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+The Project Gutenberg eBook, Lebensansichten des Katers Murr, by E. T. A.
+Hoffmann
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org2
+
+
+
+
+
+Title: Lebensansichten des Katers Murr
+ nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern
+
+
+Author: E. T. A. Hoffmann
+
+
+
+Release Date: February 6, 2012 [eBook #38780]
+
+Language: German
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LEBENSANSICHTEN DES KATERS MURR***
+
+
+E-text prepared by Norbert H. Langkau, Carlos Valiente, and the Online
+Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net)
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert.
+ Im Original nicht in Fraktur gedruckter Text wurde mit _
+ markiert.
+
+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden
+ übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden
+ korrigiert. Eine Liste der vorgenommenen Änderungen findet
+ sich am Ende des Textes.
+
+ Wörtliche Rede ist in diesem Text sehr unregelmäßig
+ gekennzeichnet. Die dargestellten An- und Ausführungszeichen
+ entsprechen den im Original gedruckten.
+
+
+
+
+
+E. T. A. Hoffmann
+
+LEBENSANSICHTEN DES KATERS MURR
+
+
+Hamburgische Hausbibliothek
+
+Herausgegeben
+im Auftrage der Gesellschaft Hamburgischer
+Kunstfreunde, der Patriotischen Gesellschaft
+und der Lehrervereinigung für die
+Pflege der künstlerischen
+Bildung
+
+[Illustration]
+
+Hamburg 1912
+
+Alfred Janssen
+
+
+LEBENSANSICHTEN DES KATERS MURR
+
+nebst
+fragmentarischer Biographie des
+Kapellmeisters Johannes Kreisler
+in zufälligen Makulaturblättern
+
+Herausgegeben von
+E. T. A. Hoffmann
+
+
+
+
+
+
+
+1. bis 5. Tausend
+
+Hamburg 1912
+Alfred Janssen
+
+Druckerei-Gesellschaft Hartung & Co. m. b. H., Hamburg
+
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+E. Th. Amadeus Hoffmann wurde am 21. Januar 1776 in Königsberg geboren.
+Er wurde Jurist und kam als preußischer Beamter 1804 nach Warschau.
+Durch die französische Besetzung verlor er 1807 sein Amt. Er fand
+schließlich ein Unterkommen als Kapellmeister an dem Theater in Hamburg.
+Als das Unternehmen einging, wurde er Mitarbeiter an der Allgemeinen
+Musikzeitung in Leipzig. 1816 wurde er wieder als Kammergerichtsrat in
+Berlin angestellt, wo er am 24. Juli 1822 starb.
+
+Diese Daten enthalten alles, was den Lebensgang und die Eigenart des
+Mannes kennzeichnet. Er war preußischer Beamter; der Untergang seines
+Staates warf ihn in das unsichere Dasein eines fahrenden Musikers und
+eines lohnschreibenden Journalisten. So wurde die Schriftstellerei sein
+zweiter Beruf, den er fortführte, als er wieder ins Amt kam.
+
+Er besaß in hohem Maße den scharfen Verstand und die unbedingte
+Sachlichkeit, welche sein Amt verlangte. Aber in seinen Erzählungen,
+auch wohl im Leben außer dem Dienste liebte seine Phantasie es, die
+ordnungsliebende Vernunft am hellen Tage durch tolle Launen zu
+erschrecken. Spiel ist ursprünglich sein Verhältnis zur Kunst. Drei
+Künste, Malerei, Musik, Poesie hat er zunächst als Dilettant ausgeübt.
+Er zeichnete Karikaturen, er dichtete und komponierte Singspiele und
+kleine Opern. Von der Musik kam er zur Musikschriftstellerei; aus den
+Rezensionen wurden Erzählungen. So entstand die Figur des Kapellmeisters
+Kreisler. Malerei und Musik blieben Lieblingsgegenstände seiner
+Erzählungen und Kreisler taucht wieder in dem Werke auf, welches zwar
+nicht das letzte ist, aber als reifer Abschluß seiner Dichtung angesehen
+werden darf.
+
+In dieser Geschichte laufen zwei Erzählungen nebeneinander her. Die
+Geschichte des Katers Murr zeigt die Entwicklung des Naturburschen, des
+Autodidakten; seine Seele und sein Geist sind ein unbeschriebenes Blatt,
+in welches Gott und Welt gern hineinschreiben und das sich daher bald
+füllt.
+
+Die parallel laufende Geschichte des Kapellmeisters Johannes Kreisler
+zeigt dagegen lauter Kulturmenschen. Kreisler ist der edle, hochbegabte
+stets mit den Widerwärtigkeiten des Lebens und der Trivialität der
+Menschen ringende Künstler. In Julia ist ihm ein weibliches Ideal
+gegenübergestellt. Meister Abraham, der väterliche Freund Kreislers, ist
+der angesehene, wohlgesinnte, tüchtige Mann, der seinen Weg durchs Leben
+gemacht hat. Er ist der männliche, die Rätin Benzon der weibliche Mentor
+des mediatisierten Fürsten Irenäus, an dessen Miniaturhofe die
+Geschichte spielt. Die Familie des Fürsten Irenäus zeigt deutlich die
+Schwächen einer durch viele Generationen gepflegten Überkultur. Er
+selbst zeigt Züge des Serenissimus, ja, man könnte sagen, er ist der
+Prototyp desselben; der Dichter hat sich jedoch sorgfältig vor Karikatur
+gehütet. Die Prinzessin Hedwiga, die Freundin Julias, ist die zwar in
+ihrem Charakter an sich aufrechte, aber mit hysterischer Nervenschwäche
+belastete Tochter eines alten Geschlechts. Ihr Bruder Prinz Ignaz ist
+ein Trottel.
+
+In der Episode der Chiara, der Geliebten des Meisters Abraham und in der
+Geschichte des Mönches Cyprianus und der Angela kommt der Hang des
+Dichters zum Übersinnlichen, Romantischen zu seinem Rechte. Es ist ein
+eigentümlicher Zug Hoffmanns, daß trotz aller scheinbar ernsten
+Versuche, die wunderbaren Ereignisse auf natürliche Weise zu erklären,
+ihnen doch immer ein Zug ins Übersinnliche anhaften bleibt.
+
+ Dr. Ernst Hipp.
+
+
+
+
+Vorwort des Herausgebers.
+
+
+Keinem Buche ist ein Vorwort nötiger als gegenwärtigem, da es, wird
+nicht erklärt, auf welche wunderliche Weise es sich zusammengefügt hat,
+als ein zusammengewürfeltes Durcheinander erscheinen dürfte.
+
+Daher bittet der Herausgeber den günstigen Leser, wirklich zu lesen,
+nämlich dies Vorwort.
+
+Besagter Herausgeber hat einen Freund, mit dem er ein Herz und eine
+Seele ist, den er eben so gut kennt, als sich selbst. Dieser Freund
+sprach eines Tages zu ihm ungefähr also. »Da Du, mein Guter, schon
+manches Buch hast drucken lassen, und Dich auf Verleger verstehst, wird
+es Dir ein leichtes sein, irgend einen von diesen wackern Herren
+aufzufinden, der auf Deine Empfehlung etwas druckt, was ein junger Autor
+von dem glänzendsten Talent, von den vortrefflichsten Gaben vorher
+aufschrieb. Nimm Dich des Mannes an, er verdient es.«
+
+Der Herausgeber versprach, sein Bestes zu tun für den
+schriftstellerischen Kollegen. Etwas verwunderlich wollt' es ihm nun
+wohl bedünken, als sein Freund ihm gestand, daß das Manuskript von einem
+Kater, Murr geheißen, herrühre, und dessen Lebensansichten enthalte; das
+Wort war jedoch gegeben, und da der Eingang der Historie ihm ziemlich
+gut stilisiert schien, so lief er sofort, mit dem Manuskript in der
+Tasche, zu dem Herrn Dümmler unter den Linden und proponierte ihm den
+Verlag des Katerbuchs.
+
+Herr Dümmler meinte, bis jetzt habe er zwar nicht unter seinen Autoren
+einen Kater gehabt, wisse auch nicht, daß irgend einer seiner werten
+Kollegen mit einem Mann des Schlages bis jetzt sich eingelassen,
+indessen wolle er den Versuch wohl machen.
+
+Der Druck begann, und dem Herausgeber kamen die ersten Aushängebogen zu
+Gesicht. Wie erschrak er aber, als er gewahrte, daß Murrs Geschichte hin
+und wieder abbricht, und dann fremde Einschiebsel vorkommen, die einem
+andern Buch, die Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler
+enthaltend, angehören.
+
+Nach sorgfältiger Nachforschung und Erkundigung erfuhr der Herausgeber
+endlich folgendes. Als der Kater Murr seine Lebensansichten schrieb,
+zerriß er ohne Umstände ein gedrucktes Buch, das er bei seinem Herrn
+vorfand, und verbrauchte die Blätter harmlos, teils zur Unterlage, teils
+zum löschen. Diese Blätter blieben im Manuskript und -- wurden, als zu
+demselben gehörig, aus Versehen mit abgedruckt!
+
+De- und wehmütig muß nun der Herausgeber gestehen, daß das verworrene
+Gemisch fremdartiger Stoffe durcheinander lediglich durch seinen
+Leichtsinn veranlaßt, da er das Manuskript des Katers hätte genau
+durchgehen sollen, ehe er es zum Druck beförderte, indessen ist noch
+einiger Trost für ihn vorhanden.
+
+Für's erste wird der geneigte Leser sich leicht aus der Sache finden
+können, wenn er die eingeklammerten Bemerkungen: Mak. Bl.
+(Makulatur-Blatt) und M. f. f. (Murr fährt fort) gütigst beachten will.
+Dann ist aber das zerrissene Buch höchst wahrscheinlich gar nicht in den
+Buchhandel gekommen, da niemand auch nur das Mindeste davon weiß. Den
+Freunden des Kapellmeisters wenigstens wird es daher angenehm sein, daß
+sie durch den literarischen Vandalismus des Katers zu einigen
+Nachrichten über die sehr seltsamen Lebensumstände jenes in seiner Art
+nicht unmerkwürdigen Mannes kommen.
+
+Der Herausgeber hofft auf gütige Verzeihung.
+
+Wahr ist es endlich, daß Autoren ihre kühnsten Gedanken, die
+außerordentlichsten Wendungen, oft ihren gütigen Setzern verdanken, die
+dem Aufschwunge der Ideen nachhelfen durch sogenannte Druckfehler. So
+sprach z. B. der Herausgeber im zweiten Teile seiner Nachtstücke pag.
+326 von geräumigen =Bosketts=, die in einem Garten befindlich. Das war dem
+Setzer nicht genial genug, er setzte daher das Wörtlein =Bosketts= um in
+das Wörtlein =Kasketts=. So läßt in der Erzählung, das Fräulein von
+Scudery der Setzer pfiffigerweise besagtes Fräulein statt in einer
+schwarzen =Robe=, in einer schwarzen =Farbe= von schwerem Seidenzeug
+erscheinen u. s. w.
+
+Jedem jedoch das Seine! Weder der Kater Murr, noch der unbekannte
+Biograph des Kapellmeisters Kreisler soll sich mit fremden Federn
+schmücken, und der Herausgeber bittet daher den günstigen Leser
+dringend, bevor er das Werklein liest, nachfolgende Änderungen zu
+veranstalten, damit er von beiden Autoren nicht besser oder schlechter
+denke, als sie es verdienen.
+
+Übrigens werden nur die Haupterrata bemerkt, geringere dagegen der
+Diskretion des gütigen Lesers überlassen. (Die in der früheren Ausgabe
+hier folgenden Druckfehler sind in dieser verbessert.)
+
+Schließlich darf der Herausgeber versichern, daß er den Kater Murr
+persönlich kennen gelernt und in ihm einen Mann von angenehmen milden
+Sitten gefunden hat.
+
+ Berlin, im November 1819. E. T. A. Hoffmann.
+
+
+
+
+Vorrede des Autors.
+
+
+Schüchtern -- mit bebender Brust, übergebe ich der Welt einige Blätter
+des Lebens, des Leidens, der Hoffnung, der Sehnsucht, die in süßen
+Stunden der Muße, der dichterischen Begeisterung, meinem innersten Wesen
+entströmten.
+
+Werde, kann ich bestehen vor dem strengen Richterstuhl der Kritik? Doch
+Ihr seid es, Ihr fühlenden Seelen, Ihr rein kindlichen Gemüter, Ihr mir
+verwandten treuen Herzen ja Ihr seid es, für die ich schrieb, und eine
+einzige schöne Träne in Eurem Auge wird mich trösten, wird die Wunde
+heilen, die der kalte Tadel unempfindlicher Rezensenten mir schlug!
+
+ Murr,
+ Berlin, im Mai (18--). (_Étudiant en belles lettres_).
+
+
+
+
+Vorwort, unterdrücktes des Autors.
+
+
+Mit der Sicherheit und Ruhe, die dem wahren Genie angeboren, übergebe
+ich der Welt meine Biographie, damit sie lerne, wie man sich zum großen
+Kater bildet, meine Vortrefflichkeit im ganzen Umfange erkenne, mich
+liebe, schätze, ehre, bewundere, und ein wenig anbete.
+
+Sollte jemand verwegen genug sein, gegen den gediegenen Wert des
+außerordentlichen Buchs einige Zweifel erheben zu wollen, so mag er
+bedenken, daß er es mit einem Kater zu tun hat, der Geist, Verstand
+besitzt, und scharfe Krallen.
+
+ Murr,
+ Berlin, im Mai (18--). (_homme de lettres très renommé_).
+
+N.S. Das ist zu arg! -- Auch das Vorwort des Autors, welches unterdrückt
+werden sollte, ist abgedruckt! -- Es bleibt nichts übrig, als den
+günstigen Leser zu bitten, daß er dem schriftstellerischen Kater den
+etwas stolzen Ton dieses Vorworts nicht zu hoch anrechnen, und bedenken
+möge, daß, wenn manche wehmütige Vorrede irgendeines andern empfindsamen
+Autors in die wahre Sprache der innigen Herzensmeinung übersetzt werden
+sollte, es nicht viel anders herauskommen würde.
+
+ D. H.
+
+
+
+
+Erster Teil.
+
+
+
+
+Erster Abschnitt.
+
+Gefühle des Daseins, die Monate der Jugend.
+
+
+Es ist doch etwas Schönes, Herrliches, Erhabenes um das Leben! -- »O du
+süße Gewohnheit des Daseins!« ruft jener niederländische Held in der
+Tragödie aus. So auch ich, aber nicht wie der Held in dem schmerzlichen
+Augenblick, als er sich davon trennen soll -- nein! -- in dem Moment, da
+mich eben die volle Lust des Gedankens durchdringt, daß ich in jene süße
+Gewohnheit nun ganz und gar hineingekommen und durchaus nicht Willens
+bin, jemals wieder hinauszukommen. -- Ich meine nämlich, die geistige
+Kraft, die unbekannte Macht, oder wie man sonst das über uns waltende
+Prinzip nennen mag, welches mir besagte Gewohnheit ohne meine Zustimmung
+gewissermaßen aufgedrungen hat, kann unmöglich schlechtere Gesinnungen
+haben, als der freundliche Mann bei dem ich in Kondition gegangen, und
+der mir das Gericht Fische, das er mir vorgesetzt, niemals vor der Nase
+wegzieht, wenn es mir eben recht wohlschmeckt.
+
+O Natur, heilige hehre Natur! wie durchströmt all' deine Wonne, all'
+dein Entzücken meine bewegte Brust, wie umweht mich dein geheimnisvoll
+säuselnder Atem! -- Die Nacht ist etwas frisch und ich wollte -- doch
+jeder der dies lieset oder nicht lieset, begreift nicht meine hohe
+Begeisterung, denn er kennt nicht den hohen Standpunkt, zu dem ich mich
+hinaufgeschwungen! -- Hinaufgeklettert wäre richtiger, aber kein Dichter
+spricht von seinen Füßen, hätte er auch deren viere so wie ich, sondern
+nur von seinen Schwingen, sind sie ihm auch nicht angewachsen, sondern
+nur Vorrichtung eines geschickten Mechanikers. Über mir wölbt sich der
+weite Sternenhimmel, der Vollmond wirft seine funkelnden Strahlen herab,
+und in feurigem Silberglanz stehen Dächer und Türme um mich her! Mehr
+und mehr verbraust das lärmende Gewühl unter mir in den Straßen, stiller
+und stiller wird die Nacht -- die Wolken ziehen -- eine einsame Taube
+flattert in bangen Liebesklagen girrend um den Kirchturm! -- Wie! -- wenn
+die liebe Kleine sich mir nähern wollte? -- Ich fühle wunderbar es sich
+in mir regen, ein gewisser schwärmerischer Appetit reißt mich hin mit
+unwiderstehlicher Gewalt! -- O käme sie die süße Huldin, an mein
+liebeskrankes Herz wollt ich sie drücken, sie nimmer von mir lassen -- ha
+dort flattert sie hinein in den Taubenschlag, die Falsche, und läßt mich
+hoffnungslos sitzen auf dem Dache! -- Wie selten ist doch in dieser
+dürftigen, verstockten, liebeleeren Zeit wahre Sympathie der Seelen! --
+
+Ist denn das auf zwei Füßen aufrecht Einhergehen etwas so Großes, daß
+das Geschlecht, welches sich Mensch nennt, sich die Herrschaft über uns
+alle, die wir mit sichererem Gleichgewicht auf vieren daherwandeln,
+anmaßen darf? Aber ich weiß es, sie bilden sich was Großes ein auf
+etwas, was in ihrem Kopfe sitzen soll und das sie die Vernunft nennen.
+Ich weiß mir keine rechte Vorstellung zu machen, was sie darunter
+verstehen, aber so viel ist gewiß, daß wenn, wie ich es aus gewissen
+Reden meines Herrn und Gönners schließen darf, Vernunft nichts anderes
+heißt, als die Fähigkeit, mit Bewußtsein zu handeln und keine dummen
+Streiche zu machen, ich mit keinem Menschen tausche. -- Ich glaube
+überhaupt, daß man sich das Bewußtsein nur angewöhnt; durch das Leben
+und zum Leben kommt man doch, man weiß selbst nicht wie. Wenigstens ist
+es mir so gegangen, und wie ich vernehme, weiß auch kein einziger Mensch
+auf Erden das Wie und Wo seiner Geburt aus eigner Erfahrung, sondern nur
+durch Tradition, die noch dazu öfters sehr unsicher ist. Städte streiten
+sich um die Geburt eines berühmten Mannes, und so wird es, da ich selbst
+nichts Entscheidendes darüber weiß, immerdar ungewiß bleiben, ob ich in
+dem Keller, auf dem Boden, oder in dem Holzstall das Licht der Welt
+erblickte, oder vielmehr nicht erblickte, sondern nur in der Welt
+erblickt wurde von der teueren Mama. Denn wie es unserm Geschlecht
+eigen, waren meine Augen verschleiert. Ganz dunkel erinnere ich mich
+gewisser knurrender, prustender Töne, die um mich her erklangen, und die
+ich beinahe wider meinen Willen hervorbringe, wenn mich der Zorn
+überwältigt. Deutlicher und beinahe mit vollem Bewußtsein finde ich mich
+in einem sehr engen Behältnis mit weichen Wänden eingeschlossen, kaum
+fähig, Atem zu schöpfen und in Not und Angst ein klägliches
+Jammergeschrei erhebend. Ich fühle, daß etwas in das Behältnis
+hinabgriff und mich sehr unsanft beim Leibe packte, und dies gab mir
+Gelegenheit, die erste wunderbare Kraft, womit mich die Natur begabt, zu
+fühlen und zu üben. Aus meinen reich überpelzten Vorderpfoten schnellte
+ich spitze gelenkige Krallen hervor und grub sie ein in das Ding, das
+mich gepackt und das, wie ich später gelernt, nichts anderes sein konnte
+als eine menschliche Hand. Diese Hand zog mich aber heraus aus dem
+Behältnis und warf mich hin, und gleich darauf fühlte ich zwei heftige
+Schläge auf den beiden Seiten des Gesichts, über die jetzt ein, wie ich
+wohl sagen mag, stattlicher Bart herüberragt. Die Hand teilte mir, wie
+ich jetzt beurteilen kann, von jenem Muskelspiel der Pfoten verletzt,
+ein paar Ohrfeigen zu; ich machte die erste Erfahrung von moralischer
+Ursache und Wirkung, und eben ein moralischer Instinkt trieb mich an,
+die Krallen ebenso schnell wieder einzuziehen, als ich sie
+hervorgeschleudert. Später hat man dieses Einziehen der Krallen mit
+Recht als einen Akt der höchsten Bonhommie und Liebenswürdigkeit
+anerkannt und mit dem Namen »Samtpfötchen« bezeichnet.
+
+Wie gesagt, die Hand warf mich wieder zur Erde. Bald darauf erfaßte sie
+mich aber aufs neue beim Kopf und drückte ihn nieder, so daß ich mit dem
+Mäulchen in eine Flüssigkeit geriet, die ich, selbst weiß ich nicht, wie
+ich darauf verfiel, es mußte daher physischer Instinkt sein, aufzulecken
+begann, welches mir eine seltsame innere Behaglichkeit erregte. Es war,
+wie ich jetzt weiß, süße Milch, die ich genoß; mich hatte gehungert, und
+ich wurde satt, indem ich trank. So trat, nachdem die moralische
+begonnen, die physische Ausbildung ein.
+
+Aufs neue, aber sanfter als vorher, faßten mich zwei Hände und legten
+mich auf ein warmes weiches Lager. Immer besser und besser wurde mir zu
+Mute, und ich begann mein inneres Wohlbehagen zu äußern, indem ich jene
+seltsamen, meinem Geschlecht allein eigenen Töne von mir gab, die die
+Menschen durch den nicht unebenen Ausdruck, spinnen, bezeichnen. So ging
+ich mit Riesenschritten vorwärts in der Bildung für die Welt. Welch ein
+Vorzug, welch ein köstliches Geschenk des Himmels, inneres physisches
+Wohlbehagen ausdrücken zu können durch Ton und Gebärde! -- Erst knurrte
+ich, dann kam mir jenes unnachahmliche Talent, den Schweif in den
+zierlichsten Kreisen zu schlängeln, dann die wunderbare Gabe, durch das
+einzige Wörtlein »Miau« Freude, Schmerz, Wonne und Entzücken, Angst und
+Verzweiflung, kurz, alle Empfindungen und Leidenschaften in ihren
+mannigfaltigsten Abstufungen auszudrücken. Was ist die Sprache der
+Menschen gegen dieses einfachste aller einfachen Mittel, sich
+verständlich zu machen! -- Doch weiter in der denkwürdigen, lehrreichen
+Geschichte meiner ereignisreichen Jugend!
+
+Ich erwachte aus tiefem Schlaf, ein blendender Glanz umfloß mich, vor
+dem ich erschrak: fort waren die Schleier von meinen Augen, ich sah! --
+
+Ehe ich mich an das Licht, vorzüglich aber an das buntscheckige
+Allerlei, das sich meinen Augen darbot, gewöhnen konnte, mußte ich
+mehrmals hintereinander entsetzlich niesen, bald ging es indessen mit
+dem Sehen ganz vortrefflich, als habe ich es schon mehrere Zeit
+hintereinander getrieben.
+
+O das Sehen! es ist eine wunderbare, herrliche Gewohnheit, eine
+Gewohnheit, ohne die es sehr schwer werden würde, überhaupt in der Welt
+zu bestehen! -- Glücklich diejenigen Hochbegabten, denen es so leicht
+wird als mir, sich das Sehen anzueignen.
+
+Leugnen kann ich nicht, daß ich doch in einige Angst geriet und
+dasselbe Jammergeschrei erhob, wie damals in dem engen Behältnis.
+Sogleich erschien ein kleiner hagerer alter Mann, der mir unvergeßlich
+bleiben wird, da ich meiner ausgebreiteten Bekanntschaft unerachtet
+keine Gestalt, die ihm gleich oder auch nur ähnlich zu nennen, jemals
+wieder erblickt habe. Es trifft sich häufig bei meinem Geschlecht, daß
+dieser, jener Mann einen weiß und schwarz gefleckten Pelz trägt, selten
+findet man aber wohl einen Menschen, der schneeweißes Haupthaar haben
+sollte und dazu rabenschwarze Augenbraunen, dies war aber der Fall bei
+meinem Erzieher. Der Mann trug im Hause einen kurzen hochgelben
+Schlafrock, vor dem ich mich entsetzte und daher, so gut es bei meiner
+damaligen Unbehülflichkeit gehen wollte, von dem weißen Kissen herab zur
+Seite kroch. Der Mann bückte sich herab zu mir mit einer Gebärde, die
+mir freundlich schien und mir Zutrauen einflößte. Er faßte mich, ich
+hütete mich wohl vor dem Muskelspiel der Krallen, die Ideen kratzen und
+Schläge verbanden sich von selbst, und in der Tat, der Mann meinte es
+gut mit mir, denn er setzte mich nieder vor einer Schüssel süßer Milch,
+die ich begierig auflutschte, worüber er sich nicht wenig zu freuen
+schien. Er sprach vieles mit mir, welches ich aber nicht verstand, da
+mir damals als einem jungen unerfahrnen Kiek in die Welt von Käterchen
+das Verstehen der menschlichen Sprache noch nicht eigen. Überhaupt weiß
+ich von meinem Gönner nur wenig zu sagen. So viel ist aber gewiß, daß er
+in vielen Dingen geschickt -- in Wissenschaften und Künsten hocherfahren
+sein mußte, denn alle, die zu ihm kamen (ich bemerkte Leute darunter,
+die gerade da, wo mir die Natur einen gelblichen Fleck im Pelze beschert
+hat, d. h. auf der Brust, einen Stern oder ein Kreuz trugen),
+behandelten ihn ausnehmend artig, ja zuweilen mit einer gewissen scheuen
+Ehrfurcht, wie ich späterhin den Pudel Skaramuz, und nannten ihn nicht
+anders als mein hochverehrtester, mein teuerer, mein geschätztester
+Meister Abraham! -- Nur zwei Personen nannten ihn schlechtweg »mein
+Lieber!« Ein großer dürrer Mann in papageigrünen Hosen und weißseidenen
+Strümpfen, und eine kleine sehr dicke Frau mit schwarzem Haar und einer
+Menge Ringe an allen Fingern. Jener Herr soll aber ein Fürst, die Frau
+hingegen eine jüdische Dame gewesen sein.
+
+Dieser vornehmen Besucher unerachtet wohnte Meister Abraham doch in
+einem kleinen hochgelegenen Stübchen, so daß ich meine ersten Promenaden
+sehr bequem durchs Fenster aufs Dach und auf den Hausboden machen
+konnte. --
+
+Ja, es ist nicht anders, auf einem Boden muß ich geboren sein! -- Was
+Keller, was Holzstall -- ich entscheide mich für den Boden! -- Klima,
+Vaterland, Sitten, Gebräuche, wie unauslöschlich ist ihr Eindruck, ja,
+wie sind sie es nur, die des Weltbürgers äußere und innere Gestaltung
+bewirken! -- Woher kommt in mein Inneres dieser Höhesinn, dieser
+unwiderstehliche Trieb zum Erhabenen? Woher diese wunderbar seltene
+Fertigkeit im Klettern, diese beneidenswerte Kunst der gewagtesten
+genialsten Sprünge? -- Ha! es erfüllt eine süße Wehmut meine Brust!
+-- Die Sehnsucht nach dem heimatlichen Boden regt sich mächtig! -- Dir
+weihe ich diese Zähren, o schönes Vaterland! dir dies wehmütig
+jauchzende Miau! -- Dich ehren diese Sprünge, diese Sätze, es ist Tugend
+darin und patriotischer Mut! -- Du, o Boden! spendest mir in freigebiger
+Fülle manch Mäuslein, und nebenher kann man manche Wurst, manche
+Speckseite aus dem Schornstein erwischen, ja wohl manchen Sperling
+haschen, und sogar hin und wieder ein Täublein erlauern. »Gewaltig ist
+die Liebe zu dir, o Vaterland!« --
+
+Doch ich muß, rücksichts meiner --
+
+=(Mak. Bl.)= -- -- und erinnern Sie sich, gnädigster Herr! denn nicht des
+großen Sturms, der dem Advokaten, als er zur Nachtzeit über den Pontneuf
+wandelte, den Hut vom Kopfe herunter in die Seine warf? -- Ähnliches
+steht im Rabelais, doch war es eigentlich nicht der Sturm, der dem
+Advokaten den Hut raubte, den er, indem er den Mantel dem Spiel der
+Lüfte preisgab, mit der Hand fest auf den Kopf gedrückt hielt, sondern
+ein Grenadier riß, mit dem lauten Ausruf: es weht ein großer Wind, mein
+Herr, vorüberlaufend, schnell den feinen Kastor dem Advokaten unter der
+Hand von der Perücke, und nicht dieser Kastor war es, der in die Wellen
+der Seine hinabgeschleudert wurde, sondern des Soldaten eignen schnöden
+Filz führte wirklich der Sturmwind in den feuchten Tod. Sie wissen nun,
+gnädigster Herr, daß in dem Augenblick, als der Advokat ganz verblüfft
+da stand, ein zweiter Soldat mit demselben Ausruf: Es weht ein großer
+Wind, mein Herr! vorüberrennend, den Mantel des Advokaten beim Kragen
+packte und ihn ihm herabriß von den Schultern, und daß gleich darauf ein
+dritter Soldat, mit demselben Ausruf: Es weht ein großer Wind, mein
+Herr! vorbeilaufend, ihm das spanische Rohr mit dem goldnen Knopf aus
+den Händen wand. Der Advokat schrie aus allen Kräften, warf dem letzten
+Spitzbuben die Perücke nach und ging dann barhäuptig ohne Mantel und
+Stock hin, um das merkwürdigste aller Testamente aufzunehmen, um das
+seltsamste aller Abenteuer zu erfahren. Sie wissen das alles, gnädigster
+Herr!
+
+Ich weiß, erwiderte der Fürst, als ich dies gesprochen, ich weiß gar
+nichts, und begreife überhaupt nicht, wie Ihr, Meister Abraham, mir
+solches wirres Zeug vorschwatzen könnt? Den Pontneuf kenne ich
+allerdings, er befindet sich zu Paris, und bin ich zwar niemals darüber
+zu Fuße gegangen, wohl aber oft darüber gefahren, wie es meinem Stande
+geziemt. Den Advokaten Rabelais habe ich niemals gesehen und um
+Soldatenstreiche in meinem ganzen Leben mich nicht bekümmert. Als ich in
+jüngeren Jahren noch meine Armee kommandierte, ließ ich wöchentlich
+einmal sämtliche Junker durchfuchteln für die Dummheiten, die sie
+begangen oder künftig noch begehen möchten, das Prügeln der gemeinen
+Leute war aber die Sache der Lieutenants, die damit, meinem Beispiel
+gemäß, auch allwöchentlich verfuhren, und zwar Sonnabends so, daß
+Sonntags es keinen Junker, keinen gemeinen Kerl in der ganzen Armee gab,
+der nicht seine gehörige Tracht Schläge erhalten, wodurch die Truppen,
+nächst der eingeprügelten Moralität, auch ans Geschlagenwerden überhaupt
+gewöhnt wurden, ohne jemals vor dem Feinde gewesen zu sein, und in
+diesem Fall nichts anders tun konnten als Schlagen. Das leuchtet Euch
+ein, Meister Abraham, und nun sagt mir um tausend Gotteswillen, was
+wollt Ihr mit Euerm Sturm, mit Euerm auf dem Pontneuf beraubten
+Advokaten Rabelais, wo bleibt Eure Entschuldigung, daß das Fest sich
+auflöste in wilder Verwirrung, daß mir eine Leuchtkugel ins Toupet fuhr,
+daß mein teuerer Sohn in das Bassin geriet und von verräterischen
+Delphinen bespritzt wurde über und über, daß die Prinzessin entschleiert
+mit aufgeschürztem Rock wie Atalanta durch den Park fliehen mußte, daß
+-- daß -- wer zählt die Unglücksfälle der verhängnisvollen Nacht? -- Nun,
+Meister Abraham, was sagt Ihr?«
+
+Gnädigster Herr, erwiderte ich, mich demutsvoll verbeugend, was war an
+allem Unheil schuld als der Sturm -- das gräßliche Unwetter, welches
+einbrach, als alles im schönsten Gange war. Kann ich den Elementen
+gebieten? -- Hab' ich denn nicht selbst dabei schlimmes Malheur
+erlitten, habe ich nicht wie jener Advokat, den ich untertänigst nicht
+mit dem berühmten französischen Schriftsteller Rabelais zu verwechseln
+bitte, Hut, Rock und Mantel verloren? Habe ich nicht --
+
+Höre, unterbrach hier den Meister Abraham Johannes Kreisler, höre,
+Freund, noch jetzt, unerachtet es schon ziemlich lange her ist, spricht
+man von dem Geburtstage der Fürstin, dessen Feier du angeordnet hast,
+wie von einem dunkeln Geheimnis, und gewiß hast du nach deiner
+gewöhnlichen Art und Weise viel Abenteuerliches begonnen. Hielt das Volk
+dich schon immer für eine Art von Hexenmeister, so scheint dieser Glaube
+durch jenes Fest noch um vieles stärker geworden zu sein. Sage mir nur
+geradezu, wie sich alles begeben! Du weißt, ich war damals nicht hier --
+
+Eben das, fiel Meister Abraham dem Freunde ins Wort, daß du nicht hier,
+daß du, der Himmel weiß von welchen Furien der Hölle getrieben,
+fortgerannt warst wie ein Wahnsinniger, eben das machte mich toll und
+wild, eben deshalb beschwor ich die Elemente herauf, ein Fest zu stören,
+das meine Brust zerschnitt, da du, der eigentliche Held des Stücks,
+fehltest, ein Fest, das nur erst dürftig und mühsam daher schlich, dann
+aber über geliebte Personen nichts brachte als die Qual beängstigender
+Träume -- Schmerz -- Entsetzen! -- Erfahre es jetzt, Johannes, ich habe
+tief in dein Inneres geschaut und das gefährliche, bedrohliche Geheimnis
+erkannt, das darin ruht, -- ein gärender Vulkan, in jedem Augenblick
+vermögend loszubrechen in verderblichen Flammen, rücksichtslos alles um
+sich her verzehrend. Es gibt Dinge in unserm Innern, die sich so
+gestalten, daß die vertrautesten Freunde darüber nicht reden dürfen.
+Darum verhehlte ich dir sorglich, was ich in dir erschaut, aber mit
+jenem Fest, dessen tieferer Sinn nicht die Fürstin, sondern eine andere
+geliebte Person und dich selbst traf, wollte ich dein ganzes Ich
+gewaltsam erfassen. Die verborgensten Qualen sollten lebendig werden in
+dir, und wie aus dem Schlaf erwachte Furien mit verdoppelter Kraft deine
+Brust zerfleischen. Wie einem zum Tode Siechen sollte Arznei, dem Orkus
+selbst entnommen, die im stärksten Paroxysmus kein weiser Arzt scheuen
+darf, dir den Tod bereiten oder Genesung! -- Wisse, Johannes, daß der
+Fürstin Namenstag zusammentrifft mit dem Namenstage Julia's, die auch
+wie sie Maria geheißen.
+
+Ha! rief Kreisler, indem er, zehrendes Feuer im Blick, aufsprang, ha!
+-- Meister! ist dir die Macht gegeben, mit mir freches, höhnendes Spiel
+zu treiben? -- Bist du das Verhängnis selbst, daß du mein Inneres
+erfassen magst?
+
+Wilder, unbesonnener Mensch, erwiderte Meister Abraham ruhig, wann wird
+endlich der verwüstende Brand in deiner Brust zur reinen Naphthaflamme
+werden, genährt von dem tiefsten Sinn für die Kunst, für alles Herrliche
+und Schöne, der in dir wohnt! -- Du verlangtest von mir die Beschreibung
+jenes verhängnisvollen Festes; so höre mich denn ruhig an, oder ist
+deine Kraft gebrochen ganz und gar, daß du das nicht vermagst, so will
+ich dich verlassen. --
+
+Erzähle, sprach Kreisler mit halb erstickter Stimme, indem er, beide
+Hände vors Gesicht, sich wieder hinsetzte. Ich will, sprach Meister
+Abraham, plötzlich einen heiteren Ton annehmend, dich, lieber Johannes,
+gar nicht ermüden mit der Beschreibung aller der sinnreichen
+Anordnungen, die größtenteils dem erfindungsreichen Geiste des Fürsten
+selbst ihren Ursprung verdankten. Da das Fest am späten Abend begann, so
+versteht es sich von selbst, daß der ganze schöne Park, der das
+Lustschloß umgibt, erleuchtet war. Ich hatte mich bemüht, in dieser
+Erleuchtung ungewöhnliche Effekte hervorzubringen, das gelang aber nur
+zum Teil, da auf des Fürsten ausdrücklichen Befehl in allen Gängen,
+mittels auf großen schwarzen Tafeln angebrachter, buntfarbiger Lampen,
+der Namenszug der Fürstin brennen mußte, nebst der fürstlichen Krone
+darüber. Da die Tafeln auf hohen Pfählen angenagelt, so glichen sie
+beinahe illuminierten Warnungsanzeigen, daß man nicht Tabak rauchen oder
+die Maut nicht umfahren solle. Der Hauptpunkt des Festes war das durch
+Gebüsch und künstliche Ruinen gebildete Theater in der Mitte des Parks,
+welches du kennst. Auf diesem Theater sollten die Schauspieler aus der
+Stadt etwas Allegorisches agieren, welches läppisch genug war, um ganz
+außerordentlich zu gefallen, hätte es auch nicht der Fürst selbst
+verfaßt und wäre es daher auch nicht, um mich des geistreichen Ausdrucks
+jenes Schauspieldirektors, der ein fürstliches Stück aufführte, zu
+bedienen, aus einer durchlauchtigen Feder geflossen. Der Weg vom Schloß
+bis zum Theater war ziemlich weit. Nach der poetischen Idee des Fürsten
+sollte der wandelnden Familie ein in Lüften schwebender Genius mit zwei
+Fackeln vorleuchten, sonst aber kein Licht brennen, sondern erst,
+nachdem die Familie und das Gefolge Platz genommen, das Theater
+plötzlich erleuchtet werden. Deshalb blieb besagter Weg finster.
+Vergebens stellte ich die Schwierigkeit dieser Maschinerie vor, welche
+die Länge des Wegs herbeiführte; der Fürst hatte in den >_Fêtes de
+Versailles_< etwas Ähnliches gelesen, und da er hinterher den poetischen
+Gedanken selbst gefunden, bestand er auf dessen Ausführung. Um jedem
+unverdienten Vorwurf zu entgehen, überließ ich den Genius samt den
+Fackeln dem Theatermaschinisten aus der Stadt. -- So wie nun das
+fürstliche Paar, hinter ihm das Gefolge, aus der Türe des Salons trat,
+wurde ein kleines pausbackiges Männlein, in die Hausfarben des Fürsten
+gekleidet, mit zwei brennenden Fackeln in den Händchen, vom Dache des
+Lustschlosses herabgezogen. Die Puppe war aber zu schwer, und es begab
+sich, daß kaum zwanzig Schritte davon die Maschine stockte, so daß der
+leuchtende Schutzgeist des fürstlichen Hauses hängen blieb, und da die
+Arbeiter stärker anzogen, sich überkugelte. Nun schleuderten die
+brennenden abwärts gekehrten Wachskerzen glühende Tropfen zur Erde. Der
+erste dieser Tropfen traf den Fürsten selbst, der indessen mit stoischem
+Gleichmut den Schmerz verbiß, wiewohl er in der Gravität des Schrittes
+nachließ und schneller vorwärts eilte. Der Genius schwebte jetzt fort
+über der Gruppe, die der Hofmarschall mit den Kammerjunkern nebst andern
+Hofchargen bildete, Füße oben, Kopf unten, so daß der Glutregen aus den
+Fackeln bald diesen, bald jenen auf den Kopf und auf die Nase traf. Den
+Schmerz zu äußern und so das frohe Fest zu stören, hätte den Respekt
+verletzt; es war daher hübsch anzusehen, wie die Unglücklichen, eine
+ganze Kohorte stoischer Scävolas, mit gräßlich verzerrten Gesichtern und
+doch mit Gewalt die Qual niederkämpfend, ja wohl gar ein Lächeln
+erzwingend, das dem Orkus anzugehören schien, daherschritten, lautlos,
+kaum bangen Seufzern Raum gebend. Dazu wirbelten die Pauken,
+schmetterten die Trompeten, riefen hundert Stimmen: Vivat, vivat die
+gnädigste Frau Fürstin! Vivat der gnädigste Herr Fürst! so daß das durch
+den wunderlichen Kontrast jener Laokoontischen Gesichter mit dem
+lustigen Jubel erzeugte tragische Pathos der ganzen Szene eine Majestät
+gab, wie kaum zu denken.
+
+Der alte dicke Hofmarschall konnte es endlich nicht mehr ertragen; als
+ihn ein glühender Tropfen gerade auf die Backe traf, sprang er in
+grimmer Wut der Verzweiflung seitwärts, verwickelte sich aber in die
+Stricke, die zur Flugmaschine gehörend gerade an der Seite hart über dem
+Boden fortliefen, und stürzte mit dem lauten Ausruf: Alle Teufel! nieder
+zur Erde. In demselben Moment hatte auch der luftige Page seine Rolle
+ausgespielt. Der gewichtige Hofmarschall zog ihn mit Zentnerschwere
+nieder, er stürzte herab mitten unter das Gefolge, das laut aufschreiend
+auseinander prallte. Die Fackeln verlöschten; man befand sich in der
+dicksten Finsternis. Dies alles geschah dicht vor dem Theater. Ich
+hütete mich wohl den Zünder anzustecken, der alle Lampen, alle
+Feuerbecken des Platzes auf einmal in Brand setzen mußte, sondern
+wartete damit ein paar Minuten, um der Gesellschaft Zeit zu lassen, sich
+in Baum und Gebüsch gehörig zu verwirren. »Licht -- Licht!« rief der
+Fürst wie der König im Hamlet, -- »Licht -- Licht!« eine Menge heisere
+Stimmen durcheinander. Als der Platz erleuchtet, glich der auseinander
+gesprengte Haufe einem geschlagenen Heer, das sich mühsam zusammen
+findet. Der Oberkammerherr bewies sich als ein Mann von Gegenwart des
+Geistes, als der geschickteste Taktiker seiner Zeit; denn in wenigen
+Minuten war vermöge seiner Bemühungen die Ordnung wiederhergestellt. Der
+Fürst trat mit der nächsten Umgebung auf eine Art von erhöhten
+Blumenthron, der in der Mitte des Zuschauer-Platzes errichtet. Sowie das
+fürstliche Paar sich niederließ, fielen vermöge einer sehr pfiffigen
+Vorrichtung jenes Maschinisten eine Menge Blumen auf dasselbe herab. Nun
+wollte es aber das dunkle Verhängnis, daß eine große Feuerlilie dem
+Fürsten gerade auf die Nase fiel und sein ganzes Gesicht glutrot
+überstäubte, wodurch er ein ungemein majestätisches, der Feierlichkeit
+des Festes würdiges, Ansehen gewann.
+
+Das ist zu arg -- das ist zu arg, rief Kreisler, indem er eine rasende
+Lache aufschlug, daß die Wände dröhnten.
+
+Lache nicht so konvulsivisch, sprach Meister Abraham, auch ich
+lachte in jener Nacht unmäßiger als jemals, ich fühlte mich eben zu
+allerlei tollem Mutwillen aufgelegt und hätte wie der Spukgeist Droll
+selbst gern alles noch mehr durcheinander jagen, noch mehr verwirren
+mögen; aber desto tiefer drangen dann die Pfeile, die ich gegen andere
+gerichtet, ein in meine eigene Brust. -- Nun! -- ich will es nur sagen!
+Den Moment des läppischen Blumenbewerfens hatte ich gewählt, um den
+unsichtbaren Faden festzuknüpfen, der sich nun durch das ganze Fest
+ziehen und, wie ein elektrischer Leiter, das Innerste der Personen
+durchbeben sollte, die ich mit meinem geheimnisvollen geistigen Apparat,
+in den sich der Faden verlor, mir in Rapport gesetzt denken mußte.
+-- Unterbrich mich nicht Johannes -- höre mich ruhig an. -- Julia saß mit
+der Prinzessin hinter der Fürstin seitwärts, ich hatte beide im Auge.
+Sowie Pauken und Trompeten schwiegen, fiel Julien eine unter duftenden
+Nachtviolen versteckte aufbrechende Rosenknospe in den Schoß, und wie
+strömender Hauch des Nachtwindes schwammen die Töne deines tief ins Herz
+dringenden Liedes herüber: _mi lagnerò tacendo della mia sorte amara._
+-- Julie war erschrocken, als aber das Lied, das ich, ich sag' es, damit
+du über die Art des Vortrags etwa nicht in bange Zweifel gerätst, von
+unsern vier vortrefflichen Bassetthornisten ganz in der Ferne spielen
+ließ -- begann, entfloh ein leichtes Ach ihren Lippen, sie drückte den
+Strauß an die Brust, und ich hörte deutlich, daß sie zur Prinzessin
+sprach: Er ist gewiß wieder da! -- Die Prinzessin umarmte Julien mit
+Heftigkeit und rief so laut: Nein, nein -- ach, niemals! daß der Fürst
+sein feuriges Antlitz umdrehte und ihr ein zorniges _Silence!_ zuwarf. Der
+Herr mochte auch wohl eben nicht gerade auf das liebe Kind sehr böse
+sein, aber ich will es hier bemerken, daß die wunderbare Schminke, ein
+_tiranno ingrato_ in der Oper hätte sich nicht zweckmäßiger anmalen
+können, ihm wirklich das Ansehen eines fortwährenden unvertilgbaren
+Zornes gab, so daß die rührendsten Reden, die zartesten Situationen,
+welche häusliches Glück auf dem Throne allegorisch darstellten, rein
+verloren schienen; Schauspieler und Zuschauer gerieten darüber in nicht
+geringe Verlegenheit. Ja selbst wenn der Fürst bei den Stellen, die er
+sich zu dem Behuf in dem Exemplar, das er in der Hand hielt, rot
+angestrichen, der Fürstin die Hand küßte und mit dem Tuch eine Träne von
+dem Auge wegdrückte, schien es in verbissenem Ingrimm zu geschehen, so
+daß die Kammerherren, die diensttuend ihm zur Seite standen, sich
+zuflüsterten: O Jesus, was ist unserm gnädigsten Herrn! -- Ich will dir
+nur sagen, Johannes, daß, während die Schauspieler das alberne Zeug
+vorne auf dem Theater hertragierten, ich mittels magischer Spiegel und
+anderer Vorrichtungen hinterwärts in den Lüften ein Geisterschauspiel
+darstellte zur Verherrlichung des Himmelskindes, der holden Julia, daß
+eine Melodie nach der andern, die du in hoher Begeisterung geschaffen,
+ertönte, ja, daß oft ferner, oft näher, wie banger ahnungsvoller
+Geisterruf, der Name: Julia, erklang. -- Aber du fehltest -- du
+fehltest, mein Johannes! Und wenn ich auch, nachdem das Schauspiel
+geendet, meinen Ariel rühmen, wie Shakespeares Prospero den seinigen,
+wenn ich auch sagen müßte, daß er alles trefflich vollführt, so fand ich
+doch das, was ich mit tiefem Sinn angeordnet zu haben glaubte, schal und
+matt. -- Die Julia hatte alles mit feinem Takt verstanden. Doch schien
+sie nur angeregt wie von einem lieblichen Traum, dem man übrigens keine
+sonderliche Einwirkung ins wache Leben verstattet. Die Prinzessin war
+dagegen tief in sich gekehrt. Arm in Arm lustwandelte sie mit Julien in
+den erleuchteten Gängen des Parks, während der Hof in einem Pavillon
+Erfrischungen zu sich nahm. -- Ich hatte den Hauptschlag in diesem
+Moment vorbereitet, aber du fehltest -- du fehltest, mein Johannes.
+-- Voller Unmut und Zorn rannte ich umher, ich sah zu, ob alle Anstalten
+zu dem großen Feuerwerk, womit das Fest schließen sollte, gehörig
+geordnet. Da gewahrte ich, aufschauend zum Himmel, über dem fernen
+Geierstein, im Schimmer der Nacht die kleine rötliche Wolke, die
+jedesmal ein Wetter bedeutet, das still heraufzieht und dann hier über
+uns mit einer fürchterlichen Explosion losbricht. Zu welcher Zeit diese
+Explosion geschehen muß, berechne ich, wie du weißt, nach dem Stand der
+Wolke auf die Sekunde. Keine Stunde konnte es mehr dauern, ich beschloß
+daher, mit dem Feuerwerk zu eilen. In dem Augenblick vernahm ich, daß
+mein Ariel mit jener Phantasmagorie begonnen, die alles, alles
+entscheiden sollte, denn ich hörte am Ende des Parks in der kleinen
+Marienkapelle den Chor dein _Ave maris stella_ singen. Ich eilte schnell
+hin. Julia und die Prinzessin knieten in dem Betstuhl, der vor der
+Kapelle im Freien angebracht. Kaum war ich an Ort und Stelle, als --
+aber du fehltest -- du fehltest, mein Johannes! -- Laß mich darüber
+schweigen, was sich jetzt begab. -- Ach! -- wirkungslos blieb das, was
+ich für ein Meisterstück meiner Kunst gehalten, und ich erfuhr, was ich
+blöder Tor nicht geahnt. --
+
+Heraus mit der Sprache! rief Kreisler; alles, alles sage, Meister wie es
+sich begeben.
+
+Mit nichten, erwiderte Meister Abraham; es nützt dir nichts, Johannes,
+und mir zerschneidet es die Brust, wenn ich noch sagen soll, wie meine
+eignen Geister mir Graus einjagten und Entsetzen! -- Die Wolke!
+-- glücklicher Gedanke! So soll, rief ich wild aus, denn alles in toller
+Verwirrung enden! und rannte fort nach dem Platze des Feuerwerks. Der
+Fürst ließ mir sagen, wenn alles fertig sei, sollte ich das Zeichen
+geben. Das Auge nicht abwendend von der Wolke, die vom Geierstein weg
+höher und höher heraufzog, ließ ich, als sie mir hoch genug schien, die
+Böller lösen. Bald war der Hof, die ganze Gesellschaft, an Ort und
+Stelle. Nach dem gewöhnlichen Spiel mit Feuerrädern, Raketen,
+Leuchtkugeln und anderm gemeinen Zeuge ging endlich der Namenszug der
+Fürstin in Chinesischem Brillantfeuer auf, doch hoch über ihm in den
+Lüften schwamm und verschwamm in milchweißem Licht der Name Julia. -- Nun
+war es Zeit. -- Ich zündete die Girandole an, und wie zischend und
+prasselnd die Raketen in die Höhe fuhren, brach das Wetter los mit
+glutroten Blitzen, mit krachenden Donnern, von denen Wald und Gebirge
+erdröhnten. Und der Orkan brauste hinein in den Park und störte auf den
+tausendstimmig heulenden Jammer im tiefsten Gebüsch. Ich riß einem
+fliehenden Trompeter das Instrument aus der Hand und blies lustig
+jauchzend darin, während die Artilleriesalven der Feuertöpfe, der
+Kanonenschläge, der Böller, wacker dem rollenden Donner
+entgegenknallten.
+
+Während Meister Abraham also erzählte, sprang Kreisler auf, schritt
+heftig im Zimmer auf und ab, focht mit den Armen um sich und rief
+endlich ganz begeistert: Das ist schön, das ist herrlich, daran erkenne
+ich meinen Meister Abraham, mit dem ich ein Herz bin und eine Seele!
+
+O, sprach Meister Abraham, ich weiß es ja, das Wildeste,
+Schauerlichste, ist dir eben recht, und doch habe ich das vergessen, was
+dich ganz und gar den unheimlichen Mächten der Geisterwelt preisgegeben
+hätte. -- Ich hatte die Wetterharfe, die, wie du weißt, sich über das
+große Bassin hinzieht, anspannen lassen, auf der der Sturm als ein
+tüchtiger Harmoniker gar wacker spielte. In dem Geheul, in dem Gebraus
+des Orkans, in dem Krachen des Donners, erklangen furchtbar die Akkorde
+der Riesenorgel. Schneller und schneller schlugen die gewaltigen Töne
+los, und man mochte wohl ein Furienballett vernehmen, dessen Stil
+ungemein groß zu nennen, wie man es beinahe zwischen den leinwandnen
+Wänden des Theaters nicht zu hören bekommt. -- Nun! -- in einer halben
+Stunde war alles vorüber. Der Mond trat hinter den Wolken hervor. Der
+Nachtwind säuselte tröstend durch den erschrockenen Wald und trocknete
+die Tränen weg von den dunklen Büschen. Dazwischen ertönte noch dann und
+wann die Wetterharfe wie dumpfes, fernes Glockengeläute. -- Mir war
+wunderlich zu Mute. Du, mein Johannes, erfülltest mein Inneres so ganz
+und gar, daß ich glaubte, du würdest gleich vor mir aufsteigen aus dem
+Grabhügel verlorner Hoffnungen, unerfüllter Träume, und an meine Brust
+sinken. Nun in der Stille der Nacht kam der Gedanke, was für ein Spiel
+ich unternommen, wie ich gewaltsam den Knoten, den das dunkle Verhängnis
+geschlungen, zerreißen wollen, aus meinem Innern herausgetreten,
+fremdartig, in anderer Gestaltung, auf mich los, und indem mich kalte
+Schauer durchbebten, war ich es selbst, vor dem ich mich entsetzen
+mußte. -- Eine Menge Irrlichter tanzten und hüpften im ganzen Park
+umher, aber es waren die Bedienten mit Laternen, welche die auf der
+schnellen Flucht verlornen Hüte, Perücken, Haarbeutel, Degen, Schuhe und
+Shawls zusammensuchten. Ich machte mich davon. Mitten auf der großen
+Brücke vor unserer Stadt blieb ich stehen und schaute noch einmal zurück
+nach dem Park, der vom magischen Schimmer des Mondes umflossen da stand
+wie ein Zaubergarten, in dem das lustige Spiel flinker Elfen begonnen.
+Da fiel mir ein feines Piepen in die Ohren, ein Quäken, das beinahe dem
+eines neugebornen Kindes glich. Ich vermutete eine Untat, bückte mich
+tief über das Geländer und entdeckte im hellen Mondschein ein Kätzchen,
+daß sich mühsam an den Pfosten angeklammert, um dem Tode zu entgehen.
+Wahrscheinlich hatte man eine Katzenbrut ersäufen wollen, und das
+Tierchen war wieder hinaufgekrochen. Nun, dacht' ich, ist's auch kein
+Kind, so ist es doch ein armes Tier, das dich um Rettung anquäkt und das
+du retten mußt.
+
+O du empfindsamer Just, rief Kreisler lachend, sage, wo ist dein
+Tellheim?
+
+Erlaube, fuhr Meister Abraham fort, mein Johannes, mit dem Just magst
+du mich kaum vergleichen. Ich habe den Just überjustet. Er rettete einen
+Pudel, ein Tier, das jeder gern um sich duldet, von dem sogar angenehme
+Dienstleistungen zu erwarten, mittels Apportieren, Handschuhe,
+Tabaksbeutel und Pfeife nachtragen usw., aber ich rettete einen Kater,
+ein Tier, vor dem sich viele entsetzen, das allgemein als perfid, keiner
+sanften, wohlwollenden Gesinnung, keiner offenherzigen Freundschaft
+fähig, ausgeschrieen wird, das niemals ganz und gar die feindliche
+Stellung gegen den Menschen aufgibt, ja, einen Kater rettete ich aus
+purer uneigennütziger Menschenliebe. -- Ich kletterte über das Geländer,
+griff, nicht ohne Gefahr, herab, faßte das wimmernde Kätzchen, zog es
+hinauf und steckte es in die Tasche. Nach Hause gekommen, zog ich mich
+schnell aus und warf mich ermüdet und erschöpft, wie ich war, aufs Bett.
+Kaum war ich aber eingeschlafen, als mich ein klägliches Piepen und
+Winseln weckte, das aus meinem Kleiderschrank herzukommen schien. -- Ich
+hatte das Kätzchen vergessen und es in der Rocktasche gelassen. Ich
+befreite das Tier aus dem Gefängnis, wofür es mich dermaßen kratzte, daß
+mir alle fünf Finger bluteten. Schon war ich im Begriff, den Kater
+durchs Fenster zu werfen, ich besann mich aber und schämte mich meiner
+kleinlichen Torheit, meiner Rachsucht, die nicht einmal bei Menschen
+angebracht ist, viel weniger bei der unvernünftigen Kreatur. -- Genug,
+ich zog mit aller Mühe und Sorgfalt den Kater groß. Es ist das
+gescheuteste, artigste, ja witzigste Tier der Art, das man sehen kann,
+dem es nur noch an der höhern Bildung fehlt, die du, mein lieber
+Johannes, ihm mit leichter Mühe beibringen wirst, weshalb ich denn
+gesonnen bin, dir den Kater Murr, so habe ich ihn benannt, fernerhin zu
+überlassen. Obschon Murr zur Zeit, wie die Juristen sich ausdrücken,
+noch kein homo sui juris ist, so habe ich ihn doch um seine Einwilligung
+gefragt, ob er in deine Dienste treten wolle. Er ist durchaus damit
+zufrieden.«
+
+Du faselst, sprach Kreisler, Meister Abraham! Du weißt, daß ich Katzen
+nicht sonderlich leiden mag, daß ich dem Geschlecht der Hunde bei weitem
+den Vorzug gebe. --
+
+Ich bitte dich, erwiderte Meister Abraham, lieber Johannes, recht von
+Herzen, nimm meinen hoffnungsvollen Kater Murr wenigstens so lange zu
+dir, bis ich heimkehre von meiner Reise! Ich habe ihn schon deshalb
+mitgebracht, er ist draußen und wartet auf gütigen Bescheid. Sieh ihn
+wenigstens an.
+
+Damit öffnete Meister Abraham die Türe, und auf der Strohmatte
+zusammengekrümmt, schlafend, lag ein Kater, der wirklich in seiner Art
+ein Wunder von Schönheit zu nennen. Die grauen und schwarzen Streifen
+des Rückens liefen zusammen auf dem Scheitel zwischen den Ohren und
+bildeten auf der Stirne die zierlichste Hieroglyphenschrift. Ebenso
+gestreift und von ganz ungewöhnlicher Länge und Stärke war der
+stattliche Schweif. Dabei glänzte des Katers buntes Kleid und schimmerte
+von der Sonne beleuchtet, so daß man zwischen dem Schwarz und Grau noch
+schmale goldgelbe Streifen wahrnahm. Murr! Murr! rief Meister Abraham,
+krrr -- krrr, erwiderte der Kater sehr vernehmlich, dehnte -- erhob
+sich, machte den außerordentlichsten Katzenbuckel und öffnete ein paar
+grasgrüne Augen, aus denen Geist und Verstand in funkelndem Feuer
+hervorblitzten. Das behauptete wenigstens Meister Abraham, und auch
+Kreisler mußte so viel einräumen, daß der Kater etwas Besonderes,
+Ungewöhnliches im Antlitz trage, daß sein Kopf hinlänglich dick, um die
+Wissenschaften zu fassen, sein Bart aber schon jetzt in der Jugend weiß
+und lang genug sei, um dem Kater gelegentlich die Autorität eines
+griechischen Weltweisen zu verschaffen.
+
+Wie kann man aber auch überall gleich schlafen, sprach Meister Abraham
+zum Kater, du verlierst alle Heiterkeit darüber und wirst vor der Zeit
+ein grämliches Tier. Putz dich fein, Murr!
+
+Sogleich setzte der Kater sich auf die Hinterfüße, fuhr mit den
+Samtpfötchen sich zierlich über Stirn und Wangen und stieß dann ein
+klares freudiges Miau aus.
+
+Dies ist, fuhr Meister Abraham fort, der Herr Kapellmeister Johannes
+Kreisler, bei dem du in Dienste treten wirst. Der Kater glotzte den
+Kapellmeister mit seinen großen funkelnden Augen an, begann zu knurren,
+sprang auf den Tisch, der neben Kreislern stand, und von da ohne
+weiteres auf seine Schulter, als wolle er ihm etwas ins Ohr sagen. Dann
+setzte er wieder herab zur Erde und umkreiste schwänzelnd und knurrend
+den neuen Herrn, als wolle er recht Bekanntschaft mit ihm machen.
+
+Gott verzeih mir, rief Kreisler, ich glaube gar, der kleine graue Kerl
+hat Verstand und stammt aus der illustren Familie des gestiefelten
+Katers her.
+
+So viel ist gewiß, erwiderte Meister Abraham, daß der Kater Murr das
+possierlichste Tier von der Welt ist, ein wahrer Pulcinell und dabei
+artig und sittsam, nicht zudringlich und unbescheiden, wie zuweilen
+Hunde, die uns mit ungeschickten Liebkosungen beschwerlich fallen.
+
+Indem ich, sprach Kreisler, diesen klugen Kater betrachte, fällt es mir
+wieder schwer aufs Herz, in welchen engen Kreis unsere Erkenntnis
+gebannt ist. -- Wer kann es sagen, wer nur ahnen, wie weit das
+Geistesvermögen der Tiere geht! -- Wenn uns etwas, oder vielmehr alles,
+in der Natur unerforschlich bleibt, so sind wir gleich mit Namen bei der
+Hand, und brüsten uns mit unserer albernen Schulweisheit, die eben nicht
+viel weiter reicht als unsere Nase. So haben wir denn auch das ganze
+geistige Vermögen der Tiere, das sich oft auf die wunderbarste Art
+äußert, mit der Bezeichnung Instinkt abgefertigt. Ich möchte aber nur
+die einzige Frage beantwortet haben, ob mit der Idee des Instinkts, des
+blinden willkürlosen Triebes, die Fähigkeit zu träumen vereinbar sei.
+Daß aber z. B. Hunde mit der größten Lebhaftigkeit träumen, weiß jeder,
+der einen schlafenden Jagdhund beobachtet hat, dem im Traum die ganze
+Jagd aufgegangen. Er sucht, er schnuppert, er bewegt die Füße, als sei
+er im vollen Rennen, er keucht, er schwitzt. -- Von träumenden Katern
+weiß ich zur Zeit nichts. --
+
+Der Kater Murr, unterbrach Meister Abraham den Freund, träumt nicht
+allein sehr lebendig, sondern er gerät auch, wie deutlich zu bemerken,
+häufig in jene sanften Reverien, in das träumerische Hinbrüten, in das
+somnambule Delirieren, kurz, in jenen seltsamen Zustand zwischen
+Schlafen und Wachen, der poetischen Gemütern für die Zeit des
+eigentlichen Empfanges genialer Gedanken gilt. In diesem Zustande stöhnt
+und ächzt er seit kurzer Zeit ganz ungemein, so daß ich glauben muß, daß
+er entweder in Liebe ist, oder an einer Tragödie arbeitet.
+
+Kreisler lachte hell auf, indem er rief: Nun so komm denn, du kluger,
+artiger, witziger, poetischer Kater Murr, laß uns --
+
+=(M. f. f.)= -- ersten Erziehung, meiner Jugendmonate überhaupt noch
+vieles anführen.
+
+Es ist nämlich wohl höchst merkwürdig und lehrreich, wenn ein großer
+Geist in einer Autobiographie über alles, was sich mit ihm in seiner
+Jugend begab, sollte es auch noch so unbedeutend scheinen, sich recht
+umständlich ausläßt. Kann aber auch wohl einem hohen Genius jemals
+Unbedeutendes begegnen? Alles, was er in seiner Knabenzeit unternahm
+oder nicht unternahm, ist von der höchsten Wichtigkeit, und verbreitet
+helles Licht über den tiefern Sinn, über die eigentliche Tendenz seiner
+unsterblichen Werke. Herrlicher Mut geht auf in der Brust des strebenden
+Jünglings, den bange Zweifel quälen, ob die innere Kraft auch wohl
+genüge, wenn er lieset, daß der große Mann als Knabe auch Soldat
+spielte, sich in Naschwerk übernahm und zuweilen was weniges Schläge
+erhielt, weil er faul war ungezogen und tölpisch. »Gerade wie ich,
+gerade wie ich«, ruft der Jüngling begeistert aus und zweifelt nicht
+länger, daß auch er ein hoher Genius ist trotz seinem angebeteten Idol.
+
+Mancher las den Plutarch oder auch wohl nur den Cornelius Nepos und
+wurde ein großer Held, mancher die Tragödien-Dichter der Alten in der
+Übersetzung, und nebenher den Calderon und Shakespeare, den Goethe und
+Schiller und wurde, wo nicht ein großer Dichter, doch ein kleiner
+allerliebster Versmacher, wie ihn die Leute eben so gern haben. So
+werden meine Werke auch gewiß in der Brust manches jungen geist- und
+gemütreichen Katers das höhere Leben der Poesie entzünden, und nimmt
+dann der edle Katerjüngling meine biographischen Belustigungen auf dem
+Dache vor, geht er ganz ein in die hohen Ideen des Buches, das ich
+soeben unter den Klauen habe, dann wird er im Entzücken der Begeisterung
+ausrufen: Murr, göttlicher Murr, größter deines Geschlechts, dir, dir
+allein verdanke ich alles, nur dein Beispiel macht mich groß. --
+
+Es ist zu rühmen, daß Meister Abraham bei meiner Erziehung sich weder
+an den vergessenen Basedow hielt, noch die Pestalozzische Methode
+befolgte, sondern mir unbeschränkte Freiheit ließ, mich selbst zu
+erziehen, insofern ich mich nur in gewisse Normalprinzipien fügte, die
+Meister Abraham sich als unbedingt notwendig für die Gesellschaft, die
+die herrschende Macht auf dieser Erde versammelt, dachte, da sonst alles
+blind und toll durcheinander rennen und es überall vertrackte
+Rippenstöße und garstige Beulen setzen, eine Gesellschaft überhaupt
+nicht denkbar sein würde. Den Inbegriff dieser Prinzipien nannte der
+Meister die natürliche Artigkeit im Gegensatz der konventionellen, der
+gemäß man sprechen muß: ich bitte ganz gehorsamst um gütige Verzeihung,
+wenn man von einem Lümmel angerannt, oder auf den Fuß getreten worden.
+Mag es sein, daß jene Artigkeit den Menschen nötig ist, so kann ich doch
+nicht begreifen, wie sich ihr auch mein freigebornes Geschlecht fügen
+soll, und war nun das Hauptregens, mittels dessen der Meister mir jene
+Normalprinzipien beibrachte, ein gewisses sehr fatales Birkenreis, so
+kann ich mich wohl mit Recht über Härte meines Erziehers beklagen.
+Davongelaufen wäre ich, hätte mich nicht der mir angeborene Hang zur
+höhern Kultur an den Meister festgebunden. -- Je mehr Kultur, desto
+weniger Freiheit, das ist ein wahres Wort. Mit der Kultur steigen die
+Bedürfnisse, mit den Bedürfnissen -- Nun; eben die augenblickliche
+Befriedigung mancher natürlichen Bedürfnisse ohne Rücksicht auf Ort und
+Zeit, das war das erste was mir der Meister mittels des verhängnisvollen
+Birkenreises total abgewöhnte. Dann kam es an die Gelüste, die, wie ich
+mich später überzeugt habe, lediglich aus einer gewissen abnormen
+Stimmung des Gemüts entstehen. Eben diese seltsame Stimmung, die
+vielleicht von meinem psychischen Organismus selbst erzeugt wurde, trieb
+mich an, die Milch, ja selbst den Braten, den der Meister für mich
+hingestellt, stehen zu lassen, auf den Tisch zu springen, und das
+wegzunaschen, was er selbst genießen wollte. Ich empfand die Kraft des
+Birkenreises, und ließ es bleiben. -- Ich sehe es ein, daß der Meister
+recht hatte, meinen Sinn von dergleichen abzulenken, da ich weiß, daß
+mehrere meiner guten Mitbrüder, weniger kultiviert, weniger gut erzogen
+als ich, dadurch in die abscheulichsten Verdrießlichkeiten, ja in die
+traurigste Lage, auf ihre Lebenszeit geraten sind. Ist es mir doch
+bekannt worden, daß ein hoffnungsvoller Katerjüngling den Mangel an
+innerer geistiger Kraft, seinem Gelüst zu widerstehen einen Topf Milch
+auszunaschen, mit dem Verlust seines Schweifs büßen, und verhöhnt,
+verspottet, sich in die Einsamkeit zurückziehen mußte. Also der Meister
+hatte recht, mir dergleichen abzugewöhnen; daß er aber meinem Drange
+nach den Wissenschaften und Künsten Widerstand leistete, das kann ich
+ihm nicht verzeihen. --
+
+Nichts zog mich in des Meisters Zimmer mehr an als der mit Büchern,
+Schriften und allerlei seltsamen Instrumenten bepackte Schreibtisch. Ich
+kann sagen, daß dieser Tisch ein Zauberkreis war, in den ich mich
+gebannt fühlte, und doch empfand ich eine gewisse heilige Scheu, die
+mich abhielt, meinem Triebe ganz mich hinzugeben. Endlich eines Tages,
+als eben der Meister abwesend war, überwand ich meine Furcht und sprang
+hinauf auf den Tisch. Welche Wollust, als ich nun mitten unter den
+Schriften und Büchern saß, und darin wühlte. Nicht Mutwille, nein nur
+Begier, wissenschaftlicher Heißhunger war es, daß ich mit den Pfoten ein
+Manuskript erfaßte, und so lange hin und her zauste, bis es in kleine
+Stücke zerrissen vor mir lag. Der Meister trat herein, sah was
+geschehen, stürzte mit dem kränkenden Ausruf: Bestie, vermaledeite! auf
+mich los, und prügelte mich mit dem Birkenreis so derb ab, daß ich mich
+winselnd vor Schmerz unter den Ofen verkroch, und den ganzen Tag über
+durch kein freundliches Wort wieder hervorzulocken war. Wen hätte dies
+Ereignis nicht abgeschreckt auf immer, selbst die Bahn zu verfolgen, die
+ihm die Natur vorgezeichnet! Aber kaum hatte ich mich ganz erholt von
+meinen Schmerzen, als ich, meinem unwiderstehlichen Drange folgend,
+wieder auf den Schreibtisch sprang. Freilich war ein einziger Ruf meines
+Meisters, ein abgebrochener Satz wie z. B. »Will er!« -- hinlänglich,
+mich wieder herab zu jagen, so daß es nicht zum Studieren kam; indessen
+wartete ich ruhig auf einen günstigen Moment, meine Studien anzufangen,
+und dieser trat denn auch bald ein. Der Meister rüstete sich eines Tages
+zum Ausgehen, alsbald versteckte ich mich so gut im Zimmer, daß er mich
+nicht fand, als er, eingedenk des zerrissenen Manuskripts, mich
+hinausjagen wollte. Kaum war der Meister fort, so sprang ich mit einem
+Satz auf den Schreibtisch und legte mich mitten hinein in die Schriften,
+welches mir ein unbeschreibliches Wohlgefallen verursachte. Geschickt
+schlug ich mit der Pfote ein ziemlich dickes Buch auf, welches vor mir
+lag, und versuchte, ob es mir nicht möglich sein würde, die
+Schriftzeichen darin zu verstehen. Das gelang mir zwar anfangs ganz und
+gar nicht, ich ließ aber gar nicht ab, sondern starrte hinein in das
+Buch, erwartend, daß ein ganz besonderer Geist über mich kommen und mir
+das Lesen lehren werde. So vertieft überraschte mich der Meister. Mit
+einem lauten: Seht die verfluchte Bestie, sprang er auf mich zu. Es war
+zu spät mich zu retten, ich kniff die Ohren an, ich duckte mich nieder,
+so gut es gehen wollte, ich fühlte schon die Rute auf meinem Rücken.
+Aber die Hand schon aufgehoben hielt der Meister plötzlich inne, schlug
+eine helle Lache auf und rief: Kater -- Kater du liesest? ja, das kann,
+das will ich dir nicht verwehren. Nun sieh -- sieh! -- was für ein
+Bildungstrieb dir inwohnt. -- Er zog mir das Buch unter den Pfoten weg,
+schaute hinein, und lachte noch unmäßiger als vorher. Das muß ich sagen,
+sprach er dann, ich glaube gar, du hast dir eine kleine Handbibliothek
+angeschafft, denn ich wüßte sonst gar nicht, wie das Buch auf meinen
+Schreibtisch kommen sollte? -- Nun lies nur -- studiere fleißig mein
+Kater, allenfalls magst du auch die wichtigsten Stellen im Buche durch
+sanfte Einrisse bezeichnen, ich stelle dir das frei! -- Damit schob er
+mir das Buch aufgeschlagen wieder hin. Es war, wie ich später erfuhr,
+Knigge über den Umgang mit Menschen, und ich habe aus diesem herrlichen
+Buch viel Lebensweisheit geschöpft. Es ist so recht aus meiner Seele
+geschrieben, und paßt überhaupt für Kater, die in der menschlichen
+Gesellschaft etwas gelten wollen, ganz ungemein. Diese Tendenz des Buchs
+ist, soviel ich weiß, bisher übersehen, und daher zuweilen das falsche
+Urteil gefällt worden, daß der Mensch, der sich ganz genau an die im
+Buch aufgestellten Regeln halten wolle, notwendig überall als ein
+steifer herzloser Pedant auftreten müsse.
+
+Seit dieser Zeit litt mich der Meister nicht allein auf dem
+Schreibtisch, sondern er sah es sogar gern, wenn ich, arbeitete er
+selbst, heraufsprang, und mich vor ihm unter die Schriften hinlagerte.
+
+Meister Abraham hatte die Gewohnheit oftmals viel hintereinander laut
+zu lesen. Ich unterließ dann nicht, mich so zu postieren, daß ich ihm
+ins Buch sehen konnte, welches bei den scharfblickenden Augen, die mir
+die Natur verliehen, möglich war, ohne ihm beschwerlich zu fallen.
+Dadurch, daß ich die Schriftzeichen mit den Worten verglich, die er
+aussprach, lernte ich in kurzer Zeit lesen, und wem dies etwa
+unglaublich vorkommen möchte, hat keinen Begriff von dem ganz besonderen
+Ingenium womit mich die Natur ausgestattet. Genies die mich verstehen
+und mich würdigen, werden keinen Zweifel hegen. Rücksichts einer Art
+Ausbildung, die vielleicht der ihrigen gleich ist. Dabei darf ich auch
+nicht unterlassen, die merkwürdige Beobachtung mitzuteilen, die ich
+rücksichts des vollkommenen Verstehens der menschlichen Sprache gemacht.
+Ich habe nämlich mit vollem Bewußtsein beobachtet, daß ich gar nicht
+weiß wie ich zu diesem Verstehen gekommen bin. Bei den Menschen soll
+dies auch der Fall sein. Das nimmt mich aber gar nicht wunder, da dies
+Geschlecht in den Jahren der Kindheit beträchtlich dümmer und
+unbeholfener ist als wir. Als ein ganz kleines Käterchen ist es mir
+niemals geschehen, daß ich mir selbst in die Augen gegriffen, ins Feuer
+oder ins Licht gefaßt oder Stiefelwichse statt Kirschmus gefressen, wie
+dies wohl bei kleinen Kindern zu geschehen pflegt.
+
+Wie ich nun fertig las, und ich mich täglich mehr mit fremden Gedanken
+vollstopfte, fühlte ich den unwiderstehlichsten Drang, auch meine eignen
+Gedanken, wie sie der mir innewohnende Genius gebar, der Vergessenheit
+zu entreißen, und dazu gehörte nun allerdings die freilich sehr schwere
+Kunst des Schreibens. So aufmerksam ich auch meines Meisters Hand, wenn
+er schrieb, beobachten mochte, durchaus wollte es mir doch nicht
+gelingen, ihm die eigentliche Mechanik abzulauern. Ich studierte den
+alten Hilmar Curas, das einzige Schreibevorschriftsbuch, welches mein
+Meister besaß, und wäre beinahe auf den Gedanken geraten, daß die
+rätselhafte Schwierigkeit des Schreibens nur durch die große Manschette
+gehoben werden könne, welche die darin abgebildete schreibende Hand
+trägt, und daß es nur besonders erlangte Fertigkeit sei, wenn mein
+Meister ohne Manschette schriebe, so wie der geübte Seiltänzer zuletzt
+nicht mehr der Balancierstange bedarf. Ich trachtete begierig nach
+Manschetten, und war im Begriff, die Dormeuse der alten Haushälterin für
+meine rechte Pfote zuzureißen und zu adaptieren, als mir plötzlich in
+einem Moment der Begeisterung, wie es bei Genies zu geschehen pflegt,
+der geniale Gedanke einkam, der alles löste. Ich vermutete nämlich, daß
+die Unmöglichkeit, die Feder, den Stift, so zu halten wie mein Meister,
+wohl in dem verschiedenen Bau unserer Hände liegen könne, und diese
+Vermutung traf ein. Ich mußte eine andere dem Bau meines rechten
+Pfötchens angemessene Schreibart erfinden und erfand sie wirklich, wie
+man wohl denken mag. -- So entstehen aus der besonderen Organisation des
+Individuums neue Systeme. --
+
+Eine zweite böse Schwierigkeit fand ich in dem Eintunken der Feder in
+das Tintenfaß. Nicht glücken wollt' es mir nämlich, bei dem Eintunken
+das Pfötchen zu schonen, immer kam es mit hinein in die Tinte, und so
+konnte es nicht fehlen, daß die ersten Schriftzüge, mehr mit der Pfote
+als mit der Feder gezeichnet, etwas groß und breit gerieten.
+Unverständige mochten daher meine ersten Manuskripte beinahe nur für mit
+Tinte beflecktes Papier ansehen. Genies werden den genialen Kater in
+seinen ersten Werken leicht erraten und über die Tiefe, über die Fülle
+des Geistes, wie er zuerst aus unversiegbarer Quelle aussprudelte,
+erstaunen, ja ganz außer sich geraten. Damit die Welt sich dereinst
+nicht zanke über die Zeitfolge meiner unsterblichen Werke, will ich hier
+sagen, daß ich zuerst den philosophisch-sentimental-didaktischen Roman
+schrieb: »Gedanke und Ahnung, oder Kater und Hund.« Schon dieses Werk
+hätte ungeheures Aufsehen machen können. Dann, in allen Sätteln gerecht,
+schrieb ich ein politisches Werk, unter dem Titel: Ȇber Mausefallen und
+deren Einfluß auf Gesinnung und Tatkraft der Katzheit;« hierauf fühlt'
+ich mich begeistert zu der Tragödie: »Rattenkönig Kawdallor.« Auch diese
+Tragödie hätte auf allen nur erdenklichen Theatern unzähligemal mit dem
+lärmendsten Beifall gegeben werden können. Den Reihen meiner sämtlichen
+Werke sollen diese Erzeugnisse meines hoch emporstrebenden Geistes
+eröffnen; über den Anlaß, sie zu schreiben, werde ich mich gehörigen
+Orts auslassen können.
+
+Als ich die Feder besser zu halten gelernt, als das Pfötchen rein blieb
+von Tinte, wurde auch freilich mein Stil anmutiger, lieblicher, heller;
+ich legte mich ganz vorzüglich auf Musenalmanache, schrieb verschiedene
+freundliche Schriften und wurde übrigens sehr bald der liebenswürdige
+gemütliche Mann, der ich noch heute bin. Beinahe hätte ich schon damals
+ein Heldengedicht gemacht, in vier und zwanzig Gesängen, doch als ich
+fertig, war es etwas anderes worden, wofür Tasso und Ariost noch im
+Grabe dem Himmel danken können. Sprang wirklich ein Heldengedicht unter
+meinen Klauen hervor, beide hätte kein Mensch mehr gelesen.
+
+Ich komme jetzt auf die --
+
+=(Mak. Bl.)= -- zum bessern Verständnis doch nötig sein, dir, geneigter
+Leser, das ganze Verhältnis der Dinge klar und deutlich auseinander zu
+setzen.
+
+Jeder, der nur ein einzigesmal im Gasthofe des anmutigen
+Landstädtchens Sieghartsweiler abgestiegen ist, hat sogleich von dem
+Fürsten Irenäus reden gehört. Bestellte er nämlich bei dem Wirt nur ein
+Gericht Forellen, die in der Gegend vorzüglich, so erwiderte derselbe
+gewiß: Sie haben recht, mein Herr, unser gnädigster Fürst essen auch
+dergleichen ungemein gern, und ich vermag die angenehmen Fische gerade
+so zuzubereiten, wie es bei Hofe üblich. Aus den neuesten Geographien,
+Landkarten, statistischen Nachrichten wußte der unterrichtete Reisende
+aber nichts anderes, als daß das Städtchen Sieghartsweiler samt dem
+Geierstein und der ganzen Umgebung längst dem Großherzogtum, das er
+soeben durchreiset, einverleibet worden; nicht wenig mußte es ihn daher
+verwundern, hier einen gnädigsten Herrn Fürsten und einen Hof zu finden.
+Die Sache hatte aber folgenden Zusammenhang. Fürst Irenäus regierte
+sonst wirklich ein artiges Ländchen nicht fern von Sieghartsweiler, und
+da er mittels eines guten Dollonds von dem Belvedere seines Schlosses im
+Residenzmarktflecken seine sämtlichen Staaten zu übersehen vermochte, so
+konnt' es nicht fehlen, daß er das Wohl und Weh seines Landes, das Glück
+der geliebten Untertanen, stets im Auge behielt. Er konnte in jeder
+Minute wissen, wie Peters Weizen in dem entferntesten Bereich des Landes
+stand, und ebensogut beobachten, ob Hans und Kunz ihre Weinberge gut und
+fleißig besorgten. Man sagt, Fürst Irenäus habe sein Ländchen auf einem
+Spaziergange über die Grenze aus der Tasche verloren, so viel ist aber
+gewiß, daß in einer neuen mit mehrern Zusätzen versehenen Ausgabe jenes
+Großherzogtums, das Ländchen des Fürsten Irenäus einfoliiert und
+einregistriert war. Man überhob ihn der Mühe des Regierens, indem man
+ihm aus den Revenüen des Landes, das er besessen, eine ziemlich reiche
+Apanage aussetzte, die er eben in dem anmutigen Sieghartsweiler
+verzehren sollte.
+
+Außer jenem Ländchen besaß Fürst Irenäus noch ein ansehnliches bares
+Vermögen, das ihm unverkürzt blieb, und so sah er sich aus dem Stande
+eines kleinen Regenten plötzlich versetzt in den Stand eines
+ansehnlichen Privatmannes, der zwanglos nach freier Willkür sich das
+Leben gestalten konnte wie er wollte.
+
+Fürst Irenäus hatte den Ruf eines feingebildeten Herrn, der empfänglich
+für Wissenschaft und Kunst. Kam nun noch hinzu, daß er oft die lästige
+Bürde der Regentschaft schmerzlich gefühlt, ja, ging auch schon einmal
+von ihm die Rede, daß er den romanhaften Wunsch, in einem kleinen Hause,
+an einem murmelnden Bach, mit einigem Hausvieh ein einsames idyllisches
+Leben procul negotiis zu führen, in anmutige Verse gebracht, so hätte
+man denken sollen, daß er nun, den regierenden Herrn vergessend, sich
+einrichten werde mit dem gemütlichen Hausbedarf, wie es in der Macht
+steht des reichen, unabhängigen Privatmannes. Dem war aber ganz und gar
+nicht so!
+
+Es mag wohl sein, daß die Liebe der großen Herren zur Kunst und
+Wissenschaft nur als ein integrierender Teil des eigentlichen Hoflebens
+anzusehen ist. Der Anstand erfordert es Gemälde zu besitzen und Musik zu
+hören, und übel würde es sein, wenn der Hofbuchbinder feiern und nicht
+die neueste Literatur fortwährend in Gold und Leder kleiden sollte. Ist
+aber jene Liebe ein integrierender Teil des Hoflebens selbst, so muß sie
+mit diesem zugleich untergehen und kann nicht als etwas für sich fort
+Bestehendes Trost gewähren für den verlornen Thron oder das kleine
+Regentenstühlchen, auf dem man zu sitzen gewohnt.
+
+Fürst Irenäus erhielt sich beides, das Hofleben und die Liebe für die
+Künste und Wissenschaften, indem er einen süßen Traum ins Leben treten
+ließ, in dem er selbst mit seiner Umgebung, so wie ganz Sieghartsweiler,
+figurierte.
+
+Er tat nämlich so, als sei er regierender Herr, behielt die ganze
+Hofhaltung, seinen Kanzler des Reichs, sein Finanzkollegium &c. bei,
+erteilte seinen Hausorden, gab Cour, Hofbälle, die meistenteils aus
+zwölf bis funfzehn Personen bestanden, da auf die eigentliche
+Courfähigkeit strenger geachtet wurde, als an den größten Höfen, und die
+Stadt war gutmütig genug, den falschen Glanz dieses träumerischen Hofes
+für etwas zu halten, das ihr Ehre und Ansehen bringe. So nannten die
+guten Sieghartsweiler den Fürsten Irenäus ihren gnädigsten Herrn,
+illuminierten die Stadt an seinem Namensfeste und an den Namenstagen
+seines Hauses, und opferten sich überhaupt gern auf für das Vergnügen
+des Hofes, wie die atheniensischen Bürgersleute in Shakespeares
+Sommernachtstraum.
+
+Es war nicht zu leugnen, daß der Fürst seine Rolle mit dem
+wirkungsvollsten Pathos durchführte, und dieses Pathos seiner ganzen
+Umgebung mitzuteilen wußte. -- So erscheint ein fürstlicher Finanzrat in
+dem Klub zu Sieghartsweiler finster, in sich gekehrt, wortkarg. -- Wolken
+ruhen auf seiner Stirn, er versinkt oft in tiefes Nachdenken, fährt dann
+auf, wie plötzlich erwachend. -- Kaum wagt man es laut zu sprechen, hart
+aufzutreten in seiner Nähe. Es schlägt neun Uhr, da springt er auf,
+nimmt seinen Hut, vergebens sind alle Bemühungen, ihn festzuhalten, er
+versichert mit stolzem tiefbedeutendem Lächeln, daß ihn Aktenstöße
+erwarten, daß er die Nacht würde opfern müssen, um sich zu der
+morgenden, höchst wichtigen, letzten Quartalsitzung des Kollegiums
+vorzubereiten, eilt hinweg und hinterläßt die Gesellschaft in
+ehrfurchtsvoller Erstarrung über die enorme Wichtigkeit und
+Schwierigkeit seines Amtes. -- Und der wichtige Vortrag, auf den sich
+der geplagte Mann die Nacht über vorbereiten muß? -- Je nun, die
+Waschzettel aus sämtlichen Departements, der Küche, der Tafel, der
+Garderobe usw. fürs verflossene Vierteljahr sind eingegangen, und er ist
+es, der in allen Waschangelegenheiten den Vortrag hat. -- So bemitleidet
+die Stadt den armen fürstlichen Wagenmeister, spricht jedoch, von dem
+sublimen Pathos des fürstlichen Kollegiums ergriffen, strenge aber
+gerecht! -- Der Mann hat nämlich, erhaltener Instruktion gemäß, einen
+Halbwagen, der unbrauchbar geworden, verkauft, das Finanzkollegium ihm
+aber bei Strafe augenblicklicher Kassation aufgegeben, binnen drei Tagen
+nachzuweisen, wo er die andere Hälfte gelassen, die vielleicht noch
+brauchbar gewesen. --
+
+Ein besonderer Stern, der am Hofe des Fürsten Irenäus leuchtete, war die
+Rätin Benzon, Witwe in der Mitte der dreißiger Jahre, sonst eine
+gebietende Schönheit, noch jetzt nicht ohne Liebreiz, die einzige, deren
+Adel zweifelhaft und die der Fürst dennoch ein für allemal als courfähig
+angenommen. Der Rätin heller, durchdringender Verstand, ihr lebhafter
+Geist, ihre Weltklugheit, vorzüglich aber eine gewisse Kälte des
+Charakters, die dem Talent zu herrschen unerläßlich, übten ihre Macht in
+voller Stärke, so daß sie es eigentlich war, die die Fäden des
+Puppenspiels an diesem Miniaturhofe zog. Ihre Tochter, Julia geheißen,
+war mit der Prinzessin Hedwiga aufgewachsen, und auch auf die
+Geistesbildung dieser hatte die Rätin so gewirkt, daß sie in dem Kreise
+der fürstlichen Familie wie eine Fremde erschien und sonderbar abstach
+gegen den Bruder. Prinz Ignaz war nämlich zu ewiger Kindheit verdammt,
+beinahe blödsinnig zu nennen.
+
+Der Benzon gegenüber, ebenso einflußreich, ebenso eingreifend in die
+engsten Verhältnisse des fürstlichen Hauses, wiewohl auf ganz andere
+Weise als sie, stand der seltsame Mann, den du, geneigter Leser, bereits
+kennst als Maître de plaisir des Irenäusschen Hofes und ironischen
+Schwarzkünstler.
+
+Merkwürdig genug ist es, wie Meister Abraham in die fürstliche Familie
+geriet.
+
+Des Fürsten Irenäus hochseliger Herr Papa war ein Mann von einfachen,
+milden Sitten. Er sah es ein, daß irgend eine Kraftäußerung das kleine
+schwache Räderwerk der Staatsmaschine zerbrechen müsse, statt ihm einen
+bessern Schwung zu geben. Er ließ es daher in seinem Ländlein fortgehen,
+wie es zuvor gegangen, und fehlt' es ihm dabei an Gelegenheit, einen
+glänzenden Verstand oder andere besondere Gaben des Himmels zu zeigen,
+so begnügte er sich damit, daß in seinem Fürstentum jedermann sich wohl
+befand, und daß, rücksichts des Auslandes, es ihm so ging wie den
+Weibern, die dann am tadelfreisten sind, wenn man gar nicht von ihnen
+spricht. War des Fürsten kleiner Hof steif, zeremoniös, altfränkisch,
+konnte der Fürst gar nicht eingehen in manche loyale Ideen, wie sie die
+neuere Zeit erzeugt, so lag das an der Unwandelbarkeit des hölzernen
+Gestelles, das Oberhofmeister, Hofmarschälle, Kammerherren in seinem
+Innern mühsam zusammengerichtet. In diesem Gestelle arbeitete aber ein
+Triebrad, das kein Hofmeister, kein Marschall jemals hätte zum
+Stillstehen bringen können. Dies war nämlich ein dem Fürsten angeborner
+Hang zum Abenteuerlichen, Seltsamen, Geheimnisvollen. -- Er pflegte
+zuweilen, nach dem Beispiel des würdigen Kalifen Harun al Raschid
+verkleidet Stadt und Land zu durchstreichen, um jenen Hang, der mit
+seiner übrigen Lebenstendenz in dem sonderbarsten Widerspiel stand, zu
+befriedigen, oder wenigstens Nahrung dafür zu suchen. Dann setzte er
+einen runden Hut auf und zog einen grauen Oberrock an, so daß jedermann
+auf den ersten Blick wußte, daß der Fürst nun nicht zu erkennen.
+
+Es begab sich, daß der Fürst also verkleidet und unerkennbar die Allee
+durchschritt, die von dem Schloß aus nach einer entfernten Gegend
+führte, in der einzeln ein kleines Häuschen stand, von der Witwe eines
+fürstlichen Mundkochs bewohnt. Gerade vor diesem Häuschen angekommen,
+gewahrte der Fürst zwei in Mäntel gehüllte Männer, die zur Haustüre
+hinausschlichen. Er trat zur Seite, und der Historiograph des
+Irenäusschen Hauses, dem ich dies nachschreibe, behauptet, der Fürst sei
+selbst dann nicht bemerkt und erkannt worden, wenn er, statt des grauen
+Oberrocks, das glänzendste Staatskleid angehabt, mit dem funkelnden
+Ordensstern darauf, aus dem Grunde, weil es stockfinsterer Abend
+gewesen. Als die beiden verhüllten Männer dicht vor dem Fürsten langsam
+vorübergingen, vernahm dieser ganz deutlich folgendes Gespräch. Der
+eine: Bruder Exzellenz, ich bitte dich, nimm dich zusammen, sei nur
+diesesmal kein Esel! -- Der Mensch muß fort, ehe der Fürst etwas von ihm
+erfährt, denn sonst behalten wir den verfluchten Hexenmeister auf dem
+Halse, der uns mit seinen Satanskünsten alle ins Verderben stürzt. Der
+andere: _Mon cher frère,_ ereifere dich doch nur nicht so, du kennst meine
+Sagazität, mein _savoir faire._ Morgen werf' ich dem gefährlichen Menschen
+ein paar Karolin an den Hals, und da mag er seine Kunststückchen den
+Leuten vormachen, wo er will; hier darf er nicht bleiben. Der Fürst ist
+übrigens ein --.«
+
+Die Stimmen verhallten, der Fürst erfuhr daher nicht, wofür ihn sein
+Hofmarschall hielt, denn kein anderer als dieser und sein Bruder, der
+Oberjägermeister, waren die Personen, welche aus dem Hause schlichen und
+das verfängliche Gespräch führten. Der Fürst hatte beide sehr genau an
+der Sprache erkannt.
+
+Man kann denken, daß der Fürst nichts Angelegentlicheres zu tun hatte,
+als jenen Menschen, jenen gefährlichen Hexenmeister aufzusuchen, dessen
+Bekanntschaft ihm entzogen werden sollte. Er klopfte an das Häuschen,
+die Witwe trat mit einem Licht in der Hand heraus und fragte, da sie den
+runden Hut und den grauen Oberrock des Fürsten gewahrte, mit kalter
+Höflichkeit: Was steht zu Ihren Diensten, Monsieur? Monsieur wurde
+nämlich der Fürst angeredet, wenn er verkleidet war und unkenntlich. Der
+Fürst erkundigte sich nach dem Fremden, der bei der Witwe eingekehrt
+sein sollte, und erfuhr, daß der Fremde kein anderer sei, als ein sehr
+geschickter, berühmter, mit vielen Attestaten, Konzessionen und
+Privilegien versehener Taschenspieler, der hier seine Künste zu
+produzieren gedenke. Soeben, erzählte die Witwe, wären zwei Herrn vom
+Hofe bei ihm gewesen, die er, vermöge der ganz unerklärlichen Sachen,
+welche er ihnen vorgemacht, dermaßen in Erstaunen gesetzt, daß sie ganz
+blaß, verstört, ja ganz außer sich, das Haus verlassen hätten.
+
+Ohne weiteres ließ sich der Fürst hinauf führen. Meister Abraham
+(niemand anders war der berühmte Taschenspieler) empfing ihn wie einen,
+den er längst erwartet, und verschloß die Türe.
+
+Niemand weiß, was nun Meister Abraham begonnen, gewiß ist es aber, daß
+der Fürst die ganze Nacht über bei ihm blieb, und daß am andern Morgen
+Zimmer eingerichtet wurden auf dem Schlosse, die Meister Abraham bezog,
+und zu denen der Fürst aus seinem Studierzimmer mittels eines geheimen
+Ganges unbemerkt gelangen konnte. Gewiß ist es ferner, daß der Fürst den
+Hofmarschall nicht mehr mon cher ami nannte, und sich von dem
+Oberjägermeister niemals mehr die wunderbare Jagdgeschichte von dem
+weißen gehörnten Hasen, den er (der Oberjägermeister) bei seinem ersten
+jägerischen Ausflug in den Wald nicht schießen können, erzählen ließ,
+welches die Gebrüder in Gram und Verzweiflung stürzte, so, daß beide
+sehr bald den Hof verließen. Gewiß endlich, daß Meister Abraham nicht
+allein durch seine Phantasmagorieen, sondern auch durch das Ansehen, das
+er sich immer mehr und mehr bei dem Fürsten zu erwerben wußte, Hof,
+Stadt und Land in Erstaunen setzte.
+
+Von den Kunststücken, die Meister Abraham vollführte, erzählt oben
+bemeldeter Historiograph des Irenäusschen Hauses so viel ganz
+Unglaubliches, daß man es nicht nachschreiben kann, ohne alles Zutrauen
+des geneigten Lesers aufs Spiel zu setzen. Dasjenige Kunststück, welches
+aber der Historiograph für das wunderbarste von allen hält, ja von dem
+er behauptet, daß es hinlänglich beweise, wie Meister Abraham offenbar
+mit fremden unheimlichen Mächten in bedrohlichem Bunde stehe, ist indes
+nichts anders, als jenes akustische Zauberspiel, das später unter der
+Benennung des unsichtbaren Mädchens so viel Aufsehen gemacht, und das
+Meister Abraham schon damals sinnreicher, phantastischer, das Gemüt
+ergreifender, aufzustellen wußte, als es nachher jemals geschehen.
+
+Nebenher wollte man auch wissen, daß der Fürst selbst mit dem Meister
+Abraham gewisse magische Operationen unternehme, über deren Zweck unter
+den Hofdamen, Kammerherrn und andern Leuten vom Hofe ein angenehmer
+Wettstreit alberner, sinnloser Vermutungen entstand. Darin waren alle
+einig, daß Meister Abraham dem Fürsten das Goldmachen beibringe, wie aus
+dem Rauch, der aus dem Laboratorio bisweilen dringe, zu schließen, und
+daß er ihn eingeführt in allerlei nützliche Geister-Konferenzen. Alle
+waren ferner davon überzeugt, daß der Fürst das Patent für den neuen
+Bürgermeister im Marktflecken nicht vollziehe, ja, dem fürstlichen
+Ofenheizer keine Zulage bewillige, ohne den »Agathodämon«, den _Spiritum
+familiarem_, oder die Gestirne zu befragen.
+
+Als der alte Fürst starb und Irenäus ihm in der Regierung folgte,
+verließ Meister Abraham das Land. Der junge Fürst, der von des Vaters
+Neigung zum Abenteuerlichen, Wunderbaren durchaus nichts vererbt, ließ
+ihn zwar ziehen, fand aber bald, daß Meister Abrahams magische Kraft
+vorzüglich sich darin bewähre, einen gewissen bösen Geist zu beschwören,
+der sich an kleinen Höfen nur gar zu gern einnistet, nämlich den
+Höllengeist der Langenweile. Dann hatte auch das Ansehen, in dem Meister
+Abraham bei dem Vater stand, tiefe Wurzel gefaßt in dem Gemüt des jungen
+Fürsten. Es gab Augenblicke, in denen dem Fürsten Irenäus zu Mute wurde,
+als sei Meister Abraham ein überirdisches Wesen, über alles was
+menschlich erhaben, stehe es auch noch so hoch. Man sagt, daß diese ganz
+besondere Empfindung von einem kritischen unvergeßlichen Moment in der
+Jugendgeschichte des Fürsten herrühre. Als Knabe war er einst mit
+kindischer, überlästiger Neugier in Meister Abrahams Zimmer eingedrungen
+und hatte läppisch eine kleine Maschine, die der Meister eben mit vieler
+Mühe und Kunst vollendet, zerbrochen, der Meister aber im vollen Zorn
+über das verderbliche Ungeschick dem kleinen fürstlichen Bengel eine
+fühlbare Ohrfeige zugeteilt, und ihn dann mit einiger nicht ganz sanfter
+Schnelligkeit hinausgeführt aus der Stube auf den Korridor. Unter
+hervorquellenden Tränen konnte der junge Herr nur mit Mühe die Worte
+hervorstammeln: _Abraham -- soufflet_ -- so daß der bestürzte
+Oberhofmeister es für ein gefahrvolles Wagnis hielt, tiefer einzudringen
+in das fürchterliche Geheimnis, das zu ahnen er sich unterstehen mußte.
+
+Der Fürst fühlte lebhaft das Bedürfnis, den Meister Abraham als das
+belebende Prinzip der Hofmaschine bei sich zu behalten; vergebens waren
+aber alle seine Bemühungen, ihn zurückzubringen. Erst nach jenem
+verhängnisvollen Spaziergange, als Fürst Irenäus sein Ländchen verloren,
+als er die chimärische Hofhaltung zu Sieghartsweiler eingerichtet, fand
+sich auch Meister Abraham wieder ein, und in der Tat, zu gelegenerer
+Zeit hätte er gar nicht kommen können. Denn außerdem daß --
+
+=(M. f. f.)= -- merkwürdige Begebenheit, die, um mich des gewöhnlichen
+Ausdrucks geistreicher Biographen zu bedienen, einen Abschnitt in meinem
+Leben machte.
+
+-- Leser! -- Jünglinge, Männer, Frauen, unter deren Pelz ein fühlend
+Herz schlägt, die ihr Sinn habt für Tugend -- die ihr die süßen Bande
+erkennet, womit uns die Natur umschlingt, ihr werdet mich verstehen und
+-- mich lieben!
+
+Der Tag war heiß gewesen, ich hatte ihn unter dem Ofen verschlafen. Nun
+brach die Abenddämmerung ein, und kühle Winde sausten durch meines
+Meisters geöffnetes Fenster. Ich erwachte aus dem Schlaf, meine Brust
+erweiterte sich, durchströmt von dem unnennbaren Gefühl, das, Schmerz
+und Lust zugleich, die süßesten Ahnungen entzündet. Von diesen Ahnungen
+überwältigt, erhob ich mich hoch in jener ausdrucksvollen Bewegung, die
+der kalte Mensch Katzenbuckel benennet. -- Hinaus -- hinaus trieb es
+mich in die freie Natur, ich begab mich daher aufs Dach und lustwandelte
+in den Strahlen der sinkenden Sonne. Da vernahm ich Töne von dem Boden
+aufsteigen, so sanft, so heimlich, so bekannt, so anlockend, ein
+unbekanntes Etwas zog mich hinab mit unwiderstehlicher Gewalt. Ich
+verließ die schöne Natur und kroch durch eine kleine Dachluke hinein in
+den Hausboden. -- Hinabgesprungen gewahrte ich alsbald eine große,
+schöne, weiß und schwarz gefleckte Katze, die, auf den Hinterfüßen
+sitzend in bequemer Stellung, eben jene anlockenden Töne von sich gab
+und mich nun mit forschenden Blicken durchblitzte. Augenblicklich setzte
+ich mich ihr gegenüber und versuchte, dem innern Trieb nachgebend, in
+das Lied einzustimmen, das die weiß und schwarz Gefleckte angestimmt.
+Das gelang mir, ich muß es selbst sagen, über die Maßen wohl, und von
+diesem Augenblick an datiert sich, wie ich für die Psychologen, die mich
+und mein Leben studieren, hier bemerke, mein Glaube an mein inneres
+musikalisches Talent, und, wie zu erachten, mit diesem Glauben auch das
+Talent selbst. Die Gefleckte blickte mich schärfer und emsiger an,
+schwieg plötzlich, sprang mit einem gewaltigen Satz auf mich los. Ich,
+nichts Gutes erwartend, zeigte meine Krallen, doch in dem Augenblick
+schrie die Gefleckte, indem ihr die hellen Tränen aus den Augen
+stürzten: Sohn -- o Sohn! komm! eile in meine Pfoten! -- Und dann, mich
+umhalsend, mich mit Inbrunst an die Brust drückend: Ja, du bist es, du
+bist mein Sohn, mein guter Sohn, den ich ohne sonderliche Schmerzen
+geboren! --
+
+Ich fühlte mich tief im Innersten bewegt, und schon dies Gefühl mußte
+mich überzeugen, daß die Gefleckte wirklich meine Mutter war, dem
+unerachtet fragte ich doch, ob sie auch dessen ganz gewiß sei.
+
+Ha, diese Ähnlichkeit, sprach die Gefleckte, diese Augen, diese
+Gesichtszüge, dieser Bart, dieser Pelz, alles erinnert mich nur zu
+lebhaft an den Treulosen, Undankbaren, der mich verließ. -- Du bist ganz
+das getreue Ebenbild deines Vaters, lieber Murr (denn so wirst du ja
+geheißen), ich hoffe jedoch, daß du mit der Schönheit des Vaters
+zugleich die sanftere Denkungsart, die milden Sitten deiner Mutter Mina
+erworben haben wirst. -- Dein Vater hatte einen sehr vornehmen Anstand,
+auf seiner Stirne lag eine imponierende Würde, voller Verstand funkelten
+die grünen Augen, und um Bart und Wangen spielte oft ein anmutiges
+Lächeln. Diese körperlichen Vorzüge, so wie sein aufgeweckter Geist und
+eine gewisse liebenswürdige Leichtigkeit, mit der er Mäuse fing, ließen
+ihn mein Herz gewinnen. -- Aber bald zeigte sich ein hartes,
+tyrannisches Gemüt, daß er so lange geschickt zu verbergen gewußt. -- Mit
+Entsetzen sag' ich es! -- Kaum warst du geboren, als dein Vater den
+unseligen Appetit bekam, dich nebst deinen Geschwistern zu verspeisen.
+
+Beste Mutter, fiel ich der Gefleckten ins Wort, verdammen Sie nicht ganz
+jene Neigung. Das gebildetste Volk der Erde legte den sonderbaren
+Appetit des Kinderfressens dem Geschlecht der Götter bei, aber gerettet
+wurde ein Jupiter und so auch ich! --
+
+Ich verstehe dich nicht, mein Sohn, erwiderte Mina, aber es kommt mir
+vor, als sprächest du albernes Zeug, oder als wolltest du gar deinen
+Vater verteidigen. Sei nicht undankbar, du wärest ganz gewiß erwürgt und
+gefressen worden von dem blutdürstigen Tyrannen, hätte ich dich nicht so
+tapfer verteidigt mit diesen scharfen Krallen, hätte ich nicht, bald
+hier, bald dort hinfliehend in Keller, Boden, Ställe, dich den
+Verfolgungen des unnatürlichen Barbaren entzogen. -- Er verließ mich
+endlich! nie habe ich ihn wiedergesehen! Und doch schlägt noch mein Herz
+für ihn! -- Es war ein schöner Kater! -- Viele hielten ihn seines
+Anstandes, seiner feinen Sitten wegen, für einen reisenden Grafen. -- Ich
+glaubte nun, im kleinen häuslichen Zirkel meine Mutterpflichten übend,
+ein stilles, ruhiges Leben führen zu können, doch der entsetzlichste
+Schlag sollte mich noch treffen. -- Als ich von einem kleinen
+Spaziergange einst heimkehrte, weg warst du samt deinem Geschwister! --
+Ein altes Weib hatte mich Tages zuvor in meinem Schlupfwinkel entdeckt,
+und allerlei verfängliche Worte von ins Wasser werfen und dergleichen
+gesprochen. -- Nun! ein Glück, daß du, mein Sohn, gerettet, komm
+nochmals an meine Brust, Geliebter! --
+
+Die gefleckte Mama liebkoste mich mit aller Herzlichkeit, und fragte
+mich dann nach den nähern Umständen meines Lebens. Ich erzählte ihr
+alles, und vergaß nicht, meiner hohen Ausbildung zu erwähnen, und wie
+ich dazu gekommen.
+
+Mina schien weniger gerührt von den seltenen Vorzügen des Sohnes, als
+man hätte denken sollen. Ja, sie gab mir nicht undeutlich zu verstehen,
+daß ich mitsamt meinem außerordentlichen Geiste, mit meiner tiefen
+Wissenschaft auf Abwege geraten, die mir verderblich werden könnten.
+Vorzüglich warnte sie mich aber, dem Meister Abraham ja nicht meine
+erworbenen Kenntnisse zu entdecken, da dieser sie nur nützen würde, mich
+in der drückendsten Knechtschaft zu erhalten.
+
+»Ich kann mich, sprach Mina, zwar gar nicht deiner Ausbildung rühmen,
+indessen fehlt es mir doch durchaus nicht an natürlichen Fähigkeiten und
+angenehmen, mir von der Natur eingeimpften Talenten. Darunter rechne ich
+z. B. die Macht, knisternde Funken aus meinem Pelz hervorstrahlen zu
+lassen, wenn man mich streichelt. Und was für Unannehmlichkeiten hat mir
+nicht schon dieses einzige Talent bereitet! Kinder und Erwachsene haben
+unaufhörlich auf meinem Rücken herumhantiert, jenes Feuerwerks halber,
+mir zur Qual, und wenn ich unmutig wegsprang oder die Krallen zeigte,
+mußte ich mich ein scheues wildes Tier schelten, ja wohl gar prügeln
+lassen. -- Sowie Meister Abraham erfährt, daß du schreiben kannst, lieber
+Murr, macht er dich zu seinem Kopisten, und als Schuldigkeit wird von
+dir gefordert, was du jetzt nur aus eigenem Antriebe zu deiner Lust
+tust.« --
+
+Mina sprach noch mehreres über mein Verhältnis zum Meister Abraham und
+über meine Bildung. Erst später habe ich eingesehen, daß das, was ich
+für Abscheu gegen die Wissenschaften hielt, wirkliche Lebensweisheit
+war, die die Gefleckte in sich trug.
+
+Ich erfuhr, daß Mina bei der alten Nachbarsfrau in ziemlich dürftigen
+Umständen lebe, und daß es ihr oft schwer falle ihren Hunger zu stillen.
+Dies rührte mich tief, die kindliche Liebe erwachte in voller Stärke in
+meinem Busen, ich besann mich auf den schönen Heringskopf, den ich vom
+gestrigen Mahle erübrigt, ich beschloß, ihn darzubringen der guten
+Mutter, die ich so unerwartet wiedergefunden.
+
+Wer ermißt die Wandelbarkeit der Herzen derer, die da wandeln unter dem
+Mondschein! -- Warum verschloß das Schicksal nicht unsere Brust dem
+wilden Spiel unseliger Leidenschaften! -- Warum müssen wir, ein dünnes
+schwankendes Rohr, uns beugen vor dem Sturm des Lebens? -- Feindliches
+Verhängnis! -- O Appetit, dein Name ist Kater! -- Den Heringskopf im
+Maule kletterte ich, ein pius Aeneas aufs Dach -- ich wollte hinein ins
+Bodenfenster. Da geriet ich in einen Zustand, der auf seltsame Weise
+mein Ich meinem Ich entfremdend, doch mein eigentliches Ich schien.
+-- Ich glaube mich verständlich und scharf ausgedrückt zu haben, so daß
+in dieser Schilderung meines seltsamen Zustandes jeder den die geistige
+Tiefe durchschauenden Psychologen erkennen wird. -- Ich fahre fort! --
+
+Das sonderbare Gefühl, gewebt aus Lust und Unlust, betäubte meine Sinne
+-- überwältigte mich -- kein Widerstand möglich, -- ich fraß den
+Heringskopf! --
+
+Ängstlich hörte ich Mina miauen, ängstlich sie meinen Namen rufen -- Ich
+fühlte mich von Reue, von Scham durchdrungen, ich sprang zurück in
+meines Meisters Zimmer, ich verkroch mich unter den Ofen. Da quälten
+mich die ängstlichsten Vorstellungen. Ich sah Mina, die wiedergefundene
+gefleckte Mutter, trostlos, verlassen, lechzend nach der Speise, die ich
+ihr versprochen, der Ohnmacht nahe -- Ha! -- der durch den Rauchfang
+sausende Wind rief den Namen Mina -- Mina -- Mina! rauschte es in den
+Papieren meines Meisters, knarrte es in den gebrechlichen Rohrstühlen,
+Mina -- Mina -- lamentierte die Ofentüre. -- O! es war ein bitteres
+herzzerschneidendes Gefühl, das mich durchbohrte! -- Ich beschloß, die
+Arme womöglich einzuladen zur Frühstücksmilch. Wie kühlender,
+wohltuender Schatten kam bei diesem Gedanken ein seliger Frieden über
+mich! -- Ich kniff die Ohren an und schlief ein! --
+
+Ihr fühlenden Seelen, die ihr mich ganz versteht, ihr werdet es, seid
+ihr sonst keine Esel, sondern wahrhaftige honette Kater, ihr werdet es,
+sage ich, einsehen, daß dieser Sturm in meiner Brust meinen Jugendhimmel
+aufheitern mußte, wie ein wohltätiger Orkan, der die finstern Wolken
+zerstäubt und die reinste Aussicht schafft. O! so schwer anfangs der
+Heringskopf auf meiner Seele lastete, doch lernte ich einsehen, was
+Appetit heißt, und daß es Frevel ist, der Mutter Natur zu widerstreben.
+Jeder suche sich seine Heringsköpfe und greife nicht vor der Sagazität
+der andern, die, vom richtigen Appetit geleitet, schon die ihrigen
+finden werden.
+
+So schließe ich diese Episode meines Lebens die --
+
+=(Mak. Bl.)= -- -- nichts verdrießlicher für einen Historiographen oder
+Biographen, als wenn er, wie auf einem wilden Füllen reitend, hin und
+her sprengen muß, über Stock und Stein, über Äcker und Wiesen, immer
+nach gebahnten Wegen trachtend, niemals sie erreichend. So geht es dem,
+der es unternommen, für dich, geliebter Leser, das aufzuschreiben, was
+er von dem wunderlichen Leben des Kapellmeisters Johannes Kreisler
+erfahren. Gern hätte er angefangen: In dem kleinen Städtchen N. oder B.
+oder K., und zwar am Pfingstmontage oder zu Ostern des und des Jahres
+erblickte Johannes Kreisler das Licht der Welt! -- Aber solche schöne
+chronologische Ordnung kann gar nicht aufkommen, da dem unglücklichen
+Erzähler nur mündlich, brockenweis mitgeteilte Nachrichten zu Gebote
+stehen, die er, um nicht das Ganze aus dem Gedächtnisse zu verlieren,
+sogleich verarbeiten muß. Wie es eigentlich mit der Mitteilung dieser
+Nachrichten herging, sollst du, sehr lieber Leser! noch vor dem Schlusse
+des Buchs erfahren, und dann wirst du vielleicht das rhapsodische Wesen
+des Ganzen entschuldigen, vielleicht aber auch meinen, daß, trotz des
+Anscheins der Abgerissenheit, doch ein fester durchlaufender Faden alle
+Teile zusammenhalte.
+
+Eben in diesem Augenblick ist nichts anders zu erzählen, als daß nicht
+lange nachher, als Fürst Irenäus in Sieghartsweiler sich niedergelassen,
+an einem schönen Sommerabend Prinzessin Hedwiga und Julia in dem
+anmutigen Park Sieghartshof lustwandelten. Wie ein goldner Schleier lag
+der Schein der sinkenden Sonne ausgebreitet über dem Walde. Kein
+Blättlein rührte sich. In ahnungsvollem Schweigen harrten Baum und
+Gebüsch, daß der Abendwind komme und mit ihnen kose. Nur das Getöse des
+Waldbachs, der über weiße Kiesel fortbrauste, unterbrach die tiefe
+Stille. Arm in Arm verschlungen, schweigend, wandelten die Mädchen fort
+durch die schmalen Blumengänge, über die Brücken, die über die
+verschiedenen Schlingungen des Bachs führten, bis sie an das Ende des
+Parks, an den großen See kamen, in dem sich der ferne Geierstein mit
+seinen malerischen Ruinen abspiegelte.
+
+»Es ist doch schön!« rief Julia recht aus voller Seele. Laß uns, sprach
+Hedwiga, in die Fischerhütte treten. Die Abendsonne brennt entsetzlich
+und drinnen ist die Aussicht nach dem Geierstein aus dem mittlern
+Fenster noch schöner als hier, da die Gegend dort nicht Panorama,
+sondern in gruppierter Ansicht, wahrhaftes Bild erscheint.
+
+Julia folgte der Prinzessin, die, kaum hineingetreten und zum Fenster
+hinausschauend, sich nach Crayon und Papier sehnte, um die Aussicht in
+der Beleuchtung zu zeichnen, welche sie ungemein pikant nannte.
+
+Ich möchte, sprach Julia, ich möchte dich beinahe um deine
+Kunstfertigkeit beneiden, Bäume und Gebüsche, Berge, Seen, so ganz nach
+der Natur zeichnen zu können. Aber ich weiß es schon, könnte ich auch so
+hübsch zeichnen als du, doch würd' es mir niemals gelingen, eine
+Landschaft nach der Natur aufzunehmen, und zwar um desto weniger, je
+herrlicher der Anblick. Vor lauter Freude und Entzücken des Schauens
+würd' ich gar nicht zur Arbeit kommen. -- Der Prinzessin Antlitz
+überflog bei diesen Worten Julia's ein gewisses Lächeln, das bei einem
+sechzehnjährigen Mädchen bedenklich genannt werden dürfte. Meister
+Abraham, der im Ausdruck zuweilen etwas seltsam, meinte, solch
+Muskelspiel im Gesicht sei dem Wirbel zu vergleichen auf der Oberfläche
+des Wassers, wenn sich in der Tiefe etwas Bedrohliches rührt. -- Genug,
+Prinzessin Hedwiga lächelte; indem sie aber die Rosenlippen öffnete, um
+der sanften unkünstlerischen Julia etwas zu entgegnen, ließen sich ganz
+in der Nähe Akkorde hören, die so stark und wild angeschlagen wurden,
+daß das Instrument kaum eine gewöhnliche Guitarre zu sein schien.
+
+Die Prinzessin verstummte, und beide, sie und Julia, eilten vor das
+Fischerhaus.
+
+Nun vernahmen sie eine Weise nach der andern, verbunden durch die
+seltsamsten Übergänge, durch die fremdartigste Akkordenfolge. Dazwischen
+ließ sich eine sonore männliche Stimme hören, die bald alle Süßigkeit
+des italienischen Gesanges erschöpfte, bald, plötzlich abbrechend, in
+ernste düstere Melodien fiel, bald rezitativisch, bald mit starken
+kräftig akzentierten Worten dreinsprach. --
+
+Die Guitarre wurde gestimmt -- dann wieder Akkorde -- dann wieder
+abgebrochen und gestimmt -- dann heftige, wie im Zorn ausgesprochene
+Worte -- dann Melodien -- dann aufs neue gestimmt. --
+
+Neugierig auf den seltsamen Virtuosen, schlichen Hedwiga und Julia näher
+heran, bis sie einen Mann in schwarzer Kleidung gewahrten, der, den
+Rücken ihnen zugewendet, auf einem Felsstück dicht an dem See saß, und
+das wunderliche Spiel trieb, mit Singen und Sprechen.
+
+Eben hatte er die Guitarre ganz und gar umgestimmt, auf ungewöhnliche
+Weise, und versuchte nun einige Akkorde, dazwischen rufend: Wieder
+verfehlt -- keine Reinheit -- bald ein Komma zu tief, bald ein Komma zu
+hoch! --
+
+Dann faßte er das Instrument, das er von dem blauen Bande, an dem es
+ihm um die Schultern hing, losgenestelt, mit beiden Händen, hielt es vor
+sich hin und begann: Sage mir, du kleines eigensinniges Ding, wo ruht
+eigentlich dein Wohllaut, in welchem Winkel deines Innersten hat sich
+die reine Skala verkrochen? -- Oder willst du dich vielleicht auflehnen
+gegen deinen Meister und behaupten, sein Ohr sei totgehämmert worden in
+der Schmiede der gleichschwebenden Temperatur, und seine Enharmonik nur
+ein kindisches Vexierspiel? Du verhöhnst mich, glaub' ich, unerachtet
+ich den Bart viel besser geschoren trage, als Meister Stefano Pacini,
+_detto il Venetiano_, der die Gabe des Wohllauts in dein Innerstes legte,
+die mir ein unerschließbares Geheimnis bleibt. Und, liebes Ding, daß du
+es nur weißt, willst du den unisonierenden Dualismus von Gis und As oder
+Cis und Des -- oder vielmehr sämtlicher Töne durchaus nicht verstatten,
+so schicke ich dir neue tüchtige deutsche Meister auf den Hals, die
+sollen dich ausschelten, dich kirre machen mit unharmonischen Worten.
+-- Und du magst dich nicht deinem Stefano Pacini in die Arme werfen, du
+magst nicht wie ein keifendes Weib das letzte Wort behalten wollen.
+-- Oder bist du vielleicht gar dreist und stolz genug, zu meinen, daß
+alle schmucken Geister, die in dir wohnen, nur dem gewaltigen Zauber der
+Magier folgen, die längst von der Erde gegangen, und daß in den Händen
+eines Hasenfußes --
+
+Bei dem letzten Worte hielt der Mann plötzlich inne, sprang auf und
+schaute wie in tiefen Gedanken versunken, in den See hinein. -- Die
+Mädchen, gespannt durch des Mannes seltsames Beginnen, standen wie
+eingewurzelt hinter dem Gebüsch; sie wagten kaum zu atmen.
+
+Die Guitarre, brach der Mann endlich los, ist doch das miserabelste,
+unvollkommenste Instrument von allen Instrumenten, nur wert, von
+girrenden liebeskranken Schäfern in die Hand genommen zu werden, die das
+Emboucheur zur Schalmei verloren haben, da sie sonst es vorziehen
+würden, erklecklich zu blasen, das Echo zu wecken mit den Kuhreigen der
+süßesten Sehnsucht, und klägliche Melodien entgegenzusenden den
+Emmelinen in den weiten Bergen, die das liebe Vieh zusammentreiben mit
+dem lustigen Geknalle empfindsamer Hetzpeitschen. -- O Gott! -- Schäfer,
+die »wie ein Ofen seufzen mit Jammerlied auf ihrer Liebsten Brau'n«
+-- lehrt ihnen, daß der Dreiklang aus nichts anderm bestehe, als aus drei
+Klängen, und niedergestoßen werde durch den Dolchstich der Septime, und
+gebt ihnen die Guitarre in die Hände! -- Aber ernsten Männern von
+leidlicher Bildung, von vorzüglicher Erudition, die sich abgegeben mit
+griechischer Weltweisheit und wohl wissen, wie es am Hofe zu Peking oder
+Nanking zugeht, aber den Teufel was verstehen von Schäferei und
+Schafzucht, was soll denen das Ächzen und Klimpern? -- Hasenfuß, was
+beginnst du? Denke an den seligen Hippel, welcher versichert, daß, säh'
+er einen Mann Unterricht erteilen im Klavierschlagen, es ihm zu Mute
+werde als sötte besagter Lehrherr weiche Eier -- und nun Guitarre
+klimpern -- Hasenfuß! -- Pfui Teufel! -- Damit schleuderte der Mann das
+Instrument weit von sich ins Gebüsch und entfernte sich raschen
+Schrittes, ohne die Mädchen zu bemerken.
+
+Nun, rief Julia nach einer Weile lachend, Hedwiga, was sagst Du zu
+dieser verwunderlichen Erscheinung? Wo mag der seltsame Mann her sein,
+der erst so hübsch mit seinem Instrument zu sprechen weiß und es dann
+verächtlich von sich wirft, wie eine zerbrochene Schachtel?
+
+Es ist unrecht, sprach Hedwiga wie im plötzlich aufwallenden Zorn, indem
+ihre verbleichten Wangen sich blutrot färbten, daß der Park nicht
+verschlossen ist, daß jeder Fremde hinein kann.
+
+Wie, erwiderte Julia, der Fürst sollte, meinst Du, engherzig, den
+Sieghartsweilern -- nein, nicht diesen allein, jedem, der des Weges
+wandelt, gerade den anmutigsten Fleck der ganzen Gegend verschließen?
+Das ist unmöglich Deine ernste Meinung! -- Du bedenkst, fuhr die
+Prinzessin noch bewegter fort, die Gefahr nicht, die für uns daraus
+entsteht. Wie oft wandeln wir so wie heute allein, entfernt von aller
+Dienerschaft, in den entlegensten Gängen des Waldes umher! -- Wie, wenn
+einmal irgendein Bösewicht --
+
+Ei, unterbrach Julia die Prinzessin, ich glaube gar, Du fürchtest, aus
+diesem, jenem Gebüsch könnte irgendein ungeschlachter, märchenhafter
+Riese, oder ein fabelhafter Raubritter hervorspringen und uns entführen
+auf seine Burg! -- Nun, das wolle der Himmel verhüten! -- Aber sonst muß
+ich Dir gestehen, daß mir irgendein kleines Abenteuer hier in dem
+einsamen romantischen Walde recht hübsch, recht anmutig bedünken möchte.
+-- Ich denke eben an Shakespeares »Wie es Euch gefällt«, das uns die
+Mutter so lange nicht in die Hände geben wollte, und das uns endlich
+Lothario vorgelesen. Was gilt es, Du würdest auch gern ein bißchen Celia
+spielen, und ich wollte Deine treue Rosalinde sein. -- Was machen wir
+aus unserm unbekannten Virtuosen?
+
+O, erwiderte die Prinzessin, eben dieser unbekannte Mensch -- Glaubst
+du wohl, Julia, daß mir seine Gestalt, seine wunderlichen Reden ein
+inneres Grauen erregten, das mir unerklärlich ist? -- Noch jetzt
+durchbeben mich Schauer, ich erliege beinahe einem Gefühl, das, seltsam
+und entsetzlich zugleich, alle meine Sinne gefangen nimmt. In dem
+tiefsten, dunkelsten Gemüt regt sich eine Erinnerung auf und ringt
+vergebens sich deutlich zu gestalten. -- Ich sah diesen Menschen schon
+in irgendeine fürchterliche Begebenheit verflochten, die mein Herz
+zerfleischte -- vielleicht war es nur ein spukhafter Traum, dessen
+Andenken mir geblieben -- Genug -- der Mensch mit seinem seltsamen
+Beginnen, mit seinen wirren Reden, deuchte mir ein bedrohliches,
+gespenstisches Wesen, das uns vielleicht verlocken wollte in
+verderbliche Zauberkreise.
+
+Welche Einbildungen, rief Julia, ich für mein Teil verwandle das
+schwarze Gespenst mit der Guitarre in den Monsieur Jacques, oder gar in
+den ehrlichen Probstein, dessen Philosophie beinahe so lautet, wie die
+wunderlichen Reden des Fremden. -- Doch hauptsächlich ist es nun nötig,
+die arme Kleine zu retten, die der Barbar so feindselig in das Gebüsch
+geschleudert hat. --
+
+Julia -- was beginnst Du -- um des Himmels willen! rief die Prinzessin;
+doch ohne auf sie zu achten, schlüpfte Julia hinein in das Dickicht und
+kam nach wenigen Augenblicken triumphierend, die Guitarre, die der
+Fremde weggeworfen, in der Hand, zurück.
+
+Die Prinzessin überwand ihre Scheu und betrachtete sehr aufmerksam das
+Instrument, dessen seltsame Form schon von hohem Alter zeugte, hätte das
+auch nicht die Jahreszahl und der Name des Meisters bestätigt, den man
+durch die Schallöffnung auf dem Boden deutlich wahrnahm. Schwarz
+eingeätzt waren nämlich die Worte: _Stefano Pacini fec. Venet. 1532._
+
+Julia konnte es nicht unterlassen, sie schlug einen Akkord auf dem
+zierlichen Instrument an, und erschrak beinahe über den mächtigen,
+vollen Klang, der aus dem kleinen Dinge heraustönte. O herrlich
+-- herrlich! rief sie aus und spielte weiter. Da sie aber gewohnt, nur
+ihren Gesang mit der Guitarre zu begleiten, so konnte es nicht fehlen,
+daß sie bald unwillkürlich zu singen begann, indem sie weiter
+fortwandelte. Die Prinzessin folgte ihr schweigend. Julia hielt inne; da
+sprach Hedwiga: Singe, spiele auf dem zauberischen Instrumente,
+vielleicht gelingt es Dir, die bösen, feindlichen Geister, die Macht
+haben wollten über mich, hinabzubeschwören in den Orkus.
+
+Was willst Du, erwiderte Julia, mit Deinen bösen Geistern, die sollen
+uns beiden fremd sein und bleiben, aber singen will ich und spielen;
+denn ich wüßte nicht, daß jemals mir ein Instrument so zur Hand gewesen,
+mir überhaupt so zugesagt hätte, als eben dieses. Mir scheint auch, als
+wenn meine Stimme viel besser dazu laute als sonst. -- Sie begann eine
+bekannte italienische Canzonetta und verlor sich in allerlei zierliche
+Melismen, gewagte Läufe und Capriccios, Raum gebend dem vollen Reichtum
+der Töne, der in ihrer Brust ruhte.
+
+War die Prinzessin erschrocken über den Anblick des Unbekannten, so
+erstarrte Julia zur Bildsäule, als er, da sie eben in einen andern Gang
+einbiegen wollte, plötzlich vor ihr stand.
+
+Der Fremde, wohl an dreißig Jahre alt, war nach dem Zuschnitt der
+letzten Mode schwarz gekleidet. In seinem ganzen Anzuge fand sich
+durchaus nichts Sonderbares, Ungewöhnliches, und doch hatte sein Ansehen
+etwas Seltsames, Fremdartiges. Trotz der Sauberkeit seiner Kleidung war
+eine gewisse Nachlässigkeit sichtbar, die weniger von Mangel an
+Sorgfalt, als davon herzurühren schien, daß der Fremde gezwungen worden,
+einen Weg zu machen, auf den er nicht gerechnet, und zu dem sein Anzug
+nicht paßte. Mit aufgerissener Weste, das Halstuch nur leicht
+umschlungen, die Schuhe dick bestäubt, auf denen die goldnen Schnällchen
+kaum sichtbar, stand er da, und närrisch genug sah es aus, daß er an dem
+kleinen dreieckigen Hütchen, das nur bestimmt, unter den Armen getragen
+zu werden, die hintere Krempe herabgeschlagen hatte, um sich gegen die
+Sonne zu schützen. Er hatte sich durchgedrängt durch das tiefste
+Dickicht des Parks, denn sein wirres schwarzes Haar hing voller
+Tannadeln. Flüchtig schaute er die Prinzessin an und ließ dann den
+seelenvollen leuchtenden Blick seiner großen dunkeln Augen auf Julia
+ruhen, deren Verlegenheit noch dadurch erhöht wurde, so daß ihr, wie es
+in dergleichen Fällen ihr zu geschehen pflegte, die Tränen in die Augen
+traten.
+
+»Und diese Himmelstöne,« begann der Fremde endlich mit weicher, sanfter
+Stimme, »schweigen vor meinem Anblick und zerfließen in Tränen?«
+
+Die Prinzessin, den ersten Eindruck, den der Fremde auf sie gemacht, mit
+Gewalt niederkämpfend, blickte ihn stolz an und sprach dann mit beinahe
+schneidendem Ton: Allerdings überrascht uns Ihre plötzliche Erscheinung,
+mein Herr! man erwartet um diese Zeit keine Fremden mehr im fürstlichen
+Park. -- Ich bin die Prinzessin Hedwiga. --
+
+Der Fremde hatte sich, sowie die Prinzessin zu sprechen begann, rasch zu
+ihr gewendet und schaute ihr jetzt in die Augen, aber sein ganzes
+Antlitz schien ein anderes worden. -- Vertilgt war der Ausdruck
+schwermütiger Sehnsucht, vertilgt jede Spur des tief im Innersten
+aufgeregten Gemüts, ein toll verzerrtes Lächeln steigerte den Ausdruck
+bitterer Ironie bis zum Possierlichen, bis zum Skurrilen. -- Die
+Prinzessin blieb, als träfe sie ein elektrischer Schlag, mitten in der
+Rede stecken und schlug, blutrot im ganzen Gesicht, die Augen nieder.
+
+Es schien, als wollte der Fremde etwas sagen, in dem Augenblick begann
+indessen Julia: Bin ich nicht ein dummes, törichtes Ding, daß ich
+erschrecke, daß ich weine wie ein kindisches Kind, das man ertappt über
+dem Naschen? -- Ja, mein Herr, ich habe genascht, hier die trefflichsten
+Töne weggenascht von Ihrer Guitarre -- die Guitarre ist an allem schuld
+und unsere Neugier! -- Wir haben Sie belauscht, wie Sie mit dem kleinen
+Dinge so hübsch zu sprechen wußten, und wie Sie dann im Zorn die Arme
+wegschleuderten in das Gebüsch, daß sie im lauten Klageton aufseufzte,
+auch das haben wir gesehen. Und das ging mir so recht tief ins Herz, ich
+mußte hinein in das Dickicht und das schöne, liebliche Instrument
+aufheben. -- Nun, Sie wissen wohl, wie Mädchen sind, ich klimpere etwas
+auf der Guitarre und da fuhr es mir in die Finger -- ich konnt' es nicht
+lassen. -- Verzeihen Sie mir, mein Herr, und empfangen Sie Ihr Instrument
+zurück.
+
+Julia reichte die Guitarre dem Fremden hin.
+
+Es ist, sprach der Fremde, ein sehr seltnes klangvolles Instrument, noch
+aus alter, guter Zeit her, das nur in meinen ungeschickten Händen -- doch
+was Hände -- was Hände! -- Der wunderbare Geist des Wohllauts, der
+diesem kleinen seltsamen Dinge befreundet, wohnt auch in meiner Brust,
+aber eingepuppt, keiner freien Bewegung mächtig; doch aus Ihrem Innern,
+mein Fräulein, schwingt er sich auf zu den lichten Himmelsräumen, in
+tausend schimmernden Farben, wie das glänzende Pfauenauge. -- Ha! mein
+Fräulein, als Sie sangen, aller sehnsüchtige Schmerz der Liebe, alles
+Entzücken süßer Träume, die Hoffnung, das Verlangen, wogte durch den
+Wald und fiel nieder wie erquickender Tau in die duftenden Blumenkelche,
+in die Brust horchender Nachtigallen! -- Behalten Sie das Instrument,
+nur Sie gebieten über den Zauber, der in ihm verschlossen!
+
+Sie warfen das Instrument fort, erwiderte Julia hoch errötend.
+
+Es ist wahr, sprach der Fremde, indem er mit Heftigkeit die Guitarre
+ergriff und an seine Brust drückte, ich warf es fort und empfange es
+geheiligt zurück; nie kommt es mehr aus meinen Händen. --
+
+Plötzlich verwandelte sich nun das Antlitz des Fremden wieder in jene
+skurrile Larve, und er sprach mit hohem, schneidenden Ton: Eigentlich
+hat mir das Schicksal oder mein Kakodämon einen sehr bösen Streich
+gespielt, daß ich hier so ganz _ex abrupto_, wie die Lateiner und noch
+andere ehrliche Leute sagen, vor Ihnen erscheinen muß, meine
+hochverehrtesten Damen! -- O Gott, gnädigste Prinzessin, riskieren Sie
+es, mich anzuschauen von Kopf bis zu Fuß. Sie werden dann aus meinem
+Ajustement zu entnehmen geruhen, daß ich mich auf einer großen
+Visitenfahrt befinde. -- Ha! ich gedachte eben bei Sieghartsweiler
+vorzufahren und der guten Stadt, wo nicht meine Person, doch wenigstens
+eine Visitenkarte abzugeben. -- O Gott! fehlt es mir denn an
+Konnexionen, meine gnädigste Prinzessin? -- War nicht sonst der
+Hofmarschall Dero Herrn Vaters mein Intimus? -- Ich weiß es, sah er mich
+hier, so drückte er mich an seine Atlasbrust und sagte gerührt, indem er
+mir eine Prise darbot: Hier sind wir unter uns, mein Lieber, hier kann
+ich meinem Herzen und den angenehmsten Gesinnungen freien Lauf lassen.
+-- Audienz hätte ich erhalten bei dem gnädigsten Herrn Fürsten Irenäus,
+und wäre auch Ihnen vorgestellt worden, o Prinzessin! Vorgestellt worden
+auf eine Weise, daß ich mein bestes Gespann von Septime-Akkorden gegen
+eine Ohrfeige setze, ich hätte Ihre Huld erworben! -- Aber nun! -- hier
+im Garten am unschicklichsten Orte, zwischen Ententeich und
+Froschgraben, muß ich mich selbst präsentieren, mir zum ewigen Malheur!
+-- O Gott, könnt' ich nur was weniges hexen, könnt' ich nur _subito_
+diese edle Zahnstocherbüchse (er zog eine aus der Westentasche hervor)
+verwandeln in den schmuckesten Kammerherrn des Irenäusschen Hofes,
+welcher mich beim Fittich nähme und spräche: Gnädigste Prinzessin, hier
+ist der und der! -- Aber nun! -- _che far', che dir'!_ -- Gnade -- Gnade,
+o Prinzessin! o Damen! -- -- o Herren!
+
+Damit warf sich der Fremde vor der Prinzessin nieder und sang mit
+kreischender Stimme: _Ah pietà, pietà Signora!_
+
+Die Prinzessin faßte Julien und rannte mit ihr unter dem lauten Ausruf:
+Es ist ein Wahnsinniger, ein Wahnsinniger, der dem Tollhause
+entsprungen! so schnell von dannen, als sie es nur vermochte.
+
+Dicht vor dem Lustschlosse kam die Rätin Benzon den Mädchen entgegen,
+die atemlos ihr beinahe zu Füßen sanken. »Was ist geschehen, um des
+Himmels willen, was ist Euch geschehen, was bedeutet die übereilte
+Flucht?« So fragte sie. Die Prinzessin vermochte, außer sich, verstört,
+wie sie war, nur in abgebrochenen Reden etwas von einem Wahnsinnigen
+herzustammeln, der sie überfallen. Julia erzählte ruhig und besonnen,
+wie sich alles begeben, und schloß damit, daß sie den Fremden durchaus
+nicht für wahnsinnig, sondern nur für einen ironischen Schalk, wirklich
+für eine Art von Monsieur Jacques halte, der zur Komödie im Ardenner
+Walde passe.
+
+Die Rätin Benzon ließ sich alles nochmals wiederholen, sie fragte nach
+dem kleinsten Umstande, sie ließ sich den Fremden beschreiben in Gang,
+Stellung, Gebärde, Ton der Sprache usw. Ja, rief sie dann, es ist nur zu
+gewiß, er ist es, er ist es selbst, kein anderer kann -- darf es sein!
+
+Wer -- wer ist es? fragte die Prinzessin ungeduldig.
+
+Ruhig, liebe Hedwiga, erwiderte die Benzon, Sie haben Ihren Atem umsonst
+verkeucht; kein Wahnsinniger ist dieser Fremde, der Ihnen so bedrohlich
+erschien. Welchen bittern, unziemlichen Scherz er sich auch seiner
+barocken Manier gemäß erlaubte, so glaube ich doch, daß Sie sich mit ihm
+aussöhnen werden.
+
+Nimmermehr, rief die Prinzessin, sehe ich ihn wieder, den -- unbequemen
+Narren.
+
+Ei Hedwiga, sprach die Benzon lachend, welcher Geist gab Ihnen das Wort,
+unbequem, ein, das nach dem, was vorgegangen, viel besser paßt, als Sie
+vielleicht selbst glauben und ahnen mögen.
+
+Ich weiß auch gar nicht, begann Julia, wie Du auf den Fremden so zürnen
+magst, liebe Hedwiga? -- Selbst in seinem närrischen Tun, in seinen
+wirren Reden, lag etwas, das auf seltsame und gar nicht unangenehme
+Weise mein Innerstes anregte. Wohl Dir, erwiderte die Prinzessin, indem
+ihr die Tränen in die Augen traten, daß Du so ruhig sein kannst und
+unbefangen, aber mir zerschneidet der Hohn des entsetzlichen Menschen
+das Herz! -- Benzon, wer ist es, wer ist der Wahnsinnige? »Mit zwei
+Worten,« sprach die Benzon, »erkläre ich alles. Als ich mich vor fünf
+Jahren in ...«
+
+=(M. f. f.)= -- mich überzeugte, daß in einem echten, tiefen Dichtergemüt
+auch kindliche Tugend wohnt und Mitleid mit dem Bedrängnis der Genossen.
+
+Eine gewisse Schwermut, wie sie oft junge Romantiker befällt, wenn sie
+den Entwicklungskampf der großen erhabenen Gedanken in ihrem Innern
+bestehen, trieb mich in die Einsamkeit. Unbesucht blieben mehrere Zeit
+hindurch Dach, Keller und Boden. Ich empfand mit jenem Dichter die süßen
+idyllischen Freuden im kleinen Häuschen am Ufer eines murmelnden Bachs,
+umschattet von düster belaubten Hängebirken und Trauerweiden, und blieb,
+mich meinen Träumen hingebend, unter dem Ofen. So kam es aber, daß ich
+Mina, die süße, schöngefleckte Mutter, nicht wiedersah. -- In den
+Wissenschaften fand ich Trost und Beruhigung. O, es ist etwas Herrliches
+um die Wissenschaften! -- Dank, glühender Dank dem edlen Mann, der sie
+erfunden! -- Wie viel herrlicher, wie viel nützlicher ist diese
+Erfindung, als jene des entsetzlichen Mönchs, der zuerst es unternahm,
+Pulver zu fabrizieren, ein Ding, das mir, seiner Natur und Wirkung nach,
+in den Tod zuwider. Die richtende Nachwelt hat auch den Barbaren, den
+höllischen Barthold, gestraft mit höhnender Verachtung, indem man noch
+heutigen Tages, um einen scharfsinnigen Gelehrten, einen umschauenden
+Statistiker, kurz, jeden Mann von exquisiter Bildung, recht hoch zu
+stellen, sprichwörtlich sagt: Er hat das Pulver nicht erfunden!
+
+Zur Belehrung der hoffnungsvollen Katerjugend, kann ich nicht unbemerkt
+lassen, daß ich, wollte ich studieren, mit zugedrückten Augen in die
+Bibliothek meines Meisters sprang, und dann das Buch, was ich
+angekrallt, herauszupfte und durchlas, mochte es einen Inhalt haben wie
+es wollte. Durch diese Art zu studieren gewann mein Geist diejenige
+Biegsamkeit und Mannigfaltigkeit, mein Wissen den bunten glänzenden
+Reichtum, den die Nachwelt an mir bewundern wird. Der Bücher, die ich in
+dieser Periode des dichterischen Schwermuts hintereinander las, will ich
+hier nicht erwähnen, teils, weil sich dazu eine schicklichere Stelle
+vielleicht finden wird, teils, weil ich auch die Titel davon vergessen,
+und dies wieder gewissermaßen darum, weil ich die Titel meistenteils
+nicht gelesen, und also nie gewußt habe. -- Jedermann wird mit dieser
+Erklärung zufrieden sein, und mich nicht biographischen Leichtsinnes
+anklagen.
+
+Mir standen neue Erfahrungen bevor.
+
+Eines Tages, als mein Meister eben in einen großen Folianten vertieft
+war, den er vor sich aufgeschlagen, und ich dicht bei ihm unter dem
+Schreibtisch, auf einem Bogen des schönsten Royalpapiers liegend, mich
+in griechischer Schrift versuchte, die mir vorzüglich in der Pfote zu
+liegen schien, trat rasch ein junger Mann hinein, den ich schon mehrmals
+bei dem Meister gesehen, und der mich mit freundlicher Hochachtung, ja
+mit der wohltuenden Verehrung behandelte, die dem ausgezeichneten
+Talent, dem entschiedenen Genie gebührt. Denn nicht allein, daß er
+jedesmal, nachdem er den Meister begrüßt, zu mir sprach: Guten Morgen
+Kater! so kraute er mir auch jedesmal mit leichter Hand hinter den
+Ohren, und streichelte mir sanft den Rücken, so daß ich in diesem
+Betragen wahre Aufmunterung fand, meine innern Gaben leuchten zu lassen
+vor der Welt.
+
+Heute sollte sich alles anders gestalten!
+
+Wie sonst niemals sprang nämlich heute dem jungen Mann ein schwarzes
+zottiges Ungeheuer mit glühenden Augen nach zur Türe hinein, und als es
+mich erblickte, gerade auf mich zu. Mich überfiel eine unbeschreibliche
+Angst, mit einem Satz war ich auf dem Schreibtisch meines Meisters, und
+stieß Töne des Entsetzens und der Verzweiflung aus, als das Ungeheuer
+hoch hinaufsprang nach dem Tisch, und dazu einen mörderlichen Lärm
+machte. Mein guter Meister, dem um mich bange, nahm mich auf den Arm,
+und steckte mich unter den Schlafrock. Doch der junge Mann sprach: »Seid
+doch nur ganz unbesorgt, lieber Meister Abraham! Mein Pudel tut keiner
+Katze was, er will nur spielen. Setzt den Kater nur hin, sollt Euch
+freuen wie die Leutchen miteinander Bekanntschaft machen werden, mein
+Pudel und Euer Kater.
+
+Mein Meister wollte mich wirklich niedersetzen, ich klammerte mich aber
+fest an, und begann kläglich zu lamentieren, wodurch ich es denn
+wenigstens dahin brachte, daß der Meister mich, als er sich niederließ,
+dicht neben sich auf dem Stuhle litt.
+
+Ermutigt durch meines Meisters Schutz, nahm ich, auf den Hinterpfoten
+sitzend, den Schweif umschlungen, eine Stellung an, deren Würde, deren
+edler Stolz meinem vermeintlichen schwarzen Gegner imponieren mußte. Der
+Pudel setzte sich vor mir hin auf die Erde, schaute mir unverwandt ins
+Auge, und sprach zu mir in abgebrochnen Worten, die mir freilich
+unverständlich blieben. Meine Angst verlor sich nach und nach ganz und
+gar, und ruhig geworden im Gemüt, vermochte ich zu bemerken, daß in dem
+Blick des Pudels nichts zu entdecken, als Gutmütigkeit und biederer
+Sinn. Unwillkürlich fing ich an, meine zum Vertrauen geneigte
+Seelenstimmung durch sanftes Hin- und Herbewegen des Schweifes an den
+Tag zu legen, und sogleich begann auch der Pudel mit dem kurzen
+Schweiflein zu wedeln auf die anmutigste Weise.
+
+O! mein Inneres hatte ihn angesprochen, nicht zu zweifeln war an dem
+Anklang unserer Gemüter! -- Wie, sprach ich zu mir selbst, wie konnte
+dich das ungewohnte Betragen dieses Fremden so in Furcht und Schrecken
+setzen? -- Was bewies dieses Springen, dieses Klaffen, dieses Toben,
+dieses Rennen, dieses Heulen anders als den in Liebe und Lust, in der
+freudigen Freiheit des Lebens heftig und mächtig bewegten Jüngling? -- O
+es wohnt Tugend, edle Pudeltümlichkeit in jener schwarz bepelzten Brust!
+-- Durch diese Gedanken erkräftigt, beschloß ich, den ersten Schritt zu
+tun zu näherer engerer Einigung unserer Seelen, und herabzusteigen von
+dem Stuhl des Meisters.
+
+Sowie ich mich erhob und dehnte, sprang der Pudel auf und in der Stube
+umher, mit lautem Klaffen! -- Äußerungen eines herrlichen
+lebenskräftigen Gemüts! -- Es war nichts mehr zu befürchten, ich stieg
+sogleich herab, und näherte mich behutsam leisen Schrittes dem neuen
+Freunde. Wir begannen jenen Akt, der in bedeutender Symbolik die nähere
+Erkenntnis verwandter Seelen, den Abschluß des aus dem inneren Gemüt
+heraus bedingten Bündnisses ausdrückt, und den der kurzsichtige
+frevelige Mensch mit dem gemeinen unedlen Ausdruck »Beschnüffeln«,
+bezeichnet. Mein schwarzer Freund bezeigte Lust, etwas von den
+Hühnerknochen zu genießen, die in meiner Speiseschüssel lagen. So gut
+ich es vermochte, gab ich ihm zu verstehen, daß es der Weltbildung, der
+Höflichkeit gemäß sei, ihn als meinen Gast zu bewirten. Er fraß mit
+erstaunlichem Appetit, während ich von weitem zusah. -- Gut war es doch,
+daß ich den Bratfisch beiseite gebracht und einmagaziniert unter mein
+Lager. -- Nach der Tafel begannen wir die anmutigsten Spiele, bis wir
+uns zuletzt, ganz ein Herz und eine Seele, umhalsten, und fest
+aneinander geklammert, uns einmal über das andere überkugelnd, uns
+innige Treue und Freundschaft zuschworen.
+
+Ich weiß nicht, was dieses Zusammentreffen schöner Seelen, dieses
+Einandererkennen herziger Jünglingsgemüter, Lächerliches in sich tragen
+konnte; so viel ist aber gewiß, daß beide, mein Meister und der fremde
+junge Mann, unaufhörlich aus vollem Halse lachten, zu meinem nicht
+geringen Verdruß.
+
+Auf mich hatte die neue Bekanntschaft einen tiefen Eindruck gemacht, so
+daß ich in der Sonne und im Schatten, auf dem Dach und unter dem Ofen,
+nichts dachte, nichts sann, nichts träumte, nichts empfand als, Pudel
+-- Pudel -- Pudel! Dadurch ging mir das innerste Wesen des Pudeltums
+mächtig auf, mit glänzenden Farben, und durch diese Erkenntnis wurde das
+tiefsinnige Werk geboren, dessen ich schon erst erwähnte, nämlich:
+Gedanke und Ahnung, oder Kater und Hund. Sitten, Gebräuche, Sprache
+beider Geschlechter, entwickelte ich als tief bedingt durch ihr
+eigentümlichstes Wesen und bewies, wie beide nur diverse Strahlen, aus
+einem Prisma geworfen. Vorzüglich faßte ich den Charakter der Sprache
+auf, und bewies, daß da Sprache überhaupt nur symbolische Darstellung
+des Naturprinzips in der Gestaltung des Lauts sei, mithin es nur =eine=
+Sprache geben könne, auch das Kätzische und Hündische in der besondern
+Formung des Pudelischen, Zweige eines Baumes wären, von höherem Geist
+inspirierte Kater und Pudel sich daher verstünden. Um meinen Satz ganz
+ins klare zu stellen, führte ich mehrere Beispiele aus beiden Sprachen
+an und machte auf die gleichen Stammwurzeln aufmerksam, von: Bau -- Bau
+-- Mau -- Miau -- Blaf blaf -- Anvau -- Korr -- Kurr -- Ptsi -- Pschrzi
+usw.
+
+Nachdem das Buch vollendet, fühlte ich die unwiderstehlichste Lust, das
+Pudelische wirklich zu erlernen, welches mir, vermöge meines neu
+erworbenen Freundes, des Pudels Ponto, wiewohl nicht ohne Mühe, gelang,
+da das Pudelische für uns Kater wirklich eine schwere Sprache. Genies
+finden sich indes in alles, und eben diese Genialität ist es, die ein
+berühmter menschlicher Schriftsteller verkennt, wenn er behauptet, daß,
+um eine fremde Sprache, mit allen Eigentümlichkeiten des Volks, dem
+Volke nachzusprechen, man durchaus was weniges ein Narr sein müsse. Mein
+Meister hatte freilich dieselbe Meinung, und mochte eigentlich nur die
+gelehrte Kenntnis der fremden Sprache statuieren, welche Kenntnis er dem
+Parlieren entgegensetzte, worunter er die Fertigkeit verstand, in einer
+fremden Sprache über nichts und um nichts reden zu können. Er ging so
+weit, daß er das Französisch sprechen unserer Herren und Damen vom Hofe
+für eine Art von Krankheit hielt, die, wie kataleptische Zufälle, mit
+schrecklichen Symptomen eintrete, und hörte ich ihn diese absurde
+Behauptung gegen den Hofmarschall des Fürsten selbst ausführen.
+
+»Erzeigen Sie,« sprach Meister Abraham, »mir die Güte, beste Exzellenz,
+und beobachten Sie sich selbst! Hat Ihnen der Himmel nicht ein schönes
+volltönendes Stimmorgan verliehen, und wenn Ihnen das Französische
+ankommt, da beginnen Sie plötzlich zu zischen, zu lispeln, zu schnarren,
+und dabei verzerren sich Dero angenehme Gesichtszüge ganz erschrecklich,
+und selbst der hübsche, feste, ernste Anstand, dessen Dieselben sonst
+mächtig, wird verstört durch allerlei seltsame Konvulsionen. Was kann
+dies alles anders bedeuten, als empörtes Treiben irgendeines fatalen
+Krankheitskobolds im Innern! -- Der Hofmarschall lachte sehr, und zum
+Lachen war auch wirklich Meister Abrahams Hypothese von der Krankheit
+fremder Sprachen.
+
+Ein sinnreicher Gelehrter gibt in irgendeinem Buche den Rat, daß man
+sich bemühen möge in der fremden Sprache, die man rasch erlernen will,
+zu =denken=. Der Rat ist vortrefflich, seine Ausführung aber nicht ohne
+Gefahr. Es gelang mir nämlich sehr bald, pudelisch zu denken, ich
+vertiefte mich aber in diese pudelischen Gedanken so sehr, daß meine
+eigentliche Sprachfertigkeit zurückblieb, und ich selbst nicht verstand
+was ich dachte. Diese nicht verstandenen Gedanken brachte ich
+meistenteils zu Papier, und ich erstaune über die Tiefe dieser Sprache,
+die ich unter dem Titel »Akanthusblätter« gesammelt, und die ich noch
+nicht verstehe.
+
+Ich glaube, daß diese kurzen Andeutungen über die Geschichte meiner
+Jugendmonate hinreichen dürften, dem Leser ein deutliches Bild davon zu
+geben was ich bin und wie ich es wurde.
+
+Unmöglich kann ich mich aber von der Blütezeit meines merkwürdigen
+ereignisreichen Lebens trennen, ohne noch eines Vorfalls zu erwähnen,
+der gewissermaßen meinen Übertritt in die Jahre der reifern Bildung
+bezeichnet. Die Katerjugend wird daraus lernen, daß keine Rose ohne
+Dornen ist, und daß dem mächtig emporstrebenden Geiste manches Hindernis
+gelegt, mancher Stein des Anstoßes in den Weg geworfen wird, an dem er
+sich die Pfoten wund stoßen muß. -- Und der Schmerz solcher Wunden ist
+empfindlich, sehr empfindlich! --
+
+Gewiß, hast du mich, geliebter Leser, beinahe beneidet um meine
+glückliche Jugendzeit, um den günstigen Stern der über mich wachte! -- In
+Dürftigkeit von vornehmen aber armen Eltern geboren, dem schmachvollen
+Tode nahe, komme ich plötzlich in den Schoß des Überflusses, in den
+Peruschacht der Literatur! -- Nichts stört meine Bildung, nichts
+widerstrebt meinen Neigungen, mit Riesenschritten gehe ich der
+Vollkommenheit entgegen, die mich hoch erhebt über meine Zeit. Da hält
+mich plötzlich ein Zollverwalter an und fordert den Tribut, dem alles
+hienieden unterworfen!
+
+Wer hätte denken sollen, daß unter den Banden der süßesten, innigsten
+Freundschaft die Dornen verborgen, die mich ritzen, verwunden, blutig
+verwunden mußten!
+
+Jeder, der ein gefühlvolles Herz im Busen trägt, wie ich, wird aus dem,
+was ich über mein Verhältnis mit dem Pudel Ponto gesagt, sehr leicht
+entnehmen können, was der Teure mir war, und doch mußte =er= es sein, der
+den ersten Anlaß gab zu der Katastrophe, die mich gänzlich verderben
+konnte, hätte der Geist meines großen Ahnherrn nicht über mich gewacht.
+-- Ja mein Leser! -- ich hatte einen Ahnherrn, einen Ahnherrn, ohne den
+ich gewissermaßen gar nicht existieren würde -- einen großen
+vortrefflichen Ahnherrn, einen Mann von Stande, Ansehen, Vermögen,
+ausgebreiteter Wissenschaft, mit einer ganz vortrefflichen Sorte Tugend,
+mit der feinsten Menschenliebe begabt, einen Mann von Eleganz und
+Geschmack, nach dem neuesten Geschmack -- einen Mann der -- doch dies
+alles jetzt nur beiläufig gesagt, künftig mehr von dem Würdigen, der
+niemand anders war, als der berühmte Premierminister Hinz von
+Hinzenfeldt, der der Welt so teuer, so über alles wert worden unter dem
+Namen des gestiefelten Katers. --
+
+Wie gesagt, künftig mehr von dem edelsten der Kater! --
+
+Konnt' es anders sein; mußt' ich, als ich mich im Pudelischen leicht und
+zierlich auszudrücken vermochte, mit meinem Freunde Ponto nicht davon
+reden, was mir das Höchste im Leben war, nämlich von mir selbst und von
+meinen Werken? So kam es, daß er mit meinen besondern Geistesgaben, mit
+meiner Genialität, mit meinem Talent bekannt wurde, und hier entdeckte
+ich zu meinem nicht geringen Leid, daß ein unüberwindlicher Leichtsinn,
+ja ein gewisser Übermut es dem jungen Ponto unmöglich machte, in den
+Künsten und Wissenschaften etwas zu tun. Statt in Erstaunen zu geraten
+über meine Kenntnis, versicherte er, daß es gar nicht zu begreifen, wie
+ich darauf fallen könnte, mich mit derlei Dingen abzugeben, und daß er
+seinerseits, was Künste betreffe, sich lediglich darauf beschränke, über
+den Stock zu springen, und seines Herrn Mütze aus dem Wasser zu
+apportieren, die Wissenschaften anlangend er aber der Meinung sei, daß
+Leute, wie ich und er, sich nur den Magen dabei verdürben und allen
+Appetit gänzlich verlören.
+
+Bei einem solchen Gespräch, in dem ich mich mühte, meinen jungen
+leichtsinnigen Freund eines Bessern zu belehren, geschah das
+Entsetzliche. Denn ehe ich mir's versah, sprang...
+
+=(Mak. Bl.)= -- Und immer werden Sie, erwiderte die Benzon, mit dieser
+phantastischen Überspanntheit, mit dieser herzzerschneidenden Ironie
+nichts anstiften als Unruhe -- Verwirrung -- völlige Dissonanz aller
+konventionellen Verhältnisse, wie sie nun einmal bestehen.
+
+O wundervoller Kapellmeister, rief Johannes Kreisler lachend, der
+solcher Dissonanzen mächtig!
+
+Seien Sie ernst, fuhr die Rätin fort, Sie entkommen mir nicht durch
+bittern Scherz! Ich halte Sie fest, lieber Johannes! -- Ja, so will ich
+Sie nennen, mit dem sanften Namen Johannes, damit ich wenigstens hoffen
+darf, daß hinter der Satyrmaske am Ende ein sanftes, weiches Gemüt
+verborgen. Und dann! -- nimmermehr werde ich mich davon überzeugen, daß
+der bizarre Name: Kreisler, nicht eingeschwärzt, nicht einem ganz andern
+Familien-Namen untergeschoben sein sollte!
+
+Rätin, sprach Kreisler, indem sein ganzes Gesicht in einem seltsamen
+Muskelspiel an tausend Falten und Furchen vibrierte, teuerste Rätin, was
+haben Sie gegen meinen ehrlichen Namen? -- Vielleicht führte ich sonst
+einen andern, aber das ist lange her, und mir geht es so wie dem
+Ratgeber in Tiecks Blaubart, der da sagt: Ich hatte sonst einmal einen
+ganz vortrefflichen Namen, durch die Länge der Zeit hab' ich ihn fast
+vergessen, ich kann mich nur noch dunkel daran erinnern.
+
+Besinnen Sie sich, Johannes, rief die Rätin, ihn mit leuchtenden Blicken
+durchbohrend, der halbvergessene Name kommt Ihnen gewiß wieder in die
+Gedanken!
+
+Durchaus nicht, Teuerste, erwiderte Kreisler, es ist unmöglich, und ich
+vermute beinahe, daß die dunkle Erinnerung, wie ich sonst, was eben
+meine äußere Gestalt rücksichts des Namens als Lebenspasseport
+betrifft, anders gestaltet, aus der angenehmen Zeit herrührt, da ich
+eigentlich noch gar nicht geboren. -- Erzeigen Sie mir die Güte,
+Verehrungswürdigste, betrachten Sie meinen schlichten Namen im gehörigen
+Licht, und Sie werden ihn, was Zeichnung, Kolorit und Physiognomie
+betrifft, allerliebst finden! Noch mehr! stülpen Sie ihn um, sezieren
+Sie ihn mit dem grammatischen Anatomiermesser, immer herrlicher wird
+sich sein innerer Gehalt zeigen. Es ist ganz unmöglich, Vortreffliche!
+daß Sie meines Namens Abstammung in dem Worte =Kraus= finden, und mich,
+nach der Analogie des Wortes =Haarkräusler,= für einen Tonkräusler, oder
+gar für einen Kräusler überhaupt halten können, da ich mich alsdann eben
+=Kräusler= schreiben müßte. Sie können nicht wegkommen von dem Worte
+=Kreis,= und der Himmel gebe, daß Sie dann gleich an die wunderbaren
+Kreise denken mögen, in denen sich unser ganzes Sein bewegt, und aus
+denen wir nicht herauskommen können, wir mögen es anstellen wie wir
+wollen. In diesen Kreisen kreiselt sich der Kreisler, und wohl mag es
+sein, daß er oft, ermüdet von den Sprüngen des St. Veits-Tanzes, zu dem
+er gezwungen, rechtend mit der dunklen unerforschlichen Macht, die jene
+Kreise umschrieb, sich mehr als es einem Magen, der ohnedies nur
+schwächlicher Konstitution, zusagt, hinaussehnt ins Freie. Und der tiefe
+Schmerz dieser Sehnsucht mag nun wieder eben jene Ironie sein, die Sie,
+Verehrte! so bitter tadeln, nicht beachtend, daß die kräftige Mutter
+einen Sohn gebar, der in das Leben eintritt wie ein gebietender König.
+Ich meine den Humor, der nichts gemein hat mit seinem ungeratenen
+Stiefbruder, dem Spott! -- Ja, sprach die Rätin, eben dieser Humor,
+dieser Wechselbalg einer ausschweifenden, grillenhaften Phantasie ohne
+Gestalt, ohne Farbe, von dem ihr harten Männerseelen selbst nicht wißt,
+für wen ihr ihn ausgeben sollt nach Stand und Würden, eben dieser ist
+es, den ihr uns gern als etwas Großes, Herrliches unterschieben möchtet,
+wenn ihr alles, was uns lieb und wert, in bitterm Hohne zu vernichten
+trachtet. Wissen Sie wohl, Kreisler, daß Prinzessin Hedwiga noch jetzt
+ganz außer sich ist über Ihre Erscheinung, über Ihr Betragen im Park?
+Reizbar, wie sie ist, verwundet sie jeder Scherz, in dem sie nur die
+leiseste Verspottung ihrer Persönlichkeit findet, überdies aber
+beliebten Sie, lieber Johannes, sich ihr als ein vollkommen Wahnsinniger
+darzustellen, und ihr so ein Entsetzen zu erregen, das sie hätte auf das
+Krankenlager werfen können. Ist das zu entschuldigen?
+
+Ebensowenig, erwiderte Kreisler, als wenn ein Prinzeßlein es unternimmt,
+in dem offnen Park ihres Herrn Papas einem Fremden von honettem Ansehen,
+der ihr zufällig begegnet, durch ihre kleine Person imponieren zu
+wollen.
+
+Dem sei wie ihm wolle, fuhr die Rätin fort, genug, Ihre abenteuerliche
+Erscheinung in unserm Park hätte böse Folgen haben können. Daß diese
+abgewandt, daß die Prinzessin wenigstens sich an den Gedanken gewöhnt
+Sie wiederzusehen, alles das haben wir meiner Julia zu verdanken. Sie
+allein nimmt Sie in Schutz, indem sie in allem, was Sie begonnen, was
+Sie gesprochen, nur den Erguß einer überspannten Laune findet, wie sie
+oft einem tief verletzten oder zu reizbaren Gemüt eigen. Mit einem Wort,
+Julia, die erst vor kurzer Zeit Shakespeares: »Wie es euch gefällt,«
+kennen gelernt, hat Sie gerade mit dem melancholischen Monsieur Jacques
+verglichen.
+
+O du ahnendes Himmelskind! rief Kreisler, indem ihm die Tränen in die
+Augen traten.
+
+Überdies, sprach die Benzon weiter, hat meine Julia in Ihnen, als Sie
+auf der Guitarre phantasierten und, wie sie erzählt, dazwischen sangen
+und sprachen, den sublimen Musiker und Komponisten erkannt. Sie meint,
+in dem Augenblick sei ihr ein ganz besonderer Geist der Musik
+aufgegangen, sie habe, wie von unsichtbarer Macht dazu gezwungen, singen
+und spielen müssen, und das sei ihr gar anders geglückt, als sonst
+jemals. -- Erfahren Sie nur, Julia konnte sich gar nicht darin finden,
+daß sie den seltsamen Mann nicht wiedersehen, daß er ihr nur wie ein
+anmutig wunderlicher, musikalischer Spuk erschienen sein solle; wogegen
+die Prinzessin mit aller ihr eignen Heftigkeit behauptete, daß ein
+zweiter Besuch des gespenstischen Wahnsinnigen ihr den Tod geben würde.
+Da die Mädchen sonst ein Herz und eine Seele sind, und niemals eine
+Entzweiung unter ihnen stattgefunden, so konnt' ich mit vollem Recht
+behaupten, daß sich jene Szene aus früher Kindheit umgekehrt wiederhole,
+als Julia einen etwas bizarren Skaramuz, der ihr einbeschert worden,
+durchaus in den Kamin werfen wollte, die Prinzessin hingegen ihn in
+Schutz nahm und für ihren Liebling erklärte.
+
+Ich lasse mich, fiel Kreisler der Benzon laut lachend in die Rede, ein
+zweiter Skaramuz, von der Prinzessin in den Kamin werfen, und vertraue
+der süßen Huld der holden Julia. -- Sie müssen, fuhr die Benzon fort,
+die Erinnerung an den Skaramuz für einen humoristischen Einfall halten,
+und diesen können Sie, Ihrer eigenen Theorie gemäß, nicht übel deuten.
+Übrigens mögen Sie es sich wohl vorstellen, daß ich in der Schilderung,
+die die Mädchen mir von Ihrer Erscheinung, von dem ganzen Vorfall im
+Park machten, Sie augenblicklich wiedererkannte, und daß es Juliens
+Sehnsucht Sie wiederzusehen, gar nicht bedurfte; ohnedies hätte ich in
+dem nächsten Augenblick alle Leute, die mir zu Gebote standen, in
+Bewegung gesetzt, den ganzen Park, ganz Sieghartsweiler durchsuchen
+lassen, um Sie, der mir bei kurzer Bekanntschaft so wert geworden,
+wiederzufinden. Alle Nachforschungen blieben vergebens, ich glaubte Sie
+verloren, um so mehr mußte ich erstaunen, als Sie heute morgen bei mir
+eintraten. Julia ist bei der Prinzessin, welch ein Zwiespalt der
+verschiedensten Empfindungen würde sich erheben, wenn die Mädchen in
+diesem Augenblick Ihre Ankunft erführen. -- Was Sie, den ich als
+wohlbestallten Kapellmeister an dem Hofe des Großherzogs glaubte, so
+plötzlich herbringt, darüber verlange ich nur dann Aufschluß, wenn es
+Ihnen recht und gemütlich sein wird, mir darüber etwas zu sagen.
+
+Kreisler war, als die Rätin dies alles sprach, in tiefes Nachdenken
+versunken. Er starrte zur Erde nieder und fingerte an der Stirn wie
+einer, der sich auf etwas Vergessenes zu besinnen trachtet.
+
+Ach, begann er, als die Rätin schwieg, das ist eine sehr alberne
+Geschichte, kaum des Erzählens wert. Doch so viel ist gewiß, daß das,
+was die kleine Prinzessin für die wirren Reden eines Wahnwitzigen zu
+halten geruht hat, in der Wahrheit begründet ist. In der Tat befand ich
+mich damals, als ich das Unglück hatte, die kleine Reizbare im Park zu
+erschrecken, auf einer Visitenfahrt, denn ich kam eben von einer Visite,
+die ich niemanden anders abstattete, als dem Durchlauchtigsten
+Großherzoge selbst, und hier in Sieghartsweiler wollte ich nun ja eben
+mit den außerordentlichsten, angenehmsten Visiten kontinuieren.
+
+O Kreisler, rief die Rätin, ein wenig lächelnd, niemals lachte sie stark
+und laut, das ist gewiß wieder irgendein bizarrer Einfall, dem Sie
+freien Lauf gestattet. Irre ich nicht, so liegt die Residenz wenigstens
+dreißig Stunden entfernt von Sieghartsweiler.
+
+So ist es, erwiderte Kreisler, aber man wandelt in einem Garten, der
+mir in solch großem Stil angelegt scheint, daß selbst ein Le Notre
+darüber erstaunen müßte. Statuieren Sie nun, Verehrte, nicht meine
+Visitenfahrt, so mögen Sie bedenken, daß ein empfindsamer Kapellmeister,
+Stimme in Kehle und Brust, Guitarre in der Hand, lustwandelnd durch
+duftende Wälder, über frisch grünende Wiesen, über wildgetürmtes
+Steingeklüft, über schmale Stege, unter denen die Waldbäche schäumend
+fortbrausen, ja, daß ein solcher Kapellmeister als Solosänger
+einstimmend in die Chöre, die überall ihn umtönen, sehr leicht
+hineingeraten kann in einzelne Partien des Gartens, absichtslos, ohne es
+zu wollen. So mag ich hineingeraten sein in den fürstlichen Park zu
+Sieghartshof, der nichts ist als eine etwas kleinliche Partie in dem
+großen Park, den die Natur anlegte. -- Doch nein, es ist dem nicht so!
+-- Als Sie vorhin davon sprachen, wie ein ganzes lustiges Jägervolk
+aufgeboten worden, mich einzufangen als jagdbares Wild, das sich
+verlaufen, gewann ich erst die innere feste Überzeugung von der
+Notwendigkeit meines Hierseins -- eine Notwendigkeit, die mich, hätte ich
+auch meinen irren Lauf fortsetzen wollen, ins Garn treiben mußte. -- Sie
+erwähnten gütigst, daß meine Bekanntschaft Ihnen wert geworden, mußten
+mir dabei nicht jene verhängnisvollen Tage der Verwirrung, der
+allgemeinen Not einfallen, in denen uns das Schicksal zusammenführte?
+Sie fanden mich damals hin und her schwankend, unfähig, einen Entschluß
+zu fassen, zerrissen im innersten Gemüt. Sie nahmen mich auf mit
+freundlicher Gesinnung, und indem Sie, mir den klaren, wolkenlosen
+Himmel einer ruhigen, in sich abgeschlossenen Weiblichkeit auftuend,
+mich zu trösten gedachten, tadelten und verziehen Sie zugleich die tolle
+Ausgelassenheit meines Treibens, welches Sie einer durch den Drang der
+Umstände herbeigeführten trostlosen Verzweiflung zuschrieben. Sie
+entzogen mich einer Umgebung, die ich selbst für zweideutig anerkennen
+mußte; Ihr Haus wurde das friedliche, freundliche Asyl, in dem ich,
+Ihren stillen Schmerz ehrend, den meinigen vergaß. Ihre Gespräche voll
+Heiterkeit und Milde wirkten als wohltuende Arznei, ohne daß Sie meine
+Krankheit kannten. Nicht die bedrohlichen Ereignisse, die meine Stellung
+im Leben vernichten konnten, waren es, die so feindlich auf mich
+wirkten. Längst hatte ich gewünscht, Verhältnisse aufzugeben, die mich
+drückten und ängstigten, und nicht zürnen konnte ich auf das Schicksal,
+welches das bewirkte, was auszuführen ich selbst so lange nicht Mut und
+Kraft genug gehabt hatte. Nein! -- Als ich mich frei fühlte, da erfaßte
+mich jene unbeschreibliche Unruhe, die, seit meinen frühen Jugendjahren,
+so oft mich mit mir selbst entzweit hat. Nicht die Sehnsucht ist es,
+die, wie jener tiefe Dichter so herrlich sagt, aus dem höheren Leben
+entsprungen, ewig währt, weil sie ewig nicht erfüllt wird, weder
+getäuscht noch hintergangen, sondern nur nicht erfüllt, damit sie nicht
+sterbe; nein -- ein wüstes, wahnsinniges Verlangen bricht oft hervor
+nach einem Etwas, das ich in rastlosem Treiben außer mir selbst suche,
+da es doch in meinem eigenen Innern verborgen, ein dunkles Geheimnis,
+ein wirrer, rätselhafter Traum von einem Paradies der höchsten
+Befriedigung, das selbst der Traum nicht zu nennen, nur zu ahnen vermag,
+und diese Ahnung ängstigt mich mit den Qualen des Tantalus. Dies Gefühl
+bemeisterte sich schon, als ich noch ein Kind, meiner oft so plötzlich,
+daß ich mitten aus dem frohsten Spiel mit meinen Kameraden davonlief in
+den Wald, auf den Berg, dort mich niederwarf auf die Erde und trostlos
+weinte und schluchzte, unerachtet ich eben der Tollste, Ausgelassenste
+von allen gewesen. Später lernte ich mich selbst mehr bekämpfen, aber
+nicht auszusprechen vermag ich die Marter meines Zustandes, wenn in der
+heitersten Umgebung gemütlicher, wohlwollender Freunde, bei irgendeinem
+Kunstgenuß, ja selbst in den Momenten, wenn meine Eitelkeit in Anspruch
+genommen wurde auf diese, jene Weise, ja! wenn mir dann plötzlich alles
+elend, nichtig, farblos, tot erschien und ich mich versetzt fühlte in
+eine trostlose Einöde. Nur einen Engel des Lichts gibt es, der Macht hat
+über den bösen Dämon. Es ist der Geist der Tonkunst, der oft aus mir
+selbst sich siegreich erhebt, und vor dessen mächtiger Stimme alle
+Schmerzen irdischer Bedrängnis verstummen. --
+
+Immer, nahm die Rätin das Wort, habe ich geglaubt, daß die Musik auf
+Sie zu stark, mithin verderblich wirke; denn indem bei der Aufführung
+irgendeines vortrefflichen Werks Ihr ganzes Wesen durchdrungen schien,
+veränderten sich alle Züge Ihres Gesichts. Sie erblaßten, Sie waren
+keines Wortes mächtig, Sie hatten nur Seufzer und Tränen, und fielen
+dann her mit dem bittersten Spott, mit tief verletzendem Hohn, über
+jeden, der auch nur ein Wort über das Werk des Meisters sagen wollte.
+-- Ja, wenn --
+
+O beste Rätin, fiel Kreisler der Benzon ins Wort, indem er, so ernst und
+tiefbewegt er zuvor gesprochen, plötzlich den besondern Ton der Ironie
+wieder aufnahm, der ihm eigen, das ist nun alles anders geworden. Sie
+glauben gar nicht, Verehrte, was ich an dem großherzoglichen Hofe artig
+und gescheut geworden bin. Ich kann mit der größten Seelenruhe und
+Gemütlichkeit zum Don Juan und zur Armida den Takt schlagen, ich kann
+der ersten Sängerin freundlich zuwinken, wenn sie in der merkwürdigsten
+Kadenz auf den Sprossen der Tonleiter herumhopst, ich kann, wenn der
+Hofmarschall nach Haydn's Jahreszeiten mir zuflüstert: _C'etoit bien
+ennuyant, mon cher maître de chapelle,_ lächelnd mit dem Kopfe nicken und
+eine bedeutungsvolle Prise nehmen, ja ich kann es geduldig anhören, wenn
+der kunstverständige Kammer- und Spektakelherr mir weitläuftig
+demonstriert, daß Mozart und Beethoven den Teufel was von Gesang
+verstünden, und daß Rossini, Pucitta und wie die Männerchen alle heißen
+mögen, sich _à la hauteur_ aller Opernmusik geschwungen. -- Ja, Verehrte,
+Sie glauben nicht, was ich während meiner Kapellmeisterschaft
+profitiert, vorzüglich aber die schöne Überzeugung, wie gut es ist, wenn
+Künstler förmlich in Dienst treten; der Teufel und seine Großmutter
+könnte es sonst mit dem stolzen, übermütigen Volke aushalten! Laßt den
+braven Komponisten Kapellmeister oder Musikdirektor werden, den Dichter
+Hofpoet, den Maler Hofporträtisten, den Bildhauer Hofporträtmeißler, und
+Ihr habt bald keine unnützen Phantasten mehr im Lande, vielmehr lauter
+nützliche Bürger von guter Erziehung und milden Sitten! --
+
+Still, still, rief die Rätin unmutig, halten Sie ein, Kreisler, Ihr
+Steckenpferd fängt wieder an, sich zu bäumen, nach gewöhnlicher Art und
+Weise. Übrigens merke ich Unrat, und wünsche jetzt in der Tat recht
+sehnlich zu wissen, welch ein schlimmes Ereignis Sie zur schnellen,
+übereilten Flucht aus der Residenz nötigte. Denn auf eine solche Flucht
+deuten alle Umstände Ihrer Erscheinung im Park.
+
+Und ich, sprach Kreisler ruhig, indem er seinen Blick fest auf die Rätin
+heftete, ich kann versichern, daß das schlimme Ereignis, welches mich
+forttrieb aus der Residenz, unabhängig von allen äußern Dingen, nur in
+mir selbst lag.
+
+Eben jene Unruhe, von der ich vorhin vielleicht mehr und ernster
+sprach, als gerade nötig, überfiel mich mit stärkerer Macht als jemals,
+es war meines Bleibens nicht länger. -- Sie wissen, wie ich mich auf
+meine Kapellmeisterschaft bei dem Großherzog freute. Törichterweise
+glaubte ich, daß, in der Kunst lebend, meine Stellung eben mich ganz
+beschwichtigen, daß der Dämon in meinem Innern besiegt werden würde. Aus
+dem wenigen, was ich erst über meine Bildung am großherzoglichen Hofe
+angebracht, werden Sie, Verehrte, aber entnehmen, wie sehr ich mich
+täuschte. Erlassen Sie mir die Schilderung, wie ich durch fade Spielerei
+mit der heiligen Kunst, zu der ich notgedrungen die Hand bieten mußte,
+durch die Albernheiten seelenloser Kunstpfuscher, abgeschmackter
+Dilettanten, durch das ganze tolle Treiben einer Welt voll
+Kunstgliederpuppen, immer mehr und mehr dahin gebracht wurde, die
+erbärmliche Nichtswürdigkeit meiner Existenz einzusehen. An einem Morgen
+mußt' ich zum Großherzog, um meine Einwirkung bei den Festlichkeiten,
+die in den nächsten Tagen stattfinden sollten, zu erfahren. Der
+Spektakelherr war, wie natürlich, zugegen und stürmte auf mich ein mit
+allerlei sinn- und geschmacklosen Anordnungen, denen ich mich fügen
+sollte. Vorzüglich war es ein von ihm selbst verfaßter Prolog, den er,
+als höchste Spitze der Theaterfeste, von mir komponiert verlangte. Da
+diesmal, so sprach er zum Fürsten, einen stechenden Seitenblick auf mich
+werfend, nicht von gelehrter deutscher Musik, sondern von
+geschmackvollem italienischen Gesange die Rede sein, so habe er selbst
+einige zarte Melodien aufgesetzt, die ich gehörig anzubringen hätte. Der
+Großherzog genehmigte nicht nur alles, sondern nahm auch Gelegenheit,
+mir überhaupt anzudeuten, daß er meine fernere Ausbildung durch eifriges
+Studium der neueren Italiener hoffe und erwarte. -- Wie ich so
+erbärmlich da stand! -- ich verachtete mich selbst tief -- alle
+Demütigungen erschienen mir gerechte Strafe für meinen kindischen,
+aberwitzigen Langmut! -- Ich verließ das Schloß, um nie wieder
+zurückzukehren. Noch denselben Abend wollte ich meine Entlassung
+fordern, aber selbst dieser Entschluß konnte mich nicht über mich selbst
+beruhigen, da ich mich schon durch einen geheimen Ostrazismus verbannt
+sah. Die Guitarre, die ich zu anderm Beruf mitgenommen, nahm ich aus dem
+Wagen, den ich, vors Tor gekommen, fortschickte, und lief hinaus ins
+Freie, unaufhaltsam fort, immer weiter fort! -- Schon sank die Sonne,
+immer breiter und schwärzer wurden die Schatten der Berge, des Waldes.
+Unerträglich, ja vernichtend war mir der Gedanke, zurückzukehren nach
+der Residenz. -- Welche Macht zwingt mich zum Rückweg! so rief ich laut.
+Ich wußte, daß ich mich auf dem Wege nach Sieghartsweiler befand; ich
+gedachte meines alten Meisters Abraham, von dem ich Tages zuvor einen
+Brief erhalten, worin er, meine Lage in der Residenz ahnend, mich
+wegwünschte von dort, mich zu sich einlud. --
+
+Wie, unterbrach die Rätin den Kapellmeister, Sie kennen den wunderlichen
+Alten?
+
+Meister Abraham, fuhr Kreisler fort, war der innigste Freund meines
+Vaters, mein Lehrer, zum Teil mein Erzieher! -- Nun, Verehrte, wissen
+Sie ausführlich, wie ich in den Park des wackern Fürsten Irenäus kam,
+und werden nicht mehr daran zweifeln, daß ich, kommt es darauf an, im
+Stande bin, ruhig, mit erforderlicher historischer Genauigkeit und so
+angenehm zu erzählen, daß mir selbst davor graut. Überhaupt kommt mir
+die ganze Geschichte meiner Flucht aus der Residenz, wie gesagt, so
+albern vor, und von solcher allen Geist zerstörender Nüchternheit, daß
+man selbst nicht davon sprechen kann, ohne in erkleckliche Schwachheit
+zu verfallen. -- Möchten Sie, Teure, aber die seichte Begebenheit als
+krampfstillendes Wasser der erschrockenen Prinzessin beibringen, damit
+sie sich beruhige, und daran denken, daß ein ehrlicher deutscher
+Musikus, den, als er gerade seidene Strümpfe angezogen, und sich in
+einem saubern Kutschkasten vornehm geberdete, Rossini und Pucitta, und
+Pavesi und Fioravanti, und Gott weiß welche andere inis und ittas, in
+die Flucht schlugen, sich unmöglich sehr gescheut betragen kann.
+Verzeihung ist zu hoffen, will ich hoffen! -- Als poetischen Nachklang
+des langweiligen Abenteuers vernehmen Sie aber, beste Rätin, daß in dem
+Augenblick, da ich, gepeitscht von meinem Dämon, fortrennen wollte, mich
+der süßeste Zauber festbannte. Schadenfroh trachtete der Dämon eben das
+tiefste Geheimnis meiner Brust zu Schanden zu machen, da rührte der
+mächtige Geist der Tonkunst die Schwingen, und vor dem melodischen
+Rauschen erwachte der Trost, die Hoffnung, ja selbst die Sehnsucht, die
+die unvergängliche Lieb selbst ist und das Entzücken ewiger Jugend.
+-- Julia sang! --
+
+Kreisler schwieg. Die Benzon horchte auf, gespannt auf das, was nun
+nachfolgen würde. Da der Kapellmeister sich in stumme Gedanken zu
+verlieren schien, fragte sie mit kalter Freundlichkeit: Sie finden den
+Gesang meiner Tochter in der Tat angenehm, lieber Johannes?
+
+Kreisler fuhr heftig auf, das, was er sagen wollte, erstickte aber ein
+Seufzer aus der tiefsten Brust.
+
+Nun, fuhr die Rätin fort, das ist mir recht lieb. Julia kann von Ihnen,
+lieber Kreisler, was den wahren Gesang betrifft, recht viel lernen, denn
+daß Sie hier bleiben, sehe ich nun als eine ausgemachte Sache an.
+
+Verehrteste, begann Kreisler, aber in dem Augenblicke öffnete sich die
+Türe und Julia trat herein.
+
+Als sie den Kapellmeister gewahrte, verklärte ihr holdes Antlitz ein
+süßes Lächeln, und ein leises: Ach! hauchte von ihren Lippen.
+
+Die Benzon stand auf, nahm den Kapellmeister bei der Hand und führte ihn
+Julien entgegen, indem sie sprach: Nun, mein Kind, da ist der
+seltsame -- --
+
+=(M. f. f.)= -- der junge Ponto los auf mein neuestes Manuskript, das
+neben mir lag, faßte es, ehe ich's verhindern konnte, zwischen die Zähne
+und rannte damit spornstreichs auf und davon. Er stieß dabei ein
+schadenfrohes Gelächter aus, und schon dies hätte mich vermuten lassen
+sollen, daß nicht bloßer jugendlicher Mutwille ihn zur bösen Tat
+spornte, sondern daß noch etwas mehr im Spiele war. Bald wurde ich
+darüber aufgeklärt.
+
+Nach ein paar Tagen trat der Mann, bei dem der junge Ponto in Diensten,
+hinein zu meinem Meister. Es war, wie ich nachher erfahren, Herr
+Lothario, Professor der Ästhetik am Gymnasio zu Sieghartsweiler. -- Nach
+gewöhnlicher Begrüßung schaute der Professor im Zimmer umher und sprach,
+als er mich erblickte: Wolltet Ihr nicht, lieber Meister, den Kleinen
+dort aus der Stube entfernen? Warum? fragte der Meister. -- Ihr konntet
+doch sonst die Katzen leiden, Professor, und vorzüglich meinen Liebling,
+den zierlichen, gescheuten Kater Murr! -- Ja, sprach der Professor,
+indem er höhnisch lachte, zierlich und gescheut, das ist wahr! -- Aber
+tut mir den Gefallen, Meister, und entfernt Euern Liebling, denn ich
+habe Dinge mit Euch zu reden, die er durchaus nicht hören darf. Wer?
+rief Meister Abraham, indem er den Professor anstarrte. Nun, fuhr dieser
+fort, Euer Kater. Ich bitte Euch, fragt nicht weiter, sondern tut, warum
+ich Euch bitte! -- Das ist doch seltsam, sprach der Meister, indem er
+die Türe des Kabinetts öffnete und mich hineinrief. Ich folgte seinem
+Ruf, ohne daß er es gewahrte, schlüpfte ich aber wieder hinein und
+verbarg mich im untersten Fach des Bücherschranks, so daß ich unbemerkt
+das Zimmer übersehen und jedes Wort, das gesprochen wurde, vernehmen
+konnte.
+
+Nun möchte ich, sprach Meister Abraham, indem er sich dem Professor
+gegenüber in seinen Lehnstuhl setzte, doch in aller Welt wissen, welch
+ein Geheimnis Ihr mir zu entdecken habt, das meinem ehrlichen Kater Murr
+verschwiegen bleiben soll.
+
+Sagt mir, begann der Professor sehr ernst und nachdenklich, zuvörderst,
+lieber Meister, was haltet Ihr von dem Grundsatz, daß, nur körperliche
+Gesundheit vorausgesetzt, sonst ohne Rücksicht auf angeborne geistige
+Fähigkeit, auf Talent, auf Genie, vermöge einer besonders geregelten
+Erziehung aus jedem Kinde in kurzer Zeit, mithin noch in den
+Knabenjahren, ein Heros in Wissenschaft und Kunst geschaffen werden
+kann?
+
+Es erwiderte der Meister: Was kann ich von diesem Grundsatz anders
+halten, als daß er albern und abgeschmackt ist. Möglich, ja sogar leicht
+mag es sein, daß man einem Kinde, das die Auffassungsgabe, wie sie
+ungefähr bei den Affen anzutreffen, und ein gutes Gedächtnis besitzt,
+eine Menge Dinge systematisch eintrichtern kann, die es dann vor den
+Leuten auskramt; nur muß es diesem Kinde durchaus an allem natürlichen
+Ingenium fehlen, da sonst der innere bessere Geist der heillosen
+Prozedur widerstrebt. Wer wird aber jemals solch einen einfältigen, mit
+allerlei verschluckbaren Brocken des Wissens dick gemästeten Jungen
+einen Gelehrten im echten Sinne des Wortes nennen?
+
+Die Welt, rief der Professor heftig, die ganze Welt! -- O es ist
+entsetzlich! Aller Glaube an die innere, höhere, angeborene
+Geisteskraft, die allein nur den Gelehrten, den Künstler schafft, geht
+ja über jenen heillosen, tollen Grundsatz zum Teufel!
+
+Ereifert Euch nicht, sprach der Meister lächelnd, soviel wie ich weiß,
+ist bis jetzt in unserm guten Deutschland nur ein einziges Produkt jener
+Erziehungsmethode aufgestellt worden, von dem die Welt eine Zeit lang
+sprach, und zu sprechen aufhörte, als sie einsah, daß das Produkt eben
+nicht sonderlich geraten. Zudem fiel die Blütezeit jenes Präparats in
+die Periode, als gerade die Wunderkinder in die Mode gekommen, die, wie
+sonst mühsam abgerichtete Hunde und Affen, gegen ein billiges Entree
+ihre Künste zeigten.
+
+So sprecht Ihr nun, nahm der Professor das Wort, Meister Abraham, und
+man würde Euch glauben, kennte man nicht den verborgenen Schalk in Euch,
+wüßte man nicht, daß Euer ganzes Leben eine Reihe der wunderlichsten
+Experimente darbietet. Gesteht es nur Meister Abraham, gesteht es nur,
+Ihr habt ganz im Stillen, im geheimsten Geheim, experimentiert nach
+jenem Grundsatz, aber überbieten wolltet Ihr den Mann, den Verfertiger
+jenes Präparats von dem wir sprachen. -- Ihr wolltet, wart Ihr ganz
+fertig, hervortreten mit Eurem Zögling, und alle Professoren in der
+ganzen Welt in Erstaunen versetzen und Verzweiflung, Ihr wolltet den
+schönen Grundsatz, _non ex quovis ligno fit Mercurius_ ganz und gar zu
+Schanden machen! -- Nun kurz, der _quovis_ ist da, aber kein _Mercurius_,
+sondern ein Kater! -- Was sagt Ihr, rief der Meister, indem er laut
+auflachte, was sagt Ihr, ein Kater?
+
+Leugnet es nur nicht, fuhr der Professor fort, an dem Kleinen dort in
+der Kammer habt Ihr jene abstrakte Erziehungsmethode versucht, Ihr habt
+ihn lesen, schreiben gelehrt, Ihr habt ihm die Wissenschaft beigebracht,
+so daß er sich schon jetzt unterfängt den Autor zu spielen, ja sogar
+Verse zu machen.
+
+Nun sprach der Meister, das ist doch in der Tat das Tollste was mir
+jemals vorgekommen! -- Ich meinen Kater erziehen, ich ihm die
+Wissenschaften beibringen! -- Sagt, was für Träume rumoren in Eurem
+Sinn, Professor? -- Ich versichere Euch, daß ich von meines Katers
+Bildung nicht das mindeste weiß, dieselbe auch für ganz unmöglich halte.
+
+So! fragte der Professor mit gedehntem Ton, zog ein Heft aus der Tasche,
+das ich augenblicklich für das mir von dem jungen Ponto geraubte
+Manuskript erkannte, und las:
+
+ =Sehnsucht nach dem Höheren.=
+
+ Ha, welch Gefühl, das meine Brust beweget!
+ Was sagt dies unruh -- ahnungsvolle Beben,
+ Will sich zum kühnen Sprung der Geist erheben,
+ Vom Sporn des mächt'gen Genius erreget?
+
+ Was ist es, was der Sinn im Sinne träget,
+ Was will dem Liebesdrang -erfüllten Leben
+ Dies rastlos brennend feurig süße Streben,
+ Was ist es, das im bangen Herzen schläget?
+
+ Entrückt werd ich nach fernen Zauberlanden,
+ Kein Wort, kein Laut, die Zunge ist gebunden,
+ Ein sehnlich Hoffen weht mit Frühlingsfrische,
+
+ Befreit mich bald von drückend schweren Banden.
+ Erträumt, erspürt, im grünsten Laub gefunden!
+ Hinauf mein Herz! beim Fittich =ihn= erwische!
+
+Ich hoffe, daß jeder meiner gütigen Leser die Musterhaftigkeit dieses
+herrlichen Sonetts, das aus der tiefsten Tiefe meines Gemüts hervorfloß,
+einsehen, und mich um so mehr bewundern wird, wenn ich versichere, daß
+es zu den ersten gehört, die ich überhaupt verfertigt habe. Der
+Professor las es aber, in seiner Bosheit, so ohne allen Nachdruck, so
+abscheulich vor, daß ich mich kaum selbst erkannte, und daß ich von
+plötzlichem Jähzorn, wie er jungen Dichtern wohl eigen, übermannt, im
+Begriff war, aus meinem Schlupfwinkel hervor, dem Professor ins Gesicht
+zu springen, und ihn die Schärfe meiner Krallen fühlen zu lassen. Der
+kluge Gedanke, daß ich doch, wenn beide, der Meister und der Professor,
+sich über mich her machten, notwendig den Kürzern ziehen müsse, ließ
+mich meinen Zorn mit Gewalt niederkämpfen, jedoch entfuhr mir
+unwillkürlich ein knurrendes Miau, das mich unfehlbar verraten haben
+würde, hätte der Meister nicht, da der Professor mit dem Sonett fertig,
+aufs neue eine dröhnende Lache aufgeschlagen, die mich beinahe noch mehr
+kränkte als des Professors Ungeschick.
+
+Hoho, rief der Meister, wahrhaftig, das Sonett ist eines Katers
+vollkommen würdig; aber noch immer verstehe ich nicht Euern Spaß,
+Professor, sagt mir nur lieber gerade zu, wo Ihr hinauswollt.
+
+Der Professor, ohne dem Meister zu antworten, blätterte im Manuskript,
+und las weiter:
+
+ =Glosse.=
+
+ Liebe schwärmt auf allen Wegen,
+ Freundschaft bleibt für sich allein,
+ Liebe kommt uns rasch entgegen,
+ Aufgesucht will Freundschaft sein.
+
+ * * * * *
+
+ Schmachtend wehe, bange Klagen,
+ Hör ich überall ertönen,
+ Ob den Sinn zum Schmerz gewöhnen,
+ Ob zur Lust, ich kann's nicht sagen,
+ Möchte oft mich selber fragen,
+ Ob ich träume, ob ich wache.
+ Diesem Fühlen, diesem Regen,
+ Leih' ihm Herz die rechte Sprache;
+ Ja im Keller, auf dem Dache,
+ Liebe schwärmt auf allen Wegen!
+
+ Doch, es heilen alle Wunden,
+ Die der Liebesschmerz geschlagen,
+ Und in einsam stillen Tagen
+ Mag, von aller Qual entbunden,
+ Geist und Herz wohl bald gesunden;
+ Art'ger Kätzchen los Gehudel
+ Darf es auf die Dauer sein?
+ Nein! -- fort aus dem bösen Strudel,
+ Unterm Ofen mit dem Pudel,
+ Freundschaft bleibt für sich allein!
+
+ Wohl ich weiß es --
+
+Nein, unterbrach hier der Meister den lesenden Professor, mein Freund,
+Ihr macht mich in der Tat ungeduldig, Ihr oder ein anderer Schalk hat
+sich den Spaß gemacht, im Geist eines Katers, der nun gerade mein guter
+Murr sein soll, Verse zu machen, und nun foppt Ihr mich den ganzen
+Morgen damit herum. Der Spaß ist übrigens nicht übel, und wird
+vorzüglich dem Kreisler sehr wohl gefallen, der wohl nicht unterlassen
+dürfte, damit eine kleine Parforcejagd anzustellen, in der Ihr am Ende
+selbst ein gehetztes Wild sein könntet. Aber nun laßt Eure sinnreiche
+Einkleidung fahren und sagt mir ganz ehrlich und trocken, was es mit
+Eurem seltsamen Spaß eigentlich für eine Bewandnis hat.
+
+Der Professor schlug das Manuskript zusammen, sah dem Meister ernst ins
+Auge, und sprach dann: diese Blätter brachte mir vor einigen Tagen mein
+Pudel Ponto, der, wie Euch bekannt sein wird, mit Eurem Kater Murr in
+freundschaftlichen Verhältnissen lebt. Zwar trug er das Manuskript
+zwischen den Zähnen, wie er nun einmal alles zu tragen gewohnt ist,
+indessen legte er es mir doch ganz unversehrt in den Schoß, und gab mir
+dabei deutlich zu verstehen, daß er es von keinem andern habe, als von
+seinem Freunde Murr. Als ich nun einen Blick hineinwarf, fiel mir gleich
+die ganz besondere, eigentümliche Handschrift auf, als ich aber einiges
+gelesen, stieg in mir, selbst weiß ich nicht auf welche unbegreifliche
+Art, der seltsame Gedanke auf, Murr könne das alles selbst gemacht
+haben. So sehr mir die Vernunft, ja eine gewisse Lebenserfahrung, der
+wir alle nicht entgehen können, und die am Ende nun wieder weiter nichts
+ist, als die Vernunft, so sehr mir also eben diese Vernunft sagt: daß
+jener Gedanke unsinnig, da Kater weder zu schreiben noch Verse zu machen
+im Stande, so konnte ich ihn doch durchaus nicht los werden. Ich
+beschloß Euern Kater zu beobachten, und stieg, da ich von meinem Ponto
+wußte, daß Murr viel auf Eurem Boden hausiere, auf meinen Boden, nahm
+einige Dachziegel herab, so daß ich mir die freie Aussicht in Eure
+Dachluken verschaffte. Was gewahrte ich! -- Hört es und erstaunt! -- In
+dem einsamsten Winkel des Bodens sitzt Euer Kater! -- sitzt aufgerichtet
+vor einem kleinen Tisch, auf dem Schreibzeug und Papier befindlich,
+sitzt und reibt sich bald mit der Pfote Stirn und Nacken, fährt sich
+über's Gesicht, tunkt bald die Feder ein, schreibt, hört wieder auf,
+schreibt von neuem, überliest das Geschriebene, knurrt (ich konnte es
+hören) knurrt und spinnt vor lauter Wohlbehagen. -- Um ihn her liegen
+verschiedene Bücher, die, nach ihrem Einband, aus Eurer Bibliothek
+entnommen. --
+
+Das wäre ja der Teufel, rief der Meister, nun so will ich denn gleich
+nachsehen, ob mir Bücher fehlen.
+
+Damit stand er auf, und trat an den Bücherschrank. Sowie er mich
+erblickte, prallte er drei Schritte zurück, und blickte mich an voll
+Erstaunen. Aber der Professor rief: seht Ihr wohl, Meister? Ihr denkt,
+der Kleine sitzt harmlos in der Kammer, in die Ihr ihn eingesperrt, und
+er hat sich hinein geschlichen in den Bücherschrank, um zu studieren,
+oder noch wahrscheinlicher, um uns zu belauschen. Nun hat er alles
+gehört was wir gesprochen, und kann seine Maßregeln darnach nehmen.
+»Kater, begann der Meister, indem er fortwährend den Blick voll
+Erstaunen auf mir ruhen ließ, »Kater, wenn ich wüßte daß du, deine
+ehrliche, natürliche Natur ganz und gar verleugnend, dich wirklich
+darauf verlegtest, solche vertrakte Verse zu machen, wie sie der
+Professor vorgelesen, wenn ich glauben könnte, daß du wirklich den
+Wissenschaften nachstelltest, statt den Mäusen, ich glaube, ich könnte
+dir die Ohren wund zwicken, oder gar --«
+
+Mich überfiel eine schreckliche Angst, ich kniff die Augen zu, und tat,
+als schliefe ich fest.
+
+Aber nein, nein, fuhr der Meister fort, schaut nur einmal her,
+Professor, wie mein ehrlicher Kater so sorglos schläft, und sagt selbst,
+ob er in seinem gutmütigen Antlitz etwas trägt, das auf solche geheime
+wunderbare Schelmereien, wie Ihr sie ihm Schuld gebt, gedeutet werden
+könnte -- Murr! -- Murr! --
+
+So rief der Meister mich an, und ich unterließ nicht wie gewöhnlich mit
+meinem Krr -- Krr -- zu antworten, die Augen aufzuschlagen, mich zu
+erheben und einen hohen, sehr anmutigen Katzenbuckel zu machen.
+
+Der Professor warf mir, voller Zorn, mein Manuskript an den Kopf, ich
+tat aber, (die mir angeborne Schlauheit gab es mir ein,) als wollte er
+mit mir spielen, und zerrte springend und tänzelnd die Papiere hin und
+her, so daß die Stücke umherflogen.
+
+Nun, sprach der Meister, ist es ausgemacht, daß Ihr ganz unrecht habt,
+Professor, und daß Euch Ponto etwas vorlog. Seht nur hin, wie Murr die
+Gedichte bearbeitet, welcher Dichter würde sein Manuskript handhaben auf
+diese Weise?
+
+Ich habe Euch gewarnt, Meister, tut nun was Ihr wollt, erwiderte der
+Professor, und verließ das Zimmer.
+
+Nun glaubte ich, der Sturm sei vorüber; wie sehr war ich im Irrtum!
+-- Meister Abraham hatte sich, mir zum großen Verdruß, gegen meine
+wissenschaftliche Bildung erklärt, und demunerachtet er es so getan, als
+glaube er den Worten des Professors gar nicht, so wurde ich doch bald
+gewahr, daß er mir auf allen Gängen nachspürte, mir den Gebrauch seiner
+Bibliothek dadurch abschnitt, daß er den Schrank sorgfältig verschloß,
+und es durchaus nicht mehr leiden wollte, daß ich mich, wie sonst, auf
+seinen Schreibtisch unter die Papiere legte.
+
+So kam Leid und Kümmernis über meine keimende Jugend! Was kann einem
+Genie mehr Schmerz verursachen, als sich verkannt, ja verspottet zu
+sehen, was kann einen großen Geist mehr erbittern, als da auf
+Hindernisse zu stoßen, wo er nur allen möglichen Vorschub erwartete!
+-- Doch, je stärker der Druck, desto gewaltiger die Kraft der Entlastung,
+je straffer der Bogen gespannt, desto schärfer der Schuß! -- War mir die
+Lektüre versperrt, so arbeitete desto freier mein eigner Geist, und
+schuf aus sich selbst.
+
+Unmutig wie ich war, brachte ich in dieser Periode manche Nächte, manche
+Tage, in den Kellern des Hauses zu, wo mehrere Mäusefallen aufgestellt
+waren, und sich überdem viele Kater verschiedenen Alters und Standes
+versammelten.
+
+Einem tapfern philosophischen Kopf entgehen überall nicht die
+geheimsten Beziehungen des Lebens im Leben, und er erkennt, wie sich
+eben aus denselben das Leben gestaltet in Gesinnung und Tat. So gingen
+mir auch in den Kellern die Verhältnisse der Mäusefallen und der Katzen
+in ihrer Wechselwirkung auf. Es wurde mir, als einem Kater von edlem
+echten Sinn, warm um's Herz, wenn ich gewahren mußte, wie jene tote
+Maschinen, in ihrem pünktlichen Treiben, eine große Schlaffheit in den
+Katerjünglingen hervorbrachten. Ich ergriff die Feder und schrieb das
+unsterbliche Werk, dessen ich schon vorhin gedachte, nämlich: »Über
+Mäusefallen, und deren Einfluß auf Gesinnung und Tatkraft der Katzheit.«
+In diesem Büchlein hielt ich den verweichlichten Katerjünglingen einen
+Spiegel vor die Augen, in dem sie sich selbst erblicken mußten, aller
+eignen Kraft entsagend, indolent, träge, ruhig es ertragend, daß die
+schnöden Mäuse nach dem Speck liefen! -- Ich rüttelte sie aus dem
+Schlafe mit donnernden Worten. -- Nächst dem Nutzen, den das Werklein
+schaffen mußte, hatte das Schreiben desselben auch noch den Vorteil für
+mich, daß ich selbst indessen keine Mäuse fangen durfte, und auch
+nachher, da ich so kräftig gesprochen, es wohl keinem einfallen konnte,
+von mir zu verlangen, daß ich selbst ein Beispiel des von mir
+ausgesprochenen Heroismus im Handeln geben solle.
+
+Damit könnte ich nun meine erste Lebensperiode schließen, und zu meinen
+eigentlichen Jünglingsmonaten, die an das männliche Alter streifen,
+übergehen; unmöglich kann ich aber den günstigen Lesern die beiden
+letzten Strophen der herrlichen Glosse vorenthalten, die mein Meister
+nicht hören wollte. Hier sind sie:
+
+ Wohl, ich weiß es, widerstehen
+ Mag man nicht dem süßen Kosen,
+ Wenn aus Büschen duft'ger Rosen
+ Süße Liebeslaute wehen.
+ Will das trunkne Aug' dann sehen,
+ Wie die Holde kommt gesprungen,
+ Die da lauscht' an Blumenwegen,
+ Kaum ist Sehnsuchts Ruf erklungen,
+ Hat sich schnell hinangeschwungen.
+ Liebe kommt uns rasch entgegen.
+
+ Dieses Sehnen, dieses Schmachten
+ Kann wohl oft den Sinn berücken;
+ Doch wie lange kann's beglücken,
+ Dieses Springen, Rennen, Trachten!
+ Holder Freundschaft Trieb' erwachten,
+ Strahlten auf bei Hesper's Scheine,
+ Und den Edlen brav und rein,
+ Ihn zu finden den ich meine,
+ Klettr' ich über Mau'r und Zäune,
+ Aufgesucht will Freundschaft sein.
+
+=(Mak.-Bl.)= -- -- gerade den Abend in solch' heitrer, gemütlicher
+Stimmung, wie man sie an ihm nicht verspürt hatte seit gar geraumer
+Zeit. Und diese Stimmung war es, die das Unerhörte geschehen ließ. Denn
+ohne wild aufzufahren, und davon zu rennen, wie er sonst in gleichem
+Fall wohl zu tun pflegte, hörte er ruhig und sogar mit gutmütigem
+Lächeln den langen und noch langweiligern ersten Akt eines entsetzlichen
+Trauerspiels an, den ein junger hoffnungsvoller Lieutenant mit roten
+Wangen und wohlgekräuseltem Haupthaar verfaßt hatte und mit aller
+Prätension des glücklichsten Dichters vortrug. Ja als besagter
+Lieutenant, da er geendet, ihn heftig fragte, was er von der Dichtung
+halte, begnügte er sich, mit dem mildesten Ausdruck des inneren
+Ergötzens im ganzen Gesicht, dem jungen Kriegs- und Vershelden zu
+versichern, daß der Aushängeakt, das gierigen ästhetischen Leckermäulern
+dargebotene Koststück, in der Tat herrliche Gedanken enthalte, für deren
+originelle Genialität schon der Umstand spräche, daß auch anerkannt
+große Dichter wie z. B. Calderon, Shakespeare und der moderne Schiller
+darauf gefallen. Der Lieutenant umarmte ihn sehr, und verriet mit
+geheimnisvoller Miene, daß er gedenke, noch denselben Abend eine ganze
+Gesellschaft der auserlesensten Fräuleins, unter denen sogar eine Gräfin
+befindlich, die spanisch lese, und in Öl male, mit dem vortrefflichsten
+aller ersten Akte zu beglücken. Auf die Versicherung, daß er daran
+ungemein wohl tun werde, lief er voller Enthusiasmus von dannen.
+
+Ich begreife Dich, sprach jetzt der kleine Geheimrat, heute gar nicht,
+lieber Johannes, mit Deiner unbeschreiblichen Sanftmut! -- Wie war es
+Dir möglich, das durchaus abgeschmackte Zeug so ruhig, so aufmerksam
+anzuhören! -- Angst und bange wurde mir, als der Lieutenant uns, die wir
+unbewacht keine Gefahr ahnten, überfiel, und uns rettungslos eingarnte
+in die tausendfältigen Schlingen seiner endlosen Verse! -- Ich dachte,
+jeden Augenblick würdest Du dazwischen fahren, wie Du es sonst wohl tust
+bei geringerem Anlaß; aber Du bleibst ruhig, ja, Dein Blick spricht
+Wohlgefallen aus, und am Ende, nachdem ich für meine Person ganz schwach
+und elend worden, fertigst Du den Unglückseligen ab mit einer Ironie,
+die er nicht einmal zu fassen im Stande, und sagst ihm wenigstens nicht
+zur Warnung für künftige Fälle, daß das Ding viel zu lang sei, und
+merklich amputiert werden müsse.
+
+Ach, erwiderte Kreisler, was hätte ich denn ausgerichtet mit diesem
+kläglichen Rat! -- Kann denn ein prägnanter Dichter wie unser lieber
+Lieutenant, wohl mit Nutzen irgendeine Amputation an seinen Versen
+vornehmen, wachsen sie ihm nicht nach, unter der Hand? -- Und weißt Du
+denn nicht, daß überhaupt die Verse unserer jungen Dichter die
+Reproduktionskraft der Eidechsen besitzen, denen die Schwänze munter
+wiederum hervor schießen, hat man sie auch an der Wurzel weggeschnitten!
+-- Wenn Du aber meinst, daß ich des Lieutenants Leserei ruhig angehört,
+so bist Du in großem Irrtum! -- Der Sturm war vorüber, alle Gräser und
+Blumen im kleinen Garten erhoben ihre gebeugten Häupter, und schlürften
+begierig den Himmelsnektar ein, der aus den Wolkenschleiern in einzelnen
+Tropfen hinabfiel. Ich stellte mich unter den großen blühenden
+Apfelbaum, und horchte auf die verhallende Stimme des Donners in den
+fernen Bergen, die wie eine Weissagung von unaussprechlichen Dingen in
+meiner Seele wider klang, und schaute auf zu dem Blau des Himmels, das
+wie mit leuchtenden Augen dort und dort durch die fliehenden Wolken
+blickte! -- Aber dazwischen rief der Onkel: ich solle fein ins Zimmer und
+mir den neuen geblümten Schlafrock nicht verderben durch ungeziemliche
+Nässe, und mir nicht den Schnupfen holen im feuchten Grase. Und dann war
+es wieder nicht der Onkel, welcher sprach, sondern irgendein Filou von
+Papagei oder Starmatz hinterm Busch oder im Busch, oder Gott weiß wo
+sonst, machte sich den unnützen Spaß, mich damit zu necken, daß er mir
+allerlei köstliche Gedanken aus dem Shakespeare zurief nach seiner
+Manier. Und das war nun wieder der Lieutenant und sein Trauerspiel!
+-- Geheimer Rat, gib Dir die Mühe zu merken, daß es eine Erinnerung an
+meine Knabenzeit war, die mich Dir und dem Lieutenant entführte! Ich
+stand wirklich, ein Junge von höchstens zwölf Jahren, in des Onkels
+kleinem Garten, und hatte den schönsten Zitz als Schlafrock an, den
+jemals eine Kattundruckerseele ersonnen, und vergebens hast Du, o
+Geheimerat! heute Dein Königsräucherpulver verschwendet, denn ich habe
+nichts verspürt, als das Aroma meines blühenden Apfelbaums, nicht einmal
+das Haaröl des Versifikanten, der sein Haupt salbt, ohne es jemals
+schützen zu können gegen Wind und Wetter durch eine Krone, vielmehr
+nichts aufstülpen darf, als Filz und Leder, durch das Reglement
+ausgeprägt zu einem Tschako! -- Genug Bester! Du warst von uns dreien
+das einzige Opferlamm, das sich dem infernalischen Trauerspielmesser des
+dichterischen Helden darbot. Denn, während ich mich, alle Extremitäten
+sorglich einziehend, in das kleine Schlafröckchen eingeputzt hatte, und
+mit zwölfjähriger, zwölfflötiger Leichtigkeit hinein gesprungen war in
+mehrbesagten Garten, verbrauchte Meister Abraham, wie Du siehst, drei
+bis vier Bogen des schönsten Notenpapiers, um allerlei ergötzliche
+Phantasmata zuzuschneiden. Auch er ist also dem Lieutenant entwischt! --
+
+Kreisler hatte recht; Meister Abraham verstand sich darauf,
+Kartonblätter so zuzuschneiden, daß, fand man auch aus dem Gewirre
+durchschnittner Flecke nicht das mindeste deutlich heraus, doch, hielt
+man ein Licht hinter das Blatt, in dem auf die Wand geworfenen Schatten,
+sich die seltsamsten Gestalten in allerlei Gruppen bildeten. Hatte nun
+Meister Abraham schon an und für sich selbst einen natürlichen Abscheu
+gegen alles Vorlesen, war ihm noch besonders des Lieutenants Verselei im
+Grunde des Herzens zuwider, so konnt' es nicht fehlen, daß er, kaum
+hatte der Lieutenant begonnen, begierig nach dem steifen Notenpapier
+griff, das zufällig auf dem Tische des Geheimerats lag, eine kleine
+Schere aus der Tasche langte, und eine Beschäftigung begann, die ihn dem
+Attentat des Lieutenants gänzlich entzog.
+
+Höre Kreisler, begann nun der Geheimerat, -- also eine Erinnerung an
+Deine Knabenzeit war es, die in Deine Seele kam, und dieser Erinnerung
+mag ich es wohl zuschreiben, daß Du heute so mild bist, so gemütlich,
+-- höre, mein innigstgeliebter Freund! es wurmt mich wie alle, die Dich
+ehren und lieben, daß ich von Deinem frühern Leben so ganz und gar
+nichts weiß, daß Du der leisesten Frage darüber so unfreundlich
+ausweichst, ja, daß Du absichtlich Schleier über die Vergangenheit
+wirfst, die doch zuweilen zu durchsichtig sind, um nicht durch allerlei
+in seltsamer Verzerrung durchschimmernde Bilder die Neugierde zu reizen.
+Sei offen gegen die, denen Du doch schon Dein Vertrauen schenktest. --
+
+Kreisler blickte den Geheimerat an mit großen Augen voll Verwunderung,
+wie einer, der aus dem tiefen Schlafe erwachend, eine fremde unbekannte
+Gestalt vor sich erblickt, und fing dann sehr ernsthaft an:
+
+»Am Tage Johannis Chrysostomi, das heißt am vier und zwanzigsten Januar
+des Jahres Ein tausend siebenhundert und etzliche dazu, um die
+Mittagsstunde, wurde einer geboren, der hatte ein Gesicht und Hände und
+Füße. Der Vater aß eben Erbsensuppe, und goß sich vor Freuden einen
+ganzen Löffel voll über den Bart, worüber die Wöchnerin, unerachtet sie
+es nicht gesehen, dermaßen lachte, daß von der Erschütterung dem
+Lautenisten, der dem Säugling seinen neuesten Murki vorspielte, alle
+Saiten sprangen, und er bei der atlasnen Nachthaube seiner Großmutter
+schwur, was Musik betreffe, würde der kleine Hans Haase ein elender
+Stümper bleiben ewiglich und immerdar. Darauf wischte sich aber der
+Vater das Kinn rein und sprach pathetisch: Johannes soll er zwar heißen,
+jedoch kein Hase sein. Der Lautenist --«
+
+Ich bitte Dich, Kreisler, unterbrach der kleine Geheimrat den
+Kapellmeister, verfalle nicht in die verdammte Sorte von Humor, die mir,
+ich mags wohl sagen, den Atem versetzt! Verlange ich denn, daß Du mir
+eine pragmatische Selbstbiographie geben, will ich denn mehr, als daß Du
+mir vergönnen sollst, einige Blicke in Dein früheres Leben zu tun, ehe
+ich Dich kannte? -- In der Tat magst du mir eine Neugierde nicht
+verargen, die keine andere Quelle hat, als die innigste Zuneigung recht
+aus dem tiefsten Herzen. Und nebenher mußt Du es Dir, da Du nun einmal
+seltsam genug auftrittst, gefallen lassen, daß jeder glaubt, nur das
+bunteste Leben, eine Reihe der fabelhaftesten Ereignisse könne die
+psychische Form so auskneten und bilden, wie es bei Dir geschehen. -- »O
+des groben Irrtums, sprach Kreisler, indem er tief seufzte, meine
+Jugendzeit gleicht einer dürren Heide ohne Blüten und Blumen, Geist und
+Gemüt erschlaffend im trostlosen Einerlei! --«
+
+Nein nein, rief der Geheimerat, dem ist nicht so, denn ich weiß
+wenigstens, daß in der Heide ein hübscher kleiner Garten steht, mit
+einem blühenden Apfelbaum, der mein feinstes Königspulver überduftet.
+Nun! ich meine, Johannes, Du rückst hervor mit der Erinnerung aus Deiner
+frühern Jugendzeit, die heute, wie Du erst sagtest, Deine ganze Seele
+befängt.
+
+Ich dächte, sprach Meister Abraham, indem er dem eben fertig gewordenen
+Kapuziner die Tonsur einschnitt, ich dächte auch, Kreisler, daß Ihr in
+Eurer heutigen passablen Stimmung nichts Besseres tun könntet, als Euer
+Herz oder Euer Gemüt, oder wie Ihr sonst gerade Euer inneres
+Schatzkästlein nennen möget, aufschließen, und dies, jenes daraus
+hervorlangen. Das heißt, da Ihr nun einmal verraten, daß Ihr
+wider den Willen des besorgten Oheims im Regen hinausliefet und
+abergläubischerweise auf die Weissagungen des sterbenden Donners
+horchtet, so möget Ihr immer noch mehr erzählen, wie sich damals alles
+begab. Aber lügt nicht, Johannes, denn Ihr wißt, daß Ihr, was wenigstens
+die Zeit betrifft, als Ihr die ersten Hosen truget, und dann der erste
+Haarzopf Euch eingeflochten wurde, unter meiner Kontrolle stehet.
+
+Kreisler wollte etwas erwidern, aber Meister Abraham wandte sich
+schnell zum kleinen Geheimenrat und sprach: »Sie glauben gar nicht,
+Vortrefflichster, wie unser Johannes sich dem bösen Geist des Lügens
+ganz und gar hingibt, wenn er, wie es jedoch gar selten geschieht, von
+seiner frühesten Jugendzeit erzählt. Gerade wenn die Kinder noch sagen:
+Pä pä und Mä mä und mit den Fingern ins Licht fahren, gerade zu der Zeit
+will er schon alles beachtet, und tiefe Blicke getan haben ins
+menschliche Herz.
+
+Ihr tut mir unrecht, sprach Kreisler, mild lächelnd, mit sanfter Stimme,
+Ihr tut mir großes Unrecht, Meister! Sollt' es mir denn möglich sein,
+Euch was weismachen zu wollen von frühreifem Geistesvermögen, wie es
+wohl eitle Gecken tun? -- Und ich frage Dich, Geheimerrat, ob es Dir
+auch nicht widerfährt, daß oft Momente lichtvoll vor Deine Seele treten
+aus einer Zeit, die manche erstaunlich kluge Leute ein bloßes Vegetieren
+nennen und nichts statuieren wollen, als bloßen Instinkt, dessen höhere
+Vortrefflichkeit wir den Tieren einräumen müssen! -- Ich meine, daß es
+damit eine eigene Bewandnis hat! -- Ewig unerforschlich bleibt uns das
+erste Erwachen zum klaren Bewußtsein! -- Wäre es möglich, daß dies mit
+einem Ruck geschehen könnte, ich glaube, der Schreck darüber müßte uns
+töten. -- Wer hat nicht schon die Angst der ersten Momente im Erwachen
+aus tiefem Traum, bewußtlosen Schlaf empfunden, wenn er sich selbst
+fühlend, sich auf sich selbst besinnen mußte! -- Doch, um mich nicht zu
+weit zu verlieren, ich meine, jeder starke psychische Eindruck in jener
+Entwicklungszeit läßt wohl ein Samenkorn zurück, das eben mit dem
+Emporsprossen des geistigen Vermögens fortgedeiht, und so lebt aller
+Schmerz, alle Lust jener Stunden der Morgendämmerung in uns fort, und es
+sind wirklich die süßen wehmutsvollen Stimmen der Lieben, die wir, als
+sie uns aus dem Schlafe weckten, nur im Traum zu hören glaubten, und die
+noch in uns forthallen! -- Ich weiß aber, worauf der Meister anspielt.
+Auf nichts anders, als auf die Geschichte von der verstorbenen Tante,
+die er mir wegstreiten will, und die ich, um ihn erklecklich zu ärgern,
+nun gerade Dir, Geheimerat erzählen werde, wenn Du mir versprichst, mir
+was weniges empfindelnde Kinderei zu Gute zu halten. -- Was ich Dir von
+der Erbssuppe und dem Lautenisten -- O, unterbrach der Geheimerat den
+Kapellmeister, still still, nun merk' ich wohl, Du willst mich foppen,
+und das ist denn doch wider alle Sitte und Ordnung.
+
+Keinesweges, fuhr Kreisler fort, mein Herz! Aber von dem Lautenisten
+muß ich anfangen; denn er bildet den natürlichsten Übergang zur Laute,
+deren Himmelstöne das Kind in süße Träume wiegten. Die jüngere Schwester
+meiner Mutter war Virtuosin auf diesem, zur Zeit in die musikalische
+Polterkammer verwiesenen Instrument. Gesetzte Männer, die schreiben und
+rechnen können und wohl noch mehr als das, haben in meiner Gegenwart
+Tränen vergossen, wenn sie bloß dachten an das Lautenspiel der seligen
+Mamsell Sophie, mir ist es deshalb gar nicht zu verdenken, wenn ich ein
+durstig Kind, meiner selbst nicht mächtig, noch ohne in Wort und Rede
+aufgekeimtes Bewußtsein, alle Wehmut des wunderbaren Tonzaubers, den die
+Lautenistin aus ihrem Innersten strömen ließ, in begierigen Zügen
+einschlürfte. -- Jener Lautenist an der Wiege war aber der Lehrer der
+Verstorbenen, klein von Person, mit hinlänglich krummen Beinen, hieß
+Monsieur Turtel, und trug eine sehr saubere weiße Perücke mit einem
+breiten Haarbeutel, sowie einen roten Mantel. -- Ich sage das nur, um zu
+beweisen, wie deutlich mir die Gestalten aus jener Zeit aufgehen, und
+daß weder Meister Abraham, noch sonst jemand, daran zweifeln darf, wenn
+ich behaupte, daß ich, ein Kind von noch nicht drei Jahren, mich finde
+auf dem Schoß eines Mädchens, deren mild blickende Augen mir recht in
+die Seele leuchteten, daß ich noch die süße Stimme höre, die zu mir
+sprach, zu mir sang, daß ich es noch recht gut weiß, wie ich der
+anmutigen Person all' meine Liebe, all' meine Zärtlichkeit zuwandte.
+Dies war aber eben Tante Sophie, die in seltsamer Verkürzung »Füßchen«
+gerufen wurde. Eines Tages lamentierte ich sehr, weil ich Tante Füßchen
+nicht gesehen hatte. Die Wärterin brachte mich in ein Zimmer, wo Tante
+Füßchen im Bette lag, aber ein alter Mann, der neben ihr gesessen,
+sprang schnell auf, und führte, heftig scheltend, die Wärterin, die mich
+auf dem Arm hatte, heraus. Bald darauf kleidete man mich an, hüllte mich
+ein in dicke Tücher, brachte mich ganz und gar in ein anderes Haus zu
+andern Personen, die sämtlich Onkel und Tanten von mir sein wollten, und
+versicherten, daß Tante Füßchen sehr krank sei, und ich, wäre ich bei
+ihr geblieben, ebenso krank geworden sein würde. Nach einigen Wochen
+brachte man mich zurück nach meinem vorigen Aufenthalt. Ich weinte, ich
+schrie, ich wollte zu Tante Füßchen. Sowie ich in jenes Zimmer gekommen,
+trippelte ich hin an das Bette, in dem Tante Füßchen gelegen, und zog
+die Gardinen auseinander. Das Bette war leer, und eine Person, die nun
+wieder eine Tante von mir war, sprach, indem ihr die Tränen aus den
+Augen stürzten: Du findest sie nicht mehr, Johannes, sie ist gestorben,
+und liegt unter der Erde. --
+
+Ich weiß wohl, daß ich den Sinn dieser Worte nicht verstehen konnte,
+aber noch jetzt, jenes Augenblicks gedenkend, erbebe ich in dem
+namenlosen Gefühl, das mich damals erfaßte. Der Tod selbst preßte mich
+hinein in seinen Eispanzer, seine Schauer drangen in mein Innerstes und
+vor ihnen erstarrte alle Lust der ersten Knabenjahre. -- Was ich begann,
+weiß ich nicht mehr, wüßte es vielleicht niemals, aber erzählt hat man
+mir oft genug, daß ich langsam die Gardinen fahren ließ, ganz ernst und
+still einige Augenblicke stehen blieb, dann aber, wie tief in mich
+gekehrt und darüber nachsinnend, was man mir eben gesagt, mich auf ein
+kleines Rohrstühlchen setzte, das mir eben nahe stand. Man fügte hinzu,
+daß diese stille Trauer des sonst zu den lebhaftesten Ausbrüchen
+geneigten Kindes etwas unbeschreiblich Rührendes gehabt, und daß man
+selbst einen nachteiligen psychischen Einfluß gefürchtet, da ich mehrere
+Wochen in demselben Zustande geblieben, nicht weinend, nicht lachend, zu
+keinem Spiel aufgelegt, kein freundlich Wort erwidernd, nichts um mich
+her beachtend. --
+
+In diesem Augenblick nahm Meister Abraham ein in Kreuz- und Querzügen
+wunderlich durchschnittenes Blatt zur Hand, hielt es vor die brennenden
+Kerzen, und auf der Wand reflektierte sich ein ganzes Chor von Nonnen,
+die auf seltsamen Instrumenten spielten.
+
+Hoho! rief Kreisler, indem er die ganz artig geordnete Gruppe der
+Schwestern erblickte, hoho Meister, ich weiß wohl, woran Ihr mich
+erinnern wollt! -- Und noch jetzt behaupte ich keck, daß Ihr unrecht
+tatet mich auszuschelten, mich einen störrigen, unverständigen Burschen
+zu nennen, der durch die dissonierende Stimme seiner Torheit einen
+ganzen singenden und spielenden Konvent aus Ton und Takt bringen könne.
+Hatte ich nicht zu der Zeit, als Ihr mich, zwanzig oder dreißig Meilen
+weit von meiner Vaterstadt, in das Klarissen-Kloster führtet, um die
+erste wahrhaft katholische Kirchenmusik zu hören; hatte ich, sag' ich,
+damals nicht den gerechtesten Anspruch auf die brillanteste
+Lümmelhaftigkeit, da ich gerade mitten in den Lümmeljahren stand? War es
+nicht desto schöner, daß dem unerachtet der längst verwundene Schmerz
+des dreijährigen Knaben erwachte mit neuer Kraft, und einen Wahn gebar,
+der meine Brust mit allem tötenden Entzücken der herzzerschneidendsten
+Wehmut erfüllte? -- Mußte ich nicht behaupten, und alles Einredens
+unerachtet dabei bleiben, daß niemand anders das wunderliche Instrument,
+die Trompette marine geheißen, spiele, als Tante Füßchen, unerachtet sie
+längst verstorben? -- Warum hieltet Ihr mich ab, einzudringen in den
+Chor, wo ich sie wiedergefunden hatte in ihrem grünen Kleide mit
+ros'farbnen Schleifen! --
+
+Nun starrte Kreisler hin nach der Wand, und sprach mit bewegter,
+zitternder Stimme: Wahrhaftig! -- Tante Füßchen ragt hervor unter den
+Nonnen! -- Sie ist auf eine Fußbank getreten um das schwierige
+Instrument besser handhaben zu können. Doch der Geheimerat trat vor ihn
+hin, so daß er ihm den Anblick des Schattenbildes entzog, faßte ihn bei
+beiden Schultern und begann: In der Tat, Johannes! es wäre gescheuter,
+Du überließest Dich nicht Deinen seltsamen Träumereien und sprächest
+nicht von Instrumenten die gar nicht existieren, denn in meinem Leben
+habe ich nichts gehört von einer Trompette marine! --
+
+O, rief Meister Abraham lachend, indem er, das Blatt unter den Tisch
+werfend, den ganzen Nonnenkonvent samt der chimärischen Tante Füßchen
+mit ihrer Trompette marine schnell verschwinden ließ, o mein würdigster
+Geheimerat, der Herr Kapellmeister ist auch jetzt wie immer, ein
+vernünftiger, ruhiger Mann, und kein Phantast oder Haselant, wofür ihn
+gern viele ausgeben möchten. Ist es nicht möglich, daß die Lautenistin,
+nachdem sie Todes verblichen, sich mit Effekt auf das wunderbare
+Instrument verlegte, welches sie vielleicht noch jetzt hin und wider in
+Nonnenklöstern wahrnehmen und darüber in Erstaunen geraten können?
+-- Wie! -- Die Trompette marine soll nicht existieren? -- Schlagen Sie
+doch nur diesen Artikel gefälligst in Kochs musikalischem Lexikon nach,
+das Sie ja selbst besitzen.
+
+Der Geheimerat tat es auf der Stelle, und las laut:
+
+»Dieses alte ganz einfache Bogeninstrument besteht aus drei dünnen,
+sieben Schuh langen Brettern, die unten, wo das Instrument auf dem
+Fußboden aufstehet, sechs bis sieben Zoll, oben aber kaum zwei Zoll
+breit und in der Form eines Triangels zusammengeleimt sind, so daß das
+Korpus, welches oben eine Art von Wirbelkasten hat, von unten bis oben
+verjüngt zuläuft. Eins von diesen drei Brettern macht den Sangboden aus,
+der mit einigen Schallöchern versehen, und mit einer einzigen, etwas
+starken Darmsaite bezogen ist. Bei dem Spielen stellt man das Instrument
+schief vor sich hin, und stemmt den obern Teil desselben gegen die
+Brust. Mit dem Daumen der linken Hand berührt der Spieler die Saite da,
+wo die zu greifenden Töne liegen, ganz gelinde und ungefähr ebenso wie
+bei dem Flautino oder Flageolett auf der Geige, während mit der rechten
+Hand die Saite mit dem Bogen angestrichen wird. Der eigentümliche Ton
+dieses Instruments, der dem Tone einer gedämpften Trompete gleicht, wird
+durch den besondern Steg hervorgebracht, auf welchem die Saite unten auf
+dem Resonanzboden ruhet. Dieser Steg hat beinahe die Gestalt eines
+kleinen Schuhes, der vorn ganz niedrig und dünne, hinten hingegen höher
+und stärker ist. Auf dem hintern Teile desselben liegt die Saite auf,
+und verursacht, wenn sie angestrichen wird, durch ihre Schwingungen, daß
+sich der vordere und leichte Teil des Steges auf dem Sangboden auf und
+nieder bewegt, wodurch der schnarrende, und der gedämpften Trompete
+ähnliche Ton, hervorgebracht wird!« --
+
+Baut mir ein solches Instrument, rief der Geheimerat mit glänzenden
+Augen, Meister Abraham, ich werfe meine Nagelgeige in den Winkel,
+berühre nicht mehr den Euphon, sondern setze Hof und Stadt in Erstaunen,
+auf der Trompette marine die wunderbarsten Lieder spielend! --
+
+Ich tue das, erwiderte Meister Abraham, und möge, bester Geheimerat, der
+Geist von Tante Füßchen im grüntaftnen Kleide über Sie kommen, und Sie
+eben als Geist begeistern! --
+
+Der Geheimerat umarmte entzückt den Meister, aber Kreisler trat
+zwischen beide, indem er beinahe ärgerlich sprach. Ei, seid Ihr nicht
+ärgere Haselanten, als ich jemals einer gewesen bin, und dabei
+unbarmherzig gegen den, den Ihr zu lieben vorgebt! -- Begnügt Euch doch
+damit, daß Ihr mit jener Beschreibung eines Instruments, dessen Ton mein
+Innerstes durchbebte, mir Eiswasser über die heiße Stirn gegossen, und
+schweigt von der Lautenistin! -- Nun, Du wolltest ja Geheimerat, ich
+sollte von meiner Jugend sprechen, und schnitt der Meister dazu
+Schattenbilder, die zu Momenten aus jener Zeit paßten, so konntest Du
+mit der schönen, mit Kupferstichen verzierten, Ausgabe meiner
+biographischen Skizzen zufrieden sein. Als Du aber den Artikel aus dem
+Koch lasest, fiel mir sein lexikalischer Kollege Gerber ein, und ich
+erblickte mich, einen Leichnam, ausgestreckt auf der Tafel liegend,
+bereit zur biographischen Sektion. -- Der Prospekt könnte sagen: es ist
+gar nicht zu verwundern, daß in dem Innern dieses jungen Mannes durch
+tausend Adern und Äderchen lauter musikalisches Blut läuft, denn das war
+der Fall bei vielen seiner Blutsverwandten, deren Blutsverwandter er
+eben deshalb ist. -- Ich will nämlich sagen, daß die mehrsten von meinen
+Tanten und Onkels, deren es, wie der Meister weiß, und Du eben erst
+erfahren hast, eine nicht geringe Anzahl gab, Musik trieben, und noch
+dazu meistenteils Instrumente spielten, die schon damals sehr selten
+waren, jetzt aber zum Teil verschwunden sind, so, daß ich nur noch im
+Traum die ganz wunderbar klingenden Konzerte vernehme, die ich ungefähr
+bis zu meinem zehnten, eilften Jahr hörte. -- Mag es sein, daß deshalb
+mein musikalisches Talent schon im ersten Aufkeimen die Richtung
+genommen hat, die in meiner Art zu instrumentieren sich kund tun soll,
+und die man als zu phantastisch verwirft. -- Kannst Du Dich, Geheimerat,
+der Tränen enthalten, wenn Du recht schön auf dem uralten Instrument,
+auf der Viola d'Amore, spielen hörst, so danke dem Schöpfer für Deine
+robuste Konstitution; ich für mein Teil flennte beträchtlich, als der
+Ritter Eßer sich darauf hören ließ, früher aber noch mehr, wenn ein
+großer ansehnlicher Mann, dem die geistliche Kleidung ungemein gut
+stand, und der nun wieder mein Onkel war, mir darauf vorspielte. So war
+denn auch eines andern Verwandten Spiel auf der Viola di Gamba gar
+angenehm und verlockend, wiewohl derjenige Onkel, der mich erzog, oder
+vielmehr nicht erzog, und der das Spinett mit barbarischer Virtuosität
+zu hantieren wußte, ihm mit Recht Mangel an Takt vorwarf. Der Arme
+geriet auch bei der ganzen Familie in nicht geringe Verachtung, als man
+erfahren, daß er in aller Fröhlichkeit nach der Musik einer Sarabande
+eine Menuett à la Pompadour getanzt. Ich könnte Euch überhaupt viel
+erzählen von den musikalischen Belustigungen meiner Familie, die oft
+einzig in ihrer Art sein mochten, aber es würde manches Groteske mit
+unter laufen, worüber Ihr lachen müßtet; und meine werten Verwandten
+Eurem Gelächter preiszugeben, das verbietet mir der Respectus
+Parentelis.
+
+Johannes, begann der Geheimerat, Du wirst es mir in Deiner Gemütlichkeit
+nicht verargen, wenn ich eine Saite in Deinem Innern anschlage, deren
+Berührung Dich vielleicht schmerzt. -- Immer sprichst Du von Onkeln, von
+Tanten, nicht gedenkst Du Deines Vaters, Deiner Mutter! --
+
+O mein Freund, erwiderte Kreisler mit dem Ausdruck der tiefsten
+Bewegung, eben heute gedachte ich, -- doch nein, nichts mehr von
+Erinnerungen, von Träumen, nichts von dem Augenblick, der heute alles
+nur gefühlte, nicht verstandene Weh meiner frühen Knabenzeit weckte,
+aber eine Ruhe kam dann in mein Gemüt, die der ahnungsvollen Stille des
+Waldes gleicht, wenn der Gewittersturm vorüber! Ja Meister, Ihr habt
+recht, ich stand unter dem Apfelbaum, und horchte auf die weissagende
+Stimme des hinsterbenden Donners! -- Du kannst Dir deutlicher die dumpfe
+Betäubung denken, in der ich wohl ein paar Jahre fortleben mochte, als
+ich Tante Füßchen verloren, wenn ich Dir sage, daß der Tod meiner
+Mutter, der in diese Zeit fällt, keinen sonderlichen Eindruck auf mich
+machte. Weshalb aber mein Vater mich ganz dem Bruder meiner Mutter
+überließ, oder überlassen mußte, darf ich Dir nicht sagen, da Du
+Ähnliches in manchem verbrauchten Familienroman, oder in irgendeiner
+Ifflandschen Hauskreuzkomödie nachlesen kannst. Es genügt, Dir zu sagen,
+daß, wenn ich meine Knaben-, ja einen guten Teil meiner Jünglingsjahre,
+im trostlosen Einerlei verlebte, dies wohl eben dem Umstande
+zuzuschreiben, daß ich elternlos war. Der schlechte Vater ist noch immer
+viel besser, als jeder gute Erzieher, mein' ich, und mir schauert die
+Haut, wenn Eltern in lieblosem Unverstande ihre Kinder von sich lassen
+und verweisen in diese, jene Erziehungsanstalt, wo die Armen ohne
+Rücksicht auf ihre Individualität, die ja niemanden anders als eben den
+Eltern recht klar aufgehen kann, nach bestimmter Norm zugeschnitten und
+appretiert werden. -- Was nun eben die Erziehung betrifft, so darf sich
+kein Mensch auf Erden darüber verwundern, daß ich ungezogen bin, denn
+der Oheim zog oder erzog mich ganz und gar nicht, sondern überließ mich
+der Willkür der Lehrer, die ins Haus kamen, da ich keine Schule
+besuchen, und auch durch irgendeine Bekanntschaft mit einem Knaben
+meines Alters die Einsamkeit des Hauses, das der unverheiratete Oheim
+mit einem alten trübsinnigen Bedienten allein bewohnte, nicht stören
+durfte. -- Ich besinne mich nur auf drei verschiedene Fälle, in denen
+der beinahe bis zum Stumpfsinn gleichgültige, ruhige Oheim einen kurzen
+Akt der Erziehung vornahm, indem er mir eine Ohrfeige zuteilte, so, daß
+ich wirklich während meiner Knabenzeit drei Ohrfeigen empfangen. Ich
+könnte Dir, mein Geheimerat, da ich eben zum Schwatzen so aufgelegt, die
+Geschichte von den drei Ohrfeigen als ein romantisches Kleeblatt
+auftischen, doch hebe ich nur die mittelste heraus, da ich weiß, daß Du
+auf nichts so erpicht bist, als auf meine musikalischen Studien, und es
+Dir nicht gleichgültig sein kann, zu erfahren, wie ich zum erstenmal
+komponierte. -- Der Oheim hatte eine ziemlich starke Bibliothek, in der
+ich nach Gefallen stöbern und lesen durfte was ich wollte; mir fielen
+Rousseau's Bekenntnisse in der deutschen Übersetzung in die Hände. Ich
+verschlang das Buch, das eben nicht für einen zwölfjährigen Knaben
+geschrieben, und das den Samen manches Unheils in mein Inneres hätte
+streuen können. Aber nur ein einziger Moment aus allen, zum Teil sehr
+verfänglichen, Begebenheiten erfüllte mein Gemüt so ganz und gar, daß
+ich alles übrige darüber vergaß. Gleich elektrischen Schlägen traf mich
+nämlich die Erzählung, wie der Knabe Rousseau von dem mächtigen Geist
+seiner innern Musik getrieben, sonst aber ohne alle Kenntnis der
+Harmonik, des Kontrapunkts, aller praktischen Hilfsmittel, sich
+entschließt, eine Oper zu komponieren, wie er die Vorhänge des Zimmers
+herabläßt, wie er sich aufs Bette wirft, um sich ganz der Inspiration
+seiner Einbildungskraft hinzugeben, wie ihm nun sein Werk aufgeht,
+gleich einem herrlichen Traum! -- Tag und Nacht verließ mich nicht der
+Gedanke an diesen Moment, mit dem mir die höchste Seligkeit über den
+Knaben Rousseau gekommen zu sein schien! -- Oft war es mir, als sei ich
+auch schon dieser Seligkeit teilhaftig geworden, und dann, nur von
+meinem festen Entschlusse hänge es ab, mich auch in dies Paradies
+hinaufzuschwingen, da der Geist der Musik in mir ebenso mächtig
+beschwingt sei. Genug, ich kam dahin, es meinem Vorbilde nachmachen zu
+wollen. Als nämlich an einem stürmischen Herbstabend, der Oheim wider
+seine Gewohnheit das Haus verlassen, ließ ich sofort die Vorhänge herab,
+und warf mich auf des Oheims Bett, um, wie Rousseau, eine Oper im Geiste
+zu empfangen. So vortrefflich aber die Anstalten waren, so sehr ich mich
+abmühte, den dichterischen Geist heranzulocken, doch blieb er im
+störrischen Eigensinn davon. Durchaus summte mir, statt aller herrlichen
+Gedanken, die mir aufgehen sollten, ein altes erbärmliches Lied vor den
+Ohren, dessen weinerlicher Text begann: »Ich liebte nur Ismenen, Ismene
+liebt' nur mich«, und ließ, so sehr ich mich dagegen sträubte, nicht
+nach. Jetzt kommt der erhabene Priesterchor: »Hoch von Olympos Höh'n«,
+rief ich mir zu, aber: »Ich liebte nur Ismenen«, summte die Melodie fort
+und unaufhörlich fort, bis ich zuletzt fast einschlief. Mich weckten
+laute Stimmen, indem ein unerträglicher Geruch mir in die Nase fuhr und
+den Atem versetzte. Das ganze Zimmer war von dickem Rauch erfüllt, und
+in dem Gewölk stand der Oheim, und trat die Reste der flammenden
+Gardine, die den Kleiderschrank verbarg, nieder und rief: Wasser her
+-- Wasser her! bis der alte Diener Wasser in reichlicher Fülle
+herbeibrachte, über den Boden ausgoß, und so das Feuer löschte. Der
+Rauch zog langsam durch die Fenster. »Wo ist nur der Unglücksvogel,«
+fragte der Oheim, indem er im Zimmer umherleuchtete. Ich wußte wohl,
+welchen Vogel er meinte, und blieb mäuschenstill im Bette, bis der Oheim
+hinantrat und mir mit einem zornigen: »Will Er wohl gleich heraus!« auf
+die Beine half. »Steckt mir der Bösewicht das Haus über dem Kopfe an,«
+fuhr der Onkel fort! Ich versicherte, auf weiteres Befragen, ganz ruhig,
+daß ich auf dieselbe Weise wie der Knabe Rousseau nach dem Inhalt seiner
+Bekenntnisse es getan, eine _Opera seria_ im Bett komponiert hätte, und
+daß ich durchaus gar nicht wisse, wie der Brand entstanden. -- »Rousseau?
+komponiert? _Opera seria?_ -- Pinsel!« -- So stotterte der Oheim vor Zorn,
+und teilte mir die kräftige Ohrfeige zu, die ich als die zweite empfing,
+so daß ich, vor Schreck erstarrt, sprachlos stehen blieb, und in dem
+Augenblick hörte ich wie einen Nachklang des Schlages ganz deutlich:
+»Ich liebte nur Ismenen« usw. usw. Sowohl gegen dieses Lied, als gegen
+die Begeisterung des Komponierens überhaupt, empfand ich von diesem
+Augenblick an einen lebhaften Widerwillen.
+
+Aber wie war nur das Feuer entstanden? fragte der Geheimerat.
+
+Noch in diesem Augenblick, erwiderte Kreisler, ist es mir
+unbegreiflich, durch welchen Zufall die Gardine in Brand geriet, und
+einen schönen Schlafrock des Oheims, sowie drei oder vier schön
+frisierte Toupets, die der Oheim als partielle Perücken-Studien aus
+einer Gesamtfrisur aufzusetzen pflegte, mit in ihr Verderben riß. Mir
+ist es auch immer so vorgekommen, als habe ich nicht des unverschuldeten
+Feuers, sondern nur der unternommenen Komposition halber, die Ohrfeige
+erhalten. -- Seltsam genug war es die Musik allein, die zu treiben mich
+der Oheim mit Strenge anhielt, unerachtet der Lehrer, getäuscht von dem
+nur momentanen Widerwillen, den ich dagegen äußerte, mich für ein
+durchaus unmusikalisches Prinzip hielt. Was ich übrigens lernen oder
+nicht lernen mochte, das war dem Oheim völlig gleich. Äußerte er
+manchmal lebhaften Unwillen, daß es so schwer hielt, mich zur Musik
+anzuhalten, so hätte man denken sollen, daß er von der Freude hätte
+durchdrungen sein müssen, als nach ein paar Jahren der musikalische
+Geist sich so mächtig in mir regte, daß er alles übrige überflügelte,
+das war aber nun wieder ganz und gar nicht der Fall. Der Oheim lächelte
+bloß ein wenig, wenn er bemerkte, daß ich bald mehrere Instrumente mit
+einiger Virtuosität spielte, ja daß ich manches kleine Stück aufsetzte
+zur Zufriedenheit der Meister und Kenner. Ja, er lächelte bloß ein
+wenig, und sprach, wenn man ihn mit Lobeserhebungen anfuhr, mit schlauer
+Miene: Ja, der kleine Neveu ist närrisch genug. -- So ist es mir, nahm
+der Geheimerat das Wort, aber ganz unbegreiflich, daß der Oheim Deiner
+Neigung nicht Freiheit ließ, sondern Dich hineinzwang in eine andere
+Laufbahn. Soviel ich nämlich weiß, ist Deine Kapellmeisterschaft eben
+nicht von lange her.
+
+Und auch nicht weit her, rief Meister Abraham lachend, und fuhr, indem
+er das Bildnis eines kleinen, wunderlich gebauten Mannes an die Wand
+warf, weiter fort. Aber nun muß ich mich des wackern Oheims, den mancher
+verruchte Neffe den O weh Onkel nannte, weil er sich mit Vornamen
+Ottfried Wenzel schrieb, ja nun muß ich mich seiner annehmen, und der
+Welt versichern, daß wenn der Kapellmeister Johannes Kreisler es sich
+einfallen ließ, Legationsrat zu sein und sich abzuquälen mit seiner
+innersten Natur ganz widrigen Dingen, niemand weniger daran schuld ist,
+als eben der O weh Onkel. -- O still davon, Meister, sprach Kreisler,
+und nehmt mir dort den Oheim von der Wand, denn mocht' er auch wirklich
+lächerlich genug aussehen, so mag ich doch eben heute über den Alten,
+der lange im Grabe ruht, nicht lachen! --
+
+Ihr übernehmt Euch heute ja ganz in geziemlicher Empfindsamkeit,
+erwiderte der Meister; Kreisler achtete aber nicht darauf, sondern
+sprach, sich zum kleinen Geheimerat wendend: Du wirst es bedauern, mich
+zum Schwatzen gebracht zu haben, da ich Dir, der vielleicht das
+Außerordentliche erwartete, nur Gemeines, wie es sich tausendmal im
+Leben wiederholt, auftischen kann. -- So ist es auch gewiß, daß es nicht
+Erziehungszwang, nicht besonderer Eigensinn des Schicksals, nein, daß es
+der gewöhnlichste Lauf der Dinge war, der mich fortschob, so daß ich
+unwillkürlich dort hinkam, wo ich eben nicht hin wollte. Hast du nicht
+bemerkt, daß es in jeder Familie einen gibt, der sich, sei es durch
+besonderes Genie, oder durch das glückliche Zusammentreffen günstiger
+Ereignisse, zu einer gewissen Höhe hinaufschwang, und der nun, ein
+Heros, in der Mitte des Kreises steht, zu dem die lieben Verwandten
+demütig hinaufblicken, dessen gebietende Stimme vernommen wird in
+entscheidenden Sprüchen, von denen keine Appellation möglich? -- So ging
+es mit dem jüngern Bruder meines Oheims, der dem musikalischen
+Familiennest entflohen war, und in der Residenz als geheimer
+Legationsrat, in der Nähe des Fürsten, eine ziemlich wichtige Person
+vorstellte. Sein Emporsteigen hatte die Familie in eine staunende
+Bewunderung gesetzt, die nicht nachließ. Man nannte den Legationsrat mit
+feierlichem Ernst, und wenn es hieß: der geheime Legationsrat hat
+geschrieben, der geheime Legationsrat hat das und das geäußert, so
+horchte alles in stummer Ehrfurcht auf. Dadurch schon seit meiner
+frühesten Kindheit daran gewöhnt, den Oheim in der Residenz als einen
+Mann anzusehen, der das höchste Ziel alles menschlichen Strebens
+erreicht, mußte ich es natürlich finden, daß ich gar nichts anders tun
+konnte, als in seine Fußtapfen treten. Das Bildnis des vornehmen Oheims
+hing in dem Prunkzimmer, und keinen größern Wunsch hegte ich, als so
+frisiert, so gekleidet umherzugehen, wie der Oheim auf dem Bilde. Diesen
+Wunsch gewährte mein Erzieher, und ich muß wirklich, als zehnjähriger
+Knabe, anmutig genug ausgesehen haben, im himmelhoch frisierten Toupet,
+und kleinen zirkelrunden Haarbeutel, im zeisiggrünen Rock mit schmaler
+silberner Stickerei, seidenen Strümpfen und kleinem Degen. Dies
+kindische Streben ging tiefer ein, als ich älter worden, da, um mir Lust
+zur trockensten Wissenschaft einzuflößen, es genügte, mir zu sagen, dies
+Studium sei mir nötig, damit ich, dem Oheim gleich, dereinst
+Legationsrat werden könne. Daß die Kunst, welche mein Inneres erfüllte,
+mein eigentliches Streben, die wahre einzige Tendenz meines Lebens sein
+dürfe, fiel mir um so weniger ein, als ich gewohnt war, von Musik,
+Malerei, Poesie, nicht anders reden zu hören, als von ganz angenehmen
+Dingen, die zur Erheiterung und Belustigung dienen könnten. Die
+Schnelle, mit der ich, ohne daß sich jemals auch nur ein einziges
+Hindernis offenbart hätte, durch mein erlangtes Wissen, und durch den
+Vorschub des Oheims in der Residenz, in der Laufbahn, die ich
+gewissermaßen selbst gewählt, vorwärts schritt, ließ mir keinen Moment
+übrig, mich umzuschauen, und die schiefe Richtung des Weges, den ich
+genommen, wahrzunehmen. Das Ziel war erreicht, umzukehren nicht mehr
+möglich, als in einem nicht geahnten Moment die Kunst sich rächte, der
+ich abtrünnig worden, als der Gedanke eines ganzen verlornen Lebens mich
+mit trostlosem Weh erfaßte, als ich mich in Ketten geschlagen sah, die
+mir unzerbrechlich dünkten! --
+
+Glückselig, heilbringend also die Katastrophe, rief der Geheimerat, die
+Dich aus den Fesseln befreite!
+
+Sage das nicht, erwiderte Kreisler, zu spät trat die Befreiung ein. Mir
+geht es, wie jenem Gefangenen, der, als er endlich befreit wurde, dem
+Getümmel der Welt, ja dem Licht des Tages, so entwöhnt war, daß er,
+nicht vermögend der goldnen Freiheit zu genießen, sich wieder
+zurücksehnte in den Kerker.
+
+Das ist, nahm Meister Abraham das Wort, nun eine von Euern konfusen
+Ideen, Johannes, mit denen Ihr Euch und andere plagt! -- Geht! geht!
+-- Immer hat es das Schicksal mit Euch gut gemeint, aber daß Ihr nun
+einmal nicht im gewöhnlichen Trott bleiben könnt, daß Ihr rechts, links
+hinausspringt aus dem Wege, daran ist niemand schuld als Ihr selbst.
+Recht habt Ihr indessen wohl, daß, was Eure Knabenjahre betrifft, Euer
+Stern besonders waltete, und -- --
+
+
+
+
+Zweiter Abschnitt.
+
+Lebenserfahrungen des Jünglings. Auch ich war in Arkadien.
+
+
+=(M. f. f.)= -- »Närrisch genug und zugleich ungemein merkwürdig wär' es
+doch, sprach eines Tages mein Meister zu sich selbst, wenn der kleine
+graue Mann dort unter dem Ofen wirklich die Eigenschaften besitzen
+sollte, die der Professor ihm andichten will! -- Hm! ich dächte, er
+könnte mich dann reich machen, mehr als mein unsichtbares Mädchen es
+getan. Ich sperrt' ihn ein in einen Käficht, er müßte seine Künste
+machen vor der Welt, die reichlichen Tribut dafür gern zahlen würde. Ein
+wissenschaftlich gebildeter Kater will doch immer mehr sagen, als ein
+frühreifer Junge, dem man die Exercitia eingetrichtert. Überdem erspart'
+ich mir einen Schreiber! -- Ich muß dem Dinge näher auf die Spur
+kommen!«
+
+Ich gedachte, als ich des Meisters verfängliche Worte vernahm, der
+Warnung meiner unvergeßlichen Mutter Mina, und wohl mich hütend, auch
+nur durch das geringste Zeichen zu verraten, daß ich den Meister
+verstanden, nahm ich mir fest vor, auf das sorgfältigste meine Bildung
+zu verbergen. Ich las und schrieb daher nur des Nachts, und erkannte
+auch dabei mit Dank die Güte der Vorsehung, die meinem verachteten
+Geschlechte manchen Vorzug vor den zweibeinigen Geschöpfen, die sich,
+Gott weiß warum, die Herren der Schöpfung nennen, gegeben hat.
+Versichern kann ich nämlich, daß ich bei meinen Studien weder des
+Lichtziehers noch des Ölfabrikanten bedurfte, da der Phosphor meiner
+Augen hell leuchtet in der finstersten Nacht. Gewiß ist es daher auch,
+daß meine Werke erhaben sind über den Vorwurf, der irgendeinem
+Schriftsteller aus der alten Welt gemacht wurde, daß nämlich die
+Erzeugnisse seines Geistes nach der Lampe röchen. Doch innig überzeugt
+von der hohen Vortrefflichkeit, mit der mich die Natur begabt hat, muß
+ich doch gestehen, daß alles hienieden gewisse Unvollkommenheiten in
+sich trägt, die wieder ein gewisses abhängiges Verhältnis verraten. Von
+den leiblichen Dingen, die die Ärzte nicht natürlich nennen, unerachtet
+sie mir eben recht natürlich dünken, will ich gar nicht reden, sondern
+nur rücksichts unseres psychischen Organismus bemerken, daß sich auch
+darin jene Abhängigkeit recht deutlich offenbaret. Ist es nicht ewig
+wahr, daß unsern Flug oft Bleigewichte hemmen, von denen wir nicht
+wissen, was sie sind, woher sie kommen, wer sie uns angehängt?
+
+Doch besser und richtiger ist es wohl, wenn ich behaupte, daß alles Übel
+vom bösen Beispiel herrührt, und daß die Schwäche unserer Natur
+lediglich darin liegt, daß wir dem bösen Beispiel zu folgen gezwungen
+sind. Überzeugt bin ich auch, daß das menschliche Geschlecht recht
+eigentlich dazu bestimmt ist, dies böse Beispiel zu geben.
+
+Bist du geliebter Katerjüngling, der du dieses liesest, nicht einmal in
+deinem Leben in einen Zustand geraten, der, dir selbst unerklärlich, dir
+überall die bittersten Vorwürfe und vielleicht auch -- einige tüchtige
+Bisse deiner Kumpane zuzog? Du warst träge, zänkisch, ungebärdig,
+gefräßig, fandest an nichts Gefallen, warst immer da, wo du nicht sein
+solltest, fielst allen zur Last, kurz, warst ein ganz unausstehlicher
+Bursche! -- Tröste dich o Kater! Nicht aus deinem eigentlichen, tiefern
+Innern formte sich diese heillose Periode deines Lebens, nein, es war
+der Zoll, den du dem über uns waltenden Prinzip dadurch darbrachtest,
+daß auch du dem bösen Beispiel der Menschen, die diesen vorübergehenden
+Zustand eingeführt haben, folgtest. Tröste dich o Kater! denn auch mir
+ist es nicht besser ergangen!
+
+Mitten in meinen Lukubrationen überfiel mich eine Unlust -- eine Unlust
+gleichsam der Übersättigung von unverdaulichen Dingen, so daß ich ohne
+weiteres auf demselben Buch, worin ich gelesen, auf demselben
+Manuskript, woran ich geschrieben, mich zusammenkrümmte und einschlief.
+Immer mehr und mehr nahm diese Trägheit zu, so daß ich zuletzt nicht
+mehr schreiben, nicht mehr lesen, nicht mehr springen, nicht mehr
+laufen, nicht mehr mit meinen Freunden im Keller, auf dem Dache, mich
+unterhalten mochte. Statt dessen fühlte ich einen unwiderstehlichen
+Trieb, alles das zu tun, was dem Meister, was den Freunden nie angenehm
+sein, womit ich ihnen beschwerlich fallen mußte. Was den Meister
+anlangt, so begnügte er, lange Zeit hindurch, sich damit, mich
+fortzujagen, wenn ich zu meiner Lagerstätte immer Plätze erkor, wo er
+mich durchaus nicht leiden konnte, bis er endlich genötigt wurde, mich
+etwas zu prügeln. Immer wieder auf des Meisters Schreibtisch gesprungen,
+hatt' ich nämlich so lange hin und her geschwänzelt, bis die Spitze
+meines Schweifes in das große Tintenfaß geraten, mit der ich nun auf
+Boden und Kanapee die schönsten Malereien ausführte. Das brachte den
+Meister, der keinen Sinn für dieses Genre der Kunst zu haben schien, in
+Harnisch. Ich flüchtete auf den Hof; aber beinah noch schlimmer ging es
+mir dort. Ein großer Kater von Ehrfurcht gebietendem Ansehen, hatte
+längst sein Mißfallen über mein Betragen geäußert; jetzt, da ich ihm
+freilich tölpischerweise einen guten Bissen, den er zu verzehren eben im
+Begriff, vor dem Maule wegschnappen wollte, gab er mir ohne Umstände
+eine solche Menge Ohrfeigen von beiden Seiten, daß ich ganz betäubt
+wurde und mir beide Ohren bluteten. -- Irre ich nicht, so war der
+würdige Herr mein Oheim, denn Minas Züge strahlten aus seinem Antlitz,
+und die Familienähnlichkeit des Barts unleugbar. -- Kurz, ich gestehe,
+daß ich mich in dieser Zeit in Unarten erschöpfte, so daß der Meister
+sprach: ich weiß gar nicht, was dir ist, Murr! ich glaube am Ende, du
+bist jetzt in die Lümmeljahre getreten! Der Meister hatte recht, es war
+meine verhängnisvolle Lümmelzeit, die ich überstehen mußte, nach dem
+bösen Beispiel der Menschen, die, wie gesagt, diesen heillosen Zustand,
+als durch ihre tiefste Natur bedingt, eingeführt haben. =Lümmeljahre=
+nennen sie diese Periode, unerachtet mancher Zeit seines Lebens nicht
+herauskommt; unsereins kann nur von Lümmelwochen reden, und ich
+meinerseits kam nun auf einmal heraus, mittels eines starken Rucks, der
+mir ein Bein oder ein paar Rippen hätte kosten können. Eigentlich =sprang=
+ich heraus aus den Lümmelwochen auf vehemente Weise.
+
+Ich muß sagen, wie sich das begab:
+
+Auf dem Hofe der Wohnung meines Meisters stand eine inwendig reich
+ausgepolsterte Maschine auf vier Rädern, wie ich nachher einsehen
+lernte, ein englischer Halbwagen. Nichts war in meiner damaligen
+Stimmung natürlicher, als daß mir die Lust ankam, mit Mühe hinauf zu
+klettern und hinein zu kriechen in diese Maschine. Ich fand die darin
+befindlichen Kissen so angenehm, so anlockend, daß ich nun die mehrste
+Zeit in den Polstern des Wagens verschlief, verträumte.
+
+Ein heftiger Stoß, dem ein Knattern, Klirren, Brausen, wirres Lärmen
+folgte, weckte mich, als eben süße Bilder von Hasenbraten und
+dergleichen vor meiner Seele vorübergingen. Wer schildert meinen jähen
+Schreck, als ich wahrnahm, daß die ganze Maschine sich mit
+ohrbetäubendem Getöse fortbewegte, mich hin und her schleudernd auf
+meinen Polstern. Die immer steigende und steigende Angst wurde
+Verzweiflung, ich wagte den entsetzlichen Sprung heraus aus der
+Maschine, ich hörte das wiehernde Hohngelächter höllischer Dämonen, ich
+hörte ihre barbarischen Stimmen: Katz -- Katz, huz, huz! hinter mir her
+kreischen, sinnlos rannte ich in voller Furie von dannen, Steine flogen
+mir nach, bis ich endlich hineingeriet in ein finsteres Gewölbe, und
+ohnmächtig niedersank.
+
+Endlich war es mir, als höre ich hin und her gehen über meinem Haupte,
+und schloß aus dem Schall der Tritte, da ich wohl schon Ähnliches
+erfahren, daß ich mich unter einer Treppe befinden müsse. Es war dem so.
+
+Als ich nun aber herausschlich, Himmel! da dehnten sich überall
+unabsehbare Straßen vor mir aus, und eine Menge Menschen, von denen ich
+nicht einen einzigen kannte, wogte vorüber. Kam noch hinzu, daß Wagen
+rasselten, Hunde laut bellten, ja, daß zuletzt eine ganze Schar, deren
+Waffen in der Sonne blitzten, die Straße einengte; daß dicht bei mir
+einer urplötzlich so ganz erschrecklich auf eine große Trommel schlug,
+daß ich unwillkürlich drei Ellen hoch aufsprang, ja, so konnte es nicht
+fehlen, daß eine seltsame Angst meine Brust erfüllte. Ich merkte nun
+wohl, daß ich mich in der Welt befand, in der Welt, die ich aus der
+Ferne von meinem Dache erblickt, oft nicht ohne Sehnsucht, ohne
+Neugierde, ja, mitten in dieser Welt stand ich nun, ein unerfahrner
+Fremdling. Behutsam spazierte ich dicht an den Häusern die Straße
+entlang, und begegnete endlich ein paar Jünglingen meines Geschlechts.
+Ich blieb stehen, ich versuchte ein Gespräch mit ihnen anzuknüpfen, aber
+sie begnügten sich, mich mit funkelnden Augen anzuglotzen, und sprangen
+dann weiter. »Leichtsinnige Jugend« dacht' ich, du weißt nicht, wer es
+war, der dir in den Weg trat! -- so gehen große Geister durch die Welt,
+unerkannt, unbeachtet. -- Das ist das Los sterblicher Weisheit! -- Ich
+rechnete auf größere Teilnahme bei den Menschen, sprang auf einen
+hervorragenden Kellerhals, und stieß manches fröhliche, wie ich glaubte,
+anlockende Miau aus; aber kalt, ohne Teilnahme, kaum sich nach mir
+umblickend, gingen alle vorüber. Endlich gewahrte ich einen hübschen,
+blondgelockten Knaben, der mich freundlich ansah, und, mit den Fingern
+schnalzend, rief: Mies -- Mies! -- Schöne Seele, du verstehst mich
+endlich! dacht' ich, sprang herab, und nahte mich ihm freundlich
+schnurrend. Er fing mich an zu streicheln, aber indem ich glaubte, mich
+dem freundlichen Gemüt ganz hingeben zu können, kniff er mich dermaßen
+in den Schwanz, daß ich vor rasendem Schmerz aufschrie. =Das= eben schien
+dem tückischen Bösewicht rechte Freude zu machen; denn er lachte laut,
+hielt mich fest, und versuchte das höllische Manöver zu wiederholen. Da
+faßte mich der tiefste Ingrimm, von dem Gedanken der Rache durchflammt,
+grub ich meine Krallen tief in seine Hände, in sein Gesicht, so daß er
+aufkreischend mich fahren ließ. Aber in dem Augenblick hörte ich auch
+rufen: -- Tyras -- Kartusch -- hez hez! -- Und laut blaffend setzten
+zwei Hunde hinter mir her. -- Ich rannte, bis mir der Atem verging, sie
+waren mir auf den Fersen -- keine Rettung. -- Blind vor Angst fuhr ich
+hinein in das Fenster eines Erdgeschosses, daß die Scheiben
+zusammenklirrten, und ein paar Blumentöpfe, die auf der Fensterbank
+gestanden, krachend hineinfielen in das Stübchen. Erschrocken fuhr eine
+Frau, die an einem Tisch sitzend arbeitete, in die Höhe, rief dann:
+»Seht die abscheuliche Bestie,« ergriff einen Stock, und ging auf mich
+los. Aber meine zornglühenden Augen, meine ausgestreckten Krallen, das
+Geheul der Verzweiflung, das ich ausstieß, hielten sie zurück, so daß,
+wie es in jenem Trauerspiel heißt, der zum Schlagen aufgehobene Stock in
+der Luft gehemmt schien, und sie da stand, ein gemalter Wütrich,
+parteilos zwischen Kraft und Willen! -- In dem Augenblick ging die Türe
+auf, schnellen Entschluß fassend, schlüpfte ich dem eintretenden Mann
+zwischen den Beinen durch, und war so glücklich, mich aus dem Hause
+herauszufinden auf die Straße.
+
+Ganz erschöpft, ganz entkräftigt, gelangte ich endlich zu einem einsamen
+Plätzchen, wo ich mich ein wenig niederlassen konnte. Da fing aber der
+wütendste Hunger an, mich zu peinigen, und ich gedachte nun erst mit
+tiefem Schmerz des guten Meisters Abraham, von dem mich ein hartes
+Schicksal getrennt. Aber, wie ihn wiederfinden! -- Ich blickte wehmütig
+umher, und als ich keine Möglichkeit sah, den Weg zur Rückkehr zu
+erforschen, traten mir die blanken Tränen in die Augen.
+
+Doch neue Hoffnung ging in mir auf, als ich an der Ecke der Straße ein
+junges, freundliches Mädchen wahrnahm, die vor einem kleinen Tische saß,
+vor dem die appetitlichsten Bröte und Würste lagen. Ich näherte mich
+langsam, sie lächelte mich an, und um mich ihr gleich als einen Jüngling
+von guter Erziehung, von galanten Sitten darzustellen, machte ich einen
+höheren, schöneren Katzenbuckel als jemals. Ihr Lächeln wurde lautes
+Lachen. »Endlich eine schöne Seele, ein teilnehmendes Herz gefunden! -- O
+Himmel, wie tut das wohl der wunden Brust!« So dachte ich, und langte
+mir eine von den Würsten herab, aber in demselben Nu schrie auch das
+Mädchen laut auf, und hätte mich der Schlag, den sie mit einem derben
+Stück Holz nach mir führte, getroffen, in der Tat, weder die Wurst, die
+ich mir im Vertrauen auf die Loyalität, auf die menschenfreundliche
+Tugend des Mädchens, herabgelangt, noch irgendeine andere, hätte ich
+jemals mehr genossen. Meine letzte Kraft setzte ich daran, der Unholdin,
+die mich verfolgte, zu entrinnen. Das gelang mir, und ich erreichte
+endlich einen Platz, wo ich die Wurst in Ruhe verzehren konnte.
+
+Nach dem frugalen Mahle kam viel Heiterkeit in mein Gemüt, und da eben
+die Sonne mir warm auf den Pelz schien, so fühlte ich lebhaft, daß es
+doch schön sei auf dieser Erde. Als aber dann die kalte, feuchte Nacht
+einbrach, als ich kein weiches Lager fand wie bei meinem guten Meister,
+als ich, vor Frost starrend, vom Hunger auf's neue gepeinigt, am andern
+Morgen erwachte, da überfiel mich eine Trostlosigkeit, die an
+Verzweiflung grenzte. »Das ist« (so brach ich aus in laute Klagen) also
+die Welt, in die du dich hineinsehntest von dem heimatlichen Dache?
+-- Die Welt, wo du Tugend zu finden hofftest, und Weisheit, und die
+Sittlichkeit der höhern Ausbildung! -- O diese herzlosen Barbaren!
+-- Worin besteht ihre Kraft als im Prügeln? Worin ihr Verstand, als in
+hohnlachender Verspottung? Worin ihr ganzes Treiben, als in
+scheelsüchtiger Verfolgung tieffühlender Gemüter? -- O fort -- fort aus
+dieser Welt voll Gleisnerei und Trug! -- Nimm mich auf in deine kühlen
+Schatten, süßer heimatlicher Keller! -- O Boden -- Ofen -- o Einsamkeit,
+die mich erfreut, nach dir mein Herz, sich sehnt mit Schmerz! --
+
+Der Gedanke meines Elends, meines hoffnungslosen Zustandes, übermannte
+mich. Ich kniff die Augen zu, und weinte sehr.
+
+Bekannte Töne schlugen an mein Ohr. »Murr -- Murr! -- geliebter Freund,
+wo kommst du her? Was ist mit dir geschehen?«
+
+Ich schlug die Augen auf -- der junge Ponto stand vor mir!
+
+So sehr mich Ponto auch gekränkt hatte, doch war mir seine unverhoffte
+Erscheinung tröstlich. Ich vergaß die Unbill, die er mir angetan,
+erzählte ihm, wie sich alles mit mir begeben, stellte ihm unter vielen
+Tränen meine traurige, hülflose Lage vor, schloß damit, ihm zu klagen,
+daß mich ein tötender Hunger quäle.
+
+Statt mir, wie ich geglaubt, seine Teilnahme zu bezeigen, brach der
+junge Ponto in ein schallendes Gelächter aus. Bist du nicht, sprach er
+dann, ein ausgemachter törichter Geck, lieber Murr? -- Erst setzt sich
+der Hase in eine Halbchaise hinein, wo er nicht hingehört, schläft ein,
+erschrickt, als er weggefahren wird, springt hinaus in die Welt, wundert
+sich gar mächtig, daß ihn, der kaum vor die Türe seines Hauses geguckt,
+niemand kennt, daß er mit seinen dummen Streichen überall schlecht
+ankommt, und ist dann so einfältig, nicht einmal den Rückweg finden zu
+können zu seinem Herrn. -- Sieh Freund Murr, immer hast du geprahlt mit
+deiner Wissenschaft, mit deiner Bildung, immer hast du vornehm getan
+gegen mich, und nun sitzest du da, verlassen, trostlos, und all' die
+großen Eigenschaften deines Geistes reichen nicht hin, dich zu belehren,
+wie du es anfangen mußt, deinen Hunger zu stillen, und nach Hause
+zurückzufinden zu deinem Meister! -- Und wenn sich nun der, den du tief
+unter dir glaubtest, nicht deiner annimmt, so stirbst du zuletzt eines
+elendiglichen Todes, und keine sterbliche Seele frägt was nach deinem
+Wissen, nach deinem Talent, und keiner von den Dichtern, denen du dich
+befreundet glaubtest, setzt ein freundliches: _Hic jacet!_ auf die Stelle,
+wo du aus lauter Kurzsichtigkeit verschmachtetest! -- Siehst du, daß ich
+wohl auch durch die Schule gelaufen bin und lateinische Brocken
+einmischen kann, trotz einem? -- Aber du hungerst, armer Kater, und
+diesem Bedürfnis muß zuerst abgeholfen werden, komm nur mit mir.
+
+Der junge Ponto hüpfte fröhlich vorauf, ich folgte niedergeschlagen,
+ganz zerknirscht über seine Reden, die mir in meiner hungrigen Stimmung
+viel Wahres zu enthalten schienen. Doch wie erschrak ich als --
+
+=(Mak.-Bl.)= -- für den Herausgeber dieser Blätter das angenehmste
+Ereignis von der Welt, daß er das ganze merkwürdige Gespräch Kreislers
+mit dem kleinen Geheimerat brühwarm wieder erfuhr. Dadurch wurde er in
+den Stand gesetzt, Dir, geliebter Leser, wenigstens ein paar Bilder aus
+der frühern Jugendzeit des seltnen Mannes, dessen Biographie er
+aufzuschreiben gewissermaßen genötigt, vor die Augen zu bringen, und er
+vermeint, daß, was Zeichnung und Kolorit betrifft, diese Bilder wohl für
+charakteristisch und bedeutsam genug gelten können. Wenigstens mag man
+nach dem, was Kreisler von Tante Füßchen und ihrer Laute erzählt, nicht
+daran zweifeln, daß die Musik mit all' ihrer wunderbaren Wehmut, mit
+all' ihrem Himmelsentzücken, recht in die Brust des Knaben mit tausend
+Adern verwuchs, und nicht zum Verwundern mag's darum auch sein, daß eben
+dieser Brust, wird sie nur leise verwundet, gleich heißes Herzblut
+entquillt. Auf zwei Momente aus dem Leben des geliebten Kapellmeisters
+war bemeldeter Herausgeber besonders begierig, ja wie man zu sagen
+pflegt, ganz versessen. Nämlich, auf welche Weise Meister Abraham in die
+Familie geriet und einwirkte auf den kleinen Johannes, und welche
+Katastrophe den ehrlichen Kreisler aus der Residenz warf und umstempelte
+zum Kapellmeister, welches er hätte von Haus aus sein sollen, wiewohl
+man der ewigen Macht trauen darf, die jeden zu rechter Zeit an die
+rechte Stelle setzt. Manches ist darüber ausgemittelt worden, welches Du
+o Leser! sogleich erfahren sollst.
+
+Fürs erste ist gar nicht daran zu zweifeln, daß zu Göniönesmühl, wo
+Johannes Kreisler geboren und erzogen wurde, es einen Mann gab, der in
+seinem ganzen Wesen, in allem, was er unternahm, seltsam und
+eigentümlich erschien. Überhaupt ist das Städtlein Göniönesmühl seit
+jeher das wahre Paradies aller Sonderlinge gewesen, und Kreisler wuchs
+auf, umgeben von den seltsamsten Figuren, die einen desto stärkern
+Eindruck auf ihn machen mußten, als er wenigstens während der Knabenzeit
+mit seinesgleichen keinen Umgang pflegte. Jener Mann trug aber mit einem
+bekannten Humoristen gleichen Namen, denn er hieß Abraham Liscov und war
+ein Orgelbauer, welches Metier er bisweilen tief verachtete, so daß man
+nicht recht wußte, was er eigentlich wollte.
+
+So wie Kreisler erzählt, wurde in der Familie von dem Herrn Liscov
+immer mit hoher Bewunderung gesprochen. Man nannte ihn den
+geschicktesten Künstler, den es geben könne, und bedauerte nur, daß
+seine tollen Grillen, seine ausgelassenen Einfälle ihn von jedermann
+entfernt hielten. Als einen besondern Glücksfall rühmte dieser, jener,
+daß Herr Liscov wirklich da gewesen und seinen Flügel neu befiedert und
+gestimmt habe. Eben von Liscov's phantastischen Streichen wurde dann
+auch manches erzählt, welches auf den kleinen Johannes ganz besonders
+wirkte, so daß er sich von dem Mann, ohne ihn zu kennen, ein ganz
+bestimmtes Bild entwarf, sich nach ihm sehnte und als der Oheim
+versicherte, Herr Liscov würde vielleicht kommen und den schadhaften
+Flügel reparieren, jeden Morgen fragte, ob Herr Liscov denn nicht
+endlich erscheinen werde. Dieses Interesse des Knaben für den
+unbekannten Herrn Liscov steigerte sich aber bis zur höchsten
+anstaunenden Ehrfurcht, als er in der Hauptkirche, die der Oheim in der
+Regel nicht zu besuchen pflegte, zum erstenmal die mächtigen Töne der
+großen schönen Orgel vernahm, und als der Oheim ihm sagte, niemand
+anders, als eben Herr Abraham Liscov habe dies herrliche Werk
+verfertigt. Von diesem Augenblick an verschwand auch das Bild, das
+Johannes sich von Herrn Liscov entworfen, und ein ganz anderes trat an
+seine Stelle. Herr Liscov mußte nach des Knaben Meinung ein großer,
+schöner Mann sein, von stattlichem Ansehen, hell und stark sprechen, und
+vor allen Dingen einen pflaumfarbnen Rock tragen, mit breiten goldnen
+Tressen wie der Pate Kommerzienrat, der so gekleidet ging, und vor
+dessen reicher Tracht der kleine Johannes den tiefsten Respekt hegte.
+
+Als eines Tages der Oheim mit Johannes am offnen Fenster stand, kam ein
+kleiner hagerer Mann die Straße herab geschossen, in einem Rockelor von
+hellgrünem Berkan, dessen offne Ärmelklappen seltsam im Winde auf und
+nieder flatterten. Dazu hatte er ein kleines dreieckiges Hütchen
+martialisch auf die weißgepuderte Frisur gedrückt, und ein zu langer
+Haarzopf schlängelte sich herab über den Rücken. Er trat hart auf, daß
+das Straßenpflaster dröhnte, und stieß auch bei jedem zweiten Schritt
+mit dem langen spanischen Rohr, das er in der Hand trug, heftig auf den
+Boden. Als der Mann vor dem Fenster vorbeikam, warf er aus seinen
+funkelnden pechschwarzen Augen dem Oheim einen stechenden Blick zu, ohne
+seinen Gruß zu erwidern. Dem kleinen Johannes bebte es eiskalt durch
+alle Glieder, und zugleich war es ihm zu Mute, als müsse er über den
+Mann entsetzlich lachen, und könne nur nicht dazu kommen, weil ihm die
+Brust so beengt. »Das war der Herr Liscov«, sprach der Oheim; »das wußte
+ich ja,« erwiderte Johannes, und er mochte recht haben. Weder ein großer
+stattlicher Mann war Herr Liscov, noch trug er einen pflaumfarbnen Rock
+mit goldnen Tressen, wie der Pate Kommerzienrat; seltsam, ja wunderbar
+genug begab es sich aber, daß Herr Liscov ganz genau so aussah, wie der
+Knabe sich ihn früher gedacht hatte, ehe er das Orgelwerk vernommen.
+Noch hatte sich Johannes nicht von seinem Gefühl erholt, das dem eines
+jähen Schrecks zu vergleichen, als Herr Liscov plötzlich still stand,
+sich umdrehte, die Straße entlang hinanpolterte, bis vor das Fenster,
+dem Oheim eine tiefe Verbeugung machte, davon rannte unter lautem
+Gelächter.
+
+Ist das wohl, sprach der Oheim, ein Betragen für einen gesetzten Mann,
+der in den Studiis nicht unerfahren, der als privilegierter Orgelbauer
+zu den Künstlern zu rechnen, und dem Gesetze des Landes verstatten einen
+Degen zu tragen? Sollte man nicht vermeinen, er habe schon am lieben
+frühen Morgen zu tief ins Glas geguckt, oder sei dem Tollhause
+entsprungen? Aber ich weiß es, nun wird er herkommen und den Flügel in
+Ordnung bringen.
+
+Der Oheim hatte recht. Schon andern Tages war Herr Liscov da, aber statt
+die Reparatur des Flügels vorzunehmen, verlangte er, der kleine Johannes
+sollte ihm vorspielen. Dieser wurde auf den mit Büchern bepackten Stuhl
+gesetzt, Herr Liscov ihm gegenüber am schmalen Ende des Flügels, stützte
+beide Arme auf das Instrument, und sah dem Kleinen starr ins Antlitz,
+welches ihn dermaßen außer Fassung brachte, daß die Menuetts, die Arien,
+die er aus dem alten Notenbuche abspielte, holpricht genug gingen. Herr
+Liscov blieb ernst, aber plötzlich rutschte der Knabe herab, und versank
+unter des Flügels Gestell, worüber der Orgelbauer, der ihm mit einem
+Ruck die Fußbank unter den Füßen weggezogen, eine unmäßige Lache
+aufschlug. Beschämt rappelte sich der Knabe hervor, doch in dem
+Augenblick saß Herr Liscov auch schon vor dem Flügel, hatte einen Hammer
+hervorgezogen, und hämmerte auf das arme Instrument so unbarmherzig los,
+als wolle er alles in tausend Stücke schlagen. »Herr Liscov sind Sie von
+Sinnen!« schrie der Onkel, aber der kleine Johannes, ganz entrüstet,
+ganz außer sich über des Orgelbauers Beginnen, stemmte sich mit aller
+Gewalt gegen den Deckel des Instruments, so, daß er mit lautem Krachen
+zuschlug, und Herr Liscov schnell den Kopf zurückziehen mußte, um nicht
+getroffen zu werden. Dann rief er: Ei lieber Onkel, das ist nicht der
+geschickte Künstler, der die schöne Orgel gebaut hat, er kann es nicht
+sein, denn dieser hier ist ja ein alberner Mensch, der sich beträgt wie
+ein ungezogner Bube!
+
+Der Oheim verwunderte sich über die Dreistigkeit des Knaben; aber Herr
+Liscov sah ihn lange starr an, sprach: »Er ist wohl ein kurioser
+Monsieur!« öffnete leise und behutsam den Flügel, zog Instrumente
+hervor, begann seine Arbeit, die er in paar Stunden beendete, ohne ein
+einziges Wort zu sprechen.
+
+Seit diesem Augenblick zeigte sich des Orgelbauers entschiedene
+Vorliebe für den Knaben. Beinahe täglich kam er ins Haus, und wußte den
+Knaben bald für sich zu gewinnen, indem er ihm eine ganze neue bunte
+Welt erschloß, in der sich sein reger Geist mutiger und freier bewegen
+konnte. Eben nicht löblich war es, daß Liscov, vorzüglich als Johannes
+schon in Jahren mehr vorgerückt, den Knaben anregte zu den seltsamsten
+Foppereien, die oft gegen den Oheim selbst gerichtet waren, der
+freilich, beschränkten Verstandes, und voll der lächerlichsten
+Eigenheiten, dazu reichen Anlaß bot. Gewiß ist es aber, daß, wenn
+Kreisler über die trostlose Verlassenheit in seinen Knabenjahren klagt,
+wenn er das zerrissene Wesen, das ihn oft in seiner innersten Natur
+verstört, jener Zeit zuschreibt, wohl das Verhältnis mit dem Oheim in
+Anschlag zu bringen ist. Er konnte den Mann, der Vaterstelle zu
+vertreten berufen, und der ihm mit seinem ganzen Tun und Wesen
+lächerlich erscheinen mußte, nicht achten.
+
+Liscov wollte den Johannes ganz an sich reißen, und es wäre ihm
+gelungen, hätte sich nicht des Knaben edlere Natur dagegen gesträubt.
+Ein durchdringender Verstand, ein tiefes Gemüt, eine ungewöhnliche
+Erregbarkeit des Geistes, alles das waren anerkannte Vorzüge des
+Orgelbauers. Was man aber Humor zu nennen beliebte, war nicht jene
+seltne wunderbare Stimmung des Gemüts, die aus der tieferen Anschauung
+des Lebens in all' seinen Bedingnissen, aus dem Kampf der feindlichsten
+Prinzipe sich erzeugt, sondern nur das entschiedene Gefühl des
+Ungehörigen, gepaart mit dem Talent, es ins Leben zu schaffen, und der
+Notwendigkeit der eignen bizarren Erscheinung. Dies war die Grundlage
+des verhöhnenden Spottes, den Liscov überall ausströmen ließ, der
+Schadenfreude, mit der er alles als ungehörig Erkannte rastlos verfolgte
+bis in die geheimsten Winkel. Eben diese schadenfrohe Verspottung
+verwundete des Knaben zartes Gemüt, und stand dem innigsten Verhältnis,
+wie es der in wahrhafter innerer Gesinnung väterliche Freund
+herbeigeführt haben würde, entgegen. Zu leugnen ist aber auch nicht, daß
+der wunderliche Orgelbauer recht dazu geeignet war, den Keim des tiefern
+Humors, der in des Knaben Innern lag, zu hegen und zu pflegen, der denn
+auch sattsam gedieh und emporwuchs. --
+
+Herr Liscov pflegte viel von Johannes Vater zu erzählen, dessen
+vertrautester Freund er in seinen Jünglingsjahren gewesen, zum Nachteil
+des erziehenden Oheims, der merklich in den Schatten trat, wenn der
+Bruder in hellem Sonnenlicht erschien. So rühmte auch eines Tages der
+Orgelbauer den tiefen musikalischen Sinn des Vaters, und verspottete die
+verkehrte Art, wie der Oheim dem Knaben die ersten Elemente der Musik
+beigebracht. Johannes, dessen ganze Seele durchdrungen war von dem
+Gedanken an den, der ihm der Nächste gewesen, und den er nie gekannt,
+wollte immer noch mehr hören. Da verstummte aber Liscov plötzlich, und
+sah, wie einer, dem irgendein das Leben erfassender Gedanke vor die
+Seele tritt, starr zum Boden nieder.
+
+Was ist Euch Meister, fragte Johannes, was bewegt Euch so?
+
+Liscov fuhr auf, wie aus einem Traum, und sprach lächelnd Weißt Du noch
+Johannes! wie ich Dir die Fußbank wegzog unter den Beinen, und Du
+hinabschobst unter den Flügel, da Du mir des Oheims abscheuliche Murkis
+und Menuetten vorspielen mußtest?
+
+Ach, erwiderte Johannes, wie ich Euch zum ersten Male sah, daran mag ich
+gar nicht denken. Es machte Euch gerade Spaß, ein Kind zu betrüben.
+
+Und das Kind, nahm Liscov das Wort, war dafür tüchtig grob. Doch
+nimmermehr hätt' ich damals geglaubt, daß in Euch ein solch tüchtiger
+Musiker verborgen, und darum, Söhnlein, tu mir den Gefallen und spiele
+mir einen ordentlichen Choral vor auf dem papiernen Positiv. Ich will
+den Balg treten.
+
+-- Es ist hier nachzuholen, daß Liscov großen Geschmack fand an allerlei
+wunderlichen Spielereien, und den Johannes damit sehr ergötzte. Schon,
+als Johannes noch ein Kind, pflegte Liscov bei jedem Besuch ihm irgend
+etwas Seltsames mitzubringen.
+
+Empfing das Kind bald einen Apfel, der in hundert Stücke zerfiel, wenn
+er abgeschält wurde, oder irgendein seltsam geformtes Backwerk, so wurde
+der erwachsene Knabe bald mit diesem, bald mit jenem überraschenden
+Kunststück aus der natürlichen Magie erfreut, so half der Jüngling
+optische Maschinen bauen, sympathetische Tinten kochen usw. An der
+Spitze der mechanischen Künsteleien, die der Orgelbauer für den Johannes
+verfertigte, stand aber ein Positiv mit achtfüßigem Gedackt, dessen
+Pfeifen von Papier geformt, das mithin jenem Kunstwerk des alten
+Orgelbauers aus dem siebzehnten Jahrhundert, Eugenius Casparini
+geheißen, glich, welches in der kaiserlichen Kunstkammer in Wien zu
+sehen. Liscovs seltsames Instrument hatte einen Ton, dessen Stärke und
+Anmut unwiderstehlich hinriß, und Johannes versichert noch, daß er
+niemals darauf spielen können, ohne in die tiefste Bewegung zu geraten,
+und daß ihm dabei manche wahrhaft fromme Kirchenmelodie hell
+aufgegangen. --
+
+Auf diesem Positiv mußte Johannes nun dem Orgelbauer vorspielen.
+Nachdem er, wie Liscov verlangt, ein paar Choräle gespielt, fiel er in
+den Hymnus: _Misericordias Domini cantabo,_ den er vor wenigen Tagen
+gesetzt. -- Da Johannes geendet, so sprang Liscov auf, drückte ihn
+stürmisch an die Brust, rief laut lachend: Hasenfuß, was foppst Du mich
+mit Deiner lamentablen Cantilena? Wär' ich nicht immer und ewig Dein
+Kalkant gewesen, nichts Vernünftiges hättest Du jemals herausgebracht.
+-- Aber nun renne ich fort, und lasse Dich im Stich ganz und gar, und Du
+magst Dir in der Welt einen andern Kalkanten suchen, der es mit Dir so
+gut meint als ich! Dabei standen ihm die hellen Tränen in den Augen. Er
+sprang zur Türe hinaus, die er sehr heftig zuschlug. Dann steckte er
+aber nochmals den Kopf hinein und sprach sehr weich: Es kann nun einmal
+nicht anders sein. -- Adieu Johannes! -- Wenn der Oheim seine
+rotgeblümte Gros de Tours Weste vermißt, so sage nur, ich hätte sie
+gestohlen, und ließe mir daraus einen Turban machen, um dem Groß-Sultan
+vorgestellt zu werden! -- Adieu Johannes! -- Kein Mensch konnte
+begreifen, warum Herr Liscov so plötzlich die angenehme Stadt
+Göniönesmühl verlassen, warum er niemanden entdeckt, wohin er sich zu
+wenden entschlossen.
+
+Der Oheim sprach: Längst hab' ich vermutet, daß der unruhige Geist sich
+auf und davon machen würde, denn er hält es, unerachtet er schöne Orgeln
+verfertigt, doch nicht mit dem Spruch: Bleibe im Lande und nähre dich
+redlich! -- Es ist nur gut, daß unser Flügel im Stande; nach dem
+überspannten Menschen selbst frag' ich nicht viel! -- Anders dachte wohl
+Johannes, dem Liscov überall fehlte, und dem nun ganz Göniönesmühl ein
+totes, düstres Gefängnis dünkte.
+
+So kam es, daß er den Rat des Orgelbauers befolgen, und sich in der Welt
+einen andern Kalkanten suchen wollte. Der Oheim meinte, da er seine
+Studien vollendet, könne er in der Residenz sich unter den Fittich des
+Geheimen-Legationsrates begeben und vollends ausbrüten lassen. -- Es
+geschah so! --
+
+-- In diesem Augenblick ärgert sich gegenwärtiger Biograph über alle
+Maßen, denn indem er an den zweiten Moment aus Kreislers Leben kommt,
+von dem er Dir, geliebter Leser, zu erzählen versprochen, nämlich, wie
+Johannes Kreisler den wohlerworbenen Posten eines Legationsrates verlor,
+und gewissermaßen aus der Residenz verwiesen wurde, wird er gewahr, daß
+alle Nachrichten, die ihm darüber zu Gebote stehen, ärmlich, dürftig,
+seicht, unzusammenhängend sind. --
+
+Es genügt indessen am Ende wohl, zu sagen, daß, bald nachdem Kreisler
+in die Stelle seines verstorbenen Oheims getreten, und Legationsrat
+geworden, ehe man sich's versah, ein gewaltiger gekrönter Koloß den
+Fürsten in der Residenz heimsuchte, und ihn als seinen besten Freund so
+innig und herzlich in seine eisernen Arme schloß, daß der Fürst darüber
+den besten Teil seines Lebensatems verlor. Der Gewaltige hatte in seinem
+Tun und Wesen etwas ganz Unwiderstehliches, und so kam es, daß seine
+Wünsche befriedigt werden mußten, sollte auch, wie es wirklich geschah,
+darüber alles in Not und Verwirrung geraten. Manche fanden die
+Freundschaft des Gewaltigen etwas verfänglich, wollten sich wohl gar
+dagegen auflehnen, gerieten aber selbst darüber in das verfängliche
+Dilemma, entweder die Vortrefflichkeit jener Freundschaft anzuerkennen,
+oder außerhalb Landes einen andern Standpunkt zu suchen, um vielleicht
+den Gewaltigen im richtigeren Licht zu erblicken.
+
+Kreisler befand sich unter diesen.
+
+Trotz seines diplomatischen Charakters hatte Kreisler geziemliche
+Unschuld konserviert, und eben deshalb gab es Augenblicke, in denen er
+nicht wußte, wozu sich entschließen. Eben in einem solchen Augenblick
+erkundigte er sich bei einer hübschen Frau in tiefer Trauer, was sie
+überhaupt von Legationsräten halte? Sie erwiderte vieles in zierlichen,
+artigen Worten; am Ende kam aber so viel heraus, daß sie von einem
+Legationsrat gar nicht viel halten könne, sobald er sich auf
+enthusiastische Weise mit der Kunst beschäftige, ohne sich ihr ganz
+zuzuwenden.
+
+»Vortrefflichste der Witwen, sprach darauf Kreisler, ich reiße aus!«
+
+Als er bereits Reisestiefel angezogen und mit dem Hute in der Hand sich
+empfehlen wollte, nicht ohne Rührung und gehörigen Abschiedsschmerz,
+steckte ihm die Witwe den Ruf zur Kapellmeisterstelle bei dem
+Großherzog, der das Ländchen des Fürsten Irenäus verspeist, in die
+Tasche.
+
+Kaum ist es nötig, hinzuzufügen, daß die Dame in Trauer niemand anders
+war, als die Rätin Benzon, die eben des Rates verlustig geworden, da der
+Gemahl verstorben.
+
+Merkwürdigerweise trug es sich zu, daß die Benzon eben zu der Zeit
+als --
+
+=(M. f. f.)= -- Ponto geradezu auf das Brot und Würste feilhaltende
+Mädchen loshüpfte, die mich, da ich freundlich bei ihr zulangte, beinahe
+tot geschlagen. »Mein Pudel Ponto, mein Pudel Ponto, was tust du, nimm
+dich in acht, hüte dich vor der herzlosen Barbarin, vor dem
+rachedürstenden Wurstprinzip! -- So rief ich hinter Ponto her -- ohne
+auf mich zu achten, setzte er aber seinen Weg fort -- und ich folgte in
+der Ferne, um, sollte er in Gefahr geraten, mich gleich aus dem Staube
+machen zu können. -- Vor dem Tisch angekommen, richtete sich Ponto auf
+den Hinterfüßen in die Höhe -- und tänzelte in den zierlichsten Sprüngen
+um das Mädchen her, die sich darüber gar sehr erfreute. Sie rief ihn an
+sich, er kam, legte den Kopf in ihren Schoß, sprang wieder auf, bellte
+lustig, hüpfte wieder um den Tisch, schnupperte bescheiden, und sah dem
+Mädchen freundlich in die Augen.
+
+»Willst du ein Würstchen, artiger Pudel?« So fragte das Mädchen, und als
+nun Ponto anmutig schwänzelnd laut aufjauchzte, nahm sie zu meinem nicht
+geringen Erstaunen eine der schönsten, größten Würste, und reichte sie
+dem Ponto dar. Dieser tanzte wie zur Danksagung noch ein kurzes Ballett,
+und eilte dann zu mir mit der Wurst, die er mit den freundlichen Worten
+hinlegte: »Da, iß, erquicke dich Bester!« Nachdem ich die Wurst
+verzehrt, lud mich Ponto ein, ihm zu folgen, er wolle mich zurückführen
+zum Meister Abraham.
+
+Wir gingen langsam nebeneinander her, so daß es uns nicht schwer fiel,
+wandelnd, vernünftige Gespräche zu führen.
+
+»Ich seh' es wohl ein, (so begann ich die Unterredung) daß du, geliebter
+Ponto, es viel besser verstehst, in der Welt fortzukommen, als ich.
+Nimmermehr würd' es mir gelungen sein, das Herz jener Barbarin zu
+rühren, welches dir so ungemein leicht wurde. Doch verzeih! -- In deinem
+ganzen Benehmen gegen die Wurstverkäuferin lag doch etwas, wogegen mein
+innerer mir angeborner Sinn sich auflehnt. Eine gewisse unterwürfige
+Schmeichelei, ein Verleugnen des Selbstgefühls, der edleren Natur
+-- nein! guter Pudel, nicht entschließen könnte ich mich, so freundlich
+zu tun, so mich außer Atem zu setzen mit angreifenden Manövers, so recht
+demütig zu betteln, wie du es tatest. Bei dem stärksten Hunger, oder
+wenn mich ein Appetit nach etwas Besonderem anwandelt, begnüge ich mich,
+hinter den Meister auf den Stuhl zu springen, und meine Wünsche durch
+ein sanftes Knurren anzudeuten. Und selbst dies ist mehr Erinnerung an
+die übernommene Pflicht, für meine Bedürfnisse zu sorgen, als Bitte um
+eine Wohltat.
+
+Ponto lachte laut auf, als ich dies gesprochen und begann dann: O Murr,
+mein guter Kater, du magst ein tüchtiger Literatus sein und dich wacker
+auf Dinge verstehen, von denen ich gar keine Ahnung habe, aber von dem
+eigentlichen Leben weißt du gar nichts, und würdest verderben, da dir
+alle Weltklugheit gänzlich abgeht. -- Fürs erste würdest du vielleicht
+anders geurteilt haben, ehe du die Wurst genossen, denn hungrige Leute
+sind viel artiger und fügsamer, als satte, dann aber bist du rücksichts
+meiner sogenannten Unterwürfigkeit in großem Irrtum. Du weißt ja, daß
+das Tanzen und Springen mir großes Vergnügen macht, so, daß ich es oft
+auf meine eigene Hand unternehme. Treibe ich nun, eigentlich nur zu
+meiner Motion, meine Künste vor den Menschen, so macht es mir ungemeinen
+Spaß, daß die Toren glauben, ich täte es aus besonderm Wohlgefallen an
+ihrer Person, und nur um ihnen Lust und Freude zu erregen. Ja sie
+glauben das, sollte auch eine andere Absicht ganz klar sein. Du hast,
+Geliebter! das lebendige Beispiel davon soeben erfahren. Mußte das
+Mädchen nicht gleich einsehen, daß es mir nur um eine Wurst zu tun war,
+und doch geriet sie in volle Freude, daß ich ihr, der Unbekannten, meine
+Künste vormachte, als einer Person, die dergleichen zu schätzen
+vermögend, und eben in dieser Freude tat sie das, was ich bezweckte. Der
+Lebenskluge muß es verstehen, allem, was er bloß seinetwegen tut, den
+Anschein zu geben, als täte er es um anderer willen, die sich dann hoch
+verpflichtet glauben, und willig sind zu allem, was man bezweckte.
+Mancher erscheint gefällig, dienstfertig, bescheiden, nur den Wünschen
+anderer lebend, und hat nichts im Auge, als sein liebes Ich, dem die
+andern dienstbar sind, ohne es zu wissen. Das, was du also unterwürfige
+Schmeichelei zu nennen beliebst, ist nichts als weltkluges Benehmen, das
+in der Erkenntnis und der foppenden Benutzung der Torheit anderer seine
+eigentlichste Basis findet.
+
+O Ponto, erwiderte ich, du bist ein Weltmann, das ist gewiß, und ich
+wiederhole, daß du dich auf das Leben besser verstehst als ich, aber dem
+unerachtet kann ich kaum glauben, daß deine seltsamen Künste dir selbst
+Vergnügen machen sollten. Wenigstens ist mir das entsetzliche Kunststück
+durch Mark und Bein gegangen, als du in meiner Gegenwart deinem Herrn
+ein schönes Stück Braten apportiertest, es sauber zwischen den Zähnen
+haltend, und nicht eher einen Bissen davon genossest, bis dein Herr dir
+die Erlaubnis zuwinkte.
+
+Sage mir doch, guter Murr, fragte Ponto, was sich nachher begab!
+
+Beide, erwiderte ich, dein Herr und Meister Abraham lobten dich über
+alle Maßen, und setzten dir einen ganzen Teller mit Braten hin, den du
+mit erstaunlichem Appetit verzehrtest.
+
+Nun also, bester Kater, fuhr Ponto fort, glaubst du wohl, daß, hätt'
+ich apportierend das kleine Stück Braten gefressen, daß ich dann eine
+solch reichliche Portion, und überhaupt Braten erhalten? Lerne, o
+unerfahrner Jüngling! daß man kleine Opfer nicht scheuen darf, um Großes
+zu erreichen. Mich wundert's, daß bei deiner starken Lektüre dir nicht
+bekannt worden, was es heißt, die Wurst nach der Speckseite werfen.
+-- Pfote aufs Herz, muß ich dir gestehen, daß, träf' ich einsam im Winkel
+einen ganzen schönen Braten an, ich ihn ganz gewiß verzehren würde, ohne
+auf die Erlaubnis meines Herrn zu warten, könnt' ich das nur unbelauscht
+vollbringen. Es liegt nun einmal in der Natur, daß man im Winkel ganz
+anders handelt, als auf offener Straße. Übrigens ist es auch ein aus
+tiefer Weltkenntnis geschöpfter Grundsatz, daß es ratsam ist, in
+Kleinigkeiten ehrlich zu sein.
+
+Ich schwieg einige Augenblicke, über Pontos geäußerte Grundsätze
+nachdenkend; mir fiel ein, irgendwo gelesen zu haben, ein jeder müsse so
+handeln, daß seine Handlungsweise als allgemeines Prinzip gelten könne,
+oder wie er wünsche, daß alle rücksichts seiner handeln möchten, und
+bemühte mich vergebens, dies Prinzip mit Pontos Weltklugheit in
+Übereinstimmung zu bringen. Mir kam in den Sinn, daß alle Freundschaft,
+die mir Ponto in dem Augenblick erzeigte, wohl auch gar zu meinem
+Schaden nur seinen eignen Vorteil bezwecken könne, und ich äußerte dies
+unverholen.
+
+Kleiner Schäker, rief Ponto lachend, von dir ist gar nicht die Rede!
+-- Du kannst mir keinen Vorteil gewähren, keinen Schaden verursachen. Um
+deine toten Wissenschaften beneide ich dich nicht, dein Treiben ist
+nicht das meinige, und solltest du dir es etwa beikommen lassen,
+feindliche Gesinnungen gegen mich zu äußern, so bin ich dir an Stärke
+und Gewandheit überlegen. Ein Sprung, ein tüchtiger Biß meiner scharfen
+Zähne, würde dir auf der Stelle den Garaus machen.
+
+Mich wandelte eine große Furcht an vor meinem eignen Freunde, die sich
+vermehrte, als ein großer schwarzer Pudel ihn freundlich nach
+gewöhnlicher Art begrüßte, und beide, mich mit glühenden Augen
+anblickend, leise miteinander sprachen.
+
+Die Ohren angekniffen, drückte ich mich an die Seite, doch bald sprang
+Ponto, den der Schwarze verlassen, wieder auf mich zu, und rief: Komm
+nur, mein Guter!
+
+»Ach Himmel, fragte ich in der Bestürzung, wer war denn der ernste Mann,
+der vielleicht ebenso weltklug als du?«
+
+»Ich glaube gar, erwiderte Ponto, du fürchtest dich vor meinem guten
+Oheim, dem Pudel Skaramuz? Ein Kater bist du schon, und willst nun gar
+ein Hase werden. --«
+
+»Aber, sprach ich, warum warf der Oheim mir solche glühende Blicke zu,
+und was flüstertet ihr so heimlich, so verdächtig miteinander? --«
+
+»Nicht verhehlen will ich's dir, mein guter Murr, erwiderte Ponto, daß
+mein alter Oheim etwas mürrisch ist, und wie es denn nun bei alten
+Leuten gewöhnlich der Fall, an verjährten Vorurteilen hängt. Er wunderte
+sich über unser Beisammensein, da die Ungleichheit unsers Standes jede
+Annäherung verbieten müsse. Ich versicherte, daß du ein junger Mann von
+vieler Bildung und angenehmem Wesen wärst, der mich bisweilen sehr
+belustige. Da meinte er, dann könne ich mich wohl dann und wann einsam
+mit dir unterhalten, nur solle ich's mir nicht etwa einfallen lassen,
+dich mitzubringen in eine Pudelassemblee, da du nun und nimmermehr
+assembleefähig werden könntest, schon deiner kleinen Ohren halber, die
+nur zu sehr deine niedere Abkunft verrieten, und von tüchtigen
+großgeohrten Pudeln durchaus für unanständig geachtet würden.
+
+Ich versprach das.«
+
+Hätt' ich schon damals etwas gewußt von meinem großen Ahnherrn, dem
+gestiefelten Kater, der Ämter und Würden erlangte, dem Busenfreunde
+König Gottliebs, ich würde dem Freunde Ponto sehr leicht bewiesen haben,
+daß jede Pudelassemblee sich geehrt fühlen müsse durch die Gegenwart
+eines Abkömmlings aus der illustersten Familie; so mußte ich, aus der
+Obskurität noch nicht hervorgetreten, es aber leiden, daß beide,
+Skaramuz und Ponto, sich über mich erhaben dünkten. -- Wir schritten
+weiter fort. Dicht vor uns wandelte ein junger Mann, der trat mit einem
+lauten Ausruf der Freude so schnell zurück, daß er mich, sprang ich
+nicht schnell zur Seite, schwer verletzt haben würde. Ebenso laut schrie
+ein anderer junger Mann, der, die Straße herab, jenem entgegenkam. Und
+nun stürzten sich beide in die Arme, wie Freunde, die sich lange nicht
+gesehen, und wandelten dann eine Strecke vor uns her, Hand in Hand, bis
+sie still standen und, ebenso zärtlich voneinander Abschied nehmend,
+sich trennten. Der, der vor uns hergeschritten, sah dem Freunde lange
+nach und schlüpfte dann schnell in ein Haus hinein. Ponto stand still,
+ich desgleichen. Da wurde im zweiten Stock des Hauses, in das der junge
+Mann getreten, ein Fenster geöffnet, ein bildhübsches Mädchen schaute
+heraus; hinter ihr stand der junge Mann, und beide lachten sehr, dem
+Freunde nachschauend, von dem sich der junge Mann soeben getrennt. Ponto
+sah herauf, und murmelte etwas zwischen den Zähnen, welches ich nicht
+verstand.
+
+Warum weilst du hier, lieber Ponto, wollen wir nicht weitergehen? So
+fragte ich, Ponto ließ sich aber nicht stören, bis er nach einigen
+Augenblicken heftig den Kopf schüttelte, und dann schweigend den Weg
+fortsetzte.
+
+Laß uns, sprach er, als wir auf einen mit Bäumen umgebenen, mit Statuen
+verzierten, anmutigen Platz gelangten, hier ein wenig verweilen, guter
+Murr. Mir kommen jene beiden jungen Männer, die sich so herzlich auf der
+Straße umarmten, nicht aus dem Sinn. Es sind Freunde, wie Damon und
+Pylades.
+
+Damon und Pythias, verbesserte ich, Pylades war der Freund des Orestes,
+den er jedesmal getreulich im Schlafrock zu Bette brachte, und mit
+Kamillentee bediente, wenn die Furien und Dämonen dem armen Mann zu hart
+zugesetzt. Man merkt, guter Ponto, daß du in der Geschichte nicht
+sonderlich bewandert.
+
+Gleichviel, fuhr der Pudel fort, aber die Geschichte von den beiden
+Freunden weiß ich sehr genau, und will sie dir erzählen mit allen
+Umständen, so wie ich sie zwanzigmal von meinem Herrn erzählen hörte.
+Vielleicht wirst du neben Damon und Pythias, Orestes und Pylades, als
+drittes Paar, Walter und Formosus nennen. Formosus ist nämlich derselbe
+junge Mann, der dich beinahe zu Boden getreten, in der Freude, seinen
+geliebten Walter wiederzusehen. -- Dort in dem schönen Hause mit den
+hellen Spiegelfenstern wohnt der alte steinreiche Präsident, bei dem
+sich Formosus durch seinen leuchtenden Verstand, durch seine Gewandheit,
+durch sein glänzendes Wissen, so einzuschmeicheln wußte, daß er dem
+Alten bald war, wie der eigene Sohn. Es begab sich, daß Formosus
+plötzlich all' seine Heiterkeit verlor, daß er blaß aussah und
+kränklich, daß er in einer Viertelstunde zehnmal aus tiefer Brust
+aufseufzte, als wolle er sein Leben aushauchen, daß er, ganz in sich
+gekehrt, ganz in sich verloren, für nichts in der Welt mehr seine Sinne
+aufschließen zu können schien. -- Lange Zeit hindurch drang der Alte
+vergebens in den Jüngling, daß er ihm die Ursache seines geheimen
+Kummers entdecken möge; endlich kam es heraus, daß er bis zum Tode
+verliebt war in des Präsidenten einzige Tochter. Anfangs erschrak der
+Alte, der mit seinem Töchterlein ganz andere Dinge im Sinne haben
+mochte, als sie an den rang- und amtlosen Formosus zu verheiraten, als
+er aber den armen Jüngling immer mehr und mehr hinwelken sah, ermannte
+er sich und fragte Ulriken, wie ihr der junge Formosus gefalle, und ob
+er ihr schon etwas von seiner Liebe gesagt? -- Ulrike schlug die Augen
+nieder, und meinte, erklärt habe sich der junge Formosus zwar gar nicht
+gegen sie, aus lauter Zurückhaltung und Bescheidenheit, aber gemerkt
+habe sie wohl längst, daß er sie liebe, denn so was sei wohl zu
+bemerken. Übrigens gefalle ihr der junge Formosus recht wohl, und wenn
+sonst dem nichts im Wege stände, und wenn der Herzenspapa nichts dagegen
+habe, und -- kurz, Ulrike sagte alles, was Mädchen bei derlei
+Gelegenheit zu sagen pflegen, die nicht mehr in der ersten vollsten
+Blüte stehen, und fleißig denken: Wer wird der sein, der dich heimführt?
+-- Darauf sprach der Präsident zum Formosus: Richte dein Haupt auf, mein
+Junge! -- Sei froh und glücklich, du sollst sie haben, meine Ulrike! und
+so wurde Ulrike die Braut des jungen Herrn Formosus. Alle Welt gönnte
+dem hübschen bescheidenen Jüngling sein Glück, nur einer geriet darüber
+in Gram und Verzweiflung, und das war Walter, mit dem Formosus ein Herz
+und eine Seele aufgewachsen. Walter hatte Ulriken einigemal gesehen,
+auch wohl gesprochen, und sich in sie verliebt, vielleicht noch viel
+ärger, als Formosus! -- Doch ich rede immer von Liebe und verliebt sein,
+und weiß nicht, ob du, mein Kater, schon jemals in Liebe gewesen bist
+und also dies Gefühl kennst? Was mich betrifft, lieber Ponto, erwiderte
+ich, glaube ich nicht, daß ich schon geliebt habe oder liebe, da ich mir
+bewußt bin, noch nicht in den Zustand geraten zu sein, wie ihn mehrere
+Dichter beschreiben. Den Dichtern ist nicht allemal ganz zu trauen, nach
+dem was ich aber sonst darüber weiß und gelesen habe, muß die Liebe
+eigentlich nichts anders sein, als ein psychischer Krankheitszustand,
+der sich bei dem menschlichen Geschlecht als partieller Wahnsinn darin
+offenbart, daß man irgendeinen Gegenstand für etwas ganz anders hält,
+als was er eigentlich ist, z. B. ein kleines dickes Ding von Mädchen,
+welche Strümpfe stopft, für eine Göttin. Doch fahre nur fort, geliebter
+Pudel, in deiner Erzählung von den beiden Freunden Formosus und Walter.
+--
+
+Walter, so sprach Ponto weiter, stürzte dem Formosus an den Hals und
+sprach unter vielen Tränen: Du raubst mir das Glück meines Lebens, aber
+daß Du es bist, daß Du glücklich wirst, das ist mein Trost, lebe wohl,
+mein Geliebter, lebe wohl auf ewig! -- Darauf lief Walter in den Busch,
+wo er am dicksten war, und wollte sich totschießen. Es unterblieb aber,
+weil er in der Verzweiflung vergessen hatte, das Pistol zu laden, er
+begnügte sich daher mit einigen Ausbrüchen des Wahnsinnes, die jeden Tag
+wiederkehrten. Eines Tages trat Formosus, den er in vielen Wochen nicht
+gesehen, ganz unvermutet zu ihm herein, als er eben vor Ulrikens
+Pastellgemälde, das unter Glas und Rahmen an der Wand hing, auf den
+Knien lag und gräßlich lamentierte. -- Nein, rief Formosus, indem er den
+Walter an seine Brust drückte, ich konnte Deinen Schmerz, Deine
+Verzweiflung nicht ertragen, Dir opfere ich gern mein Glück. -- Ich habe
+Ulriken entsagt, ich habe den alten Vater dahin gebracht, daß er Dich
+zum Eidam annimmt. -- Ulrike liebt Dich, vielleicht ohne es selbst zu
+wissen. -- Bewirb Dich um sie, ich scheide. -- Lebe wohl! -- Er wollte
+fort, Walter hielt ihn fest. Es war diesem, als läge er im Traum, er
+glaubte an alles nicht früher, als bis Formosus ein eigenhändiges
+Billett des alten Präsidenten hervorzog, worin es ungefähr hieß: Edler
+Jüngling! Du hast gesiegt, ungern lasse ich Dich, aber ich ehre Deine
+Freundschaft, die dem Heroismus gleicht, von welchem man in den alten
+Skribenten lieset. Mag Herr Walter, der ein Mann ist von löblichen
+Eigenschaften und ein schönes einträgliches Amt hat, sich um meine
+Tochter Ulrike bewerben; will sie ihn ehelichen, so habe ich meinerseits
+nichts dagegen. -- Formosus verreiste wirklich, Walter bewarb sich um
+Ulriken, Ulrike wurde wirklich Walters Frau. -- Der alte Präsident
+schrieb nun nochmals an Formosus, überhäufte ihn mit Lobsprüchen und
+fragte, ob es ihm vielleicht Vergnügen machen würde, nicht etwa als
+Entschädigung, denn er wisse wohl, daß es in solchem Fall keine gebe,
+sondern nur als ein geringes Zeichen seiner innigen Zuneigung
+dreitausend Taler anzunehmen. Formosus antwortete, der Alte kenne die
+Geringfügigkeit seiner Bedürfnisse, Geld mache, könne ihn nicht
+glücklich machen, und nur die Zeit ihn trösten über einen Verlust, an
+dem niemand schuld sei als das Schicksal, welches in der Brust des
+teuren Freundes die Liebe zu Ulriken entzündet, und nur dem Schicksal
+sei er gewichen, von irgendeiner edlen Tat daher gar nicht die Rede.
+Übrigens nehme er das Geschenk unter der Bedingung, daß der Alte es
+einer armen Witwe, die da und da mit einer tugendhaften Tochter in
+trostlosem Elende lebe, zuwende. Die Witwe wurde ausfindig gemacht und
+erhielt die dem Formosus zugedachten dreitausend Reichstaler. Bald
+darauf schrieb Walter dem Formosus: Ich kann nicht mehr leben ohne Dich,
+kehre zurück in meine Arme! -- Formosus tat es und erfuhr, als er
+gekommen, daß Walter seinen schönen einträglichen Posten aufgegeben,
+unter der Bedingung, daß Formosus, der sich längst einen ähnlichen
+gewünscht, ihn erhalte. Formosus erhielt den Posten wirklich und geriet,
+rechnete man die getäuschte Hoffnung rücksichts der Heirat mit Ulriken
+ab, in die behaglichste Lage. Stadt und Land erstaunte über den
+Wettstreit des Edelmuts beider Freunde, ihre Tat wurde als Nachklang aus
+einer längst vergangenen schöneren Zeit vernommen, als Beispiel
+aufgestellt eines Heroismus, dessen nur hohe Geister fähig.
+
+In der Tat, begann ich, als Ponto schwieg, nach allem, was ich gelesen,
+müssen Walter und Formosus edle kräftige Menschen sein, die in treuer
+Aufopferung für einander nichts von deiner gerühmten Weltklugheit
+wissen.
+
+Hm, erwiderte Ponto hämisch lächelnd, es kommt darauf an! -- Ein paar
+Umstände, von denen die Stadt keine Notiz genommen, und die ich zum Teil
+von meinem Herrn erfahren, teils selbst belauscht habe, sind noch
+nachzuholen. -- Mit der Liebe des Herrn Formosus zu der reichen
+Präsidententochter muß es doch nicht so arg gewesen sein, wie der Alte
+glaubte, denn im höchsten Stadium dieser tötenden Leidenschaft unterließ
+der junge Mann nicht, nachdem er den Tag über verzweifelt, jeden Abend
+eine hübsche niedliche Putzmacherin zu besuchen. Als Ulrike nun aber
+seine Braut worden, fand er bald, daß das engelsmilde Fräulein das eigne
+Talent besaß, sich bei schicklicher Gelegenheit plötzlich in einen
+kleinen Satan zu verwandeln. Außerdem kam ihm aus sicherer Quelle die
+verdrießliche Nachricht zu, daß Fräulein Ulrike in der Residenz, was
+Liebe und Liebesglück betrifft, ganz besondere Erfahrungen gemacht, und
+nun ergriff ihn plötzlich ein unwiderstehlicher Edelmut, vermöge dessen
+er die reiche Braut dem Freunde abtrat. Walter hatte sich in seltsamer
+Verwirrung in Ulriken, die er an öffentlichen Orten im höchsten Glanz
+aller Toilettenkünste gesehen, wirklich verliebt, und Ulriken ihrerseits
+war es ziemlich einerlei, wer von beiden sich ihr als Gemahl anheftete,
+Formosus oder Walter. Dieser hatte auch wirklich ein schönes
+einträgliches Amt, bei dessen Verwaltung aber solche krause Streiche
+gemacht, daß er der Entsetzung binnen weniger Zeit entgegensehen mußte.
+Er zog es vor, früher zugunsten seines Freundes den Abschied zu nehmen
+und so durch einen Akt, der alle Kennzeichen der edelsten Gesinnung
+trug, seine Ehre zu retten. Die dreitausend Taler wurden in guten
+Papieren einer alten, sehr anständigen Frau eingehändigt, die zuweilen
+die Mutter, zuweilen die Muhme, zuweilen die Aufwärterin jener hübschen
+Putzmacherin vorstellte. Bei diesem Geschäft erschien sie in doppelter
+Gestalt. Erst bei dem Empfang des Geldes als Mutter, dann, als sie das
+Geld überbrachte und einen guten Tragelohn empfing, als Aufwärterin des
+Mädchens, die du kennst, lieber Murr, da sie eben erst mit dem Herrn
+Formosus zum Fenster hinausschaute. -- Übrigens wissen beide, Formosus
+und Walter längst, auf welche Weise sie sich in edelmütiger Gesinnung
+überboten, sie haben sich, um wechselseitigen Lobeserhebungen
+auszuweichen, lange vermieden, und deshalb waren ihre heutigen
+Begrüßungen, als der Zufall sie auf der Straße zusammenführte, so
+herzlich. --
+
+In dem Augenblick entstand ein fürchterlicher Lärm. Die Menschen liefen
+durcheinander, schrien Feuer! -- Feuer! Reiter sprengten durch die
+Straßen -- Wagen rasselten. -- Aus den Fenstern eines Hauses, unfern von
+uns, strömten Rauchwolken und Flammen. -- Ponto sprang schnell vorwärts,
+ich aber in der Angst kletterte eine hohe Leiter hinauf, die an ein Haus
+gelehnt, und befand mich bald auf dem Dache in voller Sicherheit.
+Plötzlich kam mir --
+
+=(Mak. Bl.)= -- ganz unvermutet über den Hals, sprach Fürst Irenäus, ohne
+Anfrage des Hofmarschalls, ohne Vorwort des diensttuenden Kammerherrn,
+beinahe -- ich sag' Euch das unter uns, Meister Abraham, bringt es nicht
+etwa unter die Leute -- beinahe unangemeldet -- keine Liverei in den
+Vorzimmern. Die Esel spielten Brausebart im Vestibule. Spielen ist ein
+großes Laster. Schon in die Türe getreten erwischte ihn der Tafeldecker,
+der zum Glück gerade durchging, beim Rockschoß und fragte, wer der Herr
+sei, und wie er ihn dem Fürsten servieren solle. Aber er hat mir wohl
+gefallen, es ist ein ganz artiger Mensch. Sagtet Ihr nicht, daß er sonst
+nichts weniger gewesen wäre, als ein purer simpler Musikant? -- sogar
+von einigem Stande? --
+
+Meister Abraham versicherte, daß Kreisler allerdings sonst in ganz
+anderen Verhältnissen gelebt, die es ihm sogar vergönnt an der
+fürstlichen Tafel zu speisen, und daß nur der verwüstende Sturm der Zeit
+ihn aus diesen Verhältnissen vertrieben. Übrigens wünsche er aber, daß
+der Schleier den er über die Vergangenheit geworfen, unverrückt liegen
+bleiben möge.
+
+Also, nahm der Fürst das Wort, von Adel, vielleicht Baron -- Graf
+-- vielleicht gar -- Nun man muß nicht zu weit gehen in träumerischer
+Hoffnung! -- Ich habe ein Faible für dergleichen Mysterien! Es war eine
+schöne Zeit nach der französischen Revolution als Marquis Siegellack
+fabrizierten und Comtes Nachtmützen strickten von Filet, und nichts sein
+wollten als simple Monsieurs, und man sich erlustigte auf dem großen
+Maskenball. -- Ja, was den Herrn von Kreisler betrifft! -- Die Benzon
+versteht sich auf so etwas, sie rühmte ihn, sie empfahl mir ihn, sie hat
+recht. An der Manier den Hut unter dem Arm zu halten, erkannte ich
+gleich den Mann von Bildung von feinem geläuterten Ton.
+
+Der Fürst setzte noch einiges Lob über Kreisler's äußere Erscheinung
+hinzu, so daß Meister Abraham überzeugt war, sein Plan müsse gelingen.
+Er hatte nämlich im Sinn, den Herzensfreund dem eingebildeten Hofstaat
+einzuschieben als Kapellmeister, und ihn so in Sieghartsweiler
+festzuhalten. Als er nun aber auf's neue davon sprach, erwiderte der
+Fürst ganz entschieden, daß daraus ganz und gar nichts werden könne.
+
+Sagt selbst, fuhr er dann fort, Meister Abraham, ob es möglich sein
+würde den angenehmen Mann in meinen engeren Familienkreis zu ziehen,
+wenn ich ihn zum Kapellmeister, und so zu meinem Offizianten mache?
+-- Ich könnte ihm eine Hofcharge verleihen, und ihn zum _Maître de
+Plaisirs_ oder _des Spectacles_ machen, aber der Mann versteht die Musik
+aus dem Grunde, und ist auch, wie Ihr sagt, im Theaterwesen wohl
+erfahren. Nun weiche ich aber nicht ab von dem Grundsatz meines höchst
+seligen in Gott ruhenden Herrn Vaters, der immer behauptete, besagter
+Maitre müsse um des Himmels willen sich auf die Sachen, deren Maitre er
+repräsentiere, nicht verstehen, da er sich sonst gar zu sehr darum
+bekümmere, und sich viel zu sehr für die Menschen, die dabei
+beschäftigt, als da sind Schauspieler, Musikanten u. s. w.,
+interessiere. -- Also dafür behalte Herr von Kreisler die Maske des
+fremden Kapellmeisters, und schreite damit hinein in die inneren
+Gemächer des fürstlichen Hauses nach dem Beispiel eines hinlänglich
+vornehmen Mannes, der vor einiger Zeit in der freilich verwerflichen
+Maske eines schnöden Histrionen die auserlesensten Zirkel mit den
+anmutigsten Faxen amüsierte.
+
+Und da Ihr gewissermaßen, rief der Fürst dem Meister Abraham, der sich
+fortbegeben wollte, zu, den _Chargé d'affaires_ des Herrn von Kreisler zu
+machen scheinet, so will ich es Euch nicht verhehlen, daß nur zwei Dinge
+mir nicht recht an ihm gefallen wollen, die vielleicht mehr Gewohnheiten
+sind, als wirkliche Dinge. -- Ihr versteht schon, wie ich das meine.
+-- Fürs erste starrt er mir, wenn ich mit ihm spreche, geradezu ins
+Antlitz. Ich habe doch konsiderable Augen, kann fürchterlich daraus
+blitzen, wie weiland Friedrich der Große, kein Kammerjunker, kein Page
+wagt es aufzuschauen, wenn ich den entsetzlichen Blick auf ihn schießend
+frage, ob das _mauvais sujet_ schon wieder Schulden gemacht, oder den
+Marzipan aufgefressen, aber der Herr von Kreisler, den mag ich
+anblitzen, wie ich will, er macht sich gar nichts daraus, sondern
+lächelt mich an auf eine Weise, daß -- ich selbst die Augen
+niederschlagen muß. Dann hat der Mann eine solche besondere Art zu
+sprechen, zu antworten, das Gespräch fortzuführen, daß man zuweilen
+ordentlich glaubt, das, was man selbst gesagt, sei eben nicht sonderlich
+gewesen, man wäre gewissermaßen ein _Be--_. Beim St. Januar, Meister, das
+ist ganz unausstehlich, und Ihr müßt dafür sorgen, daß Herr von Kreisler
+sich diese Dinge oder Gewohnheiten abgewöhne.
+
+Meister Abraham versprach zu tun, was Fürst Irenäus von ihm verlangte,
+und wollte aufs neue davon, da erwähnte der Fürst noch des besonderen
+Widerwillens, den Prinzessin Hedwige gegen den Kreisler geäußert, und
+meinte, daß das Kind seit einiger Zeit von seltsamen Träumen und
+Einbildungen geplagt werde, weshalb der Leibarzt die Molkenkur zum
+nächsten Frühjahr angeraten. Hedwiga sei nämlich jetzt auf den
+sonderbaren Gedanken geraten, daß Kreisler dem Tollhause entsprungen,
+und allerlei Unheil anrichten werde bei nächster Gelegenheit.
+
+Sagt, sprach der Fürst, sagt Meister Abraham, ob der vernünftige Mann
+wohl nur die mindeste Spur der Geisteszerrüttung an sich trägt? Abraham
+erwiderte, daß Kreisler zwar ebensowenig verrückt sei, als er selbst,
+jedoch sich zuweilen etwas seltsam gebärde, und in einen Zustand gerate,
+der beinahe dem des Prinzen Hamlet zu vergleichen, dadurch aber nur um
+so interessanter werde. -- Soviel wie ich weiß, nahm der Fürst das Wort,
+war der junge Hamlet ein vortrefflicher Prinz aus einem alten
+angesehenen Regentenhause, der sich nur zu Zeiten mit der sonderbaren
+Idee herumtrug, daß sämtliche Hofleute sich auf das Flötenblasen
+verstehen sollten. Hohen Personen steht es wohl an, auf Seltsames zu
+verfallen, es vermehrt den Respekt. Was bei dem Mann ohne Rang und Stand
+eine Absurdität zu nennen, ist bei ihnen bloß die angenehme Kapriole
+eines ungemeinen Geistes, welche Staunen erregen muß, und Bewunderung.
+-- Herr von Kreisler sollte fein im geraden Wege bleiben, will er aber
+durchaus den Prinzen Hamlet imitieren, so ist das ein schönes Streben
+nach dem Höhern, vielleicht veranlaßt durch seine überwiegende Neigung
+zu den musikalischen Studien. Man mag es ihm verzeihen, wenn er
+bisweilen sich wunderlich betragen will. --
+
+Es schien, als wenn Meister Abraham heute nun einmal nicht aus dem
+Zimmer des Fürsten kommen sollte; denn wiederum rief der Fürst ihn
+zurück, als er schon die Türe geöffnet, und verlangte zu wissen, woher
+der seltsame Widerwille der Prinzessin Hedwiga gegen den Kreisler wohl
+rühren möge. Meister Abraham erzählte die Art, wie Kreisler der
+Prinzessin und Julien zum erstenmal im Park zu Sieghartshof erschienen
+und meinte, daß die aufgeregte Stimmung, in der der Kapellmeister damals
+gewesen, auf eine Dame von zarten Nerven wohl habe feindlich wirken
+müssen.
+
+Der Fürst gab mit einiger Heftigkeit zu erkennen, wie er hoffe, daß Herr
+von Kreisler nicht wirklich zu Fuße nach Sieghartshof gekommen, sondern
+daß der Wagen hier oder dort im breiten Fahrwege des Parks gehalten, da
+nur gemeine Abenteurer zu Fuße zu reisen pflegten.
+
+Meister Abraham meinte, daß man zwar das Beispiel eines tapfern
+Offiziers vor Augen habe, der von Leipzig nach Syrakus gelaufen, ohne
+sich ein einziges Mal die Stiefel versohlen zu lassen, was aber den
+Kreisler betreffe, so sei er überzeugt, daß ein Wagen wirklich im Park
+gehalten. -- Der Fürst war zufrieden. --
+
+Während sich dies im Gemach des Fürsten begab, saß Johannes bei der
+Rätin Benzon vor dem schönsten Flügel, den jemals die kunstreiche
+Nannette Streicher gebaut, und begleitete Julien das große
+leidenschaftliche Rezitativ der Klytämnestra aus Glucks Iphigenia in
+Aulis. --
+
+Gegenwärtiger Biograph ist leider genötigt, seinen Helden, soll das
+Porträt richtig sein, als einen extravaganten Menschen darzustellen,
+der, vorzüglich was die musikalische Begeisterung betrifft, oft dem
+ruhigen Beobachter beinahe wie ein Wahnsinniger erscheint. Er hat ihm
+schon die ausschweifende Redensart nachschreiben müssen, daß, »als Julia
+sang, aller sehnsüchtige Schmerz der Liebe, alles Entzücken süßer
+Träume, die Hoffnung, das Verlangen, durch den Wald wogte und niederfiel
+wie erquickender Tau in die duftenden Blumenkelche, in die Brust
+horchender Nachtigallen.« Kreislers Urteil über Julias Gesang scheint
+hiernach eben nicht von sonderlichem Wert. Versichern kann aber
+bemeldeter Biograph bei dieser Gelegenheit dem günstigen Leser, daß
+Julias Gesang, den er, dem Himmel sei's geklagt, niemals selbst hörte,
+etwas Geheimnisvolles, etwas ganz Wunderbares, in sich getragen haben
+muß. Ungemein solide Leute, die sich erst seit kurzer Zeit den Zopf
+wegschneiden lassen, die, nachdem sie einen tüchtigen Rechtsfall, eine
+malitiös merkwürdige Krankheit, oder einen jungen Ankömmling von
+Straßburger Pastete, gehörig erprobt, der Umgang mit Gluck, Mozart,
+Beethoven, Spontini im Theater nicht im mindesten aus der schicklichen
+Seelenruhe brachte, ja solche Leute haben oft versichert, daß, sänge das
+Fräulein Julia Benzon, ihnen ganz absonderlich zu Mute würde, sie
+könnten gar nicht sagen, wie. Eine gewisse Beklommenheit, die ihnen denn
+doch ein unbeschreibliches Wohlbehagen errege, bemächtige sich ihrer
+ganz und gar, und oft kämen sie auf den Punkt, Narrenstreiche zu machen,
+und sich zu gebärden, wie junge Phantasten und Versmacher. Anzuführen
+ist auch ferner, daß einmal, als Julia bei Hofe sang, Fürst Irenäus
+vernehmlich ächzte, und als der Gesang geendet, geradezu losschritt auf
+Julien, ihre Hand an den Mund drückte und dabei sehr weinerlich sprach:
+bestes Fräulein! -- Der Hofmarschall wagte zu behaupten, Fürst Irenäus
+habe der kleinen Julia wirklich die Hand geküßt, und dabei wären ihm ein
+paar Tränen aus den Augen getröpfelt. Auf Anlaß der Oberhofmeisterin,
+wurde aber diese Behauptung, als ungeziemend, und dem Wohl des Hofes
+zuwider, unterdrückt.
+
+Julia, einer vollen metallreichen, glockenreinen Stimme mächtig, sang
+mit dem Gefühl, mit der Begeisterung, die aus dem im Innersten bewegten
+Gemüt hervorströmt, und darin mochte wohl der wunderbare,
+unwiderstehliche Zauber liegen, den sie auch heute übte. Der Atem jedes
+Zuhörers stockte, als sie sang; jeder fühlte seine Brust beengt von
+süßem, namenlosem Weh, erst ein paar Augenblicke, nachher als sie
+geendet, brach das Entzücken los im stürmischen ungemessensten Beifall.
+Nur Kreisler saß da, stumm und starr, zurückgelehnt in den Sessel: dann
+stand er leise und langsam auf, Julia wandte sich zu ihm mit einem
+Blick, der deutlich fragte: war es denn auch wohl so recht? -- Errötend
+schlug sie aber die Augen nieder, als Kreisler, die Hand aufs Herz
+legend, mit zitternder Stimme lispelte: Julia! und dann mit gebücktem
+Haupte mehr schlich als ging hinter den Kreis, den die Damen
+geschlossen.
+
+Mit Mühe hatte die Rätin Benzon Prinzessin Hedwiga dahin vermocht, in
+der Abendgesellschaft zu erscheinen, wo sie den Kapellmeister Kreisler
+antreffen mußte. Sie gab nur nach, als die Rätin ihr sehr ernsthaft
+vorstellte, wie kindisch es sein würde, einen Mann zu meiden, bloß weil
+er nicht zu den, auf eine Art und Weise, wie Scheidemünze ausgeprägten,
+zu rechnen, sondern sich in freilich hin und wieder bizarrer
+Eigentümlichkeit darstelle. Zudem habe Kreisler auch Eingang gefunden
+bei dem Fürsten, und unmöglich würd' es daher sein, den seltsamen
+Eigensinn durchzuführen.
+
+Prinzessin Hedwiga wußte sich den ganzen Abend über so geschickt zu
+drehen und zu wenden, daß Kreisler, dem es, harmlos und gefügig, wie er
+war, wirklich galt, die Prinzessin zu versöhnen, alles Mühens
+unerachtet, sich nicht ihr nähern konnte. Den geschicktesten Manövres
+wußte sie zu begegnen mit schlauer Taktik. -- Desto mehr mußte der
+Benzon, die das alles bemerkt, es auffallen, als die Prinzessin jetzt
+plötzlich den Kreis der Damen durchbrach, und geradezu losschritt auf
+den Kapellmeister. So tief in sich versunken stand Kreisler da, daß erst
+die Anrede der Prinzessin, ob er allein denn keine Zeichen, keine Worte
+habe, für den Beifall, den Julia errungen, ihn aus dem Traume weckte.
+
+»Gnädigste,« erwiderte Kreisler mit einem Ton, der die innere Bewegung
+verriet, »nach der bewährten Meinung berühmter Schriftsteller haben die
+Seligen statt des Worts nur Gedanken und Blick. -- Ich war, glaub' ich,
+im Himmel!«
+
+»So ist, erwiderte die Prinzessin lächelnd, unsere Julia ein Engel des
+Lichts, da sie vermochte, Ihnen das Paradies zu erschließen. -- Jetzt
+bitte ich sie aber, auf einige Augenblicke den Himmel zu verlassen, und
+einem armen Erdenkinde, wie ich es nun einmal bin, Gehör zu geben.« --
+
+Die Prinzessin hielt inne, als erwarte sie, daß Kreisler etwas sage. Da
+dieser sie aber schweigend anschaute, mit leuchtendem Blick, schlug sie
+die Augen nieder, und wandte sich rasch um, so daß der leicht
+umgeworfene Shawl von den Schultern hinabwallte. Kreisler faßte ihn im
+Fallen. Die Prinzessin blieb stehen. Lassen Sie uns, sprach sie dann mit
+unsicherm, schwankendem Ton, als ringe sie mit irgendeinem Entschluß,
+als würd' es ihr schwer, es herauszusagen, was sie im Innern beschlossen
+-- lassen Sie uns von poetischen Dingen ganz prosaisch reden. Ich weiß,
+Sie geben Julien Unterricht im Gesange, und ich muß gestehen, daß sie
+seit der Zeit in Stimme und Vortrag unendlich gewann. Das gibt mir die
+Hoffnung, daß Sie imstande wären, selbst ein mittelmäßiges Talent, wie
+das meinige, zu heben. -- Ich meine daß --
+
+Die Prinzessin stockte hocherrötend, die Benzon trat hinzu, und
+versicherte, daß die Prinzessin sich selbst großes Unrecht tue, wenn sie
+ihr musikalisches Talent mittelmäßig nenne, da sie das Pianoforte
+vorzüglich spiele, und recht ausdrucksvoll singe. Kreisler, dem die
+Prinzessin, in ihrer Verlegenheit, auf einmal über alle Maßen
+liebenswürdig erschien, ergoß sich in einen Strom freundlicher
+Redensarten, und schloß damit, daß ihm nichts Glücklicheres begegnen
+könne, als wenn die Prinzessin es vergönne, ihr beizustehen im Studium
+der Musik mit Rat und Tat.
+
+Die Prinzessin hörte den Kapellmeister an mit sichtlichem Wohlgefallen,
+und als er geendet, und der Benzon Blick ihr die seltsame Scheu vor dem
+artigen Mann vorwarf, da sprach sie halbleise: ja, ja, Benzon, Sie haben
+recht, ich bin wohl oft ein kindisches Kind! -- In demselben Augenblick
+faßte sie, ohne hinzublicken, nach dem Shawl, den Kreisler noch immer in
+den Händen hielt, und den er ihr nun hinreichte. Selbst wußte er nicht,
+wie es sich begab, daß er dabei der Prinzessin Hand berührte. Aber ein
+heftiger Pulsschlag dröhnte ihm durch alle Nerven, und es war, als
+wollten ihm die Sinne vergehen. --
+
+Wie ein Lichtstrahl, der durch finstere Wolken bricht, vernahm Kreisler
+Juliens Stimme. »Ich soll, sprach sie, noch mehr singen, lieber
+Kreisler! man läßt mir keine Ruhe. -- Wohl möchte ich das schöne Duett
+versuchen, das Sie mir letzthin gebracht. Sie dürfen das, nahm die
+Benzon das Wort, meiner Julie nicht abschlagen, lieber Kapellmeister
+-- fort an den Flügel!«
+
+Kreisler keines Wortes mächtig saß am Flügel, schlug die ersten Akkorde
+des Duetts an, wie von einem seltsamen Rausch betört und befangen. Julia
+begann: _Ah che mi manca l'anima in si fatal momento._ -- -- Es ist
+nötig zu sagen, daß die Worte dieses Duetts nach gewöhnlicher italischer
+Weise ganz einfach die Trennung eines liebenden Paars aussprachen, daß
+auf _momento_ natürlicherweise _sento_ und _tormento_ gereimt war, und
+daß es wie in hundert andern Duetten ähnlicher Art, auch nicht an dem
+_Abbi pietade o cielo_ und an der _pena di morir_ fehlte. Kreisler hatte
+indessen diese Worte in der höchsten Aufregung des Gemüts, mit einer
+Inbrunst komponiert, die beim Vortrage jeden, dem der Himmel nur
+passable Ohren gegeben, unwiderstehlich hinreißen mußte. Das Duett war
+den leidenschaftlichsten dieser Art an die Seite zu stellen, und da
+Kreisler nur nach dem höchsten Ausdruck des Moments, und nicht darnach
+strebte, was eben ganz ruhig und bequem von der Sängerin aufzufassen, in
+der Intonation ziemlich schwer geraten. So kam es, daß Julia schüchtern,
+mit beinahe ungewisser Stimme, begann, und daß Kreisler eben nicht viel
+besser eintrat. Bald erhoben sich aber beide Stimmen auf den Wellen des
+Gesanges wie schimmernde Schwäne, und wollten bald mit rauschendem
+Flügelschlag emporsteigen zu dem goldnen, strahlenden Gewölk, bald in
+süßer Liebesumarmung sterbend untergehen in dem brausenden Strom der
+Akkorde, bis tief aufatmende Seufzer den nahen Tod verkündeten und das
+letzte _Addio_ in dem Schrei des wilden Schmerzes, wie ein blutiger
+Springquell herausstürzte aus der zerrissenen Brust.
+
+Niemand befand sich in dem Kreise, den das Duett nicht tief ergriffen,
+vielen standen die hellen Tränen in den Augen, selbst die Benzon
+gestand, daß sie selbst im Theater bei irgendeiner gut dargestellten
+Abschiedsszene Ähnliches noch nicht empfunden. Man überhäufte Julien und
+den Kapellmeister mit Lobsprüchen, man sprach von der wahren
+Begeisterung, die beide beseelt, und stellte die Komposition vielleicht
+noch höher, als sie es verdiente.
+
+Der Prinzessin Hedwiga hatte man während des Gesanges die innere
+Bewegung wohl angemerkt, unerachtet sie bemüht war, ruhig zu scheinen,
+ja durchaus jede Teilnahme zu verbergen. Neben ihr saß ein junges Ding
+von Hofdame mit roten Wangen, zum Weinen und Lachen gleich aufgelegt,
+der raunte sie allerlei in die Ohren, ohne daß es ihr gelang, irgend
+andere Antwort zu erhalten, als einzelne Wörter, in der Angst der
+höfischen Konvenienz ausgestoßen. Auch der Benzon, die an der andern
+Seite saß, flüsterte sie gleichgültige Dinge zu, als höre sie gar nicht
+auf das Duett, die, nach ihrer strengen Manier, bat aber die Gnädigste,
+die Unterhaltung aufzusparen bis nach geendetem Duett. Jetzt aber sprach
+die Prinzessin, im ganzen Gesicht glühend, mit blitzenden Augen, so
+laut, daß sie die Lobsprüche der ganzen Gesellschaft übertönte. »Es wird
+mir nun wohl erlaubt sein, auch meine Meinung zu sagen. Ich gebe zu, daß
+das Duett als Komposition seinen Wert haben mag, daß meine Julie
+vortrefflich gesungen hat, aber ist es recht, ist es billig, daß man im
+gemütlichen Zirkel, wo freundliche Unterhaltung oben anstehen soll, wo
+wechselseitige Anregungen Rede, Gesang, forttreiben sollen, wie einen
+zwischen Blumenbeeten sanft murmelnden Bach, daß man da extravagante
+Sachen auftischt, die das Innere zerschneiden, deren gewaltsamen
+zerstörenden Eindruck man nicht verwinden kann? Ich habe mich bemüht,
+mein Ohr, meine Brust zu verschließen dem wilden Schmerz des Orkus, den
+Kreisler mit unser leicht verletzliches Inneres verhöhnender Kunst in
+Tönen aufgefaßt hat, aber niemand war so gütig, sich meiner anzunehmen.
+Gern will ich meine Schwäche Ihrer Ironie preisgeben, Kapellmeister,
+gern will ich gestehen, daß der üble Eindruck Ihres Duetts mich ganz
+krank gemacht hat. -- Gibt es denn keinen Cimarosa, keinen Paesiello,
+deren Kompositionen recht für die Gesellschaft geschrieben sind?
+
+O Gott, rief Kreisler, indem sein Gesicht in dem mannigfaltigsten
+Muskelspiel vibrierte, wie es allemal zu geschehen pflegte, wenn der
+Humor aufstieg in dem Innern, o Gott, gnädigste Prinzessin! -- wie ganz
+bin ich ärmster Kapellmeister Ihrer gütigen gnädigen Meinung! -- Ist es
+nicht gegen alle Sitte und Kleiderordnung, die Brust mit all' der
+Wehmut, mit all' dem Schmerz, mit all' dem Entzücken, das darin
+verschlossen, anders in die Gesellschaft zu tragen, als dick verhüllt
+mit dem Fichu vortrefflicher Artigkeit und Konvenienz? Taugen denn alle
+Löschanstalten, die der gute Ton überall bereitet, taugen sie wohl was,
+sind sie wohl hinlänglich, um das Naphthafeuer zu dämpfen, das hie und
+da hervorlodern will? Spült man noch so viel Tee, noch so viel
+Zuckerwasser, noch so viel honettes Gespräch, ja noch so viel angenehmes
+Dudeldumdei hinunter, doch gelingt es diesem, jenem freveligen
+Mordbrenner, eine Congrevische Rakete ins Innere zu werfen, und die
+Flamme leuchtet empor, leuchtet und brennt sogar, welches dem puren
+Mondschein niemals geschieht! -- Ja! gnädigste Prinzessin! -- ja, ich!
+-- aller Kapellmeister hienieden unseligster, ich habe schändlich
+gefrevelt mit dem entsetzlichen Duett, das wie ein höllisches Feuerwerk
+mit allerlei Leuchtkugeln, Schwanzraketen, Schwärmern und
+Kanonenschlägen durch die ganze Gesellschaft gefahren ist, und leider
+merk' ichs, fast überall gezündet hat! -- Ha! -- Feuer -- Feuer
+-- Mordio! -- es brennt -- Spritzenhaus auf -- Wasser -- Wasser -- Hilfe
+-- rettet!
+
+Kreisler stürzte zu auf den Notenkasten, zog ihn hervor unter dem
+Flügel, öffnete ihn -- warf die Noten umher -- riß eine Partitur heraus,
+es war Paesiellos _Molinara,_ setzte sich an das Instrument, begann das
+Ritornell der bekannten hübschen Ariette: _La Rachelina, Molinarina,_ mit
+der die Müllerin auftritt. --
+
+Aber lieber Kreisler! sprach Julia ganz schüchtern und erschrocken.
+
+Doch Kreisler warf sich vor Julien nieder auf beide Knie, und flehte:
+»Teuerste, holdseligste Julia! erbarmen Sie sich der hochverehrten
+Gesellschaft, gießen Sie Trost in die hoffnungslosen Gemüter, singen Sie
+die Rachelina! -- Tun Sie es nicht, so bleibt mir nichts übrig, als mich
+hier vor Ihren sichtlichen Augen hinabzustürzen in die Verzweiflung, an
+deren Rand ich mich bereits befinde, und Sie halten den verlornen Maitre
+de la Chapelle vergebens am Rockschoß, denn indem Sie gutmütig rufen:
+Bleibe bei uns o Johannes! so ist er schon hinabgefahren zum Acheron,
+und wagt im dämonischen Shawltanz die allerzierlichsten Sprünge: darum
+singen Sie Werte!«
+
+Julia tat, wiewohl, so schien es, mit einigem Widerwillen, warum
+Kreisler sie gebeten.
+
+Sowie die Ariette geendet, begann Kreisler sofort das bekannte komische
+Duett des Notars mit der Müllerin. --
+
+Julia's Gesang, in Stimme und Methode, neigte sich ganz zum Ernsten,
+Pathetischen, demungeachtet stand ihr eine Laune zu Gebote, wenn sie
+komische Sachen vortrug, die die reizendste Liebenswürdigkeit selbst
+war. Kreisler hatte sich den seltsamen aber unwiderstehlich hinreißenden
+Vortrag der italienischen Buffi zu eigen gemacht, das ging heute aber
+beinahe bis zur Übertreibung, denn indem Kreisler's Stimme nicht
+dieselbe schien, da sie dem höchsten dramatischen Ausdruck in tausend
+Nuancen sich fügte, so schnitt er dabei auch solche absonderliche
+Gesichter, die einen Cato zum Lachen gebracht hätten.
+
+Es konnte nicht fehlen, daß alle laut aufjauchzten, losbrachen in
+schallendem Gelächter.
+
+Kreisler küßte Julien entzückt die Hand, die sie ihm ganz unmutig
+schnell wegzog. »Ach, sprach Julie, Kapellmeister, ich kann mich nun
+einmal in Ihre seltsame Launen -- abenteuerliche möcht ich sie nennen,
+ich kann mich nun einmal gar nicht darin finden! -- Dieser Todessprung
+von einem Extrem zum andern zerschneidet mir die Brust! -- Ich bitte
+Sie, lieber Kreisler, verlangen Sie nicht mehr, daß ich mit tief
+bewegtem Gemüt, wenn noch die Töne der tiefsten Wehmut widerklingen in
+meinem Innern, daß ich dann Komisches singe, sei es auch noch so artig
+und hübsch! Ich weiß es -- ich vermag es, ich setze es durch, aber es
+macht mich ganz matt und krank. -- Verlangen Sie es nicht mehr! -- nicht
+wahr, Sie versprechen mir das, lieber Kreisler?«
+
+Der Kapellmeister wollte antworten, in dem Augenblick umarmte aber die
+Prinzessin Julien stärker, ausgelassener lachend, als es irgendeine
+Oberhofmeisterin für schicklich halten, oder verantworten kann.
+
+»Komm an meine Brust, rief sie, Du aller Müllerinnen holdeste,
+stimmreichste, launigste! -- Du mystifizierst alle Barone, Amtsverweser,
+Notare in der ganzen Welt, und wohl noch gar --« Das übrige, was sie
+noch sagen wollte, ging unter in der dröhnenden Lache, die sie von neuem
+aufschlug.
+
+Und dann sich rasch zum Kapellmeister wendend: »Sie haben mich ganz mit
+sich ausgesöhnt, lieber Kreisler! -- O jetzt verstehe ich Ihren
+springenden Humor. -- Er ist köstlich, in der Tat köstlich! -- Nur in
+dem Zwiespalt der verschiedensten Empfindungen, der feindlichsten
+Gefühle -- geht das höhere Leben auf! -- Haben Sie Dank, herzlichen Dank
+-- da! -- ich erlaube Ihnen, mir die Hand zu küssen!«
+
+Kreisler faßte die ihm dargebotene Hand, und wiederum, wiewohl nicht so
+heftig als zuvor, durchdröhnte ihn der Pulsschlag, so daß er einen
+Moment zu zögern genötigt war, ehe er die zarten enthandschuhten Finger
+an den Mund drückte, sich mit solchem Anstand verbeugend, als sei er
+noch Legationsrat. Selbst wußte er nun nicht, wie es kam, daß ihm diese
+physische Empfindung bei dem Berühren der fürstlichen Hand ungemein
+lächerlich bedünken wollte. Am Ende, sprach er zu sich selbst, als die
+Prinzessin ihn verlassen, am Ende ist die Gnädigste eine Art von Leydner
+Flasche, und walkt honette Leute durch mit elektrischen Schlägen nach
+fürstlichem Belieben! --
+
+Die Prinzessin hüpfte, tänzelte im Saal umher, lachte, trällerte
+dazwischen _la Rachelina molinarina,_ und herzte und küßte bald diese,
+bald jene Dame, versicherte, nie in ihrem Leben sei sie froher gewesen,
+und das habe sie dem wackern Kapellmeister zu verdanken. Der ernsten
+Benzon war das alles im höchsten Grade zuwider, sie konnte es nicht
+lassen, die Prinzessin endlich bei Seite zu ziehen, und ihr ins Ohr zu
+flüstern: »Hedwiga, ich bitte Sie, welch ein Betragen!«
+
+Ich dächte, liebe Benzon, erwiderte die Prinzessin mit funkelnden Augen:
+wir ließen heute das Hofmeistern und gingen alle zu Bette! -- Ja! -- zu
+Bette -- zu Bette! Und damit rief sie nach ihrem Wagen.
+
+Schweifte die Prinzessin aus in krampfhafter Lustigkeit, so war Julia
+indessen still und trübe geworden. Den Kopf auf die Hand gestützt, saß
+sie am Flügel, und ihr sichtliches Verbleichen, das umflorte Auge,
+bewies, daß ihr Unmut bis zum physischen Weh sich gesteigert.
+
+Auch Kreislern war das Brillantfeuer des Humors verlöscht. Jedem
+Gespräch ausweichend, tappte er mit leisen Schritten nach der Türe. Die
+Benzon trat ihm in den Weg. Ich weiß nicht, sprach sie, welche
+sonderbare Verstimmung heute mir -- --
+
+=(M. f. f.)= alles so bekannt, so heimisch vor, ein süßes Aroma, selbst
+wußt' ich nicht, von welchen vortrefflichen Braten, wallte in bläulichen
+Wolken über die Dächer daher, und wie aus weiter -- weiter Ferne, im
+Säuseln des Abendwindes, lispelten holde Stimmen: Murr mein Geliebter!
+wo weiltest du so lange. --
+
+ Was ist's, das die beengte Brust,
+ Mit Wonneschauer so durchbebt,
+ Den Geist zum Himmel hoch erhebt,
+ Ist's Ahnung hoher Götterlust?
+ Ja -- springe auf, du armes Herz,
+ Ermut'ge dich zu kühnen Taten,
+ Verwandelt ist in Lust und Scherz,
+ Der trostlos bittre Todesschmerz,
+ Die Hoffnung lebt -- ich rieche Braten!
+
+So sang ich, und verlor mich, des entsetzlichen Feuerlärms nicht
+achtend, in die angenehmsten Träume! Doch auch hier auf dem Dache
+sollten mich noch die schreckhaften Erscheinungen des grotesken
+Weltlebens, in das ich hineingesprungen, verfolgen. Denn ehe ich mir's
+versah, stieg aus dem Rauchfange eines jener seltsamen Ungetüme empor,
+die die Menschen Schornsteinfeger nennen. Kaum mich gewahrend, rief der
+schwarze Schlingel: Husch Katz! und warf den Besen nach mir. Dem Wurfe
+ausweichend, sprang ich über das nächste Dach hinweg, und hinunter in
+die Dachrinne. Doch wer schildert mein frohes Erstaunen, ja meinen
+freudigen Schreck, als ich wahrnahm, daß ich mich auf dem Hause meines
+wackern Herrn befand. Behende kletterte ich von Dachluke zu Dachluke,
+doch alle waren verschlossen. Ich erhob meine Stimme, jedoch umsonst,
+niemand hörte mich. Indessen wirbelten die Rauchwolken von dem
+brennenden Hause hoch auf, Wasserstrahlen zischten dazwischen, tausend
+Stimmen schrien durcheinander, das Feuer schien bedrohlicher zu werden.
+Da öffnete sich die Dachluke, und Meister Abraham schaute heraus in
+seinem gelben Schlafrock. »Murr, mein guter Kater Murr, da bist du ja!
+-- Komm hinein, komm hinein, kleiner Graupelz!« So rief der Meister
+freudig, als er mich erblickte. Ich unterließ nicht, ihm durch alle
+Zeichen, die mir zu Gebote standen, auch =meine= Freude zu erkennen zu
+geben: es war ein schöner herrlicher Moment des Wiedersehens, den wir
+feierten. Der Meister streichelte mich, als ich zu ihm hinein in den
+Dachboden gesprungen, so, daß ich vor Wohlbehagen in jenes sanfte, süße
+Knurren ausbrach, das die Menschen in höhnender Verspottung mit dem
+Worte »spinnen« bezeichnen. Ha ha, sprach der Meister lachend, ha ha,
+mein Junge, dir ist wohl, da du vielleicht von weiter Wanderung
+zurückgekehrt bist in die Heimat, du erkennst nicht die Gefahr in der
+wir schweben. -- Beinahe möchte ich wie du, ein glücklicher harmloser
+Kater sein, der sich den Teufel was schert um Feuer und Spritzenmeister,
+und dem kein Mobiliar verbrennen kann, da das einzige Mobile, dessen
+sein unsterblicher Geist mächtig, er selbst ist.«
+
+Damit nahm mich der Meister auf den Arm und stieg herab in sein Zimmer.
+
+Kaum waren wir hineingetreten, als Professor Lothario uns nachstürzte,
+dem noch zwei Männer folgten.
+
+Ich bitte Euch, rief der Professor, um des Himmels Willen, Meister! Ihr
+seid in der dringendsten Gefahr, das Feuer schlägt schon über Euer Dach.
+-- Erlaubt, daß wir Eure Sachen wegtragen. --
+
+Der Meister erklärte sehr trocken, daß in solcher Gefahr der jähe Eifer
+der Freunde viel verderblicher sich gestalte, als die Gefahr selbst, da
+das, was vor dem Feuer geborgen, gewöhnlich zum Teufel ginge, wiewohl
+auf schönere Art. Er selbst habe in früherer Zeit einem Freunde, der von
+Feuer bedroht, in dem wohlwollendsten Enthusiasmus, beträchtliches
+chinesisches Porzellan durch's Fenster geworfen, damit es nur ja nicht
+verbrenne. Wollten sie aber fein ruhig, drei Nachtmützen, ein paar graue
+Röcke, und andere Kleidungsstücke, worunter eine seidne Hose vorzüglich
+zu beachten, nebst einiger Wäsche in einen Koffer, Bücher und
+Manuskripte in ein paar Körbe packen, seine Maschinen aber nicht mit
+einem Finger anrühren, so werde es ihm lieb sein. Stehe dann das Dach in
+Flammen, so wolle er samt dem Mobiliar sich von dannen machen.
+
+»Erst aber, (so schloß er) erlaubt, daß ich meinen Hausgenossen und
+Stubenkameraden, der soeben von weiten Reisen müde, ermattet,
+zurückgekommen, mit Speis und Trank erquicke, nachher möget Ihr
+wirtschaften!« --
+
+Alle lachten sehr, da sie gewahrten, daß der Meister niemanden anders
+gemeint, als mich.
+
+Es schmeckte mir herrlich, und die schöne Hoffnung, die ich auf dem Dach
+in sehnsuchtsvollen süßen Tönen ausgesprochen, wurde ganz erfüllt.
+
+Als ich mich erquickt, setzte mich der Meister in einen Korb; neben mir,
+es war dazu Platz, stellte er eine kleine Schüssel mit Milch hin, und
+deckte den Korb sorgfältig zu.
+
+Wart's ruhig ab, sprach der Meister, mein Kater! in dunkler Behausung,
+was aus uns noch werden wird, nippe zum Zeitvertreib von deinem
+Lieblingstrank, denn springst oder trottierst du hier im Zimmer umher,
+so treten sie dir den Schwanz, die Beine entzwei im Tumult des Rettens.
+Kommt es zur Flucht, so trage ich dich selbst mit mir fort, damit du
+dich nicht wieder verläufst, wie es schon geschehen. Sie glauben nicht,
+verehrteste Herren und Helfer in der Not, was der kleine graue Mann im
+Korbe, was das für ein herrlicher, grundgescheuter Kater ist.
+Naturhistorische Galls behaupten, daß sonst, mit den vortrefflichsten
+Organen, als da sind, Mordlust, Diebssinn, Schelmerei u. s. w.,
+ausgerüsteten Katern von leidlicher Edukation, doch der Ortsinn gänzlich
+mangele, daß sie, einmal sich verlaufen, die Heimat nie wiederfänden,
+aber mein guter Murr macht davon eine glänzende Ausnahme. Seit ein paar
+Tagen vermißte ich ihn, und betrauerte recht herzlich seinen Verlust,
+heut, soeben ist er zurückgekehrt, und hat, wie ich mit Recht vermuten
+darf, noch dazu die Dächer benutzt, als angenehme Kunststraße. Die gute
+Seele hat nicht allein Klugheit bewiesen und Verstand, sondern auch die
+treueste Anhänglichkeit an seinen Herrn, weshalb ich ihn nun noch viel
+mehr liebe als vorher. -- Mich erfreute des Meisters Lob ganz ungemein,
+mit innerm Wohlbehagen fühlte ich meine Überlegenheit über mein ganzes
+Geschlecht, über ein ganzes Heer verirrter Kater ohne Ortsinn und
+wunderte mich, daß ich selbst das ganz Ungemeine meines Verstandes nicht
+hinlänglich eingesehen. Zwar dacht' ich daran, daß eigentlich der junge
+Ponto mich auf den rechten Weg, und der Wurf des Schornsteinfegers mich
+auf das rechte Dach gebracht, indessen glaubte ich doch nicht im
+mindesten an meiner Sagazität, und an der Wahrheit des Lobes, das mir
+der Meister erteilte, zweifeln zu dürfen. Wie gesagt, ich fühlte meine
+innere Kraft, und dies Gefühl bürgte mir für jene Wahrheit. Daß
+unverdientes Lob viel mehr erfreue, und den Gelobten viel mehr aufblähe
+als verdientes, wie ich einmal las, oder jemanden behaupten hörte, das
+gilt wohl nur von den Menschen, gescheute Kater sind frei von solcher
+Torheit, und ich glaube bestimmt, daß ich vielleicht ohne Ponto und
+Schornsteinfeger den Rückweg nach Hause gefunden hätte, und daß beide
+sogar nur den richtigen Ideengang im Innern verwirrten. Das bißchen
+Weltklugheit, womit der junge Ponto so prahlte, wäre mir auch wohl
+zugekommen auf andere Weise, wenngleich die mancherlei Begebenheiten,
+die ich mit dem liebenswürdigen Pudel, mit dem _aimable roué,_ erlebte,
+mir guten Stoff gaben zu den freundschaftlichen Briefen, in welche ich
+meine Reisebeschreibung einkleidete. In allen Morgen- und
+Abendzeitungen, in allen eleganten und freimütigen Blättern könnten
+diese Briefe mit Effekt abgedruckt stehen, da mit Geist und Verstand
+darin die glänzendsten Seiten meines Ich's hervorgehoben sind, was doch
+jedem Leser am interessantesten sein muß. Aber ich weiß es schon, die
+Herren Redakteurs und Verleger fragen: wer ist dieser Murr? und erfahren
+sie dann, daß ich ein Kater bin, wiewohl der vortrefflichste auf Erden,
+so sprechen sie verächtlich: ein Kater und will schreiben! -- Und hätt'
+ich Lichtenbergs Humor und Hamanns Tiefe -- von beiden habe ich viel
+Gutes vernommen, sie sollen für Menschen nicht übel geschrieben haben,
+sind aber Todes verblichen, welches für jeden Schriftsteller und
+Dichter, der leben will, eine durchaus riskante Sache ist -- und, sag'
+ich noch einmal, hätt' ich Lichtenbergs Humor und Hamanns Tiefe, doch
+erhielte ich das Manuskript zurück, bloß weil man mir vielleicht meiner
+Krallen halber keine amüsante Schreibart zutraut. So was chagriniert!
+-- O Vorurteil, himmelschreiendes Vorurteil, wie befängst du doch die
+Menschen, und vorzüglich diejenigen, die da heißen Verleger!
+
+Der Professor, und die, die mit ihm gekommen, machten nun einen
+grimmigen Spektakel um mich her, der meines Bedünkens, wenigstens bei
+dem Verpacken der Nachtmützen und der grauen Röcke, nicht nötig gewesen
+wäre.
+
+Auf einmal rief draußen eine hohle Stimme: das Haus brennt! »Hoho,
+sprach der Meister Abraham, da muß ich auch dabei sein, bleibt nur
+ruhig, Ihr Herren! wenn die Gefahr da ist, bin ich wieder hier und wir
+packen an!« --
+
+Und damit verließ er eilig das Zimmer.
+
+Mir wurde in meinem Korbe wirklich bange. Das wilde Getöse -- der
+Rauch, der nun in das Zimmer zu dringen begann, alles mehrte meine
+Angst! -- Allerlei schwarze Gedanken stiegen in mir auf! -- Wie wenn der
+Meister mich vergäße, wenn ich schmachvoll umkommen müßte in den
+Flammen! -- Ich fühlte, die furchtbare Angst mochte es verschulden, ein
+besonderes häßliches Kneifen im Leibe. -- Ha! dacht' ich, wenn im Herzen
+falsch, wenn neidisch ob meiner Wissenschaft, mich los zu werden,
+enthoben jeder Sorg' zu sein, nun mich der Meister noch in diesen Korb
+gespunden. -- Wie wenn selbst dieser unschuldsweiße Trank -- wie, wär'
+es Gift, das er mit schlauer Kunst hier zubereitet, mir den Tod zu
+geben? -- Herrlicher Murr, selbst in der Todesangst denkst du in Jamben,
+läss'st nicht aus der Acht, was du im Shakespeare, Schlegel einst
+gelesen! -- Meister Abraham steckte den Kopf zur Türe hinein, und
+sprach: die Gefahr ist vorüber, Ihr Herren! Setzt Euch nur ruhig hin an
+jenen Tisch, und trinkt die paar Flaschen Wein aus, die Ihr in dem
+Wandschrank gefunden, ich meinesteils begebe mich noch ein wenig auf's
+Dach, und will erklecklich spritzen. -- Doch halt, erst muß ich
+nachsehen, was mein guter Kater macht.
+
+Der Meister trat vollends hinein, nahm den Deckel von dem Korbe, in dem
+ich saß, sprach mir zu mit freundlichen Worten, erkundigte sich nach
+meinem Wohlbefinden, fragte, ob ich vielleicht noch einen gebratenen
+Vogel verspeisen wolle, welches alles ich mit mehrmaligem süßen Miau
+erwiderte, und mich recht bequem ausstreckte, welches mein Meister mit
+Recht für das beredte Zeichen nahm, daß ich satt sei, noch im Korbe zu
+bleiben wünsche, und stülpte den Deckel wieder auf.
+
+Wie wurde ich nun von der guten, freundlichen Gesinnung überzeugt, die
+Meister Abraham für mich hegte. Ich hätte mich meines schnöden
+Mißtrauens schämen müssen, wenn es überhaupt für einen Mann von
+Verstande schicklich wäre, sich zu schämen. Am Ende, dacht' ich, war
+auch die fürchterliche Angst, das ganze, Unheil ahnende Mißtrauen weiter
+nichts, als poetische Schwärmerei, wie sie jungen, genialen Enthusiasten
+eigen, die dergleichen oft förmlich brauchen, als berauschendes Opium.
+Das beruhigte mich ganz und gar.
+
+Kaum hatte der Meister die Stube verlassen, als der Professor, ich
+konnt' es durch eine kleine Fitze des Korbes bemerken, sich mit
+mißtrauischen Blicken nach dem Korbe umschaute, und dann den andern
+zuwinkte, als habe er ihnen irgend Wichtiges zu entdecken. Dann sprach
+er mit so leiser Stimme, daß ich kein Wörtlein verstanden, hätte der
+Himmel nicht in meine spitzen Ohren mir unglaublich scharfes Gehör
+gelegt. Wißt ihr wohl, wozu ich eben jetzt Lust hätte? -- Wißt ihr wohl,
+daß ich hingehen zu jenem Korbe, ihn öffnen, und dem verfluchten Kater,
+der drinnen sitzt, und der uns jetzt vielleicht alle mit seinem
+übermütigen Selbstgenugsein verhöhnt, dies spitze Messer in die Kehle
+stoßen möchte?
+
+Was fällt Euch ein, Lothario, rief ein anderer, den hübschen Kater, den
+Liebling unseres wackeren Meisters wolltet Ihr umbringen? -- Und warum
+sprecht Ihr denn so leise?
+
+Der Professor ebenso mit gedämpfter Stimme wie vorher weiter sprechend,
+erklärte, daß ich alles verstehe, daß ich lesen und schreiben könne, daß
+mir Meister Abraham auf eine, freilich geheimnisvolle, unerklärliche
+Weise, die Wissenschaften beigebracht, so daß ich schon jetzt, wie ihm
+der Pudel Ponto verraten, schriftstellere und dichte, und daß das alles
+dem schelmischen Meister zu nichts anderem dienen werde, als zur
+Verspottung der vortrefflichsten Gelehrten und Dichter.
+
+O, sprach Lothario mit unterdrückter Wut, ich seh' es kommen, daß
+Meister Abraham, der ohnedem das Vertrauen des Großherzogs in vollem
+Maße besitzt, daß er mit dem unglückseligen Kater alles durchsetzt, was
+er nur will. Die Bestie wird _Magister legens_ werden, die Doktorwürde
+erhalten, zuletzt als Professor der Ästhetik Kollegia lesen über den
+Äschylos -- Corneille -- Shakespeare! -- ich komme von Sinnen! -- der
+Kater wird in meinen Eingeweiden wühlen, und hat ganz infame Krallen! --
+
+Alle gerieten bei diesen Reden Lotharios, des Professors der Ästhetik,
+in das tiefste Erstaunen. Einer meinte, es sei ganz unmöglich, daß ein
+Kater lesen und schreiben lernen könne, da diese Elemente aller
+Wissenschaft nächst der Geschicklichkeit, der nur der Mensch fähig, eine
+gewisse Überlegung, man möchte sagen, Verstand, erforderten, der sogar
+nicht allemal bei dem Menschen, dem Meisterstück der Schöpfung,
+anzutreffen, viel weniger bei gemeinem Vieh!
+
+Bester, nahm ein anderer, wie mir's in meinem Korbe schien, sehr
+ernsthafter Mann, das Wort, was nennen Sie gemeines Vieh? -- Es gibt gar
+kein gemeines Vieh. Oft in stille Selbstbetrachtung versunken, empfinde
+ich den tiefsten Respekt vor Eseln und andern nützlichen Tieren. Ich
+begreife nicht, warum einer angenehmen Hausbestie von glücklichen,
+natürlichen Anlagen nicht sollte das Lesen und Schreiben beigebracht
+werden, ja warum sich ein solches Tierlein nicht sollte erheben können
+zum Gelehrten und Dichter? -- Ist denn das so etwas Beispielloses? -- An
+Tausend und Eine Nacht, als der besten, historischen Quelle voll
+pragmatischer Authentizität, mag ich gar nicht denken, sondern Sie, mein
+allerliebster! nur an den gestiefelten Kater erinnern, einen Kater, der
+voll Edelmut, durchdringendem Verstand war, und tiefer Wissenschaft.
+
+Vor Freude über dieses Lob eines Katers, der, wie mir eine deutliche
+Stimme im Innern sagte, mein würdiger Ahnherr sein mußte, konnt' ich
+mich nicht enthalten, zwei-, dreimal ziemlich stark zu niesen. -- Der
+Redner hielt inne, und alle schauten sich ganz verschüchtert um nach
+meinem Korbe.
+
+_Contentement mon cher,_ rief endlich der ernsthafte Mann, der eben
+gesprochen, und fuhr dann weiter fort: Irre ich nicht, so erwähnten Sie,
+teurer Ästhetiker, vorhin eines Pudels Ponto, der Ihnen des Katers
+dichterisches und wissenschaftliches Treiben verraten. Dies bringt mich
+denn auf Cervantes höchst vorzüglichen Berganza, von dessen neuesten
+Schicksalen in einem gewissen neuen höchst abenteuerlichen Buche
+Nachricht gegeben wird. Auch dieser Hund gibt ein entscheidendes
+Beispiel über das Naturell und über die Bildungsfähigkeit der Tiere.
+
+Aber, nahm der andere das Wort, mein teurer, liebster Freund, welche
+Beispiele führen Sie denn da an? Von dem Hunde Berganza spricht ja
+Cervantes, der bekanntlich ein Romanschreiber war, und die Geschichte
+vom gestiefelten Kater ist ja ein Kindermärchen, welches Herr Tieck
+freilich mit solcher Lebendigkeit uns vor Augen gebracht hat, daß man
+beinahe die Torheit begehen könnte, wirklich daran zu glauben. Also zwei
+Dichter allegieren Sie, als wären es ernste Naturhistoriker und
+Psychologen, nun sind aber Dichter nichts weniger als das, sondern
+ausgemachte Phantasten, die lauter eingebildetes Zeug ausbrüten und
+vorbringen. Sagen Sie, wie mag denn aber ein verständiger Mann, wie Sie
+sich auf Dichter berufen, um das zu bewahrheiten, was wider Sinn und
+Verstand läuft? Lothario ist Professor der Ästhetik, und es ist billig,
+daß er als solcher bisweilen etwas weniges über die Schnur haue, aber
+Sie --
+
+Halt, sprach der Ernste, mein Liebster, ereifern Sie sich nicht.
+Bedenken Sie fein, daß wenn vom Wunderbaren, Unglaublichen die Rede, man
+füglich Dichter allegieren darf, denn simple Historiker verstehen den
+Teufel was davon. Ja, wenn das Wunderbare in Schick und Form gebracht,
+und als reine Wissenschaft vorgetragen werden soll, wird der Beweis
+irgendeines Erfahrungssatzes am besten aus berühmten Dichtern entnommen,
+auf deren Wort man bauen darf. Ich führe Ihnen, und damit werden Sie,
+selbst ein gelehrter Arzt, zufrieden sein -- ja! sage ich, ich führe
+Ihnen das Beispiel eines berühmten Arztes an, der in seiner
+wissenschaftlichen Darstellung des animalischen Magnetismus um unsern
+Rapport mit dem Weltgeiste, um das Dasein eines wunderbaren
+Ahnungsvermögens unleugbar ins Licht zu stellen, sich auf Schiller und
+dessen Wallenstein bezieht, welcher sagt: »Es gibt im Menschenleben
+Augenblicke und dergleichen Stimmen gibts -- es ist kein Zweifel« -- und
+wie es denn weiter heißt. Sie können das Weitere selbst nachlesen, in
+der Tragödie. -- Ho ho! erwiderte der Doktor, Sie springen ab -- Sie
+geraten in den Magnetismus, und sind imstande, zuletzt zu behaupten,
+daß, nächst allen Wundern, die dem Magnetiseur zu Gebote stehen, er auch
+den Schulmeister für empfängliche Kater abgeben könnte. --
+
+Nun, sprach der Ernste, wer weiß, wie der Magnetismus auf Tiere wirkt.
+Kater, die schon das elektrische Fluidum in sich tragen, wie Sie sich
+gleich überzeugen können --
+
+Plötzlich an Mina denkend, die über dergleichen Versuche, die mit ihr
+angestellt worden, so bitter klagte, erschrak ich so heftig, daß ich ein
+lautes Miau ausstieß!
+
+Bei dem Orkus und all' seinem Entsetzen, rief der Professor erschrocken,
+der höllische Kater hört uns, versteht uns -- Herz gefaßt! -- mit diesen
+Händen erwürg' ich ihn. --
+
+Ihr seid nicht klug, sprach der Ernste, Ihr seid wahrhaftig nicht klug,
+Professor. Nimmermehr leide ich, daß Ihr dem Kater, den ich schon jetzt
+herzlich lieb gewonnen, ohne das Glück seiner nähern Bekanntschaft zu
+genießen, daß Ihr ihm nur das geringste Leid zufügt. Am Ende muß ich
+glauben, daß Ihr eifersüchtig seid auf ihn, weil er Verse macht?
+Professor der Ästhetik kann ja der kleine graue Mann niemals werden,
+darüber beruhigen Sie sich nur ganz. Steht es denn nicht deutlich in den
+uralten akademischen Statuten, daß, überhand genommenen Mißbrauchs
+halber, keine Esel mehr zur Professur gelangen sollen, und ist diese
+Verordnung nicht auch auf Tiere auszudehnen von jeder Art und Gattung,
+mithin auch auf Kater?
+
+Mag es sein, sprach der Professor unmutig, daß der Kater niemals weder
+_Magister legens_, noch Professor der Ästhetik, werden wird, als
+Schriftsteller tritt er doch auf über kurz oder lang, findet der Neuheit
+wegen Verleger und Leser, schnappt uns gute Honorare weg --
+
+Ich finde, erwiderte der Ernste, durchaus keine Ursache, warum dem guten
+Kater, dem aimablen Liebling unsers Meisters, es verwehrt sein solle,
+eine Bahn zu betreten, auf der sich so viele ohne Rücksicht auf Kraft
+und Haltung umhertummeln. Die einzige Maßregel, die dabei zu beobachten,
+wäre, daß man ihn nötigte, sich die spitzen Krallen verschneiden zu
+lassen, und das wäre vielleicht das einzige, was wir jetzt gleich tun
+könnten, um sicher zu sein, daß er uns nie verwunde, wenn er ein Autor
+worden.
+
+Alle standen auf. Der Ästhetiker griff nach der Schere. Man kann sich
+meine Lage denken, ich beschloß, mit Löwenmut anzukämpfen gegen die
+Verunglimpfung, die man mir zugedacht; den ersten, der sich mir nahen
+würde, zu zeichnen auf ewige Zeiten, ich rüstete mich zum Sprunge, sowie
+der Korb geöffnet werden würde.
+
+In dem Augenblick trat Meister Abraham hinein, und vorüber war meine
+Angst, die sich schon steigern wollte zur Verzweiflung. Er öffnete den
+Korb, und noch ganz außer mir, sprang ich mit einem Satz hinaus, und
+schoß dem Meister wild vorbei, unter den Ofen.
+
+Was ist dem Tiere widerfahren, rief der Meister, die andern mißtrauisch
+anblickend, welche da standen ganz verlegen und, vom bösen Gewissen
+geplagt, gar nicht zu antworten vermochten.
+
+So bedrohlich auch meine Lage im Gefängnis war, doch empfand ich inniges
+Wohlbehagen darüber, was der Professor von meiner mutmaßlichen Laufbahn
+sagte, sowie sein deutlich ausgesprochener Neid mich höchlich erfreute.
+Ich fühlte schon das Doktorhütlein auf meiner Stirne, ich sah mich schon
+auf dem Katheder! -- Sollten meine Vorlesungen denn nicht am häufigsten
+besucht werden von der wißbegierigen Jugend? -- Sollte wohl ein einziger
+Jüngling, von milden Sitten, es übel deuten können, wenn der Professor
+bäte, keine Hunde ins Kollegium zu bringen? -- Nicht alle Pudel hegen
+solch freundlichen Sinn, wie mein Ponto, und dem Jägervolk mit langen
+hängenden Ohren ist nun vollends gar nicht zu trauen, da sie überall mit
+den gebildetsten Leuten meines Geschlechts unnütze Händel anfangen und
+sie mit Gewalt nötigen, zu den unartigsten Äußerungen des Zorns, als da
+ist Prusten -- Kratzen -- Beißen usw. usw.
+
+Wie höchst fatal müßt' es --
+
+=(Mak. Bl.)= -- nur der kleinen rotwangigen Hofdame gelten, die Kreisler
+bei der Benzon gesehen. Tun Sie mir, sprach die Prinzessin, den
+Gefallen, Nannette, gehen Sie selbst herab, und sorgen Sie, daß man die
+Nelkenstöcke in meinen Pavillon trage, die Leute sind saumselig genug,
+um nichts auszurichten. -- Das Fräulein sprang auf, verbeugte sich sehr
+zeremoniös, flog dann aber schnell zum Zimmer heraus, wie ein Vogel, dem
+man den Käfig geöffnet.
+
+Ich kann, wandte sich die Prinzessin zum Kreisler, nun einmal nichts
+herausbringen, wenn ich nicht mit dem Lehrer allein bin! der den
+Beichtvater vorstellt, dem man ohne Scheu alle Sünden vertrauen kann.
+Überhaupt werden Sie, lieber Kreisler, die steife Etikette bei uns
+seltsam, werden es lästig finden, daß ich überall von Hofdamen umgeben,
+gehütet werde wie die Königin von Spanien. -- Wenigstens sollte man hier
+in dem schönen Sieghartshof mehr Freiheit genießen. Wäre der Fürst im
+Schlosse, ich hätte Nannette nicht fortschicken dürfen, die sich selbst
+bei unseren musikalischen Studien ebensosehr langeweilt, als sie mich
+geniert. -- Fangen wir noch einmal an, jetzt wird es besser gehen.
+-- Kreisler, bei dem Unterricht die Geduld selbst, begann das
+Gesangstück, welches die Prinzessin einzustudieren unternommen, von
+neuem, aber so sichtlich Hedwiga sich auch mühte, so viel Kreisler auch
+einhelfen mochte, sie verirrte sich in Takt und Ton, sie machte Fehler
+über Fehler, bis sie glutrot im ganzen Gesicht aufsprang, an das Fenster
+lief, und hinausschaute in den Park. Kreisler glaubte zu bemerken, daß
+die Prinzessin heftig weine, und fand seinen ersten Unterricht, den
+ganzen Auftritt, etwas peinlich. Was konnte er Bessers tun, als
+versuchen, ob der feindliche, unmusikalische Geist, der die Prinzessin
+zu verstören schiene, sich nicht bannen lasse eben durch Musik. Er ließ
+daher allerlei angenehme Melodien fortströmen, variierte die
+bekanntesten Lieblingslieder in kontrapunktischen Wendungen und
+melismatischen Schnörkeln, so daß er zuletzt sich selbst darüber
+wunderte, wie er so charmant den Flügel zu spielen verstehe, und die
+Prinzessin vergaß, samt ihrer Arie, und ihrer rücksichtslosen Ungeduld.
+
+»Wie herrlich doch der Geierstein in der leuchtenden Abendsonne steht«,
+sprach die Prinzessin, ohne sich umzuwenden.
+
+Kreisler war eben in einer Dissonanz begriffen, natürlicherweise mußte
+er diese auflösen, und konnte daher nicht mit der Prinzessin den
+Geierstein und die Abendsonne bewundern. »Gibt's wohl einen reizendern
+Aufenthalt weit und breit, als unser Sieghartshof?« sprach Hedwiga
+lauter und stärker als vorher. -- Nun mußte Kreisler wohl, nachdem er
+einen tüchtigen Schlußakkord angeschlagen, zu der Prinzessin an das
+Fenster treten, der Aufforderung zum Gespräch höflich genügend.
+
+In der Tat, gnädigste Prinzessin, sprach der Kapellmeister, der Park ist
+herrlich, und ganz besonders ist es mir lieb, daß sämtliche Bäume grünes
+Laub tragen, welches ich überhaupt an allen Bäumen, Sträuchern und
+Gräsern sehr bewundere und verehre, und jeden Frühling dem Allmächtigen
+danke, daß es wieder grün worden und nicht rot, welches in jeder
+Landschaft zu tadeln, und bei den besten Landschaften, wie z. B. Claude
+Lorrain oder Berghem, ja selbst bei Hackert, der bloß seine Wiesengründe
+was weniges pudert, nirgends zu finden.
+
+Kreisler wollte weiter reden, als er aber in dem kleinen Spiegel, der
+zur Seite des Fensters angebracht, der Prinzessin totbleiches, seltsam
+verstörtes Antlitz erblickte, verstummte er vor dem Schauer, der sein
+Inneres durcheiste.
+
+Die Prinzessin unterbrach endlich das Schweigen, indem sie, ohne sich
+umzuwenden, immerfort hinausschauend, mit dem rührenden Ton der tiefsten
+Wehmut sprach: Kreisler, das Schicksal will es nun einmal, daß ich Ihnen
+überall wie von seltsamen Einbildungen geplagt -- aufgeregt, ich möchte
+sagen, albern, erscheine, daß ich Ihnen Stoff darbieten soll, Ihren
+schneidenden Humor an mir zu üben. Es ist Zeit, Ihnen zu erklären, daß,
+und warum Sie es sind, dessen Anblick mich in einen Zustand versetzt,
+der dem nervenerschütternden Anfall eines heftigen Fiebers zu
+vergleichen. Erfahren Sie alles! Ein offnes Geständnis wird meine Brust
+erleichtern, und nur die Möglichkeit verschaffen, Ihren Anblick, Ihre
+Gegenwart zu ertragen. -- Als ich Sie zum erstenmale dort im Park
+antraf, da erfüllten Sie, da erfüllte Ihr ganzes Betragen, mich mit dem
+tiefsten Entsetzen, selbst wußte ich nicht warum! -- aber es war eine
+Erinnerung aus meinen frühsten Kinderjahren, die plötzlich mit all'
+ihrem Schrecken in mir aufstieg, und die sich erst später in einem
+seltsamen Traume deutlich gestaltete. An unserm Hofe befand sich ein
+Maler, Ettlinger geheißen, den Fürst und Fürstin sehr hoch hielten, da
+sein Talent wunderbar zu nennen. Sie finden auf der Galerie
+vortreffliche Gemälde von seiner Hand, auf allen erblicken Sie die
+Fürstin, in dieser, jener Gestalt, in der historischen Gruppe
+angebracht. Das schönste Gemälde, daß die höchste Bewunderung aller
+Kenner erregt, hängt aber in dem Kabinet des Fürsten. Es ist das Porträt
+der Fürstin, die er, als sie in der höchsten Blüte der Jugend stand,
+ohne daß sie ihm jemals gesessen, so ähnlich malte, als habe er das Bild
+aus dem Spiegel gestohlen. Leonhard, so wurde der Maler mit seinem
+Vornamen am Hofe genannt, muß ein milder guter Mensch gewesen sein. Alle
+Liebe, deren meine kindische Brust fähig, ich mochte kaum drei Jahre alt
+sein, hatte ich ihm zugewandt, ich wollte, er sollte mich nie verlassen.
+Aber unermüdlich spielte er auch mit mir, malte mir kleine bunte Bilder,
+schnitt mir allerlei Figuren aus. Plötzlich, es mochte ein Jahr
+vergangen sein, blieb er aus. Die Frau, der meine erste Erziehung
+anvertraut, sagte mir mit Tränen in den Augen, Herr Leonhard sei
+gestorben. Ich war untröstlich, ich mochte nicht mehr in dem Zimmer
+bleiben, wo Leonhard mit mir gespielt. So wie ich nur konnte,
+entschlüpfte ich meiner Erzieherin, den Kammerfrauen, lief im Schlosse
+umher, rief laut den Namen: Leonhard! Denn immer glaubt' ich, es sei
+nicht wahr, daß er gestorben, und er sei irgendwo im Schlosse versteckt.
+So begab es sich, daß ich auch an einem Abend, als die Erzieherin sich
+nur auf einen Augenblick entfernt, mich aus dem Zimmer schlich, um die
+Fürstin aufzusuchen. Die sollte mir sagen, wo Herr Leonhard sei, und mir
+ihn wiederschaffen. Die Türen des Korridors standen offen, und so
+gelangte ich wirklich zur Haupttreppe, die ich hinauflief, und oben, auf
+gut Glück, in das erste geöffnete Zimmer trat. Als ich mich nun
+umschaute, wurde die Türe, die, wie ich meinte, in die Gemächer der
+Fürstin führen mußte, und an die ich zu pochen im Begriff stand, heftig
+aufgestoßen, und hinein stürzte ein Mensch in zerrissenen Kleidern, mit
+verwildertem Haar. Es war Leonhard, der mich mit fürchterlich funkelnden
+Augen anstarrte. Totenbleich, eingefallen, kaum wiederzuerkennen, war
+sein Antlitz. Ach, Herr Leonhard, rief ich, wie siehst Du aus, warum
+bist Du so blaß, warum hast Du solche glühende Augen, warum starrst Du
+mich so an? -- Ich fürchte mich vor Dir! -- O sei doch gut, wie sonst
+-- male mir wieder hübsche bunte Bilder!« -- da sprang Leonhard mit einem
+wilden wiehernden Gelächter auf mich los, -- eine Kette, die um den Leib
+befestigt schien, klirrte ihm nach -- kauerte nieder auf den Boden,
+sprach mit heiserer Stimme: »Ha ha, kleine Prinzeß, -- bunte Bilder?
+-- ja nun kann ich erst recht malen, malen -- nun will ich Dir ein Bild
+malen und Deine schöne Mutter! nicht wahr, Du hast eine schöne Mutter?
+-- Aber bitte sie, daß sie mich nicht wieder verwandelt -- ich will
+nicht der elende Mensch Leonhard Ettlinger sein -- der ist längst
+gestorben. Ich bin der rote Geier und kann malen, wenn ich
+Farbenstrahlen gespeist! -- ja malen kann ich, wenn ich heißes Herzblut
+habe zum Firnis -- und Dein Herzblut brauche ich, kleine Prinzeß!« -- Und
+damit faßte er mich, riß mich an sich, entblößte mir den Hals, mir
+war's, als sähe ich ein kleines Messer in seiner Hand blinken. Auf das
+durchdringende Angstgeschrei, das ich ausstieß, stürzten Diener hinein,
+und warfen sich her über den Wahnsinnigen. Der schlug sie aber mit
+Riesenkraft zu Boden. In demselben Augenblick polterte und klirrte es
+aber die Treppe herauf, ein großer, starker Mann sprang hinein mit dem
+lauten Ausruf: »Jesus, er ist mir entsprungen! Jesus, das Unglück!
+-- Warte, warte, Höllenkerl!« -- Sowie der Wahnsinnige diesen Mann
+gewahrte, schienen ihn plötzlich alle Kräfte zu verlassen, heulend
+stürzte er zu Boden. Man legte ihm die Ketten an, die der Mann
+mitgebracht, man führte ihn fort, indem er entsetzliche Töne ausstieß,
+wie ein gefesseltes, wildes Tier.
+
+Sie mögen sich es denken, mit welcher verstörenden Gewalt dieser
+entsetzliche Auftritt das vierjährige Kind erfassen mußte. Man versuchte
+mich zu trösten, mir begreiflich zu machen, was wahnsinnig sei. Ohne
+dies ganz zu verstehen, ging doch ein tiefes, namenloses Grausen durch
+mein Inneres, das noch jetzt wiederkehrt, wenn ich einen Wahnsinnigen
+erblicke, ja wenn ich nur an den fürchterlichen Zustand denke, der einer
+fortgesetzten ununterbrochenen Todesqual zu vergleichen. -- Jenem
+Unglücklichen sehen Sie ähnlich, Kreisler, als wären Sie sein Bruder.
+Vorzüglich erinnert mich Ihr Blick, den ich oft seltsam nennen möchte,
+nur zu lebhaft an Leonhard, und dies ist es, was mich, als ich Sie zum
+erstenmal erblickte, außer Fassung brachte, was mich noch jetzt in Ihrer
+Gegenwart beunruhigt, beängstigt! -- --
+
+Kreisler stand da, tief erschüttert, keines Wortes mächtig. Von je her
+hatte er die fixe Idee, daß der Wahnsinn auf ihn lauere, wie ein nach
+Beute lechzendes Raubtier, und ihn einmal plötzlich zerfleischen werde;
+er erbebte nun in demselben Grausen, das die Prinzessin bei seinem
+Anblick erfaßt, vor sich selbst, rang mit dem schauerlichen Gedanken,
+daß er es gewesen, der die Prinzessin in der Raserei ermorden wollen.
+
+Nach einigen Augenblicken des Schweigens fuhr die Prinzessin fort: Der
+unglückliche Leonhard liebte insgeheim meine Mutter, und diese Liebe,
+schon selbst Wahnsinn, brach zuletzt aus in Wut und Raserei.
+
+So, sprach Kreisler sehr weich und mild wie er pflegte, wenn ein Sturm
+im Innern vorübergegangen, so war in Leonhards Brust nicht die Liebe des
+Künstlers aufgegangen.
+
+Was wollen Sie damit sagen, Kreisler, fragte die Prinzessin, indem sie
+sich rasch umwandte.
+
+Als ich, erwiderte Kreisler sanft lächelnd, einst in einem hinlänglich
+toll lustigen Schauspiel einen Witzbold von Diener die Spielleute mit
+der süßen Anrede beehren hörte: »Ihr guten Leute und schlechten
+Musikanten«, teilte ich, wie der Weltenrichter, flugs alles Menschenvolk
+in zwei verschiedene Haufen, einer davon bestand aber aus den guten
+Leuten, die schlechte, oder vielmehr gar keine Musikanten sind, der
+andere aber aus den eigentlichen Musikanten. Doch niemand sollte
+verdammt, sondern alle sollten selig werden, wiewohl auf verschiedene
+Weise. -- Die guten Leute verlieben sich leichtlich in ein paar schöne
+Augen, strecken beide Arme aus nach der angenehmen Person, aus deren
+Antlitz besagte Augen strahlen, schließen die Holde ein in Kreise, die,
+immer enger und enger werdend, zuletzt zusammenschrumpfen zum Trauring,
+den sie der Geliebten an den Finger stecken als _pars pro toto_ -- Sie
+verstehen einiges Latein, gnädigste Prinzeß -- als _pars pro toto_ sag'
+ich, als Glied der Kette, an der sie die in Liebeshaft Genommene
+heimführen in das Ehestandsgefängnis. Dabei schreien Sie denn ungemein:
+O Gott! -- oder o Himmel! oder, sind sie der Astronomie ergeben, o ihr
+Sterne! oder haben sie Inklination zum Heidentum, o all' ihr Götter! sie
+ist mein, die Schönste, all' mein sehnend Hoffen erfüllt! -- Also
+lärmend, gedenken die guten Leute es nachzumachen den Musikanten, jedoch
+vergebens, da es mit der Liebe dieser durchaus sich anders verhält. -- Es
+begibt sich wohl, daß besagten Musikanten unsichtbare Hände urplötzlich
+den Flor wegziehen, der ihre Augen verhüllte, und sie erschauen, auf
+Erden wandelnd, das Engelsbild, das, ein süßes unerforschtes Geheimnis,
+schweigend ruhte in ihrer Brust. Und nun lodert auf in reinem
+Himmelsfeuer, das nur leuchtet und wärmt, ohne mit verderblichen Flammen
+zu vernichten, alles Entzücken, alle namenlose Wonne des höheren aus dem
+Innersten emporkeimenden Lebens, und tausend Fühlhörner streckt der
+Geist aus in brünstigem Verlangen, und umnetzt die, die er geschaut, und
+hat sie, und hat sie nie, da die Sehnsucht ewig dürstend fortlebt! --
+Und =sie, sie= selbst ist es, die Herrliche, die, zum Leben gestaltete
+Ahnung, aus der Seele des Künstlers hervorleuchtet als Gesang -- Bild --
+Gedicht! -- Ach, Gnädigste, glauben Sie mir, sein Sie überzeugt, daß
+wahre Musikanten, die mit ihren leiblichen Armen und den daran
+gewachsenen Händen nichts tun, als passabel musizieren, sei es nun mit
+der Feder, mit dem Pinsel oder sonst, in der Tat nach der wahrhaften
+Geliebten nichts ausstrecken, als geistige Fühlhörner, an denen weder
+Hand noch Finger befindlich, die mit konvenabler Zierlichkeit einen
+Trauring erfassen und anstecken könnten an den kleinen Finger der
+Angebeteten; schnöde Mesalliancen sind daher durchaus nicht zu
+befürchten, und scheint ziemlich gleichgültig, ob die Geliebte, die in
+dem Innern des Künstlers lebt, eine Fürstin ist oder eine
+Bäckerstochter, insofern letztere nur keine Eule. Besagte Musikanten
+schaffen, sind sie in Liebe gekommen, mit der Begeisterung des Himmels,
+herrliche Werke und sterben weder elendiglich dahin an der Schwindsucht,
+noch werden sie wahnsinnig. Sehr verdenke ich es daher dem Herrn
+Leonhard Ettlinger, daß er in einige Raserei verfiel, er hätte, nach der
+Art echter Musikanten, die durchlauchtige Frau Fürstin ohne allen
+Nachteil lieben können, wie er nur wollte!
+
+Die humoristischen Töne, die der Kapellmeister anschlug, gingen bei dem
+Ohr der Prinzessin vorüber, unvernommen oder übertönt von dem Nachhall
+der Saite, die er berührt, und die, in der weiblichen Brust schärfer
+gespannt, stärker vibrieren mußte als alle übrigen.
+
+»Die Liebe des Künstlers, sprach sie, indem sie niedersank in den
+Lehnstuhl und wie im Nachsinnen den Kopf auf die Hand stützte, die Liebe
+des Künstlers! -- so geliebt zu werden! -- o es ist ein schöner
+herrlicher Traum des Himmels -- nur ein Traum, ein leerer Traum.« --
+
+Sie scheinen, nahm Kreisler das Wort, Gnädigste, für Träume eben nicht
+sehr portiert, und doch sind es lediglich die Träume, in denen uns recht
+die Schmetterlingsflügel wachsen, so daß wir dem engsten, festesten
+Kerker zu entfliehen, uns bunt und glänzend in die hohen, in die
+höchsten Lüfte zu erheben vermögen. Jeder Mensch hat doch am Ende einen
+angebornen Hang zum Fliegen, und ich habe ernste honette Leute gekannt,
+die am späten Abend sich bloß mit Champagner, als einem dienlichen Gas,
+füllten um in der Nacht, Luftballon und Passagier zugleich, aufsteigen
+zu können. --
+
+Sich so geliebt zu wissen, wiederholte die Prinzessin noch bewegter als
+vorher.
+
+Und, sprach, als die Prinzessin schwieg, Kreisler weiter, was die Liebe
+des Künstlers betrifft, wie ich sie zu schildern mich bemüht, so haben
+Sie, Gnädigste! freilich das böse Beispiel des Herrn Leonhard Ettlinger
+vor Augen, der Musikant war, und lieben wollte wie die guten Leute,
+worüber sein schöner Verstand freilich etwas wacklicht werden konnte,
+aber eben deshalb mein ich, war Herrn Leonhard kein echter Musikant.
+Diese tragen die erkorne Dame im Herzen und wollen nichts als ihr zu
+Ehren singen, dichten, malen, und sind in der vorzüglichsten Courtoisie
+den galanten Rittern zu vergleichen, ja was unschuldsvolle Gesinnung
+betrifft, ihnen vorzuziehen, da sie nicht verfahren wie sonst diese, die
+blutdürstiger Weise, waren nicht gleich Riesen, Drachen bei der Hand,
+die schätzbarsten Leute niederstreckten in den Staub, um der Herzensdame
+zu huldigen! --
+
+Nein, rief die Prinzessin, wie erwachend aus einem Traum, es ist
+unmöglich, daß in der Brust des Mannes ein solch reines Vestas Feuer
+sich entzünden sollte! -- Was ist die Liebe des Mannes anders, als die
+verräterische Waffe, die er gebraucht, einen Sieg zu feiern, der das
+Weib verdirbt, ohne ihn zu beglücken.
+
+Kreisler wollte sich eben über solche absonderlichen Gesinnungen einer
+siebzehn-, achtzehnjährigen Prinzessin höchlich verwundern, als die
+Türe aufging, und Prinz Ignatius hineintrat.
+
+Der Kapellmeister war froh, ein Gespräch zu enden, das er sehr gut mit
+einem wohleingerichteten Duett verglich, in dem jede Stimme ihrem
+eigentümlichen Charakter getreu bleiben muß. Während die Prinzessin, so
+behauptete er, im wehmütigen Adagio beharrt, und nur hie und da einen
+Mordent, einen Pralltriller angebracht, sei er als ein vorzüglicher
+Buffo und erzkomischer Chanteur mit einer ganzen Legion kurzer Noten
+parlando dazwischengefahren, so daß er, da das Ganze ein wahres
+Meisterstück der Komposition und der Ausführung zu nennen, nichts weiter
+gewünscht, als der Prinzessin und sich selbst zuhören zu können aus
+irgendeiner Loge oder einem schicklichen Sperrsitz.
+
+Also Prinz Ignatius trat hinein mit einer zerbrochenen Tasse in der
+Hand, schluchzend und weinend.
+
+Es ist nötig, zu sagen, daß der Prinz, unerachtet hoch in die zwanzig,
+doch sich noch immer nicht von den Lieblingsspielen der Kinderjahre
+trennen konnte. Ganz vorzüglich liebte er schöne Tassen, mit denen er
+stundenlang in der Art spielen konnte, daß er sie in Reihen vor sich
+hinstellte auf den Tisch, und diese Reihen immer anders und anders
+ordnete, so daß bald die gelbe Tasse neben der roten, dann die grüne bei
+der roten usw. stehen mußte. Dabei freute er sich so innig, so herzlich,
+wie ein frohes zufriedenes Kind.
+
+Das Unglück, worüber er jetzt lamentierte, bestand darin, daß ihm der
+kleine Mops unversehens auf den Tisch gesprungen war, und die schönste
+der Tassen herabgeworfen hatte.
+
+Die Prinzessin versprach, dafür zu sorgen, daß er eine Mundtasse im
+neuesten Geschmack aus Paris erhalten solle. Da gab er sich zufrieden,
+und lächelte mit dem ganzen Gesicht. Jetzt erst schien er den
+Kapellmeister zu bemerken. Er wandte sich zu ihm mit der Frage, ob er
+auch viele schöne Tassen besitze. Kreisler wußte schon, von Meister
+Abraham hatte er es erfahren, was man darauf zu antworten. Er
+versicherte nämlich, daß er keineswegs solche schöne Tassen besitze, wie
+der gnädigste Herr, und daß es ihm auch ganz unmöglich sei, so viel Geld
+darauf zu verwenden, als der gnädige Herr es tue.
+
+Sehn Sie wohl, erwiderte Ignaz sehr vergnügt, ich bin ein Prinz und
+kann deshalb schöne Tassen haben, wie ich nur mag, aber das können Sie
+nicht, weil Sie kein Prinz sind, denn weil ich nun einmal ganz gewiß ein
+Prinz bin, so sind schöne Tassen --. Tassen und Prinzen, und Prinzen und
+Tassen gingen nun durcheinander in immer mehr verwirrter Rede, und dabei
+lachte und hüpfte Ignatius und klopfte in die Hände vor seligem
+Vergnügen! -- Hedwiga schlug errötend die Augen nieder, sie schämte sich
+des imbezillen Bruders, sie fürchtete mit Unrecht Kreisler's Spott, dem
+nach seiner innersten Gemütsstimmung, des Prinzen Albernheit, als ein
+Zustand des wirklichen Wahnsinnes, nur ein Mitleid erregte, das eben
+nicht wohltun konnte, vielmehr die Spannung des Augenblicks vermehren
+mußte. Um den armen nur abzubringen von den unseligen Tassen, bat die
+Prinzessin ihn, die kleine Handbibliothek in Ordnung zu bringen, die in
+einem zierlichen Wandschrank aufgestellt war. Ganz vergnügt, unter
+fröhlichem Gelächter, begann der Prinz sogleich die sauber gebundenen
+Bücher herauszunehmen, und sie, nach dem Format sorglich ordnend, so
+hinzustellen, daß die goldnen Schnitte nach außen stehend eine blanke
+Reihe formten, worüber er sich über alle Maßen freute.
+
+Fräulein Nannette stürzte hinein, und rief laut: der Fürst, der Fürst
+mit dem Prinzen! -- O mein Gott, sprach die Prinzessin, meine Toilette,
+in der Tat, Kreisler, wir haben die Stunden verplaudert, ohne daran zu
+denken. -- Ich habe mich ganz vergessen! Mich und den Fürsten und den
+Prinzen. Sie verschwand mit Nannetten in das Nebengemach. Prinz Ignaz
+ließ sich in seinem Geschäft gar nicht stören.
+
+Schon rollte der Staatswagen des Fürsten heran; als Kreisler sich unten
+an der Haupttreppe befand, stiegen eben die beiden Laufer in
+Staatslivree aus der Wurst. -- Das muß näher erklärt werden.
+
+Fürst Irenäus ließ nicht ab von dem alten Brauch; und so hatte er zur
+selben Zeit, als kein schnellfüßiger Hanswurst in bunter Jacke vor den
+Pferden herzulaufen genötigt, wie ein gehetztes Tier, in der zahlreichen
+Dienerschaft von allen Waffen auch noch zwei Laufer, artige hübsche
+Leute von gesetzten Jahren, wohlgefüttert, und nur zuweilen von
+Unterleibsbeschwerden geplagt, wegen der sitzenden Lebensweise. Viel zu
+menschenfreundlich war nämlich der Fürst gesinnt, um irgendeinem Diener
+zuzumuten, daß er sich zu Zeiten umsetzte in ein Windspiel, oder einen
+andern vergnügten Köter, um indessen doch die gehörige Etikette im
+Ansehen zu erhalten, mußten die beiden Laufer, fuhr der Fürst in Gala
+aus, vorauffahren auf einer passablen Wurst, und an schicklichen
+Stellen, wo z. B. einige Gaffer sich versammelt, etwas die Beine rühren
+als Andeutung des wirklichen Laufs. -- Es war hübsch anzusehen. --
+
+Also, -- die Laufer waren eben ausgestiegen, die Kammerherrn traten ins
+Portal, und ihnen folgte Fürst Irenäus, an dessen Seite ein junger Mann
+von stattlichem Ansehen daherschritt, in reicher Uniform der
+neapolitanischen Garde, Sterne und Kreuze auf der Brust. -- _»Je vous
+salue Monsieur de Krösel«_ sprach der Fürst, als er Kreisler erblickte.
+-- _Krösel_ pflegte er zu sagen, statt Kreisler, wenn er bei festlichen
+feierlichen Gelegenheiten französisch sprach, und sich auf keinen
+deutschen Namen recht besinnen konnte. Der fremde Prinz -- denn den
+jungen stattlichen Mann hatte doch wohl die Fräulein Nannette gemeint,
+als sie rief, daß der Fürst komme mit dem Prinzen -- nickte Kreislern im
+Vorbeigehen flüchtig zu mit dem Kopfe, eine Art der Begrüßung, die
+Kreislern selbst von den vornehmsten Personen ganz unausstehlich war. Er
+bückte sich daher bis tief an die Erde auf solch burleske Weise, daß der
+dicke Hofmarschall, der überhaupt Kreislern für einen ausgemachten
+Spaßmacher, und alles für Spaß hielt, was er tat und sprach, nicht umhin
+konnte, etwas zu kichern. Der junge Fürst warf aus seinen dunklen Augen
+Kreislern einen glühenden Blick zu, murmelte zwischen den Zähnen:
+Hasenfuß, und schritt dann schnell dem Fürsten nach, der sich mit milder
+Gravität nach ihm umschaute. -- Für einen italienischen Gardisten, rief
+Kreisler laut lachend dem Hofmarschall zu, spricht der durchlauchtige
+Herr ein passables Deutsch, sagen Sie ihm, beste Exzellenz, daß ich ihm
+dafür mit dem auserlesensten Neapolitanisch dienen und dabei kein
+artiges Romanisch, am wenigsten aber als Gozzische Maske schnödes
+Venetianisch einschwärzen, kurz kein X für ein U machen will. -- Sagen
+Sie ihm, beste Exzellenz --. Aber die Exzellenz stieg schon, die
+Schultern hoch heraufgezogen, als Bollwerk und Schutzschanze der Ohren,
+die Treppe hinauf. --
+
+Der fürstliche Wagen, mit dem Kreisler gewöhnlich nach Sieghartshof zu
+fahren pflegte, hielt, der Jäger öffnete den Schlag und fragte ob's
+gefällig wäre. In dem Augenblick rannte aber ein Küchenjunge vorbei,
+heulend und schreiend. Ach das Unglück -- ach das Malheur! -- Was ist
+geschehen, rief ihm Kreisler nach. Ach das Unglück, erwiderte der
+Küchenjunge noch heftiger weinend, da drinnen liegen der Herr
+Oberküchenmeister in der Verzweiflung, in purer Raserei, und wollen sich
+durchaus das Ragoutmesser in den Leib stoßen, weil der gnädigste Herr
+plötzlich befohlen hat zu soupieren, und es ihm an Muscheln fehlt zum
+italienischen Salat. Er will selbst nach der Stadt, und der Herr
+Oberstallmeister weigern sich anspannen zu lassen, da es an einer Ordre
+des gnädigsten Herrn fehlt. -- Da ist zu helfen, sprach Kreisler, der
+Herr Oberküchenmeister steige in gegenwärtigen Wagen, und versehe sich
+mit den schönsten Muscheln in Sieghartsweiler, während ich zu Fuß nach
+selbiger Stadt promeniere. -- Damit rannte er fort in den Park.
+
+Große Seele -- edles Gemüt -- scharmanter Herr! rief ihm der alte Jäger
+nach, indem ihm die Tränen in die Augen traten.
+
+In den Flammen des Abendrots stand das ferne Gebirge, und der goldne
+glühende Widerschein gleitete spielend über den Wiesenplan, durch die
+Bäume, durch die Büsche, wie getrieben von dem Abendwinde, der sich
+säuselnd erhoben.
+
+Kreisler blieb mitten auf der Brücke stehen, die über einen breiten Arm
+des Sees nach dem Fischerhäuschen führte, und schaute in das Wasser
+hinab, in dem sich der Park mit seinen wunderbaren Baumgruppen, der hoch
+darüber emporragende Geierstein, der seine weißblinkenden Ruinen auf dem
+Haupte wie eine seltsame Krone trug, abspiegelte in magischem Schimmer.
+Der zahme Schwan, der auf den Namen Blanche hörte, plätscherte auf dem
+See daher, den schönen Hals stolz emporgehoben, rauschend mit den
+glänzenden Schwingen. »Blanche, Blanche, rief Kreisler laut indem er
+beide Arme weit ausstreckte, singe dein schönstes Lied, glaube ja nicht,
+daß du dann sterben mußt! du darfst dich nur singend an meine Brust
+schmiegen, dann sind deine herrlichsten Töne mein, und nur ich gehe
+unter in brünstiger Sehnsucht, während du in Liebe und Leben
+daherschwebst auf den kosenden Wellen! --« Selbst wußte Kreisler nicht,
+was ihn plötzlich so tief bewegte, er stützte sich auf das Geländer,
+schloß unwillkürlich die Augen. Da hörte er Julia's Gesang, und ein
+unnennbar süßes Weh durchbebte sein Inneres.
+
+Düstere Wolken zogen daher, und warfen breite Schatten über das Gebirge,
+über den Wald, wie schwarze Schleier. Ein dumpfer Donner dröhnte im
+Morgen; stärker sauste der Nachtwind, rauschten die Bäche, und
+dazwischen schlugen einige Töne der Wetterharfe an, wie ferne
+Orgelklänge, aufgescheucht erhob sich das Geflügel der Nacht, und
+schweifte kreischend durch das Dickicht.
+
+Kreisler erwachte aus dem Traume, und erblickte seine dunkle Gestalt im
+Wasser. Da war es ihm, als schaue ihn Ettlinger, der wahnsinnige Maler,
+an aus der Tiefe. »Hoho, rief er hinab, bist Du da geliebter
+Doppelgänger, wackerer Kumpan? -- Höre, mein ehrlicher Junge, für einen
+Maler, der etwas über die Schnur gehauen, der im stolzen Übermut
+fürstliches Herzblut verbrauchen wollte, statt Firnis, siehst Du
+passabel genug aus. -- Ich glaube am Ende, guter Ettlinger, daß Du
+illustre Familien genarrt hast mit Deinem wahnsinnigen Treiben! -- Je
+länger ich Dich anschaue, desto mehr gewahre ich an Dir die vornehmsten
+Manieren, und so Du magst, will ich der Fürstin Maria versichern, Du
+wärst, was Deinen Stand oder Deine Lage im Wasser betrifft, ein Mann von
+dem importantesten Range, und sie könne Dich lieben ohne alle weiteren
+Umstände. -- Willst Du aber, Kumpan, daß die Fürstin noch jetzt Deinem
+Bilde gleiche, so mußt Du es nachtun dem fürstlichen Dilettanten, der
+seine Porträts ausglich mit den zu porträtierenden, durch geschicktes
+Anpinseln der letztern. -- Nun! -- haben sie Dich einmal unverdienter
+Weise hinabgeschickt in den Orkus, so trage ich Dir hiermit allerlei
+Neuigkeiten zu! -- Wisse, verehrter Tollhauskolonist, daß die Wunde, die
+Du dem armen Kinde, der schönen Prinzessin Hedwiga beibrachtest, noch
+immer nicht recht geheilt ist, so daß sie vor Schmerz manchmal allerlei
+Faxen macht. Trafst Du denn ihr Herz so hart, so schmerzlich, daß ihr
+noch jetzt heißes Blut entquillt, wenn sie deine Larve erblickt, so wie
+Leichname bluten, wenn der Mörder hinantritt? Rechne es mir nicht zu,
+Guter, daß sie mich für ein Gespenst hält, und zwar für das Deinige.
+-- Aber bin ich so recht in voller Lust ihr zu beweisen, daß ich kein
+schnöder Revenant bin, sondern der Kapellmeister Kreisler, dann kommt
+mir der Prinz Ignatius in die Quere, der offenbar an einer _paranoia_
+laboriert, an einer _fatuitas, stoliditas_, die nach =Kluge= eine sehr
+angenehme Sorte der eigentlichen Narrheit ist. -- Mache mir nicht alle
+Gesten nach, Maler, wenn ich ernsthaft mit Dir rede! -- Schon wieder?
+Fürchtete ich mich nicht vor dem Schnupfen, ich spränge zu Dir hinab,
+und prügelte Dich erklecklich! -- Schere Dich zum Teufel, halunkischer
+Mimiker! --
+
+Kreisler sprang schnell fort.
+
+Es war nun ganz finster geworden, Blitze leuchteten durch die schwarzen
+Wolken, der Donner rollte, und der Regen begann in großen Tropfen
+herabzufallen. Aus dem Fischerhäuschen strahlte ein helles blendendes
+Licht, dem eilte Kreisler entgegen.
+
+Unfern der Türe, im vollen Schimmer des Lichts, erblickte Kreisler sein
+Ebenbild, sein eigenes Ich, das neben ihm daherschritt. Vom tiefsten
+Entsetzen erfaßt, stürzte Kreisler hinein in das Häuschen, sank atemlos,
+zum Tode erbleicht, in den Sessel.
+
+Meister Abraham, der vor einem kleinen Tische saß, auf dem eine
+Astrallampe ihre blendenden Strahlen umherwarf, in einem großen
+Folianten lesend, fuhr erschrocken in die Höhe, nahte sich Kreisler,
+rief: Um des Himmels willen, was ist Euch, Johannes, wo kommt Ihr her am
+späten Abend -- was hat Euch so entsetzt! --
+
+Mit Mühe ermannte sich Kreisler, und sprach dann mit dumpfer Stimme: Es
+ist nun nicht anders, wir sind unserer Zwei -- ich meine, ich und mein
+Doppelgänger, der aus dem See gesprungen ist, und mich verfolgt hat,
+hieher. -- Seid barmherzig Meister, nehmt Euern Dolchstock, stoßt den
+Halunken nieder -- er ist rasend, glaubt mir das, und kann uns beide
+verderben. Er hat draußen das Wetter heraufbeschworen. -- Die Geister
+rühren sich in den Lüften, und ihr Choral zerreißt die menschliche
+Brust! -- Meister -- Meister, lockt den Schwan herbei, -- er soll singen
+-- erstarrt ist mein Gesang, denn der Ich hat seine weiße kalte
+Totenhand auf meine Brust gelegt, die muß er wegziehen, wenn der Schwan
+singt -- und sich wieder untertauchen in den See. -- Meister Abraham
+ließ Kreislern nicht weiter reden, er sprach ihm zu mit
+freundschaftlichen Worten, nötigte ihm einige Gläser eines feurigen
+italienischen Weins ein, den er eben zur Hand hatte, und fragte ihm dann
+nach und nach ab, wie sich alles begeben.
+
+Aber kaum hatte Kreisler geendet, als Meister Abraham laut lachend rief.
+Da sieht man den eingefleischten Phantasten, den vollendeten
+Geisterseher! -- Was den Organisten betrifft, der Euch draußen in dem
+Park schauerliche Chorale vorgespielt hat, so ist das niemand anders
+gewesen, als der Nachtwind, der durch die Lüfte brausend, daher fuhr,
+und vor dem die Saiten der Wetterharfe erklangen. Ja ja, Kreisler, die
+Wetterharfe habt Ihr vergessen, die zwischen den beiden Pavillons am
+Ende des Parks aufgespannt ist[A]. Und was Euern Doppelgänger betrifft,
+der im Schimmer meiner Astrallampe neben Euch her lief, so will ich Euch
+sogleich beweisen, daß, sobald ich nur vor die Türe trete, auch mein
+Doppelgänger bei der Hand ist, ja, daß ein jeder, der zu mir
+hineintritt, solch einen Chevalier d'Honneur seines Ichs an der Seite
+leiden muß.
+
+[Fußnote A: Der Abt Gattoni zu Mailand ließ, von einem Turme zum
+andern fünfzehn eiserne Saiten ausspannen, und dergestalt stimmen, daß
+sie die diatonische Tonleiter angaben. Bei jeder Veränderung in der
+Atmosphäre erklangen diese Saiten stärker oder schwächer, nach dem Maß
+jener Veränderung. Man nannte diese Äolsharfe im großen, Riesen- oder
+Wetterharfe.]
+
+Meister Abraham trat vor die Türe, und sogleich stand in dem Schimmer
+ein zweiter Meister Abraham ihm zur Seite.
+
+Kreisler merkte die Wirkung eines verborgenen Hohlspiegels, und ärgerte
+sich, wie jeder, dem das Wunderbare, woran er geglaubt, zu Wasser
+gemacht wird. Dem Menschen behagt das tiefste Entsetzen mehr, als die
+natürliche Aufklärung dessen, was ihm gespenstisch erschienen, er will
+sich durchaus nicht mit dieser Welt abfinden lassen; er verlangt etwas
+zu sehen aus einer andern, die des Körpers nicht bedarf, um sich ihm zu
+offenbaren.
+
+Ich kann, nun einmal, Meister, sprach Kreisler, Euren seltsamen Hang zu
+solchen Foppereien nicht begreifen. Ihr präpariert das Wunderbare wie
+ein geschickter Mundkoch, aus allerlei scharfen Ingredienzien, und
+meint, daß die Menschen, deren Phantasie, wie der Magen der Schlemmer,
+flau geworden, irritiert werden müssen durch solches Unwesen. Nichts ist
+abgeschmackter, als wenn man bei solchen vermaledeiten Kunststückchen,
+die einem die Brust zusammenschnüren, dahinterkommt, daß alles natürlich
+zugegangen.
+
+Natürlich! -- natürlich, rief Meister Abraham, als ein Mann vom
+ziemlichen Verstande, solltet Ihr doch einsehen, daß nichts in der Welt
+natürlich zugeht, gar nichts! -- Oder glaubt Ihr, werter Kapellmeister,
+daß deshalb, weil wir mit uns zu Gebote stehenden Mitteln eine bestimmte
+Wirkung hervorzubringen vermögen, uns die aus dem geheimnisvollen
+Organism strömende Ursache der Wirkung klar vor Augen liegt? -- Ihr habt
+doch sonst vielen Respekt vor meinen Kunststücken gehabt, unerachtet Ihr
+die Krone davon niemals schautet. -- Ihr meint das unsichtbare Mädchen,
+sprach Kreisler.
+
+Allerdings, fuhr der Meister fort, eben dieses Kunststück -- es ist wohl
+mehr als das -- würde Euch bewiesen haben, daß die gemeinste am
+leichtesten zu berechnende Mechanik oft mit den geheimnisvollsten
+Wundern der Natur in Beziehung treten, und dann Wirkungen hervorbringen
+kann, die unerklärlich, -- selbst dies Wort im gewöhnlichen Sinn
+genommen, bleiben müssen. Hm, sprach Kreisler, wenn Ihr nach der
+bekannten Theorie des Schalls verfuhret, den Apparat geschickt zu
+verbergen wußtet, und ein schlaues gewandtes Wesen an der Hand hattet --
+
+O Chiara, rief Meister Abraham, indem Tränen in seinen Augen perlten, o
+Chiara mein süßes liebes Kind!
+
+Kreisler hatte noch nie den Alten so tief bewegt gesehen, wie dieser
+denn von jeher keiner wehmütigen Empfindung Raum geben wollte, sondern
+dergleichen wegzuspotten pflegte.
+
+Was ist das mit der Chiara? fragte der Kapellmeister.
+
+Es ist wohl dumm, sprach der Meister lächelnd, daß ich Euch heute
+erscheinen muß, wie ein alter weinerlicher Geck, aber die Gestirne
+wollen es nun einmal, daß ich von einem Moment meines Lebens mit Euch
+reden soll, über den ich so lange schwieg. -- Kommt her, Kreisler,
+schaut dieses große Buch, es ist das merkwürdigste, was ich besitze, das
+Erbstück eines Tausendkünstlers, Severino geheißen, und eben sitze ich
+da und lese die wunderbarsten Sachen, und schaue die kleine Chiara an,
+die darin abgebildet, und da stürzt Ihr herein, außer Euch selbst, und
+verachtet meine Magie in dem Augenblick, als ich eben in der Erinnerung
+schwelge an ihr schönstes Wunder, das mein war in der Blütezeit meines
+Lebens!
+
+Nun erzählt nur, rief Kreisler, damit ich stracks mit Euch heulen kann
+--
+
+Es ist nun eben nicht sehr merkwürdig, begann Meister Abraham,
+daß ich, sonst ein junger kräftiger Mann, von ganz hübschem Ansehn, aus
+übertriebenem Eifer und großer Ruhmbegier, mich matt und krank
+gearbeitet hatte an der großen Orgel in der Hauptkirche zu Göniönesmühl.
+Der Arzt sprach laufen Sie, werter Orgelbauer, laufen Sie über Berg und
+Tal, weit in die Welt hinein, und das tat ich denn wirklich, indem ich
+mir den Spaß machte, überall als Mechaniker aufzutreten, und den Leuten
+die artigsten Kunststücke vorzumachen. Dies ging recht gut, und brachte
+viel Geld ein, bis ich auf den Mann stieß, Severino geheißen, der mich
+derb auslachte mit meinen Kunststückchen, und durch manches mich beinahe
+dahin gebracht hätte, mit dem Volk zu glauben, er stehe mit dem Teufel
+oder wenigstens mit andern honetteren Geistern im Bunde. Das mehreste
+Aufsehen erregte sein weibliches Orakel, ein Kunststück, das eben später
+unter dem Namen des unsichtbaren Mädchens bekannt worden. Mitten im
+Zimmer, von der Decke herab, hing frei eine Kugel von dem feinsten,
+klarsten Glase, und aus dieser Kugel strömten, wie ein linder Hauch, die
+Antworten auf die an das unsichtbare Wesen gerichteten Fragen. Nicht
+allein das unbegreiflich scheinende dieses Phänomens, sondern auch die
+ins Herz dringende, das Innerste erfassende Geisterstimme der
+Unsichtbaren, das Treffende ihrer Antworten, ja ihre wahrhafte
+Weissagungsgabe, verschaffte dem Künstler unendlichen Zulauf. Ich
+drängte mich an ihn, ich sprach viel von meinen mechanischen
+Kunststücken, er verachtete aber, wiewohl im andern Sinn, als Ihr es
+tut, Kreisler, all mein Wissen, und bestand darauf, ich sollte ihm eine
+Wasserorgel bauen zu seinem häuslichen Gebrauch, unerachtet ich ihm
+bewies, daß, wie auch der verstorbene Herr Hofrat Meister zu Göttingen,
+in seinem Traktat: _De veterum Hydraulo_ versichre, an einem solchen
+_Hydraulos_ gar nichts sei, und nichts erspart werde, als einige Pfund
+Luft, die man, dem Himmel sei es gedankt, doch noch überall umsonst
+haben könne. Endlich beteuerte Severino, er brauche die sanfteren Töne
+eines solchen Instruments, um der Unsichtbaren beizustehen, und er wolle
+mir das Geheimnis entdecken, wenn ich auf das Sakrament schwöre, es
+weder selbst zu gebrauchen, noch andern zu entdecken, wiewohl er glaube,
+daß es nicht leicht möglich sein werde, sein Kunstwerk nachzuahmen, ohne
+-- hier stockte er und machte ein geheimnisvolles, süßes Gesicht, wie
+weiland Cagliostro, wenn er von seinen zaubrischen Verzückungen zu
+Weibern sprach. Voll Begier, die Unsichtbare zu schauen, versprach ich
+die Wasserorgel zu verfertigen, so gut es ginge, und nun schenkte er mir
+sein Zutrauen, -- gewann mich sogar lieb, als ich ihm willig Beistand
+leistete in seinen Arbeiten. Eines Tages, eben wollte ich zu Severino
+gehen, war das Volk auf der Straße zusammengelaufen. Man sagte mir, ein
+anständig gekleideter Mann sei ohnmächtig zu Boden gefallen. Ich drängte
+mich durch, und erkannte Severino, den man eben aufhob und ins nächste
+Haus trug. Ein Arzt, der des Weges gekommen, nahm sich seiner an.
+Severino schlug, nachdem verschiedene Mittel angewandt, mit einem tiefen
+Seufzer die Augen auf. Der Blick, mit dem er unter den krampfhaft
+zusammengezogenen Augenbrauen mich anstarrte, war furchtbar, alle
+Schrecken des Todeskampfs glühten darin in düstrem Feuer. Seine Lippen
+bebten, er versuchte zu reden, und vermocht's nicht. Endlich schlug er
+einigemal heftig mit der Hand auf die Westentasche. Ich faßte hinein,
+und zog einige Schlüssel hervor. »Das sind die Schlüssel Eurer Wohnung«,
+sprach ich, er nickte mit dem Kopfe. Das ist, fuhr ich fort, indem ich
+ihm einen von den Schlüsseln vor Augen hielt, der Schlüssel zu dem
+Kabinett, in das Ihr mich niemals hineinlassen wolltet. Er nickte auf's
+neue. Als ich aber weiter fragen wollte, begann er wie in fürchterlicher
+Angst zu ächzen und zu stöhnen, kalte Schweißtropfen standen ihm auf der
+Stirne, er breitete die Arme aus, und bog sie im Zirkel zusammen, wie
+wenn man etwas umfaßt, und wies auf mich. »Er will, sprach der Arzt, daß
+Sie seine Sachen, seine Apparate, in Sicherheit bringen, vielleicht;
+stirbt er, behalten sollen?« Severino nickte stärker mit dem Kopfe,
+schrie endlich: _Corre_! und sank auf's neue ohnmächtig zurück. Schnell
+eilte ich nun nach Severinos Wohnung, vor Neugier, vor Erwartung bebend,
+öffnete ich das Kabinett, in dem die geheimnisvolle Unsichtbare
+verschlossen sein mußte, und erstaunte nicht wenig, als ich es ganz leer
+fand. Das einzige Fenster war dicht verhängt, so daß das Licht nur
+hinein dämmerte, und ein großer Spiegel hing an der Wand, der Türe des
+Zimmers gegenüber. Sowie ich zufällig vor diesen Spiegel trat, und meine
+Gestalt im schwachen Schimmer erblickte, durchströmte mich ein seltsames
+Gefühl, als befände ich mich auf dem Isolierstuhl einer
+Elektrisiermaschine. In demselben Augenblick sprach die Stimme des
+unsichtbaren Mädchens auf italienisch: verschont mich nur heute Vater!
+Geißelt mich nicht so grausam, Ihr seid ja doch nun gestorben! -- Schnell
+öffnete ich die Türe des Zimmers, so, daß das volle Licht hineinströmte,
+aber keine lebendige Seele konnt' ich erblicken. »Es ist gut, Vater,
+sprach die Stimme, daß Ihr Herrn Liscov geschickt habt, aber der läßt es
+nicht mehr zu, daß Ihr mich geißelt, er zerbricht den Magnet, und Ihr
+könnt nicht mehr aus dem Grabe heraus, in das er Euch legen läßt, Ihr
+möget Euch sträuben, wie Ihr wollt, denn Ihr seid doch nun ein
+Verstorbener, und gehört nicht mehr dem Leben.« Ihr könnt wohl denken,
+Kreisler, daß mich tiefe Schauer durchbebten, da ich niemand sah, und
+die Stimme doch dicht vor meinen Ohren schwebte. Teufel, sprach ich
+laut, um mich zu ermutigen, säh ich nur irgendwo ein lumpiges
+Fläschchen, so würd ich es zerschmeißen, und der _diable boiteux_ stünde,
+seinem Kerker entronnen, leibhaftig vor mir, aber so. -- Nun kam es mir
+plötzlich vor, als gingen die leisen Seufzer, die durch das Kabinett
+wehten, aus einem Verschlage hervor, der in der Ecke stand, und mir viel
+zu klein schien, um ein menschliches Wesen zu beherbergen. Doch springe
+ich hin, öffne den Schieber, und zusammengekrümmt, wie ein Wurm, liegt
+ein Mädchen darin, starrt mich an mit großen, wunderbar schönen Augen,
+streckt endlich mir den Arm entgegen, als ich rufe: Komm heraus, mein
+Lämmchen, komm heraus meine kleine Unsichtbare! -- Ich fasse endlich die
+Hand, die sie emporhält, und ein elektrischer Schlag fährt mir durch
+alle Glieder. -- Halt, Meister Abraham, rief Kreisler, was ist das, als
+ich zum erstenmal zufällig der Prinzessin Hedwiga Hand berührte, ging es
+mir ebenso, und noch immer, wiewohl schwächer, fühl' ich dieselbe
+Wirkung, wenn sie mir sehr gnädig die Hand reicht. Hoho, erwiderte
+Meister Abraham, am Ende ist unser Prinzeßlein eine Art von _Gymnotus
+electricus_ oder _Raja torpedo_ oder _Trichiurus indicus_, wie in gewisser
+Art meine süße Chiara es war, oder auch wohl nur eine muntere Hausmaus,
+wie jene, die dem wackern Signor Cotugno eine tüchtige Ohrfeige
+versetzte, als er sie beim Rücken erfaßte, um sie zu sezieren, was Ihr
+freilich mit der Prinzessin nicht im Sinn haben konntet! -- Doch
+sprechen wir ein andermal von der Prinzessin, und bleiben wir jetzt bei
+meiner Unsichtbaren! -- Als ich, erschrocken über den unvermuteten
+Schlag des kleinen Torpedo zurückprallte, sprach das Mädchen mit
+wunderbar anmutigem Ton auf deutsch: Ach, nehmet es doch nur ja nicht
+übel, Herr Liscov, aber ich kann nicht anders, der Schmerz war gar zu
+groß. -- Ohne mich weiter mit meinem Erstaunen aufzuhalten, faßte ich
+die Kleine sanft bei den Schultern, zog sie aus dem abscheulichen
+Gefängnis, und ein zart gebautes, liebliches Ding in der Größe eines
+zwölfjährigen Mädchens, nach der körperlichen Ausbildung zu urteilen
+aber wenigstens sechzehn Jahre alt, stand vor mir. Schaut nur dort in's
+Buch hinein, das Bild ist ähnlich, und Ihr werdet gestehen müssen, daß
+es kein lieblicheres, ausdrucksvolleres Antlitz geben kann, wozu Ihr
+aber rechnen müßt, daß das wunderbare, das Innerste entzündende Feuer
+der schönsten schwarzen Augen in keinem Bilde zu erreichen. Jeder, der
+nicht auf eine Schneehaut und Flachshaar erpicht ist, mußte das
+Gesichtlein für vollendet schön anerkennen, denn freilich war die Haut
+meiner Chiara etwas zu braun, und ihr Haar glänzte im brennenden
+Schwarz. -- Chiara -- Ihr wißt nun schon, daß die kleine Unsichtbare so
+geheißen war -- Chiara fiel vor mir nieder, ganz Wehmut und Schmerz, ein
+Tränenstrom stürzte ihr aus den Augen, und sie sprach mit einem
+unnennbaren Ausdruck _je suis sauvée_. Ich fühlte mich von dem tiefsten
+Mitleid durchdrungen, ich ahnte entsetzliche Dinge! -- Man brachte jetzt
+Severinos Leiche, ein zweiter Anfall des Schlages hatte ihn, gleich
+nachdem ich ihn verlassen, getötet. Sowie Chiara den Leichnam gewahrte,
+versiegten ihre Tränen, sie schaute den toten Severino an mit ernstem
+Blick, und entfernte sich dann, als die Leute, die mitgekommen, sie
+neugierig betrachteten und lachend meinten, das sei wohl gar am Ende das
+unsichtbare Mädchen in dem Kabinett. Ich fand es unmöglich, das Mädchen
+allein zu lassen bei dem Leichnam, die gutmütigen Wirtsleute erklärten
+sich bereit, sie bei sich aufzunehmen. Als ich nun aber, nachdem sich
+alles entfernt, hineintrat in's Kabinett, saß Chiara vor dem Spiegel in
+dem seltsamsten Zustande. Mit fest auf den Spiegel gerichteten Augen
+schien sie nichts zu gewahren, gleich einer Mondsüchtigen. Sie lispelte
+unverständliche Worte, die aber immer deutlicher und deutlicher wurden,
+bis sie, deutsch, französisch, italienisch, spanisch, wechselnd von
+Dingen sprach, die sich auf entfernte Personen zu beziehen schienen.
+-- Ich bemerkte zu meinem nicht geringen Erstaunen, daß gerade die Stunde
+eingetreten, in der Severino das weibliche Orakel reden zu lassen
+pflegte. -- Endlich schloß Chiara die Augen, und schien in tiefen Schlaf
+verfallen. Ich nahm das arme Kind in meine Arme, und trug sie herab zu
+den Wirtsleuten. Am andern Morgen fand ich die kleine heiter und ruhig,
+erst jetzt schien sie ihre Freiheit ganz zu begreifen, und erzählte
+alles, was ich zu wissen verlangte. -- Es wird Euch nicht verschnupfen,
+Kapellmeister, unerachtet Ihr sonst auf gute Geburt was haltet, daß
+meine kleine Chiara nichts anders war, als ein Zigeunermägdlein, die mit
+einer ganzen Bande des schmutzigen Volks auf dem Markte in irgendeiner
+großen Stadt, von Häschern bewacht, sich von der Sonne braten ließ, als
+eben Severino vorüberging. »Blanker Bruder, soll ich Dir wahrsagen?«
+rief ihm das achtjährige Mädchen an. Severino sah der Kleinen lange in
+die Augen, ließ sich dann wirklich die Züge seines Handtellers deuten,
+und äußerte ein besonderes Erstaunen. Er mußte etwas ganz Besonderes an
+dem Mädchen gefunden haben, denn sogleich trat er zu dem
+Polizei-Lieutenant, der den Zug der verhafteten Zigeuner führte, und
+meinte, er wolle was Erkleckliches geben, wenn es ihm vergönnt würde,
+das Zigeunermädchen mit sich zu nehmen. Der Polizei-Lieutenant erklärte
+barsch, es sei hier kein Sklavenmarkt; setzte indessen hinzu, da die
+Kleine doch eigentlich nicht zu den wirklichen Menschen zu rechnen, und
+das Zuchthaus nur molestiere, so stände sie zu Befehl, wenn der Herr
+zehn Dukaten zur Stadtarmenkasse zahlen wolle. Severino zog sogleich
+seinen Beutel hervor, und zählte die Dukaten ab. Chiara und ihre alte
+Großmutter, beide hatten die ganze Verhandlung gehört, fingen an zu
+heulen und zu schreien, und wollten sich nicht trennen, da traten aber
+die Häscher hinzu, schmissen die Alte auf den Leiterwagen, der zum
+Abfahren bereit stand; der Polizei-Lieutenant, der vielleicht seinen
+Beutel in dem Augenblick für die Stadtarmenkasse halten mochte, steckte
+die blanken Dukaten ein, und Severino schleppte die kleine Chiara fort,
+die er dadurch möglichst zu beruhigen suchte, daß er ihr auf demselben
+Markt, wo er sie gefunden, ein hübsches neues Röcklein kaufte, und sie
+überdies mit Zuckerwerk fütterte. -- Es ist gewiß, daß Severino damals
+eben das Kunststück mit dem unsichtbaren Mädchen im Kopf hatte, und in
+der kleinen Zigeunerin alle Anlagen fand, die Rolle der Unsichtbaren zu
+übernehmen. Neben einer sorgfältigen Erziehung suchte er auf ihren
+Organismus, der zu einem erhöhten Zustande besonders geeignet, zu
+wirken. Er brachte diesen erhöhten Zustand, in dem ein prophetischer
+Geist in dem Mädchen aufglühte, durch künstliche Mittel hervor, -- denkt
+an Mesmer und seine furchtbaren Operationen -- und versetzte sie
+jedesmal, wenn sie wahrsagen sollte, in diesen Zustand. Ein
+unglückliches Ungefähr ließ ihn wahrnehmen, daß die Kleine nach
+empfundenem Schmerz vorzüglich reizbar war, und daß dann ihre Gabe, das
+fremde Ich zu durchschauen, bis zum Unglaublichen stieg, so daß sie ganz
+vergeistigt schien. Und nun geißelte sie der entsetzliche Mensch
+jedesmal vor der Operation, die sie in den Zustand des höhern Wissens
+versetzte, auf die grausamste Weise. Zu dieser Qual kam noch, daß
+Chiara, die Ärmste, oft tagelang, wenn Severino abwesend, sich
+zusammenkrümmen mußte in jenem Verschlag, damit, dränge selbst jemand in
+das Kabinett, doch Chiara's Gegenwart ein Geheimnis bliebe. Ebenso
+machte sie die Reisen mit Severino in jenem Kasten. Unglücklicher,
+fürchterlicher, war Chiara's Schicksal, als das jenes Zwerges, den der
+bekannte Kempelen mit sich führte, und der, in dem Türken versteckt,
+Schach spielen mußte. -- Ich fand in Severinos Pult eine namhafte Summe
+in Gold und Papieren, es gelang mir, der kleinen Chiara dadurch ein
+gutes Einkommen zu sichern, den Apparat zum Orakel, das heißt die
+akustischen Vorrichtungen, im Zimmer und Kabinett vernichtete ich, sowie
+manches andere Kunstwerk, das nicht transportabel, wogegen ich nach
+Severinos deutlich ausgesprochenem Vermächtnis manches Geheimnis aus
+seinem Nachlaß mir zu eigen machte. Dies alles abgetan, nahm ich von der
+kleinen Chiara, die die Wirtsleute halten wollten wie ihr liebes
+Kindlein, den wehmütigsten Abschied, und verließ den Ort. -- Ein Jahr
+war vergangen, ich wollte zurück nach Göniönesmühl, wo der hochlöbliche
+Magistrat die Reparatur der Stadtorgel von mir verlangte, aber der
+Himmel hatte ein besonderes Wohlgefallen daran, mich als Taschenspieler
+hinzustellen vor den Leuten, und gab daher einem verfluchten Spitzbuben
+die Macht, meine Börse, in der mein ganzer Reichtum befindlich, zu
+stehlen, und mich so zu zwingen, noch als berühmter, mit vielen Attesten
+und Konzessionen versehener Mechaniker Künste zu machen des nötigen
+Proviants halber. -- Das geschah an einem Örtchen unsern
+Sieghartsweiler. Eines Abends sitze ich und hämmere und feile an einem
+Zauberkästchen, da geht die Türe auf, ein weibliches Wesen tritt herein,
+ruft: nein, ich konnte es nicht länger ertragen, ich mußte Euch nach,
+Herr Liscov -- ich wäre gestorben vor Sehnsucht! -- Ihr seid mein Herr,
+gebietet über mich! -- stürzt auf mich zu, will mir zu Füßen fallen, ich
+fange sie auf in meinen Armen -- es ist Chiara! -- Kaum erkenne ich das
+Mädchen, wohl einen Fuß höher, stärker ist sie geworden, ohne daß das
+den zartesten Formen ihres Wuchses geschadet! -- Liebe süße Chiara!
+-- rief ich tief bewegt, und drückte sie an meine Brust! Nicht wahr,
+spricht nun Chiara, Ihr leidet mich bei Euch, Herr Liscov, Ihr verstoßet
+nicht die arme Chiara, die Euch Freiheit und Leben zu verdanken hat?
+-- Und damit springt sie schnell an den Kasten, den eben ein Postknecht
+hineinschiebt, drückt den Kerl so viel Geld in die Hand, daß er mit
+einem großen Katzensprung zur Türe hinaus, laut ruft: ei der Daus, das
+liebe Mohrenkind, öffnet den Kasten, nimmt dieses Buch heraus, gibt mir
+es sprechend: Da, Herr Liscov, nehmt das Beste aus Severinos Nachlaß,
+das Ihr vergessen, fängt an, während ich das Buch aufschlage, ganz
+getrost Kleider und Wäsche auszupacken -- Ihr möget denken, Kreisler,
+daß mich die kleine Chiara in nicht geringe Verlegenheit setzte; aber
+-- nun ist es Zeit, Kerl! daß Du auf mich was halten lernst, da Du, weil
+ich Dir half, dem Oheim die reifen Birnen vom Baume naschen, und ihm
+hölzerne mit saubrer Malerei hinhängen, oder ihm gedüngtes
+Pommeranzenwasser hinstellen in der Gießkanne, womit er die auf dem
+Rasen zum Bleichen ausgespannten weißen Kanevashosen begoß, und einen
+schönen Marmor herausbrachte ohne Mühe, -- kurz, weil ich Dich zu tollen
+Narrenstreichen anführte, da Du, sag' ich, sonst mich selbst zu nichts
+anderm machtest, als zu einem puren Schalksnarren, der niemals ein Herz,
+oder wenigstens die Hanswurstjacke so dick darüber gelegt hatte, daß er
+nichts von seinen Schlägen spürte! -- Brüste Dich nicht, Mensch, mit
+Deiner Empfindsamkeit, mit Deinen Tränen, denn siehe, schon wieder muß
+ich, so wie Du es nur zu oft tust, niederträchtig flennen; aber der
+Teufel hole doch alles, wenn man erst im hohen Alter jungen Leuten das
+Innere aufschließen soll wie eine Chambre garnie. -- Meister Abraham
+trat ans Fenster, und schaute hinaus in die Nacht. Das Gewitter war
+vorüber, im Säuseln des Waldes hörte man die einzelnen Tropfen fallen,
+die der Nachtwind herabschüttelte. Von fern her aus dem Schlosse ertönte
+lustige Tanzmusik. Prinz Hektor, sprach Meister Abraham, eröffnet die
+Partie _à la chasse_ mit einigen Sprüngen, glaub ich --
+
+Und Chiara? fragte Kreisler.
+
+Recht, mein Sohn, fuhr Meister Abraham fort, indem er sich erschöpft in
+den Lehnstuhl niederließ, daß Du mich erinnerst an Chiara, denn ich muß
+in dieser verhängnisvollen Nacht den Kelch der bittersten Erinnerungen
+nun einmal ausschlürfen bis auf den letzten Tropfen. -- Ach! -- so wie
+Chiara geschäftigt hin und her hüpfte, wie aus ihren Blicken die reinste
+Freude strahlte, da fühlt' ich es wohl, daß es mir ganz unmöglich sein
+würde, mich jemals von ihr zu trennen, daß sie mein Weib werden müsse.
+-- Und doch sprach ich: aber Chiara, was soll ich mit Dir anfangen, wenn
+Du nun hier bleibst? -- Chiara trat vor mich hin und sprach sehr ernst:
+Meister, Ihr findet in dem Buche, das ich Euch gebracht, die genaue
+Beschreibung des Orakels, Ihr habt ja ohnedies die Vorrichtungen dazu
+gesehen. -- Ich will Euer unsichtbares Mädchen sein! -- Chiara, rief ich
+ganz bestürzt, was sprichst Du? -- Kannst Du mich für einen Severino
+halten! -- »O, schweigt von Severino,« erwiderte Chiara. -- Nun, was soll
+ich Euch alles umständlich erzählen, Kreisler, Ihr wißt ja schon, daß
+ich alle Welt in Erstaunen setzte mit meinem unsichtbaren Mädchen, und
+möget mir wohl zutrauen, daß ich es verabscheute, auch nur durch
+irgendein künstliches Mittel meine liebe Chiara aufzuregen, oder auf
+irgendeine Weise ihre Freiheit zu verschränken. -- Sie deutete mir
+selbst Zeit und Stunde an, wenn sie sich fähig fühlte, oder vielmehr
+fühlen würde, die Rolle der Unsichtbaren zu spielen, und nur dann sprach
+mein Orakel. -- Überdies war meiner Kleinen jene Rolle zum Bedürfnis
+geworden. Gewisse Umstände, die Ihr künftig erfahren sollt, brachten
+mich nach Sieghartsweiler. Es lag in meinem Plan, sehr geheimnisvoll
+aufzutreten. Ich bezog eine einsame Wohnung bei der Witwe des
+fürstlichen Mundkochs, durch die ich sehr bald das Gerücht von meinen
+wunderbaren Kunststücken an den Hof brachte. Was ich erwartet hatte,
+geschah. Der Fürst, ich meine den Vater des Fürsten Irenäus, suchte mich
+auf, und mein weissagende Chiara war die Zauberin, die, wie von
+überirdischer Kraft beseelt, ihm oft sein eigenes Inneres erschloß, so
+daß er manches, was ihm sonst verschleiert gewesen, jetzt klar
+durchschaute. Chiara, die mein Weib worden, wohnte bei einem mir
+vertrauten Mann in Sieghartshof, und kam zu mir im Dunkel der Nacht, so
+daß ihre Gegenwart ein Geheimnis blieb. Denn seht Kreisler, so versessen
+sind die Menschen auf Wunder, das, war auch das Kunststück mit dem
+unsichtbaren Mädchen nicht anders möglich, als durch die Mitwirkung
+eines menschlichen Wesens, sie doch das ganze Ding für eine dumme
+Fopperei geachtet haben würden, sobald sie erfuhren, daß das unsichtbare
+Mädchen von Fleisch und Bein. So wie denn in jener Stadt den Severino
+nach seinem Tode, alle Leute einen Betrüger schalten, da es
+herausgekommen, daß eine kleine Zigeunerin im Kabinett gesprochen, ohne
+die künstliche akustische Einrichtung die den Ton aus der Glaskugel
+kommen ließ, auch nur im mindesten zu beachten. -- Der alte Fürst starb,
+ich hatte die Kunststücke, die Geheimniskrämerei mit meiner Chiara,
+herzlich satt, ich wollte mit meinem lieben Weibe hinziehen nach
+Göniönesmühl, und wieder Orgeln bauen. Da blieb eine Nacht Chiara, die
+zum letztenmal, die Rolle des unsichtbaren Mädchens spielen sollte, aus,
+ich mußte die Neugierigen unbefriedigt fortschicken. Mir schlug das Herz
+vor banger Ahnung. -- Am Morgen lief ich nach Sieghartshof, Chiara war
+zur gewöhnlichen Stunde fortgegangen. -- Nun Kerl! was schaust Du mich
+so an? ich hoffe, daß Du keine alberne Frage tun wirst! -- Du weißt es ja
+-- Chiara war spurlos verschwunden, nie -- nie hab' ich sie
+wiedergesehen! -- Meister Abraham sprang rasch auf, und stürzte ans
+Fenster. Ein tiefer Seufzer machte den Blutstropfen Luft, die aus der
+aufgerissenen Herzwunde quollen. Kreisler ehrte den tiefen Schmerz des
+Greises durch Schweigen. Ihr könnet nun, begann endlich Meister Abraham,
+nicht mehr zurück nach der Stadt, Kapellmeister. Mitternacht ist heran,
+draußen, Ihr wißt es, hausen böse Doppelgänger, und allerlei anderes
+bedrohliches Zeug könnt' uns in den Kram pfuschen. Bleibt bei mir! Toll,
+ganz toll müßt es ja --
+
+=(M. f. f.)= aber sein, wenn dergleichen Unschicklichkeiten vorfielen an
+heiliger Stätte, -- ich meine im Auditorio. -- Es wird mir so enge, so
+beklommen um's Herz -- ich vermag, von den erhabensten Gedanken
+durchströmt, nicht weiter zu schreiben -- ich muß abbrechen, muß ein
+wenig spazieren gehen!
+
+Ich kehre zurück an den Schreibtisch, mir ist besser -- Aber wovon das
+Herz voll ist, davon geht der Mund über, und auch wohl der Federkiel des
+Dichters! -- Ich hört' einmal den Meister Abraham erzählen, in einem
+alten Buche stände etwas von einem kuriosen Menschen, dem eine besondere
+_Materia peccans_ im Leibe rumorte, die nicht anders abging, als durch die
+Finger. Er legte aber hübsches weißes Papier unter die Hand, und fing so
+alles, was nur von dem bösen rumorenden Wesen abgehen wollte, auf, und
+nannte diesen schnöden Abgang Gedichte, die er aus dem Innern
+geschaffen. Ich halte das Ganze für eine boshafte Satire, aber wahr ist
+es, zuweilen fährt mir ein eignes Gefühl, beinahe möcht' ich's geistiges
+Leibkneifen nennen, bis in die Pfoten, die alles hinschreiben müssen,
+was ich denke. -- Eben jetzt geht's mir so -- es kann mir Schaden tun,
+betörte Kater können in ihrer Verblendung böse werden, sogar mich ihre
+Krallen fühlen lassen, aber es muß heraus! --
+
+Mein Meister hatte heute den ganzen Vormittag hindurch in einem
+schweinsledernen Quartanten gelesen, als er sich endlich zur
+gewöhnlichen Stunde entfernte, ließ er das Buch aufgeschlagen auf dem
+Tische liegen. Schnell sprang ich herauf, um neugierig, erpicht auf die
+Wissenschaften, wie ich nun einmal bin, zu erschnuppern, was das wohl
+für ein Buch sein könne, worin der Meister mit so vieler Anstrengung
+studiert. Es war das schöne herrliche Werk des alten Johannes
+Kunisperger, vom natürlichen Einfluß der Gestirne, Planeten und zwölf
+Zeichen. Ja wohl, mit Recht kann ich das Werk schön und herrlich nennen,
+denn, indem ich las, gingen mir da nicht die Wunder meines Seins, meines
+Wandelns hienieden, auf in voller Klarheit? -- Ha! indem ich dieses
+schreibe, flammt über meinem Haupt das herrliche Gestirn, das in treuer
+Verwandtschaft in meine Seele herein, aus meiner Seele hinaus leuchtet
+-- ja ich fühle den glühenden, sengenden Strahl des langgeschweiften
+Kometen auf meiner Stirne, -- ja ich bin selbst der glänzende
+Schwanzstern, das himmlische Meteor, das in hoher Glorie prophetisch
+dräuend durch die Welt zieht. So wie der Komet alle Sterne überleuchtet,
+so verschwindet ihr -- stell' ich nur nicht meine Gaben unter den
+Scheffel, sondern lasse mein Licht gehörig leuchten, und das dependiert
+ganz von mir -- ja, so verschwindet ihr alle in finstre Nacht, ihr
+Kater, andere Tiere und Menschen! -- Aber trotz der göttlichen Natur,
+die aus mir, dem geschwänzten Lichtgeist, herausstrahlt, teile ich doch
+nicht das Los aller Sterblichen? -- Mein Herz ist gut, ich bin ein zu
+empfindsamer Kater, möchte mich gern gemütlich anschließen den
+Schwächern, und gerate darüber in Trauer und Herzeleid. -- Denn muß ich
+nicht überall gewahren, daß ich allein stehe, wie in der tiefsten
+Einöde, da ich nicht dem jetzigen Zeitalter, nein einem künftigen der
+höhern Ausbildung angehöre, da es keine einzige Seele gibt, die mich
+gehörig zu bewundern versteht? Und es macht mir doch so viel Freude,
+wenn ich tüchtig bewundert werde, selbst das Lob junger, gemeiner,
+ungebildeter Kater tut mir unbeschreiblich wohl. Ich weiß sie vor
+Erstaunen außer sich zu setzen, aber was hilft's, sie können doch, bei
+aller Anstrengung, nicht den rechten Lobposaunenton treffen, schreien
+sie auch noch so sehr, Mau -- Mau! -- An die Nachwelt muß ich denken,
+die mich würdigen wird. Schreib' ich jetzt ein philosophisches Werk, wer
+ist's, der die Tiefen meines Geistes durchdringt? Laß ich mich herab,
+ein Schauspiel zu dichten, wo sind die Schauspieler, die es aufzuführen
+vermögen? Laß ich mich ein auf andere literarische Arbeiten; schreib'
+ich z. B. =Kritiken=, die mir schon deshalb anstehen, weil ich über alles,
+was Dichter, Schriftsteller, Künstler heißt, schwebe, mich gleich
+überall selbst, als freilich unerreichbares Muster, als Ideal der
+Vollkommenheit hinstellen, deshalb auch allein ein kompetentes Urteil
+aussprechen kann, wer ist's, der sich auf meinen Standpunkt
+hinaufzuschwingen, meine Ansichten mit mir zu teilen vermag? -- Gibt es
+denn Pfoten oder Hände, die mir den verdienten Lorbeerkranz auf die
+Stirne drücken könnten? -- Doch dafür ist guter Rat vorhanden, das tue
+ich selbst, und lasse den die Krallen fühlen, der sich etwa unterstehen
+möchte, an der Krone zu zupfen. -- Es existieren wohl solche neidische
+Bestien, ich träume oft nur, daß ich von ihnen angegriffen werde, fahre,
+in der Einbildung, mich verteidigen zu müssen, mir selbst ins Gesicht
+mit meinen spitzen Waffen und verwunde kläglich das holde Antlitz. -- Man
+wird auch wohl im edeln Selbstgefühl etwas mißtrauisch, aber es kann
+nicht anders sein. Hielt ich es doch neulich für einen versteckten
+Angriff auf meine Tugend und Vortrefflichkeit, als der junge Ponto mit
+mehreren Pudeljünglingen auf der Straße über die neuesten Erscheinungen
+des Tages sprach, ohne meiner zu erwähnen, unerachtet ich doch kaum
+sechs Schritte von ihm an der Kellerluke meiner Heimat saß. Nicht wenig
+ärgerte es mich, daß der Fant, als ich ihm darüber Vorwürfe machte,
+behaupten wollte, er habe mich wirklich gar nicht bemerkt.
+
+Doch es ist Zeit, daß ich Euch, mir verwandte Seelen einer schönern
+Nachwelt, -- o ich wollte, diese Nachwelt befände sich schon mitten in
+der Gegenwart, und hätte gescheute Gedanken über Murrs Größe, und
+spräche diese Gedanken laut aus, mit so heller Stimme, daß man nichts
+anderes vernehmen könnte vor dem lauten Geschrei, -- ja, daß Ihr etwas
+weiteres davon erfahrt, was sich mit Eurem Murr zutrug in seinen
+Jünglingsjahren. Paßt auf gute Seelen, ein merkwürdiger Lebenspunkt
+tritt ein. --
+
+Des Märzen Idus war angebrochen, die schönen milden Strahlen der
+Frühlingssonne fielen auf das Dach, und ein sanftes Feuer durchglühte
+mein Inneres. Schon seit ein paar Tagen hatte mich eine unbeschreibliche
+Unruhe, eine unbekannte, wunderbare Sehnsucht geplagt, -- jetzt wurde
+ich ruhiger, doch nur um bald in einen Zustand zu geraten, den ich
+niemals geahnt! --
+
+Aus einer Dachluke, unfern von mir, stieg leis und linde ein Geschöpf
+heraus, -- o, daß ich es vermöchte, die Holdeste zu malen! -- Sie war
+ganz weiß gekleidet, nur ein kleines schwarzes Samtkäppchen bedeckte die
+niedliche Stirn, so wie sie auch schwarze Strümpfchen an den zarten
+Beinen trug. Aus dem lieblichsten Grasgrün der schönsten Augen funkelte
+ein süßes Feuer, die sanften Bewegungen der feingespitzten Ohren ließen
+ahnen, daß Tugend in ihr wohne und Verstand, so wie das wellenförmige
+Ringeln des Schweifes hohe Anmut aussprach und weiblichen Zartsinn! --
+
+Das holde Kind schien mich nicht zu erschauen, es blickte in die Sonne,
+blinzelte und nieste. -- O der Ton durchbebte mein Innerstes mit süßen
+Schauern, meine Pulse schlugen -- mein Blut wallte siedend durch alle
+Adern, -- mein Herz wollte zerspringen, -- alles unnennbar schmerzliche
+Entzücken, das mich außer mir selbst setzte, strömte heraus in dem lang
+gehaltenen Miau! -- das ich ausstieß. Schnell wandte die Kleine den Kopf
+nach mir, blickte mich an, Schreck, kindliche süße Scheu in den Augen.
+-- Unsichtbare Pfoten rissen mich hin zu ihr mit unwiderstehlicher
+Gewalt -- aber, sowie ich auf die Holde lossprang, um sie zu erfassen,
+war sie, schnell wie der Gedanke, hinter dem Schornstein verschwunden!
+-- Ganz Wut und Verzweiflung rannte ich auf dem Dache umher, und stieß
+die kläglichsten Töne aus, alles umsonst -- sie kam nicht wieder! -- Ha
+welcher Zustand! -- mir schmeckte kein Bissen, die Wissenschaften
+ekelten mich an, ich mochte weder lesen noch schreiben. -- Himmel! rief
+ich andern Tages aus, als ich die Holde überall gesucht, auf dem Dache,
+auf dem Boden, in dem Keller, in allen Gängen des Hauses, und nun
+trostlos heim kehrte, als, da ich die Kleine beständig in Gedanken, mich
+nun selbst der Bratfisch, den mir der Meister vorgesetzt, aus der
+Schüssel anstarrte mit ihren Augen, so daß ich laut rief im Wahnsinn des
+Entzückens: bist du es, Langersehnte und ihn auffraß mit einem Schluck;
+ja da rief ich: Himmel o Himmel! sollte das Liebe sein? Ich wurde
+ruhiger, ich beschloß als ein Jüngling von Erudition mich über meinen
+Zustand ganz ins klare zu setzen, und begann sogleich, wiewohl mit
+Anstrengung, den Ovid _de arte amandi_ durchzustudieren, sowie Manso's
+Kunst zu lieben, aber keines von den Kennzeichen eines Liebenden, wie es
+in diesen Werken angegeben, wollte recht auf mich passen. Endlich fuhr
+es mir plötzlich durch den Sinn, daß ich in irgend einem Schauspiel[B]
+gelesen, ein gleichgültiger Sinn und ein verwilderter Bart seien sichere
+Kennzeichen eines Verliebten! -- Ich schaute in einen Spiegel, Himmel
+mein Bart war verwildert! -- Himmel mein Sinn war gleichgültig!
+
+[Fußnote B: Der Kater meint Shakespeares: Wie es Euch gefällt, dritter
+Aufzug, zweite Szene. A. d. H.]
+
+Da ich nun wußte, daß es seine Richtigkeit hatte mit meinem
+Verliebtsein, kam Trost in meine Seele. Ich beschloß, mich gehörig mit
+Speis' und Trank zu stärken, und dann die Kleine aufzusuchen, der ich
+mein ganzes Herz zugewandt. Eine süße Ahnung sagte mir, daß sie vor der
+Türe des Hauses sitze, ich stieg die Treppe hinab, und fand sie
+wirklich! -- O welch ein Wiedersehen! -- wie wallte in meiner Brust das
+Entzücken, die unnennbare Wonne des Liebesgefühls. -- Miesmies, so wurde
+die Kleine geheißen, wie ich von ihr später erfuhr, Miesmies saß da in
+zierlicher Stellung auf den Hinterfüßen, und putzte sich, indem sie mit
+den Pfötchen mehrmals über die Wangen, über die Ohren fuhr. Mit welcher
+unbeschreiblichen Anmut besorgte sie vor meinen Augen das, was
+Reinlichkeit und Eleganz erfordern, sie bedurfte nicht schnöder
+Toiletten-Künste, um die Reize, die ihr die Natur verliehen, zu erhöhen!
+Bescheidner als das erste Mal nahte ich mich ihr, setzte mich zu ihr
+hin! -- Sie floh nicht, sie sah mich an mit forschendem Blick, und
+schlug dann die Augen nieder. -- Holdeste, begann ich leise, sei mein!
+-- »Kühner Kater, erwiderte sie verwirrt, wer bist du? Kennst du mich
+denn? -- Wenn du aufrichtig bist, so wie ich, und wahr, so sage und
+schwöre mir, daß du mich wirklich liebst!« -- O rief ich begeistert, ja
+bei den Schrecken des Orkus, bei dem heiligen Mond, bei allen sonstigen
+Sternen und Planeten, die künftige Nacht scheinen werden, wenn der
+Himmel heiter, schwöre ich dir's, daß ich dich liebe! -- Ich dich auch,
+lispelte die Kleine, und neigte in süßer Verschämung das Haupt mir zu.
+Ich wollte sie voll Inbrunst umpfoten, da sprangen aber mit teuflischem
+Geknurre zwei riesige Kater auf mich los, zerbissen, zerkratzten mich
+kläglich, und wälzten mich zum Überfluß noch in die Gosse, so daß das
+schmutzige Spülwasser über mich zusammenschlug.
+
+Kaum konnt' ich mich aus den Krallen der mordlustigen Bestien retten,
+die meinen Stand nicht achteten; mit vollem Angstgeschrei lief ich die
+Treppe hinauf. Als der Meister mich erblickte, rief er, laut lachend:
+Murr, Murr, wie siehst du aus? Ha ha! ich merke schon, was geschehen,
+du hast Streiche machen wollen, wie der im Irrgarten der Liebe
+herumtaumelnde Kavalier, und dabei ist's dir übel ergangen! -- Und
+dabei brach der Meister zu meinem nicht geringen Verdruß aufs neue aus
+in ein schallendes Gelächter. Der Meister hatte ein Gefäß mit lauwarmem
+Wasser füllen lassen, darein stülpte er mich ohne Umstände einigemal
+ein, so daß mir vor Niesen und Prusten Hören und Sehen verging, wickelte
+mich dann fest in Flanell ein, und legte mich in meinen Korb.
+
+Ich war beinahe besinnungslos vor Wut und Schmerz, ich vermochte kein
+Glied zu rühren. Endlich wirkte die Wärme wohltätig auf mich, ich fühlte
+meine Gedanken sich ordnen. »Ha, klagte ich, welch neue bittere
+Täuschung des Lebens! -- Das ist also die Liebe, die ich schon so
+herrlich besungen, die das Höchste sein, die uns mit namenloser Wonne
+erfüllen, die uns in den Himmel tragen soll! -- Ha! -- mich hat sie in
+die Gosse geworfen! -- ich entsage einem Gefühl, das mir nichts
+eingebracht als Bisse, ein abscheuliches Bad, und niederträchtige
+Einmummung in schnöden Flanell! -- Aber kaum war ich wieder in Freiheit
+und genesen, als aufs neue Miesmies mir unaufhörlich vor Augen stand,
+und ich, jener ausgestandenen Schmach wohl eingedenk, zu meinem
+Entsetzen gewahrte, daß ich noch in Liebe. Mit Gewalt nahm ich mich
+zusammen, und las als ein vernünftiger gelehrter Kater den Ovid nach, da
+ich mich wohl erinnerte, in der _Ars amandi_ auch auf Rezepte =gegen= die
+Liebe gestoßen zu sein.
+
+Ich las die Verse:
+
+ _Venus otia amat. Qui finem quaeris amoris
+ Cedit amor rebus; res age, tutus eris;_
+
+Mit neuem Eifer wollt' ich mich dieser Vorschrift gemäß in die
+Wissenschaften vertiefen, aber Miesmies hüpfte auf jedem Blatte mir vor
+den Augen, Miesmies dachte -- las -- schrieb ich! -- Der Autor, dacht'
+ich muß andere Arbeit meinen, und da ich von andern Katern gehört, daß
+die Mäusejagd ein ungemein angenehmes zerstreuendes Vergnügen sein
+solle, war es ja möglich, das unter den rebus auch die Mäusejagd
+begriffen sein konnte. Ich begab mich daher, sowie es finster worden, in
+den Keller, und durchstrich die düstern Gänge indem ich sang: »Im Walde
+schlich ich still und wild, gespannt mein Feuerrohr --«
+
+Ha! -- statt des Wildes, das ich zu jagen trachtete, schaute ich aber
+wirklich ihr holdes Bild, aus den tiefen Gründen trat es wirklich
+überall hervor! Und dabei zerschnitt der herbe Liebesschmerz mein nur zu
+leicht verwundbar Herz! Und ich sprach: Lenk auf mich die holden Blicke,
+Jungfräulichen Morgenschein, Und als Braut und Bräut'gam wandeln Murr
+und Miesmies selig heim. Also sprach ich, freud'ger Kater, Hoffend auf
+des Sieges Preis. -- Armer! mit verhüllten Augen floh die scheue Katz
+dachein! -- So geriet ich Bedaurenswürdiger immer mehr und mehr in
+Liebe, die ein feindlicher Stern mir zum Verderben in meiner Brust
+entzündet zu haben schien. Wütend, mich auflehnend gegen mein Schicksal,
+fiel ich auf's neue her über den Ovid und las die Verse:
+
+ _Exige quod cantet, si qua est sine voce puella,
+ Non didicit chordas tangere, posce lyram._
+
+Ha, rief ich zu ihr hinauf auf's Dach; -- Ha ich werde sie wiederfinden
+die süße Huldin, da, wo ich sie zum erstenmal erblickte aber singen soll
+sie, ja singen, und bringt sie nur eine einzige falsche Note heraus,
+dann ist's vorbei, dann bin ich geheilt, gerettet. -- Der Himmel war
+heiter, und der Mond bei dem ich der holden Miesmies Liebe zugeschworen,
+schien wirklich, als ich auf das Dach stieg, um sie zu erlauern. Lange
+gewahrte ich sie nicht, und meine Seufzer wurden laute Liebesklagen.
+
+Ich stimmte endlich ein Liedlein an im wehmütigsten Ton, ungefähr
+folgendermaßen:
+
+ Rauschende Wälder, flüsternde Quellen
+ Strömender Ahnung spielende Wellen
+ Mit mir o klaget!
+ Saget o saget!
+ Miesmies die Holde, wo ist sie gegangen,
+ Jüngling in Liebe, Jüngling wo hat er,
+ Miesmies die süße Huldin umfangen?
+ Tröstet den Bangen.
+ Tröstet den gramverwilderten Kater!
+ Mondschein o Mondschein,
+ Sag' mir wo thront mein
+ Artiges Kindlein, liebliches Wesen!
+ Wütender Schmerz kann niemals genesen!
+ Trostloser liebender kluger Berater,
+ Eil ihn zu retten
+ Von Liebesketten!
+ Hilf ihm, o hilf dem verzweifelnden Kater.
+
+Seht ein, geliebte =Leser=! daß ein wackerer Dichter weder sich im
+rauschenden Walde befinden, noch an einer flüsternden Quelle sitzen
+darf, ihm strömen der Ahnung spielende Wellen doch zu, und in diesen
+Wellen erschaut er doch alles, =was= er will, und kann davon singen wie er
+will. Sollte jemand über die hohe Vortrefflichkeit obiger Verse zu sehr
+in Erstaunen geraten, so will ich bescheiden ihn darauf aufmerksam
+machen, daß ich mich in der Ekstase befand, in verliebter Begeisterung,
+und nun weiß jeder, daß jedem, der von dem Liebesfieber ergriffen,
+konnt' er auch sonst kaum Wonne auf Sonne, und Triebe auf Liebe reimen,
+konnt' er, sag' ich, auf diese nicht ganz ungewöhnlichen Reime trotz
+aller Anstrengung, sich durchaus nicht besinnen, plötzlich das Dichten
+ankommt und er die vortrefflichsten Verse heraussprudeln muß, wie einer,
+der vom Schnupfen befallen, unwiderstehlich ausbricht in schreckliches
+Niesen. Wir haben dieser Ekstase prosaischer Naturen schon viel
+Vortreffliches zu verdanken, und schön ist es, daß oft dadurch
+menschliche Miesmiese von nicht sonderlicher beauté auf einige Zeit
+einen herrlichen Ruf erhielten. Geschieht das nun am dürren Holz, was
+muß sich am grünen begeben? -- Ich meine, werden schon hündische
+Prosaiker, bloß durch die Liebe umgesetzt in Dichter, was muß erst
+wirklichen Dichtern geschehen in diesem Stadium des Lebens? -- Nun!
+weder im rauschenden Walde saß ich, noch an flüsternder Quelle, ich saß
+auf einem kahlen, hohen Dache, das bißchen Mondschein war kaum zu
+rechnen, und doch flehte ich in jenen meisterhaften Versen, Wälder und
+Quellen und Wellen, und zuletzt meinen Freund Ovid an, mir zu helfen,
+mir beizustehen in der Liebesnot. Etwas schwer wurde es mir, Reime zu
+den Namen meines Geschlechts zu finden, den gewöhnlichen Vater wußte ich
+selbst in der Begeisterung nicht anzubringen. Daß ich aber wirklich
+Reime fand, bewies mir auf's neue den Vorzug meines Geschlechts vor dem
+menschlichen, da auf das Wort Mensch sich bekanntlich nichts reimt,
+weshalb, wie schon irgend ein Witzbold von Theaterdichter bemerkt hat,
+der Mensch ein ungereimtes Tier ist. Ich bin dagegen ein gereimtes.
+-- Nicht vergebens hatte ich die Töne der schmerzhaften Sehnsucht
+angeschlagen, nicht vergebens Wälder, Quellen, den Mondschein
+beschworen, mir die Dame meiner Gedanken zuzuführen, hinter dem
+Schornstein kam die Holde daherspaziert mit leichten, anmutigen
+Schritten. »Bist du es, lieber Murr, der so schön singt?« So rief mir
+Miesmies entgegen. Wie, erwiderte ich mit freudigem Erstaunen, du kennst
+mich, süßes Wesen? »Ach, ja wohl, sprach sie, du gefielst mir gleich
+beim ersten Blick, und es hat mir in der Seele weh getan, daß meine
+beiden unartigen Vettern dich so unbarmherzig in die Gosse« -- Schweigen
+wir, unterbrach ich sie, von der Gosse, bestes Kind -- o sage mir, ob du
+mich liebst? -- »Ich habe mich, sprach Miesmies weiter, nach deinen
+Verhältnissen erkundigt, und erfahren, daß du Murr hießest, und bei
+einem sehr gütigen Mann nicht allein dein reichliches Auskommen hättest,
+sondern auch alle Bequemlichkeiten des Lebens genössest, ja, diese wohl
+mit einer zärtlichen Gattin teilen könntest! -- o ich liebe dich sehr,
+guter Murr! -- Himmel, rief ich im höchsten Entzücken, ist es möglich,
+ist es Traum, ist es Wahrheit? -- O halte dich, -- halte dich Verstand,
+schnappe nicht über! -- Ha! bin ich noch auf der Erde? -- sitze ich noch
+auf dem Dache? -- schwebe ich noch in den Wolken? Bin ich noch der Kater
+Murr, bin ich nicht der Mann im Monde? -- Komm an meinen Busen Geliebte
+-- doch sage mir erst deinen Namen Schönste. -- Ich heiße Miesmies,
+erwiderte die Kleine süß lispelnd in holder Verschämtheit, und setzte
+sich traulich neben mir hin. Wie schön sie war! Silbern glänzte ihr
+weißer Pelz im Mondschein, in sanftem, schmachtendem Feuer funkelten die
+grünen Äuglein. Du --
+
+=(Mak. Bl.)= -- Hättest, geliebter Leser, das freilich schon etwas früher
+erfahren können, aber der Himmel gebe, daß ich nicht noch mehr
+querfeldein springen muß, als es bis jetzt schon geschehen. -- Also, wie
+gesagt, dem Vater des Prinzen Hektor war es ebenso ergangen wie dem
+Fürsten Irenäus: er hatte, selbst wußte er nicht wie, sein Ländlein aus
+der Tasche verloren. Prinz Hektor, der zu nichts Wenigerem aufgelegt,
+als zum stillen, friedlichen Leben, der, unerachtet ihm der Fürstenstuhl
+unter den Beinen weggezogen, doch gern aufrecht stehen, und statt zu
+regieren, wenigstens kommandieren wollte, nahm französische Dienste, war
+ungemein tapfer, ging aber, als ihn eines Tages ein Zittermädel
+anplärrte: Kennst du das Land, wo die Zitronen glühn? sofort nach dem
+Lande, wo dergleichen Zitronen wirklich glühn, das heißt nach Neapel,
+und zog statt der französischen Uniform eine neapolitanische Uniform an.
+Er wurde nämlich so geschwinde General, wie es nur irgendeinem Prinzen
+geschehen kann. -- Als der Vater des Prinzen Hektor gestorben, schlug
+Fürst Irenäus das große Buch auf, worin er selbst sämtliche fürstliche
+Häupter in Europa verzeichnet, und notierte den erfolgten Tod seines
+fürstlichen Freundes und Gefährten im Malheur. Nachdem dies geschehen,
+schaute er lange den Namen des Prinzen Hektor an, rief dann sehr laut:
+Prinz Hektor! und klappte den Folianten so heftig zu, daß der
+Hofmarschall entsetzt drei Schritte zurückprallte. Nun stand der Fürst
+auf, ging langsam im Zimmer auf und ab, und schnupfte so viel Spaniol,
+als nötig, um eine ganze Welt von Gedanken in Ordnung zu bringen. Der
+Hofmarschall sprach viel von dem seligen Herrn, der nächst vielen
+Reichtümern ein aimables Herz besessen, vom jungen Prinzen Hektor, der
+vergöttert werde in Neapel von dem Monarchen und der Nation usw. Fürst
+Irenäus schien das alles nicht zu beachten, er blieb plötzlich dicht vor
+dem Hofmarschall stehen, schaute ihn an mit dem entsetzlichen
+Friedrichsblick, sprach sehr stark: _Peutêtre_! und verschwand in das
+Nebenkabinett.
+
+Gott, sprach der Hofmarschall, der gnädigste Fürst haben gewiß die
+konsiderabelsten Gedanken, vielleicht gar Pläne.
+
+Es war dem so. -- Fürst Irenäus dachte an den Reichtum des Prinzen, an
+seine Verwandtschaft mit mächtigen Häuptern, er rief sich die
+Überzeugung in's Gedächtnis, daß Prinz Hektor gewiß noch den Degen mit
+dem Zepter vertauschen werde, und ihm kam der Gedanke, daß die
+Vermählung des Prinzen mit der Prinzessin Hedwiga von den
+ersprießlichsten Folgen sein könne. Ganz im geheimsten Geheim mußte der
+Kammerherr, den der Fürst sogleich absandte, um dem Prinzen seinerseits
+namhaftes Beileid über den Tod des Vaters zu bezeigen, das bis auf die
+Farbe der Haut wohlgetroffene Miniaturbild der Prinzessin in die Tasche
+stecken. -- Es ist hier zu bemerken, daß die Prinzessin in der Tat eine
+vollendete Schönheit zu nennen gewesen, hätte ihre Haut weniger in's
+Gelbe gespielt. Daher war ihr die Beleuchtung des Kerzenscheins günstig.
+--
+
+Der Kammerherr richtete den geheimen Auftrag des Fürsten -- niemanden,
+selbst nicht der Fürstin, hatte dieser das mindeste von seiner Absicht
+vertraut, -- sehr geschickt aus. Als der Prinz das Gemälde sah, geriet
+er beinahe in dieselbe Ekstase, wie sein prinzlicher Kollege in der
+Zauberflöte. Wie Tamino hätte er beinahe, wenn auch nicht gesungen, doch
+gerufen: »dies Bildnis ist bezaubernd schön, und dann weiter: soll die
+Empfindung Liebe sein, ja, ja die Liebe ist's allein!« -- Bei Prinzen
+ist es sonst eben nicht die Liebe allein, die sie streben läßt nach der
+Schönsten, indessen dachte Prinz Hektor gerade nicht an andere
+Verhältnisse, als er sich hinsetzte und an den Fürsten Irenäus schrieb:
+es möge ihm vergönnet sein, sich um Herz und Hand der Prinzessin Hedwiga
+zu bewerben.
+
+Fürst Irenäus antwortete, daß, da er mit Freuden in eine Vermählung
+willige, die er schon seines verstorbenen fürstlichen Freundes halber
+aus dem Grunde des Herzens wünsche, es gar keiner weitern Bewerbung
+eigentlich bedürfe. Da aber die Form sauviert werden müsse, möge der
+Prinz einen artigen Mann von dem gehörigen Stande nach Sieghartsweiler
+senden, den er ja auch gleich mit Vollmacht versehen könne, die Trauung
+zu vollziehen, und nach altem schönem Herkommen, gestiefelt und
+gespornt, den Bettsprung zu unternehmen. Der Prinz schrieb zurück: Ich
+komme selbst, mein Fürst! --
+
+Dem Fürsten war das nicht recht, er hielt die Trauung durch einen
+Bevollmächtigten für schöner, erhabner, fürstlicher, hatte sich im
+Innersten auf das Fest gefreut, und beruhigte sich nur damit, daß vor
+dem Beilager ein großes Ordensfest gefeiert werden könne. Er wollte
+nämlich das Großkreuz eines Hausordens, den sein Vater gestiftet hatte,
+und den kein Ritter mehr trug, nicht tragen durfte, dem Prinzen umhängen
+auf die solenneste Weise.
+
+Prinz Hektor kam also nach Sieghartsweiler, um die Prinzessin Hedwiga
+heimzuführen, und nebenher das Großkreuz eines verschollenen Hausordens
+zu erhalten. Es schien ihm erwünscht, daß der Fürst seine Absicht geheim
+gehalten, er bat vorzüglich, rücksichts Hedwiga's in diesem Schweigen zu
+verharren, da er erst der vollen Liebe Hedwiga's versichert sein müsse,
+ehe er mit seiner Bewerbung hervortreten könne.
+
+Der Fürst verstand nicht recht, was der Prinz damit sagen wollte, und
+meinte, daß, so viel er wisse und sich erinnere, diese Form, was nämlich
+die Versicherung der Liebe vor dem Beilager beträfe, in fürstlichen
+Häusern niemals üblich gewesen sei. Verstehe der Prinz aber darunter
+weiter nichts, als die Äußerung eines gewissen Attachements, so dürfe
+das vorzüglich während des Brautstandes wohl eigentlich nicht
+stattfinden, könne aber, da doch die leichtsinnige Jugend über alles,
+was die Etikette gebiete, hinwegzuspringen geneigt, ja in der Kürze
+abgemacht werden, drei Minuten vor dem Ringewechseln. Herrlich und
+erhaben wär's freilich, wenn das fürstliche Brautpaar in diesem
+Augenblick einigen Abscheu gegeneinander bewiese, leider wären aber
+diese Regeln des höchsten Anstandes in neuester Zeit zu leeren Träumen
+geworden.
+
+Als der Prinz Hedwiga zum erstenmal erblickte, flüsterte er seinem
+Adjutanten in, den andern unverständlichem, neapolitanischen Dialekt zu:
+bei allen Heiligen! sie ist schön, aber unfern des Vesuvs geboren, und
+sein Feuer blitzt aus ihren Augen.
+
+Prinz Ignaz hatte sich bereits sehr angelegentlich erkundigt, ob es in
+Neapel schöne Tassen gebe, und wieviel davon Prinz Hektor besitze, so
+daß dieser, durch die ganze Tonleiter der Begrüßungen durchgestiegen,
+sich wieder zu Hedwiga wenden wollte, als die Türen sich öffneten, und
+der Fürst den Prinzen einlud zu der Prachtszene, die er durch
+Zusammenberufung sämtlicher Personen, welche nur im mindesten was
+Hoffähiges an und in sich trugen, im Prunksaal bereitet. Er war diesmal
+in dem Auswählen weniger strenge gewesen als sonst, da der Zirkel in
+Sieghartshof eigentlich für eine Landpartie zu achten. Auch die Benzon
+war zugegen mit Julien.
+
+Prinzessin Hedwiga war still, in sich gekehrt, teilnahmlos, sie schien
+den schönen Fremdling aus dem Süden nicht mehr, nicht weniger zu
+beachten, als jede andere neue Erscheinung am Hofe, und fragte ziemlich
+mürrisch ihr Hoffräulein, die rotwangige Nannette, ob sie närrisch
+geworden, als diese nicht aufhören konnte, ihr in's Ohr zu flüstern, der
+fremde Prinz sei doch gar zu hübsch und eine schönere Uniform habe sie
+zeit ihres Lebens nicht gesehen.
+
+Prinz Hektor entfaltete nun vor der Prinzessin den bunten prahlenden
+Pfauenschweif seiner Galanterie, sie, beinahe verletzt durch den
+Ungestüm seiner süßlichen Verzücktheit, fragte nach Italien, nach
+Neapel. Der Prinz gab ihr die Beschreibung eines Paradieses, in dem sie
+als herrschende Göttin wandelte. Er bewährte sich als ein Meister in der
+Kunst, zu der Dame so zu sprechen, daß alles, alles sich gestaltet, als
+ein Hymnus, der ihre Schönheit, ihre Anmut preiset. Mitten aus diesem
+Hymnus sprang aber die Prinzessin heraus, und hin zu Julien, die sie in
+der Nähe gewahrte. Die drückte sie an ihre Brust, nannte sie mit tausend
+zärtlichen Namen, rief, das ist meine liebe, liebe Schwester, meine
+herrliche, süße Julia! als der Prinz etwas betroffen über Hedwiga's
+Flucht, hinzutrat. Der Prinz heftete einen langen, seltsamen Blick auf
+Julien, so daß diese, über und über errötend, die Augen niederschlug,
+und sich scheu zur Mutter wandte, die hinter ihr stand. Aber die
+Prinzessin umarmte sie auf's Neue und rief: »Meine liebe, liebe Julia«,
+und dabei traten ihr die Tränen in die Augen. Prinzessin, sprach die
+Benzon leise, warum dieses krampfhafte Benehmen? Die Prinzessin, ohne
+die Benzon zu beachten, drehte sich zu dem Prinzen, dem wirklich über
+alles das der Strom der Rede versiegt, und war sie erst still, ernst,
+mißmütig gewesen, so schweifte sie beinahe jetzt aus in seltsamer,
+krampfhafter Lustigkeit. Endlich ließen die zu stark gespannten Saiten
+nach, und die Melodien, die nun aus ihrem Innern heraustönten, waren
+weicher, milder, jungfräulich zarter. Sie war liebenswürdiger als
+jemals, und der Prinz schien ganz und gar hingerissen. Endlich begann
+der Tanz. Der Prinz, nachdem mehrere Tänze gewechselt, erbot sich, einen
+neapolitanischen Nationaltanz anzuführen, und es gelang ihm bald, den
+Tanzenden die volle Idee davon zu geben, so daß sich alles gar artig
+fügte, und selbst der leidenschaftlich zärtliche Charakter des Tanzes
+gut hervortrat.
+
+Niemand hatte aber eben diesen Charakter so ganz begriffen, als Hedwiga,
+die mit dem Prinzen tanzte. Sie verlangte die Wiederholung, und als der
+Tanz zum zweitenmal geendet, bestand sie, des Mahnens der Benzon, die
+auf ihren Wangen schon die verdächtige Blässe wahrnahm, nicht achtend,
+darauf, zum drittenmal den Tanz auszuführen, der ihr nun erst recht
+gelingen werde. Der Prinz war entzückt. Er schwebte hin mit Hedwiga, die
+in jeder Bewegung die Anmut selbst schien. Bei einer der vielen
+Verschlingungen, die der Tanz gebot, drückte der Prinz die Holde
+stürmisch an die Brust, aber in demselben Augenblicke sank auch Hedwiga
+entseelt in seinen Armen zusammen. --
+
+Der Fürst meinte, eine unschicklichere Störung eines Hofballes könne es
+nicht geben, und nur das Land entschuldige vieles. --
+
+Prinz Hektor hatte selbst die Ohnmächtige in ein benachbartes Zimmer auf
+ein Sofa getragen, wo ihr die Benzon die Stirne rieb mit irgendeinem
+starken Wasser, das der Leibarzt zur Hand gehabt. Dieser erklärte
+übrigens die Ohnmacht für einen Nervenzufall, den die Erhitzung des
+Tanzes veranlaßt, und der sehr bald vorübergehen werde.
+
+Der Arzt hatte recht, nach wenigen Sekunden schlug die Prinzessin mit
+einem tiefen Seufzer die Augen auf. Der Prinz, sobald er vernommen, die
+Prinzessin habe sich erholt, drang durch den dichten Kreis der Damen,
+von dem sie umschlossen, kniete nieder bei dem Sofa, klagte sich bitter
+an, daß er allein schuld sei an dem Begegnis, das ihm das Herz
+durchschneide. Sowie die Prinzessin ihn aber erblickte, rief sie mit
+allen Zeichen des Abscheues: Fort, fort, und sank auf's Neue in
+Ohnmacht.
+
+Kommen Sie, sprach der Fürst, indem er den Prinzen bei der Hand
+erfaßte, kommen Sie, bester Prinz, Sie wissen nicht, daß die Prinzessin
+oft an den seltsamsten Reverien leidet. Weiß der Himmel, auf welche
+sonderbare Weise Sie ihr in diesem Augenblick erschienen sind!
+-- Imaginieren Sie sich, bester Prinz, schon als Kind -- _entre nous soit
+dit_! -- hielt mich einmal die Prinzessin einen ganzen Tag hindurch für
+den Großmogul, und prätendierte, ich solle in Samtpantoffeln ausreiten,
+wozu ich mich auch endlich entschloß, wiewohl nur im Garten.
+
+Prinz Hektor lachte dem Fürsten ohne Umstände in's Gesicht, und rief
+nach dem Wagen.
+
+Die Benzon mußte, so wollt' es die Fürstin aus Besorgnis für Hedwiga,
+mit Julien im Schlosse bleiben. Sie wußte, welche psychische Macht sonst
+die Benzon über die Prinzessin übte, und ebenso, daß dieser psychischen
+Macht auch Krankheitszufälle der Art zu weichen pflegten. In der Tat
+geschah es auch diesmal, daß Hedwiga in ihrem Zimmer sich bald erholte,
+als die Benzon ihr unermüdlich zugeredet mit sanften Worten. Die
+Prinzessin behauptete nichts Geringeres, als daß im Tanzen der Prinz
+sich in ein drachenartiges Ungeheuer verwandelt, und mit spitzer,
+glühender Zunge ihr einen Stich ins Herz gegeben habe. »Gott behüte,
+rief die Benzon, am Ende ist Prinz Hektor gar das _mostro turchino_ aus
+der Gozzischen Fabel! -- Welche Einbildungen! zuletzt wird es sich so
+begeben, wie mit Kreisler, den Sie für einen bedrohlichen Wahnsinnigen
+hielten!« -- »Nimmermehr, rief die Prinzessin heftig, und setzte dann
+lachend hinzu: wahrhaftig, ich wollte nicht, daß mein guter Kreisler
+sich so plötzlich in das _mostro turchino_ verwandelte, wie Prinz Hektor!«
+--
+
+Als am frühsten Morgen die Benzon, die bei der Prinzessin gewacht, in
+Juliens Zimmer trat, kam ihr diese entgegen, erblaßt, übernächtig, das
+Köpfchen gehängt, wie eine kranke Taube. »Was ist Dir, Julie«, rief ihr
+die Benzon, die nicht gewohnt, die Tochter in solchem Zustande zu sehen,
+erschrocken entgegen. »Ach Mutter«, sprach Julie ganz trostlos, »ach
+Mutter, niemals mehr in diese Umgebungen; mein Herz erbebt, wenn ich an
+die gestrige Nacht denke. -- Es ist etwas Entsetzliches in diesem
+Prinzen; als er mich anblickte, ich kann Dir's nicht beschreiben, was in
+meinem Innern vorging. -- Ein Blitzstrahl fuhr tötend aus diesen dunklen,
+unheimlichen Augen, von dem getroffen ich Ärmste vernichtet werden
+konnte. -- Lache mich nicht aus, Mutter, aber es war der Blick des
+Mörders, der sein Opfer erkoren, das mit der Todesangst getötet wird,
+noch ehe der Dolch gezückt! -- Ich wiederhol' es, ein ganz fremdes
+Gefühl, ich vermag es nicht zu nennen, bebte wie ein Krampf mir durch
+alle Glieder! -- Man spricht von Basilisken, deren Blick, ein giftiger
+Feuerstrahl, augenblicklich tötet, wenn man es wagt, sie anzuschauen.
+Der Prinz mag solchem bedrohlichen Untier gleichen.«
+
+»Nun, rief die Benzon laut lachend, muß ich in der Tat glauben, daß es
+mit dem _mostro turchino_ seine Richtigkeit hat, da der Prinz, ist er
+gleich der schönste, liebenswürdigste Mann, zweien Mädchen erschienen
+ist als Drache, als Basilisk. Der Prinzessin traue ich die tollsten
+Einbildungen zu, aber daß meine ruhige sanfte Julie, mein süßes Kind,
+sich hingeben sollte, närrischen Träumen.« -- Und Hedwiga, unterbrach
+Julie die Benzon, ich weiß nicht, welch' eine böse feindliche Macht sie
+losreißen von meinem Herzen, ja mich hineinstürzen will in den Kampf
+einer fürchterlichen Krankheit, der in ihrem Innern wütet! -- Ja,
+Krankheit nenne ich der Prinzessin Zustand, gegen den die Ärmste nichts
+vermag. Als sie gestern sich schnell abwandte von dem Prinzen, als sie
+mich liebkoste, umarmte, da fühlte ich, wie sie in Fieberhitze glühte.
+Und dann das Tanzen, das entsetzliche Tanzen! Du weißt Mutter, wie ich
+die Tänze hasse, in denen es den Männern vergönnt, uns zu umschlingen.
+-- Es ist mir, als müßten wir in dem Augenblick alles aufgeben, was
+Sitte und Anstand erfordern und den Männern eine Übermacht einräumen,
+die wenigstens den zartfühlenden unter ihnen unerfreulich bleiben wird.
+-- Und nun Hedwiga, die nicht aufhören konnte, jenen südlichen Tanz zu
+tanzen, der mir, je länger er dauerte, desto abscheulicher schien.
+Rechte teuflische Schadenfreude war es, die aus den Augen des Prinzen
+blitzte --«
+
+»Närrin, sprach die Benzon, was fällt Dir alles ein! -- Doch! -- ich kann
+Deine Gesinnung über das alles nicht tadeln, bewahre sie treulich, aber
+sei nicht ungerecht gegen Hedwiga, denke überhaupt gar nicht weiter
+nach, was mit ihr ist und mit dem Prinzen, schlage es Dir aus dem Sinn!
+-- Willst Du, so werd' ich dafür sorgen, daß Du eine Zeitlang weder
+Hedwiga noch den Prinzen sehen darfst. Nein, Deine Ruhe soll nicht
+gestört werden, mein gutes, liebes Kind! Komm an mein Herz!« -- Damit
+umarmte die Benzon Julien mit aller mütterlicher Zärtlichkeit.
+
+»Und, fuhr Julie fort, indem sie das glühende Antlitz an die Brust der
+Mutter drückte, aus der entsetzlichen Unruhe, die ich empfand, mochten
+auch wohl die seltsamen Träume kommen, die mich ganz verstört haben.«
+
+»Was träumtest Du denn?« fragte die Benzon.
+
+»Mir war's, sprach Julie weiter, ich wandle in einem herrlichen Garten,
+in dem unter dichtem, dunklem Gebüsch Nachtviolen und Rosen
+durcheinander blühten, und ihr süßes Aroma in die Lüfte streuten. Ein
+wunderbarer Schimmer, wie Mondesglanz, ging auf in Ton und Gesang, und
+wie er die Bäume, die Blumen mit goldnem Strahl berührte, bebten sie vor
+Entzücken, und die Büsche säuselten und die Quellen flüsterten in
+leisen, sehnsüchtigen Seufzern. Da gewahrte ich aber, daß ich selbst der
+Gesang sei, der durch den Garten ziehe, doch sowie der Glanz der Töne
+verbleiche, müsse ich auch vergehen in schmerzlicher Wehmut! -- Nun
+sprach aber eine sanfte Stimme: nein! der Ton ist die Seligkeit und
+keine Vernichtung, und ich halte Dich fest mit starken Armen, und in
+Deinem Wesen ruht mein Gesang, der ist aber ewig wie die Sehnsucht! -- Es
+war Kreisler, der vor mir stand und diese Worte sprach. Ein himmlisches
+Gefühl von Trost und Hoffnung ging durch mein Inneres, und selbst wußte
+ich nicht -- ich sage Dir alles, Mutter! -- ja selbst wußte ich nicht,
+wie es kam, daß ich Kreislern an die Brust sank. Da fühlte ich
+plötzlich, wie mich eiserne Arme fest umschlangen, und eine
+entsetzliche, höhnende Stimme rief: Was sträubst Du Dich, Elende, Du
+bist ja schon getötet und mußt nun mein sein. -- Es war der Prinz, der
+mich festhielt. -- Mit einem lauten Angstgeschrei fuhr ich auf aus dem
+Schlafe, ich warf mein Nachtkleid über, und lief an's Fenster, das ich
+öffnete, da die Luft im Zimmer schwül und dunstig. In der Ferne gewahrte
+ich einen Mann, der mit einem Perspektiv nach den Fenstern des Schlosses
+schaute, dann aber die Allee hinabsprang auf seltsame, ich möchte sagen,
+närrische Weise, indem er von beiden Seiten allerlei Entrechats und
+andere Tänzerpas ausführte, mit den Armen in den Lüften herumfocht und,
+wie ich zu vernehmen glaubte, laut dazu sang. Ich erkannte Kreislern,
+und indem ich über sein Beginnen herzlich lachen mußte, kam er mir doch
+vor, wie der wohltätige Geist, der mich schützen würde vor dem Prinzen.
+Ja es war, als würde mir jetzt erst Kreislers inneres Wesen recht klar,
+und ich sähe jetzt erst ein, wie sein schalkisch scheinender Humor, von
+dem mancher sich oft verwundet fühle, aus dem treuesten, herrlichsten
+Gemüte komme. Ich hätte hinablaufen in den Park, ich hätte Kreislern
+alle Angst des entsetzlichen Traums klagen mögen! --«
+
+»Das ist, sprach die Benzon ernst, ein einfältiger Traum und das
+Nachspiel noch einfältiger! -- Du bedarfst der Ruhe, Julie, ein leichter
+Morgenschlummer wird Dir wohltun, auch ich gedenke noch ein paar Stunden
+zu schlafen.«
+
+Damit verließ die Benzon das Zimmer und Julie tat, wie ihr geheißen.
+
+Als sie erwachte, strahlte die Mittagssonne in die Fenster hinein, und
+ein starker Duft von Nachtviolen und Rosen strömte durch das Zimmer.
+»Was ist das; rief Julie voll Erstaunen, was ist das! -- mein Traum! --«
+Doch wie sie sich umschaute, lag über ihr auf der Lehne des Sofas, auf
+dem sie geschlafen, ein schöner Strauß jener Blumen! --
+
+»Kreisler, mein lieber Kreisler,« sprach Julie sanft, nahm den Strauß,
+und geriet in träumerisches Sinnen.
+
+Prinz Ignaz ließ anfragen, ob es ihm nicht erlaubt sei, Julien ein
+Stündchen zu sehen. Schnell kleidete sich Julie an, und eilte in das
+Zimmer, wo Ignaz sie schon mit einem ganzen Korbe voll Porzellantassen
+und chinesischer Puppen erwartete. Julie, das gute Kind, ließ es sich
+gefallen, stundenlang mit dem Prinzen, der ihr tiefes Mitleid einflößte,
+zu spielen. Kein Wort der Neckerei, oder wohl gar der Verachtung,
+entschlüpfte ihr, wie es wohl andern bisweilen, vorzüglich der
+Prinzessin Hedwiga, geschah, daher kam es, das dem Prinzen Julias
+Gesellschaft über alles ging, und er sie oft gar seine kleine Braut
+nannte. -- Die Tassen waren aufgestellt, die Puppen geordnet, Julie
+hielt eben im Namen eines kleinen Harlekins eine Anrede an den Kaiser
+von Japan (beide Püppchen standen einander gegenüber) als die Benzon
+hereintrat.
+
+Nachdem sie eine Weile dem Spiele zugeschaut, drückte sie Julien einen
+Kuß auf die Stirn und sprach: »Du bist doch mein liebes, gutes Kind! --«
+
+Es war späte Dämmerung eingebrochen. Julie, die, wie sie gewünscht, bei
+der Mittagstafel nicht erscheinen dürfen, saß einsam in ihrem Zimmer und
+erwartete die Mutter. Da schlichen leise Tritte hinan, die Türe öffnete
+sich und totenbleich, mit starren Augen, in weißem Kleide, gespenstisch,
+trat die Prinzessin hinein. »Julia, sprach sie leise und dumpf, Julia!
+-- nenne mich töricht, ausgelassen -- wahnsinnig, aber entziehe mir nicht
+Dein Herz, ich bedarf Deines Mitleids, Deines Trostes! -- Es ist nichts
+als der Überreiz, die heillose Erschöpfung des abscheulichen Tanzes, die
+mich krank gemacht hat, aber es ist vorüber, mir ist besser! -- Der
+Prinz ist fort nach Sieghartsweiler! -- Ich muß in die Luft, laß uns
+hinabwandeln in den Park! --«
+
+Als beide, Julie und die Prinzessin, sich am Ende der Allee befanden,
+strahlte ein helles Licht ihnen aus dem tiefsten Dickicht entgegen, und
+sie vernahmen fromme Gesänge. »Das ist die Abendlitanei aus der
+Marien-Kapelle,« rief Julia.
+
+»Ja, sprach die Prinzessin, wir wollen hin, laß uns beten! -- bete Du
+auch für mich, Julie! --«
+
+»Wir wollen, erwiderte Julie, vom tiefsten Schmerz über der Freundin
+Zustand ergriffen, wir wollen beten, daß nie ein böser Geist Macht habe
+über uns, daß unser reines, frommes Gemüt nicht verstört werden möge
+durch des Feindes Verlockung.«
+
+Eben zogen, als die Mädchen bei der Kapelle angekommen, die am äußersten
+Ende des Parks befindlich, die Landleute von dannen, die die Litanei vor
+dem mit Blumen geschmückten, und mit vielen Lampen erleuchteten
+Marienbilde gesungen. Sie knieten nieder in dem Betstuhl. Da begannen
+die Sänger auf dem kleinen Chor, der zur Seite des Altars angebracht,
+das _Ave maris stella_, das Kreisler erst vor kurzem komponiert.
+
+Leise beginnend brauste der Gesang stärker und mächtiger auf in dem _dei
+mater alma_, bis die Töne in dem _felix coeli porta_ dahinsterbend,
+fortschwebten auf den Fittichen des Abendwindes.
+
+Noch immer lagen die Mädchen auf den Knien, tief versunken in brünstige
+Andacht. Der Priester murmelte Gebete, und aus weiter Ferne, wie ein
+Chor von Engelstimmen aus dem nächtlichen verschleierten Himmel, hallte
+der Hymnus: _O sanctissima_, den die hereinziehenden Sänger angestimmt.
+
+Endlich erteilte ihnen der Priester den Segen. Da standen sie auf, und
+fielen sich in die Arme. Ein namenloses Weh, aus Entzücken und Schmerz
+gewoben, schien gewaltsam sich loswinden zu wollen aus ihrer Brust, und
+Blutstropfen, dem wunden Herzen entquollen, waren die heißen Tränen, die
+aus ihren Augen stürzten. »Das war =er=,« lispelte die Prinzessin leise.
+»Er war's,« erwiderte Julie. -- Sie verstanden sich.
+
+In ahnungsvollem Schweigen harrte der Wald, daß die Mondscheibe
+aufsteige, und ihr schimmerndes Gold über ihn ausstreue. Der Choral der
+Sänger, noch immer vernommen in der Stille der Nacht, schien
+entgegenzuziehen dem Gewölk, das glühend aufflammte, und sich über den
+Bergen lagerte, die Bahn des leuchtenden Gestirns bezeichnend, vor dem
+die Sterne erblaßten.
+
+»Ach, sprach Julia, was ist es denn, das uns so bewegt, das so mit
+tausend Schmerzen unser Inneres durchschneidet? -- Horche doch nur, wie
+das ferne Lied so tröstend zu uns herüberhallt? Wir haben gebetet, und
+aus den goldnen Wolken sprechen fromme Geister zu uns herab von
+himmlischer Seligkeit. --« »Ja, meine Julia, erwiderte die Prinzessin
+ernst und fest, über den Wolken ist Heil und Seligkeit, und ich wollte,
+daß ein Engel des Himmels mich hinauftrüge zu den Sternen, ehe mich die
+finstere Macht erfaßte. Ich möchte wohl sterben, aber ich weiß es, dann
+trügen sie mich in die fürstliche Gruft, und die Ahnherrn, die dort
+begraben, würden es nicht glauben, daß ich gestorben bin, und erwachen
+aus der Totenerstarrung zum entsetzlichen Leben, und mich hinaustreiben.
+Dann gehörte ich ja aber weder den Toten an, noch den Lebendigen, und
+fände nirgends Obdach.«
+
+»Was sprichst Du, Hedwiga, um aller Heiligen willen, was sprichst Du?«
+rief Julie erschrocken.
+
+»Mir hat, fuhr die Prinzessin fort, in demselben festen, beinahe
+gleichgültigen Ton beharrend, dergleichen einmal geträumt. Es kann aber
+auch sein, daß ein bedrohlicher Ahnherr im Grabe zum Vampyr geworden,
+der mir nun das Blut aussaugt. Davon mögen meine häufigen Ohnmachten
+herrühren.«
+
+»Du bist krank, rief Julia, sehr krank, Hedwiga, die Nachtluft schadet
+Dir, laß uns forteilen.«
+
+Damit umschlang sie die Prinzessin, die sich schweigend fortführen ließ.
+
+Der Mond war nun hoch heraufgestiegen über den Geierstein, und in
+magischer Beleuchtung standen die Büsche, die Bäume, und flüsterten und
+rauschten, mit dem Nachtwinde kosend, in tausend lieblichen Weisen.
+
+»Es ist doch schön, sprach Julie, o es ist doch schön auf der Erde,
+beut uns die Natur nicht ihre herrlichsten Wunder dar wie eine gute
+Mutter ihren lieben Kindern?« -- »Meinst Du? erwiderte die Prinzessin,
+und fuhr dann nach einer Weile fort: Ich wollte nicht, daß Du mich erst
+ganz verstanden hättest, und bitte, alles nur für den Erguß einer bösen
+Stimmung zu halten. -- Du kennst noch nicht den vernichtenden Schmerz
+des Lebens. Die Natur ist grausam, sie hegt und pflegt nur die gesunden
+Kinder, die kranken verläßt sie, ja richtet bedrohliche Waffen gegen ihr
+Dasein. -- Ha! Du weißt, daß mir sonst die Natur nichts war, als eine
+Bildergalerie, hingestellt um die Kräfte des Geistes und der Hand zu
+üben, aber jetzt ist es anders worden, da ich nichts fühle, nichts ahne,
+als ihr Entsetzen. Ich möchte lieber in erleuchteten Sälen zwischen
+bunter Gesellschaft wandeln, als einsam mit Dir in dieser mondhellen
+Nacht. --
+
+Julien wurde nicht wenig bange, sie bemerkte, wie Hedwiga immer
+schwächer, erschöpfter wurde, so daß die Arme all' ihre geringe Kraft
+anwenden mußte, um sie im Gehen aufrecht zu erhalten.
+
+Endlich hatten sie das Schloß erreicht. Unfern desselben, auf der
+steinernen Bank, die unter einem Hollunderbusch stand, saß eine
+finstere, verhüllte Gestalt. Sowie Hedwiga diese gewahrte, rief sie voll
+Freude: Dank der Jungfrau und allen Heiligen, da ist sie! und ging
+plötzlich erkräftigt, und sich von Julien losmachend auf die Gestalt
+los, die sich erhob, und mit dumpfer Stimme sprach: Hedwiga, mein armes
+Kind! -- Julia gewahrte, daß die Gestalt eine von Kopf bis zu Fuß in
+braune Gewänder gehüllte Frau war, die tiefen Schatten ließen die Züge
+ihres Gesichts nicht erkennen. Von innern Schauern durchbebt, blieb
+Julia stehen.
+
+Beide, die Frau und die Prinzessin, ließen sich auf die Bank nieder. Die
+Frau strich ihr sanft die Haarlocken von der Stirne, legte dann die
+Hände darauf, und sprach langsam und leise in einer Sprache, die Julie
+sich nicht erinnern konnte, jemals gehört zu haben. Nachdem dies einige
+Minuten gewährt, rief die Frau Julien zu: Mädchen, eile nach dem Schloß,
+rufe die Kammerfrauen, sorge, daß man die Prinzessin hineinschaffe! Sie
+ist in sanften Schlaf gesunken, von dem sie gesund und froh erwachen
+wird.
+
+Julie, ihrem Erstaunen nicht einen Augenblick Raum gebend, tat schnell,
+wie ihr geheißen.
+
+Als sie mit den Kammerfrauen ankam, fand man die Prinzessin, sorgsam in
+ihren Shawl eingehüllt, wirklich im sanften Schlaf, die Frau war
+verschwunden.
+
+Sage mir, sprach Julie am andern Morgen, als die Prinzessin ganz genesen
+erwacht, und keine Spur innerer Zerrüttung sich zeigte, was Julie
+befürchtet, sage mir um Gott, wer war die wunderbare Frau?
+
+»Ich weiß es nicht, erwiderte die Prinzessin, ein einziges Mal in
+meinem Leben habe ich sie gesehen. Du erinnerst Dich, wie ich einmal,
+noch ein Kind, in eine tödliche Krankheit verfallen, so daß die Ärzte
+mich aufgaben. Da saß sie in einer Nacht plötzlich an meinem Bette, und
+lullte mich, wie heute, ein in süßen Schlummer, von dem ich ganz genesen
+erwachte. -- In der gestrigen Nacht trat zum ersten Mal das Bild dieser
+Frau mir wieder vor die Augen, es war mir, als müsse sie mir wieder
+erscheinen, und mich retten, und so hat es sich wirklich begeben. -- Tu'
+es mir zur Liebe, und schweige ganz von der Erscheinung, laß Dir auch
+nichts merken durch Wort oder Zeichen, daß uns etwas Wunderbares
+begegnet. Denke an den Hamlet, und sei mein lieber Horatio! -- Es ist
+gewiß, daß es mit dieser Frau eine geheimnisvolle Bewandtnis haben muß,
+aber, mag das Geheimnis mir und Dir verschlossen bleiben, weiteres
+Forschen bedünkt mir gefährlich. -- Ist es nicht genug, daß ich genesen
+bin, und froh, frei von allen Gespenstern, die mich verfolgten? --
+
+Alles verwunderte sich über der Prinzessin so plötzlich wiedergekehrte
+Gesundheit. Der Leibarzt behauptete, der nächtliche Spaziergang nach der
+Marienkapelle habe durch die Erschütterung aller Nerven so drastisch
+gewirkt, und er nur vergessen denselben ausdrücklich zu verordnen. Die
+Benzon sprach aber in sich hinein: Hm! -- die Alte ist bei ihr gewesen
+-- mag das dies Mal hingehen! -- Es ist nun an der Zeit, daß jene
+verhängnisvolle Frage des Biographen: Du --
+
+=(M. f. f.)= liebst mich also, holde Miesmies? O wiederhol' es mir
+tausendmal, damit ich noch in ferneres Entzücken geraten und soviel
+Unsinn aussprechen möge, wie es einem von dem besten Romandichter
+geschaffenen Liebeshelden geziemt! -- Doch Beste, du hast meine
+erstaunliche Neigung zum Gesange, sowie meine Kunstfertigkeit darin,
+schon bemerkt, würd' es dir wohl gefällig sein, Teure! mir ein kleines
+Liedchen vorzusingen? »Ach, erwiderte Miesmies, ach, geliebter Murr,
+zwar bin ich auch in der Kunst des Gesanges nicht unerfahren; aber du
+weißt, wie es jungen Sängerinnen geht, wenn sie zum erstenmal singen
+sollen vor Meistern und Kennern! -- Die Angst, die Verlegenheit, schnürt
+ihnen die Kehle zu, und die schönsten Töne, Trillos und Mordenten
+bleiben auf die fatalste Weise in der Kehle stecken, wie Fischgräten.
+-- Eine Arie zu singen ist dann pur unmöglich, weshalb der Regel nach mit
+einem Duett begonnen wird. Laß uns ein kleines Duett versuchen, Teurer!
+wenn's dir gefällig! -- Das war mir recht. -- Wir stimmten nun gleich
+das zärtliche Duett an: Bei meinem ersten Blick, flog dir mein Herz
+entgegen usw. Miesmies begann furchtsam, aber bald ermutigte sie mein
+kräftiges Falsett. Ihre Stimme war allerliebst, ihr Vortrag gerundet,
+weich, zart, kurz, sie zeigte sich als wackre Sängerin. Ich war
+entzückt, wiewohl ich einsah, daß mich Freund Ovid wiederum im Stich
+gelassen. Da Miesmies mit dem _cantare_ so herrlich bestanden, so war es
+mit dem _chordas tangere_ gar nichts, und ich durfte nicht erst nach der
+Guitarre verlangen. --
+
+Miesmies sang nun mit seltener Geläufigkeit, mit ungemeinem Ausdruck,
+mit höchster Eleganz das bekannte: _Di tanti palpiti_ usw. Von der
+heroischen Stärke des Rezitativs stieg sie herrlich hinein in die
+wahrhaft kätzliche Süßigkeit des Andantes. Die Arie schien ganz für sie
+geschrieben, so daß auch mein Herz überströmte und ich in ein lautes
+Freudengeschrei ausbrach. Ha! -- Miesmies mußte mit dieser Arie eine
+Welt fühlender Katerseelen begeistern! -- Nun stimmten wir noch ein
+Duett an, aus einer ganz neuen Oper, das ebenfalls herrlich gelang, da
+es ganz und gar für uns geschrieben schien. Die himmlischen Rouladen
+gingen glanzvoll aus unserm Innern heraus, da sie meistenteils aus
+chromatischen Gängen bestanden. Überhaupt muß ich bei dieser Gelegenheit
+bemerken, daß unser Geschlecht chromatisch ist, und daß daher jeder
+Komponist, der für uns komponieren will, sehr wohl tun wird, Melodien
+und alles Übrige, chromatisch einzurichten. Leider hab' ich den Namen
+des trefflichen Meisters, der jenes Duett komponiert, vergessen, das ist
+ein wackrer lieber Mann, ein Komponist nach meinem Sinn. --
+
+Während dieses Singens war ein schwarzer Kater heraufgestiegen, der uns
+mit glühenden Augen anfunkelte. »Bleiben Sie gefälligst von dannen,
+bester Freund, rief ich ihm entgegen, sonst kratze ich Ihnen die Augen
+aus, und werfe Sie vom Dache hinab, wollen Sie aber eins mit uns singen,
+so kann das geschehen.« -- Ich kannte den jungen, schwarz gekleideten
+Mann als einen vortrefflichen Bassisten, und schlug daher vor, eine
+Komposition zu singen, die ich zwar sonst nicht sehr liebe, die sich
+aber zu der bevorstehenden Trennung von Miesmies sehr gut schickte.
+-- Wir sangen: Soll ich dich Teurer nicht mehr sehen! Kaum versicherte
+ich aber mit dem Schwarzen, daß die Götter mich bewahren würden, als
+eine gewaltige Ziegelscherbe zwischen uns durchfuhr, und eine
+entsetzliche Stimme rief: wollen die verfluchten Katzen wohl die Mäuler
+halten! -- Wir stoben, von der Todesfurcht gehetzt, wild auseinander in
+den Dachboden hinein. O der herzlosen Barbaren ohne Kunstgefühl, die
+selbst unempfindlich bleiben bei den rührendsten Klagen der
+unaussprechlichen Liebeswehmut, und nur Rache und Tod brüten und
+Verderben! --
+
+Wie gesagt, das, was mich befreien sollte von meiner Liebesnot,
+stürzte mich nur noch tiefer hinein. Miesmies war so musikalisch, daß
+wir beide auf das anmutigste miteinander zu phantasieren vermochten.
+Zuletzt sang sie meine eignen Melodien herrlich nach, darüber wollte ich
+denn nun ganz und gar närrisch werden, und quälte mich schrecklich ab in
+meiner Liebespein, so daß ich ganz blaß, mager und elend wurde.
+-- Endlich, endlich, nachdem ich mich lange genug abgehärmt, fiel mir das
+letzte, wiewohl verzweifelte Mittel ein, mich von meiner Liebe zu
+heilen. -- Ich beschloß, meiner Miesmies Herz und Pfote zu bieten. Sie
+schlug ein, und sobald wir ein Paar worden, merkte ich auch alsbald, wie
+meine Liebesschmerzen sich ganz und gar verloren. Mir schmeckte
+Milchsuppe und Braten vortrefflich, ich gewann meine joviale Laune
+wieder, mein Bart kam in Ordnung, mein Pelz erhielt wieder den alten
+schönen Glanz, da ich nun die Toilette mehr beachtete als vorher,
+wogegen meine Miesmies sich gar nicht mehr putzen mochte. Ich fertigte
+demunerachtet, wie zuvor geschehen, noch einige Verse auf meine
+Miesmies, die um so hübscher, um so wahrer empfunden wahren, als ich den
+Ausdruck der schwärmerischen Zärtlichkeit so immer mehr und mehr
+heraufschrob, bis er mir die höchste Spitze erreicht zu haben schien.
+Ich dedizierte endlich der Guten noch ein dickes Buch, und hatte so auch
+in literarisch-ästhetischer Hinsicht alles abgetan, was von einem
+honetten treuverliebten Kater nur verlangt werden kann. Übrigens führten
+wir, ich und meine Miesmies, auf der Strohmatte vor der Türe meines
+Meisters, ein häuslich ruhiges, glückliches Leben. -- Doch welches Glück
+ist hienieden auch nur von einigem Bestand! -- Ich bemerkte bald, daß
+Miesmies oft in meiner Gegenwart zerstreut war, daß sie, wenn ich mit
+ihr sprach, verwirrtes Zeug antwortete, daß ihr tiefe Seufzer entflohen,
+daß sie nur schmachtende Liebeslieder singen mochte, ja daß sie zuletzt
+ganz matt und krank tat. Fragte ich dann, was ihr fehle, so streichelte
+sie mir zwar die Wangen und erwiderte: »Nichts, gar nichts, mein liebes,
+gutes Papachen,« aber das Ding war mir doch gar nicht recht. Oft
+erwartete ich sie vergebens auf der Strohmatte, suchte sie vergebens im
+Keller, auf dem Boden, und fand ich sie denn endlich und machte ihr
+zärtliche Vorwürfe, so entschuldigte sie sich damit, daß ihre Gesundheit
+weite Spaziergänge erfordere, und daß ein ärztlicher Kater sogar eine
+Badereise angeraten. Das war mir wieder nicht recht. Sie mochte wohl
+meinen versteckten Ärger gewahren, und ließ es sich angelegen sein, mich
+mit Liebkosungen zu überhäufen, aber auch in diesen Liebkosungen lag so
+etwas Sonderbares, ich weiß es nicht zu nennen, das mich erkältete,
+statt mich zu erwärmen, und auch das war mir nicht recht. Ohne zu
+vermuten, daß dies Betragen meiner Miesmies seinen besonderen Grund
+haben könne, wurde ich nur inne, daß nach und nach auch das letzte
+Fünkchen der Liebe zu der Schönsten erlosch, und daß in ihrer Nähe mich
+die tötendste Langeweile erfaßte. Ich ging daher meine Wege und sie die
+ihrigen; kamen wir aber einmal zufällig auf der Strohmatte zusammen, so
+machten wir uns die liebevollsten Vorwürfe, waren dann die zärtlichsten
+Gatten, und besangen die friedliche Häuslichkeit, in der wir lebten.
+
+Es begab sich, daß mich einmal der schwarze Bassist in dem Zimmer meines
+Meisters besuchte. Er sprach in abgebrochenen geheimnisvollen Worten,
+fragte dann stürmisch, wie ich mit meiner Miesmies lebe -- kurz, ich
+merkte wohl, daß der Schwarze etwas auf dem Herzen hatte, das er mir
+entdecken wollte. Endlich kam es denn auch zum Vorschein. Ein Jüngling,
+der im Felde gedient, war zurückgekehrt, und lebte in der Nachbarschaft
+von einer kleinen Pension, die ihm ein dort wohnender Speisewirt an
+Fischgräten und Speisabgang ausgeworfen. Schön von Figur, herkulisch
+gebaut, wozu noch kam, daß er eine reiche fremde Uniform trug, schwarz
+grau und gelb, und wegen bewiesener Tapferkeit, als er mit wenigen
+Kameraden einen ganzen Speicher von Mäusen reinigen wollen, das
+Ehrenzeichen des gebrannten Specks auf der Brust trug, fiel er allen
+Mädchen und Frauen in der Gegend auf. Alle Herzen schlugen ihm entgegen,
+wenn er auftrat keck und kühn, den Kopf emporgehoben, feurige Blicke um
+sich werfend. Der hatte sich, wie der Schwarze versicherte, in meine
+Miesmies verliebt, sie war ihm ebenso mit Liebe entgegengekommen, und es
+war nur zu gewiß, daß sie heimliche verliebte Zusammenkünfte hielten
+allnächtlich hinter dem Schornstein oder im Keller.
+
+»Mich wundert, sprach der Schwarze, bester Freund! daß Sie bei Ihrer
+sonstigen Sagazität das nicht längst bemerkt; aber liebende Gatten sind
+oft blind, und es tut mir leid, daß Freundespflicht mir gebot, Ihnen die
+Augen zu öffnen, da ich weiß, daß Sie in Ihre vortreffliche Gattin ganz
+und gar vernarrt sind.«
+
+O Muzius, so hieß der Schwarze, rief ich, ob ich ein Narr bin, ob ich
+sie liebe, die süße Verräterin! Ich bete sie an, mein ganzes Wesen
+gehört ihr! -- Nein, sie kann mir das nicht tun, die treue Seele!
+-- Muzius, schwarzer Verleumder, empfange den Lohn deiner Schandtat! --
+Ich hob die gekrallte Pfote auf, Muzius blickte mich freundlich an und
+sprach sehr ruhig: »ereifern Sie sich nicht, mein Guter, Sie teilen das
+Los vieler vortrefflichen Leute, überall ist schnöder Wankelmut zu
+Hause, und leider vorzüglich bei unserm Geschlecht.« Ich ließ die
+aufgehobene Pfote wieder sinken, sprang wie in voller Verzweiflung
+einigemal in die Höhe und schrie dann wütend: wär es möglich, wär es
+möglich! -- O Himmel -- Erde! -- was noch sonst? -- nenn' ich die Hölle
+mit! -- Wer hat mir das getan, der schwarz grau gelbe Kater? -- Und sie,
+die süße Gattin, treu und hold sonst, sie konnte, höllischen Trugs voll,
+=den= verachten, der oft, an ihrem Busen eingewiegt, in süßen
+Liebesträumen selig schwelgte? -- O fließt, ihr Zähren, fließt der
+Undankbaren! -- Himmel tausend sapperment, das geht nicht an, den bunten
+Kerl am Schornstein soll der Teufel holen!
+
+»Beruhigen Sie sich doch nur, sprach Muzius, Sie überlassen sich zu sehr
+der Wut des jähen Schmerzes. Als Ihr wahrer Freund mag ich Sie jetzt
+weiter nicht in Ihrer angenehmen Verzweiflung stören. Wollen Sie sich in
+Ihrer Trostlosigkeit ermorden, so könnte ich Ihnen zwar mit einem
+tüchtigen Rattenpulver aufwarten, ich will es aber nicht tun, da Sie
+sonst ein lieber charmanter Kater sind und es jammerschade wäre um Ihr
+junges Leben. Trösten Sie sich, lassen sie Miesmies laufen, es gibt der
+anmutigen Katzen noch viele in der Welt. -- Adieu, Bester!« -- Damit
+sprang Muzius fort durch die geöffnete Türe.
+
+Sowie ich, still unter dem Ofen liegend, mehr nachsann über die
+Entdeckungen, die mir der Kater Muzius gemacht, fühlte ich wohl etwas in
+mir sich regen, wie heimliche Freude. Ich wußte nun, wie ich mit
+Miesmies daran war, und die Quälerei mit dem ungewissen Wesen war am
+Ende. Hatte ich aber anstandshalber erst die gehörige Verzweiflung
+geäußert, so glaubte ich, daß derselbe Anstand es erfordere, dem
+Schwarzgraugelben zu Leibe zu gehen. Ich belauschte zur Nachtzeit das
+Liebespaar hinter dem Schornstein, und fuhr mit den Worten: »höllischer
+bestialischer Verräter«, auf meinen Nebenbuhler grimmig los. Der aber,
+an Stärke, wie ich leider zu spät bemerkte, mir weit überlegen, packte
+mich, ohrfeigte mich gräßlich ab, daß ich mehreres Pelzwerk einbüßte,
+und sprang dann schnell fort. Miesmies lag in Ohnmacht, als ich mich ihr
+aber näherte, sprang sie ebenso behende wie ihr Liebhaber auf, und ihm
+nach in den Dachboden hinein.
+
+Lendenlahm, mit blutigen Ohren, schlich ich hinab zu meinem Meister, und
+verwünschte den Gedanken, meine Ehre konservieren zu wollen, hielt es
+auch für gar keine Schande, die Miesmies dem Schwarzgraugelben ganz und
+gar zu überlassen.
+
+Welch' ein feindliches Schicksal, dacht' ich, der himmlischromantischen
+Liebe halber werde ich in die Gosse geworfen, und das häusliche Glück
+verhilft mir zu nichts anderm, als zu gräßlichen Prügeln.
+
+Am andern Morgen erstaunte ich nicht wenig, als ich, aus dem Zimmer des
+Meisters heraustretend, Miesmies auf der Strohmatte fand. »Guter Murr,
+sprach sie sanft und ruhig, ich glaube zu fühlen, daß ich dich nicht
+mehr so liebe, als sonst, welches mich sehr schmerzt.«
+
+O teure Miesmies, erwiderte ich zärtlich, es zerschneidet mir das Herz,
+aber ich muß es gestehen, seit der Zeit, daß sich gewisse Dinge begeben,
+bist du mir auch gleichgültig geworden.
+
+»Nimm es nicht übel, sprach Miesmies weiter, süßer Freund, aber es ist
+mir so, als wärst du mir schon längst ganz unausstehlich gewesen.«
+
+Mächt'ger Himmel, rief ich begeistert, welche Sympathie der Seelen, mir
+geht es so, wie dir.
+
+Nachdem wir auf diese Weise einig geworden, daß wir uns einander ganz
+unausstehlich wären, und uns notwendigerweise trennen müßten auf ewig,
+umpfoteten wir uns auf das zärtlichste, und weinten heiße Tränen der
+Freude und des Entzückens! --
+
+Dann trennten wir uns, jeder war hinfort von der Vortrefflichkeit, von
+der Seelengröße des andern überzeugt, und pries sie jedem an, der davon
+hören mochte.
+
+Auch ich war in Arkadien, rief ich, und legte mich auf die schönen
+Künste und Wissenschaften eifriger als jemals.
+
+=(Mak. Bl.)= -- Euch, sprach Kreisler, ja ich sag' es Euch aus tiefer
+Seele, diese Ruhe scheint mir bedrohlicher, als der wütendste Sturm. Es
+ist die dumpfe taube Schwüle vor dem zerstörenden Gewitter, in der sich
+jetzt alles an dem Hofe bewegt, den Fürst Irenäus im Duodezformat mit
+vergoldetem Schnitt, wie einen Almanach ans Tageslicht gebracht.
+Vergebens steckt der gnädigste Herr unaufhörlich glänzende Feste auf,
+wie Gewitterableiter, als zweiter Franklin, die Blitze werden doch
+einschlagen, und vielleicht sein eignes Staatskleid versengen. -- Es ist
+wahr, Prinzessin Hedwiga gleicht jetzt in ihrem ganzen Wesen einer hell
+und klar hinströmenden Melodie, statt daß sonst wilde unruhige Akkorde
+durcheinander auffuhren aus ihrer wunden Brust, aber -- Nun! und Hedwiga
+schreitet jetzt in verklärtem freundlichem Stolz an dem Arm des wackern
+Neapolitaner's daher, und Julia lächelt ihn an auf ihre holdselige
+Weise, und läßt sich seine Galanterien gefallen, die der Prinz, ohne ein
+Auge von der bestimmten Braut zu lassen, ihr so geschickt zuzuwenden
+weiß, daß sie ein junges unerfahrenes Gemüt wie Ricochett-Schüsse
+schärfer treffen müssen, als wenn das bedrohliche Geschütz geradezu
+darauf gerichtet! -- Und doch glaubte sich, wie mir die Benzon erzählt,
+erst Hedwiga von dem _mostro turchino_ erdrückt, und der sanften ruhigen
+Julia, dem Himmelskinde, wurde der schmucke General _en chef_ zum schnöden
+Basilisk! -- O ihr ahnenden Seelen, ihr hattet ja recht! -- Teufel, hab
+ich denn nicht in Baumgartens Welthistorie gelesen, daß die Schlange,
+die uns um das Paradies gebracht, stolzierte in goldgleißendem
+Schuppenwams? -- Das fällt mir ein, wenn ich den goldverbrämten Hektor
+sehe. -- Hektor hieß übrigens sonst ein sehr würdiger Bullenbeißer, der
+unbeschreibliche Liebe und Treue zu mir hegte. -- Ich wollt' er wär' bei
+mir, und ich könnt ihn dem fürstlichen Namensvetter in die Rockschöße
+hetzen, wenn er sich so recht spreizt zwischen dem holden Schwesterpaar!
+Oder sagt, Meister, da Ihr so manches Kunststück wisset, sagt mir, wie
+ich es anfange, mich bei schicklicher Gelegenheit in eine Wespe zu
+verwandeln, und den fürstlichen Hund dermaßen zu turbieren, daß er aus
+seinem verfluchten Konzept kommt! --
+
+Ich habe Euch ausreden lassen, Kreisler, nahm Meister Abraham das Wort,
+und frage Euch nun, ob Ihr mich ruhig anhören wollt, wenn ich Euch
+gewisse Dinge entdecke, die Eure Ahnungen rechtfertigen?
+
+Bin ich denn nicht, erwiderte Kreisler, ein gesetzter Kapellmeister
+-- ich meine das nicht im philosophischen Sinn, daß ich mein Ich gesetzt
+als Kapellmeister; sondern beziehe das bloß auf die geistige Fähigkeit,
+in honetter Gesellschaft ruhig zu bleiben, wenn mich ein Floh sticht.
+
+Nun also, fuhr Meister Abraham fort, wisset, Kreisler, daß ein seltsamer
+Zufall mir tiefe Blicke in des Prinzen Leben vergönnt hat. Ihr habt
+recht, wenn Ihr ihn mit der Schlange im Paradiese vergleicht. Unter der
+schönen Hülle -- die werdet Ihr ihm nicht absprechen -- liegt giftige
+Verderbtheit, ich möchte lieber sagen, Verruchtheit, verborgen. -- Er
+führt Böses im Schilde -- er hat, aus vielem was sich zugetragen weiß
+ich's -- er hat es abgesehen auf die holde Julia. --
+
+Hoho, schrie Kreisler, indem er im Zimmer umhersprang, blanker Vogel,
+sind das deine süßen Lieder? -- Wetter, Wetter, der Prinz ist ein
+tüchtiger Kerl, er greift zu, mit beiden Krallen auf einmal, nach
+gebotenen und verbotenen Früchten! -- Holla, süßer Neapolitaner, Du
+weißt nicht, daß Julien ein wackrer Kapellmeister, mit hinlänglicher
+Musik im Leibe, zur Seite steht, der hält Dich, sowie Du Dich ihr
+näherst, für einen verdammten Quartquinten-Akkord, der aufgelöst werden
+muß. Und der Kapellmeister tut, was seines Berufs ist, das heißt, er
+löst Dich auf, indem er Dir eine Kugel durch das Gehirn jagt, oder Dir
+gegenwärtigen Stockdegen durch den Leib rennt -- Damit zog Kreisler
+seine Stockklinge heraus, setzte sich in Fechterpositur, und fragte den
+Meister, ob er Anstand genug besitze, einen fürstlichen Hund zu
+durchspießen. »Seid doch nur ruhig, Kreisler, erwiderte Meister Abraham,
+es bedarf solcher Heldentaten gar nicht, um dem Prinzen das Spiel zu
+verderben. Es gibt andere Waffen für ihn, und die geb' ich Euch in die
+Hand. Gestern war ich im Fischerhäuschen, der Prinz kam mit seinem
+Adjutanten vorüber. Sie gewahrten mich nicht. Die Prinzessin ist schön,
+sprach der Prinz, aber die kleine Benzon ist göttlich! Mein ganzes Blut
+wallte siedend auf, als ich sie sah -- ha, sie muß mein werden, noch ehe
+ich der Prinzessin die Hand reiche. -- Glaubst Du, daß sie unerbittlich
+sein wird? -- Welches Weib hat Euch widerstanden, gnädigster Herr,
+erwiderte der Adjutant. -- »Aber, beim Teufel, fuhr der Prinz fort, sie
+scheint ein frommes Kind zu sein« -- und ein argloses, fiel ihm der
+Adjutant lachend ins Wort, und die frommen arglosen Kindlein sind es ja
+eben, die überrascht von dem Angriff des sieggewohnten Mannes duldend
+unterliegen und dann alles für Gottes Fügung halten, wohl gar in
+ungemeine Liebe geraten zu dem Sieger! -- Das kann Euch auch so gehen,
+gnädigster Herr! -- »Das wäre toll genug, rief der Prinz. Aber könnte
+ich sie nur allein sehen -- wie das anfangen?« -- Nichts ist leichter
+als das, erwiderte der Adjutant. Ich habe bemerkt, daß die Kleine oft
+allein lustwandelt in diesem Park. Wenn nun -- Jetzt verhallten die
+Stimmen in der Ferne, ich konnte nichts mehr verstehen! -- Wahrscheinlich
+wird irgendein höllischer Plan schon heute ausgeführt, und der muß
+vereitelt werden. Ich könnte das selbst tun, aber aus gewissen Ursachen
+möchte ich mich zurzeit dem Prinzen nicht zeigen, daher müßt Ihr
+Kreisler gleich fort nach Sieghartshof, und aufpassen, wenn Julia etwa
+in der Dämmerung, wie sie zu tun pflegt, nach dem See lustwandelt, um
+den zahmen Schwan zu füttern. Diesen Gang hat wahrscheinlich der
+italienische Bösewicht erlauscht. -- Doch empfangt die Waffe, Kreisler,
+und die höchst nötige Instruktion, damit Ihr im Kampf gegen den
+bedrohlichen Prinzen, als ein guter Feldherr Euch zeigen möget! --
+
+Der Biograph erschrickt abermals über das total Abrupte der
+Nachrichten, aus denen er gegenwärtige Geschichte zusammenstoppeln muß.
+-- Wäre hier nicht schicklich einzurücken gewesen, welche Instruktion
+Meister Abraham dem Kapellmeister erteilte, denn zeigt sich auch später
+die Waffe selbst, so wird es Dir, geliebter Leser! doch unmöglich sein,
+einzusehen, was es damit für eine Bewandtnis hat. Doch kein einziges
+Wörtlein weiß der unglückliche Biograph zurzeit von jener Instruktion,
+mittels der (so viel scheint gewiß) der wackre Kreisler in ein ganz
+besonderes Geheimnis eingeweiht wurde. -- Doch! gedulde Dich, günstiger
+Leser, noch ein wenig, bemeldeter Biograph setzt seinen Schreibedaumen
+zum Pfande, daß noch vor dem Schluß des Buches auch dieses Geheimnis an
+den Tag kommen soll. -- Es ist nun zu erzählen, daß, sowie die Sonne zu
+sinken begann, Julia, ein Körbchen mit Weißbrot am Arm, singend durch
+den Park wandelte, zum See, und sich mitten auf die Brücke unweit des
+Fischerhäuschens stellte. Aber Kreisler lag im Hinterhalt des Gebüsches,
+und hatte einen tüchtigen Dollond vor den Augen, mit dem er scharf
+hinüberschaute durch die Sträucher, die ihn versteckten. Der Schwan
+plätscherte heran, und Julie warf ihm Brocken hinab, die er begierig
+wegnaschte. Julie fuhr fort im lauten Gesange, und so kam es, daß sie es
+nicht gewahrte, wie Prinz Hektor schnell heraneilte. Als er plötzlich
+bei ihr stand, fuhr sie zusammen wie im heftigen Schreck. Der Prinz
+faßte ihre Hand, drückte sie an die Brust, an die Lippen und legte sich
+dann dicht neben Julien über das Geländer der Brücke. Julia fütterte,
+indem der Prinz eifrig sprach, den Schwan, in den See hinabschauend.
+-- »Schneide nicht solche infame süße Gesichter Potentat! merkst Du denn
+nicht, daß ich dicht vor Dir auf dem Geländer sitze und Dich erklecklich
+maulschellieren kann? -- O Gott, warum färben sich Deine Wangen in immer
+höherem Purpur, Du holdes Himmelskind? -- Warum blickst Du jetzt den
+Bösen so seltsam an? -- Du lächelst? Ja es ist der glühende Gifthauch,
+vor dem sich Deine Brust öffnen muß, wie vor dem sengenden Sonnenstrahl
+sich die Knospe in den schönsten Blättern entfaltet, um desto jäher
+hinzusterben!« -- So sprach Kreisler, das Paar beobachtend, das der gute
+Dollond ihm dicht herangerückt. -- Der Prinz warf jetzt auch Brocken
+hinab, der Schwan verschmähte sie aber, und brach in ein lautes widriges
+Geschrei aus. Nun schlang der Prinz den Arm um Julia, und warf so die
+Brocken hinab, als sollte der Schwan glauben, daß es Julia sei, die ihn
+fütterte. Dabei berührte seine Wange beinahe die Wange Julia's. -- »Recht
+so, sprach Kreisler, gnädigster Halunke, umkralle, würdiger Stoßvogel,
+nur Deine Beute recht fest, hier liegt aber einer im Busch, der schon
+auf Dich zielt, und sogleich Dir Deinen glänzenden Fittich lahmschießen
+wird, und es steht dann erbärmlich mit Dir und Deiner Freijagd!«
+
+Nun faßte der Prinz Julias Arm, und beide schritten dem Fischerhäuschen
+zu. Dicht vor demselben trat aber Kreisler aus dem Gebüsch, schritt auf
+das Paar zu und sprach, indem er sich vor dem Prinzen tief bückte: ein
+herrlicher Abend, eine ungemein heitere Luft, ein erquickliches Aroma
+darin Sie müssen sich gnädigster Herr hier befinden, wie in dem schönen
+Neapolis. -- »Wer sind Sie mein Herr?« fuhr ihn der Prinz barsch an.
+Doch in demselben Augenblick machte sich auch Julia los von seinem Arm,
+trat freundlich auf Kreislern zu, reichte ihm die Hand und sprach: o wie
+herrlich, lieber Kreisler, daß Sie wieder da sind. Wissen Sie wohl, daß
+ich mich recht herzlich nach Ihnen gesehnt habe? -- In der Tat, die
+Mutter schilt, daß ich mich gebärde wie ein weinerliches ungezogenes
+Kind, wenn Sie nur einen einzigen Tag ausbleiben. Ich könnte krank
+werden vor Verdruß, wenn ich glaube, daß Sie mich, meinen Gesang aus der
+Acht lassen. »Ha, rief der Prinz, giftige Blicke schießend, auf Julien,
+auf Kreislern, ha, Sie sind Monsieur de Krösel. Der Fürst sprach sehr
+günstig von Ihnen!« Gesegnet, sprach Kreisler, indem sein ganzes Gesicht
+in hundert Falten und Fältchen seltsam vibrierte, gesegnet sei der gute
+Herr dafür, denn so wird es mir vielleicht gelingen, das zu erhalten,
+warum ich Sie gnädigster Prinz anflehen wollte, nämlich Ihre angenehme
+Protektion. -- Ich habe die kühne Ahnung, daß Sie mir auf den ersten
+Blick Ihr Wohlwollen zuwandten, da Sie im Vorübergehen aus höchst eigner
+Bewegung, mich zum Hasenfuß zu kreieren geruhten, und da nun Hasenfüße
+zu allem nur Ersinnlichen taugen so -- »Sie sind, unterbrach ihn der
+Prinz, ein spaßhafter Mann.« -- Ganz und gar nicht, fuhr Kreisler fort,
+ich liebe zwar den Spaß, aber nur den schlechten, und der ist nun wieder
+nicht spaßhaft. Gegenwärtig wollt' ich gern nach Neapel gehen, und beim
+Molo einige gute Fischer- und Banditenlieder aufschreiben _ad usum
+delphini._ Sie sind, bester Prinz, ein gütiger kunstliebender Herr,
+sollten Sie mir vielleicht durch einige Empfehlungen. »Sie sind,
+unterbrach ihn der Prinz auf's neue, Sie sind ein spaßhafter Mann,
+Monsieur de Krösel, ich liebe das, ich liebe das in der Tat, aber jetzt
+mag ich Sie in Ihrem Spaziergange nicht aufhalten -- Adieu! -- »Nein,
+gnädigster Herr, rief Kreisler, ich kann die Gelegenheit nicht
+vorüberlassen, ohne mich Ihnen in meinem vollsten Lüstre zu zeigen. Sie
+wollten in das Fischerhäuschen treten, dort steht ein kleines
+Pianoforte, Fräulein Julia ist gewiß so gütig, mit mir ein Duett zu
+singen!« »Mit tausend Freuden, rief Julia und hing sich an Kreislers
+Arm. Der Prinz biß die Zähne zusammen und schritt stolz voran. Im Gehen
+flüsterte Julia Kreislern ins Ohr: Kreisler, welche seltsame Stimmung. O
+Gott, erwiderte Kreisler ebenso leise, und Du liegst eingelullt in
+betörenden Träumen, wenn die Schlange sich naht, Dich zu töten mit
+giftigem Biß? -- Julia blickte ihn an im tiefsten Erstaunen. Nur ein
+einziges Mal, im Moment der höchsten musikalischen Begeisterung, hatte
+Kreisler sie Du genannt. -- Als das Duett geendet, brach der Prinz, der
+schon während des Gesanges öfters _Brava, bravissima_ gerufen, aus in
+stürmischen Beifall. Er bedeckte Julia's Hände mit feurigen Küssen, er
+schwor, daß kein Gesang jemals so sein ganzes Wesen durchdrungen, und
+bat Julien, es zu verstatten, daß er einen Kuß auf die Himmels-Lippen
+drücke, über die der Nektarstrom der Paradieseslaute geflossen.
+
+Julia wich scheu zurück. Kreisler trat vor den Prinzen hin und sprach:
+»Da Sie mir, Gnädigster! auch nicht ein Wörtlein des Lobes zuwenden
+wollen, das ich als Komponist und wackerer Sänger ebensogut verdient zu
+haben vermeine, als Fräulein Julia, so merke ich schon, daß ich mit
+meinen schwachen musikalischen Kenntnissen nicht stark genug wirke. Aber
+auch in der Malerei bin ich erfahren, und werde die Ehre haben, Ihnen
+ein kleines Bildnis zu zeigen, das eine Person vorstellt, deren
+merkwürdiges Leben und seltsames Ende mir so bekannt ist, daß ich alles
+jedem erzählen kann, der es nur hören will.« -- »Überlästiger Mensch!«
+murmelte der Prinz. Kreisler zog ein Kästchen aus der Tasche, nahm ein
+kleines Bildnis heraus, und hielt es dem Prinzen entgegen. Er blickte
+hin, alles Blut schwand von dem Antlitz, seine Augen starrten, seine
+Lippen bebten, zwischen den Zähnen murmelnd: _Maledetto!_ stürzte er fort.
+
+»Was ist das? rief Julia zum Tode erschrocken, um aller Heiligen willen,
+was ist das, Kreisler -- sagen Sie mir alles!«
+
+»Tolles Zeug, erwiderte Kreisler, lustige Streiche, Teufelsbannerei!
+Sehn Sie, teures Fräulein, wie der gütige Prinz mit den allerlängsten
+Schritten, deren seine gnädigsten Beine mächtig, über die Brücke läuft!
+-- Gott! er verleugnet ganz seine süße idyllische Natur, er schaut nicht
+einmal in den See, er verlangt nicht mehr, den Schwan zu füttern, der
+liebe gute -- Teufel!«
+
+»Kreisler, sprach Julia, Ihr Ton geht eiskalt durch mein Inneres, ich
+ahne Unheil -- was haben Sie mit dem Prinzen?«
+
+Der Kapellmeister trat von dem Fenster weg, an dem er gestanden, schaute
+tief bewegt Julia an, die vor ihm stand, die Hände gefaltet, als wolle
+sie den guten Geist anflehen, daß er die Angst von ihr nehme, die ihr
+Tränen aus den Augen preßte. »Nein, sprach Kreisler, kein feindlicher
+Mißton soll den Wohllaut des Himmels verstören, der in Deinem Gemüt
+wohnt, du frommes Kind! -- In gleisnerischer Verkappung gehen die
+Geister der Hölle durch die Welt, aber sie haben keine Macht über Dich,
+und Du darfst sie nicht erkennen in ihrem schwarzen Tun und Treiben!
+-- Sein Sie ruhig, Julia! -- lassen Sie mich schweigen, es ist nun alles
+vorüber! --«
+
+In dem Augenblick trat die Benzon hinein in großer Bewegung. »Was ist
+geschehen, rief sie, was ist geschehen? -- Wie rasend stürzt der Prinz
+dicht bei mir vorüber, ohne mich zu sehen. Dicht bei dem Schloß kommt
+ihm der Adjutant entgegen, sie sprechen beide heftig miteinander, dann
+gibt der Prinz, so glaubt' ich zu bemerken, dem Adjutanten irgendeinen
+wichtigen Auftrag, denn indem der Prinz in das Schloß schreitet, stürzt
+der Adjutant in größter Eil nach dem Pavillon, in dem er wohnt. -- Der
+Gärtner sagte mir, Du hättest mit dem Prinzen auf der Brücke gestanden,
+da überfiel mich, selbst weiß ich nicht warum, die fürchterliche Ahnung
+irgend etwas Entsetzlichen, das sich begeben -- ich eilte her, sagt, was
+ist geschehen?« -- Julia erzählte alles. »Geheimnisse?« fragte die Benzon
+scharf, indem sie einen durchbohrenden Blick auf Kreislern warf. »Beste
+Rätin, antwortete Kreisler, es gibt Augenblicke -- Lagen -- Situationen
+vielmehr, mein' ich, in denen der Mensch durchaus das Maul halten muß,
+da er, sobald er es öffnet, nichts herausbringt, als konfuses Zeug, das
+die vernünftigen Leute irritiert! --« Dabei blieb es, unerachtet die
+Benzon verletzt schien durch Kreisler's Schweigen.
+
+Der Kapellmeister begleitete die Rätin mit Julien bis an's Schloß, dann
+begab er sich auf den Rückweg nach Sieghartsweiler. Sowie er in den
+Laubgängen des Parkes verschwunden, trat der Adjutant des Prinzen aus
+dem Pavillon und verfolgte denselben Weg, den Kreisler genommen. Bald
+darauf fiel tief im Walde ein Schuß!
+
+In derselben Nacht verließ der Prinz Sieghartsweiler, er hatte sich bei
+dem Fürsten schriftlich beurlaubt, und baldige Rückkehr versprochen. Als
+am andern Morgen der Gärtner mit seinen Leuten den Park durchsuchte,
+fand er Kreisler's Hut, an dem blutige Spuren befindlich. Er selbst war
+und blieb verschwunden. -- Man --
+
+
+
+
+Zweiter Teil.
+
+
+
+
+Dritter Abschnitt.
+
+Die Lehrmonate. Launisches Spiel des Zufalls.
+
+
+=(M. f. f.)= Sehnsucht, heißes Verlangen erfüllt die Brust, aber hat man
+endlich das gewonnen, nach dem man rang mit tausend Not und Sorgen, so
+erstarrt jenes Verlangen alsbald zur todkalten Gleichgültigkeit, und man
+wirft das errungene Gut von sich, wie ein abgenutztes Spielzeug. Und
+kaum ist dies geschehen, so folgt bittere Reue der raschen Tat, man
+ringt aufs neue und das Leben eilt dahin in Verlangen und Abscheu. -- So
+ist einmal der Katz. -- Richtig bezeichnet dieser Ausdruck mein
+Geschlecht, zu dem sich auch der hochmütige Löwe zählt, den deshalb auch
+der berühmte Hornvilla in Tiecks Oktavian einen großen Katz nennt. -- Ja,
+wiederhole ich, so und nicht anders ist einmal der Katz, und das
+katzliche Herz ein gar wankelmütiges Ding.
+
+Des ehrlichen Biographen erste Pflicht ist, aufrichtig zu sein, und sich
+beileibe nicht selbst zu schonen. Ganz aufrichtig, Pfote aufs Herz, will
+ich daher gestehen, daß trotz des unsäglichen Eifers, mit dem ich mich
+auf die Künste und Wissenschaften legte, doch oft der Gedanke an die
+schöne Miesmies plötzlich in mir aufstieg und mein Studium unterbrach
+ganz und gar.
+
+Es war mir, als hätte ich sie nicht lassen sollen, als hätte ich ein
+treuliebendes Herz verschmäht, das nur von einem falschen Wahn
+augenblicklich verblendet. Ach! oft, wenn ich mich an dem großen
+Pythagoras erlaben wollte, (ich studierte zu der Zeit viel Mathematik)
+verschob plötzlich ein zartes, schwarzbestrumpftes Pfötchen alle
+Katheten und Hypotenusen, und vor mir stand sie selbst, die holde
+Miesmies, ihr kleines, allerliebstes Samtkäppchen auf dem Haupt, und aus
+dem anmutigen Grasgrün der schönsten Augen traf mich der funkelnde Blitz
+des zärtlichsten Vorwurfs. -- Welche niedliche Seitensprünge, welches
+holdselige Wirbeln und Schlängeln des Schweifs. -- Umpfoten wollt' ich
+sie mit Entzücken neu entflammter Liebe, doch verschwunden war die
+neckende Truggestalt. --
+
+Nicht fehlen konnt' es, daß dergleichen Träumereien aus dem Arkadien
+der Liebe mich in eine gewisse Schwermut versenkten, die der gewählten
+Laufbahn als Dichter und Gelehrter schädlich werden mußte, zumal sie
+bald in eine Trägheit ausartete, der ich nicht zu widerstehen vermochte.
+Mit Gewalt wollte ich mich herausreißen aus diesem verdrießlichen
+Zustande, einen raschen Entschluß fassen, Miesmies wieder aufzusuchen.
+Doch, hatte ich schon die Pfote auf die erste Treppenstufe gesetzt, um
+hinaufzusteigen in die obern Regionen, wo ich die Holde zu finden hoffen
+durfte, so wandelte mich Scham und Scheu an, und ich zog die Pfote
+wieder zurück, und begab mich traurig unter den Ofen.
+
+Dieser psychischen Bedrängnisse unerachtet, erfreute ich mich indessen
+doch eines außerordentlichen körperlichen Wohlseins, ich nahm merklich
+zu, wo nicht in Wissenschaften, so doch in der Stärke meines Leibes, und
+bemerkte, wenn ich mich im Spiegel anschaute, mit Vergnügen, daß mein
+rundbackiges Antlitz nächst der jugendlichen Frische etwas
+Ehrfurchtgebietendes zu erhalten begann.
+
+Selbst der Meister gewahrte meine veränderte Stimmung. Es ist wahr,
+sonst knurrte ich und machte lustige Sprünge, wenn er mir schmackhafte
+Speisung reichte; sonst wälzte ich mich zu seinen Füßen, kabolzte und
+sprang auch wohl auf seinen Schoß, wenn er, nachdem er morgens
+aufgestanden, mir zurief: Guten Morgen Murr! -- Jetzt unterließ ich das
+alles und begnügte mich mit einem freundlichen Miau! und jener anmutig
+stolzen Erhebung des Rückens, die dem geneigten Leser unter dem Namen
+>Katzenbuckel< bekannt sein wird. Ja, ich verachtete jetzt sogar das mir
+sonst so liebe Vogelspiel. -- Es möchte für junge Gymnastiker oder Turner
+meines Geschlechts lehrreich sein zu sagen, worin dieses Spiel bestand.
+-- Mein Meister band nämlich eine oder ein paar Schreibfedern an einen
+langen Faden, und ließ sie schnell in der Luft auf und absteigen,
+ordentlich fliegen. Im Winkel lauernd und die richtigen Tempos
+wahrnehmend, sprang ich nun so lange nach den Federn, bis ich sie
+erwischte und wacker zerzauste. Dies Spiel riß mich oft ganz hin, ich
+hielt die Federn wirklich für einen Vogel, ich geriet in Feuer und
+Flammen, so daß Geist und Körper zugleich in Anspruch genommen, sich
+bildeten und stärkten. -- Ja selbst dies Spiel verachtete ich jetzt, und
+blieb ruhig auf meinem Kissen liegen, der Meister mochte seine Federn
+fliegen lassen, soviel er wollte. »Kater, sprach der Meister eines Tages
+zu mir, als ich, wenn die Feder, an meine Nase streifend selbst auf mein
+Kissen flog, kaum blinzelnd die Pfote darnach ausstreckte, Kater, du
+bist gar nicht mehr wie sonst, du wirst mit jedem Tage träger und
+fauler. Ich glaube, du frissest, du schläfst zu viel.
+
+Ein Lichtstrahl fiel bei diesen Worten des Meisters in meine Seele!
+-- Nur dem Andenken an Miesmies, an das verscherzte Paradies der Liebe,
+hatte ich meine träge Traurigkeit zugeschrieben, nun erst gewahrte ich
+aber, wie das irdische Leben mich mit meinen aufwärts strebenden Studien
+entzweit, und seine Ansprüche geltend gemacht hatte. Es gibt Dinge in
+der Natur, die es deutlich erkennen lassen, wie die gefesselte Psyche
+dem Tyrannen, Körper genannt, ihre Freiheit hinopfern muß. Zu diesen
+Dingen rechne ich nun ganz vorzüglich den wohlschmeckenden Brei von
+Mehl, süßer Milch und Butter, sowie ein breites, mit Roßhaaren
+wohlgepolstertes Kissen. Jenen süßen Brei wußte die Aufwärterin des
+Meisters gar herrlich zu bereiten, so daß ich jeden Morgen zum Frühstück
+zwei tüchtige Teller voll mit dem größten Appetit verzehrte. Hatte ich
+aber dermaßen gefrühstückt, dann wollten mir die Wissenschaften gar
+nicht mehr munden, sie kamen mir vor, wie trockene Speise, und nichts
+half es auch, wenn ich davon ablassend mich rasch in die Poesie warf.
+Die hochgepriesensten Werke der neuesten Autoren, die gerühmtesten
+Trauerspiele hochgefeierter Dichter, konnten meinen Geist nicht
+festhalten, ich geriet in ein ausschweifendes Gedankenspiel,
+unwillkürlich trat die kunstfertige Aufwärterin des Meisters in Konflikt
+mit dem Autor, und es wollte mir gemuten, als verstehe jene sich viel
+besser auf die gehörige Gradation und Mischung der Fettigkeit, Süße und
+Stärke als dieser. -- Unglückliche, träumerische Verwechselung des
+geistigen und leiblichen Genusses! -- Ja, träumerisch kann ich sie
+nennen, diese Verwechslung, denn Träume stiegen auf, und ließen mich
+jenes zweite gefährliche Ding, das breite mit Roßhaaren gepolsterte
+Kissen suchen, um sanft darauf zu entschlummern. Dann erschien mir das
+süße Bild der holden Miesmies! -- Himmel, so stand wohl alles im
+Zusammenhange, Milchbrei, Verachtung der Wissenschaften, Melancholie,
+Polster, unpoetische Natur, Liebesandenken! -- Der Meister hatte recht,
+ich fraß, ich schlief zu viel! -- Mit welchem stoischen Ernst nahm ich
+mir vor, mäßiger zu sein, aber schwach ist des Katers Natur, die besten,
+herrlichsten Entschlüsse scheiterten an dem süßen Geruch des
+Milchbreies, an dem einladend aufgeschwellten Polster. -- Eines Tages
+hört' ich den Meister, da er zum Zimmer herausgetreten, auf dem Flur zu
+jemanden sagen: Mag es sein, meinetwegen, vielleicht heitert ihn
+Gesellschaft auf. Aber macht ihr mir dumme Streiche, springt ihr mir auf
+die Tische, schmeißt ihr mir das Tintenfaß um, oder sonst was herab, so
+werf ich euch alle beide zum Tempel hinaus. Darauf öffnete der Meister
+die Türe ein wenig und ließ jemanden herein. Dieser Jemand war aber kein
+anderer, als Freund Muzius. Beinahe hätte ich ihn nicht wieder erkannt.
+Seine Haare, sonst glatt und glänzend, waren struppig und unscheinbar,
+die Augen lagen ihm tief im Kopf und sein, sonst zwar etwas rauhes, aber
+doch ganz leidliches Wesen, hatte etwas Übermütiges, Brutales
+angenommen. »Na, prustete er mich an, na, findet man euch einmal! Muß
+man euch aufsuchen hinter euerm verfluchten Ofen? -- »Doch mit Verlaub!«
+-- Er trat an den Teller und verzehrte die Backfische, die ich mir
+aufgespart hatte zum Abendbrot. »Sagt, sprach er dazwischen, sagt mir
+nur in's Teufels Namen, wo ihr steckt, warum ihr auf kein Dach mehr
+kommt, euch nirgends mehr sehen laßt, wo es munter hergeht?«
+
+Ich erklärte, daß, nachdem ich die Liebe zur holden Miesmies aufgegeben,
+mich die Wissenschaften ganz und gar beschäftigt hätten, weshalb denn an
+Spaziergänge nicht zu denken gewesen wäre. Nicht im mindesten sehne ich
+mich nach Gesellschaft, da ich bei dem Meister alles hätte, was mein
+Herz nur wünschen könne, Milchbrei, Fleisch, Fische, ein weiches Lager
+usw. Ein ruhiges, sorgenfreies Leben, das sei für einen Kater von meinen
+Neigungen und Anlagen das ersprießlichste Gut, und um so mehr müßt' ich
+fürchten, daß dies, ginge ich aus, verstört werden könne, da, wie ich
+leider wahrgenommen, meine Inklination zur kleinen Miesmies noch nicht
+ganz erloschen, und ihr Wiedersehen mich leicht zu Übereilungen
+hinreißen dürfe, die ich nachher vielleicht sehr schwer zu bereuen haben
+würde.
+
+»Ihr könnt mir nachher noch einen Backfisch aufwichsen!« So sprach
+Muzius, putzte sich mit gekrümmter Pfote nur ganz obenhin Maul, Bart und
+Ohren und nahm Platz dicht neben mir auf dem Polster.
+
+»Rechnet, begann Muzius, nachdem er zum Zeichen seiner Zufriedenheit
+ein paar Sekunden gesponnen, mit sanfter Stimme und Gebärde, rechnet es
+euch, mein guter Bruder Murr, für ein Glück an, daß ich auf den Einfall
+geriet, euch zu besuchen in eurer Klause, und daß der Meister mich zu
+euch ließ ohne Widerrede! Ihr seid in der größten Gefahr, in die ein
+tüchtiger, junger Kerl von Kater, der Grütz' im Kopfe hat, und Stärke in
+den Gliedern, nur geraten kann. Das heißt: ihr seid in der Gefahr, ein
+arger, abscheulicher Philister zu werden. Ihr sagt, daß ihr den
+Wissenschaften zu strenge obliegt, um Zeit übrig zu behalten, euch
+umzusehen unter Katern. Verzeiht Bruder, das ist nicht wahr, ihr seht,
+rund, gemästet, spiegelglatt, wie ich euch finde, gar nicht aus, wie ein
+Bücherwurm, wie ein Lukubrant. Glaubt mir, das verfluchte bequeme Leben
+ist es, was euch faul und träge macht. Ganz anders würde euch zu Mute
+sein, wenn ihr euch wie unsereins abstrapazieren müßtet, bis ihr einmal
+ein paar Fischgräten erwischtet, oder ein Vögelein finget.« --
+
+Ich dachte, unterbrach ich den Freund, daß Ihre Lage gut und glücklich
+zu nennen, Sie waren ja sonst --
+
+»Davon, fuhr mich Muzius zornig an, ein andermal, aber nennt mich nicht
+=Sie,= das verbitt' ich mir, sondern =Ihr,= bis wir Schmolles getrunken
+haben. -- Doch Ihr seid ein Philister und versteht Euch nicht auf den
+Komment.«
+
+Nachdem ich mich bei dem erzürnten Freunde zu entschuldigen gesucht,
+fuhr er sanfter fort: Also wie gesagt, Eure Lebensart taugt nichts,
+Bruder Murr. Ihr müßt heraus, Ihr müßt heraus in die Welt. --
+
+Himmel! rief ich voll Schreck, was sprecht Ihr, Bruder Muzius! in die
+Welt soll ich? -- Habt Ihr vergessen, was ich Euch vor einigen Monaten
+im Keller davon erzählte, wie ich einst hinaussprang aus einem
+englischen Halbwagen in die Welt? Welche Gefahren mir von allen Seiten
+drohten? wie mich endlich der gute Ponto rettete und zurückbrachte zu
+meinem Meister? Muzius lachte hämisch. -- Ja, sprach er dann, ja, das
+ist es eben, darin liegt es eben, der gute Ponto! -- Der stutzerische,
+superkluge, narrenhafte, stolze Heuchler, der sich eurer annahm, weil er
+gerade nichts Besseres zu tun wußte, weil es ihn gerade belustigte, der,
+suchtet Ihr ihn auf in seinen Assembleen und Koterien, Euch gar nicht
+wiederkennen, ja Euch, weil Ihr nicht seinesgleichen seid, herausbeißen
+würde! der gute Ponto, der statt Euch einzuführen in das wahre
+Weltleben, Euch unterhielt mit albernen, menschlichen Geschichten!
+-- Nein, guter Murr, jenes Ereignis hat Euch eine ganz andere Welt
+gezeigt, als die ist, in welche Ihr hineingehört! Glaubt mir auf's Wort,
+all Euer einsames Studieren hilft Euch ganz und gar nichts, und ist Euch
+vielmehr noch schädlich. Denn Ihr bleibt dennoch ein Philister, und es
+gibt auf der ganzen weiten Erde nichts langweiligeres und
+abgeschmackteres als einen gelehrten Philister!
+
+Aufrichtig gestand ich dem Freunde Muzius, daß ich den Ausdruck
+Philister, sowie seine eigentliche Meinung nicht ganz fasse. »O mein
+Bruder, erwiderte Muzius, indem er anmutig lächelte, so daß er in dem
+Augenblick sehr hübsch aussah, und wieder ganz der alte propre Muzius
+schien, o mein Bruder Murr, ganz vergeblich würde der Versuch sein, Euch
+dieses alles zu erklären, denn nimmermehr könnt Ihr begreifen, was ein
+Philister ist, solange Ihr selber einer seid. Wollt Ihr indessen zur
+Zeit mit einigen Grundzügen eines Katzphilisters vorlieb nehmen, so
+kann --
+
+=(Mak. Bl.)= -- -- gar seltsames Schauspiel. In der Mitte des Zimmers
+stand Prinzessin Hedwiga; ihr Antlitz war leichenblaß, todstarr ihr
+Blick. Prinz Ignatius trieb sein Spiel mit ihr, wie mit einer
+Gliederpuppe. Er hob ihr den Arm in die Höhe, der stehen blieb, und
+sank, wenn er ihn niederbeugte. Er stieß sie sanft vorwärts, sie ging,
+er ließ sie stehen, sie stand, er setzte sie in den Sessel, sie saß. So
+vertieft war der Prinz in dies Spiel, daß er die Eintretenden gar nicht
+bemerkte.
+
+»Was machen Sie da, Prinz!« -- So rief ihm die Fürstin zu, da
+versicherte er kichernd und fröhlich sich die Hände reibend, daß
+Schwester Hedwiga jetzt gut und artig geworden und alles tue, was er
+wünsche, auch ihm gar nicht so widerspreche und ihn ausschelte, wie
+sonst. -- Und damit begann er auf's neue, indem er militärisch
+kommandierte, die Prinzessin in allerlei Stellungen zu bringen, und
+jedesmal, wenn sie wie festgezaubert in der Stellung blieb, die er ihr
+gegeben, lachte er laut und sprang vor Freuden in die Höhe. »Das ist
+nicht zu ertragen, sprach die Fürstin leise mit zitternder Stimme, indem
+Tränen ihr in den Augen glänzten, doch der Leibarzt trat auf den Prinzen
+zu, und rief mit strengem, gebietendem Ton: lassen Sie das bleiben,
+gnädigster Herr! Dann nahm er die Prinzessin in die Arme, ließ sie sanft
+nieder auf die Ottomane, die im Zimmer befindlich, und zog die Vorhänge
+zu. »Es ist, wandte er sich dann zur Fürstin, zur Zeit der Prinzessin
+nichts nötiger, als die unbedingteste Ruhe, ich bitte, daß der Prinz das
+Zimmer verlasse.
+
+Prinz Ignatius stellte sich sehr ungebärdig an, und klagte schluchzend,
+daß jetzt allerlei Leute, die gar keine Prinzen wären, und nicht einmal
+vom Adel, sich unterfingen, ihm zu widersprechen. Er wolle nun bei der
+Prinzessin Schwester bleiben, die ihm lieber geworden sei als seine
+schönsten Tassen, und der Herr Leibarzt habe ihm gar nichts zu befehlen.
+
+»Gehen Sie in Ihre Zimmer, lieber Prinz, sprach die Fürstin sanft, die
+Prinzessin muß jetzt schlafen, und nach der Tafel kommt Fräulein Julia.
+
+»Fräulein Julia! rief der Prinz, indem er kindisch lachte und hüpfte,
+Fräulein Julia! -- Ha, das ist schön, der zeige ich die neuen
+Kupferstiche und wie ich abgebildet bin in der Geschichte vom
+Wasserkönig als Prinz Lachs mit dem großen Orden! -- damit küßte er der
+Fürstin zeremoniös die Hand und reichte die seinige mit stolzem Blick
+dar, dem Leibarzt zum Kuß. Der faßte aber die Hand des Prinzen und
+führte ihn zur Türe, die er öffnete, sich höflich verneigend. Der Prinz
+ließ es sich gefallen, auf diese Art hinausgewiesen zu werden.
+
+Die Fürstin sank, ganz Schmerz und Erschöpfung, nieder in den Lehnstuhl,
+stützte den Kopf in die Hand und sprach mit dem Ausdruck des tiefsten
+Weh's leise vor sich hin: Welche Todsünde lastet auf mir, daß mich der
+Himmel so hart straft. -- Dieser Sohn zu ewiger Unmündigkeit verdammt
+-- und nun -- Hedwiga -- meine Hedwiga! -- Die Fürstin verfiel in trübes,
+düstres Nachdenken.
+
+Der Leibarzt hatte indessen mit Mühe der Prinzessin ein paar Tropfen
+irgend einer heilsamen Arzenei eingeflößt und die Kammerfrauen
+herbeigerufen, die die Prinzessin, deren automatischer Zustand sich
+nicht im mindesten änderte, fortbrachten in ihre Zimmer, nachdem sie von
+dem Leibarzt die Weisung erhalten, bei dem kleinsten Zufall, den die
+Prinzessin erleiden könne, ihn sogleich herbeizurufen.
+
+Gnädigste Frau, wandte sich der Leibarzt zur Fürstin, so höchst seltsam,
+so höchst besorglich auch der Zustand der Prinzessin scheinen mag, so
+glaube ich doch mit Gewißheit versichern zu können, daß er bald aufhören
+wird, ohne die mindesten gefährlichen Folgen zu hinterlassen. Die
+Prinzessin leidet an jener ganz besondern wunderbaren Art des
+Starrkrampfs, die in der ärztlichen Praxis so selten vorkommt, daß
+mancher hochberühmte Arzt niemals in seinem Leben Gelegenheit fand,
+dieselbe zu beobachten. Ich muß mich daher in der Tat glücklich schätzen
+-- Der Leibarzt stockte --
+
+Ha, sprach die Fürstin mit bitterm Ton, daran erkenne ich den
+praktischen Arzt, der grenzenloses Leiden nicht achtet, wenn er nur
+seine Kenntnis bereichert.
+
+Noch vor ganz kurzer Zeit, fuhr der Leibarzt fort, ohne den Vorwurf der
+Fürstin zu beachten, fand ich in einem wissenschaftlichen Buche das
+Beispiel eines Zufalls, der ganz dem gleich ist, in den die Prinzessin
+verfallen. Eine Dame (so erzählt mein Autor) kam von Vesoul nach
+Besançon um einen Rechtshandel zu betreiben. Die Wichtigkeit der Sache,
+der Gedanke, daß der Verlust des Prozesses die letzte, höchste Stufe der
+empfindlichsten Widerwärtigkeiten, die sie erduldet, sei, und sie in Not
+und Elend stürzen mußte, erfüllte sie mit der lebhaftesten Unruhe, die
+bis zu einer Exaltation ihres ganzen Gemüts stieg. Sie brachte die
+Nächte schlaflos zu, aß wenig, man sah sie in der Kirche auf
+ungewöhnliche Weise niederfallen und beten, genug, auf verschiedene Art
+tat sich der abnorme Zustand kund. Endlich aber an demselben Tage, da
+ihr Prozeß entschieden werden sollte, traf sie ein Zufall, den die
+anwesenden Personen für einen Schlagfluß hielten. Die herbeigerufenen
+Ärzte fanden die Dame in einem Lehnstuhle unbeweglich mit gen Himmel
+gerichteten, funkelnden Augen, offenen und unbeweglichen Augenlidern,
+mit erhobenen Armen und gefalteten Händen. Ihr vorher trauriges,
+bleiches Gesicht war blühender, heiterer, angenehmer als sonst, ihr
+Atemzug ungehindert und gleich, der Puls weich, langsam, ziemlich voll,
+beinahe wie bei einer ruhig schlafenden Person. Ihre Glieder waren
+biegsam, leicht, und ließen ohne den geringsten Widerstand sich in alle
+Stellungen bringen. Aber darin äußerte sich die Krankheit und die
+Unmöglichkeit irgendeiner Täuschung, daß die Glieder von selbst nicht
+aus der Stellung kamen, in die sie versetzt worden. Man drückte ihr Kinn
+abwärts -- der Mund öffnete sich und blieb offen. Man hob einen Arm,
+nachher den andern auf, sie fielen nicht abwärts, man bog sie ihr nach
+dem Rücken hin, streckte sie hoch in die Höhe, so daß es jedem unmöglich
+gewesen sein würde, sich lange in dieser Stellung zu behaupten, und doch
+geschah es. Man mochte den Körper so sehr herabbeugen, als man wollte,
+immer blieb er in dem vollkommensten Gleichgewicht. Sie schien gänzlich
+ohne Empfindung, man rüttelte, kneipte, quälte sie, stellte ihr die Füße
+auf ein heißes Kohlenbecken, schrie ihr in die Ohren, sie werde ihren
+Prozeß gewinnen, alles umsonst, sie gab kein Zeichen des willkürlichen
+Lebens von sich. Nach und nach kam sie zu sich selbst, doch führte sie
+unzusammenhängende Reden. -- Endlich --
+
+Fahren Sie fort, sprach die Fürstin, als der Leibarzt innehielt, fahren
+Sie fort, verschweigen Sie mir nichts und sei es das Entsetzlichste!
+-- Nicht wahr? -- in Wahnsinn verfiel die Dame!
+
+Es genügt, sprach der Leibarzt weiter, hinzuzufügen, daß ein sehr böser
+Zustand der Dame nur vier Tage hindurch anhielt, daß sie in Vesoul,
+wohin sie zurückkehrte, völlig genas und nicht die mindesten schlimmen
+Folgen ihrer harten ungewöhnlichen Krankheit verspürte. --
+
+Während die Fürstin aufs neue in trübes Nachdenken versank, verbreitete
+sich der Leibarzt weitläufig über die ärztlichen Mittel, die er
+anzuwenden gedenke, um der Prinzessin zu helfen und verlor sich zuletzt
+in solche wissenschaftlichen Demonstrationen, als spräche er in einer
+ärztlichen Beratung zu den tief gelehrtesten Doktoren.
+
+Was, unterbrach endlich die Fürstin den wortreichen Leibarzt, was helfen
+alle Mittel, die die spekulierende Wissenschaft darbietet, wenn das
+Heil, das Wohl des Geistes gefährdet.
+
+Der Leibarzt schwieg einige Augenblicke, dann fuhr er fort: Gnädigste
+Frau, das Beispiel von der wunderbaren Starrsucht jener Dame in Besançon
+zeigt, daß der Grund ihrer Krankheit in einer psychischen Ursache lag.
+Man fing, als sie zu einiger Besinnung gekommen, ihre Kur damit an, daß
+man ihr Mut einsprach und ihr den bösen Prozeß als gewonnen darstellte.
+-- Einig sind auch die erfahrensten Ärzte darüber, daß eben irgendeine
+plötzliche starke Gemütsbewegung jenen Zustand am ersten hervorbringt.
+Prinzessin Hedwiga ist reizbar bis zum höchsten ungewöhnlichen Grade, ja
+ich möchte den Organismus ihres Nervensystems manchmal schon an und für
+sich selbst abnorm nennen. Gewiß scheint es, daß irgend eine heftige
+Erschütterung des Gemüts auch ihren Krankheitszustand erzeugte. Man muß
+die Ursache zu erforschen suchen, um psychisch mit Erfolg auf sie wirken
+zu können! -- Die schnelle Abreise des Prinzen Hektor. -- Nun, gnädigste
+Frau, die Mutter dürfte vielleicht tiefer schauen als jeder Arzt, und
+diesem die besten Mittel an die Hand geben können zur heilsamen Kur.
+
+Die Fürstin erhob sich und sprach stolz und kalt: Selbst die Bürgerfrau
+bewahrt gern die Geheimnisse des weiblichen Herzens, das Fürstenhaus
+erschließt sein Inneres nur der Kirche und ihren Dienern, zu denen der
+Arzt sich nicht zählen darf.
+
+Wie, rief der Leibarzt lebhaft, wer vermag das leibliche Wohl so scharf
+zu trennen von dem geistigen? Der Arzt ist der zweite Beichtvater, in
+die Tiefe des psychischen Seins müssen ihm Blicke vergönnt werden, wenn
+er nicht jeden Augenblick Gefahr laufen will zu fehlen. Denken Sie an
+die Geschichte jenes kranken Prinzen gnädigste Frau --
+
+Genug! unterbrach die Fürstin den Arzt beinahe mit Unwillen, genug!
+-- Nie werde ich mich bewegen lassen eine Unschicklichkeit zu begehen;
+ebensowenig als ich glauben kann, daß irgendeine Unschicklichkeit auch
+nur in Gedanke und Empfindung die Krankheit der Prinzessin veranlaßt
+haben kann.
+
+Damit entfernte sich die Fürstin und ließ den Leibarzt stehen.
+
+Wunderliche Frau, sprach dieser zu sich selbst, diese Fürstin! Gern
+möchte sie andere ja sich selbst überreden, daß der Kitt, womit die
+Natur Seele und Körper zusammenleimt, wenn es darauf ankommt etwas
+Fürstliches zu bilden, von ganz besonderer Art sei, und keineswegs dem
+zu vergleichen, den sie bei uns armen Erdensöhnen bürgerlicher Abkunft
+verbraucht. -- Man soll gar nicht daran denken, daß die Prinzessin ein
+Herz hat, so wie jener höfische Spanier, der das Geschenk von seidnen
+Strümpfen, das gute niederländische Bürger seiner Fürstin machen
+wollten, deshalb verschmähte, weil es unschicklich sei daran zu
+erinnern, daß eine spanische Königin wirklich Füße habe wie andere
+ehrliche Leute! -- Und doch: zu wetten ist es, daß in dem Herzen, dem
+Laboratorio alles weiblichen Weh's, die Ursache des fürchterlichsten
+aller Nervenübel zu suchen ist, das die Prinzessin befallen. --
+
+Der Leibarzt dachte an Prinz Hektor's schnelle Abreise, an der
+Prinzessin übermäßige krankhafte Reizbarkeit, an die leidenschaftliche
+Art, wie sie sich (so hatte er es vernommen) gegen den Prinzen betragen
+haben sollte, und so schien es ihm gewiß, daß irgendein plötzlicher
+Liebeszwist die Prinzessin bis zu jäher Krankheit verletzt. -- Man wird
+sehen, ob des Leibarztes Vermutungen Grund hatten oder nicht. Was die
+Fürstin betrifft, so mochte sie Ähnliches vermuten und eben deshalb alle
+Nachfrage, alles Forschen des Arztes für unschicklich halten, da der Hof
+überhaupt jedes tiefere Gefühl als unstatthaft verwirft und gemein.
+-- Die Fürstin hatte sonst Gemüt und Herz, aber das seltsam halb
+lächerliche, halb widrige Ungeheuer, Etikette genannt, hatte sich auf
+ihre Brust gelegt wie ein bedrohlicher Alp, und keine Seufzer, kein
+Zeichen des innern Lebens sollte mehr hinaufsteigen aus dem Herzen.
+Gelingen mußt' es ihr daher selbst Szenen der Art, wie sie sich eben mit
+dem Prinz und der Prinzessin begeben, zu verwinden und den stolz
+abweisen, der nichts wollte als helfen.
+
+Während sich dies im Schlosse begab, ereignete sich auch im Park
+manches, was hier beizubringen ist.
+
+In dem Gebüsch links bei dem Eingange stand der dicke Hofmarschall, zog
+ein kleines goldenes Döschen aus der Tasche, wischte, nachdem er eine
+Prise Tabak genommen, mit dem Rockärmel einigemal darüber weg, reichte
+es dem Leibkammerdiener des Fürsten hin und sprach also: Schätzenswerter
+Freund, ich weiß, Sie lieben dergleichen artige Pretiosen, nehmen Sie
+gegenwärtiges Döschen als ein geringes Zeichen meines gnädigen
+Wohlwollens an, auf das Sie stets rechnen können. -- Doch sagen Sie,
+Liebster! wie kam das mit dem seltsamen ungewöhnlichen Spaziergange?
+
+Mich untertänigst zu bedanken! erwiderte der Leibkammerdiener indem er
+die goldne Dose einsteckte. Dann räusperte er sich und fuhr fort:
+Versichern kann ich, hochgebietende Exzellenz, daß unser gnädigster Herr
+sehr alarmiert sind, seit dem Augenblick, als der gnädigsten Prinzessin
+Hedwiga, man weiß nicht wie, die fünf Sinne abhanden gekommen. Heute
+standen sie am Fenster ganz hoch aufgerichtet wohl eine halbe Stunde und
+trommelten mit den gnädigsten Fingern der rechten Hand schrecklich auf
+die Spiegelscheibe, daß es klirrte und krachte. Aber lauter hübsche
+Märsche von anmutiger Melodie und frischem Wesen, wie mein seliger
+Schwager der Hoftrompeter zu sagen pflegte. -- Exzellenz wissen, mein
+seliger Schwager der Hoftrompeter war ein geschickter Mann, er brachte
+sein Flattergrob heraus wie ein Däuschen, seine Grobstimme, seine
+Faulstimme klang wie Nachtigallschlag, und was das Prinzipalblasen
+betrifft. -- Alles weiß ich, unterbrach der Hofmarschall den Schwätzer,
+mein Bester! Ihr seliger Herr Schwager war ein vortrefflicher
+Hoftrompeter, aber jetzt, was taten, was sprachen Durchlaucht, als sie
+die Märsche zu trommeln geruht hatten?
+
+Taten, sprachen! fuhr der Leibkammerdiener fort, hm! -- eben nicht viel.
+Durchlaucht wandten sich um, sahen mich starr an mit recht feurigen
+Augen, zogen die Klingel auf furchtbare Weise und riefen dabei laut:
+François -- François! Durchlaucht ich bin schon hier, rief ich. Da
+sprachen aber der gnädige Herr ganz zornig: Esel, warum sagt er das
+nicht gleich! Und darauf: Mein Promenadenkleid! Ich tat wie mir
+geheißen. Durchlaucht geruhten den grünseidenen Überrock ohne Stern
+anzulegen und sich nach dem Park zu begeben. Sie verboten mir ihnen zu
+folgen aber -- hochgebietende Exzellenz, man muß doch wissen wo sich der
+gnädigste Herr befinden, wenn etwa ein Unglück -- Nun! -- ich folgte so
+ganz von weitem und gewahrte, daß der gnädigste Herr sich in das
+Fischerhäuschen begaben. --
+
+Zum Meister Abraham! -- rief der Hofmarschall ganz verwundert. »So ist
+es, sprach der Leibkammerdiener und schnitt ein sehr wichtiges
+geheimnisvolles Gesicht.«
+
+Ins Fischerhäuschen, wiederholte der Hofmarschall, zum Meister Abraham!
+-- Nie haben Durchlaucht den Meister aufgesucht im Fischerhäuschen! --
+
+Ein ahnungsvolles Stillschweigen folgte, dann sprach der Hofmarschall
+weiter: und sonst äußerten Durchlaucht gar nichts? »Gar nichts,
+erwiderte der Leibkammerdiener bedeutungsvoll. Doch, fuhr er
+schlaulächelnd fort, ein Fenster des Fischerhäuschens geht heraus nach
+dem dicksten Gebüsch, es ist dort eine Vertiefung, man versteht jedes
+Wort, was drinnen im Häuschen gesprochen wird -- man könnte -- Bester,
+wenn Sie das tun wollten, rief der Hofmarschall entzückt! -- Ich tue es,
+sprach der Kammerdiener und schlich leise fort. Doch als er aus dem
+Gebüsch hervortrat, stand der Fürst, der eben nach dem Schloß
+zurückkehrte, dicht vor ihm, so daß er ihn beinahe berührte. In scheuer
+Ehrfurcht prallte er zurück: »_Vous êtes un grand_ Tölpel!« donnerte ihn
+der Fürst an, rief den Hofmarschall ein kaltes _dormez bien!_ zu und
+entfernte sich mit dem Leibkammerdiener, der ihm folgte, ins Schloß.
+
+Ganz bestürzt blieb der Hofmarschall stehen, murmelte, Fischerhäuschen
+-- Meister Abraham -- _dormez bien_ -- und beschloß sogleich zu dem
+Kanzler des Reichs zu fahren, um sich über die außerordentliche
+Begebenheit zu beraten, und womöglich die Konstellation herauszufinden,
+die am Hofe ob dieses Ereignisses sich erzeugen könne. --
+
+Meister Abraham hatte den Fürsten bis eben an das Gebüsch begleitet, in
+welchem sich der Hofmarschall und der Leibkammerdiener befanden, hier
+war er umgekehrt auf Geheiß des Fürsten, der nicht wollte, daß man ihn
+aus den Fenstern des Schlosses in Gesellschaft des Meisters bemerke.
+-- Der geneigte Leser weiß, wie gut es dem Fürsten gelungen, seinen
+einsamen geheimen Besuch bei dem Meister Abraham im Fischerhäuschen zu
+verbergen. Aber noch eine Person außer dem Kammerdiener hatte den
+Fürsten, ohne daß er es ahnen konnte, belauscht.
+
+Beinahe war Meister Abraham angelangt in seiner Wohnung, als ihm ganz
+unvermutet, aus den Gängen, die schon zu dunkeln begannen, die Rätin
+Benzon entgegentrat.
+
+Ha, rief die Benzon mit bittrem Lachen: der Fürst hat sich bei Euch Rats
+erholt, Meister Abraham. In der Tat, Ihr seid die wahre Stütze des
+fürstlichen Hauses, dem Vater und dem Sohne laßt Ihr Eure Weisheit und
+Erfahrung zufließen, und wenn guter Rat teuer oder gar nicht zu haben
+ist -- So, fiel Meister Abraham der Benzon ins Wort, so gibt es eine
+Rätin, die eigentlich das glanzvolle Gestirn ist, das hier alles
+erleuchtet, und unter dessen Einfluß auch nur ein armer alter Orgelbauer
+bestehen, und sein einfaches Leben ungestört durchfristen kann.
+
+Scherzt nicht so bitter, sprach die Benzon, Meister Abraham, ein
+Gestirn, das glanzvoll geleuchtet, kann unserm Horizont entfliehend
+schnell verbleichen, und endlich ganz untergehen. Die seltsamsten
+Ereignisse scheinen sich durchkreuzen zu wollen, in diesem einsamen
+Familienkreise, den eine kleine Stadt und ein paar Dutzend Menschen
+mehr, als eben darin wohnen, Hof zu nennen gewohnt sind. -- Die schnelle
+Abreise des sehnlich erwarteten Bräutigams -- Hedwiga's bedrohlicher
+Zustand! -- In der Tat, tief niederbeugen mußte dies den Fürsten, wäre
+er nicht ein ganz gefühlloser Mann. -- Nicht, nicht immer waren Sie
+dieser Meinung, unterbrach der Meister Abraham die Benzon, Frau Rätin.
+--
+
+Ich verstehe Euch nicht, sprach die Benzon mit verächtlichem Ton, indem
+sie dem Meister einen stechenden Blick zuwarf und dann schnell das
+Gesicht abwandte. --
+
+Fürst Irenäus hatte im Gefühl des Vertrauens, das er dem Meister Abraham
+schenken, ja der geistigen Übermacht, die er ihm zugestehen mußte, alle
+fürstliche Bedenklichkeiten beiseite gestellt, und im Fischerhäuschen
+sein ganzes Herz ausgeschüttet, auf alle Äußerungen der Benzon über die
+verstörenden Ereignisse des Tages aber geschwiegen. Dies wußte der
+Meister, und um so weniger durfte ihm die Empfindlichkeit der Rätin
+auffallen, wiewohl er sich verwunderte, daß, kalt und in sich
+verschlossen, wie sie war, sie diese Empfindlichkeit nicht besser zu
+verbergen vermochte.
+
+Wohl mußte es aber die Rätin tief schmerzen, daß sie das Monopol der
+Vormundschaft über den Fürsten, das sie sich angeeignet, aufs Neue, und
+zwar in einem kritischen, verhängnisvollen Augenblick, gefährdet sah.
+
+Aus Gründen, die sich vielleicht später klar entwickeln dürften, war die
+Verbindung der Prinzessin Hedwiga mit dem Prinzen Hektor der Rätin
+feurigster Wunsch. Auf dem Spiele stand diese Verbindung, so mußte sie
+glauben, und jede Einmischung eines dritten in diese Angelegenheit ihr
+bedrohlich erscheinen. Überdies sah sie sich zum erstenmal von
+unerklärlichen Geheimnissen umringt, zum ersten Mal schwieg der Fürst,
+konnte sie, die gewohnt das ganze Spiel des phantastischen Hofes zu
+regieren, tiefer gekränkt werden?
+
+Meister Abraham wußte, daß einem aufgeregten Weibe nichts besser
+entgegenzusetzen ist als unüberwindliche Ruhe, er sprach daher kein
+Wörtchen, sondern schritt schweigend daher neben der Benzon, die sich in
+tiefen Gedanken nach jener Brücke wandte, die der geneigte Leser schon
+kennt. Sich auf das Geländer stützend schaute die Rätin hinein in die
+fernen Büsche, denen die sinkende Sonne, noch wie zum Abschiede, goldene
+leuchtende Blicke zuwarf.
+
+»Ein schöner Abend«, sprach die Rätin, ohne sich umzuwenden. Gewiß,
+erwiderte Meister Abraham, still, ruhig, heiter wie ein unbefangenes,
+unverstörtes Gemüt.
+
+»Sie können, fuhr die Rätin fort, das vertraulichere Ihr, mit dem sie
+sonst den Meister anredete, aufgebend, mein lieber Meister, es mir nicht
+verargen, daß ich mich schmerzhaft berührt fühlen muß, wenn der Fürst
+plötzlich nur =Sie= zu seinem Vertrauten macht, nur Sie zu Rate zieht, in
+einer Angelegenheit, über die eigentlich die welterfahrene Frau besser
+zu raten, zu entscheiden weiß. Doch vorüber, ganz vorüber ist die
+kleinliche Empfindlichkeit, die ich nicht zu bergen vermochte. Ich bin
+ganz beruhigt, da nur die Form verletzt ist. Der Fürst selbst hätte mir
+das alles sagen sollen, was ich nun erfahren habe auf andere Weise, und
+ich kann in der Tat alles, was Sie, lieber Meister, ihm erwiderten, nur
+höchlich billigen. -- Selbst will ich gestehen, daß ich etwas tat, was
+eben nicht lobenswert ist. Mag es nicht sowohl weibliche Neugierde, als
+die tiefste Teilnahme an allem, was sich in dieser fürstlichen Familie
+begibt, entschuldigen. Erfahren Sie es, Meister: ich habe Sie belauscht,
+Ihre ganze Unterredung mit dem Fürsten angehört, jedes Wort
+verstanden --
+
+Den Meister Abraham erfaßte bei diesen Worten der Benzon ein seltsames,
+von höhnender Ironie und tiefer Verbitterung gemischtes Gefühl.
+Ebensogut wie jener Leibkammerdiener des Fürsten, hatte Meister Abraham
+bemerkt, daß man in der buschichten Vertiefung, dicht vor dem einen
+Fenster des Fischerhäuschens versteckt, jedes Wort vernehmen konnte, was
+drinnen gesprochen wurde. Durch eine geschickte akustische Vorrichtung
+war ihm indessen gelungen, es zu bewirken, daß jedes Gespräch im Innern
+des Häuschens dem draußen Stehenden nur wie ein verwirrtes
+unverständliches Geräusch klang und es schlechterdings unmöglich blieb,
+auch nur eine Silbe zu unterscheiden. -- Erbärmlich mußte es daher dem
+Meister erscheinen, wenn die Benzon zu einer Lüge ihre Zuflucht nahm, um
+hinter Geheimnisse zu kommen, die sie zwar ahnen mochte, aber nicht der
+Fürst, und die dieser daher auch nicht wohl dem Meister Abraham
+vertrauen konnte. -- Man wird erfahren, was der Fürst mit dem Meister im
+Fischerhäuschen verhandelte.
+
+O! rief der Meister, o meine Gnädige, es war der rege Geist der
+lebensweisen, unternehmenden Frau selbst, der Sie an das Fischerhäuschen
+führte. Wie kann ich armer, alter, jedoch unerfahrner Mann mich in allen
+diesen Dingen zurechtfinden, ohne Ihren Beistand! Eben wollt' ich alles,
+was mir der Fürst vertraut, weitläuftig hererzählen, aber es bedarf
+keiner fernern Erläuterungen, da Ihnen schon alles bekannt. Möchten Sie,
+Gnädige, mich würdig achten, sich über alles, was vielleicht schlimmer
+sich darstellen mag, als es wirklich ist, recht von Herzen
+auszusprechen.
+
+Meister Abraham traf den Ton der biederen Zutraulichkeit so gut, daß die
+Benzon, all' ihrer Scharfsichtigkeit unerachtet, nicht gleich zu
+entscheiden wußte, ob es hier auf eine Mystifikation abgesehen sei oder
+nicht, und die Verlegenheit darüber schnitt ihr jeden Faden ab, den sie
+erfassen und zur für den Meister verfänglichen Schlinge hätte verknüpfen
+können. So geschah es aber, daß sie vergebens nach Worten ringend, wie
+festgebannt auf der Brücke stehen blieb, und hinabschaute in den See.
+
+Der Meister weidete sich einige Augenblicke an ihrer Pein, dann
+richteten sich aber seine Gedanken auf die Begebnisse des Tages. Er
+wußte wohl, wie Kreisler in dem Mittelpunkt eben dieser Begebnisse
+gestanden, ein tiefer Schmerz über den Verlust des teuersten Freundes
+erfaßte ihn, und unwillkürlich entfloh ihm der Ausruf: Armer Johannes!
+
+Da wandte sich die Benzon rasch zu dem Meister und sprach mit
+losbrechender Heftigkeit: Wie, Meister Abraham, Ihr seid doch nicht so
+töricht, an Kreislers Untergang zu glauben? Was kann ein blutiger Hut
+beweisen? -- Was sollte ihn auch so plötzlich zu dem schrecklichen
+Entschluß gebracht haben, sich selbst zu töten -- man hätte ihn ja auch
+gefunden. --
+
+Nicht wenig erstaunte der Meister, die Benzon von Selbstmord sprechen
+zu hören, hier, wo ein ganz anderer Verdacht sich zu regen schien, ehe
+er indessen antworten konnte, fuhr die Rätin fort: Wohl uns, wohl uns,
+daß er fort ist, der Unglückliche, der überall, wo er sich blicken läßt,
+nur verstörendes Unheil anrichtet! Sein leidenschaftliches Wesen, seine
+Verbitterung, nicht anders kann ich seinen hochgepriesenen Humor
+bezeichnen, steckt jedes reizbare Gemüt an, mit dem er dann sein
+grausames Spiel treibt. Zeugt die höhnende Verachtung aller
+konventionellen Verhältnisse, ja der Trotz gegen alle üblichen Formen
+von Übergewicht des Verstandes, so müssen wir alle unsere Knie beugen
+vor diesem Kapellmeister, doch soll er uns in Ruhe lassen und sich nicht
+auflehnen gegen alles, was durch die richtige Ansicht des wirklichen
+Lebens bedingt, und als unsere Zufriedenheit begründend anerkannt wird.
+Darum! -- dem Himmel sei gedankt, daß er fort ist, ich hoffe ihn nie
+wiederzusehen.
+
+Und doch, sprach der Meister sanft, waren Sie sonst die Freundin meines
+Johannes, Frau Rätin, und doch nahmen Sie sich seiner an, in einer
+bösen kritischen Zeit und führten ihn selbst auf die Bahn, von der ihn
+nur eben jene konventionellen Verhältnisse, die Sie so eifrig in
+Schutz nehmen, wegverlockt hatten? -- Welch ein Vorwurf trifft jetzt so
+plötzlich meinen guten Kreisler? -- Was für Böses hat sich aus seinem
+Innern aufgetan? Will man ihn darum hassen, weil in den ersten
+Augenblicken, da der Zufall ihn in eine neue Region geworfen, das Leben
+feindlich auf ihn zutrat, weil das Verbrechen ihn bedrohte, weil -- ein
+italienischer Bandit ihm nachschlich? --
+
+Die Rätin fuhr bei diesen Worten sichtlich zusammen. Welch', sprach sie
+dann mit zitternder Stimme, welch einen Gedanken der Hölle, hegt Ihr in
+der Brust, Meister Abraham? -- Aber wäre es so, wäre Kreisler wirklich
+gefallen, so wurde in dem Augenblick die Braut gerächt, die er
+verdorben. Eine innere Stimme sagt es mir, Kreisler allein ist schuld an
+dem fürchterlichen Zustande der Prinzessin. Schonungslos spannte er die
+zarten Saiten im innern Gemüt der Kranken, bis sie zersprangen. So war,
+erwiderte Meister Abraham giftig, der italienische Herr ein Mann von
+raschem Entschluß, der die Rache der Tat vorausschickte. Sie haben ja,
+Gnädige, alles angehört, was ich mit dem Fürsten gesprochen im
+Fischerhäuschen, Sie wissen daher auch, daß Prinzessin Hedwiga in
+demselben Augenblick, als der Schuß im Walde fiel, zur Leblosigkeit
+erstarrte.
+
+In der Tat, sprach die Benzon, man möchte an all' das schimärische Zeug
+glauben, das uns jetzt aufgetischt wird, an psychische Korrespondenzen
+und dergleichen! -- Doch! noch einmal, wohl uns, daß er fort ist, der
+Zustand der Prinzessin kann und wird sich ändern. -- Das Verhängnis hat
+den Störer unserer Ruhe vertrieben und -- sagt selbst, Meister Abraham,
+ist nicht unser Freund im Innersten zerrissen auf solche Weise, daß das
+Leben ihm keinen Frieden mehr zu geben vermag? -- Gesetzt also wirklich
+daß --
+
+Die Rätin endete nicht, aber Meister Abraham fühlte den Zorn, den er mit
+Mühe unterdrückt, hoch aufflammen.
+
+Was habt Ihr alle gegen diesen Johannes, rief er mit erhöhter Stimme,
+was hat er euch Böses getan, daß Ihr ihm keine Freistatt, kein Plätzchen
+gönnt auf dieser Erde? -- wißt Ihrs nicht? -- Nun so will ich es Euch
+sagen. Seht, der Kreisler trägt nicht Eure Farben, er versteht nicht
+Eure Redensarten, der Stuhl, den Ihr ihm hinstellt, damit er Platz nehme
+unter Euch, ist ihm zu klein, zu enge! Ihr könnt' ihn gar nicht für
+euresgleichen achten, und das ärgert Euch. Er will die Ewigkeit der
+Verträge, die Ihr über die Gestaltung des Lebens geschlossen, nicht
+anerkennen, ja er meint, daß ein arger Wahn, von dem Ihr befangen, Euch
+gar nicht das eigentliche Leben erschauen lasse, und daß die
+Feierlichkeit, mit der Ihr über ein Reich zu herrschen glaubt, das Euch
+unerforschlich, sich gar spaßhaft ausnehme, und das alles nennt Ihr
+Verbitterung. Vor allen Dingen liebt er jenen Scherz, der sich aus der
+tiefern Anschauung des menschlichen Seins erzeugt und der die schönste
+Gabe der Natur zu nennen, die sie aus der reinsten Quelle ihres Wesens
+schöpft. Aber Ihr seid vornehme ernste Leute und wollet nicht scherzen.
+-- Der Geist der wahren Liebe wohnt in ihm, doch vermag dieser ein Herz
+zu erwärmen, das auf ewig zum Tode erstarret ist, ja in welchem niemals
+der Funke war, den jener Geist zur Flamme aufhaucht? Ihr möget den
+Kreisler nicht, weil Euch das Gefühl des Übergewichts, das Ihr ihm
+einzuräumen gezwungen, unbehaglich ist, weil Ihr ihn, der Verkehr treibt
+mit höheren Dingen als die gerade in Euern engen Kreis passen, fürchtet.
+--
+
+Meister Abraham, sprach die Benzon mit dumpfer Stimme, der Eifer, mit
+dem Du für Deinen Freund sprichst, führt Dich zu weit. Du wolltest mich
+verletzen? -- Nun wohl, es ist Dir gelungen, denn Du hast Gedanken in
+mir geweckt, die lange, lange schlummerten! -- Todstarr nennst Du mein
+Herz? -- Weißt Du denn, ob jemals der Geist der Liebe freundlich zu ihm
+gesprochen, ob ich nicht allein in konventionellen Verhältnissen des
+Lebens, die der überspannte Kreisler verächtlich finden mag, Trost und
+Ruhe fand? -- Glaubst Du denn nicht überhaupt, alter Mann, der auch wohl
+so manches Leid erfahren, daß es ein gefährliches Spiel ist, sich über
+jene Verhältnisse erheben, und dem Weltgeist näher treten zu wollen in
+der Mystifikation des eigenen Seins? Ich weiß es, die kälteste,
+regungsloseste Prosa des Lebens selbst, hat mich Kreisler gescholten und
+es ist sein Urteil, das sich in dem Deinigen ausspricht, wenn Du mich
+todstarr nennst, aber habt Ihr jemals dieses Eis zu durchblicken
+vermocht, das meiner Brust schon längst ein schützender Harnisch war?
+-- Mag bei den Männern die Liebe nicht das Leben schaffen, sondern es nur
+auf eine Spitze stellen, von der herab noch sichre Wege führen, unser
+höchster Lichtpunkt, der unser ganzes Sein erst schafft und gestaltet,
+ist der Augenblick der ersten Liebe. Will es das feindliche Geschick,
+daß dieser Augenblick verfehlt wurde, verfehlt ist das ganze Leben für
+das schwache Weib, das untergeht in trostloser Unbedeutsamkeit, während
+das mit stärkerer Geisteskraft begabte sich mit Gewalt emporrafft, und
+eben in den Verhältnissen des gewöhnlichen Lebens eine Gestaltung
+erringt, die ihm Ruhe und Frieden gibt. -- Laß es Dir sagen, alter Mann
+-- hier in der Dunkelheit der Nacht, die das Vertrauen verschleiert, laß
+es Dir sagen! -- Als jener Moment in mein Leben trat, als ich =den=
+erblickte, der alle Glut der innigsten Liebe, deren die weibliche Brust
+nur fähig, in mir entzündete -- da stand ich vor dem Traualtar mit jenem
+Benzon, der ein guter Ehemann wurde wie kein anderer. Seine völlige
+Bedeutungslosigkeit gewährte mir alles, was ich, um ein friedfertiges
+Leben zu führen, nur wünschen konnte, und nie ist eine Klage, ein
+Vorwurf meinen Lippen entflohen. Nur den Kreis des Gewöhnlichen nahm ich
+in Anspruch, und wenn dann selbst in diesem Kreise sich manches begab,
+das mich unvermerkt irre leitete, wenn ich manches, das strafbar
+erscheinen möchte, mit nichts anderm zu entschuldigen weiß als mit dem
+Drange des augenblicklichen Verhältnisses, so mag =das= Weib mich zuerst
+verdammen, die, so wie ich, den schweren Kampf durchkämpfte, der zu
+gänzlichem Verzicht auf alles höhere Glück führt, sollte dies auch
+nichts anders sein, als ein süßer träumerischer Wahn. -- Fürst Irenäus
+machte meine Bekanntschaft. -- Doch ich schweige von dem, was längst
+vergangen, nur von der Gegenwart soll noch die Rede sein. -- Ich hab es
+Dir vergönnt in mein Innerstes zu schauen, Meister Abraham, Du weißt
+nun, warum ich, so wie die Dinge sich hier gestalten, jedes
+Hineindrängen eines fremdartigen exotischen Prinzips als bedrohlich
+fürchten muß. Mein eigenes Geschick in jener verhängnisvollen Stunde
+grinset mich an, wie ein furchtbar warnendes Gespenst. Retten muß ich
+die, die mir teuer sind, ich habe meine Pläne gemacht. -- Meister
+Abraham, seid mir nicht entgegen, oder, wollt Ihr in den Kampf treten
+mit mir, so seht Euch vor, daß ich Eure besten Taschenspielerkünste
+nicht zu Schanden mache!
+
+Unglückliche Frau, rief Meister Abraham.
+
+Unglücklich nennst Du mich, erwiderte die Benzon, mich, die ich ein
+feindliches Geschick zu bekämpfen wußte und mir da, wo alles verloren
+schien, Ruhe und Zufriedenheit gewann?
+
+Unglückliche Frau, rief Meister Abraham nochmals mit einem Ton, der von
+seiner innern Bewegung zeugte, arme, unglückliche Frau! Ruhe,
+Zufriedenheit vermeinst Du gewonnen zu haben, und ahnst nicht, daß es
+die Verzweiflung war, die -- ein Vulkan, -- alle flammenden Gluten aus
+Deinem Innern hinausströmen ließ, und daß Du nun die tote Asche aus der
+keine Blüte, keine Blume mehr sproßt, in starrer Betörung für das reiche
+Feld des Lebens hältst, das Dir noch Früchte spenden soll. -- Ein
+künstliches Gebäude willst Du aufführen auf dem Grundstein, den ein
+Blitzstrahl zermalmte und befürchtest nicht, daß es einstürzen wird in
+dem Augenblick, da lustig bunte Bänder wehen von der Blumenkrone, die
+den Sieg des Baumeisters verkünden soll? -- Julia -- Hedwiga -- ich weiß
+es, für sie wurden jene Pläne künstlich gewoben! -- Unglückliche Frau,
+hüte Dich, daß jenes unheilbringende Gefühl, jene eigentliche
+Verbitterung, die Du mit großem Unrecht meinem Johannis vorwirfst, nicht
+aus Deinem eignen tiefsten Innern hervortritt, so daß Deine weisen
+Entwürfe weiter nichts sind, als das feindliche Auflehnen gegen ein
+Glück, das Du niemals genossest, und das Du nun selbst Deinen Lieben
+mißgönnst. -- Ich weiß mehr von Deinen Entwürfen als Du es glauben
+magst, mehr von Deinen gerühmten Verhältnissen des Lebens, die Dir Ruhe
+bringen sollen und die -- Dich verlockten zu strafbarer Schande!
+
+Ein dumpfer, unartikulierter Schrei, den die Benzon bei diesen letzten
+Worten des Meisters ausstieß, verriet ihre tiefe Erschütterung. Der
+Meister hielt inne, da aber die Benzon ebenfalls schwieg ohne sich von
+der Stelle zu rühren, fuhr er gelassen fort: Zu nichts wenigerm habe ich
+Lust, als mich in irgendeinen Kampf mit Ihnen zu begeben, Gnädige. Was
+aber meine sogenannten Taschenspielerkünste betrifft, so wissen Sie ja
+recht gut, werteste Frau Rätin, daß seit der Zeit, da mein unsichtbares
+Mädchen mich verlassen -- In dem Augenblick erfaßte den Meister der
+Gedanke an die verlorne Chiara mit einer Gewalt, wie seit langer Zeit
+nicht mehr, er glaubte ihre Gestalt zu erblicken in der dunklen Ferne,
+er glaubte ihre süße Stimme zu vernehmen. O Chiara! -- meine Chiara! So
+rief er in der schmerzlichsten Wehmut! --
+
+Was ist Euch, sprach die Benzon sich schnell nach ihm umwendend, Meister
+Abraham! -- welchen Namen nanntet Ihr? -- Doch noch einmal, laßt ruhen
+alles Vergangene, beurteilt mich nicht nach jenen seltsamen Ansichten
+des Lebens, die Ihr mit Kreislern teilt, versprecht mir das Vertrauen
+nicht zu mißbrauchen, daß Euch Fürst Irenäus geschenkt, versprecht mir
+nicht entgegen zu sein, in meinem Tun und Treiben.
+
+So ganz vertieft in das schmerzliche Andenken an seine Chiara war
+Meister Abraham, daß er kaum vernahm was die Rätin sprach und nur
+unverständliche Worte zu erwidern vermochte.
+
+Weiset mich nicht zurück, Meister Abraham, fuhr die Rätin fort, Ihr
+seid, wie es scheint, in der Tat mit manchem mehr bekannt, als ich
+vermuten durfte, doch ist es möglich, daß ich auch noch Geheimnisse
+bewahre, deren Mitteilung Euch sehr viel wert sein würde, ja, daß ich
+Euch vielleicht einen Liebesdienst erzeigen könnte, an den Ihr gar nicht
+denkt. Laßt uns zusammen diesen kleinen Hof beherrschen, der in der Tat
+des Gängelbandes bedarf. -- Chiara rieft Ihr mit einem Ausdrucke des
+Schmerzes der -- Ein starkes Geräusch vom Schlosse her unterbrach die
+Benzon. Meister Abraham erwachte aus Träumen, das Geräusch -- --
+
+=(M. f. f.)= -- ich folgendes beibringen. Ein Katzphilister beginnt, ist
+er auch noch so durstig, die Schüssel Milch vom Rande rundumher an
+aufzulecken, damit er sich nicht Schnauze und Bart bemilche und
+anständig bleibe, denn der Anstand gilt ihm mehr als der Durst. Besuchst
+du einen Katzphilister, so bietet er dir alles nur mögliche an,
+versichert dich aber, wenn du scheidest, bloß seiner Freundschaft, und
+frißt nachher heimlich und allein die Leckerbissen, die er dir
+angeboten. Ein Katzphilister weiß vermöge eines sichern untrüglichen
+Takts überall, auf dem Boden, im Keller usw. den besten Platz zu finden,
+wo er sich so wohlbehaglich und bequem hinstreckt, als es nur geschehen
+kann. Er erzählt viel von seinen guten Eigenschaften und wie er, dem
+Himmel sei Dank, nicht klagen könne, daß das Schicksal diese guten
+Eigenschaften übersehen. Sehr wortreich setzt er dir auseinander, wie er
+zu dem guten Platz gekommen, den er behaupte, und was er noch alles tun
+werde, um seine Lage zu verbessern. Willst du nun aber auch endlich von
+dir und deinem geringer günstigen Schicksal etwas sagen, so kneift der
+Katzphilister sofort die Augen zu und drückt die Ohren an, tut auch
+wohl, als wenn er schliefe oder spinnt. Ein Katzphilister leckt sich
+fleißig den Pelz rein und glänzend, und passiert selbst auf der Mausjagd
+keine nasse Stelle, ohne bei jedem Schritt die Pfoten auszuschütteln,
+damit er, geht auch das Wild darüber verloren, doch in allen
+Verhältnissen des Lebens ein feiner, ordentlicher, wohlgekleideter Mann
+bleibe. Ein Katzphilister scheut und vermeidet die leiseste Gefahr und
+bedauert, befindest du dich in solcher und sprichst seine Hilfe an,
+unter den heiligsten Beteuerungen seiner freundschaftlichen Teilnahme,
+daß gerade in dem Augenblick es seine Lage, die Rücksichten, die er
+nehmen müsse, es ihm nicht erlaubten dir beizustehen. Überhaupt ist
+alles Tun und Treiben des Katzphilisters bei jeder Gelegenheit abhängig
+von tausend und tausend Rücksichten. Selbst z. B. gegen den kleinen
+Mops, der ihn in den Schwanz gebissen auf empfindliche Weise, bleibt er
+artig und höflich, um es nicht mit dem Hofhunde zu verderben, dessen
+Protektion er zu erlangen gewußt, und er nutzt nur den nächtlichen
+Hinterhalt, um jenem Mops ein Auge auszukratzen. Tages darauf bedauert
+er den teuern Mopsfreund gar von Herzen und schmält über die Bosheit
+arglistiger Feinde. Übrigens gleichen diese Rücksichten einem
+wohlangelegten Fuchsbau, der dem Katzphilister Gelegenheit gibt, überall
+zu entwischen in dem Augenblick, als Du ihn zu fassen glaubst. Ein
+Katzphilister bleibt am liebsten unter dem heimischen Ofen, wo er sich
+sicher fühlt, das freie Dach verursacht ihm Schwindel. -- Und seht ihr
+nun wohl, Freund Murr, das ist euer Fall. Sage ich euch nun, daß der
+Katzbursch offen, ehrlich, uneigennützig, herzhaft, stets bereit dem
+Freunde zu helfen ist, daß er keine andere Rücksichten kennt, als die
+Ehre und redlicher Sinn gebieten, genug, daß der Katzbursch durchaus der
+Antipode des Katzphilisters ist, so werdet Ihr keinen Anstand nehmen,
+euch zu erheben aus dem Philistertum, um ein ordentlicher, tüchtiger
+Katzbursch zu werden. --
+
+Lebhaft fühlte ich die Wahrheit in Muzius Worten. Ich sah ein, daß ich
+nur das Wort Philister nicht gekannt, wohl aber den Charakter, da mir
+schon manche Philister, d. h. schlechte Katzkerle vorgekommen waren, die
+ich herzlich verachtet hatte. Um so schmerzhafter fühlte ich daher den
+Irrtum, von dem befangen ich in die Kategorie jener verächtlichen Leute
+hätte geraten können und beschloß, Muzius Rat in allem zu folgen, um so
+vielleicht noch ein tüchtiger Katzbursche zu werden. -- Ein junger
+Mensch sprach einst zu meinem Meister von einem treulosen Freunde, und
+bezeichnete diesen mit einem sehr seltsamen, mir unverständlichen
+Ausdruck. Er nannte ihn einen pomadigen Kerl. Nun war es mir, als sei
+das Beiwort: pomadig, sehr passend dem Hauptwort Philister hinzuzufügen,
+und ich befragte Freund Muzius darum. Kaum hatte ich aber das Wort
+pomadig ausgesprochen, als Muzius laut jauchzend aufsprang, und, mich
+kräftig umhalsend rief: Herzensjunge, nun gewahre ich, daß du mich ganz
+verstanden hast -- ja, pomadiger Philister! das ist die verächtliche
+Kreatur, die sich auflehnt gegen das edle Burschentum und die wir
+überall, wo wir sie finden, tothetzen möchten. Ja, Freund Murr, du hast
+jetzt schon dein inneres, wahrhaftes Gefühl für alles Edle, Große,
+bewiesen, laß dich nochmals an diese Brust drücken, in der ein treues,
+deutsches Herz schlägt. -- Damit umhalste mich Freund Muzius aufs neue
+und erklärte, wie er in der nächstfolgenden Nacht mich einzuführen
+gedenke in das Burschentum, ich möge mich nur in der Mitternachtsstunde
+einfinden auf dem Dache, wo er mich abholen werde zu einem Fest, das ein
+Katzsenior veranstaltet, nämlich der Kater Puff.
+
+Der Meister trat ins Zimmer. Ich sprang wie gewöhnlich ihm entgegen,
+schmiegte mich, wälzte mich auf dem Boden, um ihm meine Freude zu
+bezeugen. Auch Muzius glotzte ihn an mit zufriedenem Blick. Nachdem der
+Meister etwas weniges mir Kopf und Hals gekraut, sah er sich um im
+Zimmer und sprach, da er alles in gehöriger Ordnung fand: Nun das ist
+recht! Eure Unterhaltung ist still und friedlich gewesen, wie es
+anständigen, gut erzogenen Leuten geziemt. Das verdient belohnt zu
+werden.
+
+Der Meister schritt zu der Türe heraus, die nach der Küche führte, und
+wir, Muzius und ich, seine gute Absicht erratend, schritten hinter ihm
+her mit einem fröhlichen Mau -- Mau -- Mau! Wirklich öffnete auch der
+Meister den Küchenschrank und holte die Skelette und Knöchelchen von ein
+paar jungen Hühnern hervor, deren Fleisch er gestern verzehrt hatte. Es
+ist bekannt, daß mein Geschlecht Hühnerskelette zu den allerfeinsten
+Leckerbissen rechnet, die es geben kann, und daher kam es, daß Muzius
+Augen in glanzvollem Feuer strahlten, daß er den Schweif in den
+anmutigsten Windungen schlängelte, daß er laut schnurrte, als der
+Meister die Schüssel vor uns hinsetzte auf den Boden. Des pomadigen
+Philisters wohl eingedenk, schob ich dem Freunde Muzius die besten
+Bissen hin, die Hälse, die Bäuche, die Steiße, und begnügte mich mit den
+gröbern Schenkel- und Flügelknochen. Als wir mit den Hühnern fertig
+waren, wollte ich den Freund Muzius fragen, ob ihm vielleicht mit einer
+Tasse süßer Milch gedient sei. Doch den pomadigen Philister stets vor
+Augen, unterließ ich es und schob statt dessen die Tasse, welche, wie
+ich wußte, unter dem Schrank stand, hervor und lud Muzius freundlich ein
+zuzusaufen, indem ich ihm Bescheid tat. -- Muzius soff die Tasse rein
+aus, dann drückte er mir die Pfote und sprach, während ihm die hellen
+Tränen in die Augen traten: Freund Murr, ihr lebt lukullisch, aber ihr
+habt mir euer treues, biederes und edelmütiges Herz kund getan, und so
+wird die eitle Lust der Welt euch nicht verlocken zum schnöden
+Philistertum! Habt Dank, habt innigen Dank! --
+
+Mit einem biedern, deutschen Pfotendruck nach altväterischer Sitte
+nahmen wir Abschied. Muzius war, gewiß um die tiefe Rührung, die ihm
+Tränen auspreßte, zu verbergen, mit einem halsbrechenden Satze schnell
+zum offenen Fenster hinaus auf das nächst anstoßende Dach. -- Selbst
+mich, den die Natur doch mit vorzüglicher Schwungkraft begabt, setzte
+dieser gewagte Satz in Erstaunen, und ich fand Gelegenheit, auf's Neue
+mein Geschlecht zu preisen, das aus gebornen Turnern besteht, die keines
+Springstocks, keiner Kletterstange bedürfen.
+
+Übrigens gab mir Freund Muzius auch den Beweis, wie oft hinter einem
+rauhen, abschreckenden Äußern, sich ein zartes, tieffühlendes Gemüt
+verbirgt. --
+
+Ich kehrte ins Zimmer zu meinem Meister zurück und legte mich unter den
+Ofen. Hier in der Einsamkeit die Gestaltung meines bisherigen Seins
+bedenkend, meine letzte Stimmung, meine ganze Lebensweise erwägend,
+erschrak ich bei dem Gedanken, wie nahe ich dem Abgrunde gewesen, und
+Freund Muzius erschien mir trotz seines struppigen Balgs, wie ein
+schöner, rettender Engel. In eine neue Welt sollte ich treten, die Leere
+im Innern sollte ausgefüllt, ein anderer Kater sollte ich werden, mir
+klopfte das Herz vor banger, freudiger Erwartung.
+
+Noch lange war es nicht Mitternacht, als ich den Meister mit der
+gewöhnlichen Redensart: Ma--au bat, mich hinauszulassen. Recht gerne,
+erwiderte er, indem er die Türe öffnete, Recht gerne, Murr. Aus dem
+ewigen Unterm-Ofen-Liegen und -Schlafen kommt gar nichts heraus. Geh
+-- geh, daß du wieder in die Welt unter Kater kommst. Vielleicht findest
+du gemütsverwandte Katerjünglinge, die sich mit dir ergötzen in Ernst
+und Scherz.
+
+Ach! -- der Meister ahnte wohl, daß ein neues Leben mir bevorstand!
+-- Endlich, nachdem ich bis Mitternacht gewartet, stellte sich Freund
+Muzius ein, und führte mich fort über verschiedene Dächer, bis endlich
+auf einem beinahe ganz platten italienischen Dache, uns zehn stattliche,
+nur ebenso nachlässig und seltsam wie Muzius gekleidete Katerjünglinge
+mit lautem Jubelgeschrei empfingen. Muzius stellte mich den Freunden
+vor, rühmte meine Eigenschaften, meinen treuen, biedern Sinn, hob
+vorzüglich hervor, wie ich ihn mit Backfischen, Hühnerknochen und süßer
+Milch gastlich bewirtet und schloß damit, daß ich als tüchtiger
+Katzbursch aufgenommen sein wolle. Alle gaben ihre Beistimmung.
+
+Es erfolgten nun gewisse Feierlichkeiten, die ich indessen verschweige,
+da geneigte Leser meines Geschlechts vielleicht argwöhnen, ich sei in
+einen verbotenen Orden getreten und noch jetzt Red' und Antwort darüber
+von mir verlangen könnten. Ich versichere aber auf Gewissen, daß von
+einem Orden und seinen Bedingnissen, als da sind Statuten, geheime
+Zeichen u. s. w. durchaus nicht die Rede war, sondern daß der Verein
+lediglich auf Gleichheit der Gesinnung beruhte. Denn es fand sich bald,
+daß jeder von uns süße Milch lieber zu sich nahm als Wasser, Braten
+lieber als Brot.
+
+Nachdem die Feierlichkeiten vorüber, empfing ich von allen den
+brüderlichen Kuß und Pfotendruck, und sie nannten mich: du! -- Dann
+setzten wir uns zu einem einfachen aber fröhlichen Mahl, dem eine
+wackere Zecherei folgte. Muzius hatte trefflichen Katzpunsch bereitet.
+-- Sollte ein lüsterner Katerjüngling nach dem Rezept dieses köstlichen
+Getränks Begierde tragen, so kann ich leider darüber keine genügende
+Auskunft geben. So viel ist gewiß, daß die hohe Annehmlichkeit des
+Geschmacks, sowie die siegende Kraft, vorzüglich durch eine derbe Zutat
+von Heringslake hervorgebracht wird.
+
+Mit einer Stimme, die weit über viele Dächer hinwegdonnerte, intonierte
+nun der Senior Puff das schöne Lied: _Gaudeamus igitur._ Mit Wonne fühlte
+ich mich im Innern und Äußern ganz trefflicher _Juvenis_ und mochte gar
+nicht an den _tumulus_ denken, den ein düstres Verhängnis unserm
+Geschlechte selten in der stillen, friedlichen Erde gönnt. Es wurden
+noch verschiedene schöne Lieder gesungen, wie z. B. Laßt die Politiker
+nur sprechen u. s. w., bis der Senior Puff mit gewichtiger Pfote auf den
+Tisch schlug und verkündete, daß nun das wahre, echte Weihelied, nämlich
+das _Ecce quam bonum_ gesungen werden müsse, und intonierte sofort den
+Chor: _Ecce etc. etc._
+
+Noch nie hatte ich dieses Lied gehört, dessen Komposition ebenso tief
+gedacht, so harmonisch und melodisch richtig, als wunderbar und
+geheimnisvoll zu nennen. Der Meister ist, soviel ich weiß, nicht bekannt
+geworden, doch schreiben viele dieses Lied dem großen Händel zu, andere
+dagegen behaupten, daß es lange, lange vor Händels Zeit schon existiert
+habe, da nach der Chronik von Wittenberg es schon gesungen worden, als
+Prinz Hamlet noch Fuchs gewesen. Doch gleichviel, wer es gemacht hat,
+das Werk ist groß und unsterblich und vorzüglich zu bewundern, wie die
+in den Chor eingeflochtenen Solos den Sängern freien Spielraum lassen zu
+den anmutigsten, unerschöpflichsten Veränderungen. Einige dieser
+Veränderungen, die ich in dieser Nacht hörte, habe ich treu im
+Gedächtnis behalten.
+
+Als der Chor geendet, fiel ein schwarz und weiß gefleckter Jüngling
+ein:
+
+ Gar zu spitzig klafft der Spitz,
+ Gar zu grob der Pudel;
+ Jenem gönnt den Steiß zum Sitz,
+ Dem die Schnauz' zum Hudel.
+
+ Chor. _Ecce quam etc. etc._
+
+Darauf ein Grauer:
+
+ Höflich zieht die Mütz vom Kopf,
+ Kommt Philister gangen!
+ Froh gebärdet sich der Tropf,
+ Will vor nichts ihm bangen.
+
+ Chor. _Ecce quam etc. etc._
+
+Darauf ein Gelber:
+
+ Schwimmen muß der muntere Fisch,
+ Vögelein muß fliegen.
+ Floss' und Federn wachsen frisch;
+ Werd't sie nimmer kriegen.
+
+ Chor. _Ecce quam etc. etc._
+
+Darauf ein Weißer:
+
+ Miaut und knurrt und knurrt und miaut,
+ Nur beileib' nicht kratzen;
+ Seid galant, daß man euch traut,
+ Schonet eure Tatzen.
+
+ Chor. _Ecce quam etc. etc._
+
+Darauf Freund Muzius:
+
+ Denkt Herr Aff' nach seinem Maß
+ Alle uns zu messen!
+ Spitzt das Maul, trägt hoch die Nas',
+ Wird uns doch nicht fressen.
+
+ Chor. _Ecce quam etc. etc._
+
+Ich saß neben Muzius; an mir war daher jetzt die Reihe, mit einem Solo
+einzufallen. Alle Solos, die bis jetzt vorgetragen, wichen so sehr von
+den Versen ab, die ich sonst gedichtet, daß ich in Unruhe und Angst
+geriet, den Ton, die Haltung des Ganzen zu verfehlen. Daher kam es, daß
+ich, als der Chor geendet, noch schwieg. Schon erhoben einige die Gläser
+und riefen: _pro poena,_ als ich mich mit aller Gewalt zusammennahm und
+sofort sang:
+
+ Pfot' in Pfot' und Brust an Brust
+ Soll uns nichts verdüstern
+ Katzbursch sein ist uns're Lust,
+ Trotzen Katzphilistern!
+
+ Chor. _Ecce quam etc. etc._
+
+Meine Variation fand den lautesten, unerhörtesten Beifall. Die
+hochherzigen Jungen stürmten jubelnd auf mich ein, umpfoteten mich,
+drückten mich an ihre klopfende Brust. Auch hier erkannte man also den
+hohen Genius in meinem Innern. Es war einer der schönsten Augenblicke
+meines Lebens. Nun wurde noch manchen großen, berühmten Katern,
+vorzüglich solchen, die ihrer Größe und Berühmtheit unerachtet sich von
+aller und jeder Philisterei entfernt gehalten und dies bewiesen hatten
+durch Wort und Tat, ein feuriges Lebehoch gebracht! und dann schieden
+wir auseinander.
+
+Der Punsch war mir doch etwas zu Kopfe gestiegen, die Dächer schienen
+sich zu drehen, kaum vermochte ich mittels des Schweifes, den ich als
+Balancierstange benutzte, mich aufrecht zu erhalten. Der treue Muzius,
+meinen Zustand bemerkend, nahm sich meiner an, und brachte mich
+glücklich durch die Dachluke nach Hause.
+
+Wüst im Kopfe, wie ich mich noch niemals gefühlt, konnte ich lange
+nicht --
+
+=(Mak. Bl.)= -- -- ebensogut gewußt, als die scharfsinnige Frau Benzon,
+aber daß ich gerade heute, eben jetzt von Dir Nachricht erhalten sollte,
+Du treue Seele, das hat mein Herz nicht geahnt.« So sprach Meister
+Abraham, verschloß den Brief, den er erhalten, und in dessen Aufschrift
+er mit freudiger Überraschung Kreislers Hand erkannt hatte, ohne ihn zu
+öffnen, in den Schubkasten seines Schreibtisches und ging hinaus in den
+Park. -- Meister Abraham hatte schon seit vielen Jahren die Gewohnheit,
+Briefe, die er erhielt, Stunden, ja oft Tage lang uneröffnet liegen zu
+lassen. Ist der Inhalt gleichgültig, sprach er, so kommt es auf den
+Verzug nicht an, enthält der Brief eine böse Nachricht, so gewinn' ich
+noch einige frohe, oder wenigstens ungetrübte Stunden; steht eine
+Freudenpost darin, so kann ein gesetzter Mann wohl es abwarten, daß die
+Freude ihm über den Hals komme. Diese Gewohnheit des Meisters ist zu
+verwerfen, denn einmal ist solch ein Mensch, der Briefe liegen läßt,
+ganz untauglich zum Kaufmann, zum politischen oder literarischen
+Zeitungsschreiber, dann leuchtet es aber auch ein, wie manches Unheil
+sich sonst noch bei Personen, die weder Kaufleute sind noch
+Zeitungsschreiber, daraus erzeugen kann. -- Was gegenwärtigen Biographen
+betrifft, so glaubt er ganz und gar nicht an Abrahams stoischen
+Gleichmut, sondern rechnet jene Gewohnheit vielmehr einer gewissen
+ängstlichen Scheu zu, das Geheimnis eines verschlossenen Briefes zu
+entfalten. -- Es ist eine ganz eigene Lust, Briefe zu empfangen, und
+darum sind uns die Personen besonders angenehm, die zunächst uns diese
+Lust verschaffen, nämlich: die Briefträger, wie schon irgendwo ein
+geistreicher Schriftsteller bemerkt hat. Dies mag eine anmutige
+Selbstmystifikation genannt werden. Der Biograph erinnert sich, daß, als
+er einst auf der Universität mit dem sehnlichsten Schmerz, lange
+vergebens auf einen Brief von einer geliebten Person gewartet hatte, er
+den Briefträger mit Tränen im Auge bat, ihm doch recht bald einen Brief
+aus der Vaterstadt zu bringen, er solle auch dafür ein namhaftes
+Trinkgeld erhalten. Der Kerl versprach, was von ihm verlangt wurde, mit
+pfiffiger Miene, brachte den Brief, der in der Tat nach wenigen Tagen
+einging, triumphierend, als habe es nur an ihm gelegen, Wort zu halten,
+und strich das versprochene Trinkgeld ein. -- Doch weiß der Biograph,
+der eben vielleicht selbst gewissen Selbstmystifikationen zu sehr Raum
+gibt -- doch weiß er nicht, ob Du, geliebter Leser, mit ihm gleichen
+Sinnes, mit jener Lust eine seltsame Angst fühlest, die Dir, indem Du
+den erhaltenen Brief öffnen willst, Herzklopfen verursacht, selbst wenn
+es kaum möglich, daß der Brief Wichtiges für Dein Leben enthalten
+sollte. -- Mag es sein, daß dasselbe die Brust beengende Gefühl, mit dem
+wir in die Nacht der Zukunft schauen, auch hier sich regt, und daß eben
+deshalb, weil ein leichter Druck der Finger hinreicht, das Verborgene zu
+enthüllen, der Moment auf einer Spitze steht, die uns beunruhigt. Und!
+-- wie viele schöne Hoffnungen zerbrachen schon mit dem verhängnisvollen
+Siegel, und die lieblichen Traumbilder, die aus unserm eigenen Innern
+gestaltet, unsere brünstige Sehnsucht selbst schienen, zerrannen in
+nichts und das kleine Blättchen war der Zauberfluch, vor dem der
+Blumengarten, in dem wir zu wandeln gedachten, verdorrte, und das Leben
+lag vor uns wie eine unwirtbare, trostlose Wüstenei. -- Scheint es gut,
+den Geist zu sammeln, ehe jener leichte Druck der Finger das Verborgene
+erschließt, so kann dies vielleicht Meister Abrahams sonst verwerfliche
+Gewohnheit entschuldigen, die übrigens auch gegenwärtigen Biographen
+anklebt aus einer gewissen, verhängnisvollen Zeit, in der beinahe jeder
+Brief, den er erhielt, der Büchse Pandoras glich, aus der, sowie sie
+geöffnet, tausend Unheil und Ungemach aufstieg ins Leben. -- Hat aber
+nun auch Meister Abraham des Kapellmeisters Brief verschlossen in seinen
+Schreibepult oder Schreibtischkasten, und ist er auch spazieren gegangen
+in den Park, doch soll der geneigte Leser den Inhalt sogleich
+buchstäblich erfahren. -- Johannes Kreisler hatte folgendes geschrieben:
+
+ »Mein herzlieber Meister!«
+
+_»La fin couronne les oeuvres!«_ hätte ich rufen können, wie Lord
+Clifford in Shakespeares Heinrich dem Sechsten, als ihm der sehr edle
+Herzog von York eines versetzt hatte zum Tode. Denn bei Gott, mein Hut
+stürzte schwer verwundet ins Gebüsch und ich ihm nach, rücklings, wie
+einer, von dem man in der Schlacht zu sagen pflegt: er fällt, oder er
+ist gefallen. -- Dergleichen Leute stehen aber selten wieder auf,
+dagegen tat das aber Euer Johannes, mein lieber Meister, und das auf der
+Stelle. -- Um meinen schwer verwundeten Kameraden, der nicht sowohl an
+meiner Seite, als über oder von meinem Haupte gefallen, konnte ich mich
+gar nicht bekümmern, da ich genug zu tun hatte, durch einen tüchtigen
+Seitensatz (ich nehme das Wort Satz hier weder in philosophischem noch
+in musikalischem, sondern lediglich in gymnastischem Sinn) der Mündung
+einer Pistole auszuweichen, die jemand etwa drei Schritte davon auf mich
+hielt. Doch ich tat noch mehr als das, ich ging plötzlich aus der
+Defensive in die Offensive über, sprang auf den Pistolanten los und
+stieß ihm ohne weitere Umstände meinen Stockdegen in den Leib. -- Immer
+habt Ihr mir den Vorwurf gemacht, Meister! daß ich des historischen
+Stils nicht mächtig und unfähig etwas zu erzählen, ohne unnütze Phrasen
+und Abschweifungen. Was sagt Ihr zu der bündigen Darstellung meines
+italienischen Abenteuers in dem Park zu Sieghartshof, den ein
+hochsinniger Fürst so mild beherrscht, daß er selbst Banditen toleriert
+vergnüglicher Abwechslung halber?
+
+Nehmt, lieber Meister, das bisher Gesagte nur für die vorläufige
+epitomatische Inhaltsanzeige des historischen Kapitels, das ich, erlaubt
+es meine Ungeduld und der Herr Prior, statt eines ordinären Briefes für
+Euch aufschreiben will. -- Wenig nachzuholen ist über das eigentliche
+Abenteuer im Walde. -- Gewiß war es mir sogleich, daß, als der Schuß
+fiel, ich davon profitieren sollte, denn im Niederstürzen empfand ich
+einen brennenden Schmerz an der linken Seite meines Kopfs, den der
+Konrektor in Göniönesmühl mit Recht einen =hartnäckigen= nannte.
+Hartnäckigen Widerstand hatte der wackere Knochenbau nämlich geleistet
+dem schnöden Blei, so, daß die Streifwunde kaum zu achten. Aber sagt
+mir, lieber Meister, sagt mir auf der Stelle, oder heute abend, oder
+wenigstens morgen in aller Frühe, in wessen Leib meine Stockklinge
+gefahren? Sehr lieb würde es mir sein, zu vernehmen, daß ich eigentlich
+gar kein gemeines Menschenblut vergossen, sondern bloß einigen
+prinzlichen Ichor; und es will mir ahnen, als wäre dem so. -- Meister!
+so hätte der Zufall denn zu der Tat geführt, die der finstere Geist mir
+verkündete, bei Euch im Fischerhäuschen. -- War vielleicht diese kleine
+Stockklinge in dem Augenblick, als ich sie brauchte zur Notwehr gegen
+Mörder, das furchtbare Schwert der Blutschuld rächenden Nemesis?
+-- Schreibt mir alles, Meister, und vor allen Dingen, was es mit der
+Waffe, die Ihr mir in die Hand gabt, mit dem kleinen Bilde für eine
+Bewandtnis hat. -- Doch nein -- nein, sagt mir davon nichts. Laßt mich
+dieses Medusenbild, vor dessen Anblick der bedrohliche Frevel erstarrt,
+bewahren, mir selbst ein unerklärliches Geheimnis. Es ist mir, als würde
+dieser Talisman seine Kraft verlieren, sobald ich wüßte, was für eine
+Konstellation ihn gefeit zur Zauberwaffe! -- Wollt Ihr mir's glauben,
+Meister, daß ich bis jetzt Euer kleines Bild noch gar nicht einmal recht
+angeschaut? -- Ist es an der Zeit, so werdet Ihr mir alles sagen, was
+mir zu wissen nötig, und dann gebe ich den Talisman zurück in Eure
+Hände. Also für jetzt kein Wort weiter davon! -- Doch fortfahren will
+ich nun in meinem historischen Kapitel.
+
+Als ich besagtem Jemand, besagtem Pistolanten meinen Stockdegen in den
+Leib gerannt, so daß er lautlos niederstürzte, sprang ich fort mit der
+Schnellfüßigkeit eines Ajax, da ich Stimmen im Park zu hören und mich
+noch in Gefahr glaubte. Ich gedachte nach Sieghartsweiler zu laufen,
+aber die Dunkelheit der Nacht ließ mich den Weg verfehlen. Schneller und
+schneller rannte ich fort, immer noch hoffend mich zurecht zu finden.
+Ich durchwatete Feldgraben, ich erklimmte eine steile Anhöhe und sank
+endlich in einem Gebüsch vor Ermattung nieder. Es war, als blitze es
+dicht vor meinen Augen, ich fühlte einen stechenden Schmerz am Kopf, und
+erwachte aus tiefem Todesschlaf. Die Wunde hatte stark geblutet, ich
+machte mir, das Taschentuch benutzend, einen Verband, der dem
+geschicktesten Kompanie-Chirurgus auf dem Schlachtfelde zur Ehre
+gereicht haben würde, und schaute nun ganz froh und fröhlich umher.
+Unfern von mir stiegen die mächtigen Ruinen eines Schlosses empor. -- Ihr
+merkt es Meister, ich war zu meiner nicht geringen Verwunderung auf den
+Geierstein geraten.
+
+Die Wunde schmerzte nicht mehr, ich fühlte mich frisch und leicht, ich
+trat heraus aus dem Gebüsch, das mir zum Schlafgemach gedient, die Sonne
+stieg empor und warf blinkende Streiflichter auf Wald und Flur, wie
+fröhliche Morgengrüße. Die Vögel erwachten in den Gebüschen und badeten
+sich zwitschernd im kühlen Morgentau, und schwangen sich auf in die
+Lüfte. Noch in nächtliche Nebel gehüllt lag tief unter mir Sieghartshof,
+doch bald sanken die Schleier, und in flammendem Gold standen Bäume und
+Büsche. Der See des Parks glich einem blendend strahlenden Spiegel: ich
+unterschied das Fischerhäuschen wie einen kleinen weißen Punkt -- sogar
+die Brücke glaubte ich deutlich zu schauen. -- Das Gestern trat auf mich
+ein, aber als sei es eine längst vergangene Zeit, aus der mir nichts
+geblieben als die Wehmut der Erinnerung an das ewig Verlorne, die in
+demselben Augenblick die Brust zerreißt und mit süßer Wonne erfüllt.
+»Haselant, was willst Du denn eigentlich damit sagen, was hast Du denn
+in dem längst vergangenen Gestern auf ewig verloren? so ruft Ihr mich
+an, Meister, ich hör es. Ach Meister, noch einmal stelle ich mich hin
+auf jene hervorragende Spitze des Geiersteins -- noch einmal breite ich
+die Arme aus wie Adlersflügel, mich dort hinzuschwingen, wo ein süßer
+Zauber waltete, wo jene Liebe, die nicht in Raum und Zeit bedingt, die
+ewig ist, wie der Weltgeist, mir aufging in den ahnungsvollen
+Himmelstönen, die die dürstende Sehnsucht selbst sind und das Verlangen.
+Ich weiß es, dicht vor meiner Nase setzt sich ein Teufelskerl von
+hungrigem Opponenten hin, der nur opponiert des irdischen Gerstenbrotes
+halber, und fragt mich höhnisch: ob es möglich sei, daß ein Ton
+dunkelblaue Augen haben könne? Ich führe den bündigsten Beweis, daß der
+Ton eigentlich auch ein Blick sei, der aus einer Lichtwelt durch
+zerrissene Wolkenschleier hinabstrahlet; der Opponent geht aber weiter,
+und frägt nach Stirn, nach Haar, nach Mund und Lippen, nach Armen,
+Händen, Füßen, und zweifelt durchaus mit hämischem Lächeln, daß ein
+bloßer, purer Ton mit diesem allen begabt sein könne. -- O Gott, ich
+weiß, was der Schlingel meint, nämlich nichts weiter, als daß, solange
+ich ein _glebae adscriptus_ sei, wie er und die übrigen, solange wir
+alle nicht bloß Sonnenstrahlen fräßen, und uns manchmal noch auf einen
+andern Stuhl setzen müßten, als auf den Lehrstuhl, es mit jener ewigen
+Liebe, mit jener ewigen Sehnsucht, die nichts will als sich selbst, und
+von der jeder Narr zu schwatzen weiß -- Meister! ich wünschte nicht,
+daß Ihr auf die Seite des hungrigen Opponenten trätet -- es würde mir
+unangenehm sein. -- Und sagt selbst, könnte Euch wohl eine einzige
+vernünftige Ursache dazu treiben? -- hab' ich jemals Hang gezeigt zu
+trister Sekundaner Narrheit? -- Ja hab' ich, zu reifen Jahren gekommen,
+mich nicht stets nüchtern zu erhalten gewußt, hab' ich etwa jemals
+gewünscht ein Handschuh zu sein bloß um Julia's Wange zu küssen wie
+Vetter Romeo? -- Glaubt es nur, Meister, die Leute mögen auch sagen, was
+sie wollen, im Kopf trag' ich nichts als Noten, und im Gemüt und Herzen
+die Klänge dazu, denn alle Teufel! wie sollt ich sonst im Stande sein,
+solche manierliche, bündige Kirchenstücke zu setzen, als die Vesper es
+ist, die da eben vollendet auf dem Pulte liegt. -- Doch -- schon wieder
+war es um die Historie geschehen -- ich erzähle weiter.
+
+Aus der Ferne vernahm ich den Gesang einer kräftigen Männerstimme, der
+sich immer mehr und mehr näherte. Bald gewahrte ich denn auch einen
+Benediktiner Geistlichen, der, auf dem Fußsteig unterwärts fortwandelnd,
+einen lateinischen Hymnus sang. Nicht weit von meinem Platze stand er
+still, hielt inne mit dem Singen und schaute, indem er den breiten
+Reisehut vom Kopfe nahm und sich mit einem Tuch den Schweiß von der
+Stirne trocknete, in der Gegend umher, dann verschwand er ins Gebüsch.
+Mir kam die Lust an, mich zu ihm zu gesellen, der Mann war mehr als
+wohlgenährt, die Sonne brannte stärker und stärker, und so konnt' ich
+wohl denken, daß er ein Ruheplätzchen gesucht haben würde im Schatten.
+Ich hatte mich nicht geirrt, denn in das Gebüsch tretend, erblickte ich
+den ehrwürdigen Herrn, der sich auf einen dickbemoosten Stein
+niedergelassen hatte. Ein höheres Felsstück dicht daneben diente ihm zum
+Tisch; -- er hatte ein weißes Tuch darüber ausgebreitet, und holte eben
+aus dem Reisesack Brot und gebratenes Geflügel hervor, das er mit vielem
+Appetit zu bearbeiten begann: _Sed praeter omnia bibendum quid,_ so rief
+er sich selbst zu und schenkte aus einer Korbflasche Wein ein in den
+kleinen, silbernen Becher, den er aus der Tasche hervorgezogen. Eben
+wollte er trinken, als ich mit einem »Gelobt sei Jesus Christ« zu ihm
+hintrat. Mit dem Becher an den Lippen, schaute er auf, und ich
+erkannte im Augenblick meinen alten, gemütlichen Freund aus der
+Benediktiner-Abtei zu Kanzheim, den ehrlichen Pater und Präfectus Chori
+Hilarius. In Ewigkeit! stammelte Pater Hilarius, indem er mich mit weit
+aufgerissenen Augen starr anblickte. Ich dachte sogleich an meinen
+Kopfputz, der mir vielleicht ein fremdes Ansehen geben mochte und
+begann: O, mein sehr geliebter, würdiger Freund Hilarius, haltet mich
+nicht für einen verlaufenen, vagabondierenden Hindus, auch nicht für ein
+auf den Kopf gefallenes Landeskind, da ich doch nun einmal nichts
+anderes bin und sein will, als Euer Intimus, der Kapellmeister Johannes
+Kreisler! --
+
+Beim heiligen Benedikt, rief Pater Hilarius freudig, ich hatte Euch
+gleich erkannt, herrlicher Kompositor und angenehmer Freund, aber _per
+diem_ sagt mir, wo kommt Ihr her, was ist Euch geschehen, Euch, den ich
+mir _in floribus_ dachte am Hofe des Großherzogs?
+
+Ich nahm gar keinen Anstand, dem Pater kürzlich alles zu erzählen, was
+sich mit mir begeben und wie ich genötigt gewesen, dem, dem es beliebt
+nach mir, wie nach einem aufgesteckten Ziel, Probeschüsse zu tun, meinen
+Stockdegen in den Leib zu stoßen und wie besagter Zielschießer
+wahrscheinlich ein italienischer Prinz gewesen, der Hektor geheißen, wie
+mancher würdige Pirschhund. -- »Was nun beginnen, zurückkehren nach
+Sieghartsweiler, oder -- ratet mir, Pater Hilarius!«
+
+So schloß ich meine Erzählung. -- Pater Hilarius, der manches -- Hm!
+-- so! -- ei! -- heiliger Benedikt -- dazwischen geworfen, sah jetzt vor
+sich nieder, murmelte: _bibamus!_ und leerte den silbernen Becher auf
+einen Zug.
+
+Dann rief er lachend: in der Tat, Kapellmeister, der beste Rat, den ich
+Euch fürs erste erteilen kann, ist, daß Ihr Euch fein zu mir hersetzt
+und mit mir frühstückt. Ich kann Euch diese Feldhühner empfehlen, erst
+gestern schoß sie unser ehrwürdiger Bruder Macarius, der, wie Ihr Euch
+wohl erinnert, alles trifft, nur nicht die Noten in den Responsorien,
+und wenn Ihr den Kräuteressig vorschmeckt, mit dem sie angefeuchtet, so
+verdankt Ihr das der Sorgfalt des Bruders Eusebius der sie selbst
+gebraten mir zuliebe. Was aber den Wein betrifft, so ist er wert, die
+Zunge eines landflüchtigen Kapellmeisters zu netzen. Echter Bocksbeutel,
+_carissime_ Johannes, echter Bocksbeutel aus dem St. Johannis-Hospital zu
+Würzburg, den wir, unwürdige Diener des Herrn, erhalten in bester
+Qualität. -- _Ergo bibamus!_
+
+Damit schenkte er den Becher voll und reichte ihn mir hin. -- Ich ließ
+mich nicht nötigen, ich trank und aß, wie einer, der solcher Stärkung
+bedarf.
+
+Pater Hilarius hatte den anmutigsten Platz gewählt, um sein Frühstück
+einzunehmen. Ein dichtes Birkengebüsch beschattete den blumigten Rasen
+des Bodens, und der kristallhelle Waldbach, der über hervorragendes
+Gestein plätscherte, vermehrte noch die erfrischende Kühle. Die
+einsiedlerische Heimlichkeit des Orts erfüllte mich mit Wohlbehagen und
+Ruhe, und während Pater Hilarius mir von allem erzählte, was sich seit
+der Zeit in der Abtei begeben, wobei er nicht vergaß, seine gewöhnlichen
+Schwänke und sein hübsches Küchenlatein einzumischen, horchte ich auf
+die Stimmen des Waldes, der Gewässer, die zu mir sprachen in tröstenden
+Melodien.
+
+Pater Hilarius mochte mein Schweigen der bittern Sorge zuschreiben, die
+mir das Geschehene verursachte.
+
+»Seid guten Muts, Kapellmeister!« begann er, indem er mir den aufs Neue
+gefüllten Becher hinreichte, »Ihr habt Blut vergossen, das ist wahr, und
+Blutvergießen ist Sünde, doch _distinguendum est inter et inter_. -- Jedem
+ist sein Leben das Liebste, er hat es nur einmal. Ihr habt das Eurige
+verteidigt, und das verbietet die Kirche keinesweges, wie sattsam zu
+erweisen, und weder unser hochwürdiger Herr Abt, noch irgendein anderer
+Diener des Herrn, wird Euch die Absolution versagen, seid Ihr auch
+unversehens in fürstliche Eingeweide gefahren. -- _Ergo bibamus! Vir
+sapiens non te abhorrebit Domine!_ -- Aber teuerster Kreisler, kehrt Ihr
+zurück nach Sieghartsweiler, so wird man Euch garstig befragen über das
+_cur, quomodo, quando, ubi_ und wollt Ihr den Prinzen des mörderischen
+Angriffs zeihen, wird man Euch glauben? _Ibi iacet lepus in pipere!_
+-- Aber seht, Kapellmeister, wie -- doch, _bibendum quid!_ -- Er leerte den
+vollgeschenkten Becher und fuhr dann fort: Ja seht, Kapellmeister, wie
+der gute Rat kommt mit dem Bocksbeutel. -- Erfahrt, daß ich mich eben
+zum Kloster Allerheiligen begeben wollte, um mir von dem dortigen
+Präfektus Chori Musik zu holen zu den nächsten Festen. Ich habe die
+Kasten schon zwei-, dreimal umgekehrt; es ist alles alt und verbraucht,
+und was die Musik betrifft, die Ihr uns komponiert habt während Eures
+Aufenthalts in der Abtei, ja, die ist gar schön und neu, aber -- nehmt
+mir es nicht übel, Kapellmeister, so auf kuriose Weise gesetzt, daß man
+keinen Blick wenden darf von der Partitur. Will man nur ein bißchen
+durchs Gitter schielen nach dieser, jener hübschen Dirne unten im
+Schiff, gleich hat man einen Halt verfehlt oder sonst was und schlägt
+einen falschen Takt und schmeißt das Ganze um. -- Pump, da liegt's und
+Di--di--Diedel, diedel greift Bruder Jakob in die Orgeltasten! -- _ad
+patibulum cum illis_ -- Ich durfte also -- doch _bibamus!_ --
+
+Nachdem wir beide getrunken, floß der Strom der Rede also weiter:
+_Desunt_ die nicht da sind und die nicht da sind, können nicht gefragt
+werden, ich dächte daher, Ihr wandertet sogleich mit mir zurück nach der
+Abtei, die, schlägt man Richtwege ein, kaum zwei Stunden von hier
+entfernt ist. In der Abtei seid Ihr gesichert gegen alle Nachstellungen,
+_contra hostium insidias,_ ich bringe Euch hin, als lebendige Musik und
+Ihr bleibt da, solange es Euch gefällt oder solange Ihr es geraten
+findet. Der hochwürdige Herr Abt versorgt Euch mit allem Nötigen. Ihr
+kleidet Euch in die feinste Wäsche und zieht das Benediktinergewand
+darüber, das Euch sehr wohl stehen wird. Aber damit Ihr nicht unterwegs
+ausseht wie der wundgeschlagene auf dem Bilde vom mitleidigen Samariter,
+so setzt meinen Reisehut auf, ich werde mir die Kapuze schon über die
+Glatze ziehn. -- _Bibendum quid,_ Liebster!
+
+Damit leerte er den Becher noch einmal, schwenkte ihn aus im nahen
+Waldbach, packte alles schnell in seinen Reisesack, drückte mir seinen
+Hut auf die Stirne und rief ganz fröhlich: Kapellmeister, wir dürfen nur
+ganz langsam und bequem einen Fuß vor den andern setzen und kommen doch
+gerade an, wenn sie läuten _ad conventum conventuales,_ d. h. wenn der
+hochwürdige Herr Abt sich zu Tische setzt.
+
+Ihr dürft wohl denken, lieber Meister, daß ich gegen den Vorschlag des
+fröhlichen Paters Hilarius nicht das mindeste einzuwenden hatte, daß es
+mir vielmehr gar willkommen sein mußte, mich an einen Ort zu begeben,
+der mir in so mancher Hinsicht ein wohltätiges Asyl werden konnte.
+
+Wir schritten gemächlich fort unter allerlei Gesprächen und langten so,
+wie Pater Hilarius es gewollt, in der Abtei an, als man gerade die
+Tischglocke läutete.
+
+Um vorderhand allen Fragen zuvorzukommen, sagte Pater Hilarius dem Abt,
+daß, da er zufällig erfahren, wie ich mich in Sieghartsweiler aufhalte,
+er es vorgezogen, statt der Musik aus dem Kloster Allerheiligen, lieber
+den Komponisten zu holen, der ja ein ganzes unerschöpfliches Magazin von
+Musik in sich trage.
+
+Der Abt Chrysostomus (mich dünkt, ich hätte Euch schon viel von ihm
+erzählt) empfing mich mit jener gemütlichen Freude, die nur wahrhaft
+guter Gesinnung eigen, und lobte den Entschluß des Paters Hilarius. --
+
+Seht mich nun, Meister Abraham, wie ich, umgeschaffen zum passablen
+Benediktinermönch, in einem hohen, geräumigen Zimmer des Hauptgebäudes
+der Abtei, sitze und emsig Vespern und Hymnen ausarbeite, ja wie ich
+schon mitunter Gedanken notiere zu einem feierlichen Hochamt -- wie sich
+die singenden und spielenden Brüder, die Chorknaben versammeln, wie ich
+emsig Proben halte, wie ich hinter dem Gitter des Chors dirigiere! In
+der Tat, so vergraben fühle ich mich in diese Einsamkeit, daß ich mich
+mit Tartini vergleichen möchte, der, die Rache des Kardinals Cornaro
+fürchtend, in das Minoritenkloster zu Assisi floh, wo ihn endlich nach
+Jahren ein Paduaner entdeckte, der sich in der Kirche befand und den
+verlornen Freund auf dem Chore erblickte, als ein Windstoß den Vorhang,
+der das Orchester verhüllte, einige Augenblicke aufhob. -- Es hätte Euch
+selbst, Meister! so mit mir gehen können, wie jenem Paduaner, aber ich
+mußte Euch ja doch sagen, wo ich geblieben, Ihr könntet sonst wunder
+gedacht haben, was aus mir geworden. -- Hat man vielleicht meinen Hut
+gefunden und sich gewundert, daß ihm der Kopf abhanden gekommen?
+-- Meister! Eine besondere, wohltätige Ruhe ist in mein Inneres gekommen;
+sollte ich vielleicht hier am Ankerplatz gelandet sein? Als ich neulich
+an dem kleinen See, der in der Mitte des weitläuftigen Gartens der Abtei
+liegt, wandelte, und mein Bild neben mir wandelnd im See erblickte, da
+sprach ich: der Mensch, der da unten neben mir hergeht, das ist ein
+ruhiger, besonnener Mensch, der nicht mehr wild umherschwirrend in vagen
+unbegrenzten Räumen, die gefundene Bahn fest hält, und es ist ein Glück
+für mich, daß der Mensch kein anderer ist, als ich selbst. -- Aus einem
+andern See schaute mich einst ein fataler Doppelgänger an. Doch still
+-- still von dem allen. -- Meister, nennt mir keinen Namen -- erzählt mir
+nichts -- auch nicht einmal, wen ich gespießt. -- Aber von Euch selbst
+schreibt mir viel. -- Die Brüder kommen zur Probe, ich schließe mein
+historisches Kapitel und zugleich meinen Brief. Lebt wohl, mein guter
+Meister, und gedenkt meiner! &c. &c. &c. &c.
+
+-- In den fernen, wild verwachsenen Gängen des Parks einsam wandelnd,
+bedachte Meister Abraham das Schicksal des geliebten Freundes und wie er
+ihn, kaum wiedergewonnen, auf's Neue verloren. Er sah den Knaben
+Johannes, sich selbst in Göniösmühl vor dem Flügel des alten Onkels, der
+Kleine hämmerte mit stolzem Blick Sebastian Bachs schwerste Sonaten
+herunter, mit beinahe männlicher Faust, er steckte ihm dafür eine Tüte
+Zuckerwerk heimlich in die Tasche. -- Es war ihm, als sei dies erst
+wenige Tage her und er mußte sich verwundern, daß der Knabe eben kein
+anderer als der Kreisler, der in ein wunderliches, launenhaftes Spiel
+geheimnisvoller Verhältnisse verflochten schien. Aber mit dem Gedanken
+an jene vergangene Zeit, an die verhängnisvolle Gegenwart, stieg das
+Bild seines eigenen Lebens vor ihm auf.
+
+Sein Vater, ein strenger, eigensinniger Mann, hatte ihn beinahe mit
+Zwang zu der Kunst des Orgelbaues angehalten, die er selbst trieb, wie
+ein gewöhnliches rohes Handwerk. Er litt nicht, daß irgendein anderer,
+als der Orgelbauer selbst Hand anlege an das Werk, und so mußten die
+Lehrlinge geübte Tischler, Zinngießer usw. werden, ehe sie zu der innern
+Mechanik gelangten. -- Genauigkeit, Dauerhaftigkeit, gute Spielart des
+Werks galt dem Alten für alles; für die Seele, für den Ton hatte er
+keinen Sinn, und merkwürdig genug sprach sich dies aus in den Orgeln,
+die er baute und denen man mit Recht, einen harten, spitzen Klang
+vorwarf. Nächstdem war der Alte den kindischen Künsteleien verjährter
+Zeit ganz und gar ergeben. So hatte er an einer Orgel die Könige David
+und Salomo angebracht, die während des Spiels wie vor Verwunderung die
+Köpfe drehten; so fehlte es keinem seiner Werke an paukenden,
+posaunenden, taktierenden Engeln, mit den Flügeln schlagenden, krähenden
+Hähnen u. s. w. Abraham konnte oft verdienten oder nicht verdienten
+Schlägen nicht anders entgehen und dem Alten eine Äußerung väterlicher
+Freude entlocken, als wenn er vermöge eigner Erfindungsgabe irgendeine
+neue Künstelei, etwa ein schärfer tönendes Kikeriki, herausgebracht für
+den nächsten Orgelhahn. Mit angstvoller Sehnsucht hatte Abraham die Zeit
+herbeigewünscht, in der er dem Handwerks-Gebrauch gemäß auf die
+Wanderschaft gehen sollte. Endlich kam diese Zeit heran und Abraham
+verließ das väterliche Haus, um nie wieder zurückzukehren.
+
+Auf dieser Wanderung, die er in Gemeinschaft mit andern Gesellen,
+meistens wüsten, rohen Burschen, unternahm, sprach er einst ein in der
+Abtei St. Blasius, die im Schwarzwalde belegen und hörte dort das
+berühmte Orgelwerk des alten Johannes Andreas Silbermann. In den vollen,
+herrlichen Tönen dieses Werks ging zum erstenmal der Zauber des
+Wohllauts auf in seinem Innern, er fühlte sich in eine andere Welt
+versetzt, und von dem Augenblick an war er ganz Liebe für eine Kunst,
+die er sonst mit Widerwillen treiben müssen. -- Nun kam ihm aber auch
+sein ganzes Leben in der Umgebung, wie er es bis jetzt geführt hatte, so
+nichtswürdig vor, daß er alle Kraft aufbot sich herauszureißen aus dem
+Schlamm, in den er sich versunken glaubte. -- Sein natürlicher Verstand,
+seine Fassungsgabe ließen ihn in der wissenschaftlichen Bildung
+Riesenschritte machen und doch -- fühlte er oft die Bleigewichte, die die
+frühere Erziehung, das Forttreiben in der Gemeinheit ihm angehängt.
+-- Chiara, die Verbindung mit diesem seltsamen, geheimnisvollen Wesen,
+das war der zweite Lichtpunkt in seinem Leben, und so bildete beides,
+jenes Erwachen des Wohllauts und Chiaras Liebe einen Dualismus seines
+poetischen Seins, der wohltätig hineinwirkte in seine rohe aber kräftige
+Natur. -- Kaum den Herbergen, kaum den Schenken, wo im dicken
+Tabaksqualm Zotenlieder ertönten, entronnen, brachte der Zufall oder
+vielmehr die Geschicklichkeit in mechanischen Künsteleien, denen er den
+Anstrich des Geheimnisses zu geben wußte (wie der geneigte Leser schon
+erfahren) den jungen Abraham in Umgebungen, die ihm eine neue Welt sein
+mußten, und in denen er, ewig Fremdling bleibend, sich nur dadurch
+aufrecht erhielt, daß er den festen Ton behauptete, den seine innere
+Natur ihm angegeben. Dieser feste Ton wurde mit der Zeit immer fester,
+und da er keinesweges der eines simplen Grobians, sondern auf klaren,
+gesunden Menschenverstand, richtiger Lebensansicht, und daraus sich
+erzeugendem treffenden Spott basiert war, so konnt es nicht fehlen, daß
+da, wo der Jüngling sich nur aufrecht erhalten und toleriert worden, der
+Mann als ein zu fürchtendes Prinzip großen Respekt einflößte. Es ist
+nichts leichter, als gewissen vornehmen Leuten zu imponieren, die immer
+noch weiter unter dem stehen, wofür man sie etwa halten möchte. Daran
+dachte nun Meister Abraham eben in dem Augenblick, als er von seinem
+Spaziergange wieder an das Fischerhäuschen gekommen, und schlug eine
+laute, herzliche Lache auf, die Luft machte seiner gepreßten Brust.
+
+Zur innigsten Wehmut, die ihm sonst wohl gar nicht eigen, hatte den
+Meister nämlich das lebhafte Andenken an den Moment in der Kirche der
+Abtei St. Blasius gestimmt. »Warum blutet eben die Wunde jetzt so
+häufig, die ich längst verharscht glaubte,« sprach er zu sich selbst,
+»warum hänge ich jetzt leeren Träumereien nach, da es mir scheint, als
+müsse ich tätig eingreifen in das Maschinenwerk, das ein böser Geist
+falsch zu treiben scheint!« -- Der Meister fühlte sich beängstigt durch
+den Gedanken, daß er, selbst wußte er nicht wodurch, in seinem
+eigentümlichsten Tun und Treiben sich gefährdet sah, bis, wie gesagt, er
+im Ideengange auf die vornehmen Leute kam, über die er lachte und
+augenblicklich merkliche Linderung verspürte.
+
+Er trat ins Fischerhäuschen, um nun Kreislers Brief zu lesen. --
+
+In dem fürstlichen Schlosse hatte sich Merkwürdiges begeben. Der
+Leibarzt sprach: Wunderbar! -- es geht über alle Praxis, über alle
+Erfahrung hinaus! -- Die Fürstin: So mußte es kommen, und die Prinzessin
+ist nicht kompromittiert! -- der Fürst: Hätt' ichs nicht ausdrücklich
+verboten, aber die _Crapule_ der dienenden Esel hat keine Ohren. -- Nun
+-- der Oberforstmeister soll dafür sorgen, daß der Prinz kein Pulver mehr
+in die Hände bekommt! die Rätin Benzon: Dank dem Himmel, sie ist
+gerettet! -- Während dessen schaute Prinzessin Hedwiga zum Fenster ihres
+Schlafgemachs hinaus, indem sie dann und wann abgebrochene Akkorde
+anschlug auf derselben Guitarre, die Kreisler im Unmute von sich warf
+und aus Julias Händen, wie er meinte geheiligt, zurück empfing. Auf dem
+Sofa saß Prinz Ignatius und weinte und klagte: es tut weh, es tut weh
+-- vor ihm aber Julia, die emsig beschäftigt war, in eine kleine,
+silberne Schüssel hinein -- rohe Kartoffeln zu schaben.
+
+Alles dieses bezog sich auf ein Ereignis, das der Leibarzt mit vollem
+Recht wunderbar nannte und über alle Praxis erhaben. Prinz Ignatius
+hatte sich, wie der geneigte Leser schon mehrmals erfahren, den
+unschuldig tändelnden Sinn, die glückliche Unbefangenheit des
+sechsjährigen Knaben erhalten und spielte daher gern wie dieser. Unter
+anderm Spielzeug besaß er auch eine kleine, aus Metall gegossene Kanone,
+die ihm zu seinem Lieblings-Spiel diente, an dem er sich jedoch höchst
+selten ergötzen konnte, da manche Dinge dazu gehörten, die nicht gleich
+zur Hand waren, nämlich einige Körner Pulver, ein tüchtiges Schrotkorn
+und ein kleiner Vogel. Hatte er das alles, so ließ er seine Truppen
+aufmarschieren, hielt Kriegsgericht über den kleinen Vogel, der eine
+Rebellion angezettelt in des fürstlichen Papas verlornem Lande, lud die
+Kanone, und schoß den Vogel, den er mit einem schwarzen Herzen auf der
+Brust an einen Leuchter gebunden, tot, zuweilen aber auch nicht, so daß
+er mit dem Federmesser nachhelfen mußte, um die gerechte Strafe an dem
+Hochverräter zu vollstrecken.
+
+Fritz, des Gärtners zehnjähriger Knabe, hatte dem Prinzen einen gar
+hübschen bunten Hänfling verschafft und dafür, wie gewöhnlich, eine
+Krone erhalten. Sogleich war dann aber der Prinz in die Jägerstube
+geschlichen, gerade, wenn die Jäger abwesend, hatte richtig Schrotbeutel
+und Pulverhorn gefunden, und sich daraus mit der nötigen Munition
+versehen. Schon wollte er mit der Exekution beginnen, die Beschleunigung
+zu fordern schien, da der bunte zwitschernde Rebell alle nur möglichen
+Mittel versuchte, zu entwischen, als es ihm einfiel, daß er der
+Prinzessin Hedwiga, die jetzt so artig geworden, durchaus nicht die Lust
+versagen dürfte, bei der Hinrichtung des kleinen Hochverräters
+gegenwärtig zu sein. Er nahm also den Kasten worin seine Armee
+befindlich, unter den einen, die Kanone unter den andern Arm, den Vogel
+aber in die hohle Hand und schlich, da es ihm von dem Fürsten untersagt
+worden die Prinzessin zu sehen, leise, leise nach Hedwigas Schlafgemach,
+wo er sie in dem fortdauernden kataleptischen Zustande, auf dem
+Ruhebette angekleidet liegend fand. Schlimm und, wie man sehen wird
+zugleich gut war es, daß die Kammerfrau die Prinzessin eben verlassen.
+
+Ohne weiteres band nun der Prinz den Vogel an einen Leuchter, ließ die
+Armee in Reihe und Glied treten und lud die Kanone, dann hob er die
+Prinzessin vom Ruhebette, ließ sie an den Tisch treten und erklärte, daß
+sie jetzt den kommandierenden General vorstelle, er seinerseits bleibe
+der regierende Fürst und brenne nebenher die Artillerie ab, welche den
+Rebellen töte. -- Überfluß an Munition hatte den Prinzen verführt und er
+nicht allein das Geschütz überladen, sondern auch Pulver rund umher auf
+den Tisch verstreut. Sowie er das Stück abprotzte, gab es nicht allein
+einen ungewöhnlichen Knall, sondern das umher gestreute Pulver flog auch
+auf, und verbrannte ihm tüchtig die Hand, so, daß er laut aufschrie, und
+gar nicht einmal bemerkte, daß die Prinzessin in dem Augenblick der
+Explosion hart zu Boden gestürzt war. Der Schuß hallte durch die
+Korridors, alles stürzte, Unglück ahnend herbei, und selbst Fürst und
+Fürstin drängten sich, alle Etikette im jähen Schreck vergessend, mit
+der Dienerschaft durch die Türe hinein. Die Kammerfrauen hoben die
+Prinzessin von dem Boden und legten sie auf das Ruhebett, während man
+nach dem Leibarzt, nach dem Chirurgus lief. Der Fürst ersah aus den
+Anstalten auf dem Tische sehr bald was geschehen, und sprach zum
+Prinzen, der entsetzlich schrie und lamentierte, mit zornfunkelnden
+Augen: Sieht er Ignaz! das kommt von seinen dummen kindischen Faxen.
+Laß' er sich Brandsalbe auflegen und heul er nicht, wie ein
+Straßenjunge! -- Mit einem Birkenreis -- sollt -- -- Hint -- Die bebenden
+Lippen ließen keine Deutlichkeit der Sprache zu, der Fürst wurde
+unverständlich und verließ gravitätisch das Zimmer. Tiefes Entsetzen
+hatte die Dienerschaft erfaßt, denn erst zum drittenmal redete der Fürst
+den Prinzen an mit Er und Ignaz und jedesmal bewies er den wildesten,
+schwer zu sühnenden Zorn.
+
+Als der Leibarzt erklärte, die Krisis sei eingetreten und er hoffe, daß
+der bedrohliche Zustand der Prinzessin nun bald vorüber und sie völlig
+genesen werde, sprach die Fürstin mit weniger Teilnahme, als man wohl
+denken sollte. _Dieu soit loué,_ man gebe mir weitere Nachricht. Den
+weinenden Prinzen schloß sie aber zärtlich in ihre Arme, tröstete ihn
+mit süßen Worten und folgte dann dem Fürsten.
+
+Indessen war die Benzon, die im Sinne gehabt, mit Julien die
+unglückliche Hedwiga zu sehen, im Schlosse angekommen. Kaum hörte sie
+was geschehen, als sie hinaufeilte nach dem Zimmer der Prinzessin,
+zuflog auf das Ruhebett, niederkniete, Hedwiga's Hand faßte und ihr
+starr in die Augen blickte, während Julia heiße Tränen vergoß wähnend,
+daß wohl der Todesschlaf über die Herzensfreundin kommen werde. Da holte
+Hedwiga tief Atem und sprach mit dumpfer kaum vernehmlicher Stimme: Ist
+er tot? -- Sogleich hielt Prinz Ignatius ein mit Weinen trotz seines
+Schmerzes, und erwiderte in voller Freude über die gelungene Exekution
+lachend und kichernd: Ja, ja -- Prinzessin Schwester, ganz tot, gerade
+durch das Herz geschossen. -- »Ja, sprach die Prinzessin weiter, indem
+sie die Augen, die sie aufgeschlagen, wieder sinken ließ, ja ich weiß
+es. Ich sah den Blutstropfen, der aus dem Herzen quoll, aber er fiel in
+meine Brust und ich erstarrte zu Kristall und er nur lebte in dem
+Leichnam! »Hedwiga,« begann die Rätin leise und zärtlich, »erwachen Sie
+aus bösen unglücklichen Träumen! Hedwiga, erkennen Sie mich?« Die
+Prinzessin winkte sanft mit der Hand, als wolle sie verlassen sein.
+Hedwiga, fuhr die Benzon fort, Julia ist hier. Ein Lächeln schimmerte
+auf Hedwiga's Wangen. Julia beugte sich über sie hin, drückte einen
+leisen Kuß auf die erblaßten Lippen der Freundin. Da lispelte Hedwiga
+kaum hörbar: Es ist nun alles vorüber, in wenigen Minuten bin ich ganz
+erkräftigt, ich fühl' es. --
+
+Niemand hatte sich bis jetzt um den kleinen Hochverräter bekümmert, der
+mit zerfleischter Brust auf dem Tische lag. Nun fiel er Julien ins Auge
+und erst in dem Augenblick wurde sie auch inne, daß Prinz Ignatius
+wieder das abscheuliche ihr verhaßte Spiel gespielt. Prinz, sprach sie,
+indem ihre Wangen sich hoch röteten, Prinz, was hat Ihnen der arme Vogel
+getan, daß Sie ihn ohne Erbarmen töten hier im Zimmer? -- Das ist ein
+recht einfältiges grausames Spiel. -- Sie haben mir längst versprochen es
+zu lassen, und doch nicht Wort gehalten. -- Aber! tun Sie es noch
+einmal, niemals ordne ich mehr Ihre Tassen oder lehre Ihre Püppchen
+reden, oder erzähle Ihnen die Geschichte vom Wasserkönig! »Nicht böse
+sein, Fräulein Julia!« wimmerte der Prinz. Aber es war ein bunter
+Erzschelm. Er hatte allen Soldaten heimlich die Rockschöße
+abgeschnitten, und überdem eine Rebellion angezettelt. Ach es tut weh
+-- es tut weh! -- Die Benzon blickte den Prinzen, dann Julien an mit
+seltsamen Lächeln, dann rief sie: Was das für ein Wehklagen ist über ein
+paar verbrannte Finger! -- Aber es ist wahr, der Chirurgus wird ewig mit
+seiner Brandsalbe nicht fertig. Doch hilft ein gemeines Hausmittel auch
+wohl ungemeinen Leuten. Man schaffe rohe Kartoffel herbei! -- Sie schritt
+nach der Türe; aber wie plötzlich von irgendeinem Gedanken erfaßt, blieb
+sie stehen, kehrte um, schloß Julien in die Arme, küßte sie auf die
+Stirne und sprach: Du bist mein gutes liebes Kind, und wirst immer das
+=ganz= sein was Du sein sollst! -- Hüte Dich nur vor überspannten
+wahnsinnigen Toren und verschließe Dein Gemüt dem bösen Zauber ihrer
+verlockenden Reden! Damit warf sie noch einen forschenden Blick auf die
+Prinzessin, die sanft und süß zu schlummern schien, und verließ das
+Zimmer.
+
+Der Chirurgus trat herein mit einem ungeheuren Pflaster in den Händen,
+unter vielen Beteuerungen versichernd, daß er schon seit geraumer Zeit
+gewartet in den Zimmern des gnädigsten Prinzen, da er nicht vermuten
+können, daß in dem Schlafgemach der gnädigsten Prinzessin -- Er wollte
+mit dem Pflaster los auf den Prinzen, die Kammerfrau, die ein paar
+stattliche Kartoffeln auf einer silbernen Schüssel herbeigebracht,
+vertrat ihm aber den Weg und versicherte, daß für Verletzungen durch
+Brand geschabte Kartoffeln das allerbeste Mittel wären. Und ich, fiel
+Julia der Kammerfrau ins Wort, indem sie ihr die silberne Schüssel
+abnahm, und ich selbst will für Sie, mein Prinzchen, das Pflaster gar
+fein bereiten.
+
+»Gnädigster Herr, sprach der Chirurg erschrocken: Bedenken Sie! -- ein
+Hausmittel für verbrannte Finger eines hohen fürstlichen Herrn! -- Die
+Kunst -- die Kunst soll -- muß hier allein helfen! Er wollte von neuem
+auf den Prinzen los, der prallte aber zurück und rief: Weg da, weg da!
+Fräulein Julia soll mir das Pflaster bereiten, die Kunst soll sich zum
+Zimmer hinausscheren!
+
+Die Kunst empfahl sich samt ihrem wohlpräparierten Pflaster, indem sie
+giftige Blicke auf die Kammerfrau warf.
+
+Stärker und stärker hörte Julia die Prinzessin atmen, doch wie erstaunte
+sie als --
+
+=(M. f. f.)= -- einschlafen. Hin und her wälzte ich mich auf meinem
+Lager; ich versuchte alle nur mögliche Stellungen. Bald streckte ich
+mich lang aus, bald wickelte ich mich rund zusammen, ließ den Kopf auf
+den weichen Pfoten ruhen und ringelte den Schweif zierlich um mich
+herum, so daß er die Augen bedeckte, bald warf ich mich auf die Seite,
+ließ die Pfoten wegstarren vom Leibe, den Schweif in lebloser
+Gleichgültigkeit hinabhängen vom Lager. Alles -- alles vergebens!
+-- Wirrer und wirrer wurden Vorstellungen, Gedanken, bis ich endlich in
+jenes Delirium fiel, das kein Schlaf, sondern ein Kampf zwischen
+Schlafen und Wachen zu nennen, wie Moritz, Davidson, Rudow, Tiedemann,
+Wienholt, Reil, Schubert, Kluge und andere physiologische
+Schriftsteller, die über Schlaf und Traum geschrieben und die ich nicht
+gelesen, mit Recht behaupten.
+
+Die helle Sonne schien in des Meisters Zimmer hinein, als ich aus diesem
+Delirium, aus diesem Kampf zwischen Schlafen und Wachen, wirklich zum
+klaren Bewußtsein erwachte. Aber welch ein Bewußtsein, welch ein
+Erwachen. -- O Katerjüngling, der du dieses liesest, spitze die Ohren
+und lies aufmerksam, daß dir die Moral nicht entwische! -- Nimm dir zu
+Herzen, was ich über einen Zustand sage, dessen unnennbare
+Trostlosigkeit ich dir nur mit schwachen Farben schildern kann. -- Nimm
+dir diesen Zustand, wiederhole ich, zu Herzen und dich selbst möglichst
+in acht, wenn du zum erstenmal in einer Katzburschen-Gesellschaft
+Katzpunsch genießest! Nippe mäßig und berufe dich, will man das nicht
+leiden, auf mich und meine Erfahrung, der Kater Murr sei deine
+Autorität, die jeder, hoff' ich, anerkennen und gelten lassen wird.
+
+Nun also! -- Was zuförderst mein physisches Befinden betrifft, so fühlte
+ich mich nicht allein matt und elend, sondern was mir ganz besondere
+Qualen schuf, war ein gewisser kecker, abnormer Anspruch des Magens, der
+eben seiner Abnormität halber nicht durchzusetzen war und nur einen
+unnützen Rumor im Innern verursachte, an dem sogar die affizierten
+Ganglien teilnahmen, die in ewigem physischem Wollen und nicht Vermögen
+krankhaft zitterten und bebten. -- Es war ein heilloser Zustand! --
+
+Aber beinahe noch empfindlicher war die psychische Affektion. Mit der
+bittern Reue und Zerknirschung eines Gestern halber, das ich doch
+eigentlich gar nicht für tadelnswert achten konnte, kam eine trostlose
+Gleichgültigkeit in meine Seele gegen alles irdische Wohl! -- Ich
+verachtete alle Güter der Erde, alle Gaben der Natur, Weisheit,
+Verstand, Witz u. s. w. Die größten Philosophen, die geistreichsten
+Dichter galten mir nicht höher als Lumpenpuppen, sogenannte Hansemänner
+und was das ärgste war, auf mich selbst dehnte sich jene Verachtung aus
+und ich glaubte zu erkennen, daß ich nichts sei, als ein ganz
+gewöhnlicher miserabler Mausekatz! -- Niederschlagenderes gibt es nicht!
+Der Gedanke, daß ich in dem größten Jammer befangen, daß die ganze
+irdische Erde überhaupt ein Jammertal sei, vernichtete mich im
+namenlosen Schmerz. -- Ich kniff die Augen zu und weinte sehr! --
+
+»Du hast geschwärmt, Murr, und nun ist dir miserabel zu Mute? -- Ja, ja,
+so gehts! -- Nun schlaf' nur aus, alter Junge, dann wird's besser
+werden! -- So rief der Meister mir zu, als ich das Frühstück stehen ließ
+und einige Schmerzenstöne von mir gab. Der Meister! -- o Gott er wußte
+nicht, er kannte nicht meine Leiden! -- er ahnte nicht, wie Burschentum
+und Katzpunsch wirkt auf ein zartfühlendes Gemüt! --
+
+Es mochte Mittag sein, noch hatte ich mich nicht vom Lager gerührt, als
+plötzlich, der Himmel weiß wie er sich herein zu schleichen gewußt,
+Bruder Muzius vor mir stand. -- Ich klagte ihm meinen unseligen Zustand,
+statt aber, wie ich gehofft, mich zu bedauern, mich zu trösten, schlug
+er eine unmäßige Lache auf und rief: »Hoho, Bruder Murr, es ist weiter
+nichts als die Krisis, der Übergang von unwürdiger philiströser
+Knabenschaft zum würdigen Burschentum, die dich glauben läßt, daß du
+krank bist und elend. Du bist das edle Kommerschieren noch nicht
+gewohnt! -- Aber tu mir den Gefallen und halte das Maul und klage nicht
+etwa dem Meister dein Leiden. Unser Geschlecht ist überdem schon
+verrufen genug, dieser Scheinkrankheit halber, und der schmähsüchtige
+Mensch hat ihr einen Namen gegeben, der sich auf uns bezieht und den ich
+nicht wiederholen mag. Aber raffe dich auf, nimm dich zusammen, komm mit
+mir, die frische Luft wird dir wohltun und dann mußt du vor allen Dingen
+Haare auflegen. Komm nur, du wirst schon praktisch erfahren, was das
+heißt.«
+
+Bruder Muzius übte seit der Zeit, als er mich dem Philistertum
+entrissen, eine unbedingte Herrschaft über mich aus; ich mußte tun was
+er wollte. Mühsam stand ich daher auf von meinem Lager, dehnte mich, so
+gut es bei den erschlafften Gliedern gehen wollte und folgte dem treuen
+Bruder aufs Dach. Wir spazierten einigemal auf und nieder und in der
+Tat, mir wurde etwas wohler, frischer zu Mute. Dann führte mich Bruder
+Muzius hinter den Schornstein, und hier mußte ich, wollte ich mich auch
+dagegen sträuben, zwei, drei Schnäpschen reine Heringslake nehmen. Dies
+waren die Haare, die ich nach Muzius Ausdruck auflegen sollte. -- O,
+wunderbarer als wunderbar war die drastische Wirkung dieses Mittels! Was
+soll ich sagen? -- Des Magens abnorme Ansprüche schwiegen, der Rumor war
+gestillt, das Gangliensystem beruhigt, das Leben wieder schön, ich
+schätzte das irdische Wohl, die Wissenschaft, die Weisheit, den
+Verstand, den Witz u. s. w., ich war mir selbst wiedergegeben, ich war
+wieder der herrliche, höchst exzellente Kater Murr! -- O Natur, Natur!
+Kann es denn geschehen, daß ein paar Tropfen, die der leichtsinnige
+Kater genießt in unzähmbarer freier Willkür, Rebellion zu erwecken
+vermögen gegen dich, gegen das wohltätige Prinzip, das du mit
+mütterlicher Liebe in seine Brust gepflanzt hast und nach dem er
+überzeugt sein muß, daß die Welt mit ihren Freuden, als da sind
+Bratfische, Hühnerknochen, Milchbrei &c. die beste sei und er das
+allerbeste in dieser Welt, da ihre Freuden nur für ihn und seinethalben
+geschaffen sind? -- Aber -- ein philosophischer Kater erkennt das, es
+ist tiefe Weisheit darin -- jener trostlose ungeheure Jammer ist nur das
+Gegengewicht, das die zum Forttreiben in der Bedingung des Seins nötige
+Reaktion bewirkt und so ist derselbe (der Jammer nämlich) in dem
+Gedanken des ewigen Weltalls begründet! -- Legt Haare auf,
+Katerjünglinge! und tröstet euch dann mit diesem philosophischen
+Erfahrungssatz eures gelehrten, scharfsinnigen Standesgenossen.
+
+Es genügt zu sagen, daß ich nun manche Zeit hindurch ein frisches frohes
+Burschenleben führte auf den Dächern rings umher, in Kompagnie mit
+Muzius und andern kreuzbraven, biderben fidelen Jungen, weißen, gelben
+und bunten. Ich komme zu einer wichtigeren Begebenheit meines Lebens,
+die nicht ohne Folgen blieb.
+
+Als ich nämlich einmal bei dem Anbruch der Nacht, im Schimmer des
+hellen Mondscheins, mit dem Bruder Muzius zu einer Kneiperei, die die
+Burschen angeordnet, gehen wollte, begegnete mir jener schwarz, grau,
+gelbe Verräter, der mir meine Miesmies geraubt. Wohl konnt es sein, daß
+ich bei dem Anblick des verhaßten Nebenbuhlers, dem ich noch dazu
+schändlicher Weise unterliegen müssen, etwas stutzte. Er ging indessen
+hart an mir vorbei, ohne mich zu grüßen, und es wollte mich bedünken als
+lächle er mich verhöhnend an, im Gefühl der Übermacht, die er über mich
+gewonnen. Ich dachte an die verlorne Miesmies, an die erhaltenen Prügel,
+das Blut kochte mir in den Adern! Muzius bemerkte meine Aufwallung und
+da ich ihm mitteilte, was ich bemerkt zu haben glaubte, so sprach er: Du
+hast recht, Bruder Murr. Der Kerl schnitt solch ein schiefes Gesicht und
+trat dabei so keck auf; am Ende wollte er dich wirklich tuschieren.
+-- Nun das wollen wir bald erfahren. Irre ich nicht, so hat der bunte
+Philister hier in der Nähe eine neue Liebschaft angesponnen, er
+schleicht alle Abende hier auf diesem Dache umher. Warten wir ein wenig,
+vielleicht kommt der Monsieur bald zurück und da kann sich ja wohl das
+übrige bald finden.
+
+In der Tat dauerte es nicht lange, so kam der Bunte wieder trotzig
+zurück und maß schon von weiten mich mit verächtlichen Blicken. Ich trat
+ihm herzhaft und keck entgegen, wir gingen so hart aneinander vorüber,
+daß unsere Schweife sich unsanft berührten: Sogleich blieb ich stehen;
+drehte mich um und sprach mit fester Stimme: Mau! -- Er blieb ebenfalls
+stehen, drehte sich um und erwiderte trotzig: Mau! -- Dann ging ein
+jeder seinen Weg.
+
+»Das war Tusch, rief Muzius ganz zornig aus, ich werde den bunten
+trotzigen Kerl morgen koramieren.«
+
+Muzius begab sich den andern Morgen zu ihm hin und fragte ihn in meinem
+Namen: ob er meinen Schweif berührt? Er ließ mir erwidern: er hätte
+meinen Schweif berührt. Darauf ich: habe er meinen Schweif berührt, so
+müsse ich das für Tusch nehmen. Darauf er: ich könne es nehmen wie ich
+wollte. Darauf ich: ich nehme es für Tusch. Darauf er: ich sei gar nicht
+im Stande zu beurteilen was Tusch sei. Darauf ich: ich wisse das sehr
+gut und besser als er. Darauf er: ich sei nicht der Mann dazu, daß er
+mich tuschieren solle. Darauf ich nochmals: ich nehme es aber für Tusch.
+Darauf er: ich sei ein dummer Junge. Darauf ich um mich in Avantage zu
+setzen: Wenn ich ein dummer Junge sei, so sei er ein niederträchtiger
+Spitz! -- Dann kam die Ausforderung.
+
+(=Randglosse des Herausgebers.= O Murr! mein Kater. Entweder hat sich der
+Ehrenpunkt seit Shakespeare's Zeit nicht geändert oder ich ertappe dich
+auf einer schriftstellerischen Lüge. Das heißt, auf einer Lüge, die dazu
+dienen soll, der Begebenheit, die du erzählst, mehr Glanz und Feuer zu
+geben! -- Ist die Art, wie es zum Duell mit dem bunten Pensionär kam,
+nicht die rein ausgesprochene Parodie von Probsteins siebenmal
+zurückgeschobener Lüge in Wie es euch gefällt? Finde ich nicht in deinem
+angeblichen Duell-Prozeß die ganze Stufenleiter von dem höflichen
+Bescheid, dem feinen Stich, der groben Erwiderung, der beherzten
+Abfertigung, bis zum trotzigen Widerspruch, und kann es dich wohl
+einigermaßen retten, daß du anstatt mit der bedingten und offenbaren
+Lüge, mit ein paar Schimpfreden schließest? -- Murr! mein Kater! Die
+Rezensenten werden über dich herfallen, aber bewiesen hast du doch
+wenigstens, daß du den Shakespeare mit Verstand und Nutzen gelesen, und
+das entschuldigt vieles.)
+
+Aufrichtig gestanden, fuhr es mir doch etwas in die Glieder, als ich
+die Ausforderung erhielt, die auf den Kratz lautete. Ich dachte daran,
+wie übel mich der bunte Verräter zugerichtet hatte, als von Eifersucht
+und Rache getrieben, ich ihn angriff, und wünschte wenigstens die
+Avantage, zu der mir Freund Muzius verholfen, hinweg. Muzius mochte
+gewahren, daß ich beim Lesen des blutfordernden Handbilletts erblaßte
+und überhaupt meine Seelenstimmung bemerken. »Bruder Murr, sprach er,
+mir scheint, als ob dir das erste Duell, das du bestehen sollst, etwas
+in die Glieder führe?« -- Keinen Anstand nahm ich dem Freunde mein
+ganzes Herz zu öffnen, ihm zu sagen, was meinen Mut erschütterte.
+
+»O mein Bruder, sprach Muzius, o mein geliebter Bruder Murr! Du
+vergissest, daß damals, als der übermütige Frevler dich ausprügelte auf
+schnöde Weise, du noch ein blutjunger Neuling und kein wackrer,
+tüchtiger Bursche warst, wie jetzt. Auch war dein Kampf mit dem Bunten
+kein ordentliches Duell nach Regel und Recht, ja nicht einmal ein
+Rencontre zu nennen, sondern nichts weiter, als eine philistermäßige
+Balgerei, die unanständig ist für jeden Katzbursch. Merk' dir's, Bruder
+Murr, daß der auf unsre besondre Gaben neidische Mensch uns die Neigung
+vorwirft, uns auf ehrwidrige, beschimpfende Weise zu prügeln, und fällt
+unter seinem Geschlecht dergleichen vor, dies mit dem Schimpf- und
+Spottnamen: Katzbalgerei, bezeichnet. Schon darum wird und muß ein
+ordentlicher Kater, der Ehre im Leibe hat und auf gute Sitten hält,
+jedes böse Rencontre der Art vermeiden; er beschämt den Menschen, der
+unter gewissen Umständen sehr geneigt ist, zu prügeln und geprügelt zu
+werden. -- Also, geliebter Bruder, laß alle Furcht und Scheu fahren,
+bewahre dein tapfres Herz und sei überzeugt, daß du im ordentlichen
+Duell genugsame Rache für alle erfahrne Unbill nehmen und den bunten
+Gecken dermaßen zerkratzen kannst, daß er das dumme Liebeln und alberne
+Daherstolzieren wohl auf einige Zeit lassen wird. -- Doch halt! -- Eben
+will mich bedünken, daß nach dem, was zwischen euch vorgefallen, der
+Zweikampf auf den Kratz keinen genügenden Ausschlag geben kann, daß ihr
+euch vielmehr auf entscheidendere Weise, nämlich auf den Biß, schlagen
+müßt. -- Wir wollen die Meinung der Burschen hören! --
+
+Muzius trug in einer sehr wohlgesetzten Rede den Fall, der sich mit mir
+und dem Bunten ereignet, der Burschenversammlung vor. Alle stimmten dem
+Redner bei, und ich ließ daher dem Bunten durch Muzius sagen: ich nehme
+die Ausforderung zwar an, könnte und würde bei der Schwere der
+erlittenen Beschimpfung mich aber nicht anders schlagen, als auf den
+Biß. Der Bunte wollte zwar Einwendungen machen, vorschützen, er habe
+stumpfe Zähne u. s. w.; da aber Muzius ihm nach seiner ernsten und
+festen Weise erklärte, daß hier nur durchaus von dem entscheidenderen
+Duell auf den Biß die Rede sein könne und daß, wenn er dies nicht
+eingehen wolle, er den niederträchtigen Spitz auf sich sitzen lassen
+müßte, entschloß er sich zu diesem Duell auf den Biß. -- Die Nacht, in
+der der Zweikampf vor sich gehen sollte, kam heran. Ich stellte mich auf
+dem Dache des Hauses, das an der Grenze des Reviers lag, mit Muzius um
+die bestimmte Stunde ein. Auch mein Gegner kam bald mit einem
+stattlichen Kater, der beinahe bunter gefleckt war und noch viel
+trotzigere, keckere Züge im Antlitz trug, als er selbst. Er war, wie wir
+vermuten konnten, sein Sekundant; beide hatten verschiedene Feldzüge als
+Kameraden zusammen gemacht und befanden sich auch beide bei der
+Eroberung des Speichers, die dem Bunten den Orden des gebrannten Specks
+erwarb. Außerdem hatte sich, wie ich nachher erfuhr, auf des um- und
+vorsichtigen Muzius Anlaß, eine kleine, lichtgraue Katze eingefunden,
+die sich ganz außerordentlich auf Chirurgie verstehen und die
+schlimmsten, gefährlichsten Wunden zweckmäßig behandeln und in kurzer
+Zeit heilen sollte. -- Es wurde noch verabredet, daß der Zweikampf in
+drei Sprüngen stattfinden und falls bei dem dritten Sprunge noch nichts
+Entscheidendes geschehen, weiter beschlossen werden sollte, ob das Duell
+in neuen Sprüngen fortzusetzen, oder die Sache als abgemacht anzusehen.
+Die Sekundanten maßen die Schritte aus, und wir setzten uns gegenüber in
+Positur. Der Sitte gemäß erhoben die Sekundanten ein Zetergeschrei und
+wir sprangen aufeinander los.
+
+Im Augenblick hatte mein Gegner, indem ich ihn fassen wollte, mein
+rechtes Ohr gepackt, das er dermaßen zerbiß, daß ich wider Willen laut
+aufschrie. »Auseinander!« rief Muzius. Der Bunte ließ ab, wir gingen in
+die Position zurück.
+
+Neuer Zeter der Sekundanten, zweiter Sprung. Nun glaubte ich meinen
+Gegner besser zu fassen, aber der Verräter duckte sich und biß mir in
+die linke Pfote, daß das Blut in dicken Tropfen hervorquoll.
+-- »Auseinander! rief Muzius zum zweitenmal. »Eigentlich ist nun die
+Sache ausgemacht,« sprach der Sekundant meines Gegners sich zu mir
+wendend, da Sie, mein Bester, durch die bedeutende Wunde an der Pfote
+_hors de combat_ gesetzt sind.« Doch Zorn, tiefer Ingrimm ließen mich
+keinen Schmerz fühlen und ich entgegnete, daß es sich bei dem dritten
+Sprunge finden würde, inwiefern es mir an Kraft gebräche und die Sache
+als abgemacht anzusehen. »Nun, sprach der Sekundant mit höhnischem
+Lachen, wenn Sie denn durchaus von der Pfote Ihres Ihnen überlegenen
+Gegners fallen wollen, so geschehe Ihr Wille! -- Doch Muzius klopfte mir
+auf die Schultern und rief: Brav, brav mein Bruder Murr, ein echter
+Bursche achtet solch einen Ritz nicht! -- Halte dich tapfer!
+
+Zum drittenmal Zeter der Sekundanten, dritter Sprung! -- Meiner Wut
+ungeachtet, hatte ich die List meines Gegners gemerkt, der immer etwas
+seitwärts sprang, weshalb ich ihn fehlte, während er mich mit Sicherheit
+packte. -- Diesmal nahm ich mich in acht, sprang auch seitwärts und als
+er mich zu fassen glaubte, hatte ich ihn schon dermaßen in den Hals
+gebissen, daß er nicht schreien, nur stöhnen konnte. »Auseinander!« rief
+jetzt der Sekundant meines Gegners. Ich sprang sogleich zurück, der
+Bunte sank aber ohnmächtig nieder, indem das Blut reichlich aus der
+tiefen Wunde hervorquoll. Die hellgraue Katze eilte sogleich auf ihn zu
+und bediente sich, um vor dem Verbande das Blut einigermaßen zu stillen,
+eines Hausmittels, das, wie Muzius versicherte, ihr stets zu Gebote
+stand, da sie es immer bei sich führte. Sie goß nämlich sofort eine
+Flüssigkeit in die Wunde und besprengte überhaupt den Ohnmächtigen ganz
+und gar damit, die ich ihres scharfen, beizenden Geruchs halber für
+stark und drastisch wirkend halten mußte. Thedensche Arkebusade war es
+nicht, auch nicht Eau de Cologne. -- Muzius drückte mich feurig an seine
+Brust und sprach: Bruder Murr, du hast deine Ehrensache ausgefochten,
+wie ein Kater, dem das Herz auf dem rechten Flecke sitzt. -- Murr, du
+wirst dich erheben zur Krone des Burschentums, du wirst keinen Makel
+dulden und stets bei der Hand sein, wenn es darauf ankommt, unsre Ehre
+zu erhalten. -- Der Sekundant meines Gegners, der so lange dem hellgrauen
+Chirurgus beigestanden, trat nun trotzig auf und behauptete, daß ich im
+dritten Gange gegen den Komment gefochten. Da setzte sich aber Bruder
+Muzius in Positur und erklärte mit funkelnden Augen und
+hervorgestreckten Krallen, daß der, der solches behaupte, es mit ihm zu
+tun habe und daß die Sache gleich auf der Stelle ausgemacht werden
+könne. Der Sekundant hielt es für geraten, nichts weiter darauf zu
+erwidern, sondern packte stillschweigend den wunden Freund, der was
+weniges zu sich selbst gekommen, auf den Rücken und marschierte mit ihm
+ab durch die Dachluke. -- Der aschgraue Chirurgus fragte an, ob er
+meiner Wunden halber mich auch etwa mit seinem Hausmittel bedienen
+solle. Ich lehnte das aber ab, so sehr mich auch Ohr und Pfote
+schmerzten, sondern machte mich im Hochgefühl des errungenen Sieges, der
+gestillten Rache für Miesmies Entführung und erhaltene Prügel, auf den
+Weg nach Hause.
+
+Für dich, o Katerjüngling! habe ich mit gutem Bedacht, die Geschichte
+meines ersten Zweikampfs so umständlich aufgeschrieben. Außerdem, daß
+dich diese merkwürdige Geschichte über den Ehrenpunkt belehrt ganz und
+gar, so kannst du auch noch manche für das Leben nützliche Moral daraus
+schöpfen. Wie z. B. daß Mut und Tapferkeit gar nichts ausrichten gegen
+Finten und daß daher das genaue Studium der Finten unerläßlich ist, um
+nicht zu Boden getreten zu werden, sondern sich aufrecht zu erhalten.
+_Chi no se ajuta, se nega,_ sagt Brighella in Gozzis glücklichem Bettler
+und der Mann hat recht, vollkommen recht. Sieh das ein, Katerjüngling
+und verachte keinesweges Finten, denn in ihnen liegt, wie im reichen
+Schacht, die wahre Lebensweisheit verborgen.
+
+-- Als ich herabkam, fand ich des Meisters Tür verschlossen und mußte
+daher mit der Strohmatte, die davor lag, als Nachtlager vorlieb nehmen.
+Die Wunden hatten mir einen starken Blutverlust verursacht, und mir
+wurde in der Tat etwas ohnmächtig zu Mute. Ich fühlte mich sanft
+fortgetragen. Es war mein guter Meister, der (ich mochte wohl, ohne es
+zu wissen, etwas gewinselt haben) mich vor der Tür gehört, aufgemacht
+und meine Wunden bemerkt hatte. »Armer Murr, rief er, was haben sie mit
+dir gemacht? das hat tüchtige Bisse gegeben -- nun ich hoffe, du wirst
+deinen Gegnern nichts geschenkt haben!« Meister, dacht ich, wenn du
+wüßtest! und aufs Neue fühlte ich mich von dem Gedanken des vollständig
+erfochtenen Sieges, der Ehre, die ich mir gewonnen, gar mächtig erhoben.
+-- Der gute Meister legte mich auf mein Lager, holte aus dem Schrank
+eine kleine Büchse, in der Salbe befindlich, hervor, bereitete zwei
+Pflaster und legte sie mir auf Ohr und Pfote. Ruhig und geduldig ließ
+ich alles geschehen und stieß nur ein kleines, leises Mrrr! aus, als der
+erste Verband mich etwas schmerzen wollte! -- »Du bist, sprach der
+Meister, ein kluger Kater, Murr! du verkennst nicht, wie andre knurrige
+Wildfänge deines Geschlechts, die gute Absicht deines Herrn. Halt dich
+nur ruhig, und wenn es Zeit ist, daß du die Wunde an der Pfote heil
+leckst, so wirst du schon selbst den Verband lösen. Was aber das wunde
+Ohr betrifft, so kannst du nichts dafür tun, armer Geselle, und mußt das
+Pflaster leiden.«
+
+Ich versprach das dem Meister und reichte zum Zeichen meiner
+Zufriedenheit und Dankbarkeit für seine Hilfe ihm meine gesunde Pfote
+hin, die er wie gewöhnlich nahm und leise schüttelte, ohne sie im
+mindesten zu drücken. -- Der Meister verstand mit gebildeten Katern
+umzugehen.
+
+Bald spürte ich die wohltätige Wirkung der Pflaster und war froh, daß
+ich des kleinen aschgrauen Chirurgus fatales Hausmittel nicht
+angenommen. Muzius, der mich besuchte, fand mich heiter und kräftig.
+Bald war ich im Stande, ihm zu folgen zur Burschenkneiperei. Man kann
+denken, mit welchem unbeschreiblichen Jubel ich empfangen wurde. Allen
+war ich doppelt lieb geworden.
+
+Von nun an führte ich ein köstliches Burschenleben und übersah es gern,
+daß ich dabei die besten Haare aus dem Pelz verlor. -- Doch gibt es
+hienieden ein Glück, das von Dauer sein sollte? Lauert bei jeder Freude,
+die man genießt, nicht schon der --
+
+=(Mak. Bl.)= -- hohen und steilen Hügel, im flachen Lande hätte er für
+einen Berg gegolten, belegen. Ein breiter, bequemer, von duftendem
+Gebüsch eingeschlossener Weg, an dessen beiden Seiten häufig angebrachte
+steinerne Sitze und Lauben die gastliche Sorge für die wandernden Pilger
+bewiesen, führte hinauf. Oben angekommen, gewahrte man erst die Größe
+und Pracht des Gebäudes, das man in der Ferne nur für eine einzeln
+dastehende Kirche gehalten. Wappen, Bischofsmütze, Krummstab und Kreuz,
+über dem Tor in Stein gehauen, zeigten, daß sonst hier eine bischöfliche
+Residenz gewesen und die Inschrift: _Benedictus, qui venit in nomine
+domini,_ lud fromme Gäste ein, zum Eintritt. Aber jeder, der eingetreten,
+blieb wohl unwillkürlich stehen, überrascht, erfaßt von dem Anblick der
+Kirche, die mit ihrer prächtigen, im Stil des Palladio erbauten Fassade,
+mit ihren beiden hohen, luftigen Türmen in der Mitte stand, als
+Hauptgebäude, an das sich von beiden Seiten Flügel anschlossen. In dem
+Hauptgebäude, befanden sich noch die Zimmer des Abts, in den
+Seitenflügeln dagegen die Wohnungen der Mönche, das Refektorium, andere
+Versammlungssäle, sowie auch Zimmer zur Aufnahme einkehrender Fremden.
+Unfern dem Kloster lagen die Wirtschaftsgebäude, die Meierei, das Haus
+des Amtmanns; tiefer im Tal umflocht aber das schöne Dorf Kanzheim den
+Hügel mit der Abtei wie ein bunter, üppiger Kranz.
+
+Dieses Tal breitete sich aus bis an den Fuß des fernen Gebirges.
+Zahlreiche Herden weideten in den von spiegelhellen Bächen
+durchschnittenen Wiesengründen, fröhlich zogen die Landleute aus den
+Dörfern, die hin und wieder verstreut lagen, durch die reichen
+Kornfelder, jubelnder Gesang der Vögel scholl aus den anmutigen
+Gebüschen, sehnsüchtiger Hörnerschall rief herüber aus der fernen,
+dunklen Waldung, beschwingt mit weißen Segeln glitten schwer beladene
+Kähne auf dem breiten Fluß, der das Tal durchströmte schnell vorüber und
+man vernahm die frohen Grüße der Schiffer. Überall üppige Fülle,
+reichlich gespendeter Segen der Natur, überall reges, ewig
+forttreibendes Leben. Die Aussicht in die lachende Landschaft vom Hügel
+herab aus den Fenstern der Abtei, erhob das Gemüt und erfüllte es
+zugleich mit innigem Wohlbehagen.
+
+Mocht' es sein, daß man dem innern Schmuck der Kirche, der edlen,
+grandiosen Grundlage unerachtet, bei dem vielen bunten, vergoldeten
+Schnitzwerk und der kleinlichen Bilderei mit Recht den Vorwurf der
+Überladung, des mönchischen Ungeschmacks machen konnte, so fiel dafür
+der reine Stil, in welchem die Zimmer des Abtes gebaut und verziert
+waren, destomehr in's Auge. Aus dem Chor der Kirche trat man unmittelbar
+in einen geräumigen Saal, der zur Versammlung der Geistlichen und
+zugleich zur Aufbewahrung der Instrumente und Musikalien diente. Aus
+diesem Saal führte ein langer Korridor, der eine ionische Säulenstellung
+bildete, in die Gemächer des Abts. Seidene Tapeten, auserlesene Gemälde
+der besten Meister aus verschiedenen Schulen, Büsten, Statuen großer
+Männer der Kirche, Teppiche, zierlich ausgelegte Fußböden, kostbares
+Gerät, alles deutete hier auf den Reichtum des wohl dotierten Klosters.
+Dieser Reichtum, der in dem Ganzen herrschte, war aber nicht jener
+glänzende Prunk, der das Auge blendet, ohne ihm wohlzutun und der
+Staunen, aber nicht Wohlbehagen erzeugt. Alles war an seiner rechten
+Stelle angebracht, nichts wollte prahlerisch die Aufmerksamkeit für sich
+allein fesseln und die Wirkung des andern zerstören, und so dachte man
+nicht an die Kostbarkeit dieses, jenes einzelnen Schmucks, sondern
+fühlte sich vom Ganzen gemütlich angeregt. Das durchaus =Gehörige= in der
+Anordnung brachte diesen gemütlichen Eindruck hervor, und eben das
+richtig entscheidende Gefühl des Gehörigen möchte wohl das sein, was man
+guten Geschmack zu nennen pflegt. Das Bequeme, Wohnliche dieser Gemächer
+des Abts, grenzte an das Üppige, ohne in der Tat üppig zu werden, und so
+durfte es keinen Anstoß geben, daß ein Geistlicher alles dies selbst
+angeordnet und herbeigeschafft. Der Abt Chrysostomus hatte, als er vor
+wenigen Jahren nach Kanzheim kam, die abteiliche Wohnung einrichten
+lassen, wie sie sich jetzt fand, und sein ganzer Charakter, seine ganze
+Art zu sein, sprach sich schon lebhaft aus in dieser Einrichtung, ehe
+man ihn selbst sah und bald die hohe Stufe seiner geistigen Bildung
+gewahrte. Noch in den vierziger Jahren, groß, wohlgebaut, geistvollen
+Ausdruck im männlich schönen Antlitz, Anmut und Würde im ganzen
+Betragen, flößte der Abt jedem, der sich ihm nahte, die Ehrfurcht ein,
+die sein Stand forderte. Eifriger Kämpfer für die Kirche, rastloser
+Verfechter der Rechte seines Ordens, seines Klosters, schien er doch
+nachgiebig und duldsam. Aber eben diese scheinbare Nachgiebigkeit war
+eine Waffe, die er wohl zu führen und damit jeden Widerstand, selbst den
+der obersten Gewalt, zu besiegen wußte. Durfte man denn auch ahnen, daß
+hinter einfachen, salbungsreichen Worten, die aus dem treusten Herzen zu
+kommen schienen sich mönchische Schlauheit verberge, so gewahrte man nur
+die Gewandtheit eines eminenten Geistes, der in die tiefern Verhältnisse
+der Kirche eingedrungen. Der Abt war ein Zögling der Propaganda in Rom.
+-- Selbst gar nicht geneigt, den Ansprüchen des Lebens zu entsagen,
+insofern sie mit geistlicher Sitte und Ordnung verträglich, ließ er
+seinen zahlreichen Untergebenen alle Freiheit, die sie nur nach ihrem
+Stande fordern konnten. So kam es denn, daß, während einige dieser,
+jener Wissenschaft ergeben, in einsamer Zelle studierten, andere lustig
+umherschwärmten in dem Park der Abtei und sich erlustigten im heitern
+Gespräch, während einige, zu schwärmerischer Andacht geneigt, fasteten
+und ihre Zeit hinbrachten in stetem Gebet, andere sich es wohlschmecken
+ließen an der reichbesetzten Tafel und ihre religiösen Übungen auf die
+Ordensregel beschränkten, während einige die Abtei nicht verlassen
+mochten, andere sich auf weitere Wege begaben, auch wohl, kam die Zeit
+heran, das lange Priestergewand vertauschten mit dem kurzen Jägerrock
+und sich als wackre Weidmänner herumtummelten. Waren nun aber die
+Meinungen der Brüder verschieden und durfte jeder der seinigen
+nachhängen, wie er wollte, so kamen sie alle in der enthusiastischen
+Vorliebe für die Musik überein. Beinahe ein jeder war ausgebildeter
+Musiker, und es gab Virtuosen unter ihnen, die der besten fürstlichen
+Kapelle Ehre gemacht haben würden. Eine reiche Musikaliensammlung, eine
+Auswahl der vortrefflichsten Instrumente setzte jeden in den Stand, die
+Kunst zu treiben, wie er wollte, und häufige Aufführungen auserlesener
+Werke erhielten jeden in praktischer Übung.
+
+Eben diesem musikalischen Treiben gab nun Kreislers Ankunft in der
+Abtei einen neuen Schwung. Die Gelehrten schlugen ihre Bücher zu, die
+Andächtigen kürzten ihre Gebete ab, alle versammelten sich um Kreisler,
+den sie liebten und dessen Werke sie hochschätzten, wie keine anderen.
+Der Abt selbst hing ihm an mit inniger Freundschaft und er, sowie alle
+übrigen beeiferten sich, ihm ihre Achtung, ihre Liebe darzutun, wie sie
+es nur vermochten. War nun die Gegend, in der die Abtei lag, ein
+Paradies zu nennen, gewährte das Leben im Kloster die bequemste
+Behaglichkeit, wozu ein leckrer Tisch und edler Wein, für den der Vater
+Hilarius sorgte, wohl auch zu rechnen, herrschte unter den Brüdern die
+gemütliche Heiterkeit, welche von dem Abt selbst ausging, schwamm
+überdem Kreisler, den die Kunst rastlos beschäftigte, recht in seinem
+Elemente, so konnt' es nicht fehlen, daß sein bewegtes Gemüt ruhig
+wurde, wie seit langer Zeit nicht mehr. Selbst der Zorn seines Humors
+dämpfte sich, er wurde sanft und weich wie ein Kind. Aber noch mehr als
+das alles, er glaubte an sich selbst, verschwunden war jener
+gespenstische Doppelgänger, der emporgekeimt aus den Blutstropfen der
+zerrissenen Brust.
+
+Irgendwo[A] heißt es von dem Kapellmeister Johannes Kreisler, daß seine
+Freunde es nicht dahin hätten bringen können, daß er eine Komposition
+aufgeschrieben, und sei dies wirklich einmal geschehen, so habe er doch
+das Werk, so viel Freude er auch über das Gelingen geäußert, gleich
+nachher in's Feuer geworfen. So mag es sich begeben haben in einer sehr
+verhängnisvollen Zeit, die dem armen Johannes den rettungslosen
+Untergang drohte, von der gegenwärtiger Biograph bis jetzt aber nicht
+recht viel weiß. Jetzt in der Abtei Kanzheim wenigstens hütete sich
+Kreisler wohl, die Kompositionen zu vernichten, die recht aus seinem
+Innersten hervorgingen, und seine Stimmung sprach sich in dem Charakter
+süßer, wohltuender Wehmut aus, den seine Werke trugen, statt daß er
+sonst nur zu oft im mächtigen Zauber aus der Tiefe der Harmonik die
+gewaltigen Geister heraufbeschwor, die die Furcht, das Entsetzen, alle
+Qualen hoffnungsloser Sehnsucht aufregen in der menschlichen Brust. --
+
+[Fußnote A: Phantasiestücke in Callots Manier. Neue Ausgabe. T. 1,
+Seite 32.]
+
+-- Man hatte eines Abends im Chor der Kirche die letzte Probe eines
+Hochamts gehalten, mit dem Kreisler fertig worden und das am folgenden
+Morgen aufgeführt werden sollte. Die Brüder waren zurückgekehrt in ihre
+Zellen, Kreisler allein weilte in dem Säulengange und schaute hinaus in
+die Gegend, die im Schimmer der letzten Strahlen der sinkenden Sonne vor
+ihm lag. Da war es ihm, als vernähme er aus weiter Ferne noch einmal
+sein Werk, das ihm eben lebendig dargestellt von den Brüdern. Als nun
+aber das _Agnus Dei_ kam, da erfaßte ihn aufs Neue und stärker die
+namenlose Wonne jener Augenblicke, in denen ihm dieses _Agnus_
+aufgegangen. »Nein, rief er aus, indem glühende Tränen seine Augen
+füllten; -- nein! -- ich bin es nicht, du allein! du, mein einziger
+Gedanke, du mein einziges Sehnen!« --
+
+Wunderbar war es wohl, auf welche Weise Kreisler diesen Satz, in welchem
+der Abt, die Brüder den Ausdruck der brünstigsten Andacht, der
+himmlischen Liebe selbst fanden, hervorgebracht hatte. Ganz erfüllt von
+dem Hochamt, das er zu setzen begonnen, aber noch lange nicht vollendet
+hatte, träumte er in einer Nacht, der Heiligentag, für den die
+Komposition bestimmt, sei da, das Hochamt eingeläutet, er stehe an dem
+Pult, die fertige Partitur vor sich, der Abt, selbst Messe lesend,
+intoniere und sein _Kyrie_ fange an. --
+
+Satz auf Satz folge nun, die Aufführung, gediegen und kraftvoll,
+überrasche ihn, reiße ihn fort bis zum _Agnus Dei._ Da gewahre er zu
+seinem Schreck in der Partitur weiße Blätter, keine Note aufgeschrieben,
+die Brüder schauten ihn, der plötzlich den Taktstock sinken lassen, an,
+gewärtig, daß er endlich anfangen, daß die Stockung endlich aufhören
+werde. Aber bleischwer drücke ihn Verlegenheit und Angst nieder und er
+könne, ungeachtet er das ganze _Agnus_ fertig in seiner Brust bewahre, nur
+es nicht herausbringen in die Partitur. Da erschiene aber plötzlich eine
+holde Engelsgestalt, trete an den Pult, sänge das _Agnus_ mit Tönen des
+Himmels und diese Engelsgestalt wäre Julia! -- Im Entzücken hoher
+Begeisterung erwachte Kreisler und schrieb das _Agnus_ auf, das im seligen
+Traum ihm aufgegangen. -- Und diesen Traum träumte Kreisler nun noch
+einmal, er vernahm Julias Stimme, höher und höher schlugen die Wellen
+des Gesanges, als nun der Chor einfiel: _Dona nobis pacem,_ er wollte
+untergehen in dem Meer von tausend seligen Wonnen, das ihn überströmte.
+
+Ein leiser Schlag auf die Schulter weckte Kreisler aus der Ekstase, in
+die er geraten. Es war der Abt, der vor ihm stand und ihn mit
+Wohlgefallen anblickte.
+
+»Nicht wahr, begann der Abt, nicht wahr, mein Sohn Johannes! was Du
+tief in Deinem Gemüt empfunden, was Dir gelang, herrlich und kräftig in
+das Leben zu rufen, das erfreut jetzt Deine ganze Seele? -- Ich meine,
+Du dachtest an Dein Hochamt, das ich zu den besten Werken zähle, die Du
+jemals geschaffen.«
+
+Kreisler starrte den Abt stillschweigend an, noch war er keines Wortes
+mächtig.
+
+»Nun nun, fuhr der Abt lächelnd fort, steige herab aus der obern Region,
+zu der Du Dich hinaufgeschwungen! -- Ich glaube gar, Du komponierst in
+Gedanken und lässest so nicht ab von der Arbeit, die Dir freilich eine
+Lust ist, wiewohl eine gefährliche, da sie zuletzt Deine Kräfte
+aufzehrt. Entschlage Dich jetzt aller schaffenden Gedanken, laß uns in
+diesem kühlen Gange auf- und abwandeln und unbefangen miteinander
+plaudern.
+
+Der Abt sprach nun von den Einrichtungen des Klosters, von der
+Lebensweise der Mönche, rühmte den wahrhaft heiter frommen Sinn, den
+alle in sich trügen und fragte zuletzt den Kapellmeister, ob er (der
+Abt) sich nicht täusche, wenn er bemerkt zu haben glaube, daß Kreisler
+seit den Monaten, daß er sich in der Abtei befinde, ruhiger,
+unbefangener, dem tätigen Forttreiben in der hohen Kunst, die den Dienst
+der Kirche verherrliche, geneigter geworden.
+
+Kreisler konnte nicht anders, als dies zugeben und überdies versichern,
+daß die Abtei sich ihm aufgetan wie ein Asyl, in das er geflüchtet und
+daß er sich hier so heimisch dünke, als sei er wirklich Ordensbruder und
+werde das Kloster niemals mehr verlassen.
+
+»Lassen Sie mir, ehrwürdiger Herr!« so endete Kreisler, »die Täuschung,
+die dies Kleid befördert. Lassen Sie mich glauben, daß von bedrohlichem
+Sturm verschlagen, mich die Gunst des versöhnten Geschicks an einem
+Eilande stranden ließ, wo ich geborgen, wo nie mehr der schöne Traum
+zerstört werden kann, der nichts anders ist, als die Begeisterung der
+Kunst selbst.«
+
+In der Tat, mein Sohn Johannes, erwiderte der Abt, indem eine besondere
+Freundlichkeit sein Antlitz überstrahlte, das Kleid, das Du angelegt, um
+als unser Bruder zu erscheinen, steht Dir wohl, und ich wollte, daß Du
+es nie wieder ablegtest. Du bist der würdigste Benediktiner, den man nur
+sehen kann.
+
+Doch, fuhr der Abt nach einem kurzem Stillschweigen fort, indem er
+Kreislers Hand faßte, kein Scherz ist hier zu treiben. Sie wissen, mein
+Johannes! wie lieb Sie mir gewesen sind seit dem Augenblick, als ich Sie
+kennen lernte, wie meine innige Freundschaft, sich mit der hohen Achtung
+für Ihr ausgezeichnetes Talent paarend, immer höher gestiegen ist. Für
+den, den man liebt, wird man mit Sorge erfüllt und eben diese Sorge war
+es, die mich Sie seit der Zeit Ihres Aufenthalts im Kloster bis zur
+Ängstlichkeit beobachten ließ. Das Resultat dieser Beobachtungen brachte
+mich zu einer Überzeugung, die ich nicht aufgeben darf! Längst wollt'
+ich Ihnen in dieser Hinsicht mein ganzes Herz öffnen, ich wartete auf
+einen günstigen Augenblick, er ist gekommen! -- Kreisler! Entsagen Sie
+der Welt, treten Sie in unsern Orden!
+
+So sehr sich auch Kreisler in der Abtei gefiel, so willkommen es ihm
+war, einen Aufenthalt verlängern zu können, der ihm Ruhe und Frieden
+gab, indem er seine rege, künstlerische Tätigkeit in Anspruch nahm, doch
+überraschte ihn der Antrag des Abts auf beinahe unangenehme Weise, da er
+an nichts weniger mit wirklichem Ernst gedacht, als seine Freiheit
+aufgebend, sich unter die Mönche stecken zu lassen auf immer, wiewohl
+ihm manchmal schon solch eine Grille aufgestiegen und dies vom Abt
+bemerkt sein mochte. Ganz verwundert schaute er den Abt an, der ihn aber
+nicht zum Worte kommen ließ, sondern fortfuhr: Hören Sie mich erst ruhig
+an, Kreisler, ehe Sie mir antworten. Wohl muß es mir angelegen sein der
+Kirche einen tüchtigen Diener zu gewinnen, indessen verwirft die Kirche
+selbst jede künstliche Überredung und will nur, daß der innere Funke der
+wahren Erkenntnis angeregt werde, damit er zur hell lodernden Flamme des
+Glaubens aufleuchte und jede Betörung vernichte. Und so will ich nur
+das, was dunkel und verworren vielleicht in Ihrer eignen Brust liegt,
+entfalten, Ihnen selbst zur deutlichen Erkenntnis bringen. Darf ich zu
+Ihnen, mein Johannes! denn von den aberwitzigen Vorurteilen sprechen,
+die man in der Welt gegen das Klosterleben hegt? -- Immer muß den Mönch
+irgendein ungeheures Schicksal in die Klause getrieben haben, wo er
+aller Lust der Welt entsagend unter beständiger Qual ein trostloses
+Leben vertrauert. So wäre das Kloster der finstre Kerker, wo die
+trostloste Trauer um ewig verlornes Gut, die Verzweiflung, der Wahnsinn
+erfinderischer Selbstqual sich eingesperrt, wo abgehärmte bleiche
+Todesgestalten ein elendes Dasein hinschleppten und ihre herzzermalmende
+Angst aushauchten in dumpf murmelnden Gebeten!
+
+Kreisler konnte sich nicht eines Lächelns erwehren, denn er gedachte,
+als der Abt von abgehärmten bleichen Todesgestalten sprach, so manches
+wohlgenährten Benediktiners und vorzüglich des wackern rotwangigten
+Hilarius, der keine größere Qual kannte, als Wein zu trinken von
+schlechtem Gewächs und nur die Angst, die ihm eine neue Partitur
+verursachte, welche er nicht gleich verstand.
+
+Sie belächeln, sprach der Abt weiter, den Kontrast des Bildes, das ich
+aufstellte mit dem Klosterleben, wie Sie es hier kennen gelernt, und
+haben gewiß Ursache dazu. -- Mag es auch sein, daß mancher zerrissen von
+irdischem Leid, alles Glück, alles Heil der Welt für immer aufgebend, in
+das Kloster flieht, wohl ihm dann, daß die Kirche ihn aufnimmt und er in
+ihrem Schoß einen Frieden findet, der allein ihn über alles erlittene
+Ungemach trösten und ihn erheben kann über das verderbliche Geschick im
+weltlichen Treiben. Aber wie viele gibt es, die der wahre innere Hang
+zum andächtigen kontemplativen Leben in das Kloster führt, die ungefügig
+in der Welt, jeden Augenblick verstört durch das Andringen aller
+kleinlichen Verhältnisse, wie sie sich nun einmal im Leben erzeugen, nur
+in selbstgewählter Einsamkeit sich wohl befinden. Dann gibt es aber
+andere, die ohne entschiedenen Hang zum klösterlichen Leben doch
+nirgends anders hingehören, als eigentlich ins Kloster. -- Ich meine
+diejenigen, die Fremdlinge in der Welt sind und bleiben, weil sie einem
+höheren Sein angehören und die Ansprüche dieses höheren Seins für die
+Bedingung des Lebens halten, so aber rastlos das verfolgend, was
+hienieden nicht zu finden, ewig dürstend in nie zu befriedigender
+Sehnsucht, hin und her schwanken und vergeblich Ruhe suchen und Frieden,
+deren offne Brust jeder abgeschossene Pfeil trifft, für deren Wunden es
+keinen Balsam gibt, als die bittre Verhöhnung des stets wider sie
+bewaffneten Feindes. Nur die Einsamkeit, ein einförmiges Leben ohne
+feindliche Unterbrechung und vor allem das stete freie Aufschauen zur
+Lichtwelt, der sie angehören, kann das Gleichgewicht herstellen und sie
+im Innern eine überirdische Zufriedenheit fühlen lassen, die in dem
+wirren Treiben der Welt nicht zu erringen. -- Und Sie -- Sie mein
+Johannes gehören zu diesen Menschen, die die ewige Macht im Druck des
+Irdischen hoch erhebt zum Himmlischen. Das rege Gefühl des höhern Seins,
+das Sie ewig mit dem schalen irdischen Treiben entzweien wird, entzweien
+muß, strahlt mächtig heraus in der Kunst, die einer andern Welt gehört
+und die, ein heiliges Geheimnis der himmlischen Liebe, mit Sehnsucht in
+ihrer Brust verschlossen. Die glühendste Andacht selbst in diese Kunst
+und ihr ganz ergeben haben Sie nichts mehr gemein mit einer
+buntscheckigen Welttändelei, die Sie von sich werfen mit Verachtung, wie
+der zum Jüngling gereifte Knabe das abgenutzte Spielzeug. -- Entfliehen
+Sie für immer den aberwitzigen Neckereien hohnlächelnder Toren, die Sie,
+mein armer Johannes, oft gequält haben bis auf's Blut! -- Der Freund
+breitet die Arme aus Sie zu empfangen, Sie einzuführen in den sichern
+Port, den kein Gewittersturm bedroht! --
+
+Tief, sprach mein Johannes, da der Abt schwieg, ernst und düster, tief
+fühle ich die Wahrheit ihrer Worte, mein ehrwürdiger Freund! tief, daß
+ich wirklich nicht in eine Welt tauge, die sich mir gestaltet wie ein
+ewiges rätselhaftes Mißverständnis. Und doch -- ich gestehe es frei,
+erregt mir der Gedanke Schauer, auf Kosten so mancher Überzeugung, die
+ich mit der Muttermilch eingesogen, dies Kleid zu tragen, wie einen
+Kerker, aus dem ich nimmer wieder heraus kann. Es ist mir, als wenn dem
+Mönch Johannes dieselbe Welt, in der der Kapellmeister Johannes doch so
+manches hübsche Gärtlein voll duftender Blumen fand, plötzlich eine öde
+unwirtbare Wüste sein würde, als wenn einmal in das rege Leben
+verflochten, die Entsagung -- Entsagung? -- unterbrach der Abt den
+Kapellmeister mit erhöhter Stimme. Gibt es für Dich, Johannes, eine
+Entsagung, wenn der Geist der Kunst immer mächtiger wird in Dir, wenn Du
+mit starkem Fittich Dich erhebst in die leuchtenden Wolken? -- Welche
+Lust des Lebens gibt es denn noch, die Dich betören könnte? -- Doch (so
+fuhr der Abt mit sanfterer Stimme fort) wohl hat die ewige Macht ein
+Gefühl in unsere Brust gelegt, das mit unbesiegbarer Gewalt unser ganzes
+Wesen erschüttert; es ist das geheimnisvolle Band, das Geist und Körper
+verbindet, indem jener nach dem höchsten Ideal einer chimärischen
+Glückseligkeit zu streben vermeint und doch nur will, was dieser als
+notwendiges Bedürfnis in Anspruch nimmt, und so eine Wechselwirkung
+entsteht, die in der Fortexistenz des menschlichen Geschlechts bedingt
+ist. -- Nicht hinzufügen darf ich, daß ich von der Geschlechtsliebe
+spreche und daß ich es allerdings für nichts Geringes achte, ihr ganz zu
+entsagen. -- Doch Johannes! wenn Du entsagst, so rettest Du Dich vom
+Verderben; niemals, niemals kannst Du, wirst Du des eingebildeten Glücks
+der irdischen Liebe teilhaftig werden. Der Abt sprach die letzten Worte
+so feierlich, mit solcher Salbung, als läge das Buch des Schicksals
+offen vor ihm und er verkündige daraus dem armen Kreisler alles
+bedrohliche Leid, dem zu entgehen, er sich hineinretten müsse ins
+Kloster.
+
+Da begann aber auf Kreislers Antlitz jenes seltsame Muskelspiel, das
+den Geist der Ironie zu verkünden pflegte, der seiner mächtig worden.
+Hoho! sprach er, Ew. Hochehrwürden haben unrecht, haben durchaus
+unrecht. Ew. Hochwürden irren sich in meiner Person, werden konfuse
+durch das Gewand, das ich angelegt, um _en masque_ einige Zeit hindurch
+die Leute zu foppen und selbst unerkannt, ihnen ihre Namen in die Hand
+zu schreiben, damit sie wissen, woran sie sind! -- Bin ich denn nicht
+ein passabler Mensch, noch in den besten Jahren, von leidlich hübschem
+Ansehn und sattsam gebildet und artig? -- Kann ich nicht den schönsten
+schwarzen Frack ausbürsten, ihn anlegen und was die Unterkleider
+betrifft, ganz Seide keck hintreten vor jede rotwangigte Professors, vor
+jede blau- oder braunäugigte Hofrats Tochter, und alle Süßigkeit des
+zierlichsten Amoroso in Gebärde, Antlitz und Ton, ohne weiteres fragen:
+Allerschönste, wollen Sie mir Ihre Hand geben und Ihre ganze werte
+Person dazu, als Attinenz derselben? Und die Professors Tochter würde
+die Augen niederschlagen und ganz leise lispeln: Sprechen Sie mit Papa!
+oder die Hofrats Tochter mir gar einen schwärmerischen Blick zuwerfen
+und dann versichern, wie sie schon lange im stillen die Liebe bemerkt,
+der ich nun erst Sprache geliehen und beiläufig vom Besatz des
+Brautkleides sprechen. Und o Gott, die respektiven Herrn Väter, wie gern
+würden sie die Töchter losschlagen auf das Gebot einer solchen
+respektablen Person, als es ein großherzoglicher Exkapellmeister ist!
+-- Aber ich könnte mich auch versteigen in das höhere Romantische, eine
+Idylle beginnen und der glauen Pachterstochter mein Herz offerieren und
+meine Hand, wenn sie eben Ziegenkäse bereitet, oder, ein zweiter Notar
+Pistofolus, in die Mühle laufen und meine Göttin suchen in den
+Himmelswolken des Mehlstaubs! -- Wo würde ein treues ehrliches Herz
+verkannt werden, das nichts will, nichts verlangt als Hochzeit
+-- Hochzeit -- Hochzeit! -- Kein Glück in der Liebe? -- Ew. Hochehrwürden
+bedenken gar nicht, daß ich eigentlich recht der Mann dazu bin, um in
+=der= Liebe ganz horrend glücklich zu sein, deren einfaches Thema weiter
+nichts ist als: Willst Du mich, so nehm' ich Dich! dessen weitere
+Variationen nach dem Allegro brillante der Hochzeit dann in der Ehe
+weiter fortgespielt werden. Ew. Hochehrwürden wissen ferner nicht, daß
+ich schon vor mehrerer Zeit sehr ernsthaft daran gedacht, mich zu
+vermählen. Ich war damals freilich noch ein junger Mensch von weniger
+Erfahrung und Ausbildung, nämlich erst sieben Jahr alt, aber das drei
+und dreißigjährige Fräulein, das ich zu meiner Braut erkieset, versprach
+mir doch mit Hand und Mund keinen andern zum Mann zu nehmen als mich,
+und ich weiß selbst nicht, warum sich die Sache nachher zerschlug.
+Bemerken Ew. Hochehrwürden doch nur, daß mir das Glück der Liebe lachte
+von Kindesbeinen an und nun -- Seidene Strümpfe her -- seidene Strümpfe
+her -- Schuhe her um gleich mit beiden Freiersfüßen hineinzufahren und
+unmäßig zu rennen nach der, die schon den niedlichsten Zeigefinger
+ausgestreckt hat, damit er stracks bereist werde. -- Wäre es nicht für
+einen ehrsamen Benediktiner unanständig sich in Hasensprüngen zu
+erlustieren, ich tanzte sogleich hier auf der Stelle vor Ew.
+Hochehrwürden Augen einen Matelot, oder eine Gavotte, oder einen
+Hopswalzer aus purer Freude, die mich ganz übernimmt, wenn ich nur an
+Braut und Hochzeit denke. -- Hoho! -- was Liebesglück und Heirat
+betrifft, da bin ich ein ganzer Kerl! -- Ich wünschte, Ew. Hochehrwürden
+möchten das einsehen. -- Ich habe, erwiderte der Abt, als Kreisler nun
+endlich innehielt, Sie nicht unterbrechen mögen in Ihren seltsamen
+Scherzreden, Kapellmeister, die eben das beweisen, was ich behaupte.
+-- Wohl fühle ich auch den Stachel, der mich verwunden sollte, aber nicht
+verwundet hat! -- Wohl mir, daß ich nie an jene chimärische Liebe
+geglaubt, die körperlos in den Lüften schwebt und nichts gemein haben
+soll mit dem Bedingnis des menschlichen Prinzips! -- Wie ist es möglich,
+daß Sie, bei dieser krankhaften Spannung des Geistes -- Doch genug
+hiervon! -- Es ist an der Zeit dem bedrohlichen Feinde näher zu treten,
+der Sie verfolgt -- Haben Sie während Ihres Aufenthalts in Sieghartshof
+nicht von dem Schicksal jenes unglücklichen Malers, jenes Leonhard
+Ettlinger gehört? -- Kreislern durchfuhren die Schauer des unheimlichen
+Grauens, als der Abt diesen Namen nannte. Weggelöscht vom Antlitz war
+jede Spur jener bittern Ironie, die ihn zuvor erfaßt und er fragte mit
+dumpfer Stimme: Ettlinger? -- Ettlinger? was soll mir der? -- was habe
+ich mit dem zu schaffen? -- Nie hab' ich ihn gekannt, nur ein Spiel
+erhitzter Phantasie war es, als ich einmal wähnte, er spreche zu mir
+herauf aus dem Wasser. --
+
+Ruhig, sprach der Abt sanft und milde, indem er Kreisler's Hand faßte,
+ruhig mein Sohn Johannes! -- Nichts hast du gemein mit jenem
+Unglücklichen, den die Verirrung einer zu mächtig gewordenen
+Leidenschaft in das tiefste Verderben stürzte. Doch zum warnenden
+Beispiel mag Dir sein entsetzliches Schicksal dienen. Mein Sohn
+Johannes! -- noch auf schlüpfrigerem Wege befindest Du Dich, als jener,
+drum entflieh -- entflieh! -- Hedwiga! -- Johannes! ein böser Traum hält
+die Prinzessin fest in Banden, die unauflöslich scheinen, wenn ein
+freier Geist sie nicht durchschneidet! -- Und du? --
+
+Tausend Gedanken gingen auf in Kreisler bei diesen Worten des Abts. Er
+gewahrte, daß der Abt nicht allein mit allen Begebnissen des fürstlichen
+Hauses zu Sieghartshof, sondern auch mit dem bekannt war, was sich dort
+während seines Aufenthalts zugetragen. Klar wurd' es ihm, daß die
+krankhafte Reizbarkeit der Prinzessin wohl in seiner Annäherung eine
+Gefahr befürchten lassen, an die er gar nicht gedacht, und eben diese
+Furcht, wer anders konnte sie hegen und darum wünschen, daß er vom
+Schauplatz ganz abtrete, als die Benzon? -- Eben diese Benzon mußte mit
+dem Abt in Verbindung stehen, von seinem (Kreisler's) Aufenthalt in der
+Abtei unterrichtet sein und so war sie die Triebfeder alles Beginnens
+des ehrwürdigen Herrn. Lebhaft gedachte er aller Momente, in denen die
+Prinzessin wirklich, wie von einer im Innern aufkeimenden Leidenschaft
+befangen, erschienen, aber selbst wußte er nicht, warum bei dem
+Gedanken, daß er selbst der Gegenstand jener Leidenschaft sein könne, es
+ihn erfaßte wie Gespensterfurcht. Es war ihm als wolle eine fremde
+geistige Macht gewaltsam in sein Inneres dringen und ihm die Freiheit
+des Gedankens rauben. Prinzessin Hedwiga stand plötzlich vor ihm, und
+starrte ihn an mit jenem seltsamen Blick der ihr eigen, aber in dem
+Augenblick dröhnte ein Pulsschlag ihm durch alle Nerven, wie damals, als
+er zum erstenmal der Prinzessin Hand berührte. Doch war ihm auch nun
+jene unheimliche Angst entnommen, er fühlte eine elektrische Wärme
+wohltätig sein Inneres durchgleiten, er sprach leise wie im Traum:
+Kleiner schalkischer _Raja torpedo_, neckst Du mich schon wieder und weißt
+doch, daß Du nicht ungestraft verwunden darfst, da ich aus reiner Liebe
+zu Dir Benediktinermönch geworden?
+
+Der Abt betrachtete den Kapellmeister mit durchbohrendem Blick, als
+wolle er sein ganzes Ich durchschauen, und begann dann ernst und
+feierlich: Mit wem redest Du, mein Sohn Johannes?
+
+Kreisler wurde aber wach aus seinen Träumen; es fiel ihm ein, daß der
+Abt, war er von allem was sich in Sieghartshof zugetragen, unterrichtet,
+vor allen Dingen den weitern Verlauf der Katastrophe, die ihn
+fortgetrieben, wissen mußte, und wohl war ihm daran gelegen, mehr davon
+zu erfahren.
+
+Mit niemandem anders, erwiderte er dem Abt, skurril lächelnd, sprach
+ich, Hochehrwürdiger Herr, als, wie Sie ja vernommen haben, mit einer
+schalkischen _Raja torpedo,_ die sich ganz unberufener Weise in unser
+vernünftiges Gespräch mischen und mich noch konfuser machen wollte, als
+ich es schon wirklich bin. -- Doch aus allem muß ich ja zu meinem großen
+Leid gewahren, daß diverse Leute mich für eben solch' einen großen
+Narren halten, als den seligen Hofporträtisten Leonardus Ettlinger, der
+eine erhabene Person, die sich natürlicherweise aus ihm gar nichts
+machen konnte, nicht bloß malen wollte, sondern auch lieben und zwar so
+ganz ordinär, wie Hans seine Grete. O Gott! hab' ich es denn jemals an
+Respekt fehlen lassen, wenn ich die schönsten Akkorde griff zu schnöder
+Singefaselei! -- Habe ich jemals unziemliche oder grillenhafte Materien
+aufs Tapet zu bringen gewagt von Entzücken und Schmerz, von Liebe und
+Haß, wenn der kleine fürstliche Eigensinn sich seltsam gebärden in
+allerlei wunderbaren Gemütsergötzlichkeiten, und ehrsame Leute vexieren
+wollte mit magnetischen Visionen? -- habe ich solches jemals getan?
+Sagt. --
+
+Doch sprachst Du, mein Johannes! unterbrach ihn der Abt, einst von der
+Liebe des Künstlers --
+
+Kreisler starrte den Abt an, dann rief er, indem er die Hände
+zusammenschlug und den Blick aufwärts richtete: O Himmel! Das also!
+-- Schätzbare Leute, sprach er dann weiter, indem jenes skurrile Lächeln
+auf dem Antlitz wieder die Oberhand gewann und dabei die innere Wehmut
+die Stimme beinahe erstickte, schätzbare Leute allzumal, habt Ihr denn
+nicht jemals irgendwo, sei es auch auf ordinären Brettern, den Prinzen
+Hamlet zu einem ehrlichen Mann, Güldenstern geheißen, sagen gehört: Ihr
+könnt mich zwar verstimmen, aber nicht auf mir spielen? -- Wetter! -- das
+ist ja ganz mein Kasus! -- Warum belauscht Ihr den harmlosen Kreisler,
+wenn der Wohllaut der Liebe, der in seiner Brust verschlossen, Euch nur
+mißtönt? -- O Julia! --
+
+Der Abt schien, plötzlich von etwas ganz Unerwartetem überrascht,
+vergebens Worte zu suchen, während Kreisler vor ihm stand und ganz
+verzückt in das Feuermeer schaute, das im Abend emporgewogt.
+
+Da erhoben sich die Glockentöne von den Türmen der Abtei und zogen,
+wunderbare Stimmen des Himmels, durch das golden leuchtende Abendgewölk.
+
+Mit euch will ich ziehen ihr Akkorde! rief Kreisler, indem er beide Arme
+weit ausbreitete. Von euch getragen soll sich aller trostlose Schmerz
+emporrichten zu mir und sich selbst vernichten in meiner eignen Brust
+und eure Stimmen sollen wie himmlische Friedensboten es verkünden, daß
+der Schmerz untergegangen in der Hoffnung, in der Sehnsucht der ewigen
+Liebe.
+
+Die Abendhora, sprach der Abt, wird eingeläutet, ich höre die Brüder
+kommen. Morgen, mein lieber Freund, sprechen wir vielleicht weiter von
+manchen Begebnissen in Sieghartshof. --
+
+Ei, rief Kreisler, dem nun erst wieder einfiel, was er von dem Abt zu
+wissen verlangt, ei, hochehrwürdiger Herr, ich will viel erfahren von
+lustiger Hochzeit und dergleichen! -- Prinz Hektor wird doch nun nicht
+zaudern, die Hand zu ergreifen, nach der er schon aus der Ferne gelangt?
+Dem herrlichen Bräutigam ist doch nichts Arges widerfahren?
+
+Da verschwand alles Feierliche aus des Abts Antlitz und er sprach mit
+dem gemütlichen Humor, der ihm sonst wohl eigen: Nichts ist dem
+herrlichen Bräutigam geschehen, mein ehrlicher Johannes, aber seinen
+Adjutanten soll im Walde eine Wespe gestochen haben. Hoho! erwiderte
+Kreisler, eine Wespe, die er mit Feuer und Dampf vertreiben wollte!
+
+Die Brüder traten in den Korridor und --
+
+=(M. f. f.)= -- böse Feind und sucht den guten Bissen einem ehrlichen
+harmlosen Kater recht vor dem Maule wegzuschnappen? -- Nicht lange
+dauerte es nämlich, so erhielt unser gemütlicher Verein auf dem Dache
+einen Stoß, der ihn erschütterte zum gänzlichen Verfall. -- Jener böse,
+alles katzliche Behagen verstörende, Feind erschien uns nämlich in der
+Gestalt eines gewaltigen wütenden Philisters, namens Achilles. Mit
+seinem Homerischen Namensvetter war er in weniger Hinsicht zu
+vergleichen, man müßte denn annehmen, daß des letzteren Heldentum
+vorzüglich auch in einer gewissen unbehilflichen Tappigkeit und in
+groben topfhohlen Redensarten bestanden. Achilles war eigentlich ein
+gemeiner Fleischerhund, stand aber in Diensten als Hofhund, und der
+Herr, bei dem er in Dienst getreten, hatte ihn, um sein Attachement an
+das Haus zu befestigen, anketten lassen, so daß er nur des Nachts frei
+umher laufen konnte. Mancher von uns bedauerte ihn sehr, trotz seines
+unleidlichen Wesens, er aber ließ sich den Verlust seiner Freiheit gar
+nicht zu Herzen gehen, da er töricht genug war, zu vermeinen, die schwer
+lastende Kette gereiche ihm zur Ehre und Zierde. Achilles fand sich nun
+zu seinem nicht geringen Verdruß durch unsere Konvivia in der Nacht,
+wenn er umherlaufen und das Haus beschützen sollte gegen jede Unbill, im
+Schlafe gestört und drohte uns als Ruhestörern Tod und Verderben. Da er
+aber seiner Unbehilflichkeit halber nicht einmal auf den Boden,
+geschweige denn auf das Dach kommen konnte, so machten wir uns aus
+seinen Drohungen auch nicht das allermindeste, sondern trieben unser
+Wesen so nach wie vorher. Achilles nahm andere Maßregeln; er begann den
+Angriff gegen uns, wie ein guter General manche Schlacht, mit verdeckten
+Angriffen und dann mit offenbarer Plänkelei.
+
+Verschiedene Spitze, denen Achilles zuweilen die Ehre antat, mit ihnen
+zu spielen, indem er sie mit seinen ungeschickten Tatzen handhabte,
+mußten nämlich auf sein Geheiß, sobald wir unsern Gesang begannen,
+dermaßen bestialisch bellen, daß wir keine vernünftige Note verstehen
+konnten! -- Noch mehr! -- Bis auf den Dachboden drangen einige dieser
+Philisterknechte und trieben, ohne sich mit uns, wenn wir ihnen die
+Krallen zeigten, auf irgendeinen offnen ehrlichen Kampf einlassen zu
+wollen, solch einen fürchterlichen Lärm mit Schreien und Bellen, daß,
+wurde erst nur der Hofhund in seinem Schlaf gestört, jetzt der Herr des
+Hauses selbst kein Auge zudrücken konnte und, da der Zeterspektakel gar
+nicht enden wollte, die Hetzpeitsche ergriff, um die Tumultuanten über
+seinem Haupte zu vertreiben.
+
+-- O Kater, der du dieses liesest, ist dir, trägst du wahren männlichen
+Sinn in der Brust, hellen Verstand im Kopf, hast du keine verwöhnte
+Ohren, ist dir, sage ich, denn jemals etwas abscheulicher, widriger,
+verhaßter und dabei erbärmlicher vorgekommen, als das kreischende,
+gellende durch alle Tonarten dissonierende Gebelle in Harnisch geratener
+Spitze? -- Diese kleinen wedelnden, schmatzenden sich niedlich
+gebärdenden Kreaturen, nimm dich für sie in acht Kater! trau ihnen
+nicht. Glaube mir, eines Spitzes Freundlichkeit ist gefährlicher, als
+die hervorgestreckte Kralle des Tigers! -- Schweigen wir von bittren
+Erfahrungen, die wir in dieser Hinsicht leider! nur zu oft gemacht und
+kehren wir zurück zu dem ferneren Verlauf unsrer Geschichte.
+
+Also wie gesagt, der Herr ergriff die Peitsche, um die Tumultuanten vom
+Boden zu vertreiben. Was aber geschah! die Spitze schwanzwedelten dem
+erzürnten Herrn entgegen, leckten ihm die Füße und stellten ihm vor, wie
+aller Zeterlärm nur seiner Ruhe wegen erhoben, unerachtet er eben
+dadurch aus aller behaglichen Ruhe gekommen. Gebellt hätten sie bloß um
+uns, die wir allerlei unduldsamen Unfug trieben auf dem Dache mit Singen
+von Liedern in allzuhell klingenden Tonarten u. d. zu verjagen. Der Herr
+ließ sich leider durch der Spitze geschwätzige Beredsamkeit um so mehr
+dahin bringen, alles zu glauben, als der Hofhund, den er darum zu
+befragen nicht unterließ, in dem bittern Haß, den er wider uns im Innern
+trug, es bestätigte. Uns traf nun die Verfolgung! -- Überall wurden wir
+vertrieben, von Hausknechten mit Besenstielen, mit geworfenen
+Dachziegeln, ja! überall waren Schlingen und Fuchseisen aufgestellt, in
+die wir uns verfangen sollten, und leider! wirklich verfingen. Selbst
+mein lieber Freund Muzius fiel ins Malheur, das heißt in ein Fuchseisen,
+welches ihm die rechte Hinterpfote jämmerlich zerquetschte!
+
+So war es um unser fröhliches Zusammenleben geschehen, und ich kehrte
+zurück unter den Ofen des Meisters, beweinend in tiefer Einsamkeit das
+Schicksal meiner unglücklichen Freunde. --
+
+-- Eines Tages trat Herr Lothario, der Professor der Ästhetik in meines
+Herrn Zimmer und hinter ihm her -- sprang Ponto herein.
+
+Gar nicht zu sagen vermag ich, welch ein unangenehmes unheimliches
+Gefühl mir Ponto's Anblick verursachte. War er auch geradezu selbst
+weder Hofhund noch Spitz, so gehörte er doch zu dem Geschlecht,
+dessen üble feindselige Gesinnung mein Leben in der lustigen
+Katzburschen-Gesellschaft verstört hatte, und war schon deshalb mir
+mitsamt aller Freundschaft, die er mir erwiesen, dennoch zweideutig.
+Überdem schien mir in Ponto's Blick, in seinem ganzen Wesen etwas
+Übermütiges, Verhöhnendes zu liegen und ich beschloß daher, ihn lieber
+gar nicht zu sprechen. Leise, leise schlich ich weg von meinem Kissen,
+und war mit einem Satz im Ofen, dessen Türe gerade offen stand, die ich
+hinter mir anzog.
+
+Herr Lothario sprach nun mit dem Meister so manches, was meine Teilnahme
+um so weniger erregte, als ich meine ganze Aufmerksamkeit auf den jungen
+Ponto gerichtet hatte, der, nachdem er recht stutzermäßig ein Liedchen
+trällernd, im Zimmer herumgetänzelt, auf die Fensterbank gesprungen war,
+zum Fenster hinausschaute, und wie es Fanfarons zu tun pflegen, jeden
+Augenblick vorübergehenden Bekannten zunickte, auch wohl gar ein wenig
+blaffte, gewiß, um die Blicke vorübergehender Schönen seines Geschlechts
+auf sich zu ziehen. -- An mich schien der Leichtsinnige gar nicht zu
+denken, und unerachtet ich, wie gesagt, ihn gar nicht zu sprechen
+wünschte, so war es mir doch gar nicht recht, daß er nicht nach mir
+fragte, gar keine Notiz von mir nahm.
+
+Ganz anderer und wie es mich bedünken wollte, viel artigerer und
+vernünftigerer Gesinnung war der ästhetische Professor, Herr Lothario,
+der, nachdem er sich überall im Zimmer nach mir umhergeschaut, zu dem
+Meister sprach: Aber wo ist denn Euer vortrefflicher Monsieur Murr! --
+
+Es gibt für einen ehrlichen Katzburschen keine schnödere Benennung, als
+das fatale Wort: Monsieur, indessen muß man von Ästhetikern in der Welt
+viel leiden, und so verzieh ich dem Professor die Unbill.
+
+Meister Abraham versicherte, daß ich seit einiger Zeit meine eignen
+Gänge gehabt und vorzüglich nachts selten zu Hause gewesen, wovon ich
+denn müde und ermattet geschienen. Soeben habe ich auf dem Kissen
+gelegen und er wisse in der Tat nicht, wohin ich eben jetzt so schnell
+verschwunden.
+
+Ich vermute, Meister Abraham, sprach der Professor weiter, daß Euer Murr
+-- Doch ist er auch hier irgendwo versteckt und lauscht? -- Laßt uns
+doch einmal ein wenig nachsehen.
+
+Leise zog ich mich in den Hintergrund des Ofens, aber man kann denken,
+wie ich die Ohren spitzte, da nun von mir die Rede. -- Der Professor
+hatte vergebens alle Winkel durchsucht zu nicht geringer Verwunderung
+des Meisters, der lachend rief: In der Tat, Professor, Ihr tut meinem
+Murr unglaubliche Ehre an!
+
+Hoho, erwiderte der Professor, der Verdacht, den ich gegen Euch,
+Meister! hege, wegen des pädagogischen Experiments, vermöge dessen ein
+Kater zum Dichter und Schriftsteller wurde, kommt mir nicht aus der
+Seele. Gedenkt Ihr nicht mehr des Sonetts, der Glosse, die mein Ponto
+Eurem Murr recht unter den Pfoten weggeraubt? -- Doch dem sei wie ihm
+wolle, ich nutze Murrs Abwesenheit, um Euch eine schlimme Vermutung
+mitzuteilen und Euch recht dringend zu empfehlen, achtsam zu sein auf
+Murrs Betragen. -- So wenig ich mich sonst um Katzen bekümmere, doch ist
+es mir nicht entgangen, daß manche Kater, die sonst gar artig und
+manierlich waren, jetzt plötzlich ein Wesen annehmen, das gegen alle
+Sitte und Ordnung gröblich anstößt.
+
+Statt wie sonst sich demütig zu biegen und zu schmiegen, stolzieren sie
+trotzig daher und scheuen sich gar nicht, durch funkelnde Blicke, durch
+zorniges Knurren, ihre ursprüngliche wilde Natur zu verraten, auch wohl
+gar die Krallen zu zeigen. So wenig sie auf ein bescheidenes, stilles
+Betragen achten, ebensowenig ist ihnen daran gelegen, was das Äußere
+betrifft, als gesittete Weltleute zu erscheinen. Da ist an kein Putzen
+des Bartes, an kein Glänzendlecken des Fells, an kein Abreißen der zu
+lang gewordenen Krallen zu denken; zottig und rauh, mit struppigem
+Schweif rennen sie daher, allen gebildeten Katzen ein Greuel und
+Abscheu. Was aber vorzüglich tadelnswert erscheint und nicht geduldet
+werden darf, sind die heimlichen Zusammenkünfte, die sie zur Nachtzeit
+halten und dabei ein tolles Wesen treiben, welches sie Gesang nennen,
+unerachtet dabei nichts vernehmbar als ein widersinniges Geschrei, dem
+es an schicklichem Takt, ordnungsmäßiger Melodie und Harmonie gänzlich
+mangelt. Ich fürchte, ich fürchte, Meister Abraham, daß Euer Murr sich
+auch auf die schlechte Seite gelegt hat und teilnimmt an jenen
+unanständigen Belustigungen, die ihm nichts einbringen können, als
+tüchtige Prügel. -- Es sollte mir leid tun, wenn alle Mühe, die Ihr auf
+den kleinen Grauen verwandt, umsonst wäre und, er sich, trotz aller
+Wissenschaft, zu dem gewöhnlichen, wüsten Treiben gemeiner, liederlicher
+Kater herabließe. -- Als ich mich, meinen guten Muzius, meine
+hochherzigen Brüder verkannt sah, auf so schnöde Weise, entfloh mir
+unwillkürlich ein Schmerzenslaut. Was war das, rief der Professor, ich
+glaube gar, Murr sitzt doch versteckt im Zimmer! -- Ponto! Allons!
+-- Such, such!« -- Mit einem Satz war Ponto herunter von der Fensterbank
+und schnüffelte im Zimmer umher. Vor der Ofentüre blieb er stehen,
+knurrte, bellte, sprang herauf. -- Er ist im Ofen, das hat keinen
+Zweifel! so sprach der Meister und öffnete die Türe. Ich blieb ruhig
+sitzen und blickte den Meister mit klaren, glänzenden Augen an.
+Wahrhaftig, rief der Meister, wahrhaftig, da sitzt er ganz hinten im
+Ofen. -- Nun? -- bequemt Er sich hervorzukommen? -- Ob er hinaus will!
+
+So wenig ich auch Lust hatte, meinen Versteck zu verlassen, so mußte ich
+doch wohl dem Befehl des Meisters gehorchen, wollte ich es nicht auf
+Gewalt gegen mich ankommen lassen und dabei den kürzeren ziehen. Langsam
+kroch ich daher hervor. Kaum war ich aber an das Tageslicht gekommen,
+als beide, der Professor und der Meister, laut riefen: Murr! -- Murr!
+wie siehst du aus! -- Was sind das für Streiche! --
+
+Freilich war ich über und über voller Asche und kam noch hinzu, daß
+wirklich mein Äußeres seit einiger Zeit merklich gelitten, so daß ich
+mich in der Schilderung, die der Professor von schismatischen Katern
+gemacht, wiedererkennen mußte, so konnte ich mir freilich die
+erbärmliche Figur, in der ich erschien, wohl denken. Verglich ich nun
+eben meine erbärmliche Figur mit der meines Freundes Ponto, der in
+seinem stattlichen, glänzenden, schön gekräuselten Pelz in der Tat ganz
+hübsch anzusehen, so erfüllte mich tiefe Scham, und ich kroch still und
+betrübt in den Winkel.
+
+Ist das, rief der Professor, der gescheute, sittige Kater Murr? der
+elegante Schriftsteller, der geistreiche Dichter, der Sonette schreibt
+und Glossen? -- Nein, das ist ein ganz gemeiner Katz, der sich in Küchen
+auf den Herden herumtreibt und sich auf sonst weiter nichts versteht,
+als Mäuse zu fangen in Kellern und auf Böden! -- Hoho! sag' mir doch,
+mein sittiges Vieh, ob du bald zu promovieren verlangst oder gar das
+Katheder zu besteigen als Professor der Ästhetik? -- In der Tat, ein
+netter Doktorhabit, in den du dich geworfen! --
+
+So ging es fort in verhöhnenden Redensarten; was konnt' ich tun, als,
+wie es bei derlei Fällen, nämlich: wenn ich ausgehunzt wurde, meine
+Sitte war, die Ohren dicht ankneifen an den Kopf.
+
+Beide, der Professor und der Meister, schlugen zuletzt eine helle Lache
+auf, die mir das Herz durchbohrte. Beinahe noch empfindlicher war mir
+aber Ponto's Betragen. Nicht allein, daß er durch Mienen und Gebärden
+den Hohn seines Herrn teilte, so bewies er auch durch allerlei
+Seitensprünge offenbar seine Scheu sich mir zu nahen, wahrscheinlich
+fürchtete er seinen schönen, reinen Pelz zu beschmutzen. Es ist nichts
+Geringes für einen Kater, der sich solcher Vortrefflichkeit bewußt ist,
+als ich, von einem stutzerhaften Pudel dergleichen Verachtung dulden zu
+müssen.
+
+Der Professor geriet nun mit dem Meister in ein weitläuftiges Gespräch,
+das sich nicht auf mich und auf mein Geschlecht zu beziehen schien und
+von dem ich eigentlich wenig verstand. Doch so viel vernahm ich wohl,
+daß davon die Rede war, ob es besser sei, dem oftmals wirren,
+ungezügelten Treiben exaltierter Jugend mit offner Gewalt
+entgegenzutreten, oder es nur einzugrenzen auf geschickte, unbemerkbare
+Weise und Raum zu geben der eignen Erkenntnis, in der sich jenes Treiben
+alsbald selbst vernichtet. Der Professor war für die offene Gewalt, da
+die Gestaltung der Dinge zum äußern Wohl es fordere, daß jeder Mensch,
+alles Widerstrebens unerachtet, so zeitig als möglich in die Form
+gepreßt werde, wie sie durch das Verhältnis aller einzelnen Teile zum
+Ganzen bedingt werde, da sonst sogleich eine verderbliche Monstruosität
+entstehe, die allerlei Unheil verursachen könne. -- Der Professor
+sprach dabei etwas von Pereatbringen und Fenstereinwerfen, welches
+ich aber durchaus nicht verstand. -- Der Meister meinte dagegen,
+daß es mit jugendlichen, exaltierten Gemütern so gehe, wie mit
+Partiell-Wahnsinnigen, die der offne Widerstand immer wahnsinniger
+mache, wogegen die selbst errungene Erkenntnis des Irrtums radikal heile
+und nie einen Rückfall befürchten lasse.
+
+Nun, rief der Professor endlich, indem er aufstand und Stock und Hut
+ergriff, nun, Meister, was die offne Gewalt gegen exaltiertes Treiben
+betrifft, so werdet Ihr mir doch insofern recht geben, daß sie da
+schonungslos eintreten muß, wenn jenes Treiben verstörend hineingreift
+in das Leben und so ist es nun, wieder auf Euern Kater Murr
+zurückzukommen, denn doch recht gut, daß, wie ich höre, tüchtige Spitze
+die verwünschten Kater auseinander getrieben haben, die so bestialisch
+sangen und dabei wunder sich große Virtuosen dünken.
+
+Wie man es nimmt, erwiderte der Meister, hätte man sie singen lassen,
+vielleicht wären sie das geworden, was sie sich irrtümlicherweise schon
+zu sein dünkten, nämlich: in der Tat gute Virtuosen, statt daß sie jetzt
+vielleicht an der wahren Virtuosität zweifeln ganz und gar.
+
+Der Professor empfahl sich, Ponto sprang hinterdrein, ohne mich einmal,
+wie er doch sonst mit vieler Freundschaft getan, eines Abschiedsgrußes
+zu würdigen.
+
+Ich bin selbst bisher unzufrieden gewesen mit deinem Betragen, Murr,
+wandte sich nun der Meister zu mir, und es ist Zeit, daß du einmal
+wieder ordentlich und vernünftig wirst, damit du wieder zu besserm Ruf
+gelangest, als in dem du jetzt zu stehen scheinst. Wäre es möglich, daß
+du mich ganz verstündest, so würde ich dir raten, immer still,
+freundlich zu sein, und alles, was du beginnen magst, ohne alles
+Geräusch zu vollbringen, denn auf diese Weise erhält man sich den guten
+Ruf am besten. -- Ja, ich würde dir als Beispiel zwei Leute zeigen, von
+denen der eine jeden Tag still für sich allein im Winkel sitzt, und so
+lange eine Flasche Wein nach der andern trinkt, bis er in völlig
+trunknen Zustand gerät, den er aber vermöge langer praktischer Übung so
+gut zu verbergen weiß, daß ihn niemand ahnet. Der andere trinkt dagegen
+nur dann und wann in Gesellschaft fröhlicher, gemütlicher Freunde ein
+Glas Wein; das Getränk macht ihm Herz und Zunge frei, er spricht, indem
+seine Laune steigt, viel und eifrig, doch ohne Sitte und Anstand zu
+verletzen, und eben ihn nennt die Welt einen leidenschaftlichen
+Weintrinker, während jener geheime Trunkenbold für einen stillen,
+mäßigen Mann gilt. Ach, mein guter Kater Murr! Kenntest du den Lauf der
+Welt, so würdest du einsehen, daß ein Philister, der stets die
+Fühlhörner einzieht, es am besten hat. Aber wie kannst du wissen, was
+ein Philister ist, unerachtet es wohl in deinem Geschlecht auch
+dergleichen genug geben mag.
+
+Bei diesen Worten des Meisters konnte ich mich im Bewußtsein der
+vortrefflichen Katerkenntnis, die ich mir durch des wackern Muzius
+Belehrungen sowohl, als durch eigne Erfahrung erworben, eines lauten,
+freudigen Prustens und Knurrens nicht erwehren.
+
+Ei Murr, mein Kater! rief der Meister laut lachend, ich glaube gar, du
+verstehst mich, und der Professor hat recht, der in dir einen besonderen
+Verstand entdeckt haben will, und dich gar fürchtet, als seinen
+ästhetischen Nebenbuhler?
+
+Zur Bestätigung, daß dem wirklich so sei, gab ich ein sehr klares,
+wohltönendes Miau von mir und sprang ohne weiteres dem Meister auf den
+Schoß. Nicht bedacht hatte ich indessen, daß der Meister gerade seinen
+Staatsschlafrock von gelbem, großgeblümtem, seidenem Zeuge angezogen,
+den ich notwendigerweise beschmutzen mußte. Mit einem zornigen: Will Er
+wohl! schleuderte der Meister mich so heftig von sich, daß ich
+überpurzelte, und ganz erschrocken die Ohren ankneifend, die Augen
+zudrückend, niederduckte auf den Fußboden. Gepriesen sei aber die
+Gutmütigkeit meines guten Meisters! Nun, sprach er freundlich, nun, nun,
+Murr, mein Kater! so böse war es nicht gemeint! -- Ich weiß es, deine
+Absicht war gut, du wolltest mir deine Zuneigung beweisen, aber das
+tatst du auf täppische Weise, und geschieht dieses, so fragt man
+freilich den Henker was nach der Absicht! -- Nun, komm nur her, kleiner
+Äscherling, ich muß dich putzen, damit du wieder aussiehst, wie ein
+honetter Kater! --
+
+Damit warf der Meister den Schlafrock ab, nahm mich in die Arme und ließ
+es sich nicht verdrießen, mir mit einer weichen Bürste den Pelz rein zu
+bürsten und dann die Haare mit einem kleinen Kamm glänzend zu kämmen.
+
+Als die Toilette geendet und ich bei dem Spiegel vorüberspazierte,
+erstaunte ich selbst, wie ich so plötzlich ein ganz anderer Kater
+worden. Ich konnt' es gar nicht unterlassen, mich selbst behaglich
+anzuschnurren, so schön kam ich mir vor und nicht leugnen mag ich, daß
+in dem Augenblick sich große Zweifel gegen die Anständigkeit und
+Nützlichkeit des Burschenklubs in mir regten. Daß ich in den Ofen
+gekrochen, schien mir ein wahrer Barbarismus, den ich nur einer Art
+Verwilderung zuschreiben konnte, und nicht einmal nötig war daher die
+Warnung des Meisters, der mir zurief: Daß Er mir nur nicht wieder in den
+Ofen kriecht!
+
+In der folgenden Nacht war es mir, als vernehme ich an der Türe ein
+leises Kratzen und ein furchtsames Miau! das mir sehr bekannt vorkam.
+Ich schlich heran und fragte, wer da sei? -- Da erwiderte (ich erkannte
+ihn sogleich an der Stimme) der wackere Senior Puff: Ich bin es, trauter
+Bruder Murr, und habe dir eine höchst betrübte Nachricht zu bringen! -- O
+Himmel, was --
+
+=(Mak.-Bl.)= -- großes Unrecht getan, meine liebe süße Freundin. -- Nein!
+mehr bist du mir als das, meine treue Schwester! Ich habe dich nicht
+genug geliebt, dir nicht genug vertraut. Erst jetzt öffnet sich dir
+meine ganze Brust, erst jetzt, da ich weiß --
+
+Die Prinzessin stockte, ein Tränenstrom stürzte ihr aus den Augen, aufs
+neue drückte sie Julien zärtlich an ihr Herz.
+
+Hedwiga, sprach Julie sanft, hast Du mich denn nicht sonst mit ganzer
+Seele geliebt, trugst Du denn jemals Geheimnisse in Dir, die Du mir
+nicht vertrauen wolltest? -- Was weißt Du, was hast Du erst jetzt
+erfahren! Doch nein, nein! kein Wort weiter, bis diese Pulse wieder
+ruhig schlagen, bis diese Augen nicht mehr so düster glühen. --
+
+Ich weiß nicht was Ihr alle wollt, erwiderte die Prinzessin plötzlich
+zur Empfindlichkeit gereizt. Krank soll ich noch sein und nie fühlte ich
+mich kräftiger, gesünder. Der seltsame Zufall, der mich traf, hat Euch
+erschreckt, und doch mag es sein, daß solche elektrische Schläge, die
+den ganzen Organismus des Lebens in's Stocken bringen, mir gerade nötig
+und nützlicher sind, als alle Mittel, die eine blöde, dürftige Kunst in
+unglückseliger Selbsttäuschung darbietet. -- Wie er mir fatal ist,
+dieser Leibarzt, der die menschliche Natur zu handhaben vermeint wie ein
+Uhrwerk, das man abstäuben, aufziehen muß. -- Grauenhaft ist er mir mit
+seinen Tropfen, mit seinen Essenzen. -- Von diesen Dingen soll mein Wohl
+abhängig sein? -- So wäre ja das Leben hienieden eine entsetzliche
+Neckerei des Weltgeistes. --
+
+Und eben diese Überspannung ist der Beweis, unterbrach Julie die
+Prinzessin, daß Du noch krank bist, meine Hedwiga, und Dich viel mehr
+schonen solltest, als Du es wirklich tust.
+
+Auch Du willst mir weh tun! So rief die Prinzessin, sprang hastig auf
+und eilte ans Fenster, das sie öffnete und hinaus schaute in den Park.
+Julia folgte ihr nach, umschlang sie mit einem Arm, und bat mit der
+zärtlichsten Wehmut, daß sie doch wenigstens den rauhen Herbstwind
+scheuen und sich =die= Ruhe gönnen möge, die der Leibarzt für so heilsam
+geachtet. Die Prinzessin erwiderte indessen, daß sie sich gerade durch
+den kalten Luftzug, der zum Fenster hereinströme, erquickt und gestärkt
+fühle.
+
+Recht aus dem innigsten Gemüt heraus sprach nun Julia von der
+letztvergangenen Zeit, in der ein finster, bedrohlicher Geist gewaltet,
+und wie sie alle innere Kraft aufbieten müssen, um nicht verstört zu
+werden von so mancher Erscheinung, die ihr ein Gefühl erregt, dem sie
+kein anderes gleichstellen könne, als die wahre, tötende
+Gespensterfurcht. Dahin rechnete sie vorzüglich den geheimnisvollen
+Zwiespalt, der sich zwischen dem Prinzen Hektor und Kreisler erhoben,
+und der das Entsetzlichste ahnen lassen, denn nur zu gewiß sei es, daß
+der arme Johannes fallen sollen von der Hand des rachsüchtigen
+Italieners, und nur, wie Meister Abraham versichere, durch ein Wunder
+gerettet worden.
+
+Und dieser furchtbare Mann, so sprach Julia, er sollte Dein Gemahl
+werden? -- Nein, -- nimmermehr! Dank der ewigen Macht! Du bist gerettet!
+Niemals kehrt er zurück. Nicht wahr, Hedwiga? Niemals!
+
+Niemals, erwiderte die Prinzessin mit dumpfer, kaum vernehmbarer Stimme.
+Dann seufzte sie auf aus tiefer Brust und sprach leise weiter wie im
+Traume: Ja dieses reine Himmelsfeuer soll nur leuchten und wärmen, ohne
+mit verderblichen Flammen zu vernichten und aus der Seele des Künstlers
+leuchtet die zum Leben gestaltete Ahnung -- sie selbst -- seine Liebe
+hervor! So sprachst Du hier an dieser Stelle. --
+
+Wer sprach so? rief Julia ganz bestürzt. -- An wen dachtest Du, Hedwiga?
+
+Die Prinzessin fuhr mit der Hand über die Stirne, als müsse sie sich
+besinnen auf die Gegenwart, der sie entrückt. Dann wankte sie von Julien
+unterstützt, zum Sofa, auf dem sie sich ganz erschöpft niederließ.
+Julia, um die Prinzessin besorgt, wollte die Kammerfrauen herbeirufen,
+Hedwiga zog sie aber sanft nieder auf den Sofa, indem sie leise
+lispelte: Nein, Mädchen! -- Du, Du allein sollst bei mir bleiben, glaube
+ja nicht, daß mich etwa Krankheit erfaßt. -- Nein, es war der Gedanke der
+höchsten Seligkeit, der zu mächtig wurde, der diese Brust sprengen
+wollte, und dessen Himmelsentzücken sich gestaltete wie tötender
+Schmerz. Bleibe bei mir, Mädchen, Du weißt es selbst nicht, welch einen
+wunderbaren Zauber Du über mich zu üben vermagst! -- Laß mich schauen in
+Deine Seele, wie in einen klaren, reinen Spiegel, damit ich mich selbst
+nur wiedererkenne! -- Julia! oft ist es mir, als käme die Begeisterung
+des Himmels über Dich, und die Worte, die wie Liebeshauch über Deine
+süßen Lippen strömten, wären trostreiche Prophezeiung. Julia! -- Mädchen,
+bleibe bei mir, verlasse mich nie -- nie!
+
+Damit sank die Prinzessin, indem sie Julias Hände festhielt, mit
+geschlossenen Augen zurück in den Sofa.
+
+Wohl war Julia an Augenblicke gewöhnt, in denen Hedwiga geistig
+krankhafter Überspannung erlag, doch fremd, ganz fremd und rätselhaft
+war ihr der Paroxysmus, wie er sich eben jetzt zeigte. Sonst war es eine
+leidenschaftliche Verbitterung, die, erzeugt von dem Mißverhältnis des
+innern Gefühls mit der Gestaltung des Lebens, beinahe bis zum Gehässigen
+sich steigernd, Julias kindliches Gemüt verletzte. Jetzt schien Hedwiga,
+wie sonst niemals, ganz aufgelöst im Schmerz und namenloser Wehmut, und
+dieser trostlose Zustand rührte Julien in eben dem Grade, als ihre Angst
+stieg um die geliebte Freundin.
+
+Hedwiga, rief sie, meine Hedwiga, ich verlasse Dich ja nicht, kein
+treueres Herz neigt sich zu Dir, als das meinige, aber sprich, o sprich
+doch nur, vertraue mir doch nur, welch eine Qual Dein Inneres zerreißt?
+-- Mit Dir will ich klagen, mit Dir will ich weinen!
+
+Da verbreitete sich ein seltsames Lächeln auf Hedwigas Antlitz, ein
+sanftes Rot schimmerte auf den Wangen, und ohne die Augen zu öffnen,
+lispelte sie leise: Nicht wahr, Julia, Du bist nicht in Liebe?
+
+Seltsam fühlte sich Julia von dieser Frage der Prinzessin getroffen, als
+durchbebe sie ein jäher Schreck.
+
+In welches Mädchens Brust regen sich nicht Ahnungen einer Leidenschaft,
+die das Hauptbedingnis scheint seiner Existenz, denn nur das liebende
+Weib ist dies ganz. Doch ein reiner, kindlicher, frommer Sinn läßt diese
+Ahnungen ruhen, ohne weiter zu forschen, ohne im lüsternen Vorwitz das
+süße Geheimnis enthüllen zu wollen, das nur in =dem= Moment aufgeht, den
+eine dunkle Sehnsucht verheißen. So war es mit Julia, die plötzlich
+ausgesprochen hörte, was sie zu denken nicht gewagt und geängstigt, als
+zeihe man sie einer Sünde, der sie selbst nicht klar sich bewußt, ihr
+eignes Innere ganz zu durchschauen sich mühte.
+
+Julia, wiederholte die Prinzessin, Du liebst nicht? -- sage es mir!
+-- sei aufrichtig!
+
+Wie sonderbar, erwiderte Julia, wie seltsam Du mich frägst, was kann,
+was soll ich Dir antworten.
+
+Sprich, o sprich, flehte die Prinzessin! -- Da ward es sonnenhell in
+Julias Seele und sie fand Worte, das auszusprechen, was sie deutlich
+erblickte in ihrem eignen Innern.
+
+Was geht vor in Deinem Gemüt, Hedwiga, indem du mich so frägst? so
+begann Julia sehr ernst und gefaßt. Was ist Dir die Liebe, von der Du
+sprichst? Nicht wahr, man soll sich hingezogen fühlen zu dem Geliebten,
+mit solcher unwiderstehlichen Macht, daß man nur ist, nur lebt in dem
+Gedanken an ihn, daß man sein ganzes Ich aufgibt um ihn, daß er allein
+uns alles Sehnen, alles Hoffen, alles Verlangen, die ganze Welt dünkt?
+Und diese Leidenschaft soll die höchste Stufe der Seligkeit gewähren?
+-- Mich schwindelts vor dieser Höhe, denn dem Blick hinab gähnt der
+bodenlose Abgrund, mit allen Schrecknissen des rettungslosen Verderbens,
+entgegen. Nein, Hedwiga, diese Liebe, die ebenso entsetzlich ist, als
+sündhaft, hat dies Gemüt nicht erfaßt, und fest will ich halten an dem
+Glauben, daß es ewig rein, ewig davon frei bleiben wird. Doch wohl mag
+es sich begeben, daß ein Mann vor allen übrigen in uns die höchste
+Achtung, ja, bei der männlich eminenten Kraft seines Geistes wahre
+Bewunderung erregt. Doch noch mehr als das, wir fühlen uns in seiner
+Nähe von einem gewissen, gemütlichen Wohlbehagen geheimnisvoll
+durchströmt, erhoben über uns selbst, es scheint, als wenn unser Geist
+dann erst recht erwache, als wenn uns das Leben dann erst recht leuchte,
+und so sind wir froh, wenn er kommt, und traurig, wenn er geht. -- Nennst
+Du dieses Liebe? -- Nun warum sollte ich es Dir nicht gestehen, daß
+unser verlorner Kreisler mir dies Gefühl erweckt hat, und daß ich ihn
+schmerzhaft vermisse.
+
+Julia, rief die Prinzessin plötzlich auffahrend und Julien mit glühendem
+Blick durchbohrend, kannst Du ihn Dir denken in den Armen einer andern,
+ohne zu vergehn in namenloser Qual?
+
+Hoch errötete Julia, und mit einem Ton, der erkennen ließ, wie sehr sie
+sich verletzt fühlte, erwiderte sie: Nie habe ich =ihn= mir gedacht in
+meinen Armen! --
+
+Ha! -- Du liebst ihn nicht -- Du liebst ihn nicht! -- so schrie die
+Prinzessin gellend auf, und sank dann wieder zurück in dem Sofa!
+
+O, sprach Julia, o daß er wiederkehrte! -- Rein und schuldlos ist das
+Gefühl, das ich für den teuern Mann hege in dieser Brust, und sehe ich
+ihn niemals wieder, so wird der Gedanke an ihn, den Unvergeßlichen, in
+mein Leben hineinleuchten, wie ein schöner, heller Stern. -- Doch gewiß,
+er kehrt zurück! -- Denn wie kann --
+
+Niemals, unterbrach die Prinzessin Julien mit schroffem, schneidendem
+Ton, kann, darf er wiederkehren, denn wie man vernimmt, befindet er sich
+in der Abtei Kanzheim und wird, sich der Welt entziehend, in den Orden
+des heiligen Benedikt treten.
+
+Julien kamen die hellen Tränen in die Augen, sie stand schweigend auf
+und begab sich an das Fenster.
+
+Deine Mutter hat recht, ganz recht, fuhr die Prinzessin fort. Wohl uns,
+daß er fort ist, dieser Wahnsinnige, der sich wie ein böser Geist
+eindrängte in unseres Herzens Rat, der uns in unserm eignen Innern zu
+zerreißen wußte. -- Und die Musik war das Zaubermittel, mit dem er uns
+umstrickte. -- Nie mag ich ihn wiedersehen. --
+
+Dolchstiche waren für Julien die Worte der Prinzessin, sie griff nach
+Hut und Shawl.
+
+Du willst mich verlassen, meine süße Freundin? rief die Prinzessin.
+-- Bleibe -- bleibe -- tröste mich, wenn Du kannst! -- Unheimliches
+Grauen geht durch diese Säle, durch den Park! denn wisse -- Damit führte
+Hedwiga Julien an das Fenster, zeigte nach dem Pavillon hin, in dem der
+Adjudant des Prinzen Hektor gewohnt hatte, und begann mit dumpfer
+Stimme: Schau dort hin, Julia, jene Mauern verbergen ein bedrohliches
+Geheimnis; der Kastellan, die Gärtner, beteuern, daß seit der Abreise
+des Prinzen niemand dort wohne, daß die Türe fest verschlossen, und doch
+-- O schau nur hin -- schau nur hin! -- Siehst Du es nicht am Fenster?
+
+In der Tat gewahrte Julia an dem Fenster, das in dem Giebel des
+Pavillons angebracht war, eine dunkle Gestalt, die in demselben
+Augenblicke wieder schnell verschwand.
+
+Hier dürfe, meinte Julia, indem sie fühlte, wie Hedwiga's Hand
+krampfhaft in der ihrigen bebte, von einem bedrohlichen Geheimnis, oder
+gar von etwas Gespenstischem durchaus nicht die Rede sein, da es nur zu
+leicht möglich, daß irgend jemand von der Dienerschaft den leeren
+Pavillon unbefugter Weise benutze. Der Pavillon könne ja augenblicklich
+durchsucht und so auf der Stelle aufgeklärt werden, was es mit der
+Gestalt, die sich am Fenster blicken lasse, für eine Bewandtnis habe,
+die Prinzessin versicherte aber dagegen, daß der alte, treue Kastellan
+dies längst auf ihren Wunsch getan und beteuert, daß er in dem ganzen
+Pavillon auch nicht die Spur eines menschlichen Wesens gefunden.
+
+Laß es dir erzählen, sprach die Prinzessin, was sich vor drei Nächten
+begab! -- Du weißt, daß mich oft der Schlaf flieht, und daß ich dann
+aufzustehen, und so lange durch die Zimmer zu wandeln pflege, bis mich
+eine Müdigkeit überfällt, der ich mich überlasse, und es wirklich zum
+Einschlafen bringe. So geschah es, daß mich vor drei Nächten
+Schlaflosigkeit in dies Zimmer trieb. Plötzlich zitterte der Widerschein
+eines Lichts an der Wand vorüber, ich schaute durch das Fenster, und
+gewahrte vier Männer, von denen einer eine Blendlaterne trug, und die in
+der Gegend des Pavillons verschwanden, ohne daß ich bemerken konnte, ob
+sie wirklich hineingingen in den Pavillon. Nicht lange dauerte es aber,
+so wurde eben jenes Fenster hell und Schatten huschten inwendig hin und
+her. Dann wurde es wieder finster, aber durch das Gebüsch strahlte nun
+bald ein blendender Schimmer, der aus der Türe des geöffneten Pavillons
+kommen mußte. Immer mehr näherte sich der Schein, bis endlich aus dem
+Gebüsch ein Benediktiner-Mönch heraustrat, der in der linken Hand eine
+Fackel, in der rechten aber ein Kruzifix trug. Ihm folgten vier Männer,
+eine mit schwarzen Tüchern behängte Bahre auf den Schultern. Nur einige
+Schritte waren sie gezogen, als ihnen eine in einen weiten Mantel
+eingehüllte Gestalt entgegentrat. Sie standen still, setzten die Bahre
+nieder, die Gestalt zog die Tücher weg, und ein Leichnam wurde sichtbar.
+Mir wollten die Sinne vergehn, kaum gewahrte ich noch, daß die Männer
+die Bahre aufhoben und dem Mönche nacheilten auf dem breiten Seitenwege,
+der bald zum Park hinausführt auf die Straße nach der Abtei Kanzheim.
+Seit dieser Zeit läßt sich jene Gestalt am Fenster sehen, und vielleicht
+ist es der Spuk eines Ermordeten, der mich ängstigt.
+
+Julia war geneigt, den ganzen Vorgang, wie ihn Hedwiga erzählte, für
+einen Traum, oder, stand sie in der Tat wach am Fenster, für das
+täuschende Spiel der aufgeregten Sinne zu halten. Wer sollte, wer konnte
+der Tote sein, den man unter solchen geheimnisvollen Umständen aus dem
+Pavillon forttrug, da niemand vermißt worden, und wer mochte daran
+glauben, daß dieser unbekannte Tote noch spuken solle in der Behausung,
+aus der man ihn fortgebracht? Julia äußerte dieses alles der Prinzessin
+und fügte noch hinzu, daß jene Erscheinung am Fenster auch wohl auf
+optischer Illusion beruhen, auch wohl gar ein Scherz des alten Magikers,
+Meister Abraham sein könne, der ja oft sein Wesen treibe mit solchem
+Spiel und vielleicht dem leeren Pavillon einen gespenstischen Einsassen
+gegeben habe.
+
+Wie, sprach die Prinzessin, die ihre ganze Fassung wiedergewonnen, sanft
+lächelnd, wie man doch gleich mit der Erklärung bei der Hand ist,
+geschieht das Wunderbare, Übernatürliche! -- Was den Toten betrifft, so
+vergissest Du das, was sich in dem Park begab, ehe Kreisler uns verließ.
+-- Um Gott, rief Julia, sollte denn wirklich eine gräßliche Tat begangen
+sein? -- Wer? -- von wem? --
+
+Du weißt ja, Mädchen, daß Kreisler lebt, fuhr Hedwiga fort. Aber auch
+er lebt, der in Liebe ist zu Dir -- Sieh mich nicht so erschrocken an!
+-- Solltest Du das nicht längst ahnen, was ich Dir sagen muß, damit Dir
+es klar werde, was, länger verborgen, Dich verderben könnte? -- Prinz
+Hektor liebt =Dich, Dich= Julia, mit all der wilden Leidenschaft, die
+seiner Nation eigen. Ich war, ich bin seine Braut, Du aber, Julia, bist
+seine Geliebte. Die letzten Worte betonte die Prinzessin auf eine eigne
+scharfe Weise, ohne übrigens jenen besonderen Accent hineinzulegen, der
+dem Gefühl innerer Kränkung eigen.
+
+O ewige Macht, rief Julia heftig, indem ihr die Tränen aus den Augen
+stürzten, Hedwiga, willst Du denn meine Brust zerreißen? -- Welcher
+finstre Geist spricht aus Dir! -- Nein, nein, gern will ich es leiden,
+daß Du aller bösen Träume halber, die Dich verstörten, an mir Ärmsten
+Rache nimmst, aber nie werde ich an die Wahrheit dieser bedrohlichen
+Phantome glauben! -- Hedwiga! -- besinne Dich doch nur, Du bist ja nicht
+mehr die Braut des entsetzlichen Mannes, der uns erschien, wie das
+Verderben selbst! Nie kehrt er zurück, niemals wirst Du sein!
+
+Doch, erwiderte die Prinzessin, doch! -- Fasse Dich nur, Mädchen! -- Nur
+dann, wenn die Kirche mich mit dem Prinzen verbunden, löst sich
+vielleicht das ungeheure Mißverständnis des Lebens, das mich elend
+macht! -- Dich rettet des Himmels wunderbare Fügung. -- Wir trennen uns,
+ich folge dem Gemahl, Du bleibst! -- Die Prinzessin verstummte vor
+innerer Bewegung, auch Julia war keines Wortes mächtig, beide fielen
+sich schweigend, in Tränen zerfließend, an die Brust!
+
+Man meldete, daß der Tee serviert sei. Julia war aufgeregter, als es ihr
+besonnenes, ruhiges Gemüt zuzulassen schien. Es war ihr unmöglich, in
+der Gesellschaft zu bleiben, und die Mutter erlaubte ihr gern, nach
+Hause zu gehen, da die Prinzessin sich ebenfalls nach Ruhe sehnte.
+
+Fräulein Nannette versicherte auf Befragen der Fürstin, daß die
+Prinzessin den Nachmittag und Abend sich sehr wohl befunden, indessen
+mit Julien durchaus allein sein wollen. So viel sie im Nebenzimmer
+beobachten können, hätten beide, die Prinzessin und Julia sich allerlei
+Geschichten erzählt, auch Komödie gespielt und bald gelacht und bald
+geweint.
+
+Die lieben Mädchen, sprach der Hofmarschall leise. Die aimable
+Prinzessin, das liebe Mädchen! verbesserte der Fürst, indem er den
+Hofmarschall mit großen Augen anblitzte. Dieser wollte in der Bestürzung
+über den entsetzlichen Fehlgriff ein ziemliches Stücklein Zwieback, das
+er sattsam in Tee getränkt, auf einmal hinunterschlucken. Das blieb ihm
+aber in der Kehle stecken, und er brach aus in ein fürchterliches
+Husten, so daß er schnell den Saal verlassen mußte, und nur dadurch
+gerettet werden konnte vom schnöden Erstickungstode, daß der Hoffurier
+im Vorsaal mit geübter Faust ein wohlgesetztes Paukensolo ausführte auf
+seinem Rücken.
+
+Nach zwei Unschicklichkeiten, deren er sich schuldig gemacht, fürchtete
+indessen der Hofmarschall noch die dritte zu begehen, er wagte es daher
+nicht, zurückzukehren in den Saal, sondern ließ sich bei dem Fürsten mit
+plötzlich ihm angewandelter Krankheit entschuldigen.
+
+Durch des Hofmarschalls Abwesenheit wurde aber die Whistpartie
+zerrissen, wie sie der Fürst gewöhnlich zu spielen pflegte.
+
+Als nun die Spieltische geordnet, war alles in gespannter Erwartung, was
+der Fürst in diesem kritischen Fall tun werde. Der tat aber nichts, als
+daß er, da auf seinen Wink die übrigen sich zum Spiel gesetzt hatten,
+die Hand der Rätin Benzon faßte, sie zum Kanapee führte, und Platz
+nehmen hieß, indem er selbst sich ihr zur Seite hinsetzte.
+
+Unlieb wäre es mir doch gewesen, wenn der Hofmarschall erstickt wäre am
+Zwieback, sprach er dann sanft und leise, wie immer zur Benzon. Doch
+schien er Abwesenheiten des Geistes zu haben, wie ich es schon oftmals
+bemerkt, daß er die Prinzessin Hedwiga ein Mädchen nannte, und würde
+daher im Whist miserabel gewesen sein. -- Überhaupt, liebe Benzon, ist
+es mir heute recht erwünscht und angenehm, statt des Spiels mit Ihnen
+hier in der Einsamkeit einige Worte vertraulich zu wechseln, wie sonst.
+Ach -- wie sonst! Nun Sie kennen mein Attachement für Sie, geliebte
+Frau! Nie kann es aufhören, ein fürstliches Herz ist jedesmal ein
+treues, sobald nicht unabwendbare Verhältnisse ein anderes gebieten.
+
+Bei diesen Worten küßte der Fürst der Benzon viel zärtlicher die Hand,
+als es Stand, Alter und Umgebung zu erlauben schienen. Die Benzon
+versicherte mit vor Freude funkelnden Augen, daß sie längst den Moment
+ersehnt, mit dem Fürsten vertraulich zu reden, da sie ihm so manches
+mitzuteilen habe, was ihm nicht unangenehm sein werde.
+
+Erfahren Sie, gnädigster Herr, sprach die Benzon, daß der
+Geheime-Legationsrat auf's Neue geschrieben, daß unsere Angelegenheiten
+plötzlich eine günstigere Wendung genommen, daß --
+
+Still, beste Frau, unterbrach sie der Fürst, nichts von
+Regierungsgeschäften! Auch der Fürst trägt Schlafröcke, und setzt eine
+Nachtmütze auf, wenn er beinahe erdrückt von der Last des Regierens,
+sich zur Ruhe begibt, wovon freilich Friedrich der Große, König von
+Preußen eine Ausnahme machte, der, wie es Ihnen als einer belesenen Frau
+bekannt sein wird, auch im Bette einen Filzhut aufsetzte. Nun, ich
+meine, daß auch der Fürst immer zu viel von dem in sich trägt, was
+-- nun! was eben, wie die Leute sagen, das sogenannte bürgerliche
+Verhältnis, Ehe, Vaterfreuden usw. begründet, um sich diesen Gefühlen
+ganz zu entschlagen, und es ist mindestens pardonabel, wenn er sich
+ihnen überläßt in Augenblicken, da der Staat, die Vorsorge für den
+gehörigen Anstand am Hofe und im Lande nicht sein ganzes Selbst in
+Anspruch nimmt, -- Gute Benzon! solche Augenblicke sind die jetzigen;
+fertig liegen sieben Unterschriften in meinem Kabinett, und nun lassen
+Sie mich den Fürsten ganz vergessen, lassen Sie mich hier beim Tee ganz
+Hausvater sein -- der deutsche Hausvater vom Freiherrn von Gemmingen!
+Lassen Sie mich von meinen -- ja, von meinen Kindern reden, die mir
+solchen Kummer verursachen, daß ich oft in eine ganz unschickliche
+Gemütsunruhe verfalle. Von Ihren Kindern soll die Rede sein, gnädigster
+Herr? sprach die Benzon mit spitzem Tone. Das heißt also, von dem
+Prinzen Ignaz und von der Prinzessin Hedwiga! -- Sprechen Sie,
+gnädigster Herr, sprechen Sie, vielleicht kann ich Rat und Trost geben,
+wie Meister Abraham. -- Ja, sprach der Fürst weiter, ja Rat und Trost,
+der möchte mir manchmal von nöten sein. -- Sehn Sie, gute Benzon, was
+zuerst den Prinzen betrifft, so bedurfte er freilich nicht besonderer
+Geistesgaben, die die Natur denjenigen zuzuteilen pflegt, die sonst
+ihres Standes halber obskur und fühllos bleiben würden, aber etwas mehr
+esprit wäre ihm doch zu wünschen, er ist und bleibt ein -- _Simple!_
+-- Sehn Sie nur, da sitzt er und baumelt mit den Füßen und spielt eine
+falsche Karte aus nach der andern, und kichert und lacht wie ein Knabe
+von sieben Jahren! -- Benzon! _entre nous soit dit,_ nicht die Kunst des
+Schreibens, insofern sie ihm nötig, ist ihm beizubringen; sein
+fürstlicher Name sieht aus wie eine Eulenkralle. Ewige Barmherzigkeit,
+was soll daraus werden? Neulich wurde ich in meinen Geschäften gestört
+durch abscheuliches Gebelle vor meinem Fenster, ich schaue heraus, um
+den unangenehmen Spitz fortjagen zu lassen, und was muß ich erblicken!
+Sollten Sie es glauben, gute Frau! Es ist der Prinz, der wie wahnsinnig
+laut bellend hinter dem Gärtnerburschen herspringt. -- Sie spielen
+mitsammen Hase und Hund! -- Ist wohl nur einiger Verstand darin, sind das
+fürstliche Passionen? -- Kann der Prinz wohl jemals zu der geringsten
+Selbständigkeit kommen?
+
+Darum ist es nötig, erwiderte die Benzon, daß der Prinz alsbald
+vermählt werde, und eine Gemahlin erhalte, deren Anmut, deren Liebreiz,
+deren klarer Verstand seine schlafenden Sinne weckt und die gutmütig
+genug ist, sich ganz zu ihm hinabzuneigen, um ihn dann allmählich zu
+sich heraufzuziehen. Diese Eigenschaften sind dem weiblichen Wesen, das
+dem Prinzen angehören soll, unerläßlich, um ihn aus einem Seelenzustande
+zu retten, der, mit Schmerz spreche ich es aus, gnädigster Herr! zuletzt
+in wirklichen Wahnsinn ausarten kann. Eben daher dürfen auch nur diese
+seltenen Eigenschaften entscheiden, und der Stand nicht in allzustrengen
+Betracht kommen.
+
+Niemals gab es Mesalliancen in unserm Hause, sprach der Fürst, indem er
+die Stirn runzelte, lassen Sie ab von einem Gedanken, den ich nicht
+billigen kann. Immer war und bin ich noch bereit, sonst Ihre Wünsche zu
+erfüllen! --
+
+Daß ich nicht wüßte, gnädigster Herr! erwiderte die Benzon mit scharfem
+Ton. -- Wie oft mußten gerechte Wünsche schweigen chimärischer
+Rücksichten halber! Aber es gibt Ansprüche, die aller Verhältnisse
+spotten. --
+
+_Laissons cela,_ unterbrach der Fürst die Benzon, indem er sich
+ausräusperte und Tabak nahm. Nach einigen Augenblicken des
+Stillschweigens fuhr er fort: Noch mehr Kummer als der Prinz, macht mir
+die Prinzessin. Sagen Sie, Benzon, wie war es möglich, daß uns eine
+Tochter von dieser seltsamen Gemütsart, noch mehr von dieser
+absonderlichen Krankhaftigkeit, die selbst den Leibarzt in Verlegenheit
+setzt, geboren werden konnte? Hat sich die Fürstin nicht immer einer
+blühenden Gesundheit erfreut, hat sie zu mystischen Nervenzufällen
+inkliniert? Bin ich selbst nicht, was Leib und Seele betrifft, ein
+robuster Fürst gewesen? Wie kommen wir zu dem Kinde, das, gestehen muß
+ich es zu meinem bittern Leidwesen, mir oft -- ganz verrückt erscheint,
+alles fürstlichen Anstandes los und ledig? -- Auch mir ist der
+Organismus der Prinzessin unbegreiflich, erwiderte die Benzon. -- Die
+Mutter ist sich immer klar, verständig, von jeder zu heftigen,
+verderblichen Leidenschaftlichkeit frei gewesen. -- Die letzten Worte
+sprach die Benzon dumpf und leise vor sich hin, indem sie den Blick
+niedersenkte. Sie meinen die Fürstin, fragte der Fürst mit Accent, da es
+ihm nicht anständig schien, daß dem Worte: Mutter, nicht das Prädikat:
+Fürstin hinzugefügt war.
+
+Wen sonst sollte ich meinen, erwiderte die Benzon gespannt.
+
+Hat mich nicht der letzte fatale Zufall der Prinzessin um den Erfolg
+meiner Bemühungen, und die Freude ihrer baldigen Vermählung, meinen
+Wünschen gemäß, gebracht? sprach der Fürst weiter. -- Denn, gute Benzon,
+_entre nous soit dit,_ der Prinzessin plötzliche Katalepsie, die ich bloß
+einer starken Erkältung zuschreibe, war wohl lediglich schuld an der
+plötzlichen Abreise des Prinzen Hektor. -- Er will abbrechen und -- _juste
+ciel!_ selbst muß ich es gestehen, ich kann es ihm nicht ganz verdenken,
+so daß, verböte nicht ohnehin der Anstand jede weitere Annäherung, schon
+dieses mich, den Fürsten, abhalten müßte, jetzt noch Schritte zu tun zur
+Erfüllung eines Wunsches, den ich freilich sehr ungern und nur
+notgedrungen aufgebe. Recht werden Sie mir nämlich geben, geliebte Frau,
+daß es immer etwas Ängstliches hat mit einer Gemahlin, die solchen
+wunderlichen Zufällen unterworfen. Kann eine solche fürstliche und
+zugleich kataleptische Gemahlin nicht mitten in der glänzendsten Cour
+davon erfaßt werden, automatisch dastehen und sämtliche, würdige
+Anwesende zwingen, es ihr nachzutun und regungslos zu bleiben? --
+Freilich kann man wohl auch eine, von einer allgemeinen Katalepsie
+befallene Cour, sich als die feierlichste und erhabenste denken, die es
+in der Welt nur geben mag, da die leiseste Verletzung der nötigen Würde
+auch dem Leichtsinnigsten unmöglich. Doch ein Gefühl, das mich eben in
+solchen hausväterlichen Augenblicken, wie die jetzigen, hier beim Spiel
+befällt, läßt es mich bemerken, daß ein solcher Zustand der Braut, dem
+fürstlichen Bräutigam einiges fröstelnde Grauen erregen kann, und darum
+-- Benzon! Sie sind eine liebenswürdige, verständige Frau, fänden Sie
+vielleicht eine Möglichkeit, die Sache mit dem Prinzen zu realisieren,
+irgend ein Mittel --
+
+Es bedarf dessen gar nicht, gnädigster Herr! unterbrach die Benzon
+lebhaft den Fürsten. Nicht der Prinzessin Krankheit trieb den Prinzen so
+schnell fort, ein anderes Geheimnis ist hier im Spiele, und in dieses
+Geheimnis ist der Kapellmeister Kreisler verflochten.
+
+Wie, was sagen Sie, Benzon? der Kapellmeister Kreisler? rief der Fürst
+erstaunt! So sollte es doch wahr sein, daß er --
+
+Ja, gnädigster Herr, sprach die Rätin weiter, ein Zwiespalt zwischen ihm
+und dem Prinzen Hektor, der vielleicht geschlichtet werden sollte auf zu
+heroische Weise, war es, der den Prinzen entfernte. --
+
+Zwiespalt, unterbrach der Fürst die Benzon, Zwiespalt -- geschlichtet
+-- heroische Weise: -- Der Schuß im Park -- der blutige Hut! -- Benzon!
+es ist ja unmöglich -- der Prinz -- der Kapellmeister! -- ein Duell --
+ein Renkontre, beides ist ja undenkbar! --
+
+So viel, gnädigster Herr, ist gewiß, fuhr die Benzon fort, daß Kreisler
+auf der Prinzessin Gemüt nur zu mächtig einwirkte, daß jene seltsame
+Angst, ja, jenes Entsetzen, das sie erst empfand in Kreislers Gegenwart,
+sich gestalten wollte zur verderblichen Leidenschaft. Möglich, daß der
+Prinz scharf genug sah, dies zu gewahren, daß er in Kreisler, der ihm
+von Anfang an entgegen trat, mit feindlicher, verhöhnender Ironie, einen
+Widersacher fand, den er sich vom Halse schaffen zu müssen glaubte, und
+daß hieraus sich eine Tat erzeugte, die freilich nur dem blutigen Haß
+des gekränkten Ehrgefühls, der Eifersucht verziehen werden darf, und
+die, Dank sei der ewigen Macht, nicht gelang. Ich gestehe, daß dies
+alles die schnelle Abreise des Prinzen nicht erklärt, und daß, wie
+gesagt, noch ein dunkles Geheimnis waltet. Der Prinz floh, wie mir Julia
+erzählt, entsetzt vor einem Bilde, das Kreisler bei sich trug und ihm
+vorzeigte. -- Nun, mag dem sein, wie ihm wolle, Kreisler ist fort und der
+Prinzessin Krisis ist vorüber! -- Glauben Sie mir, gnädigster Herr,
+blieb Kreisler, so flammte die heftigste Leidenschaft für ihn auf in der
+Prinzessin Brust, und sie wäre lieber gestorben, als daß sie dem Prinzen
+ihre Hand gegeben hätte. Alles hat sich jetzt anders gestaltet, bald
+kehrt Prinz Hektor zurück, und die Vermählung mit der Prinzessin endigt
+alle Besorgnisse.
+
+Sehn Sie, rief der Fürst zornig, die Insolenz des schnöden Musikanten!
+-- In ihn will die Prinzessin sich verlieben, seinetwegen die Hand des
+liebenswürdigsten Prinzen ausschlagen! -- _Ah, le coquin!_ -- Nun verstehe
+ich Euch, Meister Abraham, erst ganz! -- Ihr sollt mir den fatalen
+Menschen vom Halse schaffen, daß er niemals wiederkehrt. --
+
+Jede Maßregel, sprach die Rätin, die der weise Meister Abraham deshalb
+etwa vorschlagen dürfte, würde überflüssig sein, da das Erforderliche
+deshalb schon geschehen ist. Kreisler befindet sich in der Abtei
+Kanzheim, und wie mir der Abt Chrysostomus schreibt, wird er
+wahrscheinlich sich entschließen, der Welt zu entsagen, und in den Orden
+zu treten. Die Prinzessin hat dies schon erfahren von mir zur günstigen
+Stunde, und daß ich dabei keine sonderliche Gemütsbewegung der
+Prinzessin gewahrte, bürgt mir dafür, daß die bedrohliche Krisis wie
+gesagt, schon vorüber.
+
+Herrliche, liebenswürdige Frau! nahm der Fürst das Wort, welches
+Attachement beweisen Sie mir und meinen Kindern! Wie sorgen Sie für das
+Wohl, für das Beste meines Hauses?
+
+Wirklich? sprach die Benzon mit bittrem Tone, tue ich das? =Konnte,
+durfte= ich immer für das Wohl Ihrer Kinder sorgen?
+
+Die Benzon legte auf die letzten Worte einen besonderen Nachdruck, der
+Fürst sah schweigend vor sich nieder, und spielte mit den Daumen der
+zusammengefalteten Hände. Endlich murmelte er leise: »Angela! -- noch
+immer keine Spur? -- ganz verschwunden?«
+
+So ist es, erwiderte die Benzon, und ich fürchte, daß das unglückliche
+Kind das Opfer irgend einer Schändlichkeit geworden ist. Man wollte sie
+in Venedig gesehen haben, aber gewiß war dies ein Irrtum. -- Gestehen
+Sie es, gnädigster Herr! es war grausam -- entsetzlich, daß Sie Ihr Kind
+von der Brust der Mutter reißen ließen, es in ein trostloses Exil
+verbannten! -- Diese Wunde, die mir Ihre Strenge schlug, werde ich
+niemals verschmerzen!
+
+Benzon, sprach der Fürst, habe ich Ihnen, dem Kinde nicht ein
+ansehnliches Jahrgehalt ausgesetzt? -- konnte ich mehr tun? Mußte ich
+nicht, blieb Angela bei uns, jeden Augenblick befürchten, daß unsre
+_foiblesses_ verraten werden und auf unangenehme Weise die anständige
+Ruhe unseres Hofes zerstören konnten? -- Sie kennen die Fürstin, gute
+Benzon! Sie wissen, daß sie manchmal besondere Grillen hat. --
+
+Also Geld, nahm die Benzon das Wort, ein Jahrgehalt soll die Mutter
+entschädigen für allen Schmerz, für alle Trauer, für alle bittre Klage
+um das verlorne Kind? -- In der Tat, gnädigster Herr! es gibt eine
+andere Art für sein Kind zu sorgen, die die Mutter besser
+zufriedenstellt, als alles Gold! --
+
+Die Benzon sprach diese Worte mit einem Blick, mit einem Ton, der den
+Fürsten in einige Verlegenheit setzte.
+
+Vortreffliche Frau, begann er betreten, warum diese seltsame Gedanken!
+-- Glauben Sie denn nicht, daß mir ebenfalls das spurlose Verschwinden
+unserer lieben Angela sehr unangenehm, sehr fatal ist? Es muß ein
+artiges, schönes Mägdlein geworden sein, da es von hübschen scharmanten
+Eltern geboren. Aufs neue küßte der Fürst der Benzon sehr zärtlich die
+Hand, die sie aber schnell wegzog und mit funkelndem, durchbohrendem
+Blick dem Fürsten ins Ohr flüsterte: Gestehen Sie es, gnädigster Herr,
+Sie waren ungerecht, grausam, als Sie darauf bestanden, daß das Kind
+entfernt werden müsse. Ist es nicht Ihre Pflicht, den Wunsch nicht
+zurückzuweisen, dessen Erfüllung ich gutmütig genug, wirklich für
+einigen Ersatz all meines Leid's ansehen will?
+
+Benzon, erwiderte der Fürst noch kleinlauter als zuvor, gute, herrliche
+Benzon, kann denn unsere Angela nicht wiedergefunden werden? Ich will
+Heroisches tun für Ihre Wünsche, teure Frau. Ich will mich dem Meister
+Abraham anvertrauen, mich mit ihm beraten. -- Es ist ein vernünftiger
+erfahrner Mann; vielleicht kann er helfen.
+
+O, unterbrach die Benzon den Fürsten, o des weisen Meisters Abraham!
+Glauben Sie denn, gnädigster Herr, daß Meister Abraham wirklich
+aufgelegt ist, für Sie etwas zu unternehmen, daß er Ihnen, Ihrem Hause
+getreulich anhängt? Und wie sollte er im Stande sein, etwas
+herauszubringen über Angela's Schicksal, nachdem in Venedig, in Florenz,
+alle Nachforschungen vergeblich geblieben sind und, was das Schlimmste
+ist, ihm jenes geheimnisvolle Mittel geraubt wurde, dessen er sich sonst
+bediente, um das Unbekannte zu erforschen.
+
+Sie meinen sein Weib, die böse Zauberin Chiara, sprach der Fürst.
+
+Sehr fraglich möchte es sein, erwiderte die Benzon, ob die vielleicht
+nur inspirierte, mit höheren, wunderbaren Kräften begabte Frau, diesen
+Namen verdient. Auf jeden Fall war es ungerecht, unmenschlich, dem
+Meister das geliebte Wesen zu rauben, an dem er hing mit ganzer Seele,
+ja, die ganz ein Teil seines Ich's war.
+
+Benzon, rief der Fürst ganz erschrocken, Benzon, ich verstehe Sie heute
+nicht! -- Mir schwindelts im Kopfe! Waren Sie selbst nicht dafür, daß
+das bedrohliche Geschöpf, vermöge dessen der Meister bald alle unsere
+Verhältnisse beherrschen möchte, entfernt werden möchte? Billigten Sie
+nicht selbst mein Schreiben an den Großherzog, in dem ich vorstellte,
+daß, da jede Zauberei im Lande längst verboten, Personen, die in dieser
+Art beeigenschaftet ihr Wesen trieben, nicht geduldet werden dürften und
+Sicherheits halber ein wenig eingesperrt werden müßten? Geschah es nicht
+aus purer Schonung gegen den Meister Abraham, daß der mysteriösen Chiara
+nicht der offne Prozeß gemacht, sondern daß sie in aller Stille
+aufgegriffen und fortgeschafft wurde, wohin weiß ich nicht einmal, da
+ich mich darum nicht weiter bekümmert? -- Welch' ein Vorwurf kann mich
+hier treffen?
+
+Verzeihung, gnädigster Herr, erwiderte die Benzon, aber es ist doch in
+der Tat der Vorwurf des wenigstens übereilten Verfahrens, der Sie wohl
+mit Recht trifft. -- Aber! -- erfahren Sie es gnädigster Herr! Meister
+Abraham ist davon unterrichtet, daß seine Chiara weggeschafft wurde auf
+Ihren Anlaß. Er ist still, er ist freundlich, aber glauben Sie nicht,
+gnädigster Herr, daß Haß und Rache brütet in seinem Innern, gegen den,
+der ihm sein Liebstes raubte auf Erden! Und diesem Mann wollen Sie
+vertrauen, wollen ihm Ihr Inneres erschließen? -- Benzon, sprach der
+Fürst, indem er sich die Schweißtropfen von der Stirne wegtrocknete,
+Benzon! Sie alterieren mich sehr -- ganz unbeschreiblich möcht' ich
+sagen! -- Barmherziger! Kann ein Fürst so aus der Contenance gebracht
+werden? Muß beim Teufel -- Gott ich glaube gar, ich fluche, wie ein
+Dragoner hier beim Tee! -- Benzon! warum sprachen Sie nicht früher! -- Er
+weiß schon alles! -- Im Fischerhäuschen, gerade als ich ganz außer mir
+war über der Prinzessin Zustand, da floß mir das Herz, der Mund über.
+Ich sprach von Angela, entdeckte ihm -- Benzon, schrecklich ist es! --
+_j'étois -- un_ -- Esel! -- _Voilà tout!_ --
+
+Und er erwiderte? So fragte die Benzon gespannt.
+
+Beinahe ist es mir so, sprach der Fürst weiter, als habe der Meister
+Abraham zuerst angefangen von unserm früheren Attachement zu sprechen,
+und wie ich ein glücklicher Vater sein können, statt daß ich nun ein
+malheureuser sei. -- So viel ist aber richtig, daß, als ich meine
+Beichte geendet, er lächelnd erklärte, wie er schon längst alles wisse
+und hoffe, daß sich vielleicht in ganz kurzer Zeit aufklären werde, wo
+Angela geblieben. -- Mancher Trug würde dann vernichtet werden, manche
+Täuschung zerrinnen. --
+
+Das sagte der Meister? sprach die Benzon mit bebenden Lippen.
+
+_Sur mon honneur,_ erwiderte der Fürst, das sprach er. -- Tausend
+Sapperment -- pardonieren Sie Benzon, aber ich bin im Zorn -- wenn der
+Alte es mir nachtragen sollte? -- Benzon, _que faire?_
+
+Beide, der Fürst und die Benzon, starrten sich sprachlos an.
+Durchlauchtigster Herr! lispelte leise ein Kammerlakai, indem er dem
+Fürsten Tee präsentierte. _Bête!_ schrie aber der Fürst, im hastigen
+Aufspringen dem Lakai Präsentierteller samt der Tasse aus den Händen
+schleudernd; alles fuhr entsetzt von den Spieltischen in die Höhe, das
+Spiel war geendet, der Fürst, sich mit Macht bezwingend, lächelte ein
+freundliches Adieu den Erschrockenen zu und begab sich mit der Fürstin
+in die inneren Gemächer. Auf jedem Gesicht las man aber ganz deutlich:
+Gott was ist das, was bedeutet das? -- Der Fürst spielte nicht, sprach
+so lange, so angelegentlich mit der Rätin und geriet dann in solch
+entsetzlichen Zorn! --
+
+Unmöglich konnte die Benzon auch nur entfernt ahnen, was sie in ihrer
+Wohnung, die in einem Seitengebäude dicht neben dem Schlosse belegen,
+für ein Auftritt erwartete. -- Kaum eingetreten, stürzte ihr nämlich
+ganz außer sich Julia entgegen und -- Doch! gegenwärtiger Biograph ist
+sehr zufrieden, daß er diesmal das, was sich mit Julia während des
+fürstlichen Tees begeben, viel besser und deutlicher zu erzählen vermag,
+als manches andere Faktum der bis jetzt wenigstens etwas verworrenen
+Geschichte. -- Also! -- Wir wissen, daß Julien erlaubt wurde, früher
+nach Hause zurückzukehren. Ein Leibjäger leuchtete ihr mit einer Fackel
+vor. Kaum waren sie aber einige Schritte von dem Schlosse entfernt, als
+der Leibjäger plötzlich stillstand und die Fackel hoch emporhob. Was
+gibt es, fragte Julia. Ei, erwiderte der Leibjäger, ei Fräulein Julia,
+haben Sie wohl die Gestalt bemerkt, die dort vor uns so schnell
+forthuschte? Ich weiß gar nicht, was ich davon denken soll, seit
+mehreren Abenden schleicht hier ein Mensch umher, der bei seiner
+Heimlichkeit was Böses im Schilde führen muß. Wir haben ihm schon
+nachgestellt auf alle nur mögliche Weise, aber er entwischt uns unter
+den Händen, ja er wird vor unsern Augen unsichtbar, wie ein Gespenst
+oder wie der, Gott sei bei uns! selbst. --
+
+Julia dachte an die Erscheinung im Giebelfenster des Pavillons und
+fühlte sich von unheimlichen Schauern durchbebt. Fort, ach nur schnell
+fort, rief sie dem Jäger zu, der meinte aber lachend, das liebe Fräulein
+möge sich nur nicht fürchten, denn ehe ihr etwas geschehe, müsse ihm
+erst das Gespenst den Hals umdrehen, überdem habe aber wohl das
+unbekannte Ding, was sich in der Gegend des Schlosses blicken lasse,
+Fleisch und Bein wie andere ehrliche Leute und sei ein furchtsamer,
+lichtscheuer Hase.
+
+Julia schickte ihr Mädchen, das über Kopfschmerz und Fieberfrost klagte,
+zu Bette und legte ohne ihre Beihilfe die Nachtkleider an.
+
+Nun, als sie einsam auf ihrem Zimmer, ging noch einmal alles in ihrer
+Seele auf, was Hedwiga in einem Zustande zu ihr gesprochen, den sie nur
+krankhafter Überspannung zuschreiben wollte. Und doch war es gewiß, daß
+eben jene krankhafte Überspannung nur eine psychische Ursache haben
+konnte. -- Mädchen von solch unbefangenem reinem Gemüt, wie Julia,
+erraten in derlei intrikaten Fällen wohl selten das Richtige. So glaubte
+auch Julia, als sie sich alles nochmals in den Sinn gerufen, nichts
+anderes, als daß Hedwiga von jener entsetzlichen Leidenschaft ergriffen,
+die sie selbst ihr so furchtbar, als die Ahnung davon in ihrer eignen
+Seele lag, geschildert, und daß Prinz Hektor der Mann sei, dem sie ihr
+eignes Selbst geopfert. -- Nun, schloß sie ferner, sei, der Himmel wisse
+wie, der Wahn in Hedwiga aufgestiegen, daß der Prinz in anderer Liebe
+befangen, und habe sie gequält wie ein fürchterliches, rastlos sie
+verfolgendes Gespenst, so daß daraus sich die heillose Zerrüttung im
+Innern erzeugt. Ach, sprach Julia zu sich selbst, ach du gute liebe
+Hedwiga, kehrte Prinz Hektor zurück, wie bald würdest du dich
+überzeugen, daß du von deiner Freundin nichts zu befürchten! Doch in dem
+Augenblick, als Julia diese Worte sprach, trat der Gedanke, daß der
+Prinz sie liebe, so aus dem Innersten hervor, daß sie vor seiner Macht
+und Lebendigkeit erschrak, daß sie sich von unnennbarer Angst erfaßt
+fühlte, es könne doch wahr, was die Prinzessin glaube, und ihr Verderben
+gewiß sein. Jener seltsame fremdartige Eindruck, den des Prinzen Blick,
+sein ganzes Wesen auf sie gemacht, kam ihr wieder zu Sinn, jenes
+Entsetzen durchbebte aufs neue ihre Glieder. Sie gedachte jenes Momentes
+auf der Brücke, als der Prinz sie umschlingend, den Schwan fütterte,
+all' der verfänglichen Worte, die er damals sprach und die, so harmlos
+ihr damals alles vorgekommen, ihr jetzt von tieferer Bedeutung schienen.
+Aber auch des verhängnisvollen Traumes gedachte sie, als sie sich von
+eisernen Armen fest umschlungen gefühlt und es der Prinz gewesen, der
+sie festgehalten, als sie dann erwacht den Kapellmeister im Garten
+erblickt und sein ganzes Wesen ihr klar geworden und sie daran geglaubt,
+daß er sie schützen werde vor dem Prinzen.
+
+Nein, rief Julia laut, nein es ist nicht so, es kann dem nicht so sein,
+es ist nicht möglich! Es ist der böse Geist der Hölle selbst, der diese
+sündhaften Zweifel in mir Ärmsten aufregt! -- Nein er soll nicht Macht
+haben über mich! --
+
+Mit dem Gedanken an den Prinzen, an jene gefahrvollen Augenblicke regte
+sich in Julia's tiefster Brust eine Empfindung, deren Bedrohlichkeit nur
+daran zu erkennen, daß sie die Scham weckte, die das wallende Blut ihr
+in die Wangen, heiße Tränen in die Augen trieb. Wohl der holden, frommen
+Julia, daß sie Kraft genug besaß den bösen Geist zu beschwören, ihm
+keinen Raum zu verstatten, in dem er fest fußen können. Es ist hier noch
+wiederholt zu bemerken, daß Prinz Hektor der schönste liebenswürdigste
+Mann war, den man nur sehen konnte, daß seine Kunst zu gefallen auf die
+tiefe Weiberkenntnis gegründet war, die ihm das Leben voll glücklicher
+Abenteuer erworben und daß eben ein junges unbefangenes Mädchen wohl
+erschrecken mochte vor der siegenden Kraft seines Blicks, seines ganzen
+Wesens.
+
+O Johannes, sprach sie sanft, du guter herrlicher Mann, kann ich denn
+nicht bei dir den Schutz suchen, den du mir versprochen? Kannst du nicht
+selbst zu mir tröstend reden mit den Himmelstönen, die recht widerhallen
+in meiner Brust?
+
+Damit öffnete Julia das Pianoforte und begann die Kompositionen
+Kreislers, die ihr die liebsten waren, zu spielen und zu singen. In der
+Tat fühlte sie sich bald getröstet, erheitert, der Gesang trug sie fort
+in eine andere Welt, es gab keinen Prinzen, ja keine Hedwiga mehr, deren
+krankhafte Phantome sie verstören durften!
+
+-- Nun noch meine liebste Kanzonetta! -- So sprach Julia und begann das
+von so vielen Komponisten gesetzte: _Mi lagnero tacendo etc._ In der Tat
+war Kreislern dieses Lied vor allen übrigen gelungen. Der süße Schmerz
+der brünstigsten Liebessehnsucht war darin in einfacher Melodie, mit
+einer Wahrheit, mit einer Stärke ausgedrückt, die jedes fühlende Gemüt
+unwiderstehlich ergreifen mußte. Julia hatte geendet, in das Andenken an
+Kreisler ganz und gar versunken, schlug sie noch einzelne Akkorde an,
+die ein Echo schienen ihrer innern Gefühle. Da ging die Türe auf, sie
+schaute hin und ehe sie sich vom Sitz erheben konnte, lag Prinz Hektor
+ihr zu Füßen und hielt sie fest, beide Hände erfassend. Laut schrie sie
+auf vor jähem Schreck, doch der Prinz beschwor sie bei der Jungfrau und
+allen Heiligen ruhig zu sein, ihm nur zwei Minuten den Himmel ihres
+Anblicks, ihres Worts zu gönnen. Mit Ausdrücken wie sie nur die Raserei
+der heftigsten Leidenschaft einzugeben vermag, sagte er ihr dann, daß er
+nur sie, nur sie anbete, daß der Gedanke der Vermählung mit Hedwiga ihm
+schrecklich, todbringend sei. Daß er deshalb fliehen wollen, doch bald,
+von der Macht einer Leidenschaft, die erst mit seinem Tode enden könne,
+getrieben, zurückgekehrt sei, nur um Julien zu sehen, zu sprechen, ihr
+zu sagen, daß nur sie allein sein Leben, sein Alles sei! --
+
+Fort, rief Julia in trostloser Herzensangst, -- Sie töten mich Prinz!
+
+Nimmermehr, schrie der Prinz, indem er in Liebeswut Julia's Hände an die
+Lippen drückte, der Moment ist da, der Leben über mich bringt oder Tod!
+-- Julia! Kind des Himmels! Kannst Du mich, kannst Du den verwerfen,
+dessen ganzes Sein, dessen Seligkeit Du bist? -- Nein Du liebst mich
+Julia, ich weiß es, o sprich es aus, daß Du mich liebst, und alle Himmel
+überschwenglichen Entzückens sind mir geöffnet.
+
+Damit umschlang der Prinz die vor Entsetzen und Angst halb ohnmächtige
+Julia und drückte sie heftig an seine Brust.
+
+Weh mir -- erbarmt sich niemand meiner, rief sie mit halberstickter
+Stimme.
+
+Da erhellte Fackelglanz die Fenster und mehrere Stimmen ließen sich vor
+der Türe hören. Julia fühlte einen glühenden Kuß auf den Lippen brennen
+und schnell war der Prinz entflohen.
+
+Also -- ganz außer sich, stürzte, wie gesagt Julia der eintretenden
+Mutter entgegen und mit Entsetzen vernahm diese, was sich begeben. Sie
+begann damit die arme Julia zu trösten, wie sie nur vermochte, ihr zu
+versichern, daß sie den Prinzen zu seiner Scham aus dem Versteck, in dem
+er sich befinden müsse, hervorziehen werde.
+
+O tue das nicht Mutter, sprach Julia, ich muß vergehen, wenn der Fürst,
+wenn Hedwiga erfährt -- Sie fiel schluchzend an der Mutter Brust ihr
+Antlitz verbergend.
+
+Du hast recht, mein liebes gutes Kind, erwiderte die Rätin, niemand darf
+zur Zeit wissen, ahnen, daß der Prinz sich hier befindet, daß er Dir
+nachstellt, Du liebe fromme Julia! -- Die im Komplott sind müssen
+schweigen. Denn daß es deren gibt, die im Bunde sind mit dem Prinzen,
+hat nicht den mindesten Zweifel, da er sonst ebensowenig unbemerkt hier
+in Sieghartshof sich hätte aufhalten, als in unsre Wohnung schleichen
+können. -- Unbegreiflich ist es mir, wie es den Prinzen möglich wurde
+aus dem Hause zu entfliehen, ohne mir und Friedrich, der mir
+vorleuchtete, zu begegnen? Den alten Georg fanden wir im tiefen
+unnatürlichen Schlaf, aber wo ist Nanny? Weh mir, lispelte Julia, weh
+mir, daß sie krank war und ich sie fortschicken mußte.
+
+Vielleicht kann ich ihr Arzt sein, sprach die Benzon, und stieß rasch
+die Türe des Nebenzimmers auf. Da stand die kranke Nanny völlig
+angekleidet; sie hatte gelauscht und sank nun vor Schreck und Furcht
+nieder der Benzon zu Füßen.
+
+Wenige Fragen der Benzon reichten hin, um zu erfahren, daß der Prinz
+durch den alten für so treu gehaltenen Kastellan --
+
+=(M. f. f.)= -- mußt ich erfahren! -- Muzius mein treuer Freund, mein
+herziger Bruder war an den Folgen der bösen Verwundung am Hinterbeine
+Todes verblichen. -- Die Trauerpost traf mich sehr hart, nun erst fühlte
+ich, was mir Muzius gewesen! -- In künftiger Nacht sollte, wie mir Puff
+sagte, in dem Keller desselben Hauses, wo der Meister wohnte und wo man
+die Leiche hingeschafft, die Totenfeier gehalten werden. Ich versprach,
+mich nicht allein zu gehöriger Zeit einzufinden, sondern auch für Speise
+und Trank zu sorgen, damit nach alter edler Sitte auch das Trauermahl
+gehalten werden könne. Ich besorgte dies auch wirklich, indem ich den
+Tag über nach und nach meinen reichlichen Vorrat an Fischen,
+Hühnerknochen und Gemüse hinabtrug. -- Für Leser die alles gern auf das
+genaueste erklärt haben und daher auch wohl wissen möchten, wie ich es
+angefangen, das Getränk hinabzutransportieren bemerke ich, daß ohne
+weiteres Mühen mir eine freundliche Hausmagd dazu verhalf. Die Hausmagd,
+welche ich gar oft im Keller zu treffen und auch wohl in der Küche zu
+besuchen pflegte, schien meinem Geschlecht und insonderheit mir ganz
+vorzüglich gewogen, so daß wir uns nie sahen, ohne auf anmutige Weise
+miteinander zu spielen. Sie reichte mir manchen Bissen, der eigentlich
+schlechter war als wie ich ihn von meinem Meister empfing, den ich aber
+doch verzehrte und dabei tat, als wenn er mir ganz vorzüglich schmeckte,
+aus purer Galanterie. So was rührt wohl das Herz einer Hausmagd und sie
+tat worauf es eigentlich abgesehen war. Ich sprang ihr nämlich auf den
+Schoß und sie kratzte mir so lieblich Kopf und Ohren, daß ich ganz Wonne
+und Seligkeit war und an die Hand mich gar sehr gewöhnte, die: Wochtags
+ihren Besen führt, und Sonntags dann am besten karessiert! -- An diese
+freundliche Person wandte ich mich nun in dem Augenblick, als sie aus
+dem Keller, in dem ich mich gerade befand, einen großen Topf voll süßer
+Milch herauftragen wollte und äußerte auf ihr verständliche Weise, den
+lebhaften Wunsch, die Milch für mich zu behalten. »Närrischer Murr,«
+sprach das Mädchen, die ebensogut wie alle übrigen Leute im Hause, ja
+wie die ganze Nachbarschaft meinen Namen wußte, du willst gewiß die
+Milch nicht für dich allein, du willst gewiß traktieren! Nun, behalt nur
+die Milch, kleiner Graukittel, ich muß oben schon für andere sorgen!
+Damit setzte sie den Topf mit Milch auf den Boden nieder, streichelte
+mir, der ich in den zierlichsten Purzelbäumen meine Freude und meinen
+Dank zu erkennen gab, noch was weniges den Rücken und stieg dann die
+Kellertreppe hinauf. -- Merke dir o Katerjüngling hiebei, daß die
+Bekanntschaft, ja ein gewisses sentimentell gemütliches Verhältnis mit
+einer freundlichen Köchin für junge Leute unseres Standes und
+Geschlechts ebenso angenehm ist als ersprießlich.
+
+Um die Mitternachtsstunde begab ich mich hinab in den Keller.
+Trauriger, herzzerreißender Anblick! Da lag in der Mitte auf einem
+Katafalk, der freilich dem einfachen Sinn, den der Verstorbene stets in
+sich trug, gemäß nur in einem Bündel Stroh bestand, die Leiche des
+teuern geliebten Freundes! -- Alle Kater waren schon versammelt, wir
+drückten uns, keines Wortes mächtig, die Pfoten, setzten uns, heiße
+Tränen in den Augen, in einen Kreis rings um den Katafalk umher und
+stimmten einen Klagegesang an, dessen die Brust durchschneidende Töne
+furchtbar in den Kellergewölben widerhallten. Es war der trostloseste,
+entsetzlichste Jammer, der jemals gehört worden, kein menschliches Organ
+vermag ihn herauszubringen.
+
+Nachdem der Gesang geendet, trat ein sehr hübscher, anständig in Weiß
+und Schwarz gekleideter Jüngling aus dem Kreise, stellte sich an das
+Kopfende der Leiche und hielt nachfolgende Standrede, welche er mir,
+unerachtet er sie aus dem Stegreif gesprochen, schriftlich mitteilte.
+
+ =Trauerrede=
+ am Grabe des zu früh verblichenen Katers
+ =Muzius,=
+ der Phil. und Gesch. Befliss.
+ gehalten von seinem treuen Freunde und Bruder,
+ dem Kater =Hinzmann,=
+ der Poes. und Bereds. Befliss.
+
+ Teure in Betrübnis versammelte Brüder!
+
+ Wackre hochherzige Bursche!
+
+Was ist der Kater! -- ein gebrechliches, vergängliches Ding wie alles,
+was geboren auf Erden! -- Ist es wahr, was die berühmtesten Ärzte und
+Physiologen behaupten, daß der Tod, dem alle Kreatur unterworfen,
+hauptsächlich in dem gänzlichen Aufhören alles Atmens bestehe, o so ist
+unser biederer Freund, unser wackerer Bruder, dieser treue, tapfere
+Genosse in Freud und Leid, o so ist unser edler Muzius gewiß tot! -- Seht
+da liegt der Edle auf dem kalten Stroh und hat alle viere von sich
+gestreckt! -- Nicht der leiseste Atemzug stiehlt sich durch die auf ewig
+geschlossenen Lippen! Eingefallen sind die Augen, die sonst bald sanftes
+Liebesfeuer, bald vernichtenden Zorn strahlten in grüngleißendem Gold!
+Totenblässe überzieht das Antlitz, schlaff hängen die Ohren, hängt der
+Schweif herab! -- O Bruder Muzius, wo sind nun deine lustigen Sprünge,
+wo ist deine Heiterkeit, deine gute Laune, dein klares fröhliches: Miau!
+das alle Herzen erfreute, dein Mut, deine Standhaftigkeit, deine
+Klugheit, dein Witz? -- Alles, alles hat dir der bittre Tod geraubt und
+du weißt vielleicht nun nicht einmal genau, ob du gelebt hast? -- Und
+doch warst du die Gesundheit, die Kraft selbst, gerüstet gegen alles
+körperliche Weh, als solltest du ewig leben! Kein Rädchen des Uhrwerks,
+das dein Inneres trieb, war ja auch schadhaft, und der Todesengel hatte
+sein Schwert nicht über dein Haupt geschwungen, weil das Räderwerk
+abgelaufen und nicht mehr wieder aufgezogen werden konnte. -- Nein! ein
+feindliches Prinzip griff gewaltsam hinein in den Organismus und
+zerstörte frevelnd, was noch lange hätte bestehen können. -- Ja! -- Noch
+oft hätten diese Augen freundlich gestrahlt, noch oft wären lustige
+Einfälle, fröhliche Lieder diesen Lippen, dieser erstarrten Brust
+entströmt, noch oft hätte dieser Schweif, frohen Mutes innere Kraft
+verkündend, sich in Wellenlinien geringelt, noch oft hätten diese Pfoten
+Stärke und Gewandtheit bewiesen in den mächtigsten gewagtesten Sprüngen
+-- und nun. -- -- O kann es die Natur zulassen, daß das, was sie auf
+lange Dauer mühsam konstruiert hat, vor der Zeit zerstört werde, oder
+gibt es wirklich einen finstern Geist, Zufall genannt, der in
+despotischer frevelnder Willkür hineingreifen darf in die Schwingungen,
+die alles Sein dem ewigen Naturprinzip gemäß zu bedingen scheinen? -- O
+du Toter, könntest du das hier der betrübten, jedoch lebendigen
+Versammlung sagen! -- Doch werte Anwesende, wackre Brüder, laßt uns
+solchen tiefsinnigen Betrachtungen nicht nachhängen, sondern uns ganz
+der Klage um den viel zu früh verlornen Freund Muzius zuwenden. -- Es
+ist gebräuchlich, daß der Trauerredner den Anwesenden die ganze
+vollständige Biographie mit lobpreisenden Zusätzen und Anmerkungen
+vorträgt, und dieser Gebrauch ist sehr gut, da durch einen solchen
+Vortrag auch in dem betrübtesten Zuhörer der Ekel der Langeweile erregt
+werden muß, dieser Ekel aber nach der Erfahrung und dem Ausspruch
+bewährter Psychologen am besten jede Betrübnis zerstört, weshalb denn
+auf jene Weise der Trauerredner beide Pflichten, die, dem Verewigten die
+gehörige Ehre zu erweisen und die, die Hinterlassenen zu trösten, auf
+einmal erfüllt. Man hat Beispiele, und die sind natürlich, daß der
+Gebeugteste nach solcher Rede ganz vergnügt und munter von hinnen
+gegangen ist; über der Freude erlöst zu sein von der Qual des Vortrags,
+verschmerzte er den Verlust des Hingeschiedenen. -- Teure, versammelte
+Brüder! wie gern folgte auch ich dem löblichen bewährten Gebrauch, wie
+gern trüge ich euch die ganze ausführliche Biographie des erblaßten
+Freundes und Bruders vor und setzte euch um aus betrübten Katern in
+vergnügte, aber es geht nicht, es geht wahrhaftig nicht. -- Seht das
+ein, teure, geliebte Brüder, wenn ich euch sage, daß ich von dem
+eigentlichen Leben des Verblichenen, was Geburt, Erziehung, weiteres
+Fortkommen betrifft, beinahe gar nichts weiß, daß ich daher euch lauter
+Fabeln auftischen müßte, wozu der Ort hier bei der Leiche des Erblaßten
+viel zu ernst und unsere Stimmung viel zu feierlich ist. -- Nichts für
+ungut, Bursche, aber ich will statt alles weitern langweiligen Sermons
+nur mit wenigen schlichten Worten sagen, was für ein schmähliches Ende
+der arme Teufel, der hier starr und tot vor uns liegt, nehmen mußte und
+was es für ein wackrer, tüchtiger Kerl im Leben war! -- Doch o Himmel!
+ich falle aus dem Ton der Beredsamkeit, unerachtet ich derselben
+beflissen und, will es das Schicksal, _Professor poeseos et eloquentiae_
+zu werden hoffe! --
+
+ (Hinzmann schwieg, putzte sich mit der rechten Pfote Ohren, Stirn,
+ Nase und Bart, betrachtete lange unverwandten Blicks die Leiche,
+ räusperte sich aus, fuhr nochmals mit der Pfote übers Gesicht und
+ sprach dann mit erhöhtem Tone weiter.)
+
+O bittres Verhängnis! -- o grauser Tod! mußtest du auf solch' grausame
+Weise den verewigten Jüngling hinraffen in der Blüte seiner Jahre?
+-- Brüder! ein Redner darf dem Zuhörer nochmals sagen, was dieser schon
+erfahren bis zum Überdruß, darum wiederhole ich, was ihr schon alle
+wißt, daß nämlich der dahingeschiedene Bruder fiel, als ein Opfer des
+wütenden Hasses der Spitzphilister. -- Dorthin auf jenes Dach, wo sonst
+wir uns ergötzten in Friede und Freude, wo fröhliche Lieder schallten,
+wo Pfot in Pfot und Brust an Brust wir =ein= Herz, =eine= Seele waren,
+wollte er hinaufschleichen, um in stiller Einsamkeit mit dem Senior Puff
+das Andenken jener schönen Tage, wahrer Tage in Aranjuez, die nun
+vorüber, zu feiern, da hatten die Spitzphilister, die auf jede Weise
+jede Erneuerung unsers frohen Katerbundes hintertreiben wollten, in die
+dunklen Winkel des Bodens Fuchseisen hingestellt; in eins derselben
+geriet der unglückliche Muzius, zerquetschte sich das Hinterbein und
+-- mußte sterben! -- Schmerzhaft und gefährlich sind die Wunden, die
+Philister schlagen, denn sie bedienen sich jederzeit stumpfer,
+schartiger Waffen, doch stark und kräftig von Natur hätte der
+Dahingeschiedene der bedrohlichen Verletzung unerachtet wieder aufkommen
+können, aber der Gram, der tiefe Gram sich von schnöden Spitzen
+überwunden, in seiner schönen glanzvollen Laufbahn ganz zerstört zu
+sehen, der stete Gedanke an die Schmach, die wir alle erlitten, das war
+es, was an seinem Leben zehrte. -- Er litt keinen gehörigen Verband,
+nahm keine Arzenei -- man sagt, er wollte sterben! --
+
+ (Ich, wir alle konnten uns bei diesen letzten Worten Hinzmanns
+ nicht lassen vor grimmem Schmerz, sondern brachen alle in solch ein
+ klägliches Geheul und Jammergeschrei aus, daß ein Felsen hätte
+ erweicht werden können. Als wir uns nur einigermaßen beruhigt
+ hatten, so daß wir zu hören vermochten, sprach Hinzmann mit Pathos
+ weiter.)
+
+O Muzius! o schau herab! schau die Tränen, die wir um dich vergießen,
+höre die trostlose Klage, die wir um dich erheben verewigter Kater!
+-- Ja, schau auf uns herab oder hinauf, wie es du nun eben vermagst, sei
+im Geiste unter uns, wenn du noch überhaupt eines Geistes mächtig und
+derselbige, der dir innegewohnt, nicht schon anderweitig verbraucht
+worden! -- Brüder! -- wie gesagt, ich halte das Maul über die Biographie
+des Erblaßten, weil ich nichts davon weiß, aber desto lebhafter sind mir
+die vortrefflichen Eigenschaften des Verewigten im Gedächtnis und die
+will ich euch, meine teuersten, geliebtesten Freunde, vor die Nase
+rücken, damit ihr den entsetzlichen Verlust, den ihr durch den Tod des
+herrlichen Katers erlitten im ganzen Umfange fühlen möget! Vernehmt es,
+o Jünglinge! die ihr geneigt seid nie abzuweichen von dem Pfade der
+Tugend, vernehmt es! -- Muzius war, was wenige im Leben sind, ein
+würdiges Glied der Katzengesellschaft, ein guter treuer Gatte, ein
+vortrefflicher liebender Vater, ein eifriger Verfechter der Wahrheit und
+des Rechts, ein unermüdlicher Wohltäter, eine Stütze der Armen, ein
+treuer Freund in der Not! -- Ein würdiges Glied der Katzengesellschaft?
+-- Ja! denn immer äußerte er die besten Gesinnungen und war sogar zu
+einiger Aufopferung bereit, wenn geschah was er wollte, feindete auch
+nur ausschließlich diejenigen an, die ihm widersprachen und seinem
+Willen sich nicht fügten. -- Ein guter treuer Gatte? -- Ja! -- denn er
+lief andern Kätzchen nur dann nach, wenn sie jünger und hübscher waren
+als sein Gemahl und unwiderstehliche Lust ihn dazu trieb. Ein
+vortrefflicher liebender Vater? Ja! denn niemals hat man vernommen, daß
+er, wie es wohl von rohen lieblosen Vätern unsers Geschlechts zu
+geschehen pflegt, im Anfall eines besonderen Appetits eines seiner
+erzielten Kleinen verspeiset; es war ihm vielmehr ganz recht, wenn die
+Mutter sie sämtlich forttrug und er von ihrem dermaligen Aufenthalt
+weiter nichts erfuhr. Ein eifriger Verfechter der Wahrheit und des
+Rechts? Ja! -- denn sein Leben hätte er gelassen dafür, weshalb er, da
+man nur einmal lebt, sich um beides nicht viel kümmerte, welches ihm
+auch nicht zu verargen. Ein unermüdlicher Wohltäter, eine Stütze der
+Armen? Ja! denn Jahr aus Jahr ein trug er am Neujahrstage ein kleines
+Heringsschwänzlein oder ein paar subtile Knöchelchen hinab in den Hof,
+für die armen Brüder, die der Speisung bedurften und konnte wohl, da er
+auf diese Weise seine Pflicht als würdiger Katzenfreund erfüllte,
+diejenigen bedürftigen Kater mürrisch anknurren, die außerdem noch etwas
+von ihm verlangten. Ein treuer Freund in der Not? Ja! denn geriet er in
+Not, so ließ er nicht ab selbst von denjenigen Freunden, die er sonst
+ganz vernachlässigt, ganz vergessen hatte. -- Verewigter! was soll ich
+noch sagen von deinem Heldenmut, von deinem hohen geläuterten Sinn für
+alles Schöne und Edle, von deiner Gelehrsamkeit, von deiner
+Kunst-Kultur, von all' den tausend Tugenden, die sich in dir vereinten!
+Was, sag' ich, soll ich sagen davon, ohne unsern gerechten Schmerz über
+dein klägliches Hinscheiden nicht noch um vieles zu vermehren!
+-- Freunde, gerührte Brüder! -- denn in der Tat an einigen unzweideutigen
+Bewegungen bemerke ich zu meiner nicht geringen Befriedigung, daß es mir
+gelang euch zu rühren. -- Also! gerührte Brüder! -- laßt uns ein
+Beispiel nehmen an diesem Verstorbenen, laßt uns alle Mühe anwenden,
+ganz in seine würdige Fußtapfen zu treten, laßt uns ganz das sein, was
+der Vollendete war, und auch wir werden im Tode die Ruhe des wahrhaft
+weisen, des durch Tugenden jeder Art und Gattung geläuterten Katers
+genießen, wie dieser Vollendete! --
+
+Seht nur selbst wie er so still daliegt, wie er keine Pfote rührt, wie
+ihm all' mein Lob seiner Vortrefflichkeit auch nicht ein leises Lächeln
+des Wohlgefallens abgewonnen! -- Glaubt ihr wohl, Traurige! daß der
+bitterste Tadel, die gröbsten beleidigendsten Schmähungen ebenso jeden
+Eindruck auf den Verewigten verfehlt haben würden? Glaubt ihr wohl, daß
+selbst der dämonische Spitzphilister, träte er hinein in diesen Kreis,
+dem er sonst unmaßgeblich beide Augen ausgekratzt haben würde, jetzt ihn
+nur im mindesten in Harnisch bringen, seine sanfte süße Ruhe verstören
+dürfte?
+
+Über Lob und Tadel, über alle Anfeindungen, alle Foppereien, allen
+neckhaften Spott und Hohn, über allen wirrigen Spuk des Lebens ist unser
+herrlicher Muzius erhaben, er hat kein anmutiges Lächeln, keine feurige
+Umarmung, keinen biedern Pfotendruck mehr für den Freund, aber auch
+keine Krallen, keine Zähne mehr für den Feind! -- Er ist vermöge seiner
+Tugenden zu der Ruhe gelangt, der er im Leben vergebens nachgestrebt!
+-- Zwar will es mich beinahe bedünken, daß wir alle, so wie wir hier
+zusammen sitzen und heulen um den Freund, zu der Ruhe kommen würden,
+ohne gerade so ein Ausbund von aller Tugend zu sein als er, und daß es
+wohl noch ein anderes Motiv geben müsse tugendhaft zu sein, als gerade
+die Sehnsucht nach dieser Ruhe, indessen ist das nur solch ein Gedanke,
+den ich euch zu fernerer Bearbeitung überlasse. -- Soeben wollte ich
+euch an's Herz legen, euer ganzes Leben vorzüglich dazu anzuwenden um so
+schön sterben zu lernen als Freund Muzius, indessen will ich es lieber
+nicht tun, da ihr mir so manches Bedenkliche entgegensetzen könntet. Ich
+meine nämlich, daß ihr mir einwenden dürftet, der Verewigte hätte auch
+lernen sollen, behutsam zu sein und Fuchseisen zu vermeiden, um nicht zu
+sterben vor der Zeit. Dann gedenke ich aber auch, wie ein sehr junger
+Katerknabe auf gleiche Ermahnung des Lehrers, daß der Kater sein ganzes
+Leben darauf verwenden müsse, um sterben zu lernen, schnippisch genug
+erwiderte: es könne doch so gar schwer nicht sein, da es jedem gelinge
+aufs erste Mal! -- Laßt uns jetzt, hochbetrübte Jünglinge, einige
+Augenblicke stiller Betrachtung widmen! --
+
+ (Hinzmann schwieg und fuhr sich wiederum mit der rechten Pfote über
+ Ohren und Gesicht, dann schien er in tiefes Nachdenken zu
+ versinken, indem er die Augen fest zudrückte. Endlich als es zu
+ lange währte, stieß ihn der Senior Puff an und sprach leise:
+ Hinzmann ich glaube gar, du bist eingeschlafen. Mache nur, daß du
+ fertig wirst mit deinem Sermon, denn wir verspüren alle einen
+ desperaten Hunger. Hinzmann fuhr in die Höhe, setzte sich wieder in
+ die zierliche Rednerstellung und sprach weiter.)
+
+Teuerste Brüder! -- ich hoffte noch zu einigen erhabenen Gedanken zu
+gelangen und gegenwärtige Standrede glänzend zu schließen, es ist mir
+aber gar nichts eingefallen, ich glaube der große Schmerz, den ich zu
+empfinden mich bemüht, hat mich ein wenig stupid gemacht. Laßt uns daher
+meine Rede, der ihr den vollkommensten Beifall nicht versagen könnet,
+für geschlossen annehmen und jetzt das gewöhnliche _De_ oder _Ex profundis_
+anstimmen! --
+
+So endete der artige Katerjüngling seinen Trauersermon, der mir zwar in
+rhetorischer Hinsicht wohlgeordnet und von guter Wirkung zu sein schien,
+an dem ich aber doch manches auszusetzen fand. Mir kam es nämlich vor,
+daß Hinzmann gesprochen, mehr, um ein glänzendes Rednertalent zu zeigen,
+als den armen Muzius noch zu ehren nach seinem betrübten Hinscheiden.
+Alles was er gesagt, paßte gar nicht recht auf den Freund Muzius, der
+ein einfacher, schlichter, gerader Kater und, ich hatte es ja wohl recht
+erfahren, eine treue gutmütige Seele gewesen. Überdem war auch das Lob,
+das Hinzmann gespendet, von zweideutiger Art, so daß mir eigentlich die
+Rede hinterher mißfiel, und ich während des Vortrags bloß durch die
+Anmut des Redners, und durch seine in der Tat ausdrucksvolle Deklamation
+bestochen worden. Auch der Senior Puff schien meiner Meinung zu sein;
+wir wechselten Blicke, die Hinzmanns Rede betreffend, von unserm
+Einverständnis zeugten.
+
+Dem Schluß der Rede gemäß, stimmten wir ein _De profundis_ an, das
+womöglich noch viel jämmerlicher, viel herzzerschneidender klang als das
+entsetzliche Grabeslied vor der Rede. -- Es ist bekannt, daß die Sänger
+von unserm Geschlecht den Ausdruck des tiefsten Weh's, des trostlosesten
+Jammers, mag nun die Klage wegen zu sehnsüchtiger oder verschmähter
+Liebe oder um einen geliebten Verstorbenen ertönen, ganz vorzüglich in
+der Gewalt haben, so daß selbst der kalte gefühllose Mensch von Gesängen
+solcher Art tief durchdrungen wird und der gepreßten Brust nur Luft zu
+machen vermag durch seltsames Fluchen. -- Als das _De profundis_ geendigt,
+hoben wir die Leiche des verewigten Bruders auf und senkten sie in ein
+tiefes in einer Ecke des Kellers befindliches Grab.
+
+In diesem Augenblick begab sich aber das Unerwartetste und zugleich
+anmutig Rührendste der ganzen Totenfeier. Drei Katzenmädchen schön wie
+der Tag, hüpften heran und streuten Kartoffel- und Petersilienkraut, das
+sie im Keller gepflückt, in das offene Grab, während eine ältere ein
+einfaches herziges Lied dazu sang. Die Melodie war mir bekannt, irre ich
+nicht, so fängt der Originaltext des Liedes, dem die Stimme
+untergeschoben, mit den Worten an: O Tannenbaum! o Tannenbaum u. s. w.
+Es waren, wie mir der Senior Puff ins Ohr sagte, die Töchter des
+verstorbenen Muzius, die auf diese Weise des Vaters Trauerfest mit
+begingen.
+
+Nicht das Auge abwenden konnte ich von der Sängerin; sie war
+allerliebst, der Ton ihrer süßen Stimme, selbst das Rührende tief
+Empfundene in der Melodie des Trauerliedes riß mich hin, ganz und gar;
+ich konnte mich der Tränen nicht enthalten. Doch der Schmerz, der mir
+sie auspreßte, war von ganz besonderer seltsamer Art, da er mir das
+süßeste Wohlbehagen erregte.
+
+Daß ich es nur geradezu heraussage! -- Mein ganzes Herz neigte sich der
+Sängerin hin, es war mir, als habe ich nie eine Katzjungfrau erblickt
+von dieser Anmut, von diesem Adel in Haltung und Blick, kurz von dieser
+siegenden Schönheit! --
+
+Das Grab wurde mit Mühe von vier rüstigen Katern, die so viel Sand und
+Erde herankratzten als nur möglich, gefüllt, die Beerdigung war vorbei
+und wir gingen zu Tische. Muzius schöne liebliche Töchter wollten sich
+entfernen, das litten wir jedoch nicht, sie mußten vielmehr teilnehmen
+am Trauermahl und ich wußte es so geschickt anzufangen, daß ich die
+Schönste zur Tafel führte und mich dicht neben ihr hinsetzte. Hatte mir
+erst ihre Schönheit geglänzt, hatte mich ihre süße Stimme bezaubert, so
+versetzte mich jetzt ihr heller klarer Verstand, die Innigkeit, die
+Zartheit ihres Gefühls, das rein weibliche fromme Wesen, das aus ihrem
+Innern hervorstrahlte, in den höchsten Himmel des Entzückens. Alles
+erhielt in ihrem Munde, in ihren süßen Worten einen ganz eignen
+Zauberreiz, ihr Gespräch war ganz liebliche zarte Idylle. -- So sprach
+sie z. B. mit Wärme von einem Milchbrei, den sie wenige Tage vor des
+Vaters Tode nicht ohne Appetit genossen, und als ich sagte, daß bei
+meinem Meister solch ein Brei ganz vorzüglich bereitet würde und zwar
+mit einer guten Zutat von Butter, da blickte sie mich an mit ihren
+frommen grünstrahlenden Taubenaugen und fragte mit einem Ton, der mein
+ganzes Herz durchbebte: O gewiß -- gewiß mein Herr! -- Sie lieben auch
+den Milchbrei? -- Mit Butter! wiederholte sie dann, wie in
+schwärmerische Träume versunken. -- Wer weiß nicht, daß hübschen
+blühenden Mädchen von sechs bis acht Monaten (so viele konnte die
+Schönste zählen) nichts besser kleidet, als ein kleiner Anstrich von
+Schwärmerei, ja daß sie dann oft ganz unwiderstehlich sind. So geschah
+es, daß ich ganz in Liebe entflammt, die Pfote der Schönsten heftig
+drückend laut rief: Eng'lisches Kind! frühstücke mit mir Milchbrei und
+es gibt keine Seligkeit des Lebens, gegen die ich mein Glück austausche!
+-- Sie schien verlegen, sie schlug errötend die Augen nieder, doch ließ
+sie ihre Pfote in der meinigen, welches die schönsten Hoffnungen in mir
+erregte. Ich hatte nämlich einmal bei meinem Meister einen alten Herrn,
+der, irre ich nicht, ein Advokat war, sagen gehört, es sei für ein
+junges Mädchen sehr gefährlich, ihre Hand lange in der Hand eines Mannes
+zu lassen, weil dieser es mit Recht für eine _traditio brevi manu_ ihrer
+ganzen Person ansehen und allerlei Ansprüche darauf begründen könne, die
+dann nur mit Mühe zurückzuweisen. -- Zu solchen Ansprüchen hatte ich nun
+aber große Lust und wollte eben damit beginnen, als das Gespräch durch
+eine Libation zu Ehren des Verstorbenen unterbrochen wurde. --
+
+Die drei jüngeren Töchter des hingeschiedenen Muzius hatten indessen
+eine frohe Laune, eine schalkhafte Naivität entwickelt, über die alle
+Kater entzückt waren. Schon durch Speise und Trank merklich dem Gram und
+Schmerz entnommen, wurde nun die Gesellschaft immer froher und
+lebendiger. Man lachte, man scherzte und als die Tafel aufgehoben, war
+es der ernste Senior Puff selbst, welcher vorschlug, ein Tänzchen zu
+machen. Schnell war alles fortgeräumt; drei Kater stimmten ihre Kehlen
+und bald sprangen und drehten sich Muzius aufgeweckte Töchter mit den
+Jünglingen wacker herum.
+
+Nicht von der Seite wich ich der Schönsten, ich forderte sie auf zum
+Tanz, sie gab mir die Pfote, wir flogen in die Reihen. -- Ha! wie ihr
+Atem an meiner Wange spielte! wie meine Brust an der ihrigen bebte! wie
+ich ihren süßen Leib mit meinen Pfoten umschlungen hielt! -- O des
+seligen, himmlisch seligen Augenblicks!
+
+Als wir zwei, auch wohl drei Hopser getanzt, führte ich die Schönste in
+eine Ecke des Kellers und bediente sie galanter Sitte gemäß mit einigen
+Erfrischungen, wie sie sich eben vorfinden lassen wollten, da das Fest
+eigentlich auf einen Ball nicht eingerichtet. Nun ließ ich meinem innern
+Gefühl ganz freien Lauf. Einmal übers andere drückte ich ihre Pfote an
+meine Lippen und versicherte ihr, daß ich der glücklichste Sterbliche
+sein werde, wenn sie mich ein bißchen lieben wolle.
+
+Unglücklicher, sprach plötzlich eine Stimme dicht hinter mir,
+Unglücklicher, was beginnst du! -- es ist deine Tochter Mina!
+
+Ich erbebte, denn wohl erkannte ich die Stimme! -- Es war Miesmies!
+-- Launisch spielte der Zufall mit mir, daß in dem Augenblick, als ich
+Miesmies ganz vergessen zu haben geglaubt, ich erfahren, was ich nicht
+ahnen können, ich in Liebe kommen mußte zu eignem Kinde! -- Miesmies war
+in tiefer Trauer, ich wußte selbst nicht, was ich davon denken sollte.
+Miesmies, sprach ich sanft, was führt Sie hieher, warum in Trauer und
+-- o Gott! -- jene Mädchen -- Mina's Schwestern? -- Ich erfuhr das
+Seltsamste! -- Mein gehässiger Nebenbuhler, der Schwarzgraugelbe, hatte
+sich gleich nachher, als er in jenem mörderischen Zweikampf meiner
+ritterlichen Tapferkeit erlegen, von Miesmies getrennt und war, als nur
+seine Wunden geheilt, fortgegangen niemand wußte wohin. Da warb Muzius
+um ihre Pfote, die sie ihm willig reichte, und es machte ihm Ehre und
+bewies sein Zartgefühl, daß er mir dies Verhältnis gänzlich verschwieg.
+So waren aber jene muntre naive Kätzchen nur meiner Mina
+Stiefschwestern!
+
+O Murr, sprach Miesmies zärtlich, nachdem sie erzählt, wie sich das
+alles ergeben, o Murr! ihr schöner Geist hat sich nur in dem Gefühl
+geirrt, das ihn überströmte. Es war die Liebe des zärtlichsten Vaters,
+nicht des verlangenden Liebhabers, die in Ihrer Brust erwachte, als Sie
+unsre Mina sahen. =Unsere= Mina! o welch ein süßes Wort! -- Murr! können
+Sie dabei unempfindlich bleiben, sollte alle Liebe erloschen sein in
+Ihrem Innern gegen die, die Sie so innig liebte -- o Himmel noch so
+innig liebt, die Ihnen treu geblieben, bis in den Tod, wäre nicht ein
+anderer dazwischen gekommen, und hätte Sie verlockt durch schnöde
+Verführungskünste? -- O Schwachheit, dein Name ist Katz! Das denken Sie,
+ich weiß es, aber ist es nicht Katertugend, der schwachen Katze zu
+verzeihen? -- Murr! Sie sehen mich gebeugt! trostlos über den Verlust
+des dritten zärtlichen Gatten, aber in dieser Trostlosigkeit flammt aufs
+neue die Liebe auf, die sonst mein Glück, mein Stolz, mein Leben war!
+-- Murr! hören Sie mein Geständnis! -- ich liebe Sie noch und ich dächte
+wir verhei -- Tränen erstickten ihre Stimme!
+
+Mir war bei dem ganzen Auftritt sehr peinlich zu Mute. Mina saß da,
+bleich und schön, wie der erste Schnee, der manchmal im Herbste die
+letzten Blumen küßt und gleich in bitteres Wasser zerfließen wird.
+
+ (=Anmerkung des Herausgebers.= Murr! -- Murr! schon wieder ein
+ Plagiat! -- In Peter Schlemihls wundersamer Geschichte beschreibt
+ der Held des Buches seine Geliebte, auch Mina geheißen, mit
+ denselben Worten.)
+
+Schweigend betrachtete ich beide, Mutter und Tochter, die letzte gefiel
+mir doch unendlich viel besser, und da bei unserm Geschlecht die
+nächsten verwandtschaftlichen Verhältnisse kein kanonisches Ehehindernis
+-- Vielleicht verriet mich mein Blick, denn Miesmies schien meine
+innersten Gedanken zu durchschauen. Barbar! was willst du beginnen?
+-- rief sie, indem sie schnell auf Mina lossprang und sie heftig
+umpfotend, an ihre Brust riß. Wie? du kannst dies dich liebende Herz
+verschmähen und Verbrechen häufen auf Verbrechen! Unerachtet ich nun gar
+nicht begriff, was für Ansprüche Miesmies geltend machen und welche
+Verbrechen sie mir vorwerfen konnte, so fand ich es, um den Jubel, in
+den sich das Trauerfest aufgelöst, nicht zu verstören doch geratener,
+gute Miene zu machen zu bösem Spiel. Ich versicherte daher der ganz aus
+sich selbst gekommenen Miesmies, daß bloß die unaussprechliche
+Ähnlichkeit Mina's mit ihr mich irre geführt und ich geglaubt habe,
+dasselbe Gefühl entflamme mein Inneres, das ich für sie, die noch immer
+schöne Miesmies, in mir trage. Miesmies trocknete alsbald ihre Tränen,
+setzte sich dicht zu mir und fing ein so vertrauliches Gespräch mit mir
+an, als sei nie etwas Böses unter uns vorgefallen. Hatte nun noch der
+junge Hinzmann die schöne Mina zum Tanz aufgefordert, so kann man
+denken, in welcher unangenehmen peinlichen Lage ich mich befand.
+
+Ein Glück für mich war es, daß der Senior Puff endlich Miesmies aufzog
+zum Kehraus, da sie mir sonst noch allerlei seltsame Propositionen hätte
+machen können. Ich schlich leise leise aus dem Keller herauf und dachte:
+Kommt Zeit, kommt Rat!
+
+Ich sehe dieses Trauerfest für den Wendepunkt an, in dem sich meine
+Lehrmonate schlossen und ich eintrat in einen anderen Kreis des Lebens.
+
+=(Mak. Bl.)= -- Kreisler veranlaßt, sich in aller Frühe in die Gemächer
+des Abts zu begeben. Er fand den hochehrwürdigen Herrn, wie er eben mit
+Beil und Meißel in der Hand, beschäftigt war, eine große Kiste
+aufzuschlagen, in welcher der Form nach, ein Gemälde eingepackt sein
+mußte. Ha! rief der Abt dem eintretenden Kreisler entgegen, gut, daß Ihr
+kommt, Kapellmeister! Ihr könnt mir beistehen in einer schweren,
+mühseligen Arbeit. Die Kiste ist mit tausend Nägeln zugehämmert, als
+solle sie verschlossen bleiben in Ewigkeit. Sie kommt gerades Weges aus
+Neapel und es ist ein Gemälde darin, das ich vorderhand in meinem
+Kabinett aufhängen und den Brüdern nicht zeigen will. Darum rief ich mir
+keinen zur Hülfe; aber nun sollt Ihr mir helfen Kapellmeister. Kreisler
+legte Hand an, und nicht lange dauerte es, so war das große Gemälde, das
+in einen prächtigen vergoldeten Rahmen gefaßt, aus der Kiste zu Tage
+gefördert. Nicht wenig verwunderte sich Kreisler, als er in dem Kabinett
+des Abts die Stelle über dem kleinen Altar, wo sonst ein sehr anmutiges
+Bild von Leonardo da Vinci, die heilige Familie darstellend, aufgehängt
+war, leer fand. Der Abt hatte dies Gemälde für eins der besten geachtet,
+was die an alten Originalen reiche Sammlung besaß, und doch sollte
+dieses Meisterstück Platz machen einem Gemälde, dessen große Schönheit,
+aber auch entschiedene Neuheit Kreisler auf den ersten Blick erkannte.
+--
+
+Mit großer Mühe hatten beide, der Abt und Kreisler, das Gemälde an der
+Wand mit Mauerschrauben befestigt, und nun stellte sich der Abt in das
+rechte Licht und schaute das Bild mit einem solch innigem Wohlbehagen,
+mit solch sichtlicher Freude an, daß es schien, als sei außer der in der
+Tat bewundrungswürdigen Malerei, noch ein besonderes Interesse hier im
+Spiele. -- Der Gegenstand des Gemäldes war ein Mirakel. Von der
+strahlenden Glorie des Himmels umflossen, erschien die heilige Jungfrau;
+in der linken Hand trug sie einen Lilienzweig, mit den beiden
+Mittelfingern der rechten Hand berührte sie aber die nackte Brust eines
+Jünglings, und man sah, wie unter den Fingern dickes Blut aus einer
+offnen Wunde hervortropfte. Der Jüngling erhob sich halb von dem Lager,
+auf das er ausgestreckt, er schien aus dem Todesschlafe zu erwachen,
+noch hatte er nicht die Augen geöffnet, aber das verklärte Lächeln, das
+auf seinem schönen Antlitz ausgebreitet, zeigte, daß er die Mutter
+Gottes schaute im seligen Traum, daß ihm der Schmerz der Wunde
+entnommen, daß der Tod keine Macht mehr hatte über ihn. -- Jeder Kenner
+mußte die korrekte Zeichnung, die geschickte Anordnung der Gruppe, die
+richtige Verteilung des Lichts und Schattens, den grandiosen Wurf der
+Gewänder, die hohe Anmut der Gestalt Maria's, vorzüglich auch die
+lebensvolle Farbe, die den modernen Künstlern meistens nicht zu Gebote
+steht, höchlich bewundern. Worin sich aber am meisten, und wie es in der
+Natur der Sache liegt auch am entschiedensten, der wahre Genius des
+Künstlers offenbarte, war der unbeschreibliche Ausdruck der Gesichter.
+Maria war das schönste anmutigste Weib, das man nur sehen konnte, und
+doch lag auf dieser hohen Stirn des Himmels gebietende Majestät,
+strahlte überirdische Seligkeit im milden Glanz aus diesen dunklen
+Augen. Ebenso war die himmlische Verzückung des zum Leben erwachenden
+Jünglings mit einer seltenen Kraft des schöpferischen Geistes vom
+Künstler aufgefaßt und dargestellt. -- Kreisler kannte in der Tat kein
+einziges Gemälde der neuern Zeit, das er diesem herrlichen Bilde hätte
+an die Seite stellen können; er äußerte dies dem Abt, indem er sich über
+alle einzelnen Schönheiten des Werks weitläuftig ausließ und dann
+hinzufügte, daß in der neuesten Zeit wohl kaum Gediegeneres
+hervorgebracht worden.
+
+Das hat seinen guten Grund, wie Ihr, Kapellmeister! sogleich erfahren
+sollt, sprach der Abt lächelnd. -- Es ist ein eignes Ding mit unsern
+jungen Künstlern, sie studieren und studieren, erfinden, zeichnen,
+machen gewaltige Kartons und am Ende kommt Totes, Starres hervor, das
+nicht eindringen kann ins Leben, weil es selbst nicht lebt. Statt des
+alten großen Meisters, den sie sich zum Muster und Vorbild gewählt
+haben, Werke sorgfältig zu kopieren und so einzudringen in seinen
+eigentümlichsten Geist, wollen sie gleich die Meister selbst sein und
+Similia malen, verfallen aber darüber in eine Nachahmerei der
+Nebendinge, die sie ebenso kindisch und lächerlich erscheinen läßt, als
+jenen, der, um einem großen Mann gleich zu kommen, ebenso zu husten, zu
+schnarren, etwas gebückt zu gehen sich mühte, wie dieser. -- Es fehlt
+unsern jungen Malern an der wahren Begeisterung, die das Bild in aller
+Glorie des vollendetsten Lebens aus dem Innern hervorruft und Ihnen vor
+Augen stellt. Man sieht, wie sich dieser, jener vergebens abquält um
+endlich in jene erhöhte Stimmung des Gemüts zu geraten, ohne die kein
+Werk der Kunst geschaffen wird. Was dann aber die Ärmsten für wahre
+Begeisterung halten, wie sie den heitern, ruhigen Sinn der alten Maler
+erhob, ist nur das seltsam gemischte Gefühl von hochmütiger Bewunderung
+des selbst gefaßten Gedankens und von ängstlicher, quälender Sorge, nun
+bei der Ausführung es dem alten Vorbilde auch in der kleinsten
+Kleinigkeit nachzutun. -- So wird denn oft die Gestalt, die selbst
+lebendig, ins helle freundliche Leben treten sollte, zur widerlichen
+Fratze. Unsere jungen Maler bringen es nicht zur deutlichen Anschauung
+der im Innern aufgefaßten Gestalt, und mag es vielleicht nicht lediglich
+daher kommen, daß sie, gerät ihnen auch sonst alles so ziemlich gut,
+doch die Färbung verfehlen? -- Mit einem Wort, sie können höchstens
+zeichnen, aber durchaus nicht malen. Unwahr ist es nämlich, daß die
+Kenntnis der Farben und ihrer Behandlung verloren gegangen sein, daß es
+den jungen Malern an Fleiß fehlen sollte. Denn was das erste betrifft,
+so ist es unmöglich, da die Malerkunst seit der christlichen Zeit, in
+der sie sich erst als wahrhaftige Kunst gestaltete, nie geruht hat,
+sondern Meister und Schüler eine ununterbrochene, fortlaufende Reihe
+bilden, und der Wechsel der Dinge, der freilich nach und nach die
+Abweichungen vom Wahrhaftigen herbeiführte, auf die Übertragung des
+Mechanischen keinen Einfluß haben konnte. Anlangend aber den Fleiß der
+Künstler, so möchte ihnen eher Übermaß als Mangel daran vorzuwerfen
+sein. Ich kenne einen jungen Künstler, der ein Gemälde, läßt es sich
+auch ziemlich gut an, so lange übermalt und übermalt, bis alles in einen
+stumpfen bleiernen Ton hinschwindet und so vielleicht erst dem innern
+Gedanken gleicht, dessen Gestalten nicht in das vollendete, lebendige
+Leben treten konnten. -- Seht da, Kapellmeister, ein Bild, aus dem
+wahres, herrliches Leben haucht, und das darum, weil es die wahre fromme
+Begeisterung schuf! -- Das Mirakel ist Euch deutlich. Der Jüngling, der
+sich dort vom Lager erhebt, wurde in gänzlicher Hilflosigkeit von
+Mördern überfallen und zum Tode getroffen. Laut rief er, der sonst ein
+gottloser Frevler gewesen, der die Gebote der Kirche in höllischem Wahn
+verachtet, die heilige Jungfrau um Hilfe an, und es gefiel der
+himmlischen Mutter Gottes, ihn aus dem Tode zu erwecken, damit er noch
+lebe, seine Irrtümer einsehe und sich in frommer Hingebung der Kirche
+weihe und ihrem Dienst. -- Dieser Jüngling, dem die Gottgesandte so viel
+Gnade angedeihen ließ, ist zugleich der Maler des Bildes. --
+
+Kreisler bezeugte über das, was ihm der Abt sagte, seine nicht geringe
+Verwunderung und schloß damit, daß auf diese Weise das Mirakel ja in der
+neuesten Zeit sich zugetragen haben müsse?
+
+Auch Ihr, sprach der Abt mit sanftem mildem Ton, auch Ihr, mein lieber
+Johannes, seid also der törichten Meinung, daß das Gnadentor des Himmels
+jetzt verschlossen sei, so daß das Mitleiden, die Barmherzigkeit in der
+Gestalt des Heiligen, den der bedrängte Mensch in der zermalmenden Angst
+des Verderbens brünstig anflehte, nicht mehr hindurchwandeln, selbst dem
+Bedürftigen erscheinen und ihm Frieden und Trost bringen könne? -- Glaubt
+mir Johannes, nie haben die Wunder aufgehört, aber des Menschen Auge ist
+erblödet in sündigem Frevel, es kann den überirdischen Glanz des Himmels
+nicht ertragen, und vermag daher nicht die Gnade der ewigen Macht zu
+erkennen, wenn sie sich kundtut in sichtbarlicher Erscheinung. -- Doch
+mein lieber Johannes: die herrlichsten göttlichsten Wunder geschehen in
+dem innersten Gemüt des Menschen selbst, und diese Wunder soll er laut
+verkünden, wie er es nur vermag, in Wort, Ton oder Farbe. So hat jener
+Mönch, der das Bild malte, das Wunder seiner Bekehrung herrlich
+verkündet, und so -- Johannes, ich muß von Euch reden, es strömt mir aus
+dem Herzen -- und so verkündet Ihr in mächtigen Tönen das herrliche
+Wunder der Erkenntnis des ewigen, klarsten Lichts aus Eurem tiefsten
+Innern heraus. Und daß Ihr das vermöget, ist das nicht auch ein
+gnadenvolles Wunder, das die ewige Macht geschehen läßt zu Euerm Heil?
+--
+
+Kreisler fühlte sich von des Abts Worten gar seltsam erregt; so wie es
+selten geschehen, trat der volle Glauben an seine innere schöpferische
+Kraft lebendig hervor und ihn durchbebte ein seliges Wohlbehagen.
+
+Nicht den Blick hatte Kreisler indessen abgewandt von dem wunderbaren
+Gemälde, aber wie es wohl zu geschehen pflegt, daß wir auf Bildern,
+vorzüglich wenn, wie es hier der Fall, starke Lichteffekte im Vor- oder
+Mittelgrunde angebracht sind, die in den dunklen Hintergrund gestellten
+Figuren erst später entdecken, so gewahrte auch jetzt erst Kreisler die
+Gestalt, die in einen weiten Mantel gehüllt, den Dolch, auf den nur ein
+Strahl der Glorie der Himmelskönigin zu fallen schien, so daß er kaum
+bemerkbar blinkte, in der Hand, durch die Türe entfloh. Es war offenbar
+der Mörder; im Entfliehen blickte er rückwärts und sein Gesicht trug den
+furchtbaren Ausdruck der Angst und des Entsetzens.
+
+Wie ein Blitz traf es den Kreisler, als er in dem Antlitz des Mörders
+die Züge des Prinzen Hektor erkannte; nun war es ihm auch, als habe er
+den zum Leben erwachenden Jüngling schon irgendwo, wiewohl nur sehr
+flüchtig, gesehen. Eine ihm selbst unerklärliche Scheu hielt ihn zurück,
+diese Bemerkungen dem Abte mitzuteilen, dagegen fragte er den Abt, ob er
+es nicht für störend und anstößig halte, daß der Maler ganz im
+Vorgrunde, wiewohl im Schlagschatten, Gegenstände des modernen Anzuges
+angebracht, und wie er jetzt erst sehe auch den erwachenden Jüngling,
+also sich selbst, modern gekleidet?
+
+In der Tat war auf dem Bilde, und zwar zur Seite des Vorgrundes, ein
+kleiner Tisch und ein dicht daneben stehender Stuhl angebracht, auf
+dessen Lehne ein türkischer Shawl hing, sowie auf dem Tisch ein
+Offiziershut mit einem Federbusch und ein Säbel lagen. Der Jüngling trug
+einen modernen Hemdkragen, eine Weste, die ganz aufgeknöpft, und einen
+dunklen, ebenfalls ganz aufgeknöpften Überrock, dessen Schnitt aber
+einen guten Faltenwurf zuließ. Die Himmelskönigin war gekleidet, wie man
+sie auf den Bildern der besten alten Maler zu sehen gewohnt ist.
+
+Mir ist, erwiderte der Abt auf Kreislers Frage, mir ist die Staffage im
+Vorgrunde sowie des Jünglings Überrock nicht allein keineswegs anstößig,
+sondern ich meine auch, daß der Maler nicht von des Himmels Gnade,
+sondern von weltlicher Torheit und Eitelkeit hätte durchdrungen sein
+müssen, wenn er auch nur in dem geringfügigsten Nebenpunkte von der
+Wahrheit abgewichen wäre. So wie es sich wirklich begab, getreu nach
+Ort, Umgebung, Kleidung der Personen u. s. w. mußte er das Mirakel
+darstellen, so sieht auch jeder auf den ersten Blick, daß sich das
+Mirakel in unsern Tagen begab, und so wird das Gemälde des frommen
+Mönchs zur schönen Trophäe der siegenden Kirche in diesen Zeiten des
+Unglaubens und der Verderbtheit.
+
+Und doch, sprach Kreisler, und doch ist mir dieser Hut, dieser Säbel,
+dieser Shawl, dieser Tisch, dieser Stuhl -- ist mir das alles, sage ich,
+fatal, und ich wollte, der Maler hätte diese Staffage des Vorgrundes
+weggelassen, und sich selbst ein Gewand umgeworfen, statt des Überrocks.
+Sagt selbst, hochehrwürdiger Herr! könnt Ihr Euch eine heilige
+Geschichte denken im modernen Kostüm, einen heiligen Joseph im
+Flauschrock, einen Heiland im Frack, eine Jungfrau in einer Robe mit
+umgeworfenen türkischen Shawl? Würde Euch das nicht als eine unwürdige
+ja abscheuliche Profanation des Erhabensten erscheinen? Und doch
+stellten die alten, vorzüglich die deutschen Maler alle biblischen und
+heiligen Geschichten in dem Kostüm ihres Zeitalters dar, und ganz falsch
+möchte die Behauptung sein, daß sich jene Trachten besser zur
+malerischen Darstellung eigneten als die jetzigen; die freilich, bis auf
+manche Kleidung der Weiber, albern und unmalerisch genug sind. Doch bis
+ins Übertriebene, bis ins Ungeheuere, möcht ich sagen gingen ja manche
+Moden der Vorzeit; man denke an jene Ellen hoch aufgekrümmte
+Schnabelschuhe, an jene bauschichte Pluderhosen, an jene zerschnittene
+Wämser und Ärmel u. s. w., vollends unausstehlich und Antlitz und Wuchs
+entstellend waren aber manche Weibertrachten, wie man sie auf alten
+Bildern findet, auf denen das junge blühende, bildschöne Mädchen bloß
+der Tracht halber das Ansehen hat einer alten grämlichen Matrone. Und
+doch sind gewiß jene Bilder niemanden anstößig gewesen.
+
+Nun kann ich Euch, mein lieber Johannes, erwiderte der Abt, mit wenigen
+Worten recht den Unterschied der alten frommen und der jetzigen
+verderbten Zeit vor Augen bringen. -- Seht, damals waren die heiligen
+Geschichten so in das Leben der Menschen eingedrungen, ja, ich möchte
+sagen, so im Leben bedingt, daß jeder glaubte, vor seinen Augen habe
+sich das Wundervolle begeben und jeden Tag könne die ewige Allmacht
+Gleiches geschehen lassen. So ging dem frommen Maler die heilige
+Geschichte, der er seinen Sinn zugewendet, in der Gegenwart auf; unter
+den Menschen, wie sie ihn im Leben umgaben, sah er das Gnadenreiche
+geschehen, und wie er es lebendig geschaut, brachte er es auf die Tafel.
+Heutzutage sind jene Geschichten etwas ganz Entferntes, das als für sich
+bestehend und in die Gegenwart nicht eintretend, nur in der Erinnerung
+ein mattes Leben mühsam behauptet, und vergebens ringt der Künstler nach
+lebendiger Anschauung, da, mag er es sich auch selbst nicht gestehen,
+sein innerer Sinn durch das weltliche Forttreiben verflacht ist.
+-- Ebenso fade und lächerlich ist es aber hiernach, wenn man den alten
+Malern Unkenntnis des Kostüms vorwirft und darin die Ursache findet,
+warum sie nur die Trachten ihrer Zeit in ihren Gemälden aufstellten, als
+wenn unsere jungen Maler sich mühen die abenteuerlichsten
+geschmackwidrigsten Trachten des Mittelalters in ihren Abbildungen
+heiliger Geschichten anzubringen, dadurch aber zeigen, daß sie das, was
+sie abzubilden unternommen, nicht unmittelbar im Leben anschauten,
+sondern sich mit dem Reflex davon begnügten, wie er ihnen im Gemälde des
+alten Meisters aufging. Eben daher, mein lieber Johannes, weil die
+Gegenwart zu profan, um nicht mit jenen frommen Legenden im häßlichen
+Widerspruch zu stehen, weil niemand im Stande ist, sich jene Wunder als
+unter uns geschehen vorzustellen, eben daher würde allerdings die
+Darstellung in unserem modernen Kostüm uns abgeschmackt, fratzenhaft, ja
+frevelig bedünken. Ließe es aber die ewige Macht geschehen, daß vor
+unser aller Augen nun wirklich ein Wunder geschehe, so würde es durchaus
+unzulässig sein, das Kostüm der Zeit zu ändern, so wie die jungen Maler
+nun freilich, wollen sie einen Stützpunkt finden, darauf bedacht sein
+müssen, in alten Begebenheiten das Kostüm des jedesmaligen Zeitalters,
+so wie es erforschlich, richtig zu beobachten. -- Recht, wiederhole ich
+noch einmal, recht hatte der Maler dieses Bildes, daß er die Gegenwart
+andeutete, und eben jene Staffage, die Ihr, lieber Johannes, verwerflich
+findet, erfüllt mich mit frommen heiligen Schauern, da ich selbst
+einzutreten wähne in das enge Gemach des Hauses zu Neapel, wo sich erst
+vor ein paar Jahren das Wunder der Erweckung jenes Jünglings begab. --
+
+Kreisler wurde durch die Worte des Abts zu Betrachtungen mancherlei Art
+veranlaßt; er mußte ihm in vielem recht geben, nur meinte er doch, daß
+was die höhere Frömmigkeit der alten Zeit und die Verderbtheit der
+jetzigen betreffe, aus dem Abt gar zu sehr der Mönch spreche, der
+Zeichen, Wunder, Verzückungen verlange und wirklich schaue, deren ein
+frommer kindlicher Sinn, dem die krampfhafte Ekstase eines berauschenden
+Kultus fremd bleibe, nicht bedürfe, um wahrhaft christliche Tugend zu
+üben; und eben diese Tugend sei keineswegs von der Erde verschwunden,
+und könne dies wirklich geschehen, so würde die ewige Macht, die uns
+aufgegeben und dem finstern Dämon freie Willkür gegönnt, uns auch durch
+kein Mirakel zurückbringen wollen auf den rechten Weg. --
+
+Alle diese Betrachtungen behielt indessen Kreisler für sich und
+betrachtete schweigend noch immer das Bild. Aber immer mehr traten auch
+bei näherem und näherem Anschauen die Züge des Mörders aus dem
+Hintergrunde hervor, und Kreisler überzeugte sich, daß das lebendige
+Original der Gestalt niemand anders sein könne als Prinz Hektor.
+
+Mich dünkt, hochehrwürdiger Herr! begann Kreisler, ich erblicke dort im
+Hintergrunde einen wackern Freischützen, der es abgesehen hat auf das
+edelste Tier, nämlich auf den Menschen, den er pirscht auf mannigfache
+Weise. Er hat diesmal, wie ich sehe, ein treffliches wohlgeschliffnes
+Fangeisen zur Hand genommen und gut getroffen, mit dem Schießgewehr
+hapert's aber merklich, da er vor nicht langer Zeit auf dem Anstand
+einen muntern Hirsch garstig fehlte. -- In der Tat, mich gelüstets gar
+sehr nach dem _Curriculum vitae_ dieses entschlossenen Weidmanns, sei es
+auch nur ein epitomatischer Auszug aus demselben, der mir schon zeigen
+könnte, wo ich eigentlich meine Stelle finde und ob es nicht geraten,
+mich nur gleich an die heilige Jungfrau zu wenden, wegen eines mir
+vielleicht nötigen Frei- und Schutzbriefes! --
+
+Laßt nur die Zeit hingehen, Kapellmeister! sprach der Abt, mich sollt'
+es wundern, wenn Euch nicht in kurzem so manches klar würde, das jetzt
+noch in trübem Dunkel liegt. -- Es kann sich noch vieles Euern Wünschen,
+die ich erst jetzt erkannt, gar freudig fügen. Seltsam -- ja so viel
+kann ich Euch wohl sagen -- seltsam genug scheint es, daß man in
+Sieghartshof über Euch im gröbsten Irrtum ist. Meister Abraham mag
+vielleicht der einzige sein, der Euer Innres durchschaut.
+
+Meister Abraham, rief Kreisler, Ihr kennt den Alten, hochehrwürdiger
+Herr?
+
+Ihr vergeßt, erwiderte der Abt lächelnd, daß unsere schöne Orgel ihre
+neue wirkungsvolle Struktur der Geschicklichkeit Meister Abrahams zu
+verdanken hat! -- Doch künftig mehr! -- Wartet nur in Geduld der Dinge,
+die da kommen werden.
+
+Kreisler beurlaubte sich beim Abt; er wollte hinab in den Park, um so
+manchen Gedanken nachzuhängen, die ihn durchkreuzten; doch als er schon
+die Treppe hinabgestiegen war, hörte er hinter sich herrufen: _Domine,
+domine Capellmeistere! -- paucis te volo!_ -- Es war der Pater Hilarius,
+welcher versicherte, daß er mit höchster Ungeduld auf das Ende der
+langen Konferenz mit dem Abt gewartet. Soeben habe er sein
+Kellermeisteramt verrichtet und den herrlichsten Leistenwein abgezogen,
+der seit Jahren im Keller gewesen. Ganz unumgänglich nötig sei es, daß
+Kreisler sogleich einen Pokal davon leere zum Frühstück, um die Güte des
+edlen Gewächses zu erkennen und sich zu überzeugen, daß es ein Wein sei,
+der feurig, geist- und herzstärkend, für einen tüchtigen Kompositor und
+echten Musikanten geboren.
+
+Kreisler wußte wohl, daß es vergeblich sein würde, dem begeisterten
+Pater Hilarius entgehen zu wollen und es war ihm selbst recht bei der
+Stimmung, in die er sich versetzt fühlte, ein Glas guten Wein zu
+genießen, er folgte daher dem fröhlichen Kellermeister, der ihn in seine
+Zelle führte, wo er auf einem kleinen, mit einer saubern Serviette
+bedeckten Tischchen schon eine Flasche des edlen Getränks sowie
+frischgebacknes Weißbrot und Kümmel vorfand. -- _Ergo bibamus!_ rief Pater
+Hilar, schenkte die zierlichen grünen Römer voll und stieß mit Kreislern
+fröhlich an. Nicht wahr, begann er, nachdem die Pokale geleert, nicht
+wahr, Kapellmeister, unser hochwürdiger Herr will Euch gern in den
+langen Rock hineinvexieren? -- Tut's nicht, Kreisler! -- Mir ist wohl in
+der Kutte, ich möchte sie um keinen Preis wieder ablegen; aber
+_distinguendum est inter et inter._ -- Für mich ist ein gut Glas Wein und
+ein tüchtiger Kirchengesang die ganze Welt, aber Ihr -- Ihr! Nun Ihr
+seid noch zu ganz andern Dingen aufgehoben, Euch lacht noch das Leben
+auf ganz andre Weise, Euch leuchten noch ganz andre Lichter, als die
+Altarkerzen! -- Nun Kreisler! kurz von der Sache zu reden -- stoßt an!
+_Vivat_ Euer Mädel, und wenn Ihr Hochzeit macht, so soll Euch der Herr Abt
+alles Verdrusses unerachtet durch mich von dem besten Wein senden, der
+nur in unserm reichen Keller befindlich!
+
+Kreisler fühlte sich durch Hilarius Worte berührt auf unangenehme Weise,
+so wie es uns schmerzt, wenn wir etwas Zartes, Schneereines erfaßt sehn
+von plumpen ungeschickten Händen. Was Ihr nicht alles wißt, sprach
+Kreisler, indem er sein Glas zurückzog, was Ihr nicht alles erfahrt in
+Euern vier Mauern.
+
+_Domine Kreislere,_ rief Pater Hilarius, nichts für ungut, _video
+mysterium_ aber ich will das Maul halten! Wollt Ihr nicht auf Euer --
+Nun! laßt uns frühstücken in _Camera et faciemus bonum cherubim_ -- und
+_bibamus,_ daß der Herr uns hier in der Abtei die Ruhe und Gemütlichkeit
+erhalten möge, die bisher geherrscht.
+
+Ist denn die jetzt in Gefahr gekommen! -- fragte Kreisler gespannt.
+
+_Domine,_ sprach Pater Hilarius leise, indem er Kreislern vertraulich
+näher rückte. _Domine dilectissime!_ Ihr seid lange genug bei uns um zu
+wissen, in welcher Eintracht wir leben, wie sich die verschiedensten
+Neigungen der Brüder in einer gewissen Heiterkeit einigen, die von
+allem, von unserer Umgebung, von der Milde der Klosterzucht, von der
+ganzen Lebensweise begünstigt wird. -- Vielleicht hat das am längsten
+gedauert. Erfahrt es Kreisler! eben ist Pater Cyprianus angekommen, der
+längst erwartete, der von Rom aus dem Abt auf das dringendste empfohlen
+wurde. Es ist noch ein junger Mann, aber auf diesem ausgedörrten starren
+Antlitz ist auch nicht eine Spur eines heitern Gemüts zu finden,
+vielmehr liegt in den finstern abgestorbenen Zügen eine unerbittliche
+Strenge, die den bis zur höchsten Selbstqual gesteigerten Aszetiker
+verkündet. Dabei zeugt sein ganzes Wesen von einer gewissen feindseligen
+Verachtung alles dessen, was ihn umgibt, die vielleicht wirklich dem
+Gefühl einer geistlichen Übermacht über uns alle ihren Ursprung
+verdanken mag. Schon erkundigte er sich in abgebrochenen Worten nach der
+Klosterzucht und schien großes Ärgernis an unserer Lebensweise zu
+nehmen. -- Gebt acht, Kreisler, dieser Ankömmling wird unsre ganze
+Ordnung, die uns so wohlgetan, verkehren! Gebt acht, _nunc probo!_ Die
+Strenggesinnten werden sich leicht an ihn anschließen, und bald wird
+sich eine Partei wider den Abt bilden, der vielleicht der Sieg nicht
+entgehen kann, weil es mir gewiß scheint, daß Pater Cyprianus ein
+Emissar Sr. päpstlichen Heiligkeit ist, dessen Willen sich der Abt
+beugen muß! -- Kreisler! was wird aus unserer Musik, aus Eurem
+gemütlichen Aufenthalt bei uns werden! -- Ich sprach von unserm
+wohleingerichteten Chor und wie wir die Werke der größten Meister recht
+wacker auszuführen im Stande, da schnitt aber der finstre Aszetiker ein
+entsetzliches Gesicht und meinte, dergleichen Musik sei für die profane
+Welt, aber nicht für die Kirche, aus der sie der Papst Marcellus der
+Zweite mit Recht ganz verbannen wollen. -- _Per diem_ wenn es keinen Chor
+mehr geben soll und man mir vielleicht auch den Weinkeller verschließt
+so -- doch vorderhand, _bibamus!_ -- Man muß sich vor der Zeit keine
+Gedanken machen, _ergo_ -- gluck-gluck.
+
+Kreisler meinte, daß es sich wohl mit dem neuen Ankömmling, der
+vielleicht strenger schiene als er es wirklich sei, besser fügen und er
+seinerseits nicht glauben könne, daß der Abt bei dem festen Charakter,
+den er stets bewiesen, so leicht dem Willen eines fremden Mönchs
+nachgeben werde, zumal es ihm selbst an wichtigen, erfolgreichen
+Verbindungen in Rom gar nicht fehle.
+
+In dem Augenblick wurden die Glocken gezogen, ein Zeichen, daß die
+feierliche Aufnahme des fremden Bruders Cyprianus in den Orden des
+heiligen Benedikt vor sich gehen solle.
+
+Kreisler begab sich mit dem Pater Hilarius, der mit einem
+halbängstlichen: _bibendum quid_ noch die Neige seines Römers schnell
+hinunter schluckte, auf den Weg nach der Kirche. Aus den Fenstern des
+Korridors, den sie durchschritten, konnte man in die Gemächer des Abts
+hineinschauen. Seht, seht! rief Pater Hilar, indem er den Kreisler in
+die Ecke eines Fensters zog. Kreisler schaute hinüber und gewahrte in
+dem Gemach des Abts einen Mönch, mit dem der Abt sehr eifrig sprach,
+indem eine dunkle Röte sein Antlitz überzog. Endlich kniete der Abt
+nieder vor dem Mönch, der ihm den Segen gab.
+
+Hab ich recht, sprach Hilarius leise, wenn ich in diesem fremden Mönch,
+der mit einem Mal hinabschneit in unsre Abtei, etwas Besonderes,
+Seltsames suche und finde.
+
+Gewiß, erwiderte Kreisler, hat es mit diesem Cyprianus eine eigne
+Bewandtnis, und mich sollt es wundern, wenn nicht gewisse Beziehungen
+sich sehr bald kundtun sollten.
+
+Pater Hilarius begab sich zu den Brüdern um mit ihnen in feierlicher
+Prozession, das Kreuz vorauf, die Laienbrüder mit angezündeten Kerzen
+und Fahnen an den Seiten in die Kirche zu ziehen.
+
+Als nun der Abt mit dem fremden Mönch dicht bei Kreisler vorüberkam,
+erkannte dieser auf den ersten Blick, daß Bruder Cyprianus eben der
+Jüngling war, den auf jenem Bilde die heilige Jungfrau aus dem Tode zum
+Leben erweckte. -- Doch noch eine Ahnung erfaßte Kreislern plötzlich. Er
+rannte hinauf in sein Zimmer, er holte das kleine Bildnis hervor, das
+ihm Meister Abraham gegeben, er erblickte denselben Jüngling, nur
+jünger, frischer und in Offizier-Uniform abgebildet. Als nun --
+
+
+
+
+Vierter Abschnitt.
+
+Ersprießliche Folgen höherer Kultur. -- Die reiferen Monate des Mannes.
+
+
+Hinzmanns rührender Sermon, das Trauermahl, die schöne Mina, Miesmies
+Wiederfinden, der Tanz, alles das hatte in meiner Brust einen Zwiespalt
+der widersprechendsten Gefühle erregt, so daß ich, wie man im
+gewöhnlichen Leben gemeinhin sagt, mich eigentlich gar nicht zu lassen
+wußte und in einer gewissen trostlosen Bangigkeit des Gemüts wünschte,
+ich läge im Keller in der Grube, wie Freund Muzius. Das war nun freilich
+sehr arg und ich wüßte gar nicht, was aus mir geworden wäre, lebte nicht
+der wahre, hohe Dichtergeist in mir, der sofort mich mit reichlichen
+Versen versorgte, die ich niederzuschreiben nicht unterließ. -- Die
+Göttlichkeit der Poesie offenbart sich vorzüglich darin, daß das
+Versemachen, kostet auch der Reim hin und wieder manchen Schweißtropfen,
+doch ein wunderbares inneres Wohlbehagen erregt, das jedes irdische Leid
+überwindet, so wie man denn wissen will, daß es sogar oftmals schon
+Hunger und Zahnschmerzen besiegt hat. Jener soll, da der Tod ihm den
+Vater, die Mutter, die Gattin raubte, zwar bei jedem Todesfall, wie
+billig ganz außer sich, aber doch bei dem Gedanken an das herrliche
+Trauer-Carmen, das er nun im Geist zu empfangen gedachte, niemals
+untröstlich gewesen sein und bloß noch einmal sich verheiratet haben, um
+die Hoffnung abermaliger tragischer Begeisterung derselben Art nicht
+aufzugeben. --
+
+Hier sind die Verse, die meinen Zustand sowie den Übergang von Leid zur
+Freude mit poetischer Kraft und Wahrheit schildern.
+
+ Was wandelt horch! durch finstre Räume
+ In öder Keller Einsamkeit!
+ Was ruft mir zu: Nicht länger säume!
+ Wes Stimme klagt ein herbes Leid?
+ Dort liegt der treue Freund begraben,
+ Nach mir verlangt sein irrer Geist;
+ =Mein= Trost soll ihn im Tode laben,
+ =Ich= bin's, der Leben ihm verheiß!
+
+ Doch nein! -- das ist kein flücht'ger Schatten,
+ Der solche Töne von sich gibt!
+ Sie seufzen nach dem treuen Gatten,
+ Nach ihm, der noch so heiß geliebt!
+ In alte Liebesketten fallen,
+ Rinaldo will's, er kehrt zurück,
+ Doch wie! -- Schau' ich nicht spitze Krallen?
+ Nicht eifersücht'gen Zornes Blick?
+
+ Sie ist's -- die Frau! -- wohin entfliehen! --
+ Ha! welch Gefühl bestürmt die Brust.
+ Im keuschen Schnee der Jugend blühen,
+ Seh' ich des Lebens höchste Lust.
+ Sie springt, sie nah't, und immer heller,
+ Wird's um mich Hochbeglückten her.
+ Ein süßer Duft durchweht den Keller,
+ Die Brust wird leicht, das Herz wird schwer.
+
+ Der Freund gestorben -- =sie= gefunden --
+ Entzücken! -- Wonne! -- bittrer Schmerz!
+ Die Gattin -- Tochter -- neue Wunden! --
+ Ha! sollst du brechen armes Herz?
+ Doch kann den Sinn wohl so betören,
+ Ein Trauermahl, ein lust'ger Tanz?
+ Nein -- diesem Treiben muß ich wehren,
+ Mich blendet nur ein falscher Glanz.
+
+ Hinweg ihr eitlen Truggebilde,
+ Gebt höher'm Streben willig Raum.
+ Gar manches führt die Katz' im Schilde,
+ Sie liebt, sie haßt und weiß es kaum.
+ Kein Ton, kein Blick, senkt eure Augen,
+ O Mina, Miesmies, falsch Geschlecht!
+ Verderblich Gift, nicht will ich's saugen,
+ Ich flieh' und Muzius sei gerächt.
+
+ Verklärter: -- ja bei jedem Braten,
+ Bei jedem Fisch gedenk ich dein!
+ Denk' deiner Weisheit, deiner Taten,
+ Denk' Kater ganz wie du zu sein.
+ Gelang es hünd'schem Frevelwitze,
+ Dich zu verderben edler Freund,
+ So trifft die Schmach blutgier'ge Spitze,
+ Es rächet dich, der um dich weint.
+
+ So flau, so jammervoll im Busen
+ War mir's, ich wußte gar nicht wie.
+ Doch hoher Dank den holden Musen,
+ Dem kühnen Flug der Phantasie.
+ Mir ist jetzt wieder leidlich besser,
+ Spür' gar nicht g'ringen Appetit,
+ Bin Muzius gleich ein wackrer Esser,
+ Und ganz in Poesie erglüht.
+
+ Ja Kunst! du Kind aus hohen Sphären,
+ Du Trösterin im tiefsten Leid,
+ O! Verslein laß mich stets gebären,
+ Mit genialer Leichtigkeit!
+ Und: Murr, so sprechen edle Frauen,
+ Hochherz'ge Jünglinge, o Murr:
+ »Du Dichterherz, ein zart Vertrauen,
+ »Weckt in der Brust dein süß Gemurr!«
+
+Die Wirkung des Verslein-Machens war zu wohltätig, ich konnte mich nicht
+mit diesem Gedicht begnügen, sondern machte mehre hintereinander mit
+gleicher Leichtigkeit, mit gleichem Glück. Die gelungensten würd' ich
+hier dem geneigten Leser mitteilen, hätte ich nicht im Sinn, dieselben
+mit mehreren Witzwörtern und Impromptus, die ich in müßigen Stunden
+angefertigt und über die ich schon beinahe vor Lachen bersten mögen,
+unter dem allgemeinen Titel: Was ich gebar in Stunden der Begeisterung,
+herauszugeben. -- Zu meinem nicht geringen Ruhm muß ich es sagen, daß
+selbst in meinen Jünglingsjahren, wenn der Sturm der Leidenschaft noch
+nicht verbraust ist, ein heller Verstand, ein feiner Takt für das
+Gehörige, die Oberhand behielt über jeden abnormen Sinnenrausch. So
+gelang es mir auch die plötzlich aufgewallte Liebe zu der schönen Mina
+gänzlich zu unterdrücken. Einmal mußte mir denn doch bei ruhiger
+Überlegung diese Leidenschaft in meinen Verhältnissen etwas töricht
+vorkommen; dann erfuhr ich aber auch, daß Mina des äußern Scheins
+kindlicher Frömmigkeit unerachtet, ein keckes eigensinniges Ding sei,
+die bei gewissen Anlässen den bescheidensten Katerjünglingen in die
+blanken Augen fahre. Um mir aber jeden Rückfall zu ersparen, vermied ich
+sorglich Mina zu sehen, und da ich Miesmies vermeintliche Ansprüche und
+ihr seltsames überspanntes Wesen noch mehr scheute, so hielt ich mich,
+um ja keiner von beiden zu begegnen, einsam im Zimmer und besuchte weder
+den Keller, noch den Boden, noch das Dach. Der Meister schien dies gern
+zu sehen; er erlaubte, daß ich, studierte er am Schreibtisch, mich
+hinter seinem Rücken auf den Lehnstuhl setzen und mit vorgestrecktem
+Halse durch den Arm in das Buch gucken durfte, welches er eben las. -- Es
+waren ganz hübsche Bücher die wir, ich und mein Meister auf diese Art
+zusammen durchstudierten, wie z. B. Arpe, _De prodigiosis naturae et
+artis operibus, Talismanes et Amuleta dictis,_ Beckers bezauberte Welt,
+Francisci Petrarca Gedenkbuch u. a. m. -- Diese Lektüre zerstreute mich
+ungemein und gab meinem Geist einen neuen Schwung.
+
+Der Meister war ausgegangen, die Sonne schien so freundlich, die
+Frühlingsdüfte wehten so anmutig zum Fenster hinein; ich vergaß meine
+Vorsätze und spazierte hinauf auf das Dach. Kaum war ich aber oben, als
+ich auch schon Muzius Witwe erblickte, die hinter dem Schornstein
+hervorkam. -- Vor Schreck blieb ich regungslos stehen, wie eingewurzelt;
+schon hörte ich mich bestürmt mit Vorwürfen und Beteuerungen. -- Weit
+gefehlt. -- Gleich hinterher folgte der junge Hinzmann, rief die schöne
+Witwe mit süßen Namen, sie blieb stehen, empfing ihn mit lieblichen
+Worten, beide begrüßten sich mit dem entschiedenen Ausdruck inniger
+Zärtlichkeit und gingen dann schnell an mir vorüber, ohne mich zu grüßen
+oder sonst im mindesten zu beachten. Der junge Hinzmann schämte sich
+ganz gewiß vor mir, denn er senkte den Kopf zu Boden und schlug die
+Augen nieder, die leichtsinnige kokette Witwe warf mir aber einen
+höhnischen Blick zu.
+
+Der Kater ist, was sein psychisches Wesen betrifft, doch eine gar
+närrische Kreatur. -- Hätte ich nicht froh sein können, sein müssen, daß
+Muzius Witwe anderweitig mit einem Liebhaber versehen, und doch konnte
+ich mich eines gewissen innern Ärgers nicht erwehren, der beinahe das
+Ansehen hatte von Eifersüchtelei. -- Ich schwor niemals mehr das Dach zu
+besuchen, wo ich große Unbill erlebt zu haben glaubte. Statt dessen
+sprang ich nun fleißig auf die Fensterbank, sonnte mich, schaute um mich
+zu zerstreuen auf die Straße herab, stellte allerlei tiefsinnige
+Betrachtungen an und verband so das Angenehme mit dem Nützlichen.
+
+Ein Gegenstand dieser Betrachtungen war denn auch, warum es mir noch
+niemals eingefallen, mich aus eignem freien Antriebe vor die Haustüre zu
+setzen oder auf der Straße zu lustwandeln, wie ich es doch viele von
+meinem Geschlecht tun sah, ohne alle Furcht und Scheu. Ich stellte mir
+das als etwas höchst Angenehmes vor und war überzeugt, daß nun, da ich
+zu reiferen Monaten gekommen und Lebenserfahrung genug gesammelt, von
+jenen Gefahren in die ich geriet, als das Schicksal mich, einen
+unmündigen Jüngling, hinausschleuderte in die Welt, nicht mehr die Rede
+sein könne. Getrost wandelte ich daher die Treppe herab und setzte mich
+fürs erste auf die Türschwelle, in den hellsten Sonnenschein. Daß ich
+eine Stellung annahm, die jedem auf den ersten Blick den gebildeten,
+wohlerzogenen Kater verraten mußte, versteht sich von selbst. Es gefiel
+mir vor der Haustüre ganz ungemein. Indem die heißen Sonnenstrahlen
+meinen Pelz wohltätig auswärmten, putzte ich mit gekrümmter Pfote
+zierlich Schnauze und Bart, worüber mir ein paar vorübergehende junge
+Mädchen, die den großen, mit Schlössern versehenen Mappen nach, die sie
+trugen, aus der Schule kommen mußten, nicht allein ihr großes Vergnügen
+bezeugten, sondern mir auch ein Stückchen Weißbrot verehrten, welches
+ich nach gewohnter Galanterie dankbarlichst annahm. --
+
+Ich spielte mehr mit der mir dargebotenen Gabe, als daß ich sie
+wirklich zu verzehren Anstalt machte, aber wie groß war mein Entsetzen,
+als plötzlich ein starkes Brummen dicht bei mir dies Spiel unterbrach,
+und der mächtige Alte, Ponto's Oheim, der Pudel Skaramuz vor mir stand.
+Mit einem Satz wollte ich fort aus der Türe, doch Skaramuz rief mir zu:
+Sei er kein Hasenfuß und bleib er ruhig sitzen; glaubt er, ich werd ihn
+fressen? --
+
+Mit der demütigsten Höflichkeit fragte ich, worin ich vielleicht dem
+Herrn Skaramuz nach meinen geringen Kräften dienen könne, der erwiderte
+aber barsch: In nichts in gar nichts kann er mir dienen, Mosje Murr, und
+wie sollte das auch möglich sein. Aber fragen wollt' ich ihn, ob er
+vielleicht weiß, wo mein liederlicher Neffe steckt, der junge Ponto. Er
+hat sich ja wohl schon einmal mit ihm herumgetrieben, und ihr scheinet
+zu meinem nicht geringen Ärger ein Herz und eine Seele. Nun? -- sag er
+nur an, ob er weiß, wo der Junge herumschwärmt; ich habe ihn schon seit
+mehreren Tagen mit keinem Auge gesehen.
+
+Verlegen durch des mürrischen Alten stolzes wegwerfendes Betragen,
+versicherte ich kalt, daß von einer engen Freundschaft zwischen mir und
+dem jungen Ponto gar nicht die Rede sei und auch niemals die Rede
+gewesen wäre. Zumal in der letzten Zeit habe sich Ponto, den ich
+übrigens gar nicht aufgesucht, ganz von mir zurückgezogen.
+
+Nun das freut mich, brummte der Alte, das zeigt doch, daß der Junge Ehre
+im Leibe hat und nicht gleich bei der Hand ist mit Leuten allerlei
+Gelichters sein Wesen zu treiben.
+
+Das war denn doch nicht auszuhalten, der Zorn übermannte mich, das
+Burschentum regte sich in mir, ich vergaß alle Furcht, und prustete dem
+schnöden Skaramuz ein tüchtiges: Alter Grobian! ins Gesicht, hob auch
+die rechte Pfote mit ausgespreizten Krallen in die Höhe und zwar in der
+Richtung nach des Pudels linkem Auge. Der Alte wich zwei Schritte zurück
+und sprach weniger barsch, als vorher: Nun, nun Murr! nichts für ungut,
+ihr seid sonst ein guter Kater und da will ich euch denn raten, nehmt
+euch in acht vor dem Blitzjungen dem Ponto! Er ist, ihr möget es
+glauben, eine ehrliche Haut, aber leichtsinnig! -- leichtsinnig! zu
+allen tollen Streichen aufgelegt, kein Ernst des Lebens, keine Sitte!
+-- Nehmt euch in acht, sag' ich, denn bald wird er euch verlocken in
+allerlei Gesellschaften, wo ihr gar nicht hingehört und euch mit
+unsäglicher Mühe zu einer Art des sozialen Umgangs zwingen müßt, die
+eurer innersten Natur zuwider und über die eure Individualität, eure
+einfache ungeheuchelte Sitte, wie ihr sie mir eben bewiesen, zu Grunde
+geht. -- Seht, guter Murr, Ihr seid, wie ich schon gesagt, als Kater
+schätzenswert und habt für gute Lehre ein williges geneigtes Ohr!
+-- Seht! so viel tolle, unangenehme ja zweideutige Streiche auch ein
+Jüngling verführen mag, zeigt er nur dann und wann jene weichliche ja
+oft süßliche Gutmütigkeit, wie sie Leuten von sanguinischem Temperament
+immer eigen, so heißt es denn gleich mit dem französischen Ausdruck: _Au
+fond_ ist er doch ein guter Kerl und das soll denn alles entschuldigen,
+was er beginnt gegen alle Sitte und Ordnung. Aber der _fond_, in dem der
+Kern des Guten steckt, liegt so tief und über ihm hat sich so viel Unrat
+eines ausgelassenen Lebens gesammelt, daß er im Keime ersticken muß.
+-- Für wahrhaftes Gefühl des Guten wird einem aber oft jene alberne
+Gutmütigkeit aufgetischt, die der Teufel holen soll, wenn sie nicht
+vermag den Geist des Bösen in einer glänzenden Maske zu erkennen. Traut,
+o Kater, den Erfahrungen eines alten Pudels, der sich was in der Welt
+versucht und laßt Euch nicht durch das verdammte: _Au fond_ ist er ein
+guter Kerl, betören! -- Seht Ihr etwa meinen liederlichen Neffen, so
+möget Ihr ihm alles geradezu heraussagen, was ich mit Euch gesprochen,
+und Euch seine fernere Freundschaft gänzlich verbitten. -- Gott
+befohlen! -- Ihr freßt das wohl nicht, guter Murr?
+
+Damit nahm der alte Pudel Skaramuz das Stückchen Weißbrot, das vor mir
+lag, hurtig ins Maul und schritt dann gemächlich von dannen, indem er
+mit gesenktem Haupt die lang behaarten Ohren an der Erde schleppen ließ
+und ein ganz klein wenig mit dem Schweife wedelte. --
+
+Gedankenvoll schaute ich dem Alten nach, dessen Lebensweisheit mir ganz
+eingehen wollte. Ist er fort, ist er fort? So lispelte es dicht hinter
+mir, und ich erstaunte nicht wenig, als ich den jungen Ponto erblickte,
+der sich hinter die Türe geschlichen und so lange gewartet hatte, bis
+der Alte mich verlassen. Ponto's plötzliche Erscheinung setzte mich
+gewissermaßen in Verlegenheit, da mir des alten Onkels Auftrag, den ich
+jetzt eigentlich hätte ausrichten müssen, doch etwas bedenklich schien.
+Ich dachte an jene entsetzlichen Worte, die Ponto mir einst zugerufen:
+Solltest du es dir etwa beikommen lassen, feindliche Gesinnungen gegen
+mich zu äußern, so bin ich dir an Stärke und Gewandheit überlegen. Ein
+Sprung, ein tüchtiger Biß meiner scharfen Zähne würde dir auf der Stelle
+den Garaus machen. -- Ich fand es sehr ratsam zu schweigen. --
+
+Diese inneren Bedenklichkeiten mochten mein äußeres Betragen kalt und
+gezwungen erscheinen lassen, Ponto guckte mich an mit scharfem Blick.
+Dann brach er aus in eine helle Lache und rief: Ich merk es schon,
+Freund Murr! Mein Alter hat dir allerlei Böses vorgeredet von meinem
+Treiben, er hat mich liederlich, allen tollen Streichen und
+Ausschweifungen ergeben, geschildert. Sei nicht so töricht, von dem
+allem auch nur ein Wörtchen zu glauben. Fürs erste! Schau mich recht
+aufmerksam an und sage mir, was du von meiner äußern Erscheinung hältst?
+-- Den jungen Ponto betrachtend fand ich, daß er nie so wohl genährt, so
+glau ausgesehen, daß nie diese Nettigkeit, diese Eleganz in seinem
+Anzuge, nie diese wohltuende Übereinstimmung in seinem ganzen Wesen
+geherrscht. Ich äußerte ihm dies unverhohlen.
+
+Nun wohl, guter Murr, sprach Ponto, glaubst du wohl, daß ein Pudel, der
+sich in schlechter Gesellschaft umhertreibt, der niedrigen
+Ausschweifungen ergeben, der recht systematisch liederlich ist ohne
+eigentlichen Geschmack daran zu finden, sondern bloß aus Langeweile, wie
+es denn nun wirklich bei vielen Pudeln der Fall ist -- glaubst du wohl,
+daß ein solcher Pudel so aussehen kann wie du mich findest? Du rühmst
+vorzüglich die Harmonie in meinem ganzen Wesen. Schon das muß dich
+belehren, wie sehr mein grämlicher Onkel im Irrtum ist; denke, da du ein
+literarischer Kater bist, an jenen Lebensweisen, welcher dem, der an
+einem Lasterhaften vorzüglich das Unharmonische der ganzen Gestaltung
+rügte, erwiderte: Ist es möglich, daß das Laster Einheit haben kann?
+Wundere dich, Freund Murr, nicht einen Augenblick über die schwarzen
+Verleumdungen meines Alten. Grämlich und geizig, wie denn nun einmal
+alle Oheime sind, hat er deshalb seinen ganzen Zorn auf mich geworfen,
+weil er _par honneur_ einige kleine Spielschulden bezahlen müssen, die ich
+bei einem Wurstkrämer ausgeborgt hatte, der bei sich verbotenes Spiel
+duldete und den Spielern oft in Cervelaten, Grützen und Lebern (zu
+Würsten aptiert nämlich) bedeutende Vorschüsse machte. Dann aber denkt
+der Alte auch noch immer an eine gewisse Periode, in der meine
+Lebensweise eben nicht rühmlich war, die aber längst vorüber und dem
+herrlichsten Anstande gewichen ist.
+
+In dem Augenblicke kam ein kecker Pinscher des Weges, guckte mich an,
+als hab' er meines gleichen noch niemals gesehen, schrie mir die
+gröbsten Insolenzen in die Ohren und schnappte dann nach dem Schweif,
+den ich lang aus von mir gestreckt, welches ihm zu mißfallen schien.
+Sowie ich aber hochaufgerichtet mich zur Wehre setzen wollte, war Ponto
+auch schon auf den ungesitteten Krakeeler losgesprungen, hatte ihn zu
+Boden getreten und zwei-, dreimal überrannt, so daß er unter dem
+jammervollsten Lamento, den Schweif fest eingeklemmt, schnell davonfuhr
+wie ein abgeschossener Pfeil.
+
+Dieser Beweis, den Ponto mir von seiner guten Gesinnung, von seiner
+tätigen Freundschaft gab, rührte mich ungemein und ich dachte, daß hier
+das: _Au fond_ ist er ein guter Kerl! welches der Onkel Skaramuz mir hatte
+verdächtig machen wollen, doch auf Ponto anzuwenden sei in besserm Sinne
+und ihn mit mehrerem Grunde entschuldigen könne, als manchen andern.
+Überhaupt wollt' es mich bedünken, daß der Alte gewiß zu schwarz gesehen
+und Ponto zwar leichtsinnige aber nie schlechte Streiche machen könne.
+Alles dieses äußerte ich meinem Freunde ganz unverhohlen und dankte ihm
+dabei dafür, daß er meine Verteidigung übernommen, in den
+verbindlichsten Ausdrücken.
+
+Es freut mich, guter Murr, erwiderte Ponto, indem er, wie es seine Art
+war, mit muntren schalkischen Augen umherblickte, daß der pedantische
+Alte dich nicht irre gemacht hat, sondern daß du mein gutes Herz
+erkennst. -- Nicht wahr, Murr, ich nahm den übermütigen Jungen tüchtig
+vor? -- Er wird daran denken lange Zeit. Eigentlich habe ich ihm heute
+schon den ganzen Tag aufgepaßt, der Bengel stahl mir gestern eine Wurst
+und mußte dafür gezüchtigt werden. Daß dabei auch nebenher die Unbill
+gerächt wurde, die du von ihm erfahren, und daß ich in dieser Art dir
+meine Freundschaft bewähren konnte, ist mir gar nicht unlieb; ich
+schlug, wie man im Sprichwort zu sagen pflegt, zwei Fliegen mit einer
+Klappe. -- Nun aber wiederum auf unser voriges Gespräch zurückzukommen!
+-- Betrachte mich, guter Katz, noch einmal recht genau, und sage mir, ob
+du denn gar keine merkwürdige Veränderung in meinem Äußern wahrnimmst?
+--
+
+Ich schaute meinen jungen Freund aufmerksam an und -- ach der Tausend!
+nun erst fiel mir das silberne zierlich gearbeitete Halsband ins Auge,
+das er trug, und auf dem die Worte graviert waren: Baron Alcibiades von
+Wipp. Marschallstraße Nr. 46.
+
+Wie Ponto, rief ich erstaunt, du hast deinen Herrn verlassen, den
+ästhetischen Professor und dich zu einem Baron begeben?
+
+Verlassen habe ich nun eigentlich den Professor nicht, erwiderte Ponto,
+sondern er hat mich von sich gejagt mit Fußtritten und Prügeln.
+
+Wie konnte das geschehen, sprach ich, dein Herr bewies dir ja sonst
+alle Liebe und Güte wie nur möglich?
+
+Ach, antwortete Ponto, das ist eine dumme ärgerliche Geschichte, die
+nur durch das sonderbare Spiel des neckenden Zufalls zu meinem Glück
+ausschlug. An der ganzen Sache war bloß meine alberne Gutmütigkeit
+schuld, der freilich ein wenig eitle Prahlerei beigemischt. In jeder
+Minute wollt' ich meinem Herrn Aufmerksamkeiten erweisen und ihm dabei
+mein Geschick, meine Ausbildung zeigen. Deshalb war ich auch gewohnt
+alles, was an Kleinigkeiten am Fußboden lag, dem Herrn ohne weitere
+Aufforderung zu apportieren. Nun! -- Du weißt vielleicht, daß der
+Professor Lothario eine blutjunge und dabei bildhübsche Frau hat, die
+ihn auf das zärtlichste liebt, woran er gar nicht zweifeln darf, da sie
+es ihm jeden Augenblick versichert und ihn gerade dann mit Liebkosungen
+überhäuft, wenn er, in Büchern begraben, sich auf die zu haltende
+Vorlesung vorbereitet. Sie ist die Häuslichkeit selbst, da sie das Haus
+niemals vor zwölf Uhr verläßt da sie doch schon um halb elf Uhr
+aufgestanden und einfach in ihren Sitten verschmäht sie nicht mit der
+Köchin, mit dem Stubenmädchen die häuslichen Angelegenheiten bis ins
+tiefste Detail zu beraten und sich, ist das Wochengeld gewisser nicht
+etatsmäßiger Ausgaben halber zu früh aus dem Beutel entwischt und darf
+der Herr Professor nicht angegangen werden, ihrer Kasse zu bedienen. Die
+Zinsen dieser Anleihen trägt sie ab in kaum getragnen Kleidern, so wie
+diese und auch wohl Federhüte, in die die erstaunte Welt der Mägde
+Sonntags das Stubenmädchen geputzt sieht, als Lohn für gewisse geheime
+Gänge und andre Gefälligkeiten gelten dürften. Bei so vielen
+Vollkommenheiten mag wohl einer liebenswürdigen Frau die kleine Torheit
+(ist es überhaupt Torheit zu nennen) kaum verargt werden, daß ihr
+eifrigstes Streben, all ihr Dichten und Trachten dahin geht, stets nach
+der letzten Mode gekleidet zu gehen, daß ihr das Eleganteste, das
+Teuerste, nicht elegant, nicht teuer genug ist, daß sie, hat sie ein
+Kleid dreimal, einen Hut viermal getragen, den türkischen Shawl einen
+Monat hindurch umgehängt, eine Idiosynkrasie dagegen empfindet und die
+kostbarste Garderobe wegwirft um einen Spottpreis oder wie gesagt, die
+Mägde sich darin putzen läßt. Daß die Frau eines Professors der Ästhetik
+Sinn hat für schöne äußere Gestaltung ist wohl gar nicht zu verwundern,
+und nur erfreulich kann es dem Gemahl sein, wenn dieser Sinn sich darin
+offenbart, daß die Gemahlin mit sichtlichem Wohlgefallen den Blick der
+feuerblitzenden Augen auf schönen Jünglingen ruhen läßt, diesen auch
+wohl zuweilen etwas nachläuft. Manchmal bemerkte ich, daß dieser, jener
+junge Mann, der die Vorlesungen des Professors besuchte, die Türe des
+Auditoriums verfehlte und statt dieser die Türe, welche zum Zimmer der
+Professorin führte, leise öffnete und ebenso leise hineintrat. Beinahe
+mußte ich glauben, daß diese Verwechslung nicht ganz absichtslos
+geschah, oder wenigstens niemanden gereute, denn keiner eilte, seinen
+Irrtum zu verbessern, sondern jeder, der hineingetreten, kam erst nach
+einer guten Zeit heraus und zwar mit solch lächelndem zufriednem Blick
+als ob ihm der Besuch bei der Professorin ebenso angenehm und nützlich
+gewesen als eine ästhetische Vorlesung des Professors. Die schöne
+Lätitia (so hieß des Professors Frau) war mir nicht sonderlich gewogen.
+Sie litt mich nicht in ihrem Zimmer und mochte recht haben, da freilich
+der kultivierteste Pudel nicht dort hingehört, wo er bei jedem Schritt
+Gefahr läuft Florspitzen zu zerreißen, Kleider zu beschmutzen, die auf
+allen Stühlen umherliegen. Doch wollt es der Professorin böser Genius,
+daß ich einmal bis in ihr Boudoir hineindrang. Der Herr Professor hatte
+eines Tages bei einem Mittagsmahl mehr Wein getrunken als gerade
+dienlich und war darüber in eine hochbegeisterte Stimmung geraten. Zu
+Hause angekommen, ging er, ganz gegen seine Gewohnheit geradezu in das
+Kabinett seiner Frau, und ich schlüpfte, selbst wußte ich nicht, was für
+eine besondere Lust mich dazu antrieb, mit hinein durch die Türe. Die
+Professorin war in Hauskleidern, deren Weiße dem frisch gefallenen
+Schnee zu vergleichen, ihr ganzer Anzug zeigte nicht sowohl eine gewisse
+Sorglichkeit, als die tiefste Kunst der Toilette, die sich hinter dem
+Einfachen verbirgt und wie ein versteckter Feind desto gewisser siegt.
+Die Professorin war in der Tat allerliebst und stärker als sonst empfand
+dies der halb berauschte Professor, der ganz Liebe und Entzücken die
+holde Gattin mit den süßesten Namen nannte, mit den zärtlichsten
+Liebkosungen überhäufte und darüber gar nicht eine gewisse Zerstreuung,
+ein gewisses unruhiges Mißbehagen bemerkte, das sich in dem ganzen Wesen
+der Professorin nur zu deutlich aussprach. Mir war die steigende
+Zärtlichkeit des begeisterten Ästhetikers unangenehm und lästig. Ich kam
+auf meinen alten Zeitvertreib und suchte am Boden umher. Gerade als der
+Professor in der höchsten Ekstase laut rief: Göttliches, hehres,
+himmlisches Weib, laß uns -- tänzelte ich auf den Hinterbeinen zu ihm
+heran und apportierte ihm zierlich und, wie bei diesem Akt jedesmal, ein
+wenig mit dem Stutzschweif wedelnd, den feinen pommeranzfarbnen
+Männerhandschuh, den ich unter dem Sofa der Frau Professorin gefunden.
+-- Starr blickte der Professor den Handschuh an und rief wie plötzlich
+aufgeschreckt aus einem süßen Traum: Was ist das? -- Wem gehört dieser
+Handschuh! wie ist er in dies Zimmer gekommen? -- Damit nahm er den
+Handschuh mir aus der Schnauze, besah ihn, hielt ihn an die Nase und
+rief dann wieder: Wo kommt dieser Handschuh her? Lätitia, sprich, wer
+ist bei Dir gewesen? -- Wie Du, erwiderte die holde treue Lätitia mit
+dem ungewissen Ton der Verlegenheit, den sie sich vergebens mühte zu
+unterdrücken, wie Du nun auch seltsam bist, lieber Lothar, wem soll, wem
+wird der Handschuh gehören. Die Majorin war hier und konnte bei dem
+Abschiede den Handschuh nicht finden, den sie auf der Treppe ausgestreut
+zu haben glaubte. -- Die Majorin, schrie der Professor ganz außer sich,
+die kleine zart gebaute Frau, deren ganze Hand hineingeht in diesen
+Daumen! -- Höll und Teufel, welcher Zierbengel war hier? -- Denn nach
+parfümierter Seife riecht das verfluchte Ding! -- Unglückliche, wer war
+hier, welcher verbrecherische Trug der Hölle zerstörte hier meine Ruhe,
+mein Glück! -- Schändliches, verruchtes Weib! --
+
+Die Professorin machte gerade Anstalt in Ohnmacht zu fallen, als das
+Stubenmädchen hereintrat und ich, froh des fatalen Ehestandsauftritts,
+den ich veranlaßt, entledigt zu werden, schnell hinaussprang.
+
+Den andern Tag war der Professor ganz stumm und in sich gekehrt; ein
+einziger Gedanke schien ihn zu beschäftigen, einer einzigen Idee schien
+er nachzugrübeln. Ob er es nur sein mag! -- Das waren die Worte, die
+dann und wann den verstummten Lippen unwillkürlich entflohen. Gegen
+Abend nahm er Hut und Stock, ich sprang und bellte freudig; er sah mich
+lange an, helle Tränen traten ihm in die Augen, er sprach mit dem Ton
+der tiefsten innigsten Wehmut: Mein guter Ponto! -- treue ehrliche
+Seele! -- Dann lief er schnell vors Tor und ich dicht hinter ihm her,
+fest entschlossen, den armen Mann aufzuheitern mittels aller Künste, die
+mir nur zu Gebote standen. Dicht vor dem Tor begegnete uns der Baron
+Alcibiades von Wipp, einer der zierlichsten Herren in unserer Stadt, auf
+einem schönen Engländer. Sowie der Baron den Professor gewahrte,
+kurbettierte er zierlich an ihn heran und fragte nach des Professors,
+dann aber nach der Frau Professorin Wohlbefinden. Der Professor
+stotterte in der Verwirrung einige unverständliche Worte hervor. In der
+Tat, sehr heiße Witterung! sprach nun der Baron und zog ein seidnes Tuch
+aus der Rocktasche, schleuderte aber mit demselben Schwunge einen
+Handschuh heraus, den ich gewohnter Sitte gemäß meinem Herrn
+apportierte. Hastig riß mir der Professor den Handschuh fort und rief:
+Das ist Ihr Handschuh, Herr Baron? Allerdings, erwiderte dieser
+verwundert über des Professors Heftigkeit, ich glaube, ich schleuderte
+ihn in dem Augenblick aus der Rocktasche und der dienstfertige Pudel hob
+ihn auf. So habe ich, sprach der Professor mit schneidendem Ton, indem
+er den Handschuh, den ich unter dem Sofa in der Professorin Zimmer
+hervorgesucht, ihm hinreichte, so habe ich das Vergnügen Ihnen den
+Zwillings-Bruder dieses Handschuhes, den Sie gestern verloren,
+überreichen zu können.
+
+Ohne des sichtlich betretenen Barons Antwort abzuwarten, rannte der
+Professor wild von dannen.
+
+Ich hütete mich wohl, dem Professor in das Zimmer seiner teuren Gattin
+zu folgen, da ich den Sturm ahnen konnte, der sich bald bis auf die Flur
+hinausbrausend vernehmen ließ. Eben in einem Winkel des Flurs lauschte
+ich und gewahrte, wie der Professor alle Flammen der Wut im
+rotgleißenden Antlitz, das Stubenmädchen zur Stubentür, dann aber, als
+sie sich noch unterfing einige kecke Worte zu sprechen, zum Hause
+hinauswarf. Endlich in später Nacht kam der Professor ganz erschöpft auf
+seinem Zimmer an. Ich gab ihm meine innige Teilnahme an seinem trüben
+Malheur durch leises Winseln zu verstehen. Da umhalste er mich und
+drückte mich an seine Brust, als sei ich sein bester innigster Freund.
+Guter, ehrlicher Ponto, so sprach er mit ganz kläglichem Ton, treues
+Gemüt, du, du allein hast mich aus dem betörenden Traum geweckt, der
+mich meine Schande nicht erkennen ließ, du hast mich dahin gebracht, daß
+ich das Joch abwerfen, in das mich ein falsches Weib gespannt hatte, daß
+ich wieder ein freier unbefangener Mensch werden kann! Ponto, wie soll
+ich dir das danken! -- Nie -- nie sollst du mich verlassen, ich will
+dich hegen und pflegen wie meinen besten treusten Freund, du allein
+wirst mich trösten, wenn ich bei dem Gedanken an mein hartes Mißgeschick
+verzweifeln will.
+
+Diese rührenden Äußerungen eines edlen dankbaren Gemüts wurden durch die
+Köchin unterbrochen, welche mit blassem verstörten Gesicht hereinstürzte
+und dem Professor die entsetzliche Botschaft hinterbrachte, daß die Frau
+Professorin in den fürchterlichsten Krämpfen liege und den Geist
+aufgeben wolle. Der Professor flog hinab. --
+
+Mehrere Tage hindurch sah ich nun den Professor beinahe gar nicht.
+Meine Speisung, für die sonst mein Herr liebreich selbst sorgte, war der
+Köchin übertragen, die aber, eine mürrische garstige Person, mir mit
+Widerwillen statt der sonstigen guten Gerichte nur die elendesten kaum
+genießbaren Bissen zukommen ließ. Zuweilen vergaß sie mich auch ganz und
+gar, so daß ich genötigt wurde bei guten Bekannten zu schmarotzen, auch
+wohl auf Beute auszugehen, um nur meinen Hunger zu stillen.
+
+Endlich schenkte mir, als ich eines Tages hungrig und matt mit
+herabhängenden Ohren im Hause herumschlich, der Professor einige
+Aufmerksamkeit. Ponto, rief er lächelnd, wie denn überhaupt sein Antlitz
+ganz Sonnenschein war, Ponto, mein alter ehrlicher Hund, wo hast du denn
+gesteckt? Hab' ich dich doch so lange nicht gesehen? Ich glaube gar, man
+hat dich ganz gegen meinen Willen vernachlässigt und nicht sorgsam
+gefüttert? -- Nun komm nur komm, heute sollst du wieder von mir selbst
+deine Speise erhalten.
+
+Ich folgte dem gütigen Herrn in das Eßzimmer. Die Frau Professorin
+aufgeblüht wie eine Rose, wie der Herr Gemahl vollen Sonnenglanz im
+Antlitz, kam ihm entgegen. Beide taten zärtlicher miteinander als
+jemals, sie nannte ihn: englischer Mann, er sie aber: mein Mäuschen, und
+dabei herzten und küßten sie sich wie ein Turteltaubenpaar. Es war eine
+rechte Freude, das anzusehen. Auch gegen mich war die holde Frau
+Professorin freundlich wie sonst niemals, und du kannst denken, guter
+Murr, daß ich mich bei meiner angebornen Galanterie artig und zierlich
+zu betragen wußte. -- Wer hätte ahnen können, was über mich verhängt
+war! --
+
+Es würde mir selbst schwer fallen, dir ausführlich all' die
+heimtückischen Streiche zu erzählen, die meine Feinde mir spielten um
+mich zu verderben, und noch mehr als das, es würde dich ermüden.
+Beschränken will ich mich darauf nur einiges zu erwähnen, welches dir
+ein treues Bild meiner unglücklichen Lage geben wird. -- Mein Herr war
+gewohnt, mir im Speisezimmer während er selbst aß, die gewöhnlichen
+Portionen an Suppe, Gemüse und Fleisch in einem Winkel am Ofen zu
+verabreichen. Ich aß mit solchem Anstande, mit solcher Reinlichkeit, daß
+auch nicht das kleinste Fettfleckchen auf dem getäfelten Fußboden
+sichtbar. Wie groß war daher mein Entsetzen, als eines Mittags der Napf,
+kaum hatte ich mich ihm genähert, in hundert Stücke zersprang und die
+Fettbrühe sich ergoß über den schönen Fußboden! Zornig fuhr der
+Professor auf mich los mit argen Scheltworten, und unerachtet die
+Professorin mich zu entschuldigen suchte, las man doch den bittern
+Verdruß in ihrem blassen Gesicht. Sie meinte, dürfte auch der garstige
+Flecken nicht wohl fortzubringen sein, so könnte ja doch die Stelle
+abgehobelt oder eine neue Tafel eingesetzt werden. Der Professor hegte
+einen tiefen Abscheu gegen solche Reparaturen, er hörte schon die
+Tischlerjungen hobeln und hämmern, und so waren es die liebreichen
+Entschuldigungen der Professorin, die ihn mein vermeintliches Ungeschick
+erst recht fühlen ließen und mir noch außer jenen Scheltworten ein
+tüchtiges Paar Ohrfeigen einbrachten. -- Ich stand da im Bewußtsein
+meiner Unschuld, ganz verblüfft, und wußte gar nicht, was ich denken,
+was ich sagen sollte. -- Erst als mir dasselbe zwei- -- dreimal
+geschehen, merkte ich die Tücke! -- Man hatte mir halb zerbrochene
+Schüsseln hingestellt, die bei der leisesten Berührung in hundert Stücke
+zerfallen mußten. Ich durfte nicht mehr im Zimmer bleiben, draußen
+erhielt ich Speise von der Köchin, aber so kärglich, daß ich, von
+nagendem Hunger getrieben manches Stück Brot, manchen Knochen zu
+erschnappen suchen mußte. Darüber entstand denn nun jedesmal ein
+gewaltiger Lärm, und ich mußte mir eigennützigen Diebstahl da vorwerfen
+lassen, wo nur von der Befriedigung des dringendsten Naturbedürfnisses
+die Rede sein konnte. -- Es kam noch ärger. Mit großem Geschrei klagte
+die Köchin, daß ihr eine schöne Hammelkeule aus der Küche verschwunden
+und daß ich sie ganz gewiß gestohlen. Die Sache kam als eine wichtigere
+häusliche Angelegenheit vor den Professor. Der meinte, daß er sonst nie
+den Hang zum Diebstahl an mir bemerkt und daß auch mein Diebsorgan
+durchaus nicht ausgebildet sei. Auch sei es nicht denkbar, daß ich eine
+ganze Hammelkeule so verspeiset, daß keine Spur mehr davon vorhanden.
+-- Man suchte nach und -- fand in meinem Lager die Überbleibsel der
+Keule! -- Murr! sieh, mit der Pfote auf der Brust schwöre ich's dir, daß
+ich völlig unschuldig war, daß es mir nicht in den Sinn gekommen, den
+Braten zu stehlen, doch, was halfen die Beteuerungen meiner Unschuld, da
+der Beweis wider mich sprach! -- Um so ergrimmter war der Professor, als
+er meine Partie genommen und sich in seiner guten Meinung von mir
+getäuscht sah. -- Ich erhielt eine tüchtige Tracht Prügel. -- Ließ mich
+der Professor auch nachher den Widerwillen fühlen, den er gegen mich
+hegte, so war die Frau Professorin desto freundlicher, streichelte mir,
+was sie sonst nie getan, den Rücken und gab mir sogar dann und wann
+einen guten Bissen. Wie konnt' ich ahnen, daß das alles nur
+gleisnerischer Trug, und doch sollte sich dies bald zeigen. -- Die Türe
+des Eßzimmers stand offen, mit leerem Magen schaute ich sehnsüchtig
+hinein und gedachte schmerzvoll jener guten Zeit, als ich, wenn das süße
+Aroma des Bratens sich verbreitete, nicht vergebens den Professor
+bittend anschaute und dabei, wie man zu sagen pflegt, ein wenig
+schnüffelte! Da rief die Professorin: Ponto, Ponto! und hielt mir
+geschickt zwischen dem zarten Daumen und dem niedlichen Zeigefinger ein
+schönes Stück Braten hin. -- Mag es sein, daß ich im Enthusiasmus des
+aufgeregten Appetits ein wenig heftiger zuschnappte als gerade nötig,
+doch gebissen habe ich nicht die zarte Lilienhand, das kannst du mir
+glauben, guter Murr. Und doch schrie die Professorin laut auf: der böse
+Hund! und fiel wie ohnmächtig zurück in den Sessel, und doch sah ich zu
+meinem Entsetzen wirklich ein paar Blutstropfen am Daumen. Der Professor
+geriet in Wut; er schlug mich, trat mich mit Füßen, mißhandelte mich so
+unbarmherzig, daß ich mit dir, mein guter Kater hier wohl nicht vor der
+Türe säße im lieben Sonnenschein, hätte ich mich nicht durch die
+schleunige Flucht zum Hause hinaus gerettet. An Rückkehr war nicht zu
+denken. Ich sah ein, daß gegen die schwarze Kabale, die die Professorin
+aus reiner Rachgier wegen des freiherrlichen Handschuhs gegen mich
+angezettelt, nichts auszurichten und beschloß mir gleich einen andern
+Herrn zu suchen. Sonst wäre das der schönen Gaben halber, die mir die
+gütige, mütterliche Natur verliehen, ein Leichtes gewesen, Hunger und
+Gram hatten mich aber so heruntergebracht, daß ich bei meinem miserablen
+Aussehen in der Tat befürchten mußte, überall abgewiesen zu werden.
+Traurig, von drückenden Nahrungssorgen gequält, schlich ich vors Tor.
+Ich erblickte den Herrn Baron Alcibiades von Wipp, der vor mir herging
+und ich weiß nicht, wie mir der Gedanke kam, ihm meine Dienste
+anzubieten. Vielleicht war es ein dunkles Gefühl, daß ich auf diese
+Weise Gelegenheit erhalten würde mich an dem undankbaren Professor zu
+rächen, wie es sich später denn auch wirklich begab. -- Ich tänzelte an
+den Baron heran, wartete ihm auf und folgte, als er mich mit einigem
+Wohlgefallen betrachtete, ihm ohne Umstände nach in seine Wohnung. Sehen
+Sie, so sprach er zu einem jungen Menschen, den er seinen Kammerdiener
+nannte, unerachtet er sonst keinen andern Diener hatte, sehen Sie
+Friedrich, was sich da für ein Pudel zu mir eingefunden hat. Wär' er nur
+hübscher! Friedrich rühmte dagegen den Ausdruck meines Antlitzes, sowie
+den zierlichen Wuchs und meinte, ich müsse von meinem Herrn schlecht
+gehalten sein und habe ihn wahrscheinlich deshalb verlassen. Setzte er
+noch hinzu, daß Pudel, die sich so von selbst aus freiem Antriebe
+einfänden, gewöhnlich treue rechtschaffene Tiere wären, so konnte der
+Baron nicht umhin mich zu behalten. Unerachtet ich nun durch Friedrichs
+Vorsorge ein recht glaues Ansehen gewann, so schien der Baron doch nicht
+sonderlich viel auf mich zu halten und litt es nur eben zur Not, daß ich
+ihn auf seinen Spaziergängen begleitete. -- Das sollte anders kommen. --
+
+Wir begegneten auf einem Spaziergange der Professorin. -- Erkenne, guter
+Murr, das gemütliche Gemüt -- ja so will ich sagen -- eines ehrlichen
+Pudels, wenn ich versichere, daß, unerachtet mir die Frau sehr weh
+getan, ich doch eine ungeheuchelte Freude empfand, sie wiederzusehen.
+-- Ich tanzte vor ihr her, bellte lustig, und gab ihr meine Freude auf
+alle nur mögliche Weise zu erkennen. Sieh da, Ponto! rief sie,
+streichelte mich und blickte den Baron von Wipp, der stehen geblieben
+war, bedeutend an. Ich sprang zu meinem Herrn zurück, der mich
+liebkoste. Er schien auf besondere Gedanken zu geraten; mehrmals
+hintereinander murmelte er in sich hinein: Ponto! -- Ponto, wenn das
+möglich sein sollte!
+
+Wir hatten einen nahe gelegenen Lustort erreicht; die Professorin nahm
+Platz mit ihrer Gesellschaft, bei der sich jedoch der liebe gutmütige
+Herr Professor nicht befand. Unfern davon setzte sich der Baron Wipp, so
+daß er, ohne sonderlich von den andern bemerkt zu werden, die
+Professorin beständig im Auge behielt. Ich stellte mich vor meinen Herrn
+und guckte ihn an, indem ich leise mit dem Schweif wedelte, als erwarte
+ich seine Befehle. Ponto, sollte es möglich sein! wiederholte er. -- Nun,
+setzte er nach einem kurzen Stillschweigen hinzu, nun, es kommt auf den
+Versuch an! -- Damit nahm er einen kleinen Papierstreifen aus der
+Brieftasche, schrieb einige Worte mit Bleistift darauf, rollte ihn
+zusammen, steckte ihn mir unter das Halsband, wies nach der Professorin
+und rief leise: Ponto -- allons! -- Nicht ein solcher kluger, in der Welt
+gewitzigter Pudel hätte ich sein müssen, als ich es wirklich bin, um
+nicht sogleich alles zu erraten. Ich machte mich daher sogleich an den
+Tisch, wo die Professorin saß und tat, als verspüre ich großen Appetit
+nach dem schönen Kuchen, der auf dem Tische stand. -- Die Professorin
+war die Freundlichkeit selbst, sie reichte mir Kuchen mit der einen
+Hand, während sie mich mit der andern am Halse kraute. Ich fühlte, wie
+sie den Papierstreifen hervor zog. Bald darauf verließ sie die
+Gesellschaft und begab sich in einen Nebengang. Ich folgte ihr. Ich sah,
+wie sie des Barons Worte eifrig las, wie sie aus ihrem Strickkästchen
+einen Bleistift hervorholte, auf denselben Zettel einige Worte schrieb
+und ihn dann wieder zusammenrollte. Ponto, sprach sie dann, indem sie
+mich mit schalkischem Blick betrachtete, du bist ein sehr kluger
+vernünftiger Pudel, wenn du zu rechter Zeit apportierst! Damit steckte
+sie mir das Zettelchen unter das Halsband, und ich unterließ nicht
+eiligst hinzuspringen zu meinem Herrn. Der mutmaßte sogleich, daß ich
+Antwort brächte, denn er zog alsbald den Zettel unter dem Halsbande
+hervor. -- Der Professorin Worte mußten sehr tröstlich lauten und
+angenehm, denn des Barons Augen funkelten vor lauter Freude und er rief
+entzückt: Ponto -- Ponto, du bist ein herrlicher Pudel, mein guter Stern
+hat mir dich zugeführt. Du kannst denken, guter Murr! daß ich nicht
+weniger erfreut war, da ich einsah, wie ich nach dem, was sich soeben
+zugetragen, in der Gunst meines Herrn hoch steigen müsse.
+
+In dieser Freude machte ich beinahe unaufgefordert alle nur möglichen
+Kunststücke. Ich sprach wie der Hund, starb, lebte wieder auf,
+verschmähte das Stück Weißbrot vom Juden und verzehrte mit Appetit das
+vom Christen usw. Ein ungemein gelehriger Hund! So rief eine alte Dame,
+die neben der Professorin saß, herüber. Ungemein gelehrig, erwiderte der
+Baron. Ungemein gelehrig! hallte der Professorin Stimme nach wie ein
+Echo. -- Ich will dir nur ganz kurz sagen, guter Murr! daß ich den
+Briefwechsel auf die erwähnte Weise fortwährend besorgte und noch jetzt
+besorge, da ich zuweilen sogar mit Briefchen in des Professors Haus
+laufe, wenn er gerade abwesend. Schleicht aber manchmal in der
+Abenddämmerung der Herr Baron Alcibiades von Wipp zur holden Lätitia, so
+bleibe ich vor der Haustüre und mache, läßt sich der Herr Professor nur
+in der Ferne blicken, solch einen grimmigen Teufelslärm mit Bellen, daß
+mein Herr ebensogut als ich, die Nähe des Feindes wittert und ihm
+ausweicht. --
+
+Mir kam es vor, als könne ich Ponto's Betragen doch nicht recht
+billigen, ich dachte an des verewigten Muzius, an meinen eignen tiefen
+Abscheu vor jedem Halsbande, und schon dies setzte mich darüber ins
+Klare, daß ein ehrliches Gemüt, so wie es ein rechtschaffener Kater in
+sich trägt, dergleichen Liebeskuppeleien verschmähe. Alles dieses
+äußerte ich dem jungen Ponto ganz unverhohlen. Der lachte mir aber ins
+Gesicht und meinte, ob denn die Moral der Katzen so gar strenge sei, und
+ob ich nicht selbst schon hin und wieder über die Schnur gehauen, d. h.
+etwas getan, was für den engen moralischen Schubkasten etwas zu breit
+sei. -- Ich dachte an Mina und verstummte.
+
+Fürs erste, mein guter Murr! sprach Ponto weiter, ist es ein ganz
+gemeiner Erfahrungssatz, daß niemand seinem Schicksal entgehen kann, er
+mag es nun anstellen wie er auch will; du kannst als ein Kater von
+Bildung das weitere darüber nachlesen in einem sehr belehrenden und ganz
+angenehm stilisierten Buche, _Jacques le fataliste_ betitelt. War es nach
+dem ewigen Ratschluß bestimmt, daß der Professor der Ästhetik, Herr
+Lothario, ein -- Nun du verstehst mich, guter Katz, aber zudem hat ja
+der Professor durch die Art, wie er sich bei der merkwürdigen
+Handschuhgeschichte -- sie sollte mehr Celebrität erhalten, schreib' was
+darüber Murr -- benommen, seinen ganz entschiedenen ihm von der Natur
+eingepflanzten Beruf bewiesen, in jenen großen Orden zu treten, den so
+viele viele Männer tragen, mit der gebietendsten Würde, mit dem
+schönsten Anstande, ohne es zu wissen. Diesen Beruf hätte Herr Lothario
+erfüllt, gäb' es auch keinen Baron Alcibiades von Wipp, keinen Ponto.
+Hatte aber wohl überhaupt Herr Lothario etwas anderes, besseres um mich
+verdient, als daß ich gerade seinem Feinde mich in die Arme warf? -- Dann
+aber fand auch der Baron gewiß andere Mittel, sich mit der Professorin
+zu verstehen und derselbe Schaden kam über den Professor, ohne mir den
+Nutzen zu bringen, den ich jetzt wirklich von dem angenehmen Verhältnis
+des Barons mit der holden Lätitia verspüre. Wir Pudel sind nicht solche
+überstrenge Moralisten, daß wir in unserm eignen Fleische wühlen und die
+im Leben schon sonst knapp genug zugeschnittenen guten Bissen
+verschmähen sollten.
+
+Ich fragte den jungen Ponto, ob denn der Nutzen, den ihm sein Dienst bei
+dem Baron Alcibiades von Wipp verschaffe, in der Tat so groß und wichtig
+sei, daß er das Unangenehme, das Drückende der damit verbundenen
+Knechterei aufwiege. Dabei gab ich ihm nicht undeutlich zu verstehen,
+daß eben diese Knechterei einem Kater, dessen Freiheitssinn in der Brust
+unauslöschlich, immer widerlich bleiben müsse.
+
+Du redest, guter Murr, erwiderte Ponto stolz lächelnd, wie du es
+verstehst, oder vielmehr wie es dir deine gänzliche Unerfahrenheit in
+den höhern Verhältnissen des Lebens erscheinen läßt. Du weißt nicht, was
+es heißt, der Liebling eines solchen galanten gebildeten Mannes zu sein,
+wie es der Baron Alcibiades von Wipp wirklich ist. Denn, daß ich seit
+der Zeit, als ich mich so klug und dienstfertig benommen, sein größter
+Liebling geworden, darf ich dir, o mein freiheitsliebender Katz, wohl
+nicht erst sagen. Eine kurze Schilderung unserer Lebensweise wird dich
+das Angenehme, das Wohltätige meiner jetzigen Lage sehr lebhaft fühlen
+lassen. -- Des Morgens stehen wir (ich und mein Herr nämlich) nicht zu
+früh aber auch nicht zu spät auf; das heißt, auf den Schlag elf Uhr.
+-- Ich muß dabei bemerken, daß mein breites weiches Lager unfern dem
+Bette des Barons aufgeschlagen ist und daß wir viel zu harmonisch
+schnarchen, um beim plötzlichen Erwachen zu wissen, wer geschnarcht hat.
+-- Der Baron zieht an der Glocke und sogleich erscheint der
+Kammerdiener, der dem Baron einen Becher rauchender Schokolade, mir aber
+einen Porzellannapf voll des schönsten süßen Kaffees mit Sahne bringt,
+den ich mit demselben Appetit leere wie der Baron seinen Becher. Nach
+dem Frühstück spielen wir ein halbes Stündchen miteinander, welche
+Leibesbewegung nicht allein unserer Gesundheit zuträglich ist, sondern
+auch unsern Geist erheitert. Ist das Wetter schön, so pflegt der Baron
+auch wohl zum offenen Fenster hinauszuschauen und die Vorübergehenden
+mit dem Fernglas zu begucken. Gehen gerade nicht viele vorüber, so gibt
+es noch eine andere Belustigung, die der Baron eine Stunde hindurch
+fortsetzen kann, ohne zu ermüden. -- Unter dem Fenster des Barons ist
+ein Stein eingepflastert, der sich durch eine besonders rötliche Farbe
+auszeichnet, in der Mitte dieses Steines befindet sich aber ein kleines
+eingebröckeltes Loch. Nun kommt es darauf an, so geschickt
+herabzuspucken, daß gerade in dieses kleine Loch hineingetroffen wird.
+-- Durch viele anhaltende Übung hat es der Baron dahin gebracht, daß er
+auf das drittemal Treffen pariert und schon manche Wette gewann. Nach
+dieser Belustigung tritt der sehr wichtige Moment des Anziehens ein. Das
+geschickte Kämmen und Kräuseln des Haares, vorzüglich aber das
+kunstmäßige Knüpfen des Halstuchs besorgt der Baron ganz allein, ohne
+Hilfe des Kammerdieners. Da diese beiden schwierigen Operationen etwas
+lange dauern, so benutzt Friedrich die Zeit um mich auch anzukleiden. D.
+h. mit einem in lauwarmes Wasser eingeweichten Schwamm wäscht er mir den
+Pelz, kämmt die langen Haare, die der Friseur an schicklichen Örtern
+zierlich stehen lassen mit einem genugsam engen Kamme durch und legt mir
+das schöne silberne Halsband um, das der Baron mir gleich verehrte, als
+er meine Tugenden entdeckt. Die folgenden Augenblicke sind der Literatur
+und den schönen Künsten gewidmet. Wir gehen nämlich in eine Restauration
+oder in ein Kaffeehaus, genießen Beefsteak oder Karbonade, trinken ein
+Gläschen Madeira, und gucken etwas weniges in die neuesten Journale, in
+die neuesten Zeitungen. Dann beginnen die Vormittags-Visiten. Wir
+besuchen diese, jene große Schauspielerin, Sängerin, ja auch wohl
+Tänzerin, um ihr die Neuigkeiten des Tages, hauptsächlich aber den
+Verlauf irgend eines Debüts von gestern abend, zu hinterbringen. Es ist
+merkwürdig, mit welchem Geschick der Baron Alcibiades von Wipp seine
+Nachrichten einzurichten weiß, um die Damen stets bei guter Laune zu
+erhalten. Niemals ist es der Gegnerin oder wenigstens Kombattantin
+gelungen, sich nur einen Teil des Ruhms anzueignen, der die Gefeierte
+krönt, die er soeben im Schmollzimmerchen heimsucht. Man hat die Arme
+ausgezischt -- ausgelacht -- und ist denn wirklich erhaltener glänzender
+Beifall nicht wohl zu verschweigen, so weiß der Baron ganz gewiß ein
+neues skandalöses Geschichtchen von der Dame aufzutischen, das ebenso
+begierig vernommen als verbreitet wird, damit gehöriges Gift die Blumen
+des Kranzes vor der Zeit töte. -- Die vornehmeren Visiten bei der Gräfin
+A., bei der Baronesse B., bei der Gesandtin C. usw. füllen die Zeit aus
+bis halb vier Uhr; und nun hat der Baron seine eigentlichen Geschäfte
+abgemacht, so daß er um vier Uhr sich beruhigt zu Tische setzen kann.
+Dies geschieht gewöhnlich wieder in einer Restauration. Nach Tische
+gehen wir zu Kaffee, spielen auch wohl eine Partie Billard und machen
+dann, erlaubt es die Witterung, eine kleine Promenade, ich beständig zu
+Fuß, der Baron aber manchmal zu Pferde. So ist die Theaterstunde
+herangekommen, die der Baron niemals versäumt. Er soll im Theater eine
+überaus wichtige Rolle spielen, da er das Publikum nicht allein von
+allen Verhältnissen der Bühne und der auftretenden Künstler in Kenntnis
+setzen, sondern auch das gehörige Lob, den gehörigen Tadel anordnen, so
+aber überhaupt den Geschmack im richtigen Gleise erhalten muß. Er fühlt
+einen natürlichen Beruf dazu. Da man den feinsten Leuten meines
+Geschlechts ungerechterweise den Eingang in das Theater durchaus nicht
+verstattet, so sind die Stunden während der Vorstellung die einzigen, in
+denen ich mich von meinem lieben Baron trenne und mich allein auf meine
+eigene Hand belustige. Wie dies nun geschieht, und wie ich die
+Konnexionen mit Windspielen, englischen Wachtelhunden, Möpsen und andern
+vornehmen Leuten benutze, das sollst du künftig erfahren, guter Murr!
+-- Nach dem Theater speisen wir wieder in einer Restauration, und der
+Baron überläßt sich in heitrer Gesellschaft ganz seiner frohen Laune.
+Das heißt, alle sprechen, alle lachen und finden alles auf Ehre
+göttlich, und keiner weiß, was er spricht und worüber er lacht und was
+als auf Ehre göttlich gerühmt werden darf. Darin besteht aber das
+Sublime der Konversation, das ganze soziale Leben derer, die sich zur
+eleganten Lehre bekennen, wie mein Herr. Manchmal fährt aber auch wohl
+der Baron noch in später Nacht in diese, jene Gesellschaft und soll dort
+ganz exzellent sein. Auch davon weiß ich nichts, denn der Baron hat mich
+noch niemals mitgenommen, wozu er vielleicht seine guten Gründe haben
+mag. -- Wie ich auf dem weichen Lager in der Nähe des Barons herrlich
+schlafe, habe ich dir schon gesagt. Gestehe aber nun selbst, guter Katz!
+wie nach der Lebensweise, die ich hier ausführlich beschrieben, mich der
+alte mürrische Oheim eines wüsten, liederlichen Wandels anklagen kann?
+-- Es ist wahr, daß ich, schon hab' ich dir's gestanden, vor einiger Zeit
+gerechten Anlaß gab zu allerlei Vorwürfen. Ich trieb mich umher in
+schlechter Gesellschaft und fand eine besondere Lust darin, mich
+überall, vorzüglich in Vermählungsschmäuse ungebeten einzudrängen und
+ganz unnützen Skandal anzufangen. Alles dies geschah aber nicht aus
+reinem Trieb zu wüster Balgerei, sondern aus bloßem Mangel an höherer
+Kultur, die ich bei den Verhältnissen, wie sie in dem Hause des
+Professors bestanden, nicht erhalten konnte. Jetzt ist das alles anders.
+Doch! wen erblick' ich? -- Dort geht der Baron Alcibiades von Wipp! -- Er
+sieht sich nach mir um -- er pfeift! _Au revoir,_ Bester! --
+
+Schnell wie der Blitz sprang Ponto seinem Herrn entgegen. Das Äußere des
+Barons entsprach ganz dem Bilde, das ich mir wohl nach dem, was Ponto
+von ihm gesagt, machen durfte. -- Er war sehr groß und nicht sowohl
+schlank gewachsen als spindeldürr. Kleidung, Stellung, Gang, Gebärde,
+alles konnte für den Prototypus der letzten Mode gelten, die aber, bis
+ins Phantastische hinausgetrieben, seinem ganzen Wesen etwas Seltsames,
+Abenteuerliches gab. Er trug ein kleines sehr dünnes Röhrchen mit einer
+stählernen Krücke in der Hand, über das er Ponto einigemal springen
+ließ. So herabwürdigend mir dieses auch schien, gestehen mußte ich doch,
+das Ponto mit der höchsten Geschicklichkeit und Stärke jetzt eine Anmut
+verband, die ich sonst noch niemals an ihm bemerkt. Überhaupt, wie nun
+der Baron mit vorgestreckter Brust, den Leib eingezogen, mit einem
+sonderbaren ausgespreizten Hahnentritt weiter fortwandelte und Ponto in
+sehr zierlichen Kurbetten bald vorwärts, bald nebenher sprang und sich
+nur ganz kurze, zum Teil stolze Begrüßungen vorübergehender Kameraden
+erlaubte, so sprach sich darin ein gewisses Etwas aus, das ohne mir
+deutlich zu werden, dennoch mir imponierte. -- Ich ahnte, was mein
+Freund Ponto mit der höheren Kultur gemeint und suchte, so viel möglich,
+darüber ganz ins klare zu kommen. Das hielt aber sehr schwer, oder
+vielmehr, meine Bemühungen blieben ganz vergebens. --
+
+Später habe ich eingesehen, daß an gewissen Dingen alle Probleme, alle
+Theorien, die sich in dem Geiste bilden mögen, scheitern und daß nur
+durch die lebendige Praxis die Erkenntnis zu erringen; die höhere
+Kultur, welche beide, der Baron Alcibiades von Wipp und der Pudel Ponto
+in der feinen Welt erlangt, gehört aber zu diesen gewissen Dingen. --
+
+Der Baron Alcibiades von Wipp lorgnettierte mich im Vorübergehen sehr
+scharf. Es schien mir, als läs' ich Neugierde und Zorn in seinem Blick.
+Sollte er vielleicht Ponto's Unterhaltung mit mir gewahrt und ungnädig
+vermerkt haben? Mir wurde etwas ängstlich zumute, ich eilte schnell die
+Treppe hinauf. --
+
+Ich sollte nun, um alle Pflichten eines tüchtigen Selbstbiographen zu
+erfüllen, wiederum meinen Seelenzustand beschreiben und könnte das nicht
+besser tun, als mittels einiger sublimer Verse, die ich seit einiger
+Zeit so recht, wie man zu sagen pflegt, aus dem Pelzärmel schüttle. Ich
+will --
+
+=(Mak. Bl.)= -- -- mit diesem einfältigen armseligen Spielwerk den besten
+Teil meines Lebens vergeudet. -- Und nun jammerst du alter Tor und
+klagst das Geschick an, dem du vermessen Trotz botest! -- Was gingen dich
+die vornehmen Leute, was ging dich die ganze Welt an, die du
+verhöhntest, weil du sie für närrisch hieltest, und selbst am
+närrischsten warst! -- Beim Handwerk, beim Handwerk mußtest du bleiben,
+Orgeln bauen und nicht den Hexenmeister spielen und den Wahrsager. -- Sie
+hätten sie mir nicht gestohlen, mein Weib wäre bei mir, ein tüchtiger
+Arbeiter säß' ich in der Werkstatt und rüstige Gesellen klopften und
+hämmerten um mich her, und wir förderten Werke, die sich hören und sehen
+ließen, wie keine andere weit und breit. -- Und Chiara! -- vielleicht
+hingen muntre Knaben mir am Halse, vielleicht schaukelte ich ein
+schmuckes Töchterlein auf den Knien. -- Tausend Teufel, was hält mich
+ab, daß ich nicht den Augenblick davonrenne und das verlorene Weib suche
+in der ganzen weiten Welt! -- Damit warf Meister Abraham, der dies
+Selbstgespräch gehalten, das kleine begonnene Automat sowie alles
+Handwerkszeug unter den Tisch, sprang auf, und schritt heftig hin und
+her. -- Der Gedanke an Chiara, der ihn jetzt beinahe niemals verließ,
+rief alle schmerzliche Wehmut in seinem Innern hervor, und wie mit
+Chiara damals sein höheres Leben begonnen, verließ ihn auch jetzt jener
+trotzige, dem Gemeinen entsprossene Unwille darüber, daß er über sein
+Handwerk hinweggeschaut und wirkliche Kunst zu üben sich unterfangen.
+-- Er schlug Severino's Buch auf und schaute lange die holde Chiara an.
+Wie ein Mondsüchtiger, der der äußeren Sinne beraubt nur nach dem innern
+Gedanken automatisch handelt, ging Meister Abraham dann zu einem Kasten,
+der in einem Winkel des Zimmers stand, räumte Bücher und Sachen, womit
+er bepackt, herunter, öffnete ihn, nahm die Glaskugel, den ganzen
+Apparat zum geheimnisvollen Experiment mit dem unsichtbaren Mädchen
+hervor, befestigte die Kugel an einer dünnen seidnen Schnur, die von der
+Decke herabhing, stellte im Zimmer alles so her, wie es zu dem
+versteckten Orakel nötig. Erst als er mit allem fertig geworden,
+erwachte er aus der träumerischen Betäubung und erstaunte nicht wenig
+darüber, was er begonnen. Ach, jammerte er dann laut, indem er ganz
+ermattet, ganz trostlos in den Lehnstuhl sank, ach Chiara, arme verlorne
+Chiara, niemals werd' ich wieder deine süße Stimme verkünden hören, was
+in des Menschen tiefster Brust verschlossen. Kein Trost mehr auf Erden,
+-- keine Hoffnung als das Grab. --
+
+Da schwankte die Glaskugel hin und her und ein melodischer Ton ließ sich
+vernehmen, wie wenn Windeshauch leise hinstreift über die Saiten der
+Harfe. Aber bald wurde der Ton zu Worten:
+
+ Noch ist Leben nicht dahin,
+ Trost und Hoffnung nicht verschwunden.
+ Was vermag der frömmste Sinn,
+ Hält ihn schwerer Eid gebunden?
+ Meister! Mut! -- du wirst gesunden,
+ Blick auf zu der Dulderin,
+ Die da heilt die tiefsten Wunden,
+ Bittrer Schmerz bringt dir Gewinn.
+
+O du barmherziger Himmel, lispelte der Alte mit bebenden Lippen, sie ist
+es selbst, die zu mir spricht von dem hohen Himmel herab; sie wandelt
+nicht mehr unter den Lebendigen! -- Da ließ sich jener melodische Ton
+abermals vernehmen und noch leiser, noch entfernter erklangen die Worte:
+
+ Nicht erfaßt der bleiche Tod,
+ Die im Herzen Liebe tragen;
+ Dem glänzt noch das Abendrot,
+ Der am Morgen wollt' verzagen.
+ Bald kann dir die Stunde schlagen,
+ Die entreißt dich aller Not;
+ Zu vollbringen magst du wagen,
+ Was die ew'ge Macht gebot.
+
+Stärker anschwellend und wieder verhallend lockten die süßen Töne den
+Schlaf herbei, der den Alten einhüllte in seinen schwarzen Fittich. Aber
+in dem Dunkel ging strahlend wie ein schöner Stern der Traum vergangenen
+Glücks auf und Chiara lag wieder an des Meisters Brust und beide waren
+wieder jung und selig, und kein finstrer Geist vermochte den Himmel
+ihrer Liebe zu trüben. --
+
+ Hier hat, wie der Herausgeber es dem geneigten Leser bemerklich
+ machen muß, der Kater wieder ein paar Makulaturblätter ganz
+ weggerissen, wodurch in dieser Geschichte voller Lücken wiederum
+ eine Lücke entstanden. Nach der Seitenzahl fehlen aber nur acht
+ Kolumnen, die eben nichts besonders Wichtiges enthalten zu haben
+ scheinen, da das Folgende sich im ganzen noch so ziemlich an das
+ Vorhergegangene reiht. Also weiter heißt es:
+
+-- -- -- nicht erwarten durfte. Fürst Irenäus war überhaupt ein
+abgesagter Feind von allen ungewöhnlichen Vorfällen, vorzüglich wenn
+seine eigne Person in Anspruch genommen wurde, die Sache näher zu
+untersuchen. Er nahm daher, wie er es in kritischen Fällen zu tun
+pflegte, eine Doppelprise, starrte den Leibjäger an mit dem bekannten
+niederschmetternden Friedrichsblick und sprach: Lebrecht, ich glaube,
+wir sind ein mondsüchtiger Träumer und sehen Gespenster, und machen
+einen ganz unnötigen Hallas?
+
+Durchlauchtigster Herr, erwiderte der Leibjäger in sehr ruhiger Fassung,
+lassen Sie mich fortjagen wie einen ordinären Schuft, wenn nicht alles
+buchstäblich wahr ist, wie ich es erzählt habe! Ich wiederhole es keck
+und freimütig. Rupert ist ein ausgemachter Spitzbube.
+
+Wie, Rupert, rief der Fürst in vollem Zorn, mein alter treuer Kastellan,
+der fünfzig Jahre dem Fürstenhause gedient, ohne jemals ein Schloß
+einrosten zu lassen, oder im Auf- und Zuschließen zu mankieren, der soll
+ein Spitzbube sein? Lebrecht! -- Er ist besessen, Er ist rasend!
+Himmeltausend Sapp --
+
+Der Fürst stockte wie immer, wenn er sich auf dem Fluchen ertappte, das
+allem fürstlichen Anstande entgegen. Der Leibjäger nutzte diesen
+Augenblick, um ganz geschwinde einzufallen: Durchlauchtigster Herr
+werden nur gleich so hitzig und fluchen denn so gräßlich, und man darf
+über so etwas doch nicht schweigen, man kann doch nichts behaupten als
+die reine Wahrheit. -- Wer ist hitzig, sprach der Fürst gelassen, wer
+flucht? -- Esel fluchen! -- Ich will, daß Er mir die ganze Sache in
+gedrängter Kürze wiederhole, damit ich in einer geheimen Sitzung alles
+meinen Räten vortragen kann zur umständlichen Beratung und Entscheidung
+über die fernerhin zu ergreifenden Maßregeln. Ist Rupert wirklich ein
+Spitzbube, so -- Nun, das weitere wird sich dann finden.
+
+Wie gesagt, begann der Leibjäger, als ich gestern Fräulein Julien
+vorleuchtete, schlüpfte derselbe Mensch, der hier schon längst
+herumschleicht, bei uns vorüber. Halt, dacht ich in meinem Sinn, den
+Urian wirst du doch ertappen, und löschte, als ich das liebe Fräulein
+bis oben hinaufgebracht, meine Fackel aus und stellte mich ins Dunkel.
+Nicht lange dauerte es, so kam derselbe Mensch aus dem Gebüsch hervor
+und klopfte leise an das Haus. Behutsam schlich ich einher. Da wurde das
+Haus geöffnet und ein Mädchen trat heraus und mit diesem Mädchen
+schlüpfte der Fremde hinein. Es war die Nanni, Sie kennen sie doch,
+durchlauchtigster Herr, der Frau Rätin schöne Nanni?
+
+_Coquin,_ rief der Fürst, mit hohen gekrönten Häuptern spricht man nicht
+von schönen Nanni's, doch! -- fahr Er fort, _mon fils._ -- Ja die schöne
+Nanni, sprach der Leibjäger weiter, ich hätt' ihr solchen dummen Verkehr
+gar nicht zugetraut. -- Also weiter nichts als eine einfältige
+Liebschaft, dacht ich in meinem Sinn; aber es wollte mir gar nicht in
+den Kopf, daß nicht noch was anders dahinter stecken sollte. Ich blieb
+am Hause stehen. Da kam nach einer guten Weile die Frau Rätin zurück,
+und kaum war sie ins Haus getreten, als oben ein Fenster geöffnet wurde
+und mit unglaublicher Behendigkeit der fremde Mensch hinaussprang,
+gerade in die schönen Nelken- und Levkojenstöcke hinein, die dort
+vergattert stehen und die das liebe Fräulein Julia selbst so sorglich
+wartet. Der Gärtner lamentiert schrecklich; er ist mit den zerbrochenen
+Scherben draußen und wollte bei dem durchlauchtigsten Herrn selbst Klage
+führen. Ich habe ihn aber nicht hereingelassen, denn der Schlingel ist
+angesoffen schon am frühen Morgen. Lebrecht, das scheint eine Imitation
+zu sein, unterbrach der Fürst den Leibjäger, denn selbiges kommt schon
+in der Oper von Herrn Mozart Figaro's Hochzeit geheißen, vor, die ich zu
+Prag geschaut. Bleib Er der Wahrheit getreu, Jäger? -- Auch nicht eine
+Silbe rede ich anders, als ich es bekräftigen kann mit einem
+körperlichen Eide, sprach Lebrecht weiter. Der Kerl war hingestürzt, und
+ich gedachte ihn nun zu fassen; doch schnell wie der Blitz raffte der
+Kerl sich auf und rannte spornstreichs -- wohin? was denken Sie wohl,
+durchlauchtigster Fürst, wohin er rannte? Ich denke nichts, erwiderte
+der Fürst feierlich, turbier Er mich nicht mit lästigen Fragen nach
+Gedanken, Jäger! sondern erzähle Er ruhig so lange, bis die Geschichte
+aus ist, dann will ich denken.
+
+Gerade nach dem unbewohnten Pavillon rannte der Mensch, fuhr der Jäger
+fort. Ja -- unbewohnt! Sowie er an die Türe geklopft, wurd' es inwendig
+hell, und wer nun heraustrat, war niemand anders als der saubere,
+ehrliche Herr Rupert, dem der Fremde hineinfolgte ins Haus, das er nun
+wieder fest verschloß. Sie sehen, durchlauchtigster Herr, daß Rupert
+Verkehr treibt mit fremden, gefährlichen Gästen, die bei ihrer
+Schleicherei gewiß Böses im Schilde führen. Wer weiß, worauf alles
+abzielt und es ist ja möglich, daß selbst mein durchlauchtigster Fürst
+hier in dem stillen ruhigen Sieghartshof von schlechten Menschen bedroht
+wird.
+
+Da Fürst Irenäus sich für eine höchst bedeutende fürstliche Person
+hielt, so konnt' es nicht fehlen, daß er manchmal von allerlei höfischen
+Kabalen und bösen Nachstellungen träumte. Des Jägers letzte Äußerung
+fiel ihm deshalb gar schwer aufs Herz, und er versank einige Augenblicke
+in tiefes Nachsinnen. Jäger! Er hat recht, sprach er dann mit weit
+aufgerissenen Augen. Die Sache mit dem fremden Menschen, der hier
+herumschleicht, mit dem Licht, das sich zur Nachtzeit im Pavillon sehen
+läßt, ist bedenklicher, als sie im ersten Augenblick erscheint. -- Mein
+Leben steht in Gottes Hand! aber mich umgeben treue Diener, und sollte
+einer sich für mich aufopfern, so würde ich ganz gewiß die Familie
+reichlich bedenken! -- Verbreit' Er das unter meinen Leuten, guter
+Lebrecht! -- Er weiß, ein fürstliches Herz ist frei von jeder
+Bangigkeit, von jeder menschlichen Todesfurcht, aber man hat auch
+Pflichten gegen sein Volk, ihm muß man sich konservieren, zumal wenn der
+Thronerbe noch unmündig. Darum will ich das Schloß nicht eher verlassen,
+bis die Kabale im Pavillon zerstört ist. -- Der Förster soll mit den
+Revierjägern und allen übrigen Forstbedienten herankommen, alle meine
+Leute sollen sich bewaffnen. Der Pavillon soll sogleich umstellt, das
+Schloß fest verschlossen werden. Besorg' Er das guter Lebrecht! Ich
+selbst schnalle meinen Hirschfänger um, lade Er meine Doppelpistolen,
+aber vergesse Er nicht den Schieber vorzulassen, damit kein Unglück
+geschieht. -- Und daß man mir Nachricht gibt, wenn etwa die Zimmer des
+Pavillons erstürmt und so die Verschwornen gezwungen werden sollen, sich
+zu ergeben, damit ich mich zurückziehen kann in die innern Gemächer. Und
+daß man die Gefangenen auf das sorglichste durchsucht, ehe sie vor den
+Thron gebracht werden, damit keiner etwa in der Verzweiflung -- doch was
+steht Er, was sieht Er mich an, was lächelt Er, was soll das heißen
+Lebrecht?
+
+Ei, durchlauchtigster Herr, erwiderte der Leibjäger mit pfiffiger Miene,
+ich meine nur, daß es gar nicht von nöten, den Förster mit seinen Leuten
+herzubeordern.
+
+Warum nicht? fragte der Fürst erzürnt. Ich glaube gar, Er untersteht
+sich mir zu widersprechen? -- Und in jeder Sekunde steigt die Gefahr!
+Tausend Sapp -- Lebrecht, werf' Er sich auf Pferd -- der Förster -- seine
+Leute -- geladene Büchsen -- den Augenblick sollen sie einrücken. --
+
+Sie sind aber schon da, durchlauchtigster Herr! sprach der Leibjäger.
+
+Wie -- was! -- rief der Fürst, indem er den Mund offen behielt um dem
+Erstaunen Luft zu gönnen.
+
+Schon als der Morgen graute, fuhr der Jäger fort, war ich draußen beim
+Förster. Schon ist der Pavillon so sorglich umstellt, daß keine Katze
+heraus kann, viel weniger ein Mensch.
+
+Er ist ein vortrefflicher Jäger, Lebrecht, und ein treuer Diener des
+fürstlichen Hauses, sprach der Fürst gerührt. Rettet Er mich aus dieser
+Gefahr, so kann Er sicher auf eine Verdienstmedaille rechnen, die ich
+selber erfinden und ausprägen lassen werde, von Silber oder von Gold, je
+nachdem bei der Erstürmung des Pavillons weniger oder mehr Menschen
+geblieben sind.
+
+Erlauben Sie es, durchlauchtigster Herr, sprach der Jäger, so gehen wir
+nun gleich ans Werk. Das heißt, wir schlagen die Türe des Pavillons ein,
+nehmen das Gesindel, das darin hauset, gefangen und alles ist vorüber.
+Ja, ja, den Kerl, der mir so oft entschlüpft, der solch ein verfluchter
+Springer ist, den verdammten Kerl, der sich dort im Pavillon als ein
+ungebetener Gast selbst einquartiert hat, den will ich schon fassen, den
+Spitzbuben den, der Fräulein Julien turbiert hat! --
+
+Welcher Spitzbube hat Julien turbiert? fragte die Rätin Benzon in das
+Zimmer tretend. Wovon sprecht Ihr, guter Lebrecht? -- Der Fürst schritt
+feierlich, bedeutsam, wie jemand, dem Großes, Ungeheures begegnet, das
+er mit aller Stärke des Geistes bemüht ist zu tragen, der Benzon
+entgegen. Er faßte ihre Hand, drückte sie zärtlich und sprach dann mit
+sehr weicher Stimme: Benzon! selbst in der einsamsten, tiefsten
+Zurückgezogenheit folgt die Gefahr dem fürstlichen Haupt. -- Es ist das
+Los der Fürsten, daß alle Milde, alle Güte des Herzens sie nicht schützt
+vor dem feindlichen Dämon, der den Neid, die Herrschsucht entflammt in
+der Brust verräterischer Vasallen! -- Benzon, die schwärzeste Verräterei
+hat ihr schlangenhaariges Medusenhaupt erhoben gegen mich, Sie finden
+mich in der dringendsten Gefahr! -- Aber bald ist der Augenblick der
+Katastrophe da, diesem Getreuen verdanke ich vielleicht bald mein Leben,
+meinen Thron! -- Und ist es anders beschlossen -- nun so ergebe ich mich
+in mein Schicksal. -- Ich weiß, Benzon, Sie konservieren Ihre
+Gesinnungen gegen mich, und so kann ich, wie jener König in dem
+Trauerspiel eines deutschen Dichters, mit dem Prinzessin Hedwiga mir
+neulich den Tee verdarb, hochsinnig rufen: Nichts ist verloren, denn Sie
+blieben mein! -- Küssen Sie mich gute Benzon! -- Teures Malchen, wir
+sind und bleiben die Alten! -- Guter Gott, ich radottiere wohl in der
+Seelenangst! -- Lassen Sie uns gefaßt sein, meine Liebe, wenn die
+Verräter gefangen sind, werd' ich sie mit einem Blick vernichten.
+-- Leibjäger, es beginne der Angriff auf den Pavillon. -- Der Leibjäger
+wollte schnell fort. -- Halt, rief die Benzon, was für ein Angriff? Auf
+welchen Pavillon?
+
+Der Leibjäger mußte auf den Befehl des Fürsten nochmals über den ganzen
+Vorfall genauen Rapport abstatten.
+
+Immer mehr und mehr schien die Benzon durch des Leibjägers Erzählung
+gespannt zu werden. Als er geendet, rief die Benzon lachend: Nun das ist
+das drolligste Mißverständnis, das es wohl geben mag. Ich bitte,
+gnädigster Herr, daß der Förster mit seinen Leuten sogleich nach Hause
+geschickt werde. -- Es ist von gar keiner Verschwörung die Rede; Sie
+befinden sich nicht in der mindesten Gefahr, gnädigster Herr! -- Der
+unbekannte Bewohner des Pavillons ist schon Ihr Gefangener.
+
+Wer, fragte der Fürst voll Erstaunen, wer, welcher Unglückselige bewohnt
+den Pavillon ohne meine Erlaubnis?
+
+Es ist Prinz Hektor, der sich im Pavillon verbirgt! raunte die Benzon
+dem Fürsten ins Ohr.
+
+Der Fürst prallte einige Schritte zurück, als träfe ihn plötzlich ein
+Schlag von unsichtbarer Hand, dann rief er: Wer? -- wie? _est il
+possible_! -- Benzon! träume ich? -- Prinz Hektor? des Fürsten Blicke
+fielen auf den Leibjäger, der ganz verblüfft den Hut in der Hand
+zusammenknillte. Jäger, schrie der Fürst ihn an, scher' Er sich hinab,
+der Förster, die Leute sie sollen fort -- fort nach Hause! kein Mensch
+soll sich blicken lassen! -- Benzon, wandte er sich dann zur Rätin, gute
+Benzon, können Sie es sich vorstellen, einen Kerl, einen Spitzbuben hat
+Lebrecht den Prinzen Hektor genannt! -- Der Unglückliche! -- Doch es
+bleibt unter uns, Benzon, es ist ein Staatsgeheimnis. -- Sagen Sie,
+erklären Sie mir nur, wie es geschehen konnte, daß der Prinz vorgibt
+abzureisen, und sich hier versteckt, als wolle er auf Abenteuer
+ausgehen?
+
+Die Benzon sah sich durch die Beobachtungen des Leibjägers aus großer
+Verlegenheit gerettet. Hatte sie sich vollkommen überzeugt, daß es
+ihrerseits nicht ratsam, dem Fürsten die Gegenwart des Prinzen in
+Sieghartshof, am wenigsten aber seinen Anschlag auf Julien zu entdecken,
+so konnte doch auch die Sache nicht in der Lage bleiben, die mit jeder
+Minute sich für Julien, für das ganze Verhältnis das sie, die Benzon
+selbst, mit aller Mühe aufrecht erhielt, bedrohlicher gestalten mußte.
+Jetzt, da der Leibjäger den Schlupfwinkel des Prinzen erlauscht, und
+dieser Gefahr lief, auf nicht sehr ehrenvolle Weise hervorgezogen zu
+werden, konnte, durfte sie ihn verraten, ohne Julia preiszugeben. Sie
+erklärte also dem Fürsten, daß wahrscheinlich ein Liebeszwist mit der
+Prinzessin Hedwiga den Prinzen vermocht, eine schnelle Abreise
+vorzugeben und sich mit seinem treusten Kammerdiener ganz in der Nähe
+der Geliebten zu verstecken. Daß dies Beginnen etwas Romanhaftes,
+Abenteuerliches in sich trage, sei nicht zu leugnen, doch welcher
+Liebende habe nicht Hang zu dergleichen. Übrigens sei des Prinzen
+Kammerdiener ein sehr eifriger Liebhaber ihrer Nanni, und durch diese
+ihr das Geheimnis verraten worden.
+
+Ha! rief der Fürst, dem Himmel sei es gedankt, so war es der
+Kammerdiener und nicht der Prinz selbst, der sich zu Ihnen ins Haus
+stahl und dann durchs Fenster sprang in die Blumentöpfe, wie der Page
+Cherubim. -- Mir stiegen schon allerlei unangenehme Gedanken auf. Ein
+Prinz und durchs Fenster springen, wie könnte sich das wohl in aller
+Welt reimen.
+
+Ei, erwiderte die Benzon schalkisch lachend, ich kenne doch eine
+fürstliche Person, die den Weg zum Fenster hinaus nicht verschmähte,
+als --
+
+Sie alterieren mich, Benzon, unterbrach der Fürst die Rätin, Sie
+alterieren mich ganz ungemein! Schweigen wir von vergangenen Dingen,
+überlegen wir lieber, was jetzt mit dem Prinzen anzufangen! Alle
+Diplomatie, alles Staatsrecht, alles Hofgesetz holt der Teufel in dieser
+verdammten Lage! -- Soll ich ihn ignorieren? -- soll ich ihn zufällig
+finden? -- soll ich ... soll ich? Alles dreht sich in meinem Kopfe wie
+ein Wirbel. Das kommt davon, wenn fürstliche Häupter sich zu
+wunderlichen Romanstreichen herabwürdigen!
+
+Die Benzon wußte in der Tat nicht, wie das weitere Verhältnis mit dem
+Prinzen zu formen. Doch auch dieser Verlegenheit wurde abgeholfen. Noch
+ehe die Rätin nämlich dem Fürsten antworten konnte, trat der alte
+Kastellan Rupert hinein und überreichte ein klein zusammengefaltetes
+Billett, indem er schelmisch lächelnd versicherte, es käme von einer
+hohen Person, die er gar nicht weit von hier die Ehre hätte unter Schloß
+und Riegel zu bewahren. Er wußte also, Rupert, sprach der Fürst sehr
+gnädig zu dem Alten, daß? Nun ich habe Ihn immer für einen ehrlichen
+treuen Diener meines Hauses gehalten, und Er hat sich auch jetzt als
+einen solchen bewährt, da Er, wie es seine Pflicht war, dem Befehl
+meines erhabenen Eidams gehorchet. -- Ich werde an Seine Belohnung
+denken. Rupert dankte in den demütigsten Ausdrücken und entfernte sich
+aus dem Zimmer.
+
+Es begibt sich gar oft im Leben, daß einer für besonders ehrlich und
+tugendhaft gehalten wird, gerade in dem Augenblick, wenn er einen
+Spitzbubenstreich begangen. Daran dachte die Benzon, die von des Prinzen
+bösem Anschlage besser unterrichtet und überzeugt war, daß der alte
+heuchlerische Rupert in das böse Geheimnis eingeweiht.
+
+Der Fürst erbrach das Billett und las:
+
+ _Che dolce più, che più giocondo stato
+ Saria, di quel d'un amoroso core?
+ Che viver più felice, e più beato,
+ Che ritrovarsi in servitù d'Amore?
+ Se non fosse l'huom sempre stimulato
+ Da quel sospetto rio, da quel timore,
+ Da quel martir, da quella frenesia,
+ Da quella rabbia, detta gelosia._
+
+In diesen Versen eines großen Dichters finden Sie, mein Fürst, die
+Ursache meines geheimnisvollen Beginnens. Ich glaubte mich nicht geliebt
+von der, die ich anbete, die mein Leben ist, all mein Sehnen und Hoffen,
+für die alle brünstige Glut lodert in der entflammten Brust. Wohl mir!
+-- ich habe mich eines Bessern überzeugt, ich weiß seit wenigen Stunden,
+daß ich geliebt bin, und trete aus meinem Schlupfwinkel hervor. -- Liebe
+und Glück, das sei das Losungswort, das mich ankündigt. -- Bald begrüße
+ich Sie, mein Fürst! mit der Ehrfurcht des Sohnes.
+
+ =Hektor.=
+
+Vielleicht ist es dem geneigten Leser nicht ganz unlieb, wenn der
+Biograph hier auf zwei Sekunden die Geschichte ruhen läßt und den
+Versuch einer Übersetzung jener italienischen Verse einschiebt. -- Sie
+könnten ungefähr also lauten:
+
+ »Gäb's süßres noch, gäb's höheres Entzücken,
+ Als wenn das Herz entbrannt in brünst'ger Liebe?
+ Könnt' den ein sel'gres Himmelslos beglücken,
+ Der in des mächt'gen Gottes Fesseln bliebe?
+ Vermöchte nicht den Menschen zu berücken
+ Der finstre Geist, Verdacht! der Furcht Getriebe,
+ Trostlose Qual, Wahnsinns wuchernder Samen,
+ Der Hölle Furie, Eifersucht ihr Namen!
+
+Der Fürst las das Billett zwei-, dreimal sehr aufmerksam durch und je
+öfter er es las, desto finstrer zogen sich die Falten auf seiner Stirne
+zusammen. Benzon! was ist das mit dem Prinzen? sprach er endlich. Verse,
+italienische Verse an ein fürstliches Haupt, an einen gekrönten
+Schwiegervater, statt deutlicher vernünftiger Erklärung? -- Was soll
+das! -- Es ist kein Verstand darin. -- Der Prinz scheint überspannt zu
+sein auf ganz ungebührliche Weise. Die Verse sprechen, soviel ich davon
+verstehe, von dem Glück der Liebe und von den Qualen der Eifersucht. Was
+will der Prinz mit der Eifersucht, auf wen, um tausend Himmels willen
+kann er hier eifersüchtig sein? -- Sagen Sie mir gute Benzon, finden Sie
+in diesem Billett des Prinzen auch nur ein Fünkchen gesunden
+Menschenverstand? --
+
+Die Benzon entsetzte sich über den tiefern Sinn, der in den Worten des
+Prinzen lag, und den sie nach dem, was sich gestern in ihrem Hause
+begeben, leicht erraten konnte. Zugleich mußte sie aber die feine
+Wendung bewundern, die der Prinz ersonnen, um ohne weitern Anstoß aus
+seinem Versteck hervortreten zu dürfen. Weit entfernt, sich auch nur
+leise darüber gegen den Fürsten zu äußern, mühte sie sich aber aus der
+Lage der Dinge so viel Vorteil zu ziehen als nur möglich. Kreisler und
+Meister Abraham, das waren die Personen, von denen sie Verwirrungen
+ihrer geheimen Pläne befürchtete, und gegen diese glaubte sie jede Waffe
+brauchen zu müssen, die ihr der Zufall in die Hand spielte. Sie
+erinnerte den Fürsten daran, was sie ihm über die Leidenschaft gesagt
+hatte, die in der Prinzessin Brust empor gelodert. Dem Scharfblick des
+Prinzen, führte sie ferner an, könne die Stimmung der Prinzessin
+ebensowenig entgangen sein, als Kreislers seltsames überspanntes
+Betragen ihm Anlaß genug gegeben haben müsse, irgendein wahnsinniges
+Verhältnis zwischen beiden zu vermuten. So sei hinlänglich erklärt,
+warum der Prinz den Kreisler auf den Tod verfolgt, warum er, da er den
+Kreisler getötet zu haben geglaubt, dem Schmerz, der Verzweiflung der
+Prinzessin aus dem Wege gegangen, dann aber, als er von Kreislers Leben
+unterrichtet, von Liebe und Sehnsucht getrieben zurückgekehrt sei und
+die Prinzessin heimlich beobachtet habe. Niemanden anders als Kreislern
+habe daher die Eifersucht gegolten, von der die Verse des Prinzen
+sprächen, und es sei um so nötiger und ratsamer, dem Kreisler forthin
+keinen Aufenthalt in Sieghartshof zu gestatten, als er mit dem Meister
+Abraham ein gegen alle Verhältnisse des Hofes gerichtetes Komplott
+geschmiedet zu haben scheine.
+
+Benzon, sprach der Fürst sehr ernsthaft, ich habe darüber nachgedacht,
+was Sie mir über die unwürdige Neigung der Prinzessin gesagt haben, und
+glaube jetzt von allem auch nicht ein Wort. Fürstliches Blut wallt in
+den Adern der Prinzessin. --
+
+Glauben Sie, gnädigster Herr, fuhr die Benzon heftig auf, indem sie bis
+unter die Augen errötete, daß das fürstliche Weib über den Pulsschlag,
+über die innere Ader des Lebens gebieten könne wie kein anderes?
+
+Sie sind heute in sehr seltsamer Stimmung, Rätin! sprach der Fürst
+verdrießlich. -- Ich wiederhole es, entstand in dem Herzen der
+Prinzessin irgendeine abgeschmackte Leidenschaft, so war das nur ein
+krankhafter Zufall -- ein Krampf sozusagen -- sie leidet ja an Spasmen
+-- von dem sie sich sehr bald ganz erholt haben würde. Was aber den
+Kreisler betrifft, so ist das ein ganz amüsanter Mensch, dem nur
+gehörige Kultur fehlt. Ich kann ihm gar nicht solche übermütige Keckheit
+zutrauen, sich der Prinzessin annähern zu wollen. Keck ist er, aber auf
+ganz andere Weise. Glauben Sie wohl, Benzon, daß nach seiner
+wunderlichen Art gerade eine Prinzessin bei ihm gar kein Glück machen
+würde, sollt' es denkbar sein, daß eine dergleichen hohe Person sich
+herablassen könnte, in ihn verliebt zu werden. Denn -- Benzon, _entre
+nous soit dit_ -- er macht sich gar nicht sonderlich viel aus uns hohen
+Häuptern, und das ist eben die lächerliche abgeschmackte Torheit, die
+ihn unfähig macht am Hofe zu verweilen. Mag er daher entfernt bleiben:
+kehrt er aber zurück, so sei er mir herzlich willkommen. Denn nicht
+genug, daß er denn doch, wie ich vom Meister Abraham -- ja den Meister
+Abraham, den lassen Sie mir aus dem Spiele, Benzon, die Komplotte, die
+er geschmiedet, haben immer zum Wohl des fürstlichen Hauses gereicht.
+-- Wie ich doch sagen wollte! Ja! -- -- Nicht genug, daß der
+Kapellmeister, wie mir Meister Abraham gesagt, fliehen müssen auf
+ungebührliche Weise, unerachtet er von mir freundlich aufgenommen, so
+ist und bleibt er ein ganz gescheiter Mensch, der mich amüsiert trotz
+seines närrischen Wesens, _et cela suffit!_
+
+Die Rätin erstarrte vor innerer Wut, sich so kalt abgefertigt zu sehen.
+Ohne es zu ahnen war sie, als sie fröhlich den Strom hinabschwimmen
+wollte, auf eine verborgene Klippe gestoßen. --
+
+Es entstand auf dem Schloßhofe ein großes Geräusch. Eine lange Reihe
+Wagen rasselte heran, begleitet von einem starken Kommando
+großherzoglicher Husaren. Der Oberhofmarschall, der Präsident, die Räte
+des Fürsten, mehrere von der vornehmen Welt aus Sieghartsweiler stiegen
+aus. Dorthin war die Nachricht gekommen, daß in Sieghartshof eine wider
+das Leben des Fürsten gerichtete Revolution ausgebrochen, und nun kamen
+die Getreuen nebst andern Verehrern des Hofes, sich um die Person des
+Fürsten zu stellen, und brachten die Verteidiger des Vaterlandes mit,
+die sie sich vom Gouverneur mit vieler Mühe erbeten.
+
+Vor lauter Beteurungen der Versammelten, daß sie Leib und Leben für den
+gnädigsten Herrn zu opfern bereit seien, kam der Fürst gar nicht zu
+Worte. Eben wollt' er endlich beginnen, als der Offizier, der das
+Kommando führte, hineintrat und den Fürsten nach dem Operationsplan
+fragte.
+
+Es liegt in der menschlichen Natur, daß, wenn die Gefahr, die uns Furcht
+einjagte, sich vor unsern Augen auflöst in einen eitlen nichtigen
+Popanz, uns dies immer mit großem Unmut erfüllt. Der Gedanke der
+wirklichen Gefahr glücklich entgangen zu sein, nicht, daß gar keine
+vorhanden, erregt uns Freude.
+
+So geschah es denn auch, daß der Fürst seinen Unmut, seinen Verdruß über
+den unnötigen Tumult kaum unterdrücken konnte.
+
+Daß der ganze Lärm über ein Stelldichein eines Kammerdieners mit einer
+Zofe, über die romanhafte Eifersüchtelei eines verliebten Prinzen
+entstanden, sollte, konnte er das sagen? Er sann hin und her, die
+ahnungsvolle Stille im Saal, nur unterbrochen von dem mutigen Sieg
+versprechenden Wiehern der Husarenpferde, die draußen hielten, drückte
+ihn bleiern nieder.
+
+Endlich räusperte er sich und begann sehr pathetisch: Meine Herren! Die
+wunderbare Fügung des Himmels ... -- Was wollen Sie _mon ami?_
+
+Mit dieser an den Hofmarschall gerichteten Frage unterbrach der Fürst
+sich selbst. Wirklich hatte der Hofmarschall sich mehrmals gebückt und
+durch Blicke zu verstehen gegeben, daß er was Wichtiges zu
+hinterbringen. Es kam heraus, daß soeben sich Prinz Hektor melden
+lassen.
+
+Des Fürsten Gesicht heiterte sich auf, er sah, daß er über die
+vermeintliche Gefahr, in der sein Thron geschwebt, sehr kurz sein und
+die ehrwürdige Versammlung wie mit einem Zauberschlage in eine
+Bewillkommnungs-Cour umsetzen könne. Er tat dies! --
+
+Nicht lange dauerte es so trat Prinz Hektor herein, in Gala-Uniform
+glänzend gekleidet, schön, kräftig, stolz wie der fernhintreffende
+Götter-Jüngling. Der Fürst machte ein paar Schritte vorwärts ihm
+entgegen, fuhr aber auch gleich zurück, als träfe ihn der Blitz. Dicht
+hinter dem Prinzen Hektor her sprang Prinz Ignatius in den Saal. Der
+fürstliche Herr wurde leider mit jedem Tage dämischer und
+abgeschmackter. Die Husaren auf dem Schloßhofe mußten ihm ganz
+ausnehmend gefallen haben, denn er hatte einen Husaren vermocht ihm
+Säbel, Tasche und Tschako zu geben, und sich in diese Herrlichkeiten
+geputzt. -- So kurbettierte er, als säße er zu Pferde, in kurzen
+Sprüngen, mit dem blanken Säbel in der Faust im Saal umher, indem er die
+eiserne Scheide tüchtig auf dem Boden nachklirren ließ, und lachte und
+kicherte dabei ganz ungemein anmutig. _Partez -- décampez! Allez vous en
+-- tout de suite._ So rief der Fürst mit glühenden Augen und donnernder
+Stimme dem erschrockenen Ignaz entgegen, der sich ganz geschwind davon
+machte.
+
+Keiner von den Anwesenden hatte so wenig Takt, den Prinzen Ignaz, die
+ganze Szene zu bemerken. --
+
+Der Fürst, im vollsten Sonnenglanz der vorigen Milde und Freundlichkeit,
+sprach nun mit dem Prinzen einige Worte und dann gingen beide, der Fürst
+und der Prinz, im Kreise der Versammelten umher und redeten mit diesem,
+jenem ein paar Worte. Die Cour war beendigt, d. h. die geistreichen,
+tiefsinnigen Redensarten, deren man sich bei solcher Gelegenheit zu
+bedienen pflegt, waren gehörig verspendet, und der Fürst begab sich mit
+dem Prinzen in die Gemächer der Fürstin, dann aber, da der Prinz darauf
+bestand die geliebte Braut zu überraschen, in das Gemach der Prinzessin.
+Sie fanden Julia bei ihr.
+
+Mit der Hast des feurigsten Liebhabers flog der Prinz hin zur
+Prinzessin, drückte ihre Hand hundertmal zärtlich an die Lippen, schwur,
+daß er nur in dem Gedanken an sie gelebt, daß ein unglückliches
+Mißverständnis ihm die Qualen der Hölle bereitet, daß er die Trennung
+von der, die er anbete, nicht länger ertrage könne, daß nun ihm alle
+Seligkeit des Himmels aufgegangen. --
+
+Hedwiga empfing den Prinzen mit unbefangener Heiterkeit, die ihr sonst
+eben nicht eigen. Sie begegnete den zärtlichen Liebkosungen des Prinzen
+geradeso, wie es eine Braut wohl tun mag, ohne sich im voraus zu viel zu
+vergeben; ja sie verschmähte es nicht, den Prinzen mit seinem Versteck
+ein wenig aufzuziehn und zu versichern, daß sie keine Verwandlung
+hübscher und anmutiger sich denken könne, als die eines Haubenstocks in
+einen Prinzenkopf. Denn für einen Haubenstock habe sie den Kopf
+gehalten, der sich in dem Giebelfenster des Pavillons blicken lassen.
+Dies gab Anlaß zu allerlei artigen Neckereien des glücklichen Paars, die
+selbst den Fürsten zu ergötzen schienen. Nun glaubte er den großen
+Irrtum der Benzon rücksichts des Kreisler erst recht einzusehen, da nach
+seiner Meinung Hedwiga's Liebe zu dem schönsten der Männer sich deutlich
+genug aussprach. Geist und Körper der Prinzessin schienen in der
+seltenen hohen Blüte zu stehen, wie sie glücklichen Bräuten ganz
+besonders eigen. -- Gerade entgegengesetzt verhielt es sich mit Julien.
+Sowie sie den Prinzen erblickte, bebte sie zusammen von innerm Schauer
+erfaßt. Blaß wie der Tod stand sie da mit tief zu Boden gesenkten Augen,
+keiner Bewegung mächtig, kaum fähig, sich aufrecht zu erhalten. --
+
+Nach einer guten Weile wandte sich der Prinz zu Julien mit den
+Worten: Fräulein Benzon, wenn ich nicht irre?
+
+Eine Freundin der Prinzessin von der frühsten Kindheit her, gleichsam
+ein Schwesternpaar. Während der Fürst diese Worte sprach, hatte der
+Prinz Julia's Hand gefaßt und ihr leise, leise zugehaucht: Nur du
+bist's, die ich meine! -- Julia schwankte, Tränen der bittersten Angst
+drängten sich unter den Wimpern hervor; sie wäre niedergestürzt, hätte
+die Prinzessin nicht schnell einen Sessel herbeigeschoben.
+
+Julia, sprach die Prinzessin leise, indem sie sich über die Ärmste
+hinüberbeugte, Julia, fasse Dich doch nur! -- Ahnest Du denn nicht den
+harten Kampf, den ich kämpfe. -- Der Fürst öffnete die Türe und rief
+nach Eau de Luce. Solches führe ich nicht bei mir, sprach der ihm
+entgegentretende Meister Abraham, aber guten Äther. Ist jemand
+ohnmächtig geworden? -- Äther hilft auch! --
+
+So kommt schnell herein, Meister Abraham, erwiderte der Fürst, und helft
+Fräulein Julien.
+
+Doch sowie Meister Abraham in den Saal trat, sollte sich das Unerwartete
+begeben.
+
+Geisterbleich starrte Prinz Hektor den Meister an, sein Haar schien
+sich zu sträuben, kalter Angstschweiß ihm auf der Stirne zu stehen.
+Einen Schritt vorwärts, den Leib zurückgebogen, die Arme dem Meister
+entgegengestreckt, war er dem Macbeth zu vergleichen, wenn plötzlich
+Banko's entsetzliches blutiges Gespenst den leeren Platz der Tafel
+füllt. -- Ruhig holte der Meister sein Fläschchen hervor und wollte sich
+Julien nahen.
+
+Da war es, als ermanne sich der Prinz wieder zum Leben. Severino, seid
+Ihr's selbst? So rief der Prinz mit dem dumpfen Ton des tiefsten
+Entsetzens. Allerdings, erwiderte Meister Abraham, ohne im mindesten aus
+seiner Ruhe zu kommen, ohne nur die Miene zu verändern, allerdings. Es
+ist mir sehr lieb, daß Ihr Euch meiner erinnert, gnädigster Herr; ich
+hatte die Ehre Euch vor etlichen Jahren in Neapel einen kleinen Dienst
+zu erzeigen.
+
+Der Meister trat noch einen Schritt vorwärts da faßte ihn der Prinz beim
+Arm, zog ihn mit Gewalt auf die Seite, und nun erfolgte ein kurzes
+Gespräch, von dem niemand der im Saal Befindlichen etwas verstand, da es
+zu schnell und im neapolitanischen Dialekt geführt wurde.
+
+Severino! -- wie kam der Mensch zu dem Bildnis?
+
+Ich gab es ihm zur Schutzwehr gegen Euch.
+
+Weiß er?
+
+Nein!
+
+Werdet Ihr schweigen?
+
+Zur Zeit -- ja!
+
+Severino! -- alle Teufel sind mir auf den Hals gehetzt! Was nennt Ihr
+zur Zeit?
+
+Solange Ihr artig seid und den Kreisler in Ruhe laßt und auch jene da!
+
+-- Nun ließ der Prinz den Meister los und trat an ein Fenster. -- Julia
+hatte sich indessen erholt. Mit dem unbeschreiblichen Ausdruck
+herzzerreißender Wehmut den Meister Abraham anschauend, lispelte sie
+mehr als daß sie sprach: O mein guter, lieber Meister, Ihr könnt mich
+wohl retten! -- Nicht wahr, Ihr gebietet über so manches? -- Eure
+Wissenschaft kann noch alles zum Guten lenken! -- Der Meister gewahrte
+in Julia's Worten den wunderbarsten Zusammenhang mit jenem Gespräch, als
+habe sie in der höhern Erkenntnis des Traums alles verstanden und wisse
+um das ganze Geheimnis!
+
+Du bist ein frommer Engel, sprach der Meister Julien leise ins Ohr, und
+darum hat der finstre Höllengeist der Sünde keine Macht über Dich.
+Vertraue Dich mir ganz; fürchte nichts und fasse Dich mit aller Kraft
+des Geistes. -- Denke auch an unsern Johannes.
+
+Ach, rief Julia schmerzlich, ach Johannes! -- er kehrt zurück, nicht
+wahr, Meister? ich werde ihn wiedersehen!
+
+Gewiß, erwiderte der Meister und legte den Finger auf den Mund; Julia
+verstand ihn. --
+
+Der Prinz mühte sich, unbefangen zu scheinen; er erzählte, daß der Mann,
+den man hier, wie er vernehme, Meister Abraham nenne, vor mehreren
+Jahren in Neapel Zeuge einer sehr tragischen Begebenheit gewesen sei, in
+die er, der Prinz, selbst verflochten, wie er gestehen müsse. -- Diese
+Begebenheit zu erzählen sei jetzt nicht an der Zeit, doch wolle er
+künftig nicht damit zurückhalten. --
+
+Der Sturm im Innern war zu heftig, als daß sein Tosen nicht auf der
+Oberfläche hätte sichtbar sein sollen, und so stimmte des Prinzen
+verstörtes Antlitz, dem jeder Blutstropfen entschwunden schien, sehr
+schlecht überein mit dem gleichgültigen Gespräch, zu dem er sich nun
+zwang, um nur über den kritischen Moment hinwegzukommen. Besser als dem
+Prinzen gelang es der Prinzessin, die Spannung des Augenblicks zu
+besiegen. Mit der Ironie, die selbst den Argwohn, die Verbittrung
+verflüchtigt zum feinsten Hohn, neckte Hedwiga den Prinzen umher in dem
+Labyrinth seiner eignen Gedanken. Er, der gewandteste Weltmann, noch
+mehr, ausgerüstet mit allen Waffen einer Ruchlosigkeit, die alles
+Wahrhafte, jede Gestaltung des Lebens vernichtet, vermochte nicht diesem
+seltsamen Wesen zu widerstehen. Je lebhafter Hedwiga sprach, je feuriger
+und zündender die Blitze des geistreichen Spottes einschlugen, desto
+verwirrter, beängstigter schien sich der Prinz zu fühlen, bis dies
+Gefühl zum Unerträglichen stieg und er sich schnell entfernte.
+
+Dem Fürsten geschah das, was ihm bei solchen Anstößen jedesmal zu
+geschehen pflegte; er wußte gar nicht, was er von dem allen denken
+sollte. Er begnügte sich mit einigen französischen Brocken ohne
+sonderliche Bedeutung, die er dem Prinzen zuwarf und die dieser mit
+ebensolchen erwiderte.
+
+Der Prinz war schon zur Türe heraus, als Hedwiga plötzlich, im ganzen
+Wesen verändert zum Fußboden niederstarrte und mit einem seltsamen das
+Herz durchschneidenden Ton laut rief: Ich sehe die blutige Spur des
+Mörders! -- Dann schien sie aus dem Traum zu erwachen, drückte Julien
+stürmisch an ihre Brust und lispelte ihr zu: Kind, mein armes Kind, laß
+Dich nicht betören!
+
+Geheimnisse, Einbildungen, Albernheiten, Romanenstreiche, sprach der
+Fürst verdrießlich. _Ma foi,_ ich kenne meinen Hof nicht mehr! Meister
+Abraham! Ihr bringt meine Uhren in Ordnung, wenn sie nicht richtig
+gehen; ich wollt', Ihr könntet hier nachsehen, was für Schaden das
+Räderwerk genommen, das sonst niemals stockte. -- Doch was ist das mit
+dem Severino?
+
+Unter diesem Namen, erwiderte der Meister, ließ ich in Neapel meine
+optische und mechanische Kunststücke sehen.
+
+So -- so, sprach der Fürst, sah den Meister starr an, als schwebe ihm
+eine Frage auf den Lippen, drehte sich aber dann schnell um und verließ
+schweigend das Zimmer. --
+
+Man hatte geglaubt, die Benzon befinde sich bei der Fürstin, dem war
+aber nicht so; sie hatte sich in ihre Wohnung begeben.
+
+Julia sehnte sich nach der freien Luft; der Meister führte sie in den
+Park und lustwandelnd durch die halbentlaubten Gänge sprachen sie von
+Kreisler und seinem Aufenthalt in der Abtei. Sie waren an das
+Fischerhäuschen gekommen. Julia trat hinein, um sich zu erholen;
+Kreislers Brief lag auf dem Tisch; der Meister meinte, es sei gar nichts
+darin, das Julia Scheu tragen dürfe zu erfahren.
+
+Während Julia den Brief gelesen, hatten sich ihre Wangen höher gefärbt,
+und sanftes Feuer, Abglanz des erheiterten Gemüts, strahlte aus ihren
+Augen.
+
+Siehst du wohl, mein liebes Kind, sprach der Meister freundlich, wie der
+gute Geist meines Johannes auch aus der Ferne tröstend zu Dir spricht?
+Was hast Du von bedrohlichen Anschlägen zu fürchten, wenn
+Standhaftigkeit, Liebe und Mut Dich schützen vor den Bösen, die Dir
+nachstellen.
+
+Barmherziger Himmel, rief Julia mit emporgerichtetem Blick, schütze mich
+nur vor mir selber! Sie erbebte wie im jähen Schreck über die Worte, die
+sie willenlos ausgestoßen. Halb ohnmächtig sank sie in den Sessel und
+bedeckte mit beiden Händen ihr glühendes Antlitz.
+
+Ich verstehe dich nicht Mädchen, sprach der Meister, du verstehst Dich
+vielleicht selbst nicht und darum magst Du Dein eignes Inneres recht auf
+den Grund erforschen und Dir nichts etwa verschweigen aus weichlicher
+Schonung. --
+
+Der Meister überließ Julien dem tiefen Nachsinnen, in das sie versunken,
+und schaute mit übereinander geschlagenen Armen zu der geheimnisvollen
+Glaskugel. Da schwoll ihm die Brust vor Sehnsucht und wunderbarer
+Ahnung.
+
+Dich muß ich ja fragen, sprach er, mit dir muß ich mich ja beraten, mit
+dir, du meines Lebens schönes, herrliches Geheimnis! Schweige nicht, laß
+deine Stimme hören! -- Du weißt es ja, niemals war ich ein gemeiner
+Mensch, unerachtet mich manche dafür hielten. Denn in mir glühte alle
+Liebe, die der ewige Weltgeist selbst ist und der Funke glimmte in
+meiner Brust, den der Hauch deines Wesens anfachte zur hellen fröhlichen
+Flamme! -- Glaube nicht, Chiara, daß dies Herz darum, weil es älter
+worden, vereiset ist und nicht mehr so rasch zu schlagen vermag als
+damals, da ich dich dem unmenschlichen Severino entriß; glaube nicht,
+daß ich jetzt weniger deiner wert geworden, als ich es damals war, da du
+selbst mich aufsuchtest! -- Ja! -- laß nur deine Stimme hören, und ich
+will mit der Hast des Jünglings dem Ton so lange nachrennen, bis ich
+dich gefunden, und dann wohnen wir wieder zusammen und treiben in
+zauberischer Gemeinschaft die höhere Magie, welche alle Menschen, selbst
+die allgemeinsten, notgedrungen erkennen ohne daran zu glauben. -- Und
+wandelst du nicht mehr leiblich hier auf Erden, spricht deine Stimme aus
+der Geisterwelt zu mir herab, so bin ich auch damit zufrieden und werde
+auch dann wohl noch ein tüchtigerer Kerl, als ich jemals gewesen. -- Doch
+nein nein! Wie lauteten die tröstenden Worte, die du zu mir sprachst?
+
+ Nicht erfaßt der bleiche Tod,
+ Die im Herzen Liebe tragen;
+ Dem glänzt noch das Abendrot,
+ Der am Morgen wollt' verzagen!
+
+Meister, rief Julia, die sich aus dem Sessel erhoben und dem Alten in
+tiefstem Erstaunen zugehorcht hatte, Meister! mit wem redet Ihr? was
+wollt Ihr beginnen? -- Ihr nanntet den Namen: Severino, güt'ger Himmel!
+redete der Prinz, als er sich von seinem Entsetzen erholt hatte, Euch
+nicht selbst an mit diesem Namen? Welches furchtbare Geheimnis liegt
+hier verborgen?
+
+Der Alte kam bei diesen Worten Julia's augenblicklich aus dem erhöhten
+Zustande zurück, und auf seinem Gesicht verbreitete sich, wie es schon
+lange nicht mehr geschehen, jene seltsame beinahe grinsende
+Freundlichkeit, die mit seinem übrigens treuherzigen Wesen in dem
+wunderlichsten Zwiespalt stand und seiner ganzen Erscheinung den
+Anstrich einer etwas unheimlichen Karikatur gab.
+
+Mein schönes Fräulein, sprach er mit dem grellen Ton, in dem
+aufschneiderische Geheimniskrämer gewöhnlich ihre Wunder anzupreisen
+pflegen, mein schönes Fräulein, nur ein wenig Geduld, ich werde bald die
+Ehre haben Ihnen hier im Fischerhäuschen die allerwunderbarsten Dinge zu
+zeigen. -- Diese tanzenden Männlein, dieser kleine Türke, welcher weiß,
+wie alt jeder in der Gesellschaft ist, diese Automate, diese
+Palingenesien, diese deformierten Bilder, diese optischen Spiegel
+-- alles hübsches magisches Spielzeug, aber das Beste fehlt mir noch.
+Mein unsichtbares Mädchen ist da! -- Bemerken Sie, dort oben sitzt sie
+bereits in der Glaskugel. Sie spricht aber noch nicht, sie ist noch müde
+von der weiten Reise, denn sie kommt gerades Weges aus dem fernen
+Indien. -- In einigen Tagen, mein schönes Fräulein, kommt meine
+Unsichtbare und dann wollen wir sie befragen wegen des Prinzen Hektor,
+wegen Severino und anderer Begebnisse der Vergangenheit und Zukunft!
+-- Für jetzt nur etwas weniges schlichtes Amüsement.
+
+Damit sprang der Meister mit der Schnelle und Lebendigkeit eines
+Jünglings im Zimmer umher, zog die Maschine an, ordnete die magischen
+Spiegel. Und in allen Winkeln wurde es rege und lebendig; die Automaten
+schritten daher und drehten die Köpfe, und ein künstlicher Hahn
+schlug mit den Flügeln und krähte, während Papageien gellend
+dazwischenkreischten, und Julia selbst und der Meister standen draußen
+so gut wie im Zimmer. Julien wollte, unerachtet sie an dergleichen
+Possen genugsam gewöhnt, dennoch bei der seltsamen Stimmung des Meisters
+ein Grauen anwandeln. Meister, sprach sie ganz erschrocken, was ist Euch
+widerfahren?
+
+Kind, erwiderte der Meister in seiner ernsten Manier, Kind etwas Schönes
+und Wunderbares, aber es taugt nicht recht, daß Du es erfährst. Doch!
+-- laß die lebendigtoten Dinger hier ihre Faxen ausspielen, während ich
+Dir von manchem so viel vertraue, als Dir zu wissen nötig und nützlich.
+-- Meine liebe Julia, Deine eigne Mutter hat Dir ihr mütterliches Herz
+verschlossen, ich will es Dir öffnen, daß Du hinein zu blicken, daß Du
+die Gefahr, in der Du schwebst, zu erkennen und Dich ihr zu entziehen
+vermagst. -- Erfahre also fürs erste ohne weitere Umschweife, daß Deine
+Mutter nichts Geringeres fest in ihrem Sinn beschlossen hat, als
+Dich ----
+
+=(M. f. f.)= -- es indessen lieber bleiben lassen. -- Katerjüngling, sei
+bescheiden wie ich, und nicht gleich überall bei der Hand mit deinen
+Versen, wenn die schlichte, ehrliche Prosa hinreicht, deine Gedanken
+auszuspinnen. -- Verse sollen in dem in Prosa geschriebenen Buche das
+leisten was der Speck in der Wurst, nämlich hin und wieder in kleinen
+Stückchen eingestreut, dem ganzen Gemengsel mehr Glanz der Fettigkeit,
+mehr süße Anmut des Geschmacks verleihen. Ich fürchte nicht, daß
+dichterische Kollegen dies Gleichnis zu gemein und unedel finden werden,
+da es von unsrer Lieblingsspeise entnommen und in der Tat manchmal ein
+guter Vers einem mittelmäßigen Roman ebenso dienlich sein kann, als ein
+fetter Speck einer magern Wurst. Ich sage das als ein Kater von
+ästhetischer Bildung und Erfahrung. So sehr es nach meinen bisherigen
+philosophischen und moralischen Grundsätzen Ponto's ganzes Verhältnis,
+seine Lebensweise, seine Art sich in der Gunst des Herrn zu erhalten mir
+unwürdig, ja ein wenig miserabel vorkommen mochte, doch hatte mich sein
+ungezwungener Anstand, seine Eleganz, seine anmutige Leichtigkeit im
+sozialen Umgange gar sehr bestochen. Mit aller Gewalt wollte ich mich
+selbst überreden, daß ich bei meiner wissenschaftlichen Bildung, bei
+meinem Ernst in allem Tun und Treiben auf einer viel höheren Stufe stehe
+als der unwissende Ponto, der nur hier und da etwas von den
+Wissenschaften aufgeschnappt. Ein gewisses gar nicht zu unterdrückendes
+Gefühl sagte mir aber ganz unverhohlen, daß Ponto überall mich in den
+Schatten stellen würde; ich fühlte mich gedrungen, einen vornehmern
+Stand anzuerkennen und den Pudel Ponto zu diesem Stande zu rechnen. --
+
+Ein genialer Kopf wie der meinige hat bei jedem Anlaß, bei jeder
+Lebenserfahrung immer seine besonderen eigentümlichen Gedanken, und so
+geriet ich auch, meine innere Seelenstimmung, mein ganzes Verhältnis mit
+Ponto wohl überlegend, in allerlei sehr artige Betrachtungen, die der
+ferneren Mitteilung wohl wert sind. -- Wie kommt es, sprach ich zu mir
+selbst, indem ich sinnig die Pfote an die Stirn legte, wie kommt es, daß
+große Dichter, große Philosophen, sonst geistreich, sich im sozialen
+Verhältnis mit der sogenannten vornehmeren Welt so unbehilflich zeigen?
+Sie stehen jederzeit da, wo sie eben in dem Augenblick nicht hingehören,
+sie sprechen wenn sie gerade schweigen sollten, und schweigen umgekehrt
+da, wo gerade Worte nötig, sie stoßen in -- der Form der Gesellschaft,
+wie sie sich nun eben gestaltet hat, entgegengesetztem -- Streben
+überall an und verletzen sich selbst und andere; genug sie gleichen dem,
+der, wenn eben eine ganze Reihe muntrer Spaziergänger einträchtig
+hinauswandelt, sich allein zum Tore hineindrängt und nun, mit Ungestüm
+seinen Weg verfolgend, diese ganze Reihe verstört. Man schreibt, ich
+weiß es, dies dem Mangel gesellschaftlicher Kultur zu, die am
+Schreibtische nicht zu erlangen, ich meine indessen, daß diese Kultur
+gar leicht zu erlangen sei, und daß jene unbesiegbare Unbehülflichkeit
+wohl noch einen andern Grund haben müsse. -- Der große Dichter oder
+Philosoph müßte es nicht sein, wenn er seine geistige Überlegenheit
+nicht fühlen sollte; aber ebenso müßte er nicht das jedem geistreichen
+Menschen eigne tiefe Gefühl besitzen, um nicht einzusehen, daß jene
+Überlegenheit deshalb nicht anerkannt werden darf, weil sie das
+Gleichgewicht aufhebt, das stets zu erhalten die Haupttendenz der
+sogenannten vornehmeren Gesellschaft ist. Jede Stimme darf nur
+eingreifen in den vollkommenen Akkord des Ganzen, aber des Dichters Ton
+dissoniert, und ist, kann er unter Umständen auch ein sehr guter sein,
+dennoch in dem Augenblick ein schlechter Ton, weil er nicht zum Ganzen
+paßt. -- Der gute Ton besteht aber so wie der gute Geschmack in der
+Unterlassung alles Ungehörigen. Nun meine ich ferner, daß der Unmut, der
+sich aus dem widersprechenden Gefühl der Überlegenheit und der
+ungehörigen Erscheinung bildet, den in dieser sozialen Welt unerfahrnen
+Dichter oder Philosophen hindert, das Ganze zu erkennen und darüber zu
+schweben. Es ist nötig, daß er in dem Augenblick seine innere geistige
+Überlegenheit nicht zu hoch anschlage und unterläßt er dies, so wird er
+auch die sogenannte höhere gesellschaftliche Kultur, die auf nichts
+anders hinausläuft als auf das Bemühen, alle Ecken, Spitzen wegzuhobeln,
+alle Physiognomien zu einer einzigen zu gestalten, die eben deshalb
+aufhört eine zu sein, nicht zu hoch anschlagen. Dann wird er, verlassen
+von jenem Unmut, unbefangen, das innerste Wesen dieser Kultur und die
+armseligen Prämissen, worauf sie beruhet, leicht erkennen und schon
+durch die Erkenntnis sich einbürgern in die seltsame Welt, welche eben
+diese Kultur als unerläßlich fordert. -- Auf eigne Weise verhält es sich
+mit den Künstlern, die, so wie Dichter, Schriftsteller, der Vornehme hie
+und da in seine Zirkel ladet, um der guten Sitte nach auf eine Art von
+Mäzenat Anspruch machen zu können. Diesen Künstlern klebt leider
+gewöhnlich etwas vom Handwerk an, und deshalb sind sie entweder demütig
+bis zur Kriecherei oder ungezogen bis zur Bengelhaftigkeit.
+
+ (=Anmerk. des Herausgeb.:= -- Murr, es tut mir leid, daß du dich so
+ oft mit fremden Federn schmückst. Du wirst, wie ich mit Recht
+ befürchten muß, dadurch bei den geneigten Lesern merklich
+ verlieren. -- Kommen alle diese Betrachtungen, mit denen du dich so
+ brüstest, nicht geradehin aus dem Munde des Kapellmeisters Johannes
+ Kreisler, und ist es überhaupt möglich, daß du solche
+ Lebensweisheit sammeln konntest, um eines menschlichen
+ Schriftstellers Gemüt, das wunderlichste Ding auf Erden, so tief zu
+ durchschauen!)
+
+Warum, dachte ich ferner, sollt' es aber einem geistreichen Kater, ist
+er auch Dichter, Schriftsteller, Künstler, nicht gelingen können, sich
+zu jener Erkenntnis der höhern Kultur in ihrer ganzen Bedeutsamkeit
+hinaufzuschwingen und sie selbst zu üben mit aller Schönheit und Anmut
+der äußern Erscheinung? -- Hat denn die Natur dem Geschlecht der Hunde
+allein den Vorzug jener Kultur gegönnt? Sind wir Kater, was Tracht,
+Lebensweise, Art und Gewohnheit betrifft, auch etwas von dem stolzen
+Geschlecht verschieden, so haben wir doch ebensogut Fleisch und Blut,
+Körper und Geist, und am Ende können es die Hunde auch gar nicht anders
+anfangen als wir, ihr Leben fortzusetzen. Auch Hunde müssen essen,
+trinken, schlafen u. s. w. und es tut ihnen weh, wenn sie geprügelt
+werden. -- Was weiter! -- ich beschloß mich dem Unterricht meines jungen
+vornehmen Freundes, des Pudels Ponto hinzugeben, und ganz mit mir einig,
+begab ich mich zurück in meines Meisters Zimmer; ein Blick in den
+Spiegel überzeugte mich, daß der bloße ernste Wille nach höherer Kultur
+zu streben schon vorteilhaft auf meine äußere Haltung gewirkt. -- Ich
+betrachtete mich mit dem innigsten Wohlgefallen. -- Gibt es einen
+behaglichern Zustand, als wenn man mit sich selbst ganz zufrieden ist?
+-- Ich spann! --
+
+Andern Tages begnügte ich mich nicht damit, vor der Türe zu sitzen, ich
+lustwandelte die Straße herab, da erblickte ich in der Ferne den Herrn
+Baron Alcibiades von Wipp, und hinter ihm her sprang mein munterer
+Freund Ponto. Gelegeners konnte mir nichts kommen; ich nahm mich soviel
+wie möglich in Anstand und Würde zusammen und näherte mich dem Freunde
+mit jener unnachahmlichen Grazie, die, unschätzbares Geschenk der
+gütigen Natur, keine Kunst zu lehren vermag. -- Doch! -- entsetzlich!
+Was mußte geschehen! -- Sowie mich der Baron gewahrte, blieb er stehen
+und betrachtete mich sehr aufmerksam durch die Lorgnette, dann rief er
+aber: Allons -- Ponto! Huß -- Huß! -- Katz! Katz! -- Und Ponto, der
+falsche Freund sprang in voller Furie auf mich los! -- Entsetzt, aus
+aller Fassung gebracht durch den schändlichen Verrat, war ich keines
+Widerstandes fähig, sondern duckte mich so tief nieder als ich konnte,
+um Pontos scharfen Zähnen zu entgehen, die er mir knurrend zeigte. Ponto
+sprang aber mehrmals über mich hinweg ohne mich zu fassen, und flüsterte
+mir in die Ohren: Murr! Sei doch kein Tor und fürchte dich etwa! -- du
+siehst ja, daß es kein Ernst ist, ich tue das nur meinem Herrn zu
+Gefallen! Nun wiederholte Ponto seine Sprünge und tat sogar, als packe
+er mich bei den Ohren, ohne mir indessen im mindesten wehe zu tun.
+Jetzt, raunte mir Ponto endlich zu, jetzt trolle dich ab, Freund Murr!
+dort hinein ins Kellerloch! -- Ich ließ mir das nicht zweimal sagen
+sondern fuhr schnell davon, wie der Blitz. -- Unerachtet der
+Versicherung Ponto's, mir keinen Schaden zuzufügen, war mir doch nicht
+wenig bange, denn wissen kann man in solchen kritischen Fällen immer
+nicht recht, ob die Freundschaft stark genug sein wird, das angeborne
+Naturell zu besiegen. --
+
+Als ich hinein gehuscht war in den Keller, spielte Ponto die Komödie,
+die er seinem Herrn zu Ehren begonnen, weiter fort. Er knurrte und
+bellte nämlich vor dem Kellerfenster, steckte die Schnauze durch das
+Gitter, tat, als sei er ganz außer sich darüber, daß ich ihm entwischt
+sei und er mich nun nicht verfolgen könne. Siehst du, sprach aber Ponto
+zu mir in den Keller hinein, siehst du, erkennst du nun aufs neue die
+ersprießlichen Folgen der höhern Kultur? -- In dem Augenblick habe ich
+mich gegen meinen Herrn artig, folgsam bewiesen, ohne mir deine
+Feindschaft zuzuziehen, guter Murr. So macht es der wahre Weltmann, den
+das Schicksal bestimmt hat, Werkzeug in der Hand eines Mächtigeren zu
+sein. Angehetzt muß er losfahren aber dabei so viel Geschick beweisen,
+daß er nur dann wirklich beißt, wenn es gerade auch in seinen eignen
+Kram taugt. -- In aller Schnelle eröffnete ich meinem jungen Freunde
+Ponto, wie ich gesonnen sei etwas von seiner höhern Kultur zu
+profitieren und fragte, ob und auf welche Weise er mich vielleicht in
+die Lehre nehmen könne. -- Ponto sann einige Minuten nach und meinte
+dann, am besten sei es, wenn mir gleich anfangs ein lebendiges
+deutliches Bild der höheren Welt aufgehe, in der er jetzt zu leben das
+Vergnügen habe, und dies könne nicht besser geschehen, als wenn ich ihn
+heute abend zur niedlichen Badine begleite, die gerade während der
+Theaterzeit Gesellschaft bei sich sähe. -- Badine war aber Windspiel in
+Diensten der fürstlichen Oberhofmeisterin. --
+
+Ich putzte mich heraus so gut ich es vermochte, las noch etwas im
+Knigge und durchlief auch ein paar ganz neue Lustspiele von Picard, um
+nötigenfalls mich auch im Französischen geübt zu zeigen, und ging dann
+hinab vor die Türe. Ponto ließ nicht lange auf sich warten. Wir
+wandelten einträchtig die Straße hinab und gelangten bald in Badinens
+hell erleuchtetes Zimmer, wo ich eine bunte Versammlung von Pudeln,
+Spitzen, Möpsen, Bolognesern, Windspielen vorfand, teils im Kreise
+sitzend, teils gruppenweise in die Winkel verteilt. --
+
+Das Herz klopfte mir nicht wenig in dieser fremdartigen Gesellschaft mir
+feindlicher Naturen. Mancher Pudel blickte mich an mit einer gewissen
+verächtlichen Verwunderung, als wolle er sagen: Was will ein gemeiner
+Kater unter uns sublimen Leuten. Hin und wieder fletschte auch wohl ein
+eleganter Spitz die Zähne, so daß ich merken konnte, wie gern er mir in
+die Haare gefahren wäre, hätte der Anstand, die Würde, die sittige
+Bildung der Gäste nicht jede Prügelei als unschicklich verboten. -- Ponto
+riß mich aus der Verlegenheit, indem er mich der schönen Wirtin
+vorstellte, die mit anmutiger Herablassung versicherte, wie sehr sie
+sich freue einen Kater von meinem Ruf bei sich zu sehen. -- Nun erst,
+als Badine einige Worte mit mir gesprochen, schenkte mir dieser, jener
+mit wahrhaft hündischer Bonhommie mehr Aufmerksamkeit, redete mich auch
+wohl an und gedachte meiner Schriftstellerei, meiner Werke, die ihm
+zuweilen ordentlichen Spaß gemacht. Das schmeichelte meiner Eitelkeit
+und ich gewahrte kaum, daß man mich fragte ohne meine Antworten zu
+beachten, daß man mein Talent lobte, ohne es zu kennen, daß man meine
+Werke pries, ohne sie zu verstehen. -- Ein natürlicher Instinkt lehrte
+mich antworten, wie ich gefragt wurde, nämlich ohne Rücksicht auf diese
+Fragen überall kurz absprechen in solch' allgemeinem Ausdrücken, daß sie
+auf alles nur mögliche bezogen werden konnten, durchaus keiner Meinung
+sein und nie das Gespräch von der glatten Oberfläche hinunterziehen
+wollen in die Tiefe. -- Ponto versicherte mir im Vorbeistreifen, daß ein
+alter Spitz ihm versichert, wie ich für einen Kater amüsant genug sei
+und Anlagen zur guten Konversation zeige. -- So etwas erfreut auch den
+Mißmütigen! --
+
+-- Jean Jacques Rousseau gesteht, als er in seinen Bekenntnissen auf
+die Geschichte von dem Bande kommt, das er stahl und ein armes
+unschuldiges Mädchen für den Diebstahl züchtigen sah, den er begangen,
+ohne die Wahrheit zu gestehen, wie schwer es ihm werde über diese
+Untiefe seines Gemüts hinwegzukommen -- Ich befinde mich eben jetzt in
+gleichem Fall mit jenem verehrten Selbstbiographen. -- Habe ich auch
+kein Verbrechen zu gestehen, so darf ich doch, will ich wahrhaft
+bleiben, die große Torheit nicht verschweigen, die ich an demselben
+Abend beging und die lange Zeit hindurch mich verstörte, ja meinen
+Verstand in Gefahr setzte. -- Ist es aber nicht ebenso schwer, ja oft
+noch schwerer eine Torheit zu gestehen als ein Verbrechen? --
+
+-- Nicht lange dauerte es, so überfiel mich solch eine Unbehaglichkeit,
+solch ein Unmut, daß ich mich weit fort wünschte unter den Ofen des
+Meisters. Es war die gräßlichste Langeweile, die mich zu Boden drückte
+und die endlich mich alle Rücksichten vergessen ließ. Ganz still schlich
+ich mich in eine entfernte Ecke um dem Schlummer nachzugeben, zu dem
+mich das Gespräch rund umher einlud. Dasselbe Gespräch nämlich, das ich
+erst in meinem Unmut vielleicht gar irrtümlich für das geistloseste
+fadeste Geschwätz gehalten, kam mir nun vor, wie das eintönige Geklapper
+einer Mühle, bei dem man sehr leicht in ein ganz angenehmes
+gedankenloses Hinbrüten gerät, dem dann der wirkliche Schlaf bald folgt.
+-- Eben in diesem gedankenlosen Hinbrüten, in diesem sanften Delirieren
+war es mir, als funkle plötzlich ein helles Licht vor den geschlossenen
+Augen. Ich blickte auf und dicht vor mir stand ein anmutiges
+schneeweißes Windspielfräulein, Badine's schöne Nichte, Minona geheißen,
+wie ich später erfuhr.
+
+Mein Herr, sprach Minona mit jenem süßlispelnden Ton, der nur zu sehr
+widerklingt in des feurigen Jünglings erregbarer Brust, mein Herr, Sie
+sitzen hier so einsam, Sie scheinen sich zu ennuyieren? -- Das tut mir
+leid! -- Aber freilich, ein großer, tiefer Dichter wie Sie, mein Herr!
+muß, in höhern Sphären schwebend, das Treiben des gewöhnlichen sozialen
+Lebens schal und oberflächlich finden.
+
+Ich erhob mich etwas bestürzt, und es tat mir weh, daß mein Naturell,
+stärker als alle Theorien des gebildeten Anstandes, mich zwang wider
+meinen Willen den Rücken hoch zu erheben, einen sogenannten Katzenbuckel
+zu machen, worüber Minona zu lächeln schien.
+
+Gleich mich zur bessern Sitte erholend faßte ich aber Minona's Pfote,
+drückte sie leise an meine Lippen und sprach von begeisterten
+Augenblicken, denen der Dichter oft erliege. Minona hörte mich an mit
+solchen entschiedenen Zeichen der innigsten Teilnahme, mit solcher
+Andacht, daß ich mich selbst immer höher steigerte zur ungemeinen Poesie
+und zuletzt mich selbst nicht recht verstand. -- Minona mochte mich
+ebensowenig verstehen, aber sie geriet ins höchste Entzücken und
+versicherte, wie oft es schon ihr inniger Wunsch gewesen, den genialen
+Murr kennen zu lernen, und daß einer der glücklichsten herrlichsten
+Momente ihres Lebens der gegenwärtige sei. -- Was soll ich sagen! Bald
+fand sich's, daß Minona meine Werke, meine sublimsten Gedichte gelesen
+-- nein! nicht nur gelesen sondern in der höchsten Bedeutung aufgefaßt
+hatte! Mehreres davon wußte sie auswendig und sagte es her mit einer
+Begeisterung, mit einer Anmut, die mich in einen ganzen Himmel voll
+Poesie versetzte, vorzüglich, da es =meine= Verse waren die die Holdeste
+ihres Geschlechts mir anzuhören gab.
+
+Mein bestes, holdestes Fräulein, rief ich, ganz hingerissen, Sie haben
+dies Gemüt verstanden! Sie haben meine Verse auswendig gelernt; o all
+ihr Himmel! gibt es eine höhere Seligkeit für den aufwärts strebenden
+Dichter?
+
+Murr, lispelte Minona, genialer Kater, können Sie glauben, daß ein
+fühlendes Herz, ein poetisch gemütliches Gemüt Ihnen entfremdet bleiben
+kann? -- Minona seufzte nach diesen Worten aus tiefer Brust und dieser
+Seufzer gab mir den Rest. -- Was anders? -- Ich verliebte mich in das
+schönste Windspielfräulein dermaßen, daß ich ganz toll und verblendet
+nicht bemerkte, wie sie mitten in der Begeisterung plötzlich abbrach, um
+mit einem kleinen Zierbengel von Mops gänzlich fades Zeug zu schwatzen,
+wie sie mir den ganzen Abend auswich, wie sie mich auf eine Art
+behandelte, die mich hätte deutlich erkennen lassen sollen, wie sie mit
+jenem Lobe, mit jenem Enthusiasmus niemand anders gemeint, als sich
+selbst. -- Genug ich war und blieb ein verblendeter Tor, lief der
+schönen Minona nach wie und wo ich nur konnte, besang sie in den
+schönsten Versen, machte sie zur Heldin mancher anmutig verrückten
+Geschichte, drängte mich in Gesellschaften ein, wo ich nicht hingehörte,
+und erntete dafür so manchen bittern Verdruß, so manche Verhöhnung, so
+manches kränkende Ungemach.
+
+Oft in kühlen Stunden trat mir selbst die Albernheit meines Beginnens
+vor Augen; dann kam mir aber wieder närrischerweise der Tasso und
+mancher neuere Dichter von ritterlicher Gesinnung ein, dem es an einer
+hohen Herrin liegt, der seine Lieder gelten und die er aus der Ferne
+anbetet, wie der Manchaner seine Dulcinea, und da wollt ich denn wieder
+nicht schlechter und unpoetischer sein als dieser und schwur dem
+Gaukelbilde meiner Liebesträume, dem anmutigen weißen Windspielfräulein
+unverbrüchliche Treue und Ritterdienst bis in den Tod. Einmal von diesem
+seltsamen Wahnsinn erfaßt, fiel ich aus einer Torheit in die andere, und
+selbst mein Freund Ponto fand für nötig, sich, nachdem er mich ernstlich
+vor den heillosen Mystifikationen gewarnt, in die man mich überall zu
+verstricken suchte, von mir zurückzuziehen. Wer weiß was noch aus mir
+geworden wäre, wenn nicht ein guter Stern über mir gewaltet! -- Dieser
+gute Stern ließ es nämlich geschehen, daß ich einst am späten Abend zur
+schönen Badine hinschlich, nur um die geliebte Minona zu sehen. Ich fand
+indessen alle Türen verschlossen und alles Warten, alles Hoffen, bei
+irgend einer Gelegenheit hineinzuschlüpfen, blieb ganz vergebens. Das
+Herz voll Liebe und Sehnsucht, wollte ich der Holden wenigstens meine
+Nähe kundtun und begann unter dem Fenster eine der zärtlichsten
+spanischen Weisen, die jemals empfunden und gedichtet worden sind. Es
+muß gar lamentabel anzuhören gewesen sein!
+
+Ich hörte Badine bellen, auch Minonas süße Stimme knurrte etwas
+dazwischen. Ehe ich aber mir's versah, wurde das Fenster rasch geöffnet,
+und ein ganzer Eimer eiskaltes Wasser über mich ausgeleert. Man kann
+denken mit welcher Schnelle ich abfuhr in meine Heimat. Die volle Glut
+im Innern und Eiswasser auf dem Pelz harmoniert aber so schlecht
+miteinander, daß unmöglich jemals Gutes, und wenigstens ein Fieber
+daraus entstehen kann. So ging es mir. Im Hause meines Meisters
+angekommen schüttelte mich der Fieberfrost tüchtig. Der Meister mochte
+aus der Blässe meines Antlitzes, aus dem erloschenen Feuer meiner Augen,
+aus der brennenden Glut der Stirne, an meinem unregelmäßigen Puls, meine
+Krankheit ahnen. Er gab mir warme Milch, die ich, da mir die Zunge am
+Gaumen klebte vor Durst, eifrig verzehrte, dann wickelte ich mich ein in
+die Decke meines Lagers und gab ganz der Krankheit nach, die mich
+erfaßt. Erst verfiel ich in allerlei Fieberphantasien von vornehmer
+Kultur, Windspielen usw., nachher wurde mein Schlaf ruhiger und endlich
+so tief, daß ich ohne Übertreibung glauben muß, ich habe drei Tage und
+drei Nächte hintereinander fort geschlafen.
+
+Als ich endlich erwachte, fühlte ich mich frei und leicht, ich war von
+meinem Fieber und -- wie wundervoll! auch von meiner törichten Liebe
+ganz genesen! Ganz klar wurde mir die Narrheit, zu der mich der Pudel
+Ponto verleitet, ich sah ein, wie albern es war, mich als einen gebornen
+Kater unter Hunde zu mischen, die mich verhöhnten, weil sie nicht meinen
+Geist zu erkennen vermochten, und die sich bei der Bedeutungslosigkeit
+ihres Wesens an die Form halten mußten, mir also nichts darbieten
+konnten, als eine Schale ohne Kern. -- Die Liebe zur Kunst und
+Wissenschaft erwachte in mir mit neuer Stärke, und meines Meisters
+Häuslichkeit zog mich mehr an als jemals. Die reiferen Monate des Mannes
+kamen, und weder Katzbursch noch kultivierter Elegant, fühlte ich
+lebhaft, daß man beides nicht sein dürfe, um sich gerade so zu
+gestalten, wie es die tieferen und bessern Ansprüche des Lebens
+erfordern.
+
+Mein Meister mußte verreisen, und fand es für gut, mich auf die Zeit
+seinem Freunde, Kapellmeister Johannes Kreisler in die Kost zu geben. Da
+mit dieser Veränderung meines Aufenthalts eine neue Periode meines
+Lebens anfängt, so schließe ich die jetzige, aus der du, o
+Katerjüngling! so manche gute Lehre für deine Zukunft entnommen haben
+wirst. --
+
+=(Mak. Bl.)= -- -- als schlügen entfernte dumpfe Töne an sein Ohr, und er
+höre die Mönche durch die Gänge schreiten. Als Kreisler sich völlig aus
+dem Schlaf emporraffte, gewahrte er denn aus seinem Fenster, daß die
+Kirche erleuchtet, und vernahm den murmelnden Gesang des Chors. Die
+Mitternachtshora war vorüber, es mußte daher irgend etwas Ungewöhnliches
+sich ereignet haben, und Kreisler durfte mit Recht vermuten, daß
+vielleicht ein schneller unvermuteter Tod einen der alten Mönche
+dahingerafft, den man jetzt der Klostersitte gemäß in die Kirche
+getragen. Rasch warf der Kapellmeister sich in die Kleider und begab
+sich nach der Kirche. --
+
+Auf dem Gange begegnete er dem Pater Hilarius, der laut gähnend und ganz
+schlaftrunken hin und her wankte, keines festen Schrittes mächtig und
+die angezündete Kerze, statt aufrecht, abwärts zu Boden hielt, daß das
+Wachs prasselnd herabtropfte und jeden Augenblick drohte das Licht zu
+verlöschen. »Hochehrwürdiger Herr Abt,« stammelte Hilarius, als Kreisler
+ihn anrief, »das ist gegen alle bisherige Ordnung. Exequien in der
+Nacht! -- zu dieser Stunde -- Und bloß weil der Bruder Cyprianus darauf
+besteht! -- _Domine -- libera nos de hoc monacho!_« --
+
+Es gelang endlich dem Kapellmeister den halbträumenden Hilarius zu
+überzeugen, daß er nicht der Abt sondern Kreisler sei, und nun erfuhr er
+von ihm mit Mühe, daß man in der Nacht, von woher wisse er nicht, den
+Leichnam eines Fremden nach dem Kloster gebracht, den Bruder Cyprianus
+allein zu kennen scheine, und der kein gemeiner Mann gewesen sein müßte,
+da sich der Abt auf Cyprianus dringendes Gesuch dazu verstanden, die
+Exequien auf der Stelle zu halten, damit morgen nach der ersten Hora die
+Exportation erfolgen könne.
+
+Kreisler folgte dem Pater in die Kirche, die nur sparsam beleuchtet
+einen seltsamen schauerlichen Anblick gewährte.
+
+Man hatte nur die Kerzen des großen metallenen Kronleuchters, der vor
+dem Hochaltar von der hohen Decke herabhing, angezündet, so daß der
+flackernde Schein kaum das Schiff der Kirche vollkommen erhellte, in die
+Seitengänge aber nur geheimnisvolle Streiflichter warf, in denen die
+Statuen der Heiligen zum gespenstischen Leben erwacht, sich zu bewegen
+und daher zu schreiten schienen. Unter dem Kronleuchter in der hellsten
+Beleuchtung stand der offne Sarg, in dem der Leichnam lag, und die
+Mönche, die ihn umringten, schienen bleich und regungslos selbst Tote,
+in der Geisterstunde den Gräbern entstiegen. Mit dumpfer heiserer Stimme
+sangen sie die eintönigen Strophen des Requiems und wenn sie dazwischen
+schwiegen, vernahm man nur von außen her das ahnungsvolle Rauschen des
+Nachtwindes und die hohen Fenster der Kirche knisterten seltsam, als
+klopften die Geister der Verstorbenen an das Haus, in dem sie die fromme
+Totenklage vernahmen. Kreisler nahte sich bis an die Reihe der Mönche
+und erkannte in dem Toten den Adjutanten des Prinzen Hektor. --
+
+Da regten sich die finstern Geister, die so oft Macht hatten über ihn,
+und griffen schonungslos mit scharfen Krallen in seine wunde Brust. --
+
+Neckender Spuk, sprach er zu sich selbst, treibst du mich her, damit
+jener erstarrte Jüngling bluten soll, weil man sagt, daß der Leichnam
+blute, wenn der Mörder sich nahe? -- Hoho! weiß ich denn nicht, daß er
+all' sein Blut wegbluten mußte, in den schlimmen Tagen, als er seine
+Sünden abbüßte auf dem Siechbette? -- Er hat keinen bösen Tropfen mehr
+übrig, mit dem er seinen Mörder vergiften könnte, käme er ihm auch in
+die Nähe, den Johannes Kreisler aber am wenigsten, denn der hat mit der
+Natter nichts zu schaffen, die er zu Boden trat, als sie schon die
+spitze Zunge ausgestreckt zur Todeswunde! -- Schlage die Augen auf,
+Toter, damit ich dir fest ins Antlitz blicke, damit du gewährst, daß die
+Sünde keinen Teil hat an mir! -- aber du vermagst es nicht! -- Wer hieß
+dich das Leben einsetzen gegen das Leben? Warum spieltest du
+trügerisches Spiel mit dem Morde und du warst nicht gefaßt, es zu
+verlieren? -- Aber deine Züge sind sanft und gut, du stiller blasser
+Jüngling, der Todesschmerz hat jede Spur verruchter Sünde weggelöscht
+von deinem schönen Antlitz, und ich könnte sagen, der Himmel hätte dir
+sein Gnadentor geöffnet, weil die Liebe in deiner Brust gewesen, wenn
+sich das jetzt ziemte. -- Doch wie! -- wenn ich mich in dir geirrt?
+-- Wenn nicht du, kein böser Dämon, nein wenn mein guter Stern deinen Arm
+gegen mich erhoben, um mich dem entsetzlichen Verhängnis zu entreißen,
+das im schwarzen Hintergrunde auf mich lauert? -- Nun magst du die Augen
+aufschlagen, blasser Jüngling, nun magst du mit einem Blick der
+Versöhnung alles, alles entdecken, und sollt ich untergehen in Wehmut um
+dich oder aus entsetzlicher furchtbarer Angst, daß der schwarze Schatten
+der hinter mir schleicht, mich nun gleich erfassen wird. Ja! schaue mich
+an, -- doch! nein nein, du könntest mich anblicken wie Leonhart
+Etlinger, ich könnte glauben, du seist er selbst und da müßtest du mit
+mir hinab in die Tiefe, aus der ich oft seine hohle Geisterstimme
+vernehme. -- Doch wie, du lächelst? -- deine Wangen, deine Lippen färben
+sich? Trifft dich nicht die Waffe des Todes? -- Nein, nicht noch einmal
+will ich mit dir ringen, aber --
+
+Kreisler, der während dieses Selbstgesprächs unbewußt auf einem Knie
+gelegen, beide Ellbogen auf das andere gestützt, und die Hände unter das
+Kinn gestemmt hatte, fuhr hastig auf, und würde gewiß Seltsames, Wildes
+begonnen haben; doch in demselben Augenblick schwiegen die Mönche und
+die Knaben auf dem Chor intonierten mit sanfter Begleitung der Orgel das
+_Salve Regina._ Der Sarg wurde verschlossen und die Mönche schritten
+feierlich von dannen. -- Da ließen die finstern Geister ab von dem armen
+Johannes, und ganz aufgelöst in Wehmut und Schmerz folgte er mit
+gebeugtem Haupt den Mönchen. Eben wollte er hinausschreiten zur Türe,
+als sich in einem finstern Winkel eine Gestalt erhob und hastig auf ihn
+losschritt.
+
+Die Mönche standen still, und der volle Schein ihrer Lichter fiel auf
+einen großen stämmigen Burschen, der etwa achtzehn bis zwanzig Jahre alt
+sein mochte. Sein Antlitz nichts weniger als häßlich zu nennen, trug den
+Ausdruck des wildesten Trotzes; die schwarzen Haare hingen ihm struppig
+um den Kopf, das zerrissene Wams von buntgestreifter Leinwand bedeckte
+kaum seine Blöße, und eben solche Schifferhosen gingen nur bis an die
+bloßen Waden, so daß der herkulische Bau seines Körpers völlig sichtbar.
+
+Du Verdammter, wer hieß dich meinen Bruder ermorden? So schrie der
+Bursche wild auf, daß es in der Kirche widerhallte, sprang wie ein Tiger
+auf Kreisler los und packte ihn mit einem mörderischen Handgriff bei der
+Kehle.
+
+Doch ehe Kreisler, ganz entsetzt über den unerwarteten Angriff, an
+Gegenwehr denken konnte, stand schon Pater Cyprianus bei ihm und sprach
+mit starker, gebietender Stimme: Giuseppo, verruchter sündhafter Mensch!
+was machst Du hier? Wo hast du die Altmutter gelassen? -- Packe Dich
+augenblicklich fort! -- Hochehrwürdiger Herr Abt, laßt die
+Klosterknechte herbeirufen, sie sollen den mörderischen Buben zum
+Kloster hinauswerfen.
+
+Der Bursche hatte, sowie Cyprianus vor im stand, sogleich von Kreisler
+abgelassen. Nun nun, rief er mürrisch, macht nur nicht gleich ein solch
+tolles Wesen davon, wenn man sein Recht behaupten will, Herr Heiliger!
+-- Ich gehe ja schon von selbst, Ihr dürft keine Klosterknechte auf mich
+loshetzen. -- Damit sprang der Bursche schnell davon durch eine Pforte,
+die man zu verschließen vergessen und durch die er wahrscheinlich sich
+in die Kirche geschlichen hatte. Die Klosterknechte kamen, man fand aber
+keinen Anlaß den Verwegenen in tiefer Nacht weiter zu verfolgen.
+
+Es lag in Kreislers Natur, daß gerade die Spannung des
+Außerordentlichen, des Geheimnisvollen wohltätig auf sein Gemüt wirkte
+sobald er den Sturm des Augenblicks, der ihn zu vernichten drohte,
+siegreich bekämpft.
+
+So geschah es, daß dem Abt die Ruhe wunderbar und befremdlich vorkommen
+mußte, mit der Kreisler andern Tages vor ihm stand und von dem
+erschütternden Eindruck sprach, den unter solchen seltsamen Umständen
+der Anblick des Leichnams dessen auf ihn gemacht, der ihn ermorden
+wollen, und den er in gerechter Notwehr erschlagen.
+
+Weder die Kirche noch das weltliche Gesetz kann Euch, lieber Johannes,
+sprach der Abt, irgendeine strafbare Schuld an dem Tode jenes sündhaften
+Menschen beimessen. Doch werdet Ihr aber lange nicht die Vorwürfe einer
+innern Stimme verwinden können, die Euch sagt, es sei besser gewesen
+selbst zu fallen, als den Gegner zu töten, und dies beweiset, daß der
+ewigen Macht das Opfer des eignen Lebens wohlgefälliger ist, als seine
+Erhaltung, kann dies nur durch eine rasche blutige Tat geschehen. -- Doch
+laßt uns zur Zeit davon abbrechen, da ich anderes näher Liegendes mit
+Euch zu reden. --
+
+Welcher sterbliche Mensch ermißt, wie der kommende Augenblick die
+Gestaltung der Dinge ändern kann. -- Nicht lange ist es her, als ich
+fest überzeugt war, daß dem Heil Eurer Seele nichts zuträglicher sein
+könne, als der Welt zu entsagen und in unsern Orden zu treten. -- Ich bin
+jetzt anderer Meinung und würde Euch raten, so lieb und wert Ihr mir
+auch geworden, die Abtei recht bald zu verlassen. -- Werdet nicht irre an
+mir, lieber Johannes! Fragt mich nicht, warum ich meiner Gesinnung
+entgegen dem Willen eines andern, der alles umzustoßen droht, was ich
+mit Mühe geschaffen, mich unterwerfe. -- Tief müßtet Ihr in die
+Geheimnisse der Kirche eingeweiht sein, um mich zu verstehen, wollt' ich
+auch mit Euch über die Motive meiner Handlungsweise reden. -- Doch
+freier kann ich wohl mit Euch sprechen als mit jedem andern. Vernehmt
+also, daß in kurzer Zeit der Aufenthalt in der Abtei Euch nicht mehr die
+wohltätige Ruhe gewähren, wie bisher, ja daß Euer innerstes Streben
+einen tödlichen Stoß erhalten und das Kloster Euch ein öder trostloser
+Kerker dünken wird. Die ganze Klosterordnung ändert sich, die mit
+frommer Sitte vereinbarte Freiheit hört auf und der finstere Geist
+fanatischer Möncherei herrscht bald mit unerbittlicher Strenge in diesen
+Mauern. -- O mein Johannes, Eure herrlichen Gesänge werden nicht mehr
+unsern Geist erheben zur höchsten Andacht, der Chor wird abgeschafft und
+bald hört man nichts als die eintönigen Responsorien von den ältesten
+Brüdern mühsam gelallt mit heiserer unreiner Stimme. --
+
+Und alles dieses geschieht auf Anlaß des fremden Mönchs Cyprianus?
+fragte Kreisler.
+
+Es ist dem so, lieber Johannes, erwiderte der Abt beinahe wehmütig,
+indem er die Augen niederschlug, und daß es nicht anders sein kann,
+daran bin ich nicht schuld. -- Doch alles, setzte der Abt nach kurzem
+Stillschweigen mit erhöhter feierlicher Stimme hinzu, wodurch der feste
+Bau, der Glanz der Kirche befördert werden kann, muß geschehen und kein
+Opfer ist zu groß! --
+
+Wer ist denn der hohe mächtige Heilige, sprach Kreisler unmutig, der
+über Euch gebietet, der im Stande war, durch das bloße Wort mir jenen
+mörderischen Burschen vom Leibe zu schaffen? --
+
+Ihr seid, lieber Johannes, erwiderte der Abt, in ein Geheimnis
+verflochten ohne es zur Zeit ganz zu kennen. Doch bald erfahrt Ihr mehr,
+vielleicht mehr als ich selbst davon weiß, und zwar durch den Meister
+Abraham. -- Cyprianus, den wir noch jetzt unsern Bruder nennen, ist
+einer der Erkornen. Er wurde gewürdigt, mit den ewigen Mächten des
+Himmels in unmittelbare Berührung zu treten, und wir müssen schon jetzt
+in ihm den Heiligen verehren. -- Was jenen verwogenen Burschen betrifft,
+der sich während der Exequien in die Kirche geschlichen hatte und Euch
+mörderisch anpackte, so ist er ein verlaufener halb wahnsinniger
+Zigeunerbube, den unser Vogt schon einigemal hat derb auspeitschen
+lassen, weil er den Leuten im Dorfe die fetten Hühner aus den Ställen
+gestohlen. Um den zu vertreiben, bedurfte es eben nicht eines besondern
+Mirakels. -- Indem der Abt die letzten Worte sprach, zuckte ein leises
+ironisches Lächeln in den Mundwinkeln, und verschwand ebenso schnell.
+
+Kreislern erfüllte der tiefste bitterste Unmut; er sah ein, daß der Abt
+bei allen Vorzügen seines Geistes, seines Verstandes, lügnerische
+Gaukelei trieb, und daß alle Gründe, die er damals anführte, um ihn zum
+Eintritt ins Kloster zu bewegen, ebenso nur einer versteckten Absicht
+zum Vorwand dienen sollten, als diejenigen, die er nun für das Gegenteil
+aufstellte. -- Kreisler beschloß, die Abtei zu verlassen, und sich aller
+bedrohlichen Geheimnisse, die ihn bei längerem Bleiben noch verstricken
+konnten in ein Gewebe, dem nicht mehr zu entrinnen, völlig zu
+entschlagen. Als er aber nun gedachte, wie er ja gleich zurückkehren
+könne nach Sieghartshof zum Meister Abraham, wie er =sie= ja wiedersehen,
+wieder hören könne, sie, seinen einzigen Gedanken, da fühlte er in der
+Brust jene süße Beklemmung, in der sich die glühendste Liebessehnsucht
+kundtut. --
+
+Ganz vertieft wandelte Kreisler den Hauptgang des Parks hinab, als ihn
+der Pater Hilarius ereilte, und sogleich begann: Ihr wart beim Abt,
+Kreisler, er sagt Euch alles! -- Nun hatte ich recht? -- Wir sind alle
+verloren! -- Dieser geistliche Komödiant -- es ist heraus, das Wort, wir
+sind unter uns! -- Als er -- Ihr wißt, wen ich meine -- in der Kutte
+nach Rom kam, ließ ihn die päpstliche Heiligkeit sogleich zur Audienz.
+Er fiel nieder auf die Knie und küßte den Pantoffel. Ohne einen Wink,
+aufzustehen, ließ ihn aber die päpstliche Heiligkeit eine ganze Stunde
+lang liegen. »Das sei deine erste kirchliche Strafe«, fuhr die
+Heiligkeit ihn an, als er sich endlich erheben durfte, und hielt nun
+eine lange Predigt über die sündlichen Irrtümer, in die Cyprianus
+verfallen. -- Nachher erhielt er langen Unterricht in gewissen geheimen
+Gemächern und zog dann aus! -- Es hat lange keinen Heiligen gegeben!
+-- Das Mirakel -- nun Ihr habt das Bild gesehen, Kreisler -- das Mirakel,
+sage ich, hat erst in Rom seine wahre Gestalt erhalten. -- Ich bin
+nichts als ein ehrlicher Benediktiner Mönch, ein tüchtiger _praefectus
+chori,_ wie Ihr mir einräumen werdet, und trinke der allein selig
+machenden Kirche zu Ehren gern ein Gläschen Nierensteiner oder
+Bocksbeutel, aber! -- Mein Trost ist, daß er nicht lange hier bleiben
+wird. -- Herumziehen muß er. _Monachus in claustro non valet ova duo: sed
+quando est extra bene valet triginta._ -- Er wird denn auch wohl Wunder
+tun. -- Seht, Kreisler, seht, da kommt er den Gang herauf. -- Er hat uns
+erblickt und weiß wie er sich gebärden muß. --
+
+Kreisler erblickte den Mönch Cyprianus, der langsam feierlichen
+Schrittes, den stieren Blick zum Himmel gerichtet, die Hände gefaltet
+wie in einer frommen Extase begriffen, den Laubgang herauf kam.
+
+Hilarius entfernte sich schnell, Kreisler blieb aber verloren in den
+Anblick des Mönchs, der in seinem Antlitz, in seinem Wesen etwas
+Seltsames, Fremdartiges trug, das ihn unter allen übrigen Menschen
+auszuzeichnen schien. Ein großes ungewöhnliches Verhängnis läßt lesbare
+Spuren zurück, und so mocht' es auch sein, daß ein wunderbares Geschick
+des Mönchs äußere Erscheinung gestaltet hatte, wie sie sich nun eben
+zeigte.
+
+Der Mönch wollte vorüberschreiten, ohne in seiner Verzückung Kreislern
+zu bemerken, der fühlte sich aber aufgelegt, dem strengen Abgesandten
+des Oberhaupts der Kirche, dem feindlichen Verfolger der herrlichsten
+Kunst in den Weg zu treten.
+
+Er tat es mit den Worten: Erlaubt, ehrwürdiger Herr, daß ich Euch meinen
+Dank abstatte. Ihr befreitet mich durch Euer kräftiges Wort zur rechten
+Zeit aus den Händen des groben Lümmels von Zigeunerbuben; er hätte mich
+erwürgt, wie ein gestohlnes Huhn! --
+
+Der Mönch schien aus einem Traume zu erwachen, er fuhr mit der Hand über
+die Stirne und blickte Kreislern lange starr an, als müsse er sich auf
+ihn besinnen. Dann verzog sich aber sein Antlitz zum furchtbaren
+durchbohrenden Ernst, und Flammen des Zorns in den Augen, rief er mit
+starker Stimme: Verwegener frevelhafter Mensch, Ihr hättet verdient, daß
+ich Euch hinfahren ließ in Euern Sünden! Seid Ihr nicht der, der den
+heiligen Kultus der Kirche, die vornehmste Stütze der Religion
+profaniert durch weltlichen Klingklang? Seid Ihr es nicht, der hier
+durch eitle Kunststücke die frömmsten Gemüter betörte, daß sie sich
+abwandten von dem Heiligen und weltlicher Lust frönten in üppigen
+Liedern? Kreisler fühlte sich durch diese wahnsinnigen Vorwürfe ebenso
+verletzt, als erhoben durch den albernen Hochmut des fanatischen Mönchs,
+der mit solchen leichten Waffen zu bekämpfen.
+
+Ist es sündhaft, sprach Kreisler sehr ruhig und dem Mönch fest ins Auge
+blickend, die ewige Macht zu preisen in der Sprache, die sie uns selbst
+gab, damit das Himmelsgeschenk die Begeisterung der brünstigsten
+Andacht, ja die Erkenntnis des Jenseits in unserer Brust erwecke, ist es
+sündhaft sich auf den Seraphsfittichen des Gesanges hinwegzuschwingen
+über alles Irdische, und in frommer Sehnsucht und Liebe hinaufzustreben
+nach dem Höchsten, so habt Ihr recht, ehrwürdiger Herr, so bin ich ein
+arger Sünder. Erlaubt aber, daß ich der entgegengesetzten Meinung bin,
+und fest glaube, daß dem Kultus der Kirche die wahrhafte Glorie der
+heiligsten Begeisterung fehlen würde, wenn der Gesang schweigen sollte.
+
+So flehet zur heiligen Jungfrau, erwiderte der Mönch streng und kalt,
+daß sie die Decke von Euern Augen nehmen und Euch den verdammlichen
+Irrtum erkennen lassen möge.
+
+Ein Komponist wurde von jemanden gefragt, sprach Kreisler sanft
+lächelnd, wie er es denn anfange, daß seine geistlichen Kompositionen
+durchaus andächtige Begeisterung atmeten. Wenn es, erwiderte darauf der
+fromme kindliche Meister, mit dem Komponieren nicht so recht fort will,
+so bete ich im Zimmer auf und ab gehend einige Ave und dann kommen mir
+die Ideen wieder. Derselbe Meister sagte von einem andern großen
+geistlichen Werk: Erst als ich zur Hälfte in meiner Komposition
+vorgerückt war, merkte ich, daß sie geraten wäre; ich war auch nie so
+fromm als während der Zeit, da ich daran arbeitete; täglich fiel ich auf
+meine Knie nieder, und bat Gott, daß er mir Kraft zur glücklichen
+Ausführung dieses Werkes verleihen möge. -- Mich will bedünken,
+ehrwürdiger Herr, als wenn weder dieser Meister noch der alte Palästrina
+sich um Sündhaftes bemüht, und daß nur ein in aszetischer Verstocktheit
+erkaltetes Herz nicht zu der höchsten Frömmigkeit des Gesanges entflammt
+werden kann.
+
+Menschlein, wer bist Du denn, fuhr der Mönch zornig auf, daß ich mit
+Dir, der Du Dich hinwerfen müßtest in den Staub, rechten soll? -- Fort
+aus der Abtei, damit Du nicht länger das Heilige verstörst! --
+
+Tief empört über des Mönchs gebieterischen Ton, rief Kreisler heftig:
+Und wer bist Du denn, wahnsinniger Mönch, daß Du Dich erheben willst
+über alles was menschlich? -- Bist Du frei geboren von der Sünde? -- Hast
+Du nie über Gedanken der Hölle gebrütet? Bist Du nie ausgewichen auf dem
+schlüpfrigen Pfad, den Du wandeltest? Und wenn die heilige Jungfrau Dich
+wirklich gnadenvoll dem Tode entriß, den Du vielleicht irgendeiner
+grauenvollen Tat verdanktest, so geschah es, daß Du in Demut Deine Sünde
+erkennen und sie büßen, nicht aber mit freveliger Prahlerei Dich der
+Gnade des Himmels, ja der heiligen Krone rühmen solltest, die Du niemals
+erwerben wirst.
+
+Der Mönch stierte Kreislern an mit Tod und Verderben sprühenden Blicken,
+indem er unverständliche Worte lallte.
+
+Und stolzer Mönch, fuhr Kreisler fort mit steigendem Affekt, als Du noch
+diesen Rock trugst -- --
+
+Damit hielt Kreisler das Bild, das er vom Meister Abraham erhalten, dem
+Mönch vor Augen; doch sowie dieser es erblickte, schlug er sich wie in
+wilder Verzweiflung mit beiden Fäusten vor die Stirn, und stieß einen
+herzzermalmenden Schmerzenslaut aus, als träfe ihn ein Todesstreich.
+
+Fort mit =Dir= aus der Abtei, Du verbrecherischer Mönch! -- rief nun
+Kreisler. -- Hoho mein Heiliger, wenn Du vielleicht auf den Hühnerdieb
+stößest, mit dem Du in Gemeinschaft, so sage ihm, Du könntest und
+wolltest ein andermal mich nicht wieder schützen, doch solle er sich in
+acht nehmen, und von meiner Kehle wegbleiben, sonst würde ich ihn
+spießen wie eine Lerche oder wie seinen Bruder, denn aufs Spießen
+-- Kreisler entsetzte sich in diesem Augenblick vor sich selber; der
+Mönch stand vor ihm starr, regungslos, noch immer beide Fäuste vor die
+Stirn gedrückt, keines Wortes, keines Lautes mächtig, es war Kreislern,
+als rausche es im nahen Gebüsch, als werde gleich der wilde Giuseppo auf
+ihn losstürzen. Er rannte von dannen, die Mönche sangen eben im Chor die
+Abendhora, und Kreisler begab sich in die Kirche, weil er hoffte, dort
+sein tief aufgeregtes, tief verletztes Gemüt zu beruhigen.
+
+Die Hora war geendet, die Mönche verließen den Chor, die Lichter
+verlöschten. Kreislers Sinn hatte sich zu den alten frommen Meistern
+gewendet, deren er in dem Streit mit dem Mönch Cyprianus gedacht.
+-- Musik -- fromme Musik war aufgegangen in ihm, Julia hatte gesungen und
+nicht mehr brauste der Sturm in seinem Innern. Er wollte fort durch eine
+Seitenkapelle, deren Türe in den langen Gang ging, welcher zu einer
+Treppe und hinauf in sein Zimmer führte.
+
+Als Kreisler in die Kapelle trat, erhob sich ein Mönch mühsam vom Boden,
+auf dem er ausgestreckt vor dem wundertätigen Marienbilde gelegen hatte,
+das dort aufgestellt war. In dem Schein der ewigen Lampe erkannte
+Kreisler den Mönch Cyprianus, aber matt und elend schien er eben aus
+einer Ohnmacht zu sich selbst gekommen. Kreisler leistete ihm hülfreiche
+Hand, da sprach der Mönch mit leiser wimmernder Stimme: »Ich erkenne
+Euch -- Ihr seid Kreisler! Habt Barmherzigkeit, verlaßt mich nicht,
+helft mir zu jenen Stufen, ich will mich dort niederlassen, aber setzt
+Euch zu mir, dicht zu mir, denn nur die Gebenedeite darf uns hören.
+-- Übt Mitleiden, Gnade, fuhr nun der Mönch fort, als beide auf den
+Stufen des Altars saßen, vertraut mir, ob Ihr nicht das verhängnisvolle
+Bildnis von dem alten Severino erhieltet, ob Ihr um alles, um das ganze
+furchtbare Geheimnis wisset?
+
+Frei und offen versicherte Kreisler, daß er das Bildnis vom Meister
+Abraham Liscov erhalten und erzählte ohne Scheu alles, was sich in
+Sieghartshof begeben, und wie er nur aus mancherlei Kombinationen auf
+irgendeine Greueltat schließe, deren lebhafte Erinnerung sowie die
+Furcht des Verrats das Bildnis wecke. Der Mönch, der bei einigen
+Momenten in Kreislers Erzählung tief erschüttert geschienen, schwieg
+jetzt einige Augenblicke. Dann begann er ermutigt mit festerer Stimme:
+Ihr wißt zu viel, Kreisler, um nicht alles erfahren zu müssen. Vernehmt,
+Kreisler, jener Prinz Hektor, der Euch auf den Tod verfolgte, es ist
+mein jüngerer Bruder. Wir sind Söhne eines fürstlichen Vaters, dessen
+Thron ich geerbt haben würde, hätte ihn nicht der Sturm der Zeit
+umgeworfen. Wir nahmen, da eben der Krieg ausgebrochen, beide Dienste,
+und der Dienst war es, der zuerst mich und dann auch meinen Bruder nach
+Neapel brachte. -- Ich hatte mich damals aller bösen Lust der Welt
+hingegeben, und vorzüglich die wilde Leidenschaft zu den Weibern riß
+mich ganz und gar hin. Eine Tänzerin, ebenso schön als verrucht, war
+meine Geliebte, und überdem lief ich den liederlichen Dirnen nach, wo
+ich sie fand.
+
+So geschah es, daß ich eines Tages, als es schon zu dunkeln begann,
+auf dem Molo ein paar Geschöpfe dieser Art verfolgte. Beinahe hatte ich
+sie erreicht, als dicht neben mir eine Stimme gellend rief: Was das
+Prinzchen doch für ein allerliebster Taugenichts ist! -- Da läuft er
+gemeinen Dirnen nach und könnte in den Armen der schönsten Prinzessin
+liegen! -- Mein Blick fiel auf ein altes abgelumptes Zigeunerweib, die
+ich vor wenigen Tagen in der Straße Toledo von den Sbirren wegführen
+gesehen, weil sie einen Wasserverkäufer, so kräftig er schien, im Zank
+mit ihrer Krücke zu Boden geschlagen. -- Was willst du von mir alte Hexe?
+So rief ich das Weib an, die mich aber in dem Augenblick mit einem Strom
+der abscheulichsten niedrigsten Schimpfreden überschüttete, so daß das
+müßige Volk bald sich um uns versammelte und über meine Verlegenheit
+ausbrach in ein tolles Gelächter. -- Ich wollte fort, da hielt mich aber
+das Weib beim Kleide fest, ohne vom Boden aufzustehen, und sprach,
+plötzlich mit den Schimpfreden einhaltend leise, indem sich ihr
+abscheuliches Antlitz zum grinsenden Lächeln verzog: Ei, mein süßes
+Prinzlein, willst du denn nicht bei mir bleiben? Willst du nichts hören
+von dem schönsten Engelskinde, das in dich vernarrt ist? -- Damit erhob
+sich das Weib mühsam, indem sie sich an meinen Armen festklammerte, und
+zischelte mir von einem jungen Mädchen in die Ohren, das schön und
+anmutig wie der Tag und noch unschuldig sei. -- Ich hielt das Weib für
+eine gemeine Kupplerin und wollte mich, da gerade mein Sinn nicht dahin
+stand, ein neues Abenteuer anzuknüpfen, mit ein paar Dukaten von ihr
+losmachen. Sie nahm aber das Geld nicht, und rief, als ich mich
+entfernte, mir laut lachend nach: Geht nur, geht, mein feiner Herr, Ihr
+werdet mich bald aufsuchen mit großem Kummer und Weh im Herzen! -- Einige
+Zeit war vergangen, ich hatte nicht mehr an das Zigeunerweib gedacht,
+als eines Tages auf dem Spaziergange Villa Reale genannt, eine Dame vor
+mir herging, die mir in ihrem Wesen so wunderbar anmutig schien, wie ich
+noch keine gesehen. Ich eilte ihr voraus, und als ich ihr Antlitz
+erblickte, war es mir, als öffne sich der leuchtende Himmel aller
+Schönheit. -- So dachte ich nämlich damals als ein sündiger Mensch, und
+daß ich den frevelhaften Gedanken wiederhole, mag Euch statt aller
+Beschreibung des Liebreizes mit dem die ewige Macht die holde Angela
+geschmückt hatte um so mehr dienen, als es mir jetzt nicht geziemen und
+auch wohl nicht gelingen würde viel zu reden über irdische Schönheit.
+Zur Seite der Dame ging oder hinkte vielmehr an einem Stabe eine sehr
+alte, ehrbar gekleidete Frau, die nur durch ihre ganz ungewöhnliche
+Größe und seltsame Unbehülflichkeit auffiel. Trotz des völlig
+veränderten Anzuges, trotz der tiefen Haube, die einen Teil des
+Antlitzes verhüllte, erkannte ich in der alten Frau doch augenblicklich
+das Zigeunerweib vom Molo. Das fratzenhafte Lächeln der Alten, ihr
+leises Kopfnicken bewies mir, daß ich mich nicht irre. -- Ich konnte den
+Blick nicht abwenden von dem anmutigen Wunder; die Holde schlug die
+Augen nieder; der Fächer entfiel ihrer Hand. Schnell hob ich ihn auf;
+indem sie ihn nahm berührte ich ihre Finger; sie zitterten, da loderte
+das Feuer meiner verdammlichen Leidenschaft in mir auf, und ich ahnte
+nicht, daß die erste Minute der schrecklichen Prüfung gekommen, die mir
+der Himmel auferlegt. Ganz betäubt, ganz im Sinn verwirrt stand ich da
+und bemerkte kaum, daß die Dame mit ihrer alten Begleiterin in eine
+Kutsche stieg, die am Ende der Allee gehalten hatte. Erst als der Wagen
+fortrollte, kam ich zur Besinnung, und stürzte nach wie ein Rasender.
+Ich kam noch zu rechter Zeit, um zu sehen, daß der Wagen vor einem Hause
+in der engen kurzen Straße hielt, die nach dem großen Platz Largo delle
+Piane führt. Beide, die Dame und ihre Begleiterin stiegen aus, und da
+der Wagen sogleich fortfuhr als sie in das Haus getreten, konnte ich mit
+Recht vermuten, daß dort ihre Wohnung. Auf dem Platz Largo delle Piane
+wohnte mein Bankier, Signore Alessandro Sperzi, und selbst weiß ich
+nicht, wie ich auf den Einfall geriet, diesen Mann jetzt gerade
+heimzusuchen. Er glaubte, ich käme Geschäfte halber, und begann sehr
+weitläuftig über mein Verhältnis zu reden. Mein ganzer Kopf war aber
+erfüllt von der Dame, ich dachte, ich hörte nichts anders und so kam es,
+daß ich dem Signor Sperzi statt aller Antwort das anmutige Abenteuer des
+Augenblicks erzählte. Signor Sperzi wußte mir mehr von meiner Schönen zu
+sagen, als ich hatte ahnen können. Er war es, der jedes halbe Jahr von
+einem Handelshause in Augsburg eine ansehnliche Rimesse für eben jene
+Dame erhielt. Sie wurde Angela Benzoni genannt, die Alte aber mit dem
+Namen Frau Magdala Sigrun bezeichnet. Signor Sperzi mußte dagegen dem
+Augsburger Handelshause über das ganze Leben des Mädchens die genaueste
+Nachricht geben, so daß er, da es ihm auch früher obgelegen, ihre ganze
+Erziehung sowie jetzt ihren Haushalt zu leiten, in gewisser Art als ihr
+Vormund anzusehen. Der Bankier hielt das Mädchen für die Frucht eines
+verbotenen Verhältnisses unter Personen des vornehmsten Standes. -- Ich
+bezeigte dem Signor Sperzi meine Verwunderung darüber, daß man ein
+solches Kleinod einem so zweideutigen Weibe anvertraue, als die Alte
+sei, die sich in schmutzigen zerlumpten Zigeunerkleidern auf den Straßen
+herumtreibe und vielleicht gar die Kupplerin spielen wollte. Der Bankier
+versicherte dagegen, daß es keine treuere sorgsamere Pflegerin gebe, als
+die Alte, die mit dem Mädchen hergekommen, als es erst zwei Jahre alt
+gewesen. Daß die Alte sich zuweilen als Zigeunerin vermumme, sei eine
+wunderliche Grille, die man ihr wohl in diesem Lande der Maskenfreiheit
+nachsehen könne. -- Ich darf, ich muß kurz sein. Die Alte suchte mich
+bald auf in ihrem Zigeunerhabit und führte mich selbst zu Angela, die
+mir in holder jungfräulicher Scham hocherrötend ihre Liebe gestand. Noch
+immer hatte ich in meinem verirrten Wesen geglaubt, die Alte sei eine
+ruchlose Nährerin der Sünde, aber bald wurde ich des Gegenteils
+überführt. Angela war keusch und rein wie Schnee, und da wo ich sündhaft
+zu schwelgen gedachte, lernte ich an eine Tugend glauben, die ich
+freilich jetzt für ein höllisches Blendwerk des Teufels erkennen muß. In
+eben dem Grade als meine Leidenschaft höher und höher stieg, neigte ich
+mich auch mehr und mehr der Alten hin, die mir unaufhörlich in die Ohren
+raunte, daß ich mich mit Angela vermählen solle. Müßte dies auch zur
+Zeit heimlich geschehen so komme doch wohl der Tag, an dem ich
+öffentlich der Gemahlin das fürstliche Diadem auf die Stirn drücken
+werde. -- Angelas Geburt sei der meinigen gleich.
+
+-- Wir wurden in einer Kapelle der Kirche San Filippo getraut. -- Ich
+glaubte den Himmel gefunden zu haben, ich entzog mich allen
+Verbindungen, ich gab den Dienst auf, man sah mich nicht mehr in jenen
+Kreisen, in denen ich sonst frevelnd allen Lüsten gefrönt. -- Eben diese
+veränderte Lebensweise verriet mich. Jene Tänzerin, von der ich mich
+losgesagt, forschte aus, wohin ich mich jeden Abend begab, und ahnend,
+daß daraus sich vielleicht der Keim ihrer Rache entwickeln könne,
+entdeckte sie meinem Bruder das Geheimnis meiner Liebe. -- Mein Bruder
+schlich mir nach, überraschte mich in Angela's Armen. -- Mit einer
+scherzhaften Wendung entschuldigte Hektor seine Zudringlichkeit und
+machte mir Vorwürfe daß ich gar zu selbstsüchtig, ihm nicht einmal das
+Vertrauen eines aufrichtigen Freundes geschenkt; doch ich merkte nur zu
+deutlich, wie betroffen er war über Angela's hohe Schönheit. Der Funke
+war gefallen, die Flamme der wütendsten Leidenschaft angefacht in seinem
+Innern. -- Er kam oft, wiewohl nur in den Stunden, wenn er mich zu
+finden wußte. -- Ich glaubte zu bemerken, daß Hektors wahnsinnige Liebe
+erwidert wurde, und alle Furien der Eifersucht zerfleischten meine
+Brust. -- Da war ich dem Graus der Hölle verfallen! -- Einst, als ich
+eintrat in Angelas Gemach, glaubte ich Hektors Stimme im Nebenzimmer zu
+vernehmen. -- Den Tod im Herzen blieb ich eingewurzelt stehen. Doch
+plötzlich stürzte Hektor aus dem Nebengemach hinein mit glutrotem
+Antlitz und wildrollenden Augen wie ein Rasender. Verdammter, du sollst
+mir fernerhin nicht in den Weg treten! so rief er schäumend vor Wut und
+stieß mir den Dolch, den er schnell hervorgezogen, in die Brust bis an
+das Heft. -- Der herbeigerufene Chirurgus fand, daß der Stoß durch das
+Herz gegangen. -- Die Hochgebenedeite hat mich gewürdigt, mir das Leben
+wieder zu schenken durch ein Mirakel. --
+
+Die letzten Worte sprach der Mönch mit leiser zitternder Stimme, und
+schien dann in trübes Sinnen verloren.
+
+Und was wurde aus Angela? fragte Kreisler.
+
+Als der Mörder die Früchte seiner Greueltat genießen wollte, erwiderte
+der Mönch mit hohler, geisterartiger Stimme, da erfaßte die Geliebte der
+Todeskrampf und sie verschied in seinen Armen. -- Gift. --
+
+Dies Wort gesprochen, fiel der Mönch nieder aufs Gesicht und röchelte
+wie ein Sterbender. -- Kreisler setzte durch die Glocke, die er anzog,
+das Kloster in Bewegung. Man eilte herbei und schaffte den ohnmächtigen
+Cyprianus in den Krankensaal.
+
+Kreisler fand am andern Morgen den Abt in ganz besonders heitrer Laune.
+-- Ha ha, mein Johannes, rief er ihm entgegen, Ihr wollt an kein Mirakel
+der neuesten Zeit glauben, und Ihr habt gestern in der Kirche selbst das
+wunderbarste Mirakel bewirkt, das es nur geben mag. -- Sagt, was habt
+Ihr mit unserm stolzen Heiligen gemacht, der daliegt wie ein reuiger
+zerknirschter Sünder und uns alle in kindischer Todesangst höchlich um
+Verzeihung gebeten hat, daß er sich über uns erheben wollen! -- Habt Ihr
+ihn, der von Euch nun Beichte verlangte, vielleicht selbst beichten
+lassen? --
+
+Kreisler fand gar keine Ursache, auch nur das mindeste von dem zu
+verschweigen, was sich mit ihm und dem Mönch Cyprianus begeben. Er
+erzählte daher umständlich alles, von der freimütigen Strafpredigt an,
+die er dem einbildischen Mönch gehalten, als er die heilige Tonkunst
+herabgewürdigt, bis auf den schrecklichen Zustand, in den er verfallen,
+als er das Wort: Gift! ausgesprochen. Dann erklärte Kreisler, daß er
+eigentlich doch noch immer nicht wisse, warum das Bild, habe sich auch
+Prinz Hektor davor entsetzt, gleiche Wirkung auf den Mönch Cyprianus
+hervorgebracht. Ebenso sei er darüber noch ganz im Dunkeln geblieben,
+auf welche Weise Meister Abraham in jene grauenvolle Begebenheiten
+verflochten.
+
+In der Tat, mein lieber Sohn Johannes, sprach der Abt anmutig lächelnd,
+wir stehen jetzt ganz anders gegenüber, als noch vor wenigen Stunden.
+Ein standhaftes Gemüt, ein fester Sinn, vorzüglich aber wohl ein tiefes
+richtiges Gefühl, das wie eine wunderbar wahrsagende Erkenntnis in
+unserer Brust verborgen, richtet vereint mehr aus, als der schärfste
+Verstand, der geübteste alles scheidende Blick. Du hast es bewiesen,
+mein Johannes, indem Du die Waffe, die man Dir in die Hand gab, ohne
+Dich ganz über ihre Wirkung zu belehren, so geschickt in dem richtigen
+Moment zu gebrauchen wußtest, daß Du auf der Stelle den Feind zu Boden
+schlugst, den vielleicht der durchdachteste Plan nicht so leicht aus dem
+Felde getrieben haben würde. Ohne es zu wissen, hast Du mir, dem
+Kloster, vielleicht auch der Kirche überhaupt, einen Dienst erwiesen,
+dessen ersprießliche Folgen nicht zu übersehen sind. Ich will, ich darf
+jetzt gegen Dich ganz aufrichtig sein, ich wende mich ab von denen, die
+mir Falsches vorspiegeln wollten zu Deinem Nachteil, Du kannst auf mich
+rechnen, Johannes! -- Daß der schönste Wunsch, der in Deiner Brust ruht,
+erfüllt werde, dafür laß mich sorgen! Deine Cäcilia, Du weißt, welches
+holde Wesen ich meine -- doch still jetzt davon! -- Das was Du noch von
+jener entsetzlichen Begebenheit in Neapel zu wissen verlangst, ist mit
+wenigen Worten gesagt. -- Fürs erste hat es unserm würdigen Bruder
+Cyprianus beliebt, in seiner Erzählung einen kleinen Umstand zu
+übergehen. -- Angela starb an dem Gift, das er ihr beigebracht in dem
+höllischen Wahnsinn der Eifersucht. -- Meister Abraham befand sich
+damals in Neapel unter dem Namen Severino. Er glaubte Spuren seiner
+verlornen Chiara zu finden, und fand sie wirklich, da ihm jene alte
+Zigeunerin in den Weg kam, Magdala Sigrun geheißen, die Du schon kennst.
+An den Meister wandte sich die Alte, als das Schrecklichste geschehen,
+und ihm vertraute sie, ehe sie Neapel verließ jenes Bildnis, dessen
+Geheimnisse Du noch nicht kennst. Drücke den stählernen Knopf an dem
+Rande, dann springt Antonio's Bildnis, das nur an einer Kapsel zum
+Deckel dient auf, und Du erblickst nicht allein Angela's Bildnis,
+sondern Dir fallen auch noch ein paar Blättchen in die Hände, die von
+der äußersten Wichtigkeit sind, da sie Dir den Beweis des doppelten
+Mordes liefern. -- Du siehst nun, warum Dein Talisman so kraftvoll
+wirkt. -- Meister Abraham soll noch mit dem Bruderpaar in mancherlei
+Berührung gekommen sein, doch davon wird er Dir selbst noch besser
+erzählen können als ich. -- Laß uns jetzt hören, Johannes, wie es mit
+dem kranken Bruder Cyprianus steht. --
+
+Und das Mirakel? So fragte Kreisler, indem er den Blick auf die Stelle
+der Wand über dem kleinen Altar warf, wo er selbst mit dem Abt das Bild,
+dessen sich der geneigte Leser wohl noch erinnert, befestigt hatte.
+Nicht wenig verwunderte er sich aber, als er statt dieses Bildes wieder
+Leonardo da Vinci's heilige Familie erblickte, die ihren alten Platz
+eingenommen. -- Und das Mirakel? -- fragte Kreisler zum zweiten Mal. Ihr
+meint das schöne Bild, erwiderte der Abt mit seltsamem Blick, welches
+sonst hier aufgehängt war? -- Ich habe es unterdessen in dem Krankensaal
+aufstellen lassen. Vielleicht stärkt der Anblick unsern armen Bruder
+Cyprianus, vielleicht hilft ihm die Hochgebenedeite zum zweiten Mal. --
+
+Kreisler fand auf seinem Zimmer ein Schreiben des Meisters Abraham, des
+Inhalts:
+
+ Mein Johannes!
+
+Auf! auf! -- verlaßt die Abtei, eilt her so schnell Ihr könnt! -- Der
+Teufel hat hier zu seiner Lust eine ganz besondere Hetzjagd angestellt!
+-- Mündlich mehr, das Schreiben wird mir blutsauer, denn es steckt mir
+alles im Halse und droht mich zu ersticken. Von mir, von dem
+Hoffnungsstern, der mir aufgegangen, nicht ein Wort! Nur so viel in
+aller Eil. -- Die Rätin Benzon findet Ihr nicht mehr, wohl aber die
+Reichsgräfin von Eschenau. Das Diplom aus Wien ist angekommen und die
+künftige Heirat Julias mit dem würdigen Prinzen Ignaz so gut wie
+erklärt. Fürst Irenäus beschäftigt sich mit der Idee des neuen Throns,
+auf dem er sitzen wird als regierender Herr. Die Benzon, oder vielmehr
+die Gräfin von Eschenau hat ihm das versprochen. Prinz Hektor hat
+indessen Versteckens gespielt, bis er nun wirklich fort mußte zur Armee.
+-- Bald kehrt er wieder und dann soll eine Doppelhochzeit gefeiert
+werden. -- Es wird lustig sein. Die Trompeter spülen sich schon die
+Gurgeln aus, die Fiedler schmieren die Bogen, die Lichtzieher in
+Sieghartsweiler gießen die Fackeln -- aber? -- Nächstens ist der
+Namenstag der Fürstin, da unternehm ich Großes aber Ihr müßt hier sein.
+Kommt nur lieber gleich auf der Stelle, wenn Ihr dies gelesen habt!
+Lauft was Ihr könnt! Bald seh' ich Euch. -- Apropos! Nehmt Euch vor den
+Pfaffen in acht, aber den Abt lieb' ich sehr. -- Adieu!
+
+So kurz und so inhaltsreich war dies Brieflein des alten Meisters,
+daß --
+
+
+
+
+Nachschrift des Herausgebers.
+
+
+Am Schluß des zweiten Bandes ist der Herausgeber genötigt, dem geneigten
+Leser eine sehr betrübte Nachricht mitzuteilen. -- Den klugen,
+wohlunterrichteten philosophischen, dichterischen Kater Murr hat der
+bittre Tod dahingerafft mitten in seiner schönen Laufbahn. Er schied in
+der Nacht vom neunundzwanzigsten bis zum dreißigsten November nach
+kurzen aber schweren Leiden mit der Ruhe und Fassung eines Weisen dahin.
+-- So gibt es wieder einen Beweis, daß es mit den frühreifen Genies
+immer nicht recht fort will; entweder sie steigen in einem Antiklimax
+hinab zur charakter- und geistlosen Gleichgültigkeit und verlieren sich
+in der Masse, oder sie bringen es in Jahren nicht hoch. -- Armer Murr!
+der Tod deines Freundes Muzius war der Vorbote deines eignen, und soll't
+ich dir den Trauersermon halten, er würde mir ganz anders aus dem Herzen
+kommen als dem teilnahmelosen Hinzmann; denn ich habe dich lieb gehabt
+und lieber als manchen -- Nun! -- schlafe wohl -- Friede deiner Asche!
+--
+
+Schlimm ist es, daß der Verblichene seine Lebens-Ansichten nicht geendet
+hat, die also Fragment bleiben müssen. Dagegen haben sich in den
+nachgelassenen Papieren des verewigten Katers noch so manche Reflexionen
+und Bemerkungen gefunden, die er in der Zeit aufgeschrieben zu haben
+scheint, als er sich bei dem Kapellmeister Kreisler befand. Ferner war
+aber auch noch ein guter Teil des von dem Kater zerrissenen Buches
+vorhanden, welches Kreislers Biographie enthält.
+
+Der Herausgeber findet es daher der Sache nicht unangemessen, wenn er in
+einem dritten Bande, der zur Ostermesse erscheinen soll, dies von
+Kreislers Biographie noch Vorgefundene den geneigten Lesern mitteilt und
+nur hin und wieder an schicklichen Stellen das einschiebt, was von jenen
+Bemerkungen und Reflexionen des Katers der weitern Mitteilung wert
+erscheint.
+
+
+
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
+steht.
+
+ Du faselst, sprach Kreisler, Meister Abraham! du weißt, daß ich Katzen
+ Du faselst, sprach Kreisler, Meister Abraham! Du weißt, daß ich Katzen
+
+ Landstädchens Sieghartsweiler abgestiegen ist, hat sogleich von dem
+ Landstädtchens Sieghartsweiler abgestiegen ist, hat sogleich von dem
+
+ meine rechte Pfote zuzureißen und zu aptieren, als mir plötzlich in
+ meine rechte Pfote zuzureißen und zu adaptieren, als mir plötzlich in
+
+ Halse, der uns mit seinen Satansstkünen alle ins Verderben stürzt. Der
+ Halse, der uns mit seinen Satanskünsten alle ins Verderben stürzt. Der
+
+ dem Naschen? -- Ja, mein Herr, ich habe genascht, ier die trefflichsten
+ dem Naschen? -- Ja, mein Herr, ich habe genascht, hier die trefflichsten
+
+ -- O Gott, könnt' ich nur was weniges hexen, könnt ich nur _subito_
+ -- O Gott, könnt' ich nur was weniges hexen, könnt' ich nur _subito_
+
+ Augenblick, da ich, gepeischt von meinem Dämon, fortrennen wollte, mich
+ Augenblick, da ich, gepeitscht von meinem Dämon, fortrennen wollte, mich
+
+ ungemein wohl tun werde, lief er voller Enthusiamus von dannen.
+ ungemein wohl tun werde, lief er voller Enthusiasmus von dannen.
+
+ Rücksicht auf Ihre Individualität, die ja niemanden anders als eben den
+ Rücksicht auf ihre Individualität, die ja niemanden anders als eben den
+
+ genug begab es sich aber, daß Herr Liskov ganz genau so aussah, wie der
+ genug begab es sich aber, daß Herr Liscov ganz genau so aussah, wie der
+
+ sehen. Liskovs seltsames Instrument hatte einen Ton, dessen Stärke und
+ sehen. Liscovs seltsames Instrument hatte einen Ton, dessen Stärke und
+
+ »Ich seh es wohl ein, (so begann ich die Unterredung) daß du, geliebter
+ »Ich seh' es wohl ein, (so begann ich die Unterredung) daß du, geliebter
+
+ sprechen, zu antworten, daß Gespräch fortzuführen, daß man zuweilen
+ sprechen, zu antworten, das Gespräch fortzuführen, daß man zuweilen
+
+ leidenschaftliche Rezitativ der Klytämnestra aus Gluck's Iphigenia in
+ leidenschaftliche Rezitativ der Klytämnestra aus Glucks Iphigenia in
+
+ pragmatischer Authentizität, mag ich garnicht denken, sondern Sie, mein
+ pragmatischer Authentizität, mag ich gar nicht denken, sondern Sie, mein
+
+ O, sprach Lothario mit unterdrückter Wut, ich seh es kommen, daß
+ O, sprach Lothario mit unterdrückter Wut, ich seh' es kommen, daß
+
+ Halt, sprach der Ernste, mein Liebster, ereifern sie sich nicht.
+ Halt, sprach der Ernste, mein Liebster, ereifern Sie sich nicht.
+
+ Aufenthalt weit und breit, als unser Sieghartshof! sprach Hedwiga
+ Aufenthalt weit und breit, als unser Sieghartshof?« sprach Hedwiga
+
+ die am späten Abend sich blos mit Champagner, als einem dienlichen Gas,
+ die am späten Abend sich bloß mit Champagner, als einem dienlichen Gas,
+
+ salue Monsieur de Krösel_ sprach der Fürst, als er Kreisler erblickte.
+ salue Monsieur de Krösel«_ sprach der Fürst, als er Kreisler erblickte.
+
+ fahren pflegte, hielt, der Jäger öffnete den Schlag und fragte obs
+ fahren pflegte, hielt, der Jäger öffnete den Schlag und fragte ob's
+
+ zusammengezogenen Augenbraunen mich anstarrte, war furchtbar, alle
+ zusammengezogenen Augenbrauen mich anstarrte, war furchtbar, alle
+
+ mich durch, und erkannte Severino, den man eben aufhub und ins nächste
+ mich durch, und erkannte Severino, den man eben aufhob und ins nächste
+
+ nur rücksichts unseres psychischen Organism bemerken, daß sich auch
+ nur rücksichts unseres psychischen Organismus bemerken, daß sich auch
+
+ Ich wollte sie voll Inbrunst umpfoten, da sprangen aber mit teuflichem
+ Ich wollte sie voll Inbrunst umpfoten, da sprangen aber mit teuflischem
+
+ überall hervor! Und dabei zerschnitt der herbe Liebesschmerz Mein nur zu
+ überall hervor! Und dabei zerschnitt der herbe Liebesschmerz mein nur zu
+
+ schlich ich still und wild, gespannt mein Feuerrohr --
+ schlich ich still und wild, gespannt mein Feuerrohr --«
+
+ des Sieges Preis. -- Armer! mit verhüllten Augen Floh die scheue Katz
+ des Sieges Preis. -- Armer! mit verhüllten Augen floh die scheue Katz
+
+ erwiderte die Kleine süß lispelnd in holder Verschämheit, und setzte
+ erwiderte die Kleine süß lispelnd in holder Verschämtheit, und setzte
+
+ Prinzessin umarmte sie auf's Neue und rief: »Meine liebe, liebe Julia,
+ Prinzessin umarmte sie auf's Neue und rief: »Meine liebe, liebe Julia«,
+
+ erschrocken entgegen. Ach Mutter«, sprach Julie ganz trostlos, ach
+ erschrocken entgegen. »Ach Mutter«, sprach Julie ganz trostlos, »ach
+
+ wenns dir gefällig! -- Das war mir recht. -- Wir stimmten nun gleich
+ wenn's dir gefällig! -- Das war mir recht. -- Wir stimmten nun gleich
+
+ so kann das geschehen. -- Ich kannte den jungen, schwarz gekleideten
+ so kann das geschehen.« -- Ich kannte den jungen, schwarz gekleideten
+
+ die süße Gattin, treu und hold sonst, sie konnte, hölli'schen Trugs voll,
+ die süße Gattin, treu und hold sonst, sie konnte, höllischen Trugs voll,
+
+ Seele, diese Ruhe scheint mir bedrohlicher, als der wütendste Sturm, Es
+ Seele, diese Ruhe scheint mir bedrohlicher, als der wütendste Sturm. Es
+
+ bestialischer Verräter, auf meinen Nebenbuhler grimmig los. Der aber,
+ bestialischer Verräter«, auf meinen Nebenbuhler grimmig los. Der aber,
+
+ Nun faßte der Prinz Julia's Arm, und beide schritten dem Fischerhäuschen
+ Nun faßte der Prinz Julias Arm, und beide schritten dem Fischerhäuschen
+
+ singen!« »Mit tausend Freuden, rief Julia und hing sich an Kreisler's
+ singen!« »Mit tausend Freuden, rief Julia und hing sich an Kreislers
+
+ »da Sie mir, Gnädigster! auch nicht ein Wörtlein des Lobes zuwenden
+ »Da Sie mir, Gnädigster! auch nicht ein Wörtlein des Lobes zuwenden
+
+ mit erhobenen Armen und gefaltenen Händen. Ihr vorher trauriges,
+ mit erhobenen Armen und gefalteten Händen. Ihr vorher trauriges,
+
+ sprachen aber der gnädige Herr ganz zornig: Esel warum sagt er das
+ sprachen aber der gnädige Herr ganz zornig: Esel, warum sagt er das
+
+ geheimnisvolles Gesicht.
+ geheimnisvolles Gesicht.«
+
+ »Ein schöner Abend sprach die Rätin, ohne sich umzuwenden. Gewiß,
+ »Ein schöner Abend«, sprach die Rätin, ohne sich umzuwenden. Gewiß,
+
+ sonst den Meister anredete, aufgebend, mein lieber Meister es mir nicht
+ sonst den Meister anredete, aufgebend, mein lieber Meister, es mir nicht
+
+ das alles sagen sollen, was ich nun erfahren habe auf andere Weise und
+ das alles sagen sollen, was ich nun erfahren habe auf andere Weise, und
+
+ begibt, entschuldigen. Erfahren Sie es Meister: ich habe Sie belauscht,
+ begibt, entschuldigen. Erfahren Sie es, Meister: ich habe Sie belauscht,
+
+ Den Meister Abraham erfaßte bei diesen Worten der Benzon ein seltsames
+ Den Meister Abraham erfaßte bei diesen Worten der Benzon ein seltsames,
+
+ hinter Geheimnisse zu kommen, die sie zwar ahnen mochte aber nicht der
+ hinter Geheimnisse zu kommen, die sie zwar ahnen mochte, aber nicht der
+
+ O rief der Meister, o meine Gnädige, es war der rege Geist der
+ O! rief der Meister, o meine Gnädige, es war der rege Geist der
+
+ zu hören, hier wo ein ganz anderer Verdacht sich zu regen schien, ehe
+ zu hören, hier, wo ein ganz anderer Verdacht sich zu regen schien, ehe
+
+ was hat er euch Böses getan, daß Ihr im keine Freistatt, kein Plätzchen
+ was hat er euch Böses getan, daß Ihr ihm keine Freistatt, kein Plätzchen
+
+ die Verzweiflung war, die -- ein Vulkan, -- alle flammende Gluten aus
+ die Verzweiflung war, die -- ein Vulkan, -- alle flammenden Gluten aus
+
+ Der Meister trat in's Zimmer. Ich sprang wie gewöhnlich ihm entgegen,
+ Der Meister trat ins Zimmer. Ich sprang wie gewöhnlich ihm entgegen,
+
+ Ich kehrte in's Zimmer zu meinem Meister zurück und legte mich unter den
+ Ich kehrte ins Zimmer zu meinem Meister zurück und legte mich unter den
+
+ erwiderte er, indem er die Türe öffnete, Recht gerne Murr. Aus dem
+ erwiderte er, indem er die Türe öffnete, Recht gerne, Murr. Aus dem
+
+ -- Endlich nachdem ich bis Mitternacht gewartet, stellte sich Freund
+ -- Endlich, nachdem ich bis Mitternacht gewartet, stellte sich Freund
+
+ »Mein herzlieber Meister!
+ »Mein herzlieber Meister!«
+
+ lachend und kichernd: Ja ja -- Prinzessin Schwester, ganz tot, gerade
+ lachend und kichernd: Ja, ja -- Prinzessin Schwester, ganz tot, gerade
+
+ durch das Herz geschossen. -- »Ja sprach die Prinzessin weiter, indem
+ durch das Herz geschossen. -- »Ja, sprach die Prinzessin weiter, indem
+
+ erkräftigt, ich fühl es. --
+ erkräftigt, ich fühl' es. --
+
+ die Ausforderung erhielt, die auf den Kratz lautete. Ich dachte daran
+ die Ausforderung erhielt, die auf den Kratz lautete. Ich dachte daran,
+
+ und Rache getrieben, ich ihn angriff und wünschte wenigstens die
+ und Rache getrieben, ich ihn angriff, und wünschte wenigstens die
+
+ unter gewissen Umständen sehr geneigt ist zu prügeln und geprügelt zu
+ unter gewissen Umständen sehr geneigt ist, zu prügeln und geprügelt zu
+
+ Redner bei und ich ließ daher dem Bunten durch Muzius sagen: ich nehme
+ Redner bei, und ich ließ daher dem Bunten durch Muzius sagen: ich nehme
+
+ wendend, da Sie mein Bester, durch die bedeutende Wunde an der Pfote
+ wendend, da Sie, mein Bester, durch die bedeutende Wunde an der Pfote
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+ Die Wunden hatten mir einen starken Blutverlust verursacht und mir
+ Die Wunden hatten mir einen starken Blutverlust verursacht, und mir
+
+ nur ruhig und wenn es Zeit ist, daß du die Wunde an der Pfote heil
+ nur ruhig, und wenn es Zeit ist, daß du die Wunde an der Pfote heil
+
+ jede blau oder braunäugigte Hofrats Tochter, und alle Süßigkeit des
+ jede blau- oder braunäugigte Hofrats Tochter, und alle Süßigkeit des
+
+ aus purer Schonung gegen den Meister Araham, daß der mysteriösen Chiara
+ aus purer Schonung gegen den Meister Abraham, daß der mysteriösen Chiara
+
+ Sagt selbst, hocherwürdiger Herr! könnt Ihr Euch eine heilige
+ Sagt selbst, hochehrwürdiger Herr! könnt Ihr Euch eine heilige
+
+ langen Rock hineinvexieren? -- Tuts nicht, Kreisler! -- Mir ist wohl in
+ langen Rock hineinvexieren? -- Tut's nicht, Kreisler! -- Mir ist wohl in
+
+ Ich flieh und Muzius sei gerächt.
+ Ich flieh' und Muzius sei gerächt.
+
+ Denk deiner Weisheit, deiner Taten,
+ Denk' deiner Weisheit, deiner Taten,
+
+ Denk Kater ganz wie du zu sein.
+ Denk' Kater ganz wie du zu sein.
+
+ mit mehreren Witzwörtern und Impromptu's, die ich in müßigen Stunden
+ mit mehreren Witzwörtern und Impromptus, die ich in müßigen Stunden
+
+ rügte: erwiderte: Ist es möglich, daß das Laster Einheit haben kann?
+ rügte, erwiderte: Ist es möglich, daß das Laster Einheit haben kann?
+
+ bis oben heraufgebracht, meine Fackel aus und stellte mich ins Dunkel.
+ bis oben hinaufgebracht, meine Fackel aus und stellte mich ins Dunkel.
+
+ unbekannte Bewohner des Pavillons ist schon Ihr Gefangener
+ unbekannte Bewohner des Pavillons ist schon Ihr Gefangener.
+
+ Ein genialer Kopf wie der meinige hat bei jedem Anlaß, bei jede
+ Ein genialer Kopf wie der meinige hat bei jedem Anlaß, bei jeder
+
+ Abraham Liscow erhalten und erzählte ohne Scheu alles, was sich in
+ Abraham Liscov erhalten und erzählte ohne Scheu alles, was sich in
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+ Am Schluß des zweiten Bandes ist der Herausgeber genötigt dem geneigten
+ Am Schluß des zweiten Bandes ist der Herausgeber genötigt, dem geneigten
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+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LEBENSANSICHTEN DES KATERS MURR***
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
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+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
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+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://www.gutenberg.org/about/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit:
+http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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