltgeschichte und Abglanz von längst +vorübergegangenen heroischen Taten blitzten aus Herrn Professor Meilis +harten, hinter buschigen Augenbrauen verborgenen Augen hervor. Sein Hut +glich einem unabsetzbaren Herrscher. Geheime Herrscher sind die +stolzesten und härtesten. Im ganzen genommen betrug sich jedoch +Professor Meili ganz milde, so als wenn er in keiner Hinsicht nötig +gehabt hätte, merken zu lassen, welche Summen von Macht und Gewicht er +personifizierte, und seine Gestalt erschien mir trotz aller +Unerbittlichkeit und Härte sympathisch, weil ich mir sagen durfte, daß +die, die nicht auf süße und schöne Art lächeln, ehrlich und zuverlässig +sind. Gibt es ja bekanntlich Schurken, die die Lieben und Guten spielen, +die das schreckliche Talent haben, zu den Untaten, die sie begehen, +verbindlich und artig zu lächeln. + +Ich wittere etwas von einem Buchhändler und einem Buchladen; ebenso will +bald, wie ich ahne und merke, ein Bäckerladen mit prahlerischen +Goldbuchstaben zur Erwähnung und Geltung gelangen. Vorher aber habe ich +noch einen Priester oder Pfarrer zu verzeichnen. Ein radfahrender oder +fahrradelnder Stadtchemiker fährt mit freundlichem, gewichtigem Gesicht +dicht am Spaziergänger, nämlich an mir, vorüber, ebenso ein Stabs- oder +Regimentsarzt. Ein bescheidener Fußgänger darf nicht unbeachtet und +unaufgezeichnet bleiben; denn er ersucht mich um gefällige Erwähnung. Es +ist dies ein reichgewordener Althändler und Lumpensammler. Buben und +Mädchen jagen im Sonnenlicht frei und ungezügelt umher. »Man lasse sie +ruhig ungezügelt«, dachte ich; »das Alter wird sie einst schon schrecken +und zügeln. Nur zu früh, leider Gottes.« Ein Hund erlabt sich am +Brunnenwasser. Schwalben, scheint mir, zwitschern in der blauen Luft. +Ein bis zwei elegante Damen in verblüffend kurzen Röcken und +überraschend feinen hohen farbigen Stiefelchen machen sich doch wohl +hoffentlich so gut bemerkbar wie irgend etwas anderes. Zwei Sommer- oder +Strohhüte fallen auf. Die Sache mit den Herrenstrohhüten ist die: +Plötzlich sehe ich nämlich zwei Hüte in der hellen zarten Luft, und +unter den Hüten stehen zwei bessere Herren, die einander mittels +schönen, artigen Hutlüftens und -schwenkens guten Morgen zu bieten +scheinen. Die Hüte sind bei dieser Veranstaltung sichtlich wichtiger als +ihre Träger und Besitzer. Im übrigen bittet man den Verfasser sehr +ergeben, sich vor tatsächlich überflüssigen Spötteleien und Föppeleien +zu hüten. Man ersucht ihn, ernsthaft zu bleiben, und hoffentlich hat er +das jetzt ein für allemal verstanden. + +Da eine äußerst stattliche, reichhaltige Buchhandlung mir angenehm in +die Augen fiel und ich Trieb und Lust spürte, ihr einen kurzen und +flüchtigen Besuch abzustatten, so zögerte ich nicht, in den Laden mit +sichtlich guter Manier einzutreten, wobei ich mir allerdings zu bedenken +erlaubte, daß ich vielleicht mehr als Inspektor und Bücher-Revisor, als +Erkundigungen-Einsammler und feiner Kenner denn als beliebter und +gerngesehener reicher Einkäufer und guter Kunde in Frage käme. Mit +höflicher, überaus vorsichtiger Stimme und in den begreiflicherweise +gewähltesten Ausdrücken erkundigte ich mich nach dem Neusten und Besten +auf dem Gebiet der schönen Literatur. »Darf ich«, fragte ich schüchtern, +»das Gediegenste und Ernsthafteste und damit selbstverständlich zugleich +auch das Meistgelesene und am raschesten Anerkannte und Gekaufte kennen +und augenblicklich schätzen lernen? Sie würden mich zu ungewöhnlichem +Dank in sehr hohem Grad verbinden, wenn Sie die weitgehende Gefälligkeit +haben und mir das Buch gütig vorlegen wollten, das, wie ja sicher +niemand so genau wissen wird wie gerade Sie, die höchste Gunst beim +lesenden Publikum sowohl als bei der gefürchteten und daher ohne Zweifel +auch umschmeichelten Kritik gefunden hat und ferner munter findet. Sie +glauben garnicht, wie ich mich interessiere, sogleich zu erfahren, +welches von allen den hier aufgestapelten und zur Schau gestellten +Büchern oder Werken der Feder dieses fragliche Lieblingsbuch ist, dessen +Anblick mich ja höchst wahrscheinlich, wie ich auf das allerlebhafteste +vermuten muß, zum sofortigen freudigen, begeisterten Käufer machen wird. +Das Verlangen, den Lieblingsschriftsteller der gebildeten Welt und sein +bewundertes, stürmisch beklatschtes Meisterwerk zu sehen und wie gesagt +vermutlich auch sogleich zu kaufen, gramselt und rieselt mir durch alle +Glieder. Darf ich Sie höflich bitten, mir dieses erfolgreichste Buch zu +zeigen, damit die Begierde, die sich meines gesamten Wesens bemächtigt +hat, sich zufrieden gibt und aufhört, mich zu beunruhigen?« »Sehr gern«, +sagte der Buchhändler. Er verschwand wie ein Pfeil aus dem +Gesichtskreis, um jedoch im nächsten Augenblick schon wieder zu dem +begierigen Käufer und Interessenten zurückzukehren und zwar mit dem +meist gekauften und gelesenen Buch von wirklich bleibendem Wert in der +Hand. Das kostbare Geistesprodukt trug er so sorgsam und feierlich, als +trage er eine heilig machende Reliquie. Sein Gesicht war verzückt; die +Miene strahlte höchste Ehrfurcht aus, und mit einem Lächeln auf den +Lippen, wie es nur Gläubige und Innigstdurchdrungene zu lächeln +vermögen, legte er mir auf die gewinnendste Art vor, was er +daherbrachte. Ich betrachtete das Buch und fragte: + +»Können Sie schwören, daß dies das weitestverbreitete Buch des Jahres +ist?« + +»Ohne Zweifel.« + +»Können Sie behaupten, daß dies das Buch ist, das man gelesen haben +muß?« + +»Unbedingt.« + +»Ist das Buch wirklich auch gut?« + +»Was für eine gänzlich überflüssige und unstatthafte Frage.« + +»Ich danke Ihnen recht sehr«, sagte ich kaltblütig, ließ das Buch, das +die absolut weiteste Verbreitung gefunden hatte, weil man es unbedingt +gelesen haben mußte, lieber ruhig liegen, wo es lag, und entfernte mich +geräuschlos, ohne noch ein weiteres Wort zu verlieren. »Ungebildeter und +unwissender Mensch!« rief mir freilich der Verkäufer in seinem +berechtigten tiefen Verdruß nach. Ich ließ ihn jedoch reden und ging +gemächlich weiter und zwar, wie ich sogleich näher auseinandersetzen und +verständlich machen werde, direkt in die nächstgelegene imposante +Bankanstalt. + +Wo ich nämlich meinte vorsprechen zu müssen, um über gewisse Wertpapiere +zuverlässigen Aufschluß zu erhalten. »Im Vorbeigehen rasch in ein +Geldinstitut hineinzuspringen«, dachte oder sagte ich für mich selber, +»um über Finanzangelegenheiten zu verhandeln und Fragen vorzubringen, +die man nur flüsternd vorträgt, ist hübsch und nimmt sich ungemein gut +aus.« + +»Es ist gut und trifft sich prächtig, daß Sie persönlich zu uns kommen«, +sagte mir am Schalter der verantwortungsvolle Beamte in sehr +freundlicher Tonart, und er fügte, indem er fast schalkhaft, jedenfalls +aber sehr angenehm und heiter lächelte, Folgendes hinzu: + +»Es ist, wie gesagt, gut, daß Sie gekommen sind. Soeben wollten wir uns +brieflich an Sie wenden, um Ihnen, was jetzt mündlich geschehen kann, +die für Sie ohne Frage erfreuliche Mitteilung zu machen, daß wir Sie aus +Auftrag eines Vereines oder Kreises von Ihnen offenbar hold gesinnten +gutherzigen und menschenfreundlichen Frauen mit + + Franken Eintausend + +nicht belastet, sondern vielmehr, was Ihnen zweifellos wesentlich +willkommener sein dürfte, bestens kreditiert haben, was wir Ihnen +hiedurch bestätigen und wovon Sie, wenn Sie so gut sein wollen, prompt +Notiz im Kopf oder, wo es Ihnen sonst paßt, nehmen wollen. Wir nehmen +an, daß Ihnen diese Eröffnung lieb ist; denn Sie machen uns, offen +gestanden, den Eindruck, der uns mit, wir möchten uns erlauben zu sagen, +fast nur schon zu großer Deutlichkeit sagt, daß Sie Fürsorge delikater +und schöner Natur geradezu bedenklich nötig haben. Das Geld steht von +heute ab zu Ihrer Verfügung. Man sieht, daß eine starke Fröhlichkeit +sich in diesem Augenblick über Ihre Gesichtszüge verbreitet. Ihre Augen +leuchten; Ihr Mund hat in diesem Moment etwas Lachendes, mit welchem Sie +vielleicht schon die längste Zeit nicht mehr gelacht haben, weil +zudringliche tägliche Sorgen häßlicher Art Ihnen verboten haben, das zu +tun, und weil Sie sich seit langer Zeit meistens vielleicht in trüber +Laune befanden, da allerhand böse und traurige Gedanken Ihre Stirne +umdüsterten. Reiben Sie sich nur immer vor Vergnügen die Hände, und +seien Sie froh, daß einige edle, liebenswürdige Wohltäterinnen, durch +den erhabenen Gedanken bewogen, daß Leid eindämmen schön und Not lindern +gut sei, daran dachten, daß ein armer und erfolgloser Dichter (denn +nicht wahr, das sind Sie doch?) der Unterstützung bedürfe. Zu der +Tatsache, daß sich einige Menschen fanden, die sich herablassen wollten, +sich Ihrer zu erinnern, und zu dem Umstand, daß nicht alle Leute sich +gleichgültig über des vielfach verachteten Dichters Existenz +hinwegsetzen, gratulieren wir Ihnen.« + +»Die mir von weichen und gütigen Feen- oder Frauenhänden gespendete, +unvermutet zugeflossene Geldsumme«, sagte ich, »möchte ich ruhig bei +Ihnen liegen lassen, wo sie ja einstweilen am besten aufgehoben ist, da +Sie über die nötigen feuerfesten und diebsichern Kassenschränke +verfügen, um Schätze vor jeglicher Vernichtung und vor jeglichem +Untergang zu bewahren. Überdies zahlen Sie ja sogar noch Zinsen. Darf +ich Sie um einen Empfangschein bitten? Ich stelle mir vor, daß ich die +Freiheit habe, jederzeit nach Belieben und Bedürfnis von der großen +Summe kleine Summen abzuheben. Bemerken möchte ich, daß ich sparsam bin. +Ich werde mit der Gabe wie ein solider, zielbewußter Mann, d. h. äußerst +vorsichtig umzugehen wissen, und den freundlichen Geberinnen werde ich +in einem besonnenen und artigen Schreiben meinen Dank abzustatten haben, +was ich schon morgen früh zu tun denke, damit es nicht durch Aufschieben +vergessen wird. Die Annahme, die Sie vorhin so offen äußerten, daß ich +arm sei, mag immerhin auf kluger und richtiger Beobachtung beruhen. Es +genügt aber vollkommen, daß ich selber weiß, was ich weiß, und daß ich +selbst es bin, der am besten über meine Person unterrichtet ist. Oft +trügt der Schein, mein Herr, und ein Urteil über einen Menschen zu +fällen, wird wohl am besten diesem Menschen selbst überlassen sein. +Niemand kann einen Mann, der schon allerlei gesehen und erfahren hat, so +gut kennen wie er selbst. Ich irrte zu Zeiten allerdings im Nebel und in +tausenderlei Schwankungen und Verlegenheiten umher, und oft fühlte ich +mich elendiglich verlassen. Aber ich denke, daß es schön ist, zu +kämpfen. Nicht auf Freuden und Vergnügungen ist ein Mann stolz. Stolz +und froh im Grunde der Seele machen ihn nur tapfer überstandene +Anstrengungen und die geduldig ausgehaltenen Leiden. Doch hierüber +verschwendet man nicht gerne Worte. Welcher redliche Mann war im Leben +nie hilflos, und welches menschlichen Wesens Hoffnungen, Pläne, Träume +sind im Laufe der Jahre gänzlich unzerstört geblieben? Wo ist die Seele, +deren Sehnen, kühnes Wünschen, süße und hohe Vorstellungen von Glück in +Erfüllung gingen, ohne daß sie sich Abzüge hat machen lassen müssen?« + +Quittung über eintausend Franken wurde mir aus- und eingehändigt, worauf +sich der solide Geld-Einleger und Konto-Korrent-Mensch empfehlen und +entfernen durfte, nämlich niemand anderer als ich. Von Herzen froh über +das mir so zauberhaft, wie aus blauem Himmel zugefallene +Kapital-Vermögen lief ich aus dem hohen, schönen Kassaraum fort, an die +freie Luft hinaus, um den Spaziergang fortzusetzen. + +Anfügen will und kann und darf ich hoffentlich (da mir im Augenblick +Neues und Gescheites nicht einfällt), daß ich eine höfliche, reizende +Einladung von Frau Aebi in der Tasche mittrug. Die Einladekarte forderte +mich ergebenst auf und ermunterte mich, punkt halb ein Uhr jedenfalls +zum bescheidenen Mittagessen erscheinen zu wollen. Ich nahm mir fest +vor, der Aufforderung zu gehorchen und bei der fraglichen +schätzenswerten Person zur angegebenen Zeit prompt aufzutauchen. + +Indem du dir, lieber gewogener Leser, die Mühe nimmst, sorgfältig mit +dem Schreiber und Erfinder dieser Zeilen vorwärts in die helle, +freundliche Morgenwelt hinaus zu marschieren, nicht eilig, sondern +vielmehr ganz behaglich, sachlich, glatt, bedächtig und ruhig, gelangen +wir beide vor die bereits vorgemerkte Bäckerei mit Goldinschrift, wo wir +uns bewogen fühlen, entsetzt stehen zu bleiben, um auf betrübliche Weise +über gröbliche Protzerei und über damit aufs engste verbundene traurige +Verunstaltung des lieblichen Ländlichkeitsbildes zu staunen. + +Spontan rief ich aus: »Ziemlich entrüstet, bei Gott, darf ein ehrlicher +Mensch angesichts solcher goldenen Firmeninschrift-Barbareien sein, die +der Landschaft, in welcher wir stehen, ein Gepräge der Eigensucht, +Geldgier, elenden, völlig nackten Seelenverrohung aufdrücken. Hat denn +ein einfacher, redlicher Bäckermeister wirklich nötig, so großartig +aufzutreten, mit seiner törichten Gold- und Silber-Ankündigung in der +Sonne zu strahlen und blitzen wie ein Fürst oder wie eine putzsüchtige +zweifelhafte Dame? Backe und knete er doch sein Brot in Ehren und in +vernunftentsprechender Bescheidenheit. In was für einer Schwindelwelt +fangen wir an zu leben oder haben wir bereits begonnen zu leben, wenn +von Gemeinden, Nachbarschaft und öffentlicher Meinung nicht nur +geduldet, sondern unglücklicherweise offenbar sogar noch gepriesen wird, +was jeden guten Sinn, jeden Sinn für Vernunft und Gefälligkeit, jeden +Schönheits- und Biedersinn beleidigt, was krankhaft großtut, sich ein +lächerliches Lumpen-Ansehen verleiht, das auf hundert und mehr Meter +Entfernung in die gute ehrliche Luft hinausschreit: »Ich bin der und +der. Ich habe soundso viel Geld, und ich darf mir herausnehmen, +unangenehm aufzufallen. Ich bin zwar sicherlich ein Lümmel und Tölpel +und geschmackloser Kerl mit meinem häßlichen Prunken; aber es hat mir +niemand zu verbieten, lümmelhaft und tölpelhaft zu sein.« Stehen +goldene, weithin glitzernde, abscheulich leuchtende Buchstaben in irgend +einem annehmbaren, ehrlich gerechtfertigten Verhältnis und in irgend +einer gesunden verwandtschaftlichen Beziehung zu -- -- Brot? Mit +nichten! Aber abscheuliche Großtuerei und Prahlerei haben an irgend +einer Ecke, in irgend einem Winkel der Welt, zu irgend einer Stunde +angefangen, haben, gleich einer beklagenswerten jämmerlichen +Überschwemmung, Fortschritte um Fortschritte gemacht, Unrat, Schmutz und +Torheit mit sich reißend, dieselben über die Welt verbreitend, und haben +auch meinen ehrsamen Bäckermeister ergriffen, um seinen bisherigen guten +Geschmack zu verderben, seine ihm angeborene Sittsamkeit zu unterwühlen. +Ich gäbe viel, ich gäbe den linken Arm oder das linke Bein her, wenn ich +durch ein solches Opfer wieder den alten feinen Sinn für Gediegenheit, +die alte gute Genügsamkeit herbeiführen helfen, Land und Leuten wieder +jene Ehrsamkeit und Bescheidenheit zurückgeben könnte, die sicher +vielfach und zum Bedauern aller Menschen, die es redlich meinen, +verloren gegangen sind. Zum Teufel mit der miserablen Sucht, mehr zu +scheinen, als was man ist. Eine wahre Katastrophe ist das, die +Kriegsgefahr, Tod, Elend, Haß und Verwundungen auf der Erde verbreitet +und allem, was existiert, eine verwünschenswerte Maske von Bosheit und +Häßlichkeit aufsetzt. So sei mir doch ein Handwerker kein Monsieur und +eine einfache Frau keine Madam. Aber es will heute alles blenden und +glitzern, neu und fein und schön sein, Monsieur sein und Madam sein, daß +es ein Grauen ist. Doch kommt es vielleicht mit der Zeit auch noch +einmal wieder anders. Ich will es hoffen.« + +Ich werde mich übrigens sogleich punkto herrenhaften Auftretens und +hochherrschaftlichen Gebarens, wie man bald erfahren wird, selber beim +Ohr nehmen. Auf was für eine Art wird sich zeigen. Es wäre nicht schön, +wenn ich andere schonungslos kritisieren, mich selber aber nur ganz zart +anfassen und so schonungsvoll wie möglich behandeln wollte. Ein +Kritiker, der es so macht, ist nicht der wahre, und Schriftsteller +sollen mit der Schriftstellerei keinen Mißbrauch treiben. Ich hoffe, daß +dieser Satz allgemein gefällt, Genugtuung erweckt und warmen Beifall +findet. + +Eine Arbeiter-gefüllte und arbeitsreiche Metallgießerei verursacht hier +links vom Landschaftsweg auffälliges Getöse. Bei dieser Gelegenheit +schäme ich mich aufrichtig, daß ich nur spaziere, wo so viele andere +schuften und arbeiten. Ich schufte und schaffe freilich vielleicht dann +zu einer Stunde, wo alle diese Arbeiter Feierabend haben und ausruhen. + +Ein Monteur auf dem Fahrrad, Kamerad vom Landwehrbataillon 134/III, ruft +mir beiläufig zu: »Du spazierst wieder einmal, scheint mir, am +heiterhellen Werktag.« Ich grüße ihn lachend und gebe mit Freuden zu, +daß er recht hat, wenn er der Ansicht ist, daß ich spaziere. + +»Sie sehen es mir an, daß ich spaziere«, dachte ich im stillen und +spazierte friedlich weiter, ohne mich im geringsten über das +Ertapptwordensein zu ärgern, was ganz dumm gewesen wäre. + +In meinem hellgelben, geschenkt bekommenen Engländer-Anzug kam ich mir +nämlich, muß ich offen gestehen, wie ein großer Lord, Grandseigneur, im +Park auf und ab spazierender Marquis vor, trotzdem es doch nur eine halb +ländliche, halb vorstadtmäßige schlichte liebe bescheidene und +kleinliche Armutsgegend und Landstraße war, wo ich mich erging, und +durchaus kein vornehmer Park, wie ich mir angemaßt habe anzudeuten, was +ich sachte wieder zurückziehe, weil alles Parkhafte ganz aus der Luft +gegriffen ist und hierher absolut nicht paßt. Kleinere und größere +Fabriklein und mechanische Werkstätten lagen beliebig verstreut im +Grünen. Fette warme Landwirtschaft gab hier herum gleichsam klopfender +und hämmernder Industrie, die immer irgend etwas Zerarbeitetes und +Mageres an sich hat, freundschaftlich den Arm. Nußbäume, Kirschbäume und +Pflaumenbäume gaben dem weichen, rundlichen Weg etwas Anziehendes, +Unterhaltsames und Zierliches. Ein Hund lag quer mitten auf der Straße, +die ich an und für sich schon schön fand und liebte. Ich liebte +überhaupt das meiste, was ich nach und nach sah, augenblicklich feurig. +Eine andere kleine hübsche Hundeszene und Kinderszene war folgende: Ein +großer, aber durchaus drolliger, humorvoller, ungefährlicher Kerl von +Hund betrachtete still einen Knirps von Knaben, der auf einer Haustreppe +kauerte, und der wegen der Aufmerksamkeit, die ihm das gutmütige, jedoch +ein wenig schreckhaft aussehende Tier zu schenken beliebte, vor Angst +jämmerlich brüllte und ein starkes, kindisches Geheul veranstaltete. Ich +fand den Auftritt entzückend; aber einen andern Kinderauftritt im +Landstraßentheater fand ich fast noch netter und entzückender. Zwei ganz +kleine Kinderchen lagen auf der ziemlich staubigen Straße wie in einem +Garten. Das eine Kind sagte zum andern: »Gib mir ein liebes Küßchen.« +Das andere Kind gab ihm das dringlich Geforderte. Nun sagte es zu ihm: +»So. Jetzt darfst du vom Boden aufstehen.« Es würde ihm also höchst +wahrscheinlich ohne süßes Küßchen nicht erlaubt haben, was es ihm jetzt +gestattete. »Wie paßt diese naive kleine Szene zu dem schönen blauen +Himmel, der auf die frohe leichte helle Erde so göttlich herunterlacht!« +sagte ich mir. »Kinder sind himmlisch, weil sie immer wie in einer Art +Himmel sind. Wenn sie älter werden und aufwachsen, schwindet ihnen der +Himmel, und sie fallen aus der Kindlichkeit dann in das trockene, +berechnende Wesen und in die langweiligen Anschauungen der Erwachsenen. +Für Kinder von armen Leuten ist die sommerliche Landstraße wie ein +Spielzimmer. Wo sollen sie sonst sein, da ihnen die Gärten eigennützig +zugesperrt sind? Wehe dahersausenden Automobilen, die kalt und bös in +das Kinderspiel, in den kindlichen Himmel hineinfahren, daß kleine +unschuldige menschliche Wesen in Gefahr kommen, zermalmt zu werden. Den +schrecklichen Gedanken, daß ein Kind von solch einem plumpen +Triumphwagen tatsächlich überfahren wird, will ich garnicht denken, weil +mich sonst der Zorn zu groben Ausdrücken verleitete, mit denen man ja +bekanntlich doch nie viel verrichtet.« + +Leuten, die in einem sausenden, staubaufwerfenden Automobil sitzen, +zeige ich immer mein böses und hartes Gesicht, und sie verdienen auch +kein besseres. Sie denken dann, daß ich ein Aufpasser und Polizist in +Zivil sei, von hohen Obrigkeiten und Behörden beauftragt, auf das Fahren +aufzupassen, mir die Nummer des Fahrzeugs zu merken und solche später zu +hinterbringen. Ich schaue da stets finster auf die Räder, aufs Ganze und +nie auf die Insassen, welche ich verachte und zwar keineswegs +persönlich, sondern rein grundsätzlich; denn ich begreife nicht und +werde niemals begreifen, daß es ein Vergnügen sein kann, so an allen +Gebilden, Gegenständen, die unsere schöne Erde aufweist, vorüberzurasen, +als wenn man toll geworden sei und rennen müsse, um nicht elend zu +verzweifeln. In der Tat liebe ich die Ruhe und alles Ruhende. Ich liebe +Sparsamkeit und Mäßigkeit und bin allem Gehetz und Gehast im tiefsten +Innern in Gottes Namen abhold. Mehr als was wahr ist brauche ich nicht +zu sagen. Und wegen dieser Worte wird das Automobilfahren sicher nicht +mit einmal aufhören nebst luftverderbendem üblem Geruch, den sicherlich +niemand besonders hochschätzt und liebt. Es wäre widernatürlich, wenn +jemandes Nase lieben und mit Freuden einziehen würde, was für jede +rechte Menschennase einfach manchmal, je nachdem man vielleicht gelaunt +ist, empörend und abscheuerweckend ist. Schluß und nichts für ungut. Und +nun weiter spaziert. Himmlisch schön und gut und uralt einfach ist es +ja, zu Fuß zu gehen. Anzunehmen ist, daß das Schuhwerk und Stiefelzeug +in Ordnung ist. + +Werden mir sehr geehrte Herrschaften, Gönnerschaften und Leserschaften, +indem sie diesen vielleicht etwas zu feierlichen und hochdaherstolzierenden +Stil wohlwollend hinnehmen und entschuldigen, nunmehr gütig +erlauben, dieselben auf zwei besonders bedeutende Personen, +Gestalten oder Figuren, nämlich erstlich oder besser erstens +auf eine vermeintliche gewesene Schauspielerin und zweitens auf die +jugendlichste vermutliche angehende Sängerin gebührend aufmerksam zu +machen? Ich halte diese zwei Leute für denkbar wichtig und habe sie +daher geglaubt zum voraus schon, bevor sie in Wirklichkeit auftreten und +figurieren werden, ordentlich anmelden und ankündigen zu sollen, damit +ein Geruch von Bedeutsamkeit und Ruhm den beiden zarten Geschöpfen +vorauseile und dieselben bei ihrem Erscheinen mit all der Achtsamkeit +und sorgfältigen Liebe empfangen und angeschaut werden können, womit man +meiner geringfügigen Meinung nach solcherlei Wesen fast notwendigerweise +auszeichnen muß. Gegen halb ein Uhr wird ja dann der Herr Verfasser +bekanntermaßen, zum Lohn für seine vielfachen Strapazen, im Palazzo oder +Haus der Frau Aebi essen, schwelgen und speisen. Bis dahin wird er +indessen noch eine beträchtliche Strecke Weges zurückzulegen und noch +manche Zeile zu schreiben haben. Aber man weiß ja zur Genüge, daß er +ebenso gern spaziert als schreibt; letzteres allerdings vielleicht um +eine Nüance weniger gern als ersteres. + +Vor einem bildsaubern und hübschen Haus sah ich, hart an der schönen +Straße, eine Frau auf einer Bank sitzen, und kaum hatte ich sie +erblickt, so erkühnte ich mich auch bereits sie anzusprechen, indem ich +unter möglichst artigen und verbindlichen Wendungen Folgendes +vorbrachte: + +»Verzeihen Sie, wenn sich mir, einem Ihnen völlig unbekannten Menschen, +bei Ihrem Anblick die eifrige und sicherlich dreiste Frage auf die Lippe +drängt, ob Sie nicht vielleicht ehemals Schauspielerin gewesen seien. +Sie sehen nämlich ganz und gar wie eine einstmals verwöhnte, gefeierte +große Schauspielerin und Bühnenkünstlerin aus. Gewiß wundern Sie sich +mit größtem Recht über die so verblüffend waghalsige kecke Anrede und +Anfrage; aber Sie haben ein so schönes Gesicht, ein so gefälliges, +nettes, und ich muß beifügen, so interessantes Aussehen, zeigen eine so +schöne, edle, gute Figur, schauen so grad und groß und ruhig vor sich +hin, auf mich und überhaupt in die Welt hinein, daß ich mich unmöglich +habe zwingen können, an Ihnen vorüberzugehen, ohne gewagt zu haben, +Ihnen etwas Artiges und Schmeichelhaftes zu sagen, was Sie mir +hoffentlich nicht übel nehmen werden, obschon ich fürchten muß, daß ich +wegen meiner Leichtfertigkeit Strafe und Mißbilligung verdiene. Als ich +Sie sah, kam ich augenblicklich auf den Gedanken, daß Sie Schauspielerin +gewesen sein müßten, und heute, so dachte ich bei mir, sitzen Sie nun +hier an der einfachen, wenn auch gleich schönen Straße, vor dem hübschen +kleinen Laden, als dessen Inhaberin Sie mir vorkommen. Sie sind +vielleicht bis heute noch von keinem Menschen hier so ohne alle Umstände +angeredet worden. Ihr freundliches und zugleich anmutiges Äußeres, Ihre +liebenswürdige, schöne Erscheinung, Ihre Ruhe, Ihre feine Gestalt und +Ihr edles, munteres Aussehen bei vorgerücktem Alter, das Sie mir +erlauben wollen anzumerken, haben mich ermutigt, ein zutrauliches +Gespräch auf offener Straße mit Ihnen anzufangen. Auch hat der schöne +Tag, dessen Freiheit und Heiterkeit mich beglücken, eine Fröhlichkeit in +mir angezündet, mit welcher ich vielleicht der unbekannten Dame +gegenüber etwas zu weit gegangen bin. Sie lächeln! Dann sind Sie also +über die ungezwungene Sprache, die ich führe, keineswegs böse. Es dünkt +mich, wenn ich so sagen darf, schön und gut, daß dann und wann zwei +unbekannte Menschen frei und harmlos miteinander reden, wozu wir +Bewohner dieses irrenden, seltsamen Planeten, der uns ein Rätsel ist, ja +schließlich Mund und Zunge und die sprachliche Fähigkeit haben, welch +letztere an und für sich schon so schön und seltsam ist. Jedenfalls +haben Sie mir, als ich Sie sah, sogleich herzlich gut gefallen; doch ich +muß mich nun respektvoll entschuldigen, und ich möchte Sie bitten, +überzeugt zu sein, daß Sie mir die wärmste Ehrfurcht einflößen. Kann das +offene Geständnis, daß ich sehr glücklich war, als ich Sie sah, Sie +veranlassen, mir zu zürnen?« + +»Vielmehr muß es mich freuen«, sagte die schöne Frau heiter; »aber +bezüglich Ihrer Vermutung muß ich Ihnen eine Enttäuschung bereiten. Ich +bin nie Schauspielerin gewesen.« + +Worauf ich mich bewogen fühlte, zu sagen: »Ich bin vor einiger Zeit in +diese Gegend aus kalten, traurigen, engen Verhältnissen, krank im +Innern, ganz und gar ohne Glauben, ohne Zuversicht und Zutrauen, ohne +jegliche schönere Hoffnung hergekommen, mit der Welt und mit mir selber +entfremdet und verfeindet. Ängstlichkeit und Mißtrauen nahmen mich +gefangen und begleiteten jeden meiner Schritte. Stück um Stück verlor +ich dann das unedle, häßliche Vorurteil. Ich atmete hier wieder ruhiger +und freier -- und wurde wieder ein schönerer, wärmerer, glücklicherer +Mensch. Die Befürchtungen, die mir die Seele erfüllten, sah ich nach und +nach verschwinden; Trauer und Öde im Herzen und die Hoffnungslosigkeit +verwandelten sich allgemach in heitere Befriedigung und in einen +angenehmen, lebhaften Anteil, den ich von Neuem fühlen lernte. Ich war +tot, und jetzt ist es mir, als habe mich jemand gehoben und gefördert. +Wo ich viel Unschönes, Hartes und Beunruhigendes erfahren zu müssen +geglaubt habe, treffe ich den Liebreiz und die Güte an und finde ich +alles Ruhige, Zutrauliche und Gute.« + +»Umso besser«, sagte die Frau mit freundlicher Miene und Stimme. + +Da mir der Augenblick gekommen zu sein schien, die ziemlich mutwillig +begonnene Unterhaltung zu beendigen und mich zu entfernen, so grüßte ich +die Frau, die ich für eine Schauspielerin gehalten hatte, die jedoch +jetzt leider keine große und berühmte Schauspielerin mehr war, weil sie +selbst es für nötig gefunden hatte zu bestreiten, mit, ich darf wohl +sagen, ausgesuchter, sehr sorgfältiger Höflichkeit, indem ich mich vor +ihr verneigte, und ging friedlich, wie wenn weiter gar nichts geschehen +wäre, weiter. + +Eine bescheidene Frage: Ist vielleicht nachgerade für ein zierliches +Putzgeschäft unter grünen Bäumen hervorragendes Interesse und womöglich +etlicher Beifall spärlich vorhanden? + +Ich glaube stark daran, und so wage ich die ganz ergebene Mitteilung zu +machen, daß ich im Gehen und Vormarschieren auf dem schönsten aller Wege +einen ziemlich albernen, jünglinghaften und lauten Freudeschrei aus +einer Kehle ausstieß, die solches und ähnliches selber nicht für möglich +hielt. Was sah und entdeckte ich Neues, Unerhörtes und Schönes? Ei, ganz +einfach besagtes allerliebstes Putzgeschäft und Modesalon. Paris und +Petersburg, Bukarest und Mailand, London und Berlin, alles, was elegant, +liederlich und hauptstädtisch ist, trat mir nah, tauchte vor mir auf, um +mich zu faszinieren und zu bezaubern. Aber in den Haupt- und Weltstädten +fehlt der grüne sanfte Baumschmuck, der Schmuck und die Wohltat +freundlicher Wiesen und vieler lieben zarten Blätter und nicht zuletzt +der süße Blumenduft, und den hatte ich hier. »Das alles«, so nahm ich +mir im stillen und während des Stillstehens vor, »schreibe ich bestimmt +demnächst in ein Stück oder in eine Art Phantasie hinein, die ich ›Der +Spaziergang‹ betiteln werde. Namentlich darf mir dieser Damenhutladen +keineswegs darin fehlen. Ein hoher malerischer Reiz würde dem Stück +sonst sicher abgehen, und diesen Mangel werde ich so gut zu vermeiden +als zu umgehen und unmöglich zu machen wissen.« Die Federn, Bänder, +künstlichen Früchte und Blumen auf den netten drolligen Hüten waren für +mich fast ebenso anziehend und anheimelnd wie die Natur selber, die mit +ihrem natürlichen Grün, mit ihren Naturfarben die künstlichen Farben und +phantastischen Modeformen umrahmte und zart einschloß, derart, als sei +das Putzgeschäft ein bloßes liebliches Gemälde. Ich rechne, wie gesagt, +hiebei mit dem feinsten Verständnis seitens des Lesers, vor dem ich mich +aufrichtig fürchte. Dieses elende Feiglingsgeständnis ist begreiflich. +Es ist noch allen kühneren Autoren so gegangen. + +Gott! was erblickte ich, ebenfalls unter Blättern, für einen reizenden, +niedlichen, entzückenden Fleischladen mit rosaroter Schweine-, Rind- und +Kalbfleischware. Der Metzger hantierte im Ladeninnern, wo auch Käufer +standen. Einen Schrei ist dieser Metzgerladen gewiß ebenso gut wert wie +der Laden mit den Hüten. Drittens sei ein Spezereiladen sanft genannt. +Zu allerlei Wirtschaften komme ich später, wie mir scheint, noch früh +genug. Man kann mit Wirtshäusern zweifellos nicht spät genug am Tag +anfangen, weil sich ja Folgen einstellen, die man kennt, und zwar leider +jeder selber nur zur Genüge. Auch der Tugendhafteste darf nicht +bestreiten, daß er gewisser Untugenden nie ganz Herr wird. +Glücklicherweise jedoch ist man ja -- Mensch und als solcher leicht zu +entschuldigen. Man beruft sich einfach auf die Schwachheit der +Organisation. + +Hier habe ich mich wieder einmal neu zu orientieren. Ich setze voraus, +daß mir Neueinrichtung und Umgruppierung so gut gelingen wie irgend +einem Generalfeldmarschall, der alle Umstände überblickt und alle +Zufälligkeiten und Rückschläge in das Netz seiner, es wird gestattet +sein zu sagen, genialen Berechnung zieht. In den Tagesblättern liest +solches ein fleißiger Mensch gegenwärtig täglich, und er merkt sich +Ausdrücke, wie: Flankenstoß. Ich bin in letzter Zeit zu der Überzeugung +gekommen, daß Kriegskunst und Kriegführung fast so schwer und +geduldheischend sind wie Dichtkunst und umgekehrt. Auch Schriftsteller +treffen oft, wie Generäle, langwierigste Vorbereitungen, ehe sie zum +Angriff zu schreiten und eine Schlacht zu liefern wagen, oder mit andern +Worten ein Machwerk oder Buch auf den Büchermarkt schleudern, was +herausfordernd wirkt und mitunter zu gewaltigen Gegenangriffen mächtig +reizt. Bücher locken Besprechungen hervor, und diese fallen manchmal so +grimmig aus, daß das Buch sterben und der Verfasser verzweifeln muß! + +Befremden darf nicht, wenn ich sage, daß ich alle diese hoffentlich +zierlichen netten Zeilen mit deutscher Reichsgerichtsfeder schreibe. +Daher die sprachliche Kürze, Prägnanz und Schärfe, die an einigen +Stellen zu spüren ist, worüber sich jetzt niemand weiter wundere. + +Aber wann komme ich wohl endlich zu dem wohlverdienten Schmaus bei +meiner Frau Aebi? Ich fürchte, daß das noch ziemlich lange dauert, da +noch erkleckliche Hindernisse wegzuräumen sind. Appetit wäre längst in +Hülle und Fülle vorhanden. + +Indem ich wie ein besserer Strolch, feinerer Vagabund und Tagedieb oder +Zeitverschwender und Landstreicher so des Weges ging, neben allerlei mit +zufriedenem behaglichem Gemüse vollbepflanzten und vollgestopften Gärten +vorbei, neben Blumen und Blumenduft vorbei, neben Obstbäumen und neben +Bohnenstangen und Stauden voll Bohnen vorbei, neben hochaufragendem +Getreide, wie Roggen, Hafer und Weizen vorbei, neben einem Holzplatz mit +vielen Hölzern und Holzspänen vorbei, neben saftigem Gras und neben +einem artig plätschernden Wässerchen, Fluß oder Bach vorbei, neben +allerhand Leuten, wie lieben handeltreibenden Marktfrauen, hübsch +vorbei, neben einem mit Lust- und Freudenfahnen geschmückten Vereinshaus +ebenso gut wie an manchen andern gutmütigen und nützlichen Dingen +vorbei, neben einem besonders schönen und lieben Feen-Apfelbäumchen +vorbei und weiß der liebe Gott an was sonst noch allem Möglichen vorbei, +wie z. B. auch an Erdbeerbüschen und Blüten oder besser bereits an den +reifen roten Erdbeeren manierlich vorbei, währenddessen mich immer +allerlei mehr oder weniger schöne und angenehme Gedanken stark +beschäftigten, weil beim Spazieren viele Einfälle, Lichtblitze und +Blitzlichter sich ganz von selber einmengen und einfinden, um sorgfältig +verarbeitet zu werden, kam ein Mensch, ein Ungeheuer, ein Ungetüm mir +entgegen, der mir die helle lichte Straße fast völlig verdunkelte, ein +lang- und hochaufgeschossener unheimlicher Kerl, den ich leider nur +allzu gut kannte, ein höchst sonderbarer Geselle, nämlich der Riese + + Tomzack. + +An allen andern Orten und auf allen andern Wegen eher als hier auf dem +lieben weichen Landweg würde ich ihn vermutet haben. Seine trauervolle, +schauervolle Erscheinung, sein tragisches, ungeheures Wesen flößte mir +Schrecken ein und nahm alle gute, schöne und helle Aussicht und alle +Froheit und Freude von mir weg. Tomzack! Nicht wahr, lieber Leser, der +Name allein klingt schon nach schrecklichen und schwermütigen Dingen. +»Was verfolgst du mich, was hast du nötig, mir hier mitten auf meinem +Weg zu begegnen, du Unglückseliger?« rief ich ihm entgegen; doch Tomzack +gab mir keine Antwort. Groß schaute er mich an, d. h. er schaute nur so +von hoch oben auf mich herab; denn er überragte mich an Länge und Höhe +um ein Bedeutendes. Ich kam mir neben ihm wie ein Zwerg oder wie ein +kleines armes schwaches Kind vor. Mit der größten Leichtigkeit hätte +mich der Riese zertreten oder erdrücken können. Ah, ich wußte, wer er +war. Für ihn gab es keine Ruhe. Ruhelos ging er in der Welt umher. In +keinem sanften Bett schlief er, und in keinem wohnlichen heimeligen +Hause durfte er wohnen. Er hauste überall und nirgends. Heimat hatte er +keine, und irgend ein Heimatrecht besaß er keins. Ohne Vaterland und +ohne Glück war er; gänzlich ohne Liebe, und ohne Menschenfreude mußte er +leben. Anteil nahm er nicht, und auch an ihm und an seinem Treiben und +Leben nahm niemand Anteil. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft waren +ihm eine wesenlose Wüste, und das Leben war zu gering, zu klein, zu eng +für ihn. Es gab keinerlei Bedeutung für ihn, und er selbst wieder +bedeutete für niemanden etwas. Aus seinen großen Augen brach ein Glanz +von Überwelten- oder Unterwelten-Gram. Ein unendlicher Schmerz sprach +aus seinen müden schlaffen Bewegungen. Er war nicht tot und nicht +lebendig, nicht alt und nicht jung. Hunderttausend Jahre alt schien er +mir zu sein, und es schien mir, als müsse er ewig leben, um ewig nicht +lebendig zu sein. Er starb jeden Augenblick und vermochte dennoch nicht +zu sterben. Kein Grab mit Blumen gab es für ihn. Ich wich ihm aus und +murmelte für mich: »Leb wohl, und laß es dir immerhin gut gehen, Freund +Tomzack.« + +Ohne mich nach dem Phantom, nach dem bedauernswürdigen Koloß und +Übermenschen weiter umzusehen, wozu ich wahrhaftig nicht die geringste +Lust hatte, ging ich weiter und gelangte bald nachher, so in der +weichen, warmen Luft ruhig weiterschreitend und den trüben Eindruck +verwindend, den die fremdartige Mannes- oder vielmehr Riesengestalt auf +mich gemacht hatte, in einen Tannenwald, durch den sich ein gleichsam +lächelnder, schelmisch anmutiger Weg schlängelte, den ich mit Vergnügen +verfolgte. Weg und Waldboden waren wie ein Teppich, und hier im +Waldinnern war es still wie in einer glücklichen Menschenseele, wie in +einem Tempelinnern, wie in einem Palast und verzauberten und verträumten +Märchenschlosse, wie im Dornröschenschloß, wo alles schläft und schweigt +seit Hunderten von langen Jahren. Tiefer drang ich hinein, und ich rede +vielleicht ein wenig schön, wenn ich sage, daß ich mir wie ein Prinz mit +goldenem Haar und den Körper bedeckt mit einer kriegerischen Rüstung +erschien. Es war so feierlich im Wald, daß schöne und feierliche +Einbildungen ganz von selber sich des empfindlichen Spaziergängers +bemächtigten. Wie war ich über die süße Waldesstille und Ruhe glücklich! +Von Zeit zu Zeit drang von außen her einiger schwacher Lärm in die +liebliche Abgeschiedenheit und reizende Dunkelheit hinein, etwa ein +Schlag, ein Pfiff oder sonst ein Geräusch, dessen ferner Schall die +herrschende Geräuschlosigkeit nur noch erhöhte, die ich recht nach +Herzenslust einatmete, und deren Wirkung ich förmlich trank und +schlürfte. Da und dort in all der Schweigsamkeit und in all der Stille +ließ ein Vogel aus dem liebreizenden und heiligen Verborgenen heraus +seine heitere Stimme vernehmen. Ich stand so und horchte, und plötzlich +befiel mich ein unsagbares Weltempfinden und ein damit verbundenes, +gewaltsam aus der Seele hervorbrechendes Dankbarkeitsgefühl. Die Tannen +standen kerzengerade wie Säulen da, und nicht das Geringste rührte sich +im weiten zarten Walde, den allerlei unhörbare Stimmen zu durchklingen +und zu durchhallen schienen. Töne aus der Vorwelt kamen, von ich weiß +nicht woher, an mein Ohr. »O, so will denn auch ich gerne, wenn es sein +soll, zu Ende gehen und sterben. Eine Erinnerung wird mich dann noch im +Grabe beglücken, und eine Dankbarkeit wird mich im Tode beleben; ein +Danksagen für die Genüsse, für die Freude, für das Entzücken; ein +Danksagen für das Leben und eine Freude über die Freude.« Leises hohes +Rauschen ließ sich, von oben aus den Tannwipfeln herabsäuselnd, +vernehmen. »Hier müßte Lieben und Küssen göttlich schön sein«, sagte ich +mir. Die bloßen Schritte auf dem angenehmen Boden wurden zum Genuß, und +die Ruhe zündete in der fühlenden Seele Gebete an. »Hier tot zu sein und +in der kühlen Walderde unauffällig begraben zu liegen, müßte süß sein. +Ach, daß man den Tod im Tode fühlen und genießen dürfte! Vielleicht ist +es so. Im Walde ein ruhiges kleines Grab zu haben, wäre schön. +Vielleicht würde ich das Singen der Vögel und das Waldrauschen über mir +hören. Ich wünschte mir das.« Herrlich fiel eine Sonnenstrahlen-Säule +zwischen Eichenstämmen in den Wald herab, der mir wie ein liebes grünes +Grab erschien. Bald trat ich wieder ins helle Freie hinaus und ins +Leben. + +Es käme jetzt und träte hervor ein Wirtshaus, und zwar ein sehr feines, +reizendes, schmeichelhaftes, ein Wirtshaus, nah am Rand des Waldes +gelegen, aus dem ich soeben erst herauskam, ein Wirtshaus mit köstlichem +Garten voll erquicklichem Schatten. Der Garten läge auf einem +aussichtsreichen niedlichen Hügel, und dicht daneben läge oder stände +ein künstlicher Extra-Aussichtshügel oder Rondell, wo man stehen und +ziemlich lang sich über die prächtige Aussicht freuen könnte. Ein Glas +Bier oder Wein wäre sicher auch nicht schlecht; aber der Mensch, der +hier spaziert, besinnt sich rechtzeitig, daß er sich ja auf keinem gar +so sehr anstrengenden Ausmarsch befindet. Das mühereiche Gebirge liegt +weit in der bläulich glänzenden, weißumhauchten Ferne. Er muß sich +ehrlich gestehen, daß sein Durst weder mordsmäßig noch heidenmäßig ist, +da er bis jetzt verhältnismäßig nur kleine Strecken zurückzulegen gehabt +hat. Handelt es sich doch hier mehr um zartes, sanftes Spazierengehen +als um eine Reise und Wanderung, und mehr um einen feinen Rundgang als +um einen Gewaltritt und -Marsch, und daher verzichtet er gerechter- so +gut wie vernünftigerweise auf den Eintritt ins Lusthaus und +Erquickungshaus und nimmt Abgang. Alle ernsthaften Leute, die dies +lesen, werden seinem schönen Entschluß und seinem guten Willen gewiß +reichen Beifall zollen. Nahm ich nicht bereits vor einer Stunde Anlaß, +eine jugendliche Sängerin anzumelden? Sie tritt jetzt auf. + +Und zwar an einem Fenster zu ebener Erde. + +Ich kam nämlich jetzt aus der Waldabschwenkung wieder in den Hauptweg +zurück und da hörte ich -- -- + +Doch halt! und eine kleine Anstandspause gemacht. Schriftsteller, die +ihren Beruf verstehen, nehmen denselben möglichst ruhig. Sie legen gern +von Zeit zu Zeit die Feder ein wenig aus der Hand. Anhaltendes Schreiben +ermüdet wie Erdarbeit. + +Was ich aus dem Fenster zu ebener Erde hörte, war der lieblichste, +frischeste Volks- und Operngesang, der mir als Morgen-Ohrenschmaus und +als Vormittagskonzert völlig unentgeltlich in die überraschten Ohren +tönte. Ein junges Mädchen, das fast noch ein Schulmädchen und doch auch +schon schlank und groß war, stand nämlich im hellen Kleid am ärmlichen +Vorstadtfenster, und dieses Mädchen sang in die blaue Luft hinaus und +hinauf einfach zum Entzücken. Auf das angenehmste betroffen und durch +den unerwarteten Gesang bezaubert, blieb ich seitwärts stehen, um die +Sängerin nicht zu stören und mich damit nicht der Zuhörerschaft sowie +des Genusses zu berauben. Das Lied, das die Kleine sang, schien von +glücklicher und lieblicher Art zu sein; die Töne klangen wie junges, +unschuldiges Lebens- und Liebesglück selber; sie flogen, gleich +Engelsgestalten mit schneeweißem Freudengefieder, in den Himmel, aus +welchem sie wieder herunterzufallen und mit einem Lächeln zu sterben +schienen. Es glich dem Sterben aus Kummer, dem Sterben vielleicht auch +aus überzarter Freude, einem überglücklichen Lieben und Leben und einem +Nichtlebenkönnen wegen zu reicher und schöner Vorstellung vom Leben, daß +gewissermaßen der zärtliche, von Liebe und Glück überquellende, +übermütig in das Dasein drängende Gedanke sich zu überstürzen und über +sich selber zusammenzubrechen schien. Als das Mädchen mit dem ebenso +einfachen wie reichen, reizenden Gesang, mit dem schmelzenden Mozart- +oder Hirtinnen-Lied zu Ende gekommen war, trat ich zu ihr hin, grüßte +sie, bat sie um Erlaubnis, ihr zu der schönen Stimme gratulieren zu +dürfen, und machte ihr wegen des ungewöhnlich seelenvollen Vortrages +mein Kompliment. Die kleine Gesangskünstlerin, die wie ein Reh oder wie +eine Art Antilope in Mädchenform aussah, schaute mich mit schönen +braunen Augen verwundert und fragend an. Sie hatte ein sehr feines, +zartes Gesicht und lächelte einnehmend und artig. »Ihnen«, sagte ich zu +ihr, »steht, wenn Sie Ihre schöne, junge, reiche Stimme zu pflegen und +behutsam auszubilden wissen, wozu es sowohl Ihres eigenen wie des +Verständnisses anderer bedarf, eine glänzende Zukunft und große Laufbahn +bevor; denn Sie erscheinen mir, offen und ehrlich gestanden, wie die +zukünftige große Opernsängerin selber! Ihr Wesen ist offenbar klug, Sie +selber sind sanft und schmiegsam, und Sie besitzen, wenn mich meine +Vermutungen nicht gänzlich trügen, eine ganz bestimmte Seelenkühnheit. +Feuer und offensichtlicher Adel des Herzens sind Ihnen eigen; das hörte +ich soeben aus dem Liede, das Sie so schön und wahrhaft gut gesungen +haben. Sie haben Talent, noch mehr: Sie haben unzweifelhaft Genie! und +ich rede Ihnen da durchaus nichts Leeres und Unwahres vor. Es ist mir +darum zu tun, Sie zu bitten, recht sorgsam acht auf Ihre edle Begabung +zu geben, sie vor Verunstaltung, Verstümmelung, vorzeitigem +gedankenlosem Verbrauch zu hüten. Einstweilen kann ich Ihnen nur +aufrichtig sagen, daß Sie überaus schön singen und daß das etwas sehr +Ernstes ist; denn es will viel bedeuten; es will vor allen Dingen +bedeuten, daß man Sie auffordern soll, fleißig jeden Tag ein wenig +weiter zu singen. Üben und singen Sie mit klugem, schönem Maßhalten. Sie +selber kennen die Ausdehnung und den Umfang des Schatzes, den Sie +besitzen, ganz gewiß nicht. In Ihrer gesanglichen Leistung tönt bereits +ein hoher Grad von Natur, eine reiche Summe ahnungslosen lebendigen +Wesens und Lebens und eine Fülle von Poesie und Menschlichkeit. Man +glaubt Ihnen sagen zu dürfen und Ihnen die Versicherung geben zu müssen, +daß Sie eine echte Sängerin deshalb zu werden in jedem Sinn versprechen, +weil man glaubt, daß Sie ein Mensch sind, den es wahrhaft aus dem Wesen +heraus drängt zu singen und der erst zu leben, sich seines Lebens freuen +zu können scheint, sobald er beginnt zu singen, alle vorhandene +Lebenslust derart in die Kunst des Gesanges hinüberleitend, daß alles +menschlich und persönlich Bedeutende, alles Seelenvolle, +Verständnisvolle in ein höheres Etwas, in ein Ideal hinaufsteigt. In +einem schönen Gesang ist immer ein gleichsam zusammengedrängtes und +-gepreßtes Erfahren, Empfinden und Fühlen, eine zur Explosion fähige +Summe von beengtem Leben und von bewegter Seele, und mit solcher Art von +Gesang vermag eine Frau, wenn sie sich die guten Umstände zunutze macht +und an der Leiter, die die Zufälligkeiten bilden, hinaufgelangt, als +Stern am Himmel der Tonkunst viele Gemüter zu bewegen, große Reichtümer +zu gewinnen, ein Publikum zu stürmischen und begeisterten +Beifallskundgebungen hinzureißen und die aufrichtige Liebe und +Bewunderung von Königen und Königinnen an sich zu ziehen.« + +Ernst und staunend hörte das Mädchen den Worten, die ich sprach, zu, die +ich indessen mehr nur zu meinem eigenen Vergnügen redete, als um von der +Kleinen gewürdigt und begriffen zu werden, wozu ihr die nötige Reife +fehlte. + +Von weitem sehe ich bereits einen Bahnübergang, den ich zu überschreiten +haben werde; aber einstweilen bin ich noch nicht so weit; denn ich habe, +muß man unbedingt wissen, vorher noch zwei bis drei wichtige +Kommissionen zu besorgen und einige notwendige unumgängliche Abmachungen +zu treffen. Über diese Kommissionen soll so umständlich und so genau wie +möglich Bericht abgelegt oder abgestattet werden. Man wird mir huldreich +gestatten, zu bemerken, daß ich im Vorbeigehen in einem eleganten +Herren-Maßgeschäft oder Schneideratelier wegen eines neuen Anzuges, den +ich anprobieren oder umändern lassen muß, tunlich vorzusprechen habe. +Zweitens habe ich im Gemeindehaus oder Amthaus schwere Steuern zu +entrichten, und drittens soll ich ja einen bemerkenswerten Brief auf die +Post tragen und in den Briefkasten hinab werfen. Man sieht, wie viel ich +zu erledigen habe und wie dieser scheinbar so bummelige und behagliche +Spaziergang voll praktischer geschäftlicher Verrichtungen ist, und man +wird daher wohl die Güte haben, Verzögerungen zu verzeihen, Verspätungen +zu billigen und langfädige Auseinandersetzungen mit Berufs- und +Kanzleimenschen gutzuheißen, ja vielleicht sogar als willkommene +Beigaben und Beiträge zur Unterhaltung zu begrüßen. Wegen aller hieraus +entstehenden Längen, Weiten und Breiten bitte ich zum voraus gebührend +um gefällige Entschuldigung. Ist je ein Provinz- und Hauptstadt-Autor +gegenüber seinem Leserzirkel schüchterner und höflicher gewesen? Ich +glaube kaum, und daher fahre ich mit äußerst ruhigem Gewissen im +Erzählen und Plaudern fort und melde folgendes: + +Um der tausend Gottes willen, es ist ja höchste Zeit, zu Frau Aebi zu +springen, um zu dinieren oder mittag zu essen. Soeben schlägt es halb +ein Uhr. Glücklicherweise wohnt mir die Dame in allernächster Nähe. Ich +brauche nur glatt wie ein Aal ins Haus hinein zu schlüpfen wie in ein +Schlupfloch und wie in eine Unterkunft für arme Hungrige und +bedauerliche Heruntergekommene. + + Frau Aebi + +empfing mich aufs liebenswürdigste. Meine Pünktlichkeit war ein +Meisterwerk. Man weiß, wie Meisterwerke selten sind. Frau Aebi lächelte, +als sie mich auftauchen sah, überaus artig. Sie bot mir auf eine +herzliche und gewinnende Art, die mich sozusagen bezauberte, ihre nette +kleine Hand dar und führte mich sogleich ins Eßzimmer, wo sie mich +ersuchte, mich zu Tisch zu setzen, was ich natürlich mit dem denkbar +größten Vergnügen und völlig unbefangen ausführte. Ohne die mindesten +lächerlichen Umstände zu machen, fing ich harmlos und zwanglos an zu +essen und wacker zuzugreifen und ahnte nicht von weitem, was mir zu +erleben bevorstand. Ich fing also an, wacker zuzugreifen und tapfer zu +essen. Derlei Tapferkeit kostet ja bekanntlich wenig Überwindung. Mit +einigem Erstaunen merkte ich indessen, daß mir Frau Aebi dabei fast +andächtig zuschaute. Es war dies einigermaßen auffällig. Offenbar war es +für sie ergreifend, mir zuzuschauen, wie ich zugriff und aß. Mich +überraschte diese sonderbare Erscheinung, der ich jedoch keine große +Bedeutung beilegte. Als ich plaudern und Unterhaltung machen wollte, +wehrte mir Frau Aebi ab, indem sie sagte, daß sie auf jederlei +Unterhaltung mit der größten Freude verzichte. Das seltsame Wort machte +mich stutzig, und es begann mir angst und bang zu werden. Ganz im +geheimen fing ich an, vor Frau Aebi zu erschrecken. Als ich aufhören +wollte, abzuschneiden und einzustecken, weil ich deutlich fühlte, daß +ich satt sei, sagte sie mir mit fast zärtlicher Miene und Stimme, die +ein mütterlicher Vorwurf leise durchzitterte: »Sie essen ja gar nicht. +Warten Sie, ich will Ihnen hier noch ein recht saftiges, großes Stück +abschneiden.« Ein Grauen durchrieselte mich, und ich erkühnte mich, +höflich und artig einzuwenden, daß ich hauptsächlich hergekommen sei, um +einigen Geist zu entfalten, worauf Frau Aebi unter einem liebreizenden +Lächeln sagte, daß sie das keineswegs für nötig halte. »Ich vermag +unmöglich, weiter zu essen«, sagte ich dumpf und gepreßt. Ich war schon +nahe am Ersticken und schwitzte bereits vor Angst. Frau Aebi sagte: »Ich +darf unmöglich zugeben, daß Sie schon aufhören wollen, abzuschneiden und +einzustecken, und nimmermehr glaube ich, daß Sie wirklich satt sind. Sie +sagen ganz bestimmt nicht die Wahrheit, wenn Sie sagen, daß Sie bereits +am Ersticken seien. Ich bin verpflichtet, zu glauben, daß das nur +Höflichkeiten sind. Auf jederlei geistreiches Geplauder verzichte ich, +wie ich Ihnen schon gesagt habe, mit Vergnügen. Sie sind sicherlich +hauptsächlich zu mir gekommen, um zu beweisen und zu bekunden, daß Sie +Appetit haben und ein starker Esser sind. Diese Anschauung darf ich +unter keinen Umständen preisgeben. Ich möchte Sie recht herzlich bitten, +sich in das Unvermeidliche gutwillig zu schicken; denn ich kann Ihnen +versichern, daß es für Sie keine andere Möglichkeit gibt, vom Tisch +aufzustehen, als die, die darin besteht, daß Sie alles, was ich Ihnen +abgeschnitten habe und fernerhin noch abschneiden werde, säuberlich +aufessen und einstecken. Ich fürchte, daß Sie rettungslos verloren sind; +denn Sie müssen wissen, daß es Hausfrauen gibt, die ihre Gäste so lange +nötigen, zuzugreifen und einzupacken, bis dieselben zerbrechen. Ein +jämmerliches, klägliches Schicksal steht Ihnen bevor; aber Sie werden es +mutig ertragen. Wir alle müssen eines Tages irgend ein großes Opfer +bringen. Gehorchen Sie und essen Sie. Gehorsamkeit ist ja so süß. Was +schadet es, wenn Sie dabei zugrunde gehen. Hier dieses höchst delikate, +zarte und große Stück werden Sie mir ganz gewiß noch vertilgen, ich weiß +es. Nur Mut, mein bester Freund! Uns allen tut Kühnheit not. Was sind +wir wert, wenn wir nur immer auf dem eigenen Willen beharren wollen. +Nehmen Sie alle Ihre Kraft zusammen und zwingen Sie sich, Höchstes zu +leisten, Schwerstes zu ertragen und Härtestes auszuhalten. Sie glauben +nicht, wie es mich freut, Sie essen zu sehen, bis Sie die Besinnung +verlieren. Sie stellen sich gar nicht vor, wie ich mich grämen würde, +wenn Sie das vermeiden wollten; aber nicht wahr, das tun Sie nicht; +nicht wahr, Sie beißen und greifen zu, auch wenn Sie schon bis in den +Hals hinauf voll sind.« + +»Entsetzliche Frau, was muten Sie mir zu?« schrie ich, indem ich vom +Tisch jählings aufsprang und Miene machte, auf und davon zu stürzen. +Frau Aebi hielt mich jedoch zurück, lachte laut und herzlich und gestand +mir, daß sie sich einen Scherz mit mir erlaubt habe, den ich so gut sein +solle, ihr nicht übel zu nehmen. »Ich habe Ihnen nur ein Beispiel geben +wollen, wie es gewisse Hausfrauen machen, die vor Liebenswürdigkeit +gegenüber ihren Gästen fast überfließen.« + +Auch ich mußte natürlich lachen, und ich darf gestehen, daß mir Frau +Aebi in ihrem Übermut sehr gut gefiel. Sie wollte mich für den ganzen +Nachmittag in ihrer Umgebung haben und war fast ein wenig ungehalten, +als ich ihr sagte, daß es leider für mich ein Ding der Unmöglichkeit +sei, ihr länger Gesellschaft zu leisten, weil ich gewisse wichtige Dinge +zu erledigen hätte, die ich nicht aufschieben dürfte. Es war äußerst +schmeichelhaft für mich, Frau Aebi lebhaft bedauern zu hören, daß ich so +rasch wieder davongehen müsse und wolle. Sie fragte mich, ob es wirklich +so dringend nötig sei, auszureißen und zu entwischen, worauf ich ihr die +heilige Versicherung ablegte, daß nur äußerste Dringlichkeiten im stande +seien und die Kraft hätten, mich von so angenehmem Ort und von so +anziehender, verehrenswürdiger Persönlichkeit so schnell wegzuziehen, +mit welchen Worten ich mich von ihr verabschiedete. + +Es galt jetzt einen hartnäckigen, widerspenstigen, von der Unfehlbarkeit +seines fraglos meisterlichen Könnens scheinbar in jeder Hinsicht +überzeugten, von seinem Wert und seiner Leistungsfähigkeit vollkommen +durchdrungenen, in diesen seinen Überzeugungen unerschütterlichen +Schneider oder Marchand Tailleur zu besiegen, zu bändigen, zu +überrumpeln und zu erschüttern. Schneidermeisterliche Festigkeit zu +erlahmen muß als eine der schwierigsten und mühseligsten Aufgaben +betrachtet werden, die die Kühnheit unternehmen und der waghalsige +Entschluß vorwärts zu treiben entschlossen sein kann. Vor Schneidern und +ihren Anschauungen habe ich überhaupt eine ständige, kräftige Furcht; +ich schäme mich dieses traurigen Eingeständnisses in keiner Weise; denn +Furcht ist hier erklärlich und verständlich. Ich war denn jetzt auch auf +Schlimmes, wenn nicht sogar vielleicht auf das Schlimmste und Böseste +gefaßt, und rüstete mich für diesen höchst gefährlichen Angriffskrieg +mit Eigenschaften, wie Mut, Trotz, Zorn, Entrüstung, Verachtung oder gar +Todesverachtung aus, mit welchen ohne Zweifel sehr schätzenswerten +Waffen ich der beißenden Ironie und dem Spott hinter erheuchelter +Treuherzigkeit erfolgreich und siegreich entgegentreten zu können +hoffte. Es kam anders; aber ich will bis auf weiteres noch darüber +schweigen, umso eher, als ich ja zuerst noch einen Brief zu befördern +habe. Ich habe mich nämlich soeben entschlossen, zuerst auf die Post, +dann zum Schneider und erst nachher die Staatssteuer bezahlen zu gehen. +Die Post, ein appetitliches Gebäude, lag mir übrigens dicht vor der +Nase; ich ging fröhlich hinein und erbat mir vom zuständigen Postbeamten +eine Marke, die ich auf den Brief klebte. Indem ich denselben vorsichtig +in den Kasten hinabgleiten ließ, erwog und prüfte ich im nachdenkenden +Geist, was ich geschrieben hatte. Wie ich noch sehr gut wußte, lautete +der Inhalt folgendermaßen: + + Sehr zu achtender Herr! + +Die eigenartige Anrede dürfte Ihnen die Gewißheit beibringen, daß der +Absender Ihnen ganz kalt gegenübersteht. Ich weiß, daß Achtung vor mir +von Ihnen und denen, die Ihnen ähnlich sind, nicht zu erwarten ist; denn +Sie und die, die Ihnen ähnlich sind, haben eine übergroße Meinung von +sich selber, die sie verhindert, zur Einsicht und zur Rücksicht zu +kommen. Ich weiß mit Bestimmtheit, daß Sie zu den Leuten gehören, die +sich groß vorkommen, weil sie rücksichtslos und unhöflich sind, die sich +mächtig dünken, weil sie Protektion genießen, und die weise zu sein +meinen, weil ihnen das Wörtchen »weise« einfällt. Leute wie Sie erkühnen +sich, gegenüber der Armut und gegenüber der Unbeschütztheit hart, frech, +grob und gewalttätig zu sein. Leute wie Sie besitzen die +außerordentliche Klugheit, zu meinen, daß es notwendig sei, überall an +der Spitze zu stehen, allenortes ein Übergewicht zu besitzen und zu +jeder Tageszeit zu triumphieren. Leute wie Sie merken nicht, daß das +töricht ist, daß das weder im Bereich der Möglichkeit liegt noch +wünschenswert sein kann. Leute wie Sie sind Protzen und sind jederzeit +bereit, der Brutalität eifrig zu dienen. Leute wie Sie sind überaus +mutig darin, daß sie jeden wahren Mut sorgfältig vermeiden, weil sie +wissen, daß jeder wahre Mut Schaden zu bringen verspricht, und sie sind +mutig darin, daß sie sich stets als die Guten und Schönen hinzustellen +ungemein viel Lust und ungemein viel Eifer bekunden. Leute wie Sie +respektieren weder das Alter noch das Verdienst, noch ganz bestimmt die +Arbeit. Leute wie Sie respektieren das Geld, und der Respekt vor dem +Geld verhindert sie, irgend etwas anderes hochzuachten. Wer redlich +arbeitet und sich emsig abmüht, ist in den Augen von Leuten wie Sie ein +ausgesprochener Esel. Ich irre mich nicht; denn mein kleiner Finger sagt +mir, daß ich recht habe. Ich wage Ihnen ins Gesicht hinein zu sagen, daß +Sie Ihr Amt mißbrauchen, weil Sie recht gut wissen, mit wie viel +Umständen und Unannehmlichkeiten es verbunden wäre, Ihnen auf die Finger +zu klopfen; aber in der Huld und Gnade, in der Sie stecken, und von +günstigen Voraussetzungen umgeben, sind Sie dennoch höchst angefochten; +denn Sie fühlen ohne Zweifel, wie sehr Sie schwanken. Sie hintergehen +das Zutrauen, halten Ihr Wort nicht, schädigen ohne Besinnen den Wert +und das Ansehen derer, die mit Ihnen verkehren, beuten schonungslos aus, +wo Sie Wohltat zu stiften vorgeben, verraten den Dienst und verleumden +den freundlichen Diener, sind höchst wankelmütig und unzuverlässig und +zeigen Eigenschaften, die man an einem Mädchen, nicht aber an einem +Mann, eilig entschuldigt. Verzeihen Sie, daß ich mir erlaube, Sie für +sehr schwach zu halten, und genehmigen Sie mit der aufrichtigen +Versicherung, daß ich es für rätlich halte, Ihnen in Zukunft +geschäftlich völlig fern zu bleiben, das immerhin erforderliche Maß und +den absolut gegebenen Grad von Achtung von einem Menschen, dem die +Auszeichnung und das freilich bescheidene Vergnügen zufielen, Sie kennen +zu lernen. + +Fast bereute ich nun, diesen Buschklepperbrief, als welcher er mir +nachträglich beinahe vorkommen wollte, der Post zur Beförderung und +Überbringung anvertraut zu haben; denn keiner geringeren als einer +leitenden einflußreichen Person hatte ich, bitterbösen Kriegszustand +heraufbeschwörend, den Abbruch der diplomatischen, besser: +wirtschaftlichen Beziehungen auf so ideale Art angekündigt. Immerhin +ließ ich dem Fehdebrief jetzt den Lauf, indem ich mich damit tröstete, +daß ich mir sagte, daß der Mensch oder sehr zu achtender Herr ja die +Botschaft vielleicht überhaupt gar nicht lese, weil er schon beim Lesen +und Kosten des zweiten oder dritten Wortes wahrscheinlich die Lektüre +recht satt habe und den flammenden Erguß vermutlich, ohne viel Zeit und +Kraft zu verlieren, in den alles Unwillkommene verschlingenden und +beherbergenden Papierkorb werfe. »Überdies vergißt sich so etwas +innerhalb eines halben oder Vierteljahres naturgemäß«, folgerte und +philosophierte ich und marschierte kuragös zum Schneider. + +Derselbe saß fröhlich und anscheinend mit dem ruhigsten Gewissen der +Welt in seinem zierlichen Modesalon oder Werkstatt, die mit +feinduftenden Tüchern und Tuchresten vollgepfropft und gestopft war. In +einem Vogelbauer oder Käfig lärmte, um das Idyll vollkommen zu machen, +ein Vogel, und ein eifriger verschmitzter Lehrling war brav mit +Zuschneiden beschäftigt. Herr Schneidermeister Dünn stand, als er meiner +ansichtig wurde, vom Sitzplatz, auf welchem er emsig mit der Nähnadel +focht, höflich auf, um den Ankömmling artig willkommen zu heißen. »Sie +kommen wegen Ihres nächstdem durch meine Firma an Sie fix und fertig +abzuliefernden, ohne Zweifel tadellos sitzenden Anzuges«, sagte er, +indem er mir nur fast ein wenig zu kameradschaftlich die Hand gab, die +ich mich indessen durchaus nicht scheute, kräftig zu schütteln. »Ich +komme«, gab ich zurück, »um unverzagt und hoffnungsfroh zur Anprobe zu +schreiten, indem ich mancherlei befürchte.« + +Herr Dünn sagte, daß er alle meine Befürchtungen für überflüssig halte +und daß er für Sitz und Schnitt garantiere, und indem er das sagte, +geleitete er mich in eine Nebenstube, aus welcher er selber sich sofort +zurückzog. Er garantierte und beteuerte wiederholt, was mir nicht recht +gefallen wollte. Rasch waren die Probe und die damit auf das innigste +verknüpfte Enttäuschung fertig. Ich rief, indessen ich einen +überschäumenden Verdruß niederzukämpfen versuchte, heftig und gewaltsam +nach Herrn Dünn, dem ich mit möglichst großer Gelassenheit und vornehmer +Unzufriedenheit den vernichtenden Ausruf entgegenschleuderte: »Dachte +ich es mir doch!« + +»Mein allerliebster werter Herr, regen Sie sich nicht unnützerweise +auf!« + +Mühsam genug brachte ich hervor: »Wohl gibt es hier in Hülle und Fülle +Anlaß, sich aufzuregen und untröstlich zu sein. Behalten Sie Ihre höchst +unpassenden Beschwichtigungen für sich, und hören Sie gütigst auf, mich +beruhigen zu wollen; denn was Sie getan haben, um einen tadellosen Anzug +herzustellen, ist im höchsten Grad beunruhigend. Alle gehegten zarten +oder unzarten Befürchtungen bewahrheiten sich, und die schlimmsten +Ahnungen sind in Erfüllung gegangen. Wie können Sie für tadellosen Sitz +und Schnitt zu garantieren wagen, und wie ist es möglich, daß Sie den +Mut haben, mir zu versichern, daß Sie Meister in Ihrem Berufe sind, wo +Sie bei nur einiger dünngesäter Ehrlichkeit und beim geringfügigsten Maß +von Aufrichtigkeit und Aufmerksamkeit ohne weiteres werden zugestehen +müssen, daß ich vollkommenes Pech habe und daß der durch Ihre werte und +ausgezeichnete Firma mir zu liefernde tadellose Anzug total verpfuscht +ist?« + +»Den Ausdruck ›verpfuscht‹ verbitte ich mir verbindlich.« + +»Ich will mich fassen, Herr Dünn.« + +»Ich danke Ihnen und freue mich herzlich über diesen so angenehmen +Vorsatz.« + +»Sie werden mir erlauben, von Ihnen zu verlangen, daß Sie an diesem +Anzug, der, gestützt auf die soeben stattgefundene sorgfältige Anprobe +Haufen von Fehlern, Mängeln und Gebrechen aufweist, bedeutende +Änderungen vornehmen werden.« + +»Das kann man.« + +»Die Unzufriedenheit, der Verdruß und die Trauer, die ich empfinde, +drängen mich, Ihnen zu sagen, daß Sie mir Ärger bereitet haben.« + +»Ich schwöre Ihnen, daß mir das leid tut.« + +»Der Eifer, den Sie zeigen, zu schwören, daß es Ihnen leid tut, mich +geärgert und in die allerschlechteste Stimmung versetzt zu haben, ändert +am fehlerhaften Anzug nicht das Geringste, dem ich mich weigere, auch +nur den kleinsten Grad von Anerkennung zu zollen, und dessen Annahme ich +energisch zurückweise, da von Beifall und Zustimmung keine Rede sein +kann. Bezüglich des Rockes fühle ich deutlich, daß er mich zum buckligen +und daher häßlichen Menschen macht, eine Verunstaltung, mit der ich mich +unter keinen Umständen einverstanden erklären kann. Ich fühle mich +vielmehr bewogen, gegen eine so boshafte Ausstattung und Verzierung +meines Körpers zu protestieren. Die Ärmel leiden an einer +bedenkenerregenden Überfülle von Länge, und die Weste zeichnet sich +dadurch in hervorragender Weise aus, daß sie den Eindruck hervorruft und +den unangenehmen Schein erweckt, als habe ihr Träger einen dicken Bauch. +Die Hose oder das Beinkleid ist einfach abscheulich. Zeichnung und +Entwurf der Hose flößen mir ein aufrichtig empfundenes Grauen ein. Wo +dieses ganz elende, dumme und lächerliche Kunstwerk von Beinkleid eine +gewisse Weite besitzen sollte, weist es eine einschnürende Enge auf, und +wo es eng sein sollte, ist es mehr als weit. Ihre Leistung, Herr Dünn, +ist alles in allem phantasielos, und Ihr Werk beweist einen Mangel an +Intelligenz. An diesem Anzug haftet etwas Erbärmliches, etwas +Kleinliches, etwas Albernes, etwas Hausbackenes, etwas Lächerliches und +etwas Ängstliches. Der, der ihn angefertigt hat, darf sicherlich nicht +zu den schwungvollen Naturen gezählt werden. Bedauerlich ist eine +derartige gänzliche Abwesenheit jeden Talentes.« + +Herr Dünn besaß die Unverfrorenheit, mir zu sagen: »Ich verstehe Ihre +Entrüstung nicht und werde nie zu bewegen sein, sie zu verstehen. Die +zahlreichen heftigen Vorwürfe, die Sie mir machen zu müssen glauben, +sind mir unbegreiflich und werden mir sehr wahrscheinlich stets +unbegreiflich sein. Der Anzug sitzt sehr gut. Niemand wird mich irgend +etwas anderes glauben machen. Die Überzeugung, die ich habe, daß Sie +ungemein vorteilhaft darin aussehen, erkläre ich für unerschütterlich. +An gewisse denselben auszeichnende Eigentümlichkeiten und +Eigenartigkeiten werden Sie sich in kurzer Zeit gewöhnt haben. Höchste +Staatsbeamte bestellen bei mir ihren überaus schätzenswerten Bedarf; +ebenso lassen Herren Gerichtspräsidenten huldvoll bei mir arbeiten. +Dieser sicherlich schlagende Beweis meiner Leistungsfähigkeit genüge +Ihnen. Auf überspannte Erwartungen und Vorstellungen vermag ich nicht +einzugehen, und auf anmaßliche Forderungen läßt sich Schneidermeister +Dünn keineswegs ein. Besser situierte Leute und vornehmere Herren wie +Sie sind mit meiner Gewandtheit und Fertigkeit in jeder Hinsicht +zufrieden gewesen. Diese Anspielung dürfte Sie entwaffnen.« + +Da ich einsehen mußte, daß es unmöglich sei, irgend etwas auszurichten, +und da ich mir sagen mußte, daß meine vielleicht nur allzu feurige und +ungestüme Attacke sich in eine schmerzliche und schmähliche Niederlage +verwandelt hatte, so zog ich meine Truppen aus dem unglücklichen Gefecht +zurück, brach weich ab und flog beschämt davon. Solchergestalt endete +das kühne Abenteuer mit dem Schneider. Ohne mich nach irgend welchen +andern Dingen umzuschauen, eilte ich auf die Gemeindekasse oder auf das +Steuerbureau wegen der Steuern; aber hier muß ich einen gröblichen +Irrtum berichtigen. + +Es handelte sich nämlich, wie mir jetzt nachträglich einfällt, nicht um +Zahlung, sondern lediglich einstweilen um eine mündliche Besprechung mit +dem Herrn Präsidenten der löblichen Steuerkommission und um Eingabe oder +Abgabe einer feierlichen Erklärung. Man nehme mir den Irrtum nicht übel +und höre freundlich, was ich hierüber zu sagen haben werde. So gut wie +der standhafte und unerschütterliche Schneidermeister Dünn +Tadellosigkeit versprach und garantierte, verspreche und garantiere ich +in Bezug auf die abzulegende Steuer-Erklärung Exaktheit und +Ausführlichkeit sowohl wie Knappheit und Kürze. + +Ich springe sofort in die bezügliche scharmante Situation hinein: +»Erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen«, sagte ich frei und offen zum +Steuermann oder hohen Steuerbeamten, der mir sein obrigkeitliches Ohr +schenkte, um dem Bericht, den ich abstattete, mit gehöriger +Aufmerksamkeit zu folgen, »daß ich als armer Schriftsteller und +Federführer oder _Homme de Lettres_ ein sehr fragwürdiges Einkommen +genieße. Von irgend welcher Vermögens-Anhäufung kann natürlich bei mir +nicht die Spur zu sehen und zu finden sein. Ich stelle das zu meinem +großen Bedauern fest, ohne indessen über die klägliche Tatsache zu +verzweifeln oder zu weinen. Ich schlüpfe notdürftig durch, wie man sagt. +Luxus treibe ich keinen; das vermögen Sie mir auf den ersten Blick +anzusehen. Das Essen, das ich esse, kann als hinlänglich und spärlich +bezeichnet werden. Es ist Ihnen eingefallen zu glauben, daß ich Herr und +Gebieter von vielerlei Einkünften sei; ich bin aber genötigt, diesem +Glauben und allen diesen Vermutungen höflich aber entschieden +entgegenzutreten und die schlichte, nackte Wahrheit zu sagen, und diese +lautet auf alle Fälle, daß ich überaus frei von Reichtümern, dagegen +aber vollbehangen von jeder Art Armut bin, was Sie die Güte haben und +vormerken wollen. Sonntags darf ich mich auf der Straße gar nicht +blicken lassen, weil ich kein Sonntagskleid habe. An solidem und +sparsamem Lebenswandel ähnele ich einer Feldmaus. Ein Sperling hat mehr +Aussichten, wohlhabend zu werden als gegenwärtiger Berichterstatter und +Steuerzahler. Ich habe Bücher geschrieben, die dem Publikum leider nicht +gefallen, und die Folgen davon sind herzbeklemmend. Ich zweifle keinen +Augenblick, daß Sie das einsehen und daß Sie infolgedessen meine +finanzielle Lage verstehen. Bürgerliche Stellung und bürgerliches +Ansehen besitze ich nicht; das ist sonnenklar. Verpflichtungen einem +Menschen gegenüber, wie ich bin, scheint es überhaupt keine zu geben. +Das lebhafte Interesse für die schöne Literatur ist überaus spärlich +vertreten, und die schonungslose Kritik, die jedermann an unsereins +Werken glaubt üben und pflegen zu dürfen, bildet eine weitere starke +Ursache der Schädigung und hemmt wie ein Hemmschuh die Verwirklichung +irgend eines bescheidenen Wohlstandes. Wohl gibt es gütige Gönner und +freundliche Gönnerinnen, die mich von Zeit zu Zeit in der edelsten Art +unterstützen; aber eine Gabe ist kein Einkommen, und eine Unterstützung +ist kein Vermögen. Aus allen diesen sprechenden und doch wohl +überzeugenden Gründen, mein hochgeehrter Herr, möchte ich Sie ersuchen, +von jederlei Steuererhöhung, die Sie mir angekündigt haben, abzusehen, +und ich muß Sie bitten, wenn nicht beschwören, meine Zahlungskraft so +niedrig einzuschätzen wie nur immer möglich.« + +Der Herr Vorsteher oder Herr Taxator sagte: »Man sieht Sie aber immer +spazieren!« + +»Spazieren«, gab ich zur Antwort, »muß ich unbedingt, um mich zu beleben +und um die Verbindung mit der lebendigen Welt aufrecht zu halten, ohne +deren Empfinden ich keinen halben Buchstaben mehr schreiben und nicht +das leiseste Gedicht in Vers oder Prosa mehr hervorbringen könnte. Ohne +Spazieren wäre ich tot, und mein Beruf, den ich leidenschaftlich liebe, +wäre vernichtet. Ohne Spazieren und Bericht-Auffangen könnte ich auch +keinen Bericht mehr abstatten und nicht den winzigsten Aufsatz mehr, +geschweige denn eine ganze lange Novelle verfassen. Ohne Spazieren würde +ich ja gar keine Beobachtungen und gar keine Studien machen können. Ein +so gescheiter und aufgeweckter Mann wie Sie darf und wird das +augenblicklich begreifen. Auf einem schönen und weitschweifigen +Spaziergang fallen mir tausend brauchbare nützliche Gedanken ein. Zu +Hause eingeschlossen, würde ich elendiglich verkommen und verdorren. +Spazieren ist für mich nicht nur gesund und schön, sondern auch dienlich +und nützlich. Ein Spaziergang fördert mich beruflich und macht mir +zugleich auch noch persönlich Spaß und Freude; er erquickt und tröstet +und freut mich, ist mir ein Genuß und hat gleichzeitig die Eigenschaft, +daß er mich zu weiterem Schaffen reizt und anspornt, indem er mir +zahlreiche kleine und große Gegenständlichkeiten als Stoff darbietet, +den ich später zu Hause emsig und eifrig bearbeite. Ein Spaziergang ist +immer voll sehenswerter und fühlenswerter bedeutender Erscheinungen. Von +Gebilden und lebendigen Gedichten, von Zaubereien und Naturschönheiten +wimmelt es auf netten Spaziergängen meistens, und seien sie noch so +klein. Naturkunde und Landeskunde öffnen sich reizvoll und anmutvoll vor +den Sinnen und Augen des aufmerksamen Spaziergängers, der freilich nicht +mit niedergeschlagenen, sondern mit offenen und ungetrübten Augen +spazieren muß, wenn ihm der schöne Sinn und der heitere, edle Gedanke +des Spazierganges aufgehen soll. Bedenken Sie, wie der Dichter verarmen +und kläglich scheitern muß, wenn nicht die mütterliche und väterliche +und kindlich schöne Natur ihn immer wieder von neuem mit dem Quell des +Guten und Schönen erfrischt. Bedenken Sie, wie für den Dichter der +Unterricht und die heilige goldene Belehrung, die er draußen im +spielenden Freien schöpft, immer wieder von der größten Bedeutung sind. +Ohne Spazieren und damit verbundene Naturanschauung, ohne diese ebenso +liebliche wie ermahnungsreiche Erkundigung fühle ich mich wie verloren +und bin es auch. Höchst liebevoll und aufmerksam muß der, der spaziert, +jedes kleinste lebendige Ding, sei es ein Kind, ein Hund, eine Mücke, +ein Schmetterling, ein Spatz, ein Wurm, eine Blume, ein Mann, ein Haus, +ein Baum, eine Hecke, eine Schnecke, eine Maus, eine Wolke, ein Berg, +ein Blatt oder auch nur ein armes weggeworfenes Fetzchen Schreibpapier, +auf das vielleicht ein liebes gutes Schulkind seine ersten ungefügen +Buchstaben geschrieben hat, studieren und betrachten. Die höchsten und +niedrigsten, die ernstesten und lustigsten Dinge sind ihm gleicherweise +lieb und schön und wert. Keinerlei empfindsamliche Eigenliebe und +Leichtverletzlichkeit darf er mit sich tragen. Uneigennützig und +unegoistisch muß er seinen sorgsamen Blick überallhin schweifen und +herumstreifen lassen; ganz nur im Anschauen und Merken der Dinge muß er +stets fähig sein aufzugehen, und sich selber, seine eigenen Klagen, +Bedürfnisse, Mängel, Entbehrungen hat er, gleich dem wackeren, +dienstbereiten und aufopferungsfreudigen erprobten Feldsoldaten, +hintanzustellen, gering zu achten und zu vergessen. Im andern Fall +spaziert er nur mit halber Aufmerksamkeit und mit halbem Geist, und das +ist nichts wert. Er muß jederzeit des Mitleides, des Mitempfindens und +der Begeisterung fähig sein, und er ist es hoffentlich. Er muß in den +hohen Enthusiasmus hinaufzudringen und sich in die tiefste und kleinste +Alltäglichkeit herunterzusenken und zu neigen vermögen, und er kann es +vermutlich. Treues, hingebungsvolles Aufgehen und Sichverlieren in die +Gegenstände und eifrige Liebe zu allen Erscheinungen und Dingen machen +ihn aber dafür glücklich, wie jede Pflichterfüllung den Pflichtbewußten +glücklich und reich im Innersten macht. Geist, Hingabe und Treue +beseligen ihn und heben ihn hoch über seine eigene unscheinbare +Spaziergängerperson hinaus, die nur zu oft im Geruch und schlechten Rufe +des Vagabundierens und unnützen Herumstreichens steht. Seine +mannigfaltigen Studien bereichern und belustigen, besänftigen und +veredeln ihn und streifen mitunter, so unwahrscheinlich das auch klingen +mag, hart an exakte Wissenschaft, die dem scheinbar leichtfertigen +Bummler niemand zutraut. Wissen Sie, daß ich hartnäckig und zäh im Kopfe +arbeite und oft im besten Sinn tätig bin, wo es den Anschein hat, als ob +ich ein gedankenlos und arbeitslos im Blauen oder im Grünen mich +verlierender, saumseliger, träumerischer und träger, schlechtesten +Eindruck machender Erztagedieb und leichtfertiger Mensch ohne +Verantwortung sei? Geheimnisvoll und heimlich schleichen dem +Spaziergänger allerlei schöne feinsinnige Spaziergangsgedanken nach, +derart, daß er mitten im fleißigen, achtsamen Gehen innehalten, +stillstehen und horchen muß, daß er über und über von seltsamen +Eindrücken und bezaubernder Geistergewalt benommen und betreten ist und +er das Gefühl hat, als müsse er plötzlich in die Erde hinabsinken oder +als öffne sich vor seinen geblendeten, verwirrten Denker- und +Dichteraugen ein Abgrund. Der Kopf will ihm abfallen, und die sonst so +lebendigen Arme und Beine sind ihm wie erstarrt. Land und Leute, Töne +und Farben, Gesichter und Gestalten, Wolken und Sonnenschein drehen sich +wie Schemen rund um ihn herum, und er muß sich fragen: »Wo bin ich?« +Erde und Himmel fließen und stürzen mit einmal in ein blitzendes, +schimmerndes, übereinanderwogendes, undeutliches Nebelgebilde zusammen; +das Chaos beginnt, und die Ordnungen verschwinden. Mühsam versucht der +Erschütterte seine gesunde Besinnung aufrecht zu halten; es gelingt ihm, +und er spaziert vertrauensvoll weiter. Halten Sie es für ganz und gar +unmöglich, daß ich auf einem weichen geduldigen Spaziergang Riesen +antreffe, Professoren die Ehre habe zu sehen, mit Buchhändlern und +Bankbeamten im Vorbeigehen verkehre, mit angehenden jugendlichen +Sängerinnen und ehemaligen Schauspielerinnen rede, bei geistreichen +Damen zu Mittag speise, durch Wälder streife, gefährliche Briefe +befördere und mich mit tückischen ironischen Schneidermeistern wild +herumschlage? Das alles kann vorkommen, und ich glaube, daß es in der +Tat vorgekommen ist. Den Spaziergänger begleitet stets etwas +Merkwürdiges, Gedankenvolles und Phantastisches, und er wäre dumm, wenn +er dieses Geistige nicht beachten oder gar von sich fortstoßen würde; +aber das tut er nicht; er heißt vielmehr alle sonderbaren, +eigentümlichen Erscheinungen willkommen, befreundet und verbrüdert sich +mit ihnen, weil sie ihn entzücken, macht sie zu gestaltenhaften +wesenvollen Körpern, gibt ihnen Bildung und Seele, wie sie ihrerseits +ihn beseelen und bilden. Ich verdiene mit einem Wort mein tägliches Brot +durch Denken, Grübeln, Bohren, Graben, Sinnen, Dichten, Untersuchen, +Forschen und Spazieren so sauer wie irgend einer. Indem ich vielleicht +die allervergnügteste Miene schneide, bin ich höchst ernsthaft und +gewissenhaft, und wo ich weiter nichts als zärtlich und schwärmerisch zu +sein scheine, bin ich ein solider Fachmann! Ich hoffe, daß alle diese +eingehenden Aufklärungen Sie von meinen ehrlichen Bestrebungen +überzeugen und Sie vollauf befriedigen.« + +Der Beamte sagte: »Gut!«, und er fügte bei: »Ihr Gesuch betreffs +Bewilligung möglichst niedrig zu veranschlagenden Steuersatzes werden +wir näher prüfen und Ihnen diesbezüglich baldige abschlägige oder +einwilligende Mitteilung machen. Für freundlich abgelegten +Wahrheitsbericht und eifrig geleistete ehrliche Aussagen dankt man +Ihnen. Sie dürfen einstweilen abtreten und Ihren Spaziergang +fortsetzen.« + +Da ich in Gnaden entlassen war, so eilte ich freudig fort und war bald +wieder im Freien. Freiheitsbegeisterungen ergriffen mich und rissen mich +hin. Ich komme jetzt endlich, nach so manchem tapfer bestandenem +Abenteuer und nach so manchem mehr oder weniger siegreich überwundenen +schwierigen Hindernis, zu dem längst angemeldeten und vorausgesagten +Eisenbahnübergang, wo ich eine Weile stehen bleiben und niedlich warten +mußte, bis etwa allmählich der Zug gütigst die hohe Gnade gehabt hätte, +säuberlich vorüberzufahren. Allerlei männliches und weibliches Volk +jeglichen Alters und Charakters stand und wartete wie ich an der Stange. +Die korpulente, nette Bahnwärtersfrau stand still wie eine Statue da und +musterte uns Herumstehende und Wartende gründlich. Der vorbeisausende +Eisenbahnzug war voll Militär, und alle zu den Fenstern +herausschauenden, dem lieben teuren Vaterland Dienste weihenden und +widmenden Soldaten, diese ganze fahrende Soldatenschule einerseits und +das unnütze Zivilpublikum anderseits grüßten und winkten einander +gegenseitig freundlich und patriotisch, eine Bewegung, die rund herum +liebliche Stimmungen verbreitete. Da der Übergang frei geworden war, +gingen ich und alle andern friedlich und ruhig weiter, und nun schien +mir jederlei Umgebung mit einmal noch tausendmal schöner als vorher +geworden zu sein. Der Spaziergang schien immer schöner, reicher und +größer werden zu wollen. Hier beim Bahnübergang schien mir der Höhepunkt +oder etwas wie das Zentrum zu sein, von wo aus es leise wieder sinken +würde. Ich ahnte bereits etwas vom beginnenden sanften Abendabhang. +Etwas wie goldene Wehmutwonne und süßer Schwermutzauber hauchte wie ein +stiller, hoher Gott umher. »Hier ist es jetzt himmlisch schön«, sagte +ich zu mir selber. Wie ein bezauberndes, Tränen heraufbeschwörendes +Abschiedlied lag das zarte Land mit seinen lieben, bescheidenen Wiesen, +Gärten und Häusern da. Tönend drangen leise uralte Volksklagen und +Leiden des guten, armen Volkes aus allen Seiten daher. Geister mit +entzückenden Gestalten und Gewändern tauchten groß und weich auf, und +die liebe, gute Landstraße strahlte himmelblau und weiß und goldig. +Rührung und Entzücken flogen wie aus dem Himmel niederstürzende +Engelsbilder über die golden gefärbten, rosig angehauchten kleinen +Armutshäuser, die der Sonnenschein zärtlich umarmte und umrahmte. Liebe +und Armut und silberner-goldener Hauch gingen und schwebten Hand in +Hand. Es war mir zumut, als rufe mich jemand Liebes beim Namen oder als +küsse und tröste mich jemand. Gott der Allmächtige, unser gnädiger Herr, +trat auf die Straße, um sie zu verherrlichen und himmlisch schön zu +machen. Einbildungen aller Art und Illusionen machten mich glauben, daß +Jesus Christus heraufgestiegen sei und jetzt mitten unter den Leuten und +mitten durch die liebenswürdige Gegend wandere und umher wandle. Häuser, +Gärten und Menschen verwandelten sich in Klänge, alles Gegenständliche +schien sich in eine Seele und in eine Zärtlichkeit verwandelt zu haben. +Süßer Silberschleier und Seelennebel schwamm in alles und legte sich um +alles. Die Weltseele hatte sich geöffnet, und alles Leid, alle +menschlichen Enttäuschungen, alles Böse, alles Schmerzhafte schienen zu +entschwinden, um von nun an nie mehr wieder zu erscheinen. Frühere +Spaziergänge traten mir vor die Augen; aber das wundervolle Bild der +bescheidenen Gegenwart wurde zur überragenden Empfindung. Die Zukunft +verblaßte, und die Vergangenheit zerrann. Ich glühte und blühte selber +im glühenden, blühenden Augenblick. Aus näheren und weiteren +Entfernungen trat Großes und Gutes mit herrlicher Gebärde, Beglückungen +und Bereicherungen silberhell hervor, und ich phantasierte mitten in der +schönen Gegend von nichts anderem als nur eben von ihr. Alle übrigen +Phantasien sanken zusammen und verschwanden in der Bedeutungslosigkeit. +Ich hatte die ganze reiche Erde dicht vor mir und schaute doch nur auf +das Kleinste und Bescheidenste. Mit Liebesgebärden hob sich und senkte +sich der Himmel. Ich war ein Inneres geworden und spazierte wie in einem +Innern; alles Äußere wurde zum Traum, das bisher Verstandene zum +Unverständlichen. An der Oberfläche herab stürzte ich in die fabelhafte +Tiefe, die ich im Augenblick als das Gute erkannte. Was wir verstehen +und lieben, das versteht und liebt auch uns. Ich war nicht mehr ich +selber, war ein anderer und doch gerade darum erst recht wieder ich +selbst. Im süßen Liebeslichte erkannte ich oder glaubte ich erkennen zu +sollen, daß vielleicht der innerliche Mensch der einzige sei, der +wahrhaft existiert. Der Gedanke griff mich an: »Wo wollten wir armen +Menschen sein, wenn es keine treue Erde gäbe? Was hätten wir noch, wenn +wir dieses Schöne und Gute nicht hätten? Wo sollte ich sein, wenn ich +nicht hier sein dürfte? Hier habe ich alles, und anderswo hätte ich +nichts.« + +Was ich sah, war ebenso klein und arm wie groß und bedeutend, ebenso +bescheiden wie reizend, ebenso nah wie gut und ebenso lieblich wie warm. +An zwei Häusern, die wie lebendige, gemütliche Nachbarsgestalten nah +beieinander im hellen Sonnenlicht lagen, hatte ich große Freude. Eine +Freude kam auf die andere, und in der weichen, zutraulichen Luft +schwebte ein Behagen auf und ab und zitterte es wie von verhaltenem +Vergnügen. Eines der beiden kleinen, feinen Häuser war das Wirtshaus zum +»Bären«; der Bär war im Wirtshausschild trefflich und drollig +abgebildet. Kastanienbäume überschatteten das zierliche, gutmütige Haus, +das sicher von lieben, netten, freundlichen Leuten bewohnt war; sah doch +das Haus nicht wie manche Bauwerke hochmütig, sondern wie die +Zutraulichkeit und Treue selber aus. Überall, wohin das Auge blickte, +lag dichte, zufriedene Gartenpracht und schwebte grünes, dichtes Gewirr +von artigen Blättern. Das zweite Haus oder Häuschen glich in seiner +sichtlichen Lieblichkeit und Niedrigkeit einem kindlich schönen Blatt +aus einem Bilderbuch, einer süßen Illustration, so reizend und seltsam +stellte es sich dar. Die Welt rund um das Häuschen erschien vollkommen +gut und schön. Ich verliebte mich in das bildschöne, kleine Hauswesen +allsogleich bis über die Ohren und wäre von Herzen gern hineingegangen, +um mich einzunisten und einzumieten und für immer im Zauberhäuschen und +Kleinod zu wohnen, und mich wohlzufühlen; aber gerade die schönsten +Wohnungen sind leider Gottes meistens besetzt, und wer für seinen +anspruchsvollen Geschmack eine passende Wohnung sucht, dem geht es +schlecht, weil, was leer steht und zu haben ist, oft greulich ist und +Grauen erregt. Das schöne Häuschen war sicherlich von einem +alleinstehenden Frauchen oder Großmütterchen bewohnt; es duftete danach +und schaute so danach aus. Wenn es gestattet ist, zu sagen, so melde ich +ferner, daß an der Wand des Häuschens Wandmalereien oder erhabene +Fresken strotzten, die himmlisch fein und lustig waren und eine +Schweizeralpenlandschaft darstellten, auf der wieder ein Haus und zwar +ein Berner-Oberländerhaus stand, nämlich gemalt. Gut war die Malerei an +sich wahrhaftig keineswegs. Solches behaupten zu wollen wäre keck. +Herrlich kam sie mir aber trotzdem vor. Simpel und einfältig, wie sie +war, entzückte sie mich; mich entzückt eigentlich jedes noch so dumme +und ungeschickte Stück Malerei, weil jedes Stück Malerei erstens an +Emsigkeit und Fleiß und zweitens an Holland erinnert. Ist denn nicht +jede Musik, auch die kärglichste, für den schön, der das Wesen und die +Existenz der Musik liebt? Ist nicht fast jeder beliebige Mensch, auch +der böseste und unangenehmste, für den Freund der Menschen +liebenswürdig? Gemalte Landschaft mitten in der wirklichen Landschaft +ist kapriziös, pikant. Das wird niemand bestreiten können. Den +Tatbestand, daß ein altes Mütterchen in dem Häuschen wohne, nagelte und +heftete ich übrigens gewiß nicht fest und vermochte ich durchaus nicht +aufzunehmen. Mich nimmt aber nur wunder, warum ich hier Worte wie +»Tatbestand« in den Mund zu nehmen wage, wo alles so weich und voll +Menschennatur ist oder wenigstens sein soll wie Empfindungen und +Ahnungen eines Mutterherzens. Übrigens war das Häuschen graublau +angestrichen und hatte hellgolden-grüne Fensterläden, die zu lächeln +schienen, und rund herum in einem Zaubergärtchen dufteten die schönsten +Blumen. Über ein Lust- und Gartenhäuschen neigte und krümmte sich in +entzückender Anmut ein Rosenstrauch und -Busch voll der schönsten Rosen. + +Falls ich nicht krank, sondern gesund und munter bin, was ich hoffe und +woran ich nicht zweifeln will, kam ich, indem ich behaglich weiterging, +vor ein ländliches Friseurgeschäft, mit dessen Inhalt und Inhaber ich +mich jedoch, wie mir scheint, nicht Grund habe abzugeben, da ich der +Meinung bin, daß es noch nicht dringend nötig ist, mir das Haar +schneiden zu lassen, was ja vielleicht ganz hübsch und spaßhaft wäre. +Ferner kam ich an einer Schusterwerkstatt vorbei, die mich an den +genialen aber unglücklichen Dichter Lenz erinnerte, der während der Zeit +seiner Geistes- und Gemütszerrüttung Schuhe machen lernte und machte. +Schaute ich nicht auch im Vorbeigehen in ein Schulhaus und in eine +freundliche Schulstube hinein, wo gerade die gestrenge Schullehrerin +examinierte und kommandierte? Bei dieser Gelegenheit sei darauf +hingewiesen, wie sehr der Spaziergänger im Flug und im Nu wünschte, +wieder ein Kind und ein unfolgsamer, spitzbübischer Schulknabe sein zu +dürfen, wieder zur Schule gehen und eine wohlverdiente Tracht Hiebe zur +Strafe für begangene Unartigkeiten und Untaten einernten und in Empfang +nehmen zu können. Da wir von Prügel reden, sei gerade noch erwähnt und +beigeflochten, wir seien der Meinung, daß ein Landmann ehrlich und +tüchtig durchgeprügelt zu werden verdiente, der nicht zaudert, den +Schmuck der Landschaft und die Schönheit seines eigenen Heimwesens, +nämlich seinen hohen, alten Nußbaum umzuhauen, um schnödes, schlechtes, +törichtes Geld damit zu erhandeln. Ich kam nämlich an einem bildhübschen +Bauernhaus mit hohem, herrlich-mächtigem Nußbaum vorbei; da stieg mir +der Prügel- und Handelsgedanke auf. »Dieser hohe, majestätische Baum«, +rief ich hell aus, »der das Haus so wunderbar beschützt und verschönt, +es in eine so ernste und fröhliche Heimeligkeit und traute +Heimatlichkeit einspinnt, dieser Baum, sage ich, ist eine Gottheit, ein +Heiligtum, und tausend Peitschenhiebe dem gefühllosen und ruchlosen +Besitzer, der all diesen goldenen, himmlisch grünen Blätterzauber +verschwinden zu machen wagen darf, damit er seinen Gelddurst, das +Gemeinste und Schnödeste, was es auf Erden gibt, befriedige. Solche +Trottel sollte man aus der Gemeinde ausstoßen. Nach Sibirien oder nach +Feuerland mit solchen Schändern und Umstürzern des Schönen. Doch es gibt +gottlob auch Bauern, die Herz und Sinn für etwas Zartes und Gutes +haben.« + +Ich bin vielleicht in Bezug auf den Baum, den Geiz, den Bauer, den +Transport nach Sibirien und die Prügel, die anscheinend der Bauer +verdient, weil er den Baum fällt, etwas zu weit gegangen und muß +gestehen, daß ich mich habe hinreißen lassen, zu zürnen. Freunde von +schönen Bäumen werden indessen meinen Unmut begreifen und meinem so +lebhaft zum Ausdruck gebrachten Bedauern beistimmen. Die tausend +Peitschenhiebe nehme ich meinetwegen gerne zurück. Dem Ausdruck +»Trottel« versage selbst ich den Beifall. Ich mißbillige das grobe Wort +und bitte den Leser deswegen um Entschuldigung. Da ich mich bereits +mehrmals entschuldigen mußte, so habe ich im höflichen um Verzeihung +Bitten schon eine gewisse Übung erlangt. »Gefühlloser und ruchloser +Besitzer« hätte ich ebenfalls nicht nötig gehabt zu sagen. Es sind dies +geistige Erhitzungen, die vermieden werden müssen. Das ist klar. Den +Schmerz um eines schönen, hohen, alten Baumes Sturz lasse ich stehen und +eine böse Miene mache ich hierüber sicher, woran mich niemand verhindern +darf. »Aus der Gemeinde ausstoßen« ist unvorsichtig gesprochen, und was +die Geldgier betrifft, die ich als gemein bezeichnet habe, so nehme ich +an, daß auch ich bereits ein oder das andere mal hindiesbezüglich schwer +gefrevelt, gefehlt und gesündigt habe und daß gewisse Elendigkeiten und +Gemeinheiten auch mir durchaus nicht fremd und unbekannt geblieben sind. +Mit diesen Sätzen mache ich Flaumacherpolitik, wie man sie schöner gar +nicht zu sehen bekommen kann; aber ich halte diese Politik für eine +Notwendigkeit. Der Anstand gebietet uns, acht zu geben, daß wir mit uns +selber ebenso streng verfahren wie mit andern, und daß wir andere ebenso +milde und gelinde beurteilen wie uns selber, und letzteres tun wir ja +bekanntlich jederzeit unwillkürlich. Ist es nicht geradezu reizend, wie +ich hier Fehler sauber korrigiere und Verstöße abglätte? Indem ich +Eingeständnisse mache, erweise ich mich als friedfertig, und indem ich +Eckiges abrunde und Hartes weich mache, bin ich ein feiner, zarter +Abschwächer, zeige ich Sinn für gute Tonart und bin ich diplomatisch. +Blamiert habe ich mich immerhin; aber ich hoffe, man anerkenne den guten +Willen. + +Wenn jetzt jemand noch sagt, daß ich ein rücksichtsloser Mensch, +Machtmensch und Machthaber sei, der blind drauflos geht, so behaupte +ich, d. h. wage ich zu hoffen, daß ich das Recht habe, zu behaupten, daß +sich die Person, die das sagt, bös irrt. So zart und sanft wie ich hat +vielleicht noch nie ein Autor beständig an den Leser gedacht. + +So, und nun kann ich mit Palais oder Adelspalästen dienstfertig +aufwarten und zwar wie folgt: Ich trumpfe förmlich auf; denn mit solch +einem halbverfallenen Edelsitz und Patrizierhaus, mit einem +altersgrauen, parkumgebenen, stolzen Rittersitz und Herrenhaus wie das +ist, das jetzt hier auftaucht, kann man Staat machen, Aufsehen erregen, +Neid erwecken, Bewunderung hervorrufen und Ehre einheimsen. Mancher arme +aber feine Literat wohnte mit Herzenslust und höchstem Vergnügen in +solch einem Schloß oder Burg mit Hof und Einfahrt für hochherrschaftliche, +wappengeschmückte Wagen. Mancher arme aber genußfreudige +Maler träumt von zeitweiligem Aufenthalt auf köstlichen, +altertümlichen Landsitzen. Manches gebildete, aber vielleicht bettelarme +Stadtmädchen denkt mit wehmütigem Entzücken und mit idealem Eifer an +Teiche, Grotten, hohe Gemächer und Sänften und sich selbst bedient von +eilfertigen Dienern und edelmütigen Rittern. Auf dem Herrenhause, das +ich da sah, d. h. mehr an als auf ihm, war die Jahreszahl 1709 zu sehen +und zu lesen, was mein Interesse natürlich lebhaft erhöhte. Mit einem +gewissen Entzücken schaute ich als Natur- und Altertumsforscher in den +verträumten, alten, sonderbaren Garten hinein, wo ich in einem Bassin +mit reizend plätscherndem Springbrunnen den seltsamsten meterlangen +Fisch, nämlich einen einsamen Wels, leicht entdeckte und konstatierte. +Ebenso sah und entdeckte ich und stellte ich mit romantischer Wonne fest +einen Gartenpavillon im maurischen oder arabischen Stil, schön und reich +mit Himmelblau, geheimnisvollem Sternen-Silber, Gold, Braun und edlem, +ernstem Schwarz bemalt. Ich vermutete und witterte mit höchst feinem +Verständnis sogleich heraus, daß der Pavillon ungefähr im Jahr 1858 +entstanden sein und errichtet worden sein dürfte, ein Ermitteln, Erraten +und Herausriechen, das mich vielleicht berechtigt, diesbetreffs einmal +einen einschlägigen Vortrag oder eine Vorlesung im Rathaussaal vor +vielem beifallfreudigem Publikum mit ziemlich stolzem Gesicht und +selbstbewußter Miene zuversichtlich abzuhalten. Den Vortrag erwähnte +sehr wahrscheinlich dann die Presse, was mir selbstverständlich nur lieb +sein könnte; denn sie erwähnt manchmal allerlei mit keinem +Sterbenswörtchen. Indem ich den arabischen oder persischen +Gartenpavillon studierte, fiel mir ein, zu denken: »Wie schön muß es +hier des Nachts sein, wenn alles mit einem beinahe undurchdringlichen +Dunkel umflort ist, alles ringsherum still, schwarz und lautlos ist, +Tannen aus dem Dunkel leise hervorragen, mitternächtliches Empfinden den +einsamen Wanderer festhält, und nun eine Lampe, die süßen, gelben Schein +verbreitet, in den Pavillon hineingetragen wird von einer schönen, +reizgeschmückten, edlen Frau, die dann, von einem eigentümlichen +Geschmack getrieben und von seltsamer Seelenanwandlung bewogen, auf dem +Piano, womit in diesem Fall natürlich unser Gartenhaus ausgestattet zu +sein hat, Lieder zu spielen beginnt, wozu sie, falls der Traum erlaubt +ist, mit entzückend schöner, reiner Stimme singt. Wie würde man da +lauschen, wie würde man da träumen, wie würde man über die Nachtmusik +glücklich sein.« + +Aber es war nicht Mitternacht und weit und breit weder ein ritterliches +Mittelalter noch ein Jahr Fünfzehn- oder Siebzehnhundert, sondern heller +Tag und Werktag, und ein Trupp Leute nebst einem der unhöflichsten und +unritterlichsten, barschesten und impertinentesten Automobile, die mir +je begegneten, störten mich an der Fülle meiner gelehrten und +romantischen Betrachtungen sehr und warfen mich im Handumdrehen aus +aller Schloßpoesie und Vergangenheitsträumerei heraus, derartig, daß ich +unwillkürlich ausrief: »Zwar sehr grob ist das, wie man mich hier +hindert, die feinsten Studien zu machen und mich in die vornehmsten +Vertiefungen zu versenken. Ich könnte entrüstet sein; aber statt dessen +will ich lieber sanftmütig sein und manierlich leiden und dulden. Süß +ist der Gedanke an das vorübergegangene Schöne und Holde, süß ist das +edle blasse Gemälde untergegangener, ertrunkener Schönheit; aber der +Mitwelt und den Mitmenschen hat man keinen Grund deswegen den Rücken zu +kehren, und man darf nicht glauben, daß man berechtigt sei, Leuten und +Einrichtungen zu grollen, weil sie die Stimmung nicht berücksichtigen, +die derjenige hat, der sich an Geschichtliches und Gedankliches +verliert.« + +»Ein Gewittersturm«, dachte ich im Weitergehen, »wäre hier schön. +Hoffentlich erlebe ich bei guter Gelegenheit einen solchen.« An einen +guten, ehrlichen, kohlrabenschwarzen Hund, der am Weg lag, richtete ich +folgende spaßhafte Ansprache: »Kommt dir scheinbar gänzlich unbelehrten +und unkultivierten Burschen wirklich nicht im entferntesten in den Sinn, +aufzustehen und mich mit deiner pechschwarzen Tatze zu grüßen, wo du mir +doch am Schritt und am ganzen übrigen Gehaben ansehen mußt, daß ich ein +Mensch bin, der volle sieben gute Jahre lang in der Welt- und Hauptstadt +gelebt hat, und der während dieser Zeit aus dem Verkehr und angenehmen +Umgang mit ausschließlich gebildeten Menschen fast keine Minute, +geschweige denn Stunde oder gar Monat und Woche lang herausgekommen ist? +In welche Schule bist du, ruppiger Gesell, denn eigentlich gegangen? +Wie? Und nicht einmal eine kleine Antwort gibst du mir? Bleibst ruhig +liegen, schaust mich ruhig an, verziehst keine Miene und bleibst +unbeweglich wie ein Monument? Schäme dich!« + +Tatsächlich jedoch gefiel mir der Hund, der in der treuherzigen +Wachsamkeit und in der humorvollen Ruhe und Gelassenheit, die er zur +Schau trug, prächtig aussah, ungemein gut, und weil er mich so fröhlich +anblinzelte, redete ich mit ihm, und weil er ja doch wohl kein Wort +verstand, durfte ich mir herausnehmen, ihn zu schelten, was aber, wie +man aus der Possierlichkeit der Redeweise gemerkt haben wird, jedenfalls +nicht böse gemeint sein konnte. + +Beim Anblick eines höchst soigniert dahertrabenden und wackelig +stolzierenden feinen steifen Herrn hatte ich den wehmütigen Gedanken: +»Und vernachlässigte kleine arme schlechtgekleidete Kinder? Ist es +möglich, daß so ein schöngekleideter, grandios aufgeputzter, glänzend +ausstaffierter und austapezierter, ring- und schmuckbehangener, +geschniegelter und gewichster Herr keinen Augenblick an arme junge +Geschöpfe denkt, die oft genug in Fetzen einhergehen, traurigen Mangel +an Pflege und Säuberlichkeit offenbaren und kläglich verwahrlost sind? +Geniert sich der Pfau nicht ein bißchen? Fühlt sich der Herr Erwachsene, +der so schön einhergeht, beim Anblick der schmutzigen, fleckigen Kleinen +ganz und gar nicht betroffen? Mich dünkt, es dürfte kein erwachsener +Mensch Lust zeigen, geputzt aufzutreten, solange es immer noch Kinder +gibt, denen jeder äußere Schmuck mangelt.« + +Aber man könnte mit ebenso viel Recht sagen, daß niemand ins Konzert +gehen oder eine Theatervorstellung besuchen oder sonstwelche Lustbarkeit +genießen sollte, solange es Gefängnisse und Strafanstalten mit +unglücklichen Gefangenen in der Welt gibt. Dies geht selbstverständlich +zu weit. Und wenn jemand mit Genießen und mit aller Lebenslust solange +warten wollte, bis die Welt endlich keine unglücklichen armen Menschen +mehr aufweisen würde, so müßte er bis an das graue unausdenkbare Ende +aller Tage und bis ans eisigkalte, öde Ende der Welt warten, und bis +dahin dürfte ihm die Lust und das Leben selber gründlich vergangen sein. + +Eine zerzauste, zerarbeitete, zermürbte, wankende Arbeiterin, die +auffällig müde und geschwächt und doch hastig daherkam, weil sie +offenbar rasch noch allerlei zu verrichten hatte, mahnte mich im +Augenblick an feingepflegte, verwöhnte Töchterchen oder höhere Töchter, +die oft nicht wissen oder zu wissen scheinen, mit welcher Art zierlicher +vornehmer Beschäftigung oder Zerstreuung sie ihren Tag zu verbringen +haben, und die vielleicht nie rechtschaffen müde sind, die tagelang, +wochenlang darüber nachdenken, was sie tragen könnten, um den Glanz +ihres Bildes zu erhöhen, und die lange Betrachtungen darüber anzustellen +Zeit in Hülle und Fülle haben, was sie bewerkstelligen sollen, damit +mehr und immer mehr übertriebene kränkliche Finessen ihre Person und ihr +süßes, zuckerbäckerhaftes Figürchen einhüllen. + +Aber ich bin ja meistens selber ein Liebhaber und Verehrer solcher +liebenswürdiger, bis ins äußerste gepflegter, mondscheinhaft schöner, +zarter Mädchenpflanzen. Ein reizendes Backfischchen könnte mir befehlen, +was ihm einfiele, ich würde ihm blindlings gehorchen. O wie ist die +Schönheit schön und das Hinreißende hinreißend! + +Wieder komme ich auf Architektur und Baukunst zu sprechen, wobei ein +Stückchen oder Fleckchen Kunst und Literatur zu berücksichtigen sein +wird. + +Vorher eine Bemerkung: Alte edle würdige Häuser, historische Stätten und +Bauten mit Blümchen-Ornamentik zu beputzen, kündigt denkbar schlechten +Geschmack an. Wer das tut oder tun läßt, sündigt gegen den Geist des +Würdigen und Schönen und verletzt die schöne Erinnerung an unsere ebenso +tapferen wie edlen Vorfahren. Zweitens bekränze und bestecke man nie +Brunnen-Architekturen mit Blumen. Blumen sind an sich freilich schön; +aber sie sind nicht dazu da, um die edle Strenge und strenge Schönheit +von Steinbildern zu verlalifaren und zu verwischen. Überhaupt kann die +Vorliebe für Blumen in dumme Blumensucht ausarten. Persönlichkeiten, +Magistrate, die dies angeht, mögen sich autoritativen Ortes erkundigen, +ob ich recht habe, und sich hernach hübsch danach gütig verhalten. + +Um zwei schöne und interessante Gebäulichkeiten zu erwähnen, die mich +stark fesselten und meine Aufmerksamkeit in ungewöhnlichem Grad in +Anspruch nahmen, sei gesagt, daß ich nämlich, indem ich so meinen Weg +weiter verfolgte, vor eine entzückende seltsame Kapelle kam, die ich +sogleich die Brentano-Kapelle nannte, weil ich sah, daß sie aus der +phantasieumwobenen, goldumhauchten, halb hellen und halb dunklen Zeit +der Romantiker stammte. Der große wilde stürmische dunkle Roman »Godwin« +von Brentano fiel mir ein. Hohe schlanke Bogenfenster gaben dem höchst +originellen, sonderbaren Gebäude ein zartes, liebliches Ansehen und +verliehen ihm den Geist des Zaubervollen, den Zauber der Innigkeit und +des gedankenhaften Lebens. Feurige tiefsinnige Landschaftschilderungen +von eben erwähntem Dichter kamen mir in Erinnerung, namentlich die +Beschreibung deutscher Eichenwälder. Bald darauf stand ich vor der Villa +genannt »Terrasse«, die mich an den Maler Karl Stauffer-Bern, der hier +zeitweise wohnte und hauste, und gleichzeitig an gewisse sehr vornehme +edle Baulichkeiten mahnte, die an der Tiergartenstraße zu Berlin stehen, +die um des strengen, hoheitvollen und schlicht-klassischen Stiles +willen, den sie zum Ausdruck bringen, sympathisch und sehenswürdig sind. +Das Staufferhaus und die Brentano-Kapelle stellten sich mir als +Denkmäler zweier streng von einander getrennter Welten dar, die beide +auf ihre eigentümliche Art anmutig, unterhaltend und bedeutend sind. +Hier die gemessene, kühle Eleganz, dort der übermütige, tiefsinnige +Traum, hier etwas Feines und Schönes und dort etwas Feines und Schönes, +aber als Wesen und Bildung völlig verschieden, obwohl einander der Zeit +nach nah. Es fängt jetzt auf meinem Spaziergang allmählich an zu +abenden, und das stille Ende, scheint mir, sei nicht mehr gar so fern. + +Einige Alltäglichkeiten und Verkehrserscheinungen sind hier vielleicht +ganz am Platz, nämlich etwa der Reihe nach: eine stattliche +Klavierfabrik nebst andern Fabriken und Etablissementen, eine +Pappelallee dicht neben einem schwärzlichen Fluß, Männer, Frauen, +Kinder, elektrische Straßenbahnwagen, ihr Krächzen und der ausschauende +verantwortliche Feldherr oder Führer, ein Trupp reizend gescheckter und +gefleckter blaßfarbiger Kühe, Bauernfrauen auf Bauernwagen und +dazugehöriges Rädergeroll und Peitschenknallen, etliche schwerbepackte, +hochaufgetürmte Lastwagen, Bierwagen und Bierfässer, heimkehrende, aus +der Fabrik hervorströmende und -brechende Arbeiter, das Überwältigende +dieses Massen-Anblicks und -Artikels und seltsame Gedanken hierauf +bezüglich; Güterwagen mit Gütern vom Güterbahnhof herfahrend, ein ganzer +fahrender und wandernder Zirkus mit Elefanten, Pferden, Hunden, Zebras, +Giraffen, in Löwenkäfigen eingesperrten grimmigen Löwen, mit Singalesen, +Indianern, Tigern, Affen und einherkriechenden Krokodilen, +Seiltänzerinnen und Eisbären und all dem nötigen Reichtum an Gefolge, +Dienerschaft, Artistenpack und -Personal, weiter: Jungens mit hölzernen +Waffen bewaffnet, die den europäischen Krieg nachahmen, indem sie +sämtliche Kriegsfurien entfesseln, ein kleiner Galgenstrick, der das +Lied »Hunderttausend Frösche« singt, worauf er mächtig stolz ist; +ferner: Holzer und Waldmenschen mit Karren voll Holz, zwei bis drei +Prachtschweine, wobei sich die lebhafte Phantasie des Beschauers die +Köstlichkeit und Annehmlichkeit eines herrlich duftenden, fertig +zubereiteten Schweinebratens gierig ausmalt, was ja verständlich ist; +ein Bauernhaus mit Sinnspruch über der Einfahrt, zwei Böhminnen, +Galizierinnen, Slavinnen, Wendinnen oder gar Zigeunerinnen in roten +Stiefeln und mit pechschwarzen Augen und dito Haar, bei welchem +fremdartigen Anblick man vielleicht an den Gartenlauberoman »Die +Zigeunerfürstin« denkt, der zwar in Ungarn spielt, was aber wenig +ausmacht, oder an »Preziosa«, die ja zwar spanischen Ursprungs ist, was +man aber nicht gar so genau zu nehmen braucht. Ferner an Läden: Papier-, +Fleisch-, Uhren-, Schuh-, Hut-, Eisen-, Tuch-, Kolonialwaren-, +Spezerei-, Galanterie-, Mercerie-, Bäcker- und Zuckerbäckerläden. Und +überall, auf allen diesen Dingen liebe Abendsonne. Ferner viel Lärm und +Geräusch, Schulen und Schullehrer, letztere mit Gewicht und Würde im +Gesicht, Landschaft und Luft und viele Malerei. Ferner nicht zu +übersehen oder zu vergessen: Aufschriften und Ankündigungen wie »Persil« +oder »Maggis unübertroffene Suppenrollen« oder »Continental-Gummiabsatz +enorm haltbar« oder »Grundstück zu verkaufen« oder »Die beste +Milch-Schokolade« oder ich weiß wahrhaftig nicht, was sonst noch alles. +Wollte man so aufzählen, bis alles getreulich aufgezählt wäre, so käme +man an kein Ende. Einsichtige fühlen und merken das. Ein Plakat oder +Tafel fiel mir vorzüglich auf; der Inhalt war folgender: + + Kostgängerei + +oder feine Herrenpension empfiehlt feinen oder wenigstens besseren +Herren ihre prima Küche, die derartig ist, daß wir mit ruhigem Gewissen +sagen können, sie befriedige den verwöhntesten Gaumen und entzücke den +lebhaftesten Appetit. Auf allzu hungrige Mägen möchten wir indessen +lieber verzichten zu reflektieren. Die Kochkunst, die wir darbieten, +entspricht höherer Erziehung, womit wir angedeutet haben möchten, daß es +uns lieb sein wird, nur wirklich gebildete Herren an unserer Tafel +schmausen zu sehen. Kerlen, die ihren Wochen- und Monatslohn vertrinken +und daher nicht prompt zu zahlen imstande sind, wünschen wir nicht im +entferntesten zu begegnen; vielmehr halten wir inbezug auf unsere sehr +geehrte Kostgängerschaft auf zarten Anstand und gefällige Manieren. +Reizende, artige Töchter pflegen bei uns an den köstlich gedeckten, mit +Blumen aller Art geschmückten, appetitlichen Tischen zu servieren. Wir +sprechen das aus, damit Herren Reflektanten einsehen, wie nötig es ist, +sich von dem Augenblick an fein zu benehmen und tatsächlich flott und +proper aufzuführen, wo der allfällige Herr Pensionär seinen Fuß in +unsere estimable, respektable Pension setzt. Mit Wüstlingen und +Raufbolden, mit Prahlhelden und Großtuern wollen wir ganz entschieden +nichts zu schaffen haben. Solche, die Anlaß zu haben glauben, sich zu +sagen, daß sie zu dieser Sorte gehören, wollen die Güte haben, unserem +Institut ersten Ranges fern zu bleiben und uns mit ihrer unangenehmen +Gegenwart zu verschonen. Jeder nette, zarte, höfliche, artige, feine, +zuvorkommende, freundliche, fröhliche, aber nicht übermäßig freudige und +fröhliche, sondern eher leise, vor allen Dingen aber zahlungsfähige, +solide, pünktlich zahlende Herr hingegen wird uns in der Tat in jeder +Hinsicht willkommen sein, und er soll auf das feinste bedient und auf +das allerhöflichste und schönste behandelt sein; das versprechen wir +ehrlich und denken es auch allezeit zu halten, daß es eine Lust ist. Ein +solcher netter, reizender Herr soll auf unserer Tafel so ausgesuchte +Leckerbissen finden, wie er die größte Mühe haben würde, sie andernortes +anzutreffen; denn tatsächlich gehen aus unserer exquisiten Küche +Meisterwerke der Kochkunst hervor; das wird jeder Gelegenheit haben zu +bestätigen, der es mit unserer vornehmen Herrenkostgängerei versuchen +will, wozu wir ihn auffordern und jederzeit ermuntern. Das Essen, das +wir auf den Tisch setzen, übersteigt sowohl an Güte wie an Menge jeden +einigermaßen gesunden Begriff, und keine noch so lebhafte Phantasie und +menschliche Einbildungskraft ist fähig, sich die delikaten und +mundwässernden Bissen auch nur annähernd vorzustellen, die wir zu +verabfolgen und vor die freudig erstaunten Gesichter unserer Herren +Eßmannschaften zu stellen gewöhnt sind. Aber es kommen, wie bereits +mehrmals betont, nur bessere Herren in Betracht, und man erlaube uns +gütig, um Irrtümer zu vermeiden und Zweifel zu beseitigen, unsere +diesbezügliche Auffassung kurz kundzutun. In unseren Augen ist nur +derjenige ein besserer Herr, der von Feinheit und Bessersein strotzt und +der in jeder Beziehung halt einfach viel besser ist als andere schlichte +Leute. Leute, die weiter nichts als schlicht sind, passen uns durchaus +nicht. Ein besserer Herr ist nach unserer Meinung nur der, der sich +ziemlich viel eitles und albernes Zeug einbildet und der sich vor allen +Dingen einzubilden vermag, daß seine Nase besser ist als irgend eines +beliebigen andern guten und vernünftigen Menschen Nase. Das Betragen +eines bessern Herrn spricht diese eigentümliche Voraussetzung deutlich +aus, und hierauf verlassen wir uns. Wer nur gut, grad und ehrlich ist +und weiter keinen andern bedeutsamen Vorzug aufweist, der bleibe uns +bitte fern; denn er scheint uns kein feinerer und besserer Herr zu sein. +Für die Auswahl von nur feinsten und gediegensten besseren Herren +besitzen wir das feinste Verständnis. Wir merken es sofort am Gang, an +der Tonart, an der Art, Unterhaltung zu machen, am Gesicht, an den +Bewegungen und namentlich an der Kleidung, am Hut, am Stock, an der +Blume im Knopfloch, die entweder existiert oder nicht, ob ein Herr zu +den besseren Herren zu zählen sei oder nicht. Der Scharfblick, den wir +hierin besitzen, grenzt an Zauberei, und wir wagen zu behaupten, daß wir +uns in diesen Stücken eine gewisse Genialität zumuten. So, nun weiß man, +mit welcher Art von Leuten wir rechnen, und kommt ein Mensch zu uns, dem +wir von weitem ansehen, daß er sich für uns und unsere Pension nicht +eignet, so sagen wir ihm: »Wir bedauern sehr, und es tut uns recht +leid.« + +Zwei bis drei Leser werden vielleicht in die Wahrscheinlichkeit dieses +Plakates einige Zweifel setzen, indem sie sich sagen werden, daß man +nicht recht daran glauben könne. + +Vielleicht sind da oder dort Wiederholungen vorgekommen. Ich möchte aber +bekennen, daß ich Natur und Menschenleben als eine ebenso schöne wie +reizende Flucht von Wiederholungen anschaue, und ich möchte außerdem +bekennen, daß ich eben diese Erscheinung als Schönheit und als Segen +betrachte. Es gibt freilich manchenortes durch Überreizung verdorbene, +sensationslüsterne Neuigkeitenschnapper und -Lecker, Menschen, die fast +jede Minute nach irgend noch niedagewesenen Genüssen lüsten. Für +solcherlei Leute dichtet der Dichter keinesfalls, wie der Musiker nicht +Musik für sie macht und der Maler nicht für sie malt. Im großen und +ganzen dünkt mich das stetige Bedürfnis nach Genuß und Kost von immer +wieder gänzlich neuen Dingen ein Zug von Kleinheit, Mangel an innerem +Leben, Naturentfremdung und mittelmäßiger oder mangelhafter +Auffassungsgabe zu sein. Kleine Kinder sind es, denen man immer irgend +etwas Neues und Anderes vorführen muß, damit sie nur nicht unzufrieden +sind. Der ernsthafte Schriftsteller fühlt sich nicht berufen, +Anhäufungen des Stofflichen zu besorgen, nervöser Gier behender Diener +zu sein, und er fürchtet sich folgerichtigerweise nicht vor einigen +natürlichen Wiederholungen, obgleich er sich selbstverständlich stets +Mühe gibt, zu viele Ähnlichkeiten fleißig zu verhüten. + +Es war nun Abend geworden, und da gelangte ich auf einem hübschen, +stillen Weg oder Seitenweg, der unter Bäumen hinlief, zum See hinaus, +und hier endete der Spaziergang. In einem Erlenwäldchen, am Rand des +Wassers, war eine Knaben- und Mädchenschule versammelt, und der Herr +Pfarrer oder Lehrer erteilte inmitten der Abendnatur Naturunterricht und +Anschauungslehre. Mir fielen, indem ich langsam weiterging, zweierlei +Menschengestalten ein. Vielleicht infolge gewisser umfassender Ermüdung +dachte ich an ein schönes Mädchen und daran, wie ich so allein in der +weiten Welt sei und daß das nicht ganz recht sein könne. Selbstvorwürfe +rührten mich von hinten an und traten mir von vorn in den Weg, und ich +hatte stark zu kämpfen. Gewisse böse Erinnerungen bemächtigten sich +meiner. Selbstanklagen machten mir urplötzlich das Herz schwer. Indessen +suchte und sammelte ich in der Umgebung, teils in einem Wäldchen, teils +im Felde, Blumen. Sanft und leise fing es an zu regnen, wodurch das +zarte Land noch zarter und stiller wurde. Mir war es, als weine es, und +während ich Blumen sammelte, horchte ich auf das leise Weinen, das auf +die Blätter herabrieselte. Warmer, schwacher Sommerregen, wie bist du +süß! »Warum sammle ich hier Blumen«, fragte ich mich und schaute +nachdenklich zu Boden, und der zarte Regen vergrößerte meine +Nachdenklichkeit, die er bis zur Trauer steigerte. Alte vergangene +Verfehlungen fielen mir ein, Treubruch, Haß, Trotz, Falschheit, +Hinterlist, Bosheit und vielerlei heftige, unschöne Auftritte. +Ungezügelte Leidenschaft, wilde Wünsche, und wie ich gar manchen Leuten +wehgetan hatte, wie ich Unrecht getan hatte. Wie eine Schaubühne voll +dramatischer Szenen öffnete sich mir das vorübergegangene Leben, und ich +mußte über meine zahlreichen Schwächen, über alle Unfreundlichkeiten und +Lieblosigkeiten, die ich hatte fühlen lassen, unwillkürlich staunen. Da +trat mir die zweite Gestalt vor die Augen, und ich sah plötzlich den +alten, müden, armen, verlassenen Mann wieder, den ich vor einigen Tagen +in einem Wald am Boden liegen gesehen hatte, und zwar so erbärmlich, +blaß und zum Sterben kläglich, so leidvoll und todesmatt, daß mich der +traurige und seelenbeengende Anblick tief erschreckt hatte. Diesen müden +Mann schaute ich jetzt im Geiste, und es wurde mir schwach davon. Ich +fühlte das Bedürfnis, mich irgendwo hinzulegen, und da gerade ein +freundliches, trauliches Uferplätzchen in der Nähe war, so machte ich es +mir, gewissermaßen erschöpft wie ich war, auf dem weichen Boden unter +dem treuherzigen Geäste eines Baumes bequem. Erde, Luft und Himmel +anschauend, kam mich der betrübliche, unweigerliche Gedanke an, daß ich +zwischen Himmel und Erde ein armer Gefangener sei, daß alle Menschen auf +diese Art und Weise kläglich gefangen seien, daß es für alle nur den +einen finsteren Weg gebe, nämlich in das Loch hinab, in die Erde, daß es +keinen andern Weg in die andere Welt gebe als den, der durch das Grab +geht. »So muß denn alles, alles, dieses ganze reiche Leben, die +freundlichen, gedankenvollen Farben, dieses Entzücken, diese +Lebensfreude und Lebenslust, alle diese menschlichen Bedeutungen, +Familie, Freund und Geliebte, diese helle, zärtliche Luft voll göttlich +schöner Bilder, die Vater- und Mutterhäuser und lieben, sanften Straßen +eines Tages vergehen und sterben, die hohe Sonne, der Mond, und die +Herzen und Augen der Menschen.« Lange dachte ich darüber nach und bat im +stillen die Menschen, denen ich vielleicht weh getan haben mochte, um +Verzeihung. Lange lag ich in undeutlichen Gedanken da, bis mir wieder +das Mädchen einfiel, das so schön und jugendfrisch war, so süße, gute, +reine Augen hatte. Ich stellte mir recht lebhaft vor, wie reizend ihr +kindlich-hübscher Mund sei, wie hübsch ihre Wangen, und wie ihre +körperliche Erscheinung mich mit ihrer melodischen Weichheit bezaubere, +wie ich vor einiger Zeit sie etwas fragte, wie sie im Zweifel und +Unglauben die schönen Augen niederschlug, und daran, wie sie »nein« +sagte, als ich sie fragte, ob sie an meine aufrichtige Liebe, Zuneigung, +Hingabe und Zärtlichkeit glaube. Die Umstände hatten ihr befohlen, zu +reisen, und sie war fortgegangen. Vielleicht würde ich sie noch +rechtzeitig haben überzeugen können, daß ich es gut mit ihr meine, daß +ihre liebenswürdige Person mir wichtig und daß es mir aus vielen schönen +Gründen daran gelegen sei, sie glücklich zu machen und damit mich +selbst; aber ich gab mir weiter keine Mühe mehr, und sie ging fort. Wozu +dann die Blumen? »Sammelte ich Blumen, um sie auf mein Unglück zu +legen?«, fragte ich mich, und der Strauß fiel mir aus der Hand. Ich +hatte mich erhoben, um nach Hause zu gehen; denn es war schon spät, und +alles war dunkel. + + + + +Von =Robert Walser= sind erschienen: + + +~Fritz Kochers Aufsätze~ / Inselverlag. + +~Geschwister Tanner~, Roman / Bruno Cassirer, Berlin. + +~Der Gehülfe~, Roman / Bruno Cassirer, Berlin. + +~Jakob v. Gunten~, Roman / Bruno Cassirer, Berlin. + +~Gedichte~ / Bruno Cassirer, Berlin. + +~Aufsätze~ / Kurt Wolff, Leipzig. + +~Geschichten~ / Kurt Wolff, Leipzig. + + + + +Schweizerische Erzähler + +Die zeitgenössische Novellendichtung der Schweiz in Einzelausgaben + + + Jedes Werkchen in Pappband mit Farbschnitt ~80 Rappen~ + + +Zwei Urteile: + +Diese Sammlung, die Wohlfeilheit, Anmut der Ausstattung und Erlesenheit +des Inhalts vereinigt, ist ein Zeugnis der zum Bewußtsein erwachten +nationalschweizerischen Literatur. + + Frankfurter Ztg. + +Die sechs allerliebsten Oktavbändchen sind eine solche Augenwonne, daß +man um Worte des Lobes vom Morgen- bis zum Abendstern nicht verlegen +wäre. Manche meisterliche Gabe hält sie zusammen, sodaß man gleich so +unbescheiden ist, sich alle sechs zu wünschen, als Anfang einer +zierlichen kleinen Schweizerbibliothek, die sich ihr Programm und ihre +weitern Ueberraschungen offen hält. + + Neue Zürcher Zeitung + + +Die erste Gruppe + +Titel und Deckelzeichnung sind den besten Rahmentiteln des 18. +Jahrhunderts nachgeahmt, der Zeit, die das Gewand des Buches mit größter +Innigkeit behandelte, in der das Buch das bevorzugte Angebinde zwischen +Liebenden war. + + =Inhalt=: + + 1. Band: ~Maria Thurnheer von Paul Ilg.~ + 2. Band: ~Drei altmodische Liebesgeschichten von Meinrad Lienert.~ + 3. Band: ~Daniel Pfund von Alfred Huggenberger.~ + 4. Band: ~Schalkhafte Geschichten von Felix Möschlin.~ + 5. Band: ~In der Glücksschaukel. Drei Novellen von Olga Amberger.~ + 6. Band: ~Bauz. Zwei Erzählungen von Albert Steffen.~ + + +Die zweite Gruppe + +Ihre Ausstattung legt vom Buchgeschmack der jüngsten Gegenwart Zeugnis +ab. Die bedeutendsten Buchkünstler Deutschlands (Ehmke, Preetorius, +Tiemann, Walser) und der Schweiz (Baumberger, Cardinaux) sind hier in +einen hochinteressanten Wettbewerb getreten: jeder hat die +Deckelzeichnung eines andern Bändchens übernommen. + + =Inhalt=: + + 7. Band: ~Der Lästerer von Ernst Zahn.~ + 8. Band: ~Das verlassene Dorf. Zwei Geschichten aus dem Wallis von + Johannes Jegerlehner.~ + 9. Band: ~Der Spaziergang von Robert Walser.~ + 10. Band: ~Füsilier Wipf. Eine Geschichte aus dem Grenzdienst von + Robert Faesi.~ + 11. Band: ~Leiden. Erzählungen von Ruth Waldstetter.~ + 12. Band: ~Odil. Zwei Erzählungen von Max Pulver.~ + + =Verlag: Huber & Co.= / =Frauenfeld= und =Leipzig= + + + + + [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei + jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile + steht. + + Gemütsverfassung, die mich tief beglückte. Die morgenliche + Gemütsverfassung, die mich tief beglückte. Die morgendliche + + Kriegsgefahr Tod, Elend, Haß und Verwundungen auf der Erde verbreitet + Kriegsgefahr, Tod, Elend, Haß und Verwundungen auf der Erde verbreitet + + wehrte mir Frau Aebi ab, imdem sie sagte, daß sie auf jederlei + wehrte mir Frau Aebi ab, indem sie sagte, daß sie auf jederlei + + entgegenzutreten und die schlichte, nakte Wahrheit zu sagen, und diese + entgegenzutreten und die schlichte, nackte Wahrheit zu sagen, und diese + + ist nichts wert, Er muß jederzeit des Mitleides, des Mitempfindens und + ist nichts wert. Er muß jederzeit des Mitleides, des Mitempfindens und + + ~Fritz Kochlers Aufsätze~ / Inselverlag. + ~Fritz Kochers Aufsätze~ / Inselverlag. + + ~Der Gehilfe~, Roman / Bruno Cassirer, Berlin. + ~Der Gehülfe~, Roman / Bruno Cassirer, Berlin. + + ] + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Spaziergang, by Robert Walser + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SPAZIERGANG *** + +***** This file should be named 39247-0.txt or 39247-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/9/2/4/39247/ + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This book was +produced from scanned images of public domain material +from the Google Print project.) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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