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diff --git a/38638-h/38638-h.htm b/38638-h/38638-h.htm new file mode 100644 index 0000000..b8b520f --- /dev/null +++ b/38638-h/38638-h.htm @@ -0,0 +1,12543 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> +<head> +<meta name="generator" content= +"HTML Tidy for Mac OS X (vers 25 March 2009), see www.w3.org" /> +<meta http-equiv="Content-Type" content= +"text/html; charset=utf-8" /> +<meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> +<meta name="generator" content="pandoc" /> +<meta name="author" content="Alexander von Humboldt" /> +<meta name="date" content="1865" /> +<title>Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen +Continents.</title> +</head> +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Reise in die Aequinoctial-Gegenden des +neuen Continents v. 4, by Alexander v. Humboldt + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents v. 4 + In deutscher Bearbeitung von Hermann Hauff + +Author: Alexander v. Humboldt + +Translator: Hermann Hauff + +Release Date: January 21, 2012 [EBook #38638] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AEQUINOCTIAL-GEGENDEN *** + + + + +Produced by Ralf Stephan + + + + + +</pre> + +<div id="header"> +<h1 class="title">Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen +Continents.</h1> +<h2 class="author">Alexander von Humboldt</h2> +<h3 class="date">1865</h3> +</div> +<div id="TOC"> +<ul> +<li><a href="#vierundzwanzigstes-kapitel.">Vierundzwanzigstes +Kapitel.</a></li> +<li><a href="#funfundzwanzigstes-kapitel.">Fünfundzwanzigstes +Kapitel.</a></li> +<li><a href="#sechsundzwanzigstes-kapitel.">Sechsundzwanzigstes +Kapitel.</a></li> +<li><a href="#siebenundzwanzigstes-kapitel.">Siebenundzwanzigstes +Kapitel.</a></li> +<li><a href="#anmerkungen-zur-transkription">Anmerkungen zur +Transkription</a></li> +</ul> +</div> +<p>In deutscher Bearbeitung von Hermann Hauff.</p> +<p>Nach der Anordnung und unter Mitwirkung des Verfassers.</p> +<p>Einzige von A. v. Humboldt anerkannte Ausgabe in deutscher +Sprache.</p> +<p>Band 4</p> +<p>1865</p> +<h1 id="vierundzwanzigstes-kapitel."><a href= +"#TOC">Vierundzwanzigstes Kapitel.</a></h1> +<p>Der Cassiquiare. — Gabeltheilung des Orinoco.</p> +<p>Am 10. Mai. In der Nacht war unsere Pirogue geladen worden, und +wir schifften uns etwas vor Sonnenaufgang ein, um wieder den Rio +Negro bis zur Mündung des Cassiquiare hinaufzufahren und den wahren +Lauf dieses Flusses, der Orinoco und Amazonenstrom verbindet, zu +untersuchen. Der Morgen war schön; aber mit der steigenden Wärme +fing auch der Himmel an sich zu bewölken. Die Luft ist in diesen +Wäldern so mit Wasser gesättigt, daß, sobald die Verdunstung an der +Oberfläche des Bodens auch noch so wenig zunimmt, die Dunstbläschen +sichtbar werden. Da der Ostwind fast niemals zu spüren ist, so +werden die feuchten Schichten nicht durch trockenere Luft ersetzt. +Dieser bedeckte Himmel machte uns mit jedem Tage verdrüßlicher. +Bonpland verdarben bei der übermäßigen Feuchtigkeit seine +gesammelten Pflanzen und ich besorgte auch im Thal des Cassiquiare +das trübe Wetter des Rio Negro anzutreffen. Seit einem halben +Jahrhundert zweifelte kein Mensch in diesen Missionen mehr daran, +daß hier wirklich zwei große Stromsysteme mit einander in +Verbindung stehen; der Hauptzweck unserer Flußfahrt beschränkte +sich also darauf, mittelst astronomischer Beobachtungen den Lauf +des Cassiquiare aufzunehmen, besonders den Punkt, wo er in den Rio +Negro tritt, und den andern, wo der Orinoco sich gabelt. Waren +weder Sonne noch Sterne sichtbar, so war dieser Zweck nicht zu +erreichen und wir hatten uns vergeblich langen, schweren +Mühseligkeiten unterzogen. Unsere Reisegefährten wären gerne auf +dem kürzesten Weg über den Pimichin und die kleinen Flüsse +heimgekehrt; aber Bonpland beharrte mit mir auf dem Reiseplan, den +wir auf der Fahrt durch die großen Katarakten entworfen. Bereits +hatten wir von San Fernando de Apure nach San Carlos (über den +Apure, Orinoco, Atabapo, Temi, Tuamini und Rio Negro) 180 Meilen +zurückgelegt. Gingen wir auf dem Cassiquiare in den Orinoco zurück, +so hatten wir von San Carlos bis Angostura wieder 320 Meilen zu +machen. Auf diesem Wege hatten wir zehn Tage lang mit der Strömung +zu kämpfen, im Uebrigen ging es immer den Orinoco hinab. Es wäre +eine Schande für uns gewesen, hätte uns der Aerger wegen des trüben +Himmels oder die Furcht vor den Moskitos auf dem Cassiquiare den +Muth benommen. Unser indianischer Steuermann, der erst kürzlich in +Mandavaca gewesen war, stellte uns die Sonne und »die großen +Sterne, welche die Wolken <strong>essen</strong>,« in Aussicht, +sobald wir die <strong>schwarzen Wasser</strong> des Rio Negro +hinter uns haben würden. So brachten wir denn unser erstes +Vorhaben, über den Cassiquiare nach San Fernando am Atabapo +zurückzugehen, in Ausführung, und zum Glück für unsere Arbeiten +ging die Prophezeiung des Indianers in Erfüllung. Die weißen Wasser +brachten uns nach und nach wieder heitereren Himmel, Sterne, +Moskitos und Krokodile.</p> +<p>Wir fuhren zwischen den dicht bewachsenen Inseln Zaruma und Mini +oder Mibita durch, und liefen, nachdem wir die Stromschnellen an +der <em>Piedra de Uinumane</em> hinaufgegangen, acht Seemeilen weit +von der Schanze San Carlos in den Rio Cassiquiare ein. Jene Piedra, +das Granitgestein, das den kleinen Katarakt bildet, zog durch die +vielen Quarzgänge darin unsere Aufmerksamkeit auf sich. Die Gänge +waren mehrere Zoll breit, und ihren Massen nach waren sie +augenscheinlich nach Alter und Formation unter einander sehr +verschieden. Ich sah deutlich, daß überall an den Kreuzungsstellen +die Gänge, welche Glimmer und schwarzen Schörl führten, die andern, +welche nur weißen Quarz und Feldspath enthielten, durchsetzten und +verwarfen. Nach Werners Theorie waren also die schwarzen Gänge von +neuerer Formation als die weißen. Als Zögling der Freiberger +Bergschule mußte ich mit einer gewissen Befriedigung beim Fels +Uinumane verweilen und in der Nähe des Aequators Erscheinungen +beobachten, die ich in den heimischen Bergen so oft vor Augen +gehabt. Ich gestehe, die Theorie, nach welcher die Gänge Spalten +sind, die mit verschiedenen Substanzen von oben her ausgefüllt +worden, behagt mir jetzt nicht mehr so ganz wie damals; aber dieses +sich Durchkreuzen und Verwerfen von Gestein- und Metalladern +verdient darum doch, als eines der allgemeinsten und +gleichförmigsten geologischen Phänomene, die volle Aufmerksamkeit +des Reisenden. Ostwärts von Javita, längs des ganzen Cassiquiare, +besonders aber in den Bergen von Duida vermehren sich die Gänge im +Granit. Dieselben sind voll von Drusen, und ihr häufiges Vorkommen +scheint auf ein nicht sehr hohes Alter des Granits in diesem +Landstrich hinzudeuten.</p> +<p>Wir fanden einige Flechten auf dem Fels Uinumane, der Insel +Chamanare gegenüber, am Rand der Stromschnellen; und da der +Cassiquiare bei seiner Mündung eine rasche Wendung von Ost nach +Südwest macht, so lag jetzt zum erstenmal dieser majestätische Arm +des Orinoco in seiner ganzen Breite vor uns da. Er gleicht, was den +allgemeinen Charakter der Landschaft betrifft, so ziemlich dem Rio +Negro. Wie im Becken dieses Flusses laufen die Waldbäume bis ans +Ufer vor und bilden ein Dickicht; aber der Cassiquiare hat weißes +Wasser und ändert seine Richtung öfter. Bei den Stromschnellen am +Uinumare ist er fast breiter als der Rio Negro und bis über Vasiva +hinaus fand ich ihn überall 250 bis 280 Toisen breit. Ehe wir an +der Insel Garigave vorbei kamen, sahen wir gegen Nordosten beinahe +am Horizont einen Hügel mit halbkugligtem Gipfel. Diese Form ist in +allen Himmelsstrichen den Granitbergen eigenthümlich. Da man +fortwährend von weiten Ebenen umgeben ist, so hängt sich die +Aufmerksamkeit des Reisenden an jeden freistehenden Fels und Hügel. +Zusammenhängende Berge kommen erst weiter nach Ost, den Quellen des +Pacimoni, Siapa und Mavaca zu. Südlich vom Raudal von Caravine +bemerkten wir, daß der Cassiquiare auf seinem gekrümmten Lauf San +Carlos wieder nahe kommt. Von der Schanze in die Mission San +Francisco, wo wir übernachteten, sind es zu Lande nur zwei und eine +halbe Meile, während man auf dem Fluß 7—8 rechnet. Ich verweilte +einen Theil der Nacht im Freien in der vergeblichen Hoffnung, die +Sterne zum Vorschein kommen zu sehen. Die Luft war nebligt trotz +der <strong>weißen Wasser</strong>, die uns einem allezeit +sternhellen Himmel entgegen führen sollten.</p> +<p>Die Mission San Francisco Solano auf dem linken Ufer des +Cassiquiare heißt so zu Ehren eines der Befehlshaber bei der +»Grenzexpedition,« Don Joseph Solano, von dem wir in diesem Werke +schon öfter zu sprechen Gelegenheit gehabt. Dieser gebildete +Officier ist nie über das Dorf San Fernando am Atabapo +hinausgekommen; er hat weder die Gewässer des Rio Negro und des +Cassiquiare, noch den Orinoco ostwärts vom Einfluß des Guaviare +gesehen. In Folge eines Mißverständnisses, das aus der Unkenntniß +der spanischen Sprache entsprang, meinten manche Geographen auf La +Cruz Olmedillas berühmter Karte einen 400 Meilen langen Weg +angegeben zu finden, auf dem Don Joseph Solano zu den Quellen des +Orinoco, an den See Parime oder das <strong>weiße Meer</strong>, an +die Ufer des Cababury und Uteta gekommen seyn sollte. Die Mission +San Francisco wurde, wie die meisten christlichen Niederlassungen +südlich von den großen Katarakten des Orinoco, nicht von Mönchen, +sondern von Militärbehörden gegründet. Bei der Grenzexpedition +legte man Dörfer an, wo ein <strong>Subteniente</strong> oder +Corporal mit seiner Mannschaft Posto gefaßt hatte. Die +Eingeborenen, die ihre Unabhängigkeit behaupten wollten, zogen sich +ohne Gefecht zurück, andere, deren einflußreichste Häuptlinge man +gewonnen, schlossen sich den Missionen an. Wo man keine Kirche +hatte, richtete man nur ein großes Kreuz aus rothem Holze auf und +baute daneben eine <em>Casa fuerte</em>, das heißt ein Haus, dessen +Wände aus starken, wagrecht übereinander gelegten Balken bestanden. +Dasselbe hatte zwei Stockwerke; im obern standen zwei Steinböller +oder Kanonen von kleinem Kaliber; zu ebener Erde hausten zwei +Soldaten, die von einer indianischen Familie bedient wurden. Die +Eingeborenen, mit denen man im Frieden lebte, legten ihre +Pflanzungen um die <em>Casa fuerte</em> an. Hatte man einen +feindlichen Angriff zu fürchten, so wurden sie von den Soldaten mit +dem Horn oder einem <strong>Botuto</strong> aus gebrannter Erde +zusammengerusen. So waren die neunzehn angeblichen christlichen +Niederlassungen beschaffen, die Don Antonio Santos auf dem Wege von +Esmeralda bis zum Everato gegründet. Militärposten, die mit der +Civilisation der Eingeborenen gar nichts zu thun hatten, waren auf +den Karten und in den Schriften der Missionäre als Dörfer +(<em>pueblos</em>) und <em>redicciones apostolicas</em> angegeben. +Die Militärbehörde behielt am Orinoco die Oberhand bis zum Jahr +1785, mit dem das Regiment der Franciskaner seinen Anfang nimmt. +Die wenigen Missionen, die seitdem gegründet oder vielmehr +wiederhergestelIt worden, sind das Werk der Observanten und die +Soldaten, die in den Missionen liegen, stehen jetzt unter den +Missionären, oder die geistliche Hierarchie maßt sich doch dieses +Verhältniß an.</p> +<p>Die Indianer, die wir in San Francisco Solano trafen. gehörten +zwei Nationen an, den Pacimonales und den Cheruvichahenas. Da +letztere Glieder eines ansehnlichen Stammes sind, der am Rio Tomo +in der Nachbarschaft der Manivas am obern Rio Negro haust, so +suchte ich von ihnen über den obern Lauf und die Quellen dieses +Flusses Erkundigung einzuziehen; aber mein Dolmetscher konnte ihnen +den Sinn meiner Fragen nicht deutlich machen. Sie wiederholten nur +zum Ueberdruß, die Quellen des Rio Negro und des Inirida seyen so +nahe beisammen, »wie zwei Finger der Hand«. In einer Hütte der +Pacimonales kauften wir zwei schöne, große Vögel, einen Tucan +(Piapoco), der dem <em>Ramphastos erythrorynchos</em> nahe steht, +und den <strong>Ana</strong>, eine Art Aras, 17 Zoll lang mit +durchaus purpurrothem Gefieder, gleich dem <em>Psittacus +Macao</em>. Wir hatten in unserer Pirogue bereits sieben Papagaien, +zwei Felshühner, einen Motmot, zwei Guans oder Paoas de Monte, zwei +Manaviris (<em>Cercoleptes</em> oder <em>Viverra caudivolvula</em>) +und acht Affen, nämlich zwei Atelen (die Marimonda von den grossen +Katarakten, Brissots <em>Simia Belzebuth</em>), zwei Titi’s +(<em>Simia sciurea</em>, Buffon’s Saimiri), eine Viudita (<em>Simia +lugens</em>), zwei Douroucoulis oder Nachtaffen (Cusicusi oder +<em>Simia trivirgata</em>), und den Cacajao mit kurzem Schwanz +(<em>Simia melanocephala</em>).<sup><a href="#fn1" class= +"footnoteRef" id="fnref1" name="fnref1">1</a></sup> Pater Zea war +auch im Stillen sehr schlecht damit zufrieden, daß sich unsere +wandernde Menagerie mit jedem Tag vermehrte. Der Tucan gleicht nach +Lebensweise und geistiger Anlage dem Raben; es ist ein muthiges, +leicht zu zähmendes Thier. Sein langer Schnabel dient ihm als +Vertheidigungswaffe. Er macht sich zum Herrn im Hause, stiehlt, was +er erreichen kann, badet sich oft und fischt gern am Ufer des +Stroms. Der Tucan, den wir gekauft, war sehr jung, dennoch neckte +er auf der ganzen Fahrt mit sichtbarer Lust die Cusicusis, die +trübseligen, zornmüthigen Nachtaffen. Ich habe nicht bemerkt, daß, +wie in manchen naturgeschichtlichen Werken steht, der Tucan in +Folge des Baus seines Schnabels sein Futter in die Luft werfen und +so verschlingen müßte. Allerdings nimmt er dasselbe etwas schwer +vom Boden auf; hat er es aber einmal mit der Spitze seines +ungeheuern Schnabels gefaßt, so darf er nur den Kopf zurückwerfen +und den Schnabel, so lange er schlingt, aufrecht halten. Wenn er +trinken will, macht der Vogel ganz seltsame Geberden. Die Mönche +sagen, er mache das Zeichen des Kreuzes über dem Wasser, und wegen +dieses Volksglaubens haben die Creolen dem Tucan den sonderbaren +Namen <strong>Diostedè</strong> (Gott vergelt’s dir) geschöpft.</p> +<p>Unsere Thiere waren meist in kleinen Holzkäfigten, manche liefen +aber frei überall auf der Pirogue herum. Wenn Regen drohte, erhoben +die Aras ein furchtbares Geschrei, und der Tucan wollte ans Ufer, +um Fische zu fangen, die kleinen Titiaffen liefen Pater Zea zu und +krochen in die ziemlich weiten Aermel seiner Franciskanerkutte. +Dergleichen Auftritte kamen oft vor und wir vergaßen darüber der +Plage der Moskitos. Nachts im Bivouac stellte man in die Mitte +einen ledernen Kasten (<em>petaca</em>) mit dem Mundvorrath, +daneben unsere Instrumente und die Käfige mit den Thieren, ringsum +wurden unsere Hängematten befestigt und weiterhin die der Indianer. +Die äußerste Grenze bildeten die Feuer, die man anzündet, um die +Jaguars im Walde fern zu halten. So war unser Nachtlager am Ufer +des Cassiquiare angeordnet. Die Indianer sprachen oft von einem +kleinen Nachtthier mit langer Nase, das die jungen Papagaien im +Nest überfalle und mit den Händen fresse wie die Affen und die +Manaviri’s oder Kinkajous. Sie nannten es <strong>Guachi</strong>; +es ist wahrscheinlich ein Coati, vielleicht <em>Viverra nasua</em>, +die ich in Mexico im freien Zustand gesehen, nicht aber in den +Strichen von Südamerika, die ich bereist. Die Missionäre verbieten +den Eingeborenen alles Ernstes, das Fleisch des Guachy zu essen, da +sie einen weit verbreiteten Glauben theilen und diesem Fleisch +stimulirende Eigenschaften zuschreiben, wie die Orientalen dem +Fleisch der Skinkos (<em>Lacerta scincus</em>) und die Amerikaner +dem der Caymans.</p> +<p>Am 11. Mai. Wir brachen ziemlich spät von der Mission San +Francisco Solano auf, da wir nur eine kleine Tagreise machen +wollten. Die untere Dunstschicht fing an sich in Wolken mit festen +Umrissen zu theilen, und in den obern Luftregionen ging etwas +Ostwind. Diese Zeichen deuteten auf einen bevorstehenden +Witterungswechsel, und wir wollten uns nicht weit von der Mündung +des Cassiquiare entfernen, da wir hoffen durften, in der folgenden +Nacht den Durchgang eines Sterns durch den Meridian beobachten zu +können. Wir sahen südwärts den Caño Daquiapo, nordwärts den +Guachaparu und einige Seemeilen weiterhin die Stromschnellen von +Cananivacari. Die Strömung betrug 6,3 Fuß in der Secunde, und so +hatten wir im Raudal mit Wellen zu kämpfen, die ein ziemlich +starkes Scholken verursachten. Wir stiegen aus und Bonpland +entdeckte wenige Schritte vom Ufer einen <strong>Almandron</strong> +(Juvia), einen prachtvollen Stamm der <em>Bertholletia +excelsa</em>. Die Indianer vetsicherten uns, in San Francisco +Solano, Vasiva und Esmeralda wisse man nichts davon, daß dieser +kostbare Baum am Cassiquiare wachse. Sie glaubten übrigens nicht, +daß der Baum, der über 60 Fuß hoch war, aus Saamen aufgewachsen, +die zufällig ein Reisender verstreut. Nach Versuchen, die man in +San Carlos gemacht, weiß man, daß die Bertholletia wegen der +holzigten Fruchthülle und des leicht ranzigt werdenden Oels der +Mandel sehr selten zum Keimen zu bringen ist. Vielleicht war dieser +Stamm ein Anzeichen, daß tiefer im Lande gegen Ost und Nordost eine +Waldung von Bertholletia besteht. Wir wissen wenigstens bestimmt, +daß dieser schöne Baum unter dem dritten Grad der Breite in den +Cerros von Guanaya wild vorkommt. Die gesellig lebenden Gewächse +haben selten scharf abgeschnittene Grenzen, und häufig stößt man, +bevor man zu einem <strong>Palmar</strong> oder einem +<strong>Pinal</strong><sup><a href="#fn2" class="footnoteRef" id= +"fnref2" name="fnref2">2</a></sup> gelangt, auf einzelne Palmen +oder Fichten. Dieselben gleichen Colonisten, die in ein mit andern +Gewächsen bevölkertes Land sich hinausgewagt haben.</p> +<p>Vier Seemeilen von den Stromschnellen von Cananivacari stehen +mitten in der Ebene seltsam gestaltete Felsen. Zuerst kommt eine +schmale, 80 Fuß hohe senkrechte Mauer, und dann, am südlichen Ende +derselben, erscheinen zwei Thürmchen mit fast horizontalen +Granitschichten. Diese Felsen von Guanari sind so symmetrisch +gruppirt, daß sie wie die Trümmer eines alten Gebäudes erscheinen. +Sind es Ueberbleibsel von Eilanden in einem Binnenmeer, das einst +das völlig ebene Land zwischen der Sierra Parime und der Sierra dos +Parecis bedeckte,<sup><a href="#fn3" class="footnoteRef" id= +"fnref3" name="fnref3">3</a></sup> oder wurden diese Felswände, +diese Granitthürme von den elastischen Kräften, die noch immer im +Innern unseres Planeten thätig sind, emporgehoben? Von selbst +grübelt der Gedanke über die Entstehung der Berge, wenn man in +Mexico Vulkane und Trachytgipfel aus einer langen Spalte stehen, in +den Anden von Südamerika Urgebirgs- und vulkanische Bildungen in +Einer Bergkette lang hingestreckt sah, wenn man der ungemein hohen +Insel von drei Seemeilen Umfang gedenkt, die in jüngster Zeit bei +Unalashka vom Boden des Weltmeeres aufgestiegen.</p> +<p>Eine Zierde der Ufer des Cassiquiare ist die +<strong>Chirivapalme</strong> mit gefiederten, an der untern Fläche +silberweißen Blättern. Sonst besteht der Wald nur aus Bäumen mit +großen lederartigen, glänzenden, nicht gezahnten Blättern. Diesen +eigenthümlichen Charakter erhält die Vegetation am Rio Negro, +Tuamini und Cassiquiare dadurch, daß in der Nähe des Aequators die +Familien der Guttiferen, der Sapotillen und der Lorbeeren +vorherrschen. Da der heitere Himmel uns eine schöne Nacht verhieß, +schlugen wir schon um fünf Uhr Abends unser Nachtlager bei der +<strong>Piedra de Culimacari</strong> auf, einem frei stehenden +Granitfelsen, gleich allen zwischen Atabapo und Cassiquiare, deren +ich Erwähnung gethan. Da wir die Flußkrümmungen aufnahmen, zeigte +es sich, daß dieser Fels ungefähr unter dem Parallel der Mission +San Francisco Solano liegt. In diesen wüsten Ländern, wo der Mensch +bis jetzt nur flüchtige Spuren seines Daseyns hinterlassen hat, +suchte ich meine Beobachtungen immer an einer Flußmündung oder am +Fuße eines an seiner Gestalt leicht kenntlichen Felsen anzustellen. +Nur solche von Natur unverrückbare Punkte können bei Entwerfung +geographischer Karten als Grundlagen dienen.</p> +<p>In der Nacht vom 10. zum 11. Mai konnte ich an α des südlichen +Kreuzes die Breite gut beobachten; die Länge wurde, indessen nicht +so genau, nach den zwei schönen Sternen an den Füßen des Centauren +chronometrisch bestimmt. Durch diese Beobachtung wurde, und zwar +für geographische Zwecke hinlänglich genau, die Lage der Mündung +des Rio Pacimoni, der Schanze San Carlos und des Einflusses des +Cassiquiare in den Rio Negro zumal ermittelt. Der Fels Culimacari +liegt ganz genau unter 2°0′42″ der Breite und wahrscheinlich unter +69°33′50″ der Länge. In zwei spanisch geschriebenen Abhandlungen, +die ich dem Generalcapitän von Caracas und dem Minister +Staatssekretär d’Urquijo überreicht, habe ich den Werth dieser +astronomischen Bestimmungen für die Berichtigung der Grenzen der +portugiesischen Colonien auseinandergesetzt. Zur Zeit von Solanos +Expedition setzte man den Einfluß des Cassiquiare in den Rio Negro +einen halben Grad nördlich vom Aequator, und obgleich die +Grenzcommission niemals zu einem Endresultat gelangte, galt in den +Missionen immer der Aequator als vorläufig anerkannte Grenze. Aus +meinen Beobachtungen ergibt sich nun aber, daß San Carlos am Rio +Negro, oder, wie man sich hier vornehm ausdrückt, die Grenzfestung +keineswegs unter 0°20′, wie Pater Caulin behauptet, noch unter +0°53′, wie La Cruz und Surville (die officiellen Geographen der +<em>Real Expedition de limites</em>) annehmen, sondern unter +1°53′42″ der Breite liegt. Der Aequator läuft also nicht nördlich +vom portugiesischen Fort San Jose de Marabitanos, wie bis jetzt +alle Karten mit Ausnahme der neuen Ausgabe der Arrowsmith’schen +Karte angeben, sondern 25 Meilen weiter gegen Süd zwischen San +Felipe und der Mündung des Rio Guape. Aus der handschriftlichen +Karte Requenas, die ich besitze, geht hervor, daß diese Thatsache +den portugiesischen Astronomen schon im Jahr 1783 bekannt war, also +35 Jahre bevor man in Europa anfing dieselbe in die Karten +aufzunehmen.</p> +<p>Da man in der <em>Capitania general</em> von Caracas von jeher +der Meinung war, der geschickte Ingenieur Don Gabriel Clavero habe +die Schanze San Carlos del Rio Negro gerade auf die +Aequinoctiallinie gebaut, und da in der Nähe derselben die +beobachteten Breiten, nach La Condamine, gegen Süd zu groß +angenommen waren, so war ich darauf gefaßt, den Aequator einen Grad +nördlich von San Carlos, demnach an den Ufern des Temi und Tuamini +zu finden. Schon die Beobachtungen in der Mission San Balthasar +(Durchgang dreier Sterne durch den Meridian) ließen mich vermuthen, +daß diese Annahme unrichtig sey; aber erst durch die Breite der +Piedra Culimacari lernte ich die wirkliche Lage der Grenze kennen. +Die Insel San Jose im Rio Negro, die bisher als Grenze zwischen den +spanischen und portugiesischen Besitzungen galt, liegt wenigstens +unter 1°38′ nördlicher Breite, und hätte Ituriagas und Solanos +Commission ihre langen Verhandlungen zum Abschluß gebracht, wäre +der Aequator vom Hofe zu Lissabon definitiv als Grenze beider +Staaten anerkannt worden, so gehörten jetzt sechs portugiesische +Dörfer und das Fort San Jose selbst, die nördlich vom Rio Guape +liegen, der spanischen Krone. Was man damals mit ein paar genauen +astronomischen Beobachtungen erworben hätte, ist von größerem +Belang, als was man jezt besitzt; es ist aber zu hoffen, daß zwei +Völker, welche auf einer ungeheuern Landstrecke Südamerikas +ostwärts von den Anden die ersten Keime der Cultur gelegt haben, +den Grenzstreit um einen 33 Meilen breiten Landstrich und um den +Besitz eines Flusses, auf dem die Schifffahrt frei seyn muß, wie +auf dem Orinoco und dem Amazonenstrom, nicht wieder aufnehmen +werden.</p> +<p>Am 12. Mai. Befriedigt vom Erfolg unserer Beobachtungen, brachen +wir um halb zwei Uhr in der Nacht von der Piedra Culimacari aus. +Die Plage der Moskitos, der wir jetzt wieder Unterlagen, wurde +ärger, je weiter wir vom Rio Negro wegkamen. Im Thale des +Cassiquiare gibt es keine Zancudos (<em>Culex</em>), aber die +Insekten aus der Gattung <em>Simulium</em> und alle andern aus der +Familie der <em>Tipulae</em> sind um so häufiger und +giftiger.<sup><a href="#fn4" class="footnoteRef" id="fnref4" name= +"fnref4">4</a></sup> Da wir, ehe wir in die Mission Esmeralda +kamen, in diesem nassen, ungesunden Klima noch acht Nächte unter +freiem Himmel zuzubringen hatten, so war es der Steuermann wohl +zufrieden, die Fahrt so einzurichten, daß wir die Gastfreundschaft +des Missionärs von Mandavaca in Anspruch nehmen und im Dorfe Vasiva +Obdach finden konnten. Nur mit Anstrengung kamen wir gegen die +Strömung vorwärts, die 9 Fuß, an manchen Stellen, wo ich sie +genau gemessen, 11 Fuß 8 Zoll in der Secunde, also gegen +acht Seemeilen in der Stunde betrug. Unser Nachtlager war in +gerader Linie schwerlich drei Meilen von der Mission Mandavaca +entfernt, unsere Ruderer waren nichts weniger als unfleißig, und +doch brauchten wir 14 Stunden zu der kurzen Strecke.</p> +<p>Gegen Sonnenuntergang kamen wir an der Mündung des Rio Pacimoni +vorüber. Es ist dieß der Fluß, von dem oben bei Gelegenheit des +Handels mit Sarsaparille die Rede war<sup><a href="#fn5" class= +"footnoteRef" id="fnref5" name="fnref5">5</a></sup> und der in so +auffallender Weise (durch den Baria) mit dem Cababuri verzweigt +ist. Der Pacimoni entspringt in einem bergigten Landstrich und aus +der Vereinigung dreier kleiner Gewässer, die auf den Karten der +Missionäre nicht verzeichnet sind. Sein Wasser ist schwarz, doch +nicht so stark als das des See’s bei Vasiva, der auch in den +Cassiquiare mündet. Zwischen diesen beiden Zuflüssen von Ost her +liegt die Mündung des Rio Idapa, der weißes Wasser hat. Ich komme +nicht darauf zurück, wie schwer es zu erklären ist, daß dicht neben +einander verschieden gefärbte Flüsse vorkommen; ich erwähne nur, +daß uns an der Mündung des Pacimoni und am Ufer des See’s Vasiva +die Reinheit und ungemeine Durchsichtigkeit dieser braunen Wasser +von Neuem auffiel. Bereits alte arabische Reisende haben die +Bemerkung gemacht, daß der aus dem Hochgebirg kommende Nilarm, der +sich bei Halfaja mit dem Behar-el-Abiad vereinigt, grünes Wasser +hat, das so durchsichtig ist, daß man die Fische auf dem Grund des +Flusses sieht.<sup><a href="#fn6" class="footnoteRef" id="fnref6" +name="fnref6">6</a></sup></p> +<p>Ehe wir in die Mission Mandavaca kamen, liefen wir durch +ziemlich ungestüme Stromschnellen. Das Dorf, das auch Quirabuena +heißt, zählt nur 60 Eingeborene. Diese christlichen Niederlassungen +befinden sich meist in so kläglichem Zustande, daß längs des ganzen +Cassiquiare auf einer Strecke von 50 Meilen keine 200 Menschen +leben. Ja die Ufer dieses Flusses waren bevölkerter, ehe die +Missionäre ins Land kamen. Die Indianer zogen sich in die Wälder +gegen Ost, denn die Ebenen gegen West sind fast menschenleer. Die +Eingeborenen leben einen Theil des Jahrs von den großen Ameisen, +von denen oben die Rede war. Diese Insekten sind hier zu Lande so +stark gesucht, wie in der südlichen Halbkugel die Spinnen der Sippe +Epeira, die für die Wilden auf Neuholland ein Leckerbissen sind. In +Mandavaca fanden wir den guten alten Missionär, der bereits »seine +zwanzig Moskitojahre in den <em>Bosques del Cassiquiare</em>« +zugebracht hatte, und dessen Beine von den Stichen der Insekten so +gefleckt waren, daß man kaum sah, daß er eine weiße Haut hatte. Er +sprach uns von seiner Verlassenheit, und wie er sich in der +traurigen Nothwendigkeit sehe, in den beiden Missionen Mandavaca +und Vasiva häufig die abscheulichsten Verbrechen straflos zu +lassen. Vor wenigen Jahren hatte im letzteren Ort ein indianischer +Alcade eines seiner Weiber verzehrt, die er in seinen +<strong>Conuco</strong><sup><a href="#fn7" class="footnoteRef" id= +"fnref7" name="fnref7">7</a></sup> hinausgenommen und gut genährt +hatte, um sie fett zu machen. Wenn die Völker in Guyana +Menschenfleisch essen, so werden sie nie durch Mangel oder durch +gottesdienstlichen Aberglauben dazu getrieben, wie die Menschen auf +den Südseeinseln; es beruht meist auf Rachsucht des Siegers und — +wie die Missionäre sagen — auf »Verirrung des Appetits.« Der Sieg +über eine feindliche Horde wird durch ein Mahl gefeiert, wobei der +Leichnam eines Gefangenen zum Theil verzehrt wird. Ein andermal +überfällt man bei Nacht eine wehrlose Familie oder tödtet einen +Feind, auf den man zufällig im Walde stößt, mit einem vergifteten +Pfeil. Der Leichnam wird zerstückt und als Trophäe nach Hause +getragen. Erst die Cultur hat dem Menschen die Einheit des +Menschengeschlechts zum Bewußtseyn gebracht und ihm offenbart, daß +ihn auch mit Wesen, deren Sprache und Sitten ihm fremd sind, ein +Band der Blutsverwandtschaft verbindet. Die Wilden kennen nur ihre +Familie, und ein Stamm erscheint ihnen nur als ein größerer +Verwandtschaftskreis. Kommen Indianer, die sie nicht kennen, aus +dem Walde in die Mission, so brauchen sie einen Ausdruck, dessen +naive Einfalt mir oft aufgefallen ist: »Gewiß sind dieß Verwandte +von mir, denn ich verstehe sie, wenn sie mit mir sprechen.« Die +Wilden verabscheuen Alles, was nicht zu ihrer Familie oder ihrem +Stamme gehört, und Indianer einer benachbarten Völkerschaft, mit +der sie im Kriege leben, jagen sie, wie wir das Wild. Die Pflichten +gegen Familie und Verwandtschaft sind ihnen wohl bekannt, +keineswegs aber die Pflichten der Menschlichkeit, die auf dem +Bewußtseyn beruhen, daß alle Wesen, die geschaffen sind wie wir, +Ein Band umschlingt. Keine Regung von Mitleid hält sie ab, Weiber +oder Kinder eines feindlichen Stammes ums Leben zu bringen. +Letztere werden bei den Mahlzeiten nach einem Gefecht oder einem +Ueberfall vorzugsweise verzehrt.</p> +<p>Der Haß der Wilden fast gegen alle Menschen, die eine andere +Sprache reden und ihnen als <strong>Barbaren</strong> von +niedrigerer Race als sie selbst erscheinen, bricht in den Missionen +nicht selten wieder zu Tage, nachdem er lange geschlummert. Wenige +Monate vor unserer Ankunft in Esmeralda war ein im +Walde<sup><a href="#fn8" class="footnoteRef" id="fnref8" name= +"fnref8">8</a></sup> hinter dem Duida gebotener Indianer allein +unterwegs mit einem andern, der von den Spaniern am Ventuario +gefangen worden war und ruhig im Dorfe, oder, wie man hier sagt, +»unter der Glocke«, »debaxo de la campaña«, lebte. Letzterer konnte +nur langsam gehen, weil er an einem Fieber litt, wie sie die +Eingeborenen häufig befallen, wenn sie in die Missionen kommen und +rasch die Lebensweise ändern.</p> +<p>Sein Reisegefährte, ärgerlich über den Aufenthalt, schlug ihn +todt und versteckte den Leichnam in dichtem Gebüsch in der Nähe von +Esmeralda. Dieses Verbrechen, wie so manches dergleichen, was unter +den Indianern vorfällt, wäre unentdeckt geblieben, hätte nicht der +Mörder Anstalt gemacht, Tags darauf eine Mahlzeit zu halten. Er +wollte seine Kinder, die in der Mission geboren und Christen +geworden waren, bereden, mit ihm einige Stücke des Leichnams zu +holen. Mit Mühe brachten ihn die Kinder davon ab, und durch den +Zank, zu dem die Sache in der Familie führte, erfuhr der Soldat, +der in Esmeralda lag, was die Indianer ihm gerne verborgen +hätten.</p> +<p>Anthropophagie und Menschenopfer, die so oft damit verknüpft +sind, kommen bekanntlich überall auf dem Erdball und bei Völkern +der verschiedensten Racen vor;<sup><a href="#fn9" class= +"footnoteRef" id="fnref9" name="fnref9">9</a></sup> aber besonders +auffallend erscheint in der Geschichte der Zug, daß die +Menschenopfer sich auch bei bedeutendem Culturfortschritt erhalten, +und daß die Völker, die eine Ehre darin suchen, ihre Gefangenen zu +verzehren, keineswegs immer die versunkensten und wildesten sind. +Diese Bemerkung hat etwas peinlich Ergreifendes, Niederschlagendes; +sie entging auch nicht den Missionären, die gebildet genug sind, um +über die Sitten der Völkerschaften, unter denen sie leben, +nachzudenken. Die Cabres, die Guipunavis und die Caraiben waren von +jeher mächtiger und civilisirter als die andern Horden am Orinoco, +und doch sind die beiden ersteren Menschenfresser, während es die +letzteren niemals waren. Man muß zwischen den verschiedenen +Zweigen, in welche die große Familie der caraibischen Völker +zerfällt, genau unterscheiden. Diese Zweige sind so zahlreich wie +die Stämme der Mongolen und westlichen Tartaren oder Turcomannen. +Die Caraiben auf dem Festlande, auf den Ebenen zwischen dem untern +Orinoco, dem Rio Branco, dem Essequebo und den Quellen des Oyapoc +verabscheuen die Sitte, die Gefangenen zu verzehren. Diese +barbarische Sitte<sup><a href="#fn10" class="footnoteRef" id= +"fnref10" name="fnref10">10</a></sup> bestand bei der Entdeckung +von Amerika nur bei den Caraiben aus den antillischen Inseln. Durch +sie sind die Worte Cannibalen, Caraiben und Menschenfresser +gleichbedeutend geworden, und die von ihnen verübten Grausamkeiten +veranlaßten das im Jahr 1504 erlassene Gesetz, das den Spaniern +gestattet, jeden Amerikaner, der erweislich caraibischen Stammes +ist, zum Sklaven zu machen. Ich glaube übrigens, daß die +Menschenfresserei der Bewohner der Antillen in den Berichten der +ersten Seefahrer stark übertrieben ist. Ein ernster, scharfsinniger +Geschichtschreiber, Herera, hat sich nicht gescheut, diese +Geschichten in die <em>Decades historicas</em> aufzunehmen; er +glaubt sogar an den merkwürdigen Fall, der die Caraiben veranlaßt +haben soll, ihrer barbarischen Sitte zu entsagen. »Die Eingeborenen +einer kleinen Insel hatten einen Dominikanermönch verzehrt; den sie +von der Küste von Portorico fortgeschleppt. Sie wurden alle krank, +und mochten fortan weder Mönch noch Laien verzehren.«</p> +<p>Wenn die Caraiben am Orinoco schon zu Anfang des sechzehnten +Jahrhunderts andere Sitten hatten als die auf den Antillen, wenn +sie immer mit Unrecht der Anthropophagie beschuldigt worden sind, +so ist dieser Unterschied nicht wohl daher zu erklären, daß sie +gesellschaftlich höher standen. Man begegnet den seltsamsten +Contrasten in diesem Völkergewirre, wo die einen nur von Fischen, +Affen und Ameisen leben, andere mehr oder weniger Ackerbauer sind, +mehr oder weniger das Verfertigen und Bemalen von Geschirren, die +Weberei von Hängematten und Baumwollenzeug als Gewerbe treiben. +Manche der letzteren halten an unmenschlichen Gebräuchen fest, von +denen die ersteren gar nichts wissen. Im Charakter und in den +Sitten eines Volks wie in seiner Sprache spiegeln sich sowohl seine +vergangenen Zustände als die gegenwärtigen; man müßte die ganze +Geschichte der Gesittung oder der Verwilderung einer Horde kennen, +man müßte den menschlichen Vereinen in ihrer ganzen Entwicklung und +auf ihren verschiedenen Lebensstufen nachgehen können, wollte man +Probleme lösen, die ewig Räthsel bleiben werden, wenn man nur die +gegenwärtigen Verhältnisse ins Auge fassen kann.</p> +<p>»Sie machen sich keine Vorstellung davon,« sagte der alte +Missionär in Mandavaca, »wie verdorben diese <em>famiglia de +Indios</em> ist. Man nimmt Leute von einem neuen Stamm im Dorfe +auf; sie scheinen sanftmüthig, redlich, gute Arbeiter; man erlaubt +ihnen einen Streifzug (<em>entrada</em>) mitzumachen, um +Eingeborene einzubringen, und hat genug zu thun, zu verhindern, daß +sie nicht alles, was ihnen in die Hände kommt, umbringen und Stücke +der Leichname verstecken.« Denkt man über die Sitten dieser +Indianer nach, so erschrickt man ordentlich über diese +Verschmelzung von Gefühlen, die sich auszuschließen scheinen, über +die Unfähigkeit dieser Völker, sich anders als nur theilweise zu +humanisiren, über diese Uebermacht der Bräuche, Vorurtheile und +Ueberlieferungen über die natürlichen Regungen des Gemüths. Wir +hatten in unserer Pirogue einen Indianer, der vom Rio Guaisia +entlaufen war und sich in wenigen Wochen soweit civilisirt hatte, +daß er uns beim Aufstellen der Instrumente zu den nächtlichen +Beobachtungen gute Dienste leisten konnte. Er schien so gutmüthig +als gescheit und wir hatten nicht übel Lust, ihn in unsern Dienst +zu nehmen. Wie groß war unser Verdruß, als wir im Gespräch mittelst +eines Dolmetschers von ihm hören mußten, »das Fleisch der +Manimondas-Affen sey allerdings schwärzer, er meine aber doch, es +schmecke wie Menschenfleisch.« Er versicherte, »seine +<strong>Verwandten</strong> (das heißt seine Stammverwandten) essen +vom Menschen wie vom Bären die Handflächen am liebsten.« Und bei +diesem Ausspruch äußerte er durch Geberden seine rohe Lust. Wir +ließen den sonst sehr ruhigen und bei den kleinen Diensten, die er +uns leistete, sehr gefälligen jungen Mann fragen, ob er hie und da +noch Lust spüre, »Cheruvichahena-Fleisch zu essen;« er erwiederte +ganz unbefangen, in der Mission werde er nur essen, was er <em>los +padres</em> essen sehe. Den Eingeborenen wegen des abscheulichen +Brauchs, von dem hier die Rede ist, Vorwürfe zu machen, hilft rein +zu nichts; es ist gerade als ob ein Bramine vom Ganges, der in +Europa reiste, uns darüber anließe, daß wir das Fleisch der Thiere +essen. In den Augen des Indianers vom Rio Guaisia war der +Cheruvichahena ein von ihm selbst völlig verschiedenes Wesen; ihn +umzubringen war ihm kein größeres Unrecht, als die Jaguars im Walde +umzubringen. Es war nur Gefühl für Anstand, wenn er, so lange er in +der Mission war, nur essen wollte, was <em>los padres</em> +genossen. Entlaufen die Eingeborenen zu den Ihrigen (<em>al +monte</em>), oder treibt sie der Hunger, so werden sie alsbald +wieder Menschenfresser wie zuvor. Und wie sollten wir uns über +diesen Unbestand der Völker am Orinoco wundern, da uns aufs +glaubwürdigste bezeugt ist, was sich in Hungersnoth bei +civilisirten Völkern schon Gräßliches ereignet hat? In Egypten +griff im dreizehnten Jahrhundert die Sucht, Menschenfleisch zu +essen, unter allen Ständen um sich; besonders aber stellte man den +Aerzten nach. Hatte einer Hunger, so gab er sich für krank aus und +ließ einen Arzt rufen, aber nicht um sich bei ihm Raths zu erholen, +sondern um ihn zu verzehren. Ein sehr glaubwürdiger Schriftsteller, +Abd-Allatif, erzählt uns, »wie eine Sitte, die Anfangs Abscheu und +Entsetzen einflößte, bald gar nicht mehr auffiel.«<sup><a href= +"#fn11" class="footnoteRef" id="fnref11" name= +"fnref11">11</a></sup></p> +<p>So leicht die Indianer am Cassiquiare in ihre barbarischen +Gewohnheiten zurückfallen, so zeigen sie doch in den Missionen +Verstand und einige auch für Arbeit, besonders aber große +Fertigkeit, sich spanisch auszudrücken. Da in den Dörfern meist +drei vier Nationen beisammen leben, die einander nicht verstehen, +so hat eine fremde Sprache, die zugleich die Sprache der +bürgerlichen Behörde, des Missionärs ist, den Vortheil, daß sie als +allgemeines Verkehrsmittel dient. Ich sah einen Poignave-Indianer +sich spanisch mit einem Huairiba-Indianer unterhalten, und doch +hatten beide erst seit drei Monaten ihre Wälder verlassen. Alle +Viertelstunden brachten sie einen mühselig zusammengestammelten +Satz zu Tage, und dabei war das Zeitwort, ohne Zweifel nach der +Contur ihrer eigenen Sprachen, immer im Gerundium gesetzt. +<em>Quando io mirando Padre. Padre me dimendo.</em> Statt: als ich +den Pater sah, sagte er mir. Ich habe oben erwähnt, wie verständig +mir die Idee der Jesuiten schien, eine der cultivirten +amerikanischen Sprachen, etwa das Peruanische, die <em>lingua del +Inga</em>, zur allgemeinen Sprache zu machen und die Indianer in +einer Mundart zu unterrichten, die wohl in den Wurzeln, aber nicht +im Bau und in den grammatischen Formen von den ihrigen abweicht. +Man that damit nur, was die Incas oder priesterlichen Könige von +Peru seit Jahrhunderten zur Ausführung gebracht, um die +barbarischen Völkerschaften am obern Amazonenstrom unter ihrer +Gewalt zu behalten und zu humanisiren, und solch ein System ist +doch nicht ganz so seltsam als der Vorschlag, der auf einem +Provinzialconcil in Mexico alles Ernstes gemacht worden, man solle +die Eingeborenen Amerikas lateinisch sprechen lehren.</p> +<p>Wie man uns sagte, zieht man am untern Orinoco, besonders in +Angostura, die Indianer vom Cassiquiare und Rio Negro wegen ihres +Verstandes und ihrer Rührigkeit den Bewohnern der andern Missionen +vor. Die in Mandavaca sind bei den Völkern ihrer Race berühmt, weil +sie ein Curare-Gift bereiten, das in der Stärke dem von Esmeralda +nicht nachsteht. Leider geben sich die Eingeborenen damit weit mehr +ab als mit dem Ackerbau, und doch ist an den Ufern des Cassiquiare +der Boden ausgezeichnet. Es findet sich daselbst ein schwarzbrauner +Granitsand, der in den Wäldern mit dicken Humusschichten, am Ufer +mit einem Thon bedeckt ist, der fast kein Wasser durchläßt. Am +Cassiquiare scheint der Boden fruchtbarer als im Thal des Rio +Negro, wo der Mais ziemlich schlecht geräth. Reis, Bohnen, +Baumwolle, Zucker und Indigo geben reichen Ertrag, wo man sie nur +anzubauen versucht hat. Bei den Missionen San Miguel de Davipe, San +Carlos und Mandavaca sahen wir Indigo wild wachsen. Es läßt sich +nicht in Abrede ziehen, daß mehrere amerikanische Völker, +namentlich die Mexicaner, sich lange vor der Eroberung zu ihren +hieroglyphischen Malereien eines wirklichen Indigo bedienten, und +daß dieser Farbstoff in kleinen Broden auf dem großen Markt von +Tenochtitlan verkauft wurde. Aber ein chemisch identischer +Farbstoff kann aus Pflanzen gezogen werden, die einander nahe +stehenden Gattungen angehören, und so möchte ich jetzt nicht +entscheiden, ob die in Amerika einheimischen <em>Indigofera</em> +sich nicht generisch von <em>Indigofera anil</em> und +<em>Indigofera argentea</em> der alten Welt unterscheiden. Bei den +Kaffeebäumen der beiden Welten ist ein solcher Unterschied wirklich +beobachtet.</p> +<p>Die feuchte Luft und, als natürliche Folge davon, die Masse von +Insekten lassen hier wie am Rio Negro neue Culturen fast gar nicht +aufkommen. Selbst bei hellem, blauem Himmel sahen wir das Delucsche +Hygrometer niemals unter 52 Grad stehen. Ueberall trifft man jene +großen Ameisen, die in gedrängten Haufen einherziehen und sich +desto eifriger über die Culturpflanzen hermachen, da dieselben +krautartig und saftreich sind, während in den Wäldern nur Gewächse +mit holzigten Stengeln stehen. Will ein Missionär versuchen, Salat +oder irgend ein europäisches Küchenkraut zu ziehen, so muß er +seinen Garten gleichsam in die Luft hängen. Er füllt ein altes +Canoe mit gutem Boden und hängt es vier Fuß über dem Boden an +Chiquichiquistricken auf; meist aber stellt er es auf ein leichtes +Gerüste. Die jungen Pflanzen sind dabei vor Unkraut, vor Erdwürmern +und vor den Ameisen geschützt, die immer geradeaus ziehen, und da +sie nicht wissen, was über ihnen wächst, nicht leicht von ihrem +Wege ablenken, um an Pfählen ohne Rinde hinaufzukriechen. Ich +erwähne dieses Umstandes zum Beweis, wie schwer es unter den +Tropen, an den Ufern der großen Ströme dem Menschen Anfangs wird, +wenn er es versucht, in diesem unermeßlichen Naturgebiete, wo die +Thiere herrschen und der wilde Pflanzenwuchs den Boden überwuchert, +einen kleinen Erdwinkel sich zu eigen zu machen.</p> +<p>Am 13. Mai. Ich hatte in der Nacht einige gute +Sternbeobachtungen machen können, leider die letzten am +Cassiquiare. Mandavaca liegt unter 2°47′ der Breite und, nach dem +Chronometer, 69°27′ der Länge. Die Inclination der Magnetnadel fand +ich gleich 25°25. Dieselbe hatte also seit der Schanze San Carlos +bedeutend zugenommen; Das anstehende Gestein war indessen derselbe, +etwas hornblendehaltige Granit, den wir in Javita getroffen, und +der syenitartig aussieht. Wir brachen von Mandavaca um zwei ein +halb Uhr in der Nacht auf. Wir hatten noch acht ganze Tage mit der +Strömung des Cassiquiare zu kämpfen, und das Land, durch das wir zu +fahren hatten, bis wir wieder nach San Fernando de Atabapo kamen, +ist so menschenleer, daß wir erst nach dreizehn Tagen hoffen +durften wieder zu einem Observanten, zum Missionär von Santa +Barbara zu gelangen. Nach sechsstündiger Fahrt liefen wir am +Einfluß des Rio Jdapa oder Siapa vorbei, der ostwärts aus dem Berg +Unturan entspringt und zwischen dessen Quellen und dem Rio Mavaca, +der in den Orinoco läuft, ein Trageplatz ist. Dieser Fluß hat +weißes Wasser; er ist nur halb so breit als der Pacimoni, dessen +Wasser schwarz ist. Sein oberer Lauf ist auf den Karten von La Cruz +und Surville, die allen späteren als Vorbild gedient haben, seltsam +entstellt. Ich werde, wenn von den Quellen des Orinoco die Rede +ist, Gelegenheit finden, von den Voraussetzungen zu sprechen die zu +diesen Irrthümern Anlaß gegeben haben. Hätte Pater Caulin die Karte +sehen können, die man seinem Werke beigegeben, so hätte er sich +wohl nicht wenig gewundert, daß man darin die Fictionen wieder +aufgenommen, die er mit zuverlässigen, an Ort und Stelle +eingezogenen Nachrichten widerlegt hat. Dieser Missionär sagt +lediglich, der Idapa entspringe in einem bergigten Land, bei dem +die Amuisanas-Indianer hausen. Aus diesen Indianern wurden +Amoizanas oder Amazonas gemacht, und den Rio Idapa ließ man aus +einer Quelle entspringen, die am Flecke selbst, wo sie aus der Erde +sprudelt, sich in zwei Zweige theilt, die nach gerade +entgegengesetzten Seiten laufen. Eine solche Gabelung einer Quelle +ist ein reines Phantasiebild.</p> +<p>Wir übernachteten unter freiem Himmel beim Raudal des Cunuri. +Das Getöse des kleinen Katarakts wurde in der Nacht auffallend +stärker. Unsere Indianer behaupteten, dieß sey ein sicheres +Vorzeichen des Regens. Ich erinnerte mich, daß auch die Bewohner +der Alpen auf dieses Wetterzeichen<sup><a href="#fn12" class= +"footnoteRef" id="fnref12" name="fnref12">12</a></sup> sehr viel +halten. Wirklich regnete es lange vor Sonnenaufgang. Uebrigens +hatte uns das lange anhaltende Geheul der Araguatos, lange bevor +der Wasserfall lauter wurde, verkündet, daß ein Regenguß im Anzug +sey.</p> +<p>Am 14. Mai. Die Moskitos und mehr noch die Ameisen jagten uns +vor zwei Uhr in der Nacht vom Ufer. Wir hatten bisher geglaubt, die +letzteren kriechen nicht an den Stricken der Hängematten hinauf; ob +dieß nun aber unbegründet ist, oder ob die Ameisen aus den +Baumgipfeln auf uns herabfielen, wir hatten vollauf zu thun, uns +dieser lästigen Insekten zu entledigen. Je weiter wir fuhren, desto +schmaler wurde der Fluß und die Ufer waren so sumpfigt, daß +Bonpland sich nur mit großer Mühe an den Fuß einer mit großen +purpurrothen Blüthen bedeckten <em>Carolinea princeps</em> +durcharbeiten konnte. Dieser Baum ist die herrlichste Zierde der +Wälder hier und am Rio Negro. Wir untersuchten mehrmals am Tage die +Temperatur des Cassiquiare. Das Wasser zeigte an der Oberfläche nur +24° (in der Luft stand der Thermometer auf 25°,6), also ungefähr so +viel als der Rio Negro, aber 4—5° weniger als der Orinoco. Nachdem +wir westwärts die Mündung des Caño Caterico, der schwarzes, +ungemein durchsichtiges Wasser hat, hinter uns gelassen, verließen +wir das Flußbett und landeten an einer Insel, auf der die Mission +Vasiva liegt. Der See, der die Mission umgibt, ist eine Meile breit +und hängt durch drei Canäle mit dem Cassiquiare zusammen. Das Land +umher ist sehr sumpfigt und fiebererzeugend. Der See, dessen Wasser +bei durchgehendem Lichte gelb ist, trocknet in der heißen +Jahreszeit aus und dann können es selbst die Indianer in den +Miasmen, welche sich aus dem Schlamm entwickeln, nicht aushalten. +Daß gar kein Wind weht, trägt viel dazu bei, daß diese Landstriche +so ungemein ungesund sind. Ich habe die Zeichnung des Grundrisses +von Vasiva, den ich am Tage unserer Ankunft aufgenommen, stechen +lassen. Das Dorf wurde zum Theil an einen trockeneren Platz gegen +Nord verlegt, und daraus entspann sich ein langer Streit zwischen +dem Statthalter von Guyana und den Mönchen. Der Statthalter +behauptete, letzteren stehe nicht das Recht zu, ohne Genehmigung +der bürgerlichen Behörde ihre Dörfer zu verlegen; da er aber gar +nicht wußte, wo der Cassiquiare liegt, richtete er seine Beschwerde +an den Missionär von Carichana, der 150 Meilen von Vasiva haust und +nicht begriff, von was es sich handelte. Dergleichen geographische +Mißverständnisse kommen sehr häufig vor, wo die Leute fast nie im +Besitz einer Karte der Länder sind, die sie zu regieren haben. Im +Jahr 1785 übertrug man die Mission Padamo dem Pater Valor mit der +Weisung, »sich unverzüglich zu den Indianern zu verfügen, die ohne +Seelenhirten seyen.« Und seit länger als fünfzehn Jahren gab es +kein Dorf Padamo mehr und die Indianer waren <em>al monte</em> +gelaufen.</p> +<p>Vom 14. bis 21. Mai brachten wir die Nacht immer unter freiem +Himmel zu — ich kann aber die Orte, wo wir unser Nachtlager +aufschlugen, nicht angeben. Dieser Landstrich ist so wild und so +wenig von Menschen betreten, daß die Indianer, ein paar Flüsse +ausgenommen, keinen der Punkte, die ich mit dem Compaß aufnahm, mit +Namen zu nennen wußten. Einen ganzen Grad weit konnte ich durch +keine Sternbeobachtung die Breite bestimmen. Oberhalb des Punktes, +wo der Itinivini vom Cassiquiare abgeht und westwärts den +Granithügeln von Daripabo zuläuft, sahen wir die sumpfigten Ufer +des Stroms mit Bambusrohr bewachsen. Diese baumartigen Gräser +werden 20 Fuß hoch; ihr Halm ist gegen die Spitze immer umgebogen. +Es ist eine neue Art <em>Bambusa</em> mit sehr breiten Blättern. +Bonpland war so glücklich, ein blühendes Exemplar zu finden. Ich +erwähne dieses Umstandes, weil die Gattungen <em>Nastus</em> und +<em>Bambusa</em> bis jetzt sehr schlecht auseinander gehalten +waren, und man in der neuen Welt diese gewaltigen Gräser ungemein +selten blühend antrifft. Mutis botanisirte zwanzig Jahre in einem +Land, wo die <em>Bambusa Guadua</em> mehrere Meilen breite +sumpfigte Wälder bildet, und war nie im Stande einer Blüthe habhaft +zu werden. Wir schickten diesem Gelehrten die ersten Bambusa-Aehren +aus den gemäßigten Thälern von Popayan. Wie kommt es, daß sich die +Befruchtungsorgane so selten bei einer Pflanze entwickeln, die im +Lande zu Hause ist und vom Meeresspiegel bis in 900 Toisen Höhe +äußerst kräftig wächst, also in eine subalpinische Region +hinaufreicht, wo unter den Tropen das Klima dem des mittägigen +Spaniens gleicht? Die <em>Bambusa latifolia</em> scheint den Becken +des obern Orinoco, des Cassiquiare und des Amazonenstroms +eigenthümlich zu seyn; es ist ein geselliges Gewächs, wie alle +Gräser aus der Familie der Nastoiden; aber in dem Striche von +spanisch Guyana, durch den wir gekommen, tritt sie nicht in den +gewaltigen Massen auf, welche die Hispano-Amerikaner +<strong>Guaduales</strong> oder Bambuswälder nennen.</p> +<p>Unser erstes Nachtlager oberhalb Vasiva war bald aufgeschlagen. +Wir trafen einen kleinen trockenen, von Büschen freien Fleck +südlich vom Caño Curamuni, an einem Ort, wo wir +Kapuzineraffen,<sup><a href="#fn13" class="footnoteRef" id= +"fnref13" name="fnref13">13</a></sup> kenntlich am schwarzen Bart +und der trübseligen, scheuen Miene, langsam auf den horizontalen +Aesten einer Genipa hin und hergehen sahen. Die fünf folgenden +Nächte wurden immer beschwerlicher, je näher wir der Gabeltheilung +des Orinoco kamen. Die Ueppigkeit des Pflanzenwuchses steigerte +sich in einem Grade, von dem man sich keinen Begriff macht, selbst +wenn man mit dem Anblick der tropischen Wälder vertraut ist. Ein +Gelände ist gar nicht mehr vorhanden; ein Pfahlwerk aus +dichtbelaubten Bäumen bildet das Flußufer. Man hat einen 200 Toisen +breiten Canal vor sich, den zwei ungeheure mit Laub und Lianen +bedeckte Wände einfassen; Wir versuchten öfters zu landen, konnten +aber nicht aus dem Canoe kommen. Gegen Sonnenuntergang fuhren wir +zuweilen eine Stunde lang am Ufer hin, um, nicht eine Lichtung +(dergleichen gibt es gar nicht), sondern nur einen weniger dicht +bewachsenen Fleck zu entdecken, wo unsere Indianer mit der Axt so +weit aufräumen konnten, um für 12 bis 13 Personen ein Lager +aufzuschlagen. In der Pirogue konnten wir die Nacht unmöglich +zubringen. Die Moskitos, die uns den Tag über plagten, setzten sich +gegen Abend haufenweise unter den <strong>Toldo</strong>, +d. h. unter das Dach aus Palmblättern, das uns vor dem Regen +schützte. Rio waren uns Hände und Gesicht so stark geschwollen +gewesen. Pater Zea, der sich bis dahin immer gerühmt, er habe in +seinen Missionen an den Katarakten die größten und wildesten +(<em>las mas feroces</em>) Moskitos, gab nach und nach zu, nie +haben ihn die Insektenstiche ärger geschmerzt, als hier am +Cassiquiare. Mitten im dicken Walde konnten wir uns nur mit +schwerer Mühe Brennholz verschaffen; denn in diesen Ländern am +Aequator, wo es beständig regnet, sind die Baumzweige so saftreich, +daß sie fast gar nicht brennen. Wo es keine trockenen Ufer gibt, +findet man auch so gut wie kein altes Holz, das, wie die Indier +sagen, <strong>an der Sonne gekocht</strong> ist. Feuer bedurften +wir übrigens nur als Schutzwehr gegen die Thiere des Waldes; unser +Vorrath an Lebensmitteln war so gering, daß wir zur Zubereitung der +Speisen des Feuers ziemlich hätten entbehren können.</p> +<p>Am 18. Mai gegen Abend kamen wir an einen Ort, wo wilde +Cacaobäume das Ufer säumen. Die Bohne derselben ist klein und +bitter; die Indianer in den Wäldern saugen das Mark aus und werfen +die Bohnen weg, und diese werden von den Indianern in den Missionen +aufgelesen und an solche verkauft, die es bei der Bereitung ihrer +Chokolate nicht genau nehmen. »Hier ist der <strong>Puerto del +Cacao</strong>,« sagte der Steuermann, »hier übernachten <em>los +Padres</em>, wenn sie nach Esmeralda fahren, um Blaseröhren und +<strong>Juvia</strong> (die wohlschmeckenden Mandeln der +<em>Bertholletia</em>) zu kaufen.« Indessen befahren im Jahre nicht +fünf Canoes den Cassiquiare, und seit Maypures, also seit einem +Monat, war uns auf den Flüssen, die wir hinauffuhren, keine Seele +begegnet, außer in der nächsten Nähe der Missionen. Südwärts vom +See Duractumini übernachteten wir in einem Palmenwalde. Der Regen +goß in Strömen herab; aber die Pothos, die Arum und die +Schlinggewächse bildeten eine natürliche, so dichte Laube, daß wir +darunter Schutz fanden, wie unter dichtbelaubten Bäumen. Die +Indianer, die am Ufer lagen, hatten Heliconien und Musaceen in +einander verschlungen und damit über ihren Hängematten eine Art +Dach gebildet. Unsere Feuer beleuchteten auf 50, 60 Fuß Höhe die +Palmstämme, die mit Blüthen bedeckten Schlinggewächse und die +weißlichten Rauchsäulen, die gerade gen Himmel stiegen; ein +prachtvoller Anblick, aber um desselben mit Ruhe zu genießen, hätte +man eine Luft athmen müssen, die nicht von Insekten wimmelte.</p> +<p>Unter allen körperlichen Leiden wirken diejenigen am +niederschlagendsten, die in ihrer Dauer immer dieselben sind, und +gegen die es kein Mittel gibt als Geduld. Die Ausdünstungen in den +Wäldern am Cassiquiare haben wahrscheinlich bei Bonpland den Keim +zu der schweren Krankheit gelegt, der er bei unserer Ankunft in +Angostura beinahe erlegen wäre. Zu unserem Glück ahnte er so wenig +als ich die Gefahr, die ihm drohte. Der Anblick des Flusses und das +Summen der Moskitos kamen uns allerdings etwas einförmig vor; aber +unser natürlicher Frohsinn war nicht ganz gebrochen und half uns +über die lange Oede weg. Wir machten die Bemerkung, daß wir uns den +Hunger auf mehrere Stunden vertrieben, wenn wir etwas trockenen +geriebenen Cacao ohne Zucker aßen. Die Ameisen und die Moskitos +machten uns mehr zu schaffen als die Nässe und der Mangel an +Nahrung. So großen Entbehrungen wir auch auf unsern Zügen in den +Cordilleren ausgesetzt gewesen, die Flußfahrt von Mandavaca nach +Esmeralda erschien uns immer als das beschwerdereichste Stück +unseres Aufenthalts in Amerika. Ich rathe den Reisenden, den Weg +über den Cassiquiare dem über den Atabapo nicht vorzuziehen, sie +müßten denn sehr großes Verlangen haben, die große Gabeltheilung +des Orinoco mit eigenen Augen zu sehen.</p> +<p>Oberhalb des Caño Duractumuni läuft der Cassiquiare geradeaus +von Nordost nach Südwest. Hier hat man am rechten Ufer mit dem Bau +des neuen Dorfes Vasiva begonnen. Die Missionen Pacimona, Capivari, +Buenaguardia, so wie die angebliche Schanze am See bei Vasiva auf +unsern Karten sind lauter Fictionen. Es fiel uns auf, wie stark +durch die raschen Anschwellungen des Cassiquiare die beiderseitigen +Uferabhänge unterhöhlt waren. Entwurzelte Bäume bilden wie +natürliche Flöße; sie stecken halb im Schlamm und können den +Piroguen sehr gefährlich werden. Hätte man das Unglück, in diesen +unbewohnten Strichen zu scheitern, so verschwände man ohne Zweifel, +ohne daß eine Spur des Schiffbruchs verriethe, wo und wie man +untergegangen. Man erführe nur an der Küste, und das sehr spät, ein +Canoe, das von Vasiva abgegangen, sey hundert Meilen weiterhin, in +den Missionen Santa Barbara und San Fernando de Atabapo nicht +gesehen worden.</p> +<p>Die Nacht des 20. Mai, die letzte unserer Fahrt auf dem +Cassiquiare, brachten wir an der Stelle zu, wo der Orinoco sich +gabelt. Wir hatten einige Aussicht, eine astronomische Beobachtung +machen zu können; denn ungewöhnlich große Sternschnuppen +schimmerten durch die Dunsthülle, die den Himmel umzog. Wir +schlossen daraus, die Dunstschicht müsse sehr dünn seyn, da man +solche Meteore fast niemals unter dem Gewölk sieht. Die uns zu +Gesicht kamen, liefen nach Nord und folgten auf einander fast in +gleichen Pausen. Die Indianer, welche die Zerrbilder ihrer +Phantasie nicht leicht durch den Ausdruck veredeln, nennen die +Sternschnuppen den <strong>Urin</strong> und den Thau den +<strong>Speichel der Sterne</strong>. Aber das Gewölk wurde wieder +dicker und wir sahen weder die Meteore mehr noch die wahren Sterne, +deren wir seit mehreren Tagen mit so großer Ungeduld harrten.</p> +<p>Man hatte uns gesagt, in Esmeralda werden wir die Insekten »noch +grausamer und gieriger« finden, als auf dem Arm des Orinoco, den +wir jetzt hinauffuhren; trotz dieser Aussicht erheiterte uns die +Hoffnung, endlich einmal wieder an einem bewohnten Orte schlafen +und uns beim Botanisiren einige Bewegung machen zu können. Beim +letzten Nachtlager am Cassiquiare wurde unsere Freude getrübt. Ich +nehme keinen Anstand, hier einen Vorfall zu erzählen, der für den +Leser von keinem großen Belang ist, der aber in einem Tagebuch, das +die Begebnisse auf der Fahrt durch ein so wildes Land schildert, +immerhin eine Stelle finden mag. Wir lagerten am Waldsaum. Mitten +in der Nacht meldeten uns die Indianer, man höre den Jaguar ganz in +der Nähe brüllen, und zwar von den nahestehenden Bäumen herab. Die +Wälder sind hier so dicht, daß fast keine andern Thiere darin +vorkommen, als solche, die auf die Bäume klettern, Vierhänder, +Cercolepten, Viverren und verschiedene Katzenarten. Da unsere Feuer +hell brannten, und da man durch lange Gewöhnung Gefahren, die +durchaus nicht eingebildet sind, ich möchte sagen, systematisch +nicht achten lernt, so machten wir uns aus dem Brüllen der Jaguars +nicht viel. Der Geruch und die Stimme unseres Hundes hatten sie +hergelockt. Der Hund (eine große Dogge) bellte Anfangs; als aber +der Tiger näher kam, fing er an zu heulen und kroch unter unsere +Hängematten, als wollte er beim Menschen Schutz suchen. Seit unsern +Nachtlagern am Rio Apure waren wir daran gewöhnt, bei dem Thier, +das jung, sanftmüthig und sehr einschmeichelnd war, in dieser Weise +Muth und Schüchternheit wechseln zu sehen. Wie groß war unser +Verdruß, als uns am Morgen, da wir eben das Fahrzeug besteigen +wollten, die Indianer meldeten, der Hund sey verschwunden! Es war +kein Zweifel, die Jaguars hatten ihn fortgeschleppt. Vielleicht war +er, da er sie nicht mehr brüllen hörte, von den Feuern weg dem Ufer +zu gegangen; vielleicht aber auch hatten wir den Hund nicht winseln +hören, da wir im tiefsten Schlafe lagen. Am Orinoco und am +Magdalenenstrom versicherte man uns oft, die ältesten Jaguars (also +solche, die viele Jahre bei Nacht gejagt haben) seyen so +verschlagen, daß sie mitten aus einem Nachtlager Thiere +herausholen, indem sie ihnen den Hals zudrücken, damit sie nicht +schreien können. Wir warteten am Morgen lange, in der Hoffnung, der +Hund möchte sich nur verlaufen haben. Drei Tage später kamen wir an +denselben Platz zurück. Auch jetzt hörten wir die Jaguars wieder +brüllen, denn diese Thiere haben eine Vorliebe für gewisse Orte; +aber all unser Suchen war vergeblich. Die Dogge, die seit Caracas +unser Begleiter gewesen und so oft schwimmend den Krokodilen +entgangen war, war im Walde zerrissen worden. Ich erwähne dieses +Vorfalls nur, weil er einiges Licht auf die Kunstgriffe dieser +großen Katzen mit geflecktem Fell wirft.</p> +<p>Am 21. Mai liefen wir drei Meilen unterhalb der Mission +Esmeralda wieder in das Bett des Orinoco ein. Vor einem Monat +hatten wir diesen Fluß bei der Einmündung des Guaviare verlassen. +Wir hatten nun noch 750 Seemeilen<sup><a href="#fn14" class= +"footnoteRef" id="fnref14" name="fnref14">14</a></sup> nach +Angostura, aber es ging den Strom abwärts, und dieser Gedanke war +geeignet, uns unsere Leiden erträglicher zu machen. Fährt man die +großen Ströme hinab, so bleibt man im Thalweg, wo es nur wenige +Moskitos gibt; stromaufwärts dagegen muß man sich, um die Wirbel +und Gegenströmungen zu benützen, nahe am Ufer halten, wo es wegen +der Nähe der Wälder und des organischen Detritus, der aufs Ufer +geworfen wird, von Mücken wimmelt.<sup><a href="#fn15" class= +"footnoteRef" id="fnref15" name="fnref15">15</a></sup> Der Punkt, +wo die vielberufene Gabeltheilung des Orinoco stattfindet, gewährt +einen ungemein großartigen Anblick. Am nördlichen Ufer erheben sich +hohe Granitberge; in der Ferne erkennt man unter denselben den +Maraguaca und den Duida. Auf dem linken Ufer des Orinoco, westlich +und südlich von der Gabelung, sind keine Berge bis dem Einfluß des +Tamatama gegenüber. Hier liegt der Fels Guaraco, der in der +Regenzeit zuweilen Feuer speien soll. Da wo der Orinoco gegen Süd +nicht mehr von Bergen umgeben ist und er die Oeffnung eines Thals +oder vielmehr einer Senkung erreicht, welche sich nach dem Rio +Negro hinunterzieht, theilt er sich in zwei Aeste. Der Hauptast +(der Rio Paragua der Indianer) setzt seinen Lauf +west-nord-westwärts um die Berggruppe der Parime herum fort; der +Arm, der die Verbindung mit dem Amazonenstrom herstellt, läuft über +Ebenen, die im Ganzen ihr Gefäll gegen Süd haben, wobei aber die +einzelnen Gehänge im Cassiquiare gegen Südwest, im Becken des Rio +Negro gegen Südost fallen. Eine scheinbar so auffallende +Erscheinung, die ich an Ort und Stelle untersucht habe, verdient +ganz besondere Aufmerksamkeit, um so mehr, als sie über ähnliche +Fälle, die man im innern Afrika beobachtet zu haben glaubt, einigen +Aufschluß geben kann. Ich beschließe dieses Capitel mit allgemeinen +Betrachtungen über das <strong>hydraulische System</strong> von +spanisch Guyana, und versuche es, durch Anführung von Fällen auf +dem alten Continent darzuthun, daß diese Gabeltheilung, die für die +Geographen, welche Karten von Amerika entwarfen, so lange ein +Schreckbild war, immerhin etwas Seltenes ist, aber in beiden +Halbkugeln vorkommt.</p> +<p>Wir sind gewöhnt, die europäischen Flüsse nur in dem Theil ihres +Laufs zu betrachten, wo sie zwischen zwei Wasserscheiden liegen, +somit in Thäler eingeschlossen sind; wir beachten nicht, daß, die +Bodenhindernisse, welche Nebenflüsse und Hauptwasserbehälter +ablenken, gar nicht so oft Bergketten sind, als vielmehr sanfte +Böschungen von Gegenhängen; und so fällt es uns schwer, uns eine +Vorstellung davon zu machen, wie in der neuen Welt die Ströme sich +so stark krümmen, sich gabelig theilen und in einander münden +sollen. An diesem ungeheuern Continent fällt die weite Erstreckung +und Einförmigkeit seiner Ebenen noch mehr auf als die riesenhafte +Höhe seiner Cordilleren. Erscheinungen, wie wir sie in unserer +Halbkugel an den Meeresküsten oder in den Steppen von Bactriana um +Binnenmeere, um den Aral und das caspische Meer beobachten, kommen +in Amerika drei-, vierhundert Meilen von den Strommündungen vor. +Die kleinen Bäche, die sich durch unsere Wiesengründe (die +vollkommensten Ebenen bei uns) schlängeln, geben im Kleinen ein +Bild jener Verzweigungen und Gabeltheilungen; man hält es aber +nicht der Mühe werth, bei solchen Kleinigkeiten zu verweilen, und +so fällt einem bei den hydraulischen Systemen der beiden Welten +mehr der Contrast auf als die Analogie. Die Vorstellung, der Rhein +könnte an die Donau, die Weichsel an die Oder, die Seine an die +Loire einen Arm abgeben, erscheint uns auf den ersten Blick so +ausschweifend, daß wir, wenn wir auch nicht daran zweifeln, daß +Orinoco und Amazonenstrom in Verbindung stehen, den Beweis +verlangen, daß was wirklich ist, auch möglich ist.</p> +<p>Fährt man über das Delta des Orinoco nach Angostura und zum +Einfluß des Rio Apure hinauf, so hat man die hohe Gebirgskette der +Parime fortwährend zur Linken. Diese Kette bildet nun keineswegs, +wie mehrere berühmte Geographen angenommen haben, eine +Wasserscheide zwischen dem Becken des Orinoco und dem des +Amazonenstroms, vielmehr entspringen am Südabhang derselben die +Quellen des ersteren Stroms. Der Orinoco beschreibt (ganz wie der +Arno in der bekannten <strong>Voltata</strong> zwischen Bibieno und +Ponta Sieve) drei Viertheile eines Ovals, dessen große Achse in der +Richtung eines Parallels liegt. Er läuft um einen Bergstock herum, +von dessen beiden entgegengesetzten Abhängen die Gewässer ihm +zulaufen. Von den« Alpenthälern des Maraguaca an läuft der Fluß +zuerst gegen West oder West-Nord-West, als sollte er sich in die +Südsee ergießen; darauf, beim Einfluß des Guaviare, fängt er an +nach Nord umzubiegen und läuft in der Richtung eines Meridians bis +zur Mündung des Apure, wo ein zweiter »Wiederkehrungspunkt« liegt. +Auf diesem Stücke seines Laufs füllt der Orinoco eine Art +<strong>Rinne</strong>, die durch das sanfte Gefälle, das sich von +der sehr fernen Andenkette von Neu-Grenada herunterzieht, und durch +den ganz kurzen Gegenhang, der ostwärts zur steilen Gebirgswand der +Parime hinaufläuft, gebildet wird. In Folge dieser Bodenbildung +kommen die bedeutendsten Zuflüsse dem Orinoco von Westen herzu. Da +der Hauptbehälter ganz nahe an den Gebirgen der Parime liegt, um +die er sich von Süd nach Nord herumbiegt (als sollte er +Portocabello an der Nordküste von Venezuela zu laufen), so ist sein +Bett von Felsmassen verstopft. Dieß ist der Strich der großen +Katarakten; der Strom bricht sich brüllend Bahn durch die +Ausläufer, die gegen West fortstreichen, so daß aus der großen +»Land-Meerenge«<sup><a href="#fn16" class="footnoteRef" id= +"fnref16" name="fnref16">16</a></sup> (<em>détroit terrestre</em>) +zwischen den Cordilleren von Neu-Grenada und der Sierra Parime die +Felsen am westlichen Ufer des Stroms noch dieser Sierra angehören. +Beim Einfluß des Rio Apure sieht man nun den Orinoco zum +zweitenmal, und fast plötzlich, aus seiner Richtung von Süd nach +Nord in die von West nach Ost umbiegen, wie weiter oben der Einfluß +des Guaviare den Punkt bezeichnet, wo der westliche Lauf rasch zum +nördlichen wird. Bei diesen beiden Biegungen wird die Richtung des +Hauptbehälters nicht allein durch den Stoß der Gewässer des +Nebenflusses bestimmt, sondern auch durch die eigenthümliche Lage +der Hänge und Gegenhänge, die sowohl auf die Richtung der +Nebenflüsse als auf die des Orinoco selbst ihren Einfluß äußern. +Umsonst sieht man sich bei diesen geographisch so wichtigen +»Wiederkehrungspunkten« nach Bergen oder Hügeln um, die den Strom +seinen bisherigen Lauf nicht fortsetzen ließen. Beim Einfluß des +Guaviare sind keine vorhanden, und bei der Mündung des Apure konnte +der niedrige Hügel von Cabruta auf die Richtung des Orinoco sicher +keinen Einfluß äußern. Diese Veränderungen der Richtung sind Folgen +allgemeinerer Ursachen; sie rühren her von der Lage der großen +geneigten Ebenen, aus denen die polyedrische Fläche der Niederungen +besteht. Die Bergketten steigen nicht wie Mauern auf wagrechten +Grundflächen empor; ihre mehr oder weniger prismatischen Stöcke +stehen immer auf Plateaux, und diese Plateaux streichen mit +stärkerer oder geringerer Abdachung dem Thalweg des Stromes zu. Der +Umstand, daß die Ebenen gegen die Berge ansteigen, ist somit die +Ursache, daß sich die Flüsse so selten an den Bergen selbst brechen +und den Einfluß dieser Wasserscheiden, so zu sagen, in bedeutender +Entfernung fühlen. Geographen, welche Topographie nach der Natur +studirt und selbst Bodenvermessungen vorgenommen haben, können sich +nicht wundern, daß auf Karten, auf denen wegen ihres Maßstabes ein +Gefälle von 3—5 Grad sich nicht angeben läßt, die Ursachen der +großen Flußkrümmungen materiell gar nicht ersichtlich sind. Der +Orinoco läuft von der Mündung des Apure bis zu seinem Ausfluß an +der Ostküste von Amerika parallel mit seiner anfänglichen Richtung, +aber derselben entgegen; sein Thalweg wird dort gegen Norden durch +eine fast unmerkliche Abdachung, die sich gegen die Küstenkette von +Venezuela hinaufzieht, gegen Süden durch den kurzen steilen +Gegenhang an der Sierra Parime gebildet. In Folge dieser +eigenthümlichen Terrainbildung umgibt der Orinoco denselben +granitischen Gebirgsstock in Süd, West und Nord, und befindet sich +nach einem Lauf von 1350 Seemeilen (zu 950 Toisen) 300 Seemeilen +von seinem Ursprung. Es ist ein Fluß, dessen Mündung bis auf zwei +Grad im Meridian seiner Quellen liegt.</p> +<p>Der Lauf des Orinoco, wie wir ihn hier flüchtig geschildert, +zeigt drei sehr bemerkenswerthe Eigenthümlichkeiten: 1) daß er dem +Bergstock, um den er in Süd, West und Nord herläuft, immer so nahe +bleibt; 2) daß seine Quellen in einem Landstrich liegen, der, wie +man glauben sollte, dem Becken des Rio Negro und des Amazonenstroms +angehört; 3) daß er sich gabelt und einem andern Flußsystem einen +Arm zusendet. Nach bloß theoretischen Vorstellungen sollte man +annehmen, die Flüsse, wenn sie einmal aus den Alpenthälern heraus +sind, in deren obern Enden sie entsprungen, müßten rasch von den +Bergen weg auf einer mehr oder weniger geneigten Ebene fortziehen, +deren stärkster Fall senkrecht ist auf die große Achse der Kette +oder die Hauptwasserscheide. Eine solche Voraussetzung widerspräche +aber dem Verhalten der großartigsten Ströme Indiens und Chinas. Es +ist eine Eigenthümlichkeit dieser Flüsse, daß sie nach ihrem +Austritt aus dem Gebirge mit der Kette parallel laufen. Die Ebenen +deren Gehänge gegen die Gebirge ansteigen, sind am Fuße derselben +unregelmäßig gestaltet. Nicht selten mag die Erscheinung, von der +hier die Rede ist, von der Beschaffenheit des geschichteten +Gesteins und daher rühren, daß die Schichten den großen Ketten +parallel streichen; da aber der Granit der Sierra Parime fast +durchaus massig, nicht geschichtet ist, so deutet der Umstand, daß +der Orinoco sich so nahe um diesen Gebirgsstock herumschlingt, auf +eine Terrainsenkung hin, die mit einer allgemeineren geologischen +Erscheinung zusammenhängt, auf eine Ursache, die vielleicht bei der +Bildung der Cordilleren selbst im Spiele war. In den Meeren und den +Binnenseen finden sich die tiefsten Stellen da, wo die Ufer am +höchsten und steilsten sind. Fährt man von Esmeralda nach Angostura +den Orinoco hinab, so sieht man (ob die Richtung West, Nord oder +Ost ist) 250 Meilen weit am rechten Ufer beständig sehr hohe Berge, +am linken dagegen Ebenen, so weit das Auge reicht. Die Linie der +größten Tiefen, die Maxima der Senkung liegen also am Fuß der +Cordillere selbst, am Umriß der Sierra Parime.</p> +<p>Eine andere Eigenthümlichkeit, die uns auf den ersten Anblick am +Laufe des Orinoco auffällig erscheint, ist, daß das Becken dieses +Stroms ursprünglich mit dem Becken eines andern, des +Amazonenstroms, zusammenzufallen scheint. Wirft man einen Blick auf +die Karte, so sieht man, daß der obere Orinoco von Ost nach West +über dieselbe Ebene läuft, durch die der Amazonenstrom parallel mit +ihm, aber in entgegengesetzter Richtung, von West nach Ost zieht. +Aber das Becken ist nur scheinbar ein gemeinschaftliches; man darf +nicht vergessen, daß die großen Bodenflächen, die wir Ebenen +nennen, ihre Thäler haben, so gut wie die Berge. Jede Ebene besteht +aus verschiedenen Systemen alternativer Hänge,<sup><a href="#fn17" +class="footnoteRef" id="fnref17" name="fnref17">17</a></sup> und +diese Systeme sind von einander durch <strong>secundäre</strong> +Wasserscheiden von so geringer Höhe getrennt, daß das Auge sie fast +nicht bemerkt. Eine ununterbrochene, waldbedeckte Ebene füllt den +ungeheuern Raum zwischen dem 3½ Grad nördlicher und dem +14. Grad südlicher Breite, zwischen der Cordillere der Parime +und der Cordillere von Chiquitos und der brasilianischen. Bis zum +Parallel der Quellen des Rio Temi (2°45′ nördlicher Breite), auf +einer Oberfläche von 204,000 Quadratmeilen,<sup><a href="#fn18" +class="footnoteRef" id="fnref18" name="fnref18">18</a></sup> laufen +alle Gewässer dem Amazonenstrom als Hauptbehälter zu; aber weiter +gegen Norden hat in Folge eigenthümlicher Terrainbildung auf einer +Fläche von nicht 1500 Quadratmeilen ein anderer großer Strom, der +Orinoco, sein eigenes hydraulisches System. Die Centralebene von +Südamerika umfaßt also zwei <strong>Strombecken</strong>; denn ein +Becken ist die Gesammtheit aller umliegenden Bodenflächen, deren +stärkste Falllinien dem Thalweg, das heißt der Längenvertiefung, +welche das Bett des Hauptbehälters bildet, zulaufen. Auf dem kurzen +Strich zwischen dem 68 und 70. Grad der Länge nimmt der +Orinoco die Gewässer auf, die vom Südabhang der Cordillere der +Parime herabkommen; aber die Nebenflüsse, die am selben Abhang +östlich vom Meridian von 68° zwischen dem Berge Maraguaca und den +Bergen des portugiesischen Guyana entspringen, gehen in den +Amazonenstrom. Also nur auf einer 50 Meilen langen Strecke haben in +diesem ungeheuern Thal unter dem Aequator die Bodenflächen zunächst +am Fuß der Cordillere der Parime ihren stärksten Fall in einer +Richtung, die <strong>aus dem Thal hinaus</strong> zuerst +nordwärts, dann ostwärts weist. In Ungarn sehen wir einen +ähnlichen, sehr merkwürdigen Fall, wo Flüsse, die südwärts von +einer Bergkette entspringen, dem hydraulischen System des Nordhangs +angehören. Die Wasserscheide zwischen dem baltischen und dem +schwarzen Meer liegt südlich vom Tatra, einem Ausläufer der +Carpathen, zwischen Teplicz und Ganocz, auf einem nur 300 Toisen +hohen Plateau. Waag und Hernad laufen südwärts der Donau zu, +während der Poprad um das Tatragebirge gegen West herumläuft und +mit dem Dunajetz nordwärts der Weichsel zufließt. Der Poprad, der +seiner Lage nach zu den Gewässern zu gehören scheint, die dem +schwarzen Meer zufließen, trennt sich scheinbar vom Becken +derselben los und wendet sich dem baltischen Meere zu.</p> +<p>In Südamerika enthält eine ungeheure Ebene das Becken des +Amazonenstroms und einen Theil des Beckens des Orinoco; aber in +Deutschland, zwischen Melle und Osnabrück, haben wir den seltenen +Fall, daß ein sehr enges Thal die Becken zweier kleiner, von +einander unabhängiger Flüsse verbindet. Die Else und die Haase +laufen Anfangs nahe bei einander und parallel von Süd nach Nord; wo +sie aber in die Ebene treten, weichen sie nach Ost und West +auseinander und schließen sich zwei ganz gesonderten Flußsystemen, +dem der Werra und dem der Ems, an.</p> +<p>Ich komme zur dritten Eigenthümlichkeit im Laufe des Orinoco, zu +jener Gabeltheilung, die man im Moment, da ich nach Amerika +abreiste, wieder in Zweifel gezogen hatte. Diese Gabeltheilung +(<em>divergium amnis</em>) liegt nach meinen astronomischen +Beobachtungen in der Mission Esmeralda unter dem 3°10′ nördlicher +Breite und dem 68°37′ westlicher Länge vom Meridian von Paris. Im +Innern von Südamerika erfolgt dasselbe, was wir unter allen +Landstrichen an den Küsten vorkommen sehen. Nach den einfachsten +geometrischen Grundsätzen haben wir anzunehmen, daß die +Bodenbildung und der Stoß der Zuflüsse die Richtung der strömenden +Gewässer nach festen, gleichförmigen Gesetzen bestimmen. Die +<strong>Deltas</strong> entstehen dadurch, daß auf der Ebene eines +Küstenlandes eine Gabeltheilung erfolgt, und bei näherer +Betrachtung zeigen sich zuweilen in der Nähe dieser oceanischen +Gabelung Verzweigungen mit andern Flüssen, von denen Arme nicht +weit abliegen. Kommen nun aber Bodenflächen, so eben wie das +Küstenland, im Innern der Festländer gleichfalls vor, so müssen +sich dort auch dieselben Erscheinungen wiederholen. Aus denselben +Ursachen, welche an der Mündung eines großen Stroms Gabeltheilungen +herbeiführen, können dergleichen auch an seinen Quellen und in +seinem obern Laufe entstehen. Drei Umstände tragen vorzugsweise +dazu bei: die höchst unbedeutenden wellenförmigen Steigungen und +Senkungen einer Ebene, die zwei Strombecken zugleich umfaßt, die +Breite des einen der Hauptbehälter, und die Lage des Thalwegs am +Rande selbst, der beide Becken scheidet.</p> +<p>Wenn die Linie des stärksten Falls durch einen gegebenen Punkt +läuft, und wenn sie, noch so weit verlängert, nicht auf den Fluß +trifft, so kann dieser Punkt, er mag noch so nahe am Thalweg +liegen, nicht wohl demselben Becken angehören. In anstoßenden +Becken sehen wir häufig die Zuflüsse des einen Behälters ganz nahe +bei dem andern zwischen zwei Zuflüssen des letzteren entspringen. +In Folge dieser eigenthümlichen Coordinationsverhältnisse zwischen +den alternativen Gehängen werden die Grenzen der Becken mehr oder +weniger gekrümmt. Die Längenfurche oder der Thalweg ist keineswegs +nothwendig in der Mitte des Beckens; er befindet sich nicht einmal +immer an den tiefsten Stellen, denn diese können von Kämmen umgeben +seyn, so daß die Linien des stärksten Falls nicht hinlaufen. Nach +der ungleichen Länge der Zuflüsse an beiden Ufern eines Flusses +schätzen wir ziemlich sicher, welche Lage der Thalweg den Grenzen +des Beckens gegenüber hat. Am leichtesten erfolgt nun eine +Gabeltheilung, wenn der Hauptbehälter einer dieser Grenzen nahe +gerückt ist, wenn er längs dem Kamm hinläuft, der die Wasserscheide +zwischen beiden Becken bildet. Die geringste Erniedrigung dieses +Kamms kann dann die Erscheinung herbeiführen, von der hier die Rede +ist, wenn nicht der Fluß, vermöge der einmal angenommenen +Geschwindigkeit, ganz in seinem Bette zurückbleibt. Erfolgt aber +die Gabeltheilung, so läuft die Grenze zwischen beiden Becken der +Länge nach durch das Bett des Hauptbehälters, und ein Theil des +Thalwegs von a enthält Punkte, von denen die Linien des stärksten +Falls zum Thalweg von b weisen. Der Arm, der sich absondert, kann +nicht mehr zu a zurückkommen, denn ein Wasserfaden, der einmal in +ein Becken gelangt ist, kann diesem nicht mehr entweichen, ohne +durch das Bett des Flusses, der alle Gewässer desselben vereinigt, +hindurchzugehen.</p> +<p>Es ist nun noch zu betrachten, in wie fern die Breite eines +Flusses unter sonst gleichen Umständen die Bildung solcher +Gabeltheilungen begünstigt, welche, gleich den <strong>Kanälen mit +Theilungspunkten</strong>, in Folge der natürlichen Bodenbildung +eine schiffbare Linie zwischen zwei benachbarten Strombecken +herstellen. Sondirt man einen Fluß nach dem Querdurchschnitt, so +zeigt sich, daß sein Bett gewöhnlich aus mehreren Rinnen von +ungleicher Tiefe besteht. Je breiter der Strom ist, desto mehr sind +dieser Rinnen; sie laufen sogar große Strecken weit mehr oder +weniger einander parallel. Es folgt daraus, daß die meisten Flüsse +betrachtet werden können als aus mehreren dicht an einander +gerückten Kanälen bestehend, und daß eine Gabelung sich bildet, +wenn ein kleiner Bodenabschnitt am Ufer niedriger liegt, als der +Grund einer Seitenrinne. Den hier auseinandergesetzten +Verhältnissen zufolge bilden sich Flußgabelungen entweder im selben +Becken oder auf der Wasserscheide zwischen zweien. Im ersteren Fall +sind es entweder Arme, die in den Thalweg, von dem sie sich +abgezweigt, früher oder später wieder einmünden, oder aber Arme, +die sich mit weiter abwärts gelegenen Nebenflüssen vereinigen. +Zuweilen sind es auch Deltas,<sup><a href="#fn19" class= +"footnoteRef" id="fnref19" name="fnref19">19</a></sup> die sich +entweder nahe der Mündung der Flüsse ins Meer oder beim +Zusammenfluß mit einem andern Strom bilden. Erfolgt die Gabelung an +der Grenze zweier Becken, und läuft diese Grenze durch das Bett des +Hauptbehälters selbst, so stellt der sich abzweigende Arm eine +hydraulische Verbindung zwischen zwei Flußsystemen her und verdient +desto mehr unsere Aufmerksamkeit, je breiter und schiffbarer er +ist. Nun ist aber der Cassiquiare zwei- bis dreimal breiter als die +Seine beim <em>Jardin des plantes</em> in Paris, und zum Beweis, +wie merkwürdig dieser Fluß ist, bemerke ich, daß eine sorgfältige +Forschung nach Fällen von Gabeltheilungen im Innern der Länder, +selbst zwischen weit weniger bedeutenden Flüssen, ihrer bis jetzt +nur drei bis vier unzweifelhaft zu Tage gefördert hat. Ich spreche +nicht von den Verzweigungen der großen indisch-chinesischen Flüsse, +von den natürlichen Canälen, durch welche die Flüsse in Ava und +Pegu, wie in Siam und Cambodja zusammenzuhängen scheinen; die Art +dieser Verbindungen ist noch nicht gehörig aufgeklärt. Ich +beschränke mich darauf, einer hydraulischen Erscheinung zu +erwähnen, welche durch Baron Hermelins schöne Karten von Norwegen +nach allen Theilen bekannt geworden ist. In Lappland sendet der +Torneofluß einen Arm (den Tärendo-Elf) zum Calix-Elf, der ein +kleines hydraulisches System für sich bildet. Dieser Cassiquiare +der nördlichen Zone ist nur 10—12 Meilen lang, er macht aber alles +Land am bothnischen Busen zu einer wahren Flußinsel. Durch Leopold +von Buch wissen wir, daß die Existenz dieses natürlichen Canals +lange so hartnäckig geläugnet wurde, wie die eines Arms des +Orinoco, der in das Becken des Amazonenstroms läuft. Eine andere +Gabeltheilung, die wegen des alten Verkehrs zwischen den Völkern +Latiums und Etruriens noch mehr Interesse hat, scheint ehemals am +Thrasimenischen See stattgefunden zu haben. Auf seiner +vielberufenen <strong>Voltata</strong> von Süd nach West und Nord +zwischen Bibieno und Ponta Sieve theilte sich der Arno bei Arezzo +in zwei Arme, deren einer, wie jetzt, über Florenz und Pisa dem +Meere zulief, während der andere durch das Thal von Chiana floß und +sich mit dem Tiber vereinigte, entweder unmittelbar oder durch die +Paglia als Zwischenglied. Fossombroni hat dargethan, wie sich im +Mittelalter durch Anschwemmungen im Thal von Chiana eine +Wasserscheide bildete, und wie jetzt das nördliche Stück des +<strong>Arno Teverino</strong> von Süd nach Nord (auf dem +Gegenhang) aus dem kleinen See von Montepulciano in den Arno +fließt. So hatte denn der klassische Boden Italiens neben so vielen +Wundern der Natur und der Kunst auch eine Gabeltheilung +aufzuweisen, wie sie in den Wäldern der neuen Welt in ungleich +größerem Maßstab auftritt.</p> +<p>Ich bin nach meiner Rückkehr vom Orinoco oft gefragt worden, ob +ich glaube, daß der Canal des Cassiquiare allmählig durch +Anschwemmungen verstopft werden möchte, ob ich nicht der Ansicht +sey, daß die zwei größten Flußsysteme Amerikas unter den Tropen im +Laufe der Jahrhunderte sich ganz von einander trennen werden. Da +ich es mir zum Gesetz gemacht habe, nur Thatsächliches zu +beschreiben und die Verhältnisse, die in verschiedenen Ländern +zwischen der Bodenbildung und dem Laufe der Gewässer bestehen, zu +vergleichen, so habe ich alles bloß Hypothetische zu vermeiden. +Zunachst bemerke ich, daß der Cassiquiare in seinem gegenwärtigen +Zustand keineswegs <em>placidus et mitissimus amnis</em> ist, wie +es bei den Poeten Latiums heißt; er gleicht durchaus nicht dem +<em>errans languido flumine Cocytus</em>, da er im größten Theile +seines Laufs die ungemeine Geschwindigkeit von 6—8 Fuß in der +Sekunde hat. Es ist also wohl nicht zu fürchten, daß er ein mehrere +hundert Toisen breites Bett ganz verstopft. Dieser Arm des obern +Orinoco ist eine zu großartige Erscheinung, als daß die kleinen +Umwandlungen, die wir an der Erdoberfläche vorgehen sehen, +demselben ein Ende machen oder auch nur viel daran verändern +könnten. Wir bestreiten nicht, vollends wenn es sich von minder +breiten und sehr langsam strömenden Gewässern handelt, daß alle +Flüsse eine Neigung haben, ihre Verzweigungen zu vermindern und +ihre Becken zu isoliren. Die majestätischsten Ströme erscheinen, +wenn man die steilen Hänge der alten weitab liegenden Ufer +betrachtet, nur als Wasserfäden, die sich durch Thäler winden, die +sie selbst sich nicht haben graben können. Der heutige Zustand +ihres Bettes weist deutlich darauf hin, daß die strömenden Gewässer +allmählig abgenommen haben. Ueberall treffen wir die Spuren alter +ausgetrockneter Arme und Gabelungen, für die kaum ein historisches +Zeugniß vorliegt. Die verschiedenen, mehr oder weniger parallelen +Rinnen, aus denen die Betten der amerikanischen Flüsse bestehen, +und die sie weit wasserreicher erscheinen lassen, als sie wirklich +sind, verändern allgemach ihre Richtung; sie werden breiter und +verschmelzen dadurch, daß die Längsgräten zwischen denselben +abbröckeln. Was anfangs nur ein Arm war, wird bald der einzige +Wasserbehälter, und bei Strömen, die langsam ziehen, verschwinden +die Gabeltheilungen oder Verzweigungen zwischen zwei hydraulischen +Systemen auf dreierlei Wegen: entweder der +<strong>Verbindungscanal</strong> zieht den ganzen gegabelten Strom +in sein Becken hinüber, oder der Canal verstopft sich durch +Anschwemmungen an der Stelle, wo er vom Strome abgeht, oder endlich +in der Mitte seines Laufs bildet sich ein Querkamm, eine +Wasserscheide, wodurch das obere Stück einen Gegenhang erhält und +das Wasser in umgekehrter Richtung zurückfließt. Sehr niedrige und +großen periodischen Ueberschwemmungen ausgesetzte Länder, wie +Guyana in Amerika und Dar-Saley oder Baghermi in +Afrika,<sup><a href="#fn20" class="footnoteRef" id="fnref20" name= +"fnref20">20</a></sup> geben uns ein Bild davon, wie viel häufiger +dergleichen Verbindungen durch natürliche Canäle früher gewesen +seyn mögen als jetzt.</p> +<p>Nachdem ich die Gabeltheilung des Orinoco aus dem Gesichtspunkt +der <strong>vergleichenden Hydrographie</strong> betrachtet, habe +ich noch kurz die Geschichte der Entdeckung dieses merkwürdigen +Phänomens zu besprechen. Es ging mit der Verbindung zwischen zwei +großen Flußsystemen wie mit dem Lauf des Nigers gegen Ost. Man +mußte mehreremale entdecken, was auf den ersten Anblick der +Analogie und angenommenen Hypothesen widersprach. Als bereits durch +Reisende ausgemacht war, auf welche Weise Orinoco und Amazonenstrom +zusammenhängen, wurde noch, und zwar zu wiederholtenmalen +bezweifelt, ob die Sache überhaupt möglich sey. Eine Bergkette, die +der Geograph Hondius zu Ende des sechzehnten Jahrhunderts als +Grenzscheide beider Flüsse gefabelt hatte, wurde bald angenommen, +bald geläugnet. Man dachte nicht daran, daß selbst wenn diese Berge +vorhanden wären, deßhalb die beiden hydraulischen Systeme nicht +nothwendig getrennt feyn müßten, da ja die Gewässer durch die +Cordillere der Anden und die Himalayakette,<sup><a href="#fn21" +class="footnoteRef" id="fnref21" name="fnref21">21</a></sup> die +höchste bekannte der Welt, sich Bahn gebrochen haben. Man +behauptete, und nicht ohne Grund, Fahrten, die mit demselben Canoe +sollten gemacht worden seyn, schließen die Möglichkeit nicht aus, +daß die Wasserstraße durch Trageplätze unterbrochen gewesen. Ich +habe diese so lange bestrittene Gabeltheilung nach ihrem ganzen +Verhalten selbst beobachtet, bin aber deßhalb weit entfernt, +Gelehrte zu tadeln, die, gerade weil es ihnen nur um die Wahrheit +zu thun war, Bedenken trugen, als wirklich gelten zu lassen, was +ihnen noch nicht genau genug untersucht zu seyn schien.</p> +<p>Da der Amazonenstrom von den Portugiesen und den Spaniern schon +lange befahren wurde, ehe die beiden Nebenbuhler den obern Orinoco +kennen lernten, so kam die erste unsichere Kunde von der +Verzweigung zweier Ströme von der Mündung des Rio Negro nach +Europa. Die Conquistadoren und mehrere Geschichtschreiber, wie +Herera, Fray Pedro Simon und der Pater Garcia, verwechselten unter +den Namen <strong><em>Rio Grande</em></strong> und <strong><em>Mar +dulce</em></strong> den Orinoco und den Maragnon. Der Name des +ersteren Flusses kommt noch nicht einmal auf Diego Riberos +vielberufener Karte von Amerika aus dem Jahr 1529 vor. Durch die +Expeditionen des Orellana (1540) und des Lope de Aguirre (1560) +erfuhr man nichts über die Gabeltheilung des Orinoco; da aber +Aguirre so auffallend schnell die Insel Margarita erreicht hatte, +glaubte man lange, derselbe sey nicht durch eine der großen +Mündungen des Amazonenstromes, sondern durch eine Flußverbindung im +Innern auf die See gelangt. Der Jesuit Acuña hat solches als +Behauptung aufgestellt; aber das Ergebniß meiner Nachforschungen in +den Schriften der frühesten Geschichtschreiber der Eroberung +spricht nicht dafür. »Wie kann man glauben,« sagt dieser Missionär, +»daß Gott es zugelassen, daß ein Tyrann es hinausführe und die +schöne Entdeckung der Mündung des Maragnon mache!« Acuña setzt +voraus, Aguirre sey durch den Rio Felipe an die See gelangt, und +dieser Fluß »sey nur wenige Meilen von Cabo del Norte +entfernt.«</p> +<p>Ralegh brachte auf verschiedenen Fahrten, die er selbst gemacht +oder die auf seine Kosten unternommen worden, nichts über eine +hydraulische Verbindung zwischen Orinoco und Amazonenstrom in +Erfahrung; aber sein Unterbefehlshaber Keymis, der aus Schmeichelei +(besonders aber wegen des Vorgangs, daß der Maragnon nach Orellana +benannt worden) dem Orinoco den Namen <strong>Raleana</strong> +beigelegt, bekam zuerst eine unbestimmte Vorstellung von den +Trageplätzen zwischen dem Essequebo, dem Carony und dem Rio Branco +oder Parime. Aus diesen Trageplätzen machte er einen großen +Salzsee, und in dieser Gestalt erschienen sie auf der Karte, die +1599 nach Raleghs Berichten entworfen wurde. Zwischen Orinoco und +Amazonenstrom zeichnet man eine Cordillere ein, und statt der +wirklichen Gabelung gibt Hondius eine andere, völlig eingebildete +an: er läßt den Amazonenstrom (mittelst des Rio Tocantines) mit dem +Parana und dem San Francisco in Verbindung treten. Diese Verbindung +blieb über ein Jahrhundert auf den Karten stehen, wie auch eine +angebliche Gabeltheilung des Magdalenenstroms, von dem ein Arm zum +Golf von Maracaybo laufen sollte.</p> +<p>Im Jahr 1639 machten die Jesuiten Christoval de Acuña und Andres +de Artedia, im Gefolge des Capitäns Texeira, die Fahrt von Quito +nach Gran-Para. Am Einfluß des Rio Negro in den Amazonenstrom +erfuhren sie, »ersterer Fluß, von den Eingeborenen wegen der +braunen Farbe seines sehr hellen Wassers +<strong>Curiguacura</strong> oder <strong>Uruna</strong> genannt, +gebe einen Arm an den <strong>Rio Grande</strong> ab, der sich in +die nördliche See ergießt und an dessen Mündung sich holländische +Niederlassungen befinden.« Acuña gibt den Rath, »nicht am Einfluß +des Rio Negro in den Amazonenstrom, sondern am Punkt, wo der +Verbindungsast abgeht,« eine Festung zu bauen. Er bespricht die +Frage, was wohl dieser Rio Grande seyn möge, und kommt zum Schluß, +der Orinoco sey es sicher nicht, vielleicht aber der <strong>Rio +Dulce</strong> oder der <strong>Rio de Felipe</strong>, derselbe, +durch den Aguirre zur See gekommen. Letztere dieser Annahmen +scheint ihm die wahrscheinlichste. Man muß bei dergleichen Angaben +unterscheiden zwischen dem, was die Reisenden an der Mündung des +Rio Negro von den Indianern erfahren, und dem, was jene nach den +Vorstellungen, die ihnen der Zustand der Geographie zu ihrer Zeit +an die Hand gab, selbst hinzusetzten. Ein Flußarm, der vom Rio +Negro abgeht, soll sich in einen sehr großen Fluß ergießen, der in +das nördliche Meer läuft an einer Küste, auf der <strong>Menschen +mit rothen Haaren</strong> wohnen; so bezeichneten die Indianer die +Holländer, da sie gewöhnt waren, nur <strong>Weiße mit schwarzen +oder braunen Haaren</strong>, Spanier oder Portugiesen, zu sehen. +Wir kennen nun aber jetzt, vom Einfluß des Rio Negro in den +Amazonenstrom bis zum Caño Pimichin, auf dem ich in den ersteren +Fluß gekommen, alle Nebenflüsse von Nord und Ost her. Nur ein +einziger darunter, der Cassiquiare, steht mit einem andern Fluß in +Verbindung. Die Quellen des Rio Branco sind auf den neuen Karten +des brasilianischen hydrographischen Depots sehr genau aufgenommen, +und wir wissen, daß dieser Fluß keineswegs durch einen See mit dem +Carony, dem Essequebo oder irgend einem andern Gewässer der Küste +von Surinam und Cayenne in Verbindung steht. Eine hohe Bergkette, +die von Pacaraymo, liegt zwischen den Quellen des Paraguamusi +(eines Nebenflusses des Carony) und denen des Rio Branco, wie es +von Don Antonio Santos auf seiner Reise von Angostura nach +Gran-Para im Jahr 1775 ausgemacht worden. Südwärts von der +Bergkette Pacaraymo und Quimiropaca besindet sich ein Trageplatz +von drei Tagereisen zwischen dem Sarauri (einem Arm des Rio Branco) +und dem Rupunuri (einem Arm des Essequebo). Ueber diesen Trageplatz +kam im Jahr 1759 der Chirurg Nicolas Hortsmann, ein Hildesheimer, +dessen Tagebuch ich in Händen gehabt; es ist dieß derselbe Weg, auf +dem Don Francisco Jose Rodrigues Barata, Obristlieutenant des +ersten Linienregiments in Para, im Jahr 1793 im Auftrag seiner +Regierung zweimal vom Amazonenstrom nach Surinam ging. In noch +neuerer Zeit, im Februar 1811, kamen englische und holländische +Colonisten zum Trageplatz am Rupunuri und ließen den Befehlshaber +am Rio Negro um die Erlaubniß bitten, zum Rio Branco sich begeben +zu dürfen; der Commandant willfahrte dem Gesuch und so kamen die +Colonisten in ihren Canoes zum Fort San Joaquin am Rio Branco. Wir +werden in der Folge noch einmal auf diese Landenge zurückkommen, +einen theils bergigten, theils sumpfigten Landstrich, auf den +Kaymis (der Verfasser des Berichts von Raleghs zweiter Reise) den +Dorado und die große Stadt Manoa verlegt, der aber, wie wir jetzt +bestimmt wissen, die Quellen des Carony, des Rupunuri und des Rio +Branco trennt, die drei verschiedenen Flußsystemen angehören, dem +Orinoco, dem Essequebo und dem Rio Negro oder Amazonenstrom.</p> +<p>Aus dem Bisherigen geht hervor, daß die Eingeborenen, die +Texeira und Acuña von der Verbindung zweier großen Ströme sprachen, +vielleicht selbst über die Richtung des Cassiquiare im Irrthum +waren, oder daß Acuña ihre Aeußerungen mißverstanden hat. Letzteres +ist um so wahrscheinlicher, da ich, wenn ich mich, gleich dem +spanischen Reisenden, eines Dolmetschers bediente, oft selbst die +Erfahrung gemacht habe, wie leicht man etwas falsch auffaßt, wenn +davon die Rede ist, ob ein Fluß Arme abgibt oder aufnimmt, ob ein +Nebenfluß mit der Sonne geht oder »gegen die Sonne« läuft. Ich +bezweifle, daß die Indianer mit dem, was sie gegen Acuña geäußert, +die Verbindung mit den holländischen Besitzungen über die +Trageplätze zwischen dem Rio Branco und dem Rio Gssequebo gemeint +haben. Die Caraiben kamen an den Rio Negro auf beiden Wegen, über +die Landenge beim Rupunuri und auf dem Cassiquiare; aber eine +ununterbrochene Wasserstraße mußte den Indianern als etwas +erscheinen, das für die Fremden ungleich mehr Belang habe, und der +Orinoco mündet allerdings nicht in den holländischen Besitzungen +aus, liegt aber doch denselben sehr nahe. Acuñas Aufenthalt an der +Mündung des Rio Negro verdankt Europa nicht nur die erste Kunde von +der Verbindung zwischen Amazonenstrom und Orinoco, derselbe hatte +auch aus dem Gesichtspunkte der Humanität gute Folgen. Texeiras +Mannschaft wollte den Befehlshaber zwingen, in den Rio Negro +einzulaufen, um Sklaven zu holen. Die beiden Geistlichen, Acuña und +Artedia, legten schriftliche Verwahrung gegen ein solch ungerechtes +und politisch unkluges Unternehmen ein. Sie behaupteten dabei (und +der Satz ist sonderbar genug), »das Gewissen gestatte den Christen +nicht, Eingeborene zu Sklaven zu machen, solche ausgenommen, die +als Dolmetscher zu dienen hätten.« Was man auch von diesem Satze +halten mag, auf die hochherzige, muthvolIe Verwahrung der beiden +Geistlichen unterblieb der beabsichtigte Raubzug.</p> +<p>Im Jahr 1680 entwarf der Geograph Sanson nach Acuñas +Reisebericht eine Karte vom Orinoco und dem Amazonenstrom. Sie ist +für den Amazonenstrom, was Gumillas Karte so lange für den untern +Orinoco gewesen. Im ganzen Strich nördlich vom Aequator ist sie +rein hypothetisch, und der Caqueta, wie schon oben bemerkt, gabelt +sich darauf unter einem rechten Winkel. Der eine Arm des Caqueta +ist der Orinoco, der andere der Rio Negro. In dieser Weise glaubte +Sanson auf der erwähnten Karte, und auf einer andern von ganz +Südamerika aus dem Jahr 1656, die unbestimmten Nachrichten, welche +Acuña im Jahr 1639 über die Verzweigungen des Caqueta und über die +Verbindungen zwischen Amazonenstrom und Orinoco erhalten, +vereinigen zu können. Die irrige Vorstellung, der Rio Negro +entspringe aus dem Orinoco oder aus dem Caqueta, von dem der +Orinoco nur ein Zweig wäre, hat sich bis in die Mitte des +achtzehnten Jahrhunderts erhalten, wo der Cassiquiare entdeckt +wurde.</p> +<p>Pater Fritz war mit einem andern deutschen Jesuiten, dem Pater +Richler, nach Quito gekommen; er entwarf im Jahr 1690 eine Karte +des Amazonenstroms, die beste, die man vor La Condamines Reise +besaß. Nach dieser Karte richtete sich der französische Akademiker +auf seiner Flußfahrt, wie ich auf dem Orinoco nach den Karten von +La Cruz und Caulin. Es ist auffallend, daß Pater Fritz bei seinem +langen Aufenthalt am Amazonenstrom (der Commandant eines +portugiesischen Forts hielt ihn zwei Jahre gefangen) keine Kunde +vom Cassiquiare erhalten haben soll. Die geschichtlichen Notizen, +die er auf dem Rand seiner handschriftlichen Karte beigesetzt und +die ich in neuester Zeit sorgfältig untersucht habe, sind sehr +mangelhaft; auch sind ihrer nicht viele. Er läßt eine Bergkette +zwischen den beiden Flußsystemen streichen und rückt nur einen der +Zweige, die den Rio Negro bilden, nahe an einen Nebenfluß des +Orinoco, der, der Lage nach, der Rio Caura zu seyn scheint. In den +hundert Jahren zwischen Acuñas Reise und der Entdeckung des +Cassiquiare durch Pater Roman blieb Alles im Ungewissen.</p> +<p>Die Verzweigung des Orinoco und des Amazonenstroms durch den Rio +Negro und eine Gabeltheilung des Caqueta, die Sanson aufgebracht +und die Pater Fritz und Blaeuw verwarfen, erschienen auf de l’Isles +ersten Karten wieder; aber gegen das Ende seines Lebens gab der +berühmte Geograph sie wieder auf.<sup><a href="#fn22" class= +"footnoteRef" id="fnref22" name="fnref22">22</a></sup> Da man sich +hinsichtlich der Art und Weise der Verbindung geirrt, war man +schnell bei der Hand und zog die Verbindung selbst in Abrede. Es +ist wirklich sehr merkwürdig, daß zur Zeit, wo die Portugiesen am +häufigsten den Amazonenstrom, den Rio Negro und den Cassiquiare +hinauffuhren, und wo Pater Gumillas Briefe (durch die natürliche +Flußverzweigung) vom untern Orinoco nach Gran-Para gelangten, +dieser selbe Missionär sich alle Mühe gab, in Europa die Meinung zu +verbreiten, daß die Becken des Orinoco und des Amazonenstroms +völlig von einander geschieden seyen. Er versichert, »er sey öfters +ersteren Fluß bis zum Raudal von Tabaje, unter 1°4′ der Breite, +hinaufgefahren und habe niemals einen Fluß, den man für den Rio +Negro hätte halten können, abgehen oder hereinkommen sehen.« +»Zudem,« fährt er fort, »läuft eine große Cordillere<sup><a href= +"#fn23" class="footnoteRef" id="fnref23" name= +"fnref23">23</a></sup> von Ost und West und läßt die Gewässer nicht +in einander münden, wie sie auch alle Erörterung über die +angebliche Verbindung beider Ströme ganz überflüssig macht.« Pater +Gumillas Irrthümer entspringen daher, daß er der festen +Ueberzeugung war, auf dem Orinoco bis zum Parallel von 1°4′ +gekommen zu seyn. Er irrte sich um mehr als fünf Grad zehn Minuten +in der Breite; denn in der Mission Atures, 13 Meilen südwärts von +den Stromschnellen von Tabaje, fand ich die Breite 5°37′34″. Da +Pater Gumilla nicht weit über den Einfluß des Meta hinaufgekommen, +so ist es nicht zu verwundern, daß er die Gabeltheilung des Orinoco +nicht gekannt hat, die, den Krümmungen des Flusses nach, 120 Meilen +vom Raudal von Tabaje liegt. Dieser Missionär, der drei Jahre am +untern Orinoco gelebt hat (nicht dreißig, wie durch seine +Uebersetzer in Umlauf gekommen), hätte sich darauf beschränken +sollen, zu berichten, was er bei seinen Fahrten auf dem Apure, dem +Meta und Orinoco von Guayana Vieja bis in die Nähe des ersten +großen Katarakts mit eigenen Augen gesehn. Sein Werk (das erste +über diese Länder vor Caulins und Gilis Schriften) wurde Anfangs +gewaltig erhoben, und später in den spanischen Colonien um so +weiter und zu weit herabgesetzt. Allerdings begegnet man im +<strong>Orinoco illustrado</strong> nicht der genauen Kenntniß der +Oertlichkeiten, der naiven Einfalt, wodurch die Berichte der +Missionäre einen gewissen Reiz erhalten; der Styl ist gekünstelt +und die Sucht zu übertreiben gibt sich überall kund; trotz dieser +Fehler finden sich in Pater Gumillas Buch sehr richtige Ansichten +über die Sitten und die natürlichen Anlagen der verschiedenen +Völkerschaften am untern Orinoco und in den Llanos am Casanare.</p> +<p>Auf seiner denkwürdigen Fahrt auf dem Amazonenstrom im Jahr 1743 +hatte La Condamine zahlreiche Belege für die vom spanischen +Jesuiten geläugnete Verbindung zwischen beiden Strömen gesammelt. +Als den bündigsten derselben sah er damals die nicht verdächtige +Aussage einer Cauriacani-Indianerin an, mit der er gesprochen und +die vom Orinoco (von der Mission Pararuma<sup><a href="#fn24" +class="footnoteRef" id="fnref24" name="fnref24">24</a></sup>) im +Canoe nach Gran-Para gelangt war. Ehe La Condamine in das Vaterland +zurückkam, setzten die Fahrt des Pater Manuel Roman und der +Umstand, daß Missionäre vom Orinoco und vom Amazonenstrom sich +zufällig begegneten, die Thatsache, die zuerst Acuña kund geworden, +außer allen Zweifel.</p> +<p>Auf den Streifzügen zur Sklavenjagd, welche seit der Mitte des +siebzehnten Jahrhunderts unternommen wurden, waren die Portugiesen +nach und nach aus dem Rio Negro über den Cassiquiare in das Bett +eines großen Stromes gekommen, von dem sie nicht wußten, daß es der +Orinoco sey. Ein fliegendes Lager der <em>Tropa de +rescate</em><sup><a href="#fn25" class="footnoteRef" id="fnref25" +name="fnref25">25</a></sup> leistete diesem unmenschlichen Handel +Vorschub. Man hetzte die Eingeborenen, sich zu bekriegen, und +kaufte dann die Gefangenen los; und um dem Sklavenhandel einen +Anstrich von Rechtmäßigkeit zu geben, gingen Geistliche mit der +<em>Tropa de rescate</em>, die untersuchten, »ob diejenigen, welche +Sklaven verkauften, auch dazu berechtigt seyen, weil sie dieselben +in offenem Kampfe zu Gefangenen gemacht« Vom Jahr 1737 an +wiederholten sich diese Züge der Portugiesen an den obern Orinoco +sehr oft. Die Gier, Sklaven (<em>poitos</em>) gegen Beile, +Fischangeln und Glaswaaren zu vertauschen, trieb die indianischen +Völkerschaften zum blutigen Streit gegen einander. Die Quipunaves, +unter ihrem tapfern und grausamen Häuptling Macapu, waren vom +Inirida zum Zusammenfluß des Atabapo und des Orinoco herabgekommen. +»Sie verkauften«, sagt der Missionär Gili, »die Gefangenen, die sie +nicht verzehrten.« Ueber diesem Treiben wurden die Jesuiten am +untern Orinoco unruhig, und der Superior der spanischen Missionen, +Pater Roman, ein vertrauter Freund Gumillas, faßte muthig den +Entschluß, ohne Begleitung von spanischen Soldaten über die großen +Katarakten hinaufzugehen und die Quipunaves heimzusuchen. Er ging +am 4. Februar 1744 von Carichana ab; angelangt am Zusammenfluß +des Guaviare, des Atabapo und des Orinoco, an der Stelle, wo +letzterer Fluß aus seiner Richtung von Ost nach West rasch in die +von Süd nach Nord übergeht, sah er von weitem eine Pirogue, so groß +wie die seinige, voll von europäisch gekleideten Leuten. Er ließ, +gemäß der Sitte der Missionäre, wenn sie in unbekanntem -Land auf +dem Wasser sind, als Friedenszeichen das Crucifix am Vordertheil +seines Fahrzeugs aufpflanzen. Die Weißen (es waren portugiesische +Sklavenhändler vom Rio Negro) erkannten mit Jubel das Ordenskleid +des heiligen Ignatius. Sie verwunderten sich, als sie hörten, der +Fluß, auf dem diese Begegnung stattgefunden, sey der Orinoco, und +sie nahmen Pater Roman über den Cassiquiare in die Niederlassungen +am Rio Negro mit sich. Der Superior der spanischen Missionen sah +sich genöthigt, beim fliegenden Lager der <em>Tropa de rescate</em> +zu verweilen, bis der portugiesische Jesuit Avogadri, der in +Geschäften nach Gran-Para gegangen, zurück war. Auf demselben Wege, +über den Cassiquiare und den obern Orinoco, fuhr Pater Roman mit +seinen Salivas-Indianern nach Pararuma, etwas nördlich von +Carichana, zurück, nachdem er sieben Monate ausgewesen. Er ist der +erste Weiße, der vom Rio Negro, und somit aus dem Becken des +Amazonenstroms (ohne seine Canoes über einen Trageplatz schaffen zu +lassen) in das Becken des Orinoco gelangt ist.</p> +<p>Die Kunde dieser merkwürdigen Fahrt verbreitete sich so rasch, +daß La Condamine in einer öffentlichen Sitzung der Akademie sieben +Monate nach Pater Romans Rückkehr nach Pararuma Mittheilung davon +machen konnte. Er sagt: »Die nunmehr beglaubigte Verbindung des +Orinoco und des Amazonenstroms kann um so mehr für eine +geographische Entdeckung gelten, als zwar diese Verbindung auf den +alten Karten (nach Acuñas Berichten) angegeben ist, aber von den +heutigen Geographen auf den neuen Karten, wie auf Verabredung, +weggelassen wird. Es ist dieß nicht das erstemal, daß etwas für +fabelhaft gegolten hat, was doch vollkommen richtig war, daß man +die Kritik zu weit trieb, und daß diese Verbindung von Leuten für +chimärisch erklärt wurde, die am besten davon hätten wissen +sollen.« Seit Pater Romans Fahrt im Jahr 1744 hat in spanisch +Guyana und an den Küsten von Cumana und Caracas kein Mensch mehr +die Existenz des Cassiquiare und die Gabeltheilung des Orinoco in +Zweifel gezogen. Sogar Pater Gumilla, den Bouguer in Carthagena de +Indias getroffen hatte, gestand, daß er sich geirrt, und kurz vor +seinem Tode las er Pater Gili ein für eine neue Ausgabe seiner +Geschichte des Orinoco bestimmtes Supplement vor, in dem er +munter<sup><a href="#fn26" class="footnoteRef" id="fnref26" name= +"fnref26">26</a></sup> erzählte, in welcher Weise er enttäuscht +worden. Durch Ituriagas und Solanos Grenzexpedition wurden die +geographischen Verhältnisse des obern Orinoco und die Verzweigung +dieses Flusses mit dem Rio Negro vollends genau bekannt. Solano +ließ sich im Jahr 1756 an der Mündung des Atabapo nieder, und von +nun an fuhren spanische und portugiesische Commissäre mit ihren +Piroguen oft über den Cassiquiare vom untern Orinoco an den Rio +Negro, um sich in ihren Hauptquartieren Cabruta<sup><a href="#fn27" +class="footnoteRef" id="fnref27" name="fnref27">27</a></sup> und +Mariva zu besuchen. Seit 1767 kamen regelmäßig jedes Jahr zwei bis +drei Piroguen von der Schanze San Carlos über die Gabeltheilung des +Orinoco nach Angostura, um Salz und den Sold für die Truppen zu +holen. Diese Fahrten von einem Flußbecken in das andere durch den +natürlichen Canal des Cassiquiare machen jetzt bei den Colonisten +so wenig Aufsehen mehr, als wenn Schiffe die Loire herab auf dem +Canal von Orleans in die Seine kommen.</p> +<p>Seit Pater Romans Fahrt im Jahr 1744 war man in den spanischen +Besitzungen in Amerika von der Richtung des obern Orinoco von Ost +nach West und von der Art seiner Verbindung mit dem Rio Negro genau +unterrichtet, aber in Europa wurde letztere erst weit später +bekannt. Noch im Jahr 1750 nahmen La Condamine und d’AnvilIe an, +der Orinoco sey ein Arm des Caqueta, der von Südost herkomme, und +der Rio Negro entspringe unmittelbar daraus. Erst in einer zweiten +Ausgabe seines Südamerika läßt d’Anville, ohne gleichwohl eine +Verzweigung des Caqueta vermittelst des Iniricha (Inirida) mit dem +Orinoco und dem Rio Negro aufzugeben, den Orinoco im Osten in der +Nähe der Quellen des Rio Branco entspringen und gibt er den Rio +Cassiquiare an, der vom obern Orinoco zum Rio Negro läuft. +Wahrscheinlich hatte sich der unermüdliche Forscher durch seinen +starken Verkehr mit den Missionären, die damals, wie noch jetzt, +für das eigentliche Herz der Festländer die einzigen geographischen +Autoritäten waren, Nachweisungen über die Art der Gabeltheilung +verschafft. Hinsichtlich des Zusammenflusses des Cassiquiare mit +dem Rio Negro irrte er sich um 3½ Breitegrade, aber die Lage +des Atabapo und der bewaldeten Landenge, über die ich von Javita an +den Rio Negro gekommen, gibt er schon ziemlich richtig an. Durch +die in den Jahren 1775 und 1778 veröffentlichten Karten von la Cruz +Olmedilla<sup><a href="#fn28" class="footnoteRef" id="fnref28" +name="fnref28">28</a></sup> und Surville sind, neben Pater Caulins +Werke, die Arbeiten der Grenzexpedition am besten bekannt geworden; +denn die zahlreichen Widersprüche darauf beziehen sich auf die +Quellen des Orinoco und des Rio Branco, nicht auf den Lauf des +Cassiquiare und des Rio Negro, die so richtig angegeben sind, als +man es beim gänzlichen Mangel an astronomischen Beobachtungen +verlangen kann.</p> +<p>So stand es mit den hydrographischen Entdeckungen im Innern von +Guyana, als kurze Zeit vor meinem Abgang von Europa ein Gelehrter, +dessen Arbeiten die Geographie so bedeutend gefördert haben, Acuñas +Bericht, die Karte des Paters Samuel Fritz und la Cruz Olmedillas +»Südamerika« noch einmal näher prüfen zu müssen glaubte. Die +politischen Verhältnisse in Frankreich machten vielleicht, daß sich +Buache nicht verschaffen oder nicht benützen konnte, was Caulin und +Gili geschrieben, die zwei Missionäre, die am Orinoco lebten, als +die Grenzexpedition zwischen der spanischen Schanze am Rio Negro +und der Stadt Angostura, über den Cassiquiare und den obern +Orinoco, den Verkehr eröffnete, der über ein halbes Jahrhundert +regelmäßig im Gange war. Auf der im Jahr 1798 erschienenen +<em>Carte général de la Guyane</em> ist der Cassiquiare und das +Stück des obern Orinoco ostwärts von Esmeralda als ein Nebenfluß +des Rio Negro, der mit dem Orinoco gar nicht zusammenhängt, +dargestellt. Eine Bergkette streicht über die Ebene, welche die +Landenge zwischen dem Tuamini und dem Pimichin bildet. Diese Kette +läßt die Karte gegen Nordost fortlaufen und zwischen den Gewässern +des Orinoco und denen des Rio Negro und Cassiquiare, zwanzig Meilen +westlich von Esmeralda, eine Wasserscheide bilden. In einer +Anmerkung auf der Karte heißt es: »die schon lange her angenommene +Verbindung zwischen dem Orinoco und dem Amazonenstrom sey eine +geographische Ungeheuerlichkeit, die Olmedillas Karte ohne allen +Grund in der Welt verbreitet, und um die Vorstellungen über diesen +Punkt zu berichtigen, habe man die Richtung der großen Bergkette, +welche die Wasserscheide bilde, zu ermitteln.«</p> +<p>Ich war so glücklich, diese Bergkette an Ort und Stelle zu +ermitteln. Ich übernachtete am 24. Mai mit meiner Pirogue am Stücke +des Orinoco, wo nach Buaches Annahme eine Cordillere über das +Flußbett laufen sollte. Befände sich an diesem Punkt eine +Wasserscheide, so hätte ich die ersten zwanzig Meilen westwärts von +Esmeralda einen Fluß hinauf, statt, wie ich gethan, mit rascher +Strömung hinabfahren müssen. Derselbe Fluß, der ostwärts von dieser +Mission entspringt und einen Arm (den Cassiquiare) an den Rio Negro +abgibt, läuft ohne Unterbrechung Santa Barbara und San Fernando de +Atabapo zu. Es ist dieß das Stück des Orinoco, das von Südost nach +Nordwest gerichtet ist und bei den Indianern Rio Paragua heißt. +Nachdem er seine Gewässer mit denen des Guaviare und des Atabapo +vermischt, wendet sich derselbe Fluß gegen Norden und geht durch +die großen Katarakten. Alle diese Punkte sind auf der großen Karte +von la Cruz im Ganzen gut angegeben; ohne Zweifel hat aber Buache +vorausgesetzt, bei den verschiedenen Fahrten, die zwischen +Amazonenstrom und Orinoco ausgeführt worden seyn sollten, seyen die +Canoes von einem Nebenfluß zum andern über irgend einen Trageplatz +(<em>arastradero</em>) geschleppt worden. Dem geachteten Geographen +lag die Annahme, die Flüsse laufen in Wirklichkeit nicht so, wie +die neueren spanischen Karten angeben, desto näher, als auf +denselben Karten um den See Parime herum (das angebliche, 600 +Quadratmeilen große <strong>weiße Meer</strong>) die seltsamsten, +unwahrscheinlichsten Flußverzweigungen vorkommen. Man könnte auf +den Orinoco anwenden, was Pater Acuña vom Amazonenstrom sagt, +dessen Wunder er beschreibt: »Nacieron hermanadas en las cosas +grandes la novedad y el descredito.«<sup><a href="#fn29" class= +"footnoteRef" id="fnref29" name="fnref29">29</a></sup></p> +<p>Hätten die Völker in den Niederungen von Südamerika Theil gehabt +an der Cultur, welche in der kalten Alpregion verbreitet war, so +hätte dieses ungeheure Mesopotamien zwischen Orinoco und +Amazonenstrom die Entwicklung ihres Gewerbfleißes gefördert, ihren +Handel belebt, den gesellschaftlichen Fortschritt beschleunigt. In +der alten Welt sehen wir überall einen solchen Einfluß der +Oertlichkeit auf die keimende Cultur der Völker. Die Insel Meroe +zwischen dem Astaboras und dem Nil, das Pendjab des Indus, das Duab +des Ganges, das Mesopotamien des Euphrat sind glänzende Belege +dafür in den Annalen des Menschengeschlechts. Aber die schwachen +Völkerstämme, die auf den Grasfluren und in den Wäldern von +Südamerika herumziehen, haben aus den Vorzügen ihres Bodens und den +Verzweigungen ihrer Flüsse gar wenig Nutzen gezogen. Die Einfälle +der Caraiben, die weither den Orinoco, den Cassiquiare und Rio +Negro heraufkamen, um Sklaven zu rauben, rüttelten ein paar +versunkene Völkerschaften aus ihrer Trägheit auf und zwangen sie +Vereine zur gemeinsamen Vertheidigung zu bilden; aber das wenige +Gute, das diese Kriege mit den Caraiben (den Beduinen der Ströme +Guyanas) mit sich gebracht, war ein schlechter Ersatz für die +Uebel, die sie zur Folge hatten, Verwilderung der Sitten und +Verminderung der Bevölkerung. Unzweifelhaft hat die Terrainbildung +Griechenlands, die mannigfaltige Gestaltung des Landes, seine +Zertheilung durch kleine Bergketten und Busen des Mittelmeers, in +den Anfängen der Cultur die geistige Entwicklung der Hellenen +bedeutend gefördert. Aber dieser Einfluß des Klimas und der +Bodenbildung äußert sich nur da in seiner ganzen Stärke, wo +Menschenstämme mit glücklicher Begabung nach Geist und Gemüth einen +Anstoß von außen erhalten. Gewinnt man einen Ueberblick über die +Geschichte unseres Geschlechts, so sieht man diese Mittelpunkte +antiker Cultur da und dort gleich Lichtpunkten über den Erdball +verstreut, und gewahrt mit Ueberraschung, wie ungleich die +Gesittung unter Völkern ist, die fast unter demselben +Himmelsstriche wohnen und über deren Wohnsitze scheinbar die Natur +dieselben Segnungen verbreitet hat.</p> +<p>Seit ich den Orinoco und den Amazonenstrom verlassen habe, +bereitet sich für die gesellschaftlichen Verhältnisse der Völker +des Occidents eine neue Aera vor. Auf den Jammer der bürgerlichen +Zwiste werden die Segnungen des Friedens und eine freiere +Entwicklung aller Gewerbthätigkeit folgen. Da wird denn die +europäische Handelswelt jene Gabeltheilung des Orinoco, jene +Landenge am Puamini, durch die so leicht ein künstlicher Kanal zu +ziehen ist, ins Auge fassen. Da wird der Cassiquiare, ein Strom, so +breit wie der Rhein und 180 Seemeilen lang, nicht mehr umsonst eine +schiffbare Linie zwischen zwei Strombecken bilden, die 190,000 +Quadratmeilen Oberfläche haben. Das Getreide aus Neu-Grenada wird +an die Ufer des Rio Negro kommen, von den Quellen des Napo und des +Ucayale, von den Anden von Quito und Ober-Peru wird man zur Mündung +des Orinoco herabfahren, und dieß ist so weit, wie von Tombuctu +nach Marseille. Ein Land, neun bis zehnmal größer als Spanien und +reich an den mannigfaltigsten Produkten, kann mittelst des +Naturcanals des Cassiquiare und der Gabeltheilung der Flüsse nach +allen Richtungen hin befahren werden. Eine Erscheinung, die eines +Tags von bedeutendem Einfluß auf die politischen Verhältnisse der +Völker seyn muß, verdiente es gewiß, daß man sie genau ins Auge +faßte.</p> +<h1 id="funfundzwanzigstes-kapitel."><a href= +"#TOC">Fünfundzwanzigstes Kapitel.</a></h1> +<p>Der obere Orinoco von Esmeralda bis zum Einfluß des Guaviare. — +Zweite Fahrt durch die Katarakten von Atures und Maypures. — Der +untere Orinoco zwischen der Mündung des Apure und Angostura, der +Hauptstadt von spanisch Guyana.</p> +<p>Noch habe ich von der einsamsten, abgelegensten christlichen +Niederlassung am obern Orinoco zu sprechen. Gegenüber dem Punkte, +wo die Gabeltheilung erfolgt, auf dem rechten Ufer des Flusses +erhebt sich amphitheatralisch der Granitbergstock des Duida. Dieser +Berg, den die Missionäre einen Vulkan nennen, ist gegen 8000 Fuß +hoch. Er nimmt sich, da er nach Süd und West steil abfällt, äußerst +großartig aus. Sein Gipfel ist kahl und steinigt; aber überall, wo +auf den weniger steilen Abhängen Dammerde haftet, hängen an den +Seiten des Duida gewaltige Wälder wie in der Luft. An seinem Fuße +liegt die Mission Esmeralda, ein Dörschen mit 80 Einwohnern, auf +einer herrlichen, von Bächen mit schwarzem, aber klarem Wasser +durchzogenen Ebene, einem wahren Wiesengrund, auf dem in Gruppen +die Mauritiapalme, der amerikanische Sagobaum, steht. Dem Berge zu, +der nach meiner Messung 7300 Toisen vom Missionskreuz liegt, wird +die sumpfigte Wiese zur Savane, die um die untere Region der +Cordillere herläuft. Hier trifft man ungemein große Ananas von +köstlichem Geruch: Diese Bromeliaart wächst immer einzeln zwischen +den Gräsern, wie bei uns <em>Colchicum autumnale</em>, während der +Karatas, eine andere Art derselben Gattung, ein geselliges Gewächs +ist gleich unsern Heiden und Heidelbeeren. Die Ananas von Esmeralda +sind in ganz Guyana berühmt. In Amerika wie in Europa gibt es für +die verschiedenen Früchte gewisse Landstriche, wo sie zur größten +Vollkommenheit gedeihen. Man muß auf der Insel Margarita oder in +Cumana Sapotillen (Achras), in Loxa in Peru Chilimoyas (sehr +verschieden vom Corossol oder der Anona der Antillen), in Caracas +Granadillas oder Parchas, in Esmeralda und auf Cuba Ananas gegessen +haben, um die Lobsprüche, womit die ältesten Reisenden die +Köstlichkeit der Produkte der heißen Zone preisen, nicht +übertrieben zu finden. Die Ananas sind die Zierde der Felder bei +der Havana, wo sie in Reihen neben einander gezogen werden; an den +Abhängen des Duida schmücken sie den Rasen der Savanen, wenn ihre +gelben, mit einem Büschel silberglänzender Blätter gekrönten +Früchte über den Setarien, den Paspalum und ein paar Cyperaceen +emporragen. Dieses Gewächs, das die Indianer +<strong><em>Ana-curua</em></strong> nennen, verbreitete sich schon +im sechzehnten Jahrhundert im innern China, und noch in neuester +Zeit fanden es englische Reisende mit andern, unzweifelhaft +amerikanischen Gewächsen (Mais, Manioc, Melonenbaum, Tabak, Piment) +an den Ufern des Rio Congo in Afrika. In Esmeralda ist kein +Missionär. Der Geistliche, der hier Messe lesen soll, sitzt in +Santa Barbara, über 50 Meilen weit. Er braucht den Fluß herauf vier +Tage, er kommt daher auch nur fünf oder sechsmal im Jahr. Wir +wurden von einem alten Soldaten sehr freundlich aufgenommen; der +Mann hielt uns für catalonische Krämer, die in den Missionen ihren +Kleinhandel treiben wollten. Als er unsere Papierballen zum +Pflanzentrocknen sah, lächelte er über unsere naive Unwissenheit +»Ihr kommt in ein Land,« sagte er, »wo dergleichen Waare keinen +Absatz findet. Geschrieben wird hier nicht viel, und trockene +Mais-, Platano- (Bananen) und Vijaho- (Heliconia) Blätter brauchen +wir hier, wie in Europa das Papier, um Nadeln, Fischangeln und +andere kleine Sachen, die man sorgfältig aufbewahren will, +einzuwickeln.« Der alte Soldat vereinigte in seiner Person die +bürgerliche und die geistliche Behörde. Er lehrte die Kinder, ich +sage nicht den Catechismus, aber doch den Rosenkranz beten, er +läutete die Glocken zum Zeitvertreib, und im geistlichen Amtseifer +bediente er sich zuweilen seines Küsterstocks in einer Weise, die +den Eingeborenen schlecht behagte.</p> +<p>So klein die Mission ist, werden in Esmeralda doch drei +indianische Sprachen gesprochen: Idapaminarisch, Catarapeñisch und +Maquiritanisch. Letztere Sprache ist am obern Orinoco vom Einfluß +des Ventuari bis zu dem des Padamo die herrschende, wie am untern +Orinoco das Caraibische, am Einfluß des Apure das Otomakische, bei +den großen Katarakten das Tamanakische und Maypurische und am Rio +Negro das Maravitanische. Es sind dieß die fünf oder sechs +verbreitetsten Sprachen. Wir wunderten uns, in Esmeralda viele +Zambos, Mulatten und andere Farbige anzutreffen, die sich aus +Eitelkeit <strong>Spanier</strong> nennen und sich für weiß halten, +weil sie nicht roth sind wie die Indianer. Diese Menschen führen +ein jämmerliches Leben. Sie sind meist als Verwiesene +(<em>desterrados</em>) hier. Um im innern Lande, das man gegen die +Portugiesen absperren wollte, in der Eile Colonien zu gründen, +hatte Solano in den Llanos und bis zur Insel Margarita hin +Landstreicher und Uebelthäter, denen die Justiz bis dahin +vergeblich nachgespürt, zusammengerafft und sie den Orinoco +hinaufgeführt, wo sie mit den unglücklichen, aus den Wäldern +weggeschleppten Indianern zusammengethan wurden. Durch ein +mineralogisches Mißverständniß wurde Esmeralda berühmt. Der Granit +des Duida und des Maraguaca enthält in offenen Gängen schöne +Bergkrystalle, die zum Theil sehr durchsichtig, zum Theil mit +Chlorit (Talkglimmer) gefärbt und mit Actinot (Strahlstein) gemengt +sind; man hatte sie für Diamanten und Smaragden +(<em>Esmeralda</em>) gehalten. So nahe den Quellen des Orinoco +träumte man in diesen Bergen von nichts als vom Dorado, der nicht +weit seyn konnte, vom See Parime und von den Trümmern der großen +Stadt Manoa. Ein Mann, der wegen seiner Leichtgläubigkeit und +seiner Sucht zur Uebertreibung noch jetzt im Lande wohlbekannt ist, +Don Apollinario Diez de la Fuente, nahm den vollklingenden Titel +eines <em>Capitan poblador</em> und <em>Cabo militar</em> des Forts +am Cassiquiare an. Dieses Fort bestand in ein paar mit Brettern +verbundenen Baumstämmen, und um die Täuschung vollständig zu +machen, sprach man in Madrid für die Mission Esmeralda, ein +Dörschen von zwölf bis fünfzehn Hütten, die Gerechtsame einer +<strong>Villa</strong> an. Es ist zu besorgen, daß Don Apollinario, +der in der Folge Statthalter der Provinz los Quixos im Königreich +Quito wurde, bei Entwerfung der Karten von la Cruz und Surville die +Hand im Spiel gehabt hat. Da er die Windstriche des Compasses +kannte, nahm er keinen Anstand, in den zahlreichen Denkschriften, +die er dem Hof übermachte, sich Cosmograph der Grenzexpedition zu +nennen.</p> +<p>Während die Befehlshaber dieser Expedition Von der Existenz der +Nueva Villa de Esmeralda überzeugt waren, so wie vom Reichthum des +Cerro Duida an kostbaren Mineralien, da doch nichts darin zu finden +ist, als Glimmer, Bergkrystall, Actinot und Rutil, ging eine aus +den ungleichartigsten Elementen bestehende Colonie allgemach wieder +zu Grunde. Die Landstreicher aus den Llanos hatten so wenig Lust +zur Arbeit als die Indianer, die gezwungen »unter der Glocke« +lebten. Ersteren diente ihr Hochmuth zu weiterer Rechtfertigung +ihrer Faulheit. In den Missionen nennt sich jeder Farbige, der +nicht geradezu schwarz ist wie ein Afrikaner oder kupferfarbig wie +ein Indianer, einen <strong>Spanier</strong>; er gehört zur +<strong><em>gente de razon</em></strong>, zur vernunftbegabten +Race, und diese, wie nicht zu läugnen, hie und da übermüthige und +arbeitsscheue Vernunft redet den Weißen und denen, die es zu seyn +glauben, ein, der Landbau sey ein Geschäft für Sklaven, für Poitos, +und für neubekehrte Indianer. Die Colonie Esmeralda war nach dem +Muster der neuholländischen gegründet, wurde aber keineswegs eben +so weise regiert. Da die amerikanischen Colonisten von ihrem +Heimathland nicht durch Meere, sondern durch Wälder und Savanen +geschieden waren, so verliefen sie sich, die einen nach Nord, dem +Caura und Carony zu, die andern nach Süd in die portugiesischen +Besitzungen. So hatte es mit der Herrlichkeit der Villa und den +Smaragdgruben am Duida nach wenigen Jahren ein Ende, und Esmeralda +galt wegen der furchtbaren Insektenmasse, welche das ganze Jahr die +Luft verfinstert, bei den Ordensleuten für einen fluchwürdigen +Verbannungsort.</p> +<p>Ich erwähnte oben, daß der Vorsteher der Missionen den +Laienbrüdern, um sie in der Zucht zu halten, zuweilen droht, sie +nach Esmeralda zu schicken; man wird damit, wie die Mönche sagen, +»zu den Moskitos verurtheilt, verurtheilt, von den summenden Mücken +(<em>zancudos gritones</em>) gefressen zu werden, die Gott den +Menschen zur Strafe erschaffen hat.« Einer so seltsamen Strafe +unterlagen aber nicht immer nur Laienbrüder. Im Jahr 1788 brach in +der Ordenswelt eine der Revolutionen aus, die einem in Europa nach +den Vorstellungen, die man von den friedlichen Zuständen der +christlichen Niederlassungen in der neuen Welt hat, fast +unbegreiflich sind. Schon längst hätten die Franciskaner, die in +Guyana saßen, gerne eine Republik für sich gebildet und sich vom +Collegium von Piritu in Nueva Barcelona unabhängig gemacht. +Mißvergnügt, daß zum wichtigen Amte eines Präsidenten der Missionen +Fray Gutierez de Aquilera von einem Generalcapitel gewählt und vom +Könige bestätigt worden, traten fünf oder sechs Mönche vom obern +Orinoco, Cassiquiare und Rio Negro in San Fernando de Atabapo +zusammen, wählten in aller Eile, und aus ihrer eigenen Mitte, einen +neuen Superior und ließen den alten, der zu seinem Unglück zur +Visitation ins Land kam, festnehmen. Man legte ihm Fußschellen an, +warf ihn in ein Canoe und führte ihn nach Esmeralda als +Verbannungsort. Da es von der Küste zum Schauplatz dieser Empörung +so weit war, so hofften die Mönche, ihre Frevelthat werde jenseits +der großen Katarakten lange nicht bekannt werden. Man wollte Zeit +gewinnen, um zu intriguiren, zu negociiren, um Anklageakten +aufzusetzen und all die kleinen Ränke spielen zu lassen, durch die +man überall in der Welt die Ungültigkeit einer ersten Wahl darthut. +Der alte Superior seufzte in seinem Kerker zu Esmeralda; ja er +wurde von der furchtbaren Hitze und dem beständigen Hautreiz durch +die Moskitos ernstlich krank. Zum Glück für die gestürzte Autorität +blieben die meuterischen Mönche nicht einig. Einem Missionär vom +Cassiquiare wurde bange, wie dieser Handel enden sollte; er +fürchtete verhaftet und nach Cadix geschickt zu werden, oder, wie +man in den Colonien sagt, <em>baxo partido de registro</em>; aus +Angst wurde er seiner Partei untreu und machte sich unversehens +davon. Man stellte an der Mündung des Atabapo, bei den großen +Katarakten, überall wo der Flüchtling auf dem Weg zum untern +Orinoco vorüberkommen mußte, Indianer als Wachen auf. Trotz dieser +Maaßregeln kam er nach Angostura und von da in das +Missionscollegium von Piritu; er gab seine Collegen an und erhielt +zum Lohn für seine Aussage den Auftrag, die zu verhaften, mit denen +er sich gegen den Präsidenten der Missionen verschworen hatte. In +Esmeralda, wo man von den politischen Stürmen, die seit dreißig +Jahren das alte Europa erschüttern, noch gar nicht hat sprechen +hören, ist der sogenannte <em>alboroto de los frailes</em> (die +Meuterei der Mönche) noch immer eine wichtige Begebenheit. Hier zu +Land, wie im Orient, weiß man nur von Revolutionen, die von den +Gewalthabern selbst ausgehen, und wir haben gesehen, daß sie in +ihren Folgen eben nicht sehr bedenklich sind.</p> +<p>Wenn die <strong>Villa</strong> Esmeralda mit ihrer Bevölkerung +von 12—15 Familien gegenwärtig für einen schrecklichen +Aufenthaltsort gilt, so kommt dieß nur vom Mangel an Anbau, von der +Entlegenheit von allen bewohnten Landstrichen und von der +furchtbaren Menge der Moskitos. Die Lage der Mission ist ungemein +malerisch, das Land umher äußerst freundlich und sehr fruchtbar. +Nie habe ich so gewaltig große Bananenbüschel gesehen; Indigo, +Zucker, Cacao kämen vortrefflich fort, aber man mag sich nicht die +Mühe geben, sie zu bauen. Um den Cerro Duida herum gibt es schöne +Weiden, und wenn die Observanten aus dem Collegium von Piritu nur +etwas von der Betriebsamkeit der catalonischen Kapuziner am Carony +hätten, so liefen zwischen dem Cunucunumo und dem Padamo zahlreiche +Heerden. Wie die Sachen jetzt stehen, ist keine Kuh, kein Pferd +vorhanden und die Einwohner haben oft, zur Buße ihrer Faulheit, +nichts zu essen als Schinken von Brüllaffen und das Mehl von +Fischknochen, von dem in der Folge die Rede seyn wird. Man baut nur +etwas Manioc und Bananen; und wenn der Fischfang nicht reichlich +ausfällt, so ist die Bevölkerung eines von der Natur so hoch +begünstigten Landes dem grausamsten Mangel preisgegeben.</p> +<p>Da die wenigen Canoes, die vom Rio Negro über den Cassiquiare +nach Angostura gehen, nicht gerne nach Esmeralda hinausfahren, so +läge die Mission weit besser an der Stelle, wo der Orinoco sich +gabelt. Sicher wird dieses große Land nicht immer so verwahrlost +bleiben wie bisher, da die Unvernunft des Mönchsregiments und der +Geist des Monopols, der nun einmal allen Körperschaften eigen ist, +es niederhielten; ja es läßt sich voraussagen, an welchen Punkten +längs des Orinoco Gewerbfleiß und Handel sich am kräftigsten +entwickeln werden. Unter allen Himmelsstrichen drängt sich die +Bevölkerung vorzüglich an den Mündungen der Nebenflüsse zusammen. +Durch den Rio Apure, auf dem die Erzeugnisse der Provinzen Barinas +und Metida ausgeführt werden, muß die kleine Stadt Cabruta eine +große Bedeutung erhalten; sie wird mit San Fernando de Apure +concurriren, wo bis jetzt der ganze Handel concentrirt war. Weiter +oben wird sich eine neue Niederlassung am Einfluß des Meta bilden, +der über die Llanos am Casanare mit Neu-Grenada in Verbindung +steht. Die zwei Missionen bei den Katarakten werden sich +vergrößern, weil diese Punkte durch den Transport der Piroguen sehr +lebhaft werden müssen; denn das ungesunde, nasse Klima und die +furchtbare Menge der Moskitos werden dem Fortschritt der Cultur am +Orinoco so wenig Einhalt thun als am Magdalenenstrom, sobald einmal +ernstliches kaufmännisches Interesse neue Ansiedler herzieht. +Gewohnte Uebel werden leichter ertragen, und wer in Amerika geboren +ist, hat keine so großen Schmerzen zu leiden wie der frisch +angekommene Europäer. Auch wird wohl die allmählige Ausrodung der +Wälder in der Nähe der bewohnten Orte die schreckliche Plage der +Mücken etwas vermindern. In San Fernando de Atabapo, Javita, San +Carlos, Esmeralda werden wohl (wegen ihrer Lage an der Mündung des +Guaviare, am Trageplatz zwischen Tuamini und Rio Negro, am Ausfluß +des Cassiquiare und am Gabelungspunkt des obern Orinoco) +Bevölkerung und Wohlstand bedeutend zunehmen. Mit diesen +fruchtbaren, aber brach liegenden Ländern, durch welche der +Guallaga, der Amazonenstrom und der Orinoco ziehen, wird es gehen +wie mit der Landenge von Panama, dem Nicaraguasee und dem Rio +Huasacualco, durch welche zwei Meere mit einander in Verbindung +stehen. Mangelhafte Staatsformen konnten seit Jahrhunderten Orte, +in denen der Welthandel seine Mittelpunkte haben sollte, in Wüsten +verwandeln; aber die Zeit ist nicht mehr fern, wo diese Fesseln +fallen werden; eine widersinnige Verwaltung kann sich nicht ewig +dem Gesammtinteresse der Menschheit entgegenstemmen, und +unwiderstehlich muß die Cultur in Ländern einziehen, welche die +Natur selbst durch die physische Gestaltung des Bodens, durch die +erstaunliche Verzweigung der Flüsse und durch die Nähe zweier +Meere, welche die Küsten Europas und Indiens bespülen, zu großen +Geschicken ausersehen hat.</p> +<p>Esmeralda ist berühmt als der Ort, wo am besten am Orinoco das +starke Gift bereitet wird, das im Krieg, zur Jagd, und, was seltsam +klingt, als Mittel gegen gastrische Beschwerden dient. Das Gift der +Ticunas am Amazonenstrom, das Upas-Tieute auf Java und das +<strong>Curare</strong> in Guyana sind die tödtlichsten Substanzen, +die man kennt. Bereits am Ende des sechzehnten Jahrhunderts hatte +Ralegh das Wort <strong>Urari</strong> gehört, wie man einen +Pflanzenstoff nannte, mit dem man die Pfeile vergiftete. Indessen +war nichts Zuverlässiges über dieses Gift in Europa bekannt +geworden. Die Missionäre Gumilla und Gili hatten nicht bis in die +Länder kommen können, wo das Curare bereitet wird. Gumilla +behauptete, »diese Bereitung werde sehr geheim gehalten; der +Hauptbestandtheil komme von einem unterirdischen Gewächs, von einer +knolligten Wurzel, die niemals Blätter treibe und <em>rais de si +misma</em> (die Wurzel an sich) sey; durch die giftigen Dünste aus +den Kesseln gehen die alten Weiber (die +<strong>unnützesten</strong>), die man zur Arbeit verwende, zu +Grunde; endlich, die Pflanzensäfte erscheinen erst dann concentrirt +genug, wenn ein paar Tropfen des Safts <strong>auf eine gewisse +Entfernung</strong> eine Repulsivkraft auf das Blut ausüben. Ein +Indianer ritzt sich die Haut; man taucht einen Pfeil in das +flüssige Curare und bringt ihn der Stichwunde nahe. Das Gift gilt +für gehörig concentrirt, wenn es das Blut in die Gefäße +zurücktreibt, ohne damit in Berührung gekommen zu seyn.« — Ich +halte mich nicht dabei auf, diese von Pater Gumilla +zusammengebrachten Volksmähren zu widerlegen. Warum hätte der +Missionär nicht glauben sollen, daß das Curare aus der Ferne wirke, +da er unbedenklich an die Eigenschaften einer Pflanze glaubte, +deren Blätter erbrechen machen oder purgiren, je nachdem man sie +von oben herab oder von unten herauf vom Stiele reißt?</p> +<p>Als wir nach Esmeralda kamen, kehrten die meisten Indianer von +einem Ausflug ostwärts über den Rio Padamo zurück, wobei sie +<strong>Juvias</strong> oder die Früchte der Bertholletia und eine +Schlingpflanze, welche das Curare gibt, gesammelt hatten. Diese +Heimkehr wurde durch eine Festlichkeit begangen, die in der Mission +<em>la fiesta de las Juvias</em> heißt und unsern Ernte- und +Weinlesefesten entspricht. Die Weiber hatten viel gegohrenes +Getränke bereitet, und zwei Tage lang sah man nur betrunkene +Indianer. Bei Völkern, für welche die Früchte der Palmen und +einiger andern Bäume, welche Nahrungsstoff geben, von großer +Wichtigkeit sind, wird die Ernte der Früchte durch öffentliche +Lustbarkeiten gefeiert, und man theilt das Jahr nach diesen Festen +ein, die immer auf dieselben Zeitpunkte fallen.</p> +<p>Das Glück wollte, daß wir einen alten Indianer trafen, der +weniger betrunken als die andern und eben beschäftigt war, das +Curaregift aus den frischen Pflanzen zu bereiten. Der Mann war der +Chemiker des Orts. Wir fanden bei ihm große thönerne Pfannen zum +Kochen der Pflanzensäfte, flachere Gefäße, die durch ihre große +Oberfläche die Verdunstung befördern, dütenförmig aufgerolIte +Bananenblätter zum Durchseihen. der mehr oder weniger faserigte +Substanzen enthaltenden Flüssigkeiten. Die größte Ordnung und +Reinlichkeit herrschten in dieser zum chemischen Laboratorium +eingerichteten Hütte. Der Indianer, der uns Auskunft ertheilen +sollte, heißt in der Mission der <strong>Giftmeister</strong> +(<em>amo del Curare</em>); er hatte das steife Wesen und den +pedantischen Ton, den man früher in Europa den Apothekern zum +Vorwurf machte. »Ich weiß,« sagte er, »die Weißen verstehen die +Kunst, Seife zu machen und das schwarze Pulver, bei dem das Ueble +ist, daß es Lärm macht und die Thiere verscheucht, wenn man sie +fehlt. Das Curare, dessen Bereitung bei uns vom Vater auf den Sohn +übergeht, ist besser als Alles, was ihr dort drüben (über dem +Meere) zu machen wißt. Es ist der Saft einer Pflanze, der +<strong>ganz leise</strong> tödtet (ohne daß man weiß, woher der +Schuß kommt).«</p> +<p>Diese chemische Operation, auf die der <strong>Meister des +Curare</strong> so großes Gewicht legte, schien uns sehr einfach. +Das Schlinggewächs (<em>bejuco</em>), aus dem man in Esmeralda das +Gift bereitet, heißt hier wie in den Wäldern bei Javita. Es ist der +<em>Bejuco de Mavacure</em>, und er kommt östlich von der Mission +am linken Ufer des Orinoco, jenseits des Rio Amaguaca im +granitischen Bergland von Guanaya und Yumariquin in Menge vor. +Obgleich die Bejucobündel, die wir im Hause des Indianers fanden, +gar keine Blätter mehr hatten, blieb uns doch kein Zweifel, daß es +dasselbe Gewächs aus der Familie der Strychneen war (Aublets +Rouhamon sehr nahe stehend), das wir im Wald beim Pimichin +untersucht. Der <strong>Mavacure</strong> wird ohne Unterschied +frisch oder seit mehreren Wochen getrocknet verarbeitet. Der +frische Saft der Liane gilt nicht für giftig; vielleicht zeigt er +sich nur wirksam, wenn er stark concentrirt ist. Das furchtbare +Gift ist in der Rinde und einem Theil des Splints enthalten. Man +schabt mit einem Messer 4—5 Linien dicke Mavacurezweige ab und +zerstößt die abgeschabte Rinde auf einem Stein, wie er zum Reiben +des Maniocmehls dient, in ganz dünne Fasern. Da der giftige Saft +gelb ist, so nimmt die ganze faserigte Masse die nämliche Farbe an. +Man bringt dieselbe in einen 9 Zoll hohen, 4 Zoll weiten Trichter. +Diesen Trichter strich der Giftmeister unter allen Geräthschaften +des indianischen Laboratoriums am meisten heraus. Er fragte uns +mehreremale, ob wir <em>por alla</em> (dort drüben, das heißt in +Europa) jemals etwas gesehen hätten, das seinem <em>Embado</em> +gleiche? Es war ein dütenförmig aufgerolltes Bananenblatt, das in +einer andern stärkeren Düte aus Palmblättern steckte; die ganze +Vorrichtung ruhte auf einem leichten Gestell von Plattstielen und +Fruchtspindeln einer Palme. Man macht zuerst einen kalten Aufguß, +indem man Wasser an den faserigten Stoff, die gestoßene Rinde des +Mavacure, gießt. Mehrere Stunden lang tropft ein gelblichtes Wasser +vom Embudo, dem Blatttrichter, ab. Dieses durchsickernde Wasser ist +die giftige Flüssigkeit; sie erhält aber die gehörige Kraft erst +dadurch, daß man sie wie die Melasse in einem großen thönernen +Gefäß abdampft. Der Indianer forderte uns von Zeit zu Zeit auf, die +Flüssigkeit zu kosten; nach dem mehr oder minder bittern Geschmack +beurtheilt man, ob der Saft eingedickt genug ist. Dabei ist keine +Gefahr, da das Curare nur dann tödtlich wirkt, wenn es unmittelbar +mit dem Blut in Berührung kommt. Deßhalb sind auch, was auch die +Missionäre am Orinoco in dieser Beziehung gesagt haben mögen, die +Dämpfe vom Kessel nicht schädlich. Fontana hat durch seine schönen +Versuche mit dem Ticunasgift vom Amazonenstrom längst dargethan, +daß die Dämpfe, die das Gift entwickelt, wenn man es auf glühende +Kohlen wirft, ohne Schaden eingeathmet werden, und daß es unrichtig +ist, wenn La Condamine behauptet, zum Tode verurtheilte indianische +Weiber seyen durch die Dämpfe des Ticunasgifts getödtet worden.</p> +<p>Der noch so stark eingedickte Saft des Mavacure ist nicht dick +genug, um an den Pfeilen zu haften. Also bloß um dem Gift +<strong>Körper zu geben</strong>, setzt man dem eingedickten Ausguß +einen andern sehr klebrigten Pflanzensaft bei, der von einem Baum +mit großen Blättern, genannt <strong>Kiracaguero</strong>, kommt. +Da dieser Baum sehr weit von Esmeralda wächst, und er damals so +wenig als der Bejuco de Mavacure Blüthen und Früchte hatte, so +können wir ihn botanisch nicht bestimmen. Ich habe schon mehrmals +davon gesprochen, wie oft ein eigenes Mißgeschick die +interessantesten Gewächse der Untersuchung der Reisenden entzieht, +während tausend andere, bei denen man nichts von chemischen +Eigenschaften weiß, voll Blüthen und Früchten hängen. Reist man +schnell, so bekommt man selbst unter den Tropen, wo die Blüthezeit +der holzigten Gewächse so lange dauert, kaum an einem Achttheil der +Gewächse die Fructificationsorgane zu sehen. Die +Wahrscheinlichkeit, daß man, ich sage nicht die Familie, aber +Gattung und Art bestimmen kann, ist demnach gleich 1 zu 8, und +dieses nachtheilige Verhältniß empfindet man begreiflich noch +schwerer, wenn man dadurch um die nähere Kenntniß von Gegenständen +kommt, die noch in anderer Hinsicht als nur für die beschreibende +Botanik von Bedeutung sind.</p> +<p>Sobald der klebrigte Saft des Kiracaguero-Baums dem +eingedickten, kochenden Giftsaft zugegossen wird, schwärzt sich +dieser und gerinnt zu einer Masse von der Consistenz des Theers +oder eines dicken Syrups. Diese Masse ist nun das Curare, wie es in +den Handel kommt. Hört man die Indianer sagen, zur Bereitung des +Giftes sey der Kiracaguero so nothwendig als der Bejuco de +Mavacure, so kann man auf die falsche Vermuthung kommen, auch +ersterer enthalte einen schädlichen Stoff, während er nur dazu +dient, dem eingedickten Curaresaft mehr Körper zu geben (was auch +der <strong>Algarobbo</strong> und jede gummiartige Substanz +thäten). Der Farbenwechsel der Mischung rührt von der Zersetzung +einer Verbindung von Kohlenstoff und Wasserstoff her. Der +Wasserstoff verbrennt und der Kohlenstoff wird frei. Das Curare +wird in den Früchten der Crescentia verkauft; da aber die Bereitung +desselben in den Händen weniger Familien ist und an jedem Pfeile +nur unendlich wenig Gift haftet, so ist das Curare bester Qualität, +das von Esmeralda und Mandavaca, sehr theuer. Ich sah für zwei +Unzen 5—6 Franken bezahlen. Getrocknet gleicht der Stoff dem Opium; +er zieht aber die Feuchtigkeit stark an, wenn er der Luft +ausgesetzt wird. Er schmeckt sehr angenehm bitter und Bonpland und +ich haben oft kleine Mengen verschluckt. Gefahr ist keine dabei, +wenn man nur sicher ist, daß man an den Lippen oder am Zahnfleisch +nicht blutet. Bei Mangilis neuen Versuchen mit dem Viperngift +verschluckte einer der Anwesenden alles Gift, das von vier großen +italienischen Vipern gesammelt werden konnte, ohne etwas darauf zu +spüren. Bei den Indianern gilt das Curare, innerlich genommen, als +ein treffliches Magenmittel. Die Piravas- und Salivas-Indianer +bereiten dasselbe Gift; es hat auch ziemlichen Ruf, ist aber doch +nicht so gesucht wie das von Esmeralda. Die Bereitungsart scheint +überall ungefähr dieselbe; es liegt aber kein Beweis vor, daß die +verschiedenen Gifte, welche unter demselben Namen am Orinoco und am +Amazonenstrom verkauft werden, identisch sind und von derselben +Pflanze herrühren. Orfila hat daher sehr wohl gethan, wenn er in +seiner <em>Toxicologie générale</em> das Woorara aus holländisch +Guyana, das Curare vom Orinoco, das Ticuna vom Amazonenstrom und +all die Substanzen, welche man unter dem unbestimmten Namen +»amerikanische Gifte« zusammenwirft, für sich betrachtet. +Vielleicht findet man einmal in Giftpflanzen aus verschiedenen +Gattungen eine gemeinschaftliche alkalische Basis, ähnlich dem +Morphium im Opium und der Vauqueline in den Strychnosarten.</p> +<p>Man unterscheidet am Orinoco zwischen <em>Curare de raiz</em> +(aus Wurzeln) und <em>Curare de bejuco</em> (aus Lianen oder der +Rinde der Zweige). Wir haben nur letzteres bereiten sehen; erstens +ist schwächer und weit weniger gesucht. Am Amazonenstrom lernten +wir die Gifte verschiedener Indianerstämme kennen, der Ticunas, +Yaguas, Pevas und Xibaros, die von derselben Pflanze kommen und +vielleicht nur mehr oder weniger sorgfältig zubereitet sind. Das +<em>Toxique des Ticunas</em>, das durch La Condamine in Europa so +berühmt geworden ist und das man jetzt, etwas uneigentlich, +»Ticuna« zu nennen anfängt, kommt von einer Liane, die auf der +Insel Mormorote im obern Maragnon wächst. Dieses Gift wird zum +Theil von den Ticunas-Indianern bezogen, die auf spanischem Gebiet +bei den Quellen des Yacarique unabhängig geblieben sind, zum Theil +von den Indianern desselben Stammes, die in der portugiesischen +Mission Loreto leben. Da Gifte in diesem Klima für Jägervölker ein +unentbehrliches Bedürfniß sind, so widersetzen sich die Missionäre +am Orinoco und Amazonenstrom der Bereitung derselben nicht leicht. +Die hier genannten Gifte sind völlig verschieden vom Gift von la +Peca<sup><a href="#fn30" class="footnoteRef" id="fnref30" name= +"fnref30">30</a></sup> und vom Gift von Lamas und Moyobamba. Ich +führe diese Einzelnheiten an, weil die Pflanzenreste, die wir +untersuchen konnten, uns (gegen die allgemeine Annahme) den Beweis +geliefert haben, daß die drei Gifte, das der Ticunas, das von la +Pera und das von Moyobamba, nicht von derselben Art kommen, +wahrscheinlich nicht einmal von verwandten Gewächsen. So einfach +das Curare ist, so langwierig und verwickelt ist die +Bereitungsweise des Giftes von Moyobamba. Mit dem Saft des +<strong>Bejuco de Ambihuasca</strong>, dem Hauptingrediens, mischt +man Piment (<em>Capsicum</em>), Tabak, Barbasco (<em>Jacquinia +armillaris</em>), Sanango (<em>Tabernaemontana</em>) und die Milch +einiger andern Apocyneen. Der frische Saft der +<strong>Ambihuasca</strong> wirkt tödtlich, wenn er mit dem Blut in +Berührung kommt; der Saft des <strong>Mavacure</strong> wird erst +durch Einkochen ein tödtliches Gift, und der Saft der Wurzel der +<em>Jatropha Manihot</em> verliert durch Kochen ganz seine +schädliche Eigenschaft. Als ich bei sehr großer Hitze die Liane, +von der das schreckliche Gift von la Pera kommt, lange zwischen den +Fingern rieb, wurden mir die Hände pelzigt; eine Person, die mit +mir arbeitete, spürte gleich mir diese Folgen einer raschen +Aufsaugung durch die unverletzten Hautdecken.</p> +<p>Ich lasse mich hier auf keine Erörterung der physiologischen +Wirkungen dieser Gifte der neuen Welt ein, die so rasch tödten, wie +die Strychnosarten Asiens (die Brechnuß, das Upas-Tieute und die +Ignatiusbohne), aber ohne, wenn sie in den Magen kommen, Erbrechen +zu erregen und ohne die gewaltige Reizung des Rückenmarks, welche +den bevorstehenden Tod verkündet. Wir haben während unseres +Aufenthalts in Amerika Curare vom Orinoco und Bambusrohrstücke mit +Gift der Ticunas und von Moyobamba den Chemikern Fourcroy und +Vauquelin übermacht; wir haben ferner nach unserer Rückkehr +Magendie und Delille, die mit den Giften der neuen Welt so schöne +Versuche angestellt, Curare mitgetheilt, das auf dem Transport +durch feuchte Länder schwächer geworden war. Am Orinoco wird selten +ein Huhn gespeist, das nicht durch einen Stich mit einem +vergifteten Pfeil getödtet worden wäre; ja die Missionäre +behaupten, das Fleisch der Thiere sey nur dann gut, wenn man dieses +Mittel anwende. Unser Reisebegleiter, der am dreitägigen Fieber +leidende Pater Zea, ließ sich jeden Morgen einen Pfeil und das +Huhn, das wir speisen sollten, lebend in seine Hängematte bringen. +Er hätte eine Operation, auf die er trotz seines Schwächezustandes +ein sehr großes Gewicht legte, keinem Andern überlassen mögen. +Große Vögel, z. B. ein Guan (<em>Pava de monte</em>) oder ein +Hocco (<em>Alector</em>) sterben, wenn man sie in den Schenkel +sticht, in 2—3 Minuten; bei einem Schwein oder Pecari dauert es oft +10—12. Bonpland fand, daß dasselbe Gift in verschiedenen Dörfern, +wo man es kaufte, sehr verschieden war. Wir bekamen am +Amazonenstrom ächtes Gift der Ticunas-Indianer, das schwächer war +als alle Sorten des Curare vom Orinoco. Es wäre unnütz, den +Reisenden die Angst ausreden zu wollen, die sie häufig äußern, wenn +sie bei der Ankunft in den Missionen hören, daß die Hühner, die +Affen, die Leguans, die großen Flußfische, die sie essen, mit +vergifteten Pfeilen getödtet sind. Gewöhnung und Nachdenken machen +dieser Angst bald ein Ende. Magendie hat sogar durch sinnreiche +Versuche mit der Transfusion dargethan, daß das Blut von Thieren, +die mit den ostindischen bittern Strychnosarten getödtet worden +sind, auf andere Thiere keine schädliche Wirkung äußert. Einem Hund +wurde eine bedeutende Menge vergifteten Bluts in die Venen +gespritzt; es zeigte sich aber keine Spur von Reizung des +Rückenmarks.</p> +<p>Ich brachte das stärkste Curare mit den Schenkelnerven eines +Frosches in Berührung, ohne, wenn ich den Grad der Irritabilität +der Organe mittelst eines aus heterogenen Metallen bestehenden +Bogens maß, eine merkliche Veränderung wahrzunehmen. Aber bei +Vögeln, wenige Minuten nachdem ich sie mit einem vergifteten Pfeile +getödtet, wollten die galvanischen Versuche so gut wie nicht +gelingen. Diese Beobachtungen sind von Interesse, da ermittelt ist, +daß auch eine Auflösung von Upas Tieute, wenn man sie auf den +Hüftnerven gießt oder in das Nervengewebe selbst bringt, wenn sie +also mit der Marksubstanz selbst in Berührung kommt, gleichfalls +auf die Irritabilität der Organe keinen merkbaren Einfluß äußert. +Das Curare, wie die meisten andern Strychneen (denn wir glauben +immer noch, daß der Mavacure einer nahe verwandten Familie +angehört) werden nur dann gefährlich, wenn das Gift auf das +Gefäßsystem wirkt. In Maypures rüstete ein Farbiger (ein Zambo, ein +Mischling von Indianer und Neger) für Bonpland giftige Pfeile, wie +man sie in die Blaserohre steckt, wenn man kleine Affen und Vögel +jagt. Es war ein Zimmermann von ungemeiner Muskelkraft. Er hatte +die Unvorsichtigkeit, das Curare zwischen den Fingern zu reiben, +nachdem er sich unbedeutend verletzt, und stürzte zu Boden, von +einem Schwindel ergriffen, der eine halbe Stunde anhielt. Zum Glück +war es nur schwaches (<em>destemplado</em>) Curare, dessen man sich +bedient, um sehr kleine Thiere zu schießen, das heißt solche, +welche man wieder zum Leben bringen will, indem man salzsaures +Natron in die Wunde reibt. Auf unserer Rückfahrt von Esmeralda nach +Atures entging ich selbst einer ziemlich nahen Gefahr. Das Curare +hatte Feuchtigkeit angezogen, war flüssig geworden und aus dem +schlecht verschlossenen Gefäß über unsere Wäsche gelaufen. Beim +Waschen vergaß man einen Strumpf innen zu untersuchen, der voll +Curare war, und erst als ich den klebrigten Stoff mit der Hand +berührte, merkte ich, daß ich einen vergifteten Strumpf angezogen +hätte. Die Gefahr war desto größer, da ich gerade an den Zehen +blutete, weil mir Sandflöhe (<em>pulex penetrans</em>) schlecht +ausgegraben worden waren. Aus diesem Fall mögen Reisende abnehmen, +wie vorsichtig man seyn muß, wenn man Gift mit sich führt.</p> +<p>In Europa wird die Untersuchung der Eigenschaften der Gifte der +neuen Welt eine schöne Aufgabe für Chemie und Physiologie seyn, +wenn man sich einmal bei stärkerem Verkehr aus den Ländern, wo sie +bereitet werden, und so, daß sie nicht zu verwechseln sind, all die +Gifte verschaffen kann, das <em>Curare de Bejuco</em>, das +<em>Curare de Raiz</em>, und die verschiedenen Sorten vom +Amazonenstrom, vom Guallaga und aus Brasilien. Da die Chemie die +reine Blausäure und so viele neue sehr giftige Stoffe entdeckt hat, +wird man in Europa hinsichtlich der Einführung dieser von wilden +Völkern bereiteten Gifte nicht mehr so ångstlich seyn; indessen +kann man doch allen, die in sehr volkreichen Städten (den +Mittelpunkten der Cultur, des Elends und der Sittenverderbniß) so +heftig wirkende Stoffe in Händen haben, nicht genug Vorsicht +empfehlen. Was unsere botanische Kenntniß der Gewächse betrifft, +aus denen Gift bereitet wird, so werden sie sich nur äußerst +langsam berichtigen. Die meisten Indianer, die sich mit der +Verfertigung vergifteter Pfeile abgeben, sind mit dem Wesen der +giftigen Substanzen, die sie aus den Händen anderer Völker +erhalten, völlig unbekannt. Ueber der Geschichte der Gifte und +Gegengifte liegt überall der Schleier des Geheimnisses. Ihre +Bereitung ist bei den Wilden Monopol der <strong>Piaches</strong>, +die zugleich Priester, Gaukler und Aerzte sind, und nur von den in +die Missionen versetzten Eingeborenen kann man über diese +räthselhaften Stoffe etwas Sicheres erfahren. Jahrhunderte +vergingen, ehe Mutis’ Beobachtungsgeist die Europäer mit dem +<em>Bejuco del Guaco</em> (<em>Mikania Guako</em>) bekannt machte, +welch das kräftigste Gegengift gegen den Schlangenbiß ist und das +wir zuerst botanisch beschreiben konnten.</p> +<p>In den Missionen herrscht allgemein die Meinung, Rettung sey +unmöglich, wenn das Curare frisch und stark eingedickt und so lange +in der Wunde geblieben ist, daß viel davon in den Blutlauf +übergegangen. Unter allen Gegenmitteln, die man am Orinoco und +(nach Leschenault) im indischen Archipel braucht, ist das salzsaure +Natron das verbreitetste.<sup><a href="#fn31" class="footnoteRef" +id="fnref31" name="fnref31">31</a></sup> Man reibt die Wunde mit +dem Salz und nimmt es innerlich. Ich selbst kenne keinen gehörig +beglaubigten Fall, der die Wirksamkeit des Mittels bewiese, und +Magendies und Delilles Versuche sprechen vielmehr dagegen. Am +Amazonenstrom gilt der Zucker für das beste Gegengift, und da das +salzsaure Natron den Indianern in den Wäldern fast ganz unbekannt +ist, so ist wahrscheinlich der Bienenhonig und der mehligte Zucker, +den die an der Sonne getrockneten Bananen ausschwitzen, früher in +ganz Guyana zu diesem Zweck gebraucht worden. Ammoniak und +Lucienwasser sind ohne Erfolg gegen das Curare versucht worden; man +weiß jetzt, wie unzuverlässig diese angeblichen specifischen Mittel +auch gegen Schlangenbiß sind. Sir Everard Home hat dargethan, daß +man die Heilung meist einem Mittel zuschreibt, während sie nur +erfolgt ist, weil die Verwundung unbedeutend und die Wirkung des +Giftes eine sehr beschränkte war. Man kann Thiere ohne Schaden mit +vergifteten Pfeilen verwunden, wenn die Wunde offen bleibt und man +die vergiftete Spitze nach der Verwundung sogleich zurückzieht. +Wendet man in solchen Fällen Salz oder Zucker an, so wird man +verführt, sie für vortreffliche specifische Mittel zu halten. Nach +der Schilderung von Indianern, die im Krieg mit Waffen, die in +Curare getaucht gewesen, verwundet worden, sind die Symptome ganz +ähnlich wie beim Schlangenbiß. Der Verwundete fühlt Congestionen +gegen den Kopf, und der Schwindel nöthigt ihn, sich niederzusetzen; +sodann Uebelseyn, wiederholtes Erbrechen, brennender Durst und das +Gefühl von Pelzigtseyn am verwundeten Körpertheil.</p> +<p>Dem alten Indianer, dem <strong>Giftmeister</strong>, schien es +zu schmeicheln, daß wir ihm bei seinem Laboriren mit so großem +Interesse zusahen. Er fand uns so gescheit, daß er nicht zweifelte, +wir könnten Seife machen; diese Kunst erschien ihm, nach der +Bereitung des Curare, als eine der schönsten Erfindungen des +menschlichen Geistes. Als das flüssige Gift in die zu seiner +Aufnahme bestimmten Gefässe gegossen war, begleiteten wir den +Indianer zum <strong>Juvias-Feste</strong>. Man feierte durch Tänze +die Ernte der Juvias, der Früchte der <em>Bertholletia +excelsa</em>, und überließ sich der rohesten Völlerei. In der +Hütte, wo die Indianer seit mehreren Tagen zusammenkamen, sah es +ganz seltsam aus. Es waren weder Tische noch Bänke darin, aber +große gebratene, vom Rauch geschwärzte Affen sah man symmetrisch an +die Wand gelehnt. Es waren <strong>Marimondas</strong> (<em>Ateles +Belzebuth</em>) und die bärtigen sogenannten Kapuzineraffen, die +man nicht mit dem Machi oder Saï (Buffons <em>Simia capucina</em>) +verwechseln darf. Die Art, wie diese menschenähnlichen Thiere +gebraten werden, trägt viel dazu bei, wenn ihr Anblick dem +civilisirten Menschen so widerwärtig ist. Ein kleiner Rost oder +Gitter aus sehr hartem Holz wird einen Fuß über dem Boden +befestigt. Der abgezogene Affe wird zusammengebogen, als säße er; +meist legt man ihn so, daß er sich auf seine langen, mageren Arme +stützt, zuweilen kreuzt man ihm die Hände auf dem Rücken. Ist er +auf dem Gitter befestigt, so zündet man ein helles Feuer darunter +an. Flammen und Rauch umspielen den Affen und er wird zugleich +gebraten und berußt.<sup><a href="#fn32" class="footnoteRef" id= +"fnref32" name="fnref32">32</a></sup> Sieht man nun die +Eingeborenen Arm oder Bein eines gebratenen Affen verzehren, so +kann man sich kaum des Gedankens erwehren, die Gewohnheit, Thiere +zu essen, die im Körperbau dem Menschen so nahe stehen, möge in +gewissem Grade dazu beitragen, daß die Wilden so wenig Abscheu vor +dem Essen von Menschenfieisch haben. Die gebratenen Affen, +besonders solche mit sehr rundem Kopf, gleichen auf schauerliche +Weise Kindern, daher auch Europäer, wenn sie sich von Vierhändern +nähren müssen, lieber Kopf und Hände abschneiden und nur den Rumpf +auftragen lassen. Das Affenfleisch ist so mager und trocken, daß +Bonpland in seinen Sammlungen in Paris einen Arm und eine Hand +aufbewahrt hat, die in Esmeralda am Feuer geröstet worden; nach +vielen Jahren rochen diese Theile nicht im Geringsten.</p> +<p>Wir sahen die Indianer tanzen. Der Tanz ist um so einförmiger, +da die Weiber nicht daran Theil nehmen dürfen. Die Männer, alt und +jung, fassen sich bei den Händen, bilden einen Kreis und drehen +sich so, bald rechts, bald links, stundenlang, in schweigsamem +Ernst. Meist machen die Tänzer selbst die Musik dazu. Schwache +Töne, auf einer Reihe von Rohrstücken von verschiedener Länge +geblasen, bilden eine langsame, melancholische Begleitung. Um den +Takt anzugeben, beugt der Vortänzer im Rhythmus beide Kniee. +Zuweilen bleiben alle stehen und machen kleine schwingende +Bewegungen, indem sie den Körper seitlich hin und her werfen. Jene +in eine Reihe geordneten und zusammengebundenen Rohrstücke gleichen +der Pansflöte, wie wir sie bei bacchischen Aufzügen auf +großgriechischen Vasen abgebildet sehen. Es ist ein höchst +einfacher Gedanke, der allen Völkern kommen mußte, Rohre von +verschiedener Länge zu vereinigen und sie nach einander, während +man sie an den Lippen vorbeiführt, anzublasen. Nicht ohne +Verwunderung sahen wir, wie rasch junge Indianer, wenn sie am Fluß +Rohr (<em>carices</em>) fanden, dergleichen Pfeifen schnitten und +stimmten. In allen Himmelsstrichen leisten diese Gräser mit hohem +Halme den Menschen im Naturzustand mancherlei Dienste. Die Griechen +sagten mit Recht, das Rohr sey ein Mittel gewesen zur Unterjochung +der Völker, weil es Pfeile liefere, zur Milderung der Sitten durch +den Reiz der Musik, zur Geistesentwicklung, weil es das erste +Werkzeug geboten, mit dem man Buchstaben geschrieben. Diese +verschiedenen Verwendungsarten des Rohrs bezeichnen gleichsam drei +Abschnitte im Leben der Völker. Die Horden am Orinoco stehen +unläugbar auf der untersten Stufe einer beginnenden +Culturentwicklung. Das Rohr dient ihnen nur zu Krieg und Jagd und +Pans Flöte sind auf jenen fernen Ufern noch keine Töne entlockt +worden, die sanfte, menschliche Empfindungen wecken können.</p> +<p>In der Festhütte fanden wir verschiedene vegetabilische +Produkte, welche die Indianer aus den Bergen von Guanaya +mitgebracht und die unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. +Ich verweile hier nur bei der Frucht des <strong>Juvia</strong>, +bei den Rohren von ganz ungewöhnlicher Länge und bei den Hemden aus +der Rinde des <strong>Marimabaums</strong>. Der +<strong>Almendron</strong> oder <strong>Juvia</strong>, einer der +großartigsten Bäume in den Wäldern der neuen Welt, war vor unserer +Reise an den Rio Negro so gut wie unbekannt. Vier Tagreisen östlich +von Esmeralda, zwischen dem Padamo und dem Ocamo am Fuß des Cerro +Mapaya, am rechten Ufer des Orinoco, tritt er nach und nach auf; +noch häufiger ist er auf dem linken Ufer beim Cerro Guanaya +zwischen dem Rio Amaguaca und dem Gehette. Die Einwohner von +Esmeralda versicherten uns, oberhalb des Gehette und des Chiguire +werde der Juvia und der Cacaobaum so gemein, daß die wilden +Indianer (die Guaicas und Guaharibos <strong>blancos</strong>) die +Indianer aus den Missionen ungestört die Früchte sammeln lassen. +Sie mißgönnen ihnen nicht, was ihnen die Natur auf ihrem eigenen +Grund und Boden so reichlich schenkt. Kaum noch hat man es am obern +Orinoco versucht, den Almendron fortzupflanzen. Die Trägheit der +Einwohner läßt es noch weniger dazu kommen als der Umstand, daß das +Oel in den mandelförmigen Samen so schnell ranzigt wird. Wir fanden +in der Mission San Carlos nur drei Bäume und in Esmeralda zwei. Die +majestätischen Stämme waren acht bis zehn Jahre alt und hatten noch +nicht geblüht. Wie oben erwähnt, fand Bonpland Almendrons unter den +Bäumen am Ufer des Cassiquiare in der Nähe der Stromschnellen von +Cananivacari.</p> +<p>Schon im sechzehnten Jahrhundert sah man in Europa, nicht die +große Steinfrucht in der Form einer Cocosnuß, welche die Mandeln +enthält, wohl aber die Samen mit holzigter dreieckigter Hülle. Ich +erkenne diese auf einer ziemlich mangelhaften Zeichnung des +Clusius. Dieser Botaniker nennt sie <strong>Almendras del +Peru</strong>, vielleicht weil sie als eine sehr seltene Frucht an +den obern Amazonenstrom und von dort über die Cordilleren nach +Quito und Peru gekommen waren. Jean de Laet’s <em>Novus Orbis</em>, +in dem ich die erste Nachricht vom Kuhbaum fand, enthält auch eine +Beschreibung und ganz richtige Abbildung des Samens der +<em>Bertholletia</em>. Laet nennt den Baum <strong>Totocke</strong> +und erwähnt der Steinfrucht von der Größe eines Menschenkopfs, +welche die Samen enthält. Diese Früchte, erzählt er, seyen so +ungemein schwer, daß die Wilden es nicht leicht wagen, die Wälder +zu betreten, ohne Kopf und Schultern mit einem Schild aus sehr +hartem Holz zu bedenken. Von solchen Schilden wissen die +Eingeborenen in Esmeralda nichts, wohl aber sprachen sie uns auch +davon, daß es gefährlich sey, wenn die Früchte reifen und 50 bis 60 +Fuß hoch herabfallen. In Portugal und England verkauft man die +dreieckigten Samen des Juvia unter dem unbestimmten Namen Kastanien +(Castañas) oder Nüsse aus Brasilien und vom Amazonenstrom, und man +meinte lange, sie wachsen, wie die Frucht der Pekea, einzeln auf +Fruchtstielen. Die Einwohner von Gran-Para treiben seit einem +Jahrhundert einen ziemlich starken Handel damit. Sie schicken sie +entweder direkt nach Europa oder nach Cayenne, wo sie +<strong>Touka</strong> heißen. Der bekannte Botaniker Correa de +Serra sagte uns, der Baum sey in den Wäldern bei Macapa an der +Mündung des Amazonenstroms sehr häufig und die Einwohner sammeln +die Mandeln, wie die der Lecythis, um Oel daraus zu schlagen. Eine +Ladung Juviamandeln, die im Jahr 1807 in Havre einlief und von +einem Caper aufgebracht war, wurde gleichfalls so benützt.</p> +<p>Der Baum, von dem die die »brasilianischen Kastanien« kommen, +ist meist nur 2 bis 3 Fuß dick, wird aber 100 bis 120 Fuß hoch. Er +hat nicht den Habitus der Mammea, des Sternapfelbaums und +verschiedener anderer tropischer Bäume, bei denen die Zweige (wie +bei den Lorbeeren der gemäßigten Zone) fast gerade gen Himmel +stehen. Bei der Bertholletia stehen die Aeste weit auseinander, +sind sehr lang, dem Stamm zu fast blätterlos und an der Spitze mit +dichten Laubbüscheln besetzt. Durch diese Stellung der halb +lederartigen, unterhalb leicht silberfarbigen, über zwei Fuß langen +Blätter beugen sich die Aeste abwärts, wie die Wedel der Palmen. +Wir haben den majestätischen Baum nicht blühen sehen. Er setzt vor +dem fünfzehnten Jahr keine Blüthen an, und dieselben brechen zu +Ende März oder Anfangs April auf. Die Früchte reifen gegen Ende +Mai, und an manchen Stämmen bleiben sie bis in den August hängen. +Da dieselben so groß sind wie ein Kindskopf und oft 12 bis 13 Zoll +Durchmesser haben, so fallen sie mit gewaltigem Geräusch vom +Baumgipfel. Ich weiß nichts, woran einem die wunderbare Kraft des +organischen Lebens im heißen Erdstrich augenfälliger entgegenträte, +als der Anblick der mächtigen holzigten Fruchthüllen, z. B. +des Cocosbaums (<em>Lodoicea</em>) unter den Monocotyledonen, und +der Bertholletia und der Lecythis unter den Dicotyledonen. In +unsern Klimaten bringen allein die Kürbisarten innerhalb weniger +Monate Früchte von auffallender Größe hervor; aber diese Früchte +sind fleischigt und saftreich. Unter den Tropen bildet die +Bertholletia innerhalb 50 bis 60 Tagen eine Fruchthülle, deren +holzigter Theil einen halben Zoll dick und mit den schärfsten +Werkzeugen kaum zu durchsägen ist. Ein bedeutender Naturforscher +(Richard) hat bereits die Bemerkung gemacht, daß das <strong>Holz +der Früchte</strong> meist so hart wird, wie das Holz der +Baumstämme nur selten. Die Fruchthülle der Bertholletia zeigt die +Rudimente von vier Fächern; zuweilen habe ich ihrer auch fünf +gefunden. Die Samen haben zwei scharf gesonderte Hüllen, und damit +ist der Bau der Frucht complicirter als bei den Lecythis-, Pekea- +und Saouvari-Arten. Die erste Hülle ist beinartig oder holzigt, +dreieckigt, außen höckerigt und zimmtfarbig. Vier bis fünf, +zuweilen acht solcher dreieckigten Nüsse sind an einer Scheidewand +befestigt. Da sie sich mit der Zeit ablösen, liegen sie frei in der +großen kugligten Fruchthülle. Die Kapuzineraffen (<em>Simia +chiropotes</em>) lieben ungemein die »brasilianischen Kastanien,« +und schon das Rasseln der Samen, wenn man die Frucht, wie sie vom +Baum fällt, schüttelt, macht die Eßlust dieser Thiere in hohem +Grade rege. Meist habe ich nur 15 bis 22 Nüsse in einer Frucht +gefunden. Der zweite Ueberzug der Mandeln ist häutig und braungelb. +Der Geschmack derselben ist sehr angenehm, so lange sie frisch +sind; aber das sehr reichliche Oel, durch das sie ökonomisch so +nützlich werden, wird leicht ranzigt. Wir haben am obern Orinoco +häufig, weil sonst nichts zu haben war, diese Mandeln in +bedeutender Menge gegessen und nie einen Nachtheil davon empfunden. +Die kugligte Fruchthülle der Bertholletia ist oben durchbohrt, +springt aber nicht auf; das obere bauchigte Ende des Säulchens +bildet allerdings (nach Kunth) eine Art innern Deckel, wie bei der +Frucht der Lecythis, aber er öffnet sich nicht wohl von selbst. +Viele Samen verlieren durch die Zersetzung des Oels in den +Samenlappen die Keimkraft, bevor in der Regenzeit die Holzkapsel +der Fruchthülle in Folge der Fäulniß aufgeht. Nach einem am untem +Orinoco weit verbreiteten Mährchen setzen sich die Kapuziner- und +Cacajao-Affen (<em>Simia chiropotes</em> und <em>Simia +melanocephala</em>) im Kreis umher, klopfen mit einem Stein auf die +Frucht und zerschlagen sie wirklich, so daß sie zu den dreieckigten +Mandeln kommen können. Dieß wäre wegen der ausnehmenden Härte und +Dicke der Fruchthülle geradezu unmöglich. Man mag gesehen haben, +wie Affen die Früchte der Bertholletia am Boden rollten, und +dieselben haben zwar ein kleines Loch, an welches das obere Ende +des Säulchens befestigt ist, aber die Natur hat es den Affen nicht +so leicht gemacht, die holzigte Fruchthülle der Juvia zu öffnen, +wie bei der Lechthis, wo sie den Deckel abnehmen, der in den +Missionen <em>la tapa</em> (Deckel) <em>del coca de monos</em> +heißt. Nach der Aussage mehrerer sehr glaubwürdiger Indianer +gelingt es nur den kleinen Nagern, namentlich den Agutis (<em>Cavia +Aguti</em>, <em>Cavia Paca</em>), vermöge des Baues ihrer Zähne und +der unglaublichen Ausdauer, mit der sie ihrem Zerstörungswerk +obliegen, die Frucht der Bertholletia zu durchbohren. Sobald die +dreieckigten Nüsse auf den Boden ausgestreut sind, kommen alle +Thiere des Waldes herbeigeeilt; Affen, Manaviris, Eichhörner, +Agutis, Papagaien und Aras streiten sich um die Beute. Sie sind +alle stark genug, um den holzigten Ueberzug des Samens zu +zerbrechen; sie nehmen die Mandel heraus und klettern damit auf die +Bäume. »So haben sie auch ihr Fest,« sagten die Indianer, die von +der Ernte kamen, und hört man sie sich über die Thiere beschweren, +so merkt man wohl, daß sie sich für die alleinigen rechtmäßigen +Herren des Waldes halten.</p> +<p>Das häufige Vorkommen des Juvia ostwärts von Esmeralda scheint +darauf hinzudeuten, daß die Flora des Amazonenstroms an dem Stück +des obern Orinoco beginnt, das im Süden der Gebirge hinläuft. Es +ist dieß gewissermaßen ein weiterer Beweis dafür, daß hier zwei +Flußbecken vereinigt sind. Bonpland hat sehr gut +auseinandergesetzt, wie man zu verfahren hätte, um die +<em>Bertholletia excelsa</em> am Ufer des Orinoco, des Apure, des +Meta, überhaupt in der Provinz Venezuela anzupflanzen. Man müßte +da, wo der Baum wild wächst, die bereits keimenden Samen zu +Tausenden sammeln und sie in Kasten mit derselben Erde legen, in +der sie zu vegetiren angefangen. Die jungen Pflanzen, durch Blätter +von Musaceen oder Palmblätter gegen die Sonnenstrahlen geschützt, +würden auf Piroguen oder Flöße gebracht. Man weiß, wie schwer in +Europa (trotz der Anwendung von Chlor, wovon ich anderswo +gesprochen) Samen mit hornartiger Fruchthülle, Palmen, Kaffeearten, +Chinaarten und große holzigte Nüsse mit leicht ranzigt werdendem +Oel, zum Keimen zu bringen sind. Alle diese Schwierigkeiten wären +beseitigt, wenn man nur Samen sammelte, die unter dem Baum selbst +gekeimt haben. Auf diese Weise ist es uns gelungen, zahlreiche +Exemplare sehr seltener Pflanzen, z. B. die <em>Coumarouna +odora</em> oder Tongabohne, von den Katarakten des Orinoco nach +Angostura zu bringen und in den benachbarten Pflanzungen zu +verbreiten.</p> +<p>Eine der vier Piroguen, mit denen die Indianer auf der +Juviasernte gewesen waren, war großentheils mit der Rohrart +(<em>Carice</em>) gefüllt, aus der Blaserohre gemacht werden. Die +Rohre waren 15 bis 17 Fuß lang, und doch war keine Spur von Knoten +zum Ansatz von Blättern oder Zweigen zu bemerken. Sie waren +vollkommen gerade, außen glatt und völlig cylindrisch. Diese +<strong>Carices</strong> kommen vom Fuß der Berge von Yumariquin +und Guanaja. Sie sind selbst jenseits des Orinoco unter dem Namen +»Rohr von Esmeralda« sehr gesucht. Ein Jäger führt sein ganzes +Leben dasselbe Blaserohr; er rühmt die Leichtigkeit, Genauigkeit +und Politur desselben, wie wir an unsern Feuergewehren dieselben +Eigenschaften rühmen. Was mag dieß für ein monocotyledonisches +Gewächs<sup><a href="#fn33" class="footnoteRef" id="fnref33" name= +"fnref33">33</a></sup> seyn, von dem diese herrlichen Rohre kommen? +Haben wir wirklich die Internodia einer Grasart aus der Sippe der +Nostoiden vor uns gehabt? oder sollte dieser Carice eine +Cyperacea<sup><a href="#fn34" class="footnoteRef" id="fnref34" +name="fnref34">34</a></sup> ohne Knoten seyn? Ich vermag diese +Fragen« nicht zu beantworten, so wenig ich weiß, welcher Gattung +ein anderes Gewächs angehört, von dem die +<strong>Marimahemden</strong> kommen. Wir sahen am Abhang des Cerro +Duida über 50 Fuß hohe Stämme des <strong>Hemdbaums</strong>. Die +Indianer schneiden cylindrische Stücke von zwei Fuß Durchmesser +davon ab und nehmen die rothe, faserigte Rinde weg, wobei sie sich +in Acht nehmen, keinen Längsschnitt zu machen. Diese Rinde gibt +ihnen eine Art Kleidungsstück, das Säcken ohne Nath von sehr grobem +Stoffe gleicht. Durch die obere Oeffnung steckt man den Kopf, und +um die Arme durchzustecken, schneidet man zur Seite zwei Löcher +ein. Der Eingeborene trägt diese Marimahemden bei sehr starkem +Regen; sie haben die Form der baumwollenen <strong>Ponchos</strong> +und <strong>Ruanas</strong>, die in Neu-Grenada, Quito und Peru +allgemein getragen werden. Da die überschwengliche Freigebigkeit +der Natur in diesen Himmelsstrichen für die Hauptursache gilt, +warum die Menschen so träge sind, so vergessen die Missionäre, wenn +sie Marimahemden vorweisen, nie die Bemerkung zu machen, »in den +Wäldern am Orinoco wachsen die Kleider fertig auf den Bäumen«. Zu +dieser Geschichte von den Hemden gehören auch die spitzen Mützen, +welche die Blumenscheiden gewisser Palmen liefern und die einem +weitmaschigen Gewebe gleichen.</p> +<p>Beim Feste, dem wir beiwohnten, waren die Weiber vom Tanz und +jeder öffentlichen Lustbarkeit ausgeschlossen; ihr trauriges +Geschäft bestand darin, den Männern Affenbraten, gegohrenes Getränk +und Palmkohl aufzutragen. Des letzteren Produkts, das wie unser +Blumenkohl schmeckt, erwähne ich nur, weil wir in keinem Lande so +ausnehmend große Stücke gesehen haben. Die noch nicht entwickelten +Blätter sind mit dem·jungen Stengel verschmolzen, und wir haben +Cylinder gemessen, die sechs Fuß lang und fünf Zoll dick waren. +Eine andere, weit nahrhaftere Substanz kommt aus dem Thierreich, +das <strong>Fischmehl</strong> (<em>manioc de pescado</em>). +Ueberall am obern Orinoco braten die Indianer die Fische, dörren +sie an der Sonne und stoßen sie zu Pulver, ohne die Gräten davon zu +trennen. Ich sah Quantitäten von 50 bis 60 Pfund dieses Mehls, das +aussieht wie Maniocmehl. Zum Essen rührt man es mit Wasser zu einem +Teige an. Unter allen Klimaten, wo es viele Fische gibt, ist man +auf dieselben Mittel zur Aufbewahrung derselben gekommen. So +beschreiben Plinius und Diodor von Sicilien das +<strong>Fischbrod</strong> der Ichthyophagen<sup><a href="#fn35" +class="footnoteRef" id="fnref35" name="fnref35">35</a></sup> am +persischen Meerbusen und am rothen Meer.</p> +<p>In Esmeralda, wie überall in den Missionen, leben die Indianer, +die sich nicht taufen lassen wollten und sich nur frei der Gemeinde +angeschlossen haben, in Polygamie. Die Zahl der Weiber ist bei den +verschiedenen Stämmen sehr verschieden, am größten bei den Caraiben +und bei all den Völkerschaften, bei denen sich die Sitte, junge +Mädchen von benachbarten Stämmen zu entführen, lange erhalten hat. +Wie kann bei einer so ungleichen Verbindung von häuslichem Glück +die Rede seyn! Die Weiber leben in einer Art Sklaverei, wie bei den +meisten sehr versunkenen Völkern. Da die Männer im Besitz der +unumschränkten Gewalt sind, so wird in ihrer Gegenwart keine Klage +laut. Im Hause herrscht scheinbar Ruhe und die Weiber beeifern sich +alle, den Wünschen eines anspruchsvollen, übellaunigen Gebieters +zuvorzukommen. Sie pflegen ohne Unterschied ihre eigenen Kinder und +die der andern Weiber. Die Missionäre versichern (und was sie +sagen, ist sehr glaublich), dieser innere Frieden, die Frucht +gemeinsamer Furcht, werde gewaltig gestört, sobald der Mann länger +von Hause abwesend sey. Dann behandelt diejenige, mit der sich der +Mann zuerst verbunden, die andern als Beischläferinnen und Mägde. +Der Zank nimmt kein Ende, bis der Gebieter wieder kommt, der durch +einen Laut, durch eine bloße Geberde, und wenn er es zweckdienlich +erachtet, durch etwas schärfere Mittel die Leidenschaften +niederzuschlagen weiß. Bei den Tamanacas ist eine gewisse +Ungleichheit unter den Weibern hinsichtlich ihrer Rechte durch den +Sprachgebrauch bezeichnet. Der Mann nennt die zweite und dritte +Frau <strong>Gefährtinnen</strong> der ersten; die erste behandelt +die <strong>Gefährtinnen</strong> als Nebenbuhlerinnen und +<strong>Feinde</strong> (<em>ipucjatoje</em>), was allerdings nicht +so höflich ist, aber wahrer und ausdrucksvoller. Da alle Last der +Arbeit auf den unglücklichen Weibern liegt, so ist es nicht zu +verwundern, daß bei manchen Nationen ihre Anzahl auffallend gering +ist. In solchem Falle bildet sich eine Art Vielmännerei, wie wir +sie, nur entwickelter, in Tibet und im Gebirge am Ende der +ostindischen Halbinsel finden. Bei den Avanos und Maypures haben +oft mehrere Brüder nur Eine Frau. Wird ein Indianer, der mehrere +Weiber hat, Christ, so zwingen ihn die Missionäre, eine zu wählen, +die er behalten will, und die andern zu verstoßen. Der Moment der +Trennung ist nun der kritische; der Neubekehrte findet, daß seine +Weiber doch höchst schätzbare Eigenschaften haben: die eine +versteht sich gut auf die Gärtnerei, die andere weiß +<strong>Chiza</strong> zu bereiten, das berauschende Getränk aus +der Maniocwurzel; eine erscheint ihm so unentbehrlich wie die +andere. Zuweilen siegt beim Indianer das Verlangen, seine Weiber zu +behalten, über die Neigung zum Christenthum; meist aber läßt der +Mann den Missionär wählen, und nimmt dieß hin wie einen Spruch des +Schicksals.</p> +<p>Die Indianer, die vom Mai bis August Fahrten ostwärts von +Esmeralda unternehmen, um in den Bergen von Yumariquin +Pflanzenprodukte zu sammeln, konnten uns genaue Auskunft über den +Lauf des Orinoco, im Osten der Mission geben. Dieser Theil meiner +Reisekarte weicht von den früheren völlig ab. Ich beginne die +Beschreibung dieser Länder mit dem Granitstock des Duida, an dessen +Fuße wir weilten. Derselbe wird im Westen vom Rio Tamatama, im +Osten vom Rio Guapo begrenzt. Zwischen diesen beiden Nebenflüssen +des Orinoco, durch die <strong>Morichales</strong> oder die +Gebüsche von Mauritiapalmen, die Esmeralda umgeben, kommt der Rio +Sodomoni herab, vielberufen wegen der vortrefflichen Ananas, die an +seinen Ufern wachsen. Am 22. Mai maß ich auf einer Grasflur am Fuß +des Duida eine Standlinie von 475 Metern; der Winkel, unter dem die +Spitze des Berges in 13,327 Meter Entfernung erscheint, beträgt +noch 9 Grad. Nach meiner genauen trigonometrischen Messung ist +der Duida (das heißt der höchste Gipfel südwestlich vom Cerro +Maraguaca) 2179 Meter oder 1118 Toisen über der Ebene von Esmeralda +hoch, also wahrscheinlich gegen 1300 über dem Meeresspiegel; ich +sage wahrscheinlich, denn leider war mein Barometer zerbrochen, ehe +wir nach Esmeralda kamen. Der Regen war so stark, daß wir in den +Nachtlagern das Instrument nicht vor Feuchtigkeit schützen konnten, +und bei der ungleichen Ausdehnung des Holzes zerbrach die Röhre. +Der Unfall war mir desto verdrießlicher, weil wohl nie ein +Barometer größere Reisen mitgemacht hat. Ich hatte dasselbe schon +seit drei Jahren in Europa in den Gebirgen von Steiermark, +Frankreich und Spanien, in Amerika auf dem Wege von Cumana an den +obern Orinoco geführt. Das Land zwischen Javita, Vasiva und +Esmeralda ist eine weite Ebene, und da ich an den beiden ersteren +Orten den Barometer beobachtet habe, so kann ich mich hinsichtlich +der absoluten Höhe der Savanen am Sodomoni höchstens um 15—20 +Toisen irren. Der Cerro Duida steht an Höhe dem St. Gotthard und +der Silla bei Caracas am Küstenland von Venezuela nur wenig (kaum +80—100 Toisen) nach. Er gilt auch hier zu Lande für einen +colossalen Berg, woraus wir ziemlich sicher auf die mittlere Höhe +der Sierra Parime und aller Berge im östlichen Amerika schließen +können. Oestlich von der Sierra Nevada de Merida, sowie südöstlich +vom Paramo de las Rosas erreicht keine der Bergketten, die in der +Richtung eines Parallels streichen, die Höhe des Centralkamms der +Pyrenäen. Der Granitgipfel des Duida fällt so steil ab, daß die +Indianer vergeblich versucht haben hinaufzukommen. Bekanntlich sind +gar nicht hohe Berge oft am unzugänglichsten. Zu Anfang und zu Ende +der Regenzeit sieht man auf der Spitze des Duida kleine Flammen, +und zwar, wie es scheint, nicht immer am selben Ort. Wegen dieser +Erscheinung, die bei den übereinstimmenden Aussagen nicht wohl in +Zweifel zu ziehen ist, hat man den Berg mit Unrecht einen Vulkan +genannt. Da er ziemlich isolirt liegt, könnte man denken, der Blitz +zünde zuweilen das Strauchwerk an; dieß erscheint aber +unwahrscheinlich, wenn man bedenkt, wie schwer in diesem nassen +Klima die Gewächse brennen. Noch mehr: man versichert, es zeigen +sich oft kleine Flammen an Stellen, wo das Gestein kaum mit Rasen +bedeckt scheint; auch beobachte man ganz ähnliche +Feuererscheinungen, und zwar an Tagen ohne alles Gewitter, am +Gipfel des Guaraco oder Murcielago, eines Hügels gegenüber der +Mündung des Rio Tamatama auf dem südlichen Ufer des Orinoco. Dieser +Hügel erhebt sich kaum 100 Toisen über die umliegende Ebene. Sind +die Aussagen der Eingeborenen begründet, so rühren beim Duida und +dem Guaraco die Flammen wahrscheinlich von einer unterirdischen +Ursach her; denn man sieht dergleichen niemals auf den hohen Bergen +am Rio Jao und am Berg Maraguaca, um den so oft die Gewitter toben. +Der Granit des Cerro Duida ist von theils offenen, theils mit +Quarzkrystallen und Kiesen gefüllten Gängen durchzogen Durch +dieselben mögen gasförmige, brennbare Emanationen (Wasserstoff oder +Naphta) aufsteigen. In den Gebirgen von Caramanien, im Hindu-Khu +und im Himalaya sind dergleichen Erscheinungen häufig. In vielen +Landstrichen des östlichen Amerika, die den Erdbeben ausgesetzt +sind, sieht man sogar (wie am Cuchivano bei Cumanacoa)<sup><a href= +"#fn36" class="footnoteRef" id="fnref36" name= +"fnref36">36</a></sup> aus secundären Gebirgsbildungen Flammen aus +dem Boden brechen. Dieselben zeigen sich, wenn der erste Regen auf +den von der Sonne stark erhitzten Boden fällt, oder wenn dieser +nach starken Niederschlägen wieder zu trocknen anfängt. Die +Grundursach dieser Feuererscheinungen ist in ungeheurer Tiefe, weit +unter den secundären Formationen, in den Urgebirgsarten zu suchen; +der Regen und die Zersetzung des atmosphärischen Wassers spielen +dabei nur eine untergeordnete Rolle. Die heißesten Quellen in der +Welt kommen unmittelbar aus dem Granit; das Steinöl quillt aus dem +Glimmerschiefer; in Encaramada zwischen den Flüssen Arauca und +Cuchivero, mitten auf dem Granitboden der Sierra Parime am Orinoco, +hört man furchtbares Getöse. Hier, wie überall auf dem Erdball, +liegt der Herd der Vulkane in den ältesten Bildungen, und zwischen +den großen Phänomenen, wobei die Rinde unseres Planeten +emporgehoben und geschmolzen wird, und den Feuermeteoren, die sich +zuweilen an der Oberfläche zeigen und die man, ihrer +Unbedeutendheit wegen, nur atmosphärischen Einflüssen zuschreiben +möchte, scheint ein Causalzusammenhang zu bestehen.</p> +<p>Der Duida hat zwar nicht die Höhe, welche der Volksglaube ihm +zuschreibt, er ist aber im ganzen Bergstock zwischen Orinoco und +Amazonenstrom der beherrschende Punkt. Diese Berge fallen gegen +Nordwest, gegen den Puruname, noch rascher ab als gegen Ost, gegen +den Padamo und den Rio Ocamo. In der ersteren Richtung sind die +höchsten Gipfel nach dem Duida der <strong>Cuneva</strong>, an den +Quellen des Rio Paru (eines Nebenflusses des Ventuari), der +<strong>Sipapo</strong>, der <strong>Calitamini</strong>, der mit +dem <strong>Cunavami</strong> und dem <strong>Pic Uniana</strong> +zu Einer Gruppe gehört. Ostwärts vom Duida zeichnen sich durch ihre +Höhe aus, am rechten Ufer des Orinoco der <strong>Maravaca</strong> +oder die Sierra Maraguaca zwischen dem Rio Caurimoni und dem +Padamo, auf dem linken Ufer die Berge von <strong>Guanaja</strong> +und <strong>Yumariquin</strong> zwischen den Flüssen Amaguaca und +Gehette. Ich brauche kaum noch einmal zu bemerken, daß die Linie, +welche über diese hohen Gipfel läuft (wie in den Pyrenäen, den +Karpathen und so vielen Bergketten der alten Welt), keineswegs mit +der Wasserscheide zusammenfällt. Die Wasserscheide zwischen den +Zuflüssen des untern und des obern Orinoco schneidet den Meridian +von 64° unter dem vierten Grad der Breite. Sie läuft zuerst +zwischen den Quellen des Rio Branco und des Carony durch und dann +nach Nordwest, so daß die Gewässer des Padamo, Jao und Ventuari +nach Süd, die Gewässer des Arui, Caura und Cuchivero nach Nord +fließen.</p> +<p>Man kann von Esmeralda den Orinoco gefahrlos hinausfahren bis zu +den Katarakten, an denen die Guaicas-Indianer sitzen, welche die +Spanier nicht weiter hinauf kommen lassen; es ist dieß eine Fahrt +von sechs und einem halben Tag. In den zwei ersten kommt man an den +Einfluß des Rio Padamo, nachdem man gegen Nord die kleinen Flüsse +Tamatama, Sodomoni, Guapo, Caurimoni und Simirimoni, gegen Süd dem +Einfluß des Cuca zwischen dem Hügel Guaraco, der Flammen auswerfen +soll, und dem Cerro Canelilla, hinter sich gelassen. Auf diesem +Strich bleibt der Orinoco 300—400 Toisen breit. Auf dem rechten +Ufer kommen mehr Flüsse herein, weil sich an dieser Seite die hohen +Berge Duida und Maraguaca hinziehen, auf welchen sich die Wolken +lagern, während das linke Ufer niedrig ist und an die Ebene stößt, +die im Großen gegen Südwest abfällt. Prachtvolle Wälder mit Bauholz +bedecken die nördlichen Cordilleren. In diesem heißen, beständig +feuchten Landstrich ist das Wachsthum so stark, daß es Stämme von +Bombax Ceiba von 16 Fuß Durchmesser gibt. Der Rio Padamo oder +Patamo, über den früher die Missionäre am obern Orinoco mit denen +am Rio Caura verkehrten, ist für die Geographen zu einer Quelle von +Irrthümern geworden. Pater Caulin nennt ihn Macoma und setzt einen +andern Rio Patamo zwischen den Punkt der Gabeltheilung des Orinoco +und einen Berg Ruida, womit ohne Zweifel der Cerro Duida gemeint +ist. Surville läßt den Padamo sich mit dem Rio Ocamo (Ucamu) +verbinden, der ganz unabhängig von ihm ist; auf der großen Karte +von La Cruz endlich ist ein kleiner Nebenfluß des Orinoco, westlich +von der Gabeltheilung, als Rio Padamo bezeichnet und der +eigentliche Fluß dieses Namens heißt Rio Maquiritari. Von der +Mündung dieses Flusses, der ziemlich breit ist, kommen die Indianer +in einem und einem halben Tag an den Rio Mavaca, der in den hohen +Gebirgen von Unturan entspringt, von denen oben die Rede +war.<sup><a href="#fn37" class="footnoteRef" id="fnref37" name= +"fnref37">37</a></sup> Der Trageplatz zwischen den Quellen dieses +Nebenflusses und denen des Jdapa oder Siapa hat zu der Fabel vom +Zusammenhang des Jdapa mit dem obern Orinoco Anlaß gegeben. Der Rio +Mavaca steht mit einem See in Verbindung, an dessen Ufer die +Portugiesen, ohne Vorwissen der Spanier in Esmeralda, vom Rio Negro +her kommen, um die aromatischen Samen des <em>Laurus Pucheri</em> +zu sammeln, die im Handel als <strong>Pichurimbohne</strong> und +<strong>Toda Specie</strong> bekannt sind. Zwischen den Mündungen +des Padamo und des Mavaca nimmt der Orinoco von Nord her den Ocamo +aus, in den sich der Rio Matacona ergießt. An den Quellen des +letzteren Flusses wohnen die Guainares, die lange nicht so stark +kupferfarbig oder braun sind als die übrigen Bewohner dieser +Länder. Dieser Stamm gehört zu denen, welche bei den Missionären +<em>Indios blancas</em> heißen, und über die ich bald mehr sagen +werde. An der Mündung des Ocamo zeigt man den Reisenden einen Fels, +der im Lande für ein Wunder gilt. Es ist ein Granit, der in Gneiß +übergeht, ausgezeichnet durch die eigenthümliche Vertheilung des +schwarzen Glimmers, der kleine verzweigte Adern bildet. Die Spanier +nennen den Fels <em>piedra mapaya</em> (Landkartenstein).</p> +<p>Ueber dem Einfluß des Mavaca nimmt der Orinoco an Breite und +Tiefe auf einmal ab. Sein Lauf wird sehr gekrümmt, wie bei einem +Alpstrom. An beiden Ufern stehen Gebirge; von Süden her kommen +jetzt bedeutend mehr Gewässer herein, indessen bleibt die +Cordillere im Norden am höchsten. Von der Mündung des Mavaca bis +zum Rio Gehette sind es zwei Tagereisen, weil die Fahrt sehr +beschwerlich ist und man oft, wegen zu seichten Wassers, die +Pirogue am Ufer schleppen muß. Auf dieser Strecke kommen von Süd +der Daracapo und der Amaguaca herein; sie laufen nach West und Ost +um die Berge von Guanaya und Yumariquin herum, wo man die Früchte +der Bertholletia sammelt. Von den Bergen gegen Nord, deren Höhe vom +Cerro Maraguaca an allmählich abnimmt, kommt der Rio Manaviche +herab. Je weiter man auf dem Orinoco hinaufkommt, desto häufiger +werden die Krümmungen und die kleinen Stromschnellen (<em>chorros y +remolinos</em>). Man läßt links den Caño Chiguire, an dem die +Guaicas, gleichfalls ein Stamm weißer Indianer, wohnen, und zwei +Meilen weiter kommt man zur Mündung des Gehette, wo sich ein großer +Katarakt befindet. Ein Damm von Granitfelsen läuft über den +Orinoco; dieß sind die Säulen des Hercules, über die noch kein +Weißer hinausgekommen ist. Dieser Punkt, der sogenannte <em>Raudal +de Guaharibos</em>, scheint ¾ Grad ostwärts von Esmeralda, also +unter 67°38′ der Länge zu liegen. Durch eine militärische +Expedition, die der Commandant von San Carlos, Don Francisco +Bovadilla, unternommen, um die Quellen des Orinoco aufzusuchen, hat +man die genauesten Nachrichten über die Katarakten der Guaharibos. +Er hatte erfahren, daß Neger, welche in holländisch Guyana +entsprungen, nach West (über die Landenge zwischen den Quellen des +Rio Carony und des Rio Branco hinaus) gelaufen seyen und sich zu +unabhängigen Indianern gesellt haben. Er unternahm eine +<em>Entrada</em> (Einfall) ohne Erlaubniß des Statthalters; der +Wunsch, afrikanische Sklaven zu bekommen, die zur Arbeit besser +taugen als die kupferfarbigen Menschen, war dabei ungleich stärker +im Spiel, als der Eifer für die Förderung der Erdkunde. Ich hatte +in Esmeralda und am Rio Negro Gelegenheit, mehrere sehr verständige +Militärs zu befragen, die den Zug mitgemacht. Bovadilla kam ohne +Schwierigkeit bis zum kleinen Raudal dem Gehette gegenüber; aber am +Fuß des Felsdamms, welcher den großen Katarakt bildet, wurde er +unversehens, während des Frühstücks, von den Guaharibos und den +Guaicas überfallen, zwei kriegerischen und wegen der Stärke des +Curare, mit dem sie ihre Pfeile vergiften, vielberufenen Stämmen. +Die Indianer besetzten die Felsen mitten im Fluß. Sie sahen keine +Bogen in den Händen der Spanier, von Feuergewehr wußten sie nichts, +und so gingen sie Leuten zu Leibe, die sie für wehrlos hielten. +Mehrere Weiße wurden gefährlich verwundet, und Bovadilla mußte die +Waffen brauchen. Es erfolgte ein furchtbares Gemetzel unter den +Eingeborenen, aber von den holländischen Negern, die sich hieher +geflüchtet haben sollten, wurde keiner gefunden. Trotz des Sieges, +der ihnen nicht schwer geworden, wagten es die Spanier nicht, in +gebirgigtem Land auf einem tief eingeschnittenen Flusse weiter +gegen Ost hinaufzugehen.</p> +<p>Die Guaharibos blancos haben über den Katarakt aus Lianen eine +Brücke geschlagen, die an den Felsen befestigt ist, welche sich, +wie meistens in den <strong>Pongos</strong> im obern Maragnon, +mitten aus dem Flußbett erheben. Diese Brücke, die sämmtliche +Einwohner in Esmeralda wohl kennen, scheint zu beweisen, daß der +Orinoco an dieser Stelle bereits ziemlich schmal ist. Die Indianer +geben seine Breite meist nur zu 200—300 Fuß an; sie behaupten, +oberhalb des Raudals der Guaharibos sey der Orinoco kein Fluß mehr, +sondern ein <em>Riachuelo</em> (ein Bergwasser), wogegen ein sehr +unterrichteter Geistlicher, Fray Juan Gonzales, der das Land +besucht hat, mich versicherte, da, wo man den weiteren Lauf des +Orinoco nicht mehr kenne, sey er immer noch zu zwei Drittheilen so +breit als der Rio Negro bei San Carlos. Letztere Angabe scheint mir +unwahrscheinlicher; ich gebe aber nur wieder, was ich in Erfahrung +bringen konnte, und spreche über nichts ab. Nach den vielen +Messungen, die ich vorgenommen, weiß ich gut, wie leicht man sich +hinsichtlich der Größe der Flußbetten irren kann. Ueberall +erscheinen die Flüsse breiter oder schmaler, je nachdem sie von +Bergen oder von Ebenen umgeben, frei oder voll Rissen, von +Regengüssen geschwellt oder nach langer Trockenheit wasserarm sind. +Es verhält sich übrigens mit dem Orinoco wie mit dem Ganges, dessen +Lauf nordwärts von Gangutra nicht bekannt ist; auch hier glaubt man +wegen der geringen Breite des Flusses, der Punkt könne nicht weit +von der Quelle liegen.</p> +<p>Im Felsdamm, der über den Orinoco läuft und den Raudal der +Guaharibos bildet, wollen spanische Soldaten die schöne Art +Saussurit (den Amazonenstein), von dem oben die Rede war, gefunden +haben. Es ist dieß eine sehr zweifelhafte Geschichte, und die +Indianer, die ich darüber befragt, versicherten mich, die grünen +Steine, die man in Esmeralda <em>Piedras de Macagua</em> nennt, +seyen von den Guaicas und Guaharibos gekauft, die mit viel weiter +ostwärts lebenden Horden Handel treiben. Es geht mit diesen +Steinen, wie mit so vielen andern kostbaren Produkten beider +Indien. An den Küsten, einige hundert Meilen weit weg, nennt man +das Land, wo sie vorkommen, mit voller Bestimmtheit; kommt man aber +mit Mühe und Noth in dieses Land, so zeigt es sich, daß die +Eingeborenen das Ding, das man sucht, nicht einmal dem Namen nach +kennen. Man könnte glauben, die Amulette aus Saussurit, die man bei +den Indianern am Rio Negro gefunden, kommen vom untern +Amazonenstrom, und die, welche man über die Missionen am obern +Orinoco und Rio Carony bezieht, aus einem Landstrich zwischen den +Quellen des Essequebo und des Rio Branco. Indessen haben weder der +Chirurg Hortsmann, ein gebotener Hildesheimer, noch Don Antonio +Santos, dessen Reisetagebuch mir zu Gebot stand, den Amazonenstein +auf der Lagerstätte gesehen, und es ist eine ganz grundlose, +obgleich in Angostura stark verbreitete Meinung, dieser Stein komme +in weichem, teigigtem Zustand aus dem kleinen See Amucu, aus dem +man die <strong>Laguna del Dorado</strong> gemacht hat. So ist denn +in diesem östlichen Strich von Amerika noch eine schöne +geognostische Entdeckung zu machen, nämlich im Urgebirg ein +Euphotidgestein (Gabbro) aufzufinden, das die <em>Piedra de +Macagna</em> enthält.</p> +<p>Ich gebe hier einigen Aufschluß über die Indianerstämme von +weißlichter Hautfarbe und sehr kleinem Wuchs, die alte Sagen seit +Jahrhunderten an die Quellen des Orinoco setzen. Ich hatte +Gelegenheit, in Esmeralda einige zu sehen, und kann versichern, daß +man die Kleinheit der Guaicas und die Weiße der Guaharibos, die +Pater Caulin <em>Guaribos blancos</em> nennt, in gleichem Maasse +übertrieben hat. Die Guaicas, die ich gemessen, messen im +Durchschnitt 4 Fuß 7 Zoll bis 4 Fuß 8 Zoll +(nach altem französischem Maß). Man behauptet, der ganze Stamm sey +so ausnehmend klein; man darf aber nicht vergessen, daß das, was +man hier einen Stamm nennt, im Grunde nur eine einzige Familie ist. +Wo alle Vermischung mit Fremden ausgeschlossen ist, pflanzen sich +Spielarten und Abweichungen vom gemeinsamen Typus leichter fort. +Nach den Guaicas sind die Guainares und die Poignaves die kleinsten +unter den Indianern. Es ist sehr auffallend, daß alle diese +Völkerschaften neben den Caraiben wohnen, die von ungemein hohem +Wuchse sind. Beide leben im selben Klima und haben dieselben +Nahrungsmittel. Es sind Racenspielarten, deren Bildung ohne Zweifel +weit über die Zeit hinausreicht, wo diese Stämme (große und kleine, +weißlichte und dunkelbraune) sich neben einander niedergelassen. +Die vier weißesten Nationen am obern Orinoco schienen mir die +Guaharibos am Rio Gehette, die Guainares am Ocomo, die Guaicas am +Caño Chiguire und die Maquiritares an den Quellen des Padamo, des +Jao und des Ventuari. Da Eingeborene mit weißlichter Haut unter +einem glühenden Himmel und mitten unter sehr dunkelfarbigen Völkern +eine auffalIende Erscheinung sind, so haben die Spanier zur +Erklärung derselben zwei sehr gewagte Hypothesen aufgebracht. Die +einen meinen, Holländer aus Surinam und vom Rio Essequebo mögen +sich mit Guaharibos und Guainares vermischt haben; andere behaupten +aus Haß gegen die Kapuziner am Carony und die Observanten am +Orinoco, diese weißlichten Indianer seyen, was man in Dalmatien +<em>Muso di frate</em> nennt, Kinder, deren eheliche Geburt einigem +Zweifel unterliegt. In beiden Fällen wären die Indios blancos +Mestizen, Abkömmlinge einer Indianerin und eines Weißen. Ich habe +aber Tausende von Mestizen gesehen und kann behaupten, daß die +Vergleichung durchaus unrichtig ist. Die Individuen der weißlichten +Stämme, die wir zu untersuchen Gelegenheit hatten, haben die +Gesichtsbildung, den Wuchs, die schlichten, glatten, schwarzen +Haare, wie sie allen andern Indianern zukommen. Unmöglich könnte +man sie für Mischlinge halten, ähnlich den Abkömmlingen von +Eingeborenen und Europäern. Manche sind dabei sehr klein, andere +haben den gewöhnlichen Wuchs der kupferrothen Indianer. Sie sind +weder schwächlich, noch kränklich, noch Albinos; sie unterscheiden +sich von den kupferfarbigen Stämmen allein durch weit weniger +dunkle Hautfarbe. Nach diesen Bemerkungen braucht man den weiten +Weg vom obern Orinoco zum Küstenland, auf dem die Holländer sich +niedergelassen, gar nicht in Anschlag zu bringen. Ich läugne nicht, +daß man Abkömmlinge entlaufener Neger (<em>negros alzados de +palenque</em>) unter den Caraiben an den Quellen des Essequebo +gefunden haben mag; aber niemals ist ein Weißer von den Ostküsten +so tief in Guyana hinein, an den Rio Gehette und an den Ocamo +gekommen. Noch mehr: so auffallend es erscheinen mag, daß +Völkerschaften mit weißlichter Haut östlich von Esmeralda neben +einander wohnen, so ist doch soviel gewiß, daß man auch in andern +Ländern Amerikas Stämme gefunden hat, die sich von ihren Nachbarn +durch weit weniger dunkle Hautfarbe unterscheiden. Dahin gehören +die Arivirianos und Maquiritares am Rio Ventuario und am Padamo, +die Paudacotos und Paravenas am Erevato, die Viras und Ariguas am +Caura, die Mologagos in Brasilien und die Guayanas am +Uruguay.<sup><a href="#fn38" class="footnoteRef" id="fnref38" name= +"fnref38">38</a></sup></p> +<p>Alle diese Erscheinungen verdienen desto mehr Aufmerksamkeit, +als sie den großen Zweig der amerikanischen Völker betreffen, den +man gemeiniglich dem am Pole lebenden Zweig, den Eskimo-Tschugasen, +entgegenstellt, deren Kinder weiß sind und die mongolisch gelbe +Farbe erst durch den Einfluß der Luft und der Feuchtigkeit +annehmen. In Guyana sind die Horden, welche mitten in den +dichtesten Wäldern leben, meist nicht so dunkel als solche, welche +an den Ufern des Orinoco Fischfang treiben. Aber dieser +unbedeutende Unterschied, der ja auch in Europa zwischen den +städtischen Handwerkern und den Landbauern oder Küstenfischern +vorkommt, erklärt keineswegs das Phänomen der Indios blancos, die +Existenz von Indianerstämmen mit einer Haut wie die der Mestizen. +Dieselben sind von andern Waldindianern (<em>Indios del monte</em>) +umgeben, die, obgleich ganz den nämlichen physischen Einflüssen +ausgesetzt, braunroth sind. Die Ursachen dieser Erscheinungen +liegen in der Zeit sehr weit rückwärts, und wir sagen wieder mit +Tacitus: »Est durans originis vis.«</p> +<p>Diese Stämme mit weißlichter Haut, welche wir in der Mission +Esmeralda zu sehen Gelegenheit gehabt, bewohnen einen Strich des +Berglandes zwischen den Quellen von sechs Nebenflüssen des Orinoco, +des Padamo, Jao, Ventuari, Erevato, Aruy und Paragua. Bei den +spanischen und portugiesischen Missionären heißt dieses Land +gemeiniglich die <strong>Parime</strong>. Hier, wie in +verschiedenen andern Ländern von spanisch Amerika, haben die Wilden +wieder erobert, was die Civilisation oder vielmehr die Missionäre, +die nur die Vorläufer der Civilisation sind, ihnen abgerungen. +Solanos Grenzexpedition und der abenteuerliche Eifer, mit dem ein +Statthalter von Guyana<sup><a href="#fn39" class="footnoteRef" id= +"fnref39" name="fnref39">39</a></sup> den Dorado suchte, hatten in +der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts den +Unternehmungsgeist wieder wach gerufen, der die Castilianer bei der +Entdeckung von Amerika beseelte. Man hatte am Rio Padamo hinauf +durch Wälder und Savanen einen Weg von zehen Tagereisen von +Esmeralda zu den Quellen des Ventuari entdeckt; in zwei weiteren +Tagen war man von diesen Quellen auf dem Erevato in die Missionen +am Rio Caura gelangt. Zwei verständige, beherzte Männer, Don +Antonio Santos und der Capitän Bareto, hatten mit Hülfe der +Maquiritares auf dieser Linie von Esmeralda an den Rio Erevato eine +militärische Postenkette angelegt; dieselbe bestand aus +zweistockigten, mit Steinböllern besetzten Häusern (<em>casas +fuertes</em>), wie ich sie oben beschrieben und die auf den Karten, +die zu Madrid herauskamen, als neunzehn Dörfer figurirten. Die sich +selbst überlassenen Soldaten bedrückten in jeder Weise die +Indianer, die ihre Pflanzungen bei den <em>Casas fuertes</em> +hatten, und da diese Plackereien nicht so methodisch waren, das +heißt nicht so gut in einander griffen, wie die in den Missionen, +an die sich die Indianer nach und nach gewöhnen, so verbündeten +sich im Jahr 1776 mehrere Stämme gegen die Spanier. In Einer Nacht +wurden alle Militärposten auf der ganzen 50 Meilen langen Linie +angegriffen, die Häuser niedergebrannt, viele Soldaten +niedergemacht; nur wenige verdankten ihr Leben dem Erbarmen der +indianischen Weiber. Noch jetzt spricht mnn mit Entsetzen von +diesem nächtlichen Ueberfall. Derselbe wurde in der tiefsten +Heimlichkeit verabredet und mit der Uebereinstimmung ausgeführt, +die bei den Eingeborenen von Süd- wie von Nordamerika, welche +feindselige Gefühle so meisterhaft in sich zu verschließen wissen, +niemals fehlt, wo es sich um gemeinsamen Vortheil handelt. Seit +1776 hat nun kein Mensch mehr daran gedacht, den Landweg vom obern +an den untern Orinoco wiederherzustellen, und konnte kein Weißer +von Esmeralda an den Erevato gehen. Und doch ist kein Zweifel +darüber, daß es in diesem Gebirgslande zwischen den Quellen des +Padamo und des Ventuari (bei den Orten, welche bei den Indianern +Aurichapa, Ichuana und Irique heißen) mehrere Gegenden mit +gemäßigtem Klima und mit Weiden gibt, die Vieh in Menge nähren +könnten. Die Militärposten leisteten ihrer Zeit sehr gute Dienste +gegen die Einfälle der Caraiben, die von Zeit zu Zeit zwischen dem +Erevato und dem Padamo Sklaven fortschleppten, wenn auch nur +wenige. Sie hätten wohl auch den Angriffen der Eingeborenen +widerstanden, wenn man sie, statt sie ganz vereinzelt und nur in +den Händen der Soldaten zu lassen, in Dörfer verwandelt und wie die +Gemeinden der neubekehrten Indianer verwaltet hätte.</p> +<p>Wir verließen die Mission Esmeralda am 17. Mai. Wir waren eben +nicht krank, aber wir fühlten uns alle matt und schwach in Folge +der Insektenplage, der schlechten Nahrung und der langen Fahrt in +engen, nassen Canoes. Wir gingen den Orinoco nicht über den Einfluß +des Rio Guapo hinauf; wir hätten es gethan, wenn wir hätten +versuchen können, zu den Quellen des Flusses zu gelangen. Unter den +gegenwärtigen Verhältnissen müssen sich bloße Privatleute, welche +Erlaubniß haben, die Missionen zu betreten, bei ihren Wanderungen +auf die friedlichen Striche des Landes beschränken. Vom Guapo bis +zum Raudal der Guaharibos sind noch 15 Meilen. Bei diesem Katarakt, +über den man aus einer Brücke aus Lianen geht, stehen Indianer mit +Bogen und Pfeilen, die keinen Weißen und keinen, der aus dem Gebiet +der Weißen kommt, weiter nach Osten lassen. Wie konnten wir hoffen, +aber einen Punkt hinaus zu kommen, wo der Befehlshaber am Rio +Negro, Don Francisco Bovadilla, hatte Halt machen müssen, als er +mit bewaffneter Macht jenseits des Gehette vordringen wollte? Durch +das Blutbad, das man unter ihnen angerichtet, sind die Eingeborenen +gegen die Bewohner der Missionen noch grimmiger und mißtrauischer +geworden. Man erinnere sich, daß beim Orinoco bis jetzt den +Geographen zwei besondere, aber gleich wichtige Probleme vorlagen: +die Lage seiner Quellen und die Art seiner Verbindung mit dem +Amazonenstrom. Das letztere war der Zweck der Reise, die ich im +Bisherigen beschrieben; was die endliche Auffindung der Quellen +betrifft, so ist dieß Sache der spanischen und der portugiesischen +Regierung. Eine kleine Abtheilung Soldaten, die von Angostura oder +vom Rio Negro ausbrüche, könnte den Guaharibos, Guaicas und +Caraiben, deren Kraft und Anzahl man in gleichem Maaße übertreibt, +die Spitze bieten. Diese Expedition könnte entweder von Esmeralda +ostwärts oder auf dem Rio Carony und dem Paragua südwestwärts, oder +endlich auf dem Rio Padaviri oder dem Rio Branco und dem Urariquera +nach Nordwest gehen. Da der Orinoco in der Nähe seines Ursprungs +wahrscheinlich weder unter diesem Namen noch unter dem Namen +Paragua<sup><a href="#fn40" class="footnoteRef" id="fnref40" name= +"fnref40">40</a></sup> bekannt ist, so wäre es sicherer auf ihm +über den Gehette hinaufzugehen, nachdem man das Land zwischen +Esmeralda und dem Raudal der Guaharibos, das ich oben genau +beschrieben, hinter sich gelassen. Auf diese Weise verwechselte man +nicht den Hauptstamm des Flusses mit einem oberen Nebenfluß, und wo +das Bett mit Felsen verstopft wäre, ginge man bald am einen, bald +am andern Ufer am Orinoco hinauf. Wollte man aber, statt sich nach +Ost zu wenden, die Quellen westwärts auf dem Rio Carony, dem +Essequebo oder dem Rio Branco suchen, so müßte man den Zweck der +Expedition erst dann als erreicht ansehen, wenn man auf dem Fluß, +den man für den Orinoco angesehen, bis zum Einfluß des Gehette und +zur Mission Esmeralda herabgekommen wäre. Das portugiesische Fort +San Joaquim, am linken Ufer des Rio Branco beim Einfluß des Tacutu, +wäre ein weiterer günstig gelegener Ausgangspunkt; ich empfehle +ihn, weil ich nicht weiß, ob die Mission Santa Rosa, die vom +Statthalter Don Manuel Centurion, als die <strong>Ciudad</strong> +Guirior angelegt wurde, weiter nach West am Ufer des Urariapara +gegründet worden, nicht bereits wieder eingegangen ist. Verfolgte +man den Lauf des Paragua westwärts vom Destacamento oder +Militärposten Guirior, der in den Missionen der catalonischen +Capuziner liegt, oder ginge man vom portugiesischen Fort San +Joaquim im Thale des Rio Uruariquera gegen West, so käme man am +sichersten zu den Quellen des Orinoco. Die Längenbeobachtungen, die +ich in Esmeralda angestellt, können das Suchen erleichtern, wie ich +in einer an das spanische Ministerium unter König Carl IV. +gerichteten Denkschrift auseinandergesetzt habe.</p> +<p>Wenn das große, nützliche Werk der amerikanischen Missionen +allmählich die Verbesserungen erhielte, auf die mehrere Bischöfe +angetragen haben, wem man, statt die Missionäre fast auf +Gerathewohl aus den spanischen Klöstern zu ergänzen, junge +Geistliche in Amerika selbst in Seminarien oder Missionskollegien +erzöge, so würden militärische Expeditionen, wie ich sie eben +vorgeschlagen, überflüssig. Das Ordenskleid des heiligen +Franciscus, ob es nun braun ist wie bei den Capuzinern am Carony, +oder blau wie bei den Observanten am Orinoco, übt immer noch einen +gewissen Zauber über die Indianer dieser Länder. Sie knüpfen daran +gewisse Vorstellungen von Wohlstand und Behagen, die Aussicht, in +den Besitz von Aexten, Messern und Fischereigeräthe zu gelangen. +Selbst solche, die an Unabhängigkeit und Vereinzelung zäh +festhalten und es verschmähen, sich »vom Glockenklang regieren zu +lassen,« sind erfreut, wenn ein benachbarter Missionär sie besucht. +Ohne die Bedrückungen der Soldaten und die feindlichen Einfälle der +Mönche, ohne die <em>entradas</em> und <em>conquistas +apostolicas</em>, hätten sich die Eingeborenen nicht von den Ufern +des Stroms weggezogen. Gäbe man das unvernünftige System auf, die +Klosterzucht in den Wäldern und Savanen Amerikas einführen zu +wollen, ließe man die Indianer der Früchte ihrer Arbeit froh +werden, regierte man sie nicht so viel, das heißt, legte man nicht +ihrer natürlichen Freiheit bei jedem Schritt Fesseln an, so würden +die Missionäre rasch den Kreis ihrer Thätigkeit sich erweitern +sehen, deren Ziel ja kein anderes ist, als menschliche +Gesittung.</p> +<p>Die Niederlassungen der Mönche haben in den Aequinoctialländern +der neuen Welt wie im nördlichen Europa die ersten Keime des +gesellschaftlichen Lebens ausgestreut. Noch jetzt bilden sie einen +weiten Gürtel um die europäischen Besitzungen, und wie viele und +große Mißbräuche sich auch in ein Regiment eingeschlichen haben +mögen, wobei alle Gewalten in einer einzigen verschmolzen sind, so +würde es doch schwer halten, dasselbe durch ein anderes zu +ersetzen, das nicht noch weit größere Uebelstände mit sich führte, +und dabei eben so wohlfeil und dem schweigsamen Phlegma der +Eingeborenen eben so angemessen wäre. Ich komme später auf diese +christlichen Anstalten zurück, deren politische Wichtigkeit in +Europa nicht genug gewürdigt wird. Hier sey nur bemerkt, daß die +von der Küste entlegensten gegenwärtig am meisten verwahrlost sind. +Die Ordensleute leben dort im tiefsten Elend. Allein von der Sorge +für den täglichen Unterhalt befangen, beständig darauf bedacht, auf +eine Mission versetzt zu werden, die näher bei der civilisirten +Welt liegt, das heißt bei <strong>weißen und vernünftigen +Leuten,</strong><sup><a href="#fn41" class="footnoteRef" id= +"fnref41" name="fnref41">41</a></sup> kommen sie nicht leicht in +Versuchung, weiter ins Land zu dringen. Es wird rasch vorwärts +gehen, sobald man (nach dem Vorgang der Jesuiten) den entlegensten +Missionen außerordentliche Unterstützungen zu Theil werden läßt, +und auf die äußersten Posten, Guirior, San Luis del Erevato und +Esmeralda,<sup><a href="#fn42" class="footnoteRef" id="fnref42" +name="fnref42">42</a></sup> die muthigsten, verständigsten und in +den Indianersprachen bewandertsten Missionäre stellt. Das kleine +Stück, das vom Orinoco noch zu berichtigen ist (wahrscheinlich eine +Strecke von 25—30 Meilen), wird bald entdeckt seyn; in Süd- wie in +Nordamerika sind die Missionäre überall zuerst auf dem Platz, weil +ihnen Vortheile zu statten kommen, die andern Reisenden abgehen. +»Ihr thut groß damit, wie weit ihr über den Obersee +hinaufgekommen,« sagte ein Indianer aus Canada zu Pelzhändlern aus +den Vereinigten Staaten; »ihr denkt also nicht daran, daß die +»Schwarzröcke« vorher dagewesen, und daß diese euch den Weg nach +Westen gewiesen haben!« Unsere Pirogue war erst gegen drei Uhr +Abends bereit uns aufzunehmen. Während der Fahrt auf dem +Cassiquiare hatten sich unzählige Ameisen darin eingenistet und nur +mit Mühe säuberte man davon den <strong>Toldo</strong>, das Dach +aus Palmblättern, unter dem wir nun wieder zwei und zwanzig Tage +lang ausgestreckt liegen sollten. Einen Theil des Vormittags +verwendeten wir dazu, um die Bewohner von Esmeralda nochmals über +einen See auszufragen, der gegen Ost liegen sollte. Wir zeigten den +alten Soldaten, die in der Mission seit ihrer Gründung lagen, die +Karten von Surville und la Cruz. Sie lachten über die angebliche +Verbindung zwischen dem Orinoco und dem Rio Idapa und über das +<strong>weiße Meer</strong>, durch das ersterer Fluß laufen soll. +Was wir höflich Fictionen der Geographen nennen, hießen sie »Lügen +von dort drüben« (<em>mentiras de por allá</em>). Die guten Leute +konnten nicht begreifen, wie man von Ländern, in denen man nie +gewesen, Karten machen kann, und aufs genaueste Dinge wissen will, +wovon man an Ort und Stelle gar nichts weiß. Der See der Parime, +die Sierra Mey, die Quellen, die vom Punkt an, wo sie aus dem Boden +kommen, auseinander laufen — von all dem weiß man in Esmeralda +nichts. Immer hieß es, kein Mensch sey je ostwärts über den Raudal +der Guaharibos hinaufgekommen; oberhalb dieses Punktes komme wie +manche Indianer glauben, der Orinoco als ein kleiner Bergstrom von +einem Gebirgsstock herab, an dem die Corotos-Indianer wohnen. Diese +Umstände verdienen wohl Beachtung; denn wäre bei der königlichen +Grenzexpedition oder nach dieser denkwürdigen Zeit ein weißer +Mensch wirklich zu den Quellen des Orinoco und zu dem angeblichen +See der Parime gekommen, so müßte sich die Erinnerung daran in der +nächstgelegenen Mission, über die man kommen mußte, um eine so +wichtige Entdeckung zu machen, erhalten haben. Nun machen aber die +drei Personen, die mit den Ergebnissen der Grenzexpedition bekannt +wurden, Pater Caulin, la Cruz und Surville, Angaben, die sich +geradezu widersprechen. Wären solche Widersprüche denkbar, wenn +diese Gelehrten, statt ihre Karten nach Annahmen und Hypothesen zu +entwerfen, die in Madrid ausgeheckt worden, einen wirklichen +Reisebericht vor Augen gehabt hätten? Pater Gili, der achtzehn +Jahre (von 1749 bis 1767) am Oriuoco gelebt hat, sagt ausdrücklich, +»Don Apollinario Diez sey abgesandt worden, um die Quellen des +Orinoco zu suchen; er habe ostwärts von Esmeralda den Strom voll +Klippen gefunden; er habe aus Mangel an Lebensmitteln umgekehrt und +von der Existenz eines Sees nichts, gar nichts vernommen.« Diese +Angabe stimmt vollkommen mit dem, was ich fünf und dreißig Jahre +später in Esmeralda gehört, wo Don Apollinarios Name noch im Munde +aller Einwohner ist und von wo man fortwährend über den Einfluß des +Gehette hinauffährt.</p> +<p>Die Wahrscheinlichkeit einer Thatsache vermindert sich +bedeutend, wenn sich nachweisen läßt, daß man an dem Ort, wo man am +besten damit bekannt seyn müßte, nichts davon weiß, und wenn +diejenigen, die sie mittheilen, sich widersprechen, nicht etwa in +minder wesentlichen Umständen, sondern gerade in allen wichtigen. +Ich verfolge diese rein geographische Erörterung hier nicht weiter; +ich werde in der Folge zeigen, wie die Verstöße auf den neuen +Karten von der Sitte herrühren, sie den alten nachzuzeichnen, wie +Trageplätze für Flußverzweigungen gehalten wurden, wie man Flüsse, +die bei den Indianern <strong>große Wasser</strong> heißen, in Seen +verwandelte, wie man zwei dieser Seen (den Cassipa und den Parime) +seit dem sechzehnten Jahrhundert verwechselte und hin und her +schob, wie man endlich in den Namen der Nebenflüsse des Rio Branco +den Schlüssel zu den meisten dieser uralten Fictionen findet.</p> +<p>Als wir im Begriff waren uns einzuschiffen, drängten sich die +Einwohner um uns, die weiß und von spanischer Abkunft seyn wollen. +Die armen Leute beschworen uns, beim Statthalter von Angostura ein +gutes Wort für sie einzulegen, daß sie in die Steppen (Llanos) +zurückkehren dürften, oder, wenn man ihnen diese Gnade versage, daß +man sie in die Missionen am Rio Negro versetze, wo es doch kühler +sey und nicht so viele Insekten gebe. »Wie sehr wir uns auch +verfehlt haben mögen,« sagten sie, »wir haben es abgebüßt durch +zwanzig Jahre der Qual in diesem Moskitoschwarm«. Ich nahm mich in +einem Bericht an die Regierung über die industriellen und +commerciellen Verhältnisse dieser Länder der Verwiesenen an, aber +die Schritte, die ich that, blieben erfolglos. Die Regierung war +zur Zeit meiner Reise mild und zu gelinden Maßregeln geneigt; wer +aber das verwickelte Räderwerk der alten spanischen Monarchie +kennt, weiß auch, daß der Geist eines Ministeriums auf das Wohl der +Bevölkerung am Orinoco, in Neu-Californien und auf den Philippinen +von sehr geringem Einfluß war.</p> +<p>Halten sich die Reisenden nur an ihr eigenes Gefühl, so streiten +sie sich über die Menge der Moskitos, wie über die allmähliche +Zunahme und Abnahme der Temperatur. Die Stimmung unserer Organe, +die Bewegung der Luft, das Maß der Feuchtigkeit oder Trockenheit, +die elektrische Spannung, tausenderlei Umstände wirken zusammen, +daß wir von der Hitze und den Insekten bald mehr bald weniger +leiden. Meine Reisegefährten waren einstimmig der Meinung, in +Esmeralda peinigen die Moskitos ärger als am Cassiquiare und selbst +in den beiden Missionen an den großen Katarakten; mir meinerseits, +der ich für die hohe Lufttemperatur weniger empfindlich war als +sie, schien der Hautreiz, den die Insekten verursachen, in +Esmeralda nicht so stark als an der Grenze des obern Orinoco. Wir +brauchten kühlende Waschwasser; Citronsaft und noch mehr der Saft +der Ananas lindern das Jucken der alten Stiche bedeutend; die +Geschwulst vergeht nicht davon, wird aber weniger schmerzhaft. Hört +man von diesen leidigen Insekten der heißen Länder sprechen, so +findet man es kaum glaublich, daß man unruhig werden kann, wenn sie +nicht da sind, oder vielmehr wenn sie unerwartet verschwinden. In +Esmeralda erzählte man uns, im Jahr 1795 sey eine Stunde vor +Sonnenuntergang, wo sonst die Moskitos eine sehr dichte Wolke +bilden, die Luft auf einmal 20 Minuten lang ganz frei gewesen. Kein +einziges Insekt ließ sich blicken, und doch war der Himmel +wolkenlos und kein Wind deutete auf Regen. Man muß in diesen +Ländern selbst gelebt haben, um zu begreifen, in welchem Maße +dieses plötzliche Verschwinden der Insekten überraschen mußte. Man +wünschte einander Glück, man fragte sich, ob diese +<em>Felicidad</em>, dieses <em>Alivio</em> (Erleichterung) wohl von +Dauer seyn könne. Nicht lange aber, und statt des Augenblickes zu +genießen, fürchtete man sich vor selbstgemachten Schreckbildern; +man bildete sich ein, die Ordnung der Natur habe sich verkehrt. +Alte Indianer, die Lokalgelehrten, behaupteten, das Verschwinden +der Moskitos könne nichts anderes bedeuten als ein großes Erdbeben. +Man stritt hitzig hin und her, man lauschte auf das leiseste +Geräusch im Baumlaub, und als sich die Luft wieder mit Moskitos +füllte, freute man sich ordentlich, daß sie wieder da waren. +Welcher Vorgang in der Atmosphäre mag nun diese Erscheinung +verursacht haben, die man nicht damit verwechseln darf, daß zu +bestimmten Tageszeiten die eine Insektenart die andere ablöst? Wir +konnten diese Frage nicht beantworten, aber die lebendige +Schilderung der Einwohner war uns interessant. Mißtrauisch, +ängstlich, was ihm bevorstehen möge, seine alten Schmerzen +zurückwünschen, das ist so ächt menschlich.</p> +<p>Bei unserem Abgang von Esmeralda war das Wetter sehr stürmisch. +Der Gipfel des Duida war in Wolken gehüllt, aber diese schwarzen, +stark verdichteten Dunstmassen standen noch 900 Toisen über der +Niederung. Schätzt man die mittlere Höhe der Wolken, d. h. +ihre untere Schicht, in verschiedenen Zonen, so darf man nicht die +zerstreuten einzelnen Gruppen mit den Wolkendecken verwechseln, die +gleichförmig über den Niederungen gelagert sind und an eine +Bergkette stoßen. Nur die letzteren können sichere Resultate geben; +einzelne Wolkengruppen verfangen sich in Thälern, oft nur durch die +niedergehenden Luftströme. Wir sahen welche bei der Stadt Caracas +in 500 Toisen Meereshöhe; es ist aber schwer zu glauben, daß die +Wolken, die man über den Küsten von Cumana und der Insel Margarita +sieht, nicht höher stehen sollten. Das Gewitter, das sich am Gipfel +des Duida entlud, zog nicht in das Thal des Orinoco herunter; +überhaupt haben wir in diesem Thal nicht die starken elektrischen +Entladungen beobachtet, wie sie in der Regenzeit den Reisenden, +wenn er von Carthagena nach Honda den Magdalenenstrom hinauffährt, +fast jede Nacht ängstigen. Es scheint, daß in einem flachen Lande +die Gewitter regelmäßiger dem Bett eines großen Flusses nachziehen, +als in einem ungleichförmig mit Bergen besetzten Lande, wo viele +Seitenthäler durch einander laufen. Wir beobachteten zu +wiederholten malen die Temperatur des Orinoco an der Wasserfläche +bei 30° Lufttemperatur; wir fanden nur 26°, also 3° weniger als in +den großen Katarakten, und 2° mehr als im Rio Negro. In der +gemäßigten Zone in Europa steigt die Temperatur der Donau und der +Elbe mitten im Sommer nicht über 17 bis 19°. Am Orinoco konnte ich +niemals einen Unterschied zwischen der Wärme des Wassers bei Tag +und bei Nacht bemerken, wenn ich nicht den Thermometer da in den +Fluß brachte, wo das Wasser wenig Tiefe hat und sehr langsam über +ein breites sandiges Gestade fließt, wie bei Uruana und bei den +Mündungen des Apure. Obgleich in den Wäldern von Guyana unter einem +meistens bedeckten Himmel die Strahlung des Bodens bedeutend +verlangsamt ist, so sinkt doch die Lufttemperatur bei Nacht nicht +unbedeutend. Die obere Wasserschicht ist dann wärmer als der +umgebende Erdboden, und wenn die Mischung zweier mit Feuchtigkeit +fast gesättigter Luftmassen über dem Wald und über dem Fluß keinen +sichtbaren Nebel erzeugt, so kann man dieß nicht dem Umstand +zuschreiben, daß die Nacht nicht kühl genug sey. Während meines +Aufenthalts am Orinoco und Rio Negro war das Flußwasser oft um 2 +bis 3° bei Nacht wärmer als die windstille Luft.</p> +<p>Nach vierstündiger Fahrt flußabwärts kamen wir an die Stelle der +Gabeltheilung. Wir schlugen unser Nachtlager am Ufer des +Cassiquiare am selben Fleck auf, wo wenige Tage zuvor die Jaguars +höchst wahrscheinlich uns unsere große Dogge geraubt hatten. Alles +Suchen der Indianer nach einer Spur des Thieres war vergebens. Der +Himmel blieb umzogen und ich wartete vergeblich auf die Sterne; ich +beobachtete aber hier wieder, wie schon in Esmeralda, die +Inclination der Magnetnadel. Am Fuß des Cerro Duida hatte ich 28°25 +gefunden, fast 3° mehr als in Mandavaca. An der Mündung des +Cassiquiare erhielt ich 28°75; der Duida schien also keinen +merklichen Einfluß geäußert zu haben. Die Jaguars ließen sich die +ganze Nacht hören.<sup><a href="#fn43" class="footnoteRef" id= +"fnref43" name="fnref43">43</a></sup> Sie sind in dieser Gegend +zwischen dem Cerro Maraguaca, dem Unturan und den Ufern des Pamoni +ungemein häufig. Hier kommt auch der <strong>schwarze +Tiger</strong><sup><a href="#fn44" class="footnoteRef" id="fnref44" +name="fnref44">44</a></sup> vor, von dem ich in Esmeralda schöne +Felle gesehen. Dieses Thier ist wegen seiner Stärke und Wildheit +vielberufen und es scheint noch größer zu seyn als der gemeine +Jaguar. Die schwarzen Flecken sind auf dem schwarzbraunen Grund +seines Felles kaum sichtbar. Nach der Angabe der Indianer sind die +schwarzen Tiger sehr selten, vermischen sich nie mit den gemeinen +Jaguars und »sind eine andere Race.« Ich glaube Prinz Maximilian +von Neuwied, der die Zoologie von Amerika mit so vielen wichtigen +Beobachtungen bereichert hat, ist weiter nach Süd, im heißen +Landstrich von Brasilien ebenso berichtet worden. In Paraguay sind +<strong>Albinos</strong> von Jaguars vorgekommen; denn diese +Thiere, die man den schönen amerikanischen Panther nennen könnte, +haben zuweilen so blasse Flecken, daß man sie auf dem ganz weißen +Grunde kaum bemerkt. Beim schwarzen Jaguar werden im Gegentheil die +Flecken unsichtbar, weil der Grund dunkel ist. Man müßte lange in +dieser Gegend leben, und die Indianer in Esmeralda auf der +gefährlichen Tigerjagd begleiten, um sich bestimmt darüber +aussprechen zu können, was bei ihnen Art und was nur Spielart ist. +Bei allen Säugethieren, besonders aber bei der großen Familie der +Affen, hat man, glaube ich, weniger auf die Farbenübergänge bei +einzelnen Exemplaren sein Augenmerk zu richten, als auf den Trieb +der Thiere sich abzusondern und Rudel für sich zu bilden.</p> +<p>Am 24. Mai. Wir brachen von unserem Nachtlager vor Sonnenaufgang +auf. In einer Felsbucht, wo die Durimundi-Indianer gehaust hatten, +war der aromatische Duft der Gewächse so stark, daß es uns lästig +fiel, obgleich wir unter freiem Himmel lagen und bei unserer +Gewöhnung an ein Leben voll Beschwerden unser Nervensystem eben +nicht sehr reizbar war. Wir konnten nicht ermitteln, was für +Blüthen es waren, die diesen Geruch verbreiteten; der Wald war +undurchdringlich. Bonpland glaubte, in den benachbarten Sümpfen +werden große Büsche von Pancratium und einigen andern +Liliengewächsen stecken. Wir kamen sofort den Orinoco abwärts +zuerst am Einfluß des Cunucunumo, dann am Guanami und Puruname +vorüber. Beide Ufer des Hauptstroms sind völlig unbewohnt; gegen +Norden erheben sich hohe Gebirge, gegen Süden dehnt sich, soweit +das Auge reicht, eine Ebene bis über die Quellen des Atacavi +hinaus, der weiter unten Atabapo heißt. Der Anblick eines Flusses, +auf dem man nicht einmal einem Fischerboot begegnet, hat etwas +Trauriges, Niederschlagendes. Unabhängige Völkerschaften, die +Abirianos und Maquiritares, leben hier im Gebirgsland, aber auf den +Grasfluren zwischen Cassiquiare, Atabapo, Orinoco und Rio Negro +findet man gegenwärtig fast keine Spur einer menschlichen Wohnung. +Ich sage gegenwärtig; denn hier, wie anderswo in Guyana, findet man +auf den härtesten Granitfelsen rohe Bilder<sup><a href="#fn45" +class="footnoteRef" id="fnref45" name="fnref45">45</a></sup> +eingegraben, welche Sonne, Mond und verschiedene Thiere vorstellen +und darauf hinweisen, daß hier früher ein ganz anderes Volk lebte, +als das wir an den Ufern des Orinoco kennen gelernt. Nach den +Aussagen der Indianer und der verständigsten Missionäre kommen +diese symbolischen Bilder ganz mit denen überein, die wir hundert +Meilen weiter nördlich bei Caycara, der Einmündung des Apure +gegenüber, gesehen haben.</p> +<p>Diese Ueberreste einer alten Cultur fallen um so mehr auf, je +größer der Flächenraum ist, auf dem sie vorkommen, und je schärfer +sie von der Verwilderung abstechen, in die wir seit der Eroberung +alle Horden in den heißen östlichen Landstrichen Amerikas versunken +sehen. Hundert vierzig Meilen ostwärts von den Ebenen am +Cassiquiare und Conorichite, zwischen den Quellen des Rio Branco +und des Rio Essequebo, findet man gleichfalls Felsen mit +symbolischen Bildern. Ich entnehme diesen Umstand, der mir sehr +merkwürdig scheint, dem Tagebuch des Reisenden Hortsmann, das mir +in einer Abschrift von der Hand des berühmten d’Anville vorliegt. +Dieser Reisende, dessen ich in diesem Buche schon mehreremale +gedacht, fuhr den Rupunuvini, einen Nebenfluß des Essequebo, +herauf. Da wo der Fluß eine Menge kleiner Fälle bildet und sich +zwischen den Bergen von Maracana durchschlängelt, fand +er,<sup><a href="#fn46" class="footnoteRef" id="fnref46" name= +"fnref46">46</a></sup> bevor er an den See Amucu kam, »Felsen, +bedeckt mit Figuren oder (wie er sich portugiesisch ausdrückt) +<em>varias letras</em>.« Dieses Wort <strong>Buchstaben</strong> +haben wir nicht in seinem eigentlichen Sinn zu nehmen. Man hat auch +uns am Felsen Culimacari am Ufer des Cassiquiare und im Hafen von +Caycara am untern Orinoco Striche gezeigt, die man für aneinander +gereihte Buchstaben hält. Es waren aber nur unförmliche Figuren, +welche die Himmelskörper, Tiger, Krokodile, Boas und Werkzeuge zur +Bereitung des Maniocmehls vorstellen sollen. An den gemalten Felsen +(so nennen die Indianer diese mit Figuren bedeckten Steine) ist +durchaus keine symmetrische Anordnung, keine regelmäßige Abtheilung +in Schriftzeichen zu bemerken. Die Striche, die der Missionär Fray +Ramon Bueno in den Bergen von Uruana entdeckt hat, nähern sich +allerdings einer Buchstabenschrift mehr, indessen ist man über +diese Züge, von denen ich anderswo gehandelt, noch sehr im +Unklaren.</p> +<p>Was auch diese Figuren bedeuten sollen und zu welchem Zweck sie +in den Granit gegraben worden, immer verdienen sie von Seiten des +Geschichtsphilosophen die größte Beachtung. Reist man von der Küste +von Caracas dem Aequator zu, so kommt man zuerst zur Ansicht, diese +Denkmale seyen der Bergkette der Encaramada eigenthümlich; man +findet sie beim Hafen von Sedeño bei Caycara, bei San Rafael del +Capuchino, Cabruta gegenüber, fast überall, wo in der Savane +zwischen dem Cerro Curiquima und dem Ufer des Caura das +Granitgestein zu Tage kommt. Die Völker von tamanakischem Stamm, +die alten Bewohner dieses Landes, haben eine lokale Mythologie, +Sagen, die sich auf diese Felsen mit Bildern beziehen. +<strong>Amalivaca</strong>, der Vater der Tamanaken, das heißt der +Schöpfer des Menschengeschlechts (jedes Volk hält sich für den +Urstamm der andern Völker), kam in einer Barke an, als sich bei der +großen Ueberschwemmung, welche die »Wasserzeit«<sup><a href="#fn47" +class="footnoteRef" id="fnref47" name="fnref47">47</a></sup> heißt, +die Wellen des Oceans mitten im Lande an den Bergen der Encaramada +brachen. Alle Menschen, oder vielmehr alle Tamanaken, ertranken, +mit Ausnahme eines Mannes und einer Frau, die sich auf einen Berg +am Ufer des Asiveru, von den Spaniern Cuchivero genannt, +flüchteten.<sup><a href="#fn48" class="footnoteRef" id="fnref48" +name="fnref48">48</a></sup> Dieser Berg ist der Ararat der +arameischen oder semitischen Völker, der Tlaloc oder Colhuacan der +Mexicaner. Amalivaca fuhr in seiner Barke herum und grub die Bilder +von Sonne und Mond auf den <strong>gemalten Fels</strong> +(Tepumereme) an der Encaramada. Granitblöcke, die sich gegen +einander lehnen und eine Art Höhle bilden, heißen noch heute das +Haus des großen Stammvaters der Tamanaken. Bei dieser Höhle auf den +Ebenen von Maita zeigt man auch einen großen Stein, der, wie die +Indianer sagen, ein musikalisches Instrument Amalivacas, seine +<strong>Trommel</strong>, war. Wir erwähnen bei dieser Gelegenheit, +daß dieser Heros einen Bruder, <strong>Vochi</strong>, hatte, der +ihm zur Hand ging, als er der Erdoberfläche ihre jetzige Gestalt +gab. Die beiden Brüder, so erzählen die Tamanaken, wollten bei +ihren eigenen Vorstellungen von Perfektibilität den Orinoco zuerst +so legen, daß man hinab und hinauf immer mit der Strömung fahren +könnte. Sie gedachten damit den Menschen die Mühe des Ruderns zu +ersparen, wenn sie den Quellen der Flüsse zuführen; aber so mächtig +diese Erneuerer der Welt waren, es wollte ihnen nie gelingen, dem +Orinoco einen doppelten Fall zu geben, und sie mußten es aufgeben, +eines so wunderlichen hydraulischen Problems Meister zu werden. +Amalivaca besaß Töchter, die große Neigung zum Umherziehen hatten; +die Sage erzählt, ohne Zweifel im bildlichen Sinne, er habe ihnen +die Beine zerschlagen, damit sie an Ort und Stelle bleiben und die +Erde mit Tamanaken bevölkern müßten Nachdem er in Amerika, +diesseits des <strong>großen Wassers</strong>, Alles in Ordnung +gebracht, schiffte sich Amalivaca wieder ein und fuhr <strong>ans +andere Ufer</strong> zurück an den Ort, von dem er gekommen. Seit +die Eingeborenen Missionäre zu sich kommen sehen, denken sie, +dieses »andere Ufer« sey Europa, und einer fragte Pater Gili naiv, +ob er <strong>dort drüben</strong> den großen Amalivaca gesehen +habe, den Vater der Tamanaken, der auf die Felsen symbolische +Figuren gezeichnet.</p> +<p>Diese Vorstellungen von einer großen Fluth; das Paar, das sich +auf einen Berggipfel flüchtet und Früchte der Mauritiapalme hinter +sich wirft, um die Welt wieder zu bevölkern;<sup><a href="#fn49" +class="footnoteRef" id="fnref49" name="fnref49">49</a></sup> dieser +Nationalgott Amalivaca, der zu Wasser aus fernem Lande kommt, der +Natur Gesetze vorschreibt und die Völker zwingt, ihr Wanderleben +aufzugeben — alle diese Züge eines uralten Glaubens verdienen alle +Beachtung. Was die Tamanaken und die Stämme, die mit dem +Tamanakischen verwandte Sprachen haben, uns jetzt erzählen, ist +ihnen ohne Zweifel von andern Völkern überliefert, die vor ihnen +dasselbe Land bewohnt haben. Der Name Amalivaca ist über einen +Landstrich von mehr als 5000 Quadratmeilen verbreitet; er kommt mit +der Bedeutung <strong>Vater der Menschen</strong> (unser +<strong>Urvater</strong>) selbst bei den caraibischen Völkern vor, +deren Sprache mit dem Tamanakischen nur verwandt ist wie das +Deutsche mit dem Griechischen, dem Persischen und dem Sanskrit. +Amalivaca ist ursprünglich nicht der <strong>große Geist</strong>, +der <strong>Alte im Himmel</strong>, das unsichtbare Wesen, dessen +Verehrung aus der Verehrung der Naturkräfte entspringt, wenn in den +Völkern allmahlig das Bewußtsein: der Einheit dieser Kräfte +erwacht; er ist vielmehr eine Person aus dem heroischen Zeitalter, +ein Mann, der aus weiter Ferne gekommen, im Lande der Tamanaken und +Caraiben gelebt, symbolische Zeichen in die Felsen gegraben hat +und, wieder verschwunden ist, weil er sich zum Land über dem +Weltmeer, wo er früher gewohnt, wieder zurückgewendet. Der +Anthropomorphismus bei der Gestaltung der Gottheit hat zwei gerade +entgegengesetzte Quellen,<sup><a href="#fn50" class="footnoteRef" +id="fnref50" name="fnref50">50</a></sup> und dieser Gegensatz +scheint nicht sowohl auf dem verschiedenen Grade der Geistesbildung +zu beruhen, als darauf, daß manche Völker von Natur mehr zur Mystik +neigen, während andere unter der Herrschaft der Sinne, der äußeren +Eindrücke stehen. Bald läßt der Mensch die Gottheiten zur Erde +niedersteigen und es über sich nehmen, die Völker zu regieren und +ihnen Gesetze zu geben, wie in den Mythen des Orients; bald, wie +bei den Griechen und andern Völkern des Occidents, werden die +ersten Herrscher, die Priesterkönige, dessen, was menschlich an +ihnen ist, entkIeidet und zu Nationalgottheiten erhoben. Amalivaca +war ein Fremdling, wie Manco-Capac, Vochica und Quetzalcohuatl, +diese außerordentlichen Menschen, die im alpinischen oder +civilisirten Striche Amerikas, auf den Hochebenen von Peru, +Neu-Grenada und Anahuac, die bürgerliche Gesellschaft geordnet, den +Opferdienst eingerichtet und religiöse Brüderschaften gestiftet +haben. Der mexikanische Quetzalcohuatl, dessen Nachkommen Montezuma +in den Begleitern des Cortes zu erkennen glaubte, hat noch einen +weiteren Zug mit Amalivaca, der mythischen Person des barbarischen +Amerikas, der Ebenen der heißen Zone, gemein. In hohem Alter +verließ der Hohepriester von Tula das Land Anahuac, das er mit +seinen Wundern erfüllt, und ging zurück in ein unbekanntes Land, +genannt Tlalpallan. Als der Mönch Bernhard von Sahagun nach Mexico +kam, richtete man genau dieselben Fragen an ihn, wie zweihundert +Jahre später in den Wäldern am Orinoco an den Missionär Gili: man +wollte wissen, ob er vom <strong>andern Ufer</strong> komme, aus +dem Lande, wohin Quetzalcohuatl gegangen.</p> +<p>Wir haben oben gesehen, daß die Region der Felsen mit Bildwerk +oder der <strong>gemalten Steine</strong> weit über den untern +Orinoco, über den Landstrich (7°5′—7°40′ der Breite, 68°50′—69°45′ +der Länge) hinausreicht, dem die Sage angehört, die man als den +<strong>Localmythus</strong> der Tamanaken bezeichnen kann. Man +findet dergleichen Felsen mit Bildern zwischen dem Cassiquiare und +Atabapo (2°5′—3°20′ der Breite, 69°—70° der Länge), zwischen den +Quellen des Essequebo und des Rio Branco (3°50′ der Breite, 62°32′ +der Länge). Ich behaupte nicht, daß diese Bilder beweisen, daß ihre +Verfertiger den Gebrauch des Eisens gekannt, auch nicht, daß sie +auf eine bedeutende Culturstufe hinweisen; setzte man aber auch +voraus, sie haben keine symbolische Bedeutung, sondern seyen rein +Erzeugnisse mäßiger Jägervölker, so müßte man doch immer annehmen, +daß vor den Völkern, die jetzt am Orinoco und Rupunuri leben, eine +ganz andere Menschenart hier gelebt. Je weniger in einem Lande +Erinnerungen an vergangene Geschlechter leben, desto wichtiger ist +es, wo man ein Denkmal vor sich zu haben glaubt, auch die +unbedeutendsten Spuren zu verfolgen. Auf den Ebenen im Osten +Nordamerikas findet man nur jene merkwürdigen Ringwälle, die an die +festen Lager (die angeblichen Städte von ungeheurem Umfang) der +alten und der heutigen nomadischen Völker in Asien erinnern. Auf +den östlichen Ebenen Südamerikas ist durch die Uebermacht des +Pflanzenwuchses, des heißen Klimas und die allzu große +Freigebigkeit der Natur der Fortschritt der menschlichen Cultur in +noch engeren Schranken gehalten worden, Zwischen Orinoco und +Amazonenstrom habe ich von keinem Erdwall, von keinem Ueberbleibsel +eines Damms, von keinem Grabhügel sprechen hören; nur auf den +Felsen, und zwar auf einer weiten Landstrecke, sieht man, in +unbekannter Zeit von Menschenhand eingegraben, rohe Umrisse, die +sich an religiöse Ueberlieferungen knüpfen. Wenn einmal die +Bewohner des doppelten Amerika mit weniger Geringschätzung auf den +Boden sehen, der sie ernährt, so werden sich die Spuren früherer +Jahrhunderte unter unsern Augen von Tag zu Tag mehren. Ein +schwacher Schimmer wird sich dann über die Geschichte dieser +barbarischen Völker verbreiten, über die Felswände, die uns +verkünden, daß diese jetzt so öden Länder einst von thätigeren, +geisteskräftigeren Geschlechtern bewohnt waren.</p> +<p>Ich glaubte, bevor ich vom wildesten Strich des obern Orinoco +scheide, Erscheinungen besprechen zu müssen, die nur dann von +Bedeutung werden, wenn man sie aus Einem Gesichtspunkt betrachtet. +Was ich von unserer Fahrt von Esmeralda bis zum Einfluß des Atabapo +berichten könnte, wäre nur eine trockene Aufzählung von Flüssen und +unbewohnten Orten. Vom 24. bis 27. Mai schliefen wir nur zweimal am +Land, und zwar das erstemal am Einfluß des Rio Jao, und dann +oberhalb der Mission Santa Barbara auf der Insel Minisi. Da der +Orinoco hier frei von Klippen ist, führte uns der indianische +Steuermann die Nacht durch fort, indem er die Pirogue der Strömung +überließ. Dieses Stück meiner Karte zwischen dem Jao und dem +Ventuari ist daher auch hinsichtlich der Krümmungen des Flusses +nicht sehr genau. Rechnet man den Aufenthalt am Ufer, um den Reis +und die Bananen zuzubereiten, ab, so brauchten wir von Esmeralda +nach Santa Barbara nur 35 Stunden. Diese Mission liegt nach dem +Chronometer unter dem 70°3′ der Länge; wir hatten also gegen 4 +Seemeilen in der Stunde zurückgelegt, eine Geschwindigkeit (1,05 +Toise in der Secunde), die zugleich auf Rechnung der Strömung und +der Bewegung der Ruder kommt. Die Indiana behaupten, die Krokodile +gehen im Orinoco nicht über den Einfluß des Rio Jao hinaus, und die +Seekühe kommen sogar oberhalb des Katarakts von Maypures nicht mehr +vor. Hinsichtlich der ersteren kann man sich leicht täuschen. Wenn +der Reisende an ihren Anblick noch so sehr gewöhnt ist, kann er +einen 12—15 Fuß langen Baumstamm für ein schwimmendes Krokodil +halten, von dem man nur Kopf und Schwanz zum Theil über dem Wasser +sieht.</p> +<p>Die Mission Santa Barbara liegt etwas westlich vom Einfluß des +Rio Ventuari oder Venituari, den Pater Francisco Valor im Jahr 1800 +untersucht hat. Wir fanden im kleinen Dorfe von 120 Einwohnern +einige Spuren von Industrie. Der Ertrag derselben kommt aber sehr +wenig den Indianern zu gut, sondern nur den Mönchen oder, wie man +hier zu Lande sagt, der Kirche und dem Kloster. Man versicherte +uns, eine große Lampe, massiv von Silber, die auf Kosten der +Bekehrten angeschafft worden, werde aus Madrid erwartet. Wenn sie +da ist, wird man hoffentlich auch daran denken, die Indianer zu +kleiden, ihnen einiges Ackergeräthe anzuschaffen und für ihre +Kinder eine Schule einzurichten. In den Savanen bei der Mission +läuft wohl einiges Vieh, man braucht es aber selten, um die Mühle +zum Auspressen des Zuckerrohrs (<em>trapiche</em>) zu treiben; das +ist ein Geschäft der Indianer, die dabei ohne Lohn arbeiten, wie +überall, wo die Arbeit auf Rechnung der Kirche geht. Am Fuß der +Berge um Santa Barbara herum sind die Weiden nicht so fett wie bei +Esmeralda, aber doch besser als bei San Fernando de Atabapo. Der +Rasen ist kurz und dicht, und doch ist die oberste Bodenschicht nur +trockener, dürrer Granitsand. Diese nicht sehr üppigen Grasfluren +am Guaviare, Meta und obern Orinoco sind sowohl ohne Dammerde, die +in den benachbarten Wäldern so massenhaft daliegt, als ohne die +dicke Thonschicht, die in den Llanos von Venezuela den Sandstein +bedeckt. Kleine krautartige Mimosen helfen in dieser Zone das Vieh +satt machen, sie werden aber zwischen dem Rio Jao und-der Mündung +des Guaviare sehr selten.</p> +<p>In den wenigen Stunden, die wir uns in der Mission Santa Barbara +aufhielten, erhielten wir ziemlich genaue Angaben über den Rio +Ventuari, der mir nach dem Guaviare der bedeutendste unter allen +Nebenflüssen des obern Orinoco schien. Seine Ufer, an denen früher +die Maypures gesessen, sind noch jetzt von einer Menge unabhängiger +Völkerschaften bewohnt. Fährt man durch die Mündung des Ventuari, +die ein mit Palmen bewachsenes Delta bildet, hinauf, so kommen nach +drei Tagereisen von Ost der Cumaruita und der Paru herein, welche +zwei Nebenflüsse am Fuß der hohen Berge von Cuneva, entspringen. +Weiter oben, von West her, kommen der Mariata und der Manipiare, an +denen die Macos- und Curacicanas-Indianer wohnen. Letztere Nation +zeichnet sich durch ihren Eifer für den Baumwollenbau aus. Bei +einem Streifzug (<em>entrada</em>) fand man ein großes Haus, in dem +30—40 sehr fein gewobene Hängematten, gesponnene Baumwolle, +Seilwerk und Fischereigeräthe waren. Die Eingeborenen waren +davongelaufen und Pater Valor erzählte uns, »die Indianer aus +seiner Mission, die er bei sich hatte, haben das Haus in Brand +gesteckt, ehe er diese Produkte des Gewerbfleißes der Curacicanas +retten konnte.« Die neuen Christen in Santa Barbara, die sich über +diesen sogenannten Wilden weit erhaben dünken, schienen mir lange +nicht so gewerbthätig. Der Rio Manipiare, einer der Hauptäste des +Ventuari, liegt, seiner Quelle zu, in der Nähe der hohen Berge, an +deren Nordabhang der Cuchivero entspringt. Sie sind ein Ausläufer +der Kette des Baraguan, und hieher setzt Pater Gili die »Hochebene +des Siamacu,« deren gemäßigtes Klima er preist. Der obere Lauf des +Ventuari, oberhalb des Einflusses des Asisi und der »großen +Raudales« ist so gut wie unbekannt. Ich hörte nur, der obere +Ventuari ziehe sich so stark gegen Ost, daß die alte Straße von +Esmeralda an den Rio Caura über das Flußbett laufe. Dadurch, daß +die Nebenflüsse des Carony, des Caura und des Ventuari einander so +nahe liegen, kamen die Caraiben seit Jahrhunderten an den obern +Orinoco. Banden dieses kriegerischen Handelsvolkes zogen vom Rio +Carony über den Paragua an die Quellen des Paruspa. Ueber einen +Trageplatz gelangten sie an den Chavarro, einen östlichen Nebenfluß +des Caura; sie fuhren auf ihren Piroguen zuerst diesen Nebenfluß +und dann den Caura selbst hinunter bis zur Mündung des Erevato. +Nachdem sie diesen gegen Südwest hinaufgefahren, kamen sie drei +Tagereisen weit über große Grasfluren und endlich über den +Manipiare in den großen Rio Ventuari. Ich beschreibe diesen Weg so +genau, nicht nur weil auf dieser Straße der Handel mit eingeborenen +Sklaven betrieben wurde, sondern auch um die Männer, welche einst +nach wiederhergestellter Ruhe Guyana regieren werden, auf die +Wichtigkeit dieses Flußlabyrinths aufmerksam zu machen.</p> +<p>Auf vier Nebenflüssen des Orinoco, den größten unter denen, die +von rechts her in diesen majestätischen Strom sich ergießen, auf +dem Carony und dem Caura, dem Padamo und dem Ventuari, wird die +europäische Cultur in das 10,600 Quadratmeilen große Wald- und +Gebirgsland dringen, das der Orinoco gegen Nord, West und Süd +umschlingt. Bereits haben Kapuziner aus Catalonien und Observanten +aus Andalusien und Valencia Niederlassungen in den Thälern des +Carony und des Caura gegründet; es war natürlich, daß an die +Nebenflüsse des untern Orinoco, als die der Küste und dem +angebauten Strich von Venezuela zunächst liegenden, Missionäre und +mit ihnen einige Keime des gesellschaftlichen Lebens zuerst kamen. +Bereits im Jahr 1797 zählten die Niederlassungen der Kapuziner am +Carony 16,600 Indianer, die friedlich in Dörfern lebten. Am Rio +Caura waren es zu jener Zeit unter der Obhut der Observanten, nach +gleichfalls officiellen Zählungen, nur 640. Dieser Unterschied +rührt daher, daß die sehr ausgedehnten Weiden am Carony, Upatu und +Cuyuni von vorzüglicher Güte sind, und daß die Missionen der +Kapuziner näher bei der Mündung des Orinoco und der Hauptstadt von +Guyana liegen, aber auch vom innern Getriebe der Verwaltung, von +der industriellen Rührigkeit und dem Handelsgeist der catalonischen +Mönche. Dem Carony und Caura, die gegen Nord fließen, entsprechen +zwei große Nebenflüsse des obern Orinoco, die gegen Süd herunter +kommen, der Padamo und der Ventuari. Bis jetzt steht an ihren Ufern +kein Dorf, und doch bieten sie für Ackerbau und Viehzucht günstige +Verhältnisse, wie man sie im Thale des großen Stroms, in den sie +sich ergießen, vergeblich suchen würde.</p> +<p>Wir brachen am 26. Mai Morgens vom kleinen Dorfe Santa Barbara +auf, wo wir mehrere Indianer aus Esmeralda getroffen hatten, die +der Missionär zu ihrem großen Verdruß hatte kommen lassen, weil er +sich ein zweistockigtes Haus bauen wollte. Den ganzen Tag genossen +wir der Aussicht auf die schönen Gebirge von Sipapo<sup><a href= +"#fn51" class="footnoteRef" id="fnref51" name= +"fnref51">51</a></sup>, die in 18 Meilen Entfernung gegen +Nord-Nord-West sich hinbreiten. Die Vegetation an den Ufern des +Orinoco ist hier ausnehmend mannigfaltig; Baumfarn kommen von den +Bergen herunter und mischen sich unter die Palmen in der Niederung. +Wir übernachteten auf der Insel Minisi und langten, nachdem wir an +den Mündungen der kleinen Flüsse Quejanuma, Ubua und Masao +vorübergekommen, am 27. Mai in San Fernando de Atabapo an. Vor +einem Monat, auf dem Weg zum Rio Negro, hatten wir im selben Hause +des Präsidenten der Missionen gewohnt. Wir waren damals gegen Süd, +den Atabapo und Temi hinaufgefahren; jetzt kamen wir von West her +nach einem weiten Umweg über den Cassiquiare und den obern Orinoco +zurück. Während unserer langen Abwesenheit waren dem Präsidenten +der Missionen über den eigentlichen Zweck unserer Reise, über mein +Verhältniss zu den Mitgliedern des hohen Clerus in Spanien, über +die Kenntniß des Zustandes der Missionen, die ich mir verschafft, +bedeutende Bedenken aufgestiegen. Bei unserem Aufbruch nach +Angostura, der Hauptstadt von Guyana, drang er in mich, ihm ein +Schreiben zu hinterlassen, in dem ich bezeugte, daß ich die +christlichen Niederlassungen am Orinoco in guter Ordnung +angetroffen, und daß die Eingeborenen im Allgemeinen milde +behandelt würden. Diesem Ansinnen des Superiors lag gewiß ein sehr +löblicher Eifer für das Beste seines Ordens zu Grunde, nichts desto +weniger setzte es mich in Verlegenheit. Ich erwiderte, das Zeugniß +eines im Schooße der reformirten Kirche geborenen Reisenden könne +in dem endlosen Streite, in dem fast überall in der neuen Welt +weltliche und geistliche Macht mit einander liegen, doch wohl von +keinem großen Gewichte seyn. Ich gab ihm zu verstehen, da ich +zweihundert Meilen von der Küste, mitten in den Missionen und, wie +die Cumaner boshaft sagen, <em>en el poder de los frayles</em> (in +der Gewalt der Mönche) sey, möchte das Schreiben, das wir am Ufer +des Atabapo mit einander abfaßten, wohl schwerlich als ein ganz +freier Willensakt von meiner Seite angesehen werden. Der Gedanke, +daß er einen Calvinisten gastfreundlich aufgenommen, erschreckte +den Präsidenten nicht. Ich glaube allerdings, daß man vor meiner +Ankunft schwerlich je einen in den Missionen des heiligen +Franciscus gesehen hat; aber Unduldsamkeit kann man den Missionären +in Amerika nicht zur Last legen. Die Ketzereien des alten Europa +machen ihnen nicht zu schaffen, es müßte denn an den Grenzen von +holländisch Guyana seyn, wo sich die Prädicanten auch mit dem +Missionswesen abgeben. Der Präsident bestand nicht weiter auf der +Schrift, die ich hätte unterzeichnen sollen, und wir benützten die +wenigen Augenblicke, die wir noch beisammen waren, um den Zustand +des Landes, und ob Aussicht sey, die Indianer an den Segnungen der +Cultur theilnehmen zu lassen, freimüthig zu besprechen. Ich sprach +mich stark darüber aus, wie viel Schaden die Entradas, die +feindlichen Einfälle angerichtet, wie unbillig es sey, daß man die +Eingeborenen der Früchte ihrer Arbeit so wenig genießen lasse, wie +ungerechtfertigt, daß man sie zwinge, in Angelegenheiten, die sie +nichts angehen, weite Reisen zu machen, endlich wie nothwendig es +erscheine, den jungen Geistlichen, die berufen seyen, großen +Gemeinden vorzustehen, in einem besondern Collegium einige Bildung +zu geben. Der Präsident schien mich freundlich anzuhören; indessen +glaube ich doch, er wünschte im Herzen (ohne Zweifel im Interesse +der Naturwissenschaft), Leute, welche Pflanzen auflesen und das +Gestein untersuchen, möchten sich nicht so vorlaut mit dem Wohl der +kupferfarbigen Race und mit den Angelegenheiten der menschlichen +Gesellschaft befassen. Dieser Wunsch ist in beiden Welten gar weit +verbreitet; man begegnet ihm überall, wo der Gewalt bange ist, weil +sie meint, sie stehe nicht auf festen Füßen.</p> +<p>Wir blieben nur einen Tag in San Fernando de Atabapo, obgleich +dieses Dorf mit seinen schönen Pihiguao-Palmen<sup><a href="#fn52" +class="footnoteRef" id="fnref52" name="fnref52">52</a></sup> mit +Pfirsichfrüchten uns ein köstlicher Aufenthalt schien. Zahme +<strong>Pauxis</strong><sup><a href="#fn53" class="footnoteRef" id= +"fnref53" name="fnref53">53</a></sup> liefen um die Hütten der +Indianer her. In einer derselben sahen wir einen sehr seltenen +Affen, der am Guaviare lebt. Es ist dieß der +<strong>Caparro</strong>, den ich in meinen <em>Observations de +zoologie et d’anatomie comparée</em> bekannt gemacht, und der nach +Geoffroy eine neue Gattung (<em>Lagothrix</em>) bildet, die +zwischen den Atelen und den Alouatos in der Mitte steht. Der Pelz +dieses Affen ist mardergrau und fühlt sich ungemein zart an. Der +Caparro zeichnet sich ferner durch einen runden Kopf und einen +sanften, angenehmen Gesichtsausdruck aus. Der Missionär Gili ist, +glaube ich, der einzige Schriftsteller, der vor mir von diesem +interessanten Thiere gesprochen hat, um das die Zoologen andere, +und zwar brasilianische Affen zu gruppiren anfangen.</p> +<p>Am 27. Mai kamen wir von San Fernando mit der raschen Strömung +des Orinoco in nicht ganz sieben Stunden zum Einfluß des Rio +Mataveni. Wir brachten die Nacht unter freiem Himmel unterhalb des +Granitfelsens <em>el castillito</em><sup><a href="#fn54" class= +"footnoteRef" id="fnref54" name="fnref54">54</a></sup> zu, der +mitten aus dem Flusse aufsteigt und dessen Gestalt an den +Mäusethurm im Rhein, Bingen gegenüber, erinnert. Hier wie an den +Ufern des Atabapo fiel uns eine kleine Art Drosera auf, die ganz +den Habitus der europäischen Drosera hat. Der Orinoco war in der +Nacht beträchtlich gestiegen, und die bedeutend beschleunigte +Strömung trug uns in zehn Stunden von der Mündung des Mataveni zum +obern großen Katarakt, dem von Maypures oder Quittuna; der +zurückgelegte Weg betrug 13 Meilen. Mit Interesse erinnerten wir +uns der Orte, wo wir stromaufwärts übernachtet; wir trafen Indianer +wieder, die uns beim Botanisiren begleitet, und wir besuchten +nochmals die schöne Quelle, die hinter dem Hause des Missionärs aus +einem geschichteten Granitfelsen kommt; ihre Temperatur hatte sich +nicht um 0,3° verändert. Von der Mündung des Atabapo bis zu der des +Apure war uns, als reisten wir in einem Land, in dem wir lange +gewohnt. Wir lebten eben so schmal, wir wurden von denselben Mücken +gestochen, aber die gewisse Aussicht, daß in wenigen Wochen unsere +physischen Leiden ein Ende hätten, hielt uns aufrecht.</p> +<p>Der Transport der Pirogue über den großen Katarakt hielt uns in +Maypures zwei Tage auf; Pater Bernardo Zea, der Missionär bei den +Raudales, der uns an den Rio Negro begleitet hatte, wollte, +obgleich leidend, uns mit seinen Indianern vollends nach Atures +führen. Einer derselben, <strong>Zerepe</strong>, der Dolmetscher, +den man auf dem Strande von Pararuma so unbarmherzig +geprügelt,<sup><a href="#fn55" class="footnoteRef" id="fnref55" +name="fnref55">55</a></sup> fiel uns durch seine tiefe +Niedergeschlagenheit auf. Wir hörten, er habe die Indianerin +verloren, mit der er verlobt gewesen, und zwar in Folge einer +falschen Nachricht, die über die Richtung unserer Reise in Umlauf +gekommen. Zerepe war in Maypures geboren, aber bei seinen Eltern +vom Stamme der Macos im Walde erzogen. Er hatte in die Mission ein +zwölfjähriges Mädchen mitgebracht, das er nach unserer Rückkehr zu +den Katarakten zum Weibe nehmen wollte. Das Leben in den Missionen +behagte der jungen Indianerin schlecht, denn man hatte ihr gesagt, +die Weißen gehen ins Land der Portugiesen (nach Brasilien) und +nehmen Zerepe mit. Da es ihr nicht ging, wie sie gehofft, +bemächtigte sie sich eines Canoe, fuhr mit einem andern Mädchen vom +selben Alter durch den Raudal und lief <em>al monte</em> zu den +Ihrigen. Dieser kecke Streich war die Tagesneuigkeit; Zerepes +Niedergeschlagenheit hielt übrigens nicht lange an. Er war unter +Christen geboren, er war bis zur Schanze am Rio Negro gekommen, er +verstand Spanisch und die Sprache der Macos, und dünkte sich weit +erhaben über die Leute seines Stammes; wie hätte er da nicht ein +Mädchen vergessen sollen, das im Walde aufgewachsen?</p> +<p>Am 31. Mai fuhren wir über die Stromschnellen der Guahibos und +bei Garcita. Die Inseln mitten im Strom glänzten im herrlichsten +Grün. Der winterliche Regen hatte die Blumenscheiden der +Vadgiai-Palmen entwickelt, deren Blätter gerade himmelan +stehen.<sup><a href="#fn56" class="footnoteRef" id="fnref56" name= +"fnref56">56</a></sup> Man wird nicht müde, Punkte zu betrachten, +wo Baum und Fels der Landschaft den großartigen, ernsten Charakter +geben, den man auf dem Hintergrund von Titians und Poussins Bildern +bewundert. Kurz vor Sonnenuntergang stiegen wir am östlichen Ufer +des Orinoco, beim <strong>Puerto de la Expedicion</strong>, ans +Land, und zwar um die Höhle von Ataruipe zu besuchen, von der oben +die Rede war,<sup><a href="#fn57" class="footnoteRef" id="fnref57" +name="fnref57">57</a></sup> und wo ein ganzer ausgestorbener +Volksstamm seine Grabstätte zu haben scheint. Ich versuche diese +bei den Eingeborenen vielberufene Höhle zu beschreiben.</p> +<p>Man ersteigt mühsam und nicht ganz gefahrlos einen steilen, +völlig kahlen Granitfelsberg. Man könnte auf der glatten, stark +geneigten Fläche fast unmöglich Fuß fassen, wenn nicht große +Feldspathkrystalle, welche nicht so leicht verwittern, +hervorständen und Anhaltspunkte böten. Auf dem Gipfel des Berges +angelangt, erstaunten wir über den außerordentlichen Anblick des +Landes in der Runde. Ein Archipel mit Palmen bewachsener Inseln +füllt das schäumende Strombett. Westwärts, am linken Ufer des +Orinoco, breiten sich die Savanen am Meta und Casanare hin, wie +eine grüne See, deren dunstiger Horizont von der untergehenden +Sonne beleuchtet war. Das Gestirn, das wie ein Feuerball über der +Ebene hing, der einzeln stehende Spitzberg Uniana, der um so höher +erschien, da seine Umrisse im Dunst verschwammen, alles wirkte +zusammen, die großartige Scenerie noch erhabener zu machen. Wir +sahen zunächst in ein tiefes, ringsum geschlossenes Thal hinunter. +Raubvögel und Ziegenmelker schwirrten einzeln durch den +unzugänglichen Circus. Mit Vergnügen verfolgten wir ihre flüchtigen +Schatten, wie sie langsam an den Felswänden hinglitten.</p> +<p>Ueber einen schmalen Grat gelangten wir auf einen benachbarten +Berg, auf dessen abgerundetem Gipfel ungeheure Granitblöcke lagen. +Diese Massen haben 40 bis 50 Fuß Durchmesser und sind so vollkommen +kugelförmig, daß man, da sie nur mit wenigen Punkten den Boden zu +berühren schienen, meint, beim geringsten Stoß eines Erdbebens +müßten sie in die Tiefe rollen. Ich erinnere mich nicht, unter den +Verwitterungserscheinungen des Granits irgendwo etwas Aehnliches +gesehen zu haben. Lägen die Kugeln auf einer andern Gebirgsart, wie +die Blöcke im Jura, so könnte man meinen, sie seyen im Wasser +gerollt oder durch den Stoß eines elastischen Fluidums +hergeschleudert; da sie aber auf einem Gipfel liegen, der +gleichfalls aus Granit besteht, so ist wahrscheinlicher, daß sie +von allmähliger Verwitterung des Gesteins herrühren.</p> +<p>Zu hinterst ist das Thal mit dichtem Wald bedeckt. An diesem +schattigen, einsamen Ort, am steilen Abhang eines Berges, ist der +Eingang der Höhle von Ataruipe. Es ist übrigens nicht sowohl eine +Höhle, als ein vorspringender Fels, in dem die Gewässer, als sie +bei den alten Umwälzungen unseres Planeten so weit herausreichten, +ein weites Loch ausgewaschen haben. In dieser Grabstätte einer +ganzen ausgestorbenen Völkerschaft zählten wir in kurzer Zeit gegen +600 wohlerhaltene und so regelmäßig vertheilte Skelette, daß man +sich hinsichtlich ihrer Zahl nicht leicht hätte irren können. Jedes +Skelett liegt in einer Art Korb aus Palmblattstielen. Diese Körbe, +von den Eingeborenen <strong>Mapires</strong> genannt, bilden eine +Art viereckigter Säcke. Ihre Größe entspricht dem Alter der +Leichen; es gibt sogar welche für Kinder, die während der Geburt +gestorben. Sie wechseln in der Länge von 10 Zoll bis +3 Fuß 4 Zoll. Die Skelette sind alle zusammengebogen und +so vollständig, daß keine Rippe, kein Fingerglied fehlt. Die +Knochen sind auf dreierlei Weisen zubereitet, entweder an Luft und +Sonne gebleicht, oder mit <strong>Onoto</strong>, dem Farbstoff der +Bixa Orellana, roth gefärbt, oder mumienartig zwischen +wohlriechenden Harzen in Heliconia- und Bananenblätter eingeknetet. +Die Indianer erzählten uns, man lege die frische Leiche in die +feuchte Erde, damit sich das Fleisch allmählig verzehre. Nach +einigen Monaten nehme man sie wieder heraus und schabe mit scharfen +Steinen den Rest des Fleisches von den Knochen. Mehrere Horden in +Guyana haben noch jetzt diesen Brauch. Neben den »Mapires« oder +Körben sieht man Gefäße von halb gebranntem Thon, welche die +Gebeine einer ganzen Familie zu enthalten schienen. Die größten +dieser Graburnen sind 3 Fuß hoch und 4 Fuß 3 Zoll +lang. Sie sind graugrün, oval, von ganz gefälligem Ansehen, mit +Henkeln in Gestalt von Krokodilen und Schlangen, am Rand mit +Mäandern, Labyrinthen und mannigfach combinirten geraden Linien +geschmückt. Dergleichen Malereien kommen unter allen +Himmelsstrichen vor, bei allen Völkern, mögen sie geographisch und +dem Grade der Cultur nach noch so weit auseinanderliegen. Die +Bewohner der kleinen Mission Maypures bringen sie noch jetzt auf +ihrem gemeinsten Geschirr an; sie zieren die Schilder der Tahitier, +das Fischergeräthe der Eskimos, die Wände des mexicanischen +Palastes in Mitla und die Gefäße Großgriechenlands. Ueberall +schmeichelt eine rhythmische Wiederholung derselben Formen dem +Auge, wie eine taktmäßige Wiederkehr von Tönen dem Ohre. +Aehnlichkeiten, welche im innersten Wesen unserer Empfindungen, in +unserer natürlichen Geistesanlage ihren Grund haben, sind wenig +geeignet, über die Verwandtschaft und die alten Verbindungen der +Völker Licht zu verbreiten.</p> +<p>Hinsichtlich der Zeit, aus der sich die Mapires und die bemalten +Gefäße in der Knochenhöhle von Ataruipe herschreiben, konnten wir +uns keine bestimmte Vorstellung bilden. Die meisten schienen nicht +über hundert Jahre alt, da sie aber vor jeder Feuchtigkeit +geschützt und in sehr gleichförmiger Temperatur sind, so wären sie +wohl gleich gut erhalten, wenn sie auch aus weit früherer Zeit +herrührten. Nach einer Sage der Guahibos-Indianer flüchteten sich +die kriegerischen Atures, von den Caraiben verfolgt, auf die Felsen +mitten in den großen Katarakten, und hier erlosch nach und nach +diese einst so zahlreiche Nation und mit ihr die Sprache. Noch im +Jahre 1767, zur Zeit des Missionärs Gili, lebten die letzten +Familien derselben; auf unserer Reise zeigte man in Maypures ein +sonderbares Faktum: einen alten Papagai, von dem die Einwohner +behaupten, »man verstehe ihn nicht, weil er aturisch spreche«.</p> +<p>Wir öffneten, zum großen Aergerniß unserer Führer, mehrere +Mapires, um die Schädelbildung genau zu untersuchen. Alle zeigten +den Topus der amerikanischen Race; nur zwei oder drei näherten sich +dem kaukasischen. Wir haben oben erwähnt,<sup><a href="#fn58" +class="footnoteRef" id="fnref58" name="fnref58">58</a></sup> daß +man mitten in den« Katarakten, an den unzugänglichsten Orten +eisenbeschlagene Kisten mit europäischen Werkzeugen, mit Resten von +Kleidungsstücken und Glaswaaren findet. Diese Sachen, die zu den +abgeschmacktesten Gerüchten, als hätten die Jesuiten dort ihre +Schätze versteckt, Anlaß gegeben, gehörten wahrscheinlich +portugiesischen Handelsleuten, die sich in diese wilden Länder +herausgewagt. Läßt sich nun wohl auch annehmen, daß die Schädel von +europäischer Bildung, die wir unter den Skeletten der Eingeborenen +und eben so sorgfältig aufbewahrt gefunden, portugiesischen +Reisenden angehörten, die hier einer Krankheit Unterlagen oder im +Kampfe erschlagen worden? Der Widerwillen der Eingeborenen gegen +Alles, was nicht ihres Stammes ist, macht dieß nicht +wahrscheinlich; vielleicht hatten sich Mestizen, die aus den +Missionen am Meta und Apure entlaufen, an den Katarakten +niedergelassen und Weiber aus dem Stamme der Atures genommen. +Dergleichen Verbindungen kommen in dieser Zone zuweilen vor, +freilich nicht so häufig wie in Canada und in Nordamerika +überhaupt, wo Jäger europäischer Abkunft unter die Wilden gehen, +ihre Sitten annehmen und es oft zu großem Ansehen unter ihnen +bringen.</p> +<p>Wir nahmen aus der Höhle von Ataruipe mehrere Schädel, das +Skelett eines Kindes von sechs bis sieben Jahren und die Skelette +zweier Erwachsenen von der Nation der Atures mit. Alle diese zum +Theil roth bemalten, zum Theil mit Harz überzogenen Gebeine lagen +in den oben beschriebenen Körben (<em>Mapires</em> oder +<em>Canastos</em>). Sie machten fast eine ganze Maulthierladung +aus, und da uns der abergläubische Widerwillen der Indianer gegen +einmal beigesetzte Leichen wohl bekannt war, hatten wir die +»Canastos« in frisch geflochtene Matten einwickeln lassen. Bei dem +Spürsinn der Indianer und ihrem feinen Geruch half aber diese +Vorsicht leider zu nichts. Ueberall, wo wir in den Missionen der +Caraiben, auf den Llanos zwischen Angostura und Nueva Barcelona +Halt machten, liefen die Eingeborenen um unsere Maulthiere +zusammen, um die Affen zu bewundern, die wir am Orinoco gekauft. +Kaum aber hatten die guten Leute unser Gepäcke angerührt, so +prophezeiten sie, daß das Lastthier, »das den Todten trage,« zu +Grund gehen werde. Umsonst versicherten wir, sie irren sich, in den +Körben seyen Krokodil- und Seekuhknochen; sie blieben dabei, sie +riechen das Harz, womit die Skelette überzogen seyen, und »das +seyen ihre alten Verwandten.« Wir mußten die Autorität der Mönche +in Anspruch nehmen, um des Widerwillens der Eingeborenen Herr zu +werden und frische Maulthiere zu bekommen. Einer der Schädel, den +wir aus der Höhle von Ataruipe mitgenommen, ist in meines alten +Lehrers Blumenbach schönem Werke über die Varietäten des +Menschengeschlechts gezeichnet; aber die Skelette der Indianer +gingen mit einem bedeutenden Theil unserer Sammlungen an der Küste +von Afrika bei einem Schiffbruch verloren, der unserem Freund und +Reisegefährten, Fray Juan Gonzales,<sup><a href="#fn59" class= +"footnoteRef" id="fnref59" name="fnref59">59</a></sup> einem jungen +Franciskaner, das Leben kostete.</p> +<p>Schweigend gingen wir von der Höhle von Ataruipe nach Hause. Es +war eine der stillen, heitern Nächte, welche im heißen Erdstrich so +gewöhnlich sind. Die Sterne glänzten in mildem, planetarischem +Licht. Ein Funkeln war kaum am Horizont bemerkbar,<sup><a href= +"#fn60" class="footnoteRef" id="fnref60" name= +"fnref60">60</a></sup> den die großen Nebelflecken der südlichen +Halbkugel zu beleuchten schienen. Ungeheure Insektenschwärme +verbreiteten ein röthliches Licht in der Luft. Der dicht bewachsene +Boden glühte von lebendigem Feuer, als hätte sich die gestirnte +Himmelsdecke auf die Grasflur niedergesenkt. Vor der Höhle blieben +wir noch öfters stehen und bewunderten den Reiz des merkwürdigen +Orts. Duftende Vanille und Gewinde von Bignonien schmücken den +Eingang, und darüber, auf der Spitze des Hügels, wiegten sich +säuselnd die Schafte der Palmen.</p> +<p>Wir gingen an den Fluß hinab und schlugen den Weg zur Mission +ein, wo wir ziemlich spät in der Nacht eintrafen. Was wir gesehen, +hatte starken Eindruck auf unsere Einbildungskraft gemacht. In +einem Lande, wo einem die menschliche Gesellschaft als eine +Schöpfung der neuesten Zeit erscheint, hat Alles, was an eine +Vergangenheit erinnert, doppelten Reiz. Sehr alt waren nun hier die +Erinnerungen nicht; aber in Allem, was Denkmal heißt, ist das Alter +nur ein relativer Begriff, und leicht verwechseln wir alt und +räthselhaft. Den Egyptern erschienen die geschichtlichen +Erinnerungen der Griechen gar jung; hätten die Chinesen, oder wie +sie sich selbst lieber nennen, die Bewohner des »himmlischen +Reichs,« mit den Priestern von Heliopolis verkehren können, so +hätten sie wohl zu den Ansprüchen der alten Egypter gelacht. Ebenso +auffallende Gegensätze finden sich im nördlichen Europa und Asien, +in der neuen Welt, überall, wo die Menschheit sich auf ihr eigenes +Leben nicht weit zurückbesinnt. Auf der Hochebene von Anahuac +reicht die älteste geschichtliche Begebenheit, die Wanderung der +Tolteken, nicht über das sechste Jahrhundert unserer Zeitrechnung +hinauf. Die unentbehrlichen Grundlagen einer genauen Zeitrechnung, +ein gutes Schaltsystem, überhaupt die Kalenderreform stammen aus +dem Jahr 1091. Diese Zeitpunkte, die uns so nahe scheinen, fallen +in fabelhafte Zeiten, wenn wir auf die Geschichte unseres +Geschlechts zwischen Orinoco und Amazonenfluß blicken. Wir finden +dort auf Felsen symbolische Bilder, aber keine Sage gibt über ihren +Ursprung Aufschluß. Im heißen Striche von Guyana kommen wir nicht +weiter zurück als zu der Zeit, wo castilianische und portugiesische +Eroberer, und später friedliche Mönche unter den barbarischen +Völkerschaften auftraten.</p> +<p>Nordwärts von den Katarakten, am Engpaß beim Baraguan, scheint +es ähnliche, mit Knochen gefüllte Höhlen zu geben, wie die oben +beschriebenen. Ich hörte dieß erst nach meiner Rückkehr, und die +indianischen Steuerleute sagten uns nichts davon, als wir im Engpaß +anlegten. Diese Gräber haben ohne Zweifel Anlaß zu einer Sage der +Otomaken gegeben, nach der die einzeln stehenden Granitfelsen am +Baraguan, die sehr seltsame Gestalten zeigen, die +<strong>Großväter</strong>, die <strong>alten Häuptlinge</strong> +des Stammes sind. Der Brauch, das Fleisch sorgfältig von den +Knochen zu trennen, der im Alterthum bei den Massageten herrschte, +hat sich bei mehreren Horden am Orinoco erhalten. Man behauptet +sogar, und es ist ganz wahrscheinlich, die Guaraons legen die +Leichen in Netzen ins Wasser, wo dann die kleinen +Caraibenfische<sup><a href="#fn61" class="footnoteRef" id="fnref61" +name="fnref61">61</a></sup> die »Serra-Solmes,« die wir überall in +ungeheurer Menge antrafen, in wenigen Tagen das Muskelfleisch +verzehren und das Skelett »präpariren.« Begreiflich ist solches nur +an Orten thunlich, wo es nicht viele Krokodile gibt. Manche Stämme, +z. B. die Tamanaken, haben den Brauch, die Felder des +Verstorbenen zu verwüsten und die Bäume, die er gepflanzt, +umzuhauen. Sie sagen, »Dinge sehen zu müssen, die Eigenthum ihrer +Angehörigen gewesen, mache sie traurig«. Sie vernichten das +Andenken lieber, als daß sie es erhalten. Diese indianische +Empfindsamkeit wirkt sehr nachtheilig auf den Landbau, und die +Mönche widersetzen sich mit Macht den abergläubischen Gebräuchen, +welche die zum Christenthum bekehrten Eingeborenen in den Missionen +beibehalten.</p> +<p>Die indianischen Gräber am Orinoco sind bis jetzt nicht gehörig +untersucht worden, weil sie keine Kostbarkeiten enthalten wie die +in Peru, und weil man jetzt an Ort und Stelle an die früheren +Mähren vom Reichthum der alten Einwohner des +<strong>Dorado</strong> nicht mehr glaubt. Der Golddurst geht aller +Orten dem Trieb zur Belehrung und dem Sinn für die Erforschung des +Alterthums voraus. Im gebirgigen Theil von Südamerika, von Merida +und Santa Maria bis zu den Hochebenen von Quito und Ober-Peru hat +man bergmännisch nach Gräbern, oder wie es die Creolen mit einem +verdorbenen Worte der Incasprache nennen, nach +<strong>Guacas</strong> gesucht. Ich war an der Küste von Peru, in +Manciche, in der <strong>Guaca</strong> von Toledo, aus der man +Goldmassen erhoben hat, die im sechzehnten Jahrhundert fünf +Millionen Livres Tournois werth waren.<sup><a href="#fn62" class= +"footnoteRef" id="fnref62" name="fnref62">62</a></sup> Aber in den +Höhlen, die seit den ältesten Zeiten den Eingeborenen in Guyana als +Grabstätten dienen, hat man nie eine Spur von kostbaren Metallen +entdeckt. Aus diesem Umstand geht hervor, daß auch zur Zeit, wo die +Caraiben und andere Wandervölker gegen Südwest Streifzüge +unternahmen, das Gold nur in ganz unbedeutender Menge von den +Gebirgen von Peru den Niederungen im Osten zufloß.</p> +<p>Ueberall, wo sich im Granit nicht die großen Höhlungen finden, +wie sie sich durch die Verwitterung des Gesteins oder durch die +Aufeinanderthürmung der Blöcke bilden, bestatten die Indianer den +Leichnam in die Erde. Die Hängematte (<em>chinchorro</em>), eine +Art Netz, worin der Verstorbene im Leben geschlafen, dient ihm als +Sarg. Man schnürt dieses Netz fest um den Körper zusammen, gräbt +ein Loch in der Hütte selbst und legt den Todten darin nieder. Dieß +ist nach dem Bericht des Missionärs Gili und nach dem, was ich aus +Pater Zeas Munde weiß, das gewöhnliche Verfahren. Ich glaube nicht, +daß es in ganz Guyana einen Grabhügel gibt, nicht einmal in den +Ebenen am Cassiquiare und Essequebo. In den Savanen von +Varinas<sup><a href="#fn63" class="footnoteRef" id="fnref63" name= +"fnref63">63</a></sup> dagegen, wie in Canada westlich von den +Aleghanis,<sup><a href="#fn64" class="footnoteRef" id="fnref64" +name="fnref64">64</a></sup> trifft man welche an. Es erscheint +übrigens ziemlich auffallend, daß die Eingeborenen am Orinoco, +trotz des Ueberflusses an Holz im Lande, so wenig als die alten +Scythen ihre Todten verbrennen. Scheiterhaufen errichten sie nur +nach einem Gefechte, wenn der Gebliebenen sehr viele sind. So +verbrannten die Parecas im Jahr 1748 nicht allein die Leichen ihrer +Feinde, der Tamanaken, sondern auch die der Ihrigen, die auf dem +Schlachtfelde geblieben. Wie alle Völker im Naturstande haben auch +die Indianer in Südamerika die größte Anhänglichkeit an die Orte, +wo die Gebeine ihrer Völker ruhen. Dieses Gefühl, das ein großer +Schriftsteller in einer Episode der <strong>Atala</strong> so +rührend schildert, hat sich in seiner vollen ursprünglichen Stärke +bei den Chinesen erhalten. Diese Menschen, bei denen Alles +Kunstprodukt, um nicht zu sagen Ausfluß einer uralten Cultur ist, +wechseln nie den Wohnort, ohne die Gebeine ihrer Ahnen mit sich zu +führen. An den Ufern der großen Flüsse sieht man Särge stehen, die +mit dem Hausrath der Familie zu Schiff in eine ferne Provinz +wandern sollen. Dieses Mitsichführen der Gebeine, das früher unter +den nordamerikanischen Wilden noch häufiger war, kommt bei den +Stämmen in Guyana nicht vor. Diese sind aber auch keine Nomaden, +wie Völker, die ausschließlich von der Jagd leben.</p> +<p>In der Mission Atures verweilten wir nur, bis unsere Pirogue +durch den großen Katarakt geschafft war. Der Boden unseres kleinen +Fahrzeugs war so dünn geworden, daß große Vorsicht nöthig war, +damit er nicht sprang. Wir nahmen Abschied vom Missionär Bernardo +Zea, der in Atures blieb, nachdem er zwei Monate lang unser +Begleiter gewesen und alle unsere Beschwerden getheilt hatte. Der +arme Mann hatte immer noch seine alten Anfälle von Tertianfieber, +aber sie waren für ihn ein gewohntes Uebel geworden und er achtete +wenig mehr darauf. Bei unserem zweiten Aufenthalt in Atures +herrschten daselbst andere gefährlichen Fieber. Die Mehrzahl der +Indianer war an die Hängematte gefesselt, und um etwas Cassavebrod +(das unentbehrlichste Nahrungsmittel hier zu Lande) mußten wir zum +unabhängigen, aber nahebei wohnenden Stamme der Piraoas schicken. +Bis jetzt blieben wir von diesen bösartigen Fiebern verschont, die +ich nicht immer für ansteckend halte.</p> +<p>Wir wagten es, in unserer Pirogue durch die letzte Hälfte des +Raudals von Atures zu fahren. Wir stiegen mehreremale aus und +kletterten auf die Felsen, die wie schmale Dämme die Inseln unter +einander verbinden. Bald stürzen die Wasser über die Dämme weg, +bald fallen sie mit dumpfem Getöse in das Innere derselben. Wir +fanden ein betrachtliches Stück des Orinoco trocken gelegt, weil +sich der Strom durch unterirdische Canäle einen Weg gebrochen hat. +An diesen einsamen Orten nistet dass Felshuhn mit goldigem Gefieder +(<em>Pipra rupicola</em>), einer der schönsten tropischen Vögel. +Wir hielten uns im <strong>Raudalito</strong> von Canucari auf, der +durch ungeheure, auf einander gethürmte Granitblöcke gebildet wird. +Diese Blöcke, worunter Sphäroide von 5 bis 6 Fuß Durchmesser, +sind so über einander geschoben, daß sie geräumige Höhlen bilden. +Wir gingen in eine derselben, um Conserven zu pflücken, womit die +Spalten und die nassen Felswände bekleidet waren. Dieser Ort bot +eines der merkwürdigsten Naturschauspiele, die wir am Orinoco +gesehen. Ueber unsern Köpfen rauschte der Strom weg,<sup><a href= +"#fn65" class="footnoteRef" id="fnref65" name= +"fnref65">65</a></sup> und es brauste, wie wenn das Meer sich an +Klippen bricht; aber am Eingang der Höhle konnte man trocken hinter +einer breiten Wassermasse stehen, die sich im Bogen über den +Steindamm stürzte. In andern tieferen, aber nicht so großen Höhlen +war das Gestein durch lang dauernde Einsickerung durchbohrt. Wir +sahen 8 bis 9 Zoll dicke Wassersäulen von der Decke des +Gewölbes herabkommen und durch Spalten entweichen, die auf weite +Strecken zusammenzuhängen schienen.</p> +<p>Die Wasserfälle in Europa, die aus einem einzigen Sturz oder aus +mehreren dicht hinter einander bestehen, können keine so +mannigfaltigen Landschaftsbilder erzeugen. Diese Mannigfaltigkeit +kommt nur »Stromschnellen« zu, wo auf mehrere Seemeilen weit viele +kleine Fälle in einer Reihe hinter einander liegen, Flüssen, die +sich über Felsdämme und durch aufgethürmte Blöcke Bahn brechen. Wir +genossen des Anblicks dieses außerordentlichen Naturbildes länger, +als uns lieb war. Unser Canoe sollte am östlichen Ufer einer +schmalen Insel hinfahren und uns nach einem weiten Umweg wieder +aufnehmen. Wir warteten anderthalb Stunden vergeblich. Die Nacht +kam heran und mit ihr ein furchtbares Gewitter; der Regen goß in +Strömen herab. Wir fürchteten nachgerade, unser schwaches Fahrzeug +möchte an den Felsen zerschellt seyn, und die Indianer mit ihrer +gewöhnlichen Gleichgültigkeit beim Ungemach Anderer sich auf den +Weg zur Mission gemacht haben. Wir waren nur unser drei; stark +durchnäßt und voll Sorge um unsere Pirogue bangten wir vor der +Aussicht, eine lange Aequinoctialnacht schlaflos im Lärm der +Raudales zuzubringen. Bonpland faßte den Entschluß, mich mit Don +Nicolas Sotto<sup><a href="#fn66" class="footnoteRef" id="fnref66" +name="fnref66">66</a></sup> der Insel zu lassen und über die +Flußarme zwischen den Granitdämmen zu schwimmen. Er hoffte den Wald +erreichen und in der Mission bei Pater Zea Beistand holen zu +können. Nur mit Mühe hielten wir ihn von diesem gewagten Beginnen +ab. Er war unbekannt mit dem Labyrinth von Wasserrinnen, in die der +Orinoco zerschlagen ist und in denen meist starke Wirbel sind. Und +was jetzt, da wir eben über unsere Lage berathschlagten, unter +unsern Augen vorging, bewies hinreichend, daß die Indianer +fälschlich behauptet hatten, in den Katarakten gebe es keine +Krokodile. Die kleinen Affen, die wir seit mehreren Monaten mit uns +führten, hatten wir auf die Spitze unserer Insel gestellt; vom +Gewitterregen durchnäßt und für die geringste Wårmeabnahme +empfindlich, wie sie sind, erhoben die zärtlichen Thiere ein +klägliches Geschrei und lockten damit zwei nach ihrer Größe und +ihrer bleigrauen Farbe sehr alte Krokodile herbei. Bei dieser +unerwarteten Erscheinung war uns der Gedanke, daß wir bei unserm +ersten Aufenthalt in Atures mitten im Raudal gebadet, eben nicht +behaglich. Nach langem Warten kamen die Indianer endlich, als schon +der Tag sich neigte. Die Staffel, über die sie hatten herab wollen, +um die Insel zu umfahren, war wegen zu seichten Wassers nicht +fahrbar, und der Steuermann hatte im Gewirre von Felsen und kleinen +Inseln lange nach einer besseren Durchfahrt suchen müssen. Zum +Glück war unsere Pirogue nicht beschädigt, und in weniger als einer +halben Stunde waren unsere Instrumente, unsere Mundvorräthe und +unsere Thiere eingeschifft.</p> +<p>Wir fuhren einen Theil der Nacht durch, um unser Nachtlager +wieder auf der Insel Panumana aufzuschlagen· Mit Vergnügen +erkannten wir die Plätze wieder, wo wir bei der Fahrt den Orinoco +hinauf botanisirt hatten. Wir untersuchten noch einmal am Ufer die +kleine Sandsteinformation, die unmittelbar dem Granit aufgelagert +ist. Das Vorkommen ist dasselbe wie beim Sandstein, den mein +unglücklicher Landsmann Burckhardt an der Grenze von Nubien dem +Granit von Syene aufgelagert gesehen hat. Wir fuhren, ohne sie zu +betreten, an der neuen Mission San Borja vorüber und hörten einige +Tage darauf mit Bedauern, die kleine Colonie von Guahibos-Indianern +sey <em>al monte</em> gelaufen, da sie sich eingebildet, wir wollen +sie fortschleppen und als Poitos, das heißt als Sklaven +verkaufen.<sup><a href="#fn67" class="footnoteRef" id="fnref67" +name="fnref67">67</a></sup> Nachdem wir durch die Stromschnellen +Tabaje und den Raudal Cariven am Einfluß des großen Rio Meta +gegangen, langten wir wohlbehalten in Carichana an. Der Missionär, +Fray Jose Antonio de Torre, nahm uns mit der herzlichen +Gastfreundschaft auf, die er uns schon bei unserem ersten +Aufenthalt hatte zu Theil werden lassen. Zu astronomischen +Beobachtungen war der Himmel nicht günstig; in den großen +Katarakten hatten wir wieder welche gemacht, aber von dort bis zum +Einfluß des Apure mußte man darauf verzichten. In Carichana konnte +Bonpland zu seiner Befriedigung eine neun Fuß lange Seekuh seciren. +Es war ein Weibchen und ihr Fleisch glich dem Rindfleisch. Ich habe +oben vom Fang dieses grasfressenden Wassersäugethiers +gesprochen.<sup><a href="#fn68" class="footnoteRef" id="fnref68" +name="fnref68">68</a></sup> Die Piraoas, von denen einige Familien +in der Mission Carichana leben, verabscheuen dieses Thier so sehr, +daß sie sich versteckten um es nicht anrühren zu müssen, als es in +unsere Hütte geschafft wurde. Sie behaupten, »die Leute ihres +Stammes sterben unfehlbar, wenn sie davon essen«. Dieses Vorurtheil +ist desto auffallender, da die Nachbarn der Pitaoas, die Guamos und +Otomacos, nach dem Seekuhfleisch sehr lüstern sind. Wir werden bald +sehen, daß in diesem Gewirre von Völkerschaften das Fleisch des +Krokodils bald verabscheut, bald stark gesucht ist.</p> +<p>Ich erwähne hier eines wenig bekannten Umstandes, als Beitrag +zur Geschichte der Seekuh. Südlich vom Meerbusen von Xagua auf +Cuba, mehrere Seemeilen von der Küste, sind Quellen süßen Wassers +mitten im Meer. Man erklärt sich dieselben aus einem +hydrostatischen Druck von den hohen Gebirgen von Trinidad herab +durch unterirdische Canäle. Kleine Fahrzeuge nehmen in diesem +Strich zuweilen Wasser ein, und was sehr merkwürdig ist, große +Seekühe halten sich dort auf. Ich habe die Forscher bereits darauf +aufmerksam gemacht, daß die Krokodile aus den Flußmündungen weit in +die See hinausgehen. Bei den alten Umwälzungen unseres Planeten +mögen ähnliche Umstände das sonderbare Gemenge von Knochen und von +Versteinerungen, die der See, und solchen, die dem süßen Wasser +angehören, wie es in manchen neuen Formationen vorkommt, verursacht +haben.</p> +<p>Der Aufenthalt in Carichana kam uns sehr zu statten, um uns von +unsern Strapazen zu erholen. Bonpland trug den Keim einer schweren +Krankheit in sich; er hätte dringend der Ruhe bedurft, da aber das +<strong>Nebenfluß-Delta</strong><sup><a href="#fn69" class= +"footnoteRef" id="fnref69" name="fnref69">69</a></sup> zwischen dem +Horeda und dem Paruasi mit dem üppigsten Pflanzenwuchse bedeckt +ist, konnte er der Lust nicht widerstehen, große botanische +Excursionen zu machen, und wurde den Tag über mehrere male +durchnäßt. Im Hause des Missionärs wurde für alle unsere +Bedürfnisse zuvorkommend gesorgt; man verschaffte uns Maismehl, +sogar Milch. Die Kühe geben in den Niederungen der heißen Zone +reichlich Milch, und es fehlt nirgends daran, wo es gute Weiden +gibt. Ich erwähne dieß ausdrücklich, weil in Folge örtlicher +Verhältnisse im indischen Archipelagus das Vorurtheil verbreitet +ist, als ob ein heißes Klima auf die Milchabsonderung ungünstig +wirkte. Es begreift sich, daß die Eingeborenen des neuen Continents +sich aus der Milch nicht viel machen, da das Land ursprünglich +keine Thiere hatte, welche Milch geben; aber billig wundert man +sich, daß die ungeheure chinesische Bevölkerung, die doch +großentheils außerhalb der Tropen unter denselben Breiten wie die +nomadischen Stämme in Centralasien lebt, eben so gleichgültig +dagegen ist. Wenn die Chinesen einmal ein Hirtenvolk waren, wie +geht es zu, daß sie Sitten und einem Geschmack, die ihrem früheren +Zustande so ganz angemessen sind, ungetreu geworden? Diese Fragen +scheinen mir von großer Bedeutung sowohl für die Geschichte der +Völker von Ostasien als hinsichtlich der alten Verbindungen die, +wie man glaubt, zwischen diesem Welttheil und dem nördlichen Mexico +stattgefunden haben können.</p> +<p>Wir fuhren in zwei Tagen den Orinoco von Carichana zur Mission +Uruana hinab, nachdem wir wieder durch den vielberufenen Engpaß +beim Baraguan gegangen<sup><a href="#fn70" class="footnoteRef" id= +"fnref70" name="fnref70">70</a></sup> Wir hielten öfters an, um die +Geschwindigkeit des Stroms und seine Temperatur an der Oberfläche +zu messen. Letztere betrug 27°4, die Geschwindigkeit 2 Fuß in +der Secunde (62 Toisen in 3 Minuten 6 Secunden), an Stellen, +wo das Bett des Orinoco über 12,000 Fuß breit und 10 bis 12 Faden +tief war. Der Fall des Flusses ist allerdings von den Katarakten +bis Angostura höchst unbedeutend,<sup><a href="#fn71" class= +"footnoteRef" id="fnref71" name="fnref71">71</a></sup> und ohne +barometrische Messung ließe sich der Höhenunterschied ungefähr +schätzen, wenn man von Zeit zu Zeit die Geschwindigkeit und die +Breite und Tiefe des Stromstücks mäße. In Uruana konnten wir einige +Sternbeobachtungen machen. Ich fand die Breite der Mission gleich +7°8′, da aber die verschiedenen Sterne abweichende Resultate gaben, +blieb sie um mehr als eine Minute unsicher. Die Moskitoschicht am +Boden war so dicht, daß ich mit dem Richten des künstlichen +Horizonts nicht fertig werden konnte, und ich bedauerte, nicht mit +einem Quecksilberhorizont versehen zu seyn. Am 7. Juni erhielt +ich durch gute absolute Sonnenhöhen eine Länge von 69°40′. Seit +Esmeralda waren wir um 1 Grad 17 Minuten gegen West +vorgerückt, und diese chronometrische Bestimmung verdient volles +Zutrauen, weil wir auf dem Hin- und dem Herweg, in den großen +Katarakten und an den Mündungen des Atabapo und des Apure +beobachtet hatten.</p> +<p>Die Mission Uruana ist ungemein malerisch gelegen; das kleine +indianische Dorf lehnt sich an einen hohen Granitberg. Ueberall +steigen Felsen wie Pfeiler über dem Walde auf und ragen über die +höchsten Baumwipfel empor. Nirgends nimmt sich der Orinoco +majestätischer aus als bei der Hütte des Missionärs Fray Ramon +Bueno. Er ist hier über 2600 Toisen breit und läuft gerade gegen +Ost, ohne Krümmung, wie ein ungeheurer Canal. Durch zwei lange, +schmale Inseln (<em>Isla de Uruana</em> und <em>Isla vieja de la +Manteca</em>) wird das Flußbett noch ausgedehnter; indessen laufen +die Ufer parallel und man kann nicht sagen, der Orinoco theile sich +in mehrere Arme.</p> +<p>Die Mission ist von Otomacos bewohnt, einem versunkenen Stamm, +an dem man eine der merkwürdigsten physiologischen Erscheinungen +beobachtet. Die Otomaken essen Erde, das heißt sie verschlingen sie +mehrere Monate lang täglich in ziemlich bedeutender Menge, um den +Hunger zu beschwichtigen, ohne daß ihre Gesundheit dabei leidet. +Diese unzweifelhafte Thatsache hat seit meiner Rückkehr nach Europa +lebhaften Widerspruch gefunden, weil man zwei ganz verschiedene +Sätze: <strong>Erde essen</strong>, und <strong>sich von Erde +nähren</strong>, zusammenwarf. Wir konnten uns zwar nur einen +einzigen Tag in Uruana aufhalten, aber dieß reichte hin, um die +Bereitung der <strong>Poya</strong> (der Erdkugeln) kennen zu +lernen, die Vorräthe, welche die Eingeborenen davon angelegt, zu +untersuchen und die Quantität Erde, die sie in 24 Stunden +verschlingen, zu bestimmen. Uebrigens sind die Otomaken nicht das +einzige Volk am Orinoco, bei dem Thon für ein Nahrungsmittel gilt. +Auch bei den Guamos findet man Spuren von dieser Verirrung des +Nahrungstriebs, und zwischen den Einflüssen des Meta und des Apure +spricht Jedermann von der <strong>Geophagie</strong> als von etwas +Altbekanntem. Ich theile hier nur mit, was wir mit eigenen Augen +gesehen oder aus dem Munde des Missionärs vernommen, den ein +schlimmes Geschick dazu verurtheilt hat, zwölf Jahre unter dem +wilden, unruhigen Volke der Otomaken zu leben.</p> +<p>Die Einwohner von Uruana gehören zu den +<strong>Savanenvölkern</strong> (<em>Indios andantes</em>), die +schwerer zu civilisiren sind als die <strong>Waldvölker</strong> +(<em>Indios del monte</em>), starke Abneigung gegen den Landbau +haben und fast ausschließlich von Jagd und Fischfang leben. Es sind +Menschen von sehr starkem Körperbau, aber häßlich, wild, +rachsüchtig, den gegohrenen Getränken leidenschaftlich ergeben. Sie +sind im höchsten Grad »omnivore Thiere«; die andern Indianer, die +sie als Barbaren ansehen, sagen daher auch, »nichts sey so +ekelhaft, das ein Otomake nicht esse.« So lange das Wasser im +Orinoco und seinen Nebenflüssen tief steht, leben die Otomaken von +Fischen und Schildkröten. Sie schießen jene mit überraschender +Fertigkeit mit Pfeilen, wenn sie sich an der Wasserfläche blicken +lassen. Sobald die Anschwellungen der Flüsse erfolgen, die man in +Südamerika wie in Aegypten und Nubien irrthümlich dem Schmelzen des +Schnees zuschreibt, und die in der ganzen heißen Zone periodisch +eintreten, ist es mit dem Fischfang fast ganz vorbei. Es ist dann +so schwer, in den tiefen Flüssen Fische zu bekommen, als auf +offener See. Die armen Missionäre am Orinoco haben gar oft keine, +weder an Fasttagen, noch an Nichtfasttagen, obgleich alle jungen +Indianer im Dorf verpflichtet sind, »für das Kloster zu fischen«. +Zur Zeit der Ueberschwemmungen nun, die zwei bis drei Monate +dauern, verschlingen die Otomaken Erde in unglaublicher Masse. Wir +fanden in ihren Hütten pyramidalisch aufgesetzte, 3—4 Fuß hohe +Kugelhaufen; die Kugeln hatten 3—4 Zoll im Dnrchmesser. Die Erde, +welche die Otomaken essen, ist ein sehr feiner, sehr fetter Letten; +er ist gelbgrau, und da er ein wenig am Feuer gebrannt wird, so +sticht die harte Kruste etwas ins Rothe, was vom darin enthaltenen +Eisenoxyd herrührt. Wir haben von dieser Erde, die wir vom +Wintervorrath der Indianer genommen, mitgebracht. Daß sie +specksteinartig sey und Magnesia enthalte, ist durchaus unrichtig. +Vauquelin fand keine Spur davon darin, dagegen mehr Kieselerde als +Alaunerde und 3—4 Procent Kalk.</p> +<p>Die Otomaken essen nicht jede Art Thon ohne Unterschied; sie +suchen die Alluvialschichten auf, welche die fetteste, am feinsten +anzufühlende Erde enthalten. Ich fragte den Missionär, ob man den +befeuchteten Thon wirklich, wie Pater Gumilla behauptet, die Art +von Zersetzung durchmachen lasse, wobei sich Kohlensäure und +Schwefelwasserstoff entwickeln, und die in allen Sprachen +<strong>faulen</strong> heißt; er versicherte uns aber, die +Eingeborenen lassen den Thon niemals faulen, und vermischen ihn +auch weder mit Maismehl, noch mit Schildkrötenöl oder Krokodilfett. +Wir selbst haben schon am Orinoco und nach unserer Heimkehr in +Paris die mitgebrachten Kugeln untersucht und keine Spur einer +organischen, sey es mehligten oder öligten Substanz darin gefunden. +Dem Wilden gilt Alles für nahrhaft, was den Hunger beschwichtigt; +fragt man daher den Otomaken, von was er in den zwei Monaten, wo +der Fluß am vollsten ist, lebe, so deutet er auf seine +Lettenkugeln. Er nennt sie seine Hauptnahrung, denn in dieser Zeit +bekommt er nur selten eine Eidechse, eine Farnwurzel, einen todten +Fisch, der auf dem Wasser schwimmt. Ißt nun der Indianer zwei +Monate lang Erde aus Noth (und zwar ¾ bis ⁵⁄₄ Pfund in +vierundzwanzig Stunden), so läßt er sie sich doch auch das übrige +Jahr schmecken. In der trockenen Jahreszeit, beim ergiebigsten +Fischfang, reibt er seine Poyaklöße und mengt etwas Thon unter +seine Speisen. Das Auffallendste ist, daß die Otomaken nicht vom +Fleische fallen, solange sie Erde in so bedeutender Menge +verzehren. Sie sind im Gegentheil sehr kräftig und haben keineswegs +einen gespannten, aufgetriebenen Bauch. Der Missionär Fray Ramon +Bueno versichert, er habe nie bemerkt, daß die Gesundheit der +Eingeborenen während der Ueberschwemmung des Orinoco eine Störung +erlitten hätte.</p> +<p>Das Thatsächliche, das wir ermitteln konnten, ist ganz einfach +Folgendes. Die Otomaken essen mehrere Monate lang täglich +dreiviertel Pfund am Feuer etwas gehärteten Letten, ohne daß ihre +Gesundheit dadurch merklich leidet. Sie netzen die Erde wieder an, +bevor sie sie verschlucken. Es ließ sich bis jetzt nicht genau +ermitteln, wie viel nährende vegetabi- lische oder thierische +Substanz sie während dieser Zeit in der Woche zu sich nehmen; so +viel ist aber sicher, sie selbst schreiben ihr Gefühl der Sättigung +dem Letten zu und nicht den kümmerlichen Nahrungsmitteln, die sie +von Zeit zu Zeit daneben genießen. Keine physiologische Erscheinung +steht für sich allein da, und so wird es nicht ohne Interesse seyn, +wenn ich mehrere ähnliche Erscheinungen, die ich zusammengebracht, +hier bespreche.</p> +<p>In der heißen Zone habe ich aller Orten bei vielen Individuen, +bei Kindern, Weibern, zuweilen aber auch bei erwachsenen Männern +einen abnormen, fast unwiderstehlichen Trieb bemerkt, Erde zu +essen, keineswegs alkalische oder kalkhaltige Erde, um (wie man +gemeiniglich glaubt) saure Säfte zu neutralisiren, sondern einen +fetten, schlüpfrigen, stark riechenden Thon. Oft muß man den +Kindern die Hände binden oder sie einsperren, um sie vom Erdeessen +abzuhalten, wenn der Regen aufhört. Im Dorfe Banco am +Magdalenenstrom sah ich indianische Weiber, die Töpfergeschirr +verfertigen, fortwährend große Stücke Thon verzehren. Dieselben +waren nicht schwanger und versicherten, »die Erde sey eine Speise, +die ihnen nicht schade.« Bei andern amerikanischen Völkerschaften +werden die Menschen bald krank und zehren aus, wenn sie sich von +der Sucht, Thon zu verschlucken, zu sehr hinreißen lassen. In der +Mission San Borja sahen wir ein Kind von der Nation der Guahibos, +das mager war wie ein Skelett. Die Mutter ließ uns durch den +Dolmetscher sagen, diese Abzehrung komme von unordentlicher Eßlust +her. Seit vier Monaten wollte das kleine Mädchen fast nichts +Anderes zu sich nehmen als Letten. Und doch sind es nur 25 Meilen +von San Borja nach Uruana, wo der Stamm der Otomaken wohnt, die, +ohne Zweifel in Folge allmähliger Angewöhnung, die +<strong>Poya</strong> ohne Nachtheil verschlucken. Pater Gumilla +behauptet, trete bei den Otomaken Verstopfung ein, so führen sie +mit Krokodilöl, oder vielmehr mit geschmolzenem Krokodilfett ab; +aber der Missionär, den wir bei ihnen antrafen, wollte hievon +nichts wissen. Man fragt sich, warum in kalten und gemäßigten +Himmelsstrichen die Sucht Erde zu essen weit seltener ist als in +der heißen Zone, warum sie in Europa nur bei schwangern Weibern und +schwächlichen Kindern vorkommt? Dieser Unterschied zwischen der +heißen und der gemäßigten Zone rührt vielleicht nur von der +Trägheit der Function des Magens in Folge der starken +Hautausdünstung her. Man meinte die Beobachtung zu machen, daß bei +den afrikanischen Sklaven der abnorme Trieb Erde zu essen zunimmt +und schädlicher wird, wenn sie auf reine Pflanzenkost gesetzt +werden und man ihnen die geistigen Getränke entzieht. Wird durch +letztere das Lettenessen weniger schädlich, so hätte man den +Otomaken beinahe Glück dazu zu wünschen, daß sie so große +Trunkenbolde sind.</p> +<p>Auf der Küste von Guinea essen die Neger als Leckerbissen eine +gelblichte Erde, die sie <strong>Caouac</strong> nennen. Die nach +Amerika gebrachten Sklaven suchen sich denselben Genuß zu +verschaffen, aber immer auf Kosten ihrer Gesundheit. Sie sagen, +»die Erde auf den Antillen sey nicht so verdaulich, wie die in +ihrem Landes.« Thibaut de Chanvalon äußert in seiner Reise nach +Martinique über diese pathologische Erscheinung sehr richtig: »Eine +andere Ursache des Magenwehs ist, daß manche Neger, die von der +Küste von Guinea herüberkommen, Erde essen. Es ist dieß bei ihnen +nicht verdorbener Geschmack oder Folge einer Krankheit, sondern +Gewöhnung von Afrika her, wo sie, wie sie sagen, eine gewisse Erde +essen, die ihnen wohlschmeckt, und zwar ohne davon belästigt zu +werden. Auf unsern Inseln sehen sie sich nun nach der Erde um, die +jener am nächsten kommt, und greifen zu einem rothgelben +(vulkanischen) Tuff. Man verkauft denselben heimlich auf den +Märkten, ein Mißbrauch, dem die Polizei steuern sollte. Die Neger, +welche diese Unsitte haben, sind so lüstern nach Caouac, daß keine +Strafe sie vom Genuß desselben abzuhalten vermag.«</p> +<p>Im indischen Archipel, auf Java, sah Labillardière zwischen +Sourabaya und Samarang kleine viereckigte, röthlichte Kuchen +verkaufen. Diese Kuchen, <strong>Tanaampo</strong> genannt, waren +Waffeln aus leicht geröstetem Thon, den die Eingeborenen mit +Appetit verzehren. Da seit meiner Rückkehr vom Orinoco die +Physiologen auf diese Erscheinungen von <strong>Geophagie</strong> +aufmerksam geworden waren, so machte Leschenault (einer der +Naturforscher bei der Entdeckungsreise nach Australien unter +Capitän Baudin) interessante Angaben über den +<strong>Tanaampo</strong> oder <strong>Ampo</strong> der Javaner. +»Man legt,« sagt er, »den röthlichten, etwas eisenschüssigen Thon, +den die Einwohner von Java zuweilen als Leckerei genießen, in +kleinen Rollen, in der Form wie die Zimmtrinde, auf eine +Blechplatte und röstet ihn; in dieser Form heißt er +<strong>Ampo</strong> und ist auf dem Markte feil. Die Substanz hat +einen eigenthümlichen Geschmack, der vom Rösten herrührt; sie ist +stark absorbirend, klebt an der Zunge und macht sie trocken. Der +Ampo wird fast nur von den javanesischen Weibern gegessen, entweder +in der Schwangerschaft, oder weil sie mager werden wollen, denn +Mangel an Körperfülle gilt dort zu Lande für schön. Der Erdegenuß +ist der Gesundheit nachtheilig; die Weiber verlieren allmählich die +Eßlust und nehmen nur mit Widerwillen sehr wenig Speise zu sich. +Aber der Wunsch, mager und schlank zu bleiben, läßt sie aller +Gefahr trotzen und erhält den Ampo bei Credit.«« — Auch die +barbarischen Bewohner von Neu-Caledonien essen zur Zeit der Noth, +um den Hunger zu beschwichtigen, mächtige Stücke eines weißen, +zerreiblichen Topfsteins. Vauquelin fand darin bei der Analyse, +neben Magnesia und Kieselerde zu gleichen Theilen, eine kleine +Menge Kupferoxyd. Eine Erde, welche Golberry die Neger in Afrika +auf den Inseln Bunck und los Idolos essen sah und von der er ohne +Beschwerde selbst gegessen, ist gleichfalls ein weißer, +zerreiblicher Speckstein. Alle diese Fälle gehören der heißen Zone +an; überblickt man sie, so muß es auffallen, daß ein Trieb, von dem +man glauben sollte, die Natur werde ihn nur den Bewohnern der +unfruchtbarsten Landstriche eingepflanzt haben, bei verwilderten, +trägen Völkern vorkommt, die gerade die herrlichsten, fruchtbarsten +Länder der Erde bewohnen. In Popayan und mehreren Gebirgsstrichen +von Peru sahen wir auf offenem Markte an die Eingeborenen unter +andern Waaren auch sehr fein gepulverten Kalk verkaufen. Man mengt +dieses Pulver mit <strong>Coca</strong>, das heißt mit den Blättern +des <em>Erythroxylon peruvianum</em>. Bekanntlich nehmen die +indianischen Botenläufer mehrere Tage lang keine andere Nahrung zu +sich als Kalk und Coca; beide befördern die Absonderung des +Speichels und des Magensaftes; sie benehmen die Eßlust, ohne dem +Körper Nahrungsstoff zuzuführen. Anderswo in Südamerika, am Rio de +la Hacha, verschlucken die Guajiros nur den Kalk ohne Zusatz von +Pflanzenstoff. Sie führen beständig eine kleine Büchse mit Kalk bei +sich, wie wir die Tabaksdose und die Asiaten die Betelbüchse. Diese +amerikanische Sitte war schon den ersten spanischen Seefahrern +auffallend erschienen. Der Kalk schwärzt die Zähne, und im +ostindischen Archipel, wie bei manchen amerikanischen Horden, +gelten schwarze Zähne für schön. Im kalten Landstrich des +Königreichs Quito essen in Tigua die Eingeborenen täglich aus +Leckerei und ohne Beschwerde einen sehr feinen, mit Quarzsand +gemengten Thon. Dieser Thon macht das Wasser, in dem er suspendirt +ist, milchigt. Man sieht in ihren Hütten große Gefäße mit diesem +Wasser, das als Getränke dient und bei den Indianern <em>agua</em> +oder <strong><em>leche de Llanka.</em></strong> (Thonmilch) +heißt.</p> +<p>Ueberblickt man alle diese Fälle, so zeigt sich, daß dieser +abnorme Trieb zum Genuß von Thonerde, Talkerde und Kalk am +häufigsten bei Bewohnern der heißen Zone vorkommt, daß er nicht +immer Krankheit zur Folge hat, und daß manche Stamme Erde aus +Leckerei essen, während andere (die Otomaken in Amerika und die +Neu-Caledonier in der Südsee) sie aus Noth verzehren, um den Hunger +zu beschwichtigen. Aus sehr vielen physiologischen Erscheinungen +geht hervor, daß der Hunger augenblicklich gestillt werden kann, +ohne daß die Substanzen, die man der Wirkung der Verdauungsorgane +unterwirft, eigentlich nahrhaft sind. Der Letten der Otomaken, der +aus Thonerde und Kieselerde besteht, enthält wahrscheinlich nichts +oder so gut wie nichts was zur Bildung der Organe des Menschen +beiträgt. Kalkerde und Talkerde sind enthalten in den Knochen, in +der Lymphe des Brustgangs, im Farbstoff des Bluts und in den weißen +Haaren; Kieselerde in sehr kleiner Menge in den schwarzen Haaren +und, nach Vauquelin, Thonerde nur in ein paar Atomen in den +Knochen, obgleich sie in vielen Pflanzenstoffen, die uns als +Nahrung dienen, in Menge vorkommt. Es ist beim Menschen nicht wie +bei belebten Wesen auf niedrigerer Organisationsstufe. Bei jenem +werden nur die Stoffe assimilirt, aus denen die Knochen, die +Muskeln, das Nervenmark und das Gehirn wesentlich zusammengesetzt +sind; die Gewächse dagegen saugen aus dem Boden die Salze auf, die +sich zufällig darin vorfinden, und die Beschaffenheit ihres +Fasergewebes richtet sich nach dem Wesen der Erdarten, die an ihrem +Standort die vorherrschenden sind. Es ist ein Punkt, der zur +eifrigsten Forschung auffordert und der auch mich schon lange +beschäftigt hat, daß so wenige einfache Stoffe (Erden und Metalle) +in den Geweben der belebten Wesen enthalten sind, und daß nur sie +geeignet scheinen, den chemischen Lebensproceß, wenn man so sagen +darf, zu unterhalten.</p> +<p>Das Gefühl des Hungers und das unbestimmte Schwächegefühl in +Folge von Nahrungsmangel und andern pathologischen Ursachen sind +nicht zu verwechseln. Das Gefühl des Hungers hört auf, lange bevor +die Verdauung vorüber oder der Chymus in Chylus verwandelt ist. Es +hört auf entweder weil die Nahrungsstoffe auf die Magenwände +tonisch wirken, oder weil der Verdauungsapparat mit Stoffen gefüllt +ist, welche die Schleimhäute zu reichlicher Absonderung des +Magensaftes reizen. Diesem tonischen Eindruck auf die Magennerven +kann man die rasche heilsame Wirkung der sogenannten nährenden +Arzneimittel zuschreiben, der Chocolate und aller Stoffe, die +gelinde reizen und zugleich nähren. Für sich allein gebraucht ist +ein Nahrungsstoff (Stärkmehl, Gummi oder Zucker) zur Assimilation +und zum Ersatz der Verluste, welche der menschliche Körper +erlitten, weniger geeignet, weil es dabei an einem Nervenreiz +fehlt. Das Opium, das nicht nährt, wird in Asien mit Erfolg bei +großer Hungersnoth gebraucht: es wirkt als tonisches Mittel. Ist +aber der Stoff, der den Magen füllt, weder als ein Nahrungsmittel, +das heißt als assimilirbar, noch als ein tonischer Nervenreiz zu +betrachten, so rührt die Beschwichtigung des Hungers wahrscheinlich +von der reichlichen Absonderung des Magensaftes her. Wir berühren +hier ein Gebiet der Physiologie, auf dem noch Manches dunkel ist. +Der Hunger wird beschwichtigt, das unangenehme Gefühl der Leere +hört auf, so bald der Magen angefüllt ist. Man sagt, der Magen +müsse <strong>Ballast</strong> haben; in allen Sprachen gibt es +figürliche Ausdrücke für die Vorstellung, daß eine mechanische +Ausdehnung des Magens ein angenehmes Gefühl verursacht. Zum Theil +noch in ganz neuen physiologischen Werken ist von der schmerzhaften +Zusammenziehung des Magens im Hunger, von der Reibung der +Magenwände an einander, von der Wirkung des sauren Magensaftes auf +das Gewebe der Verdauungsorgane die Rede. Bichats Beobachtungen, +besonders aber Magendies interessante Versuche widersprechen diesen +veralteten Vorstellungen. Nach 24-, 48-, sogar 60stündiger +Entziehung aller Nahrungsmittel beobachtet man noch keine +Zusammenziehung des Magens; erst am vierten und fünften Tag +scheinen die Dimensionen des Organs etwas abzunehmen. Je länger die +Nahrungsentziehung dauert, desto mehr vermindert sich der +Magensaft. Derselbe häuft sich keineswegs an, er wird vielmehr +wahrscheinlich wie ein Nahrungsmittel verdaut. Läßt man Katzen oder +Hunde einen unverdaulichen Körper, zum Beispiel einen Kiesel, +schlucken, so wird in die Magenhöhle in Menge eine schleimigte, +saure Flüssigkeit ausgesondert, die nach ihrer Zusammensetzung dem +menschlichen Magensaft nahe steht. Nach diesen Thatsachen scheint +es mir wahrscheinlich, daß, wenn der Mangel an Nahrungsstoff die +Otomaken und die Neu-Caledonier antreibt, einen Theil des Jahres +hindurch Thon und Speckstein zu verschlingen, diese Erden im +Verdauungsapparat dieser Menschen eine vermehrte Absonderung der +eigenthümlichen Säfte des Magens und der Bauchspeicheldrüse zur +Folge haben. Meine Beobachtungen am Orinoco wurden in neuester Zeit +durch direkte Versuche zweier ausgezeichneter junger Physiologen, +Hippolyt Cloquet und Breschet, bestätigt. Sie ließen sich hungrig +werden und aßen dann fünf Unzen eines grünlich silberfarbigen, +blättrigen, sehr biegsamen Talks, und eine Nahrung, an welche ihre +Organe so gar nicht gewöhnt waren, verursachte ihnen keine +Beschwerde. Bekanntlich werden im Orient Bolus und Siegelerde von +Lemnos, die Thon mit Eisenoxyd sind, noch jetzt stark gebraucht. In +Deutschland streichen die Arbeiter in den Sandsteinbrüchen am +Kiffhäuser, statt der Butter, einen sehr seinen Thon, den sie +<strong>Steinbutter</strong><sup><a href="#fn72" class= +"footnoteRef" id="fnref72" name="fnref72">72</a></sup> nennen, auf +ihr Brod. Derselbe gilt bei ihnen für sehr sättigend und leicht +verdaulich.</p> +<p>Wenn einmal in Folge der Aenderungen, welche der Verfassung der +spanischen Colonien bevorstehen, die Missionen am Orinoco häufiger +von unterrichteten Reisenden besucht werden, so wird man genau +ermitteln, wie viele Tage die Otomaken leben können, ohne neben der +Erde wirklichen thierischen oder vegetabilischen Nahrungsstoff zu +sich zu nehmen. Es ist eine bedeutende Menge Magensaft und Saft der +Bauchspeicheldrüse erforderlich, um eine solche Masse Thon zu +verdauen oder vielmehr einzuhüllen und mit dem Koth auszutreiben. +Daß die Absonderung dieser Säfte, welche bestimmt sind, sich mit +dem Thymus zu verbinden, durch den Thon im Magen und im Darm +gesteigert wird, ist leicht zu begreifen; wie kommt es aber, daß +eine so reichliche Secretion, die dem Körper keineswegs neue +Bestandtheile zuführt, sondern nur Bestandtheile, die auf andern +Wegen bereits da sind, anderswohin schafft, auf die Länge kein +Gefühl der Erschöpfung zur Folge hat? Die vollkommene Gesundheit, +deren die Otomaken genießen, so lange sie sich wenig Bewegung +machen und sich auf so ungewöhnliche Weise nähren, ist eine schwer +zu erklärende Erscheinung. Man kann sie nur einer durch lange +Geschlechtsfolge erworbenen Gewöhnung zuschreiben. Der +Verdauungsapparat ist sehr verschieden gebaut, je nachdem die +Thiere ausschließlich von Fleisch oder von Pflanzenstoff leben; +wahrscheinlich ist auch der Magensaft verschieden, je nachdem er +thierische oder vegetabilische Substanzen zu verdauen hat, und doch +bringt man es allmählig dahin, daß Pflanzenfresser und +Fleischfresser ihre Kost vertauschen, daß jene Fleisch, diese +Körner fressen. Der Mensch kann sich daran gewöhnen, ungemein wenig +Nahrung zu sich zu nehmen, und zwar ohne Sehmerzgefühl, wenn er +tonische oder reizende Mittel anwendet (verschiedene Arzneimittel, +kleine Mengen Opium, Betel, Tabak, Cocablätter), oder wenn er von +Zeit zu Zeit den Magen mit erdigen, geschmacklosen, für sich nicht +nährenden Stoffen anfüllt. Gleich dem wilden Menschen verschlucken +auch manche Thiere im Winter aus Hunger Thon oder zerreiblichen +Speckstein, namentlich die Wölfe im nordöstlichen Europa, die +Rennthiere, und, nach Patrins Beobachtung, die Rehe in Sibirien. Am +Jenisei und Amur brauchen die russischen Jäger einen Thon, den sie +<strong>Felsbutter</strong> nennen, als Köder. Die Thiere wittern +den Thon von weitem, sie riechen ihn gerne, wie die Weiber in +Spanien und Portugal den +<strong>Bucaros-Thon</strong>,<sup><a href="#fn73" class= +"footnoteRef" id="fnref73" name="fnref73">73</a></sup> die +sogenannten wohlriechenden Erden (<em>tierras olorosas</em>). Brown +erzählt in seiner Geschichte von Jamaica, die Krokodile in +Südamerika verschlingen kleine Steine oder Stücke sehr harten +Holzes, wenn die Seen, in denen sie leben, ausgetrocknet sind oder +sie sonst keine Nahrung finden. Im Magen eines eilf Fuß langen +Krokodils, das Bonpland und ich in Batallez am Magdalenenstrom +zergliederten, fanden wir halbverdaute Fische und runde, drei bis +vier Zoll starke Granitstücke. Es ist nicht anzunehmen, daß die +Krokodile diese Steine zufällig verschlucken, denn wenn sie die +Fische unten im Strome packen, ruht ihre untere Kinnlade nicht auf +dem Boden. Die Indianer haben die abgeschmackte Idee ausgeheckt, +diese trägen Thiere machen sich gerne schwerer, um leichter zu +tauchen. Ich glaube vielmehr, sie nehmen große Kiesel in den Magen +auf, um dadurch eine reichliche Absonderung des Magensaftes +herbeizuführen. Magendies Versuche sprechen für diese Auffassung. +Was die Gewohnheit der körnerfressenden Vögel, namentlich der +hühnerartigen und der Strauße betrifft, Sand und kleine Steine zu +verschlucken, so hat man sie bisher dem instinktmäßigen Trieb der +Thiere zugeschrieben, die Zerreibung der Nahrung in ihrem dicken +Muskelmagen zu beschleunigen.</p> +<p>Wir haben oben gesehen, daß Negerstämme am Gambia Thon unter +ihren Reis mischen; vielleicht hatten früher manche Familien der +Otomaken den Brauch, Mais und andere mehligte Samen in ihrer +<strong>Poya</strong> »faulen« zu lassen, um Erde und +stärkemehlhaltigen Stoff zugleich zu genießen; vielleicht ist es +eine unklare Beschreibung einer solchen Zubereitung, wenn Pater +Gumilla im ersten Band seines Werkes behauptet, »die Guamos und +Otomacos nähren sich nur deßhalb von Erde, weil dieselbe mit +<strong><em>substancia del maiz</em></strong> und Kaimanfett +getränkt sey.« Ich habe schon oben erwähnt, daß weder der +gegenwärtige Missionär in Uriana, noch Fray Juan Gonzales, der +lange in diesen Ländern gelebt, von dieser Vermengung thierischen +und vegetabilischen Stoffes mit der Poya etwas wissen. Vielleicht +hat Pater Gumilla die Zubereitung der Erde, welche die Eingeborenen +essen, mit einem andern Brauche derselben verwechselt (von dem sich +Bonpland an Ort und Stelle überzeugte), nämlich die Bohnen einer +Mimosenart in den Boden zu graben, dieselben sich zersetzen zu +lassen und ein weißes, schmackhaftes, aber schwer verdauliches Brod +daraus zu bereiten. Die Poyakugeln, die wir dem Wintervorrath der +Indianer entnommen, enthielten, ich wiederhole es, keine Spur von +thierischem Fett oder von Stärkmehl. Gumilla ist einer der +leichtgläubigsten Reisenden, die wir kennen und so sieht man sich +fast versucht, an Umstände zu glauben, die er meint läugnen zu +müssen. Zum Glück nimmt der Jesuit im zweiten Band seines Werkes +großentheils wieder zurück, was er im ersten behauptet: er zweifelt +jetzt nicht daran, »daß das Brod der Otomacos und Guamos wenigstens +(<em>a lo menos</em>) zur Hälfte Thon enthält; er versichert, +Kinder und Erwachsene essen, ohne Schaden für die Gesundheit, nicht +nur dieses Brod, sondern auch große Massen reinen Thon (<em>muchos +terrones de pura greda</em>).« Er sagt weiter, wer davon den Magen +beschwert fühle, führe ein paar Tage mit Krokodilfett ab, und +dieses Fett bringe ihnen die Eßlust wieder, so daß sie von neuem +bloße Erde essen können. Ich bezweifle, daß die <em>Manteca de +Caiman</em> ein Abführmittel ist, da sie aber sehr flüssig ist, so +mag sie die Erde, die nicht mit dem Koth weggeschafft worden ist, +einhüllen helfen. So viel ist gewiß, daß die Guamos wenn nicht das +Fett, so doch das Fleisch des Krokodils, das uns weiß und ohne +Bisamgeruch schien, sehr gerne essen. In Sennaar ist dasselbe, nach +Burckhardt, gleichfalls gesucht und wird auf dem Markt +verkauft.</p> +<p>Ich kann hier Fragen nicht unberührt lassen, die in mehreren +Abhandlungen, zu denen meine Reise auf dem Orinoco Anlaß gegeben, +besprochen worden sind. Leschenaut wirft die Frage auf, ob nicht +der Gebrauch des <strong>Ampo</strong> (des javanischen Thons) +dadurch gute Dienste leisten könnte, daß er augenblicklich den +Hunger beschwichtigt, wenn man keine Nahrungsmittel hat oder zu +ungesunden, schädlichen, wenn auch organischen Substanzen greifen +müßte. Ich glaube, bei Versuchen über die Folgen langer Entziehung +der Nahrung würde sich zeigen, daß ein Thier, das man (nach der Art +der Otomaken) Thon verschlucken ließe, weniger zu leiden hätte als +ein anderes, in dessen Magen man gar keine Nahrung brächte. Ein +italienischer Physiolog hebt hervor, wie wenig phosphorsaure Kalk- +und Bittererde, Kieselerde, Schwefel, Natron, Fluor, Eisen und +Mangan, und dagegen wie viel Kohlensäure, Sauerstoff, Stickstoff +und Wasserstoff in den festen und flüssigen Theilen des +menschlichen Körpers enthalten sey, und fragt, ob die Athmung nicht +als ein <strong>fortwährender Ernährungsakt</strong> zu betrachten +sey, während der Verdauungsapparat mit Lehm gefüllt ist? Die +chemische Analyse der eingeathmeten und der ausgeathmeten Luft +spricht nicht für diese Annahme. Der Verlust einer sehr kleinen +Menge Stickstoff ist schwer zu ermitteln, und es ist anzunehmen, +daß sich die Funktion des Athmens im Allgemeinen darauf beschränkt, +Kohlenstoff und Wasserstoff dem Körper zu entziehen.</p> +<p>Ein befeuchtetes Gemische von phosphorsaurem und kohlensaurem +Kalk kann nicht nährend seyn, wie gleichfalls stickstofflose, aber +dem organischen Reich angehörende Substanzen (Zucker, Gummi, +Stärkmehl). Unsere Verdauungsapparate sind gleichsam galvanische +Säulen, die nicht alle Substanzen zerlegen. Die Assimilation hört +auf, nicht allein weil die Stoffe, die in den Magen gelangen, keine +Elemente enthalten, die mit denen, aus welchen der menschliche +Körper besteht, übereinkommen, sondern auch weil die Verdauung (die +chemische Zersetzung) nicht alle Verbindungen ohne Unterschied in +ihren Bereich zieht. Beschäftigt man sich übrigens mit solchen +allgemeinen physiologischen Problemen, so fragt man sich +unwillkürlich, wie es mit der Gesellschaft, oder vielmehr mit dem +Menschengeschlecht stände, wenn der Mensch keine Produkte der +Organisation und der Lebenskraft als Nahrungsmittel nöthig hätte. +Keine Gewöhnung kann die Art und Weise der Ernährung wesentlich +abändern. Wir werden niemals Erde verdauen und assimiliren lernen; +seit aber Gay-Lussacs und Thenards wichtige Forschungen uns belehrt +haben, daß das härteste Holz und das Stärkmehl sich nur dadurch +unterscheiden, daß die Verhältnisse zwischen Sauerstoff, +Wasserstoff und Kohlenstoff dort und hier ein klein wenig anders +sind, wie sollte man da bestreiten, daß es der Chemie noch gelingen +könnte, jene ungeheuren vegetabilischen Massen, jene Gewebe +verhärteter Fasern, aus denen die Stämme unserer Waldbäume +bestehen, in Nahrungsstoff zu verwandeln? Von Belang könnte eine +solche Entdeckung nur werden, wenn das Verfahren einfach und nicht +kostspielig wäre; unter dieser, allerdings keineswegs +wahrscheinlichen Voraussetzung müßten aber dadurch in der ganzen +Verfassung des Gesellschaftskörpers, im Taglohn, in der Vertheilung +der Bevölkerung über die Erdoberfläche die größten Veränderungen +eintreten. Einerseits würde der Mensch damit unabhängiger, +andererseits wäre die nothwendige Folge, daß die Bande der +Gesellschaft sich lösten und die Grundlagen des Gewerbfleißes und +der Cultur untergraben würden.</p> +<p>Das kleine Dorf Uruana ist schwerer zu regieren als die meisten +andern Missionen. Die Otomaken sind ein unruhiges, lärmendes, in +seinen Leidenschaften ungezügeltes Volk. Nicht nur sind sie dem +Genuß der gegohrenden Getränke aus Manioc und Mais und des +Palmweins im Uebermaß ergeben, sie versetzen sich auch noch in +einen eigenthümlichen Zustand von Rausch, man könnte fast sagen von +Wahnsinn, durch den Gebrauch des +<strong>Niopo-Pulvers</strong>.<sup><a href="#fn74" class= +"footnoteRef" id="fnref74" name="fnref74">74</a></sup> Sie sammeln +die langen Schoten einer Mimosenart, die wir unter dem Namen +<em>Acacia Niopo</em> bekannt gemacht haben; sie reißen sie in +Stücke, feuchten sie an und lassen sie gähren. Wenn die +durchweichten Samen anfangen schwarz zu werden, kneten sie +dieselben wie einen Teig, mengen Maniocmehl und Kalk, der aus der +Muschel einer Ampullaria gebrannt wird, darunter und setzen die +Masse auf einem Rost von hartem Holz einem starken Feuer aus. Der +erhärtete Teig bildet kleine Kuchen. Will man sich derselben +bedienen, so werden sie zu seinem Pulver zerrieben und dieses auf +einen fünf bis sechs Zoll breiten Teller gestreut. Der Otomake hält +den Teller, der einen Stiel hat, in der rechten Hand und zieht das +Niopo durch einen gabelförmigen Vogelknochen, dessen zwei Enden in +die Naslöcher gesteckt sind, in die Nase. Der Knochen, ohne den der +Otomake diese Art Schnupftaback nicht nehmen zu können meinte, ist +sieben Zoll lang und es schien mir der Fußwurzelknochen eines +großen Stelzenläufers zu seyn. Ich habe das <strong>Niopo</strong> +sammt dem ganzen seltsamen Apparat Fourcroy in Paris übermacht. Das +Niopo ist so reizend, daß ganz wenig davon heftiges Niesen +verursacht, wenn man nicht daran gewöhnt ist. Pater Gumilla sagt, +»dieses Teufelspulver der Otomaken, das von einem baumartigen Tabak +komme, berausche sie durch die Naslöcher (<em>emboracha por las +narices</em>), raube ihnen auf einige Stunden die Vernunft und +mache sie im Gefechte rasend.« Die Samen, Säfte und Wurzeln der +Familie der Schotengewächse haben auffallend verschiedene chemische +und arzneiliche Eigenschaften; wenn aber auch der Saft der Frucht +der <em>Mimosa nilotica</em> stark adstringirend ist, so ist doch +nicht wohl zu glauben, daß die Schote der <em>Acacia Niopo</em> dem +Tabak der Otomaken zunächst seine reizende Eigenschaft verleiht. +Dieselbe rührt vielmehr vom frischgebrannten Kalk her. Wir haben +oben gesehen, daß die Bergbewohner in den Anden von Popayan und die +Guajiros, die zwischen dem See Maracaybo und dem Rio la Hacha +umherziehen, auch Kalk verschlucken, und zwar als Reizmittel, um +die Absonderung des Speichels und des Magensaftes zu befördern.</p> +<p>Dadurch, daß die umständliche Vorrichtung, deren sich die +Otomaken zum Aufziehen des Niopopulvers bedienen, durch mich nach +Europa kam, wurden die Gelehrten auf einen ähnlichen Brauch +aufmerksam gemacht, den La Condamine am obern Maragnon beobachtet +hat. Die Omaguas, deren Name durch ihre Züge zur Entdeckung des +Dorado vielberufen ist, haben denselben Teller, dieselben hohlen +Vogelknochen, durch die sie ihr <strong>Curupa</strong>pulver in +die Nase ziehen. Der Samen, von dem dieses Pulver kommt, ist ohne +Zweifel auch eine Mimose; denn die Otomaken nennen, dem Pater Gili, +zufolge, noch jetzt, 260 Meilen vom Amazonenstrom, die <em>Acacia +Niopo</em> <strong>Curupa</strong>. Seit meinen neuerlichen +geographischen Untersuchungen über den Schauplatz der Thaten +Philipps von Hutten und über die wahre Lage der Provinz +Papamene<sup><a href="#fn75" class="footnoteRef" id="fnref75" name= +"fnref75">75</a></sup> oder der Omaguas hat die Vermuthung einer +früheren Verbindung zwischen den Otomaken am Orinoco und den +Omaguas am Amazonenstrom an Bedeutung und Wahrscheinlichkeit +gewonnen. Erstere kamen vom Rio Meta, vielleicht aus dem Lande +zwischen diesem Fluß und dem Guaviare; letztere wollen selbst in +großer Anzahl über den Rio Japura, vom östlichen Abhang der Anden +von Neu-Grenada her, an den Maragnon gekommen seyn. Nun scheint +aber das Land der Omaguas, das die Abenteurer von Coro und Tocuyo +vergeblich zu erobern suchten, gerade zwischen dem Guayavero, der +in den Guaviare fällt, und dem Caqueta zu liegen, der weiter unten +Japura heißt. Allerdings besteht ein auffallender Gegensatz +zwischen der jetzigen Versunkenheit der Otomaken und der früheren +Civilisation der Omaguas; vielleicht waren aber nicht alle +Unterabtheilungen dieser Nation in der Cultur gleich +vorgeschritten, und an Beispielen, daß Stämme völlig versinken +können, ist die Geschichte unseres Geschlechts leider nur zu reich. +Zwischen Otomaken und Omaguas läßt sich noch eine weitere +Uebereinstimmung bemerklich machen. Beide sind unter den +Völkerschaften am Orinoco und am Amazonenstrom deßhalb berufen, +weil sie vom Cautschuc oder der verdicken Milch der Euphorbiaceen +und Urticeen so ausgedehnten Gebrauch machen.</p> +<p>Der eigentliche krautartige Tabak,<sup><a href="#fn76" class= +"footnoteRef" id="fnref76" name="fnref76">76</a></sup> denn die +Missionäre nennen das <strong>Niopo</strong> oder Curupa +»Baumtabak,« wird seit unvordenklicher Zeit von allen eingeborenen +Völkern am Orinoco gebaut; man fand auch bei der Eroberung die +Sitte des Rauchens in beiden Amerikas gleich verbreitet. Die +Tamanaken und Maypuren in Guyana umwickeln die Cigarren mit Mais, +wie bereits die Mexikaner vor Cortes Ankunft gethan. Nach diesem +Vorgang nehmen die Spanier statt Maisblättern Papier. Die armen +Indianer in den Wäldern am Orinoco wissen so gut als die großen +Herren am Hofe Montezumas, daß der Tabaksrauch ein vortreffliches +Narcoticum ist; sie bedienen sich desselben nicht nur, um ihre +Siesta zu halten, sondern auch um sich in den Zustand von +Quietismus zu versetzen, den sie ein »Träumen mit offenen Augen«, +»Träumen bei Tag« nennen. In allen amerikanischen Missionen wird +jetzt, wie mir schien, ungemein wenig Tabak verbraucht, und in +Neuspanien rauchen die Eingeborenen, die fast sämmtlich von der +untersten Classe des aztekischen Volkes abstammen, zum großen +Leidwesen des Fiscus, gar nicht. Pater Gili versichert, den +Indianern am untern Orinoco sey die Sitte des Tabakkauens +unbekannt. Ich möchte die Richtigkeit dieser Behauptung bezweifeln; +denn die Sercucumas am Erevato und Caura, Nachbarn der weißlichten +Paparitos, verschlucken, wie man mir sagte, zerhackten und mit +andern stark reizenden Säften getränkten Tabak, wenn sie sich zum +Gefechte anschicken. Von den vier Nicotianaarten, die in Europa +gebaut werden (<em>N. tabacum</em>, <em>N. rustica</em>, <em>N. +paniculata</em>, und <em>N. glutinosa</em>) sahen wir nur die +beiden letzteren wild; aber <em>Nicotiana lolaxensis</em> und +<em>N. Audicola</em>, die ich in 1850 Toisen Meereshöhe auf +dem Rücken der Anden gefunden, stehen <em>Nicotiana tabacum</em> +und <em>rustica</em> sehr nahe. Die ganze Gattung ist übrigens fast +ausschließlich amerikanisch und die meisten Arten schienen mir dem +gebirgigten und gemäßigten Landstrich unter den Tropen +anzugehören.</p> +<p>Weder aus Virginien noch aus Südamerika, wie irrthümlich in +mehreren agronomischen und botanischen Schriften steht, sondern aus +der mexicanischen Provinz Yucatan ist um das Jahr 1559 der erste +Tabakssamen nach Europa gekommen.<sup><a href="#fn77" class= +"footnoteRef" id="fnref77" name="fnref77">77</a></sup>Der Mann, der +die Fruchtbarkeit der Ufer des Orinoco am lautesten gepriesen, der +berühmte Ralegh, hat auch die Sitte des Rauchens unter den« +nordischen Völkern am meisten befördert. Bereits am Schluß des +sechzehnten Jahrhunderts beschwerte man sich in England bitter über +»diese Nachahmung der Gebräuche eines barbarischen Volkes« Man +fürchtete bei dem überhandnehmenden Tabakrauchen, »<em>ne Anglorum +corpora in barbarorum naturam degenerent</em>.«<sup><a href="#fn78" +class="footnoteRef" id="fnref78" name="fnref78">78</a></sup></p> +<p>Wenn sich die Otomaken in Uruana durch den Genuß des Niopo +(ihres Baumtabaks) und gegohrener Getränke in einen Zustand von +Trunkenheit versetzt haben, der mehrere Tage dauert, so bringen sie +einander um, ohne sich mit Waffen zu schlagen. Die bösartigsten +vergiften sich den Daumennagel mit Curare, und nach der Aussage der +Missionäre kann der geringste Ritz mit diesem vergifteten Nagel +tödtlich werden, wenn das Curare sehr stark ist und unmittelbar in +die Blutmasse gelangt. Begehen die Indianer bei Nacht in Folge +eines Zanks einen Todtschlag, so werfen sie den Leichnam in den +Fluß, weil sie fürchten, es möchten Spuren der erlittenen Gewalt an +ihm zu bemerken seyn. »So oft ich,« äußerte Pater Bueno gegen uns, +»die Weiber an einer andern Stelle des Ufers als gewöhnlich Wasser +schöpfen sehe, vermuthe ich, daß ein Mord in meiner Mission +begangen worden.«</p> +<p>Wir fanden in Uruana in den Hütten der Indianer denselben +vegetabilischen Stoff (<em>yesca de hormigas</em>, Ameisenzunder), +den wir bei den großen Katarakten hatten kennen lernen und den man +zum Blutstillen braucht. Dieser Zunder, der weniger uneigentlich +<strong>Ameisennester</strong> hieße, ist in einem Lande, dessen +Bewohner nichts weniger als friedfertig sind, sehr gesucht. Eine +neue schön smaragdgrüne Art Ameisen (<em>Formica spinicollis</em>) +sammelt auf den Blättern einer Melastomenart zu ihrem Nest einen +baumwollenartigen, gelbbraunen, sehr zart anzufühlenden Flaum. Ich +glaube, daß der »Yesca oder Ameisenzunder« vom obern Orinoco (das +Thier kommt, wie versichert wird, nur südlich von Apures vor) +einmal ein Handelsartikel werden kann. Der Stoff ist weit +vorzüglicher als die »Ameisennester« von Cayenne, die man in Europa +in den Hospitälern verwendet, die aber schwer zu bekommen sind.</p> +<p>Ungern schieden wir (am 7. Juni) vom Pater Ramon Bueno. Unter +den zehn Missionären, die wir auf dem ungeheuren Gebiete von Guyana +kennen gelernt, schien mir nur er auf alle Verhältnisse der +eingeborenen Völkerschaften zu achten. Er hoffte in Kurzem nach +Madrid zurückkehren und das Ergebniß seiner Untersuchungen über die +Bilder und Züge auf den Felsen bei Uruana bekannt machen zu +können.</p> +<p>In den Ländern, die wir eben bereist, zwischen dem Meta, Arauca +und Apure, fand man bei den ersten Entdeckungszügen an den Orinoco, +z. B. bei dem des Alonzo de Herrera im Jahr 1535, +<strong>stumme Hunde</strong>, von den Eingeborenen +<strong>Maios</strong> und <strong>Auries</strong> genannt. Dieser +Umstand ist in mehr als Einer Beziehung interessant. Was auch Pater +Gili sagen mag, es unterliegt keinem Zweifel, daß der Hund in +Südamerika einheimisch ist. Die verschiedenen indianischen Sprachen +haben Namen für das Thier, die nicht wohl von europäischen Sprachen +herkommen können. Das Wort <strong>Auri</strong>, das Alonzo de +Herrera vor dreihundert Jahren nannte, kommt noch jetzt im +Maypurischen vor. Die Hunde, welche wir am Orinoco gesehen, mögen +von denen abstammen, welche die Spanier an die Küsten von Caracas +gebracht; aber nichts desto weniger steht fest, daß es vor der +Eroberung in Peru, Neu-Grenada und Guyana eine unsern Schäferhunden +ähnliche Hunderace gab. Der <strong>Allco</strong> der Eingeborenen +in Peru, und fast alle Hunde, die wir in den wildesten Strichen von +Südamerika angetroffen, bellen häufig; die ältesten +Geschichtschreiber sprechen aber alle von stummen Hunden +(<em>perros mudos</em>). Es gibt noch dergleichen in Canada, und, +was mir sehr zu beachten scheint, die stumme Spielart wurde in +Mexico und am Orinoco vorzugsweise gegessen. Ein sehr +unterrichteter Reisende, Giesecke, der sechs Jahre in Grönland +gelebt hat, versicherte mich, die Hunde der Eskimos, die beständig +in freier Luft sind und sich Winters in den Schnee graben, bellen +auch nicht, sondern heulen wie die Wölfe.<sup><a href="#fn79" +class="footnoteRef" id="fnref79" name="fnref79">79</a></sup></p> +<p>Gegenwärtig ist der Gebrauch, Hundefleisch zu essen, am Orinoco +ganz unbekannt; da aber diese Sitte im östlichen Asien ganz +allgemein ist, scheint mir der Beweis, daß dieselbe früher in den +heißen Strichen von Guyana und auf der Hochebene von Mexiko zu +Hause war, von großem Belang für die Völkergeschichte. Ich bemerke +auch, daß auf den Grenzen der Provinz Durango, am nördlichen Ende +von Neuspanien, die Cumanches-Indianer noch jetzt große Hunde, die +sie auf ihren Zügen begleiten, mit ihren Zelten aus Büffelfellen +beladen. Bekanntlich dient auch am Sklavensee und in Sibirien der +Hund gewöhnlich als Last- und Zugthier. Ich hebe solche Züge von +Uebereinstimmung in den Sitten der Völker absichtlich hervor; sie +erhalten einiges Gewicht, wenn sie nicht für sich allein dastehen, +und Aehnlichkeiten im Sprachbau, in der Zeitrechnung, im Glauben +und den gottesdienstlichen Gebräuchen dazu kommen.</p> +<p>Wir übernachteten auf der Insel Cucuruparu, auch <em>Playa de la +Tortuga</em> genannt, weil die Indianer von Uruana dort +Schildkröteneier holen. Es ist dieß einer der Punkte am Orinoco, +deren Breite am genauesten bestimmt ist. Das Glück wollte, daß ich +drei Durchgänge von Sternen durch den Meridian beobachten konnte. +Ostwärts von der Insel ist die Mündung des Caño de la Tortuga, der +von den Bergen der Cerbatana herunter kommt, an denen beständig +Gewitterwolken hängen. Am südlichen Ufer dieses Caño liegt die fast +ganz eingegangene Mission San Miguel de la Tortuga. Die Indianer +versicherten uns, in der Nähe dieser kleinen Mission gebe es eine +Menge Fischottern mit sehr feinem Pelz, welche bei den Spaniern +<em>perritos de agua</em>, Wasserhunde heißen, und, was +merkwürdiger ist, Eidechsen (<em>lagartos</em>) <strong>mit zwei +Füßen</strong>. Dieser ganze Landstrich zwischen dem Rio Cuchivero +und der Stromenge am Baragnan sollte einmal von einem guten +Zoologen besucht werden. Der Lagarto ohne Hinterbeine ist +vielleicht eine Art Siren, abweichend vom <em>Siren lacertina</em> +in Carolina. Wäre es ein Saurier, ein eigentlicher »Bimane« +(<em>Chirotes</em>, Cuvier), so hätten die Eingeborenen das Thier +nicht mit einer Eidechse verglichen. Außer den Arau-Schildkröten, +von denen ich oben ausführlich gesprochen,<sup><a href="#fn80" +class="footnoteRef" id="fnref80" name="fnref80">80</a></sup> leben +am Orinoco zwischen Uruana und Encaramada auch Landschildkröten, +die sogenannten <strong>Morocoi</strong>, in zahlloser Menge. In +der großen Sonnenhitze und Trockenheit stecken diese Thiere, ohne +zu fressen, unter Steinen oder in Löchern, die sie gegraben. Erst +wenn sie nach den ersten Regen spüren, daß die Erde feucht wird, +kommen sie aus ihrem Versteck hervor und fangen wieder an zu +fressen. Die <strong>Terekays</strong> oder +<strong>Tajelus</strong>, Süßwasserschildkröten, haben dieselbe +Lebensweise. Ich habe schon oben vom <strong>Sommerschlaf</strong> +mancher Thiere unter den Tropen gesprochen.<sup><a href="#fn81" +class="footnoteRef" id="fnref81" name="fnref81">81</a></sup> Die +Eingeborenen kennen die Löcher, in denen die Schildkröten im +ausgetrockneten Boden schlafen, und graben sie 15—18 Zoll tief in +Menge auf einmal aus. Nach Pater Gili, der solches mit angesehen, +ist dieß nicht gefahrlos, weil sich im Sommer häufig Schlangen mit +den <strong>Terekays</strong> eingraben.</p> +<p>Von der Insel Cucuruparu hatten wir bis zur Hauptstadt von +Guyana, gemeiniglich <strong>Angostura</strong> genannt, noch neun +Tage zu fahren; es sind nicht ganz 95 Meilen. Wir brachten die +Nacht selten am Lande zu; aber die Plage der Moskitos nahm merklich +ab, je weiter wir hinab kamen. Am 8. Juni gingen wir bei einem +Hofe (<em>Hato de san Rafael del Capuchino</em>), dem Einfluß des +Rio Apure gegenüber, ans Land. Ich konnte gute Breiten- und +Längenbeobachtungen machen. Ich hatte vor zwei Monaten auf dem +andern Ufer Stundenwinkel aufgenommen, und diese Bestimmungen waren +jetzt von Werth, um den Gang meines Chronometers zu controliren und +die Beobachtungsorte am Orinoco mit denen an der Küste von +Venezuela in Verbindung zu bringen. Die Lage dieses Hofes am Punkt, +wo der Orinoco aus der Richtung von Süd nach Nord in die von West +nach Ost umbiegt, ist sehr malerisch. Granitfelsen erheben sich wie +Eilande auf den weiten Prairien. Von ihrer Spitze sahen wir +nordwärts die Llanos oder Steppen von Calabozo sich bis zum +Horizont ausbreiten. Da wir seit lange an den Anblick der Wälder +gewöhnt waren, machte diese Aussicht einen großen Eindruck auf uns. +Nach Sonnenuntergang bekam die Steppe ein graugrünes Colorit, und +da die Sehlinie nur durch die Krümmung der Erde abgebrochen wird, +so gingen die Sterne wie aus dem Schoße des Meeres auf und der +erfahrenste Seemann hätte glauben müssen, er stehe auf einer +Felsenküste, auf einem hinausspringenden Vorgebirge. Unser Wirth +war ein Franzose (François Doizan), der unter seinen zahlreichen +Heerden lebte. Er hatte seine Muttersprache verlernt, schien aber +doch mit Vergnügen zu hören, daß wir aus seiner Heimath kamen. Er +hatte dieselbe vor vierzig Jahren verlassen, und er hätte uns gerne +ein paar Tage in seinem Hofe behalten. Von den politischen +Umwälzungen in Europa war ihm so gut wie nichts zu Ohren gekommen. +Er sah darin nur eine Empörung gegen den Clerus und die Mönche; +»diese Empörung,« sagte er, »wird fortdauern, so lange die Mönche +Widerstand leisten.« Bei einem Manne, der sein ganzes Leben an der +Grenze» der Missionen zugebracht, wo von nichts die Rede ist als +vom Streit zwischen der geistlichen und der weltlichen Gewalt, war +eine solche Ansicht ziemlich natürlich. Die kleinen Städte Caycara +und Cabruta sind nur ein paar Seemeilen vom Hofe, aber unser Wirth +war einen Theil des Jahres hindurch völlig abgeschnitten. Durch die +Ueberschwemmungen des Apure und des Orinoco wird der Capuchino zur +Insel und man kann mit den benachbarten Höfen nur zu Schiff +verkehren. Das Hornvieh zieht sich dann auf den höher gelegenen +Landstrich, der südwärts der Bergkette der Encaramada zuläuft.</p> +<p>Am 9. Juni Morgens begegneten uns eine Menge Fahrzeuge mit +Waaren, die mit Segeln den Orinoco und dann den Apure hinauffuhren. +Es ist dieß eine stark befahrene Handelsstraße zwischen Angostura +und dem Hafen von Torunos in der Provinz Varinas. Unser +Reisebegleiter, Don Nicolas Sotto, der Schwager des Statthalters +von Varinas, schlug denselben Weg ein, um zu seiner Familie +zurückzukehren. Bei Hochwasser braucht man mehrere Monate gegen die +Strömung des Orinoco, des Apure und des Rio Santo Domingo. Die +Schiffsleute müssen ihre Fahrzeuge an Baumstämme binden und sie am +Tau den Fluß hinaufziehen. In den starken Krümmungen des Flusses« +kommen sie oft in ganzen Tagen nicht über zwei, dreihundert Toisen +vorwärts. Seit meiner Rückkehr nach Europa ist der Verkehr zwischen +der Mündung des Orinoco und den Provinzen am östlichen Abhang der +Gebirge von Merida, Pamplona und Santa Fe de Bogota ungleich +lebhafter geworden, und es ist zu erwarten, daß die lange Fahrt auf +dem Orinoco, dem Apure, der Portuguesa, dem Rio Santo Domingo, dem +Orivante, Meta und Guaviare durch Dampfschiffe abgekürzt wird. Man +könnte, wie an den großen Strömen in den Vereinigten Staaten, an +den Ufern gefälltes Holz unter Schuppen niederlegen. Solche +Veranstaltung wäre um so nöthiger, da man sich in den Ländern, die +wir bereist, nicht leicht trockenes Holz verschafft, wie man es zum +starken Feuer unter dem Kessel einer Dampfmaschine braucht.</p> +<p>Unterhalb San Rafael del Capuchino gingen wir rechts bei Villa +Caycara, an einer Bucht, Puerto Sedeñio genannt, ans Land. Es +stehen hier ein paar Häuser beisammen und diese führen den +vornehmen Titel <strong>Villa</strong>. Alta Gracia, Ciudad de la +Piedra, Real Corona, Borbon, lauter <strong>Villas</strong> +zwischen dem Einfluß des Apure und Angostura, sind eben so elend. +Ich habe oben erwähnt, daß es bei den Präsidenten der Missionen und +den Statthaltern der Provinzen Brauch war, wenn eben der Grund zu +einer Kirche gelegt wurde, in Madrid für den Ort das Privilegium +als Villa oder Ciudad nachzusuchen. Man wollte damit das +Ministerium glauben machen, daß Bevölkerung und Wohlstand in den +Colonien in rascher Zunahme begriffen seyen. Bei Caycara, am »Cerro +del Tirano,« sieht man Bilder von Sonne und Mond, wovon oben die +Rede war, eingehauen. »Das ist ein Werk der <strong>Alten</strong>« +(das heißt unserer Väter), sagen die Eingeborenen. Man versichert, +auf einem Fels weiter vom Ufer ab, <strong>Tecoma</strong> genannt, +stehen die symbolischen Figuren hundert Fuß hoch. Die Indianer +kannten früher einen Landweg von Caycara nach Demerary und +Essequebo. Sind etwa die Völker, welche die vom Reisenden Hortsmann +beschriebenen Bilder eingehauen, auf diesem Wege an den See Amucu +gekommen?«</p> +<p>Caycara gegenüber, am nördlichen Ufer des Orinoco, liegt die +Mission Cabruta, die als vorgeschobener Posten gegen die Caraiben +im Jahr 1740 vom Jesuiten Rotella angelegt wurde. Schon seit +mehreren Jahrhunderten hatten die Indianer an diesem Fleck ein Dorf +Namens <strong>Cabritu</strong>. Als der kleine Ort eine +christliche Niederlassung wurde, glaubte man, derselbe liege unter +dem 5. Grad der Breite, also um 2°40′ weiter nach Süd, als ich +durch direkte Beobachtungen in San Rafael und an der Mündung des +Rio Apure gefunden. Man hatte damals keinen Begriff davon, welche +Richtung ein Landweg nach Nueva Valencia und Caracas haben müßte, +von welchen Orten man sich unendlich weit entfernt dachte. Ein Weib +ist zu allererst von Villa de San Juan Baptista del Pao über die +Llanos nach Cabruta gegangen. Pater Gili erzählt, Donna Maria +Bargas habe mit solcher Leidenschaft an den Jesuiten gehangen, daß +sie es unternahm, auf eigene Hand einen Weg in die Missionen zu +suchen. Man wunderte sich nicht wenig, als man sie in Cabruta von +Norden her ankommen sah. Sie ließ sich bei den Jüngern des heiligen +Ignatius nieder und starb in ihren Missionen am Orinoco. Von dieser +Zeit an bevölkerte sich der südliche Strich der Llanos ziemlich +stark, und der Weg aus den Thälern von Aragua über Calabozo nach +San Fernando de Apure und nach Cabruta ist jetzt stark begangen. Am +letzteren Ort hatte auch im Jahr 1754 der Befehlshaber der +vielberufenen Grenzexpedition Werften angelegt und die Fahrzeuge +zum Transport der Truppen an den obern Orinoco bauen lassen. Der +kleine Berg nordöstlich von Cabruta ist sehr weit in den Steppen +sichtbar und dient den Reisenden als Landmarke.</p> +<p>Wir schifften uns Morgens in Caycara ein und fuhren mit der +Strömung des Orinoco zuerst am Einfluß des Rio Cuchivero, wohin +eine alte Sage die <strong>Aikeam-benanos</strong> oder +<strong>Weiber ohne Männer</strong><sup><a href="#fn82" class= +"footnoteRef" id="fnref82" name="fnref82">82</a></sup> versetzt, +dann am kleinen Dorf <strong>Alta Gracia</strong>, nach einer +spanischen Stadt so genannt, vorüber. Hier in der Nähe hatte Don +Jose de Iturriaga den <em>pueblo de Ciudad Real</em> angelegt, der +noch auf den neuesten Karten vorkommt, obgleich der Ort wegen der +ungesunden Lage seit fünfzig Jahren gar nicht mehr besteht. +Unterhalb der Stelle, wo sich der Orinoco gegen Ost wendet, hat man +fortwährend zur rechten Hand Wälder, zur linken die Llanos oder +Steppen von Venezuela. Die Wälder, die sich am Strom hinziehen, +sind indessen nicht mehr so dicht, wie am obern Orinoco. Die +Bevölkerung nimmt merkbar zu, je näher man der Hauptstadt kommt; +man trifft wenige Indianer mehr; dagegen Weiße, Neger und +Mischlinge. Der Neger sind nicht viele, und leider ist hier, wie +überall, die Armuth ihrer Herren daran Schuld, daß sie nicht besser +behandelt werden und ihr Leben nicht mehr geschont wird. Ein +Einwohner von Caycara, V—a, war vor Kurzem zu vierjährigem +Gefängniß und hundert Piastern Geldbuße verurtheilt worden, weil er +in der Zornwuth eine Negerin mit den Beinen an den Schweif seines +Pferdes gebunden und sie im vollen Galopp über die Savane +geschleift hatte, bis sie vor Schmerz den Geist aufgab. Mit +Vergnügen bemerke ich, daß die Audiencia allgemein getadelt wurde, +weil sie eine so schändliche Handlung nicht härter bestraft habe. +Nur einige wenige Personen (und zwar gerade die, welche sich für +die aufgeklärtesten und klügsten hielten) meinten, einen Weißen zu +bestrafen, während die Schwarzen auf St. Domingo in offenem +Aufstand begriffen seyen, erscheine nicht als staatsklug. Wenn +Institutionen, die sich verhaßt gemacht haben, bedroht sind, fehlt +es nie an Leuten, die zu Aufrechthaltung derselben den Rath geben, +daran festzuhalten, wenn sie der Gerechtigkeit und der Vernunft +noch so offen widersprächen. Seit ich von diesen Ländern Abschied +genommen, hat der Bürgerkrieg den Sklaven die Waffen in die Hände +gegeben, und nach einer schrecklichen Erfahrung haben es die +Einwohner von Venezuela zu bereuen, daß sie nicht auf die Stimme +Don Domingo Tovars und anderer hochherziger Bürger gehört, die +schon im Jahr 1795 im <strong>Cabildo</strong> von Caracas sich +laut gegen die weitere Einführung von Negern ausgesprochen und +Mittel, ihre Lage zu verbessern, in Vorschlag gebracht haben.</p> +<p>Nachdem wir am 10. Juni auf einer Insel mitten im Strom (ich +glaube auf der, welche bei Pater Caulin Acaru heißt) die Nacht +zugebracht, fuhren wir an der Mündung des Rio Caura vorüber, der +neben dem Aruy und Carony der größte Nebenfluß des untern Orinoco +von rechts her ist. Da ich während meines Aufenthalts in den +Missionen der Franciskaner viel geographisches Material über den +Caura sammeln konnte, habe ich eine Specialkarte desselben +entworfen.<sup><a href="#fn83" class="footnoteRef" id="fnref83" +name="fnref83">83</a></sup> Alle christlichen Niederlassungen +befinden sich gegenwärtig nahe an der Mündung des Flusses, und die +Dörfer San Pedro, Aripao, Urbani und Guaraguaraico liegen nur +wenige Meilen hinter einander. Das erste ist das volkreichste und +hat doch nur 250 Seelen; San Luis de Guaraguaraico ist eine Colonie +freigelassener oder flüchtiger Neger vom Essequebo und verdient +Aufmunterung von Seiten der Regierung. Die Versuche, die Sklaven an +den Boden zu fesseln und sie als Pächter der Früchte ihrer Arbeit +als Landbauer genießen zu lassen, sind höchst empfehlenswerth. Der +zum großen Theil noch unberührte Boden am Rio Caura ist ungemein +fruchtbar; man findet dort Weiden für mehr als 15,000 Stücke Vieh; +aber den armen Ansiedlern fehlt es gänzlich an Pferden und an +Hornvieh. Mehr als sechs Siebentheile der Uferstriche am Caura +liegen wüste oder sind in den Händen wilder, unabhängiger Stämme. +Das Flußbett wird zweimal durch Felsen eingeengt, und an diesen +Stellen sind die Raudales Mura und Para oder Paru; letzterer hat +einen Trageplatz, weil die Pirognen nicht darüber gehen können. Bei +der Grenzexpedition war am nördlichen Katarakt, dem von Mura, eine +kleine Schanze angelegt worden. Der Statthalter Don Manuel +Centurion hatte alsbald ein paar Häusern, welche spanische (das +heißt nicht indianische) Familien, Weiße und Mulatten, bei der +Schanze gebaut, den Titel <strong>Ciudad de San Carlos</strong> +gegeben. Südlich vom Katarakt Para, gerade am Einfluß des Erevato +in den Caura, lag damals die Mission San Luis und von da führte ein +Landweg nach der Hauptstadt Angostura. Alle diese +Civilisationsversuche führten zu nichts. Oberhalb des Raudals von +Mura steht kein Dorf mehr, und die Eingeborenen haben so zu sagen +das Land wieder zurückerobert. Indessen kann das Thal des Caura +wegen seines reichen Ertrags, und wegen der leichten Verbindung mit +dem Rio Ventuari, dem Carony und Cuyuni, eines Tags von großer +Bedeutung werden. Ich habe oben auseinandergesetzt, wie wichtig die +vier Flüsse sind, die von den Gebirgen der Parime in den Orinoco +gehen. In der Nähe der Mündung des Caura, zwischen den Dörfern San +Pedro de Alcantara und San Francisco de Aripao, bildete sich im +Jahr 1792 durch einen Erdfall und in Folge eines Erdbebens ein +kleiner See von 400 Toisen Durchmesser. Ein Stück Wald bei Aripao +senkte sich 80 bis 100 Fuß unter das Niveau des anstoßenden Bodens. +Die Bäume blieben mehrere Monate grün; man glaubte sogar, manche +haben noch unter Wasser Blätter getrieben. Diese Erscheinung +verdient um so mehr Beachtung, da der Boden dort wahrscheinlich +Granit ist. Ich bezweifle, daß die secundären Formationen der +Llanos sich südwärts bis zum Thale des Caura erstrecken.</p> +<p>Am 11. Juni landeten wir, um Sonnenhöhen aufzunehmen, am rechten +Orinocoufer beim <strong>Puerto de los Frailes,</strong> drei +Meilen oberhalb <strong>Ciudad de la Piedra</strong>. Der Punkt +liegt unter 67°26′20″ der Länge oder 1°41′ ostwärts vom Einfluß des +Apure. Weiterhin zwischen den Villas de la Piedra und Muitaco oder +Real Corona kommt der <strong>Torno</strong> und der +<strong>Höllenschlund</strong>, zwei Punkte, die früher von den +Schiffern gefürchtet wurden. Der Orinoco ändert auf einmal seine +Richtung; er fließt anfangs nach Ost, dann nach Nord-Nord-West und +endlich wieder nach Ost. Etwas oberhalb des Caño Marapiche, der am +nördlichen Ufer hereinkommt, theilt eine sehr lange Insel den Fluß +in zwei Arme. Wir fuhren ohne Schwierigkeit südwärts an derselben +vorbei; gegen Norden bildet eine Reihe kleiner, bei hohem Wasser +halb bedeckter Felsen Wirbel und Stromschnellen. Dieß heißt nun +<strong><em>Boca del Infierno</em></strong> und der <strong>Raudal +von Camiseta</strong>. Durch Diego de Ordaz (1531) und Alonzo de +Hereras (1535) erste Expeditionen wurde diese Stromsperre +vielberufen. Die großen Katarakten von Atures und Maypures kannte +man damals noch nicht, und mit den plumpen Fahrzeugen +(<em>vergantines</em>), mit denen man eigensinnig den Strom hinauf +wollte, war sehr schwer über die Stromschnellen zu kommen. +Gegenwärtig fährt man den Orinoco zu jeder Jahreszeit von der +Mündung bis zum Einfluß des Apure und des Meta ohne Besorgniß auf +und ab. Die einzigen Fälle auf dieser Strecke sind die beim Torno +oder Camiseta, bei Marimara und bei Cariven oder Carichana +Vieja.<sup><a href="#fn84" class="footnoteRef" id="fnref84" name= +"fnref84">84</a></sup> Keines dieser drei Hindernisse ist zu +fürchten, wenn man erfahrene indianische Steuerleute hat. Ich gehe +auf diese hydrographischen Angaben darum ein, weil die Verbindung +zwischen Angostura und den Ufern des Meta und des Apure, welche zum +Ostabhang der Cordilleren von Neu-Grenada führen, jetzt in +politischer und commercieller Beziehung von großem Belang ist. Die +Fahrt auf dem untern Orinoco von der Mündung bis zur Provinz +Varinas ist allein wegen der starken Strömung beschwerlich. Im +Flußbett selbst sind nirgends stärkere Hindernisse zu überwinden, +als auf der Donau zwischen Wien und Linz. Große Felsschwellen, +eigentliche Wasserfälle kommen erst oberhalb des Meta. Daher bildet +auch der obere Orinoco mit dem Cassiquiare und dem Rio Negro ein +besonderes Flußsystem, das dem industriellen Leben in Angostura und +auf dem Küstenland von Caracas noch lange fremd bleiben wird.</p> +<p>Ich konnte auf einer Insel mitten in der <em>Boca del +Infierno</em>, wo wir unsere Instrumente aufgestellt hatten, +Stundenwinkel der Sonne aufnehmen. Der Punkt liegt nach dem +Chronometer unter 67°10′31″ der Länge. Ich wollte die Inclination +der Magnetnadel und die Intensität der Kraft beobachten, aber ein +Gewitterregen vereitelte den Versuch. Da der Himmel Nachmittags +wieder heiter wurde, schlugen wir unser Lager auf einem breiten +Gestade am südlichen Ufer des Orinoco, beinahe im Meridian der +kleinen Stadt Muitaco oder Real Corona, auf. Mittelst dreier Sterne +fand ich die Breite 8°0′26″, die Länge 67°5′19″. Als die +Observanten im Jahr 1752 ihre ersten <strong>Entradas</strong> auf +das Gebiet der Caraiben machten, bauten sie an diesem Punkt ein +kleines Fort oder eine <strong><em>casa fuerte</em></strong>. Durch +den Umstand, daß die hohen Gebirge von Araguacais so nahe liegen, +ist Muitaco einer der gesundesten Orte am untern Drinoco. Hier +schlug Iturriaga im Jahr 1756 seinen Wohnsitz auf, um sich von den +Strapazen der Grenzexpedition zu erholen, und da er seine Genesung +dem mehr heißen als feuchten Klima zuschrieb, erhielt die Stadt +oder vielmehr das Dorf Real Corona den Namen <em>pueblo del puerto +sano</em>. Weiterhin gegen Ost ließen wir nordwärts den Einfluß des +Rio Pao, südwärts den des Rio Arui. Letzterer Fluß ist ziemlich +bedeutend; er kommt in Raleghs Berichten häufig vor. Lange ließen +die Geographen den <strong>Aroy</strong> oder <strong>Arvi</strong> +(Arui), den <strong>Caroli</strong> (Carony) und den +<strong>Coari</strong> (Caura) aus dem vielberufenen See Cassipa +entspringen, der später der <em>laguna del Dorado</em> Platz +machte. Je weiter wir abwärts kamen, desto langsamer wurde die +Strömung des Orinoco. Ich maß mehrmals am Ufer eine Linie ab, um zu +bestimmen, wie viel Zeit schwimmende Körper brauchten, um eine +bekannte Strecke zurückzulegen. Oberhalb Alta Gracia, beim Einfluß +des Rio Ujape, hatte ich 2³⁄₁₀ Fuß in der Secunde gefunden; +zwischen Muitaco und Bomben war die Geschwindigkeit nur noch 1⁷⁄₁₀ +Fuß. Aus den barometrischen Messungen in den benachbarten Steppen +geht hervor, um wie wenig der Boden vom 69. Grad der Länge bis +zur Ostküste von Guyana fällt. Muitaco war der letzte Ort, wo wir +am Ufer des Orinoco die Nacht unter freiem Himmel zubrachten; wir +fuhren noch zwei Nächte durch, ehe wir unser Reiseziel, Angostura +erreichten. Eine solche Fahrt auf dem Thalweg eines großen Stroms +ist ungemein bequem; man hat nichts zu fürchten außer den +natürlichen Flößen aus Bäumen, die der Fluß, wenn er austritt, von +den Ufern abreißt. In dunkeln Nächten scheitern die Piroguen an +diesen schwimmenden Eilanden wie an Sandbänken.</p> +<p>Nur schwer vermöchte ich das angenehme Gefühl zu schildern, mit +dem wir in Angostura, der Hauptstadt von spanisch Guyana, das Land +betraten. Die Beschwerden, denen man in kleinen Fahrzeugen zur See +unterworfen ist, sind nichts gegen das, was man auszustehen hat, +wenn man unter einem glühenden Himmel, in einem Schwarm von +Moskitos, Monate lang in einer Pirogue liegen muß, in der man sich +wegen ihrer Unstetigkeit gar keine Bewegung machen kann. Wir hatten +in 75 Tagen auf den fünf großen Flüssen Apure, Orinoco, Atabapo, +Rio Negro und Cassiquiare 500 Meilen (20 auf den Grad) +zurückgelegt, und auf dieser ungeheuren Strecke nur sehr wenige +bewohnte Orte angetroffen. Obgleich nach unserem Leben in den +Wäldern unser Anzug nichts weniger als gewählt war, säumten wir +doch nicht, uns Don Felipe de Ynciarte, dem Statthalter der Provinz +Guyana, vorzustellen. Er nahm uns auf das Zuvorkommendste auf und +wies uns beim Sekretär der Intendanz unsere Wohnung an. Da wir aus +fast menschenleeren Ländern kamen, fiel uns das Treiben in einer +Stadt, die keine 6000 Einwohner hat, ungemein auf. Wir staunten an, +was Gewerbfleiß und Handel dem civilisirten Menschen an +Bequemlichkeiten bieten; bescheidene Wohnräume kamen uns prachtvoll +vor, wer uns anredete, erschien uns geistreich. Nach langer +Entbehrung gewähren Kleinigkeiten hohen Genuß, und mit +unbeschreiblicher Freude sahen wir zum erstenmal wieder Weizenbrod +auf der Tafel des Statthalters. Vielleicht brauchte ich nicht bei +Empfindungen zu verweilen, die Jedem, der weite Reisen gemacht hat, +wohl bekannt sind. Sich wieder im Schoße der Cultur zu wissen, ist +ein großer Genuß, aber er hält nicht lange an, wenn man für die +Wunder der Natur im heißen Erdstrich ein lebendiges Gefühl hat. Die +überstandenen Beschwerden sind bald vergessen, und kaum ist man auf +der Küste, auf dem von den spanischen Colonisten bewohnten Boden, +so entwirft man den Plan, wieder ins Binnenland zu gehen.</p> +<p>Ein schlimmer Umstand nöthigte uns, einen ganzen Monat in +Angostura zu verweilen. In den ersten Tagen nach unserer Ankunft +fühlten wir uns matt und schwach, aber vollkommen gesund. Bonpland +fing an, die wenigen Pflanzen zu untersuchen, welche er vor den +Wirkungen des feuchten Klimas hatte schützen können; ich war +beschäftigt, Länge und Breite der Hauptstadt<sup><a href="#fn85" +class="footnoteRef" id="fnref85" name="fnref85">85</a></sup> zu +bestimmen und die Inclination der Magnetnadel zu beobachten. Aber +nicht lange, so wurden wir in der Arbeit unterbrochen; fast. am +selben Tage befiel uns eine Krankheit, die bei meinem +Reisegefährten den Charakter eines ataktischen Fiebers annahm. Die +Luft war zur Zeit in Angostura vollkommen gesund, und da sich bei +dem einzigen Diener, den wir von Cumana mitgebracht, einem +Mulatten, die Vorboten desselben Uebels einstellten, so zweifelte +unsere Umgebung, von der wir aufs sorgfältigste gepflegt wurden, +nicht daran, daß wir den Keim des Typhus aus den feuchten Wäldern +am Cassiquiare mitgebracht. Es kommt häufig vor, daß sich bei +Reisenden die Folgen der Miasmen erst dann äußern, wenn sie wieder +in reinerer Luft sind und sich zu erholen anfangen. Eine gewisse +geistige Anspannung kann eine Zeitlang die Wirkung krankmachender +Ursachen hinausschieben. Da unser Diener dem heftigen Regen weit +mehr als wir ausgesetzt gewesen war, entwickelte sich die Krankheit +bei ihm furchtbar rasch. Seine Kräfte lagen so darnieder, daß man +uns am neunten Tage seinen Tod meldete. Es war aber nur eine +mehrstündige Ohnmacht, auf die eine heilsame Krise eintrat. Zur +selben Zeit wurde auch ich von einem sehr heftigen Fieber befallen; +man gab mir mitten im Anfall ein Gemisch von Honig und Extract der +China Vom Rio Carony (<em>Extractum corticis Angosturae</em>). Es +ist dieß ein Mittel, das die Kapuziner in den Missionen höchlich +preisen. Das Fieber wurde darauf stärker, hörte aber gleich am +andern Tage auf. Bonplands Zustand war sehr bedenklich, und wir +schwebten mehrere Wochen in der höchsten Besorgniß. Zum Glück +behielt der Kranke Kraft genug, um sich selbst behandeln zu können. +Er nahm gelindere, seiner Constitution angemessenere Mittel als die +China vom Rio Carony. Das Fieber war anhaltend und wurde, wie fast +immer unter den Tropen, durch eine Complication mit Ruhr noch +gesteigert. Während der ganzen schmerzhaften Krankheit behielt +Bonpland die Charakterstärke und die Sanftmuth, die ihn auch in der +schlimmsten Lage niemals verlassen haben. Mich ängstigten trübe +Ahnungen. Der Botaniker Löffling, ein Schüler Linné’s, war nicht +weit von Angostura, am Ufer des Carony, ein Opfer seines Eifers für +die Naturwissenschaft geworden. Wir hatten noch kein volles Jahr im +heißen Erdstrich zugebracht, und mein nur zu treues Gedächtniß +vergegenwärtigte mir alles, was ich in Europa über die +Gefährlichkeit der Luft in den Wäldern gelesen hatte. Statt den +Orinoco hinaufzufahren, hätten wir ein paar Monate im gemäßigten, +gesunden Klima der Sierra Nevada von Merida zubringen können. Den +Weg über die Flüsse hatte ich selbst gewählt, und in der Gefahr, in +der mein Reisegefährte schwebte, erblickte ich die unselige Folge +dieser unvorsichtigen Wahl.</p> +<p>Nachdem das Fieber in wenigen Tagen einen ungemeinen Grad von +Heftigkeit erreicht hatte, nahm es einen weniger beunruhigenden +Charakter an. Die Entzündung des Darmcanals wich auf die Anwendung +erweichender Mittel, wozu Malvenarten dienten. Die Sida- und +Melochia-Arten sind im heißen Erdstrich ungemein wirksam. Indessen +ging es mit der Wiedergenesung des Kranken sehr langsam, wie immer +bei noch nicht ganz acclimatisirten Europäern. Die Regenzeit +dauerte noch immer an, und an die Küste von Cumana zurück mußten +wir wieder über die Llanos, wo man auf halbüberschwemmtem Boden +selten ein Obdach und etwas anderes als an der Sonne gedörrtes +Fleisch zu essen findet. Um nicht Bonpland einem gefährlichen +Rückfall auszusetzen, beschlossen wir bis zum 10. Juli in +Angostura zu bleiben. Wir brachten diese Zeit zum Theil auf einer +Pflanzung<sup><a href="#fn86" class="footnoteRef" id="fnref86" +name="fnref86">86</a></sup> in der Nachbarschaft zu, wo Mangobäume +und Brodfruchtbäume (<em>Artocarpus incisa</em>) gezogen werden. +Letztere waren im sechsten Jahr bereits über 40 Fuß hoch. Manche +Artocarpusblätter, die wir maßen, waren 3 Fuß lang und +18 Zoll breit, bei einem Gewächs aus der Familie der +Dicotyledonen eine sehr auffallende Größe.</p> +<p>Ich beschließe dieses Kapitel mit einer kurzen Beschreibung des +spanischen Guyana (<em>Provincia de la Guayana</em>), welche einen +Theil der alten <em>Capitania general</em> von Caracas ausmacht. +Nachdem ich ausführlich berichtet, was die Flüsse Apure, Orinoco, +Atabapo, Rio Negro und Cassiquiare an Momenten zur Geschichte +unseres Geschlechts und an Naturerzeugnissen bemerkenswerthes +bieten, erscheint es von Werth, diese zerstreuten Züge +zusammenzufassen und ein allgemeines Bild eines Landes zu +entwerfen, das einer großen Zukunft entgegengeht und schon jetzt +die Augen Europas auf sich zieht. Ich beschreibe zuerst die Lage +von Angostura, der jetzigen Hauptstadt der Provinz, und verfolge +dann den Orinoco bis zum Delta, das er an seiner Mündung bildet. +Ich entwickle darauf den wahren Lauf des Rio Carony, an dessen +fruchtbaren Ufern die Mehrzahl der indianischen Bevölkerung der +Provinz lebt, und beweise aus der Geschichte der Geographie, wie +die fabelhaften Seen entstanden sind, die so lange unsere Karten +verunziert haben.</p> +<p>Seit dem Ende des sechzehnten Jahrhunderts haben hinter einander +drei Städte den Namen <strong>Santo Thome de la Guayana</strong> +geführt. Die erste lag der Insel Faxardo gegenüber beim Einfluß des +Carony in den Orinoco; sie wurde von den Holländern unter dem +Befehl des Capitäns Adrian Janson im Jahr 1579 zerstört. Die +zweite, gegründet im Jahr 1591 von Antonio de Berrio, etwa 12 +Meilen ostwärts vom Einfluß des Carony, wehrte sich muthig gegen +Sir Walter Ralegh, den die spanischen Geschichtschreiber der +Eroberung nur unter dem Namen des Corsaren <strong>Reali</strong> +kennen. Die dritte Stadt, der jetzige Hauptort der Provinz, liegt +52 Meilen westwärts vom Einfluß des Carony. Sie wurde im Jahr 1764 +unter dem Statthalter Don Juacquin Moreno de Mendoza angelegt, und +man unterscheidet sie in den officiellen Schriftstücken von der +zweiten Stadt, die gewöhnlich die Festung (<em>el castillo</em> +oder <em>las fortalezas</em>) oder Alt-Guayana (<em>Vieja +Guayana</em>) heißt, als <strong>Santo Thome de la Nueva +Guayana</strong>. Da dieser Name sehr lang ist, so sagt man dafür +im gemeinen Leben Angostura (Engpaß).<sup><a href="#fn87" class= +"footnoteRef" id="fnref87" name="fnref87">87</a></sup> Die +Bevölkerung dieser Länder weiß kaum, daß die Namen Santiago de Leon +und Santo Thome auf unsern Karten die beiden Hauptstädte von +Venezuela und Guyana bedeuten.</p> +<p>Angostura, dessen Länge und Breite ich nach astronomischen +Beobachtungen schon oben angegeben, lehnt sich an einen kahlen +Hügel von Hornblendeschiefer. Die Straßen sind gerade und laufen +meist dem Strome parallel. Viele Häuser stehen auf dem nackten +Fels, und hier, wie in Carichana und in manchen Missionen, glaubt +man, daß durch die schwarzen stark von der Sonne erhitzten +Steinflächen die Luft ungesund werde. Für gefährlicher halte ich +die kleinen Lachen stehenden Wassers (<em>lagunas y +anegadizos</em>), die hinter der Stadt gegen Südost sich hinziehen. +Die Häuser in Angostura sind hoch, angenehm und meistens aus Stein. +Diese Bauart beweist, daß man sich hier zu Lande vor den Erdbeben +nicht sehr fürchtet; leider gründet sich aber diese Sicherheit +keineswegs auf einen Schluß aus zuverlässigen Beobachtungen. Im +Küstenland von Neu-Andalusien spürt man allerdings zuweilen sehr +starke Stöße, die sich nicht über die Llanos hinüber fortpflanzen. +Von der furchtbaren Katastrophe in Cumana am 4. Februar 1797 +fühlte man in Angostura nichts, aber beim großen Erdbeben vom Jahr +1766, das jene Stadt gleichfalls zerstörte, wurde der Granitboden +beider Orinocoufer bis zu den Katarakten von Atures und Maypures +erschüttert. Südlich von denselben spürt man zuweilen Stöße, die +sich auf das Becken des obern Orinoco und des Rio Negro +beschränken. Dieselben scheinen von einem vulkanischen Herd +auszugehen, der von dem auf den kleinen Antillen weit abliegt. Nach +den Angaben der Missionäre in Javita und San Fernando de Atabapo +waren im Jahr 1798 zwischen dem Guaviare und dem Rio Negro sehr +starke Erdbeben, die nordwärts, Maypures zu, nicht mehr gespürt +wurden. Man kann nicht aufmerksam genug Alles beachten, was die +Gleichzeitigkeit der Bodenschwingungen und die Unabhängigkeit +derselben auf zusammenhängenden Landstrichen betrifft. Alles weist +darauf hin, daß die Bewegung sich nicht an der Oberfläche +fortpflanzt, sondern durch sehr tiefe Spalten, die in verschiedene +Herde auslaufen.</p> +<p>Die Umgebung der Stadt Angostura bietet wenig Abwechselung; +indessen ist die Aussicht auf den Strom, der einen ungeheuern von +Südwest nach Nordost laufenden Canal darstellt, höchst großartig. +Nach einem langen Streit über die Vertheidigung des Platzes und die +Kanonenschußweite wollte die Regierung genau wissen, wie breit der +Strom bei dem Punkte sey, welcher der <strong>Engpaß</strong> +heißt, und wo ein Fels liegt (<em>el Peñon</em>), der bei +Hochwasser ganz bedeckt wird. Obgleich bei der Provinzialregierung +ein Ingenieur angestellt ist, hatte man wenige Monate vor meiner +Ankunft in Angostura aus Caracas Don Mathias Yturbur hergeschickt, +um den Orinoco zwischen der geschleiften Schanze San Gabriel und +der Redoute San Rafael messen zu lassen. Ich hörte in nicht +zuverlässiger Weise, bei dieser Messung haben sich etwas über 800 +<em>varas castellanas</em> ergeben. Der Stadtplan, welcher der +großen Karte von Südamerika von la Cruz Olmedilla beigegeben ist, +gibt 940 an. Ich selbst habe den Strom zweimal sehr genau +trigonometrisch gemessen, einmal beim Engpaß selbst zwischen den +beiden Schanzen San Gabriel und San Rafael, und dann ostwärts von +Angostura auf dem großen Spaziergang (Alameda) beim <em>Embarcadero +del ganado</em>. Ich fand für den ersteren Punkt (als Minimum der +Breite) 580 Toisen, für letzteren 490. Der Strom ist also hier noch +immer vier bis fünfmal breiter als die Seine beim Pflanzengarten, +und doch heißt diese Strecke am Orinoco eine Einschnürung, ein +<strong>Engpaß</strong>. Nichts gibt einen besseren Begriff von der +Wassermasse der großen Ströme Amerikas als die Dimensionen dieser +sogenannten Engpässe. Der Amazonenstrom ist nach meiner Messung +beim <strong>Pongo</strong> de Rentema 217 Toisen, beim +<strong>Pongo</strong> de Manseriche, nach La Condamine, 25, und +beim <strong>Engpaß</strong> Pauxis 900 Toisen breit. Letzterer +Engpaß ist also beinahe so breit als der Orinoco im Engpaß beim +Baraguan.<sup><a href="#fn88" class="footnoteRef" id="fnref88" +name="fnref88">88</a></sup></p> +<p>Bei Hochwasser überschwemmt der Strom die Kais, und es kommt +vor, daß Unvorsichtige in der Stadt selbst den Krokodilen zur Beute +werden. Ich sehe aus meinem Tagebuche einen Fall her, der während +Bonplands Krankheit vorgekommen. Ein Guayqueri-Indianer von der +Insel Margarita wollte seine Pirogue in einer Bucht anbinden, die +nicht drei Fuß tief war. Ein sehr wildes Krokodil, das immer in der +Gegend herumstrich, packte ihn beim Bein und schwamm vom Ufer weg, +wobei es an der Wasserfläche blieb. Das Geschrei des Indianers zog +eine Menge Zuschauer herbei. Man sah, wie der Unglückliche mit +unerhörter Entschlossenheit zuerst ein Messer in der Tasche seines +Beinkleids suchte. Da er es nicht fand, packte er den Kopf des +Krokodils und stieß ihm die Finger in die Augen. In den heißen +Landstrichen Amerikas ist es Jedermann bekannt, daß dieses mit +einem harten, trockenen Schuppenpanzer bedeckte fleischfressende +Reptil an den wenigen weichen, nicht geschützten Körpertheilen, wie +an den Augen, den Achselhöhlen, den Naslöchern und unterhalb des +Unterkiefers, wo zwei Bisamdrüsen sitzen, sehr empfindlich ist. Der +Guayqueri ergriff das Mittel, durch das Mungo-Parks Neger und das +Mädchen in Uritucu, von denen oben die Rede war,<sup><a href= +"#fn89" class="footnoteRef" id="fnref89" name= +"fnref89">89</a></sup>sich gerettet; aber er war nicht so glücklich +wie sie, und das Krokodil machte den Rachen nicht auf, um seine +Beute fahren zu lassen. Im Schmerz tauchte aber das Thier unter, +ertränkte den Indianer, erschien wieder auf der Wasserfläche und +schleppte den Leichnam auf eine Insel dem Hafen gegenüber. Ich kam +im Moment an Ort und Stelle, wo viele Einwohner von Angostura das +schreckliche Ereigniß mit angesehen hatten.</p> +<p>Da das Krokodil vermöge des Baues seines Kehlkopfs, seines +Zungenbeins und der Faltung seiner Zunge seine Beute unter Wasser +wohl packen, aber nicht verschlingen kann, so verschwindet selten +ein Mensch, ohne daß man ganz nahe an der Stelle, wo das Unglück +geschehen, nach ein paar Stunden das Thier zum Vorschein kommen und +am nächsten Ufer seine Beute verschlingen sieht. Weit mehr +Menschen, als man in Europa glaubt, werden alljährlich Opfer ihrer +Unvorsichtigkeit und der Gier der Reptilien. Es kommt besonders in +den Dörfern vor, deren Umgegend häufig überschwemmt wird. Dieselben +Krokodile halten sich lange am nämlichen Orte auf. Sie werden von +Jahr zu Jahr kecker, zumal, wie die Indianer behaupten, wenn sie +einmal Menschenfleisch gekostet haben. Die Thiere sind so schlau, +daß sie sehr schwer zu erlegen sind. Eine Kugel dringt nicht durch +ihre Haut, und der Schuß ist nur dann tödtlich, wenn er in den +Rachen oder in die Achselhöhle trifft. Die Indianer, welche sich +selten der Feuerwaffen bedienen, greifen das Krokodil mit Lanzen +an, sobald es an starken, spitzen eisernen Hacken, auf die Fleisch +gesteckt ist und die mit einer Kette an einem Baumstamm befestigt +sind, angebissen hat. Man geht dem Thier erst dann zu Leibe, wenn +es sich lange abgemüht hat, um vom Eisen, das ihm in der oberen +Kinnlade steckt, loszukommen. Es ist nicht wahrscheinlich, daß man +es je dahin bringt, das Land von Krokodilen zu säubern, da aus +einem Labyrinth zahlloser Flüsse Tag für Tag neue Schwärme vom +Ostabhang der Anden über den Meta und den Apure an die Küsten von +spanisch Guyana herabkommen. Mit dem Fortschritt der Cultur wird +man es nur dahin bringen, daß die Thiere scheuer werden und +leichter zu verscheuchen sind.</p> +<p>Man erzählt rührende Fälle, wo afrikanische Sklaven ihr Leben +aufs Spiel setzten, um ihren Herren das Leben zu retten, die in den +Rachen eines Krokodils gerathen waren. Vor wenigen Jahren ergriff +zwischen Uritucu und der Mission <em>de abaxo</em> in den Llanos +von Calabozo ein Neger auf das Geschrei seines Herrn ein langes +Messer (<em>machette</em>) und sprang in den Fluß. Er stach dem +Thiere die Augen aus und zwang es so, seine Beute fahren zu lassen +und sich unter dem Wasser zu verbergen. Der Sklave trug seinen +sterbenden Herrn ans Ufer, aber alle Versuche, ihn wieder zum Leben +zu bringen, blieben fruchtlos; er war ertrunken, denn seine Wunden +waren nicht tief. Das Krokodil scheint, wie der Hund, beim +Schwimmen die Kinnladen nicht fest zu schließen. Es braucht kaum +erwähnt zu werden, daß die Kinder des Verstorbenen, obgleich sie +sehr arm waren, dem Sklaven die Freiheit schenkten.</p> +<p>Für die Anwohner des Orinoco und seiner Nebenflüsse sind die +Gefahren, denen sie ausgesetzt sind, ein Gegenstand der täglichen +Unterhaltung. Sie haben die Sitten des Krokodils beobachtet, wie +der <strong>Torero</strong> die Sitten des Stiers. Sie wissen die +Bewegungen des Thiers, seine Angriffsmittel, den Grad seiner +Keckheit gleichsam voraus zu berechnen. Sehen sie sich angegriffen, +so greifen sie mit der Geistesgegenwart und Entschlossenheit, die +den Indianern, den Zambos, überhaupt den Farbigen eigen sind, zu +all den Mitteln, die man sie von Kindheit auf kennen gelehrt. In +Ländern, wo die Natur so gewaltig und furchtbar erscheint, ist der +Mensch beständig gegen die Gefahr gerüstet. Wir haben oben erwähnt, +was das junge indianische Mädchen sagte, das sich selbst aus dem +Rachen des Krokodils losgemacht: »Ich wußte, daß es mich fahren +ließ, wenn ich ihm die Finger in die Augen drückte.« Dieses Mädchen +gehörte der dürftigen Volksklasse an, wo die Gewöhnung an physische +Noth die moralische Kraft steigert; es ist aber wahrhaft +überraschend, wenn man in von schrecklichen Erdbeben zerrütteten +Ländern, auf der Hochebene von Quito Frauen aus den höchsten +Gesellschaftsklassen im Augenblick der Gefahr dieselbe +Kaltblütigkeit, dieselbe überlegte Entschlossenheit entwickeln +sieht.</p> +<p>Ich gebe zum Beleg dafür nur Ein Beispiel. Als am 4. Februar +1797 36,000 Indianer in wenigen Minuten ihren Tod fanden, rettete +eine junge Mutter sich und ihre Kinder dadurch, daß sie im +Augenblick, wo der geborstene Boden sie verschlingen wollte, ihnen +zurief, die Arme auszustrecken. Als man gegen das muthige Weib +Verwunderung über eine so außerordentliche Geistesgegenwart +äußerte, erwiderte sie ganz einfach: »Ich habe von Jugend auf +gehört: überrascht dich das Erdbeben im Hause, so stelle dich unter +die Verbindungsthür zwischen zwei Zimmern; bist du im Freien und +fühlst du, daß der Boden unter dir sich aufthut, so strecke beide +Arme aus und suche dich an den Rändern der Spalte zu halten.« So +ist der Mensch in diesen wilden oder häufigen Zerrüttungen +unterworfenen Ländern gerüstet, den Thieren des Waldes +entgegenzutreten, sich aus dem Rachen der Krokodile zu befreien, +sich aus dem Kampf der Elemente zu retten.</p> +<p>So oft in sehr heißen und nassen Jahren bösartige Fieber in +Angostura herrschen, streitet man darüber, ob die Regierung wohl +gethan, die Stadt von <strong>Vieja Guayana</strong> an den +<strong>Engpaß</strong> zwischen der Insel Maruanta und dem Einfluß +des Rio Orocopiche zu verlegen. Man behauptet, der alten Stadt +seyen, da sie näher an der See gelegen, die kühlen Seewinde mehr zu +gut gekommen, und die große Sterblichkeit, die dort geherrscht, sey +nicht sowohl örtlichen Ursachen als der Lebensweise der Einwohner +zuzuschreiben gewesen. An den fruchtbaren, feuchten Ufern des +Orinoco unterhalb des Einflusses des Carony wachsen in +überschwenglicher Menge Wassermelonen (<em>Patillas</em>), Bananen +und Papayas.<sup><a href="#fn90" class="footnoteRef" id="fnref90" +name="fnref90">90</a></sup> Diese Früchte wurden roh gegessen, +sogar unreif, und da das Volk zugleich dem Genuß geistiger Getränke +übermäßig ergeben war, so nahm in Folge dieser unordentlichen +Lebensweise die Volkszahl Jahr um Jahr ab. In den Archiven von +Caracas liegen eine Menge Schriften, die davon handeln, daß die +jeweilige Hauptstadt von Guyana nothwendig verlegt werden müsse. +Nach den mir mitgetheilten Aktenstücken schlug man bald vor, wieder +in die <strong>Fortaleza</strong>, das heißt nach <strong>Vieja +Guayana</strong> zu ziehen, bald die Hauptstadt ganz nahe an der +großen Mündung des Orinoco (zehn Meilen westwärts vom Cap Barima, +am Einfluß des Rio Acquire) anzulegen, bald sie 25 Meilen unterhalb +Angostura auf die schöne Savane zu stellen, auf der das Dorf San +Miguel liegt. Es war allerdings eine engherzige Politik, wenn die +Regierung glaubte, »zur besseren Vertheidigung der Provinz den +Hauptort in der ungeheuern Entfernung von 85 Meilen von der See +anlegen zu müssen und auf dieser Strecke keine Stadt erbauen zu +dürfen, die den Einfällen des Feindes bloßgestellt wäre«. Zu dem +Umstand, daß europäische Fahrzeuge den Orinoco sehr schwer bis +Angostura hinaufkommen (weit schwerer als auf dem Potomac bis +Washington), kommt noch der andere für die Agriculturindustrie sehr +nachtheilige, daß der Mittelpunkt des Handels oberhalb der Stelle +liegt, wo die Ufer des Stroms den Fleiß des Colonisten am meisten +lohnen. Es ist nicht einmal richtig, daß die Stadt Angostura oder +Santo Thome de la Nueva Guayana da angelegt worden, wo im Jahr 1764 +das bebaute Land anfing; damals wie jetzt war die Hauptmasse der +Bevölkerung von Guyana in den Missionen der catalonischen Kapuziner +zwischen den Flüssen Carony und Cuyuni. Nun ist aber dieses Gebiet, +das wichtigste in der ganzen Provinz, wo sich der Feind Hülfsmittel +aller Art verschaffen kann, eben durch <strong>Vieja +Guayana</strong> geschützt — oder man nimmt dieß doch an — in +keiner Weise aber durch die Werke der neuen Stadt Angostura.</p> +<p>Die in Vorschlag gebrachte Stelle bei San Miguel liegt ein Stück +ostwärts vom Einfluß des Carony, also zwischen der See und dem +bevölkertsten Landstriche. Legt man den Hauptort der Provinz noch +weiter unten, ganz nahe am Ausfluß des Orinoco an, wie de Pons +will, so hat man weniger von der Nähe der Caraiben zu besorgen, die +man sich leicht vom Leibe hielte, als vom Umstand, daß der Feind +über die kleinen westlichen Mündungen des Orinoco, die Caños +Macareo und Manamo, den Platz umgehen und in das Innere der Provinz +vordringen könnte. Bei einem Flusse, dessen Delta schon 45 Meilen +von der See den Anfang nimmt, kommen, wenn es sich von der Anlage +einer großen Stadt handelt, zwei Interessen ins Spiel, die +militärische Vertheidigung und die Rücksicht auf Handel und +Ackerbau. Der Handel verlangt, daß die Stadt so nahe als möglich +bei der großen Mündung, der <em>Boca de Navios</em> liege; aus dem +Gesichtspunkt der militärischen Sicherung stände sie besser +oberhalb des Beginns des Delta, westlich vom Punkt, wo der Caño +Manamo vom Hauptstrom abgeht und durch mannigfache Verzweigungen +mit den acht kleinen Mündungen (<em>Boca chicas</em>) zwischen der +Insel Cangrejos und der Mündung des Rio Guarapiche in Verbindung +steht. Die Lage von <strong>Vieja</strong> wie von +<strong>Nueva</strong> Guayana entspricht der letzteren Bedingung. +Die der alten Stadt hat noch den weiteren Vortheil, daß sie in +gewissem Grade die schönen Niederlassungen der catalonischen +Kapuziner am Carony deckt. Man könnte dieselben angreifen, wenn man +am rechten Ufer des <strong>Brazo Imataca</strong> ans Land ginge; +aber die Mündung des Carony, in der die Piroguen die Unruhe des +Wassers von den nahen Katarakten her (<em>Salto de Carony</em>) +spüren, ist durch die Werke von Alt-Guayana vertheidigt.</p> +<p>Ich bin bei dieser Erörterung ins Einzelne gegangen, weil diese +dünn bevölkerten Länder durch die politischen Ereignisse in +neuester Zeit große Wichtigkeit erhalten haben. Ich habe die +verschiedenen Plane besprochen, so weit ich bei meiner Lage und +meinem Verhältniß zur spanischen Regierung die Oertlichkeiten am +untern Orinoco habe kennen lernen. Es ist Zeit, daß man der in den +spanischen und portugiesischen Colonien herrschenden Sucht, Städte +zu versetzen, wie Nomadenlager, entgegentritt. Nicht als ob die +Gebäude in Angostura zu bedeutend und zu fest wären, als daß man an +eine Zerstörung der Stadt denken könnte; bei ihrer Lage am Fuße +eines Felsens scheint sie sich schwer weiter ausdehnen zu können; +aber trotz dieser Uebelstände läßt man doch lieber stehen, was seit +fünfzig Jahren gediehen ist. Unmerklich verknüpft sich mit der +Existenz einer Hauptstadt, so klein sie auch seyn mag, das +Bewußtseyn gesicherter öffentlicher Zustände, und wenn das +Handelsinteresse eine theilweise Abänderung durchaus verlangt, so +könnte man ja später, während Angostura der Sitz der Verwaltung und +der Mittelpunkt der Geschäfte bliebe, näher an der großen Mündung +des Orinoco einen andern Hafen anlegen. So ist ja Guayra der +Stapelplatz von Caracas, und so mag eines Tags Vera Cruz der Hafen +von Xalapa werden. Die Fahrzeuge aus Europa und aus den Vereinigten +Staaten, die mehrere Monate in diesen Strichen verweilen, könnten, +wenn sie wollten, bis Angostura hinauf gehen, die andern nähmen +ihre Ladung im Hafen zunächst der Punta Barima ein, wo sich in +Friedenszeit die Magazine, die Seilerbahnen und die Werfte +befanden. Zur Deckung des Landes zwischen der Hauptstadt und dem +Stapelplatz oder dem <em>Puerto de la Boca grande</em> gegen einen +feindlichen Einfall befestigte man die Ufer des Orinoco may einem +dem Terrain angepaßten Vertheidigungssystem, etwa bei Imataca oder +Zacupana, bei Barancas oder San Rafael (an der Stelle, wo der Caño +Manamo vom Hauptstrom abgeht), bei Vieja Guayana, bei der Insel +Faxardo (dem Einfluß des Carony gegenüber) und beim Einfluß des +Mamo. In diese Werke, die ohne große Kosten zu beschaffen wären, +flüchteten sich auch die Kanonierschaluppen, die an den Punkten +stationirt sind, welche die feindlichen Fahrzeuge, wenn sie gegen +die Strömung heraufsegeln, in Sicht haben müssen, um neue Schläge +zu machen. Diese Vertheidigungsmittel scheinen mir um so dringender +geboten, da sie nur zu lange vernachlässigt worden +sind.<sup><a href="#fn91" class="footnoteRef" id="fnref91" name= +"fnref91">91</a></sup></p> +<p>Die Nordküsten von Südamerika sind größtentheils durch eine +Bergkette gedeckt, die von West nach Ost streichend zwischen dem +Uferstrich und den Llanos von Neu-Andalusien, Barcelona, Venezuela +und Varinas liegt. Diese Küsten haben die Aufmerksamkeit des +Mutterlandes wohl zu ausschließlich in Anspruch genommen: dort +liegen sechs feste Plätze mit schönem, zahlreichem Geschütz, +nämlich Carthagena, San Carlos de Maracaybo, Porto Cabello, la +Guayra, der Moro de Nueva Barcelona und Cumana. Die Ostküsten von +spanisch Amerika, die von Guyana und Buenos Ayres sind niedrig und +ohne Schutz; einem unternehmenden Feinde fällt es nicht schwer, ins +Innere des Landes bis zum Ostabbang der Cordilleren von Neu-Grenada +und Chili vorzudringen. Die Richtung des Rio de la +Plata,<sup><a href="#fn92" class="footnoteRef" id="fnref92" name= +"fnref92">92</a></sup> der durch den Uruguay, Parana und Paraguay +gebildet wird, nöthigt das angreifende Heer, wenn es ostwärts +vordringen will, über die Steppen (Pampas) bis Cordova oder Mendoza +zu ziehen; aber nördlich vom Aequator, in spanisch Guyana bietet +der Lauf des Orinoco<sup><a href="#fn93" class="footnoteRef" id= +"fnref93" name="fnref93">93</a></sup> und seiner beiden großen +Nebenflüsse Apure und Meta in der Richtung eines Parallelkreises +eine Wasserstraße, auf der sich Munition und Lebensmittel leicht +fortbringen lassen. Wer Herr von Angostura ist, dringt nach +Gefallen nordwärts in die Steppen von Cumana, Barcelona und +Caracas, nordwestwärts in die Provinz Varinas, westwärts in die +Provinzen am Casanare bis an den Fuß der Gebirge von Pamplona, +Tunja und Santa Fe de Bogota vor. Zwischen der Provinz spanisch +Guyana und dem reichen, stark bevölkerten, gut angebauten +Uferstrich liegen nur die Niederungen am Orinoco, Apure und Meta. +Die festen Plätze (Cumana, la Guayra und Porto-Cabello) schützen +diese Länder kaum vor einer Landung an der Nordküste. An diesen +Angaben über die Bodenbildung und die gegenwärtige Vertheilung der +festen Punkte mag es genügen. Man ersieht daraus wohl hinlänglich, +daß zur politischen Sicherung der vereinigten Provinzen Caracas und +Neu-Grenada eine Deckung der Orinocomündungen unumgänglich ist, und +daß spanisch Guyana, obgleich kaum urbar gemacht und so dünn +bevölkert, im Kampfe zwischen den Colonien und dem Mutterlande eine +große Bedeutung erlangt. Diese militärische Bedeutung des Landes +erkannte der berühmte Ralegh schon vor zweihundert Jahren. Im +Bericht über seine erste Expedition kommt er öfters daraus zurück, +wie leicht es der Königin Elisabeth wäre, »auf dem Orinoco und den +zahllosen Flüssen, die sich in denselben ergießen,« einen großen +Theil der spanischen Colonien zu erobern. Wir haben oben angeführt, +daß Girolamo Benzoni im Jahr 1545 die Revolutionen auf +St. Domingo, »das in Kurzem Eigenthum der Schwarzen werden +müsse,« vorhersagte. Hier finden wir in einem Werke, das 1596 +erschien, einen Feldzugsplan, der sich durch Ereignisse der +jüngsten Zeit als ganz richtig erwiesen hat.</p> +<p>In den ersten Jahren nach der Gründung stand die Stadt Angostura +in keinem unmittelbaren Verkehr mit dem Mutterland. Die Einwohner +beschränkten sich darauf, dürres Fleisch und Tabak auf die Antillen +und über den Rio Cuyuni in die holländische Provinz am Essequebo zu +schmuggeln. Man erhielt unmittelbar aus Spanien weder Wein, noch +Oel, noch Mehl, die drei gesuchtesten Einfuhrartikel. Im Jahr 1771 +schickten einige Handelsleute die erste Goelette nach Cadix, und +seitdem wurde der direkte Tauschhandel mit den andalusischen und +catalonischen Hafen sehr lebhaft. Seit 1785 nahm die Bevölkerung +von Angostura,<sup><a href="#fn94" class="footnoteRef" id="fnref94" +name="fnref94">94</a></sup> nachdem sie lange sehr zurückgeblieben +war, stark zu; indessen war sie bei meinem Aufenthalt in Guyana +noch weit hinter der Bevölkerung der nächsten englischen Stadt +Stabrock zurück. Die Mündungen des Orinoco haben etwas vor allen +Hafen von Terra Firma voraus: man verkehrt aus denselben am +raschesten mit der spanischen Halbinsel. Man fährt zuweilen von +Cadix zur Punta Barima in 18 bis 20, und nach Europa zurück in 30 +bis 35 Tagen. Da diese Mündungen unter dem Winde aller Inseln +liegen, so können die Schiffe von Angostura einen vortheilhafteren +Verkehr mit den Colonien auf den Antillen unterhalten als Guayra +und Porto Cabello. Die Handelsleute in Caracas sehen daher auch +immer mit eifersüchtigen Blicken auf die Fortschritte der Industrie +in spanisch Guyana, und da Caracas bisher der höchste +Regierungssitz war, so wurde der Hafen von Angostura noch weniger +begünstigt als die Häfen von Cumana und Nueva Barcelona. Der innere +Verkehr ist am lebhaftesten mit der Provinz Varinas. Aus derselben +kommen nach Angostura Maulthiere, Cacao, Indigo, Baumwolle und +Zucker, und sie erhält dafür »<em>Generos</em>,« das heißt +europäische Manufakturprodukte. Ich sah lange Fahrzeuge +(<em>Lanchas</em>) abgehen, deren Ladung auf acht bis zehntausend +Piaster geschätzt wurde. Diese Fahrzeuge fahren zuerst den Orinoco +bis Cabruta, dann den Apure bis San Vicente, endlich den Rio Santo +Domingo bis Torunos hinauf, welches der Stapelplatz von Varinas +Nuevas ist. Die kleine Stadt San Fernando de Apure, die ich oben +beschrieben,<sup><a href="#fn95" class="footnoteRef" id="fnref95" +name="fnref95">95</a></sup> dient als Niederlage bei diesem +Flußhandel, der durch die Einführung der Dampfschifffahrt noch weit +bedeutender werden kann.</p> +<p>Das linke Ufer des Orinoco und alle Mündungen des Stroms, mit +Ausnahme der Boca de Navios, gehören zu der Provinz Cumana. Dieser +Umstand hat schon lange Anlaß zum Projekt gegeben, Angostura +gegenüber (da wo gegenwärtig die Batterie San Rafael steht) eine +neue Stadt zu gründen, um vom Gebiet der Provinz Cumana selbst, und +ohne über den Orinoco sehen zu müssen, die Maulthiere und das dürre +Fleisch der Llanos ausführen zu können. Kleinlichte +Eifersüchteleien, wie sie immer zwischen zwei benachbarten +Regierungen im Schwange sind, werden diesem Plane Vorschub leisten; +aber beim gegenwärtigen Zustand des Ackerbaus im Lande ist zu +wünschen, daß er noch lange vertagt bleibt. Warum sollte man an den +Ufern des Orinoco zwei concurrirende Städte bauen, die kaum 400 +Toisen auseinander lägen?</p> +<p>Ich habe im Bisherigen das Land beschrieben, das wir auf einer +500 Meilen langen Flußfahrt durchzogen; es bleibt jetzt nur noch +das kleine 3,52 Längengrade betragende Stück zwischen der +gegenwärtigen Hauptstadt und Mündung des Orinoco übrig. Eine genaue +Kenntniß des Delta und des Laufs des Rio Carony ist für die +Hydrographie und den europäischen Handel von gleichem Belang. Um +den Flächenraum und die Bildung eines von Flußarmen +durchschnittenen und periodischen Ueberschwemmungen unterworfenen +Landes beurtheilen zu können, hatte ich die astronomische Lage der +Punkte, wo die Spitze und die äußersten Arme des Delta liegen, zu +ermitteln. Churruca, der mit Don Juacquin Fidalgo den Auftrag +hatte, die Nordküsten von Terra Firma und die Antillen aufzunehmen, +hat Länge und Breite der Boca de Manamo, der Punta Baxa und von +Vieja Guayana bestimmt. Aus Espinosas Denkschriften kennen wir die +wahre Lage der Punta Barima, und ich glaube daher, wenn ich nach +den Punkten Puerto España auf der Insel Trinidad und dem Schloß San +Antonio bei Cumana (Punkten, welche durch meine eigenen +Beobachtungen und durch Oltmanns scharfsinnige Untersuchungen +gegeben sind) eine Reduction vornehme und dadurch die absoluten +Längen näher bestimme, hinlänglich genaue Angaben machen zu können. +Es ist wünschenswerth, daß einmal auf einer ununterbrochenen Fahrt +auf chronometrischem Wege die Meridianunterschiede zwischen Puerto +España und den kleinen Mündungen des Orinoco, zwischen San Rafael +(der Spitze des Delta) und Santo Thome de Angostura bestimmt +werden.</p> +<p>Die ganze Ostküste von Südamerika vom Cap San Roque, und +besonders vom Hafen von Maranham bis zum Gebirgsstock von Paria ist +so niedrig, daß, nach meiner Ansicht, das Delta des Orinoco und +seine Bodenbildung nicht wohl den Anschwemmungen Eines Stromes +zugeschrieben werden kann. Ich will nach der Aussage der Alten +nicht in Abrede ziehen, daß das Nildelta einst ein Busen des +Mittelmeers war, der allmählig durch Anschwemmung ausgefüllt wurde. +Es begreift sich leicht, daß sich an der Mündung aller großen +Ströme da, wo die Geschwindigkeit der Strömung rasch abnimmt, eine +Bank, ein Eiland bildet, daß sich Material absetzt, das nicht +weiter geschwemmt werden kann. Es ist ebenso begreiflich, daß der +Fluß, da er um diese Bank herum muß, sich in zwei Arme spaltet, und +daß die Anschwemmungen, da sie an der Spitze des Delta einen +Stützpunkt finden, sich immer weiter ausbreiten, während die +Flußarme aus einander weichen. Der Vorgang bei der ersten Gabelung +wiederholt sich bei jedem einzelnen Stromstück, so daß die Natur +durch denselben Proceß ein Labyrinth kleiner gegabelter Canäle +hervorbringen kann, die sich im Laufe der Jahrhunderte, je nach der +Stärke und der Richtung der Hochgewässer, ausfüllen oder vertiefen. +Auf diese Weise hat sich unzweifelhaft der Hauptstamm des Orinoco +25 Meilen westwärts von der Boca de Ravios in zwei Arme, den von +Zacupana und den von Imataca, getheilt. Das Netz kleinerer Zweige +dagegen, die gegen Nord vom Flusse abgehen und deren Mündungen +<em>bocas chicas</em> (die kleinen Mündungen) heißen, scheint mir +eine Erscheinung, die ganz mit der Bildung der <strong>Deltas von +Nebenflüssen</strong> übereinkommt.<sup><a href="#fn96" class= +"footnoteRef" id="fnref96" name="fnref96">96</a></sup> Wenn mehrere +hundert Meilen von der Küste ein Fluß (z. B. der Apure oder +Jupura) sich mittelst einer Menge von Zweigen mit einem andern Fluß +verbindet, so sind diese mannigfachen Gabelungen nur Rinnen in +einem völlig ebenen Boden. Ebenso verhält es sich mit den +<strong>oceanischen</strong> Deltas überall, wo bei allgemeinen +Ueberfluthungen in Zeiten, bevor Orinoco und Amazonenstrom +bestanden, die Küsten mit erdigen Niederschlägen bedeckt wurden. +Ich bezweifle, daß alle oceanischen Deltas einst Meerbusen, oder, +wie einige neuere Geographen sich ausdrücken, <strong>negative +Deltas</strong> waren. Wem einmal die Mündungen des Ganges, des +Indus, des Senegal, der Donau, des Amazonenstroms, des Orinoco und +des Mississippi geologisch genauer untersucht sind, wird sich +zeigen, daß nicht alle denselben Ursprung haben; man wird dann +zwischen Küsten unterscheiden, die in Folge der sich häufenden +Anschwemmungen rasch in die See hinaus vorrücken, und Küsten, die +sich innerhalb des allgemeinen Umrisses der Continente halten; man +wird unterscheiden zwischen einem, von einem +<strong>gegabelten</strong> Strom gebildeten Landstrich, und den +von ein paar Seitenarmen durchzogenen Niederungen, die zu einem +aufgeschwemmten Lande gehören, das mehrere tausend Quadratmeilen +Flächenraum hat.</p> +<p>Das Delta des Orinoco zwischen der Insel Cangrejos und der Boca +de Manamo (der Landstrich, wo die Guaraons wohnen) läßt sich mit +der Insel Marajo oder Joanes an der Mündung des Amazonenstroms +vergleichen. Dort liegt das aufgeschwemmte Land nördlich, hier +südlich vom Hauptstamm des Stroms. Aber die Insel Joanes schließt +sich nach ihrer Form der allgemeinen Bodenbildung in der Provinz +Maranhao gerade so an, wie die Küste bei den <em>Bocas chicas</em> +des Orinoco den Küsten am Rio Essequebo und am Meerbusen von Paria. +Nichts weist darauf hin, daß einmal letzterer Meerbusen südwärts +von der Boca de Manamo bis Vieja Guayana ins Land hinein gereicht, +oder daß der Amazonenstrom die ganze Bucht zwischen Villa Vistosa +und Gran Para mit seinen Gewässern gefüllt hat. Nicht Alles, was an +den Flüssen liegt, ist ihr Werk. Meist haben sie sich in +aufgeschwemmtem Land ein Bett gegraben, aber diese Anschwemmungen +sind von höherem geologischem Alter, hängen mit den großen +Umwälzungen zusammen, die unser Planet erlitten. Es ist zu +ermitteln, ob zwischen den gegabelten Zweigen eines Flusses der +Schlick nicht auf einer Schicht von Geschieben liegt, wie man sie +sehr weit vom fließenden Wasser findet. Die Arme des Orinoco +weichen auf 47 Seemeilen auseinander; es ist dieß die Breite des +oceanischen Deltas zwischen Punta Barima und der am weitesten nach +West gelegenen <em>Boca chica</em>. Dieser Landstrich ist bis jetzt +nicht genau aufgenommen, und so kennt man auch nicht die Zahl der +Mündungen. Nach der gemeinen Annahme hat der Orinoco ihrer sieben, +und dieß erinnert an die im Alterthum so berufenen <em>septem ostia +Nili</em>. Aber das egyptische Delikt war nicht immer auf diese +Zahl beschränkt, und an den überschwemmten Küsten von Guyana kann +man wenigstens elf ganz ansehnliche Mündungen zählen. Nach der Boca +de Navios, welche die Schiffer an der Punta Barima erkennen, sind +vom größten Werth für die Schifffahrt die Bocas Mariusas, Macareo, +Pedernales und Manamo grande. Der Strich des Deltas westwärts von +der Boca Macareo wird von den Gewässern des Meerbusens von Paria +oder <em>Golfo triste</em> bespült. Dieses Becken wird durch die +Ostküste der Provinz Cumana und die Westküste der Insel Trinidad +gebildet; es steht mit dem Meer der Antillen durch die +vielberufenen <em>Bocas de Dragos</em> (Mündungen des Drachen) in +Verbindung, welche die Küstenpiloten seit Christoph Columbus Zeit +ziemlich uneigentlich als die Mündungen des Orinoco betrachten.</p> +<p>Will ein Schiff von der hohen See her in die Hauptmündung des +Orinoco, die Boca de Navios einlaufen, so muß es die Punta Barima +in Sicht bekommen. Das rechte, südliche Ufer ist das höhere; es +kommt auch nicht weit davon landeinwärts, zwischen dem Caño Barima, +dem Aquire und dem Cuyuni, das Granitgestein auf dem morastigen +Boden zu Tage. Das linke oder nördliche Stromufer, welches über das +Delta bis zur Boca de Mariusas und der Punta Baxa läuft, ist ganz +niedrig; man erkennt es von weitem nur an den Gruppen von +Mauritiapalmen, welche die Landschaft zieren. Der Baum ist der +Sagobaum dieses Landstrichs;<sup><a href="#fn97" class= +"footnoteRef" id="fnref97" name="fnref97">97</a></sup> man gewinnt +daraus das Mehl zum <strong>Yurumabrod</strong>, und die Mauritia +ist keineswegs eine »Küstenpalme«, wie <em>Chamaerops humilis</em>, +wie der gemeine Cocosbaum und Commersons <em>Lodoicea</em>, sondern +geht, als »Sumpfpalme«, bis zu den Quellen des Orinoco +hinauf.<sup><a href="#fn98" class="footnoteRef" id="fnref98" name= +"fnref98">98</a></sup> Während der Ueberschwemmungen nehmen sich +diese Mauritiabüsche wie ein Wald aus, der aus dem Wasser taucht. +Der Schiffer, wenn er bei Nacht durch die Canäle des Orinocodeltas +fährt, sieht mit Ueberraschung die Wipfel der Palmen von großen +Feuern beleuchtet. Dieß sind die an den Baumästen aufgehängten +Wohnungen der Guaraons (Raleghs Tivitivas und Uarauetis). Diese +Völkerschaften spannen Matten in der Luft aus, füllen sie mit Erde +und machen auf einer befeuchteten Thonschicht ihr Haushaltungsfeuer +an. Seit Jahrhunderten verdanken sie ihre Freiheit und politische +Unabhängigkeit dem unfesten, schlammigten Boden, auf dem sie in der +trockenen Jahreszeit umherziehen und auf dem nur sie sicher gehen +können, ihrer Abgeschiedenheit auf dem Delta des Orinoco, ihrem +Leben auf den Bäumen, wohin religiöse Schwärmerei schwerlich je +amerikanische <strong>Styliten</strong><sup><a href="#fn99" class= +"footnoteRef" id="fnref99" name="fnref99">99</a></sup> treibt. Ich +habe schon anderswo bemerkt, daß die Mauritiapalme, der +»Lebensbaum« der Missionäre, den Guaraons nicht nur beim Hochwasser +des Orinoco eine sichere Behausung bietet, sondern ihnen in seinen +schuppigten Früchten, in seinem mehligten Mark, in seinem +zuckerreichen Saft, endlich in den Fasern seiner Blattstiele, +Nahrungsmittel, Wein und Schnüre zu Stricken und Hängematten gibt. +Gleiche Gebräuche wie bei den Indianern auf dem Delta des Orinoco +herrschten früher im Meerbusen von Darien (Uraba) und auf den +meisten zeitweise unter Wasser stehenden Landstrichen zwischen dem +Guarapiche und der Mündung des Amazonenstroms. Es ist sehr +merkwürdig, auf der niedrigsten Stufe menschlicher Cultur das Leben +einer ganzen Völkerschaft an eine einzige Palmenart gekettet zu +sehen, Insekten gleich, die sich nur von Einer Blüthe, vom selben +Theil eines Gewächses nähren.</p> +<p>Es ist nicht zu verwundern, daß die Breite der Hauptmündung des +Orinoco (<em>Boca de Navios</em>) so verschieden geschätzt wird. +Die große Insel Cangrejos ist nur durch einen schmalen Canal von +dem unter Wasser stehenden Boden getrennt, der zwischen den Bocas +Nuina und Mariusas liegt, so daß 20 oder 14 Seemeilen (zu 950 +Toisen) herauskommen, je nachdem man (in einer der Strömung +entgegengesetzten Richtung) von der Punta Barima zum nächsten +gegenüberliegenden Ufer, oder von derselben Punta zum östlichen +Theil der Insel Cangrejos mißt. Ueber die Wasserstraße läuft eine +Sandbank, eine Barre, in 17 Fuß Tiefe; man gibt derselben eine +Breite von 2500 bis 2800 Toisen. Wie beim Amazonenstrom, beim Nil +und allen Flüssen, die sich in mehrere Arme theilen, ist auch beim +Orinoco die Mündung nicht so groß, als man nach der Länge seines +Laufes und nach der Breite, die er noch mehrere hundert Meilen weit +im Lande hat, vermuthen sollte. Man weiß nach Malaspinas Aufnahme, +daß der Rio de la Plata von Punta del Este bei Maldonado bis zum +Cabo San Antonio über 124 Seemeilen (41,3 französische Lieues) +breit ist; fährt man aber nach Buenos Ayres hinauf, so nimmt die +Breite so rasch ab, daß sie <em>Colonia del Sacramento</em> +gegenüber nur noch 21 Seemeilen beträgt. Was man gemeiniglich die +Mündung des Rio de la Plata heißt, ist eben ein Meerbusen, in den +sich der Uruguay und der Parana ergießen, zwei Flüsse, die nicht so +breit sind wie der Orinoco. Um die Größe der Mündung des +Amazonenstroms zu übertreiben, rechnet man die Inseln Marajo und +Caviana dazu, so daß von Punta Tigioca bis zu Cabo del Norte die +ungeheure Breite von 3½ Grad oder 70 französischen Meilen +herauskommt; betrachtet man aber näher das hydraulische System des +Canals Tagypuru, des Rio Tocantins, des Amazonenstroms und des +Araguari, die ihre ungeheuren Wassermassen vereinigen, so sieht +man, daß diese Schätzung rein aus der Luft gegriffen ist. Zwischen +Macapa und dem westlichen Ufer der Insel Marajo (<em>Ilha de +Joanes</em>) ist der eigentliche Amazonenstrom in zwei Arme +getheilt, die zusammen nur 32 Seemeilen (11 Lieues) breit sind. +Weiter unten läuft das Nordufer der Insel Marajo in der Richtung +eines Parallels fort, während die Küste von portugiesisch Guyana +zwischen Macapa und Cabo del Norte von Süd nach Nord streicht. So +kommt es, daß der Amazonenstrom bei den Inseln Maxiana und Caviana, +da wo die Gewässer des Stroms und die des atlantischen Oeeans +zuerst auf einander stoßen, einen gegen 40 Seemeilen breiten +Meerbusen bildet. Der Orinoco steht noch mehr hinsichtlich der +Länge des Laufs als der Breite im Binnenlande dem Amazonenstrom +nach, er ist ein Fluß zweiter Ordnung; man darf aber nicht +vergessen, daß alle diese Eintheilungen nach der Länge des Laufs +oder der Breite der Mündungen sehr willkürlich sind. Die Flüsse der +britannischen Inseln laufen in Meerbusen oder Süßwasserseen aus, in +denen durch die Ebbe und Fluth des Meeres die Wasser periodisch hin +und hergetrieben werden; sie weisen uns deutlich darauf hin, daß +man die Bedeutung eines hydraulischen Systems nicht einzig nach der +Breite der Mündungen schätzen darf. Jede Vorstellung von +<strong>relativer Größe</strong> ist schwankend, so lange man nicht +durch Messung der Geschwindigkeit und des Flächenraums von +Querschnitten die Wassermassen vergleichen kann. Leider sind +Ausnahmen der Art an Bedingungen geknüpft, die der einzelne +Reisende nicht erfüllen kann. So muß man das ganze Flußbett +sondiren können, und zwar in verschiedenen Jahreszeiten. Da +scheinbar sehr breite Flüsse meist nicht sehr tiefe, von mehreren +parallelen Rinnen durchzogene Becken sind<sup><a href="#fn100" +class="footnoteRef" id="fnref100" name="fnref100">100</a></sup> so +führen sie auch weit weniger Wasser, als man auf den ersten Blick +glaubt. Zwischen dem Maximum und dem Minimum des Wasserstandes +während der großen Ueberschwemmungen und in der trockenen +Jahreszeit kann die Wassermasse um das Fünfzehn- bis Zwanzigfache +größer oder kleiner seyn.</p> +<p>Sobald man Punta Barima umsegelt hat und in das Bett des Orinoco +selbst eingelaufen ist, findet man dieses nur 3000 Toisen breit. +Höhere Angaben beruhen auf dem Versehen, daß die Steuerleute den +Fluß auf einer Linie messen, die nicht senkrecht auf die Richtung +der Strömung gezogen ist. Die Insel Cangrejos zu befestigen, bei +der das Wasser vier bis fünf Faden tief ist, wäre unnütz; die +Fahrzeuge wären hier außerhalb Kanonenschußweite. Das Labyrinth von +Canälen, die zu den kleinen Mündungen führen, wechselt Tag für Tag +nach Gestalt und Tiefe. Viele Steuerleute sind der festen Ansicht, +die Caños Cocuina, Pedernales und Macareo, durch welche der +Küstenhandel mit der Insel Trinidad getrieben wird, seyen in den +letzten Jahren tiefer geworden und der Strom ziehe sich immer mehr +von der Boca de Navios weg und wende sich mehr nach Nordwest. Vor +dem Jahr 1760 wagten sich Fahrzeuge mit mehr als 10 bis 12 Fuß +Tiefgang selten in die kleinen Canäle des Delta. Gegenwärtig scheut +man die »kleinen Mündungen« des Okinoco fast gar nicht mehr, und +feindliche Schiffe, welche nie diese Striche befahren haben, finden +an den Guaraons willige, geübte Wegweiser. Die Civilisirung dieser +Völkerschaft, deren Wohnsitze sich zum Orinoco verhalten wie die +der Nhengahybas oder Igaruanas zum Amazonenstrom, ist für jede +Regierung, die am Orinoco Herr bleiben will, von großem Belang.</p> +<p>Ebbe und Fluth sind im April, beim tiefsten Wasserstand, bis +über Angostura hinauf zu spüren, also mehr als 85 Meilen +landeinwärts. Beim Einfluß des Carony, 60 Meilen von der Küste, +steigt das Wasser durch Stauung um einen Fuß drei Zoll. Diese +Schwingungen der Wasserfläche, diese Unterbrechung des Laufs sind +nicht mit der aufsteigenden Fluth zu verwechseln. Bei der großen +Mündung des Orinoco an Cap Barima beträgt die Fluthhöhe 2 bis +3 Fuß, dagegen weiter gegen Nordwest, im <em>Golfo +triste</em>, zwischen der Boca Pedernales, dem Rio Guarapiche und +der Westküste von Trinidad, 7 bis 8, sogar 10 Fuß. So +viel macht auf einer Strecke von 30 bis 40 Meilen der Einfluß des +Umrisses der Küsten aus, sowie der Umstand, daß die Gewässer durch +die Bocas de Dragos langsamer abfließen. Wenn man in ganz neuen +Werken angegeben findet, der Orinoco verursache 2 bis +3 Grad in die hohe See hinaus besondere Strömungen, die Farbe +des Seewassers verändere sich dadurch und im <em>Golfo triste</em> +sey süßes Wasser (Gumillas <em>Mar dulce</em>), so sind das lauter +Fabeln. Die Strömung geht an dieser ganzen Küste von Cap Orange an +nach Nordwest, und der Einfluß der süßen Gewässer des Orinoco auf +die Stärke dieser allgemeinen Strömung, auf die Durchsichtigkeit +und die Farbe des Meerwassers bei reflektirtem Licht ist selten +weiter als 3 bis 4 Meilen nordostwärts von der Insel Cangrejos +zu spüren. Das Wasser im <em>Golfo triste</em> ist gesalzen, nur +weniger als im übrigen Meer der Antillen wegen der kleinen +Mündungen des Orinocodelta und der Wassermasse, welche der Rio +Guarapiche hineinbringt. Aus denselben Gründen gibt es keine +Salzwerke an diesen Küsten, und ich habe in Angostura Schiffe aus +Cadix ankommen sehen, die Salz, ja, was für die Industrie in den +Colonien bezeichnend ist, Backsteine zum Bau der Hauptkirche +geladen hatten.</p> +<p>Den Umstand, daß die unbedeutende Fluth an der Küste im Bette +des Orinoco und des Amazonenstroms so ungemein weit aufwärts zu +spüren ist, hat man bis jetzt als einen sichern Beweis angesehen, +daß beide Ströme auf einer Strecke von 85 und 200 Meilen nur um +wenige Fuß fallen können. Dieser Beweis erscheint aber durchaus +nicht als stichhaltig, wenn man bedenkt, daß die Stärke der sich +fortpflanzenden Schwankungen im Niveau von vielen örtlichen +Umständen abhängig ist, von der Form, den Krümmungen und der Zahl +der in einander mündenden Canäle, vom Widerstand des Grundes, auf +dem die Fluthwelle herauskommt, vom Abprallen des Wassers an den +gegenüberliegenden Ufern und von der Einschnürung des Stroms in +einem Engpaß. Ein gewandter Ingenieur, Bremontier, hat in neuester +Zeit dargethan, daß im Bett der Garonne die Fluthwellen wie auf +einer geneigten Ebene weit über das Niveau der See an der Mündung +des Flusses hinaufgehen. Im Orinoco kommen die ungleich hohen +Fluthen von Punta Barima und vom <em>Golfo triste</em> in +ungleichen Intervallen durch die große Wasserstraße der Boca de +Navios und durch die engen, gewundenen, zahlreichen <em>bocas +chicas</em> herauf. Da diese kleinen Canäle am selben Punkt, bei +San Rafael, vom Hauptstamm abgehen, so wäre es von Interesse, die +Verzögerung des Eintritts der Fluth und die Fortpflanzung der +Fluthwellen im Bett des Orinoco oberhalb und unterhalb San Rafael, +auf der See bei Cap Barima und im <em>Golfo triste</em> bei der +Boca Manamo zu beobachten. Die Wasserbaukunst und die Theorie der +Bewegung von Flüssigkeiten in engen Canälen müßten beide Nutzen aus +einer Arbeit ziehen, für welche der Orinoco und der Amazonenstrom +besonders günstige Gelegenheit boten.</p> +<p>Bei der Fahrt auf dem Fluß, ob nun die Schiffe durch die Boca de +Navios einlaufen oder sich durch das Labyrinth der <em>bocas +chicas</em> wagen, sind besondere Vorsichtsmaßregeln erforderlich, +je nachdem das Bett voll oder der Wasserstand sehr tief ist. Die +Regelmäßigkeit, mit der der Orinoco zu bestimmten Zeiten +anschwillt, war von jeher für die Reisenden ein Gegenstand der +Verwunderung, wie ja auch das Austreten des Nils für die +Philosophen des Alterthums ein schwer zu lösendes Problem war. Der +Orinoco und der Nil laufen, der Richtung des Ganges, Indus, Rio de +la Plata und Euphrat entgegen, von Süd nach Nord; aber die Quellen +des Orinoco liegen um 5 bis 6 Grad näher am Aequator als +die des Nil. Da uns die zufälligen Wechsel im Luftkreise täglich so +stark auffallen, wird uns die Anschauung schwer, daß in großen +Zeiträumen die Wirkungen dieses Wechsels sich gegenseitig +ausgleichen sollen, daß in einer langen Reihe von Jahren die +Unterschiede im durchschnittlichen Betrag der Temperatur, der +Feuchtigkeit und des Luftdrucks von Monat zu Monat ganz unbedeutend +sind, und daß die Natur, trotz der häufigen partiellen Störungen, +in der Reihenfolge der meteorologischen Erscheinungen einen festen +Typus befolgt. Die großen Ströme sammeln die Wasser, die auf einer +mehrere tausend Quadratmeilen großen Erdfläche niederfallen, in +Einen Behälter. So ungleich auch die Regenmenge seyn mag, die im +Lauf der Jahre in diesem oder jenem Thale fällt, auf den +Wasserstand der Ströme von langem Lauf haben dergleichen locale +Wechsel so gut wie keinen Einfluß. Die Anschwellungen sind der +Ausdruck des <strong>mittleren</strong> Feuchtigkeitsstandes im +ganzen Becken; sie treten Jahr für Jahr in denselben Verhältnissen +auf, weil ihr Anfang und ihre Dauer eben auch vom +<strong>Durchschnitt</strong> der scheinbar sehr veränderlichen +Epochen des Eintritts und des Endes der Regenzeit unter den +Breiten, durch welche der Hauptstrom und seine Nebenflüsse laufen, +abhängig sind. Es folgt daraus, daß die periodischen Schwankungen +im Wasserstand der Ströme, gerade wie die unveränderliche +Temperatur der Höhlen und der Quellen, sichtbar darauf hinweisen, +daß Feuchtigkeit und Wärme auf einem Striche von beträchtlichem +Flächenraum von einem Jahr zum andern regelmäßig vertheilt sind. +Dieselben machen starken Eindruck auf die Einbildungskraft des +Volks, wie ja Ordnung in allen Dingen überrascht, wo die ersten +Ursachen schwer zu erfassen sind, wie ja die +Durchschnittstemperaturen aus einer langen Reihe von Monaten und +Jahren den in Verwunderung setzen, der zum erstenmal eine +Abhandlung über klimatische Verhältnisse zu Gesicht bekommt. +Ströme, die ganz in der heißen Zone liegen, zeigen in ihren +periodischen Bewegungen die wundervolle Regelmäßigkeit, die einem +Erdstrich eigen ist, wo derselbe Wind fast immer Luftschichten von +derselben Temperatur herführt, und wo die Declinationsbewegung der +Sonne jedes Jahr zur selben Zeit mit der elektrischen Spannung, mit +dem Aufhören der Seewinde und dem Eintritt der Regenzeit eine +Störung des Gleichgewichts verursacht.<sup><a href="#fn101" class= +"footnoteRef" id="fnref101" name="fnref101">101</a></sup> Der +Orinoco, der Rio Magdalena und der Congo oder Zaire sind die +einzigen großen Ströme im Aequinoctialstrich des Erdballs, die in +der Nähe des Aequators entspringen und deren Mündung in weit +höherer Breite, aber noch innerhalb der Tropen liegt. Der Nil und +der Rio de la Plata laufen in zwei entgegengesetzten Halbkugeln aus +der heißen in die gemäßigte Zone.<sup><a href="#fn102" class= +"footnoteRef" id="fnref102" name="fnref102">102</a></sup> So lange +man den Rio Paragua bei Esmeralda mit dem Rio Guaviare verwechseln +und die Quellen des Orinoco südwestwärts am Ostabhang der Anden +suchte, schrieb man das Steigen des Stroms dem periodischen +Schmelzen des Schnees zu. Dieser Schluß war so unrichtig, als wenn +man früher den Nil durch das Schneewasser aus Abyssinien austreten +ließ. Die Cordilleren von Neu-Grenada, in deren Nähe die +<strong>westlichen Nebenflüsse</strong> des Orinoco, der Guaviare, +der Meta und der Apure entspringen, reichen, mit einziger Ausnahme +der <strong>Paramos</strong> von Chita und Mucuchies, so wenig zu +der Grenze des ewigen Schnees hinauf als die abyssinischen Alpen. +Schneeberge sind im heißen Erdstrich weit seltener, als man +gewöhnlich glaubt; und die Schneeschmelze, die in keiner Jahreszeit +bedeutend ist, wird zur Zeit der Hochwasser des Orinoco keineswegs +stärker. Die Quellen dieses Stroms liegen (ostwärts von Esmeralda) +in <strong>den Gebirgen der Parime</strong>, deren höchste Gipfel +nicht über 1200 bis 1300 Toisen hoch sind, und von Grita bis Neiva +(von 7½ bis 3 Grad der Breite) hat der östliche Zweig der +Cordillere viele Paramos von 1800 bis 1900 Toisen Höhe, aber nur +Eine Gruppe von <strong>Nevados</strong>, das heißt Bergen, höher +als 2400 Toisen, und zwar die fünf <strong>Pichacos de +Chita</strong>. In den schneelosen Paramos von Cundinamarca +entspringen die drei großen Nebenflüsse des Orinoco von Westen her. +Nur kleinere Nebenflüsse, die in den Meta und Apure fallen, nehmen +einige <em>aguas de nieve</em> auf, wie der Rio Casanare, der vom +Nevado de Chita, und der Rio de Santo Domingo, der von der Sierra +Nevada de Merida herunterkommt und durch die Provinz Varinas +läuft.</p> +<p>Die Ursache des periodischen Austretens des Orinoco wirkt in +gleichem Maaße auf alle Flüsse, die im heißen Erdstrich +entspringen. Nach der Frühlings- Tag- und Nachtgleiche verkündet +das Aufhören der Seewinde den Eintritt der Regenzeit. Das Steigen +der Flüsse, die man als natürliche <strong>Regenmesser</strong> +betrachten kann, ist der Regenmenge, die in den verschiedenen +Landstrichen fällt, proportional. Mitten in den Wäldern am obern +Orinoco und Rio Negro schienen mir über 90 bis 100 Zoll Regen im +Jahr zu fallen.<sup><a href="#fn103" class="footnoteRef" id= +"fnref103" name="fnref103">103</a></sup> Die Eingeborenen unter dem +trüben Himmel von Esmeralda und am Atabapo wissen daher auch ohne +die geringste Kenntniß von der Physik, so gut wie einst Eudoxus und +Eratosthenes,<sup><a href="#fn104" class="footnoteRef" id= +"fnref104" name="fnref104">104</a></sup> daß das Austreten großer +Ströme allein vom tropischen Regen herrührt. Der ordnungsmäßige +Verlauf im Steigen und Fallen des Orinoco ist folgender. Gleich +nach der Frühlings- Tag- und Nachtgleiche (das Volk nimmt den 25. +März an) bemerkt man, daß der Fluß zu steigen anfängt, Anfangs nur +um einen Zoll in vierundzwanzig Stunden; im April fällt der Fluß +zuweilen wieder; das Maximum des Hochwassers erreicht er im Juli, +bleibt voll (im selben Niveau) vom Ende Juli bis zum 25. August, +und fällt dann allmählich, aber langsamer, als er gestiegen. Im +Januar und Februar ist er auf dem Minimum. In beiden Welten haben +die Ströme der nördlichen heißen Zone ihre Hochwasser ungefähr zur +selben Zeit. Ganges, Niger und Gambia erreichen wie der Orinoco ihr +Maximum im August.<sup><a href="#fn105" class="footnoteRef" id= +"fnref105" name="fnref105">105</a></sup> Der Nil bleibt um zwei +Monate zurück, sey es in Folge gewisser localer klimatischer +Verhältnisse in Abyssinien, sey es wegen der Länge seines Laufs vom +Lande Berber oder vom 17. Breitengrad bis zur Theilung am +Delta. Die arabischen Geographen behaupten, in Sennaar und +Abyssinien steige der Nil schon im April (ungefähr wie der +Orinoco); in Cairo wird aber das Steigen erst gegen das +Sommersolstitium merklich und der höchste Wasserstand tritt Ende +September ein.<sup><a href="#fn106" class="footnoteRef" id= +"fnref106" name="fnref106">106</a></sup> Aus diesem erhält sich der +Fluß bis Mitte October; das Minimum fällt in April und Mai, also in +eine Zeit, wo in Guyana die Flüsse schon wieder zu steigen +anfangen. Aus dieser raschen Uebersicht ergibt sich, daß, wenn auch +die Form der natürlichen Canäle und locale klimatische Verhältnisse +eine Verzögerung herbeiführen, die große Erscheinung des Steigens +und Fallens der Flüsse in der heißen Zone sich überall gleich +bleibt. Auf den beiden Thierkreisen, die man gewöhnlich den +<strong>tartarischen</strong> und <strong>chaldäischen</strong> +oder egyptischen nennt (auf dem Thierkreis, der das Bild der Ratte, +und auf dem, der die Bilder der Fische und des Wassermanns hat) +beziehen sich besondere Constellationen auf die periodischen +Ueberschwemmungen der Flüsse. Wahre Cykeln, Zeiteintheilungen, +wurden allmählig zu Theilungen des Raums; da aber die physikalische +Erscheinung der Ueberschwemmungen eine so allgemeine ist, so konnte +der Thierkreis, der durch die Griechen auf uns gekommen und der +durch das Vorrücken der Tag- und Nachtgleichen ein geschichtliches +Denkmal von hohem Alter wird, weit von Theben und dem heiligen +Nilthal entstanden seyn. Auf den Thierkreisen der neuen Welt, +z. B. auf dem mexicanischen, kommen auch Zeichen für +<strong>Regen</strong> und <strong>Ueberschwemmung</strong> vor, +die dem Chu (der Ratte) des chinesischen und tibetanischen Cyclus +der Tse und den Fischen und dem Wassermann des zwölftheiligen +Thierkreises entsprechen. Diese zwei mexicanischen Zeichen sind das +<strong>Wasser</strong> (<em>atl</em>) und der +<strong>Cipactli</strong>, das Seeungeheuer mit einem Horn. Dieses +Thier ist zugleich die <strong>Fischgazelle</strong> der Hindus, +der <strong>Steinbock</strong> unseres Thierkreises, der +<strong>Deucalion</strong> der Griechen und der Noah +(<em>Coxcox</em>) der Azteken. So finden wir denn die allgemeinen +Ergebnisse der <strong>vergleichenden Hydrographie</strong> schon +aus den astrologischen Denkmälern, in den Zeiteintheilungen und den +religiösen Ueberlieferungen von Völkern, die geographisch und dem +Grad ihrer Geistesbildung nach am weitesten auseinander liegen.</p> +<p>Da die Aequatorialregen auf den Niederungen eintreten, wenn die +Sonne durch das Zenith des Ortes geht, das heißt wenn ihre +Declination der Zone zwischen dem Aequator und einem der +Wendekreise gleichnamig wird, so fällt das Wasser im Amazonenstrom, +während es im Orinoco merklich steigt. In einer sehr scharfsinnigen +Erörterung über den Ursprung des Rio Congo hat man die Physiker +bereits auf die Modificationen aufmerksam gemacht, welche das +periodische Steigen im Laufe eines Flusses erleiden muß, bei dem +Quellen und Mündung nicht auf derselben Seite der Aequinoctiallinie +liegen. Bei den hydraulischen Systemen des Orinoco und des +Amazonenstromes verwickeln sich die Umstände in noch auffallenderer +Weise. Sie sind durch den Rio Negro und den Cassiquiare, einen Arm +des Orinoco, verbunden, und diese Verbindung bildet zwischen zwei +großen Flußbecken eine schiffbare Linie, über welche der Aequator +läuft. Der Amazonenstrom hält nach Angaben, die mir an den Ufern +desselben gemacht worden, die Epochen des Steigens und Fallens +lange nicht so regelmäßig ein, als der Orinoco; indessen fängt er +meist im December an zu steigen und erreicht sein Maximum im März. +Mit dem Mai fällt er wieder und im Juli und August, also zur Zeit, +wo der untere Orinoco das Land weit und breit überschwemmt, ist +sein Wasser stand im Minimum. Da in Folge der allgemeinen +Bodenbildung kein südamerikanischer Fluß von Süd nach Nord über den +Aequator laufen kann, so äußern die Ueberschwemmungen des Orinoco +Einfluß auf den Amazonenstrom, durch die des letzteren dagegen +erleiden die Oscillationen des Orinoco keine Störung in ihrem Gang. +Aus diesen Verhältnissen ergibt sich, daß beim Amazonenstrom und +dem Orinoco die <strong>concaven und die convexen Spitzen</strong> +der Curve, welche der steigende und fallende Wasserstand +beschreibt, einander sehr regelmäßig entsprechen, da sie den +sechsmonatlichen Unterschied bezeichnen, der durch die Lage der +Ströme in entgegengesetzten Hemisphären bedingt wird. Nur dauert es +beim Orinoco nicht so lange, bis er zu steigen anfängt; er steigt +merklich, sobald die Sonne über den Aequator gegangen ist; der +Amazonenstrom dagegen wächst erst zwei Monate nach dem +Aequinoctium. Bekanntlich tritt in den Wäldern nördlich von der +Linie der Regen früher ein, als in den nicht so stark bewaldeten +Niederungen der südlichen heißen Zone. Zu dieser örtlichen Ursache +kommt eine andere, die vielleicht auch im Spiel ist, wenn der Nil +so spät steigt. Der Amazonenstrom erhält einen großen Theil seiner +Gewässer von der Cordillere der Anden, wo, wie überall in den +Gebirgen, die Jahreszeiten einen eigenthümlichen, dem der +Niederungen meist entgegengesetzten Typus haben.</p> +<p>Das Gesetz des Steigens und Fallens des Orinoco ist in Bezug auf +das räumliche Moment oder die Größe der Schwankungen schwerer zu +ermitteln als hinsichtlich des Zeitlichen, des Eintretens der +Maxima und Minima. Da meine eigenen Messungen des Wasserstandes +sehr unvollständig sind, theile ich Schätzungen, die sehr stark von +einander abweichen, nur unter allem Vorbehalt mit. Die fremden +Schiffer nehmen an, daß der untere Orinoco gewöhnlich um 90 Fuß +steige; Pons, der bei seinem Aufenthalt in Caracas im Allgemeinen +sehr genaue Notizen gesammelt hat, bleibt bei 13 Faden stehen. Der +Wasserstand wechselt natürlich nach der Breite des Betts und der +Zahl der Nebenflüsse, die in den Hauptstamm des Stroms +hereinkommen. Der Nil steigt in Oberegypten um 30 bis 35, bei +Cairo um 25, an der Nordseite des Delta um 4 Fuß. Bei +Angostura scheint der Strom im Durchschnitt nicht über 24 oder +25 Fuß zu steigen. Es liegt hier mitten im Fluß eine Insel, wo +man den Wasserstand so bequem beobachten könnte, wie am Nilmesser +(Megyas) an der Spitze der Insel Rudah. Ein ausgezeichneter +Gelehrter, der sich in neuester Zeit am Orinoco aufgehalten hat, +Zea, wird meine Beobachtungen über einen so wichtigen Punkt +ergänzen: Das Volk glaubt, alle 25 Jahre steige der Orinoco um drei +Fuß höher als sonst; auf diesen Cyclus ist man aber keineswegs +durch genaue Messungen gekommen. Aus den Zeugnissen des Alterthums +geht hervor, daß die Niveauschwankungen des Nil nach Höhe und Dauer +seit Jahrtausenden sich gleich geblieben sind. Es ist dieß ein sehr +beachtenswerther Beweis, daß der mittlere Feuchtigkeits- und +Wärmezustand im weiten Nilbecken sich nicht verändert. Wird diese +Stetigkeit der physikalischen Erscheinungen, dieses Gleichgewicht +der Elemente sich auch in der neuen Welt erhalten, wenn einmal die +Cultur ein paar hundert Jahre alt ist? Ich denke, man kann die +Frage bejahen, denn alles, was die Gesammtkraft des Menschen +vermag, kann auf die allgemeinen Ursachen, von denen das Klima +Guyanas abhängt, keinen Einfluß äußern.</p> +<p>Nach der Barometerhöhe von San Fernando de Apure finde ich, daß +der Fall des Apure und untern Orinoco von dieser Stadt bis zur Boca +de Navios 3½ Zoll auf die Seemeile von 930 Toisen +beträgt.<sup><a href="#fn107" class="footnoteRef" id="fnref107" +name="fnref107">107</a></sup> Man könnte sich wundern, daß bei +einem solchen kaum merklichen Fall die Strömung so stark ist; ich +erinnere aber bei dieser Gelegenheit daran, daß nach Messungen, die +von Hastings angeordnet worden, der Ganges auf einer Strecke von +60 Seemeilen (die Krümmungen eingerechnet) auch nur +4 Zoll auf die Meile fällt und daß die mittlere +Geschwindigkeit dieses Stroms in der trockenen Jahreszeit 3, in der +Regenzeit 6 bis 8 Seemeilen in der Stunde beträgt. Die Stärke der +Strömung hängt also, beim Ganges wie beim Orinoco, nicht sowohl vom +Gefälle des Bettes ab, als von der starken Anhäufung des Wassers im +obern Stromlauf in Folge der starken Regenniederschläge und der +vielen Zuflüsse. Schon seit 250 Jahren sitzen europäische Ansiedler +an den Mündungen des Orinoco, und in dieser langen Zeit haben sich, +nach einer von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzten +Ueberlieferung, die periodischen Oscillationen des Stroms (der +Zeitpunkt, wo er zu steigen anfängt und der höchste Wasserstand) +sich nie um mehr als 12 bis 15 Tage verzögert.</p> +<p>Wenn Fahrzeuge mit großem Tiefgang im Januar und Februar mit dem +Seewind und der Fluth nach Angostura hinaufgehen, so laufen sie +Gefahr, auf dem Schlamm aufzufahren. Die Wasserstraße ändert sich +häufig nach Breite und Richtung; bis jetzt aber bezeichnet noch +nirgends eine Bake die Anschwemmungen, die sich überall im Fluß +bilden, wo das Wasser seine ursprüngliche Geschwindigkeit verloren +hat. Südlich vom Cap Barima besteht sowohl über den Fluß dieses +Namens als über den Rio Moroca und mehrere <em>Esteres +(aestuaria)</em> eine Verbindung mit der englischen Colonie am +Essequebo. Man kann mit kleinen Fahrzeugen bis zum Rio Poumaron, an +dem die alten Niederlassungen Zeland und Middelburg liegen, ins +Land hinein kommen. Diese Verbindung hatte früher für die Regierung +in Caracas nur darum einige Wichtigkeit, weil dadurch dem +Schleichhandel Vorschub geleistet wurde; seit aber Berbice, +Demerary und Essequebo einem mächtigeren Nachbar in die Hände +gefallen sind, betrachten die Hispano-Amerikaner dieselbe aus dem +Gesichtspunkt der Sicherheit der Grenze. Flüsse, die der Küste +parallel laufen und nur 5 bis 6 Seemeilen davon entfernt bleiben, +sind dem Uferstrich zwischen dem Orinoco und dem Amazonenstrom +eigenthümlich.</p> +<p>Zehn Meilen von Cap Barima theilt sich das große Bett des +Orinoco zum erstenmal in zwei 2000 Toisen breite Arme; dieselben +sind unter den indianischen Namen Zacupana und Imataca bekannt. Der +erstere, nördlichere, steht westwärts von den Inseln Cangrejos und +Burro mit den <em>bocas chicas</em> Lauran, Nuina und Mariusas in +Verbindung. Die Insel Burro verschwindet beim Hochwasser, ist also +leider nicht zu befestigen. Das südliche Ufer des <em>brazo</em> +Imataca ist von einem Labyrinth kleiner Wasserrinnen zerschnitten, +in welche sich der Rio Imataca und der Rio Aquire ergießen. Auf den +fruchtbaren Savanen zwischen dem Imataca und dem Cuyuni erhebt sich +eine lange Reihe Granithügel, Ausläufer der Cordillere der Parime, +die südlich von Angostura den Horizont begrenzt, die vielberufenen +Katarakten des Rio Carony bildet und dem Orinoco beim Fort Vieja +Guayana wie ein vorgeschobenes Cap nahe rückt. Die volkreichen +Missionen der Caraiben und Guayanos unter der Obhut der +catalonischen Kapuziner liegen den Quellen des Imataca und des +Aquire zu. Am weitesten gegen Ost liegen die Missionen Miamu, +Cumamu und Palmar auf einem bergigten Landstrich, der sich gegen +Tupuquen, Santa Maria und Villa de Upata hinzieht. Geht man den Rio +Aquire hinauf und über die Weiden gegen Süd, so kommt man zur +Mission Belem de Tumeremo und von da an den Zusammenfluß des Curumu +mit dem Rio Cuyuni, wo früher der spanische Posten oder +<em>destacamento de Cuyuni</em> lag. Ich mache diese einzelnen +topographischen Angaben, weil der Rio Cuyuni oder Cuduvini auf eine +Strecke von 2½ bis 3 Längegraden dem Orinoco parallel von Ost nach +West läuft, und eine vortreffliche natürliche Grenze zwischen dem +Gebiet von Caracas und englisch Guyana abgibt.</p> +<p>Die beiden Arme des Orinoco, der Zacupana und Imataca, bleiben +14 Meilen weit getrennt; weiter oben findet man die Gewässer des +Stroms in Einem sehr breiten Bett beisammen. Dieses Stromstück ist +gegen 8 Meilen lang; an seinem westlichen Ende erscheint eine +zweite Gabelung, und da die Spitze des Deltas im nördlichen Arm des +gegebenen Flusses liegt, so ist dieser Theil des Orinoco für die +militärische Vertheidigung des Landes von großer Bedeutung. Alle +Canäle, die den <em>bocas chicas</em> zulaufen, entspringen am +selben Punkt aus dem Stamme des Orinoco. Der Arm (Caño Manamo), der +beim Dorfe San Rafael abgeht, verzweigt sich erst nach einem Lauf +von 3 bis 4 Meilen, und ein Werk, das man oberhalb der Insel +Chaguanes anlegte, würde Angostura gegen einen Feind decken, der +durch eine der <em>bocas chicas</em> eindringen wollte. Zu meiner +Zeit lagen die Kanonierschaluppen östlich von San Rafael, am +nördlichen Ufer des Orinoco. Diesen Punkt müssen die Fahrzeuge in +Sicht bekommen, die durch die nördliche Wasserstraße bei San +Rafael, welche die breiteste, aber seichteste ist, nach Angostura +hinaufsegeln.</p> +<p>Sechs Meilen oberhalb des Punktes, wo der Orinoco einen Zweig an +die <em>bocas chicas</em> abgibt, liegt das alte Fort (<em>los +castillos de la Vieja</em> oder <em>Antigua Guayana</em>), das im +sechzehnten Jahrhundert zuerst angelegt wurde. An diesem Punkt +liegen viele felsigte Eilande im Strom, der hier gegen 650 Toisen +breit seyn soll. Die Stadt ist fast ganz zerstört, aber die Werke +stehen noch und verdienen alle Aufmerksamkeit von Seiten der +Regierung von Terra Firma. In der Batterie auf einem Hügel +nordwestwärts von der alten Stadt hat man eine prachtvolle +Aussicht. Bei Hochwasser ist die alte Stadt ganz von Wasser +umgeben. Lachen, die in den Orinoco münden, bilden natürliche +Bassins für Schiffe, welche auszubessern sind. Hoffentlich, wenn +der Frieden diesen schönen Ländern wieder geschenkt ist und keine +engherzige Staatskunst mehr den Fortschritt der Industrie hemmt, +werden sich Werften an diesen Lachen bei Vieja Guayana erheben. +Kein Strom nach dem Amazonenstrom kann aus den Wäldern, durch die +er läuft, so prächtiges Schiffsbauholz liefern. Diese Hölzer aus +den großen Familien der Laurineen, der Guttiferen, der Rutaceen und +der baumartigen Schotengewächse bieten nach Dichtigkeit, +specifischer Schwere und mehr oder weniger harziger Beschaffenheit +alle nur wünschenswerthen Abstufungen. Was im Lande allein fehlt, +das ist ein leichtes, elastisches Mastholz mit parallelen Fasern, +wie die Nadelhölzer der gemäßigten Landstriche und der hohen +Gebirge unter den Tropen es liefern.</p> +<p>Ist man an den Werken von Vieja Guayana vorbei, so wird der +Orinoco wieder breiter. Hinsichtlich des Anbaus des Landes zeigen +beide Ufer einen auffallenden Contrast. Gegen Nord sieht man nur +den öden Strich der Provinz Cumana, die unbewohnten Steppen +(<em>Llanos</em>), die sich bis jenseits der Quellen des Rio Maine, +dem Plateau oder der Mesa von Guanipa zu, erstrecken. Südwärts +sieht man drei volkreiche Dörfer, die zu den Missionen am Carony +gehören, San Miguel de Uriala, San Felix und San Joaquin. Letzteres +Dorf, am Carony unmittelbar unterhalb des großen Katarakts gelegen, +gilt für den Stapelplatz der catalonischen Missionen. Fährt man +weiter gegen West, so hat der Steuermann zwischen der Mündung des +Carony und Angostura die Klippen Guarampo, die Untiefe des Mamo und +die <em>Piedra del Rosario</em> zu vermeiden. Ich habe nach dem +umfangreichen Material, das ich mitgebracht, und nach den +astronomischen Untersuchungen, deren Hauptergebnisse ich oben +mitgetheilt, eine Karte des Landes zwischen dem Delta des Orinoco, +dem Carony und dem Cuyuni entworfen. Es ist dieß der Theil von +Guyana, der wegen der Nähe der Küste eines Tags für europäische +Ansiedler die meiste Anziehungskraft haben wird.</p> +<p>In ihrem gegenwärtigen Zustande steht die ganze Bevölkerung +dieser großen Provinz, mit Ausnahme einiger spanischer Kirchspiele +(<em>Pueblos y villas de Espanoles</em>), unter der Regierung +zweier Mönchsorden. Schätzt man die Zahl der Einwohner von Guyana, +die nicht in wilder Unabhängigkeit leben, auf 35,000, so leben etwa +24,000 in den Missionen und sind dem unmittelbaren Einfluß des +weltlichen Arms so gut wie entzogen. Zur Zeit meiner Reise hatte +das Gebiet der Franciskaner von der Congregation der Observanten +7300 Einwohner, das der <em>Capuchinos catalanes</em> 17,000; ein +auffallendes Mißverhältniß, wenn man bedenkt, wie klein letzteres +Gebiet ist gegenüber den ungeheuren Uferstrecken am obern Orinoco, +Atabapo, Cassiquiare und Rio Negro. Aus diesen Angaben geht hervor, +daß gegen zwei Drittheile der Bevölkerung einer Provinz von 16,800 +Meilen Flächeninhalt zwischen dem Rio Imataca und der Stadt Santo +Thome de Angostura auf einem 55 Meilen langen und 30 Meilen breiten +Strich zusammengedrängt sind. Diese beiden mönchischen Regierungen +sind den Weißen gleich unzugänglich und bilden einen <em>status in +statu</em>. Ich habe bisher nach meinen eigenen Beobachtungen die +der Observanten beschrieben, und es bleibt mir jetzt noch übrig +mitzutheilen, was ich über das andere Regiment, das der +catalonischen Kapuziner, in Erfahrung gebracht. Verderbliche +bürgerliche Zwiste und epidemische Fieber haben in den letzten +Jahren den Wohlstand der Missionen am Carony, nachdem er lange im +Zunehmen gewesen, heruntergebracht; aber trotz dieser Verluste ist +der Landstrich, den wir besuchen wollen, noch immer +nationalökonomisch sehr interessant.</p> +<p>Die Missionen der catalonischen Kapuziner hatten im Jahr 1804 +zum wenigsten 60,000 Stücke Vieh auf den Savanen, die sich vom +östlichen Ufer des Carony und Paragua bis zu den Ufern des Imataca, +Curumu und Cuyuni erstrecken; sie grenzen gegen Südost an das +englische Guyana oder die Colonie Essequebo, gegen Süd, an den öden +Ufern des Paragua und Paraguamusi hinauf und über die Cordillere +von Pacaraimo, laufen sie bis zu den portugiesischen +Niederlassungen am Rio Branco. Dieser ganze Landstrich ist offen, +voll schöner Savanen, ganz anders als das Land, über das wir am +obern Orinoco gekommen sind. Undurchdringlich werden die Wälder +erst dem Süden zu, gegen Nord sind Wiesgründe, von bewaldeten +Hügeln durchschnitten. Die malerischsten Landschaften sind bei den +Fällen des Carony und in der 250 Toisen hohen Bergkette zwischen +den Neben- flüssen des Orinoco und denen des Cuyuni. Hier liegen +Villa de Upata, der Hauptort der Missionen, Santa Maria und +Cupapui. Auf kleinen Hochebenen herrscht ein gesundes, gemäßigtes +Klima; Cacao, Reis, Baumwolle, Indigo und Zucker wachsen überall in +Fülle, wo der unberührte, mit dicker Grasnarbe bedeckte Boden +beackert wird. Die ersten christlichen Niederlassungen reichen, +glaube ich, nicht über das Jahr 1721 hinauf. Die Elemente der +gegenwärtigen Bevölkerung sind drei indianische Völkerschaften, die +Guayanos, die Caraiben und die Guaicas. Letztere sind ein +Gebirgsvolk und lange nicht von so kleinem Wuchse, wie die Guaicas, +die wir in Esmeralda getroffen<sup><a href="#fn108" class= +"footnoteRef" id="fnref108" name="fnref108">108</a></sup> Sie sind +schwer an die Scholle zu fesseln und die drei jüngsten Missionen, +in denen sie beisammen lebten, Cura, Curucuy und Arechica, find +bereits wieder eingegangen. Von den Guayanos erhielt im sechzehnten +Jahrhundert diese ganze weite Provinz ihren Namen; sie sind nicht +so intelligent, aber sanftmüthiger, und leichter, wenn nicht zu +civilisiren, doch zu bändigen, als die Caraiben. Ihre Sprache +scheint zum großen Stamm der caraibischen und tamanakischen +Sprachen zu gehören. Sie ist mit denselben in den Wurzeln und +grammatischen Formen verwandt, wie unter sich Sanscrit, Persisch, +Griechisch und Deutsch. Bei etwas, das seinem Wesen nach unbestimmt +ist, lassen sich nicht leicht feste Formen aufstellen, und man +verständigt sich sehr schwer über die Unterschiede zwischen +Dialekt, abgeleiteter Sprache und Stammsprache. Durch die Jesuiten +in Paraguay kennen wir in der südlichen Halbkugel eine andere Horde +Guayanos, die in den dichten Wäldern am Parana leben. Obgleich sich +nicht in Abrede ziehen läßt, daß die Völker, die nördlich und +südlich vom Amazonenstrom hausen, durch weite Wanderzüge in +gegenseitige Verbindung getreten sind, so möchte ich doch nicht +entscheiden, ob jene Guayanos am Parana und Uragay mit denen am +Carony mehr gemein haben, als einen gleichlautenden Namen, was auf +einem Zufall beruhen kann.</p> +<p>Die bedeutendsten christlichen Niederlassungen liegen jetzt +zwischen den Bergen bei Santa Maria, der Mission San Miguel und dem +östlichen Ufer des Carony, von San Buenaventura bis Guri und dem +Stapelplatz San Joaquin, auf einem Landstrich von nur 460 +Quadratmeilen beisammen. Gegen Ost und Süd sind die Savanen fast +gar nicht bewohnt; dort liegen nur weit zerstreut die Missionen +Belem, Tumuremo, Tupuquen, Puedpa und Santa Clara. Es wäre zu +wünschen, daß der Boden vorzugsweise abwärts von den Flüssen bebaut +würde, wo das Terrain höher und die Luft gesunder ist. Der Rio +Carony, ein herrlich klares, an Fischen armes Wasser, ist von Villa +de Barceloneta an, die etwas über dem Einfluß des Paragua liegt, +bis zum Dorfe Guri frei von Klippen. Weiter nordwärts schlängelt er +sich zwischen zahllosen Eilanden und Felsen durch, und nur die +kleinen Canoes der Caraiben wagen sich in diese Raudales oder +Stromschnellen des Carony hinein. Zum Glück theilt sich der Fluß +häufig in mehrere Arme, so daß man denjenigen wählen kann, der nach +dem Wasserstand am wenigsten Wirbel und Klippen über dem Wasser +hat. Der große <strong>Salto</strong>, vielberufen wegen der +malerischen Reize der Landschaft, liegt etwas oberhalb des Dorfes +Aguacagua oder Carony, das zu meiner Zeit eine Bevölkerung von 700 +Indianern hatte. Der Wasserfall soll 15—20 Fuß hoch seyn, aber die +Schwelle läuft nicht über das ganze mehr als 300 Fuß breite +Flußbett. Wenn sich einmal die Bevölkerung mehr gegen Ost +ausbreitet, so kann sie die kleinen Flüsse Imataca und Aquire +benützen, die ziemlich gefahrlos zu befahren sind. Die Mönche, die +gern einsam hausen, um sich der Aufsicht der weltlichen Macht zu +entziehen, wollten sich bis jetzt nicht am Orinoco ansiedeln. +Indessen können die Missionen am Carony nur auf diesem Fluß oder +auf dem Cuyuni und dem Essequebo ihre Produkte ausführen. Der +letztere Weg ist noch nicht versucht worden, obgleich an einem der +bedeutendsten Nebenflüsse des Cuyuni, am Rio Juruario, bereits +mehrere christliche Niederlassungen liegen. Dieser Nebenfluß zeigt +bei Hochgewässer die merkwürdige Erscheinung einer Gabelung; er +steht dann über den Juraricuima und den Aurapa mit dem Rio Carony +in Verbindung, so daß der Landstrich zwischen dem Orinoco, der See, +dem Cuyuni und dem Carony zu einer wirklichen Insel wird. +Furchtbare Stromschnellen erschweren die Schifffahrt auf dem obern +Cuyuni; man hat daher in der neuesten Zeit versucht, einen Weg in +die Colonie Essequebo viel weiter gegen Südost zu bahnen, wobei man +an den Cuyuni weit unterhalb der Mündung des Cucumu käme.</p> +<p>In diesem ganzen südlichen Landstrich ziehen Horden unabhängiger +Caraiben umher, die schwachen Reste des kriegerischen Volksstammes, +der sich bis zu den Jahren 1733 und 1735 den Missionären so +furchtbar machte, um welche Zeit der ehrwürdige Bischof Gervais de +Labrid,<sup><a href="#fn109" class="footnoteRef" id="fnref109" +name="fnref109">109</a></sup> Canonicus des Metropolitancapitels zu +Lyon, der Pater Lopez und mehrere andere Geistliche von den +Caraiben erschlagen wurden. Dergleichen Unfälle, die früher +ziemlich häufig vorkamen, sind jetzt nicht mehr zu befahren, weder +in den Missionen am Carony noch in denen am Orinoco; aber die +unabhängigen Caraiben sind wegen ihres Verkehrs mit den +holländischen Colonisten am Essequebo für die Regierung von Guyana +noch immer ein Gegenstand des Mißtrauens und des Hasses. Diese +Stämme leisten dem Schleichhandel an den Küsten und durch die +Canäle oder <em>Esteres</em> zwischen dem Rio Barima und dem Rio +Moroca Vorschub; sie treiben den Missionären das Vieh weg und +verleiten die neubekehrten Indianer (die <strong>unter der +Glocke</strong> leben), wieder in den Wald zu laufen. Die freien +Horden haben überall den natürlichen Trieb, sich den Fort- +schritten der Cultur und dem Vordringen der Weißen zu widersetzen. +Die Caraiben und Aruacas verschaffen sich in Essequebo und Demerary +Feuergewehre, und als der Handel mit amerikanischen Sklaven +(<em>poitos</em>) in Blüthe stand, betheiligten sich Abenteurer von +holländischem Blut an den Einfällen an den Paragua, Erevato und +Ventuario. Die <strong>Menschenjagd</strong> wurde an diesen +Flüssen betrieben, wie wahrscheinlich noch jetzt am Senegal und +Gambia. In beiden Welten haben die Europäer dieselben Kunstgriffe +gebraucht, dieselben Unthaten begangen, um einen Handel zu treiben, +der die Menschheit schändet. Die Missionäre am Carony und Orinoco +schreiben alles Ungemach, das sie von den freien Caraiben zu +erdulden haben, dem Hasse ihrer Nachbarn, der calvinistischen +Prädicanten am Essequebo, zu. Ihre Schriften sind daher auch voll +Klagen über die <em>secta diabolica de Calvins y de Lutero</em> und +gegen die Ketzer in holländisch Guyana, die sich zuweilen +herausnehmen, das Missionswesen zu treiben und Keime der Gesittung +unter den Wilden ausstreuen zu wollen.</p> +<p>Unter allen vegetabilischen Erzeugnissen dieses Landes ist durch +die Betriebsamkeit der catalonischen Kapuziner der Baum, von dem +die <strong>Cortex Angosturae</strong> kommt, fälschlich »China von +Carony« genannt, am berühmtesten geworden. Wir haben ihn zuerst als +eine neue von der <em>Cinchona</em> ganz verschiedene Gattung der +Familie der Meliaceen bekannt gemacht. Früher meinte man, dieses +wirksame Arzneimittel aus Südamerika komme von der <em>Brucea +ferruginea</em>, die in Abyssinien wächst, von der <em>Magnolia +glauca</em> und der <em>Magnolia Plumieri</em>. Während der +schweren Krankheit meines Reisegefährten schickte Navago einen +vertrauten Mann in die Missionen am Carony und ließ uns durch die +Kapuziner in Upata blühende Zweige des Baumes verschaffen, den wir +wünschten beschreiben zu können. Wir bekamen sehr schöne Exemplare, +deren 18 Zoll lange Blätter einen sehr angenehmen aromatischen +Geruch verbreiteten. Wir sahen bald, daß der +<strong>Cuspare</strong> (dieß ist der indianische Name der +Cascarilla oder der <em>Corteza del Angostura</em>) eine neue +Gattung bildet; und bei Uebersendung von Orinocopflanzen an +Willdenow ersuchte ich diesen, die Gattung nach Bonpland zu +benennen. Der jetzt unter dem Namen <em>Bonplandia trifoliata</em> +bekannte Baum wächst 5 bis 6 Meilen vom östlichen Ufer des Carony +am Fuß der Hügel, welche die Missionen Copapui, Upata und Alta +Gracia einschließen. Die Caraiben gebrauchen einen Aufguß der Rinde +des Cuspare als ein stärkendes Mittel. Bonpland hat denselben Baum +westwärts von Cumana im Meerbusen Santa Fe entdeckt, und dort kann +er für Neu-Andalusien ein Ausfuhrartikel werden.</p> +<p>Die catalonischen Mönche bereiten ein Extrakt aus der <em>Cortex +Angosturae</em>, das sie in die Klöster ihrer Provinz versenden und +das im nördlichen Europa bekannter zu seyn verdiente. Hoffentlich +wird die gegen Fieber und Ruhr so wirksame Rinde der Bonplandia +auch ferner angewendet, obgleich man unter dem Namen »falsche +Angostura« eine andere Rinde eingeführt hat, die mit jener häufig +verwechselt wird. Diese »falsche Angostura« oder »Angostura +pseudo-ferruginosa« kommt, wie man behauptet, von der <em>Brucea +antidysenterica</em>; sie wirkt sehr stark auf die Nerven, bringt +heftige Anfälle von Starrkrampf hervor und enthält nach Pelletiers +und Caventous Versuchen ein eigenthümliches Alcali, das mit dem +Morphium und dem Strychnin Aehnlichkeit hat. Der Baum, von dem die +ächte <em>Cortex Angosturae</em> kommt, ist nicht sehr häufig, und +es erscheint daher als wünschenswerth, daß man ihn anpflanzt. Die +catalonischen Ordensleute sind ganz dazu geeignet, diesen +Culturzweig in Aufnahme zu bringen. Sie sind haushälterischer, +betriebsamer und rühriger als die andern Missionäre. Bereits haben +sie in einigen Dörfern Gerbereien und Baumwollenspinnereien +angelegt, und wenn sie fortan die Indianer der Früchte ihrer Arbeit +genießen lassen, so finden sie sicher an der eingeborenen +Bevölkerung kräftige Unterstützung. Da hier die Mönche auf kleinem +Gebiet beisammen leben, fühlen sie ihre politische Bedeutung, und +sie haben zu wiederholten malen der weltlichen Gewalt, wie der des +Bischofs Widerstand geleistet. Die Statthalter in Angostura haben +mit sehr ungleichem Erfolg mit ihnen gekämpft, je nachdem das +Ministerium in Madrid sich der kirchlichen Hierarchie gefällig +erzeigen wollte oder ihre Macht zu beschränken suchte. Im Jahr 1768 +ließ Don Manuel Centurion den Missionären über 20,000 Stücke Vieh +wegnehmen und sie unter die dürftigsten Einwohner vertheilen. Diese +auf ziemlich ungesetzliche Weise geübte Freigebigkeit hatte +wichtige Folgen. Der Statthalter wurde auf die Klage der +catalonischen Mönche abgesetzt, obgleich er das Gebiet der +Missionen gegen Süd bedeutend erweitert und über dem Zusammenfluß +des Carony mit dem Paragua die <strong>Villa</strong> Barceloneta +und bei der Vereinigung des Paragua mit dem Paraguamusi die +<strong>Ciudad</strong> Guirior gegründet hatte. Seit jener Zeit +bis auf die politischen Stürme, welche gegenwärtig in den +spanischen Colonien toben, vermied die bürgerliche Behörde +sorgfältig jede Einmischung in die Angelegenheiten der Kapuziner. +Man gefällt sich darin, ihren Wohlstand zu übertreiben, wie man +früher bei den Jesuiten in Paraguay gethan.</p> +<p>Die Missionen am Carony vereinigen in Folge der +Bodenbildung<sup><a href="#fn110" class="footnoteRef" id="fnref110" +name="fnref110">110</a></sup> und des Wechsels von Savanen und +Ackerland die Vorzüge der Llanos von Calabozo und der Thäler von +Aragua. Der wahre Reichthum des Landes beruht auf der Viehzucht und +dem Bau von Colonialprodukten. Es ist zu wünschen, daß hier, wie in +der schönen, fruchtbaren Provinz Venezuela, die Bevölkerung dem +Landbau treu bleibt und nicht so bald darauf ausgeht, Erzgruben zu +suchen. Deutschlands und Mexikos Beispiel beweist allerdings, daß +Bergbau und eine blühende Landwirthschaft keineswegs unverträglich +sind; aber nach Volkssagen kommt man über die Ufer des Carony zum +See Dorado und zum Palast des <strong>vergoldeten +Mannes</strong>,<sup><a href="#fn111" class="footnoteRef" id= +"fnref111" name="fnref111">111</a></sup> und da dieser See und +dieser Palast ein <strong>Localmythus</strong> sind, so wäre es +gefährlich Erinnerungen zu wecken, die sich allmählig zu verwischen +beginnen. Man hat mich versichert, noch bis zum Jahr 1760 seyen die +freien Caraiben zum Cerro de Pajarcima, einem Berg südlich von +Vieja Guyana gekommen, um das verwitterte Gestein auszuwaschen. Der +dabei gewonnene Goldstaub wurde in Calebassen der Crescentia Cujete +aufbewahrt und in Essequebo an die Holländer verkauft. Noch später +mißbrauchten mexicanische Bergleute die Leichtgläubigkeit des +Intendanten von Caracas, Don Jose Avalo, und legten mitten in den +Missionen am Carony, bei der Villa Upata in den Cerros del Potrero +und Chirika große Hüttenwerke an. Sie erklärten, die ganze +Gebirgsart sey goldhaltig und man baute Werkstätten und +Schmelzöfen. Nachdem man beträchtliche Summen verschleudert, zeigte +es sich, daß die Kiese keine Spur von Gold enthielten. Diese +Versuche, so fruchtlos sie waren, riefen den alten +Aberglauben<sup><a href="#fn112" class="footnoteRef" id="fnref112" +name="fnref112">112</a></sup> wach, daß in Guyana »jedes glänzende +Gestein <em>una madre del oro</em> sey.« Man begnügte sich nicht +damit, Glimmerschiefer zu schmelzen; bei Angostura zeigte man mir +Schichten von Hornblendeschiefer ohne fremdartige Beimengung, die +man unter dem wunderlichen Namen: schwarzes Golderz, <em>oro +negro</em>, ausbeutete.</p> +<p>Zur Vervollständigung der Beschreibung des Orinoco theile ich an +dieser Stelle die Hauptergebnisse meiner Untersuchungen über den +<strong>Dorado</strong>, über das <strong>weiße Meer</strong> oder +<strong>Laguna Parime</strong> und die Quellen des Orinoco mit, wie +sie auf den neuesten Karten gezeichnet sind. Die Vorstellung von +einem überschwenglich reichen Goldlande war seit dem Ende des +sechzehnten Jahrhunderts mit der andern verbunden, daß ein großer +Binnensee den Orinoco, Rio Branco und den Rio Essequebo zugleich +mit Wasser speise. Ich glaube durch genauere Kenntniß der +Oertlichleiten, durch langes, mühsames Studium der spanischen +Schriftsteller, die vom <strong>Dorado</strong> handeln, besonders +aber durch Vergleichung sehr vieler alten, chronologisch geordneten +Karten den Quellen dieses Irrthums auf die Spur gekommen zu seyn. +Allen Mährchen liegt etwas Wirkliches zu Grunde; das vom Dorado +gleicht den Mythen des Alterthums, die bei ihrer Wanderung von Land +zu Land immer den verschiedenen Oertlichkeiten angepaßt wurden. Um +Wahrheit und Irrthum zu unterscheiden, braucht man in den +Wissenschaften meistens nur die Geschichte der Vorstellungen und +ihre allmählige Entwicklung zu verfolgen. Die Untersuchung, mit der +ich dieses Kapitel beschließe, ist nicht allein deßhalb von Belang, +weil sie Licht verbreitet über die Vorgänge bei der Eroberung und +über die lange Reihe unglücklicher Expeditionen, die unternommen +worden, um den Dorado zu suchen, und deren letzte (man schämt sich, +es sagen zu müssen) in das Jahr 1775 fällt; neben diesem rein +historischen Interesse haben sie noch ein anderes unmittelbareres +und allgemeineres: sie können dazu dienen, die Geographie von +Südamerika zu berichtigen, und auf den Karten, die gegenwärtig +erscheinen, die großen Seen und das seltsame Flußnetz auszumerzen, +die wie auf gerathewohl zwischen dem 60. und 69. Längengrad +eingezeichnet werden. In Europa glaubt kein Mensch mehr an die +Schätze in Guyana und an das Reich des großen +<strong>Patiti</strong>. Die Stadt Manoa und ihre mit massiven +Goldplatten bedeckten Paläste sind längst verschwunden; aber der +geographische Apparat, mit dem die Sage vom Dorado aufgeputzt war, +der See Parime, in dem sich, wie im See bei Mexiko, so viele +herrliche Gebäude spiegelten, wurde von den Geographen gewissenhaft +beibehalten. Im Laufe von drei Jahrhunderten erlitten dieselben +Sagen verschiedene Umwandlungen; aus Unkenntniß der amerikanischen +Sprachen hielt man Flüsse für Seen und Trageplätze für +Flußverzweigungen; man rückte einen See (den Cassipa) um 5 +Breitegrade zu weit nach Süd, während man einen andern (den Parime +oder Dorado) hundert Meilen weit weg vom westlichen Ufer des Rio +Branco auf das östliche versetzte. Durch solch mancherlei +Umwandlungen ist das Problem, das uns hier vorliegt, weit +verwickelter geworden, als man gewöhnlich glaubt. Der Geographen, +welche bei Entwerfung einer Karte die drei Fundamentalpunkte, die +Maße, die Vergleichung der beschreibenden Schriften und die +etymologische Untersuchung der Namen immer im Auge haben, sind sehr +wenige. Fast alle seit 1775 erschienenen Karten von Südamerika +sind, was das Binnenland zwischen den Steppen von Venezuela und dem +Amazonenstrom, zwischen dem Ostabhang der Anden und den Küsten von +Cayenne betrifft, reine Copien der großen spanischen Karte des la +Cruz Olmedilla. Eine Linie darauf, welche den Landstrich +bezeichnet, den Don Jose Solano entdeckt und durch seine Truppen +und Emissäre zur Ruhe gebracht haben wollte, hielt man für den +<strong>Weg</strong>, den der Commissär zurückgelegt, während er +nie über San Fernando de Atabapo, das 160 Meilen vom angeblichen +See Parime liegt, hinausgekommen ist. Man versäumte es, das Werk +des Pater Caulin zu Rathe zu ziehen, des Geschichtschreibers von +Solanos Expedition, der nach den Angaben der Indianer sehr klar +auseinandersetzt, »wie der Name des Flusses Parime das Mährchen vom +Dorado und einem Binnenmeer veranlaßt hat«. Ganz unbenützt ließ man +ferner eine Karte vom Orinoco, die <strong>drei Jahre +jünger</strong> ist als die von la Cruz; und die von Surville nach +dem ganzen zuverlässigen wie hypothetischen Material in den +Archiven des <em>Despacho universal de Indias</em> gezeichnet +wurde. Die Fortschritte der Geographie, soweit sie sich auf den +Karten zu erkennen geben, sind weit langsamer, als man nach der +Menge brauchbarer Resultate, die in den Literaturen der +verschiedenen Völker zerstreut sind, glauben sollte. Astronomische +Beobachtungen, topographische Nachweisungen häufen sich viele Jahre +lang an, ohne daß sie benützt werden, und aus sonst sehr +lobenswerthem Conservatismus wollen die Kartenzeichner oft lieber +nichts Neues bringen, als einen See, eine Bergkette oder ein +Flußnetz opfern, die man nun einmal seit Jahrhunderten +eingezeichnet hat.</p> +<p>Da die fabelhaften Sagen vom Dorado und vom See Parime nach dem +Charakter der Länder, denen man sie anpassen wollte, +verschiedentlich gewendet worden sind, so ist herauszufinden, was +daran richtig seyn mag und was rein chimärisch ist. Um nicht zu +sehr ins Einzelne zu gehen, was besser der »Analyse des +geographischen Atlas« vorbehalten bleibt, mache ich den Leser vor +allem auf die Oertlichkeiten aufmerksam, welche zu verschiedenen +Zeiten der Schauplatz der Expeditionen zur Entdeckung des Dorado +gewesen. Hat man sich mit der Physiognomie des Landes und mit den +örtlichen Umständen, wie wir sie jetzt zu beschreiben im Stande +sind, bekannt gemacht, so wird einem klar, wie die verschiedenen +Voraussetzungen auf unsern Karten nach und nach entstehen und +einander modificiren konnten. Um einen Irrthum zu berichtigen, hat +man nur die wechselnden Gestalten zu betrachten, unter denen er zu +verschiedenen Zeiten aufgetreten ist.</p> +<p>Bis zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts war das ungeheure +Gebiet zwischen den Bergen von französisch Guyana und den Wäldern +am obern Orinoro, zwischen den Quellen des Rio Carony und dem +Amazonenstrom (von 0 bis 4 Grad nördlicher Breite und vom 57. bis +68. Grad der Länge) so wenig bekannt, daß die Geographen nach +Gefallen Seen, Flußverbindungen, mehr oder weniger hohe Berge +einzeichnen konnten. Sie haben sich dieser Freiheit in vollem Maße +bedient, und die Lage der Seen, wie der Lauf und die Verzweigungen +der Flüsse wurden so verschiedenartig dargestellt, daß es nicht zu +wundern wäre, wenn sich unter den zahllosen Karten ein paar fänden, +die das Richtige getroffen hätten. Heutzutage ist das Feld der +Hypothesen sehr bedeutend kleiner geworden. Die Länge von Esmeralda +am obern Orinoco ist von mir bestimmt; weiter nach Ost, mitten in +den Niederungen der Parime (ein unbekanntes Land, wie Wangara und +Dar-Saley in Afrika), ist ein 20 Meilen breiter Strich von Nord +nach Süd an den Ufern des Rio Carony und des Rio Branca) hin, unter +dem 63. Grad der Länge, bereits begangen. Es ist dieß der +gefährliche Weg, den Don Antonio Santos von Santo Thome de +Angostura an den Rio Negro und den Amazonenstrom eingeschlagen, +derselbe, auf dem in neuester Zeit Ansiedler aus Surinam mit den +Bewohnern von Gran-Para verkehrt haben.<sup><a href="#fn113" class= +"footnoteRef" id="fnref113" name="fnref113">113</a></sup> Dieser +Weg schneidet die <em>terra incognita</em> der Parime in zwei +ungleiche Stücke; zugleich setzt er den Quellen des Orinoco +Grenzen, so daß man dieselben nicht mehr nach Belieben gegen Ost +schieben kann, weil sonst das Bett des obern Orinoco, der von Ost +nach West läuft, über das Bett des Rio Branco liefe, der von Nord +nach Süd fließt. Verfolgt man den Rio Branco oder den Streifen +Bauland, der zur <em>Capitania general</em> von Gran-Para gehört, +so sieht man Seen, die von den Geographen zum Theil aus der Luft +gegriffen, zum Theil vergrößert sind, zwei gesonderte Gruppen +bilden. Die erste derselben begreift die Seen, die man zwischen +Esmeralda und den Rio Branco verlegt, zur zweiten gehören die, +welche man auf dem Landstrich zwischen dem Rio Branco und den +Bergen von französisch und holländisch Guyana einander gegenüber +liegen läßt. Aus dieser Uebersicht ergibt sich, daß die Frage, ob +es ostwärts vom Rio Branco einen See Parime gibt, mit der Frage +nach den Quellen des Orinoco gar nichts zu thun hat.</p> +<p>Außer dem eben bezeichneten Landstrich (dem <em>Dorado de la +Parime</em>, durch den der Rio Branco läuft) gibt es 260 Meilen +gegen West am Ostabhang der Cordilleren der Anden ein anderes Land, +das in den Expeditionen zur Aufsuchung des Dorado ebenso berufen +ist. Es ist dieß das Mesopotamien zwischen dem Caqueta, dem Rio +Negro, dem Uaupes und dem Jurubesh, von dem ich oben ausführlich +gesprochen,<sup><a href="#fn114" class="footnoteRef" id="fnref114" +name="fnref114">114</a></sup> der <strong>Dorado der +Omaguas</strong>, wo der See <strong>Manoa</strong> des Pater +Acuña, die <em>laguna de oro</em> der Guanes-Indianer und das +Goldland liegen, aus dem Pater Fritz gegen das Ende des siebzehnten +Jahrhunderts in seiner Mission am Amazonenstrom Goldbleche erhalten +hat.</p> +<p>Die ersten und zumal berühmtesten Unternehmungen zur Auffindung +des Dorado waren gegen den Ostabhang der Anden von Neu-Grenada +gerichtet. Voll Verwunderung über den Bericht eines Indianers aus +Tacunga von den Schätzen des Königs oder Zague von »Cundirumarca,« +schickte Sebastian de Belalcazar im Jahr 1535 die Hauptleute Añasco +und Ampudia aus, das <em>valle del Dorado</em> zu suchen, das zwölf +Tagereisen von Guallabamba, also in den Gebirgen zwischen Pasto und +Popayan liegen sollte. Die Nachrichten, welche Pedro de Añasco von +den Eingeborenen eingezogen, in Verbindung mit den späteren +Mittheilungen des Diaz de Pineda (1536), der die Provinzen Quixos +und Canela zwischen dem Rio Napo und dem Rio Pastaca entdeckt +hatte, brachten auf die Vorstellung, daß östlich von den Nevados +von Tunguragua, Cayambe und Popayan »weite Ebenen liegen, reich an +edlen Metallen, wo die Eingeborenen Rüstungen aus massivem Golde +trügen«. Als man nun diese Schätze aufsuchte, entdeckte Gonzalo +Pizarro (1539) zufällig den amerikanischen Zimmtbaum (<em>Laurus +cinnamomoides</em>) und gelangte Francisco de Orellana über den +Napo hinunter in den Amazonenstrom. Von da an wurden zu gleicher +Zeit von Venezuela, Neu-Grenada, Quito und Peru, ja von Brasilien +und vom Rio de la Plata aus Expeditionen zur Eroberung des Dorado +unternommen. Am längsten haben sich die Züge in das Land südlich +vom Guaviare, Rio Fragua und Caqueta im Gedächtniß erhalten, und +durch sie vor allen hat das Mährchen von den Schätzen der Manaos, +der Omaguas und Guaypes, wie von der Existenz der <em>Lagunas de +oro</em> und der Stadt des <strong>vergoldeten Königs</strong> (der +<strong>große Patiti</strong>, der <strong>große Moxo</strong>, der +<strong>große Paru</strong> oder <strong>Enim</strong>) Verbreitung +gefunden. Da Orellana zwischen den Nebenflüssen des Jupura und des +Rio Negro Götzenbilder von massivem Golde gefunden hatte, so +glaubte man an ein Goldland zwischen dem Papamene und dem Guaviare. +Seine Erzählung und die Reiseberichte Jorge’s de Espira (Georg von +Speier), Hernans Perez de Guezada und Felipe’s de Urre (Philipp von +Hutten) verrathen, neben vielen Uebertreibungen, genaue +Localkenntnisse. Betrachtet man sie rein aus geographischem +Gesichtspunkt, so sieht man, daß das Bestreben der ersten +Conquistadoren fortwährend dahin ging, zum Landstrich zwischen den +Quellen des Rio Negro, des Uaupes (Guape) und des Jupura oder +Caqueta zu gelangen. Diesen Landstrich haben wir oben, zum +Unterschied vom <strong>Dorado der Parime</strong>, den +<strong>Dorado der Omaguas</strong> genannt. Allerdings hieß alles +Land zwischen dem Amazonenstrom und dem Orinoco im Allgemeinen +»Provincias del Dorado;« aber auf diesem ungeheuern, mit Wäldern, +Savanen und Gebirgen bedeckten Raum strebte man, wenn man den +großen See mit goldreichen Ufern und den vergoldeten König suchte, +doch immer nur zwei Punkten zu, nordöstlich und südwestlich vom Rio +Negro, nämlich der Parime (dem Isthmus zwischen dem Carony, +Essequebo und Rio Branco) und den alten Wohnplätzen der Manaos an +den Ufern des Jurubesh. Die Lage des letzteren Landstrichs, der in +der Geschichte der »Eroberung« vom Jahr 1535 bis zum Jahr 1560 +vielberufen war, habe ich oben angegeben; ich habe nun noch von der +Bodenbildung zwischen den spanischen Missionen am Carony und den +portugiesischen am Rio Branco zu sprechen. Es ist dieß das Land in +der Nähe des obern Orinoco, Esmeraldas und von holländisch und +französisch Guyana, das am Ende des sechzehnten Jahrhunderts +Raleghs Unternehmungen und übertriebene Berichte in so hellem +Glanze strahlen ließen.</p> +<p>In Folge des Laufs des Orinoco, indem er nach einander erst +gegen West, dann gegen Nord und endlich gegen Ost fließt, liegt +seine Mündung fast im selben Meridian wie seine Quellen; geht man +daher von Alt-Guayana gegen Süd, so kommt man über das ganze Land, +in das die Geographen nach einander ein Binnenmeer (<em>Mar +blanco</em>) und die verschiedenen Seen versetzen, die mit der Sage +vom <strong>Dorado der Parime</strong> verknüpft sind. Zuerst kommt +man an den Rio Carony, zu dem zwei fast gleich starke Zweige +zusammentreten, der eigentliche Carony und der Rio Paragua. Die +Missionäre von Piritu nennen letzteren Fluß einen See +(<em>laguna</em>). Er ist voll Klippen und kleiner Wasserfälle; »da +er aber über ein völlig ebenes Land läuft, tritt er zugleich häufig +sehr stark aus und man kann sein eigentliches Bett (<em>su +verdadera caxa</em>) kaum erkennen«. Die Eingeborenen nennen ihn +<strong>Paragua</strong> oder <strong>Parava</strong>, was auf +caraibisch <strong>Meer</strong> oder <strong>großer See</strong> +bedeutet. Diese örtlichen Verhältnisse und diese Benennung sind +ohne Zweifel die Veranlassung geworden, daß man aus dem Rio +Paragua, einem Nebenfluß des Carony, einen See gemacht und +denselben <strong>Cassipa</strong> genannt hat, nach den +Cassipagotos, die in der Gegend wohnten. Ralegh gab diesem +Wasserbecken 13 Meilen Breite, und da alle Seen der Parime Goldsand +haben müssen, so ermangelt er nicht zu versichern, wenn Sommers das +Wasser falle, finde man daselbst Goldgeschiebe von bedeutenden +Gewicht.</p> +<p>Da die Quellen der Nebenflüsse des Carony, Arui und Caura +(Caroli, Arvi und Caora der alten Geographen) ganz nahe bei +einander liegen, so kam man auf den Gedanken, alle diese Flüsse aus +dem angeblichen See Cassipa entspringen zu lassen. Sanson +vergrößert den See auf 42 Meilen Länge und 15 Meilen Breite. Die +alten Geographen kümmern sich wenig darum, ob sie die Zuflüsse an +beiden Ufern immer in derselben Weise einander gegenübersetzen, und +so geben sie die Mündung des Carony und den See Cassipa, der durch +den Carony mit dem Orinoco zusammenbringt, zuweilen +<strong>oberhalb</strong> des Einflusses des Meta an. So schiebt +Hondius den See bis zum 2. und 3. Breitengrad hinunter +und gibt ihm die Gestalt eines Rechtecks, dessen größten Seiten Von +Nord nach Süd gerichtet sind. Dieser Umstand ist bemerkenswerth, +weil man, indem man nach und nach dem See Cassipa eine südlichere +Breite gab, denselben vom Carony und Arui loslöste und ihn Parime +nannte. Will man diese Metamorphose in ihrer allmähligen +Entwicklung verfolgen, so muß man die Karten, die seit Raleghs +Reise bis heute erschienen sind, vergleichen. La Cruz, dem alle +neueren Geographen nachgezeichnet haben, läßt seinem See Parime die +länglichte Gestalt des Sees Cassipa, obgleich diese Gestalt von der +des alten Sees Parime oder Rupunuwini, dessen große Achse von Ost +nach West gerichtet war, völlig abweicht. Ferner war dieser alte +See (der des Hondius, Sanson und Coronelli) von Bergen umgeben und +es entsprang kein Fluß daraus, während der See Parime des la Cruz +und der neueren Geographen mit dem obern Orinoco zusammenhängt, wie +der Cassipa mit dem untern Orinoco.</p> +<p>Ich habe hiemit den Ursprung der Fabel vom See Cassipa erklärt, +so wie den Einfluß, den sie auf die Vorstellung gehabt, als ob der +Orinoco aus dem See Parime entspränge. Sehen wir jetzt, wie es sich +mit dem letzteren Wasserbecken verhält, mit dem angeblichen +<strong>Binnenmeer</strong>, das bei den Geographen des sechzehnten +Jahrhunderts <strong>Rupunuwini</strong> heißt. Unter dem +4. oder 4½ Grad der Breite (leider fehlt es in dieser +Richtung, südlich von Santo Thome de Angostura, auf 8 Grade +weit ganz an astronomischen Beobachtungen) verbindet eine lange, +schmale Cordillere, Pacaraimo, Quimiropaca und Ucucuamo genannt, +die von Ost nach Südwest streicht, den Bergstock der Parime mit den +Bergen von holländisch und französisch Guyana. Sie bildet die +Wasserscheide zwischen dem Carony, Rupunury oder Rupunuwini und dem +Rio Branco, und somit zwischen den Thälern des untern Orinoco, des +Essequebo und des Rio Negro. Nordwestlich von dieser Cordillere von +Pacaraimo, über die nur wenige Europäer gekommen sind (im Jahr 1739 +der deutsche Chirurg Nicolaus Hortsmann, im Jahr 1775 sein +spanischer Officier, Don Antonio Santos, im Jahr 1791 der +portugiesische Obrist Barata, und im Jahr 1811 mehrere englische +Colonisten) kommen der Nocapra, der Paraguamusi und der Paragua +herab, die in den Carony fallen; gegen Nordost kommt der Rupunuwini +herunter, ein Nebenfluß des Essequebo; gegen Süd vereinigen sich +der Tacutu und der Uraricuera zum vielberufenen Rio Parime oder Rio +Branco.</p> +<p>Dieser Isthmus zwischen den Zweigen des Rio Essequebo und des +Rio Branco (das heißt zwischen dem Rupunuwini einerseits, und dem +Pirara, Mahu und Uraricuera oder Rio Parime andererseits) ist als +der eigentliche classische Boden des <strong>Dorado der +Parime</strong> zu betrachten. Am Fuße der Berge von Pacaraimo +treten die Flüsse häufig aus, und oberhalb Santa Rosa heißt das +rechte Ufer des Urariapara, der sich in den Utaricuera ergießt, +»<em>el valle de la inundacion</em>«. Ferner findet man zwischen +dem Rio Parime und dem Xurumu große Lachen; auf den in neuester +Zeit in Brasilien gezeichneten Karten, die über diesen Landstrich +sehr genau sind, finden sich diese Wasserstücke angegeben. Weiter +nach West kommt der Caño Pirara, der in den Mahu läuft, aus einem +Binsensee. Das ist der von Nicolaus Hortsmann beschriebene See +Amucu, derselbe, über den mir Portugiesen aus Barcelos, die am Rio +Branco (Rio Parime oder Rio Paravigiana) gewesen waren, während +meines Aufenthaltes in San Carlos del Rio Negro genaue Notizen +gegeben haben. Der See Amucu ist mehrere Meilen breit und hat zwei +kleine Inseln, die Santos Islas Ipomucena nennen hörte. Der +Rupunuwini, an dessen Ufer Hortsmann Felsen mit hieroglyphischen +Bildern entdeckt hat, kommt diesem See ganz nahe, steht aber in +keiner Verbindung mit demselben. Der Trageplatz zwischen dem +Rupunuwini und dem Mahu liegt weiter gegen Nord, wo der Berg +Ucucuamo sich erhebt, der bei den Eingeborenen noch jetzt der +<strong>Goldberg</strong> heißt. Sie gaben Hortsmann den Rath, um +den Rio Mahu herum eine Silbergrube (ohne Zweifel großblätteriger +Glimmer), Diamanten und Smaragde zu suchen; der Reisende fand aber +nichts als Bergkrystall. Aus seinem Bericht scheint hervorzugehen, +daß der ganze nach Ost streichende Zug der Gebirge am obern Orinoco +(<em>Sierra Parime</em>) aus Graniten besteht, in denen, wie am Pic +Duida,<sup><a href="#fn115" class="footnoteRef" id="fnref115" name= +"fnref115">115</a></sup> häufig Drusen und offene Gänge vorkommen. +In dieser Gegend, die noch immer für sehr goldreich gilt, leben an +der Westgrenze von holländisch Guyana die Macusis, Aturajos und +Acuvajos; später fand Santos diese Völkerschaften zwischen dem +Rupunuwini, dem Mahu und der Bergkette Pacaraimo angesiedelt. +<strong>Das glimmerreiche Gestein am Berg Ucucuamo, der Name des +Rio Parime, das Austreten der Flüsse Urariapara, Parime und Xurumu, +besonders aber der See Amucu (der nahe beim Rio Rupunuwini liegt +und für die Hauptquelle des Rio Parime gilt) haben die Fabel vom +weißen Meer und dem Dorado der Parime veranlaßt</strong>. Alle +diese Momente (und eben dadurch wirkten sie zu Einer Vorstellung +zusammen) finden sich auf einer von Nord nach Süd 8 bis 9 Meilen +breiten, von Ost nach West 40 Meilen langen Strecke neben einander. +Diese Lage gab man auch bis zum Anfang des sechzehnten Jahrhunderts +dem <strong>weißen Meer</strong>, nur daß man es in der Richtung +eines Parallels verlängerte. Dieses <strong>weiße Meer</strong> ist +nun aber nichts anderes als der Rio Parime, der auch <strong>weißer +Fluß, Rio Branco</strong> oder <em>de aguas blancas</em> heißt und +diesen ganzen Landstrich, über den er läuft, unter Wasser setzt. +Auf den ältesten Karten heißt das weiße Meer Rupunuwini, und daraus +geht hervor, daß die Sage eben hier zu Hause ist, da unter allen +Nebenflüssen des Essequebo der Rio Rupunuwini dem See Amucu am +nächsten kommt. Bei seiner ersten Reise (1595) machte sich Ralegh +noch keine bestimmte Vorstellung von der Lage des Dorado und des +Sees Parime, den er für gesalzen hielt und den er »ein zweites +caspisches Meer« nennt. Erst bei der zweiten, gleichfalls auf +Raleghs Kosten unternommenen Reise (1596) gab Lawrence Keymis die +Oertlichkeiten des Dorado so bestimmt an, daß, wie mir dünkt, an +der Identität der <strong>Parime de Manoa</strong> mit dem See +Amucu und dem Isthmus zwischen dem Rupunuwini (der in den Essequebo +läuft) und dem Rio Parime oder Rio Branco gar nicht zu zweifeln +ist. »Die Indianer,« sagt Keymis, »fahren den Essequebo südwärts in +zwanzig Tagen hinauf. Um die Stärke des Flusses anzudeuten, nennen +sie ihn den <strong>Bruder des Orinoco</strong>. Nach +zwanzigtägiger Fahrt schaffen sie ihre Canoes über einen Trageplatz +<strong>in einem einzigen Tage</strong> aus dem Flusse Dessekebe +auf einen See, den die Jaos Roponowini, die Caraiben Parime nennen. +Dieser See ist groß wie ein Meer; es fahren unzählige Canoes +darauf, und ich vermuthe (die Indianer hatten ihm also nichts davon +gesagt), daß es derselbe See ist, an dem die Stadt Manoa liegt.« +Hondius gibt eine merkwürdige Abbildung von jenem Trageplatz, und +da nach der damaligen Vorstellung die Mündung des Carony unter dem +4. Breitengrad (statt unter 8°8′) lag, so setzte man den +Trageplatz ganz nahe an den Aequator. Zur selben Zeit ließ man den +Viapoco (Oyapoc) und den Rio Cayane (Maroni?) aus jenem See Parime +kommen. Der Umstand, daß die Caraiben den westlichen Zweig des Rio +Branco ebenso nennen, hat vielleicht so viel dazu beigetragen, den +See Amucu in der Einbildung zu vergrößern, als die +Ueberschwemmungen der verschiedenen Nebenflüsse des Uraricuera von +der Mündung des Tacutu bis zum <em>valle de la inundacion</em>.</p> +<p>Wir haben oben gesehen, daß die Spanier den Rio Paragua oder +Parava, der in den Carony fällt, für einen See hielten, weil das +Wort <em>Parava</em> <strong>Meer, See, Fluß</strong> bedeutet. +Ebenso scheint Parime <strong>großes Wasser</strong> im Allgemeinen +zu bedeuten, denn die Wurzel <em>par</em> kommt in caraibischen +Benennungen von Flüssen, Lachen, Seen und Meeren Vor. Im Arabischen +und im Persischen dienen ebenso <em>bahr</em> und <em>deria</em> +gleichmäßig zur Bezeichnung des Meeres, der Seen und der Flüsse, +und dieser Brauch, der sich bei vielen Völkern in beiden Welten +findet, hat auf den alten Karten Seen in Flüsse und Flüsse in Seen +umgewandelt. Zur Bekräftigung des eben Gesagten führe ich einen +sehr achtbaren Zeugen auf, Pater Caulin. »Als ich,« sagt dieser +Missionär, der sich länger als ich am untern Orinoco aufgehalten +hat, »die Indianer fragte, was denn <strong>die Parime</strong> +sey, so erwiederten sie, es sey nichts als ein Fluß, der aus einer +Bergkette komme, an deren anderem Abhang der Essequebo entspringe.« +Caulin weiß nichts vom See Amucu, und erklärt den Glauben an ein +Binnenmeer nur aus den Ueberschwemmungen der Ebenen, <em>a las +inundaciones dilatadas per los bajos del pays</em>.<sup><a href= +"#fn116" class="footnoteRef" id="fnref116" name= +"fnref116">116</a></sup> Ihm zufolge rühren alle Mißgriffe der +Geographen von dem leidigen Umstand her, daß alle Flüsse in Guyana +an ihren Mündungen andere Namen haben als an ihren Quellen. »Ich +zweifle nicht,« sagt er weiter, »daß einer der obern Zweige des Rio +Branco derselbe Rio Parime ist, den die Spanier für einen See +gehalten haben (<em>a quien suponian laguna</em>).« Diese Notizen +hatte der Geschichtschreiber der Grenzexpedition an Ort und Stelle +gesammelt, und er hätte wohl nicht geglaubt, daß la Cruz und +Surville richtige Begriffe und alte Vorstellungen vermengen und auf +ihren Karten das Mar Dorado oder Mar Blanco wieder zum Vorschein +bringen würden. So kommt es, daß, obgleich ich seit meiner Rückkehr +aus Amerika vielfach den Beweis geführt, daß ein Binnenmeer, aus +dem der Orinoco entspränge, gar nicht existirt, in neuester Zeit +unter meinem Namen eine Karte<sup><a href="#fn117" class= +"footnoteRef" id="fnref117" name="fnref117">117</a></sup> +erschienen ist, auf der die <em>Laguna de Parime</em> wiederum +auftritt.</p> +<p>Aus allem Bisherigen geht hervor: 1) daß die Laguna Rupunuwini +oder Parime aus Raleghs Reise und auf den Karten des Hondius ein +chimärischer See ist, zu dem der See Amucu und die häufigen +Ueberschwemmungen der Nebenflüsse des Uraricuera Veranlassung +gegeben; 2) daß die Laguna Parime auf Survilles Karte der See Amucu +ist, aus dem der Rio Pirara und (zugleich mit dem Mahu, dem Tacutu, +dein Uraricuera oder dem eigentlich sogenannten Rio Parime) der Rio +Branco entspringt; 3) daß die Laguna Parime des la Cruz eine +eingebildete Erweiterung des Rio Parime (der mit dem Orinoco +verwechselt wird) unterhalb der Vereinigung des Mahu mit dem Xurumu +ist. Von der Mündung des Mahu bis zu der des Tacutu beträgt die +Entfernung kaum 0°40′; la Cruz macht 7 Breitengrade daraus. Er +nennt das obere Stück des Rio Branco (in das der Mahu fällt) +Orinoco oder <strong>Puruma</strong>. Dieß ist ohne allen Zweifel +der <strong>Xurumu</strong>, ein Nebenfluß des Tacutu, der den +Einwohnern des benachbarten Forts San Joaquim wohl bekannt ist. +Alle Namen, die in der Sage vom Dorado vorkommen, finden sich unter +den Nebenflüssen des Rio Branco. Geringfügige örtliche Verhältnisse +und die Erinnerung an den Salzsee in Mexico, zumal aber an den See +Manoa im <strong>Dorado der Omaguas</strong> wirkten zusammen zur +Ausmalung eines Bildes, das der Einbildungskraft Raleghs und seiner +beiden Unterbefehlshaber, Keymis und Masham, den Ursprung verdankt. +Nach meiner Ansicht lassen sich die Ueberschwemmungen des Rio +Branco höchstens mit denen des Red River in Louisiana zwischen +Natchitotches und Cados vergleichen, keineswegs aber mit der Laguna +de los Xarayes, die eine periodische Ausbreitung des Rio Paraguay +ist.<sup><a href="#fn118" class="footnoteRef" id="fnref118" name= +"fnref118">118</a></sup></p> +<p>Wir haben im Bisherigen ein <strong>weißes Meer</strong> +besprochen, durch das man den Hauptstamm des Rio Branco laufen +läßt, und ein zweites,<sup><a href="#fn119" class="footnoteRef" id= +"fnref119" name="fnref119">119</a></sup> das man ostwärts von +diesem Flusse setzt, und das mit demselben mittelst des Caño Pirara +zusammenhängt. Noch gibt es einen dritten See,<sup><a href="#fn120" +class="footnoteRef" id="fnref120" name="fnref120">120</a></sup> den +man westwärts vom Rio Branco verlegt, und über den ich erst +kürzlich interessante Angaben im handschriftlichen Tagebuch des +Chirurgen Hortsmann gefunden habe. »Zwei Tagereisen unterhalb des +Einflusses des Mahu (Tacutu) in den Rio Parime (Uraricuera) liegt +auf einem Berggipfel ein See, in dem dieselben Fische vorkommen, +wie im Rio Parime; aber die Wasser des ersteren sind schwarz, die +des letzteren weiß.« Hat nun nicht vielleicht Surville nach einer +dunkeln Kunde von diesem Wasserbecken auf der Karte, die er zu +Pater Caulins Werk entworfen, sich einen 10 Meilen langen Alpensee +ausgedacht, bei dem (gegen Ost) der Orinoco und der Idapa, ein +Nebenfluß des Rio Negro, zumal entspringen? So unbestimmt die +Angabe des Chirurgen aus Hildesheim lautet, so läßt sich doch +unmöglich annehmen, daß der Berg, auf dessen Gipfel sich ein See +befindet, nördlich vom Parallel von 2°½, liege, und diese Breite +kommt ungefähr mit der des Cerro Unturan überein. Es ergibt sich +daraus, daß Hortsmanns Alpsee, der d’Anvilles Aufmerksamkeit +entgangen ist, und der vielleicht mitten in einer Berggruppe liegt, +nordöstlich vom Trageplatz zwischen dem Idapa und Mavaca und +südöstlich vom Orinoco, oberhalb Esmeralda, zu suchen ist.</p> +<p>Die meisten Geschichtschreiber, welche die ersten Jahrhunderte +nach der Eroberung beschrieben haben, schienen der festen Ansicht, +daß die Namen <strong>Provincias</strong> und <strong>Pais del +Dorado</strong> ursprünglich jeden goldreichen Landstrich +bedeuteten. Sie vergessen den etymologischen Sinn des Wortes +<strong>Dorado</strong> (<strong>der Vergoldete</strong>) und +bemerken nicht, daß diese Sage ein Localmythus ist, wie ja auch +fast alle Mythen der Griechen, Hindus und Perser. Die Geschichte +vom <strong>vergoldeten Mann</strong> ist ursprünglich in den Anden +von Neu-Grenada zu Hause, besonders aus den Niederungen am +Ostabhange derselben; nur allmählig, wie ich oben gezeigt, sieht +man sie 300 Meilen gegen Ost-Nord-Ost von den Quellen des Caqueta +an die des Rio Branco und des Essequebo herüberrücken. Man hat in +verschiedenen Gegenden von Südamerika bis zum Jahr 1536 Gold +gesucht, ohne daß das Wort <strong>Dorado</strong> ausgesprochen +worden wäre, und ohne daß man an die Existenz eines andern +Mittelpunktes der Cultur und der Schätze als das Reich der Inca von +Cuzco geglaubt hätte. Länder, aus denen gegenwärtig auch nicht die +kleinste Menge edlen Metalls in den Handel kommt, die Küste von +Paria, Terra Firma (<em>Castilla del Oro</em>), die Berge von +St. Martha und die Landenge Darien waren damals so +vielberufen, wie in neuerer Zeit der goldhaltige Boden in Senora, +Choco und Brasilien.</p> +<p>Diego de Ordaz (1531) und Alonzo de Herera (1535) zogen auf +ihren Entdeckungsreisen an den Ufern des untern Orinoco hin. +Ersterer ist der berüchtigte Conquistador von Mexico, der sich +rühmte, Schwefel aus dem Krater des Pics Popocatepetl geholt zu +haben, und dem Karl V. die Erlaubniß ertheilte, einen +brennenden Vulkan im Wappen zu führen. Ordaz war zum Adelantado +allen Landes ernannt worden, das er zwischen Brasilien und +Venezuela erobern könnte, und das damals das Land der deutschen +Compagnie der Welser (Belzares) hieß, und er ging auf seinem Zuge +von der Mündung des Amazonenstromes aus. Er sah dort in den Händen +der Eingeborenen »faustgroße Smaragde«. Es waren ohne Zweifel +Stücke Saussurit, von dem dichten Feldspath, den wir vom Orinoco +zurückgebracht, und den La Condamine an der Mündung des Rio Topayos +in Menge angetroffen.<sup><a href="#fn121" class="footnoteRef" id= +"fnref121" name="fnref121">121</a></sup> Die Indianer sagten Diego +de Ordaz, »wenn er so und so viele Sonnen gegen West hinauffahre, +komme er an einen großen Fels (<em>peña</em>) von grünem Gestein«; +bevor er aber diesen vermeintlichen Smaragdberg (Euphotitgestein?) +erreichte, machte ein Schiffbruch allen weiteren Entdeckungen ein +Ende. Mit genauer Noth retteten sich die Spanier in zwei kleinen +Fahrzeugen. Sie eilten, aus der Mündung des Amazonenstroms +hinauszukommen, und die Strömungen, die in diesen Strichen stark +nach Nordwest gehen, führten Ordaz an die Küste von Paria oder auf +das Gebiet des Caziken von Yuripari (Uriapari, Viapari). Sedeño +hatte die <em>Casa fuerte de Paria</em> gebaut, und da dieser +Posten ganz nahe an der Mündung des Orinoco lag, beschloß der +mexikanische Conquistador, eine Expedition auf diesem großen Strom +zu versuchen. Er hielt sieh zuerst in Carao (Caroa, Carora) auf, +einem großen indianischen Dorf, das mir etwas ostwärts vom Einfluß +des Carony gelegen zu haben scheint; er fuhr sofort nach Cabruta +(Cabuta, Cabritu) hinauf und an den Einfluß des Meta (Metacuyu), wo +er mit großen Fährlichkeiten seine Fahrzeuge über den Raudal von +Cariven schaffte. Wir haben oben gesehen, daß das Bett des Orinoco +bei der Einmündung des Meta voll Klippen ist. Die Aruacas-Indianer, +die Ordaz als Wegweiser dienten, riethen ihm, den Meta +hinaufzufahren; sie versicherten ihn, weiter gegen West finde er +bekleidete Menschen und Gold in Menge. Ordaz wollte lieber auf dem +Orinoco weiterfahren, aber die Katarakten bei Tabaje (vielleicht +sogar die bei Atures) nöthigten ihn, seine Entdeckungen +aufzugeben.</p> +<p>Auf diesem Zuge, der lange vor den des Orellana fällt und also +der bedeutendste war, den die Spanier bis dahin auf einem Strome +der neuen Welt unternommen, hörte man zum erstenmal den Namen +<strong>Orinoco</strong> aussprechen. Ordaz, der Anführer der +Expedition, versichert, von der Mündung bis zum Einfluß des Meta +heiße der Strom <strong>Uriaparia</strong>, oberhalb dieses +Einflusses aber <strong>Orinucu</strong>. Dieses Wort (ähnlich +gebildet wie die Worte <strong>Tamanacu</strong>, +<strong>Otomacu</strong>, <strong>Sinarucu</strong>) gehört +wirklich der tamanakischen Sprache an, und da die Tamanacas +süd-östlich von Encaramada wohnen, so ist es natürlich, daß die +Conquistadoren den jetzigen Namen des Stromes erst in der Nähe des +Rio Meta zu hören bekamen. Auf diesem Nebenfluß erhielt Diego de +Ordaz von den Eingeborenen die erste Kunde von civilisirten +Völkern, welche auf den Hochebenen der Anden von Neu-Grenada +wohnten, »von einem gewaltigen, einäugigen Fürsten und von Thieren, +kleiner als Hirsche, auf denen man aber reiten könne, wie die +Spanier auf den Pferden.« Ordaz zweifelte nicht, daß diese Thiere +Llamas oder <em>Ovejas del Peru</em> seyen. Soll man annehmen, daß +die Llamas, die man in den Anden vor dem Pflug und als Lastthiere, +aber nicht zum Reiten brauchte, früher nördlich und östlich von +Quito verbreitet gewesen? Ich finde wirklich, daß Orellana welche +am Amazonenstrom gesehm hat, oberhalb des Einflusses des Rio Negro, +also in einem Klima, das von dem der Hochebene der Anden bedeutend +abweicht. Das Mährchen von einem auf Llamas berittenen Heere von +Omaguas mußte dazu dienen, den Bericht der Begleiter Felipes de +Urre über ihren ritterlichen Zug an den obern Orinoco +auszuschmücken. Dergleichen Sagen sind äußerst beachtenswerth, weil +sie darauf hinzuweisen scheinen, daß die Hausthiere Quitos und +Perus bereits angefangen hatten von den Cordilleren herabzukommen +und sich allmählig in den östlichen Landstrichen von Südamerika zu +verbreiten.</p> +<p>Im Jahr 1533 wurde Herera, der Schatzmeister bei Diegos de Ordaz +Expedition, vom Statthalter Geronimo de Ortal mit der weiteren +Erforschung des Orinoco und des Meta beauftragt. Er brachte +zwischen Punta Barima und dem Einfluß des Carony fast dreizehn +Monate mit dem Bau platter Fahrzeuge und den nothwendigen +Zurüstungen zu einer langen Reise hin. Man liest nicht ohne +Verwunderung die Erzählung dieser kühnen Unternehmungen, wobei man +drei, vierhundert Pferde einschiffte, um sie ans Land zu setzen, so +oft die Reiterei am einen oder dem andern Ufer etwas ausrichten +konnte. Wir finden bei Hereras Expedition dieselben Stationen +wieder, die wir bereits kennen gelernt: die Feste Paria, das +indianische Dorf Uriaparia (wahrscheinlich unterhalb Imataca an +einem Punkt, wo sich die Spanier wegen der Ueberschwemmung des +Delta kein Brennholz verschaffen konnten), Caroa in der Provinz +Carora, die Flüsse Caranaca (Caura?) und Caxavana (Cuchivero?), das +Dorf Cabritu (Cabruta) und den Raudal am Einfluß des Meta. Da der +Rio Meta sehr berühmt war, weil seine Quellen und seine Nebenflüsse +den goldhaltigen Cordilleren von Neu-Grenada (Cundinamarca) nahe +liegen, so versuchte er ihn hinaufzufahren. Er fand daselbst +civilisirtere Völker als am Orinoco, die aber das Fleisch +<strong>stummer Hunde</strong> aßen.<sup><a href="#fn122" class= +"footnoteRef" id="fnref122" name="fnref122">122</a></sup> In einem +Gefecht wurde Herera durch einen mit Curaresaft (Yierva) +vergifteten Pfeile getödtet; sterbend ernannte er Alvaro de Ordaz +zu seinem Stellvertreter. Dieser führte (1535) die Trümmer der +Expedition nach der Feste Paria zurück, nachdem er vollends die +wenigen Pferde eingebüßt, die einen achtzehnmonatlichen Feldzug +ausgehalten.</p> +<p>Dunkle Gerüchte über die Schätze der Völker am Meta und andern +Nebenflüssen am Ostabhang der Cordilleren von Neu-Grenada +veranlaßten nacheinander, in den Jahren 1535 und 1536, Geronimo de +Ortal, Nicolaus Federmann und Jorge de Espira (Georg von Speier) zu +Expeditionen auf Landwegen gegen Süd und Südwest. Vom Vorgebirge +Paria bis zum Cabo de la Vela hatte man schon seit den Jahren 1498 +und 1500 in den Händen der Eingeborenen kleine gegossene Goldbilder +gesehen. Die Hauptmärkte für diese Amulette, die den Weibern als +Schmuck dienten, waren die Dörfer Curiana (Coro) und Cauchieto +(beim Rio la Hacha). Die Gießer in Cauchieto erhielten das Metall +aus einem Bergland weiter gegen Süden. Die Expeditionen des Ordaz +und des Herera hatten das Verlangen, diese goldreichen Landstriche +zu erreichen, natürlich gesteigert. Georg von Speier brach (1535) +von Coro auf und zog über die Gebirge von Merida an den Apure und +Meta. Er ging über diese beiden Flüsse nahe bei ihren Quellen, wo +sie noch nicht breit sind. Die Indianer erzählten ihm, weiter +vorwärts ziehen weiße Menschen auf den Ebenen umher. Speier, der +sich nahe am Amazonenstrom glaubte, zweifelte nicht, daß diese +umherziehenden Spanier Schiffbrüchige von der Expedition des Ordaz +seyen. Er zog über die Savanen von San Juan de los Llanos, die +reich an Gold seyn sollten, und blieb lange in einem indianischen +Dorf, Pueblo de Nuestra Señora, später Fragua genannt, südöstlich +vom Paramo de la Suma Paz. Ich war am Westabhang dieses Bergstocks, +in Fusagasuga, und hörte, die Ebenen gegen Ost am Fuß der Berge +seyen noch jetzt bei den Eingeborenen wegen ihres Reichthums +berufen. Im volkreichen Dorfe Fragua fand Speier eine <em>Casa del +Sol</em> (Sonnentempel) und ein Jungfrauenkloster, ähnlich denen in +Peru und Neu-Grenada. Hatte sich hier der Cultus gegen Ost +ausgebreitet, oder sind etwa die Ebenen bei San Juan die Wiege +desselben? Nach der Sage war allerdings Bochica, der Gesetzgeber +von Neu-Grenada und Oberpriester von Iraca, von den Ebenen gegen +Ost auf das Plateau von Bogota herausgekommen. Da aber Bochica in +Einer Person Sohn und Sinnbild der Sonne ist, so kann seine +Geschichte rein astrologische Allegorien enthalten. Auf seinem +weiteren Zuge nach Süd ging Speier über die zwei Zweige des +Guaviare, den Ariare und Guayavero, und gelangte ans Ufer des +großen Rio Papamene<sup><a href="#fn123" class="footnoteRef" id= +"fnref123" name="fnref123">123</a></sup> oder Caqueta. Der +Widerstand, den er ein ganzes Jahr lang in der Provinz los Choques +fand, machte dieser denkwürdigen Expedition ein Ende (1537), +Nicolaus Federmann und Geronimo de Ortal verfolgten von Macarapana +und der Mündung des Rio Neveri aus Jorges de Espira Spuren. +Ersterer suchte Gold im großen Magdalenenstrom, letzterer wollte +einen Sonnentempel am Ufer des Meta entdecken. Da man die +Landessprache nicht verstand, sah man am Fuße der Cordilleren +überall einen Abglanz der großartigen Tempel von Iraca (Sogamozo), +dem damaligen Mittelpunkt der Cultur in Cundinamarca.</p> +<p>Ich habe bis jetzt aus geographischem Gesichtspunkt die Reisen +besprochen, welche auf dem Orinoco und gegen West und Süd an den +Ostabhang der Anden unternommen wurden, bevor sich die Sage vom +<strong>Dorado</strong> unter den Conquistadoren verbreitet hatte. +Diese Sage stammt, wie wir oben angeführt, aus dem Königreich +Quito, wo Luis Daça im Jahr 1535 einen Indianer aus Neu-Grenada +traf, der von seinem Fürsten (ohne Zweifel vom +<strong>Zippa</strong> von Bogota oder vom <strong>Zaque</strong> +von Tunja) abgesandt war, um von Atahualpa, dem Inca von Peru, +Kriegshülfe zu erbitten. Dieser Abgesandte pries, wie gewöhnlich, +die Schätze seiner Heimath; was aber den Spaniern, die mit Daça in +der Stadt Tacunga (Llactaconga) waren, ganz besonders auffiel, das +war die Geschichte von einem vornehmen Mann, »der, den Körper mit +Goldstaub bedeckt, in einen See mitten im Gebirge ging.« Dieser See +könnte die Laguna de Totta, etwas ostwärts von Sogamozo (Iraca) und +Tunja (Hunca) seyn, wo das geistliche und das weltliche Haupt des +Reiches Cundinamarca oder Cundirumarca ihren Sitz hatten; da sich +aber keinerlei geschichtliche Erinnerung an diesen See knüpft, so +glaube ich vielmehr, daß mit dem, in welchen man den +<strong>vergoldeten großen Herrn</strong> gehen ließ, der +<strong>heilige See Guatavita</strong>, ostwärts von den +Steinsalzgruben von Zipaquira, gemeint ist. Ich sah am Rande dieses +Wasserbeckens die Reste einer in den Fels gehauenen Treppe, die bei +den gottesdienstlichen Waschungen gebraucht wurde. Die Indianer +erzählen, man habe Goldstaub und Goldgeschirr hineingeworfen, als +Opfer für die Götzen des <em>adoratorio de Guatavita</em>. Man +sieht noch die Spuren eines Einschnitts, den die Spanier gemacht, +um den See trocken zu legen. Da der Sonnentempel von Sogamozo den +Nordküsten von Terra Firma ziemlich nahe liegt, so wurden die +Vorstellungen vom vergoldeten Mann bald auf einen Oberpriester von +der Sekte des Bochica oder Idacanzas übergetragen, der sich +gleichfalls jeden Morgen, um das Opfer zu verrichten, auf Gesicht +und Hände, nachdem er dieselben mit Fett eingerieben, Goldstaub +kleben ließ. Nach andern Nachrichten, die in einem Schreiben +Oviedos an den berühmten Cardinal Bembo aufbehalten sind, suchte +Gonzalo Pizarro, als er den Landstrich entdeckte, wo die Zimmtbäume +wachsen, zugleich »einen großen Fürsten, von dem hier zu Lande viel +die Rede geht, der immer mit Goldstaub überzogen ist, so daß er vom +Kopf zum Fuß aussieht wie <em>una figura. d’oro lavorata di mano +d’un buonissimo orifice</em>. Der Goldstaub wird mittelst eines +wohlriechenden Harzes am Leibe befestigt; da aber diese Art +<strong>Anzug</strong> ihm beim Schlafen unbequem wäre, so wascht +sich der Fürst jeden Abend und läßt sich Morgens wieder vergolden, +welches beweist, daß das Reich des <strong>Dorado</strong> ungemein +viele Goldgruben haben muß.« Es ist ganz wohl anzunehmen, daß unter +den von Bochica eingeführten gottesdienstlichen Ceremonien eine +war, die zu einer so allgemein verbreiteten Sage Anlaß gab. Fand +man doch in der neuen Welt die allerwunderlichsten Gebräuche. In +Mexico bemalten sich die Opferpriester den Körper; ja sie trugen +eine Art Meßgewand mit hängenden Aermeln aus gegerbter +Menschenhaut. Ich habe Zeichnungen derselben bekannt gemacht, die +von den alten Einwohnern von Anahuac herrühren und in ihren +gottesdienstlichen Büchern aufbehalten sind.</p> +<p>Am Rio Caura und in andern wilden Landstrichen von Guyana, wo +der Körper <strong>bemalt</strong> statt <strong>tätowirt</strong> +wird, reiben sich die Eingeborenen mit Schildkrötenfett ein und +kleben sich metallisch glänzende, silberweiße und kupferrothe +Glimmerblättchen auf die Haut. Von weitem sieht dieß aus, als +trügen sie mit Borten besetzte Kleider. Der Sage vom +<strong>vergoldeten Mann</strong> liegt vielleicht ein ähnlicher +Brauch zu Grunde, und da es in Neu-Grenada zwei souveräne Fürsten +gab,<sup><a href="#fn124" class="footnoteRef" id="fnref124" name= +"fnref124">124</a></sup> den Lama in Iraca und das weltliche +Oberhaupt oder den Zaque in Tunja, so ist es nicht zu verwundern, +daß dasselbe Ceremoniell bald dem König, bald dem Oberpriester +zugeschrieben wird. Auffallender erscheint es, daß man vom Jahr +1535 an das Land des Dorado ostwärts von den Anden gesucht hat. +Robertson nimmt in seiner Geschichte des neuen Continents an, die +Sage sey zuerst Orellana (1540) am Amazonenstrom zu Ohren gekommen; +aber das Buch des Fray Pedro Simon, dem Quesadas, des Eroberers von +Cundirumarca, Aufzeichnungen zu Grunde liegen, beweist das +Gegentheil, und bereits im Jahr 1536 suchte Gonzalo Diaz de Pineda +den <strong>vergoldeten Mann</strong> jenseits der Niederungen der +Provinz Quixos. Der Gesandte aus Bogota, den Daça im Königreich +Quito angetroffen, hatte von einem ostwärts gelegenen Lande +gesprochen; that er etwa so, weil die Hochebene von Neu-Grenada +nicht nordwärts, sondern nordostwärts von Quito liegt? Man sollte +meinen, die Sage von einem nackten, mit Goldstaub überzogenen Mann +müßte ursprünglich in einem heißen Lande zu Hause seyn, und nicht +auf den kalten Hochebenen von Cundirumarca, wo ich den Thermometer +oft unter 4 oder 5 Grad fallen sah; indessen ist das Klima in Folge +der ungewöhnlichen Bodenbildung auch in Guatavita, Tunja, Iraca und +am Ufer des Sogamozo sehr verschieden. Nicht selten behält man +gottesdienstliche Gebräuche bei, die aus einem andern Erdstrich +herrühren, und nach alten Sagen ließen die Muyscas ihren ersten +Gesetzgeber und Stifter ihres Gottesdienstes, Bochica, aus den +Ebenen ostwärts von den Cordilleren herkommen. Ich lasse +unentschieden, ob diese Sagen auf einer geschichtlichen Thatsache +beruhten oder ob damit, wie schon oben bemerkt, nur angedeutet seyn +sollte, daß der erste Lama, der Sohn und Sinnbild der Sonne ist, +nothwendig aus Ländern gegen Aufgang gekommen seyn müsse. Wie dem +sey, so viel ist gewiß, der Ruf, den der Orinoco, der Meta und die +Provinz Papamene zwischen den Quellen des Guaviare und Caqueta +durch die Expeditionen des Ordaz, Herera und Georgs von Speier +bereits erlangt, trug dazu bei, die Sage vom Dorado in der Nähe des +Ostabhangs der Cordilleren zu fixiren.</p> +<p>Daß auf der Hochebene von Neu-Grenada drei Heerhaufen +zusammentrafen, machte, daß sich in ganz Amerika, so weit es von +den Spaniern besetzt war, die Kunde von einem noch zu erobernden +reichen, stark bevölkerten Lande verbreitete. Sebastian de +Belalcazar zog von Quito über Popayan nach Bogota (1536); Nicolaus +Federmann kam von Venezuela, von Ost her über die Ebenen am Meta. +Diese beiden Anführer trafen auf der Hochebene von Cundirumarca +bereits den vielberufenen <strong>Adelantado</strong> Gonzalo +Ximenes de Quesada, von dem ich einen Nachkommen bei Zipaquira +barfuß das Vieh habe hüten sehen. Das zufällige Zusammentreffen der +drei Conquistadoren, eines der merkwürdigsten und dramatischsten +Ereignisse in der Geschichte der Eroberung, fand im Jahr 1538 +statt. Belalcazar erhitzte durch seine Berichte die Phantasie +abenteuerlustiger Krieger; man verglich, was der Indianer aus +Tacunga Luis Daça erzählt, mit den verworrenen Vorstellungen von +den Schätzen eines großen einäugigen Königs und von einem +bekleideten, auf Lamas reitenden Volke, die Ordaz vom Meta +mitgebracht. Pedro de Limpias, ein alter Soldat, der mit Federmann +auf der Hochebene von Bogota gewesen war, brachte die erste Kunde +vom Dorado nach Coro, wo das Andenken an die Expedition Georgs von +Speier (1535—37) an den Rio Papamene noch ganz frisch war. Von +dieser selben Stadt Coro aus unternahm auch Felipe de Hutten (Urre, +Utre) seine vielberufene Reise in das Gebiet der Omaguas, während +Pizarro, Orellana und Hernan Perez de Quesada, der Bruder des +Adelantado, das Goldland am Rio Napo, längs des Amazonenstroms und +in der östlichen Kette der Anden von Neu-Grenada suchten. Die +Eingeborenen, um ihrer unbequemen Gäste los zu werden, versicherten +aller Orten, zum Dorado sey leicht zu kommen, und zwar ganz in der +Nähe. Es war wie ein Phantom, das vor den Spaniern entwich und +ihnen beständig zurief. Es liegt in der Natur des flüchtigen +Erdenbewohners, daß er das Glück in der unbekannten Weite sucht. +Der Dorado, gleich dem Atlas und den hesperischen Inseln, rückte +allgemach vom Gebiet der Geographie auf das der Mythendichtung +hinüber.</p> +<p>Die vielfachen Unternehmungen zur Aufsuchung dieses +eingebildeten Landes zu erzählen, liegt nicht in meiner Absicht. +Ohne Zweifel verdankt man denselben großentheils die Kenntniß vom +Innern Amerikas; sie leisteten der Geographie Dienste, wie ja der +Irrthum oder gewagte Theorien nicht selten zur Wahrheit führen; +aber in der vorliegenden Erörterung kann ich mich nur bei den +Umständen aufhalten, die auf die Entwerfung der alten und neuen +Karten unmittelbar Einfluß gehabt haben. Hernan Perez de Quesada +suchte nach der Abreise seines Bruders, des Adelantado, nach Europa +von neuem (1539), dießmal aber im Berglande nordöstlich von Bogota, +den Sonnentempel (<em>Casa del sol</em>), von dem Geronimo de Ortal +(1536) am Meta hatte sprechen hören. Der von Bochica eingeführte +Sonnendienst und der hohe Ruf des Heiligthums zu Iraca oder +Sogamozo gaben Anlaß zu jenen verworrenen Gerüchten von Tempeln und +Götzenbildern aus massivem Golde; aber auf den Bergen wie in den +Niederungen glaubte man immer weit davon zu seyn, weil die +Wirklichkeit den chimärischen Träumen der Einbildungskraft so wenig +entsprach. Francisco de Orellana fuhr, nachdem er mit Pizarro den +Dorado in der <em>Provincia de los canelos</em> und an den +goldhaltigen Ufern des Napo vergebens gesucht, den großen +Amazonenstrom hinunter (1540). Er fand dort zwischen den Mündungen +des Javari und des Rio de la Trinidad (Yupura?) einen goldreichen +Landstrich, genannt Machiparo (Muchifaro), in der Nähe des Aomaguas +oder Omaguas. Diese Kunde trug dazu bei, daß der Dorado südostwärts +verlegt wurde, denn <strong>Omaguas</strong> (Om-aguas, Aguas), +<strong>Dit-Aguas</strong> und <strong>Papamene</strong> waren +Benennungen für dasselbe Land, für das, welches Georg von Speier +auf seinem Zuge an den Caqueta entdeckt hatte. Mitten auf den +Niederungen nordwärts vom Amazonenstrom wohnten die +<strong>Omaguas</strong>, die <strong>Manaos</strong> oder Manoas +und die <strong>Guaypes</strong> (Uaupes oder Guayupes), drei +mächtige Völker, deren letzteres, dessen Wohnsitze westwärts am +Guaupe oder Uaupe liegen, schon in den Reiseberichten Quesadas und +Huttens erwähnt wird. Diese beiden in der Geschichte Amerikas +gleich berühmten Conquistadoren kamen auf verschiedenen Wegen in +die Llanos von San Juan, die damals <strong>Valle de Nuestra +Señora</strong> hießen. Hernan Perez de Quesada ging (1541) über +die Cordilleren von Cundirumarca, wahrscheinlich zwischen den +Paramos Chingasa und Suma Paz, während Felipe de Hutten, in +Begleitung Pedros de Limpias (desselben, der von den Hochebenen von +Bogota die erste Kunde vom Dorado nach Venezuela gebracht hatte) +von Nord nach Süd den Weg einschlug, auf dem Georg von Speier am +Ostabhang der Gebirge hingezogen war. Hutten brach von Coro, dem +Hauptsitz der <strong>deutschen Faktorei</strong> oder Gesellschaft +der Welser auf, als Heinrich Remboldt an der Spitze derselben +stand. Nachdem er über die Ebenen am Casanare, Meta und Caguan +gezogen (1541), kam er an den obern Guaviare (Guayuare), den man +lange für den Ursprung des Orinoco gehalten hat und dessen Mündung +ich auf dem Wege von San Fernando de Atabapo an den Rio Negro +gesehen habe. Nicht weit vom rechten Ufer des Guaviare kam Hutten +in die Stadt der Guaypes, Macatoa. »Das Volk daselbst trug Kleider, +die Felder schienen gut angebaut, alles deutete auf eine Cultur, +die sonst diesem heißen Landstrich im Osten der Cordilleren fremd +war. Wahrscheinlich war Georg von Speier bei seinem Zuge an den Rio +Caqueta und in die Provinz Papamene weit oberhalb Macatoa über den +Guaviare gegangen, bevor die beiden Zweige dieses Flusses, der +Ariari und der Guayavero, sich vereinigen. Hutten erfuhr, auf dem +Wege weiter nach Südost komme er auf das Gebiet der großen Nation +der Omaguas, deren Priester-König Quareca heiße und große Heerden +von Llamas besitze. Diese Spuren von Cultur, diese alten +Verbindungen mit der Hochebene von Quito scheinen mir sehr +bemerkenswerth. Wir haben schon oben erwähnt, daß Orellana bei +einem indianischen Häuptling am Amazonenstrom Llamas gesehen, und +daß Ordaz auf den Ebenen am Meta davon hatte sprechen hören.</p> +<p>Ich halte mich nur an das, was in das Bereich der Geographie +fällt, und beschreibe weder nach Hutten jene unermeßlich große +Stadt, <strong>die er von weitem gesehen</strong>, noch das Gefecht +mit den Omaguas, wobei 39 Spanier (ihrer 14 sind in den Nachrichten +aus jener Zeit namentlich aufgeführt) mit 15,000 Indianern zu thun +hatten. Diese lügenhaften Berichte haben zur Ausschmückung der Sage +vom Dorado sehr viel beigetragen. Der Namen der Stadt der Omaguas +kommt in Huttens Bericht nicht vor, aber die Manoas, von denen +Pater Fritz noch im siebzehnten Jahrhundert in seiner Mission +Yurimaguas Goldbleche erhielt, sind Nachbarn der Omaguas. Später +wurde der Namen Manoa aus dem Lande der Amazonen auf eine +eingebildete Stadt im <strong>Dorado der Parime</strong> +übergetragen. Der bedeutende Ruf, in dem die Länder zwischen dem +Caqueta (Papamene) und Guaupe (einem Nebenfluß des Rio Negro) +standen, veranlaßte (1560) Pedro de Ursua zu der unheilvollen +Expedition, welche mit der Empörung des Tyrannen +Aguirre<sup><a href="#fn125" class="footnoteRef" id="fnref125" +name="fnref125">125</a></sup> endigte. Als er den Caqueta +hinabfuhr, um sofort in den Amazonenstrom zu gelangen, hörte Ursua +von der Provinz <strong>Caricuri</strong> sprechen. Diese Benennung +weist deutlich auf das Goldland hin, denn, wie ich sehe, heißt Gold +auf tamanakisch <strong>Caricuri</strong>, auf caraibisch +<strong>Carucuru</strong>. Sollte der Ausdruck für +<strong>Gold</strong> bei den Völkern am Orinoco ein Fremdwort +seyn, wie <strong>Zucker</strong> und <strong>Coton</strong> in den +europäischen Sprachen? Dieß wiese wohl darauf hin, daß diese Völker +die edlen Metalle mit den fremden Erzeugnissen haben kennen lernen, +die ihnen von den Cordilleren<sup><a href="#fn126" class= +"footnoteRef" id="fnref126" name="fnref126">126</a></sup> oder von +den Ebenen am Ostabhang der Anden zugekommen.</p> +<p>Wir kommen jetzt zum Zeitpunkt, wo der Mythus vom Dorado sich im +östlichen Strich von Guyana, zuerst beim angeblichen See Cassipa +(an den Ufern des Paragua, eines Nebenflusses des Carony), und dann +zwischen den Quellen des Rio Essequebo und des Rio Branco, +festsetzte. Dieser Umstand ist vom bedeutendsten Einfluß auf die +Geographie dieser Länder gewesen. Antonio de Verrio, der +Schwiegersohn und einzige Erbe des großen Adelantado Ximenez de +Quesada, ging westwärts von Tunja über die Cordilleren, schiffte +sich auf dem Rio Casanare ein und fuhr auf diesem Fluß, auf dem +Meta und Orinoco hinab nach der Insel Trinidad. Wir wissen von +dieser Reise fast nur, was Ralegh davon berichtet; sie scheint +wenige Jahre vor die erste Gründung von Vieja Guayana im Jahr 1591 +zu fallen. Einige Jahre darauf (1595) ließ Berrio durch seinen +<em>Maese de Campo</em>, Domingo de Vera, eine Expedition von 2000 +Mann ausrüsten, welche den Orinoco hinaufgehen und den Dorado +erobern sollte, den man jetzt das <strong>Land Manoa</strong>, +sogar <strong>Laguna de la Gran Manoa</strong> zu nennen anfing. +Reiche Grundeigenthümer verkauften ihre Höfe, um den Kreuzzug +mitzumachen, dem sich zwölf Observanten und zehn Weltgeistliche +anschlossen. Die Mähren eines gewissen Martinez (Juan Martin de +Albujar?), der bei der Expedition des Diego de Ordaz wollte +zurückgelassen und von Stadt zu Stadt in die Hauptstadt des Dorado +geschleppt worden seyn, hatten Berrios Phantasie erhitzt. Was +dieser Conquistador auf der Fahrt den Orinoco herab selbst +beobachtet, ist schwer von dem zu unterscheiden, was er, wie er +angiebt, aus einem in Portorico aufbewahrten Tagebuche des Martinez +geschöpft hat. Man sieht, man hatte damals vom neuen Continent im +Allgemeinen dieselben Vorstellungen, wie wir so lange von Afrika. +Man meinte tiefer im Lande mehr Cultur anzutreffen als an den +Küsten. Bereits Juan Gonzalez, den Diego de Ordaz abgesandt hatte, +die Ufer des Orinoco zu untersuchen (1531), behauptete, »je weiter +man auf dem Orinoco hinauf komme, desto stärker werde die +Bevölkerung«. Berrio erwähnt zwischen den Mündungen des Meta und +des Cuchivero der häufig unter Wasser stehenden Provinz Amapaja, wo +er viele kleine gegossene goldene Götzenbilder gefunden, ähnlich +denen, welche in Cauchieto östlich von Coro verfertigt wurden. Er +meinte, dieses Gold komme aus dem Granitboden des bergigten Landes +zwischen Carichana, Uruana und dem Cuchivero. Und allerdings haben +in neuerer Zeit die Eingeborenen in der <em>Quebadra del tigre</em> +bei der Mission Encaramada ein Goldgeschiebe gefunden.<sup><a href= +"#fn127" class="footnoteRef" id="fnref127" name= +"fnref127">127</a></sup> Ostwärts von der Provinz Amapaja erwähnt +Berrio des Rio Carony (Caroly), den man aus einem großen See +entspringen ließ, weil man einen der Nebenflüsse des Carony, den +Rio Paragua (Fluß des <strong>großen Wassers</strong>), aus +Unbekanntschaft mit den indianischen Sprachen, für ein +<strong>Binnenmeer</strong> gehalten hatte. Mehrere spanische +Geschichtschreiber glaubten, dieser See, die Quelle des Carony, sey +Berrios <strong>Gran Manoa</strong>; aber aus den Nachrichten, die +Berrio Ralegh mitgetheilt, ist ersichtlich, daß man annahm, die +<strong>Laguna de Manoa</strong> (del <strong>Dorado</strong> oder +<strong>de Parime</strong>) liege südlich vom Rio Paragua, aus dem +man die <strong>Laguna Cassipa</strong> gemacht hatte. »Diese +beiden Wasserbecken hatten goldhaltigen Sand; aber am Ufer des +Cassipa lag Macureguaira (Margureguaira), die Hauptstadt des +Caziken Aromaja und die vornehmste Stadt des ein- gebildeten +Reiches Guyana.«</p> +<p>Da diese häufig überschwemmten Landstriche von jeher von Völkern +caraibischen Stammes bewohnt waren, die tief ins Land hinein mit +den entlegensten Gegenden einen ungemein lebhaften Handel trieben, +so ist nicht zu verwundern, daß man hier bei den Indianern mehr +Gold fand als irgendwo. Die Eingeborenen im Küstenland brauchten +dieses Metall nicht allein zum Schmuck und zu Amuletten, sondern +auch in gewissen Fällen als Tauschmittel. Es erscheint daher ganz +natürlich, daß das Gold an den Küsten von Paria und bei den Völkern +am Orinoco verschwunden ist, seit der Verkehr mit dem Innern durch +die Europäer abgeschnitten wurde. Die unabhängig gebliebenen +Eingeborenen sind gegenwärtig unzweifelhaft elender, träger und +versunkener als vor der Eroberung. Der König von Morequito, +derselbe, dessen Sohn Ralegh nach England mitgenommen hatte, war im +Jahr 1594 nach Cumana gekommen, um gegen eine große Menge massiver +Goldbilder eiserne Geräthe und europäische Waaren einzutauschen. +Dieses unerwartete Auftreten eines indianischen Häuptlings +steigerte noch den Ruf der Schätze des Orinoco. Man stellte sich +vor, der Dorado müsse nicht weit vom Lande seyn, aus dem der König +von Morequito gekommen; und da das Land dort häufig unter Wasser +stand, und die Flüsse die allgemeinen Namen: »großes Meer,« »großes +Wasserstück« führten, so mußte sich der Dorado am Ufer eines Sees +befinden. Man dachte nicht daran, daß das Gold, das die Caraiben +und andere Handelsvölker mitbrachten, so wenig ein Erzeugniß ihres +Bodens war, als die brasilianischen und ostindischen Diamanten +Erzeugnisse der europäischen Länder sind, wo sie sich am meisten +zusammenhäuft. Berrios Expedition, die, während die Schiffe in +Cumana, bei Margarita und Trinidad anlegten, sehr stark an +Mannschaft geworden war, ging über Morequito (bei Vieja Guayana) +dem Rio Paragua, einem Nebenfluß des Carony, zu; aber Krankheiten, +der wilde Muth der Eingeborenen und der Mangel an Lebensmitteln +setzten dem Zug der Spanier unübersteigliche Hindernisse entgegen. +Alle gingen zu Grunde bis auf dreißig, welche im kläglichsten +Zustand zum Posten Santo Thome zurückkamen.</p> +<p>Diese Unfälle kühlten den Eifer, mit dem bis zur Mitte des +siebzehnten Jahrhunderts der Dorado aufgesucht wurde, keineswegs +ab. Der Statthalter von Trinidad, Antonio de Berrio, wurde von Sir +Walter Ralegh gefangen genommen, als dieser im Jahr 1595 den +vielberufenen Einfall auf die Küste von Venezuela und an die +Mündungen des Orinoco machte. Von Berrio und andern Gefangenen, die +Capitän Preston bei der Einnahme von Caracas gemacht, konnte Ralegh +Alles in Erfahrung bringen, was man damals von den Ländern südwärts +von Vieja Guayana. wußte. Er glaubte an die Mährchen, welche Juan +Martin de Ulbujar ausgeheckt, und zweifelte weder an der Existenz +der beiden Seen Cassipa und Ropunuwini, noch am Bestehen des großen +Reichs des Inca, das flüchtige Fürsten (nach Atahualpas Tode) an +den Quellen des Rio Essequebo gegründet haben sollten. Die Karte, +welche Ralegh entworfen und deren Geheimhaltung er Lord Charles +Howard empfahl, besitzen wir nicht mehr; aber der Geograph Hondius +hat diese Lücke ausgefüllt; ja er gibt seiner Karte ein Verzeichniß +von Längen- und Breitenangaben bei, wobei die <strong>Laguna del +Dorado</strong> und die <strong>kaiserliche Stadt Manoas</strong> +vorkommen. Während Ralegh an der Punta del Gallo (auf der Insel +Trinidad) sich aufhielt, ließ er durch seine Unterbefehlshaber die +Mündungen des Orinoco, namentlich die von Capuri, Gran Amana +(Manamo grande) und Macureo (Macareo)<sup><a href="#fn128" class= +"footnoteRef" id="fnref128" name="fnref128">128</a></sup> +untersuchen. Da seine Schiffe einen bedeutenden Tiefgang hatten, +hielt es sehr schwer, in die <strong>bocas chicas</strong> +einzulaufen, und er mußte sich flache Fahrzeuge bauen lassen. Er +bemerkte die Feuer der Tivitivas (Tibitibies) vom Stamme der +Guaraons auf den Mauritiapalmen, deren Frucht,<sup><a href="#fn129" +class="footnoteRef" id="fnref129" name="fnref129">129</a></sup> +<em>fructum squamorum, similem Palmae Pini</em>, er zuerst nach +Europa gebracht hat. Es wundert mich, daß von der Niederlassung, +die Berrio unter dem Namen Santo Thome (<em>la Vieja Guayana</em>) +gegründet, so gut wie gar nicht die Rede ist; und doch reicht +dieselbe bis zum Jahr 1591 hinauf, und obgleich nach Fray Pedro +Simon »Religion und Politik jeden Handelsverkehr zwischen Christen +(Spaniern) und Ketzern (Holländern und Engländern) verbieten,« +wurde damals, am Ende des sechzehnten Jahrhunderts, wie +gegenwärtig, ein lebhafter Schleichhandel über die Mündungen des +Orinoco getrieben. Ralegh ging über den Fluß +<strong>Europa</strong> (Guarapo) und »die Ebenen der +<strong>Saymas</strong> (Chaymas),<sup><a href="#fn130" class= +"footnoteRef" id="fnref130" name="fnref130">130</a></sup> die im +selben Niveau bis Cumana und Caracas fortstreichen;« in Morequito +(vielleicht etwas nordwärts von Villa de Upata in den Missionen am +Carony) machte er Halt, und hier bestätigte ihm ein alter Cazike +alle phantastischen Vorstellungen Berrios von einem Einfall fremder +Völker (Orejones und Epuremei) in Guyana. Die Katarakten des Caroli +(Carony), welcher Fluß damals für den kürzesten Weg zu den beiden +am See Cassipa und am See Nupunuwini oder <strong>Dorado</strong> +gelegenen Städten Macureguarai und Manoa galt, steckten der +Expedition ein Ziel.</p> +<p>Ralegh hat den Orinoco nur auf einer Strecke von kaum 60 Meilen +befahren; er nennt aber nach den schwankenden Angaben, die er +zusammengebracht, die obern Zuflüsse, den Cari, den Pao, den Apure +(Capuri?), den Guarico (Voari?), den Meta, sogar »in der Provinz +Baraguan den großen Wasserfall Athule (Atures), der aller weiteren +Flußfahrt ein Ende macht«. Trotz seiner Uebertreibungen, die sich +für einen Staatsmann wenig ziemen, bieten Raleghs Berichte +wichtiges Material zur Geschichte der Geographie. Der Orinoco +oberhalb des Einflusses des Apure war damals den Europäern so wenig +bekannt, als heutzutage der Lauf des Niger unterhalb Sego. Man +hatte die Namen verschiedener, weit entfernten Nebenflüsse +vernommen, aber man wußte nicht, wo sie lagen; man zählte ihrer +mehr auf, als wirklich sind, wenn derselbe Name, verschieden +ausgesprochen oder vom Ohr unrichtig aufgefaßt, verschieden klang. +Andere Irrthümer hatten vielleicht ihre Quellen darin, daß dem +spanischen Statthalter Antonio de Berrio wenig daran gelegen seyn +konnte, Ralegh richtige, genaue Notizen zu geben; letzterer beklagt +sich auch über seinen Gefangenen »als einen Menschen ohne Bildung, +der Ost und West nicht zu unterscheiden wisse.« Ob Ralegh an Alles, +was er vorbringt, an die Binnenmeere, so groß wie das caspische +Meer, an die kaiserliche Stadt Manoa (<em>imperial and golden +city</em>), an die prächtigen Paläste, welche der »Kaiser Inga von +Guyana« nach dem Vorbild seiner peruanischen Ahnen erbaut, — ob er +an all das wirklich geglaubt oder sich nur so angestellt, das will +ich hier nicht untersuchen. Der gelehrte Geschichtschreiber von +Brasilien, Southey, und der Biograph Raleghs, Cayley, haben in +neuester Zeit viel Licht über diesen Punkt verbreitet. Daß der +Führer der Expedition und die unter ihm Befehlenden ungemein +leichtgläubig waren, ist schwerlich zu bezweifeln. Man sieht, +Ralegh paßte Alles von vornherein angenommenen Voraussetzungen an. +Sicher war er selbst getäuscht, wenn es aber galt, die Phantasie +der Königin Elisabeth zu erhitzen und die Plane seiner ehrgeizigen +Politik durchzusetzen, so ließ er keinen Kunstgriff der +Schmeichelei unversucht. Er schildert der Königin »das Entzücken +dieser barbarischen Völker beim Anblick ihres Bildnisses; der Name +der erhabenen Jungfrau, welche sich Reiche zu unterwerfen weiß, +soll bis zum Lande der kriegerischen Weiber am Orinoco und +Amazonenstrom dringen; er versichert, als die Spanier den Thron von +Cuzco umgestoßen, habe man eine alte Prophezeiung gefunden, der +zufolge die Dynastie der Incas dereinst Großbritannien ihre +Wiederherstellung zu danken haben werde; er gibt den Rath, unter +dem Vorwand, das Gebiet gegen äußere Feinde schützen zu wollen, +Besatzungen von drei, viertausend Mann in die Städte des Inca zu +legen und diesen so zu einem jährlichen Tribut von 300,000 Pfund +Sterling an Königin Elisabeth zu nöthigen; endlich äußert er mit +einem Blick in die Zukunft, alle diese gewaltigen Länder +Südamerikas werden eines Tages Eigenthum der englischen Nation +seyn.«</p> +<p>Raleghs vier Fahrten auf dem untern Orinoco fallen zwischen die +Jahre 1595 und 1617. Nach all diesen vergeblichen Unternehmungen +ließ der Eifer, mit dem man den Dorado aufsuchte, allmählig nach. +Fortan kam keine Expedition mehr zu Stande, an der sich zahlreiche +Colonisten betheiligten, wohl aber Unternehmungen Einzelner, zu +denen nicht selten die Statthalter der Provinzen aufmunterten. Die +Kunde vom Goldland der Manoas-Indianer am Jurubesh und von der +<em>Laguna de oro</em> die durch die Reisen der Patres Acuña (1688) +und Fritz (1637) in Umlauf kam, trugen das Ihrige dazu bei, daß die +Vorstellungen vom Dorado in den portugiesischen und spanischen +Colonien im Norden und Süden des Aequators wieder rege wurden. In +Cuença im Königreich Quito traf ich Leute, die im Auftrag des +Bischofs Marfil östlich von den Cordilleren auf den Ebenen von +Macas die Trümmer der Stadt Logroño, die in einem goldreichen Lande +liegen sollte, aufgesucht hatten. Aus dem schon mehrmals erwähnten +Tagebuche Hortsmanns ersehen wir, daß man im Jahr 1740 von +holländisch Guyana her zum Dorado zu gelangen glaubte, wenn man den +Essequebo hinauffuhr. In Santo Thome de Angostura entwickelte der +Statthalter Don Manuel Centurion ungemeinen Eifer, um zum +eingebildeten See Manoa zu dringen. Arimuicaipi, ein Indianer von +der Nation der Ipurucotos, fuhr den Rio Carony hinab und entzündete +durch lügenhafte Berichte die Phantasie der spanischen Colonisten. +Er zeigte ihnen am Südhimmel die Magellanschen Wolken, deren +weißlichtes Licht er für den Widerschein der silberhaltigen Felsen +mitten in der Laguna Parime erklärte. Es war dieß eine sehr +poetische Schilderung des Glanzes des Glimmer- und Talkschiefers +seines Landes. Ein anderer indianischer Häuptling, bei den Caraiben +am Essequebo als <strong>Capitän Jurado</strong> bekannt, gab sich +vergebliche Mühe, den Statthalter Centurion zu enttåuschen. Man +machte fruchtlose Versuche auf dem Caura und dem Rio Paragua. +Mehrere hundert Menschen kamen bei diesen tollen Unternehmungen +elend ums Leben. Die Geographie zog indessen einigen Nutzen daraus. +Nicolas Rodriguez und Antonio Santos wurden vom spanischen +Statthalter auf diese Weise gebraucht (1775 bis 1780). Letzterer +gelangte auf dem Carony, dem Paragua, dem Paraguamusi, dem Anocapra +und über die Berge Pacaraimo und Quimiropaca an den Uraricuera und +den Rio Branco. Die Reisetagebücher dieser abenteuerlichen +Unternehmungen haben mir treffliche Notizen geliefert.</p> +<p>Die Seekarten, welche der Florentiner Reisende Amerigo +Vespucci<sup><a href="#fn131" class="footnoteRef" id="fnref131" +name="fnref131">131</a></sup> in den ersten Jahren des sechzehnten +Jahrhunderts als <em>piloto mayor</em> der <em>Casa de +Contratacion</em> zu Sevilla entworfen, und auf die er, vielleicht +in schlauer Absicht, den Namen <em>Terra de Amerigo</em> gesetzt, +sind nicht auf uns gekommen. Die älteste geographische Urkunde des +neuen Continents ist die einer römischen Ausgabe des Ptolemäus vom +Jahr 1508 beigegebene Weltkarte des Johann Ruysch.<sup><a href= +"#fn132" class="footnoteRef" id="fnref132" name= +"fnref132">132</a></sup> Man erkennt darauf Yucatan und Honduras +(den südlichsten Theil von Mexico), die als eine Insel unter dem +Namen <strong>Culicar</strong> dargestellt sind. Eine Landenge von +Panama ist nicht vorhanden, sondern eine Meerenge, durch die man +geradeaus von Europa nach Indien fahren kann. Auf der großen +südlichen Insel (Südamerika) steht der Name <em>Terra de +Careas</em>, die von zwei Flüssen, dem Rio Lareno und dem Rio +Formoso begrenzt ist. Diese <strong>Careas</strong> sind ohne +Zweifel die Einwohner von <strong>Caria</strong>, welchen Namen +Cristoph Columbus bereits im Jahr 1498 vernommen hatte und mit dem +lange Zeit ein großer Theil von Amerika bezeichnet wurde. Der +Bischof Geraldini sagt in einem Briefe an Pabst Leo X. aus dem Jahr +1516 deutlich: »Insula illa, quae Europa et Asia est major, quam +indocti continentem Asiae appellant, et alii Americam vel Pariam +nuncupant.« Auf der Weltkarte von 1508 finde ich noch keine Spur +vom Orinoco. Dieser Strom erscheint zum erstenmal unter dem Namen +<em>Rio dulce</em> auf der berühmten Karte, die Diego Ribero, +Kosmograph Kaiser Karls V. im Jahr 1529 entworfen, und die Sprengel +im Jahr 1795 mit einem gelehrten Commentar herausgegeben hat. Weder +Columbus (1498) noch Alonso de Guda, bei dem Amerigo Vespucci war +(1499), hatten die eigentliche Mündung des Orinoco gesehen. Sie +hatten dieselbe mit der nördlichen Oeffnung des Meerbusens von +Paria verwechselt, dem man, wie denn Uebertreibungen der Art bei +den Seefahrern jener Zeit so häufig vorkommen, eine ungeheure Masse +süßen Wassers zuschrieb. Vicente Yañez Pinçon, nachdem er die +Mündung des Rio Maragnon entdeckt, war auch der Erste, der die +Mündung des Orinoco sah (1500). Er nannte diesen Strom <em>Rio +dulce</em>, welcher Name sich seit Ribero lange auf den Karten +erhalten hat und zuweilen irrthümlich dem Maroni und dem Essequebo +beigelegt wurde.<sup><a href="#fn133" class="footnoteRef" id= +"fnref133" name="fnref133">133</a></sup></p> +<p>Der große See Parime erscheint auf den Karten erst nach Raleghs +erster Reise. Jodocus Hondius war der Mann, der mit dem Jahr 1599 +den Vorstellungen der Geographen eine bestimmte Richtung gab und +das Innere von spanisch Guyana als ein völlig bekanntes Land +darstellte. Der Isthmus zwischen dem Rio Branco und dem Rio +Rupunuwini (einem Nebenfluß des Essequebo) wird von ihm in den 200 +Meilen langen, 40 Meilen breiten See <strong>Rupunuwini</strong>, +<strong>Carime</strong> oder <strong>Dorado</strong>, zwischen dem +1°45′ südlicher und dem 2° nördlicher Breite verwandelt. Dieses +Binnenmeer, größer als das caspische Meer, wird bald mitten in ein +gebirgigtes Land, ohne Verbindung mit irgend einem andem Fluß, +hineingezeichnet, bald läßt man den Rio Oyapok (Waiapago, Joapoc, +Vinpoco) und den Rio de Cayana daraus entspringen. Der erstere Fluß +wurde im achten Artikel des Utrechter Vertrags mit dem Rio de +Vicente Pinçon (Rio Calsoene oder Mayacari?) verwechselt und blieb +bis zum letzten Wiener Congreß der Gegenstand endloser +Streitigkeiten zwischen den französischen und den portugiesischen +Diplomaten. Der letztere ist eine chimärische Verlängerung des +Tonnegrande, oder aber des Oyac (Wia?). Das Binnenmeer (<em>Laguna +Parime</em>) wurde anfangs so gestellt, daß sein westliches Ende in +den Meridian des Zusammenflusses des Apure und des Orinoco fiel; +allmählig aber schob man es nach Ost vor, so daß das westliche Ende +südlich von den Mündungen des Orinoco zu liegen kam. Dieser Wechsel +zog auch Abänderungen in der respektiven Lage des Sees Parime und +des Sees Cassipa, so wie in der Richtung des Laufs des Orinoco nach +sich. Diesen großen Strom läßt man von seiner Mündung bis über den +Meta hinauf, gleich dem Magdalenenstrom, von Süd nach Nord laufen. +Die Nebenflüsse, die man aus dem See Cassipa kommen ließ, der +Carony, der Arui und der Caura, laufen damit in der Richtung eines +Parallels, während sie in der Wirklichkeit in der Richtung eines +Meridians liegen. Außer dem Parime und dem Cassipa gab man auf den +Karten einen dritten See an, aus dem man den Aprouague (Apurwaca) +kommen ließ. Es war damals bei den Geographen allgemeiner Brauch, +alle Flüsse mit großen Seen in Verbindung zu bringen. Auf diese +Weise verband Ortelius den Nil mit dem Zaire oder Rio Congo, die +Weichsel mit der Wolga und dem Dnieper. Im nördlichen Mexiko, in +den angeblichen Königreichen Guivira und Cibola, die durch die +Lügen des Mönchs Marcos de Niza berühmt geworden, hatte man ein +großes Binnenmeer eingezeichnet, aus dem man den californischen Rio +Colorado entspringen ließ.<sup><a href="#fn134" class="footnoteRef" +id="fnref134" name="fnref134">134</a></sup> Vom Rio Magdalena lief +ein Arm in den See Maracaybo, und der See Xarayes, in dessen Nähe +man einen <strong>südlichen Dorado</strong> setzte, stand mit dem +Amazonenstrom, mit dem Miari (Meary) und dem Rio San Francisco in +Verbindung. Die meisten dieser hydrographischen Träume sind +verschwunden; nur die Seen Cassipa und Dorado haben sich lange +neben einander auf unsern Karten erhalten.</p> +<p>Verfolgt man die Geschichte der Geographie, so sieht man den +Cassipa, der als ein rechtwinklichtes Viereck dargestellt wird, +sich allmählig auf Kosten des Dorado vergrößern. Letzterer wurde +zuweilen ganz weggelassen, aber nie wagte man es, sich am ersteren +zu vergreifen, der nichts ist, als der durch periodische +Ueberschwemmungen geschwellte Rio Paragua (ein Nebenfluß des +Carony). Als d’AnvilIe durch Solanos Expedition in Erfahrung +brachte, daß der Orinoco seine Quellen keineswegs westwärts am +Abhang der Anden von Pasto habe, sondern von Osten her von den +Gebirgen der Parime herabkomme, nahm er in der zweiten Ausgabe +seiner schönen Karte von Amerika (1760) die <strong>Laguna +Parime</strong> wieder auf und ließ sie ganz willkürlich durch den +Mazuruni und den Cuyuni mit drei Flüssen (dem Orinoco, dem Rio +Branco und dem Essequebo) in Verbindung stehen. Er verlegte sie +unter den 3—4. Grad nördlicher Breite, wohin man bisher den See +Cassipa gesetzt hatte.</p> +<p>Der spanische Geograph la Cruz Olmedilla (1775) folgte +d’Anvilles Vorgang. Der alte, unter dem Aequator gelegene See +Parime war vom Orinoco ganz unabhängig; der neue, der an der Stelle +des Cassipa und wieder in der Gestalt eines Vierecks austrat, +dessen längsten Seiten von Süd nach Nord laufen,<sup><a href= +"#fn135" class="footnoteRef" id="fnref135" name= +"fnref135">135</a></sup> zeigt die seltsamsten hydraulischen +Verbindungen. Bei la Cruz entspringt der Orinoco, unter dem Namen +Parime und Puruma (Xuruma?) im gebirgigten Lande zwischen den +Quellen des Ventuari und des Caura (unter dem 5. Grad der +Breite im Meridian der Mission Esmeralda) aus einem kleinen See, +der <strong>Ipava</strong> heißt. Dieser See läge auf meiner +Reisekarte nordöstlich von den Granitbergen von Cunevo, woraus zur +Genüge hervorgeht, daß wohl ein Nebenfluß des Rio Branco oder des +Orinoco daraus entspringen könnte, nicht aber der Orinoco selbst. +Dieser Rio Parime oder Puruma nimmt nach einem Lauf von 40 Meilen +gegen Ost-Nord-Ost und von 60 Meilen gegen Südost den Rio Mahu auf, +den wir bereits als einen der Hauptzweige des Rio Branco kennen; +darauf läuft er in den See Parime, den man 30 Meilen lang und 20 +Meilen breit macht. Aus diesem See entspringen unmittelbar drei +Flüsse, der Rio Ucamu (Ocamo), der Rio Idapa (Siapa) und der Rio +Branco. Der Orinoco oder Puruma ist als unterirdische +Durchsickerung am Westabhang der <strong>Sierra Mei</strong>, +welche den See oder das <strong>weiße Meer</strong> gegen Westen +begrenzt, gezeichnet. Diese zweite Quelle des Orinoco liegt unter +dem zweiten Grad nördlicher Breite und 3½ Grad ostwärts vom +Meridian von Esmeralda. Nachdem der neue Fluß 50 Meilen gegen +West-Nord-West gelaufen, nimmt er zuerst den Ucamu auf, der aus dem +See Parime kommt, sodann den Rio Maquiritari (Padamo), der zwischen +dem See Ipava und einem andern Alpsee, von la Cruz <strong>Laguna +Cavija</strong> genannt, entspringt. Da <strong>See</strong> +maypurisch <strong>Cavia</strong> heißt, so bedeutet das Wort +<strong>Laguna Cavia</strong>, wie Laguna Parime, nichts als +Wasserbecken, <em>laguna de agua</em>. Diese seltsame Flußzeichnung +ist nun das Vorbild fast für alle neueren Karten von Guyana +geworden. Ein Mißverständniß, das aus der Unkenntniß des Spanischen +entsprang, hat der Karte des la Cruz, auf der richtige Angaben mit +systematischen, den alten Karten entnommenen Vorstellungen vermengt +sind, vollends großes Ansehen verschafft. Eine punktirte Linie +umgibt den Landstrich, über den Solano einige Erkundigung hatte +einziehen können; diese Linie hielt man nun für den <strong>von +Solano zurückgelegten Weg</strong>, so daß dieser das südwestliche +Ende des weißen Meeres gesehen haben müßte. Auf der Karte des la +Cruz steht geschrieben: »Dieser Weg bezeichnet, was vom Statthalter +von Caracas, Don Jose Solano, entdeckt und zur Ruhe gebracht worden +ist.« Nun weiß man aber in den Missionen, daß Solano nie über San +Fernando de Atabapo hinausgekommen ist, daß er den Orinoco ostwärts +vom Einfluß des Guaviare gar nicht gesehen, und daß er seine +Nachrichten über diese Länder nur von gemeinen Soldaten haben +konnte, die der Sprachen der Eingeborenen unkundig waren. Das Werk +des Pater Caulin, der ja der Geschichtschreiber der Expedition war, +das Zeugniß Don Apollinarios Diaz de la Fuente und Santos’ Reise +thun zur Genüge dar, daß nie ein Mensch das weiße Meer des la Cruz +gesehen hat, das, wie aus den Namen der sich darein ergießenden +Flüsse hervorgeht, nichts ist als eine eingebildete Ausbreitung des +westlichen Zweigs des Rio Branco oberhalb des Einflusses des Tacutu +und des Uraricuera oder Rio Parime. Ließe man aber auch Angaben +gelten, deren Unrichtigkeit jetzt zur Genüge dargethan ist, so sähe +man nach allgemein anerkannten hydrographischen Grundsätzen nicht +ein, mit welchem Recht der See Ipava die Quelle des Orinoco heißen +könnte. Wenn ein Fluß in einen See fällt und von diesem selben +Wasserbecken drei andere abgehen, so weiß man nicht, welchem von +diesen man den Namen des ersteren beilegen soll. Noch viel weniger +ist es zu rechtfertigen, wenn der Geograph denselben Namen einem +Flusse läßt, dessen Quelle durch eine hohe Bergkette vom See +getrennt ist, und der durch Durchsickerung unterirdisch entstanden +seyn soll.</p> +<p>Vier Jahre nach der großen Karte von la Cruz Olmedilla erschien +das Werk des Pater Caulin, der die Grenzexpedition mitgemacht +hatte. Das Buch wurde 1759 am Ufer des Orinoco selbst geschrieben, +und nur einige Anmerkungen wurden später in Europa beigefügt. Der +Verfasser, ein Franciskaner von der Congregation der Observanten, +zeichnet sich durch seine Aufrichtigkeit aus und an kritischem +Geist ist er allen seinen Vorgångem überlegen. Er selbst ist nicht +über den großen Katarakt bei Atures hinausgekommen, aber Alles, was +Solano und Ituriaga Wahres und Schwankendes zusammengebracht, stand +zu seiner Verfügung. Zwei Karten, die Pater Caulin im Jahr 1756 +entworfen, wurden von Surville, einem Archivbeamten beim +Staatssekretariat, in Eine zusammengezogen und nach angeblichen +Entdeckungen vervollständigt (1778). Schon oben, als von unserem +Aufenthalt in Esmeralda (dem den unbekannten Quellen des Orinoco +zunächst gelegenen Punkte) die Rede war, habe ich bemerkt, wie +willkürlich man bei diesen Abänderungen zu Werke ging. Sie +gründeten sich auf die lügenhaften Berichte, mit denen man die +Leichtgläubigkeit des Statthalters Centurion und Don Apollinarios +Diaz de la Fuente, eines Kosmographen, der weder Instrumente, noch +Kenntnisse, noch Bücher hatte, Tag für Tag bediente.</p> +<p>Das Tagebuch Pater Caulins steht mit der Karte, die demselben +beigegeben ist, in fortwährendem Widerspruch. Der Verfasser setzt +die Umstände aus einander, welche zu der Fabel vom See Parime Anlaß +gegeben haben; aber die Karte bringt diesen See auch wieder, nur +schiebt sie ihn weit weg von den Quellen des Orinoco, ostwärts vom +Rio Branco. Nach Pater Caulin heißt der Orinoco Rio Maraguaca unter +dem Meridian des Granitberges dieses Namens, der auf meiner +Reisekarte gezeichnet ist. »Es ist vielmehr ein Bergstrom als ein +Fluß; er kommt zugleich mit dem Rio Omaguaca und dem Macoma, unter +2½ Grad der Breite, aus dem kleinen See Cabiya.« Dieß ist der See, +aus dem la Cruz den Maquiritari (Padamo) entspringen läßt und den +er unter 5½ Grad der Breite, nördlich vom See Ipava, setzt. Die +Existenz von Caulins Rio <strong>Macoma</strong> scheint sich auf +ein verworrenes Bild der Flüsse Padamo, Ocamo und Matacona zu +gründen, von denen man vor meiner Reise glaubte, sie stehen mit +einander in Verbindung. Vielleicht gab auch der See, aus dem der +Mavaca kommt (etwas westlich vom Amaguaca) Anlaß zu diesen +Irrthümern hinsichtlich des Ursprungs des Orinoco und der Quellen +des Idapa in der Nähe.</p> +<p>Surville setzt unter 2°10′ der Breite an die Stelle des Sees +Parime des la Cruz einen andern See ohne Namen, der nach ihm die +Quelle des Ucamu (Ocamo) ist. In der Nähe dieses Alpsees +entspringen aus derselben Quelle der Orinoco und der Idapa, ein +Nebenfluß des Cassiquiare. Der See Amucu, die Quelle des Mahu, wird +zum <strong>Mar Dorado</strong> oder zur <strong>Laguna +Parime</strong> erweitert. Der Rio Branca hängt nur noch durch zwei +seiner schwächsten Nebenflüsse mit dem Wasserbecken zusammen, aus +dem der Ucamu kommt. Aus dieser rein hypothetischen Anordnung +ergibt sich, daß der Orinoco aus keinem See entspringt und daß die +Quellen desselben vom See Parime und dem Rio Branco durchaus +unabhängig find. Trotz der <strong>sich gabelnden Quelle</strong> +ist das hydrographische System der Surville’schen Karte nicht so +abgeschmackt als das auf der Karte des la Cruz. Wenn die neueren +Geographen sich so lange beharrlich an die spanischen Karten +gehalten haben, ohne dieselben mit einander zu vergleichen, so +erscheint es doch auffallend, daß sie nicht wenigstens der neuesten +Karte den Vorzug gegeben haben, der Surville’schen, die auf +königliche Kosten und auf Befehl des Ministers für Indien, Don Jose +de Galvez, erschienen ist.</p> +<p>Ich habe hiermit, wie ich eben ungebändigt, die wechselnden +Gestalten entwickelt, welche die geographischen Irrthümer zu +verschiedenen Zeiten angenommen. Ich habe auseinandergesetzt, wie +die Bodenbildung, der Lauf der Ströme, die Namen der Nebenflüsse +und die zahlreichen Trageplätze zur Annahme eines Binnenmeers im +Herzen von Guyana führen konnten. So trocken Erörterungen der Art +seyn mögen, für unnütz und unfruchtbar darf man sie nicht halten. +Man ersieht daraus, was Alles die Reisenden noch zu entdecken +haben; sie stellen uns vor Augen, welcher Grad von Zuverlåßigkeit +lange Zeit wiederholten Behauptungen zukommt. Es verhält sich mit +den Karten wie mit den Tafeln astronomischer Positionen in unsern +für die Seefahrer bestimmten Ephemeriden. Von lange her ist zu +ihrer Entwerfung das verschiedenartigste Material zusammengetragen +worden, und zöge man nicht die Geschichte der Geographie zu Rathe, +so wäre später so gut wie gar nicht auszumitteln, auf welcher +Autorität jede einzelne Angabe beruht.</p> +<p>Ehe ich den Faden meiner Erzählung wieder aufnehme, habe ich +noch einige allgemeine Bemerkungen über die goldhaltigen +Gebirgsarten zwischen dem Amazonenstrom und dem Orinoco +beizubringen. Wir haben dargethan, daß der Mythus vom +<strong>Dorado</strong>, gleich den berühmtesten Mythen der Völker +der alten Welt, nach einander auf verschiedene Oertlichkeiten +bezogen worden ist. Wir haben denselben von Südwest nach Nordost, +vom Ostabhang der Anden gegen die Ebenen am Rio Branco und +Essequebo vorrücken sehen, ganz in der Richtung, in der die +Caraiben seit Jahrhunderten ihre Kriegs- und Handelszüge machten. +Man sieht leicht, wie das Gold von den Cordilleren von Hand zu Hand +durch eine Menge Völkerschaften bis an das Küstenland von Guyana +gelangen konnte; waren doch, lange bevor der Pelzhandel englische, +russische und amerikanische Schiffe an die Nordwestküsten von +Amerika zog, eiserne Werkzeuge von Neumexico und Canada bis über +die Rocky Mountains gewandert. In Folge eines Irrthums in der +Länge, dessen Spuren man auf sämmtlichen Karten des sechzehnten +Jahrhunderts begegnet, nahm man die goldführenden Gebirge von Peru +und Neu-Grenada weit näher bei den Mündungen des Orinoco und des +Amazonenstromes an, als sie in Wirklichkeit sind. Es ist einmal +Sitte bei den Geographen, neu entdeckte Länder übermäßig zu +vergrößern und ins Breite zu ziehen. Auf der Karte von Peru, welche +Paulo di Forlani in Verona herausgab, liegt die Stadt Quito 400 +Meilen von der Küste der Südsee unter dem Meridian von Cumana; die +Cordillere der Anden füllt fast die ganze Oberfläche des +spanischen, französischen und holländischen Guyana aus. Diese +falsche Ansicht von der Breite der Anden ist ohne Zweifel im Spiel, +wenn man den granitischen Ebenen am Ostabhang derselben so große +Wichtigkeit zugeschrieben hat. Da man die Nebenflüsse des +Amazonenstroms und des Orinoco, oder (wie Raleghs Unterbefehlshaber +aus Schmeichelei für ihren Obern sagten) des <strong>Rio +Raleana</strong> beständig verwechselte, so bezog man auf diesen +alle Sagen, die einem über den Dorado von Quixos, über die Omaguas +und Manoas zu Ohren gekommen. Nach des Geographen Hondius Annahme +lagen die durch ihre Chinawälder berühmten Anden von Loxa nur 20 +Meilen vom See Parime und dem Ufer des Rio Branco. Bei dieser Nähe +erschien die Kunde, daß sich der Inca in die Wälder von Guyana +geflüchtet, und daß die Schätze aus Cuzco in die östlichsten +Striche von Guyana geschafft worden, glaubwürdig. Fuhr man den Meta +oder den Amazonenstrom hinauf, so sah man allerdings zwischen dem +Puruz, dem Jupura und dem Iquiari die Eingeborenen civilisirter +werden. Man fand dort Amulette und kleine Götzenbilder aus +gegossenem Gold, künstlich geschnitzte Stühle und dergleichen; aber +von solchen Spuren einer aufkeimenden Cultur zu den Städten und +steinernen Häusern, wie Ralegh und seine Nachfolger sie +beschreiben, ist ein großer Sprung. Wir haben ostwärts von den +Cordilleren, in der Provinz Jaen de Bracamoros, auf dem Wege von +Loxa an den Amazonenstrom herab, die Trümmer großer Gebäude +gezeichnet; bis hieher waren die Incas mit ihren Waffen, mit ihrer +Religion und mit ihren Künsten vorgedrungen. Die sich selbst +überlassenen Eingeborenen am Orinoco waren vor der Eroberung etwas +civilisirter als jetzt die unabhängigen Horden. Sie hatten dem +Flusse entlang volkreiche Dörfer und standen mit südlicher +wohnenden Völkern in regelmäßigem Handelsverkehr; aber nichts weist +darauf hin, daß sie je ein steinernes Gebäude errichtet hätten. Wir +haben auf unserer ganzen Flußfahrt nie die Spur eines solchen +gesehen.</p> +<p>Obgleich nun aber spanisch Guyana seinen Ruf, ein reiches Land +zu seyn, großentheils seiner geographisehen Lage und den Irrthümern +der alten Karten zu danken hat, so ist man deßhalb doch nicht zu +der Behauptung berechtigt, daß auf diesem Flächenraum von 82,000 +Quadratmeilen zwischen dem Orinoco und dem Amazonenstrom, ostwärts +von den Anden von Quito und Neu-Grenada, gar keine goldhaltige +Gebirgsart vorkomme. Soweit ich dieses Land zwischen dem 2. und +8. Grad der Breite und dem 66. und 71. Grad der Länge +kennen gelernt habe, besteht es durchgängig aus Granit und aus +einem Gneiß, der in Glimmerschiefer und Talkschiefer übergeht. +Diese Gebirgsarten kommen in den hohen Gebirgen der Parime, wie in +den Niederungen am Atabapo und Cassiquiare zu Tage. Der Granit +überwiegt über die andern Gebirgsarten, und wenn auch der Granit +von alter Formation überall fast durchgängig keine Golderze +enthält, so ist daraus doch nicht zu folgern, daß der Granit der +Parime gar keinen Gang, keine Schicht goldhaltigen Quarzes +einschließe. Ostwärts vom Cassiquiare, den Quellen des Orinoco zu, +sahen wir dergleichen Schichten und Gänge häufiger auftreten. Nach +seinem Bau, nach der Beimischung von Hornblende und andern gleich +bedeutsamen geologischen Merkmalen scheint mir der Granit in diesem +Landstrich von neuerer Formation zu seyn, vielleicht jünger als der +Gneiß und analog den zinnhaltigen Graniten, den Hyalomicten und +Pegmatiten. Die jüngeren Granite sind nun aber nicht so arm an +Metallen, und manche goldführende Flüsse und Bäche in den Anden, im +Salzburgschen, im Fichtelgebirge und auf der Hochebene beider +Castilien machen es wahrscheinlich, daß diese Granite hin und +wieder gediegenes Gold und in der ganzen Gebirgsmasse goldhaltigen +Schwefelkies und Bleiglanz eingesprengt enthalten, wie Zinn, +Magneteisenstein und Eisenglimmer. Der Bergstock der Parime, in dem +mehrere Gipfel 1300 Toisen Meereshöhe erreichen, war vor unserer +Reise an den Orinoco fast ganz unbekannt, und doch ist er gegen +hundert Meilen lang und achtzig breit, und wenn er auch überall, wo +Bonpland und ich darüber gekommen sind, uns in seinem Bau sehr +gleichförmig schien, so läßt sich doch keineswegs behaupten, daß +nicht im Innern dieses gewaltigen Bergstocks sehr metallreiche +Glimmerschiefer und Uebergangsgebirgsarten dem Granit aufgelagert +seyn könnten.</p> +<p>Wie oben bemerkt, verdankt Guyana seinen hohen Ruf als +metallreiches Land zum Theil dem Silberglanz des so häufig +vorkommenden Glimmers. Der Spitzberg Calitamini, der jeden Abend +bei Sonnenuntergang in röthlichtem Feuer strahlt, nimmt noch jetzt +die Aufmerksamkeit der Einwohner von Maypures in Anspruch. Eilande +aus Glimmerschiefer im See Amucu steigern, wie die Eingeborenen +einem vorlügen, den Glanz der Nebelflecken am Südhimmel. »Jeder +Berg,« sagt Ralegh, »jeder Stein in den Wäldern am Orinoco glänzt +gleich edlen Metallen; ist das kein Gold, so ist es doch <em>madre +del oro</em>.« Er versichert Stufen von weißem goldhaltigem Quarz +(<em>harde withe spar</em>) mitgebracht zu haben, und zum Beweis, +wie reich diese Erze seyen, beruft er sich auf die von den +Münzbeamten zu London angestellten Versuche. Ich habe keinen Grund +zu vermuthen, daß die damaligen Scheidekünstler Königin Elisabeth +täuschen wollten; ich will Raleghs Andenken keineswegs zu nahe +treten und mit seinen Zeitgenossen argwöhnen, der goldhaltige +Quarz, den er mitgebracht, sey gar nicht in Amerika erhoben worden. +Ueber Dinge, die in der Zeit so weit abliegen, läßt sich kein +Urtheil stillen. Der Gneiß der Küstenkette enthält Spuren von edlen +Metallen, und in den Gebirgen der Parime bei der Mission Encaramada +hat man hin und wieder Goldkörner gefunden. Wie sollte man nach +einem rein negativen Zeugnis, nach dem Umstand, daß wir auf einer +dreimonatlichen Reise keinen Gang gesehen, der am Ausgehenden +goldhaltig gewesen wäre, auf die absolute Taubheit der +Urgebirgsarten in Guyana schließen?</p> +<p>Um hier Alles zusammenzufassen, was die Regierung dieses Landes +über einen so lange bestrittenen Punkt aufzuklären im Stande ist, +mache ich einige allgemeinere geologische Bemerkungen. — Die +Gebirge Brasiliens liefern, trotz der zahlreichen Spuren von +Erzlagern zwischen Sanct Paul und Villarica, bis jetzt nur +Waschgold. Von den 78,000 Mark Gold,<sup><a href="#fn136" class= +"footnoteRef" id="fnref136" name="fnref136">136</a></sup> welche zu +Anfang des neunzehnten Jahrhunderts jährlich aus Amerika in den +europäischen Handel geflossen sind, kommen mehr als sechs +Siebentheile nicht aus der hohen Cordillere der Anden, sondern aus +dem aufgeschwemmten Land östlich und westlich von den Cordilleren. +Diese Striche haben geringe Meereshöhe, wie die bei la Sonora (in +Mexico), bei Choco und Barbacoas (in Neu-Grenada), oder das +Alluvium liegt auf Hochebenen, wie im Innern +Brasiliens.<sup><a href="#fn137" class="footnoteRef" id="fnref137" +name="fnref137">137</a></sup> Ist es nun nicht wahrscheinlich, daß +andere goldhaltige Anschwemmungen der nördlichen Halbkugel zu, bis +an die Ufer des obern Orinoco und des Rio Negro, streichen, deren +Becken ja mit dem des Amazonenstroms zusammenfällt? Als vom Dorado +de Canelas, von dem der Omaguas und am Iquiare die Rede war, +bemerkte ich, daß alle Flüsse, welche von West her kommen, +reichlich Gold führen, und zwar sehr weit von den Cordilleren weg. +Von Loxa bis Popayan bestehen die Cordilleren abwechselnd aus +Trachyt und aus Urgebirge. Die Ebenen bei Zamora, Logroño und Macas +(Sevilla del Oro), der große Rio Napo mit seinen Nebenflüssen (dem +Ansupi und dem Coca in der Provinz Quixos), der Caqueta von Mocoa +bis zum Einfluß des Fragua, endlich alles Land zwischen Jaen de +Bracamoros und dem Guaviare behaupten noch immer ihren alten Ruf +großen Metallreichthums. Weiter gegen Ost, zwischen den Quellen des +Guainia (Rio Negro), des Uaupes, Iquiari und Jurubesh finden wir +ein anderes unstreitig goldhaltiges Gebiet. Hieher setzen Acuña und +Pater Fritz ihre <em>Laguna del oro</em>, und Manches, was ich in +San Carlos aus dem Munde der portugiesischen Amerikaner vernommen, +macht vollkommen erklärlich, was La Condamine von den Goldblechen +erzählt, die bei den Eingeborenen gefunden worden. Gehen wir vom +Iquiari auf das linke Ufer des Rio Negro, so betreten wir ein +völlig unbekanntes Land zwischen dem Rio Branco, den Quellen des +Essequebo und den Gebirgen von portugiesisch Guyana. Acuña spricht +vom Golde, das die nördlichen Nebenflüsse des Amazonenstroms +führen, wie der Rio Trombetas (Oriximina), der Curupatuba und der +Sitipape (Rio de Paru). Alle diese Flüsse, und dieser Umstand +scheint mir bemerkenswerth, kommen von derselben Hochebene herab, +auf deren nördlichem Abhang der See Amucu, der +<strong>Dorado</strong> Raleghs und der Holländer, der Isthmus +zwischen dem Rupunuri (Rupunuwini) und dem Rio Mahu liegen. Nichts +streitet wider die Annahme, daß aufgeschwemmtes goldhaltiges Land +weit von den Cordilleren der Anden nördlich vom Amazonenstrom +vorkommt, wie südlich von demselben in den Gebirgen Brasiliens. Die +Caraiben am Carony, Cuyuni und Essequebo haben von jeher im +aufgeschwemmten Land Goldwäscherei im Kleinen getrieben. Das Becken +des Orinoco, des Rio Negro und des Amazonenstroms wird nordwärts +von den Gebirgen der Parime, südwärts von denen von Minas Geraes +und Matogrosso begrenzt. Häufig stimmen die einander +gegenüberliegenden Abhange desselben Thales im geologischen +Verhalten überein.</p> +<p>Ich habe in diesem Bande die großen Provinzen Venezuela und +spanisch Guyana beschrieben. Die Untersuchung ihrer natürlichen +Grenzen, ihrer klimatischen Verhältnisse und ihrer Produkte hat +mich dazu geführt, den Einfluß der Bodenbildung auf den Ackerbau, +den Handel und den mehr oder weniger langsamen Gang der +gesellschaftlichen Entwicklung zu erörtern. Ich habe nach einander +die drei Zonen durchwandert, die von Nord nach Süd, vom Mittelmeer +der Antillen bis in die Wälder am obern Orinoco und am +Amazonenstrom hinter einander liegen. Hinter dem fruchtbaren +Uferstriche, dem Mittelpunkt des auf den Ackerbau gegründeten +Wohlstandes, kommen die von Hirtenvölkern bewohnten Steppen. Diese +Steppen sind wiederum begrenzt von der Waldregion, wo der Mensch, +ich sage nicht der Freiheit, die immer eine Frucht der Cultur ist, +aber einer wilden Unabhängigkeit genießt. Die Grenze dieser zwei +letzteren Zonen ist gegenwärtig der Schauplatz des Kampfes, der +über die Unabhängigkeit und das Wohl Amerikas entscheiden soll. Die +Umwandlungen, die bevorstehen, können den eigenthümlichen Charakter +jeder Region nicht verwischen; aber die Sitten und die ganzen +Zustände der Einwohner müssen sich gleichförmiger färben. Durch +diese Rücksicht mag eine zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts +unternommene Reise einen Reiz weiter erhalten. Gerne sieht man wohl +in Einem Bilde neben einander die Schilderung der civilisirten +Völker am Meeresufer und der schwachen Ueberreste der Eingeborenen +am Orinoco, die von keinem andern Gottesdienste wissen, außer der +Verehrung der Naturkräfte, und, gleich den Germanen des Tacitus, +<em>deorum nominibus appellant secretum illud, quod sola reverentia +vident</em>.</p> +<h1 id="sechsundzwanzigstes-kapitel."><a href= +"#TOC">Sechsundzwanzigstes Kapitel.</a></h1> +<p>Die Llanos del Pao oder des östlichen Strichs der Steppen von +Venezuela. — Missionen der Caraiben. — Letzter Aufenthalt auf den +Küsten von Nueva Barcelona, Cumana und Araya.</p> +<p>Es war bereits Nacht, als wir zum letztenmal über das Bett des +Orinoco fuhren. Wir wollten bei der Schanze San Rafael übernachten +und dann mit Tages Anbruch die Reise durch die Steppen von +Venezuela antreten. Fast sechs Wochen waren seit unserer Ankunft in +Angostura verflossen; wir sehnten uns nach der Küste, um entweder +in Cumana oder in Nueva Barcelona ein Fahrzeug zu besteigen, das +uns auf die Insel Cuba und von dort nach Mexico brächte. Nach den +Beschwerden, die wir mehrere Monate lang in engen Canoes auf von +Mücken wimmelnden Flüssen durchgemacht, hatte der Gedanke an eine +lange Seereise für unsere Einbildungskraft einen gewissen Reiz. Wir +gedachten nicht mehr nach Südamerika zurückzukommen. Wir brachten +die Anden von Peru dem noch so wenig bekannten Archipel der +Philippinen zum Opfer und beharrten bei unserem alten Plan, uns ein +Jahr in Neuspanien aufzuhalten, mit der Galione von Acapulco nach +Manilla zu gehen und über Basora und Aleppo nach Europa +zurückzukehren. Wir dachten, wenn wir einmal die spanischen +Besitzungen in Amerika im Rücken hätten, könnte der Sturz eines +Ministeriums, dessen großherzigem Vertrauen ich so unbeschränkte +Befugnisse zu danken hatte, der Durchführung unseres Unternehmens +nicht mehr hinderlich werden. Lebhaft bewegten uns diese Gedanken +während der einförmigen Reise durch die Steppen. Nichts hilft so +leicht über die kleinen Widerwärtigkeiten des Lebens weg, als wenn +der Geist mit der bevorstehenden Ausführung eines gewagten +Unternehmens beschäftigt ist.</p> +<p>Unsere Maulthiere warteten unser am linken Ufer des Orinoco. +Durch die Pflanzensammlungen und die geologischen Suiten, die wir +seit Esmeralda und dem Rio Negro mit uns führten, war unser Gepäck +bedeutend stärker geworden. Da es mißlich gewesen wäre, uns von +unsern Herbarien zu trennen, so mußten wir uns auf eine sehr +langsame Reise durch die Llanos gefaßt machen. Durch das +Zurückprallen der Sonnenstrahlen vom fast pflanzenlosen Boden war +die Hitze ungemein stark. Indessen stand der hunderttheilige +Thermometer bei Tag doch nur auf 30 bis 34, bei Nacht auf 27 bis 28 +Grad. Wie fast überall unter den Tropen war es daher nicht sowohl +der absolute Hitzegrad als das Andauern derselben, was widrig auf +unsere Organe wirkte. Wir brauchten dreizehn Tage, um über die +Steppen zu kommen, wobei wir uns in den Missionen der Caraiben und +in der kleinen Stadt Pao etwas aufhielten. Ich habe +oben<sup><a href="#fn138" class="footnoteRef" id="fnref138" name= +"fnref138">138</a></sup> das physische Gemälde dieser unermeßlichen +Ebenen entworfen, die zwischen den Wäldern von Guyana und der +Küstenkette liegen. Der östliche Strich der Llanos, über den wir +von Angostura nach Nueva Barcelona kamen, bietet denselben öden +Anblick wie der westliche, über den wir von den Thälern von Aragua +nach San Fernando am Apure gegangen waren. In der trockenen +Jahreszeit, welche hier <strong>Sommer</strong> heißt, obgleich +dann die Sonne in der südlichen Halbkugel ist, weht der Seewind in +den Steppen von Cumana weit stärker als in denen von Caracas; denn +diese weiten Ebenen bilden, gleich den angebauten Fluren der +Lombardei, ein nach Ost offenes, nach Nord, Süd und West durch hohe +Urgebirgsketten geschlossenes Becken. Leider kam uns dieser +erfrischende Wind, von dem die Llaneros (die Steppenbewohner) mit +Entzücken sprechen, nicht zu gute. Nordwärts vom Aequator war +Regenzeit; in den Llanos selbst regnete es freilich nicht, aber +durch den Wechsel in der Abweichung der Sonne hatte das Spiel der +Polarströmungen längst aufgehört. In diesen Landstrichen am +Aequator, wo man sich nach dem Zug der Wolken orientiren kann, und +wo die Schwankungen des Quecksilbers im Barometer fast wie eine Uhr +die Stunde weisen, ist Alles einem regelmäßigen, gleichförmigen +Typus unterworfen. Das Aufhören der Seewinde, der Eintritt der +Regenzeit und die Häufigkeit elektrischer Entladungen sind durch +unabänderliche Gesetze verknüpfte Erscheinungen.</p> +<p>Beim Einfluß des Apure in den Orinoco, am Berge Sacuima, hatten +wir einen französischen Landwirth getroffen, der unter seinen +Heerden in völliger Abgeschiedenheit lebte.<sup><a href="#fn139" +class="footnoteRef" id="fnref139" name="fnref139">139</a></sup> Es +war das der Mann, der in seiner Einfalt glaubte, die politischen +Revolutionen in der alten Welt und die daraus entsprungenen Kriege +rühren nur »vom langen Widerstande der Observanten« her. Kaum +hatten wir die Llanos von Neu-Barcelona betreten, so brachten wir +die erste Nacht wieder bei einem Franzosen zu, der uns mit der +liebenswürdigsten Gastfreundlichkeit aufnahm. Er war aus Lyon +gebürtig, hatte das Vaterland in früher Jugend verlassen und schien +sich um Alles, was jenseits des atlantischen Meeres, oder, wie man +hier für Europa ziemlich geringschätzig sagt, »auf der andern Seite +der großen Lache« (<em>del otro lado del charco</em>) vorgeht, sehr +wenig zu kümmern. Wir sahen unsern Wirth beschäftigt, große +Holzstücke mittelst eines Leims, der <strong>Guayca</strong> heißt, +an einander zu fügen. Dieser Stoff, dessen sich auch die Tischler +in Angostura bedienen, gleicht dem besten aus dem Thierreich +gewonnenen Leim. Derselbe liegt ganz fertig zwischen Rinde und +Splint einer Liane aus der Familie der Combretaceen.<sup><a href= +"#fn140" class="footnoteRef" id="fnref140" name= +"fnref140">140</a></sup> Wahrscheinlich kommt er in seinem +chemischen Verhalten nahe überein mit dem Vogelleim, einem +vegetabilischen Stoff, der aus den Beeren der Mistel und der innern +Rinde der Stechpalme gewonnen wird. Man erstaunt, in welcher Masse +dieser klebrigte Stoff ausfließt, wenn man die rankenden Zweige des +<strong>Vejuco de Guayca</strong> abschneidet. So findet man denn +unter den Tropen in reinem Zustand und in besondern Organen +abgelagert, was man sich in der gemäßigten Zone nur auf künstlichem +Wege verschaffen kann.<sup><a href="#fn141" class="footnoteRef" id= +"fnref141" name="fnref141">141</a></sup></p> +<p>Erst am dritten Tage kamen wir in die caraibischen Missionen am +Cari. Wir fanden hier den Boden durch die Trockenheit nicht so +stark aufgesprungen wie in den Llanos von Calabozo. Ein paar +Regengüsse hatten der Vegetation neues Leben gegeben. Kleine +Grasarten und besonders jene krautartigen Sensitiven, von denen das +halbwilde Vieh so fett wird, bildeten einen dichten Rasen. Weit +auseinander standen hie und da Stämme der Fächerpalme (<em>Corypha +tectorum</em>), der Rhopala (Chaparro) und Malpighia mit +lederartigen, glänzenden Blättern. Die feuchten Stellen erkennt man +von weitem an den Büschen von Mauritia, welche der Sagobaum dieses +Landstrichs ist. Auf den Küsten ist diese Palme das ganze +Besitzthum der Guaraons-Indianer, und, was ziemlich auffallend ist, +wir haben sie 160 Meilen weiter gegen Süd mitten in den Wäldern am +obern Orinoco, auf den Grasfluren um den Granitgipfel des Duida +angetroffen. Der Baum hing in dieser Jahreszeit voll ungeheurer +Büschel rother, den Tannenzapfen ähnlicher Früchte. Unsere Affen +waren sehr lüstern nach diesen Früchten, deren gelbes Fleisch +schmeckt wie überreife Apfel. Die Thiere saßen zwischen unserem +Gepäck auf dem Rücken der Maulthiere und strengten sich gewaltig +an, um der über ihren Köpfen hängenden Büschel habhaft zu werden. +Die Ebene schwankte wellenförmig in Folge der +Luftspiegelung,<sup><a href="#fn142" class="footnoteRef" id= +"fnref142" name="fnref142">142</a></sup> und als wir nach einer +Stunde Wegs diese Palmstämme, die sich am Horizont wie Masten +ausnahmen, erreichten, sahen wir mit Ueberraschung, wie viele Dinge +an das Daseyn eines einzigen Gewächses geknüpft sind. Die Winde, +vom Laub und den Zweigen im raschen Zuge aufgehalten, häufen den +Sand um den Stamm auf. Der Geruch der Früchte, das glänzende Grün +locken von weitem die Zugvögel her, die sich gern auf den Wedeln +der Palme wiegen. Ringsum vernimmt man ein leises Rauschen. +Niedergedrückt von der Hitze, gewöhnt an die trübselige Stille der +Steppe, meint man gleich einige Kühlung zu spüren, wenn sich das +Laub auch nur ein wenig rührt. Untersucht man den Boden an der +Seite abwärts vom Winde, so findet man ihn noch lange nach der +Regenzeit feucht. Insekten und Würmer<sup><a href="#fn143" class= +"footnoteRef" id="fnref143" name="fnref143">143</a></sup>, sonst in +den Llanos so selten, ziehen sich hieher und pflanzen sich fort. So +verbreitet ein einzeln stehender, häufig verkrüppelter Baum, den +der Reisende in den Wäldern am Orinoco gar nicht beachtete, in der +Wüste Leben um sich her.</p> +<p>Wir langten am 13. Juli im Dorfe Cari<sup><a href="#fn144" +class="footnoteRef" id="fnref144" name="fnref144">144</a></sup> an, +der ersten der caraibischen Missionen, die unter den Mönchen von +der Congregation der Observanten aus dem Collegium von +Piritu<sup><a href="#fn145" class="footnoteRef" id="fnref145" name= +"fnref145">145</a></sup> stehen. Wir wohnten, wie gewöhnlich, im +<strong>Kloster</strong>, das heißt beim Pfarrer. Wir hatten, außer +den Pässen des Generalcapitäns der Provinz, Empfehlungen der +Bischöfe und des Gardians der Missionen am Orinoco. Von den Küsten +von Neu-Californien bis Valdivia und an die Mündung des Rio de la +Plata, auf einer Strecke von 2000 Meilen, lassen sich alle +Schwierigkeiten einer langen Landreise überwinden, wenn man des +Schutzes der amerikanischen Geistlichkeit genießt. Die Macht, +welche diese Körperschaft im Staate ausübt, ist zu fest begründet, +als daß sie in einer neuen Ordnung der Dinge so bald erschüttert +werden könnte. Unserem Wirth war unbegreiflich, »wie Leute aus dem +nördlichen Europa von den Grenzen von Brasilien her, über Rio Negro +und Orinoco, und nicht auf dem Wege von Cumana her zu ihm kamen.« +Er behandelte uns ungemein freundlich, verläugnete indessen +keineswegs die etwas lästige Neugier, welche das Erscheinen eines +nicht spanischen Europäers in Südamerika immer rege macht. Die +Mineralien, die wir gesammelt, mußten Gold enthalten; so sorgfältig +getrocknete Pflanzen konnten nur Arzneigewächse seyn. Hier, wie in +so vielen Ländern in Europa, meint man, die Wissenschaft sey nur +dann eine würdige Beschäftigung für den Geist, wenn dabei für die +Welt ein materieller Nutzen herauskomme.</p> +<p>Wir fanden im Dorfe Cari über 500 Caraiben und in den Missionen +umher sahen wir ihrer noch viele. Es ist höchst merkwürdig, ein +Volk vor sich zu haben, das, früher nomadisch, erst kürzlich an +feste Wohnsitze gefesselt worden und sich durch Körper- und +Geisteskraft von allen andern Indianern unterscheidet. Ich habe +nirgends anderswo einen ganzen so hochgewachsenen (5 Fuß 6 Zoll bis +5 Fuß 10 Zoll) und so colossal gebauten Volksstamm gesehen. Die +Männer, und dieß kommt in Amerika ziemlich häufig vor, sind mehr +bekleidet als die Weiber. Diese tragen nur den +<strong>Guayuco</strong> oder Gürtel in Form eines Bandes, bei den +Männern ist der ganze Untertheil des Körpers bis zu den Hüften in +ein Stück dunkelblauen, fast schwarzen Tuches gehüllt. Diese +Bekleidung ist so weit, daß die Caraiben, wenn gegen Abend die +Temperatur abnimmt, sich eine Schulter damit bedecken. Da ihr +Körper mit <strong>Onoto</strong> bemalt ist, so gleichen ihre +großen, malerisch drapirten Gestalten von weitem, wenn sie sich in +der Steppe vom Himmel abheben, antiken Broncestatuen. Bei den +Männern ist das Haar sehr charakteristisch verschnitten, nämlich +wie bei den Mönchen oder den Chorknaben. Die Stirne ist zum Theil +glatt geschoren, wodurch sie sehr hoch erscheint. Ein starker, +kreisrund geschnittener Haarbüschel fängt erst ganz nahe am +Scheitel an. Diese Aehnlichkeit der Caraiben mit den Mönchen ist +nicht etwa eine Folge des Lebens in den Missionen; sie rührt nicht, +wie man fälschlich behauptet hat, daher, daß es die Eingeborenen +ihren Herren und Meistern, den Patres Franciskanern, gleich thun +wollen. Die Stämme, die zwischen den Quellen des Carony und des Rio +Branco in wilder Unabhängigkeit verharren, zeichnen sich durch eben +diesen <em>cerquillo de frailes</em> aus, den schon bei der +Entdeckung von Amerika die frühesten spanischen Geschichtschreiber +den Völkern von caraibischem Stamme zuschrieben. Alle Glieder +dieses Stammes, die wir bei unserer Fahrt auf dem untern Orinoco +und in den Missionen von Piritu gesehen, unterscheiden sich von den +übrigen Indianern nicht allein durch ihren hohen Wuchs, sondern +auch durch ihre regelmäßigen Züge. Ihre Nase ist nicht so breit und +platt, ihre Backenknochen springen nicht so stark vor, der ganze +Gesichtsausdruck ist weniger mongolisch. Aus ihren Augen, die +schwarzer sind als bei den andern Horden in Guyana, spricht +Verstand, fast möchte man sagen Nachdenklichkeit. Die Caraiben +haben etwas Ernstes in ihrem Benehmen und etwas Schwermüthiges im +Blick, wie die Mehrzahl der Ureinwohner der neuen Welt. Der ernste +Ausdruck ihrer Züge wird noch bedeutend dadurch gesteigert, daß sie +die Augbrauen mit dem Saft des Caruto<sup><a href="#fn146" class= +"footnoteRef" id="fnref146" name="fnref146">146</a></sup> färben, +sie stärker machen und zusammenlaufen lassen; häufig machen sie +fast im ganzen Gesicht schwarze Flecke, um grimmiger auszusehen. +Die Gemeindebeamten, der Governador und die Alcalden, die allein +das Recht haben, lange Stöcke zu tragen, machten uns ihre +Aufwartung. Es waren junge Indianer von achtzehn, zwanzig Jahren +darunter; denn ihre Wahl hängt einzig vom Gutdünken des Missionärs +ab. Wir wunderten uns nicht wenig, als uns an diesen mit Onoto +bemalten Caraiben das wichtig thuende Wesen, die gemessene Haltung, +das kalte, herabsehende Benehmen entgegentraten, wie man sie hin +und wieder bei Beamten in der alten Welt findet. Die caraibischen +Weiber sind nicht so kräftig und häßlicher als die Männer. Die Last +der häuslichen Geschäfte und der Feldarbeit liegt fast ganz auf +ihnen. Sie baten uns dringend um Stecknadeln, die sie in Ermanglung +von Taschen unter die Unterlippe steckten; sie durchstechen damit +die Haut so, daß der Kopf der Nadel im Munde bleibt. Diesen Brauch +haben sie aus ihrem wilden Zustand mit herübergenommen. Die jungen +Mädchen sind roth bemalt und außer dem Guayuco ganz nackt. Bei den +verschiedenen Völkern beider Welten ist der Begriff der Nacktheit +nur ein relativer. In einigen Ländern Asiens ist es einem Weibe +nicht gestattet, auch nur die Fingerspitzen sehen zu lassen, +während eine Indianerin von caraibischem Stamme sich gar nicht für +nackt hält, wenn sie einen zwei Zoll breiten Guahuco trägt. Dabei +gilt noch diese Leibbinde für ein weniger wesentliches +Kleidungsstück als die Färbung der Haut. Aus der Hütte zu gehen, +ohne mit Onoto gefärbt zu seyn, wäre ein Verstoß gegen allen +caraibischen Anstand.</p> +<p>Die Indianer in den Missionen von Piritu nahmen unsere +Aufmerksamkeit umso mehr in Anspruch, als sie einem Volke +angehören, das durch seine Kühnheit, durch seine Kriegszüge und +seinen Handelsgeist auf die weite Landstrecke zwischen dem Aequator +und den Nordküsten bedeutenden Einfluß geübt hat. Aller Orten am +Orinoco hatten wir das Andenken an jene feindlichen Einfälle der +Caraiben lebendig gefunden; dieselben erstreckten sich früher von +den Quellen des Carony und des Erevato bis zum Ventuari, Atacavi +und Rio Negro.<sup><a href="#fn147" class="footnoteRef" id= +"fnref147" name="fnref147">147</a></sup> Die caraibische Sprache +ist daher auch eine der verbreitetsten in diesem Theile der Welt; +sie ist sogar (wie im Westen der Alleghanis die Sprache der +Lenni-Lenepas oder Algonkins und die der Natchez oder Muskoghees) +auf Völker übergegangen, die nicht desselben Stammes sind.</p> +<p>Ueberblickt man den Schwarm von Völkern, die in Süd- und +Nordamerika ostwärts von den Cordilleren der Anden hausen, so +verweilt man vorzugsweise bei solchen, die lange über ihre Nachbarn +geherrscht und auf dem Schauplatz der Welt eine wichtigere Rolle +gespielt haben. Der Geschichtschreiber fühlt das Bedürfniß, die +Ereignisse zu gruppiren, Massen zu sondern, zu den gemeinsamen +Quellen so vieler Bewegungen und Wanderungen im Leben der Völker +zurückzugehen. Große Reiche, eine förmlich organisirte +priesterliche Hierarchie und eine Cultur, wie sie auf den ersten +Entwicklungsstufen der Gesellschaft durch eine solche Organisation +gefördert wird, fanden sich nur auf den Hochgebirgen im Westen. In +Mexico sehen wir eine große Monarchie, die zerstreute kleine +Republiken einschließt, in Cundinamarca und Peru wahre +Priesterstaaten. Befestigte Städte, Straßen und große steinerne +Gebäude, ein merkwürdig enttvickeltes Lehenssystem, Sonderung der +Kasten, Männer- und Frauenklöster, geistliche Brüderschaften mit +mehr oder minder strenger Regel, sehr verwickelte +Zeiteintheilungen, die mit den Kalendern, den Thierkreisen und der +Astrologie der cultivirten asiatischen Völker Verwandtschaft haben, +all das gehört in Amerika nur einem einzigen Landstrich an, dem +langen und schmalen Streifen Alpenland, der sich vom 30. Grad +nördlicher bis zum 25. südlicher Breite erstreckt. In der +alten Welt ging der Zug der Völker von Ost nach West; nach einander +traten Basken oder Iberier, Kelten, Germanen und Pelasger auf. In +der neuen Welt gingen ähnliche Wanderungen in der Richtung von Nord +nach Süd. In beiden Halbkugeln richtete sich die Bewegung der +Völker nach dem Zug der Gebirge; aber im heißen Erdstrich wurden +die gemäßigten Hochebenen der Cordilleren von bedeutenderem Einfluß +auf die Geschicke des Menschengeschlechts, als die Gebirge in +Centralasien und Europa. Da nun nur civilisirte Völker eine +eigentliche Geschichte haben, so geht die Geschichte der Amerikaner +in der Geschichte einiger weniger Gebirgsvölker auf. Tiefes Dunkel +liegt auf dem unermeßlichen Lande, das sich vom Ostabhang der +Cordilleren zum atlantischen Ocean erstreckt, und gerade deßhalb +nimmt Alles, was in diesem Lande auf das Uebergewicht einer Nation +über die andere, auf weite Wanderzüge, auf physiognomische, fremde +Abstammung verrathende Züge deutet, unser Interesse so lebhaft in +Anspruch.</p> +<p>Mitten auf den Niederungen von Nordamerika hat ein mächtiges +ausgestorbenes Volk kreisrunde, viereckigte, achteckigte +Festungswerke gebaut, Mauern, 6000 Toisen lang, Erdhügel von +600—700 Fuß Durchmesser und 140 Fuß Höhe, die bald rund sind, bald +mehrere Stockwerke haben und Tausende von Skeletten enthalten. +Diese Skelette gehörten Menschen an, die nicht so hoch gewachsen, +untersetzter waren als die gegenwärtigen Bewohner dieser Länder. +Andere Gebeine, in Gewebe gehüllt, die mit denen auf den Sandwichs- +und Fidji-Inseln Aehnlichkeit haben, findet man in natürlichen +Höhlen in Kentucky. Was ist aus jenen Völkern in Louisiana +geworden, die vor den Lenni-Lenapas, den Shawanoes im Lande saßen, +vielleicht sogar vor den Sioux (Nadowessier, Narcota) am Missouri, +die stark »mongolisirt« sind und von denen man, nach ihren eigenen +Sagen, annimmt, daß sie von den asiatischen Küsten herübergekommen? +Auf den Niederungen von Südamerika trifft man, wie oben bemerkt, +kaum ein paar künstliche Hügel (<em>cerros hechos a mano</em>) an, +nirgends Befestigungen wie am Ohio. Auf einem sehr großen +Landstrich, am untern Orinoco wie am Cassiquiare und zwischen den +Quellen des Essequebo und Rio Branco, findet man indessen +Granitfelsen, die mit symbolischen Bildern bedeckt sind. Diese +Bildwerke weisen darauf hin, daß die ausgestorbenen Geschlechter +andern Völkern angehörten, als die jetzt diese Länder bewohnen. Im +Westen, auf dem Rücken der Cordillere der Anden erscheinen die +Geschichte von Mexico und die von Cundinamarca und Peru ganz +unabhängig von einander; aber auf den Niederungen gegen Osten zeigt +eine kriegerische Nation, die lange als die herrschende +aufgetreten, in den Gesichtszügen und dem Körperbau Spuren fremder +Abstammung. Die Caraiben haben noch Sagen, die auf einen Verkehr +zwischen beiden Hälften Amerikas in alter Zeit hinzudeuten +scheinen. Eine solche Erscheinung verdient ganz besondere +Aufmerksamkeit; sie verdient solche, wie tief auch die +Versunkenheit und die Barbarei seyn mag, in der die Europäer am +Ende des fünfzehnten Jahrhunderts alle Völker des neuen Continents +mit Ausnahme der Gebirgsvölker antrafen. Wenn es wahr ist, daß die +meisten Wilden, wie ihre Sprachen, ihre kosmogonischen Mythen und +so viele andere Merkmale darzuthun scheinen, nur verwilderte +Geschlechter sind, Trümmer, die einem großen gemeinsamen +Schiffbruch entgangen, so wird es doppelt von Wichtigkeit, zu +untersuchen, auf welchen Wegen diese Trümmer aus einer Halbkugel in +die andere geworfen worden sind.</p> +<p>Das schöne Volk der Caraiben bewohnt heutzutage nur einen +kleinen Theil der Länder, die es vor der Entdeckung von Amerika +inne hatte. Durch die Greuel der Europäer ist dasselbe auf den +Antillen und auf den Küsten von Darien völlig ausgerottet, wogegen +es unter der Missionszucht in den Provinzen Nueva Barcelona und +spanisch Guyana volkreiche Dörfer gegründet hat. Man kann, glaube +ich, die Zahl der Caraiben, die in den Llanos von Piritu und am +Carony und Cuyuni wohnen, auf mehr als 35,000 veranschlagen. +Rechnete man dazu die unabhängigen Caraiben, die westwärts von den +Gebirgen von Cayenne und Pacaraimo zwischen den Quellen des +Essequebo und des Rio Branco hausen, so käme vielleicht eine +Gesammtzahl von 40,000 Köpfen von einer, mit andern eingeborenen +Stämmen nicht gemischten Race heraus. Ich lege auf diese Angaben um +so mehr Gewicht, als vor meiner Reise in vielen geographischen +Werken von den Caraiben nur wie von einem ausgestorbenen Volksstamm +die Rede war. Da man vom Innern der spanischen Colonien auf dem +Festland nichts wußte, setzte man voraus, die kleinen Inseln +Dominica, Guadeloupe und St. Vincent seyen der Hauptwohnsitz +dieses Volkes gewesen, und von demselben bestehe (auf allen +östlichen Antillen) nichts mehr, als versteinerte oder vielmehr in +einem Madreporenkalk eingeschlossene Skelette.<sup><a href="#fn148" +class="footnoteRef" id="fnref148" name="fnref148">148</a></sup> +Nach dieser Voraussetzung wären die Caraiben in Amerika +ausgestorben, wie die Guanchen auf dem Archipel der Canarien.</p> +<p>Stämme, welche, demselben Volke angehörig, sich gemeinsamen +Ursprung zuschreiben, werden auch mit denselben Namen bezeichnet. +Meist wird der Namen einer einzelnen Herde von den benachbarten +Völkern allen andern beigelegt; zuweilen werden auch Ortsnamen zu +Volksnamen, oder letztere entspringen aus Spottnamen oder aus der +zufälligen Verdrehung eines Wortes in Folge schlechter Aussprache. +Das Wort »Caribes«, das ich zuerst in einem Briefe des Peter Martyr +d’Anghiera finde, kommt von Calina und Caripuna, wobei aus l und p +r und b wurden. Ja es ist sehr merkwürdig, daß dieser Name, den +Columbus aus dem Munde der haitischen Völker hörte, bei den +Caraiben auf den Inseln und bei denen auf dem Festland zugleich +vorkam. Aus Carina oder Calina machte man Galibi (Caribi), wie in +französisch Guyana eine Völkerschaft heißt, die Von weit kleinerem +Wuchse ist als die Einwohner am Cari, aber eine der zahlreichen +Mundarten der caraibischen Sprache spricht. Die Bewohner der Inseln +nannten sich in der Männersprache Calinago, in der Weibersprache +Callipinan. Dieser Unterschied zwischen beiden Geschlechtern in der +Sprechweise ist bei den Völkern von caraibischem Stamm auffallender +als bei andern amerikanischen Nationen (den Omaguas, Guaranis und +Chiquitos), bei welchen derselbe nur wenige Begriffe betrifft, wie +z. B. die Worte Mutter und Kind. Es begreift sich, wie die +Weiber bei ihrer abgeschlossenen Lebensweise sich Redensarten +bilden, welche die Männer nicht annehmen mögen. Schon +Cicero<sup><a href="#fn149" class="footnoteRef" id="fnref149" name= +"fnref149">149</a></sup> bemerkt, daß die alten Sprachformen sich +vorzugsweise im Munde der Weiber erhalten, weil sie bei ihrer +Stellung in der Gesellschaft nicht so sehr den Lebenswechseln (dem +Wechsel von Wohnort und Beschäftigung) ausgesetzt sind, wodurch bei +den Männern die ursprüngliche Reinheit der Sprache leicht leidet. +Bei den caraibischen Völkern ist aber der Unterschied zwischen den +Mundarten beider Geschlechter so groß und auffallend, daß man zur +befriedigenden Erklärung desselben sich nach einer andern Quelle +umsehen muß. Diese glaubte man nun in dem barbarischen Brauche zu +finden, die männlichen Gefangenen zu tödten und die Weiber der +Besiegten als Sklaven fortzuschleppen. Als die Caraiben in den +Archipel der kleinen Antillen einfielen, kamen sie als eine +kriegerische Horde, nicht als Colonisten, die ihre Familien bei +sich hatten. Die Weibersprache bildete sich nun im Maße, als die +Sieger sich mit fremden Weibern verbanden. Damit kamen neue +Elemente herein, Worte, wesentlich verschieden von den caraibischen +Worten,<sup><a href="#fn150" class="footnoteRef" id="fnref150" +name="fnref150">150</a></sup> die sich im Frauengemach von +Geschlecht zu Geschlecht fortpflanzten, doch so, daß der Bau, die +Combinationen und die grammatischen Formen der Männersprache +Einfluß darauf äußerten. So vollzog sich hier in einem beschränkten +Verein von Individuen, was wir an der ganzen Völkergruppe des neuen +Continents beobachten. Völlige Verschiedenheit hinsichtlich der +Worte neben großer Aehnlichkeit im Bau, das ist die +Eigenthümlichkeit der amerikanischen Sprachen von der Hudsonsbai +bis zur Magellanschen Meerenge. Es ist verschiedenes Material in +ähnlichen Formen. Bedenkt man nun, daß die Erscheinung fast von +einem Pol zum andern über die ganze Hälfte unseres Planeten reicht, +betrachtet man die Eigenthümlichkeiten in den grammatischen +Combinationen (die Formen für die Genera bei den drei Personen des +Zeitworts, die Reduplicationen, die Frequentative, die Duale), so +kann man sich nicht genug wundern, wie einförmig bei einem so +beträchtlichen Bruchtheil des Menschengeschlechts der +Entwicklungsgang in Geist und Sprache ist.</p> +<p>Wir haben gesehen, daß die Mundart der caraibischen Weiber auf +den Antillen Reste einer ausgestorbenen Sprache enthält. Was war +dieß für eine Sprache? Wir wissen es nicht. Einige Schriftsteller +vermuthen, es könnte die Sprache der Ygneris oder der Ureinwohner +der caraibischen Inseln seyn, von denen sich schwache Ueberreste +auf Guadeloupe erhalten haben; andere fanden darin Aehnlichkeit mit +der alten Sprache von Cuba oder mit den Sprachen der Aruacas und +Apalachiten in Florida; allein alle diese Annahmen gründen sich auf +eine höchst mangelhafte Kenntniß der Mundarten, die man zu +vergleichen unternommen.</p> +<p>Liest man die spanischen Schriftsteller des sechzehnten +Jahrhunderts mit Aufmerksamkeit, so sieht man, daß die caraibischen +Völkerschaften damals aus einer Strecke von 18 bis +19 Breitegraden, von den Jungfraueninseln ostwärts von +Portorico bis zu den Mündungen des Amazonenstroms ausgebreitet +waren. Daß ihre Wohnsitze auch gegen West, längs der Küstenkette +von Santa Martha und Venezuela sich erstreckt, erscheint weniger +gewiß. Indessen nennen Lopez de Gomara und die ältesten +Geschichtschreiber <strong>Caribana</strong> nicht, wie seitdem +geschehen, das Land zwischen den Quellen des Orinoco und den +Gebirgen von französisch Guyana,<sup><a href="#fn151" class= +"footnoteRef" id="fnref151" name="fnref151">151</a></sup> sondern +die sumpfigten Niederungen zwischen den Mündungen des Rio Atrato +und des Rio Sinu. Ich war, als ich von der Havana nach Portobelo +wollte, selbst auf diesen Küsten und hörte dort, das Vorgebirge, +das den Meerbusen von Darien oder Uraba gegen Ost begrenzt, heiße +noch jetzt Punta Caribana. Früher war so ziemlich die Ansicht +herrschend, die Caraiben der antillischen Inseln stammen von den +kriegerischen Völkern in Darien ab, und haben sogar den Namen von +ihnen. »<em>Inde Uraban ab orientali prehendit ora, quam appellant +indigenae Caribana, unde Caribes insulares originem habere nomenque +retinere dicuntur.</em>« So drückt sich Anghiera in den Oceanica +aus. Ein Neffe Amerigos Vespucci hatte ihm gesagt, von dort bis zu +den Schneegebirgen von Santa Martha seyen alle Eingeborenen »<em>e +genere Caribium sive Canibalium.</em>« Ich ziehe nicht in Abrede, +daß ächte Caraiben am Meerbusen von Darien gehaust haben können, +und daß sie durch die östlichen Strömungen dahin getrieben worden +seyn mögen; es kann aber eben so gut seyn, daß die spanischen +Seefahrer, die auf die Sprachen wenig achteten, jede Völkerschaft +von hohem Wuchs und wilder Gemüthsart Caribe und Canibale nannten. +Jedenfalls erscheint es sehr unwahrscheinlich, daß das caraibische +Volk auf den Antillen und in der Parime sich selbst nach dem Lande, +in dem es ursprünglich lebte, genannt haben sollte. Ostwärts von +den Anden und überall, wohin die Cultur noch nicht gedrungen ist, +geben vielmehr die Völker den Landstrichen, wo sie sich +niedergelassen, die Namen. Wir haben schon mehrmals Gelegenheit +gehabt zu bemerken, daß die Worte <strong>Caribes</strong> und +<strong>Canibales</strong> bedeutsam zu seyn scheinen, daß es wohl +Beinamen sind, die auf Muth und Kraft, selbst auf +Geistesüberlegenheit anspielen<sup><a href="#fn152" class= +"footnoteRef" id="fnref152" name="fnref152">152</a></sup> Es ist +sehr bemerkenswerth, daß die Brasilianer, als die Portugiesen ins +Land kamen, ihre Zauberer gleichfalls <strong>Caraibes</strong> +nannten. Wir wissen, daß die Caraiben in der Parime das +wanderlustigste Volk in Amerika waren; vielleicht spielten schlaue +Köpfe in diesem umherziehenden Volk dieselbe Rolle wie die +<strong>Chaldäer</strong> in der alten Welt. Völkernamen hängen +sich leicht an gewisse Gewerbe, und als unter den Cäsaren so viele +Formen des Aberglaubens aus dem Orient in Italien eindrangen, kamen +die Chaldaer so wenig von den Ufern des Euphrat, als die Menschen, +die man in Frankreich <em>Egyptiens</em> und <em>Bohémiens</em> +nennt (die einen indischen Dialekt reden, Zigeuner), vom Nil und +von der Elbe.</p> +<p>Wenn eine und dieselbe Nation auf dem Festland und auf +benachbarten Inseln lebt, so hat man die Wahl zwischen zwei +Annahmen: sie sind entweder von den Inseln auf den Continent, oder +vom Continent auf die Inseln gewandert. Diese Streitfrage erhebt +sich auch bei den Iberiern (Basken), die sowohl in Spanien als auf +den Inseln im Mittelmeer ihre Wohnsitze hatten;<sup><a href= +"#fn153" class="footnoteRef" id="fnref153" name= +"fnref153">153</a></sup> ebenso bei den Malayen, die auf der +Halbinsel Malaca und im Distrikt Menangkabao auf der Insel Sumatra +Autochthonen zu seyn scheinen.<sup><a href="#fn154" class= +"footnoteRef" id="fnref154" name="fnref154">154</a></sup> Der +Archipel der großen und der kleinen Antillen hat die Gestalt einer +schmalen, zerrissenen Landzunge, die der Landenge von Panama +parallel läuft und nach der Annahme mancher Geographen einst +Florida mit dem nordöstlichen Ende von Südamerika verband. Es ist +gleichsam das östliche Ufer eines Binnenmeeres, das man ein Becken +mit mehreren Ausgängen nennen kann. Diese sonderbare Bildung des +Landes hat den verschiedenen Wandersystemen, nach denen man die +Niederlassung der caraibischen Völker auf den Inseln und auf dem +benachbarten Festland zu erklären suchte, zur Stütze gedient. Die +Caraiben des Festlandes behaupten, die kleinen Antillen seyen vor +Zeiten von den Aruacas bewohnt gewesen, einer kriegerischen Nation, +deren Hauptmasse noch jetzt an den ungesunden Ufern des Surinam und +des Berbice lebt. Diese Aruacas sollen, mit Ausnahme der Weiber, +von den Caraiben, die von den Mündungen des Orinoco +hinübergekommen, sämmtlich ausgerottet worden seyn, und sie berufen +sich zu Bewahrheitung dieser Sage auf die Aehnlichkeit zwischen der +Sprache der Aruacas und der Weibersprache bei den Caraiben. Man muß +aber bedenken, daß die Aruacas, wenn sie gleich Feinde der Caraiben +sind, doch mit ihnen zur selben Völkerfamilie gehören, und daß das +Aruakische und das Caraibische einander so nahe stehen wie +Griechisch und Persisch, Deutsch und Sanskrit. Nach einer andern +Sage sind die Caraiben auf den Inseln von Süden hergekommen, nicht +als Eroberer, sondern aus Guyana von den Aruacas vertrieben, die +ursprünglich über alle benachbarten Völker das Uebergewicht hatten. +Endlich eine dritte, weit verbreitetere und auch wahrscheinlichere +Sage läßt die Caraiben aus Nordamerika, namentlich aus Florida +kommen. Ein Reisender, der sich rühmt, Alles zusammengebracht zu +haben, was auf diese Wanderungen von Nord nach Süd Bezug hat, +Bristok, behauptet, ein Stamm der Confachiqui habe lange mit den +Apalachiten im Kriege gelegen; diese haben jenem Stamm den +fruchtbaren Distrikt Amana abgetteten und sofort ihre neuen +Bundesgenossen Caribes (d. h. <strong>tapfere +Fremdlinge</strong>) genannt; aber in Folge eines Zwistes über den +Gottesdienst seyen die Confachiqui-Caribes aus Florida vertrieben +worden. Sie gingen zuerst in ihren kleinen Canoes auf die Yucayas +oder die lucayischen Inseln (auf Cigateo und die zunächst liegenden +Inseln), von da nach Ayay (Hayhay, heutzutage Santa Cruz) und auf +die kleinen Antillen, endlich auf das Festland von Südamerika. +Dieß, glaubt man, sey gegen das Jahr 1100 unserer Zeitrechnung +geschehen; allein bei dieser Schätzung nimmt man an (wie bei +manchen orientalischen Mythen), »bei der Mäßigkeit und +Sitteneinfalt der Wilden« könne die mittlere Dauer einer Generation +180 bis 200 Jahre betragen haben, wodurch dann eine bestimmte +Zeitangabe als völlig aus der Luft gegriffen erscheint. Auf dieser +ganzen langen Wanderung hatten die Caraiben die großen Antillen +nicht berührt, wo indessen die Eingeborenen gleichfalls aus Florida +zu stammen glaubten. Die Insulaner aus Cuba, Haiti und Borriken +(Portorico) waren nach der einstimmigen Aussage der ersten +Conquistadoren von den Caraiben völlig verschieden; ja bei der +Entdeckung von Amerika waren diese bereits von der Gruppe der +kleinen lucayischen Inseln abgezogen, auf denen, wie in allen von +Schiffbrüchigen und Flüchtlingen bewohnten Ländern, eine +erstaunliche Mannigfaltigkeit von Sprachen herrschte.</p> +<p>Die Herrschaft, welche die Caraiben so lange über einen großen +Theil des Festlandes ausgeübt, und das Andenken an ihre alte Größe +gaben ihnen ein Gefühl von Würde und nationaler Ueberlegenheit, das +in ihrem Benehmen und ihren Aeußerungen zu Tage kommt. »Nur wir +sind ein Volk,« sagen sie sprüchwörtlich, »die andern Menschen +(<em>oquili</em>) sind dazu da, uns zu dienen.« Die Caraiben sehen +auf ihre alten Feinde so hoch herab, daß ich ein zehnjähriges Kind +vor Wuth schäumen sah, weil man es einen <strong>Cabre</strong> +oder <strong>Cavere</strong> nannte. Und doch hatte es in seinem +Leben keinen Menschen dieses unglücklichen Volkes<sup><a href= +"#fn155" class="footnoteRef" id="fnref155" name= +"fnref155">155</a></sup> gesehen, von dem die Stadt Cabruta +(Cabritu) ihren Namen hat und das von den Caraiben fast völlig +ausgerottet wurde. Ueberall, bei halb barbarischen Horden, wie bei +den civilisirtesten Völkern in Europa, finden wir diesen +eingewurzelten Haß und die Namen feindlicher Völker als die +gröbsten Schimpfworte gebraucht.</p> +<p>Der Missionär führte uns in mehrere indianische Hütten, wo +Ordnung und die größte Reinlichkeit herrschten. Mit Verdruß sahen +wir hier, wie die caraibischen Mütter schon die kleinsten Kinder +quälen, um ihnen nicht nur die Waden größer zu machen, sondern am +ganzen Bein vom Knöchel bis oben am Schenkel das Fleisch +stellenweise hervorzutreiben. Bänder von Leder oder Baumwollenzeug +werden 2 bis 3 Zoll von einander fest umgelegt und immer +stärker angezogen, so daß die Muskeln zwischen zwei Bandstreifen +überquellen. Unsere Kinder im Wickelzeug haben lange nicht so viel +zu leiden als die Kinder bei den caraibischen Völkern, bei einer +Nation, die dem Naturzustand noch so viel näher seyn soll. Umsonst +arbeiten die Mönche in den Missionen, ohne Rousseaus Werke oder +auch nur den Namen des Mannes zu kennen, diesem alten System des +Kinderaufziehens entgegen; der Mensch, der eben aus den Wäldern +kommt, an dessen Sitteneinfalt wir glauben, ist keineswegs +gelehrig, wenn es sich von seinem Putz und von seinen Vorstellungen +von Schönheit und Anstand handelt. Ich wunderte mich übrigens, daß +der Zwang, dem man die armen Kinder unterwirft, und der den +Blutumlauf hemmen sollte, der Muskelbewegung keinen Eintrag thut. +Es gibt auf der Welt kein kräftigeres und schnellfüßigeres Volk als +die Caraiben.</p> +<p>Wenn die Weiber ihren Kindern Beine und Schenkel modeln, um +Wellenlinien hervorzubringen, wie die Maler es nennen, so +unterlassen sie es in den Llanos wenigstens ihnen von der Geburt an +den Kopf zwischen Kissen und Brettern platt zu drücken. Dieser +Brauch, der früher auf den Inseln und bei manchen caraibischen +Stämmen in der Parime und in französisch Guyana so verbreitet war, +kommt in den Missionen, die wir besucht haben, nicht vor. Die Leute +haben dort gewölbtere Stirnen als die Chaymas, Otomacos, Macos, +Maravitanos und die meisten Eingeborenen am Orinoco. Nach +systematischem Begriffe sind ihre Stirnen, wie sie ihren geistigen +Fähigkeiten entsprechen. Diese Beobachtung überraschte uns um so +mehr, da die in manchen anatomischen Werken abgebildeten +Caraibenschädel sich von allen Menschenschädeln durch die +niedrigste Stirne und den kleinsten Gesichtswinkel unterscheiden. +Man hat aber in unsern osteologischen Sammlungen Kunstprodukte mit +Naturbildungen verwechselt. Die »fast stirnlosen« sogenannten +Caraibenschädel<sup><a href="#fn156" class="footnoteRef" id= +"fnref156" name="fnref156">156</a></sup> von der Insel Sanct +Vincent sind zwischen Brettern gemodelte Köpfe von Zambos +(schwarzen Caraiben), Abkömmlingen von Negern und wirklichen +Caraiben. Der barbarische Brauch, die Stirne platt zu drücken, +kommt übrigens bei mehreren Völkern vor, die nicht desselben +Stammes sind; man hat denselben in neuester Zeit auch in +Nordamerika angetroffen; aber der Schluß von einer gewissen +Uebereinstimmung in Sitten und Gebräuchen auf gleiche Abstammung +ist sehr gewagt.</p> +<p>Reist man in den caraibischen Missionen, so sollte man bei dem +daselbst herrschenden Geiste der Ordnung und des Gehorsams gar +nicht glauben, daß man sich unter Canibalen befindet. Dieses +amerikanische Wort von nicht ganz sicherer Bedeutung stammt +wahrscheinlich aus der Sprache von Hain oder Portorico. Es ist +schon zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, als gleichbedentend mit +Menschenfresser, in die europäischen Sprachen übergegangen. +»<em>Edaces humanarum carnium novi anthropophagi, quos diximus +Caribes, alias Canibales appellari</em>«, sagt Anghiera in der +dritten Decade seiner Papst Leo X. gewidmeten Oceanica. Ich +bezweifle keineswegs, daß die Inselcaraiben als eroberndes Volk die +Ygneris oder alten Bewohner der Antillen, die schwach und +unkriegerisch waren, grausam behandelt haben; dennoch ist +anzunehmen, daß diese Grausamkeiten von den ersten Reisenden, +welche nur Völker hörten, die von jeher Feinde der Caraiben +gewesen, übertrieben wurden. Nicht immer werden nur die Besiegten +von den Zeitgenossen verläumdet; auch am Uebermuth des Siegers +rächt man sich, indem man das Register seiner Gräuel +vergrößert.</p> +<p>Alle Missionäre am Carony, am untern Orinoco und in den +<em>Llanos del Cari</em>, die wir zu befragen Gelegenheit gehabt, +versichern, unter allen Völkern des neuen Continents seyen die +Caraiben vielleicht am wenigsten Menschenfresser; und solches +behaupten sie sogar von den unabhängigen Horden, die ostwärts von +Esmeralda zwischen den Quellen des Rio Branco und des Essequebo +umherziehen. Es begreift sich, daß die verzweifelte Erbitterung, +mit der sich die unglücklichen Caraiben gegen die Spanier wehrten, +nachdem im Jahr 1504 ein königliches Ausschreiben sie für Sklaven +erklärt hatte, sie vollends in den Ruf der Wildheit brachte, in dem +sie stehen.<sup><a href="#fn157" class="footnoteRef" id="fnref157" +name="fnref157">157</a></sup> Der erste Gedanke, diesem Volke zu +Leibe zu gehen und es seiner Freiheit und seiner natürlichen Rechte +zu berauben, rührt von Christoph Columbus her, der die Ansichten +des fünfzehnten Jahrhunderts theilte und durchaus nicht immer so +menschlich war, als man im achtzehnten aus Haß gegen seine +Verkleinerer behauptete. Später wurde der Licenciat Rodrigo de +Figueroa vom Hofe beauftragt (1520), auszumachen, welche +Völkerschaften in Südamerika für caraibischen oder +<strong>canibalischen</strong> Stammes gelten könnten, und welche +<strong>Guatiaos</strong> wären, das heißt friedliche, von lange +her mit den Castilianern befreundete Indianer. Dieses +ethnographische Actenstück, »el auto de Figueroa« genannt, ist eine +der merkwürdigsten Urkunden für die Barbarei der ersten +Conquistadoren. Nie hatte Systemsucht so trefflich dazu gedient, +die Leidenschaften zu beschönigen. Unsere Geographen gehen nicht +willkürlicher zu Werke, wenn sie in Centralasien mongolische und +tartarische Völker unterscheiden, als Figueroa, wenn er zwischen +Canibalen und Guatiaos die Grenze zog. Ohne auf die +Sprachverwandtschaft zu achten, erklärte man willkürlich alle +Horden, denen man Schuld geben konnte, daß sie nach dem Gefechte +einen Gefangenen verzehrt, für caraibisch. Die Einwohner von +Uriapari (der Halbinsel Paria) wurden Caraiben, die Urinacos (die +Uferbewohner am untern Orinoco oder Urinucu) Guatiaos genannt. Alle +Stämme, die Figueroa als Caraiben bezeichnete, waren der Sklaverei +verfallen; man konnte sie nach Belieben verkaufen oder +niedermachen. In diesen blutigen Kämpfen wehrten sich die +caraibischen Weiber nach dem Tode ihrer Männer mit so verzweifeltem +Muthe, daß man sie, wie Anghiera sagt, für Amazonenvölker hielt. +Die gehässigen Declamationen eines Dominicanermönchs (Thomas +Hortiz) trugen dazu bei, den Jammer zu verlängern, der auf ganzen +Völkern lastete. Indessen, und man spricht es mit Vergnügen aus, +gab es auch beherzte Männer, die mitten in den an den Caraiben +verübten Greueln die Stimme der Menschlichkeit und Gerechtigkeit +hören ließen. Manche Geistliche sprachen sich in entgegengesetztem +Sinne aus, als sie Anfangs gethan. In einem Jahrhundert, in dem man +nicht hoffen durfte, die öffentliche Freiheit auf bürgerliche +Einrichtungen zu gründen, suchte man wenigstens die persönliche +Freiheit zu vertheidigen. »Es ist,« sagt Gomara im Jahr 1551, »ein +heiliges Gesetz (<em>lex sanctissima</em>), durch das unser Kaiser +verboten hat, die Indianer zu Sklaven zu machen. Es ist gerecht, +daß die Menschen, die alle frei zur Welt kommen, nicht einer des +andern Sklaven werden.«</p> +<p>Bei unserem Aufenthalt in den caraibischen Missionen überraschte +es uns, mit welcher Gewandtheit junge, achtzehn-, zwanzigjährige +Indianer, wenn sie zum Amte eines <strong>Alguatil</strong> oder +<strong>Fiscal</strong> herangebildet sind, stundenlange Anreden an +die Gemeinde halten. Die Betonung, die ernste Haltung, die +Geberden, mit denen der Vortrag begleitet wird, Alles verräth ein +begabtes, einer hohen Culturentwicklung fähiges Volk. Ein +Franciskaner, der so viel caraibisch verstand, daß er zuweilen in +dieser Sprache predigen konnte, machte uns darauf aufmerksam, wie +lang und gehäuft die Sätze in den Reden der Indianer sind, und doch +nie verworren und unklar werden. Eigenthümliche Flexionen des +Verbums bezeichnen zum voraus die Beschaffenheit des regierten +Worts, je nachdem es belebt ist oder unbelebt, in der Einzahl oder +in der Mehrzahl. Durch kleine angehängte Formen (Suffixe) wird der +Empfindung ein eigener Ausdruck gegeben, und hier, wie in allen auf +dem Wege ungehemmter Entwicklung entstandenen Sprachen, entspringt +die Klarheit aus dem ordnenden Instinct,<sup><a href="#fn158" +class="footnoteRef" id="fnref158" name="fnref158">158</a></sup> der +auf den verschiedensten Stufen der Barbarei und der Cultur als das +eigentliche Wesen der menschlichen Geisteskraft erscheint. An +Festtagen versammelt sich nach der Messe die ganze Gemeinde vor der +Kirche. Die jungen Mädchen legen zu den Füßen des Missionärs +Holzbündel, Mais, Bananenbüschel und andere Lebensmittel nieder, +deren er in seinem Haushalt bedarf. Zugleich treten der +<strong>Governador</strong>, der <strong>Fiscal</strong> und die +Gemeindebeamten, lauter Indianer, auf, ermahnen die Eingeborenen +zum Fleiß, theilen die Arbeiten, welche die Woche über vorzunehmen +sind, aus, geben den Trägen Verweise, und — es soll nicht +verschwiegen werden — prügeln die Unbotmäßigen unbarmherzig durch. +Die Stockstreiche werden so kaltblütig hingenommen als ausgetheilt. +Diese Acte der vollziehenden Justiz kommen dem Reisenden, der von +Angostura an die Küste über die Llanos geht, sehr gedehnt vor und +allzu sehr gehäuft. Man sähe es lieber, wenn der Priester nicht vom +Altar weg körperliche Züchtigungen verhängte, man wünschte, er +möchte es nicht im priesterlichen Gewande mit ansehen, wie Männer +und Weiber abgestraft werden; aber dieser Mißbrauch, oder, wenn man +will, dieser Verstoß gegen den Anstand fließt aus dem Grundsatz, +auf dem das ganze seltsame Missionsregiment beruht. Die +willkürlichste bürgerliche Gewalt ist mit den Rechten, welche dem +Geistlichen der kleinen Gemeinde zustehen, völlig verschmolzen, und +obgleich die Caraiben so gut wie keine <strong>Canibalen</strong> +sind, und so sehr man wünschen mag, daß sie mit Milde und Vorsicht +behandelt werden, so sieht man doch ein, daß es zuweilen etwas +kräftiger Mittel bedarf, um in einem so jungen Gemeinwesen die Ruhe +aufrecht zu erhalten.</p> +<p>Die Caraiben sind um so schwerer an feste Wohnsitze zu fesseln, +da sie seit Jahrhunderten auf den Flüssen Handel getrieben haben. +Wir haben dieses rührige Volk, ein Volk von Handelsleuten und von +Kriegern, schon oben kennen gelernt,<sup><a href="#fn159" class= +"footnoteRef" id="fnref159" name="fnref159">159</a></sup> wie es +Sklavenhandel trieb und mit seinen Waaren von den Küsten von +holländisch Guyana bis in das Becken des Amazonenstromes zog. Die +wandernden Caraiben waren die Bukharen des tropischen Amerika, und +so hatte sie denn auch das tägliche Bedürfniß, die Gegenstände +ihres kleinen Handels zu berechnen und einander Nachrichten +mitzutheilen, dazu gebracht, die Handhabung der +<strong>Quippos</strong>, oder, wie man in den Missionen sagt, der +<em>cordoncillos con nudos</em>, zu verbessern und zu erweitern. +Diese Quippos oder Schnüre kommen in Canada, in Mexiko (wo Boturini +welche bei den Tlascalteken bekam), in Peru, auf den Niederungen +von Guyana, in Centralasien, in China und in Indien vor. Als +Rosenkränze wurden sie in den Händen der abendländischen Christen +Werkzeuge der Andacht; als <strong>Suampan</strong> dienten sie zu +den Griffen der <strong>palpabeln</strong> oder Handarithmetik der +Chinesen, Tartaren und Russen.<sup><a href="#fn160" class= +"footnoteRef" id="fnref160" name="fnref160">160</a></sup> Die +unabhängigen Caraiben, welche in dem noch so wenig bekannten Lande +zwischen den Quellen des Orinoco und den Flüssen Essequebo, Carony +und Parime (Rio Branco oder <em>Rio de aguas blancas</em>) hausen, +theilen sich in Stämme; ähnlich den Völkern am Missouri, in Chili +und im alten Germanien bilden sie eine Art politischer +Bundesgenossenschaft. Eine solche Verfassung sagt am besten der +Freiheitsliebe dieser kriegerischen Horden zu, die +gesellschaftliche Bande nur dann vortheilhaft finden, wenn es +gemeinsame Vertheidigung gilt. In ihrem Stolze sondern sich die +Caraiben von allen andern Stämmen ab, selbst von solchen, die der +Sprache nach ihnen verwandt sind. Auf dieser Absonderung bestehen +sie auch in den Missionen. Diese sind selten gediehen, wenn man den +Versuch gemacht hat, Caraiben gemischten Gemeinden einzuverleiben, +das heißt solchen, wo jede Hütte von einer Familie bewohnt ist, die +wieder einem andern Volke angehört und eine andere Mundart hat. Bei +den unabhängigen Caraiben vererbt sich die Häuptlingswürde vom +Vater auf den Sohn, nicht durch die Schwesterkinder. Letztere +Erbfolge beruht auf einem grundsätzlichen Mißtrauen, dass eben +nicht für große Sittenreinheit spricht; dieselbe herrscht in +Indien, bei den Ashantees in Asrika, und bei mehreren wilden Horden +in Nordamerika.<sup><a href="#fn161" class="footnoteRef" id= +"fnref161" name="fnref161">161</a></sup> Bei den Caraiben müssen +die jungen Häuptlinge, wie die Jünglinge, die heirathen wollen, +fasten und sich den seltsamsten Büßungen unterziehen. Man purgirt +sie mit der Frucht gewisser Euphorbien, man läßt sie in Kasten +schwitzen und gibt ihnen von den <strong>Marirris</strong> oder +<strong>Piaches</strong> bereitete Mittel ein, die in den +Landstrichen jenseits der Alleghanis <strong>Kriegstränke</strong>, +<strong>Tränke zum Muthmachen</strong> (<em>war-phisicks</em>) +heißen. Die caraibischen Marirris sind die berühmtesten von allen; +sie sind Priester, Gaukler und Aerzte in Einer Person und ihre +Lehre, ihre Kunstgriffe und ihre Arzneien vererben sich. Letztere +werden unter Auflegen der Hände gereicht und mit verschiedenen +geheimnißvollen Geberden oder Handlungen, wie es scheint, von +Uralters her bekannte Manipulationen des thierischen Magnetismus. +Ich hatte Gelegenheit, mehrere Leute zu sprechen, welche die +verbündeten Caraiben genau hatten beobachten können, ich konnte +aber nicht erfahren, ob die <strong>Marirris</strong> eine Caste +für sich bilden. In Nordamerika hat man gefunden, daß bei den +Shawanoes, die in mehrere Stämme zerfallen, die Priester, die die +Opfer vornehmen (wie bei den Hebräern), nur aus Einem Stamme, dem +der Mequachakes, seyn dürfen. Wie mir dünkt, muß Alles, was man +noch in Amerika über die Spuren einer alten Priestercaste ausfindig +macht, von bedeutendem Interesse seyn, wegen jener Priesterkönige +in Peru, die sich Söhne der Sonne nannten, und jener +<strong>Sonnenkönige</strong> bei den Natchez, bei denen man +unwillkürlich an die Heliaden der ersten östlichen Colonie von +Rhodus denkt.<sup><a href="#fn162" class="footnoteRef" id= +"fnref162" name="fnref162">162</a></sup> Um Sitten und Gebräuche +des caraibischen Volkes vollkommen kennen zu lernen, müßte man die +Missionen in den Llanos, die am Carony und die Savanen südlich von +den Gebirgen von Pacaraimo zugleich besuchen. Je mehr man sie +kennen lernt, versichern die Franciskaner, desto mehr müssen die +Vorurtheile schwinden, die man gegen sie in Europa hat, wo sie für +wilder, oder, um mich des naiven Ausdrucks eines Herrn von +Montmartin zu bedienen, für weit weniger <strong>liberal</strong> +gelten, als andere Völkerschaften in Guyana.<sup><a href="#fn163" +class="footnoteRef" id="fnref163" name="fnref163">163</a></sup> Die +Sprache der Caraiben auf dem Festlande ist dieselbe von den Quellen +des Rio Branco bis zu den Steppen von Cumana. Ich war so glücklich, +in Besitz einer Handschrift zu gelangen, die einen Auszug des +Paters Sebastian Garcia aus der »<em>Grammatica de la lengua Caribe +del P. Fernando Ximenez</em>« enthielt. Diese werthvolle +Handschrift wurde bei Vaters<sup><a href="#fn164" class= +"footnoteRef" id="fnref164" name="fnref164">164</a></sup> und +meines Bruders, Wilhelm von Humboldt, nach noch weit umfassenderem +Plane angelegten Untersuchungen über den Bau der amerikanischen +Sprachen benützt.</p> +<p>Als wir von der Mission Cari aufbrechen wollten, geriethen wir +in einen Wortwechsel mit unsern indianischen Maulthiertreibern. Sie +hatten, zu unserer nicht geringen Verwunderung, ausfindig gemacht, +daß wir Skelette aus der Höhle von Ataruipe mit uns führten, und +sie waren fest überzeugt, daß das Lastthier, das »die Körper ihrer +alten Verwandten« trug, auf dem Wege zu Grunde gehen müsse. Alle +unsere Vorsichtsmaßregeln, um die Skelette zu verbergen, waren +vergeblich; nichts entgeht dem Scharfsinn und dem Geruch eines +Caraiben, und es brauchte das ganze Ansehen des Missionärs, um +unser Gepäck in Gang zu bringen. Ueber den Rio Cari mußten wir im +Boote fahren, über den <em>Rio de agua clara</em> waten, fast +könnte ich sagen schwimmen. Wegen des Triebsands am Boden ist +letzterer Uebergang bei Hochwasser sehr beschwerlich. Man wundert +sich, daß in einem so ebenen Lande die Strömung so stark ist; die +Steppenflüsse drängen aber auch, um mich eines ganz richtigen +Ausdrucks des jüngeren Plinius zu bedienen, »nicht sowohl wegen des +Bodenfalls, als wegen ihrer Fülle und wie durch ihr eigenes Gewicht +vorwärts.«<sup><a href="#fn165" class="footnoteRef" id="fnref165" +name="fnref165">165</a></sup> Wir hatten, ehe wir in die kleine +Stadt Pao kamen, zwei schlechte Nachtlager in Matagorda und los +Niecietos. Ueberall dasselbe: kleine Rohrhütten mit Leder gedeckt, +berittene Leute mit Lanzen, die das Vieh hüten, halb wilde +Hornviehherden von auffallend gleicher Färbung, die den Pferden und +Maulthieren die Weide streitig machen. Keine Schafe, keine Ziegen +auf diesen unermeßlichen Steppen! Die Schafe pflanzen sich in +Amerika nur auf Plateaus, die über tausend Toisen hoch liegen, gut +fort; nur dort wird die Wolle lang und zuweilen sehr schön. Im +glühend heißen Klima der Niederungen, wo statt der Wölfe die +Jaguars auftreten, können sich diese kleinen wehrlosen und in ihren +Bewegungen schwerfälligen Wiederkäuer nicht in Masse halten.</p> +<p>Am 15. Juli langten wir in der <strong>Fundacion</strong> oder +Villa del Pao an, die im Jahr 1744 gegründet wurde und sehr +vortheilhaft gelegen ist, um zwischen Nueva Barcelona und Angostura +als Stapelplatz zu dienen. Ihr eigentlicher Name ist <em>Conception +del Pao</em>; Alcedo, la Cruz Olmedilla und viele andere Geographen +gaben ihre Lage falsch an, weil sie den Ort entweder mit San Juan +Baptista del Pao in den Llanos von Caracas, oder mit el Valle del +Pao am Zarate verwechselten. Trotz des bedeckten Himmels erhielt +ich einige Höhen von α im Centauren, nach denen sich die Breite des +Orts bestimmen ließ. Dieselbe beträgt 8°37′57″. Aus Sonnenhöhen +ergab sich eine Länge von 67°8′12″, Angostura unter 66°15′21″ +angenommen. Die astronomischen Bestimmungen in +Calabozo<sup><a href="#fn166" class="footnoteRef" id="fnref166" +name="fnref166">166</a></sup> und in Conception del Pao sind nicht +ohne Belang für die Geographie dieser Landstriche, wo es inmitten +der Grasfluren durchaus an festen Punkten fehlt. In der Umgegend +von Pao findet man einige Fruchtbäume, eine seltene Erscheinung in +den Steppen. Wir sahen sogar Cocosbäume, die trotz der weiten +Entfernung von der See ganz kräftig schienen. Ich lege einiges +Gewicht auf letztere Wahrnehmung, da man die Glaubwürdigkeit von +Reisenden, welche den Cocosbaum, eine <strong>Küstenpalme</strong>, +in Tombuctu, mitten in Afrika, angetroffen haben wollten, in +Zweifel gezogen hat. Wir hatten öfters Gelegenheit, Cocosbäume +mitten im Baulande am Magdalenenstrom, hundert Meilen von der +Küste, zu sehen.</p> +<p>In fünf Tagen, die uns sehr lang vorkamen, gelangten wir von der +Villa del Pao in den Hafen von Nueva Barcelona. Je weiter wir +kamen, desto heiterer wurde der Himmel, desto staubigter der Boden, +desto glühender die Luft. Diese ungemein drückende Hitze rührt +nicht von der Lufttemperatur her, sondern vom feinen Sand, der in +der Luft schwebt, nach allen Seiten Wärme strahlt und dem Reisenden +ins Gesicht schlägt, wie an die Kugel des Thermometers. Indessen +habe ich in Amerika den hunderttheiligen Thermometer mitten im +<strong>Sandwinde</strong> niemals über 45°8 steigen sehen. Capitän +Lyon, den ich nach seiner Rückkehr von Mourzouk zu sprechen das +Vergnügen hatte, schien mir auch geneigt anzunehmen, daß die +Temperatur von 52 Grad, der man in Fezzan so oft ausgesetzt ist, +großentheils von den Quarzkörnern herrührt, die in der Luft +suspendirt sind. Zwischen Pao und dem im Jahr 1749 gegründeten, von +500 Caraiben bewohnten Dorfe Santa Cruz de Cachipo<sup><a href= +"#fn167" class="footnoteRef" id="fnref167" name= +"fnref167">167</a></sup> kamen wir über den westlichen Strich des +kleinen Plateau, das unter dem Namen Mesa de Amana bekannt ist. +Dieses Plateau bildet die Wasserscheide zwischen dem Orinoco, dem +Guarapiche und dem Küstenland von Neu-Andalusien. Die Erhöhung +desselben ist so gering, daß es der Schiffbarmachung dieses Strichs +der Llanos wenig Hinderniß in den Weg legen wird. Indessen konnte +der Rio Mamo, der oberhalb des Einflusses des Carony in den Orinoco +fällt und den d’Anville (ich weiß nicht, nach wessen Angabe) auf +der ersten Ausgabe seiner großen Karte aus dem See von Valencia +kommen und die Sewässer des Guayre aufnehmen läßt, nie als +natürlicher Canal zwischen zwei Flußbecken dienen. Es besteht in +der Steppe nirgends eine Gabeltheilung der Art. Sehr viele +Caraiben, welche jetzt in den Missionen von Piritu leben, saßen +früher nördlich und westlich vom Plateau Amana zwischen Maturin, +der Mündung des Rio Areo und dem Guarapiche; die Einfälle Don +Josephs Careño, eines der unternehmendsten Statthalter der Provinz +Cumana, gaben im Jahr 1720 Anlaß zu einer allgemeinen Wanderung der +unabhängigen Caraiben an den untern Orinoco.</p> +<p>Dieser ganze weit gedehnte Landstrich besteht, wie wir schon +oben bemerkt,<sup><a href="#fn168" class="footnoteRef" id= +"fnref168" name="fnref168">168</a></sup> aus secundären +Gebirgsbildungen, die sich gegen Süden unmittelbar an die +Granitgebirge am Orinoco lehnen. Gegen Nordwest trennt sie ein +ziemlich schmaler Streif von Uebergangsgebirg von den aus Urgebirg +bestehenden Bergen auf dem Küstenland von Caracas. Dieses gewaltige +Auftreten von secundären Bildungen, die ohne Unterbrechung einen +Flächenraum von 7200 Quadratmeilen bedecken (wobei nur der gegen +Süd vom Rio Apure, gegen West von der Sierra Nevada de Merida und +vom Paramo de las Rosas begrenzte Theil der Llanos gerechnet ist), +ist in diesen Erdstrichen eine um so merkwürdigere Erscheinung, da +in der ganzen Sierra de la Parime, zwischen dem rechten Ufer des +Orinoco und dem Rio Negro, gerade wie in Scandinavien, die +secundären Bildungen auffallenderweise gänzlich fehlen. Der rothe +Sandstein, der hie und da Stricke fossilen Holzes (aus der Familie +der Monocotyledonen) enthält, kommt in den Steppen von Calabozo +überall zu Tage. Weiter gegen Ost sind Kalkstein und Gips demselben +aufgelagert und machen ihn der geologischen Forschung unzugänglich. +Weiter gegen Norden, der Mission San Joses de Curataquiche zu, fand +Bonpland schöne gebänderte Stücke Jaspis oder »egyptische Kiesel.« +Wir sahen dieselben nicht in der Gebirgsart eingeschlossen und +wissen daher nicht, ob sie einem ganz neuen Conglomerat angehören +oder dem Kalkstein, den wir am Morro von Nueva Barcelona +angetroffen, und der kein Uebergangsgestein ist, obgleich er +Schichten von Kieselschiefer enthält.</p> +<p>Man kann die Steppen oder Grasfluren von Südamerika nicht +durchziehen, ohne in Gedanken bei der Aussicht zu verweilen, daß +man sie eines Tags zu dem benützen wird, zu dem sie sich besser +eignen, als irgend ein Landstrich des Erdballs, zur Messung der +Grade eines Erdbogens in der Richtung eines Meridians oder einer +auf dem Meridian senkrechten Linie. Diese Operation wäre für die +genaue Kenntniß der Gestalt der Erde von großer Wichtigkeit. Die +Llanos von Venezuela liegen 13 Grade ostwärts von den Punkten, wo +einerseits die französischen Akademiker mittelst Dreiecken, die +sich auf die Gipfel der Cordilleren stützten, andererseits Mason +und Dixon, ohne trigonometrische Mittel (auf den Ebenen von +Pennsylvanien), ihre Messungen ausgeführt haben; sie liegen fast +unter demselben Parallel (und dieser Umstand ist von großem Belang) +wie die indische Hochebene zwischen Junne und Madura, wo Oberst +Lambton so ausgezeichnet operirte. So viele Bedenken auch noch +hinsichtlich der Genauigkeit der Instrumente, der +Beobachtungsfehler und der Einflüsse örtlicher Anziehungen bestehen +mögen, beim jetzigen Zustand unserer Kenntnisse ist nicht wohl in +Abrede zu ziehen, daß die Erde ungleichförmig abgeplattet ist. Ist +einmal zwischen den freien Regierungen von la Plata und Venezuela +ein innigeres Verhältniß hergestellt, so wird man sich ohne Zweifel +diesen Vortheil und den allgemeinen Frieden zu Nutze machen und +nördlich und südlich vom Aequator, in den Llanos und in den Pampas +die Messungen vornehmen, die wir hier in Vorschlag bringen. Die +Llanos von Pao und Calabozo sind fast unter demselben Meridian +gelegen, wie die Pampas südlich von Cordova, und der +Breitenunterschied dieser Niederungen, die so vollkommen eben sind, +als hätte lange Wasser darauf gestanden, beträgt 45 Grad. +Diese geodätischen und astronomischen Operationen wären bei der +Beschaffenheit des Terrains auch gar nicht kostspielig. Schon La +Condamine hat im Jahr 1734 dargethan, wie vortheilhafter und +besonders weniger zeitraubend es gewesen wäre, wenn man die +Akademiker in die (vielleicht etwas zu stark bewachsenen und +sumpfigten) Ebenen im Süden von Cayenne, dem Einfluß des Rio Xingu +in den Amazonenstrom zu, geschickt hätte, statt sie auf den +Hochebenen von Quito mit Frost, Stürmen und vulkanischen Ausbrüchen +kämpfen zu lassen.</p> +<p>Die spanisch-amerikanischen Regierungen dürfen keineswegs +meinen, daß die in Rede stehenden, mit Pendelbeobachtungen +verbundenen Messungen in den Llanos nur ein rein wissenschaftliches +Interesse hätten: dieselben gäben zugleich die Hauptgrundlagen für +Karten ab, ohne welche keine regelmäßige Verwaltung in einem Lande +bestehen kann. Bis jetzt mußte man sich auf eine rein astronomische +Aufnahme beschränken, und es ist dieß das sicherste und rascheste +Verfahren bei einer Oberfläche von sehr großer Ausdehnung. Man +suchte einige Punkte an den Küsten und im Innern +<strong>absolut</strong> zu bestimmen, das heißt nach +Himmelserscheinungen oder Reihen von Monddistanzen. Man stellte die +Lage der bedeutendsten Orte nach den drei Coordinaten der Breite, +der Länge und der Höhe fest. Die dazwischenliegenden Punkte wurden +mit den Hauptpunkten auf <strong>chronometrischem</strong> Wege +verknüpft. Durch den sehr gleichförmigen Gang der Chronometer in +Canoes und durch die sonderbaren Krümmungen des Orinoco wurde diese +Anknüpfung erleichtert. Man brachte die Chronometer zum +Ausgangspunkte zurück, oder man beobachtete zweimal (im Hinweg und +im Herweg) an einem dazwischen liegenden Punkte, man knüpfte die +Enden der <strong>chronometrischen Linien</strong><sup><a href= +"#fn169" class="footnoteRef" id="fnref169" name= +"fnref169">169</a></sup> an sehr weitaus einander liegende +Lokalitäten, deren Lage nach absoluten, d. h. rein +astronomischen Erscheinungen bestimmt ist, und so konnte man die +Summe der etwa begangenen Fehler schätzen. Auf diese Weise (und vor +meiner Reise war im Binnenlande die Länge keines Punktes bestimmt +worden) habe ich Cumana, Angostura, Esmeralda, San Carlos del Rio +Negro, San Fernando de Apure, Porto-Cabello und Caracas +astronomisch verknüpft. Diese Beobachtungen umfassen eine +Bodenfläche von mehr als 10,000 Quadratmeilen. Das System der +Beobachtungspunkte auf dem Küstenland und die werthvollen +Ergebnisse der Aufnahme bei Fidalgos Seereise wurden mit dem System +der Beobachtungspunkte am Orinoco und Rio Negro durch zwei +chronometrische Linien in Verbindung gebracht, deren eine über die +Llanos von Catabozo, die andere über die Llanos von Pao läuft. Die +Beobachtungen in der Parime bilden einen Streifen, der eine +ungeheure Landstrecke (73,000 Quadratmeilen), auf der bis jetzt +nicht ein einziger Punkt astronomisch bestimmt ist, in zwei Theile +theilt. Durch diese verschiedenen Arbeiten, die ich mit geringen +Mitteln, aber nach einem allgemeinen Plane unternommen, wurde, wie +ich mir wohl schmeicheln darf, der erste astronomische Grund zur +Geographie dieser Länder gelegt; es ist aber Zeit, dieselben +vielfach wieder aufzunehmen, sie zu berichtigen, besonders aber da, +wo der Anbau des Landes es gestattet, trigonometrische Messungen an +ihre Stelle treten zu lassen. An beiden Rändern der Llanos, die +sich gleich einem Meerbusen vom Delta des Orinoco bis zu den +Schneegebirgen von Meridia ausdehnen, streichen im Norden und im +Süden zwei Granitketten parallel mit dem Aequator. Diese früheren +Küsten eines innern Seebeckens sind in den Steppen von weitem +sichtbar und können zur Aufstellung von Signalen dienen. Der +Spitzberg Guacharo, der Corollor und Turimiquiri, der Bergantin, +die Morros San Juan und San Sebastian, die Galera, welche die +Llanos wie eine Felsmauer begrenzt, der kleine Cerro de Flores, den +ich in Calabozo, und zwar in einem Moment gesehen habe, wo die +Luftspiegelung beinahe Null war, werden am Nordrande der +Niederungen zum Dreiecknetz dienen. Diese Berggipfel sind +großentheils sowohl in den Llanos als im angebauten Küstenlande +sichtbar. Gegen Süden liegen die Granitketten am Orinoco oder in +der Parime etwas abwärts von den Rändern der Steppen und sind für +geodätische Operationen nicht ganz so günstig. Indessen werden die +Berge oberhalb Angostura und Muitaco, der Cerro del Tirano bei +Caycara, der Pan de Azucar und der Sacuima beim Einfluß des Apure +in den Orinoco gute Dienste leisten, namentlich wenn man die Winkel +bei bedecktem Himmel aufnimmt, damit nicht das Spiel der +ungewöhnlichen Refractionen über einem stark erhitzten Boden die +Berggipfel, welche unter zu kleinen Höhenwinkeln erscheinen, +verzieht und verrückt. Pulversignale, deren Widerschein am Himmel +so weit hin sichtbar ist, werden sehr förderlich seyn. Ich glaubte +hier im Interesse der Sache angeben zu sollen, was meine +Ortskenntniß und das Studium der Geographie von Amerika mir an die +Hand gegeben. Ein ausgezeichneter Geometer, Lenz, der bei +mannigfaltigen Kenntnissen in allen Zweigen der Mathematik im +Gebrauch astronomischer Instrumente sehr geübt ist, beschäftigt +sich gegenwärtig damit, die Geographie dieser Länder weiter +auszubilden und im Auftrag der Regierung von Venezuela die Plane, +die ich bereits im Jahr 1799 der Beachtung des spanischen +Ministeriums vergeblich empfohlen hatte, zum Theil auszuführen.</p> +<p>Am 26. Juli brachten wir die Nacht im indianischen Dorfe Santa +Cruz de Cachipo zu. Diese Mission wurde im Jahr 1749 mit mehreren +caraibischen Familien gegründet, welche an den überschwemmten, +ungesunden Ufern der <em>Lagunetas de Anache</em>, gegenüber dem +Einfluß des Rio Puruay in den Orinoco, lebten. Wir wohnten beim +Missionär<sup><a href="#fn170" class="footnoteRef" id="fnref170" +name="fnref170">170</a></sup> und ersahen aus den Kirchenbüchern, +welch rasche Fortschritte der Wohlstand der Gemeinde durch seinen +Eifer und seine Einsicht gemacht hatte. Seit wir in die Mitte der +Steppen gelangt waren, hatte die Hitze so zugenommen, daß wir gerne +gar nicht mehr bei Tage gereist wären; wir waren aber unbewaffnet +und die Llanos waren damals von ganzen Räuberbanden unsicher +gemacht, die mit raffinirter Grausamkeit die Weißen, welche ihnen +in die Hände fielen, mordeten. Nichts kläglicher als die +Rechtspflege in diesen überseeischen Colonien! Ueberall fanden wir +die Gefängnisse mit Verbrechern gefüllt, deren Urtheil sieben, acht +Jahre auf sich warten läßt. Etwa ein Drittheil der Verhafteten +entspringt, und die menschenleeren, aber von Heerden wimmelnden +Ebenen bieten ihnen Zuflucht und Unterhalt. Sie treiben ihr +Räubergewerbe zu Pferde in der Weise der Beduinen. Die Ungesundheit +der Gefängnisse überstiege alles Maaß, wenn sie sich nicht von Zeit +zu Zeit durch das Entspringen der Verhafteten leerten. Es kommt +auch nicht selten vor, daß Todesurtheile, wenn sie endlich spät +genug von der Audiencia zu Caracas gefällt sind, nicht vollzogen +werden können, weil es an einem Nachrichter fehlt. Nach einem schon +oben erwähnten barbarischen Brauch begnadigt man denjenigen der +Uebelthäter, der es auf sich nehmen will, die andern zu hängen. +Unsere Führer erzählten uns, kurz vor unserer Ankunft auf der Küste +von Cumana habe ein wegen seiner Rohheit berüchtigter Zambo sich +entschlossen, Henker zu werden und sich so der Strafe zu entziehen. +Die Zurüstungen zur Hinrichtung machten ihn aber in seinem +Entschlusse wankend; er entsetzte sich über sich selbst, er zog den +Tod der Schande vor, die er vollends auf sich häufte, wenn er sich +das Leben rettete, und ließ sich die Ketten, die man ihm +abgenommen, wieder anlegen. Er saß nicht mehr lange; die +Niederträchtigkeit eines Mitschuldigen half ihm zum Vollzug seiner +Strafe. Ein solches Erwachen des Ehrgefühls in der Seele eines +Mörders ist eine psychologische Erscheinung, die zum Nachdenken +auffordert. Ein Mensch, der beim Berauben der Reisenden in der +Steppe schon so oft Blut vergessen hat, schaudert beim Gedanken, +sich zum Werkzeug der Gerechtigkeit hergeben, an andern eine Strafe +vollziehen zu sollen, die er, wie er vielleicht fühlt, selbst +verdient hat.</p> +<p>Wenn schon in den ruhigen Zeiten, in denen Bonpland und ich das +Glück hatten, die beiden Amerika zu bereisen, die Llanos den +Uebelthätern, welche in den Missionen am Orinoco ein Verbrechen +begangen, oder aus den Gefängnissen des Küstenlandes entsprungen +waren, als Versteck dienten, wie viel schlimmer mußte dieß noch in +Folge der bürgerlichen Unruhen werden, im blutigen Kampfe, der mit +der Freiheit und Unabhängigkeit dieser gewaltigen Länder seine +Endschaft erreichte! Die französischen »Landes« und unsere Heiden +geben nur ein entferntes Bild jener Grasfluren auf dem neuen +Continent, wo Flächen von acht und zehntausend Quadratmeilen so +eben sind, wie der Meeresspiegel. Die Unermeßlichkeit des Raumes +sichert dem Landstreicher die Straflosigkeit; in den Savanen +versteckt man sich leichter als in unsern Gebirgen und Wäldern, und +die Kunstgriffe der europäischen Polizei sind schwer anwendbar, wo +es wohl Reisende gibt, aber keine Wege, Herden, aber keine Hirten, +und wo die Höfe so dünn gesäet sind, daß man, trotz des bedeutenden +Einflusses der Luftspiegelung, ganze Tagereisen machen kann, ohne +daß man einen am Horizont auftauchen sieht.</p> +<p>Zieht man über die Llanos von Caracas, Barcelona und Cumana, die +von West nach Ost von den Bergen bei Truxillo und Merida bis zur +Mündung des Orinoco hinter einander liegen, so fragt man sich, ob +diese ungeheuren Landstrecken von der Natur dazu bestimmt sind, +ewig als Weideland zu dienen, oder ob Pflug und Hacke sie eines +Tages für den Ackerbau erobern werden? Diese Frage ist um so +wichtiger, da die an beiden Enden von Südamerika gelegenen Llanos +der politischen Verbindung der Provinzen, die sie auseinander +halten, Hindernisse in den Weg legen. Sie machen, daß der Ackerban +sich nicht von den Küsten von Venezuela Guyana zu, sich nicht von +Potosi gegen die Mündung des Rio de la Plata ausbreiten kann. Die +dazwischen geschobenen Steppen behalten mit dem Hirtenleben einen +Charakter von Rohheit und Wildheit, der sie isolirt und von der +Cultur der schon lange urbar gemachten Landstriche fern hält. Aus +demselben Grunde wurden sie im Freiheitskriege der Schauplatz des +Kampfes zwischen den feindlichen Parteien und sahen die Einwohner +von Calabozo fast unter ihren Mauern das Geschick der verbündeten +Provinzen Venezuela und Cundinamarca sich entscheiden. Ich will +wünschen, daß man bei den Grenzbestimmungen der neuen Staaten und +ihrer Unterabtheilungen nicht zuweilen zu bereuen habe, die +Bedeutung der Llanos außer Augen gesetzt zu haben, sofern sie dahin +wirken, Gemeinheiten auseinander zu halten, welche durch gemeinsame +Interessen auf einander angewiesen sind. Die Steppen würden, wie +Meere oder die Urwälder unter den Tropen, als natürliche Grenzen +dienen, wenn sie nicht von Heeren um so leichter durchzogen würden, +da sie mit ihren unzähligen Pferde-, Maulthier- und Viehherden +Transport- und Unterhaltsmittel aller Art bieten.</p> +<p>Nirgends in der Welt ist die Bodenbildung und die Beschaffenheit +der Oberfläche so fest ausgeprägt; nirgends äußern sie aber auch so +bedeutenden Einfluß auf die Spaltung des Gesellschaftskörpers, der +durch die Ungleichheit nach Abstammung, Farbe und persönlicher +Freiheit schon genug zerrissen ist. Es steht nicht in der Macht des +Menschen, die klimatischen Unterschiede zu ändern, die aus der auf +kleinem Flächenraum rasch wechselnden Bodenhöhe hervorgehen, und +welche die Quelle des Widerwillens sind, der zwischen den Bewohnern +der der <strong>terra caliente</strong> und denen der <strong>terra +fria</strong> besteht, eines Widerwillens, der auf Gegensätzen im +Charakter, in Sitten und Gebrauchen beruht. Diese moralischen und +politischen Einflüsse machen sich besonders in Ländern geltend, wo +die Extreme von Landhöhe und Tiefland am auffallendsten sind, wo +Gebirge und Niederungen am massenhaftesten auftreten und sich am +weitesten ausdehnen. Hieher gehören Neu-Grenada oder Cundinamarca, +Chili und Peru, wo die Incasprache reich ist an treffenden, naiven +Ausdrücken für diese klimatischen Gegensätze in Temperament, +Neigungen und geistigen Fähigkeiten. Im Staate Venezuela dagegen +bilden die »Montaneros« in den Hochgebirgen von Bocono, Timotes und +Merida nur einen unbedeutenden Bruchtheil der Gesammtbevölkerung, +und die volkreichen Thäler der Küstenkette von Caracas und Caripe +liegen nur drei- bis vierhundert Toisen über dem Meer. So kam es, +daß, als die Staaten Venezuela und Neu-Grenada unter dem Namen +Columbia verschmolzen wurden, die bedeutende Gebirgsbevölkerung von +Santa Fe, Popayan, Pasto und Quito, wo nicht ganz, doch über die +Hälfte durch den Zuwachs von acht- bis neunmalhunderttausend +Bewohnern der <strong>terra caliente</strong> aufgewogen wurde. Der +Oberflächenzustand des Bodens ist nicht so unveränderlich als seine +Reliefbildung, und so erscheint es als möglich, daß die scharfen +Gegensätze zwischen den undurchdringlichen Wäldern Guyanas und den +baumlosen, grasbewachsenen Llanos eines Tags verschwinden könnten; +aber wie viele Jahrhunderte brauchte es wohl, bis ein solcher +Wechsel in den unermeßlichen Steppen von Venezuela, am Meta, am +Caqueta und in Buenos Ayres merkbar würde? Die Beweise, die der +Mensch von seiner Macht im Kampfe gegen die Naturkräfte in Gallien, +in Germanien und in neuerer Zeit in den Vereinigten Staaten, immer +aber außerhalb der Tropen, gegeben hat, kann nicht wohl als Maßstab +für die voraussichtlichen Fortschritte der Cultur im heißen +Erdstrich dienen. Es war oben davon die Rede, wie langsam man mit +Feuer und Axt Wälder ausrodet, wenn die Baumstämme 8 bis 16 Fuß +dick sind, wenn sie im Fallen sich an einander lehnen, und wenn das +Holz, vom unaufhörlichen Regen befeuchtet, so ungemein hart ist. +Die Frage, ob die Llanos oder Pampas urbar zu machen sind, wird von +den Colonisten, die darin leben, keineswegs einstimmig bejaht, und +ganz im Allgemeinen läßt sich auch gar nicht darüber entscheiden. +Die Savanen von Venezuela entbehren größtentheils des Vortheils, +den die Savanen in Nordamerika dadurch haben, daß sie der Länge +nach von drei großen Flüssen, dem Missouri, dem Arkansas und dem +Red River von Natchitoches durchzogen werden; durch die Savanen am +Araure, bei Calabozo und am Pao laufen die Nebenflüsse des Orinoco, +von denen die östlichsten (Cari, Pao, Acaru und Manapire) in der +trockenen Jahreszeit sehr wasserarm find, nur der Quere nach. Alle +diese Flüsse reichen nicht weit gegen Nord, so daß in der Mitte +Steppen, weite, entsetzlich dürre Landstriche (<em>bancos</em> und +<em>mesas</em>) bleiben. Am culturfähigsten sind die westlichen, +von der Portuguesa, vom Masparro und Orivante und den nahe bei +einander liegenden Nebenflüssen derselben bewässerten Striche. Der +Boden besteht aus mit Thon gemengtem Sand über einer Schicht von +Quarzgeschieben. Die Dammerde, die Hauptnahrungsquelle der +Gewächse, ist aller Orten sehr dünn; sie erhält so gut wie keinen +Zuwachs durch das dürre Laub, das in den Wäldern der heißen Zone +abfällt wie in den gemäßigten Klimaten, wenn auch nicht so streng +periodisch. Seit Jahrtausenden wächst aber auf den Llanos weder +Baum noch Buschwerk; die einzelnen, in der Savane zerstreuten +Palmen liefern sehr wenig von jener Kohlen- und +Wasserstoffverbindung, von jenem Extractivstoff, auf dem (nach den +Versuchen von Saussure, Davy und Braconnot) die Fruchtbarkeit des +Bodens beruht. Die geselligen Gewächse, die in den Steppen fast +ausschließlich herrschen, sind Monocotyledonen, und es ist bekannt, +wie stark die Gräser den Boden aussaugen, in den sie ihre Wurzeln +mit dicht gedrängten Fasern treiben. Diese Wirkung der Killingia-, +Paspalum- und Cenchrusarten, aus denen der Rasen besteht, äußert +sich überall gleich; wo aber das Gestein beinahe zu Tag kommt, da +ist der Boden verschieden, je nachdem er auf rothem Sandstein oder +auf festem Kalkstein und auf Gyps liegt; so wie je nachdem die +periodischen Ueberschwemmungen an den tiefsten Stellen Erdreich +angeschwemmt haben, oder das Wasser von den kleinen Plateaus die +wenige Dammerde vollends weggespült hat. Bereits bestehen mitten im +Weideland einzelne Pflanzungen an Stellen, wo sich fließendes +Wasser oder ein paar Büsche der Mauritiapalme fanden. Diese Höfe, +bei denen man Mais und Manioc baut, werden sich bedeutend +vermehren, wenn es gelingt, mehr Bäume und Gebüsch +fortzubringen.</p> +<p>Die Dürre der <strong>Mesas</strong><sup><a href="#fn171" class= +"footnoteRef" id="fnref171" name="fnref171">171</a></sup> und die +große Hitze, die darauf herrscht, rühren nicht allein von der +Beschaffenheit ihrer Oberfläche und der örtlichen Reverberation des +Bodens her; ihre klimatischen Verhältnisse hängen ab von der +Umgebung, von der ganzen Steppe, von der die Mesas ein Theil sind. +Bei den Wüsten in Afrika oder in Arabien, bei den Llanos in +Südamerika, bei den großen Heiden, die von der Spitze von Jütland +bis zur Mündung der Schelde fortstreichen, beruht die feste +Begrenzung der Wüsten, der Llanos, der Heiden großentheils auf +ihrer unermeßlichen Ausdehnung, auf der Kahlheit dieser Landstriche +in Folge einer Umwälzung, welche den früheren Pflanzenwuchs unseres +Planeten vernichtet hat. Durch ihre Ausdehnung, ihr +ununterbrochenes Fortstreichen und ihre Masse widerstehen sie dem +Eindringen der Cultur, behalten sie, als wären sie in das Land +einschneidende Buchten, ihren festen Uferumriß. Ich lasse mich +nicht auf die große Frage ein, ob in der Sahara, diesem Mittelmeer +von Flugsand, der Keime des organischen Lebens heutzutage mehr +werden. Je ausgebreiteter unsere geographischen Kenntnisse wurden, +desto zahlreicher sahen wir im östlichen Theil der Wüste grüne +Eilande, mit Palmen bedeckte Oasen zu Archipelen sich +zusammendrängen und den Caravanen ihre Häfen öffnen; wir wissen +aber nicht, ob seit Herodots Tode der Umriß der Oasen nicht +fortwährend derselbe geblieben ist. Unsere Geschichtsbücher sind +von zu kurzem Datum und zu unvollständig, als daß wir der Natur in +ihrem langsamen, stetigen Gange folgen könnten.</p> +<p>Von diesen völlig öden Räumen, von denen ein gewaltsames +Ereigniß die Pflanzendecke und die Dammerde weggerissen hat, von +den syrischen und afrikanischen Wüsten, die in ihrem versteinerten +Holz noch die Urkunden der erlittenen Veränderungen aufweisen, +blicken wir zurück auf die mit Gräsern bewachsenen Llanos. Hier ist +die Erörterung der Erscheinungen dem Kreise unserer täglichen +Beobachtungen näher gerückt. In den amerikanischen Steppen +angesiedelte Landwirthe sind hinsichtlich der Möglichkeit eines +umfassenderen Anbaus derselben ganz zu den Ansichten gekommen, wie +ich sie aus dem klimatischen Einfluß der Steppen unter dem +Gesichtspunkt als ununterbrochene Flächen oder Massen hergeleitet +habe. Sie haben die Beobachtung gemacht, daß Heiden, die rings von +angebautem oder mit Holz bewachsenem Lande umgeben sind, nicht so +lange dem Anbau Widerstand leisten, als Striche vom selben Umfang, +die aber einer weiten Fläche von gleicher Beschaffenheit angehören. +Die Beobachtung ist richtig, ob nun das eingeschlossene Stück eine +Grasflur ist, oder mit Heiden bewachsen, wie im nördlichen Europa, +oder mit Cistus, Lentisken und Chamärops, wie in Spanien, oder mit +Cactus, Argemone und Brathys wie im tropischen Amerika. Einen je +größeren Raum der Pflanzenverein einnimmt, desto stärkeren +Widerstand leisten die geselligen Gewächse dem Anbau. Zu dieser +allgemeinen Ursache kommt in den Llanos von Venezuela der Umstand, +daß die kleinen Grasarten während der Reife der Saamen den Boden +aussaugen, ferner der gänzliche Mangel an Bäumen und Buschwerk, die +Sandwinde, deren Gluthhitze gesteigert wird durch die Berührung mit +einem Boden, der zwölf Stunden lang die Sonnenstrahlen einsaugt, +ohne daß je ein anderer Schatten als der der Aristiden, Cenchrus +und Paspalum darauf fällt. Die Fortschritte, welche der große +Baumwuchs und der Anbau dicotyledonischer Gewächse in der Umgebung +der Städte, zum Beispiel um Calabozo und Pao, gemacht haben, +beweisen, daß man der Steppe Boden abgewinnen könnte, wenn man sie +in kleinen Stücken angriffe, sie nach und nach von der Masse +abschlöße, sie durch Einschnitte und Bewässerungscanäle zerstückte. +Vielleicht gelänge es, den Einfluß der den Boden ausdörrenden Winde +zu verringern, wenn man im Großen, auf 15 bis 20 Morgen, Psidium, +Croton, Cassia, Tamarinden ansäete, Pflanzen, welche trockene, +offene Stellen lieben. Ich bin weit entfernt zu glauben, daß der +Mensch je die Savanen ganz austilgen wird, und daß die Llanos, die +ja als Weiden und für den Viehhandel so nutzbar sind, jemals +angebaut seyn werden, wie die Thäler von Aragua oder andere den +Küsten von Caracas und Cumana nahe gelegene Landstriche; aber ich +bin überzeugt, daß ein beträchtliches Stück dieser Ebenen im Laufe +der Jahrhunderte, unter einer den Gewerbfleiß fördernden Regierung, +das wilde Aussehen verlieren wird, das sie seit der ersten +»Eroberung« durch die Europäer behauptet haben.</p> +<p>Dieser allmählige Wechsel, dieses Wachsen der Bevölkerung werden +nicht nur den Wohlstand dieser Länder steigern, sie werden auch auf +die sittlichen und politischen Zustände günstigen Einfluß äußern. +Die Llanos machen über zwei Dritttheile des Stücks von Venezuela +oder der alten <em>Capitania general</em> von Caracas aus, das +nördlich vom Orinoco und Rio Apure liegt. Bei bürgerlichen Unruhen +dienen nun aber die Llanos durch ihre Oede und den Ueberfluß an +Nahrungsmitteln, die ihre zahllosen Herden liefern, der Partei, +welche die Fahne des Aufruhrs entfalten will, zugleich als +Schlupfwinkel und als Stützpunkt. Bewaffnete Banden (Guerillas) +können sich darin halten und die Bewohner des Küstenlandes, des +Mittelpunktes der Cultur und des Bodenreichthums, beunruhigen. Wäre +nicht der untere Orinoco durch den Patriotismus einer kräftigen, +kriegsgewohnten Bevölkerung hinlänglich vertheidigt, so wäre beim +gegenwärtigen Zustand der Llanos ein feindlicher Einfall auf den +Westküsten doppelt gefährlich. Die Vertheidigung der Ebenen und +spanisch Guyanas hängen aufs Engste zusammen, und schon oben, wo +von der militärischen Bedeutung der Mündungen des Orinoco die Rede +war, habe ich gezeigt, daß die Festungswerke und die Batterien, +womit man die Nordküste von Cumana bis Carthagena gespickt hat, +keineswegs die eigentlichen Bollwerke der vereinigten Provinzen von +Venezuela sind. Zu diesem politischen Interesse kommt ein anderes, +noch wichtigeres und dauernderes. Eine erleuchtete Regierung kann +nur mit Bedauern sehen, daß das Hirtenleben mit seinen Sitten, +welche Faulheit und Landstreicherei so sehr befördern, auf mehr als +zwei Dritttheilen ihres Gebiets herrscht. Der Theil der +Küstenbevölkerung, der jährlich in die Llanos abfließt, um sich in +den <em>hatos de ganado</em><sup><a href="#fn172" class= +"footnoteRef" id="fnref172" name="fnref172">172</a></sup> +niederzulassen und die Heerden zu hüten, macht einen Rückschritt in +der Cultur. Wer möchte bezweifeln, daß durch die Fortschritte des +Ackerbaus, durch die Anlage von Dörfern an allen Punkten, wo +fließendes Wasser ist, sich die sittlichen Zustände der +Steppenbewohner wesentlich bessern müssen? Mit dem Ackerbau müssen +mildere Sitten, die Liebe zum festen Wohnsitz und die häuslichen +Tugenden ihren Einzug halten.</p> +<p>Nach dreitägigem Marsch kam uns allmählig die Bergkette von +Cumana zu Gesicht, die zwischen den Llanos, oder, wie man hier oft +sagen hört, »dem großen Meer von Grün«<sup><a href="#fn173" class= +"footnoteRef" id="fnref173" name="fnref173">173</a></sup> und der +Küste des Meeres der Antillen liegt. Ist der Bergantin über 800 +Toisen hoch, so kann man ihn, auch nur eine gewöhnliche Refraction +von ¹⁄₁₄ des Bogens angenommen, auf 27 Seemeilen Entfernung +sehen;<sup><a href="#fn174" class="footnoteRef" id="fnref174" name= +"fnref174">174</a></sup> aber die Luftbeschaffenheit entzog uns +lange den schönen Anblick dieser Bergwand. Sie erschien zuerst wie +eine Wolkenschicht, welche die Sterne in der Nähe des Pols beim +Auf- und Untergang bedeckte; allmählig schien diese Dunstmasse +größer zu werden, sich zu verdichten, sich bläulich zu färben, +einen gezackten, festen Umriß anzunehmen. Was der Seefahrer +beobachtet, wenn er sich einem neuen Lande nähert, das bemerkt der +Reisende auch am Rande der Steppe. Der Horizont fing an sich gegen +Nord zu erweitern, und das Himmelsgewölbe schien dort nicht mehr in +gleicher Entfernung auf dem grasbewachsenen Boden auszuruhen.</p> +<p>Einem <strong>Llanero</strong> oder Steppenbewohner ist nur +wohl, wenn er, nach dem naiven Volksausdruck, »überall um sich +sehen kann.« Was uns als ein bewachsenes, leicht gewelltes, kaum +hie und da hügligtes Land erscheint, ist für ihn ein schreckliches, +von Bergen starrendes Land. Unser Urtheil über die Unebenheit des +Bodens und die Beschaffenheit seiner Oberfläche ist ein durchaus +relatives. Hat man mehrere Monate in den dichten Wäldern am Orinoco +zugebracht, hat man sich dort daran gewöhnt, daß man, sobald man +vom Strome abgeht, die Sterne nur in der Nähe des Zenith und wie +aus einem Brunnen heraus sehen kann, so hat eine Wanderung über die +Steppen etwas Angenehmes, Anziehendes. Die neuen Bilder, die man +aufnimmt, machen großen Eindruck; wie dem Llanero ist einem ganz +wohl, »daß man so gut um sich sehen kann.« Aber dieses Behagen (wir +haben es an uns selbst erfahren) ist nicht von langer Dauer. +Allerdings hat der Anblick eines unabsehbaren Horizonts etwas +Ernstes, Großartiges. Dieses Schauspiel erfüllt uns mit +Bewunderung, ob wir nun auf dem Gipfel der Anden und der Hochalpen +uns befinden, oder mitten auf dem unermeßlichen Ocean, oder auf den +weiten Ebenen von Venezuela und Tucuman. Die Unermeßlichkeit des +Raumes (die Dichter aller Zungen haben solches ausgesprochen) +spiegelt sich in uns selbst wieder; sie verknüpft sich mit +Vorstellungen höherer Ordnung, sie weitet die Seele dessen aus, der +in der Stille einsamer Betrachtung seinen Genuß findet. Allerdings +aber hat der Anblick eines schrankenlosen Raumes an jedem Orte +wieder einen eigenen Charakter. Das Schauspiel, dessen man auf +einem freistehenden Berggipfel genießt, wechselt, je nachdem die +Wolken, die auf der Niederung lagern, sich in Schichten ausbreiten, +sich zu Massen ballen, oder den erstaunten Blick durch weite Ritzen +auf die Wohnsitze des Menschen, das bebaute Land, den ganzen grünen +Boden des Luftoceans niedertauchen lassen. Eine ungeheure +Wasserfläche, belebt bis auf den Grund von tausenderlei +verschiedenen Wesen, nach Färbung und Anblick wechselnd, beweglich +an der Oberfläche, gleich dem Element, von dem sie aufgerührt wird, +hat auf langer Seereise großen Reiz für die Einbildungskraft, aber +die einen großen Theil des Jahrs hindurch staubigte, aufgerissene +Steppe stimmt trübe durch ihre ewige Eintönigkeit. Ist man nach +acht- oder zehntägigem Marsch gewöhnt an das Spiel der +Luftspiegelung und an das glänzende Grün der +Mauritiabüsche,<sup><a href="#fn175" class="footnoteRef" id= +"fnref175" name="fnref175">175</a></sup> die von Meile zu Meile zum +Vorschein kommen, so fühlt man das Bedürfniß mannigfaltigerer +Eindrücke; man sehnt sich nach dem Anblick der gewaltigen Bäume der +Tropen, des wilden Sturzes der Bergströme, der Gelände und +Thalgründe, bebaut von der Hand des Landmanns. Wenn +unglücklicherweise das Phänomen der afrikanischen Wüsten und der +Llanos oder Savanen der neuen Welt (ein Phänomen, dessen Ursache +sich in dem Dunkel der frühesten Geschichte unseres Planeten +verliert) noch einen größeren Raum befaßte, so wäre die Natur um +einen Theil der herrlichen, dem heißen Erdstrich eigenthümlichen +Producte ärmer.<sup><a href="#fn176" class="footnoteRef" id= +"fnref176" name="fnref176">176</a></sup> Die nordischen Heiden, die +Steppen an Wolga und Don sind kaum ärmer an Pflanzen und Thierarten +als unter dem herrlichsten Himmel der Welt, im Erdstrich der +Bananen und des Brodfruchtbaums, 28,000 Quadratmeilen Savanen, die +im Halbkreise von Nordost nach Südwest, von den Mündungen des +Orinoco bis zum Caqueta und Putumayo sich fortziehen. Der überall +sonst belebende Einfluß des tropischen Klima macht sich da nicht +fühlbar, wo ein mächtiger Verein von Grasarten fast jedes andere +Gewächs ausgeschlossen hat. Beim Anblick des Bodens, an Punkten, wo +die zerstreuten Palmen fehlen, hätten wir glauben können in der +gemäßigten Zone, ja noch viel weiter gegen Norden zu seyn; aber bei +Einbruch der Nacht mahnten uns die schönen Sternbilder am Südhimmel +(der Centaur, Canopus, und die zahllosen Nebelflecken, von denen +das Schiff Argo glänzt) daran, daß wir nur 8 Grade vom Aequator +waren.</p> +<p>Eine Erscheinung, auf die bereits Deluc aufmerksam geworden und +an der sich in den letzten Jahren der Scharfsinn der Geologen geübt +hat, machte uns auf der Reise durch die Steppen viel zu schaffen. +Ich meine nicht die Urgebirgsblöcke, die man (wie am Jura) am +Abhang der Kalkgebirge findet, sondern die ungeheuern Granit- und +Syenitblöcke, die, innerhalb von der Natur scharf gezogener +Grenzen, im nördlichen Holland und Deutschland und in den +baltischen Ländern zerstreut vorkommen. Es scheint jetzt bewiesen, +daß diese wie strahlenförmig vertheilten Gesteine bei den alten +Umwälzungen unseres Erdballs aus der scandinavischen Halbinsel +gegen Süd herabgekommen sind, und daß sie nicht von den +Granitketten des Harzes und in Sachsen stammen, denen sie nahe +kommen, ohne indessen ihren Fuß zu erreichen. Ich bin auf den +sandigten Ebenen der baltischen Länder geboren, und bis zu meinem +achtzehnten Jahre wußte ich, was eine Gebirgsart sey, nur von +diesen zerstreuten Blöcken her, und so mußte ich doppelt neugierig +seyn, ob die neue Welt eine ähnliche Erscheinung aufzuweisen habe. +Und ich sah zu meiner Ueberraschung auch nicht einen einzigen Block +der Art in den Llanos von Venezuela, obgleich diese unermeßlichen +Ebenen gegen Süd unmittelbar von einem ganz aus Granit gebauten +Bergstock [Die Sierra Parime] begrenzt werden, der in seinen +gezackten, fast säulenförmigen Gipfeln die Spuren der gewaltigsten +Zerrüttung zeigt.<sup><a href="#fn177" class="footnoteRef" id= +"fnref177" name="fnref177">177</a></sup> Gegen Nord sind die Llanos +von der Granitkette der Silla bei Caracas und von Portocabello +durch eine Bergwand getrennt, die zwischen Villa de Cum und +Pavapara aus Schiefergebirg, zwischen dem Bergantin und Caripe aus +Kalkstein besteht. Das Nichtvorhandenseyn von Blöcken fiel mir +ebenso an den Ufern des Amazonenstromes auf. Schon La Condamine +hatte versichert, vom Pongo de Manseriche bis zum Engpasse der +Pauxis sey auch nicht der kleinste Stein zu finden. Das Becken des +Rio Negro und des Amazonenstromes ist aber auch nichts als ein +<strong>Llano</strong>, eine Ebene wie die in Venezuela und Buenos +Ayres, und der Unterschied besteht allein in der Art des +Pflanzenwuchses. Die beiden Llanos am Nord- und am Südende von +Südamerika sind mit Gras bewachsen, es sind baumlose Grasfluren; +das dazwischenliegende Llano, das am Amazonenstrom, welches im +Striche der fast unaufhörlichen Aequatorialregen liegt, ist ein +dichter Wald. Ich erinnere mich nicht gehört zu haben, daß auf den +Pampas von Buenos Ayres oder auf den Savanen am +Missouri<sup><a href="#fn178" class="footnoteRef" id="fnref178" +name="fnref178">178</a></sup> und in Neumexico Granitblöcke +vorkommen. Die Erscheinung scheint in der neuen Welt überhaupt ganz +zu fehlen, und wahrscheinlich auch in der afrikanischen Sahara; +denn die Gesteinmassen, welche mitten in der Wüste zu Tage kommen +und deren die Reisenden häufig erwähnen, sind nicht mit bloßen +zerstreuten Bruchstücken zu verwechseln. Aus diesen Beobachtungen +scheint hervorzugehen, daß die scandinavischen Granitblöcke, welche +die sandigten Ebenen im Süden des baltischen Meeres, in Westphalen +und Holland bedecken, von einer besondern, von Norden her +eingebrochenen Wasserfluth, von einem rein örtlichen Vorgang +herrühren. Das alte Conglomerat (der rothe Sandstein), das nach +meinen Beobachtungen zum großen Theil die Llanos von Venezuela und +das Becken des Amazonenstromes bedeckt, schließt ohne Zweifel +Trümmer der Urgebirgsbildungen ein, aus denen die benachbarten +Berge bestehen; aber die Umwälzungen, von denen diese Gebirge so +deutliche Spuren aufzuweisen haben, scheinen nicht von den +Umständen begleitet gewesen zu seyn, durch welche die Wegführung +dieser Blocke in weite Ferne begünstigt wurde. Diese geognostische +Erscheinung ist um so unerwarteter, da sonst nirgends in der Welt +eine Erdfläche vorkommt, die so eben wäre und sich so ohne alle +Unterbrechung bis zum steilen Abhang einer ganz aus Granit +aufgebauten Cordillere fortzöge. Bereits vor meinem Abgang von +Europa war mir ausgefallen, daß die Urgebirgsblöcke weder in der +Lombardei vorkommen, noch auf der großen bayerischen Ebene, die ein +alter, 250 Toisen über dem Meeresspiegel liegender Seeboden ist. +Diese Ebene wird gegen Nord vom Granit der Oberpfalz, gegen Süd vom +Alpenkalk, dem Uebergangsthonschiefer und Glimmerschiefer Tyrols +begrenzt.</p> +<p>Am 23. Juli langten wir in der Stadt Nueva Barcelona an, weniger +angegriffen von der Hitze in den Llanos, an die wir längst gewöhnt +waren, als von den Sandwinden, die auf die Länge schmerzhafte +Schrunden in der Haut verursachen. Vor sieben Monaten hatten wir +auf dem Wege von Cumana nach Caracas ein paar Stunden am +<strong>Morro</strong> von Barcelona angelegt, einem befestigten +Felsen, der dem Dorfe Pozuelos zu nur durch eine Landzunge mit dem +Festlande zusammenhängt. Im Hause eines reichen Handelsmanns von +französischer Abkunft, Don Pedro Lavie, fanden wir die +freundlichste Aufnahme und Alles, was zuvorkommende +Gastfreundschaft bieten kann. Lavie war beschuldigt worden, den +unglücklichen España, als er im Jahr 17096 sich als Flüchtling auf +dieser Küste befand, aufgenommen zu haben, und wurde auf Befehl der +Audiencia aufgehoben und nach Caracas ins Gefängniß geführt. Die +Freundschaft des Statthalters von Cumana und die Erinnerung an die +Dienste, die er dem aufkeimenden Gewerbfleiß des Landes geleistet, +verhalfen ihm wieder zur Freiheit. Wir hatten ihn im Gefängniß +besucht und uns bemüht ihn zu zerstreuen; jetzt hatten wir die +Freude, ihn wieder im Schooße seiner Familie zu finden. Seine +physischen Leiden hatten sich durch die Haft verschlimmert, und er +erlag, bevor der Tag der Unabhängigkeit Amerikas angebrochen war, +den sein Freund Don Josef España bei seiner Hinrichtung verkündigt +hatte. »Ich sterbe,« sprach dieser Mann, ein Mann, wie geschaffen +zur Durchführung großer Unternehmungen, »ich sterbe eines +schimpflichen Todes; aber in Kurzem werden meine Mitbürger mit +Ehrfurcht meine Asche sammeln und mein Name wird mit Ehren genannt +werden.« Diese merkwürdigen Worte wurden am 8. Mai 1799 auf +dem großen Platze zu Caracas gesprochen; sie wurden mir noch im +selben Jahr von Leuten mitgetheilt, von denen manche Españas +Absichten so sehr verabscheuten, als andere sein Loos +betrauerten.</p> +<p>Schon oben<sup><a href="#fn179" class="footnoteRef" id= +"fnref179" name="fnref179">179</a></sup> war von der Bedeutung des +Handels von Nueva Barcelona die Rede. Die kleine Stadt, die im Jahr +1790 kaum 10,000 Einwohner, im Jahr 1800 über 16,000 hatte, wurde +1637 von einem catalonischen Conquistador, Juan Urpin, gegründet. +Man versuchte damals, aber vergeblich, der ganzen Provinz den Namen +<strong>Neu-Catalonien</strong> zu geben. Da auf unsern Karten +häufig zwei Städte statt Einer, Barcelona und Cumanagoto, angegeben +sind, oder man diese zwei Namen für gleichbedeutend hält, so +erscheint es nicht nutzlos, die Quelle dieses Irrthums hier +anzugeben. An der Mündung des Rio Neveri stand früher eine +<strong>indianische</strong>, von Lucas Faxardo im Jahr 1588 +gebaute Stadt, unter dem Namen <strong>San Cristoval de los +Cumanagotos</strong>. Dieselbe war nur von Eingeborenen bewohnt, +die von den Salzwerken bei Apaicuare hieher gezogen waren. Im Jahr +1637 gründete Urpin zwei Meilen herwärts vom innern Lande mit +einigen Einwohnern von Cumanagoto und vielen Cataloniern die +<strong>spanische Stadt</strong> Nueva Barcelona. Vierunddreißig +Jahre lang lagen die Nachbargemeinden in beständigem Streit, bis im +Jahr 1671 der Statthalter Angulo es dahin brachte, daß sie sich an +einer dritten Baustelle vereinigten, wo nunmehr die Stadt Barcelona +steht, die nach meinen Beobachtungen unter dem 10°6′52″ der Breite +liegt. Die alte Stadt Cumanagoto ist im Lande vielberufen wegen +eines wunderthätigen Bildes der h. Jungfrau,<sup><a href= +"#fn180" class="footnoteRef" id="fnref180" name= +"fnref180">180</a></sup> das, wie die Indianer erzählen, im hohlen +Stamm eines <strong>Tutumo</strong>, oder alten Flaschenkürbisbaums +(<em>Crescentia Cujete</em>) gefunden worden ist. Dasselbe wurde in +Procession nach Neu-Barcelona gebracht; aber so oft die +Geistlichkeit mit den Bewohnern der neuen Stadt unzufrieden war, +entfloh es bei Nacht und kehrte in den Baumstamm an der Mündung des +Flusses zurück. Dieses Wunder hörte nicht eher auf, als bis man den +Mönchen von der Regel des heiligen Franciscus ein großes Kloster +(das Collegium der Propaganda) gebaut hatte. Wir haben oben +gesehen, daß der Bischof von Caracas in einem ähnlichen Fall das +Bild Unserer lieben Frau de los Valencianos in die bischöflichen +Archive bringen ließ, und daß es dort dreißig Jahre unter Siegel +blieb.</p> +<p>Das Klima von Barcelona ist nicht so heiß als das von Cumana, +aber feucht und in der Regenzeit etwas ungesund. Bonpland hatte die +beschwerliche Reise über die Llanos ganz gut ausgehalten; er war +wieder ganz bei Kräften und seine große Thätigkeit die alte; ich +dagegen war in Barcelona unwohler als in Angostura, unmittelbar +nachdem die Reise auf den Flüssen hinter uns lag. Einer der +tropischen Regen, bei denen bei Sonnenuntergang weit auseinander +außerordentlich große Tropfen fallen, hatte mir ein Unwohlseyn +zugezogen, das einen Anfall des Typhus, der eben auf der Küste +herrschte, befürchten ließ. Wir verweilten fast einen Monat in +Barcelona, im Genuß aller Bequemlichkeiten, welche die +aufmerksamste Freundschaft bieten kann. Wir trafen hier auch wieder +den trefflichen Ordensmann, Fray Juan Gouzales, dessen ich schon +oft erwähnt habe, und der vor uns am obern Orinoco gewesen war. Er +bedauerte, und mit Recht, daß wir auf den Besuch dieses unbekannten +Landes nur so wenige Zeit hatten verwenden können; er musterte +unsere Pflanzen und Thiere mit dem Interesse, das auch der +Ungebildetste für die Produkte eines Landes hat, wo er lange +gelebt. Fray Juan hatte beschlossen, nach Europa zurückzukehren und +uns dabei bis auf die Insel Cuba zu begleiten. Wir blieben fortan +sieben Monate beisammen; der Mann war munter, geistreich und +dienstfertig. Wer mochte ahnen, welches Unglück seiner wartete! Er +nahm einen Theil unserer Sammlungen mit; ein gemeinschastlicher +Freund vertraute ihm ein Kind an, das man in Spanien erziehen +lassen wollte; die Sammlungen, das Kind, der junge Geistliche, +Alles wurde von den Wellen verschlungen.</p> +<p>Zwei Meilen südostwärts von Nueva Barcelona erhebt sich eine +hohe Bergkette, die sich an den Cerro del Bergantin lehnt, den man +von Cumana aus sieht.<sup><a href="#fn181" class="footnoteRef" id= +"fnref181" name="fnref181">181</a></sup> Der Ort ist unter dem +Namen <em>Aguas calientes</em> bekannt. Als ich mich gehörig +hergestellt fühlte, unternahmen wir an einem frischen, nebligten, +Morgen einen Ausflug dahin. Das mit Schwefelwasserstoff +geschwängerte Wasser kommt aus einem quarzigen Sandstein, der +demselben dichten Kalkstein ausgelagert ist, den wir beim Morro +untersucht hatten. Die Temperatur desselben ist nur 43°2 (bei einer +Lufttemperatur von 27°); es fließt zuerst vierzig Toisen weit über +den Felsboden, stürzt sich dann in eine natürliche Höhle, dringt +durch den Kalkstein und kommt am Fuß des Berges, am linken Ufer des +kleinen Flusses Narigual wieder zu Tage. Durch die Berührung mit +dem Sauerstoff der Luft schlagen die Quellen viel Schwefel nieder. +Die Luftblasen, welche sich stoßweise aus den Thermen entwickeln, +habe ich hier nicht gesammelt, wie in Mariara. Sie enthalten ohne +Zweifel viel Stickstoff, weil der Schwefelwasserstoff das in der +Quelle aufgelöste Gemenge von Sauerstoff und Stickstoff zersetzt. +Die Schwefelwasser von San Juan, die wie die am Bergantin aus dem +Kalkstein kommen, haben auch nur eine geringe Temperatur (31°3), +während im selben Landstrich die Schwefelwasser von Mariara und las +Tricheras (bei Portocabello), die unmittelbar aus dem granitischen +Gneiß kommen, 58°9 und 90°4 heiß sind.<sup><a href="#fn182" class= +"footnoteRef" id="fnref182" name="fnref182">182</a></sup> Es ist +als ob die Wärme, welche die Quellen im Erdinnern angenommen, +abnähme, je weiter sie aus dem Urgebirge in die aufgelagerten +secundären Formationen gelangen. Unser Ausflug zu den <em>Aguas +calientes</em> am Bergantin endete mit einem leidigen Unfall. Unser +Gastfreund hatte uns seine schönsten Reitpferde gegeben. Man hatte +uns zugleich gewarnt, nicht durch den kleinen Fluß Narigual zu +reiten. Wir gingen daher über eine Art Brücke oder vielmehr an +einander gelegte Baumstämme, und ließen unsere Pferde am Zügel +hinüberschwimmen. Da verschwand das meinige auf einmal; es schlug +noch eine Weile unter dem Wasser um sich, aber trotz alles Suchens +konnten wir nicht ausfindig machen, was den Unfall veranlaßt haben +mochte. Unsere Führer vermutheten, das Thier werde von den Caymans, +die hier sehr häufig sind, an den Beinen gepackt worden seyn. Meine +Verlegenheit war sehr groß; denn bei dem Zartgefühl und dem großen +Wohlstand unseres Gastfreundes konnte ich kaum daran denken, ihm +einen solchen Verlust ersetzen zu wollen. Lavie ging unsere +Betroffenheit näher als der Verlust seines Pferdes, und er suchte +uns zu beruhigen, indem er, wohl mit Uebertreibung, versicherte, +wie leicht man sich in den benachbarten Savanen schöne Pferde +verschaffen könne.</p> +<p>Die Krokodile sind im Rio Neveri groß und zahlreich, besonders +der Mündung zu; im Ganzen aber sind sie nicht so bösartig als die +im Orinoco. In der Gemüthsart dieser Thiere beobachtet man in +Amerika dieselben Contraste wie in Egypten und Nubien, wie man +deutlich sieht, wenn man die Berichte des unglücklichen Burckhard +und die Belzonis aufmerksam vergleicht. Nach dem Culturzustand der +verschiedenen Länder, nach der mehr oder weniger dichten +Bevölkerung in der Ruhe der Flüsse ändern sich auch die Sitten +dieser großen Saurier, die auf trockenem Lande schüchtern sind und +vor dem Menschen sogar im Wasser fliehen, wenn sie reichliche +Nahrung haben und der Angriff mit einiger Gefahr verbunden ist. In +Nueva Barcelona sieht man die Indianer das Holz auf sonderbare +Weise zu Markt bringen. Große Scheite von Zygophyllum und +Cäsalpinia werden in den Fluß geworfen; sie treiben mit der +Strömung fort und der Eigenthümer mit seinen ältesten Söhnen +schwimmt bald hier bald dorthin, um die Stücke, die in den +Krümmungen des Flusses stecken bleiben, wieder flott zu machen. In +den meisten amerikanischen Flüssen, in denen Krokodile vorkommen, +verböte sich ein solches Verfahren von selbst. Die Stadt Barcelona +hat nicht, wie Cumana, eine indianische Vorstadt, und sieht man hie +und da einen Indianer, so sind sie aus den benachbarten Missionen, +oder aus den über die Ebene zerstreuten Hütten. Beide sind nicht +von caraibischem Stamm, sondern ein Mischvolk von Cumanagotos, +Palenques und Piritus, von kleinem Wuchs, untersetzt, arbeitsscheu +und dem Trunk ergeben. Der gegohrene Manioc ist hier das +beliebteste Getränk; der Palmwein, den man am Orinoco hat, ist an +den Küsten so gut wie unbekannt. Es ist merkwürdig, wie in den +verschiedenen Erdstrichen der Mensch, um den Hang zur Trunkenheit +zu befriedigen, nicht nur alle Familien monocotyledonischer und +dicotyledonischer Gewächse herbeizieht, sondern sogar den giftigen +Fliegenschwamm (<em>Amanita muscaria</em>), von dem die Koriäken +denselben Saft zu wiederholten malen fünf Tage hinter einander +trinken, worauf sie aus ekelhafter Sparsamkeit gekommen +sind.<sup><a href="#fn183" class="footnoteRef" id="fnref183" name= +"fnref183">183</a></sup> Die Paketboote (<em>correos</em>), die von +Corunna nach der Havana und nach Mexico laufen, waren seit drei +Monaten ausgeblieben. Man vermuthete, sie seyen von den englischen +Kreuzern aufgebracht worden. Da wir Eile hatten, nach Cumana zu +kommen, um mit der ersten Gelegenheit nach Vera Cruz gehen zu +können, so mietheten wir (am 26. August 1800) ein Canoe ohne +Verdeck (Lancha). Solcher Fahrzeuge bedient man sich gewöhnlich in +diesen Strichen, wo ostwärts vom Cap Codera die See fast nie +unruhig ist. Die Lancha war mit Cacao beladen und trieb +Schleichhandel mit der Insel Trinidad. Gerade deßhalb glaubte der +Eigner von den feindlichen Fahrzeugen, welche damals alle +spanischen Hafen blokirten, nichts zu fürchten zu haben. Wir +schifften unsere Pflanzensammlungen, unsere Instrumente und unsere +Affen ein und hofften bei herrlichem Wetter eine ganz kurze +Ueberfahrt von der Mündung des Rio Neveri nach Cumana zu haben; +aber kaum waren wir im engen Canal zwischen dem Festland und den +Felseneilanden Borracha und Chimanas, so stießen wir zu unserer +großen Ueberraschung auf ein bewaffnetes Fahrzeug, das uns anrief +und zugleich auf große Entfernung einige Flintenschüsse auf uns +abfeuerte. Es waren Matrosen, die zu einem Caper aus Halifax +gehörten, und unter ihnen erkannte ich an der Gesichtsbildung und +der Mundart einen Preußen, aus Memel gebürtig. Seit ich in Amerika +war, hatte ich nicht mehr Gelegenheit gehabt, meine Muttersprache +zu sprechen, und ich hätte mir wohl einen erfreulicheren Anlaß dazu +gewünscht. Unser Protestiren half nichts und man brachte uns an +Bord des Capers, der that, als ob er von den Pässen, die der +Gouverneur von Trinidad für den Schmuggel ausstellte, nichts wüßte, +und uns für gute Prise erklärte. Da ich mich im Englischen ziemlich +fertig ausdrücke, so ließ ich mich mit dem Capitän in +Unterhandlungen ein, um nicht nach Neuschottland gebracht zu +werden; ich bat ihn, mich an der nahen Küste ans Land zu setzen. +Während ich in der Cajüte meine und des Eigners des Canoes Rechte +zu verfechten suchte, hörte ich Lärm auf dem Verdeck. Einer kam und +sagte dem Capitän etwas ins Ohr. Dieser schien bestürzt und ging +hinaus. Zu unserem Glück kreuzte auch eine englische Corvette (die +Sloop <strong>Hawk</strong>) in diesen Gewässern. Sie hatte durch +Signale den Capitän des Capers zu sich gerufen, und da dieser sich +nicht beeilte Folge zu leisten, feuerte sie eine Kanone ab und +schickte einen Midshipman zu uns an Bord. Dieser war ein sehr +artiger junger Mann und machte mir Hoffnung, daß man das Canoe mit +Cacao herausgeben und uns des andern Tags werde weiter fahren +lassen. Er schlug mir zugleich vor, mit ihm zu gehen, mit der +Versicherung, sein Commandant, Capitän Garnier von der königlichen +Marine, werde mir ein angenehmeres Nachtlager anbieten, als ich auf +einem Fahrzeug aus Halifax fände.</p> +<p>Ich nahm das freundliche Anerbieten an und wurde von Capitän +Garnier aufs höflichste ausgenommen. Er hatte mit Vancouver die +Reise an die Nordwestküste gemacht, und Alles, was ich ihm von den +großen Katarakten bei Atures und Maypures, von der Gabeltheilung +des Orinoco und von seiner Verbindung mit dem Amazonenstrom +erzählte, schien ihn höchlich zu interessiren. Er nannte mir unter +seinen Officieren mehrere, die mit Lord Macartney in China gewesen +waren. Seit einem Jahre war ich nicht mehr mit so vielen +unterrichteten Männern beisammen gewesen. Man war aus den +englischen Zeitungen über den Zweck meiner Reise im Allgemeinen +unterrichtet; man bewies mir großes Zutrauen und ich erhielt mein +Nachtlager im Zimmer des Capitäns. Beim Abschied wurde ich mit den +Jahrgängen der astronomischen Ephemeriden beschenkt, die ich in +Frankreich und Spanien nicht hatte bekommen können. Capitän Garnier +habe ich die Trabantenbeobachtungen zu verdanken, die ich jenseits +des Aequators angestellt, und es wird mir zur Pflicht, hier dem +aufrichtigen Danke für seine Gefälligkeit Ausdruck zu geben. Wenn +man aus den Wäldern am Cassiquiare kommt und Monate lang in den +engen Lebenskreis der Missionäre wie gebannt war, so fühlt man sich +ganz glücklich, wenn man zum erstenmal wieder Männer trifft, die +das Leben zur See durchgemacht und auf einem so wechselvollen +Schauplatz den Kreis ihrer Ideen erweitert haben. Ich schied vom +englischen Schiff mit Empfindungen, die in mir unverwischt +geblieben find und meine Anhänglichkeit an die Laufbahn, der ich +meine Kräfte gewidmet, noch steigerten.</p> +<p>Am folgenden Tag setzten wir unsere Ueberfahrt fort und +wunderten uns sehr über die Tiefe der Canäle zwischen den +Caracasinseln, die so bedeutend ist, daß die Corvette beim Wenden +fast an den Felsen streifte. Welch ein Contrast im ganzen Ansehen +zwischen diesen Kalkeilanden, die nach Richtung und Gestaltung an +die große Katastrophe erinnern, die sie vom Festlande losgerissen, +und jenem vulkanischen Archipel nordwärts von +Lancerota,<sup><a href="#fn184" class="footnoteRef" id="fnref184" +name="fnref184">184</a></sup> wo Basaltkuppen durch Hebung aus dem +Meer emporgestiegen scheinen! Die vielen Alcatras, die größer sind +als unsere Schwanen, und Flamingos, die in den Buchten fischten +oder den Pelikans ihre Beute abzujagen suchten, sagten uns, daß wir +nicht mehr weit von Cumana waren. Es ist sehr interessant, bei +Sonnenaufgang die Seevögel auf einmal erscheinen und die Landschaft +beleben zu sehen. Solches erinnert an den einsamsten Orten an das +rege Leben in unsern Städten beim ersten Morgengrauen. Gegen neun +Uhr Morgens befanden wir uns vor dem Meerbusen von Cariaco, welcher +der Stadt Cumana als Rhede dient. Der Hügel, aus dem das Schloß San +Antonio liegt, hob sich weiß von der dunkeln Bergwand im Innern ab. +Mit lebhafter Empfindung sahen wir das Ufer wieder, wo wir die +ersten Pflanzen in Amerika gepflückt und wo ein paar Monate darauf +Bonpland in so großer Gefahr geschwebt hatte. Zwischen den Cactus, +die zwanzig Fuß hoch in Säulen- oder Candelaberform dastehen, kamen +die Hütten der Guayqueries zum Vorschein. Die ganze Landschaft war +uns so wohl bekannt, der Cactuswald, und die zerstreuten Hütten, +und der gewaltige Ceibabaum, unter dem wir bei Einspruch der Nacht +so gerne gebadet. Unsere Freunde kamen uns aus Cumana entgegen; +Menschen aller Stände, die auf unsern vielen botanischen +Excursionen mit uns in Berührung gekommen waren, äußerten ihre +Freude um so lebhafter, da sich seit mehreren Monaten das Gerücht +verbreitet hatte, wir haben an den Ufern des Orinoco den Tod +gefunden. Anlaß dazu mochte Bonplands schwere Krankheit gegeben +haben, oder auch der Umstand, daß unser Canoe durch einen Windstoß +oberhalb der Mission Uruanas beinahe umgesehlagen wäre.</p> +<p>Wir eilten, uns dem Statthalter Don Vicente Emparan +vorzustellen, dessen Empfehlungen und beständige Vorsorge uns auf +der langen, nunmehr vollendeten Reise so ungemein förderlich +gewesen waren. Er verschaffte uns mitten in der Stadt ein +Haus,<sup><a href="#fn185" class="footnoteRef" id="fnref185" name= +"fnref185">185</a></sup> das für ein Land, das starken Erdbeben +ausgesetzt ist, vielleicht zu hoch, aber für unsere Instrumente +ungemein bequem war. Es hatte Terrassen (<em>azoteas</em>), auf +denen man einer herrlichen Aussicht auf die See, auf die Landenge +Araya und auf den Archipel der Caracas-, Picuita- und +Borracha-Inseln genoß. Der Hafen von Cumana wurde täglich strenger +blokirt und durch das Ausbleiben der spanischen Postschiffe wurden +wir noch drittehalb Monate festgehalten. Oft fühlten wir uns +versucht, auf die dänischen Inseln überzusetzen, die einer +glücklichen Neutralität genossen; wir besorgten aber, hätten wir +einmal die spanischen Colonien verlassen, möchte es schwer halten, +dahin zurückzukommen. Bei den umfassenden Befugnissen, wie sie uns +in einer guten Stunde zu Theil geworden, durfte man sich auf nichts +einlassen, was den Lokalbehörden mißfallen konnte. Wir wendeten +unsere Zeit dazu an, die Flora von Cumana zu vervollständigen, den +östlichen Theil der Halbinsel Araya geognostisch zu untersuchen und +eine ansehnliche Reihe von Trabantenimmersionen zu beobachten, +wodurch die auf anderem Wege gefundene Länge des Orts bestätigt +wurde. Wir stellten auch Versuche an über ungewöhnliche +Strahlenbrechung, über Verdunstung und Luftelektricität.</p> +<p>Die lebenden Thiere, die wir vom Orinoco mitgebracht, waren für +die Einwohner von Cumana ein Gegenstand lebhafter Neugier. Der +<strong>Kapuziner</strong> von Esmeralda (<em>Simia +chiropotes</em>), der im Gesichtsausdruck so große +Menschenähnlichkeit hat, Und der Schlafaffe (<em>Simia +trivirgata</em>), der Typus einer neuen Gruppe, waren an dieser +Küste noch nie gesehen worden. Wir dachten dieselben der Menagerie +im Pariser Pflanzengarten zu; denn die Ankunft einer französischen +Escadre, die ihren Angriff auf Curaçao hatte mißlingen sehen, bot +uns unerwartet eine treffliche Gelegenheit nach Guadeloupe. General +Jeannet und der Commissär Bresseau, Agent der vollziehenden Gewalt +auf den Antillen, versprachen uns, die Sendung zu besorgen. Aber +Affen und Vögel gingen auf Guadeloupe zu Grunde, und nur durch +einen glücklichen Zufall gelangte der Balg des <em>Simia +chiropotes</em>, der sonst in Europa gar nicht existirt, vor +einigen Jahren in den Pflanzengarten, nachdem schon früher der +Couxio (<em>Simia satanas</em>) and der Stentor oder Alouato aus +den Steppen von Caracas (<em>Simia ursina</em>), die ich in meinem +<em>Recueil de zoologie et d’anatomie comparées</em> abgebildet, +daselbst angekommen waren. Die Anwesenheit so vieler französischer +Soldaten und die Aeußerung politischer und religiöser Ansichten, +die eben nicht ganz mit denen übereinstimmten, durch welche die +Mutterländer ihre Macht zu befestigen meinen, brachten die +Bevölkerung von Cumana in gewaltige Aufregung. Der Statthalter +beobachtete den französischen Behörden gegenüber die angenehmen +Formen, wie der Anstand und das innige Verhältniß, das damals +zwischen Frankreich und Spanien bestand, sie vorschrieben. Auf den +Straßen sah man die Farbigen sich um den Agenten des Direktoriums +drängen, der reich und theatralisch gekleidet war; da aber Leute +mit ganz weißer Haut, wo sie sich nur verständlich machen konnten, +mit unbescheidener Neugier sich auch darnach erkundigten, wie viel +Einfluß auf die Regierung von Guadeloupe die französische Republik +den Colonisten einräume, so entwickelten die königlichen Beamten +doppelten Eifer in der Verproviantirung der kleinen Escadre. +Fremde, die sich rühmten frei zu seyn, schienen ihnen überlästige +Gäste, und in einem Lande, dessen fortwährend steigender Wohlstand +auf dem Schleichverkehr mit den Inseln beruhte und auf einer Art +Handelsfreiheit, die man dem Ministerium abgerungen, erlebte ich +es, daß die Hispano-Europäer sich nicht entblödeten, die alte +Weisheit des Gesetzbuchs (<em>leyes de Indias</em>), dem zufolge +die Hafen keinen fremden Fahrzeugen geöffnet werden sollen außer in +äußersten Nothfällen, bis zu den Wolken zu erheben. Ich hebe diese +Gegensätze zwischen den unruhigen Wünschen der Colonisten und der +argwöhnischen Starrheit der herrschenden Kaste hervor, weil sie +einiges Licht auf die großen politischen Ereignisse werfen, welche, +von lange her vorbereitet, Spanien von seinen Colonien oder — +vielleicht richtiger gesagt — von seinen überseeischen Provinzen +losgerissen haben.</p> +<p>Vom 3. zum 5. November verbrachten wir wieder einige sehr +angenehme Tage auf der Halbinsel Araya, über dem Meerbusen von +Cariaco, Cumana gegenüber, deren Perlen, deren Salzlager und +unterseeische Quellen flüssigen, farblosen Steinöls ich schon oben +beschrieben habe.<sup><a href="#fn186" class="footnoteRef" id= +"fnref186" name="fnref186">186</a></sup> Wir hatten gehört, die +Indianer bringen von Zeit zu Zeit <strong>natürlichen +Alaun</strong>, der in den benachbarten Bergen vorkomme, in +bedeutenden Massen in die Stadt. An den Proben, die man uns zeigte, +sah man gleich, daß es weder Alaunstein war, ähnlich dem Gestein +von Tolfa und Piombino, noch jene haarförmigen, seidenartigen Salze +von schwefelsaurer Thon- und Bittererde, welche Gebirgsspalten und +Höhlen auskleiden, sondern wirklich Massen natürlichen Alauns, mit +muschligtem oder unvollkommen blättrigem Bruch. Man machte uns +Hoffnung, daß wir die <strong>Alaungrube</strong> im Schiefergebirg +bei Maniquarez finden könnten: Eine so neue geognostische +Erscheinung mußte unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. +Frater Juan Gonzalez und der Schatzmeister Don Manuel Navarete, der +uns seit unserer Ankunft auf dieser Küste mit seinem Rath +beigestanden hatte, begleiteten uns auf dem kleinen Ausflug. Wir +gingen am Vorgebirge Caney ans Land und besuchten wieder das alte +Salzwerk, das durch den Einbruch des Meeres in einen See verwandelt +worden, die schönen Trümmer des Schlosses Araya und den Kalkberg +Barigon, der, weil er gegen West schroff abfällt, ziemlich schwer +zu besteigen ist. Der Salzthon, vermischt mit Erdpech und +linsenförmigem Gyps, und zuweilen in einen schwarzbraunen, +salzfreien Thon übergehend, ist eine auf dieser Halbinsel, auf der +Insel Margarita und auf dem gegenüberliegenden Festland beim Schloß +San Antonio in Cumana sehr verbreitete Formation. Sehr +wahrscheinlich hat sie sogar zum Theil die Spalten und das ganze +zerrissene Wesen des Bodens veranlaßt, das dem Geognosten auffällt, +wenn er auf einer der Anhöhen der Halbinsel Araya steht. Die aus +Glimmerschiefer und Thonschiefer bestehende Cordillere derselben +ist gegen Nord durch den Canal von Cubagua von der ähnlich +gebildeten Bergkette der Insel Margarita getrennt; gegen Süd liegt +der Meerbusen von Cariaco zwischen der Cordillere und der hohen +Kalkgebirgskette des Festlandes. Der ganze dazwischen liegende +Boden scheint einst mit Salzthon ausgefüllt gewesen zu seyn, und +vom Meere beständig angefressen, verschwand ohne Zweifel die +Formation allmählig und aus der Ebene wurden zuerst Lagunen, dann +Buchten und zuletzt schiffbare Canäle. Der neueste Vorgang am +Schlosse Araya beim Einbruch des Meeres in das alte Salzwerk, die +Form der Lagune Chacopata und ein vier Meilen langer See, der die +Insel Margarita beinahe in zwei Stücke theilt, sind offenbare +Beweise dieser allmähligen Abspülungen. Im seltsamen Umriß der +Küsten, im Morro von Chacopata, in den kleinen Inseln Caribes, +Lobos und Tunal, in der großen Insel Coche und dem Vorgebirg +Carnero und dein »der Manglebäume« glaubt man auch die Trümmer +einer Landenge vor sich zu haben, welche einst in der Richtung von +Nord nach Süd die Halbinsel Araya und die Insel Margarita verband. +Auf letzterer verbindet nur noch eine ganz niedrige, 3000 Toisen +lange und nicht 200 Toisen breite Landzunge gegen Nord die zwei +unter dem Namen Vega de San Juan und Macanao bekannten Berggruppen. +Die <em>Laguna grande</em> auf Margarita hat gegen Süd eine sehr +enge Oeffnung und kleine Canoes kommen »arastradas,« das heißt über +einen Trageplatz, über die Landzunge oder den Damm im Norden +hinüber. Wenn sich auch heutzutage in diesen Seestrichen das Wasser +vom Festland zurückzuziehen scheint, so wird doch höchst +wahrscheinlich im Laufe der Jahrhunderte entweder durch ein +Erdbeben oder durch ein plötzliches Anschwellen des Oceans die +große langgestreckte Insel Margarita in zwei viereckigte +Felseneilande zerfallen.</p> +<p>Bei der Besteigung des Cerro del Barigon wiederholten wir die +Versuche, die wir am Orinoco über den Unterschied zwischen der +Temperatur der Luft und des verwitterten Gesteins gemacht hatten. +Erstere betrug gegen 11 Uhr Vormittags, des Seewinds wegen, nur 27 +Grad, letztere dagegen 49°6. Der Saft in den Fackeldisteln +(<em>Cactus quadrangularis</em>) zeigte 38-41°; soviel zeigte ein +Thermometer, dessen Kugel ich in den fleischigten, saftigen Stamm +der Cactus hineinsteckte. Diese innere Temperatur eines Gewächses +ist das Produkt der Wärme des Sandes, in dem die Wurzeln sich +verbreiten, der Lusfttemperatur, der Oberflächenbeschaffenheit des +den Sonnenstrahlen ausgesetzten Stammes und der Leitungsfähigkeit +des Holzes. Es wirken somit sehr verwickelte Vorgänge zum Resultat +zusammen. Der Kalkstein des Barigon, der zu der großen Sandstein- +und Kalkformation von Cumana gehört, besteht fast ganz aus +Seeschalthieren, die so wohl erhalten sind, wie die in den andern +tertiären Kalkgebilden in Frankreich und Italien. Wir brachen für +das königliche Cabinet zu Madrid Blöcke ab, die Austern von acht +Zoll Durchmesser, Kammmuscheln, Venusmuscheln und Polypengehäuse +enthielten. Ich möchte Naturforscher, welche bessere Paläontologen +sind, als ich damals war, auffordern, diese Felsenküste genau zu +untersuchen. Sie ist europäischen Fahrzeugen, die nach Cumana, +Guayra oder Curacao gehen, leicht zugänglich. Es wäre von großem +Interesse, auszumachen, ob manche dieser versteinerten Mollusken- +und Zoophytenarten noch jetzt das Meer der Antillen bewohnen, wie +es Bonpland vorkam, und wie es auf der Insel Timor und wohl auch +bei Grand-Terre auf Guadeloupe der Fall ist.</p> +<p>Am 4. November um 1 Uhr Nachts gingen wir unter Segel, um die +natürliche Alaungrube aufzusuchen. Ich hatte den Chronometer und +mein großes Dollond’sches Fernrohr mit eingeschifft, um bei der +<em>Laguna chica</em>, östlich vom Dorfe Maniquarez, die Immension +des ersten Jupiterstrabanten zu beobachten. Daraus wurde indessen +nichts, da wir des widrigen Windes wegen nicht vor Tag hinkamen. +Nur das Schaufpiel des Meerleuchtens, dessen Pracht durch die um +unsere Pirogue gaukelnden Delphine noch erhöht wurde, konnte uns +für diese Verzögerung entschädigen. Wir fuhren wieder über den +Strich, wo auf dem Meeresboden aus dem Glimmerschiefer Quellen von +Bergöl brechen, die man sehr weit riecht.<sup><a href="#fn187" +class="footnoteRef" id="fnref187" name="fnref187">187</a></sup> +Bedenkt man, daß weiter nach Ost, bei Cariaco, warme unterseeische +Quellen so stark sind, daß sie die Temperatur des Meerbusens an der +Oberfläche erhöhen, so läßt sich wohl nicht bezweifeln, daß das +Bergöl aus ungeheuren Tiefen wie herauf destillirt wird, daß es aus +den Urgebirgsbildungen kommt, unter denen der Herd aller +Vulkanischen Erschütterungen liegt.</p> +<p>Die <em>Laguna chica</em>, ist eine von steil abfallenden Bergen +umgebene Bucht, die mit dem Meerbusen von Cariaco nur durch einen +engen, 25 Faden tiefen Canal zusammenhängt. Es sieht aus, als +wäre sie, wie auch der schöne Hafen von Acapulco, durch ein +Erdbeben gebildet. Ein kleiner flacher Uferstrich scheint darauf +hinzudeuten, daß die See sich hier vom Lande zurückzieht, wie an +der gegenüberliegenden Küste von Cumana. Die Halbinsel Araya +verengert sich zwischen den Vorgebirgen Mero und las Minas auf 1400 +Toisen und ist bei der <em>Laguna chica</em> von einem Seestrich +zum andern etwas über 4000 Toisen breit. Diese unbedeutende Strecke +hatten wir zurückzulegen, um zum natürlichen Alaun und zum +Vorgebirge, genannt Punta de Chuparuparu, zu gelangen. Der Gang ist +nur darum beschwerlich, weil gar kein Weg gebahnt ist und man +zwischen ziemlich tiefen Abgründen über völlig kahle Felsgräten mit +stark fallenden Schichten gehen muß. Der höchste Punkt liegt gegen +220 Toisen hoch, aber die Berge zeigen, wie so häufig auf felsigten +Landengen, die seltsamsten Bildungen. Die Tetas de Chacopata und de +Cariaco, halbwegs zwischen der <em>Laguna chica</em> und der Stadt +Cariaco, sind wahre Spitzberge, die von der Platform des Schlosses +in Cumana aus ganz frei zu stehen scheinen. Dammerde findet sich in +diesem Landstrich nur bis zur Höhe von 30 Toisen über dem Meer. Oft +regnet es 15 Monate lang gar nicht;<sup><a href="#fn188" class= +"footnoteRef" id="fnref188" name="fnref188">188</a></sup> fallen +aber auch nur ein paar Tropfen Wasser unmittelbar nach der Blüthe +der Melonen, der Wassermelonen und Kürbisse, so tragen dieselben, +trotz der anscheinenden Trockenheit der Luft, Früchte von 60 bis 70 +Pfund. Ich sage die anscheinende Trockenheit der Luft, denn aus +meinen hygrometrischen Beobachtungen geht hervor, daß in Cumana und +Araya die Luft fast zu neun Zehntheilen mit Wasserdunst gesättigt +ist. Diese zugleich heiße und feuchte Luft speist die +<strong>vegetabilischen Quellen</strong>, die kürbisartigen +Gewächse, die Agaven und Melocactus, die halb im Sand vergraben +sind. Als wir die Halbinsel im vorigen Jahr besuchten, herrschte da +furchtbarer Wassermangel. Die Ziegen, die kein Gras mehr fanden, +gingen zu Hunderten zu Grunde. Während unseres Aufenthalts am +Orinoco schien sich die Reihefolge der Jahreszeiten völlig +umgekehrt zu haben. Es hatte in Araya, auf Cochen, sogar auf der +Insel Margarita reichlich geregnet, und diese Güsse machten noch in +der Erinnerung den Einwohnern so viel zu schaffen, als den +Physikern in Europa ein Aerolithenfall.</p> +<p>Unser indianischer Führer kannte kaum die Richtung, in der wir +den Alaun zu suchen hatten; die eigentliche Lagerstätte war ihm +ganz unbekannt. Dieser Mangel an Ortskenntniß ist hier fast allen +Führern eigen, die der faulsten Volksklasse angehören. Wir liefen +fast auf Gerathewohl sieben, acht Stunden zwischen den Felsen +herum, auf denen nicht das Geringste wuchs. Der Glimmerschiefer +geht zuweilen in schwarzgrauen Thonschiefer über. Auch hier fiel +mir wieder die ungemeine Regelmäßigkeit im Streichen und Fallen der +Schichten auf. Sie streichen Nord 50 Grad Ost und fallen unter +einem Winkel von 60—70° nach Nordwest. Dieses allgemeine +Streichungsverhältniß hatte ich auch am granitischen Gneiß bei +Caracas und am Orinoco, an den Hornblendeschiefern bei Angostura +beobachtet, sogar an den meisten secundären Formationen, die wir +untersucht. Auf sehr weite Strecken bilden die Schichten denselben +Winkel mit dem Meridian des Orts; sie zeigen einrn Parallelismus +(oder vielmehr <strong>Loxodromismus</strong>), der als eines der +großen geognostischen Gesetze zu betrachten ist, die durch genaue +Messung zu ermitteln sind. Gegen das Cap Chuparuparu zu sahen wir +die Quarzgänge im Glimmerschiefer mächtiger werden. Wir fanden +welche, ein bis zwei Klafter breit, voll kleiner büschelförmiger +Krystalle von Titanerz. Vergeblich suchten wir darin nach Cyanit, +den wir in Blöcken bei Maniquarez gefunden. Weiterhin erscheinen im +Glimmerschiefer nicht Gänge, sondern kleine Schichten von Graphit +oder Kohlenstoffeisen. Sie sind 2—3 Zoll dick und streichen und +fallen genau wie die Gebirgsart. Mit dem Graphit im Urgebirge tritt +zum erstenmal in den Gebirgsschichten der Kohlenstoff auf, und zwar +als nicht an Wasserstoff gebundener Kohlenstoff. Er ist älter als +die Zeit, wo sich die Erde mit monocotyledonischen Gewächsen +bedeckte.</p> +<p>Von diesen öden Bergen herab hatten wir eine großartige Aussicht +auf die Insel Margarita. Zwei Berggruppen, die bereits genannten, +der Macanao und die Vega de San Juan, steigen gerade aus dem Wasser +auf. In der letzteren, der östlichsten, liegt der Hauptort der +Insel, la Asuncion, der Hafen Pampatar und die Dörfer Pueblo de la +Mar, Pneblo del Norte und San Juan. Die westliche Gruppe, der +Macanao, ist fast ganz unbewohnt. Die Landenge, welche diese +gewaltigen Glimmerschiefermassen verbindet, war kaum sichtbar; sie +erschien durch die Luftspiegelung verzogen und man erkannte dieses +Zwischenglied des Landes, durch das die <em>Laguna grande</em> +läuft, nur an zwei kleinen zuckerhutförmigen Bergen, die unter dem +Meridian der Punta de Piedras liegen. Weiter herwärts sahen wir auf +den kleinen öden Archipel der vier Morros del Tunal, der Caribes +und Lobos hinab.</p> +<p>Nach langem vergeblichem Suchen fanden wir endlich, ehe wir zur +Nordküste der Halbinsel Araya hinabgingen, in einer ungemein schwer +zugänglichen Schlucht (<em>Aroyo del Robalo</em>) das Mineral, das +man uns in Cumana gezeigt hatte. Der Glimmerschiefer ging rasch in +kohlenhaltigen, glänzenden Thonschiefer über. Es war Ampelit; das +Wasser (denn es gibt hier kleine Quellen, und kürzlich hat man +selbst beim Dorfe Maniquarez eine gefunden) war mit gelbem +Eisenoxyd geschwängert und hatte einen zusammenziehenden Geschmack. +Die anstehenden Felswände waren mit ausgewitterter haarförmiger +schwefelsaurer Thonerde bedeckt, und wirkliche zwei bis drei Zoll +dicke Schichten natürlichen Alauns strichen im Thonschiefer fort, +so weit das Auge reichte. Der Alaun ist weissgrau, an der +Oberfläche etwas matt, im Innern hat er fast Glasglanz; der Bruch +ist nicht faserigt, sondern unvollkommen muschligt. An nicht +starken Bruchstücken ist er halb durchsichtig. Der Geschmack ist +süßlicht, adstringirend, ohne Bitterkeit. Ich fragte mich noch an +Ort und Stelle, ob dieser so reine Alaun, der ohne die geringste +Lücke eine Schicht im Thonschiefer bildet, gleichzeitig mit der +Gebirgsart gebildet, oder ob ihm ein neuerer, so zu sagen +secundärer Ursprung zuzuschreiben ist, wie dem salzsauren Natron, +das man zuweilen in kleinen Gängen an Stellen findet, wo +hochsöhlige Salzquellen durch Gyps- oder Thonschichten +hindurchgehen? Nichts weist aber hier auf eine Bildungsweise hin, +die auch noch gegenwärtig vorkommen könnte. Das Schiefergestein hat +lediglich keine offene Spalte, zumal keine, die dem Streichen der +Blätter parallel liefe. Man fragt sich ferner, ob dieser +Alaunschiefer eine dem Urglimmerschiefer von Araya aufgelagerte +Uebergangsbildung ist, oder ob er nur dadurch entsteht, daß die +Glimmerschieferschichten nach Zusammensetzung und Textur eine +Veränderung erlitten haben? Ich halte letztere Annahme für die +wahrscheinlichere; denn der Uebergang ist allmählig und +Thonschiefer und Glimmerschiefer scheinen mir hier einer und +derselben Formation anzugehören. Das Vorkommen von Cyanit, Titanerz +und Granaten, und daß kein lydischer Stein, daß nirgends ein +Trümmergestein zu finden ist, scheinen die Formation, die wir hier +beschreiben, dem Urgebirge zuzuweisen.</p> +<p>Als sich im Jahr 1783 bei einem Erdbeben im Aroyo del Robalo +eine große Felsmasse abgelöst hatte, lasen die Guayqueries in los +Serritos 5—6 Zoll starke, ungemein durchsichtige und reine +Alaunstücke auf. Zu meiner Zeit verkaufte man in Cumana an Färber +und Gerber das Pfund zu zwei Realen (ein Viertheil eines harten +Piasters), während der spanische Alaun zwölf Realen kostete. Dieser +Preisunterschied rührte weit mehr von Vorurtheilen und von +Hemmungen im Handel her, als davon, daß der einheimische Alaun, der +vor der Anwendung durchaus nicht gereinigt wird, von geringerer +Güte wäre. Derselbe kommt auch in der Glimmer- und +Thonschieferlette an der Nordwestküste von Trinidad vor, ferner auf +Margarita und beim Cap Chuparuparu nördlich vom Cerro del +Distiladero. Die Indianer lieben von Natur das Geheimniß, und so +verheimlichen sie auch gern die Orte, wo sie den natürlichen Alaun +graben; das Mineral muß aber ziemlich reich sehn, denn ich habe in +ihren Händen ganz ansehnliche Massen auf einmal gesehen. Es wäre +für die Regierung von Belang, entweder das oben beschriebene +Mineral oder die Alaunschiefer, die damit vorkommen, ordentlich +abbauen zu lassen. Letztere könnte man rösten und sie zur +Auslaugung an der glühenden tropischen Sonne gradiren. Südamerika +erhält gegenwärtig seinen Alaun aus Europa, wie ihn Europa +seinerseits bis zum fünfzehnten Jahrhundert von den asiatischen +Völkern erhielt. Vor meiner Reise kannten die Mineralogen keine +andern Substanzen, aus denen man, geröstet oder nicht, unmittelbar +Alaun (schwefel- saures Alaunerdekali) gewann, als Gebirgsarten aus +der Trachytformation und kleine Gänge, welche Schichten von +Braunkohlen und bituminösem Holz durchsetzen. Beide Substanzen, so +verschiedenen Ursprungs sie sind, enthalten alle Elemente des +Alauns, nämlich Thonerde, Schwefelsäure und Kali. Die alaunhaltigen +Gesteine im Trachyt verschiedener Länder rühren unzweifelhaft +daher, daß schwefligtsaure Dämpfe die Gebirgsart durchdrungen +haben. Sie sind, wie man sich in den Solfataren bei Puzzuoli und +auf dem Pic von Teneriffa überzeugen kann, Produkte einer +schwachen, lange andauernden vulkanischen Thätigkeit. Das Wasser, +das diese alaunhaltigen Gebirgsarten vulkanischer Herkunft +durchdringt, setzt indessen keine Massen natürlichen Alauns ab; zur +Gewinnung desselben müssen die Gesteine geröstet werden. Ich kenne +nirgends Alaunniederschläge, ähnlich denen, wie ich sie aus Cumana +mitgebracht; denn die haarförmigen und fasrigten Massen, die man in +Gängen in Braunkohlenschichten findet (an den Ufern der Egra, +zwischen Saatz und Commothau in Böhmen) oder sich in Hohlräumen +(Freienwalde in Brandenburg, Segario in Sardinien) durch +Auswitterung bilden, sind unreine Salze, oft ohne Kaki, vermengt +mit schwefelsaurem Ammoniak und schwefelsaurer Bittererde. Eine +langsame Zersetzung der Schwefelkiese, die vielleicht als eben so +viele kleine galvanische Säulen wirken, macht die Gewässer, welche +die Braunkohle und die Alaunerde durchziehen, alaunhaltig. +Aehnliche chemische Vorgänge können nun aber in Ur- und +Uebergangsschiefern so gut wie in tertiären Bildungen stattfinden. +Alle Schiefer, und dieser Umstand ist sehr wichtig, enthalten gegen +fünf Procent Kali, Schwefeleisen, Eisenperoxyd, Kohle +u. s. w. So viele ungleichartige Stoffe, in gegenseitiger +Berührung und von Wasser befeuchtet, müssen nothwendig Neigung +haben, sich nach Form und Zusammensetzung zu verändern. Die +ausgewitterten Salze, welche in der Schlucht Robalo die +Alaunschiefer in Menge bedecken, zeigen, wie sehr diese chemischen +Vorgänge durch die hohe Temperatur dieses Klimas gefördert werden; +aber — ich wiederhole es — in einem Gestein ohne Spalten, ohne dem +Streichen und Fallen seiner Schichten parallel laufende Hohlräume +ist ein natürlicher, seine Lagerstätte völlig ausfüllender, +halbdurchsichtiger Alaun mit muschligtem Bruch als gleichen Alters +mit der einschließenden Gebirgsart zu betrachten.</p> +<p>Nachdem wir lange in dieser Einöde unter den völlig kahlen +Felsen umhergeirrt, ruhten unsere Blicke mit Lust auf den +Malpighia- und Crotonbüschen, die wir auf dem Wege zur Küste hinab +trafen. Diese baumartigen Croton waren sogar zwei neue, durch ihren +Habitus sehr interessante, der Halbinsel Araya allein angehörige +Arten.<sup><a href="#fn189" class="footnoteRef" id="fnref189" name= +"fnref189">189</a></sup> Wir kamen zu spät zur <em>Laguna +chica</em> um noch eine andere Bucht weiter ostwärts, als +<em>Laguna grande</em> oder <em>del olispo</em> vielberufen, +besuchen zu können. Wir begnügten uns, dieselbe von den sie +beherrschenden Bergen herab zu bewundern. Außer den Häfen von +Ferrol und Acapulco gibt es vielleicht keinen mehr von so +sonderbarer Bildung. Es ist eine von Ost nach West dritthalb +Seemeilen lange, eine Seemeile breite geschlossene Bucht. Die +Glimmerschieferfelsen, die den Hafen einschließen, lassen nur eine +250 Toisen breite Einfahrt. Ueberall findet man 15 bis 20 Faden +Wassertiefe. Wahrscheinlich wird die Regierung von Cumana diese +geschlossene Bucht und die von Mochima, die acht Seemeilen ostwärts +von der schlechten Rhede von Nueva Barcelona liegt, einmal zu +benützen wissen. Navaretes Familie erwartete uns mit Ungeduld am +Strand, und obgleich unser Canoe ein großes Segel führte, kamen wir +doch erst bei Nacht nach Maniquarez.</p> +<p>Wir blieben nur noch vierzehn Tage in Cumana. Da wir alle +Hoffnung aufgegeben hatten, ein Postschiff aus Corunna eintreffen +zu sehen, so benützten wir ein amerikanisches Fahrzeug, das in +Nueva Barcelona Salzfleisch lud, um es auf die Insel Cuba zu +bringen. Wir hatten sechzehn Monate auf diesen Küsten und im Innern +von Venezuela zugebracht. Wir hatten zwar noch über 50,000 Francs +in Wechseln auf die ersten Häuser in der Havana; dennoch wären wir +hinsichtlich der baaren Mittel in großer Verlegenheit gewesen, wenn +uns nicht der Statthalter von Cumana vorgeschossen hätte, so viel +wir verlangen mochten. Das Zartgefühl, mit dem Herr von Emparan ihm +ganz unbekannte Fremde behandelte, verdient die höchste Anerkennung +und meinen lebhaftesten Dank. Ich erwähne dieser Umstände, die nur +unsere Person betrafen, um die Reisenden zu warnen, daß sie sich +nicht zu sehr auf den Verkehr unter den verschiedenen Colonien +desselben Mutterlandes verlassen. Wie es im Jahr 1799 in Cumana und +Caracas mit dem Handel stand, hätte man einen Wechsel leichter auf +Cadix und London ziehen können, als auf Carthagena de Indias, die +Havana oder Vera Cruz.</p> +<p>Am 16. November verabschiedeten wir uns von unsern Freunden, um +nun zum dritten male von der Mündung des Busens von Cariaco nach +Nueva Barcelona überzufahren. Die Nacht war köstlich kühl. Nicht +ohne Rührung sahen wir die Mondscheibe zum letztenmal die Spitzen +der Cocospalmen an den Ufern des Manzanares beleuchten. Lange +hingen unsere Blicke an der weißlichten Küste, wo wir uns nur ein +einziges mal über die Menschen zu beklagen gehabt hatten. Der +Seewind war so stark, daß wir nach nicht ganz sechs Stunden beim +Morro von Nueva Barcelona den Anker auswarfen. Das Fahrzeug, das +uns nach der Havana bringen sollte, lag segelfertig da.</p> +<h1 id="siebenundzwanzigstes-kapitel."><a href= +"#TOC">Siebenundzwanzigstes Kapitel.</a></h1> +<p>Allgemeine Bemerkungen über das Verhältniß des neuen zum alten +Continent. — Ueberfahrt von den Küsten von Venezuela nach der +Havana.</p> +<p>Als ich nach meiner Rückkehr nach Deutschland den »<em>Essai +politique sur la nouvelle Espagne</em>« herausgab, veröffentlichte +ich zugleich einen Theil des von mir über den Bodenreichthum von +Südamerika gesammelten Materials. Diese vergleichende Schilderung +der Bevölkerung, des Ackerbaus und des Handels aller spanischen +Colonien wurde zu einer Zeit entworfen, wo große Mängel in der +gesellschaftlichen Verfassung, das Prohibitivsystem und andere +gleich verderbliche Mißgriffe in der Regierungskunst die +Entwicklung der Cultur niederhielten. Seit ich auseinandergesetzt, +welch unermeßliche Hülfsmittel den Völkern des gedoppelten Amerika +durch ihre Lage an sich und durch ihren Handelsverkehr mit Europa +und Asien in Aussicht ständen, sobald sie der Segnungen einer +vernünftigen Freiheit genößen, hat eine der großen Umwälzungen, +welche von Zeit zu Zeit das Menschengeschlecht aufrütteln, die +gesellschaftlichen Zustände in den von mir durchreisten gewaltigen +Ländern umgewandelt. Gegenwärtig theilen sich, kann man wohl sagen, +drei Völker europäischer Abkunft in das Festland der neuen Welt: +das eine, das mächtigste, ist germanischen Stammes, die beiden +andern gehören nach Sprache, Literatur und Sitten dem lateinischen +Europa an. Die Theile der alten Welt, die am weitesten gegen West +vorspringen, die iberische Halbinsel und die britannischen Inseln, +sind auch diejenigen, deren Colonien die bedeutendste Ausdehnung +haben; aber ein viertausend Meilen langer, nur von Nachkommen von +Spaniern und Portugiesen bewohnter Küstenstrich legt Zeugniß dafür +ab, wie hoch sich die Völker der Halbinsel im fünfzehnten und +sechzehnten Jahrhundert durch ihre Unternehmungen zur See über die +andern seefahrenden Völker emporgeschwungen hatten. Die Verbreitung +ihrer Sprachen von Californien bis an den Rio de la Plata, auf dem +Rücken der Cordilleren wie in den Wäldern am Amazonenstrom ist ein +Denkmal nationalen Ruhms, das alle politischen Revolutionen +überdauern wird.</p> +<p>Gegenwärtig überwiegt die Bevölkerung des spanischen und +portugiesischen Amerika die von englischer Race ums Doppelte. Die +französischen, holländischen und dänischen Besitzungen auf dem +neuen Continent sind von geringem Umfang; zählt man aber die Völker +her, welche auf das Geschick der andern Halbkugel Einfluß äußern +können, so sind noch zwei nicht zu übergehen, einerseits die +Ansiedler slavischer Abkunft, die von der Halbinsel Alaska bis nach +Californien Niederlassungen suchen, andererseits die freien +Afrikaner auf Haiti, welche wahr gemacht haben, was der Mailänder +Reisende Benzoni schon im Jahr 1545 vorausgesagt. Daß die Afrikaner +auf einer Insel, zweieinhalbmal größer als Sicilien, im Schoße des +Mittelmeeres der Antillen hausen, macht sie politisch um so +wichtiger. Alle Freunde der Menschheit wünschen aufrichtig, daß +eine Civilisation, welche wider alles Erwarten nach so viel Gräueln +und Blut Wurzel geschlagen, sich fort und fort entwickeln möge. Das +russische Amerika gleicht bis jetzt nicht sowohl einer +Ackerbaucolonie als einem der Comptoirs, wie sie die Europa zum +Verderben der Eingeborenen auf den Küsten von Afrika errichtet. Es +besteht nur aus Militärposten, aus Sammelplätzen für Fischer und +sibirische Jäger. Allerdings ist es eine merkwürdige Erscheinung, +daß sich der Ritus der griechischen Kirche auf einem Striche +Amerikas festgesetzt hat, und daß zwei Nationen, welche das Ost- +und das Westende von Europa bewohnen, Russen und Spanier, Nachbarn +werden auf einem Festlande, in das sie auf entgegengesetzten Wegen +gekommen; aber beim halb wilden Zustand der Küsten von Ochotsk und +Kamtschatka, bei der Geringfügigkeit der Mittel, welche die +asiatischen Häfen liefern können, und bei der Art und Weise, wie +bis jetzt die slavischen Colonien in der neuen Welt verwaltet +worden, müssen diese noch lange in der Kindheit verharren. Da man +nun bei nationalökonomischen Untersuchungen gewöhnt ist, nur Massen +ins Auge zu fassen, so stellt es sich heraus, daß das amerikanische +Festland eigentlich nur unter drei große Nationen von englischer, +spanischer und portugiesischer Abkunft getheilt ist. Die erste +derselben, die Angloamerikaner, ist zugleich nach dem englischen +Volk in Europa diejenige, welche ihre Flagge über die weitesten +Meeresstrecken trägt. Ohne entlegene Colonien hat sich ihr Handel +zu einer Höhe aufgeschwungen, zu der niemals ein Volk der alten +Welt gelangt ist, mit Ausnahme desjenigen, das seine Sprache, den +Glanz seiner Literatur, seine Arbeitslust, seinen Hang zur Freiheit +und einen Theil seiner bürgerlichen Einrichtungen nach Nordamerika +hinübergetragen hat.</p> +<p>Die englischen und portugiesischen Ansiedler haben nur die +Europa gegenüberliegenden Küsten bevölkert; die Castilianer dagegen +sind gleich zu Anfang der Eroberung über die Kette der Anden +gedrungen und haben selbst in den am weitesten nach West gelegenen +Landstrichen Niederlassungen gegründet. Nur dort, in Mexico, +Cundinamarca, Quito und Peru, fanden sie Spuren einer alten Cultur, +ackerbauende Völker, blühende Reiche. Durch diesen Umstand, durch +die rasche Zunahme einer eingeborenen Gebirgsbevölkerung, durch den +fast ausschließlichen Besitz großer Metallschätze, und durch die +Handelsverbindungen mit dem indischen Archipel, die gleich mit dem +Anfang des sechzehnten Jahrhunderts in Gang kamen, erhielten die +spanischen Besitzungen in Amerika ein ganz eigenes Gepräge. In den +östlichen, von den englischen und portugiesischen Ansiedlern in +Besitz genommenen Landstrichen waren die Eingeborenen umherziehende +Jägervölker. Statt, wie auf der Hochebene von Anahuac, in Guatimala +und im obern Peru, einen Bestandtheil der arbeitsamen, +ackerbauenden Bevölkerung zu bilden, zogen sie sich vor den +vorrückenden Weißen größtentheils zurück. Man brauchte +Arbeiterhände, man baute vorzugsweise Zuckerrohr, Indigo und +Baumwolle, und dieß, mit der Habsucht, welche so oft die +Begleiterin des Gewerbfleißes ist und sein Schandfleck, führte den +schändlichen Negerhandel herbei, der in seinen Folgen für beide +Welten gleich verderblich geworden ist. Zum Glück ist auf dem +Festlande von spanisch Amerika die Zahl der afrikanischen Sklaven +so unbedeutend, daß sie sich zur Sklavenbevölkerung in Brasilien +und in den südlichen Theilen der Vereinigten Staaten wie 1 zu 5 +verhält. Die gesammten spanischen Colonien, mit Einschluß der +Inseln Cuba und Portorico, haben auf einem Areal, das mindestens um +ein Fünftheil größer ist als Europa, nicht so viel Neger als der +Staat Virginien allein. Mit den vereinigten Ländern Neuspanien und +Guatimala liefern die Hispano-Amerikaner das einzige Beispiel im +heißen Erdstrich, daß eine Nation von acht Millionen nach +europäischen Gesetzen und Einrichtungen regiert wird, Zucker, +Cacao, Getreide und Wein zumal baut, und fast keine Sklaven +besitzt, die dem Boden von Afrika gewaltsam entführt worden.</p> +<p>Die Bevölkerung des neuen Continents ist bis jetzt kaum etwas +stärker als die von Frankreich oder Deutschland. In den Vereinigten +Staaten verdoppelt sie sich in dreiundzwanzig bis fünfundzwanzig +Jahren; in Mexiko hat sie sich, sogar unter der Herrschaft des +Mutterlandes, in vierzig bis fünfundvierzig Jahren verdoppelt. Ohne +der Zukunft allzuviel zuzutrauen, läßt sich annehmen, daß in +weniger als anderthalbhundert Jahren Amerika so stark bevölkert +seyn wird als Europa. Dieser schöne Wetteifer in der Cultur, in den +Künsten des Gewerbfleißes und des Handels wird keineswegs, wie man +so oft prophezeien hört, den alten Continent auf Kosten des neuen +ärmer machen; er wird nur die Consumtionsmittel und die Nachfrage +darnach, die Masse der productiven Arbeit und die Lebhaftigkeit des +Austausches steigern. Allerdings ist in Folge der großen +Umwälzungen, denen die menschlichen Gesellschaftsvereine +unterliegen, das Gesammtvermögen, das gemeinschaftliche Erbgut der +Cultur, unter die Völker beider Welten ungleich vertheilt; aber +allgemach stellt sich das Gleichgewicht her, und es ist ein +verderbliches, ja ich möchte sagen gottloses Vorurtheil, zu meinen, +es sey ein Unheil für das alte Europa, wenn auf irgend einem andern +Stück unseres Planeten der öffentliche Wohlstand gedeiht. Die +Unabhängigkeit der Colonien wird nicht zur Folge haben, sie zu +isoliren, sie werden vielmehr dadurch den Völkern von alter Cultur +näher gebracht werden. Der Handel wirkt naturgemäß dahin, zu +verbinden, was eifersüchtige Staatskunst so lange +auseinandergehalten. Noch mehr: es liegt im Wesen der Civilisation, +daß sie sich ausbreiten kann, ohne deßhalb da, von wo sie +ausgegangen, zu erlöschen. Ihr allmähliges Vorrücken von Ost nach +West, von Asien nach Europa, beweist nichts gegen diesen Satz. Ein +starkes Licht behält seinen Glanz, auch wenn es einen größerm Raum +beleuchtet. Geistesbildung, die fruchtbare Quelle des +Nationalwohlstands, theilt sich durch Berührung mit; sie breitet +sich aus, ohne von der Stelle zu rücken. Ihre Bewegung vorwärts ist +keine Wanderung; im Orient kam uns dieß nur so vor, weil +barbarische Horden sich Egyptens, Kleinasiens bemächtigt hatten, +und Griechenlands, des einst freien, der verlassenen Wiege der +Cultur unserer Väter.</p> +<p>Die Verwilderung der Völker ist eine Folge der Unterdrückung +durch einheimischen Despotismus oder durch einen fremden Eroberer; +mit ihr Hand in Hand geht immer steigende Verarmung, Versiegung des +öffentlichen Wohlstands. Freie, starke, den Interessen Aller +entsprechende Staatsformen halten diese Gefahren fern, und die +Zunahme der Cultur in der Welt, die Mitwerbung in Arbeit und +Austausch bringen Staaten nicht herab, deren Gedeihen aus +natürlicher Quelle fließt. Das gewerbfleißige und handeltreibende +Europa wird aus der neuen Ordnung der Dinge, wie sie sich im +spanischen Amerika gestaltet, seinen Nutzen ziehen, wie ihm die +Steigerung der Consumtion zu gute käme, wenn der Weltlauf der +Barbarei in Griechenland, auf der Nordküste von Afrika und in +andern Ländern, auf denen die Tyrannei der Ottomanen lastet, ein +Ende machte. Die einzige Gefahr, die den Wohlstand des alten +Continents bedrohte, wäre, wenn die innern Zwiste kein Ende nahmen, +weiche die Production niederhalten und die Zahl der Verzehrenden +und zu gleicher Zeit deren Bedürfnisse verringern. Im spanischen +Amerika geht der Kampf, der sechs Jahre, nachdem ich es verlassen, +ausgebrochen, allmählich seinem Ende entgegen. Bald werden wir +unabhängige, unter sehr verschiedenen Verfassungsformen lebende, +aber durch das Andenken gemeinsamer Herkunft, durch dieselbe +Sprache und durch die Bedürfnisse, wie sie von selbst aus der +Cultur entspringen, verknüpfte Völker auf beiden Ufern des +atlantischen Oceans wohnen sehen. Man kann wohl sagen, durch die +ungeheuren Fortschritte in der Schifffahrtskunst sind die +Meeresbecken enger geworden. Schon jetzt erscheint unsern Blicken +das atlantische Meer als ein schmaler Canal, der die neue Welt und +die europäischen Handelsstaaten nicht weiter auseinander hält, als +in der Kindheit der Schifffahrt das Mittelmeer die Griechen in +Peloponnes und die in Ionien, auf Sicilien und in Cyrenaica +auseinander hielt.</p> +<p>Allerdings wird noch manches Jahr vergehen, bis siebzehn +Millionen, über eine Länderstrecke zerstreut, die um ein Fünftheil +größer ist als ganz Europa, durch Selbstregierung zu einem festen +Gleichgewicht kommen. Der eigentlich kritische Zeitpunkt ist der, +wo es lange Zeit unterjochten Völkern auf einmal in die Hand +gegeben ist, ihr Leben nach den Erfordernissen ihres Wohlergehens +einzurichten. Man hört immer wieder behaupten, die +Hispano-Amerikaner seyen für freie Institutionen nicht weit genug +in der Cultur vorgeschritten. Es ist noch nicht lange her, so sagte +man dasselbe von andern Völkern aus, bei denen aber die +Civilisation überreif seyn sollte. Die Erfahrung lehrt, daß bei +Nationen wie beim Einzelnen das Glück ohne Talent und Wissen +bestehen kann; aber ohne läugnen zu wollen, daß ein gewisser Grad +von Aufklärung und Volksbildung zum Bestand von Republiken oder +constitutionellen Monarchien unentbehrlich ist, sind wir der +Ansicht, daß dieser Bestand lange nicht so sehr vom Grade der +geistigen Bildung abhängt, als von der Stärke des Volkscharakters, +vom Verein von Thatkraft und Ruhe, von Leidenschaftlichkeit und +Geduld, der eine Verfassung aufrecht und am Leben erhält, ferner +von den örtlichen Zuständen, in denen sich das Volk befindet, und +von den politischen Verhältnissen zwischen einem Staate und seinen +Nachbarstaaten.</p> +<p>Wenn die heutigen Colonien nach ihrer Emancipation mehr oder +weniger zu republikanischer Verfassungsform hinneigen, so ist die +Ursache dieser Erscheinung nicht allein im Nachahmungstrieb zu +suchen, der bei Volksmassen noch mächtiger ist als beim Einzelnen; +sie liegt vielmehr zunächst im eigenthümlichen Verhältniss, in dem +eine Gesellschaft sich befindet, die sich auf einmal von einer Welt +mit älterer Cultur losgetrennt, aller äußern Bande entledigt sieht +und aus Individuen besteht, die nicht Einer Kaste das Uebergewicht +im Staate zugestehen. Durch die Vorrechte, welche das Mutterland +einer sehr beschränkten Anzahl von Familien in Amerika ertheilte, +hat sich dort durchaus nicht gebildet, was in Europa eine +Adelsaristokratie heißt. Die Freiheit mag in Anarchie oder durch +die vorübergehende Usurpation eines verwegenen Parteihauptes zu +Grunde gehen, aber die wahren Grundlagen der Monarchie sind im +Schooße der heutigen Colonien nirgends zu finden. Nach Brasilien +wurden sie von außen hereingebracht zur Zeit, da dieses gewaltige +Land des tiefsten Friedens genoß, während das Mutterland unter ein +fremdes Joch gerathen war.</p> +<p>Ueberdenkt man die Verkettung menschlicher Geschicke, so sieht +man leicht ein, wie die Existenz der heutigen Colonien, oder +vielmehr wie die Entdeckung eines halb mensehenleeren Continents, +auf dem allein eine so erstaunliche Entwicklung des Colonialsystems +möglich war, republikanische Staatsformen in großem Maßstab und in +so großer Zahl wieder ins Leben rufen mußte. Nach der Anschauung +berühmter Schriftsteller sind die Umwandlungen auf dem Boden der +Gesellschaft, welche ein bedeutender Theil von Europa in unsern +Tagen erlitten hat, eine Nachwirkung der religiösen Reform zu +Anfang des sechzehnten Jahrhunderts. Es ist nicht zu vergessen, daß +in diese denkwürdige Zeit, in der ungezügelte Leidenschaften und +der Hang zu starren Dogmen die Klippen der europäischen Staatskunst +waren, auch die Eroberung von Mexico, Peru und Cundinamarca fällt, +eine Eroberung, durch die, wie sich der Verfasser des <em>Esprit +des lois</em> so schön ausdrückt, das Mutterland eine unermeßliche +Schuld auf sich genommen, die es der Menschheit abzutragen hat. +Ungeheure Provinzen wurden durch castilianische Tapferkeit den +Ansiedlern aufgethan und durch die Bande gemeinsamer Sprache, Sitte +und Gottesverehrung verknüpft. Und so hat denn durch das +merkwürdigste Zusammentreffen von Ereignissen die Regierung des +mächtigsten und unumschränktesten Monarchen Europas, Carls V., +die Keime ausgestreut zum Kampfe des neunzehnten Jahrhunderts und +den Grund gelegt zu den staatlichen Vereinen, die, eben erst ins +Leben getreten, uns durch ihren Umfang und die Gleichförmigkeit der +dabei herrschenden Grundsätze in Erstaunen setzen. Befestigt sich +die Emancipation des spanischen Amerika, wie man bis jetzt mit +allem Grund hoffen darf, so sieht ein Meeresarm, der atlantische +Ocean, auf seinen beiden Ufern Regierungsformen, die, so +grundverschieden sie sind, einander nicht nothwendig feindselig +gegenübertreten. Nicht allen Völkern beider Welten mag dieselbe +Verfassung zum Heile gereichen; der wachsende Wohlstand einer +Republik ist kein Schimpf für monarchische Staaten, so lange sie +mit Weisheit und Achtung vor den Gesetzen und den öffentlichen +Freiheiten regiert werden.</p> +<p>Seit die Entwicklung der Schifffahrtskunst und die sich +steigernde Thätigkeit der Handelsvölker die Küsten der beiden +Festländer einander näher gerückt haben, seit die Havana, Rio +Janeiro und der Senegal uns kaum entlegener vorkommen als Cadix, +Smyrna und die Häfen des baltischen Meeres, nimmt man Anstand, die +Leser mit einer Ueberfahrt von der Küste von Caracas nach der Insel +Cuba zu behelligen. Das Meer der Antillen ist so bekannt wie das +Becken des Mittelmeers, und wenn ich hier aus meinem Seetagebuch +einige Beobachtungen niederlege, so thue ich es nur, um den Faden +meiner Reisebeschreibung nicht zu verlieren und allgemeine +Betrachtungen über Meteorologie und physische Geographie daran zu +knüpfen. Um die wechselnden Zustände der Atmosphäre recht kennen zu +lernen, muß man am Abhang der Gebirge und auf der unermeßlichen +Meeresfläche beobachten; in einem Forscher, der seinen Scharfsinn +im Befragen der Natur lange nur im Studirzimmer geübt hat, mögen +schon auf der kleinsten Ueberfahrt, auf einer Reise von den +Canarien nach Madera, ganz neue Ansichten sich gestalten.</p> +<p>Am 24. November um neun Uhr Abends gingen wir auf der Rhede von +Nueva Barcelona unter Segel und fuhren um die kleine Felseninsel +Borrachita herum. Zwischen derselben und Gran Borracha ist eine +tiefe Straße. Die Nacht brachte die Kühle, welche den tropischen +Nächten eigen ist und einen angenehmen Eindruck macht, von dem man +sich erst Rechenschaft geben kann, wenn man die nächtliche +Temperatur von 23 bis 24 Graden des hunderttheiligen Thermometers +mit der mittleren Tagestemperatur vergleicht, die in diesen +Strichen, selbst auf den Küsten, meist 28 bis 29 Grad beträgt. Tags +darauf, kurz nach der Beobachtung um Mittag, befanden wir uns im +Meridian der Insel Tortuga; sie ist, gleich den Eilanden Coche und +Cubagua, ohne Pflanzenwuchs und erhebt sich auffallend wenig über +den Meeresspiegel. Da man in neuester Zeit über die astronomische +Lage von Tortuga Zweifel geäußert hat, so bemerke ich hier, daß +Louis Berthouds Chronometer mir für den Mittelpunkt der Insel +0°49′40″ westwärts von Nueva Barcelona ergab; diese Länge ist aber +doch wohl noch ein wenig zu weit westlich.</p> +<p>Am 26. November. — Windstille, auf die wir um so weniger gefaßt +waren, da der Ostwind in diesen Strichen von Anfang Novembers an +meist sehr stark ist, während vom Mai bis Oktober von Zeit zu Zeit +die Nordwest- und die Südwinde auftreten. Bei Nordwestwind bemerkt +man eine Strömung von West nach Ost, welche zuweilen zwei, drei +Wochen lang die Fahrt von Carthagena nach Trinidad beschleunigt. +Der Südwind gilt auf der ganzen Küste von Terra firma für sehr +ungesund, weil er (so sagt das Volk) die fauligten Effluvien aus +den Wäldern am Orinoco herführt. Gegen neun Uhr Morgens bildete +sich ein schöner Hof um die Sonne, und im selben Moment fiel in der +tiefen Luftregion der Thermometer plötzlich um 3½ Grad. War dieses +Fallen die Folge eines niedergehenden Luftstroms? Der einen Grad +breite Streif, der den Hof bildete, war nicht weiß, sondern hatte +die lebhaftesten Regenbogenfarben, während das Innere des Hofes und +das ganze Himmelsgewölbe blau waren ohne eine Spur von Dunst.</p> +<p>Wir verloren nachgerade die Insel Margarita aus dem Gesicht, und +ich versuchte die Höhe der Felsgruppe Macanao zu bestimmen. Sie +erschien unter einem Winkel von 0°16′35″, woraus sich beim +geschätzten Abstand von 60 Seemeilen für den Glimmerschieferstock +Macanao eine Höhe von etwa 660 Toisen ergäbe, und dieses +Resultat<sup><a href="#fn190" class="footnoteRef" id="fnref190" +name="fnref190">190</a></sup> läßt mich in einem Erdstrich, wo die +irdischen Refractionen so gleichförmig sind, vermuthen, daß wir uns +nicht so weit von der Insel befanden, als wir meinten. Die Kuppel +der Silla bei Caracas, die in Süd 62° West liegen blieb, +fesselte lange unsern Blick. Mit Vergnügen betrachtet man den +Gipfel eines hohen Berges, den man nicht ohne Gefahr bestiegen hat, +wie er nach und nach unter den Horizont sinkt. Wenn die Küste +dunstfrei ist, muß die Silla auf hoher See, den Einfluß der +Refraction nicht gerechnet, auf 33 Meilen zu sehen +seyn.<sup><a href="#fn191" class="footnoteRef" id="fnref191" name= +"fnref191">191</a></sup> An diesem und den folgenden Tagen war die +See mit einer bläulichten Haut bedeckt, die unter dem +zusammengesetzten Microscop aus zahllosen Fäden zu bestehen schien. +Man findet dergleichen Fäden häufig im Golfstrom und im Canal von +Bahama, so wie im Seestrich von Buenos Ayres. Manche Naturforscher +halten sie für Reste von Molluskeneiern, mir schienen sie vielmehr +zerriebene Algen zu seyn. Indessen scheint das Leuchten der See +durch sie gesteigert zu werden, namentlich zwischen dem 28. und +30. Grad der Breite, was allerdings auf thierischen Ursprung +hindeutete.</p> +<p>Am 27. November. Wir rückten langsam auf die Insel Orchila zu; +wie alle kleinen Eilande in der Nähe der fruchtbaren Küste von +Terra firma ist sie unbewohnt geblieben. Ich fand die Breite des +nördlichen Vorgebirges 11°51′44″ und die Länge des östlichen +Vorgebirges 68°26′5″ (Nueva Barcelona zu 67°4′48″ angenommen). Dem +westlichen Cap gegenüber liegt ein Fels, an dem sich die Wellen mit +starkem Getöse brechen. Einige mit dem Sextanten aufgenommene +Winkel ergaben für die Länge der Insel von Ost nach West +8,4 Seemeilen (zu 950 Toisen), für die Breite kaum +3 Seemeilen. Die Insel Orchila, die ich mir nach ihrem Namen +als ein dürres, mit Flechten bedecktes Eiland vorgestellt hatte, +zeigte sich jetzt in schönem Grün; die Gneißhügel waren mit Gräsern +bewachsen. Im geologischen Bau scheint Orchila im Kleinen mit der +Insel Margarita übereinzukommen; sie besteht aus zwei, durch eine +Landzunge verbundenen Felsgruppen; jene ist ein mit Sand bedeckter +Isthmus, der aussieht, als wäre er beim allmähligen Sinken des +Meeresspiegels aus dem Wasser gestiegen. Die Felsen erschienen +hier, wie überall, wo sie sich einzeln steil aus der See erheben, +weit höher, als sie wirklich sind; sie sind kaum 80 bis +90 Toisen hoch. Gegen Nordwest streicht die <em>Punta +rasa</em> hinaus und verliert sich als Untiefe im Wasser. Sie kann +den Schiffen gefährlich werden, wie auch der +<strong>Mogote</strong>, der, zwei Seemeilen vom westlichen Cap, +von Klippen umgeben ist. Wir betrachteten diese Felsen ganz in der +Nähe und sahen die Gneißschichten nach Nordwest fallen und von +dicken Quarzlagern durchzogen. Von der Verwitterung dieser Lager +rührt ohne Zweifel der Sand des umgebenden Strandes her. Ein paar +Baumgruppen beschatten die Gründe; oben auf den Hügeln stehen +Palmen mit fächerförmigem Laub. Es ist wahrscheinlich die <em>Palma +de sombrero</em> der Llanos (<em>Corypha tectorum</em>). Es regnet +wenig in diesen Strichen, indessen fände man auf der Insel Orchila +wahrscheinlich doch einige Quellen, wenn man sie so eifrig suchte, +wie im Glimmerschiefergestein auf Punta Araya. Wenn man bedenkt, +wie viele dürre Felseneilande zwischen dem 16. und 26. Grad +der Breite im Archipel der kleinen Antillen und der Bahama-Inseln +bewohnt und gut angebaut sind, so wundert man sich, diese den +Küsten von Cumana, Barcelona und Caracas so nahe gelegenen Eilande +wüste liegen zu sehen. Es wäre längst anders, wenn sie unter einer +andern Regierung als unter der von Terra firma ständen. Nichts kann +Menschen veranlassen, ihre Thätigkeit auf den engen Bezirk einer +Insel zu beschränken, wenn das nahe Festland ihnen größere +Vortheile bietet.</p> +<p>Bei Sonnenuntergang kamen uns die zwei Spitzen der <em>Roca de +afuera</em> zu Gesicht, die sich wie Thürme aus der See erheben. +Nach der Aufnahme mit dem Compaß liegt der östlichste dieser Felsen +0°19′ westwärts vom westlichen Cap von Orchila. Die Wolken blieben +lange um diese Insel geballt, so daß man ihre Lage weit in See +erkannte. Der Einfluß, den eine kleine Landmasse auf die +Verdichtung der 800 Toisen hoch schwebenden Wasserdünste äußert, +ist eine sehr auffallende Erscheinung, aber allen Seefahrern wohl +bekannt. Durch diese Ansammlung von Wolken erkennt man die Lage der +niedrigsten Inseln in sehr bedeutender Entfernung.</p> +<p>Am 29. November. Bei Sonnenaufgang sahen wir fast dicht am +Meereshorizont die Kuppel der Silla bei Caracas noch ganz deutlich. +Wir glaubten 39 bis 40 Meilen (Lieues) davon entfernt zu seyn, +woraus, die Höhe des Berges (1350 Toisen), seine astronomische Lage +und den Schiffsort als richtig bestimmt angenommen, eine für diese +Breite etwas starke Refraction zwischen ¹⁄₆ und ¹⁄₇, folgte. Um +Mittag verkündeten alle Zeichen am Himmel gegen Nord einen +Witterungswechsel; die Luft kühlte sich auf einmal auf 22°8 ab, +während die See an der Oberfläche eine Temperatur von 25°6 behielt. +Während der Beobachtung um Mittag brachten daher auch die +Schwingungen des Horizonts, der von schwarzen Streifen oder Bändern +von sehr veränderlicher Breite durchzogen war, einen Wechsel von 3 +bis 4 Minuten in der Refraction hervor. Bei ganz stiller Luft fing +die See an hoch zu gehen; Alles deutete auf einen Sturm zwischen +den Caymanseilanden und dem Cap San Antonio. Und wirklich sprang am +30. November der Wind auf einmal nach Nordnordost um, und die +Wogen wurden ausnehmend hoch. Gegen Nord war der Himmel +schwarzblau, und unser kleines Fahrzeug schlingerte um so stärker, +da man im Anschlagen der Wellen zwei sich kreuzende Seen +unterschied, eine aus Nord, eine andere aus Nordnordost. Auf eine +Seemeile weit bildeten sich Wasserhosen und liefen rasch von +Nordnordost nach Nordnordwest. So oft die Wasserhose uns am +nächsten kam, fühlten wir den Wind stärker werden. Gegen Abend +brach durch die Unvorsichtigkeit unseres amerikanischen Kochs Feuer +auf dem Oberleuf aus. Es wurde leicht gelöscht; bei sehr schlimmem +Wetter mit Windstößen, und da wir Fleisch geladen hatten, das des +Fettes wegen ungemein leicht brennt, hätte aber das Feuer rasch um +sich greifen können. Am 1. December Morgens wurde die See +allmählig ruhiger, je mehr sich der Wind in Nordost festsetzte. Ich +war zu dieser Zeit des gleichförmigen Ganges meines Chronometers +ziemlich gewiß; der Capitän wollte aber zur Beruhigung einige +Punkte der Insel St. Domingo peilen. Am 2. December kam +wirklich Cap Beata in Sieht, an einem Punkt, wo wir schon lange +Wolkenhaufen gesehen hatten. Nach Höhen des Achernar, die ich in +der Nacht aufnahm, waren wir 64 Seemeilen davon entfernt. In +dieser Nacht beobachtete ich eine sehr interessante optische +Erscheinung, die ich aber nicht zu erklären versuche. Es war über +zwölf ein halb Uhr; der Wind wehte schwach aus Ost; der Thermometer +stand auf 23°2, der Fischbein-Hygrometer auf 57°. Ich war ans dem +Oberleuf geblieben, um die Culmination einiger großen Sterne zu +beobachten. Der volle Mond stand sehr hoch. Da auf einmal bildete +sich auf der Seite des Mondes, 45 Minuten vor seinem Durchgang +durch den Meridian, ein großer Bogen in allen Farben des Spectrums, +aber unheimlich anzusehen. Der Bogen reichte über den Mond hinaus; +der Streifen in den Farben des Regenbogens war gegen zwei Grad +breit und seine Spitze schien etwa 80 bis 85 Grad über dem +Meereshorizont zu liegen. Der Himmel war vollkommen rein, von Regen +keine Spur; am auffallendsten war mir aber, daß die Erscheinung, +die vollkommen einem Mondregenbogen glich, sich nicht dem Mond +gegenüber zeigte. Der Bogen blieb 8 bis 10 Minuten, scheinbar +wenigstens, unverrückt; im Moment aber, wo ich versuchte, ob er +durch Reflexion im Spiegel des Sextanten zu sehen seyn werde, fing +er an sich zu bewegen und über den Mond und Jupiter, der nicht weit +unterhalb des Mondes stand, hinabzurücken. Es war zwölf Uhr +vierundfünfzig Minuten (wahre Zeit), als die Spitze des Bogens +unter dem Horizont verschwand. Diese Bewegung eines farbigen Bogens +setzte die wachhabenden Matrosen auf dem Oberlauf in Erstaunen; sie +behaupteten, wie beim Erscheinen jedes auffallenden Meteors, »das +bedeute Sturm.« Arago hat die Zeichnung dieses Bogens in meinem +Reisetagebuche untersucht; nach seiner Ansicht hätte das im Wasser +reflektirte Bild des Mondes keinen Hof von so großem Durchmesser +geben können. Die Raschheit der Bewegung ist ein weiteres Moment, +das diese Erscheinung, die alle Beachtung verdient, ebenso schwer +erklärlich macht.</p> +<p>Am 3. December. Man war unruhig, weil sich ein Fahrzeug sehen +ließ, das man für einen Caper hielt. Als es auf uns zukam, sah man, +daß es die <strong>Balandra del Frayle</strong> (Goelette des +Mönchs) war. Was eine so seltsame Benennung sagen wollte, war mir +unklar. Es war aber nur das Fahrzeug eines Missionärs vom +Franciscanerorden (<em>Frayle Observante</em>), eines sehr reichen +Pfarrers eines indianischen Dorfs in den Llanos von Barcelona, der +seit mehreren Jahren einen kleinen, ziemlich einträglichen +Schmuggelhandel mit den dänischen Inseln trieb. In der Nacht sahen +Bonpland und mehrere andere Passagiere auf eine Viertels-Seemeile +unter dem Wind eine kleine Flamme an der Meeresfläche, die gegen +Südwest fortlief und die Luft erhellte. Man spürte keinen Erdstoß, +keine Aenderung in der Richtung der Wellen. War es ein +phosphorischer Schein, den eine große Masse faulender Mollusken +verbreitete, oder kam die Flamme vom Meeresboden herauf, wie +solches zuweilen in von Vulkanen erschütterten Seestrichen +beobachtet worden seyn soll? Letztere Annahme scheint mir durchaus +unwahrscheinlich. Vulkanische Flammen können nur dann aus den +Wellen hervorbrechen, wenn der feste Boden des Meeres bereits +emporgehoben ist, so daß Flammen und glühende Schlacken aus dem +obern gewölbten und zerklüfteten Theil hervorkommen und nicht durch +das Wasser selbst hindurchgehen.</p> +<p>Am 4. December. Um zehn ein halb Uhr Morgens befanden wir uns +unter dem Meridian des Vorgebirgs Bacco (Punta Abaccu), dessen +Länge ich gleich 76°7′50″ oder 90°3′2″ von Nueva Barcelona fand. Im +Frieden laufen, nach dem alten Brauch der spanischen Schiffer, die +Fahrzeuge, die zwischen Cumana oder Barcelona und der Havana mit +Salzfleisch Handel treiben, durch den Canal von Portorico und über +»den alten« Canal nördlich von Cuba; zuweilen gehen sie auch +zwischen Cap Tiburon und Cap Morant durch und fahren an der +Nordküste von Jamaica hin. In Kriegszeiten gelten diese Wege für +gleich gefährlich, weil man zu lange im Angesicht des Landes +bleibt. Aus Furcht vor den Capern fuhren wir daher, sobald wir den +Parallel von 17 Grad erreicht hatten, gerade über die Bank Vibora, +bekannter unter dem Namen Pedro Shoals. Diese Bank ist über 280 +Quadratseemeilen groß und ihr Umriß fällt dem Geologen stark ins +Auge, weil derselbe mit dem des benachbarten Jamaica so große +Aehnlichkeit hat. Es ist als hätte eine Erhebung des Meerbodens die +Wasserfläche nicht erreichen können, um sofort eine Insel zu +bilden, fast so groß wie Portorico. Seit dem fünften December +glaubten die Steuerleute in großer Entfernung nach einander die +Ranaseilande (Morant Kays), Cap Portland und Pedro Kays zu peilen. +Wahrscheinlich irrte man sich bei mehreren dieser Peilungen vom +Mastkorbe aus; ich habe dieser Bestimmungen anderswo Erwähnung +gethan,<sup><a href="#fn192" class="footnoteRef" id="fnref192" +name="fnref192">192</a></sup> nicht um sie gegen die Beobachtungen +geübter englischer Seefahrer in diesen stark befahrenen Seestrichen +aufzustellen, sondern allein, um die Punkte, die ich in den Wäldern +am Orinoco und im Archipel der Antillen bestimmt, zu Einem System +von Beobachtungen zu verknüpfen. Die milchigte Farbe des Wassers +zeigte uns, daß wir uns am östlichen Rande der Bank befanden; der +hunderttheilige Thermometer, der an der Meeresfläche weit ab von +der Bank seit mehreren Tagen auf 27° und 27°3 gestanden hatte (bei +einer Lufttemperatur von 21°2), fiel schnell auf 25°7. Das Wetter +war vom vierten bis zum sechsten December sehr schlecht; es regnete +in Strömen, in der Ferne tobte ein Gewitter und die Windstöße aus +Nordnordwest wurden immer heftiger. In der Nacht befanden wir uns +eine Zeitlang in einer ziemlich bedenklichen Lage. Man hörte vor +dem Vordertheil die See an Klippen branden, auf die das Schiff +zulief. Beim phosphorischen Schein des schäumenden Meeres sah man, +in welcher Richtung die Riffe lagen. Das sah fast aus wie der +Raudal von Garcita und andere Stromschnellen, die wir im Bett des +Orinoco gesehen. Der Capitän schob die Schuld weniger auf die +Nachlässigkeit des Steuermanns, als auf die Mangelhaftigkeit der +Seekarten. Es gelang das Schiff zu wenden, und in weniger als einer +Viertelstunde waren wir außer aller Gefahr. Das Senkblei zeigte +zuerst 9, dann 12, dann 15 Faden. Wir legten die Nacht vollends +bei; der Nordwind drückte den Thermometer auf 19°7 (15°7 Reaumur) +herab. Am andern Tag fand ich nach chronometrischer Beobachtung in +Verbindung mit der corrigirten Schätzung vom vorigen Tag, daß jene +Klippen ungefähr unter 16°50′ der Breite und 80°43′49″ der Länge +liegen. Die Klippe, an der das spanische Schiff el Monarca im Jahr +1798 beinahe zu Grunde gegangen wäre, liegt unter 16°44′ der Breite +und 80°23′ der Länge, also viel weiter gegen Ost. Während wir von +Südsüdost nach Nordnordwest über die Bank Vibora fuhren, versuchte +ich es oft die Temperatur des Meerwassers an der Oberfläche zu +messen. Mitten auf der Bank war die Abkühlung nicht so stark als an +den Rändern, was wir den Strömungen zuschrieben, die in diesen +Strichen die Wasser verschiedener Breiten mischen. Südwärts von +Pedro Kays zeigte die Meeresfläche bei 25 Faden Tiefe 26°4, bei 15 +Faden Tiefe 26°2. Oestlich von der Bank war die Temperatur der See +26°8 gewesen. Diese Versuche können in diesen Strichen nur dann +genaue Resultate geben, wenn man sie zu einer Zeit anstellt, wo der +Wind nicht aus Nord bläst und die Strömungen nicht so stark sind. +Die Nordwinde und die Strömungen kühlen nach und nach das Wasser +ab, selbst wo die See sehr tief ist. Südwärts vom Cap Corientes +unter 20°43′ der Breite fand ich die Temperatur des Meeres an der +Oberfläche 24°6, die der Luft 19°8. Manche amerikanische Schiffer +versichern, zwischen den Bahamainseln merken sie oft, wenn sie in +der Cajüte sitzen, ob sie sich über Untiefen befinden; sie +behaupten, die Lichter bekommen kleine Höfe in den Regenbogenfarben +und die ausgeathmete Luft verdichte sich zu sichtbarem Dunst. +Letzteres Factum ist denn doch wohl zu bezweifeln; unterhalb dem +30. Grad der Breite ist die Erkältung durch das Wasser der +Untiefen nicht bedeutend genug, um diese Erscheinung +hervorzubringen. Während wir über die Bank Vibora liefen, war der +Zustand der Luft ganz anders, als gleich nachdem wir sie verlassen +hatten. Der Regen hielt sich innerhalb der Grenzen der Bank, und +wir konnten von ferne ihren Umriß an den Dunstmassen erkennen, die +darauf lagerten.</p> +<p>Am 9. December. Je näher wir den Caymanseilanden<sup><a href= +"#fn193" class="footnoteRef" id="fnref193" name= +"fnref193">193</a></sup> kamen, desto stärker wurde wieder der +Nordostwind. Trotz des stürmischen Wetters konnte ich einige +Sonnenhöhen aufnehmen, als wir uns auf 12 Seemeilen Entfernung im +Meridian des Gran-Cayman, der mit Cocosbäumen bewachsen ist, zu +befinden glaubten. Ich habe anderswo die Lage des Gran-Cayman und +der beiden Eilande ostwärts von demselben erörtert. Seit lange find +diese Punkte auf unsern hydrographischen Karten sehr unsicher, und +ich fürchte nicht glücklicher gewesen zu seyn als andere +Beobachter, die ihre wahre Lage ausgemacht zu haben glaubten. Die +schönen Karten des Deposito zu Madrid gaben dem Ostcap von +Gran-Cayman zu verschiedenen Zeiten 82°58′ (von 1799—1804), 83°43′ +(1809), wieder 82°59′ (1821). Letztere Angabe, die auf der Karte +von Barcaiztegui aufgenommen ist, stimmt mit der überein, bei der +ich stehen geblieben war; aber nach der Versicherung eines +ausgezeichneten Seefahrers, des Contreadmirals Roussin, dem man +eine ausgezeichnete Arbeit über die Küsten von Brasilien verdankt, +scheint es jetzt ausgemacht, daß das westliche Vorgebirge von +Gran-Cayman unter 83°45′ der Länge liegt.</p> +<p>Das Wetter war fortwährend schlecht und die See ging ungemein +hoch; der Thermometer stand zwischen 19°2 und 20°3 (15°4—16°2 +Reaumur). Bei dieser niedrigen Temperatur wurde der Geruch des +Salzfleisches, mit dem das Schiff beladen war, noch unerträglicher. +Der Himmel zeigte zwei Wolkenschichten; die untere war sehr dick +und wurde ausnehmend rasch gegen Südost gejagt, die obere stand +still und war in gleichen Abständen in gekräuselte Streifen +getheilt. In der Nähe des Cap San Antonio legte sich der Wind +endlich. Ich fand die Nordspitze des Caps unter 87°17′22″, oder +2°34′14″ ostwärts vom Morro von Havana gelegen. Diese Länge geben +demselben die besten Karten noch jetzt. Wir waren noch drei +Seemeilen vom Lande, und doch verrieth sich die Nähe von Cuba durch +einen köstlichen aromatischen Geruch. Die Seeleute versichern, wenn +man sich dem Vorgebirge Catoche an der dürren Küste von Mexico +nähere, sey kein solcher Geruch zu spüren. Sobald das Wetter +heiterer wurde, stieg der Thermometer im Schatten nach und nach auf +27 Grad; wir rückten rasch nach Norden vor mittelst einer +Strömung aus Süd-Süd-Ost, deren Temperatur an der Wasserfläche 26°7 +betrug, während ich außerhalb derselben Strömung nur 24°6 gefunden +hatte. In der Besorgniß, ostwärts von der Havana zu kommen, wollte +man anfangs die Schildkröteninseln (<em>Dry Tortugas</em>) am +Südwestende der Halbinsel Florida aufsuchen; aber seit Cap San +Antonio in Sicht gewesen, hatten wir zu Louis Berthouds Chronometer +so großes Zutrauen gefaßt, daß solches überflüssig erschien. Wir +ankerten im Hafen der Havana am 19. December nach einer fünf +und zwanzigtägigen Fahrt bei beständig schlechtem Wetter.</p> +<h1 id="anmerkungen-zur-transkription"><a href="#TOC">Anmerkungen +zur Transkription</a></h1> +<p>Zwei Google-Digitalisate dienten als Vorlage, tesseract besorgte +die OCR und pandoc die Konversion nach HTML, EPUB und TXT.</p> +<p>Die Markdown-Source steht unter +http://github.com/rwst/book-humboldt-reise zur Verfügung. Für +Fehlermeldungen benutzen Sie bitte den dortigen Tracker.</p> +<div class="footnotes"> +<hr /> +<ol> +<li id="fn1"> +<p>Die drei letztgenannten Arten sind neu.<a href= +"#fnref1">↩</a></p> +</li> +<li id="fn2"> +<p>Zwei spanische Worte, die, entsprechend einer lateinischen Form, +Palmwälder (<em>palmetum</em>) und Fichtenwälder (<em>pinetum</em>) +bedeuten.<a href="#fnref2">↩</a></p> +</li> +<li id="fn3"> +<p>Ich nenne hier die zwei von Ost nach West streichenden +Bergketten, welche zwischen dem 3°30′ nördlicher und dem 14° +südlicher Breite die Thäler oder Becken des Cassiquiare, Rio Negro +und Amazonenstroms begrenzen.<a href="#fnref3">↩</a></p> +</li> +<li id="fn4"> +<p>S. Bd. III. Seite 198.<a href="#fnref4">↩</a></p> +</li> +<li id="fn5"> +<p>S. Bd. III. Seite 390.<a href="#fnref5">↩</a></p> +</li> +<li id="fn6"> +<p>Es ist auffallend, daß der <strong>blaue Nil</strong> (<em>Bahar +el azrek</em>) bei manchen arabischen Geographen der <strong>grüne +Nil</strong> heißt, und daß die persischen Dichter zuweilen den +Himmel grün (<em>akhza</em>), sowie den Beryll blau (<em>zark</em>) +nennen. Man kann doch nicht annehmen, daß die Völker vom +semitischen Stamm in ihren Sinneseindrücken grün und blau +verwechseln, wie nicht selten ihr Ohr die Vokale o und u, e und i +verwechselt. Das Wort <em>azrek</em> wird von jedem sehr klaren, +nicht milchigten Wasser gebraucht, und <em>abirank</em> +(wasserfarbig) bedeutet blau. Abd-Allatif, wo er vom klaren grünen +Arm des Nils spricht, der aus einem See im Gebirge südöstlich von +Sennaar entspringt, schreibt bereits die grüne Farbe dieses Alpsees +»vegetabilischen Substanzen zu, die sich in den stehenden Wassern +in Menge finden.« Weiter oben (Bd. III. Seite 266) habe ich die +gefärbten, unrichtig <em>aguas negras</em> genannten Wasser ebenso +erklärt. Ueberall sind die klarsten, durchsichtigsten Wasser gerade +solche, die nicht weiß sind.<a href="#fnref6">↩</a></p> +</li> +<li id="fn7"> +<p>Eine Hütte aus einem angebauten Grundstück, eine Art Landhaus, +wo sich die Eingeborenen lieber aufhalten als in den +Missionen.<a href="#fnref7">↩</a></p> +</li> +<li id="fn8"> +<p><em>En el monte.</em> Man unterscheidet zwischen Indianern, die +in den Missionen, und solchen die in den Wäldern geboren sind. Das +Wort <strong>Monte</strong> wird in den Colonien häufiger für Wald +(<em>bosque</em>) gebraucht als für Berg, und dieser Umstand hat +auf unsern Karten große Irrthümer veranlaßt, indem man Bergletten +(<em>sierras</em>) einzeichnete, wo nichts als dicker Wald, +<em>monte espeso</em>so, ist.<a href="#fnref8">↩</a></p> +</li> +<li id="fn9"> +<p>Einige Fälle, wo von Negern auf Tuba Kinder geraubt wurden, +gaben in den spanischen Colonien Anlaß zum Glauben, als gebe es +unter den afrikanischen Völkerschaften Anthropophagen. Einige +Reisende behaupten solches, es wird aber durch Barrow’s +Beobachtungen im innern Afrika widerlegt. Abergläubische Gebräuche +mögen Anlaß zu Beschuldigungen gegeben haben, die wohl so ungerecht +sind als die, unter denen in den Zeiten der Intoleranz und der +Verfolgungssucht die Juden zu leiden hatten.<a href= +"#fnref9">↩</a></p> +</li> +<li id="fn10"> +<p>Cardinal Bembo sagt: »<em>Insularum partem homines incolebant +feri trucesque, qui puerorum et virorum carnibus, quos allüs in +insulis bello aut latrocinüs coepissent, vescebantur; a feminis +abstinebant, Canibales appellati.</em>« Ist das Wort Cannibale, das +hier von den Caraiben auf den Antillen gebraucht wird, aus einer +der Sprachen dieses Archipels (der haitischen) oder hat man es in +einer Mundart zu suchen, die in Florida zu Hause ist, das nach +einigen Sagen die ursprüngliche Heimath der Caraiben seyn soll? Hat +das Wort überhaupt einen Sinn, so scheint es vielmehr »starke, +tapfere Fremde« als Menschenfresser zu bedeuten. Garcia in seinen +etymologischen Phantasieen erklärt es geradezu für phönikisch. +<strong>Annibal</strong> und <strong>Cannibal</strong> können nach +ihm nur von derselben semitischen Wurzel herkommen.<a href= +"#fnref10">↩</a></p> +</li> +<li id="fn11"> +<p><em>Abd-Allatif, Médecin de Bagdad, Relation de l’Égypte, trad. +par Silvestre de Sacy.</em> —- »Als die Armen anfingen +Menschenfleisch zu essen, war der Abscheu und das Entsetzen über so +gräßliche Gerichte so groß, daß von nichts als von diesen Greueln +gesprochen wurde; man gewöhnte sich aber in der Folge dergestalt +daran und man fand so großen Geschmack an der entsetzlichen Speise, +daß man reiche und ganz ehrbare Leute sie für gewöhnlich genießen, +zum Festessen machen, ja Vorräthe davon anlegen sah. Es kamen +verschiedene Zubereitungsarten des Fleisches auf, und da der Brauch +einmal bestand, verbreitete er sich auch über die Provinzen, so daß +aller Orten in Egypten Fälle vorkamen. Und da verwunderte man sich +gar nicht mehr darüber; das Entsetzen, das man zu Anfang darob +empfunden, schwand ganz und gar, und man sprach davon und hörte +davon sprechen als von etwas Gleichgültigem und Alltäglichem. Die +Suche, einander aufzuessen, griff unter den Armen dergestalt um +sich, daß die meisten auf diese Weise umkamen. Die Gierenden +brauchten alle möglichen Listen, um Menschen zu überfallen oder sie +unter falschem Vorgeben zu sich ins Haus zu locken. Von den +Aerzten, die zu mir kamen, verfielen drei diesem Loos, und ein +Buchhändler, der Bücher an mich verkaufte, ein alter, sehr fetter +Mann, fiel in ihre Netze und kam nur mit knapper Noth davon. Alle +Vorfälle, von denen wir als Augenzeugen berichten, sind uns +zufällig vor Augen gekommen, denn meist gingen wir einem Anblick +aus dem Wege, der uns mit solchem Entsetzen erfüllte.«<a href= +"#fnref11">↩</a></p> +</li> +<li id="fn12"> +<p>»Es gibt Regen, weil man die Gießbäche näher rauschen hört,« +heißt es in den Alpen wie in den Anden. Deluc hat die Erscheinung +dadurch zu erklären versucht, daß in Folge eines Wechsels im +barometrischen Druck mehr Luftblasen an der Wasserfläche platzen. +Diese Erklärung ist so gezwungen als unbefriedigend. Ich will ihr +keine andere Hypothese entgegenstellen, ich mache nur darauf +aufmerksam, daß die Erscheinung auf einer Modifikation der Luft +beruht, welche auf die <strong>Schallwellen</strong> und auf die +<strong>Lichtwellen</strong> zumal Einfluß äußert. Wenn die +Verstärkung des Schalls als Wetterzeichen gilt, so hängt dieß ganz +genau damit zusammen, daß man der geringeren Schwächung des Lichts +dieselbe Bedeutung beilegt. Die Aelpler behaupten mit Zuversicht, +das Wetter ändere sich, wenn bei ruhiger Luft die mit ewigem Schnee +bedecken Alpen dem Beobachter auf einmal nahe gerückt scheinen und +sich ihre Umrisse ungewöhnlich scharf vom Himmelsblau abheben. Was +ist die Ursache, daß in den vertikalen Luftschichten der Mangel an +Homogeneität so rasch aufgehoben wird?<a href="#fnref12">↩</a></p> +</li> +<li id="fn13"> +<p><em>Simia chiropotes</em>, eine neue Art.<a href= +"#fnref13">↩</a></p> +</li> +<li id="fn14"> +<p>Zu 950 Toisen.<a href="#fnref14">↩</a></p> +</li> +<li id="fn15"> +<p>Orellana hat auf dem Amazonenstrom dieselbe Beobachtung +gemacht.<a href="#fnref15">↩</a></p> +</li> +<li id="fn16"> +<p>Es ist dieß eine 80 Meilen breite Oeffnung, die einzige, durch +welche die <strong>vereinigten Becken des obern Orinoco und des +Amazonenstroms mit dem Becken des untern Orinoco oder den Llanos +von Venezuela</strong> in Verbindung stehen. Wir betrachten diese +Oeffnung geologisch als ein <em>détroit terrestre</em>, als eine +Land-Meerenge, weil sie macht, daß aus einem dieser Becken in das +andere Gewässer strömen, und weil ohne sie die Bergkette der +Parime, die, gleich den Ketten des Küstenlandes von Caracas und +denen von Mato-Grosso oder Chiquitos, von Ost nach West streicht, +unmittelbar mit den Anden von Neu-Grenada zusammenhinge. (S. Bd. +II. Seite 379.) <a href="#fnref16">↩</a></p> +</li> +<li id="fn17"> +<p>Hänge, die in entgegengesetzter Richtung gegen den Horizont +geneigt sind.<a href="#fnref17">↩</a></p> +</li> +<li id="fn18"> +<p>Eine Oberfläche zehnmal größer als Frankreich.<a href= +"#fnref18">↩</a></p> +</li> +<li id="fn19"> +<p>Es gibt 1) <strong>oceanische Deltas</strong>, wie an den +Mündungen des Orinoco, des Rio Magdalena, des Ganges; 2) +<strong>Deltas an den Ufern von Binnenmeeren</strong>, wie die des +Oxus und Sihon; 3) <strong>Deltas von Nebenflüssen</strong>, wie an +den Mündungen des Apure, des Arauca und des Rio Branco. Fließen +mehrere untergeordnete Gewässer in der Nähe der Deltas von +Nebenflüssen, so wiederholt sich im Binnenland ganz, was im +Küstenland an den oceanischen Deltas vorgeht. Die einander zunächst +gelegenen Zweige theilen sich ihre Gewässer mit und bilden ein +Flußnetz, das zur Zeit der großen Ueberschwemmungen fast +unkenntlich wird.<a href="#fnref19">↩</a></p> +</li> +<li id="fn20"> +<p>Südöstlich von Bornou und dem See Nou, in dem Theile von Soudan, +wo, nach den letzten Ermittelungen meines unglücklichen Freundes +Ritchie, der Niger den Shary aufnimmt und sich in den weißen Nil +ergießt.<a href="#fnref20">↩</a></p> +</li> +<li id="fn21"> +<p>Der Sutledge, der Gogra, der Gunduk, der Arun, der Teesla und +der Buramputer laufen durch Querthäler, d. h. senkrecht auf +die große Achse der Himalayakette. Alle diese Flüsse durchbrechen +also die Kette, wie der Amazonenstrom, der Paute und der Pastaza +die Cordillere der Anden.<a href="#fnref21">↩</a></p> +</li> +<li id="fn22"> +<p>S. Bd. III. Seite 359.<a href="#fnref22">↩</a></p> +</li> +<li id="fn23"> +<p>Pater Caulin, der im Jahr 1759 schrieb, obgleich sein +wahrheitgetreues, sehr werthvolles Buch (<em>Historia corografica +de la Nueva Andalusia y vertientes del Rio Orinoco</em>) erst 1779 +erschien, bestreitet mit vielem Scharfsinn die Vorstellung, daß +eine Bergkette jede Verbindung zwischen den Betten des Orinoco und +des Amazonenstroms ausschließe. »Pater Gumillas Irrthum,« sagt er, +»besteht darin, daß er sich vorstellt, Von den Grenzen von +Neu-Grenada bis Cayenne müsse sich eine Cordillere ununterbrochen, +wie eine ungeheure Mauer fortziehen. Er beachtet nicht, daß +Bergketten häufig von tiefen (Quer-) Thälern durchschnitten sind, +während sie, aus der Ferne gesehen, sich als <em>contiguas ò +indivisas</em> darstellen.«<a href="#fnref23">↩</a></p> +</li> +<li id="fn24"> +<p>S. Bd. III. Seite 86.<a href="#fnref24">↩</a></p> +</li> +<li id="fn25"> +<p>Von <em>rescatar</em>, loskaufen.<a href="#fnref25">↩</a></p> +</li> +<li id="fn26"> +<p><em>Lepidamente, al suo solito</em>, sagt der Missionär +Gili.<a href="#fnref26">↩</a></p> +</li> +<li id="fn27"> +<p>General Ituriaga, der zuerst in Muitaco oder Real Corona, später +in Cabruta krank lag, wurde schon im Jahr 1760 vom portugiesischen +Obristen Don Gabriel de Sousa y Figueira besucht, der von Gran-Para +aus gegen 900 Meilen im Canoe zurückgelegt hatte. Der schwedische +Botaniker Löfling, der dazu ausersehen war, die Grenzexpedition auf +Kosten der spanischen Regierung zu begleiten, häufte in seiner +lebhaften Phantasie die Verzweigungen der großen Ströme Südamerikas +dergestalt, daß er überzeugt war, er konnte aus dem Rio Negro und +dem Amazonenstrom in den Rio de la Plata fahren.<a href= +"#fnref27">↩</a></p> +</li> +<li id="fn28"> +<p>Die Karte von la Cruz liegt allen neuen Karten von Amerika zu +Grunde. (<em>Mapa geografica de America meridional por D. Juan de +la Cruz Cano y Olmedilla.</em> 1775.) Die Originalausgabe, die ich +besitze, ist desto seltener, als, wie man allgemein glaubt, die +Kupferplatten auf Befehl eines Colonialministers zerbrochen worden +sind, weil derselbe besorgte, die Karte möchte allzu genau seyn. +Ich kann versichern, daß sie diesen Vorwurf nur hinsichtlich +weniger Punkte verdient.<a href="#fnref28">↩</a></p> +</li> +<li id="fn29"> +<p>In großen Dingen (bei außerordentlichen Naturerscheinungen) +gehen Neuheit und Unglauben Hand in Hand.<a href= +"#fnref29">↩</a></p> +</li> +<li id="fn30"> +<p>Dorf in der Provinz Jaen de Bracamoros.<a href= +"#fnref30">↩</a></p> +</li> +<li id="fn31"> +<p>Schon Oviedo rühmt das Seewasser als Gegengift gegen +vegetabilische Gifte. In den Missionen verfehlt man nicht, den +europäischen Reisenden alles Ernstes zu versichern, mit Salz im +Mund habe man in Curare getauchte Pfeile so wenig zu fürchten, als +die Schläge des Gymnotus, wenn man Tabak kaue. Ralegh empfiehlt +Knoblauchsaft als Gegengift gegen das <strong>Ourari</strong> +(Curare).<a href="#fnref31">↩</a></p> +</li> +<li id="fn32"> +<p>Kurz nach unserer Rückkehr nach Europa kam in Deutschland nach +einer geistvollen Zeichnung Schicks in Rom ein Kupferstich heraus, +eines unserer Nachtlager am Orinoco vorstellend. Im Vordergrund +sind Indianer beschäftigt einen Affen zu braten.<a href= +"#fnref32">↩</a></p> +</li> +<li id="fn33"> +<p>Schon die glatte Oberfläche der Blaserohre beweist, daß sie von +keinem Gewächs aus der Familie der Schirmpflanzen kommen +können.<a href="#fnref33">↩</a></p> +</li> +<li id="fn34"> +<p>Der <em>Caricillo del Manati</em>, der an den Ufern des Orinoco +in Menge wächst, wird 8 bis 12 Fuß lang.<a href= +"#fnref34">↩</a></p> +</li> +<li id="fn35"> +<p>Diese Völker, die noch roher waren, ais die Eingeborenen am +Orinoco, dörrten geradezu die frischen Fische an der Sonne. Bei +ihnen hatte der Fischteig die Form von Backsteinen, und man setzte +zuweilen den aromatischen Samen des Paliurus (Rhamnus) zu, gerade +wie man in Deutschland und andern nördlichen Ländern Kümmel und +Fenchel in das Brod thut.<a href="#fnref35">↩</a></p> +</li> +<li id="fn36"> +<p>S. Bd. I. Seite 330<a href="#fnref36">↩</a></p> +</li> +<li id="fn37"> +<p>S. Bd. III. Seite 389.<a href="#fnref37">↩</a></p> +</li> +<li id="fn38"> +<p>Die dunkelfarbigsten (man könnte fast sagen die schwärzesten) +Spielarten der amerikanischen Race sind die Otomaken und die +Guamos, und sie haben vielleicht zu den verworrenen Vorstellungen +von <strong>amerikanischen Negern</strong>, die in der ersten Zeit +der Eroberung in Europa verbreitet waren, Anlaß gegeben. Was waren +die <em>Negros de Quareca</em>, die Gomara auf denselben Isthmus +von Panama versetzt, woher uns zuerst die albernen Geschichten von +einem Volk von Albinos in Amerika zugekommen? Liest man die +Geschichtschreiber aus dem Anfang des sechzehnten Jahrhunderts mit +Aufmerksamkeit, so sieht man, daß durch die Entdeckung von Amerika, +wodurch auch eine neue Menschenrace entdeckt worden war, die +Reisenden großes Interesse für die Abarten unseres Geschlechts +gewonnen hatten. Hätte nun unter den kupferfarbigen Menschen eine +schwarze Race gelebt, wie auf den Inseln der Südsee, so hätten die +Conquistadoren sich sicher bestimmt darüber ausgesprochen. Zudem +kommen in den religiösen Ueberlieferungen der Amerikaner in ihren +heroischen Zeiten wohl weiße bärtige Männer als Priester und +Gesetzgeber vor, aber in keiner dieser Sagen ist von einem +schwarzen Volksstamm die Rede.<a href="#fnref38">↩</a></p> +</li> +<li id="fn39"> +<p>Don Manuel Centurion, <em>Governador y Comendante general de la +Guayana</em> von 1766—1777.<a href="#fnref39">↩</a></p> +</li> +<li id="fn40"> +<p>Dieß ist der indianische Name des obern Orinoco. S. Bd. III. +Seite 286.<a href="#fnref40">↩</a></p> +</li> +<li id="fn41"> +<p>S. Bd. III. Seite 320.<a href="#fnref41">↩</a></p> +</li> +<li id="fn42"> +<p>Diese drei Punkte liegen auf den Grenzen der Missionen am Rio +Carony, am Rio Caura und am obern Orinoco.<a href= +"#fnref42">↩</a></p> +</li> +<li id="fn43"> +<p>Daß die großen Jaguars in einem Lande, wo es kein Vieh gibt, so +häufig sind, ist ziemlich auffallend. Die Tiger am obern Orinoco +führen ein elendes Leben gegenüber denen in den Pampas von Buenos +Ayres, in den Llanos von Caracas und auf andern mit Heerden von +Hornvieh bedeckten Ebenen. In den spanischen Colonien werden +jährlich über 4000 Jaguars erlegt, von denen manche die mittlere +Größe des asiatischen Königstigers erreichen. Buenos Ayres führte +früher 2000 Jaguarhäute jährlich aus, die bei den Pelzhändlern in +Europa »große Pantherfelle« heißen.<a href="#fnref43">↩</a></p> +</li> +<li id="fn44"> +<p>Gmelin zählt dieses Thier unter dem Namen <em>Felis +discolor</em> auf. Es ist nicht zu verwechseln mit dem großen +amerikanischen Löwen, <em>Felis concolor</em>, der vom kleinen +Löwen (Puma) der Anden von Quito sehr verschieden ist.<a href= +"#fnref44">↩</a></p> +</li> +<li id="fn45"> +<p>S. Bd. III.<a href="#fnref45">↩</a></p> +</li> +<li id="fn46"> +<p>Am 18. April 1749. Nicolaus Hortsmann schrieb Tag für Tag an Ort +und Stelle auf, was ihm Bemerkenswerthes vorgekommen. Er verdient +um so mehr Zutrauen, da er, höchst mißvergnügt, daß er nicht +gefunden, was er gesucht (den See Dorado und Gold- und +Diamantengruben), auf Alles, was ihm unterwegs vorkommt, mit +Geringschätzung zu blicken scheint.<a href="#fnref46">↩</a></p> +</li> +<li id="fn47"> +<p>Es ist dieß das <strong>Atonatiuh</strong> der Mexicaner, das +vierte Zeitalter, die vierte Erneuerung der Welt.<a href= +"#fnref47">↩</a></p> +</li> +<li id="fn48"> +<p>S. Bd. III. Seite 61.<a href="#fnref48">↩</a></p> +</li> +<li id="fn49"> +<p>S. Bd. III. Seite 61.<a href="#fnref49">↩</a></p> +</li> +<li id="fn50"> +<p><strong>Creuzer</strong>, Symbolik, III. 89.<a href= +"#fnref50">↩</a></p> +</li> +<li id="fn51"> +<p>S. Bd. III. Seite 254.<a href="#fnref51">↩</a></p> +</li> +<li id="fn52"> +<p>S. Bd. III. Seite 281, 300.<a href="#fnref52">↩</a></p> +</li> +<li id="fn53"> +<p>Es ist dieß nicht Cuviers Ourax (<em>Crax Pauxi</em>, Lin.), +sondern der <em>Crax alector</em>.<a href="#fnref53">↩</a></p> +</li> +<li id="fn54"> +<p>S. Bd. III. Seite 267.<a href="#fnref54">↩</a></p> +</li> +<li id="fn55"> +<p>S. Bd. III. Seite 104.<a href="#fnref55">↩</a></p> +</li> +<li id="fn56"> +<p>S. Bd. III. Seite 232.<a href="#fnref56">↩</a></p> +</li> +<li id="fn57"> +<p>S. Bd. III. Seite 219.<a href="#fnref57">↩</a></p> +</li> +<li id="fn58"> +<p>S. Bd. III. Seite 221.<a href="#fnref58">↩</a></p> +</li> +<li id="fn59"> +<p>S. Bd. II. Seite 81.<a href="#fnref59">↩</a></p> +</li> +<li id="fn60"> +<p>S. Bd. II. Seite 61.<a href="#fnref60">↩</a></p> +</li> +<li id="fn61"> +<p>S. Bd. III. Seite 41.<a href="#fnref61">↩</a></p> +</li> +<li id="fn62"> +<p>Diese Berechnung gründet sich auf den Quint, der in den Jahren +1576 und 1592 an das Schatzamt (<em>caxas reales</em>) von Truxillo +bezahlt wurde. Die Register sind noch vorhanden. In Persien, in +Hochasien, in Egypten, wo man auch Gräber aus sehr verschiedenen +Zeitaltern öffnet, hat man, so viel ich weiß, niemals Schätze von +Belang entdeckt.<a href="#fnref62">↩</a></p> +</li> +<li id="fn63"> +<p>S. Bd. III. Seite 380.<a href="#fnref63">↩</a></p> +</li> +<li id="fn64"> +<p>Eine Art Mumien und Skeletie in Körben wurden vor Kurzem in den +Vereinigten Staaten in einer Höhle entdeckt. Sie sollen einer +Menschenart angehören, die mit der auf den Sandwichsinseln +Aehnlichkeit hat. Die Beschreibung dieser Gräber erinnert +einigermaßen an das, was ich in den Gräbern von Ataruipe +beobachtet. — Die Missionäre in den Vereinigten Staaten beklagen +sich über den Gestank, den die Nanticokes verbreiten, wenn sie mit +den Gebeinen ihrer Ahnen umherziehen.<a href="#fnref64">↩</a></p> +</li> +<li id="fn65"> +<p>S. Bd. III. Seite 172.<a href="#fnref65">↩</a></p> +</li> +<li id="fn66"> +<p>S. Bd. III. Seite 20.<a href="#fnref66">↩</a></p> +</li> +<li id="fn67"> +<p>S. Bd. III. Seite 132.<a href="#fnref67">↩</a></p> +</li> +<li id="fn68"> +<p>S. Bd. III. Seite 44.<a href="#fnref68">↩</a></p> +</li> +<li id="fn69"> +<p>S. Bd. IV. Seite 47.<a href="#fnref69">↩</a></p> +</li> +<li id="fn70"> +<p>S. Bd. III. Seite 82.<a href="#fnref70">↩</a></p> +</li> +<li id="fn71"> +<p>Der Nil hat von Cairo bis Rosette auf einer Strecke von 59 +Meilen nur 4 Zoll Fall auf die Meile.<a href="#fnref71">↩</a></p> +</li> +<li id="fn72"> +<p>Diese <strong>Steinbutter</strong> ist nicht zu verwechseln mit +der <strong>Bergbutter</strong>, einer salzigten Substanz, die aus +der Zersetzung des Alaunschiefers entsteht.<a href= +"#fnref72">↩</a></p> +</li> +<li id="fn73"> +<p><em>Bucaro, vas fictile odoriferum.</em> Man trinkt gerne aus +diesen Gefäßen wegen des Geruchs des Thons. Die Weiber in der +Provinz Alemtejo gewöhnen sich an, die Bucaroerde zu kauen, und sie +empfinden es als eine große Entbehrung, wenn sie dieses abnorme +Gelüste nicht befriedigen können.<a href="#fnref73">↩</a></p> +</li> +<li id="fn74"> +<p>Maypurisch <strong>Nupa</strong>; die Missionäre sagen +<strong>Nopo</strong>.<a href="#fnref74">↩</a></p> +</li> +<li id="fn75"> +<p>S. Bd. III. Seite 356.<a href="#fnref75">↩</a></p> +</li> +<li id="fn76"> +<p>Das Wort <strong>Tabak</strong> (<em>tabacco</em>) gehört, wie +die Worte Savane, Mais, Cazike, Maguey (Agave) und Manati (Seekuh), +der alten Sprache von Haiti oder St. Domingo an. Es bedeutete +eigentlich nicht das Kraut, sondern die Röhre, das Werkzeug, +mittelst dessen man den Rauch einzog. Es muß auffallen, daß ein so +allgemein verbreitetes vegetabilisches Produkt bei benachbarten +Völkern verschiedene Namen hatte.<a href="#fnref76">↩</a></p> +</li> +<li id="fn77"> +<p>Die Spanier lernten den Tabak am Ende des sechzehnten +Jahrhunderts auf den Antillen kennen. Ich habe oben bemerkt (Bd. +II. Seite 320), daß der Anbau dieses narcotischen Gewächses um 120 +bis 140 Jahre älter ist als die segensreiche Anpflanzung der +Kartoffel. Als Ralegh im Jahr 1586 den Tabak aus Virginien nach +England brachte, gab es in Portugal bereits ganze Felder voll +davon.<a href="#fnref77">↩</a></p> +</li> +<li id="fn78"> +<p>Die merkwürdige Stelle lautet bei <strong>Camden</strong>, +<em>Annal. Elizab.</em> p. 143. (1585) wie folgt: »<em>Ex illo +sane tempore (tabacum) usu cepit esse creberrimo in Anglia et magno +pretio, dum quamplurimi graveolentem illius fumum per tubulum +testaceum hauriunt et mox e naribus afflant, adeo ut Anglorum +corpora in barbarorum naturam degenerasse videantur, quum iidem ac +barbari delectentur.</em>« Man sieht aus dieser Stelle, daß man +durch die Nase rauchte, während man am Hofe Montezumas in der einen +Hand die Pfeife hatte und mit der andern die Nase zuhielt, um den +Rauch leichter schlucken zu können.<a href="#fnref78">↩</a></p> +</li> +<li id="fn79"> +<p>Sie hocken im Kreise umher; zuerst heult einer allein und dann +fallen die andern im selben Tone ein. Gerade so heulen die Rudel +von Alouatos, unter denen die Indianer den »Vorsänger« +herauskennen, (vgl. Bd. III. Seite 360). In Mexico wurde der +stumme Hund (Techichi) verschnitten, damit er fett werde, und dieß +mußte zur Veränderung des Stimmorgans des Hundes beitragen.<a href= +"#fnref79">↩</a></p> +</li> +<li id="fn80"> +<p>S. Bd. III. Seite 67.<a href="#fnref80">↩</a></p> +</li> +<li id="fn81"> +<p>S. Bd. II. Seite 412. III. 81.<a href="#fnref81">↩</a></p> +</li> +<li id="fn82"> +<p>S. Bd. III. Seite 399.<a href="#fnref82">↩</a></p> +</li> +<li id="fn83"> +<p>S. über den Rio Caura Bd. III. 158. IV. 117. 133. 142.<a href= +"#fnref83">↩</a></p> +</li> +<li id="fn84"> +<p>S. Bd. III. Seite 114, 125.<a href="#fnref84">↩</a></p> +</li> +<li id="fn85"> +<p>Die Hauptkirche von <strong>Santo Thome de la Nueva +Guayana</strong>, gemeiniglich <strong>Angostura</strong>, oder der +<strong>Engpaß</strong> genannt, liegt nach meinen Beobachtungen +unter 8°8′11″ der Breite und 66°15′21″ der Länge.<a href= +"#fnref85">↩</a></p> +</li> +<li id="fn86"> +<p>Trapiche, Eigenthum von Don Felix Fereras.<a href= +"#fnref86">↩</a></p> +</li> +<li id="fn87"> +<p>Daß es eine Stadt <strong>Angostura</strong> gebe, erfuhr man in +Europa durch den Handel der Catalonier mit der China vom Rio +Carony, welche die heilkräftige Rinde der <em>Bonplandia +trifoliata</em> ist. Da diese Rinde von Nueva Guayana kam, so +nannte man sie <strong><em>corteza</em></strong> oder +<strong><em>cascarilla del Angostura, cortex +Angosturae</em></strong>. Die Botaniker wußten so wenig, woher +diese geographische Benennung rührte, daß sie Anfangs +<strong>Angustura</strong> und dann <strong>Augusta</strong> +schrieben.<a href="#fnref87">↩</a></p> +</li> +<li id="fn88"> +<p>Ich fand denselben 889 Toisen breit. S. Bd. III. Seite +83.<a href="#fnref88">↩</a></p> +</li> +<li id="fn89"> +<p>S. Bd. III. Seite 25.<a href="#fnref89">↩</a></p> +</li> +<li id="fn90"> +<p>Die Frucht der <em>Carica Papaya</em>.<a href= +"#fnref90">↩</a></p> +</li> +<li id="fn91"> +<p>Man sollte es kaum glauben, daß während meines Aufenthalts in +Angostura die Gesammtvertheidigungsmittel der Provinz aus 7 +<em>lanchas canoneras</em> und 600 Mann aller Farben und +Waffengattungen bestanden, eingerechnet die sogenannten Garnisonen +der vier Grenzforts, der <em>destacamentos</em> von Nueva Guayana, +San Carlos del Rio Negro, Guirior und Cuyuni.<a href= +"#fnref91">↩</a></p> +</li> +<li id="fn92"> +<p>Von Süd nach Nord auf 22 Breitegrade.<a href= +"#fnref92">↩</a></p> +</li> +<li id="fn93"> +<p>Von West nach Ost auf 13 Längengrade.<a href= +"#fnref93">↩</a></p> +</li> +<li id="fn94"> +<p>Im Jahr 1768 hatte Angostura nur 500 Einwohner. Eine im Jahr +1780 vorgenommene Zählung ergab 1513 (nämlich 455 Weiße, 449 Neger, +363 Mulatten und Zambos, 246 Indianer). Im Jahr 1789 war die +Bevölkerung auf 4590 und 1800 auf 6600 Seelen gestiegen. Der +Hauptort der englischen Colonie Demerary, die Stadt Stabrock, liegt +nur 50 Meilen südostwärts von der Mündung des Orinoco. Sie hat, +nach Bolingbrok, gegen 10,000 Einwohner.<a href= +"#fnref94">↩</a></p> +</li> +<li id="fn95"> +<p>S. Bd. III. Seite 3.<a href="#fnref95">↩</a></p> +</li> +<li id="fn96"> +<p>S. über diese Deltas von Nebenflüssen gegenüber den oceanischen +Deltas Bd. III. 6. IV. 47. 163.<a href="#fnref96">↩</a></p> +</li> +<li id="fn97"> +<p>Das nahrhafte Satzmehl oder <em>farine médullaire</em> der +Sagobäume findet sich vorzugsweise bei einer Gruppe von Palmen, die +Kunth <strong>Calameen</strong> nennt; es kommt indessen auch in +den Stämmen von <em>Cycas revoluta</em>, <em>Pheni farinifera</em>, +<em>Corypha umbraculifera</em> und <em>Caryoa urens</em> vor und +wird im indischen Archipel von diesen Bäumen gesammelt und in den +Handel gebracht. Der ächte asiatische Sagobaum (<em>Sagus +Rumphii</em>, oder <em>Metroxylon Sagu</em>, Roxburgh) gibt mehr +Nahrungsstoff als alle andern nutzbaren Gewächse. Von einem +einzigen Stamm gewinnt man im fünfzehnten Jahr zuweilen +600 Pfund Sago oder Mehl, (denn das Wort <em>Sagu</em> +bedeutet im amboinischen Dialekt Mehl). Crawfurd, der sich so lange +auf dem indischen Archipel aufgehalten hat, berechnet, daß auf +einem englischen Acre (4029 Quadratmeter) 435 Sagobäume +wachsen können, die über 8000 Pfund Mehl jährlich geben. +Dieser Ertrag ist dreimal so hoch als beim Getreide, und doppelt so +hoch als bei der Kartoffel in Frankreich. Die Bananen geben auf +derselben Bodenfläche noch mehr Nahrungsstoff als der +Sagobaum.<a href="#fnref97">↩</a></p> +</li> +<li id="fn98"> +<p>S. S. 70.<a href="#fnref98">↩</a></p> +</li> +<li id="fn99"> +<p>Simeon Sisanites, ein Syrier, war der Stifter dieser Sekte. Er +brachte in mystischer Beschaulichkeit 37 Jahre auf fünf Säulen +zu, von denen die letzte 36 Ellen hoch war. Die +<strong>Säulenheiligen</strong>, <em>sancti columnares</em>, +wollten auch in Deutschland, im Trierschen, ihre luftigen Klöster +einführen, aber die Bischöfe widersetzten sich einem so tollen, +halsbrecherischen Unternehmen.<a href="#fnref99">↩</a></p> +</li> +<li id="fn100"> +<p>S. Seite 47.<a href="#fnref100">↩</a></p> +</li> +<li id="fn101"> +<p>S. die oben entwickelte Theorie Bd. III. Seite 13.<a href= +"#fnref101">↩</a></p> +</li> +<li id="fn102"> +<p>In Asien laufen der Ganges, der Buramputer und die +majestätischen indisch-chinesischen Flüsse <strong>dem +Aequator</strong> zu. Die ersteren kommen aus der gemäßigten Zone +in die heiße. Der Umstand, daß die Flüsse entgegengesetzte +Richtungen haben (dem Aequator oder den gemäßigten Erdstrichen zu), +äußert Einfluß auf den Eintritt und die Größe der +Ueberschwemmungen, auf die Art und die Mannigfaltigkeit der +Produkte längs der Ufer, auf die größere oder geringere +Lebhaftigkeit des Handels, und, darf ich nach dem, was wir über die +Völker Egyptens, Meroes und Indiens wissen, wohl sagen, auf den +Gang der Cultur die Stromthäler entlang.<a href= +"#fnref102">↩</a></p> +</li> +<li id="fn103"> +<p>S. Bd. III. Seite 370.<a href="#fnref103">↩</a></p> +</li> +<li id="fn104"> +<p>Strabo, Lib. XVII. Diodorus Siculus Lib. I. c. 5.<a href= +"#fnref104">↩</a></p> +</li> +<li id="fn105"> +<p>Etwa 40 bis 50 Tage nach dem Sommersolstitium.<a href= +"#fnref105">↩</a></p> +</li> +<li id="fn106"> +<p>Etwa 80 bis 90 Tage nach dem Sommersolstitium.<a href= +"#fnref106">↩</a></p> +</li> +<li id="fn107"> +<p>Der Apure für sich hat einen Fall von 13 Zoll auf die Seemeile. +S. Bd. III. Seite 49.<a href="#fnref107">↩</a></p> +</li> +<li id="fn108"> +<p>S. Seite 113.<a href="#fnref108">↩</a></p> +</li> +<li id="fn109"> +<p>Von Benedikt XIII. zum Bischof für die vier Welttheile +(<em>obispo para los quatro partes del mundo</em>) geweiht.<a href= +"#fnref109">↩</a></p> +</li> +<li id="fn110"> +<p>Kleine Hochebenen zwischen den Bergen bei Upata, Cumamu und +Tupuquen scheinen über 150 Toisen Meereshöhe zu haben.<a href= +"#fnref110">↩</a></p> +</li> +<li id="fn111"> +<p><em>El Dorado</em>, d. h. <em>el rey ó hombre dorodo.</em> S. +Bd. III. Seite 398.<a href="#fnref111">↩</a></p> +</li> +<li id="fn112"> +<p>S. Bd. I. 329. II. 245. III. 366.<a href="#fnref112">↩</a></p> +</li> +<li id="fn113"> +<p>S. Seite 194.<a href="#fnref113">↩</a></p> +</li> +<li id="fn114"> +<p>S. Bd. III. Seite 352 ff.<a href="#fnref114">↩</a></p> +</li> +<li id="fn115"> +<p>S. Seite 73.<a href="#fnref115">↩</a></p> +</li> +<li id="fn116"> +<p>Dieß ist auch Walkenaers und Malte Bruns Ansicht.<a href= +"#fnref116">↩</a></p> +</li> +<li id="fn117"> +<p><em>Carte de l’Amérique, dressé sur les observations de Mr. de +Humboldt, par Fried</em>. Wien 1818.<a href="#fnref117">↩</a></p> +</li> +<li id="fn118"> +<p>Diese periodischen Ueberschwemmungen des Rio Paraguay haben in +der südlichen Halbkugel lange dieselbe Rolle gespielt wie der See +Parime in der nördlichen. Hondius und Sanson ließen aus der +<em>Lugano de los Xarayes</em> den Rio de la Plata, den Rio Topajos +(einen Nebenfluß des Amazonenstroms), den Rio Tocantinos und den +Rio de San Francisco entspringen.<a href="#fnref118">↩</a></p> +</li> +<li id="fn119"> +<p>Survilles See, der für den See Amucu steht.<a href= +"#fnref119">↩</a></p> +</li> +<li id="fn120"> +<p>Der See, den Surville <em>Laguna tenida hasta ahora por la +Laguna Parime</em> nennt.<a href="#fnref120">↩</a></p> +</li> +<li id="fn121"> +<p>S. Bd. III. Seite 392 ff.<a href="#fnref121">↩</a></p> +</li> +<li id="fn122"> +<p>S. Seite 189 ff.<a href="#fnref122">↩</a></p> +</li> +<li id="fn123"> +<p>S. Bd. III, Seite 356.<a href="#fnref123">↩</a></p> +</li> +<li id="fn124"> +<p>Gerade wie im alten Reiche Meroe, in Tibet, und wie« der Dairi +und der Kubo in Japan.<a href="#fnref124">↩</a></p> +</li> +<li id="fn125"> +<p>S. Bd. I. Seite 233<a href="#fnref125">↩</a></p> +</li> +<li id="fn126"> +<p>Im Peruvianischen oder dem Oquichua (*Lengua del Inga) heißt +Gold <strong>Cori</strong>, woher <strong>Chichicori</strong>, +Goldstaub, und <strong>Corikoya</strong>, Golderz<a href= +"#fnref126">↩</a></p> +</li> +<li id="fn127"> +<p>S. Bd. III. Seite 61.<a href="#fnref127">↩</a></p> +</li> +<li id="fn128"> +<p>S. Seite 222ff.<a href="#fnref128">↩</a></p> +</li> +<li id="fn129"> +<p>S. Seite 226<a href="#fnref129">↩</a></p> +</li> +<li id="fn130"> +<p>S. Bd. II. Seite 12.<a href="#fnref130">↩</a></p> +</li> +<li id="fn131"> +<p>Gestorben im Jahr 1512, wie Munnoz aus Urkunden in den Archiven +von Simancas erwiesen hat.<a href="#fnref131">↩</a></p> +</li> +<li id="fn132"> +<p>Auf den Karten, die dem Ptolemäus von 1506 beigegeben sind, +sieht man noch keine Spur von den Entdeckungen des +Columbus.<a href="#fnref132">↩</a></p> +</li> +<li id="fn133"> +<p>S. Seite 54.<a href="#fnref133">↩</a></p> +</li> +<li id="fn134"> +<p>Es ist dieß der mexicanische Dorado, wo man auf den Küsten +Schiffe voll Waaren aus Catayo (China) gefunden haben wollte, und +wo Fray Marcos (wie Hutten im Lande der Omaguas) die vergoldeten +Dächer einer großen Stadt, einer der <em>Siete Ciudades</em>, +<strong>von weitem sah</strong>. Die Einwohner haben große Hunde, +<em>en los quales quando se mudan cargan su menage</em>. Spätere +Entdeckungen lassen übrigens keinen Zweifel, daß dieser Landstrich +früher ein Mittelpunkt der Cultur war.<a href="#fnref134">↩</a></p> +</li> +<li id="fn135"> +<p>Die große Achse des eigentlichen Sees Parime war von Ost nach +West gerichtet<a href="#fnref135">↩</a></p> +</li> +<li id="fn136"> +<p>Im Werth von 65,878,000 Francs.<a href="#fnref136">↩</a></p> +</li> +<li id="fn137"> +<p>Billarica liegt 650 Toisen hoch, aber das große Plateau der +Capitania Minas Geraes nur 300.<a href="#fnref137">↩</a></p> +</li> +<li id="fn138"> +<p>S. Bd. II. Seite 366ff.<a href="#fnref138">↩</a></p> +</li> +<li id="fn139"> +<p>S. Seite 192.<a href="#fnref139">↩</a></p> +</li> +<li id="fn140"> +<p><em>Combretum guayca</em><a href="#fnref140">↩</a></p> +</li> +<li id="fn141"> +<p>S. Bd. III. Seite 331.<a href="#fnref141">↩</a></p> +</li> +<li id="fn142"> +<p>S. Bd. I. Seite 198, 216. II. 87, 389.<a href= +"#fnref142">↩</a></p> +</li> +<li id="fn143"> +<p>Zu welcher Gattung gehören die Würmer (arabisch Loul), welche +Capitän Lyon, der Reisebegleiter meines muthigen, unglücklichen +Freundes Ritchie, in der Wüste Fezzan in Lachen gesunden, die von +den Arabern gegessen werden und wie Caviar schmecken? Sollten es +nicht Insekteneier seyn, ähnlich dem <strong>Aguautle</strong>, den +ich in Mexico auf dem Markt habe verkaufen sehen und der an der +Oberfläche des Sees Tezcuco gefischt wird?<a href= +"#fnref143">↩</a></p> +</li> +<li id="fn144"> +<p><em>Nuestra Señora del Socorro del Cari</em>, gegründet im Jahr +1761.<a href="#fnref144">↩</a></p> +</li> +<li id="fn145"> +<p>Diese Missionäre nennen sich <em>Padres Missioneros Observantes +del Colegio de la purissima Conception de propaganda fide en la +Nueva Barcelona</em>.<a href="#fnref145">↩</a></p> +</li> +<li id="fn146"> +<p>S. Bd. III. Seite 95.<a href="#fnref146">↩</a></p> +</li> +<li id="fn147"> +<p>S. Bd. III. Seite 275, 378.<a href="#fnref147">↩</a></p> +</li> +<li id="fn148"> +<p>Diese Skelette wurden im Jahr 1805 von Cortes gefunden. Sie sind +in einer Madreporen-Breccie eingeschlossen, welche die Neger sehr +naiv <em>maçonne bon Dieu</em> nennen, und die, neuer Formation wie +der italienische Travertin, Topfscherben und andere Produkte der +Menschenhand enthält. Dauxiou Lavaysse und Dr. König machten in +Europa zuerst diese Erscheinung bekannt, die eine Zeit lang die +Aufmerksamkeit der Geologen in Anspruch nahm<a href= +"#fnref148">↩</a></p> +</li> +<li id="fn149"> +<p><em>Cicero de oratore. Lib. III. c. 12.</em> <a href= +"#fnref149">↩</a></p> +</li> +<li id="fn150"> +<p>Ich gebe hier einige Beispiele von diesem Unterschied zwischen +der Sprache der Männer (M) und der Weiber (W): +<strong>Insel</strong> <em>oubao</em> (M), <em>acaera</em> (W); +<strong>Mensch</strong> <em>ouekelli</em> (M), <em>eyeri</em> (W); +<strong>Mais</strong> <em>ichen</em> (M), <em>atica</em> +(W).<a href="#fnref150">↩</a></p> +</li> +<li id="fn151"> +<p>Karte des Hondius von 1599, die der lateinischen Ausgabe von +Raleghs Reisebeschreibung beigegeben ist. In der holländischen +Ausgabe heißen die Llanos von Caracas zwischen den Gebirgen von +Merida und dem Rio Pao »Caribana.« Man sieht hier wieder, was so +oft in der Geschichte der Geographie vorkommt, daß eine Benennung +allmählig von West nach Ost gerückt wurde.<a href= +"#fnref151">↩</a></p> +</li> +<li id="fn152"> +<p>Vespucci sagt: <em>Se eorum lingua Charaibi, hoc est magnae +sapientiae viros vocantes.</em><a href="#fnref152">↩</a></p> +</li> +<li id="fn153"> +<p>Wilhelm von Humboldt: »Urbewohner Hispaniens«, Seite +167.<a href="#fnref153">↩</a></p> +</li> +<li id="fn154"> +<p>Wenn ich das Wort Autochthone brauche, so will ich damit +keineswegs aussprechen, daß die Völker hier +<strong>geschaffen</strong> worden, was gar nicht Sache der +Geschichte ist, sondern nur so viel sagen, daß wir von keinem +andern Volke wissen, das älter wäre als das autochthone.<a href= +"#fnref154">↩</a></p> +</li> +<li id="fn155"> +<p>S.Bd. III. Seite 261. 275. 278. IV. 218.<a href= +"#fnref155">↩</a></p> +</li> +<li id="fn156"> +<p>Ich führe als Beispiel nur eine vom berühmten Pater Camper +gezeichnete Tafel an: <em>Viri adulti cranium ex Caraibensium +insula Sancti Vicenti in Museo Clinii asservatum, +1785.</em><a href="#fnref156">↩</a></p> +</li> +<li id="fn157"> +<p><em>Dati erant in preaedam Caribes ex diplomate regio. Missus +est Johannes Poncius, qui Caribum terras depopuletur et in +servitutem obscoenos hominum voratores redigat.</em> Anghiera, +Decas. I. Lib. 1. Dec. III. Lib. 6.<a href="#fnref157">↩</a></p> +</li> +<li id="fn158"> +<p>Wilhelm von Humboldt, »über das vergleichende Sprachstadium in +Beziehung auf die verschiedenen Epochen der Sprachentwicklung.« (S. +13). S. auch Bd. II. Seite 28—47.<a href="#fnref158">↩</a></p> +</li> +<li id="fn159"> +<p>S. Bd. III. Seite 275. 378. 393.<a href="#fnref159">↩</a></p> +</li> +<li id="fn160"> +<p>Die Quippos oder Schnüre der Völker im obern Louisiana heißen +<strong>Wampum</strong>. Anghiera (<em>Dec. III. Lib. 9.</em>) +erzählt einen sehr merkwürdigen Fall, aus dem hervorzugehen +scheint, daß die umherziehenden Caraiben mit gebundenen Büchern, +wie denen der Mexicaner und den unsern, nicht ganz unbekannt waren. +Der interessanten Entdeckung von Bilderheften bei den +Panos-Indianern am Ucayale habe ich anderswo gedacht (<em>Vues des +cordilleres; T. I. pag. 72</em>). Auch die Peruaner hatten neben +den Quippos hieroglyphische Malereien, ähnlich den mexicanischen, +nur roher. Bemalter Blätter bedienten sie sich seit der Eroberung +zum Beichten in der Kirche. Vielleicht hatte der Caraibe, der, nach +Anghieras Erzählung, tief aus dem Lande nach Darien kam, +Gelegenheit gehabt in Quito oder Cundinamarca ein peruanisches Buch +zu sehen. Ich brauche, wie die ersten spanischen Reisenden, das +Wort Buch, weil dasselbe keineswegs den Gebrauch einer +Buchstabenschrift voraussetzt.<a href="#fnref160">↩</a></p> +</li> +<li id="fn161"> +<p>Bei den Huronen (Wiandots) und Natchez vererbt sich die oberste +Würde in der weiblichen Linie; nicht der Sohn ist der Nachfolger, +sondern der Sohn der Schwester oder der nächste Verwandte von +weiblicher Seite. Bei dieser Erbfolge ist man sicher, daß die +oberste Gewalt beim Blute des letzten Häuptlings bleibt; der Brauch +ist eine Gewähr für die Legitimität. Ich habe bei den königlichen +Dynastien auf den Antillen alte Spuren dieser in Afrika und +Ostindien sehr verbreiteten Erbfolge gefunden. »<em>In testamentis +autem quam fatue sese habeant, intelligamus: ex sorore prima +primogenitum, si insit, reliquunt regnorum haeredem; sin minus, ex +altera, vel tertia, si ex secunda proles desit: quia a suo sanguine +creatam sobolem eam certum est. Filios autem uxorum suarum pro non +legitimis habent. Uxores ducunt quotquot placet. Ex uxoribus +cariores cum regulo sepeliri patiuntur.</em> (Anghiera, <em>Decas +III. Lib. 9.</em>)<a href="#fnref161">↩</a></p> +</li> +<li id="fn162"> +<p>Diodorus Siculus. <em>Lib. V.</em> §. 56.<a href= +"#fnref162">↩</a></p> +</li> +<li id="fn163"> +<p>»Die Caraiben sind ziemlich hübsch gewachsen und fleischigt; sie +sind aber nicht sehr liberal, denn sie essen gern Menschenfleisch, +Eidechsen und Krokodile.« (<em>Description générale de l’Amérique +par Pierre d’Avity, Seigneur de Montmartin, 1660</em>).<a href= +"#fnref163">↩</a></p> +</li> +<li id="fn164"> +<p>Mithridates, Bd. III. Seite 685.<a href="#fnref164">↩</a></p> +</li> +<li id="fn165"> +<p><em>Epistolae Lib. VIII. 8. Clitumnus non loci declivitate, sed +ipsa sui copia et quasi pondere impellitur.</em><a href= +"#fnref165">↩</a></p> +</li> +<li id="fn166"> +<p>S. Bd. II. Seite 410.<a href="#fnref166">↩</a></p> +</li> +<li id="fn167"> +<p>Im Jahr 1754 hatte das Dorf nur 120 Seelen.<a href= +"#fnref167">↩</a></p> +</li> +<li id="fn168"> +<p>S. Bd. II. Seite 414.<a href="#fnref168">↩</a></p> +</li> +<li id="fn169"> +<p>Mit diesem nicht gebräuchlichen Ausdruck bezeichne ich Linien, +welche durch die Punkte laufen, die mittelst Uebertragung der Zeit +bestimmt worden und somit von einander abhängig sind. Von der +zweckmäßigen Richtung dieser Linien hängt die Genauigkeit einer +rein astronomischen Aufnahme ab.<a href="#fnref169">↩</a></p> +</li> +<li id="fn170"> +<p>Fray Jose de las Piedras.<a href="#fnref170">↩</a></p> +</li> +<li id="fn171"> +<p>Kleine Plateaus, Bänke, die etwas höher liegen als die übrige +Steppe.<a href="#fnref171">↩</a></p> +</li> +<li id="fn172"> +<p>Eine Art Hof, bestehend aus Schuppen, wo die <em>hateros</em> +und <em>peones para et rodeo</em> wohnen, d. h. die Leute, +welche die halbwilden Pferde- und Viehheerden warten oder vielmehr +beaussichtigen.<a href="#fnref172">↩</a></p> +</li> +<li id="fn173"> +<p>»<em>Los Llanos son como <strong>un mar de +yerbas</strong>.</em>«<a href="#fnref173">↩</a></p> +</li> +<li id="fn174"> +<p>S. Bd. I. Seite 51 ff.<a href="#fnref174">↩</a></p> +</li> +<li id="fn175"> +<p>Die Fächerpalme, der guyanische Sagobaum.<a href= +"#fnref175">↩</a></p> +</li> +<li id="fn176"> +<p>Berechnungen nach Karten in sehr großem Maßstab haben mir +Folgendes ergeben: Die Llanos von Cumana, Barceiona und Caracas vom +Delta des Orinoco bis zum nördlichen Ufer des Apure umfassen 7900 +Quadratmeilen; die Llanos zwischen dem Apure und dem obern +Amazonenstrom 21,000; die Pampas nordwestlich von Buenos Ayres +40,000; die Pampas südwärts vom Parallel von Buenos Abtes 30,000. +Der Gesammtflächenraum der grasbewachsenen Llanos in Südamerika +beträgt demnach 98,900 Quadratmeilen (20 auf den Grad des +Aequators). (Spanien hat 16,200 solcher Quadratmeilen.) Die große +afrikanische Ebene, die sogenannte Sahara ist 194,000 Quadratmeilen +groß, die verschiedenen Oasen dazu gerechnet, aber nicht Bornu und +Darfur. (Das Mittelmeer hat nur 79,800 Quadratmeilen +Oberfläche).<a href="#fnref176">↩</a></p> +</li> +<li id="fn177"> +<p>S. Bd. III. Seite 54. 80. 83. 126. 145. 256. 303. IV. 148. +159.<a href="#fnref177">↩</a></p> +</li> +<li id="fn178"> +<p>Kommen in Nordamerika nordwärts von den großen Seen Blöcke +vor?<a href="#fnref178">↩</a></p> +</li> +<li id="fn179"> +<p>S. Bd. II. Seite 90.<a href="#fnref179">↩</a></p> +</li> +<li id="fn180"> +<p><em>La milagrosa imagen de Maria Santissima del Socorro</em>, +auch <em>Virgen del Tutumo</em> genannt.<a href= +"#fnref180">↩</a></p> +</li> +<li id="fn181"> +<p>S. Bd. I. Seite 212. IV. 350.<a href="#fnref181">↩</a></p> +</li> +<li id="fn182"> +<p>S. Bd. II. Seite 298 ff. 318.<a href="#fnref182">↩</a></p> +</li> +<li id="fn183"> +<p>Langsdorf (Wetterauisches Journal. Th I. Seite 254) hat diese +sehr merkwürdige physiologische Erscheinung zuerst bekannt gemacht. +Ich beschreibe sie hier, doch lieber lateinisch. — <em>Coriaecorum +gens, in ora Asiae septentrioni opposita, potum sibi excogitavit ex +succo inebriante Agarici muscarii, qui succus (aeque ut +asparagorum), vel per humanum corpus transfusus, temulentiam +nihilominus facit. Quare gens misera et inops, quo rarius mentis +sit suae, propriam urinam bibit. identidem; continuoque mingens +rursusqne hauriens eundem succum (dicas, ne ulla in parte mundi +desit. ebrietas) pauculis agaricis producere in diem quintum +temulentiam potest.</em><a href="#fnref183">↩</a></p> +</li> +<li id="fn184"> +<p>S. Bd. I. Seite 62.<a href="#fnref184">↩</a></p> +</li> +<li id="fn185"> +<p><em>Casa de Don Pasqual Martinez</em>, nordwestlich vom großen +Platz, an dem ich vom 28. Jan bis 17. November 1799 +beobachtet hatte. Alle astronomischen Beobachtungen, so wie die +über die Luftspiegelung, nach dem 29. August 1800 sind im Hause +Martinez angestellt. Ich erwähne dieses Umstands, da er von +Interesse seyn mag, wenn einmal Einer die Genauigkeit meiner +Beobachtungen prüfen will.<a href="#fnref185">↩</a></p> +</li> +<li id="fn186"> +<p>S. Bd. I. Seite 252 ff.<a href="#fnref186">↩</a></p> +</li> +<li id="fn187"> +<p>S. Bd. I. Seite 276.<a href="#fnref187">↩</a></p> +</li> +<li id="fn188"> +<p>S. Bd. I. Seite 402.<a href="#fnref188">↩</a></p> +</li> +<li id="fn189"> +<p><em>Croton argyrophyllus</em> und <em>C. marginatus</em><a href= +"#fnref189">↩</a></p> +</li> +<li id="fn190"> +<p>S. Bd. I. Seite 203.<a href="#fnref190">↩</a></p> +</li> +<li id="fn191"> +<p>S. Bd. II. Seite 187 ff.<a href="#fnref191">↩</a></p> +</li> +<li id="fn192"> +<p>Observations astronomiques. T. I. p. XLIII. T. II. p. +7—10.<a href="#fnref192">↩</a></p> +</li> +<li id="fn193"> +<p>Christoph Columbus hatte im Jahr 1503 den Caymanseilanden den +Namen <em>Penascales de las tortugas</em> gegeben, wegen der +Seeschildkröten, die er in diesem Striche schwimmen sah.<a href= +"#fnref193">↩</a></p> +</li> +</ol> +</div> + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Reise in die Aequinoctial-Gegenden des +neuen Continents v. 4, by Alexander v. Humboldt + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AEQUINOCTIAL-GEGENDEN *** + +***** This file should be named 38638-h.htm or 38638-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/8/6/3/38638/ + +Produced by Ralf Stephan + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. 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General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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