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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:11:08 -0700 |
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Hoffmann</title> +<style type="text/css"> + +body { + margin-left: 15%; + margin-right: 15%; +} + +h1, h2, h3 { + font-weight: normal; + text-align: center; +} + +h2 { + margin-top: 4em; + margin-bottom: 2em; +} + +h3 { + margin-top: 4em; + margin-bottom: 1em; + text-align: center; +} + +.section-caption { + margin-top: 1.5em; + margin-bottom: 2em; + text-align: center; + text-indent: 0; +} + +blockquote { + text-align: justify; +} + +ins { + border-bottom: 1px dashed #039; + text-decoration: none; +} + +.figcenter { + margin: auto; + text-align: center; +} + +.antiqua { + font-style: italic; +} + +em.gesperrt { + font-style: normal; + font-weight: normal; +} + +.gesperrt { + letter-spacing: 0.2em; + margin-right: -0.2em; +} + +p { + margin-bottom: 0.75em; + margin-top: 0.75em; + text-align: justify; + text-indent: 1.5em; +} + +p.noindent { + text-indent: 0; +} + +.footnote { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; + font-size: 0.9em; +} + +.fnanchor { + vertical-align: super; + font-size: .8em; + text-decoration: none; +} + +#tnote { + width: 26em; + border: 1px dashed #808080; + background-color: #f6f6f6; + text-align: justify; + padding: 0em 0.75em; + margin: 120px auto 120px auto; +} + +.center { + text-align: center; +} + +.pagenum { + position: absolute; + display: inline; + left: 92%; + font-size: x-small; + text-align: right; + text-indent: 0; + color: #808080; + border: 1px solid silver; + padding: 1px 4px 1px 4px; + vertical-align: baseline; +} + +.poem { + margin: 2em auto; + text-align: left; +} + +.poem .stanza { + margin: 1.5em 0em 1.5em 0em; +} + + h1.pg,h3.pg { font-weight: bold; + margin-top: 0em; + margin-bottom: 0em; } + hr.full { width: 100%; + margin-top: 3em; + margin-bottom: 0em; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + height: 4px; + border-width: 4px 0 0 0; /* remove all borders except the top one */ + border-style: solid; + border-color: #000000; + clear: both; } + pre {font-size: 85%;} +.chor {position: relative; left: -5.5ex;} +.ecce {font-style: italic; margin-left: -5.5ex;} + +@media handheld { +.chor {position: static;} +.ecce {margin-left: 0;} +} +</style> +</head> +<body> +<h1 class="pg">The Project Gutenberg eBook, Lebensansichten des Katers Murr, by E. T. A. +Hoffmann</h1> +<pre> +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at <a href = "http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></pre> +<p>Title: Lebensansichten des Katers Murr</p> +<p> nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern</p> +<p>Author: E. T. A. Hoffmann</p> +<p>Release Date: February 6, 2012 [eBook #38780]</p> +<p>Language: German</p> +<p>Character set encoding: ISO-8859-1</p> +<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LEBENSANSICHTEN DES KATERS MURR***</p> +<p> </p> +<p> </p> +<h3 class="pg">E-text prepared by Norbert H. Langkau, Carlos Valiente,<br /> + and the Online Distributed Proofreading Team<br /> + (http://www.pgdp.net)</h3> +<div id="tnote"> +<p class="center noindent"><b>Anmerkung zur Transkription:</b></p> + +<p class="noindent">Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden +übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. +Änderungen sind im Text <ins title="so wie hier">gekennzeichnet</ins>, +der Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.</p> + +<p class="noindent">Wörtliche Rede ist in diesem Text sehr unregelmäßig gekennzeichnet. +Die dargestellten An- und Ausführungszeichen entsprechen den im +Original gedruckten.</p> +</div> +<hr class="full" /> +<p> </p> +<p> </p> + +<div class="figcenter"><img src="images/cover.jpg" id="coverpage" alt="" width="500" height="416" /></div> + +<p class="center noindent" style="margin: 4em;"> +E. T. A. Hoffmann<br /> +Lebensansichten des<br /> +Katers Murr +</p> + + + +<div style="margin: 4em;"> +<p class="center noindent" style="margin: 2em"><big>Hamburgische Hausbibliothek</big></p> + +<p class="center noindent" style="margin: 2em"> +Herausgegeben<br /> +im Auftrage der Gesellschaft Hamburgischer<br /> +Kunstfreunde, der Patriotischen Gesellschaft<br /> +und der Lehrervereinigung für die<br /> +Pflege der künstlerischen<br /> +Bildung +</p> +</div> + +<div class="figcenter" style="margin: 4em;"><img src="images/front.png" alt="" width="200" height="189" /></div> + +<p class="center noindent" style="margin: 4em;"> +Hamburg 1912<br /> +Alfred Janssen<br /> +</p> + + + + +<h1>Lebensansichten des Katers Murr</h1> + +<div style="margin: 4em;"> +<p class="center noindent" style="margin: 2em;"> +<big>nebst fragmentarischer Biographie des<br /> +Kapellmeisters Johannes Kreisler<br /> +in zufälligen Makulaturblättern +</big> +</p> + +<p class="center noindent" style="margin: 2em;">Herausgegeben von<br /> +<big>E. T. A. Hoffmann</big></p> +</div> + + +<p class="center noindent" style="margin: 4em;">1. bis 5. Tausend</p> + +<p class="center noindent" style="margin: 4em;"> +Hamburg 1912<br /> +Alfred Janssen +</p> + + + + +<p class="center noindent"> +<small> +Druckerei-Gesellschaft Hartung & Co. m. b. H., Hamburg +</small> +</p> + + +<h2><a name="Vorwort" id="Vorwort"></a>Vorwort.</h2> + + +<p><a class="pagenum" name="page_5">5</a>E. Th. Amadeus Hoffmann wurde am 21. Januar 1776 in Königsberg geboren. +Er wurde Jurist und kam als preußischer Beamter 1804 nach Warschau. +Durch die französische Besetzung verlor er 1807 sein Amt. Er fand +schließlich ein Unterkommen als Kapellmeister an dem Theater in Hamburg. +Als das Unternehmen einging, wurde er Mitarbeiter an der Allgemeinen +Musikzeitung in Leipzig. 1816 wurde er wieder als Kammergerichtsrat in +Berlin angestellt, wo er am 24. Juli 1822 starb.</p> + +<p>Diese Daten enthalten alles, was den Lebensgang und die Eigenart des +Mannes kennzeichnet. Er war preußischer Beamter; der Untergang seines +Staates warf ihn in das unsichere Dasein eines fahrenden Musikers und +eines lohnschreibenden Journalisten. So wurde die Schriftstellerei sein +zweiter Beruf, den er fortführte, als er wieder ins Amt kam.</p> + +<p>Er besaß in hohem Maße den scharfen Verstand und die unbedingte +Sachlichkeit, welche sein Amt verlangte. Aber in seinen Erzählungen, +auch wohl im Leben außer dem Dienste liebte seine Phantasie es, die +ordnungsliebende Vernunft am hellen Tage durch tolle Launen zu +erschrecken. Spiel ist ursprünglich sein Verhältnis zur Kunst. Drei +Künste, Malerei, Musik, Poesie hat er zunächst als Dilettant ausgeübt. +Er zeichnete Karikaturen, er dichtete und komponierte Singspiele und +kleine Opern. Von der Musik kam er zur Musikschriftstellerei; aus den +Rezensionen wurden Erzählungen. So entstand die Figur des Kapellmeisters +Kreisler. Malerei und Musik blieben Lieblingsgegenstände seiner +Erzählungen und Kreisler taucht wieder in dem Werke auf, welches zwar +nicht das letzte ist, aber als reifer Abschluß seiner Dichtung angesehen +werden darf.</p> + +<p>In dieser Geschichte laufen zwei Erzählungen nebeneinander her. Die +Geschichte des Katers Murr zeigt die Entwicklung des Naturburschen, des +Autodidakten; seine Seele und sein Geist sind ein unbeschriebenes Blatt, +in welches Gott und Welt gern hineinschreiben und das sich daher bald +füllt.</p> + +<p>Die parallel laufende Geschichte des Kapellmeisters Johannes Kreisler +zeigt dagegen lauter Kulturmenschen. Kreisler ist der edle, hochbegabte +stets mit den Widerwärtigkeiten des Lebens und der Trivialität der +Menschen ringende Künstler. In Julia ist ihm ein weibliches Ideal +gegenübergestellt. Meister Abraham, der väterliche <a class="pagenum" name="page_6">6</a>Freund Kreislers, ist +der angesehene, wohlgesinnte, tüchtige Mann, der seinen Weg durchs Leben +gemacht hat. Er ist der männliche, die Rätin Benzon der weibliche Mentor +des mediatisierten Fürsten Irenäus, an dessen Miniaturhofe die +Geschichte spielt. Die Familie des Fürsten Irenäus zeigt deutlich die +Schwächen einer durch viele Generationen gepflegten Überkultur. Er +selbst zeigt Züge des Serenissimus, ja, man könnte sagen, er ist der +Prototyp desselben; der Dichter hat sich jedoch sorgfältig vor Karikatur +gehütet. Die Prinzessin Hedwiga, die Freundin Julias, ist die zwar in +ihrem Charakter an sich aufrechte, aber mit hysterischer Nervenschwäche +belastete Tochter eines alten Geschlechts. Ihr Bruder Prinz Ignaz ist +ein Trottel.</p> + +<p>In der Episode der Chiara, der Geliebten des Meisters Abraham und in der +Geschichte des Mönches Cyprianus und der Angela kommt der Hang des +Dichters zum Übersinnlichen, Romantischen zu seinem Rechte. Es ist ein +eigentümlicher Zug Hoffmanns, daß trotz aller scheinbar ernsten +Versuche, die wunderbaren Ereignisse auf natürliche Weise zu erklären, +ihnen doch immer ein Zug ins Übersinnliche anhaften bleibt.</p> + +<p> +<span style="position: absolute; right: 15%;"><big>Dr. Ernst Hipp.</big></span> +</p> + + + +<h2><a class="pagenum" name="page_7">7</a><a name="Vorwort_des_Herausgebers" id="Vorwort_des_Herausgebers"></a>Vorwort des Herausgebers.</h2> + + +<p>Keinem Buche ist ein Vorwort nötiger als gegenwärtigem, da es, wird +nicht erklärt, auf welche wunderliche Weise es sich zusammengefügt hat, +als ein zusammengewürfeltes Durcheinander erscheinen dürfte.</p> + +<p>Daher bittet der Herausgeber den günstigen Leser, wirklich zu lesen, +nämlich dies Vorwort.</p> + +<p>Besagter Herausgeber hat einen Freund, mit dem er ein Herz und eine +Seele ist, den er eben so gut kennt, als sich selbst. Dieser Freund +sprach eines Tages zu ihm ungefähr also. „Da Du, mein Guter, schon +manches Buch hast drucken lassen, und Dich auf Verleger verstehst, wird +es Dir ein leichtes sein, irgend einen von diesen wackern Herren +aufzufinden, der auf Deine Empfehlung etwas druckt, was ein junger Autor +von dem glänzendsten Talent, von den vortrefflichsten Gaben vorher +aufschrieb. Nimm Dich des Mannes an, er verdient es.“</p> + +<p>Der Herausgeber versprach, sein Bestes zu tun für den +schriftstellerischen Kollegen. Etwas verwunderlich wollt' es ihm nun +wohl bedünken, als sein Freund ihm gestand, daß das Manuskript von einem +Kater, Murr geheißen, herrühre, und dessen Lebensansichten enthalte; das +Wort war jedoch gegeben, und da der Eingang der Historie ihm ziemlich +gut stilisiert schien, so lief er sofort, mit dem Manuskript in der +Tasche, zu dem Herrn Dümmler unter den Linden und proponierte ihm den +Verlag des Katerbuchs.</p> + +<p>Herr Dümmler meinte, bis jetzt habe er zwar nicht unter seinen Autoren +einen Kater gehabt, wisse auch nicht, daß irgend einer seiner werten +Kollegen mit einem Mann des Schlages bis jetzt sich eingelassen, +indessen wolle er den Versuch wohl machen.</p> + +<p>Der Druck begann, und dem Herausgeber kamen die ersten Aushängebogen zu +Gesicht. Wie erschrak er aber, als er gewahrte, daß Murrs Geschichte hin +und wieder abbricht, und dann fremde Einschiebsel vorkommen, die einem +andern Buch, die Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler +enthaltend, angehören.</p> + +<p>Nach sorgfältiger Nachforschung und Erkundigung erfuhr der Herausgeber +endlich folgendes. Als der Kater Murr seine Lebensansichten schrieb, +zerriß er ohne Umstände ein gedrucktes Buch, das er bei seinem Herrn +vorfand, und verbrauchte die Blätter harmlos, teils zur Unterlage, teils +zum löschen. Diese Blätter blieben im Manuskript und — wurden, als zu +demselben gehörig, aus Versehen mit abgedruckt!</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_8">8</a>De- und wehmütig muß nun der Herausgeber gestehen, daß das verworrene +Gemisch fremdartiger Stoffe durcheinander lediglich durch seinen +Leichtsinn veranlaßt, da er das Manuskript des Katers hätte genau +durchgehen sollen, ehe er es zum Druck beförderte, indessen ist noch +einiger Trost für ihn vorhanden.</p> + +<p>Für's erste wird der geneigte Leser sich leicht aus der Sache finden +können, wenn er die eingeklammerten Bemerkungen: Mak. Bl. +(Makulatur-Blatt) und M. f. f. (Murr fährt fort) gütigst beachten will. +Dann ist aber das zerrissene Buch höchst wahrscheinlich gar nicht in den +Buchhandel gekommen, da niemand auch nur das Mindeste davon weiß. Den +Freunden des Kapellmeisters wenigstens wird es daher angenehm sein, daß +sie durch den literarischen Vandalismus des Katers zu einigen +Nachrichten über die sehr seltsamen Lebensumstände jenes in seiner Art +nicht unmerkwürdigen Mannes kommen.</p> + +<p>Der Herausgeber hofft auf gütige Verzeihung.</p> + +<p>Wahr ist es endlich, daß Autoren ihre kühnsten Gedanken, die +außerordentlichsten Wendungen, oft ihren gütigen Setzern verdanken, die +dem Aufschwunge der Ideen nachhelfen durch sogenannte Druckfehler. So +sprach z. B. der Herausgeber im zweiten Teile seiner Nachtstücke pag. +326 von geräumigen <em class="gesperrt">Bosketts</em>, die in einem Garten befindlich. Das war dem +Setzer nicht genial genug, er setzte daher das Wörtlein <em class="gesperrt">Bosketts</em> um in +das Wörtlein <em class="gesperrt">Kasketts</em>. So läßt in der Erzählung, das Fräulein von +Scudery der Setzer pfiffigerweise besagtes Fräulein statt in einer +schwarzen <em class="gesperrt">Robe</em>, in einer schwarzen <em class="gesperrt">Farbe</em> von schwerem Seidenzeug +erscheinen u. s. w.</p> + +<p>Jedem jedoch das Seine! Weder der Kater Murr, noch der unbekannte +Biograph des Kapellmeisters Kreisler soll sich mit fremden Federn +schmücken, und der Herausgeber bittet daher den günstigen Leser +dringend, bevor er das Werklein liest, nachfolgende Änderungen zu +veranstalten, damit er von beiden Autoren nicht besser oder schlechter +denke, als sie es verdienen.</p> + +<p>Übrigens werden nur die Haupterrata bemerkt, geringere dagegen der +Diskretion des gütigen Lesers überlassen. (Die in der früheren Ausgabe +hier folgenden Druckfehler sind in dieser verbessert.)</p> + +<p>Schließlich darf der Herausgeber versichern, daß er den Kater Murr +persönlich kennen gelernt und in ihm einen Mann von angenehmen milden +Sitten gefunden hat.</p> + +<p class="noindent" style="margin-top:1.75em;"> +Berlin, im November 1819. <span style="position: absolute; right: 15%;">E. T. A. Hoffmann.</span> +</p> + + + +<h2><a class="pagenum" name="page_9">9</a><a name="Vorrede_des_Autors" id="Vorrede_des_Autors"></a>Vorrede des Autors.</h2> + + +<p>Schüchtern — mit bebender Brust, übergebe ich der Welt einige Blätter +des Lebens, des Leidens, der Hoffnung, der Sehnsucht, die in süßen +Stunden der Muße, der dichterischen Begeisterung, meinem innersten Wesen +entströmten.</p> + +<p>Werde, kann ich bestehen vor dem strengen Richterstuhl der Kritik? Doch +Ihr seid es, Ihr fühlenden Seelen, Ihr rein kindlichen Gemüter, Ihr mir +verwandten treuen Herzen ja Ihr seid es, für die ich schrieb, und eine +einzige schöne Träne in Eurem Auge wird mich trösten, wird die Wunde +heilen, die der kalte Tadel unempfindlicher Rezensenten mir schlug!</p> + +<p class="noindent" style="margin-top: 1.75em;"> +Berlin, im Mai (18—). + +<span class="center" style="position: absolute; right: 15%;">Murr,<br /> +(<span class="antiqua">Étudiant en belles lettres</span>). +</span> +</p> + + + + +<h2><a class="pagenum" name="page_10">10</a><a name="Vorwort_unterdrucktes_des_Autors" id="Vorwort_unterdrucktes_des_Autors"></a>Vorwort, unterdrücktes des Autors.</h2> + + +<p>Mit der Sicherheit und Ruhe, die dem wahren Genie angeboren, übergebe +ich der Welt meine Biographie, damit sie lerne, wie man sich zum großen +Kater bildet, meine Vortrefflichkeit im ganzen Umfange erkenne, mich +liebe, schätze, ehre, bewundere, und ein wenig anbete.</p> + +<p>Sollte jemand verwegen genug sein, gegen den gediegenen Wert des +außerordentlichen Buchs einige Zweifel erheben zu wollen, so mag er +bedenken, daß er es mit einem Kater zu tun hat, der Geist, Verstand +besitzt, und scharfe Krallen.</p> + + + +<p class="noindent" style="margin-top: 1.75em;"> +Berlin, im Mai (18—). + +<span class="center" style="position: absolute; right: 15%;">Murr,<br /> +(<span class="antiqua">homme de lettres très renommé</span>). +</span> +</p> + + +<p style="margin-top: 2.75em;">N.S. Das ist zu arg! — Auch das Vorwort des Autors, welches unterdrückt +werden sollte, ist abgedruckt! — Es bleibt nichts übrig, als den +günstigen Leser zu bitten, daß er dem schriftstellerischen Kater den +etwas stolzen Ton dieses Vorworts nicht zu hoch anrechnen, und bedenken +möge, daß, wenn manche wehmütige Vorrede irgendeines andern empfindsamen +Autors in die wahre Sprache der innigen Herzensmeinung übersetzt werden +sollte, es nicht viel anders herauskommen würde.</p> + +<p class="noindent" style="margin-top: 1.75em; position: absolute; right: 15%;"> +D. H. +</p> + + +<h2><a name="Erster_Teil" id="Erster_Teil"></a>Erster Teil.</h2> + + +<h3><a class="pagenum" name="page_13">13</a><a name="Erster_Abschnitt" id="Erster_Abschnitt"></a>Erster Abschnitt.</h3> + +<p class="section-caption">Gefühle des Daseins, die Monate der Jugend.</p> + + +<p>Es ist doch etwas Schönes, Herrliches, Erhabenes um das Leben! — „O du +süße Gewohnheit des Daseins!“ ruft jener niederländische Held in der +Tragödie aus. So auch ich, aber nicht wie der Held in dem schmerzlichen +Augenblick, als er sich davon trennen soll — nein! — in dem Moment, da +mich eben die volle Lust des Gedankens durchdringt, daß ich in jene süße +Gewohnheit nun ganz und gar hineingekommen und durchaus nicht Willens +bin, jemals wieder hinauszukommen. — Ich meine nämlich, die geistige +Kraft, die unbekannte Macht, oder wie man sonst das über uns waltende +Prinzip nennen mag, welches mir besagte Gewohnheit ohne meine Zustimmung +gewissermaßen aufgedrungen hat, kann unmöglich schlechtere Gesinnungen +haben, als der freundliche Mann bei dem ich in Kondition gegangen, und +der mir das Gericht Fische, das er mir vorgesetzt, niemals vor der Nase +wegzieht, wenn es mir eben recht wohlschmeckt.</p> + +<p>O Natur, heilige hehre Natur! wie durchströmt all' deine Wonne, all' +dein Entzücken meine bewegte Brust, wie umweht mich dein geheimnisvoll +säuselnder Atem! — Die Nacht ist etwas frisch und ich wollte — doch +jeder der dies lieset oder nicht lieset, begreift nicht meine hohe +Begeisterung, denn er kennt nicht den hohen Standpunkt, zu dem ich mich +hinaufgeschwungen! — Hinaufgeklettert wäre richtiger, aber kein Dichter +spricht von seinen Füßen, hätte er auch deren viere so wie ich, sondern +nur von seinen Schwingen, sind sie ihm auch nicht angewachsen, sondern +nur Vorrichtung eines geschickten Mechanikers. Über mir wölbt sich der +weite Sternenhimmel, der Vollmond wirft seine funkelnden Strahlen herab, +und in feurigem Silberglanz stehen Dächer und Türme um mich her! Mehr +und mehr verbraust das lärmende Gewühl unter mir in den Straßen, stiller +und stiller wird die Nacht — die Wolken ziehen — eine einsame Taube +flattert in bangen Liebesklagen girrend um den Kirchturm! — Wie! — wenn +die liebe Kleine sich mir nähern wollte? — Ich fühle wunderbar es sich +in mir regen, ein gewisser schwärmerischer Appetit reißt mich hin mit +unwiderstehlicher Gewalt! — O käme sie die süße Huldin, an mein +liebeskrankes Herz wollt ich sie drücken, sie nimmer von mir lassen — ha +dort flattert sie hinein in den Taubenschlag, die Falsche, und läßt mich +hoffnungslos sitzen auf dem Dache! — Wie selten ist doch in dieser +dürftigen, verstockten, liebeleeren Zeit wahre Sympathie der Seelen! —</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_14">14</a>Ist denn das auf zwei Füßen aufrecht Einhergehen etwas so Großes, daß +das Geschlecht, welches sich Mensch nennt, sich die Herrschaft über uns +alle, die wir mit sichererem Gleichgewicht auf vieren daherwandeln, +anmaßen darf? Aber ich weiß es, sie bilden sich was Großes ein auf +etwas, was in ihrem Kopfe sitzen soll und das sie die Vernunft nennen. +Ich weiß mir keine rechte Vorstellung zu machen, was sie darunter +verstehen, aber so viel ist gewiß, daß wenn, wie ich es aus gewissen +Reden meines Herrn und Gönners schließen darf, Vernunft nichts anderes +heißt, als die Fähigkeit, mit Bewußtsein zu handeln und keine dummen +Streiche zu machen, ich mit keinem Menschen tausche. — Ich glaube +überhaupt, daß man sich das Bewußtsein nur angewöhnt; durch das Leben +und zum Leben kommt man doch, man weiß selbst nicht wie. Wenigstens ist +es mir so gegangen, und wie ich vernehme, weiß auch kein einziger Mensch +auf Erden das Wie und Wo seiner Geburt aus eigner Erfahrung, sondern nur +durch Tradition, die noch dazu öfters sehr unsicher ist. Städte streiten +sich um die Geburt eines berühmten Mannes, und so wird es, da ich selbst +nichts Entscheidendes darüber weiß, immerdar ungewiß bleiben, ob ich in +dem Keller, auf dem Boden, oder in dem Holzstall das Licht der Welt +erblickte, oder vielmehr nicht erblickte, sondern nur in der Welt +erblickt wurde von der teueren Mama. Denn wie es unserm Geschlecht +eigen, waren meine Augen verschleiert. Ganz dunkel erinnere ich mich +gewisser knurrender, prustender Töne, die um mich her erklangen, und die +ich beinahe wider meinen Willen hervorbringe, wenn mich der Zorn +überwältigt. Deutlicher und beinahe mit vollem Bewußtsein finde ich mich +in einem sehr engen Behältnis mit weichen Wänden eingeschlossen, kaum +fähig, Atem zu schöpfen und in Not und Angst ein klägliches +Jammergeschrei erhebend. Ich fühle, daß etwas in das Behältnis +hinabgriff und mich sehr unsanft beim Leibe packte, und dies gab mir +Gelegenheit, die erste wunderbare Kraft, womit mich die Natur begabt, zu +fühlen und zu üben. Aus meinen reich überpelzten Vorderpfoten schnellte +ich spitze gelenkige Krallen hervor und grub sie ein in das Ding, das +mich gepackt und das, wie ich später gelernt, nichts anderes sein konnte +als eine menschliche Hand. Diese Hand zog mich aber heraus aus dem +Behältnis und warf mich hin, und gleich darauf fühlte ich zwei heftige +Schläge auf den beiden Seiten des Gesichts, über die jetzt ein, wie ich +wohl sagen mag, stattlicher Bart herüberragt. Die Hand teilte mir, wie +ich jetzt beurteilen kann, von jenem Muskelspiel der Pfoten verletzt, +ein paar <a class="pagenum" name="page_15">15</a>Ohrfeigen zu; ich machte die erste Erfahrung von moralischer +Ursache und Wirkung, und eben ein moralischer Instinkt trieb mich an, +die Krallen ebenso schnell wieder einzuziehen, als ich sie +hervorgeschleudert. Später hat man dieses Einziehen der Krallen mit +Recht als einen Akt der höchsten Bonhommie und Liebenswürdigkeit +anerkannt und mit dem Namen „Samtpfötchen“ bezeichnet.</p> + +<p>Wie gesagt, die Hand warf mich wieder zur Erde. Bald darauf erfaßte sie +mich aber aufs neue beim Kopf und drückte ihn nieder, so daß ich mit dem +Mäulchen in eine Flüssigkeit geriet, die ich, selbst weiß ich nicht, wie +ich darauf verfiel, es mußte daher physischer Instinkt sein, aufzulecken +begann, welches mir eine seltsame innere Behaglichkeit erregte. Es war, +wie ich jetzt weiß, süße Milch, die ich genoß; mich hatte gehungert, und +ich wurde satt, indem ich trank. So trat, nachdem die moralische +begonnen, die physische Ausbildung ein.</p> + +<p>Aufs neue, aber sanfter als vorher, faßten mich zwei Hände und legten +mich auf ein warmes weiches Lager. Immer besser und besser wurde mir zu +Mute, und ich begann mein inneres Wohlbehagen zu äußern, indem ich jene +seltsamen, meinem Geschlecht allein eigenen Töne von mir gab, die die +Menschen durch den nicht unebenen Ausdruck, spinnen, bezeichnen. So ging +ich mit Riesenschritten vorwärts in der Bildung für die Welt. Welch ein +Vorzug, welch ein köstliches Geschenk des Himmels, inneres physisches +Wohlbehagen ausdrücken zu können durch Ton und Gebärde! — Erst knurrte +ich, dann kam mir jenes unnachahmliche Talent, den Schweif in den +zierlichsten Kreisen zu schlängeln, dann die wunderbare Gabe, durch das +einzige Wörtlein „Miau“ Freude, Schmerz, Wonne und Entzücken, Angst und +Verzweiflung, kurz, alle Empfindungen und Leidenschaften in ihren +mannigfaltigsten Abstufungen auszudrücken. Was ist die Sprache der +Menschen gegen dieses einfachste aller einfachen Mittel, sich +verständlich zu machen! — Doch weiter in der denkwürdigen, lehrreichen +Geschichte meiner ereignisreichen Jugend!</p> + +<p>Ich erwachte aus tiefem Schlaf, ein blendender Glanz umfloß mich, vor +dem ich erschrak: fort waren die Schleier von meinen Augen, ich sah! —</p> + +<p>Ehe ich mich an das Licht, vorzüglich aber an das buntscheckige +Allerlei, das sich meinen Augen darbot, gewöhnen konnte, mußte ich +mehrmals hintereinander entsetzlich niesen, bald ging es indessen mit +dem Sehen ganz vortrefflich, als habe ich es schon mehrere Zeit +hintereinander getrieben.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_16">16</a>O das Sehen! es ist eine wunderbare, herrliche Gewohnheit, eine +Gewohnheit, ohne die es sehr schwer werden würde, überhaupt in der Welt +zu bestehen! — Glücklich diejenigen Hochbegabten, denen es so leicht +wird als mir, sich das Sehen anzueignen.</p> + +<p>Leugnen kann ich nicht, daß ich doch in einige Angst geriet und +dasselbe Jammergeschrei erhob, wie damals in dem engen Behältnis. +Sogleich erschien ein kleiner hagerer alter Mann, der mir unvergeßlich +bleiben wird, da ich meiner ausgebreiteten Bekanntschaft unerachtet +keine Gestalt, die ihm gleich oder auch nur ähnlich zu nennen, jemals +wieder erblickt habe. Es trifft sich häufig bei meinem Geschlecht, daß +dieser, jener Mann einen weiß und schwarz gefleckten Pelz trägt, selten +findet man aber wohl einen Menschen, der schneeweißes Haupthaar haben +sollte und dazu rabenschwarze Augenbraunen, dies war aber der Fall bei +meinem Erzieher. Der Mann trug im Hause einen kurzen hochgelben +Schlafrock, vor dem ich mich entsetzte und daher, so gut es bei meiner +damaligen Unbehülflichkeit gehen wollte, von dem weißen Kissen herab zur +Seite kroch. Der Mann bückte sich herab zu mir mit einer Gebärde, die +mir freundlich schien und mir Zutrauen einflößte. Er faßte mich, ich +hütete mich wohl vor dem Muskelspiel der Krallen, die Ideen kratzen und +Schläge verbanden sich von selbst, und in der Tat, der Mann meinte es +gut mit mir, denn er setzte mich nieder vor einer Schüssel süßer Milch, +die ich begierig auflutschte, worüber er sich nicht wenig zu freuen +schien. Er sprach vieles mit mir, welches ich aber nicht verstand, da +mir damals als einem jungen unerfahrnen Kiek in die Welt von Käterchen +das Verstehen der menschlichen Sprache noch nicht eigen. Überhaupt weiß +ich von meinem Gönner nur wenig zu sagen. So viel ist aber gewiß, daß er +in vielen Dingen geschickt — in Wissenschaften und Künsten hocherfahren +sein mußte, denn alle, die zu ihm kamen (ich bemerkte Leute darunter, +die gerade da, wo mir die Natur einen gelblichen Fleck im Pelze beschert +hat, d. h. auf der Brust, einen Stern oder ein Kreuz trugen), +behandelten ihn ausnehmend artig, ja zuweilen mit einer gewissen scheuen +Ehrfurcht, wie ich späterhin den Pudel Skaramuz, und nannten ihn nicht +anders als mein hochverehrtester, mein teuerer, mein geschätztester +Meister Abraham! — Nur zwei Personen nannten ihn schlechtweg „mein +Lieber!“ Ein großer dürrer Mann in papageigrünen Hosen und weißseidenen +Strümpfen, und eine kleine sehr dicke Frau mit schwarzem Haar und einer +Menge <a class="pagenum" name="page_17">17</a>Ringe an allen Fingern. Jener Herr soll aber ein Fürst, die Frau +hingegen eine jüdische Dame gewesen sein.</p> + +<p>Dieser vornehmen Besucher unerachtet wohnte Meister Abraham doch in +einem kleinen hochgelegenen Stübchen, so daß ich meine ersten Promenaden +sehr bequem durchs Fenster aufs Dach und auf den Hausboden machen +konnte. —</p> + +<p>Ja, es ist nicht anders, auf einem Boden muß ich geboren sein! — Was +Keller, was Holzstall — ich entscheide mich für den Boden! — Klima, +Vaterland, Sitten, Gebräuche, wie unauslöschlich ist ihr Eindruck, ja, +wie sind sie es nur, die des Weltbürgers äußere und innere Gestaltung +bewirken! — Woher kommt in mein Inneres dieser Höhesinn, dieser +unwiderstehliche Trieb zum Erhabenen? Woher diese wunderbar seltene +Fertigkeit im Klettern, diese beneidenswerte Kunst der gewagtesten +genialsten Sprünge? — Ha! es erfüllt eine süße Wehmut meine Brust! +— Die Sehnsucht nach dem heimatlichen Boden regt sich mächtig! — Dir +weihe ich diese Zähren, o schönes Vaterland! dir dies wehmütig +jauchzende Miau! — Dich ehren diese Sprünge, diese Sätze, es ist Tugend +darin und patriotischer Mut! — Du, o Boden! spendest mir in freigebiger +Fülle manch Mäuslein, und nebenher kann man manche Wurst, manche +Speckseite aus dem Schornstein erwischen, ja wohl manchen Sperling +haschen, und sogar hin und wieder ein Täublein erlauern. „Gewaltig ist +die Liebe zu dir, o Vaterland!“ —</p> + +<p>Doch ich muß, rücksichts meiner —</p> + +<p><em class="gesperrt">(Mak. Bl.)</em> — — und erinnern Sie sich, gnädigster Herr! denn nicht des +großen Sturms, der dem Advokaten, als er zur Nachtzeit über den Pontneuf +wandelte, den Hut vom Kopfe herunter in die Seine warf? — Ähnliches +steht im Rabelais, doch war es eigentlich nicht der Sturm, der dem +Advokaten den Hut raubte, den er, indem er den Mantel dem Spiel der +Lüfte preisgab, mit der Hand fest auf den Kopf gedrückt hielt, sondern +ein Grenadier riß, mit dem lauten Ausruf: es weht ein großer Wind, mein +Herr, vorüberlaufend, schnell den feinen Kastor dem Advokaten unter der +Hand von der Perücke, und nicht dieser Kastor war es, der in die Wellen +der Seine hinabgeschleudert wurde, sondern des Soldaten eignen schnöden +Filz führte wirklich der Sturmwind in den feuchten Tod. Sie wissen nun, +gnädigster Herr, daß in dem Augenblick, als der Advokat ganz verblüfft +da stand, ein zweiter Soldat mit demselben Ausruf: Es weht ein großer +Wind, mein Herr! vorüberrennend, den Mantel des Advokaten beim <a class="pagenum" name="page_18">18</a>Kragen +packte und ihn ihm herabriß von den Schultern, und daß gleich darauf ein +dritter Soldat, mit demselben Ausruf: Es weht ein großer Wind, mein +Herr! vorbeilaufend, ihm das spanische Rohr mit dem goldnen Knopf aus +den Händen wand. Der Advokat schrie aus allen Kräften, warf dem letzten +Spitzbuben die Perücke nach und ging dann barhäuptig ohne Mantel und +Stock hin, um das merkwürdigste aller Testamente aufzunehmen, um das +seltsamste aller Abenteuer zu erfahren. Sie wissen das alles, gnädigster +Herr!</p> + +<p>Ich weiß, erwiderte der Fürst, als ich dies gesprochen, ich weiß gar +nichts, und begreife überhaupt nicht, wie Ihr, Meister Abraham, mir +solches wirres Zeug vorschwatzen könnt? Den Pontneuf kenne ich +allerdings, er befindet sich zu Paris, und bin ich zwar niemals darüber +zu Fuße gegangen, wohl aber oft darüber gefahren, wie es meinem Stande +geziemt. Den Advokaten Rabelais habe ich niemals gesehen und um +Soldatenstreiche in meinem ganzen Leben mich nicht bekümmert. Als ich in +jüngeren Jahren noch meine Armee kommandierte, ließ ich wöchentlich +einmal sämtliche Junker durchfuchteln für die Dummheiten, die sie +begangen oder künftig noch begehen möchten, das Prügeln der gemeinen +Leute war aber die Sache der Lieutenants, die damit, meinem Beispiel +gemäß, auch allwöchentlich verfuhren, und zwar Sonnabends so, daß +Sonntags es keinen Junker, keinen gemeinen Kerl in der ganzen Armee gab, +der nicht seine gehörige Tracht Schläge erhalten, wodurch die Truppen, +nächst der eingeprügelten Moralität, auch ans Geschlagenwerden überhaupt +gewöhnt wurden, ohne jemals vor dem Feinde gewesen zu sein, und in +diesem Fall nichts anders tun konnten als Schlagen. Das leuchtet Euch +ein, Meister Abraham, und nun sagt mir um tausend Gotteswillen, was +wollt Ihr mit Euerm Sturm, mit Euerm auf dem Pontneuf beraubten +Advokaten Rabelais, wo bleibt Eure Entschuldigung, daß das Fest sich +auflöste in wilder Verwirrung, daß mir eine Leuchtkugel ins Toupet fuhr, +daß mein teuerer Sohn in das Bassin geriet und von verräterischen +Delphinen bespritzt wurde über und über, daß die Prinzessin entschleiert +mit aufgeschürztem Rock wie Atalanta durch den Park fliehen mußte, daß +— daß — wer zählt die Unglücksfälle der verhängnisvollen Nacht? — Nun, +Meister Abraham, was sagt Ihr?“</p> + +<p>Gnädigster Herr, erwiderte ich, mich demutsvoll verbeugend, was war an +allem Unheil schuld als der Sturm — das gräßliche Unwetter, welches +einbrach, als alles im schönsten Gange war. Kann <a class="pagenum" name="page_19">19</a>ich den Elementen +gebieten? — Hab' ich denn nicht selbst dabei schlimmes Malheur +erlitten, habe ich nicht wie jener Advokat, den ich untertänigst nicht +mit dem berühmten französischen Schriftsteller Rabelais zu verwechseln +bitte, Hut, Rock und Mantel verloren? Habe ich nicht —</p> + +<p>Höre, unterbrach hier den Meister Abraham Johannes Kreisler, höre, +Freund, noch jetzt, unerachtet es schon ziemlich lange her ist, spricht +man von dem Geburtstage der Fürstin, dessen Feier du angeordnet hast, +wie von einem dunkeln Geheimnis, und gewiß hast du nach deiner +gewöhnlichen Art und Weise viel Abenteuerliches begonnen. Hielt das Volk +dich schon immer für eine Art von Hexenmeister, so scheint dieser Glaube +durch jenes Fest noch um vieles stärker geworden zu sein. Sage mir nur +geradezu, wie sich alles begeben! Du weißt, ich war damals nicht hier —</p> + +<p>Eben das, fiel Meister Abraham dem Freunde ins Wort, daß du nicht hier, +daß du, der Himmel weiß von welchen Furien der Hölle getrieben, +fortgerannt warst wie ein Wahnsinniger, eben das machte mich toll und +wild, eben deshalb beschwor ich die Elemente herauf, ein Fest zu stören, +das meine Brust zerschnitt, da du, der eigentliche Held des Stücks, +fehltest, ein Fest, das nur erst dürftig und mühsam daher schlich, dann +aber über geliebte Personen nichts brachte als die Qual beängstigender +Träume — Schmerz — Entsetzen! — Erfahre es jetzt, Johannes, ich habe +tief in dein Inneres geschaut und das gefährliche, bedrohliche Geheimnis +erkannt, das darin ruht, — ein gärender Vulkan, in jedem Augenblick +vermögend loszubrechen in verderblichen Flammen, rücksichtslos alles um +sich her verzehrend. Es gibt Dinge in unserm Innern, die sich so +gestalten, daß die vertrautesten Freunde darüber nicht reden dürfen. +Darum verhehlte ich dir sorglich, was ich in dir erschaut, aber mit +jenem Fest, dessen tieferer Sinn nicht die Fürstin, sondern eine andere +geliebte Person und dich selbst traf, wollte ich dein ganzes Ich +gewaltsam erfassen. Die verborgensten Qualen sollten lebendig werden in +dir, und wie aus dem Schlaf erwachte Furien mit verdoppelter Kraft deine +Brust zerfleischen. Wie einem zum Tode Siechen sollte Arznei, dem Orkus +selbst entnommen, die im stärksten Paroxysmus kein weiser Arzt scheuen +darf, dir den Tod bereiten oder Genesung! — Wisse, Johannes, daß der +Fürstin Namenstag zusammentrifft mit dem Namenstage Julia's, die auch +wie sie Maria geheißen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_20">20</a>Ha! rief Kreisler, indem er, zehrendes Feuer im Blick, aufsprang, ha! +— Meister! ist dir die Macht gegeben, mit mir freches, höhnendes Spiel +zu treiben? — Bist du das Verhängnis selbst, daß du mein Inneres +erfassen magst?</p> + +<p>Wilder, unbesonnener Mensch, erwiderte Meister Abraham ruhig, wann wird +endlich der verwüstende Brand in deiner Brust zur reinen Naphthaflamme +werden, genährt von dem tiefsten Sinn für die Kunst, für alles Herrliche +und Schöne, der in dir wohnt! — Du verlangtest von mir die Beschreibung +jenes verhängnisvollen Festes; so höre mich denn ruhig an, oder ist +deine Kraft gebrochen ganz und gar, daß du das nicht vermagst, so will +ich dich verlassen. —</p> + +<p>Erzähle, sprach Kreisler mit halb erstickter Stimme, indem er, beide +Hände vors Gesicht, sich wieder hinsetzte. Ich will, sprach Meister +Abraham, plötzlich einen heiteren Ton annehmend, dich, lieber Johannes, +gar nicht ermüden mit der Beschreibung aller der sinnreichen +Anordnungen, die größtenteils dem erfindungsreichen Geiste des Fürsten +selbst ihren Ursprung verdankten. Da das Fest am späten Abend begann, so +versteht es sich von selbst, daß der ganze schöne Park, der das +Lustschloß umgibt, erleuchtet war. Ich hatte mich bemüht, in dieser +Erleuchtung ungewöhnliche Effekte hervorzubringen, das gelang aber nur +zum Teil, da auf des Fürsten ausdrücklichen Befehl in allen Gängen, +mittels auf großen schwarzen Tafeln angebrachter, buntfarbiger Lampen, +der Namenszug der Fürstin brennen mußte, nebst der fürstlichen Krone +darüber. Da die Tafeln auf hohen Pfählen angenagelt, so glichen sie +beinahe illuminierten Warnungsanzeigen, daß man nicht Tabak rauchen oder +die Maut nicht umfahren solle. Der Hauptpunkt des Festes war das durch +Gebüsch und künstliche Ruinen gebildete Theater in der Mitte des Parks, +welches du kennst. Auf diesem Theater sollten die Schauspieler aus der +Stadt etwas Allegorisches agieren, welches läppisch genug war, um ganz +außerordentlich zu gefallen, hätte es auch nicht der Fürst selbst +verfaßt und wäre es daher auch nicht, um mich des geistreichen Ausdrucks +jenes Schauspieldirektors, der ein fürstliches Stück aufführte, zu +bedienen, aus einer durchlauchtigen Feder geflossen. Der Weg vom Schloß +bis zum Theater war ziemlich weit. Nach der poetischen Idee des Fürsten +sollte der wandelnden Familie ein in Lüften schwebender Genius mit zwei +Fackeln vorleuchten, sonst aber kein Licht brennen, sondern erst, +nachdem die Familie und das Gefolge Platz genommen, das Theater +plötzlich erleuchtet werden. Deshalb <a class="pagenum" name="page_21">21</a>blieb besagter Weg finster. +Vergebens stellte ich die Schwierigkeit dieser Maschinerie vor, welche +die Länge des Wegs herbeiführte; der Fürst hatte in den ‚<span class="antiqua">Fêtes de +Versailles</span>‘ etwas Ähnliches gelesen, und da er hinterher den poetischen +Gedanken selbst gefunden, bestand er auf dessen Ausführung. Um jedem +unverdienten Vorwurf zu entgehen, überließ ich den Genius samt den +Fackeln dem Theatermaschinisten aus der Stadt. — So wie nun das +fürstliche Paar, hinter ihm das Gefolge, aus der Türe des Salons trat, +wurde ein kleines pausbackiges Männlein, in die Hausfarben des Fürsten +gekleidet, mit zwei brennenden Fackeln in den Händchen, vom Dache des +Lustschlosses herabgezogen. Die Puppe war aber zu schwer, und es begab +sich, daß kaum zwanzig Schritte davon die Maschine stockte, so daß der +leuchtende Schutzgeist des fürstlichen Hauses hängen blieb, und da die +Arbeiter stärker anzogen, sich überkugelte. Nun schleuderten die +brennenden abwärts gekehrten Wachskerzen glühende Tropfen zur Erde. Der +erste dieser Tropfen traf den Fürsten selbst, der indessen mit stoischem +Gleichmut den Schmerz verbiß, wiewohl er in der Gravität des Schrittes +nachließ und schneller vorwärts eilte. Der Genius schwebte jetzt fort +über der Gruppe, die der Hofmarschall mit den Kammerjunkern nebst andern +Hofchargen bildete, Füße oben, Kopf unten, so daß der Glutregen aus den +Fackeln bald diesen, bald jenen auf den Kopf und auf die Nase traf. Den +Schmerz zu äußern und so das frohe Fest zu stören, hätte den Respekt +verletzt; es war daher hübsch anzusehen, wie die Unglücklichen, eine +ganze Kohorte stoischer Scävolas, mit gräßlich verzerrten Gesichtern und +doch mit Gewalt die Qual niederkämpfend, ja wohl gar ein Lächeln +erzwingend, das dem Orkus anzugehören schien, daherschritten, lautlos, +kaum bangen Seufzern Raum gebend. Dazu wirbelten die Pauken, +schmetterten die Trompeten, riefen hundert Stimmen: Vivat, vivat die +gnädigste Frau Fürstin! Vivat der gnädigste Herr Fürst! so daß das durch +den wunderlichen Kontrast jener Laokoontischen Gesichter mit dem +lustigen Jubel erzeugte tragische Pathos der ganzen Szene eine Majestät +gab, wie kaum zu denken.</p> + +<p>Der alte dicke Hofmarschall konnte es endlich nicht mehr ertragen; als +ihn ein glühender Tropfen gerade auf die Backe traf, sprang er in +grimmer Wut der Verzweiflung seitwärts, verwickelte sich aber in die +Stricke, die zur Flugmaschine gehörend gerade an der Seite hart über dem +Boden fortliefen, und stürzte mit dem lauten Ausruf: Alle Teufel! nieder +zur Erde. In demselben Moment hatte auch der luftige <a class="pagenum" name="page_22">22</a>Page seine Rolle +ausgespielt. Der gewichtige Hofmarschall zog ihn mit Zentnerschwere +nieder, er stürzte herab mitten unter das Gefolge, das laut aufschreiend +auseinander prallte. Die Fackeln verlöschten; man befand sich in der +dicksten Finsternis. Dies alles geschah dicht vor dem Theater. Ich +hütete mich wohl den Zünder anzustecken, der alle Lampen, alle +Feuerbecken des Platzes auf einmal in Brand setzen mußte, sondern +wartete damit ein paar Minuten, um der Gesellschaft Zeit zu lassen, sich +in Baum und Gebüsch gehörig zu verwirren. „Licht — Licht!“ rief der +Fürst wie der König im Hamlet, — „Licht — Licht!“ eine Menge heisere +Stimmen durcheinander. Als der Platz erleuchtet, glich der auseinander +gesprengte Haufe einem geschlagenen Heer, das sich mühsam zusammen +findet. Der Oberkammerherr bewies sich als ein Mann von Gegenwart des +Geistes, als der geschickteste Taktiker seiner Zeit; denn in wenigen +Minuten war vermöge seiner Bemühungen die Ordnung wiederhergestellt. Der +Fürst trat mit der nächsten Umgebung auf eine Art von erhöhten +Blumenthron, der in der Mitte des Zuschauer-Platzes errichtet. Sowie das +fürstliche Paar sich niederließ, fielen vermöge einer sehr pfiffigen +Vorrichtung jenes Maschinisten eine Menge Blumen auf dasselbe herab. Nun +wollte es aber das dunkle Verhängnis, daß eine große Feuerlilie dem +Fürsten gerade auf die Nase fiel und sein ganzes Gesicht glutrot +überstäubte, wodurch er ein ungemein majestätisches, der Feierlichkeit +des Festes würdiges, Ansehen gewann.</p> + +<p>Das ist zu arg — das ist zu arg, rief Kreisler, indem er eine rasende +Lache aufschlug, daß die Wände dröhnten.</p> + +<p>Lache nicht so konvulsivisch, sprach Meister Abraham, auch ich +lachte in jener Nacht unmäßiger als jemals, ich fühlte mich eben zu +allerlei tollem Mutwillen aufgelegt und hätte wie der Spukgeist Droll +selbst gern alles noch mehr durcheinander jagen, noch mehr verwirren +mögen; aber desto tiefer drangen dann die Pfeile, die ich gegen andere +gerichtet, ein in meine eigene Brust. — Nun! — ich will es nur sagen! +Den Moment des läppischen Blumenbewerfens hatte ich gewählt, um den +unsichtbaren Faden festzuknüpfen, der sich nun durch das ganze Fest +ziehen und, wie ein elektrischer Leiter, das Innerste der Personen +durchbeben sollte, die ich mit meinem geheimnisvollen geistigen Apparat, +in den sich der Faden verlor, mir in Rapport gesetzt denken mußte. +— Unterbrich mich nicht Johannes — höre mich ruhig an. — Julia saß mit +der Prinzessin hinter der Fürstin seitwärts, ich hatte beide im Auge. +Sowie Pauken und <a class="pagenum" name="page_23">23</a>Trompeten schwiegen, fiel Julien eine unter duftenden +Nachtviolen versteckte aufbrechende Rosenknospe in den Schoß, und wie +strömender Hauch des Nachtwindes schwammen die Töne deines tief ins Herz +dringenden Liedes herüber: <span class="antiqua">mi lagnerò tacendo della mia sorte amara.</span> +— Julie war erschrocken, als aber das Lied, das ich, ich sag' es, damit +du über die Art des Vortrags etwa nicht in bange Zweifel gerätst, von +unsern vier vortrefflichen Bassetthornisten ganz in der Ferne spielen +ließ — begann, entfloh ein leichtes Ach ihren Lippen, sie drückte den +Strauß an die Brust, und ich hörte deutlich, daß sie zur Prinzessin +sprach: Er ist gewiß wieder da! — Die Prinzessin umarmte Julien mit +Heftigkeit und rief so laut: Nein, nein — ach, niemals! daß der Fürst +sein feuriges Antlitz umdrehte und ihr ein zorniges <span class="antiqua">Silence!</span> zuwarf. Der +Herr mochte auch wohl eben nicht gerade auf das liebe Kind sehr böse +sein, aber ich will es hier bemerken, daß die wunderbare Schminke, ein +<span class="antiqua">tiranno ingrato</span> in der Oper hätte sich nicht zweckmäßiger anmalen +können, ihm wirklich das Ansehen eines fortwährenden unvertilgbaren +Zornes gab, so daß die rührendsten Reden, die zartesten Situationen, +welche häusliches Glück auf dem Throne allegorisch darstellten, rein +verloren schienen; Schauspieler und Zuschauer gerieten darüber in nicht +geringe Verlegenheit. Ja selbst wenn der Fürst bei den Stellen, die er +sich zu dem Behuf in dem Exemplar, das er in der Hand hielt, rot +angestrichen, der Fürstin die Hand küßte und mit dem Tuch eine Träne von +dem Auge wegdrückte, schien es in verbissenem Ingrimm zu geschehen, so +daß die Kammerherren, die diensttuend ihm zur Seite standen, sich +zuflüsterten: O Jesus, was ist unserm gnädigsten Herrn! — Ich will dir +nur sagen, Johannes, daß, während die Schauspieler das alberne Zeug +vorne auf dem Theater hertragierten, ich mittels magischer Spiegel und +anderer Vorrichtungen hinterwärts in den Lüften ein Geisterschauspiel +darstellte zur Verherrlichung des Himmelskindes, der holden Julia, daß +eine Melodie nach der andern, die du in hoher Begeisterung geschaffen, +ertönte, ja, daß oft ferner, oft näher, wie banger ahnungsvoller +Geisterruf, der Name: Julia, erklang. — Aber du fehltest — du +fehltest, mein Johannes! Und wenn ich auch, nachdem das Schauspiel +geendet, meinen Ariel rühmen, wie Shakespeares Prospero den seinigen, +wenn ich auch sagen müßte, daß er alles trefflich vollführt, so fand ich +doch das, was ich mit tiefem Sinn angeordnet zu haben glaubte, schal und +matt. — Die Julia hatte alles mit feinem Takt verstanden. Doch schien +sie nur angeregt <a class="pagenum" name="page_24">24</a>wie von einem lieblichen Traum, dem man übrigens keine +sonderliche Einwirkung ins wache Leben verstattet. Die Prinzessin war +dagegen tief in sich gekehrt. Arm in Arm lustwandelte sie mit Julien in +den erleuchteten Gängen des Parks, während der Hof in einem Pavillon +Erfrischungen zu sich nahm. — Ich hatte den Hauptschlag in diesem +Moment vorbereitet, aber du fehltest — du fehltest, mein Johannes. +— Voller Unmut und Zorn rannte ich umher, ich sah zu, ob alle Anstalten +zu dem großen Feuerwerk, womit das Fest schließen sollte, gehörig +geordnet. Da gewahrte ich, aufschauend zum Himmel, über dem fernen +Geierstein, im Schimmer der Nacht die kleine rötliche Wolke, die +jedesmal ein Wetter bedeutet, das still heraufzieht und dann hier über +uns mit einer fürchterlichen Explosion losbricht. Zu welcher Zeit diese +Explosion geschehen muß, berechne ich, wie du weißt, nach dem Stand der +Wolke auf die Sekunde. Keine Stunde konnte es mehr dauern, ich beschloß +daher, mit dem Feuerwerk zu eilen. In dem Augenblick vernahm ich, daß +mein Ariel mit jener Phantasmagorie begonnen, die alles, alles +entscheiden sollte, denn ich hörte am Ende des Parks in der kleinen +Marienkapelle den Chor dein <span class="antiqua">Ave maris stella</span> singen. Ich eilte schnell +hin. Julia und die Prinzessin knieten in dem Betstuhl, der vor der +Kapelle im Freien angebracht. Kaum war ich an Ort und Stelle, als — +aber du fehltest — du fehltest, mein Johannes! — Laß mich darüber +schweigen, was sich jetzt begab. — Ach! — wirkungslos blieb das, was +ich für ein Meisterstück meiner Kunst gehalten, und ich erfuhr, was ich +blöder Tor nicht geahnt. —</p> + +<p>Heraus mit der Sprache! rief Kreisler; alles, alles sage, Meister wie es +sich begeben.</p> + +<p>Mit nichten, erwiderte Meister Abraham; es nützt dir nichts, Johannes, +und mir zerschneidet es die Brust, wenn ich noch sagen soll, wie meine +eignen Geister mir Graus einjagten und Entsetzen! — Die Wolke! +— glücklicher Gedanke! So soll, rief ich wild aus, denn alles in toller +Verwirrung enden! und rannte fort nach dem Platze des Feuerwerks. Der +Fürst ließ mir sagen, wenn alles fertig sei, sollte ich das Zeichen +geben. Das Auge nicht abwendend von der Wolke, die vom Geierstein weg +höher und höher heraufzog, ließ ich, als sie mir hoch genug schien, die +Böller lösen. Bald war der Hof, die ganze Gesellschaft, an Ort und +Stelle. Nach dem gewöhnlichen Spiel mit Feuerrädern, Raketen, +Leuchtkugeln und anderm gemeinen Zeuge ging endlich der Namenszug der +Fürstin in Chinesischem Brillantfeuer<a class="pagenum" name="page_25">25</a> auf, doch hoch über ihm in den +Lüften schwamm und verschwamm in milchweißem Licht der Name Julia. — Nun +war es Zeit. — Ich zündete die Girandole an, und wie zischend und +prasselnd die Raketen in die Höhe fuhren, brach das Wetter los mit +glutroten Blitzen, mit krachenden Donnern, von denen Wald und Gebirge +erdröhnten. Und der Orkan brauste hinein in den Park und störte auf den +tausendstimmig heulenden Jammer im tiefsten Gebüsch. Ich riß einem +fliehenden Trompeter das Instrument aus der Hand und blies lustig +jauchzend darin, während die Artilleriesalven der Feuertöpfe, der +Kanonenschläge, der Böller, wacker dem rollenden Donner +entgegenknallten.</p> + +<p>Während Meister Abraham also erzählte, sprang Kreisler auf, schritt +heftig im Zimmer auf und ab, focht mit den Armen um sich und rief +endlich ganz begeistert: Das ist schön, das ist herrlich, daran erkenne +ich meinen Meister Abraham, mit dem ich ein Herz bin und eine Seele!</p> + +<p>O, sprach Meister Abraham, ich weiß es ja, das Wildeste, +Schauerlichste, ist dir eben recht, und doch habe ich das vergessen, was +dich ganz und gar den unheimlichen Mächten der Geisterwelt preisgegeben +hätte. — Ich hatte die Wetterharfe, die, wie du weißt, sich über das +große Bassin hinzieht, anspannen lassen, auf der der Sturm als ein +tüchtiger Harmoniker gar wacker spielte. In dem Geheul, in dem Gebraus +des Orkans, in dem Krachen des Donners, erklangen furchtbar die Akkorde +der Riesenorgel. Schneller und schneller schlugen die gewaltigen Töne +los, und man mochte wohl ein Furienballett vernehmen, dessen Stil +ungemein groß zu nennen, wie man es beinahe zwischen den leinwandnen +Wänden des Theaters nicht zu hören bekommt. — Nun! — in einer halben +Stunde war alles vorüber. Der Mond trat hinter den Wolken hervor. Der +Nachtwind säuselte tröstend durch den erschrockenen Wald und trocknete +die Tränen weg von den dunklen Büschen. Dazwischen ertönte noch dann und +wann die Wetterharfe wie dumpfes, fernes Glockengeläute. — Mir war +wunderlich zu Mute. Du, mein Johannes, erfülltest mein Inneres so ganz +und gar, daß ich glaubte, du würdest gleich vor mir aufsteigen aus dem +Grabhügel verlorner Hoffnungen, unerfüllter Träume, und an meine Brust +sinken. Nun in der Stille der Nacht kam der Gedanke, was für ein Spiel +ich unternommen, wie ich gewaltsam den Knoten, den das dunkle Verhängnis +geschlungen, zerreißen wollen, aus meinem Innern herausgetreten, +fremdartig, in anderer Gestaltung, auf mich los, und <a class="pagenum" name="page_26">26</a>indem mich kalte +Schauer durchbebten, war ich es selbst, vor dem ich mich entsetzen +mußte. — Eine Menge Irrlichter tanzten und hüpften im ganzen Park +umher, aber es waren die Bedienten mit Laternen, welche die auf der +schnellen Flucht verlornen Hüte, Perücken, Haarbeutel, Degen, Schuhe und +Shawls zusammensuchten. Ich machte mich davon. Mitten auf der großen +Brücke vor unserer Stadt blieb ich stehen und schaute noch einmal zurück +nach dem Park, der vom magischen Schimmer des Mondes umflossen da stand +wie ein Zaubergarten, in dem das lustige Spiel flinker Elfen begonnen. +Da fiel mir ein feines Piepen in die Ohren, ein Quäken, das beinahe dem +eines neugebornen Kindes glich. Ich vermutete eine Untat, bückte mich +tief über das Geländer und entdeckte im hellen Mondschein ein Kätzchen, +daß sich mühsam an den Pfosten angeklammert, um dem Tode zu entgehen. +Wahrscheinlich hatte man eine Katzenbrut ersäufen wollen, und das +Tierchen war wieder hinaufgekrochen. Nun, dacht' ich, ist's auch kein +Kind, so ist es doch ein armes Tier, das dich um Rettung anquäkt und das +du retten mußt.</p> + +<p>O du empfindsamer Just, rief Kreisler lachend, sage, wo ist dein +Tellheim?</p> + +<p>Erlaube, fuhr Meister Abraham fort, mein Johannes, mit dem Just magst +du mich kaum vergleichen. Ich habe den Just überjustet. Er rettete einen +Pudel, ein Tier, das jeder gern um sich duldet, von dem sogar angenehme +Dienstleistungen zu erwarten, mittels Apportieren, Handschuhe, +Tabaksbeutel und Pfeife nachtragen usw., aber ich rettete einen Kater, +ein Tier, vor dem sich viele entsetzen, das allgemein als perfid, keiner +sanften, wohlwollenden Gesinnung, keiner offenherzigen Freundschaft +fähig, ausgeschrieen wird, das niemals ganz und gar die feindliche +Stellung gegen den Menschen aufgibt, ja, einen Kater rettete ich aus +purer uneigennütziger Menschenliebe. — Ich kletterte über das Geländer, +griff, nicht ohne Gefahr, herab, faßte das wimmernde Kätzchen, zog es +hinauf und steckte es in die Tasche. Nach Hause gekommen, zog ich mich +schnell aus und warf mich ermüdet und erschöpft, wie ich war, aufs Bett. +Kaum war ich aber eingeschlafen, als mich ein klägliches Piepen und +Winseln weckte, das aus meinem Kleiderschrank herzukommen schien. — Ich +hatte das Kätzchen vergessen und es in der Rocktasche gelassen. Ich +befreite das Tier aus dem Gefängnis, wofür es mich dermaßen kratzte, daß +mir alle fünf Finger bluteten. Schon war ich im Begriff, den Kater +durchs Fenster zu werfen, ich besann mich aber und schämte mich <a class="pagenum" name="page_27">27</a>meiner +kleinlichen Torheit, meiner Rachsucht, die nicht einmal bei Menschen +angebracht ist, viel weniger bei der unvernünftigen Kreatur. — Genug, +ich zog mit aller Mühe und Sorgfalt den Kater groß. Es ist das +gescheuteste, artigste, ja witzigste Tier der Art, das man sehen kann, +dem es nur noch an der höhern Bildung fehlt, die du, mein lieber +Johannes, ihm mit leichter Mühe beibringen wirst, weshalb ich denn +gesonnen bin, dir den Kater Murr, so habe ich ihn benannt, fernerhin zu +überlassen. Obschon Murr zur Zeit, wie die Juristen sich ausdrücken, +noch kein homo sui juris ist, so habe ich ihn doch um seine Einwilligung +gefragt, ob er in deine Dienste treten wolle. Er ist durchaus damit +zufrieden.“</p> + +<p>Du faselst, sprach Kreisler, Meister Abraham! <ins title="du">Du</ins> weißt, daß ich Katzen +nicht sonderlich leiden mag, daß ich dem Geschlecht der Hunde bei weitem +den Vorzug gebe. —</p> + +<p>Ich bitte dich, erwiderte Meister Abraham, lieber Johannes, recht von +Herzen, nimm meinen hoffnungsvollen Kater Murr wenigstens so lange zu +dir, bis ich heimkehre von meiner Reise! Ich habe ihn schon deshalb +mitgebracht, er ist draußen und wartet auf gütigen Bescheid. Sieh ihn +wenigstens an.</p> + +<p>Damit öffnete Meister Abraham die Türe, und auf der Strohmatte +zusammengekrümmt, schlafend, lag ein Kater, der wirklich in seiner Art +ein Wunder von Schönheit zu nennen. Die grauen und schwarzen Streifen +des Rückens liefen zusammen auf dem Scheitel zwischen den Ohren und +bildeten auf der Stirne die zierlichste Hieroglyphenschrift. Ebenso +gestreift und von ganz ungewöhnlicher Länge und Stärke war der +stattliche Schweif. Dabei glänzte des Katers buntes Kleid und schimmerte +von der Sonne beleuchtet, so daß man zwischen dem Schwarz und Grau noch +schmale goldgelbe Streifen wahrnahm. Murr! Murr! rief Meister Abraham, +krrr — krrr, erwiderte der Kater sehr vernehmlich, dehnte — erhob +sich, machte den außerordentlichsten Katzenbuckel und öffnete ein paar +grasgrüne Augen, aus denen Geist und Verstand in funkelndem Feuer +hervorblitzten. Das behauptete wenigstens Meister Abraham, und auch +Kreisler mußte so viel einräumen, daß der Kater etwas Besonderes, +Ungewöhnliches im Antlitz trage, daß sein Kopf hinlänglich dick, um die +Wissenschaften zu fassen, sein Bart aber schon jetzt in der Jugend weiß +und lang genug sei, um dem Kater gelegentlich die Autorität eines +griechischen Weltweisen zu verschaffen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_28">28</a>Wie kann man aber auch überall gleich schlafen, sprach Meister Abraham +zum Kater, du verlierst alle Heiterkeit darüber und wirst vor der Zeit +ein grämliches Tier. Putz dich fein, Murr!</p> + +<p>Sogleich setzte der Kater sich auf die Hinterfüße, fuhr mit den +Samtpfötchen sich zierlich über Stirn und Wangen und stieß dann ein +klares freudiges Miau aus.</p> + +<p>Dies ist, fuhr Meister Abraham fort, der Herr Kapellmeister Johannes +Kreisler, bei dem du in Dienste treten wirst. Der Kater glotzte den +Kapellmeister mit seinen großen funkelnden Augen an, begann zu knurren, +sprang auf den Tisch, der neben Kreislern stand, und von da ohne +weiteres auf seine Schulter, als wolle er ihm etwas ins Ohr sagen. Dann +setzte er wieder herab zur Erde und umkreiste schwänzelnd und knurrend +den neuen Herrn, als wolle er recht Bekanntschaft mit ihm machen.</p> + +<p>Gott verzeih mir, rief Kreisler, ich glaube gar, der kleine graue Kerl +hat Verstand und stammt aus der illustren Familie des gestiefelten +Katers her.</p> + +<p>So viel ist gewiß, erwiderte Meister Abraham, daß der Kater Murr das +possierlichste Tier von der Welt ist, ein wahrer Pulcinell und dabei +artig und sittsam, nicht zudringlich und unbescheiden, wie zuweilen +Hunde, die uns mit ungeschickten Liebkosungen beschwerlich fallen.</p> + +<p>Indem ich, sprach Kreisler, diesen klugen Kater betrachte, fällt es mir +wieder schwer aufs Herz, in welchen engen Kreis unsere Erkenntnis +gebannt ist. — Wer kann es sagen, wer nur ahnen, wie weit das +Geistesvermögen der Tiere geht! — Wenn uns etwas, oder vielmehr alles, +in der Natur unerforschlich bleibt, so sind wir gleich mit Namen bei der +Hand, und brüsten uns mit unserer albernen Schulweisheit, die eben nicht +viel weiter reicht als unsere Nase. So haben wir denn auch das ganze +geistige Vermögen der Tiere, das sich oft auf die wunderbarste Art +äußert, mit der Bezeichnung Instinkt abgefertigt. Ich möchte aber nur +die einzige Frage beantwortet haben, ob mit der Idee des Instinkts, des +blinden willkürlosen Triebes, die Fähigkeit zu träumen vereinbar sei. +Daß aber z. B. Hunde mit der größten Lebhaftigkeit träumen, weiß jeder, +der einen schlafenden Jagdhund beobachtet hat, dem im Traum die ganze +Jagd aufgegangen. Er sucht, er schnuppert, er bewegt die Füße, als sei +er im vollen Rennen, er keucht, er schwitzt. — Von träumenden Katern +weiß ich zur Zeit nichts. —</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_29">29</a>Der Kater Murr, unterbrach Meister Abraham den Freund, träumt nicht +allein sehr lebendig, sondern er gerät auch, wie deutlich zu bemerken, +häufig in jene sanften Reverien, in das träumerische Hinbrüten, in das +somnambule Delirieren, kurz, in jenen seltsamen Zustand zwischen +Schlafen und Wachen, der poetischen Gemütern für die Zeit des +eigentlichen Empfanges genialer Gedanken gilt. In diesem Zustande stöhnt +und ächzt er seit kurzer Zeit ganz ungemein, so daß ich glauben muß, daß +er entweder in Liebe ist, oder an einer Tragödie arbeitet.</p> + +<p>Kreisler lachte hell auf, indem er rief: Nun so komm denn, du kluger, +artiger, witziger, poetischer Kater Murr, laß uns —</p> + +<p><em class="gesperrt">(M. f. f.)</em> — ersten Erziehung, meiner Jugendmonate überhaupt noch +vieles anführen.</p> + +<p>Es ist nämlich wohl höchst merkwürdig und lehrreich, wenn ein großer +Geist in einer Autobiographie über alles, was sich mit ihm in seiner +Jugend begab, sollte es auch noch so unbedeutend scheinen, sich recht +umständlich ausläßt. Kann aber auch wohl einem hohen Genius jemals +Unbedeutendes begegnen? Alles, was er in seiner Knabenzeit unternahm +oder nicht unternahm, ist von der höchsten Wichtigkeit, und verbreitet +helles Licht über den tiefern Sinn, über die eigentliche Tendenz seiner +unsterblichen Werke. Herrlicher Mut geht auf in der Brust des strebenden +Jünglings, den bange Zweifel quälen, ob die innere Kraft auch wohl +genüge, wenn er lieset, daß der große Mann als Knabe auch Soldat +spielte, sich in Naschwerk übernahm und zuweilen was weniges Schläge +erhielt, weil er faul war ungezogen und tölpisch. „Gerade wie ich, +gerade wie ich“, ruft der Jüngling begeistert aus und zweifelt nicht +länger, daß auch er ein hoher Genius ist trotz seinem angebeteten Idol.</p> + +<p>Mancher las den Plutarch oder auch wohl nur den Cornelius Nepos und +wurde ein großer Held, mancher die Tragödien-Dichter der Alten in der +Übersetzung, und nebenher den Calderon und Shakespeare, den Goethe und +Schiller und wurde, wo nicht ein großer Dichter, doch ein kleiner +allerliebster Versmacher, wie ihn die Leute eben so gern haben. So +werden meine Werke auch gewiß in der Brust manches jungen geist- und +gemütreichen Katers das höhere Leben der Poesie entzünden, und nimmt +dann der edle Katerjüngling meine biographischen Belustigungen auf dem +Dache vor, geht er ganz ein in die hohen Ideen des Buches, das ich +soeben unter den Klauen habe, dann wird er im Entzücken der Begeisterung +ausrufen: Murr, <a class="pagenum" name="page_30">30</a>göttlicher Murr, größter deines Geschlechts, dir, dir +allein verdanke ich alles, nur dein Beispiel macht mich groß. —</p> + +<p>Es ist zu rühmen, daß Meister Abraham bei meiner Erziehung sich weder +an den vergessenen Basedow hielt, noch die Pestalozzische Methode +befolgte, sondern mir unbeschränkte Freiheit ließ, mich selbst zu +erziehen, insofern ich mich nur in gewisse Normalprinzipien fügte, die +Meister Abraham sich als unbedingt notwendig für die Gesellschaft, die +die herrschende Macht auf dieser Erde versammelt, dachte, da sonst alles +blind und toll durcheinander rennen und es überall vertrackte +Rippenstöße und garstige Beulen setzen, eine Gesellschaft überhaupt +nicht denkbar sein würde. Den Inbegriff dieser Prinzipien nannte der +Meister die natürliche Artigkeit im Gegensatz der konventionellen, der +gemäß man sprechen muß: ich bitte ganz gehorsamst um gütige Verzeihung, +wenn man von einem Lümmel angerannt, oder auf den Fuß getreten worden. +Mag es sein, daß jene Artigkeit den Menschen nötig ist, so kann ich doch +nicht begreifen, wie sich ihr auch mein freigebornes Geschlecht fügen +soll, und war nun das Hauptregens, mittels dessen der Meister mir jene +Normalprinzipien beibrachte, ein gewisses sehr fatales Birkenreis, so +kann ich mich wohl mit Recht über Härte meines Erziehers beklagen. +Davongelaufen wäre ich, hätte mich nicht der mir angeborene Hang zur +höhern Kultur an den Meister festgebunden. — Je mehr Kultur, desto +weniger Freiheit, das ist ein wahres Wort. Mit der Kultur steigen die +Bedürfnisse, mit den Bedürfnissen — Nun; eben die augenblickliche +Befriedigung mancher natürlichen Bedürfnisse ohne Rücksicht auf Ort und +Zeit, das war das erste was mir der Meister mittels des verhängnisvollen +Birkenreises total abgewöhnte. Dann kam es an die Gelüste, die, wie ich +mich später überzeugt habe, lediglich aus einer gewissen abnormen +Stimmung des Gemüts entstehen. Eben diese seltsame Stimmung, die +vielleicht von meinem psychischen Organismus selbst erzeugt wurde, trieb +mich an, die Milch, ja selbst den Braten, den der Meister für mich +hingestellt, stehen zu lassen, auf den Tisch zu springen, und das +wegzunaschen, was er selbst genießen wollte. Ich empfand die Kraft des +Birkenreises, und ließ es bleiben. — Ich sehe es ein, daß der Meister +recht hatte, meinen Sinn von dergleichen abzulenken, da ich weiß, daß +mehrere meiner guten Mitbrüder, weniger kultiviert, weniger gut erzogen +als ich, dadurch in die abscheulichsten Verdrießlichkeiten, ja in die +traurigste Lage, auf ihre Lebenszeit geraten sind. Ist es mir doch +bekannt worden, daß <a class="pagenum" name="page_31">31</a>ein hoffnungsvoller Katerjüngling den Mangel an +innerer geistiger Kraft, seinem Gelüst zu widerstehen einen Topf Milch +auszunaschen, mit dem Verlust seines Schweifs büßen, und verhöhnt, +verspottet, sich in die Einsamkeit zurückziehen mußte. Also der Meister +hatte recht, mir dergleichen abzugewöhnen; daß er aber meinem Drange +nach den Wissenschaften und Künsten Widerstand leistete, das kann ich +ihm nicht verzeihen. —</p> + +<p>Nichts zog mich in des Meisters Zimmer mehr an als der mit Büchern, +Schriften und allerlei seltsamen Instrumenten bepackte Schreibtisch. Ich +kann sagen, daß dieser Tisch ein Zauberkreis war, in den ich mich +gebannt fühlte, und doch empfand ich eine gewisse heilige Scheu, die +mich abhielt, meinem Triebe ganz mich hinzugeben. Endlich eines Tages, +als eben der Meister abwesend war, überwand ich meine Furcht und sprang +hinauf auf den Tisch. Welche Wollust, als ich nun mitten unter den +Schriften und Büchern saß, und darin wühlte. Nicht Mutwille, nein nur +Begier, wissenschaftlicher Heißhunger war es, daß ich mit den Pfoten ein +Manuskript erfaßte, und so lange hin und her zauste, bis es in kleine +Stücke zerrissen vor mir lag. Der Meister trat herein, sah was +geschehen, stürzte mit dem kränkenden Ausruf: Bestie, vermaledeite! auf +mich los, und prügelte mich mit dem Birkenreis so derb ab, daß ich mich +winselnd vor Schmerz unter den Ofen verkroch, und den ganzen Tag über +durch kein freundliches Wort wieder hervorzulocken war. Wen hätte dies +Ereignis nicht abgeschreckt auf immer, selbst die Bahn zu verfolgen, die +ihm die Natur vorgezeichnet! Aber kaum hatte ich mich ganz erholt von +meinen Schmerzen, als ich, meinem unwiderstehlichen Drange folgend, +wieder auf den Schreibtisch sprang. Freilich war ein einziger Ruf meines +Meisters, ein abgebrochener Satz wie z. B. „Will er!“ — hinlänglich, +mich wieder herab zu jagen, so daß es nicht zum Studieren kam; indessen +wartete ich ruhig auf einen günstigen Moment, meine Studien anzufangen, +und dieser trat denn auch bald ein. Der Meister rüstete sich eines Tages +zum Ausgehen, alsbald versteckte ich mich so gut im Zimmer, daß er mich +nicht fand, als er, eingedenk des zerrissenen Manuskripts, mich +hinausjagen wollte. Kaum war der Meister fort, so sprang ich mit einem +Satz auf den Schreibtisch und legte mich mitten hinein in die Schriften, +welches mir ein unbeschreibliches Wohlgefallen verursachte. Geschickt +schlug ich mit der Pfote ein ziemlich dickes Buch auf, welches vor mir +lag, und versuchte, ob es mir nicht möglich sein würde, die +Schriftzeichen darin zu verstehen. <a class="pagenum" name="page_32">32</a>Das gelang mir zwar anfangs ganz und +gar nicht, ich ließ aber gar nicht ab, sondern starrte hinein in das +Buch, erwartend, daß ein ganz besonderer Geist über mich kommen und mir +das Lesen lehren werde. So vertieft überraschte mich der Meister. Mit +einem lauten: Seht die verfluchte Bestie, sprang er auf mich zu. Es war +zu spät mich zu retten, ich kniff die Ohren an, ich duckte mich nieder, +so gut es gehen wollte, ich fühlte schon die Rute auf meinem Rücken. +Aber die Hand schon aufgehoben hielt der Meister plötzlich inne, schlug +eine helle Lache auf und rief: Kater — Kater du liesest? ja, das kann, +das will ich dir nicht verwehren. Nun sieh — sieh! — was für ein +Bildungstrieb dir inwohnt. — Er zog mir das Buch unter den Pfoten weg, +schaute hinein, und lachte noch unmäßiger als vorher. Das muß ich sagen, +sprach er dann, ich glaube gar, du hast dir eine kleine Handbibliothek +angeschafft, denn ich wüßte sonst gar nicht, wie das Buch auf meinen +Schreibtisch kommen sollte? — Nun lies nur — studiere fleißig mein +Kater, allenfalls magst du auch die wichtigsten Stellen im Buche durch +sanfte Einrisse bezeichnen, ich stelle dir das frei! — Damit schob er +mir das Buch aufgeschlagen wieder hin. Es war, wie ich später erfuhr, +Knigge über den Umgang mit Menschen, und ich habe aus diesem herrlichen +Buch viel Lebensweisheit geschöpft. Es ist so recht aus meiner Seele +geschrieben, und paßt überhaupt für Kater, die in der menschlichen +Gesellschaft etwas gelten wollen, ganz ungemein. Diese Tendenz des Buchs +ist, soviel ich weiß, bisher übersehen, und daher zuweilen das falsche +Urteil gefällt worden, daß der Mensch, der sich ganz genau an die im +Buch aufgestellten Regeln halten wolle, notwendig überall als ein +steifer herzloser Pedant auftreten müsse.</p> + +<p>Seit dieser Zeit litt mich der Meister nicht allein auf dem +Schreibtisch, sondern er sah es sogar gern, wenn ich, arbeitete er +selbst, heraufsprang, und mich vor ihm unter die Schriften hinlagerte.</p> + +<p>Meister Abraham hatte die Gewohnheit oftmals viel hintereinander laut +zu lesen. Ich unterließ dann nicht, mich so zu postieren, daß ich ihm +ins Buch sehen konnte, welches bei den scharfblickenden Augen, die mir +die Natur verliehen, möglich war, ohne ihm beschwerlich zu fallen. +Dadurch, daß ich die Schriftzeichen mit den Worten verglich, die er +aussprach, lernte ich in kurzer Zeit lesen, und wem dies etwa +unglaublich vorkommen möchte, hat keinen Begriff von dem ganz besonderen +Ingenium womit mich die Natur ausgestattet. Genies die mich verstehen +und mich würdigen, werden keinen Zweifel <a class="pagenum" name="page_33">33</a>hegen. Rücksichts einer Art +Ausbildung, die vielleicht der ihrigen gleich ist. Dabei darf ich auch +nicht unterlassen, die merkwürdige Beobachtung mitzuteilen, die ich +rücksichts des vollkommenen Verstehens der menschlichen Sprache gemacht. +Ich habe nämlich mit vollem Bewußtsein beobachtet, daß ich gar nicht +weiß wie ich zu diesem Verstehen gekommen bin. Bei den Menschen soll +dies auch der Fall sein. Das nimmt mich aber gar nicht wunder, da dies +Geschlecht in den Jahren der Kindheit beträchtlich dümmer und +unbeholfener ist als wir. Als ein ganz kleines Käterchen ist es mir +niemals geschehen, daß ich mir selbst in die Augen gegriffen, ins Feuer +oder ins Licht gefaßt oder Stiefelwichse statt Kirschmus gefressen, wie +dies wohl bei kleinen Kindern zu geschehen pflegt.</p> + +<p>Wie ich nun fertig las, und ich mich täglich mehr mit fremden Gedanken +vollstopfte, fühlte ich den unwiderstehlichsten Drang, auch meine eignen +Gedanken, wie sie der mir innewohnende Genius gebar, der Vergessenheit +zu entreißen, und dazu gehörte nun allerdings die freilich sehr schwere +Kunst des Schreibens. So aufmerksam ich auch meines Meisters Hand, wenn +er schrieb, beobachten mochte, durchaus wollte es mir doch nicht +gelingen, ihm die eigentliche Mechanik abzulauern. Ich studierte den +alten Hilmar Curas, das einzige Schreibevorschriftsbuch, welches mein +Meister besaß, und wäre beinahe auf den Gedanken geraten, daß die +rätselhafte Schwierigkeit des Schreibens nur durch die große Manschette +gehoben werden könne, welche die darin abgebildete schreibende Hand +trägt, und daß es nur besonders erlangte Fertigkeit sei, wenn mein +Meister ohne Manschette schriebe, so wie der geübte Seiltänzer zuletzt +nicht mehr der Balancierstange bedarf. Ich trachtete begierig nach +Manschetten, und war im Begriff, die Dormeuse der alten Haushälterin für +meine rechte Pfote zuzureißen und zu <ins title="aptieren">adaptieren</ins>, als mir plötzlich in +einem Moment der Begeisterung, wie es bei Genies zu geschehen pflegt, +der geniale Gedanke einkam, der alles löste. Ich vermutete nämlich, daß +die Unmöglichkeit, die Feder, den Stift, so zu halten wie mein Meister, +wohl in dem verschiedenen Bau unserer Hände liegen könne, und diese +Vermutung traf ein. Ich mußte eine andere dem Bau meines rechten +Pfötchens angemessene Schreibart erfinden und erfand sie wirklich, wie +man wohl denken mag. — So entstehen aus der besonderen Organisation des +Individuums neue Systeme. —</p> + +<p>Eine zweite böse Schwierigkeit fand ich in <a class="pagenum" name="page_34">34</a>dem Eintunken der Feder in +das Tintenfaß. Nicht glücken wollt' es mir nämlich, bei dem Eintunken +das Pfötchen zu schonen, immer kam es mit hinein in die Tinte, und so +konnte es nicht fehlen, daß die ersten Schriftzüge, mehr mit der Pfote +als mit der Feder gezeichnet, etwas groß und breit gerieten. +Unverständige mochten daher meine ersten Manuskripte beinahe nur für mit +Tinte beflecktes Papier ansehen. Genies werden den genialen Kater in +seinen ersten Werken leicht erraten und über die Tiefe, über die Fülle +des Geistes, wie er zuerst aus unversiegbarer Quelle aussprudelte, +erstaunen, ja ganz außer sich geraten. Damit die Welt sich dereinst +nicht zanke über die Zeitfolge meiner unsterblichen Werke, will ich hier +sagen, daß ich zuerst den philosophisch-sentimental-didaktischen Roman +schrieb: „Gedanke und Ahnung, oder Kater und Hund.“ Schon dieses Werk +hätte ungeheures Aufsehen machen können. Dann, in allen Sätteln gerecht, +schrieb ich ein politisches Werk, unter dem Titel: „Über Mausefallen und +deren Einfluß auf Gesinnung und Tatkraft der Katzheit;“ hierauf fühlt' +ich mich begeistert zu der Tragödie: „Rattenkönig Kawdallor.“ Auch diese +Tragödie hätte auf allen nur erdenklichen Theatern unzähligemal mit dem +lärmendsten Beifall gegeben werden können. Den Reihen meiner sämtlichen +Werke sollen diese Erzeugnisse meines hoch emporstrebenden Geistes +eröffnen; über den Anlaß, sie zu schreiben, werde ich mich gehörigen +Orts auslassen können.</p> + +<p>Als ich die Feder besser zu halten gelernt, als das Pfötchen rein blieb +von Tinte, wurde auch freilich mein Stil anmutiger, lieblicher, heller; +ich legte mich ganz vorzüglich auf Musenalmanache, schrieb verschiedene +freundliche Schriften und wurde übrigens sehr bald der liebenswürdige +gemütliche Mann, der ich noch heute bin. Beinahe hätte ich schon damals +ein Heldengedicht gemacht, in vier und zwanzig Gesängen, doch als ich +fertig, war es etwas anderes worden, wofür Tasso und Ariost noch im +Grabe dem Himmel danken können. Sprang wirklich ein Heldengedicht unter +meinen Klauen hervor, beide hätte kein Mensch mehr gelesen.</p> + +<p>Ich komme jetzt auf die —</p> + +<p><em class="gesperrt">(Mak. Bl.)</em> — zum bessern Verständnis doch nötig sein, dir, geneigter +Leser, das ganze Verhältnis der Dinge klar und deutlich auseinander zu +setzen.</p> + +<p>Jeder, der nur ein einzigesmal im Gasthofe des anmutigen +<ins title="Landstädchens">Landstädtchens</ins> Sieghartsweiler abgestiegen ist, hat sogleich von dem +Fürsten Irenäus reden gehört. Bestellte er nämlich bei dem Wirt nur ein +Gericht Forellen, die in der Gegend vorzüglich, so erwiderte derselbe +<a class="pagenum" name="page_35">35</a>gewiß: Sie haben recht, mein Herr, unser gnädigster Fürst essen auch +dergleichen ungemein gern, und ich vermag die angenehmen Fische gerade +so zuzubereiten, wie es bei Hofe üblich. Aus den neuesten Geographien, +Landkarten, statistischen Nachrichten wußte der unterrichtete Reisende +aber nichts anderes, als daß das Städtchen Sieghartsweiler samt dem +Geierstein und der ganzen Umgebung längst dem Großherzogtum, das er +soeben durchreiset, einverleibet worden; nicht wenig mußte es ihn daher +verwundern, hier einen gnädigsten Herrn Fürsten und einen Hof zu finden. +Die Sache hatte aber folgenden Zusammenhang. Fürst Irenäus regierte +sonst wirklich ein artiges Ländchen nicht fern von Sieghartsweiler, und +da er mittels eines guten Dollonds von dem Belvedere seines Schlosses im +Residenzmarktflecken seine sämtlichen Staaten zu übersehen vermochte, so +konnt' es nicht fehlen, daß er das Wohl und Weh seines Landes, das Glück +der geliebten Untertanen, stets im Auge behielt. Er konnte in jeder +Minute wissen, wie Peters Weizen in dem entferntesten Bereich des Landes +stand, und ebensogut beobachten, ob Hans und Kunz ihre Weinberge gut und +fleißig besorgten. Man sagt, Fürst Irenäus habe sein Ländchen auf einem +Spaziergange über die Grenze aus der Tasche verloren, so viel ist aber +gewiß, daß in einer neuen mit mehrern Zusätzen versehenen Ausgabe jenes +Großherzogtums, das Ländchen des Fürsten Irenäus einfoliiert und +einregistriert war. Man überhob ihn der Mühe des Regierens, indem man +ihm aus den Revenüen des Landes, das er besessen, eine ziemlich reiche +Apanage aussetzte, die er eben in dem anmutigen Sieghartsweiler +verzehren sollte.</p> + +<p>Außer jenem Ländchen besaß Fürst Irenäus noch ein ansehnliches bares +Vermögen, das ihm unverkürzt blieb, und so sah er sich aus dem Stande +eines kleinen Regenten plötzlich versetzt in den Stand eines +ansehnlichen Privatmannes, der zwanglos nach freier Willkür sich das +Leben gestalten konnte wie er wollte.</p> + +<p>Fürst Irenäus hatte den Ruf eines feingebildeten Herrn, der empfänglich +für Wissenschaft und Kunst. Kam nun noch hinzu, daß er oft die lästige +Bürde der Regentschaft schmerzlich gefühlt, ja, ging auch schon einmal +von ihm die Rede, daß er den romanhaften Wunsch, in einem kleinen Hause, +an einem murmelnden Bach, mit einigem Hausvieh ein einsames idyllisches +Leben procul negotiis zu führen, in anmutige Verse gebracht, so hätte +man denken sollen, daß er nun, den regierenden Herrn vergessend, sich +einrichten werde mit dem <a class="pagenum" name="page_36">36</a>gemütlichen Hausbedarf, wie es in der Macht +steht des reichen, unabhängigen Privatmannes. Dem war aber ganz und gar +nicht so!</p> + +<p>Es mag wohl sein, daß die Liebe der großen Herren zur Kunst und +Wissenschaft nur als ein integrierender Teil des eigentlichen Hoflebens +anzusehen ist. Der Anstand erfordert es Gemälde zu besitzen und Musik zu +hören, und übel würde es sein, wenn der Hofbuchbinder feiern und nicht +die neueste Literatur fortwährend in Gold und Leder kleiden sollte. Ist +aber jene Liebe ein integrierender Teil des Hoflebens selbst, so muß sie +mit diesem zugleich untergehen und kann nicht als etwas für sich fort +Bestehendes Trost gewähren für den verlornen Thron oder das kleine +Regentenstühlchen, auf dem man zu sitzen gewohnt.</p> + +<p>Fürst Irenäus erhielt sich beides, das Hofleben und die Liebe für die +Künste und Wissenschaften, indem er einen süßen Traum ins Leben treten +ließ, in dem er selbst mit seiner Umgebung, so wie ganz Sieghartsweiler, +figurierte.</p> + +<p>Er tat nämlich so, als sei er regierender Herr, behielt die ganze +Hofhaltung, seinen Kanzler des Reichs, sein Finanzkollegium &c. bei, +erteilte seinen Hausorden, gab Cour, Hofbälle, die meistenteils aus +zwölf bis funfzehn Personen bestanden, da auf die eigentliche +Courfähigkeit strenger geachtet wurde, als an den größten Höfen, und die +Stadt war gutmütig genug, den falschen Glanz dieses träumerischen Hofes +für etwas zu halten, das ihr Ehre und Ansehen bringe. So nannten die +guten Sieghartsweiler den Fürsten Irenäus ihren gnädigsten Herrn, +illuminierten die Stadt an seinem Namensfeste und an den Namenstagen +seines Hauses, und opferten sich überhaupt gern auf für das Vergnügen +des Hofes, wie die atheniensischen Bürgersleute in Shakespeares +Sommernachtstraum.</p> + +<p>Es war nicht zu leugnen, daß der Fürst seine Rolle mit dem +wirkungsvollsten Pathos durchführte, und dieses Pathos seiner ganzen +Umgebung mitzuteilen wußte. — So erscheint ein fürstlicher Finanzrat in +dem Klub zu Sieghartsweiler finster, in sich gekehrt, wortkarg. — Wolken +ruhen auf seiner Stirn, er versinkt oft in tiefes Nachdenken, fährt dann +auf, wie plötzlich erwachend. — Kaum wagt man es laut zu sprechen, hart +aufzutreten in seiner Nähe. Es schlägt neun Uhr, da springt er auf, +nimmt seinen Hut, vergebens sind alle Bemühungen, ihn festzuhalten, er +versichert mit stolzem tiefbedeutendem Lächeln, daß ihn Aktenstöße +erwarten, daß er die Nacht würde opfern müssen, um sich zu der +morgenden, höchst wichtigen, <a class="pagenum" name="page_37">37</a>letzten Quartalsitzung des Kollegiums +vorzubereiten, eilt hinweg und hinterläßt die Gesellschaft in +ehrfurchtsvoller Erstarrung über die enorme Wichtigkeit und +Schwierigkeit seines Amtes. — Und der wichtige Vortrag, auf den sich +der geplagte Mann die Nacht über vorbereiten muß? — Je nun, die +Waschzettel aus sämtlichen Departements, der Küche, der Tafel, der +Garderobe usw. fürs verflossene Vierteljahr sind eingegangen, und er ist +es, der in allen Waschangelegenheiten den Vortrag hat. — So bemitleidet +die Stadt den armen fürstlichen Wagenmeister, spricht jedoch, von dem +sublimen Pathos des fürstlichen Kollegiums ergriffen, strenge aber +gerecht! — Der Mann hat nämlich, erhaltener Instruktion gemäß, einen +Halbwagen, der unbrauchbar geworden, verkauft, das Finanzkollegium ihm +aber bei Strafe augenblicklicher Kassation aufgegeben, binnen drei Tagen +nachzuweisen, wo er die andere Hälfte gelassen, die vielleicht noch +brauchbar gewesen. —</p> + +<p>Ein besonderer Stern, der am Hofe des Fürsten Irenäus leuchtete, war die +Rätin Benzon, Witwe in der Mitte der dreißiger Jahre, sonst eine +gebietende Schönheit, noch jetzt nicht ohne Liebreiz, die einzige, deren +Adel zweifelhaft und die der Fürst dennoch ein für allemal als courfähig +angenommen. Der Rätin heller, durchdringender Verstand, ihr lebhafter +Geist, ihre Weltklugheit, vorzüglich aber eine gewisse Kälte des +Charakters, die dem Talent zu herrschen unerläßlich, übten ihre Macht in +voller Stärke, so daß sie es eigentlich war, die die Fäden des +Puppenspiels an diesem Miniaturhofe zog. Ihre Tochter, Julia geheißen, +war mit der Prinzessin Hedwiga aufgewachsen, und auch auf die +Geistesbildung dieser hatte die Rätin so gewirkt, daß sie in dem Kreise +der fürstlichen Familie wie eine Fremde erschien und sonderbar abstach +gegen den Bruder. Prinz Ignaz war nämlich zu ewiger Kindheit verdammt, +beinahe blödsinnig zu nennen.</p> + +<p>Der Benzon gegenüber, ebenso einflußreich, ebenso eingreifend in die +engsten Verhältnisse des fürstlichen Hauses, wiewohl auf ganz andere +Weise als sie, stand der seltsame Mann, den du, geneigter Leser, bereits +kennst als Maître de plaisir des Irenäusschen Hofes und ironischen +Schwarzkünstler.</p> + +<p>Merkwürdig genug ist es, wie Meister Abraham in die fürstliche Familie +geriet.</p> + +<p>Des Fürsten Irenäus hochseliger Herr Papa war ein Mann von einfachen, +milden Sitten. Er sah es ein, daß irgend eine Kraft<a class="pagenum" name="page_38">38</a>äußerung das kleine +schwache Räderwerk der Staatsmaschine zerbrechen müsse, statt ihm einen +bessern Schwung zu geben. Er ließ es daher in seinem Ländlein fortgehen, +wie es zuvor gegangen, und fehlt' es ihm dabei an Gelegenheit, einen +glänzenden Verstand oder andere besondere Gaben des Himmels zu zeigen, +so begnügte er sich damit, daß in seinem Fürstentum jedermann sich wohl +befand, und daß, rücksichts des Auslandes, es ihm so ging wie den +Weibern, die dann am tadelfreisten sind, wenn man gar nicht von ihnen +spricht. War des Fürsten kleiner Hof steif, zeremoniös, altfränkisch, +konnte der Fürst gar nicht eingehen in manche loyale Ideen, wie sie die +neuere Zeit erzeugt, so lag das an der Unwandelbarkeit des hölzernen +Gestelles, das Oberhofmeister, Hofmarschälle, Kammerherren in seinem +Innern mühsam zusammengerichtet. In diesem Gestelle arbeitete aber ein +Triebrad, das kein Hofmeister, kein Marschall jemals hätte zum +Stillstehen bringen können. Dies war nämlich ein dem Fürsten angeborner +Hang zum Abenteuerlichen, Seltsamen, Geheimnisvollen. — Er pflegte +zuweilen, nach dem Beispiel des würdigen Kalifen Harun al Raschid +verkleidet Stadt und Land zu durchstreichen, um jenen Hang, der mit +seiner übrigen Lebenstendenz in dem sonderbarsten Widerspiel stand, zu +befriedigen, oder wenigstens Nahrung dafür zu suchen. Dann setzte er +einen runden Hut auf und zog einen grauen Oberrock an, so daß jedermann +auf den ersten Blick wußte, daß der Fürst nun nicht zu erkennen.</p> + +<p>Es begab sich, daß der Fürst also verkleidet und unerkennbar die Allee +durchschritt, die von dem Schloß aus nach einer entfernten Gegend +führte, in der einzeln ein kleines Häuschen stand, von der Witwe eines +fürstlichen Mundkochs bewohnt. Gerade vor diesem Häuschen angekommen, +gewahrte der Fürst zwei in Mäntel gehüllte Männer, die zur Haustüre +hinausschlichen. Er trat zur Seite, und der Historiograph des +Irenäusschen Hauses, dem ich dies nachschreibe, behauptet, der Fürst sei +selbst dann nicht bemerkt und erkannt worden, wenn er, statt des grauen +Oberrocks, das glänzendste Staatskleid angehabt, mit dem funkelnden +Ordensstern darauf, aus dem Grunde, weil es stockfinsterer Abend +gewesen. Als die beiden verhüllten Männer dicht vor dem Fürsten langsam +vorübergingen, vernahm dieser ganz deutlich folgendes Gespräch. Der +eine: Bruder Exzellenz, ich bitte dich, nimm dich zusammen, sei nur +diesesmal kein Esel! — Der Mensch muß fort, ehe der Fürst etwas von ihm +erfährt, denn sonst behalten wir den verfluchten Hexenmeister auf dem +Halse, <a class="pagenum" name="page_39">39</a>der uns mit seinen <ins title="Satansstkünen">Satanskünsten</ins> alle ins Verderben stürzt. Der +andere: <span class="antiqua">Mon cher frère,</span> ereifere dich doch nur nicht so, du kennst meine +Sagazität, mein <span class="antiqua">savoir faire.</span> Morgen werf' ich dem gefährlichen Menschen +ein paar Karolin an den Hals, und da mag er seine Kunststückchen den +Leuten vormachen, wo er will; hier darf er nicht bleiben. Der Fürst ist +übrigens ein —.“</p> + +<p>Die Stimmen verhallten, der Fürst erfuhr daher nicht, wofür ihn sein +Hofmarschall hielt, denn kein anderer als dieser und sein Bruder, der +Oberjägermeister, waren die Personen, welche aus dem Hause schlichen und +das verfängliche Gespräch führten. Der Fürst hatte beide sehr genau an +der Sprache erkannt.</p> + +<p>Man kann denken, daß der Fürst nichts Angelegentlicheres zu tun hatte, +als jenen Menschen, jenen gefährlichen Hexenmeister aufzusuchen, dessen +Bekanntschaft ihm entzogen werden sollte. Er klopfte an das Häuschen, +die Witwe trat mit einem Licht in der Hand heraus und fragte, da sie den +runden Hut und den grauen Oberrock des Fürsten gewahrte, mit kalter +Höflichkeit: Was steht zu Ihren Diensten, Monsieur? Monsieur wurde +nämlich der Fürst angeredet, wenn er verkleidet war und unkenntlich. Der +Fürst erkundigte sich nach dem Fremden, der bei der Witwe eingekehrt +sein sollte, und erfuhr, daß der Fremde kein anderer sei, als ein sehr +geschickter, berühmter, mit vielen Attestaten, Konzessionen und +Privilegien versehener Taschenspieler, der hier seine Künste zu +produzieren gedenke. Soeben, erzählte die Witwe, wären zwei Herrn vom +Hofe bei ihm gewesen, die er, vermöge der ganz unerklärlichen Sachen, +welche er ihnen vorgemacht, dermaßen in Erstaunen gesetzt, daß sie ganz +blaß, verstört, ja ganz außer sich, das Haus verlassen hätten.</p> + +<p>Ohne weiteres ließ sich der Fürst hinauf führen. Meister Abraham +(niemand anders war der berühmte Taschenspieler) empfing ihn wie einen, +den er längst erwartet, und verschloß die Türe.</p> + +<p>Niemand weiß, was nun Meister Abraham begonnen, gewiß ist es aber, daß +der Fürst die ganze Nacht über bei ihm blieb, und daß am andern Morgen +Zimmer eingerichtet wurden auf dem Schlosse, die Meister Abraham bezog, +und zu denen der Fürst aus seinem Studierzimmer mittels eines geheimen +Ganges unbemerkt gelangen konnte. Gewiß ist es ferner, daß der Fürst den +Hofmarschall nicht mehr mon cher ami nannte, und sich von dem +Oberjägermeister niemals mehr die wunderbare Jagdgeschichte von dem +weißen gehörnten Hasen, den er (der Oberjägermeister) bei seinem ersten +jägerischen Ausflug in <a class="pagenum" name="page_40">40</a>den Wald nicht schießen können, erzählen ließ, +welches die Gebrüder in Gram und Verzweiflung stürzte, so, daß beide +sehr bald den Hof verließen. Gewiß endlich, daß Meister Abraham nicht +allein durch seine Phantasmagorieen, sondern auch durch das Ansehen, das +er sich immer mehr und mehr bei dem Fürsten zu erwerben wußte, Hof, +Stadt und Land in Erstaunen setzte.</p> + +<p>Von den Kunststücken, die Meister Abraham vollführte, erzählt oben +bemeldeter Historiograph des Irenäusschen Hauses so viel ganz +Unglaubliches, daß man es nicht nachschreiben kann, ohne alles Zutrauen +des geneigten Lesers aufs Spiel zu setzen. Dasjenige Kunststück, welches +aber der Historiograph für das wunderbarste von allen hält, ja von dem +er behauptet, daß es hinlänglich beweise, wie Meister Abraham offenbar +mit fremden unheimlichen Mächten in bedrohlichem Bunde stehe, ist indes +nichts anders, als jenes akustische Zauberspiel, das später unter der +Benennung des unsichtbaren Mädchens so viel Aufsehen gemacht, und das +Meister Abraham schon damals sinnreicher, phantastischer, das Gemüt +ergreifender, aufzustellen wußte, als es nachher jemals geschehen.</p> + +<p>Nebenher wollte man auch wissen, daß der Fürst selbst mit dem Meister +Abraham gewisse magische Operationen unternehme, über deren Zweck unter +den Hofdamen, Kammerherrn und andern Leuten vom Hofe ein angenehmer +Wettstreit alberner, sinnloser Vermutungen entstand. Darin waren alle +einig, daß Meister Abraham dem Fürsten das Goldmachen beibringe, wie aus +dem Rauch, der aus dem Laboratorio bisweilen dringe, zu schließen, und +daß er ihn eingeführt in allerlei nützliche Geister-Konferenzen. Alle +waren ferner davon überzeugt, daß der Fürst das Patent für den neuen +Bürgermeister im Marktflecken nicht vollziehe, ja, dem fürstlichen +Ofenheizer keine Zulage bewillige, ohne den „Agathodämon“, den <span class="antiqua">Spiritum +familiarem</span>, oder die Gestirne zu befragen.</p> + +<p>Als der alte Fürst starb und Irenäus ihm in der Regierung folgte, +verließ Meister Abraham das Land. Der junge Fürst, der von des Vaters +Neigung zum Abenteuerlichen, Wunderbaren durchaus nichts vererbt, ließ +ihn zwar ziehen, fand aber bald, daß Meister Abrahams magische Kraft +vorzüglich sich darin bewähre, einen gewissen bösen Geist zu beschwören, +der sich an kleinen Höfen nur gar zu gern einnistet, nämlich den +Höllengeist der Langenweile. Dann hatte auch das Ansehen, in dem Meister +Abraham bei dem Vater stand, tiefe Wurzel gefaßt in dem Gemüt des jungen +Fürsten. Es gab Augen<a class="pagenum" name="page_41">41</a>blicke, in denen dem Fürsten Irenäus zu Mute wurde, +als sei Meister Abraham ein überirdisches Wesen, über alles was +menschlich erhaben, stehe es auch noch so hoch. Man sagt, daß diese ganz +besondere Empfindung von einem kritischen unvergeßlichen Moment in der +Jugendgeschichte des Fürsten herrühre. Als Knabe war er einst mit +kindischer, überlästiger Neugier in Meister Abrahams Zimmer eingedrungen +und hatte läppisch eine kleine Maschine, die der Meister eben mit vieler +Mühe und Kunst vollendet, zerbrochen, der Meister aber im vollen Zorn +über das verderbliche Ungeschick dem kleinen fürstlichen Bengel eine +fühlbare Ohrfeige zugeteilt, und ihn dann mit einiger nicht ganz sanfter +Schnelligkeit hinausgeführt aus der Stube auf den Korridor. Unter +hervorquellenden Tränen konnte der junge Herr nur mit Mühe die Worte +hervorstammeln: <span class="antiqua">Abraham — soufflet</span> — so daß der bestürzte +Oberhofmeister es für ein gefahrvolles Wagnis hielt, tiefer einzudringen +in das fürchterliche Geheimnis, das zu ahnen er sich unterstehen mußte.</p> + +<p>Der Fürst fühlte lebhaft das Bedürfnis, den Meister Abraham als das +belebende Prinzip der Hofmaschine bei sich zu behalten; vergebens waren +aber alle seine Bemühungen, ihn zurückzubringen. Erst nach jenem +verhängnisvollen Spaziergange, als Fürst Irenäus sein Ländchen verloren, +als er die chimärische Hofhaltung zu Sieghartsweiler eingerichtet, fand +sich auch Meister Abraham wieder ein, und in der Tat, zu gelegenerer +Zeit hätte er gar nicht kommen können. Denn außerdem daß —</p> + +<p><em class="gesperrt">(M. f. f.)</em> — merkwürdige Begebenheit, die, um mich des gewöhnlichen +Ausdrucks geistreicher Biographen zu bedienen, einen Abschnitt in meinem +Leben machte.</p> + +<p>— Leser! — Jünglinge, Männer, Frauen, unter deren Pelz ein fühlend +Herz schlägt, die ihr Sinn habt für Tugend — die ihr die süßen Bande +erkennet, womit uns die Natur umschlingt, ihr werdet mich verstehen und +— mich lieben!</p> + +<p>Der Tag war heiß gewesen, ich hatte ihn unter dem Ofen verschlafen. Nun +brach die Abenddämmerung ein, und kühle Winde sausten durch meines +Meisters geöffnetes Fenster. Ich erwachte aus dem Schlaf, meine Brust +erweiterte sich, durchströmt von dem unnennbaren Gefühl, das, Schmerz +und Lust zugleich, die süßesten Ahnungen entzündet. Von diesen Ahnungen +überwältigt, erhob ich mich hoch in jener ausdrucksvollen Bewegung, die +der kalte Mensch Katzenbuckel benennet. — Hinaus — hinaus trieb es +mich in die <a class="pagenum" name="page_42">42</a>freie Natur, ich begab mich daher aufs Dach und lustwandelte +in den Strahlen der sinkenden Sonne. Da vernahm ich Töne von dem Boden +aufsteigen, so sanft, so heimlich, so bekannt, so anlockend, ein +unbekanntes Etwas zog mich hinab mit unwiderstehlicher Gewalt. Ich +verließ die schöne Natur und kroch durch eine kleine Dachluke hinein in +den Hausboden. — Hinabgesprungen gewahrte ich alsbald eine große, +schöne, weiß und schwarz gefleckte Katze, die, auf den Hinterfüßen +sitzend in bequemer Stellung, eben jene anlockenden Töne von sich gab +und mich nun mit forschenden Blicken durchblitzte. Augenblicklich setzte +ich mich ihr gegenüber und versuchte, dem innern Trieb nachgebend, in +das Lied einzustimmen, das die weiß und schwarz Gefleckte angestimmt. +Das gelang mir, ich muß es selbst sagen, über die Maßen wohl, und von +diesem Augenblick an datiert sich, wie ich für die Psychologen, die mich +und mein Leben studieren, hier bemerke, mein Glaube an mein inneres +musikalisches Talent, und, wie zu erachten, mit diesem Glauben auch das +Talent selbst. Die Gefleckte blickte mich schärfer und emsiger an, +schwieg plötzlich, sprang mit einem gewaltigen Satz auf mich los. Ich, +nichts Gutes erwartend, zeigte meine Krallen, doch in dem Augenblick +schrie die Gefleckte, indem ihr die hellen Tränen aus den Augen +stürzten: Sohn — o Sohn! komm! eile in meine Pfoten! — Und dann, mich +umhalsend, mich mit Inbrunst an die Brust drückend: Ja, du bist es, du +bist mein Sohn, mein guter Sohn, den ich ohne sonderliche Schmerzen +geboren! —</p> + +<p>Ich fühlte mich tief im Innersten bewegt, und schon dies Gefühl mußte +mich überzeugen, daß die Gefleckte wirklich meine Mutter war, dem +unerachtet fragte ich doch, ob sie auch dessen ganz gewiß sei.</p> + +<p>Ha, diese Ähnlichkeit, sprach die Gefleckte, diese Augen, diese +Gesichtszüge, dieser Bart, dieser Pelz, alles erinnert mich nur zu +lebhaft an den Treulosen, Undankbaren, der mich verließ. — Du bist ganz +das getreue Ebenbild deines Vaters, lieber Murr (denn so wirst du ja +geheißen), ich hoffe jedoch, daß du mit der Schönheit des Vaters +zugleich die sanftere Denkungsart, die milden Sitten deiner Mutter Mina +erworben haben wirst. — Dein Vater hatte einen sehr vornehmen Anstand, +auf seiner Stirne lag eine imponierende Würde, voller Verstand funkelten +die grünen Augen, und um Bart und Wangen spielte oft ein anmutiges +Lächeln. Diese körperlichen Vorzüge, so wie sein aufgeweckter Geist und +eine gewisse liebenswürdige Leichtigkeit, mit der er Mäuse fing, ließen +ihn mein Herz gewinnen.<a class="pagenum" name="page_43">43</a> — Aber bald zeigte sich ein hartes, +tyrannisches Gemüt, daß er so lange geschickt zu verbergen gewußt. — Mit +Entsetzen sag' ich es! — Kaum warst du geboren, als dein Vater den +unseligen Appetit bekam, dich nebst deinen Geschwistern zu verspeisen.</p> + +<p>Beste Mutter, fiel ich der Gefleckten ins Wort, verdammen Sie nicht ganz +jene Neigung. Das gebildetste Volk der Erde legte den sonderbaren +Appetit des Kinderfressens dem Geschlecht der Götter bei, aber gerettet +wurde ein Jupiter und so auch ich! —</p> + +<p>Ich verstehe dich nicht, mein Sohn, erwiderte Mina, aber es kommt mir +vor, als sprächest du albernes Zeug, oder als wolltest du gar deinen +Vater verteidigen. Sei nicht undankbar, du wärest ganz gewiß erwürgt und +gefressen worden von dem blutdürstigen Tyrannen, hätte ich dich nicht so +tapfer verteidigt mit diesen scharfen Krallen, hätte ich nicht, bald +hier, bald dort hinfliehend in Keller, Boden, Ställe, dich den +Verfolgungen des unnatürlichen Barbaren entzogen. — Er verließ mich +endlich! nie habe ich ihn wiedergesehen! Und doch schlägt noch mein Herz +für ihn! — Es war ein schöner Kater! — Viele hielten ihn seines +Anstandes, seiner feinen Sitten wegen, für einen reisenden Grafen. — Ich +glaubte nun, im kleinen häuslichen Zirkel meine Mutterpflichten übend, +ein stilles, ruhiges Leben führen zu können, doch der entsetzlichste +Schlag sollte mich noch treffen. — Als ich von einem kleinen +Spaziergange einst heimkehrte, weg warst du samt deinem Geschwister! — +Ein altes Weib hatte mich Tages zuvor in meinem Schlupfwinkel entdeckt, +und allerlei verfängliche Worte von ins Wasser werfen und dergleichen +gesprochen. — Nun! ein Glück, daß du, mein Sohn, gerettet, komm +nochmals an meine Brust, Geliebter! —</p> + +<p>Die gefleckte Mama liebkoste mich mit aller Herzlichkeit, und fragte +mich dann nach den nähern Umständen meines Lebens. Ich erzählte ihr +alles, und vergaß nicht, meiner hohen Ausbildung zu erwähnen, und wie +ich dazu gekommen.</p> + +<p>Mina schien weniger gerührt von den seltenen Vorzügen des Sohnes, als +man hätte denken sollen. Ja, sie gab mir nicht undeutlich zu verstehen, +daß ich mitsamt meinem außerordentlichen Geiste, mit meiner tiefen +Wissenschaft auf Abwege geraten, die mir verderblich werden könnten. +Vorzüglich warnte sie mich aber, dem Meister Abraham ja nicht meine +erworbenen Kenntnisse zu entdecken, da dieser sie nur nützen würde, mich +in der drückendsten Knechtschaft zu erhalten.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_44">44</a>„Ich kann mich, sprach Mina, zwar gar nicht deiner Ausbildung rühmen, +indessen fehlt es mir doch durchaus nicht an natürlichen Fähigkeiten und +angenehmen, mir von der Natur eingeimpften Talenten. Darunter rechne ich +z. B. die Macht, knisternde Funken aus meinem Pelz hervorstrahlen zu +lassen, wenn man mich streichelt. Und was für Unannehmlichkeiten hat mir +nicht schon dieses einzige Talent bereitet! Kinder und Erwachsene haben +unaufhörlich auf meinem Rücken herumhantiert, jenes Feuerwerks halber, +mir zur Qual, und wenn ich unmutig wegsprang oder die Krallen zeigte, +mußte ich mich ein scheues wildes Tier schelten, ja wohl gar prügeln +lassen. — Sowie Meister Abraham erfährt, daß du schreiben kannst, lieber +Murr, macht er dich zu seinem Kopisten, und als Schuldigkeit wird von +dir gefordert, was du jetzt nur aus eigenem Antriebe zu deiner Lust +tust.“ —</p> + +<p>Mina sprach noch mehreres über mein Verhältnis zum Meister Abraham und +über meine Bildung. Erst später habe ich eingesehen, daß das, was ich +für Abscheu gegen die Wissenschaften hielt, wirkliche Lebensweisheit +war, die die Gefleckte in sich trug.</p> + +<p>Ich erfuhr, daß Mina bei der alten Nachbarsfrau in ziemlich dürftigen +Umständen lebe, und daß es ihr oft schwer falle ihren Hunger zu stillen. +Dies rührte mich tief, die kindliche Liebe erwachte in voller Stärke in +meinem Busen, ich besann mich auf den schönen Heringskopf, den ich vom +gestrigen Mahle erübrigt, ich beschloß, ihn darzubringen der guten +Mutter, die ich so unerwartet wiedergefunden.</p> + +<p>Wer ermißt die Wandelbarkeit der Herzen derer, die da wandeln unter dem +Mondschein! — Warum verschloß das Schicksal nicht unsere Brust dem +wilden Spiel unseliger Leidenschaften! — Warum müssen wir, ein dünnes +schwankendes Rohr, uns beugen vor dem Sturm des Lebens? — Feindliches +Verhängnis! — O Appetit, dein Name ist Kater! — Den Heringskopf im +Maule kletterte ich, ein pius Aeneas aufs Dach — ich wollte hinein ins +Bodenfenster. Da geriet ich in einen Zustand, der auf seltsame Weise +mein Ich meinem Ich entfremdend, doch mein eigentliches Ich schien. +— Ich glaube mich verständlich und scharf ausgedrückt zu haben, so daß +in dieser Schilderung meines seltsamen Zustandes jeder den die geistige +Tiefe durchschauenden Psychologen erkennen wird. — Ich fahre fort! —</p> + +<p>Das sonderbare Gefühl, gewebt aus Lust und Unlust, betäubte meine Sinne +— überwältigte mich — kein Widerstand möglich, — ich fraß den +Heringskopf! —</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_45">45</a>Ängstlich hörte ich Mina miauen, ängstlich sie meinen Namen rufen — Ich +fühlte mich von Reue, von Scham durchdrungen, ich sprang zurück in +meines Meisters Zimmer, ich verkroch mich unter den Ofen. Da quälten +mich die ängstlichsten Vorstellungen. Ich sah Mina, die wiedergefundene +gefleckte Mutter, trostlos, verlassen, lechzend nach der Speise, die ich +ihr versprochen, der Ohnmacht nahe — Ha! — der durch den Rauchfang +sausende Wind rief den Namen Mina — Mina — Mina! rauschte es in den +Papieren meines Meisters, knarrte es in den gebrechlichen Rohrstühlen, +Mina — Mina — lamentierte die Ofentüre. — O! es war ein bitteres +herzzerschneidendes Gefühl, das mich durchbohrte! — Ich beschloß, die +Arme womöglich einzuladen zur Frühstücksmilch. Wie kühlender, +wohltuender Schatten kam bei diesem Gedanken ein seliger Frieden über +mich! — Ich kniff die Ohren an und schlief ein! —</p> + +<p>Ihr fühlenden Seelen, die ihr mich ganz versteht, ihr werdet es, seid +ihr sonst keine Esel, sondern wahrhaftige honette Kater, ihr werdet es, +sage ich, einsehen, daß dieser Sturm in meiner Brust meinen Jugendhimmel +aufheitern mußte, wie ein wohltätiger Orkan, der die finstern Wolken +zerstäubt und die reinste Aussicht schafft. O! so schwer anfangs der +Heringskopf auf meiner Seele lastete, doch lernte ich einsehen, was +Appetit heißt, und daß es Frevel ist, der Mutter Natur zu widerstreben. +Jeder suche sich seine Heringsköpfe und greife nicht vor der Sagazität +der andern, die, vom richtigen Appetit geleitet, schon die ihrigen +finden werden.</p> + +<p>So schließe ich diese Episode meines Lebens die —</p> + +<p><em class="gesperrt">(Mak. Bl.)</em> — — nichts verdrießlicher für einen Historiographen oder +Biographen, als wenn er, wie auf einem wilden Füllen reitend, hin und +her sprengen muß, über Stock und Stein, über Äcker und Wiesen, immer +nach gebahnten Wegen trachtend, niemals sie erreichend. So geht es dem, +der es unternommen, für dich, geliebter Leser, das aufzuschreiben, was +er von dem wunderlichen Leben des Kapellmeisters Johannes Kreisler +erfahren. Gern hätte er angefangen: In dem kleinen Städtchen N. oder B. +oder K., und zwar am Pfingstmontage oder zu Ostern des und des Jahres +erblickte Johannes Kreisler das Licht der Welt! — Aber solche schöne +chronologische Ordnung kann gar nicht aufkommen, da dem unglücklichen +Erzähler nur mündlich, brockenweis mitgeteilte Nachrichten zu Gebote +stehen, die er, um nicht das Ganze aus dem Gedächtnisse zu verlieren, +sogleich verarbeiten muß. Wie es eigentlich mit der Mitteilung dieser +<a class="pagenum" name="page_46">46</a>Nachrichten herging, sollst du, sehr lieber Leser! noch vor dem Schlusse +des Buchs erfahren, und dann wirst du vielleicht das rhapsodische Wesen +des Ganzen entschuldigen, vielleicht aber auch meinen, daß, trotz des +Anscheins der Abgerissenheit, doch ein fester durchlaufender Faden alle +Teile zusammenhalte.</p> + +<p>Eben in diesem Augenblick ist nichts anders zu erzählen, als daß nicht +lange nachher, als Fürst Irenäus in Sieghartsweiler sich niedergelassen, +an einem schönen Sommerabend Prinzessin Hedwiga und Julia in dem +anmutigen Park Sieghartshof lustwandelten. Wie ein goldner Schleier lag +der Schein der sinkenden Sonne ausgebreitet über dem Walde. Kein +Blättlein rührte sich. In ahnungsvollem Schweigen harrten Baum und +Gebüsch, daß der Abendwind komme und mit ihnen kose. Nur das Getöse des +Waldbachs, der über weiße Kiesel fortbrauste, unterbrach die tiefe +Stille. Arm in Arm verschlungen, schweigend, wandelten die Mädchen fort +durch die schmalen Blumengänge, über die Brücken, die über die +verschiedenen Schlingungen des Bachs führten, bis sie an das Ende des +Parks, an den großen See kamen, in dem sich der ferne Geierstein mit +seinen malerischen Ruinen abspiegelte.</p> + +<p>„Es ist doch schön!“ rief Julia recht aus voller Seele. Laß uns, sprach +Hedwiga, in die Fischerhütte treten. Die Abendsonne brennt entsetzlich +und drinnen ist die Aussicht nach dem Geierstein aus dem mittlern +Fenster noch schöner als hier, da die Gegend dort nicht Panorama, +sondern in gruppierter Ansicht, wahrhaftes Bild erscheint.</p> + +<p>Julia folgte der Prinzessin, die, kaum hineingetreten und zum Fenster +hinausschauend, sich nach Crayon und Papier sehnte, um die Aussicht in +der Beleuchtung zu zeichnen, welche sie ungemein pikant nannte.</p> + +<p>Ich möchte, sprach Julia, ich möchte dich beinahe um deine +Kunstfertigkeit beneiden, Bäume und Gebüsche, Berge, Seen, so ganz nach +der Natur zeichnen zu können. Aber ich weiß es schon, könnte ich auch so +hübsch zeichnen als du, doch würd' es mir niemals gelingen, eine +Landschaft nach der Natur aufzunehmen, und zwar um desto weniger, je +herrlicher der Anblick. Vor lauter Freude und Entzücken des Schauens +würd' ich gar nicht zur Arbeit kommen. — Der Prinzessin Antlitz +überflog bei diesen Worten Julia's ein gewisses Lächeln, das bei einem +sechzehnjährigen Mädchen bedenklich genannt werden dürfte. Meister +Abraham, der im Ausdruck zuweilen etwas seltsam, meinte, solch +Muskelspiel im Gesicht sei dem Wirbel zu vergleichen <a class="pagenum" name="page_47">47</a>auf der Oberfläche +des Wassers, wenn sich in der Tiefe etwas Bedrohliches rührt. — Genug, +Prinzessin Hedwiga lächelte; indem sie aber die Rosenlippen öffnete, um +der sanften unkünstlerischen Julia etwas zu entgegnen, ließen sich ganz +in der Nähe Akkorde hören, die so stark und wild angeschlagen wurden, +daß das Instrument kaum eine gewöhnliche Guitarre zu sein schien.</p> + +<p>Die Prinzessin verstummte, und beide, sie und Julia, eilten vor das +Fischerhaus.</p> + +<p>Nun vernahmen sie eine Weise nach der andern, verbunden durch die +seltsamsten Übergänge, durch die fremdartigste Akkordenfolge. Dazwischen +ließ sich eine sonore männliche Stimme hören, die bald alle Süßigkeit +des italienischen Gesanges erschöpfte, bald, plötzlich abbrechend, in +ernste düstere Melodien fiel, bald rezitativisch, bald mit starken +kräftig akzentierten Worten dreinsprach. —</p> + +<p>Die Guitarre wurde gestimmt — dann wieder Akkorde — dann wieder +abgebrochen und gestimmt — dann heftige, wie im Zorn ausgesprochene +Worte — dann Melodien — dann aufs neue gestimmt. —</p> + +<p>Neugierig auf den seltsamen Virtuosen, schlichen Hedwiga und Julia näher +heran, bis sie einen Mann in schwarzer Kleidung gewahrten, der, den +Rücken ihnen zugewendet, auf einem Felsstück dicht an dem See saß, und +das wunderliche Spiel trieb, mit Singen und Sprechen.</p> + +<p>Eben hatte er die Guitarre ganz und gar umgestimmt, auf ungewöhnliche +Weise, und versuchte nun einige Akkorde, dazwischen rufend: Wieder +verfehlt — keine Reinheit — bald ein Komma zu tief, bald ein Komma zu +hoch! —</p> + +<p>Dann faßte er das Instrument, das er von dem blauen Bande, an dem es +ihm um die Schultern hing, losgenestelt, mit beiden Händen, hielt es vor +sich hin und begann: Sage mir, du kleines eigensinniges Ding, wo ruht +eigentlich dein Wohllaut, in welchem Winkel deines Innersten hat sich +die reine Skala verkrochen? — Oder willst du dich vielleicht auflehnen +gegen deinen Meister und behaupten, sein Ohr sei totgehämmert worden in +der Schmiede der gleichschwebenden Temperatur, und seine Enharmonik nur +ein kindisches Vexierspiel? Du verhöhnst mich, glaub' ich, unerachtet +ich den Bart viel besser geschoren trage, als Meister Stefano Pacini, +<span class="antiqua">detto il Venetiano</span>, der die Gabe des Wohllauts in dein Innerstes legte, +die mir ein unerschließbares Geheimnis bleibt. Und, liebes Ding, daß du +es nur weißt, willst du den unisonierenden Dualismus von Gis und As oder +<a class="pagenum" name="page_48">48</a>Cis und Des — oder vielmehr sämtlicher Töne durchaus nicht verstatten, +so schicke ich dir neue tüchtige deutsche Meister auf den Hals, die +sollen dich ausschelten, dich kirre machen mit unharmonischen Worten. +— Und du magst dich nicht deinem Stefano Pacini in die Arme werfen, du +magst nicht wie ein keifendes Weib das letzte Wort behalten wollen. +— Oder bist du vielleicht gar dreist und stolz genug, zu meinen, daß +alle schmucken Geister, die in dir wohnen, nur dem gewaltigen Zauber der +Magier folgen, die längst von der Erde gegangen, und daß in den Händen +eines Hasenfußes —</p> + +<p>Bei dem letzten Worte hielt der Mann plötzlich inne, sprang auf und +schaute wie in tiefen Gedanken versunken, in den See hinein. — Die +Mädchen, gespannt durch des Mannes seltsames Beginnen, standen wie +eingewurzelt hinter dem Gebüsch; sie wagten kaum zu atmen.</p> + +<p>Die Guitarre, brach der Mann endlich los, ist doch das miserabelste, +unvollkommenste Instrument von allen Instrumenten, nur wert, von +girrenden liebeskranken Schäfern in die Hand genommen zu werden, die das +Emboucheur zur Schalmei verloren haben, da sie sonst es vorziehen +würden, erklecklich zu blasen, das Echo zu wecken mit den Kuhreigen der +süßesten Sehnsucht, und klägliche Melodien entgegenzusenden den +Emmelinen in den weiten Bergen, die das liebe Vieh zusammentreiben mit +dem lustigen Geknalle empfindsamer Hetzpeitschen. — O Gott! — Schäfer, +die „wie ein Ofen seufzen mit Jammerlied auf ihrer Liebsten Brau'n“ +— lehrt ihnen, daß der Dreiklang aus nichts anderm bestehe, als aus drei +Klängen, und niedergestoßen werde durch den Dolchstich der Septime, und +gebt ihnen die Guitarre in die Hände! — Aber ernsten Männern von +leidlicher Bildung, von vorzüglicher Erudition, die sich abgegeben mit +griechischer Weltweisheit und wohl wissen, wie es am Hofe zu Peking oder +Nanking zugeht, aber den Teufel was verstehen von Schäferei und +Schafzucht, was soll denen das Ächzen und Klimpern? — Hasenfuß, was +beginnst du? Denke an den seligen Hippel, welcher versichert, daß, säh' +er einen Mann Unterricht erteilen im Klavierschlagen, es ihm zu Mute +werde als sötte besagter Lehrherr weiche Eier — und nun Guitarre +klimpern — Hasenfuß! — Pfui Teufel! — Damit schleuderte der Mann das +Instrument weit von sich ins Gebüsch und entfernte sich raschen +Schrittes, ohne die Mädchen zu bemerken.</p> + +<p>Nun, rief Julia nach einer Weile lachend, Hedwiga, was sagst Du zu +dieser verwunderlichen Erscheinung? Wo mag der seltsame Mann her sein, +der erst so hübsch mit seinem Instrument zu sprechen <a class="pagenum" name="page_49">49</a>weiß und es dann +verächtlich von sich wirft, wie eine zerbrochene Schachtel?</p> + +<p>Es ist unrecht, sprach Hedwiga wie im plötzlich aufwallenden Zorn, indem +ihre verbleichten Wangen sich blutrot färbten, daß der Park nicht +verschlossen ist, daß jeder Fremde hinein kann.</p> + +<p>Wie, erwiderte Julia, der Fürst sollte, meinst Du, engherzig, den +Sieghartsweilern — nein, nicht diesen allein, jedem, der des Weges +wandelt, gerade den anmutigsten Fleck der ganzen Gegend verschließen? +Das ist unmöglich Deine ernste Meinung! — Du bedenkst, fuhr die +Prinzessin noch bewegter fort, die Gefahr nicht, die für uns daraus +entsteht. Wie oft wandeln wir so wie heute allein, entfernt von aller +Dienerschaft, in den entlegensten Gängen des Waldes umher! — Wie, wenn +einmal irgendein Bösewicht —</p> + +<p>Ei, unterbrach Julia die Prinzessin, ich glaube gar, Du fürchtest, aus +diesem, jenem Gebüsch könnte irgendein ungeschlachter, märchenhafter +Riese, oder ein fabelhafter Raubritter hervorspringen und uns entführen +auf seine Burg! — Nun, das wolle der Himmel verhüten! — Aber sonst muß +ich Dir gestehen, daß mir irgendein kleines Abenteuer hier in dem +einsamen romantischen Walde recht hübsch, recht anmutig bedünken möchte. +— Ich denke eben an Shakespeares „Wie es Euch gefällt“, das uns die +Mutter so lange nicht in die Hände geben wollte, und das uns endlich +Lothario vorgelesen. Was gilt es, Du würdest auch gern ein bißchen Celia +spielen, und ich wollte Deine treue Rosalinde sein. — Was machen wir +aus unserm unbekannten Virtuosen?</p> + +<p>O, erwiderte die Prinzessin, eben dieser unbekannte Mensch — Glaubst +du wohl, Julia, daß mir seine Gestalt, seine wunderlichen Reden ein +inneres Grauen erregten, das mir unerklärlich ist? — Noch jetzt +durchbeben mich Schauer, ich erliege beinahe einem Gefühl, das, seltsam +und entsetzlich zugleich, alle meine Sinne gefangen nimmt. In dem +tiefsten, dunkelsten Gemüt regt sich eine Erinnerung auf und ringt +vergebens sich deutlich zu gestalten. — Ich sah diesen Menschen schon +in irgendeine fürchterliche Begebenheit verflochten, die mein Herz +zerfleischte — vielleicht war es nur ein spukhafter Traum, dessen +Andenken mir geblieben — Genug — der Mensch mit seinem seltsamen +Beginnen, mit seinen wirren Reden, deuchte mir ein bedrohliches, +gespenstisches Wesen, das uns vielleicht verlocken wollte in +verderbliche Zauberkreise.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_50">50</a>Welche Einbildungen, rief Julia, ich für mein Teil verwandle das +schwarze Gespenst mit der Guitarre in den Monsieur Jacques, oder gar in +den ehrlichen Probstein, dessen Philosophie beinahe so lautet, wie die +wunderlichen Reden des Fremden. — Doch hauptsächlich ist es nun nötig, +die arme Kleine zu retten, die der Barbar so feindselig in das Gebüsch +geschleudert hat. —</p> + +<p>Julia — was beginnst Du — um des Himmels willen! rief die Prinzessin; +doch ohne auf sie zu achten, schlüpfte Julia hinein in das Dickicht und +kam nach wenigen Augenblicken triumphierend, die Guitarre, die der +Fremde weggeworfen, in der Hand, zurück.</p> + +<p>Die Prinzessin überwand ihre Scheu und betrachtete sehr aufmerksam das +Instrument, dessen seltsame Form schon von hohem Alter zeugte, hätte das +auch nicht die Jahreszahl und der Name des Meisters bestätigt, den man +durch die Schallöffnung auf dem Boden deutlich wahrnahm. Schwarz +eingeätzt waren nämlich die Worte: <span class="antiqua">Stefano Pacini fec. Venet. 1532.</span></p> + +<p>Julia konnte es nicht unterlassen, sie schlug einen Akkord auf dem +zierlichen Instrument an, und erschrak beinahe über den mächtigen, +vollen Klang, der aus dem kleinen Dinge heraustönte. O herrlich +— herrlich! rief sie aus und spielte weiter. Da sie aber gewohnt, nur +ihren Gesang mit der Guitarre zu begleiten, so konnte es nicht fehlen, +daß sie bald unwillkürlich zu singen begann, indem sie weiter +fortwandelte. Die Prinzessin folgte ihr schweigend. Julia hielt inne; da +sprach Hedwiga: Singe, spiele auf dem zauberischen Instrumente, +vielleicht gelingt es Dir, die bösen, feindlichen Geister, die Macht +haben wollten über mich, hinabzubeschwören in den Orkus.</p> + +<p>Was willst Du, erwiderte Julia, mit Deinen bösen Geistern, die sollen +uns beiden fremd sein und bleiben, aber singen will ich und spielen; +denn ich wüßte nicht, daß jemals mir ein Instrument so zur Hand gewesen, +mir überhaupt so zugesagt hätte, als eben dieses. Mir scheint auch, als +wenn meine Stimme viel besser dazu laute als sonst. — Sie begann eine +bekannte italienische Canzonetta und verlor sich in allerlei zierliche +Melismen, gewagte Läufe und Capriccios, Raum gebend dem vollen Reichtum +der Töne, der in ihrer Brust ruhte.</p> + +<p>War die Prinzessin erschrocken über den Anblick des Unbekannten, so +erstarrte Julia zur Bildsäule, als er, da sie eben in einen andern Gang +einbiegen wollte, plötzlich vor ihr stand.</p> + +<p>Der Fremde, wohl an dreißig Jahre alt, war nach dem Zuschnitt der +letzten Mode schwarz gekleidet. In seinem ganzen Anzuge fand <a class="pagenum" name="page_51">51</a>sich +durchaus nichts Sonderbares, Ungewöhnliches, und doch hatte sein Ansehen +etwas Seltsames, Fremdartiges. Trotz der Sauberkeit seiner Kleidung war +eine gewisse Nachlässigkeit sichtbar, die weniger von Mangel an +Sorgfalt, als davon herzurühren schien, daß der Fremde gezwungen worden, +einen Weg zu machen, auf den er nicht gerechnet, und zu dem sein Anzug +nicht paßte. Mit aufgerissener Weste, das Halstuch nur leicht +umschlungen, die Schuhe dick bestäubt, auf denen die goldnen Schnällchen +kaum sichtbar, stand er da, und närrisch genug sah es aus, daß er an dem +kleinen dreieckigen Hütchen, das nur bestimmt, unter den Armen getragen +zu werden, die hintere Krempe herabgeschlagen hatte, um sich gegen die +Sonne zu schützen. Er hatte sich durchgedrängt durch das tiefste +Dickicht des Parks, denn sein wirres schwarzes Haar hing voller +Tannadeln. Flüchtig schaute er die Prinzessin an und ließ dann den +seelenvollen leuchtenden Blick seiner großen dunkeln Augen auf Julia +ruhen, deren Verlegenheit noch dadurch erhöht wurde, so daß ihr, wie es +in dergleichen Fällen ihr zu geschehen pflegte, die Tränen in die Augen +traten.</p> + +<p>„Und diese Himmelstöne,“ begann der Fremde endlich mit weicher, sanfter +Stimme, „schweigen vor meinem Anblick und zerfließen in Tränen?“</p> + +<p>Die Prinzessin, den ersten Eindruck, den der Fremde auf sie gemacht, mit +Gewalt niederkämpfend, blickte ihn stolz an und sprach dann mit beinahe +schneidendem Ton: Allerdings überrascht uns Ihre plötzliche Erscheinung, +mein Herr! man erwartet um diese Zeit keine Fremden mehr im fürstlichen +Park. — Ich bin die Prinzessin Hedwiga. —</p> + +<p>Der Fremde hatte sich, sowie die Prinzessin zu sprechen begann, rasch zu +ihr gewendet und schaute ihr jetzt in die Augen, aber sein ganzes +Antlitz schien ein anderes worden. — Vertilgt war der Ausdruck +schwermütiger Sehnsucht, vertilgt jede Spur des tief im Innersten +aufgeregten Gemüts, ein toll verzerrtes Lächeln steigerte den Ausdruck +bitterer Ironie bis zum Possierlichen, bis zum Skurrilen. — Die +Prinzessin blieb, als träfe sie ein elektrischer Schlag, mitten in der +Rede stecken und schlug, blutrot im ganzen Gesicht, die Augen nieder.</p> + +<p>Es schien, als wollte der Fremde etwas sagen, in dem Augenblick begann +indessen Julia: Bin ich nicht ein dummes, törichtes Ding, daß ich +erschrecke, daß ich weine wie ein kindisches Kind, das man ertappt über +dem Naschen? — Ja, mein Herr, ich habe genascht, <ins title="ier">hier</ins> die trefflichsten +Töne weggenascht von Ihrer Guitarre — die <a class="pagenum" name="page_52">52</a>Guitarre ist an allem schuld +und unsere Neugier! — Wir haben Sie belauscht, wie Sie mit dem kleinen +Dinge so hübsch zu sprechen wußten, und wie Sie dann im Zorn die Arme +wegschleuderten in das Gebüsch, daß sie im lauten Klageton aufseufzte, +auch das haben wir gesehen. Und das ging mir so recht tief ins Herz, ich +mußte hinein in das Dickicht und das schöne, liebliche Instrument +aufheben. — Nun, Sie wissen wohl, wie Mädchen sind, ich klimpere etwas +auf der Guitarre und da fuhr es mir in die Finger — ich konnt' es nicht +lassen. — Verzeihen Sie mir, mein Herr, und empfangen Sie Ihr Instrument +zurück.</p> + +<p>Julia reichte die Guitarre dem Fremden hin.</p> + +<p>Es ist, sprach der Fremde, ein sehr seltnes klangvolles Instrument, noch +aus alter, guter Zeit her, das nur in meinen ungeschickten Händen — doch +was Hände — was Hände! — Der wunderbare Geist des Wohllauts, der +diesem kleinen seltsamen Dinge befreundet, wohnt auch in meiner Brust, +aber eingepuppt, keiner freien Bewegung mächtig; doch aus Ihrem Innern, +mein Fräulein, schwingt er sich auf zu den lichten Himmelsräumen, in +tausend schimmernden Farben, wie das glänzende Pfauenauge. — Ha! mein +Fräulein, als Sie sangen, aller sehnsüchtige Schmerz der Liebe, alles +Entzücken süßer Träume, die Hoffnung, das Verlangen, wogte durch den +Wald und fiel nieder wie erquickender Tau in die duftenden Blumenkelche, +in die Brust horchender Nachtigallen! — Behalten Sie das Instrument, +nur Sie gebieten über den Zauber, der in ihm verschlossen!</p> + +<p>Sie warfen das Instrument fort, erwiderte Julia hoch errötend.</p> + +<p>Es ist wahr, sprach der Fremde, indem er mit Heftigkeit die Guitarre +ergriff und an seine Brust drückte, ich warf es fort und empfange es +geheiligt zurück; nie kommt es mehr aus meinen Händen. —</p> + +<p>Plötzlich verwandelte sich nun das Antlitz des Fremden wieder in jene +skurrile Larve, und er sprach mit hohem, schneidenden Ton: Eigentlich +hat mir das Schicksal oder mein Kakodämon einen sehr bösen Streich +gespielt, daß ich hier so ganz <span class="antiqua">ex abrupto</span>, wie die Lateiner und noch +andere ehrliche Leute sagen, vor Ihnen erscheinen muß, meine +hochverehrtesten Damen! — O Gott, gnädigste Prinzessin, riskieren Sie +es, mich anzuschauen von Kopf bis zu Fuß. Sie werden dann aus meinem +Ajustement zu entnehmen geruhen, daß ich mich auf einer großen +Visitenfahrt befinde. — Ha! ich gedachte eben bei Sieghartsweiler +vorzufahren und der guten Stadt, wo nicht meine Person, doch wenigstens +eine Visitenkarte abzugeben. — O Gott! fehlt es mir denn an +<a class="pagenum" name="page_53">53</a>Konnexionen, meine gnädigste Prinzessin? — War nicht sonst der +Hofmarschall Dero Herrn Vaters mein Intimus? — Ich weiß es, sah er mich +hier, so drückte er mich an seine Atlasbrust und sagte gerührt, indem er +mir eine Prise darbot: Hier sind wir unter uns, mein Lieber, hier kann +ich meinem Herzen und den angenehmsten Gesinnungen freien Lauf lassen. +— Audienz hätte ich erhalten bei dem gnädigsten Herrn Fürsten Irenäus, +und wäre auch Ihnen vorgestellt worden, o Prinzessin! Vorgestellt worden +auf eine Weise, daß ich mein bestes Gespann von Septime-Akkorden gegen +eine Ohrfeige setze, ich hätte Ihre Huld erworben! — Aber nun! — hier +im Garten am unschicklichsten Orte, zwischen Ententeich und +Froschgraben, muß ich mich selbst präsentieren, mir zum ewigen Malheur! +— O Gott, könnt' ich nur was weniges hexen, <ins title="könnt">könnt'</ins> ich nur <span class="antiqua">subito</span> diese +edle Zahnstocherbüchse (er zog eine aus der Westentasche hervor) +verwandeln in den schmuckesten Kammerherrn des Irenäusschen Hofes, +welcher mich beim Fittich nähme und spräche: Gnädigste Prinzessin, hier +ist der und der! — Aber nun! — <span class="antiqua">che far', che dir'!</span> — Gnade — Gnade, o +Prinzessin! o Damen! — — o Herren!</p> + +<p>Damit warf sich der Fremde vor der Prinzessin nieder und sang mit +kreischender Stimme: <span class="antiqua">Ah pietà, pietà Signora!</span></p> + +<p>Die Prinzessin faßte Julien und rannte mit ihr unter dem lauten Ausruf: +Es ist ein Wahnsinniger, ein Wahnsinniger, der dem Tollhause +entsprungen! so schnell von dannen, als sie es nur vermochte.</p> + +<p>Dicht vor dem Lustschlosse kam die Rätin Benzon den Mädchen entgegen, +die atemlos ihr beinahe zu Füßen sanken. „Was ist geschehen, um des +Himmels willen, was ist Euch geschehen, was bedeutet die übereilte +Flucht?“ So fragte sie. Die Prinzessin vermochte, außer sich, verstört, +wie sie war, nur in abgebrochenen Reden etwas von einem Wahnsinnigen +herzustammeln, der sie überfallen. Julia erzählte ruhig und besonnen, +wie sich alles begeben, und schloß damit, daß sie den Fremden durchaus +nicht für wahnsinnig, sondern nur für einen ironischen Schalk, wirklich +für eine Art von Monsieur Jacques halte, der zur Komödie im Ardenner +Walde passe.</p> + +<p>Die Rätin Benzon ließ sich alles nochmals wiederholen, sie fragte nach +dem kleinsten Umstande, sie ließ sich den Fremden beschreiben in Gang, +Stellung, Gebärde, Ton der Sprache usw. Ja, rief sie dann, es ist nur zu +gewiß, er ist es, er ist es selbst, kein anderer kann — darf es sein!</p> + +<p>Wer — wer ist es? fragte die Prinzessin ungeduldig.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_54">54</a>Ruhig, liebe Hedwiga, erwiderte die Benzon, Sie haben Ihren Atem umsonst +verkeucht; kein Wahnsinniger ist dieser Fremde, der Ihnen so bedrohlich +erschien. Welchen bittern, unziemlichen Scherz er sich auch seiner +barocken Manier gemäß erlaubte, so glaube ich doch, daß Sie sich mit ihm +aussöhnen werden.</p> + +<p>Nimmermehr, rief die Prinzessin, sehe ich ihn wieder, den — unbequemen +Narren.</p> + +<p>Ei Hedwiga, sprach die Benzon lachend, welcher Geist gab Ihnen das Wort, +unbequem, ein, das nach dem, was vorgegangen, viel besser paßt, als Sie +vielleicht selbst glauben und ahnen mögen.</p> + +<p>Ich weiß auch gar nicht, begann Julia, wie Du auf den Fremden so zürnen +magst, liebe Hedwiga? — Selbst in seinem närrischen Tun, in seinen +wirren Reden, lag etwas, das auf seltsame und gar nicht unangenehme +Weise mein Innerstes anregte. Wohl Dir, erwiderte die Prinzessin, indem +ihr die Tränen in die Augen traten, daß Du so ruhig sein kannst und +unbefangen, aber mir zerschneidet der Hohn des entsetzlichen Menschen +das Herz! — Benzon, wer ist es, wer ist der Wahnsinnige? „Mit zwei +Worten,“ sprach die Benzon, „erkläre ich alles. Als ich mich vor fünf +Jahren in …“</p> + +<p><em class="gesperrt">(M. f. f.)</em> — mich überzeugte, daß in einem echten, tiefen Dichtergemüt +auch kindliche Tugend wohnt und Mitleid mit dem Bedrängnis der Genossen.</p> + +<p>Eine gewisse Schwermut, wie sie oft junge Romantiker befällt, wenn sie +den Entwicklungskampf der großen erhabenen Gedanken in ihrem Innern +bestehen, trieb mich in die Einsamkeit. Unbesucht blieben mehrere Zeit +hindurch Dach, Keller und Boden. Ich empfand mit jenem Dichter die süßen +idyllischen Freuden im kleinen Häuschen am Ufer eines murmelnden Bachs, +umschattet von düster belaubten Hängebirken und Trauerweiden, und blieb, +mich meinen Träumen hingebend, unter dem Ofen. So kam es aber, daß ich +Mina, die süße, schöngefleckte Mutter, nicht wiedersah. — In den +Wissenschaften fand ich Trost und Beruhigung. O, es ist etwas Herrliches +um die Wissenschaften! — Dank, glühender Dank dem edlen Mann, der sie +erfunden! — Wie viel herrlicher, wie viel nützlicher ist diese +Erfindung, als jene des entsetzlichen Mönchs, der zuerst es unternahm, +Pulver zu fabrizieren, ein Ding, das mir, seiner Natur und Wirkung nach, +in den Tod zuwider. Die richtende Nachwelt hat auch den Barbaren, den +höllischen Barthold, gestraft mit höhnender Verachtung, indem man noch +heutigen Tages, um einen scharfsinnigen Gelehrten, einen <a class="pagenum" name="page_55">55</a>umschauenden +Statistiker, kurz, jeden Mann von exquisiter Bildung, recht hoch zu +stellen, sprichwörtlich sagt: Er hat das Pulver nicht erfunden!</p> + +<p>Zur Belehrung der hoffnungsvollen Katerjugend, kann ich nicht unbemerkt +lassen, daß ich, wollte ich studieren, mit zugedrückten Augen in die +Bibliothek meines Meisters sprang, und dann das Buch, was ich +angekrallt, herauszupfte und durchlas, mochte es einen Inhalt haben wie +es wollte. Durch diese Art zu studieren gewann mein Geist diejenige +Biegsamkeit und Mannigfaltigkeit, mein Wissen den bunten glänzenden +Reichtum, den die Nachwelt an mir bewundern wird. Der Bücher, die ich in +dieser Periode des dichterischen Schwermuts hintereinander las, will ich +hier nicht erwähnen, teils, weil sich dazu eine schicklichere Stelle +vielleicht finden wird, teils, weil ich auch die Titel davon vergessen, +und dies wieder gewissermaßen darum, weil ich die Titel meistenteils +nicht gelesen, und also nie gewußt habe. — Jedermann wird mit dieser +Erklärung zufrieden sein, und mich nicht biographischen Leichtsinnes +anklagen.</p> + +<p>Mir standen neue Erfahrungen bevor.</p> + +<p>Eines Tages, als mein Meister eben in einen großen Folianten vertieft +war, den er vor sich aufgeschlagen, und ich dicht bei ihm unter dem +Schreibtisch, auf einem Bogen des schönsten Royalpapiers liegend, mich +in griechischer Schrift versuchte, die mir vorzüglich in der Pfote zu +liegen schien, trat rasch ein junger Mann hinein, den ich schon mehrmals +bei dem Meister gesehen, und der mich mit freundlicher Hochachtung, ja +mit der wohltuenden Verehrung behandelte, die dem ausgezeichneten +Talent, dem entschiedenen Genie gebührt. Denn nicht allein, daß er +jedesmal, nachdem er den Meister begrüßt, zu mir sprach: Guten Morgen +Kater! so kraute er mir auch jedesmal mit leichter Hand hinter den +Ohren, und streichelte mir sanft den Rücken, so daß ich in diesem +Betragen wahre Aufmunterung fand, meine innern Gaben leuchten zu lassen +vor der Welt.</p> + +<p>Heute sollte sich alles anders gestalten!</p> + +<p>Wie sonst niemals sprang nämlich heute dem jungen Mann ein schwarzes +zottiges Ungeheuer mit glühenden Augen nach zur Türe hinein, und als es +mich erblickte, gerade auf mich zu. Mich überfiel eine unbeschreibliche +Angst, mit einem Satz war ich auf dem Schreibtisch meines Meisters, und +stieß Töne des Entsetzens und der Verzweiflung aus, als das Ungeheuer +hoch hinaufsprang nach dem Tisch, und dazu einen mörderlichen Lärm +machte. Mein guter Meister, dem <a class="pagenum" name="page_56">56</a>um mich bange, nahm mich auf den Arm, +und steckte mich unter den Schlafrock. Doch der junge Mann sprach: „Seid +doch nur ganz unbesorgt, lieber Meister Abraham! Mein Pudel tut keiner +Katze was, er will nur spielen. Setzt den Kater nur hin, sollt Euch +freuen wie die Leutchen miteinander Bekanntschaft machen werden, mein +Pudel und Euer Kater.</p> + +<p>Mein Meister wollte mich wirklich niedersetzen, ich klammerte mich aber +fest an, und begann kläglich zu lamentieren, wodurch ich es denn +wenigstens dahin brachte, daß der Meister mich, als er sich niederließ, +dicht neben sich auf dem Stuhle litt.</p> + +<p>Ermutigt durch meines Meisters Schutz, nahm ich, auf den Hinterpfoten +sitzend, den Schweif umschlungen, eine Stellung an, deren Würde, deren +edler Stolz meinem vermeintlichen schwarzen Gegner imponieren mußte. Der +Pudel setzte sich vor mir hin auf die Erde, schaute mir unverwandt ins +Auge, und sprach zu mir in abgebrochnen Worten, die mir freilich +unverständlich blieben. Meine Angst verlor sich nach und nach ganz und +gar, und ruhig geworden im Gemüt, vermochte ich zu bemerken, daß in dem +Blick des Pudels nichts zu entdecken, als Gutmütigkeit und biederer +Sinn. Unwillkürlich fing ich an, meine zum Vertrauen geneigte +Seelenstimmung durch sanftes Hin- und Herbewegen des Schweifes an den +Tag zu legen, und sogleich begann auch der Pudel mit dem kurzen +Schweiflein zu wedeln auf die anmutigste Weise.</p> + +<p>O! mein Inneres hatte ihn angesprochen, nicht zu zweifeln war an dem +Anklang unserer Gemüter! — Wie, sprach ich zu mir selbst, wie konnte +dich das ungewohnte Betragen dieses Fremden so in Furcht und Schrecken +setzen? — Was bewies dieses Springen, dieses Klaffen, dieses Toben, +dieses Rennen, dieses Heulen anders als den in Liebe und Lust, in der +freudigen Freiheit des Lebens heftig und mächtig bewegten Jüngling? — O +es wohnt Tugend, edle Pudeltümlichkeit in jener schwarz bepelzten Brust! +— Durch diese Gedanken erkräftigt, beschloß ich, den ersten Schritt zu +tun zu näherer engerer Einigung unserer Seelen, und herabzusteigen von +dem Stuhl des Meisters.</p> + +<p>Sowie ich mich erhob und dehnte, sprang der Pudel auf und in der Stube +umher, mit lautem Klaffen! — Äußerungen eines herrlichen +lebenskräftigen Gemüts! — Es war nichts mehr zu befürchten, ich stieg +sogleich herab, und näherte mich behutsam leisen Schrittes dem neuen +Freunde. Wir begannen jenen Akt, der in bedeutender Sym<a class="pagenum" name="page_57">57</a>bolik die nähere +Erkenntnis verwandter Seelen, den Abschluß des aus dem inneren Gemüt +heraus bedingten Bündnisses ausdrückt, und den der kurzsichtige +frevelige Mensch mit dem gemeinen unedlen Ausdruck „Beschnüffeln“, +bezeichnet. Mein schwarzer Freund bezeigte Lust, etwas von den +Hühnerknochen zu genießen, die in meiner Speiseschüssel lagen. So gut +ich es vermochte, gab ich ihm zu verstehen, daß es der Weltbildung, der +Höflichkeit gemäß sei, ihn als meinen Gast zu bewirten. Er fraß mit +erstaunlichem Appetit, während ich von weitem zusah. — Gut war es doch, +daß ich den Bratfisch beiseite gebracht und einmagaziniert unter mein +Lager. — Nach der Tafel begannen wir die anmutigsten Spiele, bis wir +uns zuletzt, ganz ein Herz und eine Seele, umhalsten, und fest +aneinander geklammert, uns einmal über das andere überkugelnd, uns +innige Treue und Freundschaft zuschworen.</p> + +<p>Ich weiß nicht, was dieses Zusammentreffen schöner Seelen, dieses +Einandererkennen herziger Jünglingsgemüter, Lächerliches in sich tragen +konnte; so viel ist aber gewiß, daß beide, mein Meister und der fremde +junge Mann, unaufhörlich aus vollem Halse lachten, zu meinem nicht +geringen Verdruß.</p> + +<p>Auf mich hatte die neue Bekanntschaft einen tiefen Eindruck gemacht, so +daß ich in der Sonne und im Schatten, auf dem Dach und unter dem Ofen, +nichts dachte, nichts sann, nichts träumte, nichts empfand als, Pudel +— Pudel — Pudel! Dadurch ging mir das innerste Wesen des Pudeltums +mächtig auf, mit glänzenden Farben, und durch diese Erkenntnis wurde das +tiefsinnige Werk geboren, dessen ich schon erst erwähnte, nämlich: +Gedanke und Ahnung, oder Kater und Hund. Sitten, Gebräuche, Sprache +beider Geschlechter, entwickelte ich als tief bedingt durch ihr +eigentümlichstes Wesen und bewies, wie beide nur diverse Strahlen, aus +einem Prisma geworfen. Vorzüglich faßte ich den Charakter der Sprache +auf, und bewies, daß da Sprache überhaupt nur symbolische Darstellung +des Naturprinzips in der Gestaltung des Lauts sei, mithin es nur <em class="gesperrt">eine</em> +Sprache geben könne, auch das Kätzische und Hündische in der besondern +Formung des Pudelischen, Zweige eines Baumes wären, von höherem Geist +inspirierte Kater und Pudel sich daher verstünden. Um meinen Satz ganz +ins klare zu stellen, führte ich mehrere Beispiele aus beiden Sprachen +an und machte auf die gleichen Stammwurzeln aufmerksam, von: Bau — Bau +— Mau — Miau — Blaf blaf — Anvau — Korr — Kurr — Ptsi — Pschrzi +usw.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_58">58</a>Nachdem das Buch vollendet, fühlte ich die unwiderstehlichste Lust, das +Pudelische wirklich zu erlernen, welches mir, vermöge meines neu +erworbenen Freundes, des Pudels Ponto, wiewohl nicht ohne Mühe, gelang, +da das Pudelische für uns Kater wirklich eine schwere Sprache. Genies +finden sich indes in alles, und eben diese Genialität ist es, die ein +berühmter menschlicher Schriftsteller verkennt, wenn er behauptet, daß, +um eine fremde Sprache, mit allen Eigentümlichkeiten des Volks, dem +Volke nachzusprechen, man durchaus was weniges ein Narr sein müsse. Mein +Meister hatte freilich dieselbe Meinung, und mochte eigentlich nur die +gelehrte Kenntnis der fremden Sprache statuieren, welche Kenntnis er dem +Parlieren entgegensetzte, worunter er die Fertigkeit verstand, in einer +fremden Sprache über nichts und um nichts reden zu können. Er ging so +weit, daß er das Französisch sprechen unserer Herren und Damen vom Hofe +für eine Art von Krankheit hielt, die, wie kataleptische Zufälle, mit +schrecklichen Symptomen eintrete, und hörte ich ihn diese absurde +Behauptung gegen den Hofmarschall des Fürsten selbst ausführen.</p> + +<p>„Erzeigen Sie,“ sprach Meister Abraham, „mir die Güte, beste Exzellenz, +und beobachten Sie sich selbst! Hat Ihnen der Himmel nicht ein schönes +volltönendes Stimmorgan verliehen, und wenn Ihnen das Französische +ankommt, da beginnen Sie plötzlich zu zischen, zu lispeln, zu schnarren, +und dabei verzerren sich Dero angenehme Gesichtszüge ganz erschrecklich, +und selbst der hübsche, feste, ernste Anstand, dessen Dieselben sonst +mächtig, wird verstört durch allerlei seltsame Konvulsionen. Was kann +dies alles anders bedeuten, als empörtes Treiben irgendeines fatalen +Krankheitskobolds im Innern! — Der Hofmarschall lachte sehr, und zum +Lachen war auch wirklich Meister Abrahams Hypothese von der Krankheit +fremder Sprachen.</p> + +<p>Ein sinnreicher Gelehrter gibt in irgendeinem Buche den Rat, daß man +sich bemühen möge in der fremden Sprache, die man rasch erlernen will, +zu <em class="gesperrt">denken</em>. Der Rat ist vortrefflich, seine Ausführung aber nicht ohne +Gefahr. Es gelang mir nämlich sehr bald, pudelisch zu denken, ich +vertiefte mich aber in diese pudelischen Gedanken so sehr, daß meine +eigentliche Sprachfertigkeit zurückblieb, und ich selbst nicht verstand +was ich dachte. Diese nicht verstandenen Gedanken brachte ich +meistenteils zu Papier, und ich erstaune über die Tiefe dieser Sprache, +die ich unter dem Titel „Akanthusblätter“ gesammelt, und die ich noch +nicht verstehe.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_59">59</a>Ich glaube, daß diese kurzen Andeutungen über die Geschichte meiner +Jugendmonate hinreichen dürften, dem Leser ein deutliches Bild davon zu +geben was ich bin und wie ich es wurde.</p> + +<p>Unmöglich kann ich mich aber von der Blütezeit meines merkwürdigen +ereignisreichen Lebens trennen, ohne noch eines Vorfalls zu erwähnen, +der gewissermaßen meinen Übertritt in die Jahre der reifern Bildung +bezeichnet. Die Katerjugend wird daraus lernen, daß keine Rose ohne +Dornen ist, und daß dem mächtig emporstrebenden Geiste manches Hindernis +gelegt, mancher Stein des Anstoßes in den Weg geworfen wird, an dem er +sich die Pfoten wund stoßen muß. — Und der Schmerz solcher Wunden ist +empfindlich, sehr empfindlich! —</p> + +<p>Gewiß, hast du mich, geliebter Leser, beinahe beneidet um meine +glückliche Jugendzeit, um den günstigen Stern der über mich wachte! — In +Dürftigkeit von vornehmen aber armen Eltern geboren, dem schmachvollen +Tode nahe, komme ich plötzlich in den Schoß des Überflusses, in den +Peruschacht der Literatur! — Nichts stört meine Bildung, nichts +widerstrebt meinen Neigungen, mit Riesenschritten gehe ich der +Vollkommenheit entgegen, die mich hoch erhebt über meine Zeit. Da hält +mich plötzlich ein Zollverwalter an und fordert den Tribut, dem alles +hienieden unterworfen!</p> + +<p>Wer hätte denken sollen, daß unter den Banden der süßesten, innigsten +Freundschaft die Dornen verborgen, die mich ritzen, verwunden, blutig +verwunden mußten!</p> + +<p>Jeder, der ein gefühlvolles Herz im Busen trägt, wie ich, wird aus dem, +was ich über mein Verhältnis mit dem Pudel Ponto gesagt, sehr leicht +entnehmen können, was der Teure mir war, und doch mußte <em class="gesperrt">er</em> es sein, der +den ersten Anlaß gab zu der Katastrophe, die mich gänzlich verderben +konnte, hätte der Geist meines großen Ahnherrn nicht über mich gewacht. +— Ja mein Leser! — ich hatte einen Ahnherrn, einen Ahnherrn, ohne den +ich gewissermaßen gar nicht existieren würde — einen großen +vortrefflichen Ahnherrn, einen Mann von Stande, Ansehen, Vermögen, +ausgebreiteter Wissenschaft, mit einer ganz vortrefflichen Sorte Tugend, +mit der feinsten Menschenliebe begabt, einen Mann von Eleganz und +Geschmack, nach dem neuesten Geschmack — einen Mann der — doch dies +alles jetzt nur beiläufig gesagt, künftig mehr von dem Würdigen, der +niemand anders war, als der berühmte Premierminister Hinz von +Hinzenfeldt, der der Welt so teuer, so über alles wert worden unter dem +Namen des gestiefelten Katers. —</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_60">60</a>Wie gesagt, künftig mehr von dem edelsten der Kater! —</p> + +<p>Konnt' es anders sein; mußt' ich, als ich mich im Pudelischen leicht und +zierlich auszudrücken vermochte, mit meinem Freunde Ponto nicht davon +reden, was mir das Höchste im Leben war, nämlich von mir selbst und von +meinen Werken? So kam es, daß er mit meinen besondern Geistesgaben, mit +meiner Genialität, mit meinem Talent bekannt wurde, und hier entdeckte +ich zu meinem nicht geringen Leid, daß ein unüberwindlicher Leichtsinn, +ja ein gewisser Übermut es dem jungen Ponto unmöglich machte, in den +Künsten und Wissenschaften etwas zu tun. Statt in Erstaunen zu geraten +über meine Kenntnis, versicherte er, daß es gar nicht zu begreifen, wie +ich darauf fallen könnte, mich mit derlei Dingen abzugeben, und daß er +seinerseits, was Künste betreffe, sich lediglich darauf beschränke, über +den Stock zu springen, und seines Herrn Mütze aus dem Wasser zu +apportieren, die Wissenschaften anlangend er aber der Meinung sei, daß +Leute, wie ich und er, sich nur den Magen dabei verdürben und allen +Appetit gänzlich verlören.</p> + +<p>Bei einem solchen Gespräch, in dem ich mich mühte, meinen jungen +leichtsinnigen Freund eines Bessern zu belehren, geschah das +Entsetzliche. Denn ehe ich mir's versah, sprang…</p> + +<p><em class="gesperrt">(Mak. Bl.)</em> — Und immer werden Sie, erwiderte die Benzon, mit dieser +phantastischen Überspanntheit, mit dieser herzzerschneidenden Ironie +nichts anstiften als Unruhe — Verwirrung — völlige Dissonanz aller +konventionellen Verhältnisse, wie sie nun einmal bestehen.</p> + +<p>O wundervoller Kapellmeister, rief Johannes Kreisler lachend, der +solcher Dissonanzen mächtig!</p> + +<p>Seien Sie ernst, fuhr die Rätin fort, Sie entkommen mir nicht durch +bittern Scherz! Ich halte Sie fest, lieber Johannes! — Ja, so will ich +Sie nennen, mit dem sanften Namen Johannes, damit ich wenigstens hoffen +darf, daß hinter der Satyrmaske am Ende ein sanftes, weiches Gemüt +verborgen. Und dann! — nimmermehr werde ich mich davon überzeugen, daß +der bizarre Name: Kreisler, nicht eingeschwärzt, nicht einem ganz andern +Familien-Namen untergeschoben sein sollte!</p> + +<p>Rätin, sprach Kreisler, indem sein ganzes Gesicht in einem seltsamen +Muskelspiel an tausend Falten und Furchen vibrierte, teuerste Rätin, was +haben Sie gegen meinen ehrlichen Namen? — Vielleicht führte ich sonst +einen andern, aber das ist lange her, und mir geht es so wie dem +Ratgeber in Tiecks Blaubart, der da sagt: Ich hatte sonst <a class="pagenum" name="page_61">61</a>einmal einen +ganz vortrefflichen Namen, durch die Länge der Zeit hab' ich ihn fast +vergessen, ich kann mich nur noch dunkel daran erinnern.</p> + +<p>Besinnen Sie sich, Johannes, rief die Rätin, ihn mit leuchtenden Blicken +durchbohrend, der halbvergessene Name kommt Ihnen gewiß wieder in die +Gedanken!</p> + +<p>Durchaus nicht, Teuerste, erwiderte Kreisler, es ist unmöglich, und ich +vermute beinahe, daß die dunkle Erinnerung, wie ich sonst, was eben +meine äußere Gestalt rücksichts des Namens als Lebenspasseport betrifft, +anders gestaltet, aus der angenehmen Zeit herrührt, da ich eigentlich +noch gar nicht geboren. — Erzeigen Sie mir die Güte, +Verehrungswürdigste, betrachten Sie meinen schlichten Namen im gehörigen +Licht, und Sie werden ihn, was Zeichnung, Kolorit und Physiognomie +betrifft, allerliebst finden! Noch mehr! stülpen Sie ihn um, sezieren +Sie ihn mit dem grammatischen Anatomiermesser, immer herrlicher wird +sich sein innerer Gehalt zeigen. Es ist ganz unmöglich, Vortreffliche! +daß Sie meines Namens Abstammung in dem Worte <em class="gesperrt">Kraus</em> finden, und mich, +nach der Analogie des Wortes <em class="gesperrt">Haarkräusler,</em> für einen Tonkräusler, oder +gar für einen Kräusler überhaupt halten können, da ich mich alsdann eben +<em class="gesperrt">Kräusler</em> schreiben müßte. Sie können nicht wegkommen von dem Worte +<em class="gesperrt">Kreis,</em> und der Himmel gebe, daß Sie dann gleich an die wunderbaren +Kreise denken mögen, in denen sich unser ganzes Sein bewegt, und aus +denen wir nicht herauskommen können, wir mögen es anstellen wie wir +wollen. In diesen Kreisen kreiselt sich der Kreisler, und wohl mag es +sein, daß er oft, ermüdet von den Sprüngen des St. Veits-Tanzes, zu dem +er gezwungen, rechtend mit der dunklen unerforschlichen Macht, die jene +Kreise umschrieb, sich mehr als es einem Magen, der ohnedies nur +schwächlicher Konstitution, zusagt, hinaussehnt ins Freie. Und der tiefe +Schmerz dieser Sehnsucht mag nun wieder eben jene Ironie sein, die Sie, +Verehrte! so bitter tadeln, nicht beachtend, daß die kräftige Mutter +einen Sohn gebar, der in das Leben eintritt wie ein gebietender König. +Ich meine den Humor, der nichts gemein hat mit seinem ungeratenen +Stiefbruder, dem Spott! — Ja, sprach die Rätin, eben dieser Humor, +dieser Wechselbalg einer ausschweifenden, grillenhaften Phantasie ohne +Gestalt, ohne Farbe, von dem ihr harten Männerseelen selbst nicht wißt, +für wen ihr ihn ausgeben sollt nach Stand und Würden, eben dieser ist +es, den ihr uns gern als etwas Großes, Herrliches unterschieben möchtet, +wenn <a class="pagenum" name="page_62">62</a>ihr alles, was uns lieb und wert, in bitterm Hohne zu vernichten +trachtet. Wissen Sie wohl, Kreisler, daß Prinzessin Hedwiga noch jetzt +ganz außer sich ist über Ihre Erscheinung, über Ihr Betragen im Park? +Reizbar, wie sie ist, verwundet sie jeder Scherz, in dem sie nur die +leiseste Verspottung ihrer Persönlichkeit findet, überdies aber +beliebten Sie, lieber Johannes, sich ihr als ein vollkommen Wahnsinniger +darzustellen, und ihr so ein Entsetzen zu erregen, das sie hätte auf das +Krankenlager werfen können. Ist das zu entschuldigen?</p> + +<p>Ebensowenig, erwiderte Kreisler, als wenn ein Prinzeßlein es unternimmt, +in dem offnen Park ihres Herrn Papas einem Fremden von honettem Ansehen, +der ihr zufällig begegnet, durch ihre kleine Person imponieren zu +wollen.</p> + +<p>Dem sei wie ihm wolle, fuhr die Rätin fort, genug, Ihre abenteuerliche +Erscheinung in unserm Park hätte böse Folgen haben können. Daß diese +abgewandt, daß die Prinzessin wenigstens sich an den Gedanken gewöhnt +Sie wiederzusehen, alles das haben wir meiner Julia zu verdanken. Sie +allein nimmt Sie in Schutz, indem sie in allem, was Sie begonnen, was +Sie gesprochen, nur den Erguß einer überspannten Laune findet, wie sie +oft einem tief verletzten oder zu reizbaren Gemüt eigen. Mit einem Wort, +Julia, die erst vor kurzer Zeit Shakespeares: „Wie es euch gefällt,“ +kennen gelernt, hat Sie gerade mit dem melancholischen Monsieur Jacques +verglichen.</p> + +<p>O du ahnendes Himmelskind! rief Kreisler, indem ihm die Tränen in die +Augen traten.</p> + +<p>Überdies, sprach die Benzon weiter, hat meine Julia in Ihnen, als Sie +auf der Guitarre phantasierten und, wie sie erzählt, dazwischen sangen +und sprachen, den sublimen Musiker und Komponisten erkannt. Sie meint, +in dem Augenblick sei ihr ein ganz besonderer Geist der Musik +aufgegangen, sie habe, wie von unsichtbarer Macht dazu gezwungen, singen +und spielen müssen, und das sei ihr gar anders geglückt, als sonst +jemals. — Erfahren Sie nur, Julia konnte sich gar nicht darin finden, +daß sie den seltsamen Mann nicht wiedersehen, daß er ihr nur wie ein +anmutig wunderlicher, musikalischer Spuk erschienen sein solle; wogegen +die Prinzessin mit aller ihr eignen Heftigkeit behauptete, daß ein +zweiter Besuch des gespenstischen Wahnsinnigen ihr den Tod geben würde. +Da die Mädchen sonst ein Herz und eine Seele sind, und niemals eine +Entzweiung unter ihnen stattgefunden, so konnt' ich mit vollem Recht +behaupten, daß sich jene Szene aus früher Kindheit umgekehrt wiederhole, +als Julia einen <a class="pagenum" name="page_63">63</a>etwas bizarren Skaramuz, der ihr einbeschert worden, +durchaus in den Kamin werfen wollte, die Prinzessin hingegen ihn in +Schutz nahm und für ihren Liebling erklärte.</p> + +<p>Ich lasse mich, fiel Kreisler der Benzon laut lachend in die Rede, ein +zweiter Skaramuz, von der Prinzessin in den Kamin werfen, und vertraue +der süßen Huld der holden Julia. — Sie müssen, fuhr die Benzon fort, +die Erinnerung an den Skaramuz für einen humoristischen Einfall halten, +und diesen können Sie, Ihrer eigenen Theorie gemäß, nicht übel deuten. +Übrigens mögen Sie es sich wohl vorstellen, daß ich in der Schilderung, +die die Mädchen mir von Ihrer Erscheinung, von dem ganzen Vorfall im +Park machten, Sie augenblicklich wiedererkannte, und daß es Juliens +Sehnsucht Sie wiederzusehen, gar nicht bedurfte; ohnedies hätte ich in +dem nächsten Augenblick alle Leute, die mir zu Gebote standen, in +Bewegung gesetzt, den ganzen Park, ganz Sieghartsweiler durchsuchen +lassen, um Sie, der mir bei kurzer Bekanntschaft so wert geworden, +wiederzufinden. Alle Nachforschungen blieben vergebens, ich glaubte Sie +verloren, um so mehr mußte ich erstaunen, als Sie heute morgen bei mir +eintraten. Julia ist bei der Prinzessin, welch ein Zwiespalt der +verschiedensten Empfindungen würde sich erheben, wenn die Mädchen in +diesem Augenblick Ihre Ankunft erführen. — Was Sie, den ich als +wohlbestallten Kapellmeister an dem Hofe des Großherzogs glaubte, so +plötzlich herbringt, darüber verlange ich nur dann Aufschluß, wenn es +Ihnen recht und gemütlich sein wird, mir darüber etwas zu sagen.</p> + +<p>Kreisler war, als die Rätin dies alles sprach, in tiefes Nachdenken +versunken. Er starrte zur Erde nieder und fingerte an der Stirn wie +einer, der sich auf etwas Vergessenes zu besinnen trachtet.</p> + +<p>Ach, begann er, als die Rätin schwieg, das ist eine sehr alberne +Geschichte, kaum des Erzählens wert. Doch so viel ist gewiß, daß das, +was die kleine Prinzessin für die wirren Reden eines Wahnwitzigen zu +halten geruht hat, in der Wahrheit begründet ist. In der Tat befand ich +mich damals, als ich das Unglück hatte, die kleine Reizbare im Park zu +erschrecken, auf einer Visitenfahrt, denn ich kam eben von einer Visite, +die ich niemanden anders abstattete, als dem Durchlauchtigsten +Großherzoge selbst, und hier in Sieghartsweiler wollte ich nun ja eben +mit den außerordentlichsten, angenehmsten Visiten kontinuieren.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_64">64</a>O Kreisler, rief die Rätin, ein wenig lächelnd, niemals lachte sie stark +und laut, das ist gewiß wieder irgendein bizarrer Einfall, dem Sie +freien Lauf gestattet. Irre ich nicht, so liegt die Residenz wenigstens +dreißig Stunden entfernt von Sieghartsweiler.</p> + +<p>So ist es, erwiderte Kreisler, aber man wandelt in einem Garten, der +mir in solch großem Stil angelegt scheint, daß selbst ein Le Notre +darüber erstaunen müßte. Statuieren Sie nun, Verehrte, nicht meine +Visitenfahrt, so mögen Sie bedenken, daß ein empfindsamer Kapellmeister, +Stimme in Kehle und Brust, Guitarre in der Hand, lustwandelnd durch +duftende Wälder, über frisch grünende Wiesen, über wildgetürmtes +Steingeklüft, über schmale Stege, unter denen die Waldbäche schäumend +fortbrausen, ja, daß ein solcher Kapellmeister als Solosänger +einstimmend in die Chöre, die überall ihn umtönen, sehr leicht +hineingeraten kann in einzelne Partien des Gartens, absichtslos, ohne es +zu wollen. So mag ich hineingeraten sein in den fürstlichen Park zu +Sieghartshof, der nichts ist als eine etwas kleinliche Partie in dem +großen Park, den die Natur anlegte. — Doch nein, es ist dem nicht so! +— Als Sie vorhin davon sprachen, wie ein ganzes lustiges Jägervolk +aufgeboten worden, mich einzufangen als jagdbares Wild, das sich +verlaufen, gewann ich erst die innere feste Überzeugung von der +Notwendigkeit meines Hierseins — eine Notwendigkeit, die mich, hätte ich +auch meinen irren Lauf fortsetzen wollen, ins Garn treiben mußte. — Sie +erwähnten gütigst, daß meine Bekanntschaft Ihnen wert geworden, mußten +mir dabei nicht jene verhängnisvollen Tage der Verwirrung, der +allgemeinen Not einfallen, in denen uns das Schicksal zusammenführte? +Sie fanden mich damals hin und her schwankend, unfähig, einen Entschluß +zu fassen, zerrissen im innersten Gemüt. Sie nahmen mich auf mit +freundlicher Gesinnung, und indem Sie, mir den klaren, wolkenlosen +Himmel einer ruhigen, in sich abgeschlossenen Weiblichkeit auftuend, +mich zu trösten gedachten, tadelten und verziehen Sie zugleich die tolle +Ausgelassenheit meines Treibens, welches Sie einer durch den Drang der +Umstände herbeigeführten trostlosen Verzweiflung zuschrieben. Sie +entzogen mich einer Umgebung, die ich selbst für zweideutig anerkennen +mußte; Ihr Haus wurde das friedliche, freundliche Asyl, in dem ich, +Ihren stillen Schmerz ehrend, den meinigen vergaß. Ihre Gespräche voll +Heiterkeit und Milde wirkten als wohltuende Arznei, ohne daß Sie meine +Krankheit kannten. Nicht die bedrohlichen Ereignisse, die meine Stellung +im Leben vernichten konnten, <a class="pagenum" name="page_65">65</a>waren es, die so feindlich auf mich +wirkten. Längst hatte ich gewünscht, Verhältnisse aufzugeben, die mich +drückten und ängstigten, und nicht zürnen konnte ich auf das Schicksal, +welches das bewirkte, was auszuführen ich selbst so lange nicht Mut und +Kraft genug gehabt hatte. Nein! — Als ich mich frei fühlte, da erfaßte +mich jene unbeschreibliche Unruhe, die, seit meinen frühen Jugendjahren, +so oft mich mit mir selbst entzweit hat. Nicht die Sehnsucht ist es, +die, wie jener tiefe Dichter so herrlich sagt, aus dem höheren Leben +entsprungen, ewig währt, weil sie ewig nicht erfüllt wird, weder +getäuscht noch hintergangen, sondern nur nicht erfüllt, damit sie nicht +sterbe; nein — ein wüstes, wahnsinniges Verlangen bricht oft hervor +nach einem Etwas, das ich in rastlosem Treiben außer mir selbst suche, +da es doch in meinem eigenen Innern verborgen, ein dunkles Geheimnis, +ein wirrer, rätselhafter Traum von einem Paradies der höchsten +Befriedigung, das selbst der Traum nicht zu nennen, nur zu ahnen vermag, +und diese Ahnung ängstigt mich mit den Qualen des Tantalus. Dies Gefühl +bemeisterte sich schon, als ich noch ein Kind, meiner oft so plötzlich, +daß ich mitten aus dem frohsten Spiel mit meinen Kameraden davonlief in +den Wald, auf den Berg, dort mich niederwarf auf die Erde und trostlos +weinte und schluchzte, unerachtet ich eben der Tollste, Ausgelassenste +von allen gewesen. Später lernte ich mich selbst mehr bekämpfen, aber +nicht auszusprechen vermag ich die Marter meines Zustandes, wenn in der +heitersten Umgebung gemütlicher, wohlwollender Freunde, bei irgendeinem +Kunstgenuß, ja selbst in den Momenten, wenn meine Eitelkeit in Anspruch +genommen wurde auf diese, jene Weise, ja! wenn mir dann plötzlich alles +elend, nichtig, farblos, tot erschien und ich mich versetzt fühlte in +eine trostlose Einöde. Nur einen Engel des Lichts gibt es, der Macht hat +über den bösen Dämon. Es ist der Geist der Tonkunst, der oft aus mir +selbst sich siegreich erhebt, und vor dessen mächtiger Stimme alle +Schmerzen irdischer Bedrängnis verstummen. —</p> + +<p>Immer, nahm die Rätin das Wort, habe ich geglaubt, daß die Musik auf +Sie zu stark, mithin verderblich wirke; denn indem bei der Aufführung +irgendeines vortrefflichen Werks Ihr ganzes Wesen durchdrungen schien, +veränderten sich alle Züge Ihres Gesichts. Sie erblaßten, Sie waren +keines Wortes mächtig, Sie hatten nur Seufzer und Tränen, und fielen +dann her mit dem bittersten Spott, mit tief <a class="pagenum" name="page_66">66</a>verletzendem Hohn, über +jeden, der auch nur ein Wort über das Werk des Meisters sagen wollte. +— Ja, wenn —</p> + +<p>O beste Rätin, fiel Kreisler der Benzon ins Wort, indem er, so ernst und +tiefbewegt er zuvor gesprochen, plötzlich den besondern Ton der Ironie +wieder aufnahm, der ihm eigen, das ist nun alles anders geworden. Sie +glauben gar nicht, Verehrte, was ich an dem großherzoglichen Hofe artig +und gescheut geworden bin. Ich kann mit der größten Seelenruhe und +Gemütlichkeit zum Don Juan und zur Armida den Takt schlagen, ich kann +der ersten Sängerin freundlich zuwinken, wenn sie in der merkwürdigsten +Kadenz auf den Sprossen der Tonleiter herumhopst, ich kann, wenn der +Hofmarschall nach Haydn's Jahreszeiten mir zuflüstert: <span class="antiqua">C'etoit bien +ennuyant, mon cher maître de chapelle,</span> lächelnd mit dem Kopfe nicken und +eine bedeutungsvolle Prise nehmen, ja ich kann es geduldig anhören, wenn +der kunstverständige Kammer- und Spektakelherr mir weitläuftig +demonstriert, daß Mozart und Beethoven den Teufel was von Gesang +verstünden, und daß Rossini, Pucitta und wie die Männerchen alle heißen +mögen, sich <span class="antiqua">à la hauteur</span> aller Opernmusik geschwungen. — Ja, Verehrte, +Sie glauben nicht, was ich während meiner Kapellmeisterschaft +profitiert, vorzüglich aber die schöne Überzeugung, wie gut es ist, wenn +Künstler förmlich in Dienst treten; der Teufel und seine Großmutter +könnte es sonst mit dem stolzen, übermütigen Volke aushalten! Laßt den +braven Komponisten Kapellmeister oder Musikdirektor werden, den Dichter +Hofpoet, den Maler Hofporträtisten, den Bildhauer Hofporträtmeißler, und +Ihr habt bald keine unnützen Phantasten mehr im Lande, vielmehr lauter +nützliche Bürger von guter Erziehung und milden Sitten! —</p> + +<p>Still, still, rief die Rätin unmutig, halten Sie ein, Kreisler, Ihr +Steckenpferd fängt wieder an, sich zu bäumen, nach gewöhnlicher Art und +Weise. Übrigens merke ich Unrat, und wünsche jetzt in der Tat recht +sehnlich zu wissen, welch ein schlimmes Ereignis Sie zur schnellen, +übereilten Flucht aus der Residenz nötigte. Denn auf eine solche Flucht +deuten alle Umstände Ihrer Erscheinung im Park.</p> + +<p>Und ich, sprach Kreisler ruhig, indem er seinen Blick fest auf die Rätin +heftete, ich kann versichern, daß das schlimme Ereignis, welches mich +forttrieb aus der Residenz, unabhängig von allen äußern Dingen, nur in +mir selbst lag.</p> + +<p>Eben jene Unruhe, von der ich vorhin vielleicht mehr und ernster +sprach, als gerade nötig, überfiel mich mit stärkerer Macht als je<a class="pagenum" name="page_67">67</a>mals, +es war meines Bleibens nicht länger. — Sie wissen, wie ich mich auf +meine Kapellmeisterschaft bei dem Großherzog freute. Törichterweise +glaubte ich, daß, in der Kunst lebend, meine Stellung eben mich ganz +beschwichtigen, daß der Dämon in meinem Innern besiegt werden würde. Aus +dem wenigen, was ich erst über meine Bildung am großherzoglichen Hofe +angebracht, werden Sie, Verehrte, aber entnehmen, wie sehr ich mich +täuschte. Erlassen Sie mir die Schilderung, wie ich durch fade Spielerei +mit der heiligen Kunst, zu der ich notgedrungen die Hand bieten mußte, +durch die Albernheiten seelenloser Kunstpfuscher, abgeschmackter +Dilettanten, durch das ganze tolle Treiben einer Welt voll +Kunstgliederpuppen, immer mehr und mehr dahin gebracht wurde, die +erbärmliche Nichtswürdigkeit meiner Existenz einzusehen. An einem Morgen +mußt' ich zum Großherzog, um meine Einwirkung bei den Festlichkeiten, +die in den nächsten Tagen stattfinden sollten, zu erfahren. Der +Spektakelherr war, wie natürlich, zugegen und stürmte auf mich ein mit +allerlei sinn- und geschmacklosen Anordnungen, denen ich mich fügen +sollte. Vorzüglich war es ein von ihm selbst verfaßter Prolog, den er, +als höchste Spitze der Theaterfeste, von mir komponiert verlangte. Da +diesmal, so sprach er zum Fürsten, einen stechenden Seitenblick auf mich +werfend, nicht von gelehrter deutscher Musik, sondern von +geschmackvollem italienischen Gesange die Rede sein, so habe er selbst +einige zarte Melodien aufgesetzt, die ich gehörig anzubringen hätte. Der +Großherzog genehmigte nicht nur alles, sondern nahm auch Gelegenheit, +mir überhaupt anzudeuten, daß er meine fernere Ausbildung durch eifriges +Studium der neueren Italiener hoffe und erwarte. — Wie ich so +erbärmlich da stand! — ich verachtete mich selbst tief — alle +Demütigungen erschienen mir gerechte Strafe für meinen kindischen, +aberwitzigen Langmut! — Ich verließ das Schloß, um nie wieder +zurückzukehren. Noch denselben Abend wollte ich meine Entlassung +fordern, aber selbst dieser Entschluß konnte mich nicht über mich selbst +beruhigen, da ich mich schon durch einen geheimen Ostrazismus verbannt +sah. Die Guitarre, die ich zu anderm Beruf mitgenommen, nahm ich aus dem +Wagen, den ich, vors Tor gekommen, fortschickte, und lief hinaus ins +Freie, unaufhaltsam fort, immer weiter fort! — Schon sank die Sonne, +immer breiter und schwärzer wurden die Schatten der Berge, des Waldes. +Unerträglich, ja vernichtend war mir der Gedanke, zurückzukehren nach +der Residenz. — Welche Macht zwingt mich zum Rückweg! so rief ich laut. +Ich wußte, daß ich <a class="pagenum" name="page_68">68</a>mich auf dem Wege nach Sieghartsweiler befand; ich +gedachte meines alten Meisters Abraham, von dem ich Tages zuvor einen +Brief erhalten, worin er, meine Lage in der Residenz ahnend, mich +wegwünschte von dort, mich zu sich einlud. —</p> + +<p>Wie, unterbrach die Rätin den Kapellmeister, Sie kennen den wunderlichen +Alten?</p> + +<p>Meister Abraham, fuhr Kreisler fort, war der innigste Freund meines +Vaters, mein Lehrer, zum Teil mein Erzieher! — Nun, Verehrte, wissen +Sie ausführlich, wie ich in den Park des wackern Fürsten Irenäus kam, +und werden nicht mehr daran zweifeln, daß ich, kommt es darauf an, im +Stande bin, ruhig, mit erforderlicher historischer Genauigkeit und so +angenehm zu erzählen, daß mir selbst davor graut. Überhaupt kommt mir +die ganze Geschichte meiner Flucht aus der Residenz, wie gesagt, so +albern vor, und von solcher allen Geist zerstörender Nüchternheit, daß +man selbst nicht davon sprechen kann, ohne in erkleckliche Schwachheit +zu verfallen. — Möchten Sie, Teure, aber die seichte Begebenheit als +krampfstillendes Wasser der erschrockenen Prinzessin beibringen, damit +sie sich beruhige, und daran denken, daß ein ehrlicher deutscher +Musikus, den, als er gerade seidene Strümpfe angezogen, und sich in +einem saubern Kutschkasten vornehm geberdete, Rossini und Pucitta, und +Pavesi und Fioravanti, und Gott weiß welche andere inis und ittas, in +die Flucht schlugen, sich unmöglich sehr gescheut betragen kann. +Verzeihung ist zu hoffen, will ich hoffen! — Als poetischen Nachklang +des langweiligen Abenteuers vernehmen Sie aber, beste Rätin, daß in dem +Augenblick, da ich, <ins title="gepeischt">gepeitscht</ins> von meinem Dämon, fortrennen wollte, mich +der süßeste Zauber festbannte. Schadenfroh trachtete der Dämon eben das +tiefste Geheimnis meiner Brust zu Schanden zu machen, da rührte der +mächtige Geist der Tonkunst die Schwingen, und vor dem melodischen +Rauschen erwachte der Trost, die Hoffnung, ja selbst die Sehnsucht, die +die unvergängliche Lieb selbst ist und das Entzücken ewiger Jugend. +— Julia sang! —</p> + +<p>Kreisler schwieg. Die Benzon horchte auf, gespannt auf das, was nun +nachfolgen würde. Da der Kapellmeister sich in stumme Gedanken zu +verlieren schien, fragte sie mit kalter Freundlichkeit: Sie finden den +Gesang meiner Tochter in der Tat angenehm, lieber Johannes?</p> + +<p>Kreisler fuhr heftig auf, das, was er sagen wollte, erstickte aber ein +Seufzer aus der tiefsten Brust.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_69">69</a>Nun, fuhr die Rätin fort, das ist mir recht lieb. Julia kann von Ihnen, +lieber Kreisler, was den wahren Gesang betrifft, recht viel lernen, denn +daß Sie hier bleiben, sehe ich nun als eine ausgemachte Sache an.</p> + +<p>Verehrteste, begann Kreisler, aber in dem Augenblicke öffnete sich die +Türe und Julia trat herein.</p> + +<p>Als sie den Kapellmeister gewahrte, verklärte ihr holdes Antlitz ein +süßes Lächeln, und ein leises: Ach! hauchte von ihren Lippen.</p> + +<p>Die Benzon stand auf, nahm den Kapellmeister bei der Hand und führte ihn +Julien entgegen, indem sie sprach: Nun, mein Kind, da ist der seltsame +— —</p> + +<p><em class="gesperrt">(M. f. f.)</em> — der junge Ponto los auf mein neuestes Manuskript, das +neben mir lag, faßte es, ehe ich's verhindern konnte, zwischen die Zähne +und rannte damit spornstreichs auf und davon. Er stieß dabei ein +schadenfrohes Gelächter aus, und schon dies hätte mich vermuten lassen +sollen, daß nicht bloßer jugendlicher Mutwille ihn zur bösen Tat +spornte, sondern daß noch etwas mehr im Spiele war. Bald wurde ich +darüber aufgeklärt.</p> + +<p>Nach ein paar Tagen trat der Mann, bei dem der junge Ponto in Diensten, +hinein zu meinem Meister. Es war, wie ich nachher erfahren, Herr +Lothario, Professor der Ästhetik am Gymnasio zu Sieghartsweiler. — Nach +gewöhnlicher Begrüßung schaute der Professor im Zimmer umher und sprach, +als er mich erblickte: Wolltet Ihr nicht, lieber Meister, den Kleinen +dort aus der Stube entfernen? Warum? fragte der Meister. — Ihr konntet +doch sonst die Katzen leiden, Professor, und vorzüglich meinen Liebling, +den zierlichen, gescheuten Kater Murr! — Ja, sprach der Professor, +indem er höhnisch lachte, zierlich und gescheut, das ist wahr! — Aber +tut mir den Gefallen, Meister, und entfernt Euern Liebling, denn ich +habe Dinge mit Euch zu reden, die er durchaus nicht hören darf. Wer? +rief Meister Abraham, indem er den Professor anstarrte. Nun, fuhr dieser +fort, Euer Kater. Ich bitte Euch, fragt nicht weiter, sondern tut, warum +ich Euch bitte! — Das ist doch seltsam, sprach der Meister, indem er +die Türe des Kabinetts öffnete und mich hineinrief. Ich folgte seinem +Ruf, ohne daß er es gewahrte, schlüpfte ich aber wieder hinein und +verbarg mich im untersten Fach des Bücherschranks, so daß ich unbemerkt +das Zimmer übersehen und jedes Wort, das gesprochen wurde, vernehmen +konnte.</p> + +<p>Nun möchte ich, sprach Meister Abraham, indem er sich dem Pro<a class="pagenum" name="page_70">70</a>fessor +gegenüber in seinen Lehnstuhl setzte, doch in aller Welt wissen, welch +ein Geheimnis Ihr mir zu entdecken habt, das meinem ehrlichen Kater Murr +verschwiegen bleiben soll.</p> + +<p>Sagt mir, begann der Professor sehr ernst und nachdenklich, zuvörderst, +lieber Meister, was haltet Ihr von dem Grundsatz, daß, nur körperliche +Gesundheit vorausgesetzt, sonst ohne Rücksicht auf angeborne geistige +Fähigkeit, auf Talent, auf Genie, vermöge einer besonders geregelten +Erziehung aus jedem Kinde in kurzer Zeit, mithin noch in den +Knabenjahren, ein Heros in Wissenschaft und Kunst geschaffen werden +kann?</p> + +<p>Es erwiderte der Meister: Was kann ich von diesem Grundsatz anders +halten, als daß er albern und abgeschmackt ist. Möglich, ja sogar leicht +mag es sein, daß man einem Kinde, das die Auffassungsgabe, wie sie +ungefähr bei den Affen anzutreffen, und ein gutes Gedächtnis besitzt, +eine Menge Dinge systematisch eintrichtern kann, die es dann vor den +Leuten auskramt; nur muß es diesem Kinde durchaus an allem natürlichen +Ingenium fehlen, da sonst der innere bessere Geist der heillosen +Prozedur widerstrebt. Wer wird aber jemals solch einen einfältigen, mit +allerlei verschluckbaren Brocken des Wissens dick gemästeten Jungen +einen Gelehrten im echten Sinne des Wortes nennen?</p> + +<p>Die Welt, rief der Professor heftig, die ganze Welt! — O es ist +entsetzlich! Aller Glaube an die innere, höhere, angeborene +Geisteskraft, die allein nur den Gelehrten, den Künstler schafft, geht +ja über jenen heillosen, tollen Grundsatz zum Teufel!</p> + +<p>Ereifert Euch nicht, sprach der Meister lächelnd, soviel wie ich weiß, +ist bis jetzt in unserm guten Deutschland nur ein einziges Produkt jener +Erziehungsmethode aufgestellt worden, von dem die Welt eine Zeit lang +sprach, und zu sprechen aufhörte, als sie einsah, daß das Produkt eben +nicht sonderlich geraten. Zudem fiel die Blütezeit jenes Präparats in +die Periode, als gerade die Wunderkinder in die Mode gekommen, die, wie +sonst mühsam abgerichtete Hunde und Affen, gegen ein billiges Entree +ihre Künste zeigten.</p> + +<p>So sprecht Ihr nun, nahm der Professor das Wort, Meister Abraham, und +man würde Euch glauben, kennte man nicht den verborgenen Schalk in Euch, +wüßte man nicht, daß Euer ganzes Leben eine Reihe der wunderlichsten +Experimente darbietet. Gesteht es nur Meister Abraham, gesteht es nur, +Ihr habt ganz im Stillen, im geheimsten Geheim, experimentiert nach +jenem Grundsatz, aber über<a class="pagenum" name="page_71">71</a>bieten wolltet Ihr den Mann, den Verfertiger +jenes Präparats von dem wir sprachen. — Ihr wolltet, wart Ihr ganz +fertig, hervortreten mit Eurem Zögling, und alle Professoren in der +ganzen Welt in Erstaunen versetzen und Verzweiflung, Ihr wolltet den +schönen Grundsatz, <span class="antiqua">non ex quovis ligno fit Mercurius</span> ganz und gar zu +Schanden machen! — Nun kurz, der <span class="antiqua">quovis</span> ist da, aber kein <span class="antiqua">Mercurius</span>, +sondern ein Kater! — Was sagt Ihr, rief der Meister, indem er laut +auflachte, was sagt Ihr, ein Kater?</p> + +<p>Leugnet es nur nicht, fuhr der Professor fort, an dem Kleinen dort in +der Kammer habt Ihr jene abstrakte Erziehungsmethode versucht, Ihr habt +ihn lesen, schreiben gelehrt, Ihr habt ihm die Wissenschaft beigebracht, +so daß er sich schon jetzt unterfängt den Autor zu spielen, ja sogar +Verse zu machen.</p> + +<p>Nun sprach der Meister, das ist doch in der Tat das Tollste was mir +jemals vorgekommen! — Ich meinen Kater erziehen, ich ihm die +Wissenschaften beibringen! — Sagt, was für Träume rumoren in Eurem +Sinn, Professor? — Ich versichere Euch, daß ich von meines Katers +Bildung nicht das mindeste weiß, dieselbe auch für ganz unmöglich halte.</p> + +<p>So! fragte der Professor mit gedehntem Ton, zog ein Heft aus der Tasche, +das ich augenblicklich für das mir von dem jungen Ponto geraubte +Manuskript erkannte, und las:</p> + + +<div class="poem" style="width: 26em;"> +<p style="text-indent: 2em;"><em class="gesperrt">Sehnsucht nach dem Höheren.</em></p> +<div class="stanza">Ha, welch Gefühl, das meine Brust beweget!<br /> +Was sagt dies unruh — ahnungsvolle Beben,<br /> +Will sich zum kühnen Sprung der Geist erheben,<br /> +Vom Sporn des mächt'gen Genius erreget? +</div> +<div class="stanza">Was ist es, was der Sinn im Sinne träget,<br /> +Was will dem Liebesdrang -erfüllten Leben<br /> +Dies rastlos brennend feurig süße Streben,<br /> +Was ist es, das im bangen Herzen schläget? +</div> +<div class="stanza">Entrückt werd ich nach fernen Zauberlanden,<br /> +Kein Wort, kein Laut, die Zunge ist gebunden,<br /> +Ein sehnlich Hoffen weht mit Frühlingsfrische, +</div> +<div class="stanza">Befreit mich bald von drückend schweren Banden.<br /> +Erträumt, erspürt, im grünsten Laub gefunden!<br /> +Hinauf mein Herz! beim Fittich <em class="gesperrt">ihn</em> erwische! +</div> +</div> + +<p><a class="pagenum" name="page_72">72</a>Ich hoffe, daß jeder meiner gütigen Leser die Musterhaftigkeit dieses +herrlichen Sonetts, das aus der tiefsten Tiefe meines Gemüts hervorfloß, +einsehen, und mich um so mehr bewundern wird, wenn ich versichere, daß +es zu den ersten gehört, die ich überhaupt verfertigt habe. Der +Professor las es aber, in seiner Bosheit, so ohne allen Nachdruck, so +abscheulich vor, daß ich mich kaum selbst erkannte, und daß ich von +plötzlichem Jähzorn, wie er jungen Dichtern wohl eigen, übermannt, im +Begriff war, aus meinem Schlupfwinkel hervor, dem Professor ins Gesicht +zu springen, und ihn die Schärfe meiner Krallen fühlen zu lassen. Der +kluge Gedanke, daß ich doch, wenn beide, der Meister und der Professor, +sich über mich her machten, notwendig den Kürzern ziehen müsse, ließ +mich meinen Zorn mit Gewalt niederkämpfen, jedoch entfuhr mir +unwillkürlich ein knurrendes Miau, das mich unfehlbar verraten haben +würde, hätte der Meister nicht, da der Professor mit dem Sonett fertig, +aufs neue eine dröhnende Lache aufgeschlagen, die mich beinahe noch mehr +kränkte als des Professors Ungeschick.</p> + +<p>Hoho, rief der Meister, wahrhaftig, das Sonett ist eines Katers +vollkommen würdig; aber noch immer verstehe ich nicht Euern Spaß, +Professor, sagt mir nur lieber gerade zu, wo Ihr hinauswollt.</p> + +<p>Der Professor, ohne dem Meister zu antworten, blätterte im Manuskript, +und las weiter:</p> + + +<div class="poem" style="width: 25em;"> +<p style="text-indent: 5em;"><em class="gesperrt">Glosse.</em></p> +<div class="stanza">Liebe schwärmt auf allen Wegen,<br /> +Freundschaft bleibt für sich allein,<br /> +Liebe kommt uns rasch entgegen,<br /> +Aufgesucht will Freundschaft sein. +</div> + +<hr style="width: 5em; margin-left: 4em;" /> + +<div class="stanza">Schmachtend wehe, bange Klagen,<br /> +Hör ich überall ertönen,<br /> +Ob den Sinn zum Schmerz gewöhnen,<br /> +Ob zur Lust, ich kann's nicht sagen,<br /> +Möchte oft mich selber fragen,<br /> +Ob ich träume, ob ich wache.<br /> +Diesem Fühlen, diesem Regen,<br /> +Leih' ihm Herz die rechte Sprache;<br /> +Ja im Keller, auf dem Dache,<br /> +Liebe schwärmt auf allen Wegen! +</div> + +<div class="stanza"><a class="pagenum" name="page_73">73</a>Doch, es heilen alle Wunden,<br /> +Die der Liebesschmerz geschlagen,<br /> +Und in einsam stillen Tagen<br /> +Mag, von aller Qual entbunden,<br /> +Geist und Herz wohl bald gesunden;<br /> +Art'ger Kätzchen los Gehudel<br /> +Darf es auf die Dauer sein?<br /> +Nein! — fort aus dem bösen Strudel,<br /> +Unterm Ofen mit dem Pudel,<br /> +Freundschaft bleibt für sich allein! +</div> + +<div class="stanza"> +Wohl ich weiß es — +</div> +</div> + +<p>Nein, unterbrach hier der Meister den lesenden Professor, mein Freund, +Ihr macht mich in der Tat ungeduldig, Ihr oder ein anderer Schalk hat +sich den Spaß gemacht, im Geist eines Katers, der nun gerade mein guter +Murr sein soll, Verse zu machen, und nun foppt Ihr mich den ganzen +Morgen damit herum. Der Spaß ist übrigens nicht übel, und wird +vorzüglich dem Kreisler sehr wohl gefallen, der wohl nicht unterlassen +dürfte, damit eine kleine Parforcejagd anzustellen, in der Ihr am Ende +selbst ein gehetztes Wild sein könntet. Aber nun laßt Eure sinnreiche +Einkleidung fahren und sagt mir ganz ehrlich und trocken, was es mit +Eurem seltsamen Spaß eigentlich für eine Bewandnis hat.</p> + +<p>Der Professor schlug das Manuskript zusammen, sah dem Meister ernst ins +Auge, und sprach dann: diese Blätter brachte mir vor einigen Tagen mein +Pudel Ponto, der, wie Euch bekannt sein wird, mit Eurem Kater Murr in +freundschaftlichen Verhältnissen lebt. Zwar trug er das Manuskript +zwischen den Zähnen, wie er nun einmal alles zu tragen gewohnt ist, +indessen legte er es mir doch ganz unversehrt in den Schoß, und gab mir +dabei deutlich zu verstehen, daß er es von keinem andern habe, als von +seinem Freunde Murr. Als ich nun einen Blick hineinwarf, fiel mir gleich +die ganz besondere, eigentümliche Handschrift auf, als ich aber einiges +gelesen, stieg in mir, selbst weiß ich nicht auf welche unbegreifliche +Art, der seltsame Gedanke auf, Murr könne das alles selbst gemacht +haben. So sehr mir die Vernunft, ja eine gewisse Lebenserfahrung, der +wir alle nicht entgehen können, und die am Ende nun wieder weiter nichts +ist, als die Vernunft, so sehr mir also eben diese Vernunft sagt: daß +jener Gedanke unsinnig, da Kater weder zu schreiben noch Verse zu machen +im Stande, so konnte ich ihn doch durchaus nicht los werden. Ich +<a class="pagenum" name="page_74">74</a>beschloß Euern Kater zu beobachten, und stieg, da ich von meinem Ponto +wußte, daß Murr viel auf Eurem Boden hausiere, auf meinen Boden, nahm +einige Dachziegel herab, so daß ich mir die freie Aussicht in Eure +Dachluken verschaffte. Was gewahrte ich! — Hört es und erstaunt! — In +dem einsamsten Winkel des Bodens sitzt Euer Kater! — sitzt aufgerichtet +vor einem kleinen Tisch, auf dem Schreibzeug und Papier befindlich, +sitzt und reibt sich bald mit der Pfote Stirn und Nacken, fährt sich +über's Gesicht, tunkt bald die Feder ein, schreibt, hört wieder auf, +schreibt von neuem, überliest das Geschriebene, knurrt (ich konnte es +hören) knurrt und spinnt vor lauter Wohlbehagen. — Um ihn her liegen +verschiedene Bücher, die, nach ihrem Einband, aus Eurer Bibliothek +entnommen. —</p> + +<p>Das wäre ja der Teufel, rief der Meister, nun so will ich denn gleich +nachsehen, ob mir Bücher fehlen.</p> + +<p>Damit stand er auf, und trat an den Bücherschrank. Sowie er mich +erblickte, prallte er drei Schritte zurück, und blickte mich an voll +Erstaunen. Aber der Professor rief: seht Ihr wohl, Meister? Ihr denkt, +der Kleine sitzt harmlos in der Kammer, in die Ihr ihn eingesperrt, und +er hat sich hinein geschlichen in den Bücherschrank, um zu studieren, +oder noch wahrscheinlicher, um uns zu belauschen. Nun hat er alles +gehört was wir gesprochen, und kann seine Maßregeln darnach nehmen. +„Kater, begann der Meister, indem er fortwährend den Blick voll +Erstaunen auf mir ruhen ließ, „Kater, wenn ich wüßte daß du, deine +ehrliche, natürliche Natur ganz und gar verleugnend, dich wirklich +darauf verlegtest, solche vertrakte Verse zu machen, wie sie der +Professor vorgelesen, wenn ich glauben könnte, daß du wirklich den +Wissenschaften nachstelltest, statt den Mäusen, ich glaube, ich könnte +dir die Ohren wund zwicken, oder gar —“</p> + +<p>Mich überfiel eine schreckliche Angst, ich kniff die Augen zu, und tat, +als schliefe ich fest.</p> + +<p>Aber nein, nein, fuhr der Meister fort, schaut nur einmal her, +Professor, wie mein ehrlicher Kater so sorglos schläft, und sagt selbst, +ob er in seinem gutmütigen Antlitz etwas trägt, das auf solche geheime +wunderbare Schelmereien, wie Ihr sie ihm Schuld gebt, gedeutet werden +könnte — Murr! — Murr! —</p> + +<p>So rief der Meister mich an, und ich unterließ nicht wie gewöhnlich mit +meinem Krr — Krr — zu antworten, die Augen aufzuschlagen, mich zu +erheben und einen hohen, sehr anmutigen Katzenbuckel zu machen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_75">75</a>Der Professor warf mir, voller Zorn, mein Manuskript an den Kopf, ich +tat aber, (die mir angeborne Schlauheit gab es mir ein,) als wollte er +mit mir spielen, und zerrte springend und tänzelnd die Papiere hin und +her, so daß die Stücke umherflogen.</p> + +<p>Nun, sprach der Meister, ist es ausgemacht, daß Ihr ganz unrecht habt, +Professor, und daß Euch Ponto etwas vorlog. Seht nur hin, wie Murr die +Gedichte bearbeitet, welcher Dichter würde sein Manuskript handhaben auf +diese Weise?</p> + +<p>Ich habe Euch gewarnt, Meister, tut nun was Ihr wollt, erwiderte der +Professor, und verließ das Zimmer.</p> + +<p>Nun glaubte ich, der Sturm sei vorüber; wie sehr war ich im Irrtum! +— Meister Abraham hatte sich, mir zum großen Verdruß, gegen meine +wissenschaftliche Bildung erklärt, und demunerachtet er es so getan, als +glaube er den Worten des Professors gar nicht, so wurde ich doch bald +gewahr, daß er mir auf allen Gängen nachspürte, mir den Gebrauch seiner +Bibliothek dadurch abschnitt, daß er den Schrank sorgfältig verschloß, +und es durchaus nicht mehr leiden wollte, daß ich mich, wie sonst, auf +seinen Schreibtisch unter die Papiere legte.</p> + +<p>So kam Leid und Kümmernis über meine keimende Jugend! Was kann einem +Genie mehr Schmerz verursachen, als sich verkannt, ja verspottet zu +sehen, was kann einen großen Geist mehr erbittern, als da auf +Hindernisse zu stoßen, wo er nur allen möglichen Vorschub erwartete! +— Doch, je stärker der Druck, desto gewaltiger die Kraft der Entlastung, +je straffer der Bogen gespannt, desto schärfer der Schuß! — War mir die +Lektüre versperrt, so arbeitete desto freier mein eigner Geist, und +schuf aus sich selbst.</p> + +<p>Unmutig wie ich war, brachte ich in dieser Periode manche Nächte, manche +Tage, in den Kellern des Hauses zu, wo mehrere Mäusefallen aufgestellt +waren, und sich überdem viele Kater verschiedenen Alters und Standes +versammelten.</p> + +<p>Einem tapfern philosophischen Kopf entgehen überall nicht die +geheimsten Beziehungen des Lebens im Leben, und er erkennt, wie sich +eben aus denselben das Leben gestaltet in Gesinnung und Tat. So gingen +mir auch in den Kellern die Verhältnisse der Mäusefallen und der Katzen +in ihrer Wechselwirkung auf. Es wurde mir, als einem Kater von edlem +echten Sinn, warm um's Herz, wenn ich gewahren mußte, wie jene tote +Maschinen, in ihrem pünktlichen Treiben, eine große Schlaffheit in den +Katerjünglingen hervorbrachten. Ich ergriff die Feder und schrieb das +unsterbliche Werk, dessen ich schon <a class="pagenum" name="page_76">76</a>vorhin gedachte, nämlich: „Über +Mäusefallen, und deren Einfluß auf Gesinnung und Tatkraft der Katzheit.“ +In diesem Büchlein hielt ich den verweichlichten Katerjünglingen einen +Spiegel vor die Augen, in dem sie sich selbst erblicken mußten, aller +eignen Kraft entsagend, indolent, träge, ruhig es ertragend, daß die +schnöden Mäuse nach dem Speck liefen! — Ich rüttelte sie aus dem +Schlafe mit donnernden Worten. — Nächst dem Nutzen, den das Werklein +schaffen mußte, hatte das Schreiben desselben auch noch den Vorteil für +mich, daß ich selbst indessen keine Mäuse fangen durfte, und auch +nachher, da ich so kräftig gesprochen, es wohl keinem einfallen konnte, +von mir zu verlangen, daß ich selbst ein Beispiel des von mir +ausgesprochenen Heroismus im Handeln geben solle.</p> + +<p>Damit könnte ich nun meine erste Lebensperiode schließen, und zu meinen +eigentlichen Jünglingsmonaten, die an das männliche Alter streifen, +übergehen; unmöglich kann ich aber den günstigen Lesern die beiden +letzten Strophen der herrlichen Glosse vorenthalten, die mein Meister +nicht hören wollte. Hier sind sie:</p> + +<div class="poem" style="width: 25em;"> +<div class="stanza">Wohl, ich weiß es, widerstehen<br /> +Mag man nicht dem süßen Kosen,<br /> +Wenn aus Büschen duft'ger Rosen<br /> +Süße Liebeslaute wehen.<br /> +Will das trunkne Aug' dann sehen,<br /> +Wie die Holde kommt gesprungen,<br /> +Die da lauscht' an Blumenwegen,<br /> +Kaum ist Sehnsuchts Ruf erklungen,<br /> +Hat sich schnell hinangeschwungen.<br /> +Liebe kommt uns rasch entgegen. +</div> +<div class="stanza">Dieses Sehnen, dieses Schmachten<br /> +Kann wohl oft den Sinn berücken;<br /> +Doch wie lange kann's beglücken,<br /> +Dieses Springen, Rennen, Trachten!<br /> +Holder Freundschaft Trieb' erwachten,<br /> +Strahlten auf bei Hesper's Scheine,<br /> +Und den Edlen brav und rein,<br /> +Ihn zu finden den ich meine,<br /> +Klettr' ich über Mau'r und Zäune,<br /> +Aufgesucht will Freundschaft sein. +</div> +</div> + +<p><em class="gesperrt">(Mak.-Bl.)</em> — — gerade den Abend in solch' heitrer, gemütlicher +Stimmung, wie man sie an ihm nicht verspürt hatte seit gar <a class="pagenum" name="page_77">77</a>geraumer +Zeit. Und diese Stimmung war es, die das Unerhörte geschehen ließ. Denn +ohne wild aufzufahren, und davon zu rennen, wie er sonst in gleichem +Fall wohl zu tun pflegte, hörte er ruhig und sogar mit gutmütigem +Lächeln den langen und noch langweiligern ersten Akt eines entsetzlichen +Trauerspiels an, den ein junger hoffnungsvoller Lieutenant mit roten +Wangen und wohlgekräuseltem Haupthaar verfaßt hatte und mit aller +Prätension des glücklichsten Dichters vortrug. Ja als besagter +Lieutenant, da er geendet, ihn heftig fragte, was er von der Dichtung +halte, begnügte er sich, mit dem mildesten Ausdruck des inneren +Ergötzens im ganzen Gesicht, dem jungen Kriegs- und Vershelden zu +versichern, daß der Aushängeakt, das gierigen ästhetischen Leckermäulern +dargebotene Koststück, in der Tat herrliche Gedanken enthalte, für deren +originelle Genialität schon der Umstand spräche, daß auch anerkannt +große Dichter wie z. B. Calderon, Shakespeare und der moderne Schiller +darauf gefallen. Der Lieutenant umarmte ihn sehr, und verriet mit +geheimnisvoller Miene, daß er gedenke, noch denselben Abend eine ganze +Gesellschaft der auserlesensten Fräuleins, unter denen sogar eine Gräfin +befindlich, die spanisch lese, und in Öl male, mit dem vortrefflichsten +aller ersten Akte zu beglücken. Auf die Versicherung, daß er daran +ungemein wohl tun werde, lief er voller <ins title="Enthusiamus">Enthusiasmus</ins> von dannen.</p> + +<p>Ich begreife Dich, sprach jetzt der kleine Geheimrat, heute gar nicht, +lieber Johannes, mit Deiner unbeschreiblichen Sanftmut! — Wie war es +Dir möglich, das durchaus abgeschmackte Zeug so ruhig, so aufmerksam +anzuhören! — Angst und bange wurde mir, als der Lieutenant uns, die wir +unbewacht keine Gefahr ahnten, überfiel, und uns rettungslos eingarnte +in die tausendfältigen Schlingen seiner endlosen Verse! — Ich dachte, +jeden Augenblick würdest Du dazwischen fahren, wie Du es sonst wohl tust +bei geringerem Anlaß; aber Du bleibst ruhig, ja, Dein Blick spricht +Wohlgefallen aus, und am Ende, nachdem ich für meine Person ganz schwach +und elend worden, fertigst Du den Unglückseligen ab mit einer Ironie, +die er nicht einmal zu fassen im Stande, und sagst ihm wenigstens nicht +zur Warnung für künftige Fälle, daß das Ding viel zu lang sei, und +merklich amputiert werden müsse.</p> + +<p>Ach, erwiderte Kreisler, was hätte ich denn ausgerichtet mit diesem +kläglichen Rat! — Kann denn ein prägnanter Dichter wie unser lieber +Lieutenant, wohl mit Nutzen irgendeine Amputation an seinen Versen +vornehmen, wachsen sie ihm nicht nach, unter der Hand? — Und weißt <a class="pagenum" name="page_78">78</a>Du +denn nicht, daß überhaupt die Verse unserer jungen Dichter die +Reproduktionskraft der Eidechsen besitzen, denen die Schwänze munter +wiederum hervor schießen, hat man sie auch an der Wurzel weggeschnitten! +— Wenn Du aber meinst, daß ich des Lieutenants Leserei ruhig angehört, +so bist Du in großem Irrtum! — Der Sturm war vorüber, alle Gräser und +Blumen im kleinen Garten erhoben ihre gebeugten Häupter, und schlürften +begierig den Himmelsnektar ein, der aus den Wolkenschleiern in einzelnen +Tropfen hinabfiel. Ich stellte mich unter den großen blühenden +Apfelbaum, und horchte auf die verhallende Stimme des Donners in den +fernen Bergen, die wie eine Weissagung von unaussprechlichen Dingen in +meiner Seele wider klang, und schaute auf zu dem Blau des Himmels, das +wie mit leuchtenden Augen dort und dort durch die fliehenden Wolken +blickte! — Aber dazwischen rief der Onkel: ich solle fein ins Zimmer und +mir den neuen geblümten Schlafrock nicht verderben durch ungeziemliche +Nässe, und mir nicht den Schnupfen holen im feuchten Grase. Und dann war +es wieder nicht der Onkel, welcher sprach, sondern irgendein Filou von +Papagei oder Starmatz hinterm Busch oder im Busch, oder Gott weiß wo +sonst, machte sich den unnützen Spaß, mich damit zu necken, daß er mir +allerlei köstliche Gedanken aus dem Shakespeare zurief nach seiner +Manier. Und das war nun wieder der Lieutenant und sein Trauerspiel! +— Geheimer Rat, gib Dir die Mühe zu merken, daß es eine Erinnerung an +meine Knabenzeit war, die mich Dir und dem Lieutenant entführte! Ich +stand wirklich, ein Junge von höchstens zwölf Jahren, in des Onkels +kleinem Garten, und hatte den schönsten Zitz als Schlafrock an, den +jemals eine Kattundruckerseele ersonnen, und vergebens hast Du, o +Geheimerat! heute Dein Königsräucherpulver verschwendet, denn ich habe +nichts verspürt, als das Aroma meines blühenden Apfelbaums, nicht einmal +das Haaröl des Versifikanten, der sein Haupt salbt, ohne es jemals +schützen zu können gegen Wind und Wetter durch eine Krone, vielmehr +nichts aufstülpen darf, als Filz und Leder, durch das Reglement +ausgeprägt zu einem Tschako! — Genug Bester! Du warst von uns dreien +das einzige Opferlamm, das sich dem infernalischen Trauerspielmesser des +dichterischen Helden darbot. Denn, während ich mich, alle Extremitäten +sorglich einziehend, in das kleine Schlafröckchen eingeputzt hatte, und +mit zwölfjähriger, zwölfflötiger Leichtigkeit hinein gesprungen war in +mehrbesagten Garten, verbrauchte Meister Abraham, wie Du siehst, drei +bis vier Bogen des schönsten Notenpapiers, um allerlei <a class="pagenum" name="page_79">79</a>ergötzliche +Phantasmata zuzuschneiden. Auch er ist also dem Lieutenant entwischt! —</p> + +<p>Kreisler hatte recht; Meister Abraham verstand sich darauf, +Kartonblätter so zuzuschneiden, daß, fand man auch aus dem Gewirre +durchschnittner Flecke nicht das mindeste deutlich heraus, doch, hielt +man ein Licht hinter das Blatt, in dem auf die Wand geworfenen Schatten, +sich die seltsamsten Gestalten in allerlei Gruppen bildeten. Hatte nun +Meister Abraham schon an und für sich selbst einen natürlichen Abscheu +gegen alles Vorlesen, war ihm noch besonders des Lieutenants Verselei im +Grunde des Herzens zuwider, so konnt' es nicht fehlen, daß er, kaum +hatte der Lieutenant begonnen, begierig nach dem steifen Notenpapier +griff, das zufällig auf dem Tische des Geheimerats lag, eine kleine +Schere aus der Tasche langte, und eine Beschäftigung begann, die ihn dem +Attentat des Lieutenants gänzlich entzog.</p> + +<p>Höre Kreisler, begann nun der Geheimerat, — also eine Erinnerung an +Deine Knabenzeit war es, die in Deine Seele kam, und dieser Erinnerung +mag ich es wohl zuschreiben, daß Du heute so mild bist, so gemütlich, +— höre, mein innigstgeliebter Freund! es wurmt mich wie alle, die Dich +ehren und lieben, daß ich von Deinem frühern Leben so ganz und gar +nichts weiß, daß Du der leisesten Frage darüber so unfreundlich +ausweichst, ja, daß Du absichtlich Schleier über die Vergangenheit +wirfst, die doch zuweilen zu durchsichtig sind, um nicht durch allerlei +in seltsamer Verzerrung durchschimmernde Bilder die Neugierde zu reizen. +Sei offen gegen die, denen Du doch schon Dein Vertrauen schenktest. —</p> + +<p>Kreisler blickte den Geheimerat an mit großen Augen voll Verwunderung, +wie einer, der aus dem tiefen Schlafe erwachend, eine fremde unbekannte +Gestalt vor sich erblickt, und fing dann sehr ernsthaft an:</p> + +<p>„Am Tage Johannis Chrysostomi, das heißt am vier und zwanzigsten Januar +des Jahres Ein tausend siebenhundert und etzliche dazu, um die +Mittagsstunde, wurde einer geboren, der hatte ein Gesicht und Hände und +Füße. Der Vater aß eben Erbsensuppe, und goß sich vor Freuden einen +ganzen Löffel voll über den Bart, worüber die Wöchnerin, unerachtet sie +es nicht gesehen, dermaßen lachte, daß von der Erschütterung dem +Lautenisten, der dem Säugling seinen neuesten Murki vorspielte, alle +Saiten sprangen, und er bei der atlasnen Nachthaube seiner Großmutter +schwur, was Musik betreffe, <a class="pagenum" name="page_80">80</a>würde der kleine Hans Haase ein elender +Stümper bleiben ewiglich und immerdar. Darauf wischte sich aber der +Vater das Kinn rein und sprach pathetisch: Johannes soll er zwar heißen, +jedoch kein Hase sein. Der Lautenist —“</p> + +<p>Ich bitte Dich, Kreisler, unterbrach der kleine Geheimrat den +Kapellmeister, verfalle nicht in die verdammte Sorte von Humor, die mir, +ich mags wohl sagen, den Atem versetzt! Verlange ich denn, daß Du mir +eine pragmatische Selbstbiographie geben, will ich denn mehr, als daß Du +mir vergönnen sollst, einige Blicke in Dein früheres Leben zu tun, ehe +ich Dich kannte? — In der Tat magst du mir eine Neugierde nicht +verargen, die keine andere Quelle hat, als die innigste Zuneigung recht +aus dem tiefsten Herzen. Und nebenher mußt Du es Dir, da Du nun einmal +seltsam genug auftrittst, gefallen lassen, daß jeder glaubt, nur das +bunteste Leben, eine Reihe der fabelhaftesten Ereignisse könne die +psychische Form so auskneten und bilden, wie es bei Dir geschehen. — „O +des groben Irrtums, sprach Kreisler, indem er tief seufzte, meine +Jugendzeit gleicht einer dürren Heide ohne Blüten und Blumen, Geist und +Gemüt erschlaffend im trostlosen Einerlei! —“</p> + +<p>Nein nein, rief der Geheimerat, dem ist nicht so, denn ich weiß +wenigstens, daß in der Heide ein hübscher kleiner Garten steht, mit +einem blühenden Apfelbaum, der mein feinstes Königspulver überduftet. +Nun! ich meine, Johannes, Du rückst hervor mit der Erinnerung aus Deiner +frühern Jugendzeit, die heute, wie Du erst sagtest, Deine ganze Seele +befängt.</p> + +<p>Ich dächte, sprach Meister Abraham, indem er dem eben fertig gewordenen +Kapuziner die Tonsur einschnitt, ich dächte auch, Kreisler, daß Ihr in +Eurer heutigen passablen Stimmung nichts Besseres tun könntet, als Euer +Herz oder Euer Gemüt, oder wie Ihr sonst gerade Euer inneres +Schatzkästlein nennen möget, aufschließen, und dies, jenes daraus +hervorlangen. Das heißt, da Ihr nun einmal verraten, daß Ihr wider den +Willen des besorgten Oheims im Regen hinausliefet und +abergläubischerweise auf die Weissagungen des sterbenden Donners +horchtet, so möget Ihr immer noch mehr erzählen, wie sich damals alles +begab. Aber lügt nicht, Johannes, denn Ihr wißt, daß Ihr, was wenigstens +die Zeit betrifft, als Ihr die ersten Hosen truget, und dann der erste +Haarzopf Euch eingeflochten wurde, unter meiner Kontrolle stehet.</p> + +<p>Kreisler wollte etwas erwidern, aber Meister Abraham wandte sich +<a class="pagenum" name="page_81">81</a>schnell zum kleinen Geheimenrat und sprach: „Sie glauben gar nicht, +Vortrefflichster, wie unser Johannes sich dem bösen Geist des Lügens +ganz und gar hingibt, wenn er, wie es jedoch gar selten geschieht, von +seiner frühesten Jugendzeit erzählt. Gerade wenn die Kinder noch sagen: +Pä pä und Mä mä und mit den Fingern ins Licht fahren, gerade zu der Zeit +will er schon alles beachtet, und tiefe Blicke getan haben ins +menschliche Herz.</p> + +<p>Ihr tut mir unrecht, sprach Kreisler, mild lächelnd, mit sanfter Stimme, +Ihr tut mir großes Unrecht, Meister! Sollt' es mir denn möglich sein, +Euch was weismachen zu wollen von frühreifem Geistesvermögen, wie es +wohl eitle Gecken tun? — Und ich frage Dich, Geheimerrat, ob es Dir +auch nicht widerfährt, daß oft Momente lichtvoll vor Deine Seele treten +aus einer Zeit, die manche erstaunlich kluge Leute ein bloßes Vegetieren +nennen und nichts statuieren wollen, als bloßen Instinkt, dessen höhere +Vortrefflichkeit wir den Tieren einräumen müssen! — Ich meine, daß es +damit eine eigene Bewandnis hat! — Ewig unerforschlich bleibt uns das +erste Erwachen zum klaren Bewußtsein! — Wäre es möglich, daß dies mit +einem Ruck geschehen könnte, ich glaube, der Schreck darüber müßte uns +töten. — Wer hat nicht schon die Angst der ersten Momente im Erwachen +aus tiefem Traum, bewußtlosen Schlaf empfunden, wenn er sich selbst +fühlend, sich auf sich selbst besinnen mußte! — Doch, um mich nicht zu +weit zu verlieren, ich meine, jeder starke psychische Eindruck in jener +Entwicklungszeit läßt wohl ein Samenkorn zurück, das eben mit dem +Emporsprossen des geistigen Vermögens fortgedeiht, und so lebt aller +Schmerz, alle Lust jener Stunden der Morgendämmerung in uns fort, und es +sind wirklich die süßen wehmutsvollen Stimmen der Lieben, die wir, als +sie uns aus dem Schlafe weckten, nur im Traum zu hören glaubten, und die +noch in uns forthallen! — Ich weiß aber, worauf der Meister anspielt. +Auf nichts anders, als auf die Geschichte von der verstorbenen Tante, +die er mir wegstreiten will, und die ich, um ihn erklecklich zu ärgern, +nun gerade Dir, Geheimerat erzählen werde, wenn Du mir versprichst, mir +was weniges empfindelnde Kinderei zu Gute zu halten. — Was ich Dir von +der Erbssuppe und dem Lautenisten — O, unterbrach der Geheimerat den +Kapellmeister, still still, nun merk' ich wohl, Du willst mich foppen, +und das ist denn doch wider alle Sitte und Ordnung.</p> + +<p>Keinesweges, fuhr Kreisler fort, mein Herz! Aber von dem Lautenisten +muß ich anfangen; denn er bildet den natürlichsten Übergang <a class="pagenum" name="page_82">82</a>zur Laute, +deren Himmelstöne das Kind in süße Träume wiegten. Die jüngere Schwester +meiner Mutter war Virtuosin auf diesem, zur Zeit in die musikalische +Polterkammer verwiesenen Instrument. Gesetzte Männer, die schreiben und +rechnen können und wohl noch mehr als das, haben in meiner Gegenwart +Tränen vergossen, wenn sie bloß dachten an das Lautenspiel der seligen +Mamsell Sophie, mir ist es deshalb gar nicht zu verdenken, wenn ich ein +durstig Kind, meiner selbst nicht mächtig, noch ohne in Wort und Rede +aufgekeimtes Bewußtsein, alle Wehmut des wunderbaren Tonzaubers, den die +Lautenistin aus ihrem Innersten strömen ließ, in begierigen Zügen +einschlürfte. — Jener Lautenist an der Wiege war aber der Lehrer der +Verstorbenen, klein von Person, mit hinlänglich krummen Beinen, hieß +Monsieur Turtel, und trug eine sehr saubere weiße Perücke mit einem +breiten Haarbeutel, sowie einen roten Mantel. — Ich sage das nur, um zu +beweisen, wie deutlich mir die Gestalten aus jener Zeit aufgehen, und +daß weder Meister Abraham, noch sonst jemand, daran zweifeln darf, wenn +ich behaupte, daß ich, ein Kind von noch nicht drei Jahren, mich finde +auf dem Schoß eines Mädchens, deren mild blickende Augen mir recht in +die Seele leuchteten, daß ich noch die süße Stimme höre, die zu mir +sprach, zu mir sang, daß ich es noch recht gut weiß, wie ich der +anmutigen Person all' meine Liebe, all' meine Zärtlichkeit zuwandte. +Dies war aber eben Tante Sophie, die in seltsamer Verkürzung „Füßchen“ +gerufen wurde. Eines Tages lamentierte ich sehr, weil ich Tante Füßchen +nicht gesehen hatte. Die Wärterin brachte mich in ein Zimmer, wo Tante +Füßchen im Bette lag, aber ein alter Mann, der neben ihr gesessen, +sprang schnell auf, und führte, heftig scheltend, die Wärterin, die mich +auf dem Arm hatte, heraus. Bald darauf kleidete man mich an, hüllte mich +ein in dicke Tücher, brachte mich ganz und gar in ein anderes Haus zu +andern Personen, die sämtlich Onkel und Tanten von mir sein wollten, und +versicherten, daß Tante Füßchen sehr krank sei, und ich, wäre ich bei +ihr geblieben, ebenso krank geworden sein würde. Nach einigen Wochen +brachte man mich zurück nach meinem vorigen Aufenthalt. Ich weinte, ich +schrie, ich wollte zu Tante Füßchen. Sowie ich in jenes Zimmer gekommen, +trippelte ich hin an das Bette, in dem Tante Füßchen gelegen, und zog +die Gardinen auseinander. Das Bette war leer, und eine Person, die nun +wieder eine Tante von mir war, sprach, indem ihr die Tränen aus den +Augen stürzten: Du findest sie nicht mehr, Johannes, sie ist gestorben, +und liegt unter der Erde. —</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_83">83</a>Ich weiß wohl, daß ich den Sinn dieser Worte nicht verstehen konnte, +aber noch jetzt, jenes Augenblicks gedenkend, erbebe ich in dem +namenlosen Gefühl, das mich damals erfaßte. Der Tod selbst preßte mich +hinein in seinen Eispanzer, seine Schauer drangen in mein Innerstes und +vor ihnen erstarrte alle Lust der ersten Knabenjahre. — Was ich begann, +weiß ich nicht mehr, wüßte es vielleicht niemals, aber erzählt hat man +mir oft genug, daß ich langsam die Gardinen fahren ließ, ganz ernst und +still einige Augenblicke stehen blieb, dann aber, wie tief in mich +gekehrt und darüber nachsinnend, was man mir eben gesagt, mich auf ein +kleines Rohrstühlchen setzte, das mir eben nahe stand. Man fügte hinzu, +daß diese stille Trauer des sonst zu den lebhaftesten Ausbrüchen +geneigten Kindes etwas unbeschreiblich Rührendes gehabt, und daß man +selbst einen nachteiligen psychischen Einfluß gefürchtet, da ich mehrere +Wochen in demselben Zustande geblieben, nicht weinend, nicht lachend, zu +keinem Spiel aufgelegt, kein freundlich Wort erwidernd, nichts um mich +her beachtend. —</p> + +<p>In diesem Augenblick nahm Meister Abraham ein in Kreuz- und Querzügen +wunderlich durchschnittenes Blatt zur Hand, hielt es vor die brennenden +Kerzen, und auf der Wand reflektierte sich ein ganzes Chor von Nonnen, +die auf seltsamen Instrumenten spielten.</p> + +<p>Hoho! rief Kreisler, indem er die ganz artig geordnete Gruppe der +Schwestern erblickte, hoho Meister, ich weiß wohl, woran Ihr mich +erinnern wollt! — Und noch jetzt behaupte ich keck, daß Ihr unrecht +tatet mich auszuschelten, mich einen störrigen, unverständigen Burschen +zu nennen, der durch die dissonierende Stimme seiner Torheit einen +ganzen singenden und spielenden Konvent aus Ton und Takt bringen könne. +Hatte ich nicht zu der Zeit, als Ihr mich, zwanzig oder dreißig Meilen +weit von meiner Vaterstadt, in das Klarissen-Kloster führtet, um die +erste wahrhaft katholische Kirchenmusik zu hören; hatte ich, sag' ich, +damals nicht den gerechtesten Anspruch auf die brillanteste +Lümmelhaftigkeit, da ich gerade mitten in den Lümmeljahren stand? War es +nicht desto schöner, daß dem unerachtet der längst verwundene Schmerz +des dreijährigen Knaben erwachte mit neuer Kraft, und einen Wahn gebar, +der meine Brust mit allem tötenden Entzücken der herzzerschneidendsten +Wehmut erfüllte? — Mußte ich nicht behaupten, und alles Einredens +unerachtet dabei bleiben, daß niemand anders das wunderliche Instrument, +die Trompette marine geheißen, spiele, als Tante Füßchen, unerachtet sie +längst verstorben? — Warum hieltet Ihr mich ab, einzudringen <a class="pagenum" name="page_84">84</a>in den +Chor, wo ich sie wiedergefunden hatte in ihrem grünen Kleide mit +ros'farbnen Schleifen! —</p> + +<p>Nun starrte Kreisler hin nach der Wand, und sprach mit bewegter, +zitternder Stimme: Wahrhaftig! — Tante Füßchen ragt hervor unter den +Nonnen! — Sie ist auf eine Fußbank getreten um das schwierige +Instrument besser handhaben zu können. Doch der Geheimerat trat vor ihn +hin, so daß er ihm den Anblick des Schattenbildes entzog, faßte ihn bei +beiden Schultern und begann: In der Tat, Johannes! es wäre gescheuter, +Du überließest Dich nicht Deinen seltsamen Träumereien und sprächest +nicht von Instrumenten die gar nicht existieren, denn in meinem Leben +habe ich nichts gehört von einer Trompette marine! —</p> + +<p>O, rief Meister Abraham lachend, indem er, das Blatt unter den Tisch +werfend, den ganzen Nonnenkonvent samt der chimärischen Tante Füßchen +mit ihrer Trompette marine schnell verschwinden ließ, o mein würdigster +Geheimerat, der Herr Kapellmeister ist auch jetzt wie immer, ein +vernünftiger, ruhiger Mann, und kein Phantast oder Haselant, wofür ihn +gern viele ausgeben möchten. Ist es nicht möglich, daß die Lautenistin, +nachdem sie Todes verblichen, sich mit Effekt auf das wunderbare +Instrument verlegte, welches sie vielleicht noch jetzt hin und wider in +Nonnenklöstern wahrnehmen und darüber in Erstaunen geraten können? +— Wie! — Die Trompette marine soll nicht existieren? — Schlagen Sie +doch nur diesen Artikel gefälligst in Kochs musikalischem Lexikon nach, +das Sie ja selbst besitzen.</p> + +<p>Der Geheimerat tat es auf der Stelle, und las laut:</p> + +<p>„Dieses alte ganz einfache Bogeninstrument besteht aus drei dünnen, +sieben Schuh langen Brettern, die unten, wo das Instrument auf dem +Fußboden aufstehet, sechs bis sieben Zoll, oben aber kaum zwei Zoll +breit und in der Form eines Triangels zusammengeleimt sind, so daß das +Korpus, welches oben eine Art von Wirbelkasten hat, von unten bis oben +verjüngt zuläuft. Eins von diesen drei Brettern macht den Sangboden aus, +der mit einigen Schallöchern versehen, und mit einer einzigen, etwas +starken Darmsaite bezogen ist. Bei dem Spielen stellt man das Instrument +schief vor sich hin, und stemmt den obern Teil desselben gegen die +Brust. Mit dem Daumen der linken Hand berührt der Spieler die Saite da, +wo die zu greifenden Töne liegen, ganz gelinde und ungefähr ebenso wie +bei dem Flautino oder Flageolett auf der Geige, während mit der rechten +Hand die Saite mit dem Bogen angestrichen wird. Der eigentümliche Ton +dieses Instruments, der <a class="pagenum" name="page_85">85</a>dem Tone einer gedämpften Trompete gleicht, wird +durch den besondern Steg hervorgebracht, auf welchem die Saite unten auf +dem Resonanzboden ruhet. Dieser Steg hat beinahe die Gestalt eines +kleinen Schuhes, der vorn ganz niedrig und dünne, hinten hingegen höher +und stärker ist. Auf dem hintern Teile desselben liegt die Saite auf, +und verursacht, wenn sie angestrichen wird, durch ihre Schwingungen, daß +sich der vordere und leichte Teil des Steges auf dem Sangboden auf und +nieder bewegt, wodurch der schnarrende, und der gedämpften Trompete +ähnliche Ton, hervorgebracht wird!“ —</p> + +<p>Baut mir ein solches Instrument, rief der Geheimerat mit glänzenden +Augen, Meister Abraham, ich werfe meine Nagelgeige in den Winkel, +berühre nicht mehr den Euphon, sondern setze Hof und Stadt in Erstaunen, +auf der Trompette marine die wunderbarsten Lieder spielend! —</p> + +<p>Ich tue das, erwiderte Meister Abraham, und möge, bester Geheimerat, der +Geist von Tante Füßchen im grüntaftnen Kleide über Sie kommen, und Sie +eben als Geist begeistern! —</p> + +<p>Der Geheimerat umarmte entzückt den Meister, aber Kreisler trat +zwischen beide, indem er beinahe ärgerlich sprach. Ei, seid Ihr nicht +ärgere Haselanten, als ich jemals einer gewesen bin, und dabei +unbarmherzig gegen den, den Ihr zu lieben vorgebt! — Begnügt Euch doch +damit, daß Ihr mit jener Beschreibung eines Instruments, dessen Ton mein +Innerstes durchbebte, mir Eiswasser über die heiße Stirn gegossen, und +schweigt von der Lautenistin! — Nun, Du wolltest ja Geheimerat, ich +sollte von meiner Jugend sprechen, und schnitt der Meister dazu +Schattenbilder, die zu Momenten aus jener Zeit paßten, so konntest Du +mit der schönen, mit Kupferstichen verzierten, Ausgabe meiner +biographischen Skizzen zufrieden sein. Als Du aber den Artikel aus dem +Koch lasest, fiel mir sein lexikalischer Kollege Gerber ein, und ich +erblickte mich, einen Leichnam, ausgestreckt auf der Tafel liegend, +bereit zur biographischen Sektion. — Der Prospekt könnte sagen: es ist +gar nicht zu verwundern, daß in dem Innern dieses jungen Mannes durch +tausend Adern und Äderchen lauter musikalisches Blut läuft, denn das war +der Fall bei vielen seiner Blutsverwandten, deren Blutsverwandter er +eben deshalb ist. — Ich will nämlich sagen, daß die mehrsten von meinen +Tanten und Onkels, deren es, wie der Meister weiß, und Du eben erst +erfahren hast, eine nicht geringe Anzahl gab, Musik trieben, und noch +dazu meistenteils Instrumente spielten, die schon damals sehr selten +waren, jetzt aber <a class="pagenum" name="page_86">86</a>zum Teil verschwunden sind, so, daß ich nur noch im +Traum die ganz wunderbar klingenden Konzerte vernehme, die ich ungefähr +bis zu meinem zehnten, eilften Jahr hörte. — Mag es sein, daß deshalb +mein musikalisches Talent schon im ersten Aufkeimen die Richtung +genommen hat, die in meiner Art zu instrumentieren sich kund tun soll, +und die man als zu phantastisch verwirft. — Kannst Du Dich, Geheimerat, +der Tränen enthalten, wenn Du recht schön auf dem uralten Instrument, +auf der Viola d'Amore, spielen hörst, so danke dem Schöpfer für Deine +robuste Konstitution; ich für mein Teil flennte beträchtlich, als der +Ritter Eßer sich darauf hören ließ, früher aber noch mehr, wenn ein +großer ansehnlicher Mann, dem die geistliche Kleidung ungemein gut +stand, und der nun wieder mein Onkel war, mir darauf vorspielte. So war +denn auch eines andern Verwandten Spiel auf der Viola di Gamba gar +angenehm und verlockend, wiewohl derjenige Onkel, der mich erzog, oder +vielmehr nicht erzog, und der das Spinett mit barbarischer Virtuosität +zu hantieren wußte, ihm mit Recht Mangel an Takt vorwarf. Der Arme +geriet auch bei der ganzen Familie in nicht geringe Verachtung, als man +erfahren, daß er in aller Fröhlichkeit nach der Musik einer Sarabande +eine Menuett à la Pompadour getanzt. Ich könnte Euch überhaupt viel +erzählen von den musikalischen Belustigungen meiner Familie, die oft +einzig in ihrer Art sein mochten, aber es würde manches Groteske mit +unter laufen, worüber Ihr lachen müßtet; und meine werten Verwandten +Eurem Gelächter preiszugeben, das verbietet mir der Respectus +Parentelis.</p> + +<p>Johannes, begann der Geheimerat, Du wirst es mir in Deiner Gemütlichkeit +nicht verargen, wenn ich eine Saite in Deinem Innern anschlage, deren +Berührung Dich vielleicht schmerzt. — Immer sprichst Du von Onkeln, von +Tanten, nicht gedenkst Du Deines Vaters, Deiner Mutter! —</p> + +<p>O mein Freund, erwiderte Kreisler mit dem Ausdruck der tiefsten +Bewegung, eben heute gedachte ich, — doch nein, nichts mehr von +Erinnerungen, von Träumen, nichts von dem Augenblick, der heute alles +nur gefühlte, nicht verstandene Weh meiner frühen Knabenzeit weckte, +aber eine Ruhe kam dann in mein Gemüt, die der ahnungsvollen Stille des +Waldes gleicht, wenn der Gewittersturm vorüber! Ja Meister, Ihr habt +recht, ich stand unter dem Apfelbaum, und horchte auf die weissagende +Stimme des hinsterbenden Donners! — Du kannst Dir deutlicher die dumpfe +Betäubung denken, in der ich wohl <a class="pagenum" name="page_87">87</a>ein paar Jahre fortleben mochte, als +ich Tante Füßchen verloren, wenn ich Dir sage, daß der Tod meiner +Mutter, der in diese Zeit fällt, keinen sonderlichen Eindruck auf mich +machte. Weshalb aber mein Vater mich ganz dem Bruder meiner Mutter +überließ, oder überlassen mußte, darf ich Dir nicht sagen, da Du +Ähnliches in manchem verbrauchten Familienroman, oder in irgendeiner +Ifflandschen Hauskreuzkomödie nachlesen kannst. Es genügt, Dir zu sagen, +daß, wenn ich meine Knaben-, ja einen guten Teil meiner Jünglingsjahre, +im trostlosen Einerlei verlebte, dies wohl eben dem Umstande +zuzuschreiben, daß ich elternlos war. Der schlechte Vater ist noch immer +viel besser, als jeder gute Erzieher, mein' ich, und mir schauert die +Haut, wenn Eltern in lieblosem Unverstande ihre Kinder von sich lassen +und verweisen in diese, jene Erziehungsanstalt, wo die Armen ohne +Rücksicht auf <ins title="Ihre">ihre</ins> Individualität, die ja niemanden anders als eben den +Eltern recht klar aufgehen kann, nach bestimmter Norm zugeschnitten und +appretiert werden. — Was nun eben die Erziehung betrifft, so darf sich +kein Mensch auf Erden darüber verwundern, daß ich ungezogen bin, denn +der Oheim zog oder erzog mich ganz und gar nicht, sondern überließ mich +der Willkür der Lehrer, die ins Haus kamen, da ich keine Schule +besuchen, und auch durch irgendeine Bekanntschaft mit einem Knaben +meines Alters die Einsamkeit des Hauses, das der unverheiratete Oheim +mit einem alten trübsinnigen Bedienten allein bewohnte, nicht stören +durfte. — Ich besinne mich nur auf drei verschiedene Fälle, in denen +der beinahe bis zum Stumpfsinn gleichgültige, ruhige Oheim einen kurzen +Akt der Erziehung vornahm, indem er mir eine Ohrfeige zuteilte, so, daß +ich wirklich während meiner Knabenzeit drei Ohrfeigen empfangen. Ich +könnte Dir, mein Geheimerat, da ich eben zum Schwatzen so aufgelegt, die +Geschichte von den drei Ohrfeigen als ein romantisches Kleeblatt +auftischen, doch hebe ich nur die mittelste heraus, da ich weiß, daß Du +auf nichts so erpicht bist, als auf meine musikalischen Studien, und es +Dir nicht gleichgültig sein kann, zu erfahren, wie ich zum erstenmal +komponierte. — Der Oheim hatte eine ziemlich starke Bibliothek, in der +ich nach Gefallen stöbern und lesen durfte was ich wollte; mir fielen +Rousseau's Bekenntnisse in der deutschen Übersetzung in die Hände. Ich +verschlang das Buch, das eben nicht für einen zwölfjährigen Knaben +geschrieben, und das den Samen manches Unheils in mein Inneres hätte +streuen können. Aber nur ein einziger Moment aus allen, zum Teil sehr +verfänglichen, Begebenheiten <a class="pagenum" name="page_88">88</a>erfüllte mein Gemüt so ganz und gar, daß +ich alles übrige darüber vergaß. Gleich elektrischen Schlägen traf mich +nämlich die Erzählung, wie der Knabe Rousseau von dem mächtigen Geist +seiner innern Musik getrieben, sonst aber ohne alle Kenntnis der +Harmonik, des Kontrapunkts, aller praktischen Hilfsmittel, sich +entschließt, eine Oper zu komponieren, wie er die Vorhänge des Zimmers +herabläßt, wie er sich aufs Bette wirft, um sich ganz der Inspiration +seiner Einbildungskraft hinzugeben, wie ihm nun sein Werk aufgeht, +gleich einem herrlichen Traum! — Tag und Nacht verließ mich nicht der +Gedanke an diesen Moment, mit dem mir die höchste Seligkeit über den +Knaben Rousseau gekommen zu sein schien! — Oft war es mir, als sei ich +auch schon dieser Seligkeit teilhaftig geworden, und dann, nur von +meinem festen Entschlusse hänge es ab, mich auch in dies Paradies +hinaufzuschwingen, da der Geist der Musik in mir ebenso mächtig +beschwingt sei. Genug, ich kam dahin, es meinem Vorbilde nachmachen zu +wollen. Als nämlich an einem stürmischen Herbstabend, der Oheim wider +seine Gewohnheit das Haus verlassen, ließ ich sofort die Vorhänge herab, +und warf mich auf des Oheims Bett, um, wie Rousseau, eine Oper im Geiste +zu empfangen. So vortrefflich aber die Anstalten waren, so sehr ich mich +abmühte, den dichterischen Geist heranzulocken, doch blieb er im +störrischen Eigensinn davon. Durchaus summte mir, statt aller herrlichen +Gedanken, die mir aufgehen sollten, ein altes erbärmliches Lied vor den +Ohren, dessen weinerlicher Text begann: „Ich liebte nur Ismenen, Ismene +liebt' nur mich“, und ließ, so sehr ich mich dagegen sträubte, nicht +nach. Jetzt kommt der erhabene Priesterchor: „Hoch von Olympos Höh'n“, +rief ich mir zu, aber: „Ich liebte nur Ismenen“, summte die Melodie fort +und unaufhörlich fort, bis ich zuletzt fast einschlief. Mich weckten +laute Stimmen, indem ein unerträglicher Geruch mir in die Nase fuhr und +den Atem versetzte. Das ganze Zimmer war von dickem Rauch erfüllt, und +in dem Gewölk stand der Oheim, und trat die Reste der flammenden +Gardine, die den Kleiderschrank verbarg, nieder und rief: Wasser her +— Wasser her! bis der alte Diener Wasser in reichlicher Fülle +herbeibrachte, über den Boden ausgoß, und so das Feuer löschte. Der +Rauch zog langsam durch die Fenster. „Wo ist nur der Unglücksvogel,“ +fragte der Oheim, indem er im Zimmer umherleuchtete. Ich wußte wohl, +welchen Vogel er meinte, und blieb mäuschenstill im Bette, bis der Oheim +hinantrat und mir mit einem zornigen: „Will Er wohl gleich heraus!“ auf +die Beine half. „Steckt <a class="pagenum" name="page_89">89</a>mir der Bösewicht das Haus über dem Kopfe an,“ +fuhr der Onkel fort! Ich versicherte, auf weiteres Befragen, ganz ruhig, +daß ich auf dieselbe Weise wie der Knabe Rousseau nach dem Inhalt seiner +Bekenntnisse es getan, eine <span class="antiqua">Opera seria</span> im Bett komponiert hätte, und +daß ich durchaus gar nicht wisse, wie der Brand entstanden. — „Rousseau? +komponiert? <span class="antiqua">Opera seria?</span> — Pinsel!“ — So stotterte der Oheim vor Zorn, +und teilte mir die kräftige Ohrfeige zu, die ich als die zweite empfing, +so daß ich, vor Schreck erstarrt, sprachlos stehen blieb, und in dem +Augenblick hörte ich wie einen Nachklang des Schlages ganz deutlich: +„Ich liebte nur Ismenen“ usw. usw. Sowohl gegen dieses Lied, als gegen +die Begeisterung des Komponierens überhaupt, empfand ich von diesem +Augenblick an einen lebhaften Widerwillen.</p> + +<p>Aber wie war nur das Feuer entstanden? fragte der Geheimerat.</p> + +<p>Noch in diesem Augenblick, erwiderte Kreisler, ist es mir +unbegreiflich, durch welchen Zufall die Gardine in Brand geriet, und +einen schönen Schlafrock des Oheims, sowie drei oder vier schön +frisierte Toupets, die der Oheim als partielle Perücken-Studien aus +einer Gesamtfrisur aufzusetzen pflegte, mit in ihr Verderben riß. Mir +ist es auch immer so vorgekommen, als habe ich nicht des unverschuldeten +Feuers, sondern nur der unternommenen Komposition halber, die Ohrfeige +erhalten. — Seltsam genug war es die Musik allein, die zu treiben mich +der Oheim mit Strenge anhielt, unerachtet der Lehrer, getäuscht von dem +nur momentanen Widerwillen, den ich dagegen äußerte, mich für ein +durchaus unmusikalisches Prinzip hielt. Was ich übrigens lernen oder +nicht lernen mochte, das war dem Oheim völlig gleich. Äußerte er +manchmal lebhaften Unwillen, daß es so schwer hielt, mich zur Musik +anzuhalten, so hätte man denken sollen, daß er von der Freude hätte +durchdrungen sein müssen, als nach ein paar Jahren der musikalische +Geist sich so mächtig in mir regte, daß er alles übrige überflügelte, +das war aber nun wieder ganz und gar nicht der Fall. Der Oheim lächelte +bloß ein wenig, wenn er bemerkte, daß ich bald mehrere Instrumente mit +einiger Virtuosität spielte, ja daß ich manches kleine Stück aufsetzte +zur Zufriedenheit der Meister und Kenner. Ja, er lächelte bloß ein +wenig, und sprach, wenn man ihn mit Lobeserhebungen anfuhr, mit schlauer +Miene: Ja, der kleine Neveu ist närrisch genug. — So ist es mir, nahm +der Geheimerat das Wort, aber ganz unbegreiflich, daß der Oheim Deiner +Neigung nicht Freiheit ließ, sondern Dich hineinzwang <a class="pagenum" name="page_90">90</a>in eine andere +Laufbahn. Soviel ich nämlich weiß, ist Deine Kapellmeisterschaft eben +nicht von lange her.</p> + +<p>Und auch nicht weit her, rief Meister Abraham lachend, und fuhr, indem +er das Bildnis eines kleinen, wunderlich gebauten Mannes an die Wand +warf, weiter fort. Aber nun muß ich mich des wackern Oheims, den mancher +verruchte Neffe den O weh Onkel nannte, weil er sich mit Vornamen +Ottfried Wenzel schrieb, ja nun muß ich mich seiner annehmen, und der +Welt versichern, daß wenn der Kapellmeister Johannes Kreisler es sich +einfallen ließ, Legationsrat zu sein und sich abzuquälen mit seiner +innersten Natur ganz widrigen Dingen, niemand weniger daran schuld ist, +als eben der O weh Onkel. — O still davon, Meister, sprach Kreisler, +und nehmt mir dort den Oheim von der Wand, denn mocht' er auch wirklich +lächerlich genug aussehen, so mag ich doch eben heute über den Alten, +der lange im Grabe ruht, nicht lachen! —</p> + +<p>Ihr übernehmt Euch heute ja ganz in geziemlicher Empfindsamkeit, +erwiderte der Meister; Kreisler achtete aber nicht darauf, sondern +sprach, sich zum kleinen Geheimerat wendend: Du wirst es bedauern, mich +zum Schwatzen gebracht zu haben, da ich Dir, der vielleicht das +Außerordentliche erwartete, nur Gemeines, wie es sich tausendmal im +Leben wiederholt, auftischen kann. — So ist es auch gewiß, daß es nicht +Erziehungszwang, nicht besonderer Eigensinn des Schicksals, nein, daß es +der gewöhnlichste Lauf der Dinge war, der mich fortschob, so daß ich +unwillkürlich dort hinkam, wo ich eben nicht hin wollte. Hast du nicht +bemerkt, daß es in jeder Familie einen gibt, der sich, sei es durch +besonderes Genie, oder durch das glückliche Zusammentreffen günstiger +Ereignisse, zu einer gewissen Höhe hinaufschwang, und der nun, ein +Heros, in der Mitte des Kreises steht, zu dem die lieben Verwandten +demütig hinaufblicken, dessen gebietende Stimme vernommen wird in +entscheidenden Sprüchen, von denen keine Appellation möglich? — So ging +es mit dem jüngern Bruder meines Oheims, der dem musikalischen +Familiennest entflohen war, und in der Residenz als geheimer +Legationsrat, in der Nähe des Fürsten, eine ziemlich wichtige Person +vorstellte. Sein Emporsteigen hatte die Familie in eine staunende +Bewunderung gesetzt, die nicht nachließ. Man nannte den Legationsrat mit +feierlichem Ernst, und wenn es hieß: der geheime Legationsrat hat +geschrieben, der geheime Legationsrat hat das und das geäußert, so +horchte alles in stummer Ehrfurcht auf. Dadurch schon seit meiner +<a class="pagenum" name="page_91">91</a>frühesten Kindheit daran gewöhnt, den Oheim in der Residenz als einen +Mann anzusehen, der das höchste Ziel alles menschlichen Strebens +erreicht, mußte ich es natürlich finden, daß ich gar nichts anders tun +konnte, als in seine Fußtapfen treten. Das Bildnis des vornehmen Oheims +hing in dem Prunkzimmer, und keinen größern Wunsch hegte ich, als so +frisiert, so gekleidet umherzugehen, wie der Oheim auf dem Bilde. Diesen +Wunsch gewährte mein Erzieher, und ich muß wirklich, als zehnjähriger +Knabe, anmutig genug ausgesehen haben, im himmelhoch frisierten Toupet, +und kleinen zirkelrunden Haarbeutel, im zeisiggrünen Rock mit schmaler +silberner Stickerei, seidenen Strümpfen und kleinem Degen. Dies +kindische Streben ging tiefer ein, als ich älter worden, da, um mir Lust +zur trockensten Wissenschaft einzuflößen, es genügte, mir zu sagen, dies +Studium sei mir nötig, damit ich, dem Oheim gleich, dereinst +Legationsrat werden könne. Daß die Kunst, welche mein Inneres erfüllte, +mein eigentliches Streben, die wahre einzige Tendenz meines Lebens sein +dürfe, fiel mir um so weniger ein, als ich gewohnt war, von Musik, +Malerei, Poesie, nicht anders reden zu hören, als von ganz angenehmen +Dingen, die zur Erheiterung und Belustigung dienen könnten. Die +Schnelle, mit der ich, ohne daß sich jemals auch nur ein einziges +Hindernis offenbart hätte, durch mein erlangtes Wissen, und durch den +Vorschub des Oheims in der Residenz, in der Laufbahn, die ich +gewissermaßen selbst gewählt, vorwärts schritt, ließ mir keinen Moment +übrig, mich umzuschauen, und die schiefe Richtung des Weges, den ich +genommen, wahrzunehmen. Das Ziel war erreicht, umzukehren nicht mehr +möglich, als in einem nicht geahnten Moment die Kunst sich rächte, der +ich abtrünnig worden, als der Gedanke eines ganzen verlornen Lebens mich +mit trostlosem Weh erfaßte, als ich mich in Ketten geschlagen sah, die +mir unzerbrechlich dünkten! —</p> + +<p>Glückselig, heilbringend also die Katastrophe, rief der Geheimerat, die +Dich aus den Fesseln befreite!</p> + +<p>Sage das nicht, erwiderte Kreisler, zu spät trat die Befreiung ein. Mir +geht es, wie jenem Gefangenen, der, als er endlich befreit wurde, dem +Getümmel der Welt, ja dem Licht des Tages, so entwöhnt war, daß er, +nicht vermögend der goldnen Freiheit zu genießen, sich wieder +zurücksehnte in den Kerker.</p> + +<p>Das ist, nahm Meister Abraham das Wort, nun eine von Euern konfusen +Ideen, Johannes, mit denen Ihr Euch und andere plagt! — Geht! geht! +— Immer hat es das Schicksal mit Euch gut gemeint, <a class="pagenum" name="page_92">92</a>aber daß Ihr nun +einmal nicht im gewöhnlichen Trott bleiben könnt, daß Ihr rechts, links +hinausspringt aus dem Wege, daran ist niemand schuld als Ihr selbst. +Recht habt Ihr indessen wohl, daß, was Eure Knabenjahre betrifft, Euer +Stern besonders waltete, und — —</p> + + + +<h3><a name="Zweiter_Abschnitt" id="Zweiter_Abschnitt"></a>Zweiter Abschnitt.</h3> + +<p class="section-caption">Lebenserfahrungen des Jünglings. Auch ich war in Arkadien.</p> + + +<p><em class="gesperrt">(M. f. f.)</em> — „Närrisch genug und zugleich ungemein merkwürdig wär' es +doch, sprach eines Tages mein Meister zu sich selbst, wenn der kleine +graue Mann dort unter dem Ofen wirklich die Eigenschaften besitzen +sollte, die der Professor ihm andichten will! — Hm! ich dächte, er +könnte mich dann reich machen, mehr als mein unsichtbares Mädchen es +getan. Ich sperrt' ihn ein in einen Käficht, er müßte seine Künste +machen vor der Welt, die reichlichen Tribut dafür gern zahlen würde. Ein +wissenschaftlich gebildeter Kater will doch immer mehr sagen, als ein +frühreifer Junge, dem man die Exercitia eingetrichtert. Überdem erspart' +ich mir einen Schreiber! — Ich muß dem Dinge näher auf die Spur +kommen!“</p> + +<p>Ich gedachte, als ich des Meisters verfängliche Worte vernahm, der +Warnung meiner unvergeßlichen Mutter Mina, und wohl mich hütend, auch +nur durch das geringste Zeichen zu verraten, daß ich den Meister +verstanden, nahm ich mir fest vor, auf das sorgfältigste meine Bildung +zu verbergen. Ich las und schrieb daher nur des Nachts, und erkannte +auch dabei mit Dank die Güte der Vorsehung, die meinem verachteten +Geschlechte manchen Vorzug vor den zweibeinigen Geschöpfen, die sich, +Gott weiß warum, die Herren der Schöpfung nennen, gegeben hat. +Versichern kann ich nämlich, daß ich bei meinen Studien weder des +Lichtziehers noch des Ölfabrikanten bedurfte, da der Phosphor meiner +Augen hell leuchtet in der finstersten Nacht. Gewiß ist es daher auch, +daß meine Werke erhaben sind über den Vorwurf, der irgendeinem +Schriftsteller aus der alten Welt gemacht wurde, daß nämlich die +Erzeugnisse seines Geistes nach der Lampe röchen. Doch innig überzeugt +von der hohen Vortrefflichkeit, mit der mich die Natur begabt hat, muß +ich doch gestehen, daß alles hienieden gewisse Unvollkommenheiten in +sich trägt, die wieder ein gewisses abhängiges Verhältnis verraten. Von +den leiblichen Dingen, die die Ärzte nicht natürlich nennen, unerachtet +sie mir eben recht natürlich dünken, will <a class="pagenum" name="page_93">93</a>ich gar nicht reden, sondern +nur rücksichts unseres psychischen <ins title="Organism">Organismus</ins> bemerken, daß sich auch +darin jene Abhängigkeit recht deutlich offenbaret. Ist es nicht ewig +wahr, daß unsern Flug oft Bleigewichte hemmen, von denen wir nicht +wissen, was sie sind, woher sie kommen, wer sie uns angehängt?</p> + +<p>Doch besser und richtiger ist es wohl, wenn ich behaupte, daß alles Übel +vom bösen Beispiel herrührt, und daß die Schwäche unserer Natur +lediglich darin liegt, daß wir dem bösen Beispiel zu folgen gezwungen +sind. Überzeugt bin ich auch, daß das menschliche Geschlecht recht +eigentlich dazu bestimmt ist, dies böse Beispiel zu geben.</p> + +<p>Bist du geliebter Katerjüngling, der du dieses liesest, nicht einmal in +deinem Leben in einen Zustand geraten, der, dir selbst unerklärlich, dir +überall die bittersten Vorwürfe und vielleicht auch — einige tüchtige +Bisse deiner Kumpane zuzog? Du warst träge, zänkisch, ungebärdig, +gefräßig, fandest an nichts Gefallen, warst immer da, wo du nicht sein +solltest, fielst allen zur Last, kurz, warst ein ganz unausstehlicher +Bursche! — Tröste dich o Kater! Nicht aus deinem eigentlichen, tiefern +Innern formte sich diese heillose Periode deines Lebens, nein, es war +der Zoll, den du dem über uns waltenden Prinzip dadurch darbrachtest, +daß auch du dem bösen Beispiel der Menschen, die diesen vorübergehenden +Zustand eingeführt haben, folgtest. Tröste dich o Kater! denn auch mir +ist es nicht besser ergangen!</p> + +<p>Mitten in meinen Lukubrationen überfiel mich eine Unlust — eine Unlust +gleichsam der Übersättigung von unverdaulichen Dingen, so daß ich ohne +weiteres auf demselben Buch, worin ich gelesen, auf demselben +Manuskript, woran ich geschrieben, mich zusammenkrümmte und einschlief. +Immer mehr und mehr nahm diese Trägheit zu, so daß ich zuletzt nicht +mehr schreiben, nicht mehr lesen, nicht mehr springen, nicht mehr +laufen, nicht mehr mit meinen Freunden im Keller, auf dem Dache, mich +unterhalten mochte. Statt dessen fühlte ich einen unwiderstehlichen +Trieb, alles das zu tun, was dem Meister, was den Freunden nie angenehm +sein, womit ich ihnen beschwerlich fallen mußte. Was den Meister +anlangt, so begnügte er, lange Zeit hindurch, sich damit, mich +fortzujagen, wenn ich zu meiner Lagerstätte immer Plätze erkor, wo er +mich durchaus nicht leiden konnte, bis er endlich genötigt wurde, mich +etwas zu prügeln. Immer wieder auf des Meisters Schreibtisch gesprungen, +hatt' ich nämlich so lange hin und her geschwänzelt, bis die Spitze +meines Schweifes in das große Tintenfaß geraten, mit der ich nun auf +Boden und Kanapee die <a class="pagenum" name="page_94">94</a>schönsten Malereien ausführte. Das brachte den +Meister, der keinen Sinn für dieses Genre der Kunst zu haben schien, in +Harnisch. Ich flüchtete auf den Hof; aber beinah noch schlimmer ging es +mir dort. Ein großer Kater von Ehrfurcht gebietendem Ansehen, hatte +längst sein Mißfallen über mein Betragen geäußert; jetzt, da ich ihm +freilich tölpischerweise einen guten Bissen, den er zu verzehren eben im +Begriff, vor dem Maule wegschnappen wollte, gab er mir ohne Umstände +eine solche Menge Ohrfeigen von beiden Seiten, daß ich ganz betäubt +wurde und mir beide Ohren bluteten. — Irre ich nicht, so war der +würdige Herr mein Oheim, denn Minas Züge strahlten aus seinem Antlitz, +und die Familienähnlichkeit des Barts unleugbar. — Kurz, ich gestehe, +daß ich mich in dieser Zeit in Unarten erschöpfte, so daß der Meister +sprach: ich weiß gar nicht, was dir ist, Murr! ich glaube am Ende, du +bist jetzt in die Lümmeljahre getreten! Der Meister hatte recht, es war +meine verhängnisvolle Lümmelzeit, die ich überstehen mußte, nach dem +bösen Beispiel der Menschen, die, wie gesagt, diesen heillosen Zustand, +als durch ihre tiefste Natur bedingt, eingeführt haben. <em class="gesperrt">Lümmeljahre</em> +nennen sie diese Periode, unerachtet mancher Zeit seines Lebens nicht +herauskommt; unsereins kann nur von Lümmelwochen reden, und ich +meinerseits kam nun auf einmal heraus, mittels eines starken Rucks, der +mir ein Bein oder ein paar Rippen hätte kosten können. Eigentlich <em class="gesperrt">sprang</em> +ich heraus aus den Lümmelwochen auf vehemente Weise.</p> + +<p>Ich muß sagen, wie sich das begab:</p> + +<p>Auf dem Hofe der Wohnung meines Meisters stand eine inwendig reich +ausgepolsterte Maschine auf vier Rädern, wie ich nachher einsehen +lernte, ein englischer Halbwagen. Nichts war in meiner damaligen +Stimmung natürlicher, als daß mir die Lust ankam, mit Mühe hinauf zu +klettern und hinein zu kriechen in diese Maschine. Ich fand die darin +befindlichen Kissen so angenehm, so anlockend, daß ich nun die mehrste +Zeit in den Polstern des Wagens verschlief, verträumte.</p> + +<p>Ein heftiger Stoß, dem ein Knattern, Klirren, Brausen, wirres Lärmen +folgte, weckte mich, als eben süße Bilder von Hasenbraten und +dergleichen vor meiner Seele vorübergingen. Wer schildert meinen jähen +Schreck, als ich wahrnahm, daß die ganze Maschine sich mit +ohrbetäubendem Getöse fortbewegte, mich hin und her schleudernd auf +meinen Polstern. Die immer steigende und steigende Angst wurde +Verzweiflung, ich wagte den entsetzlichen Sprung heraus aus <a class="pagenum" name="page_95">95</a>der +Maschine, ich hörte das wiehernde Hohngelächter höllischer Dämonen, ich +hörte ihre barbarischen Stimmen: Katz — Katz, huz, huz! hinter mir her +kreischen, sinnlos rannte ich in voller Furie von dannen, Steine flogen +mir nach, bis ich endlich hineingeriet in ein finsteres Gewölbe, und +ohnmächtig niedersank.</p> + +<p>Endlich war es mir, als höre ich hin und her gehen über meinem Haupte, +und schloß aus dem Schall der Tritte, da ich wohl schon Ähnliches +erfahren, daß ich mich unter einer Treppe befinden müsse. Es war dem so.</p> + +<p>Als ich nun aber herausschlich, Himmel! da dehnten sich überall +unabsehbare Straßen vor mir aus, und eine Menge Menschen, von denen ich +nicht einen einzigen kannte, wogte vorüber. Kam noch hinzu, daß Wagen +rasselten, Hunde laut bellten, ja, daß zuletzt eine ganze Schar, deren +Waffen in der Sonne blitzten, die Straße einengte; daß dicht bei mir +einer urplötzlich so ganz erschrecklich auf eine große Trommel schlug, +daß ich unwillkürlich drei Ellen hoch aufsprang, ja, so konnte es nicht +fehlen, daß eine seltsame Angst meine Brust erfüllte. Ich merkte nun +wohl, daß ich mich in der Welt befand, in der Welt, die ich aus der +Ferne von meinem Dache erblickt, oft nicht ohne Sehnsucht, ohne +Neugierde, ja, mitten in dieser Welt stand ich nun, ein unerfahrner +Fremdling. Behutsam spazierte ich dicht an den Häusern die Straße +entlang, und begegnete endlich ein paar Jünglingen meines Geschlechts. +Ich blieb stehen, ich versuchte ein Gespräch mit ihnen anzuknüpfen, aber +sie begnügten sich, mich mit funkelnden Augen anzuglotzen, und sprangen +dann weiter. „Leichtsinnige Jugend“ dacht' ich, du weißt nicht, wer es +war, der dir in den Weg trat! — so gehen große Geister durch die Welt, +unerkannt, unbeachtet. — Das ist das Los sterblicher Weisheit! — Ich +rechnete auf größere Teilnahme bei den Menschen, sprang auf einen +hervorragenden Kellerhals, und stieß manches fröhliche, wie ich glaubte, +anlockende Miau aus; aber kalt, ohne Teilnahme, kaum sich nach mir +umblickend, gingen alle vorüber. Endlich gewahrte ich einen hübschen, +blondgelockten Knaben, der mich freundlich ansah, und, mit den Fingern +schnalzend, rief: Mies — Mies! — Schöne Seele, du verstehst mich +endlich! dacht' ich, sprang herab, und nahte mich ihm freundlich +schnurrend. Er fing mich an zu streicheln, aber indem ich glaubte, mich +dem freundlichen Gemüt ganz hingeben zu können, kniff er mich dermaßen +in den Schwanz, daß ich vor rasendem Schmerz aufschrie. <em class="gesperrt">Das</em> eben schien +dem tückischen Bösewicht rechte <a class="pagenum" name="page_96">96</a>Freude zu machen; denn er lachte laut, +hielt mich fest, und versuchte das höllische Manöver zu wiederholen. Da +faßte mich der tiefste Ingrimm, von dem Gedanken der Rache durchflammt, +grub ich meine Krallen tief in seine Hände, in sein Gesicht, so daß er +aufkreischend mich fahren ließ. Aber in dem Augenblick hörte ich auch +rufen: — Tyras — Kartusch — hez hez! — Und laut blaffend setzten +zwei Hunde hinter mir her. — Ich rannte, bis mir der Atem verging, sie +waren mir auf den Fersen — keine Rettung. — Blind vor Angst fuhr ich +hinein in das Fenster eines Erdgeschosses, daß die Scheiben +zusammenklirrten, und ein paar Blumentöpfe, die auf der Fensterbank +gestanden, krachend hineinfielen in das Stübchen. Erschrocken fuhr eine +Frau, die an einem Tisch sitzend arbeitete, in die Höhe, rief dann: +„Seht die abscheuliche Bestie,“ ergriff einen Stock, und ging auf mich +los. Aber meine zornglühenden Augen, meine ausgestreckten Krallen, das +Geheul der Verzweiflung, das ich ausstieß, hielten sie zurück, so daß, +wie es in jenem Trauerspiel heißt, der zum Schlagen aufgehobene Stock in +der Luft gehemmt schien, und sie da stand, ein gemalter Wütrich, +parteilos zwischen Kraft und Willen! — In dem Augenblick ging die Türe +auf, schnellen Entschluß fassend, schlüpfte ich dem eintretenden Mann +zwischen den Beinen durch, und war so glücklich, mich aus dem Hause +herauszufinden auf die Straße.</p> + +<p>Ganz erschöpft, ganz entkräftigt, gelangte ich endlich zu einem einsamen +Plätzchen, wo ich mich ein wenig niederlassen konnte. Da fing aber der +wütendste Hunger an, mich zu peinigen, und ich gedachte nun erst mit +tiefem Schmerz des guten Meisters Abraham, von dem mich ein hartes +Schicksal getrennt. Aber, wie ihn wiederfinden! — Ich blickte wehmütig +umher, und als ich keine Möglichkeit sah, den Weg zur Rückkehr zu +erforschen, traten mir die blanken Tränen in die Augen.</p> + +<p>Doch neue Hoffnung ging in mir auf, als ich an der Ecke der Straße ein +junges, freundliches Mädchen wahrnahm, die vor einem kleinen Tische saß, +vor dem die appetitlichsten Bröte und Würste lagen. Ich näherte mich +langsam, sie lächelte mich an, und um mich ihr gleich als einen Jüngling +von guter Erziehung, von galanten Sitten darzustellen, machte ich einen +höheren, schöneren Katzenbuckel als jemals. Ihr Lächeln wurde lautes +Lachen. „Endlich eine schöne Seele, ein teilnehmendes Herz gefunden! — O +Himmel, wie tut das wohl der wunden Brust!“ So dachte ich, und langte +mir eine von den <a class="pagenum" name="page_97">97</a>Würsten herab, aber in demselben Nu schrie auch das +Mädchen laut auf, und hätte mich der Schlag, den sie mit einem derben +Stück Holz nach mir führte, getroffen, in der Tat, weder die Wurst, die +ich mir im Vertrauen auf die Loyalität, auf die menschenfreundliche +Tugend des Mädchens, herabgelangt, noch irgendeine andere, hätte ich +jemals mehr genossen. Meine letzte Kraft setzte ich daran, der Unholdin, +die mich verfolgte, zu entrinnen. Das gelang mir, und ich erreichte +endlich einen Platz, wo ich die Wurst in Ruhe verzehren konnte.</p> + +<p>Nach dem frugalen Mahle kam viel Heiterkeit in mein Gemüt, und da eben +die Sonne mir warm auf den Pelz schien, so fühlte ich lebhaft, daß es +doch schön sei auf dieser Erde. Als aber dann die kalte, feuchte Nacht +einbrach, als ich kein weiches Lager fand wie bei meinem guten Meister, +als ich, vor Frost starrend, vom Hunger auf's neue gepeinigt, am andern +Morgen erwachte, da überfiel mich eine Trostlosigkeit, die an +Verzweiflung grenzte. „Das ist“ (so brach ich aus in laute Klagen) also +die Welt, in die du dich hineinsehntest von dem heimatlichen Dache? +— Die Welt, wo du Tugend zu finden hofftest, und Weisheit, und die +Sittlichkeit der höhern Ausbildung! — O diese herzlosen Barbaren! +— Worin besteht ihre Kraft als im Prügeln? Worin ihr Verstand, als in +hohnlachender Verspottung? Worin ihr ganzes Treiben, als in +scheelsüchtiger Verfolgung tieffühlender Gemüter? — O fort — fort aus +dieser Welt voll Gleisnerei und Trug! — Nimm mich auf in deine kühlen +Schatten, süßer heimatlicher Keller! — O Boden — Ofen — o Einsamkeit, +die mich erfreut, nach dir mein Herz, sich sehnt mit Schmerz! —</p> + +<p>Der Gedanke meines Elends, meines hoffnungslosen Zustandes, übermannte +mich. Ich kniff die Augen zu, und weinte sehr.</p> + +<p>Bekannte Töne schlugen an mein Ohr. „Murr — Murr! — geliebter Freund, +wo kommst du her? Was ist mit dir geschehen?“</p> + +<p>Ich schlug die Augen auf — der junge Ponto stand vor mir!</p> + +<p>So sehr mich Ponto auch gekränkt hatte, doch war mir seine unverhoffte +Erscheinung tröstlich. Ich vergaß die Unbill, die er mir angetan, +erzählte ihm, wie sich alles mit mir begeben, stellte ihm unter vielen +Tränen meine traurige, hülflose Lage vor, schloß damit, ihm zu klagen, +daß mich ein tötender Hunger quäle.</p> + +<p>Statt mir, wie ich geglaubt, seine Teilnahme zu bezeigen, brach der +junge Ponto in ein schallendes Gelächter aus. Bist du nicht, sprach er +dann, ein ausgemachter törichter Geck, lieber Murr? — Erst setzt <a class="pagenum" name="page_98">98</a>sich +der Hase in eine Halbchaise hinein, wo er nicht hingehört, schläft ein, +erschrickt, als er weggefahren wird, springt hinaus in die Welt, wundert +sich gar mächtig, daß ihn, der kaum vor die Türe seines Hauses geguckt, +niemand kennt, daß er mit seinen dummen Streichen überall schlecht +ankommt, und ist dann so einfältig, nicht einmal den Rückweg finden zu +können zu seinem Herrn. — Sieh Freund Murr, immer hast du geprahlt mit +deiner Wissenschaft, mit deiner Bildung, immer hast du vornehm getan +gegen mich, und nun sitzest du da, verlassen, trostlos, und all' die +großen Eigenschaften deines Geistes reichen nicht hin, dich zu belehren, +wie du es anfangen mußt, deinen Hunger zu stillen, und nach Hause +zurückzufinden zu deinem Meister! — Und wenn sich nun der, den du tief +unter dir glaubtest, nicht deiner annimmt, so stirbst du zuletzt eines +elendiglichen Todes, und keine sterbliche Seele frägt was nach deinem +Wissen, nach deinem Talent, und keiner von den Dichtern, denen du dich +befreundet glaubtest, setzt ein freundliches: <span class="antiqua">Hic jacet!</span> auf die Stelle, +wo du aus lauter Kurzsichtigkeit verschmachtetest! — Siehst du, daß ich +wohl auch durch die Schule gelaufen bin und lateinische Brocken +einmischen kann, trotz einem? — Aber du hungerst, armer Kater, und +diesem Bedürfnis muß zuerst abgeholfen werden, komm nur mit mir.</p> + +<p>Der junge Ponto hüpfte fröhlich vorauf, ich folgte niedergeschlagen, +ganz zerknirscht über seine Reden, die mir in meiner hungrigen Stimmung +viel Wahres zu enthalten schienen. Doch wie erschrak ich als —</p> + +<p><em class="gesperrt">(Mak.-Bl.)</em> — für den Herausgeber dieser Blätter das angenehmste +Ereignis von der Welt, daß er das ganze merkwürdige Gespräch Kreislers +mit dem kleinen Geheimerat brühwarm wieder erfuhr. Dadurch wurde er in +den Stand gesetzt, Dir, geliebter Leser, wenigstens ein paar Bilder aus +der frühern Jugendzeit des seltnen Mannes, dessen Biographie er +aufzuschreiben gewissermaßen genötigt, vor die Augen zu bringen, und er +vermeint, daß, was Zeichnung und Kolorit betrifft, diese Bilder wohl für +charakteristisch und bedeutsam genug gelten können. Wenigstens mag man +nach dem, was Kreisler von Tante Füßchen und ihrer Laute erzählt, nicht +daran zweifeln, daß die Musik mit all' ihrer wunderbaren Wehmut, mit +all' ihrem Himmelsentzücken, recht in die Brust des Knaben mit tausend +Adern verwuchs, und nicht zum Verwundern mag's darum auch sein, daß eben +dieser Brust, wird sie nur leise verwundet, gleich heißes Herzblut +entquillt. Auf zwei Momente aus dem Leben des geliebten Kapellmeisters +war <a class="pagenum" name="page_99">99</a>bemeldeter Herausgeber besonders begierig, ja wie man zu sagen +pflegt, ganz versessen. Nämlich, auf welche Weise Meister Abraham in die +Familie geriet und einwirkte auf den kleinen Johannes, und welche +Katastrophe den ehrlichen Kreisler aus der Residenz warf und umstempelte +zum Kapellmeister, welches er hätte von Haus aus sein sollen, wiewohl +man der ewigen Macht trauen darf, die jeden zu rechter Zeit an die +rechte Stelle setzt. Manches ist darüber ausgemittelt worden, welches Du +o Leser! sogleich erfahren sollst.</p> + +<p>Fürs erste ist gar nicht daran zu zweifeln, daß zu Göniönesmühl, wo +Johannes Kreisler geboren und erzogen wurde, es einen Mann gab, der in +seinem ganzen Wesen, in allem, was er unternahm, seltsam und +eigentümlich erschien. Überhaupt ist das Städtlein Göniönesmühl seit +jeher das wahre Paradies aller Sonderlinge gewesen, und Kreisler wuchs +auf, umgeben von den seltsamsten Figuren, die einen desto stärkern +Eindruck auf ihn machen mußten, als er wenigstens während der Knabenzeit +mit seinesgleichen keinen Umgang pflegte. Jener Mann trug aber mit einem +bekannten Humoristen gleichen Namen, denn er hieß Abraham Liscov und war +ein Orgelbauer, welches Metier er bisweilen tief verachtete, so daß man +nicht recht wußte, was er eigentlich wollte.</p> + +<p>So wie Kreisler erzählt, wurde in der Familie von dem Herrn Liscov +immer mit hoher Bewunderung gesprochen. Man nannte ihn den +geschicktesten Künstler, den es geben könne, und bedauerte nur, daß +seine tollen Grillen, seine ausgelassenen Einfälle ihn von jedermann +entfernt hielten. Als einen besondern Glücksfall rühmte dieser, jener, +daß Herr Liscov wirklich da gewesen und seinen Flügel neu befiedert und +gestimmt habe. Eben von Liscov's phantastischen Streichen wurde dann +auch manches erzählt, welches auf den kleinen Johannes ganz besonders +wirkte, so daß er sich von dem Mann, ohne ihn zu kennen, ein ganz +bestimmtes Bild entwarf, sich nach ihm sehnte und als der Oheim +versicherte, Herr Liscov würde vielleicht kommen und den schadhaften +Flügel reparieren, jeden Morgen fragte, ob Herr Liscov denn nicht +endlich erscheinen werde. Dieses Interesse des Knaben für den +unbekannten Herrn Liscov steigerte sich aber bis zur höchsten +anstaunenden Ehrfurcht, als er in der Hauptkirche, die der Oheim in der +Regel nicht zu besuchen pflegte, zum erstenmal die mächtigen Töne der +großen schönen Orgel vernahm, und als der Oheim ihm sagte, niemand +anders, als eben Herr Abraham Liscov habe dies herrliche Werk +verfertigt. Von diesem Augenblick an verschwand auch das Bild, <a class="pagenum" name="page_100">100</a>das +Johannes sich von Herrn Liscov entworfen, und ein ganz anderes trat an +seine Stelle. Herr Liscov mußte nach des Knaben Meinung ein großer, +schöner Mann sein, von stattlichem Ansehen, hell und stark sprechen, und +vor allen Dingen einen pflaumfarbnen Rock tragen, mit breiten goldnen +Tressen wie der Pate Kommerzienrat, der so gekleidet ging, und vor +dessen reicher Tracht der kleine Johannes den tiefsten Respekt hegte.</p> + +<p>Als eines Tages der Oheim mit Johannes am offnen Fenster stand, kam ein +kleiner hagerer Mann die Straße herab geschossen, in einem Rockelor von +hellgrünem Berkan, dessen offne Ärmelklappen seltsam im Winde auf und +nieder flatterten. Dazu hatte er ein kleines dreieckiges Hütchen +martialisch auf die weißgepuderte Frisur gedrückt, und ein zu langer +Haarzopf schlängelte sich herab über den Rücken. Er trat hart auf, daß +das Straßenpflaster dröhnte, und stieß auch bei jedem zweiten Schritt +mit dem langen spanischen Rohr, das er in der Hand trug, heftig auf den +Boden. Als der Mann vor dem Fenster vorbeikam, warf er aus seinen +funkelnden pechschwarzen Augen dem Oheim einen stechenden Blick zu, ohne +seinen Gruß zu erwidern. Dem kleinen Johannes bebte es eiskalt durch +alle Glieder, und zugleich war es ihm zu Mute, als müsse er über den +Mann entsetzlich lachen, und könne nur nicht dazu kommen, weil ihm die +Brust so beengt. „Das war der Herr Liscov“, sprach der Oheim; „das wußte +ich ja,“ erwiderte Johannes, und er mochte recht haben. Weder ein großer +stattlicher Mann war Herr Liscov, noch trug er einen pflaumfarbnen Rock +mit goldnen Tressen, wie der Pate Kommerzienrat; seltsam, ja wunderbar +genug begab es sich aber, daß Herr <ins title="Liskov">Liscov</ins> ganz genau so aussah, wie der +Knabe sich ihn früher gedacht hatte, ehe er das Orgelwerk vernommen. +Noch hatte sich Johannes nicht von seinem Gefühl erholt, das dem eines +jähen Schrecks zu vergleichen, als Herr Liscov plötzlich still stand, +sich umdrehte, die Straße entlang hinanpolterte, bis vor das Fenster, +dem Oheim eine tiefe Verbeugung machte, davon rannte unter lautem +Gelächter.</p> + +<p>Ist das wohl, sprach der Oheim, ein Betragen für einen gesetzten Mann, +der in den Studiis nicht unerfahren, der als privilegierter Orgelbauer +zu den Künstlern zu rechnen, und dem Gesetze des Landes verstatten einen +Degen zu tragen? Sollte man nicht vermeinen, er habe schon am lieben +frühen Morgen zu tief ins Glas geguckt, oder sei dem Tollhause +entsprungen? Aber ich weiß es, nun wird er herkommen und den Flügel in +Ordnung bringen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_101">101</a>Der Oheim hatte recht. Schon andern Tages war Herr Liscov da, aber statt +die Reparatur des Flügels vorzunehmen, verlangte er, der kleine Johannes +sollte ihm vorspielen. Dieser wurde auf den mit Büchern bepackten Stuhl +gesetzt, Herr Liscov ihm gegenüber am schmalen Ende des Flügels, stützte +beide Arme auf das Instrument, und sah dem Kleinen starr ins Antlitz, +welches ihn dermaßen außer Fassung brachte, daß die Menuetts, die Arien, +die er aus dem alten Notenbuche abspielte, holpricht genug gingen. Herr +Liscov blieb ernst, aber plötzlich rutschte der Knabe herab, und versank +unter des Flügels Gestell, worüber der Orgelbauer, der ihm mit einem +Ruck die Fußbank unter den Füßen weggezogen, eine unmäßige Lache +aufschlug. Beschämt rappelte sich der Knabe hervor, doch in dem +Augenblick saß Herr Liscov auch schon vor dem Flügel, hatte einen Hammer +hervorgezogen, und hämmerte auf das arme Instrument so unbarmherzig los, +als wolle er alles in tausend Stücke schlagen. „Herr Liscov sind Sie von +Sinnen!“ schrie der Onkel, aber der kleine Johannes, ganz entrüstet, +ganz außer sich über des Orgelbauers Beginnen, stemmte sich mit aller +Gewalt gegen den Deckel des Instruments, so, daß er mit lautem Krachen +zuschlug, und Herr Liscov schnell den Kopf zurückziehen mußte, um nicht +getroffen zu werden. Dann rief er: Ei lieber Onkel, das ist nicht der +geschickte Künstler, der die schöne Orgel gebaut hat, er kann es nicht +sein, denn dieser hier ist ja ein alberner Mensch, der sich beträgt wie +ein ungezogner Bube!</p> + +<p>Der Oheim verwunderte sich über die Dreistigkeit des Knaben; aber Herr +Liscov sah ihn lange starr an, sprach: „Er ist wohl ein kurioser +Monsieur!“ öffnete leise und behutsam den Flügel, zog Instrumente +hervor, begann seine Arbeit, die er in paar Stunden beendete, ohne ein +einziges Wort zu sprechen.</p> + +<p>Seit diesem Augenblick zeigte sich des Orgelbauers entschiedene +Vorliebe für den Knaben. Beinahe täglich kam er ins Haus, und wußte den +Knaben bald für sich zu gewinnen, indem er ihm eine ganze neue bunte +Welt erschloß, in der sich sein reger Geist mutiger und freier bewegen +konnte. Eben nicht löblich war es, daß Liscov, vorzüglich als Johannes +schon in Jahren mehr vorgerückt, den Knaben anregte zu den seltsamsten +Foppereien, die oft gegen den Oheim selbst gerichtet waren, der +freilich, beschränkten Verstandes, und voll der lächerlichsten +Eigenheiten, dazu reichen Anlaß bot. Gewiß ist es aber, daß, wenn +Kreisler über die trostlose Verlassenheit in <a class="pagenum" name="page_102">102</a>seinen Knabenjahren klagt, +wenn er das zerrissene Wesen, das ihn oft in seiner innersten Natur +verstört, jener Zeit zuschreibt, wohl das Verhältnis mit dem Oheim in +Anschlag zu bringen ist. Er konnte den Mann, der Vaterstelle zu +vertreten berufen, und der ihm mit seinem ganzen Tun und Wesen +lächerlich erscheinen mußte, nicht achten.</p> + +<p>Liscov wollte den Johannes ganz an sich reißen, und es wäre ihm +gelungen, hätte sich nicht des Knaben edlere Natur dagegen gesträubt. +Ein durchdringender Verstand, ein tiefes Gemüt, eine ungewöhnliche +Erregbarkeit des Geistes, alles das waren anerkannte Vorzüge des +Orgelbauers. Was man aber Humor zu nennen beliebte, war nicht jene +seltne wunderbare Stimmung des Gemüts, die aus der tieferen Anschauung +des Lebens in all' seinen Bedingnissen, aus dem Kampf der feindlichsten +Prinzipe sich erzeugt, sondern nur das entschiedene Gefühl des +Ungehörigen, gepaart mit dem Talent, es ins Leben zu schaffen, und der +Notwendigkeit der eignen bizarren Erscheinung. Dies war die Grundlage +des verhöhnenden Spottes, den Liscov überall ausströmen ließ, der +Schadenfreude, mit der er alles als ungehörig Erkannte rastlos verfolgte +bis in die geheimsten Winkel. Eben diese schadenfrohe Verspottung +verwundete des Knaben zartes Gemüt, und stand dem innigsten Verhältnis, +wie es der in wahrhafter innerer Gesinnung väterliche Freund +herbeigeführt haben würde, entgegen. Zu leugnen ist aber auch nicht, daß +der wunderliche Orgelbauer recht dazu geeignet war, den Keim des tiefern +Humors, der in des Knaben Innern lag, zu hegen und zu pflegen, der denn +auch sattsam gedieh und emporwuchs. —</p> + +<p>Herr Liscov pflegte viel von Johannes Vater zu erzählen, dessen +vertrautester Freund er in seinen Jünglingsjahren gewesen, zum Nachteil +des erziehenden Oheims, der merklich in den Schatten trat, wenn der +Bruder in hellem Sonnenlicht erschien. So rühmte auch eines Tages der +Orgelbauer den tiefen musikalischen Sinn des Vaters, und verspottete die +verkehrte Art, wie der Oheim dem Knaben die ersten Elemente der Musik +beigebracht. Johannes, dessen ganze Seele durchdrungen war von dem +Gedanken an den, der ihm der Nächste gewesen, und den er nie gekannt, +wollte immer noch mehr hören. Da verstummte aber Liscov plötzlich, und +sah, wie einer, dem irgendein das Leben erfassender Gedanke vor die +Seele tritt, starr zum Boden nieder.</p> + +<p>Was ist Euch Meister, fragte Johannes, was bewegt Euch so?</p> + +<p>Liscov fuhr auf, wie aus einem Traum, und sprach lächelnd <a class="pagenum" name="page_103">103</a>Weißt Du noch +Johannes! wie ich Dir die Fußbank wegzog unter den Beinen, und Du +hinabschobst unter den Flügel, da Du mir des Oheims abscheuliche Murkis +und Menuetten vorspielen mußtest?</p> + +<p>Ach, erwiderte Johannes, wie ich Euch zum ersten Male sah, daran mag ich +gar nicht denken. Es machte Euch gerade Spaß, ein Kind zu betrüben.</p> + +<p>Und das Kind, nahm Liscov das Wort, war dafür tüchtig grob. Doch +nimmermehr hätt' ich damals geglaubt, daß in Euch ein solch tüchtiger +Musiker verborgen, und darum, Söhnlein, tu mir den Gefallen und spiele +mir einen ordentlichen Choral vor auf dem papiernen Positiv. Ich will +den Balg treten.</p> + +<p>— Es ist hier nachzuholen, daß Liscov großen Geschmack fand an allerlei +wunderlichen Spielereien, und den Johannes damit sehr ergötzte. Schon, +als Johannes noch ein Kind, pflegte Liscov bei jedem Besuch ihm irgend +etwas Seltsames mitzubringen.</p> + +<p>Empfing das Kind bald einen Apfel, der in hundert Stücke zerfiel, wenn +er abgeschält wurde, oder irgendein seltsam geformtes Backwerk, so wurde +der erwachsene Knabe bald mit diesem, bald mit jenem überraschenden +Kunststück aus der natürlichen Magie erfreut, so half der Jüngling +optische Maschinen bauen, sympathetische Tinten kochen usw. An der +Spitze der mechanischen Künsteleien, die der Orgelbauer für den Johannes +verfertigte, stand aber ein Positiv mit achtfüßigem Gedackt, dessen +Pfeifen von Papier geformt, das mithin jenem Kunstwerk des alten +Orgelbauers aus dem siebzehnten Jahrhundert, Eugenius Casparini +geheißen, glich, welches in der kaiserlichen Kunstkammer in Wien zu +sehen. <ins title="Liskovs">Liscovs</ins> seltsames Instrument hatte einen Ton, dessen Stärke und +Anmut unwiderstehlich hinriß, und Johannes versichert noch, daß er +niemals darauf spielen können, ohne in die tiefste Bewegung zu geraten, +und daß ihm dabei manche wahrhaft fromme Kirchenmelodie hell +aufgegangen. —</p> + +<p>Auf diesem Positiv mußte Johannes nun dem Orgelbauer vorspielen. +Nachdem er, wie Liscov verlangt, ein paar Choräle gespielt, fiel er in +den Hymnus: <span class="antiqua">Misericordias Domini cantabo,</span> den er vor wenigen Tagen +gesetzt. — Da Johannes geendet, so sprang Liscov auf, drückte ihn +stürmisch an die Brust, rief laut lachend: Hasenfuß, was foppst Du mich +mit Deiner lamentablen Cantilena? Wär' ich nicht immer und ewig Dein +Kalkant gewesen, nichts Vernünftiges hättest Du jemals herausgebracht. +— Aber nun renne ich fort, und lasse Dich im Stich ganz und gar, und Du +magst Dir in der Welt einen <a class="pagenum" name="page_104">104</a>andern Kalkanten suchen, der es mit Dir so +gut meint als ich! Dabei standen ihm die hellen Tränen in den Augen. Er +sprang zur Türe hinaus, die er sehr heftig zuschlug. Dann steckte er +aber nochmals den Kopf hinein und sprach sehr weich: Es kann nun einmal +nicht anders sein. — Adieu Johannes! — Wenn der Oheim seine +rotgeblümte Gros de Tours Weste vermißt, so sage nur, ich hätte sie +gestohlen, und ließe mir daraus einen Turban machen, um dem Groß-Sultan +vorgestellt zu werden! — Adieu Johannes! — Kein Mensch konnte +begreifen, warum Herr Liscov so plötzlich die angenehme Stadt +Göniönesmühl verlassen, warum er niemanden entdeckt, wohin er sich zu +wenden entschlossen.</p> + +<p>Der Oheim sprach: Längst hab' ich vermutet, daß der unruhige Geist sich +auf und davon machen würde, denn er hält es, unerachtet er schöne Orgeln +verfertigt, doch nicht mit dem Spruch: Bleibe im Lande und nähre dich +redlich! — Es ist nur gut, daß unser Flügel im Stande; nach dem +überspannten Menschen selbst frag' ich nicht viel! — Anders dachte wohl +Johannes, dem Liscov überall fehlte, und dem nun ganz Göniönesmühl ein +totes, düstres Gefängnis dünkte.</p> + +<p>So kam es, daß er den Rat des Orgelbauers befolgen, und sich in der Welt +einen andern Kalkanten suchen wollte. Der Oheim meinte, da er seine +Studien vollendet, könne er in der Residenz sich unter den Fittich des +Geheimen-Legationsrates begeben und vollends ausbrüten lassen. — Es +geschah so! —</p> + +<p>— In diesem Augenblick ärgert sich gegenwärtiger Biograph über alle +Maßen, denn indem er an den zweiten Moment aus Kreislers Leben kommt, +von dem er Dir, geliebter Leser, zu erzählen versprochen, nämlich, wie +Johannes Kreisler den wohlerworbenen Posten eines Legationsrates verlor, +und gewissermaßen aus der Residenz verwiesen wurde, wird er gewahr, daß +alle Nachrichten, die ihm darüber zu Gebote stehen, ärmlich, dürftig, +seicht, unzusammenhängend sind. —</p> + +<p>Es genügt indessen am Ende wohl, zu sagen, daß, bald nachdem Kreisler +in die Stelle seines verstorbenen Oheims getreten, und Legationsrat +geworden, ehe man sich's versah, ein gewaltiger gekrönter Koloß den +Fürsten in der Residenz heimsuchte, und ihn als seinen besten Freund so +innig und herzlich in seine eisernen Arme schloß, daß der Fürst darüber +den besten Teil seines Lebensatems verlor. Der Gewaltige hatte in seinem +Tun und Wesen etwas ganz Unwiderstehliches, und so kam es, daß seine +Wünsche befriedigt werden mußten, sollte auch, wie es wirklich geschah, +darüber alles in Not und <a class="pagenum" name="page_105">105</a>Verwirrung geraten. Manche fanden die +Freundschaft des Gewaltigen etwas verfänglich, wollten sich wohl gar +dagegen auflehnen, gerieten aber selbst darüber in das verfängliche +Dilemma, entweder die Vortrefflichkeit jener Freundschaft anzuerkennen, +oder außerhalb Landes einen andern Standpunkt zu suchen, um vielleicht +den Gewaltigen im richtigeren Licht zu erblicken.</p> + +<p>Kreisler befand sich unter diesen.</p> + +<p>Trotz seines diplomatischen Charakters hatte Kreisler geziemliche +Unschuld konserviert, und eben deshalb gab es Augenblicke, in denen er +nicht wußte, wozu sich entschließen. Eben in einem solchen Augenblick +erkundigte er sich bei einer hübschen Frau in tiefer Trauer, was sie +überhaupt von Legationsräten halte? Sie erwiderte vieles in zierlichen, +artigen Worten; am Ende kam aber so viel heraus, daß sie von einem +Legationsrat gar nicht viel halten könne, sobald er sich auf +enthusiastische Weise mit der Kunst beschäftige, ohne sich ihr ganz +zuzuwenden.</p> + +<p>„Vortrefflichste der Witwen, sprach darauf Kreisler, ich reiße aus!“</p> + +<p>Als er bereits Reisestiefel angezogen und mit dem Hute in der Hand sich +empfehlen wollte, nicht ohne Rührung und gehörigen Abschiedsschmerz, +steckte ihm die Witwe den Ruf zur Kapellmeisterstelle bei dem +Großherzog, der das Ländchen des Fürsten Irenäus verspeist, in die +Tasche.</p> + +<p>Kaum ist es nötig, hinzuzufügen, daß die Dame in Trauer niemand anders +war, als die Rätin Benzon, die eben des Rates verlustig geworden, da der +Gemahl verstorben.</p> + +<p>Merkwürdigerweise trug es sich zu, daß die Benzon eben zu der Zeit als — +</p> + +<p><em class="gesperrt">(M. f. f.)</em> — Ponto geradezu auf das Brot und Würste feilhaltende +Mädchen loshüpfte, die mich, da ich freundlich bei ihr zulangte, beinahe +tot geschlagen. „Mein Pudel Ponto, mein Pudel Ponto, was tust du, nimm +dich in acht, hüte dich vor der herzlosen Barbarin, vor dem +rachedürstenden Wurstprinzip! — So rief ich hinter Ponto her — ohne +auf mich zu achten, setzte er aber seinen Weg fort — und ich folgte in +der Ferne, um, sollte er in Gefahr geraten, mich gleich aus dem Staube +machen zu können. — Vor dem Tisch angekommen, richtete sich Ponto auf +den Hinterfüßen in die Höhe — und tänzelte in den zierlichsten Sprüngen +um das Mädchen her, die sich darüber gar sehr erfreute. Sie rief ihn an +sich, er kam, legte den Kopf in ihren Schoß, sprang wieder auf, bellte +lustig, hüpfte wieder um den <a class="pagenum" name="page_106">106</a>Tisch, schnupperte bescheiden, und sah dem +Mädchen freundlich in die Augen.</p> + +<p>„Willst du ein Würstchen, artiger Pudel?“ So fragte das Mädchen, und als +nun Ponto anmutig schwänzelnd laut aufjauchzte, nahm sie zu meinem nicht +geringen Erstaunen eine der schönsten, größten Würste, und reichte sie +dem Ponto dar. Dieser tanzte wie zur Danksagung noch ein kurzes Ballett, +und eilte dann zu mir mit der Wurst, die er mit den freundlichen Worten +hinlegte: „Da, iß, erquicke dich Bester!“ Nachdem ich die Wurst +verzehrt, lud mich Ponto ein, ihm zu folgen, er wolle mich zurückführen +zum Meister Abraham.</p> + +<p>Wir gingen langsam nebeneinander her, so daß es uns nicht schwer fiel, +wandelnd, vernünftige Gespräche zu führen.</p> + +<p>„Ich <ins title="seh">seh'</ins> es wohl ein, (so begann ich die Unterredung) daß du, geliebter +Ponto, es viel besser verstehst, in der Welt fortzukommen, als ich. +Nimmermehr würd' es mir gelungen sein, das Herz jener Barbarin zu +rühren, welches dir so ungemein leicht wurde. Doch verzeih! — In deinem +ganzen Benehmen gegen die Wurstverkäuferin lag doch etwas, wogegen mein +innerer mir angeborner Sinn sich auflehnt. Eine gewisse unterwürfige +Schmeichelei, ein Verleugnen des Selbstgefühls, der edleren Natur +— nein! guter Pudel, nicht entschließen könnte ich mich, so freundlich +zu tun, so mich außer Atem zu setzen mit angreifenden Manövers, so recht +demütig zu betteln, wie du es tatest. Bei dem stärksten Hunger, oder +wenn mich ein Appetit nach etwas Besonderem anwandelt, begnüge ich mich, +hinter den Meister auf den Stuhl zu springen, und meine Wünsche durch +ein sanftes Knurren anzudeuten. Und selbst dies ist mehr Erinnerung an +die übernommene Pflicht, für meine Bedürfnisse zu sorgen, als Bitte um +eine Wohltat.</p> + +<p>Ponto lachte laut auf, als ich dies gesprochen und begann dann: O Murr, +mein guter Kater, du magst ein tüchtiger Literatus sein und dich wacker +auf Dinge verstehen, von denen ich gar keine Ahnung habe, aber von dem +eigentlichen Leben weißt du gar nichts, und würdest verderben, da dir +alle Weltklugheit gänzlich abgeht. — Fürs erste würdest du vielleicht +anders geurteilt haben, ehe du die Wurst genossen, denn hungrige Leute +sind viel artiger und fügsamer, als satte, dann aber bist du rücksichts +meiner sogenannten Unterwürfigkeit in großem Irrtum. Du weißt ja, daß +das Tanzen und Springen mir großes Vergnügen macht, so, daß ich es oft +auf meine eigene Hand unternehme. Treibe ich nun, eigentlich nur zu +meiner Motion, <a class="pagenum" name="page_107">107</a>meine Künste vor den Menschen, so macht es mir ungemeinen +Spaß, daß die Toren glauben, ich täte es aus besonderm Wohlgefallen an +ihrer Person, und nur um ihnen Lust und Freude zu erregen. Ja sie +glauben das, sollte auch eine andere Absicht ganz klar sein. Du hast, +Geliebter! das lebendige Beispiel davon soeben erfahren. Mußte das +Mädchen nicht gleich einsehen, daß es mir nur um eine Wurst zu tun war, +und doch geriet sie in volle Freude, daß ich ihr, der Unbekannten, meine +Künste vormachte, als einer Person, die dergleichen zu schätzen +vermögend, und eben in dieser Freude tat sie das, was ich bezweckte. Der +Lebenskluge muß es verstehen, allem, was er bloß seinetwegen tut, den +Anschein zu geben, als täte er es um anderer willen, die sich dann hoch +verpflichtet glauben, und willig sind zu allem, was man bezweckte. +Mancher erscheint gefällig, dienstfertig, bescheiden, nur den Wünschen +anderer lebend, und hat nichts im Auge, als sein liebes Ich, dem die +andern dienstbar sind, ohne es zu wissen. Das, was du also unterwürfige +Schmeichelei zu nennen beliebst, ist nichts als weltkluges Benehmen, das +in der Erkenntnis und der foppenden Benutzung der Torheit anderer seine +eigentlichste Basis findet.</p> + +<p>O Ponto, erwiderte ich, du bist ein Weltmann, das ist gewiß, und ich +wiederhole, daß du dich auf das Leben besser verstehst als ich, aber dem +unerachtet kann ich kaum glauben, daß deine seltsamen Künste dir selbst +Vergnügen machen sollten. Wenigstens ist mir das entsetzliche Kunststück +durch Mark und Bein gegangen, als du in meiner Gegenwart deinem Herrn +ein schönes Stück Braten apportiertest, es sauber zwischen den Zähnen +haltend, und nicht eher einen Bissen davon genossest, bis dein Herr dir +die Erlaubnis zuwinkte.</p> + +<p>Sage mir doch, guter Murr, fragte Ponto, was sich nachher begab!</p> + +<p>Beide, erwiderte ich, dein Herr und Meister Abraham lobten dich über +alle Maßen, und setzten dir einen ganzen Teller mit Braten hin, den du +mit erstaunlichem Appetit verzehrtest.</p> + +<p>Nun also, bester Kater, fuhr Ponto fort, glaubst du wohl, daß, hätt' +ich apportierend das kleine Stück Braten gefressen, daß ich dann eine +solch reichliche Portion, und überhaupt Braten erhalten? Lerne, o +unerfahrner Jüngling! daß man kleine Opfer nicht scheuen darf, um Großes +zu erreichen. Mich wundert's, daß bei deiner starken Lektüre dir nicht +bekannt worden, was es heißt, die Wurst nach der Speckseite werfen. +— Pfote aufs Herz, muß ich dir gestehen, daß, träf' ich einsam im Winkel +einen ganzen schönen Braten an, ich ihn <a class="pagenum" name="page_108">108</a>ganz gewiß verzehren würde, ohne +auf die Erlaubnis meines Herrn zu warten, könnt' ich das nur unbelauscht +vollbringen. Es liegt nun einmal in der Natur, daß man im Winkel ganz +anders handelt, als auf offener Straße. Übrigens ist es auch ein aus +tiefer Weltkenntnis geschöpfter Grundsatz, daß es ratsam ist, in +Kleinigkeiten ehrlich zu sein.</p> + +<p>Ich schwieg einige Augenblicke, über Pontos geäußerte Grundsätze +nachdenkend; mir fiel ein, irgendwo gelesen zu haben, ein jeder müsse so +handeln, daß seine Handlungsweise als allgemeines Prinzip gelten könne, +oder wie er wünsche, daß alle rücksichts seiner handeln möchten, und +bemühte mich vergebens, dies Prinzip mit Pontos Weltklugheit in +Übereinstimmung zu bringen. Mir kam in den Sinn, daß alle Freundschaft, +die mir Ponto in dem Augenblick erzeigte, wohl auch gar zu meinem +Schaden nur seinen eignen Vorteil bezwecken könne, und ich äußerte dies +unverholen.</p> + +<p>Kleiner Schäker, rief Ponto lachend, von dir ist gar nicht die Rede! +— Du kannst mir keinen Vorteil gewähren, keinen Schaden verursachen. Um +deine toten Wissenschaften beneide ich dich nicht, dein Treiben ist +nicht das meinige, und solltest du dir es etwa beikommen lassen, +feindliche Gesinnungen gegen mich zu äußern, so bin ich dir an Stärke +und Gewandheit überlegen. Ein Sprung, ein tüchtiger Biß meiner scharfen +Zähne, würde dir auf der Stelle den Garaus machen.</p> + +<p>Mich wandelte eine große Furcht an vor meinem eignen Freunde, die sich +vermehrte, als ein großer schwarzer Pudel ihn freundlich nach +gewöhnlicher Art begrüßte, und beide, mich mit glühenden Augen +anblickend, leise miteinander sprachen.</p> + +<p>Die Ohren angekniffen, drückte ich mich an die Seite, doch bald sprang +Ponto, den der Schwarze verlassen, wieder auf mich zu, und rief: Komm +nur, mein Guter!</p> + +<p>„Ach Himmel, fragte ich in der Bestürzung, wer war denn der ernste Mann, +der vielleicht ebenso weltklug als du?“</p> + +<p>„Ich glaube gar, erwiderte Ponto, du fürchtest dich vor meinem guten +Oheim, dem Pudel Skaramuz? Ein Kater bist du schon, und willst nun gar +ein Hase werden. —“</p> + +<p>„Aber, sprach ich, warum warf der Oheim mir solche glühende Blicke zu, +und was flüstertet ihr so heimlich, so verdächtig miteinander? —“</p> + +<p>„Nicht verhehlen will ich's dir, mein guter Murr, erwiderte Ponto, daß +mein alter Oheim etwas mürrisch ist, und wie es denn <a class="pagenum" name="page_109">109</a>nun bei alten +Leuten gewöhnlich der Fall, an verjährten Vorurteilen hängt. Er wunderte +sich über unser Beisammensein, da die Ungleichheit unsers Standes jede +Annäherung verbieten müsse. Ich versicherte, daß du ein junger Mann von +vieler Bildung und angenehmem Wesen wärst, der mich bisweilen sehr +belustige. Da meinte er, dann könne ich mich wohl dann und wann einsam +mit dir unterhalten, nur solle ich's mir nicht etwa einfallen lassen, +dich mitzubringen in eine Pudelassemblee, da du nun und nimmermehr +assembleefähig werden könntest, schon deiner kleinen Ohren halber, die +nur zu sehr deine niedere Abkunft verrieten, und von tüchtigen +großgeohrten Pudeln durchaus für unanständig geachtet würden.</p> + +<p>Ich versprach das.“</p> + +<p>Hätt' ich schon damals etwas gewußt von meinem großen Ahnherrn, dem +gestiefelten Kater, der Ämter und Würden erlangte, dem Busenfreunde +König Gottliebs, ich würde dem Freunde Ponto sehr leicht bewiesen haben, +daß jede Pudelassemblee sich geehrt fühlen müsse durch die Gegenwart +eines Abkömmlings aus der illustersten Familie; so mußte ich, aus der +Obskurität noch nicht hervorgetreten, es aber leiden, daß beide, +Skaramuz und Ponto, sich über mich erhaben dünkten. — Wir schritten +weiter fort. Dicht vor uns wandelte ein junger Mann, der trat mit einem +lauten Ausruf der Freude so schnell zurück, daß er mich, sprang ich +nicht schnell zur Seite, schwer verletzt haben würde. Ebenso laut schrie +ein anderer junger Mann, der, die Straße herab, jenem entgegenkam. Und +nun stürzten sich beide in die Arme, wie Freunde, die sich lange nicht +gesehen, und wandelten dann eine Strecke vor uns her, Hand in Hand, bis +sie still standen und, ebenso zärtlich voneinander Abschied nehmend, +sich trennten. Der, der vor uns hergeschritten, sah dem Freunde lange +nach und schlüpfte dann schnell in ein Haus hinein. Ponto stand still, +ich desgleichen. Da wurde im zweiten Stock des Hauses, in das der junge +Mann getreten, ein Fenster geöffnet, ein bildhübsches Mädchen schaute +heraus; hinter ihr stand der junge Mann, und beide lachten sehr, dem +Freunde nachschauend, von dem sich der junge Mann soeben getrennt. Ponto +sah herauf, und murmelte etwas zwischen den Zähnen, welches ich nicht +verstand.</p> + +<p>Warum weilst du hier, lieber Ponto, wollen wir nicht weitergehen? So +fragte ich, Ponto ließ sich aber nicht stören, bis er nach einigen +Augenblicken heftig den Kopf schüttelte, und dann schweigend den Weg +fortsetzte.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_110">110</a>Laß uns, sprach er, als wir auf einen mit Bäumen umgebenen, mit Statuen +verzierten, anmutigen Platz gelangten, hier ein wenig verweilen, guter +Murr. Mir kommen jene beiden jungen Männer, die sich so herzlich auf der +Straße umarmten, nicht aus dem Sinn. Es sind Freunde, wie Damon und +Pylades.</p> + +<p>Damon und Pythias, verbesserte ich, Pylades war der Freund des Orestes, +den er jedesmal getreulich im Schlafrock zu Bette brachte, und mit +Kamillentee bediente, wenn die Furien und Dämonen dem armen Mann zu hart +zugesetzt. Man merkt, guter Ponto, daß du in der Geschichte nicht +sonderlich bewandert.</p> + +<p>Gleichviel, fuhr der Pudel fort, aber die Geschichte von den beiden +Freunden weiß ich sehr genau, und will sie dir erzählen mit allen +Umständen, so wie ich sie zwanzigmal von meinem Herrn erzählen hörte. +Vielleicht wirst du neben Damon und Pythias, Orestes und Pylades, als +drittes Paar, Walter und Formosus nennen. Formosus ist nämlich derselbe +junge Mann, der dich beinahe zu Boden getreten, in der Freude, seinen +geliebten Walter wiederzusehen. — Dort in dem schönen Hause mit den +hellen Spiegelfenstern wohnt der alte steinreiche Präsident, bei dem +sich Formosus durch seinen leuchtenden Verstand, durch seine Gewandheit, +durch sein glänzendes Wissen, so einzuschmeicheln wußte, daß er dem +Alten bald war, wie der eigene Sohn. Es begab sich, daß Formosus +plötzlich all' seine Heiterkeit verlor, daß er blaß aussah und +kränklich, daß er in einer Viertelstunde zehnmal aus tiefer Brust +aufseufzte, als wolle er sein Leben aushauchen, daß er, ganz in sich +gekehrt, ganz in sich verloren, für nichts in der Welt mehr seine Sinne +aufschließen zu können schien. — Lange Zeit hindurch drang der Alte +vergebens in den Jüngling, daß er ihm die Ursache seines geheimen +Kummers entdecken möge; endlich kam es heraus, daß er bis zum Tode +verliebt war in des Präsidenten einzige Tochter. Anfangs erschrak der +Alte, der mit seinem Töchterlein ganz andere Dinge im Sinne haben +mochte, als sie an den rang- und amtlosen Formosus zu verheiraten, als +er aber den armen Jüngling immer mehr und mehr hinwelken sah, ermannte +er sich und fragte Ulriken, wie ihr der junge Formosus gefalle, und ob +er ihr schon etwas von seiner Liebe gesagt? — Ulrike schlug die Augen +nieder, und meinte, erklärt habe sich der junge Formosus zwar gar nicht +gegen sie, aus lauter Zurückhaltung und Bescheidenheit, aber gemerkt +habe sie wohl längst, daß er sie liebe, denn so was sei wohl zu +bemerken. Übrigens gefalle ihr der junge Formosus recht <a class="pagenum" name="page_111">111</a>wohl, und wenn +sonst dem nichts im Wege stände, und wenn der Herzenspapa nichts dagegen +habe, und — kurz, Ulrike sagte alles, was Mädchen bei derlei +Gelegenheit zu sagen pflegen, die nicht mehr in der ersten vollsten +Blüte stehen, und fleißig denken: Wer wird der sein, der dich heimführt? +— Darauf sprach der Präsident zum Formosus: Richte dein Haupt auf, mein +Junge! — Sei froh und glücklich, du sollst sie haben, meine Ulrike! und +so wurde Ulrike die Braut des jungen Herrn Formosus. Alle Welt gönnte +dem hübschen bescheidenen Jüngling sein Glück, nur einer geriet darüber +in Gram und Verzweiflung, und das war Walter, mit dem Formosus ein Herz +und eine Seele aufgewachsen. Walter hatte Ulriken einigemal gesehen, +auch wohl gesprochen, und sich in sie verliebt, vielleicht noch viel +ärger, als Formosus! — Doch ich rede immer von Liebe und verliebt sein, +und weiß nicht, ob du, mein Kater, schon jemals in Liebe gewesen bist +und also dies Gefühl kennst? Was mich betrifft, lieber Ponto, erwiderte +ich, glaube ich nicht, daß ich schon geliebt habe oder liebe, da ich mir +bewußt bin, noch nicht in den Zustand geraten zu sein, wie ihn mehrere +Dichter beschreiben. Den Dichtern ist nicht allemal ganz zu trauen, nach +dem was ich aber sonst darüber weiß und gelesen habe, muß die Liebe +eigentlich nichts anders sein, als ein psychischer Krankheitszustand, +der sich bei dem menschlichen Geschlecht als partieller Wahnsinn darin +offenbart, daß man irgendeinen Gegenstand für etwas ganz anders hält, +als was er eigentlich ist, z. B. ein kleines dickes Ding von Mädchen, +welche Strümpfe stopft, für eine Göttin. Doch fahre nur fort, geliebter +Pudel, in deiner Erzählung von den beiden Freunden Formosus und Walter. — +</p> + +<p>Walter, so sprach Ponto weiter, stürzte dem Formosus an den Hals und +sprach unter vielen Tränen: Du raubst mir das Glück meines Lebens, aber +daß Du es bist, daß Du glücklich wirst, das ist mein Trost, lebe wohl, +mein Geliebter, lebe wohl auf ewig! — Darauf lief Walter in den Busch, +wo er am dicksten war, und wollte sich totschießen. Es unterblieb aber, +weil er in der Verzweiflung vergessen hatte, das Pistol zu laden, er +begnügte sich daher mit einigen Ausbrüchen des Wahnsinnes, die jeden Tag +wiederkehrten. Eines Tages trat Formosus, den er in vielen Wochen nicht +gesehen, ganz unvermutet zu ihm herein, als er eben vor Ulrikens +Pastellgemälde, das unter Glas und Rahmen an der Wand hing, auf den +Knien lag und gräßlich lamentierte. — Nein, rief Formosus, indem er den +Walter an seine Brust drückte, ich konnte Deinen Schmerz, Deine +Ver<a class="pagenum" name="page_112">112</a>zweiflung nicht ertragen, Dir opfere ich gern mein Glück. — Ich habe +Ulriken entsagt, ich habe den alten Vater dahin gebracht, daß er Dich +zum Eidam annimmt. — Ulrike liebt Dich, vielleicht ohne es selbst zu +wissen. — Bewirb Dich um sie, ich scheide. — Lebe wohl! — Er wollte +fort, Walter hielt ihn fest. Es war diesem, als läge er im Traum, er +glaubte an alles nicht früher, als bis Formosus ein eigenhändiges +Billett des alten Präsidenten hervorzog, worin es ungefähr hieß: Edler +Jüngling! Du hast gesiegt, ungern lasse ich Dich, aber ich ehre Deine +Freundschaft, die dem Heroismus gleicht, von welchem man in den alten +Skribenten lieset. Mag Herr Walter, der ein Mann ist von löblichen +Eigenschaften und ein schönes einträgliches Amt hat, sich um meine +Tochter Ulrike bewerben; will sie ihn ehelichen, so habe ich meinerseits +nichts dagegen. — Formosus verreiste wirklich, Walter bewarb sich um +Ulriken, Ulrike wurde wirklich Walters Frau. — Der alte Präsident +schrieb nun nochmals an Formosus, überhäufte ihn mit Lobsprüchen und +fragte, ob es ihm vielleicht Vergnügen machen würde, nicht etwa als +Entschädigung, denn er wisse wohl, daß es in solchem Fall keine gebe, +sondern nur als ein geringes Zeichen seiner innigen Zuneigung +dreitausend Taler anzunehmen. Formosus antwortete, der Alte kenne die +Geringfügigkeit seiner Bedürfnisse, Geld mache, könne ihn nicht +glücklich machen, und nur die Zeit ihn trösten über einen Verlust, an +dem niemand schuld sei als das Schicksal, welches in der Brust des +teuren Freundes die Liebe zu Ulriken entzündet, und nur dem Schicksal +sei er gewichen, von irgendeiner edlen Tat daher gar nicht die Rede. +Übrigens nehme er das Geschenk unter der Bedingung, daß der Alte es +einer armen Witwe, die da und da mit einer tugendhaften Tochter in +trostlosem Elende lebe, zuwende. Die Witwe wurde ausfindig gemacht und +erhielt die dem Formosus zugedachten dreitausend Reichstaler. Bald +darauf schrieb Walter dem Formosus: Ich kann nicht mehr leben ohne Dich, +kehre zurück in meine Arme! — Formosus tat es und erfuhr, als er +gekommen, daß Walter seinen schönen einträglichen Posten aufgegeben, +unter der Bedingung, daß Formosus, der sich längst einen ähnlichen +gewünscht, ihn erhalte. Formosus erhielt den Posten wirklich und geriet, +rechnete man die getäuschte Hoffnung rücksichts der Heirat mit Ulriken +ab, in die behaglichste Lage. Stadt und Land erstaunte über den +Wettstreit des Edelmuts beider Freunde, ihre Tat wurde als Nachklang aus +einer längst vergangenen schöneren Zeit vernommen, als Beispiel +aufgestellt eines Heroismus, dessen nur hohe Geister fähig.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_113">113</a>In der Tat, begann ich, als Ponto schwieg, nach allem, was ich gelesen, +müssen Walter und Formosus edle kräftige Menschen sein, die in treuer +Aufopferung für einander nichts von deiner gerühmten Weltklugheit +wissen.</p> + +<p>Hm, erwiderte Ponto hämisch lächelnd, es kommt darauf an! — Ein paar +Umstände, von denen die Stadt keine Notiz genommen, und die ich zum Teil +von meinem Herrn erfahren, teils selbst belauscht habe, sind noch +nachzuholen. — Mit der Liebe des Herrn Formosus zu der reichen +Präsidententochter muß es doch nicht so arg gewesen sein, wie der Alte +glaubte, denn im höchsten Stadium dieser tötenden Leidenschaft unterließ +der junge Mann nicht, nachdem er den Tag über verzweifelt, jeden Abend +eine hübsche niedliche Putzmacherin zu besuchen. Als Ulrike nun aber +seine Braut worden, fand er bald, daß das engelsmilde Fräulein das eigne +Talent besaß, sich bei schicklicher Gelegenheit plötzlich in einen +kleinen Satan zu verwandeln. Außerdem kam ihm aus sicherer Quelle die +verdrießliche Nachricht zu, daß Fräulein Ulrike in der Residenz, was +Liebe und Liebesglück betrifft, ganz besondere Erfahrungen gemacht, und +nun ergriff ihn plötzlich ein unwiderstehlicher Edelmut, vermöge dessen +er die reiche Braut dem Freunde abtrat. Walter hatte sich in seltsamer +Verwirrung in Ulriken, die er an öffentlichen Orten im höchsten Glanz +aller Toilettenkünste gesehen, wirklich verliebt, und Ulriken ihrerseits +war es ziemlich einerlei, wer von beiden sich ihr als Gemahl anheftete, +Formosus oder Walter. Dieser hatte auch wirklich ein schönes +einträgliches Amt, bei dessen Verwaltung aber solche krause Streiche +gemacht, daß er der Entsetzung binnen weniger Zeit entgegensehen mußte. +Er zog es vor, früher zugunsten seines Freundes den Abschied zu nehmen +und so durch einen Akt, der alle Kennzeichen der edelsten Gesinnung +trug, seine Ehre zu retten. Die dreitausend Taler wurden in guten +Papieren einer alten, sehr anständigen Frau eingehändigt, die zuweilen +die Mutter, zuweilen die Muhme, zuweilen die Aufwärterin jener hübschen +Putzmacherin vorstellte. Bei diesem Geschäft erschien sie in doppelter +Gestalt. Erst bei dem Empfang des Geldes als Mutter, dann, als sie das +Geld überbrachte und einen guten Tragelohn empfing, als Aufwärterin des +Mädchens, die du kennst, lieber Murr, da sie eben erst mit dem Herrn +Formosus zum Fenster hinausschaute. — Übrigens wissen beide, Formosus +und Walter längst, auf welche Weise sie sich in edelmütiger Gesinnung +überboten, sie haben sich, um wechselseitigen Lobeserhebungen +auszu<a class="pagenum" name="page_114">114</a>weichen, lange vermieden, und deshalb waren ihre heutigen +Begrüßungen, als der Zufall sie auf der Straße zusammenführte, so +herzlich. —</p> + +<p>In dem Augenblick entstand ein fürchterlicher Lärm. Die Menschen liefen +durcheinander, schrien Feuer! — Feuer! Reiter sprengten durch die +Straßen — Wagen rasselten. — Aus den Fenstern eines Hauses, unfern von +uns, strömten Rauchwolken und Flammen. — Ponto sprang schnell vorwärts, +ich aber in der Angst kletterte eine hohe Leiter hinauf, die an ein Haus +gelehnt, und befand mich bald auf dem Dache in voller Sicherheit. +Plötzlich kam mir —</p> + +<p><em class="gesperrt">(Mak. Bl.)</em> — ganz unvermutet über den Hals, sprach Fürst Irenäus, ohne +Anfrage des Hofmarschalls, ohne Vorwort des diensttuenden Kammerherrn, +beinahe — ich sag' Euch das unter uns, Meister Abraham, bringt es nicht +etwa unter die Leute — beinahe unangemeldet — keine Liverei in den +Vorzimmern. Die Esel spielten Brausebart im Vestibule. Spielen ist ein +großes Laster. Schon in die Türe getreten erwischte ihn der Tafeldecker, +der zum Glück gerade durchging, beim Rockschoß und fragte, wer der Herr +sei, und wie er ihn dem Fürsten servieren solle. Aber er hat mir wohl +gefallen, es ist ein ganz artiger Mensch. Sagtet Ihr nicht, daß er sonst +nichts weniger gewesen wäre, als ein purer simpler Musikant? — sogar +von einigem Stande? —</p> + +<p>Meister Abraham versicherte, daß Kreisler allerdings sonst in ganz +anderen Verhältnissen gelebt, die es ihm sogar vergönnt an der +fürstlichen Tafel zu speisen, und daß nur der verwüstende Sturm der Zeit +ihn aus diesen Verhältnissen vertrieben. Übrigens wünsche er aber, daß +der Schleier den er über die Vergangenheit geworfen, unverrückt liegen +bleiben möge.</p> + +<p>Also, nahm der Fürst das Wort, von Adel, vielleicht Baron — Graf +— vielleicht gar — Nun man muß nicht zu weit gehen in träumerischer +Hoffnung! — Ich habe ein Faible für dergleichen Mysterien! Es war eine +schöne Zeit nach der französischen Revolution als Marquis Siegellack +fabrizierten und Comtes Nachtmützen strickten von Filet, und nichts sein +wollten als simple Monsieurs, und man sich erlustigte auf dem großen +Maskenball. — Ja, was den Herrn von Kreisler betrifft! — Die Benzon +versteht sich auf so etwas, sie rühmte ihn, sie empfahl mir ihn, sie hat +recht. An der Manier den Hut unter dem Arm zu halten, erkannte ich +gleich den Mann von Bildung von feinem geläuterten Ton.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_115">115</a>Der Fürst setzte noch einiges Lob über Kreisler's äußere Erscheinung +hinzu, so daß Meister Abraham überzeugt war, sein Plan müsse gelingen. +Er hatte nämlich im Sinn, den Herzensfreund dem eingebildeten Hofstaat +einzuschieben als Kapellmeister, und ihn so in Sieghartsweiler +festzuhalten. Als er nun aber auf's neue davon sprach, erwiderte der +Fürst ganz entschieden, daß daraus ganz und gar nichts werden könne.</p> + +<p>Sagt selbst, fuhr er dann fort, Meister Abraham, ob es möglich sein +würde den angenehmen Mann in meinen engeren Familienkreis zu ziehen, +wenn ich ihn zum Kapellmeister, und so zu meinem Offizianten mache? +— Ich könnte ihm eine Hofcharge verleihen, und ihn zum <span class="antiqua">Maître de +Plaisirs</span> oder <span class="antiqua">des Spectacles</span> machen, aber der Mann versteht die Musik +aus dem Grunde, und ist auch, wie Ihr sagt, im Theaterwesen wohl +erfahren. Nun weiche ich aber nicht ab von dem Grundsatz meines höchst +seligen in Gott ruhenden Herrn Vaters, der immer behauptete, besagter +Maitre müsse um des Himmels willen sich auf die Sachen, deren Maitre er +repräsentiere, nicht verstehen, da er sich sonst gar zu sehr darum +bekümmere, und sich viel zu sehr für die Menschen, die dabei +beschäftigt, als da sind Schauspieler, Musikanten u. s. w., +interessiere. — Also dafür behalte Herr von Kreisler die Maske des +fremden Kapellmeisters, und schreite damit hinein in die inneren +Gemächer des fürstlichen Hauses nach dem Beispiel eines hinlänglich +vornehmen Mannes, der vor einiger Zeit in der freilich verwerflichen +Maske eines schnöden Histrionen die auserlesensten Zirkel mit den +anmutigsten Faxen amüsierte.</p> + +<p>Und da Ihr gewissermaßen, rief der Fürst dem Meister Abraham, der sich +fortbegeben wollte, zu, den <span class="antiqua">Chargé d'affaires</span> des Herrn von Kreisler zu +machen scheinet, so will ich es Euch nicht verhehlen, daß nur zwei Dinge +mir nicht recht an ihm gefallen wollen, die vielleicht mehr Gewohnheiten +sind, als wirkliche Dinge. — Ihr versteht schon, wie ich das meine. +— Fürs erste starrt er mir, wenn ich mit ihm spreche, geradezu ins +Antlitz. Ich habe doch konsiderable Augen, kann fürchterlich daraus +blitzen, wie weiland Friedrich der Große, kein Kammerjunker, kein Page +wagt es aufzuschauen, wenn ich den entsetzlichen Blick auf ihn schießend +frage, ob das <span class="antiqua">mauvais sujet</span> schon wieder Schulden gemacht, oder den +Marzipan aufgefressen, aber der Herr von Kreisler, den mag ich +anblitzen, wie ich will, er macht sich gar nichts daraus, sondern +lächelt mich an auf eine Weise, daß — ich selbst die Augen +niederschlagen muß. Dann hat der Mann eine <a class="pagenum" name="page_116">116</a>solche besondere Art zu +sprechen, zu antworten, <ins title="daß">das</ins> Gespräch fortzuführen, daß man zuweilen +ordentlich glaubt, das, was man selbst gesagt, sei eben nicht sonderlich +gewesen, man wäre gewissermaßen ein <span class="antiqua">Be—</span>. Beim St. Januar, Meister, das +ist ganz unausstehlich, und Ihr müßt dafür sorgen, daß Herr von Kreisler +sich diese Dinge oder Gewohnheiten abgewöhne.</p> + +<p>Meister Abraham versprach zu tun, was Fürst Irenäus von ihm verlangte, +und wollte aufs neue davon, da erwähnte der Fürst noch des besonderen +Widerwillens, den Prinzessin Hedwige gegen den Kreisler geäußert, und +meinte, daß das Kind seit einiger Zeit von seltsamen Träumen und +Einbildungen geplagt werde, weshalb der Leibarzt die Molkenkur zum +nächsten Frühjahr angeraten. Hedwiga sei nämlich jetzt auf den +sonderbaren Gedanken geraten, daß Kreisler dem Tollhause entsprungen, +und allerlei Unheil anrichten werde bei nächster Gelegenheit.</p> + +<p>Sagt, sprach der Fürst, sagt Meister Abraham, ob der vernünftige Mann +wohl nur die mindeste Spur der Geisteszerrüttung an sich trägt? Abraham +erwiderte, daß Kreisler zwar ebensowenig verrückt sei, als er selbst, +jedoch sich zuweilen etwas seltsam gebärde, und in einen Zustand gerate, +der beinahe dem des Prinzen Hamlet zu vergleichen, dadurch aber nur um +so interessanter werde. — Soviel wie ich weiß, nahm der Fürst das Wort, +war der junge Hamlet ein vortrefflicher Prinz aus einem alten +angesehenen Regentenhause, der sich nur zu Zeiten mit der sonderbaren +Idee herumtrug, daß sämtliche Hofleute sich auf das Flötenblasen +verstehen sollten. Hohen Personen steht es wohl an, auf Seltsames zu +verfallen, es vermehrt den Respekt. Was bei dem Mann ohne Rang und Stand +eine Absurdität zu nennen, ist bei ihnen bloß die angenehme Kapriole +eines ungemeinen Geistes, welche Staunen erregen muß, und Bewunderung. +— Herr von Kreisler sollte fein im geraden Wege bleiben, will er aber +durchaus den Prinzen Hamlet imitieren, so ist das ein schönes Streben +nach dem Höhern, vielleicht veranlaßt durch seine überwiegende Neigung +zu den musikalischen Studien. Man mag es ihm verzeihen, wenn er +bisweilen sich wunderlich betragen will. —</p> + +<p>Es schien, als wenn Meister Abraham heute nun einmal nicht aus dem +Zimmer des Fürsten kommen sollte; denn wiederum rief der Fürst ihn +zurück, als er schon die Türe geöffnet, und verlangte zu wissen, woher +der seltsame Widerwille der Prinzessin Hedwiga gegen den Kreisler wohl +rühren möge. Meister Abraham erzählte die Art, <a class="pagenum" name="page_117">117</a>wie Kreisler der +Prinzessin und Julien zum erstenmal im Park zu Sieghartshof erschienen +und meinte, daß die aufgeregte Stimmung, in der der Kapellmeister damals +gewesen, auf eine Dame von zarten Nerven wohl habe feindlich wirken +müssen.</p> + +<p>Der Fürst gab mit einiger Heftigkeit zu erkennen, wie er hoffe, daß Herr +von Kreisler nicht wirklich zu Fuße nach Sieghartshof gekommen, sondern +daß der Wagen hier oder dort im breiten Fahrwege des Parks gehalten, da +nur gemeine Abenteurer zu Fuße zu reisen pflegten.</p> + +<p>Meister Abraham meinte, daß man zwar das Beispiel eines tapfern +Offiziers vor Augen habe, der von Leipzig nach Syrakus gelaufen, ohne +sich ein einziges Mal die Stiefel versohlen zu lassen, was aber den +Kreisler betreffe, so sei er überzeugt, daß ein Wagen wirklich im Park +gehalten. — Der Fürst war zufrieden. —</p> + +<p>Während sich dies im Gemach des Fürsten begab, saß Johannes bei der +Rätin Benzon vor dem schönsten Flügel, den jemals die kunstreiche +Nannette Streicher gebaut, und begleitete Julien das große +leidenschaftliche Rezitativ der Klytämnestra aus <ins title="Gluck's">Glucks</ins> Iphigenia in +Aulis. —</p> + +<p>Gegenwärtiger Biograph ist leider genötigt, seinen Helden, soll das +Porträt richtig sein, als einen extravaganten Menschen darzustellen, +der, vorzüglich was die musikalische Begeisterung betrifft, oft dem +ruhigen Beobachter beinahe wie ein Wahnsinniger erscheint. Er hat ihm +schon die ausschweifende Redensart nachschreiben müssen, daß, „als Julia +sang, aller sehnsüchtige Schmerz der Liebe, alles Entzücken süßer +Träume, die Hoffnung, das Verlangen, durch den Wald wogte und niederfiel +wie erquickender Tau in die duftenden Blumenkelche, in die Brust +horchender Nachtigallen.“ Kreislers Urteil über Julias Gesang scheint +hiernach eben nicht von sonderlichem Wert. Versichern kann aber +bemeldeter Biograph bei dieser Gelegenheit dem günstigen Leser, daß +Julias Gesang, den er, dem Himmel sei's geklagt, niemals selbst hörte, +etwas Geheimnisvolles, etwas ganz Wunderbares, in sich getragen haben +muß. Ungemein solide Leute, die sich erst seit kurzer Zeit den Zopf +wegschneiden lassen, die, nachdem sie einen tüchtigen Rechtsfall, eine +malitiös merkwürdige Krankheit, oder einen jungen Ankömmling von +Straßburger Pastete, gehörig erprobt, der Umgang mit Gluck, Mozart, +Beethoven, Spontini im Theater nicht im mindesten aus der schicklichen +Seelenruhe brachte, ja solche Leute haben oft versichert, daß, sänge das +Fräulein Julia Benzon, ihnen <a class="pagenum" name="page_118">118</a>ganz absonderlich zu Mute würde, sie +könnten gar nicht sagen, wie. Eine gewisse Beklommenheit, die ihnen denn +doch ein unbeschreibliches Wohlbehagen errege, bemächtige sich ihrer +ganz und gar, und oft kämen sie auf den Punkt, Narrenstreiche zu machen, +und sich zu gebärden, wie junge Phantasten und Versmacher. Anzuführen +ist auch ferner, daß einmal, als Julia bei Hofe sang, Fürst Irenäus +vernehmlich ächzte, und als der Gesang geendet, geradezu losschritt auf +Julien, ihre Hand an den Mund drückte und dabei sehr weinerlich sprach: +bestes Fräulein! — Der Hofmarschall wagte zu behaupten, Fürst Irenäus +habe der kleinen Julia wirklich die Hand geküßt, und dabei wären ihm ein +paar Tränen aus den Augen getröpfelt. Auf Anlaß der Oberhofmeisterin, +wurde aber diese Behauptung, als ungeziemend, und dem Wohl des Hofes +zuwider, unterdrückt.</p> + +<p>Julia, einer vollen metallreichen, glockenreinen Stimme mächtig, sang +mit dem Gefühl, mit der Begeisterung, die aus dem im Innersten bewegten +Gemüt hervorströmt, und darin mochte wohl der wunderbare, +unwiderstehliche Zauber liegen, den sie auch heute übte. Der Atem jedes +Zuhörers stockte, als sie sang; jeder fühlte seine Brust beengt von +süßem, namenlosem Weh, erst ein paar Augenblicke, nachher als sie +geendet, brach das Entzücken los im stürmischen ungemessensten Beifall. +Nur Kreisler saß da, stumm und starr, zurückgelehnt in den Sessel: dann +stand er leise und langsam auf, Julia wandte sich zu ihm mit einem +Blick, der deutlich fragte: war es denn auch wohl so recht? — Errötend +schlug sie aber die Augen nieder, als Kreisler, die Hand aufs Herz +legend, mit zitternder Stimme lispelte: Julia! und dann mit gebücktem +Haupte mehr schlich als ging hinter den Kreis, den die Damen +geschlossen.</p> + +<p>Mit Mühe hatte die Rätin Benzon Prinzessin Hedwiga dahin vermocht, in +der Abendgesellschaft zu erscheinen, wo sie den Kapellmeister Kreisler +antreffen mußte. Sie gab nur nach, als die Rätin ihr sehr ernsthaft +vorstellte, wie kindisch es sein würde, einen Mann zu meiden, bloß weil +er nicht zu den, auf eine Art und Weise, wie Scheidemünze ausgeprägten, +zu rechnen, sondern sich in freilich hin und wieder bizarrer +Eigentümlichkeit darstelle. Zudem habe Kreisler auch Eingang gefunden +bei dem Fürsten, und unmöglich würd' es daher sein, den seltsamen +Eigensinn durchzuführen.</p> + +<p>Prinzessin Hedwiga wußte sich den ganzen Abend über so geschickt zu +drehen und zu wenden, daß Kreisler, dem es, harmlos und gefügig, wie er +war, wirklich galt, die Prinzessin zu versöhnen, alles <a class="pagenum" name="page_119">119</a>Mühens +unerachtet, sich nicht ihr nähern konnte. Den geschicktesten Manövres +wußte sie zu begegnen mit schlauer Taktik. — Desto mehr mußte der +Benzon, die das alles bemerkt, es auffallen, als die Prinzessin jetzt +plötzlich den Kreis der Damen durchbrach, und geradezu losschritt auf +den Kapellmeister. So tief in sich versunken stand Kreisler da, daß erst +die Anrede der Prinzessin, ob er allein denn keine Zeichen, keine Worte +habe, für den Beifall, den Julia errungen, ihn aus dem Traume weckte.</p> + +<p>„Gnädigste,“ erwiderte Kreisler mit einem Ton, der die innere Bewegung +verriet, „nach der bewährten Meinung berühmter Schriftsteller haben die +Seligen statt des Worts nur Gedanken und Blick. — Ich war, glaub' ich, +im Himmel!“</p> + +<p>„So ist, erwiderte die Prinzessin lächelnd, unsere Julia ein Engel des +Lichts, da sie vermochte, Ihnen das Paradies zu erschließen. — Jetzt +bitte ich sie aber, auf einige Augenblicke den Himmel zu verlassen, und +einem armen Erdenkinde, wie ich es nun einmal bin, Gehör zu geben.“ —</p> + +<p>Die Prinzessin hielt inne, als erwarte sie, daß Kreisler etwas sage. Da +dieser sie aber schweigend anschaute, mit leuchtendem Blick, schlug sie +die Augen nieder, und wandte sich rasch um, so daß der leicht +umgeworfene Shawl von den Schultern hinabwallte. Kreisler faßte ihn im +Fallen. Die Prinzessin blieb stehen. Lassen Sie uns, sprach sie dann mit +unsicherm, schwankendem Ton, als ringe sie mit irgendeinem Entschluß, +als würd' es ihr schwer, es herauszusagen, was sie im Innern beschlossen +— lassen Sie uns von poetischen Dingen ganz prosaisch reden. Ich weiß, +Sie geben Julien Unterricht im Gesange, und ich muß gestehen, daß sie +seit der Zeit in Stimme und Vortrag unendlich gewann. Das gibt mir die +Hoffnung, daß Sie imstande wären, selbst ein mittelmäßiges Talent, wie +das meinige, zu heben. — Ich meine daß —</p> + +<p>Die Prinzessin stockte hocherrötend, die Benzon trat hinzu, und +versicherte, daß die Prinzessin sich selbst großes Unrecht tue, wenn sie +ihr musikalisches Talent mittelmäßig nenne, da sie das Pianoforte +vorzüglich spiele, und recht ausdrucksvoll singe. Kreisler, dem die +Prinzessin, in ihrer Verlegenheit, auf einmal über alle Maßen +liebenswürdig erschien, ergoß sich in einen Strom freundlicher +Redensarten, und schloß damit, daß ihm nichts Glücklicheres begegnen +könne, als wenn die Prinzessin es vergönne, ihr beizustehen im Studium +der Musik mit Rat und Tat.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_120">120</a>Die Prinzessin hörte den Kapellmeister an mit +sichtlichem Wohlgefallen, und als er geendet, und der Benzon Blick ihr +die seltsame Scheu vor dem artigen Mann vorwarf, da sprach sie +halbleise: ja, ja, Benzon, Sie haben recht, ich bin wohl oft ein +kindisches Kind! — In demselben Augenblick faßte sie, ohne +hinzublicken, nach dem Shawl, den Kreisler noch immer in den Händen +hielt, und den er ihr nun hinreichte. Selbst wußte er nicht, wie es sich +begab, daß er dabei der Prinzessin Hand berührte. Aber ein heftiger +Pulsschlag dröhnte ihm durch alle Nerven, und es war, als wollten ihm +die Sinne vergehen. —</p> + +<p>Wie ein Lichtstrahl, der durch finstere Wolken bricht, vernahm Kreisler +Juliens Stimme. „Ich soll, sprach sie, noch mehr singen, lieber +Kreisler! man läßt mir keine Ruhe. — Wohl möchte ich das schöne Duett +versuchen, das Sie mir letzthin gebracht. Sie dürfen das, nahm die +Benzon das Wort, meiner Julie nicht abschlagen, lieber Kapellmeister +— fort an den Flügel!“</p> + +<p>Kreisler keines Wortes mächtig saß am Flügel, schlug die ersten Akkorde +des Duetts an, wie von einem seltsamen Rausch betört und befangen. Julia +begann: <span class="antiqua">Ah che mi manca l'anima in si fatal momento.</span> — — Es ist nötig +zu sagen, daß die Worte dieses Duetts nach gewöhnlicher italischer Weise +ganz einfach die Trennung eines liebenden Paars aussprachen, daß auf +<span class="antiqua">momento</span> natürlicherweise <span class="antiqua">sento</span> und <span class="antiqua">tormento</span> gereimt war, und daß es wie +in hundert andern Duetten ähnlicher Art, auch nicht an dem <span class="antiqua">Abbi pietade +o cielo</span> und an der <span class="antiqua">pena di morir</span> fehlte. Kreisler hatte indessen diese +Worte in der höchsten Aufregung des Gemüts, mit einer Inbrunst +komponiert, die beim Vortrage jeden, dem der Himmel nur passable Ohren +gegeben, unwiderstehlich hinreißen mußte. Das Duett war den +leidenschaftlichsten dieser Art an die Seite zu stellen, und da Kreisler +nur nach dem höchsten Ausdruck des Moments, und nicht darnach strebte, +was eben ganz ruhig und bequem von der Sängerin aufzufassen, in der +Intonation ziemlich schwer geraten. So kam es, daß Julia schüchtern, mit +beinahe ungewisser Stimme, begann, und daß Kreisler eben nicht viel +besser eintrat. Bald erhoben sich aber beide Stimmen auf den Wellen des +Gesanges wie schimmernde Schwäne, und wollten bald mit rauschendem +Flügelschlag emporsteigen zu dem goldnen, strahlenden Gewölk, bald in +süßer Liebesumarmung sterbend untergehen in dem brausenden Strom der +Akkorde, bis tief aufatmende Seufzer den nahen Tod verkündeten und das +letzte <span class="antiqua">Addio</span> in dem <a class="pagenum" name="page_121">121</a>Schrei des wilden Schmerzes, wie ein blutiger +Springquell herausstürzte aus der zerrissenen Brust.</p> + +<p>Niemand befand sich in dem Kreise, den das Duett nicht tief ergriffen, +vielen standen die hellen Tränen in den Augen, selbst die Benzon +gestand, daß sie selbst im Theater bei irgendeiner gut dargestellten +Abschiedsszene Ähnliches noch nicht empfunden. Man überhäufte Julien und +den Kapellmeister mit Lobsprüchen, man sprach von der wahren +Begeisterung, die beide beseelt, und stellte die Komposition vielleicht +noch höher, als sie es verdiente.</p> + +<p>Der Prinzessin Hedwiga hatte man während des Gesanges die innere +Bewegung wohl angemerkt, unerachtet sie bemüht war, ruhig zu scheinen, +ja durchaus jede Teilnahme zu verbergen. Neben ihr saß ein junges Ding +von Hofdame mit roten Wangen, zum Weinen und Lachen gleich aufgelegt, +der raunte sie allerlei in die Ohren, ohne daß es ihr gelang, irgend +andere Antwort zu erhalten, als einzelne Wörter, in der Angst der +höfischen Konvenienz ausgestoßen. Auch der Benzon, die an der andern +Seite saß, flüsterte sie gleichgültige Dinge zu, als höre sie gar nicht +auf das Duett, die, nach ihrer strengen Manier, bat aber die Gnädigste, +die Unterhaltung aufzusparen bis nach geendetem Duett. Jetzt aber sprach +die Prinzessin, im ganzen Gesicht glühend, mit blitzenden Augen, so +laut, daß sie die Lobsprüche der ganzen Gesellschaft übertönte. „Es wird +mir nun wohl erlaubt sein, auch meine Meinung zu sagen. Ich gebe zu, daß +das Duett als Komposition seinen Wert haben mag, daß meine Julie +vortrefflich gesungen hat, aber ist es recht, ist es billig, daß man im +gemütlichen Zirkel, wo freundliche Unterhaltung oben anstehen soll, wo +wechselseitige Anregungen Rede, Gesang, forttreiben sollen, wie einen +zwischen Blumenbeeten sanft murmelnden Bach, daß man da extravagante +Sachen auftischt, die das Innere zerschneiden, deren gewaltsamen +zerstörenden Eindruck man nicht verwinden kann? Ich habe mich bemüht, +mein Ohr, meine Brust zu verschließen dem wilden Schmerz des Orkus, den +Kreisler mit unser leicht verletzliches Inneres verhöhnender Kunst in +Tönen aufgefaßt hat, aber niemand war so gütig, sich meiner anzunehmen. +Gern will ich meine Schwäche Ihrer Ironie preisgeben, Kapellmeister, +gern will ich gestehen, daß der üble Eindruck Ihres Duetts mich ganz +krank gemacht hat. — Gibt es denn keinen Cimarosa, keinen Paesiello, +deren Kompositionen recht für die Gesellschaft geschrieben sind?</p> + +<p>O Gott, rief Kreisler, indem sein Gesicht in dem mannig<a class="pagenum" name="page_122">122</a>faltigsten +Muskelspiel vibrierte, wie es allemal zu geschehen pflegte, wenn der +Humor aufstieg in dem Innern, o Gott, gnädigste Prinzessin! — wie ganz +bin ich ärmster Kapellmeister Ihrer gütigen gnädigen Meinung! — Ist es +nicht gegen alle Sitte und Kleiderordnung, die Brust mit all' der +Wehmut, mit all' dem Schmerz, mit all' dem Entzücken, das darin +verschlossen, anders in die Gesellschaft zu tragen, als dick verhüllt +mit dem Fichu vortrefflicher Artigkeit und Konvenienz? Taugen denn alle +Löschanstalten, die der gute Ton überall bereitet, taugen sie wohl was, +sind sie wohl hinlänglich, um das Naphthafeuer zu dämpfen, das hie und +da hervorlodern will? Spült man noch so viel Tee, noch so viel +Zuckerwasser, noch so viel honettes Gespräch, ja noch so viel angenehmes +Dudeldumdei hinunter, doch gelingt es diesem, jenem freveligen +Mordbrenner, eine Congrevische Rakete ins Innere zu werfen, und die +Flamme leuchtet empor, leuchtet und brennt sogar, welches dem puren +Mondschein niemals geschieht! — Ja! gnädigste Prinzessin! — ja, ich! +— aller Kapellmeister hienieden unseligster, ich habe schändlich +gefrevelt mit dem entsetzlichen Duett, das wie ein höllisches Feuerwerk +mit allerlei Leuchtkugeln, Schwanzraketen, Schwärmern und +Kanonenschlägen durch die ganze Gesellschaft gefahren ist, und leider +merk' ichs, fast überall gezündet hat! — Ha! — Feuer — Feuer +— Mordio! — es brennt — Spritzenhaus auf — Wasser — Wasser — Hilfe +— rettet!</p> + +<p>Kreisler stürzte zu auf den Notenkasten, zog ihn hervor unter dem +Flügel, öffnete ihn — warf die Noten umher — riß eine Partitur heraus, +es war Paesiellos <span class="antiqua">Molinara,</span> setzte sich an das Instrument, begann das +Ritornell der bekannten hübschen Ariette: <span class="antiqua">La Rachelina, Molinarina,</span> mit +der die Müllerin auftritt. —</p> + +<p>Aber lieber Kreisler! sprach Julia ganz schüchtern und erschrocken.</p> + +<p>Doch Kreisler warf sich vor Julien nieder auf beide Knie, und flehte: +„Teuerste, holdseligste Julia! erbarmen Sie sich der hochverehrten +Gesellschaft, gießen Sie Trost in die hoffnungslosen Gemüter, singen Sie +die Rachelina! — Tun Sie es nicht, so bleibt mir nichts übrig, als mich +hier vor Ihren sichtlichen Augen hinabzustürzen in die Verzweiflung, an +deren Rand ich mich bereits befinde, und Sie halten den verlornen Maitre +de la Chapelle vergebens am Rockschoß, denn indem Sie gutmütig rufen: +Bleibe bei uns o Johannes! so ist er schon hinabgefahren zum Acheron, +und wagt im dämonischen Shawltanz die allerzierlichsten Sprünge: darum +singen Sie Werte!“</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_123">123</a>Julia tat, wiewohl, so schien es, mit einigem Widerwillen, warum +Kreisler sie gebeten.</p> + +<p>Sowie die Ariette geendet, begann Kreisler sofort das bekannte komische +Duett des Notars mit der Müllerin. —</p> + +<p>Julia's Gesang, in Stimme und Methode, neigte sich ganz zum Ernsten, +Pathetischen, demungeachtet stand ihr eine Laune zu Gebote, wenn sie +komische Sachen vortrug, die die reizendste Liebenswürdigkeit selbst +war. Kreisler hatte sich den seltsamen aber unwiderstehlich hinreißenden +Vortrag der italienischen Buffi zu eigen gemacht, das ging heute aber +beinahe bis zur Übertreibung, denn indem Kreisler's Stimme nicht +dieselbe schien, da sie dem höchsten dramatischen Ausdruck in tausend +Nuancen sich fügte, so schnitt er dabei auch solche absonderliche +Gesichter, die einen Cato zum Lachen gebracht hätten.</p> + +<p>Es konnte nicht fehlen, daß alle laut aufjauchzten, losbrachen in +schallendem Gelächter.</p> + +<p>Kreisler küßte Julien entzückt die Hand, die sie ihm ganz unmutig +schnell wegzog. „Ach, sprach Julie, Kapellmeister, ich kann mich nun +einmal in Ihre seltsame Launen — abenteuerliche möcht ich sie nennen, +ich kann mich nun einmal gar nicht darin finden! — Dieser Todessprung +von einem Extrem zum andern zerschneidet mir die Brust! — Ich bitte +Sie, lieber Kreisler, verlangen Sie nicht mehr, daß ich mit tief +bewegtem Gemüt, wenn noch die Töne der tiefsten Wehmut widerklingen in +meinem Innern, daß ich dann Komisches singe, sei es auch noch so artig +und hübsch! Ich weiß es — ich vermag es, ich setze es durch, aber es +macht mich ganz matt und krank. — Verlangen Sie es nicht mehr! — nicht +wahr, Sie versprechen mir das, lieber Kreisler?“</p> + +<p>Der Kapellmeister wollte antworten, in dem Augenblick umarmte aber die +Prinzessin Julien stärker, ausgelassener lachend, als es irgendeine +Oberhofmeisterin für schicklich halten, oder verantworten kann.</p> + +<p>„Komm an meine Brust, rief sie, Du aller Müllerinnen holdeste, +stimmreichste, launigste! — Du mystifizierst alle Barone, Amtsverweser, +Notare in der ganzen Welt, und wohl noch gar —“ Das übrige, was sie +noch sagen wollte, ging unter in der dröhnenden Lache, die sie von neuem +aufschlug.</p> + +<p>Und dann sich rasch zum Kapellmeister wendend: „Sie haben mich ganz mit +sich ausgesöhnt, lieber Kreisler! — O jetzt verstehe ich Ihren +springenden Humor. — Er ist köstlich, in der Tat köstlich! — Nur in +dem Zwiespalt der verschiedensten Empfindungen, der <a class="pagenum" name="page_124">124</a>feindlichsten +Gefühle — geht das höhere Leben auf! — Haben Sie Dank, herzlichen Dank +— da! — ich erlaube Ihnen, mir die Hand zu küssen!“</p> + +<p>Kreisler faßte die ihm dargebotene Hand, und wiederum, wiewohl nicht so +heftig als zuvor, durchdröhnte ihn der Pulsschlag, so daß er einen +Moment zu zögern genötigt war, ehe er die zarten enthandschuhten Finger +an den Mund drückte, sich mit solchem Anstand verbeugend, als sei er +noch Legationsrat. Selbst wußte er nun nicht, wie es kam, daß ihm diese +physische Empfindung bei dem Berühren der fürstlichen Hand ungemein +lächerlich bedünken wollte. Am Ende, sprach er zu sich selbst, als die +Prinzessin ihn verlassen, am Ende ist die Gnädigste eine Art von Leydner +Flasche, und walkt honette Leute durch mit elektrischen Schlägen nach +fürstlichem Belieben! —</p> + +<p>Die Prinzessin hüpfte, tänzelte im Saal umher, lachte, trällerte +dazwischen <span class="antiqua">la Rachelina molinarina,</span> und herzte und küßte bald diese, +bald jene Dame, versicherte, nie in ihrem Leben sei sie froher gewesen, +und das habe sie dem wackern Kapellmeister zu verdanken. Der ernsten +Benzon war das alles im höchsten Grade zuwider, sie konnte es nicht +lassen, die Prinzessin endlich bei Seite zu ziehen, und ihr ins Ohr zu +flüstern: „Hedwiga, ich bitte Sie, welch ein Betragen!“</p> + +<p>Ich dächte, liebe Benzon, erwiderte die Prinzessin mit funkelnden Augen: +wir ließen heute das Hofmeistern und gingen alle zu Bette! — Ja! — zu +Bette — zu Bette! Und damit rief sie nach ihrem Wagen.</p> + +<p>Schweifte die Prinzessin aus in krampfhafter Lustigkeit, so war Julia +indessen still und trübe geworden. Den Kopf auf die Hand gestützt, saß +sie am Flügel, und ihr sichtliches Verbleichen, das umflorte Auge, +bewies, daß ihr Unmut bis zum physischen Weh sich gesteigert.</p> + +<p>Auch Kreislern war das Brillantfeuer des Humors verlöscht. Jedem +Gespräch ausweichend, tappte er mit leisen Schritten nach der Türe. Die +Benzon trat ihm in den Weg. Ich weiß nicht, sprach sie, welche +sonderbare Verstimmung heute mir — —</p> + +<p><em class="gesperrt">(M. f. f.)</em> alles so bekannt, so heimisch vor, ein süßes Aroma, selbst +wußt' ich nicht, von welchen vortrefflichen Braten, wallte in bläulichen +Wolken über die Dächer daher, und wie aus weiter — weiter Ferne, im +Säuseln des Abendwindes, lispelten holde Stimmen: Murr mein Geliebter! +wo weiltest du so lange. —</p> + +<div class="poem" style="width: 20em;"> +<div class="stanza"><a class="pagenum" name="page_125">125</a>Was ist's, das die beengte Brust,<br /> +Mit Wonneschauer so durchbebt,<br /> +Den Geist zum Himmel hoch erhebt,<br /> +Ist's Ahnung hoher Götterlust?<br /> +Ja — springe auf, du armes Herz,<br /> +Ermut'ge dich zu kühnen Taten,<br /> +Verwandelt ist in Lust und Scherz,<br /> +Der trostlos bittre Todesschmerz,<br /> +Die Hoffnung lebt — ich rieche Braten! +</div> +</div> + + +<p>So sang ich, und verlor mich, des entsetzlichen Feuerlärms nicht +achtend, in die angenehmsten Träume! Doch auch hier auf dem Dache +sollten mich noch die schreckhaften Erscheinungen des grotesken +Weltlebens, in das ich hineingesprungen, verfolgen. Denn ehe ich mir's +versah, stieg aus dem Rauchfange eines jener seltsamen Ungetüme empor, +die die Menschen Schornsteinfeger nennen. Kaum mich gewahrend, rief der +schwarze Schlingel: Husch Katz! und warf den Besen nach mir. Dem Wurfe +ausweichend, sprang ich über das nächste Dach hinweg, und hinunter in +die Dachrinne. Doch wer schildert mein frohes Erstaunen, ja meinen +freudigen Schreck, als ich wahrnahm, daß ich mich auf dem Hause meines +wackern Herrn befand. Behende kletterte ich von Dachluke zu Dachluke, +doch alle waren verschlossen. Ich erhob meine Stimme, jedoch umsonst, +niemand hörte mich. Indessen wirbelten die Rauchwolken von dem +brennenden Hause hoch auf, Wasserstrahlen zischten dazwischen, tausend +Stimmen schrien durcheinander, das Feuer schien bedrohlicher zu werden. +Da öffnete sich die Dachluke, und Meister Abraham schaute heraus in +seinem gelben Schlafrock. „Murr, mein guter Kater Murr, da bist du ja! +— Komm hinein, komm hinein, kleiner Graupelz!“ So rief der Meister +freudig, als er mich erblickte. Ich unterließ nicht, ihm durch alle +Zeichen, die mir zu Gebote standen, auch <em class="gesperrt">meine</em> Freude zu erkennen zu +geben: es war ein schöner herrlicher Moment des Wiedersehens, den wir +feierten. Der Meister streichelte mich, als ich zu ihm hinein in den +Dachboden gesprungen, so, daß ich vor Wohlbehagen in jenes sanfte, süße +Knurren ausbrach, das die Menschen in höhnender Verspottung mit dem +Worte „spinnen“ bezeichnen. Ha ha, sprach der Meister lachend, ha ha, +mein Junge, dir ist wohl, da du vielleicht von weiter Wanderung +zurückgekehrt bist in die Heimat, du erkennst nicht die Gefahr in der +wir schweben. — Beinahe möchte ich wie du, ein glücklicher harmloser +Kater sein, der sich den Teufel <a class="pagenum" name="page_126">126</a>was schert um Feuer und Spritzenmeister, +und dem kein Mobiliar verbrennen kann, da das einzige Mobile, dessen +sein unsterblicher Geist mächtig, er selbst ist.“</p> + +<p>Damit nahm mich der Meister auf den Arm und stieg herab in sein Zimmer.</p> + +<p>Kaum waren wir hineingetreten, als Professor Lothario uns nachstürzte, +dem noch zwei Männer folgten.</p> + +<p>Ich bitte Euch, rief der Professor, um des Himmels Willen, Meister! Ihr +seid in der dringendsten Gefahr, das Feuer schlägt schon über Euer Dach. +— Erlaubt, daß wir Eure Sachen wegtragen. —</p> + +<p>Der Meister erklärte sehr trocken, daß in solcher Gefahr der jähe Eifer +der Freunde viel verderblicher sich gestalte, als die Gefahr selbst, da +das, was vor dem Feuer geborgen, gewöhnlich zum Teufel ginge, wiewohl +auf schönere Art. Er selbst habe in früherer Zeit einem Freunde, der von +Feuer bedroht, in dem wohlwollendsten Enthusiasmus, beträchtliches +chinesisches Porzellan durch's Fenster geworfen, damit es nur ja nicht +verbrenne. Wollten sie aber fein ruhig, drei Nachtmützen, ein paar graue +Röcke, und andere Kleidungsstücke, worunter eine seidne Hose vorzüglich +zu beachten, nebst einiger Wäsche in einen Koffer, Bücher und +Manuskripte in ein paar Körbe packen, seine Maschinen aber nicht mit +einem Finger anrühren, so werde es ihm lieb sein. Stehe dann das Dach in +Flammen, so wolle er samt dem Mobiliar sich von dannen machen.</p> + +<p>„Erst aber, (so schloß er) erlaubt, daß ich meinen Hausgenossen und +Stubenkameraden, der soeben von weiten Reisen müde, ermattet, +zurückgekommen, mit Speis und Trank erquicke, nachher möget Ihr +wirtschaften!“ —</p> + +<p>Alle lachten sehr, da sie gewahrten, daß der Meister niemanden anders +gemeint, als mich.</p> + +<p>Es schmeckte mir herrlich, und die schöne Hoffnung, die ich auf dem Dach +in sehnsuchtsvollen süßen Tönen ausgesprochen, wurde ganz erfüllt.</p> + +<p>Als ich mich erquickt, setzte mich der Meister in einen Korb; neben mir, +es war dazu Platz, stellte er eine kleine Schüssel mit Milch hin, und +deckte den Korb sorgfältig zu.</p> + +<p>Wart's ruhig ab, sprach der Meister, mein Kater! in dunkler Behausung, +was aus uns noch werden wird, nippe zum Zeitvertreib von deinem +Lieblingstrank, denn springst oder trottierst du hier im Zimmer umher, +so treten sie dir den Schwanz, die Beine entzwei im <a class="pagenum" name="page_127">127</a>Tumult des Rettens. +Kommt es zur Flucht, so trage ich dich selbst mit mir fort, damit du +dich nicht wieder verläufst, wie es schon geschehen. Sie glauben nicht, +verehrteste Herren und Helfer in der Not, was der kleine graue Mann im +Korbe, was das für ein herrlicher, grundgescheuter Kater ist. +Naturhistorische Galls behaupten, daß sonst, mit den vortrefflichsten +Organen, als da sind, Mordlust, Diebssinn, Schelmerei u. s. w., +ausgerüsteten Katern von leidlicher Edukation, doch der Ortsinn gänzlich +mangele, daß sie, einmal sich verlaufen, die Heimat nie wiederfänden, +aber mein guter Murr macht davon eine glänzende Ausnahme. Seit ein paar +Tagen vermißte ich ihn, und betrauerte recht herzlich seinen Verlust, +heut, soeben ist er zurückgekehrt, und hat, wie ich mit Recht vermuten +darf, noch dazu die Dächer benutzt, als angenehme Kunststraße. Die gute +Seele hat nicht allein Klugheit bewiesen und Verstand, sondern auch die +treueste Anhänglichkeit an seinen Herrn, weshalb ich ihn nun noch viel +mehr liebe als vorher. — Mich erfreute des Meisters Lob ganz ungemein, +mit innerm Wohlbehagen fühlte ich meine Überlegenheit über mein ganzes +Geschlecht, über ein ganzes Heer verirrter Kater ohne Ortsinn und +wunderte mich, daß ich selbst das ganz Ungemeine meines Verstandes nicht +hinlänglich eingesehen. Zwar dacht' ich daran, daß eigentlich der junge +Ponto mich auf den rechten Weg, und der Wurf des Schornsteinfegers mich +auf das rechte Dach gebracht, indessen glaubte ich doch nicht im +mindesten an meiner Sagazität, und an der Wahrheit des Lobes, das mir +der Meister erteilte, zweifeln zu dürfen. Wie gesagt, ich fühlte meine +innere Kraft, und dies Gefühl bürgte mir für jene Wahrheit. Daß +unverdientes Lob viel mehr erfreue, und den Gelobten viel mehr aufblähe +als verdientes, wie ich einmal las, oder jemanden behaupten hörte, das +gilt wohl nur von den Menschen, gescheute Kater sind frei von solcher +Torheit, und ich glaube bestimmt, daß ich vielleicht ohne Ponto und +Schornsteinfeger den Rückweg nach Hause gefunden hätte, und daß beide +sogar nur den richtigen Ideengang im Innern verwirrten. Das bißchen +Weltklugheit, womit der junge Ponto so prahlte, wäre mir auch wohl +zugekommen auf andere Weise, wenngleich die mancherlei Begebenheiten, +die ich mit dem liebenswürdigen Pudel, mit dem <span class="antiqua">aimable roué,</span> erlebte, +mir guten Stoff gaben zu den freundschaftlichen Briefen, in welche ich +meine Reisebeschreibung einkleidete. In allen Morgen- und +Abendzeitungen, in allen eleganten und freimütigen Blättern könnten +diese Briefe mit Effekt abgedruckt stehen, <a class="pagenum" name="page_128">128</a>da mit Geist und Verstand +darin die glänzendsten Seiten meines Ich's hervorgehoben sind, was doch +jedem Leser am interessantesten sein muß. Aber ich weiß es schon, die +Herren Redakteurs und Verleger fragen: wer ist dieser Murr? und erfahren +sie dann, daß ich ein Kater bin, wiewohl der vortrefflichste auf Erden, +so sprechen sie verächtlich: ein Kater und will schreiben! — Und hätt' +ich Lichtenbergs Humor und Hamanns Tiefe — von beiden habe ich viel +Gutes vernommen, sie sollen für Menschen nicht übel geschrieben haben, +sind aber Todes verblichen, welches für jeden Schriftsteller und +Dichter, der leben will, eine durchaus riskante Sache ist — und, sag' +ich noch einmal, hätt' ich Lichtenbergs Humor und Hamanns Tiefe, doch +erhielte ich das Manuskript zurück, bloß weil man mir vielleicht meiner +Krallen halber keine amüsante Schreibart zutraut. So was chagriniert! +— O Vorurteil, himmelschreiendes Vorurteil, wie befängst du doch die +Menschen, und vorzüglich diejenigen, die da heißen Verleger!</p> + +<p>Der Professor, und die, die mit ihm gekommen, machten nun einen +grimmigen Spektakel um mich her, der meines Bedünkens, wenigstens bei +dem Verpacken der Nachtmützen und der grauen Röcke, nicht nötig gewesen +wäre.</p> + +<p>Auf einmal rief draußen eine hohle Stimme: das Haus brennt! „Hoho, +sprach der Meister Abraham, da muß ich auch dabei sein, bleibt nur +ruhig, Ihr Herren! wenn die Gefahr da ist, bin ich wieder hier und wir +packen an!“ —</p> + +<p>Und damit verließ er eilig das Zimmer.</p> + +<p>Mir wurde in meinem Korbe wirklich bange. Das wilde Getöse — der +Rauch, der nun in das Zimmer zu dringen begann, alles mehrte meine +Angst! — Allerlei schwarze Gedanken stiegen in mir auf! — Wie wenn der +Meister mich vergäße, wenn ich schmachvoll umkommen müßte in den +Flammen! — Ich fühlte, die furchtbare Angst mochte es verschulden, ein +besonderes häßliches Kneifen im Leibe. — Ha! dacht' ich, wenn im Herzen +falsch, wenn neidisch ob meiner Wissenschaft, mich los zu werden, +enthoben jeder Sorg' zu sein, nun mich der Meister noch in diesen Korb +gespunden. — Wie wenn selbst dieser unschuldsweiße Trank — wie, wär' +es Gift, das er mit schlauer Kunst hier zubereitet, mir den Tod zu +geben? — Herrlicher Murr, selbst in der Todesangst denkst du in Jamben, +läss'st nicht aus der Acht, was du im Shakespeare, Schlegel einst +gelesen! — Meister Abraham steckte den Kopf zur Türe hinein, und +sprach: die Gefahr ist vorüber, Ihr Herren! Setzt Euch nur ruhig hin an +jenen Tisch, <a class="pagenum" name="page_129">129</a>und trinkt die paar Flaschen Wein aus, die Ihr in dem +Wandschrank gefunden, ich meinesteils begebe mich noch ein wenig auf's +Dach, und will erklecklich spritzen. — Doch halt, erst muß ich +nachsehen, was mein guter Kater macht.</p> + +<p>Der Meister trat vollends hinein, nahm den Deckel von dem Korbe, in dem +ich saß, sprach mir zu mit freundlichen Worten, erkundigte sich nach +meinem Wohlbefinden, fragte, ob ich vielleicht noch einen gebratenen +Vogel verspeisen wolle, welches alles ich mit mehrmaligem süßen Miau +erwiderte, und mich recht bequem ausstreckte, welches mein Meister mit +Recht für das beredte Zeichen nahm, daß ich satt sei, noch im Korbe zu +bleiben wünsche, und stülpte den Deckel wieder auf.</p> + +<p>Wie wurde ich nun von der guten, freundlichen Gesinnung überzeugt, die +Meister Abraham für mich hegte. Ich hätte mich meines schnöden +Mißtrauens schämen müssen, wenn es überhaupt für einen Mann von +Verstande schicklich wäre, sich zu schämen. Am Ende, dacht' ich, war +auch die fürchterliche Angst, das ganze, Unheil ahnende Mißtrauen weiter +nichts, als poetische Schwärmerei, wie sie jungen, genialen Enthusiasten +eigen, die dergleichen oft förmlich brauchen, als berauschendes Opium. +Das beruhigte mich ganz und gar.</p> + +<p>Kaum hatte der Meister die Stube verlassen, als der Professor, ich +konnt' es durch eine kleine Fitze des Korbes bemerken, sich mit +mißtrauischen Blicken nach dem Korbe umschaute, und dann den andern +zuwinkte, als habe er ihnen irgend Wichtiges zu entdecken. Dann sprach +er mit so leiser Stimme, daß ich kein Wörtlein verstanden, hätte der +Himmel nicht in meine spitzen Ohren mir unglaublich scharfes Gehör +gelegt. Wißt ihr wohl, wozu ich eben jetzt Lust hätte? — Wißt ihr wohl, +daß ich hingehen zu jenem Korbe, ihn öffnen, und dem verfluchten Kater, +der drinnen sitzt, und der uns jetzt vielleicht alle mit seinem +übermütigen Selbstgenugsein verhöhnt, dies spitze Messer in die Kehle +stoßen möchte?</p> + +<p>Was fällt Euch ein, Lothario, rief ein anderer, den hübschen Kater, den +Liebling unseres wackeren Meisters wolltet Ihr umbringen? — Und warum +sprecht Ihr denn so leise?</p> + +<p>Der Professor ebenso mit gedämpfter Stimme wie vorher weiter sprechend, +erklärte, daß ich alles verstehe, daß ich lesen und schreiben könne, daß +mir Meister Abraham auf eine, freilich geheimnisvolle, unerklärliche +Weise, die Wissenschaften beigebracht, so daß ich schon jetzt, wie ihm +der Pudel Ponto verraten, schriftstellere und dichte, <a class="pagenum" name="page_130">130</a>und daß das alles +dem schelmischen Meister zu nichts anderem dienen werde, als zur +Verspottung der vortrefflichsten Gelehrten und Dichter.</p> + +<p>O, sprach Lothario mit unterdrückter Wut, ich <ins title="seh">seh'</ins> es kommen, daß +Meister Abraham, der ohnedem das Vertrauen des Großherzogs in vollem +Maße besitzt, daß er mit dem unglückseligen Kater alles durchsetzt, was +er nur will. Die Bestie wird <span class="antiqua">Magister legens</span> werden, die Doktorwürde +erhalten, zuletzt als Professor der Ästhetik Kollegia lesen über den +Äschylos — Corneille — Shakespeare! — ich komme von Sinnen! — der +Kater wird in meinen Eingeweiden wühlen, und hat ganz infame Krallen! —</p> + +<p>Alle gerieten bei diesen Reden Lotharios, des Professors der Ästhetik, +in das tiefste Erstaunen. Einer meinte, es sei ganz unmöglich, daß ein +Kater lesen und schreiben lernen könne, da diese Elemente aller +Wissenschaft nächst der Geschicklichkeit, der nur der Mensch fähig, eine +gewisse Überlegung, man möchte sagen, Verstand, erforderten, der sogar +nicht allemal bei dem Menschen, dem Meisterstück der Schöpfung, +anzutreffen, viel weniger bei gemeinem Vieh!</p> + +<p>Bester, nahm ein anderer, wie mir's in meinem Korbe schien, sehr +ernsthafter Mann, das Wort, was nennen Sie gemeines Vieh? — Es gibt gar +kein gemeines Vieh. Oft in stille Selbstbetrachtung versunken, empfinde +ich den tiefsten Respekt vor Eseln und andern nützlichen Tieren. Ich +begreife nicht, warum einer angenehmen Hausbestie von glücklichen, +natürlichen Anlagen nicht sollte das Lesen und Schreiben beigebracht +werden, ja warum sich ein solches Tierlein nicht sollte erheben können +zum Gelehrten und Dichter? — Ist denn das so etwas Beispielloses? — An +Tausend und Eine Nacht, als der besten, historischen Quelle voll +pragmatischer Authentizität, mag ich <ins title="garnicht">gar nicht</ins> denken, sondern Sie, mein +allerliebster! nur an den gestiefelten Kater erinnern, einen Kater, der +voll Edelmut, durchdringendem Verstand war, und tiefer Wissenschaft.</p> + +<p>Vor Freude über dieses Lob eines Katers, der, wie mir eine deutliche +Stimme im Innern sagte, mein würdiger Ahnherr sein mußte, konnt' ich +mich nicht enthalten, zwei-, dreimal ziemlich stark zu niesen. — Der +Redner hielt inne, und alle schauten sich ganz verschüchtert um nach +meinem Korbe.</p> + +<p><span class="antiqua">Contentement mon cher,</span> rief endlich der ernsthafte Mann, der eben +gesprochen, und fuhr dann weiter fort: Irre ich nicht, so erwähnten Sie, +teurer Ästhetiker, vorhin eines Pudels Ponto, der Ihnen des Katers +dichterisches und wissenschaftliches Treiben ver<a class="pagenum" name="page_131">131</a>raten. Dies bringt mich +denn auf Cervantes höchst vorzüglichen Berganza, von dessen neuesten +Schicksalen in einem gewissen neuen höchst abenteuerlichen Buche +Nachricht gegeben wird. Auch dieser Hund gibt ein entscheidendes +Beispiel über das Naturell und über die Bildungsfähigkeit der Tiere.</p> + +<p>Aber, nahm der andere das Wort, mein teurer, liebster Freund, welche +Beispiele führen Sie denn da an? Von dem Hunde Berganza spricht ja +Cervantes, der bekanntlich ein Romanschreiber war, und die Geschichte +vom gestiefelten Kater ist ja ein Kindermärchen, welches Herr Tieck +freilich mit solcher Lebendigkeit uns vor Augen gebracht hat, daß man +beinahe die Torheit begehen könnte, wirklich daran zu glauben. Also zwei +Dichter allegieren Sie, als wären es ernste Naturhistoriker und +Psychologen, nun sind aber Dichter nichts weniger als das, sondern +ausgemachte Phantasten, die lauter eingebildetes Zeug ausbrüten und +vorbringen. Sagen Sie, wie mag denn aber ein verständiger Mann, wie Sie +sich auf Dichter berufen, um das zu bewahrheiten, was wider Sinn und +Verstand läuft? Lothario ist Professor der Ästhetik, und es ist billig, +daß er als solcher bisweilen etwas weniges über die Schnur haue, aber +Sie —</p> + +<p>Halt, sprach der Ernste, mein Liebster, ereifern <ins title="sie">Sie</ins> sich nicht. +Bedenken Sie fein, daß wenn vom Wunderbaren, Unglaublichen die Rede, man +füglich Dichter allegieren darf, denn simple Historiker verstehen den +Teufel was davon. Ja, wenn das Wunderbare in Schick und Form gebracht, +und als reine Wissenschaft vorgetragen werden soll, wird der Beweis +irgendeines Erfahrungssatzes am besten aus berühmten Dichtern entnommen, +auf deren Wort man bauen darf. Ich führe Ihnen, und damit werden Sie, +selbst ein gelehrter Arzt, zufrieden sein — ja! sage ich, ich führe +Ihnen das Beispiel eines berühmten Arztes an, der in seiner +wissenschaftlichen Darstellung des animalischen Magnetismus um unsern +Rapport mit dem Weltgeiste, um das Dasein eines wunderbaren +Ahnungsvermögens unleugbar ins Licht zu stellen, sich auf Schiller und +dessen Wallenstein bezieht, welcher sagt: „Es gibt im Menschenleben +Augenblicke und dergleichen Stimmen gibts — es ist kein Zweifel“ — und +wie es denn weiter heißt. Sie können das Weitere selbst nachlesen, in +der Tragödie. — Ho ho! erwiderte der Doktor, Sie springen ab — Sie +geraten in den Magnetismus, und sind imstande, zuletzt zu behaupten, +daß, nächst allen Wundern, die dem Magnetiseur zu Gebote stehen, er auch +den Schulmeister für empfängliche Kater abgeben könnte. —</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_132">132</a>Nun, sprach der Ernste, wer weiß, wie der Magnetismus auf Tiere wirkt. +Kater, die schon das elektrische Fluidum in sich tragen, wie Sie sich +gleich überzeugen können —</p> + +<p>Plötzlich an Mina denkend, die über dergleichen Versuche, die mit ihr +angestellt worden, so bitter klagte, erschrak ich so heftig, daß ich ein +lautes Miau ausstieß!</p> + +<p>Bei dem Orkus und all' seinem Entsetzen, rief der Professor erschrocken, +der höllische Kater hört uns, versteht uns — Herz gefaßt! — mit diesen +Händen erwürg' ich ihn. —</p> + +<p>Ihr seid nicht klug, sprach der Ernste, Ihr seid wahrhaftig nicht klug, +Professor. Nimmermehr leide ich, daß Ihr dem Kater, den ich schon jetzt +herzlich lieb gewonnen, ohne das Glück seiner nähern Bekanntschaft zu +genießen, daß Ihr ihm nur das geringste Leid zufügt. Am Ende muß ich +glauben, daß Ihr eifersüchtig seid auf ihn, weil er Verse macht? +Professor der Ästhetik kann ja der kleine graue Mann niemals werden, +darüber beruhigen Sie sich nur ganz. Steht es denn nicht deutlich in den +uralten akademischen Statuten, daß, überhand genommenen Mißbrauchs +halber, keine Esel mehr zur Professur gelangen sollen, und ist diese +Verordnung nicht auch auf Tiere auszudehnen von jeder Art und Gattung, +mithin auch auf Kater?</p> + +<p>Mag es sein, sprach der Professor unmutig, daß der Kater niemals weder +<span class="antiqua">Magister legens</span>, noch Professor der Ästhetik, werden wird, als +Schriftsteller tritt er doch auf über kurz oder lang, findet der Neuheit +wegen Verleger und Leser, schnappt uns gute Honorare weg —</p> + +<p>Ich finde, erwiderte der Ernste, durchaus keine Ursache, warum dem guten +Kater, dem aimablen Liebling unsers Meisters, es verwehrt sein solle, +eine Bahn zu betreten, auf der sich so viele ohne Rücksicht auf Kraft +und Haltung umhertummeln. Die einzige Maßregel, die dabei zu beobachten, +wäre, daß man ihn nötigte, sich die spitzen Krallen verschneiden zu +lassen, und das wäre vielleicht das einzige, was wir jetzt gleich tun +könnten, um sicher zu sein, daß er uns nie verwunde, wenn er ein Autor +worden.</p> + +<p>Alle standen auf. Der Ästhetiker griff nach der Schere. Man kann sich +meine Lage denken, ich beschloß, mit Löwenmut anzukämpfen gegen die +Verunglimpfung, die man mir zugedacht; den ersten, der sich mir nahen +würde, zu zeichnen auf ewige Zeiten, ich rüstete mich zum Sprunge, sowie +der Korb geöffnet werden würde.</p> + +<p>In dem Augenblick trat Meister Abraham hinein, und vorüber <a class="pagenum" name="page_133">133</a>war meine +Angst, die sich schon steigern wollte zur Verzweiflung. Er öffnete den +Korb, und noch ganz außer mir, sprang ich mit einem Satz hinaus, und +schoß dem Meister wild vorbei, unter den Ofen.</p> + +<p>Was ist dem Tiere widerfahren, rief der Meister, die andern mißtrauisch +anblickend, welche da standen ganz verlegen und, vom bösen Gewissen +geplagt, gar nicht zu antworten vermochten.</p> + +<p>So bedrohlich auch meine Lage im Gefängnis war, doch empfand ich inniges +Wohlbehagen darüber, was der Professor von meiner mutmaßlichen Laufbahn +sagte, sowie sein deutlich ausgesprochener Neid mich höchlich erfreute. +Ich fühlte schon das Doktorhütlein auf meiner Stirne, ich sah mich schon +auf dem Katheder! — Sollten meine Vorlesungen denn nicht am häufigsten +besucht werden von der wißbegierigen Jugend? — Sollte wohl ein einziger +Jüngling, von milden Sitten, es übel deuten können, wenn der Professor +bäte, keine Hunde ins Kollegium zu bringen? — Nicht alle Pudel hegen +solch freundlichen Sinn, wie mein Ponto, und dem Jägervolk mit langen +hängenden Ohren ist nun vollends gar nicht zu trauen, da sie überall mit +den gebildetsten Leuten meines Geschlechts unnütze Händel anfangen und +sie mit Gewalt nötigen, zu den unartigsten Äußerungen des Zorns, als da +ist Prusten — Kratzen — Beißen usw. usw.</p> + +<p>Wie höchst fatal müßt' es —</p> + +<p><em class="gesperrt">(Mak. Bl.)</em> — nur der kleinen rotwangigen Hofdame gelten, die Kreisler +bei der Benzon gesehen. Tun Sie mir, sprach die Prinzessin, den +Gefallen, Nannette, gehen Sie selbst herab, und sorgen Sie, daß man die +Nelkenstöcke in meinen Pavillon trage, die Leute sind saumselig genug, +um nichts auszurichten. — Das Fräulein sprang auf, verbeugte sich sehr +zeremoniös, flog dann aber schnell zum Zimmer heraus, wie ein Vogel, dem +man den Käfig geöffnet.</p> + +<p>Ich kann, wandte sich die Prinzessin zum Kreisler, nun einmal nichts +herausbringen, wenn ich nicht mit dem Lehrer allein bin! der den +Beichtvater vorstellt, dem man ohne Scheu alle Sünden vertrauen kann. +Überhaupt werden Sie, lieber Kreisler, die steife Etikette bei uns +seltsam, werden es lästig finden, daß ich überall von Hofdamen umgeben, +gehütet werde wie die Königin von Spanien. — Wenigstens sollte man hier +in dem schönen Sieghartshof mehr Freiheit genießen. Wäre der Fürst im +Schlosse, ich hätte Nannette nicht fortschicken dürfen, die sich selbst +bei unseren musikalischen Studien ebensosehr langeweilt, als sie mich +geniert. — Fangen wir noch einmal an, jetzt wird es besser gehen. +— Kreisler, bei dem Unterricht die Geduld <a class="pagenum" name="page_134">134</a>selbst, begann das +Gesangstück, welches die Prinzessin einzustudieren unternommen, von +neuem, aber so sichtlich Hedwiga sich auch mühte, so viel Kreisler auch +einhelfen mochte, sie verirrte sich in Takt und Ton, sie machte Fehler +über Fehler, bis sie glutrot im ganzen Gesicht aufsprang, an das Fenster +lief, und hinausschaute in den Park. Kreisler glaubte zu bemerken, daß +die Prinzessin heftig weine, und fand seinen ersten Unterricht, den +ganzen Auftritt, etwas peinlich. Was konnte er Bessers tun, als +versuchen, ob der feindliche, unmusikalische Geist, der die Prinzessin +zu verstören schiene, sich nicht bannen lasse eben durch Musik. Er ließ +daher allerlei angenehme Melodien fortströmen, variierte die +bekanntesten Lieblingslieder in kontrapunktischen Wendungen und +melismatischen Schnörkeln, so daß er zuletzt sich selbst darüber +wunderte, wie er so charmant den Flügel zu spielen verstehe, und die +Prinzessin vergaß, samt ihrer Arie, und ihrer rücksichtslosen Ungeduld.</p> + +<p>„Wie herrlich doch der Geierstein in der leuchtenden Abendsonne steht“, +sprach die Prinzessin, ohne sich umzuwenden.</p> + +<p>Kreisler war eben in einer Dissonanz begriffen, natürlicherweise mußte +er diese auflösen, und konnte daher nicht mit der Prinzessin den +Geierstein und die Abendsonne bewundern. „Gibt's wohl einen reizendern +Aufenthalt weit und breit, als unser Sieghartshof<ins title="!">?</ins>“ sprach Hedwiga +lauter und stärker als vorher. — Nun mußte Kreisler wohl, nachdem er +einen tüchtigen Schlußakkord angeschlagen, zu der Prinzessin an das +Fenster treten, der Aufforderung zum Gespräch höflich genügend.</p> + +<p>In der Tat, gnädigste Prinzessin, sprach der Kapellmeister, der Park ist +herrlich, und ganz besonders ist es mir lieb, daß sämtliche Bäume grünes +Laub tragen, welches ich überhaupt an allen Bäumen, Sträuchern und +Gräsern sehr bewundere und verehre, und jeden Frühling dem Allmächtigen +danke, daß es wieder grün worden und nicht rot, welches in jeder +Landschaft zu tadeln, und bei den besten Landschaften, wie z. B. Claude +Lorrain oder Berghem, ja selbst bei Hackert, der bloß seine Wiesengründe +was weniges pudert, nirgends zu finden.</p> + +<p>Kreisler wollte weiter reden, als er aber in dem kleinen Spiegel, der +zur Seite des Fensters angebracht, der Prinzessin totbleiches, seltsam +verstörtes Antlitz erblickte, verstummte er vor dem Schauer, der sein +Inneres durcheiste.</p> + +<p>Die Prinzessin unterbrach endlich das Schweigen, indem sie, ohne <a class="pagenum" name="page_135">135</a>sich +umzuwenden, immerfort hinausschauend, mit dem rührenden Ton der tiefsten +Wehmut sprach: Kreisler, das Schicksal will es nun einmal, daß ich Ihnen +überall wie von seltsamen Einbildungen geplagt — aufgeregt, ich möchte +sagen, albern, erscheine, daß ich Ihnen Stoff darbieten soll, Ihren +schneidenden Humor an mir zu üben. Es ist Zeit, Ihnen zu erklären, daß, +und warum Sie es sind, dessen Anblick mich in einen Zustand versetzt, +der dem nervenerschütternden Anfall eines heftigen Fiebers zu +vergleichen. Erfahren Sie alles! Ein offnes Geständnis wird meine Brust +erleichtern, und nur die Möglichkeit verschaffen, Ihren Anblick, Ihre +Gegenwart zu ertragen. — Als ich Sie zum erstenmale dort im Park +antraf, da erfüllten Sie, da erfüllte Ihr ganzes Betragen, mich mit dem +tiefsten Entsetzen, selbst wußte ich nicht warum! — aber es war eine +Erinnerung aus meinen frühsten Kinderjahren, die plötzlich mit all' +ihrem Schrecken in mir aufstieg, und die sich erst später in einem +seltsamen Traume deutlich gestaltete. An unserm Hofe befand sich ein +Maler, Ettlinger geheißen, den Fürst und Fürstin sehr hoch hielten, da +sein Talent wunderbar zu nennen. Sie finden auf der Galerie +vortreffliche Gemälde von seiner Hand, auf allen erblicken Sie die +Fürstin, in dieser, jener Gestalt, in der historischen Gruppe +angebracht. Das schönste Gemälde, daß die höchste Bewunderung aller +Kenner erregt, hängt aber in dem Kabinet des Fürsten. Es ist das Porträt +der Fürstin, die er, als sie in der höchsten Blüte der Jugend stand, +ohne daß sie ihm jemals gesessen, so ähnlich malte, als habe er das Bild +aus dem Spiegel gestohlen. Leonhard, so wurde der Maler mit seinem +Vornamen am Hofe genannt, muß ein milder guter Mensch gewesen sein. Alle +Liebe, deren meine kindische Brust fähig, ich mochte kaum drei Jahre alt +sein, hatte ich ihm zugewandt, ich wollte, er sollte mich nie verlassen. +Aber unermüdlich spielte er auch mit mir, malte mir kleine bunte Bilder, +schnitt mir allerlei Figuren aus. Plötzlich, es mochte ein Jahr +vergangen sein, blieb er aus. Die Frau, der meine erste Erziehung +anvertraut, sagte mir mit Tränen in den Augen, Herr Leonhard sei +gestorben. Ich war untröstlich, ich mochte nicht mehr in dem Zimmer +bleiben, wo Leonhard mit mir gespielt. So wie ich nur konnte, +entschlüpfte ich meiner Erzieherin, den Kammerfrauen, lief im Schlosse +umher, rief laut den Namen: Leonhard! Denn immer glaubt' ich, es sei +nicht wahr, daß er gestorben, und er sei irgendwo im Schlosse versteckt. +So begab es sich, daß ich auch an einem Abend, als die Erzieherin sich +nur auf einen <a class="pagenum" name="page_136">136</a>Augenblick entfernt, mich aus dem Zimmer schlich, um die +Fürstin aufzusuchen. Die sollte mir sagen, wo Herr Leonhard sei, und mir +ihn wiederschaffen. Die Türen des Korridors standen offen, und so +gelangte ich wirklich zur Haupttreppe, die ich hinauflief, und oben, auf +gut Glück, in das erste geöffnete Zimmer trat. Als ich mich nun +umschaute, wurde die Türe, die, wie ich meinte, in die Gemächer der +Fürstin führen mußte, und an die ich zu pochen im Begriff stand, heftig +aufgestoßen, und hinein stürzte ein Mensch in zerrissenen Kleidern, mit +verwildertem Haar. Es war Leonhard, der mich mit fürchterlich funkelnden +Augen anstarrte. Totenbleich, eingefallen, kaum wiederzuerkennen, war +sein Antlitz. Ach, Herr Leonhard, rief ich, wie siehst Du aus, warum +bist Du so blaß, warum hast Du solche glühende Augen, warum starrst Du +mich so an? — Ich fürchte mich vor Dir! — O sei doch gut, wie sonst +— male mir wieder hübsche bunte Bilder!“ — da sprang Leonhard mit einem +wilden wiehernden Gelächter auf mich los, — eine Kette, die um den Leib +befestigt schien, klirrte ihm nach — kauerte nieder auf den Boden, +sprach mit heiserer Stimme: „Ha ha, kleine Prinzeß, — bunte Bilder? +— ja nun kann ich erst recht malen, malen — nun will ich Dir ein Bild +malen und Deine schöne Mutter! nicht wahr, Du hast eine schöne Mutter? +— Aber bitte sie, daß sie mich nicht wieder verwandelt — ich will +nicht der elende Mensch Leonhard Ettlinger sein — der ist längst +gestorben. Ich bin der rote Geier und kann malen, wenn ich +Farbenstrahlen gespeist! — ja malen kann ich, wenn ich heißes Herzblut +habe zum Firnis — und Dein Herzblut brauche ich, kleine Prinzeß!“ — Und +damit faßte er mich, riß mich an sich, entblößte mir den Hals, mir +war's, als sähe ich ein kleines Messer in seiner Hand blinken. Auf das +durchdringende Angstgeschrei, das ich ausstieß, stürzten Diener hinein, +und warfen sich her über den Wahnsinnigen. Der schlug sie aber mit +Riesenkraft zu Boden. In demselben Augenblick polterte und klirrte es +aber die Treppe herauf, ein großer, starker Mann sprang hinein mit dem +lauten Ausruf: „Jesus, er ist mir entsprungen! Jesus, das Unglück! +— Warte, warte, Höllenkerl!“ — Sowie der Wahnsinnige diesen Mann +gewahrte, schienen ihn plötzlich alle Kräfte zu verlassen, heulend +stürzte er zu Boden. Man legte ihm die Ketten an, die der Mann +mitgebracht, man führte ihn fort, indem er entsetzliche Töne ausstieß, +wie ein gefesseltes, wildes Tier.</p> + +<p>Sie mögen sich es denken, mit welcher verstörenden Gewalt dieser +<a class="pagenum" name="page_137">137</a>entsetzliche Auftritt das vierjährige Kind erfassen mußte. Man versuchte +mich zu trösten, mir begreiflich zu machen, was wahnsinnig sei. Ohne +dies ganz zu verstehen, ging doch ein tiefes, namenloses Grausen durch +mein Inneres, das noch jetzt wiederkehrt, wenn ich einen Wahnsinnigen +erblicke, ja wenn ich nur an den fürchterlichen Zustand denke, der einer +fortgesetzten ununterbrochenen Todesqual zu vergleichen. — Jenem +Unglücklichen sehen Sie ähnlich, Kreisler, als wären Sie sein Bruder. +Vorzüglich erinnert mich Ihr Blick, den ich oft seltsam nennen möchte, +nur zu lebhaft an Leonhard, und dies ist es, was mich, als ich Sie zum +erstenmal erblickte, außer Fassung brachte, was mich noch jetzt in Ihrer +Gegenwart beunruhigt, beängstigt! — —</p> + +<p>Kreisler stand da, tief erschüttert, keines Wortes mächtig. Von je her +hatte er die fixe Idee, daß der Wahnsinn auf ihn lauere, wie ein nach +Beute lechzendes Raubtier, und ihn einmal plötzlich zerfleischen werde; +er erbebte nun in demselben Grausen, das die Prinzessin bei seinem +Anblick erfaßt, vor sich selbst, rang mit dem schauerlichen Gedanken, +daß er es gewesen, der die Prinzessin in der Raserei ermorden wollen.</p> + +<p>Nach einigen Augenblicken des Schweigens fuhr die Prinzessin fort: Der +unglückliche Leonhard liebte insgeheim meine Mutter, und diese Liebe, +schon selbst Wahnsinn, brach zuletzt aus in Wut und Raserei.</p> + +<p>So, sprach Kreisler sehr weich und mild wie er pflegte, wenn ein Sturm +im Innern vorübergegangen, so war in Leonhards Brust nicht die Liebe des +Künstlers aufgegangen.</p> + +<p>Was wollen Sie damit sagen, Kreisler, fragte die Prinzessin, indem sie +sich rasch umwandte.</p> + +<p>Als ich, erwiderte Kreisler sanft lächelnd, einst in einem hinlänglich +toll lustigen Schauspiel einen Witzbold von Diener die Spielleute mit +der süßen Anrede beehren hörte: „Ihr guten Leute und schlechten +Musikanten“, teilte ich, wie der Weltenrichter, flugs alles Menschenvolk +in zwei verschiedene Haufen, einer davon bestand aber aus den guten +Leuten, die schlechte, oder vielmehr gar keine Musikanten sind, der +andere aber aus den eigentlichen Musikanten. Doch niemand sollte +verdammt, sondern alle sollten selig werden, wiewohl auf verschiedene +Weise. — Die guten Leute verlieben sich leichtlich in ein paar schöne +Augen, strecken beide Arme aus nach der angenehmen Person, aus deren +Antlitz besagte Augen strahlen, schließen die Holde ein in Kreise, die, +immer enger und enger werdend, zuletzt zu<a class="pagenum" name="page_138">138</a>sammenschrumpfen zum Trauring, +den sie der Geliebten an den Finger stecken als <span class="antiqua">pars pro toto</span> — Sie +verstehen einiges Latein, gnädigste Prinzeß — als <span class="antiqua">pars pro toto</span> sag' +ich, als Glied der Kette, an der sie die in Liebeshaft Genommene +heimführen in das Ehestandsgefängnis. Dabei schreien Sie denn ungemein: +O Gott! — oder o Himmel! oder, sind sie der Astronomie ergeben, o ihr +Sterne! oder haben sie Inklination zum Heidentum, o all' ihr Götter! sie +ist mein, die Schönste, all' mein sehnend Hoffen erfüllt! — Also +lärmend, gedenken die guten Leute es nachzumachen den Musikanten, jedoch +vergebens, da es mit der Liebe dieser durchaus sich anders verhält. — Es +begibt sich wohl, daß besagten Musikanten unsichtbare Hände urplötzlich +den Flor wegziehen, der ihre Augen verhüllte, und sie erschauen, auf +Erden wandelnd, das Engelsbild, das, ein süßes unerforschtes Geheimnis, +schweigend ruhte in ihrer Brust. Und nun lodert auf in reinem +Himmelsfeuer, das nur leuchtet und wärmt, ohne mit verderblichen Flammen +zu vernichten, alles Entzücken, alle namenlose Wonne des höheren aus dem +Innersten emporkeimenden Lebens, und tausend Fühlhörner streckt der +Geist aus in brünstigem Verlangen, und umnetzt die, die er geschaut, und +hat sie, und hat sie nie, da die Sehnsucht ewig dürstend fortlebt! — +Und <em class="gesperrt">sie, sie</em> selbst ist es, die Herrliche, die, zum Leben gestaltete +Ahnung, aus der Seele des Künstlers hervorleuchtet als Gesang — Bild — +Gedicht! — Ach, Gnädigste, glauben Sie mir, sein Sie überzeugt, daß +wahre Musikanten, die mit ihren leiblichen Armen und den daran +gewachsenen Händen nichts tun, als passabel musizieren, sei es nun mit +der Feder, mit dem Pinsel oder sonst, in der Tat nach der wahrhaften +Geliebten nichts ausstrecken, als geistige Fühlhörner, an denen weder +Hand noch Finger befindlich, die mit konvenabler Zierlichkeit einen +Trauring erfassen und anstecken könnten an den kleinen Finger der +Angebeteten; schnöde Mesalliancen sind daher durchaus nicht zu +befürchten, und scheint ziemlich gleichgültig, ob die Geliebte, die in +dem Innern des Künstlers lebt, eine Fürstin ist oder eine +Bäckerstochter, insofern letztere nur keine Eule. Besagte Musikanten +schaffen, sind sie in Liebe gekommen, mit der Begeisterung des Himmels, +herrliche Werke und sterben weder elendiglich dahin an der Schwindsucht, +noch werden sie wahnsinnig. Sehr verdenke ich es daher dem Herrn +Leonhard Ettlinger, daß er in einige Raserei verfiel, er hätte, nach der +Art echter Musikanten, die durchlauchtige Frau Fürstin ohne allen +Nachteil lieben können, wie er nur wollte!</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_139">139</a>Die humoristischen Töne, die +der Kapellmeister anschlug, gingen bei dem Ohr der Prinzessin vorüber, +unvernommen oder übertönt von dem Nachhall der Saite, die er berührt, +und die, in der weiblichen Brust schärfer gespannt, stärker vibrieren +mußte als alle übrigen.</p> + +<p>„Die Liebe des Künstlers, sprach sie, indem sie niedersank in den +Lehnstuhl und wie im Nachsinnen den Kopf auf die Hand stützte, die Liebe +des Künstlers! — so geliebt zu werden! — o es ist ein schöner +herrlicher Traum des Himmels — nur ein Traum, ein leerer Traum.“ —</p> + +<p>Sie scheinen, nahm Kreisler das Wort, Gnädigste, für Träume eben nicht +sehr portiert, und doch sind es lediglich die Träume, in denen uns recht +die Schmetterlingsflügel wachsen, so daß wir dem engsten, festesten +Kerker zu entfliehen, uns bunt und glänzend in die hohen, in die +höchsten Lüfte zu erheben vermögen. Jeder Mensch hat doch am Ende einen +angebornen Hang zum Fliegen, und ich habe ernste honette Leute gekannt, +die am späten Abend sich <ins title="blos">bloß</ins> mit Champagner, als einem dienlichen Gas, +füllten um in der Nacht, Luftballon und Passagier zugleich, aufsteigen +zu können. —</p> + +<p>Sich so geliebt zu wissen, wiederholte die Prinzessin noch bewegter als +vorher.</p> + +<p>Und, sprach, als die Prinzessin schwieg, Kreisler weiter, was die Liebe +des Künstlers betrifft, wie ich sie zu schildern mich bemüht, so haben +Sie, Gnädigste! freilich das böse Beispiel des Herrn Leonhard Ettlinger +vor Augen, der Musikant war, und lieben wollte wie die guten Leute, +worüber sein schöner Verstand freilich etwas wacklicht werden konnte, +aber eben deshalb mein ich, war Herrn Leonhard kein echter Musikant. +Diese tragen die erkorne Dame im Herzen und wollen nichts als ihr zu +Ehren singen, dichten, malen, und sind in der vorzüglichsten Courtoisie +den galanten Rittern zu vergleichen, ja was unschuldsvolle Gesinnung +betrifft, ihnen vorzuziehen, da sie nicht verfahren wie sonst diese, die +blutdürstiger Weise, waren nicht gleich Riesen, Drachen bei der Hand, +die schätzbarsten Leute niederstreckten in den Staub, um der Herzensdame +zu huldigen! —</p> + +<p>Nein, rief die Prinzessin, wie erwachend aus einem Traum, es ist +unmöglich, daß in der Brust des Mannes ein solch reines Vestas Feuer +sich entzünden sollte! — Was ist die Liebe des Mannes anders, als die +verräterische Waffe, die er gebraucht, einen Sieg zu feiern, der das +Weib verdirbt, ohne ihn zu beglücken.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_140">140</a>Kreisler wollte sich eben über +solche absonderlichen Gesinnungen einer siebzehn-, achtzehnjährigen +Prinzessin höchlich verwundern, als die Türe aufging, und Prinz Ignatius +hineintrat.</p> + +<p>Der Kapellmeister war froh, ein Gespräch zu enden, das er sehr gut mit +einem wohleingerichteten Duett verglich, in dem jede Stimme ihrem +eigentümlichen Charakter getreu bleiben muß. Während die Prinzessin, so +behauptete er, im wehmütigen Adagio beharrt, und nur hie und da einen +Mordent, einen Pralltriller angebracht, sei er als ein vorzüglicher +Buffo und erzkomischer Chanteur mit einer ganzen Legion kurzer Noten +parlando dazwischengefahren, so daß er, da das Ganze ein wahres +Meisterstück der Komposition und der Ausführung zu nennen, nichts weiter +gewünscht, als der Prinzessin und sich selbst zuhören zu können aus +irgendeiner Loge oder einem schicklichen Sperrsitz.</p> + +<p>Also Prinz Ignatius trat hinein mit einer zerbrochenen Tasse in der +Hand, schluchzend und weinend.</p> + +<p>Es ist nötig, zu sagen, daß der Prinz, unerachtet hoch in die zwanzig, +doch sich noch immer nicht von den Lieblingsspielen der Kinderjahre +trennen konnte. Ganz vorzüglich liebte er schöne Tassen, mit denen er +stundenlang in der Art spielen konnte, daß er sie in Reihen vor sich +hinstellte auf den Tisch, und diese Reihen immer anders und anders +ordnete, so daß bald die gelbe Tasse neben der roten, dann die grüne bei +der roten usw. stehen mußte. Dabei freute er sich so innig, so herzlich, +wie ein frohes zufriedenes Kind.</p> + +<p>Das Unglück, worüber er jetzt lamentierte, bestand darin, daß ihm der +kleine Mops unversehens auf den Tisch gesprungen war, und die schönste +der Tassen herabgeworfen hatte.</p> + +<p>Die Prinzessin versprach, dafür zu sorgen, daß er eine Mundtasse im +neuesten Geschmack aus Paris erhalten solle. Da gab er sich zufrieden, +und lächelte mit dem ganzen Gesicht. Jetzt erst schien er den +Kapellmeister zu bemerken. Er wandte sich zu ihm mit der Frage, ob er +auch viele schöne Tassen besitze. Kreisler wußte schon, von Meister +Abraham hatte er es erfahren, was man darauf zu antworten. Er +versicherte nämlich, daß er keineswegs solche schöne Tassen besitze, wie +der gnädigste Herr, und daß es ihm auch ganz unmöglich sei, so viel Geld +darauf zu verwenden, als der gnädige Herr es tue.</p> + +<p>Sehn Sie wohl, erwiderte Ignaz sehr vergnügt, ich bin ein Prinz und +kann deshalb schöne Tassen haben, wie ich nur mag, aber das <a class="pagenum" name="page_141">141</a>können Sie +nicht, weil Sie kein Prinz sind, denn weil ich nun einmal ganz gewiß ein +Prinz bin, so sind schöne Tassen —. Tassen und Prinzen, und Prinzen und +Tassen gingen nun durcheinander in immer mehr verwirrter Rede, und dabei +lachte und hüpfte Ignatius und klopfte in die Hände vor seligem +Vergnügen! — Hedwiga schlug errötend die Augen nieder, sie schämte sich +des imbezillen Bruders, sie fürchtete mit Unrecht Kreisler's Spott, dem +nach seiner innersten Gemütsstimmung, des Prinzen Albernheit, als ein +Zustand des wirklichen Wahnsinnes, nur ein Mitleid erregte, das eben +nicht wohltun konnte, vielmehr die Spannung des Augenblicks vermehren +mußte. Um den armen nur abzubringen von den unseligen Tassen, bat die +Prinzessin ihn, die kleine Handbibliothek in Ordnung zu bringen, die in +einem zierlichen Wandschrank aufgestellt war. Ganz vergnügt, unter +fröhlichem Gelächter, begann der Prinz sogleich die sauber gebundenen +Bücher herauszunehmen, und sie, nach dem Format sorglich ordnend, so +hinzustellen, daß die goldnen Schnitte nach außen stehend eine blanke +Reihe formten, worüber er sich über alle Maßen freute.</p> + +<p>Fräulein Nannette stürzte hinein, und rief laut: der Fürst, der Fürst +mit dem Prinzen! — O mein Gott, sprach die Prinzessin, meine Toilette, +in der Tat, Kreisler, wir haben die Stunden verplaudert, ohne daran zu +denken. — Ich habe mich ganz vergessen! Mich und den Fürsten und den +Prinzen. Sie verschwand mit Nannetten in das Nebengemach. Prinz Ignaz +ließ sich in seinem Geschäft gar nicht stören.</p> + +<p>Schon rollte der Staatswagen des Fürsten heran; als Kreisler sich unten +an der Haupttreppe befand, stiegen eben die beiden Laufer in +Staatslivree aus der Wurst. — Das muß näher erklärt werden.</p> + +<p>Fürst Irenäus ließ nicht ab von dem alten Brauch; und so hatte er zur +selben Zeit, als kein schnellfüßiger Hanswurst in bunter Jacke vor den +Pferden herzulaufen genötigt, wie ein gehetztes Tier, in der zahlreichen +Dienerschaft von allen Waffen auch noch zwei Laufer, artige hübsche +Leute von gesetzten Jahren, wohlgefüttert, und nur zuweilen von +Unterleibsbeschwerden geplagt, wegen der sitzenden Lebensweise. Viel zu +menschenfreundlich war nämlich der Fürst gesinnt, um irgendeinem Diener +zuzumuten, daß er sich zu Zeiten umsetzte in ein Windspiel, oder einen +andern vergnügten Köter, um indessen doch die gehörige Etikette im +Ansehen zu erhalten, mußten die beiden Laufer, fuhr der Fürst in Gala +aus, vorauffahren auf einer <a class="pagenum" name="page_142">142</a>passablen Wurst, und an schicklichen +Stellen, wo z. B. einige Gaffer sich versammelt, etwas die Beine rühren +als Andeutung des wirklichen Laufs. — Es war hübsch anzusehen. —</p> + +<p>Also, — die Laufer waren eben ausgestiegen, die Kammerherrn traten ins +Portal, und ihnen folgte Fürst Irenäus, an dessen Seite ein junger Mann +von stattlichem Ansehen daherschritt, in reicher Uniform der +neapolitanischen Garde, Sterne und Kreuze auf der Brust. — <span class="antiqua">„Je vous + salue Monsieur de <ins title="Krösel">Krösel“</ins></span> sprach der Fürst, als er Kreisler erblickte. +— <span class="antiqua">Krösel</span> pflegte er zu sagen, statt Kreisler, wenn er bei festlichen +feierlichen Gelegenheiten französisch sprach, und sich auf keinen +deutschen Namen recht besinnen konnte. Der fremde Prinz — denn den +jungen stattlichen Mann hatte doch wohl die Fräulein Nannette gemeint, +als sie rief, daß der Fürst komme mit dem Prinzen — nickte Kreislern im +Vorbeigehen flüchtig zu mit dem Kopfe, eine Art der Begrüßung, die +Kreislern selbst von den vornehmsten Personen ganz unausstehlich war. Er +bückte sich daher bis tief an die Erde auf solch burleske Weise, daß der +dicke Hofmarschall, der überhaupt Kreislern für einen ausgemachten +Spaßmacher, und alles für Spaß hielt, was er tat und sprach, nicht umhin +konnte, etwas zu kichern. Der junge Fürst warf aus seinen dunklen Augen +Kreislern einen glühenden Blick zu, murmelte zwischen den Zähnen: +Hasenfuß, und schritt dann schnell dem Fürsten nach, der sich mit milder +Gravität nach ihm umschaute. — Für einen italienischen Gardisten, rief +Kreisler laut lachend dem Hofmarschall zu, spricht der durchlauchtige +Herr ein passables Deutsch, sagen Sie ihm, beste Exzellenz, daß ich ihm +dafür mit dem auserlesensten Neapolitanisch dienen und dabei kein +artiges Romanisch, am wenigsten aber als Gozzische Maske schnödes +Venetianisch einschwärzen, kurz kein X für ein U machen will. — Sagen +Sie ihm, beste Exzellenz —. Aber die Exzellenz stieg schon, die +Schultern hoch heraufgezogen, als Bollwerk und Schutzschanze der Ohren, +die Treppe hinauf. —</p> + +<p>Der fürstliche Wagen, mit dem Kreisler gewöhnlich nach Sieghartshof zu +fahren pflegte, hielt, der Jäger öffnete den Schlag und fragte <ins title="obs">ob's</ins> +gefällig wäre. In dem Augenblick rannte aber ein Küchenjunge vorbei, +heulend und schreiend. Ach das Unglück — ach das Malheur! — Was ist +geschehen, rief ihm Kreisler nach. Ach das Unglück, erwiderte der +Küchenjunge noch heftiger weinend, da drinnen liegen der Herr +Oberküchenmeister in der Verzweiflung, in purer Raserei, und wollen sich +durchaus das Ragoutmesser in den <a class="pagenum" name="page_143">143</a>Leib stoßen, weil der gnädigste Herr +plötzlich befohlen hat zu soupieren, und es ihm an Muscheln fehlt zum +italienischen Salat. Er will selbst nach der Stadt, und der Herr +Oberstallmeister weigern sich anspannen zu lassen, da es an einer Ordre +des gnädigsten Herrn fehlt. — Da ist zu helfen, sprach Kreisler, der +Herr Oberküchenmeister steige in gegenwärtigen Wagen, und versehe sich +mit den schönsten Muscheln in Sieghartsweiler, während ich zu Fuß nach +selbiger Stadt promeniere. — Damit rannte er fort in den Park.</p> + +<p>Große Seele — edles Gemüt — scharmanter Herr! rief ihm der alte Jäger +nach, indem ihm die Tränen in die Augen traten.</p> + +<p>In den Flammen des Abendrots stand das ferne Gebirge, und der goldne +glühende Widerschein gleitete spielend über den Wiesenplan, durch die +Bäume, durch die Büsche, wie getrieben von dem Abendwinde, der sich +säuselnd erhoben.</p> + +<p>Kreisler blieb mitten auf der Brücke stehen, die über einen breiten Arm +des Sees nach dem Fischerhäuschen führte, und schaute in das Wasser +hinab, in dem sich der Park mit seinen wunderbaren Baumgruppen, der hoch +darüber emporragende Geierstein, der seine weißblinkenden Ruinen auf dem +Haupte wie eine seltsame Krone trug, abspiegelte in magischem Schimmer. +Der zahme Schwan, der auf den Namen Blanche hörte, plätscherte auf dem +See daher, den schönen Hals stolz emporgehoben, rauschend mit den +glänzenden Schwingen. „Blanche, Blanche, rief Kreisler laut indem er +beide Arme weit ausstreckte, singe dein schönstes Lied, glaube ja nicht, +daß du dann sterben mußt! du darfst dich nur singend an meine Brust +schmiegen, dann sind deine herrlichsten Töne mein, und nur ich gehe +unter in brünstiger Sehnsucht, während du in Liebe und Leben +daherschwebst auf den kosenden Wellen! —“ Selbst wußte Kreisler nicht, +was ihn plötzlich so tief bewegte, er stützte sich auf das Geländer, +schloß unwillkürlich die Augen. Da hörte er Julia's Gesang, und ein +unnennbar süßes Weh durchbebte sein Inneres.</p> + +<p>Düstere Wolken zogen daher, und warfen breite Schatten über das Gebirge, +über den Wald, wie schwarze Schleier. Ein dumpfer Donner dröhnte im +Morgen; stärker sauste der Nachtwind, rauschten die Bäche, und +dazwischen schlugen einige Töne der Wetterharfe an, wie ferne +Orgelklänge, aufgescheucht erhob sich das Geflügel der Nacht, und +schweifte kreischend durch das Dickicht.</p> + +<p>Kreisler erwachte aus dem Traume, und erblickte seine dunkle Gestalt im +Wasser. Da war es ihm, als schaue ihn Ettlinger, der <a class="pagenum" name="page_144">144</a>wahnsinnige Maler, +an aus der Tiefe. „Hoho, rief er hinab, bist Du da geliebter +Doppelgänger, wackerer Kumpan? — Höre, mein ehrlicher Junge, für einen +Maler, der etwas über die Schnur gehauen, der im stolzen Übermut +fürstliches Herzblut verbrauchen wollte, statt Firnis, siehst Du +passabel genug aus. — Ich glaube am Ende, guter Ettlinger, daß Du +illustre Familien genarrt hast mit Deinem wahnsinnigen Treiben! — Je +länger ich Dich anschaue, desto mehr gewahre ich an Dir die vornehmsten +Manieren, und so Du magst, will ich der Fürstin Maria versichern, Du +wärst, was Deinen Stand oder Deine Lage im Wasser betrifft, ein Mann von +dem importantesten Range, und sie könne Dich lieben ohne alle weiteren +Umstände. — Willst Du aber, Kumpan, daß die Fürstin noch jetzt Deinem +Bilde gleiche, so mußt Du es nachtun dem fürstlichen Dilettanten, der +seine Porträts ausglich mit den zu porträtierenden, durch geschicktes +Anpinseln der letztern. — Nun! — haben sie Dich einmal unverdienter +Weise hinabgeschickt in den Orkus, so trage ich Dir hiermit allerlei +Neuigkeiten zu! — Wisse, verehrter Tollhauskolonist, daß die Wunde, die +Du dem armen Kinde, der schönen Prinzessin Hedwiga beibrachtest, noch +immer nicht recht geheilt ist, so daß sie vor Schmerz manchmal allerlei +Faxen macht. Trafst Du denn ihr Herz so hart, so schmerzlich, daß ihr +noch jetzt heißes Blut entquillt, wenn sie deine Larve erblickt, so wie +Leichname bluten, wenn der Mörder hinantritt? Rechne es mir nicht zu, +Guter, daß sie mich für ein Gespenst hält, und zwar für das Deinige. +— Aber bin ich so recht in voller Lust ihr zu beweisen, daß ich kein +schnöder Revenant bin, sondern der Kapellmeister Kreisler, dann kommt +mir der Prinz Ignatius in die Quere, der offenbar an einer <span class="antiqua">paranoia</span> +laboriert, an einer <span class="antiqua">fatuitas, stoliditas</span>, die nach <em class="gesperrt">Kluge</em> eine sehr +angenehme Sorte der eigentlichen Narrheit ist. — Mache mir nicht alle +Gesten nach, Maler, wenn ich ernsthaft mit Dir rede! — Schon wieder? +Fürchtete ich mich nicht vor dem Schnupfen, ich spränge zu Dir hinab, +und prügelte Dich erklecklich! — Schere Dich zum Teufel, halunkischer +Mimiker! —</p> + +<p>Kreisler sprang schnell fort.</p> + +<p>Es war nun ganz finster geworden, Blitze leuchteten durch die schwarzen +Wolken, der Donner rollte, und der Regen begann in großen Tropfen +herabzufallen. Aus dem Fischerhäuschen strahlte ein helles blendendes +Licht, dem eilte Kreisler entgegen.</p> + +<p>Unfern der Türe, im vollen Schimmer des Lichts, erblickte Kreisler sein +Ebenbild, sein eigenes Ich, das neben ihm daherschritt. Vom <a class="pagenum" name="page_145">145</a>tiefsten +Entsetzen erfaßt, stürzte Kreisler hinein in das Häuschen, sank atemlos, +zum Tode erbleicht, in den Sessel.</p> + +<p>Meister Abraham, der vor einem kleinen Tische saß, auf dem eine +Astrallampe ihre blendenden Strahlen umherwarf, in einem großen +Folianten lesend, fuhr erschrocken in die Höhe, nahte sich Kreisler, +rief: Um des Himmels willen, was ist Euch, Johannes, wo kommt Ihr her am +späten Abend — was hat Euch so entsetzt! —</p> + +<p>Mit Mühe ermannte sich Kreisler, und sprach dann mit dumpfer Stimme: Es +ist nun nicht anders, wir sind unserer Zwei — ich meine, ich und mein +Doppelgänger, der aus dem See gesprungen ist, und mich verfolgt hat, +hieher. — Seid barmherzig Meister, nehmt Euern Dolchstock, stoßt den +Halunken nieder — er ist rasend, glaubt mir das, und kann uns beide +verderben. Er hat draußen das Wetter heraufbeschworen. — Die Geister +rühren sich in den Lüften, und ihr Choral zerreißt die menschliche +Brust! — Meister — Meister, lockt den Schwan herbei, — er soll singen +— erstarrt ist mein Gesang, denn der Ich hat seine weiße kalte +Totenhand auf meine Brust gelegt, die muß er wegziehen, wenn der Schwan +singt — und sich wieder untertauchen in den See. — Meister Abraham +ließ Kreislern nicht weiter reden, er sprach ihm zu mit +freundschaftlichen Worten, nötigte ihm einige Gläser eines feurigen +italienischen Weins ein, den er eben zur Hand hatte, und fragte ihm dann +nach und nach ab, wie sich alles begeben.</p> + +<p>Aber kaum hatte Kreisler geendet, als Meister Abraham laut lachend rief. +Da sieht man den eingefleischten Phantasten, den vollendeten +Geisterseher! — Was den Organisten betrifft, der Euch draußen in dem +Park schauerliche Chorale vorgespielt hat, so ist das niemand anders +gewesen, als der Nachtwind, der durch die Lüfte brausend, daher fuhr, +und vor dem die Saiten der Wetterharfe erklangen. Ja ja, Kreisler, die +Wetterharfe habt Ihr vergessen, die zwischen den beiden Pavillons am +Ende des Parks aufgespannt ist<a name="FNanchor_A_1" id="FNanchor_A_1"></a><a href="#Footnote_A_1" class="fnanchor">[A]</a>. Und was Euern Doppelgänger betrifft, +der im Schimmer meiner Astrallampe neben Euch her lief, so will ich Euch +sogleich beweisen, daß, sobald ich nur vor die Türe trete, auch mein +Doppelgänger bei <a class="pagenum" name="page_146">146</a>der Hand ist, ja, daß ein jeder, der zu mir hineintritt, +solch einen Chevalier d'Honneur seines Ichs an der Seite leiden muß.</p> + +<div class="footnote"><p class="noindent"> +<a name="Footnote_A_1" id="Footnote_A_1"></a><a href="#FNanchor_A_1"><span class="label">[A]</span></a> +Der Abt Gattoni zu Mailand ließ, von einem Turme zum +andern fünfzehn eiserne Saiten ausspannen, und dergestalt stimmen, daß +sie die diatonische Tonleiter angaben. Bei jeder Veränderung in der +Atmosphäre erklangen diese Saiten stärker oder schwächer, nach dem Maß +jener Veränderung. Man nannte diese Äolsharfe im großen, Riesen- oder +Wetterharfe.</p> +</div> + + + +<p>Meister Abraham trat vor die Türe, und sogleich stand in dem Schimmer +ein zweiter Meister Abraham ihm zur Seite.</p> + +<p>Kreisler merkte die Wirkung eines verborgenen Hohlspiegels, und ärgerte +sich, wie jeder, dem das Wunderbare, woran er geglaubt, zu Wasser +gemacht wird. Dem Menschen behagt das tiefste Entsetzen mehr, als die +natürliche Aufklärung dessen, was ihm gespenstisch erschienen, er will +sich durchaus nicht mit dieser Welt abfinden lassen; er verlangt etwas +zu sehen aus einer andern, die des Körpers nicht bedarf, um sich ihm zu +offenbaren.</p> + +<p>Ich kann, nun einmal, Meister, sprach Kreisler, Euren seltsamen Hang zu +solchen Foppereien nicht begreifen. Ihr präpariert das Wunderbare wie +ein geschickter Mundkoch, aus allerlei scharfen Ingredienzien, und +meint, daß die Menschen, deren Phantasie, wie der Magen der Schlemmer, +flau geworden, irritiert werden müssen durch solches Unwesen. Nichts ist +abgeschmackter, als wenn man bei solchen vermaledeiten Kunststückchen, +die einem die Brust zusammenschnüren, dahinterkommt, daß alles natürlich +zugegangen.</p> + +<p>Natürlich! — natürlich, rief Meister Abraham, als ein Mann vom +ziemlichen Verstande, solltet Ihr doch einsehen, daß nichts in der Welt +natürlich zugeht, gar nichts! — Oder glaubt Ihr, werter Kapellmeister, +daß deshalb, weil wir mit uns zu Gebote stehenden Mitteln eine bestimmte +Wirkung hervorzubringen vermögen, uns die aus dem geheimnisvollen +Organism strömende Ursache der Wirkung klar vor Augen liegt? — Ihr habt +doch sonst vielen Respekt vor meinen Kunststücken gehabt, unerachtet Ihr +die Krone davon niemals schautet. — Ihr meint das unsichtbare Mädchen, +sprach Kreisler.</p> + +<p>Allerdings, fuhr der Meister fort, eben dieses Kunststück — es ist wohl +mehr als das — würde Euch bewiesen haben, daß die gemeinste am +leichtesten zu berechnende Mechanik oft mit den geheimnisvollsten +Wundern der Natur in Beziehung treten, und dann Wirkungen hervorbringen +kann, die unerklärlich, — selbst dies Wort im gewöhnlichen Sinn +genommen, bleiben müssen. Hm, sprach Kreisler, wenn Ihr nach der +bekannten Theorie des Schalls verfuhret, den Apparat geschickt zu +verbergen wußtet, und ein schlaues gewandtes Wesen an der Hand hattet —</p> + +<p>O Chiara, rief Meister Abraham, indem Tränen in seinen Augen perlten, o +Chiara mein süßes liebes Kind!</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_147">147</a>Kreisler hatte noch nie den Alten so tief bewegt gesehen, wie dieser +denn von jeher keiner wehmütigen Empfindung Raum geben wollte, sondern +dergleichen wegzuspotten pflegte.</p> + +<p>Was ist das mit der Chiara? fragte der Kapellmeister.</p> + +<p>Es ist wohl dumm, sprach der Meister lächelnd, daß ich Euch heute +erscheinen muß, wie ein alter weinerlicher Geck, aber die Gestirne +wollen es nun einmal, daß ich von einem Moment meines Lebens mit Euch +reden soll, über den ich so lange schwieg. — Kommt her, Kreisler, +schaut dieses große Buch, es ist das merkwürdigste, was ich besitze, das +Erbstück eines Tausendkünstlers, Severino geheißen, und eben sitze ich +da und lese die wunderbarsten Sachen, und schaue die kleine Chiara an, +die darin abgebildet, und da stürzt Ihr herein, außer Euch selbst, und +verachtet meine Magie in dem Augenblick, als ich eben in der Erinnerung +schwelge an ihr schönstes Wunder, das mein war in der Blütezeit meines +Lebens!</p> + +<p>Nun erzählt nur, rief Kreisler, damit ich stracks mit Euch heulen kann — +</p> + +<p>Es ist nun eben nicht sehr merkwürdig, begann Meister Abraham, +daß ich, sonst ein junger kräftiger Mann, von ganz hübschem Ansehn, aus +übertriebenem Eifer und großer Ruhmbegier, mich matt und krank +gearbeitet hatte an der großen Orgel in der Hauptkirche zu Göniönesmühl. +Der Arzt sprach laufen Sie, werter Orgelbauer, laufen Sie über Berg und +Tal, weit in die Welt hinein, und das tat ich denn wirklich, indem ich +mir den Spaß machte, überall als Mechaniker aufzutreten, und den Leuten +die artigsten Kunststücke vorzumachen. Dies ging recht gut, und brachte +viel Geld ein, bis ich auf den Mann stieß, Severino geheißen, der mich +derb auslachte mit meinen Kunststückchen, und durch manches mich beinahe +dahin gebracht hätte, mit dem Volk zu glauben, er stehe mit dem Teufel +oder wenigstens mit andern honetteren Geistern im Bunde. Das mehreste +Aufsehen erregte sein weibliches Orakel, ein Kunststück, das eben später +unter dem Namen des unsichtbaren Mädchens bekannt worden. Mitten im +Zimmer, von der Decke herab, hing frei eine Kugel von dem feinsten, +klarsten Glase, und aus dieser Kugel strömten, wie ein linder Hauch, die +Antworten auf die an das unsichtbare Wesen gerichteten Fragen. Nicht +allein das unbegreiflich scheinende dieses Phänomens, sondern auch die +ins Herz dringende, das Innerste erfassende Geisterstimme der +Unsichtbaren, das Treffende ihrer Antworten, ja ihre wahrhafte +Weissagungsgabe, verschaffte dem Künstler <a class="pagenum" name="page_148">148</a>unendlichen Zulauf. Ich +drängte mich an ihn, ich sprach viel von meinen mechanischen +Kunststücken, er verachtete aber, wiewohl im andern Sinn, als Ihr es +tut, Kreisler, all mein Wissen, und bestand darauf, ich sollte ihm eine +Wasserorgel bauen zu seinem häuslichen Gebrauch, unerachtet ich ihm +bewies, daß, wie auch der verstorbene Herr Hofrat Meister zu Göttingen, +in seinem Traktat: <span class="antiqua">De veterum Hydraulo</span> versichre, an einem solchen +<span class="antiqua">Hydraulos</span> gar nichts sei, und nichts erspart werde, als einige Pfund +Luft, die man, dem Himmel sei es gedankt, doch noch überall umsonst +haben könne. Endlich beteuerte Severino, er brauche die sanfteren Töne +eines solchen Instruments, um der Unsichtbaren beizustehen, und er wolle +mir das Geheimnis entdecken, wenn ich auf das Sakrament schwöre, es +weder selbst zu gebrauchen, noch andern zu entdecken, wiewohl er glaube, +daß es nicht leicht möglich sein werde, sein Kunstwerk nachzuahmen, ohne +— hier stockte er und machte ein geheimnisvolles, süßes Gesicht, wie +weiland Cagliostro, wenn er von seinen zaubrischen Verzückungen zu +Weibern sprach. Voll Begier, die Unsichtbare zu schauen, versprach ich +die Wasserorgel zu verfertigen, so gut es ginge, und nun schenkte er mir +sein Zutrauen, — gewann mich sogar lieb, als ich ihm willig Beistand +leistete in seinen Arbeiten. Eines Tages, eben wollte ich zu Severino +gehen, war das Volk auf der Straße zusammengelaufen. Man sagte mir, ein +anständig gekleideter Mann sei ohnmächtig zu Boden gefallen. Ich drängte +mich durch, und erkannte Severino, den man eben <ins title="aufhub">aufhob</ins> und ins nächste +Haus trug. Ein Arzt, der des Weges gekommen, nahm sich seiner an. +Severino schlug, nachdem verschiedene Mittel angewandt, mit einem tiefen +Seufzer die Augen auf. Der Blick, mit dem er unter den krampfhaft +zusammengezogenen <ins title="Augenbraunen">Augenbrauen</ins> mich anstarrte, war furchtbar, alle +Schrecken des Todeskampfs glühten darin in düstrem Feuer. Seine Lippen +bebten, er versuchte zu reden, und vermocht's nicht. Endlich schlug er +einigemal heftig mit der Hand auf die Westentasche. Ich faßte hinein, +und zog einige Schlüssel hervor. „Das sind die Schlüssel Eurer Wohnung“, +sprach ich, er nickte mit dem Kopfe. Das ist, fuhr ich fort, indem ich +ihm einen von den Schlüsseln vor Augen hielt, der Schlüssel zu dem +Kabinett, in das Ihr mich niemals hineinlassen wolltet. Er nickte auf's +neue. Als ich aber weiter fragen wollte, begann er wie in fürchterlicher +Angst zu ächzen und zu stöhnen, kalte Schweißtropfen standen ihm auf der +Stirne, er breitete die Arme aus, und bog sie im Zirkel zusammen, wie +wenn man etwas umfaßt, und wies auf mich. <a class="pagenum" name="page_149">149</a>„Er will, sprach der Arzt, daß +Sie seine Sachen, seine Apparate, in Sicherheit bringen, vielleicht; +stirbt er, behalten sollen?“ Severino nickte stärker mit dem Kopfe, +schrie endlich: <span class="antiqua">Corre</span>! und sank auf's neue ohnmächtig zurück. Schnell +eilte ich nun nach Severinos Wohnung, vor Neugier, vor Erwartung bebend, +öffnete ich das Kabinett, in dem die geheimnisvolle Unsichtbare +verschlossen sein mußte, und erstaunte nicht wenig, als ich es ganz leer +fand. Das einzige Fenster war dicht verhängt, so daß das Licht nur +hinein dämmerte, und ein großer Spiegel hing an der Wand, der Türe des +Zimmers gegenüber. Sowie ich zufällig vor diesen Spiegel trat, und meine +Gestalt im schwachen Schimmer erblickte, durchströmte mich ein seltsames +Gefühl, als befände ich mich auf dem Isolierstuhl einer +Elektrisiermaschine. In demselben Augenblick sprach die Stimme des +unsichtbaren Mädchens auf italienisch: verschont mich nur heute Vater! +Geißelt mich nicht so grausam, Ihr seid ja doch nun gestorben! — Schnell +öffnete ich die Türe des Zimmers, so, daß das volle Licht hineinströmte, +aber keine lebendige Seele konnt' ich erblicken. „Es ist gut, Vater, +sprach die Stimme, daß Ihr Herrn Liscov geschickt habt, aber der läßt es +nicht mehr zu, daß Ihr mich geißelt, er zerbricht den Magnet, und Ihr +könnt nicht mehr aus dem Grabe heraus, in das er Euch legen läßt, Ihr +möget Euch sträuben, wie Ihr wollt, denn Ihr seid doch nun ein +Verstorbener, und gehört nicht mehr dem Leben.“ Ihr könnt wohl denken, +Kreisler, daß mich tiefe Schauer durchbebten, da ich niemand sah, und +die Stimme doch dicht vor meinen Ohren schwebte. Teufel, sprach ich +laut, um mich zu ermutigen, säh ich nur irgendwo ein lumpiges +Fläschchen, so würd ich es zerschmeißen, und der <span class="antiqua">diable boiteux</span> stünde, +seinem Kerker entronnen, leibhaftig vor mir, aber so. — Nun kam es mir +plötzlich vor, als gingen die leisen Seufzer, die durch das Kabinett +wehten, aus einem Verschlage hervor, der in der Ecke stand, und mir viel +zu klein schien, um ein menschliches Wesen zu beherbergen. Doch springe +ich hin, öffne den Schieber, und zusammengekrümmt, wie ein Wurm, liegt +ein Mädchen darin, starrt mich an mit großen, wunderbar schönen Augen, +streckt endlich mir den Arm entgegen, als ich rufe: Komm heraus, mein +Lämmchen, komm heraus meine kleine Unsichtbare! — Ich fasse endlich die +Hand, die sie emporhält, und ein elektrischer Schlag fährt mir durch +alle Glieder. — Halt, Meister Abraham, rief Kreisler, was ist das, als +ich zum erstenmal zufällig der Prinzessin Hedwiga Hand berührte, ging es +mir ebenso, und noch immer, wiewohl schwächer, fühl' ich dieselbe +<a class="pagenum" name="page_150">150</a>Wirkung, wenn sie mir sehr gnädig die Hand reicht. Hoho, erwiderte +Meister Abraham, am Ende ist unser Prinzeßlein eine Art von <span class="antiqua">Gymnotus +electricus</span> oder <span class="antiqua">Raja torpedo</span> oder <span class="antiqua">Trichiurus indicus</span>, wie in gewisser +Art meine süße Chiara es war, oder auch wohl nur eine muntere Hausmaus, +wie jene, die dem wackern Signor Cotugno eine tüchtige Ohrfeige +versetzte, als er sie beim Rücken erfaßte, um sie zu sezieren, was Ihr +freilich mit der Prinzessin nicht im Sinn haben konntet! — Doch +sprechen wir ein andermal von der Prinzessin, und bleiben wir jetzt bei +meiner Unsichtbaren! — Als ich, erschrocken über den unvermuteten +Schlag des kleinen Torpedo zurückprallte, sprach das Mädchen mit +wunderbar anmutigem Ton auf deutsch: Ach, nehmet es doch nur ja nicht +übel, Herr Liscov, aber ich kann nicht anders, der Schmerz war gar zu +groß. — Ohne mich weiter mit meinem Erstaunen aufzuhalten, faßte ich +die Kleine sanft bei den Schultern, zog sie aus dem abscheulichen +Gefängnis, und ein zart gebautes, liebliches Ding in der Größe eines +zwölfjährigen Mädchens, nach der körperlichen Ausbildung zu urteilen +aber wenigstens sechzehn Jahre alt, stand vor mir. Schaut nur dort in's +Buch hinein, das Bild ist ähnlich, und Ihr werdet gestehen müssen, daß +es kein lieblicheres, ausdrucksvolleres Antlitz geben kann, wozu Ihr +aber rechnen müßt, daß das wunderbare, das Innerste entzündende Feuer +der schönsten schwarzen Augen in keinem Bilde zu erreichen. Jeder, der +nicht auf eine Schneehaut und Flachshaar erpicht ist, mußte das +Gesichtlein für vollendet schön anerkennen, denn freilich war die Haut +meiner Chiara etwas zu braun, und ihr Haar glänzte im brennenden +Schwarz. — Chiara — Ihr wißt nun schon, daß die kleine Unsichtbare so +geheißen war — Chiara fiel vor mir nieder, ganz Wehmut und Schmerz, ein +Tränenstrom stürzte ihr aus den Augen, und sie sprach mit einem +unnennbaren Ausdruck <span class="antiqua">je suis sauvée</span>. Ich fühlte mich von dem tiefsten +Mitleid durchdrungen, ich ahnte entsetzliche Dinge! — Man brachte jetzt +Severinos Leiche, ein zweiter Anfall des Schlages hatte ihn, gleich +nachdem ich ihn verlassen, getötet. Sowie Chiara den Leichnam gewahrte, +versiegten ihre Tränen, sie schaute den toten Severino an mit ernstem +Blick, und entfernte sich dann, als die Leute, die mitgekommen, sie +neugierig betrachteten und lachend meinten, das sei wohl gar am Ende das +unsichtbare Mädchen in dem Kabinett. Ich fand es unmöglich, das Mädchen +allein zu lassen bei dem Leichnam, die gutmütigen Wirtsleute erklärten +sich bereit, sie bei sich aufzunehmen. Als ich nun aber, nachdem sich +alles entfernt, hineintrat <a class="pagenum" name="page_151">151</a>in's Kabinett, saß Chiara vor dem Spiegel in +dem seltsamsten Zustande. Mit fest auf den Spiegel gerichteten Augen +schien sie nichts zu gewahren, gleich einer Mondsüchtigen. Sie lispelte +unverständliche Worte, die aber immer deutlicher und deutlicher wurden, +bis sie, deutsch, französisch, italienisch, spanisch, wechselnd von +Dingen sprach, die sich auf entfernte Personen zu beziehen schienen. +— Ich bemerkte zu meinem nicht geringen Erstaunen, daß gerade die Stunde +eingetreten, in der Severino das weibliche Orakel reden zu lassen +pflegte. — Endlich schloß Chiara die Augen, und schien in tiefen Schlaf +verfallen. Ich nahm das arme Kind in meine Arme, und trug sie herab zu +den Wirtsleuten. Am andern Morgen fand ich die kleine heiter und ruhig, +erst jetzt schien sie ihre Freiheit ganz zu begreifen, und erzählte +alles, was ich zu wissen verlangte. — Es wird Euch nicht verschnupfen, +Kapellmeister, unerachtet Ihr sonst auf gute Geburt was haltet, daß +meine kleine Chiara nichts anders war, als ein Zigeunermägdlein, die mit +einer ganzen Bande des schmutzigen Volks auf dem Markte in irgendeiner +großen Stadt, von Häschern bewacht, sich von der Sonne braten ließ, als +eben Severino vorüberging. „Blanker Bruder, soll ich Dir wahrsagen?“ +rief ihm das achtjährige Mädchen an. Severino sah der Kleinen lange in +die Augen, ließ sich dann wirklich die Züge seines Handtellers deuten, +und äußerte ein besonderes Erstaunen. Er mußte etwas ganz Besonderes an +dem Mädchen gefunden haben, denn sogleich trat er zu dem +Polizei-Lieutenant, der den Zug der verhafteten Zigeuner führte, und +meinte, er wolle was Erkleckliches geben, wenn es ihm vergönnt würde, +das Zigeunermädchen mit sich zu nehmen. Der Polizei-Lieutenant erklärte +barsch, es sei hier kein Sklavenmarkt; setzte indessen hinzu, da die +Kleine doch eigentlich nicht zu den wirklichen Menschen zu rechnen, und +das Zuchthaus nur molestiere, so stände sie zu Befehl, wenn der Herr +zehn Dukaten zur Stadtarmenkasse zahlen wolle. Severino zog sogleich +seinen Beutel hervor, und zählte die Dukaten ab. Chiara und ihre alte +Großmutter, beide hatten die ganze Verhandlung gehört, fingen an zu +heulen und zu schreien, und wollten sich nicht trennen, da traten aber +die Häscher hinzu, schmissen die Alte auf den Leiterwagen, der zum +Abfahren bereit stand; der Polizei-Lieutenant, der vielleicht seinen +Beutel in dem Augenblick für die Stadtarmenkasse halten mochte, steckte +die blanken Dukaten ein, und Severino schleppte die kleine Chiara fort, +die er dadurch möglichst zu beruhigen suchte, daß er ihr auf demselben +Markt, wo er sie gefunden, ein hübsches <a class="pagenum" name="page_152">152</a>neues Röcklein kaufte, und sie +überdies mit Zuckerwerk fütterte. — Es ist gewiß, daß Severino damals +eben das Kunststück mit dem unsichtbaren Mädchen im Kopf hatte, und in +der kleinen Zigeunerin alle Anlagen fand, die Rolle der Unsichtbaren zu +übernehmen. Neben einer sorgfältigen Erziehung suchte er auf ihren +Organismus, der zu einem erhöhten Zustande besonders geeignet, zu +wirken. Er brachte diesen erhöhten Zustand, in dem ein prophetischer +Geist in dem Mädchen aufglühte, durch künstliche Mittel hervor, — denkt +an Mesmer und seine furchtbaren Operationen — und versetzte sie +jedesmal, wenn sie wahrsagen sollte, in diesen Zustand. Ein +unglückliches Ungefähr ließ ihn wahrnehmen, daß die Kleine nach +empfundenem Schmerz vorzüglich reizbar war, und daß dann ihre Gabe, das +fremde Ich zu durchschauen, bis zum Unglaublichen stieg, so daß sie ganz +vergeistigt schien. Und nun geißelte sie der entsetzliche Mensch +jedesmal vor der Operation, die sie in den Zustand des höhern Wissens +versetzte, auf die grausamste Weise. Zu dieser Qual kam noch, daß +Chiara, die Ärmste, oft tagelang, wenn Severino abwesend, sich +zusammenkrümmen mußte in jenem Verschlag, damit, dränge selbst jemand in +das Kabinett, doch Chiara's Gegenwart ein Geheimnis bliebe. Ebenso +machte sie die Reisen mit Severino in jenem Kasten. Unglücklicher, +fürchterlicher, war Chiara's Schicksal, als das jenes Zwerges, den der +bekannte Kempelen mit sich führte, und der, in dem Türken versteckt, +Schach spielen mußte. — Ich fand in Severinos Pult eine namhafte Summe +in Gold und Papieren, es gelang mir, der kleinen Chiara dadurch ein +gutes Einkommen zu sichern, den Apparat zum Orakel, das heißt die +akustischen Vorrichtungen, im Zimmer und Kabinett vernichtete ich, sowie +manches andere Kunstwerk, das nicht transportabel, wogegen ich nach +Severinos deutlich ausgesprochenem Vermächtnis manches Geheimnis aus +seinem Nachlaß mir zu eigen machte. Dies alles abgetan, nahm ich von der +kleinen Chiara, die die Wirtsleute halten wollten wie ihr liebes +Kindlein, den wehmütigsten Abschied, und verließ den Ort. — Ein Jahr +war vergangen, ich wollte zurück nach Göniönesmühl, wo der hochlöbliche +Magistrat die Reparatur der Stadtorgel von mir verlangte, aber der +Himmel hatte ein besonderes Wohlgefallen daran, mich als Taschenspieler +hinzustellen vor den Leuten, und gab daher einem verfluchten Spitzbuben +die Macht, meine Börse, in der mein ganzer Reichtum befindlich, zu +stehlen, und mich so zu zwingen, noch als berühmter, mit vielen Attesten +und Konzessionen versehener Mechaniker Künste zu <a class="pagenum" name="page_153">153</a>machen des nötigen +Proviants halber. — Das geschah an einem Örtchen unsern +Sieghartsweiler. Eines Abends sitze ich und hämmere und feile an einem +Zauberkästchen, da geht die Türe auf, ein weibliches Wesen tritt herein, +ruft: nein, ich konnte es nicht länger ertragen, ich mußte Euch nach, +Herr Liscov — ich wäre gestorben vor Sehnsucht! — Ihr seid mein Herr, +gebietet über mich! — stürzt auf mich zu, will mir zu Füßen fallen, ich +fange sie auf in meinen Armen — es ist Chiara! — Kaum erkenne ich das +Mädchen, wohl einen Fuß höher, stärker ist sie geworden, ohne daß das +den zartesten Formen ihres Wuchses geschadet! — Liebe süße Chiara! +— rief ich tief bewegt, und drückte sie an meine Brust! Nicht wahr, +spricht nun Chiara, Ihr leidet mich bei Euch, Herr Liscov, Ihr verstoßet +nicht die arme Chiara, die Euch Freiheit und Leben zu verdanken hat? +— Und damit springt sie schnell an den Kasten, den eben ein Postknecht +hineinschiebt, drückt den Kerl so viel Geld in die Hand, daß er mit +einem großen Katzensprung zur Türe hinaus, laut ruft: ei der Daus, das +liebe Mohrenkind, öffnet den Kasten, nimmt dieses Buch heraus, gibt mir +es sprechend: Da, Herr Liscov, nehmt das Beste aus Severinos Nachlaß, +das Ihr vergessen, fängt an, während ich das Buch aufschlage, ganz +getrost Kleider und Wäsche auszupacken — Ihr möget denken, Kreisler, +daß mich die kleine Chiara in nicht geringe Verlegenheit setzte; aber +— nun ist es Zeit, Kerl! daß Du auf mich was halten lernst, da Du, weil +ich Dir half, dem Oheim die reifen Birnen vom Baume naschen, und ihm +hölzerne mit saubrer Malerei hinhängen, oder ihm gedüngtes +Pommeranzenwasser hinstellen in der Gießkanne, womit er die auf dem +Rasen zum Bleichen ausgespannten weißen Kanevashosen begoß, und einen +schönen Marmor herausbrachte ohne Mühe, — kurz, weil ich Dich zu tollen +Narrenstreichen anführte, da Du, sag' ich, sonst mich selbst zu nichts +anderm machtest, als zu einem puren Schalksnarren, der niemals ein Herz, +oder wenigstens die Hanswurstjacke so dick darüber gelegt hatte, daß er +nichts von seinen Schlägen spürte! — Brüste Dich nicht, Mensch, mit +Deiner Empfindsamkeit, mit Deinen Tränen, denn siehe, schon wieder muß +ich, so wie Du es nur zu oft tust, niederträchtig flennen; aber der +Teufel hole doch alles, wenn man erst im hohen Alter jungen Leuten das +Innere aufschließen soll wie eine Chambre garnie. — Meister Abraham +trat ans Fenster, und schaute hinaus in die Nacht. Das Gewitter war +vorüber, im Säuseln des Waldes hörte man die einzelnen Tropfen fallen, +die der Nachtwind herabschüttelte. Von fern <a class="pagenum" name="page_154">154</a>her aus dem Schlosse ertönte +lustige Tanzmusik. Prinz Hektor, sprach Meister Abraham, eröffnet die +Partie <span class="antiqua">à la chasse</span> mit einigen Sprüngen, glaub ich —</p> + +<p>Und Chiara? fragte Kreisler.</p> + +<p>Recht, mein Sohn, fuhr Meister Abraham fort, indem er sich erschöpft in +den Lehnstuhl niederließ, daß Du mich erinnerst an Chiara, denn ich muß +in dieser verhängnisvollen Nacht den Kelch der bittersten Erinnerungen +nun einmal ausschlürfen bis auf den letzten Tropfen. — Ach! — so wie +Chiara geschäftigt hin und her hüpfte, wie aus ihren Blicken die reinste +Freude strahlte, da fühlt' ich es wohl, daß es mir ganz unmöglich sein +würde, mich jemals von ihr zu trennen, daß sie mein Weib werden müsse. +— Und doch sprach ich: aber Chiara, was soll ich mit Dir anfangen, wenn +Du nun hier bleibst? — Chiara trat vor mich hin und sprach sehr ernst: +Meister, Ihr findet in dem Buche, das ich Euch gebracht, die genaue +Beschreibung des Orakels, Ihr habt ja ohnedies die Vorrichtungen dazu +gesehen. — Ich will Euer unsichtbares Mädchen sein! — Chiara, rief ich +ganz bestürzt, was sprichst Du? — Kannst Du mich für einen Severino +halten! — „O, schweigt von Severino,“ erwiderte Chiara. — Nun, was soll +ich Euch alles umständlich erzählen, Kreisler, Ihr wißt ja schon, daß +ich alle Welt in Erstaunen setzte mit meinem unsichtbaren Mädchen, und +möget mir wohl zutrauen, daß ich es verabscheute, auch nur durch +irgendein künstliches Mittel meine liebe Chiara aufzuregen, oder auf +irgendeine Weise ihre Freiheit zu verschränken. — Sie deutete mir +selbst Zeit und Stunde an, wenn sie sich fähig fühlte, oder vielmehr +fühlen würde, die Rolle der Unsichtbaren zu spielen, und nur dann sprach +mein Orakel. — Überdies war meiner Kleinen jene Rolle zum Bedürfnis +geworden. Gewisse Umstände, die Ihr künftig erfahren sollt, brachten +mich nach Sieghartsweiler. Es lag in meinem Plan, sehr geheimnisvoll +aufzutreten. Ich bezog eine einsame Wohnung bei der Witwe des +fürstlichen Mundkochs, durch die ich sehr bald das Gerücht von meinen +wunderbaren Kunststücken an den Hof brachte. Was ich erwartet hatte, +geschah. Der Fürst, ich meine den Vater des Fürsten Irenäus, suchte mich +auf, und mein weissagende Chiara war die Zauberin, die, wie von +überirdischer Kraft beseelt, ihm oft sein eigenes Inneres erschloß, so +daß er manches, was ihm sonst verschleiert gewesen, jetzt klar +durchschaute. Chiara, die mein Weib worden, wohnte bei einem mir +vertrauten Mann in Sieghartshof, und kam zu mir im Dunkel der Nacht, so +daß ihre Gegenwart ein Ge<a class="pagenum" name="page_155">155</a>heimnis blieb. Denn seht Kreisler, so versessen +sind die Menschen auf Wunder, das, war auch das Kunststück mit dem +unsichtbaren Mädchen nicht anders möglich, als durch die Mitwirkung +eines menschlichen Wesens, sie doch das ganze Ding für eine dumme +Fopperei geachtet haben würden, sobald sie erfuhren, daß das unsichtbare +Mädchen von Fleisch und Bein. So wie denn in jener Stadt den Severino +nach seinem Tode, alle Leute einen Betrüger schalten, da es +herausgekommen, daß eine kleine Zigeunerin im Kabinett gesprochen, ohne +die künstliche akustische Einrichtung die den Ton aus der Glaskugel +kommen ließ, auch nur im mindesten zu beachten. — Der alte Fürst starb, +ich hatte die Kunststücke, die Geheimniskrämerei mit meiner Chiara, +herzlich satt, ich wollte mit meinem lieben Weibe hinziehen nach +Göniönesmühl, und wieder Orgeln bauen. Da blieb eine Nacht Chiara, die +zum letztenmal, die Rolle des unsichtbaren Mädchens spielen sollte, aus, +ich mußte die Neugierigen unbefriedigt fortschicken. Mir schlug das Herz +vor banger Ahnung. — Am Morgen lief ich nach Sieghartshof, Chiara war +zur gewöhnlichen Stunde fortgegangen. — Nun Kerl! was schaust Du mich +so an? ich hoffe, daß Du keine alberne Frage tun wirst! — Du weißt es ja +— Chiara war spurlos verschwunden, nie — nie hab' ich sie +wiedergesehen! — Meister Abraham sprang rasch auf, und stürzte ans +Fenster. Ein tiefer Seufzer machte den Blutstropfen Luft, die aus der +aufgerissenen Herzwunde quollen. Kreisler ehrte den tiefen Schmerz des +Greises durch Schweigen. Ihr könnet nun, begann endlich Meister Abraham, +nicht mehr zurück nach der Stadt, Kapellmeister. Mitternacht ist heran, +draußen, Ihr wißt es, hausen böse Doppelgänger, und allerlei anderes +bedrohliches Zeug könnt' uns in den Kram pfuschen. Bleibt bei mir! Toll, +ganz toll müßt es ja —</p> + +<p><em class="gesperrt">(M. f. f.)</em> aber sein, wenn dergleichen Unschicklichkeiten vorfielen an +heiliger Stätte, — ich meine im Auditorio. — Es wird mir so enge, so +beklommen um's Herz — ich vermag, von den erhabensten Gedanken +durchströmt, nicht weiter zu schreiben — ich muß abbrechen, muß ein +wenig spazieren gehen!</p> + +<p>Ich kehre zurück an den Schreibtisch, mir ist besser — Aber wovon das +Herz voll ist, davon geht der Mund über, und auch wohl der Federkiel des +Dichters! — Ich hört' einmal den Meister Abraham erzählen, in einem +alten Buche stände etwas von einem kuriosen Menschen, dem eine besondere +<span class="antiqua">Materia peccans</span> im Leibe rumorte, die nicht anders abging, als durch die +Finger. Er legte aber hübsches <a class="pagenum" name="page_156">156</a>weißes Papier unter die Hand, und fing so +alles, was nur von dem bösen rumorenden Wesen abgehen wollte, auf, und +nannte diesen schnöden Abgang Gedichte, die er aus dem Innern +geschaffen. Ich halte das Ganze für eine boshafte Satire, aber wahr ist +es, zuweilen fährt mir ein eignes Gefühl, beinahe möcht' ich's geistiges +Leibkneifen nennen, bis in die Pfoten, die alles hinschreiben müssen, +was ich denke. — Eben jetzt geht's mir so — es kann mir Schaden tun, +betörte Kater können in ihrer Verblendung böse werden, sogar mich ihre +Krallen fühlen lassen, aber es muß heraus! —</p> + +<p>Mein Meister hatte heute den ganzen Vormittag hindurch in einem +schweinsledernen Quartanten gelesen, als er sich endlich zur +gewöhnlichen Stunde entfernte, ließ er das Buch aufgeschlagen auf dem +Tische liegen. Schnell sprang ich herauf, um neugierig, erpicht auf die +Wissenschaften, wie ich nun einmal bin, zu erschnuppern, was das wohl +für ein Buch sein könne, worin der Meister mit so vieler Anstrengung +studiert. Es war das schöne herrliche Werk des alten Johannes +Kunisperger, vom natürlichen Einfluß der Gestirne, Planeten und zwölf +Zeichen. Ja wohl, mit Recht kann ich das Werk schön und herrlich nennen, +denn, indem ich las, gingen mir da nicht die Wunder meines Seins, meines +Wandelns hienieden, auf in voller Klarheit? — Ha! indem ich dieses +schreibe, flammt über meinem Haupt das herrliche Gestirn, das in treuer +Verwandtschaft in meine Seele herein, aus meiner Seele hinaus leuchtet +— ja ich fühle den glühenden, sengenden Strahl des langgeschweiften +Kometen auf meiner Stirne, — ja ich bin selbst der glänzende +Schwanzstern, das himmlische Meteor, das in hoher Glorie prophetisch +dräuend durch die Welt zieht. So wie der Komet alle Sterne überleuchtet, +so verschwindet ihr — stell' ich nur nicht meine Gaben unter den +Scheffel, sondern lasse mein Licht gehörig leuchten, und das dependiert +ganz von mir — ja, so verschwindet ihr alle in finstre Nacht, ihr +Kater, andere Tiere und Menschen! — Aber trotz der göttlichen Natur, +die aus mir, dem geschwänzten Lichtgeist, herausstrahlt, teile ich doch +nicht das Los aller Sterblichen? — Mein Herz ist gut, ich bin ein zu +empfindsamer Kater, möchte mich gern gemütlich anschließen den +Schwächern, und gerate darüber in Trauer und Herzeleid. — Denn muß ich +nicht überall gewahren, daß ich allein stehe, wie in der tiefsten +Einöde, da ich nicht dem jetzigen Zeitalter, nein einem künftigen der +höhern Ausbildung angehöre, da es keine einzige Seele gibt, die mich +gehörig zu bewundern versteht? Und es macht mir doch so viel Freude, +<a class="pagenum" name="page_157">157</a>wenn ich tüchtig bewundert werde, selbst das Lob junger, gemeiner, +ungebildeter Kater tut mir unbeschreiblich wohl. Ich weiß sie vor +Erstaunen außer sich zu setzen, aber was hilft's, sie können doch, bei +aller Anstrengung, nicht den rechten Lobposaunenton treffen, schreien +sie auch noch so sehr, Mau — Mau! — An die Nachwelt muß ich denken, +die mich würdigen wird. Schreib' ich jetzt ein philosophisches Werk, wer +ist's, der die Tiefen meines Geistes durchdringt? Laß ich mich herab, +ein Schauspiel zu dichten, wo sind die Schauspieler, die es aufzuführen +vermögen? Laß ich mich ein auf andere literarische Arbeiten; schreib' +ich z. B. <em class="gesperrt">Kritiken</em>, die mir schon deshalb anstehen, weil ich über alles, +was Dichter, Schriftsteller, Künstler heißt, schwebe, mich gleich +überall selbst, als freilich unerreichbares Muster, als Ideal der +Vollkommenheit hinstellen, deshalb auch allein ein kompetentes Urteil +aussprechen kann, wer ist's, der sich auf meinen Standpunkt +hinaufzuschwingen, meine Ansichten mit mir zu teilen vermag? — Gibt es +denn Pfoten oder Hände, die mir den verdienten Lorbeerkranz auf die +Stirne drücken könnten? — Doch dafür ist guter Rat vorhanden, das tue +ich selbst, und lasse den die Krallen fühlen, der sich etwa unterstehen +möchte, an der Krone zu zupfen. — Es existieren wohl solche neidische +Bestien, ich träume oft nur, daß ich von ihnen angegriffen werde, fahre, +in der Einbildung, mich verteidigen zu müssen, mir selbst ins Gesicht +mit meinen spitzen Waffen und verwunde kläglich das holde Antlitz. — Man +wird auch wohl im edeln Selbstgefühl etwas mißtrauisch, aber es kann +nicht anders sein. Hielt ich es doch neulich für einen versteckten +Angriff auf meine Tugend und Vortrefflichkeit, als der junge Ponto mit +mehreren Pudeljünglingen auf der Straße über die neuesten Erscheinungen +des Tages sprach, ohne meiner zu erwähnen, unerachtet ich doch kaum +sechs Schritte von ihm an der Kellerluke meiner Heimat saß. Nicht wenig +ärgerte es mich, daß der Fant, als ich ihm darüber Vorwürfe machte, +behaupten wollte, er habe mich wirklich gar nicht bemerkt.</p> + +<p>Doch es ist Zeit, daß ich Euch, mir verwandte Seelen einer schönern +Nachwelt, — o ich wollte, diese Nachwelt befände sich schon mitten in +der Gegenwart, und hätte gescheute Gedanken über Murrs Größe, und +spräche diese Gedanken laut aus, mit so heller Stimme, daß man nichts +anderes vernehmen könnte vor dem lauten Geschrei, — ja, daß Ihr etwas +weiteres davon erfahrt, was sich mit Eurem Murr zutrug in seinen +Jünglingsjahren. Paßt auf gute Seelen, ein merkwürdiger Lebenspunkt +tritt ein. —</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_158">158</a>Des Märzen Idus war angebrochen, die schönen milden Strahlen der +Frühlingssonne fielen auf das Dach, und ein sanftes Feuer durchglühte +mein Inneres. Schon seit ein paar Tagen hatte mich eine unbeschreibliche +Unruhe, eine unbekannte, wunderbare Sehnsucht geplagt, — jetzt wurde +ich ruhiger, doch nur um bald in einen Zustand zu geraten, den ich +niemals geahnt! —</p> + +<p>Aus einer Dachluke, unfern von mir, stieg leis und linde ein Geschöpf +heraus, — o, daß ich es vermöchte, die Holdeste zu malen! — Sie war +ganz weiß gekleidet, nur ein kleines schwarzes Samtkäppchen bedeckte die +niedliche Stirn, so wie sie auch schwarze Strümpfchen an den zarten +Beinen trug. Aus dem lieblichsten Grasgrün der schönsten Augen funkelte +ein süßes Feuer, die sanften Bewegungen der feingespitzten Ohren ließen +ahnen, daß Tugend in ihr wohne und Verstand, so wie das wellenförmige +Ringeln des Schweifes hohe Anmut aussprach und weiblichen Zartsinn! —</p> + +<p>Das holde Kind schien mich nicht zu erschauen, es blickte in die Sonne, +blinzelte und nieste. — O der Ton durchbebte mein Innerstes mit süßen +Schauern, meine Pulse schlugen — mein Blut wallte siedend durch alle +Adern, — mein Herz wollte zerspringen, — alles unnennbar schmerzliche +Entzücken, das mich außer mir selbst setzte, strömte heraus in dem lang +gehaltenen Miau! — das ich ausstieß. Schnell wandte die Kleine den Kopf +nach mir, blickte mich an, Schreck, kindliche süße Scheu in den Augen. +— Unsichtbare Pfoten rissen mich hin zu ihr mit unwiderstehlicher +Gewalt — aber, sowie ich auf die Holde lossprang, um sie zu erfassen, +war sie, schnell wie der Gedanke, hinter dem Schornstein verschwunden! +— Ganz Wut und Verzweiflung rannte ich auf dem Dache umher, und stieß +die kläglichsten Töne aus, alles umsonst — sie kam nicht wieder! — Ha +welcher Zustand! — mir schmeckte kein Bissen, die Wissenschaften +ekelten mich an, ich mochte weder lesen noch schreiben. — Himmel! rief +ich andern Tages aus, als ich die Holde überall gesucht, auf dem Dache, +auf dem Boden, in dem Keller, in allen Gängen des Hauses, und nun +trostlos heim kehrte, als, da ich die Kleine beständig in Gedanken, mich +nun selbst der Bratfisch, den mir der Meister vorgesetzt, aus der +Schüssel anstarrte mit ihren Augen, so daß ich laut rief im Wahnsinn des +Entzückens: bist du es, Langersehnte und ihn auffraß mit einem Schluck; +ja da rief ich: Himmel o Himmel! sollte das Liebe sein? Ich wurde +ruhiger, ich beschloß als ein Jüngling von Erudition mich über meinen +Zustand ganz ins klare zu setzen, und begann sogleich, wiewohl mit +An<a class="pagenum" name="page_159">159</a>strengung, den Ovid <span class="antiqua">de arte amandi</span> durchzustudieren, sowie Manso's +Kunst zu lieben, aber keines von den Kennzeichen eines Liebenden, wie es +in diesen Werken angegeben, wollte recht auf mich passen. Endlich fuhr +es mir plötzlich durch den Sinn, daß ich in irgend einem Schauspiel<a name="FNanchor_A_2" id="FNanchor_A_2"></a><a href="#Footnote_A_2" class="fnanchor">[A]</a> +gelesen, ein gleichgültiger Sinn und ein verwilderter Bart seien sichere +Kennzeichen eines Verliebten! — Ich schaute in einen Spiegel, Himmel +mein Bart war verwildert! — Himmel mein Sinn war gleichgültig!</p> + +<p>Da ich nun wußte, daß es seine Richtigkeit hatte mit meinem +Verliebtsein, kam Trost in meine Seele. Ich beschloß, mich gehörig mit +Speis' und Trank zu stärken, und dann die Kleine aufzusuchen, der ich +mein ganzes Herz zugewandt. Eine süße Ahnung sagte mir, daß sie vor der +Türe des Hauses sitze, ich stieg die Treppe hinab, und fand sie +wirklich! — O welch ein Wiedersehen! — wie wallte in meiner Brust das +Entzücken, die unnennbare Wonne des Liebesgefühls. — Miesmies, so wurde +die Kleine geheißen, wie ich von ihr später erfuhr, Miesmies saß da in +zierlicher Stellung auf den Hinterfüßen, und putzte sich, indem sie mit +den Pfötchen mehrmals über die Wangen, über die Ohren fuhr. Mit welcher +unbeschreiblichen Anmut besorgte sie vor meinen Augen das, was +Reinlichkeit und Eleganz erfordern, sie bedurfte nicht schnöder +Toiletten-Künste, um die Reize, die ihr die Natur verliehen, zu erhöhen! +Bescheidner als das erste Mal nahte ich mich ihr, setzte mich zu ihr +hin! — Sie floh nicht, sie sah mich an mit forschendem Blick, und +schlug dann die Augen nieder. — Holdeste, begann ich leise, sei mein! +— „Kühner Kater, erwiderte sie verwirrt, wer bist du? Kennst du mich +denn? — Wenn du aufrichtig bist, so wie ich, und wahr, so sage und +schwöre mir, daß du mich wirklich liebst!“ — O rief ich begeistert, ja +bei den Schrecken des Orkus, bei dem heiligen Mond, bei allen sonstigen +Sternen und Planeten, die künftige Nacht scheinen werden, wenn der +Himmel heiter, schwöre ich dir's, daß ich dich liebe! — Ich dich auch, +lispelte die Kleine, und neigte in süßer Verschämung das Haupt mir zu. +Ich wollte sie voll Inbrunst umpfoten, da sprangen aber mit <ins title="teuflichem">teuflischem</ins> +Geknurre zwei riesige Kater auf mich los, zerbissen, zerkratzten mich +kläglich, und wälzten mich zum Überfluß noch in die Gosse, so daß das +schmutzige Spülwasser über mich zusammenschlug.</p> + +<div class="footnote"><p class="noindent"><a name="Footnote_A_2" id="Footnote_A_2"></a><a href="#FNanchor_A_2"><span class="label">[A]</span></a> Der Kater meint Shakespeares: Wie es Euch gefällt, dritter +Aufzug, zweite Szene. A. d. H.</p></div> + + +<p><a class="pagenum" name="page_160">160</a>Kaum konnt' ich mich aus den Krallen der +mordlustigen Bestien retten, die meinen Stand nicht achteten; mit vollem +Angstgeschrei lief ich die Treppe hinauf. Als der Meister mich +erblickte, rief er, laut lachend: Murr, Murr, wie siehst du aus? Ha ha! +ich merke schon, was geschehen, du hast Streiche machen wollen, wie der +im Irrgarten der Liebe herumtaumelnde Kavalier, und dabei ist's dir übel +ergangen! — Und dabei brach der Meister zu meinem nicht geringen +Verdruß aufs neue aus in ein schallendes Gelächter. Der Meister hatte +ein Gefäß mit lauwarmem Wasser füllen lassen, darein stülpte er mich +ohne Umstände einigemal ein, so daß mir vor Niesen und Prusten Hören und +Sehen verging, wickelte mich dann fest in Flanell ein, und legte mich in +meinen Korb.</p> + +<p>Ich war beinahe besinnungslos vor Wut und Schmerz, ich vermochte kein +Glied zu rühren. Endlich wirkte die Wärme wohltätig auf mich, ich fühlte +meine Gedanken sich ordnen. „Ha, klagte ich, welch neue bittere +Täuschung des Lebens! — Das ist also die Liebe, die ich schon so +herrlich besungen, die das Höchste sein, die uns mit namenloser Wonne +erfüllen, die uns in den Himmel tragen soll! — Ha! — mich hat sie in +die Gosse geworfen! — ich entsage einem Gefühl, das mir nichts +eingebracht als Bisse, ein abscheuliches Bad, und niederträchtige +Einmummung in schnöden Flanell! — Aber kaum war ich wieder in Freiheit +und genesen, als aufs neue Miesmies mir unaufhörlich vor Augen stand, +und ich, jener ausgestandenen Schmach wohl eingedenk, zu meinem +Entsetzen gewahrte, daß ich noch in Liebe. Mit Gewalt nahm ich mich +zusammen, und las als ein vernünftiger gelehrter Kater den Ovid nach, da +ich mich wohl erinnerte, in der <span class="antiqua">Ars amandi</span> auch auf Rezepte <em class="gesperrt">gegen</em> die +Liebe gestoßen zu sein.</p> + +<p>Ich las die Verse:</p> + +<div class="poem" style="width: 22em;"> +<div class="stanza"> +<span class="antiqua">Venus otia amat. Qui finem quaeris amoris</span><br /> +<span class="antiqua">Cedit amor rebus; res age, tutus eris;</span> +</div> +</div> + +<p>Mit neuem Eifer wollt' ich mich dieser Vorschrift gemäß in die +Wissenschaften vertiefen, aber Miesmies hüpfte auf jedem Blatte mir vor +den Augen, Miesmies dachte — las — schrieb ich! — Der Autor, dacht' +ich muß andere Arbeit meinen, und da ich von andern Katern gehört, daß +die Mäusejagd ein ungemein angenehmes zerstreuendes Vergnügen sein +solle, war es ja möglich, das unter den rebus auch die Mäusejagd +begriffen sein konnte. Ich begab mich <a class="pagenum" name="page_161">161</a>daher, sowie es finster worden, in +den Keller, und durchstrich die düstern Gänge indem ich sang: „Im Walde +schlich ich still und wild, gespannt mein <ins title="Feuerrohr —">Feuerrohr —“</ins></p> + +<p>Ha! — statt des Wildes, das ich zu jagen trachtete, schaute ich aber +wirklich ihr holdes Bild, aus den tiefen Gründen trat es wirklich +überall hervor! Und dabei zerschnitt der herbe Liebesschmerz <ins title="Mein">mein</ins> nur zu +leicht verwundbar Herz! Und ich sprach: Lenk auf mich die holden Blicke, +Jungfräulichen Morgenschein, Und als Braut und Bräut'gam wandeln Murr +und Miesmies selig heim. Also sprach ich, freud'ger Kater, Hoffend auf +des Sieges Preis. — Armer! mit verhüllten Augen <ins title="Floh">floh</ins> die scheue Katz +dachein! — So geriet ich Bedaurenswürdiger immer mehr und mehr in +Liebe, die ein feindlicher Stern mir zum Verderben in meiner Brust +entzündet zu haben schien. Wütend, mich auflehnend gegen mein Schicksal, +fiel ich auf's neue her über den Ovid und las die Verse:</p> + +<div class="poem" style="width: 25em;"> +<div class="stanza"> +<span class="antiqua">Exige quod cantet, si qua est sine voce puella,</span><br /> +<span class="antiqua">Non didicit chordas tangere, posce lyram.</span> +</div> +</div> + +<p>Ha, rief ich zu ihr hinauf auf's Dach; — Ha ich werde sie wiederfinden +die süße Huldin, da, wo ich sie zum erstenmal erblickte aber singen soll +sie, ja singen, und bringt sie nur eine einzige falsche Note heraus, +dann ist's vorbei, dann bin ich geheilt, gerettet. — Der Himmel war +heiter, und der Mond bei dem ich der holden Miesmies Liebe zugeschworen, +schien wirklich, als ich auf das Dach stieg, um sie zu erlauern. Lange +gewahrte ich sie nicht, und meine Seufzer wurden laute Liebesklagen.</p> + +<p>Ich stimmte endlich ein Liedlein an im wehmütigsten Ton, ungefähr +folgendermaßen:</p> + +<div class="poem" style="width: 25em;"> +<div class="stanza"> +Rauschende Wälder, flüsternde Quellen<br /> +Strömender Ahnung spielende Wellen<br /> +Mit mir o klaget!<br /> +Saget o saget!<br /> +Miesmies die Holde, wo ist sie gegangen,<br /> +Jüngling in Liebe, Jüngling wo hat er,<br /> +Miesmies die süße Huldin umfangen?<br /> +Tröstet den Bangen.<br /> +Tröstet den gramverwilderten Kater!<br /> +Mondschein o Mondschein,<br /> +Sag' mir wo thront mein<br /> +Artiges Kindlein, liebliches Wesen!<br /> +Wütender Schmerz kann niemals genesen!<br /> +<a class="pagenum" name="page_162">162</a>Trostloser liebender kluger Berater,<br /> +Eil ihn zu retten<br /> +Von Liebesketten!<br /> +Hilf ihm, o hilf dem verzweifelnden Kater. +</div> +</div> + +<p>Seht ein, geliebte <em class="gesperrt">Leser</em>! daß ein wackerer Dichter weder sich im +rauschenden Walde befinden, noch an einer flüsternden Quelle sitzen +darf, ihm strömen der Ahnung spielende Wellen doch zu, und in diesen +Wellen erschaut er doch alles, <em class="gesperrt">was</em> er will, und kann davon singen wie er +will. Sollte jemand über die hohe Vortrefflichkeit obiger Verse zu sehr +in Erstaunen geraten, so will ich bescheiden ihn darauf aufmerksam +machen, daß ich mich in der Ekstase befand, in verliebter Begeisterung, +und nun weiß jeder, daß jedem, der von dem Liebesfieber ergriffen, +konnt' er auch sonst kaum Wonne auf Sonne, und Triebe auf Liebe reimen, +konnt' er, sag' ich, auf diese nicht ganz ungewöhnlichen Reime trotz +aller Anstrengung, sich durchaus nicht besinnen, plötzlich das Dichten +ankommt und er die vortrefflichsten Verse heraussprudeln muß, wie einer, +der vom Schnupfen befallen, unwiderstehlich ausbricht in schreckliches +Niesen. Wir haben dieser Ekstase prosaischer Naturen schon viel +Vortreffliches zu verdanken, und schön ist es, daß oft dadurch +menschliche Miesmiese von nicht sonderlicher beauté auf einige Zeit +einen herrlichen Ruf erhielten. Geschieht das nun am dürren Holz, was +muß sich am grünen begeben? — Ich meine, werden schon hündische +Prosaiker, bloß durch die Liebe umgesetzt in Dichter, was muß erst +wirklichen Dichtern geschehen in diesem Stadium des Lebens? — Nun! +weder im rauschenden Walde saß ich, noch an flüsternder Quelle, ich saß +auf einem kahlen, hohen Dache, das bißchen Mondschein war kaum zu +rechnen, und doch flehte ich in jenen meisterhaften Versen, Wälder und +Quellen und Wellen, und zuletzt meinen Freund Ovid an, mir zu helfen, +mir beizustehen in der Liebesnot. Etwas schwer wurde es mir, Reime zu +den Namen meines Geschlechts zu finden, den gewöhnlichen Vater wußte ich +selbst in der Begeisterung nicht anzubringen. Daß ich aber wirklich +Reime fand, bewies mir auf's neue den Vorzug meines Geschlechts vor dem +menschlichen, da auf das Wort Mensch sich bekanntlich nichts reimt, +weshalb, wie schon irgend ein Witzbold von Theaterdichter bemerkt hat, +der Mensch ein ungereimtes Tier ist. Ich bin dagegen ein gereimtes. +— Nicht vergebens hatte ich die Töne der schmerzhaften Sehnsucht +angeschlagen, nicht vergebens Wälder, Quellen, den Mondschein +beschworen, mir <a class="pagenum" name="page_163">163</a>die Dame meiner Gedanken zuzuführen, hinter dem +Schornstein kam die Holde daherspaziert mit leichten, anmutigen +Schritten. „Bist du es, lieber Murr, der so schön singt?“ So rief mir +Miesmies entgegen. Wie, erwiderte ich mit freudigem Erstaunen, du kennst +mich, süßes Wesen? „Ach, ja wohl, sprach sie, du gefielst mir gleich +beim ersten Blick, und es hat mir in der Seele weh getan, daß meine +beiden unartigen Vettern dich so unbarmherzig in die Gosse“ — Schweigen +wir, unterbrach ich sie, von der Gosse, bestes Kind — o sage mir, ob du +mich liebst? — „Ich habe mich, sprach Miesmies weiter, nach deinen +Verhältnissen erkundigt, und erfahren, daß du Murr hießest, und bei +einem sehr gütigen Mann nicht allein dein reichliches Auskommen hättest, +sondern auch alle Bequemlichkeiten des Lebens genössest, ja, diese wohl +mit einer zärtlichen Gattin teilen könntest! — o ich liebe dich sehr, +guter Murr! — Himmel, rief ich im höchsten Entzücken, ist es möglich, +ist es Traum, ist es Wahrheit? — O halte dich, — halte dich Verstand, +schnappe nicht über! — Ha! bin ich noch auf der Erde? — sitze ich noch +auf dem Dache? — schwebe ich noch in den Wolken? Bin ich noch der Kater +Murr, bin ich nicht der Mann im Monde? — Komm an meinen Busen Geliebte +— doch sage mir erst deinen Namen Schönste. — Ich heiße Miesmies, +erwiderte die Kleine süß lispelnd in holder <ins title="Verschämheit">Verschämtheit</ins>, und setzte +sich traulich neben mir hin. Wie schön sie war! Silbern glänzte ihr +weißer Pelz im Mondschein, in sanftem, schmachtendem Feuer funkelten die +grünen Äuglein. Du —</p> + +<p><em class="gesperrt">(Mak. Bl.)</em> — Hättest, geliebter Leser, das freilich schon etwas früher +erfahren können, aber der Himmel gebe, daß ich nicht noch mehr +querfeldein springen muß, als es bis jetzt schon geschehen. — Also, wie +gesagt, dem Vater des Prinzen Hektor war es ebenso ergangen wie dem +Fürsten Irenäus: er hatte, selbst wußte er nicht wie, sein Ländlein aus +der Tasche verloren. Prinz Hektor, der zu nichts Wenigerem aufgelegt, +als zum stillen, friedlichen Leben, der, unerachtet ihm der Fürstenstuhl +unter den Beinen weggezogen, doch gern aufrecht stehen, und statt zu +regieren, wenigstens kommandieren wollte, nahm französische Dienste, war +ungemein tapfer, ging aber, als ihn eines Tages ein Zittermädel +anplärrte: Kennst du das Land, wo die Zitronen glühn? sofort nach dem +Lande, wo dergleichen Zitronen wirklich glühn, das heißt nach Neapel, +und zog statt der französischen Uniform eine neapolitanische Uniform an. +Er wurde nämlich so geschwinde General, wie es nur irgendeinem Prinzen +geschehen kann. — Als der Vater <a class="pagenum" name="page_164">164</a>des Prinzen Hektor gestorben, schlug +Fürst Irenäus das große Buch auf, worin er selbst sämtliche fürstliche +Häupter in Europa verzeichnet, und notierte den erfolgten Tod seines +fürstlichen Freundes und Gefährten im Malheur. Nachdem dies geschehen, +schaute er lange den Namen des Prinzen Hektor an, rief dann sehr laut: +Prinz Hektor! und klappte den Folianten so heftig zu, daß der +Hofmarschall entsetzt drei Schritte zurückprallte. Nun stand der Fürst +auf, ging langsam im Zimmer auf und ab, und schnupfte so viel Spaniol, +als nötig, um eine ganze Welt von Gedanken in Ordnung zu bringen. Der +Hofmarschall sprach viel von dem seligen Herrn, der nächst vielen +Reichtümern ein aimables Herz besessen, vom jungen Prinzen Hektor, der +vergöttert werde in Neapel von dem Monarchen und der Nation usw. Fürst +Irenäus schien das alles nicht zu beachten, er blieb plötzlich dicht vor +dem Hofmarschall stehen, schaute ihn an mit dem entsetzlichen +Friedrichsblick, sprach sehr stark: <span class="antiqua">Peutêtre</span>! und verschwand in das +Nebenkabinett.</p> + +<p>Gott, sprach der Hofmarschall, der gnädigste Fürst haben gewiß die +konsiderabelsten Gedanken, vielleicht gar Pläne.</p> + +<p>Es war dem so. — Fürst Irenäus dachte an den Reichtum des Prinzen, an +seine Verwandtschaft mit mächtigen Häuptern, er rief sich die +Überzeugung in's Gedächtnis, daß Prinz Hektor gewiß noch den Degen mit +dem Zepter vertauschen werde, und ihm kam der Gedanke, daß die +Vermählung des Prinzen mit der Prinzessin Hedwiga von den +ersprießlichsten Folgen sein könne. Ganz im geheimsten Geheim mußte der +Kammerherr, den der Fürst sogleich absandte, um dem Prinzen seinerseits +namhaftes Beileid über den Tod des Vaters zu bezeigen, das bis auf die +Farbe der Haut wohlgetroffene Miniaturbild der Prinzessin in die Tasche +stecken. — Es ist hier zu bemerken, daß die Prinzessin in der Tat eine +vollendete Schönheit zu nennen gewesen, hätte ihre Haut weniger in's +Gelbe gespielt. Daher war ihr die Beleuchtung des Kerzenscheins günstig. — +</p> + +<p>Der Kammerherr richtete den geheimen Auftrag des Fürsten — niemanden, +selbst nicht der Fürstin, hatte dieser das mindeste von seiner Absicht +vertraut, — sehr geschickt aus. Als der Prinz das Gemälde sah, geriet +er beinahe in dieselbe Ekstase, wie sein prinzlicher Kollege in der +Zauberflöte. Wie Tamino hätte er beinahe, wenn auch nicht gesungen, doch +gerufen: „dies Bildnis ist bezaubernd schön, und dann weiter: soll die +Empfindung Liebe sein, ja, ja die Liebe ist's allein!“ — Bei Prinzen +ist es sonst eben nicht die Liebe <a class="pagenum" name="page_165">165</a>allein, die sie streben läßt nach der +Schönsten, indessen dachte Prinz Hektor gerade nicht an andere +Verhältnisse, als er sich hinsetzte und an den Fürsten Irenäus schrieb: +es möge ihm vergönnet sein, sich um Herz und Hand der Prinzessin Hedwiga +zu bewerben.</p> + +<p>Fürst Irenäus antwortete, daß, da er mit Freuden in eine Vermählung +willige, die er schon seines verstorbenen fürstlichen Freundes halber +aus dem Grunde des Herzens wünsche, es gar keiner weitern Bewerbung +eigentlich bedürfe. Da aber die Form sauviert werden müsse, möge der +Prinz einen artigen Mann von dem gehörigen Stande nach Sieghartsweiler +senden, den er ja auch gleich mit Vollmacht versehen könne, die Trauung +zu vollziehen, und nach altem schönem Herkommen, gestiefelt und +gespornt, den Bettsprung zu unternehmen. Der Prinz schrieb zurück: Ich +komme selbst, mein Fürst! —</p> + +<p>Dem Fürsten war das nicht recht, er hielt die Trauung durch einen +Bevollmächtigten für schöner, erhabner, fürstlicher, hatte sich im +Innersten auf das Fest gefreut, und beruhigte sich nur damit, daß vor +dem Beilager ein großes Ordensfest gefeiert werden könne. Er wollte +nämlich das Großkreuz eines Hausordens, den sein Vater gestiftet hatte, +und den kein Ritter mehr trug, nicht tragen durfte, dem Prinzen umhängen +auf die solenneste Weise.</p> + +<p>Prinz Hektor kam also nach Sieghartsweiler, um die Prinzessin Hedwiga +heimzuführen, und nebenher das Großkreuz eines verschollenen Hausordens +zu erhalten. Es schien ihm erwünscht, daß der Fürst seine Absicht geheim +gehalten, er bat vorzüglich, rücksichts Hedwiga's in diesem Schweigen zu +verharren, da er erst der vollen Liebe Hedwiga's versichert sein müsse, +ehe er mit seiner Bewerbung hervortreten könne.</p> + +<p>Der Fürst verstand nicht recht, was der Prinz damit sagen wollte, und +meinte, daß, so viel er wisse und sich erinnere, diese Form, was nämlich +die Versicherung der Liebe vor dem Beilager beträfe, in fürstlichen +Häusern niemals üblich gewesen sei. Verstehe der Prinz aber darunter +weiter nichts, als die Äußerung eines gewissen Attachements, so dürfe +das vorzüglich während des Brautstandes wohl eigentlich nicht +stattfinden, könne aber, da doch die leichtsinnige Jugend über alles, +was die Etikette gebiete, hinwegzuspringen geneigt, ja in der Kürze +abgemacht werden, drei Minuten vor dem Ringewechseln. Herrlich und +erhaben wär's freilich, wenn das fürstliche Brautpaar in diesem +Augenblick einigen Abscheu gegeneinander bewiese, leider wären aber +diese Regeln des höchsten Anstandes in neuester Zeit zu leeren Träumen +geworden.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_166">166</a>Als der Prinz Hedwiga zum erstenmal erblickte, flüsterte er seinem +Adjutanten in, den andern unverständlichem, neapolitanischen Dialekt zu: +bei allen Heiligen! sie ist schön, aber unfern des Vesuvs geboren, und +sein Feuer blitzt aus ihren Augen.</p> + +<p>Prinz Ignaz hatte sich bereits sehr angelegentlich erkundigt, ob es in +Neapel schöne Tassen gebe, und wieviel davon Prinz Hektor besitze, so +daß dieser, durch die ganze Tonleiter der Begrüßungen durchgestiegen, +sich wieder zu Hedwiga wenden wollte, als die Türen sich öffneten, und +der Fürst den Prinzen einlud zu der Prachtszene, die er durch +Zusammenberufung sämtlicher Personen, welche nur im mindesten was +Hoffähiges an und in sich trugen, im Prunksaal bereitet. Er war diesmal +in dem Auswählen weniger strenge gewesen als sonst, da der Zirkel in +Sieghartshof eigentlich für eine Landpartie zu achten. Auch die Benzon +war zugegen mit Julien.</p> + +<p>Prinzessin Hedwiga war still, in sich gekehrt, teilnahmlos, sie schien +den schönen Fremdling aus dem Süden nicht mehr, nicht weniger zu +beachten, als jede andere neue Erscheinung am Hofe, und fragte ziemlich +mürrisch ihr Hoffräulein, die rotwangige Nannette, ob sie närrisch +geworden, als diese nicht aufhören konnte, ihr in's Ohr zu flüstern, der +fremde Prinz sei doch gar zu hübsch und eine schönere Uniform habe sie +zeit ihres Lebens nicht gesehen.</p> + +<p>Prinz Hektor entfaltete nun vor der Prinzessin den bunten prahlenden +Pfauenschweif seiner Galanterie, sie, beinahe verletzt durch den +Ungestüm seiner süßlichen Verzücktheit, fragte nach Italien, nach +Neapel. Der Prinz gab ihr die Beschreibung eines Paradieses, in dem sie +als herrschende Göttin wandelte. Er bewährte sich als ein Meister in der +Kunst, zu der Dame so zu sprechen, daß alles, alles sich gestaltet, als +ein Hymnus, der ihre Schönheit, ihre Anmut preiset. Mitten aus diesem +Hymnus sprang aber die Prinzessin heraus, und hin zu Julien, die sie in +der Nähe gewahrte. Die drückte sie an ihre Brust, nannte sie mit tausend +zärtlichen Namen, rief, das ist meine liebe, liebe Schwester, meine +herrliche, süße Julia! als der Prinz etwas betroffen über Hedwiga's +Flucht, hinzutrat. Der Prinz heftete einen langen, seltsamen Blick auf +Julien, so daß diese, über und über errötend, die Augen niederschlug, +und sich scheu zur Mutter wandte, die hinter ihr stand. Aber die +Prinzessin umarmte sie auf's Neue und rief: „Meine liebe, liebe <ins title="Julia">Julia“</ins>, +und dabei traten ihr die Tränen in die Augen. Prinzessin, sprach die +Benzon leise, warum dieses krampfhafte Benehmen? Die Prinzessin, ohne +die Benzon zu beachten, drehte <a class="pagenum" name="page_167">167</a>sich zu dem Prinzen, dem wirklich über +alles das der Strom der Rede versiegt, und war sie erst still, ernst, +mißmütig gewesen, so schweifte sie beinahe jetzt aus in seltsamer, +krampfhafter Lustigkeit. Endlich ließen die zu stark gespannten Saiten +nach, und die Melodien, die nun aus ihrem Innern heraustönten, waren +weicher, milder, jungfräulich zarter. Sie war liebenswürdiger als +jemals, und der Prinz schien ganz und gar hingerissen. Endlich begann +der Tanz. Der Prinz, nachdem mehrere Tänze gewechselt, erbot sich, einen +neapolitanischen Nationaltanz anzuführen, und es gelang ihm bald, den +Tanzenden die volle Idee davon zu geben, so daß sich alles gar artig +fügte, und selbst der leidenschaftlich zärtliche Charakter des Tanzes +gut hervortrat.</p> + +<p>Niemand hatte aber eben diesen Charakter so ganz begriffen, als Hedwiga, +die mit dem Prinzen tanzte. Sie verlangte die Wiederholung, und als der +Tanz zum zweitenmal geendet, bestand sie, des Mahnens der Benzon, die +auf ihren Wangen schon die verdächtige Blässe wahrnahm, nicht achtend, +darauf, zum drittenmal den Tanz auszuführen, der ihr nun erst recht +gelingen werde. Der Prinz war entzückt. Er schwebte hin mit Hedwiga, die +in jeder Bewegung die Anmut selbst schien. Bei einer der vielen +Verschlingungen, die der Tanz gebot, drückte der Prinz die Holde +stürmisch an die Brust, aber in demselben Augenblicke sank auch Hedwiga +entseelt in seinen Armen zusammen. —</p> + +<p>Der Fürst meinte, eine unschicklichere Störung eines Hofballes könne es +nicht geben, und nur das Land entschuldige vieles. —</p> + +<p>Prinz Hektor hatte selbst die Ohnmächtige in ein benachbartes Zimmer auf +ein Sofa getragen, wo ihr die Benzon die Stirne rieb mit irgendeinem +starken Wasser, das der Leibarzt zur Hand gehabt. Dieser erklärte +übrigens die Ohnmacht für einen Nervenzufall, den die Erhitzung des +Tanzes veranlaßt, und der sehr bald vorübergehen werde.</p> + +<p>Der Arzt hatte recht, nach wenigen Sekunden schlug die Prinzessin mit +einem tiefen Seufzer die Augen auf. Der Prinz, sobald er vernommen, die +Prinzessin habe sich erholt, drang durch den dichten Kreis der Damen, +von dem sie umschlossen, kniete nieder bei dem Sofa, klagte sich bitter +an, daß er allein schuld sei an dem Begegnis, das ihm das Herz +durchschneide. Sowie die Prinzessin ihn aber erblickte, rief sie mit +allen Zeichen des Abscheues: Fort, fort, und sank auf's Neue in +Ohnmacht.</p> + +<p>Kommen Sie, sprach der Fürst, indem er den Prinzen bei der Hand +erfaßte, kommen Sie, bester Prinz, Sie wissen nicht, daß die Prinzessin +<a class="pagenum" name="page_168">168</a>oft an den seltsamsten Reverien leidet. Weiß der Himmel, auf welche +sonderbare Weise Sie ihr in diesem Augenblick erschienen sind! +— Imaginieren Sie sich, bester Prinz, schon als Kind — <span class="antiqua">entre nous soit +dit</span>! — hielt mich einmal die Prinzessin einen ganzen Tag hindurch für +den Großmogul, und prätendierte, ich solle in Samtpantoffeln ausreiten, +wozu ich mich auch endlich entschloß, wiewohl nur im Garten.</p> + +<p>Prinz Hektor lachte dem Fürsten ohne Umstände in's Gesicht, und rief +nach dem Wagen.</p> + +<p>Die Benzon mußte, so wollt' es die Fürstin aus Besorgnis für Hedwiga, +mit Julien im Schlosse bleiben. Sie wußte, welche psychische Macht sonst +die Benzon über die Prinzessin übte, und ebenso, daß dieser psychischen +Macht auch Krankheitszufälle der Art zu weichen pflegten. In der Tat +geschah es auch diesmal, daß Hedwiga in ihrem Zimmer sich bald erholte, +als die Benzon ihr unermüdlich zugeredet mit sanften Worten. Die +Prinzessin behauptete nichts Geringeres, als daß im Tanzen der Prinz +sich in ein drachenartiges Ungeheuer verwandelt, und mit spitzer, +glühender Zunge ihr einen Stich ins Herz gegeben habe. „Gott behüte, +rief die Benzon, am Ende ist Prinz Hektor gar das <span class="antiqua">mostro turchino</span> aus +der Gozzischen Fabel! — Welche Einbildungen! zuletzt wird es sich so +begeben, wie mit Kreisler, den Sie für einen bedrohlichen Wahnsinnigen +hielten!“ — „Nimmermehr, rief die Prinzessin heftig, und setzte dann +lachend hinzu: wahrhaftig, ich wollte nicht, daß mein guter Kreisler +sich so plötzlich in das <span class="antiqua">mostro turchino</span> verwandelte, wie Prinz Hektor!“ — +</p> + +<p>Als am frühsten Morgen die Benzon, die bei der Prinzessin gewacht, in +Juliens Zimmer trat, kam ihr diese entgegen, erblaßt, übernächtig, das +Köpfchen gehängt, wie eine kranke Taube. „Was ist Dir, Julie“, rief ihr +die Benzon, die nicht gewohnt, die Tochter in solchem Zustande zu sehen, +erschrocken entgegen. <ins title="Ach">„Ach</ins> Mutter“, sprach Julie ganz trostlos, <ins title="ach">„ach</ins> +Mutter, niemals mehr in diese Umgebungen; mein Herz erbebt, wenn ich an +die gestrige Nacht denke. — Es ist etwas Entsetzliches in diesem +Prinzen; als er mich anblickte, ich kann Dir's nicht beschreiben, was in +meinem Innern vorging. — Ein Blitzstrahl fuhr tötend aus diesen dunklen, +unheimlichen Augen, von dem getroffen ich Ärmste vernichtet werden +konnte. — Lache mich nicht aus, Mutter, aber es war der Blick des +Mörders, der sein Opfer erkoren, das mit der Todesangst getötet wird, +noch ehe der Dolch gezückt! — Ich wiederhol' es, ein ganz fremdes +Gefühl, ich <a class="pagenum" name="page_169">169</a>vermag es nicht zu nennen, bebte wie ein Krampf mir durch +alle Glieder! — Man spricht von Basilisken, deren Blick, ein giftiger +Feuerstrahl, augenblicklich tötet, wenn man es wagt, sie anzuschauen. +Der Prinz mag solchem bedrohlichen Untier gleichen.“</p> + +<p>„Nun, rief die Benzon laut lachend, muß ich in der Tat glauben, daß es +mit dem <span class="antiqua">mostro turchino</span> seine Richtigkeit hat, da der Prinz, ist er +gleich der schönste, liebenswürdigste Mann, zweien Mädchen erschienen +ist als Drache, als Basilisk. Der Prinzessin traue ich die tollsten +Einbildungen zu, aber daß meine ruhige sanfte Julie, mein süßes Kind, +sich hingeben sollte, närrischen Träumen.“ — Und Hedwiga, unterbrach +Julie die Benzon, ich weiß nicht, welch' eine böse feindliche Macht sie +losreißen von meinem Herzen, ja mich hineinstürzen will in den Kampf +einer fürchterlichen Krankheit, der in ihrem Innern wütet! — Ja, +Krankheit nenne ich der Prinzessin Zustand, gegen den die Ärmste nichts +vermag. Als sie gestern sich schnell abwandte von dem Prinzen, als sie +mich liebkoste, umarmte, da fühlte ich, wie sie in Fieberhitze glühte. +Und dann das Tanzen, das entsetzliche Tanzen! Du weißt Mutter, wie ich +die Tänze hasse, in denen es den Männern vergönnt, uns zu umschlingen. +— Es ist mir, als müßten wir in dem Augenblick alles aufgeben, was +Sitte und Anstand erfordern und den Männern eine Übermacht einräumen, +die wenigstens den zartfühlenden unter ihnen unerfreulich bleiben wird. +— Und nun Hedwiga, die nicht aufhören konnte, jenen südlichen Tanz zu +tanzen, der mir, je länger er dauerte, desto abscheulicher schien. +Rechte teuflische Schadenfreude war es, die aus den Augen des Prinzen +blitzte —“</p> + +<p>„Närrin, sprach die Benzon, was fällt Dir alles ein! — Doch! — ich kann +Deine Gesinnung über das alles nicht tadeln, bewahre sie treulich, aber +sei nicht ungerecht gegen Hedwiga, denke überhaupt gar nicht weiter +nach, was mit ihr ist und mit dem Prinzen, schlage es Dir aus dem Sinn! +— Willst Du, so werd' ich dafür sorgen, daß Du eine Zeitlang weder +Hedwiga noch den Prinzen sehen darfst. Nein, Deine Ruhe soll nicht +gestört werden, mein gutes, liebes Kind! Komm an mein Herz!“ — Damit +umarmte die Benzon Julien mit aller mütterlicher Zärtlichkeit.</p> + +<p>„Und, fuhr Julie fort, indem sie das glühende Antlitz an die Brust der +Mutter drückte, aus der entsetzlichen Unruhe, die ich empfand, mochten +auch wohl die seltsamen Träume kommen, die mich ganz verstört haben.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_170">170</a>„Was träumtest Du denn?“ fragte die Benzon.</p> + +<p>„Mir war's, sprach Julie weiter, ich wandle in einem herrlichen Garten, +in dem unter dichtem, dunklem Gebüsch Nachtviolen und Rosen +durcheinander blühten, und ihr süßes Aroma in die Lüfte streuten. Ein +wunderbarer Schimmer, wie Mondesglanz, ging auf in Ton und Gesang, und +wie er die Bäume, die Blumen mit goldnem Strahl berührte, bebten sie vor +Entzücken, und die Büsche säuselten und die Quellen flüsterten in +leisen, sehnsüchtigen Seufzern. Da gewahrte ich aber, daß ich selbst der +Gesang sei, der durch den Garten ziehe, doch sowie der Glanz der Töne +verbleiche, müsse ich auch vergehen in schmerzlicher Wehmut! — Nun +sprach aber eine sanfte Stimme: nein! der Ton ist die Seligkeit und +keine Vernichtung, und ich halte Dich fest mit starken Armen, und in +Deinem Wesen ruht mein Gesang, der ist aber ewig wie die Sehnsucht! — Es +war Kreisler, der vor mir stand und diese Worte sprach. Ein himmlisches +Gefühl von Trost und Hoffnung ging durch mein Inneres, und selbst wußte +ich nicht — ich sage Dir alles, Mutter! — ja selbst wußte ich nicht, +wie es kam, daß ich Kreislern an die Brust sank. Da fühlte ich +plötzlich, wie mich eiserne Arme fest umschlangen, und eine +entsetzliche, höhnende Stimme rief: Was sträubst Du Dich, Elende, Du +bist ja schon getötet und mußt nun mein sein. — Es war der Prinz, der +mich festhielt. — Mit einem lauten Angstgeschrei fuhr ich auf aus dem +Schlafe, ich warf mein Nachtkleid über, und lief an's Fenster, das ich +öffnete, da die Luft im Zimmer schwül und dunstig. In der Ferne gewahrte +ich einen Mann, der mit einem Perspektiv nach den Fenstern des Schlosses +schaute, dann aber die Allee hinabsprang auf seltsame, ich möchte sagen, +närrische Weise, indem er von beiden Seiten allerlei Entrechats und +andere Tänzerpas ausführte, mit den Armen in den Lüften herumfocht und, +wie ich zu vernehmen glaubte, laut dazu sang. Ich erkannte Kreislern, +und indem ich über sein Beginnen herzlich lachen mußte, kam er mir doch +vor, wie der wohltätige Geist, der mich schützen würde vor dem Prinzen. +Ja es war, als würde mir jetzt erst Kreislers inneres Wesen recht klar, +und ich sähe jetzt erst ein, wie sein schalkisch scheinender Humor, von +dem mancher sich oft verwundet fühle, aus dem treuesten, herrlichsten +Gemüte komme. Ich hätte hinablaufen in den Park, ich hätte Kreislern +alle Angst des entsetzlichen Traums klagen mögen! —“</p> + +<p>„Das ist, sprach die Benzon ernst, ein einfältiger Traum und das +Nachspiel noch einfältiger! — Du bedarfst der Ruhe, Julie, ein <a class="pagenum" name="page_171">171</a>leichter +Morgenschlummer wird Dir wohltun, auch ich gedenke noch ein paar Stunden +zu schlafen.“</p> + +<p>Damit verließ die Benzon das Zimmer und Julie tat, wie ihr geheißen.</p> + +<p>Als sie erwachte, strahlte die Mittagssonne in die Fenster hinein, und +ein starker Duft von Nachtviolen und Rosen strömte durch das Zimmer. +„Was ist das; rief Julie voll Erstaunen, was ist das! — mein Traum! —“ +Doch wie sie sich umschaute, lag über ihr auf der Lehne des Sofas, auf +dem sie geschlafen, ein schöner Strauß jener Blumen! —</p> + +<p>„Kreisler, mein lieber Kreisler,“ sprach Julie sanft, nahm den Strauß, +und geriet in träumerisches Sinnen.</p> + +<p>Prinz Ignaz ließ anfragen, ob es ihm nicht erlaubt sei, Julien ein +Stündchen zu sehen. Schnell kleidete sich Julie an, und eilte in das +Zimmer, wo Ignaz sie schon mit einem ganzen Korbe voll Porzellantassen +und chinesischer Puppen erwartete. Julie, das gute Kind, ließ es sich +gefallen, stundenlang mit dem Prinzen, der ihr tiefes Mitleid einflößte, +zu spielen. Kein Wort der Neckerei, oder wohl gar der Verachtung, +entschlüpfte ihr, wie es wohl andern bisweilen, vorzüglich der +Prinzessin Hedwiga, geschah, daher kam es, das dem Prinzen Julias +Gesellschaft über alles ging, und er sie oft gar seine kleine Braut +nannte. — Die Tassen waren aufgestellt, die Puppen geordnet, Julie +hielt eben im Namen eines kleinen Harlekins eine Anrede an den Kaiser +von Japan (beide Püppchen standen einander gegenüber) als die Benzon +hereintrat.</p> + +<p>Nachdem sie eine Weile dem Spiele zugeschaut, drückte sie Julien einen +Kuß auf die Stirn und sprach: „Du bist doch mein liebes, gutes Kind! —“</p> + +<p>Es war späte Dämmerung eingebrochen. Julie, die, wie sie gewünscht, bei +der Mittagstafel nicht erscheinen dürfen, saß einsam in ihrem Zimmer und +erwartete die Mutter. Da schlichen leise Tritte hinan, die Türe öffnete +sich und totenbleich, mit starren Augen, in weißem Kleide, gespenstisch, +trat die Prinzessin hinein. „Julia, sprach sie leise und dumpf, Julia! +— nenne mich töricht, ausgelassen — wahnsinnig, aber entziehe mir nicht +Dein Herz, ich bedarf Deines Mitleids, Deines Trostes! — Es ist nichts +als der Überreiz, die heillose Erschöpfung des abscheulichen Tanzes, die +mich krank gemacht hat, aber es ist vorüber, mir ist besser! — Der +Prinz ist fort nach Sieghartsweiler! — Ich muß in die Luft, laß uns +hinabwandeln in den Park! —“</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_172">172</a>Als beide, Julie und die Prinzessin, sich am Ende der Allee befanden, +strahlte ein helles Licht ihnen aus dem tiefsten Dickicht entgegen, und +sie vernahmen fromme Gesänge. „Das ist die Abendlitanei aus der +Marien-Kapelle,“ rief Julia.</p> + +<p>„Ja, sprach die Prinzessin, wir wollen hin, laß uns beten! — bete Du +auch für mich, Julie! —“</p> + +<p>„Wir wollen, erwiderte Julie, vom tiefsten Schmerz über der Freundin +Zustand ergriffen, wir wollen beten, daß nie ein böser Geist Macht habe +über uns, daß unser reines, frommes Gemüt nicht verstört werden möge +durch des Feindes Verlockung.“</p> + +<p>Eben zogen, als die Mädchen bei der Kapelle angekommen, die am äußersten +Ende des Parks befindlich, die Landleute von dannen, die die Litanei vor +dem mit Blumen geschmückten, und mit vielen Lampen erleuchteten +Marienbilde gesungen. Sie knieten nieder in dem Betstuhl. Da begannen +die Sänger auf dem kleinen Chor, der zur Seite des Altars angebracht, +das <span class="antiqua">Ave maris stella</span>, das Kreisler erst vor kurzem komponiert.</p> + +<p>Leise beginnend brauste der Gesang stärker und mächtiger auf in dem <span class="antiqua">dei +mater alma</span>, bis die Töne in dem <span class="antiqua">felix coeli porta</span> dahinsterbend, +fortschwebten auf den Fittichen des Abendwindes.</p> + +<p>Noch immer lagen die Mädchen auf den Knien, tief versunken in brünstige +Andacht. Der Priester murmelte Gebete, und aus weiter Ferne, wie ein +Chor von Engelstimmen aus dem nächtlichen verschleierten Himmel, hallte +der Hymnus: <span class="antiqua">O sanctissima</span>, den die hereinziehenden Sänger angestimmt.</p> + +<p>Endlich erteilte ihnen der Priester den Segen. Da standen sie auf, und +fielen sich in die Arme. Ein namenloses Weh, aus Entzücken und Schmerz +gewoben, schien gewaltsam sich loswinden zu wollen aus ihrer Brust, und +Blutstropfen, dem wunden Herzen entquollen, waren die heißen Tränen, die +aus ihren Augen stürzten. „Das war <em class="gesperrt">er</em>,“ lispelte die Prinzessin leise. +„Er war's,“ erwiderte Julie. — Sie verstanden sich.</p> + +<p>In ahnungsvollem Schweigen harrte der Wald, daß die Mondscheibe +aufsteige, und ihr schimmerndes Gold über ihn ausstreue. Der Choral der +Sänger, noch immer vernommen in der Stille der Nacht, schien +entgegenzuziehen dem Gewölk, das glühend aufflammte, und sich über den +Bergen lagerte, die Bahn des leuchtenden Gestirns bezeichnend, vor dem +die Sterne erblaßten.</p> + +<p>„Ach, sprach Julia, was ist es denn, das uns so bewegt, das so mit +tausend Schmerzen unser Inneres durchschneidet? — Horche doch <a class="pagenum" name="page_173">173</a>nur, wie +das ferne Lied so tröstend zu uns herüberhallt? Wir haben gebetet, und +aus den goldnen Wolken sprechen fromme Geister zu uns herab von +himmlischer Seligkeit. —“ „Ja, meine Julia, erwiderte die Prinzessin +ernst und fest, über den Wolken ist Heil und Seligkeit, und ich wollte, +daß ein Engel des Himmels mich hinauftrüge zu den Sternen, ehe mich die +finstere Macht erfaßte. Ich möchte wohl sterben, aber ich weiß es, dann +trügen sie mich in die fürstliche Gruft, und die Ahnherrn, die dort +begraben, würden es nicht glauben, daß ich gestorben bin, und erwachen +aus der Totenerstarrung zum entsetzlichen Leben, und mich hinaustreiben. +Dann gehörte ich ja aber weder den Toten an, noch den Lebendigen, und +fände nirgends Obdach.“</p> + +<p>„Was sprichst Du, Hedwiga, um aller Heiligen willen, was sprichst Du?“ +rief Julie erschrocken.</p> + +<p>„Mir hat, fuhr die Prinzessin fort, in demselben festen, beinahe +gleichgültigen Ton beharrend, dergleichen einmal geträumt. Es kann aber +auch sein, daß ein bedrohlicher Ahnherr im Grabe zum Vampyr geworden, +der mir nun das Blut aussaugt. Davon mögen meine häufigen Ohnmachten +herrühren.“</p> + +<p>„Du bist krank, rief Julia, sehr krank, Hedwiga, die Nachtluft schadet +Dir, laß uns forteilen.“</p> + +<p>Damit umschlang sie die Prinzessin, die sich schweigend fortführen ließ.</p> + +<p>Der Mond war nun hoch heraufgestiegen über den Geierstein, und in +magischer Beleuchtung standen die Büsche, die Bäume, und flüsterten und +rauschten, mit dem Nachtwinde kosend, in tausend lieblichen Weisen.</p> + +<p>„Es ist doch schön, sprach Julie, o es ist doch schön auf der Erde, +beut uns die Natur nicht ihre herrlichsten Wunder dar wie eine gute +Mutter ihren lieben Kindern?“ — „Meinst Du? erwiderte die Prinzessin, +und fuhr dann nach einer Weile fort: Ich wollte nicht, daß Du mich erst +ganz verstanden hättest, und bitte, alles nur für den Erguß einer bösen +Stimmung zu halten. — Du kennst noch nicht den vernichtenden Schmerz +des Lebens. Die Natur ist grausam, sie hegt und pflegt nur die gesunden +Kinder, die kranken verläßt sie, ja richtet bedrohliche Waffen gegen ihr +Dasein. — Ha! Du weißt, daß mir sonst die Natur nichts war, als eine +Bildergalerie, hingestellt um die Kräfte des Geistes und der Hand zu +üben, aber jetzt ist es anders worden, da ich nichts fühle, nichts ahne, +als ihr Entsetzen. Ich möchte lieber in erleuchteten Sälen zwischen +bunter Gesellschaft wandeln, als einsam mit Dir in dieser mondhellen +Nacht. —</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_174">174</a>Julien wurde nicht wenig bange, sie bemerkte, wie Hedwiga immer +schwächer, erschöpfter wurde, so daß die Arme all' ihre geringe Kraft +anwenden mußte, um sie im Gehen aufrecht zu erhalten.</p> + +<p>Endlich hatten sie das Schloß erreicht. Unfern desselben, auf der +steinernen Bank, die unter einem Hollunderbusch stand, saß eine +finstere, verhüllte Gestalt. Sowie Hedwiga diese gewahrte, rief sie voll +Freude: Dank der Jungfrau und allen Heiligen, da ist sie! und ging +plötzlich erkräftigt, und sich von Julien losmachend auf die Gestalt +los, die sich erhob, und mit dumpfer Stimme sprach: Hedwiga, mein armes +Kind! — Julia gewahrte, daß die Gestalt eine von Kopf bis zu Fuß in +braune Gewänder gehüllte Frau war, die tiefen Schatten ließen die Züge +ihres Gesichts nicht erkennen. Von innern Schauern durchbebt, blieb +Julia stehen.</p> + +<p>Beide, die Frau und die Prinzessin, ließen sich auf die Bank nieder. Die +Frau strich ihr sanft die Haarlocken von der Stirne, legte dann die +Hände darauf, und sprach langsam und leise in einer Sprache, die Julie +sich nicht erinnern konnte, jemals gehört zu haben. Nachdem dies einige +Minuten gewährt, rief die Frau Julien zu: Mädchen, eile nach dem Schloß, +rufe die Kammerfrauen, sorge, daß man die Prinzessin hineinschaffe! Sie +ist in sanften Schlaf gesunken, von dem sie gesund und froh erwachen +wird.</p> + +<p>Julie, ihrem Erstaunen nicht einen Augenblick Raum gebend, tat schnell, +wie ihr geheißen.</p> + +<p>Als sie mit den Kammerfrauen ankam, fand man die Prinzessin, sorgsam in +ihren Shawl eingehüllt, wirklich im sanften Schlaf, die Frau war +verschwunden.</p> + +<p>Sage mir, sprach Julie am andern Morgen, als die Prinzessin ganz genesen +erwacht, und keine Spur innerer Zerrüttung sich zeigte, was Julie +befürchtet, sage mir um Gott, wer war die wunderbare Frau?</p> + +<p>„Ich weiß es nicht, erwiderte die Prinzessin, ein einziges Mal in +meinem Leben habe ich sie gesehen. Du erinnerst Dich, wie ich einmal, +noch ein Kind, in eine tödliche Krankheit verfallen, so daß die Ärzte +mich aufgaben. Da saß sie in einer Nacht plötzlich an meinem Bette, und +lullte mich, wie heute, ein in süßen Schlummer, von dem ich ganz genesen +erwachte. — In der gestrigen Nacht trat zum ersten Mal das Bild dieser +Frau mir wieder vor die Augen, es war mir, als müsse sie mir wieder +erscheinen, und mich retten, und so hat es sich wirklich begeben. — Tu' +es mir zur Liebe, und schweige ganz von <a class="pagenum" name="page_175">175</a>der Erscheinung, laß Dir auch +nichts merken durch Wort oder Zeichen, daß uns etwas Wunderbares +begegnet. Denke an den Hamlet, und sei mein lieber Horatio! — Es ist +gewiß, daß es mit dieser Frau eine geheimnisvolle Bewandtnis haben muß, +aber, mag das Geheimnis mir und Dir verschlossen bleiben, weiteres +Forschen bedünkt mir gefährlich. — Ist es nicht genug, daß ich genesen +bin, und froh, frei von allen Gespenstern, die mich verfolgten? —</p> + +<p>Alles verwunderte sich über der Prinzessin so plötzlich wiedergekehrte +Gesundheit. Der Leibarzt behauptete, der nächtliche Spaziergang nach der +Marienkapelle habe durch die Erschütterung aller Nerven so drastisch +gewirkt, und er nur vergessen denselben ausdrücklich zu verordnen. Die +Benzon sprach aber in sich hinein: Hm! — die Alte ist bei ihr gewesen +— mag das dies Mal hingehen! — Es ist nun an der Zeit, daß jene +verhängnisvolle Frage des Biographen: Du —</p> + +<p><em class="gesperrt">(M. f. f.)</em> liebst mich also, holde Miesmies? O wiederhol' es mir +tausendmal, damit ich noch in ferneres Entzücken geraten und soviel +Unsinn aussprechen möge, wie es einem von dem besten Romandichter +geschaffenen Liebeshelden geziemt! — Doch Beste, du hast meine +erstaunliche Neigung zum Gesange, sowie meine Kunstfertigkeit darin, +schon bemerkt, würd' es dir wohl gefällig sein, Teure! mir ein kleines +Liedchen vorzusingen? „Ach, erwiderte Miesmies, ach, geliebter Murr, +zwar bin ich auch in der Kunst des Gesanges nicht unerfahren; aber du +weißt, wie es jungen Sängerinnen geht, wenn sie zum erstenmal singen +sollen vor Meistern und Kennern! — Die Angst, die Verlegenheit, schnürt +ihnen die Kehle zu, und die schönsten Töne, Trillos und Mordenten +bleiben auf die fatalste Weise in der Kehle stecken, wie Fischgräten. +— Eine Arie zu singen ist dann pur unmöglich, weshalb der Regel nach mit +einem Duett begonnen wird. Laß uns ein kleines Duett versuchen, Teurer! +<ins title="wenns">wenn's</ins> dir gefällig! — Das war mir recht. — Wir stimmten nun gleich +das zärtliche Duett an: Bei meinem ersten Blick, flog dir mein Herz +entgegen usw. Miesmies begann furchtsam, aber bald ermutigte sie mein +kräftiges Falsett. Ihre Stimme war allerliebst, ihr Vortrag gerundet, +weich, zart, kurz, sie zeigte sich als wackre Sängerin. Ich war +entzückt, wiewohl ich einsah, daß mich Freund Ovid wiederum im Stich +gelassen. Da Miesmies mit dem <span class="antiqua">cantare</span> so herrlich bestanden, so war es +mit dem <span class="antiqua">chordas tangere</span> gar nichts, und ich durfte nicht erst nach der +Guitarre verlangen. —</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_176">176</a>Miesmies sang nun mit seltener Geläufigkeit, mit ungemeinem Ausdruck, +mit höchster Eleganz das bekannte: <span class="antiqua">Di tanti palpiti</span> usw. Von der +heroischen Stärke des Rezitativs stieg sie herrlich hinein in die +wahrhaft kätzliche Süßigkeit des Andantes. Die Arie schien ganz für sie +geschrieben, so daß auch mein Herz überströmte und ich in ein lautes +Freudengeschrei ausbrach. Ha! — Miesmies mußte mit dieser Arie eine +Welt fühlender Katerseelen begeistern! — Nun stimmten wir noch ein +Duett an, aus einer ganz neuen Oper, das ebenfalls herrlich gelang, da +es ganz und gar für uns geschrieben schien. Die himmlischen Rouladen +gingen glanzvoll aus unserm Innern heraus, da sie meistenteils aus +chromatischen Gängen bestanden. Überhaupt muß ich bei dieser Gelegenheit +bemerken, daß unser Geschlecht chromatisch ist, und daß daher jeder +Komponist, der für uns komponieren will, sehr wohl tun wird, Melodien +und alles Übrige, chromatisch einzurichten. Leider hab' ich den Namen +des trefflichen Meisters, der jenes Duett komponiert, vergessen, das ist +ein wackrer lieber Mann, ein Komponist nach meinem Sinn. —</p> + +<p>Während dieses Singens war ein schwarzer Kater heraufgestiegen, der uns +mit glühenden Augen anfunkelte. „Bleiben Sie gefälligst von dannen, +bester Freund, rief ich ihm entgegen, sonst kratze ich Ihnen die Augen +aus, und werfe Sie vom Dache hinab, wollen Sie aber eins mit uns singen, +so kann das <ins title="geschehen.">geschehen.“</ins> — Ich kannte den jungen, schwarz gekleideten +Mann als einen vortrefflichen Bassisten, und schlug daher vor, eine +Komposition zu singen, die ich zwar sonst nicht sehr liebe, die sich +aber zu der bevorstehenden Trennung von Miesmies sehr gut schickte. +— Wir sangen: Soll ich dich Teurer nicht mehr sehen! Kaum versicherte +ich aber mit dem Schwarzen, daß die Götter mich bewahren würden, als +eine gewaltige Ziegelscherbe zwischen uns durchfuhr, und eine +entsetzliche Stimme rief: wollen die verfluchten Katzen wohl die Mäuler +halten! — Wir stoben, von der Todesfurcht gehetzt, wild auseinander in +den Dachboden hinein. O der herzlosen Barbaren ohne Kunstgefühl, die +selbst unempfindlich bleiben bei den rührendsten Klagen der +unaussprechlichen Liebeswehmut, und nur Rache und Tod brüten und +Verderben! —</p> + +<p>Wie gesagt, das, was mich befreien sollte von meiner Liebesnot, +stürzte mich nur noch tiefer hinein. Miesmies war so musikalisch, daß +wir beide auf das anmutigste miteinander zu phantasieren vermochten. +Zuletzt sang sie meine eignen Melodien herrlich nach, darüber wollte ich +denn nun ganz und gar närrisch werden, und quälte mich <a class="pagenum" name="page_177">177</a>schrecklich ab in +meiner Liebespein, so daß ich ganz blaß, mager und elend wurde. +— Endlich, endlich, nachdem ich mich lange genug abgehärmt, fiel mir das +letzte, wiewohl verzweifelte Mittel ein, mich von meiner Liebe zu +heilen. — Ich beschloß, meiner Miesmies Herz und Pfote zu bieten. Sie +schlug ein, und sobald wir ein Paar worden, merkte ich auch alsbald, wie +meine Liebesschmerzen sich ganz und gar verloren. Mir schmeckte +Milchsuppe und Braten vortrefflich, ich gewann meine joviale Laune +wieder, mein Bart kam in Ordnung, mein Pelz erhielt wieder den alten +schönen Glanz, da ich nun die Toilette mehr beachtete als vorher, +wogegen meine Miesmies sich gar nicht mehr putzen mochte. Ich fertigte +demunerachtet, wie zuvor geschehen, noch einige Verse auf meine +Miesmies, die um so hübscher, um so wahrer empfunden wahren, als ich den +Ausdruck der schwärmerischen Zärtlichkeit so immer mehr und mehr +heraufschrob, bis er mir die höchste Spitze erreicht zu haben schien. +Ich dedizierte endlich der Guten noch ein dickes Buch, und hatte so auch +in literarisch-ästhetischer Hinsicht alles abgetan, was von einem +honetten treuverliebten Kater nur verlangt werden kann. Übrigens führten +wir, ich und meine Miesmies, auf der Strohmatte vor der Türe meines +Meisters, ein häuslich ruhiges, glückliches Leben. — Doch welches Glück +ist hienieden auch nur von einigem Bestand! — Ich bemerkte bald, daß +Miesmies oft in meiner Gegenwart zerstreut war, daß sie, wenn ich mit +ihr sprach, verwirrtes Zeug antwortete, daß ihr tiefe Seufzer entflohen, +daß sie nur schmachtende Liebeslieder singen mochte, ja daß sie zuletzt +ganz matt und krank tat. Fragte ich dann, was ihr fehle, so streichelte +sie mir zwar die Wangen und erwiderte: „Nichts, gar nichts, mein liebes, +gutes Papachen,“ aber das Ding war mir doch gar nicht recht. Oft +erwartete ich sie vergebens auf der Strohmatte, suchte sie vergebens im +Keller, auf dem Boden, und fand ich sie denn endlich und machte ihr +zärtliche Vorwürfe, so entschuldigte sie sich damit, daß ihre Gesundheit +weite Spaziergänge erfordere, und daß ein ärztlicher Kater sogar eine +Badereise angeraten. Das war mir wieder nicht recht. Sie mochte wohl +meinen versteckten Ärger gewahren, und ließ es sich angelegen sein, mich +mit Liebkosungen zu überhäufen, aber auch in diesen Liebkosungen lag so +etwas Sonderbares, ich weiß es nicht zu nennen, das mich erkältete, +statt mich zu erwärmen, und auch das war mir nicht recht. Ohne zu +vermuten, daß dies Betragen meiner Miesmies seinen besonderen Grund +haben könne, wurde ich nur inne, daß nach und nach auch das letzte +Fünkchen der Liebe zu <a class="pagenum" name="page_178">178</a>der Schönsten erlosch, und daß in ihrer Nähe mich +die tötendste Langeweile erfaßte. Ich ging daher meine Wege und sie die +ihrigen; kamen wir aber einmal zufällig auf der Strohmatte zusammen, so +machten wir uns die liebevollsten Vorwürfe, waren dann die zärtlichsten +Gatten, und besangen die friedliche Häuslichkeit, in der wir lebten.</p> + +<p>Es begab sich, daß mich einmal der schwarze Bassist in dem Zimmer meines +Meisters besuchte. Er sprach in abgebrochenen geheimnisvollen Worten, +fragte dann stürmisch, wie ich mit meiner Miesmies lebe — kurz, ich +merkte wohl, daß der Schwarze etwas auf dem Herzen hatte, das er mir +entdecken wollte. Endlich kam es denn auch zum Vorschein. Ein Jüngling, +der im Felde gedient, war zurückgekehrt, und lebte in der Nachbarschaft +von einer kleinen Pension, die ihm ein dort wohnender Speisewirt an +Fischgräten und Speisabgang ausgeworfen. Schön von Figur, herkulisch +gebaut, wozu noch kam, daß er eine reiche fremde Uniform trug, schwarz +grau und gelb, und wegen bewiesener Tapferkeit, als er mit wenigen +Kameraden einen ganzen Speicher von Mäusen reinigen wollen, das +Ehrenzeichen des gebrannten Specks auf der Brust trug, fiel er allen +Mädchen und Frauen in der Gegend auf. Alle Herzen schlugen ihm entgegen, +wenn er auftrat keck und kühn, den Kopf emporgehoben, feurige Blicke um +sich werfend. Der hatte sich, wie der Schwarze versicherte, in meine +Miesmies verliebt, sie war ihm ebenso mit Liebe entgegengekommen, und es +war nur zu gewiß, daß sie heimliche verliebte Zusammenkünfte hielten +allnächtlich hinter dem Schornstein oder im Keller.</p> + +<p>„Mich wundert, sprach der Schwarze, bester Freund! daß Sie bei Ihrer +sonstigen Sagazität das nicht längst bemerkt; aber liebende Gatten sind +oft blind, und es tut mir leid, daß Freundespflicht mir gebot, Ihnen die +Augen zu öffnen, da ich weiß, daß Sie in Ihre vortreffliche Gattin ganz +und gar vernarrt sind.“</p> + +<p>O Muzius, so hieß der Schwarze, rief ich, ob ich ein Narr bin, ob ich +sie liebe, die süße Verräterin! Ich bete sie an, mein ganzes Wesen +gehört ihr! — Nein, sie kann mir das nicht tun, die treue Seele! +— Muzius, schwarzer Verleumder, empfange den Lohn deiner Schandtat! — +Ich hob die gekrallte Pfote auf, Muzius blickte mich freundlich an und +sprach sehr ruhig: „ereifern Sie sich nicht, mein Guter, Sie teilen das +Los vieler vortrefflichen Leute, überall ist schnöder Wankelmut zu +Hause, und leider vorzüglich bei unserm Geschlecht.“ Ich ließ die +aufgehobene Pfote wieder sinken, sprang wie in voller Verzweiflung +<a class="pagenum" name="page_179">179</a>einigemal in die Höhe und schrie dann wütend: wär es möglich, wär es +möglich! — O Himmel — Erde! — was noch sonst? — nenn' ich die Hölle +mit! — Wer hat mir das getan, der schwarz grau gelbe Kater? — Und sie, +die süße Gattin, treu und hold sonst, sie konnte, <ins title="hölli'schen">höllischen</ins> Trugs voll, +<em class="gesperrt">den</em> verachten, der oft, an ihrem Busen eingewiegt, in süßen +Liebesträumen selig schwelgte? — O fließt, ihr Zähren, fließt der +Undankbaren! — Himmel tausend sapperment, das geht nicht an, den bunten +Kerl am Schornstein soll der Teufel holen!</p> + +<p>„Beruhigen Sie sich doch nur, sprach Muzius, Sie überlassen sich zu sehr +der Wut des jähen Schmerzes. Als Ihr wahrer Freund mag ich Sie jetzt +weiter nicht in Ihrer angenehmen Verzweiflung stören. Wollen Sie sich in +Ihrer Trostlosigkeit ermorden, so könnte ich Ihnen zwar mit einem +tüchtigen Rattenpulver aufwarten, ich will es aber nicht tun, da Sie +sonst ein lieber charmanter Kater sind und es jammerschade wäre um Ihr +junges Leben. Trösten Sie sich, lassen sie Miesmies laufen, es gibt der +anmutigen Katzen noch viele in der Welt. — Adieu, Bester!“ — Damit +sprang Muzius fort durch die geöffnete Türe.</p> + +<p>Sowie ich, still unter dem Ofen liegend, mehr nachsann über die +Entdeckungen, die mir der Kater Muzius gemacht, fühlte ich wohl etwas in +mir sich regen, wie heimliche Freude. Ich wußte nun, wie ich mit +Miesmies daran war, und die Quälerei mit dem ungewissen Wesen war am +Ende. Hatte ich aber anstandshalber erst die gehörige Verzweiflung +geäußert, so glaubte ich, daß derselbe Anstand es erfordere, dem +Schwarzgraugelben zu Leibe zu gehen. Ich belauschte zur Nachtzeit das +Liebespaar hinter dem Schornstein, und fuhr mit den Worten: „höllischer +bestialischer <ins title="Verräter">Verräter“</ins>, auf meinen Nebenbuhler grimmig los. Der aber, +an Stärke, wie ich leider zu spät bemerkte, mir weit überlegen, packte +mich, ohrfeigte mich gräßlich ab, daß ich mehreres Pelzwerk einbüßte, +und sprang dann schnell fort. Miesmies lag in Ohnmacht, als ich mich ihr +aber näherte, sprang sie ebenso behende wie ihr Liebhaber auf, und ihm +nach in den Dachboden hinein.</p> + +<p>Lendenlahm, mit blutigen Ohren, schlich ich hinab zu meinem Meister, und +verwünschte den Gedanken, meine Ehre konservieren zu wollen, hielt es +auch für gar keine Schande, die Miesmies dem Schwarzgraugelben ganz und +gar zu überlassen.</p> + +<p>Welch' ein feindliches Schicksal, dacht' ich, der himmlischromantischen +Liebe halber werde ich in die Gosse geworfen, und das häusliche Glück +verhilft mir zu nichts anderm, als zu gräßlichen Prügeln.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_180">180</a>Am andern Morgen erstaunte ich nicht wenig, als ich, aus dem Zimmer des +Meisters heraustretend, Miesmies auf der Strohmatte fand. „Guter Murr, +sprach sie sanft und ruhig, ich glaube zu fühlen, daß ich dich nicht +mehr so liebe, als sonst, welches mich sehr schmerzt.“</p> + +<p>O teure Miesmies, erwiderte ich zärtlich, es zerschneidet mir das Herz, +aber ich muß es gestehen, seit der Zeit, daß sich gewisse Dinge begeben, +bist du mir auch gleichgültig geworden.</p> + +<p>„Nimm es nicht übel, sprach Miesmies weiter, süßer Freund, aber es ist +mir so, als wärst du mir schon längst ganz unausstehlich gewesen.“</p> + +<p>Mächt'ger Himmel, rief ich begeistert, welche Sympathie der Seelen, mir +geht es so, wie dir.</p> + +<p>Nachdem wir auf diese Weise einig geworden, daß wir uns einander ganz +unausstehlich wären, und uns notwendigerweise trennen müßten auf ewig, +umpfoteten wir uns auf das zärtlichste, und weinten heiße Tränen der +Freude und des Entzückens! —</p> + +<p>Dann trennten wir uns, jeder war hinfort von der Vortrefflichkeit, von +der Seelengröße des andern überzeugt, und pries sie jedem an, der davon +hören mochte.</p> + +<p>Auch ich war in Arkadien, rief ich, und legte mich auf die schönen +Künste und Wissenschaften eifriger als jemals.</p> + +<p><em class="gesperrt">(Mak. Bl.)</em> — Euch, sprach Kreisler, ja ich sag' es Euch aus tiefer +Seele, diese Ruhe scheint mir bedrohlicher, als der wütendste Sturm<ins title=",">.</ins> Es +ist die dumpfe taube Schwüle vor dem zerstörenden Gewitter, in der sich +jetzt alles an dem Hofe bewegt, den Fürst Irenäus im Duodezformat mit +vergoldetem Schnitt, wie einen Almanach ans Tageslicht gebracht. +Vergebens steckt der gnädigste Herr unaufhörlich glänzende Feste auf, +wie Gewitterableiter, als zweiter Franklin, die Blitze werden doch +einschlagen, und vielleicht sein eignes Staatskleid versengen. — Es ist +wahr, Prinzessin Hedwiga gleicht jetzt in ihrem ganzen Wesen einer hell +und klar hinströmenden Melodie, statt daß sonst wilde unruhige Akkorde +durcheinander auffuhren aus ihrer wunden Brust, aber — Nun! und Hedwiga +schreitet jetzt in verklärtem freundlichem Stolz an dem Arm des wackern +Neapolitaner's daher, und Julia lächelt ihn an auf ihre holdselige +Weise, und läßt sich seine Galanterien gefallen, die der Prinz, ohne ein +Auge von der bestimmten Braut zu lassen, ihr so geschickt zuzuwenden +weiß, daß sie ein junges unerfahrenes Gemüt wie Ricochett-Schüsse +schärfer treffen müssen, als wenn das bedrohliche Geschütz geradezu +darauf gerichtet! — Und doch glaubte sich, wie mir die Benzon erzählt, +erst Hedwiga von dem <a class="pagenum" name="page_181">181</a><span class="antiqua">mostro turchino</span> erdrückt, und der sanften ruhigen +Julia, dem Himmelskinde, wurde der schmucke General <span class="antiqua">en chef</span> zum schnöden +Basilisk! — O ihr ahnenden Seelen, ihr hattet ja recht! — Teufel, hab +ich denn nicht in Baumgartens Welthistorie gelesen, daß die Schlange, +die uns um das Paradies gebracht, stolzierte in goldgleißendem +Schuppenwams? — Das fällt mir ein, wenn ich den goldverbrämten Hektor +sehe. — Hektor hieß übrigens sonst ein sehr würdiger Bullenbeißer, der +unbeschreibliche Liebe und Treue zu mir hegte. — Ich wollt' er wär' bei +mir, und ich könnt ihn dem fürstlichen Namensvetter in die Rockschöße +hetzen, wenn er sich so recht spreizt zwischen dem holden Schwesterpaar! +Oder sagt, Meister, da Ihr so manches Kunststück wisset, sagt mir, wie +ich es anfange, mich bei schicklicher Gelegenheit in eine Wespe zu +verwandeln, und den fürstlichen Hund dermaßen zu turbieren, daß er aus +seinem verfluchten Konzept kommt! —</p> + +<p>Ich habe Euch ausreden lassen, Kreisler, nahm Meister Abraham das Wort, +und frage Euch nun, ob Ihr mich ruhig anhören wollt, wenn ich Euch +gewisse Dinge entdecke, die Eure Ahnungen rechtfertigen?</p> + +<p>Bin ich denn nicht, erwiderte Kreisler, ein gesetzter Kapellmeister +— ich meine das nicht im philosophischen Sinn, daß ich mein Ich gesetzt +als Kapellmeister; sondern beziehe das bloß auf die geistige Fähigkeit, +in honetter Gesellschaft ruhig zu bleiben, wenn mich ein Floh sticht.</p> + +<p>Nun also, fuhr Meister Abraham fort, wisset, Kreisler, daß ein seltsamer +Zufall mir tiefe Blicke in des Prinzen Leben vergönnt hat. Ihr habt +recht, wenn Ihr ihn mit der Schlange im Paradiese vergleicht. Unter der +schönen Hülle — die werdet Ihr ihm nicht absprechen — liegt giftige +Verderbtheit, ich möchte lieber sagen, Verruchtheit, verborgen. — Er +führt Böses im Schilde — er hat, aus vielem was sich zugetragen weiß +ich's — er hat es abgesehen auf die holde Julia. —</p> + +<p>Hoho, schrie Kreisler, indem er im Zimmer umhersprang, blanker Vogel, +sind das deine süßen Lieder? — Wetter, Wetter, der Prinz ist ein +tüchtiger Kerl, er greift zu, mit beiden Krallen auf einmal, nach +gebotenen und verbotenen Früchten! — Holla, süßer Neapolitaner, Du +weißt nicht, daß Julien ein wackrer Kapellmeister, mit hinlänglicher +Musik im Leibe, zur Seite steht, der hält Dich, sowie Du Dich ihr +näherst, für einen verdammten Quartquinten-Akkord, der aufgelöst werden +muß. Und der Kapellmeister tut, was seines <a class="pagenum" name="page_182">182</a>Berufs ist, das heißt, er +löst Dich auf, indem er Dir eine Kugel durch das Gehirn jagt, oder Dir +gegenwärtigen Stockdegen durch den Leib rennt — Damit zog Kreisler +seine Stockklinge heraus, setzte sich in Fechterpositur, und fragte den +Meister, ob er Anstand genug besitze, einen fürstlichen Hund zu +durchspießen. „Seid doch nur ruhig, Kreisler, erwiderte Meister Abraham, +es bedarf solcher Heldentaten gar nicht, um dem Prinzen das Spiel zu +verderben. Es gibt andere Waffen für ihn, und die geb' ich Euch in die +Hand. Gestern war ich im Fischerhäuschen, der Prinz kam mit seinem +Adjutanten vorüber. Sie gewahrten mich nicht. Die Prinzessin ist schön, +sprach der Prinz, aber die kleine Benzon ist göttlich! Mein ganzes Blut +wallte siedend auf, als ich sie sah — ha, sie muß mein werden, noch ehe +ich der Prinzessin die Hand reiche. — Glaubst Du, daß sie unerbittlich +sein wird? — Welches Weib hat Euch widerstanden, gnädigster Herr, +erwiderte der Adjutant. — „Aber, beim Teufel, fuhr der Prinz fort, sie +scheint ein frommes Kind zu sein“ — und ein argloses, fiel ihm der +Adjutant lachend ins Wort, und die frommen arglosen Kindlein sind es ja +eben, die überrascht von dem Angriff des sieggewohnten Mannes duldend +unterliegen und dann alles für Gottes Fügung halten, wohl gar in +ungemeine Liebe geraten zu dem Sieger! — Das kann Euch auch so gehen, +gnädigster Herr! — „Das wäre toll genug, rief der Prinz. Aber könnte +ich sie nur allein sehen — wie das anfangen?“ — Nichts ist leichter +als das, erwiderte der Adjutant. Ich habe bemerkt, daß die Kleine oft +allein lustwandelt in diesem Park. Wenn nun — Jetzt verhallten die +Stimmen in der Ferne, ich konnte nichts mehr verstehen! — Wahrscheinlich +wird irgendein höllischer Plan schon heute ausgeführt, und der muß +vereitelt werden. Ich könnte das selbst tun, aber aus gewissen Ursachen +möchte ich mich zurzeit dem Prinzen nicht zeigen, daher müßt Ihr +Kreisler gleich fort nach Sieghartshof, und aufpassen, wenn Julia etwa +in der Dämmerung, wie sie zu tun pflegt, nach dem See lustwandelt, um +den zahmen Schwan zu füttern. Diesen Gang hat wahrscheinlich der +italienische Bösewicht erlauscht. — Doch empfangt die Waffe, Kreisler, +und die höchst nötige Instruktion, damit Ihr im Kampf gegen den +bedrohlichen Prinzen, als ein guter Feldherr Euch zeigen möget! —</p> + +<p>Der Biograph erschrickt abermals über das total Abrupte der +Nachrichten, aus denen er gegenwärtige Geschichte zusammenstoppeln muß. +— Wäre hier nicht schicklich einzurücken gewesen, welche Instruk<a class="pagenum" name="page_183">183</a>tion +Meister Abraham dem Kapellmeister erteilte, denn zeigt sich auch später +die Waffe selbst, so wird es Dir, geliebter Leser! doch unmöglich sein, +einzusehen, was es damit für eine Bewandtnis hat. Doch kein einziges +Wörtlein weiß der unglückliche Biograph zurzeit von jener Instruktion, +mittels der (so viel scheint gewiß) der wackre Kreisler in ein ganz +besonderes Geheimnis eingeweiht wurde. — Doch! gedulde Dich, günstiger +Leser, noch ein wenig, bemeldeter Biograph setzt seinen Schreibedaumen +zum Pfande, daß noch vor dem Schluß des Buches auch dieses Geheimnis an +den Tag kommen soll. — Es ist nun zu erzählen, daß, sowie die Sonne zu +sinken begann, Julia, ein Körbchen mit Weißbrot am Arm, singend durch +den Park wandelte, zum See, und sich mitten auf die Brücke unweit des +Fischerhäuschens stellte. Aber Kreisler lag im Hinterhalt des Gebüsches, +und hatte einen tüchtigen Dollond vor den Augen, mit dem er scharf +hinüberschaute durch die Sträucher, die ihn versteckten. Der Schwan +plätscherte heran, und Julie warf ihm Brocken hinab, die er begierig +wegnaschte. Julie fuhr fort im lauten Gesange, und so kam es, daß sie es +nicht gewahrte, wie Prinz Hektor schnell heraneilte. Als er plötzlich +bei ihr stand, fuhr sie zusammen wie im heftigen Schreck. Der Prinz +faßte ihre Hand, drückte sie an die Brust, an die Lippen und legte sich +dann dicht neben Julien über das Geländer der Brücke. Julia fütterte, +indem der Prinz eifrig sprach, den Schwan, in den See hinabschauend. +— „Schneide nicht solche infame süße Gesichter Potentat! merkst Du denn +nicht, daß ich dicht vor Dir auf dem Geländer sitze und Dich erklecklich +maulschellieren kann? — O Gott, warum färben sich Deine Wangen in immer +höherem Purpur, Du holdes Himmelskind? — Warum blickst Du jetzt den +Bösen so seltsam an? — Du lächelst? Ja es ist der glühende Gifthauch, +vor dem sich Deine Brust öffnen muß, wie vor dem sengenden Sonnenstrahl +sich die Knospe in den schönsten Blättern entfaltet, um desto jäher +hinzusterben!“ — So sprach Kreisler, das Paar beobachtend, das der gute +Dollond ihm dicht herangerückt. — Der Prinz warf jetzt auch Brocken +hinab, der Schwan verschmähte sie aber, und brach in ein lautes widriges +Geschrei aus. Nun schlang der Prinz den Arm um Julia, und warf so die +Brocken hinab, als sollte der Schwan glauben, daß es Julia sei, die ihn +fütterte. Dabei berührte seine Wange beinahe die Wange Julia's. — „Recht +so, sprach Kreisler, gnädigster Halunke, umkralle, würdiger Stoßvogel, +nur Deine Beute recht fest, hier liegt aber einer im Busch, der schon +auf Dich zielt, und sogleich <a class="pagenum" name="page_184">184</a>Dir Deinen glänzenden Fittich lahmschießen +wird, und es steht dann erbärmlich mit Dir und Deiner Freijagd!“</p> + +<p>Nun faßte der Prinz <ins title="Julia's">Julias</ins> Arm, und beide schritten dem Fischerhäuschen +zu. Dicht vor demselben trat aber Kreisler aus dem Gebüsch, schritt auf +das Paar zu und sprach, indem er sich vor dem Prinzen tief bückte: ein +herrlicher Abend, eine ungemein heitere Luft, ein erquickliches Aroma +darin Sie müssen sich gnädigster Herr hier befinden, wie in dem schönen +Neapolis. — „Wer sind Sie mein Herr?“ fuhr ihn der Prinz barsch an. +Doch in demselben Augenblick machte sich auch Julia los von seinem Arm, +trat freundlich auf Kreislern zu, reichte ihm die Hand und sprach: o wie +herrlich, lieber Kreisler, daß Sie wieder da sind. Wissen Sie wohl, daß +ich mich recht herzlich nach Ihnen gesehnt habe? — In der Tat, die +Mutter schilt, daß ich mich gebärde wie ein weinerliches ungezogenes +Kind, wenn Sie nur einen einzigen Tag ausbleiben. Ich könnte krank +werden vor Verdruß, wenn ich glaube, daß Sie mich, meinen Gesang aus der +Acht lassen. „Ha, rief der Prinz, giftige Blicke schießend, auf Julien, +auf Kreislern, ha, Sie sind Monsieur de Krösel. Der Fürst sprach sehr +günstig von Ihnen!“ Gesegnet, sprach Kreisler, indem sein ganzes Gesicht +in hundert Falten und Fältchen seltsam vibrierte, gesegnet sei der gute +Herr dafür, denn so wird es mir vielleicht gelingen, das zu erhalten, +warum ich Sie gnädigster Prinz anflehen wollte, nämlich Ihre angenehme +Protektion. — Ich habe die kühne Ahnung, daß Sie mir auf den ersten +Blick Ihr Wohlwollen zuwandten, da Sie im Vorübergehen aus höchst eigner +Bewegung, mich zum Hasenfuß zu kreieren geruhten, und da nun Hasenfüße +zu allem nur Ersinnlichen taugen so — „Sie sind, unterbrach ihn der +Prinz, ein spaßhafter Mann.“ — Ganz und gar nicht, fuhr Kreisler fort, +ich liebe zwar den Spaß, aber nur den schlechten, und der ist nun wieder +nicht spaßhaft. Gegenwärtig wollt' ich gern nach Neapel gehen, und beim +Molo einige gute Fischer- und Banditenlieder aufschreiben <span class="antiqua">ad usum +delphini.</span> Sie sind, bester Prinz, ein gütiger kunstliebender Herr, +sollten Sie mir vielleicht durch einige Empfehlungen. „Sie sind, +unterbrach ihn der Prinz auf's neue, Sie sind ein spaßhafter Mann, +Monsieur de Krösel, ich liebe das, ich liebe das in der Tat, aber jetzt +mag ich Sie in Ihrem Spaziergange nicht aufhalten — Adieu! — „Nein, +gnädigster Herr, rief Kreisler, ich kann die Gelegenheit nicht +vorüberlassen, ohne mich Ihnen in meinem vollsten Lüstre zu zeigen. Sie +wollten in das Fischerhäuschen treten, dort steht ein kleines +Pianoforte, Fräulein <a class="pagenum" name="page_185">185</a>Julia ist gewiß so gütig, mit mir ein Duett zu +singen!“ „Mit tausend Freuden, rief Julia und hing sich an <ins title="Kreisler's">Kreislers</ins> +Arm. Der Prinz biß die Zähne zusammen und schritt stolz voran. Im Gehen +flüsterte Julia Kreislern ins Ohr: Kreisler, welche seltsame Stimmung. O +Gott, erwiderte Kreisler ebenso leise, und Du liegst eingelullt in +betörenden Träumen, wenn die Schlange sich naht, Dich zu töten mit +giftigem Biß? — Julia blickte ihn an im tiefsten Erstaunen. Nur ein +einziges Mal, im Moment der höchsten musikalischen Begeisterung, hatte +Kreisler sie Du genannt. — Als das Duett geendet, brach der Prinz, der +schon während des Gesanges öfters <span class="antiqua">Brava, bravissima</span> gerufen, aus in +stürmischen Beifall. Er bedeckte Julia's Hände mit feurigen Küssen, er +schwor, daß kein Gesang jemals so sein ganzes Wesen durchdrungen, und +bat Julien, es zu verstatten, daß er einen Kuß auf die Himmels-Lippen +drücke, über die der Nektarstrom der Paradieseslaute geflossen.</p> + +<p>Julia wich scheu zurück. Kreisler trat vor den Prinzen hin und sprach: +„<ins title="da">Da</ins> Sie mir, Gnädigster! auch nicht ein Wörtlein des Lobes zuwenden +wollen, das ich als Komponist und wackerer Sänger ebensogut verdient zu +haben vermeine, als Fräulein Julia, so merke ich schon, daß ich mit +meinen schwachen musikalischen Kenntnissen nicht stark genug wirke. Aber +auch in der Malerei bin ich erfahren, und werde die Ehre haben, Ihnen +ein kleines Bildnis zu zeigen, das eine Person vorstellt, deren +merkwürdiges Leben und seltsames Ende mir so bekannt ist, daß ich alles +jedem erzählen kann, der es nur hören will.“ — „Überlästiger Mensch!“ +murmelte der Prinz. Kreisler zog ein Kästchen aus der Tasche, nahm ein +kleines Bildnis heraus, und hielt es dem Prinzen entgegen. Er blickte +hin, alles Blut schwand von dem Antlitz, seine Augen starrten, seine +Lippen bebten, zwischen den Zähnen murmelnd: <span class="antiqua">Maledetto!</span> stürzte er fort.</p> + +<p>„Was ist das? rief Julia zum Tode erschrocken, um aller Heiligen willen, +was ist das, Kreisler — sagen Sie mir alles!“</p> + +<p>„Tolles Zeug, erwiderte Kreisler, lustige Streiche, Teufelsbannerei! +Sehn Sie, teures Fräulein, wie der gütige Prinz mit den allerlängsten +Schritten, deren seine gnädigsten Beine mächtig, über die Brücke läuft! +— Gott! er verleugnet ganz seine süße idyllische Natur, er schaut nicht +einmal in den See, er verlangt nicht mehr, den Schwan zu füttern, der +liebe gute — Teufel!“</p> + +<p>„Kreisler, sprach Julia, Ihr Ton geht eiskalt durch mein Inneres, ich +ahne Unheil — was haben Sie mit dem Prinzen?“</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_186">186</a>Der Kapellmeister trat von dem Fenster weg, an dem er gestanden, schaute +tief bewegt Julia an, die vor ihm stand, die Hände gefaltet, als wolle +sie den guten Geist anflehen, daß er die Angst von ihr nehme, die ihr +Tränen aus den Augen preßte. „Nein, sprach Kreisler, kein feindlicher +Mißton soll den Wohllaut des Himmels verstören, der in Deinem Gemüt +wohnt, du frommes Kind! — In gleisnerischer Verkappung gehen die +Geister der Hölle durch die Welt, aber sie haben keine Macht über Dich, +und Du darfst sie nicht erkennen in ihrem schwarzen Tun und Treiben! +— Sein Sie ruhig, Julia! — lassen Sie mich schweigen, es ist nun alles +vorüber! —“</p> + +<p>In dem Augenblick trat die Benzon hinein in großer Bewegung. „Was ist +geschehen, rief sie, was ist geschehen? — Wie rasend stürzt der Prinz +dicht bei mir vorüber, ohne mich zu sehen. Dicht bei dem Schloß kommt +ihm der Adjutant entgegen, sie sprechen beide heftig miteinander, dann +gibt der Prinz, so glaubt' ich zu bemerken, dem Adjutanten irgendeinen +wichtigen Auftrag, denn indem der Prinz in das Schloß schreitet, stürzt +der Adjutant in größter Eil nach dem Pavillon, in dem er wohnt. — Der +Gärtner sagte mir, Du hättest mit dem Prinzen auf der Brücke gestanden, +da überfiel mich, selbst weiß ich nicht warum, die fürchterliche Ahnung +irgend etwas Entsetzlichen, das sich begeben — ich eilte her, sagt, was +ist geschehen?“ — Julia erzählte alles. „Geheimnisse?“ fragte die Benzon +scharf, indem sie einen durchbohrenden Blick auf Kreislern warf. „Beste +Rätin, antwortete Kreisler, es gibt Augenblicke — Lagen — Situationen +vielmehr, mein' ich, in denen der Mensch durchaus das Maul halten muß, +da er, sobald er es öffnet, nichts herausbringt, als konfuses Zeug, das +die vernünftigen Leute irritiert! —“ Dabei blieb es, unerachtet die +Benzon verletzt schien durch Kreisler's Schweigen.</p> + +<p>Der Kapellmeister begleitete die Rätin mit Julien bis an's Schloß, dann +begab er sich auf den Rückweg nach Sieghartsweiler. Sowie er in den +Laubgängen des Parkes verschwunden, trat der Adjutant des Prinzen aus +dem Pavillon und verfolgte denselben Weg, den Kreisler genommen. Bald +darauf fiel tief im Walde ein Schuß!</p> + +<p>In derselben Nacht verließ der Prinz Sieghartsweiler, er hatte sich bei +dem Fürsten schriftlich beurlaubt, und baldige Rückkehr versprochen. Als +am andern Morgen der Gärtner mit seinen Leuten den Park durchsuchte, +fand er Kreisler's Hut, an dem blutige Spuren befindlich. Er selbst war +und blieb verschwunden. — Man —</p> + + + +<h2><a name="Zweiter_Teil" id="Zweiter_Teil"></a>Zweiter Teil.</h2> + + +<h3><a class="pagenum" name="page_189">189</a><a name="Dritter_Abschnitt" id="Dritter_Abschnitt"></a>Dritter Abschnitt.</h3> + +<p class="section-caption">Die Lehrmonate. Launisches Spiel des Zufalls.</p> + + +<p><em class="gesperrt">(M. f. f.)</em> Sehnsucht, heißes Verlangen erfüllt die Brust, aber hat man +endlich das gewonnen, nach dem man rang mit tausend Not und Sorgen, so +erstarrt jenes Verlangen alsbald zur todkalten Gleichgültigkeit, und man +wirft das errungene Gut von sich, wie ein abgenutztes Spielzeug. Und +kaum ist dies geschehen, so folgt bittere Reue der raschen Tat, man +ringt aufs neue und das Leben eilt dahin in Verlangen und Abscheu. — So +ist einmal der Katz. — Richtig bezeichnet dieser Ausdruck mein +Geschlecht, zu dem sich auch der hochmütige Löwe zählt, den deshalb auch +der berühmte Hornvilla in Tiecks Oktavian einen großen Katz nennt. — Ja, +wiederhole ich, so und nicht anders ist einmal der Katz, und das +katzliche Herz ein gar wankelmütiges Ding.</p> + +<p>Des ehrlichen Biographen erste Pflicht ist, aufrichtig zu sein, und sich +beileibe nicht selbst zu schonen. Ganz aufrichtig, Pfote aufs Herz, will +ich daher gestehen, daß trotz des unsäglichen Eifers, mit dem ich mich +auf die Künste und Wissenschaften legte, doch oft der Gedanke an die +schöne Miesmies plötzlich in mir aufstieg und mein Studium unterbrach +ganz und gar.</p> + +<p>Es war mir, als hätte ich sie nicht lassen sollen, als hätte ich ein +treuliebendes Herz verschmäht, das nur von einem falschen Wahn +augenblicklich verblendet. Ach! oft, wenn ich mich an dem großen +Pythagoras erlaben wollte, (ich studierte zu der Zeit viel Mathematik) +verschob plötzlich ein zartes, schwarzbestrumpftes Pfötchen alle +Katheten und Hypotenusen, und vor mir stand sie selbst, die holde +Miesmies, ihr kleines, allerliebstes Samtkäppchen auf dem Haupt, und aus +dem anmutigen Grasgrün der schönsten Augen traf mich der funkelnde Blitz +des zärtlichsten Vorwurfs. — Welche niedliche Seitensprünge, welches +holdselige Wirbeln und Schlängeln des Schweifs. — Umpfoten wollt' ich +sie mit Entzücken neu entflammter Liebe, doch verschwunden war die +neckende Truggestalt. —</p> + +<p>Nicht fehlen konnt' es, daß dergleichen Träumereien aus dem Arkadien +der Liebe mich in eine gewisse Schwermut versenkten, die der gewählten +Laufbahn als Dichter und Gelehrter schädlich werden mußte, zumal sie +bald in eine Trägheit ausartete, der ich nicht zu widerstehen vermochte. +Mit Gewalt wollte ich mich herausreißen aus diesem verdrießlichen +Zustande, einen raschen Entschluß fassen, <a class="pagenum" name="page_190">190</a>Miesmies wieder aufzusuchen. +Doch, hatte ich schon die Pfote auf die erste Treppenstufe gesetzt, um +hinaufzusteigen in die obern Regionen, wo ich die Holde zu finden hoffen +durfte, so wandelte mich Scham und Scheu an, und ich zog die Pfote +wieder zurück, und begab mich traurig unter den Ofen.</p> + +<p>Dieser psychischen Bedrängnisse unerachtet, erfreute ich mich indessen +doch eines außerordentlichen körperlichen Wohlseins, ich nahm merklich +zu, wo nicht in Wissenschaften, so doch in der Stärke meines Leibes, und +bemerkte, wenn ich mich im Spiegel anschaute, mit Vergnügen, daß mein +rundbackiges Antlitz nächst der jugendlichen Frische etwas +Ehrfurchtgebietendes zu erhalten begann.</p> + +<p>Selbst der Meister gewahrte meine veränderte Stimmung. Es ist wahr, +sonst knurrte ich und machte lustige Sprünge, wenn er mir schmackhafte +Speisung reichte; sonst wälzte ich mich zu seinen Füßen, kabolzte und +sprang auch wohl auf seinen Schoß, wenn er, nachdem er morgens +aufgestanden, mir zurief: Guten Morgen Murr! — Jetzt unterließ ich das +alles und begnügte mich mit einem freundlichen Miau! und jener anmutig +stolzen Erhebung des Rückens, die dem geneigten Leser unter dem Namen +‚Katzenbuckel‘ bekannt sein wird. Ja, ich verachtete jetzt sogar das mir +sonst so liebe Vogelspiel. — Es möchte für junge Gymnastiker oder Turner +meines Geschlechts lehrreich sein zu sagen, worin dieses Spiel bestand. +— Mein Meister band nämlich eine oder ein paar Schreibfedern an einen +langen Faden, und ließ sie schnell in der Luft auf und absteigen, +ordentlich fliegen. Im Winkel lauernd und die richtigen Tempos +wahrnehmend, sprang ich nun so lange nach den Federn, bis ich sie +erwischte und wacker zerzauste. Dies Spiel riß mich oft ganz hin, ich +hielt die Federn wirklich für einen Vogel, ich geriet in Feuer und +Flammen, so daß Geist und Körper zugleich in Anspruch genommen, sich +bildeten und stärkten. — Ja selbst dies Spiel verachtete ich jetzt, und +blieb ruhig auf meinem Kissen liegen, der Meister mochte seine Federn +fliegen lassen, soviel er wollte. „Kater, sprach der Meister eines Tages +zu mir, als ich, wenn die Feder, an meine Nase streifend selbst auf mein +Kissen flog, kaum blinzelnd die Pfote darnach ausstreckte, Kater, du +bist gar nicht mehr wie sonst, du wirst mit jedem Tage träger und +fauler. Ich glaube, du frissest, du schläfst zu viel.</p> + +<p>Ein Lichtstrahl fiel bei diesen Worten des Meisters in meine Seele! +— Nur dem Andenken an Miesmies, an das verscherzte Paradies der Liebe, +hatte ich meine träge Traurigkeit zugeschrieben, nun erst ge<a class="pagenum" name="page_191">191</a>wahrte ich +aber, wie das irdische Leben mich mit meinen aufwärts strebenden Studien +entzweit, und seine Ansprüche geltend gemacht hatte. Es gibt Dinge in +der Natur, die es deutlich erkennen lassen, wie die gefesselte Psyche +dem Tyrannen, Körper genannt, ihre Freiheit hinopfern muß. Zu diesen +Dingen rechne ich nun ganz vorzüglich den wohlschmeckenden Brei von +Mehl, süßer Milch und Butter, sowie ein breites, mit Roßhaaren +wohlgepolstertes Kissen. Jenen süßen Brei wußte die Aufwärterin des +Meisters gar herrlich zu bereiten, so daß ich jeden Morgen zum Frühstück +zwei tüchtige Teller voll mit dem größten Appetit verzehrte. Hatte ich +aber dermaßen gefrühstückt, dann wollten mir die Wissenschaften gar +nicht mehr munden, sie kamen mir vor, wie trockene Speise, und nichts +half es auch, wenn ich davon ablassend mich rasch in die Poesie warf. +Die hochgepriesensten Werke der neuesten Autoren, die gerühmtesten +Trauerspiele hochgefeierter Dichter, konnten meinen Geist nicht +festhalten, ich geriet in ein ausschweifendes Gedankenspiel, +unwillkürlich trat die kunstfertige Aufwärterin des Meisters in Konflikt +mit dem Autor, und es wollte mir gemuten, als verstehe jene sich viel +besser auf die gehörige Gradation und Mischung der Fettigkeit, Süße und +Stärke als dieser. — Unglückliche, träumerische Verwechselung des +geistigen und leiblichen Genusses! — Ja, träumerisch kann ich sie +nennen, diese Verwechslung, denn Träume stiegen auf, und ließen mich +jenes zweite gefährliche Ding, das breite mit Roßhaaren gepolsterte +Kissen suchen, um sanft darauf zu entschlummern. Dann erschien mir das +süße Bild der holden Miesmies! — Himmel, so stand wohl alles im +Zusammenhange, Milchbrei, Verachtung der Wissenschaften, Melancholie, +Polster, unpoetische Natur, Liebesandenken! — Der Meister hatte recht, +ich fraß, ich schlief zu viel! — Mit welchem stoischen Ernst nahm ich +mir vor, mäßiger zu sein, aber schwach ist des Katers Natur, die besten, +herrlichsten Entschlüsse scheiterten an dem süßen Geruch des +Milchbreies, an dem einladend aufgeschwellten Polster. — Eines Tages +hört' ich den Meister, da er zum Zimmer herausgetreten, auf dem Flur zu +jemanden sagen: Mag es sein, meinetwegen, vielleicht heitert ihn +Gesellschaft auf. Aber macht ihr mir dumme Streiche, springt ihr mir auf +die Tische, schmeißt ihr mir das Tintenfaß um, oder sonst was herab, so +werf ich euch alle beide zum Tempel hinaus. Darauf öffnete der Meister +die Türe ein wenig und ließ jemanden herein. Dieser Jemand war aber kein +anderer, als Freund Muzius. Beinahe hätte ich ihn nicht wieder erkannt. +Seine Haare, sonst glatt und <a class="pagenum" name="page_192">192</a>glänzend, waren struppig und unscheinbar, +die Augen lagen ihm tief im Kopf und sein, sonst zwar etwas rauhes, aber +doch ganz leidliches Wesen, hatte etwas Übermütiges, Brutales +angenommen. „Na, prustete er mich an, na, findet man euch einmal! Muß +man euch aufsuchen hinter euerm verfluchten Ofen? — „Doch mit Verlaub!“ +— Er trat an den Teller und verzehrte die Backfische, die ich mir +aufgespart hatte zum Abendbrot. „Sagt, sprach er dazwischen, sagt mir +nur in's Teufels Namen, wo ihr steckt, warum ihr auf kein Dach mehr +kommt, euch nirgends mehr sehen laßt, wo es munter hergeht?“</p> + +<p>Ich erklärte, daß, nachdem ich die Liebe zur holden Miesmies aufgegeben, +mich die Wissenschaften ganz und gar beschäftigt hätten, weshalb denn an +Spaziergänge nicht zu denken gewesen wäre. Nicht im mindesten sehne ich +mich nach Gesellschaft, da ich bei dem Meister alles hätte, was mein +Herz nur wünschen könne, Milchbrei, Fleisch, Fische, ein weiches Lager +usw. Ein ruhiges, sorgenfreies Leben, das sei für einen Kater von meinen +Neigungen und Anlagen das ersprießlichste Gut, und um so mehr müßt' ich +fürchten, daß dies, ginge ich aus, verstört werden könne, da, wie ich +leider wahrgenommen, meine Inklination zur kleinen Miesmies noch nicht +ganz erloschen, und ihr Wiedersehen mich leicht zu Übereilungen +hinreißen dürfe, die ich nachher vielleicht sehr schwer zu bereuen haben +würde.</p> + +<p>„Ihr könnt mir nachher noch einen Backfisch aufwichsen!“ So sprach +Muzius, putzte sich mit gekrümmter Pfote nur ganz obenhin Maul, Bart und +Ohren und nahm Platz dicht neben mir auf dem Polster.</p> + +<p>„Rechnet, begann Muzius, nachdem er zum Zeichen seiner Zufriedenheit +ein paar Sekunden gesponnen, mit sanfter Stimme und Gebärde, rechnet es +euch, mein guter Bruder Murr, für ein Glück an, daß ich auf den Einfall +geriet, euch zu besuchen in eurer Klause, und daß der Meister mich zu +euch ließ ohne Widerrede! Ihr seid in der größten Gefahr, in die ein +tüchtiger, junger Kerl von Kater, der Grütz' im Kopfe hat, und Stärke in +den Gliedern, nur geraten kann. Das heißt: ihr seid in der Gefahr, ein +arger, abscheulicher Philister zu werden. Ihr sagt, daß ihr den +Wissenschaften zu strenge obliegt, um Zeit übrig zu behalten, euch +umzusehen unter Katern. Verzeiht Bruder, das ist nicht wahr, ihr seht, +rund, gemästet, spiegelglatt, wie ich euch finde, gar nicht aus, wie ein +Bücherwurm, wie ein Lukubrant. Glaubt mir, das verfluchte bequeme Leben +ist es, was euch faul und träge macht. Ganz anders würde euch zu Mute +sein, wenn ihr euch wie <a class="pagenum" name="page_193">193</a>unsereins abstrapazieren müßtet, bis ihr einmal +ein paar Fischgräten erwischtet, oder ein Vögelein finget.“ —</p> + +<p>Ich dachte, unterbrach ich den Freund, daß Ihre Lage gut und glücklich +zu nennen, Sie waren ja sonst —</p> + +<p>„Davon, fuhr mich Muzius zornig an, ein andermal, aber nennt mich nicht +<em class="gesperrt">Sie,</em> das verbitt' ich mir, sondern <em class="gesperrt">Ihr,</em> bis wir Schmolles getrunken +haben. — Doch Ihr seid ein Philister und versteht Euch nicht auf den +Komment.“</p> + +<p>Nachdem ich mich bei dem erzürnten Freunde zu entschuldigen gesucht, +fuhr er sanfter fort: Also wie gesagt, Eure Lebensart taugt nichts, +Bruder Murr. Ihr müßt heraus, Ihr müßt heraus in die Welt. —</p> + +<p>Himmel! rief ich voll Schreck, was sprecht Ihr, Bruder Muzius! in die +Welt soll ich? — Habt Ihr vergessen, was ich Euch vor einigen Monaten +im Keller davon erzählte, wie ich einst hinaussprang aus einem +englischen Halbwagen in die Welt? Welche Gefahren mir von allen Seiten +drohten? wie mich endlich der gute Ponto rettete und zurückbrachte zu +meinem Meister? Muzius lachte hämisch. — Ja, sprach er dann, ja, das +ist es eben, darin liegt es eben, der gute Ponto! — Der stutzerische, +superkluge, narrenhafte, stolze Heuchler, der sich eurer annahm, weil er +gerade nichts Besseres zu tun wußte, weil es ihn gerade belustigte, der, +suchtet Ihr ihn auf in seinen Assembleen und Koterien, Euch gar nicht +wiederkennen, ja Euch, weil Ihr nicht seinesgleichen seid, herausbeißen +würde! der gute Ponto, der statt Euch einzuführen in das wahre +Weltleben, Euch unterhielt mit albernen, menschlichen Geschichten! +— Nein, guter Murr, jenes Ereignis hat Euch eine ganz andere Welt +gezeigt, als die ist, in welche Ihr hineingehört! Glaubt mir auf's Wort, +all Euer einsames Studieren hilft Euch ganz und gar nichts, und ist Euch +vielmehr noch schädlich. Denn Ihr bleibt dennoch ein Philister, und es +gibt auf der ganzen weiten Erde nichts langweiligeres und +abgeschmackteres als einen gelehrten Philister!</p> + +<p>Aufrichtig gestand ich dem Freunde Muzius, daß ich den Ausdruck +Philister, sowie seine eigentliche Meinung nicht ganz fasse. „O mein +Bruder, erwiderte Muzius, indem er anmutig lächelte, so daß er in dem +Augenblick sehr hübsch aussah, und wieder ganz der alte propre Muzius +schien, o mein Bruder Murr, ganz vergeblich würde der Versuch sein, Euch +dieses alles zu erklären, denn nimmermehr könnt Ihr begreifen, was ein +Philister ist, solange Ihr selber einer seid. Wollt <a class="pagenum" name="page_194">194</a>Ihr indessen zur +Zeit mit einigen Grundzügen eines Katzphilisters vorlieb nehmen, so kann — +</p> + +<p><em class="gesperrt">(Mak. Bl.)</em> — — gar seltsames Schauspiel. In der Mitte des Zimmers +stand Prinzessin Hedwiga; ihr Antlitz war leichenblaß, todstarr ihr +Blick. Prinz Ignatius trieb sein Spiel mit ihr, wie mit einer +Gliederpuppe. Er hob ihr den Arm in die Höhe, der stehen blieb, und +sank, wenn er ihn niederbeugte. Er stieß sie sanft vorwärts, sie ging, +er ließ sie stehen, sie stand, er setzte sie in den Sessel, sie saß. So +vertieft war der Prinz in dies Spiel, daß er die Eintretenden gar nicht +bemerkte.</p> + +<p>„Was machen Sie da, Prinz!“ — So rief ihm die Fürstin zu, da +versicherte er kichernd und fröhlich sich die Hände reibend, daß +Schwester Hedwiga jetzt gut und artig geworden und alles tue, was er +wünsche, auch ihm gar nicht so widerspreche und ihn ausschelte, wie +sonst. — Und damit begann er auf's neue, indem er militärisch +kommandierte, die Prinzessin in allerlei Stellungen zu bringen, und +jedesmal, wenn sie wie festgezaubert in der Stellung blieb, die er ihr +gegeben, lachte er laut und sprang vor Freuden in die Höhe. „Das ist +nicht zu ertragen, sprach die Fürstin leise mit zitternder Stimme, indem +Tränen ihr in den Augen glänzten, doch der Leibarzt trat auf den Prinzen +zu, und rief mit strengem, gebietendem Ton: lassen Sie das bleiben, +gnädigster Herr! Dann nahm er die Prinzessin in die Arme, ließ sie sanft +nieder auf die Ottomane, die im Zimmer befindlich, und zog die Vorhänge +zu. „Es ist, wandte er sich dann zur Fürstin, zur Zeit der Prinzessin +nichts nötiger, als die unbedingteste Ruhe, ich bitte, daß der Prinz das +Zimmer verlasse.</p> + +<p>Prinz Ignatius stellte sich sehr ungebärdig an, und klagte schluchzend, +daß jetzt allerlei Leute, die gar keine Prinzen wären, und nicht einmal +vom Adel, sich unterfingen, ihm zu widersprechen. Er wolle nun bei der +Prinzessin Schwester bleiben, die ihm lieber geworden sei als seine +schönsten Tassen, und der Herr Leibarzt habe ihm gar nichts zu befehlen.</p> + +<p>„Gehen Sie in Ihre Zimmer, lieber Prinz, sprach die Fürstin sanft, die +Prinzessin muß jetzt schlafen, und nach der Tafel kommt Fräulein Julia.</p> + +<p>„Fräulein Julia! rief der Prinz, indem er kindisch lachte und hüpfte, +Fräulein Julia! — Ha, das ist schön, der zeige ich die neuen +Kupferstiche und wie ich abgebildet bin in der Geschichte vom +Wasserkönig als Prinz Lachs mit dem großen Orden! — damit küßte er <a class="pagenum" name="page_195">195</a>der +Fürstin zeremoniös die Hand und reichte die seinige mit stolzem Blick +dar, dem Leibarzt zum Kuß. Der faßte aber die Hand des Prinzen und +führte ihn zur Türe, die er öffnete, sich höflich verneigend. Der Prinz +ließ es sich gefallen, auf diese Art hinausgewiesen zu werden.</p> + +<p>Die Fürstin sank, ganz Schmerz und Erschöpfung, nieder in den Lehnstuhl, +stützte den Kopf in die Hand und sprach mit dem Ausdruck des tiefsten +Weh's leise vor sich hin: Welche Todsünde lastet auf mir, daß mich der +Himmel so hart straft. — Dieser Sohn zu ewiger Unmündigkeit verdammt +— und nun — Hedwiga — meine Hedwiga! — Die Fürstin verfiel in trübes, +düstres Nachdenken.</p> + +<p>Der Leibarzt hatte indessen mit Mühe der Prinzessin ein paar Tropfen +irgend einer heilsamen Arzenei eingeflößt und die Kammerfrauen +herbeigerufen, die die Prinzessin, deren automatischer Zustand sich +nicht im mindesten änderte, fortbrachten in ihre Zimmer, nachdem sie von +dem Leibarzt die Weisung erhalten, bei dem kleinsten Zufall, den die +Prinzessin erleiden könne, ihn sogleich herbeizurufen.</p> + +<p>Gnädigste Frau, wandte sich der Leibarzt zur Fürstin, so höchst seltsam, +so höchst besorglich auch der Zustand der Prinzessin scheinen mag, so +glaube ich doch mit Gewißheit versichern zu können, daß er bald aufhören +wird, ohne die mindesten gefährlichen Folgen zu hinterlassen. Die +Prinzessin leidet an jener ganz besondern wunderbaren Art des +Starrkrampfs, die in der ärztlichen Praxis so selten vorkommt, daß +mancher hochberühmte Arzt niemals in seinem Leben Gelegenheit fand, +dieselbe zu beobachten. Ich muß mich daher in der Tat glücklich schätzen +— Der Leibarzt stockte —</p> + +<p>Ha, sprach die Fürstin mit bitterm Ton, daran erkenne ich den +praktischen Arzt, der grenzenloses Leiden nicht achtet, wenn er nur +seine Kenntnis bereichert.</p> + +<p>Noch vor ganz kurzer Zeit, fuhr der Leibarzt fort, ohne den Vorwurf der +Fürstin zu beachten, fand ich in einem wissenschaftlichen Buche das +Beispiel eines Zufalls, der ganz dem gleich ist, in den die Prinzessin +verfallen. Eine Dame (so erzählt mein Autor) kam von Vesoul nach +Besançon um einen Rechtshandel zu betreiben. Die Wichtigkeit der Sache, +der Gedanke, daß der Verlust des Prozesses die letzte, höchste Stufe der +empfindlichsten Widerwärtigkeiten, die sie erduldet, sei, und sie in Not +und Elend stürzen mußte, erfüllte sie mit der lebhaftesten Unruhe, die +bis zu einer Exaltation ihres ganzen Gemüts stieg. Sie brachte die +Nächte schlaflos zu, aß wenig, man <a class="pagenum" name="page_196">196</a>sah sie in der Kirche auf +ungewöhnliche Weise niederfallen und beten, genug, auf verschiedene Art +tat sich der abnorme Zustand kund. Endlich aber an demselben Tage, da +ihr Prozeß entschieden werden sollte, traf sie ein Zufall, den die +anwesenden Personen für einen Schlagfluß hielten. Die herbeigerufenen +Ärzte fanden die Dame in einem Lehnstuhle unbeweglich mit gen Himmel +gerichteten, funkelnden Augen, offenen und unbeweglichen Augenlidern, +mit erhobenen Armen und <ins title="gefaltenen">gefalteten</ins> Händen. Ihr vorher trauriges, +bleiches Gesicht war blühender, heiterer, angenehmer als sonst, ihr +Atemzug ungehindert und gleich, der Puls weich, langsam, ziemlich voll, +beinahe wie bei einer ruhig schlafenden Person. Ihre Glieder waren +biegsam, leicht, und ließen ohne den geringsten Widerstand sich in alle +Stellungen bringen. Aber darin äußerte sich die Krankheit und die +Unmöglichkeit irgendeiner Täuschung, daß die Glieder von selbst nicht +aus der Stellung kamen, in die sie versetzt worden. Man drückte ihr Kinn +abwärts — der Mund öffnete sich und blieb offen. Man hob einen Arm, +nachher den andern auf, sie fielen nicht abwärts, man bog sie ihr nach +dem Rücken hin, streckte sie hoch in die Höhe, so daß es jedem unmöglich +gewesen sein würde, sich lange in dieser Stellung zu behaupten, und doch +geschah es. Man mochte den Körper so sehr herabbeugen, als man wollte, +immer blieb er in dem vollkommensten Gleichgewicht. Sie schien gänzlich +ohne Empfindung, man rüttelte, kneipte, quälte sie, stellte ihr die Füße +auf ein heißes Kohlenbecken, schrie ihr in die Ohren, sie werde ihren +Prozeß gewinnen, alles umsonst, sie gab kein Zeichen des willkürlichen +Lebens von sich. Nach und nach kam sie zu sich selbst, doch führte sie +unzusammenhängende Reden. — Endlich —</p> + +<p>Fahren Sie fort, sprach die Fürstin, als der Leibarzt innehielt, fahren +Sie fort, verschweigen Sie mir nichts und sei es das Entsetzlichste! +— Nicht wahr? — in Wahnsinn verfiel die Dame!</p> + +<p>Es genügt, sprach der Leibarzt weiter, hinzuzufügen, daß ein sehr böser +Zustand der Dame nur vier Tage hindurch anhielt, daß sie in Vesoul, +wohin sie zurückkehrte, völlig genas und nicht die mindesten schlimmen +Folgen ihrer harten ungewöhnlichen Krankheit verspürte. —</p> + +<p>Während die Fürstin aufs neue in trübes Nachdenken versank, verbreitete +sich der Leibarzt weitläufig über die ärztlichen Mittel, die er +anzuwenden gedenke, um der Prinzessin zu helfen und verlor sich zuletzt +in solche wissenschaftlichen Demonstrationen, als spräche er in einer +ärztlichen Beratung zu den tief gelehrtesten Doktoren.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_197">197</a>Was, unterbrach endlich die Fürstin den wortreichen Leibarzt, was helfen +alle Mittel, die die spekulierende Wissenschaft darbietet, wenn das +Heil, das Wohl des Geistes gefährdet.</p> + +<p>Der Leibarzt schwieg einige Augenblicke, dann fuhr er fort: Gnädigste +Frau, das Beispiel von der wunderbaren Starrsucht jener Dame in Besançon +zeigt, daß der Grund ihrer Krankheit in einer psychischen Ursache lag. +Man fing, als sie zu einiger Besinnung gekommen, ihre Kur damit an, daß +man ihr Mut einsprach und ihr den bösen Prozeß als gewonnen darstellte. +— Einig sind auch die erfahrensten Ärzte darüber, daß eben irgendeine +plötzliche starke Gemütsbewegung jenen Zustand am ersten hervorbringt. +Prinzessin Hedwiga ist reizbar bis zum höchsten ungewöhnlichen Grade, ja +ich möchte den Organismus ihres Nervensystems manchmal schon an und für +sich selbst abnorm nennen. Gewiß scheint es, daß irgend eine heftige +Erschütterung des Gemüts auch ihren Krankheitszustand erzeugte. Man muß +die Ursache zu erforschen suchen, um psychisch mit Erfolg auf sie wirken +zu können! — Die schnelle Abreise des Prinzen Hektor. — Nun, gnädigste +Frau, die Mutter dürfte vielleicht tiefer schauen als jeder Arzt, und +diesem die besten Mittel an die Hand geben können zur heilsamen Kur.</p> + +<p>Die Fürstin erhob sich und sprach stolz und kalt: Selbst die Bürgerfrau +bewahrt gern die Geheimnisse des weiblichen Herzens, das Fürstenhaus +erschließt sein Inneres nur der Kirche und ihren Dienern, zu denen der +Arzt sich nicht zählen darf.</p> + +<p>Wie, rief der Leibarzt lebhaft, wer vermag das leibliche Wohl so scharf +zu trennen von dem geistigen? Der Arzt ist der zweite Beichtvater, in +die Tiefe des psychischen Seins müssen ihm Blicke vergönnt werden, wenn +er nicht jeden Augenblick Gefahr laufen will zu fehlen. Denken Sie an +die Geschichte jenes kranken Prinzen gnädigste Frau —</p> + +<p>Genug! unterbrach die Fürstin den Arzt beinahe mit Unwillen, genug! +— Nie werde ich mich bewegen lassen eine Unschicklichkeit zu begehen; +ebensowenig als ich glauben kann, daß irgendeine Unschicklichkeit auch +nur in Gedanke und Empfindung die Krankheit der Prinzessin veranlaßt +haben kann.</p> + +<p>Damit entfernte sich die Fürstin und ließ den Leibarzt stehen.</p> + +<p>Wunderliche Frau, sprach dieser zu sich selbst, diese Fürstin! Gern +möchte sie andere ja sich selbst überreden, daß der Kitt, womit die +Natur Seele und Körper zusammenleimt, wenn es darauf ankommt etwas +Fürstliches zu bilden, von ganz besonderer Art sei, und keines<a class="pagenum" name="page_198">198</a>wegs dem +zu vergleichen, den sie bei uns armen Erdensöhnen bürgerlicher Abkunft +verbraucht. — Man soll gar nicht daran denken, daß die Prinzessin ein +Herz hat, so wie jener höfische Spanier, der das Geschenk von seidnen +Strümpfen, das gute niederländische Bürger seiner Fürstin machen +wollten, deshalb verschmähte, weil es unschicklich sei daran zu +erinnern, daß eine spanische Königin wirklich Füße habe wie andere +ehrliche Leute! — Und doch: zu wetten ist es, daß in dem Herzen, dem +Laboratorio alles weiblichen Weh's, die Ursache des fürchterlichsten +aller Nervenübel zu suchen ist, das die Prinzessin befallen. —</p> + +<p>Der Leibarzt dachte an Prinz Hektor's schnelle Abreise, an der +Prinzessin übermäßige krankhafte Reizbarkeit, an die leidenschaftliche +Art, wie sie sich (so hatte er es vernommen) gegen den Prinzen betragen +haben sollte, und so schien es ihm gewiß, daß irgendein plötzlicher +Liebeszwist die Prinzessin bis zu jäher Krankheit verletzt. — Man wird +sehen, ob des Leibarztes Vermutungen Grund hatten oder nicht. Was die +Fürstin betrifft, so mochte sie Ähnliches vermuten und eben deshalb alle +Nachfrage, alles Forschen des Arztes für unschicklich halten, da der Hof +überhaupt jedes tiefere Gefühl als unstatthaft verwirft und gemein. +— Die Fürstin hatte sonst Gemüt und Herz, aber das seltsam halb +lächerliche, halb widrige Ungeheuer, Etikette genannt, hatte sich auf +ihre Brust gelegt wie ein bedrohlicher Alp, und keine Seufzer, kein +Zeichen des innern Lebens sollte mehr hinaufsteigen aus dem Herzen. +Gelingen mußt' es ihr daher selbst Szenen der Art, wie sie sich eben mit +dem Prinz und der Prinzessin begeben, zu verwinden und den stolz +abweisen, der nichts wollte als helfen.</p> + +<p>Während sich dies im Schlosse begab, ereignete sich auch im Park +manches, was hier beizubringen ist.</p> + +<p>In dem Gebüsch links bei dem Eingange stand der dicke Hofmarschall, zog +ein kleines goldenes Döschen aus der Tasche, wischte, nachdem er eine +Prise Tabak genommen, mit dem Rockärmel einigemal darüber weg, reichte +es dem Leibkammerdiener des Fürsten hin und sprach also: Schätzenswerter +Freund, ich weiß, Sie lieben dergleichen artige Pretiosen, nehmen Sie +gegenwärtiges Döschen als ein geringes Zeichen meines gnädigen +Wohlwollens an, auf das Sie stets rechnen können. — Doch sagen Sie, +Liebster! wie kam das mit dem seltsamen ungewöhnlichen Spaziergange?</p> + +<p>Mich untertänigst zu bedanken! erwiderte der Leibkammerdiener indem er +die goldne Dose einsteckte. Dann räusperte er sich und fuhr <a class="pagenum" name="page_199">199</a>fort: +Versichern kann ich, hochgebietende Exzellenz, daß unser gnädigster Herr +sehr alarmiert sind, seit dem Augenblick, als der gnädigsten Prinzessin +Hedwiga, man weiß nicht wie, die fünf Sinne abhanden gekommen. Heute +standen sie am Fenster ganz hoch aufgerichtet wohl eine halbe Stunde und +trommelten mit den gnädigsten Fingern der rechten Hand schrecklich auf +die Spiegelscheibe, daß es klirrte und krachte. Aber lauter hübsche +Märsche von anmutiger Melodie und frischem Wesen, wie mein seliger +Schwager der Hoftrompeter zu sagen pflegte. — Exzellenz wissen, mein +seliger Schwager der Hoftrompeter war ein geschickter Mann, er brachte +sein Flattergrob heraus wie ein Däuschen, seine Grobstimme, seine +Faulstimme klang wie Nachtigallschlag, und was das Prinzipalblasen +betrifft. — Alles weiß ich, unterbrach der Hofmarschall den Schwätzer, +mein Bester! Ihr seliger Herr Schwager war ein vortrefflicher +Hoftrompeter, aber jetzt, was taten, was sprachen Durchlaucht, als sie +die Märsche zu trommeln geruht hatten?</p> + +<p>Taten, sprachen! fuhr der Leibkammerdiener fort, hm! — eben nicht viel. +Durchlaucht wandten sich um, sahen mich starr an mit recht feurigen +Augen, zogen die Klingel auf furchtbare Weise und riefen dabei laut: +François — François! Durchlaucht ich bin schon hier, rief ich. Da +sprachen aber der gnädige Herr ganz zornig: <ins title="Esel">Esel,</ins> warum sagt er das +nicht gleich! Und darauf: Mein Promenadenkleid! Ich tat wie mir +geheißen. Durchlaucht geruhten den grünseidenen Überrock ohne Stern +anzulegen und sich nach dem Park zu begeben. Sie verboten mir ihnen zu +folgen aber — hochgebietende Exzellenz, man muß doch wissen wo sich der +gnädigste Herr befinden, wenn etwa ein Unglück — Nun! — ich folgte so +ganz von weitem und gewahrte, daß der gnädigste Herr sich in das +Fischerhäuschen begaben. —</p> + +<p>Zum Meister Abraham! — rief der Hofmarschall ganz verwundert. „So ist +es, sprach der Leibkammerdiener und schnitt ein sehr wichtiges +geheimnisvolles <ins title="Gesicht.">Gesicht.“</ins></p> + +<p>Ins Fischerhäuschen, wiederholte der Hofmarschall, zum Meister Abraham! +— Nie haben Durchlaucht den Meister aufgesucht im Fischerhäuschen! —</p> + +<p>Ein ahnungsvolles Stillschweigen folgte, dann sprach der Hofmarschall +weiter: und sonst äußerten Durchlaucht gar nichts? „Gar nichts, +erwiderte der Leibkammerdiener bedeutungsvoll. Doch, fuhr er +schlaulächelnd fort, ein Fenster des Fischerhäuschens geht heraus nach +dem dicksten Gebüsch, es ist dort eine Vertiefung, man versteht <a class="pagenum" name="page_200">200</a>jedes +Wort, was drinnen im Häuschen gesprochen wird — man könnte — Bester, +wenn Sie das tun wollten, rief der Hofmarschall entzückt! — Ich tue es, +sprach der Kammerdiener und schlich leise fort. Doch als er aus dem +Gebüsch hervortrat, stand der Fürst, der eben nach dem Schloß +zurückkehrte, dicht vor ihm, so daß er ihn beinahe berührte. In scheuer +Ehrfurcht prallte er zurück: „<span class="antiqua">Vous êtes un grand</span> Tölpel!“ donnerte ihn +der Fürst an, rief den Hofmarschall ein kaltes <span class="antiqua">dormez bien!</span> zu und +entfernte sich mit dem Leibkammerdiener, der ihm folgte, ins Schloß.</p> + +<p>Ganz bestürzt blieb der Hofmarschall stehen, murmelte, Fischerhäuschen +— Meister Abraham — <span class="antiqua">dormez bien</span> — und beschloß sogleich zu dem +Kanzler des Reichs zu fahren, um sich über die außerordentliche +Begebenheit zu beraten, und womöglich die Konstellation herauszufinden, +die am Hofe ob dieses Ereignisses sich erzeugen könne. —</p> + +<p>Meister Abraham hatte den Fürsten bis eben an das Gebüsch begleitet, in +welchem sich der Hofmarschall und der Leibkammerdiener befanden, hier +war er umgekehrt auf Geheiß des Fürsten, der nicht wollte, daß man ihn +aus den Fenstern des Schlosses in Gesellschaft des Meisters bemerke. +— Der geneigte Leser weiß, wie gut es dem Fürsten gelungen, seinen +einsamen geheimen Besuch bei dem Meister Abraham im Fischerhäuschen zu +verbergen. Aber noch eine Person außer dem Kammerdiener hatte den +Fürsten, ohne daß er es ahnen konnte, belauscht.</p> + +<p>Beinahe war Meister Abraham angelangt in seiner Wohnung, als ihm ganz +unvermutet, aus den Gängen, die schon zu dunkeln begannen, die Rätin +Benzon entgegentrat.</p> + +<p>Ha, rief die Benzon mit bittrem Lachen: der Fürst hat sich bei Euch Rats +erholt, Meister Abraham. In der Tat, Ihr seid die wahre Stütze des +fürstlichen Hauses, dem Vater und dem Sohne laßt Ihr Eure Weisheit und +Erfahrung zufließen, und wenn guter Rat teuer oder gar nicht zu haben +ist — So, fiel Meister Abraham der Benzon ins Wort, so gibt es eine +Rätin, die eigentlich das glanzvolle Gestirn ist, das hier alles +erleuchtet, und unter dessen Einfluß auch nur ein armer alter Orgelbauer +bestehen, und sein einfaches Leben ungestört durchfristen kann.</p> + +<p>Scherzt nicht so bitter, sprach die Benzon, Meister Abraham, ein +Gestirn, das glanzvoll geleuchtet, kann unserm Horizont entfliehend +schnell verbleichen, und endlich ganz untergehen. Die seltsamsten +<a class="pagenum" name="page_201">201</a>Ereignisse scheinen sich durchkreuzen zu wollen, in diesem einsamen +Familienkreise, den eine kleine Stadt und ein paar Dutzend Menschen +mehr, als eben darin wohnen, Hof zu nennen gewohnt sind. — Die schnelle +Abreise des sehnlich erwarteten Bräutigams — Hedwiga's bedrohlicher +Zustand! — In der Tat, tief niederbeugen mußte dies den Fürsten, wäre +er nicht ein ganz gefühlloser Mann. — Nicht, nicht immer waren Sie +dieser Meinung, unterbrach der Meister Abraham die Benzon, Frau Rätin. — +</p> + +<p>Ich verstehe Euch nicht, sprach die Benzon mit verächtlichem Ton, indem +sie dem Meister einen stechenden Blick zuwarf und dann schnell das +Gesicht abwandte. —</p> + +<p>Fürst Irenäus hatte im Gefühl des Vertrauens, das er dem Meister Abraham +schenken, ja der geistigen Übermacht, die er ihm zugestehen mußte, alle +fürstliche Bedenklichkeiten beiseite gestellt, und im Fischerhäuschen +sein ganzes Herz ausgeschüttet, auf alle Äußerungen der Benzon über die +verstörenden Ereignisse des Tages aber geschwiegen. Dies wußte der +Meister, und um so weniger durfte ihm die Empfindlichkeit der Rätin +auffallen, wiewohl er sich verwunderte, daß, kalt und in sich +verschlossen, wie sie war, sie diese Empfindlichkeit nicht besser zu +verbergen vermochte.</p> + +<p>Wohl mußte es aber die Rätin tief schmerzen, daß sie das Monopol der +Vormundschaft über den Fürsten, das sie sich angeeignet, aufs Neue, und +zwar in einem kritischen, verhängnisvollen Augenblick, gefährdet sah.</p> + +<p>Aus Gründen, die sich vielleicht später klar entwickeln dürften, war die +Verbindung der Prinzessin Hedwiga mit dem Prinzen Hektor der Rätin +feurigster Wunsch. Auf dem Spiele stand diese Verbindung, so mußte sie +glauben, und jede Einmischung eines dritten in diese Angelegenheit ihr +bedrohlich erscheinen. Überdies sah sie sich zum erstenmal von +unerklärlichen Geheimnissen umringt, zum ersten Mal schwieg der Fürst, +konnte sie, die gewohnt das ganze Spiel des phantastischen Hofes zu +regieren, tiefer gekränkt werden?</p> + +<p>Meister Abraham wußte, daß einem aufgeregten Weibe nichts besser +entgegenzusetzen ist als unüberwindliche Ruhe, er sprach daher kein +Wörtchen, sondern schritt schweigend daher neben der Benzon, die sich in +tiefen Gedanken nach jener Brücke wandte, die der geneigte Leser schon +kennt. Sich auf das Geländer stützend schaute die Rätin hinein in die +fernen Büsche, denen die sinkende Sonne, noch wie zum Abschiede, goldene +leuchtende Blicke zuwarf.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_202">202</a>„Ein schöner <ins title="Abend sprach">Abend“, sprach</ins> die Rätin, ohne sich umzuwenden. Gewiß, +erwiderte Meister Abraham, still, ruhig, heiter wie ein unbefangenes, +unverstörtes Gemüt.</p> + +<p>„Sie können, fuhr die Rätin fort, das vertraulichere Ihr, mit dem sie +sonst den Meister anredete, aufgebend, mein lieber <ins title="Meister es">Meister, es</ins> mir nicht +verargen, daß ich mich schmerzhaft berührt fühlen muß, wenn der Fürst +plötzlich nur <em class="gesperrt">Sie</em> zu seinem Vertrauten macht, nur Sie zu Rate zieht, in +einer Angelegenheit, über die eigentlich die welterfahrene Frau besser +zu raten, zu entscheiden weiß. Doch vorüber, ganz vorüber ist die +kleinliche Empfindlichkeit, die ich nicht zu bergen vermochte. Ich bin +ganz beruhigt, da nur die Form verletzt ist. Der Fürst selbst hätte mir +das alles sagen sollen, was ich nun erfahren habe auf andere <ins title="Weise">Weise,</ins> und +ich kann in der Tat alles, was Sie, lieber Meister, ihm erwiderten, nur +höchlich billigen. — Selbst will ich gestehen, daß ich etwas tat, was +eben nicht lobenswert ist. Mag es nicht sowohl weibliche Neugierde, als +die tiefste Teilnahme an allem, was sich in dieser fürstlichen Familie +begibt, entschuldigen. Erfahren Sie <ins title="es">es,</ins> Meister: ich habe Sie belauscht, +Ihre ganze Unterredung mit dem Fürsten angehört, jedes Wort verstanden — +</p> + +<p>Den Meister Abraham erfaßte bei diesen Worten der Benzon ein <ins title="seltsames">seltsames,</ins> +von höhnender Ironie und tiefer Verbitterung gemischtes Gefühl. +Ebensogut wie jener Leibkammerdiener des Fürsten, hatte Meister Abraham +bemerkt, daß man in der buschichten Vertiefung, dicht vor dem einen +Fenster des Fischerhäuschens versteckt, jedes Wort vernehmen konnte, was +drinnen gesprochen wurde. Durch eine geschickte akustische Vorrichtung +war ihm indessen gelungen, es zu bewirken, daß jedes Gespräch im Innern +des Häuschens dem draußen Stehenden nur wie ein verwirrtes +unverständliches Geräusch klang und es schlechterdings unmöglich blieb, +auch nur eine Silbe zu unterscheiden. — Erbärmlich mußte es daher dem +Meister erscheinen, wenn die Benzon zu einer Lüge ihre Zuflucht nahm, um +hinter Geheimnisse zu kommen, die sie zwar ahnen <ins title="mochte aber">mochte, aber</ins> nicht der +Fürst, und die dieser daher auch nicht wohl dem Meister Abraham +vertrauen konnte. — Man wird erfahren, was der Fürst mit dem Meister im +Fischerhäuschen verhandelte.</p> + +<p><ins title="O">O!</ins> rief der Meister, o meine Gnädige, es war der rege Geist der +lebensweisen, unternehmenden Frau selbst, der Sie an das Fischerhäuschen +führte. Wie kann ich armer, alter, jedoch unerfahrner Mann mich in allen +diesen Dingen zurechtfinden, ohne Ihren Beistand! Eben <a class="pagenum" name="page_203">203</a>wollt' ich alles, +was mir der Fürst vertraut, weitläuftig hererzählen, aber es bedarf +keiner fernern Erläuterungen, da Ihnen schon alles bekannt. Möchten Sie, +Gnädige, mich würdig achten, sich über alles, was vielleicht schlimmer +sich darstellen mag, als es wirklich ist, recht von Herzen +auszusprechen.</p> + +<p>Meister Abraham traf den Ton der biederen Zutraulichkeit so gut, daß die +Benzon, all' ihrer Scharfsichtigkeit unerachtet, nicht gleich zu +entscheiden wußte, ob es hier auf eine Mystifikation abgesehen sei oder +nicht, und die Verlegenheit darüber schnitt ihr jeden Faden ab, den sie +erfassen und zur für den Meister verfänglichen Schlinge hätte verknüpfen +können. So geschah es aber, daß sie vergebens nach Worten ringend, wie +festgebannt auf der Brücke stehen blieb, und hinabschaute in den See.</p> + +<p>Der Meister weidete sich einige Augenblicke an ihrer Pein, dann +richteten sich aber seine Gedanken auf die Begebnisse des Tages. Er +wußte wohl, wie Kreisler in dem Mittelpunkt eben dieser Begebnisse +gestanden, ein tiefer Schmerz über den Verlust des teuersten Freundes +erfaßte ihn, und unwillkürlich entfloh ihm der Ausruf: Armer Johannes!</p> + +<p>Da wandte sich die Benzon rasch zu dem Meister und sprach mit +losbrechender Heftigkeit: Wie, Meister Abraham, Ihr seid doch nicht so +töricht, an Kreislers Untergang zu glauben? Was kann ein blutiger Hut +beweisen? — Was sollte ihn auch so plötzlich zu dem schrecklichen +Entschluß gebracht haben, sich selbst zu töten — man hätte ihn ja auch +gefunden. —</p> + +<p>Nicht wenig erstaunte der Meister, die Benzon von Selbstmord sprechen +zu hören, <ins title="hier wo">hier, wo</ins> ein ganz anderer Verdacht sich zu regen schien, ehe +er indessen antworten konnte, fuhr die Rätin fort: Wohl uns, wohl uns, +daß er fort ist, der Unglückliche, der überall, wo er sich blicken läßt, +nur verstörendes Unheil anrichtet! Sein leidenschaftliches Wesen, seine +Verbitterung, nicht anders kann ich seinen hochgepriesenen Humor +bezeichnen, steckt jedes reizbare Gemüt an, mit dem er dann sein +grausames Spiel treibt. Zeugt die höhnende Verachtung aller +konventionellen Verhältnisse, ja der Trotz gegen alle üblichen Formen +von Übergewicht des Verstandes, so müssen wir alle unsere Knie beugen +vor diesem Kapellmeister, doch soll er uns in Ruhe lassen und sich nicht +auflehnen gegen alles, was durch die richtige Ansicht des wirklichen +Lebens bedingt, und als unsere Zufriedenheit begründend anerkannt wird. +Darum! — dem Himmel sei gedankt, daß er fort ist, ich hoffe ihn nie +wiederzusehen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_204">204</a>Und doch, sprach der Meister sanft, waren Sie sonst die +Freundin meines Johannes, Frau Rätin, und doch nahmen Sie sich seiner +an, in einer bösen kritischen Zeit und führten ihn selbst auf die Bahn, +von der ihn nur eben jene konventionellen Verhältnisse, die Sie so +eifrig in Schutz nehmen, wegverlockt hatten? — Welch ein Vorwurf trifft +jetzt so plötzlich meinen guten Kreisler? — Was für Böses hat sich aus +seinem Innern aufgetan? Will man ihn darum hassen, weil in den ersten +Augenblicken, da der Zufall ihn in eine neue Region geworfen, das Leben +feindlich auf ihn zutrat, weil das Verbrechen ihn bedrohte, weil — ein +italienischer Bandit ihm nachschlich? —</p> + +<p>Die Rätin fuhr bei diesen Worten sichtlich zusammen. Welch', sprach sie +dann mit zitternder Stimme, welch einen Gedanken der Hölle, hegt Ihr in +der Brust, Meister Abraham? — Aber wäre es so, wäre Kreisler wirklich +gefallen, so wurde in dem Augenblick die Braut gerächt, die er +verdorben. Eine innere Stimme sagt es mir, Kreisler allein ist schuld an +dem fürchterlichen Zustande der Prinzessin. Schonungslos spannte er die +zarten Saiten im innern Gemüt der Kranken, bis sie zersprangen. So war, +erwiderte Meister Abraham giftig, der italienische Herr ein Mann von +raschem Entschluß, der die Rache der Tat vorausschickte. Sie haben ja, +Gnädige, alles angehört, was ich mit dem Fürsten gesprochen im +Fischerhäuschen, Sie wissen daher auch, daß Prinzessin Hedwiga in +demselben Augenblick, als der Schuß im Walde fiel, zur Leblosigkeit +erstarrte.</p> + +<p>In der Tat, sprach die Benzon, man möchte an all' das schimärische Zeug +glauben, das uns jetzt aufgetischt wird, an psychische Korrespondenzen +und dergleichen! — Doch! noch einmal, wohl uns, daß er fort ist, der +Zustand der Prinzessin kann und wird sich ändern. — Das Verhängnis hat +den Störer unserer Ruhe vertrieben und — sagt selbst, Meister Abraham, +ist nicht unser Freund im Innersten zerrissen auf solche Weise, daß das +Leben ihm keinen Frieden mehr zu geben vermag? — Gesetzt also wirklich +daß —</p> + +<p>Die Rätin endete nicht, aber Meister Abraham fühlte den Zorn, den er mit +Mühe unterdrückt, hoch aufflammen.</p> + +<p>Was habt Ihr alle gegen diesen Johannes, rief er mit erhöhter Stimme, +was hat er euch Böses getan, daß Ihr <ins title="im">ihm</ins> keine Freistatt, kein Plätzchen +gönnt auf dieser Erde? — wißt Ihrs nicht? — Nun so will ich es Euch +sagen. Seht, der Kreisler trägt nicht Eure Farben, er versteht nicht +Eure Redensarten, der Stuhl, den Ihr ihm hinstellt, damit er Platz nehme +unter Euch, ist ihm zu klein, zu enge! Ihr könnt' ihn gar <a class="pagenum" name="page_205">205</a>nicht für +euresgleichen achten, und das ärgert Euch. Er will die Ewigkeit der +Verträge, die Ihr über die Gestaltung des Lebens geschlossen, nicht +anerkennen, ja er meint, daß ein arger Wahn, von dem Ihr befangen, Euch +gar nicht das eigentliche Leben erschauen lasse, und daß die +Feierlichkeit, mit der Ihr über ein Reich zu herrschen glaubt, das Euch +unerforschlich, sich gar spaßhaft ausnehme, und das alles nennt Ihr +Verbitterung. Vor allen Dingen liebt er jenen Scherz, der sich aus der +tiefern Anschauung des menschlichen Seins erzeugt und der die schönste +Gabe der Natur zu nennen, die sie aus der reinsten Quelle ihres Wesens +schöpft. Aber Ihr seid vornehme ernste Leute und wollet nicht scherzen. +— Der Geist der wahren Liebe wohnt in ihm, doch vermag dieser ein Herz +zu erwärmen, das auf ewig zum Tode erstarret ist, ja in welchem niemals +der Funke war, den jener Geist zur Flamme aufhaucht? Ihr möget den +Kreisler nicht, weil Euch das Gefühl des Übergewichts, das Ihr ihm +einzuräumen gezwungen, unbehaglich ist, weil Ihr ihn, der Verkehr treibt +mit höheren Dingen als die gerade in Euern engen Kreis passen, fürchtet. — +</p> + +<p>Meister Abraham, sprach die Benzon mit dumpfer Stimme, der Eifer, mit +dem Du für Deinen Freund sprichst, führt Dich zu weit. Du wolltest mich +verletzen? — Nun wohl, es ist Dir gelungen, denn Du hast Gedanken in +mir geweckt, die lange, lange schlummerten! — Todstarr nennst Du mein +Herz? — Weißt Du denn, ob jemals der Geist der Liebe freundlich zu ihm +gesprochen, ob ich nicht allein in konventionellen Verhältnissen des +Lebens, die der überspannte Kreisler verächtlich finden mag, Trost und +Ruhe fand? — Glaubst Du denn nicht überhaupt, alter Mann, der auch wohl +so manches Leid erfahren, daß es ein gefährliches Spiel ist, sich über +jene Verhältnisse erheben, und dem Weltgeist näher treten zu wollen in +der Mystifikation des eigenen Seins? Ich weiß es, die kälteste, +regungsloseste Prosa des Lebens selbst, hat mich Kreisler gescholten und +es ist sein Urteil, das sich in dem Deinigen ausspricht, wenn Du mich +todstarr nennst, aber habt Ihr jemals dieses Eis zu durchblicken +vermocht, das meiner Brust schon längst ein schützender Harnisch war? +— Mag bei den Männern die Liebe nicht das Leben schaffen, sondern es nur +auf eine Spitze stellen, von der herab noch sichre Wege führen, unser +höchster Lichtpunkt, der unser ganzes Sein erst schafft und gestaltet, +ist der Augenblick der ersten Liebe. Will es das feindliche Geschick, +daß dieser Augenblick verfehlt wurde, verfehlt ist das ganze Leben für +das schwache Weib, das untergeht in trostloser Unbedeutsamkeit, <a class="pagenum" name="page_206">206</a>während +das mit stärkerer Geisteskraft begabte sich mit Gewalt emporrafft, und +eben in den Verhältnissen des gewöhnlichen Lebens eine Gestaltung +erringt, die ihm Ruhe und Frieden gibt. — Laß es Dir sagen, alter Mann +— hier in der Dunkelheit der Nacht, die das Vertrauen verschleiert, laß +es Dir sagen! — Als jener Moment in mein Leben trat, als ich <em class="gesperrt">den</em> +erblickte, der alle Glut der innigsten Liebe, deren die weibliche Brust +nur fähig, in mir entzündete — da stand ich vor dem Traualtar mit jenem +Benzon, der ein guter Ehemann wurde wie kein anderer. Seine völlige +Bedeutungslosigkeit gewährte mir alles, was ich, um ein friedfertiges +Leben zu führen, nur wünschen konnte, und nie ist eine Klage, ein +Vorwurf meinen Lippen entflohen. Nur den Kreis des Gewöhnlichen nahm ich +in Anspruch, und wenn dann selbst in diesem Kreise sich manches begab, +das mich unvermerkt irre leitete, wenn ich manches, das strafbar +erscheinen möchte, mit nichts anderm zu entschuldigen weiß als mit dem +Drange des augenblicklichen Verhältnisses, so mag <em class="gesperrt">das</em> Weib mich zuerst +verdammen, die, so wie ich, den schweren Kampf durchkämpfte, der zu +gänzlichem Verzicht auf alles höhere Glück führt, sollte dies auch +nichts anders sein, als ein süßer träumerischer Wahn. — Fürst Irenäus +machte meine Bekanntschaft. — Doch ich schweige von dem, was längst +vergangen, nur von der Gegenwart soll noch die Rede sein. — Ich hab es +Dir vergönnt in mein Innerstes zu schauen, Meister Abraham, Du weißt +nun, warum ich, so wie die Dinge sich hier gestalten, jedes +Hineindrängen eines fremdartigen exotischen Prinzips als bedrohlich +fürchten muß. Mein eigenes Geschick in jener verhängnisvollen Stunde +grinset mich an, wie ein furchtbar warnendes Gespenst. Retten muß ich +die, die mir teuer sind, ich habe meine Pläne gemacht. — Meister +Abraham, seid mir nicht entgegen, oder, wollt Ihr in den Kampf treten +mit mir, so seht Euch vor, daß ich Eure besten Taschenspielerkünste +nicht zu Schanden mache!</p> + +<p>Unglückliche Frau, rief Meister Abraham.</p> + +<p>Unglücklich nennst Du mich, erwiderte die Benzon, mich, die ich ein +feindliches Geschick zu bekämpfen wußte und mir da, wo alles verloren +schien, Ruhe und Zufriedenheit gewann?</p> + +<p>Unglückliche Frau, rief Meister Abraham nochmals mit einem Ton, der von +seiner innern Bewegung zeugte, arme, unglückliche Frau! Ruhe, +Zufriedenheit vermeinst Du gewonnen zu haben, und ahnst nicht, daß es +die Verzweiflung war, die — ein Vulkan, — alle <ins title="flammende">flammenden</ins> Gluten aus +Deinem Innern hinausströmen ließ, und <a class="pagenum" name="page_207">207</a>daß Du nun die tote Asche aus der +keine Blüte, keine Blume mehr sproßt, in starrer Betörung für das reiche +Feld des Lebens hältst, das Dir noch Früchte spenden soll. — Ein +künstliches Gebäude willst Du aufführen auf dem Grundstein, den ein +Blitzstrahl zermalmte und befürchtest nicht, daß es einstürzen wird in +dem Augenblick, da lustig bunte Bänder wehen von der Blumenkrone, die +den Sieg des Baumeisters verkünden soll? — Julia — Hedwiga — ich weiß +es, für sie wurden jene Pläne künstlich gewoben! — Unglückliche Frau, +hüte Dich, daß jenes unheilbringende Gefühl, jene eigentliche +Verbitterung, die Du mit großem Unrecht meinem Johannis vorwirfst, nicht +aus Deinem eignen tiefsten Innern hervortritt, so daß Deine weisen +Entwürfe weiter nichts sind, als das feindliche Auflehnen gegen ein +Glück, das Du niemals genossest, und das Du nun selbst Deinen Lieben +mißgönnst. — Ich weiß mehr von Deinen Entwürfen als Du es glauben +magst, mehr von Deinen gerühmten Verhältnissen des Lebens, die Dir Ruhe +bringen sollen und die — Dich verlockten zu strafbarer Schande!</p> + +<p>Ein dumpfer, unartikulierter Schrei, den die Benzon bei diesen letzten +Worten des Meisters ausstieß, verriet ihre tiefe Erschütterung. Der +Meister hielt inne, da aber die Benzon ebenfalls schwieg ohne sich von +der Stelle zu rühren, fuhr er gelassen fort: Zu nichts wenigerm habe ich +Lust, als mich in irgendeinen Kampf mit Ihnen zu begeben, Gnädige. Was +aber meine sogenannten Taschenspielerkünste betrifft, so wissen Sie ja +recht gut, werteste Frau Rätin, daß seit der Zeit, da mein unsichtbares +Mädchen mich verlassen — In dem Augenblick erfaßte den Meister der +Gedanke an die verlorne Chiara mit einer Gewalt, wie seit langer Zeit +nicht mehr, er glaubte ihre Gestalt zu erblicken in der dunklen Ferne, +er glaubte ihre süße Stimme zu vernehmen. O Chiara! — meine Chiara! So +rief er in der schmerzlichsten Wehmut! —</p> + +<p>Was ist Euch, sprach die Benzon sich schnell nach ihm umwendend, Meister +Abraham! — welchen Namen nanntet Ihr? — Doch noch einmal, laßt ruhen +alles Vergangene, beurteilt mich nicht nach jenen seltsamen Ansichten +des Lebens, die Ihr mit Kreislern teilt, versprecht mir das Vertrauen +nicht zu mißbrauchen, daß Euch Fürst Irenäus geschenkt, versprecht mir +nicht entgegen zu sein, in meinem Tun und Treiben.</p> + +<p>So ganz vertieft in das schmerzliche Andenken an seine Chiara war +Meister Abraham, daß er kaum vernahm was die Rätin sprach und nur +unverständliche Worte zu erwidern vermochte.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_208">208</a>Weiset mich nicht zurück, Meister Abraham, fuhr die Rätin fort, Ihr +seid, wie es scheint, in der Tat mit manchem mehr bekannt, als ich +vermuten durfte, doch ist es möglich, daß ich auch noch Geheimnisse +bewahre, deren Mitteilung Euch sehr viel wert sein würde, ja, daß ich +Euch vielleicht einen Liebesdienst erzeigen könnte, an den Ihr gar nicht +denkt. Laßt uns zusammen diesen kleinen Hof beherrschen, der in der Tat +des Gängelbandes bedarf. — Chiara rieft Ihr mit einem Ausdrucke des +Schmerzes der — Ein starkes Geräusch vom Schlosse her unterbrach die +Benzon. Meister Abraham erwachte aus Träumen, das Geräusch — —</p> + +<p><em class="gesperrt">(M. f. f.)</em> — ich folgendes beibringen. Ein Katzphilister beginnt, ist +er auch noch so durstig, die Schüssel Milch vom Rande rundumher an +aufzulecken, damit er sich nicht Schnauze und Bart bemilche und +anständig bleibe, denn der Anstand gilt ihm mehr als der Durst. Besuchst +du einen Katzphilister, so bietet er dir alles nur mögliche an, +versichert dich aber, wenn du scheidest, bloß seiner Freundschaft, und +frißt nachher heimlich und allein die Leckerbissen, die er dir +angeboten. Ein Katzphilister weiß vermöge eines sichern untrüglichen +Takts überall, auf dem Boden, im Keller usw. den besten Platz zu finden, +wo er sich so wohlbehaglich und bequem hinstreckt, als es nur geschehen +kann. Er erzählt viel von seinen guten Eigenschaften und wie er, dem +Himmel sei Dank, nicht klagen könne, daß das Schicksal diese guten +Eigenschaften übersehen. Sehr wortreich setzt er dir auseinander, wie er +zu dem guten Platz gekommen, den er behaupte, und was er noch alles tun +werde, um seine Lage zu verbessern. Willst du nun aber auch endlich von +dir und deinem geringer günstigen Schicksal etwas sagen, so kneift der +Katzphilister sofort die Augen zu und drückt die Ohren an, tut auch +wohl, als wenn er schliefe oder spinnt. Ein Katzphilister leckt sich +fleißig den Pelz rein und glänzend, und passiert selbst auf der Mausjagd +keine nasse Stelle, ohne bei jedem Schritt die Pfoten auszuschütteln, +damit er, geht auch das Wild darüber verloren, doch in allen +Verhältnissen des Lebens ein feiner, ordentlicher, wohlgekleideter Mann +bleibe. Ein Katzphilister scheut und vermeidet die leiseste Gefahr und +bedauert, befindest du dich in solcher und sprichst seine Hilfe an, +unter den heiligsten Beteuerungen seiner freundschaftlichen Teilnahme, +daß gerade in dem Augenblick es seine Lage, die Rücksichten, die er +nehmen müsse, es ihm nicht erlaubten dir beizustehen. Überhaupt ist +alles Tun und Treiben des Katzphilisters bei jeder Gelegenheit abhängig +von tausend und tausend <a class="pagenum" name="page_209">209</a>Rücksichten. Selbst z. B. gegen den kleinen +Mops, der ihn in den Schwanz gebissen auf empfindliche Weise, bleibt er +artig und höflich, um es nicht mit dem Hofhunde zu verderben, dessen +Protektion er zu erlangen gewußt, und er nutzt nur den nächtlichen +Hinterhalt, um jenem Mops ein Auge auszukratzen. Tages darauf bedauert +er den teuern Mopsfreund gar von Herzen und schmält über die Bosheit +arglistiger Feinde. Übrigens gleichen diese Rücksichten einem +wohlangelegten Fuchsbau, der dem Katzphilister Gelegenheit gibt, überall +zu entwischen in dem Augenblick, als Du ihn zu fassen glaubst. Ein +Katzphilister bleibt am liebsten unter dem heimischen Ofen, wo er sich +sicher fühlt, das freie Dach verursacht ihm Schwindel. — Und seht ihr +nun wohl, Freund Murr, das ist euer Fall. Sage ich euch nun, daß der +Katzbursch offen, ehrlich, uneigennützig, herzhaft, stets bereit dem +Freunde zu helfen ist, daß er keine andere Rücksichten kennt, als die +Ehre und redlicher Sinn gebieten, genug, daß der Katzbursch durchaus der +Antipode des Katzphilisters ist, so werdet Ihr keinen Anstand nehmen, +euch zu erheben aus dem Philistertum, um ein ordentlicher, tüchtiger +Katzbursch zu werden. —</p> + +<p>Lebhaft fühlte ich die Wahrheit in Muzius Worten. Ich sah ein, daß ich +nur das Wort Philister nicht gekannt, wohl aber den Charakter, da mir +schon manche Philister, d. h. schlechte Katzkerle vorgekommen waren, die +ich herzlich verachtet hatte. Um so schmerzhafter fühlte ich daher den +Irrtum, von dem befangen ich in die Kategorie jener verächtlichen Leute +hätte geraten können und beschloß, Muzius Rat in allem zu folgen, um so +vielleicht noch ein tüchtiger Katzbursche zu werden. — Ein junger +Mensch sprach einst zu meinem Meister von einem treulosen Freunde, und +bezeichnete diesen mit einem sehr seltsamen, mir unverständlichen +Ausdruck. Er nannte ihn einen pomadigen Kerl. Nun war es mir, als sei +das Beiwort: pomadig, sehr passend dem Hauptwort Philister hinzuzufügen, +und ich befragte Freund Muzius darum. Kaum hatte ich aber das Wort +pomadig ausgesprochen, als Muzius laut jauchzend aufsprang, und, mich +kräftig umhalsend rief: Herzensjunge, nun gewahre ich, daß du mich ganz +verstanden hast — ja, pomadiger Philister! das ist die verächtliche +Kreatur, die sich auflehnt gegen das edle Burschentum und die wir +überall, wo wir sie finden, tothetzen möchten. Ja, Freund Murr, du hast +jetzt schon dein inneres, wahrhaftes Gefühl für alles Edle, Große, +bewiesen, laß dich nochmals an diese Brust drücken, in der ein treues, +deutsches Herz schlägt. — Damit umhalste mich Freund Muzius aufs <a class="pagenum" name="page_210">210</a>neue +und erklärte, wie er in der nächstfolgenden Nacht mich einzuführen +gedenke in das Burschentum, ich möge mich nur in der Mitternachtsstunde +einfinden auf dem Dache, wo er mich abholen werde zu einem Fest, das ein +Katzsenior veranstaltet, nämlich der Kater Puff.</p> + +<p>Der Meister trat <ins title="in's">ins</ins> Zimmer. Ich sprang wie gewöhnlich ihm entgegen, +schmiegte mich, wälzte mich auf dem Boden, um ihm meine Freude zu +bezeugen. Auch Muzius glotzte ihn an mit zufriedenem Blick. Nachdem der +Meister etwas weniges mir Kopf und Hals gekraut, sah er sich um im +Zimmer und sprach, da er alles in gehöriger Ordnung fand: Nun das ist +recht! Eure Unterhaltung ist still und friedlich gewesen, wie es +anständigen, gut erzogenen Leuten geziemt. Das verdient belohnt zu +werden.</p> + +<p>Der Meister schritt zu der Türe heraus, die nach der Küche führte, und +wir, Muzius und ich, seine gute Absicht erratend, schritten hinter ihm +her mit einem fröhlichen Mau — Mau — Mau! Wirklich öffnete auch der +Meister den Küchenschrank und holte die Skelette und Knöchelchen von ein +paar jungen Hühnern hervor, deren Fleisch er gestern verzehrt hatte. Es +ist bekannt, daß mein Geschlecht Hühnerskelette zu den allerfeinsten +Leckerbissen rechnet, die es geben kann, und daher kam es, daß Muzius +Augen in glanzvollem Feuer strahlten, daß er den Schweif in den +anmutigsten Windungen schlängelte, daß er laut schnurrte, als der +Meister die Schüssel vor uns hinsetzte auf den Boden. Des pomadigen +Philisters wohl eingedenk, schob ich dem Freunde Muzius die besten +Bissen hin, die Hälse, die Bäuche, die Steiße, und begnügte mich mit den +gröbern Schenkel- und Flügelknochen. Als wir mit den Hühnern fertig +waren, wollte ich den Freund Muzius fragen, ob ihm vielleicht mit einer +Tasse süßer Milch gedient sei. Doch den pomadigen Philister stets vor +Augen, unterließ ich es und schob statt dessen die Tasse, welche, wie +ich wußte, unter dem Schrank stand, hervor und lud Muzius freundlich ein +zuzusaufen, indem ich ihm Bescheid tat. — Muzius soff die Tasse rein +aus, dann drückte er mir die Pfote und sprach, während ihm die hellen +Tränen in die Augen traten: Freund Murr, ihr lebt lukullisch, aber ihr +habt mir euer treues, biederes und edelmütiges Herz kund getan, und so +wird die eitle Lust der Welt euch nicht verlocken zum schnöden +Philistertum! Habt Dank, habt innigen Dank! —</p> + +<p>Mit einem biedern, deutschen Pfotendruck nach altväterischer Sitte +nahmen wir Abschied. Muzius war, gewiß um die tiefe Rührung, <a class="pagenum" name="page_211">211</a>die ihm +Tränen auspreßte, zu verbergen, mit einem halsbrechenden Satze schnell +zum offenen Fenster hinaus auf das nächst anstoßende Dach. — Selbst +mich, den die Natur doch mit vorzüglicher Schwungkraft begabt, setzte +dieser gewagte Satz in Erstaunen, und ich fand Gelegenheit, auf's Neue +mein Geschlecht zu preisen, das aus gebornen Turnern besteht, die keines +Springstocks, keiner Kletterstange bedürfen.</p> + +<p>Übrigens gab mir Freund Muzius auch den Beweis, wie oft hinter einem +rauhen, abschreckenden Äußern, sich ein zartes, tieffühlendes Gemüt +verbirgt. —</p> + +<p>Ich kehrte <ins title="in's">ins</ins> Zimmer zu meinem Meister zurück und legte mich unter den +Ofen. Hier in der Einsamkeit die Gestaltung meines bisherigen Seins +bedenkend, meine letzte Stimmung, meine ganze Lebensweise erwägend, +erschrak ich bei dem Gedanken, wie nahe ich dem Abgrunde gewesen, und +Freund Muzius erschien mir trotz seines struppigen Balgs, wie ein +schöner, rettender Engel. In eine neue Welt sollte ich treten, die Leere +im Innern sollte ausgefüllt, ein anderer Kater sollte ich werden, mir +klopfte das Herz vor banger, freudiger Erwartung.</p> + +<p>Noch lange war es nicht Mitternacht, als ich den Meister mit der +gewöhnlichen Redensart: Ma—au bat, mich hinauszulassen. Recht gerne, +erwiderte er, indem er die Türe öffnete, Recht <ins title="gerne Murr">gerne, Murr</ins>. Aus dem +ewigen Unterm-Ofen-Liegen und -Schlafen kommt gar nichts heraus. Geh +— geh, daß du wieder in die Welt unter Kater kommst. Vielleicht findest +du gemütsverwandte Katerjünglinge, die sich mit dir ergötzen in Ernst +und Scherz.</p> + +<p>Ach! — der Meister ahnte wohl, daß ein neues Leben mir bevorstand! +— <ins title="Endlich nachdem">Endlich, nachdem</ins> ich bis Mitternacht gewartet, stellte sich Freund +Muzius ein, und führte mich fort über verschiedene Dächer, bis endlich +auf einem beinahe ganz platten italienischen Dache, uns zehn stattliche, +nur ebenso nachlässig und seltsam wie Muzius gekleidete Katerjünglinge +mit lautem Jubelgeschrei empfingen. Muzius stellte mich den Freunden +vor, rühmte meine Eigenschaften, meinen treuen, biedern Sinn, hob +vorzüglich hervor, wie ich ihn mit Backfischen, Hühnerknochen und süßer +Milch gastlich bewirtet und schloß damit, daß ich als tüchtiger +Katzbursch aufgenommen sein wolle. Alle gaben ihre Beistimmung.</p> + +<p>Es erfolgten nun gewisse Feierlichkeiten, die ich indessen verschweige, +da geneigte Leser meines Geschlechts vielleicht argwöhnen, ich sei in +einen verbotenen Orden getreten und noch jetzt Red' und <a class="pagenum" name="page_212">212</a>Antwort darüber +von mir verlangen könnten. Ich versichere aber auf Gewissen, daß von +einem Orden und seinen Bedingnissen, als da sind Statuten, geheime +Zeichen u. s. w. durchaus nicht die Rede war, sondern daß der Verein +lediglich auf Gleichheit der Gesinnung beruhte. Denn es fand sich bald, +daß jeder von uns süße Milch lieber zu sich nahm als Wasser, Braten +lieber als Brot.</p> + +<p>Nachdem die Feierlichkeiten vorüber, empfing ich von allen den +brüderlichen Kuß und Pfotendruck, und sie nannten mich: du! — Dann +setzten wir uns zu einem einfachen aber fröhlichen Mahl, dem eine +wackere Zecherei folgte. Muzius hatte trefflichen Katzpunsch bereitet. +— Sollte ein lüsterner Katerjüngling nach dem Rezept dieses köstlichen +Getränks Begierde tragen, so kann ich leider darüber keine genügende +Auskunft geben. So viel ist gewiß, daß die hohe Annehmlichkeit des +Geschmacks, sowie die siegende Kraft, vorzüglich durch eine derbe Zutat +von Heringslake hervorgebracht wird.</p> + +<p>Mit einer Stimme, die weit über viele Dächer hinwegdonnerte, intonierte +nun der Senior Puff das schöne Lied: <span class="antiqua">Gaudeamus igitur.</span> Mit Wonne fühlte +ich mich im Innern und Äußern ganz trefflicher <span class="antiqua">Juvenis</span> und mochte gar +nicht an den <span class="antiqua">tumulus</span> denken, den ein düstres Verhängnis unserm +Geschlechte selten in der stillen, friedlichen Erde gönnt. Es wurden +noch verschiedene schöne Lieder gesungen, wie z. B. Laßt die Politiker +nur sprechen u. s. w., bis der Senior Puff mit gewichtiger Pfote auf den +Tisch schlug und verkündete, daß nun das wahre, echte Weihelied, nämlich +das <span class="antiqua">Ecce quam bonum</span> gesungen werden müsse, und intonierte sofort den +Chor: <span class="antiqua">Ecce etc. etc.</span></p> + +<p>Noch nie hatte ich dieses Lied gehört, dessen Komposition ebenso tief +gedacht, so harmonisch und melodisch richtig, als wunderbar und +geheimnisvoll zu nennen. Der Meister ist, soviel ich weiß, nicht bekannt +geworden, doch schreiben viele dieses Lied dem großen Händel zu, andere +dagegen behaupten, daß es lange, lange vor Händels Zeit schon existiert +habe, da nach der Chronik von Wittenberg es schon gesungen worden, als +Prinz Hamlet noch Fuchs gewesen. Doch gleichviel, wer es gemacht hat, +das Werk ist groß und unsterblich und vorzüglich zu bewundern, wie die +in den Chor eingeflochtenen Solos den Sängern freien Spielraum lassen zu +den anmutigsten, unerschöpflichsten Veränderungen. Einige dieser +Veränderungen, die ich in dieser Nacht hörte, habe ich treu im +Gedächtnis behalten.</p> + +<p>Als der Chor geendet, fiel ein schwarz und weiß gefleckter Jüngling +ein:</p> + +<div class="poem" style="width: 20em;"> +<a class="pagenum" name="page_213">213</a> +<div class="stanza"> +Gar zu spitzig klafft der Spitz,<br /> +Gar zu grob der Pudel;<br /> +Jenem gönnt den Steiß zum Sitz,<br /> +Dem die Schnauz' zum Hudel.<br /> +<span class="chor">Chor.</span> +<span class="ecce">Ecce quam etc. etc.</span> +</div> +</div> + +<p>Darauf ein Grauer:</p> + +<div class="poem" style="width: 20em;"> +<div class="stanza"> +Höflich zieht die Mütz vom Kopf,<br /> +Kommt Philister gangen!<br /> +Froh gebärdet sich der Tropf,<br /> +Will vor nichts ihm bangen.<br /> +<span class="chor">Chor.</span> +<span class="ecce">Ecce quam etc. etc.</span> +</div> +</div> + +<p>Darauf ein Gelber:</p> + +<div class="poem" style="width: 20em;"> +<div class="stanza"> +Schwimmen muß der muntere Fisch,<br /> +Vögelein muß fliegen.<br /> +Floss' und Federn wachsen frisch;<br /> +Werd't sie nimmer kriegen.<br /> +<span class="chor">Chor.</span> +<span class="ecce">Ecce quam etc. etc.</span> +</div> +</div> + +<p>Darauf ein Weißer:</p> + +<div class="poem" style="width: 20em;"> +<div class="stanza"> +Miaut und knurrt und knurrt und miaut,<br /> +Nur beileib' nicht kratzen;<br /> +Seid galant, daß man euch traut,<br /> +Schonet eure Tatzen.<br /> +<span class="chor">Chor.</span> +<span class="ecce">Ecce quam etc. etc.</span> +</div> +</div> + +<p>Darauf Freund Muzius:</p> + +<div class="poem" style="width: 20em;"> +<div class="stanza"> +Denkt Herr Aff' nach seinem Maß<br /> +Alle uns zu messen!<br /> +Spitzt das Maul, trägt hoch die Nas',<br /> +Wird uns doch nicht fressen.<br /> +<span class="chor">Chor.</span> +<span class="ecce">Ecce quam etc. etc.</span> +</div> +</div> + +<p>Ich saß neben Muzius; an mir war daher jetzt die Reihe, mit einem Solo +einzufallen. Alle Solos, die bis jetzt vorgetragen, wichen so sehr von +den Versen ab, die ich sonst gedichtet, daß ich in Unruhe und Angst +geriet, den Ton, die Haltung des Ganzen zu verfehlen. Daher kam es, daß +ich, als der Chor geendet, noch schwieg. Schon erhoben einige die Gläser +und riefen: <span class="antiqua">pro poena,</span> als ich mich mit aller Gewalt zusammennahm und +sofort sang:</p> + +<div class="poem" style="width: 20em;"> +<div class="stanza"> +Pfot' in Pfot' und Brust an Brust<br /> +Soll uns nichts verdüstern<br /> +Katzbursch sein ist uns're Lust,<br /> +Trotzen Katzphilistern!<br /> +<span class="chor">Chor.</span> +<span class="ecce">Ecce quam etc. etc.</span> +</div> +</div> + +<p><a class="pagenum" name="page_214">214</a>Meine Variation fand den lautesten, unerhörtesten Beifall. Die +hochherzigen Jungen stürmten jubelnd auf mich ein, umpfoteten mich, +drückten mich an ihre klopfende Brust. Auch hier erkannte man also den +hohen Genius in meinem Innern. Es war einer der schönsten Augenblicke +meines Lebens. Nun wurde noch manchen großen, berühmten Katern, +vorzüglich solchen, die ihrer Größe und Berühmtheit unerachtet sich von +aller und jeder Philisterei entfernt gehalten und dies bewiesen hatten +durch Wort und Tat, ein feuriges Lebehoch gebracht! und dann schieden +wir auseinander.</p> + +<p>Der Punsch war mir doch etwas zu Kopfe gestiegen, die Dächer schienen +sich zu drehen, kaum vermochte ich mittels des Schweifes, den ich als +Balancierstange benutzte, mich aufrecht zu erhalten. Der treue Muzius, +meinen Zustand bemerkend, nahm sich meiner an, und brachte mich +glücklich durch die Dachluke nach Hause.</p> + +<p>Wüst im Kopfe, wie ich mich noch niemals gefühlt, konnte ich lange nicht — +</p> + +<p><em class="gesperrt">(Mak. Bl.)</em> — — ebensogut gewußt, als die scharfsinnige Frau Benzon, +aber daß ich gerade heute, eben jetzt von Dir Nachricht erhalten sollte, +Du treue Seele, das hat mein Herz nicht geahnt.“ So sprach Meister +Abraham, verschloß den Brief, den er erhalten, und in dessen Aufschrift +er mit freudiger Überraschung Kreislers Hand erkannt hatte, ohne ihn zu +öffnen, in den Schubkasten seines Schreibtisches und ging hinaus in den +Park. — Meister Abraham hatte schon seit vielen Jahren die Gewohnheit, +Briefe, die er erhielt, Stunden, ja oft Tage lang uneröffnet liegen zu +lassen. Ist der Inhalt gleichgültig, sprach er, so kommt es auf den +Verzug nicht an, enthält der Brief eine böse Nachricht, so gewinn' ich +noch einige frohe, oder wenigstens ungetrübte Stunden; steht eine +Freudenpost darin, so kann ein gesetzter Mann wohl es abwarten, daß die +Freude ihm über den Hals komme. Diese Gewohnheit des Meisters ist zu +verwerfen, denn einmal ist solch ein Mensch, der Briefe liegen läßt, +ganz untauglich zum Kaufmann, zum politischen oder literarischen +Zeitungsschreiber, dann leuchtet es aber auch ein, wie manches Unheil +sich sonst noch bei Personen, die weder Kaufleute sind noch +Zeitungsschreiber, daraus erzeugen kann. — Was gegenwärtigen Biographen +betrifft, so glaubt er ganz und gar nicht an Abrahams stoischen +Gleichmut, sondern rechnet jene Gewohnheit vielmehr einer gewissen +ängstlichen Scheu zu, das Geheimnis eines verschlossenen Briefes zu +entfalten. — Es ist eine ganz eigene Lust, Briefe zu empfangen, und +darum sind uns <a class="pagenum" name="page_215">215</a>die Personen besonders angenehm, die zunächst uns diese +Lust verschaffen, nämlich: die Briefträger, wie schon irgendwo ein +geistreicher Schriftsteller bemerkt hat. Dies mag eine anmutige +Selbstmystifikation genannt werden. Der Biograph erinnert sich, daß, als +er einst auf der Universität mit dem sehnlichsten Schmerz, lange +vergebens auf einen Brief von einer geliebten Person gewartet hatte, er +den Briefträger mit Tränen im Auge bat, ihm doch recht bald einen Brief +aus der Vaterstadt zu bringen, er solle auch dafür ein namhaftes +Trinkgeld erhalten. Der Kerl versprach, was von ihm verlangt wurde, mit +pfiffiger Miene, brachte den Brief, der in der Tat nach wenigen Tagen +einging, triumphierend, als habe es nur an ihm gelegen, Wort zu halten, +und strich das versprochene Trinkgeld ein. — Doch weiß der Biograph, +der eben vielleicht selbst gewissen Selbstmystifikationen zu sehr Raum +gibt — doch weiß er nicht, ob Du, geliebter Leser, mit ihm gleichen +Sinnes, mit jener Lust eine seltsame Angst fühlest, die Dir, indem Du +den erhaltenen Brief öffnen willst, Herzklopfen verursacht, selbst wenn +es kaum möglich, daß der Brief Wichtiges für Dein Leben enthalten +sollte. — Mag es sein, daß dasselbe die Brust beengende Gefühl, mit dem +wir in die Nacht der Zukunft schauen, auch hier sich regt, und daß eben +deshalb, weil ein leichter Druck der Finger hinreicht, das Verborgene zu +enthüllen, der Moment auf einer Spitze steht, die uns beunruhigt. Und! +— wie viele schöne Hoffnungen zerbrachen schon mit dem verhängnisvollen +Siegel, und die lieblichen Traumbilder, die aus unserm eigenen Innern +gestaltet, unsere brünstige Sehnsucht selbst schienen, zerrannen in +nichts und das kleine Blättchen war der Zauberfluch, vor dem der +Blumengarten, in dem wir zu wandeln gedachten, verdorrte, und das Leben +lag vor uns wie eine unwirtbare, trostlose Wüstenei. — Scheint es gut, +den Geist zu sammeln, ehe jener leichte Druck der Finger das Verborgene +erschließt, so kann dies vielleicht Meister Abrahams sonst verwerfliche +Gewohnheit entschuldigen, die übrigens auch gegenwärtigen Biographen +anklebt aus einer gewissen, verhängnisvollen Zeit, in der beinahe jeder +Brief, den er erhielt, der Büchse Pandoras glich, aus der, sowie sie +geöffnet, tausend Unheil und Ungemach aufstieg ins Leben. — Hat aber +nun auch Meister Abraham des Kapellmeisters Brief verschlossen in seinen +Schreibepult oder Schreibtischkasten, und ist er auch spazieren gegangen +in den Park, doch soll der geneigte Leser den Inhalt sogleich +buchstäblich erfahren. — Johannes Kreisler hatte folgendes geschrieben:</p> + +<p class="center"> +<a class="pagenum" name="page_216">216</a>„Mein herzlieber <ins title="Meister!">Meister!“</ins> +</p> + +<p><span class="antiqua">„La fin couronne les œuvres!“</span> hätte ich rufen können, wie Lord +Clifford in Shakespeares Heinrich dem Sechsten, als ihm der sehr edle +Herzog von York eines versetzt hatte zum Tode. Denn bei Gott, mein Hut +stürzte schwer verwundet ins Gebüsch und ich ihm nach, rücklings, wie +einer, von dem man in der Schlacht zu sagen pflegt: er fällt, oder er +ist gefallen. — Dergleichen Leute stehen aber selten wieder auf, +dagegen tat das aber Euer Johannes, mein lieber Meister, und das auf der +Stelle. — Um meinen schwer verwundeten Kameraden, der nicht sowohl an +meiner Seite, als über oder von meinem Haupte gefallen, konnte ich mich +gar nicht bekümmern, da ich genug zu tun hatte, durch einen tüchtigen +Seitensatz (ich nehme das Wort Satz hier weder in philosophischem noch +in musikalischem, sondern lediglich in gymnastischem Sinn) der Mündung +einer Pistole auszuweichen, die jemand etwa drei Schritte davon auf mich +hielt. Doch ich tat noch mehr als das, ich ging plötzlich aus der +Defensive in die Offensive über, sprang auf den Pistolanten los und +stieß ihm ohne weitere Umstände meinen Stockdegen in den Leib. — Immer +habt Ihr mir den Vorwurf gemacht, Meister! daß ich des historischen +Stils nicht mächtig und unfähig etwas zu erzählen, ohne unnütze Phrasen +und Abschweifungen. Was sagt Ihr zu der bündigen Darstellung meines +italienischen Abenteuers in dem Park zu Sieghartshof, den ein +hochsinniger Fürst so mild beherrscht, daß er selbst Banditen toleriert +vergnüglicher Abwechslung halber?</p> + +<p>Nehmt, lieber Meister, das bisher Gesagte nur für die vorläufige +epitomatische Inhaltsanzeige des historischen Kapitels, das ich, erlaubt +es meine Ungeduld und der Herr Prior, statt eines ordinären Briefes für +Euch aufschreiben will. — Wenig nachzuholen ist über das eigentliche +Abenteuer im Walde. — Gewiß war es mir sogleich, daß, als der Schuß +fiel, ich davon profitieren sollte, denn im Niederstürzen empfand ich +einen brennenden Schmerz an der linken Seite meines Kopfs, den der +Konrektor in Göniönesmühl mit Recht einen <em class="gesperrt">hartnäckigen</em> nannte. +Hartnäckigen Widerstand hatte der wackere Knochenbau nämlich geleistet +dem schnöden Blei, so, daß die Streifwunde kaum zu achten. Aber sagt +mir, lieber Meister, sagt mir auf der Stelle, oder heute abend, oder +wenigstens morgen in aller Frühe, in wessen Leib meine Stockklinge +gefahren? Sehr lieb würde es mir sein, zu vernehmen, daß ich eigentlich +gar kein gemeines Menschenblut vergossen, sondern bloß einigen +prinzlichen Ichor; und es will <a class="pagenum" name="page_217">217</a>mir ahnen, als wäre dem so. — Meister! +so hätte der Zufall denn zu der Tat geführt, die der finstere Geist mir +verkündete, bei Euch im Fischerhäuschen. — War vielleicht diese kleine +Stockklinge in dem Augenblick, als ich sie brauchte zur Notwehr gegen +Mörder, das furchtbare Schwert der Blutschuld rächenden Nemesis? +— Schreibt mir alles, Meister, und vor allen Dingen, was es mit der +Waffe, die Ihr mir in die Hand gabt, mit dem kleinen Bilde für eine +Bewandtnis hat. — Doch nein — nein, sagt mir davon nichts. Laßt mich +dieses Medusenbild, vor dessen Anblick der bedrohliche Frevel erstarrt, +bewahren, mir selbst ein unerklärliches Geheimnis. Es ist mir, als würde +dieser Talisman seine Kraft verlieren, sobald ich wüßte, was für eine +Konstellation ihn gefeit zur Zauberwaffe! — Wollt Ihr mir's glauben, +Meister, daß ich bis jetzt Euer kleines Bild noch gar nicht einmal recht +angeschaut? — Ist es an der Zeit, so werdet Ihr mir alles sagen, was +mir zu wissen nötig, und dann gebe ich den Talisman zurück in Eure +Hände. Also für jetzt kein Wort weiter davon! — Doch fortfahren will +ich nun in meinem historischen Kapitel.</p> + +<p>Als ich besagtem Jemand, besagtem Pistolanten meinen Stockdegen in den +Leib gerannt, so daß er lautlos niederstürzte, sprang ich fort mit der +Schnellfüßigkeit eines Ajax, da ich Stimmen im Park zu hören und mich +noch in Gefahr glaubte. Ich gedachte nach Sieghartsweiler zu laufen, +aber die Dunkelheit der Nacht ließ mich den Weg verfehlen. Schneller und +schneller rannte ich fort, immer noch hoffend mich zurecht zu finden. +Ich durchwatete Feldgraben, ich erklimmte eine steile Anhöhe und sank +endlich in einem Gebüsch vor Ermattung nieder. Es war, als blitze es +dicht vor meinen Augen, ich fühlte einen stechenden Schmerz am Kopf, und +erwachte aus tiefem Todesschlaf. Die Wunde hatte stark geblutet, ich +machte mir, das Taschentuch benutzend, einen Verband, der dem +geschicktesten Kompanie-Chirurgus auf dem Schlachtfelde zur Ehre +gereicht haben würde, und schaute nun ganz froh und fröhlich umher. +Unfern von mir stiegen die mächtigen Ruinen eines Schlosses empor. — Ihr +merkt es Meister, ich war zu meiner nicht geringen Verwunderung auf den +Geierstein geraten.</p> + +<p>Die Wunde schmerzte nicht mehr, ich fühlte mich frisch und leicht, ich +trat heraus aus dem Gebüsch, das mir zum Schlafgemach gedient, die Sonne +stieg empor und warf blinkende Streiflichter auf Wald und Flur, wie +fröhliche Morgengrüße. Die Vögel erwachten in den Gebüschen und badeten +sich zwitschernd im kühlen Morgentau, und <a class="pagenum" name="page_218">218</a>schwangen sich auf in die +Lüfte. Noch in nächtliche Nebel gehüllt lag tief unter mir Sieghartshof, +doch bald sanken die Schleier, und in flammendem Gold standen Bäume und +Büsche. Der See des Parks glich einem blendend strahlenden Spiegel: ich +unterschied das Fischerhäuschen wie einen kleinen weißen Punkt — sogar +die Brücke glaubte ich deutlich zu schauen. — Das Gestern trat auf mich +ein, aber als sei es eine längst vergangene Zeit, aus der mir nichts +geblieben als die Wehmut der Erinnerung an das ewig Verlorne, die in +demselben Augenblick die Brust zerreißt und mit süßer Wonne erfüllt. +„Haselant, was willst Du denn eigentlich damit sagen, was hast Du denn +in dem längst vergangenen Gestern auf ewig verloren? so ruft Ihr mich +an, Meister, ich hör es. Ach Meister, noch einmal stelle ich mich hin +auf jene hervorragende Spitze des Geiersteins — noch einmal breite ich +die Arme aus wie Adlersflügel, mich dort hinzuschwingen, wo ein süßer +Zauber waltete, wo jene Liebe, die nicht in Raum und Zeit bedingt, die +ewig ist, wie der Weltgeist, mir aufging in den ahnungsvollen +Himmelstönen, die die dürstende Sehnsucht selbst sind und das Verlangen. +Ich weiß es, dicht vor meiner Nase setzt sich ein Teufelskerl von +hungrigem Opponenten hin, der nur opponiert des irdischen Gerstenbrotes +halber, und fragt mich höhnisch: ob es möglich sei, daß ein Ton +dunkelblaue Augen haben könne? Ich führe den bündigsten Beweis, daß der +Ton eigentlich auch ein Blick sei, der aus einer Lichtwelt durch +zerrissene Wolkenschleier hinabstrahlet; der Opponent geht aber weiter, +und frägt nach Stirn, nach Haar, nach Mund und Lippen, nach Armen, +Händen, Füßen, und zweifelt durchaus mit hämischem Lächeln, daß ein +bloßer, purer Ton mit diesem allen begabt sein könne. — O Gott, ich +weiß, was der Schlingel meint, nämlich nichts weiter, als daß, solange +ich ein <span class="antiqua">glebae adscriptus</span> sei, wie er und die übrigen, solange wir alle +nicht bloß Sonnenstrahlen fräßen, und uns manchmal noch auf einen andern +Stuhl setzen müßten, als auf den Lehrstuhl, es mit jener ewigen Liebe, +mit jener ewigen Sehnsucht, die nichts will als sich selbst, und von der +jeder Narr zu schwatzen weiß — Meister! ich wünschte nicht, daß Ihr auf +die Seite des hungrigen Opponenten trätet — es würde mir unangenehm +sein. — Und sagt selbst, könnte Euch wohl eine einzige vernünftige +Ursache dazu treiben? — hab' ich jemals Hang gezeigt zu trister +Sekundaner Narrheit? — Ja hab' ich, zu reifen Jahren gekommen, mich +nicht stets nüchtern zu erhalten gewußt, hab' ich etwa jemals gewünscht +ein Handschuh zu sein bloß um Julia's Wange <a class="pagenum" name="page_219">219</a>zu küssen wie Vetter Romeo? +— Glaubt es nur, Meister, die Leute mögen auch sagen, was sie wollen, +im Kopf trag' ich nichts als Noten, und im Gemüt und Herzen die Klänge +dazu, denn alle Teufel! wie sollt ich sonst im Stande sein, solche +manierliche, bündige Kirchenstücke zu setzen, als die Vesper es ist, die +da eben vollendet auf dem Pulte liegt. — Doch — schon wieder war es um +die Historie geschehen — ich erzähle weiter.</p> + +<p>Aus der Ferne vernahm ich den Gesang einer kräftigen Männerstimme, der +sich immer mehr und mehr näherte. Bald gewahrte ich denn auch einen +Benediktiner Geistlichen, der, auf dem Fußsteig unterwärts fortwandelnd, +einen lateinischen Hymnus sang. Nicht weit von meinem Platze stand er +still, hielt inne mit dem Singen und schaute, indem er den breiten +Reisehut vom Kopfe nahm und sich mit einem Tuch den Schweiß von der +Stirne trocknete, in der Gegend umher, dann verschwand er ins Gebüsch. +Mir kam die Lust an, mich zu ihm zu gesellen, der Mann war mehr als +wohlgenährt, die Sonne brannte stärker und stärker, und so konnt' ich +wohl denken, daß er ein Ruheplätzchen gesucht haben würde im Schatten. +Ich hatte mich nicht geirrt, denn in das Gebüsch tretend, erblickte ich +den ehrwürdigen Herrn, der sich auf einen dickbemoosten Stein +niedergelassen hatte. Ein höheres Felsstück dicht daneben diente ihm zum +Tisch; — er hatte ein weißes Tuch darüber ausgebreitet, und holte eben +aus dem Reisesack Brot und gebratenes Geflügel hervor, das er mit vielem +Appetit zu bearbeiten begann: <span class="antiqua">Sed praeter omnia bibendum quid,</span> so rief +er sich selbst zu und schenkte aus einer Korbflasche Wein ein in den +kleinen, silbernen Becher, den er aus der Tasche hervorgezogen. Eben +wollte er trinken, als ich mit einem „Gelobt sei Jesus Christ“ zu ihm +hintrat. Mit dem Becher an den Lippen, schaute er auf, und ich erkannte +im Augenblick meinen alten, gemütlichen Freund aus der +Benediktiner-Abtei zu Kanzheim, den ehrlichen Pater und Präfectus Chori +Hilarius. In Ewigkeit! stammelte Pater Hilarius, indem er mich mit weit +aufgerissenen Augen starr anblickte. Ich dachte sogleich an meinen +Kopfputz, der mir vielleicht ein fremdes Ansehen geben mochte und +begann: O, mein sehr geliebter, würdiger Freund Hilarius, haltet mich +nicht für einen verlaufenen, vagabondierenden Hindus, auch nicht für ein +auf den Kopf gefallenes Landeskind, da ich doch nun einmal nichts +anderes bin und sein will, als Euer Intimus, der Kapellmeister Johannes +Kreisler! —</p> + +<p>Beim heiligen Benedikt, rief Pater Hilarius freudig, ich hatte <a class="pagenum" name="page_220">220</a>Euch +gleich erkannt, herrlicher Kompositor und angenehmer Freund, aber <span class="antiqua">per +diem</span> sagt mir, wo kommt Ihr her, was ist Euch geschehen, Euch, den ich +mir <span class="antiqua">in floribus</span> dachte am Hofe des Großherzogs?</p> + +<p>Ich nahm gar keinen Anstand, dem Pater kürzlich alles zu erzählen, was +sich mit mir begeben und wie ich genötigt gewesen, dem, dem es beliebt +nach mir, wie nach einem aufgesteckten Ziel, Probeschüsse zu tun, meinen +Stockdegen in den Leib zu stoßen und wie besagter Zielschießer +wahrscheinlich ein italienischer Prinz gewesen, der Hektor geheißen, wie +mancher würdige Pirschhund. — „Was nun beginnen, zurückkehren nach +Sieghartsweiler, oder — ratet mir, Pater Hilarius!“</p> + +<p>So schloß ich meine Erzählung. — Pater Hilarius, der manches — Hm! +— so! — ei! — heiliger Benedikt — dazwischen geworfen, sah jetzt vor +sich nieder, murmelte: <span class="antiqua">bibamus!</span> und leerte den silbernen Becher auf +einen Zug.</p> + +<p>Dann rief er lachend: in der Tat, Kapellmeister, der beste Rat, den ich +Euch fürs erste erteilen kann, ist, daß Ihr Euch fein zu mir hersetzt +und mit mir frühstückt. Ich kann Euch diese Feldhühner empfehlen, erst +gestern schoß sie unser ehrwürdiger Bruder Macarius, der, wie Ihr Euch +wohl erinnert, alles trifft, nur nicht die Noten in den Responsorien, +und wenn Ihr den Kräuteressig vorschmeckt, mit dem sie angefeuchtet, so +verdankt Ihr das der Sorgfalt des Bruders Eusebius der sie selbst +gebraten mir zuliebe. Was aber den Wein betrifft, so ist er wert, die +Zunge eines landflüchtigen Kapellmeisters zu netzen. Echter Bocksbeutel, +<span class="antiqua">carissime</span> Johannes, echter Bocksbeutel aus dem St. Johannis-Hospital zu +Würzburg, den wir, unwürdige Diener des Herrn, erhalten in bester +Qualität. — <span class="antiqua">Ergo bibamus!</span></p> + +<p>Damit schenkte er den Becher voll und reichte ihn mir hin. — Ich ließ +mich nicht nötigen, ich trank und aß, wie einer, der solcher Stärkung +bedarf.</p> + +<p>Pater Hilarius hatte den anmutigsten Platz gewählt, um sein Frühstück +einzunehmen. Ein dichtes Birkengebüsch beschattete den blumigten Rasen +des Bodens, und der kristallhelle Waldbach, der über hervorragendes +Gestein plätscherte, vermehrte noch die erfrischende Kühle. Die +einsiedlerische Heimlichkeit des Orts erfüllte mich mit Wohlbehagen und +Ruhe, und während Pater Hilarius mir von allem erzählte, was sich seit +der Zeit in der Abtei begeben, wobei er nicht vergaß, seine gewöhnlichen +Schwänke und sein hübsches Küchenlatein <a class="pagenum" name="page_221">221</a>einzumischen, horchte ich auf +die Stimmen des Waldes, der Gewässer, die zu mir sprachen in tröstenden +Melodien.</p> + +<p>Pater Hilarius mochte mein Schweigen der bittern Sorge zuschreiben, die +mir das Geschehene verursachte.</p> + +<p>„Seid guten Muts, Kapellmeister!“ begann er, indem er mir den aufs Neue +gefüllten Becher hinreichte, „Ihr habt Blut vergossen, das ist wahr, und +Blutvergießen ist Sünde, doch <span class="antiqua">distinguendum est inter et inter</span>. — Jedem +ist sein Leben das Liebste, er hat es nur einmal. Ihr habt das Eurige +verteidigt, und das verbietet die Kirche keinesweges, wie sattsam zu +erweisen, und weder unser hochwürdiger Herr Abt, noch irgendein anderer +Diener des Herrn, wird Euch die Absolution versagen, seid Ihr auch +unversehens in fürstliche Eingeweide gefahren. — <span class="antiqua">Ergo bibamus! Vir +sapiens non te abhorrebit Domine!</span> — Aber teuerster Kreisler, kehrt Ihr +zurück nach Sieghartsweiler, so wird man Euch garstig befragen über das +<span class="antiqua">cur, quomodo, quando, ubi</span> und wollt Ihr den Prinzen des mörderischen +Angriffs zeihen, wird man Euch glauben? <span class="antiqua">Ibi iacet lepus in pipere!</span> +— Aber seht, Kapellmeister, wie — doch, <span class="antiqua">bibendum quid!</span> — Er leerte den +vollgeschenkten Becher und fuhr dann fort: Ja seht, Kapellmeister, wie +der gute Rat kommt mit dem Bocksbeutel. — Erfahrt, daß ich mich eben +zum Kloster Allerheiligen begeben wollte, um mir von dem dortigen +Präfektus Chori Musik zu holen zu den nächsten Festen. Ich habe die +Kasten schon zwei-, dreimal umgekehrt; es ist alles alt und verbraucht, +und was die Musik betrifft, die Ihr uns komponiert habt während Eures +Aufenthalts in der Abtei, ja, die ist gar schön und neu, aber — nehmt +mir es nicht übel, Kapellmeister, so auf kuriose Weise gesetzt, daß man +keinen Blick wenden darf von der Partitur. Will man nur ein bißchen +durchs Gitter schielen nach dieser, jener hübschen Dirne unten im +Schiff, gleich hat man einen Halt verfehlt oder sonst was und schlägt +einen falschen Takt und schmeißt das Ganze um. — Pump, da liegt's und +Di—di—Diedel, diedel greift Bruder Jakob in die Orgeltasten! — <span class="antiqua">ad +patibulum cum illis</span> — Ich durfte also — doch <span class="antiqua">bibamus!</span> —</p> + +<p>Nachdem wir beide getrunken, floß der Strom der Rede also weiter: +<span class="antiqua">Desunt</span> die nicht da sind und die nicht da sind, können nicht gefragt +werden, ich dächte daher, Ihr wandertet sogleich mit mir zurück nach der +Abtei, die, schlägt man Richtwege ein, kaum zwei Stunden von hier +entfernt ist. In der Abtei seid Ihr gesichert gegen alle Nachstellungen, +<span class="antiqua">contra hostium insidias,</span> ich bringe Euch hin, <a class="pagenum" name="page_222">222</a>als lebendige Musik und +Ihr bleibt da, solange es Euch gefällt oder solange Ihr es geraten +findet. Der hochwürdige Herr Abt versorgt Euch mit allem Nötigen. Ihr +kleidet Euch in die feinste Wäsche und zieht das Benediktinergewand +darüber, das Euch sehr wohl stehen wird. Aber damit Ihr nicht unterwegs +ausseht wie der wundgeschlagene auf dem Bilde vom mitleidigen Samariter, +so setzt meinen Reisehut auf, ich werde mir die Kapuze schon über die +Glatze ziehn. — <span class="antiqua">Bibendum quid,</span> Liebster!</p> + +<p>Damit leerte er den Becher noch einmal, schwenkte ihn aus im nahen +Waldbach, packte alles schnell in seinen Reisesack, drückte mir seinen +Hut auf die Stirne und rief ganz fröhlich: Kapellmeister, wir dürfen nur +ganz langsam und bequem einen Fuß vor den andern setzen und kommen doch +gerade an, wenn sie läuten <span class="antiqua">ad conventum conventuales,</span> d. h. wenn der +hochwürdige Herr Abt sich zu Tische setzt.</p> + +<p>Ihr dürft wohl denken, lieber Meister, daß ich gegen den Vorschlag des +fröhlichen Paters Hilarius nicht das mindeste einzuwenden hatte, daß es +mir vielmehr gar willkommen sein mußte, mich an einen Ort zu begeben, +der mir in so mancher Hinsicht ein wohltätiges Asyl werden konnte.</p> + +<p>Wir schritten gemächlich fort unter allerlei Gesprächen und langten so, +wie Pater Hilarius es gewollt, in der Abtei an, als man gerade die +Tischglocke läutete.</p> + +<p>Um vorderhand allen Fragen zuvorzukommen, sagte Pater Hilarius dem Abt, +daß, da er zufällig erfahren, wie ich mich in Sieghartsweiler aufhalte, +er es vorgezogen, statt der Musik aus dem Kloster Allerheiligen, lieber +den Komponisten zu holen, der ja ein ganzes unerschöpfliches Magazin von +Musik in sich trage.</p> + +<p>Der Abt Chrysostomus (mich dünkt, ich hätte Euch schon viel von ihm +erzählt) empfing mich mit jener gemütlichen Freude, die nur wahrhaft +guter Gesinnung eigen, und lobte den Entschluß des Paters Hilarius. —</p> + +<p>Seht mich nun, Meister Abraham, wie ich, umgeschaffen zum passablen +Benediktinermönch, in einem hohen, geräumigen Zimmer des Hauptgebäudes +der Abtei, sitze und emsig Vespern und Hymnen ausarbeite, ja wie ich +schon mitunter Gedanken notiere zu einem feierlichen Hochamt — wie sich +die singenden und spielenden Brüder, die Chorknaben versammeln, wie ich +emsig Proben halte, wie ich hinter dem Gitter des Chors dirigiere! In +der Tat, so vergraben fühle ich <a class="pagenum" name="page_223">223</a>mich in diese Einsamkeit, daß ich mich +mit Tartini vergleichen möchte, der, die Rache des Kardinals Cornaro +fürchtend, in das Minoritenkloster zu Assisi floh, wo ihn endlich nach +Jahren ein Paduaner entdeckte, der sich in der Kirche befand und den +verlornen Freund auf dem Chore erblickte, als ein Windstoß den Vorhang, +der das Orchester verhüllte, einige Augenblicke aufhob. — Es hätte Euch +selbst, Meister! so mit mir gehen können, wie jenem Paduaner, aber ich +mußte Euch ja doch sagen, wo ich geblieben, Ihr könntet sonst wunder +gedacht haben, was aus mir geworden. — Hat man vielleicht meinen Hut +gefunden und sich gewundert, daß ihm der Kopf abhanden gekommen? +— Meister! Eine besondere, wohltätige Ruhe ist in mein Inneres gekommen; +sollte ich vielleicht hier am Ankerplatz gelandet sein? Als ich neulich +an dem kleinen See, der in der Mitte des weitläuftigen Gartens der Abtei +liegt, wandelte, und mein Bild neben mir wandelnd im See erblickte, da +sprach ich: der Mensch, der da unten neben mir hergeht, das ist ein +ruhiger, besonnener Mensch, der nicht mehr wild umherschwirrend in vagen +unbegrenzten Räumen, die gefundene Bahn fest hält, und es ist ein Glück +für mich, daß der Mensch kein anderer ist, als ich selbst. — Aus einem +andern See schaute mich einst ein fataler Doppelgänger an. Doch still +— still von dem allen. — Meister, nennt mir keinen Namen — erzählt mir +nichts — auch nicht einmal, wen ich gespießt. — Aber von Euch selbst +schreibt mir viel. — Die Brüder kommen zur Probe, ich schließe mein +historisches Kapitel und zugleich meinen Brief. Lebt wohl, mein guter +Meister, und gedenkt meiner! &c. &c. &c. &c.</p> + +<p>— In den fernen, wild verwachsenen Gängen des Parks einsam wandelnd, +bedachte Meister Abraham das Schicksal des geliebten Freundes und wie er +ihn, kaum wiedergewonnen, auf's Neue verloren. Er sah den Knaben +Johannes, sich selbst in Göniösmühl vor dem Flügel des alten Onkels, der +Kleine hämmerte mit stolzem Blick Sebastian Bachs schwerste Sonaten +herunter, mit beinahe männlicher Faust, er steckte ihm dafür eine Tüte +Zuckerwerk heimlich in die Tasche. — Es war ihm, als sei dies erst +wenige Tage her und er mußte sich verwundern, daß der Knabe eben kein +anderer als der Kreisler, der in ein wunderliches, launenhaftes Spiel +geheimnisvoller Verhältnisse verflochten schien. Aber mit dem Gedanken +an jene vergangene Zeit, an die verhängnisvolle Gegenwart, stieg das +Bild seines eigenen Lebens vor ihm auf.</p> + +<p>Sein Vater, ein strenger, eigensinniger Mann, hatte ihn beinahe <a class="pagenum" name="page_224">224</a>mit +Zwang zu der Kunst des Orgelbaues angehalten, die er selbst trieb, wie +ein gewöhnliches rohes Handwerk. Er litt nicht, daß irgendein anderer, +als der Orgelbauer selbst Hand anlege an das Werk, und so mußten die +Lehrlinge geübte Tischler, Zinngießer usw. werden, ehe sie zu der innern +Mechanik gelangten. — Genauigkeit, Dauerhaftigkeit, gute Spielart des +Werks galt dem Alten für alles; für die Seele, für den Ton hatte er +keinen Sinn, und merkwürdig genug sprach sich dies aus in den Orgeln, +die er baute und denen man mit Recht, einen harten, spitzen Klang +vorwarf. Nächstdem war der Alte den kindischen Künsteleien verjährter +Zeit ganz und gar ergeben. So hatte er an einer Orgel die Könige David +und Salomo angebracht, die während des Spiels wie vor Verwunderung die +Köpfe drehten; so fehlte es keinem seiner Werke an paukenden, +posaunenden, taktierenden Engeln, mit den Flügeln schlagenden, krähenden +Hähnen u. s. w. Abraham konnte oft verdienten oder nicht verdienten +Schlägen nicht anders entgehen und dem Alten eine Äußerung väterlicher +Freude entlocken, als wenn er vermöge eigner Erfindungsgabe irgendeine +neue Künstelei, etwa ein schärfer tönendes Kikeriki, herausgebracht für +den nächsten Orgelhahn. Mit angstvoller Sehnsucht hatte Abraham die Zeit +herbeigewünscht, in der er dem Handwerks-Gebrauch gemäß auf die +Wanderschaft gehen sollte. Endlich kam diese Zeit heran und Abraham +verließ das väterliche Haus, um nie wieder zurückzukehren.</p> + +<p>Auf dieser Wanderung, die er in Gemeinschaft mit andern Gesellen, +meistens wüsten, rohen Burschen, unternahm, sprach er einst ein in der +Abtei St. Blasius, die im Schwarzwalde belegen und hörte dort das +berühmte Orgelwerk des alten Johannes Andreas Silbermann. In den vollen, +herrlichen Tönen dieses Werks ging zum erstenmal der Zauber des +Wohllauts auf in seinem Innern, er fühlte sich in eine andere Welt +versetzt, und von dem Augenblick an war er ganz Liebe für eine Kunst, +die er sonst mit Widerwillen treiben müssen. — Nun kam ihm aber auch +sein ganzes Leben in der Umgebung, wie er es bis jetzt geführt hatte, so +nichtswürdig vor, daß er alle Kraft aufbot sich herauszureißen aus dem +Schlamm, in den er sich versunken glaubte. — Sein natürlicher Verstand, +seine Fassungsgabe ließen ihn in der wissenschaftlichen Bildung +Riesenschritte machen und doch — fühlte er oft die Bleigewichte, die die +frühere Erziehung, das Forttreiben in der Gemeinheit ihm angehängt. +— Chiara, die Verbindung mit diesem seltsamen, geheimnisvollen Wesen, +das war der <a class="pagenum" name="page_225">225</a>zweite Lichtpunkt in seinem Leben, und so bildete beides, +jenes Erwachen des Wohllauts und Chiaras Liebe einen Dualismus seines +poetischen Seins, der wohltätig hineinwirkte in seine rohe aber kräftige +Natur. — Kaum den Herbergen, kaum den Schenken, wo im dicken +Tabaksqualm Zotenlieder ertönten, entronnen, brachte der Zufall oder +vielmehr die Geschicklichkeit in mechanischen Künsteleien, denen er den +Anstrich des Geheimnisses zu geben wußte (wie der geneigte Leser schon +erfahren) den jungen Abraham in Umgebungen, die ihm eine neue Welt sein +mußten, und in denen er, ewig Fremdling bleibend, sich nur dadurch +aufrecht erhielt, daß er den festen Ton behauptete, den seine innere +Natur ihm angegeben. Dieser feste Ton wurde mit der Zeit immer fester, +und da er keinesweges der eines simplen Grobians, sondern auf klaren, +gesunden Menschenverstand, richtiger Lebensansicht, und daraus sich +erzeugendem treffenden Spott basiert war, so konnt es nicht fehlen, daß +da, wo der Jüngling sich nur aufrecht erhalten und toleriert worden, der +Mann als ein zu fürchtendes Prinzip großen Respekt einflößte. Es ist +nichts leichter, als gewissen vornehmen Leuten zu imponieren, die immer +noch weiter unter dem stehen, wofür man sie etwa halten möchte. Daran +dachte nun Meister Abraham eben in dem Augenblick, als er von seinem +Spaziergange wieder an das Fischerhäuschen gekommen, und schlug eine +laute, herzliche Lache auf, die Luft machte seiner gepreßten Brust.</p> + +<p>Zur innigsten Wehmut, die ihm sonst wohl gar nicht eigen, hatte den +Meister nämlich das lebhafte Andenken an den Moment in der Kirche der +Abtei St. Blasius gestimmt. „Warum blutet eben die Wunde jetzt so +häufig, die ich längst verharscht glaubte,“ sprach er zu sich selbst, +„warum hänge ich jetzt leeren Träumereien nach, da es mir scheint, als +müsse ich tätig eingreifen in das Maschinenwerk, das ein böser Geist +falsch zu treiben scheint!“ — Der Meister fühlte sich beängstigt durch +den Gedanken, daß er, selbst wußte er nicht wodurch, in seinem +eigentümlichsten Tun und Treiben sich gefährdet sah, bis, wie gesagt, er +im Ideengange auf die vornehmen Leute kam, über die er lachte und +augenblicklich merkliche Linderung verspürte.</p> + +<p>Er trat ins Fischerhäuschen, um nun Kreislers Brief zu lesen. —</p> + +<p>In dem fürstlichen Schlosse hatte sich Merkwürdiges begeben. Der +Leibarzt sprach: Wunderbar! — es geht über alle Praxis, über alle +Erfahrung hinaus! — Die Fürstin: So mußte es kommen, und die Prinzessin +ist nicht kompromittiert! — der Fürst: Hätt' ichs nicht ausdrücklich +verboten, aber die <span class="antiqua">Crapule</span> der dienenden Esel hat keine <a class="pagenum" name="page_226">226</a>Ohren. — Nun +— der Oberforstmeister soll dafür sorgen, daß der Prinz kein Pulver mehr +in die Hände bekommt! die Rätin Benzon: Dank dem Himmel, sie ist +gerettet! — Während dessen schaute Prinzessin Hedwiga zum Fenster ihres +Schlafgemachs hinaus, indem sie dann und wann abgebrochene Akkorde +anschlug auf derselben Guitarre, die Kreisler im Unmute von sich warf +und aus Julias Händen, wie er meinte geheiligt, zurück empfing. Auf dem +Sofa saß Prinz Ignatius und weinte und klagte: es tut weh, es tut weh +— vor ihm aber Julia, die emsig beschäftigt war, in eine kleine, +silberne Schüssel hinein — rohe Kartoffeln zu schaben.</p> + +<p>Alles dieses bezog sich auf ein Ereignis, das der Leibarzt mit vollem +Recht wunderbar nannte und über alle Praxis erhaben. Prinz Ignatius +hatte sich, wie der geneigte Leser schon mehrmals erfahren, den +unschuldig tändelnden Sinn, die glückliche Unbefangenheit des +sechsjährigen Knaben erhalten und spielte daher gern wie dieser. Unter +anderm Spielzeug besaß er auch eine kleine, aus Metall gegossene Kanone, +die ihm zu seinem Lieblings-Spiel diente, an dem er sich jedoch höchst +selten ergötzen konnte, da manche Dinge dazu gehörten, die nicht gleich +zur Hand waren, nämlich einige Körner Pulver, ein tüchtiges Schrotkorn +und ein kleiner Vogel. Hatte er das alles, so ließ er seine Truppen +aufmarschieren, hielt Kriegsgericht über den kleinen Vogel, der eine +Rebellion angezettelt in des fürstlichen Papas verlornem Lande, lud die +Kanone, und schoß den Vogel, den er mit einem schwarzen Herzen auf der +Brust an einen Leuchter gebunden, tot, zuweilen aber auch nicht, so daß +er mit dem Federmesser nachhelfen mußte, um die gerechte Strafe an dem +Hochverräter zu vollstrecken.</p> + +<p>Fritz, des Gärtners zehnjähriger Knabe, hatte dem Prinzen einen gar +hübschen bunten Hänfling verschafft und dafür, wie gewöhnlich, eine +Krone erhalten. Sogleich war dann aber der Prinz in die Jägerstube +geschlichen, gerade, wenn die Jäger abwesend, hatte richtig Schrotbeutel +und Pulverhorn gefunden, und sich daraus mit der nötigen Munition +versehen. Schon wollte er mit der Exekution beginnen, die Beschleunigung +zu fordern schien, da der bunte zwitschernde Rebell alle nur möglichen +Mittel versuchte, zu entwischen, als es ihm einfiel, daß er der +Prinzessin Hedwiga, die jetzt so artig geworden, durchaus nicht die Lust +versagen dürfte, bei der Hinrichtung des kleinen Hochverräters +gegenwärtig zu sein. Er nahm also den Kasten worin seine Armee +befindlich, unter den einen, die Kanone unter den andern Arm, <a class="pagenum" name="page_227">227</a>den Vogel +aber in die hohle Hand und schlich, da es ihm von dem Fürsten untersagt +worden die Prinzessin zu sehen, leise, leise nach Hedwigas Schlafgemach, +wo er sie in dem fortdauernden kataleptischen Zustande, auf dem +Ruhebette angekleidet liegend fand. Schlimm und, wie man sehen wird +zugleich gut war es, daß die Kammerfrau die Prinzessin eben verlassen.</p> + +<p>Ohne weiteres band nun der Prinz den Vogel an einen Leuchter, ließ die +Armee in Reihe und Glied treten und lud die Kanone, dann hob er die +Prinzessin vom Ruhebette, ließ sie an den Tisch treten und erklärte, daß +sie jetzt den kommandierenden General vorstelle, er seinerseits bleibe +der regierende Fürst und brenne nebenher die Artillerie ab, welche den +Rebellen töte. — Überfluß an Munition hatte den Prinzen verführt und er +nicht allein das Geschütz überladen, sondern auch Pulver rund umher auf +den Tisch verstreut. Sowie er das Stück abprotzte, gab es nicht allein +einen ungewöhnlichen Knall, sondern das umher gestreute Pulver flog auch +auf, und verbrannte ihm tüchtig die Hand, so, daß er laut aufschrie, und +gar nicht einmal bemerkte, daß die Prinzessin in dem Augenblick der +Explosion hart zu Boden gestürzt war. Der Schuß hallte durch die +Korridors, alles stürzte, Unglück ahnend herbei, und selbst Fürst und +Fürstin drängten sich, alle Etikette im jähen Schreck vergessend, mit +der Dienerschaft durch die Türe hinein. Die Kammerfrauen hoben die +Prinzessin von dem Boden und legten sie auf das Ruhebett, während man +nach dem Leibarzt, nach dem Chirurgus lief. Der Fürst ersah aus den +Anstalten auf dem Tische sehr bald was geschehen, und sprach zum +Prinzen, der entsetzlich schrie und lamentierte, mit zornfunkelnden +Augen: Sieht er Ignaz! das kommt von seinen dummen kindischen Faxen. +Laß' er sich Brandsalbe auflegen und heul er nicht, wie ein +Straßenjunge! — Mit einem Birkenreis — sollt — — Hint — Die bebenden +Lippen ließen keine Deutlichkeit der Sprache zu, der Fürst wurde +unverständlich und verließ gravitätisch das Zimmer. Tiefes Entsetzen +hatte die Dienerschaft erfaßt, denn erst zum drittenmal redete der Fürst +den Prinzen an mit Er und Ignaz und jedesmal bewies er den wildesten, +schwer zu sühnenden Zorn.</p> + +<p>Als der Leibarzt erklärte, die Krisis sei eingetreten und er hoffe, daß +der bedrohliche Zustand der Prinzessin nun bald vorüber und sie völlig +genesen werde, sprach die Fürstin mit weniger Teilnahme, als man wohl +denken sollte. <span class="antiqua">Dieu soit loué,</span> man gebe mir weitere Nachricht. Den +weinenden Prinzen schloß sie aber zärtlich in ihre <a class="pagenum" name="page_228">228</a>Arme, tröstete ihn +mit süßen Worten und folgte dann dem Fürsten.</p> + +<p>Indessen war die Benzon, die im Sinne gehabt, mit Julien die +unglückliche Hedwiga zu sehen, im Schlosse angekommen. Kaum hörte sie +was geschehen, als sie hinaufeilte nach dem Zimmer der Prinzessin, +zuflog auf das Ruhebett, niederkniete, Hedwiga's Hand faßte und ihr +starr in die Augen blickte, während Julia heiße Tränen vergoß wähnend, +daß wohl der Todesschlaf über die Herzensfreundin kommen werde. Da holte +Hedwiga tief Atem und sprach mit dumpfer kaum vernehmlicher Stimme: Ist +er tot? — Sogleich hielt Prinz Ignatius ein mit Weinen trotz seines +Schmerzes, und erwiderte in voller Freude über die gelungene Exekution +lachend und kichernd: <ins title="Ja ja">Ja, ja</ins> — Prinzessin Schwester, ganz tot, gerade +durch das Herz geschossen. — „<ins title="Ja sprach">Ja, sprach</ins> die Prinzessin weiter, indem +sie die Augen, die sie aufgeschlagen, wieder sinken ließ, ja ich weiß +es. Ich sah den Blutstropfen, der aus dem Herzen quoll, aber er fiel in +meine Brust und ich erstarrte zu Kristall und er nur lebte in dem +Leichnam! „Hedwiga,“ begann die Rätin leise und zärtlich, „erwachen Sie +aus bösen unglücklichen Träumen! Hedwiga, erkennen Sie mich?“ Die +Prinzessin winkte sanft mit der Hand, als wolle sie verlassen sein. +Hedwiga, fuhr die Benzon fort, Julia ist hier. Ein Lächeln schimmerte +auf Hedwiga's Wangen. Julia beugte sich über sie hin, drückte einen +leisen Kuß auf die erblaßten Lippen der Freundin. Da lispelte Hedwiga +kaum hörbar: Es ist nun alles vorüber, in wenigen Minuten bin ich ganz +erkräftigt, ich <ins title="fühl">fühl'</ins> es. —</p> + +<p>Niemand hatte sich bis jetzt um den kleinen Hochverräter bekümmert, der +mit zerfleischter Brust auf dem Tische lag. Nun fiel er Julien ins Auge +und erst in dem Augenblick wurde sie auch inne, daß Prinz Ignatius +wieder das abscheuliche ihr verhaßte Spiel gespielt. Prinz, sprach sie, +indem ihre Wangen sich hoch röteten, Prinz, was hat Ihnen der arme Vogel +getan, daß Sie ihn ohne Erbarmen töten hier im Zimmer? — Das ist ein +recht einfältiges grausames Spiel. — Sie haben mir längst versprochen es +zu lassen, und doch nicht Wort gehalten. — Aber! tun Sie es noch +einmal, niemals ordne ich mehr Ihre Tassen oder lehre Ihre Püppchen +reden, oder erzähle Ihnen die Geschichte vom Wasserkönig! „Nicht böse +sein, Fräulein Julia!“ wimmerte der Prinz. Aber es war ein bunter +Erzschelm. Er hatte allen Soldaten heimlich die Rockschöße +abgeschnitten, und überdem eine Rebellion angezettelt. Ach es tut weh +— es tut weh! — Die Benzon blickte den Prinzen, dann Julien an mit +seltsamen Lächeln, <a class="pagenum" name="page_229">229</a>dann rief sie: Was das für ein Wehklagen ist über ein +paar verbrannte Finger! — Aber es ist wahr, der Chirurgus wird ewig mit +seiner Brandsalbe nicht fertig. Doch hilft ein gemeines Hausmittel auch +wohl ungemeinen Leuten. Man schaffe rohe Kartoffel herbei! — Sie schritt +nach der Türe; aber wie plötzlich von irgendeinem Gedanken erfaßt, blieb +sie stehen, kehrte um, schloß Julien in die Arme, küßte sie auf die +Stirne und sprach: Du bist mein gutes liebes Kind, und wirst immer das +<em class="gesperrt">ganz</em> sein was Du sein sollst! — Hüte Dich nur vor überspannten +wahnsinnigen Toren und verschließe Dein Gemüt dem bösen Zauber ihrer +verlockenden Reden! Damit warf sie noch einen forschenden Blick auf die +Prinzessin, die sanft und süß zu schlummern schien, und verließ das +Zimmer.</p> + +<p>Der Chirurgus trat herein mit einem ungeheuren Pflaster in den Händen, +unter vielen Beteuerungen versichernd, daß er schon seit geraumer Zeit +gewartet in den Zimmern des gnädigsten Prinzen, da er nicht vermuten +können, daß in dem Schlafgemach der gnädigsten Prinzessin — Er wollte +mit dem Pflaster los auf den Prinzen, die Kammerfrau, die ein paar +stattliche Kartoffeln auf einer silbernen Schüssel herbeigebracht, +vertrat ihm aber den Weg und versicherte, daß für Verletzungen durch +Brand geschabte Kartoffeln das allerbeste Mittel wären. Und ich, fiel +Julia der Kammerfrau ins Wort, indem sie ihr die silberne Schüssel +abnahm, und ich selbst will für Sie, mein Prinzchen, das Pflaster gar +fein bereiten.</p> + +<p>„Gnädigster Herr, sprach der Chirurg erschrocken: Bedenken Sie! — ein +Hausmittel für verbrannte Finger eines hohen fürstlichen Herrn! — Die +Kunst — die Kunst soll — muß hier allein helfen! Er wollte von neuem +auf den Prinzen los, der prallte aber zurück und rief: Weg da, weg da! +Fräulein Julia soll mir das Pflaster bereiten, die Kunst soll sich zum +Zimmer hinausscheren!</p> + +<p>Die Kunst empfahl sich samt ihrem wohlpräparierten Pflaster, indem sie +giftige Blicke auf die Kammerfrau warf.</p> + +<p>Stärker und stärker hörte Julia die Prinzessin atmen, doch wie erstaunte +sie als —</p> + +<p><em class="gesperrt">(M. f. f.)</em> — einschlafen. Hin und her wälzte ich mich auf meinem +Lager; ich versuchte alle nur mögliche Stellungen. Bald streckte ich +mich lang aus, bald wickelte ich mich rund zusammen, ließ den Kopf auf +den weichen Pfoten ruhen und ringelte den Schweif zierlich um mich +herum, so daß er die Augen bedeckte, bald warf ich mich auf die Seite, +ließ die Pfoten wegstarren vom Leibe, den Schweif in leb<a class="pagenum" name="page_230">230</a>loser +Gleichgültigkeit hinabhängen vom Lager. Alles — alles vergebens! +— Wirrer und wirrer wurden Vorstellungen, Gedanken, bis ich endlich in +jenes Delirium fiel, das kein Schlaf, sondern ein Kampf zwischen +Schlafen und Wachen zu nennen, wie Moritz, Davidson, Rudow, Tiedemann, +Wienholt, Reil, Schubert, Kluge und andere physiologische +Schriftsteller, die über Schlaf und Traum geschrieben und die ich nicht +gelesen, mit Recht behaupten.</p> + +<p>Die helle Sonne schien in des Meisters Zimmer hinein, als ich aus diesem +Delirium, aus diesem Kampf zwischen Schlafen und Wachen, wirklich zum +klaren Bewußtsein erwachte. Aber welch ein Bewußtsein, welch ein +Erwachen. — O Katerjüngling, der du dieses liesest, spitze die Ohren +und lies aufmerksam, daß dir die Moral nicht entwische! — Nimm dir zu +Herzen, was ich über einen Zustand sage, dessen unnennbare +Trostlosigkeit ich dir nur mit schwachen Farben schildern kann. — Nimm +dir diesen Zustand, wiederhole ich, zu Herzen und dich selbst möglichst +in acht, wenn du zum erstenmal in einer Katzburschen-Gesellschaft +Katzpunsch genießest! Nippe mäßig und berufe dich, will man das nicht +leiden, auf mich und meine Erfahrung, der Kater Murr sei deine +Autorität, die jeder, hoff' ich, anerkennen und gelten lassen wird.</p> + +<p>Nun also! — Was zuförderst mein physisches Befinden betrifft, so fühlte +ich mich nicht allein matt und elend, sondern was mir ganz besondere +Qualen schuf, war ein gewisser kecker, abnormer Anspruch des Magens, der +eben seiner Abnormität halber nicht durchzusetzen war und nur einen +unnützen Rumor im Innern verursachte, an dem sogar die affizierten +Ganglien teilnahmen, die in ewigem physischem Wollen und nicht Vermögen +krankhaft zitterten und bebten. — Es war ein heilloser Zustand! —</p> + +<p>Aber beinahe noch empfindlicher war die psychische Affektion. Mit der +bittern Reue und Zerknirschung eines Gestern halber, das ich doch +eigentlich gar nicht für tadelnswert achten konnte, kam eine trostlose +Gleichgültigkeit in meine Seele gegen alles irdische Wohl! — Ich +verachtete alle Güter der Erde, alle Gaben der Natur, Weisheit, +Verstand, Witz u. s. w. Die größten Philosophen, die geistreichsten +Dichter galten mir nicht höher als Lumpenpuppen, sogenannte Hansemänner +und was das ärgste war, auf mich selbst dehnte sich jene Verachtung aus +und ich glaubte zu erkennen, daß ich nichts sei, als ein ganz +gewöhnlicher miserabler Mausekatz! — Niederschlagenderes gibt es nicht! +Der Gedanke, daß ich in dem größten Jammer be<a class="pagenum" name="page_231">231</a>fangen, daß die ganze +irdische Erde überhaupt ein Jammertal sei, vernichtete mich im +namenlosen Schmerz. — Ich kniff die Augen zu und weinte sehr! —</p> + +<p>„Du hast geschwärmt, Murr, und nun ist dir miserabel zu Mute? — Ja, ja, +so gehts! — Nun schlaf' nur aus, alter Junge, dann wird's besser +werden! — So rief der Meister mir zu, als ich das Frühstück stehen ließ +und einige Schmerzenstöne von mir gab. Der Meister! — o Gott er wußte +nicht, er kannte nicht meine Leiden! — er ahnte nicht, wie Burschentum +und Katzpunsch wirkt auf ein zartfühlendes Gemüt! —</p> + +<p>Es mochte Mittag sein, noch hatte ich mich nicht vom Lager gerührt, als +plötzlich, der Himmel weiß wie er sich herein zu schleichen gewußt, +Bruder Muzius vor mir stand. — Ich klagte ihm meinen unseligen Zustand, +statt aber, wie ich gehofft, mich zu bedauern, mich zu trösten, schlug +er eine unmäßige Lache auf und rief: „Hoho, Bruder Murr, es ist weiter +nichts als die Krisis, der Übergang von unwürdiger philiströser +Knabenschaft zum würdigen Burschentum, die dich glauben läßt, daß du +krank bist und elend. Du bist das edle Kommerschieren noch nicht +gewohnt! — Aber tu mir den Gefallen und halte das Maul und klage nicht +etwa dem Meister dein Leiden. Unser Geschlecht ist überdem schon +verrufen genug, dieser Scheinkrankheit halber, und der schmähsüchtige +Mensch hat ihr einen Namen gegeben, der sich auf uns bezieht und den ich +nicht wiederholen mag. Aber raffe dich auf, nimm dich zusammen, komm mit +mir, die frische Luft wird dir wohltun und dann mußt du vor allen Dingen +Haare auflegen. Komm nur, du wirst schon praktisch erfahren, was das +heißt.“</p> + +<p>Bruder Muzius übte seit der Zeit, als er mich dem Philistertum +entrissen, eine unbedingte Herrschaft über mich aus; ich mußte tun was +er wollte. Mühsam stand ich daher auf von meinem Lager, dehnte mich, so +gut es bei den erschlafften Gliedern gehen wollte und folgte dem treuen +Bruder aufs Dach. Wir spazierten einigemal auf und nieder und in der +Tat, mir wurde etwas wohler, frischer zu Mute. Dann führte mich Bruder +Muzius hinter den Schornstein, und hier mußte ich, wollte ich mich auch +dagegen sträuben, zwei, drei Schnäpschen reine Heringslake nehmen. Dies +waren die Haare, die ich nach Muzius Ausdruck auflegen sollte. — O, +wunderbarer als wunderbar war die drastische Wirkung dieses Mittels! Was +soll ich sagen? — Des Magens abnorme Ansprüche schwiegen, der Rumor war +gestillt, das Gangliensystem beruhigt, das Leben wieder schön, <a class="pagenum" name="page_232">232</a>ich +schätzte das irdische Wohl, die Wissenschaft, die Weisheit, den +Verstand, den Witz u. s. w., ich war mir selbst wiedergegeben, ich war +wieder der herrliche, höchst exzellente Kater Murr! — O Natur, Natur! +Kann es denn geschehen, daß ein paar Tropfen, die der leichtsinnige +Kater genießt in unzähmbarer freier Willkür, Rebellion zu erwecken +vermögen gegen dich, gegen das wohltätige Prinzip, das du mit +mütterlicher Liebe in seine Brust gepflanzt hast und nach dem er +überzeugt sein muß, daß die Welt mit ihren Freuden, als da sind +Bratfische, Hühnerknochen, Milchbrei &c. die beste sei und er das +allerbeste in dieser Welt, da ihre Freuden nur für ihn und seinethalben +geschaffen sind? — Aber — ein philosophischer Kater erkennt das, es +ist tiefe Weisheit darin — jener trostlose ungeheure Jammer ist nur das +Gegengewicht, das die zum Forttreiben in der Bedingung des Seins nötige +Reaktion bewirkt und so ist derselbe (der Jammer nämlich) in dem +Gedanken des ewigen Weltalls begründet! — Legt Haare auf, +Katerjünglinge! und tröstet euch dann mit diesem philosophischen +Erfahrungssatz eures gelehrten, scharfsinnigen Standesgenossen.</p> + +<p>Es genügt zu sagen, daß ich nun manche Zeit hindurch ein frisches frohes +Burschenleben führte auf den Dächern rings umher, in Kompagnie mit +Muzius und andern kreuzbraven, biderben fidelen Jungen, weißen, gelben +und bunten. Ich komme zu einer wichtigeren Begebenheit meines Lebens, +die nicht ohne Folgen blieb.</p> + +<p>Als ich nämlich einmal bei dem Anbruch der Nacht, im Schimmer des +hellen Mondscheins, mit dem Bruder Muzius zu einer Kneiperei, die die +Burschen angeordnet, gehen wollte, begegnete mir jener schwarz, grau, +gelbe Verräter, der mir meine Miesmies geraubt. Wohl konnt es sein, daß +ich bei dem Anblick des verhaßten Nebenbuhlers, dem ich noch dazu +schändlicher Weise unterliegen müssen, etwas stutzte. Er ging indessen +hart an mir vorbei, ohne mich zu grüßen, und es wollte mich bedünken als +lächle er mich verhöhnend an, im Gefühl der Übermacht, die er über mich +gewonnen. Ich dachte an die verlorne Miesmies, an die erhaltenen Prügel, +das Blut kochte mir in den Adern! Muzius bemerkte meine Aufwallung und +da ich ihm mitteilte, was ich bemerkt zu haben glaubte, so sprach er: Du +hast recht, Bruder Murr. Der Kerl schnitt solch ein schiefes Gesicht und +trat dabei so keck auf; am Ende wollte er dich wirklich tuschieren. +— Nun das wollen wir bald erfahren. Irre ich nicht, so hat der bunte +Philister hier in der Nähe eine neue Liebschaft angesponnen, er +schleicht alle Abende hier auf diesem Dache umher. <a class="pagenum" name="page_233">233</a>Warten wir ein wenig, +vielleicht kommt der Monsieur bald zurück und da kann sich ja wohl das +übrige bald finden.</p> + +<p>In der Tat dauerte es nicht lange, so kam der Bunte wieder trotzig +zurück und maß schon von weiten mich mit verächtlichen Blicken. Ich trat +ihm herzhaft und keck entgegen, wir gingen so hart aneinander vorüber, +daß unsere Schweife sich unsanft berührten: Sogleich blieb ich stehen; +drehte mich um und sprach mit fester Stimme: Mau! — Er blieb ebenfalls +stehen, drehte sich um und erwiderte trotzig: Mau! — Dann ging ein +jeder seinen Weg.</p> + +<p>„Das war Tusch, rief Muzius ganz zornig aus, ich werde den bunten +trotzigen Kerl morgen koramieren.“</p> + +<p>Muzius begab sich den andern Morgen zu ihm hin und fragte ihn in meinem +Namen: ob er meinen Schweif berührt? Er ließ mir erwidern: er hätte +meinen Schweif berührt. Darauf ich: habe er meinen Schweif berührt, so +müsse ich das für Tusch nehmen. Darauf er: ich könne es nehmen wie ich +wollte. Darauf ich: ich nehme es für Tusch. Darauf er: ich sei gar nicht +im Stande zu beurteilen was Tusch sei. Darauf ich: ich wisse das sehr +gut und besser als er. Darauf er: ich sei nicht der Mann dazu, daß er +mich tuschieren solle. Darauf ich nochmals: ich nehme es aber für Tusch. +Darauf er: ich sei ein dummer Junge. Darauf ich um mich in Avantage zu +setzen: Wenn ich ein dummer Junge sei, so sei er ein niederträchtiger +Spitz! — Dann kam die Ausforderung.</p> + +<blockquote><p class="noindent">(<em class="gesperrt">Randglosse des Herausgebers.</em> O Murr! mein Kater. Entweder hat sich der +Ehrenpunkt seit Shakespeare's Zeit nicht geändert oder ich ertappe dich +auf einer schriftstellerischen Lüge. Das heißt, auf einer Lüge, die dazu +dienen soll, der Begebenheit, die du erzählst, mehr Glanz und Feuer zu +geben! — Ist die Art, wie es zum Duell mit dem bunten Pensionär kam, +nicht die rein ausgesprochene Parodie von Probsteins siebenmal +zurückgeschobener Lüge in Wie es euch gefällt? Finde ich nicht in deinem +angeblichen Duell-Prozeß die ganze Stufenleiter von dem höflichen +Bescheid, dem feinen Stich, der groben Erwiderung, der beherzten +Abfertigung, bis zum trotzigen Widerspruch, und kann es dich wohl +einigermaßen retten, daß du anstatt mit der bedingten und offenbaren +Lüge, mit ein paar Schimpfreden schließest? — Murr! mein Kater! Die +Rezensenten werden über dich herfallen, aber bewiesen hast du doch +wenigstens, daß du den Shakespeare mit Verstand und Nutzen gelesen, und +das entschuldigt vieles.)</p></blockquote> + +<p>Aufrichtig gestanden, fuhr es mir doch etwas in die Glieder, als <a class="pagenum" name="page_234">234</a>ich +die Ausforderung erhielt, die auf den Kratz lautete. Ich dachte <ins title="daran">daran,</ins> +wie übel mich der bunte Verräter zugerichtet hatte, als von Eifersucht +und Rache getrieben, ich ihn <ins title="angriff und">angriff, und</ins> wünschte wenigstens die +Avantage, zu der mir Freund Muzius verholfen, hinweg. Muzius mochte +gewahren, daß ich beim Lesen des blutfordernden Handbilletts erblaßte +und überhaupt meine Seelenstimmung bemerken. „Bruder Murr, sprach er, +mir scheint, als ob dir das erste Duell, das du bestehen sollst, etwas +in die Glieder führe?“ — Keinen Anstand nahm ich dem Freunde mein +ganzes Herz zu öffnen, ihm zu sagen, was meinen Mut erschütterte.</p> + +<p>„O mein Bruder, sprach Muzius, o mein geliebter Bruder Murr! Du +vergissest, daß damals, als der übermütige Frevler dich ausprügelte auf +schnöde Weise, du noch ein blutjunger Neuling und kein wackrer, +tüchtiger Bursche warst, wie jetzt. Auch war dein Kampf mit dem Bunten +kein ordentliches Duell nach Regel und Recht, ja nicht einmal ein +Rencontre zu nennen, sondern nichts weiter, als eine philistermäßige +Balgerei, die unanständig ist für jeden Katzbursch. Merk' dir's, Bruder +Murr, daß der auf unsre besondre Gaben neidische Mensch uns die Neigung +vorwirft, uns auf ehrwidrige, beschimpfende Weise zu prügeln, und fällt +unter seinem Geschlecht dergleichen vor, dies mit dem Schimpf- und +Spottnamen: Katzbalgerei, bezeichnet. Schon darum wird und muß ein +ordentlicher Kater, der Ehre im Leibe hat und auf gute Sitten hält, +jedes böse Rencontre der Art vermeiden; er beschämt den Menschen, der +unter gewissen Umständen sehr geneigt <ins title="ist zu">ist, zu</ins> prügeln und geprügelt zu +werden. — Also, geliebter Bruder, laß alle Furcht und Scheu fahren, +bewahre dein tapfres Herz und sei überzeugt, daß du im ordentlichen +Duell genugsame Rache für alle erfahrne Unbill nehmen und den bunten +Gecken dermaßen zerkratzen kannst, daß er das dumme Liebeln und alberne +Daherstolzieren wohl auf einige Zeit lassen wird. — Doch halt! — Eben +will mich bedünken, daß nach dem, was zwischen euch vorgefallen, der +Zweikampf auf den Kratz keinen genügenden Ausschlag geben kann, daß ihr +euch vielmehr auf entscheidendere Weise, nämlich auf den Biß, schlagen +müßt. — Wir wollen die Meinung der Burschen hören! —</p> + +<p>Muzius trug in einer sehr wohlgesetzten Rede den Fall, der sich mit mir +und dem Bunten ereignet, der Burschenversammlung vor. Alle stimmten dem +Redner <ins title="bei und">bei, und</ins> ich ließ daher dem Bunten durch Muzius sagen: ich nehme +die Ausforderung zwar an, könnte und <a class="pagenum" name="page_235">235</a>würde bei der Schwere der +erlittenen Beschimpfung mich aber nicht anders schlagen, als auf den +Biß. Der Bunte wollte zwar Einwendungen machen, vorschützen, er habe +stumpfe Zähne u. s. w.; da aber Muzius ihm nach seiner ernsten und +festen Weise erklärte, daß hier nur durchaus von dem entscheidenderen +Duell auf den Biß die Rede sein könne und daß, wenn er dies nicht +eingehen wolle, er den niederträchtigen Spitz auf sich sitzen lassen +müßte, entschloß er sich zu diesem Duell auf den Biß. — Die Nacht, in +der der Zweikampf vor sich gehen sollte, kam heran. Ich stellte mich auf +dem Dache des Hauses, das an der Grenze des Reviers lag, mit Muzius um +die bestimmte Stunde ein. Auch mein Gegner kam bald mit einem +stattlichen Kater, der beinahe bunter gefleckt war und noch viel +trotzigere, keckere Züge im Antlitz trug, als er selbst. Er war, wie wir +vermuten konnten, sein Sekundant; beide hatten verschiedene Feldzüge als +Kameraden zusammen gemacht und befanden sich auch beide bei der +Eroberung des Speichers, die dem Bunten den Orden des gebrannten Specks +erwarb. Außerdem hatte sich, wie ich nachher erfuhr, auf des um- und +vorsichtigen Muzius Anlaß, eine kleine, lichtgraue Katze eingefunden, +die sich ganz außerordentlich auf Chirurgie verstehen und die +schlimmsten, gefährlichsten Wunden zweckmäßig behandeln und in kurzer +Zeit heilen sollte. — Es wurde noch verabredet, daß der Zweikampf in +drei Sprüngen stattfinden und falls bei dem dritten Sprunge noch nichts +Entscheidendes geschehen, weiter beschlossen werden sollte, ob das Duell +in neuen Sprüngen fortzusetzen, oder die Sache als abgemacht anzusehen. +Die Sekundanten maßen die Schritte aus, und wir setzten uns gegenüber in +Positur. Der Sitte gemäß erhoben die Sekundanten ein Zetergeschrei und +wir sprangen aufeinander los.</p> + +<p>Im Augenblick hatte mein Gegner, indem ich ihn fassen wollte, mein +rechtes Ohr gepackt, das er dermaßen zerbiß, daß ich wider Willen laut +aufschrie. „Auseinander!“ rief Muzius. Der Bunte ließ ab, wir gingen in +die Position zurück.</p> + +<p>Neuer Zeter der Sekundanten, zweiter Sprung. Nun glaubte ich meinen +Gegner besser zu fassen, aber der Verräter duckte sich und biß mir in +die linke Pfote, daß das Blut in dicken Tropfen hervorquoll. +— „Auseinander! rief Muzius zum zweitenmal. „Eigentlich ist nun die +Sache ausgemacht,“ sprach der Sekundant meines Gegners sich zu mir +wendend, da <ins title="Sie mein">Sie, mein</ins> Bester, durch die bedeutende Wunde an der Pfote +<span class="antiqua">hors de combat</span> gesetzt sind.“ Doch Zorn, tiefer Ingrimm ließen mich +keinen Schmerz fühlen und ich entgegnete, daß es sich bei <a class="pagenum" name="page_236">236</a>dem dritten +Sprunge finden würde, inwiefern es mir an Kraft gebräche und die Sache +als abgemacht anzusehen. „Nun, sprach der Sekundant mit höhnischem +Lachen, wenn Sie denn durchaus von der Pfote Ihres Ihnen überlegenen +Gegners fallen wollen, so geschehe Ihr Wille! — Doch Muzius klopfte mir +auf die Schultern und rief: Brav, brav mein Bruder Murr, ein echter +Bursche achtet solch einen Ritz nicht! — Halte dich tapfer!</p> + +<p>Zum drittenmal Zeter der Sekundanten, dritter Sprung! — Meiner Wut +ungeachtet, hatte ich die List meines Gegners gemerkt, der immer etwas +seitwärts sprang, weshalb ich ihn fehlte, während er mich mit Sicherheit +packte. — Diesmal nahm ich mich in acht, sprang auch seitwärts und als +er mich zu fassen glaubte, hatte ich ihn schon dermaßen in den Hals +gebissen, daß er nicht schreien, nur stöhnen konnte. „Auseinander!“ rief +jetzt der Sekundant meines Gegners. Ich sprang sogleich zurück, der +Bunte sank aber ohnmächtig nieder, indem das Blut reichlich aus der +tiefen Wunde hervorquoll. Die hellgraue Katze eilte sogleich auf ihn zu +und bediente sich, um vor dem Verbande das Blut einigermaßen zu stillen, +eines Hausmittels, das, wie Muzius versicherte, ihr stets zu Gebote +stand, da sie es immer bei sich führte. Sie goß nämlich sofort eine +Flüssigkeit in die Wunde und besprengte überhaupt den Ohnmächtigen ganz +und gar damit, die ich ihres scharfen, beizenden Geruchs halber für +stark und drastisch wirkend halten mußte. Thedensche Arkebusade war es +nicht, auch nicht Eau de Cologne. — Muzius drückte mich feurig an seine +Brust und sprach: Bruder Murr, du hast deine Ehrensache ausgefochten, +wie ein Kater, dem das Herz auf dem rechten Flecke sitzt. — Murr, du +wirst dich erheben zur Krone des Burschentums, du wirst keinen Makel +dulden und stets bei der Hand sein, wenn es darauf ankommt, unsre Ehre +zu erhalten. — Der Sekundant meines Gegners, der so lange dem hellgrauen +Chirurgus beigestanden, trat nun trotzig auf und behauptete, daß ich im +dritten Gange gegen den Komment gefochten. Da setzte sich aber Bruder +Muzius in Positur und erklärte mit funkelnden Augen und +hervorgestreckten Krallen, daß der, der solches behaupte, es mit ihm zu +tun habe und daß die Sache gleich auf der Stelle ausgemacht werden +könne. Der Sekundant hielt es für geraten, nichts weiter darauf zu +erwidern, sondern packte stillschweigend den wunden Freund, der was +weniges zu sich selbst gekommen, auf den Rücken und marschierte mit ihm +ab durch die Dachluke. — Der aschgraue Chirurgus fragte an, ob er +meiner Wunden halber mich auch etwa mit seinem Haus<a class="pagenum" name="page_237">237</a>mittel bedienen +solle. Ich lehnte das aber ab, so sehr mich auch Ohr und Pfote +schmerzten, sondern machte mich im Hochgefühl des errungenen Sieges, der +gestillten Rache für Miesmies Entführung und erhaltene Prügel, auf den +Weg nach Hause.</p> + +<p>Für dich, o Katerjüngling! habe ich mit gutem Bedacht, die Geschichte +meines ersten Zweikampfs so umständlich aufgeschrieben. Außerdem, daß +dich diese merkwürdige Geschichte über den Ehrenpunkt belehrt ganz und +gar, so kannst du auch noch manche für das Leben nützliche Moral daraus +schöpfen. Wie z. B. daß Mut und Tapferkeit gar nichts ausrichten gegen +Finten und daß daher das genaue Studium der Finten unerläßlich ist, um +nicht zu Boden getreten zu werden, sondern sich aufrecht zu erhalten. +<span class="antiqua">Chi no se ajuta, se nega,</span> sagt Brighella in Gozzis glücklichem Bettler +und der Mann hat recht, vollkommen recht. Sieh das ein, Katerjüngling +und verachte keinesweges Finten, denn in ihnen liegt, wie im reichen +Schacht, die wahre Lebensweisheit verborgen.</p> + +<p>— Als ich herabkam, fand ich des Meisters Tür verschlossen und mußte +daher mit der Strohmatte, die davor lag, als Nachtlager vorlieb nehmen. +Die Wunden hatten mir einen starken Blutverlust <ins title="verursacht und">verursacht, und</ins> mir +wurde in der Tat etwas ohnmächtig zu Mute. Ich fühlte mich sanft +fortgetragen. Es war mein guter Meister, der (ich mochte wohl, ohne es +zu wissen, etwas gewinselt haben) mich vor der Tür gehört, aufgemacht +und meine Wunden bemerkt hatte. „Armer Murr, rief er, was haben sie mit +dir gemacht? das hat tüchtige Bisse gegeben — nun ich hoffe, du wirst +deinen Gegnern nichts geschenkt haben!“ Meister, dacht ich, wenn du +wüßtest! und aufs Neue fühlte ich mich von dem Gedanken des vollständig +erfochtenen Sieges, der Ehre, die ich mir gewonnen, gar mächtig erhoben. +— Der gute Meister legte mich auf mein Lager, holte aus dem Schrank +eine kleine Büchse, in der Salbe befindlich, hervor, bereitete zwei +Pflaster und legte sie mir auf Ohr und Pfote. Ruhig und geduldig ließ +ich alles geschehen und stieß nur ein kleines, leises Mrrr! aus, als der +erste Verband mich etwas schmerzen wollte! — „Du bist, sprach der +Meister, ein kluger Kater, Murr! du verkennst nicht, wie andre knurrige +Wildfänge deines Geschlechts, die gute Absicht deines Herrn. Halt dich +nur <ins title="ruhig und">ruhig, und</ins> wenn es Zeit ist, daß du die Wunde an der Pfote heil +leckst, so wirst du schon selbst den Verband lösen. Was aber das wunde +Ohr betrifft, so kannst du nichts dafür tun, armer Geselle, und mußt das +Pflaster leiden.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_238">238</a>Ich versprach das dem Meister und reichte zum Zeichen meiner +Zufriedenheit und Dankbarkeit für seine Hilfe ihm meine gesunde Pfote +hin, die er wie gewöhnlich nahm und leise schüttelte, ohne sie im +mindesten zu drücken. — Der Meister verstand mit gebildeten Katern +umzugehen.</p> + +<p>Bald spürte ich die wohltätige Wirkung der Pflaster und war froh, daß +ich des kleinen aschgrauen Chirurgus fatales Hausmittel nicht +angenommen. Muzius, der mich besuchte, fand mich heiter und kräftig. +Bald war ich im Stande, ihm zu folgen zur Burschenkneiperei. Man kann +denken, mit welchem unbeschreiblichen Jubel ich empfangen wurde. Allen +war ich doppelt lieb geworden.</p> + +<p>Von nun an führte ich ein köstliches Burschenleben und übersah es gern, +daß ich dabei die besten Haare aus dem Pelz verlor. — Doch gibt es +hienieden ein Glück, das von Dauer sein sollte? Lauert bei jeder Freude, +die man genießt, nicht schon der —</p> + +<p><em class="gesperrt">(Mak. Bl.)</em> — hohen und steilen Hügel, im flachen Lande hätte er für +einen Berg gegolten, belegen. Ein breiter, bequemer, von duftendem +Gebüsch eingeschlossener Weg, an dessen beiden Seiten häufig angebrachte +steinerne Sitze und Lauben die gastliche Sorge für die wandernden Pilger +bewiesen, führte hinauf. Oben angekommen, gewahrte man erst die Größe +und Pracht des Gebäudes, das man in der Ferne nur für eine einzeln +dastehende Kirche gehalten. Wappen, Bischofsmütze, Krummstab und Kreuz, +über dem Tor in Stein gehauen, zeigten, daß sonst hier eine bischöfliche +Residenz gewesen und die Inschrift: <span class="antiqua">Benedictus, qui venit in nomine +domini,</span> lud fromme Gäste ein, zum Eintritt. Aber jeder, der eingetreten, +blieb wohl unwillkürlich stehen, überrascht, erfaßt von dem Anblick der +Kirche, die mit ihrer prächtigen, im Stil des Palladio erbauten Fassade, +mit ihren beiden hohen, luftigen Türmen in der Mitte stand, als +Hauptgebäude, an das sich von beiden Seiten Flügel anschlossen. In dem +Hauptgebäude, befanden sich noch die Zimmer des Abts, in den +Seitenflügeln dagegen die Wohnungen der Mönche, das Refektorium, andere +Versammlungssäle, sowie auch Zimmer zur Aufnahme einkehrender Fremden. +Unfern dem Kloster lagen die Wirtschaftsgebäude, die Meierei, das Haus +des Amtmanns; tiefer im Tal umflocht aber das schöne Dorf Kanzheim den +Hügel mit der Abtei wie ein bunter, üppiger Kranz.</p> + +<p>Dieses Tal breitete sich aus bis an den Fuß des fernen Gebirges. +Zahlreiche Herden weideten in den von spiegelhellen Bächen +durchschnittenen Wiesengründen, fröhlich zogen die Landleute aus den +<a class="pagenum" name="page_239">239</a>Dörfern, die hin und wieder verstreut lagen, durch die reichen +Kornfelder, jubelnder Gesang der Vögel scholl aus den anmutigen +Gebüschen, sehnsüchtiger Hörnerschall rief herüber aus der fernen, +dunklen Waldung, beschwingt mit weißen Segeln glitten schwer beladene +Kähne auf dem breiten Fluß, der das Tal durchströmte schnell vorüber und +man vernahm die frohen Grüße der Schiffer. Überall üppige Fülle, +reichlich gespendeter Segen der Natur, überall reges, ewig +forttreibendes Leben. Die Aussicht in die lachende Landschaft vom Hügel +herab aus den Fenstern der Abtei, erhob das Gemüt und erfüllte es +zugleich mit innigem Wohlbehagen.</p> + +<p>Mocht' es sein, daß man dem innern Schmuck der Kirche, der edlen, +grandiosen Grundlage unerachtet, bei dem vielen bunten, vergoldeten +Schnitzwerk und der kleinlichen Bilderei mit Recht den Vorwurf der +Überladung, des mönchischen Ungeschmacks machen konnte, so fiel dafür +der reine Stil, in welchem die Zimmer des Abtes gebaut und verziert +waren, destomehr in's Auge. Aus dem Chor der Kirche trat man unmittelbar +in einen geräumigen Saal, der zur Versammlung der Geistlichen und +zugleich zur Aufbewahrung der Instrumente und Musikalien diente. Aus +diesem Saal führte ein langer Korridor, der eine ionische Säulenstellung +bildete, in die Gemächer des Abts. Seidene Tapeten, auserlesene Gemälde +der besten Meister aus verschiedenen Schulen, Büsten, Statuen großer +Männer der Kirche, Teppiche, zierlich ausgelegte Fußböden, kostbares +Gerät, alles deutete hier auf den Reichtum des wohl dotierten Klosters. +Dieser Reichtum, der in dem Ganzen herrschte, war aber nicht jener +glänzende Prunk, der das Auge blendet, ohne ihm wohlzutun und der +Staunen, aber nicht Wohlbehagen erzeugt. Alles war an seiner rechten +Stelle angebracht, nichts wollte prahlerisch die Aufmerksamkeit für sich +allein fesseln und die Wirkung des andern zerstören, und so dachte man +nicht an die Kostbarkeit dieses, jenes einzelnen Schmucks, sondern +fühlte sich vom Ganzen gemütlich angeregt. Das durchaus <em class="gesperrt">Gehörige</em> in der +Anordnung brachte diesen gemütlichen Eindruck hervor, und eben das +richtig entscheidende Gefühl des Gehörigen möchte wohl das sein, was man +guten Geschmack zu nennen pflegt. Das Bequeme, Wohnliche dieser Gemächer +des Abts, grenzte an das Üppige, ohne in der Tat üppig zu werden, und so +durfte es keinen Anstoß geben, daß ein Geistlicher alles dies selbst +angeordnet und herbeigeschafft. Der Abt Chrysostomus hatte, als er vor +wenigen Jahren nach Kanzheim kam, die abteiliche Wohnung einrichten +lassen, wie sie sich jetzt <a class="pagenum" name="page_240">240</a>fand, und sein ganzer Charakter, seine ganze +Art zu sein, sprach sich schon lebhaft aus in dieser Einrichtung, ehe +man ihn selbst sah und bald die hohe Stufe seiner geistigen Bildung +gewahrte. Noch in den vierziger Jahren, groß, wohlgebaut, geistvollen +Ausdruck im männlich schönen Antlitz, Anmut und Würde im ganzen +Betragen, flößte der Abt jedem, der sich ihm nahte, die Ehrfurcht ein, +die sein Stand forderte. Eifriger Kämpfer für die Kirche, rastloser +Verfechter der Rechte seines Ordens, seines Klosters, schien er doch +nachgiebig und duldsam. Aber eben diese scheinbare Nachgiebigkeit war +eine Waffe, die er wohl zu führen und damit jeden Widerstand, selbst den +der obersten Gewalt, zu besiegen wußte. Durfte man denn auch ahnen, daß +hinter einfachen, salbungsreichen Worten, die aus dem treusten Herzen zu +kommen schienen sich mönchische Schlauheit verberge, so gewahrte man nur +die Gewandtheit eines eminenten Geistes, der in die tiefern Verhältnisse +der Kirche eingedrungen. Der Abt war ein Zögling der Propaganda in Rom. +— Selbst gar nicht geneigt, den Ansprüchen des Lebens zu entsagen, +insofern sie mit geistlicher Sitte und Ordnung verträglich, ließ er +seinen zahlreichen Untergebenen alle Freiheit, die sie nur nach ihrem +Stande fordern konnten. So kam es denn, daß, während einige dieser, +jener Wissenschaft ergeben, in einsamer Zelle studierten, andere lustig +umherschwärmten in dem Park der Abtei und sich erlustigten im heitern +Gespräch, während einige, zu schwärmerischer Andacht geneigt, fasteten +und ihre Zeit hinbrachten in stetem Gebet, andere sich es wohlschmecken +ließen an der reichbesetzten Tafel und ihre religiösen Übungen auf die +Ordensregel beschränkten, während einige die Abtei nicht verlassen +mochten, andere sich auf weitere Wege begaben, auch wohl, kam die Zeit +heran, das lange Priestergewand vertauschten mit dem kurzen Jägerrock +und sich als wackre Weidmänner herumtummelten. Waren nun aber die +Meinungen der Brüder verschieden und durfte jeder der seinigen +nachhängen, wie er wollte, so kamen sie alle in der enthusiastischen +Vorliebe für die Musik überein. Beinahe ein jeder war ausgebildeter +Musiker, und es gab Virtuosen unter ihnen, die der besten fürstlichen +Kapelle Ehre gemacht haben würden. Eine reiche Musikaliensammlung, eine +Auswahl der vortrefflichsten Instrumente setzte jeden in den Stand, die +Kunst zu treiben, wie er wollte, und häufige Aufführungen auserlesener +Werke erhielten jeden in praktischer Übung.</p> + +<p>Eben diesem musikalischen Treiben gab nun Kreislers Ankunft in der +Abtei einen neuen Schwung. Die Gelehrten schlugen ihre Bücher <a class="pagenum" name="page_241">241</a>zu, die +Andächtigen kürzten ihre Gebete ab, alle versammelten sich um Kreisler, +den sie liebten und dessen Werke sie hochschätzten, wie keine anderen. +Der Abt selbst hing ihm an mit inniger Freundschaft und er, sowie alle +übrigen beeiferten sich, ihm ihre Achtung, ihre Liebe darzutun, wie sie +es nur vermochten. War nun die Gegend, in der die Abtei lag, ein +Paradies zu nennen, gewährte das Leben im Kloster die bequemste +Behaglichkeit, wozu ein leckrer Tisch und edler Wein, für den der Vater +Hilarius sorgte, wohl auch zu rechnen, herrschte unter den Brüdern die +gemütliche Heiterkeit, welche von dem Abt selbst ausging, schwamm +überdem Kreisler, den die Kunst rastlos beschäftigte, recht in seinem +Elemente, so konnt' es nicht fehlen, daß sein bewegtes Gemüt ruhig +wurde, wie seit langer Zeit nicht mehr. Selbst der Zorn seines Humors +dämpfte sich, er wurde sanft und weich wie ein Kind. Aber noch mehr als +das alles, er glaubte an sich selbst, verschwunden war jener +gespenstische Doppelgänger, der emporgekeimt aus den Blutstropfen der +zerrissenen Brust.</p> + +<p>Irgendwo<a name="FNanchor_A_3" id="FNanchor_A_3"></a><a href="#Footnote_A_3" class="fnanchor">[A]</a> heißt es von dem Kapellmeister Johannes Kreisler, daß seine +Freunde es nicht dahin hätten bringen können, daß er eine Komposition +aufgeschrieben, und sei dies wirklich einmal geschehen, so habe er doch +das Werk, so viel Freude er auch über das Gelingen geäußert, gleich +nachher in's Feuer geworfen. So mag es sich begeben haben in einer sehr +verhängnisvollen Zeit, die dem armen Johannes den rettungslosen +Untergang drohte, von der gegenwärtiger Biograph bis jetzt aber nicht +recht viel weiß. Jetzt in der Abtei Kanzheim wenigstens hütete sich +Kreisler wohl, die Kompositionen zu vernichten, die recht aus seinem +Innersten hervorgingen, und seine Stimmung sprach sich in dem Charakter +süßer, wohltuender Wehmut aus, den seine Werke trugen, statt daß er +sonst nur zu oft im mächtigen Zauber aus der Tiefe der Harmonik die +gewaltigen Geister heraufbeschwor, die die Furcht, das Entsetzen, alle +Qualen hoffnungsloser Sehnsucht aufregen in der menschlichen Brust. —</p> + +<p>— Man hatte eines Abends im Chor der Kirche die letzte Probe eines +Hochamts gehalten, mit dem Kreisler fertig worden und das am folgenden +Morgen aufgeführt werden sollte. Die Brüder waren zurückgekehrt in ihre +Zellen, Kreisler allein weilte in dem Säulengange und schaute hinaus in +die Gegend, die im Schimmer der letzten Strahlen der sinkenden Sonne vor +ihm lag. Da war es ihm, als vernähme + +<a class="pagenum" name="page_242">242</a>er aus weiter Ferne noch einmal sein Werk, das ihm eben lebendig +dargestellt von den Brüdern. Als nun aber das <span class="antiqua">Agnus Dei</span> kam, da erfaßte +ihn aufs Neue und stärker die namenlose Wonne jener Augenblicke, in +denen ihm dieses <span class="antiqua">Agnus</span> aufgegangen. „Nein, rief er aus, indem glühende +Tränen seine Augen füllten; — nein! — ich bin es nicht, du allein! du, +mein einziger Gedanke, du mein einziges Sehnen!“ —</p> + +<div class="footnote"><p class="noindent"><a name="Footnote_A_3" id="Footnote_A_3"></a><a href="#FNanchor_A_3"><span class="label">[A]</span></a> Phantasiestücke in Callots Manier. Neue Ausgabe. T. 1, +Seite 32.</p></div> + +<p>Wunderbar war es wohl, auf welche Weise Kreisler diesen Satz, in welchem +der Abt, die Brüder den Ausdruck der brünstigsten Andacht, der +himmlischen Liebe selbst fanden, hervorgebracht hatte. Ganz erfüllt von +dem Hochamt, das er zu setzen begonnen, aber noch lange nicht vollendet +hatte, träumte er in einer Nacht, der Heiligentag, für den die +Komposition bestimmt, sei da, das Hochamt eingeläutet, er stehe an dem +Pult, die fertige Partitur vor sich, der Abt, selbst Messe lesend, +intoniere und sein <span class="antiqua">Kyrie</span> fange an. —</p> + +<p>Satz auf Satz folge nun, die Aufführung, gediegen und kraftvoll, +überrasche ihn, reiße ihn fort bis zum <span class="antiqua">Agnus Dei.</span> Da gewahre er zu +seinem Schreck in der Partitur weiße Blätter, keine Note aufgeschrieben, +die Brüder schauten ihn, der plötzlich den Taktstock sinken lassen, an, +gewärtig, daß er endlich anfangen, daß die Stockung endlich aufhören +werde. Aber bleischwer drücke ihn Verlegenheit und Angst nieder und er +könne, ungeachtet er das ganze <span class="antiqua">Agnus</span> fertig in seiner Brust bewahre, nur +es nicht herausbringen in die Partitur. Da erschiene aber plötzlich eine +holde Engelsgestalt, trete an den Pult, sänge das <span class="antiqua">Agnus</span> mit Tönen des +Himmels und diese Engelsgestalt wäre Julia! — Im Entzücken hoher +Begeisterung erwachte Kreisler und schrieb das <span class="antiqua">Agnus</span> auf, das im seligen +Traum ihm aufgegangen. — Und diesen Traum träumte Kreisler nun noch +einmal, er vernahm Julias Stimme, höher und höher schlugen die Wellen +des Gesanges, als nun der Chor einfiel: <span class="antiqua">Dona nobis pacem,</span> er wollte +untergehen in dem Meer von tausend seligen Wonnen, das ihn überströmte.</p> + +<p>Ein leiser Schlag auf die Schulter weckte Kreisler aus der Ekstase, in +die er geraten. Es war der Abt, der vor ihm stand und ihn mit +Wohlgefallen anblickte.</p> + +<p>„Nicht wahr, begann der Abt, nicht wahr, mein Sohn Johannes! was Du +tief in Deinem Gemüt empfunden, was Dir gelang, herrlich und kräftig in +das Leben zu rufen, das erfreut jetzt Deine ganze Seele? — Ich meine, +Du dachtest an Dein Hochamt, das ich zu den besten Werken zähle, die Du +jemals geschaffen.“</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_243">243</a>Kreisler starrte den Abt stillschweigend an, noch war er keines Wortes +mächtig.</p> + +<p>„Nun nun, fuhr der Abt lächelnd fort, steige herab aus der obern Region, +zu der Du Dich hinaufgeschwungen! — Ich glaube gar, Du komponierst in +Gedanken und lässest so nicht ab von der Arbeit, die Dir freilich eine +Lust ist, wiewohl eine gefährliche, da sie zuletzt Deine Kräfte +aufzehrt. Entschlage Dich jetzt aller schaffenden Gedanken, laß uns in +diesem kühlen Gange auf- und abwandeln und unbefangen miteinander +plaudern.</p> + +<p>Der Abt sprach nun von den Einrichtungen des Klosters, von der +Lebensweise der Mönche, rühmte den wahrhaft heiter frommen Sinn, den +alle in sich trügen und fragte zuletzt den Kapellmeister, ob er (der +Abt) sich nicht täusche, wenn er bemerkt zu haben glaube, daß Kreisler +seit den Monaten, daß er sich in der Abtei befinde, ruhiger, +unbefangener, dem tätigen Forttreiben in der hohen Kunst, die den Dienst +der Kirche verherrliche, geneigter geworden.</p> + +<p>Kreisler konnte nicht anders, als dies zugeben und überdies versichern, +daß die Abtei sich ihm aufgetan wie ein Asyl, in das er geflüchtet und +daß er sich hier so heimisch dünke, als sei er wirklich Ordensbruder und +werde das Kloster niemals mehr verlassen.</p> + +<p>„Lassen Sie mir, ehrwürdiger Herr!“ so endete Kreisler, „die Täuschung, +die dies Kleid befördert. Lassen Sie mich glauben, daß von bedrohlichem +Sturm verschlagen, mich die Gunst des versöhnten Geschicks an einem +Eilande stranden ließ, wo ich geborgen, wo nie mehr der schöne Traum +zerstört werden kann, der nichts anders ist, als die Begeisterung der +Kunst selbst.“</p> + +<p>In der Tat, mein Sohn Johannes, erwiderte der Abt, indem eine besondere +Freundlichkeit sein Antlitz überstrahlte, das Kleid, das Du angelegt, um +als unser Bruder zu erscheinen, steht Dir wohl, und ich wollte, daß Du +es nie wieder ablegtest. Du bist der würdigste Benediktiner, den man nur +sehen kann.</p> + +<p>Doch, fuhr der Abt nach einem kurzem Stillschweigen fort, indem er +Kreislers Hand faßte, kein Scherz ist hier zu treiben. Sie wissen, mein +Johannes! wie lieb Sie mir gewesen sind seit dem Augenblick, als ich Sie +kennen lernte, wie meine innige Freundschaft, sich mit der hohen Achtung +für Ihr ausgezeichnetes Talent paarend, immer höher gestiegen ist. Für +den, den man liebt, wird man mit Sorge erfüllt und eben diese Sorge war +es, die mich Sie seit der Zeit Ihres Aufenthalts im Kloster bis zur +Ängstlichkeit beobachten ließ. Das Resultat <a class="pagenum" name="page_244">244</a>dieser Beobachtungen brachte +mich zu einer Überzeugung, die ich nicht aufgeben darf! Längst wollt' +ich Ihnen in dieser Hinsicht mein ganzes Herz öffnen, ich wartete auf +einen günstigen Augenblick, er ist gekommen! — Kreisler! Entsagen Sie +der Welt, treten Sie in unsern Orden!</p> + +<p>So sehr sich auch Kreisler in der Abtei gefiel, so willkommen es ihm +war, einen Aufenthalt verlängern zu können, der ihm Ruhe und Frieden +gab, indem er seine rege, künstlerische Tätigkeit in Anspruch nahm, doch +überraschte ihn der Antrag des Abts auf beinahe unangenehme Weise, da er +an nichts weniger mit wirklichem Ernst gedacht, als seine Freiheit +aufgebend, sich unter die Mönche stecken zu lassen auf immer, wiewohl +ihm manchmal schon solch eine Grille aufgestiegen und dies vom Abt +bemerkt sein mochte. Ganz verwundert schaute er den Abt an, der ihn aber +nicht zum Worte kommen ließ, sondern fortfuhr: Hören Sie mich erst ruhig +an, Kreisler, ehe Sie mir antworten. Wohl muß es mir angelegen sein der +Kirche einen tüchtigen Diener zu gewinnen, indessen verwirft die Kirche +selbst jede künstliche Überredung und will nur, daß der innere Funke der +wahren Erkenntnis angeregt werde, damit er zur hell lodernden Flamme des +Glaubens aufleuchte und jede Betörung vernichte. Und so will ich nur +das, was dunkel und verworren vielleicht in Ihrer eignen Brust liegt, +entfalten, Ihnen selbst zur deutlichen Erkenntnis bringen. Darf ich zu +Ihnen, mein Johannes! denn von den aberwitzigen Vorurteilen sprechen, +die man in der Welt gegen das Klosterleben hegt? — Immer muß den Mönch +irgendein ungeheures Schicksal in die Klause getrieben haben, wo er +aller Lust der Welt entsagend unter beständiger Qual ein trostloses +Leben vertrauert. So wäre das Kloster der finstre Kerker, wo die +trostloste Trauer um ewig verlornes Gut, die Verzweiflung, der Wahnsinn +erfinderischer Selbstqual sich eingesperrt, wo abgehärmte bleiche +Todesgestalten ein elendes Dasein hinschleppten und ihre herzzermalmende +Angst aushauchten in dumpf murmelnden Gebeten!</p> + +<p>Kreisler konnte sich nicht eines Lächelns erwehren, denn er gedachte, +als der Abt von abgehärmten bleichen Todesgestalten sprach, so manches +wohlgenährten Benediktiners und vorzüglich des wackern rotwangigten +Hilarius, der keine größere Qual kannte, als Wein zu trinken von +schlechtem Gewächs und nur die Angst, die ihm eine neue Partitur +verursachte, welche er nicht gleich verstand.</p> + +<p>Sie belächeln, sprach der Abt weiter, den Kontrast des Bildes, das ich +aufstellte mit dem Klosterleben, wie Sie es hier kennen gelernt, <a class="pagenum" name="page_245">245</a>und +haben gewiß Ursache dazu. — Mag es auch sein, daß mancher zerrissen von +irdischem Leid, alles Glück, alles Heil der Welt für immer aufgebend, in +das Kloster flieht, wohl ihm dann, daß die Kirche ihn aufnimmt und er in +ihrem Schoß einen Frieden findet, der allein ihn über alles erlittene +Ungemach trösten und ihn erheben kann über das verderbliche Geschick im +weltlichen Treiben. Aber wie viele gibt es, die der wahre innere Hang +zum andächtigen kontemplativen Leben in das Kloster führt, die ungefügig +in der Welt, jeden Augenblick verstört durch das Andringen aller +kleinlichen Verhältnisse, wie sie sich nun einmal im Leben erzeugen, nur +in selbstgewählter Einsamkeit sich wohl befinden. Dann gibt es aber +andere, die ohne entschiedenen Hang zum klösterlichen Leben doch +nirgends anders hingehören, als eigentlich ins Kloster. — Ich meine +diejenigen, die Fremdlinge in der Welt sind und bleiben, weil sie einem +höheren Sein angehören und die Ansprüche dieses höheren Seins für die +Bedingung des Lebens halten, so aber rastlos das verfolgend, was +hienieden nicht zu finden, ewig dürstend in nie zu befriedigender +Sehnsucht, hin und her schwanken und vergeblich Ruhe suchen und Frieden, +deren offne Brust jeder abgeschossene Pfeil trifft, für deren Wunden es +keinen Balsam gibt, als die bittre Verhöhnung des stets wider sie +bewaffneten Feindes. Nur die Einsamkeit, ein einförmiges Leben ohne +feindliche Unterbrechung und vor allem das stete freie Aufschauen zur +Lichtwelt, der sie angehören, kann das Gleichgewicht herstellen und sie +im Innern eine überirdische Zufriedenheit fühlen lassen, die in dem +wirren Treiben der Welt nicht zu erringen. — Und Sie — Sie mein +Johannes gehören zu diesen Menschen, die die ewige Macht im Druck des +Irdischen hoch erhebt zum Himmlischen. Das rege Gefühl des höhern Seins, +das Sie ewig mit dem schalen irdischen Treiben entzweien wird, entzweien +muß, strahlt mächtig heraus in der Kunst, die einer andern Welt gehört +und die, ein heiliges Geheimnis der himmlischen Liebe, mit Sehnsucht in +ihrer Brust verschlossen. Die glühendste Andacht selbst in diese Kunst +und ihr ganz ergeben haben Sie nichts mehr gemein mit einer +buntscheckigen Welttändelei, die Sie von sich werfen mit Verachtung, wie +der zum Jüngling gereifte Knabe das abgenutzte Spielzeug. — Entfliehen +Sie für immer den aberwitzigen Neckereien hohnlächelnder Toren, die Sie, +mein armer Johannes, oft gequält haben bis auf's Blut! — Der Freund +breitet die Arme aus Sie zu empfangen, Sie einzuführen in den sichern +Port, den kein Gewittersturm bedroht! —</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_246">246</a>Tief, sprach mein Johannes, da der Abt schwieg, ernst und düster, tief +fühle ich die Wahrheit ihrer Worte, mein ehrwürdiger Freund! tief, daß +ich wirklich nicht in eine Welt tauge, die sich mir gestaltet wie ein +ewiges rätselhaftes Mißverständnis. Und doch — ich gestehe es frei, +erregt mir der Gedanke Schauer, auf Kosten so mancher Überzeugung, die +ich mit der Muttermilch eingesogen, dies Kleid zu tragen, wie einen +Kerker, aus dem ich nimmer wieder heraus kann. Es ist mir, als wenn dem +Mönch Johannes dieselbe Welt, in der der Kapellmeister Johannes doch so +manches hübsche Gärtlein voll duftender Blumen fand, plötzlich eine öde +unwirtbare Wüste sein würde, als wenn einmal in das rege Leben +verflochten, die Entsagung — Entsagung? — unterbrach der Abt den +Kapellmeister mit erhöhter Stimme. Gibt es für Dich, Johannes, eine +Entsagung, wenn der Geist der Kunst immer mächtiger wird in Dir, wenn Du +mit starkem Fittich Dich erhebst in die leuchtenden Wolken? — Welche +Lust des Lebens gibt es denn noch, die Dich betören könnte? — Doch (so +fuhr der Abt mit sanfterer Stimme fort) wohl hat die ewige Macht ein +Gefühl in unsere Brust gelegt, das mit unbesiegbarer Gewalt unser ganzes +Wesen erschüttert; es ist das geheimnisvolle Band, das Geist und Körper +verbindet, indem jener nach dem höchsten Ideal einer chimärischen +Glückseligkeit zu streben vermeint und doch nur will, was dieser als +notwendiges Bedürfnis in Anspruch nimmt, und so eine Wechselwirkung +entsteht, die in der Fortexistenz des menschlichen Geschlechts bedingt +ist. — Nicht hinzufügen darf ich, daß ich von der Geschlechtsliebe +spreche und daß ich es allerdings für nichts Geringes achte, ihr ganz zu +entsagen. — Doch Johannes! wenn Du entsagst, so rettest Du Dich vom +Verderben; niemals, niemals kannst Du, wirst Du des eingebildeten Glücks +der irdischen Liebe teilhaftig werden. Der Abt sprach die letzten Worte +so feierlich, mit solcher Salbung, als läge das Buch des Schicksals +offen vor ihm und er verkündige daraus dem armen Kreisler alles +bedrohliche Leid, dem zu entgehen, er sich hineinretten müsse ins +Kloster.</p> + +<p>Da begann aber auf Kreislers Antlitz jenes seltsame Muskelspiel, das +den Geist der Ironie zu verkünden pflegte, der seiner mächtig worden. +Hoho! sprach er, Ew. Hochehrwürden haben unrecht, haben durchaus +unrecht. Ew. Hochwürden irren sich in meiner Person, werden konfuse +durch das Gewand, das ich angelegt, um <span class="antiqua">en masque</span> einige Zeit hindurch +die Leute zu foppen und selbst unerkannt, ihnen ihre Namen in die Hand +zu schreiben, damit sie wissen, woran sie <a class="pagenum" name="page_247">247</a>sind! — Bin ich denn nicht +ein passabler Mensch, noch in den besten Jahren, von leidlich hübschem +Ansehn und sattsam gebildet und artig? — Kann ich nicht den schönsten +schwarzen Frack ausbürsten, ihn anlegen und was die Unterkleider +betrifft, ganz Seide keck hintreten vor jede rotwangigte Professors, vor +jede <ins title="blau">blau-</ins> oder braunäugigte Hofrats Tochter, und alle Süßigkeit des +zierlichsten Amoroso in Gebärde, Antlitz und Ton, ohne weiteres fragen: +Allerschönste, wollen Sie mir Ihre Hand geben und Ihre ganze werte +Person dazu, als Attinenz derselben? Und die Professors Tochter würde +die Augen niederschlagen und ganz leise lispeln: Sprechen Sie mit Papa! +oder die Hofrats Tochter mir gar einen schwärmerischen Blick zuwerfen +und dann versichern, wie sie schon lange im stillen die Liebe bemerkt, +der ich nun erst Sprache geliehen und beiläufig vom Besatz des +Brautkleides sprechen. Und o Gott, die respektiven Herrn Väter, wie gern +würden sie die Töchter losschlagen auf das Gebot einer solchen +respektablen Person, als es ein großherzoglicher Exkapellmeister ist! +— Aber ich könnte mich auch versteigen in das höhere Romantische, eine +Idylle beginnen und der glauen Pachterstochter mein Herz offerieren und +meine Hand, wenn sie eben Ziegenkäse bereitet, oder, ein zweiter Notar +Pistofolus, in die Mühle laufen und meine Göttin suchen in den +Himmelswolken des Mehlstaubs! — Wo würde ein treues ehrliches Herz +verkannt werden, das nichts will, nichts verlangt als Hochzeit +— Hochzeit — Hochzeit! — Kein Glück in der Liebe? — Ew. Hochehrwürden +bedenken gar nicht, daß ich eigentlich recht der Mann dazu bin, um in +<em class="gesperrt">der</em> Liebe ganz horrend glücklich zu sein, deren einfaches Thema weiter +nichts ist als: Willst Du mich, so nehm' ich Dich! dessen weitere +Variationen nach dem Allegro brillante der Hochzeit dann in der Ehe +weiter fortgespielt werden. Ew. Hochehrwürden wissen ferner nicht, daß +ich schon vor mehrerer Zeit sehr ernsthaft daran gedacht, mich zu +vermählen. Ich war damals freilich noch ein junger Mensch von weniger +Erfahrung und Ausbildung, nämlich erst sieben Jahr alt, aber das drei +und dreißigjährige Fräulein, das ich zu meiner Braut erkieset, versprach +mir doch mit Hand und Mund keinen andern zum Mann zu nehmen als mich, +und ich weiß selbst nicht, warum sich die Sache nachher zerschlug. +Bemerken Ew. Hochehrwürden doch nur, daß mir das Glück der Liebe lachte +von Kindesbeinen an und nun — Seidene Strümpfe her — seidene Strümpfe +her — Schuhe her um gleich mit beiden Freiersfüßen hineinzufahren und +unmäßig zu rennen nach der, die schon den nied<a class="pagenum" name="page_248">248</a>lichsten Zeigefinger +ausgestreckt hat, damit er stracks bereist werde. — Wäre es nicht für +einen ehrsamen Benediktiner unanständig sich in Hasensprüngen zu +erlustieren, ich tanzte sogleich hier auf der Stelle vor Ew. +Hochehrwürden Augen einen Matelot, oder eine Gavotte, oder einen +Hopswalzer aus purer Freude, die mich ganz übernimmt, wenn ich nur an +Braut und Hochzeit denke. — Hoho! — was Liebesglück und Heirat +betrifft, da bin ich ein ganzer Kerl! — Ich wünschte, Ew. Hochehrwürden +möchten das einsehen. — Ich habe, erwiderte der Abt, als Kreisler nun +endlich innehielt, Sie nicht unterbrechen mögen in Ihren seltsamen +Scherzreden, Kapellmeister, die eben das beweisen, was ich behaupte. +— Wohl fühle ich auch den Stachel, der mich verwunden sollte, aber nicht +verwundet hat! — Wohl mir, daß ich nie an jene chimärische Liebe +geglaubt, die körperlos in den Lüften schwebt und nichts gemein haben +soll mit dem Bedingnis des menschlichen Prinzips! — Wie ist es möglich, +daß Sie, bei dieser krankhaften Spannung des Geistes — Doch genug +hiervon! — Es ist an der Zeit dem bedrohlichen Feinde näher zu treten, +der Sie verfolgt — Haben Sie während Ihres Aufenthalts in Sieghartshof +nicht von dem Schicksal jenes unglücklichen Malers, jenes Leonhard +Ettlinger gehört? — Kreislern durchfuhren die Schauer des unheimlichen +Grauens, als der Abt diesen Namen nannte. Weggelöscht vom Antlitz war +jede Spur jener bittern Ironie, die ihn zuvor erfaßt und er fragte mit +dumpfer Stimme: Ettlinger? — Ettlinger? was soll mir der? — was habe +ich mit dem zu schaffen? — Nie hab' ich ihn gekannt, nur ein Spiel +erhitzter Phantasie war es, als ich einmal wähnte, er spreche zu mir +herauf aus dem Wasser. —</p> + +<p>Ruhig, sprach der Abt sanft und milde, indem er Kreisler's Hand faßte, +ruhig mein Sohn Johannes! — Nichts hast du gemein mit jenem +Unglücklichen, den die Verirrung einer zu mächtig gewordenen +Leidenschaft in das tiefste Verderben stürzte. Doch zum warnenden +Beispiel mag Dir sein entsetzliches Schicksal dienen. Mein Sohn +Johannes! — noch auf schlüpfrigerem Wege befindest Du Dich, als jener, +drum entflieh — entflieh! — Hedwiga! — Johannes! ein böser Traum hält +die Prinzessin fest in Banden, die unauflöslich scheinen, wenn ein +freier Geist sie nicht durchschneidet! — Und du? —</p> + +<p>Tausend Gedanken gingen auf in Kreisler bei diesen Worten des Abts. Er +gewahrte, daß der Abt nicht allein mit allen Begebnissen des fürstlichen +Hauses zu Sieghartshof, sondern auch mit dem bekannt war, was sich dort +während seines Aufenthalts zugetragen. Klar <a class="pagenum" name="page_249">249</a>wurd' es ihm, daß die +krankhafte Reizbarkeit der Prinzessin wohl in seiner Annäherung eine +Gefahr befürchten lassen, an die er gar nicht gedacht, und eben diese +Furcht, wer anders konnte sie hegen und darum wünschen, daß er vom +Schauplatz ganz abtrete, als die Benzon? — Eben diese Benzon mußte mit +dem Abt in Verbindung stehen, von seinem (Kreisler's) Aufenthalt in der +Abtei unterrichtet sein und so war sie die Triebfeder alles Beginnens +des ehrwürdigen Herrn. Lebhaft gedachte er aller Momente, in denen die +Prinzessin wirklich, wie von einer im Innern aufkeimenden Leidenschaft +befangen, erschienen, aber selbst wußte er nicht, warum bei dem +Gedanken, daß er selbst der Gegenstand jener Leidenschaft sein könne, es +ihn erfaßte wie Gespensterfurcht. Es war ihm als wolle eine fremde +geistige Macht gewaltsam in sein Inneres dringen und ihm die Freiheit +des Gedankens rauben. Prinzessin Hedwiga stand plötzlich vor ihm, und +starrte ihn an mit jenem seltsamen Blick der ihr eigen, aber in dem +Augenblick dröhnte ein Pulsschlag ihm durch alle Nerven, wie damals, als +er zum erstenmal der Prinzessin Hand berührte. Doch war ihm auch nun +jene unheimliche Angst entnommen, er fühlte eine elektrische Wärme +wohltätig sein Inneres durchgleiten, er sprach leise wie im Traum: +Kleiner schalkischer <span class="antiqua">Raja torpedo</span>, neckst Du mich schon wieder und weißt +doch, daß Du nicht ungestraft verwunden darfst, da ich aus reiner Liebe +zu Dir Benediktinermönch geworden?</p> + +<p>Der Abt betrachtete den Kapellmeister mit durchbohrendem Blick, als +wolle er sein ganzes Ich durchschauen, und begann dann ernst und +feierlich: Mit wem redest Du, mein Sohn Johannes?</p> + +<p>Kreisler wurde aber wach aus seinen Träumen; es fiel ihm ein, daß der +Abt, war er von allem was sich in Sieghartshof zugetragen, unterrichtet, +vor allen Dingen den weitern Verlauf der Katastrophe, die ihn +fortgetrieben, wissen mußte, und wohl war ihm daran gelegen, mehr davon +zu erfahren.</p> + +<p>Mit niemandem anders, erwiderte er dem Abt, skurril lächelnd, sprach +ich, Hochehrwürdiger Herr, als, wie Sie ja vernommen haben, mit einer +schalkischen <span class="antiqua">Raja torpedo,</span> die sich ganz unberufener Weise in unser +vernünftiges Gespräch mischen und mich noch konfuser machen wollte, als +ich es schon wirklich bin. — Doch aus allem muß ich ja zu meinem großen +Leid gewahren, daß diverse Leute mich für eben solch' einen großen +Narren halten, als den seligen Hofporträtisten Leonardus Ettlinger, der +eine erhabene Person, die sich natürlicherweise aus ihm gar nichts +machen konnte, nicht bloß malen wollte, <a class="pagenum" name="page_250">250</a>sondern auch lieben und zwar so +ganz ordinär, wie Hans seine Grete. O Gott! hab' ich es denn jemals an +Respekt fehlen lassen, wenn ich die schönsten Akkorde griff zu schnöder +Singefaselei! — Habe ich jemals unziemliche oder grillenhafte Materien +aufs Tapet zu bringen gewagt von Entzücken und Schmerz, von Liebe und +Haß, wenn der kleine fürstliche Eigensinn sich seltsam gebärden in +allerlei wunderbaren Gemütsergötzlichkeiten, und ehrsame Leute vexieren +wollte mit magnetischen Visionen? — habe ich solches jemals getan? +Sagt. —</p> + +<p>Doch sprachst Du, mein Johannes! unterbrach ihn der Abt, einst von der +Liebe des Künstlers —</p> + +<p>Kreisler starrte den Abt an, dann rief er, indem er die Hände +zusammenschlug und den Blick aufwärts richtete: O Himmel! Das also! +— Schätzbare Leute, sprach er dann weiter, indem jenes skurrile Lächeln +auf dem Antlitz wieder die Oberhand gewann und dabei die innere Wehmut +die Stimme beinahe erstickte, schätzbare Leute allzumal, habt Ihr denn +nicht jemals irgendwo, sei es auch auf ordinären Brettern, den Prinzen +Hamlet zu einem ehrlichen Mann, Güldenstern geheißen, sagen gehört: Ihr +könnt mich zwar verstimmen, aber nicht auf mir spielen? — Wetter! — das +ist ja ganz mein Kasus! — Warum belauscht Ihr den harmlosen Kreisler, +wenn der Wohllaut der Liebe, der in seiner Brust verschlossen, Euch nur +mißtönt? — O Julia! —</p> + +<p>Der Abt schien, plötzlich von etwas ganz Unerwartetem überrascht, +vergebens Worte zu suchen, während Kreisler vor ihm stand und ganz +verzückt in das Feuermeer schaute, das im Abend emporgewogt.</p> + +<p>Da erhoben sich die Glockentöne von den Türmen der Abtei und zogen, +wunderbare Stimmen des Himmels, durch das golden leuchtende Abendgewölk.</p> + +<p>Mit euch will ich ziehen ihr Akkorde! rief Kreisler, indem er beide Arme +weit ausbreitete. Von euch getragen soll sich aller trostlose Schmerz +emporrichten zu mir und sich selbst vernichten in meiner eignen Brust +und eure Stimmen sollen wie himmlische Friedensboten es verkünden, daß +der Schmerz untergegangen in der Hoffnung, in der Sehnsucht der ewigen +Liebe.</p> + +<p>Die Abendhora, sprach der Abt, wird eingeläutet, ich höre die Brüder +kommen. Morgen, mein lieber Freund, sprechen wir vielleicht weiter von +manchen Begebnissen in Sieghartshof. —</p> + +<p>Ei, rief Kreisler, dem nun erst wieder einfiel, was er von dem Abt zu +wissen verlangt, ei, hochehrwürdiger Herr, ich will viel <a class="pagenum" name="page_251">251</a>erfahren von +lustiger Hochzeit und dergleichen! — Prinz Hektor wird doch nun nicht +zaudern, die Hand zu ergreifen, nach der er schon aus der Ferne gelangt? +Dem herrlichen Bräutigam ist doch nichts Arges widerfahren?</p> + +<p>Da verschwand alles Feierliche aus des Abts Antlitz und er sprach mit +dem gemütlichen Humor, der ihm sonst wohl eigen: Nichts ist dem +herrlichen Bräutigam geschehen, mein ehrlicher Johannes, aber seinen +Adjutanten soll im Walde eine Wespe gestochen haben. Hoho! erwiderte +Kreisler, eine Wespe, die er mit Feuer und Dampf vertreiben wollte!</p> + +<p>Die Brüder traten in den Korridor und —</p> + +<p><em class="gesperrt">(M. f. f.)</em> — böse Feind und sucht den guten Bissen einem ehrlichen +harmlosen Kater recht vor dem Maule wegzuschnappen? — Nicht lange +dauerte es nämlich, so erhielt unser gemütlicher Verein auf dem Dache +einen Stoß, der ihn erschütterte zum gänzlichen Verfall. — Jener böse, +alles katzliche Behagen verstörende, Feind erschien uns nämlich in der +Gestalt eines gewaltigen wütenden Philisters, namens Achilles. Mit +seinem Homerischen Namensvetter war er in weniger Hinsicht zu +vergleichen, man müßte denn annehmen, daß des letzteren Heldentum +vorzüglich auch in einer gewissen unbehilflichen Tappigkeit und in +groben topfhohlen Redensarten bestanden. Achilles war eigentlich ein +gemeiner Fleischerhund, stand aber in Diensten als Hofhund, und der +Herr, bei dem er in Dienst getreten, hatte ihn, um sein Attachement an +das Haus zu befestigen, anketten lassen, so daß er nur des Nachts frei +umher laufen konnte. Mancher von uns bedauerte ihn sehr, trotz seines +unleidlichen Wesens, er aber ließ sich den Verlust seiner Freiheit gar +nicht zu Herzen gehen, da er töricht genug war, zu vermeinen, die schwer +lastende Kette gereiche ihm zur Ehre und Zierde. Achilles fand sich nun +zu seinem nicht geringen Verdruß durch unsere Konvivia in der Nacht, +wenn er umherlaufen und das Haus beschützen sollte gegen jede Unbill, im +Schlafe gestört und drohte uns als Ruhestörern Tod und Verderben. Da er +aber seiner Unbehilflichkeit halber nicht einmal auf den Boden, +geschweige denn auf das Dach kommen konnte, so machten wir uns aus +seinen Drohungen auch nicht das allermindeste, sondern trieben unser +Wesen so nach wie vorher. Achilles nahm andere Maßregeln; er begann den +Angriff gegen uns, wie ein guter General manche Schlacht, mit verdeckten +Angriffen und dann mit offenbarer Plänkelei.</p> + +<p>Verschiedene Spitze, denen Achilles zuweilen die Ehre antat, mit <a class="pagenum" name="page_252">252</a>ihnen +zu spielen, indem er sie mit seinen ungeschickten Tatzen handhabte, +mußten nämlich auf sein Geheiß, sobald wir unsern Gesang begannen, +dermaßen bestialisch bellen, daß wir keine vernünftige Note verstehen +konnten! — Noch mehr! — Bis auf den Dachboden drangen einige dieser +Philisterknechte und trieben, ohne sich mit uns, wenn wir ihnen die +Krallen zeigten, auf irgendeinen offnen ehrlichen Kampf einlassen zu +wollen, solch einen fürchterlichen Lärm mit Schreien und Bellen, daß, +wurde erst nur der Hofhund in seinem Schlaf gestört, jetzt der Herr des +Hauses selbst kein Auge zudrücken konnte und, da der Zeterspektakel gar +nicht enden wollte, die Hetzpeitsche ergriff, um die Tumultuanten über +seinem Haupte zu vertreiben.</p> + +<p>— O Kater, der du dieses liesest, ist dir, trägst du wahren männlichen +Sinn in der Brust, hellen Verstand im Kopf, hast du keine verwöhnte +Ohren, ist dir, sage ich, denn jemals etwas abscheulicher, widriger, +verhaßter und dabei erbärmlicher vorgekommen, als das kreischende, +gellende durch alle Tonarten dissonierende Gebelle in Harnisch geratener +Spitze? — Diese kleinen wedelnden, schmatzenden sich niedlich +gebärdenden Kreaturen, nimm dich für sie in acht Kater! trau ihnen +nicht. Glaube mir, eines Spitzes Freundlichkeit ist gefährlicher, als +die hervorgestreckte Kralle des Tigers! — Schweigen wir von bittren +Erfahrungen, die wir in dieser Hinsicht leider! nur zu oft gemacht und +kehren wir zurück zu dem ferneren Verlauf unsrer Geschichte.</p> + +<p>Also wie gesagt, der Herr ergriff die Peitsche, um die Tumultuanten vom +Boden zu vertreiben. Was aber geschah! die Spitze schwanzwedelten dem +erzürnten Herrn entgegen, leckten ihm die Füße und stellten ihm vor, wie +aller Zeterlärm nur seiner Ruhe wegen erhoben, unerachtet er eben +dadurch aus aller behaglichen Ruhe gekommen. Gebellt hätten sie bloß um +uns, die wir allerlei unduldsamen Unfug trieben auf dem Dache mit Singen +von Liedern in allzuhell klingenden Tonarten u. d. zu verjagen. Der Herr +ließ sich leider durch der Spitze geschwätzige Beredsamkeit um so mehr +dahin bringen, alles zu glauben, als der Hofhund, den er darum zu +befragen nicht unterließ, in dem bittern Haß, den er wider uns im Innern +trug, es bestätigte. Uns traf nun die Verfolgung! — Überall wurden wir +vertrieben, von Hausknechten mit Besenstielen, mit geworfenen +Dachziegeln, ja! überall waren Schlingen und Fuchseisen aufgestellt, in +die wir uns verfangen sollten, und leider! wirklich verfingen. Selbst +<a class="pagenum" name="page_253">253</a>mein lieber Freund Muzius fiel ins Malheur, das heißt in ein Fuchseisen, +welches ihm die rechte Hinterpfote jämmerlich zerquetschte!</p> + +<p>So war es um unser fröhliches Zusammenleben geschehen, und ich kehrte +zurück unter den Ofen des Meisters, beweinend in tiefer Einsamkeit das +Schicksal meiner unglücklichen Freunde. —</p> + +<p>— Eines Tages trat Herr Lothario, der Professor der Ästhetik in meines +Herrn Zimmer und hinter ihm her — sprang Ponto herein.</p> + +<p>Gar nicht zu sagen vermag ich, welch ein unangenehmes unheimliches +Gefühl mir Ponto's Anblick verursachte. War er auch geradezu selbst +weder Hofhund noch Spitz, so gehörte er doch zu dem Geschlecht, dessen +üble feindselige Gesinnung mein Leben in der lustigen +Katzburschen-Gesellschaft verstört hatte, und war schon deshalb mir +mitsamt aller Freundschaft, die er mir erwiesen, dennoch zweideutig. +Überdem schien mir in Ponto's Blick, in seinem ganzen Wesen etwas +Übermütiges, Verhöhnendes zu liegen und ich beschloß daher, ihn lieber +gar nicht zu sprechen. Leise, leise schlich ich weg von meinem Kissen, +und war mit einem Satz im Ofen, dessen Türe gerade offen stand, die ich +hinter mir anzog.</p> + +<p>Herr Lothario sprach nun mit dem Meister so manches, was meine Teilnahme +um so weniger erregte, als ich meine ganze Aufmerksamkeit auf den jungen +Ponto gerichtet hatte, der, nachdem er recht stutzermäßig ein Liedchen +trällernd, im Zimmer herumgetänzelt, auf die Fensterbank gesprungen war, +zum Fenster hinausschaute, und wie es Fanfarons zu tun pflegen, jeden +Augenblick vorübergehenden Bekannten zunickte, auch wohl gar ein wenig +blaffte, gewiß, um die Blicke vorübergehender Schönen seines Geschlechts +auf sich zu ziehen. — An mich schien der Leichtsinnige gar nicht zu +denken, und unerachtet ich, wie gesagt, ihn gar nicht zu sprechen +wünschte, so war es mir doch gar nicht recht, daß er nicht nach mir +fragte, gar keine Notiz von mir nahm.</p> + +<p>Ganz anderer und wie es mich bedünken wollte, viel artigerer und +vernünftigerer Gesinnung war der ästhetische Professor, Herr Lothario, +der, nachdem er sich überall im Zimmer nach mir umhergeschaut, zu dem +Meister sprach: Aber wo ist denn Euer vortrefflicher Monsieur Murr! —</p> + +<p>Es gibt für einen ehrlichen Katzburschen keine schnödere Benennung, als +das fatale Wort: Monsieur, indessen muß man von Ästhetikern in der Welt +viel leiden, und so verzieh ich dem Professor die Unbill.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_254">254</a>Meister Abraham versicherte, daß ich seit einiger Zeit meine eignen +Gänge gehabt und vorzüglich nachts selten zu Hause gewesen, wovon ich +denn müde und ermattet geschienen. Soeben habe ich auf dem Kissen +gelegen und er wisse in der Tat nicht, wohin ich eben jetzt so schnell +verschwunden.</p> + +<p>Ich vermute, Meister Abraham, sprach der Professor weiter, daß Euer Murr +— Doch ist er auch hier irgendwo versteckt und lauscht? — Laßt uns +doch einmal ein wenig nachsehen.</p> + +<p>Leise zog ich mich in den Hintergrund des Ofens, aber man kann denken, +wie ich die Ohren spitzte, da nun von mir die Rede. — Der Professor +hatte vergebens alle Winkel durchsucht zu nicht geringer Verwunderung +des Meisters, der lachend rief: In der Tat, Professor, Ihr tut meinem +Murr unglaubliche Ehre an!</p> + +<p>Hoho, erwiderte der Professor, der Verdacht, den ich gegen Euch, +Meister! hege, wegen des pädagogischen Experiments, vermöge dessen ein +Kater zum Dichter und Schriftsteller wurde, kommt mir nicht aus der +Seele. Gedenkt Ihr nicht mehr des Sonetts, der Glosse, die mein Ponto +Eurem Murr recht unter den Pfoten weggeraubt? — Doch dem sei wie ihm +wolle, ich nutze Murrs Abwesenheit, um Euch eine schlimme Vermutung +mitzuteilen und Euch recht dringend zu empfehlen, achtsam zu sein auf +Murrs Betragen. — So wenig ich mich sonst um Katzen bekümmere, doch ist +es mir nicht entgangen, daß manche Kater, die sonst gar artig und +manierlich waren, jetzt plötzlich ein Wesen annehmen, das gegen alle +Sitte und Ordnung gröblich anstößt.</p> + +<p>Statt wie sonst sich demütig zu biegen und zu schmiegen, stolzieren sie +trotzig daher und scheuen sich gar nicht, durch funkelnde Blicke, durch +zorniges Knurren, ihre ursprüngliche wilde Natur zu verraten, auch wohl +gar die Krallen zu zeigen. So wenig sie auf ein bescheidenes, stilles +Betragen achten, ebensowenig ist ihnen daran gelegen, was das Äußere +betrifft, als gesittete Weltleute zu erscheinen. Da ist an kein Putzen +des Bartes, an kein Glänzendlecken des Fells, an kein Abreißen der zu +lang gewordenen Krallen zu denken; zottig und rauh, mit struppigem +Schweif rennen sie daher, allen gebildeten Katzen ein Greuel und +Abscheu. Was aber vorzüglich tadelnswert erscheint und nicht geduldet +werden darf, sind die heimlichen Zusammenkünfte, die sie zur Nachtzeit +halten und dabei ein tolles Wesen treiben, welches sie Gesang nennen, +unerachtet dabei nichts vernehmbar als ein widersinniges Geschrei, dem +es an schicklichem Takt, ordnungsmäßiger Melodie und Harmonie gänzlich +mangelt. Ich fürchte, ich <a class="pagenum" name="page_255">255</a>fürchte, Meister Abraham, daß Euer Murr sich +auch auf die schlechte Seite gelegt hat und teilnimmt an jenen +unanständigen Belustigungen, die ihm nichts einbringen können, als +tüchtige Prügel. — Es sollte mir leid tun, wenn alle Mühe, die Ihr auf +den kleinen Grauen verwandt, umsonst wäre und, er sich, trotz aller +Wissenschaft, zu dem gewöhnlichen, wüsten Treiben gemeiner, liederlicher +Kater herabließe. — Als ich mich, meinen guten Muzius, meine +hochherzigen Brüder verkannt sah, auf so schnöde Weise, entfloh mir +unwillkürlich ein Schmerzenslaut. Was war das, rief der Professor, ich +glaube gar, Murr sitzt doch versteckt im Zimmer! — Ponto! Allons! +— Such, such!“ — Mit einem Satz war Ponto herunter von der Fensterbank +und schnüffelte im Zimmer umher. Vor der Ofentüre blieb er stehen, +knurrte, bellte, sprang herauf. — Er ist im Ofen, das hat keinen +Zweifel! so sprach der Meister und öffnete die Türe. Ich blieb ruhig +sitzen und blickte den Meister mit klaren, glänzenden Augen an. +Wahrhaftig, rief der Meister, wahrhaftig, da sitzt er ganz hinten im +Ofen. — Nun? — bequemt Er sich hervorzukommen? — Ob er hinaus will!</p> + +<p>So wenig ich auch Lust hatte, meinen Versteck zu verlassen, so mußte ich +doch wohl dem Befehl des Meisters gehorchen, wollte ich es nicht auf +Gewalt gegen mich ankommen lassen und dabei den kürzeren ziehen. Langsam +kroch ich daher hervor. Kaum war ich aber an das Tageslicht gekommen, +als beide, der Professor und der Meister, laut riefen: Murr! — Murr! +wie siehst du aus! — Was sind das für Streiche! —</p> + +<p>Freilich war ich über und über voller Asche und kam noch hinzu, daß +wirklich mein Äußeres seit einiger Zeit merklich gelitten, so daß ich +mich in der Schilderung, die der Professor von schismatischen Katern +gemacht, wiedererkennen mußte, so konnte ich mir freilich die +erbärmliche Figur, in der ich erschien, wohl denken. Verglich ich nun +eben meine erbärmliche Figur mit der meines Freundes Ponto, der in +seinem stattlichen, glänzenden, schön gekräuselten Pelz in der Tat ganz +hübsch anzusehen, so erfüllte mich tiefe Scham, und ich kroch still und +betrübt in den Winkel.</p> + +<p>Ist das, rief der Professor, der gescheute, sittige Kater Murr? der +elegante Schriftsteller, der geistreiche Dichter, der Sonette schreibt +und Glossen? — Nein, das ist ein ganz gemeiner Katz, der sich in Küchen +auf den Herden herumtreibt und sich auf sonst weiter nichts versteht, +als Mäuse zu fangen in Kellern und auf Böden! — Hoho! <a class="pagenum" name="page_256">256</a>sag' mir doch, +mein sittiges Vieh, ob du bald zu promovieren verlangst oder gar das +Katheder zu besteigen als Professor der Ästhetik? — In der Tat, ein +netter Doktorhabit, in den du dich geworfen! —</p> + +<p>So ging es fort in verhöhnenden Redensarten; was konnt' ich tun, als, +wie es bei derlei Fällen, nämlich: wenn ich ausgehunzt wurde, meine +Sitte war, die Ohren dicht ankneifen an den Kopf.</p> + +<p>Beide, der Professor und der Meister, schlugen zuletzt eine helle Lache +auf, die mir das Herz durchbohrte. Beinahe noch empfindlicher war mir +aber Ponto's Betragen. Nicht allein, daß er durch Mienen und Gebärden +den Hohn seines Herrn teilte, so bewies er auch durch allerlei +Seitensprünge offenbar seine Scheu sich mir zu nahen, wahrscheinlich +fürchtete er seinen schönen, reinen Pelz zu beschmutzen. Es ist nichts +Geringes für einen Kater, der sich solcher Vortrefflichkeit bewußt ist, +als ich, von einem stutzerhaften Pudel dergleichen Verachtung dulden zu +müssen.</p> + +<p>Der Professor geriet nun mit dem Meister in ein weitläuftiges Gespräch, +das sich nicht auf mich und auf mein Geschlecht zu beziehen schien und +von dem ich eigentlich wenig verstand. Doch so viel vernahm ich wohl, +daß davon die Rede war, ob es besser sei, dem oftmals wirren, +ungezügelten Treiben exaltierter Jugend mit offner Gewalt +entgegenzutreten, oder es nur einzugrenzen auf geschickte, unbemerkbare +Weise und Raum zu geben der eignen Erkenntnis, in der sich jenes Treiben +alsbald selbst vernichtet. Der Professor war für die offene Gewalt, da +die Gestaltung der Dinge zum äußern Wohl es fordere, daß jeder Mensch, +alles Widerstrebens unerachtet, so zeitig als möglich in die Form +gepreßt werde, wie sie durch das Verhältnis aller einzelnen Teile zum +Ganzen bedingt werde, da sonst sogleich eine verderbliche Monstruosität +entstehe, die allerlei Unheil verursachen könne. — Der Professor sprach +dabei etwas von Pereatbringen und Fenstereinwerfen, welches ich aber +durchaus nicht verstand. — Der Meister meinte dagegen, daß es mit +jugendlichen, exaltierten Gemütern so gehe, wie mit +Partiell-Wahnsinnigen, die der offne Widerstand immer wahnsinniger +mache, wogegen die selbst errungene Erkenntnis des Irrtums radikal heile +und nie einen Rückfall befürchten lasse.</p> + +<p>Nun, rief der Professor endlich, indem er aufstand und Stock und Hut +ergriff, nun, Meister, was die offne Gewalt gegen exaltiertes Treiben +betrifft, so werdet Ihr mir doch insofern recht geben, daß sie da +schonungslos eintreten muß, wenn jenes Treiben verstörend hineingreift +in das Leben und so ist es nun, wieder auf Euern Kater Murr +<a class="pagenum" name="page_257">257</a>zurückzukommen, denn doch recht gut, daß, wie ich höre, tüchtige Spitze +die verwünschten Kater auseinander getrieben haben, die so bestialisch +sangen und dabei wunder sich große Virtuosen dünken.</p> + +<p>Wie man es nimmt, erwiderte der Meister, hätte man sie singen lassen, +vielleicht wären sie das geworden, was sie sich irrtümlicherweise schon +zu sein dünkten, nämlich: in der Tat gute Virtuosen, statt daß sie jetzt +vielleicht an der wahren Virtuosität zweifeln ganz und gar.</p> + +<p>Der Professor empfahl sich, Ponto sprang hinterdrein, ohne mich einmal, +wie er doch sonst mit vieler Freundschaft getan, eines Abschiedsgrußes +zu würdigen.</p> + +<p>Ich bin selbst bisher unzufrieden gewesen mit deinem Betragen, Murr, +wandte sich nun der Meister zu mir, und es ist Zeit, daß du einmal +wieder ordentlich und vernünftig wirst, damit du wieder zu besserm Ruf +gelangest, als in dem du jetzt zu stehen scheinst. Wäre es möglich, daß +du mich ganz verstündest, so würde ich dir raten, immer still, +freundlich zu sein, und alles, was du beginnen magst, ohne alles +Geräusch zu vollbringen, denn auf diese Weise erhält man sich den guten +Ruf am besten. — Ja, ich würde dir als Beispiel zwei Leute zeigen, von +denen der eine jeden Tag still für sich allein im Winkel sitzt, und so +lange eine Flasche Wein nach der andern trinkt, bis er in völlig +trunknen Zustand gerät, den er aber vermöge langer praktischer Übung so +gut zu verbergen weiß, daß ihn niemand ahnet. Der andere trinkt dagegen +nur dann und wann in Gesellschaft fröhlicher, gemütlicher Freunde ein +Glas Wein; das Getränk macht ihm Herz und Zunge frei, er spricht, indem +seine Laune steigt, viel und eifrig, doch ohne Sitte und Anstand zu +verletzen, und eben ihn nennt die Welt einen leidenschaftlichen +Weintrinker, während jener geheime Trunkenbold für einen stillen, +mäßigen Mann gilt. Ach, mein guter Kater Murr! Kenntest du den Lauf der +Welt, so würdest du einsehen, daß ein Philister, der stets die +Fühlhörner einzieht, es am besten hat. Aber wie kannst du wissen, was +ein Philister ist, unerachtet es wohl in deinem Geschlecht auch +dergleichen genug geben mag.</p> + +<p>Bei diesen Worten des Meisters konnte ich mich im Bewußtsein der +vortrefflichen Katerkenntnis, die ich mir durch des wackern Muzius +Belehrungen sowohl, als durch eigne Erfahrung erworben, eines lauten, +freudigen Prustens und Knurrens nicht erwehren.</p> + +<p>Ei Murr, mein Kater! rief der Meister laut lachend, ich glaube gar, du +verstehst mich, und der Professor hat recht, der in dir einen <a class="pagenum" name="page_258">258</a>besonderen +Verstand entdeckt haben will, und dich gar fürchtet, als seinen +ästhetischen Nebenbuhler?</p> + +<p>Zur Bestätigung, daß dem wirklich so sei, gab ich ein sehr klares, +wohltönendes Miau von mir und sprang ohne weiteres dem Meister auf den +Schoß. Nicht bedacht hatte ich indessen, daß der Meister gerade seinen +Staatsschlafrock von gelbem, großgeblümtem, seidenem Zeuge angezogen, +den ich notwendigerweise beschmutzen mußte. Mit einem zornigen: Will Er +wohl! schleuderte der Meister mich so heftig von sich, daß ich +überpurzelte, und ganz erschrocken die Ohren ankneifend, die Augen +zudrückend, niederduckte auf den Fußboden. Gepriesen sei aber die +Gutmütigkeit meines guten Meisters! Nun, sprach er freundlich, nun, nun, +Murr, mein Kater! so böse war es nicht gemeint! — Ich weiß es, deine +Absicht war gut, du wolltest mir deine Zuneigung beweisen, aber das +tatst du auf täppische Weise, und geschieht dieses, so fragt man +freilich den Henker was nach der Absicht! — Nun, komm nur her, kleiner +Äscherling, ich muß dich putzen, damit du wieder aussiehst, wie ein +honetter Kater! —</p> + +<p>Damit warf der Meister den Schlafrock ab, nahm mich in die Arme und ließ +es sich nicht verdrießen, mir mit einer weichen Bürste den Pelz rein zu +bürsten und dann die Haare mit einem kleinen Kamm glänzend zu kämmen.</p> + +<p>Als die Toilette geendet und ich bei dem Spiegel vorüberspazierte, +erstaunte ich selbst, wie ich so plötzlich ein ganz anderer Kater +worden. Ich konnt' es gar nicht unterlassen, mich selbst behaglich +anzuschnurren, so schön kam ich mir vor und nicht leugnen mag ich, daß +in dem Augenblick sich große Zweifel gegen die Anständigkeit und +Nützlichkeit des Burschenklubs in mir regten. Daß ich in den Ofen +gekrochen, schien mir ein wahrer Barbarismus, den ich nur einer Art +Verwilderung zuschreiben konnte, und nicht einmal nötig war daher die +Warnung des Meisters, der mir zurief: Daß Er mir nur nicht wieder in den +Ofen kriecht!</p> + +<p>In der folgenden Nacht war es mir, als vernehme ich an der Türe ein +leises Kratzen und ein furchtsames Miau! das mir sehr bekannt vorkam. +Ich schlich heran und fragte, wer da sei? — Da erwiderte (ich erkannte +ihn sogleich an der Stimme) der wackere Senior Puff: Ich bin es, trauter +Bruder Murr, und habe dir eine höchst betrübte Nachricht zu bringen! — O +Himmel, was —</p> + +<p><em class="gesperrt">(Mak.-Bl.)</em> — großes Unrecht getan, meine liebe süße Freundin. — Nein! +mehr bist du mir als das, meine treue Schwester! Ich <a class="pagenum" name="page_259">259</a>habe dich nicht +genug geliebt, dir nicht genug vertraut. Erst jetzt öffnet sich dir +meine ganze Brust, erst jetzt, da ich weiß —</p> + +<p>Die Prinzessin stockte, ein Tränenstrom stürzte ihr aus den Augen, aufs +neue drückte sie Julien zärtlich an ihr Herz.</p> + +<p>Hedwiga, sprach Julie sanft, hast Du mich denn nicht sonst mit ganzer +Seele geliebt, trugst Du denn jemals Geheimnisse in Dir, die Du mir +nicht vertrauen wolltest? — Was weißt Du, was hast Du erst jetzt +erfahren! Doch nein, nein! kein Wort weiter, bis diese Pulse wieder +ruhig schlagen, bis diese Augen nicht mehr so düster glühen. —</p> + +<p>Ich weiß nicht was Ihr alle wollt, erwiderte die Prinzessin plötzlich +zur Empfindlichkeit gereizt. Krank soll ich noch sein und nie fühlte ich +mich kräftiger, gesünder. Der seltsame Zufall, der mich traf, hat Euch +erschreckt, und doch mag es sein, daß solche elektrische Schläge, die +den ganzen Organismus des Lebens in's Stocken bringen, mir gerade nötig +und nützlicher sind, als alle Mittel, die eine blöde, dürftige Kunst in +unglückseliger Selbsttäuschung darbietet. — Wie er mir fatal ist, +dieser Leibarzt, der die menschliche Natur zu handhaben vermeint wie ein +Uhrwerk, das man abstäuben, aufziehen muß. — Grauenhaft ist er mir mit +seinen Tropfen, mit seinen Essenzen. — Von diesen Dingen soll mein Wohl +abhängig sein? — So wäre ja das Leben hienieden eine entsetzliche +Neckerei des Weltgeistes. —</p> + +<p>Und eben diese Überspannung ist der Beweis, unterbrach Julie die +Prinzessin, daß Du noch krank bist, meine Hedwiga, und Dich viel mehr +schonen solltest, als Du es wirklich tust.</p> + +<p>Auch Du willst mir weh tun! So rief die Prinzessin, sprang hastig auf +und eilte ans Fenster, das sie öffnete und hinaus schaute in den Park. +Julia folgte ihr nach, umschlang sie mit einem Arm, und bat mit der +zärtlichsten Wehmut, daß sie doch wenigstens den rauhen Herbstwind +scheuen und sich <em class="gesperrt">die</em> Ruhe gönnen möge, die der Leibarzt für so heilsam +geachtet. Die Prinzessin erwiderte indessen, daß sie sich gerade durch +den kalten Luftzug, der zum Fenster hereinströme, erquickt und gestärkt +fühle.</p> + +<p>Recht aus dem innigsten Gemüt heraus sprach nun Julia von der +letztvergangenen Zeit, in der ein finster, bedrohlicher Geist gewaltet, +und wie sie alle innere Kraft aufbieten müssen, um nicht verstört zu +werden von so mancher Erscheinung, die ihr ein Gefühl erregt, dem sie +kein anderes gleichstellen könne, als die wahre, tötende +Gespensterfurcht. Dahin rechnete sie vorzüglich den geheimnisvollen +Zwiespalt, der sich zwischen dem Prinzen Hektor und Kreisler erhoben, +<a class="pagenum" name="page_260">260</a>und der das Entsetzlichste ahnen lassen, denn nur zu gewiß sei es, daß +der arme Johannes fallen sollen von der Hand des rachsüchtigen +Italieners, und nur, wie Meister Abraham versichere, durch ein Wunder +gerettet worden.</p> + +<p>Und dieser furchtbare Mann, so sprach Julia, er sollte Dein Gemahl +werden? — Nein, — nimmermehr! Dank der ewigen Macht! Du bist gerettet! +Niemals kehrt er zurück. Nicht wahr, Hedwiga? Niemals!</p> + +<p>Niemals, erwiderte die Prinzessin mit dumpfer, kaum vernehmbarer Stimme. +Dann seufzte sie auf aus tiefer Brust und sprach leise weiter wie im +Traume: Ja dieses reine Himmelsfeuer soll nur leuchten und wärmen, ohne +mit verderblichen Flammen zu vernichten und aus der Seele des Künstlers +leuchtet die zum Leben gestaltete Ahnung — sie selbst — seine Liebe +hervor! So sprachst Du hier an dieser Stelle. —</p> + +<p>Wer sprach so? rief Julia ganz bestürzt. — An wen dachtest Du, Hedwiga?</p> + +<p>Die Prinzessin fuhr mit der Hand über die Stirne, als müsse sie sich +besinnen auf die Gegenwart, der sie entrückt. Dann wankte sie von Julien +unterstützt, zum Sofa, auf dem sie sich ganz erschöpft niederließ. +Julia, um die Prinzessin besorgt, wollte die Kammerfrauen herbeirufen, +Hedwiga zog sie aber sanft nieder auf den Sofa, indem sie leise +lispelte: Nein, Mädchen! — Du, Du allein sollst bei mir bleiben, glaube +ja nicht, daß mich etwa Krankheit erfaßt. — Nein, es war der Gedanke der +höchsten Seligkeit, der zu mächtig wurde, der diese Brust sprengen +wollte, und dessen Himmelsentzücken sich gestaltete wie tötender +Schmerz. Bleibe bei mir, Mädchen, Du weißt es selbst nicht, welch einen +wunderbaren Zauber Du über mich zu üben vermagst! — Laß mich schauen in +Deine Seele, wie in einen klaren, reinen Spiegel, damit ich mich selbst +nur wiedererkenne! — Julia! oft ist es mir, als käme die Begeisterung +des Himmels über Dich, und die Worte, die wie Liebeshauch über Deine +süßen Lippen strömten, wären trostreiche Prophezeiung. Julia! — Mädchen, +bleibe bei mir, verlasse mich nie — nie!</p> + +<p>Damit sank die Prinzessin, indem sie Julias Hände festhielt, mit +geschlossenen Augen zurück in den Sofa.</p> + +<p>Wohl war Julia an Augenblicke gewöhnt, in denen Hedwiga geistig +krankhafter Überspannung erlag, doch fremd, ganz fremd und rätselhaft +war ihr der Paroxysmus, wie er sich eben jetzt zeigte. Sonst war es eine +leidenschaftliche Verbitterung, die, erzeugt von dem Miß<a class="pagenum" name="page_261">261</a>verhältnis des +innern Gefühls mit der Gestaltung des Lebens, beinahe bis zum Gehässigen +sich steigernd, Julias kindliches Gemüt verletzte. Jetzt schien Hedwiga, +wie sonst niemals, ganz aufgelöst im Schmerz und namenloser Wehmut, und +dieser trostlose Zustand rührte Julien in eben dem Grade, als ihre Angst +stieg um die geliebte Freundin.</p> + +<p>Hedwiga, rief sie, meine Hedwiga, ich verlasse Dich ja nicht, kein +treueres Herz neigt sich zu Dir, als das meinige, aber sprich, o sprich +doch nur, vertraue mir doch nur, welch eine Qual Dein Inneres zerreißt? +— Mit Dir will ich klagen, mit Dir will ich weinen!</p> + +<p>Da verbreitete sich ein seltsames Lächeln auf Hedwigas Antlitz, ein +sanftes Rot schimmerte auf den Wangen, und ohne die Augen zu öffnen, +lispelte sie leise: Nicht wahr, Julia, Du bist nicht in Liebe?</p> + +<p>Seltsam fühlte sich Julia von dieser Frage der Prinzessin getroffen, als +durchbebe sie ein jäher Schreck.</p> + +<p>In welches Mädchens Brust regen sich nicht Ahnungen einer Leidenschaft, +die das Hauptbedingnis scheint seiner Existenz, denn nur das liebende +Weib ist dies ganz. Doch ein reiner, kindlicher, frommer Sinn läßt diese +Ahnungen ruhen, ohne weiter zu forschen, ohne im lüsternen Vorwitz das +süße Geheimnis enthüllen zu wollen, das nur in <em class="gesperrt">dem</em> Moment aufgeht, den +eine dunkle Sehnsucht verheißen. So war es mit Julia, die plötzlich +ausgesprochen hörte, was sie zu denken nicht gewagt und geängstigt, als +zeihe man sie einer Sünde, der sie selbst nicht klar sich bewußt, ihr +eignes Innere ganz zu durchschauen sich mühte.</p> + +<p>Julia, wiederholte die Prinzessin, Du liebst nicht? — sage es mir! +— sei aufrichtig!</p> + +<p>Wie sonderbar, erwiderte Julia, wie seltsam Du mich frägst, was kann, +was soll ich Dir antworten.</p> + +<p>Sprich, o sprich, flehte die Prinzessin! — Da ward es sonnenhell in +Julias Seele und sie fand Worte, das auszusprechen, was sie deutlich +erblickte in ihrem eignen Innern.</p> + +<p>Was geht vor in Deinem Gemüt, Hedwiga, indem du mich so frägst? so +begann Julia sehr ernst und gefaßt. Was ist Dir die Liebe, von der Du +sprichst? Nicht wahr, man soll sich hingezogen fühlen zu dem Geliebten, +mit solcher unwiderstehlichen Macht, daß man nur ist, nur lebt in dem +Gedanken an ihn, daß man sein ganzes Ich aufgibt um ihn, daß er allein +uns alles Sehnen, alles Hoffen, alles Verlangen, die ganze Welt dünkt? +Und diese Leidenschaft soll die höchste Stufe der Seligkeit gewähren? +— Mich schwindelts vor dieser Höhe, denn <a class="pagenum" name="page_262">262</a>dem Blick hinab gähnt der +bodenlose Abgrund, mit allen Schrecknissen des rettungslosen Verderbens, +entgegen. Nein, Hedwiga, diese Liebe, die ebenso entsetzlich ist, als +sündhaft, hat dies Gemüt nicht erfaßt, und fest will ich halten an dem +Glauben, daß es ewig rein, ewig davon frei bleiben wird. Doch wohl mag +es sich begeben, daß ein Mann vor allen übrigen in uns die höchste +Achtung, ja, bei der männlich eminenten Kraft seines Geistes wahre +Bewunderung erregt. Doch noch mehr als das, wir fühlen uns in seiner +Nähe von einem gewissen, gemütlichen Wohlbehagen geheimnisvoll +durchströmt, erhoben über uns selbst, es scheint, als wenn unser Geist +dann erst recht erwache, als wenn uns das Leben dann erst recht leuchte, +und so sind wir froh, wenn er kommt, und traurig, wenn er geht. — Nennst +Du dieses Liebe? — Nun warum sollte ich es Dir nicht gestehen, daß +unser verlorner Kreisler mir dies Gefühl erweckt hat, und daß ich ihn +schmerzhaft vermisse.</p> + +<p>Julia, rief die Prinzessin plötzlich auffahrend und Julien mit glühendem +Blick durchbohrend, kannst Du ihn Dir denken in den Armen einer andern, +ohne zu vergehn in namenloser Qual?</p> + +<p>Hoch errötete Julia, und mit einem Ton, der erkennen ließ, wie sehr sie +sich verletzt fühlte, erwiderte sie: Nie habe ich <em class="gesperrt">ihn</em> mir gedacht in +meinen Armen! —</p> + +<p>Ha! — Du liebst ihn nicht — Du liebst ihn nicht! — so schrie die +Prinzessin gellend auf, und sank dann wieder zurück in dem Sofa!</p> + +<p>O, sprach Julia, o daß er wiederkehrte! — Rein und schuldlos ist das +Gefühl, das ich für den teuern Mann hege in dieser Brust, und sehe ich +ihn niemals wieder, so wird der Gedanke an ihn, den Unvergeßlichen, in +mein Leben hineinleuchten, wie ein schöner, heller Stern. — Doch gewiß, +er kehrt zurück! — Denn wie kann —</p> + +<p>Niemals, unterbrach die Prinzessin Julien mit schroffem, schneidendem +Ton, kann, darf er wiederkehren, denn wie man vernimmt, befindet er sich +in der Abtei Kanzheim und wird, sich der Welt entziehend, in den Orden +des heiligen Benedikt treten.</p> + +<p>Julien kamen die hellen Tränen in die Augen, sie stand schweigend auf +und begab sich an das Fenster.</p> + +<p>Deine Mutter hat recht, ganz recht, fuhr die Prinzessin fort. Wohl uns, +daß er fort ist, dieser Wahnsinnige, der sich wie ein böser Geist +eindrängte in unseres Herzens Rat, der uns in unserm eignen Innern zu +zerreißen wußte. — Und die Musik war das Zaubermittel, mit dem er uns +umstrickte. — Nie mag ich ihn wiedersehen. —</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_263">263</a>Dolchstiche waren für Julien die Worte der Prinzessin, sie griff nach +Hut und Shawl.</p> + +<p>Du willst mich verlassen, meine süße Freundin? rief die Prinzessin. +— Bleibe — bleibe — tröste mich, wenn Du kannst! — Unheimliches +Grauen geht durch diese Säle, durch den Park! denn wisse — Damit führte +Hedwiga Julien an das Fenster, zeigte nach dem Pavillon hin, in dem der +Adjudant des Prinzen Hektor gewohnt hatte, und begann mit dumpfer +Stimme: Schau dort hin, Julia, jene Mauern verbergen ein bedrohliches +Geheimnis; der Kastellan, die Gärtner, beteuern, daß seit der Abreise +des Prinzen niemand dort wohne, daß die Türe fest verschlossen, und doch +— O schau nur hin — schau nur hin! — Siehst Du es nicht am Fenster?</p> + +<p>In der Tat gewahrte Julia an dem Fenster, das in dem Giebel des +Pavillons angebracht war, eine dunkle Gestalt, die in demselben +Augenblicke wieder schnell verschwand.</p> + +<p>Hier dürfe, meinte Julia, indem sie fühlte, wie Hedwiga's Hand +krampfhaft in der ihrigen bebte, von einem bedrohlichen Geheimnis, oder +gar von etwas Gespenstischem durchaus nicht die Rede sein, da es nur zu +leicht möglich, daß irgend jemand von der Dienerschaft den leeren +Pavillon unbefugter Weise benutze. Der Pavillon könne ja augenblicklich +durchsucht und so auf der Stelle aufgeklärt werden, was es mit der +Gestalt, die sich am Fenster blicken lasse, für eine Bewandtnis habe, +die Prinzessin versicherte aber dagegen, daß der alte, treue Kastellan +dies längst auf ihren Wunsch getan und beteuert, daß er in dem ganzen +Pavillon auch nicht die Spur eines menschlichen Wesens gefunden.</p> + +<p>Laß es dir erzählen, sprach die Prinzessin, was sich vor drei Nächten +begab! — Du weißt, daß mich oft der Schlaf flieht, und daß ich dann +aufzustehen, und so lange durch die Zimmer zu wandeln pflege, bis mich +eine Müdigkeit überfällt, der ich mich überlasse, und es wirklich zum +Einschlafen bringe. So geschah es, daß mich vor drei Nächten +Schlaflosigkeit in dies Zimmer trieb. Plötzlich zitterte der Widerschein +eines Lichts an der Wand vorüber, ich schaute durch das Fenster, und +gewahrte vier Männer, von denen einer eine Blendlaterne trug, und die in +der Gegend des Pavillons verschwanden, ohne daß ich bemerken konnte, ob +sie wirklich hineingingen in den Pavillon. Nicht lange dauerte es aber, +so wurde eben jenes Fenster hell und Schatten huschten inwendig hin und +her. Dann wurde es wieder finster, aber durch das Gebüsch strahlte nun +bald ein blendender <a class="pagenum" name="page_264">264</a>Schimmer, der aus der Türe des geöffneten Pavillons +kommen mußte. Immer mehr näherte sich der Schein, bis endlich aus dem +Gebüsch ein Benediktiner-Mönch heraustrat, der in der linken Hand eine +Fackel, in der rechten aber ein Kruzifix trug. Ihm folgten vier Männer, +eine mit schwarzen Tüchern behängte Bahre auf den Schultern. Nur einige +Schritte waren sie gezogen, als ihnen eine in einen weiten Mantel +eingehüllte Gestalt entgegentrat. Sie standen still, setzten die Bahre +nieder, die Gestalt zog die Tücher weg, und ein Leichnam wurde sichtbar. +Mir wollten die Sinne vergehn, kaum gewahrte ich noch, daß die Männer +die Bahre aufhoben und dem Mönche nacheilten auf dem breiten Seitenwege, +der bald zum Park hinausführt auf die Straße nach der Abtei Kanzheim. +Seit dieser Zeit läßt sich jene Gestalt am Fenster sehen, und vielleicht +ist es der Spuk eines Ermordeten, der mich ängstigt.</p> + +<p>Julia war geneigt, den ganzen Vorgang, wie ihn Hedwiga erzählte, für +einen Traum, oder, stand sie in der Tat wach am Fenster, für das +täuschende Spiel der aufgeregten Sinne zu halten. Wer sollte, wer konnte +der Tote sein, den man unter solchen geheimnisvollen Umständen aus dem +Pavillon forttrug, da niemand vermißt worden, und wer mochte daran +glauben, daß dieser unbekannte Tote noch spuken solle in der Behausung, +aus der man ihn fortgebracht? Julia äußerte dieses alles der Prinzessin +und fügte noch hinzu, daß jene Erscheinung am Fenster auch wohl auf +optischer Illusion beruhen, auch wohl gar ein Scherz des alten Magikers, +Meister Abraham sein könne, der ja oft sein Wesen treibe mit solchem +Spiel und vielleicht dem leeren Pavillon einen gespenstischen Einsassen +gegeben habe.</p> + +<p>Wie, sprach die Prinzessin, die ihre ganze Fassung wiedergewonnen, sanft +lächelnd, wie man doch gleich mit der Erklärung bei der Hand ist, +geschieht das Wunderbare, Übernatürliche! — Was den Toten betrifft, so +vergissest Du das, was sich in dem Park begab, ehe Kreisler uns verließ. +— Um Gott, rief Julia, sollte denn wirklich eine gräßliche Tat begangen +sein? — Wer? — von wem? —</p> + +<p>Du weißt ja, Mädchen, daß Kreisler lebt, fuhr Hedwiga fort. Aber auch +er lebt, der in Liebe ist zu Dir — Sieh mich nicht so erschrocken an! +— Solltest Du das nicht längst ahnen, was ich Dir sagen muß, damit Dir +es klar werde, was, länger verborgen, Dich verderben könnte? — Prinz +Hektor liebt <em class="gesperrt">Dich, Dich</em> Julia, mit all der wilden Leidenschaft, die +seiner Nation eigen. Ich war, ich bin seine Braut, Du aber, Julia, bist +seine Geliebte. Die letzten Worte betonte die <a class="pagenum" name="page_265">265</a>Prinzessin auf eine eigne +scharfe Weise, ohne übrigens jenen besonderen Accent hineinzulegen, der +dem Gefühl innerer Kränkung eigen.</p> + +<p>O ewige Macht, rief Julia heftig, indem ihr die Tränen aus den Augen +stürzten, Hedwiga, willst Du denn meine Brust zerreißen? — Welcher +finstre Geist spricht aus Dir! — Nein, nein, gern will ich es leiden, +daß Du aller bösen Träume halber, die Dich verstörten, an mir Ärmsten +Rache nimmst, aber nie werde ich an die Wahrheit dieser bedrohlichen +Phantome glauben! — Hedwiga! — besinne Dich doch nur, Du bist ja nicht +mehr die Braut des entsetzlichen Mannes, der uns erschien, wie das +Verderben selbst! Nie kehrt er zurück, niemals wirst Du sein!</p> + +<p>Doch, erwiderte die Prinzessin, doch! — Fasse Dich nur, Mädchen! — Nur +dann, wenn die Kirche mich mit dem Prinzen verbunden, löst sich +vielleicht das ungeheure Mißverständnis des Lebens, das mich elend +macht! — Dich rettet des Himmels wunderbare Fügung. — Wir trennen uns, +ich folge dem Gemahl, Du bleibst! — Die Prinzessin verstummte vor +innerer Bewegung, auch Julia war keines Wortes mächtig, beide fielen +sich schweigend, in Tränen zerfließend, an die Brust!</p> + +<p>Man meldete, daß der Tee serviert sei. Julia war aufgeregter, als es ihr +besonnenes, ruhiges Gemüt zuzulassen schien. Es war ihr unmöglich, in +der Gesellschaft zu bleiben, und die Mutter erlaubte ihr gern, nach +Hause zu gehen, da die Prinzessin sich ebenfalls nach Ruhe sehnte.</p> + +<p>Fräulein Nannette versicherte auf Befragen der Fürstin, daß die +Prinzessin den Nachmittag und Abend sich sehr wohl befunden, indessen +mit Julien durchaus allein sein wollen. So viel sie im Nebenzimmer +beobachten können, hätten beide, die Prinzessin und Julia sich allerlei +Geschichten erzählt, auch Komödie gespielt und bald gelacht und bald +geweint.</p> + +<p>Die lieben Mädchen, sprach der Hofmarschall leise. Die aimable +Prinzessin, das liebe Mädchen! verbesserte der Fürst, indem er den +Hofmarschall mit großen Augen anblitzte. Dieser wollte in der Bestürzung +über den entsetzlichen Fehlgriff ein ziemliches Stücklein Zwieback, das +er sattsam in Tee getränkt, auf einmal hinunterschlucken. Das blieb ihm +aber in der Kehle stecken, und er brach aus in ein fürchterliches +Husten, so daß er schnell den Saal verlassen mußte, und nur dadurch +gerettet werden konnte vom schnöden Erstickungstode, daß der Hoffurier +im Vorsaal mit geübter Faust ein wohlgesetztes Paukensolo ausführte auf +seinem Rücken.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_266">266</a>Nach zwei Unschicklichkeiten, deren er sich schuldig gemacht, fürchtete +indessen der Hofmarschall noch die dritte zu begehen, er wagte es daher +nicht, zurückzukehren in den Saal, sondern ließ sich bei dem Fürsten mit +plötzlich ihm angewandelter Krankheit entschuldigen.</p> + +<p>Durch des Hofmarschalls Abwesenheit wurde aber die Whistpartie +zerrissen, wie sie der Fürst gewöhnlich zu spielen pflegte.</p> + +<p>Als nun die Spieltische geordnet, war alles in gespannter Erwartung, was +der Fürst in diesem kritischen Fall tun werde. Der tat aber nichts, als +daß er, da auf seinen Wink die übrigen sich zum Spiel gesetzt hatten, +die Hand der Rätin Benzon faßte, sie zum Kanapee führte, und Platz +nehmen hieß, indem er selbst sich ihr zur Seite hinsetzte.</p> + +<p>Unlieb wäre es mir doch gewesen, wenn der Hofmarschall erstickt wäre am +Zwieback, sprach er dann sanft und leise, wie immer zur Benzon. Doch +schien er Abwesenheiten des Geistes zu haben, wie ich es schon oftmals +bemerkt, daß er die Prinzessin Hedwiga ein Mädchen nannte, und würde +daher im Whist miserabel gewesen sein. — Überhaupt, liebe Benzon, ist +es mir heute recht erwünscht und angenehm, statt des Spiels mit Ihnen +hier in der Einsamkeit einige Worte vertraulich zu wechseln, wie sonst. +Ach — wie sonst! Nun Sie kennen mein Attachement für Sie, geliebte +Frau! Nie kann es aufhören, ein fürstliches Herz ist jedesmal ein +treues, sobald nicht unabwendbare Verhältnisse ein anderes gebieten.</p> + +<p>Bei diesen Worten küßte der Fürst der Benzon viel zärtlicher die Hand, +als es Stand, Alter und Umgebung zu erlauben schienen. Die Benzon +versicherte mit vor Freude funkelnden Augen, daß sie längst den Moment +ersehnt, mit dem Fürsten vertraulich zu reden, da sie ihm so manches +mitzuteilen habe, was ihm nicht unangenehm sein werde.</p> + +<p>Erfahren Sie, gnädigster Herr, sprach die Benzon, daß der +Geheime-Legationsrat auf's Neue geschrieben, daß unsere Angelegenheiten +plötzlich eine günstigere Wendung genommen, daß —</p> + +<p>Still, beste Frau, unterbrach sie der Fürst, nichts von +Regierungsgeschäften! Auch der Fürst trägt Schlafröcke, und setzt eine +Nachtmütze auf, wenn er beinahe erdrückt von der Last des Regierens, +sich zur Ruhe begibt, wovon freilich Friedrich der Große, König von +Preußen eine Ausnahme machte, der, wie es Ihnen als einer belesenen Frau +bekannt sein wird, auch im Bette einen Filzhut aufsetzte. Nun, ich +meine, daß auch der Fürst immer zu viel von dem in sich trägt, was +— nun! was eben, wie die Leute sagen, das sogenannte bürgerliche +<a class="pagenum" name="page_267">267</a>Verhältnis, Ehe, Vaterfreuden usw. begründet, um sich diesen Gefühlen +ganz zu entschlagen, und es ist mindestens pardonabel, wenn er sich +ihnen überläßt in Augenblicken, da der Staat, die Vorsorge für den +gehörigen Anstand am Hofe und im Lande nicht sein ganzes Selbst in +Anspruch nimmt, — Gute Benzon! solche Augenblicke sind die jetzigen; +fertig liegen sieben Unterschriften in meinem Kabinett, und nun lassen +Sie mich den Fürsten ganz vergessen, lassen Sie mich hier beim Tee ganz +Hausvater sein — der deutsche Hausvater vom Freiherrn von Gemmingen! +Lassen Sie mich von meinen — ja, von meinen Kindern reden, die mir +solchen Kummer verursachen, daß ich oft in eine ganz unschickliche +Gemütsunruhe verfalle. Von Ihren Kindern soll die Rede sein, gnädigster +Herr? sprach die Benzon mit spitzem Tone. Das heißt also, von dem +Prinzen Ignaz und von der Prinzessin Hedwiga! — Sprechen Sie, +gnädigster Herr, sprechen Sie, vielleicht kann ich Rat und Trost geben, +wie Meister Abraham. — Ja, sprach der Fürst weiter, ja Rat und Trost, +der möchte mir manchmal von nöten sein. — Sehn Sie, gute Benzon, was +zuerst den Prinzen betrifft, so bedurfte er freilich nicht besonderer +Geistesgaben, die die Natur denjenigen zuzuteilen pflegt, die sonst +ihres Standes halber obskur und fühllos bleiben würden, aber etwas mehr +esprit wäre ihm doch zu wünschen, er ist und bleibt ein — <span class="antiqua">Simple!</span> +— Sehn Sie nur, da sitzt er und baumelt mit den Füßen und spielt eine +falsche Karte aus nach der andern, und kichert und lacht wie ein Knabe +von sieben Jahren! — Benzon! <span class="antiqua">entre nous soit dit,</span> nicht die Kunst des +Schreibens, insofern sie ihm nötig, ist ihm beizubringen; sein +fürstlicher Name sieht aus wie eine Eulenkralle. Ewige Barmherzigkeit, +was soll daraus werden? Neulich wurde ich in meinen Geschäften gestört +durch abscheuliches Gebelle vor meinem Fenster, ich schaue heraus, um +den unangenehmen Spitz fortjagen zu lassen, und was muß ich erblicken! +Sollten Sie es glauben, gute Frau! Es ist der Prinz, der wie wahnsinnig +laut bellend hinter dem Gärtnerburschen herspringt. — Sie spielen +mitsammen Hase und Hund! — Ist wohl nur einiger Verstand darin, sind das +fürstliche Passionen? — Kann der Prinz wohl jemals zu der geringsten +Selbständigkeit kommen?</p> + +<p>Darum ist es nötig, erwiderte die Benzon, daß der Prinz alsbald +vermählt werde, und eine Gemahlin erhalte, deren Anmut, deren Liebreiz, +deren klarer Verstand seine schlafenden Sinne weckt und die gutmütig +genug ist, sich ganz zu ihm hinabzuneigen, um ihn <a class="pagenum" name="page_268">268</a>dann allmählich zu +sich heraufzuziehen. Diese Eigenschaften sind dem weiblichen Wesen, das +dem Prinzen angehören soll, unerläßlich, um ihn aus einem Seelenzustande +zu retten, der, mit Schmerz spreche ich es aus, gnädigster Herr! zuletzt +in wirklichen Wahnsinn ausarten kann. Eben daher dürfen auch nur diese +seltenen Eigenschaften entscheiden, und der Stand nicht in allzustrengen +Betracht kommen.</p> + +<p>Niemals gab es Mesalliancen in unserm Hause, sprach der Fürst, indem er +die Stirn runzelte, lassen Sie ab von einem Gedanken, den ich nicht +billigen kann. Immer war und bin ich noch bereit, sonst Ihre Wünsche zu +erfüllen! —</p> + +<p>Daß ich nicht wüßte, gnädigster Herr! erwiderte die Benzon mit scharfem +Ton. — Wie oft mußten gerechte Wünsche schweigen chimärischer +Rücksichten halber! Aber es gibt Ansprüche, die aller Verhältnisse +spotten. —</p> + +<p><span class="antiqua">Laissons cela,</span> unterbrach der Fürst die Benzon, indem er sich +ausräusperte und Tabak nahm. Nach einigen Augenblicken des +Stillschweigens fuhr er fort: Noch mehr Kummer als der Prinz, macht mir +die Prinzessin. Sagen Sie, Benzon, wie war es möglich, daß uns eine +Tochter von dieser seltsamen Gemütsart, noch mehr von dieser +absonderlichen Krankhaftigkeit, die selbst den Leibarzt in Verlegenheit +setzt, geboren werden konnte? Hat sich die Fürstin nicht immer einer +blühenden Gesundheit erfreut, hat sie zu mystischen Nervenzufällen +inkliniert? Bin ich selbst nicht, was Leib und Seele betrifft, ein +robuster Fürst gewesen? Wie kommen wir zu dem Kinde, das, gestehen muß +ich es zu meinem bittern Leidwesen, mir oft — ganz verrückt erscheint, +alles fürstlichen Anstandes los und ledig? — Auch mir ist der +Organismus der Prinzessin unbegreiflich, erwiderte die Benzon. — Die +Mutter ist sich immer klar, verständig, von jeder zu heftigen, +verderblichen Leidenschaftlichkeit frei gewesen. — Die letzten Worte +sprach die Benzon dumpf und leise vor sich hin, indem sie den Blick +niedersenkte. Sie meinen die Fürstin, fragte der Fürst mit Accent, da es +ihm nicht anständig schien, daß dem Worte: Mutter, nicht das Prädikat: +Fürstin hinzugefügt war.</p> + +<p>Wen sonst sollte ich meinen, erwiderte die Benzon gespannt.</p> + +<p>Hat mich nicht der letzte fatale Zufall der Prinzessin um den Erfolg +meiner Bemühungen, und die Freude ihrer baldigen Vermählung, meinen +Wünschen gemäß, gebracht? sprach der Fürst weiter. — Denn, gute Benzon, +<span class="antiqua">entre nous soit dit,</span> der Prinzessin plötzliche Katalepsie, die ich bloß +einer starken Erkältung zuschreibe, war wohl <a class="pagenum" name="page_269">269</a>lediglich schuld an der +plötzlichen Abreise des Prinzen Hektor. — Er will abbrechen und — <span class="antiqua">juste +ciel!</span> selbst muß ich es gestehen, ich kann es ihm nicht ganz verdenken, +so daß, verböte nicht ohnehin der Anstand jede weitere Annäherung, schon +dieses mich, den Fürsten, abhalten müßte, jetzt noch Schritte zu tun zur +Erfüllung eines Wunsches, den ich freilich sehr ungern und nur +notgedrungen aufgebe. Recht werden Sie mir nämlich geben, geliebte Frau, +daß es immer etwas Ängstliches hat mit einer Gemahlin, die solchen +wunderlichen Zufällen unterworfen. Kann eine solche fürstliche und +zugleich kataleptische Gemahlin nicht mitten in der glänzendsten Cour +davon erfaßt werden, automatisch dastehen und sämtliche, würdige +Anwesende zwingen, es ihr nachzutun und regungslos zu bleiben? — +Freilich kann man wohl auch eine, von einer allgemeinen Katalepsie +befallene Cour, sich als die feierlichste und erhabenste denken, die es +in der Welt nur geben mag, da die leiseste Verletzung der nötigen Würde +auch dem Leichtsinnigsten unmöglich. Doch ein Gefühl, das mich eben in +solchen hausväterlichen Augenblicken, wie die jetzigen, hier beim Spiel +befällt, läßt es mich bemerken, daß ein solcher Zustand der Braut, dem +fürstlichen Bräutigam einiges fröstelnde Grauen erregen kann, und darum +— Benzon! Sie sind eine liebenswürdige, verständige Frau, fänden Sie +vielleicht eine Möglichkeit, die Sache mit dem Prinzen zu realisieren, +irgend ein Mittel —</p> + +<p>Es bedarf dessen gar nicht, gnädigster Herr! unterbrach die Benzon +lebhaft den Fürsten. Nicht der Prinzessin Krankheit trieb den Prinzen so +schnell fort, ein anderes Geheimnis ist hier im Spiele, und in dieses +Geheimnis ist der Kapellmeister Kreisler verflochten.</p> + +<p>Wie, was sagen Sie, Benzon? der Kapellmeister Kreisler? rief der Fürst +erstaunt! So sollte es doch wahr sein, daß er —</p> + +<p>Ja, gnädigster Herr, sprach die Rätin weiter, ein Zwiespalt zwischen ihm +und dem Prinzen Hektor, der vielleicht geschlichtet werden sollte auf zu +heroische Weise, war es, der den Prinzen entfernte. —</p> + +<p>Zwiespalt, unterbrach der Fürst die Benzon, Zwiespalt — geschlichtet +— heroische Weise: — Der Schuß im Park — der blutige Hut! — Benzon! +es ist ja unmöglich — der Prinz — der Kapellmeister! — ein Duell — +ein Renkontre, beides ist ja undenkbar! —</p> + +<p>So viel, gnädigster Herr, ist gewiß, fuhr die Benzon fort, daß Kreisler +auf der Prinzessin Gemüt nur zu mächtig einwirkte, daß jene seltsame +Angst, ja, jenes Entsetzen, das sie erst empfand in Kreislers Gegenwart, +sich gestalten wollte zur verderblichen Leiden<a class="pagenum" name="page_270">270</a>schaft. Möglich, daß der +Prinz scharf genug sah, dies zu gewahren, daß er in Kreisler, der ihm +von Anfang an entgegen trat, mit feindlicher, verhöhnender Ironie, einen +Widersacher fand, den er sich vom Halse schaffen zu müssen glaubte, und +daß hieraus sich eine Tat erzeugte, die freilich nur dem blutigen Haß +des gekränkten Ehrgefühls, der Eifersucht verziehen werden darf, und +die, Dank sei der ewigen Macht, nicht gelang. Ich gestehe, daß dies +alles die schnelle Abreise des Prinzen nicht erklärt, und daß, wie +gesagt, noch ein dunkles Geheimnis waltet. Der Prinz floh, wie mir Julia +erzählt, entsetzt vor einem Bilde, das Kreisler bei sich trug und ihm +vorzeigte. — Nun, mag dem sein, wie ihm wolle, Kreisler ist fort und der +Prinzessin Krisis ist vorüber! — Glauben Sie mir, gnädigster Herr, +blieb Kreisler, so flammte die heftigste Leidenschaft für ihn auf in der +Prinzessin Brust, und sie wäre lieber gestorben, als daß sie dem Prinzen +ihre Hand gegeben hätte. Alles hat sich jetzt anders gestaltet, bald +kehrt Prinz Hektor zurück, und die Vermählung mit der Prinzessin endigt +alle Besorgnisse.</p> + +<p>Sehn Sie, rief der Fürst zornig, die Insolenz des schnöden Musikanten! +— In ihn will die Prinzessin sich verlieben, seinetwegen die Hand des +liebenswürdigsten Prinzen ausschlagen! — <span class="antiqua">Ah, le coquin!</span> — Nun verstehe +ich Euch, Meister Abraham, erst ganz! — Ihr sollt mir den fatalen +Menschen vom Halse schaffen, daß er niemals wiederkehrt. —</p> + +<p>Jede Maßregel, sprach die Rätin, die der weise Meister Abraham deshalb +etwa vorschlagen dürfte, würde überflüssig sein, da das Erforderliche +deshalb schon geschehen ist. Kreisler befindet sich in der Abtei +Kanzheim, und wie mir der Abt Chrysostomus schreibt, wird er +wahrscheinlich sich entschließen, der Welt zu entsagen, und in den Orden +zu treten. Die Prinzessin hat dies schon erfahren von mir zur günstigen +Stunde, und daß ich dabei keine sonderliche Gemütsbewegung der +Prinzessin gewahrte, bürgt mir dafür, daß die bedrohliche Krisis wie +gesagt, schon vorüber.</p> + +<p>Herrliche, liebenswürdige Frau! nahm der Fürst das Wort, welches +Attachement beweisen Sie mir und meinen Kindern! Wie sorgen Sie für das +Wohl, für das Beste meines Hauses?</p> + +<p>Wirklich? sprach die Benzon mit bittrem Tone, tue ich das? <em class="gesperrt">Konnte, +durfte</em> ich immer für das Wohl Ihrer Kinder sorgen?</p> + +<p>Die Benzon legte auf die letzten Worte einen besonderen Nachdruck, der +Fürst sah schweigend vor sich nieder, und spielte mit den <a class="pagenum" name="page_271">271</a>Daumen der +zusammengefalteten Hände. Endlich murmelte er leise: „Angela! — noch +immer keine Spur? — ganz verschwunden?“</p> + +<p>So ist es, erwiderte die Benzon, und ich fürchte, daß das unglückliche +Kind das Opfer irgend einer Schändlichkeit geworden ist. Man wollte sie +in Venedig gesehen haben, aber gewiß war dies ein Irrtum. — Gestehen +Sie es, gnädigster Herr! es war grausam — entsetzlich, daß Sie Ihr Kind +von der Brust der Mutter reißen ließen, es in ein trostloses Exil +verbannten! — Diese Wunde, die mir Ihre Strenge schlug, werde ich +niemals verschmerzen!</p> + +<p>Benzon, sprach der Fürst, habe ich Ihnen, dem Kinde nicht ein +ansehnliches Jahrgehalt ausgesetzt? — konnte ich mehr tun? Mußte ich +nicht, blieb Angela bei uns, jeden Augenblick befürchten, daß unsre +<span class="antiqua">foiblesses</span> verraten werden und auf unangenehme Weise die anständige Ruhe +unseres Hofes zerstören konnten? — Sie kennen die Fürstin, gute Benzon! +Sie wissen, daß sie manchmal besondere Grillen hat. —</p> + +<p>Also Geld, nahm die Benzon das Wort, ein Jahrgehalt soll die Mutter +entschädigen für allen Schmerz, für alle Trauer, für alle bittre Klage +um das verlorne Kind? — In der Tat, gnädigster Herr! es gibt eine +andere Art für sein Kind zu sorgen, die die Mutter besser +zufriedenstellt, als alles Gold! —</p> + +<p>Die Benzon sprach diese Worte mit einem Blick, mit einem Ton, der den +Fürsten in einige Verlegenheit setzte.</p> + +<p>Vortreffliche Frau, begann er betreten, warum diese seltsame Gedanken! +— Glauben Sie denn nicht, daß mir ebenfalls das spurlose Verschwinden +unserer lieben Angela sehr unangenehm, sehr fatal ist? Es muß ein +artiges, schönes Mägdlein geworden sein, da es von hübschen scharmanten +Eltern geboren. Aufs neue küßte der Fürst der Benzon sehr zärtlich die +Hand, die sie aber schnell wegzog und mit funkelndem, durchbohrendem +Blick dem Fürsten ins Ohr flüsterte: Gestehen Sie es, gnädigster Herr, +Sie waren ungerecht, grausam, als Sie darauf bestanden, daß das Kind +entfernt werden müsse. Ist es nicht Ihre Pflicht, den Wunsch nicht +zurückzuweisen, dessen Erfüllung ich gutmütig genug, wirklich für +einigen Ersatz all meines Leid's ansehen will?</p> + +<p>Benzon, erwiderte der Fürst noch kleinlauter als zuvor, gute, herrliche +Benzon, kann denn unsere Angela nicht wiedergefunden werden? Ich will +Heroisches tun für Ihre Wünsche, teure Frau. Ich will mich dem Meister +Abraham anvertrauen, mich mit ihm <a class="pagenum" name="page_272">272</a>beraten. — Es ist ein vernünftiger +erfahrner Mann; vielleicht kann er helfen.</p> + +<p>O, unterbrach die Benzon den Fürsten, o des weisen Meisters Abraham! +Glauben Sie denn, gnädigster Herr, daß Meister Abraham wirklich +aufgelegt ist, für Sie etwas zu unternehmen, daß er Ihnen, Ihrem Hause +getreulich anhängt? Und wie sollte er im Stande sein, etwas +herauszubringen über Angela's Schicksal, nachdem in Venedig, in Florenz, +alle Nachforschungen vergeblich geblieben sind und, was das Schlimmste +ist, ihm jenes geheimnisvolle Mittel geraubt wurde, dessen er sich sonst +bediente, um das Unbekannte zu erforschen.</p> + +<p>Sie meinen sein Weib, die böse Zauberin Chiara, sprach der Fürst.</p> + +<p>Sehr fraglich möchte es sein, erwiderte die Benzon, ob die vielleicht +nur inspirierte, mit höheren, wunderbaren Kräften begabte Frau, diesen +Namen verdient. Auf jeden Fall war es ungerecht, unmenschlich, dem +Meister das geliebte Wesen zu rauben, an dem er hing mit ganzer Seele, +ja, die ganz ein Teil seines Ich's war.</p> + +<p>Benzon, rief der Fürst ganz erschrocken, Benzon, ich verstehe Sie heute +nicht! — Mir schwindelts im Kopfe! Waren Sie selbst nicht dafür, daß +das bedrohliche Geschöpf, vermöge dessen der Meister bald alle unsere +Verhältnisse beherrschen möchte, entfernt werden möchte? Billigten Sie +nicht selbst mein Schreiben an den Großherzog, in dem ich vorstellte, +daß, da jede Zauberei im Lande längst verboten, Personen, die in dieser +Art beeigenschaftet ihr Wesen trieben, nicht geduldet werden dürften und +Sicherheits halber ein wenig eingesperrt werden müßten? Geschah es nicht +aus purer Schonung gegen den Meister <ins title="Araham">Abraham</ins>, daß der mysteriösen Chiara +nicht der offne Prozeß gemacht, sondern daß sie in aller Stille +aufgegriffen und fortgeschafft wurde, wohin weiß ich nicht einmal, da +ich mich darum nicht weiter bekümmert? — Welch' ein Vorwurf kann mich +hier treffen?</p> + +<p>Verzeihung, gnädigster Herr, erwiderte die Benzon, aber es ist doch in +der Tat der Vorwurf des wenigstens übereilten Verfahrens, der Sie wohl +mit Recht trifft. — Aber! — erfahren Sie es gnädigster Herr! Meister +Abraham ist davon unterrichtet, daß seine Chiara weggeschafft wurde auf +Ihren Anlaß. Er ist still, er ist freundlich, aber glauben Sie nicht, +gnädigster Herr, daß Haß und Rache brütet in seinem Innern, gegen den, +der ihm sein Liebstes raubte auf Erden! Und diesem Mann wollen Sie +vertrauen, wollen ihm Ihr Inneres erschließen? — Benzon, sprach der +Fürst, indem er sich die Schweiß<a class="pagenum" name="page_273">273</a>tropfen von der Stirne wegtrocknete, +Benzon! Sie alterieren mich sehr — ganz unbeschreiblich möcht' ich +sagen! — Barmherziger! Kann ein Fürst so aus der Contenance gebracht +werden? Muß beim Teufel — Gott ich glaube gar, ich fluche, wie ein +Dragoner hier beim Tee! — Benzon! warum sprachen Sie nicht früher! — Er +weiß schon alles! — Im Fischerhäuschen, gerade als ich ganz außer mir +war über der Prinzessin Zustand, da floß mir das Herz, der Mund über. +Ich sprach von Angela, entdeckte ihm — Benzon, schrecklich ist es! — +<span class="antiqua">j'étois — un</span> — Esel! — <span class="antiqua">Voilà tout!</span> —</p> + +<p>Und er erwiderte? So fragte die Benzon gespannt.</p> + +<p>Beinahe ist es mir so, sprach der Fürst weiter, als habe der Meister +Abraham zuerst angefangen von unserm früheren Attachement zu sprechen, +und wie ich ein glücklicher Vater sein können, statt daß ich nun ein +malheureuser sei. — So viel ist aber richtig, daß, als ich meine +Beichte geendet, er lächelnd erklärte, wie er schon längst alles wisse +und hoffe, daß sich vielleicht in ganz kurzer Zeit aufklären werde, wo +Angela geblieben. — Mancher Trug würde dann vernichtet werden, manche +Täuschung zerrinnen. —</p> + +<p>Das sagte der Meister? sprach die Benzon mit bebenden Lippen.</p> + +<p><span class="antiqua">Sur mon honneur,</span> erwiderte der Fürst, das sprach er. — Tausend +Sapperment — pardonieren Sie Benzon, aber ich bin im Zorn — wenn der +Alte es mir nachtragen sollte? — Benzon, <span class="antiqua">que faire?</span></p> + +<p>Beide, der Fürst und die Benzon, starrten sich sprachlos an. +Durchlauchtigster Herr! lispelte leise ein Kammerlakai, indem er dem +Fürsten Tee präsentierte. <span class="antiqua">Bête!</span> schrie aber der Fürst, im hastigen +Aufspringen dem Lakai Präsentierteller samt der Tasse aus den Händen +schleudernd; alles fuhr entsetzt von den Spieltischen in die Höhe, das +Spiel war geendet, der Fürst, sich mit Macht bezwingend, lächelte ein +freundliches Adieu den Erschrockenen zu und begab sich mit der Fürstin +in die inneren Gemächer. Auf jedem Gesicht las man aber ganz deutlich: +Gott was ist das, was bedeutet das? — Der Fürst spielte nicht, sprach +so lange, so angelegentlich mit der Rätin und geriet dann in solch +entsetzlichen Zorn! —</p> + +<p>Unmöglich konnte die Benzon auch nur entfernt ahnen, was sie in ihrer +Wohnung, die in einem Seitengebäude dicht neben dem Schlosse belegen, +für ein Auftritt erwartete. — Kaum eingetreten, stürzte ihr nämlich +ganz außer sich Julia entgegen und — Doch! gegenwärtiger Biograph ist +sehr zufrieden, daß er diesmal das, was <a class="pagenum" name="page_274">274</a>sich mit Julia während des +fürstlichen Tees begeben, viel besser und deutlicher zu erzählen vermag, +als manches andere Faktum der bis jetzt wenigstens etwas verworrenen +Geschichte. — Also! — Wir wissen, daß Julien erlaubt wurde, früher +nach Hause zurückzukehren. Ein Leibjäger leuchtete ihr mit einer Fackel +vor. Kaum waren sie aber einige Schritte von dem Schlosse entfernt, als +der Leibjäger plötzlich stillstand und die Fackel hoch emporhob. Was +gibt es, fragte Julia. Ei, erwiderte der Leibjäger, ei Fräulein Julia, +haben Sie wohl die Gestalt bemerkt, die dort vor uns so schnell +forthuschte? Ich weiß gar nicht, was ich davon denken soll, seit +mehreren Abenden schleicht hier ein Mensch umher, der bei seiner +Heimlichkeit was Böses im Schilde führen muß. Wir haben ihm schon +nachgestellt auf alle nur mögliche Weise, aber er entwischt uns unter +den Händen, ja er wird vor unsern Augen unsichtbar, wie ein Gespenst +oder wie der, Gott sei bei uns! selbst. —</p> + +<p>Julia dachte an die Erscheinung im Giebelfenster des Pavillons und +fühlte sich von unheimlichen Schauern durchbebt. Fort, ach nur schnell +fort, rief sie dem Jäger zu, der meinte aber lachend, das liebe Fräulein +möge sich nur nicht fürchten, denn ehe ihr etwas geschehe, müsse ihm +erst das Gespenst den Hals umdrehen, überdem habe aber wohl das +unbekannte Ding, was sich in der Gegend des Schlosses blicken lasse, +Fleisch und Bein wie andere ehrliche Leute und sei ein furchtsamer, +lichtscheuer Hase.</p> + +<p>Julia schickte ihr Mädchen, das über Kopfschmerz und Fieberfrost klagte, +zu Bette und legte ohne ihre Beihilfe die Nachtkleider an.</p> + +<p>Nun, als sie einsam auf ihrem Zimmer, ging noch einmal alles in ihrer +Seele auf, was Hedwiga in einem Zustande zu ihr gesprochen, den sie nur +krankhafter Überspannung zuschreiben wollte. Und doch war es gewiß, daß +eben jene krankhafte Überspannung nur eine psychische Ursache haben +konnte. — Mädchen von solch unbefangenem reinem Gemüt, wie Julia, +erraten in derlei intrikaten Fällen wohl selten das Richtige. So glaubte +auch Julia, als sie sich alles nochmals in den Sinn gerufen, nichts +anderes, als daß Hedwiga von jener entsetzlichen Leidenschaft ergriffen, +die sie selbst ihr so furchtbar, als die Ahnung davon in ihrer eignen +Seele lag, geschildert, und daß Prinz Hektor der Mann sei, dem sie ihr +eignes Selbst geopfert. — Nun, schloß sie ferner, sei, der Himmel wisse +wie, der Wahn in Hedwiga aufgestiegen, daß der Prinz in anderer Liebe +befangen, und habe sie gequält wie ein fürchterliches, rastlos sie +verfolgendes <a class="pagenum" name="page_275">275</a>Gespenst, so daß daraus sich die heillose Zerrüttung im +Innern erzeugt. Ach, sprach Julia zu sich selbst, ach du gute liebe +Hedwiga, kehrte Prinz Hektor zurück, wie bald würdest du dich +überzeugen, daß du von deiner Freundin nichts zu befürchten! Doch in dem +Augenblick, als Julia diese Worte sprach, trat der Gedanke, daß der +Prinz sie liebe, so aus dem Innersten hervor, daß sie vor seiner Macht +und Lebendigkeit erschrak, daß sie sich von unnennbarer Angst erfaßt +fühlte, es könne doch wahr, was die Prinzessin glaube, und ihr Verderben +gewiß sein. Jener seltsame fremdartige Eindruck, den des Prinzen Blick, +sein ganzes Wesen auf sie gemacht, kam ihr wieder zu Sinn, jenes +Entsetzen durchbebte aufs neue ihre Glieder. Sie gedachte jenes Momentes +auf der Brücke, als der Prinz sie umschlingend, den Schwan fütterte, +all' der verfänglichen Worte, die er damals sprach und die, so harmlos +ihr damals alles vorgekommen, ihr jetzt von tieferer Bedeutung schienen. +Aber auch des verhängnisvollen Traumes gedachte sie, als sie sich von +eisernen Armen fest umschlungen gefühlt und es der Prinz gewesen, der +sie festgehalten, als sie dann erwacht den Kapellmeister im Garten +erblickt und sein ganzes Wesen ihr klar geworden und sie daran geglaubt, +daß er sie schützen werde vor dem Prinzen.</p> + +<p>Nein, rief Julia laut, nein es ist nicht so, es kann dem nicht so sein, +es ist nicht möglich! Es ist der böse Geist der Hölle selbst, der diese +sündhaften Zweifel in mir Ärmsten aufregt! — Nein er soll nicht Macht +haben über mich! —</p> + +<p>Mit dem Gedanken an den Prinzen, an jene gefahrvollen Augenblicke regte +sich in Julia's tiefster Brust eine Empfindung, deren Bedrohlichkeit nur +daran zu erkennen, daß sie die Scham weckte, die das wallende Blut ihr +in die Wangen, heiße Tränen in die Augen trieb. Wohl der holden, frommen +Julia, daß sie Kraft genug besaß den bösen Geist zu beschwören, ihm +keinen Raum zu verstatten, in dem er fest fußen können. Es ist hier noch +wiederholt zu bemerken, daß Prinz Hektor der schönste liebenswürdigste +Mann war, den man nur sehen konnte, daß seine Kunst zu gefallen auf die +tiefe Weiberkenntnis gegründet war, die ihm das Leben voll glücklicher +Abenteuer erworben und daß eben ein junges unbefangenes Mädchen wohl +erschrecken mochte vor der siegenden Kraft seines Blicks, seines ganzen +Wesens.</p> + +<p>O Johannes, sprach sie sanft, du guter herrlicher Mann, kann ich denn +nicht bei dir den Schutz suchen, den du mir versprochen? <a class="pagenum" name="page_276">276</a>Kannst du nicht +selbst zu mir tröstend reden mit den Himmelstönen, die recht widerhallen +in meiner Brust?</p> + +<p>Damit öffnete Julia das Pianoforte und begann die Kompositionen +Kreislers, die ihr die liebsten waren, zu spielen und zu singen. In der +Tat fühlte sie sich bald getröstet, erheitert, der Gesang trug sie fort +in eine andere Welt, es gab keinen Prinzen, ja keine Hedwiga mehr, deren +krankhafte Phantome sie verstören durften!</p> + +<p>— Nun noch meine liebste Kanzonetta! — So sprach Julia und begann das +von so vielen Komponisten gesetzte: <span class="antiqua">Mi lagnero tacendo etc.</span> In der Tat +war Kreislern dieses Lied vor allen übrigen gelungen. Der süße Schmerz +der brünstigsten Liebessehnsucht war darin in einfacher Melodie, mit +einer Wahrheit, mit einer Stärke ausgedrückt, die jedes fühlende Gemüt +unwiderstehlich ergreifen mußte. Julia hatte geendet, in das Andenken an +Kreisler ganz und gar versunken, schlug sie noch einzelne Akkorde an, +die ein Echo schienen ihrer innern Gefühle. Da ging die Türe auf, sie +schaute hin und ehe sie sich vom Sitz erheben konnte, lag Prinz Hektor +ihr zu Füßen und hielt sie fest, beide Hände erfassend. Laut schrie sie +auf vor jähem Schreck, doch der Prinz beschwor sie bei der Jungfrau und +allen Heiligen ruhig zu sein, ihm nur zwei Minuten den Himmel ihres +Anblicks, ihres Worts zu gönnen. Mit Ausdrücken wie sie nur die Raserei +der heftigsten Leidenschaft einzugeben vermag, sagte er ihr dann, daß er +nur sie, nur sie anbete, daß der Gedanke der Vermählung mit Hedwiga ihm +schrecklich, todbringend sei. Daß er deshalb fliehen wollen, doch bald, +von der Macht einer Leidenschaft, die erst mit seinem Tode enden könne, +getrieben, zurückgekehrt sei, nur um Julien zu sehen, zu sprechen, ihr +zu sagen, daß nur sie allein sein Leben, sein Alles sei! —</p> + +<p>Fort, rief Julia in trostloser Herzensangst, — Sie töten mich Prinz!</p> + +<p>Nimmermehr, schrie der Prinz, indem er in Liebeswut Julia's Hände an die +Lippen drückte, der Moment ist da, der Leben über mich bringt oder Tod! +— Julia! Kind des Himmels! Kannst Du mich, kannst Du den verwerfen, +dessen ganzes Sein, dessen Seligkeit Du bist? — Nein Du liebst mich +Julia, ich weiß es, o sprich es aus, daß Du mich liebst, und alle Himmel +überschwenglichen Entzückens sind mir geöffnet.</p> + +<p>Damit umschlang der Prinz die vor Entsetzen und Angst halb ohnmächtige +Julia und drückte sie heftig an seine Brust.</p> + +<p>Weh mir — erbarmt sich niemand meiner, rief sie mit halberstickter +Stimme.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_277">277</a>Da erhellte Fackelglanz die Fenster und mehrere Stimmen ließen sich vor +der Türe hören. Julia fühlte einen glühenden Kuß auf den Lippen brennen +und schnell war der Prinz entflohen.</p> + +<p>Also — ganz außer sich, stürzte, wie gesagt Julia der eintretenden +Mutter entgegen und mit Entsetzen vernahm diese, was sich begeben. Sie +begann damit die arme Julia zu trösten, wie sie nur vermochte, ihr zu +versichern, daß sie den Prinzen zu seiner Scham aus dem Versteck, in dem +er sich befinden müsse, hervorziehen werde.</p> + +<p>O tue das nicht Mutter, sprach Julia, ich muß vergehen, wenn der Fürst, +wenn Hedwiga erfährt — Sie fiel schluchzend an der Mutter Brust ihr +Antlitz verbergend.</p> + +<p>Du hast recht, mein liebes gutes Kind, erwiderte die Rätin, niemand darf +zur Zeit wissen, ahnen, daß der Prinz sich hier befindet, daß er Dir +nachstellt, Du liebe fromme Julia! — Die im Komplott sind müssen +schweigen. Denn daß es deren gibt, die im Bunde sind mit dem Prinzen, +hat nicht den mindesten Zweifel, da er sonst ebensowenig unbemerkt hier +in Sieghartshof sich hätte aufhalten, als in unsre Wohnung schleichen +können. — Unbegreiflich ist es mir, wie es den Prinzen möglich wurde +aus dem Hause zu entfliehen, ohne mir und Friedrich, der mir +vorleuchtete, zu begegnen? Den alten Georg fanden wir im tiefen +unnatürlichen Schlaf, aber wo ist Nanny? Weh mir, lispelte Julia, weh +mir, daß sie krank war und ich sie fortschicken mußte.</p> + +<p>Vielleicht kann ich ihr Arzt sein, sprach die Benzon, und stieß rasch +die Türe des Nebenzimmers auf. Da stand die kranke Nanny völlig +angekleidet; sie hatte gelauscht und sank nun vor Schreck und Furcht +nieder der Benzon zu Füßen.</p> + +<p>Wenige Fragen der Benzon reichten hin, um zu erfahren, daß der Prinz +durch den alten für so treu gehaltenen Kastellan —</p> + +<p><em class="gesperrt">(M. f. f.)</em> — mußt ich erfahren! — Muzius mein treuer Freund, mein +herziger Bruder war an den Folgen der bösen Verwundung am Hinterbeine +Todes verblichen. — Die Trauerpost traf mich sehr hart, nun erst fühlte +ich, was mir Muzius gewesen! — In künftiger Nacht sollte, wie mir Puff +sagte, in dem Keller desselben Hauses, wo der Meister wohnte und wo man +die Leiche hingeschafft, die Totenfeier gehalten werden. Ich versprach, +mich nicht allein zu gehöriger Zeit einzufinden, sondern auch für Speise +und Trank zu sorgen, damit nach alter edler Sitte auch das Trauermahl +gehalten werden könne. Ich besorgte dies auch wirklich, indem ich den +Tag über nach und nach <a class="pagenum" name="page_278">278</a>meinen reichlichen Vorrat an Fischen, +Hühnerknochen und Gemüse hinabtrug. — Für Leser die alles gern auf das +genaueste erklärt haben und daher auch wohl wissen möchten, wie ich es +angefangen, das Getränk hinabzutransportieren bemerke ich, daß ohne +weiteres Mühen mir eine freundliche Hausmagd dazu verhalf. Die Hausmagd, +welche ich gar oft im Keller zu treffen und auch wohl in der Küche zu +besuchen pflegte, schien meinem Geschlecht und insonderheit mir ganz +vorzüglich gewogen, so daß wir uns nie sahen, ohne auf anmutige Weise +miteinander zu spielen. Sie reichte mir manchen Bissen, der eigentlich +schlechter war als wie ich ihn von meinem Meister empfing, den ich aber +doch verzehrte und dabei tat, als wenn er mir ganz vorzüglich schmeckte, +aus purer Galanterie. So was rührt wohl das Herz einer Hausmagd und sie +tat worauf es eigentlich abgesehen war. Ich sprang ihr nämlich auf den +Schoß und sie kratzte mir so lieblich Kopf und Ohren, daß ich ganz Wonne +und Seligkeit war und an die Hand mich gar sehr gewöhnte, die: Wochtags +ihren Besen führt, und Sonntags dann am besten karessiert! — An diese +freundliche Person wandte ich mich nun in dem Augenblick, als sie aus +dem Keller, in dem ich mich gerade befand, einen großen Topf voll süßer +Milch herauftragen wollte und äußerte auf ihr verständliche Weise, den +lebhaften Wunsch, die Milch für mich zu behalten. „Närrischer Murr,“ +sprach das Mädchen, die ebensogut wie alle übrigen Leute im Hause, ja +wie die ganze Nachbarschaft meinen Namen wußte, du willst gewiß die +Milch nicht für dich allein, du willst gewiß traktieren! Nun, behalt nur +die Milch, kleiner Graukittel, ich muß oben schon für andere sorgen! +Damit setzte sie den Topf mit Milch auf den Boden nieder, streichelte +mir, der ich in den zierlichsten Purzelbäumen meine Freude und meinen +Dank zu erkennen gab, noch was weniges den Rücken und stieg dann die +Kellertreppe hinauf. — Merke dir o Katerjüngling hiebei, daß die +Bekanntschaft, ja ein gewisses sentimentell gemütliches Verhältnis mit +einer freundlichen Köchin für junge Leute unseres Standes und +Geschlechts ebenso angenehm ist als ersprießlich.</p> + +<p>Um die Mitternachtsstunde begab ich mich hinab in den Keller. +Trauriger, herzzerreißender Anblick! Da lag in der Mitte auf einem +Katafalk, der freilich dem einfachen Sinn, den der Verstorbene stets in +sich trug, gemäß nur in einem Bündel Stroh bestand, die Leiche des +teuern geliebten Freundes! — Alle Kater waren schon versammelt, wir +drückten uns, keines Wortes mächtig, die Pfoten, setzten uns, heiße +Tränen in den Augen, in einen Kreis rings um den Katafalk <a class="pagenum" name="page_279">279</a>umher und +stimmten einen Klagegesang an, dessen die Brust durchschneidende Töne +furchtbar in den Kellergewölben widerhallten. Es war der trostloseste, +entsetzlichste Jammer, der jemals gehört worden, kein menschliches Organ +vermag ihn herauszubringen.</p> + +<p>Nachdem der Gesang geendet, trat ein sehr hübscher, anständig in Weiß +und Schwarz gekleideter Jüngling aus dem Kreise, stellte sich an das +Kopfende der Leiche und hielt nachfolgende Standrede, welche er mir, +unerachtet er sie aus dem Stegreif gesprochen, schriftlich mitteilte.</p> + +<p class="center"> +<em class="gesperrt">Trauerrede</em><br /> +am Grabe des zu früh verblichenen Katers<br /> +<em class="gesperrt">Muzius,</em><br /> +<small>der Phil. und Gesch. Befliss.</small><br /> +gehalten von seinem treuen Freunde und Bruder,<br /> +dem Kater <em class="gesperrt">Hinzmann,</em><br /> +<small>der Poes. und Bereds. Befliss.</small><br /> +Teure in Betrübnis versammelte Brüder!<br /> +Wackre hochherzige Bursche! +</p> + +<p>Was ist der Kater! — ein gebrechliches, vergängliches Ding wie alles, +was geboren auf Erden! — Ist es wahr, was die berühmtesten Ärzte und +Physiologen behaupten, daß der Tod, dem alle Kreatur unterworfen, +hauptsächlich in dem gänzlichen Aufhören alles Atmens bestehe, o so ist +unser biederer Freund, unser wackerer Bruder, dieser treue, tapfere +Genosse in Freud und Leid, o so ist unser edler Muzius gewiß tot! — Seht +da liegt der Edle auf dem kalten Stroh und hat alle viere von sich +gestreckt! — Nicht der leiseste Atemzug stiehlt sich durch die auf ewig +geschlossenen Lippen! Eingefallen sind die Augen, die sonst bald sanftes +Liebesfeuer, bald vernichtenden Zorn strahlten in grüngleißendem Gold! +Totenblässe überzieht das Antlitz, schlaff hängen die Ohren, hängt der +Schweif herab! — O Bruder Muzius, wo sind nun deine lustigen Sprünge, +wo ist deine Heiterkeit, deine gute Laune, dein klares fröhliches: Miau! +das alle Herzen erfreute, dein Mut, deine Standhaftigkeit, deine +Klugheit, dein Witz? — Alles, alles hat dir der bittre Tod geraubt und +du weißt vielleicht nun nicht einmal genau, ob du gelebt hast? — Und +doch warst du die Gesundheit, die Kraft selbst, gerüstet gegen alles +körperliche Weh, als solltest du ewig leben! Kein Rädchen des Uhrwerks, +das dein Inneres trieb, war ja auch schadhaft, und der Todesengel hatte +sein Schwert nicht <a class="pagenum" name="page_280">280</a>über dein Haupt geschwungen, weil das Räderwerk +abgelaufen und nicht mehr wieder aufgezogen werden konnte. — Nein! ein +feindliches Prinzip griff gewaltsam hinein in den Organismus und +zerstörte frevelnd, was noch lange hätte bestehen können. — Ja! — Noch +oft hätten diese Augen freundlich gestrahlt, noch oft wären lustige +Einfälle, fröhliche Lieder diesen Lippen, dieser erstarrten Brust +entströmt, noch oft hätte dieser Schweif, frohen Mutes innere Kraft +verkündend, sich in Wellenlinien geringelt, noch oft hätten diese Pfoten +Stärke und Gewandtheit bewiesen in den mächtigsten gewagtesten Sprüngen +— und nun. — — O kann es die Natur zulassen, daß das, was sie auf +lange Dauer mühsam konstruiert hat, vor der Zeit zerstört werde, oder +gibt es wirklich einen finstern Geist, Zufall genannt, der in +despotischer frevelnder Willkür hineingreifen darf in die Schwingungen, +die alles Sein dem ewigen Naturprinzip gemäß zu bedingen scheinen? — O +du Toter, könntest du das hier der betrübten, jedoch lebendigen +Versammlung sagen! — Doch werte Anwesende, wackre Brüder, laßt uns +solchen tiefsinnigen Betrachtungen nicht nachhängen, sondern uns ganz +der Klage um den viel zu früh verlornen Freund Muzius zuwenden. — Es +ist gebräuchlich, daß der Trauerredner den Anwesenden die ganze +vollständige Biographie mit lobpreisenden Zusätzen und Anmerkungen +vorträgt, und dieser Gebrauch ist sehr gut, da durch einen solchen +Vortrag auch in dem betrübtesten Zuhörer der Ekel der Langeweile erregt +werden muß, dieser Ekel aber nach der Erfahrung und dem Ausspruch +bewährter Psychologen am besten jede Betrübnis zerstört, weshalb denn +auf jene Weise der Trauerredner beide Pflichten, die, dem Verewigten die +gehörige Ehre zu erweisen und die, die Hinterlassenen zu trösten, auf +einmal erfüllt. Man hat Beispiele, und die sind natürlich, daß der +Gebeugteste nach solcher Rede ganz vergnügt und munter von hinnen +gegangen ist; über der Freude erlöst zu sein von der Qual des Vortrags, +verschmerzte er den Verlust des Hingeschiedenen. — Teure, versammelte +Brüder! wie gern folgte auch ich dem löblichen bewährten Gebrauch, wie +gern trüge ich euch die ganze ausführliche Biographie des erblaßten +Freundes und Bruders vor und setzte euch um aus betrübten Katern in +vergnügte, aber es geht nicht, es geht wahrhaftig nicht. — Seht das +ein, teure, geliebte Brüder, wenn ich euch sage, daß ich von dem +eigentlichen Leben des Verblichenen, was Geburt, Erziehung, weiteres +Fortkommen betrifft, beinahe gar nichts weiß, daß ich daher euch lauter +Fabeln auftischen müßte, wozu der Ort hier bei der Leiche des <a class="pagenum" name="page_281">281</a>Erblaßten +viel zu ernst und unsere Stimmung viel zu feierlich ist. — Nichts für +ungut, Bursche, aber ich will statt alles weitern langweiligen Sermons +nur mit wenigen schlichten Worten sagen, was für ein schmähliches Ende +der arme Teufel, der hier starr und tot vor uns liegt, nehmen mußte und +was es für ein wackrer, tüchtiger Kerl im Leben war! — Doch o Himmel! +ich falle aus dem Ton der Beredsamkeit, unerachtet ich derselben +beflissen und, will es das Schicksal, <span class="antiqua">Professor poeseos et eloquentiae</span> +zu werden hoffe! —</p> + +<blockquote><p>(Hinzmann schwieg, putzte sich mit der rechten Pfote Ohren, Stirn, +Nase und Bart, betrachtete lange unverwandten Blicks die Leiche, +räusperte sich aus, fuhr nochmals mit der Pfote übers Gesicht und +sprach dann mit erhöhtem Tone weiter.)</p></blockquote> + +<p>O bittres Verhängnis! — o grauser Tod! mußtest du auf solch' grausame +Weise den verewigten Jüngling hinraffen in der Blüte seiner Jahre? +— Brüder! ein Redner darf dem Zuhörer nochmals sagen, was dieser schon +erfahren bis zum Überdruß, darum wiederhole ich, was ihr schon alle +wißt, daß nämlich der dahingeschiedene Bruder fiel, als ein Opfer des +wütenden Hasses der Spitzphilister. — Dorthin auf jenes Dach, wo sonst +wir uns ergötzten in Friede und Freude, wo fröhliche Lieder schallten, +wo Pfot in Pfot und Brust an Brust wir <em class="gesperrt">ein</em> Herz, <em class="gesperrt">eine</em> Seele waren, +wollte er hinaufschleichen, um in stiller Einsamkeit mit dem Senior Puff +das Andenken jener schönen Tage, wahrer Tage in Aranjuez, die nun +vorüber, zu feiern, da hatten die Spitzphilister, die auf jede Weise +jede Erneuerung unsers frohen Katerbundes hintertreiben wollten, in die +dunklen Winkel des Bodens Fuchseisen hingestellt; in eins derselben +geriet der unglückliche Muzius, zerquetschte sich das Hinterbein und +— mußte sterben! — Schmerzhaft und gefährlich sind die Wunden, die +Philister schlagen, denn sie bedienen sich jederzeit stumpfer, +schartiger Waffen, doch stark und kräftig von Natur hätte der +Dahingeschiedene der bedrohlichen Verletzung unerachtet wieder aufkommen +können, aber der Gram, der tiefe Gram sich von schnöden Spitzen +überwunden, in seiner schönen glanzvollen Laufbahn ganz zerstört zu +sehen, der stete Gedanke an die Schmach, die wir alle erlitten, das war +es, was an seinem Leben zehrte. — Er litt keinen gehörigen Verband, +nahm keine Arzenei — man sagt, er wollte sterben! —</p> + +<blockquote><p>(Ich, wir alle konnten uns bei diesen letzten Worten Hinzmanns +nicht lassen vor grimmem Schmerz, sondern brachen alle in solch ein +klägliches Geheul und Jammergeschrei aus, daß ein Felsen <a class="pagenum" name="page_282">282</a>hätte +erweicht werden können. Als wir uns nur einigermaßen beruhigt +hatten, so daß wir zu hören vermochten, sprach Hinzmann mit Pathos +weiter.)</p></blockquote> + +<p>O Muzius! o schau herab! schau die Tränen, die wir um dich vergießen, +höre die trostlose Klage, die wir um dich erheben verewigter Kater! +— Ja, schau auf uns herab oder hinauf, wie es du nun eben vermagst, sei +im Geiste unter uns, wenn du noch überhaupt eines Geistes mächtig und +derselbige, der dir innegewohnt, nicht schon anderweitig verbraucht +worden! — Brüder! — wie gesagt, ich halte das Maul über die Biographie +des Erblaßten, weil ich nichts davon weiß, aber desto lebhafter sind mir +die vortrefflichen Eigenschaften des Verewigten im Gedächtnis und die +will ich euch, meine teuersten, geliebtesten Freunde, vor die Nase +rücken, damit ihr den entsetzlichen Verlust, den ihr durch den Tod des +herrlichen Katers erlitten im ganzen Umfange fühlen möget! Vernehmt es, +o Jünglinge! die ihr geneigt seid nie abzuweichen von dem Pfade der +Tugend, vernehmt es! — Muzius war, was wenige im Leben sind, ein +würdiges Glied der Katzengesellschaft, ein guter treuer Gatte, ein +vortrefflicher liebender Vater, ein eifriger Verfechter der Wahrheit und +des Rechts, ein unermüdlicher Wohltäter, eine Stütze der Armen, ein +treuer Freund in der Not! — Ein würdiges Glied der Katzengesellschaft? +— Ja! denn immer äußerte er die besten Gesinnungen und war sogar zu +einiger Aufopferung bereit, wenn geschah was er wollte, feindete auch +nur ausschließlich diejenigen an, die ihm widersprachen und seinem +Willen sich nicht fügten. — Ein guter treuer Gatte? — Ja! — denn er +lief andern Kätzchen nur dann nach, wenn sie jünger und hübscher waren +als sein Gemahl und unwiderstehliche Lust ihn dazu trieb. Ein +vortrefflicher liebender Vater? Ja! denn niemals hat man vernommen, daß +er, wie es wohl von rohen lieblosen Vätern unsers Geschlechts zu +geschehen pflegt, im Anfall eines besonderen Appetits eines seiner +erzielten Kleinen verspeiset; es war ihm vielmehr ganz recht, wenn die +Mutter sie sämtlich forttrug und er von ihrem dermaligen Aufenthalt +weiter nichts erfuhr. Ein eifriger Verfechter der Wahrheit und des +Rechts? Ja! — denn sein Leben hätte er gelassen dafür, weshalb er, da +man nur einmal lebt, sich um beides nicht viel kümmerte, welches ihm +auch nicht zu verargen. Ein unermüdlicher Wohltäter, eine Stütze der +Armen? Ja! denn Jahr aus Jahr ein trug er am Neujahrstage ein kleines +Heringsschwänzlein oder ein paar subtile Knöchelchen hinab in den Hof, +für die armen <a class="pagenum" name="page_283">283</a>Brüder, die der Speisung bedurften und konnte wohl, da er +auf diese Weise seine Pflicht als würdiger Katzenfreund erfüllte, +diejenigen bedürftigen Kater mürrisch anknurren, die außerdem noch etwas +von ihm verlangten. Ein treuer Freund in der Not? Ja! denn geriet er in +Not, so ließ er nicht ab selbst von denjenigen Freunden, die er sonst +ganz vernachlässigt, ganz vergessen hatte. — Verewigter! was soll ich +noch sagen von deinem Heldenmut, von deinem hohen geläuterten Sinn für +alles Schöne und Edle, von deiner Gelehrsamkeit, von deiner +Kunst-Kultur, von all' den tausend Tugenden, die sich in dir vereinten! +Was, sag' ich, soll ich sagen davon, ohne unsern gerechten Schmerz über +dein klägliches Hinscheiden nicht noch um vieles zu vermehren! +— Freunde, gerührte Brüder! — denn in der Tat an einigen unzweideutigen +Bewegungen bemerke ich zu meiner nicht geringen Befriedigung, daß es mir +gelang euch zu rühren. — Also! gerührte Brüder! — laßt uns ein +Beispiel nehmen an diesem Verstorbenen, laßt uns alle Mühe anwenden, +ganz in seine würdige Fußtapfen zu treten, laßt uns ganz das sein, was +der Vollendete war, und auch wir werden im Tode die Ruhe des wahrhaft +weisen, des durch Tugenden jeder Art und Gattung geläuterten Katers +genießen, wie dieser Vollendete! —</p> + +<p>Seht nur selbst wie er so still daliegt, wie er keine Pfote rührt, wie +ihm all' mein Lob seiner Vortrefflichkeit auch nicht ein leises Lächeln +des Wohlgefallens abgewonnen! — Glaubt ihr wohl, Traurige! daß der +bitterste Tadel, die gröbsten beleidigendsten Schmähungen ebenso jeden +Eindruck auf den Verewigten verfehlt haben würden? Glaubt ihr wohl, daß +selbst der dämonische Spitzphilister, träte er hinein in diesen Kreis, +dem er sonst unmaßgeblich beide Augen ausgekratzt haben würde, jetzt ihn +nur im mindesten in Harnisch bringen, seine sanfte süße Ruhe verstören +dürfte?</p> + +<p>Über Lob und Tadel, über alle Anfeindungen, alle Foppereien, allen +neckhaften Spott und Hohn, über allen wirrigen Spuk des Lebens ist unser +herrlicher Muzius erhaben, er hat kein anmutiges Lächeln, keine feurige +Umarmung, keinen biedern Pfotendruck mehr für den Freund, aber auch +keine Krallen, keine Zähne mehr für den Feind! — Er ist vermöge seiner +Tugenden zu der Ruhe gelangt, der er im Leben vergebens nachgestrebt! +— Zwar will es mich beinahe bedünken, daß wir alle, so wie wir hier +zusammen sitzen und heulen um den Freund, zu der Ruhe kommen würden, +ohne gerade so ein Ausbund von aller Tugend zu sein als er, und daß es +wohl noch ein <a class="pagenum" name="page_284">284</a>anderes Motiv geben müsse tugendhaft zu sein, als gerade +die Sehnsucht nach dieser Ruhe, indessen ist das nur solch ein Gedanke, +den ich euch zu fernerer Bearbeitung überlasse. — Soeben wollte ich +euch an's Herz legen, euer ganzes Leben vorzüglich dazu anzuwenden um so +schön sterben zu lernen als Freund Muzius, indessen will ich es lieber +nicht tun, da ihr mir so manches Bedenkliche entgegensetzen könntet. Ich +meine nämlich, daß ihr mir einwenden dürftet, der Verewigte hätte auch +lernen sollen, behutsam zu sein und Fuchseisen zu vermeiden, um nicht zu +sterben vor der Zeit. Dann gedenke ich aber auch, wie ein sehr junger +Katerknabe auf gleiche Ermahnung des Lehrers, daß der Kater sein ganzes +Leben darauf verwenden müsse, um sterben zu lernen, schnippisch genug +erwiderte: es könne doch so gar schwer nicht sein, da es jedem gelinge +aufs erste Mal! — Laßt uns jetzt, hochbetrübte Jünglinge, einige +Augenblicke stiller Betrachtung widmen! —</p> + +<blockquote><p>(Hinzmann schwieg und fuhr sich wiederum mit der rechten Pfote über +Ohren und Gesicht, dann schien er in tiefes Nachdenken zu +versinken, indem er die Augen fest zudrückte. Endlich als es zu +lange währte, stieß ihn der Senior Puff an und sprach leise: +Hinzmann ich glaube gar, du bist eingeschlafen. Mache nur, daß du +fertig wirst mit deinem Sermon, denn wir verspüren alle einen +desperaten Hunger. Hinzmann fuhr in die Höhe, setzte sich wieder in +die zierliche Rednerstellung und sprach weiter.)</p></blockquote> + +<p>Teuerste Brüder! — ich hoffte noch zu einigen erhabenen Gedanken zu +gelangen und gegenwärtige Standrede glänzend zu schließen, es ist mir +aber gar nichts eingefallen, ich glaube der große Schmerz, den ich zu +empfinden mich bemüht, hat mich ein wenig stupid gemacht. Laßt uns daher +meine Rede, der ihr den vollkommensten Beifall nicht versagen könnet, +für geschlossen annehmen und jetzt das gewöhnliche <span class="antiqua">De</span> oder <span class="antiqua">Ex profundis</span> +anstimmen! —</p> + +<p>So endete der artige Katerjüngling seinen Trauersermon, der mir zwar in +rhetorischer Hinsicht wohlgeordnet und von guter Wirkung zu sein schien, +an dem ich aber doch manches auszusetzen fand. Mir kam es nämlich vor, +daß Hinzmann gesprochen, mehr, um ein glänzendes Rednertalent zu zeigen, +als den armen Muzius noch zu ehren nach seinem betrübten Hinscheiden. +Alles was er gesagt, paßte gar nicht recht auf den Freund Muzius, der +ein einfacher, schlichter, gerader Kater und, ich hatte es ja wohl recht +erfahren, eine treue gutmütige Seele gewesen. Überdem war auch das Lob, +das Hinzmann gespendet, <a class="pagenum" name="page_285">285</a>von zweideutiger Art, so daß mir eigentlich die +Rede hinterher mißfiel, und ich während des Vortrags bloß durch die +Anmut des Redners, und durch seine in der Tat ausdrucksvolle Deklamation +bestochen worden. Auch der Senior Puff schien meiner Meinung zu sein; +wir wechselten Blicke, die Hinzmanns Rede betreffend, von unserm +Einverständnis zeugten.</p> + +<p>Dem Schluß der Rede gemäß, stimmten wir ein <span class="antiqua">De profundis</span> an, das +womöglich noch viel jämmerlicher, viel herzzerschneidender klang als das +entsetzliche Grabeslied vor der Rede. — Es ist bekannt, daß die Sänger +von unserm Geschlecht den Ausdruck des tiefsten Weh's, des trostlosesten +Jammers, mag nun die Klage wegen zu sehnsüchtiger oder verschmähter +Liebe oder um einen geliebten Verstorbenen ertönen, ganz vorzüglich in +der Gewalt haben, so daß selbst der kalte gefühllose Mensch von Gesängen +solcher Art tief durchdrungen wird und der gepreßten Brust nur Luft zu +machen vermag durch seltsames Fluchen. — Als das <span class="antiqua">De profundis</span> geendigt, +hoben wir die Leiche des verewigten Bruders auf und senkten sie in ein +tiefes in einer Ecke des Kellers befindliches Grab.</p> + +<p>In diesem Augenblick begab sich aber das Unerwartetste und zugleich +anmutig Rührendste der ganzen Totenfeier. Drei Katzenmädchen schön wie +der Tag, hüpften heran und streuten Kartoffel- und Petersilienkraut, das +sie im Keller gepflückt, in das offene Grab, während eine ältere ein +einfaches herziges Lied dazu sang. Die Melodie war mir bekannt, irre ich +nicht, so fängt der Originaltext des Liedes, dem die Stimme +untergeschoben, mit den Worten an: O Tannenbaum! o Tannenbaum u. s. w. +Es waren, wie mir der Senior Puff ins Ohr sagte, die Töchter des +verstorbenen Muzius, die auf diese Weise des Vaters Trauerfest mit +begingen.</p> + +<p>Nicht das Auge abwenden konnte ich von der Sängerin; sie war +allerliebst, der Ton ihrer süßen Stimme, selbst das Rührende tief +Empfundene in der Melodie des Trauerliedes riß mich hin, ganz und gar; +ich konnte mich der Tränen nicht enthalten. Doch der Schmerz, der mir +sie auspreßte, war von ganz besonderer seltsamer Art, da er mir das +süßeste Wohlbehagen erregte.</p> + +<p>Daß ich es nur geradezu heraussage! — Mein ganzes Herz neigte sich der +Sängerin hin, es war mir, als habe ich nie eine Katzjungfrau erblickt +von dieser Anmut, von diesem Adel in Haltung und Blick, kurz von dieser +siegenden Schönheit! —</p> + +<p>Das Grab wurde mit Mühe von vier rüstigen Katern, die so viel <a class="pagenum" name="page_286">286</a>Sand und +Erde herankratzten als nur möglich, gefüllt, die Beerdigung war vorbei +und wir gingen zu Tische. Muzius schöne liebliche Töchter wollten sich +entfernen, das litten wir jedoch nicht, sie mußten vielmehr teilnehmen +am Trauermahl und ich wußte es so geschickt anzufangen, daß ich die +Schönste zur Tafel führte und mich dicht neben ihr hinsetzte. Hatte mir +erst ihre Schönheit geglänzt, hatte mich ihre süße Stimme bezaubert, so +versetzte mich jetzt ihr heller klarer Verstand, die Innigkeit, die +Zartheit ihres Gefühls, das rein weibliche fromme Wesen, das aus ihrem +Innern hervorstrahlte, in den höchsten Himmel des Entzückens. Alles +erhielt in ihrem Munde, in ihren süßen Worten einen ganz eignen +Zauberreiz, ihr Gespräch war ganz liebliche zarte Idylle. — So sprach +sie z. B. mit Wärme von einem Milchbrei, den sie wenige Tage vor des +Vaters Tode nicht ohne Appetit genossen, und als ich sagte, daß bei +meinem Meister solch ein Brei ganz vorzüglich bereitet würde und zwar +mit einer guten Zutat von Butter, da blickte sie mich an mit ihren +frommen grünstrahlenden Taubenaugen und fragte mit einem Ton, der mein +ganzes Herz durchbebte: O gewiß — gewiß mein Herr! — Sie lieben auch +den Milchbrei? — Mit Butter! wiederholte sie dann, wie in +schwärmerische Träume versunken. — Wer weiß nicht, daß hübschen +blühenden Mädchen von sechs bis acht Monaten (so viele konnte die +Schönste zählen) nichts besser kleidet, als ein kleiner Anstrich von +Schwärmerei, ja daß sie dann oft ganz unwiderstehlich sind. So geschah +es, daß ich ganz in Liebe entflammt, die Pfote der Schönsten heftig +drückend laut rief: Eng'lisches Kind! frühstücke mit mir Milchbrei und +es gibt keine Seligkeit des Lebens, gegen die ich mein Glück austausche! +— Sie schien verlegen, sie schlug errötend die Augen nieder, doch ließ +sie ihre Pfote in der meinigen, welches die schönsten Hoffnungen in mir +erregte. Ich hatte nämlich einmal bei meinem Meister einen alten Herrn, +der, irre ich nicht, ein Advokat war, sagen gehört, es sei für ein +junges Mädchen sehr gefährlich, ihre Hand lange in der Hand eines Mannes +zu lassen, weil dieser es mit Recht für eine <span class="antiqua">traditio brevi manu</span> ihrer +ganzen Person ansehen und allerlei Ansprüche darauf begründen könne, die +dann nur mit Mühe zurückzuweisen. — Zu solchen Ansprüchen hatte ich nun +aber große Lust und wollte eben damit beginnen, als das Gespräch durch +eine Libation zu Ehren des Verstorbenen unterbrochen wurde. —</p> + +<p>Die drei jüngeren Töchter des hingeschiedenen Muzius hatten indessen +eine frohe Laune, eine schalkhafte Naivität entwickelt, über die <a class="pagenum" name="page_287">287</a>alle +Kater entzückt waren. Schon durch Speise und Trank merklich dem Gram und +Schmerz entnommen, wurde nun die Gesellschaft immer froher und +lebendiger. Man lachte, man scherzte und als die Tafel aufgehoben, war +es der ernste Senior Puff selbst, welcher vorschlug, ein Tänzchen zu +machen. Schnell war alles fortgeräumt; drei Kater stimmten ihre Kehlen +und bald sprangen und drehten sich Muzius aufgeweckte Töchter mit den +Jünglingen wacker herum.</p> + +<p>Nicht von der Seite wich ich der Schönsten, ich forderte sie auf zum +Tanz, sie gab mir die Pfote, wir flogen in die Reihen. — Ha! wie ihr +Atem an meiner Wange spielte! wie meine Brust an der ihrigen bebte! wie +ich ihren süßen Leib mit meinen Pfoten umschlungen hielt! — O des +seligen, himmlisch seligen Augenblicks!</p> + +<p>Als wir zwei, auch wohl drei Hopser getanzt, führte ich die Schönste in +eine Ecke des Kellers und bediente sie galanter Sitte gemäß mit einigen +Erfrischungen, wie sie sich eben vorfinden lassen wollten, da das Fest +eigentlich auf einen Ball nicht eingerichtet. Nun ließ ich meinem innern +Gefühl ganz freien Lauf. Einmal übers andere drückte ich ihre Pfote an +meine Lippen und versicherte ihr, daß ich der glücklichste Sterbliche +sein werde, wenn sie mich ein bißchen lieben wolle.</p> + +<p>Unglücklicher, sprach plötzlich eine Stimme dicht hinter mir, +Unglücklicher, was beginnst du! — es ist deine Tochter Mina!</p> + +<p>Ich erbebte, denn wohl erkannte ich die Stimme! — Es war Miesmies! +— Launisch spielte der Zufall mit mir, daß in dem Augenblick, als ich +Miesmies ganz vergessen zu haben geglaubt, ich erfahren, was ich nicht +ahnen können, ich in Liebe kommen mußte zu eignem Kinde! — Miesmies war +in tiefer Trauer, ich wußte selbst nicht, was ich davon denken sollte. +Miesmies, sprach ich sanft, was führt Sie hieher, warum in Trauer und +— o Gott! — jene Mädchen — Mina's Schwestern? — Ich erfuhr das +Seltsamste! — Mein gehässiger Nebenbuhler, der Schwarzgraugelbe, hatte +sich gleich nachher, als er in jenem mörderischen Zweikampf meiner +ritterlichen Tapferkeit erlegen, von Miesmies getrennt und war, als nur +seine Wunden geheilt, fortgegangen niemand wußte wohin. Da warb Muzius +um ihre Pfote, die sie ihm willig reichte, und es machte ihm Ehre und +bewies sein Zartgefühl, daß er mir dies Verhältnis gänzlich verschwieg. +So waren aber jene muntre naive Kätzchen nur meiner Mina +Stiefschwestern!</p> + +<p>O Murr, sprach Miesmies zärtlich, nachdem sie erzählt, wie sich das +alles ergeben, o Murr! ihr schöner Geist hat sich nur in dem <a class="pagenum" name="page_288">288</a>Gefühl +geirrt, das ihn überströmte. Es war die Liebe des zärtlichsten Vaters, +nicht des verlangenden Liebhabers, die in Ihrer Brust erwachte, als Sie +unsre Mina sahen. <em class="gesperrt">Unsere</em> Mina! o welch ein süßes Wort! — Murr! können +Sie dabei unempfindlich bleiben, sollte alle Liebe erloschen sein in +Ihrem Innern gegen die, die Sie so innig liebte — o Himmel noch so +innig liebt, die Ihnen treu geblieben, bis in den Tod, wäre nicht ein +anderer dazwischen gekommen, und hätte Sie verlockt durch schnöde +Verführungskünste? — O Schwachheit, dein Name ist Katz! Das denken Sie, +ich weiß es, aber ist es nicht Katertugend, der schwachen Katze zu +verzeihen? — Murr! Sie sehen mich gebeugt! trostlos über den Verlust +des dritten zärtlichen Gatten, aber in dieser Trostlosigkeit flammt aufs +neue die Liebe auf, die sonst mein Glück, mein Stolz, mein Leben war! +— Murr! hören Sie mein Geständnis! — ich liebe Sie noch und ich dächte +wir verhei — Tränen erstickten ihre Stimme!</p> + +<p>Mir war bei dem ganzen Auftritt sehr peinlich zu Mute. Mina saß da, +bleich und schön, wie der erste Schnee, der manchmal im Herbste die +letzten Blumen küßt und gleich in bitteres Wasser zerfließen wird.</p> + +<blockquote><p>(<em class="gesperrt">Anmerkung des Herausgebers.</em> Murr! — Murr! schon wieder ein +Plagiat! — In Peter Schlemihls wundersamer Geschichte beschreibt +der Held des Buches seine Geliebte, auch Mina geheißen, mit +denselben Worten.)</p></blockquote> + +<p>Schweigend betrachtete ich beide, Mutter und Tochter, die letzte gefiel +mir doch unendlich viel besser, und da bei unserm Geschlecht die +nächsten verwandtschaftlichen Verhältnisse kein kanonisches Ehehindernis +— Vielleicht verriet mich mein Blick, denn Miesmies schien meine +innersten Gedanken zu durchschauen. Barbar! was willst du beginnen? +— rief sie, indem sie schnell auf Mina lossprang und sie heftig +umpfotend, an ihre Brust riß. Wie? du kannst dies dich liebende Herz +verschmähen und Verbrechen häufen auf Verbrechen! Unerachtet ich nun gar +nicht begriff, was für Ansprüche Miesmies geltend machen und welche +Verbrechen sie mir vorwerfen konnte, so fand ich es, um den Jubel, in +den sich das Trauerfest aufgelöst, nicht zu verstören doch geratener, +gute Miene zu machen zu bösem Spiel. Ich versicherte daher der ganz aus +sich selbst gekommenen Miesmies, daß bloß die unaussprechliche +Ähnlichkeit Mina's mit ihr mich irre geführt und ich geglaubt habe, +dasselbe Gefühl entflamme mein Inneres, das ich für sie, die noch immer +schöne Miesmies, in mir trage. Miesmies trocknete <a class="pagenum" name="page_289">289</a>alsbald ihre Tränen, +setzte sich dicht zu mir und fing ein so vertrauliches Gespräch mit mir +an, als sei nie etwas Böses unter uns vorgefallen. Hatte nun noch der +junge Hinzmann die schöne Mina zum Tanz aufgefordert, so kann man +denken, in welcher unangenehmen peinlichen Lage ich mich befand.</p> + +<p>Ein Glück für mich war es, daß der Senior Puff endlich Miesmies aufzog +zum Kehraus, da sie mir sonst noch allerlei seltsame Propositionen hätte +machen können. Ich schlich leise leise aus dem Keller herauf und dachte: +Kommt Zeit, kommt Rat!</p> + +<p>Ich sehe dieses Trauerfest für den Wendepunkt an, in dem sich meine +Lehrmonate schlossen und ich eintrat in einen anderen Kreis des Lebens.</p> + +<p><em class="gesperrt">(Mak. Bl.)</em> — Kreisler veranlaßt, sich in aller Frühe in die Gemächer +des Abts zu begeben. Er fand den hochehrwürdigen Herrn, wie er eben mit +Beil und Meißel in der Hand, beschäftigt war, eine große Kiste +aufzuschlagen, in welcher der Form nach, ein Gemälde eingepackt sein +mußte. Ha! rief der Abt dem eintretenden Kreisler entgegen, gut, daß Ihr +kommt, Kapellmeister! Ihr könnt mir beistehen in einer schweren, +mühseligen Arbeit. Die Kiste ist mit tausend Nägeln zugehämmert, als +solle sie verschlossen bleiben in Ewigkeit. Sie kommt gerades Weges aus +Neapel und es ist ein Gemälde darin, das ich vorderhand in meinem +Kabinett aufhängen und den Brüdern nicht zeigen will. Darum rief ich mir +keinen zur Hülfe; aber nun sollt Ihr mir helfen Kapellmeister. Kreisler +legte Hand an, und nicht lange dauerte es, so war das große Gemälde, das +in einen prächtigen vergoldeten Rahmen gefaßt, aus der Kiste zu Tage +gefördert. Nicht wenig verwunderte sich Kreisler, als er in dem Kabinett +des Abts die Stelle über dem kleinen Altar, wo sonst ein sehr anmutiges +Bild von Leonardo da Vinci, die heilige Familie darstellend, aufgehängt +war, leer fand. Der Abt hatte dies Gemälde für eins der besten geachtet, +was die an alten Originalen reiche Sammlung besaß, und doch sollte +dieses Meisterstück Platz machen einem Gemälde, dessen große Schönheit, +aber auch entschiedene Neuheit Kreisler auf den ersten Blick erkannte. — +</p> + +<p>Mit großer Mühe hatten beide, der Abt und Kreisler, das Gemälde an der +Wand mit Mauerschrauben befestigt, und nun stellte sich der Abt in das +rechte Licht und schaute das Bild mit einem solch innigem Wohlbehagen, +mit solch sichtlicher Freude an, daß es schien, als sei außer der in der +Tat bewundrungswürdigen Malerei, noch ein <a class="pagenum" name="page_290">290</a>besonderes Interesse hier im +Spiele. — Der Gegenstand des Gemäldes war ein Mirakel. Von der +strahlenden Glorie des Himmels umflossen, erschien die heilige Jungfrau; +in der linken Hand trug sie einen Lilienzweig, mit den beiden +Mittelfingern der rechten Hand berührte sie aber die nackte Brust eines +Jünglings, und man sah, wie unter den Fingern dickes Blut aus einer +offnen Wunde hervortropfte. Der Jüngling erhob sich halb von dem Lager, +auf das er ausgestreckt, er schien aus dem Todesschlafe zu erwachen, +noch hatte er nicht die Augen geöffnet, aber das verklärte Lächeln, das +auf seinem schönen Antlitz ausgebreitet, zeigte, daß er die Mutter +Gottes schaute im seligen Traum, daß ihm der Schmerz der Wunde +entnommen, daß der Tod keine Macht mehr hatte über ihn. — Jeder Kenner +mußte die korrekte Zeichnung, die geschickte Anordnung der Gruppe, die +richtige Verteilung des Lichts und Schattens, den grandiosen Wurf der +Gewänder, die hohe Anmut der Gestalt Maria's, vorzüglich auch die +lebensvolle Farbe, die den modernen Künstlern meistens nicht zu Gebote +steht, höchlich bewundern. Worin sich aber am meisten, und wie es in der +Natur der Sache liegt auch am entschiedensten, der wahre Genius des +Künstlers offenbarte, war der unbeschreibliche Ausdruck der Gesichter. +Maria war das schönste anmutigste Weib, das man nur sehen konnte, und +doch lag auf dieser hohen Stirn des Himmels gebietende Majestät, +strahlte überirdische Seligkeit im milden Glanz aus diesen dunklen +Augen. Ebenso war die himmlische Verzückung des zum Leben erwachenden +Jünglings mit einer seltenen Kraft des schöpferischen Geistes vom +Künstler aufgefaßt und dargestellt. — Kreisler kannte in der Tat kein +einziges Gemälde der neuern Zeit, das er diesem herrlichen Bilde hätte +an die Seite stellen können; er äußerte dies dem Abt, indem er sich über +alle einzelnen Schönheiten des Werks weitläuftig ausließ und dann +hinzufügte, daß in der neuesten Zeit wohl kaum Gediegeneres +hervorgebracht worden.</p> + +<p>Das hat seinen guten Grund, wie Ihr, Kapellmeister! sogleich erfahren +sollt, sprach der Abt lächelnd. — Es ist ein eignes Ding mit unsern +jungen Künstlern, sie studieren und studieren, erfinden, zeichnen, +machen gewaltige Kartons und am Ende kommt Totes, Starres hervor, das +nicht eindringen kann ins Leben, weil es selbst nicht lebt. Statt des +alten großen Meisters, den sie sich zum Muster und Vorbild gewählt +haben, Werke sorgfältig zu kopieren und so einzudringen in seinen +eigentümlichsten Geist, wollen sie gleich die Meister selbst sein und +Similia malen, verfallen aber darüber in eine Nachahmerei der +<a class="pagenum" name="page_291">291</a>Nebendinge, die sie ebenso kindisch und lächerlich erscheinen läßt, als +jenen, der, um einem großen Mann gleich zu kommen, ebenso zu husten, zu +schnarren, etwas gebückt zu gehen sich mühte, wie dieser. — Es fehlt +unsern jungen Malern an der wahren Begeisterung, die das Bild in aller +Glorie des vollendetsten Lebens aus dem Innern hervorruft und Ihnen vor +Augen stellt. Man sieht, wie sich dieser, jener vergebens abquält um +endlich in jene erhöhte Stimmung des Gemüts zu geraten, ohne die kein +Werk der Kunst geschaffen wird. Was dann aber die Ärmsten für wahre +Begeisterung halten, wie sie den heitern, ruhigen Sinn der alten Maler +erhob, ist nur das seltsam gemischte Gefühl von hochmütiger Bewunderung +des selbst gefaßten Gedankens und von ängstlicher, quälender Sorge, nun +bei der Ausführung es dem alten Vorbilde auch in der kleinsten +Kleinigkeit nachzutun. — So wird denn oft die Gestalt, die selbst +lebendig, ins helle freundliche Leben treten sollte, zur widerlichen +Fratze. Unsere jungen Maler bringen es nicht zur deutlichen Anschauung +der im Innern aufgefaßten Gestalt, und mag es vielleicht nicht lediglich +daher kommen, daß sie, gerät ihnen auch sonst alles so ziemlich gut, +doch die Färbung verfehlen? — Mit einem Wort, sie können höchstens +zeichnen, aber durchaus nicht malen. Unwahr ist es nämlich, daß die +Kenntnis der Farben und ihrer Behandlung verloren gegangen sein, daß es +den jungen Malern an Fleiß fehlen sollte. Denn was das erste betrifft, +so ist es unmöglich, da die Malerkunst seit der christlichen Zeit, in +der sie sich erst als wahrhaftige Kunst gestaltete, nie geruht hat, +sondern Meister und Schüler eine ununterbrochene, fortlaufende Reihe +bilden, und der Wechsel der Dinge, der freilich nach und nach die +Abweichungen vom Wahrhaftigen herbeiführte, auf die Übertragung des +Mechanischen keinen Einfluß haben konnte. Anlangend aber den Fleiß der +Künstler, so möchte ihnen eher Übermaß als Mangel daran vorzuwerfen +sein. Ich kenne einen jungen Künstler, der ein Gemälde, läßt es sich +auch ziemlich gut an, so lange übermalt und übermalt, bis alles in einen +stumpfen bleiernen Ton hinschwindet und so vielleicht erst dem innern +Gedanken gleicht, dessen Gestalten nicht in das vollendete, lebendige +Leben treten konnten. — Seht da, Kapellmeister, ein Bild, aus dem +wahres, herrliches Leben haucht, und das darum, weil es die wahre fromme +Begeisterung schuf! — Das Mirakel ist Euch deutlich. Der Jüngling, der +sich dort vom Lager erhebt, wurde in gänzlicher Hilflosigkeit von +Mördern überfallen und zum Tode getroffen. Laut rief er, der sonst ein +gottloser Frevler gewesen, der die Gebote der Kirche <a class="pagenum" name="page_292">292</a>in höllischem Wahn +verachtet, die heilige Jungfrau um Hilfe an, und es gefiel der +himmlischen Mutter Gottes, ihn aus dem Tode zu erwecken, damit er noch +lebe, seine Irrtümer einsehe und sich in frommer Hingebung der Kirche +weihe und ihrem Dienst. — Dieser Jüngling, dem die Gottgesandte so viel +Gnade angedeihen ließ, ist zugleich der Maler des Bildes. —</p> + +<p>Kreisler bezeugte über das, was ihm der Abt sagte, seine nicht geringe +Verwunderung und schloß damit, daß auf diese Weise das Mirakel ja in der +neuesten Zeit sich zugetragen haben müsse?</p> + +<p>Auch Ihr, sprach der Abt mit sanftem mildem Ton, auch Ihr, mein lieber +Johannes, seid also der törichten Meinung, daß das Gnadentor des Himmels +jetzt verschlossen sei, so daß das Mitleiden, die Barmherzigkeit in der +Gestalt des Heiligen, den der bedrängte Mensch in der zermalmenden Angst +des Verderbens brünstig anflehte, nicht mehr hindurchwandeln, selbst dem +Bedürftigen erscheinen und ihm Frieden und Trost bringen könne? — Glaubt +mir Johannes, nie haben die Wunder aufgehört, aber des Menschen Auge ist +erblödet in sündigem Frevel, es kann den überirdischen Glanz des Himmels +nicht ertragen, und vermag daher nicht die Gnade der ewigen Macht zu +erkennen, wenn sie sich kundtut in sichtbarlicher Erscheinung. — Doch +mein lieber Johannes: die herrlichsten göttlichsten Wunder geschehen in +dem innersten Gemüt des Menschen selbst, und diese Wunder soll er laut +verkünden, wie er es nur vermag, in Wort, Ton oder Farbe. So hat jener +Mönch, der das Bild malte, das Wunder seiner Bekehrung herrlich +verkündet, und so — Johannes, ich muß von Euch reden, es strömt mir aus +dem Herzen — und so verkündet Ihr in mächtigen Tönen das herrliche +Wunder der Erkenntnis des ewigen, klarsten Lichts aus Eurem tiefsten +Innern heraus. Und daß Ihr das vermöget, ist das nicht auch ein +gnadenvolles Wunder, das die ewige Macht geschehen läßt zu Euerm Heil? — +</p> + +<p>Kreisler fühlte sich von des Abts Worten gar seltsam erregt; so wie es +selten geschehen, trat der volle Glauben an seine innere schöpferische +Kraft lebendig hervor und ihn durchbebte ein seliges Wohlbehagen.</p> + +<p>Nicht den Blick hatte Kreisler indessen abgewandt von dem wunderbaren +Gemälde, aber wie es wohl zu geschehen pflegt, daß wir auf Bildern, +vorzüglich wenn, wie es hier der Fall, starke Lichteffekte im Vor- oder +Mittelgrunde angebracht sind, die in den dunklen Hintergrund gestellten +Figuren erst später entdecken, so gewahrte <a class="pagenum" name="page_293">293</a>auch jetzt erst Kreisler die +Gestalt, die in einen weiten Mantel gehüllt, den Dolch, auf den nur ein +Strahl der Glorie der Himmelskönigin zu fallen schien, so daß er kaum +bemerkbar blinkte, in der Hand, durch die Türe entfloh. Es war offenbar +der Mörder; im Entfliehen blickte er rückwärts und sein Gesicht trug den +furchtbaren Ausdruck der Angst und des Entsetzens.</p> + +<p>Wie ein Blitz traf es den Kreisler, als er in dem Antlitz des Mörders +die Züge des Prinzen Hektor erkannte; nun war es ihm auch, als habe er +den zum Leben erwachenden Jüngling schon irgendwo, wiewohl nur sehr +flüchtig, gesehen. Eine ihm selbst unerklärliche Scheu hielt ihn zurück, +diese Bemerkungen dem Abte mitzuteilen, dagegen fragte er den Abt, ob er +es nicht für störend und anstößig halte, daß der Maler ganz im +Vorgrunde, wiewohl im Schlagschatten, Gegenstände des modernen Anzuges +angebracht, und wie er jetzt erst sehe auch den erwachenden Jüngling, +also sich selbst, modern gekleidet?</p> + +<p>In der Tat war auf dem Bilde, und zwar zur Seite des Vorgrundes, ein +kleiner Tisch und ein dicht daneben stehender Stuhl angebracht, auf +dessen Lehne ein türkischer Shawl hing, sowie auf dem Tisch ein +Offiziershut mit einem Federbusch und ein Säbel lagen. Der Jüngling trug +einen modernen Hemdkragen, eine Weste, die ganz aufgeknöpft, und einen +dunklen, ebenfalls ganz aufgeknöpften Überrock, dessen Schnitt aber +einen guten Faltenwurf zuließ. Die Himmelskönigin war gekleidet, wie man +sie auf den Bildern der besten alten Maler zu sehen gewohnt ist.</p> + +<p>Mir ist, erwiderte der Abt auf Kreislers Frage, mir ist die Staffage im +Vorgrunde sowie des Jünglings Überrock nicht allein keineswegs anstößig, +sondern ich meine auch, daß der Maler nicht von des Himmels Gnade, +sondern von weltlicher Torheit und Eitelkeit hätte durchdrungen sein +müssen, wenn er auch nur in dem geringfügigsten Nebenpunkte von der +Wahrheit abgewichen wäre. So wie es sich wirklich begab, getreu nach +Ort, Umgebung, Kleidung der Personen u. s. w. mußte er das Mirakel +darstellen, so sieht auch jeder auf den ersten Blick, daß sich das +Mirakel in unsern Tagen begab, und so wird das Gemälde des frommen +Mönchs zur schönen Trophäe der siegenden Kirche in diesen Zeiten des +Unglaubens und der Verderbtheit.</p> + +<p>Und doch, sprach Kreisler, und doch ist mir dieser Hut, dieser Säbel, +dieser Shawl, dieser Tisch, dieser Stuhl — ist mir das alles, <a class="pagenum" name="page_294">294</a>sage ich, +fatal, und ich wollte, der Maler hätte diese Staffage des Vorgrundes +weggelassen, und sich selbst ein Gewand umgeworfen, statt des Überrocks. +Sagt selbst, <ins title="hocherwürdiger">hochehrwürdiger</ins> Herr! könnt Ihr Euch eine heilige +Geschichte denken im modernen Kostüm, einen heiligen Joseph im +Flauschrock, einen Heiland im Frack, eine Jungfrau in einer Robe mit +umgeworfenen türkischen Shawl? Würde Euch das nicht als eine unwürdige +ja abscheuliche Profanation des Erhabensten erscheinen? Und doch +stellten die alten, vorzüglich die deutschen Maler alle biblischen und +heiligen Geschichten in dem Kostüm ihres Zeitalters dar, und ganz falsch +möchte die Behauptung sein, daß sich jene Trachten besser zur +malerischen Darstellung eigneten als die jetzigen; die freilich, bis auf +manche Kleidung der Weiber, albern und unmalerisch genug sind. Doch bis +ins Übertriebene, bis ins Ungeheuere, möcht ich sagen gingen ja manche +Moden der Vorzeit; man denke an jene Ellen hoch aufgekrümmte +Schnabelschuhe, an jene bauschichte Pluderhosen, an jene zerschnittene +Wämser und Ärmel u. s. w., vollends unausstehlich und Antlitz und Wuchs +entstellend waren aber manche Weibertrachten, wie man sie auf alten +Bildern findet, auf denen das junge blühende, bildschöne Mädchen bloß +der Tracht halber das Ansehen hat einer alten grämlichen Matrone. Und +doch sind gewiß jene Bilder niemanden anstößig gewesen.</p> + +<p>Nun kann ich Euch, mein lieber Johannes, erwiderte der Abt, mit wenigen +Worten recht den Unterschied der alten frommen und der jetzigen +verderbten Zeit vor Augen bringen. — Seht, damals waren die heiligen +Geschichten so in das Leben der Menschen eingedrungen, ja, ich möchte +sagen, so im Leben bedingt, daß jeder glaubte, vor seinen Augen habe +sich das Wundervolle begeben und jeden Tag könne die ewige Allmacht +Gleiches geschehen lassen. So ging dem frommen Maler die heilige +Geschichte, der er seinen Sinn zugewendet, in der Gegenwart auf; unter +den Menschen, wie sie ihn im Leben umgaben, sah er das Gnadenreiche +geschehen, und wie er es lebendig geschaut, brachte er es auf die Tafel. +Heutzutage sind jene Geschichten etwas ganz Entferntes, das als für sich +bestehend und in die Gegenwart nicht eintretend, nur in der Erinnerung +ein mattes Leben mühsam behauptet, und vergebens ringt der Künstler nach +lebendiger Anschauung, da, mag er es sich auch selbst nicht gestehen, +sein innerer Sinn durch das weltliche Forttreiben verflacht ist. +— Ebenso fade und lächerlich ist es aber hiernach, wenn man den alten +Malern Unkenntnis des Kostüms vorwirft und darin die Ursache findet, +warum <a class="pagenum" name="page_295">295</a>sie nur die Trachten ihrer Zeit in ihren Gemälden aufstellten, als +wenn unsere jungen Maler sich mühen die abenteuerlichsten +geschmackwidrigsten Trachten des Mittelalters in ihren Abbildungen +heiliger Geschichten anzubringen, dadurch aber zeigen, daß sie das, was +sie abzubilden unternommen, nicht unmittelbar im Leben anschauten, +sondern sich mit dem Reflex davon begnügten, wie er ihnen im Gemälde des +alten Meisters aufging. Eben daher, mein lieber Johannes, weil die +Gegenwart zu profan, um nicht mit jenen frommen Legenden im häßlichen +Widerspruch zu stehen, weil niemand im Stande ist, sich jene Wunder als +unter uns geschehen vorzustellen, eben daher würde allerdings die +Darstellung in unserem modernen Kostüm uns abgeschmackt, fratzenhaft, ja +frevelig bedünken. Ließe es aber die ewige Macht geschehen, daß vor +unser aller Augen nun wirklich ein Wunder geschehe, so würde es durchaus +unzulässig sein, das Kostüm der Zeit zu ändern, so wie die jungen Maler +nun freilich, wollen sie einen Stützpunkt finden, darauf bedacht sein +müssen, in alten Begebenheiten das Kostüm des jedesmaligen Zeitalters, +so wie es erforschlich, richtig zu beobachten. — Recht, wiederhole ich +noch einmal, recht hatte der Maler dieses Bildes, daß er die Gegenwart +andeutete, und eben jene Staffage, die Ihr, lieber Johannes, verwerflich +findet, erfüllt mich mit frommen heiligen Schauern, da ich selbst +einzutreten wähne in das enge Gemach des Hauses zu Neapel, wo sich erst +vor ein paar Jahren das Wunder der Erweckung jenes Jünglings begab. —</p> + +<p>Kreisler wurde durch die Worte des Abts zu Betrachtungen mancherlei Art +veranlaßt; er mußte ihm in vielem recht geben, nur meinte er doch, daß +was die höhere Frömmigkeit der alten Zeit und die Verderbtheit der +jetzigen betreffe, aus dem Abt gar zu sehr der Mönch spreche, der +Zeichen, Wunder, Verzückungen verlange und wirklich schaue, deren ein +frommer kindlicher Sinn, dem die krampfhafte Ekstase eines berauschenden +Kultus fremd bleibe, nicht bedürfe, um wahrhaft christliche Tugend zu +üben; und eben diese Tugend sei keineswegs von der Erde verschwunden, +und könne dies wirklich geschehen, so würde die ewige Macht, die uns +aufgegeben und dem finstern Dämon freie Willkür gegönnt, uns auch durch +kein Mirakel zurückbringen wollen auf den rechten Weg. —</p> + +<p>Alle diese Betrachtungen behielt indessen Kreisler für sich und +betrachtete schweigend noch immer das Bild. Aber immer mehr traten auch +bei näherem und näherem Anschauen die Züge des Mörders aus dem +Hintergrunde hervor, und Kreisler überzeugte sich, daß <a class="pagenum" name="page_296">296</a>das lebendige +Original der Gestalt niemand anders sein könne als Prinz Hektor.</p> + +<p>Mich dünkt, hochehrwürdiger Herr! begann Kreisler, ich erblicke dort im +Hintergrunde einen wackern Freischützen, der es abgesehen hat auf das +edelste Tier, nämlich auf den Menschen, den er pirscht auf mannigfache +Weise. Er hat diesmal, wie ich sehe, ein treffliches wohlgeschliffnes +Fangeisen zur Hand genommen und gut getroffen, mit dem Schießgewehr +hapert's aber merklich, da er vor nicht langer Zeit auf dem Anstand +einen muntern Hirsch garstig fehlte. — In der Tat, mich gelüstets gar +sehr nach dem <span class="antiqua">Curriculum vitae</span> dieses entschlossenen Weidmanns, sei es +auch nur ein epitomatischer Auszug aus demselben, der mir schon zeigen +könnte, wo ich eigentlich meine Stelle finde und ob es nicht geraten, +mich nur gleich an die heilige Jungfrau zu wenden, wegen eines mir +vielleicht nötigen Frei- und Schutzbriefes! —</p> + +<p>Laßt nur die Zeit hingehen, Kapellmeister! sprach der Abt, mich sollt' +es wundern, wenn Euch nicht in kurzem so manches klar würde, das jetzt +noch in trübem Dunkel liegt. — Es kann sich noch vieles Euern Wünschen, +die ich erst jetzt erkannt, gar freudig fügen. Seltsam — ja so viel +kann ich Euch wohl sagen — seltsam genug scheint es, daß man in +Sieghartshof über Euch im gröbsten Irrtum ist. Meister Abraham mag +vielleicht der einzige sein, der Euer Innres durchschaut.</p> + +<p>Meister Abraham, rief Kreisler, Ihr kennt den Alten, hochehrwürdiger +Herr?</p> + +<p>Ihr vergeßt, erwiderte der Abt lächelnd, daß unsere schöne Orgel ihre +neue wirkungsvolle Struktur der Geschicklichkeit Meister Abrahams zu +verdanken hat! — Doch künftig mehr! — Wartet nur in Geduld der Dinge, +die da kommen werden.</p> + +<p>Kreisler beurlaubte sich beim Abt; er wollte hinab in den Park, um so +manchen Gedanken nachzuhängen, die ihn durchkreuzten; doch als er schon +die Treppe hinabgestiegen war, hörte er hinter sich herrufen: <span class="antiqua">Domine, +domine Capellmeistere! — paucis te volo!</span> — Es war der Pater Hilarius, +welcher versicherte, daß er mit höchster Ungeduld auf das Ende der +langen Konferenz mit dem Abt gewartet. Soeben habe er sein +Kellermeisteramt verrichtet und den herrlichsten Leistenwein abgezogen, +der seit Jahren im Keller gewesen. Ganz unumgänglich nötig sei es, daß +Kreisler sogleich einen Pokal davon leere zum Frühstück, um die Güte des +edlen Gewächses zu erkennen und sich zu überzeugen, daß es ein Wein sei, +der feurig, geist- und <a class="pagenum" name="page_297">297</a>herzstärkend, für einen tüchtigen Kompositor und +echten Musikanten geboren.</p> + +<p>Kreisler wußte wohl, daß es vergeblich sein würde, dem begeisterten +Pater Hilarius entgehen zu wollen und es war ihm selbst recht bei der +Stimmung, in die er sich versetzt fühlte, ein Glas guten Wein zu +genießen, er folgte daher dem fröhlichen Kellermeister, der ihn in seine +Zelle führte, wo er auf einem kleinen, mit einer saubern Serviette +bedeckten Tischchen schon eine Flasche des edlen Getränks sowie +frischgebacknes Weißbrot und Kümmel vorfand. — <span class="antiqua">Ergo bibamus!</span> rief Pater +Hilar, schenkte die zierlichen grünen Römer voll und stieß mit Kreislern +fröhlich an. Nicht wahr, begann er, nachdem die Pokale geleert, nicht +wahr, Kapellmeister, unser hochwürdiger Herr will Euch gern in den +langen Rock hineinvexieren? — <ins title="Tuts">Tut's</ins> nicht, Kreisler! — Mir ist wohl in +der Kutte, ich möchte sie um keinen Preis wieder ablegen; aber +<span class="antiqua">distinguendum est inter et inter.</span> — Für mich ist ein gut Glas Wein und +ein tüchtiger Kirchengesang die ganze Welt, aber Ihr — Ihr! Nun Ihr +seid noch zu ganz andern Dingen aufgehoben, Euch lacht noch das Leben +auf ganz andre Weise, Euch leuchten noch ganz andre Lichter, als die +Altarkerzen! — Nun Kreisler! kurz von der Sache zu reden — stoßt an! +<span class="antiqua">Vivat</span> Euer Mädel, und wenn Ihr Hochzeit macht, so soll Euch der Herr Abt +alles Verdrusses unerachtet durch mich von dem besten Wein senden, der +nur in unserm reichen Keller befindlich!</p> + +<p>Kreisler fühlte sich durch Hilarius Worte berührt auf unangenehme Weise, +so wie es uns schmerzt, wenn wir etwas Zartes, Schneereines erfaßt sehn +von plumpen ungeschickten Händen. Was Ihr nicht alles wißt, sprach +Kreisler, indem er sein Glas zurückzog, was Ihr nicht alles erfahrt in +Euern vier Mauern.</p> + +<p><span class="antiqua">Domine Kreislere,</span> rief Pater Hilarius, nichts für ungut, <span class="antiqua">video mysterium</span> +aber ich will das Maul halten! Wollt Ihr nicht auf Euer — Nun! laßt uns +frühstücken in <span class="antiqua">Camera et faciemus bonum cherubim</span> — und <span class="antiqua">bibamus,</span> daß der +Herr uns hier in der Abtei die Ruhe und Gemütlichkeit erhalten möge, die +bisher geherrscht.</p> + +<p>Ist denn die jetzt in Gefahr gekommen! — fragte Kreisler gespannt.</p> + +<p><span class="antiqua">Domine,</span> sprach Pater Hilarius leise, indem er Kreislern vertraulich +näher rückte. <span class="antiqua">Domine dilectissime!</span> Ihr seid lange genug bei uns um zu +wissen, in welcher Eintracht wir leben, wie sich die verschiedensten +Neigungen der Brüder in einer gewissen Heiterkeit einigen, die von +allem, von unserer Umgebung, von der Milde der <a class="pagenum" name="page_298">298</a>Klosterzucht, von der +ganzen Lebensweise begünstigt wird. — Vielleicht hat das am längsten +gedauert. Erfahrt es Kreisler! eben ist Pater Cyprianus angekommen, der +längst erwartete, der von Rom aus dem Abt auf das dringendste empfohlen +wurde. Es ist noch ein junger Mann, aber auf diesem ausgedörrten starren +Antlitz ist auch nicht eine Spur eines heitern Gemüts zu finden, +vielmehr liegt in den finstern abgestorbenen Zügen eine unerbittliche +Strenge, die den bis zur höchsten Selbstqual gesteigerten Aszetiker +verkündet. Dabei zeugt sein ganzes Wesen von einer gewissen feindseligen +Verachtung alles dessen, was ihn umgibt, die vielleicht wirklich dem +Gefühl einer geistlichen Übermacht über uns alle ihren Ursprung +verdanken mag. Schon erkundigte er sich in abgebrochenen Worten nach der +Klosterzucht und schien großes Ärgernis an unserer Lebensweise zu +nehmen. — Gebt acht, Kreisler, dieser Ankömmling wird unsre ganze +Ordnung, die uns so wohlgetan, verkehren! Gebt acht, <span class="antiqua">nunc probo!</span> Die +Strenggesinnten werden sich leicht an ihn anschließen, und bald wird +sich eine Partei wider den Abt bilden, der vielleicht der Sieg nicht +entgehen kann, weil es mir gewiß scheint, daß Pater Cyprianus ein +Emissar Sr. päpstlichen Heiligkeit ist, dessen Willen sich der Abt +beugen muß! — Kreisler! was wird aus unserer Musik, aus Eurem +gemütlichen Aufenthalt bei uns werden! — Ich sprach von unserm +wohleingerichteten Chor und wie wir die Werke der größten Meister recht +wacker auszuführen im Stande, da schnitt aber der finstre Aszetiker ein +entsetzliches Gesicht und meinte, dergleichen Musik sei für die profane +Welt, aber nicht für die Kirche, aus der sie der Papst Marcellus der +Zweite mit Recht ganz verbannen wollen. — <span class="antiqua">Per diem</span> wenn es keinen Chor +mehr geben soll und man mir vielleicht auch den Weinkeller verschließt +so — doch vorderhand, <span class="antiqua">bibamus!</span> — Man muß sich vor der Zeit keine +Gedanken machen, <span class="antiqua">ergo</span> — gluck-gluck.</p> + +<p>Kreisler meinte, daß es sich wohl mit dem neuen Ankömmling, der +vielleicht strenger schiene als er es wirklich sei, besser fügen und er +seinerseits nicht glauben könne, daß der Abt bei dem festen Charakter, +den er stets bewiesen, so leicht dem Willen eines fremden Mönchs +nachgeben werde, zumal es ihm selbst an wichtigen, erfolgreichen +Verbindungen in Rom gar nicht fehle.</p> + +<p>In dem Augenblick wurden die Glocken gezogen, ein Zeichen, daß die +feierliche Aufnahme des fremden Bruders Cyprianus in den Orden des +heiligen Benedikt vor sich gehen solle.</p> + +<p>Kreisler begab sich mit dem Pater Hilarius, der mit einem +halb<a class="pagenum" name="page_299">299</a>ängstlichen: <span class="antiqua">bibendum quid</span> noch die Neige seines Römers schnell +hinunter schluckte, auf den Weg nach der Kirche. Aus den Fenstern des +Korridors, den sie durchschritten, konnte man in die Gemächer des Abts +hineinschauen. Seht, seht! rief Pater Hilar, indem er den Kreisler in +die Ecke eines Fensters zog. Kreisler schaute hinüber und gewahrte in +dem Gemach des Abts einen Mönch, mit dem der Abt sehr eifrig sprach, +indem eine dunkle Röte sein Antlitz überzog. Endlich kniete der Abt +nieder vor dem Mönch, der ihm den Segen gab.</p> + +<p>Hab ich recht, sprach Hilarius leise, wenn ich in diesem fremden Mönch, +der mit einem Mal hinabschneit in unsre Abtei, etwas Besonderes, +Seltsames suche und finde.</p> + +<p>Gewiß, erwiderte Kreisler, hat es mit diesem Cyprianus eine eigne +Bewandtnis, und mich sollt es wundern, wenn nicht gewisse Beziehungen +sich sehr bald kundtun sollten.</p> + +<p>Pater Hilarius begab sich zu den Brüdern um mit ihnen in feierlicher +Prozession, das Kreuz vorauf, die Laienbrüder mit angezündeten Kerzen +und Fahnen an den Seiten in die Kirche zu ziehen.</p> + +<p>Als nun der Abt mit dem fremden Mönch dicht bei Kreisler vorüberkam, +erkannte dieser auf den ersten Blick, daß Bruder Cyprianus eben der +Jüngling war, den auf jenem Bilde die heilige Jungfrau aus dem Tode zum +Leben erweckte. — Doch noch eine Ahnung erfaßte Kreislern plötzlich. Er +rannte hinauf in sein Zimmer, er holte das kleine Bildnis hervor, das +ihm Meister Abraham gegeben, er erblickte denselben Jüngling, nur +jünger, frischer und in Offizier-Uniform abgebildet. Als nun —</p> + + + +<h3><a name="Vierter_Abschnitt" id="Vierter_Abschnitt"></a>Vierter Abschnitt.</h3> + +<p class="section-caption">Ersprießliche Folgen höherer Kultur. — Die reiferen Monate des Mannes.</p> + + +<p>Hinzmanns rührender Sermon, das Trauermahl, die schöne Mina, Miesmies +Wiederfinden, der Tanz, alles das hatte in meiner Brust einen Zwiespalt +der widersprechendsten Gefühle erregt, so daß ich, wie man im +gewöhnlichen Leben gemeinhin sagt, mich eigentlich gar nicht zu lassen +wußte und in einer gewissen trostlosen Bangigkeit des Gemüts wünschte, +ich läge im Keller in der Grube, wie Freund Muzius. Das war nun freilich +sehr arg und ich wüßte gar nicht, was aus mir geworden wäre, lebte nicht +der wahre, hohe Dichter<a class="pagenum" name="page_300">300</a>geist in mir, der sofort mich mit reichlichen +Versen versorgte, die ich niederzuschreiben nicht unterließ. — Die +Göttlichkeit der Poesie offenbart sich vorzüglich darin, daß das +Versemachen, kostet auch der Reim hin und wieder manchen Schweißtropfen, +doch ein wunderbares inneres Wohlbehagen erregt, das jedes irdische Leid +überwindet, so wie man denn wissen will, daß es sogar oftmals schon +Hunger und Zahnschmerzen besiegt hat. Jener soll, da der Tod ihm den +Vater, die Mutter, die Gattin raubte, zwar bei jedem Todesfall, wie +billig ganz außer sich, aber doch bei dem Gedanken an das herrliche +Trauer-Carmen, das er nun im Geist zu empfangen gedachte, niemals +untröstlich gewesen sein und bloß noch einmal sich verheiratet haben, um +die Hoffnung abermaliger tragischer Begeisterung derselben Art nicht +aufzugeben. —</p> + +<p>Hier sind die Verse, die meinen Zustand sowie den Übergang von Leid zur +Freude mit poetischer Kraft und Wahrheit schildern.</p> + +<div class="poem" style="width: 23em"> +<div class="stanza"> +Was wandelt horch! durch finstre Räume<br /> +In öder Keller Einsamkeit!<br /> +Was ruft mir zu: Nicht länger säume!<br /> +Wes Stimme klagt ein herbes Leid?<br /> +Dort liegt der treue Freund begraben,<br /> +Nach mir verlangt sein irrer Geist;<br /> +<em class="gesperrt">Mein</em> Trost soll ihn im Tode laben,<br /> +<em class="gesperrt">Ich</em> bin's, der Leben ihm verheiß!<br /> +</div> +<div class="stanza"> +Doch nein! — das ist kein flücht'ger Schatten,<br /> +Der solche Töne von sich gibt!<br /> +Sie seufzen nach dem treuen Gatten,<br /> +Nach ihm, der noch so heiß geliebt!<br /> +In alte Liebesketten fallen,<br /> +Rinaldo will's, er kehrt zurück,<br /> +Doch wie! — Schau' ich nicht spitze Krallen?<br /> +Nicht eifersücht'gen Zornes Blick?<br /> +</div> +<div class="stanza"> +Sie ist's — die Frau! — wohin entfliehen! —<br /> +Ha! welch Gefühl bestürmt die Brust.<br /> +Im keuschen Schnee der Jugend blühen,<br /> +Seh' ich des Lebens höchste Lust.<br /> +Sie springt, sie nah't, und immer heller,<br /> +Wird's um mich Hochbeglückten her.<br /> +Ein süßer Duft durchweht den Keller,<br /> +Die Brust wird leicht, das Herz wird schwer.<br /> +</div> +<div class="stanza"> +<a class="pagenum" name="page_301">301</a>Der Freund gestorben — <em class="gesperrt">sie</em> gefunden —<br /> +Entzücken! — Wonne! — bittrer Schmerz!<br /> +Die Gattin — Tochter — neue Wunden! —<br /> +Ha! sollst du brechen armes Herz?<br /> +Doch kann den Sinn wohl so betören,<br /> +Ein Trauermahl, ein lust'ger Tanz?<br /> +Nein — diesem Treiben muß ich wehren,<br /> +Mich blendet nur ein falscher Glanz.<br /> +</div> +<div class="stanza"> +Hinweg ihr eitlen Truggebilde,<br /> +Gebt höher'm Streben willig Raum.<br /> +Gar manches führt die Katz' im Schilde,<br /> +Sie liebt, sie haßt und weiß es kaum.<br /> +Kein Ton, kein Blick, senkt eure Augen,<br /> +O Mina, Miesmies, falsch Geschlecht!<br /> +Verderblich Gift, nicht will ich's saugen,<br /> +Ich <ins title="flieh">flieh'</ins> und Muzius sei gerächt.<br /> +</div> +<div class="stanza"> +Verklärter: — ja bei jedem Braten,<br /> +Bei jedem Fisch gedenk ich dein!<br /> +<ins title="Denk">Denk'</ins> deiner Weisheit, deiner Taten,<br /> +<ins title="Denk">Denk'</ins> Kater ganz wie du zu sein.<br /> +Gelang es hünd'schem Frevelwitze,<br /> +Dich zu verderben edler Freund,<br /> +So trifft die Schmach blutgier'ge Spitze,<br /> +Es rächet dich, der um dich weint.<br /> +</div> +<div class="stanza"> +So flau, so jammervoll im Busen<br /> +War mir's, ich wußte gar nicht wie.<br /> +Doch hoher Dank den holden Musen,<br /> +Dem kühnen Flug der Phantasie.<br /> +Mir ist jetzt wieder leidlich besser,<br /> +Spür' gar nicht g'ringen Appetit,<br /> +Bin Muzius gleich ein wackrer Esser,<br /> +Und ganz in Poesie erglüht.<br /> +</div> +<div class="stanza"> +Ja Kunst! du Kind aus hohen Sphären,<br /> +Du Trösterin im tiefsten Leid,<br /> +O! Verslein laß mich stets gebären,<br /> +Mit genialer Leichtigkeit!<br /> +Und: Murr, so sprechen edle Frauen,<br /> +Hochherz'ge Jünglinge, o Murr:<br /> +„Du Dichterherz, ein zart Vertrauen,<br /> +„Weckt in der Brust dein süß Gemurr!“<br /> +</div> +</div> + +<p><a class="pagenum" name="page_302">302</a>Die Wirkung des Verslein-Machens war zu wohltätig, ich konnte mich nicht +mit diesem Gedicht begnügen, sondern machte mehre hintereinander mit +gleicher Leichtigkeit, mit gleichem Glück. Die gelungensten würd' ich +hier dem geneigten Leser mitteilen, hätte ich nicht im Sinn, dieselben +mit mehreren Witzwörtern und <ins title="Impromptu's">Impromptus</ins>, die ich in müßigen Stunden +angefertigt und über die ich schon beinahe vor Lachen bersten mögen, +unter dem allgemeinen Titel: Was ich gebar in Stunden der Begeisterung, +herauszugeben. — Zu meinem nicht geringen Ruhm muß ich es sagen, daß +selbst in meinen Jünglingsjahren, wenn der Sturm der Leidenschaft noch +nicht verbraust ist, ein heller Verstand, ein feiner Takt für das +Gehörige, die Oberhand behielt über jeden abnormen Sinnenrausch. So +gelang es mir auch die plötzlich aufgewallte Liebe zu der schönen Mina +gänzlich zu unterdrücken. Einmal mußte mir denn doch bei ruhiger +Überlegung diese Leidenschaft in meinen Verhältnissen etwas töricht +vorkommen; dann erfuhr ich aber auch, daß Mina des äußern Scheins +kindlicher Frömmigkeit unerachtet, ein keckes eigensinniges Ding sei, +die bei gewissen Anlässen den bescheidensten Katerjünglingen in die +blanken Augen fahre. Um mir aber jeden Rückfall zu ersparen, vermied ich +sorglich Mina zu sehen, und da ich Miesmies vermeintliche Ansprüche und +ihr seltsames überspanntes Wesen noch mehr scheute, so hielt ich mich, +um ja keiner von beiden zu begegnen, einsam im Zimmer und besuchte weder +den Keller, noch den Boden, noch das Dach. Der Meister schien dies gern +zu sehen; er erlaubte, daß ich, studierte er am Schreibtisch, mich +hinter seinem Rücken auf den Lehnstuhl setzen und mit vorgestrecktem +Halse durch den Arm in das Buch gucken durfte, welches er eben las. — Es +waren ganz hübsche Bücher die wir, ich und mein Meister auf diese Art +zusammen durchstudierten, wie z. B. Arpe, <span class="antiqua">De prodigiosis naturae et +artis operibus, Talismanes et Amuleta dictis,</span> Beckers bezauberte Welt, +Francisci Petrarca Gedenkbuch u. a. m. — Diese Lektüre zerstreute mich +ungemein und gab meinem Geist einen neuen Schwung.</p> + +<p>Der Meister war ausgegangen, die Sonne schien so freundlich, die +Frühlingsdüfte wehten so anmutig zum Fenster hinein; ich vergaß meine +Vorsätze und spazierte hinauf auf das Dach. Kaum war ich aber oben, als +ich auch schon Muzius Witwe erblickte, die hinter dem Schornstein +hervorkam. — Vor Schreck blieb ich regungslos stehen, wie eingewurzelt; +schon hörte ich mich bestürmt mit Vorwürfen und Beteuerungen. — Weit +gefehlt. — Gleich hinterher folgte der junge <a class="pagenum" name="page_303">303</a>Hinzmann, rief die schöne +Witwe mit süßen Namen, sie blieb stehen, empfing ihn mit lieblichen +Worten, beide begrüßten sich mit dem entschiedenen Ausdruck inniger +Zärtlichkeit und gingen dann schnell an mir vorüber, ohne mich zu grüßen +oder sonst im mindesten zu beachten. Der junge Hinzmann schämte sich +ganz gewiß vor mir, denn er senkte den Kopf zu Boden und schlug die +Augen nieder, die leichtsinnige kokette Witwe warf mir aber einen +höhnischen Blick zu.</p> + +<p>Der Kater ist, was sein psychisches Wesen betrifft, doch eine gar +närrische Kreatur. — Hätte ich nicht froh sein können, sein müssen, daß +Muzius Witwe anderweitig mit einem Liebhaber versehen, und doch konnte +ich mich eines gewissen innern Ärgers nicht erwehren, der beinahe das +Ansehen hatte von Eifersüchtelei. — Ich schwor niemals mehr das Dach zu +besuchen, wo ich große Unbill erlebt zu haben glaubte. Statt dessen +sprang ich nun fleißig auf die Fensterbank, sonnte mich, schaute um mich +zu zerstreuen auf die Straße herab, stellte allerlei tiefsinnige +Betrachtungen an und verband so das Angenehme mit dem Nützlichen.</p> + +<p>Ein Gegenstand dieser Betrachtungen war denn auch, warum es mir noch +niemals eingefallen, mich aus eignem freien Antriebe vor die Haustüre zu +setzen oder auf der Straße zu lustwandeln, wie ich es doch viele von +meinem Geschlecht tun sah, ohne alle Furcht und Scheu. Ich stellte mir +das als etwas höchst Angenehmes vor und war überzeugt, daß nun, da ich +zu reiferen Monaten gekommen und Lebenserfahrung genug gesammelt, von +jenen Gefahren in die ich geriet, als das Schicksal mich, einen +unmündigen Jüngling, hinausschleuderte in die Welt, nicht mehr die Rede +sein könne. Getrost wandelte ich daher die Treppe herab und setzte mich +fürs erste auf die Türschwelle, in den hellsten Sonnenschein. Daß ich +eine Stellung annahm, die jedem auf den ersten Blick den gebildeten, +wohlerzogenen Kater verraten mußte, versteht sich von selbst. Es gefiel +mir vor der Haustüre ganz ungemein. Indem die heißen Sonnenstrahlen +meinen Pelz wohltätig auswärmten, putzte ich mit gekrümmter Pfote +zierlich Schnauze und Bart, worüber mir ein paar vorübergehende junge +Mädchen, die den großen, mit Schlössern versehenen Mappen nach, die sie +trugen, aus der Schule kommen mußten, nicht allein ihr großes Vergnügen +bezeugten, sondern mir auch ein Stückchen Weißbrot verehrten, welches +ich nach gewohnter Galanterie dankbarlichst annahm. —</p> + +<p>Ich spielte mehr mit der mir dargebotenen Gabe, als daß ich sie +wirklich zu verzehren Anstalt machte, aber wie groß war mein <a class="pagenum" name="page_304">304</a>Entsetzen, +als plötzlich ein starkes Brummen dicht bei mir dies Spiel unterbrach, +und der mächtige Alte, Ponto's Oheim, der Pudel Skaramuz vor mir stand. +Mit einem Satz wollte ich fort aus der Türe, doch Skaramuz rief mir zu: +Sei er kein Hasenfuß und bleib er ruhig sitzen; glaubt er, ich werd ihn +fressen? —</p> + +<p>Mit der demütigsten Höflichkeit fragte ich, worin ich vielleicht dem +Herrn Skaramuz nach meinen geringen Kräften dienen könne, der erwiderte +aber barsch: In nichts in gar nichts kann er mir dienen, Mosje Murr, und +wie sollte das auch möglich sein. Aber fragen wollt' ich ihn, ob er +vielleicht weiß, wo mein liederlicher Neffe steckt, der junge Ponto. Er +hat sich ja wohl schon einmal mit ihm herumgetrieben, und ihr scheinet +zu meinem nicht geringen Ärger ein Herz und eine Seele. Nun? — sag er +nur an, ob er weiß, wo der Junge herumschwärmt; ich habe ihn schon seit +mehreren Tagen mit keinem Auge gesehen.</p> + +<p>Verlegen durch des mürrischen Alten stolzes wegwerfendes Betragen, +versicherte ich kalt, daß von einer engen Freundschaft zwischen mir und +dem jungen Ponto gar nicht die Rede sei und auch niemals die Rede +gewesen wäre. Zumal in der letzten Zeit habe sich Ponto, den ich +übrigens gar nicht aufgesucht, ganz von mir zurückgezogen.</p> + +<p>Nun das freut mich, brummte der Alte, das zeigt doch, daß der Junge Ehre +im Leibe hat und nicht gleich bei der Hand ist mit Leuten allerlei +Gelichters sein Wesen zu treiben.</p> + +<p>Das war denn doch nicht auszuhalten, der Zorn übermannte mich, das +Burschentum regte sich in mir, ich vergaß alle Furcht, und prustete dem +schnöden Skaramuz ein tüchtiges: Alter Grobian! ins Gesicht, hob auch +die rechte Pfote mit ausgespreizten Krallen in die Höhe und zwar in der +Richtung nach des Pudels linkem Auge. Der Alte wich zwei Schritte zurück +und sprach weniger barsch, als vorher: Nun, nun Murr! nichts für ungut, +ihr seid sonst ein guter Kater und da will ich euch denn raten, nehmt +euch in acht vor dem Blitzjungen dem Ponto! Er ist, ihr möget es +glauben, eine ehrliche Haut, aber leichtsinnig! — leichtsinnig! zu +allen tollen Streichen aufgelegt, kein Ernst des Lebens, keine Sitte! +— Nehmt euch in acht, sag' ich, denn bald wird er euch verlocken in +allerlei Gesellschaften, wo ihr gar nicht hingehört und euch mit +unsäglicher Mühe zu einer Art des sozialen Umgangs zwingen müßt, die +eurer innersten Natur zuwider und über die eure Individualität, eure +einfache ungeheuchelte Sitte, wie ihr sie mir eben bewiesen, zu Grunde +geht. — Seht, guter Murr, <a class="pagenum" name="page_305">305</a>Ihr seid, wie ich schon gesagt, als Kater +schätzenswert und habt für gute Lehre ein williges geneigtes Ohr! +— Seht! so viel tolle, unangenehme ja zweideutige Streiche auch ein +Jüngling verführen mag, zeigt er nur dann und wann jene weichliche ja +oft süßliche Gutmütigkeit, wie sie Leuten von sanguinischem Temperament +immer eigen, so heißt es denn gleich mit dem französischen Ausdruck: <span class="antiqua">Au +fond</span> ist er doch ein guter Kerl und das soll denn alles entschuldigen, +was er beginnt gegen alle Sitte und Ordnung. Aber der <span class="antiqua">fond</span>, in dem der +Kern des Guten steckt, liegt so tief und über ihm hat sich so viel Unrat +eines ausgelassenen Lebens gesammelt, daß er im Keime ersticken muß. +— Für wahrhaftes Gefühl des Guten wird einem aber oft jene alberne +Gutmütigkeit aufgetischt, die der Teufel holen soll, wenn sie nicht +vermag den Geist des Bösen in einer glänzenden Maske zu erkennen. Traut, +o Kater, den Erfahrungen eines alten Pudels, der sich was in der Welt +versucht und laßt Euch nicht durch das verdammte: <span class="antiqua">Au fond</span> ist er ein +guter Kerl, betören! — Seht Ihr etwa meinen liederlichen Neffen, so +möget Ihr ihm alles geradezu heraussagen, was ich mit Euch gesprochen, +und Euch seine fernere Freundschaft gänzlich verbitten. — Gott +befohlen! — Ihr freßt das wohl nicht, guter Murr?</p> + +<p>Damit nahm der alte Pudel Skaramuz das Stückchen Weißbrot, das vor mir +lag, hurtig ins Maul und schritt dann gemächlich von dannen, indem er +mit gesenktem Haupt die lang behaarten Ohren an der Erde schleppen ließ +und ein ganz klein wenig mit dem Schweife wedelte. —</p> + +<p>Gedankenvoll schaute ich dem Alten nach, dessen Lebensweisheit mir ganz +eingehen wollte. Ist er fort, ist er fort? So lispelte es dicht hinter +mir, und ich erstaunte nicht wenig, als ich den jungen Ponto erblickte, +der sich hinter die Türe geschlichen und so lange gewartet hatte, bis +der Alte mich verlassen. Ponto's plötzliche Erscheinung setzte mich +gewissermaßen in Verlegenheit, da mir des alten Onkels Auftrag, den ich +jetzt eigentlich hätte ausrichten müssen, doch etwas bedenklich schien. +Ich dachte an jene entsetzlichen Worte, die Ponto mir einst zugerufen: +Solltest du es dir etwa beikommen lassen, feindliche Gesinnungen gegen +mich zu äußern, so bin ich dir an Stärke und Gewandheit überlegen. Ein +Sprung, ein tüchtiger Biß meiner scharfen Zähne würde dir auf der Stelle +den Garaus machen. — Ich fand es sehr ratsam zu schweigen. —</p> + +<p>Diese inneren Bedenklichkeiten mochten mein äußeres Betragen kalt <a class="pagenum" name="page_306">306</a>und +gezwungen erscheinen lassen, Ponto guckte mich an mit scharfem Blick. +Dann brach er aus in eine helle Lache und rief: Ich merk es schon, +Freund Murr! Mein Alter hat dir allerlei Böses vorgeredet von meinem +Treiben, er hat mich liederlich, allen tollen Streichen und +Ausschweifungen ergeben, geschildert. Sei nicht so töricht, von dem +allem auch nur ein Wörtchen zu glauben. Fürs erste! Schau mich recht +aufmerksam an und sage mir, was du von meiner äußern Erscheinung hältst? +— Den jungen Ponto betrachtend fand ich, daß er nie so wohl genährt, so +glau ausgesehen, daß nie diese Nettigkeit, diese Eleganz in seinem +Anzuge, nie diese wohltuende Übereinstimmung in seinem ganzen Wesen +geherrscht. Ich äußerte ihm dies unverhohlen.</p> + +<p>Nun wohl, guter Murr, sprach Ponto, glaubst du wohl, daß ein Pudel, der +sich in schlechter Gesellschaft umhertreibt, der niedrigen +Ausschweifungen ergeben, der recht systematisch liederlich ist ohne +eigentlichen Geschmack daran zu finden, sondern bloß aus Langeweile, wie +es denn nun wirklich bei vielen Pudeln der Fall ist — glaubst du wohl, +daß ein solcher Pudel so aussehen kann wie du mich findest? Du rühmst +vorzüglich die Harmonie in meinem ganzen Wesen. Schon das muß dich +belehren, wie sehr mein grämlicher Onkel im Irrtum ist; denke, da du ein +literarischer Kater bist, an jenen Lebensweisen, welcher dem, der an +einem Lasterhaften vorzüglich das Unharmonische der ganzen Gestaltung +rügte<ins title=":">,</ins> erwiderte: Ist es möglich, daß das Laster Einheit haben kann? +Wundere dich, Freund Murr, nicht einen Augenblick über die schwarzen +Verleumdungen meines Alten. Grämlich und geizig, wie denn nun einmal +alle Oheime sind, hat er deshalb seinen ganzen Zorn auf mich geworfen, +weil er <span class="antiqua">par honneur</span> einige kleine Spielschulden bezahlen müssen, die ich +bei einem Wurstkrämer ausgeborgt hatte, der bei sich verbotenes Spiel +duldete und den Spielern oft in Cervelaten, Grützen und Lebern (zu +Würsten aptiert nämlich) bedeutende Vorschüsse machte. Dann aber denkt +der Alte auch noch immer an eine gewisse Periode, in der meine +Lebensweise eben nicht rühmlich war, die aber längst vorüber und dem +herrlichsten Anstande gewichen ist.</p> + +<p>In dem Augenblicke kam ein kecker Pinscher des Weges, guckte mich an, +als hab' er meines gleichen noch niemals gesehen, schrie mir die +gröbsten Insolenzen in die Ohren und schnappte dann nach dem Schweif, +den ich lang aus von mir gestreckt, welches ihm zu mißfallen schien. +Sowie ich aber hochaufgerichtet mich zur Wehre setzen wollte, war Ponto +auch schon auf den ungesitteten Krakeeler <a class="pagenum" name="page_307">307</a>losgesprungen, hatte ihn zu +Boden getreten und zwei-, dreimal überrannt, so daß er unter dem +jammervollsten Lamento, den Schweif fest eingeklemmt, schnell davonfuhr +wie ein abgeschossener Pfeil.</p> + +<p>Dieser Beweis, den Ponto mir von seiner guten Gesinnung, von seiner +tätigen Freundschaft gab, rührte mich ungemein und ich dachte, daß hier +das: <span class="antiqua">Au fond</span> ist er ein guter Kerl! welches der Onkel Skaramuz mir hatte +verdächtig machen wollen, doch auf Ponto anzuwenden sei in besserm Sinne +und ihn mit mehrerem Grunde entschuldigen könne, als manchen andern. +Überhaupt wollt' es mich bedünken, daß der Alte gewiß zu schwarz gesehen +und Ponto zwar leichtsinnige aber nie schlechte Streiche machen könne. +Alles dieses äußerte ich meinem Freunde ganz unverhohlen und dankte ihm +dabei dafür, daß er meine Verteidigung übernommen, in den +verbindlichsten Ausdrücken.</p> + +<p>Es freut mich, guter Murr, erwiderte Ponto, indem er, wie es seine Art +war, mit muntren schalkischen Augen umherblickte, daß der pedantische +Alte dich nicht irre gemacht hat, sondern daß du mein gutes Herz +erkennst. — Nicht wahr, Murr, ich nahm den übermütigen Jungen tüchtig +vor? — Er wird daran denken lange Zeit. Eigentlich habe ich ihm heute +schon den ganzen Tag aufgepaßt, der Bengel stahl mir gestern eine Wurst +und mußte dafür gezüchtigt werden. Daß dabei auch nebenher die Unbill +gerächt wurde, die du von ihm erfahren, und daß ich in dieser Art dir +meine Freundschaft bewähren konnte, ist mir gar nicht unlieb; ich +schlug, wie man im Sprichwort zu sagen pflegt, zwei Fliegen mit einer +Klappe. — Nun aber wiederum auf unser voriges Gespräch zurückzukommen! +— Betrachte mich, guter Katz, noch einmal recht genau, und sage mir, ob +du denn gar keine merkwürdige Veränderung in meinem Äußern wahrnimmst? — +</p> + +<p>Ich schaute meinen jungen Freund aufmerksam an und — ach der Tausend! +nun erst fiel mir das silberne zierlich gearbeitete Halsband ins Auge, +das er trug, und auf dem die Worte graviert waren: Baron Alcibiades von +Wipp. Marschallstraße Nr. 46.</p> + +<p>Wie Ponto, rief ich erstaunt, du hast deinen Herrn verlassen, den +ästhetischen Professor und dich zu einem Baron begeben?</p> + +<p>Verlassen habe ich nun eigentlich den Professor nicht, erwiderte Ponto, +sondern er hat mich von sich gejagt mit Fußtritten und Prügeln.</p> + +<p>Wie konnte das geschehen, sprach ich, dein Herr bewies dir ja sonst +alle Liebe und Güte wie nur möglich?</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_308">308</a>Ach, antwortete Ponto, das ist eine dumme ärgerliche Geschichte, die +nur durch das sonderbare Spiel des neckenden Zufalls zu meinem Glück +ausschlug. An der ganzen Sache war bloß meine alberne Gutmütigkeit +schuld, der freilich ein wenig eitle Prahlerei beigemischt. In jeder +Minute wollt' ich meinem Herrn Aufmerksamkeiten erweisen und ihm dabei +mein Geschick, meine Ausbildung zeigen. Deshalb war ich auch gewohnt +alles, was an Kleinigkeiten am Fußboden lag, dem Herrn ohne weitere +Aufforderung zu apportieren. Nun! — Du weißt vielleicht, daß der +Professor Lothario eine blutjunge und dabei bildhübsche Frau hat, die +ihn auf das zärtlichste liebt, woran er gar nicht zweifeln darf, da sie +es ihm jeden Augenblick versichert und ihn gerade dann mit Liebkosungen +überhäuft, wenn er, in Büchern begraben, sich auf die zu haltende +Vorlesung vorbereitet. Sie ist die Häuslichkeit selbst, da sie das Haus +niemals vor zwölf Uhr verläßt da sie doch schon um halb elf Uhr +aufgestanden und einfach in ihren Sitten verschmäht sie nicht mit der +Köchin, mit dem Stubenmädchen die häuslichen Angelegenheiten bis ins +tiefste Detail zu beraten und sich, ist das Wochengeld gewisser nicht +etatsmäßiger Ausgaben halber zu früh aus dem Beutel entwischt und darf +der Herr Professor nicht angegangen werden, ihrer Kasse zu bedienen. Die +Zinsen dieser Anleihen trägt sie ab in kaum getragnen Kleidern, so wie +diese und auch wohl Federhüte, in die die erstaunte Welt der Mägde +Sonntags das Stubenmädchen geputzt sieht, als Lohn für gewisse geheime +Gänge und andre Gefälligkeiten gelten dürften. Bei so vielen +Vollkommenheiten mag wohl einer liebenswürdigen Frau die kleine Torheit +(ist es überhaupt Torheit zu nennen) kaum verargt werden, daß ihr +eifrigstes Streben, all ihr Dichten und Trachten dahin geht, stets nach +der letzten Mode gekleidet zu gehen, daß ihr das Eleganteste, das +Teuerste, nicht elegant, nicht teuer genug ist, daß sie, hat sie ein +Kleid dreimal, einen Hut viermal getragen, den türkischen Shawl einen +Monat hindurch umgehängt, eine Idiosynkrasie dagegen empfindet und die +kostbarste Garderobe wegwirft um einen Spottpreis oder wie gesagt, die +Mägde sich darin putzen läßt. Daß die Frau eines Professors der Ästhetik +Sinn hat für schöne äußere Gestaltung ist wohl gar nicht zu verwundern, +und nur erfreulich kann es dem Gemahl sein, wenn dieser Sinn sich darin +offenbart, daß die Gemahlin mit sichtlichem Wohlgefallen den Blick der +feuerblitzenden Augen auf schönen Jünglingen ruhen läßt, diesen auch +wohl zuweilen etwas nachläuft. Manchmal bemerkte ich, daß dieser, jener +junge Mann, <a class="pagenum" name="page_309">309</a>der die Vorlesungen des Professors besuchte, die Türe des +Auditoriums verfehlte und statt dieser die Türe, welche zum Zimmer der +Professorin führte, leise öffnete und ebenso leise hineintrat. Beinahe +mußte ich glauben, daß diese Verwechslung nicht ganz absichtslos +geschah, oder wenigstens niemanden gereute, denn keiner eilte, seinen +Irrtum zu verbessern, sondern jeder, der hineingetreten, kam erst nach +einer guten Zeit heraus und zwar mit solch lächelndem zufriednem Blick +als ob ihm der Besuch bei der Professorin ebenso angenehm und nützlich +gewesen als eine ästhetische Vorlesung des Professors. Die schöne +Lätitia (so hieß des Professors Frau) war mir nicht sonderlich gewogen. +Sie litt mich nicht in ihrem Zimmer und mochte recht haben, da freilich +der kultivierteste Pudel nicht dort hingehört, wo er bei jedem Schritt +Gefahr läuft Florspitzen zu zerreißen, Kleider zu beschmutzen, die auf +allen Stühlen umherliegen. Doch wollt es der Professorin böser Genius, +daß ich einmal bis in ihr Boudoir hineindrang. Der Herr Professor hatte +eines Tages bei einem Mittagsmahl mehr Wein getrunken als gerade +dienlich und war darüber in eine hochbegeisterte Stimmung geraten. Zu +Hause angekommen, ging er, ganz gegen seine Gewohnheit geradezu in das +Kabinett seiner Frau, und ich schlüpfte, selbst wußte ich nicht, was für +eine besondere Lust mich dazu antrieb, mit hinein durch die Türe. Die +Professorin war in Hauskleidern, deren Weiße dem frisch gefallenen +Schnee zu vergleichen, ihr ganzer Anzug zeigte nicht sowohl eine gewisse +Sorglichkeit, als die tiefste Kunst der Toilette, die sich hinter dem +Einfachen verbirgt und wie ein versteckter Feind desto gewisser siegt. +Die Professorin war in der Tat allerliebst und stärker als sonst empfand +dies der halb berauschte Professor, der ganz Liebe und Entzücken die +holde Gattin mit den süßesten Namen nannte, mit den zärtlichsten +Liebkosungen überhäufte und darüber gar nicht eine gewisse Zerstreuung, +ein gewisses unruhiges Mißbehagen bemerkte, das sich in dem ganzen Wesen +der Professorin nur zu deutlich aussprach. Mir war die steigende +Zärtlichkeit des begeisterten Ästhetikers unangenehm und lästig. Ich kam +auf meinen alten Zeitvertreib und suchte am Boden umher. Gerade als der +Professor in der höchsten Ekstase laut rief: Göttliches, hehres, +himmlisches Weib, laß uns — tänzelte ich auf den Hinterbeinen zu ihm +heran und apportierte ihm zierlich und, wie bei diesem Akt jedesmal, ein +wenig mit dem Stutzschweif wedelnd, den feinen pommeranzfarbnen +Männerhandschuh, den ich unter dem Sofa der Frau Professorin gefunden. +— Starr blickte der Professor den Hand<a class="pagenum" name="page_310">310</a>schuh an und rief wie plötzlich +aufgeschreckt aus einem süßen Traum: Was ist das? — Wem gehört dieser +Handschuh! wie ist er in dies Zimmer gekommen? — Damit nahm er den +Handschuh mir aus der Schnauze, besah ihn, hielt ihn an die Nase und +rief dann wieder: Wo kommt dieser Handschuh her? Lätitia, sprich, wer +ist bei Dir gewesen? — Wie Du, erwiderte die holde treue Lätitia mit +dem ungewissen Ton der Verlegenheit, den sie sich vergebens mühte zu +unterdrücken, wie Du nun auch seltsam bist, lieber Lothar, wem soll, wem +wird der Handschuh gehören. Die Majorin war hier und konnte bei dem +Abschiede den Handschuh nicht finden, den sie auf der Treppe ausgestreut +zu haben glaubte. — Die Majorin, schrie der Professor ganz außer sich, +die kleine zart gebaute Frau, deren ganze Hand hineingeht in diesen +Daumen! — Höll und Teufel, welcher Zierbengel war hier? — Denn nach +parfümierter Seife riecht das verfluchte Ding! — Unglückliche, wer war +hier, welcher verbrecherische Trug der Hölle zerstörte hier meine Ruhe, +mein Glück! — Schändliches, verruchtes Weib! —</p> + +<p>Die Professorin machte gerade Anstalt in Ohnmacht zu fallen, als das +Stubenmädchen hereintrat und ich, froh des fatalen Ehestandsauftritts, +den ich veranlaßt, entledigt zu werden, schnell hinaussprang.</p> + +<p>Den andern Tag war der Professor ganz stumm und in sich gekehrt; ein +einziger Gedanke schien ihn zu beschäftigen, einer einzigen Idee schien +er nachzugrübeln. Ob er es nur sein mag! — Das waren die Worte, die +dann und wann den verstummten Lippen unwillkürlich entflohen. Gegen +Abend nahm er Hut und Stock, ich sprang und bellte freudig; er sah mich +lange an, helle Tränen traten ihm in die Augen, er sprach mit dem Ton +der tiefsten innigsten Wehmut: Mein guter Ponto! — treue ehrliche +Seele! — Dann lief er schnell vors Tor und ich dicht hinter ihm her, +fest entschlossen, den armen Mann aufzuheitern mittels aller Künste, die +mir nur zu Gebote standen. Dicht vor dem Tor begegnete uns der Baron +Alcibiades von Wipp, einer der zierlichsten Herren in unserer Stadt, auf +einem schönen Engländer. Sowie der Baron den Professor gewahrte, +kurbettierte er zierlich an ihn heran und fragte nach des Professors, +dann aber nach der Frau Professorin Wohlbefinden. Der Professor +stotterte in der Verwirrung einige unverständliche Worte hervor. In der +Tat, sehr heiße Witterung! sprach nun der Baron und zog ein seidnes Tuch +aus der Rocktasche, schleuderte aber mit demselben Schwunge einen +Handschuh heraus, den ich gewohnter Sitte gemäß meinem Herrn +apportierte. <a class="pagenum" name="page_311">311</a>Hastig riß mir der Professor den Handschuh fort und rief: +Das ist Ihr Handschuh, Herr Baron? Allerdings, erwiderte dieser +verwundert über des Professors Heftigkeit, ich glaube, ich schleuderte +ihn in dem Augenblick aus der Rocktasche und der dienstfertige Pudel hob +ihn auf. So habe ich, sprach der Professor mit schneidendem Ton, indem +er den Handschuh, den ich unter dem Sofa in der Professorin Zimmer +hervorgesucht, ihm hinreichte, so habe ich das Vergnügen Ihnen den +Zwillings-Bruder dieses Handschuhes, den Sie gestern verloren, +überreichen zu können.</p> + +<p>Ohne des sichtlich betretenen Barons Antwort abzuwarten, rannte der +Professor wild von dannen.</p> + +<p>Ich hütete mich wohl, dem Professor in das Zimmer seiner teuren Gattin +zu folgen, da ich den Sturm ahnen konnte, der sich bald bis auf die Flur +hinausbrausend vernehmen ließ. Eben in einem Winkel des Flurs lauschte +ich und gewahrte, wie der Professor alle Flammen der Wut im +rotgleißenden Antlitz, das Stubenmädchen zur Stubentür, dann aber, als +sie sich noch unterfing einige kecke Worte zu sprechen, zum Hause +hinauswarf. Endlich in später Nacht kam der Professor ganz erschöpft auf +seinem Zimmer an. Ich gab ihm meine innige Teilnahme an seinem trüben +Malheur durch leises Winseln zu verstehen. Da umhalste er mich und +drückte mich an seine Brust, als sei ich sein bester innigster Freund. +Guter, ehrlicher Ponto, so sprach er mit ganz kläglichem Ton, treues +Gemüt, du, du allein hast mich aus dem betörenden Traum geweckt, der +mich meine Schande nicht erkennen ließ, du hast mich dahin gebracht, daß +ich das Joch abwerfen, in das mich ein falsches Weib gespannt hatte, daß +ich wieder ein freier unbefangener Mensch werden kann! Ponto, wie soll +ich dir das danken! — Nie — nie sollst du mich verlassen, ich will +dich hegen und pflegen wie meinen besten treusten Freund, du allein +wirst mich trösten, wenn ich bei dem Gedanken an mein hartes Mißgeschick +verzweifeln will.</p> + +<p>Diese rührenden Äußerungen eines edlen dankbaren Gemüts wurden durch die +Köchin unterbrochen, welche mit blassem verstörten Gesicht hereinstürzte +und dem Professor die entsetzliche Botschaft hinterbrachte, daß die Frau +Professorin in den fürchterlichsten Krämpfen liege und den Geist +aufgeben wolle. Der Professor flog hinab. —</p> + +<p>Mehrere Tage hindurch sah ich nun den Professor beinahe gar nicht. +Meine Speisung, für die sonst mein Herr liebreich selbst sorgte, war der +Köchin übertragen, die aber, eine mürrische garstige Person, mir mit +Widerwillen statt der sonstigen guten Gerichte nur die <a class="pagenum" name="page_312">312</a>elendesten kaum +genießbaren Bissen zukommen ließ. Zuweilen vergaß sie mich auch ganz und +gar, so daß ich genötigt wurde bei guten Bekannten zu schmarotzen, auch +wohl auf Beute auszugehen, um nur meinen Hunger zu stillen.</p> + +<p>Endlich schenkte mir, als ich eines Tages hungrig und matt mit +herabhängenden Ohren im Hause herumschlich, der Professor einige +Aufmerksamkeit. Ponto, rief er lächelnd, wie denn überhaupt sein Antlitz +ganz Sonnenschein war, Ponto, mein alter ehrlicher Hund, wo hast du denn +gesteckt? Hab' ich dich doch so lange nicht gesehen? Ich glaube gar, man +hat dich ganz gegen meinen Willen vernachlässigt und nicht sorgsam +gefüttert? — Nun komm nur komm, heute sollst du wieder von mir selbst +deine Speise erhalten.</p> + +<p>Ich folgte dem gütigen Herrn in das Eßzimmer. Die Frau Professorin +aufgeblüht wie eine Rose, wie der Herr Gemahl vollen Sonnenglanz im +Antlitz, kam ihm entgegen. Beide taten zärtlicher miteinander als +jemals, sie nannte ihn: englischer Mann, er sie aber: mein Mäuschen, und +dabei herzten und küßten sie sich wie ein Turteltaubenpaar. Es war eine +rechte Freude, das anzusehen. Auch gegen mich war die holde Frau +Professorin freundlich wie sonst niemals, und du kannst denken, guter +Murr, daß ich mich bei meiner angebornen Galanterie artig und zierlich +zu betragen wußte. — Wer hätte ahnen können, was über mich verhängt +war! —</p> + +<p>Es würde mir selbst schwer fallen, dir ausführlich all' die +heimtückischen Streiche zu erzählen, die meine Feinde mir spielten um +mich zu verderben, und noch mehr als das, es würde dich ermüden. +Beschränken will ich mich darauf nur einiges zu erwähnen, welches dir +ein treues Bild meiner unglücklichen Lage geben wird. — Mein Herr war +gewohnt, mir im Speisezimmer während er selbst aß, die gewöhnlichen +Portionen an Suppe, Gemüse und Fleisch in einem Winkel am Ofen zu +verabreichen. Ich aß mit solchem Anstande, mit solcher Reinlichkeit, daß +auch nicht das kleinste Fettfleckchen auf dem getäfelten Fußboden +sichtbar. Wie groß war daher mein Entsetzen, als eines Mittags der Napf, +kaum hatte ich mich ihm genähert, in hundert Stücke zersprang und die +Fettbrühe sich ergoß über den schönen Fußboden! Zornig fuhr der +Professor auf mich los mit argen Scheltworten, und unerachtet die +Professorin mich zu entschuldigen suchte, las man doch den bittern +Verdruß in ihrem blassen Gesicht. Sie meinte, dürfte auch der garstige +Flecken nicht wohl fortzubringen sein, so könnte ja doch die Stelle +abgehobelt oder eine neue Tafel <a class="pagenum" name="page_313">313</a>eingesetzt werden. Der Professor hegte +einen tiefen Abscheu gegen solche Reparaturen, er hörte schon die +Tischlerjungen hobeln und hämmern, und so waren es die liebreichen +Entschuldigungen der Professorin, die ihn mein vermeintliches Ungeschick +erst recht fühlen ließen und mir noch außer jenen Scheltworten ein +tüchtiges Paar Ohrfeigen einbrachten. — Ich stand da im Bewußtsein +meiner Unschuld, ganz verblüfft, und wußte gar nicht, was ich denken, +was ich sagen sollte. — Erst als mir dasselbe zwei- — dreimal +geschehen, merkte ich die Tücke! — Man hatte mir halb zerbrochene +Schüsseln hingestellt, die bei der leisesten Berührung in hundert Stücke +zerfallen mußten. Ich durfte nicht mehr im Zimmer bleiben, draußen +erhielt ich Speise von der Köchin, aber so kärglich, daß ich, von +nagendem Hunger getrieben manches Stück Brot, manchen Knochen zu +erschnappen suchen mußte. Darüber entstand denn nun jedesmal ein +gewaltiger Lärm, und ich mußte mir eigennützigen Diebstahl da vorwerfen +lassen, wo nur von der Befriedigung des dringendsten Naturbedürfnisses +die Rede sein konnte. — Es kam noch ärger. Mit großem Geschrei klagte +die Köchin, daß ihr eine schöne Hammelkeule aus der Küche verschwunden +und daß ich sie ganz gewiß gestohlen. Die Sache kam als eine wichtigere +häusliche Angelegenheit vor den Professor. Der meinte, daß er sonst nie +den Hang zum Diebstahl an mir bemerkt und daß auch mein Diebsorgan +durchaus nicht ausgebildet sei. Auch sei es nicht denkbar, daß ich eine +ganze Hammelkeule so verspeiset, daß keine Spur mehr davon vorhanden. +— Man suchte nach und — fand in meinem Lager die Überbleibsel der +Keule! — Murr! sieh, mit der Pfote auf der Brust schwöre ich's dir, daß +ich völlig unschuldig war, daß es mir nicht in den Sinn gekommen, den +Braten zu stehlen, doch, was halfen die Beteuerungen meiner Unschuld, da +der Beweis wider mich sprach! — Um so ergrimmter war der Professor, als +er meine Partie genommen und sich in seiner guten Meinung von mir +getäuscht sah. — Ich erhielt eine tüchtige Tracht Prügel. — Ließ mich +der Professor auch nachher den Widerwillen fühlen, den er gegen mich +hegte, so war die Frau Professorin desto freundlicher, streichelte mir, +was sie sonst nie getan, den Rücken und gab mir sogar dann und wann +einen guten Bissen. Wie konnt' ich ahnen, daß das alles nur +gleisnerischer Trug, und doch sollte sich dies bald zeigen. — Die Türe +des Eßzimmers stand offen, mit leerem Magen schaute ich sehnsüchtig +hinein und gedachte schmerzvoll jener guten Zeit, als ich, wenn das süße +Aroma des Bratens sich verbreitete, <a class="pagenum" name="page_314">314</a>nicht vergebens den Professor +bittend anschaute und dabei, wie man zu sagen pflegt, ein wenig +schnüffelte! Da rief die Professorin: Ponto, Ponto! und hielt mir +geschickt zwischen dem zarten Daumen und dem niedlichen Zeigefinger ein +schönes Stück Braten hin. — Mag es sein, daß ich im Enthusiasmus des +aufgeregten Appetits ein wenig heftiger zuschnappte als gerade nötig, +doch gebissen habe ich nicht die zarte Lilienhand, das kannst du mir +glauben, guter Murr. Und doch schrie die Professorin laut auf: der böse +Hund! und fiel wie ohnmächtig zurück in den Sessel, und doch sah ich zu +meinem Entsetzen wirklich ein paar Blutstropfen am Daumen. Der Professor +geriet in Wut; er schlug mich, trat mich mit Füßen, mißhandelte mich so +unbarmherzig, daß ich mit dir, mein guter Kater hier wohl nicht vor der +Türe säße im lieben Sonnenschein, hätte ich mich nicht durch die +schleunige Flucht zum Hause hinaus gerettet. An Rückkehr war nicht zu +denken. Ich sah ein, daß gegen die schwarze Kabale, die die Professorin +aus reiner Rachgier wegen des freiherrlichen Handschuhs gegen mich +angezettelt, nichts auszurichten und beschloß mir gleich einen andern +Herrn zu suchen. Sonst wäre das der schönen Gaben halber, die mir die +gütige, mütterliche Natur verliehen, ein Leichtes gewesen, Hunger und +Gram hatten mich aber so heruntergebracht, daß ich bei meinem miserablen +Aussehen in der Tat befürchten mußte, überall abgewiesen zu werden. +Traurig, von drückenden Nahrungssorgen gequält, schlich ich vors Tor. +Ich erblickte den Herrn Baron Alcibiades von Wipp, der vor mir herging +und ich weiß nicht, wie mir der Gedanke kam, ihm meine Dienste +anzubieten. Vielleicht war es ein dunkles Gefühl, daß ich auf diese +Weise Gelegenheit erhalten würde mich an dem undankbaren Professor zu +rächen, wie es sich später denn auch wirklich begab. — Ich tänzelte an +den Baron heran, wartete ihm auf und folgte, als er mich mit einigem +Wohlgefallen betrachtete, ihm ohne Umstände nach in seine Wohnung. Sehen +Sie, so sprach er zu einem jungen Menschen, den er seinen Kammerdiener +nannte, unerachtet er sonst keinen andern Diener hatte, sehen Sie +Friedrich, was sich da für ein Pudel zu mir eingefunden hat. Wär' er nur +hübscher! Friedrich rühmte dagegen den Ausdruck meines Antlitzes, sowie +den zierlichen Wuchs und meinte, ich müsse von meinem Herrn schlecht +gehalten sein und habe ihn wahrscheinlich deshalb verlassen. Setzte er +noch hinzu, daß Pudel, die sich so von selbst aus freiem Antriebe +einfänden, gewöhnlich treue rechtschaffene Tiere wären, so konnte der +Baron nicht umhin mich zu behalten. Unerachtet ich nun <a class="pagenum" name="page_315">315</a>durch Friedrichs +Vorsorge ein recht glaues Ansehen gewann, so schien der Baron doch nicht +sonderlich viel auf mich zu halten und litt es nur eben zur Not, daß ich +ihn auf seinen Spaziergängen begleitete. — Das sollte anders kommen. —</p> + +<p>Wir begegneten auf einem Spaziergange der Professorin. — Erkenne, guter +Murr, das gemütliche Gemüt — ja so will ich sagen — eines ehrlichen +Pudels, wenn ich versichere, daß, unerachtet mir die Frau sehr weh +getan, ich doch eine ungeheuchelte Freude empfand, sie wiederzusehen. +— Ich tanzte vor ihr her, bellte lustig, und gab ihr meine Freude auf +alle nur mögliche Weise zu erkennen. Sieh da, Ponto! rief sie, +streichelte mich und blickte den Baron von Wipp, der stehen geblieben +war, bedeutend an. Ich sprang zu meinem Herrn zurück, der mich +liebkoste. Er schien auf besondere Gedanken zu geraten; mehrmals +hintereinander murmelte er in sich hinein: Ponto! — Ponto, wenn das +möglich sein sollte!</p> + +<p>Wir hatten einen nahe gelegenen Lustort erreicht; die Professorin nahm +Platz mit ihrer Gesellschaft, bei der sich jedoch der liebe gutmütige +Herr Professor nicht befand. Unfern davon setzte sich der Baron Wipp, so +daß er, ohne sonderlich von den andern bemerkt zu werden, die +Professorin beständig im Auge behielt. Ich stellte mich vor meinen Herrn +und guckte ihn an, indem ich leise mit dem Schweif wedelte, als erwarte +ich seine Befehle. Ponto, sollte es möglich sein! wiederholte er. — Nun, +setzte er nach einem kurzen Stillschweigen hinzu, nun, es kommt auf den +Versuch an! — Damit nahm er einen kleinen Papierstreifen aus der +Brieftasche, schrieb einige Worte mit Bleistift darauf, rollte ihn +zusammen, steckte ihn mir unter das Halsband, wies nach der Professorin +und rief leise: Ponto — allons! — Nicht ein solcher kluger, in der Welt +gewitzigter Pudel hätte ich sein müssen, als ich es wirklich bin, um +nicht sogleich alles zu erraten. Ich machte mich daher sogleich an den +Tisch, wo die Professorin saß und tat, als verspüre ich großen Appetit +nach dem schönen Kuchen, der auf dem Tische stand. — Die Professorin +war die Freundlichkeit selbst, sie reichte mir Kuchen mit der einen +Hand, während sie mich mit der andern am Halse kraute. Ich fühlte, wie +sie den Papierstreifen hervor zog. Bald darauf verließ sie die +Gesellschaft und begab sich in einen Nebengang. Ich folgte ihr. Ich sah, +wie sie des Barons Worte eifrig las, wie sie aus ihrem Strickkästchen +einen Bleistift hervorholte, auf denselben Zettel einige Worte schrieb +und ihn dann wieder zusammenrollte. Ponto, sprach sie dann, indem sie +mich mit <a class="pagenum" name="page_316">316</a>schalkischem Blick betrachtete, du bist ein sehr kluger +vernünftiger Pudel, wenn du zu rechter Zeit apportierst! Damit steckte +sie mir das Zettelchen unter das Halsband, und ich unterließ nicht +eiligst hinzuspringen zu meinem Herrn. Der mutmaßte sogleich, daß ich +Antwort brächte, denn er zog alsbald den Zettel unter dem Halsbande +hervor. — Der Professorin Worte mußten sehr tröstlich lauten und +angenehm, denn des Barons Augen funkelten vor lauter Freude und er rief +entzückt: Ponto — Ponto, du bist ein herrlicher Pudel, mein guter Stern +hat mir dich zugeführt. Du kannst denken, guter Murr! daß ich nicht +weniger erfreut war, da ich einsah, wie ich nach dem, was sich soeben +zugetragen, in der Gunst meines Herrn hoch steigen müsse.</p> + +<p>In dieser Freude machte ich beinahe unaufgefordert alle nur möglichen +Kunststücke. Ich sprach wie der Hund, starb, lebte wieder auf, +verschmähte das Stück Weißbrot vom Juden und verzehrte mit Appetit das +vom Christen usw. Ein ungemein gelehriger Hund! So rief eine alte Dame, +die neben der Professorin saß, herüber. Ungemein gelehrig, erwiderte der +Baron. Ungemein gelehrig! hallte der Professorin Stimme nach wie ein +Echo. — Ich will dir nur ganz kurz sagen, guter Murr! daß ich den +Briefwechsel auf die erwähnte Weise fortwährend besorgte und noch jetzt +besorge, da ich zuweilen sogar mit Briefchen in des Professors Haus +laufe, wenn er gerade abwesend. Schleicht aber manchmal in der +Abenddämmerung der Herr Baron Alcibiades von Wipp zur holden Lätitia, so +bleibe ich vor der Haustüre und mache, läßt sich der Herr Professor nur +in der Ferne blicken, solch einen grimmigen Teufelslärm mit Bellen, daß +mein Herr ebensogut als ich, die Nähe des Feindes wittert und ihm +ausweicht. —</p> + +<p>Mir kam es vor, als könne ich Ponto's Betragen doch nicht recht +billigen, ich dachte an des verewigten Muzius, an meinen eignen tiefen +Abscheu vor jedem Halsbande, und schon dies setzte mich darüber ins +Klare, daß ein ehrliches Gemüt, so wie es ein rechtschaffener Kater in +sich trägt, dergleichen Liebeskuppeleien verschmähe. Alles dieses +äußerte ich dem jungen Ponto ganz unverhohlen. Der lachte mir aber ins +Gesicht und meinte, ob denn die Moral der Katzen so gar strenge sei, und +ob ich nicht selbst schon hin und wieder über die Schnur gehauen, d. h. +etwas getan, was für den engen moralischen Schubkasten etwas zu breit +sei. — Ich dachte an Mina und verstummte.</p> + +<p>Fürs erste, mein guter Murr! sprach Ponto weiter, ist es ein ganz +gemeiner Erfahrungssatz, daß niemand seinem Schicksal entgehen kann, er +mag es nun anstellen wie er auch will; du kannst als ein <a class="pagenum" name="page_317">317</a>Kater von +Bildung das weitere darüber nachlesen in einem sehr belehrenden und ganz +angenehm stilisierten Buche, <span class="antiqua">Jacques le fataliste</span> betitelt. War es nach +dem ewigen Ratschluß bestimmt, daß der Professor der Ästhetik, Herr +Lothario, ein — Nun du verstehst mich, guter Katz, aber zudem hat ja +der Professor durch die Art, wie er sich bei der merkwürdigen +Handschuhgeschichte — sie sollte mehr Celebrität erhalten, schreib' was +darüber Murr — benommen, seinen ganz entschiedenen ihm von der Natur +eingepflanzten Beruf bewiesen, in jenen großen Orden zu treten, den so +viele viele Männer tragen, mit der gebietendsten Würde, mit dem +schönsten Anstande, ohne es zu wissen. Diesen Beruf hätte Herr Lothario +erfüllt, gäb' es auch keinen Baron Alcibiades von Wipp, keinen Ponto. +Hatte aber wohl überhaupt Herr Lothario etwas anderes, besseres um mich +verdient, als daß ich gerade seinem Feinde mich in die Arme warf? — Dann +aber fand auch der Baron gewiß andere Mittel, sich mit der Professorin +zu verstehen und derselbe Schaden kam über den Professor, ohne mir den +Nutzen zu bringen, den ich jetzt wirklich von dem angenehmen Verhältnis +des Barons mit der holden Lätitia verspüre. Wir Pudel sind nicht solche +überstrenge Moralisten, daß wir in unserm eignen Fleische wühlen und die +im Leben schon sonst knapp genug zugeschnittenen guten Bissen +verschmähen sollten.</p> + +<p>Ich fragte den jungen Ponto, ob denn der Nutzen, den ihm sein Dienst bei +dem Baron Alcibiades von Wipp verschaffe, in der Tat so groß und wichtig +sei, daß er das Unangenehme, das Drückende der damit verbundenen +Knechterei aufwiege. Dabei gab ich ihm nicht undeutlich zu verstehen, +daß eben diese Knechterei einem Kater, dessen Freiheitssinn in der Brust +unauslöschlich, immer widerlich bleiben müsse.</p> + +<p>Du redest, guter Murr, erwiderte Ponto stolz lächelnd, wie du es +verstehst, oder vielmehr wie es dir deine gänzliche Unerfahrenheit in +den höhern Verhältnissen des Lebens erscheinen läßt. Du weißt nicht, was +es heißt, der Liebling eines solchen galanten gebildeten Mannes zu sein, +wie es der Baron Alcibiades von Wipp wirklich ist. Denn, daß ich seit +der Zeit, als ich mich so klug und dienstfertig benommen, sein größter +Liebling geworden, darf ich dir, o mein freiheitsliebender Katz, wohl +nicht erst sagen. Eine kurze Schilderung unserer Lebensweise wird dich +das Angenehme, das Wohltätige meiner jetzigen Lage sehr lebhaft fühlen +lassen. — Des Morgens stehen wir (ich und mein Herr nämlich) nicht zu +früh aber auch nicht zu spät auf; das heißt, auf den Schlag elf Uhr. +— Ich muß dabei bemerken, <a class="pagenum" name="page_318">318</a>daß mein breites weiches Lager unfern dem +Bette des Barons aufgeschlagen ist und daß wir viel zu harmonisch +schnarchen, um beim plötzlichen Erwachen zu wissen, wer geschnarcht hat. +— Der Baron zieht an der Glocke und sogleich erscheint der +Kammerdiener, der dem Baron einen Becher rauchender Schokolade, mir aber +einen Porzellannapf voll des schönsten süßen Kaffees mit Sahne bringt, +den ich mit demselben Appetit leere wie der Baron seinen Becher. Nach +dem Frühstück spielen wir ein halbes Stündchen miteinander, welche +Leibesbewegung nicht allein unserer Gesundheit zuträglich ist, sondern +auch unsern Geist erheitert. Ist das Wetter schön, so pflegt der Baron +auch wohl zum offenen Fenster hinauszuschauen und die Vorübergehenden +mit dem Fernglas zu begucken. Gehen gerade nicht viele vorüber, so gibt +es noch eine andere Belustigung, die der Baron eine Stunde hindurch +fortsetzen kann, ohne zu ermüden. — Unter dem Fenster des Barons ist +ein Stein eingepflastert, der sich durch eine besonders rötliche Farbe +auszeichnet, in der Mitte dieses Steines befindet sich aber ein kleines +eingebröckeltes Loch. Nun kommt es darauf an, so geschickt +herabzuspucken, daß gerade in dieses kleine Loch hineingetroffen wird. +— Durch viele anhaltende Übung hat es der Baron dahin gebracht, daß er +auf das drittemal Treffen pariert und schon manche Wette gewann. Nach +dieser Belustigung tritt der sehr wichtige Moment des Anziehens ein. Das +geschickte Kämmen und Kräuseln des Haares, vorzüglich aber das +kunstmäßige Knüpfen des Halstuchs besorgt der Baron ganz allein, ohne +Hilfe des Kammerdieners. Da diese beiden schwierigen Operationen etwas +lange dauern, so benutzt Friedrich die Zeit um mich auch anzukleiden. +D. h. mit einem in lauwarmes Wasser eingeweichten Schwamm wäscht er mir den +Pelz, kämmt die langen Haare, die der Friseur an schicklichen Örtern +zierlich stehen lassen mit einem genugsam engen Kamme durch und legt mir +das schöne silberne Halsband um, das der Baron mir gleich verehrte, als +er meine Tugenden entdeckt. Die folgenden Augenblicke sind der Literatur +und den schönen Künsten gewidmet. Wir gehen nämlich in eine Restauration +oder in ein Kaffeehaus, genießen Beefsteak oder Karbonade, trinken ein +Gläschen Madeira, und gucken etwas weniges in die neuesten Journale, in +die neuesten Zeitungen. Dann beginnen die Vormittags-Visiten. Wir +besuchen diese, jene große Schauspielerin, Sängerin, ja auch wohl +Tänzerin, um ihr die Neuigkeiten des Tages, hauptsächlich aber den +Verlauf irgend eines Debüts von gestern abend, zu hinterbringen. Es ist +merkwürdig, mit welchem Geschick <a class="pagenum" name="page_319">319</a>der Baron Alcibiades von Wipp seine +Nachrichten einzurichten weiß, um die Damen stets bei guter Laune zu +erhalten. Niemals ist es der Gegnerin oder wenigstens Kombattantin +gelungen, sich nur einen Teil des Ruhms anzueignen, der die Gefeierte +krönt, die er soeben im Schmollzimmerchen heimsucht. Man hat die Arme +ausgezischt — ausgelacht — und ist denn wirklich erhaltener glänzender +Beifall nicht wohl zu verschweigen, so weiß der Baron ganz gewiß ein +neues skandalöses Geschichtchen von der Dame aufzutischen, das ebenso +begierig vernommen als verbreitet wird, damit gehöriges Gift die Blumen +des Kranzes vor der Zeit töte. — Die vornehmeren Visiten bei der Gräfin +A., bei der Baronesse B., bei der Gesandtin C. usw. füllen die Zeit aus +bis halb vier Uhr; und nun hat der Baron seine eigentlichen Geschäfte +abgemacht, so daß er um vier Uhr sich beruhigt zu Tische setzen kann. +Dies geschieht gewöhnlich wieder in einer Restauration. Nach Tische +gehen wir zu Kaffee, spielen auch wohl eine Partie Billard und machen +dann, erlaubt es die Witterung, eine kleine Promenade, ich beständig zu +Fuß, der Baron aber manchmal zu Pferde. So ist die Theaterstunde +herangekommen, die der Baron niemals versäumt. Er soll im Theater eine +überaus wichtige Rolle spielen, da er das Publikum nicht allein von +allen Verhältnissen der Bühne und der auftretenden Künstler in Kenntnis +setzen, sondern auch das gehörige Lob, den gehörigen Tadel anordnen, so +aber überhaupt den Geschmack im richtigen Gleise erhalten muß. Er fühlt +einen natürlichen Beruf dazu. Da man den feinsten Leuten meines +Geschlechts ungerechterweise den Eingang in das Theater durchaus nicht +verstattet, so sind die Stunden während der Vorstellung die einzigen, in +denen ich mich von meinem lieben Baron trenne und mich allein auf meine +eigene Hand belustige. Wie dies nun geschieht, und wie ich die +Konnexionen mit Windspielen, englischen Wachtelhunden, Möpsen und andern +vornehmen Leuten benutze, das sollst du künftig erfahren, guter Murr! +— Nach dem Theater speisen wir wieder in einer Restauration, und der +Baron überläßt sich in heitrer Gesellschaft ganz seiner frohen Laune. +Das heißt, alle sprechen, alle lachen und finden alles auf Ehre +göttlich, und keiner weiß, was er spricht und worüber er lacht und was +als auf Ehre göttlich gerühmt werden darf. Darin besteht aber das +Sublime der Konversation, das ganze soziale Leben derer, die sich zur +eleganten Lehre bekennen, wie mein Herr. Manchmal fährt aber auch wohl +der Baron noch in später Nacht in diese, jene Gesellschaft und soll dort +ganz exzellent sein. Auch davon <a class="pagenum" name="page_320">320</a>weiß ich nichts, denn der Baron hat mich +noch niemals mitgenommen, wozu er vielleicht seine guten Gründe haben +mag. — Wie ich auf dem weichen Lager in der Nähe des Barons herrlich +schlafe, habe ich dir schon gesagt. Gestehe aber nun selbst, guter Katz! +wie nach der Lebensweise, die ich hier ausführlich beschrieben, mich der +alte mürrische Oheim eines wüsten, liederlichen Wandels anklagen kann? +— Es ist wahr, daß ich, schon hab' ich dir's gestanden, vor einiger Zeit +gerechten Anlaß gab zu allerlei Vorwürfen. Ich trieb mich umher in +schlechter Gesellschaft und fand eine besondere Lust darin, mich +überall, vorzüglich in Vermählungsschmäuse ungebeten einzudrängen und +ganz unnützen Skandal anzufangen. Alles dies geschah aber nicht aus +reinem Trieb zu wüster Balgerei, sondern aus bloßem Mangel an höherer +Kultur, die ich bei den Verhältnissen, wie sie in dem Hause des +Professors bestanden, nicht erhalten konnte. Jetzt ist das alles anders. +Doch! wen erblick' ich? — Dort geht der Baron Alcibiades von Wipp! — Er +sieht sich nach mir um — er pfeift! <span class="antiqua">Au revoir,</span> Bester! —</p> + +<p>Schnell wie der Blitz sprang Ponto seinem Herrn entgegen. Das Äußere des +Barons entsprach ganz dem Bilde, das ich mir wohl nach dem, was Ponto +von ihm gesagt, machen durfte. — Er war sehr groß und nicht sowohl +schlank gewachsen als spindeldürr. Kleidung, Stellung, Gang, Gebärde, +alles konnte für den Prototypus der letzten Mode gelten, die aber, bis +ins Phantastische hinausgetrieben, seinem ganzen Wesen etwas Seltsames, +Abenteuerliches gab. Er trug ein kleines sehr dünnes Röhrchen mit einer +stählernen Krücke in der Hand, über das er Ponto einigemal springen +ließ. So herabwürdigend mir dieses auch schien, gestehen mußte ich doch, +das Ponto mit der höchsten Geschicklichkeit und Stärke jetzt eine Anmut +verband, die ich sonst noch niemals an ihm bemerkt. Überhaupt, wie nun +der Baron mit vorgestreckter Brust, den Leib eingezogen, mit einem +sonderbaren ausgespreizten Hahnentritt weiter fortwandelte und Ponto in +sehr zierlichen Kurbetten bald vorwärts, bald nebenher sprang und sich +nur ganz kurze, zum Teil stolze Begrüßungen vorübergehender Kameraden +erlaubte, so sprach sich darin ein gewisses Etwas aus, das ohne mir +deutlich zu werden, dennoch mir imponierte. — Ich ahnte, was mein +Freund Ponto mit der höheren Kultur gemeint und suchte, so viel möglich, +darüber ganz ins klare zu kommen. Das hielt aber sehr schwer, oder +vielmehr, meine Bemühungen blieben ganz vergebens. —</p> + +<p>Später habe ich eingesehen, daß an gewissen Dingen alle <a class="pagenum" name="page_321">321</a>Probleme, alle +Theorien, die sich in dem Geiste bilden mögen, scheitern und daß nur +durch die lebendige Praxis die Erkenntnis zu erringen; die höhere +Kultur, welche beide, der Baron Alcibiades von Wipp und der Pudel Ponto +in der feinen Welt erlangt, gehört aber zu diesen gewissen Dingen. —</p> + +<p>Der Baron Alcibiades von Wipp lorgnettierte mich im Vorübergehen sehr +scharf. Es schien mir, als läs' ich Neugierde und Zorn in seinem Blick. +Sollte er vielleicht Ponto's Unterhaltung mit mir gewahrt und ungnädig +vermerkt haben? Mir wurde etwas ängstlich zumute, ich eilte schnell die +Treppe hinauf. —</p> + +<p>Ich sollte nun, um alle Pflichten eines tüchtigen Selbstbiographen zu +erfüllen, wiederum meinen Seelenzustand beschreiben und könnte das nicht +besser tun, als mittels einiger sublimer Verse, die ich seit einiger +Zeit so recht, wie man zu sagen pflegt, aus dem Pelzärmel schüttle. Ich +will —</p> + +<p><em class="gesperrt">(Mak. Bl.)</em> — — mit diesem einfältigen armseligen Spielwerk den besten +Teil meines Lebens vergeudet. — Und nun jammerst du alter Tor und +klagst das Geschick an, dem du vermessen Trotz botest! — Was gingen dich +die vornehmen Leute, was ging dich die ganze Welt an, die du +verhöhntest, weil du sie für närrisch hieltest, und selbst am +närrischsten warst! — Beim Handwerk, beim Handwerk mußtest du bleiben, +Orgeln bauen und nicht den Hexenmeister spielen und den Wahrsager. — Sie +hätten sie mir nicht gestohlen, mein Weib wäre bei mir, ein tüchtiger +Arbeiter säß' ich in der Werkstatt und rüstige Gesellen klopften und +hämmerten um mich her, und wir förderten Werke, die sich hören und sehen +ließen, wie keine andere weit und breit. — Und Chiara! — vielleicht +hingen muntre Knaben mir am Halse, vielleicht schaukelte ich ein +schmuckes Töchterlein auf den Knien. — Tausend Teufel, was hält mich +ab, daß ich nicht den Augenblick davonrenne und das verlorene Weib suche +in der ganzen weiten Welt! — Damit warf Meister Abraham, der dies +Selbstgespräch gehalten, das kleine begonnene Automat sowie alles +Handwerkszeug unter den Tisch, sprang auf, und schritt heftig hin und +her. — Der Gedanke an Chiara, der ihn jetzt beinahe niemals verließ, +rief alle schmerzliche Wehmut in seinem Innern hervor, und wie mit +Chiara damals sein höheres Leben begonnen, verließ ihn auch jetzt jener +trotzige, dem Gemeinen entsprossene Unwille darüber, daß er über sein +Handwerk hinweggeschaut und wirkliche Kunst zu üben sich unterfangen. +— Er schlug Severino's Buch auf und schaute lange <a class="pagenum" name="page_322">322</a>die holde Chiara an. +Wie ein Mondsüchtiger, der der äußeren Sinne beraubt nur nach dem innern +Gedanken automatisch handelt, ging Meister Abraham dann zu einem Kasten, +der in einem Winkel des Zimmers stand, räumte Bücher und Sachen, womit +er bepackt, herunter, öffnete ihn, nahm die Glaskugel, den ganzen +Apparat zum geheimnisvollen Experiment mit dem unsichtbaren Mädchen +hervor, befestigte die Kugel an einer dünnen seidnen Schnur, die von der +Decke herabhing, stellte im Zimmer alles so her, wie es zu dem +versteckten Orakel nötig. Erst als er mit allem fertig geworden, +erwachte er aus der träumerischen Betäubung und erstaunte nicht wenig +darüber, was er begonnen. Ach, jammerte er dann laut, indem er ganz +ermattet, ganz trostlos in den Lehnstuhl sank, ach Chiara, arme verlorne +Chiara, niemals werd' ich wieder deine süße Stimme verkünden hören, was +in des Menschen tiefster Brust verschlossen. Kein Trost mehr auf Erden, +— keine Hoffnung als das Grab. —</p> + +<p>Da schwankte die Glaskugel hin und her und ein melodischer Ton ließ sich +vernehmen, wie wenn Windeshauch leise hinstreift über die Saiten der +Harfe. Aber bald wurde der Ton zu Worten:</p> + +<div class="poem" style="width: 22em;"> +<div class="stanza"> +Noch ist Leben nicht dahin,<br /> +Trost und Hoffnung nicht verschwunden.<br /> +Was vermag der frömmste Sinn,<br /> +Hält ihn schwerer Eid gebunden?<br /> +Meister! Mut! — du wirst gesunden,<br /> +Blick auf zu der Dulderin,<br /> +Die da heilt die tiefsten Wunden,<br /> +Bittrer Schmerz bringt dir Gewinn.<br /> +</div> +</div> + +<p>O du barmherziger Himmel, lispelte der Alte mit bebenden Lippen, sie ist +es selbst, die zu mir spricht von dem hohen Himmel herab; sie wandelt +nicht mehr unter den Lebendigen! — Da ließ sich jener melodische Ton +abermals vernehmen und noch leiser, noch entfernter erklangen die Worte:</p> + + +<div class="poem" style="width: 22em;"> +<div class="stanza"> +Nicht erfaßt der bleiche Tod,<br /> +Die im Herzen Liebe tragen;<br /> +Dem glänzt noch das Abendrot,<br /> +Der am Morgen wollt' verzagen.<br /> +Bald kann dir die Stunde schlagen,<br /> +Die entreißt dich aller Not;<br /> +Zu vollbringen magst du wagen,<br /> +Was die ew'ge Macht gebot.<br /> +</div> +</div> + +<p><a class="pagenum" name="page_323">323</a>Stärker anschwellend und wieder verhallend lockten die süßen Töne den +Schlaf herbei, der den Alten einhüllte in seinen schwarzen Fittich. Aber +in dem Dunkel ging strahlend wie ein schöner Stern der Traum vergangenen +Glücks auf und Chiara lag wieder an des Meisters Brust und beide waren +wieder jung und selig, und kein finstrer Geist vermochte den Himmel +ihrer Liebe zu trüben. —</p> + +<blockquote><p>Hier hat, wie der Herausgeber es dem geneigten Leser bemerklich +machen muß, der Kater wieder ein paar Makulaturblätter ganz +weggerissen, wodurch in dieser Geschichte voller Lücken wiederum +eine Lücke entstanden. Nach der Seitenzahl fehlen aber nur acht +Kolumnen, die eben nichts besonders Wichtiges enthalten zu haben +scheinen, da das Folgende sich im ganzen noch so ziemlich an das +Vorhergegangene reiht. Also weiter heißt es:</p></blockquote> + +<p>— — — nicht erwarten durfte. Fürst Irenäus war überhaupt ein +abgesagter Feind von allen ungewöhnlichen Vorfällen, vorzüglich wenn +seine eigne Person in Anspruch genommen wurde, die Sache näher zu +untersuchen. Er nahm daher, wie er es in kritischen Fällen zu tun +pflegte, eine Doppelprise, starrte den Leibjäger an mit dem bekannten +niederschmetternden Friedrichsblick und sprach: Lebrecht, ich glaube, +wir sind ein mondsüchtiger Träumer und sehen Gespenster, und machen +einen ganz unnötigen Hallas?</p> + +<p>Durchlauchtigster Herr, erwiderte der Leibjäger in sehr ruhiger Fassung, +lassen Sie mich fortjagen wie einen ordinären Schuft, wenn nicht alles +buchstäblich wahr ist, wie ich es erzählt habe! Ich wiederhole es keck +und freimütig. Rupert ist ein ausgemachter Spitzbube.</p> + +<p>Wie, Rupert, rief der Fürst in vollem Zorn, mein alter treuer Kastellan, +der fünfzig Jahre dem Fürstenhause gedient, ohne jemals ein Schloß +einrosten zu lassen, oder im Auf- und Zuschließen zu mankieren, der soll +ein Spitzbube sein? Lebrecht! — Er ist besessen, Er ist rasend! +Himmeltausend Sapp —</p> + +<p>Der Fürst stockte wie immer, wenn er sich auf dem Fluchen ertappte, das +allem fürstlichen Anstande entgegen. Der Leibjäger nutzte diesen +Augenblick, um ganz geschwinde einzufallen: Durchlauchtigster Herr +werden nur gleich so hitzig und fluchen denn so gräßlich, und man darf +über so etwas doch nicht schweigen, man kann doch nichts behaupten als +die reine Wahrheit. — Wer ist hitzig, sprach der Fürst gelassen, wer +flucht? — Esel fluchen! — Ich will, daß Er mir die ganze Sache in +gedrängter Kürze wiederhole, damit ich in einer geheimen Sitzung alles +meinen Räten vortragen kann zur umständlichen <a class="pagenum" name="page_324">324</a>Beratung und Entscheidung +über die fernerhin zu ergreifenden Maßregeln. Ist Rupert wirklich ein +Spitzbube, so — Nun, das weitere wird sich dann finden.</p> + +<p>Wie gesagt, begann der Leibjäger, als ich gestern Fräulein Julien +vorleuchtete, schlüpfte derselbe Mensch, der hier schon längst +herumschleicht, bei uns vorüber. Halt, dacht ich in meinem Sinn, den +Urian wirst du doch ertappen, und löschte, als ich das liebe Fräulein +bis oben <ins title="heraufgebracht">hinaufgebracht</ins>, meine Fackel aus und stellte mich ins Dunkel. +Nicht lange dauerte es, so kam derselbe Mensch aus dem Gebüsch hervor +und klopfte leise an das Haus. Behutsam schlich ich einher. Da wurde das +Haus geöffnet und ein Mädchen trat heraus und mit diesem Mädchen +schlüpfte der Fremde hinein. Es war die Nanni, Sie kennen sie doch, +durchlauchtigster Herr, der Frau Rätin schöne Nanni?</p> + +<p><span class="antiqua">Coquin,</span> rief der Fürst, mit hohen gekrönten Häuptern spricht man nicht +von schönen Nanni's, doch! — fahr Er fort, <span class="antiqua">mon fils.</span> — Ja die schöne +Nanni, sprach der Leibjäger weiter, ich hätt' ihr solchen dummen Verkehr +gar nicht zugetraut. — Also weiter nichts als eine einfältige +Liebschaft, dacht ich in meinem Sinn; aber es wollte mir gar nicht in +den Kopf, daß nicht noch was anders dahinter stecken sollte. Ich blieb +am Hause stehen. Da kam nach einer guten Weile die Frau Rätin zurück, +und kaum war sie ins Haus getreten, als oben ein Fenster geöffnet wurde +und mit unglaublicher Behendigkeit der fremde Mensch hinaussprang, +gerade in die schönen Nelken- und Levkojenstöcke hinein, die dort +vergattert stehen und die das liebe Fräulein Julia selbst so sorglich +wartet. Der Gärtner lamentiert schrecklich; er ist mit den zerbrochenen +Scherben draußen und wollte bei dem durchlauchtigsten Herrn selbst Klage +führen. Ich habe ihn aber nicht hereingelassen, denn der Schlingel ist +angesoffen schon am frühen Morgen. Lebrecht, das scheint eine Imitation +zu sein, unterbrach der Fürst den Leibjäger, denn selbiges kommt schon +in der Oper von Herrn Mozart Figaro's Hochzeit geheißen, vor, die ich zu +Prag geschaut. Bleib Er der Wahrheit getreu, Jäger? — Auch nicht eine +Silbe rede ich anders, als ich es bekräftigen kann mit einem +körperlichen Eide, sprach Lebrecht weiter. Der Kerl war hingestürzt, und +ich gedachte ihn nun zu fassen; doch schnell wie der Blitz raffte der +Kerl sich auf und rannte spornstreichs — wohin? was denken Sie wohl, +durchlauchtigster Fürst, wohin er rannte? Ich denke nichts, erwiderte +der Fürst feierlich, turbier Er mich nicht mit lästigen Fragen <a class="pagenum" name="page_325">325</a>nach +Gedanken, Jäger! sondern erzähle Er ruhig so lange, bis die Geschichte +aus ist, dann will ich denken.</p> + +<p>Gerade nach dem unbewohnten Pavillon rannte der Mensch, fuhr der Jäger +fort. Ja — unbewohnt! Sowie er an die Türe geklopft, wurd' es inwendig +hell, und wer nun heraustrat, war niemand anders als der saubere, +ehrliche Herr Rupert, dem der Fremde hineinfolgte ins Haus, das er nun +wieder fest verschloß. Sie sehen, durchlauchtigster Herr, daß Rupert +Verkehr treibt mit fremden, gefährlichen Gästen, die bei ihrer +Schleicherei gewiß Böses im Schilde führen. Wer weiß, worauf alles +abzielt und es ist ja möglich, daß selbst mein durchlauchtigster Fürst +hier in dem stillen ruhigen Sieghartshof von schlechten Menschen bedroht +wird.</p> + +<p>Da Fürst Irenäus sich für eine höchst bedeutende fürstliche Person +hielt, so konnt' es nicht fehlen, daß er manchmal von allerlei höfischen +Kabalen und bösen Nachstellungen träumte. Des Jägers letzte Äußerung +fiel ihm deshalb gar schwer aufs Herz, und er versank einige Augenblicke +in tiefes Nachsinnen. Jäger! Er hat recht, sprach er dann mit weit +aufgerissenen Augen. Die Sache mit dem fremden Menschen, der hier +herumschleicht, mit dem Licht, das sich zur Nachtzeit im Pavillon sehen +läßt, ist bedenklicher, als sie im ersten Augenblick erscheint. — Mein +Leben steht in Gottes Hand! aber mich umgeben treue Diener, und sollte +einer sich für mich aufopfern, so würde ich ganz gewiß die Familie +reichlich bedenken! — Verbreit' Er das unter meinen Leuten, guter +Lebrecht! — Er weiß, ein fürstliches Herz ist frei von jeder +Bangigkeit, von jeder menschlichen Todesfurcht, aber man hat auch +Pflichten gegen sein Volk, ihm muß man sich konservieren, zumal wenn der +Thronerbe noch unmündig. Darum will ich das Schloß nicht eher verlassen, +bis die Kabale im Pavillon zerstört ist. — Der Förster soll mit den +Revierjägern und allen übrigen Forstbedienten herankommen, alle meine +Leute sollen sich bewaffnen. Der Pavillon soll sogleich umstellt, das +Schloß fest verschlossen werden. Besorg' Er das guter Lebrecht! Ich +selbst schnalle meinen Hirschfänger um, lade Er meine Doppelpistolen, +aber vergesse Er nicht den Schieber vorzulassen, damit kein Unglück +geschieht. — Und daß man mir Nachricht gibt, wenn etwa die Zimmer des +Pavillons erstürmt und so die Verschwornen gezwungen werden sollen, sich +zu ergeben, damit ich mich zurückziehen kann in die innern Gemächer. Und +daß man die Gefangenen auf das sorglichste durchsucht, ehe sie vor den +Thron gebracht werden, damit keiner etwa in der Verzweiflung — doch was +steht <a class="pagenum" name="page_326">326</a>Er, was sieht Er mich an, was lächelt Er, was soll das heißen +Lebrecht?</p> + +<p>Ei, durchlauchtigster Herr, erwiderte der Leibjäger mit pfiffiger Miene, +ich meine nur, daß es gar nicht von nöten, den Förster mit seinen Leuten +herzubeordern.</p> + +<p>Warum nicht? fragte der Fürst erzürnt. Ich glaube gar, Er untersteht +sich mir zu widersprechen? — Und in jeder Sekunde steigt die Gefahr! +Tausend Sapp — Lebrecht, werf' Er sich auf Pferd — der Förster — seine +Leute — geladene Büchsen — den Augenblick sollen sie einrücken. —</p> + +<p>Sie sind aber schon da, durchlauchtigster Herr! sprach der Leibjäger.</p> + +<p>Wie — was! — rief der Fürst, indem er den Mund offen behielt um dem +Erstaunen Luft zu gönnen.</p> + +<p>Schon als der Morgen graute, fuhr der Jäger fort, war ich draußen beim +Förster. Schon ist der Pavillon so sorglich umstellt, daß keine Katze +heraus kann, viel weniger ein Mensch.</p> + +<p>Er ist ein vortrefflicher Jäger, Lebrecht, und ein treuer Diener des +fürstlichen Hauses, sprach der Fürst gerührt. Rettet Er mich aus dieser +Gefahr, so kann Er sicher auf eine Verdienstmedaille rechnen, die ich +selber erfinden und ausprägen lassen werde, von Silber oder von Gold, je +nachdem bei der Erstürmung des Pavillons weniger oder mehr Menschen +geblieben sind.</p> + +<p>Erlauben Sie es, durchlauchtigster Herr, sprach der Jäger, so gehen wir +nun gleich ans Werk. Das heißt, wir schlagen die Türe des Pavillons ein, +nehmen das Gesindel, das darin hauset, gefangen und alles ist vorüber. +Ja, ja, den Kerl, der mir so oft entschlüpft, der solch ein verfluchter +Springer ist, den verdammten Kerl, der sich dort im Pavillon als ein +ungebetener Gast selbst einquartiert hat, den will ich schon fassen, den +Spitzbuben den, der Fräulein Julien turbiert hat! —</p> + +<p>Welcher Spitzbube hat Julien turbiert? fragte die Rätin Benzon in das +Zimmer tretend. Wovon sprecht Ihr, guter Lebrecht? — Der Fürst schritt +feierlich, bedeutsam, wie jemand, dem Großes, Ungeheures begegnet, das +er mit aller Stärke des Geistes bemüht ist zu tragen, der Benzon +entgegen. Er faßte ihre Hand, drückte sie zärtlich und sprach dann mit +sehr weicher Stimme: Benzon! selbst in der einsamsten, tiefsten +Zurückgezogenheit folgt die Gefahr dem fürstlichen Haupt. — Es ist das +Los der Fürsten, daß alle Milde, alle Güte des Herzens sie nicht schützt +vor dem feindlichen Dämon, der den Neid, die Herrschsucht entflammt in +der Brust verräterischer Vasallen! — Benzon, die <a class="pagenum" name="page_327">327</a>schwärzeste Verräterei +hat ihr schlangenhaariges Medusenhaupt erhoben gegen mich, Sie finden +mich in der dringendsten Gefahr! — Aber bald ist der Augenblick der +Katastrophe da, diesem Getreuen verdanke ich vielleicht bald mein Leben, +meinen Thron! — Und ist es anders beschlossen — nun so ergebe ich mich +in mein Schicksal. — Ich weiß, Benzon, Sie konservieren Ihre +Gesinnungen gegen mich, und so kann ich, wie jener König in dem +Trauerspiel eines deutschen Dichters, mit dem Prinzessin Hedwiga mir +neulich den Tee verdarb, hochsinnig rufen: Nichts ist verloren, denn Sie +blieben mein! — Küssen Sie mich gute Benzon! — Teures Malchen, wir +sind und bleiben die Alten! — Guter Gott, ich radottiere wohl in der +Seelenangst! — Lassen Sie uns gefaßt sein, meine Liebe, wenn die +Verräter gefangen sind, werd' ich sie mit einem Blick vernichten. +— Leibjäger, es beginne der Angriff auf den Pavillon. — Der Leibjäger +wollte schnell fort. — Halt, rief die Benzon, was für ein Angriff? Auf +welchen Pavillon?</p> + +<p>Der Leibjäger mußte auf den Befehl des Fürsten nochmals über den ganzen +Vorfall genauen Rapport abstatten.</p> + +<p>Immer mehr und mehr schien die Benzon durch des Leibjägers Erzählung +gespannt zu werden. Als er geendet, rief die Benzon lachend: Nun das ist +das drolligste Mißverständnis, das es wohl geben mag. Ich bitte, +gnädigster Herr, daß der Förster mit seinen Leuten sogleich nach Hause +geschickt werde. — Es ist von gar keiner Verschwörung die Rede; Sie +befinden sich nicht in der mindesten Gefahr, gnädigster Herr! — Der +unbekannte Bewohner des Pavillons ist schon Ihr <ins title="Gefangener">Gefangener.</ins></p> + +<p>Wer, fragte der Fürst voll Erstaunen, wer, welcher Unglückselige bewohnt +den Pavillon ohne meine Erlaubnis?</p> + +<p>Es ist Prinz Hektor, der sich im Pavillon verbirgt! raunte die Benzon +dem Fürsten ins Ohr.</p> + +<p>Der Fürst prallte einige Schritte zurück, als träfe ihn plötzlich ein +Schlag von unsichtbarer Hand, dann rief er: Wer? — wie? <span class="antiqua">est il +possible</span>! — Benzon! träume ich? — Prinz Hektor? des Fürsten Blicke +fielen auf den Leibjäger, der ganz verblüfft den Hut in der Hand +zusammenknillte. Jäger, schrie der Fürst ihn an, scher' Er sich hinab, +der Förster, die Leute sie sollen fort — fort nach Hause! kein Mensch +soll sich blicken lassen! — Benzon, wandte er sich dann zur Rätin, gute +Benzon, können Sie es sich vorstellen, einen Kerl, einen Spitzbuben hat +Lebrecht den Prinzen Hektor genannt! — Der Unglückliche! — Doch es +bleibt unter uns, Benzon, es ist ein Staats<a class="pagenum" name="page_328">328</a>geheimnis. — Sagen Sie, +erklären Sie mir nur, wie es geschehen konnte, daß der Prinz vorgibt +abzureisen, und sich hier versteckt, als wolle er auf Abenteuer +ausgehen?</p> + +<p>Die Benzon sah sich durch die Beobachtungen des Leibjägers aus großer +Verlegenheit gerettet. Hatte sie sich vollkommen überzeugt, daß es +ihrerseits nicht ratsam, dem Fürsten die Gegenwart des Prinzen in +Sieghartshof, am wenigsten aber seinen Anschlag auf Julien zu entdecken, +so konnte doch auch die Sache nicht in der Lage bleiben, die mit jeder +Minute sich für Julien, für das ganze Verhältnis das sie, die Benzon +selbst, mit aller Mühe aufrecht erhielt, bedrohlicher gestalten mußte. +Jetzt, da der Leibjäger den Schlupfwinkel des Prinzen erlauscht, und +dieser Gefahr lief, auf nicht sehr ehrenvolle Weise hervorgezogen zu +werden, konnte, durfte sie ihn verraten, ohne Julia preiszugeben. Sie +erklärte also dem Fürsten, daß wahrscheinlich ein Liebeszwist mit der +Prinzessin Hedwiga den Prinzen vermocht, eine schnelle Abreise +vorzugeben und sich mit seinem treusten Kammerdiener ganz in der Nähe +der Geliebten zu verstecken. Daß dies Beginnen etwas Romanhaftes, +Abenteuerliches in sich trage, sei nicht zu leugnen, doch welcher +Liebende habe nicht Hang zu dergleichen. Übrigens sei des Prinzen +Kammerdiener ein sehr eifriger Liebhaber ihrer Nanni, und durch diese +ihr das Geheimnis verraten worden.</p> + +<p>Ha! rief der Fürst, dem Himmel sei es gedankt, so war es der +Kammerdiener und nicht der Prinz selbst, der sich zu Ihnen ins Haus +stahl und dann durchs Fenster sprang in die Blumentöpfe, wie der Page +Cherubim. — Mir stiegen schon allerlei unangenehme Gedanken auf. Ein +Prinz und durchs Fenster springen, wie könnte sich das wohl in aller +Welt reimen.</p> + +<p>Ei, erwiderte die Benzon schalkisch lachend, ich kenne doch eine +fürstliche Person, die den Weg zum Fenster hinaus nicht verschmähte, als — +</p> + +<p>Sie alterieren mich, Benzon, unterbrach der Fürst die Rätin, Sie +alterieren mich ganz ungemein! Schweigen wir von vergangenen Dingen, +überlegen wir lieber, was jetzt mit dem Prinzen anzufangen! Alle +Diplomatie, alles Staatsrecht, alles Hofgesetz holt der Teufel in dieser +verdammten Lage! — Soll ich ihn ignorieren? — soll ich ihn zufällig +finden? — soll ich … soll ich? Alles dreht sich in meinem Kopfe wie +ein Wirbel. Das kommt davon, wenn fürstliche Häupter sich zu +wunderlichen Romanstreichen herabwürdigen!</p> + +<p>Die Benzon wußte in der Tat nicht, wie das weitere Verhältnis <a class="pagenum" name="page_329">329</a>mit dem +Prinzen zu formen. Doch auch dieser Verlegenheit wurde abgeholfen. Noch +ehe die Rätin nämlich dem Fürsten antworten konnte, trat der alte +Kastellan Rupert hinein und überreichte ein klein zusammengefaltetes +Billett, indem er schelmisch lächelnd versicherte, es käme von einer +hohen Person, die er gar nicht weit von hier die Ehre hätte unter Schloß +und Riegel zu bewahren. Er wußte also, Rupert, sprach der Fürst sehr +gnädig zu dem Alten, daß? Nun ich habe Ihn immer für einen ehrlichen +treuen Diener meines Hauses gehalten, und Er hat sich auch jetzt als +einen solchen bewährt, da Er, wie es seine Pflicht war, dem Befehl +meines erhabenen Eidams gehorchet. — Ich werde an Seine Belohnung +denken. Rupert dankte in den demütigsten Ausdrücken und entfernte sich +aus dem Zimmer.</p> + +<p>Es begibt sich gar oft im Leben, daß einer für besonders ehrlich und +tugendhaft gehalten wird, gerade in dem Augenblick, wenn er einen +Spitzbubenstreich begangen. Daran dachte die Benzon, die von des Prinzen +bösem Anschlage besser unterrichtet und überzeugt war, daß der alte +heuchlerische Rupert in das böse Geheimnis eingeweiht.</p> + +<p>Der Fürst erbrach das Billett und las:</p> + +<div class="poem" style="width: 20em"> +<div class="stanza antiqua"> +Che dolce più, che più giocondo stato<br /> +Saria, di quel d'un amoroso core?<br /> +Che viver più felice, e più beato,<br /> +Che ritrovarsi in servitù d'Amore?<br /> +Se non fosse l'huom sempre stimulato<br /> +Da quel sospetto rio, da quel timore,<br /> +Da quel martir, da quella frenesia,<br /> +Da quella rabbia, detta gelosia. +</div> +</div> + +<p>In diesen Versen eines großen Dichters finden Sie, mein Fürst, die +Ursache meines geheimnisvollen Beginnens. Ich glaubte mich nicht geliebt +von der, die ich anbete, die mein Leben ist, all mein Sehnen und Hoffen, +für die alle brünstige Glut lodert in der entflammten Brust. Wohl mir! +— ich habe mich eines Bessern überzeugt, ich weiß seit wenigen Stunden, +daß ich geliebt bin, und trete aus meinem Schlupfwinkel hervor. — Liebe +und Glück, das sei das Losungswort, das mich ankündigt. — Bald begrüße +ich Sie, mein Fürst! mit der Ehrfurcht des Sohnes. + +<span style="position: absolute; right: 15%;"><em class="gesperrt">Hektor.</em></span> +</p> + +<p>Vielleicht ist es dem geneigten Leser nicht ganz unlieb, wenn der +Biograph hier auf zwei Sekunden die Geschichte ruhen läßt und den +Versuch einer Übersetzung jener italienischen Verse einschiebt. — Sie +könnten ungefähr also lauten:</p> + + +<div class="poem" style="width: 25em"> +<div class="stanza"> +<a class="pagenum" name="page_330">330</a>„Gäb's süßres noch, gäb's höheres Entzücken,<br /> +Als wenn das Herz entbrannt in brünst'ger Liebe?<br /> +Könnt' den ein sel'gres Himmelslos beglücken,<br /> +Der in des mächt'gen Gottes Fesseln bliebe?<br /> +Vermöchte nicht den Menschen zu berücken<br /> +Der finstre Geist, Verdacht! der Furcht Getriebe,<br /> +Trostlose Qual, Wahnsinns wuchernder Samen,<br /> +Der Hölle Furie, Eifersucht ihr Namen!<br /> +</div> +</div> + +<p>Der Fürst las das Billett zwei-, dreimal sehr aufmerksam durch und je +öfter er es las, desto finstrer zogen sich die Falten auf seiner Stirne +zusammen. Benzon! was ist das mit dem Prinzen? sprach er endlich. Verse, +italienische Verse an ein fürstliches Haupt, an einen gekrönten +Schwiegervater, statt deutlicher vernünftiger Erklärung? — Was soll +das! — Es ist kein Verstand darin. — Der Prinz scheint überspannt zu +sein auf ganz ungebührliche Weise. Die Verse sprechen, soviel ich davon +verstehe, von dem Glück der Liebe und von den Qualen der Eifersucht. Was +will der Prinz mit der Eifersucht, auf wen, um tausend Himmels willen +kann er hier eifersüchtig sein? — Sagen Sie mir gute Benzon, finden Sie +in diesem Billett des Prinzen auch nur ein Fünkchen gesunden +Menschenverstand? —</p> + +<p>Die Benzon entsetzte sich über den tiefern Sinn, der in den Worten des +Prinzen lag, und den sie nach dem, was sich gestern in ihrem Hause +begeben, leicht erraten konnte. Zugleich mußte sie aber die feine +Wendung bewundern, die der Prinz ersonnen, um ohne weitern Anstoß aus +seinem Versteck hervortreten zu dürfen. Weit entfernt, sich auch nur +leise darüber gegen den Fürsten zu äußern, mühte sie sich aber aus der +Lage der Dinge so viel Vorteil zu ziehen als nur möglich. Kreisler und +Meister Abraham, das waren die Personen, von denen sie Verwirrungen +ihrer geheimen Pläne befürchtete, und gegen diese glaubte sie jede Waffe +brauchen zu müssen, die ihr der Zufall in die Hand spielte. Sie +erinnerte den Fürsten daran, was sie ihm über die Leidenschaft gesagt +hatte, die in der Prinzessin Brust empor gelodert. Dem Scharfblick des +Prinzen, führte sie ferner an, könne die Stimmung der Prinzessin +ebensowenig entgangen sein, als Kreislers seltsames überspanntes +Betragen ihm Anlaß genug gegeben haben müsse, irgendein wahnsinniges +Verhältnis zwischen beiden zu vermuten. So sei hinlänglich erklärt, +warum der Prinz den Kreisler auf den Tod verfolgt, warum er, da er den +Kreisler getötet zu haben geglaubt, dem Schmerz, der Verzweiflung der +Prinzessin aus dem <a class="pagenum" name="page_331">331</a>Wege gegangen, dann aber, als er von Kreislers Leben +unterrichtet, von Liebe und Sehnsucht getrieben zurückgekehrt sei und +die Prinzessin heimlich beobachtet habe. Niemanden anders als Kreislern +habe daher die Eifersucht gegolten, von der die Verse des Prinzen +sprächen, und es sei um so nötiger und ratsamer, dem Kreisler forthin +keinen Aufenthalt in Sieghartshof zu gestatten, als er mit dem Meister +Abraham ein gegen alle Verhältnisse des Hofes gerichtetes Komplott +geschmiedet zu haben scheine.</p> + +<p>Benzon, sprach der Fürst sehr ernsthaft, ich habe darüber nachgedacht, +was Sie mir über die unwürdige Neigung der Prinzessin gesagt haben, und +glaube jetzt von allem auch nicht ein Wort. Fürstliches Blut wallt in +den Adern der Prinzessin. —</p> + +<p>Glauben Sie, gnädigster Herr, fuhr die Benzon heftig auf, indem sie bis +unter die Augen errötete, daß das fürstliche Weib über den Pulsschlag, +über die innere Ader des Lebens gebieten könne wie kein anderes?</p> + +<p>Sie sind heute in sehr seltsamer Stimmung, Rätin! sprach der Fürst +verdrießlich. — Ich wiederhole es, entstand in dem Herzen der +Prinzessin irgendeine abgeschmackte Leidenschaft, so war das nur ein +krankhafter Zufall — ein Krampf sozusagen — sie leidet ja an Spasmen +— von dem sie sich sehr bald ganz erholt haben würde. Was aber den +Kreisler betrifft, so ist das ein ganz amüsanter Mensch, dem nur +gehörige Kultur fehlt. Ich kann ihm gar nicht solche übermütige Keckheit +zutrauen, sich der Prinzessin annähern zu wollen. Keck ist er, aber auf +ganz andere Weise. Glauben Sie wohl, Benzon, daß nach seiner +wunderlichen Art gerade eine Prinzessin bei ihm gar kein Glück machen +würde, sollt' es denkbar sein, daß eine dergleichen hohe Person sich +herablassen könnte, in ihn verliebt zu werden. Denn — Benzon, <span class="antiqua">entre +nous soit dit</span> — er macht sich gar nicht sonderlich viel aus uns hohen +Häuptern, und das ist eben die lächerliche abgeschmackte Torheit, die +ihn unfähig macht am Hofe zu verweilen. Mag er daher entfernt bleiben: +kehrt er aber zurück, so sei er mir herzlich willkommen. Denn nicht +genug, daß er denn doch, wie ich vom Meister Abraham — ja den Meister +Abraham, den lassen Sie mir aus dem Spiele, Benzon, die Komplotte, die +er geschmiedet, haben immer zum Wohl des fürstlichen Hauses gereicht. +— Wie ich doch sagen wollte! Ja! — — Nicht genug, daß der +Kapellmeister, wie mir Meister Abraham gesagt, fliehen müssen auf +ungebührliche Weise, unerachtet er von mir freundlich aufgenommen, so +ist und bleibt er <a class="pagenum" name="page_332">332</a>ein ganz gescheiter Mensch, der mich amüsiert trotz +seines närrischen Wesens, <span class="antiqua">et cela suffit!</span></p> + +<p>Die Rätin erstarrte vor innerer Wut, sich so kalt abgefertigt zu sehen. +Ohne es zu ahnen war sie, als sie fröhlich den Strom hinabschwimmen +wollte, auf eine verborgene Klippe gestoßen. —</p> + +<p>Es entstand auf dem Schloßhofe ein großes Geräusch. Eine lange Reihe +Wagen rasselte heran, begleitet von einem starken Kommando +großherzoglicher Husaren. Der Oberhofmarschall, der Präsident, die Räte +des Fürsten, mehrere von der vornehmen Welt aus Sieghartsweiler stiegen +aus. Dorthin war die Nachricht gekommen, daß in Sieghartshof eine wider +das Leben des Fürsten gerichtete Revolution ausgebrochen, und nun kamen +die Getreuen nebst andern Verehrern des Hofes, sich um die Person des +Fürsten zu stellen, und brachten die Verteidiger des Vaterlandes mit, +die sie sich vom Gouverneur mit vieler Mühe erbeten.</p> + +<p>Vor lauter Beteurungen der Versammelten, daß sie Leib und Leben für den +gnädigsten Herrn zu opfern bereit seien, kam der Fürst gar nicht zu +Worte. Eben wollt' er endlich beginnen, als der Offizier, der das +Kommando führte, hineintrat und den Fürsten nach dem Operationsplan +fragte.</p> + +<p>Es liegt in der menschlichen Natur, daß, wenn die Gefahr, die uns Furcht +einjagte, sich vor unsern Augen auflöst in einen eitlen nichtigen +Popanz, uns dies immer mit großem Unmut erfüllt. Der Gedanke der +wirklichen Gefahr glücklich entgangen zu sein, nicht, daß gar keine +vorhanden, erregt uns Freude.</p> + +<p>So geschah es denn auch, daß der Fürst seinen Unmut, seinen Verdruß über +den unnötigen Tumult kaum unterdrücken konnte.</p> + +<p>Daß der ganze Lärm über ein Stelldichein eines Kammerdieners mit einer +Zofe, über die romanhafte Eifersüchtelei eines verliebten Prinzen +entstanden, sollte, konnte er das sagen? Er sann hin und her, die +ahnungsvolle Stille im Saal, nur unterbrochen von dem mutigen Sieg +versprechenden Wiehern der Husarenpferde, die draußen hielten, drückte +ihn bleiern nieder.</p> + +<p>Endlich räusperte er sich und begann sehr pathetisch: Meine Herren! Die +wunderbare Fügung des Himmels … — Was wollen Sie <span class="antiqua">mon ami?</span></p> + +<p>Mit dieser an den Hofmarschall gerichteten Frage unterbrach der Fürst +sich selbst. Wirklich hatte der Hofmarschall sich mehrmals gebückt und +durch Blicke zu verstehen gegeben, daß er was Wichtiges zu +hinter<a class="pagenum" name="page_333">333</a>bringen. Es kam heraus, daß soeben sich Prinz Hektor melden +lassen.</p> + +<p>Des Fürsten Gesicht heiterte sich auf, er sah, daß er über die +vermeintliche Gefahr, in der sein Thron geschwebt, sehr kurz sein und +die ehrwürdige Versammlung wie mit einem Zauberschlage in eine +Bewillkommnungs-Cour umsetzen könne. Er tat dies! —</p> + +<p>Nicht lange dauerte es so trat Prinz Hektor herein, in Gala-Uniform +glänzend gekleidet, schön, kräftig, stolz wie der fernhintreffende +Götter-Jüngling. Der Fürst machte ein paar Schritte vorwärts ihm +entgegen, fuhr aber auch gleich zurück, als träfe ihn der Blitz. Dicht +hinter dem Prinzen Hektor her sprang Prinz Ignatius in den Saal. Der +fürstliche Herr wurde leider mit jedem Tage dämischer und +abgeschmackter. Die Husaren auf dem Schloßhofe mußten ihm ganz +ausnehmend gefallen haben, denn er hatte einen Husaren vermocht ihm +Säbel, Tasche und Tschako zu geben, und sich in diese Herrlichkeiten +geputzt. — So kurbettierte er, als säße er zu Pferde, in kurzen +Sprüngen, mit dem blanken Säbel in der Faust im Saal umher, indem er die +eiserne Scheide tüchtig auf dem Boden nachklirren ließ, und lachte und +kicherte dabei ganz ungemein anmutig. <span class="antiqua">Partez — décampez! Allez vous en +— tout de suite.</span> So rief der Fürst mit glühenden Augen und donnernder +Stimme dem erschrockenen Ignaz entgegen, der sich ganz geschwind davon +machte.</p> + +<p>Keiner von den Anwesenden hatte so wenig Takt, den Prinzen Ignaz, die +ganze Szene zu bemerken. —</p> + +<p>Der Fürst, im vollsten Sonnenglanz der vorigen Milde und Freundlichkeit, +sprach nun mit dem Prinzen einige Worte und dann gingen beide, der Fürst +und der Prinz, im Kreise der Versammelten umher und redeten mit diesem, +jenem ein paar Worte. Die Cour war beendigt, d. h. die geistreichen, +tiefsinnigen Redensarten, deren man sich bei solcher Gelegenheit zu +bedienen pflegt, waren gehörig verspendet, und der Fürst begab sich mit +dem Prinzen in die Gemächer der Fürstin, dann aber, da der Prinz darauf +bestand die geliebte Braut zu überraschen, in das Gemach der Prinzessin. +Sie fanden Julia bei ihr.</p> + +<p>Mit der Hast des feurigsten Liebhabers flog der Prinz hin zur +Prinzessin, drückte ihre Hand hundertmal zärtlich an die Lippen, schwur, +daß er nur in dem Gedanken an sie gelebt, daß ein unglückliches +Mißverständnis ihm die Qualen der Hölle bereitet, daß er die Trennung +von der, die er anbete, nicht länger ertrage könne, daß nun ihm alle +Seligkeit des Himmels aufgegangen. —</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_334">334</a>Hedwiga empfing den Prinzen mit unbefangener Heiterkeit, die ihr sonst +eben nicht eigen. Sie begegnete den zärtlichen Liebkosungen des Prinzen +geradeso, wie es eine Braut wohl tun mag, ohne sich im voraus zu viel zu +vergeben; ja sie verschmähte es nicht, den Prinzen mit seinem Versteck +ein wenig aufzuziehn und zu versichern, daß sie keine Verwandlung +hübscher und anmutiger sich denken könne, als die eines Haubenstocks in +einen Prinzenkopf. Denn für einen Haubenstock habe sie den Kopf +gehalten, der sich in dem Giebelfenster des Pavillons blicken lassen. +Dies gab Anlaß zu allerlei artigen Neckereien des glücklichen Paars, die +selbst den Fürsten zu ergötzen schienen. Nun glaubte er den großen +Irrtum der Benzon rücksichts des Kreisler erst recht einzusehen, da nach +seiner Meinung Hedwiga's Liebe zu dem schönsten der Männer sich deutlich +genug aussprach. Geist und Körper der Prinzessin schienen in der +seltenen hohen Blüte zu stehen, wie sie glücklichen Bräuten ganz +besonders eigen. — Gerade entgegengesetzt verhielt es sich mit Julien. +Sowie sie den Prinzen erblickte, bebte sie zusammen von innerm Schauer +erfaßt. Blaß wie der Tod stand sie da mit tief zu Boden gesenkten Augen, +keiner Bewegung mächtig, kaum fähig, sich aufrecht zu erhalten. —</p> + +<p>Nach einer guten Weile wandte sich der Prinz zu Julien mit den +Worten: Fräulein Benzon, wenn ich nicht irre?</p> + +<p>Eine Freundin der Prinzessin von der frühsten Kindheit her, gleichsam +ein Schwesternpaar. Während der Fürst diese Worte sprach, hatte der +Prinz Julia's Hand gefaßt und ihr leise, leise zugehaucht: Nur du +bist's, die ich meine! — Julia schwankte, Tränen der bittersten Angst +drängten sich unter den Wimpern hervor; sie wäre niedergestürzt, hätte +die Prinzessin nicht schnell einen Sessel herbeigeschoben.</p> + +<p>Julia, sprach die Prinzessin leise, indem sie sich über die Ärmste +hinüberbeugte, Julia, fasse Dich doch nur! — Ahnest Du denn nicht den +harten Kampf, den ich kämpfe. — Der Fürst öffnete die Türe und rief +nach Eau de Luce. Solches führe ich nicht bei mir, sprach der ihm +entgegentretende Meister Abraham, aber guten Äther. Ist jemand +ohnmächtig geworden? — Äther hilft auch! —</p> + +<p>So kommt schnell herein, Meister Abraham, erwiderte der Fürst, und helft +Fräulein Julien.</p> + +<p>Doch sowie Meister Abraham in den Saal trat, sollte sich das Unerwartete +begeben.</p> + +<p>Geisterbleich starrte Prinz Hektor den Meister an, sein Haar schien +sich zu sträuben, kalter Angstschweiß ihm auf der Stirne zu stehen. +<a class="pagenum" name="page_335">335</a>Einen Schritt vorwärts, den Leib zurückgebogen, die Arme dem Meister +entgegengestreckt, war er dem Macbeth zu vergleichen, wenn plötzlich +Banko's entsetzliches blutiges Gespenst den leeren Platz der Tafel +füllt. — Ruhig holte der Meister sein Fläschchen hervor und wollte sich +Julien nahen.</p> + +<p>Da war es, als ermanne sich der Prinz wieder zum Leben. Severino, seid +Ihr's selbst? So rief der Prinz mit dem dumpfen Ton des tiefsten +Entsetzens. Allerdings, erwiderte Meister Abraham, ohne im mindesten aus +seiner Ruhe zu kommen, ohne nur die Miene zu verändern, allerdings. Es +ist mir sehr lieb, daß Ihr Euch meiner erinnert, gnädigster Herr; ich +hatte die Ehre Euch vor etlichen Jahren in Neapel einen kleinen Dienst +zu erzeigen.</p> + +<p>Der Meister trat noch einen Schritt vorwärts da faßte ihn der Prinz beim +Arm, zog ihn mit Gewalt auf die Seite, und nun erfolgte ein kurzes +Gespräch, von dem niemand der im Saal Befindlichen etwas verstand, da es +zu schnell und im neapolitanischen Dialekt geführt wurde.</p> + +<p>Severino! — wie kam der Mensch zu dem Bildnis?</p> + +<p>Ich gab es ihm zur Schutzwehr gegen Euch.</p> + +<p>Weiß er?</p> + +<p>Nein!</p> + +<p>Werdet Ihr schweigen?</p> + +<p>Zur Zeit — ja!</p> + +<p>Severino! — alle Teufel sind mir auf den Hals gehetzt! Was nennt Ihr +zur Zeit?</p> + +<p>Solange Ihr artig seid und den Kreisler in Ruhe laßt und auch jene da!</p> + +<p>— Nun ließ der Prinz den Meister los und trat an ein Fenster. — Julia +hatte sich indessen erholt. Mit dem unbeschreiblichen Ausdruck +herzzerreißender Wehmut den Meister Abraham anschauend, lispelte sie +mehr als daß sie sprach: O mein guter, lieber Meister, Ihr könnt mich +wohl retten! — Nicht wahr, Ihr gebietet über so manches? — Eure +Wissenschaft kann noch alles zum Guten lenken! — Der Meister gewahrte +in Julia's Worten den wunderbarsten Zusammenhang mit jenem Gespräch, als +habe sie in der höhern Erkenntnis des Traums alles verstanden und wisse +um das ganze Geheimnis!</p> + +<p>Du bist ein frommer Engel, sprach der Meister Julien leise ins Ohr, und +darum hat der finstre Höllengeist der Sünde keine Macht über Dich. +Vertraue Dich mir ganz; fürchte nichts und fasse Dich mit aller Kraft +des Geistes. — Denke auch an unsern Johannes.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_336">336</a>Ach, rief Julia schmerzlich, ach Johannes! — er kehrt zurück, nicht +wahr, Meister? ich werde ihn wiedersehen!</p> + +<p>Gewiß, erwiderte der Meister und legte den Finger auf den Mund; Julia +verstand ihn. —</p> + +<p>Der Prinz mühte sich, unbefangen zu scheinen; er erzählte, daß der Mann, +den man hier, wie er vernehme, Meister Abraham nenne, vor mehreren +Jahren in Neapel Zeuge einer sehr tragischen Begebenheit gewesen sei, in +die er, der Prinz, selbst verflochten, wie er gestehen müsse. — Diese +Begebenheit zu erzählen sei jetzt nicht an der Zeit, doch wolle er +künftig nicht damit zurückhalten. —</p> + +<p>Der Sturm im Innern war zu heftig, als daß sein Tosen nicht auf der +Oberfläche hätte sichtbar sein sollen, und so stimmte des Prinzen +verstörtes Antlitz, dem jeder Blutstropfen entschwunden schien, sehr +schlecht überein mit dem gleichgültigen Gespräch, zu dem er sich nun +zwang, um nur über den kritischen Moment hinwegzukommen. Besser als dem +Prinzen gelang es der Prinzessin, die Spannung des Augenblicks zu +besiegen. Mit der Ironie, die selbst den Argwohn, die Verbittrung +verflüchtigt zum feinsten Hohn, neckte Hedwiga den Prinzen umher in dem +Labyrinth seiner eignen Gedanken. Er, der gewandteste Weltmann, noch +mehr, ausgerüstet mit allen Waffen einer Ruchlosigkeit, die alles +Wahrhafte, jede Gestaltung des Lebens vernichtet, vermochte nicht diesem +seltsamen Wesen zu widerstehen. Je lebhafter Hedwiga sprach, je feuriger +und zündender die Blitze des geistreichen Spottes einschlugen, desto +verwirrter, beängstigter schien sich der Prinz zu fühlen, bis dies +Gefühl zum Unerträglichen stieg und er sich schnell entfernte.</p> + +<p>Dem Fürsten geschah das, was ihm bei solchen Anstößen jedesmal zu +geschehen pflegte; er wußte gar nicht, was er von dem allen denken +sollte. Er begnügte sich mit einigen französischen Brocken ohne +sonderliche Bedeutung, die er dem Prinzen zuwarf und die dieser mit +ebensolchen erwiderte.</p> + +<p>Der Prinz war schon zur Türe heraus, als Hedwiga plötzlich, im ganzen +Wesen verändert zum Fußboden niederstarrte und mit einem seltsamen das +Herz durchschneidenden Ton laut rief: Ich sehe die blutige Spur des +Mörders! — Dann schien sie aus dem Traum zu erwachen, drückte Julien +stürmisch an ihre Brust und lispelte ihr zu: Kind, mein armes Kind, laß +Dich nicht betören!</p> + +<p>Geheimnisse, Einbildungen, Albernheiten, Romanenstreiche, sprach der +Fürst verdrießlich. <span class="antiqua">Ma foi,</span> ich kenne meinen Hof nicht mehr! <a class="pagenum" name="page_337">337</a>Meister +Abraham! Ihr bringt meine Uhren in Ordnung, wenn sie nicht richtig +gehen; ich wollt', Ihr könntet hier nachsehen, was für Schaden das +Räderwerk genommen, das sonst niemals stockte. — Doch was ist das mit +dem Severino?</p> + +<p>Unter diesem Namen, erwiderte der Meister, ließ ich in Neapel meine +optische und mechanische Kunststücke sehen.</p> + +<p>So — so, sprach der Fürst, sah den Meister starr an, als schwebe ihm +eine Frage auf den Lippen, drehte sich aber dann schnell um und verließ +schweigend das Zimmer. —</p> + +<p>Man hatte geglaubt, die Benzon befinde sich bei der Fürstin, dem war +aber nicht so; sie hatte sich in ihre Wohnung begeben.</p> + +<p>Julia sehnte sich nach der freien Luft; der Meister führte sie in den +Park und lustwandelnd durch die halbentlaubten Gänge sprachen sie von +Kreisler und seinem Aufenthalt in der Abtei. Sie waren an das +Fischerhäuschen gekommen. Julia trat hinein, um sich zu erholen; +Kreislers Brief lag auf dem Tisch; der Meister meinte, es sei gar nichts +darin, das Julia Scheu tragen dürfe zu erfahren.</p> + +<p>Während Julia den Brief gelesen, hatten sich ihre Wangen höher gefärbt, +und sanftes Feuer, Abglanz des erheiterten Gemüts, strahlte aus ihren +Augen.</p> + +<p>Siehst du wohl, mein liebes Kind, sprach der Meister freundlich, wie der +gute Geist meines Johannes auch aus der Ferne tröstend zu Dir spricht? +Was hast Du von bedrohlichen Anschlägen zu fürchten, wenn +Standhaftigkeit, Liebe und Mut Dich schützen vor den Bösen, die Dir +nachstellen.</p> + +<p>Barmherziger Himmel, rief Julia mit emporgerichtetem Blick, schütze mich +nur vor mir selber! Sie erbebte wie im jähen Schreck über die Worte, die +sie willenlos ausgestoßen. Halb ohnmächtig sank sie in den Sessel und +bedeckte mit beiden Händen ihr glühendes Antlitz.</p> + +<p>Ich verstehe dich nicht Mädchen, sprach der Meister, du verstehst Dich +vielleicht selbst nicht und darum magst Du Dein eignes Inneres recht auf +den Grund erforschen und Dir nichts etwa verschweigen aus weichlicher +Schonung. —</p> + +<p>Der Meister überließ Julien dem tiefen Nachsinnen, in das sie versunken, +und schaute mit übereinander geschlagenen Armen zu der geheimnisvollen +Glaskugel. Da schwoll ihm die Brust vor Sehnsucht und wunderbarer +Ahnung.</p> + +<p>Dich muß ich ja fragen, sprach er, mit dir muß ich mich ja beraten, mit +dir, du meines Lebens schönes, herrliches Geheimnis! Schweige <a class="pagenum" name="page_338">338</a>nicht, laß +deine Stimme hören! — Du weißt es ja, niemals war ich ein gemeiner +Mensch, unerachtet mich manche dafür hielten. Denn in mir glühte alle +Liebe, die der ewige Weltgeist selbst ist und der Funke glimmte in +meiner Brust, den der Hauch deines Wesens anfachte zur hellen fröhlichen +Flamme! — Glaube nicht, Chiara, daß dies Herz darum, weil es älter +worden, vereiset ist und nicht mehr so rasch zu schlagen vermag als +damals, da ich dich dem unmenschlichen Severino entriß; glaube nicht, +daß ich jetzt weniger deiner wert geworden, als ich es damals war, da du +selbst mich aufsuchtest! — Ja! — laß nur deine Stimme hören, und ich +will mit der Hast des Jünglings dem Ton so lange nachrennen, bis ich +dich gefunden, und dann wohnen wir wieder zusammen und treiben in +zauberischer Gemeinschaft die höhere Magie, welche alle Menschen, selbst +die allgemeinsten, notgedrungen erkennen ohne daran zu glauben. — Und +wandelst du nicht mehr leiblich hier auf Erden, spricht deine Stimme aus +der Geisterwelt zu mir herab, so bin ich auch damit zufrieden und werde +auch dann wohl noch ein tüchtigerer Kerl, als ich jemals gewesen. — Doch +nein nein! Wie lauteten die tröstenden Worte, die du zu mir sprachst?</p> + +<div class="poem" style="width: 17em"> +<div class="stanza"> +Nicht erfaßt der bleiche Tod,<br /> +Die im Herzen Liebe tragen;<br /> +Dem glänzt noch das Abendrot,<br /> +Der am Morgen wollt' verzagen!<br /> +</div> +</div> + +<p>Meister, rief Julia, die sich aus dem Sessel erhoben und dem Alten in +tiefstem Erstaunen zugehorcht hatte, Meister! mit wem redet Ihr? was +wollt Ihr beginnen? — Ihr nanntet den Namen: Severino, güt'ger Himmel! +redete der Prinz, als er sich von seinem Entsetzen erholt hatte, Euch +nicht selbst an mit diesem Namen? Welches furchtbare Geheimnis liegt +hier verborgen?</p> + +<p>Der Alte kam bei diesen Worten Julia's augenblicklich aus dem erhöhten +Zustande zurück, und auf seinem Gesicht verbreitete sich, wie es schon +lange nicht mehr geschehen, jene seltsame beinahe grinsende +Freundlichkeit, die mit seinem übrigens treuherzigen Wesen in dem +wunderlichsten Zwiespalt stand und seiner ganzen Erscheinung den +Anstrich einer etwas unheimlichen Karikatur gab.</p> + +<p>Mein schönes Fräulein, sprach er mit dem grellen Ton, in dem +aufschneiderische Geheimniskrämer gewöhnlich ihre Wunder anzupreisen +pflegen, mein schönes Fräulein, nur ein wenig Geduld, ich werde bald die +Ehre haben Ihnen hier im Fischerhäuschen die allerwunder<a class="pagenum" name="page_339">339</a>barsten Dinge zu +zeigen. — Diese tanzenden Männlein, dieser kleine Türke, welcher weiß, +wie alt jeder in der Gesellschaft ist, diese Automate, diese +Palingenesien, diese deformierten Bilder, diese optischen Spiegel +— alles hübsches magisches Spielzeug, aber das Beste fehlt mir noch. +Mein unsichtbares Mädchen ist da! — Bemerken Sie, dort oben sitzt sie +bereits in der Glaskugel. Sie spricht aber noch nicht, sie ist noch müde +von der weiten Reise, denn sie kommt gerades Weges aus dem fernen +Indien. — In einigen Tagen, mein schönes Fräulein, kommt meine +Unsichtbare und dann wollen wir sie befragen wegen des Prinzen Hektor, +wegen Severino und anderer Begebnisse der Vergangenheit und Zukunft! +— Für jetzt nur etwas weniges schlichtes Amüsement.</p> + +<p>Damit sprang der Meister mit der Schnelle und Lebendigkeit eines +Jünglings im Zimmer umher, zog die Maschine an, ordnete die magischen +Spiegel. Und in allen Winkeln wurde es rege und lebendig; die Automaten +schritten daher und drehten die Köpfe, und ein künstlicher Hahn schlug +mit den Flügeln und krähte, während Papageien gellend +dazwischenkreischten, und Julia selbst und der Meister standen draußen +so gut wie im Zimmer. Julien wollte, unerachtet sie an dergleichen +Possen genugsam gewöhnt, dennoch bei der seltsamen Stimmung des Meisters +ein Grauen anwandeln. Meister, sprach sie ganz erschrocken, was ist Euch +widerfahren?</p> + +<p>Kind, erwiderte der Meister in seiner ernsten Manier, Kind etwas Schönes +und Wunderbares, aber es taugt nicht recht, daß Du es erfährst. Doch! +— laß die lebendigtoten Dinger hier ihre Faxen ausspielen, während ich +Dir von manchem so viel vertraue, als Dir zu wissen nötig und nützlich. +— Meine liebe Julia, Deine eigne Mutter hat Dir ihr mütterliches Herz +verschlossen, ich will es Dir öffnen, daß Du hinein zu blicken, daß Du +die Gefahr, in der Du schwebst, zu erkennen und Dich ihr zu entziehen +vermagst. — Erfahre also fürs erste ohne weitere Umschweife, daß Deine +Mutter nichts Geringeres fest in ihrem Sinn beschlossen hat, als Dich — —</p> + +<p><em class="gesperrt">(M. f. f.)</em> — es indessen lieber bleiben lassen. — Katerjüngling, sei +bescheiden wie ich, und nicht gleich überall bei der Hand mit deinen +Versen, wenn die schlichte, ehrliche Prosa hinreicht, deine Gedanken +auszuspinnen. — Verse sollen in dem in Prosa geschriebenen Buche das +leisten was der Speck in der Wurst, nämlich hin und wieder in kleinen +Stückchen eingestreut, dem ganzen Gemengsel mehr Glanz der Fettigkeit, +mehr süße Anmut des Geschmacks verleihen. Ich fürchte <a class="pagenum" name="page_340">340</a>nicht, daß +dichterische Kollegen dies Gleichnis zu gemein und unedel finden werden, +da es von unsrer Lieblingsspeise entnommen und in der Tat manchmal ein +guter Vers einem mittelmäßigen Roman ebenso dienlich sein kann, als ein +fetter Speck einer magern Wurst. Ich sage das als ein Kater von +ästhetischer Bildung und Erfahrung. So sehr es nach meinen bisherigen +philosophischen und moralischen Grundsätzen Ponto's ganzes Verhältnis, +seine Lebensweise, seine Art sich in der Gunst des Herrn zu erhalten mir +unwürdig, ja ein wenig miserabel vorkommen mochte, doch hatte mich sein +ungezwungener Anstand, seine Eleganz, seine anmutige Leichtigkeit im +sozialen Umgange gar sehr bestochen. Mit aller Gewalt wollte ich mich +selbst überreden, daß ich bei meiner wissenschaftlichen Bildung, bei +meinem Ernst in allem Tun und Treiben auf einer viel höheren Stufe stehe +als der unwissende Ponto, der nur hier und da etwas von den +Wissenschaften aufgeschnappt. Ein gewisses gar nicht zu unterdrückendes +Gefühl sagte mir aber ganz unverhohlen, daß Ponto überall mich in den +Schatten stellen würde; ich fühlte mich gedrungen, einen vornehmern +Stand anzuerkennen und den Pudel Ponto zu diesem Stande zu rechnen. —</p> + +<p>Ein genialer Kopf wie der meinige hat bei jedem Anlaß, bei <ins title="jede">jeder</ins> +Lebenserfahrung immer seine besonderen eigentümlichen Gedanken, und so +geriet ich auch, meine innere Seelenstimmung, mein ganzes Verhältnis mit +Ponto wohl überlegend, in allerlei sehr artige Betrachtungen, die der +ferneren Mitteilung wohl wert sind. — Wie kommt es, sprach ich zu mir +selbst, indem ich sinnig die Pfote an die Stirn legte, wie kommt es, daß +große Dichter, große Philosophen, sonst geistreich, sich im sozialen +Verhältnis mit der sogenannten vornehmeren Welt so unbehilflich zeigen? +Sie stehen jederzeit da, wo sie eben in dem Augenblick nicht hingehören, +sie sprechen wenn sie gerade schweigen sollten, und schweigen umgekehrt +da, wo gerade Worte nötig, sie stoßen in — der Form der Gesellschaft, +wie sie sich nun eben gestaltet hat, entgegengesetztem — Streben +überall an und verletzen sich selbst und andere; genug sie gleichen dem, +der, wenn eben eine ganze Reihe muntrer Spaziergänger einträchtig +hinauswandelt, sich allein zum Tore hineindrängt und nun, mit Ungestüm +seinen Weg verfolgend, diese ganze Reihe verstört. Man schreibt, ich +weiß es, dies dem Mangel gesellschaftlicher Kultur zu, die am +Schreibtische nicht zu erlangen, ich meine indessen, daß diese Kultur +gar leicht zu erlangen sei, und daß jene unbesiegbare Unbehülflichkeit +wohl noch <a class="pagenum" name="page_341">341</a>einen andern Grund haben müsse. — Der große Dichter oder +Philosoph müßte es nicht sein, wenn er seine geistige Überlegenheit +nicht fühlen sollte; aber ebenso müßte er nicht das jedem geistreichen +Menschen eigne tiefe Gefühl besitzen, um nicht einzusehen, daß jene +Überlegenheit deshalb nicht anerkannt werden darf, weil sie das +Gleichgewicht aufhebt, das stets zu erhalten die Haupttendenz der +sogenannten vornehmeren Gesellschaft ist. Jede Stimme darf nur +eingreifen in den vollkommenen Akkord des Ganzen, aber des Dichters Ton +dissoniert, und ist, kann er unter Umständen auch ein sehr guter sein, +dennoch in dem Augenblick ein schlechter Ton, weil er nicht zum Ganzen +paßt. — Der gute Ton besteht aber so wie der gute Geschmack in der +Unterlassung alles Ungehörigen. Nun meine ich ferner, daß der Unmut, der +sich aus dem widersprechenden Gefühl der Überlegenheit und der +ungehörigen Erscheinung bildet, den in dieser sozialen Welt unerfahrnen +Dichter oder Philosophen hindert, das Ganze zu erkennen und darüber zu +schweben. Es ist nötig, daß er in dem Augenblick seine innere geistige +Überlegenheit nicht zu hoch anschlage und unterläßt er dies, so wird er +auch die sogenannte höhere gesellschaftliche Kultur, die auf nichts +anders hinausläuft als auf das Bemühen, alle Ecken, Spitzen wegzuhobeln, +alle Physiognomien zu einer einzigen zu gestalten, die eben deshalb +aufhört eine zu sein, nicht zu hoch anschlagen. Dann wird er, verlassen +von jenem Unmut, unbefangen, das innerste Wesen dieser Kultur und die +armseligen Prämissen, worauf sie beruhet, leicht erkennen und schon +durch die Erkenntnis sich einbürgern in die seltsame Welt, welche eben +diese Kultur als unerläßlich fordert. — Auf eigne Weise verhält es sich +mit den Künstlern, die, so wie Dichter, Schriftsteller, der Vornehme hie +und da in seine Zirkel ladet, um der guten Sitte nach auf eine Art von +Mäzenat Anspruch machen zu können. Diesen Künstlern klebt leider +gewöhnlich etwas vom Handwerk an, und deshalb sind sie entweder demütig +bis zur Kriecherei oder ungezogen bis zur Bengelhaftigkeit.</p> + +<blockquote><p>(<em class="gesperrt">Anmerk. des Herausgeb.:</em> — Murr, es tut mir leid, daß du dich so +oft mit fremden Federn schmückst. Du wirst, wie ich mit Recht +befürchten muß, dadurch bei den geneigten Lesern merklich +verlieren. — Kommen alle diese Betrachtungen, mit denen du dich so +brüstest, nicht geradehin aus dem Munde des Kapellmeisters Johannes +Kreisler, und ist es überhaupt möglich, daß du solche +Lebensweisheit sammeln konntest, um eines menschlichen +Schrift<a class="pagenum" name="page_342">342</a>stellers Gemüt, das wunderlichste Ding auf Erden, so tief zu +durchschauen!)</p></blockquote> + +<p>Warum, dachte ich ferner, sollt' es aber einem geistreichen Kater, ist +er auch Dichter, Schriftsteller, Künstler, nicht gelingen können, sich +zu jener Erkenntnis der höhern Kultur in ihrer ganzen Bedeutsamkeit +hinaufzuschwingen und sie selbst zu üben mit aller Schönheit und Anmut +der äußern Erscheinung? — Hat denn die Natur dem Geschlecht der Hunde +allein den Vorzug jener Kultur gegönnt? Sind wir Kater, was Tracht, +Lebensweise, Art und Gewohnheit betrifft, auch etwas von dem stolzen +Geschlecht verschieden, so haben wir doch ebensogut Fleisch und Blut, +Körper und Geist, und am Ende können es die Hunde auch gar nicht anders +anfangen als wir, ihr Leben fortzusetzen. Auch Hunde müssen essen, +trinken, schlafen u. s. w. und es tut ihnen weh, wenn sie geprügelt +werden. — Was weiter! — ich beschloß mich dem Unterricht meines jungen +vornehmen Freundes, des Pudels Ponto hinzugeben, und ganz mit mir einig, +begab ich mich zurück in meines Meisters Zimmer; ein Blick in den +Spiegel überzeugte mich, daß der bloße ernste Wille nach höherer Kultur +zu streben schon vorteilhaft auf meine äußere Haltung gewirkt. — Ich +betrachtete mich mit dem innigsten Wohlgefallen. — Gibt es einen +behaglichern Zustand, als wenn man mit sich selbst ganz zufrieden ist? +— Ich spann! —</p> + +<p>Andern Tages begnügte ich mich nicht damit, vor der Türe zu sitzen, ich +lustwandelte die Straße herab, da erblickte ich in der Ferne den Herrn +Baron Alcibiades von Wipp, und hinter ihm her sprang mein munterer +Freund Ponto. Gelegeners konnte mir nichts kommen; ich nahm mich soviel +wie möglich in Anstand und Würde zusammen und näherte mich dem Freunde +mit jener unnachahmlichen Grazie, die, unschätzbares Geschenk der +gütigen Natur, keine Kunst zu lehren vermag. — Doch! — entsetzlich! +Was mußte geschehen! — Sowie mich der Baron gewahrte, blieb er stehen +und betrachtete mich sehr aufmerksam durch die Lorgnette, dann rief er +aber: Allons — Ponto! Huß — Huß! — Katz! Katz! — Und Ponto, der +falsche Freund sprang in voller Furie auf mich los! — Entsetzt, aus +aller Fassung gebracht durch den schändlichen Verrat, war ich keines +Widerstandes fähig, sondern duckte mich so tief nieder als ich konnte, +um Pontos scharfen Zähnen zu entgehen, die er mir knurrend zeigte. Ponto +sprang aber mehrmals über mich hinweg ohne mich zu fassen, und flüsterte +mir in die Ohren: Murr! Sei doch kein Tor und fürchte dich etwa! — du +siehst ja, daß es kein Ernst ist, ich tue das nur meinem Herrn zu +<a class="pagenum" name="page_343">343</a>Gefallen! Nun wiederholte Ponto seine Sprünge und tat sogar, als packe +er mich bei den Ohren, ohne mir indessen im mindesten wehe zu tun. +Jetzt, raunte mir Ponto endlich zu, jetzt trolle dich ab, Freund Murr! +dort hinein ins Kellerloch! — Ich ließ mir das nicht zweimal sagen +sondern fuhr schnell davon, wie der Blitz. — Unerachtet der +Versicherung Ponto's, mir keinen Schaden zuzufügen, war mir doch nicht +wenig bange, denn wissen kann man in solchen kritischen Fällen immer +nicht recht, ob die Freundschaft stark genug sein wird, das angeborne +Naturell zu besiegen. —</p> + +<p>Als ich hinein gehuscht war in den Keller, spielte Ponto die Komödie, +die er seinem Herrn zu Ehren begonnen, weiter fort. Er knurrte und +bellte nämlich vor dem Kellerfenster, steckte die Schnauze durch das +Gitter, tat, als sei er ganz außer sich darüber, daß ich ihm entwischt +sei und er mich nun nicht verfolgen könne. Siehst du, sprach aber Ponto +zu mir in den Keller hinein, siehst du, erkennst du nun aufs neue die +ersprießlichen Folgen der höhern Kultur? — In dem Augenblick habe ich +mich gegen meinen Herrn artig, folgsam bewiesen, ohne mir deine +Feindschaft zuzuziehen, guter Murr. So macht es der wahre Weltmann, den +das Schicksal bestimmt hat, Werkzeug in der Hand eines Mächtigeren zu +sein. Angehetzt muß er losfahren aber dabei so viel Geschick beweisen, +daß er nur dann wirklich beißt, wenn es gerade auch in seinen eignen +Kram taugt. — In aller Schnelle eröffnete ich meinem jungen Freunde +Ponto, wie ich gesonnen sei etwas von seiner höhern Kultur zu +profitieren und fragte, ob und auf welche Weise er mich vielleicht in +die Lehre nehmen könne. — Ponto sann einige Minuten nach und meinte +dann, am besten sei es, wenn mir gleich anfangs ein lebendiges +deutliches Bild der höheren Welt aufgehe, in der er jetzt zu leben das +Vergnügen habe, und dies könne nicht besser geschehen, als wenn ich ihn +heute abend zur niedlichen Badine begleite, die gerade während der +Theaterzeit Gesellschaft bei sich sähe. — Badine war aber Windspiel in +Diensten der fürstlichen Oberhofmeisterin. —</p> + +<p>Ich putzte mich heraus so gut ich es vermochte, las noch etwas im +Knigge und durchlief auch ein paar ganz neue Lustspiele von Picard, um +nötigenfalls mich auch im Französischen geübt zu zeigen, und ging dann +hinab vor die Türe. Ponto ließ nicht lange auf sich warten. Wir +wandelten einträchtig die Straße hinab und gelangten bald in Badinens +hell erleuchtetes Zimmer, wo ich eine bunte Versammlung von Pudeln, +Spitzen, Möpsen, Bolognesern, Windspielen vorfand, <a class="pagenum" name="page_344">344</a>teils im Kreise +sitzend, teils gruppenweise in die Winkel verteilt. —</p> + +<p>Das Herz klopfte mir nicht wenig in dieser fremdartigen Gesellschaft mir +feindlicher Naturen. Mancher Pudel blickte mich an mit einer gewissen +verächtlichen Verwunderung, als wolle er sagen: Was will ein gemeiner +Kater unter uns sublimen Leuten. Hin und wieder fletschte auch wohl ein +eleganter Spitz die Zähne, so daß ich merken konnte, wie gern er mir in +die Haare gefahren wäre, hätte der Anstand, die Würde, die sittige +Bildung der Gäste nicht jede Prügelei als unschicklich verboten. — Ponto +riß mich aus der Verlegenheit, indem er mich der schönen Wirtin +vorstellte, die mit anmutiger Herablassung versicherte, wie sehr sie +sich freue einen Kater von meinem Ruf bei sich zu sehen. — Nun erst, +als Badine einige Worte mit mir gesprochen, schenkte mir dieser, jener +mit wahrhaft hündischer Bonhommie mehr Aufmerksamkeit, redete mich auch +wohl an und gedachte meiner Schriftstellerei, meiner Werke, die ihm +zuweilen ordentlichen Spaß gemacht. Das schmeichelte meiner Eitelkeit +und ich gewahrte kaum, daß man mich fragte ohne meine Antworten zu +beachten, daß man mein Talent lobte, ohne es zu kennen, daß man meine +Werke pries, ohne sie zu verstehen. — Ein natürlicher Instinkt lehrte +mich antworten, wie ich gefragt wurde, nämlich ohne Rücksicht auf diese +Fragen überall kurz absprechen in solch' allgemeinem Ausdrücken, daß sie +auf alles nur mögliche bezogen werden konnten, durchaus keiner Meinung +sein und nie das Gespräch von der glatten Oberfläche hinunterziehen +wollen in die Tiefe. — Ponto versicherte mir im Vorbeistreifen, daß ein +alter Spitz ihm versichert, wie ich für einen Kater amüsant genug sei +und Anlagen zur guten Konversation zeige. — So etwas erfreut auch den +Mißmütigen! —</p> + +<p>— Jean Jacques Rousseau gesteht, als er in seinen Bekenntnissen auf +die Geschichte von dem Bande kommt, das er stahl und ein armes +unschuldiges Mädchen für den Diebstahl züchtigen sah, den er begangen, +ohne die Wahrheit zu gestehen, wie schwer es ihm werde über diese +Untiefe seines Gemüts hinwegzukommen — Ich befinde mich eben jetzt in +gleichem Fall mit jenem verehrten Selbstbiographen. — Habe ich auch +kein Verbrechen zu gestehen, so darf ich doch, will ich wahrhaft +bleiben, die große Torheit nicht verschweigen, die ich an demselben +Abend beging und die lange Zeit hindurch mich verstörte, ja meinen +Verstand in Gefahr setzte. — Ist es aber nicht ebenso schwer, ja oft +noch schwerer eine Torheit zu gestehen als ein Verbrechen? —</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_345">345</a>— Nicht lange dauerte es, so überfiel mich solch eine Unbehaglichkeit, +solch ein Unmut, daß ich mich weit fort wünschte unter den Ofen des +Meisters. Es war die gräßlichste Langeweile, die mich zu Boden drückte +und die endlich mich alle Rücksichten vergessen ließ. Ganz still schlich +ich mich in eine entfernte Ecke um dem Schlummer nachzugeben, zu dem +mich das Gespräch rund umher einlud. Dasselbe Gespräch nämlich, das ich +erst in meinem Unmut vielleicht gar irrtümlich für das geistloseste +fadeste Geschwätz gehalten, kam mir nun vor, wie das eintönige Geklapper +einer Mühle, bei dem man sehr leicht in ein ganz angenehmes +gedankenloses Hinbrüten gerät, dem dann der wirkliche Schlaf bald folgt. +— Eben in diesem gedankenlosen Hinbrüten, in diesem sanften Delirieren +war es mir, als funkle plötzlich ein helles Licht vor den geschlossenen +Augen. Ich blickte auf und dicht vor mir stand ein anmutiges +schneeweißes Windspielfräulein, Badine's schöne Nichte, Minona geheißen, +wie ich später erfuhr.</p> + +<p>Mein Herr, sprach Minona mit jenem süßlispelnden Ton, der nur zu sehr +widerklingt in des feurigen Jünglings erregbarer Brust, mein Herr, Sie +sitzen hier so einsam, Sie scheinen sich zu ennuyieren? — Das tut mir +leid! — Aber freilich, ein großer, tiefer Dichter wie Sie, mein Herr! +muß, in höhern Sphären schwebend, das Treiben des gewöhnlichen sozialen +Lebens schal und oberflächlich finden.</p> + +<p>Ich erhob mich etwas bestürzt, und es tat mir weh, daß mein Naturell, +stärker als alle Theorien des gebildeten Anstandes, mich zwang wider +meinen Willen den Rücken hoch zu erheben, einen sogenannten Katzenbuckel +zu machen, worüber Minona zu lächeln schien.</p> + +<p>Gleich mich zur bessern Sitte erholend faßte ich aber Minona's Pfote, +drückte sie leise an meine Lippen und sprach von begeisterten +Augenblicken, denen der Dichter oft erliege. Minona hörte mich an mit +solchen entschiedenen Zeichen der innigsten Teilnahme, mit solcher +Andacht, daß ich mich selbst immer höher steigerte zur ungemeinen Poesie +und zuletzt mich selbst nicht recht verstand. — Minona mochte mich +ebensowenig verstehen, aber sie geriet ins höchste Entzücken und +versicherte, wie oft es schon ihr inniger Wunsch gewesen, den genialen +Murr kennen zu lernen, und daß einer der glücklichsten herrlichsten +Momente ihres Lebens der gegenwärtige sei. — Was soll ich sagen! Bald +fand sich's, daß Minona meine Werke, meine sublimsten Gedichte gelesen +— nein! nicht nur gelesen sondern in der höchsten Bedeutung aufgefaßt +hatte! Mehreres davon wußte sie auswendig und sagte es her mit einer +Begeisterung, mit einer Anmut, die mich in einen <a class="pagenum" name="page_346">346</a>ganzen Himmel voll +Poesie versetzte, vorzüglich, da es <em class="gesperrt">meine</em> Verse waren die die Holdeste +ihres Geschlechts mir anzuhören gab.</p> + +<p>Mein bestes, holdestes Fräulein, rief ich, ganz hingerissen, Sie haben +dies Gemüt verstanden! Sie haben meine Verse auswendig gelernt; o all +ihr Himmel! gibt es eine höhere Seligkeit für den aufwärts strebenden +Dichter?</p> + +<p>Murr, lispelte Minona, genialer Kater, können Sie glauben, daß ein +fühlendes Herz, ein poetisch gemütliches Gemüt Ihnen entfremdet bleiben +kann? — Minona seufzte nach diesen Worten aus tiefer Brust und dieser +Seufzer gab mir den Rest. — Was anders? — Ich verliebte mich in das +schönste Windspielfräulein dermaßen, daß ich ganz toll und verblendet +nicht bemerkte, wie sie mitten in der Begeisterung plötzlich abbrach, um +mit einem kleinen Zierbengel von Mops gänzlich fades Zeug zu schwatzen, +wie sie mir den ganzen Abend auswich, wie sie mich auf eine Art +behandelte, die mich hätte deutlich erkennen lassen sollen, wie sie mit +jenem Lobe, mit jenem Enthusiasmus niemand anders gemeint, als sich +selbst. — Genug ich war und blieb ein verblendeter Tor, lief der +schönen Minona nach wie und wo ich nur konnte, besang sie in den +schönsten Versen, machte sie zur Heldin mancher anmutig verrückten +Geschichte, drängte mich in Gesellschaften ein, wo ich nicht hingehörte, +und erntete dafür so manchen bittern Verdruß, so manche Verhöhnung, so +manches kränkende Ungemach.</p> + +<p>Oft in kühlen Stunden trat mir selbst die Albernheit meines Beginnens +vor Augen; dann kam mir aber wieder närrischerweise der Tasso und +mancher neuere Dichter von ritterlicher Gesinnung ein, dem es an einer +hohen Herrin liegt, der seine Lieder gelten und die er aus der Ferne +anbetet, wie der Manchaner seine Dulcinea, und da wollt ich denn wieder +nicht schlechter und unpoetischer sein als dieser und schwur dem +Gaukelbilde meiner Liebesträume, dem anmutigen weißen Windspielfräulein +unverbrüchliche Treue und Ritterdienst bis in den Tod. Einmal von diesem +seltsamen Wahnsinn erfaßt, fiel ich aus einer Torheit in die andere, und +selbst mein Freund Ponto fand für nötig, sich, nachdem er mich ernstlich +vor den heillosen Mystifikationen gewarnt, in die man mich überall zu +verstricken suchte, von mir zurückzuziehen. Wer weiß was noch aus mir +geworden wäre, wenn nicht ein guter Stern über mir gewaltet! — Dieser +gute Stern ließ es nämlich geschehen, daß ich einst am späten Abend zur +schönen Badine hinschlich, nur um die geliebte Minona zu sehen. Ich fand +indessen alle Türen verschlossen und alles Warten, alles Hoffen, bei +<a class="pagenum" name="page_347">347</a>irgend einer Gelegenheit hineinzuschlüpfen, blieb ganz vergebens. Das +Herz voll Liebe und Sehnsucht, wollte ich der Holden wenigstens meine +Nähe kundtun und begann unter dem Fenster eine der zärtlichsten +spanischen Weisen, die jemals empfunden und gedichtet worden sind. Es +muß gar lamentabel anzuhören gewesen sein!</p> + +<p>Ich hörte Badine bellen, auch Minonas süße Stimme knurrte etwas +dazwischen. Ehe ich aber mir's versah, wurde das Fenster rasch geöffnet, +und ein ganzer Eimer eiskaltes Wasser über mich ausgeleert. Man kann +denken mit welcher Schnelle ich abfuhr in meine Heimat. Die volle Glut +im Innern und Eiswasser auf dem Pelz harmoniert aber so schlecht +miteinander, daß unmöglich jemals Gutes, und wenigstens ein Fieber +daraus entstehen kann. So ging es mir. Im Hause meines Meisters +angekommen schüttelte mich der Fieberfrost tüchtig. Der Meister mochte +aus der Blässe meines Antlitzes, aus dem erloschenen Feuer meiner Augen, +aus der brennenden Glut der Stirne, an meinem unregelmäßigen Puls, meine +Krankheit ahnen. Er gab mir warme Milch, die ich, da mir die Zunge am +Gaumen klebte vor Durst, eifrig verzehrte, dann wickelte ich mich ein in +die Decke meines Lagers und gab ganz der Krankheit nach, die mich +erfaßt. Erst verfiel ich in allerlei Fieberphantasien von vornehmer +Kultur, Windspielen usw., nachher wurde mein Schlaf ruhiger und endlich +so tief, daß ich ohne Übertreibung glauben muß, ich habe drei Tage und +drei Nächte hintereinander fort geschlafen.</p> + +<p>Als ich endlich erwachte, fühlte ich mich frei und leicht, ich war von +meinem Fieber und — wie wundervoll! auch von meiner törichten Liebe +ganz genesen! Ganz klar wurde mir die Narrheit, zu der mich der Pudel +Ponto verleitet, ich sah ein, wie albern es war, mich als einen gebornen +Kater unter Hunde zu mischen, die mich verhöhnten, weil sie nicht meinen +Geist zu erkennen vermochten, und die sich bei der Bedeutungslosigkeit +ihres Wesens an die Form halten mußten, mir also nichts darbieten +konnten, als eine Schale ohne Kern. — Die Liebe zur Kunst und +Wissenschaft erwachte in mir mit neuer Stärke, und meines Meisters +Häuslichkeit zog mich mehr an als jemals. Die reiferen Monate des Mannes +kamen, und weder Katzbursch noch kultivierter Elegant, fühlte ich +lebhaft, daß man beides nicht sein dürfe, um sich gerade so zu +gestalten, wie es die tieferen und bessern Ansprüche des Lebens +erfordern.</p> + +<p>Mein Meister mußte verreisen, und fand es für gut, mich auf die Zeit +seinem Freunde, Kapellmeister Johannes Kreisler in die Kost <a class="pagenum" name="page_348">348</a>zu geben. Da +mit dieser Veränderung meines Aufenthalts eine neue Periode meines +Lebens anfängt, so schließe ich die jetzige, aus der du, o +Katerjüngling! so manche gute Lehre für deine Zukunft entnommen haben +wirst. —</p> + +<p><em class="gesperrt">(Mak. Bl.)</em> — — als schlügen entfernte dumpfe Töne an sein Ohr, und er +höre die Mönche durch die Gänge schreiten. Als Kreisler sich völlig aus +dem Schlaf emporraffte, gewahrte er denn aus seinem Fenster, daß die +Kirche erleuchtet, und vernahm den murmelnden Gesang des Chors. Die +Mitternachtshora war vorüber, es mußte daher irgend etwas Ungewöhnliches +sich ereignet haben, und Kreisler durfte mit Recht vermuten, daß +vielleicht ein schneller unvermuteter Tod einen der alten Mönche +dahingerafft, den man jetzt der Klostersitte gemäß in die Kirche +getragen. Rasch warf der Kapellmeister sich in die Kleider und begab +sich nach der Kirche. —</p> + +<p>Auf dem Gange begegnete er dem Pater Hilarius, der laut gähnend und ganz +schlaftrunken hin und her wankte, keines festen Schrittes mächtig und +die angezündete Kerze, statt aufrecht, abwärts zu Boden hielt, daß das +Wachs prasselnd herabtropfte und jeden Augenblick drohte das Licht zu +verlöschen. „Hochehrwürdiger Herr Abt,“ stammelte Hilarius, als Kreisler +ihn anrief, „das ist gegen alle bisherige Ordnung. Exequien in der +Nacht! — zu dieser Stunde — Und bloß weil der Bruder Cyprianus darauf +besteht! — <span class="antiqua">Domine — libera nos de hoc monacho!</span>“ —</p> + +<p>Es gelang endlich dem Kapellmeister den halbträumenden Hilarius zu +überzeugen, daß er nicht der Abt sondern Kreisler sei, und nun erfuhr er +von ihm mit Mühe, daß man in der Nacht, von woher wisse er nicht, den +Leichnam eines Fremden nach dem Kloster gebracht, den Bruder Cyprianus +allein zu kennen scheine, und der kein gemeiner Mann gewesen sein müßte, +da sich der Abt auf Cyprianus dringendes Gesuch dazu verstanden, die +Exequien auf der Stelle zu halten, damit morgen nach der ersten Hora die +Exportation erfolgen könne.</p> + +<p>Kreisler folgte dem Pater in die Kirche, die nur sparsam beleuchtet +einen seltsamen schauerlichen Anblick gewährte.</p> + +<p>Man hatte nur die Kerzen des großen metallenen Kronleuchters, der vor +dem Hochaltar von der hohen Decke herabhing, angezündet, so daß der +flackernde Schein kaum das Schiff der Kirche vollkommen erhellte, in die +Seitengänge aber nur geheimnisvolle Streiflichter warf, in denen die +Statuen der Heiligen zum gespenstischen Leben erwacht, sich zu bewegen +und daher zu schreiten schienen. Unter dem <a class="pagenum" name="page_349">349</a>Kronleuchter in der hellsten +Beleuchtung stand der offne Sarg, in dem der Leichnam lag, und die +Mönche, die ihn umringten, schienen bleich und regungslos selbst Tote, +in der Geisterstunde den Gräbern entstiegen. Mit dumpfer heiserer Stimme +sangen sie die eintönigen Strophen des Requiems und wenn sie dazwischen +schwiegen, vernahm man nur von außen her das ahnungsvolle Rauschen des +Nachtwindes und die hohen Fenster der Kirche knisterten seltsam, als +klopften die Geister der Verstorbenen an das Haus, in dem sie die fromme +Totenklage vernahmen. Kreisler nahte sich bis an die Reihe der Mönche +und erkannte in dem Toten den Adjutanten des Prinzen Hektor. —</p> + +<p>Da regten sich die finstern Geister, die so oft Macht hatten über ihn, +und griffen schonungslos mit scharfen Krallen in seine wunde Brust. —</p> + +<p>Neckender Spuk, sprach er zu sich selbst, treibst du mich her, damit +jener erstarrte Jüngling bluten soll, weil man sagt, daß der Leichnam +blute, wenn der Mörder sich nahe? — Hoho! weiß ich denn nicht, daß er +all' sein Blut wegbluten mußte, in den schlimmen Tagen, als er seine +Sünden abbüßte auf dem Siechbette? — Er hat keinen bösen Tropfen mehr +übrig, mit dem er seinen Mörder vergiften könnte, käme er ihm auch in +die Nähe, den Johannes Kreisler aber am wenigsten, denn der hat mit der +Natter nichts zu schaffen, die er zu Boden trat, als sie schon die +spitze Zunge ausgestreckt zur Todeswunde! — Schlage die Augen auf, +Toter, damit ich dir fest ins Antlitz blicke, damit du gewährst, daß die +Sünde keinen Teil hat an mir! — aber du vermagst es nicht! — Wer hieß +dich das Leben einsetzen gegen das Leben? Warum spieltest du +trügerisches Spiel mit dem Morde und du warst nicht gefaßt, es zu +verlieren? — Aber deine Züge sind sanft und gut, du stiller blasser +Jüngling, der Todesschmerz hat jede Spur verruchter Sünde weggelöscht +von deinem schönen Antlitz, und ich könnte sagen, der Himmel hätte dir +sein Gnadentor geöffnet, weil die Liebe in deiner Brust gewesen, wenn +sich das jetzt ziemte. — Doch wie! — wenn ich mich in dir geirrt? +— Wenn nicht du, kein böser Dämon, nein wenn mein guter Stern deinen Arm +gegen mich erhoben, um mich dem entsetzlichen Verhängnis zu entreißen, +das im schwarzen Hintergrunde auf mich lauert? — Nun magst du die Augen +aufschlagen, blasser Jüngling, nun magst du mit einem Blick der +Versöhnung alles, alles entdecken, und sollt ich untergehen in Wehmut um +dich oder aus entsetzlicher furchtbarer Angst, daß der schwarze Schatten +der hinter mir schleicht, mich nun gleich erfassen wird. <a class="pagenum" name="page_350">350</a>Ja! schaue mich +an, — doch! nein nein, du könntest mich anblicken wie Leonhart +Etlinger, ich könnte glauben, du seist er selbst und da müßtest du mit +mir hinab in die Tiefe, aus der ich oft seine hohle Geisterstimme +vernehme. — Doch wie, du lächelst? — deine Wangen, deine Lippen färben +sich? Trifft dich nicht die Waffe des Todes? — Nein, nicht noch einmal +will ich mit dir ringen, aber —</p> + +<p>Kreisler, der während dieses Selbstgesprächs unbewußt auf einem Knie +gelegen, beide Ellbogen auf das andere gestützt, und die Hände unter das +Kinn gestemmt hatte, fuhr hastig auf, und würde gewiß Seltsames, Wildes +begonnen haben; doch in demselben Augenblick schwiegen die Mönche und +die Knaben auf dem Chor intonierten mit sanfter Begleitung der Orgel das +<span class="antiqua">Salve Regina.</span> Der Sarg wurde verschlossen und die Mönche schritten +feierlich von dannen. — Da ließen die finstern Geister ab von dem armen +Johannes, und ganz aufgelöst in Wehmut und Schmerz folgte er mit +gebeugtem Haupt den Mönchen. Eben wollte er hinausschreiten zur Türe, +als sich in einem finstern Winkel eine Gestalt erhob und hastig auf ihn +losschritt.</p> + +<p>Die Mönche standen still, und der volle Schein ihrer Lichter fiel auf +einen großen stämmigen Burschen, der etwa achtzehn bis zwanzig Jahre alt +sein mochte. Sein Antlitz nichts weniger als häßlich zu nennen, trug den +Ausdruck des wildesten Trotzes; die schwarzen Haare hingen ihm struppig +um den Kopf, das zerrissene Wams von buntgestreifter Leinwand bedeckte +kaum seine Blöße, und eben solche Schifferhosen gingen nur bis an die +bloßen Waden, so daß der herkulische Bau seines Körpers völlig sichtbar.</p> + +<p>Du Verdammter, wer hieß dich meinen Bruder ermorden? So schrie der +Bursche wild auf, daß es in der Kirche widerhallte, sprang wie ein Tiger +auf Kreisler los und packte ihn mit einem mörderischen Handgriff bei der +Kehle.</p> + +<p>Doch ehe Kreisler, ganz entsetzt über den unerwarteten Angriff, an +Gegenwehr denken konnte, stand schon Pater Cyprianus bei ihm und sprach +mit starker, gebietender Stimme: Giuseppo, verruchter sündhafter Mensch! +was machst Du hier? Wo hast du die Altmutter gelassen? — Packe Dich +augenblicklich fort! — Hochehrwürdiger Herr Abt, laßt die +Klosterknechte herbeirufen, sie sollen den mörderischen Buben zum +Kloster hinauswerfen.</p> + +<p>Der Bursche hatte, sowie Cyprianus vor im stand, sogleich von Kreisler +abgelassen. Nun nun, rief er mürrisch, macht nur nicht gleich ein solch +tolles Wesen davon, wenn man sein Recht behaupten will, <a class="pagenum" name="page_351">351</a>Herr Heiliger! +— Ich gehe ja schon von selbst, Ihr dürft keine Klosterknechte auf mich +loshetzen. — Damit sprang der Bursche schnell davon durch eine Pforte, +die man zu verschließen vergessen und durch die er wahrscheinlich sich +in die Kirche geschlichen hatte. Die Klosterknechte kamen, man fand aber +keinen Anlaß den Verwegenen in tiefer Nacht weiter zu verfolgen.</p> + +<p>Es lag in Kreislers Natur, daß gerade die Spannung des +Außerordentlichen, des Geheimnisvollen wohltätig auf sein Gemüt wirkte +sobald er den Sturm des Augenblicks, der ihn zu vernichten drohte, +siegreich bekämpft.</p> + +<p>So geschah es, daß dem Abt die Ruhe wunderbar und befremdlich vorkommen +mußte, mit der Kreisler andern Tages vor ihm stand und von dem +erschütternden Eindruck sprach, den unter solchen seltsamen Umständen +der Anblick des Leichnams dessen auf ihn gemacht, der ihn ermorden +wollen, und den er in gerechter Notwehr erschlagen.</p> + +<p>Weder die Kirche noch das weltliche Gesetz kann Euch, lieber Johannes, +sprach der Abt, irgendeine strafbare Schuld an dem Tode jenes sündhaften +Menschen beimessen. Doch werdet Ihr aber lange nicht die Vorwürfe einer +innern Stimme verwinden können, die Euch sagt, es sei besser gewesen +selbst zu fallen, als den Gegner zu töten, und dies beweiset, daß der +ewigen Macht das Opfer des eignen Lebens wohlgefälliger ist, als seine +Erhaltung, kann dies nur durch eine rasche blutige Tat geschehen. — Doch +laßt uns zur Zeit davon abbrechen, da ich anderes näher Liegendes mit +Euch zu reden. —</p> + +<p>Welcher sterbliche Mensch ermißt, wie der kommende Augenblick die +Gestaltung der Dinge ändern kann. — Nicht lange ist es her, als ich +fest überzeugt war, daß dem Heil Eurer Seele nichts zuträglicher sein +könne, als der Welt zu entsagen und in unsern Orden zu treten. — Ich bin +jetzt anderer Meinung und würde Euch raten, so lieb und wert Ihr mir +auch geworden, die Abtei recht bald zu verlassen. — Werdet nicht irre an +mir, lieber Johannes! Fragt mich nicht, warum ich meiner Gesinnung +entgegen dem Willen eines andern, der alles umzustoßen droht, was ich +mit Mühe geschaffen, mich unterwerfe. — Tief müßtet Ihr in die +Geheimnisse der Kirche eingeweiht sein, um mich zu verstehen, wollt' ich +auch mit Euch über die Motive meiner Handlungsweise reden. — Doch +freier kann ich wohl mit Euch sprechen als mit jedem andern. Vernehmt +also, daß in kurzer Zeit der Aufenthalt in der Abtei Euch nicht mehr die +wohltätige Ruhe gewähren, wie bisher, ja daß Euer innerstes Streben +einen tödlichen Stoß erhalten <a class="pagenum" name="page_352">352</a>und das Kloster Euch ein öder trostloser +Kerker dünken wird. Die ganze Klosterordnung ändert sich, die mit +frommer Sitte vereinbarte Freiheit hört auf und der finstere Geist +fanatischer Möncherei herrscht bald mit unerbittlicher Strenge in diesen +Mauern. — O mein Johannes, Eure herrlichen Gesänge werden nicht mehr +unsern Geist erheben zur höchsten Andacht, der Chor wird abgeschafft und +bald hört man nichts als die eintönigen Responsorien von den ältesten +Brüdern mühsam gelallt mit heiserer unreiner Stimme. —</p> + +<p>Und alles dieses geschieht auf Anlaß des fremden Mönchs Cyprianus? +fragte Kreisler.</p> + +<p>Es ist dem so, lieber Johannes, erwiderte der Abt beinahe wehmütig, +indem er die Augen niederschlug, und daß es nicht anders sein kann, +daran bin ich nicht schuld. — Doch alles, setzte der Abt nach kurzem +Stillschweigen mit erhöhter feierlicher Stimme hinzu, wodurch der feste +Bau, der Glanz der Kirche befördert werden kann, muß geschehen und kein +Opfer ist zu groß! —</p> + +<p>Wer ist denn der hohe mächtige Heilige, sprach Kreisler unmutig, der +über Euch gebietet, der im Stande war, durch das bloße Wort mir jenen +mörderischen Burschen vom Leibe zu schaffen? —</p> + +<p>Ihr seid, lieber Johannes, erwiderte der Abt, in ein Geheimnis +verflochten ohne es zur Zeit ganz zu kennen. Doch bald erfahrt Ihr mehr, +vielleicht mehr als ich selbst davon weiß, und zwar durch den Meister +Abraham. — Cyprianus, den wir noch jetzt unsern Bruder nennen, ist +einer der Erkornen. Er wurde gewürdigt, mit den ewigen Mächten des +Himmels in unmittelbare Berührung zu treten, und wir müssen schon jetzt +in ihm den Heiligen verehren. — Was jenen verwogenen Burschen betrifft, +der sich während der Exequien in die Kirche geschlichen hatte und Euch +mörderisch anpackte, so ist er ein verlaufener halb wahnsinniger +Zigeunerbube, den unser Vogt schon einigemal hat derb auspeitschen +lassen, weil er den Leuten im Dorfe die fetten Hühner aus den Ställen +gestohlen. Um den zu vertreiben, bedurfte es eben nicht eines besondern +Mirakels. — Indem der Abt die letzten Worte sprach, zuckte ein leises +ironisches Lächeln in den Mundwinkeln, und verschwand ebenso schnell.</p> + +<p>Kreislern erfüllte der tiefste bitterste Unmut; er sah ein, daß der Abt +bei allen Vorzügen seines Geistes, seines Verstandes, lügnerische +Gaukelei trieb, und daß alle Gründe, die er damals anführte, um ihn zum +Eintritt ins Kloster zu bewegen, ebenso nur einer versteckten Absicht +zum Vorwand dienen sollten, als diejenigen, die er nun für <a class="pagenum" name="page_353">353</a>das Gegenteil +aufstellte. — Kreisler beschloß, die Abtei zu verlassen, und sich aller +bedrohlichen Geheimnisse, die ihn bei längerem Bleiben noch verstricken +konnten in ein Gewebe, dem nicht mehr zu entrinnen, völlig zu +entschlagen. Als er aber nun gedachte, wie er ja gleich zurückkehren +könne nach Sieghartshof zum Meister Abraham, wie er <em class="gesperrt">sie</em> ja wiedersehen, +wieder hören könne, sie, seinen einzigen Gedanken, da fühlte er in der +Brust jene süße Beklemmung, in der sich die glühendste Liebessehnsucht +kundtut. —</p> + +<p>Ganz vertieft wandelte Kreisler den Hauptgang des Parks hinab, als ihn +der Pater Hilarius ereilte, und sogleich begann: Ihr wart beim Abt, +Kreisler, er sagt Euch alles! — Nun hatte ich recht? — Wir sind alle +verloren! — Dieser geistliche Komödiant — es ist heraus, das Wort, wir +sind unter uns! — Als er — Ihr wißt, wen ich meine — in der Kutte +nach Rom kam, ließ ihn die päpstliche Heiligkeit sogleich zur Audienz. +Er fiel nieder auf die Knie und küßte den Pantoffel. Ohne einen Wink, +aufzustehen, ließ ihn aber die päpstliche Heiligkeit eine ganze Stunde +lang liegen. „Das sei deine erste kirchliche Strafe“, fuhr die +Heiligkeit ihn an, als er sich endlich erheben durfte, und hielt nun +eine lange Predigt über die sündlichen Irrtümer, in die Cyprianus +verfallen. — Nachher erhielt er langen Unterricht in gewissen geheimen +Gemächern und zog dann aus! — Es hat lange keinen Heiligen gegeben! +— Das Mirakel — nun Ihr habt das Bild gesehen, Kreisler — das Mirakel, +sage ich, hat erst in Rom seine wahre Gestalt erhalten. — Ich bin +nichts als ein ehrlicher Benediktiner Mönch, ein tüchtiger <span class="antiqua">praefectus +chori,</span> wie Ihr mir einräumen werdet, und trinke der allein selig +machenden Kirche zu Ehren gern ein Gläschen Nierensteiner oder +Bocksbeutel, aber! — Mein Trost ist, daß er nicht lange hier bleiben +wird. — Herumziehen muß er. <span class="antiqua">Monachus in claustro non valet ova duo: sed +quando est extra bene valet triginta.</span> — Er wird denn auch wohl Wunder +tun. — Seht, Kreisler, seht, da kommt er den Gang herauf. — Er hat uns +erblickt und weiß wie er sich gebärden muß. —</p> + +<p>Kreisler erblickte den Mönch Cyprianus, der langsam feierlichen +Schrittes, den stieren Blick zum Himmel gerichtet, die Hände gefaltet +wie in einer frommen Extase begriffen, den Laubgang herauf kam.</p> + +<p>Hilarius entfernte sich schnell, Kreisler blieb aber verloren in den +Anblick des Mönchs, der in seinem Antlitz, in seinem Wesen etwas +Seltsames, Fremdartiges trug, das ihn unter allen übrigen Menschen +auszuzeichnen schien. Ein großes ungewöhnliches Verhängnis läßt <a class="pagenum" name="page_354">354</a>lesbare +Spuren zurück, und so mocht' es auch sein, daß ein wunderbares Geschick +des Mönchs äußere Erscheinung gestaltet hatte, wie sie sich nun eben +zeigte.</p> + +<p>Der Mönch wollte vorüberschreiten, ohne in seiner Verzückung Kreislern +zu bemerken, der fühlte sich aber aufgelegt, dem strengen Abgesandten +des Oberhaupts der Kirche, dem feindlichen Verfolger der herrlichsten +Kunst in den Weg zu treten.</p> + +<p>Er tat es mit den Worten: Erlaubt, ehrwürdiger Herr, daß ich Euch meinen +Dank abstatte. Ihr befreitet mich durch Euer kräftiges Wort zur rechten +Zeit aus den Händen des groben Lümmels von Zigeunerbuben; er hätte mich +erwürgt, wie ein gestohlnes Huhn! —</p> + +<p>Der Mönch schien aus einem Traume zu erwachen, er fuhr mit der Hand über +die Stirne und blickte Kreislern lange starr an, als müsse er sich auf +ihn besinnen. Dann verzog sich aber sein Antlitz zum furchtbaren +durchbohrenden Ernst, und Flammen des Zorns in den Augen, rief er mit +starker Stimme: Verwegener frevelhafter Mensch, Ihr hättet verdient, daß +ich Euch hinfahren ließ in Euern Sünden! Seid Ihr nicht der, der den +heiligen Kultus der Kirche, die vornehmste Stütze der Religion +profaniert durch weltlichen Klingklang? Seid Ihr es nicht, der hier +durch eitle Kunststücke die frömmsten Gemüter betörte, daß sie sich +abwandten von dem Heiligen und weltlicher Lust frönten in üppigen +Liedern? Kreisler fühlte sich durch diese wahnsinnigen Vorwürfe ebenso +verletzt, als erhoben durch den albernen Hochmut des fanatischen Mönchs, +der mit solchen leichten Waffen zu bekämpfen.</p> + +<p>Ist es sündhaft, sprach Kreisler sehr ruhig und dem Mönch fest ins Auge +blickend, die ewige Macht zu preisen in der Sprache, die sie uns selbst +gab, damit das Himmelsgeschenk die Begeisterung der brünstigsten +Andacht, ja die Erkenntnis des Jenseits in unserer Brust erwecke, ist es +sündhaft sich auf den Seraphsfittichen des Gesanges hinwegzuschwingen +über alles Irdische, und in frommer Sehnsucht und Liebe hinaufzustreben +nach dem Höchsten, so habt Ihr recht, ehrwürdiger Herr, so bin ich ein +arger Sünder. Erlaubt aber, daß ich der entgegengesetzten Meinung bin, +und fest glaube, daß dem Kultus der Kirche die wahrhafte Glorie der +heiligsten Begeisterung fehlen würde, wenn der Gesang schweigen sollte.</p> + +<p>So flehet zur heiligen Jungfrau, erwiderte der Mönch streng und kalt, +daß sie die Decke von Euern Augen nehmen und Euch den verdammlichen +Irrtum erkennen lassen möge.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_355">355</a>Ein Komponist wurde von jemanden gefragt, sprach Kreisler sanft +lächelnd, wie er es denn anfange, daß seine geistlichen Kompositionen +durchaus andächtige Begeisterung atmeten. Wenn es, erwiderte darauf der +fromme kindliche Meister, mit dem Komponieren nicht so recht fort will, +so bete ich im Zimmer auf und ab gehend einige Ave und dann kommen mir +die Ideen wieder. Derselbe Meister sagte von einem andern großen +geistlichen Werk: Erst als ich zur Hälfte in meiner Komposition +vorgerückt war, merkte ich, daß sie geraten wäre; ich war auch nie so +fromm als während der Zeit, da ich daran arbeitete; täglich fiel ich auf +meine Knie nieder, und bat Gott, daß er mir Kraft zur glücklichen +Ausführung dieses Werkes verleihen möge. — Mich will bedünken, +ehrwürdiger Herr, als wenn weder dieser Meister noch der alte Palästrina +sich um Sündhaftes bemüht, und daß nur ein in aszetischer Verstocktheit +erkaltetes Herz nicht zu der höchsten Frömmigkeit des Gesanges entflammt +werden kann.</p> + +<p>Menschlein, wer bist Du denn, fuhr der Mönch zornig auf, daß ich mit +Dir, der Du Dich hinwerfen müßtest in den Staub, rechten soll? — Fort +aus der Abtei, damit Du nicht länger das Heilige verstörst! —</p> + +<p>Tief empört über des Mönchs gebieterischen Ton, rief Kreisler heftig: +Und wer bist Du denn, wahnsinniger Mönch, daß Du Dich erheben willst +über alles was menschlich? — Bist Du frei geboren von der Sünde? — Hast +Du nie über Gedanken der Hölle gebrütet? Bist Du nie ausgewichen auf dem +schlüpfrigen Pfad, den Du wandeltest? Und wenn die heilige Jungfrau Dich +wirklich gnadenvoll dem Tode entriß, den Du vielleicht irgendeiner +grauenvollen Tat verdanktest, so geschah es, daß Du in Demut Deine Sünde +erkennen und sie büßen, nicht aber mit freveliger Prahlerei Dich der +Gnade des Himmels, ja der heiligen Krone rühmen solltest, die Du niemals +erwerben wirst.</p> + +<p>Der Mönch stierte Kreislern an mit Tod und Verderben sprühenden Blicken, +indem er unverständliche Worte lallte.</p> + +<p>Und stolzer Mönch, fuhr Kreisler fort mit steigendem Affekt, als Du noch +diesen Rock trugst — —</p> + +<p>Damit hielt Kreisler das Bild, das er vom Meister Abraham erhalten, dem +Mönch vor Augen; doch sowie dieser es erblickte, schlug er sich wie in +wilder Verzweiflung mit beiden Fäusten vor die Stirn, und stieß einen +herzzermalmenden Schmerzenslaut aus, als träfe ihn ein Todesstreich.</p> + +<p><a class="pagenum" name="page_356">356</a>Fort mit <em class="gesperrt">Dir</em> aus der Abtei, Du verbrecherischer Mönch! — rief nun +Kreisler. — Hoho mein Heiliger, wenn Du vielleicht auf den Hühnerdieb +stößest, mit dem Du in Gemeinschaft, so sage ihm, Du könntest und +wolltest ein andermal mich nicht wieder schützen, doch solle er sich in +acht nehmen, und von meiner Kehle wegbleiben, sonst würde ich ihn +spießen wie eine Lerche oder wie seinen Bruder, denn aufs Spießen +— Kreisler entsetzte sich in diesem Augenblick vor sich selber; der +Mönch stand vor ihm starr, regungslos, noch immer beide Fäuste vor die +Stirn gedrückt, keines Wortes, keines Lautes mächtig, es war Kreislern, +als rausche es im nahen Gebüsch, als werde gleich der wilde Giuseppo auf +ihn losstürzen. Er rannte von dannen, die Mönche sangen eben im Chor die +Abendhora, und Kreisler begab sich in die Kirche, weil er hoffte, dort +sein tief aufgeregtes, tief verletztes Gemüt zu beruhigen.</p> + +<p>Die Hora war geendet, die Mönche verließen den Chor, die Lichter +verlöschten. Kreislers Sinn hatte sich zu den alten frommen Meistern +gewendet, deren er in dem Streit mit dem Mönch Cyprianus gedacht. +— Musik — fromme Musik war aufgegangen in ihm, Julia hatte gesungen und +nicht mehr brauste der Sturm in seinem Innern. Er wollte fort durch eine +Seitenkapelle, deren Türe in den langen Gang ging, welcher zu einer +Treppe und hinauf in sein Zimmer führte.</p> + +<p>Als Kreisler in die Kapelle trat, erhob sich ein Mönch mühsam vom Boden, +auf dem er ausgestreckt vor dem wundertätigen Marienbilde gelegen hatte, +das dort aufgestellt war. In dem Schein der ewigen Lampe erkannte +Kreisler den Mönch Cyprianus, aber matt und elend schien er eben aus +einer Ohnmacht zu sich selbst gekommen. Kreisler leistete ihm hülfreiche +Hand, da sprach der Mönch mit leiser wimmernder Stimme: „Ich erkenne +Euch — Ihr seid Kreisler! Habt Barmherzigkeit, verlaßt mich nicht, +helft mir zu jenen Stufen, ich will mich dort niederlassen, aber setzt +Euch zu mir, dicht zu mir, denn nur die Gebenedeite darf uns hören. +— Übt Mitleiden, Gnade, fuhr nun der Mönch fort, als beide auf den +Stufen des Altars saßen, vertraut mir, ob Ihr nicht das verhängnisvolle +Bildnis von dem alten Severino erhieltet, ob Ihr um alles, um das ganze +furchtbare Geheimnis wisset?</p> + +<p>Frei und offen versicherte Kreisler, daß er das Bildnis vom Meister +Abraham <ins title="Liscow">Liscov</ins> erhalten und erzählte ohne Scheu alles, was sich in +Sieghartshof begeben, und wie er nur aus mancherlei Kombinationen auf +irgendeine Greueltat schließe, deren lebhafte <a class="pagenum" name="page_357">357</a>Erinnerung sowie die +Furcht des Verrats das Bildnis wecke. Der Mönch, der bei einigen +Momenten in Kreislers Erzählung tief erschüttert geschienen, schwieg +jetzt einige Augenblicke. Dann begann er ermutigt mit festerer Stimme: +Ihr wißt zu viel, Kreisler, um nicht alles erfahren zu müssen. Vernehmt, +Kreisler, jener Prinz Hektor, der Euch auf den Tod verfolgte, es ist +mein jüngerer Bruder. Wir sind Söhne eines fürstlichen Vaters, dessen +Thron ich geerbt haben würde, hätte ihn nicht der Sturm der Zeit +umgeworfen. Wir nahmen, da eben der Krieg ausgebrochen, beide Dienste, +und der Dienst war es, der zuerst mich und dann auch meinen Bruder nach +Neapel brachte. — Ich hatte mich damals aller bösen Lust der Welt +hingegeben, und vorzüglich die wilde Leidenschaft zu den Weibern riß +mich ganz und gar hin. Eine Tänzerin, ebenso schön als verrucht, war +meine Geliebte, und überdem lief ich den liederlichen Dirnen nach, wo +ich sie fand.</p> + +<p>So geschah es, daß ich eines Tages, als es schon zu dunkeln begann, +auf dem Molo ein paar Geschöpfe dieser Art verfolgte. Beinahe hatte ich +sie erreicht, als dicht neben mir eine Stimme gellend rief: Was das +Prinzchen doch für ein allerliebster Taugenichts ist! — Da läuft er +gemeinen Dirnen nach und könnte in den Armen der schönsten Prinzessin +liegen! — Mein Blick fiel auf ein altes abgelumptes Zigeunerweib, die +ich vor wenigen Tagen in der Straße Toledo von den Sbirren wegführen +gesehen, weil sie einen Wasserverkäufer, so kräftig er schien, im Zank +mit ihrer Krücke zu Boden geschlagen. — Was willst du von mir alte Hexe? +So rief ich das Weib an, die mich aber in dem Augenblick mit einem Strom +der abscheulichsten niedrigsten Schimpfreden überschüttete, so daß das +müßige Volk bald sich um uns versammelte und über meine Verlegenheit +ausbrach in ein tolles Gelächter. — Ich wollte fort, da hielt mich aber +das Weib beim Kleide fest, ohne vom Boden aufzustehen, und sprach, +plötzlich mit den Schimpfreden einhaltend leise, indem sich ihr +abscheuliches Antlitz zum grinsenden Lächeln verzog: Ei, mein süßes +Prinzlein, willst du denn nicht bei mir bleiben? Willst du nichts hören +von dem schönsten Engelskinde, das in dich vernarrt ist? — Damit erhob +sich das Weib mühsam, indem sie sich an meinen Armen festklammerte, und +zischelte mir von einem jungen Mädchen in die Ohren, das schön und +anmutig wie der Tag und noch unschuldig sei. — Ich hielt das Weib für +eine gemeine Kupplerin und wollte mich, da gerade mein Sinn nicht dahin +stand, ein neues Abenteuer anzuknüpfen, mit ein paar Dukaten von ihr +los<a class="pagenum" name="page_358">358</a>machen. Sie nahm aber das Geld nicht, und rief, als ich mich +entfernte, mir laut lachend nach: Geht nur, geht, mein feiner Herr, Ihr +werdet mich bald aufsuchen mit großem Kummer und Weh im Herzen! — Einige +Zeit war vergangen, ich hatte nicht mehr an das Zigeunerweib gedacht, +als eines Tages auf dem Spaziergange Villa Reale genannt, eine Dame vor +mir herging, die mir in ihrem Wesen so wunderbar anmutig schien, wie ich +noch keine gesehen. Ich eilte ihr voraus, und als ich ihr Antlitz +erblickte, war es mir, als öffne sich der leuchtende Himmel aller +Schönheit. — So dachte ich nämlich damals als ein sündiger Mensch, und +daß ich den frevelhaften Gedanken wiederhole, mag Euch statt aller +Beschreibung des Liebreizes mit dem die ewige Macht die holde Angela +geschmückt hatte um so mehr dienen, als es mir jetzt nicht geziemen und +auch wohl nicht gelingen würde viel zu reden über irdische Schönheit. +Zur Seite der Dame ging oder hinkte vielmehr an einem Stabe eine sehr +alte, ehrbar gekleidete Frau, die nur durch ihre ganz ungewöhnliche +Größe und seltsame Unbehülflichkeit auffiel. Trotz des völlig +veränderten Anzuges, trotz der tiefen Haube, die einen Teil des +Antlitzes verhüllte, erkannte ich in der alten Frau doch augenblicklich +das Zigeunerweib vom Molo. Das fratzenhafte Lächeln der Alten, ihr +leises Kopfnicken bewies mir, daß ich mich nicht irre. — Ich konnte den +Blick nicht abwenden von dem anmutigen Wunder; die Holde schlug die +Augen nieder; der Fächer entfiel ihrer Hand. Schnell hob ich ihn auf; +indem sie ihn nahm berührte ich ihre Finger; sie zitterten, da loderte +das Feuer meiner verdammlichen Leidenschaft in mir auf, und ich ahnte +nicht, daß die erste Minute der schrecklichen Prüfung gekommen, die mir +der Himmel auferlegt. Ganz betäubt, ganz im Sinn verwirrt stand ich da +und bemerkte kaum, daß die Dame mit ihrer alten Begleiterin in eine +Kutsche stieg, die am Ende der Allee gehalten hatte. Erst als der Wagen +fortrollte, kam ich zur Besinnung, und stürzte nach wie ein Rasender. +Ich kam noch zu rechter Zeit, um zu sehen, daß der Wagen vor einem Hause +in der engen kurzen Straße hielt, die nach dem großen Platz Largo delle +Piane führt. Beide, die Dame und ihre Begleiterin stiegen aus, und da +der Wagen sogleich fortfuhr als sie in das Haus getreten, konnte ich mit +Recht vermuten, daß dort ihre Wohnung. Auf dem Platz Largo delle Piane +wohnte mein Bankier, Signore Alessandro Sperzi, und selbst weiß ich +nicht, wie ich auf den Einfall geriet, diesen Mann jetzt gerade +heimzusuchen. Er glaubte, ich käme Geschäfte halber, und begann sehr +weitläuftig über mein <a class="pagenum" name="page_359">359</a>Verhältnis zu reden. Mein ganzer Kopf war aber +erfüllt von der Dame, ich dachte, ich hörte nichts anders und so kam es, +daß ich dem Signor Sperzi statt aller Antwort das anmutige Abenteuer des +Augenblicks erzählte. Signor Sperzi wußte mir mehr von meiner Schönen zu +sagen, als ich hatte ahnen können. Er war es, der jedes halbe Jahr von +einem Handelshause in Augsburg eine ansehnliche Rimesse für eben jene +Dame erhielt. Sie wurde Angela Benzoni genannt, die Alte aber mit dem +Namen Frau Magdala Sigrun bezeichnet. Signor Sperzi mußte dagegen dem +Augsburger Handelshause über das ganze Leben des Mädchens die genaueste +Nachricht geben, so daß er, da es ihm auch früher obgelegen, ihre ganze +Erziehung sowie jetzt ihren Haushalt zu leiten, in gewisser Art als ihr +Vormund anzusehen. Der Bankier hielt das Mädchen für die Frucht eines +verbotenen Verhältnisses unter Personen des vornehmsten Standes. — Ich +bezeigte dem Signor Sperzi meine Verwunderung darüber, daß man ein +solches Kleinod einem so zweideutigen Weibe anvertraue, als die Alte +sei, die sich in schmutzigen zerlumpten Zigeunerkleidern auf den Straßen +herumtreibe und vielleicht gar die Kupplerin spielen wollte. Der Bankier +versicherte dagegen, daß es keine treuere sorgsamere Pflegerin gebe, als +die Alte, die mit dem Mädchen hergekommen, als es erst zwei Jahre alt +gewesen. Daß die Alte sich zuweilen als Zigeunerin vermumme, sei eine +wunderliche Grille, die man ihr wohl in diesem Lande der Maskenfreiheit +nachsehen könne. — Ich darf, ich muß kurz sein. Die Alte suchte mich +bald auf in ihrem Zigeunerhabit und führte mich selbst zu Angela, die +mir in holder jungfräulicher Scham hocherrötend ihre Liebe gestand. Noch +immer hatte ich in meinem verirrten Wesen geglaubt, die Alte sei eine +ruchlose Nährerin der Sünde, aber bald wurde ich des Gegenteils +überführt. Angela war keusch und rein wie Schnee, und da wo ich sündhaft +zu schwelgen gedachte, lernte ich an eine Tugend glauben, die ich +freilich jetzt für ein höllisches Blendwerk des Teufels erkennen muß. In +eben dem Grade als meine Leidenschaft höher und höher stieg, neigte ich +mich auch mehr und mehr der Alten hin, die mir unaufhörlich in die Ohren +raunte, daß ich mich mit Angela vermählen solle. Müßte dies auch zur +Zeit heimlich geschehen so komme doch wohl der Tag, an dem ich +öffentlich der Gemahlin das fürstliche Diadem auf die Stirn drücken +werde. — Angelas Geburt sei der meinigen gleich.</p> + +<p>— Wir wurden in einer Kapelle der Kirche San Filippo getraut. — Ich +glaubte den Himmel gefunden zu haben, ich entzog mich allen +<a class="pagenum" name="page_360">360</a>Verbindungen, ich gab den Dienst auf, man sah mich nicht mehr in jenen +Kreisen, in denen ich sonst frevelnd allen Lüsten gefrönt. — Eben diese +veränderte Lebensweise verriet mich. Jene Tänzerin, von der ich mich +losgesagt, forschte aus, wohin ich mich jeden Abend begab, und ahnend, +daß daraus sich vielleicht der Keim ihrer Rache entwickeln könne, +entdeckte sie meinem Bruder das Geheimnis meiner Liebe. — Mein Bruder +schlich mir nach, überraschte mich in Angela's Armen. — Mit einer +scherzhaften Wendung entschuldigte Hektor seine Zudringlichkeit und +machte mir Vorwürfe daß ich gar zu selbstsüchtig, ihm nicht einmal das +Vertrauen eines aufrichtigen Freundes geschenkt; doch ich merkte nur zu +deutlich, wie betroffen er war über Angela's hohe Schönheit. Der Funke +war gefallen, die Flamme der wütendsten Leidenschaft angefacht in seinem +Innern. — Er kam oft, wiewohl nur in den Stunden, wenn er mich zu +finden wußte. — Ich glaubte zu bemerken, daß Hektors wahnsinnige Liebe +erwidert wurde, und alle Furien der Eifersucht zerfleischten meine +Brust. — Da war ich dem Graus der Hölle verfallen! — Einst, als ich +eintrat in Angelas Gemach, glaubte ich Hektors Stimme im Nebenzimmer zu +vernehmen. — Den Tod im Herzen blieb ich eingewurzelt stehen. Doch +plötzlich stürzte Hektor aus dem Nebengemach hinein mit glutrotem +Antlitz und wildrollenden Augen wie ein Rasender. Verdammter, du sollst +mir fernerhin nicht in den Weg treten! so rief er schäumend vor Wut und +stieß mir den Dolch, den er schnell hervorgezogen, in die Brust bis an +das Heft. — Der herbeigerufene Chirurgus fand, daß der Stoß durch das +Herz gegangen. — Die Hochgebenedeite hat mich gewürdigt, mir das Leben +wieder zu schenken durch ein Mirakel. —</p> + +<p>Die letzten Worte sprach der Mönch mit leiser zitternder Stimme, und +schien dann in trübes Sinnen verloren.</p> + +<p>Und was wurde aus Angela? fragte Kreisler.</p> + +<p>Als der Mörder die Früchte seiner Greueltat genießen wollte, erwiderte +der Mönch mit hohler, geisterartiger Stimme, da erfaßte die Geliebte der +Todeskrampf und sie verschied in seinen Armen. — Gift. —</p> + +<p>Dies Wort gesprochen, fiel der Mönch nieder aufs Gesicht und röchelte +wie ein Sterbender. — Kreisler setzte durch die Glocke, die er anzog, +das Kloster in Bewegung. Man eilte herbei und schaffte den ohnmächtigen +Cyprianus in den Krankensaal.</p> + +<p>Kreisler fand am andern Morgen den Abt in ganz besonders heitrer Laune. +— Ha ha, mein Johannes, rief er ihm entgegen, Ihr <a class="pagenum" name="page_361">361</a>wollt an kein Mirakel +der neuesten Zeit glauben, und Ihr habt gestern in der Kirche selbst das +wunderbarste Mirakel bewirkt, das es nur geben mag. — Sagt, was habt +Ihr mit unserm stolzen Heiligen gemacht, der daliegt wie ein reuiger +zerknirschter Sünder und uns alle in kindischer Todesangst höchlich um +Verzeihung gebeten hat, daß er sich über uns erheben wollen! — Habt Ihr +ihn, der von Euch nun Beichte verlangte, vielleicht selbst beichten +lassen? —</p> + +<p>Kreisler fand gar keine Ursache, auch nur das mindeste von dem zu +verschweigen, was sich mit ihm und dem Mönch Cyprianus begeben. Er +erzählte daher umständlich alles, von der freimütigen Strafpredigt an, +die er dem einbildischen Mönch gehalten, als er die heilige Tonkunst +herabgewürdigt, bis auf den schrecklichen Zustand, in den er verfallen, +als er das Wort: Gift! ausgesprochen. Dann erklärte Kreisler, daß er +eigentlich doch noch immer nicht wisse, warum das Bild, habe sich auch +Prinz Hektor davor entsetzt, gleiche Wirkung auf den Mönch Cyprianus +hervorgebracht. Ebenso sei er darüber noch ganz im Dunkeln geblieben, +auf welche Weise Meister Abraham in jene grauenvolle Begebenheiten +verflochten.</p> + +<p>In der Tat, mein lieber Sohn Johannes, sprach der Abt anmutig lächelnd, +wir stehen jetzt ganz anders gegenüber, als noch vor wenigen Stunden. +Ein standhaftes Gemüt, ein fester Sinn, vorzüglich aber wohl ein tiefes +richtiges Gefühl, das wie eine wunderbar wahrsagende Erkenntnis in +unserer Brust verborgen, richtet vereint mehr aus, als der schärfste +Verstand, der geübteste alles scheidende Blick. Du hast es bewiesen, +mein Johannes, indem Du die Waffe, die man Dir in die Hand gab, ohne +Dich ganz über ihre Wirkung zu belehren, so geschickt in dem richtigen +Moment zu gebrauchen wußtest, daß Du auf der Stelle den Feind zu Boden +schlugst, den vielleicht der durchdachteste Plan nicht so leicht aus dem +Felde getrieben haben würde. Ohne es zu wissen, hast Du mir, dem +Kloster, vielleicht auch der Kirche überhaupt, einen Dienst erwiesen, +dessen ersprießliche Folgen nicht zu übersehen sind. Ich will, ich darf +jetzt gegen Dich ganz aufrichtig sein, ich wende mich ab von denen, die +mir Falsches vorspiegeln wollten zu Deinem Nachteil, Du kannst auf mich +rechnen, Johannes! — Daß der schönste Wunsch, der in Deiner Brust ruht, +erfüllt werde, dafür laß mich sorgen! Deine Cäcilia, Du weißt, welches +holde Wesen ich meine — doch still jetzt davon! — Das was Du noch von +jener entsetzlichen Begebenheit in Neapel zu wissen verlangst, ist mit +wenigen Worten gesagt. — Fürs erste hat es unserm würdigen Bruder +<a class="pagenum" name="page_362">362</a>Cyprianus beliebt, in seiner Erzählung einen kleinen Umstand zu +übergehen. — Angela starb an dem Gift, das er ihr beigebracht in dem +höllischen Wahnsinn der Eifersucht. — Meister Abraham befand sich +damals in Neapel unter dem Namen Severino. Er glaubte Spuren seiner +verlornen Chiara zu finden, und fand sie wirklich, da ihm jene alte +Zigeunerin in den Weg kam, Magdala Sigrun geheißen, die Du schon kennst. +An den Meister wandte sich die Alte, als das Schrecklichste geschehen, +und ihm vertraute sie, ehe sie Neapel verließ jenes Bildnis, dessen +Geheimnisse Du noch nicht kennst. Drücke den stählernen Knopf an dem +Rande, dann springt Antonio's Bildnis, das nur an einer Kapsel zum +Deckel dient auf, und Du erblickst nicht allein Angela's Bildnis, +sondern Dir fallen auch noch ein paar Blättchen in die Hände, die von +der äußersten Wichtigkeit sind, da sie Dir den Beweis des doppelten +Mordes liefern. — Du siehst nun, warum Dein Talisman so kraftvoll +wirkt. — Meister Abraham soll noch mit dem Bruderpaar in mancherlei +Berührung gekommen sein, doch davon wird er Dir selbst noch besser +erzählen können als ich. — Laß uns jetzt hören, Johannes, wie es mit +dem kranken Bruder Cyprianus steht. —</p> + +<p>Und das Mirakel? So fragte Kreisler, indem er den Blick auf die Stelle +der Wand über dem kleinen Altar warf, wo er selbst mit dem Abt das Bild, +dessen sich der geneigte Leser wohl noch erinnert, befestigt hatte. +Nicht wenig verwunderte er sich aber, als er statt dieses Bildes wieder +Leonardo da Vinci's heilige Familie erblickte, die ihren alten Platz +eingenommen. — Und das Mirakel? — fragte Kreisler zum zweiten Mal. Ihr +meint das schöne Bild, erwiderte der Abt mit seltsamem Blick, welches +sonst hier aufgehängt war? — Ich habe es unterdessen in dem Krankensaal +aufstellen lassen. Vielleicht stärkt der Anblick unsern armen Bruder +Cyprianus, vielleicht hilft ihm die Hochgebenedeite zum zweiten Mal. —</p> + +<p>Kreisler fand auf seinem Zimmer ein Schreiben des Meisters Abraham, des +Inhalts:</p> + +<p class="center"> +Mein Johannes! +</p> + +<p>Auf! auf! — verlaßt die Abtei, eilt her so schnell Ihr könnt! — Der +Teufel hat hier zu seiner Lust eine ganz besondere Hetzjagd angestellt! +— Mündlich mehr, das Schreiben wird mir blutsauer, denn es steckt mir +alles im Halse und droht mich zu ersticken. Von mir, von dem +Hoffnungsstern, der mir aufgegangen, nicht ein Wort! Nur so viel in +aller Eil. — Die Rätin Benzon findet Ihr nicht mehr, <a class="pagenum" name="page_363">363</a>wohl aber die +Reichsgräfin von Eschenau. Das Diplom aus Wien ist angekommen und die +künftige Heirat Julias mit dem würdigen Prinzen Ignaz so gut wie +erklärt. Fürst Irenäus beschäftigt sich mit der Idee des neuen Throns, +auf dem er sitzen wird als regierender Herr. Die Benzon, oder vielmehr +die Gräfin von Eschenau hat ihm das versprochen. Prinz Hektor hat +indessen Versteckens gespielt, bis er nun wirklich fort mußte zur Armee. +— Bald kehrt er wieder und dann soll eine Doppelhochzeit gefeiert +werden. — Es wird lustig sein. Die Trompeter spülen sich schon die +Gurgeln aus, die Fiedler schmieren die Bogen, die Lichtzieher in +Sieghartsweiler gießen die Fackeln — aber? — Nächstens ist der +Namenstag der Fürstin, da unternehm ich Großes aber Ihr müßt hier sein. +Kommt nur lieber gleich auf der Stelle, wenn Ihr dies gelesen habt! +Lauft was Ihr könnt! Bald seh' ich Euch. — Apropos! Nehmt Euch vor den +Pfaffen in acht, aber den Abt lieb' ich sehr. — Adieu!</p> + +<p>So kurz und so inhaltsreich war dies Brieflein des alten Meisters, daß — +</p> + + +<h2><a class="pagenum" name="page_364">364</a><a name="Nachschrift_des_Herausgebers" id="Nachschrift_des_Herausgebers"></a>Nachschrift des Herausgebers.</h2> + + +<p>Am Schluß des zweiten Bandes ist der Herausgeber <ins title="genötigt">genötigt,</ins> dem geneigten +Leser eine sehr betrübte Nachricht mitzuteilen. — Den klugen, +wohlunterrichteten philosophischen, dichterischen Kater Murr hat der +bittre Tod dahingerafft mitten in seiner schönen Laufbahn. Er schied in +der Nacht vom neunundzwanzigsten bis zum dreißigsten November nach +kurzen aber schweren Leiden mit der Ruhe und Fassung eines Weisen dahin. +— So gibt es wieder einen Beweis, daß es mit den frühreifen Genies +immer nicht recht fort will; entweder sie steigen in einem Antiklimax +hinab zur charakter- und geistlosen Gleichgültigkeit und verlieren sich +in der Masse, oder sie bringen es in Jahren nicht hoch. — Armer Murr! +der Tod deines Freundes Muzius war der Vorbote deines eignen, und soll't +ich dir den Trauersermon halten, er würde mir ganz anders aus dem Herzen +kommen als dem teilnahmelosen Hinzmann; denn ich habe dich lieb gehabt +und lieber als manchen — Nun! — schlafe wohl — Friede deiner Asche! — +</p> + +<p>Schlimm ist es, daß der Verblichene seine Lebens-Ansichten nicht geendet +hat, die also Fragment bleiben müssen. Dagegen haben sich in den +nachgelassenen Papieren des verewigten Katers noch so manche Reflexionen +und Bemerkungen gefunden, die er in der Zeit aufgeschrieben zu haben +scheint, als er sich bei dem Kapellmeister Kreisler befand. Ferner war +aber auch noch ein guter Teil des von dem Kater zerrissenen Buches +vorhanden, welches Kreislers Biographie enthält.</p> + +<p>Der Herausgeber findet es daher der Sache nicht unangemessen, wenn er in +einem dritten Bande, der zur Ostermesse erscheinen soll, dies von +Kreislers Biographie noch Vorgefundene den geneigten Lesern mitteilt und +nur hin und wieder an schicklichen Stellen das einschiebt, was von jenen +Bemerkungen und Reflexionen des Katers der weitern Mitteilung wert +erscheint.</p> + +<p> </p> +<p> </p> +<hr class="full" /> +<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LEBENSANSICHTEN DES KATERS MURR***</p> +<p>******* This file should be named 38780-h.txt or 38780-h.zip *******</p> +<p>This and all associated files of various formats will be found in:<br /> +<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/3/8/7/8/38780">http://www.gutenberg.org/3/8/7/8/38780</a></p> +<p>Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed.</p> + +<p>Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://www.gutenberg.org/about/contact + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's +eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII, +compressed (zipped), HTML and others. + +Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over +the old filename and etext number. 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For +example an eBook of filename 10234 would be found at: + +http://www.gutenberg.org/dirs/1/0/2/3/10234 + +or filename 24689 would be found at: +http://www.gutenberg.org/dirs/2/4/6/8/24689 + +An alternative method of locating eBooks: +<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/GUTINDEX.ALL">http://www.gutenberg.org/dirs/GUTINDEX.ALL</a> + +*** END: FULL LICENSE *** +</pre> +</body> +</html> diff --git a/38780-h/images/cover.jpg b/38780-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..347e6a8 --- /dev/null +++ b/38780-h/images/cover.jpg diff --git a/38780-h/images/front.png b/38780-h/images/front.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..7972752 --- /dev/null +++ b/38780-h/images/front.png |
