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+The Project Gutenberg EBook of Wackenroders »Herzensergießungen eines
+kunstliebenden Klosterbruders« in ihrem Verhältnis zu Vasari., by Dr. Ernst Dessauer
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Wackenroders »Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders« in ihrem Verhältnis zu Vasari.
+
+Author: Dr. Ernst Dessauer
+
+Release Date: January 29, 2012 [EBook #38707]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WACKENRODERS ***
+
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+Produced by Eleni Christofaki, Karl Eichwalder and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+(This book was produced from scanned images of public
+domain material from the Google Print project.)
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+Anmerkungen zur Transkription:
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+Es wurde größte Sorgfalt darauf verwendet den Text originalgetreu zu
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+Liste aller Änderungen befindet sich am Ende des Textes.
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+
+Wackenroders »Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders« in
+ihrem Verhältnis zu Vasari.
+
+Eine literarhistorische Untersuchung
+
+von
+
+Dr. Ernst Dessauer.
+
+=Separatabdruck= aus »Studien zur vergleichenden Literaturgeschichte«
+Bd. VI u. VII.
+
+[Illustration]
+
+BERLIN
+
+Verlag von Alexander Duncker
+
+1907.
+
+
+
+
+Druck von Hugo Wilisch in Chemnitz.
+
+
+
+
+Wackenroders »Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders« in
+ihrem Verhältnis zu Vasari.
+
+Von
+
+=Ernst Dessauer= (Wien).
+
+
+I.[1]
+
+Das Werk des jungen Romantikers, den ein vorzeitiger Tod aus einer früh
+begonnenen, vielversprechenden literarischen Laufbahn riß, vermochte in
+seinen Wirkungen über den kleinen Kreis einer anteilnehmenden
+Freundesschar, der es ursprünglich zugedacht war, hinauszugreifen. 1797
+als kleines unscheinbares Büchlein bei Unger in Berlin erschienen, den
+Namen des Autors, der den väterlichen Zorn fürchtete, verschweigend,
+eroberten sich die »Herzensergießungen« namentlich unter den ausübenden
+Künstlern einen größeren Leserkreis. Der Grund hierfür lag in ihrer
+Tendenz und in ihren Absichten. Eine Schrift, die für die
+Kunstbetrachtung an Stelle strengen Dogmentums die innige Gläubigkeit
+eines hingebenden Gemütes forderte, mußte denen in der Seele haften,
+deren freie Schaffenslust den Druck verzopfter Pedanterie am härtesten
+empfand. Da zudem sich gerade damals der Übergang zur romantischen
+Malerei vollzog und allmählich, besonders unter dem Eindrucke von
+Friedrich [S:4] Schlegels epochemachenden Europa-Aufsätzen, Albrecht
+Dürer und Holbein so hoch in der Schätzung der Kunstliebhaber stiegen,
+als früher nur ein Meister der italienischen Renaissance, reifte die
+Welt nach und nach zum Verständnis des Ideengehaltes von Wackenroders
+Arbeit.
+
+Kurz nach ihrem Erscheinen wurde die Schrift von August W. Schlegel in
+der Jenaer Literaturzeitung (1797, Nr. 46, S. 362) ohne Begeisterung,
+aber mit Wärme begrüßt. Friedrich bewies dem Anfänger sofort große
+Sympatie. In einem Billett an Tieck (Holtei, Briefe an Tieck, III, 311)
+erkundigt er sich nach Wackenroders Wohnung. Einmal ist ihm Wackenroder
+der »liebste aus der ganzen Kunstschule«, und seiner Gewohnheit nach,
+stets nach dem »Zentrum« der Leute zu forschen, findet er Wackenroders
+Überlegenheit vor Tieck in dem größeren Reichtum des Gemütes. So durfte
+Tieck für seine 1814 veranstaltete Neuausgabe von Wackenroders Aufsätzen
+nicht geringere Teilnahme erhoffen als für die »Phantasien über die
+Kunst«, die Nachlese von 1799. Noch uns Heutigen sind die
+»Herzensergießungen« von großem Werte, nicht zuletzt als beredtes
+Zeugnis für die Fortwirkung von Goethes Jugendaufsatz über Erwin von
+Steinbach in Herders Blättern »Von deutscher Art und Kunst«. Hat aber
+ein Schriftsteller Mit- und Nachwelt Teilnahme einzuflößen vermocht, und
+ist ihm eine ausgeprägte Individualität eigen, so heißen wir jede
+Gelegenheit, tiefer in sein Wesen einzudringen, freudig willkommen.
+Hierzu verhilft aber ein Vergleich mit der Quelle, wo eine solche
+besteht, in hohem Maße. Kaum ist etwas so typisch für den Schriftsteller
+als die Art, wie er Gegebenes aufnimmt und verarbeitet, hier
+Ungeeignetes aus fremdem Schatze ablehnt, dort aus Eigenem hinzufügt.
+Auch für diese Skizzen, die sich meist auf der Grenzscheide von
+historischer Darstellung und freier Ausgestaltung bewegen, kann ja Erich
+Schmidts schönes Wort (Lessing^2 II, 381) in Anwendung gebracht werden:
+»Was ein echter Bildner an fremden Motiven aufliest, ist ein Rohstoff
+für den Schmelztiegel der Fantasie und muß mit Metall aus eigenem
+Schachte legiert werden.«
+
+Für Wackenroders »Herzensergießungen« kam in erster Reihe Vasaris[2]
+große Sammlung von Biographien der ausgezeichneten Künstler des alten
+Italien in Betracht.
+
+[S:5] Es ist nun allerdings nur ein Teil der »Herzensergießungen«, für
+den Vasari das Material lieferte. Wir sprechen von jenen sieben
+Abschnitten, die sich mit Einzelheiten aus der Geschichte, des
+Lebensganges oder der Werke verschiedener Künstler beschäftigen, so von
+Raffael, Francesco Francia, Piero di Cosimo, Michelangelo und von
+einigen anderen weniger bedeutenden Malern, die alle in dem Kapitel »Die
+Mahlerchronik« ihren Platz finden. Ein Hinweis auf Vasari findet sich
+dann im »Ehrengedächtnis unseres ehrwürdigen Ahnherrn, Albrecht Dürers«.
+In einem Traumgesicht, das ihm die Maler der Vorzeit bei Betrachtung
+ihrer eigenen Gemälde zeigte, sah der Klosterbruder Dürer und Raffael
+nebeneinander stehen. Kurz darauf liest er im Vasari, daß Raffael und
+Dürer, wiewohl persönlich nicht bekannt, sich gegenseitig durch ihre
+Werke näher gekommen seien, und Raffael Dürers Arbeit mit »Wohlgefallen«
+angesehen und sie seiner Liebe nicht unwert geachtet habe. (Tieck,
+Werke, Wien 1818, IX, 78.) Das alles erzählt Vasari (Teil III, 1, S.
+220) auch tatsächlich. Dürer leitete das Verhältnis ein, indem er
+Raffael sein Selbstporträt sandte, und Raffael beantwortete diese Gabe
+durch eine Reihe von Zeichnungen, die sich bei dem deutschen Meister die
+höchste Achtung erwarben. Nur läßt Vasari nicht in dem Maße wie
+Wackenroder Raffael über Dürer den Vorrang, denn von der etwas
+herablassenden Art der Schätzung, die Raffael nach ihm den Werken des
+älteren Kunstgenossen angedeihen läßt, ist dort keine Spur zu finden, er
+»verwundert« sich über Dürers geniale Begabung und blickt nicht mit
+bloßem »Wohlgefallen« auf seine Erzeugnisse.
+
+Endlich dankt, wie noch genauer auszuführen ist, möglicherweise »der
+Schüler und Raffael« Vasari mit einer Anregung.
+
+Andere Kapitel, wie »Allgemeinheit, Toleranz und Menschenliebe in der
+Kunst«, »Von zwey wunderbaren Sprachen und deren geheimnisvollen Kraft«
+sind neben jenen Partien, die Tieck angehören, Fantasien in freier
+Gedankenfolge; die »Schilderung wie die alten deutschen Künstler gelebt
+haben«, wo wieder Geschichtliches zutage tritt, folgt einer anderen
+Quelle, der Dürerbiographie von Joachim Sandrard. Aber auch in den
+erstgenannten Aufsätzen lassen sich hin und wieder Einzelheiten nicht
+aus Vasari belegen.
+
+Die Berglinger-Aufsätze gehören zum größten Teil den »Fantasien« an; nur
+die Figur und die Lebensschicksale des frommen Schwärmers werden schon
+in den »Herzensergießungen« eingeführt.
+
+[S:6] Außer jener flüchtigen Bemerkung im »Ehrengedächtnis« nennt uns
+Wackenroder selbst Vasari noch viermal als Quelle, und zwar zu Francesco
+Francia, zu Piero di Cosimo, zu Michelangelo Buonarotti, endlich als
+Hauptquelle für die »Mahlerchronik«. (Die entsprechenden Stellen a. a.
+O. S. 27, 95, 104, 116.) Ebenso verweisen auch literar-historische
+Darstellungen auf Vasaris Werk als maßgebendste Quelle (Haym,
+Romantische Schule S. 122, 130. Minor, D. N. L. CXLV, S. V der
+Einleitung).
+
+Wann Wackenroders Beschäftigung mit Vasari begann, können wir vorderhand
+nicht ermitteln, soviel scheinen aber die Briefe, die Wackenroder,
+damals noch auf der Schulbank, an den fernen Jugendfreund richtete,
+merken zu lassen, daß Wackenroder für Musik und Poesie früher Interesse
+faßte, als für bildende Kunst. Wir danken den Briefen (Holtei, Briefe an
+Tieck, Bd. IV) eine Reihe anziehender Bemerkungen über neue
+Literaturerscheinungen, oder (S. 173) sehr bedeutsame Aufschlüsse über
+Wackenroders musikalische Empfindungsweise. Aber gerade jener Kunst, für
+die der Autor der »Herzensergießungen« so tiefes Verständnis zeigen
+sollte, ist hier noch recht selten gedacht. Daß ihm freilich der Sinn
+für Malerei und Plastik schon damals keineswegs mangelte, zeigen auch
+jene wenigen Bemerkungen. Einmal verletzte z. B. eine Statue ohne Kopf,
+die er im Parke gesehen hatte, sein künstlerisches Feingefühl (a. a. O.
+S. 183), und für seine geistige Entwicklungsgeschichte ist es nicht
+unwesentlich, daß er damals noch einer ziemlich einseitigen Vorliebe für
+die Antike huldigte. Dem Architekten Golly wird (a. a. O. S. 259) sein
+verzehrender Entusiasmus für griechische Simplizität nachgerühmt, und
+derselbe Mann, der später an verschiedenen Kunstrichtungen gerade die
+Verschiedenheit lobenswert fand, fürchtet durch die Betrachtung der
+Götter Skandinaviens den Sinn für ein sanftes griechisches Profil zu
+verlieren (S. 176). Er scheint damals noch wenig mit Werken der
+bildenden Kunst in Berührung gekommen zu sein. Die Dresdner Galerie sah
+er allerdings schon 1792 auf einer Durchreise, während Tieck (a. a. O.
+IX, S. IX) erst von dem zweiten Dresdner Besuche 1796 spricht.
+Wahrscheinlich dürfte erst Fiorillo, Professor an der Universität in
+Göttingen, der nach Tiecks Mitteilungen (a. a. O. S. IX) dem
+wißbegierigen jungen Studenten sehr freundlich entgegenkam, hier
+entscheidend gewirkt haben.
+
+Wackenroder befestigte sein durch den Besuch Nürnbergs und [S:7] der
+Pommersfeldischen Galerie im Bambergischen gewecktes Kunstinteresse in
+Vorlesungen über Kunstgeschichte, die er bei Fiorillo hörte (vgl. dessen
+Geschichte der zeichnenden Künste IV, 83), und exzerpierte fleißig aus
+Büchern der Privatbibliothek seines Mentors. Zudem hegte Fiorillo für
+Vasari eine nicht unbedeutende Teilnahme; er war bemüht, den Chronisten
+von dem Vorwurfe historischer Ungenauigkeit zu reinigen. In einem
+Aufsatze seiner »Schriften artistischen Inhalts« erhebt er für Vasaris
+Verläßlichkeit seine Stimme (S. 83 ff.); in einem anderen (S. 99 ff.)
+führte er eine literarisch-kritische Untersuchung über die verschiedenen
+Ausgaben des Vasari.
+
+Versuchen wir nun annähernd festzustellen, welche von diesen Ausgaben
+Wackenroder benützt haben konnte.
+
+Eine sichere Entscheidung zu treffen ist leider unmöglich. Zwei
+Hauptgruppen sind hier zu unterscheiden. Die erste ist bloß durch die
+einzige Urausgabe (Florenz 1550) vertreten, die andere durch eine
+zweite, wesentlich verbesserte Ausgabe von 1568 (ebenfalls in Florenz
+erschienen) mit mehreren Nachdrucken; der Bologneser Ausgabe von 1647,
+der römischen Ausgabe (ed. Bottari) von 1759, der neuen florentinischen
+Ausgabe von 1767-72, endlich der Ausgabe von Siena 1797. Diese Ausgaben
+sind, wie Schorn (Übersetzung des Vasari I, S. IX der Einleitung)
+bestätigt, im Text von der Edition von 1568 nicht verschieden, sie sind
+nur von der römischen Ausgabe 1759 an durch historische Zusätze und
+Berichtigungen vermehrt. Die erste Ausgabe 1550 bezeichnet Fiorillo als
+eine große Seltenheit an italienischen Bibliotheken, aber doch kommt sie
+sogar in Deutschland vor. Die Göttinger Universitätsbibliothek, die
+allenfalls für Wackenroder in Betracht kommt, besitzt ein solches
+Exemplar, das ich selbst für diese Untersuchung benützen durfte. So
+hätte Wackenroder trotz Fiorillos Bemerkung die Ausgabe von 1550 seinen
+Aufsätzen zugrunde legen können. Eine Tatsache spricht allerdings für
+die Benutzung der _zweiten_ Ausgabe. Von dem von Piero di Cosimo
+angeordneten und für seine Eigenart so bezeichnenden Festzug, der bei
+Wackenroder, wie es sich von selbst versteht, keineswegs ignoriert
+wurde, ist in der ersten Ausgabe noch keine Rede, während er in der
+zweiten bereits eine recht eingehende Schilderung erhält. Ein
+unmittelbarer Grund dafür, daß trotz dieser Tatsache die erste Ausgabe
+benützt wurde, bietet sich nicht dar, denn für den größten Teil des
+Materials, das Wackenroder dem Vasari entlehnte, [S:8] ist eine
+Entscheidung unmöglich, da die Angaben beider Editionen genau
+übereinstimmen.
+
+Schlechter sind wir daran, wenn wir nun aus der Reihe der Drucke, die
+von der zweiten Ausgabe veranstaltet wurden, einen für Wackenroder als
+Grundlage bezeichnen wollen. Ein Kriterium können, da nun der Text
+unverändert bleibt, nur die Anmerkungen liefern, die von der römischen
+Ausgabe an das Werk begleiten. Fiorillo, an dessen Ratschläge wir doch
+immer denken müssen, zog die Ausgabe Bottaris der florentinischen von
+1767-72 vor; er nennt (Schriften artistischen Inhalts S. 128) die
+Zusätze »sparsam und höchst unbedeutend« und lobt endlich die römische
+wegen des guten Registers und des vortrefflichen Druckes. Auch der
+Katalog von Tiecks Privatbibliothek verzeichnet (S. 299) nebst einer
+weit späteren Ausgabe (Mailand 1807-11) diese Edition. Dennoch halte ich
+die Benützung dieser Ausgabe für sehr unwahrscheinlich, glaube vielmehr,
+daß Wackenroder die florentinische oder, was noch möglicher ist, die
+Ausgabe von 1797, über deren Güte sich Fiorillo nicht eigentlich
+äußerte, vorlag.
+
+Im Leben des Spinello (a. a. O. I, 342) erwähnt er, daß das letzte Werk
+des Meisters noch an der ursprünglichen Stelle zu finden sei, verwertet
+also eine Bemerkung, die vor der florentinischen Ausgabe nirgends, dort
+aber (S. 497) mit dem Beisatz »Nota della presente edizione« zu lesen
+ist. Ein anderer Anhaltspunkt ist leider nicht zu gewinnen.
+
+Wer nun mit Wackenroders »Herzensergießungen« die Lebensbeschreibungen
+Vasaris vergleicht, darf niemals vergessen, daß beide Verfasser
+grundverschiedene Wege wandeln. Vasaris umfangreiches Werk schildert
+eingehend Punkt für Punkt Leben und Schaffen eines Künstlers nach
+chronologischer Reihenfolge. Wackenroder sucht sich einen oder den
+anderen aus der Menge heraus, der seine Teilnahme besonders weckte, um
+ihn entweder als Vertreter ganz bestimmter Charaktereigenschaften
+hinzustellen, also etwa die harmonische Verbindung von Genie und
+Arbeitskraft bei Lionardo, oder die Absonderlichkeiten des Piero di
+Cosimo zu zeigen, oder durch wunderbare Begebenheiten aus dem Leben
+einzelner Künstler, die Vasari biographisch vorführte, das stete Walten
+der Gottheit über der Kunst und ihren Jüngern deutlich zu machen. Führte
+er solche Anekdoten ein, so ist er nicht wie Vasari bemüht, durch
+Einschränkungen wie [S:9] »man sagt« oder »man erzählt sich«,
+Geschichtliches und Unverbürgtes zu scheiden, gleich apodiktisch lautet
+sein Bericht, mag es sich um die natürlichste Begebenheit oder die
+seltsamste Wundergeschichte handeln. Durch das Ganze zieht sich als
+roter Faden der stets wiederholte Gedanke, man dürfe sich nicht anmaßen,
+auf dem Wege begrifflicher Konstruktion in die Geheimnisse des
+Kunstschaffens eindringen zu wollen. Hierin berühren sich alle die
+Aufsätze oft recht verschiedenen Inhalts, während, wie auch Minor (a. a.
+O. S. V der Einleitung) hervorhebt, die »Herzensergießungen« als
+eigentlich theoretische Schrift nicht bezeichnet werden können.
+Wackenroder sieht im Gegenteil die rationalistischen Ästhetiker in
+schwere Widersprüche verwickelt, da sie doch selbst die künstlerische
+Eingebung dem Dunklen und Geheimnisvollen zuwiesen und doch glaubten,
+das »Wie« zu wissen: »denn es scheint, als würden sie sich schämen; wenn
+irgend etwas in der Seele des Menschen versteckt und verborgen liegen
+sollte, worüber sie wißbegierigen jungen Leuten nicht Auskunft geben
+könnten« (a. a. O. S. 12).
+
+Eigentliche Biographien zu schreiben, lag Wackenroder fern, wo er dazu
+Ansätze macht, wie bei Francesco Francia, entlehnt er dem Vasari nur die
+wesentlichsten Hauptpunkte des Lebens und vermeidet es durchaus,
+unbedeutende oder mit dem Zweck des Kapitels außer Zusammenhang stehende
+Werke, die Vasari als gewissenhafter Chronist anführt und beschreibt,
+seiner Charakteristik einzufügen. Einzelne Kunstwerke werden bei
+Wackenroder überhaupt selten näher gewürdigt, bei Lionardo z. B. erwähnt
+er das »Heilige Abendmahl«, da es das berühmteste Gemälde des Meisters
+sei, und bezeichnenderweise wird das Porträt der schönen Monna Lisa nur
+einer feinen Intelligenzprobe wegen, die Lionardo bei der Arbeit
+ablegte, besprochen. Auch läßt sich Wackenroder in keine breiten
+Detailschilderungen ein, wo nicht irgend ein individueller Zug an dem
+betreffenden Künstler sichtbar wird. Die Festzüge, die Piero di Cosimo
+zur Unterhaltung der jungen Florentiner veranstaltete, werden bei
+Wackenroder im Gegensatze zu Vasari ganz kurz abgetan, während er aufs
+eifrigste bemüht ist, von jenem Maskenzuge, der nur von einem so
+originellen Kopfe wie Piero di Cosimo erdacht werden konnte, ein
+deutliches Bild zu geben. Die Tatsachen, die Wackenroder dem Vasari
+abborgt, versteht er immer besser zu gliedern und einzuordnen; bei
+Vasari kommt es nicht selten vor, [S:10] daß eine Mitteilung, die
+früheren Berichten zuzuweisen war, erst später nachgetragen wird, ein
+Mangel an Übersicht, den Wackenroder namentlich in seiner Charakteristik
+Piero di Cosimos trefflich behoben hat.
+
+Vasari verbirgt, den Pflichten des Historikers getreu, auch bei den
+hervorragendsten Meistern trotz aller Bewunderung für ihre Größe
+keineswegs gewisse Charakterschwächen. Wenn von den Eigentümlichkeiten
+der Lebensweise Piero di Cosimos die Rede ist, so scheut er sich nicht,
+das Benehmen dieses Künstlers mit dem einer »Bestie« zu vergleichen.
+Wackenroder, den seine freie Darstellungsform solcher Rücksicht auf ein
+historisch vollkommenes Gemälde überhob, ist nicht geneigt, irgendwie
+gegen die Künstler Antipatie zu erwecken, er läßt derlei Bemerkungen
+ganz weg oder vermeidet wenigstens ähnlich drastische Ausdrücke, wie sie
+Vasari anwendet. Aus demselben Grunde mochte er, wo ein Künstler, wie
+etwa Cosimo oder Lionardo im Verdachte religiösen Unglaubens stand, der
+Frage einfach ausgewichen sein. Wo es sich aber um Fälle handelt, die
+Ruhm und Bedeutung der Maler augenscheinlicher machen, ist er eher
+geneigt, ein wenig zu übertreiben. Am auffälligsten tritt dies in dem
+»merkwürdigen Tode des Francesco Francia« zutage, wo Wackenroder die
+Verbreitung von Francias Werken, ohne durch Angaben seiner Quelle dazu
+berechtigt zu sein, durch die Behauptung zu charakterisieren sucht,
+keine Stadt hätte es sich wollen nachsagen lassen, daß sie nicht
+wenigstens eine Probe seiner Arbeit besitze.
+
+Sehr auffällig hätte sich Wackenroder von Vasari unterschieden, würde er
+sich dazu verstanden haben, eine größere Zahl einzelner Kunstwerke zu
+beschreiben. Vasari besitzt noch sehr geringe Fähigkeiten zu
+kunsthistorischer Charakteristik. Was Wackenroder in der Einleitung der
+»Zwey Gemäldeschilderungen« mit Unrecht von einer Beschreibung forderte,
+nur in allgemeinen Worten eine Vorstellung von der Bedeutung des
+Kunstwerkes zu geben, da bei tieferem Eindringen nur die bloße
+Einbildung maßgebend sei, tut gewöhnlich Vasari. Sehr oft hören wir ohne
+nähere Individualisierung, ein Gemälde sei so schön und prächtig
+gewesen, daß man sich nichts Höheres vergegenwärtigen könne. Das bringt
+zudem arge Übertreibungen, wie sie sich Wackenroder niemals erlaubte.
+Niemand ist über den besonderen Charakter des Malers oder des Gemäldes
+unterrichtet, wenn er etwa (Vasari, Teil III, 1, S. 67) liest: »In
+[S:11] demselben Bilde sieht man einen heiligen Hyeronimus vortrefflich
+gemalt, auch bewundern Künstler das Kolorit dieses Werkes als so schön,
+daß man fast nichts Besseres leisten könne«, oder (a. a. O. S. 199)
+»Alle vier Bilder sind voll Sinn und lebendiger Handlung, sehr gut
+gezeichnet und höchst lieblich gemalt«. Dafür kann auch manche
+vortreffliche Beschreibung wie die des Kartons der heiligen Anna von
+Lionardo da Vinci (a. a. O. S. 130), oder des Kartons für das
+Florentiner Rathaus (a. a. O. S. 34) kaum entschädigen. Gar keinen Wert
+aber legt Wackenroder auf die Technik, die Vasari stets wohl beachtet,
+manches hübsche Detail in Zeichnung und Farbengebung ließ den Maler
+nicht wieder los. Aber es war nicht Wackenroders Sache, den intimen Reiz
+im Kunstwerke aufzusuchen, ein Mangel, den schon Wölfflin (Studien zur
+Literaturgeschichte, M. Bernays gewidmet, S. 64) lebhaft beklagt. Jene
+Gabe, die wir an W. Schlegel so bewundern, war dieser mehr gefühlstiefen
+als urteilskräftigen Natur nicht eigen.
+
+Bei mancher Erzählung Vasaris fühlte Wackenroder klar den dramatischen
+Kern heraus und zeigte sich unablässig bemüht, ihn ins rechte Licht zu
+setzen. Dies erreichte er entweder rein stilistisch, indem er auf die
+Hauptmomente geschickt vorbereitete, stets auf Lebendigkeit und
+Anschaulichkeit bedacht war und, wie z. B. in der Beschreibung von Piero
+di Cosimos unheimlichen Karnevalszug, den Ton der Erzählung ganz
+meisterhaft der Situation anzupassen wußte, oder gar, wie in der
+Erzählung vom Tode Francesco Francias, leichte Modifikationen der
+Tatsachen vornahm. Die Plastizität von Wackenroders Ausdrucksweise wird
+nicht wenig durch den häufigen Gebrauch von Bildern erhöht, zu denen
+sich Vasari keineswegs aufgeschwungen hat. Wir werden manchmal
+Gelegenheit haben, uns dieser so glücklichen Seite von Wackenroders
+Begabung zu erfreuen, ich erwähne hier nur, daß ihm eine
+unruhig-aufgeregte Künstlernatur den Vergleich mit einem Kessel
+siedenden Wassers nahelegt, während ihm sanfte Ruhe und Stille des
+Gemütes die Erinnerung an einen klaren Fluß hervorzaubert. Oder spricht
+er von einem Manne, der auch im Getriebe des Alltagslebens stets dem
+Idealen zugekehrt ist, so wird dieser von Musen und Grazien in ihrer
+Atmosfäre schwebend getragen. Am schönsten bewies sich diese Veranlagung
+Wackenroders wohl in der ganz besonderen Art, in der er den Unterschied
+der künstlerischen Auffassungsweise zweier [S:12] Meister bildlich zu
+verdeutlichen wußte. Vasari brachte es nie so weit, die Schaffensart
+verschiedener Künstler so scharf und genau einander entgegenzustellen.
+Als er (Teil III, 1, S. 240) von Raffaels großem Studieneifer berichtet,
+der ihn noch im Mannesalter von Lionardo und Michelangelo viel lernen
+hieß, weicht er doch jedwedem eigentlichen Vergleich aus und läßt nur
+(S. 242) durchblicken, daß Raffael von Michelangelo in der Behandlung
+nackter Gestalten übertroffen wurde, es focht ihn die Versuchung nicht
+an, diesen Abstand der Fähigkeiten aus der verschiedenen künstlerischen
+Individualität heraus zu begründen. Freilich lieferte auch Wackenroder
+niemals eine völlig durchgearbeitete exakte Parallele zweier Künstler;
+aber die wunderbaren Personifikationen Wackenroders, die einmal
+(Lionardo und Raffael) Jugend und Alter, weibliche Zartheit und
+männliche Kraft, das andere Mal (Michelangelo und Raffael) den Geist
+fremder Bekenntnisse in effigie gegenüberstellen, zählen zu dem
+Schönsten, das der Leser der »Herzensergießungen« genießen darf. Hier
+hat dem Kunstschriftsteller der Dichter die Feder geführt.
+
+_Raffaels Erscheinung._ Wackenroders regem Streben, die Herkunft des
+Genies aus göttlichem Geiste augenscheinlich zu machen, ist schon die
+seltsame Erzählung dienstbar gemacht, die an der Spitze des ganzen
+Werkes steht. Diese, wie später zu zeigen sein wird, historisch
+keineswegs verbürgte Anekdote knüpft an die Person des großen Raffael
+von Urbino an. Daß gerade dieser Meister den Anfang macht, wird uns
+nicht wundern. War doch Raffael unter den alten Malern Wackenroders
+Liebling, in den »Herzensergießungen« erscheint er fast durchgehends als
+der »Göttliche«, sein Bild grüßt uns von dem Titelblatte der Ausgabe von
+1797,[3] in der »Mahlerchronik« [S:13] treffen wir auf einige (besser
+belegte) Einzelheiten aus seinem Leben, überdies aber auf ein zweites
+auch sehr fabelhaftes Geschichtchen, das Wackenroder zur Illustration
+seiner Anschauungen sehr willkommen sein mußte. Es erscheint hier wohl
+geboten, die vielfachen Urteile über Raffael, die das achtzehnte
+Jahrhundert zeitigte, im Überblick zu mustern, um Wackenroders
+historische Stellung genauer festzustellen. Viele begeisterte
+Lobpreisungen lassen sich vernehmen, war doch das Zeitalter, namentlich
+seit der entschiedenen Abkehr vom Barock zum antiken Geschmack in der
+zweiten Jahrhunderthälfte gerade für das Verständnis Raffaelscher Kunst
+gereift. Gleichwohl muß betont werden, daß manche kritische Tadelstimme
+die hohen Lobrufe durchdrang und in ihrer Strenge seltsam zu
+Wackenroders inniger Raffaelschwärmerei kontrastierte. Mit warmer
+Begeisterung verkündet Algarotti (Justi, Winckelmann^2 I, 264) in
+Raffael sei ein Punkt erreicht, den die Nachwelt wohl schwerlich
+überschreiten werde, Winckelmann weiß Dietrichs Größe als
+Landschaftsmaler nicht treffender zu charakterisieren, als indem er ihm
+auf seinem Gebiete den Platz eines Raffael zuweist,[4] und Mengs hat
+nicht bloß mit Empfindlichkeit die Antwort auf Briefe verweigert, die
+den Vornamen Raffael nicht trugen, suchte nicht bloß in Raffaels
+Arbeitsgemach die Gedanken wieder durchzudenken, die den großen Urbiner
+bei der Arbeit erfüllten (Justi^2 II, 28, 31), konnte nicht bloß Battoni
+die Meinung beibringen, ein kleiner Johannes Baptista von seiner (Mengs)
+Hand sei ein Werk Raffaels (Justi^2 II, 313), er gab auch beredt seiner
+Verehrung vollen Ausdruck und setzt ihm, der mit persönlicher Schönheit,
+Geist und Kenntnis des Altertums begabt war, ohne weiteres die
+Naturschönheit entgegen, die er freilich bedeutender finden muß (Justi^2
+II, 266). Und J. C. Hagedorn, der in seinen »Betrachtungen über die
+Mahlerei« mit Nachdruck die Vereinigung von Regelstudium und
+Naturgeschmack forderte (vgl. a. a. O. I, 48/49), verbietet (I, 105)
+jeden sklavischen Anschluß und wäre es selbst an Polyklet und _Raffael_!
+Das »größte malerische Genie« nennt ihn ganz selbstverständlich Lessings
+Conti, und als _Herder_ (Suphan XV, 43) darzutun suchte, daß keine
+Bildung der Welt imstande sei, zu ersetzen, was Natur versagt habe, so
+gerade Raffael, an den er anknüpft, um darzutun, wie verschieden es auch
+ist es in der Kunst sei, wenn zwei dasselbe sähen und [S:14] alle Fülle
+der Eindrücke minder Begabte die Sprossen der Meisterschaft doch nicht
+erklimmen ließe. Schon vor der italienischen Reise verriet Goethe sein
+inniges Verhältnis zu Raffaels Kunst, »Dichtung und Wahrheit« (W. A. I,
+27, S. 239) berichtet, wie sehr ihn in Straßburg die Teppiche nach
+Raffaelschen Kartonen entzückten; er erklärt sich einmal literarischen
+Händeln so abhold, daß ihn nicht einmal ihre Darstellung durch Raffael
+oder Shakespeare ergötzen könnte (W. A. IV, 7, S. 212), die sieben Köpfe
+nach Raffael seien vom lebendigen Geiste eingegeben (An Kestner, 25.
+Dezember 1772, W. A. IV, 3, S. 36). Als ihn sein Weg in der Zeit der
+italienischen Reise nach Bologna führte, schwelgte sein entzücktes Auge
+in den Schönheiten der heiligen Cäcilia, alle anderen Künstler hätten
+vergeblich gewünscht, den Maler dieses Bildes zu erreichen, tröstend
+verscheucht ihm die heilige Agatha das Mißbehagen, aus dem er sich nach
+Betrachtung der Guidonischen Gemälde zu retten versuchte. Während des
+zweiten römischen Aufenthalts bestärkten sich die »Gleichgesinnten« in
+der Überzeugung: Raffael hat wie die Natur jederzeit recht und Vasari,
+der die Komposition schilt, wird entschieden zurückgewiesen.
+
+Freilich sehen wir Raffael nicht immer allein auf dem Piedestal tronen,
+nicht selten treten ihm andere Meister, jeder im besonderen Gebiete vor
+allen maßgebend, durchaus ebenbürtig an die Seite. Einmal sollen sogar
+entusiastische Verehrer des Urbiners wie Algarotti und de Brosses
+Correggio an Raffaels Statt aufs Schild gehoben haben (Justi^2 I, 261),
+freilich nicht, ohne sich vorher demütig bei Raffael zu entschuldigen,
+und als Winckelmann einmal (Geschichte der Kunst, Wien 1776, S. 53, vgl.
+Justi^2 I, 262) bei Holbein wie Goethe später bei Dürer bedauerte, daß
+er nicht Gelegenheit gehabt habe, sich an den Schätzen des Altertums zu
+bilden, nennt er unter den Malern, die Holbein in diesem Falle erreicht
+hätte, neben Raffael auch Correggio und Tizian. Es sind dieselben, die
+sich auch bei Mengs (Anton Raphael Mengs sämtliche kunsthistorische und
+philosophisch-ästhetische Schriften hrsg. von Dr. G. Schilling, Bonn, H.
+B. König 1843, S. 224) zur Trias zusammenschließen und alle ihre eigene
+Domäne (Raffael vollkommener Ausdruck, Correggio Helldunkel und
+Harmonie, individuelle Wahrheit) zugewiesen erhalten, während freilich
+Raffael auch hier über die anderen hinauswächst, da ihm die tiefere
+Ausprägung des geistigen Gehaltes gelungen sei. Wie Wackenroder bei
+aller Raffaelverehrung maßvoll [S:15] ausglich und an den großen
+Kontrasterscheinungen Raffael -- Lionardo, Raffael -- Michelangelo seine
+Freude fand, so gesellte Hagedorn einmal (a. a. O. II, 641) die Tiziane
+im Tempel des Geschmackes zu den Raffaelen, der vollkommene Maler,
+dessen Bild er (a. a. O. II, 876) entwirft, soll die Zeichnung an
+Michelangelo, den Geschmack an Raffael bilden. Goethe standen (An
+Friedrich Müller, 21. Juni 1781, W. A. IV, 5, S. 137) Raffael und Dürer
+auf dem höchsten Kunstgipfel, die Gruppe Fantasmist (Michelangelo),
+Correggio (Undulist), Raffael (Charakteristiker) erfährt seine
+Billigung, so außerordentliche Menschen in ihrer Beschränktheit zu
+betrachten, darin zeige sich eine ungeheure Tiefe. Einige »Rettungen für
+das Andenken Albrecht Dürers gegen die Sage der Kunstliteratur« wagte
+_Merck_ zu versuchen. Freilich wollte auch er in Raffaelphysiognomien
+einen seelenvolleren Ausdruck als in Dürerschen finden, aber gleichwohl
+ist es von Wichtigkeit, daß bei ihm nicht die größere Begabung, sondern
+die schöneren Vorbilder den Werken des Urbiners zum Siege verhelfen
+(Ausgewählte Schriften zur schönen Literatur und Kunst, hrsg. von Adolf
+Stahr, Oldenburg 1840, S. 295). Im Ardhingello (Schüddekopfs Ausgabe IV,
+175) ließ Heinse den jungen Maler, der Raffael so schroff gegen
+Michelangelo ausspielte, eine Zurechtweisung erfahren, Raffael und
+Michelangelo werden, jeder nach seiner Art, dankbar gewürdigt, und unter
+den großen Meistern der neueren Zeit obenan gestellt (a. a. O. S. 222).
+Für Fehler Raffaels ist Heinses Auge nicht blind, er rügt die
+Gefälligkeit, wo sie nicht sein soll (a. a. O. S. 222), so
+Wackenroderisch-entusiastisch er dem »hohen göttlichen Jüngling Raffael«
+seinen zärtlichen Dank abstattet (a. a. O. S. 344). Zuweilen wird aber
+auch in diesem so raffaelfreundlichen Säkulum mit ernster Bemängelung,
+wohl auch mit herbem Tadel nicht gekargt. So rügt Winckelmann einmal
+(Gedanken über die Nachahmung griechischer Werke, 1756, S. 120) an
+Raffaels Kindermord die zu volle Brust der Frauen und die zu
+ausgemergelten Körper der Mörder. Bezeichnenderweise fügt er hinzu: »Man
+muß nicht alles bewundern, die Sonne selbst hat ihre Flecken.« Sehr
+scharfe Pfeile schnellte Hogarth ab, der (Zergliederung der Schönheit S.
+V der Vorrede) den »lächerlichen Gebrauch der Schlangenlinie«, den
+Raffael den Alten und Michelangelo abgelernt habe, heftig brandmarkt.
+Hagedorn vermochte sich (Betrachtungen II, 899) ähnlicher Angriffe auf
+Raffael nicht zu entsinnen. Der Erzengel Michael fand Klopstocks Beifall
+nicht, er [S:16] wünschte dafür keinen Jüngling, sondern einen Jupiter,
+der eben gedonnert habe (Nordischer Aufseher III, 150, vgl. Justi^2 I,
+393), und Heinecke nimmt endlich (Nachrichten von Künstlern II, S. XII,
+vgl. Justi^2 I, 391) keinen Anstand, das Jesuskind ein gemeines Kind zu
+nennen, und setzt spöttelnd hinzu, das Knäbchen verrate verdrießliche
+Laune.
+
+Eine Seite der Raffaelbetrachtung, von der Wackenroder absah, ist die
+Würdigung des Meisters im Hinblick auf die Antike. Gar mancher namhafte
+Kunstschriftsteller begrüßte in Raffaels Arbeiten die echte Wiedergeburt
+des antiken Geistes. Wir vernahmen schon Winckelmanns Klage, daß Holbein
+nicht wie Raffael die Kunstschätze der Antike habe bewundern dürfen, und
+so betont er auch, man müsse sich Raffaels Werken mit dem wahren
+Geschmack des Altertums nähern, dann sei die Ruhe und Stille in seinem
+Attila, die vielen leblos erschiene, sehr bedeutend und erhaben
+(Gedanken über die Nachahmung, 1756, S. 25). Der Meister, der zuerst in
+neuerer Zeit und in so jungen Jahren den wahren Charakter der Alten
+empfunden habe, wird in warmen Worten glücklich gepriesen (a. a. O. S.
+25) und im Antlitze der sixtinischen Madonna erkannte Winckelmann mit
+Freude die selige Götterruhe antiker Physiognomien (a. a. O. S. 26). Die
+Vollkommenheit der Alten bei Raffael in neuer Schönheit wiederzufinden,
+freute sich Hagedorn (a. a. O. I, 87), da ihm stets das Studium der
+Natur von höchstem Wert war, weist er überdies nachdrücklich auf die
+Verbindung von Natur und Antike im Studiengebiet dieses Meisters hin,
+während Merck (Ausgew. Schriften S. 50) noch besonders hervorhebt, wie
+wichtig gerade für Raffael die Natur war, die ihn umgab, wie sie sogar
+maßgebender gewesen sei als der Einfluß der Alten. J. H. Meyer vernahm
+(Ende Januar 1789, W. A. IV, 9, S. 74) Goethes Lobpreisung, wie es
+Raffael gelungen sei, die große Sukzession der Alten nachzuahmen, wie
+Goethe auch (an Herzog Karl August W. A. IX, 121) die Vorzüge der Alten
+und unter den Neueren besonders Raffael als rühmenswert erachtet. Herder
+erkannte freilich schon den ausgeprägt christlichen Geist in Raffaels
+Gemälden, wenn er (Suphan XVII, 389) den Urbiner als Schöpfer der
+christlichen Grazie bezeichnet und (a. a. O. XXII, 296) betonte, der
+Geist von Raffaels Gestalten zeige den Engel im Menschen, ein Ausspruch,
+der schon deutlicher auf Wackenroder weist, von dem Raffael der Maler
+des Neuen Testaments genannt wurde.
+
+[S:17] In der Begebenheit aber, die in diesem ersten Kapitel erzählt
+wird, glaubte die rührende, kindliche Naivität des Klosterbruders nichts
+mehr und nichts weniger als gar einen »einleuchtenden Beweis« für die
+Wunder des Himmels erblicken zu dürfen und sein frommes Gemüt frohlockt
+in dem Bewußtsein, daß durch die Erzählung »ein neuer Altar zur Ehre
+Gottes aufgebaut würde«.
+
+Der Zufall verhalf dem Klosterbruder zu seinem Schatze. Eifrig mit der
+Durchforschung alter Klosterhandschriften beschäftigt, fand er einige
+Blätter von der Hand des Bramante, an denen sein Blick sofort mit
+Teilnahme haften blieb. Bramante, Raffaels vertrauter Freund, gewahrte
+mit Entzücken die herrliche Anmut in den Madonnengesichtern des Urbiners
+und fragte den Künstler staunend, wie ihm dieser himmlische Ausdruck
+gelungen sei. Da schwieg der Meister lange, die jünglinghafte
+Schamhaftigkeit und Verschlossenheit, die ihm eigen war, ließ ihn nicht
+recht zum Geständnis kommen, endlich aber umarmte er den Freund in
+tiefer Rührung und entdeckte ihm sein Geheimnis. Von Kindheit an hatte
+das Bild der heiligen Jungfrau, aber nie in völliger Klarheit, in seinem
+Gemüte gelebt, und wenn er ihre Züge auf die Leinwand bannen wollte,
+konnte er sich die ganze Vollkommenheit ihrer Mienen niemals
+vergegenwärtigen. Aber einmal weckte ihn ein wunderbarer Glanz, den das
+Marienbild an der gegenüberliegenden Wand ausstrahlte, nachts aus dem
+Schlafe, und als er hinblickte, sah er das Angesicht der Mutter Gottes
+in der ganzen Zauberpracht, die sich ihm sonst nur in ganz flüchtigen
+Augenblicken geoffenbart hatte. Von nun an verließ ihn die herrliche
+Erscheinung nicht wieder und wenn er malte, traf er den wahren Ausdruck
+ohne weitere Bemühung. Ein stärkeres Beispiel, wie sehr überirdische
+Inspiration beim Kunstschaffen mitwirke, läßt sich kaum beibringen und
+es ist hart, doch unvermeidlich, durch die unerbittliche Strenge der
+Geschichte den rührend-schönen Eindruck dieser Anekdote zerstören zu
+müssen. Ziehen wir Vasari zu Rate, so finden wir über die von
+Wackenroder geschilderte Vision nicht die leiseste Andeutung. Nicht
+einmal von einer ganz allgemeinen Neigung Raffaels zu fantastischer
+Schwärmerei ist aus seinem Werke etwas zu entnehmen. Mehr Licht
+verbreiten schon die Mitteilungen des Abbés Girolamo Cancellieri, der in
+einer Handschrift in des Kardinals Antonelli Bibliothek von Raffaels
+überaus zarter Körperbeschaffenheit las und ihn als »ganz Geist«
+bezeichnet [S:18] fand (»tout esprit« nach Passavant, Raffael Urbino I,
+530). Hiermit ließe sich eine schwärmerische, empfindsame Gemütsanlage
+wohl vereint denken, aber noch läßt sich daraus für unsere Geschichte
+kein historischer Kern entdecken. Gleichwohl besteht ein solcher, der
+sich freilich weit nüchterner erweist als Wackenroders fantastische
+Erzählung. Die ganze Szene zwischen den Freunden, die der Klosterbruder
+aus einem Berichte Bramantes erfahren haben wollte, sollte zur
+Bestätigung eines Briefes dienen, in dem sich Raffael dem Grafen
+Castiglione gegenüber über die Art seines Schaffens äußert (Passavant I,
+193 ff.). 1514 schmückte Raffael mit erstaunlichem Erfolge eine Loge des
+Palastes Chigi mit einem Bild der Galatea aus. In ihrem Muschelwagen,
+gezogen von Delphinen, gewahrte man die Göttin die schäumende Flut
+durchqueren. Ein solches Werk müßte, wie Raffael meinte, nach einem
+schönen Vorbilde geschaffen werden, er aber sei, da er schöne Frauen nur
+in sehr geringer Anzahl zu Gesicht bekäme, genötigt, einer »gewissen
+Idee« zu folgen, die ihm in die Seele käme. Der Hinweis auf die Galatea
+kann vor den üblichen Ausführungen in Raffaelmonographien nicht
+Wackenroder, aber schon A.W. Schlegel verdankt werden, der in seiner
+Rezension der »Herzensergießungen« in der Jenaer Literaturzeitung 1797
+der Wackenroderschen Historie ihren tatsächlichen Hintergrund gab.
+Vasari anderseits erwähnt, ohne viel Aufhebens zu machen, der Galatea,
+wo es die chronologische Folge erheischt (a. a. O. S. 205), über den
+Inhalt des Briefes aber kann niemand etwas von ihm erfahren. Das ganze
+Zitat steht bei Wackenroder sehr am rechten Orte, denn durch Raffaels
+eigenes Bekenntnis in Stimmung versetzt, sind wir leicht geneigt, dem
+zweiten seltsameren Berichte geringere Skepsis entgegenzubringen.
+
+Die Anekdote zeigt jedem genaueren Betrachter ganz und gar
+Wackenroderschen Geist, der bald Eigentum der ganzen Romantik werden
+sollte. An Stelle der antiken Göttin tritt, dem innigen Marienkult jener
+Generation gemäß, die heilige Jungfrau. Statt daß am hellen Tage mitten
+in rüstiger Arbeit das Vorbild vor der Seele des Künstlers erscheint,
+erfolgt die Inspiration im geheimnisvollen Dunkel der Geisterstunde,
+nachdem die herrliche Erscheinung sich früher von Zeit zu Zeit in
+unklaren, rasch wieder ganz zerfließenden Umrissen geoffenbart hatte.
+Die Vision näher zu beschreiben, versagt sich Wackenroders Raffael
+ebenso wie der historische in [S:19] seiner ganz allgemein gehaltenen
+Angabe. So läßt uns ja auch Novalis in jenem berühmten geistlichen Liede
+(Ausg. 1802, Nr. XV) in den letzten vier Versen seinen Eindruck nur
+unbestimmt ahnen:
+
+ »Ich weiß nur, daß der Welt Getümmel
+ Seitdem mir wie ein Traum verweht
+ Und ein unnennbar süßer Himmel
+ Mir ewig im Gemüte steht.«
+
+Und gleichfalls im Zweifel über die eigentliche Beschaffenheit seiner
+Vorstellung läßt uns Tieck, der in der Vorrede zum Sternbald (D. N. L.
+Bd. CXLV) bekennt: »Meine Schwächen empfinde ich selber und wie ich das
+Ideal nicht erreichen kann, das in meinem Innern steht«, und sich auf
+ein ähnliches Geständnis Goethes in »Künstlers Apotheose« beruft:
+
+ »Ich zittre nur, ich stottre nur,
+ Und kann es doch nicht lassen,
+ Ich fühl's, ich kenne dich, Natur,
+ Und so muß ich dich fassen. --«
+
+Kann für den Inhalt der Anekdote einigermaßen ein historischer
+Stützpunkt ausfindig gemacht werden, so bleibt die Verflechtung mit
+Bramante völlig unerweisbar. Zwar hören wir (Vasari a. a. O. S. 102) von
+einem Palast, den der berühmte Baumeister für Raffael aufführte, auch
+die persönliche Freundschaft beider ist (S. 105) bezeugt, und für
+Bramantes liebenswürdige und dienstbereite Natur wird geltend gemacht,
+daß Raffael auf seine Veranlassung nach Rom gezogen wurde. Auch
+Passavant, der jener Verbindung der beiden Meister an manchen Orten
+gedenkt, führt uns nicht über Vasaris Nachrichten hinaus, und so müssen
+wir folgern, daß Wackenroder hier mehr historischer Wahrscheinlichkeit
+als den Tatsachen folgend, gerade in Bramante am ehesten den Vertrauten
+eines solchen Geheimnisses vermutete.
+
+Recht knapp ist die Charakteristik Raffaels bei Wackenroder gehalten.
+Mehr davon liefert später noch die »Mahlerchronik«. Seine Anordnung ist
+gerade die umgekehrte wie die Vasaris, bei ihm tritt der Künstler gleich
+eingangs hervor, bei Vasari werden, soweit er ganz allgemein
+charakterisiert, menschliche Tugenden schon in der Einleitung
+berücksichtigt, das Lob des Künstlers hingegen dem Schlusse vorbehalten,
+eine Einteilung, die bei Vasaris Darstellungsart ganz angebracht ist.
+Die Schlußbemerkungen sind gleichsam die [S:20] Zusammenfassung der
+Einzelbeschreibungen der Werke. Wackenroder nennt Raffael gleich
+eingangs die »leuchtende Sonne unter den Malern«, bei Vasari lesen wir:
+»Er war es, der Ausführung, Farben und Erfindung zu einem Grad der
+Vollkommenheit brachte, welche man kaum erreicht zu sehen hoffen durfte,
+und kein Geist achte für möglich, daß er ihn je übertreffen könne«
+(Vasari, a. a. O. S. 249). Aber Wackenroder denkt natürlich nicht daran,
+technisches Detail zu häufen und sich wie Vasari (a. a. O. S. 240 ff.)
+in ausführlichen Betrachtungen über die mannigfachen Wandlungen von
+Raffaels Methode zu ergehen, die erst bei Pietro Perugino, später in
+Michelangelo ihre Lehrmeister fand, und zuletzt, soweit Vasari hier
+recht hat, aus vielen Manieren eine einzige bildete. Wenn Wackenroder an
+Raffael jünglinghafte Schüchternheit und Verschämtheit hervorhebt, so
+bemüht sich Vasari, Raffael frei von der unter den zeitgenössischen
+Künstlern eingerissenen Verrohung erscheinen zu lassen, und einen großen
+Teil seiner hervorragenden Bedeutung erblickt er in seiner ganz
+ungewöhnlichen sittlichen Höhe: »Die Natur war durch die Hand
+Michelangelos von der Kunst besiegt und schenkte Raffael der Welt, um
+nicht nur von ihr, sondern auch durch die Sitte übertroffen zu werden«
+(Vasari, a. a. O. S. 180). Ja, Raffael erscheint ihm, der dem hohen Flug
+dieses Genius voller Begeisterung nachblickt, über die Grenzen der
+Sterblichen hinauszuwachsen, nicht ein Mensch sei er mehr, sondern,
+sofern der Ausdruck verstattet wäre, so gar ein »sterblicher Gott« zu
+nennen. Zu solcher Überschwänglichkeit gelangte Wackenroders
+Raffaelkultus nicht, so andächtig er auch ist. Dem Jüngling in den
+»Bildnissen der Mahler«, an denen freilich auch Tiecks Hand vielfach
+mitgearbeitet haben mochte, erscheint sogar, da ihn die Muse einmal über
+das jugendliche Alter und das sanfte Aussehen Raffaels belehrt hat,
+niemand vertrauter und menschlicher als dieser Meister. Er ist der
+einzige, dem sich sein übervolles Herz ganz ergießen möchte, während die
+anderen durch den strengen Greisesstolz in ihren Zügen den mächtigen
+Strom der Empfindung zurückdämmen.
+
+
+II.
+
+_Der merkwürdige Tod des zu seiner Zeit weltberühmten alten Malers
+Francesco Francia, des Ersten aus der lombardischen Schule._ Haben wir
+uns in der Erzählung [S:21] von »Raffaels Erscheinung« mitten im
+Gebiete des Übernatürlichen befunden, so führt uns die Geschichte vom
+Tode des Francesco Francia noch tiefer hinein. Wackenroder beleuchtet
+hier seine Behauptung von der göttlichen Herkunft des Genies von einer
+neuen Seite. Sollte früher augenscheinlich gemacht werden, wie der
+himmlische Funke urplötzlich in der Künstlerseele zündet und so ein Werk
+entstehen läßt, an dem sich früher alle menschlichen Kräfte vergebens
+bemüht haben, so zeigt Wackenroder hier die elementaren Wirkungen, die
+ein Sterblicher erfahren kann, wenn er unversehens die Macht der
+künstlerischen Begabung in ihrer ganzen Fülle gewahr wird. Ein solches
+Beispiel ist natürlich nicht minder geeignet, den Anteil der Gottheit an
+Kunstdingen erkennen zu lassen. Er sagt in anderer, vielleicht noch
+eindringlicherer Weise dasselbe wie das vorhergehende.
+
+Die merkwürdige Erzählung vom Tode Francesco Francias hat Vasari in der
+Form, wie sie allgemein verbreitet war, nach seiner Gewohnheit,
+Anekdoten reichlichen Spielraum zu gewähren, dem Werke eingefügt (T. II,
+2, S. 352). Danach wurde der lombardische Maler, der schon seit geraumer
+Zeit mit Raffael in brieflichem Verkehr stand (so Vasari a. a. O. S.
+349, nach Anmerkung 59 des Herausgebers ist auch persönliche
+Bekanntschaft anzunehmen), von dem jüngeren Kunstgenossen mit echt
+Raffaelscher Demut ersucht, das jüngste seiner Werke, die »heilige
+Cäcilie« zu begutachten. Francesco willfahrte bereitwillig diesem
+Begehren und Raffael übersandte ihm das Gemälde. Als aber jener das Bild
+sah, empfing er einen ungeheuren, ganz unerwarteten Eindruck davon, er
+war vollends niedergeschmettert und starb wenige Tage später. Ein
+einziger Blick auf das Werk hatte ihn gelehrt, wie nichtig all sein
+Können gegen die beispiellose Größe von Raffaels Meisterschaft sei, und
+er vermochte diese Empfindung nicht zu betäuben. »Ihm schien, als sei er
+im Vergleich mit dem, was er sonst gedacht und wofür er gegolten hatte,
+zu einem Nichts in der Kunst herabgesunken, und er starb, wie einige
+glauben, aus Gram und Betrübnis.«
+
+So endet Vasari (a. a. O. S. 352) diesen Bericht, dessen geschichtliche
+Glaubwürdigkeit von jeher auf starke Zweifel stieß. Schon unter den
+Zeitgenossen fand sich gar mancher, der viel natürlichere Todesursachen
+wie Gift oder Schlagfluß anzuführen wußte, und mit dem Rüstzeuge
+historischer Kritik versuchten Malvasia [S:22] und Lanzi, der freilich
+wieder in Calvi einen beachtenswerten Gegner fand, dem auffallenden
+Geschichtchen jedes wissenschaftliche Bürgerrecht abzusprechen (Vasari,
+a. a. O. S. 353, Anm. 41). Aber die spätere Forschung war minder streng.
+Schon Quatremère, aus dessen Feder eine Raffaelbiographie stammt, findet
+einen Tod aus Ärger oder Unmut über eines Jüngeren Überlegenheit mit
+Francias reizbarer Gemütsart sehr wohl vereinbar, und die inzwischen
+neuerdings bestätigte Ankunft der heiligen Cäcilie in Bologna im
+Todesjahre Francias ist seiner Anschauungsweise günstig. Endlich mißt
+Passavant (Raffael et son père Giovanni I, 257) unserer Anekdote weit
+mehr Glaubwürdigkeit zu, als etwa dem berühmten »Anche io sono
+pittore!«, das Correggio vor der »Sixtinischen Madonna« ausgerufen haben
+soll. Dies ist immerhin nicht bedeutungslos, denn Passavant ist in bezug
+auf Vasaris Verläßlichkeit sonst ziemlich skeptisch.
+
+Wie schon bei Raffael, nimmt sich auch hier Wackenroders Darstellung,
+die hauptsächlich die merkwürdigen Umstände, unter denen Francias Tod
+vor sich ging, hervortreten läßt, ziemlich knapp gegen Vasaris
+detailliertere Lebensbeschreibung aus, doch gönnt er dem eigentlich
+Biographischen keinen geringen Platz. Dadurch verstärkt er mit Geschick
+die Wirkung des Schlusses. Denn wird uns das stete Streben Francias, in
+der Kunst stets höhere Stufen zu erklimmen, gezeigt, wird er endlich
+beglückt und geehrt durch die hohe Achtung seiner Zeitgenossen
+vorgeführt, so macht die Verzweiflung an seinen Fähigkeiten, die ihn so
+jäh heimsuchte, einen um so tragischeren Eindruck. So lernen wir denn
+wie bei Vasari (a. a. O. S. 335) Francescos Eltern als geringe
+Handwerksleute kennen, es verschlägt wenig, daß ihnen Wackenroder den
+Zusatz Vasaris »wohlgesittet und rechtlich« vorenthält, oder Francias
+vielfacher Berufsstationen, der sich auch als Gold- und Silberarbeiter,
+geschickter Zeichner, endlich vorzüglicher Präger von Münzstempeln einen
+geachteten Namen erwarb, zu seinem gegenwärtigen Zwecke nur mit wenigen
+Worten gedenkt. Von Vasari (a. a. O. S. 37/38) entlehnt er genau die
+Mitteilung, daß Francia für in- und ausländische Fürsten Münzstempeln
+verfertigte, aber er vermeidet doch die Übertreibung Vasaris: er hätte
+sich auf alles verstanden, was in der Kunst Schönes gearbeitet wird und
+es besser gemacht als irgend ein anderer. Francesco Francia war vierzig
+Jahre alt, als er nach vielfachen Beschäftigungen mit den
+verschiedensten Kunstfertigkeiten [S:23] das erstemal in den
+Malerkittel schlüpfte. Über diese Wendung seiner Tätigkeit berichtet uns
+Vasari (a. a. O. S. 339) und auch Wackenroder unterläßt nicht,
+nachdrücklich darauf aufmerksam zu machen. Doch erscheint der Übergang
+Francias zur Malerei in beiden Darstellungen recht verschieden
+motiviert. Hören wir Vasari, so war der Ehrgeiz für Francias
+Entschließung die eigentliche Ursache. Ihn lockte der Ruhm des Malers,
+der ihm weit höher schien, als alle die Ehrungen, deren er sich bis zu
+diesem Zeitpunkte zu erfreuen gehabt hatte, auf ein neues Feld der
+Tätigkeit. Dazu half noch das Vorbild bedeutender Maler, deren er
+einige, wie z. B. Andrea Mantegna persönlich kennen lernte, seinen
+Entschluß befestigen. War Francia aber einmal mitten in der Arbeit, so
+brachte ihm sein »richtiger Verstand« bald die richtige Übung, und zu
+seiner schon früher erworbenen Fertigkeit im Zeichnen gesellte sich bald
+auch die Meisterschaft in der Handhabung des Kolorits. Wackenroder
+fühlte aber, daß ein solcher Entschluß, wie ihn Francia gefaßt hatte,
+einen weit über das Gewöhnliche hinausgehenden Ehrgeiz voraussetze, und
+nicht bloß »Verlangen nach größerem Ruhm«, wie Vasari in trockener Weise
+sagt, erfüllt bei ihm den Künstler, es ist sein Feuergeist, der ungestüm
+neue Betätigung ersehnt.
+
+Kleinliche Rücksichten, wie die Vergrößerung des Erwerbs, die Vasari
+nicht verschweigen konnte, werden bei Wackenroder nicht weiter in
+Betracht gezogen; um aber die Wirkung auf den Leser zu verstärken, hebt
+Wackenroder seinerseits ganz ausdrücklich hervor, daß Francia zu jener
+Zeit bereits in den Jahren der Reife stand. Vasaris Mitteilung über
+Francias koloristische Studien verwertend, spricht Wackenroder endlich
+von des angehenden Malers Studienfleiß in der Komposition und dem
+Effekte der Farben. Eine kleine Übertreibung läuft unter, wenn
+Wackenroder im Eifer Francias Gemälde ganz Bologna in Verwunderung
+setzen läßt, wo doch Vasari nur mitzuteilen weiß, daß sie ausnehmend
+wohl gefielen (a. a. O. S. 340) und später (a. a. O. S. 343), daß ihrem
+Schöpfer viel Liebe und Freundlichkeit von der Bevölkerung erwiesen
+wurde. Nennt doch auch Goethe (Schriften der Goethe-Gesellschaft II,
+187) Francia nur einen respektablen Künstler, während Wackenroder seine
+Werke zu den vornehmsten rechnet und wieder dem so oft ausgesprochenen
+Gedanken Ausdruck gibt, die Schönheit der Kunst sei bei weitem reicher,
+als daß Einer sie erschöpfen könnte. Mit wunderbarer [S:24] Bildkraft,
+an den schwungvollen Beginn von Schleiermachers »Monologen« erinnernd,
+charakterisiert er ihre Macht: »Ihr Preis ist kein Los, das nur allein
+auf Einen Auserwählten fällt, ihr Licht zerspaltet sich vielmehr in
+tausend Strahlen, deren Wiederschein auf mannigfache Weise von den
+großen Künstlern, die der Himmel auf die Welt gesetzt hat, in unser
+entzücktes Auge zurückgeworfen wird.«
+
+Wackenroder versagt es sich, Francia nach Art des Biographen Schritt für
+Schritt durch alle Stadien seiner Entwicklung als Maler zu begleiten.
+Wir hören nichts von den Gegenständen, nicht einmal den Namen der
+Gemälde, die sich bald zu einer langen Reihe schlossen. Vasari, der viel
+ausführlicher und genauer vorgeht und auch dieser Biographie eine Menge
+von Bilderbeschreibungen einfügt, erklärt (a. a. O. S. 343) selbst, für
+den Kunstliebhaber nur einige der bedeutendsten namhaft zu machen.
+
+Wackenroder genügt der Hinweis auf eine »unzählbare Menge von herrlichen
+Gemälden«, die den Namen des Malers weit über die Grenzen seiner engeren
+Heimat trugen. Die große Verbreitung von Francias Werken in der
+Lombardei erwies Vasari (a. a. O. S. 344); er läßt die Städte um den
+Besitz von solchen Bildern wetteifern, wie Wackenroder später die
+italienischen Fürsten und Herzöge aller Gebiete. Aber es ist zu grell,
+obgleich anschaulicher gemalt, wenn er Vasaris Angabe dahin verändert,
+daß es keine Stadt von sich sagen lassen wollte, sie besäße nicht
+wenigstens eine Probe seiner Arbeit. Für die Verbreitung der Werke
+Francias in weitere Gebiete war wiederum Vasari Gewährsmann (a. a. O. S.
+345), er verzeichnet die Entsendung eines Gemäldes ins Toskanagebiet,
+doch ist die Zahl der in Bologna gebliebenen überwiegend. Daß Francia
+gerade der Stifter einer neuen glänzenden Epoche in der lombardischen
+Kunst gewesen sei, hat Vasari niemals ausgesprochen, doch läßt er ihn
+einmal, ganz im Gegensatz zu seiner sonst weit mäßigeren Ausdrucksweise,
+eine fast abgöttische Verehrung genießen (S. 347). Eine Seite später
+steht er jedoch bloß in »hohen Ehren«.
+
+Nur sehr wenig kann man aus den Nachrichten des Chronisten von Francias
+Charakter erfahren. Er preist an dem Künstler (a. a. O. S. 336) bloß
+eine gesellige Tugend, eine ganz außerordentliche Liebenswürdigkeit und
+Sanftmut des Gemütes, die es fertig brachte, in kürzester Zeit die
+düsteren Wolken von der Stirne eines bekümmerten Mitmenschen zu
+scheuchen. Gerade hiervon läßt Wackenroder [S:25] nichts merken, aber
+mit sicherer Taktik die Katastrophe vorbereitend, erzählt er uns von
+Francias edlem Künstlerstolze, den er gleichwohl mit der Eitelkeit
+späterer Maler in entschiedenen Gegensatz bringt. Vasari bot allerdings
+dafür keinerlei Anhaltspunkte, er weiß auch nichts von Wackenroders
+Angabe, daß Francia Raffael für den einzigen berechtigten Nebenbuhler
+seines Namens gelten ließ. Dies erweist sich auch nach dem Sonette, mit
+dem Francia einmal den genialen Kunstgenossen begrüßte (Vasari a. a. O.
+S. 350, Anm. 59), als durchaus unhaltbar. Anderseits erfahren wir aber
+aus Wackenroders Mitteilungen, daß ein Vergleich Francias mit Raffael
+bei den Zeitgenossen nicht durchwegs für absurd galt. Cavazzone verstieg
+sich sogar zu der Behauptung: wenn Raffael sich der Trockenheit der
+Schule von Perugia entwunden habe, so sei das nur auf den Einfluß von
+Francesco Francia zurückzuführen, eine Annahme, die Wackenroders
+schwärmerische Raffaelbegeisterung begreiflicherweise nicht gelten ließ.
+Ein Verkehr der beiden Meister erfolgte auch nach Wackenroder nur auf
+schriftlichem Wege.
+
+Vasari schildert (a. a. O. S. 350) Francias Verlangen, einmal selbst ein
+Gemälde von Raffael zu sehen, er kannte die Werke des Urbiners nach dem
+Berichte unseres Chronisten nur nach Beschreibungen, da er in seinem
+Leben nur wenig vor die Tore Bolognas kam. Bei Wackenroder folgen an
+dieser Stelle kleine Ausschmückungen, die wiederum erweisen sollen, daß
+Francesco den übermächtigen Eindruck eines Raffaelschen Gemäldes nicht
+entfernt ahnte. Nach Wackenroder hat sich der Künstler von der
+Schaffensart seines jüngeren Genossen nach den Beschreibungen ein festes
+Bild gemacht und ist überdies von der Überzeugung durchdrungen, ihm in
+vieler Hinsicht gleich, in mancher sogar überlegen zu sein, gerade wie
+es früher (S. 23) hieß: nur Raffael erachte er allenfalls als würdigen
+Nachfolger.
+
+Die Erzählung von Francescos Lebensausgang gewinnt unter Wackenroders
+Händen erheblich an Anschaulichkeit und frischer Lebendigkeit. Mit
+seiner öfters wahrnehmbaren Gewohnheit, das Vorgefundene ein wenig zu
+verstärken, stimmt es, daß er Francesco bei Empfang des Briefes gleich
+außer sich vor Freude geraten läßt, während er bei Vasari (a. a. O. S.
+351) nur ein großes Vergnügen dabei empfindet. Ein Raffael habe ihm den
+Pinsel in die Hand gegeben, jubelt Francia bei Wackenroder. Da fühlen
+wir nun freilich in der Darstellung einen Mangel an Folgerichtigkeit,
+denn wie paßt diese Demut, die Francia bei [S:26] Wackenroder an den
+Tag legt, zu seinem sonstigen Selbstbewußtsein? Immerhin ist es aber von
+der vorzüglichsten Wirkung, den Mann mitten im Freudenrausch zu zeigen,
+der kurz nachher in die tiefste Niedergeschlagenheit fallen sollte.
+Geschickt weiß Wackenroder schließlich noch die Spannung des Lesers
+durch ein eingeschobenes Sätzchen: »Er wußte nicht, was ihm bevorstand!«
+zu vergrößern, bevor er nun zur Hauptsache übergeht. Da ist nun
+Wackenroders Kunst, sich in die Begebenheiten einzufühlen, aufs
+glänzendste bewiesen. Schon A. Wilhelm Schlegel wußte das zu würdigen,
+wenn er die Erzählung vom Tode Francias zu den Musterbeispielen des
+ganzen Buches rechnet. Um zu erkennen, wie sehr Wackenroder hier über
+Vasari hinauswuchs, muß kleiner glücklicher Änderungen von Einzelheiten
+gedacht werden, die der Chronist überlieferte; die Geschichte schlägt
+freilich kein Kapital daraus. Zwischen der Ankunft des Briefes und der
+des Bildes, die bei Vasari gleichzeitig eintreffen, verstreicht bei
+Wackenroder einige Zeit, während der Francesco voll Spannung das Gemälde
+erwartet. Ganz verschieden ist auch Francias Verhalten, nachdem er das
+Bild empfangen hat, in unseren Darstellungen. Bei Vasari beherrscht ihn
+keineswegs brennende Ungeduld. Er nimmt ruhig bei »guter Beleuchtung«
+das Bild aus dem Kasten, und nun geht seine Stimmung von völliger Ruhe
+zu heftiger Bewegung über; bei Wackenroder befindet sich Francia von
+vornherein in erregter Seelenstimmung, die Mitteilung der Schüler, die
+Wackenroder mit einbezieht, ruft den mächtigsten Eindruck hervor,
+Francia stürzt in sein Arbeitszimmer und gerät, als er das Bild gesehen,
+nun in einen ekstatischen Zustand, in dem sich höchstes Entzücken und
+bitterer Schmerz in seltsamer Weise vermischen. Sinn und Verständnis für
+dramatische Wirkung zeigt es, daß Wackenroder uns das grenzenlose
+Erstaunen der Schüler deutlich zu machen sucht, die ihren Meister von
+Freude erfüllt zu sehen gehofft hatten und ihn nunmehr in dieser
+schrecklichen Verfassung erblicken mußten. Und es ist bewunderungswürdig,
+wie es Wackenroder verstand, die Empfindungen, die nun Francias Brust
+durchtobten, im einzelnen zu schildern. Wie weit entfernt er sich von
+der trockenen Angabe Vasaris, der sich einfach mit der »tiefen
+Bekümmernis« hilft, die Francesco Francia erfaßt und ihn bald dem Tode
+entgegengeführt habe! Erst verrät sich unter der Übergewalt des
+Eindruckes kein äußeres Zeichen der Gemütsbewegung; nach Wackenroders
+schönen Worten wirkt die Wunderherrlichkeit des [S:27] Bildes auf den
+Künstler wie auf einen Mann, der einen seit den Tagen der Kindheit
+schmerzlich vermißten Bruder wiederzusehen gehofft, die strahlende
+Lichtgestalt eines Engels an seiner Statt. Dann löst sich allmählich der
+Bann der ersten Augenblicke und heftiger Unmut und bittere Reue über
+sein bisheriges verfehltes Leben läßt in Francias Brust einen mächtigen
+Sturm der Leidenschaft mit aller Gewalt sich austoben, bis mit der
+Erschöpfung allmählich weichere Stimmung wirksam wird und wütende
+Selbstanklagen durch demütige Zerknirschung abgelöst werden. Dieser
+mächtige Eindruck kann auch unter Berücksichtigung historischer
+Begleitumstände begriffen werden. Denn wenn auch Francia, wie ein
+späterer Kunstchroniker, Malvasia (s. Vasari, a. a. O. S. 353, Anm. 41),
+nachgewiesen hat, schon früher manches Werk Raffaels gesehen hatte, so
+ist doch eine weit bedeutendere Wirkung gerade dieses Bildes, das man
+nach Vasaris Worten (a. a. O. S. 352) unter Raffaels schönen und
+bewunderungswürdigen Arbeiten auch noch als ausgezeichnet rühmen kann,
+verständlich.
+
+Mit feinem Sinn weiß Wackenroder andeutungsweise auch das Gemälde selbst
+der Betrachtung einzufügen, wenn Francesco mit dem erhobenen Antlitz der
+heiligen Cäcilia auch sein schmerzdurchzucktes Antlitz zum Himmel
+emporhebt. Bestimmter gefaßt ist auch Francias Vergleich dieses Werkes
+mit seinen eigenen Arbeiten, der für ihn so kläglich endet. Sein eigenes
+Bild der heiligen Cäcilia (Vasari, a. a. O. S. 343 gibt davon ohne
+nähere Bezugnahme auf Raffael Nachricht) macht ihm seinen Abstand von
+Raffael erst völlig klar. Und so weiß er schließlich der Erzählung von
+Krankheit und Tod des Meisters einen geheimnisvolleren Anstrich zu geben
+als Vasari, der einfach von Francias Tod berichtet, ohne seinen
+Gemütszustand vor Eintritt der Auflösung näher zu beachten. Wackenroder
+zeigt, wie bei dem Greise allmählich Spuren des Verfalles hervortreten,
+eine fast beständige Geistesabwesenheit sich mit den Erscheinungen der
+körperlichen Altersschwäche vereinigt, um auf die Nähe seines Endes
+hinzudeuten. Der Greis, der nach einem arbeitsreichen Leben vor einem
+Jüngeren das Haupt beugen mußte, welkt hier langsam dahin, wie Schillers
+Jüngling, der das verschleierte Bild zu Sais erblickt hatte. Der Tod
+erfolgt dennoch für die getreue Schülerschar ganz plötzlich und
+unerwartet. Vasaris einfacher Hinweis auf diejenigen, nach deren Ansicht
+Francias eines natürlichen Todes starb, verwendet Wackenroder zu einem
+höhnischen [S:28] Angriff auf die »kritischen Köpfe«, die gern die
+ganze Welt in Prosa auflösen möchten, wie er auch schon eingangs betont
+hatte, an der Wahrheit der Erzählung niemals gezweifelt zu haben.
+
+Zum Schluß sei auf Chamissos Behandlung des Stoffes ein kurzer Ausblick
+gestattet; hält doch sein Gedicht »Francesco Francias Tod« in
+anziehender Weise zwischen Vasaris und Wackenroders Darstellung die
+Mitte. Was hier von Francias großem Ruf als Goldarbeiter und Maler in
+gedrängtester Form zu lesen ist, deckt sich ebenso wie der Inhalt von
+Raffaels Brief ganz mit den Berichten unserer Autoren; alle späteren
+Ereignisse folgen aber in knapper Zusammenfassung unmittelbar
+aufeinander. Wie bei Vasari treffen Brief und Bild gleichzeitig ein, wie
+dort erbricht Francia selbst die Kiste, rückt sich das Bild ins Licht
+und ist nun ganz fassungslos vor der gewaltigen Bedeutung des Werkes.
+Für die so unendlich verschiedenen Empfindungen, die nun Francias Brust
+durchtoben, findet Chamisso die bezeichnendsten Worte:
+
+ »Erfüllet ist, was seine Träume waren,
+ Er fühlt sich selbst vernichtet und beglückt.«
+
+Doch folgt kein jäher Paroxismus, der dann wie bei Wackenroder sanfter
+Wehmut den Platz bereitete: auch hören wir nichts von Reue und
+Selbstanklagen, das reine Gefühl der Bewunderung für das Geschaute
+drückt sich schließlich in dem demütigen Danke an die Gottheit aus, die
+dem Greise mit dieser Gabe den Lebensabend zierte. Ein träges Hinwelken
+des Meisters haben wir hier nicht mehr zu beobachten, seine Jünger, die
+ihn (wie bei Wackenroder) umstehen, sind zu seiner Sterbestunde
+gekommen. So vermochte Chamisso, wieder in anderer Weise als früher
+Wackenroder, die dichterische Triebkraft des Stoffes zu verwerten.
+
+
+III.[5]
+
+_Von den Seltsamkeiten des alten Malers Piero di Cosimo._[6] An der
+Spitze von Friedrich Schlegels Lyzeumsfragmenten steht der merkwürdige
+Satz: »Man nennt so viele Künstler, die eigentlich nur Kunstwerke der
+Natur sind.« Knapp und kurz wird hier der [S:29] vieldeutige Begriff
+eines »Kunstwerkes der Natur« eingeführt, und nur ganz obenhin sein
+Gegensatz zu dem des Künstlers angedeutet. Die sorgliche Sparsamkeit der
+Schlegelschen Fragmente, die so oft nur den reinen Begriff einführen,
+ist hier schon genau ausgeprägt, der Fantasie des Lesers bleibt es
+überlassen, nach einer bestimmten Deutung zu suchen. In jenem Teil
+seines Werkes, der die »Seltsamkeiten« des Piero di Cosimo behandeln
+will, machte Wackenroder bereits einen deutlichen Unterschied zwischen
+Künstler und Kunstwerk der Natur. Es ist wohl möglich, daß Schlegel ihm
+diesen Gedanken abborgte, erschienen doch die »Herzensergießungen«
+bereits Beginn 1797 (schon vom 10. Februar ist W. Schlegels Rezension in
+der Jenaer Literaturzeitung datiert), die Lyzeumsfragmente aber im
+zweiten Stücke der Zeitschrift (Haym, S.248; Minor, a. a. O. S. 183)
+erst im Herbste. Jedenfalls hätte dann Schlegel die Klarheit und
+Verständlichkeit dem Wackenroderschen Gedanken geraubt.
+
+Was den einen zum Künstler, den anderen zum Naturkunstwerke stempelt,
+ist bei Wackenroder ein Unterschied der Gemütslage. Der Künstler ist für
+Wackenroder, wie später für seinen Josef Berglinger, ein bloßes Werkzeug
+in der Hand der Schöpfung, seine Aufgabe, die vielfältigen Eindrücke der
+Außenwelt menschlich beseelt wiederzugeben. Dies ist aber nur dem Gemüte
+möglich, in dem Ordnung und Maß herrscht; wildes, ungestümes Drängen,
+Anlage zur Fantastik muß der Seele des Schaffenden fern sein. Wen selbst
+stetig die Leidenschaft durchtobt, der tritt aus der Reihe der
+Schaffenden in die der Geschaffenen, wird aus dem Künstler zum
+Kunstwerke. Der Schöpfer dieses Kunstwerkes ist die Natur selbst, und
+wie Wackenroder mit einem prächtigen Vergleiche schließlich sagt: »In
+dem lebenden und schäumenden Meere spiegelt sich der Himmel nicht; --
+der klare Fluß ist es, worin Bäume und Felsen und die ziehenden Wolken
+und alle Gestirne des Firmamentes sich wohlgefällig beschauen.«
+
+So vermochte Wackenroder bei einem Manne wie Piero di Cosimo, der seinem
+Gemüte niemals Klarheit und Ruhe zu retten wußte, an eigentliche
+künstlerische Sendung nicht zu glauben. Um so lebhafter zog ihn die
+Absonderlichkeit dieses Charakters an, der sich von seiner eigenen
+sanften und milden Gemütsart aufs deutlichste abhob, denn daran
+bewunderte er das geheimnisvolle Walten der Natur nicht minder als an
+manchem ihrer merkwürdigen [S:30] Einzelfälle, die in der Welt des
+Organischen zuweilen den gewöhnlichen Gang der Ereignisse durchkreuzen.
+
+So sind es denn die »Seltsamkeiten« Piero di Cosimos, von denen
+Wackenroder hier berichten will. Damit ist ein Zug dieses Mannes
+aufgegriffen, den _Vasari_ freilich nicht vergißt, der aber gleichwohl
+nur ein wesentlicher Bestandteil seiner allgemeinen biographischen
+Darstellung ist. Er erzählt uns von Piero di Cosimos überschäumender
+Fantasie, von der seine Werke und insbesondere auch seine Lebensweise
+reichlich Zeugnis geben, ja an verschiedenen Stellen steht er nicht an,
+von einem »bestialischen Betragen« dieses Künstlers zu sprechen; wie
+weit er hier in die Einzelschilderung ging, wird uns noch deutlich
+werden. Sind aber derlei Fälle keineswegs sparsam angeführt, so betont
+doch Vasari diese Eigenschaften niemals so stark, daß ein Leser jener
+Lebensskizze blind für alles andere nur dafür Aufmerksamkeit finden
+müßte, besäße er nicht von vornherein Sinn und Teilnahme für Seltsames
+und Wunderbares in dem Maß wie Wackenroder. Ihn aber nahmen die
+Andeutungen, die er hierfür vorfand, so gefangen, daß er vergaß, was ihn
+an dem originellen Kauz sonst wohl angezogen hätte.
+
+Darin also, daß es sich bei Wackenroder um einen Künstler so gut wie gar
+nicht handelt, beruht der fundamentale Unterschied seiner Auffassung
+Piero di Cosimos zu der Vasaris, der gleich anfangs sein Augenmerk auf
+den Maler richtete und ihn, wie schon Della Valle (Vasari III, 1, 75,
+Anm. 1) hervorhob, weit überschätzt. Dieser Kunstkenner rügte an Vasari,
+daß er von Correggio und Giorgione zu Cosimo so leicht den Übergang
+fand, und ihn als Vertreter der in Toskana heimischen Kunst, »wo auch
+kein Mangel an vorzüglichen Geistern gewesen sei«, den großen Meistern
+der Lombardei kurzweg gegenüberstellte. Anders lautete nun freilich die
+Einleitung in der ersten Ausgabe (S. 586); dort suchte Vasari
+vornehmlich die Aufmerksamkeit auf die seltsamen menschlichen
+Eigenschaften Cosimos zu lenken. Ging er aber auch hier einen ähnlichen
+Weg wie Wackenroder, an eine Beeinflussung des letzteren läßt sich doch
+nicht denken und so auch kein nachträgliches Argument für den Gebrauch
+der ersten Ausgabe erbringen. Vasari zeigt keine Spur von Bewunderung
+für das geniale Naturspiel, bei der Erschaffung der Lebewesen
+Absonderlichkeit und Gemeinheit bunt durcheinander zu mischen, wie in
+dieser Einleitung überhaupt [S:31] weit eher Abneigung als Teilnahme
+für die geschilderte Persönlichkeit hervorgerufen wird. In solcher
+Beleuchtung wird uns der Künstler geradezu widerwärtig; was in Vasaris
+späterer Darstellung als Ausfluß einer originellen Charakteranlage
+erscheint, wird hier von gemeiner Denkungsart bestimmt. Zieht sich Piero
+di Cosimo aus der menschlichen Gesellschaft in die Einsamkeit zurück, so
+treibt ihn keine Liebe zur »Philosophie«, nur pure Schelmerei (fanteria,
+s. Vasari 1. Ausgabe, S. 586) dazu. Bleibt sein Zimmer dem Besucher
+verschlossen, so geschieht es nur, um seine mit Seltsamkeiten und
+philosophischen Grillen bedeckten Armseligkeiten vor der Welt zu
+verbergen. Und derselbe Mann, der später als erheiternder,
+liebenswürdiger Gesellschafter bezeichnet wird (S. 592), gilt jetzt als
+boshaft und verschlagen, wird einer Menschenklasse beigezählt, die, in
+Neid und Scheelsucht befangen, immer darauf aus ist, dem Großen und
+Tüchtigen allerhand bittere Pillen in der Zuckerschale hinterlistiger
+Schmeichelreden darzureichen. Noch eigentümlicher berühren die
+Folgerungen, die von Cosimos Grillenhaftigkeit auf seinen äußeren
+Lebensgang gezogen werden. Gewiß zeigen auch Vasaris spätere
+Mitteilungen, wie sehr Cosimo der üble Ruf eines Sonderlings die
+Beliebtheit bei den Mitbürgern schmälerte, und als gar die vielfachen
+Beschwerden des Greisenalters seine mürrische Laune steigerten, da fand
+er sich bald von allen Freunden verlassen. Aber wenn Vasari ganz
+besonders beklagt, daß sich der Künstler den Genuß einer behaglichen
+Altersruhe durch persönliche Rauheit und Schroffheit verscherzt habe, so
+tritt wieder ein auffallender Widerspruch zu den späteren Ausführungen
+zutage. Hören wir doch (III, 1, 86) ganz ausdrücklich von der großen
+Kunstliebe Piero di Cosimos, die ihn jede Mühe und Unbequemlichkeit
+gering achten ließ, und ist es doch die reine Arbeitslust, die den
+gichtischen Händen des Achtzigers den Pinsel in die Hand gibt. Die Klage
+Vasaris ist daher schwerlich im Sinne Cosimos gesprochen; dieser empfand
+die Nötigung zum Schaffen nicht schmerzlich, und das Bedürfnis, sich
+einer stillen Muße hinzugeben, konnte ihm kein weltmännisches Betragen
+abzwingen. Vasari dürfte die Inkonsequenz seiner Darstellung empfunden
+und darum diese Einleitung der zweiten Ausgabe vorenthalten haben.
+
+Vorsichtig, fast zaghaft tritt Wackenroder an seine Aufgabe heran. Mit
+der Einsicht in die Besonderheit des Charakters, der [S:32] gezeichnet
+werden soll, verbindet sich ihm das volle Bewußtsein der Schwierigkeit
+seiner Unternehmung. Die Gleichgültigkeit, mit der die Natur zu Werke
+geht, erkennt er wohl. In leichtem, spielendem Scherze mischt sie die
+Stoffe, unbesorgt, ob Lust oder Unlust dadurch in der Menschenbrust
+entsteht. Will man dann versuchen, das innerste Wesen eines solchen von
+ihrer unbegreiflichen Laune erzeugten Geschöpfes in Worte und Begriffe
+zu fassen, so stößt man fort und fort auf Hindernisse. Denn was
+Einzelberichte der Zeitgenossen über Leben und Charakter einer
+hervorragenden Persönlichkeit zu sagen wissen, befähigt den Nachlebenden
+durchaus nicht, die ganze Fülle einer reichen Individualität wirklich zu
+verstehen, könnten doch selbst die Mitlebenden nicht ganz in sie
+eindringen. So bringt Wackenroder der Beurteilung einer fremden
+Wesensart dieselbe Skepsis wie jenen entgegen, die ursprüngliche
+künstlerische Begabung in bestimmte Formeln gießen wollten. Denn auch
+hier findet er wieder das geheimnisvolle Walten der Gottheit, uns aber
+bleibt, wie er meint, nichts übrig, als mit leerer Verwunderung die
+unbegreiflichen Erscheinungen anzustaunen. Trotzdem will Wackenroder
+nicht darauf verzichten, wenigstens einzelne Züge anzuführen, aus denen
+der Leser sich selbst eine Vorstellung von dem Charakter jenes
+merkwürdigen Mannes bilden kann. Wenigstens so viel Licht sucht er zu
+verbreiten als der begrenzten menschlichen Fähigkeit möglich ist. Dazu
+greift er auf, was ihm Vasaris Berichte boten, und verfährt in den
+Einzelheiten mit großer Genauigkeit. Hätte aber Wackenroder ein
+achtsameres Auge für Cosimos künstlerische Tätigkeit, die Vasari so
+ausführlich beschreibt, gehabt, so hätte ihm auch hier manches deutlich
+gemacht, daß der Künstler wirklich jener Fantast war, als den er ihn
+stets zu zeichnen bemüht ist.
+
+ So malte Piero (Vasari III, 1, 82) einst die Madonna, die gerade
+ der Erde entnommen wird. Die heilige Jungfrau wendet ihr verklärtes
+ Antlitz zum Himmel, ihre Mienen erglänzen im Scheine der Strahlen,
+ die von der Taube des heiligen Geistes ausgehen, und ebenso ist die
+ Landschaft im Hintergrunde, voll der schönsten und seltsamsten
+ Gewächse, in helles Licht getaucht. Wie sehr kontrastiert aber zu
+ diesem Gemälde seeligen Friedens die Bemalung des Rahmens, die sich
+ keineswegs mit der Aufgabe begnügt, bloß harmloser Aufputz zu sein.
+ Statt milden Himmelslichtes gewahren wir plötzlich feurige Gluten
+ aus den Augen eines Ungeheuers hervorströmen. Cosimo stellte hier
+ die Schlange dar, deren Leib sich gerade die heilige Margarethe
+ entwindet. Sein Vermögen, das Gräßliche zu gestalten, soll [S:33]
+ sich hier so mächtig offenbart haben, daß sich Vasari alsbald
+ wieder zu dem Lobe versteigt, er meine nicht, daß noch jemand diese
+ Dinge habe besser gestalten können.
+
+Sicherlich gibt es kaum ein charakteristischeres Beispiel für eine
+besonders ausschweifende Einbildungskraft, als wenn gerade in dem
+Augenblicke, da der ungeberdige Sinn sich ruhiger Mäßigung ergeben hat,
+urplötzlich die Wildheit wieder hervorbricht und einen Gegensatz
+schafft, der den Beschauer nirgends einen Konzentrationspunkt für sein
+Interesse finden läßt. So war Cosimo doch nicht, wie Wackenroder meinte,
+ganz unfähig, sich zeitweilig zu ruhiger Schönheit aufzuschwingen; daß
+er sie aber, wie dieses Beispiel dartut, hinterher absichtlich trübte,
+ist gerade der sprechendste Beweis für seine absonderliche Gemütsart.
+Weit weniger anschaulich wäre dies selbst durch das dem Herzog Julius
+von Medici zugedachte Ungeheuer geworden, denn trieb auch hier Cosimos
+Fantastik ihre höchsten Blüten, so mangelte hier der Kontrast, der im
+anderen Falle ein so beredtes Zeugnis abgelegt hatte. (Das zweite
+Gemälde bei Vasari a. a. O. S. 82.)
+
+Es wurde schon betont, daß Wackenroder der rein künstlerischen Seite von
+Cosimos Leben und Wirken keine Aufmerksamkeit schenkt. Zeigt uns Vasari
+den Kunstnovizen in der Schule Cosimo Rosellis, wo er an Größe der
+Auffassung und Reichtum der Erfindung seine Mitschüler weit überragte,
+so begnügt sich Wackenroder mit dem Hinweise, daß schon den Jüngling der
+hohe Flug der Fantasie kennzeichnete, der im späteren Lebensalter sich
+stets kräftiger regte. Wie Vasari mitzuteilen weiß, verweilte Pieros
+Aufmerksamkeit nie an einem Orte, flugs schweiften seine Gedanken vom
+einen zum anderen, so daß er es nie vermochte, den Faden einer
+begonnenen Erzählung ruhig fortzuspinnen. Der Reichtum seiner Ideen
+lenkte ihn stets in ein anderes Fahrwasser, und bald sah er sich
+genötigt, wieder den Ausgangspunkt zu suchen. Erst Wackenroder betont
+aber, daß es stets fremdartige und seltsame Erzählungen waren, die den
+gleichmäßigen Fluß des Berichtes verhinderten, wie ihm auch der Gedanke
+kam, den Künstler von der Arbeit weg erzählen zu lassen. Aus Vasari (a.
+a. O. S. 76) kennen wir Cosimos große Liebe zur Einsamkeit, die auch
+Wackenroder bestätigt und in gleicher Weise begründet: um sich den
+Streifzügen der Einbildungskraft ungestörter überlassen zu können. Daran
+[S:34] schließen sich nun bei Wackenroder, da Vasari sich zu den ersten
+künstlerischen Arbeiten Cosimos wendet, sogleich die von Vasari (a. a.
+O. S. 77 ff.) angeführten weit deutlicheren Beispiele für Piero di
+Cosimos seltsame Charakteranlage. Können wir Vasari vertrauen, so zeigte
+sich Cosimos Überspanntheit erst nach dem Tode seines Meisters Roselli
+im vollen Umfange. Besonders merkwürdig gestaltete sich seine tägliche
+Lebensweise. Es war ihm unmöglich, eine bestimmte Speisestunde
+einzuhalten, er begehrte zu essen, wenn er gerade Hunger empfand,
+verbot, seine Zimmer zu räumen oder die Bäume seines Gartens zu
+beschneiden. Liegen hier keine Übertreibungen vor, so ist Vasaris
+Urteil, Cosimo habe mehr wie eine Bestie als ein Mensch gelebt,
+keineswegs unbegreiflich. Wackenroder schließt sich diesen Angaben genau
+an, nur weiß Vasari nichts davon, daß Cosimo sich die Speisen auch
+selbst bereitete; vielleicht knüpft Wackenroder hier an Vasaris Bericht
+(III, 1, 86) an, demzufolge Cosimos Nahrung aus harten Eiern bestand,
+die er jedesmal, wenn er Leim kochte, zur Ersparung des Feuers gleich zu
+vierzig bis fünfzig Stück sieden ließ. Ob er dabei selbst tätig war,
+läßt diese Mitteilung freilich im Unklaren. Zudem enthält sich
+Wackenroder der Anspielung auf das »Leben der Bestien«; im Gegensatze zu
+Vasari, bei dem alle diese Absonderlichkeiten Cosimos mit dem Tode
+Rosellis beginnen, fehlt bei Wackenroder die Feststellung des
+Zeitpunktes.
+
+Konnte Piero di Cosimo durch ein solches Gebaren im täglichen Leben mit
+Recht der Titel eines Sonderlings beigelegt werden, so ist auch seine
+Vorliebe für monströse Gemälde aus der Pflanzen- und Tierwelt nicht
+weniger merkwürdig. Mit einer an Wackenroders Einleitungsworte
+anklingenden Wendung erzählt Vasari, der seltsame Mann hätte mit
+Vorliebe aufgesucht, was die Natur »aus Laune oder zufällig gestaltet«.
+Wenn er hier berichtet, mit welcher Freude Cosimo diese Dinge oft bis
+zum Überdruß seiner Zuhörer erzählt habe, so vergißt Wackenroder nicht,
+die gespannte Aufmerksamkeit bei der Betrachtung selbst hervorzuheben,
+und es bezeichnet Piero di Cosimos Natur sehr treffend, wenn er ihn das
+»Häßliche begierig genießen« läßt. Auch ein Skizzenbuch Pieros, dem
+diese Studien reiches Material boten, erwähnt Wackenroder in gleicher
+Weise wie Vasari. Heute ist dieses Buch, wie die »neue florentinische
+Ausgabe« von Vasaris Werk meldet, verschollen.
+
+ [S:35] Aber Cosimo behielt nicht nur im Gedächtnisse, was es
+ Merkwürdiges und Absonderliches in der Außenwelt zu schauen gab, er
+ wußte sogar manches, wovon sich die Mehrzahl der Menschen mit Ekel
+ abwendet, für sich dienstbar zu machen und in seiner Fantasie
+ schöpferisch auszugestalten. Mit Staunen erfahren wir von Vasari,
+ daß unser Meister ruhigen Blutes, ja mit großem Vergnügen Mauern,
+ die vom Auswurf kranker Leute beschmutzt waren, betrachtet und
+ daraus für seine künstlerischen Arbeiten Anregung empfangen habe.
+ Den Zusatz, daß auch Wolkenbildungen in ihren verschiedensten
+ Formen seine Teilnahme weckten, werden wir allerdings ohne
+ Verwunderung lesen. Wackenroder folgt auch hierin genau, doch mit
+ mehr stilistischer Prägnanz, indem er über das Studium der
+ befleckten Mauern und der Wolkenbildungen, wofür Vasari zwei Sätze
+ nötig hat, kurzweg in einem einzigen berichtet. Zudem sucht er den
+ Ausdruck ein wenig zu mildern, denn das wenig ästhetische Bild des
+ Auswurfes kranker Leute bleibt uns erspart, und wir erfahren nur
+ ganz allgemein von befleckten Mauern.
+
+Recht glücklich sind oft Wackenroders kleine Umbildungen, -- sie
+betreffen hier nur Reihenfolge und Darstellungsweise -- wenn von Piero di
+Cosimos oft recht widerspruchsvollem Verhalten gegen Sinneseinwirkungen
+die Rede ist.
+
+ Das Künstlerauge betrachtete, wie Vasari (a. a. O. S. 86) mitteilt,
+ den geradlinig von den Dächern herabströmenden Regen mit
+ Wohlgefallen, aber der Blitz erschreckte Cosimo heftig, und gegen
+ starke Geräusche (Kindergeschrei, Glockengeläute usw.) war er
+ vollends empfindlich. Mit großer Geschicklichkeit verwertet
+ Wackenroder diese Angaben. Zunächst ist seine Anordnung besser und
+ übersichtlicher. Die oben angeführten Geräusche weist er der einen,
+ alles aufs Gewitter Bezügliche der anderen von ihm scharf umgrenzten
+ Gruppe zu. Einen Übergang wie den Vasaris: »Das Singen der Mönche
+ war ihm lästig, wenn aber der Himmel sich im Regen ergoß, so machte
+ es ihm Vergnügen, das Wasser in gerader Linie von den Dächern
+ herabstürzen zu sehen«, treffen wir bei ihm nicht. Er beging nicht
+ den Fehler, in dieser Weise optische und akustische Eindrücke
+ miteinander zu vermengen. Überhaupt wendet Wackenroder alles ins
+ akustische Gebiet. Nicht an dem Anblicke des Wassers ergötzt sich
+ Piero di Cosimo, aber das starke Aufprasseln des Regens aufs Dach
+ vernimmt er mit Freude, und an Stelle des Blitzes treibt der Donner
+ den Meister in die Stubenecke; eine beachtenswerte Änderung, da hier
+ der Unschädlichkeit der Erscheinung wegen bloß der reine Effekt
+ deutlich wird. Ist nun auch von den anderen Geräuschen die Rede, so
+ wird die Angliederung leichter und passender.
+
+Recht wenig läßt sich aus Wackenroder für Piero di Cosimos gesellige
+Eigenschaften ersehen; auch was Vasari hierfür bot, ist äußerst dürftig.
+Er weiß nur zu vermelden, daß Piero di Cosimo humoristische Begabung
+besaß und im Gespräch die Zuhörer oft zu stürmischer Heiterkeit fortriß.
+Wackenroder übersah dies nicht [S:36] (S. 91) und ließ überdies
+durchblicken, daß die sonderbaren Züge seines Charakters ihm in der
+Beurteilung der Menschen sehr schadeten. Freilich ist es wenig passend,
+wie Wackenroder unmittelbar vorher gesellige Vorzüge zu preisen und dann
+abzuschließen: »In Summa, er war so beschaffen, daß die Leute seiner
+Zeit ihn für einen höchst verwirrten und beinahe wahnsinnigen Kopf
+ausgaben.« Diese letzte Bemerkung stammt ebenfalls aus Vasari, der (a.
+a. O. S. 78) erzählt, wie sehr Cosimo durch seine »bestialische
+Lebensweise« in der Achtung seiner Zeitgenossen sank und daß er
+allgemein für einen Narren gehalten wurde.
+
+Daß Wackenroder jenes Madonnenbild nicht berücksichtigte, brachte ihn um
+ein sehr treffendes Beispiel, aber er ersetzt dieses durch ein noch weit
+wirksameres, dem auch Vasari reichliche Beachtung widmete. Es gab
+Gelegenheiten, wo die Florentiner ganz zufrieden waren, den unheimlichen
+Gesellen Piero di Cosimo in ihrer Mitte zu haben. Kam die Zeit des
+Karnevals und regte sich das Verlangen nach Maskenspielen und Festzügen,
+so war gerade Piero di Cosimo der Mann, um mit nie versiegender
+Erfindungsgabe der verwöhnten Jugend der Stadt stets durch neue
+Lustbarkeiten zu schmeicheln. Ihm, der schon früh zur Ordnung und
+Einrichtung der Festzüge berufen wurde, dankten die Teilnehmer manche
+schätzenswerte Verbesserung; Vasari weiß uns manche Einzelheit
+mitzuteilen. Wackenroder übergeht diese Detailberichte und begnügt sich,
+einfach einen großen Aufschwung der Festlichkeiten festzustellen. Sehr
+treffend vergleicht er dabei des Künstlers überaus lebhaften Geist mit
+einem Kessel siedenden Wassers, das Schaum und Blasen treibt.
+
+ Unter den verschiedenen Festzügen, die Piero di Cosimo Jahr für
+ Jahr einrichtete, fiel Vasari besonders einer stark auf, der mit
+ großer Deutlichkeit die fantastischen Anlagen seines Erfinders
+ erkennen läßt. Vasari weiß fein auseinander zu setzen, warum sich
+ das menschliche Gemüt gegen Darbietungen dieser Art keineswegs
+ sträube. Wir lieben ja nicht bloß süße Speisen, vieles mundet uns
+ gerade seiner Herbheit wegen, und ist denn nicht das Vergnügen an
+ der Tragödie das sprechendste und großartigste Zeugnis für die
+ Möglichkeit, auch an der Betrachtung von Jammer und Elend Gefallen
+ zu finden, wofern nur, wie Vasari hinzusetzt, alles »mit Einsicht
+ und Kunst geordnet ist«? So machten sich denn auch tatsächlich bei
+ den Zuschauern dieses Festzuges, sobald sie über den ersten
+ peinlichen Eindruck hinweggekommen waren, die Empfindungen geltend,
+ die Vasari mit scharfer Beobachtung als Wirkung des Tragischen im
+ Kunstwerke erkannt hatte. Ihr anfängliches Unbehagen verwandelte
+ sich bald in fröhliche Billigung.
+
+ [S:37] Was sich da abspielte, war freilich seltsam genug. Mitten
+ ins lärmende Festgewühl fährt plötzlich, von vier schwarzen Büffeln
+ gezogen, ein mächtiger Wagen, ganz mit Gegenständen bemalt, die an
+ den Tod erinnern. Hoch oben aber erhebt sich die schreckliche
+ Gestalt des Würgers mit der Sense in der Hand, rings umgeben von
+ bedeckten Särgen, die sich an jedem Punkte, wo der Zug hält, auftun
+ und die Toten entlassen, die ihr Inneres birgt. Da steigen denn
+ hohe Gestalten empor, ganz in Trauergewänder gehüllt, auf deren
+ düsterem Schwarz in grausigem Kontraste die weißen Knochen eines
+ Totengerippes gemalt sind. Unter den dumpfen Tönen der Trompeten
+ setzen sich die Toten auf ihre Särge und stimmen das Lied der
+ Vergänglichkeit (Dolor, pianto e penitencia usw.) an. Auf hageren
+ Gäulen, eigens für diesen Zweck ausgewählt, folgen dem Wagen eine
+ Menge Toter, mit denselben grauenvollen Bemalungen der Gewänder.
+ Eine große Fahne, ebenfalls mit den Insignien des Todes, wird jedem
+ der Reiter nachgetragen, und noch zehn schwarze Fahnen, die dem
+ Wagen nachgetragen wurden, vervollständigen das grauenvolle Bild.
+ Langsam setzt sich der Zug in Bewegung und singt dazu einen Psalm
+ Davids, eine Frivolität, die Bottari (Vasari III, 80, Anm. 7) mit
+ Recht tadelt; weder Vasari noch merkwürdigerweise Wackenroder
+ nehmen Anstoß daran.
+
+Hier läßt Wackenroder das Sachliche völlig unberührt; wo er in der
+Darstellungsweise von Vasari abweicht, geschieht es, um die
+Anschaulichkeit der Situation zu vermehren, ein Bestreben, dem wir ihn
+schon oft dienstbar sahen. Er legt Wert darauf, von Anfang an die
+Gegensätze ins rechte Licht treten zu lassen, und macht nachdrücklich
+aufmerksam, daß der grausige Scherz gerade die lauteste Festfreude
+unterbrach. Vasari unterläßt das, wenn er auch, um die Überraschung
+anzudeuten, hervorhebt, daß die Vorbereitungen ganz im Stillen vor sich
+gingen. Sodann zeigt er schon während der Darstellung den Eindruck auf
+die Zuschauer, die von heftigem Schrecken über die Begebenheiten erfüllt
+werden, während Vasari erst später (a. a. O. S. 80) dieser Wirkungen
+gedenkt. Von den einzelnen Stadien des Zuges aus hält er stets Rückschau
+auf die Beobachter. Entsteigen die Toten ihren Gräbern, so setzt er in
+Parenthese: »wobei alles Volk von einem stillen Grauen ergriffen ward«,
+und die Wirkung des Gesanges ist so stark, daß er »das Blut in den Adern
+gerinnen macht«. Größeres Geschick in der Anordnung beweist abermals,
+daß er den Gedankengang jener Kanzone, alle jetzt Lebendigen würden
+einst, gleich den Sängern, Tote sein, hier schon skizziert, während man
+bei Vasari diesen Inhalt erst einem späteren Zitat, zu anderen Zwecken
+gegeben, entnehmen kann. Eine Abschwächung gegenüber Vasaris Darstellung
+mag es bedeuten, daß er den Farbenkontrast der schwarzen Kleidung und
+ihrer weißen [S:38] Bemalung nicht erkennen läßt und bloß von »weißen
+Gerippen« redet. Von den Mitteln der Spannung ist zudem ein ausgedehnter
+Gebrauch gemacht. Der Wagen wird nicht, wie bei Vasari, gleich mit
+seinem rechten Namen als der »des Todes« bezeichnet, zuerst kommt
+einfach »ein großer schwarzer Wagen« langsam heran; erst die
+Totengerippe und die Gestalt des schrecklichen Würgers, den Wackenroder,
+den Eindruck verstärkend, nicht ruhig dastehen, sondern wie er sich
+ausdrückt, »umherstolzieren« läßt, machen den Zweck der ganzen Handlung
+offenbar. Ganz wunderbar ist stellenweise die Behandlung der Sprache; in
+ausgezeichneter Weise wird das träge Dahinschleichen des Zuges gemalt:
+»Es näherte sich durch die dämmernde Nacht schwer und langsam« usw.
+Ebenso markiert in dem Satze: »Aber der langsame Zug hielt an«, der
+schwere Ton auf dem »an«, treffend den Stillstand des Gefährtes. Für den
+Erfolg des Festzuges sucht auch Wackenroder nach tieferen
+psychologischen Gründen, beobachtet wie Vasari einen durch schaurige
+Eindrücke hervorgerufenen Lusteffekt und geht sogar noch einen Schritt
+weiter als jener. Ohne Einschränkungen sind ihm schmerzliche und widrige
+Empfindungen überhaupt geeignet, die Teilnahme der Seele rege zu machen;
+kommt dann noch poetische Kraft dazu, so ist hohe, begeisterte Spannung
+sicher. Er läßt im Gegensatze zu Vasari nichts davon verlauten, daß
+Cosimos Unternehmung für keinen geeigneten Karnevalsscherz galt, gerade
+wie ihm, hier seinem Gewährsmann ganz gleich, das Absingen des Psalmes
+keinerlei Skrupel bereitete. Der superklugen Deutung einiger
+Zeitgenossen des Malers, die in den Toten die vertriebenen Mediceer und
+in den Worten ihres Gesanges Fummo già come voi siete, voi sarete come
+noi eine Profezeiung ihrer Rückkehr erblicken wollten, setzt schon
+Vasari die richtige Bemerkung entgegen, »man strebe stets frühere Werke
+und Handlungen auf nachfolgende Ereignisse zu beziehen«, und Wackenroder
+widmet der ganzen Hypothese kein Sterbenswörtchen. Er gelangt nun, da
+Vasari in der Betrachtung von Cosimos künstlerischer Tätigkeit
+fortfährt, sodann erst kleine biographische Einzelheiten, wie seine
+Empfindlichkeit gegen Geräusche usw., die Wackenroders geschicktere
+Gruppierung bereits mit früheren Angaben Vasaris vereinigt hatte,
+beibringt, dazu, des Malers wachsende Reizbarkeit in vorgerückten Jahren
+anschaulich zu machen. Daß Piero di Cosimo als Greis recht mürrisch
+[S:39] und verdrießlich wurde, die Unterstützung der Malerjungen
+schroff ablehnte, konnte Vasaris Berichten entnommen werden, aber
+Vasaris Zusatz, aller Beistand hätte dem alten Maler infolge seines
+brutalen Wesens schließlich gefehlt, wird von Wackenroder ignoriert.
+Dagegen hören wir, wieder Vasari entsprechend, daß Cosimo gichtischer
+Schmerzen ungeachtet, Pinsel und Malerstock in den Händen zu halten
+suchte und daß seine Gereiztheit schon den Anblick der Fliege an der
+Wand schmerzlich empfand. Liest man ferner bei Vasari, daß der Künstler
+trotz hohen Alters vom Tode nichts hören mochte, so finden wir dasselbe
+bei Wackenroder wieder, da er aber des religiösen Verhaltens bei Cosimo
+so wenig gedenkt als bei Lionardo da Vinci, so muß er nicht wie Vasari,
+der Cosimos Scheu vor Beichte nicht verschweigen kann, nachdrücklich auf
+seine Frömmigkeit hinweisen, die ihn trotz des »bestialischen Lebens«
+niemals verlassen habe. Beiden Darstellungen läßt sich ferner entnehmen,
+daß Piero di Cosimo vor langer Krankheit gebangt und lebhaft gewünscht
+habe, mit einem Male aus der Welt zu gehen. Vasaris sehr eingehende
+Schilderung der verschiedenen Leiden und Belästigungen des Kranken, die
+Piero di Cosimo hauptsächlich scheute, ist allerdings sehr verkürzt und
+verallgemeinert; allzu Derbes soll auch hier keinen Platz finden. In
+ganz unbestimmten Worten schildert in Wackenroders Darstellung der Alte,
+dem nichts unerträglicher war als ein langes Siechtum, die schreckliche
+Entbehrung von Speise und Schlaf, und mit Schaudern durchlebt er das
+Gefühl des Todgeweihten, der das Klagen und Jammern der Verwandten
+vernimmt, die sein Lager umstehen. Nach Vasari (a. a. O. S. 87) hielt
+Piero di Cosimo, charakteristisch für seine Gemütsart, den Tod auf dem
+Hochgericht für das glücklichste Ende. Auch hier erstickte die Freude am
+Schrecklichen und Grauenvollen jede andere Empfindung in ihm, und er
+schwelgte mit Genuß in der Vorstellung, im bunten Gewühl der Menge,
+unter den Gebeten des Volkes und der Priester ins Himmelreich
+emporzusteigen. Wackenroder folgt wiederum getreulich, nur Vasaris
+Anspielung auf die Henkersmahlzeit konnte eine Darstellung nicht
+gebrauchen, die wie bei Wackenroder besonders widrige Eindrücke
+abzuschwächen suchte.
+
+Den Rest des Lebens, das dieser merkwürdige Mann führte, faßt Vasari in
+die Worte zusammen: »So schrieb er allen Dingen die seltsamste Deutung
+zu, und seine wunderlichen Gedanken waren [S:40] schuld, daß er ein
+wunderliches Leben führte« (a. a. O. S. 87), erklärt also folgerichtig
+den Lebensgang aus der Charakteranlage. Wackenroders abschließende
+Bemerkung: »In solchen Gedanken schwärmte er unaufhörlich fort«, verrät
+das Vorbild dieses Satzes. Mit chronistischer Knappheit verzeichnet er
+hierauf Cosimos Ableben, der freilich nicht am Hochgerichte starb,
+dennoch aber nicht in langem Siechtum dem Tode entgegenwelkte. Man fand
+ihn eines Tages entseelt am Fuß der Treppe, wie Vasari berichtet. Die
+Angabe der Jahreszahl und des Begräbnisortes (1521, St. Piermaggiore)
+nahm Wackenroder nicht in seine Erzählung auf.
+
+Wir wissen, daß Wackenroder dem Künstler Piero di Cosimo keine
+Charakteristik gönnt. Doch will er, da (S. 95) Vasari als Quelle genannt
+ist, wenigstens andeuten, welches Bild sich dieser von Cosimos
+künstlerischer Individualität machte.
+
+ Was er uns hier sagt, ist allerdings nicht ganz wahrheitsgemäß.
+ Vasari sollte von einer besonderen Vorliebe Piero di Cosimos für
+ die Darstellung von »wilden Bacchanalen und Orgia, fürchterlichen
+ Ungeheuern oder sonst irgend schreckhaften Vorstellungen«
+ gesprochen haben, was sich aber nirgends nachweisen läßt. Denn ist
+ auch (III, 1, 85) von den Bacchanalen die Rede, die Piero di Cosimo
+ im Auftrage des Giovanni Vespucci malte, so ist doch an keiner
+ Stelle behauptet, daß diese Art von Malerei etwa den Kern seiner
+ künstlerischen Produktionen gebildet hätte. Jedem Leser von Vasaris
+ Biographie müßte zudem eine solche Bemerkung höchst widersinnig
+ vorkommen, liest er doch dort von soviel Gemälden ganz anderer Art,
+ von Porträts berühmter Persönlichkeiten (so bei Vasari des Herzogs
+ Valentinos, Sohnes Alexanders VI.) oder von Bildern, die sich ihren
+ Stoffkreis aus dem Neuen Testament (Heimsuchung Mariä, Vasari)
+ holen. Freilich treten die »Seltsamkeiten« des Künstlers, von
+ Wackenroder selbst nur nach der persönlichen Seite hin beobachtet,
+ auch in der Produktion zutage, hatte er in dem besprochenen
+ Marienbilde fantastischen Geist bewiesen, und in charakteristischer
+ Weise milde Schönheit und höllischen Schauder vereinigt, so widmete
+ er später Julian von Medici das Bild eines furchtbaren
+ Seeungeheuers, lockten ihn Stoffe, wie die Befreiung der Andromeda,
+ und entfaltete er in dem Francesco Pugliese zugedachten Gemälden
+ den ganzen Reichtum einer eigenartigen Einbildungskraft. Das alles
+ aber verführte Vasari noch nicht zu einer Bemerkung, wie sie
+ Wackenroder für ihn in Anspruch nimmt.
+
+Dagegen spricht Vasari wiederholt von Piero di Cosimos Fleiß und
+Kunsteifer und machte auch, Wackenroders Angabe gemäß, die Bemerkung,
+daß der Kunstfleiß schwermütiger Naturen meist ernster und andauernder
+sei als der leichtblütiger. Das steht, wie schon Wackenroder hervorhebt,
+im Leben des Antonio Sogliani; nirgends [S:41] aber erhebt Vasari gegen
+die Eignung eines Menschen wie Cosimo zur künstlerischen Tätigkeit
+irgendwelche Einwände. Dieser Zweifel stieg erst Wackenroder auf, wie es
+auch ihm erst einfiel, dem unruhigen Brausekopfe Piero di Cosimo die
+besonnene Klarheit eines Lionardo da Vinci entgegenzuhalten, die diesen
+zu seinem Nutzen stets in der Bahn des Irdischen festhielt. Nur soviel
+läßt sich aus Vasari, der jeden Vergleich vermeidet, für das Verhältnis
+dieser Meister erkennen, daß Piero di Cosimo gerade Lionardos Werke mit
+besonderem Eifer studiert und nachgeahmt habe, wenn sich dann auch, wie
+er nachdrücklich hinzusetzt, bei dem reiferen Cosimo eine eigene, von
+der seines großen Vorbildes gänzlich verschiedenen Art ausbildete.
+
+Was Wackenroder mit seinem wunderbaren Gleichnis von dem klaren Flusse
+für die Künstlerseele forderte, besaß Piero di Cosimo nicht, Vasari aber
+kam dies nicht zum Bewußtsein.
+
+
+IV.
+
+_Die Größe des Michelangelo Buonarotti._ Wer bei diesem Kapitel
+angelangt, an Wackenroders Charakteristik von Lionardo da Vinci
+zurückdenkt, wird bei Michelangelo wirklich durchgeführt sehen, was bei
+seinem großen Rivalen nur geplant war: Unbekümmert um die geschichtliche
+Folge von Leben und Schaffen sucht Wackenroder bloß die Eigenart eines
+großen Meisters deutlich zu machen. Wir hören seine Absicht, Lionardo
+als das Muster in einem wahrhaft gelehrten und gründlichen Studium der
+Kunst, und als das Bild eines unermüdlichen und dabei geistreichen
+Fleißes darzustellen (S. 35), sehen ihn aber gleich anfangs in den Ton
+des Biographen fallen, dann sich der Hauptsache erinnernd, Beispiele aus
+verschiedenen Lebensperioden vereinigen, um dann wieder auch ohne sehr
+strenge Methodik den Pfad geschichtlicher Betrachtung an der Hand seines
+Gewährsmannes weiterzuwandeln. Ein solcher Zwiespalt in der Anlage ist
+hinsichtlich Michelangelos nicht mehr zu beobachten. Nicht nur ist alles
+Biographische ausgeschieden und jede Chronologie hintangesetzt, auch
+kein einziges Werk wird irgendwie namhaft gemacht. Von allen
+Persönlichkeiten, mit denen sich die »Herzensergießungen« beschäftigen,
+wird keiner geringerer Raum zugemessen als dem großen Buonarotti. Ohne
+sich ins breite [S:42] Detail der Tatsachen zu verlieren, benützt
+Wackenroder einfach ihre Ergebnisse, um für die Größe Michelangelos den
+entscheidenden Punkt zu finden.
+
+An der überreichen Fülle von Einzelheiten, deren die sehr umfangreiche
+Biographie Michelangelos aus Vasaris Feder gedachte, blieb Wackenroders
+Blick nicht haften. Aber Vasari versuchte auch, die Bedeutung
+Michelangelos in seiner Weise zusammenfassend zu würdigen, und dieser
+durchaus nicht in allen Punkten glücklichen Charakteristik stellte
+Wackenroder die seine gegenüber. Aus Vasaris Einleitung, die Wackenroder
+seiner Darstellung voranschickt und zwei anderen Stellen der Biographie
+(a. a. O. S. 346 und 417) läßt sich das Gesamturteil unseres Chronisten
+über seinen Gönner und Freund Michelangelo ableiten. Es lautet so
+enthusiastisch als möglich. Nach den begeisterten Worten der Vasarischen
+Einleitung war Michelangelo ein Gottgesandter, seine Bestimmung, der
+stets irrenden, vergeblich strebenden Menschheit ein Lehrmeister der
+echten und wahren Kunst in allen ihren Teilen zu werden.
+
+ Niemand erhob sich höher als Zeichner (nach S. 347 ging ihm
+ Zeichnung über koloristische Behandlung), niemand bewies größeres
+ Geschick als Bildhauer, niemandem glückte als Baumeister ein
+ idealerer Typus des Wohnhauses. Aber kühn vorwärtsstrebend
+ durchstreifte dieser gewaltige Geist andere Gebiete mit demselben
+ rastlosen Eifer; auch ihm schenkte zudem Apollo des Gesanges Gabe,
+ und vollends machte ihn die Lauterkeit des Charakters zum
+ leuchtenden Beispiele für die Zeitgenossen. Hört man eine solche
+ Lobpreisung, so wird man sicherlich wissen, daß man eine bedeutende
+ und vielseitige Persönlichkeit vor sich hat; wie aber diese
+ Persönlichkeit ihrer ganz besonderen Eigenart nach war, kann
+ niemand daraus lernen. Und auch später, wo eigentliche
+ Kunstprobleme mehr in den Vordergrund treten, konnte Vasari der
+ Aufgabe, spezifisch Michelangeloschen Geist aus den Werken zu
+ verkünden, keineswegs gerecht werden. Bei Besprechung der
+ Deckengemälde in der Sixtinischen Kapelle versucht Vasari,
+ Michelangelos Superiorität über andere Meister zu erweisen,
+ beobachtet aber nichts als eine »neue große Manier des Nackten« und
+ die größten Schwierigkeiten der Zeichnung. Noch allgemeiner und
+ unbestimmter kontrastiert er dann in der recht dürftigen
+ Gesamtübersicht von Michelangelos Kunst nach dessen Ableben an den
+ Werken »Kunst, Anmut und Lebendigkeit«, die ihn für das entzückte
+ Auge des Entusiasten über die Alten erhob; er rühmt die
+ ungezwungene, spielende Überwindung der Schwierigkeit, die erst dem
+ kopierenden Kunstbeflissenen deutlich werde, aber alles das müßte
+ nicht gerade von Michelangelo gesagt werden. Diese Unfähigkeit, die
+ individuelle Beschaffenheit klar zu schildern, merkte Wackenroder
+ wohl an Vasari, und überdies erregte die blinde Vergötterung, die
+ »sich mit dem bloßen Anstaunen begnüge«, [S:43] selbst in seiner
+ schwärmerisch gestimmten Seele kein unbedingtes Wohlgefallen.
+ Farblos und ungenügend erschien ihm eine Darstellung, die dem
+ Kunstwerke kaum mehr als ein allgemeines Lob, wie »schön und
+ vortrefflich«, zu spenden vermochte; er fühlte den Trieb nach
+ größerer Vertiefung und bezeichnet es selbst als seinen Plan, in
+ den innern Geist seines Mannes einzudringen, die ihm allein
+ zukommenden Eigenschaften zu entwickeln.
+
+Gleich am Anfang schlägt Wackenroder einen Weg der Charakteristik ein,
+den Vasari zu seinem Schaden nicht gegangen ist. Er sucht durch
+Kontrastierung mit anderen Künstlern das Bild seines Meisters in ein
+schärferes Licht zu rücken. Er beobachtet mit Glück, daß sich Dichtkunst
+und Malerei im Gebiet des seelischen Ausdruckes begegnen und in beiden
+Künsten stets der Gegensatz von feurig überschäumender Kraft und stiller
+Beschaulichkeit zutage trete. Schon Lionardo wurde andeutungsweise mit
+Raffael verglichen und mit unnachahmlicher Anschaulichkeit beider
+Kunstarten gesondert, hier soll die ehrfurchtgebietende Individualität
+Michelangelos durch vergleichenden Ausblick auf die stille Klarheit des
+»göttlichen Raffael« gekennzeichnet werden. Hier, wie immer bei
+Wackenroder, wird selbstredend keine Auffassungsweise perhorresziert,
+jeder wird in seiner Art dankbar gewürdigt. Und hatte er früher,
+Lionardosche und Raffaelsche Kunst wechselseitig abwägend, den Gegensatz
+des Starken und Zarten, des Männlichen und Weiblichen nicht besser als
+durch die Züge des Greises einer-, der Jungfrau andererseits aufzeigen
+können, so sind ihm Michelangelo und Raffael die künstlerischen
+Vertreter zweier verschiedenen Bekenntnisse. Die Weisheit mosaischer
+Profeten und die Gefühlsweise morgenländischer Dichter spricht aus
+Michelangelo, die sanfte Stille des christlichen Gemütes aus Raffael.
+Wie in dem Blumengarten der orientalischen Poesie die absonderlichsten
+Gewächse keimen, so entspringt dem Riesengeiste Buonarottis das
+Außerordentliche und Übermächtige. Wie seine Gestalten eine titanische
+Kraft durchdringt, seine Wahl so gerne auf »erhabene und furchtbare
+Gegenstände« fällt, und seine Stellungen oft die fantastischste
+Verzerrung aufweisen, so treibt auch in jener Literatur eine
+übergewaltige Fantasie einen unerschöpflichen Reichtum feuriger Bilder
+und Gleichnisse hervor. Freilich mußte er, um solches auszusprechen,
+selbst wachsamen Auges die verborgenen Tiefen einer Künstlerindividualität
+durchspüren, denn durchaus nicht in allen Punkten ging ihm hier Vasari
+an die Hand! Zunächst konnte er freilich für das von Wackenroder
+flüchtig berührte [S:44] persönliche Verhältnis, das ihn mit
+Michelangelo verband, nicht geringes Material liefern.
+
+ Er rühmt tatsächlich mit herzlichem patriotischen Gefühl Florenz als
+ vornehmste Beschützerin der Künste, er jubelt, sich einen
+ Zeitgenossen Michelangelos nennen zu dürfen (bei Wackenroder bezieht
+ sich das auf den Ort). Den jungen Kunstschüler empfiehlt
+ Michelangelo an Andrea del Sarto und bemüht sich in eigener Person
+ in die Werkstatt (S. 321), wiederholt (S. 390, 437) wird der Verkehr
+ freundschaftlich und vertraut genannt, oft (S. 388, 390, 372, 380,
+ 382 u. a.) werden Briefe zitiert; auch die angenehme Pflicht der
+ Gastfreundschaft durfte Vasari einmal in Rom gegen den verehrten
+ Meister erfüllen, einmal sogar in häuslichen Angelegenheiten (S.
+ 416) ein Votum abgeben, und manches Kunstproblem in behaglicher
+ Diskussion miterörtern.
+
+Aber gerade den Mittelpunkt von Michelangelos Eigenart vermochte Vasari
+nicht zu treffen, trotz seiner fortdauernden liebevollen Beschäftigung
+mit seinem großen Vorbilde. Wackenroder betonte in erster Linie die
+Kraft, die Michelangelo in seine Personen zu legen wußte; was findet man
+aber bei Vasari darüber?
+
+ Die »große Manier in der Behandlung des Nackten« (S. 418), die nach
+ Vasaris Wertung Michelangelo über seine Gefährten stellt, läßt den
+ Gedanken Wackenroders nur ahnen, und wenn Michelangelo Gestalten von
+ zehn bis zwölf Kopflängen macht (S. 419), so ist der Grund »eine
+ gewisse übereinstimmende Anmut«, ebenso weist die hochberühmte
+ Statue des David (S. 314) nur »unvergleichliche Anmut« auf, die dem
+ Beschauer die »schönen Umrisse der Beine«, die »Verbindung der
+ Glieder«, die »göttliche Schlankheit der Seiten« verraten. Selbst
+ der »Moses« (S. 292) bot Vasari keine Gelegenheit, auf die
+ staunenswerte Herausbildung der fast übermenschlichen Kraft
+ aufmerksam zu machen, so gut gerade die Charakteristik dieser Statue
+ ist; die wunderbare Weichheit der Barthaare, die Michelangelo hier
+ wie sonst nur dem Maler gelang, gibt zu der hübschen Bemerkung
+ Anlaß, hier sei der Meißel zum Pinsel geworden; die strahlende
+ Herrlichkeit des Angesichtes wird in der Treue ihrer Wiedergabe
+ hochgerühmt und hinzugesetzt: »Betrachtet man ihn, so glaubt man, er
+ werde den Schleier fordern, der sein Angesicht verhülle.« Erhabene
+ und furchtbare Gegenstände, die ihm Wackenroder zuschreibt, wählte
+ Michelangelo tatsächlich sehr häufig, dafür zeugt manches Beispiel
+ Vasaris, obwohl er selbst nie unmittelbar darauf aufmerksam macht.
+ Aber dafür hört man (S. 380 ff.) von den Deckengemälden der Sixtina,
+ die das Kindheitsalter des Menschen in Freud und Leid zur
+ Darstellung bringen; auf den Eckbildern der Tragbalken ist zudem mit
+ recht grausigen Situationen, wie der Ermordung des Holofernes, oder
+ jener furchtbaren Schlangenheimsuchung in Moses' Lager, der die
+ Schlange des Heiles später ein Ziel setzt, nicht gekargt. Sanftere
+ Empfindungen wecken dann Bilder wie Christus am Kreuz (S. 324) oder
+ die wunderbare Personifikation von Tag und Nacht, Morgen und Abend,
+ Dämmerung auf den Grabdenkmälern der Herzöge von Medici (S. 324). Um
+ endlich die kühnen und wilden [S:45] Stellungen einer großen Anzahl
+ Michelangeloscher Figuren hervorzuheben, bedurfte es keines
+ Anschlusses an Vasari; die eigentümliche Verzerrung der Gebärden in
+ der Madonna des Angelo Doni oder den »Sibyllen und Sklaven« ist
+ allgemein bekannt. An den seltsamen verschiedenen Bewegungen mancher
+ Figuren des »jüngsten Gerichts« wollte Vasari die Mannigfaltigkeit
+ der Stellungen studieren lassen; besondere Kühnheit oder Wildheit
+ als speziellere Charakteristik wird allerdings nicht hervorgehoben.
+
+Hatte so Vasari für den Fundamentalzug im Wesen Michelangelos nach
+Wackenroderscher Auffassung keinen Anstoß zur Erkenntnis gegeben, so
+erregte die souveräne Beherrschung der Muskulatur, die Michelangelo in
+seinen Werken bewies, immerhin sein Interesse. Es werden hier jene
+Beobachtungen neuerdings angestellt, die schon bei anderen Malern, z. B.
+Lionardo, gemacht werden konnten. Wie sonst bei Vasari spielt auch hier
+das Technische eine namhafte Rolle.
+
+ Beim Leichnam Christi (S. 274) wird nachdrücklich hervorgehoben, mit
+ welcher Kunst »Muskeln, Adern und Nerven über die Knochen gelegt
+ seien«. Ebenso bewundert Vasari an dem Schöpfer der Medicigräber (S.
+ 326 ff.) auch den gewiegten Kenner der Muskulatur, und auch beim
+ Moses wird der Technik keineswegs vergessen und die Behandlung von
+ Gliedmaßen, Adern, Nerven gewissenhaft mit einbezogen.
+
+Bei diesem von Wackenroder und Vasari gemeinsam berührten Punkte wird
+uns nun der Hauptunterschied ihrer beiden Auffassungsweisen klar.
+Während Vasari nicht nach Gründen forschte, auch nirgends einen
+besonderen Charakter feststellte, sondern sich mit Hervorhebung dieser
+Einzelheiten, wie sie sich ihm aufdrängten, begnügte, vermochte
+Wackenroders Anlage und Neigung, den Absichten des Künstlers liebevoll
+nachzuspüren, zwischen der Eigenart Michelangelos und diesen scheinbaren
+Äußerlichkeiten das geistige Band wahrzunehmen. Nicht nur Antlitz und
+Gebärde sollten die hohe Kraft oder trotzige Wildheit atmen, auch jeder
+noch so kleine Bestandteil der »Menschenmaschine«, sei es Muskel, Ader,
+Nerv, mußten sprechende Zungen dafür sein. Dadurch werden wir freilich
+auch viel eher den Eifer verstehen, mit dem Michelangelo auch vom
+theoretischen Standpunkte in seine Kunst einzudringen pflegte, und
+Lionardo vergleichbar, allen Schwierigkeiten in der Nachahmung des
+menschlichen Organismus nicht nur kühn die Stirne bot, sondern sie sogar
+absichtlich aufsuchte. Auch hier folgt wieder ein treffender Ausblick
+auf die Dichtkunst; Wort und Ausdruck werden ihrer Stellung zum Geist
+der Dichtung nach betrachtet, und die Wirksamkeit eines bedeutenden
+Genius bis in diese »sichtbaren, sinnlichen [S:46] Werkzeuge der Kunst«
+verfolgt. Die Kenntnis der ausgebreiteten anatomischen Studien
+Michelangelos durfte auch einer unmittelbaren Mitteilung Vasaris
+entnommen werden (a. a. O. S. 417), um »seine Zeichenkunst zu fördern«
+und allen menschlichen Stellungen gerecht zu werden; ja sein ergebener
+Biograph stellt ihn sogar mit Berufsanatomen auf eine Stufe. Dasselbe
+tut auch Condivi in seiner Lebensbeschreibung Michelangelos (§ 56) und
+berichtet später (§ 60) von seinem Plane, in einer neuen Osteologie
+Albrecht Dürers Theorien von den Varietäten und Maßen des
+Menschenkörpers zu bekämpfen. Die Schattenseite von Michelangelos Natur,
+seine überstarke Einbildungskraft, die ihn, wie Vasari (S. 419) dartut,
+wie Lionardo bisweilen unlösbaren Problemen zuführte, berücksichtigt
+Wackenroder auch hier nicht, was freilich bei der Knappheit dieses
+Kapitels im Gegensatze zu der Breite, zu der sich Wackenroder bei
+Lionardo genötigt sah, weniger auffällt. Von durchgreifender
+Verschiedenheit sind die Folgerungen, die Vasari und Wackenroder jeder
+in seiner Weise aus der Erscheinung Michelangelos ableiten.
+
+ Vasari, in seinen Lobsprüchen stets zur Übertreibung geneigt, gibt
+ (S. 308) eine für junge Künstler recht bedenkliche Mahnung. Eine
+ Weiterführung der Kunst über das von Michelangelo erreichte Ziel
+ sei unmöglich, alles nur Denkbare habe er geleistet, und es sei
+ darum unnütz, nach weiteren Ausgestaltungen der Kunstmittel zu
+ trachten. Ebenso hat Michelangelo den Künstlern seiner Zeit alle
+ Hindernisse aus dem Wege geräumt(!), Michelangelo sie gelehrt, das
+ Wahre vom Falschen zu unterscheiden, und sie sollen nun, dem Himmel
+ für ein so köstliches Geschenk dankbar, versuchen, diesen einzigen
+ Meister in allen Stücken nachzuahmen. Mit einer ganz
+ ungerechtfertigten Verachtung früherer Leistungen wird hier also
+ ein höchst gefährlicher Eklektizismus gepredigt; dies führt
+ geradeswegs dazu, mit Unterdrückung persönlicher Eigenart befahrene
+ Bahnen immer wieder zu durchkreisen.
+
+Wie sehr wird aber eine solche Auffassung von den Schlußworten
+Wackenroders beschämt, so wenig man damit einverstanden sein kann, daß
+sich die Natur in dieser Zeit an Kunstgenie arm geschenkt habe! Aber
+auch diese Äußerung verrät größere Liberalität als bei Vasari zu finden
+war, da ja hier nicht ein einzelner Mann, sondern eine ganze Epoche als
+richtunggebend angesehen wird, und Namen wie Correggio oder Raffael an
+dieser Stelle keineswegs fehlen. Vor allen anderen aber verbindet sich
+in Wackenroders Gemüt hohe Ehrfurcht vor dem Genius mit entschiedener
+Mißachtung seiner Nachahmer, deren Methode Vasari offenbar
+gerechtfertigt [S:47] fand, wollte er nicht jede weitere Ausübung der
+Malerei untersagen. Wackenroder spricht deutlich aus, daß er nur ein
+Original für groß in der Kunst halte, »jämmerlich« werden die Nachbeter
+genannt, die sich stets zwischen den Extremen hin- und herbewegen,
+verblaßte Abbilder oder arge Übertreibungen liefern. So schränkt er auch
+das Lob der reformatorischen Tätigkeit Caraccis in gebührender Weise
+ein; sie ist ihm bloß Anleitung, die in Verfall geratene Beschäftigung
+mit der hohen Kunst jener Tage wieder in Fluß zu bringen. So erkannte ja
+auch Friedrich Schlegels kunstgeübter Blick die mangelnde Originalität
+dieser Schule (Werke VI, 13): »In der Schule Caraccis finde ich selten
+ein Gemälde, das mir eine wahre Kunstanschauung und Erweiterung meiner
+künstlerischen Ideen gewährte,« und Wilhelm (Athenäumsfragmente Nr.
+178), der die deutsche Malerei der Vergangenheit nur bedingungsweise
+Raffaels Meisterschaft vergleicht, stehen Dürer und Holbein bereits mit
+weit größerem Rechte im Vorhofe zum Tempel des Urbiners als der
+Vertreter deutschen Eklektizismus, der »gelehrte« Mengs.
+
+
+V.
+
+_Die Mahlerchronik._ »Herzensergießungen eines kunstliebenden
+Klosterbruders« nannte Wackenroder sein Werk und machte uns mit der
+Person des vorgeschützten Verfassers und seinem Verhältnis zur Kunst
+bekannt. Gleichwohl werden wir in der Reihe unserer Skizzen, die teils
+Künstlerporträts entwerfen oder wunderbare Anekdoten vorführen, teils in
+freier Form einer übermächtigen Begeisterung für die Kunst Ausdruck
+geben, kaum mehr daran erinnert, daß wir es hier überhaupt mit
+Aufzeichnungen einer fingierten Person oder gerade eines Klosterbruders
+zu tun haben. Der Erzähler hat freilich die Novelle, die dem ersten
+Kapitel Stoff lieferte und so treffend seine Anschauungen von
+Inspiration bestätigte, aus den verstaubten Schätzen eines
+Klosterarchivs hervorgezogen, sonst aber, im weiteren Verlaufe der
+»Herzensergießungen« fehlt jede Bezugnahme auf den Titel, und nur der
+herzliche, warme Ton, der durch diese Bekenntnisse geht, läßt den Titel
+nicht in Vergessenheit geraten. Erst im zwölften Kapitel, das eigentlich
+in den Anfang gehört hätte, erfahren wir, welche inneren Erlebnisse den
+Mann, der zu uns spricht, zu seinen Aufzeichnungen führten.
+
+ [S:48] Ein Aufenthalt auf einem gräflichen Schlosse war für das
+ Verhältnis des Neulings zur Kunst und ihrer Geschichte entscheidend
+ geworden. In echt romantischer Weise schwebt über diesem Orte ein
+ geheimnisvolles Dunkel. Wir erfahren nicht, wo das Schloß lag, wer
+ seine Besitzer waren oder was den jungen Mann dorthin geführt hatte;
+ nur soviel erfahren wir, daß dort eine ungeheuere Menge der
+ erlesensten Kunstwerke der Malerei zu finden war.
+
+ In kurzen drei Tagen hatte der Jüngling, von dem glühendsten Eifer
+ beseelt, eine solche Fülle von Schönheit auf sich wirken lassen, daß
+ ihn der übergroße Reichtum an Eindrücken fast seiner Vernunft
+ beraubt hatte. Ohne Führung und Rat wäre er nicht unterrichteter in
+ Kunstdingen als früher aus jenen Räumen geschieden, als er plötzlich
+ Gelegenheit finden sollte, an der Seite eines Kundigen mit mehr
+ Nachdruck, aber auch mehr Maß als früher sich neuerdings in die
+ großen Meisterwerke des Hauses zu vertiefen. Und nun wird uns dieser
+ Lehrmeister in derselben geheimnisvollen Art charakterisiert, wie
+ früher die Örtlichkeit. Es ist ein reisender Pater, der nur
+ begrenzte Zeit auf dem Schlosse weilt; wir wissen nicht, woher er
+ gekommen ist, noch wohin er sich später wenden wird. Er erscheint,
+ stiftet Wohltätiges und verschwindet, ganz wie ein guter Geist im
+ Märchen.
+
+ Sein dankbarer Schüler hört nie wieder etwas von ihm, sein Schicksal
+ bleibt ihm stets so verborgen wie sein Name. Durch den Einfluß
+ dieses Mannes eröffnet sich dem jungen Reisenden bald ein neues
+ Interessengebiet. Jetzt erst kommt es ihm so recht zum Bewußtsein,
+ daß hier keine Werke des Himmels, sondern Erzeugnisse aus
+ Menschenhänden auf den Betrachter niederblicken. Solange die
+ Schöpfer dieser Gemälde lebten, war aber in ihnen der hohe Geist
+ lebendig, den, wie der Pater mit echt Wackenroderscher Frömmigkeit
+ lehrt, der himmlische Funke in ihnen entzündet hatte. Sie selbst
+ sind nun lange dahin, uns aber umfängt in ewiger Jugend die
+ Herrlichkeit, die ihre schwachen Menschenhände durch göttlichen
+ Beistand hervorzuzaubern vermochte. Wer aber das erwägt, gerät in
+ eine aus Wehmut und süßer Träumerei gemischte Stimmung, die am
+ besten dazu geeignet ist, im Menschen die Anregung zu »allerhand
+ guten Ideen zu bieten«. Damit verbindet sich aber auch das
+ Bedürfnis, Leben und Charakter der Personen näher zu erforschen,
+ denen die Allmacht diese ausgezeichneten Gaben verliehen hat. Und so
+ gelangen wir zum Studium der Künstlergeschichte, aus der von dem
+ klugen Lehrer zunächst die Lebensläufe jener Künstler ausgewählt
+ werden, deren Gemälde sein Zuhörer in den Sälen des Schlosses
+ bewundern durfte.
+
+Wir werden an Wackenroder selbst erinnert, wenn der Pater bei dem
+Jüngling besondere Vorliebe für den göttlichen Raffael entdeckt haben
+will. Darum weiß er mit keinem besseren den Anfang zu machen. Die Quelle
+seiner Erzählungen haben wir wieder bei _Vasari_ zu suchen. Der Chronist
+versorgt diesmal reichlicher mit biographischem Material, als da uns
+Raffaels Erscheinung geschildert wurde. Aber aus der Biographie finden
+bei Wackenroder nur jene Momente Eingang, die den tragischen Gegensatz
+von Zeitlichkeit [S:49] des Künstlerlebens und der Ewigkeit der
+Schöpfungen ins rechte Licht setzen. So weiß der Pater beweglich das
+Werden und Wachsen des allzufrüh Dahingeschiedenen zu skizzieren und
+unsere Teilnahme für manchen rührenden Zug im besonderen zu wecken. Mit
+Benutzung von Vasaris Angaben wird uns die erste Jugend des Künstlers
+angedeutet. Es wird der zarten Fürsorge gedacht, die dem kleinen
+Liebling im reichsten Maße von den Eltern zuteil wurde. Nach dem
+ausdrücklichen Wunsche des Vaters wurde Raffael von der Mutter selbst
+gesäugt; der zarte, doch geistig hochentwickelte Knabe wurde schon in
+jugendlichen Jahren ein wertvoller Mitarbeiter für den Vater, der sich,
+was Wackenroder zu erwähnen vergaß, selbst der Malerei gewidmet hatte.
+Über die späteren Schicksale Raffaels, die Vasari berichtet, geht
+Wackenroders Erzählung hinweg.
+
+ Was die Jugend und Studienzeit betrifft, so sehen wir nur noch den
+ jungen Raffael zu den Füßen des Pietro Perugino sitzen, dem ihn der
+ eifrig für die Ausbildung des Sohnes tätige Vater als Schüler
+ zuführte, und wie bei Vasari wird das Trennungsweh der Mutter
+ beweglich geschildert. Die Geschichte bestätigt von diesen
+ Erzählungen nur recht wenig. Passavant (Rafael et son père Giovanni
+ Santi I, 27) nahm die Angabe, Raffael sei von der eigenen Mutter
+ gesäugt worden, unmittelbar aus Vasari mit Hinweis auf seine
+ Quelle, ohne genaueres darüber zu sagen. Daß die Mutter ihren Sohn
+ mit Tränen von sich lassen mußte, ist ebenso unwahr als die
+ Mitteilung, Raffaels Vater habe den Knaben noch selbst zu Pietro
+ Perugino gebracht; denn die Mutter starb bereits 1491, der Vater,
+ der sich 1492 zum zweitenmal vermählt hatte, bereits 1494, konnte
+ also, da Raffael bei seinem Tode erst elf Jahre zählte, nur in den
+ Grundlagen der Kunst sein Berater gewesen sein; ein Aufenthalt
+ Raffaels bei Perugino kann aber (Knackfuß, Raffael, S. 2) vor 1500
+ nicht begonnen haben, da der angesehene Meister vor diesem
+ Zeitpunkte fast ständig außerhalb Perugias beschäftigt war.
+
+Bei Wackenroder wird nun dem Jüngling, der das erste Aufkeimen jener
+wunderbaren Blüte beobachten durfte, gleich der Tag gezeigt, an dem sie
+verwelkte; er durfte sich nicht ihres allmählichen Wachstumes freuen, an
+der Hand eines methodischen Biographen folgerecht fortschreiten. Der
+Pater fragt den aufmerksamen Zuhörer: »Sage mir, wie wird dir zumute,
+wenn du das anhörst? Ist dir nicht lieblich und wohl dabei, diese Dinge
+zu vernehmen?« Aber wie ihm der Reiz, einen großen Mann gleichsam in der
+Kinderstube zu belauschen, durch diese Frage noch eindringlicher gemacht
+ist, wird ihm mit fast grausamer Schnelligkeit der Tod des verehrten
+Meisters mitgeteilt. Er muß es erfahren, daß der Künstler, dem [S:50]
+sein junges Herz vor allen anderen entgegenflog, den geernteten Ruhm nur
+kurz genießen konnte, in bester Manneskraft der Erde entrissen wurde.
+
+Doch ist eine genauere Beschreibung von Raffaels Tod vermieden,
+ebensowenig einer Krankheitsursache gedacht, die schon früh unter den
+Chronisten einen Zankapfel gebildet hatte. Vasari und Fornari
+verzeichneten Raffaels Ausschweifungen als Ursache, Pungileoni,
+Longhena, endlich im neunzehnten Jahrhundert Passavant ließen Raffael an
+Malaria zugrunde gehen. Eine solche heikle Frage würde, hätte
+Wackenroder sie aufgeworfen, nur die hellen Farben des von ihm
+entworfenen Charakterbildes verdunkelt haben. Der rührend-schöne Anblick
+des toten Meisters, der da im Sarge schlummert, während sich daneben die
+Staffelei mit dem jüngst vollendeten Gemälde von der »Transfiguration«
+erhebt, reizte den Pater zum stimmungsvollen Verweilen in dieser
+Situation, die man Vasari einfach entnehmen konnte. Auf den Gegensatz
+von Vergänglichkeit und Ewigkeit, der sich hier offenbart, wird außer
+der reinen Mitteilung noch nachdrücklich verwiesen. Eine eingehende
+Beschreibung des Gemäldes, wie sie Vasari (a. a. O. S. 273 ff.)
+geliefert hat, konnte Wackenroder entbehren, aber trotzdem prägte er für
+die Hauptgruppen der Figuren knappe, treffende Bezeichnungen.
+
+ Dem Elend der Erde (im Gemälde durch die Figur des Besessenen
+ repräsentiert), stellt er den Trost edler Männer (die Apostel) und
+ die Glorie des Himmelslichtes (Christus in hellem Glanz zwischen
+ Moses und Elias über den in künstliches Helldunkel getauchten
+ Gestalten schwebend). Sodann geht der Pater gleich zu Raffaels
+ Charakter über. Der Jüngling, der voll Spannung nach weiteren
+ Nachrichten über Raffael forscht, soll nun das Schönste erfahren,
+ das ihm sein Mentor von dem Künstler zu sagen weiß. Da hebt er denn
+ vor allem die rührende Bescheidenheit des großen Meisters hervor,
+ die so sehr mit der Anmaßung und Originalitätssucht der
+ Zeitgenossen im Widerspruch gestanden sei; er vergleicht, wieder
+ zum Bilde greifend, Raffaels Erdentage mit einem sanft und heiter
+ dahinfließenden Bache. Vasari hat merkwürdigerweise die
+ Bescheidenheit des Meisters nie so recht betont, so genau auch
+ Wackenroders Charakteristik sonst seinen Angaben folgt. Aber der
+ ganz einzigen Gefälligkeit und Dienstbereitschaft, die Raffael
+ anderen gegenüber stets an den Tag legte, vergaß Vasari keineswegs.
+ Ja, er nahm nach Vasaris Bericht, den Wackenroder verwertete,
+ keinen Anstoß, eigene Arbeiten um fremder willen im Stiche zu
+ lassen. Bei Vasari merkt man freilich ein wenig Bedenklichkeit
+ gegen diese Angaben; er fügt ein einschränkendes »man sagt« hinzu,
+ wo Wackenroder frei und sicher wie von ganz authentisch bezeugten
+ Tatsachen redet.
+
+[S:51] Wichtig ist für uns, daß Wackenroder von Raffaels väterlicher
+Freundlichkeit seinen Schülern gegenüber ebenfalls bei Vasari lesen
+konnte. Denn nicht nur an dieser Stelle scheint er daran angeknüpft zu
+haben. Die Erzählung »der Schüler und Raffael«, für die sich eine Quelle
+aus Vasaris Biographien der Zeitgenossen des großen Urbiners nirgends
+nachweisen läßt, hat vielleicht von diesen allgemeinen Bemerkungen
+Anregung erhalten.
+
+ Dort sehen wir einen jungen Malschüler, der mit Eifer und Fleiß die
+ Kunst studiert, viele berühmte Meister bereits zu kopieren versucht
+ hat, bei keinem aber auf größere Schwierigkeiten gestoßen ist, als
+ bei Raffael. Er fühlt dunkel einen geheimnisvollen Grund dieser
+ Schwierigkeiten und kann mit sich doch nie darüber ins Reine
+ kommen, worin der ungeheuere Abstand seiner Nachahmungen von
+ Raffaels Gemälden seine Erklärung finde. So faßt er denn endlich
+ Mut, Raffael in einem Briefe um Anleitung zu bitten, wie er ihm
+ ähnlich werden könne. Diese Anfrage tut der Schüler, wie er
+ ausdrücklich hervorhebt, im festen Vertrauen auf Raffaels oft
+ bewiesene Liebenswürdigkeit und Güte, und Raffaels Antwort fällt
+ auch ganz so aus, wie man es von ihm nach den Schilderungen Vasaris
+ und Wackenroders in der »Mahlerchronik« erwarten mußte. Weit
+ entfernt davon, die naive Erkundigung des jungen Menschen lachend
+ oder ärgerlich beiseite zu schieben, würdigt ihn Raffael eines
+ wohlmeinenden Briefes von seiner Hand. Mit der ganzen wunderbaren
+ Unwissenheit manches Genies über die spezifische Beschaffenheit
+ seiner eigenen Größe kann er ihm freilich in der Hauptsache keinen
+ Bescheid geben; er hat stets wie im Traum geschaffen, Ziele und
+ Mittel wurden niemals erwogen. Aber trotzdem will Raffael den
+ wacker Strebenden nicht ohne Trost lassen, und vergißt darum nicht,
+ seinen Fleiß und Kunsteifer zu loben und ihn zu weiterem Studium
+ anzuspornen; dabei zeigt sich wieder die Bescheidenheit Raffaels,
+ die in der »Mahlerchronik« gerühmt wurde. Denn wenn auch dem
+ Schüler der Glaube genommen werden soll, als ließe sich tief aus
+ natürlichen Anlagen hervorgegangene Kunst durch sauren Schweiß
+ erzwingen, so verbirgt doch Raffael gar nicht, selbst durch
+ Nachahmung anderer Meister viel gelernt zu haben, und macht mit
+ Nachdruck auf den hohen Bildungswert solcher Beschäftigung
+ aufmerksam. So hat schon diesem Kapitel der »Herzensergießungen«
+ Vasari vorgearbeitet, und was die »Mahlerchronik« nur in großen
+ Zügen darzustellen unternahm, ist hier mit greifbarer Deutlichkeit
+ in Form eines Beispieles vorgeführt worden. Auch darum ist die
+ kleine Anekdote von Interesse, weil sie sehr hübsche
+ Berührungspunkte mit Goethes »Künstlers Apotheose« aufweist. Vgl.
+ Minors ausgezeichnete Darlegung (Goethe-Jahrbuch X, 226).
+
+ Wie ein Triumphator, berichtet Vasari, schritt Raffael inmitten
+ seiner Schüler zu Hofe. Schon früher (a. a. O. S. 250) war bemerkt
+ worden, daß sein imponierendes Wesen keinerlei Zank und Hader unter
+ der Jugend habe aufkommen lassen. Von einem sehr richtigen Gefühl
+ geleitet stellt Wackenroder die Bemerkung dorthin, wo er den Meister
+ unter der großen Schülerzahl [S:52] zeigt. Bei der bedeutenden
+ Menge der Jünger wird ihre stete Eintracht besonders auffällig.
+ Zudem ist wieder Vasaris bloß chronistischer Bericht in eine
+ anmutige poetische Form gegossen. Denn wenn Wackenroder (a. a. O.)
+ las, daß die Erscheinung Raffaels unter der Schülerschaft »jede üble
+ Laune schwinden machte« und niedrige Gedanken aus der Seele
+ »verscheuchte«, erscheint vor seiner nimmermüden Fantasie sofort ein
+ bezeichnendes Bild: der Geist des großen Mannes schwebt wie eine
+ Sonne des Friedens über den Schülern, und alle Flecken der Seele
+ werden durch ihren Einfluß getilgt. Hohes Können und lautere Tugend
+ verband sich hier zu einer wunderbaren Mischung. Und hatte Vasari
+ die Künstler ermahnt, an diesem Vorbilde zu lernen, was es hieße,
+ Kunst und Sitte zu vereinen, so faßt Wackenroder, die Mahnung
+ verschmähend, seine Mitteilungen mit scharfer Prägnanz in die Worte
+ zusammen: »So wurden sie von seinem Geiste wie von seinem Pinsel
+ besiegt.«
+
+Es ist begreiflich, daß Wackenroder nicht darauf verzichtete, eine
+seltsame Anekdote nachzuerzählen, die deutlich das Walten der Vorsehung
+über den Werken des Genies dartut. Die Erzählung wurde von ihm selbst
+als Wundergeschichte bezeichnet, doch versuchte er keineswegs durch
+vorsichtige Zusätze wie Vasaris bei solchen Gelegenheiten stets
+gebrauchtes »man sagt« oder »man erzählt sich« die Glaubwürdigkeit des
+Berichteten in Frage zu stellen. Das Ereignis, um das es sich hier
+handelt, kann sich mit allen den Seltsamkeiten, die wir in den
+»Herzensergießungen« kennen lernen, an Abenteuerlichkeit messen.
+
+ Raffaels »Kreuztragung Christi« sollte nach Palermo gebracht
+ werden; aber während der Überfahrt wurde das Schiff mit seinem
+ gesamten Inhalte an Menschen und Waren durch einen heftigen Sturm
+ in den Fluten begraben, nur das Gemälde Raffaels gelangte
+ schwimmend bis nach Genua, wo es ans Land gezogen und später an
+ seinen Bestimmungsort gebracht wurde. Dort soll es, wie Vasari
+ sagt, höheren Ruhm genossen haben als der feuerspeiende Berg. Eine
+ genauere Beschreibung des Gemäldes fehlt auch hier; die Vasaris
+ ist, wie uns der Übersetzer dartut, keineswegs einwandfrei. Wir
+ vernehmen überdies, daß Vasari fast alle seine Bilder aus dem
+ Gedächtnisse beschrieb. Wackenroder beschränkt sich darauf, ganz
+ allgemein von einem »kreuztragenden Christus mit vielen Figuren« zu
+ sprechen.
+
+Bei keinem Künstlercharakter, den der geheimnisvolle Mann seinem
+Begleiter vorstellte, verweilte er mit so viel Liebe als bei dem
+Raffaels. Hier ließ uns Wackenroder den ganzen Schatz von schwärmerischer
+Verehrung ahnen, in der sein Herz für den »Göttlichen« schlug. Dagegen
+nimmt sich nur klein aus, was noch zum Lobe anderer Künstler gesagt
+wird. Meist wird uns nur eine Seite ihres Wesens enthüllt, meist in Form
+einer charakteristischen Anekdote, [S:53] während wir von Raffaels
+Gemütsart die wesentlichen Hauptzüge freilich ohne Entstellung durch die
+schlechten Eigenschaften, kennen lernen durften. Im folgenden gewahren
+wir aber an Wackenroder eine Vielseitigkeit, die ihn auch zu
+methodischem Studium der Kunstgeschichte hätte befähigen können. Denn
+von denen, die wir später kennen lernen, ist gar mancher himmelweit von
+Raffael verschieden; vielen ist der Urbiner der gerade Widerpart. Aber
+Wackenroder spürte trotzdem unermüdlich nach der »wundervollen
+Erscheinung«, dem Künstlercharakter, und suchte sich bei Vasari, den der
+Pater als den ältesten und vornehmsten Kunstchroniker hinstellt, stets
+neue Stoffe.
+
+Unmittelbar auf Raffael läßt Wackenroder allerdings zwei Maler folgen,
+deren Lebensbeschreibung Vasari nicht geliefert hatte. Domenichino,
+nicht nur ein glänzendes Beispiel für eisernen Fleiß, der ihn gar
+oft von früh bis abends an der Staffelei festhielt, auch für
+bewunderungswürdige Einfühlung in die Gegenstände der Kunst, mußte er
+aus einer anderen Chronik kennen gelernt haben, und auch des älteren
+Caracci Meisterschaft, der statt in des Bruders breite Redseligkeit über
+die Laokoongruppe einzustimmen, mit ein paar Strichen eine erstaunliche
+Nachzeichnung des Werkes auf die Leinwand bannte, hat Vasari noch nicht
+verkündet. Dieser Künstler bildet nun den Übergang zu der Reihe derer,
+die als Beispiele für unstillbare, seit früher Jugend stets rege Liebe
+zur Kunst aufgeführt werden sollen. Mit einer einzigen Ausnahme ist hier
+durchaus Vasari Gewährsmann. An der Spitze der Meister, die wir nun
+kennen lernen sollen, steht der große Giotto di Bondone, der es vom
+Hirtenknaben bis zum Begründer einer gewaltigen, durch ein Säkulum
+mächtig wirksamen Schule brachte, nachdem einmal Cimabue an Figuren, die
+des Knaben spielende Hand in den Sand zeichnete, die große Begabung
+erkannt und den jungen Burschen zum Schüler begehrt hatte. Von Vasaris
+Bericht (I, 133 ff.) verschwieg Wackenroder hier nur, daß Giotto die
+Schafe des eigenen Vaters hütete, also nicht gezwungen war, sich um
+fremden Lohn abzumühen. Auch andere Berichte ganz ähnlichen Inhalts über
+Domenico Beccafumi, den Lorenzo mit sich nach Siena nahm, oder Contucci
+(Andrea dal Monte Sansonino), der an dem reichen Florentiner Simone
+Vespucci einen Gönner fand und dem Antonio Pollajulo in die Lehre
+gegeben wurde, stimmen ganz mit den entsprechenden Stellen bei [S:54]
+Vasari (IV, 1, III, 312, III, 2 69), nur fehlen bei Wackenroder die
+Namen der Protektoren. Nur andeutungsweise wird uns ferner von Polidoro
+da Caravaggios merkwürdigem Lebensgang erzählt. Mit Maurerarbeit am
+Vatikangebäude beschäftigt, war es ihm vergönnt, die Schüler Raffaels
+bei der Arbeit zu belauschen; ihr Feuereifer verpflanzte sich auch in
+seine Seele, und bald entschloß er sich, die Künstlerlaufbahn
+einzuschlagen. Vasaris längere biographische Arbeit über diesen Meister
+gedenkt dieser hochinteressanten inneren Wandlung (III, 2 69).
+
+In keinem Maler von allen, deren hier gedacht wurde, sprach sich
+freilich der heiße Drang zum Künstlerberuf stärker und unwiderstehlicher
+aus als in Jakob _Callot_. Leider ist uns nicht Gelegenheit geboten,
+Wackenroders höchst anziehende Schilderung seines Wesens an einem
+vielleicht recht dürftigen und farblosen Quellenbericht zu messen. Das
+plötzliche Auftauchen des Niederländers unter der Künstlerschaft
+Italiens mag vielleicht etwas befremden, aber nebst dem abenteuerlichen
+Schicksal, das zu einer Erzählung gerade in diesem Kapitel aufzufordern
+scheint, dürfte wohl auch der mystische Zug in diesem Leben (Callot
+starb, wie er es sich gewünscht hatte, gerade mit dreiundvierzig Jahren)
+besonders stark auf Wackenroder eingewirkt haben.
+
+Eine Reihe bedeutsamer Gestalten läßt des Paters Erzählungskunst an
+seinem Zögling vorüberziehen. Stets sind die Einzelheiten von ihrer
+besonderen Seite interessant; zu allen finden sich leicht und
+ungezwungen die Übergänge. Von den Meistern, deren Gemälde im Saale
+hängen, und die ihrer Individualität nach wie Domenichino oder Caracci
+mit wenigen, treffenden Zügen charakterisiert werden, kommt man zu den
+Giotto, Caravaggio und anderen durch einfache, natürliche Überleitung,
+nicht an der Hand doktrinärer Erörterung. Dem wißbegierigen Jüngling
+drängt sich von selbst die Frage nach jenen auf die Zunge, die schon von
+frühester Kindheit an ihr Ideal in der künstlerischen Produktion gesehen
+hätten. Spricht also hier auch vorwiegend _eine_ Person, so wird doch der
+Ton des Wechselgespräches nie ganz aufgegeben. So sehr wechseln die
+Kunstmittel, daß die nächste Wendung des Dialoges wieder durch den Pater
+herbeigeführt wird. In seinem Geiste, der sinnend unter so vielen
+Lebensschicksalen umherschweift, reihen sich die Glieder der Rede leicht
+aneinander. Wir hörten von Männern, welche die Kunst früh an sich
+lockte; nun wird uns folgerecht gezeigt, wie sie den [S:55]
+festzuhalten weiß, der sich ihr ergeben hat, ihm selbst aber in
+entscheidenden Lebenslagen reichen Nutzen stiftet. So gelangt die
+Erzählung von den abenteuerlichen Wanderungen Callots zu dem abtrünnigen
+und reuig wiederkehrenden Kunstjünger Mariotto Albertinelli, sodann zu
+der wunderbaren Lebensrettung des Parmeggiano.
+
+ Mariotto Albertinelli vermochte infolge seiner unruhigen Gemütsart
+ auf der einmal betretenen künstlerischen Laufbahn nicht
+ auszuharren. Eines Tages legte er den Pinsel nieder und ergriff den
+ bürgerlichen Beruf eines Wirtes. Aber es war eine Selbsttäuschung
+ von ihm, als er alle und jede Kunstliebe in sich erstorben glaubte.
+ Die halb verlöschte Begeisterung flammte neuerdings empor und
+ führte ihn der ehemaligen Beschäftigung wieder zu. Albertinellis
+ Abfall von der Kunst wurde von Vasari (III, 1 135) in erster Linie
+ auf seinen Hang zur Sinnlichkeit und Leichtlebigkeit zurückgeführt,
+ die reine Geistestätigkeit mit all ihren mannigfaltigen Mühen und
+ Beschwerden sei daher seine Sache nicht gewesen. In zweiter Reihe
+ hätten dann die fortwährenden Anfeindungen seiner Berufsgenossen
+ gestanden. Ganz so verhält es sich auch in Wackenroders
+ Darstellung, wieder hält Unruhe, lebhafte Sinnlichkeit vom ernsten
+ Studium der Kunst ab, aber es ist bemerkenswert, daß hier ganz
+ bestimmt von den mechanisch-technischen Angelegenheiten der Malerei
+ die Rede ist, während Vasari diese besondere Seite nicht
+ hervorkehrt, wiewohl auch bei ihm der Gastwirt Albertinelli
+ hauptsächlich froh ist, nunmehr der Sorge um Muskeln, Verkürzungen,
+ Perspektive, also rein technischer Dinge, überhoben zu sein. Bald
+ eines Studiums überdrüssig, das ein Lionardo oder Michelangelo ein
+ langes Leben hindurch mit nie erkaltendem Eifer trieben, wollte
+ Albertinelli, wie Vasari sagt, einer Kunst dienen, die Fleisch und
+ Blut der Menschen vermehren könne, nicht bloß nachzubilden suche.
+
+Wackenroder, der mehr nach Lebendigkeit strebend, Mariotto selbst in
+direkter Rede sprechen läßt, bedient sich ganz derselben Gegenüberstellung
+und macht endlich, ganz wie Vasari, als Hauptgrund geltend, daß Mariotto
+sich nunmehr aller Anfeindungen überhoben gefühlt habe. Die Motivierung
+der neuerlichen Umkehr zur Kunst ist auch Vasari entlehnt, aber der
+Gedanke in schönerer, weihevollerer Weise ausgesprochen: hier steht auf
+einmal die ganze Erhabenheit des früheren Berufes vor den Augen des
+Abtrünnigen, dort ist es einfach die Niedrigkeit des eigenen Gewerbes,
+die allmählich drückend wird. Für die Beurteilung von Wackenroders Stil
+ist es auch von Wichtigkeit, daß die neue Wendung, wie schon öfters,
+durch einen eingeschobenen, spannungerweckenden Satz erst vorbereitet
+wird: »Aber was geschah?« fragt Wackenroder den Leser, der soeben den
+früheren Maler voll Entzücken über den neuen Beruf gesehen hat, und
+führt ihm nun die neue Folge der Ereignisse vor.
+
+ [S:56] Wie ein Werk Raffaels durch Wogen und Stürme ans Land kam, so
+ behütete auch den berühmten Francesco Mazzuoli aus Parma, genannt
+ Parmeggiano, seine Kunst vor dem Tod von Feindeshand, dem so viele
+ seiner Mitbürger beim Einzüge Karls des Fünften (1527) zum Opfer
+ fielen. Die rohen Söldner wagten nicht, den Meister zu berühren, so
+ gefesselt waren sie von dem mächtigen Eindrucke der Vision des
+ »heiligen Hieronymus«, an der Parmeggiano, des Kriegslärms nicht
+ achtend, ruhig fortmalte.
+
+Wackenroder hat hier auf eine von Vasari mit kluger Berechnung
+eingeführte Wirkung verzichtet. Er spricht nur von den Plünderungen
+überhaupt, ohne, wie Vasari dies tut, nachdrücklich zu betonen, daß
+andere Künstler in der Stadt unbarmherzig niedergemetzelt wurden. Daß
+der einzige Parmeggiano hier eine Ausnahme bildete, ist um so
+wunderbarer, wo die Pietätlosigkeit gegen Kunst und Künstler besondere
+Erwähnung findet. Die Umwandlung in den Gemütern der Soldaten tritt auch
+bei Wackenroder unter dem unmittelbaren Eindrucke des Kunstwerkes
+zutage, doch weicht er darin etwas von Vasari ab, daß er die nicht
+geringe Geistesbildung der Soldaten, die nach Vasari manches zu ihrer
+Besänftigung beitragen mochte, ganz außer acht läßt, und so durch bloße
+Erwähnung der Tatsache, daß selbst so ganz verwilderten Gemütern die
+Bewunderung vor dem hohen Fluge von Parmeggianos Talent die Mordwaffe
+entrang, wieder bedeutsameren Effekt erzielt. Die wunderbare Hoheit der
+Erzählung nicht zu beeinträchtigen, übergeht er stillschweigend die weit
+prosaischere Fortsetzung der Erzählung, die der Historiker nicht
+verschweigen durfte. Der Kunsteifer eines Söldnerführers war gar zu
+groß: Parmeggiano mußte sich, wie Vasari berichtet, dazu verstehen, für
+ihn eine ganze Menge von Aquarellen und Federzeichnungen auszuführen,
+und bei anderen, härter veranlagten Soldaten, als jene es gewesen waren,
+half ihm nur klingende Münze vor dem sicheren Untergang.
+
+Die einzelnen Entwicklungsfasen der vorhin geschilderten, dramatisch
+bewegten Szene begleitet bei Wackenroder eine vorzügliche stilistische
+Wiedergabe. Solange die Plünderung anderer Häuser, die ruhige Arbeit des
+Künstlers an der Staffelei geschildert wird, herrscht durchweg der
+gleichmäßige Fluß des Imperfekts; erst als die Soldaten ins
+Arbeitsgemach dringen, springt die Darstellung mit einem Schlage in die
+Präsensform über. Der Höhepunkt der Erzählung tritt in dem Augenblicke
+ein, als die Soldaten lärmend und tobend ins Zimmer gestürmt kommen,
+Parmeggiano aber ruhig bei [S:57] der Arbeit bleibt. Das eingeschobene
+»Siehe!« ist abermals ein recht glückliches Spannungsmittel. Die
+glückliche Lösung wird in treffender Weise wieder im Imperfekt erzählt.
+
+Die Überleitung zur letzten Gruppe bringt einen scharfen Stich gegen die
+Aufklärung. Hier führt eine Frage des Novizen die Gesprächswendung
+herbei: Ob denn immer die rechte Gottesfurcht den Meistern den Pinsel
+geführt habe? Ob das kein Märchen sei, wie mehrere Leute behaupteten?
+Diese »Leute« waren ja schon in jenem Kapitel, das von Francesco
+Francias Tode handelte, zurechtgewiesen worden, da sie in ihrer
+nüchternen Denkungsart den Meister an Gift umkommen ließen, und die
+rechte Gottesfurcht forderte Wackenroder ja immer wieder von dem
+Beschauer, der demütig anerkennen müsse, daß die Kunst über dem Menschen
+sei und einer durchaus geheimnisvollen Quelle entfließe. So stellte
+Wackenroder auch die Meister der Frühzeit, die tiefe religiöse Gesinnung
+verrieten und ihre Begabung in erster Linie religiösen Stoffen dienstbar
+machten, weit über die späteren, deren vordringlicher Farbenglanz ihn
+abstößt. »Sie machten die Mahlerkunst zur treuen Dienerin der Religion,
+und wußten nichts von dem eitlen Farbenprunk der heutigen Künstler«,
+also ein Anathem auf die spätere Produktion, im Sinne Friedrich
+Schlegels, der, höchst einseitig und herb urteilend, die »Malerei aus
+Helldunkel, Schmutz und Schlagschatten« in Bausch und Bogen ablehnte. Da
+hat sich doch auch Wackenroder, so allseitig und objektiv wir ihn sonst
+fanden, von einer gewissen Prinzipienreiterei nicht freimachen können.
+
+ Es wird uns nun zunächst ein Maler vorgeführt, den Vasari ziemlich
+ stiefmütterlich behandelte. Wir suchen vergeblich nach einem
+ besonderen biographischen Abschnitte, der Lippo Dalmasi gewidmet
+ wäre, und entdecken ihn endlich im Anhange der Lebensbeschreibung
+ seines Namensbruders Lippo aus Florenz, wo ein paar armselige
+ Zeilen auf ihn gekommen sind. Lippo Dalmasi malte um 1407 eine
+ Madonna, die sehr im Ansehen stand; doch weiß Vasari nichts davon
+ mitzuteilen, daß sich eine Kopie dieses Bildes in den
+ Privatgemächern des Papstes Gregor des Dreizehnten befunden habe.
+ Wackenroder muß dies einer anderen Quelle entnommen haben; er hält
+ sich nun bei diesem Künstler nicht weiter auf und geht rasch zu
+ einer der sympatischsten Erscheinungen der damaligen Zeit, dem
+ liebenswürdigen Dominikaner Fra Angelico da Fiesole über, dem eine
+ warme, herzliche Würdigung zuteil wird. Die anspruchslose
+ Selbstgenügsamkeit dieses Mannes, seinen stillen, bescheidenen
+ Charakter, seinen strengreligiösen Lebenswandel feiert Vasari in
+ der Biographie (III, 1, 324) und führt als vorzüglichstes Beispiel
+ für seine Abkehr [S:58] vom öffentlichen Leben noch besonders an,
+ daß er die Würde eines Erzbischofs, zu der ihn der Papst ausersehen
+ hatte, ausdrücklich ablehnte.
+
+So weit stimmen diese Berichte ganz zu den entsprechenden bei
+Wackenroder; nun teilt aber Vasari einen Zug mit, der uns auch die
+wunderbare Herzensgüte Fra Angelicos charakterisiert; es ist schwer zu
+begreifen, daß ihn Wackenroder verschwieg. Die Ablehnung der
+Bischofswürde gab dem herrlichen Mann zugleich Gelegenheit, ein
+wohltätiges Werk zu tun, denn er bat den Papst, dem Frater Antonio von
+Florenz die ihm bestimmte Ehrung zukommen zu lassen. Vasari nahm
+Gelegenheit, der Geistlichkeit seiner Zeit diese Geschichte als
+nachahmenswertes Exempel hinzustellen, und betont zugleich, also ganz im
+Wackenroderschen Sinne, daß Frömmigkeit und Gottesfurcht Fra Angelicos
+Künstlerberuf erst recht gegründet hätten. Auch hierin zeigt Vasari eine
+Spur Wackenroderscher Empfindungsweise, daß ihm aus den Engelsköpfen von
+Fra Angelicos Gemälden dieselbe Anmut entgegenstrahlt, wie sie die
+Himmelsherrlichkeit über die Werke der natürlichen Schöpfung ausgegossen
+hat. So wünscht er endlich auch für den Beschauer religiöse Sammlung,
+bevor er das Gemälde auf sich wirken läßt, und reiht daran noch einen
+anderen Gedanken, wenn er die würdigen Betrachter jenen gegenüberstellt,
+die bloß gemeine Sinnlichkeit erfüllt. Eine wahrhaft religiös gestimmte
+Seele lasse solche Empfindungen nicht in sich aufkeimen.
+
+ Skeptisch zeigt sich Vasari nun allerdings gegen eine seltsame
+ Erzählung, die zu jener Zeit Fra Angelicos frommen, gottergebenen
+ Sinn deutlich machen sollte. Er habe nie eine Arbeit begonnen, ohne
+ vorher gebetet zu haben, und wenn er ein Kruzifix gemalt habe,
+ seien ihm jedesmal die hellen Tränen über die Wangen gelaufen. Wir
+ können nicht beurteilen, wie sich Vasari zu ähnlichen Anekdoten,
+ wie sie z. B. über Domenichino in Schwang waren, verhielt; für den
+ letztgenannten war er ja auch nicht Wackenroders Gewährsmann.
+
+Wackenroder selbst zweifelt jetzt so wenig wie damals an der Wahrheit
+des Berichtes. Ein Beispiel, das so geeignet war, der Charakteristik
+Plastizität zu geben, vermochte er weder zu übergehen, noch durch
+Einschränkungen oder spätere Berichtigungen in seiner Wirkung zu
+beeinträchtigen. Die Polemik antizipierend, betont er nachdrücklich, was
+er erzähle, sei keineswegs ein Märchen, sondern die reine Wahrheit. Den
+Bericht, Fra Angelico habe stets beim Malen eines Kruzifixes Tränen
+vergossen, wagt Vasari nur [S:59] mit der Einkleidung »einige sagen«
+aufzunehmen; Wackenroder leitet ihn, obwohl er es als Tatsache
+hinstellt, durch ein vorsichtiges »manchmal« ein. Eine Nachricht
+Vasaris, Fra Angelico habe niemals ein bereits vollendetes Gemälde noch
+einmal vorgenommen, kam Wackenroder besonders gelegen; die erste
+Eingebung des Himmels war für Fra Angelico entscheidend; er führte seine
+Arbeit aus, »ohne weiter darüber zu klügeln und zu kritisieren«. Und es
+ist wiederum bezeichnend, daß Wackenroder, dem Vasari unähnlich, seine
+Darstellung ganz im Lichte allgemeiner, objektiver Gültigkeit zu halten
+bemüht ist, während der Chronist Fra Angelicos Verhalten zu
+Nachbesserungen ganz aus seiner subjektiven Ansicht heraus erklärt.
+
+Daß nun gerade hier die merkwürdige Erzählung vom Tode des Spinello
+ihren Platz findet, erzeugt eine vorzügliche Gegenwirkung zu der schönen
+Ruhe, die aus den Mitteilungen über Fra Angelico spricht. Auf einem
+Gemälde (bei Vasari I, 382), das den Engelsturz darstellt, gab Spinello
+dem Lucifer die Gestalt eines monströs häßlichen Tieres. Im Schlafe
+erschien ihm nun Luzifer, ganz wie er auf dem Bilde porträtiert wurde,
+und fragte ihn, warum er ihm denn eine so fürchterliche Gestalt gegeben
+habe. Spinello erwachte unter heftigem Zittern, so daß ihm seine Frau
+erschrocken zu Hilfe eilte. Trotz dieser gewaltigen Gemütserschütterung
+und seiner vorgerückten Jahre starb er aber doch nicht auf der Stelle,
+doch für den Rest seiner Tage war jede Heiterkeit dahin. Er erschien
+seiner Umgebung wie geistesabwesend und richtete seine Augen mit stierem
+Ausdruck auf den Besucher. Das entsetzliche Erlebnis hatte ihn
+vollständig gebrochen. In dieser Form erzählt Vasari diese Geschichte,
+und Wackenroder hat sich hier mit großer Genauigkeit an den
+Quellenbericht angeschlossen. In der Beschreibung des Gemäldes ist
+deshalb kein wesentlicher Unterschied zu Vasari bemerkbar, weil sich
+dieser wie Wackenroder auf die kurze Andeutung der Hauptgruppen
+beschränkte. Oben in der Luft kämpft der Erzengel Michael mit dem
+siebenköpfigen Drachen, unten ist Luzifer in Gestalt eines gräßlichen
+Ungeheuers. So steht die Schilderung in beiden Darstellungen. Daß bei
+Wackenroder von den zehn Hörnern des Drachens nichts zu lesen ist, ist
+belanglos. Wichtiger aber ist, daß Wackenroder mit gutem Geschick auf
+den schaudererregenden Klang von der Stimme jenes Ungeheuers aufmerksam
+[S:60] zu machen sucht, wenn er betont, Luzifer habe »fürchterlich«
+gefragt. Auch das ist zu trefflichster Wirkung eine Neueinführung
+Wackenroders, daß der Maler unter der Übergewalt des Eindruckes
+vergebens bemüht ist, ein Wort hervorzubringen. Ganz im Tone der
+Wundergeschichte klingt endlich die Schlußbemerkung, wo Wackenroder aus
+der »Neuen florentinischen Ausgabe« eine Anmerkung verwertet (s.
+Einleitung S. 33): »Das wunderbare Gemählde aber ist noch heutiges Tages
+an seiner alten Stelle zu sehen.«
+
+Hier schließen wir. Was noch in den »Herzensergießungen« folgt, hat mit
+Vasari nichts zu tun. So sahen wir denn einen Künstler und Chronisten
+der italienischen Renaissance mit einem Vertreter von Deutschlands
+romantischer Schule ein gemeinsames Feld betreten. Wir sahen die beiden
+bald Hand in Hand gehen, bald jeden seinen eigenen Pfad suchen. Wo sie
+sich trennten, war es die Folge ihrer Individualität, nicht zum
+wenigsten aber des Unterschiedes ihrer Zeiten. Sie haben mit den
+Künstlerporträts, die sie entwarfen, auch ihre eigenen Epochen mit
+abgezeichnet.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[1] Die Abhandlung wurde bereits 1903 unter Leitung Jakob Minors
+verfaßt, ist also unabhängig von den neueren Arbeiten über Wackenroder
+entstanden und früher sowohl als Helene _Stöckers_ Untersuchung »Zur
+Kunstanschauung des XVIII. Jahrhunderts. Von Winckelmann bis zu
+Wackenroder« (Berlin 1904. Palaestra 26. Bd.), und als Paul _Koldeweys_
+Beitrag zur Quellengeschichte der Romantik »Wackenroder und sein Einfluß
+auf Tieck« (Leipzig 1904).
+
+[2] Über Vasaris eigene schriftstellerische Tätigkeit hat soeben Ugo
+Scoti-Bertinelli eine eingehende Untersuchung veröffentlicht: Giorgio
+Vasari Scittore, Pisa, Successori, Fratelli Nistri 1905. VII, 303 S. gr.
+8^o.
+
+[3] Das Original ist mir leider nicht bekannt. Der Stich stammt, wie die
+Unterschrift (in Spiegelschrift) zeigt, von dem Berliner Kupferstecher
+Friedr. W. Bollinger, über den Nagler (Künstlerlexikon, München 1835, I,
+17) das Wesentlichste verzeichnet. Der Typus ähnelt am meisten Raffaels
+florentinischem Selbstbildnis. Darauf weise 1. die Auffassung Raffaels
+als Jüngling, 2. die etwas geneigte Kopfhaltung, 3. das knapp
+geschlossene Gewand, das sich von der Gewandbildung auf den anderen
+Gemälden unterscheidet. Das Fehlen der Mütze ist wohl auf eine freie
+Umgestaltung des Stechers zurückzuführen. -- Für die freundliche
+Unterstützung bei meinen Nachforschungen und schätzenswerte Hinweise bin
+ich Herrn Dr. Weichselgärtner von der k. k. Hofbibliothek, Herrn
+Skriptor Jurecek von der Fideikommißbibliothek und Herrn Dr. Meder von
+der Albertina zu herzlichem Dank verpflichtet.
+
+[4] Justi^2 a. a. O. S. 267.
+
+[5] Die beiden ersten Teile der Untersuchung im VI. Bande der »Studien«,
+S. 245 f.
+
+[6] Für die neuere Forschung über ihn siehe Hugo Hoherfelds Dissertation
+»Piero di Cosimo« Breslau 1900.
+
+ * * * * *
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+Die erste Zeile entspricht dem Original, die zweite Zeile enthält die
+Korrektur.
+
+ S. 14: neben Raffael auch Corregio und Tizian
+ neben Raffael auch Correggio und Tizian
+
+ S. 44: und bemühlt sich in eigener Person in die Werkstatt
+ und bemüht sich in eigener Person in die Werkstatt
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Wackenroders »Herzensergießungen eines
+kunstliebenden Klosterbruders« in ihrem Verhältnis zu Vasari., by Dr. Ernst Dessauer
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WACKENRODERS ***
+
+***** This file should be named 38707-8.txt or 38707-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/3/8/7/0/38707/
+
+Produced by Eleni Christofaki, Karl Eichwalder and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+(This book was produced from scanned images of public
+domain material from the Google Print project.)
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+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
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+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
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+ and discontinue all use of and all access to other copies of
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
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+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
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+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
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+ Dr. Gregory B. Newby
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+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
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+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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+increasing the number of public domain and licensed works that can be
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+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
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+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
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+particular state visit http://pglaf.org
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
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+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
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+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
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+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
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+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
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+
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+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+eines kunstliebenden Klosterbruders&#8220;, by Ernst Dessauer.
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+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Wackenroders »Herzensergießungen eines
+kunstliebenden Klosterbruders« in ihrem Verhältnis zu Vasari., by Dr. Ernst Dessauer
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Wackenroders »Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders« in ihrem Verhältnis zu Vasari.
+
+Author: Dr. Ernst Dessauer
+
+Release Date: January 29, 2012 [EBook #38707]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WACKENRODERS ***
+
+
+
+
+Produced by Eleni Christofaki, Karl Eichwalder and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+(This book was produced from scanned images of public
+domain material from the Google Print project.)
+
+
+
+
+
+
+</pre>
+
+
+<div class='tnote'>
+<h3>Anmerkungen zur Transkription:</h3>
+<p>Es wurde größte Sorgfalt darauf verwendet den Text originalgetreu zu übertragen. Lediglich offensichtliche Fehler wurden korrigiert.
+Eine Liste aller Änderungen befindet sich am Ende des Textes.</p></div>
+<div class="page-break-after">
+<h1>
+Wackenroders &#8222;Herzensergießungen<br />
+eines kunstliebenden Klosterbruders&#8220;<br />
+in ihrem Verhältnis zu Vasari.
+</h1>
+<p class="title">Eine literarhistorische Untersuchung<br />
+von<br />
+<span class="big">Dr. Ernst Dessauer</span>.</p>
+<hr />
+
+<p class="center"><b>
+Separatabdruck</b><br />
+aus &#8222;Studien zur vergleichenden Literaturgeschichte&#8220; Bd. VI u. VII.</p>
+<div class="img">
+<img src="images/coverimage.jpg" width="200" height="112" alt="coverimage" title="coverimage" />
+</div>
+<p class="center">
+BERLIN<br />
+Verlag von Alexander Duncker<br />
+1907.
+</p></div>
+<hr class="l65" />
+<p class="page-break page-break-after center">Druck von Hugo Wilisch in Chemnitz.</p>
+<hr class="l65" />
+
+<p class="center big"><b>
+Wackenroders &#8222;Herzensergießungen<br />
+eines kunstliebenden Klosterbruders&#8220;<br />
+in ihrem Verhältnis zu Vasari.</b></p>
+<p class="center">
+Von</p>
+<p class="center">
+<b>Ernst Dessauer</b> (Wien).
+</p>
+
+<h2>I.<a name="FNanchor_1_1" id="FNanchor_1_1"></a><a href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a></h2>
+
+<p>Das Werk des jungen Romantikers, den ein vorzeitiger Tod
+aus einer früh begonnenen, vielversprechenden literarischen Laufbahn
+riß, vermochte in seinen Wirkungen über den kleinen Kreis einer
+anteilnehmenden Freundesschar, der es ursprünglich zugedacht war,
+hinauszugreifen. 1797 als kleines unscheinbares Büchlein bei Unger
+in Berlin erschienen, den Namen des Autors, der den väterlichen
+Zorn fürchtete, verschweigend, eroberten sich die &#8222;Herzensergießungen&#8220;
+namentlich unter den ausübenden Künstlern einen größeren Leserkreis.
+Der Grund hierfür lag in ihrer Tendenz und in ihren Absichten.
+Eine Schrift, die für die Kunstbetrachtung an Stelle strengen
+Dogmentums die innige Gläubigkeit eines hingebenden Gemütes
+forderte, mußte denen in der Seele haften, deren freie Schaffenslust
+den Druck verzopfter Pedanterie am härtesten empfand. Da zudem
+sich gerade damals der Übergang zur romantischen Malerei vollzog
+und allmählich, besonders unter dem Eindrucke von Friedrich
+<span class="pagenum"><a name="Page_4" id="Page_4">-4-</a></span>Schlegels epochemachenden Europa-Aufsätzen, Albrecht Dürer und
+Holbein so hoch in der Schätzung der Kunstliebhaber stiegen, als früher
+nur ein Meister der italienischen Renaissance, reifte die Welt nach und
+nach zum Verständnis des Ideengehaltes von Wackenroders Arbeit.</p>
+
+<p>Kurz nach ihrem Erscheinen wurde die Schrift von August
+W. Schlegel in der Jenaer Literaturzeitung (1797, Nr.&nbsp;46, S.&nbsp;362)
+ohne Begeisterung, aber mit Wärme begrüßt. Friedrich bewies dem
+Anfänger sofort große Sympatie. In einem Billett an Tieck (Holtei,
+Briefe an Tieck, III, 311) erkundigt er sich nach Wackenroders
+Wohnung. Einmal ist ihm Wackenroder der &#8222;liebste aus der ganzen
+Kunstschule&#8220;, und seiner Gewohnheit nach, stets nach dem &#8222;Zentrum&#8220;
+der Leute zu forschen, findet er Wackenroders Überlegenheit vor
+Tieck in dem größeren Reichtum des Gemütes. So durfte Tieck
+für seine 1814 veranstaltete Neuausgabe von Wackenroders Aufsätzen
+nicht geringere Teilnahme erhoffen als für die &#8222;Phantasien über
+die Kunst&#8220;, die Nachlese von 1799. Noch uns Heutigen sind die
+&#8222;Herzensergießungen&#8220; von großem Werte, nicht zuletzt als beredtes
+Zeugnis für die Fortwirkung von Goethes Jugendaufsatz über Erwin
+von Steinbach in Herders Blättern &#8222;Von deutscher Art und Kunst&#8220;.
+Hat aber ein Schriftsteller Mit- und Nachwelt Teilnahme einzuflößen
+vermocht, und ist ihm eine ausgeprägte Individualität eigen, so heißen
+wir jede Gelegenheit, tiefer in sein Wesen einzudringen, freudig
+willkommen. Hierzu verhilft aber ein Vergleich mit der Quelle,
+wo eine solche besteht, in hohem Maße. Kaum ist etwas so typisch
+für den Schriftsteller als die Art, wie er Gegebenes aufnimmt und
+verarbeitet, hier Ungeeignetes aus fremdem Schatze ablehnt, dort
+aus Eigenem hinzufügt. Auch für diese Skizzen, die sich meist
+auf der Grenzscheide von historischer Darstellung und freier Ausgestaltung
+bewegen, kann ja Erich Schmidts schönes Wort (Lessing<sup>2</sup>
+II, 381) in Anwendung gebracht werden: &#8222;Was ein echter Bildner
+an fremden Motiven aufliest, ist ein Rohstoff für den Schmelztiegel
+der Fantasie und muß mit Metall aus eigenem Schachte legiert werden.&#8220;</p>
+
+<p>Für Wackenroders &#8222;Herzensergießungen&#8220; kam in erster Reihe
+Vasaris<a name="FNanchor_2_2" id="FNanchor_2_2"></a><a href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> große Sammlung von Biographien der ausgezeichneten
+Künstler des alten Italien in Betracht.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_5" id="Page_5">-5-</a></span></p><p>Es ist nun allerdings nur ein Teil der &#8222;Herzensergießungen&#8220;,
+für den Vasari das Material lieferte. Wir sprechen von jenen
+sieben Abschnitten, die sich mit Einzelheiten aus der Geschichte,
+des Lebensganges oder der Werke verschiedener Künstler beschäftigen,
+so von Raffael, Francesco Francia, Piero di Cosimo, Michelangelo
+und von einigen anderen weniger bedeutenden Malern, die alle in
+dem Kapitel &#8222;Die Mahlerchronik&#8220; ihren Platz finden. Ein Hinweis
+auf Vasari findet sich dann im &#8222;Ehrengedächtnis unseres ehrwürdigen
+Ahnherrn, Albrecht Dürers&#8220;. In einem Traumgesicht, das ihm die
+Maler der Vorzeit bei Betrachtung ihrer eigenen Gemälde zeigte,
+sah der Klosterbruder Dürer und Raffael nebeneinander stehen. Kurz
+darauf liest er im Vasari, daß Raffael und Dürer, wiewohl persönlich
+nicht bekannt, sich gegenseitig durch ihre Werke näher gekommen
+seien, und Raffael Dürers Arbeit mit &#8222;Wohlgefallen&#8220; angesehen und
+sie seiner Liebe nicht unwert geachtet habe. (Tieck, Werke, Wien
+1818, IX, 78.) Das alles erzählt Vasari (Teil III, 1, S.&nbsp;220) auch
+tatsächlich. Dürer leitete das Verhältnis ein, indem er Raffael sein
+Selbstporträt sandte, und Raffael beantwortete diese Gabe durch eine
+Reihe von Zeichnungen, die sich bei dem deutschen Meister die
+höchste Achtung erwarben. Nur läßt Vasari nicht in dem Maße
+wie Wackenroder Raffael über Dürer den Vorrang, denn von der
+etwas herablassenden Art der Schätzung, die Raffael nach ihm den
+Werken des älteren Kunstgenossen angedeihen läßt, ist dort keine
+Spur zu finden, er &#8222;verwundert&#8220; sich über Dürers geniale Begabung
+und blickt nicht mit bloßem &#8222;Wohlgefallen&#8220; auf seine Erzeugnisse.</p>
+
+<p>Endlich dankt, wie noch genauer auszuführen ist, möglicherweise
+&#8222;der Schüler und Raffael&#8220; Vasari mit einer Anregung.</p>
+
+<p>Andere Kapitel, wie &#8222;Allgemeinheit, Toleranz und Menschenliebe
+in der Kunst&#8220;, &#8222;Von zwey wunderbaren Sprachen und deren
+geheimnisvollen Kraft&#8220; sind neben jenen Partien, die Tieck angehören,
+Fantasien in freier Gedankenfolge; die &#8222;Schilderung wie die
+alten deutschen Künstler gelebt haben&#8220;, wo wieder Geschichtliches
+zutage tritt, folgt einer anderen Quelle, der Dürerbiographie von
+Joachim Sandrard. Aber auch in den erstgenannten Aufsätzen lassen
+sich hin und wieder Einzelheiten nicht aus Vasari belegen.</p>
+
+<p>Die Berglinger-Aufsätze gehören zum größten Teil den &#8222;Fantasien&#8220;
+an; nur die Figur und die Lebensschicksale des frommen
+Schwärmers werden schon in den &#8222;Herzensergießungen&#8220; eingeführt.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_6" id="Page_6">-6-</a></span></p><p>Außer jener flüchtigen Bemerkung im &#8222;Ehrengedächtnis&#8220; nennt
+uns Wackenroder selbst Vasari noch viermal als Quelle, und zwar zu
+Francesco Francia, zu Piero di Cosimo, zu Michelangelo Buonarotti,
+endlich als Hauptquelle für die &#8222;Mahlerchronik&#8220;. (Die entsprechenden
+Stellen a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;27, 95, 104, 116.) Ebenso verweisen auch
+literar-historische Darstellungen auf Vasaris Werk als maßgebendste
+Quelle (Haym, Romantische Schule S.&nbsp;122, 130. Minor, D.&nbsp;N.&nbsp;L.
+CXLV, S. V der Einleitung).</p>
+
+<p>Wann Wackenroders Beschäftigung mit Vasari begann, können
+wir vorderhand nicht ermitteln, soviel scheinen aber die Briefe, die
+Wackenroder, damals noch auf der Schulbank, an den fernen Jugendfreund
+richtete, merken zu lassen, daß Wackenroder für Musik und
+Poesie früher Interesse faßte, als für bildende Kunst. Wir danken
+den Briefen (Holtei, Briefe an Tieck, Bd.&nbsp;IV) eine Reihe anziehender
+Bemerkungen über neue Literaturerscheinungen, oder (S.&nbsp;173) sehr
+bedeutsame Aufschlüsse über Wackenroders musikalische Empfindungsweise.
+Aber gerade jener Kunst, für die der Autor der &#8222;Herzensergießungen&#8220;
+so tiefes Verständnis zeigen sollte, ist hier noch recht
+selten gedacht. Daß ihm freilich der Sinn für Malerei und Plastik
+schon damals keineswegs mangelte, zeigen auch jene wenigen Bemerkungen.
+Einmal verletzte z.&nbsp;B. eine Statue ohne Kopf, die er
+im Parke gesehen hatte, sein künstlerisches Feingefühl (a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;183),
+und für seine geistige Entwicklungsgeschichte ist es nicht unwesentlich,
+daß er damals noch einer ziemlich einseitigen Vorliebe für die
+Antike huldigte. Dem Architekten Golly wird (a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;259)
+sein verzehrender Entusiasmus für griechische Simplizität nachgerühmt,
+und derselbe Mann, der später an verschiedenen Kunstrichtungen
+gerade die Verschiedenheit lobenswert fand, fürchtet durch
+die Betrachtung der Götter Skandinaviens den Sinn für ein sanftes
+griechisches Profil zu verlieren (S.&nbsp;176). Er scheint damals noch
+wenig mit Werken der bildenden Kunst in Berührung gekommen
+zu sein. Die Dresdner Galerie sah er allerdings schon 1792 auf
+einer Durchreise, während Tieck (a.&nbsp;a.&nbsp;O. IX, S.&nbsp;IX) erst von dem
+zweiten Dresdner Besuche 1796 spricht. Wahrscheinlich dürfte erst
+Fiorillo, Professor an der Universität in Göttingen, der nach Tiecks
+Mitteilungen (a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;IX) dem wißbegierigen jungen Studenten
+sehr freundlich entgegenkam, hier entscheidend gewirkt haben.</p>
+
+<p>Wackenroder befestigte sein durch den Besuch Nürnbergs und
+<span class="pagenum"><a name="Page_7" id="Page_7">-7-</a></span>der Pommersfeldischen Galerie im Bambergischen gewecktes Kunstinteresse
+in Vorlesungen über Kunstgeschichte, die er bei Fiorillo
+hörte (vgl. dessen Geschichte der zeichnenden Künste IV, 83), und
+exzerpierte fleißig aus Büchern der Privatbibliothek seines Mentors.
+Zudem hegte Fiorillo für Vasari eine nicht unbedeutende Teilnahme;
+er war bemüht, den Chronisten von dem Vorwurfe historischer Ungenauigkeit
+zu reinigen. In einem Aufsatze seiner &#8222;Schriften
+artistischen Inhalts&#8220; erhebt er für Vasaris Verläßlichkeit seine Stimme
+(S.&nbsp;83 ff.); in einem anderen (S.&nbsp;99 ff.) führte er eine literarisch-kritische
+Untersuchung über die verschiedenen Ausgaben des Vasari.</p>
+
+<p>Versuchen wir nun annähernd festzustellen, welche von diesen
+Ausgaben Wackenroder benützt haben konnte.</p>
+
+<p>Eine sichere Entscheidung zu treffen ist leider unmöglich.
+Zwei Hauptgruppen sind hier zu unterscheiden. Die erste ist bloß
+durch die einzige Urausgabe (Florenz 1550) vertreten, die andere
+durch eine zweite, wesentlich verbesserte Ausgabe von 1568 (ebenfalls
+in Florenz erschienen) mit mehreren Nachdrucken; der Bologneser
+Ausgabe von 1647, der römischen Ausgabe (ed. Bottari) von 1759,
+der neuen florentinischen Ausgabe von 1767-72, endlich der Ausgabe
+von Siena 1797. Diese Ausgaben sind, wie Schorn (Übersetzung
+des Vasari I, S.&nbsp;IX der Einleitung) bestätigt, im Text von der
+Edition von 1568 nicht verschieden, sie sind nur von der römischen
+Ausgabe 1759 an durch historische Zusätze und Berichtigungen vermehrt.
+Die erste Ausgabe 1550 bezeichnet Fiorillo als eine große
+Seltenheit an italienischen Bibliotheken, aber doch kommt sie sogar
+in Deutschland vor. Die Göttinger Universitätsbibliothek, die allenfalls
+für Wackenroder in Betracht kommt, besitzt ein solches Exemplar,
+das ich selbst für diese Untersuchung benützen durfte. So hätte
+Wackenroder trotz Fiorillos Bemerkung die Ausgabe von 1550 seinen
+Aufsätzen zugrunde legen können. Eine Tatsache spricht allerdings
+für die Benutzung der <em class="gesperrt">zweiten</em> Ausgabe. Von dem von Piero di
+Cosimo angeordneten und für seine Eigenart so bezeichnenden Festzug,
+der bei Wackenroder, wie es sich von selbst versteht, keineswegs
+ignoriert wurde, ist in der ersten Ausgabe noch keine Rede,
+während er in der zweiten bereits eine recht eingehende Schilderung
+erhält. Ein unmittelbarer Grund dafür, daß trotz dieser Tatsache
+die erste Ausgabe benützt wurde, bietet sich nicht dar, denn
+für den größten Teil des Materials, das Wackenroder dem Vasari entlehnte,
+<span class="pagenum"><a name="Page_8" id="Page_8">-8-</a></span>ist eine Entscheidung unmöglich, da die Angaben beider
+Editionen genau übereinstimmen.</p>
+
+<p>Schlechter sind wir daran, wenn wir nun aus der Reihe der
+Drucke, die von der zweiten Ausgabe veranstaltet wurden, einen für
+Wackenroder als Grundlage bezeichnen wollen. Ein Kriterium
+können, da nun der Text unverändert bleibt, nur die Anmerkungen
+liefern, die von der römischen Ausgabe an das Werk begleiten.
+Fiorillo, an dessen Ratschläge wir doch immer denken müssen, zog
+die Ausgabe Bottaris der florentinischen von 1767-72 vor; er
+nennt (Schriften artistischen Inhalts S.&nbsp;128) die Zusätze &#8222;sparsam
+und höchst unbedeutend&#8220; und lobt endlich die römische wegen des
+guten Registers und des vortrefflichen Druckes. Auch der Katalog
+von Tiecks Privatbibliothek verzeichnet (S.&nbsp;299) nebst einer weit späteren
+Ausgabe (Mailand 1807-11) diese Edition. Dennoch halte ich die
+Benützung dieser Ausgabe für sehr unwahrscheinlich, glaube vielmehr,
+daß Wackenroder die florentinische oder, was noch möglicher ist,
+die Ausgabe von 1797, über deren Güte sich Fiorillo nicht eigentlich
+äußerte, vorlag.</p>
+
+<p>Im Leben des Spinello (a.&nbsp;a.&nbsp;O. I, 342) erwähnt er, daß das
+letzte Werk des Meisters noch an der ursprünglichen Stelle zu finden
+sei, verwertet also eine Bemerkung, die vor der florentinischen Ausgabe
+nirgends, dort aber (S.&nbsp;497) mit dem Beisatz &#8222;Nota della
+presente edizione&#8220; zu lesen ist. Ein anderer Anhaltspunkt ist leider
+nicht zu gewinnen.</p>
+
+<p>Wer nun mit Wackenroders &#8222;Herzensergießungen&#8220; die Lebensbeschreibungen
+Vasaris vergleicht, darf niemals vergessen, daß beide
+Verfasser grundverschiedene Wege wandeln. Vasaris umfangreiches
+Werk schildert eingehend Punkt für Punkt Leben und Schaffen eines
+Künstlers nach chronologischer Reihenfolge. Wackenroder sucht sich
+einen oder den anderen aus der Menge heraus, der seine Teilnahme
+besonders weckte, um ihn entweder als Vertreter ganz bestimmter
+Charaktereigenschaften hinzustellen, also etwa die harmonische Verbindung
+von Genie und Arbeitskraft bei Lionardo, oder die Absonderlichkeiten
+des Piero di Cosimo zu zeigen, oder durch wunderbare
+Begebenheiten aus dem Leben einzelner Künstler, die Vasari
+biographisch vorführte, das stete Walten der Gottheit über der Kunst
+und ihren Jüngern deutlich zu machen. Führte er solche Anekdoten
+ein, so ist er nicht wie Vasari bemüht, durch Einschränkungen wie
+<span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">-9-</a></span>&#8222;man sagt&#8220; oder &#8222;man erzählt sich&#8220;, Geschichtliches und Unverbürgtes
+zu scheiden, gleich apodiktisch lautet sein Bericht, mag es sich um
+die natürlichste Begebenheit oder die seltsamste Wundergeschichte
+handeln. Durch das Ganze zieht sich als roter Faden der stets
+wiederholte Gedanke, man dürfe sich nicht anmaßen, auf dem Wege
+begrifflicher Konstruktion in die Geheimnisse des Kunstschaffens
+eindringen zu wollen. Hierin berühren sich alle die Aufsätze oft
+recht verschiedenen Inhalts, während, wie auch Minor (a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;V
+der Einleitung) hervorhebt, die &#8222;Herzensergießungen&#8220; als eigentlich
+theoretische Schrift nicht bezeichnet werden können. Wackenroder sieht
+im Gegenteil die rationalistischen Ästhetiker in schwere Widersprüche
+verwickelt, da sie doch selbst die künstlerische Eingebung dem
+Dunklen und Geheimnisvollen zuwiesen und doch glaubten, das
+&#8222;Wie&#8220; zu wissen: &#8222;denn es scheint, als würden sie sich schämen;
+wenn irgend etwas in der Seele des Menschen versteckt und verborgen
+liegen sollte, worüber sie wißbegierigen jungen Leuten nicht
+Auskunft geben könnten&#8220; (a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;12).</p>
+
+<p>Eigentliche Biographien zu schreiben, lag Wackenroder fern,
+wo er dazu Ansätze macht, wie bei Francesco Francia, entlehnt er
+dem Vasari nur die wesentlichsten Hauptpunkte des Lebens und
+vermeidet es durchaus, unbedeutende oder mit dem Zweck des
+Kapitels außer Zusammenhang stehende Werke, die Vasari als gewissenhafter
+Chronist anführt und beschreibt, seiner Charakteristik
+einzufügen. Einzelne Kunstwerke werden bei Wackenroder überhaupt
+selten näher gewürdigt, bei Lionardo z.&nbsp;B. erwähnt er das
+&#8222;Heilige Abendmahl&#8220;, da es das berühmteste Gemälde des Meisters
+sei, und bezeichnenderweise wird das Porträt der schönen Monna
+Lisa nur einer feinen Intelligenzprobe wegen, die Lionardo bei der
+Arbeit ablegte, besprochen. Auch läßt sich Wackenroder in keine
+breiten Detailschilderungen ein, wo nicht irgend ein individueller
+Zug an dem betreffenden Künstler sichtbar wird. Die Festzüge, die
+Piero di Cosimo zur Unterhaltung der jungen Florentiner veranstaltete,
+werden bei Wackenroder im Gegensatze zu Vasari ganz kurz
+abgetan, während er aufs eifrigste bemüht ist, von jenem Maskenzuge,
+der nur von einem so originellen Kopfe wie Piero di Cosimo erdacht
+werden konnte, ein deutliches Bild zu geben. Die Tatsachen,
+die Wackenroder dem Vasari abborgt, versteht er immer besser zu
+gliedern und einzuordnen; bei Vasari kommt es nicht selten vor,
+<span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">-10-</a></span>daß eine Mitteilung, die früheren Berichten zuzuweisen war, erst
+später nachgetragen wird, ein Mangel an Übersicht, den Wackenroder
+namentlich in seiner Charakteristik Piero di Cosimos trefflich behoben hat.</p>
+
+<p>Vasari verbirgt, den Pflichten des Historikers getreu, auch bei
+den hervorragendsten Meistern trotz aller Bewunderung für ihre
+Größe keineswegs gewisse Charakterschwächen. Wenn von den
+Eigentümlichkeiten der Lebensweise Piero di Cosimos die Rede ist,
+so scheut er sich nicht, das Benehmen dieses Künstlers mit dem
+einer &#8222;Bestie&#8220; zu vergleichen. Wackenroder, den seine freie Darstellungsform
+solcher Rücksicht auf ein historisch vollkommenes
+Gemälde überhob, ist nicht geneigt, irgendwie gegen die Künstler
+Antipatie zu erwecken, er läßt derlei Bemerkungen ganz weg oder
+vermeidet wenigstens ähnlich drastische Ausdrücke, wie sie Vasari
+anwendet. Aus demselben Grunde mochte er, wo ein Künstler, wie
+etwa Cosimo oder Lionardo im Verdachte religiösen Unglaubens
+stand, der Frage einfach ausgewichen sein. Wo es sich aber um
+Fälle handelt, die Ruhm und Bedeutung der Maler augenscheinlicher
+machen, ist er eher geneigt, ein wenig zu übertreiben. Am auffälligsten
+tritt dies in dem &#8222;merkwürdigen Tode des Francesco
+Francia&#8220; zutage, wo Wackenroder die Verbreitung von Francias
+Werken, ohne durch Angaben seiner Quelle dazu berechtigt zu sein,
+durch die Behauptung zu charakterisieren sucht, keine Stadt hätte
+es sich wollen nachsagen lassen, daß sie nicht wenigstens eine
+Probe seiner Arbeit besitze.</p>
+
+<p>Sehr auffällig hätte sich Wackenroder von Vasari unterschieden,
+würde er sich dazu verstanden haben, eine größere Zahl einzelner
+Kunstwerke zu beschreiben. Vasari besitzt noch sehr geringe Fähigkeiten
+zu kunsthistorischer Charakteristik. Was Wackenroder in der
+Einleitung der &#8222;Zwey Gemäldeschilderungen&#8220; mit Unrecht von einer
+Beschreibung forderte, nur in allgemeinen Worten eine Vorstellung
+von der Bedeutung des Kunstwerkes zu geben, da bei tieferem Eindringen
+nur die bloße Einbildung maßgebend sei, tut gewöhnlich
+Vasari. Sehr oft hören wir ohne nähere Individualisierung, ein
+Gemälde sei so schön und prächtig gewesen, daß man sich nichts
+Höheres vergegenwärtigen könne. Das bringt zudem arge Übertreibungen,
+wie sie sich Wackenroder niemals erlaubte. Niemand
+ist über den besonderen Charakter des Malers oder des Gemäldes
+unterrichtet, wenn er etwa (Vasari, Teil III, 1, S.&nbsp;67) liest: &#8222;In
+<span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">-11-</a></span>demselben Bilde sieht man einen heiligen Hyeronimus vortrefflich
+gemalt, auch bewundern Künstler das Kolorit dieses Werkes als
+so schön, daß man fast nichts Besseres leisten könne&#8220;, oder (a.&nbsp;a.&nbsp;O.
+S.&nbsp;199) &#8222;Alle vier Bilder sind voll Sinn und lebendiger Handlung,
+sehr gut gezeichnet und höchst lieblich gemalt&#8220;. Dafür kann auch
+manche vortreffliche Beschreibung wie die des Kartons der heiligen
+Anna von Lionardo da Vinci (a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;130), oder des Kartons
+für das Florentiner Rathaus (a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;34) kaum entschädigen.
+Gar keinen Wert aber legt Wackenroder auf die Technik, die Vasari
+stets wohl beachtet, manches hübsche Detail in Zeichnung und
+Farbengebung ließ den Maler nicht wieder los. Aber es war nicht
+Wackenroders Sache, den intimen Reiz im Kunstwerke aufzusuchen,
+ein Mangel, den schon Wölfflin (Studien zur Literaturgeschichte,
+M. Bernays gewidmet, S.&nbsp;64) lebhaft beklagt. Jene Gabe, die wir
+an W. Schlegel so bewundern, war dieser mehr gefühlstiefen als
+urteilskräftigen Natur nicht eigen.</p>
+
+<p>Bei mancher Erzählung Vasaris fühlte Wackenroder klar den
+dramatischen Kern heraus und zeigte sich unablässig bemüht, ihn
+ins rechte Licht zu setzen. Dies erreichte er entweder rein stilistisch,
+indem er auf die Hauptmomente geschickt vorbereitete, stets auf
+Lebendigkeit und Anschaulichkeit bedacht war und, wie z.&nbsp;B. in der
+Beschreibung von Piero di Cosimos unheimlichen Karnevalszug, den
+Ton der Erzählung ganz meisterhaft der Situation anzupassen wußte,
+oder gar, wie in der Erzählung vom Tode Francesco Francias, leichte
+Modifikationen der Tatsachen vornahm. Die Plastizität von Wackenroders
+Ausdrucksweise wird nicht wenig durch den häufigen Gebrauch
+von Bildern erhöht, zu denen sich Vasari keineswegs aufgeschwungen
+hat. Wir werden manchmal Gelegenheit haben, uns
+dieser so glücklichen Seite von Wackenroders Begabung zu erfreuen,
+ich erwähne hier nur, daß ihm eine unruhig-aufgeregte Künstlernatur
+den Vergleich mit einem Kessel siedenden Wassers nahelegt,
+während ihm sanfte Ruhe und Stille des Gemütes die Erinnerung
+an einen klaren Fluß hervorzaubert. Oder spricht er von einem
+Manne, der auch im Getriebe des Alltagslebens stets dem Idealen
+zugekehrt ist, so wird dieser von Musen und Grazien in ihrer
+Atmosfäre schwebend getragen. Am schönsten bewies sich diese
+Veranlagung Wackenroders wohl in der ganz besonderen Art, in
+der er den Unterschied der künstlerischen Auffassungsweise zweier
+<span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">-12-</a></span>Meister bildlich zu verdeutlichen wußte. Vasari brachte es nie so weit,
+die Schaffensart verschiedener Künstler so scharf und genau einander
+entgegenzustellen. Als er (Teil III, 1, S.&nbsp;240) von Raffaels großem
+Studieneifer berichtet, der ihn noch im Mannesalter von Lionardo
+und Michelangelo viel lernen hieß, weicht er doch jedwedem eigentlichen
+Vergleich aus und läßt nur (S.&nbsp;242) durchblicken, daß Raffael
+von Michelangelo in der Behandlung nackter Gestalten übertroffen
+wurde, es focht ihn die Versuchung nicht an, diesen Abstand der
+Fähigkeiten aus der verschiedenen künstlerischen Individualität heraus
+zu begründen. Freilich lieferte auch Wackenroder niemals eine
+völlig durchgearbeitete exakte Parallele zweier Künstler; aber die
+wunderbaren Personifikationen Wackenroders, die einmal (Lionardo
+und Raffael) Jugend und Alter, weibliche Zartheit und männliche
+Kraft, das andere Mal (Michelangelo und Raffael) den Geist fremder
+Bekenntnisse in effigie gegenüberstellen, zählen zu dem Schönsten,
+das der Leser der &#8222;Herzensergießungen&#8220; genießen darf. Hier hat
+dem Kunstschriftsteller der Dichter die Feder geführt.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Raffaels Erscheinung.</em> Wackenroders regem Streben, die
+Herkunft des Genies aus göttlichem Geiste augenscheinlich zu machen,
+ist schon die seltsame Erzählung dienstbar gemacht, die an der
+Spitze des ganzen Werkes steht. Diese, wie später zu zeigen sein
+wird, historisch keineswegs verbürgte Anekdote knüpft an die Person
+des großen Raffael von Urbino an. Daß gerade dieser Meister den
+Anfang macht, wird uns nicht wundern. War doch Raffael unter den
+alten Malern Wackenroders Liebling, in den &#8222;Herzensergießungen&#8220;
+erscheint er fast durchgehends als der &#8222;Göttliche&#8220;, sein Bild grüßt
+uns von dem Titelblatte der Ausgabe von 1797,<a name="FNanchor_3_3" id="FNanchor_3_3"></a><a href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a> in der &#8222;Mahlerchronik&#8220;
+<span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">-13-</a></span>treffen wir auf einige (besser belegte) Einzelheiten aus
+seinem Leben, überdies aber auf ein zweites auch sehr fabelhaftes
+Geschichtchen, das Wackenroder zur Illustration seiner Anschauungen
+sehr willkommen sein mußte. Es erscheint hier wohl
+geboten, die vielfachen Urteile über Raffael, die das achtzehnte Jahrhundert
+zeitigte, im Überblick zu mustern, um Wackenroders
+historische Stellung genauer festzustellen. Viele begeisterte Lobpreisungen
+lassen sich vernehmen, war doch das Zeitalter, namentlich
+seit der entschiedenen Abkehr vom Barock zum antiken Geschmack
+in der zweiten Jahrhunderthälfte gerade für das Verständnis Raffaelscher
+Kunst gereift. Gleichwohl muß betont werden, daß manche
+kritische Tadelstimme die hohen Lobrufe durchdrang und in ihrer
+Strenge seltsam zu Wackenroders inniger Raffaelschwärmerei kontrastierte.
+Mit warmer Begeisterung verkündet Algarotti (Justi,
+Winckelmann<sup>2</sup> I, 264) in Raffael sei ein Punkt erreicht, den die
+Nachwelt wohl schwerlich überschreiten werde, Winckelmann weiß
+Dietrichs Größe als Landschaftsmaler nicht treffender zu charakterisieren,
+als indem er ihm auf seinem Gebiete den Platz eines Raffael
+zuweist,<a name="FNanchor_4_4" id="FNanchor_4_4"></a><a href="#Footnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a> und Mengs hat nicht bloß mit Empfindlichkeit die Antwort
+auf Briefe verweigert, die den Vornamen Raffael nicht trugen,
+suchte nicht bloß in Raffaels Arbeitsgemach die Gedanken wieder
+durchzudenken, die den großen Urbiner bei der Arbeit erfüllten
+(Justi<sup>2</sup> II, 28, 31), konnte nicht bloß Battoni die Meinung beibringen,
+ein kleiner Johannes Baptista von seiner (Mengs) Hand sei ein Werk
+Raffaels (Justi<sup>2</sup> II, 313), er gab auch beredt seiner Verehrung vollen
+Ausdruck und setzt ihm, der mit persönlicher Schönheit, Geist und
+Kenntnis des Altertums begabt war, ohne weiteres die Naturschönheit
+entgegen, die er freilich bedeutender finden muß (Justi<sup>2</sup> II, 266).
+Und J.&nbsp;C. Hagedorn, der in seinen &#8222;Betrachtungen über die Mahlerei&#8220;
+mit Nachdruck die Vereinigung von Regelstudium und Naturgeschmack
+forderte (vgl. a.&nbsp;a.&nbsp;O. I, 48/49), verbietet (I, 105) jeden sklavischen
+Anschluß und wäre es selbst an Polyklet und <em class="gesperrt">Raffael</em>! Das &#8222;größte
+malerische Genie&#8220; nennt ihn ganz selbstverständlich Lessings Conti,
+und als <em class="gesperrt">Herder</em> (Suphan XV, 43) darzutun suchte, daß keine Bildung
+der Welt imstande sei, zu ersetzen, was Natur versagt habe, so
+ist es gerade Raffael, an den er anknüpft, um darzutun, wie verschieden
+es auch in der Kunst sei, wenn zwei dasselbe sähen und
+<span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">-14-</a></span>alle Fülle der Eindrücke minder Begabte die Sprossen der Meisterschaft
+doch nicht erklimmen ließe. Schon vor der italienischen
+Reise verriet Goethe sein inniges Verhältnis zu Raffaels Kunst,
+&#8222;Dichtung und Wahrheit&#8220; (W.&nbsp;A.&nbsp;I, 27, S.&nbsp;239) berichtet, wie sehr
+ihn in Straßburg die Teppiche nach Raffaelschen Kartonen entzückten;
+er erklärt sich einmal literarischen Händeln so abhold, daß
+ihn nicht einmal ihre Darstellung durch Raffael oder Shakespeare
+ergötzen könnte (W.&nbsp;A.&nbsp;IV, 7, S.&nbsp;212), die sieben Köpfe nach Raffael
+seien vom lebendigen Geiste eingegeben (An Kestner, 25. Dezember
+1772, W.&nbsp;A.&nbsp;IV, 3, S.&nbsp;36). Als ihn sein Weg in der Zeit der
+italienischen Reise nach Bologna führte, schwelgte sein entzücktes Auge
+in den Schönheiten der heiligen Cäcilia, alle anderen Künstler hätten
+vergeblich gewünscht, den Maler dieses Bildes zu erreichen, tröstend verscheucht
+ihm die heilige Agatha das Mißbehagen, aus dem er sich nach
+Betrachtung der Guidonischen Gemälde zu retten versuchte. Während
+des zweiten römischen Aufenthalts bestärkten sich die &#8222;Gleichgesinnten&#8220;
+in der Überzeugung: Raffael hat wie die Natur jederzeit recht und
+Vasari, der die Komposition schilt, wird entschieden zurückgewiesen.</p>
+
+<p>Freilich sehen wir Raffael nicht immer allein auf dem Piedestal
+tronen, nicht selten treten ihm andere Meister, jeder im besonderen
+Gebiete vor allen maßgebend, durchaus ebenbürtig an die Seite.
+Einmal sollen sogar entusiastische Verehrer des Urbiners wie Algarotti
+und de Brosses Correggio an Raffaels Statt aufs Schild
+gehoben haben (Justi<sup>2</sup> I, 261), freilich nicht, ohne sich vorher
+demütig bei Raffael zu entschuldigen, und als Winckelmann einmal
+(Geschichte der Kunst, Wien 1776, S.&nbsp;53, vgl. Justi<sup>2</sup> I, 262) bei
+Holbein wie Goethe später bei Dürer bedauerte, daß er nicht
+Gelegenheit gehabt habe, sich an den Schätzen des Altertums zu
+bilden, nennt er unter den Malern, die Holbein in diesem Falle erreicht
+hätte, neben Raffael auch <ins title="original: Corregio">Correggio</ins> und Tizian. Es sind dieselben,
+die sich auch bei Mengs (Anton Raphael Mengs sämtliche
+kunsthistorische und philosophisch-ästhetische Schriften hrsg. von
+Dr. G. Schilling, Bonn, H.&nbsp;B. König 1843, S.&nbsp;224) zur Trias zusammenschließen
+und alle ihre eigene Domäne (Raffael vollkommener Ausdruck,
+Correggio Helldunkel und Harmonie, individuelle Wahrheit) zugewiesen
+erhalten, während freilich Raffael auch hier über die anderen
+hinauswächst, da ihm die tiefere Ausprägung des geistigen Gehaltes
+gelungen sei. Wie Wackenroder bei aller Raffaelverehrung maßvoll
+<span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">-15-</a></span>ausglich und an den großen Kontrasterscheinungen Raffael &ndash; Lionardo,
+Raffael &ndash; Michelangelo seine Freude fand, so gesellte Hagedorn einmal
+(a.&nbsp;a.&nbsp;O.&nbsp;II, 641) die Tiziane im Tempel des Geschmackes zu den Raffaelen,
+der vollkommene Maler, dessen Bild er (a.&nbsp;a.&nbsp;O.&nbsp;II, 876) entwirft, soll
+die Zeichnung an Michelangelo, den Geschmack an Raffael bilden.
+Goethe standen (An Friedrich Müller, 21. Juni 1781, W.&nbsp;A.&nbsp;IV, 5, S.&nbsp;137)
+Raffael und Dürer auf dem höchsten Kunstgipfel, die Gruppe Fantasmist
+(Michelangelo), Correggio (Undulist), Raffael (Charakteristiker) erfährt
+seine Billigung, so außerordentliche Menschen in ihrer Beschränktheit
+zu betrachten, darin zeige sich eine ungeheure Tiefe. Einige
+&#8222;Rettungen für das Andenken Albrecht Dürers gegen die Sage der
+Kunstliteratur&#8220; wagte <em class="gesperrt">Merck</em> zu versuchen. Freilich wollte auch er
+in Raffaelphysiognomien einen seelenvolleren Ausdruck als in Dürerschen
+finden, aber gleichwohl ist es von Wichtigkeit, daß bei ihm
+nicht die größere Begabung, sondern die schöneren Vorbilder den
+Werken des Urbiners zum Siege verhelfen (Ausgewählte Schriften
+zur schönen Literatur und Kunst, hrsg. von Adolf Stahr, Oldenburg
+1840, S.&nbsp;295). Im Ardhingello (Schüddekopfs Ausgabe IV, 175) ließ
+Heinse den jungen Maler, der Raffael so schroff gegen Michelangelo
+ausspielte, eine Zurechtweisung erfahren, Raffael und Michelangelo
+werden, jeder nach seiner Art, dankbar gewürdigt, und unter den
+großen Meistern der neueren Zeit obenan gestellt (a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;222).
+Für Fehler Raffaels ist Heinses Auge nicht blind, er rügt die Gefälligkeit,
+wo sie nicht sein soll (a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;222), so Wackenroderisch-entusiastisch
+er dem &#8222;hohen göttlichen Jüngling Raffael&#8220; seinen zärtlichen
+Dank abstattet (a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;344). Zuweilen wird aber auch
+in diesem so raffaelfreundlichen Säkulum mit ernster Bemängelung,
+wohl auch mit herbem Tadel nicht gekargt. So rügt Winckelmann
+einmal (Gedanken über die Nachahmung griechischer Werke, 1756,
+S.&nbsp;120) an Raffaels Kindermord die zu volle Brust der Frauen und
+die zu ausgemergelten Körper der Mörder. Bezeichnenderweise
+fügt er hinzu: &#8222;Man muß nicht alles bewundern, die Sonne selbst
+hat ihre Flecken.&#8220; Sehr scharfe Pfeile schnellte Hogarth ab, der
+(Zergliederung der Schönheit S.&nbsp;V der Vorrede) den &#8222;lächerlichen
+Gebrauch der Schlangenlinie&#8220;, den Raffael den Alten und Michelangelo
+abgelernt habe, heftig brandmarkt. Hagedorn vermochte sich
+(Betrachtungen II, 899) ähnlicher Angriffe auf Raffael nicht zu entsinnen.
+Der Erzengel Michael fand Klopstocks Beifall nicht, er
+<span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">-16-</a></span>wünschte dafür keinen Jüngling, sondern einen Jupiter, der eben gedonnert
+habe (Nordischer Aufseher III, 150, vgl. Justi<sup>2</sup> I, 393), und Heinecke
+nimmt endlich (Nachrichten von Künstlern II, S.&nbsp;XII, vgl. Justi<sup>2</sup> I, 391)
+keinen Anstand, das Jesuskind ein gemeines Kind zu nennen, und setzt
+spöttelnd hinzu, das Knäbchen verrate verdrießliche Laune.</p>
+
+<p>Eine Seite der Raffaelbetrachtung, von der Wackenroder absah,
+ist die Würdigung des Meisters im Hinblick auf die Antike. Gar
+mancher namhafte Kunstschriftsteller begrüßte in Raffaels Arbeiten
+die echte Wiedergeburt des antiken Geistes. Wir vernahmen schon
+Winckelmanns Klage, daß Holbein nicht wie Raffael die Kunstschätze
+der Antike habe bewundern dürfen, und so betont er auch, man
+müsse sich Raffaels Werken mit dem wahren Geschmack des Altertums
+nähern, dann sei die Ruhe und Stille in seinem Attila, die
+vielen leblos erschiene, sehr bedeutend und erhaben (Gedanken über
+die Nachahmung, 1756, S.&nbsp;25). Der Meister, der zuerst in neuerer
+Zeit und in so jungen Jahren den wahren Charakter der Alten
+empfunden habe, wird in warmen Worten glücklich gepriesen (a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;25) und im Antlitze der sixtinischen Madonna erkannte
+Winckelmann mit Freude die selige Götterruhe antiker Physiognomien
+(a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;26). Die Vollkommenheit der Alten bei Raffael
+in neuer Schönheit wiederzufinden, freute sich Hagedorn (a.&nbsp;a.&nbsp;O.
+I, 87), da ihm stets das Studium der Natur von höchstem Wert
+war, weist er überdies nachdrücklich auf die Verbindung von Natur
+und Antike im Studiengebiet dieses Meisters hin, während Merck
+(Ausgew. Schriften S.&nbsp;50) noch besonders hervorhebt, wie wichtig
+gerade für Raffael die Natur war, die ihn umgab, wie sie sogar
+maßgebender gewesen sei als der Einfluß der Alten. J.&nbsp;H. Meyer
+vernahm (Ende Januar 1789, W.&nbsp;A.&nbsp;IV, 9, S.&nbsp;74) Goethes Lobpreisung,
+wie es Raffael gelungen sei, die große Sukzession der
+Alten nachzuahmen, wie Goethe auch (an Herzog Karl August
+W.&nbsp;A.&nbsp;IX, 121) die Vorzüge der Alten und unter den Neueren besonders
+Raffael als rühmenswert erachtet. Herder erkannte freilich
+schon den ausgeprägt christlichen Geist in Raffaels Gemälden, wenn
+er (Suphan XVII, 389) den Urbiner als Schöpfer der christlichen
+Grazie bezeichnet und (a.&nbsp;a.&nbsp;O. XXII, 296) betonte, der Geist von
+Raffaels Gestalten zeige den Engel im Menschen, ein Ausspruch,
+der schon deutlicher auf Wackenroder weist, von dem Raffael der
+Maler des Neuen Testaments genannt wurde.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17">-17-</a></span></p><p>In der Begebenheit aber, die in diesem ersten Kapitel erzählt
+wird, glaubte die rührende, kindliche Naivität des Klosterbruders
+nichts mehr und nichts weniger als gar einen &#8222;einleuchtenden Beweis&#8220;
+für die Wunder des Himmels erblicken zu dürfen und sein
+frommes Gemüt frohlockt in dem Bewußtsein, daß durch die Erzählung
+&#8222;ein neuer Altar zur Ehre Gottes aufgebaut würde&#8220;.</p>
+
+<p>Der Zufall verhalf dem Klosterbruder zu seinem Schatze.
+Eifrig mit der Durchforschung alter Klosterhandschriften beschäftigt,
+fand er einige Blätter von der Hand des Bramante, an denen sein
+Blick sofort mit Teilnahme haften blieb. Bramante, Raffaels vertrauter
+Freund, gewahrte mit Entzücken die herrliche Anmut in den
+Madonnengesichtern des Urbiners und fragte den Künstler staunend,
+wie ihm dieser himmlische Ausdruck gelungen sei. Da schwieg
+der Meister lange, die jünglinghafte Schamhaftigkeit und Verschlossenheit,
+die ihm eigen war, ließ ihn nicht recht zum Geständnis kommen,
+endlich aber umarmte er den Freund in tiefer Rührung und entdeckte
+ihm sein Geheimnis. Von Kindheit an hatte das Bild der
+heiligen Jungfrau, aber nie in völliger Klarheit, in seinem Gemüte
+gelebt, und wenn er ihre Züge auf die Leinwand bannen wollte,
+konnte er sich die ganze Vollkommenheit ihrer Mienen niemals vergegenwärtigen.
+Aber einmal weckte ihn ein wunderbarer Glanz,
+den das Marienbild an der gegenüberliegenden Wand ausstrahlte,
+nachts aus dem Schlafe, und als er hinblickte, sah er das Angesicht
+der Mutter Gottes in der ganzen Zauberpracht, die sich ihm sonst
+nur in ganz flüchtigen Augenblicken geoffenbart hatte. Von nun
+an verließ ihn die herrliche Erscheinung nicht wieder und wenn er
+malte, traf er den wahren Ausdruck ohne weitere Bemühung. Ein
+stärkeres Beispiel, wie sehr überirdische Inspiration beim Kunstschaffen
+mitwirke, läßt sich kaum beibringen und es ist hart, doch
+unvermeidlich, durch die unerbittliche Strenge der Geschichte den
+rührend-schönen Eindruck dieser Anekdote zerstören zu müssen.
+Ziehen wir Vasari zu Rate, so finden wir über die von Wackenroder
+geschilderte Vision nicht die leiseste Andeutung. Nicht einmal von
+einer ganz allgemeinen Neigung Raffaels zu fantastischer Schwärmerei
+ist aus seinem Werke etwas zu entnehmen. Mehr Licht verbreiten
+schon die Mitteilungen des Abbés Girolamo Cancellieri, der in einer
+Handschrift in des Kardinals Antonelli Bibliothek von Raffaels überaus
+zarter Körperbeschaffenheit las und ihn als &#8222;ganz Geist&#8220; bezeichnet
+<span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18">-18-</a></span>fand (&#8222;tout esprit&#8220; nach Passavant, Raffael Urbino I, 530). Hiermit
+ließe sich eine schwärmerische, empfindsame Gemütsanlage wohl
+vereint denken, aber noch läßt sich daraus für unsere Geschichte
+kein historischer Kern entdecken. Gleichwohl besteht ein solcher,
+der sich freilich weit nüchterner erweist als Wackenroders fantastische
+Erzählung. Die ganze Szene zwischen den Freunden,
+die der Klosterbruder aus einem Berichte Bramantes erfahren haben
+wollte, sollte zur Bestätigung eines Briefes dienen, in dem sich Raffael
+dem Grafen Castiglione gegenüber über die Art seines Schaffens
+äußert (Passavant I, 193 ff.). 1514 schmückte Raffael mit erstaunlichem
+Erfolge eine Loge des Palastes Chigi mit einem Bild der
+Galatea aus. In ihrem Muschelwagen, gezogen von Delphinen,
+gewahrte man die Göttin die schäumende Flut durchqueren. Ein
+solches Werk müßte, wie Raffael meinte, nach einem schönen Vorbilde
+geschaffen werden, er aber sei, da er schöne Frauen nur in
+sehr geringer Anzahl zu Gesicht bekäme, genötigt, einer &#8222;gewissen
+Idee&#8220; zu folgen, die ihm in die Seele käme. Der Hinweis auf die
+Galatea kann vor den üblichen Ausführungen in Raffaelmonographien
+nicht Wackenroder, aber schon A.W. Schlegel verdankt
+werden, der in seiner Rezension der &#8222;Herzensergießungen&#8220; in der
+Jenaer Literaturzeitung 1797 der Wackenroderschen Historie ihren
+tatsächlichen Hintergrund gab. Vasari anderseits erwähnt, ohne viel
+Aufhebens zu machen, der Galatea, wo es die chronologische Folge
+erheischt (a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;205), über den Inhalt des Briefes aber kann
+niemand etwas von ihm erfahren. Das ganze Zitat steht bei
+Wackenroder sehr am rechten Orte, denn durch Raffaels eigenes
+Bekenntnis in Stimmung versetzt, sind wir leicht geneigt, dem zweiten
+seltsameren Berichte geringere Skepsis entgegenzubringen.</p>
+
+<p>Die Anekdote zeigt jedem genaueren Betrachter ganz und gar
+Wackenroderschen Geist, der bald Eigentum der ganzen Romantik
+werden sollte. An Stelle der antiken Göttin tritt, dem innigen Marienkult
+jener Generation gemäß, die heilige Jungfrau. Statt daß am
+hellen Tage mitten in rüstiger Arbeit das Vorbild vor der Seele des
+Künstlers erscheint, erfolgt die Inspiration im geheimnisvollen Dunkel
+der Geisterstunde, nachdem die herrliche Erscheinung sich früher
+von Zeit zu Zeit in unklaren, rasch wieder ganz zerfließenden
+Umrissen geoffenbart hatte. Die Vision näher zu beschreiben,
+versagt sich Wackenroders Raffael ebenso wie der historische in
+<span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19">-19-</a></span>seiner ganz allgemein gehaltenen Angabe. So läßt uns ja auch
+Novalis in jenem berühmten geistlichen Liede (Ausg. 1802, Nr.&nbsp;XV)
+in den letzten vier Versen seinen Eindruck nur unbestimmt ahnen:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&#8222;Ich weiß nur, daß der Welt Getümmel<br /></span>
+<span class="i0">Seitdem mir wie ein Traum verweht<br /></span>
+<span class="i0">Und ein unnennbar süßer Himmel<br /></span>
+<span class="i0">Mir ewig im Gemüte steht.&#8220;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p class="noi">Und gleichfalls im Zweifel über die eigentliche Beschaffenheit seiner
+Vorstellung läßt uns Tieck, der in der Vorrede zum Sternbald (D.&nbsp;N.&nbsp;L.
+Bd.&nbsp;CXLV) bekennt: &#8222;Meine Schwächen empfinde ich selber
+und wie ich das Ideal nicht erreichen kann, das in meinem Innern
+steht&#8220;, und sich auf ein ähnliches Geständnis Goethes in &#8222;Künstlers
+Apotheose&#8220; beruft:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&#8222;Ich zittre nur, ich stottre nur,<br /></span>
+<span class="i0">Und kann es doch nicht lassen,<br /></span>
+<span class="i0">Ich fühl's, ich kenne dich, Natur,<br /></span>
+<span class="i0">Und so muß ich dich fassen. &ndash;&#8220;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p class="noi">Kann für den Inhalt der Anekdote einigermaßen ein historischer
+Stützpunkt ausfindig gemacht werden, so bleibt die Verflechtung mit
+Bramante völlig unerweisbar. Zwar hören wir (Vasari a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;102)
+von einem Palast, den der berühmte Baumeister für Raffael aufführte,
+auch die persönliche Freundschaft beider ist (S.&nbsp;105) bezeugt,
+und für Bramantes liebenswürdige und dienstbereite Natur wird
+geltend gemacht, daß Raffael auf seine Veranlassung nach Rom gezogen
+wurde. Auch Passavant, der jener Verbindung der beiden
+Meister an manchen Orten gedenkt, führt uns nicht über Vasaris
+Nachrichten hinaus, und so müssen wir folgern, daß Wackenroder
+hier mehr historischer Wahrscheinlichkeit als den Tatsachen folgend,
+gerade in Bramante am ehesten den Vertrauten eines solchen Geheimnisses
+vermutete.</p>
+
+<p>Recht knapp ist die Charakteristik Raffaels bei Wackenroder
+gehalten. Mehr davon liefert später noch die &#8222;Mahlerchronik&#8220;.
+Seine Anordnung ist gerade die umgekehrte wie die Vasaris, bei
+ihm tritt der Künstler gleich eingangs hervor, bei Vasari werden,
+soweit er ganz allgemein charakterisiert, menschliche Tugenden schon
+in der Einleitung berücksichtigt, das Lob des Künstlers hingegen dem
+Schlusse vorbehalten, eine Einteilung, die bei Vasaris Darstellungsart
+ganz angebracht ist. Die Schlußbemerkungen sind gleichsam die
+<span class="pagenum"><a name="Page_20" id="Page_20">-20-</a></span>Zusammenfassung der Einzelbeschreibungen der Werke. Wackenroder
+nennt Raffael gleich eingangs die &#8222;leuchtende Sonne unter
+den Malern&#8220;, bei Vasari lesen wir: &#8222;Er war es, der Ausführung,
+Farben und Erfindung zu einem Grad der Vollkommenheit brachte,
+welche man kaum erreicht zu sehen hoffen durfte, und kein Geist
+achte für möglich, daß er ihn je übertreffen könne&#8220; (Vasari, a.&nbsp;a.&nbsp;O.
+S.&nbsp;249). Aber Wackenroder denkt natürlich nicht daran, technisches
+Detail zu häufen und sich wie Vasari (a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;240 ff.) in ausführlichen
+Betrachtungen über die mannigfachen Wandlungen von
+Raffaels Methode zu ergehen, die erst bei Pietro Perugino, später
+in Michelangelo ihre Lehrmeister fand, und zuletzt, soweit Vasari
+hier recht hat, aus vielen Manieren eine einzige bildete. Wenn
+Wackenroder an Raffael jünglinghafte Schüchternheit und Verschämtheit
+hervorhebt, so bemüht sich Vasari, Raffael frei von der unter
+den zeitgenössischen Künstlern eingerissenen Verrohung erscheinen
+zu lassen, und einen großen Teil seiner hervorragenden Bedeutung
+erblickt er in seiner ganz ungewöhnlichen sittlichen Höhe: &#8222;Die
+Natur war durch die Hand Michelangelos von der Kunst besiegt und
+schenkte Raffael der Welt, um nicht nur von ihr, sondern auch durch
+die Sitte übertroffen zu werden&#8220; (Vasari, a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;180). Ja, Raffael
+erscheint ihm, der dem hohen Flug dieses Genius voller Begeisterung
+nachblickt, über die Grenzen der Sterblichen hinauszuwachsen, nicht
+ein Mensch sei er mehr, sondern, sofern der Ausdruck verstattet wäre,
+so gar ein &#8222;sterblicher Gott&#8220; zu nennen. Zu solcher Überschwänglichkeit
+gelangte Wackenroders Raffaelkultus nicht, so andächtig er auch
+ist. Dem Jüngling in den &#8222;Bildnissen der Mahler&#8220;, an denen freilich
+auch Tiecks Hand vielfach mitgearbeitet haben mochte, erscheint
+sogar, da ihn die Muse einmal über das jugendliche Alter und das
+sanfte Aussehen Raffaels belehrt hat, niemand vertrauter und menschlicher
+als dieser Meister. Er ist der einzige, dem sich sein übervolles
+Herz ganz ergießen möchte, während die anderen durch den
+strengen Greisesstolz in ihren Zügen den mächtigen Strom der
+Empfindung zurückdämmen.</p>
+
+<h2>II.</h2>
+
+<p><em class="gesperrt">Der merkwürdige Tod des zu seiner Zeit weltberühmten
+alten Malers Francesco Francia, des Ersten aus
+der lombardischen Schule.</em> Haben wir uns in der Erzählung
+<span class="pagenum"><a name="Page_21" id="Page_21">-21-</a></span>von &#8222;Raffaels Erscheinung&#8220; mitten im Gebiete des Übernatürlichen
+befunden, so führt uns die Geschichte vom Tode des Francesco
+Francia noch tiefer hinein. Wackenroder beleuchtet hier seine Behauptung
+von der göttlichen Herkunft des Genies von einer neuen
+Seite. Sollte früher augenscheinlich gemacht werden, wie der himmlische
+Funke urplötzlich in der Künstlerseele zündet und so ein Werk
+entstehen läßt, an dem sich früher alle menschlichen Kräfte vergebens
+bemüht haben, so zeigt Wackenroder hier die elementaren
+Wirkungen, die ein Sterblicher erfahren kann, wenn er unversehens
+die Macht der künstlerischen Begabung in ihrer ganzen Fülle gewahr
+wird. Ein solches Beispiel ist natürlich nicht minder geeignet, den
+Anteil der Gottheit an Kunstdingen erkennen zu lassen. Er sagt
+in anderer, vielleicht noch eindringlicherer Weise dasselbe wie das
+vorhergehende.</p>
+
+<p>Die merkwürdige Erzählung vom Tode Francesco Francias hat
+Vasari in der Form, wie sie allgemein verbreitet war, nach seiner
+Gewohnheit, Anekdoten reichlichen Spielraum zu gewähren, dem
+Werke eingefügt (T.&nbsp;II, 2, S.&nbsp;352). Danach wurde der lombardische
+Maler, der schon seit geraumer Zeit mit Raffael in brieflichem Verkehr
+stand (so Vasari a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;349, nach Anmerkung 59 des
+Herausgebers ist auch persönliche Bekanntschaft anzunehmen), von
+dem jüngeren Kunstgenossen mit echt Raffaelscher Demut ersucht,
+das jüngste seiner Werke, die &#8222;heilige Cäcilie&#8220; zu begutachten.
+Francesco willfahrte bereitwillig diesem Begehren und Raffael übersandte
+ihm das Gemälde. Als aber jener das Bild sah, empfing er
+einen ungeheuren, ganz unerwarteten Eindruck davon, er war vollends
+niedergeschmettert und starb wenige Tage später. Ein einziger Blick
+auf das Werk hatte ihn gelehrt, wie nichtig all sein Können gegen die
+beispiellose Größe von Raffaels Meisterschaft sei, und er vermochte
+diese Empfindung nicht zu betäuben. &#8222;Ihm schien, als sei er im
+Vergleich mit dem, was er sonst gedacht und wofür er gegolten
+hatte, zu einem Nichts in der Kunst herabgesunken, und er starb,
+wie einige glauben, aus Gram und Betrübnis.&#8220;</p>
+
+<p>So endet Vasari (a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;352) diesen Bericht, dessen
+geschichtliche Glaubwürdigkeit von jeher auf starke Zweifel stieß.
+Schon unter den Zeitgenossen fand sich gar mancher, der viel
+natürlichere Todesursachen wie Gift oder Schlagfluß anzuführen
+wußte, und mit dem Rüstzeuge historischer Kritik versuchten Malvasia
+<span class="pagenum"><a name="Page_22" id="Page_22">-22-</a></span>und Lanzi, der freilich wieder in Calvi einen beachtenswerten Gegner
+fand, dem auffallenden Geschichtchen jedes wissenschaftliche Bürgerrecht
+abzusprechen (Vasari, a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;353, Anm.&nbsp;41). Aber die
+spätere Forschung war minder streng. Schon Quatremère, aus dessen
+Feder eine Raffaelbiographie stammt, findet einen Tod aus Ärger
+oder Unmut über eines Jüngeren Überlegenheit mit Francias reizbarer
+Gemütsart sehr wohl vereinbar, und die inzwischen neuerdings
+bestätigte Ankunft der heiligen Cäcilie in Bologna im Todesjahre
+Francias ist seiner Anschauungsweise günstig. Endlich mißt Passavant
+(Raffael et son père Giovanni I, 257) unserer Anekdote weit mehr
+Glaubwürdigkeit zu, als etwa dem berühmten &#8222;Anche io sono pittore!&#8220;,
+das Correggio vor der &#8222;Sixtinischen Madonna&#8220; ausgerufen haben soll.
+Dies ist immerhin nicht bedeutungslos, denn Passavant ist in bezug
+auf Vasaris Verläßlichkeit sonst ziemlich skeptisch.</p>
+
+<p>Wie schon bei Raffael, nimmt sich auch hier Wackenroders
+Darstellung, die hauptsächlich die merkwürdigen Umstände, unter
+denen Francias Tod vor sich ging, hervortreten läßt, ziemlich
+knapp gegen Vasaris detailliertere Lebensbeschreibung aus, doch
+gönnt er dem eigentlich Biographischen keinen geringen Platz. Dadurch
+verstärkt er mit Geschick die Wirkung des Schlusses. Denn
+wird uns das stete Streben Francias, in der Kunst stets höhere
+Stufen zu erklimmen, gezeigt, wird er endlich beglückt und geehrt
+durch die hohe Achtung seiner Zeitgenossen vorgeführt, so macht
+die Verzweiflung an seinen Fähigkeiten, die ihn so jäh heimsuchte,
+einen um so tragischeren Eindruck. So lernen wir denn wie bei
+Vasari (a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;335) Francescos Eltern als geringe Handwerksleute
+kennen, es verschlägt wenig, daß ihnen Wackenroder den Zusatz
+Vasaris &#8222;wohlgesittet und rechtlich&#8220; vorenthält, oder Francias
+vielfacher Berufsstationen, der sich auch als Gold- und Silberarbeiter,
+geschickter Zeichner, endlich vorzüglicher Präger von Münzstempeln
+einen geachteten Namen erwarb, zu seinem gegenwärtigen Zwecke
+nur mit wenigen Worten gedenkt. Von Vasari (a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;37/38) entlehnt
+er genau die Mitteilung, daß Francia für in- und ausländische
+Fürsten Münzstempeln verfertigte, aber er vermeidet doch die Übertreibung
+Vasaris: er hätte sich auf alles verstanden, was in der
+Kunst Schönes gearbeitet wird und es besser gemacht als irgend
+ein anderer. Francesco Francia war vierzig Jahre alt, als er nach
+vielfachen Beschäftigungen mit den verschiedensten Kunstfertigkeiten
+<span class="pagenum"><a name="Page_23" id="Page_23">-23-</a></span>das erstemal in den Malerkittel schlüpfte. Über diese Wendung
+seiner Tätigkeit berichtet uns Vasari (a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;339) und auch
+Wackenroder unterläßt nicht, nachdrücklich darauf aufmerksam zu
+machen. Doch erscheint der Übergang Francias zur Malerei in
+beiden Darstellungen recht verschieden motiviert. Hören wir Vasari,
+so war der Ehrgeiz für Francias Entschließung die eigentliche Ursache.
+Ihn lockte der Ruhm des Malers, der ihm weit höher schien,
+als alle die Ehrungen, deren er sich bis zu diesem Zeitpunkte zu
+erfreuen gehabt hatte, auf ein neues Feld der Tätigkeit. Dazu half
+noch das Vorbild bedeutender Maler, deren er einige, wie z.&nbsp;B.
+Andrea Mantegna persönlich kennen lernte, seinen Entschluß befestigen.
+War Francia aber einmal mitten in der Arbeit, so brachte
+ihm sein &#8222;richtiger Verstand&#8220; bald die richtige Übung, und zu seiner
+schon früher erworbenen Fertigkeit im Zeichnen gesellte sich bald
+auch die Meisterschaft in der Handhabung des Kolorits. Wackenroder
+fühlte aber, daß ein solcher Entschluß, wie ihn Francia gefaßt hatte,
+einen weit über das Gewöhnliche hinausgehenden Ehrgeiz voraussetze,
+und nicht bloß &#8222;Verlangen nach größerem Ruhm&#8220;, wie Vasari in
+trockener Weise sagt, erfüllt bei ihm den Künstler, es ist sein Feuergeist,
+der ungestüm neue Betätigung ersehnt.</p>
+
+<p>Kleinliche Rücksichten, wie die Vergrößerung des Erwerbs,
+die Vasari nicht verschweigen konnte, werden bei Wackenroder nicht
+weiter in Betracht gezogen; um aber die Wirkung auf den Leser
+zu verstärken, hebt Wackenroder seinerseits ganz ausdrücklich hervor,
+daß Francia zu jener Zeit bereits in den Jahren der Reife stand.
+Vasaris Mitteilung über Francias koloristische Studien verwertend,
+spricht Wackenroder endlich von des angehenden Malers Studienfleiß
+in der Komposition und dem Effekte der Farben. Eine kleine Übertreibung
+läuft unter, wenn Wackenroder im Eifer Francias Gemälde
+ganz Bologna in Verwunderung setzen läßt, wo doch Vasari nur
+mitzuteilen weiß, daß sie ausnehmend wohl gefielen (a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;340)
+und später (a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;343), daß ihrem Schöpfer viel Liebe und
+Freundlichkeit von der Bevölkerung erwiesen wurde. Nennt doch
+auch Goethe (Schriften der Goethe-Gesellschaft II, 187) Francia nur
+einen respektablen Künstler, während Wackenroder seine Werke zu
+den vornehmsten rechnet und wieder dem so oft ausgesprochenen
+Gedanken Ausdruck gibt, die Schönheit der Kunst sei bei weitem
+reicher, als daß Einer sie erschöpfen könnte. Mit wunderbarer
+<span class="pagenum"><a name="Page_24" id="Page_24">-24-</a></span>Bildkraft, an den schwungvollen Beginn von Schleiermachers &#8222;Monologen&#8220;
+erinnernd, charakterisiert er ihre Macht: &#8222;Ihr Preis ist kein
+Los, das nur allein auf Einen Auserwählten fällt, ihr Licht zerspaltet
+sich vielmehr in tausend Strahlen, deren Wiederschein auf mannigfache
+Weise von den großen Künstlern, die der Himmel auf die
+Welt gesetzt hat, in unser entzücktes Auge zurückgeworfen wird.&#8220;</p>
+
+<p>Wackenroder versagt es sich, Francia nach Art des Biographen
+Schritt für Schritt durch alle Stadien seiner Entwicklung als Maler
+zu begleiten. Wir hören nichts von den Gegenständen, nicht einmal
+den Namen der Gemälde, die sich bald zu einer langen Reihe
+schlossen. Vasari, der viel ausführlicher und genauer vorgeht und
+auch dieser Biographie eine Menge von Bilderbeschreibungen einfügt,
+erklärt (a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;343) selbst, für den Kunstliebhaber nur einige
+der bedeutendsten namhaft zu machen.</p>
+
+<p>Wackenroder genügt der Hinweis auf eine &#8222;unzählbare Menge
+von herrlichen Gemälden&#8220;, die den Namen des Malers weit über die
+Grenzen seiner engeren Heimat trugen. Die große Verbreitung von
+Francias Werken in der Lombardei erwies Vasari (a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;344);
+er läßt die Städte um den Besitz von solchen Bildern wetteifern, wie
+Wackenroder später die italienischen Fürsten und Herzöge aller Gebiete.
+Aber es ist zu grell, obgleich anschaulicher gemalt, wenn er
+Vasaris Angabe dahin verändert, daß es keine Stadt von sich sagen
+lassen wollte, sie besäße nicht wenigstens eine Probe seiner Arbeit.
+Für die Verbreitung der Werke Francias in weitere Gebiete war
+wiederum Vasari Gewährsmann (a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;345), er verzeichnet
+die Entsendung eines Gemäldes ins Toskanagebiet, doch ist die Zahl
+der in Bologna gebliebenen überwiegend. Daß Francia gerade der
+Stifter einer neuen glänzenden Epoche in der lombardischen Kunst
+gewesen sei, hat Vasari niemals ausgesprochen, doch läßt er ihn
+einmal, ganz im Gegensatz zu seiner sonst weit mäßigeren Ausdrucksweise,
+eine fast abgöttische Verehrung genießen (S.&nbsp;347). Eine Seite
+später steht er jedoch bloß in &#8222;hohen Ehren&#8220;.</p>
+
+<p>Nur sehr wenig kann man aus den Nachrichten des Chronisten
+von Francias Charakter erfahren. Er preist an dem Künstler (a.&nbsp;a.&nbsp;O.
+S.&nbsp;336) bloß eine gesellige Tugend, eine ganz außerordentliche
+Liebenswürdigkeit und Sanftmut des Gemütes, die es fertig brachte,
+in kürzester Zeit die düsteren Wolken von der Stirne eines bekümmerten
+Mitmenschen zu scheuchen. Gerade hiervon läßt Wackenroder
+<span class="pagenum"><a name="Page_25" id="Page_25">-25-</a></span>nichts merken, aber mit sicherer Taktik die Katastrophe vorbereitend,
+erzählt er uns von Francias edlem Künstlerstolze, den er
+gleichwohl mit der Eitelkeit späterer Maler in entschiedenen Gegensatz
+bringt. Vasari bot allerdings dafür keinerlei Anhaltspunkte, er
+weiß auch nichts von Wackenroders Angabe, daß Francia Raffael
+für den einzigen berechtigten Nebenbuhler seines Namens gelten
+ließ. Dies erweist sich auch nach dem Sonette, mit dem Francia
+einmal den genialen Kunstgenossen begrüßte (Vasari a.&nbsp;a.&nbsp;O.
+S.&nbsp;350, Anm.&nbsp;59), als durchaus unhaltbar. Anderseits erfahren wir
+aber aus Wackenroders Mitteilungen, daß ein Vergleich Francias
+mit Raffael bei den Zeitgenossen nicht durchwegs für absurd galt.
+Cavazzone verstieg sich sogar zu der Behauptung: wenn Raffael sich
+der Trockenheit der Schule von Perugia entwunden habe, so sei
+das nur auf den Einfluß von Francesco Francia zurückzuführen,
+eine Annahme, die Wackenroders schwärmerische Raffaelbegeisterung
+begreiflicherweise nicht gelten ließ. Ein Verkehr der beiden Meister
+erfolgte auch nach Wackenroder nur auf schriftlichem Wege.</p>
+
+<p>Vasari schildert (a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;350) Francias Verlangen, einmal
+selbst ein Gemälde von Raffael zu sehen, er kannte die Werke des
+Urbiners nach dem Berichte unseres Chronisten nur nach Beschreibungen,
+da er in seinem Leben nur wenig vor die Tore Bolognas
+kam. Bei Wackenroder folgen an dieser Stelle kleine Ausschmückungen,
+die wiederum erweisen sollen, daß Francesco den übermächtigen Eindruck
+eines Raffaelschen Gemäldes nicht entfernt ahnte. Nach Wackenroder
+hat sich der Künstler von der Schaffensart seines jüngeren
+Genossen nach den Beschreibungen ein festes Bild gemacht und ist
+überdies von der Überzeugung durchdrungen, ihm in vieler Hinsicht
+gleich, in mancher sogar überlegen zu sein, gerade wie es früher (S.&nbsp;23)
+hieß: nur Raffael erachte er allenfalls als würdigen Nachfolger.</p>
+
+<p>Die Erzählung von Francescos Lebensausgang gewinnt unter
+Wackenroders Händen erheblich an Anschaulichkeit und frischer
+Lebendigkeit. Mit seiner öfters wahrnehmbaren Gewohnheit, das Vorgefundene
+ein wenig zu verstärken, stimmt es, daß er Francesco bei
+Empfang des Briefes gleich außer sich vor Freude geraten läßt, während er
+bei Vasari (a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;351) nur ein großes Vergnügen dabei empfindet.
+Ein Raffael habe ihm den Pinsel in die Hand gegeben, jubelt Francia
+bei Wackenroder. Da fühlen wir nun freilich in der Darstellung einen
+Mangel an Folgerichtigkeit, denn wie paßt diese Demut, die Francia bei
+<span class="pagenum"><a name="Page_26" id="Page_26">-26-</a></span>Wackenroder an den Tag legt, zu seinem sonstigen Selbstbewußtsein?
+Immerhin ist es aber von der vorzüglichsten Wirkung, den Mann
+mitten im Freudenrausch zu zeigen, der kurz nachher in die tiefste
+Niedergeschlagenheit fallen sollte. Geschickt weiß Wackenroder schließlich
+noch die Spannung des Lesers durch ein eingeschobenes Sätzchen:
+&#8222;Er wußte nicht, was ihm bevorstand!&#8220; zu vergrößern, bevor er nun zur
+Hauptsache übergeht. Da ist nun Wackenroders Kunst, sich in die Begebenheiten
+einzufühlen, aufs glänzendste bewiesen. Schon A. Wilhelm
+Schlegel wußte das zu würdigen, wenn er die Erzählung vom Tode
+Francias zu den Musterbeispielen des ganzen Buches rechnet. Um zu
+erkennen, wie sehr Wackenroder hier über Vasari hinauswuchs, muß
+kleiner glücklicher Änderungen von Einzelheiten gedacht werden, die
+der Chronist überlieferte; die Geschichte schlägt freilich kein Kapital
+daraus. Zwischen der Ankunft des Briefes und der des Bildes, die
+bei Vasari gleichzeitig eintreffen, verstreicht bei Wackenroder einige
+Zeit, während der Francesco voll Spannung das Gemälde erwartet.
+Ganz verschieden ist auch Francias Verhalten, nachdem er das Bild
+empfangen hat, in unseren Darstellungen. Bei Vasari beherrscht
+ihn keineswegs brennende Ungeduld. Er nimmt ruhig bei &#8222;guter
+Beleuchtung&#8220; das Bild aus dem Kasten, und nun geht seine Stimmung
+von völliger Ruhe zu heftiger Bewegung über; bei Wackenroder
+befindet sich Francia von vornherein in erregter Seelenstimmung,
+die Mitteilung der Schüler, die Wackenroder mit einbezieht, ruft den
+mächtigsten Eindruck hervor, Francia stürzt in sein Arbeitszimmer und
+gerät, als er das Bild gesehen, nun in einen ekstatischen Zustand, in
+dem sich höchstes Entzücken und bitterer Schmerz in seltsamer
+Weise vermischen. Sinn und Verständnis für dramatische Wirkung
+zeigt es, daß Wackenroder uns das grenzenlose Erstaunen der Schüler
+deutlich zu machen sucht, die ihren Meister von Freude erfüllt zu
+sehen gehofft hatten und ihn nunmehr in dieser schrecklichen Verfassung
+erblicken mußten. Und es ist bewunderungswürdig, wie
+es Wackenroder verstand, die Empfindungen, die nun Francias Brust
+durchtobten, im einzelnen zu schildern. Wie weit entfernt er sich von
+der trockenen Angabe Vasaris, der sich einfach mit der &#8222;tiefen Bekümmernis&#8220;
+hilft, die Francesco Francia erfaßt und ihn bald dem
+Tode entgegengeführt habe! Erst verrät sich unter der Übergewalt
+des Eindruckes kein äußeres Zeichen der Gemütsbewegung; nach
+Wackenroders schönen Worten wirkt die Wunderherrlichkeit des
+<span class="pagenum"><a name="Page_27" id="Page_27">-27-</a></span>Bildes auf den Künstler wie auf einen Mann, der einen seit den
+Tagen der Kindheit schmerzlich vermißten Bruder wiederzusehen
+gehofft, die strahlende Lichtgestalt eines Engels an seiner Statt. Dann
+löst sich allmählich der Bann der ersten Augenblicke und heftiger
+Unmut und bittere Reue über sein bisheriges verfehltes Leben läßt
+in Francias Brust einen mächtigen Sturm der Leidenschaft mit aller
+Gewalt sich austoben, bis mit der Erschöpfung allmählich weichere
+Stimmung wirksam wird und wütende Selbstanklagen durch demütige
+Zerknirschung abgelöst werden. Dieser mächtige Eindruck kann auch
+unter Berücksichtigung historischer Begleitumstände begriffen werden.
+Denn wenn auch Francia, wie ein späterer Kunstchroniker, Malvasia
+(s. Vasari, a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;353, Anm.&nbsp;41), nachgewiesen hat, schon früher
+manches Werk Raffaels gesehen hatte, so ist doch eine weit bedeutendere
+Wirkung gerade dieses Bildes, das man nach Vasaris Worten
+(a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;352) unter Raffaels schönen und bewunderungswürdigen
+Arbeiten auch noch als ausgezeichnet rühmen kann, verständlich.</p>
+
+<p>Mit feinem Sinn weiß Wackenroder andeutungsweise auch das
+Gemälde selbst der Betrachtung einzufügen, wenn Francesco mit
+dem erhobenen Antlitz der heiligen Cäcilia auch sein schmerzdurchzucktes
+Antlitz zum Himmel emporhebt. Bestimmter gefaßt ist auch
+Francias Vergleich dieses Werkes mit seinen eigenen Arbeiten, der
+für ihn so kläglich endet. Sein eigenes Bild der heiligen Cäcilia
+(Vasari, a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;343 gibt davon ohne nähere Bezugnahme auf
+Raffael Nachricht) macht ihm seinen Abstand von Raffael erst völlig
+klar. Und so weiß er schließlich der Erzählung von Krankheit und
+Tod des Meisters einen geheimnisvolleren Anstrich zu geben als
+Vasari, der einfach von Francias Tod berichtet, ohne seinen Gemütszustand
+vor Eintritt der Auflösung näher zu beachten. Wackenroder
+zeigt, wie bei dem Greise allmählich Spuren des Verfalles hervortreten,
+eine fast beständige Geistesabwesenheit sich mit den Erscheinungen
+der körperlichen Altersschwäche vereinigt, um auf die
+Nähe seines Endes hinzudeuten. Der Greis, der nach einem arbeitsreichen
+Leben vor einem Jüngeren das Haupt beugen mußte, welkt
+hier langsam dahin, wie Schillers Jüngling, der das verschleierte
+Bild zu Sais erblickt hatte. Der Tod erfolgt dennoch für die getreue
+Schülerschar ganz plötzlich und unerwartet. Vasaris einfacher
+Hinweis auf diejenigen, nach deren Ansicht Francias eines natürlichen
+Todes starb, verwendet Wackenroder zu einem höhnischen
+<span class="pagenum"><a name="Page_28" id="Page_28">-28-</a></span>Angriff auf die &#8222;kritischen Köpfe&#8220;, die gern die ganze Welt in Prosa
+auflösen möchten, wie er auch schon eingangs betont hatte, an der
+Wahrheit der Erzählung niemals gezweifelt zu haben.</p>
+
+<p>Zum Schluß sei auf Chamissos Behandlung des Stoffes ein
+kurzer Ausblick gestattet; hält doch sein Gedicht &#8222;Francesco Francias
+Tod&#8220; in anziehender Weise zwischen Vasaris und Wackenroders
+Darstellung die Mitte. Was hier von Francias großem Ruf als
+Goldarbeiter und Maler in gedrängtester Form zu lesen ist, deckt
+sich ebenso wie der Inhalt von Raffaels Brief ganz mit den Berichten
+unserer Autoren; alle späteren Ereignisse folgen aber in knapper Zusammenfassung
+unmittelbar aufeinander. Wie bei Vasari treffen Brief
+und Bild gleichzeitig ein, wie dort erbricht Francia selbst die Kiste,
+rückt sich das Bild ins Licht und ist nun ganz fassungslos vor der
+gewaltigen Bedeutung des Werkes. Für die so unendlich verschiedenen
+Empfindungen, die nun Francias Brust durchtoben, findet
+Chamisso die bezeichnendsten Worte:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&#8222;Erfüllet ist, was seine Träume waren,<br /></span>
+<span class="i0">Er fühlt sich selbst vernichtet und beglückt.&#8220;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p class="noi">Doch folgt kein jäher Paroxismus, der dann wie bei Wackenroder
+sanfter Wehmut den Platz bereitete: auch hören wir nichts von Reue
+und Selbstanklagen, das reine Gefühl der Bewunderung für das
+Geschaute drückt sich schließlich in dem demütigen Danke an die
+Gottheit aus, die dem Greise mit dieser Gabe den Lebensabend
+zierte. Ein träges Hinwelken des Meisters haben wir hier nicht
+mehr zu beobachten, seine Jünger, die ihn (wie bei Wackenroder)
+umstehen, sind zu seiner Sterbestunde gekommen. So vermochte
+Chamisso, wieder in anderer Weise als früher Wackenroder, die
+dichterische Triebkraft des Stoffes zu verwerten.</p>
+
+<h2>III.<a name="FNanchor_5_5" id="FNanchor_5_5"></a><a href="#Footnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a></h2>
+
+<p><em class="gesperrt">Von den Seltsamkeiten des alten Malers Piero di
+Cosimo.</em><a name="FNanchor_6_6" id="FNanchor_6_6"></a><a href="#Footnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a> An der Spitze von Friedrich Schlegels Lyzeumsfragmenten
+steht der merkwürdige Satz: &#8222;Man nennt so viele Künstler, die eigentlich
+nur Kunstwerke der Natur sind.&#8220; Knapp und kurz wird hier der
+<span class="pagenum"><a name="Page_29" id="Page_29">-29-</a></span>vieldeutige Begriff eines &#8222;Kunstwerkes der Natur&#8220; eingeführt, und
+nur ganz obenhin sein Gegensatz zu dem des Künstlers angedeutet.
+Die sorgliche Sparsamkeit der Schlegelschen Fragmente, die so oft
+nur den reinen Begriff einführen, ist hier schon genau ausgeprägt,
+der Fantasie des Lesers bleibt es überlassen, nach einer bestimmten
+Deutung zu suchen. In jenem Teil seines Werkes, der die &#8222;Seltsamkeiten&#8220;
+des Piero di Cosimo behandeln will, machte Wackenroder
+bereits einen deutlichen Unterschied zwischen Künstler und
+Kunstwerk der Natur. Es ist wohl möglich, daß Schlegel ihm
+diesen Gedanken abborgte, erschienen doch die &#8222;Herzensergießungen&#8220;
+bereits Beginn 1797 (schon vom 10. Februar ist W. Schlegels Rezension
+in der Jenaer Literaturzeitung datiert), die Lyzeumsfragmente
+aber im zweiten Stücke der Zeitschrift (Haym, S.&nbsp;248; Minor, a.&nbsp;a.&nbsp;O.
+S.&nbsp;183) erst im Herbste. Jedenfalls hätte dann Schlegel die Klarheit
+und Verständlichkeit dem Wackenroderschen Gedanken geraubt.</p>
+
+<p>Was den einen zum Künstler, den anderen zum Naturkunstwerke
+stempelt, ist bei Wackenroder ein Unterschied der Gemütslage.
+Der Künstler ist für Wackenroder, wie später für seinen
+Josef Berglinger, ein bloßes Werkzeug in der Hand der Schöpfung,
+seine Aufgabe, die vielfältigen Eindrücke der Außenwelt menschlich
+beseelt wiederzugeben. Dies ist aber nur dem Gemüte möglich, in
+dem Ordnung und Maß herrscht; wildes, ungestümes Drängen, Anlage
+zur Fantastik muß der Seele des Schaffenden fern sein. Wen
+selbst stetig die Leidenschaft durchtobt, der tritt aus der Reihe der
+Schaffenden in die der Geschaffenen, wird aus dem Künstler zum
+Kunstwerke. Der Schöpfer dieses Kunstwerkes ist die Natur selbst,
+und wie Wackenroder mit einem prächtigen Vergleiche schließlich
+sagt: &#8222;In dem lebenden und schäumenden Meere spiegelt sich der
+Himmel nicht; &ndash; der klare Fluß ist es, worin Bäume und Felsen
+und die ziehenden Wolken und alle Gestirne des Firmamentes sich
+wohlgefällig beschauen.&#8220;</p>
+
+<p>So vermochte Wackenroder bei einem Manne wie Piero di
+Cosimo, der seinem Gemüte niemals Klarheit und Ruhe zu retten
+wußte, an eigentliche künstlerische Sendung nicht zu glauben.
+Um so lebhafter zog ihn die Absonderlichkeit dieses Charakters an,
+der sich von seiner eigenen sanften und milden Gemütsart aufs
+deutlichste abhob, denn daran bewunderte er das geheimnisvolle
+Walten der Natur nicht minder als an manchem ihrer merkwürdigen
+<span class="pagenum"><a name="Page_30" id="Page_30">-30-</a></span>Einzelfälle, die in der Welt des Organischen zuweilen den gewöhnlichen
+Gang der Ereignisse durchkreuzen.</p>
+
+<p>So sind es denn die &#8222;Seltsamkeiten&#8220; Piero di Cosimos, von
+denen Wackenroder hier berichten will. Damit ist ein Zug dieses
+Mannes aufgegriffen, den <em class="gesperrt">Vasari</em> freilich nicht vergißt, der aber
+gleichwohl nur ein wesentlicher Bestandteil seiner allgemeinen biographischen
+Darstellung ist. Er erzählt uns von Piero di Cosimos
+überschäumender Fantasie, von der seine Werke und insbesondere
+auch seine Lebensweise reichlich Zeugnis geben, ja an verschiedenen
+Stellen steht er nicht an, von einem &#8222;bestialischen Betragen&#8220; dieses
+Künstlers zu sprechen; wie weit er hier in die Einzelschilderung
+ging, wird uns noch deutlich werden. Sind aber derlei Fälle keineswegs
+sparsam angeführt, so betont doch Vasari diese Eigenschaften
+niemals so stark, daß ein Leser jener Lebensskizze blind für alles
+andere nur dafür Aufmerksamkeit finden müßte, besäße er nicht
+von vornherein Sinn und Teilnahme für Seltsames und Wunderbares
+in dem Maß wie Wackenroder. Ihn aber nahmen die Andeutungen,
+die er hierfür vorfand, so gefangen, daß er vergaß, was
+ihn an dem originellen Kauz sonst wohl angezogen hätte.</p>
+
+<p>Darin also, daß es sich bei Wackenroder um einen Künstler
+so gut wie gar nicht handelt, beruht der fundamentale Unterschied
+seiner Auffassung Piero di Cosimos zu der Vasaris, der gleich anfangs
+sein Augenmerk auf den Maler richtete und ihn, wie schon
+Della Valle (Vasari III, 1, 75, Anm.&nbsp;1) hervorhob, weit überschätzt.
+Dieser Kunstkenner rügte an Vasari, daß er von Correggio und
+Giorgione zu Cosimo so leicht den Übergang fand, und ihn als
+Vertreter der in Toskana heimischen Kunst, &#8222;wo auch kein Mangel
+an vorzüglichen Geistern gewesen sei&#8220;, den großen Meistern der
+Lombardei kurzweg gegenüberstellte. Anders lautete nun freilich
+die Einleitung in der ersten Ausgabe (S.&nbsp;586); dort suchte Vasari
+vornehmlich die Aufmerksamkeit auf die seltsamen menschlichen
+Eigenschaften Cosimos zu lenken. Ging er aber auch hier einen
+ähnlichen Weg wie Wackenroder, an eine Beeinflussung des letzteren
+läßt sich doch nicht denken und so auch kein nachträgliches Argument
+für den Gebrauch der ersten Ausgabe erbringen. Vasari
+zeigt keine Spur von Bewunderung für das geniale Naturspiel, bei
+der Erschaffung der Lebewesen Absonderlichkeit und Gemeinheit
+bunt durcheinander zu mischen, wie in dieser Einleitung überhaupt
+<span class="pagenum"><a name="Page_31" id="Page_31">-31-</a></span>weit eher Abneigung als Teilnahme für die geschilderte Persönlichkeit
+hervorgerufen wird. In solcher Beleuchtung wird uns der
+Künstler geradezu widerwärtig; was in Vasaris späterer Darstellung
+als Ausfluß einer originellen Charakteranlage erscheint, wird hier
+von gemeiner Denkungsart bestimmt. Zieht sich Piero di Cosimo
+aus der menschlichen Gesellschaft in die Einsamkeit zurück, so
+treibt ihn keine Liebe zur &#8222;Philosophie&#8220;, nur pure Schelmerei
+(fanteria, s. Vasari 1. Ausgabe, S.&nbsp;586) dazu. Bleibt sein Zimmer
+dem Besucher verschlossen, so geschieht es nur, um seine mit Seltsamkeiten
+und philosophischen Grillen bedeckten Armseligkeiten vor
+der Welt zu verbergen. Und derselbe Mann, der später als erheiternder,
+liebenswürdiger Gesellschafter bezeichnet wird (S.&nbsp;592),
+gilt jetzt als boshaft und verschlagen, wird einer Menschenklasse
+beigezählt, die, in Neid und Scheelsucht befangen, immer darauf aus
+ist, dem Großen und Tüchtigen allerhand bittere Pillen in der
+Zuckerschale hinterlistiger Schmeichelreden darzureichen. Noch
+eigentümlicher berühren die Folgerungen, die von Cosimos Grillenhaftigkeit
+auf seinen äußeren Lebensgang gezogen werden. Gewiß
+zeigen auch Vasaris spätere Mitteilungen, wie sehr Cosimo der üble
+Ruf eines Sonderlings die Beliebtheit bei den Mitbürgern schmälerte,
+und als gar die vielfachen Beschwerden des Greisenalters seine
+mürrische Laune steigerten, da fand er sich bald von allen Freunden
+verlassen. Aber wenn Vasari ganz besonders beklagt, daß sich der
+Künstler den Genuß einer behaglichen Altersruhe durch persönliche
+Rauheit und Schroffheit verscherzt habe, so tritt wieder ein auffallender
+Widerspruch zu den späteren Ausführungen zutage.
+Hören wir doch (III, 1, 86) ganz ausdrücklich von der großen
+Kunstliebe Piero di Cosimos, die ihn jede Mühe und Unbequemlichkeit
+gering achten ließ, und ist es doch die reine Arbeitslust, die
+den gichtischen Händen des Achtzigers den Pinsel in die Hand
+gibt. Die Klage Vasaris ist daher schwerlich im Sinne Cosimos
+gesprochen; dieser empfand die Nötigung zum Schaffen nicht
+schmerzlich, und das Bedürfnis, sich einer stillen Muße hinzugeben,
+konnte ihm kein weltmännisches Betragen abzwingen. Vasari dürfte
+die Inkonsequenz seiner Darstellung empfunden und darum diese
+Einleitung der zweiten Ausgabe vorenthalten haben.</p>
+
+<p>Vorsichtig, fast zaghaft tritt Wackenroder an seine Aufgabe
+heran. Mit der Einsicht in die Besonderheit des Charakters, der
+<span class="pagenum"><a name="Page_32" id="Page_32">-32-</a></span>gezeichnet werden soll, verbindet sich ihm das volle Bewußtsein der
+Schwierigkeit seiner Unternehmung. Die Gleichgültigkeit, mit der
+die Natur zu Werke geht, erkennt er wohl. In leichtem, spielendem
+Scherze mischt sie die Stoffe, unbesorgt, ob Lust oder Unlust dadurch
+in der Menschenbrust entsteht. Will man dann versuchen,
+das innerste Wesen eines solchen von ihrer unbegreiflichen Laune
+erzeugten Geschöpfes in Worte und Begriffe zu fassen, so stößt
+man fort und fort auf Hindernisse. Denn was Einzelberichte der
+Zeitgenossen über Leben und Charakter einer hervorragenden Persönlichkeit
+zu sagen wissen, befähigt den Nachlebenden durchaus
+nicht, die ganze Fülle einer reichen Individualität wirklich zu verstehen,
+könnten doch selbst die Mitlebenden nicht ganz in sie eindringen.
+So bringt Wackenroder der Beurteilung einer fremden
+Wesensart dieselbe Skepsis wie jenen entgegen, die ursprüngliche
+künstlerische Begabung in bestimmte Formeln gießen wollten. Denn
+auch hier findet er wieder das geheimnisvolle Walten der Gottheit,
+uns aber bleibt, wie er meint, nichts übrig, als mit leerer Verwunderung
+die unbegreiflichen Erscheinungen anzustaunen. Trotzdem
+will Wackenroder nicht darauf verzichten, wenigstens einzelne
+Züge anzuführen, aus denen der Leser sich selbst eine Vorstellung
+von dem Charakter jenes merkwürdigen Mannes bilden kann.
+Wenigstens so viel Licht sucht er zu verbreiten als der begrenzten
+menschlichen Fähigkeit möglich ist. Dazu greift er auf, was ihm
+Vasaris Berichte boten, und verfährt in den Einzelheiten mit großer
+Genauigkeit. Hätte aber Wackenroder ein achtsameres Auge für
+Cosimos künstlerische Tätigkeit, die Vasari so ausführlich beschreibt,
+gehabt, so hätte ihm auch hier manches deutlich gemacht, daß der
+Künstler wirklich jener Fantast war, als den er ihn stets zu zeichnen
+bemüht ist.</p>
+
+<div class="blockquot"><p>So malte Piero (Vasari III, 1, 82) einst die Madonna, die gerade der
+Erde entnommen wird. Die heilige Jungfrau wendet ihr verklärtes Antlitz
+zum Himmel, ihre Mienen erglänzen im Scheine der Strahlen, die von der
+Taube des heiligen Geistes ausgehen, und ebenso ist die Landschaft im
+Hintergrunde, voll der schönsten und seltsamsten Gewächse, in helles Licht
+getaucht. Wie sehr kontrastiert aber zu diesem Gemälde seeligen Friedens
+die Bemalung des Rahmens, die sich keineswegs mit der Aufgabe begnügt,
+bloß harmloser Aufputz zu sein. Statt milden Himmelslichtes gewahren wir
+plötzlich feurige Gluten aus den Augen eines Ungeheuers hervorströmen.
+Cosimo stellte hier die Schlange dar, deren Leib sich gerade die heilige
+Margarethe entwindet. Sein Vermögen, das Gräßliche zu gestalten, soll
+<span class="pagenum"><a name="Page_33" id="Page_33">-33-</a></span>sich hier so mächtig offenbart haben, daß sich Vasari alsbald wieder zu
+dem Lobe versteigt, er meine nicht, daß noch jemand diese Dinge habe
+besser gestalten können.</p></div>
+
+<p>Sicherlich gibt es kaum ein charakteristischeres Beispiel für
+eine besonders ausschweifende Einbildungskraft, als wenn gerade in
+dem Augenblicke, da der ungeberdige Sinn sich ruhiger Mäßigung
+ergeben hat, urplötzlich die Wildheit wieder hervorbricht und einen
+Gegensatz schafft, der den Beschauer nirgends einen Konzentrationspunkt
+für sein Interesse finden läßt. So war Cosimo doch nicht,
+wie Wackenroder meinte, ganz unfähig, sich zeitweilig zu ruhiger
+Schönheit aufzuschwingen; daß er sie aber, wie dieses Beispiel dartut,
+hinterher absichtlich trübte, ist gerade der sprechendste Beweis
+für seine absonderliche Gemütsart. Weit weniger anschaulich wäre
+dies selbst durch das dem Herzog Julius von Medici zugedachte
+Ungeheuer geworden, denn trieb auch hier Cosimos Fantastik ihre
+höchsten Blüten, so mangelte hier der Kontrast, der im anderen
+Falle ein so beredtes Zeugnis abgelegt hatte. (Das zweite Gemälde
+bei Vasari a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;82.)</p>
+
+<p>Es wurde schon betont, daß Wackenroder der rein künstlerischen
+Seite von Cosimos Leben und Wirken keine Aufmerksamkeit
+schenkt. Zeigt uns Vasari den Kunstnovizen in der Schule Cosimo
+Rosellis, wo er an Größe der Auffassung und Reichtum der Erfindung
+seine Mitschüler weit überragte, so begnügt sich Wackenroder
+mit dem Hinweise, daß schon den Jüngling der hohe Flug
+der Fantasie kennzeichnete, der im späteren Lebensalter sich stets
+kräftiger regte. Wie Vasari mitzuteilen weiß, verweilte Pieros Aufmerksamkeit
+nie an einem Orte, flugs schweiften seine Gedanken
+vom einen zum anderen, so daß er es nie vermochte, den Faden
+einer begonnenen Erzählung ruhig fortzuspinnen. Der Reichtum
+seiner Ideen lenkte ihn stets in ein anderes Fahrwasser, und bald
+sah er sich genötigt, wieder den Ausgangspunkt zu suchen. Erst
+Wackenroder betont aber, daß es stets fremdartige und seltsame Erzählungen
+waren, die den gleichmäßigen Fluß des Berichtes verhinderten,
+wie ihm auch der Gedanke kam, den Künstler von der
+Arbeit weg erzählen zu lassen. Aus Vasari (a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;76) kennen
+wir Cosimos große Liebe zur Einsamkeit, die auch Wackenroder
+bestätigt und in gleicher Weise begründet: um sich den Streifzügen
+der Einbildungskraft ungestörter überlassen zu können. Daran
+<span class="pagenum"><a name="Page_34" id="Page_34">-34-</a></span>schließen sich nun bei Wackenroder, da Vasari sich zu den ersten
+künstlerischen Arbeiten Cosimos wendet, sogleich die von Vasari
+(a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;77 ff.) angeführten weit deutlicheren Beispiele für
+Piero di Cosimos seltsame Charakteranlage. Können wir Vasari
+vertrauen, so zeigte sich Cosimos Überspanntheit erst nach dem
+Tode seines Meisters Roselli im vollen Umfange. Besonders merkwürdig
+gestaltete sich seine tägliche Lebensweise. Es war ihm unmöglich,
+eine bestimmte Speisestunde einzuhalten, er begehrte zu
+essen, wenn er gerade Hunger empfand, verbot, seine Zimmer zu
+räumen oder die Bäume seines Gartens zu beschneiden. Liegen
+hier keine Übertreibungen vor, so ist Vasaris Urteil, Cosimo habe
+mehr wie eine Bestie als ein Mensch gelebt, keineswegs unbegreiflich.
+Wackenroder schließt sich diesen Angaben genau an, nur weiß
+Vasari nichts davon, daß Cosimo sich die Speisen auch selbst bereitete;
+vielleicht knüpft Wackenroder hier an Vasaris Bericht (III,
+1, 86) an, demzufolge Cosimos Nahrung aus harten Eiern bestand,
+die er jedesmal, wenn er Leim kochte, zur Ersparung des Feuers
+gleich zu vierzig bis fünfzig Stück sieden ließ. Ob er dabei selbst
+tätig war, läßt diese Mitteilung freilich im Unklaren. Zudem enthält
+sich Wackenroder der Anspielung auf das &#8222;Leben der Bestien&#8220;;
+im Gegensatze zu Vasari, bei dem alle diese Absonderlichkeiten
+Cosimos mit dem Tode Rosellis beginnen, fehlt bei Wackenroder
+die Feststellung des Zeitpunktes.</p>
+
+<p>Konnte Piero di Cosimo durch ein solches Gebaren im täglichen
+Leben mit Recht der Titel eines Sonderlings beigelegt werden,
+so ist auch seine Vorliebe für monströse Gemälde aus der Pflanzen-
+und Tierwelt nicht weniger merkwürdig. Mit einer an Wackenroders
+Einleitungsworte anklingenden Wendung erzählt Vasari, der
+seltsame Mann hätte mit Vorliebe aufgesucht, was die Natur &#8222;aus
+Laune oder zufällig gestaltet&#8220;. Wenn er hier berichtet, mit welcher
+Freude Cosimo diese Dinge oft bis zum Überdruß seiner Zuhörer
+erzählt habe, so vergißt Wackenroder nicht, die gespannte Aufmerksamkeit
+bei der Betrachtung selbst hervorzuheben, und es bezeichnet
+Piero di Cosimos Natur sehr treffend, wenn er ihn das &#8222;Häßliche
+begierig genießen&#8220; läßt. Auch ein Skizzenbuch Pieros, dem diese
+Studien reiches Material boten, erwähnt Wackenroder in gleicher
+Weise wie Vasari. Heute ist dieses Buch, wie die &#8222;neue florentinische
+Ausgabe&#8220; von Vasaris Werk meldet, verschollen.</p>
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_35" id="Page_35">-35-</a></span></p>
+<div class="blockquot"><p>Aber Cosimo behielt nicht nur im Gedächtnisse, was es Merkwürdiges
+und Absonderliches in der Außenwelt zu schauen gab, er wußte sogar
+manches, wovon sich die Mehrzahl der Menschen mit Ekel abwendet, für
+sich dienstbar zu machen und in seiner Fantasie schöpferisch auszugestalten.
+Mit Staunen erfahren wir von Vasari, daß unser Meister ruhigen Blutes, ja
+mit großem Vergnügen Mauern, die vom Auswurf kranker Leute beschmutzt
+waren, betrachtet und daraus für seine künstlerischen Arbeiten Anregung
+empfangen habe. Den Zusatz, daß auch Wolkenbildungen in ihren verschiedensten
+Formen seine Teilnahme weckten, werden wir allerdings ohne
+Verwunderung lesen. Wackenroder folgt auch hierin genau, doch mit mehr
+stilistischer Prägnanz, indem er über das Studium der befleckten Mauern
+und der Wolkenbildungen, wofür Vasari zwei Sätze nötig hat, kurzweg in
+einem einzigen berichtet. Zudem sucht er den Ausdruck ein wenig zu
+mildern, denn das wenig ästhetische Bild des Auswurfes kranker Leute bleibt
+uns erspart, und wir erfahren nur ganz allgemein von befleckten Mauern.</p></div>
+
+<p>Recht glücklich sind oft Wackenroders kleine Umbildungen,
+&ndash; sie betreffen hier nur Reihenfolge und Darstellungsweise &ndash;
+wenn von Piero di Cosimos oft recht widerspruchsvollem Verhalten
+gegen Sinneseinwirkungen die Rede ist.</p>
+
+<div class="blockquot"><p>Das Künstlerauge betrachtete, wie Vasari (a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;86) mitteilt, den
+geradlinig von den Dächern herabströmenden Regen mit Wohlgefallen, aber
+der Blitz erschreckte Cosimo heftig, und gegen starke Geräusche (Kindergeschrei,
+Glockengeläute usw.) war er vollends empfindlich. Mit großer Geschicklichkeit
+verwertet Wackenroder diese Angaben. Zunächst ist seine Anordnung
+besser und übersichtlicher. Die oben angeführten Geräusche weist
+er der einen, alles aufs Gewitter Bezügliche der anderen von ihm scharf umgrenzten
+Gruppe zu. Einen Übergang wie den Vasaris: &#8222;Das Singen der
+Mönche war ihm lästig, wenn aber der Himmel sich im Regen ergoß, so
+machte es ihm Vergnügen, das Wasser in gerader Linie von den Dächern
+herabstürzen zu sehen&#8220;, treffen wir bei ihm nicht. Er beging nicht den
+Fehler, in dieser Weise optische und akustische Eindrücke miteinander zu
+vermengen. Überhaupt wendet Wackenroder alles ins akustische Gebiet.
+Nicht an dem Anblicke des Wassers ergötzt sich Piero di Cosimo, aber das
+starke Aufprasseln des Regens aufs Dach vernimmt er mit Freude, und an
+Stelle des Blitzes treibt der Donner den Meister in die Stubenecke; eine beachtenswerte
+Änderung, da hier der Unschädlichkeit der Erscheinung wegen
+bloß der reine Effekt deutlich wird. Ist nun auch von den anderen Geräuschen
+die Rede, so wird die Angliederung leichter und passender.</p></div>
+
+<p>Recht wenig läßt sich aus Wackenroder für Piero di Cosimos
+gesellige Eigenschaften ersehen; auch was Vasari hierfür bot, ist
+äußerst dürftig. Er weiß nur zu vermelden, daß Piero di Cosimo
+humoristische Begabung besaß und im Gespräch die Zuhörer oft
+zu stürmischer Heiterkeit fortriß. Wackenroder übersah dies nicht
+<span class="pagenum"><a name="Page_36" id="Page_36">-36-</a></span>(S.&nbsp;91) und ließ überdies durchblicken, daß die sonderbaren Züge
+seines Charakters ihm in der Beurteilung der Menschen sehr schadeten.
+Freilich ist es wenig passend, wie Wackenroder unmittelbar vorher
+gesellige Vorzüge zu preisen und dann abzuschließen: &#8222;In Summa,
+er war so beschaffen, daß die Leute seiner Zeit ihn für einen höchst
+verwirrten und beinahe wahnsinnigen Kopf ausgaben.&#8220; Diese letzte
+Bemerkung stammt ebenfalls aus Vasari, der (a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;78) erzählt,
+wie sehr Cosimo durch seine &#8222;bestialische Lebensweise&#8220; in
+der Achtung seiner Zeitgenossen sank und daß er allgemein für
+einen Narren gehalten wurde.</p>
+
+<p>Daß Wackenroder jenes Madonnenbild nicht berücksichtigte,
+brachte ihn um ein sehr treffendes Beispiel, aber er ersetzt dieses
+durch ein noch weit wirksameres, dem auch Vasari reichliche Beachtung
+widmete. Es gab Gelegenheiten, wo die Florentiner ganz
+zufrieden waren, den unheimlichen Gesellen Piero di Cosimo in
+ihrer Mitte zu haben. Kam die Zeit des Karnevals und regte sich
+das Verlangen nach Maskenspielen und Festzügen, so war gerade
+Piero di Cosimo der Mann, um mit nie versiegender Erfindungsgabe
+der verwöhnten Jugend der Stadt stets durch neue Lustbarkeiten
+zu schmeicheln. Ihm, der schon früh zur Ordnung und Einrichtung
+der Festzüge berufen wurde, dankten die Teilnehmer manche
+schätzenswerte Verbesserung; Vasari weiß uns manche Einzelheit mitzuteilen.
+Wackenroder übergeht diese Detailberichte und begnügt
+sich, einfach einen großen Aufschwung der Festlichkeiten festzustellen.
+Sehr treffend vergleicht er dabei des Künstlers überaus lebhaften Geist
+mit einem Kessel siedenden Wassers, das Schaum und Blasen treibt.</p>
+
+<div class="blockquot"><p>Unter den verschiedenen Festzügen, die Piero di Cosimo Jahr für
+Jahr einrichtete, fiel Vasari besonders einer stark auf, der mit großer Deutlichkeit
+die fantastischen Anlagen seines Erfinders erkennen läßt. Vasari weiß
+fein auseinander zu setzen, warum sich das menschliche Gemüt gegen Darbietungen
+dieser Art keineswegs sträube. Wir lieben ja nicht bloß süße
+Speisen, vieles mundet uns gerade seiner Herbheit wegen, und ist denn nicht
+das Vergnügen an der Tragödie das sprechendste und großartigste Zeugnis
+für die Möglichkeit, auch an der Betrachtung von Jammer und Elend Gefallen
+zu finden, wofern nur, wie Vasari hinzusetzt, alles &#8222;mit Einsicht und
+Kunst geordnet ist&#8220;? So machten sich denn auch tatsächlich bei den Zuschauern
+dieses Festzuges, sobald sie über den ersten peinlichen Eindruck
+hinweggekommen waren, die Empfindungen geltend, die Vasari mit scharfer
+Beobachtung als Wirkung des Tragischen im Kunstwerke erkannt hatte. Ihr
+anfängliches Unbehagen verwandelte sich bald in fröhliche Billigung.</p>
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_37" id="Page_37">-37-</a></span></p>
+<p>Was sich da abspielte, war freilich seltsam genug. Mitten ins lärmende
+Festgewühl fährt plötzlich, von vier schwarzen Büffeln gezogen, ein mächtiger
+Wagen, ganz mit Gegenständen bemalt, die an den Tod erinnern. Hoch
+oben aber erhebt sich die schreckliche Gestalt des Würgers mit der Sense
+in der Hand, rings umgeben von bedeckten Särgen, die sich an jedem Punkte,
+wo der Zug hält, auftun und die Toten entlassen, die ihr Inneres birgt. Da
+steigen denn hohe Gestalten empor, ganz in Trauergewänder gehüllt, auf
+deren düsterem Schwarz in grausigem Kontraste die weißen Knochen eines
+Totengerippes gemalt sind. Unter den dumpfen Tönen der Trompeten setzen
+sich die Toten auf ihre Särge und stimmen das Lied der Vergänglichkeit (Dolor,
+pianto e penitencia usw.) an. Auf hageren Gäulen, eigens für diesen Zweck
+ausgewählt, folgen dem Wagen eine Menge Toter, mit denselben grauenvollen
+Bemalungen der Gewänder. Eine große Fahne, ebenfalls mit den Insignien
+des Todes, wird jedem der Reiter nachgetragen, und noch zehn schwarze
+Fahnen, die dem Wagen nachgetragen wurden, vervollständigen das grauenvolle
+Bild. Langsam setzt sich der Zug in Bewegung und singt dazu einen
+Psalm Davids, eine Frivolität, die Bottari (Vasari III, 80, Anm.&nbsp;7) mit Recht
+tadelt; weder Vasari noch merkwürdigerweise Wackenroder nehmen Anstoß daran.</p></div>
+
+<p>Hier läßt Wackenroder das Sachliche völlig unberührt; wo er
+in der Darstellungsweise von Vasari abweicht, geschieht es, um die
+Anschaulichkeit der Situation zu vermehren, ein Bestreben, dem wir ihn
+schon oft dienstbar sahen. Er legt Wert darauf, von Anfang an die
+Gegensätze ins rechte Licht treten zu lassen, und macht nachdrücklich
+aufmerksam, daß der grausige Scherz gerade die lauteste Festfreude
+unterbrach. Vasari unterläßt das, wenn er auch, um die Überraschung
+anzudeuten, hervorhebt, daß die Vorbereitungen ganz im
+Stillen vor sich gingen. Sodann zeigt er schon während der Darstellung
+den Eindruck auf die Zuschauer, die von heftigem Schrecken
+über die Begebenheiten erfüllt werden, während Vasari erst später
+(a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;80) dieser Wirkungen gedenkt. Von den einzelnen
+Stadien des Zuges aus hält er stets Rückschau auf die Beobachter.
+Entsteigen die Toten ihren Gräbern, so setzt er in Parenthese:
+&#8222;wobei alles Volk von einem stillen Grauen ergriffen ward&#8220;, und
+die Wirkung des Gesanges ist so stark, daß er &#8222;das Blut in den
+Adern gerinnen macht&#8220;. Größeres Geschick in der Anordnung beweist
+abermals, daß er den Gedankengang jener Kanzone, alle jetzt
+Lebendigen würden einst, gleich den Sängern, Tote sein, hier schon
+skizziert, während man bei Vasari diesen Inhalt erst einem späteren
+Zitat, zu anderen Zwecken gegeben, entnehmen kann. Eine Abschwächung
+gegenüber Vasaris Darstellung mag es bedeuten, daß
+er den Farbenkontrast der schwarzen Kleidung und ihrer weißen
+<span class="pagenum"><a name="Page_38" id="Page_38">-38-</a></span>Bemalung nicht erkennen läßt und bloß von &#8222;weißen Gerippen&#8220;
+redet. Von den Mitteln der Spannung ist zudem ein ausgedehnter
+Gebrauch gemacht. Der Wagen wird nicht, wie bei Vasari, gleich
+mit seinem rechten Namen als der &#8222;des Todes&#8220; bezeichnet, zuerst
+kommt einfach &#8222;ein großer schwarzer Wagen&#8220; langsam heran; erst
+die Totengerippe und die Gestalt des schrecklichen Würgers, den
+Wackenroder, den Eindruck verstärkend, nicht ruhig dastehen,
+sondern wie er sich ausdrückt, &#8222;umherstolzieren&#8220; läßt, machen
+den Zweck der ganzen Handlung offenbar. Ganz wunderbar ist
+stellenweise die Behandlung der Sprache; in ausgezeichneter Weise
+wird das träge Dahinschleichen des Zuges gemalt: &#8222;Es näherte
+sich durch die dämmernde Nacht schwer und langsam&#8220; usw.
+Ebenso markiert in dem Satze: &#8222;Aber der langsame Zug hielt an&#8220;,
+der schwere Ton auf dem &#8222;an&#8220;, treffend den Stillstand des Gefährtes.
+Für den Erfolg des Festzuges sucht auch Wackenroder nach
+tieferen psychologischen Gründen, beobachtet wie Vasari einen durch
+schaurige Eindrücke hervorgerufenen Lusteffekt und geht sogar noch
+einen Schritt weiter als jener. Ohne Einschränkungen sind ihm
+schmerzliche und widrige Empfindungen überhaupt geeignet, die
+Teilnahme der Seele rege zu machen; kommt dann noch poetische
+Kraft dazu, so ist hohe, begeisterte Spannung sicher. Er läßt im
+Gegensatze zu Vasari nichts davon verlauten, daß Cosimos Unternehmung
+für keinen geeigneten Karnevalsscherz galt, gerade wie
+ihm, hier seinem Gewährsmann ganz gleich, das Absingen des
+Psalmes keinerlei Skrupel bereitete. Der superklugen Deutung
+einiger Zeitgenossen des Malers, die in den Toten die vertriebenen
+Mediceer und in den Worten ihres Gesanges Fummo già come voi
+siete, voi sarete come noi eine Profezeiung ihrer Rückkehr erblicken
+wollten, setzt schon Vasari die richtige Bemerkung entgegen,
+&#8222;man strebe stets frühere Werke und Handlungen auf nachfolgende
+Ereignisse zu beziehen&#8220;, und Wackenroder widmet der ganzen
+Hypothese kein Sterbenswörtchen. Er gelangt nun, da Vasari in
+der Betrachtung von Cosimos künstlerischer Tätigkeit fortfährt, sodann
+erst kleine biographische Einzelheiten, wie seine Empfindlichkeit
+gegen Geräusche usw., die Wackenroders geschicktere Gruppierung
+bereits mit früheren Angaben Vasaris vereinigt hatte, beibringt,
+dazu, des Malers wachsende Reizbarkeit in vorgerückten Jahren anschaulich
+zu machen. Daß Piero di Cosimo als Greis recht mürrisch
+<span class="pagenum"><a name="Page_39" id="Page_39">-39-</a></span>und verdrießlich wurde, die Unterstützung der Malerjungen schroff
+ablehnte, konnte Vasaris Berichten entnommen werden, aber Vasaris
+Zusatz, aller Beistand hätte dem alten Maler infolge seines brutalen
+Wesens schließlich gefehlt, wird von Wackenroder ignoriert. Dagegen
+hören wir, wieder Vasari entsprechend, daß Cosimo gichtischer
+Schmerzen ungeachtet, Pinsel und Malerstock in den Händen
+zu halten suchte und daß seine Gereiztheit schon den Anblick der
+Fliege an der Wand schmerzlich empfand. Liest man ferner bei
+Vasari, daß der Künstler trotz hohen Alters vom Tode nichts hören
+mochte, so finden wir dasselbe bei Wackenroder wieder, da er aber
+des religiösen Verhaltens bei Cosimo so wenig gedenkt als bei
+Lionardo da Vinci, so muß er nicht wie Vasari, der Cosimos Scheu
+vor Beichte nicht verschweigen kann, nachdrücklich auf seine Frömmigkeit
+hinweisen, die ihn trotz des &#8222;bestialischen Lebens&#8220; niemals verlassen
+habe. Beiden Darstellungen läßt sich ferner entnehmen, daß
+Piero di Cosimo vor langer Krankheit gebangt und lebhaft gewünscht
+habe, mit einem Male aus der Welt zu gehen. Vasaris sehr
+eingehende Schilderung der verschiedenen Leiden und Belästigungen
+des Kranken, die Piero di Cosimo hauptsächlich scheute, ist allerdings
+sehr verkürzt und verallgemeinert; allzu Derbes soll auch
+hier keinen Platz finden. In ganz unbestimmten Worten schildert
+in Wackenroders Darstellung der Alte, dem nichts unerträglicher
+war als ein langes Siechtum, die schreckliche Entbehrung von Speise
+und Schlaf, und mit Schaudern durchlebt er das Gefühl des Todgeweihten,
+der das Klagen und Jammern der Verwandten vernimmt,
+die sein Lager umstehen. Nach Vasari (a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;87) hielt Piero
+di Cosimo, charakteristisch für seine Gemütsart, den Tod auf dem
+Hochgericht für das glücklichste Ende. Auch hier erstickte die
+Freude am Schrecklichen und Grauenvollen jede andere Empfindung
+in ihm, und er schwelgte mit Genuß in der Vorstellung, im bunten
+Gewühl der Menge, unter den Gebeten des Volkes und der Priester
+ins Himmelreich emporzusteigen. Wackenroder folgt wiederum getreulich,
+nur Vasaris Anspielung auf die Henkersmahlzeit konnte
+eine Darstellung nicht gebrauchen, die wie bei Wackenroder besonders
+widrige Eindrücke abzuschwächen suchte.</p>
+
+<p>Den Rest des Lebens, das dieser merkwürdige Mann führte,
+faßt Vasari in die Worte zusammen: &#8222;So schrieb er allen Dingen
+die seltsamste Deutung zu, und seine wunderlichen Gedanken waren
+<span class="pagenum"><a name="Page_40" id="Page_40">-40-</a></span>schuld, daß er ein wunderliches Leben führte&#8220; (a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;87), erklärt
+also folgerichtig den Lebensgang aus der Charakteranlage.
+Wackenroders abschließende Bemerkung: &#8222;In solchen Gedanken
+schwärmte er unaufhörlich fort&#8220;, verrät das Vorbild dieses Satzes.
+Mit chronistischer Knappheit verzeichnet er hierauf Cosimos Ableben,
+der freilich nicht am Hochgerichte starb, dennoch aber nicht
+in langem Siechtum dem Tode entgegenwelkte. Man fand ihn eines
+Tages entseelt am Fuß der Treppe, wie Vasari berichtet. Die Angabe
+der Jahreszahl und des Begräbnisortes (1521, St. Piermaggiore)
+nahm Wackenroder nicht in seine Erzählung auf.</p>
+
+<p>Wir wissen, daß Wackenroder dem Künstler Piero di Cosimo
+keine Charakteristik gönnt. Doch will er, da (S.&nbsp;95) Vasari als
+Quelle genannt ist, wenigstens andeuten, welches Bild sich dieser
+von Cosimos künstlerischer Individualität machte.</p>
+
+<div class="blockquot"><p>Was er uns hier sagt, ist allerdings nicht ganz wahrheitsgemäß.
+Vasari sollte von einer besonderen Vorliebe Piero di Cosimos für die Darstellung
+von &#8222;wilden Bacchanalen und Orgia, fürchterlichen Ungeheuern oder
+sonst irgend schreckhaften Vorstellungen&#8220; gesprochen haben, was sich aber
+nirgends nachweisen läßt. Denn ist auch (III, 1, 85) von den Bacchanalen
+die Rede, die Piero di Cosimo im Auftrage des Giovanni Vespucci
+malte, so ist doch an keiner Stelle behauptet, daß diese Art von Malerei
+etwa den Kern seiner künstlerischen Produktionen gebildet hätte. Jedem
+Leser von Vasaris Biographie müßte zudem eine solche Bemerkung höchst
+widersinnig vorkommen, liest er doch dort von soviel Gemälden ganz anderer
+Art, von Porträts berühmter Persönlichkeiten (so bei Vasari des Herzogs
+Valentinos, Sohnes Alexanders VI.) oder von Bildern, die sich ihren Stoffkreis
+aus dem Neuen Testament (Heimsuchung Mariä, Vasari) holen. Freilich
+treten die &#8222;Seltsamkeiten&#8220; des Künstlers, von Wackenroder selbst nur nach
+der persönlichen Seite hin beobachtet, auch in der Produktion zutage,
+hatte er in dem besprochenen Marienbilde fantastischen Geist bewiesen, und
+in charakteristischer Weise milde Schönheit und höllischen Schauder vereinigt,
+so widmete er später Julian von Medici das Bild eines furchtbaren Seeungeheuers,
+lockten ihn Stoffe, wie die Befreiung der Andromeda, und entfaltete
+er in dem Francesco Pugliese zugedachten Gemälden den ganzen Reichtum
+einer eigenartigen Einbildungskraft. Das alles aber verführte Vasari noch nicht
+zu einer Bemerkung, wie sie Wackenroder für ihn in Anspruch nimmt.</p></div>
+
+<p>Dagegen spricht Vasari wiederholt von Piero di Cosimos Fleiß
+und Kunsteifer und machte auch, Wackenroders Angabe gemäß, die
+Bemerkung, daß der Kunstfleiß schwermütiger Naturen meist ernster
+und andauernder sei als der leichtblütiger. Das steht, wie schon
+Wackenroder hervorhebt, im Leben des Antonio Sogliani; nirgends
+<span class="pagenum"><a name="Page_41" id="Page_41">-41-</a></span>aber erhebt Vasari gegen die Eignung eines Menschen wie Cosimo
+zur künstlerischen Tätigkeit irgendwelche Einwände. Dieser Zweifel
+stieg erst Wackenroder auf, wie es auch ihm erst einfiel, dem unruhigen
+Brausekopfe Piero di Cosimo die besonnene Klarheit eines
+Lionardo da Vinci entgegenzuhalten, die diesen zu seinem Nutzen
+stets in der Bahn des Irdischen festhielt. Nur soviel läßt sich aus
+Vasari, der jeden Vergleich vermeidet, für das Verhältnis dieser
+Meister erkennen, daß Piero di Cosimo gerade Lionardos Werke
+mit besonderem Eifer studiert und nachgeahmt habe, wenn sich
+dann auch, wie er nachdrücklich hinzusetzt, bei dem reiferen
+Cosimo eine eigene, von der seines großen Vorbildes gänzlich verschiedenen
+Art ausbildete.</p>
+
+<p>Was Wackenroder mit seinem wunderbaren Gleichnis von
+dem klaren Flusse für die Künstlerseele forderte, besaß Piero di
+Cosimo nicht, Vasari aber kam dies nicht zum Bewußtsein.</p>
+
+<h2>IV.</h2>
+
+<p><em class="gesperrt">Die Größe des Michelangelo Buonarotti.</em> Wer bei
+diesem Kapitel angelangt, an Wackenroders Charakteristik von Lionardo
+da Vinci zurückdenkt, wird bei Michelangelo wirklich durchgeführt
+sehen, was bei seinem großen Rivalen nur geplant war:
+Unbekümmert um die geschichtliche Folge von Leben und Schaffen
+sucht Wackenroder bloß die Eigenart eines großen Meisters deutlich
+zu machen. Wir hören seine Absicht, Lionardo als das Muster in
+einem wahrhaft gelehrten und gründlichen Studium der Kunst, und
+als das Bild eines unermüdlichen und dabei geistreichen Fleißes
+darzustellen (S.&nbsp;35), sehen ihn aber gleich anfangs in den Ton des
+Biographen fallen, dann sich der Hauptsache erinnernd, Beispiele
+aus verschiedenen Lebensperioden vereinigen, um dann wieder auch
+ohne sehr strenge Methodik den Pfad geschichtlicher Betrachtung
+an der Hand seines Gewährsmannes weiterzuwandeln. Ein solcher
+Zwiespalt in der Anlage ist hinsichtlich Michelangelos nicht mehr
+zu beobachten. Nicht nur ist alles Biographische ausgeschieden und
+jede Chronologie hintangesetzt, auch kein einziges Werk wird irgendwie
+namhaft gemacht. Von allen Persönlichkeiten, mit denen sich
+die &#8222;Herzensergießungen&#8220; beschäftigen, wird keiner geringerer Raum
+zugemessen als dem großen Buonarotti. Ohne sich ins breite
+<span class="pagenum"><a name="Page_42" id="Page_42">-42-</a></span>Detail der Tatsachen zu verlieren, benützt Wackenroder einfach
+ihre Ergebnisse, um für die Größe Michelangelos den entscheidenden
+Punkt zu finden.</p>
+
+<p>An der überreichen Fülle von Einzelheiten, deren die sehr
+umfangreiche Biographie Michelangelos aus Vasaris Feder gedachte,
+blieb Wackenroders Blick nicht haften. Aber Vasari versuchte auch,
+die Bedeutung Michelangelos in seiner Weise zusammenfassend zu
+würdigen, und dieser durchaus nicht in allen Punkten glücklichen
+Charakteristik stellte Wackenroder die seine gegenüber. Aus Vasaris
+Einleitung, die Wackenroder seiner Darstellung voranschickt und
+zwei anderen Stellen der Biographie (a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;346 und 417) läßt
+sich das Gesamturteil unseres Chronisten über seinen Gönner und
+Freund Michelangelo ableiten. Es lautet so enthusiastisch als möglich.
+Nach den begeisterten Worten der Vasarischen Einleitung war Michelangelo
+ein Gottgesandter, seine Bestimmung, der stets irrenden, vergeblich
+strebenden Menschheit ein Lehrmeister der echten und wahren
+Kunst in allen ihren Teilen zu werden.</p>
+
+<div class="blockquot"><p>Niemand erhob sich höher als Zeichner (nach S.&nbsp;347 ging ihm Zeichnung
+über koloristische Behandlung), niemand bewies größeres Geschick als
+Bildhauer, niemandem glückte als Baumeister ein idealerer Typus des Wohnhauses.
+Aber kühn vorwärtsstrebend durchstreifte dieser gewaltige Geist
+andere Gebiete mit demselben rastlosen Eifer; auch ihm schenkte zudem
+Apollo des Gesanges Gabe, und vollends machte ihn die Lauterkeit des
+Charakters zum leuchtenden Beispiele für die Zeitgenossen. Hört man eine
+solche Lobpreisung, so wird man sicherlich wissen, daß man eine bedeutende
+und vielseitige Persönlichkeit vor sich hat; wie aber diese Persönlichkeit
+ihrer ganz besonderen Eigenart nach war, kann niemand daraus lernen.
+Und auch später, wo eigentliche Kunstprobleme mehr in den Vordergrund
+treten, konnte Vasari der Aufgabe, spezifisch Michelangeloschen Geist aus
+den Werken zu verkünden, keineswegs gerecht werden. Bei Besprechung
+der Deckengemälde in der Sixtinischen Kapelle versucht Vasari, Michelangelos
+Superiorität über andere Meister zu erweisen, beobachtet aber nichts als
+eine &#8222;neue große Manier des Nackten&#8220; und die größten Schwierigkeiten der
+Zeichnung. Noch allgemeiner und unbestimmter kontrastiert er dann in der
+recht dürftigen Gesamtübersicht von Michelangelos Kunst nach dessen Ableben
+an den Werken &#8222;Kunst, Anmut und Lebendigkeit&#8220;, die ihn für das
+entzückte Auge des Entusiasten über die Alten erhob; er rühmt die ungezwungene,
+spielende Überwindung der Schwierigkeit, die erst dem kopierenden
+Kunstbeflissenen deutlich werde, aber alles das müßte nicht gerade von
+Michelangelo gesagt werden. Diese Unfähigkeit, die individuelle Beschaffenheit
+klar zu schildern, merkte Wackenroder wohl an Vasari, und überdies
+erregte die blinde Vergötterung, die &#8222;sich mit dem bloßen Anstaunen begnüge&#8220;,
+<span class="pagenum"><a name="Page_43" id="Page_43">-43-</a></span>selbst in seiner schwärmerisch gestimmten Seele kein unbedingtes
+Wohlgefallen. Farblos und ungenügend erschien ihm eine Darstellung, die
+dem Kunstwerke kaum mehr als ein allgemeines Lob, wie &#8222;schön und vortrefflich&#8220;,
+zu spenden vermochte; er fühlte den Trieb nach größerer Vertiefung
+und bezeichnet es selbst als seinen Plan, in den innern Geist seines Mannes
+einzudringen, die ihm allein zukommenden Eigenschaften zu entwickeln.</p></div>
+
+<p>Gleich am Anfang schlägt Wackenroder einen Weg der Charakteristik
+ein, den Vasari zu seinem Schaden nicht gegangen ist. Er
+sucht durch Kontrastierung mit anderen Künstlern das Bild seines
+Meisters in ein schärferes Licht zu rücken. Er beobachtet mit Glück,
+daß sich Dichtkunst und Malerei im Gebiet des seelischen Ausdruckes
+begegnen und in beiden Künsten stets der Gegensatz von
+feurig überschäumender Kraft und stiller Beschaulichkeit zutage
+trete. Schon Lionardo wurde andeutungsweise mit Raffael verglichen
+und mit unnachahmlicher Anschaulichkeit beider Kunstarten gesondert,
+hier soll die ehrfurchtgebietende Individualität Michelangelos
+durch vergleichenden Ausblick auf die stille Klarheit des &#8222;göttlichen
+Raffael&#8220; gekennzeichnet werden. Hier, wie immer bei Wackenroder,
+wird selbstredend keine Auffassungsweise perhorresziert, jeder wird
+in seiner Art dankbar gewürdigt. Und hatte er früher, Lionardosche
+und Raffaelsche Kunst wechselseitig abwägend, den Gegensatz des
+Starken und Zarten, des Männlichen und Weiblichen nicht besser
+als durch die Züge des Greises einer-, der Jungfrau andererseits
+aufzeigen können, so sind ihm Michelangelo und Raffael die künstlerischen
+Vertreter zweier verschiedenen Bekenntnisse. Die Weisheit
+mosaischer Profeten und die Gefühlsweise morgenländischer Dichter
+spricht aus Michelangelo, die sanfte Stille des christlichen Gemütes
+aus Raffael. Wie in dem Blumengarten der orientalischen Poesie
+die absonderlichsten Gewächse keimen, so entspringt dem Riesengeiste
+Buonarottis das Außerordentliche und Übermächtige. Wie
+seine Gestalten eine titanische Kraft durchdringt, seine Wahl so
+gerne auf &#8222;erhabene und furchtbare Gegenstände&#8220; fällt, und seine
+Stellungen oft die fantastischste Verzerrung aufweisen, so treibt auch
+in jener Literatur eine übergewaltige Fantasie einen unerschöpflichen
+Reichtum feuriger Bilder und Gleichnisse hervor. Freilich mußte
+er, um solches auszusprechen, selbst wachsamen Auges die verborgenen
+Tiefen einer Künstlerindividualität durchspüren, denn durchaus
+nicht in allen Punkten ging ihm hier Vasari an die Hand!
+Zunächst konnte er freilich für das von Wackenroder flüchtig berührte
+<span class="pagenum"><a name="Page_44" id="Page_44">-44-</a></span>persönliche Verhältnis, das ihn mit Michelangelo verband,
+nicht geringes Material liefern.</p>
+
+<div class="blockquot"><p>Er rühmt tatsächlich mit herzlichem patriotischen Gefühl Florenz als
+vornehmste Beschützerin der Künste, er jubelt, sich einen Zeitgenossen
+Michelangelos nennen zu dürfen (bei Wackenroder bezieht sich das auf den
+Ort). Den jungen Kunstschüler empfiehlt Michelangelo an Andrea del Sarto
+und <ins title="orignal: bemühlt">bemüht</ins> sich in eigener Person in die Werkstatt (S.&nbsp;321), wiederholt
+(S.&nbsp;390, 437) wird der Verkehr freundschaftlich und vertraut genannt, oft (S.&nbsp;388,
+390, 372, 380, 382 u.&nbsp;a.) werden Briefe zitiert; auch die angenehme Pflicht
+der Gastfreundschaft durfte Vasari einmal in Rom gegen den verehrten Meister
+erfüllen, einmal sogar in häuslichen Angelegenheiten (S.&nbsp;416) ein Votum abgeben,
+und manches Kunstproblem in behaglicher Diskussion miterörtern.</p></div>
+
+<p>Aber gerade den Mittelpunkt von Michelangelos Eigenart vermochte
+Vasari nicht zu treffen, trotz seiner fortdauernden liebevollen
+Beschäftigung mit seinem großen Vorbilde. Wackenroder betonte
+in erster Linie die Kraft, die Michelangelo in seine Personen zu
+legen wußte; was findet man aber bei Vasari darüber?</p>
+
+<div class="blockquot"><p>Die &#8222;große Manier in der Behandlung des Nackten&#8220; (S.&nbsp;418), die
+nach Vasaris Wertung Michelangelo über seine Gefährten stellt, läßt den
+Gedanken Wackenroders nur ahnen, und wenn Michelangelo Gestalten von
+zehn bis zwölf Kopflängen macht (S.&nbsp;419), so ist der Grund &#8222;eine gewisse
+übereinstimmende Anmut&#8220;, ebenso weist die hochberühmte Statue des David
+(S.&nbsp;314) nur &#8222;unvergleichliche Anmut&#8220; auf, die dem Beschauer die &#8222;schönen
+Umrisse der Beine&#8220;, die &#8222;Verbindung der Glieder&#8220;, die &#8222;göttliche Schlankheit
+der Seiten&#8220; verraten. Selbst der &#8222;Moses&#8220; (S.&nbsp;292) bot Vasari keine Gelegenheit,
+auf die staunenswerte Herausbildung der fast übermenschlichen
+Kraft aufmerksam zu machen, so gut gerade die Charakteristik dieser Statue
+ist; die wunderbare Weichheit der Barthaare, die Michelangelo hier wie sonst
+nur dem Maler gelang, gibt zu der hübschen Bemerkung Anlaß, hier sei
+der Meißel zum Pinsel geworden; die strahlende Herrlichkeit des Angesichtes
+wird in der Treue ihrer Wiedergabe hochgerühmt und hinzugesetzt: &#8222;Betrachtet
+man ihn, so glaubt man, er werde den Schleier fordern, der sein
+Angesicht verhülle.&#8220; Erhabene und furchtbare Gegenstände, die ihm Wackenroder
+zuschreibt, wählte Michelangelo tatsächlich sehr häufig, dafür zeugt
+manches Beispiel Vasaris, obwohl er selbst nie unmittelbar darauf aufmerksam
+macht. Aber dafür hört man (S.&nbsp;380 ff.) von den Deckengemälden der
+Sixtina, die das Kindheitsalter des Menschen in Freud und Leid zur Darstellung
+bringen; auf den Eckbildern der Tragbalken ist zudem mit recht
+grausigen Situationen, wie der Ermordung des Holofernes, oder jener furchtbaren
+Schlangenheimsuchung in Moses' Lager, der die Schlange des Heiles
+später ein Ziel setzt, nicht gekargt. Sanftere Empfindungen wecken dann
+Bilder wie Christus am Kreuz (S.&nbsp;324) oder die wunderbare Personifikation
+von Tag und Nacht, Morgen und Abend, Dämmerung auf den Grabdenkmälern
+der Herzöge von Medici (S.&nbsp;324). Um endlich die kühnen und wilden
+<span class="pagenum"><a name="Page_45" id="Page_45">-45-</a></span>Stellungen einer großen Anzahl Michelangeloscher Figuren hervorzuheben,
+bedurfte es keines Anschlusses an Vasari; die eigentümliche Verzerrung der
+Gebärden in der Madonna des Angelo Doni oder den &#8222;Sibyllen und Sklaven&#8220;
+ist allgemein bekannt. An den seltsamen verschiedenen Bewegungen mancher
+Figuren des &#8222;jüngsten Gerichts&#8220; wollte Vasari die Mannigfaltigkeit der Stellungen
+studieren lassen; besondere Kühnheit oder Wildheit als speziellere
+Charakteristik wird allerdings nicht hervorgehoben.</p></div>
+
+<p>Hatte so Vasari für den Fundamentalzug im Wesen Michelangelos
+nach Wackenroderscher Auffassung keinen Anstoß zur Erkenntnis
+gegeben, so erregte die souveräne Beherrschung der Muskulatur,
+die Michelangelo in seinen Werken bewies, immerhin sein
+Interesse. Es werden hier jene Beobachtungen neuerdings angestellt,
+die schon bei anderen Malern, z.&nbsp;B. Lionardo, gemacht werden konnten.
+Wie sonst bei Vasari spielt auch hier das Technische eine namhafte Rolle.</p>
+
+<div class="blockquot"><p>Beim Leichnam Christi (S.&nbsp;274) wird nachdrücklich hervorgehoben,
+mit welcher Kunst &#8222;Muskeln, Adern und Nerven über die Knochen gelegt
+seien&#8220;. Ebenso bewundert Vasari an dem Schöpfer der Medicigräber (S.&nbsp;326 ff.)
+auch den gewiegten Kenner der Muskulatur, und auch beim Moses wird der
+Technik keineswegs vergessen und die Behandlung von Gliedmaßen, Adern,
+Nerven gewissenhaft mit einbezogen.</p></div>
+
+<p>Bei diesem von Wackenroder und Vasari gemeinsam berührten
+Punkte wird uns nun der Hauptunterschied ihrer beiden Auffassungsweisen
+klar. Während Vasari nicht nach Gründen forschte, auch
+nirgends einen besonderen Charakter feststellte, sondern sich mit
+Hervorhebung dieser Einzelheiten, wie sie sich ihm aufdrängten,
+begnügte, vermochte Wackenroders Anlage und Neigung, den Absichten
+des Künstlers liebevoll nachzuspüren, zwischen der Eigenart
+Michelangelos und diesen scheinbaren Äußerlichkeiten das geistige
+Band wahrzunehmen. Nicht nur Antlitz und Gebärde sollten die
+hohe Kraft oder trotzige Wildheit atmen, auch jeder noch so kleine
+Bestandteil der &#8222;Menschenmaschine&#8220;, sei es Muskel, Ader, Nerv,
+mußten sprechende Zungen dafür sein. Dadurch werden wir freilich
+auch viel eher den Eifer verstehen, mit dem Michelangelo auch
+vom theoretischen Standpunkte in seine Kunst einzudringen pflegte,
+und Lionardo vergleichbar, allen Schwierigkeiten in der Nachahmung
+des menschlichen Organismus nicht nur kühn die Stirne bot, sondern
+sie sogar absichtlich aufsuchte. Auch hier folgt wieder ein treffender
+Ausblick auf die Dichtkunst; Wort und Ausdruck werden ihrer
+Stellung zum Geist der Dichtung nach betrachtet, und die Wirksamkeit
+eines bedeutenden Genius bis in diese &#8222;sichtbaren, sinnlichen
+<span class="pagenum"><a name="Page_46" id="Page_46">-46-</a></span>Werkzeuge der Kunst&#8220; verfolgt. Die Kenntnis der ausgebreiteten
+anatomischen Studien Michelangelos durfte auch einer unmittelbaren
+Mitteilung Vasaris entnommen werden (a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;417), um &#8222;seine
+Zeichenkunst zu fördern&#8220; und allen menschlichen Stellungen gerecht
+zu werden; ja sein ergebener Biograph stellt ihn sogar mit
+Berufsanatomen auf eine Stufe. Dasselbe tut auch Condivi in seiner
+Lebensbeschreibung Michelangelos (§&nbsp;56) und berichtet später (§&nbsp;60)
+von seinem Plane, in einer neuen Osteologie Albrecht Dürers
+Theorien von den Varietäten und Maßen des Menschenkörpers zu
+bekämpfen. Die Schattenseite von Michelangelos Natur, seine überstarke
+Einbildungskraft, die ihn, wie Vasari (S.&nbsp;419) dartut, wie
+Lionardo bisweilen unlösbaren Problemen zuführte, berücksichtigt
+Wackenroder auch hier nicht, was freilich bei der Knappheit dieses
+Kapitels im Gegensatze zu der Breite, zu der sich Wackenroder bei
+Lionardo genötigt sah, weniger auffällt. Von durchgreifender
+Verschiedenheit sind die Folgerungen, die Vasari und Wackenroder
+jeder in seiner Weise aus der Erscheinung Michelangelos
+ableiten.</p>
+
+<div class="blockquot"><p>Vasari, in seinen Lobsprüchen stets zur Übertreibung geneigt, gibt
+(S.&nbsp;308) eine für junge Künstler recht bedenkliche Mahnung. Eine Weiterführung
+der Kunst über das von Michelangelo erreichte Ziel sei unmöglich,
+alles nur Denkbare habe er geleistet, und es sei darum unnütz, nach weiteren
+Ausgestaltungen der Kunstmittel zu trachten. Ebenso hat Michelangelo den
+Künstlern seiner Zeit alle Hindernisse aus dem Wege geräumt(!), Michelangelo
+sie gelehrt, das Wahre vom Falschen zu unterscheiden, und sie sollen nun,
+dem Himmel für ein so köstliches Geschenk dankbar, versuchen, diesen
+einzigen Meister in allen Stücken nachzuahmen. Mit einer ganz ungerechtfertigten
+Verachtung früherer Leistungen wird hier also ein höchst gefährlicher
+Eklektizismus gepredigt; dies führt geradeswegs dazu, mit Unterdrückung
+persönlicher Eigenart befahrene Bahnen immer wieder zu durchkreisen.</p></div>
+
+<p>Wie sehr wird aber eine solche Auffassung von den Schlußworten
+Wackenroders beschämt, so wenig man damit einverstanden
+sein kann, daß sich die Natur in dieser Zeit an Kunstgenie arm
+geschenkt habe! Aber auch diese Äußerung verrät größere Liberalität
+als bei Vasari zu finden war, da ja hier nicht ein einzelner
+Mann, sondern eine ganze Epoche als richtunggebend angesehen
+wird, und Namen wie Correggio oder Raffael an dieser Stelle keineswegs
+fehlen. Vor allen anderen aber verbindet sich in Wackenroders
+Gemüt hohe Ehrfurcht vor dem Genius mit entschiedener
+Mißachtung seiner Nachahmer, deren Methode Vasari offenbar gerechtfertigt
+<span class="pagenum"><a name="Page_47" id="Page_47">-47-</a></span>fand, wollte er nicht jede weitere Ausübung der Malerei
+untersagen. Wackenroder spricht deutlich aus, daß er nur ein
+Original für groß in der Kunst halte, &#8222;jämmerlich&#8220; werden die
+Nachbeter genannt, die sich stets zwischen den Extremen hin- und
+herbewegen, verblaßte Abbilder oder arge Übertreibungen liefern.
+So schränkt er auch das Lob der reformatorischen Tätigkeit Caraccis
+in gebührender Weise ein; sie ist ihm bloß Anleitung, die in Verfall
+geratene Beschäftigung mit der hohen Kunst jener Tage wieder
+in Fluß zu bringen. So erkannte ja auch Friedrich Schlegels kunstgeübter
+Blick die mangelnde Originalität dieser Schule (Werke VI, 13):
+&#8222;In der Schule Caraccis finde ich selten ein Gemälde, das mir
+eine wahre Kunstanschauung und Erweiterung meiner künstlerischen
+Ideen gewährte,&#8220; und Wilhelm (Athenäumsfragmente Nr.&nbsp;178), der
+die deutsche Malerei der Vergangenheit nur bedingungsweise Raffaels
+Meisterschaft vergleicht, stehen Dürer und Holbein bereits mit weit
+größerem Rechte im Vorhofe zum Tempel des Urbiners als der
+Vertreter deutschen Eklektizismus, der &#8222;gelehrte&#8220; Mengs.</p>
+
+<h2>V.</h2>
+
+<p><em class="gesperrt">Die Mahlerchronik.</em> &#8222;Herzensergießungen eines kunstliebenden
+Klosterbruders&#8220; nannte Wackenroder sein Werk und machte
+uns mit der Person des vorgeschützten Verfassers und seinem Verhältnis
+zur Kunst bekannt. Gleichwohl werden wir in der Reihe
+unserer Skizzen, die teils Künstlerporträts entwerfen oder wunderbare
+Anekdoten vorführen, teils in freier Form einer übermächtigen Begeisterung
+für die Kunst Ausdruck geben, kaum mehr daran erinnert,
+daß wir es hier überhaupt mit Aufzeichnungen einer fingierten Person
+oder gerade eines Klosterbruders zu tun haben. Der Erzähler
+hat freilich die Novelle, die dem ersten Kapitel Stoff lieferte und so
+treffend seine Anschauungen von Inspiration bestätigte, aus den verstaubten
+Schätzen eines Klosterarchivs hervorgezogen, sonst aber, im
+weiteren Verlaufe der &#8222;Herzensergießungen&#8220; fehlt jede Bezugnahme
+auf den Titel, und nur der herzliche, warme Ton, der durch diese
+Bekenntnisse geht, läßt den Titel nicht in Vergessenheit geraten.
+Erst im zwölften Kapitel, das eigentlich in den Anfang gehört hätte,
+erfahren wir, welche inneren Erlebnisse den Mann, der zu uns spricht,
+zu seinen Aufzeichnungen führten.</p>
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_48" id="Page_48">-48-</a></span></p>
+<div class="blockquot"><p>Ein Aufenthalt auf einem gräflichen Schlosse war für das Verhältnis
+des Neulings zur Kunst und ihrer Geschichte entscheidend geworden. In
+echt romantischer Weise schwebt über diesem Orte ein geheimnisvolles
+Dunkel. Wir erfahren nicht, wo das Schloß lag, wer seine Besitzer waren oder
+was den jungen Mann dorthin geführt hatte; nur soviel erfahren wir, daß dort
+eine ungeheuere Menge der erlesensten Kunstwerke der Malerei zu finden war.</p>
+
+<p>In kurzen drei Tagen hatte der Jüngling, von dem glühendsten Eifer
+beseelt, eine solche Fülle von Schönheit auf sich wirken lassen, daß ihn der
+übergroße Reichtum an Eindrücken fast seiner Vernunft beraubt hatte. Ohne
+Führung und Rat wäre er nicht unterrichteter in Kunstdingen als früher aus
+jenen Räumen geschieden, als er plötzlich Gelegenheit finden sollte, an der
+Seite eines Kundigen mit mehr Nachdruck, aber auch mehr Maß als früher
+sich neuerdings in die großen Meisterwerke des Hauses zu vertiefen. Und
+nun wird uns dieser Lehrmeister in derselben geheimnisvollen Art charakterisiert,
+wie früher die Örtlichkeit. Es ist ein reisender Pater, der nur begrenzte
+Zeit auf dem Schlosse weilt; wir wissen nicht, woher er gekommen
+ist, noch wohin er sich später wenden wird. Er erscheint, stiftet Wohltätiges
+und verschwindet, ganz wie ein guter Geist im Märchen.</p>
+
+<p>Sein dankbarer Schüler hört nie wieder etwas von ihm, sein Schicksal
+bleibt ihm stets so verborgen wie sein Name. Durch den Einfluß dieses
+Mannes eröffnet sich dem jungen Reisenden bald ein neues Interessengebiet.
+Jetzt erst kommt es ihm so recht zum Bewußtsein, daß hier keine Werke
+des Himmels, sondern Erzeugnisse aus Menschenhänden auf den Betrachter
+niederblicken. Solange die Schöpfer dieser Gemälde lebten, war aber in
+ihnen der hohe Geist lebendig, den, wie der Pater mit echt Wackenroderscher
+Frömmigkeit lehrt, der himmlische Funke in ihnen entzündet hatte. Sie
+selbst sind nun lange dahin, uns aber umfängt in ewiger Jugend die Herrlichkeit,
+die ihre schwachen Menschenhände durch göttlichen Beistand hervorzuzaubern
+vermochte. Wer aber das erwägt, gerät in eine aus Wehmut
+und süßer Träumerei gemischte Stimmung, die am besten dazu geeignet ist,
+im Menschen die Anregung zu &#8222;allerhand guten Ideen zu bieten&#8220;. Damit
+verbindet sich aber auch das Bedürfnis, Leben und Charakter der Personen
+näher zu erforschen, denen die Allmacht diese ausgezeichneten Gaben verliehen
+hat. Und so gelangen wir zum Studium der Künstlergeschichte, aus der von
+dem klugen Lehrer zunächst die Lebensläufe jener Künstler ausgewählt werden,
+deren Gemälde sein Zuhörer in den Sälen des Schlosses bewundern durfte.</p></div>
+
+<p>Wir werden an Wackenroder selbst erinnert, wenn der Pater
+bei dem Jüngling besondere Vorliebe für den göttlichen Raffael entdeckt
+haben will. Darum weiß er mit keinem besseren den Anfang
+zu machen. Die Quelle seiner Erzählungen haben wir wieder bei
+<em class="gesperrt">Vasari</em> zu suchen. Der Chronist versorgt diesmal reichlicher mit
+biographischem Material, als da uns Raffaels Erscheinung geschildert
+wurde. Aber aus der Biographie finden bei Wackenroder nur jene
+Momente Eingang, die den tragischen Gegensatz von Zeitlichkeit
+<span class="pagenum"><a name="Page_49" id="Page_49">-49-</a></span>des Künstlerlebens und der Ewigkeit der Schöpfungen ins rechte
+Licht setzen. So weiß der Pater beweglich das Werden und
+Wachsen des allzufrüh Dahingeschiedenen zu skizzieren und unsere
+Teilnahme für manchen rührenden Zug im besonderen zu wecken.
+Mit Benutzung von Vasaris Angaben wird uns die erste Jugend des
+Künstlers angedeutet. Es wird der zarten Fürsorge gedacht, die
+dem kleinen Liebling im reichsten Maße von den Eltern zuteil wurde.
+Nach dem ausdrücklichen Wunsche des Vaters wurde Raffael von
+der Mutter selbst gesäugt; der zarte, doch geistig hochentwickelte
+Knabe wurde schon in jugendlichen Jahren ein wertvoller Mitarbeiter
+für den Vater, der sich, was Wackenroder zu erwähnen vergaß,
+selbst der Malerei gewidmet hatte. Über die späteren Schicksale
+Raffaels, die Vasari berichtet, geht Wackenroders Erzählung hinweg.</p>
+
+<div class="blockquot"><p>Was die Jugend und Studienzeit betrifft, so sehen wir nur noch den
+jungen Raffael zu den Füßen des Pietro Perugino sitzen, dem ihn der eifrig
+für die Ausbildung des Sohnes tätige Vater als Schüler zuführte, und wie
+bei Vasari wird das Trennungsweh der Mutter beweglich geschildert. Die
+Geschichte bestätigt von diesen Erzählungen nur recht wenig. Passavant
+(Rafael et son père Giovanni Santi I, 27) nahm die Angabe, Raffael sei von
+der eigenen Mutter gesäugt worden, unmittelbar aus Vasari mit Hinweis auf
+seine Quelle, ohne genaueres darüber zu sagen. Daß die Mutter ihren Sohn
+mit Tränen von sich lassen mußte, ist ebenso unwahr als die Mitteilung,
+Raffaels Vater habe den Knaben noch selbst zu Pietro Perugino gebracht;
+denn die Mutter starb bereits 1491, der Vater, der sich 1492 zum zweitenmal
+vermählt hatte, bereits 1494, konnte also, da Raffael bei seinem Tode erst
+elf Jahre zählte, nur in den Grundlagen der Kunst sein Berater gewesen sein;
+ein Aufenthalt Raffaels bei Perugino kann aber (Knackfuß, Raffael, S.&nbsp;2) vor
+1500 nicht begonnen haben, da der angesehene Meister vor diesem Zeitpunkte
+fast ständig außerhalb Perugias beschäftigt war.</p></div>
+
+<p>Bei Wackenroder wird nun dem Jüngling, der das erste Aufkeimen
+jener wunderbaren Blüte beobachten durfte, gleich der Tag
+gezeigt, an dem sie verwelkte; er durfte sich nicht ihres allmählichen
+Wachstumes freuen, an der Hand eines methodischen Biographen
+folgerecht fortschreiten. Der Pater fragt den aufmerksamen Zuhörer:
+&#8222;Sage mir, wie wird dir zumute, wenn du das anhörst? Ist dir
+nicht lieblich und wohl dabei, diese Dinge zu vernehmen?&#8220; Aber
+wie ihm der Reiz, einen großen Mann gleichsam in der Kinderstube
+zu belauschen, durch diese Frage noch eindringlicher gemacht
+ist, wird ihm mit fast grausamer Schnelligkeit der Tod des verehrten
+Meisters mitgeteilt. Er muß es erfahren, daß der Künstler, dem
+<span class="pagenum"><a name="Page_50" id="Page_50">-50-</a></span>sein junges Herz vor allen anderen entgegenflog, den geernteten
+Ruhm nur kurz genießen konnte, in bester Manneskraft der Erde
+entrissen wurde.</p>
+
+<p>Doch ist eine genauere Beschreibung von Raffaels Tod vermieden,
+ebensowenig einer Krankheitsursache gedacht, die schon
+früh unter den Chronisten einen Zankapfel gebildet hatte. Vasari
+und Fornari verzeichneten Raffaels Ausschweifungen als Ursache,
+Pungileoni, Longhena, endlich im neunzehnten Jahrhundert Passavant
+ließen Raffael an Malaria zugrunde gehen. Eine solche heikle Frage
+würde, hätte Wackenroder sie aufgeworfen, nur die hellen Farben
+des von ihm entworfenen Charakterbildes verdunkelt haben. Der
+rührend-schöne Anblick des toten Meisters, der da im Sarge schlummert,
+während sich daneben die Staffelei mit dem jüngst vollendeten Gemälde
+von der &#8222;Transfiguration&#8220; erhebt, reizte den Pater zum
+stimmungsvollen Verweilen in dieser Situation, die man Vasari einfach
+entnehmen konnte. Auf den Gegensatz von Vergänglichkeit
+und Ewigkeit, der sich hier offenbart, wird außer der reinen Mitteilung
+noch nachdrücklich verwiesen. Eine eingehende Beschreibung
+des Gemäldes, wie sie Vasari (a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;273 ff.) geliefert hat,
+konnte Wackenroder entbehren, aber trotzdem prägte er für die
+Hauptgruppen der Figuren knappe, treffende Bezeichnungen.</p>
+
+<div class="blockquot"><p>Dem Elend der Erde (im Gemälde durch die Figur des Besessenen
+repräsentiert), stellt er den Trost edler Männer (die Apostel) und die Glorie
+des Himmelslichtes (Christus in hellem Glanz zwischen Moses und Elias über
+den in künstliches Helldunkel getauchten Gestalten schwebend). Sodann
+geht der Pater gleich zu Raffaels Charakter über. Der Jüngling, der voll
+Spannung nach weiteren Nachrichten über Raffael forscht, soll nun das
+Schönste erfahren, das ihm sein Mentor von dem Künstler zu sagen weiß.
+Da hebt er denn vor allem die rührende Bescheidenheit des großen Meisters
+hervor, die so sehr mit der Anmaßung und Originalitätssucht der Zeitgenossen
+im Widerspruch gestanden sei; er vergleicht, wieder zum Bilde
+greifend, Raffaels Erdentage mit einem sanft und heiter dahinfließenden Bache.
+Vasari hat merkwürdigerweise die Bescheidenheit des Meisters nie so recht
+betont, so genau auch Wackenroders Charakteristik sonst seinen Angaben
+folgt. Aber der ganz einzigen Gefälligkeit und Dienstbereitschaft, die Raffael
+anderen gegenüber stets an den Tag legte, vergaß Vasari keineswegs. Ja, er
+nahm nach Vasaris Bericht, den Wackenroder verwertete, keinen Anstoß,
+eigene Arbeiten um fremder willen im Stiche zu lassen. Bei Vasari merkt
+man freilich ein wenig Bedenklichkeit gegen diese Angaben; er fügt ein einschränkendes
+&#8222;man sagt&#8220; hinzu, wo Wackenroder frei und sicher wie von
+ganz authentisch bezeugten Tatsachen redet.</p></div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_51" id="Page_51">-51-</a></span></p><p>Wichtig ist für uns, daß Wackenroder von Raffaels väterlicher
+Freundlichkeit seinen Schülern gegenüber ebenfalls bei Vasari lesen
+konnte. Denn nicht nur an dieser Stelle scheint er daran angeknüpft
+zu haben. Die Erzählung &#8222;der Schüler und Raffael&#8220;, für die sich
+eine Quelle aus Vasaris Biographien der Zeitgenossen des großen
+Urbiners nirgends nachweisen läßt, hat vielleicht von diesen allgemeinen
+Bemerkungen Anregung erhalten.</p>
+
+<div class="blockquot"><p>Dort sehen wir einen jungen Malschüler, der mit Eifer und Fleiß die
+Kunst studiert, viele berühmte Meister bereits zu kopieren versucht hat, bei
+keinem aber auf größere Schwierigkeiten gestoßen ist, als bei Raffael. Er
+fühlt dunkel einen geheimnisvollen Grund dieser Schwierigkeiten und kann
+mit sich doch nie darüber ins Reine kommen, worin der ungeheuere Abstand
+seiner Nachahmungen von Raffaels Gemälden seine Erklärung finde. So faßt
+er denn endlich Mut, Raffael in einem Briefe um Anleitung zu bitten, wie
+er ihm ähnlich werden könne. Diese Anfrage tut der Schüler, wie er ausdrücklich
+hervorhebt, im festen Vertrauen auf Raffaels oft bewiesene Liebenswürdigkeit
+und Güte, und Raffaels Antwort fällt auch ganz so aus, wie man
+es von ihm nach den Schilderungen Vasaris und Wackenroders in der
+&#8222;Mahlerchronik&#8220; erwarten mußte. Weit entfernt davon, die naive Erkundigung
+des jungen Menschen lachend oder ärgerlich beiseite zu schieben,
+würdigt ihn Raffael eines wohlmeinenden Briefes von seiner Hand. Mit
+der ganzen wunderbaren Unwissenheit manches Genies über die spezifische
+Beschaffenheit seiner eigenen Größe kann er ihm freilich in der Hauptsache
+keinen Bescheid geben; er hat stets wie im Traum geschaffen, Ziele und
+Mittel wurden niemals erwogen. Aber trotzdem will Raffael den wacker
+Strebenden nicht ohne Trost lassen, und vergißt darum nicht, seinen Fleiß
+und Kunsteifer zu loben und ihn zu weiterem Studium anzuspornen; dabei
+zeigt sich wieder die Bescheidenheit Raffaels, die in der &#8222;Mahlerchronik&#8220;
+gerühmt wurde. Denn wenn auch dem Schüler der Glaube genommen
+werden soll, als ließe sich tief aus natürlichen Anlagen hervorgegangene
+Kunst durch sauren Schweiß erzwingen, so verbirgt doch Raffael gar nicht,
+selbst durch Nachahmung anderer Meister viel gelernt zu haben, und macht
+mit Nachdruck auf den hohen Bildungswert solcher Beschäftigung aufmerksam.
+So hat schon diesem Kapitel der &#8222;Herzensergießungen&#8220; Vasari vorgearbeitet,
+und was die &#8222;Mahlerchronik&#8220; nur in großen Zügen darzustellen
+unternahm, ist hier mit greifbarer Deutlichkeit in Form eines Beispieles vorgeführt
+worden. Auch darum ist die kleine Anekdote von Interesse, weil sie
+sehr hübsche Berührungspunkte mit Goethes &#8222;Künstlers Apotheose&#8220; aufweist.
+Vgl. Minors ausgezeichnete Darlegung (Goethe-Jahrbuch X, 226).</p>
+
+<p>Wie ein Triumphator, berichtet Vasari, schritt Raffael inmitten seiner
+Schüler zu Hofe. Schon früher (a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;250) war bemerkt worden, daß
+sein imponierendes Wesen keinerlei Zank und Hader unter der Jugend habe
+aufkommen lassen. Von einem sehr richtigen Gefühl geleitet stellt Wackenroder
+die Bemerkung dorthin, wo er den Meister unter der großen Schülerzahl
+<span class="pagenum"><a name="Page_52" id="Page_52">-52-</a></span>zeigt. Bei der bedeutenden Menge der Jünger wird ihre stete Eintracht
+besonders auffällig. Zudem ist wieder Vasaris bloß chronistischer Bericht in
+eine anmutige poetische Form gegossen. Denn wenn Wackenroder (a.&nbsp;a.&nbsp;O.)
+las, daß die Erscheinung Raffaels unter der Schülerschaft &#8222;jede üble Laune
+schwinden machte&#8220; und niedrige Gedanken aus der Seele &#8222;verscheuchte&#8220;,
+erscheint vor seiner nimmermüden Fantasie sofort ein bezeichnendes Bild:
+der Geist des großen Mannes schwebt wie eine Sonne des Friedens über
+den Schülern, und alle Flecken der Seele werden durch ihren Einfluß getilgt.
+Hohes Können und lautere Tugend verband sich hier zu einer wunderbaren
+Mischung. Und hatte Vasari die Künstler ermahnt, an diesem Vorbilde
+zu lernen, was es hieße, Kunst und Sitte zu vereinen, so faßt Wackenroder,
+die Mahnung verschmähend, seine Mitteilungen mit scharfer Prägnanz
+in die Worte zusammen: &#8222;So wurden sie von seinem Geiste wie von
+seinem Pinsel besiegt.&#8220;</p></div>
+
+<p>Es ist begreiflich, daß Wackenroder nicht darauf verzichtete,
+eine seltsame Anekdote nachzuerzählen, die deutlich das Walten der
+Vorsehung über den Werken des Genies dartut. Die Erzählung
+wurde von ihm selbst als Wundergeschichte bezeichnet, doch versuchte
+er keineswegs durch vorsichtige Zusätze wie Vasaris bei solchen
+Gelegenheiten stets gebrauchtes &#8222;man sagt&#8220; oder &#8222;man erzählt sich&#8220;
+die Glaubwürdigkeit des Berichteten in Frage zu stellen. Das Ereignis,
+um das es sich hier handelt, kann sich mit allen den Seltsamkeiten,
+die wir in den &#8222;Herzensergießungen&#8220; kennen lernen,
+an Abenteuerlichkeit messen.</p>
+
+<div class="blockquot"><p>Raffaels &#8222;Kreuztragung Christi&#8220; sollte nach Palermo gebracht werden;
+aber während der Überfahrt wurde das Schiff mit seinem gesamten Inhalte
+an Menschen und Waren durch einen heftigen Sturm in den Fluten begraben,
+nur das Gemälde Raffaels gelangte schwimmend bis nach Genua,
+wo es ans Land gezogen und später an seinen Bestimmungsort gebracht
+wurde. Dort soll es, wie Vasari sagt, höheren Ruhm genossen haben als
+der feuerspeiende Berg. Eine genauere Beschreibung des Gemäldes fehlt
+auch hier; die Vasaris ist, wie uns der Übersetzer dartut, keineswegs einwandfrei.
+Wir vernehmen überdies, daß Vasari fast alle seine Bilder aus dem
+Gedächtnisse beschrieb. Wackenroder beschränkt sich darauf, ganz allgemein
+von einem &#8222;kreuztragenden Christus mit vielen Figuren&#8220; zu sprechen.</p></div>
+
+<p>Bei keinem Künstlercharakter, den der geheimnisvolle Mann
+seinem Begleiter vorstellte, verweilte er mit so viel Liebe als bei
+dem Raffaels. Hier ließ uns Wackenroder den ganzen Schatz von
+schwärmerischer Verehrung ahnen, in der sein Herz für den &#8222;Göttlichen&#8220;
+schlug. Dagegen nimmt sich nur klein aus, was noch zum
+Lobe anderer Künstler gesagt wird. Meist wird uns nur eine Seite
+ihres Wesens enthüllt, meist in Form einer charakteristischen Anekdote,
+<span class="pagenum"><a name="Page_53" id="Page_53">-53-</a></span>während wir von Raffaels Gemütsart die wesentlichen Hauptzüge
+freilich ohne Entstellung durch die schlechten Eigenschaften,
+kennen lernen durften. Im folgenden gewahren wir aber an Wackenroder
+eine Vielseitigkeit, die ihn auch zu methodischem Studium
+der Kunstgeschichte hätte befähigen können. Denn von denen, die
+wir später kennen lernen, ist gar mancher himmelweit von Raffael
+verschieden; vielen ist der Urbiner der gerade Widerpart. Aber
+Wackenroder spürte trotzdem unermüdlich nach der &#8222;wundervollen
+Erscheinung&#8220;, dem Künstlercharakter, und suchte sich bei Vasari,
+den der Pater als den ältesten und vornehmsten Kunstchroniker hinstellt,
+stets neue Stoffe.</p>
+
+<p>Unmittelbar auf Raffael läßt Wackenroder allerdings zwei Maler
+folgen, deren Lebensbeschreibung Vasari nicht geliefert hatte. Domenichino,
+nicht nur ein glänzendes Beispiel für eisernen Fleiß, der ihn
+gar oft von früh bis abends an der Staffelei festhielt, auch für bewunderungswürdige
+Einfühlung in die Gegenstände der Kunst, mußte
+er aus einer anderen Chronik kennen gelernt haben, und auch des
+älteren Caracci Meisterschaft, der statt in des Bruders breite Redseligkeit
+über die Laokoongruppe einzustimmen, mit ein paar Strichen
+eine erstaunliche Nachzeichnung des Werkes auf die Leinwand
+bannte, hat Vasari noch nicht verkündet. Dieser Künstler bildet
+nun den Übergang zu der Reihe derer, die als Beispiele für unstillbare,
+seit früher Jugend stets rege Liebe zur Kunst aufgeführt
+werden sollen. Mit einer einzigen Ausnahme ist hier durchaus
+Vasari Gewährsmann. An der Spitze der Meister, die wir nun
+kennen lernen sollen, steht der große Giotto di Bondone, der es
+vom Hirtenknaben bis zum Begründer einer gewaltigen, durch ein
+Säkulum mächtig wirksamen Schule brachte, nachdem einmal Cimabue
+an Figuren, die des Knaben spielende Hand in den Sand zeichnete,
+die große Begabung erkannt und den jungen Burschen zum Schüler
+begehrt hatte. Von Vasaris Bericht (I, 133 ff.) verschwieg Wackenroder
+hier nur, daß Giotto die Schafe des eigenen Vaters hütete,
+also nicht gezwungen war, sich um fremden Lohn abzumühen. Auch
+andere Berichte ganz ähnlichen Inhalts über Domenico Beccafumi,
+den Lorenzo mit sich nach Siena nahm, oder Contucci (Andrea dal
+Monte Sansonino), der an dem reichen Florentiner Simone Vespucci
+einen Gönner fand und dem Antonio Pollajulo in die Lehre gegeben
+wurde, stimmen ganz mit den entsprechenden Stellen bei
+<span class="pagenum"><a name="Page_54" id="Page_54">-54-</a></span>Vasari (IV, 1, III, 312, III, 2 69), nur fehlen bei Wackenroder die
+Namen der Protektoren. Nur andeutungsweise wird uns ferner von
+Polidoro da Caravaggios merkwürdigem Lebensgang erzählt. Mit
+Maurerarbeit am Vatikangebäude beschäftigt, war es ihm vergönnt,
+die Schüler Raffaels bei der Arbeit zu belauschen; ihr Feuereifer
+verpflanzte sich auch in seine Seele, und bald entschloß er sich, die
+Künstlerlaufbahn einzuschlagen. Vasaris längere biographische Arbeit
+über diesen Meister gedenkt dieser hochinteressanten inneren
+Wandlung (III, 2 69).</p>
+
+<p>In keinem Maler von allen, deren hier gedacht wurde, sprach
+sich freilich der heiße Drang zum Künstlerberuf stärker und unwiderstehlicher
+aus als in Jakob <em class="gesperrt">Callot</em>. Leider ist uns nicht Gelegenheit
+geboten, Wackenroders höchst anziehende Schilderung seines Wesens
+an einem vielleicht recht dürftigen und farblosen Quellenbericht zu
+messen. Das plötzliche Auftauchen des Niederländers unter der
+Künstlerschaft Italiens mag vielleicht etwas befremden, aber nebst dem
+abenteuerlichen Schicksal, das zu einer Erzählung gerade in diesem
+Kapitel aufzufordern scheint, dürfte wohl auch der mystische Zug in
+diesem Leben (Callot starb, wie er es sich gewünscht hatte, gerade mit dreiundvierzig
+Jahren) besonders stark auf Wackenroder eingewirkt haben.</p>
+
+<p>Eine Reihe bedeutsamer Gestalten läßt des Paters Erzählungskunst
+an seinem Zögling vorüberziehen. Stets sind die Einzelheiten
+von ihrer besonderen Seite interessant; zu allen finden sich leicht
+und ungezwungen die Übergänge. Von den Meistern, deren Gemälde
+im Saale hängen, und die ihrer Individualität nach wie Domenichino
+oder Caracci mit wenigen, treffenden Zügen charakterisiert
+werden, kommt man zu den Giotto, Caravaggio und anderen durch
+einfache, natürliche Überleitung, nicht an der Hand doktrinärer Erörterung.
+Dem wißbegierigen Jüngling drängt sich von selbst die
+Frage nach jenen auf die Zunge, die schon von frühester Kindheit
+an ihr Ideal in der künstlerischen Produktion gesehen hätten. Spricht
+also hier auch vorwiegend <em class="gesperrt">eine</em> Person, so wird doch der Ton des
+Wechselgespräches nie ganz aufgegeben. So sehr wechseln die Kunstmittel,
+daß die nächste Wendung des Dialoges wieder durch den
+Pater herbeigeführt wird. In seinem Geiste, der sinnend unter so
+vielen Lebensschicksalen umherschweift, reihen sich die Glieder der
+Rede leicht aneinander. Wir hörten von Männern, welche die Kunst
+früh an sich lockte; nun wird uns folgerecht gezeigt, wie sie den
+<span class="pagenum"><a name="Page_55" id="Page_55">-55-</a></span>festzuhalten weiß, der sich ihr ergeben hat, ihm selbst aber in entscheidenden
+Lebenslagen reichen Nutzen stiftet. So gelangt die Erzählung
+von den abenteuerlichen Wanderungen Callots zu dem abtrünnigen
+und reuig wiederkehrenden Kunstjünger Mariotto Albertinelli,
+sodann zu der wunderbaren Lebensrettung des Parmeggiano.</p>
+
+<div class="blockquot"><p>Mariotto Albertinelli vermochte infolge seiner unruhigen Gemütsart
+auf der einmal betretenen künstlerischen Laufbahn nicht auszuharren. Eines
+Tages legte er den Pinsel nieder und ergriff den bürgerlichen Beruf eines
+Wirtes. Aber es war eine Selbsttäuschung von ihm, als er alle und jede
+Kunstliebe in sich erstorben glaubte. Die halb verlöschte Begeisterung
+flammte neuerdings empor und führte ihn der ehemaligen Beschäftigung
+wieder zu. Albertinellis Abfall von der Kunst wurde von Vasari (III, 1 135)
+in erster Linie auf seinen Hang zur Sinnlichkeit und Leichtlebigkeit zurückgeführt,
+die reine Geistestätigkeit mit all ihren mannigfaltigen Mühen und Beschwerden
+sei daher seine Sache nicht gewesen. In zweiter Reihe hätten dann
+die fortwährenden Anfeindungen seiner Berufsgenossen gestanden. Ganz so
+verhält es sich auch in Wackenroders Darstellung, wieder hält Unruhe, lebhafte
+Sinnlichkeit vom ernsten Studium der Kunst ab, aber es ist bemerkenswert,
+daß hier ganz bestimmt von den mechanisch-technischen Angelegenheiten
+der Malerei die Rede ist, während Vasari diese besondere Seite nicht hervorkehrt,
+wiewohl auch bei ihm der Gastwirt Albertinelli hauptsächlich froh
+ist, nunmehr der Sorge um Muskeln, Verkürzungen, Perspektive, also rein
+technischer Dinge, überhoben zu sein. Bald eines Studiums überdrüssig, das
+ein Lionardo oder Michelangelo ein langes Leben hindurch mit nie erkaltendem
+Eifer trieben, wollte Albertinelli, wie Vasari sagt, einer Kunst
+dienen, die Fleisch und Blut der Menschen vermehren könne, nicht bloß
+nachzubilden suche.</p></div>
+
+<p>Wackenroder, der mehr nach Lebendigkeit strebend, Mariotto
+selbst in direkter Rede sprechen läßt, bedient sich ganz derselben
+Gegenüberstellung und macht endlich, ganz wie Vasari, als Hauptgrund
+geltend, daß Mariotto sich nunmehr aller Anfeindungen überhoben
+gefühlt habe. Die Motivierung der neuerlichen Umkehr zur
+Kunst ist auch Vasari entlehnt, aber der Gedanke in schönerer,
+weihevollerer Weise ausgesprochen: hier steht auf einmal die ganze
+Erhabenheit des früheren Berufes vor den Augen des Abtrünnigen,
+dort ist es einfach die Niedrigkeit des eigenen Gewerbes, die allmählich
+drückend wird. Für die Beurteilung von Wackenroders
+Stil ist es auch von Wichtigkeit, daß die neue Wendung, wie schon
+öfters, durch einen eingeschobenen, spannungerweckenden Satz erst
+vorbereitet wird: &#8222;Aber was geschah?&#8220; fragt Wackenroder den Leser,
+der soeben den früheren Maler voll Entzücken über den neuen Beruf
+gesehen hat, und führt ihm nun die neue Folge der Ereignisse vor.</p>
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_56" id="Page_56">-56-</a></span></p>
+<div class="blockquot"><p>Wie ein Werk Raffaels durch Wogen und Stürme ans Land kam, so
+behütete auch den berühmten Francesco Mazzuoli aus Parma, genannt Parmeggiano,
+seine Kunst vor dem Tod von Feindeshand, dem so viele seiner
+Mitbürger beim Einzüge Karls des Fünften (1527) zum Opfer fielen. Die rohen
+Söldner wagten nicht, den Meister zu berühren, so gefesselt waren sie von
+dem mächtigen Eindrucke der Vision des &#8222;heiligen Hieronymus&#8220;, an der
+Parmeggiano, des Kriegslärms nicht achtend, ruhig fortmalte.</p></div>
+
+<p>Wackenroder hat hier auf eine von Vasari mit kluger Berechnung
+eingeführte Wirkung verzichtet. Er spricht nur von den
+Plünderungen überhaupt, ohne, wie Vasari dies tut, nachdrücklich
+zu betonen, daß andere Künstler in der Stadt unbarmherzig niedergemetzelt
+wurden. Daß der einzige Parmeggiano hier eine Ausnahme
+bildete, ist um so wunderbarer, wo die Pietätlosigkeit gegen
+Kunst und Künstler besondere Erwähnung findet. Die Umwandlung
+in den Gemütern der Soldaten tritt auch bei Wackenroder unter
+dem unmittelbaren Eindrucke des Kunstwerkes zutage, doch weicht
+er darin etwas von Vasari ab, daß er die nicht geringe Geistesbildung
+der Soldaten, die nach Vasari manches zu ihrer Besänftigung
+beitragen mochte, ganz außer acht läßt, und so durch bloße
+Erwähnung der Tatsache, daß selbst so ganz verwilderten Gemütern
+die Bewunderung vor dem hohen Fluge von Parmeggianos
+Talent die Mordwaffe entrang, wieder bedeutsameren Effekt erzielt.
+Die wunderbare Hoheit der Erzählung nicht zu beeinträchtigen,
+übergeht er stillschweigend die weit prosaischere Fortsetzung der
+Erzählung, die der Historiker nicht verschweigen durfte. Der Kunsteifer
+eines Söldnerführers war gar zu groß: Parmeggiano mußte sich,
+wie Vasari berichtet, dazu verstehen, für ihn eine ganze Menge von
+Aquarellen und Federzeichnungen auszuführen, und bei anderen,
+härter veranlagten Soldaten, als jene es gewesen waren, half ihm
+nur klingende Münze vor dem sicheren Untergang.</p>
+
+<p>Die einzelnen Entwicklungsfasen der vorhin geschilderten, dramatisch
+bewegten Szene begleitet bei Wackenroder eine vorzügliche
+stilistische Wiedergabe. Solange die Plünderung anderer Häuser,
+die ruhige Arbeit des Künstlers an der Staffelei geschildert wird,
+herrscht durchweg der gleichmäßige Fluß des Imperfekts; erst als
+die Soldaten ins Arbeitsgemach dringen, springt die Darstellung mit
+einem Schlage in die Präsensform über. Der Höhepunkt der Erzählung
+tritt in dem Augenblicke ein, als die Soldaten lärmend und
+tobend ins Zimmer gestürmt kommen, Parmeggiano aber ruhig bei
+<span class="pagenum"><a name="Page_57" id="Page_57">-57-</a></span>der Arbeit bleibt. Das eingeschobene &#8222;Siehe!&#8220; ist abermals ein
+recht glückliches Spannungsmittel. Die glückliche Lösung wird in
+treffender Weise wieder im Imperfekt erzählt.</p>
+
+<p>Die Überleitung zur letzten Gruppe bringt einen scharfen
+Stich gegen die Aufklärung. Hier führt eine Frage des Novizen
+die Gesprächswendung herbei: Ob denn immer die rechte Gottesfurcht
+den Meistern den Pinsel geführt habe? Ob das kein Märchen
+sei, wie mehrere Leute behaupteten? Diese &#8222;Leute&#8220; waren ja schon
+in jenem Kapitel, das von Francesco Francias Tode handelte, zurechtgewiesen
+worden, da sie in ihrer nüchternen Denkungsart den Meister
+an Gift umkommen ließen, und die rechte Gottesfurcht forderte
+Wackenroder ja immer wieder von dem Beschauer, der demütig
+anerkennen müsse, daß die Kunst über dem Menschen sei und einer
+durchaus geheimnisvollen Quelle entfließe. So stellte Wackenroder
+auch die Meister der Frühzeit, die tiefe religiöse Gesinnung verrieten
+und ihre Begabung in erster Linie religiösen Stoffen dienstbar machten,
+weit über die späteren, deren vordringlicher Farbenglanz ihn abstößt.
+&#8222;Sie machten die Mahlerkunst zur treuen Dienerin der
+Religion, und wußten nichts von dem eitlen Farbenprunk der heutigen
+Künstler&#8220;, also ein Anathem auf die spätere Produktion, im Sinne
+Friedrich Schlegels, der, höchst einseitig und herb urteilend, die
+&#8222;Malerei aus Helldunkel, Schmutz und Schlagschatten&#8220; in Bausch
+und Bogen ablehnte. Da hat sich doch auch Wackenroder, so allseitig
+und objektiv wir ihn sonst fanden, von einer gewissen Prinzipienreiterei
+nicht freimachen können.</p>
+
+<div class="blockquot"><p>Es wird uns nun zunächst ein Maler vorgeführt, den Vasari ziemlich
+stiefmütterlich behandelte. Wir suchen vergeblich nach einem besonderen
+biographischen Abschnitte, der Lippo Dalmasi gewidmet wäre, und entdecken
+ihn endlich im Anhange der Lebensbeschreibung seines Namensbruders Lippo
+aus Florenz, wo ein paar armselige Zeilen auf ihn gekommen sind. Lippo
+Dalmasi malte um 1407 eine Madonna, die sehr im Ansehen stand; doch
+weiß Vasari nichts davon mitzuteilen, daß sich eine Kopie dieses Bildes in
+den Privatgemächern des Papstes Gregor des Dreizehnten befunden habe.
+Wackenroder muß dies einer anderen Quelle entnommen haben; er hält sich
+nun bei diesem Künstler nicht weiter auf und geht rasch zu einer der sympatischsten
+Erscheinungen der damaligen Zeit, dem liebenswürdigen Dominikaner
+Fra Angelico da Fiesole über, dem eine warme, herzliche Würdigung zuteil
+wird. Die anspruchslose Selbstgenügsamkeit dieses Mannes, seinen stillen, bescheidenen
+Charakter, seinen strengreligiösen Lebenswandel feiert Vasari in der
+Biographie (III, 1, 324) und führt als vorzüglichstes Beispiel für seine Abkehr
+<span class="pagenum"><a name="Page_58" id="Page_58">-58-</a></span>vom öffentlichen Leben noch besonders an, daß er die Würde eines
+Erzbischofs, zu der ihn der Papst ausersehen hatte, ausdrücklich ablehnte.</p></div>
+
+<p>So weit stimmen diese Berichte ganz zu den entsprechenden
+bei Wackenroder; nun teilt aber Vasari einen Zug mit, der uns auch
+die wunderbare Herzensgüte Fra Angelicos charakterisiert; es ist
+schwer zu begreifen, daß ihn Wackenroder verschwieg. Die Ablehnung
+der Bischofswürde gab dem herrlichen Mann zugleich Gelegenheit,
+ein wohltätiges Werk zu tun, denn er bat den Papst, dem
+Frater Antonio von Florenz die ihm bestimmte Ehrung zukommen
+zu lassen. Vasari nahm Gelegenheit, der Geistlichkeit seiner Zeit
+diese Geschichte als nachahmenswertes Exempel hinzustellen, und
+betont zugleich, also ganz im Wackenroderschen Sinne, daß Frömmigkeit
+und Gottesfurcht Fra Angelicos Künstlerberuf erst recht gegründet
+hätten. Auch hierin zeigt Vasari eine Spur Wackenroderscher
+Empfindungsweise, daß ihm aus den Engelsköpfen von Fra Angelicos
+Gemälden dieselbe Anmut entgegenstrahlt, wie sie die Himmelsherrlichkeit
+über die Werke der natürlichen Schöpfung ausgegossen
+hat. So wünscht er endlich auch für den Beschauer religiöse
+Sammlung, bevor er das Gemälde auf sich wirken läßt, und reiht
+daran noch einen anderen Gedanken, wenn er die würdigen Betrachter
+jenen gegenüberstellt, die bloß gemeine Sinnlichkeit erfüllt.
+Eine wahrhaft religiös gestimmte Seele lasse solche Empfindungen
+nicht in sich aufkeimen.</p>
+
+<div class="blockquot"><p>Skeptisch zeigt sich Vasari nun allerdings gegen eine seltsame Erzählung,
+die zu jener Zeit Fra Angelicos frommen, gottergebenen Sinn
+deutlich machen sollte. Er habe nie eine Arbeit begonnen, ohne vorher
+gebetet zu haben, und wenn er ein Kruzifix gemalt habe, seien ihm
+jedesmal die hellen Tränen über die Wangen gelaufen. Wir können nicht
+beurteilen, wie sich Vasari zu ähnlichen Anekdoten, wie sie z.&nbsp;B. über Domenichino
+in Schwang waren, verhielt; für den letztgenannten war er ja auch
+nicht Wackenroders Gewährsmann.</p></div>
+
+<p>Wackenroder selbst zweifelt jetzt so wenig wie damals an der
+Wahrheit des Berichtes. Ein Beispiel, das so geeignet war, der
+Charakteristik Plastizität zu geben, vermochte er weder zu übergehen,
+noch durch Einschränkungen oder spätere Berichtigungen in
+seiner Wirkung zu beeinträchtigen. Die Polemik antizipierend, betont
+er nachdrücklich, was er erzähle, sei keineswegs ein Märchen,
+sondern die reine Wahrheit. Den Bericht, Fra Angelico habe stets
+beim Malen eines Kruzifixes Tränen vergossen, wagt Vasari nur
+<span class="pagenum"><a name="Page_59" id="Page_59">-59-</a></span>mit der Einkleidung &#8222;einige sagen&#8220; aufzunehmen; Wackenroder leitet
+ihn, obwohl er es als Tatsache hinstellt, durch ein vorsichtiges
+&#8222;manchmal&#8220; ein. Eine Nachricht Vasaris, Fra Angelico habe niemals
+ein bereits vollendetes Gemälde noch einmal vorgenommen,
+kam Wackenroder besonders gelegen; die erste Eingebung des
+Himmels war für Fra Angelico entscheidend; er führte seine Arbeit
+aus, &#8222;ohne weiter darüber zu klügeln und zu kritisieren&#8220;. Und
+es ist wiederum bezeichnend, daß Wackenroder, dem Vasari unähnlich,
+seine Darstellung ganz im Lichte allgemeiner, objektiver
+Gültigkeit zu halten bemüht ist, während der Chronist Fra Angelicos
+Verhalten zu Nachbesserungen ganz aus seiner subjektiven Ansicht
+heraus erklärt.</p>
+
+<p>Daß nun gerade hier die merkwürdige Erzählung vom Tode
+des Spinello ihren Platz findet, erzeugt eine vorzügliche Gegenwirkung
+zu der schönen Ruhe, die aus den Mitteilungen über Fra
+Angelico spricht. Auf einem Gemälde (bei Vasari I, 382), das den
+Engelsturz darstellt, gab Spinello dem Lucifer die Gestalt eines
+monströs häßlichen Tieres. Im Schlafe erschien ihm nun Luzifer,
+ganz wie er auf dem Bilde porträtiert wurde, und fragte ihn, warum
+er ihm denn eine so fürchterliche Gestalt gegeben habe. Spinello
+erwachte unter heftigem Zittern, so daß ihm seine Frau erschrocken
+zu Hilfe eilte. Trotz dieser gewaltigen Gemütserschütterung und
+seiner vorgerückten Jahre starb er aber doch nicht auf der Stelle,
+doch für den Rest seiner Tage war jede Heiterkeit dahin. Er erschien
+seiner Umgebung wie geistesabwesend und richtete seine
+Augen mit stierem Ausdruck auf den Besucher. Das entsetzliche
+Erlebnis hatte ihn vollständig gebrochen. In dieser Form erzählt
+Vasari diese Geschichte, und Wackenroder hat sich hier mit großer
+Genauigkeit an den Quellenbericht angeschlossen. In der Beschreibung
+des Gemäldes ist deshalb kein wesentlicher Unterschied
+zu Vasari bemerkbar, weil sich dieser wie Wackenroder auf die
+kurze Andeutung der Hauptgruppen beschränkte. Oben in der
+Luft kämpft der Erzengel Michael mit dem siebenköpfigen Drachen,
+unten ist Luzifer in Gestalt eines gräßlichen Ungeheuers. So steht
+die Schilderung in beiden Darstellungen. Daß bei Wackenroder von
+den zehn Hörnern des Drachens nichts zu lesen ist, ist belanglos.
+Wichtiger aber ist, daß Wackenroder mit gutem Geschick auf den
+schaudererregenden Klang von der Stimme jenes Ungeheuers aufmerksam
+<span class="pagenum"><a name="Page_60" id="Page_60">-60-</a></span>zu machen sucht, wenn er betont, Luzifer habe &#8222;fürchterlich&#8220;
+gefragt. Auch das ist zu trefflichster Wirkung eine Neueinführung
+Wackenroders, daß der Maler unter der Übergewalt des Eindruckes
+vergebens bemüht ist, ein Wort hervorzubringen. Ganz im Tone der
+Wundergeschichte klingt endlich die Schlußbemerkung, wo Wackenroder
+aus der &#8222;Neuen florentinischen Ausgabe&#8220; eine Anmerkung
+verwertet (s. Einleitung S.&nbsp;33): &#8222;Das wunderbare Gemählde aber
+ist noch heutiges Tages an seiner alten Stelle zu sehen.&#8220;</p>
+
+<p>Hier schließen wir. Was noch in den &#8222;Herzensergießungen&#8220;
+folgt, hat mit Vasari nichts zu tun. So sahen wir denn einen Künstler
+und Chronisten der italienischen Renaissance mit einem Vertreter
+von Deutschlands romantischer Schule ein gemeinsames Feld betreten.
+Wir sahen die beiden bald Hand in Hand gehen, bald
+jeden seinen eigenen Pfad suchen. Wo sie sich trennten, war es
+die Folge ihrer Individualität, nicht zum wenigsten aber des Unterschiedes
+ihrer Zeiten. Sie haben mit den Künstlerporträts, die sie
+entwarfen, auch ihre eigenen Epochen mit abgezeichnet.</p>
+
+<h3>FUSSNOTEN:</h3>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_1_1" id="Footnote_1_1"></a><a href="#FNanchor_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Die Abhandlung wurde bereits 1903 unter Leitung Jakob Minors
+verfaßt, ist also unabhängig von den neueren Arbeiten über Wackenroder
+entstanden und früher sowohl als Helene <em class="gesperrt">Stöckers</em> Untersuchung &#8222;Zur
+Kunstanschauung des XVIII. Jahrhunderts. Von Winckelmann bis zu Wackenroder&#8220;
+(Berlin 1904. Palaestra 26. Bd.), und als Paul <em class="gesperrt">Koldeweys</em> Beitrag
+zur Quellengeschichte der Romantik &#8222;Wackenroder und sein Einfluß auf
+Tieck&#8220; (Leipzig 1904).</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_2_2" id="Footnote_2_2"></a><a href="#FNanchor_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Über Vasaris eigene schriftstellerische Tätigkeit hat soeben Ugo
+Scoti-Bertinelli eine eingehende Untersuchung veröffentlicht: Giorgio Vasari
+Scittore, Pisa, Successori, Fratelli Nistri 1905. VII, 303 S. gr. 8<sup>o</sup>.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_3_3" id="Footnote_3_3"></a><a href="#FNanchor_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Das Original ist mir leider nicht bekannt. Der Stich stammt, wie
+die Unterschrift (in Spiegelschrift) zeigt, von dem Berliner Kupferstecher
+Friedr. W. Bollinger, über den Nagler (Künstlerlexikon, München 1835, I, 17)
+das Wesentlichste verzeichnet. Der Typus ähnelt am meisten Raffaels florentinischem
+Selbstbildnis. Darauf weise 1. die Auffassung Raffaels als Jüngling,
+2. die etwas geneigte Kopfhaltung, 3. das knapp geschlossene Gewand, das
+sich von der Gewandbildung auf den anderen Gemälden unterscheidet. Das
+Fehlen der Mütze ist wohl auf eine freie Umgestaltung des Stechers zurückzuführen. &ndash; Für
+die freundliche Unterstützung bei meinen Nachforschungen
+und schätzenswerte Hinweise bin ich Herrn Dr. Weichselgärtner von der
+k.&nbsp;k. Hofbibliothek, Herrn Skriptor Jurecek von der Fideikommißbibliothek
+und Herrn Dr. Meder von der Albertina zu herzlichem Dank verpflichtet.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_4_4" id="Footnote_4_4"></a><a href="#FNanchor_4_4"><span class="label">[4]</span></a> Justi<sup>2</sup> a.&nbsp;a.&nbsp;O. S.&nbsp;267.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_5_5" id="Footnote_5_5"></a><a href="#FNanchor_5_5"><span class="label">[5]</span></a> Die beiden ersten Teile der Untersuchung im VI. Bande der
+&#8222;Studien&#8220;, S.&nbsp;245 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_6_6" id="Footnote_6_6"></a><a href="#FNanchor_6_6"><span class="label">[6]</span></a> Für die neuere Forschung über ihn siehe Hugo
+Hoherfelds Dissertation &#8222;Piero di Cosimo&#8220; Breslau 1900.</p></div>
+
+<hr class="l65" />
+<div class='tnote'>
+<h3>Anmerkungen zur Transkription:</h3>
+
+<p>Die erste Zeile entspricht dem Original, die zweite Zeile enthält die Korrektur.</p>
+<ul>
+<li>
+S. <a href="#Page_14">14</a>: neben Raffael auch Corregio und Tizian<br />
+neben Raffael auch Correggio und Tizian</li>
+
+<li>
+S. <a href="#Page_44">44</a>: und bemühlt sich in eigener Person in die Werkstatt<br />
+und bemüht sich in eigener Person in die Werkstatt</li></ul>
+</div>
+
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+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Wackenroders »Herzensergießungen eines
+kunstliebenden Klosterbruders« in ihrem Verhältnis zu Vasari., by Dr. Ernst Dessauer
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WACKENRODERS ***
+
+***** This file should be named 38707-h.htm or 38707-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+Produced by Eleni Christofaki, Karl Eichwalder and the
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+will be renamed.
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+Creating the works from public domain print editions means that no
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+works. See paragraph 1.E below.
+
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+
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+
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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