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+<title>Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen
+Continents.</title>
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+The Project Gutenberg EBook of Reise in die Aequinoctial-Gegenden des
+neuen Continents v. 4, by Alexander v. Humboldt
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents v. 4
+ In deutscher Bearbeitung von Hermann Hauff
+
+Author: Alexander v. Humboldt
+
+Translator: Hermann Hauff
+
+Release Date: January 21, 2012 [EBook #38638]
+
+Language: German
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+Character set encoding: UTF-8
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AEQUINOCTIAL-GEGENDEN ***
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+Produced by Ralf Stephan
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+<div id="header">
+<h1 class="title">Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen
+Continents.</h1>
+<h2 class="author">Alexander von Humboldt</h2>
+<h3 class="date">1865</h3>
+</div>
+<div id="TOC">
+<ul>
+<li><a href="#vierundzwanzigstes-kapitel.">Vierundzwanzigstes
+Kapitel.</a></li>
+<li><a href="#funfundzwanzigstes-kapitel.">Fünfundzwanzigstes
+Kapitel.</a></li>
+<li><a href="#sechsundzwanzigstes-kapitel.">Sechsundzwanzigstes
+Kapitel.</a></li>
+<li><a href="#siebenundzwanzigstes-kapitel.">Siebenundzwanzigstes
+Kapitel.</a></li>
+<li><a href="#anmerkungen-zur-transkription">Anmerkungen zur
+Transkription</a></li>
+</ul>
+</div>
+<p>In deutscher Bearbeitung von Hermann Hauff.</p>
+<p>Nach der Anordnung und unter Mitwirkung des Verfassers.</p>
+<p>Einzige von A. v. Humboldt anerkannte Ausgabe in deutscher
+Sprache.</p>
+<p>Band 4</p>
+<p>1865</p>
+<h1 id="vierundzwanzigstes-kapitel."><a href=
+"#TOC">Vierundzwanzigstes Kapitel.</a></h1>
+<p>Der Cassiquiare. — Gabeltheilung des Orinoco.</p>
+<p>Am 10. Mai. In der Nacht war unsere Pirogue geladen worden, und
+wir schifften uns etwas vor Sonnenaufgang ein, um wieder den Rio
+Negro bis zur Mündung des Cassiquiare hinaufzufahren und den wahren
+Lauf dieses Flusses, der Orinoco und Amazonenstrom verbindet, zu
+untersuchen. Der Morgen war schön; aber mit der steigenden Wärme
+fing auch der Himmel an sich zu bewölken. Die Luft ist in diesen
+Wäldern so mit Wasser gesättigt, daß, sobald die Verdunstung an der
+Oberfläche des Bodens auch noch so wenig zunimmt, die Dunstbläschen
+sichtbar werden. Da der Ostwind fast niemals zu spüren ist, so
+werden die feuchten Schichten nicht durch trockenere Luft ersetzt.
+Dieser bedeckte Himmel machte uns mit jedem Tage verdrüßlicher.
+Bonpland verdarben bei der übermäßigen Feuchtigkeit seine
+gesammelten Pflanzen und ich besorgte auch im Thal des Cassiquiare
+das trübe Wetter des Rio Negro anzutreffen. Seit einem halben
+Jahrhundert zweifelte kein Mensch in diesen Missionen mehr daran,
+daß hier wirklich zwei große Stromsysteme mit einander in
+Verbindung stehen; der Hauptzweck unserer Flußfahrt beschränkte
+sich also darauf, mittelst astronomischer Beobachtungen den Lauf
+des Cassiquiare aufzunehmen, besonders den Punkt, wo er in den Rio
+Negro tritt, und den andern, wo der Orinoco sich gabelt. Waren
+weder Sonne noch Sterne sichtbar, so war dieser Zweck nicht zu
+erreichen und wir hatten uns vergeblich langen, schweren
+Mühseligkeiten unterzogen. Unsere Reisegefährten wären gerne auf
+dem kürzesten Weg über den Pimichin und die kleinen Flüsse
+heimgekehrt; aber Bonpland beharrte mit mir auf dem Reiseplan, den
+wir auf der Fahrt durch die großen Katarakten entworfen. Bereits
+hatten wir von San Fernando de Apure nach San Carlos (über den
+Apure, Orinoco, Atabapo, Temi, Tuamini und Rio Negro) 180 Meilen
+zurückgelegt. Gingen wir auf dem Cassiquiare in den Orinoco zurück,
+so hatten wir von San Carlos bis Angostura wieder 320 Meilen zu
+machen. Auf diesem Wege hatten wir zehn Tage lang mit der Strömung
+zu kämpfen, im Uebrigen ging es immer den Orinoco hinab. Es wäre
+eine Schande für uns gewesen, hätte uns der Aerger wegen des trüben
+Himmels oder die Furcht vor den Moskitos auf dem Cassiquiare den
+Muth benommen. Unser indianischer Steuermann, der erst kürzlich in
+Mandavaca gewesen war, stellte uns die Sonne und »die großen
+Sterne, welche die Wolken <strong>essen</strong>,« in Aussicht,
+sobald wir die <strong>schwarzen Wasser</strong> des Rio Negro
+hinter uns haben würden. So brachten wir denn unser erstes
+Vorhaben, über den Cassiquiare nach San Fernando am Atabapo
+zurückzugehen, in Ausführung, und zum Glück für unsere Arbeiten
+ging die Prophezeiung des Indianers in Erfüllung. Die weißen Wasser
+brachten uns nach und nach wieder heitereren Himmel, Sterne,
+Moskitos und Krokodile.</p>
+<p>Wir fuhren zwischen den dicht bewachsenen Inseln Zaruma und Mini
+oder Mibita durch, und liefen, nachdem wir die Stromschnellen an
+der <em>Piedra de Uinumane</em> hinaufgegangen, acht Seemeilen weit
+von der Schanze San Carlos in den Rio Cassiquiare ein. Jene Piedra,
+das Granitgestein, das den kleinen Katarakt bildet, zog durch die
+vielen Quarzgänge darin unsere Aufmerksamkeit auf sich. Die Gänge
+waren mehrere Zoll breit, und ihren Massen nach waren sie
+augenscheinlich nach Alter und Formation unter einander sehr
+verschieden. Ich sah deutlich, daß überall an den Kreuzungsstellen
+die Gänge, welche Glimmer und schwarzen Schörl führten, die andern,
+welche nur weißen Quarz und Feldspath enthielten, durchsetzten und
+verwarfen. Nach Werners Theorie waren also die schwarzen Gänge von
+neuerer Formation als die weißen. Als Zögling der Freiberger
+Bergschule mußte ich mit einer gewissen Befriedigung beim Fels
+Uinumane verweilen und in der Nähe des Aequators Erscheinungen
+beobachten, die ich in den heimischen Bergen so oft vor Augen
+gehabt. Ich gestehe, die Theorie, nach welcher die Gänge Spalten
+sind, die mit verschiedenen Substanzen von oben her ausgefüllt
+worden, behagt mir jetzt nicht mehr so ganz wie damals; aber dieses
+sich Durchkreuzen und Verwerfen von Gestein- und Metalladern
+verdient darum doch, als eines der allgemeinsten und
+gleichförmigsten geologischen Phänomene, die volle Aufmerksamkeit
+des Reisenden. Ostwärts von Javita, längs des ganzen Cassiquiare,
+besonders aber in den Bergen von Duida vermehren sich die Gänge im
+Granit. Dieselben sind voll von Drusen, und ihr häufiges Vorkommen
+scheint auf ein nicht sehr hohes Alter des Granits in diesem
+Landstrich hinzudeuten.</p>
+<p>Wir fanden einige Flechten auf dem Fels Uinumane, der Insel
+Chamanare gegenüber, am Rand der Stromschnellen; und da der
+Cassiquiare bei seiner Mündung eine rasche Wendung von Ost nach
+Südwest macht, so lag jetzt zum erstenmal dieser majestätische Arm
+des Orinoco in seiner ganzen Breite vor uns da. Er gleicht, was den
+allgemeinen Charakter der Landschaft betrifft, so ziemlich dem Rio
+Negro. Wie im Becken dieses Flusses laufen die Waldbäume bis ans
+Ufer vor und bilden ein Dickicht; aber der Cassiquiare hat weißes
+Wasser und ändert seine Richtung öfter. Bei den Stromschnellen am
+Uinumare ist er fast breiter als der Rio Negro und bis über Vasiva
+hinaus fand ich ihn überall 250 bis 280 Toisen breit. Ehe wir an
+der Insel Garigave vorbei kamen, sahen wir gegen Nordosten beinahe
+am Horizont einen Hügel mit halbkugligtem Gipfel. Diese Form ist in
+allen Himmelsstrichen den Granitbergen eigenthümlich. Da man
+fortwährend von weiten Ebenen umgeben ist, so hängt sich die
+Aufmerksamkeit des Reisenden an jeden freistehenden Fels und Hügel.
+Zusammenhängende Berge kommen erst weiter nach Ost, den Quellen des
+Pacimoni, Siapa und Mavaca zu. Südlich vom Raudal von Caravine
+bemerkten wir, daß der Cassiquiare auf seinem gekrümmten Lauf San
+Carlos wieder nahe kommt. Von der Schanze in die Mission San
+Francisco, wo wir übernachteten, sind es zu Lande nur zwei und eine
+halbe Meile, während man auf dem Fluß 7—8 rechnet. Ich verweilte
+einen Theil der Nacht im Freien in der vergeblichen Hoffnung, die
+Sterne zum Vorschein kommen zu sehen. Die Luft war nebligt trotz
+der <strong>weißen Wasser</strong>, die uns einem allezeit
+sternhellen Himmel entgegen führen sollten.</p>
+<p>Die Mission San Francisco Solano auf dem linken Ufer des
+Cassiquiare heißt so zu Ehren eines der Befehlshaber bei der
+»Grenzexpedition,« Don Joseph Solano, von dem wir in diesem Werke
+schon öfter zu sprechen Gelegenheit gehabt. Dieser gebildete
+Officier ist nie über das Dorf San Fernando am Atabapo
+hinausgekommen; er hat weder die Gewässer des Rio Negro und des
+Cassiquiare, noch den Orinoco ostwärts vom Einfluß des Guaviare
+gesehen. In Folge eines Mißverständnisses, das aus der Unkenntniß
+der spanischen Sprache entsprang, meinten manche Geographen auf La
+Cruz Olmedillas berühmter Karte einen 400 Meilen langen Weg
+angegeben zu finden, auf dem Don Joseph Solano zu den Quellen des
+Orinoco, an den See Parime oder das <strong>weiße Meer</strong>, an
+die Ufer des Cababury und Uteta gekommen seyn sollte. Die Mission
+San Francisco wurde, wie die meisten christlichen Niederlassungen
+südlich von den großen Katarakten des Orinoco, nicht von Mönchen,
+sondern von Militärbehörden gegründet. Bei der Grenzexpedition
+legte man Dörfer an, wo ein <strong>Subteniente</strong> oder
+Corporal mit seiner Mannschaft Posto gefaßt hatte. Die
+Eingeborenen, die ihre Unabhängigkeit behaupten wollten, zogen sich
+ohne Gefecht zurück, andere, deren einflußreichste Häuptlinge man
+gewonnen, schlossen sich den Missionen an. Wo man keine Kirche
+hatte, richtete man nur ein großes Kreuz aus rothem Holze auf und
+baute daneben eine <em>Casa fuerte</em>, das heißt ein Haus, dessen
+Wände aus starken, wagrecht übereinander gelegten Balken bestanden.
+Dasselbe hatte zwei Stockwerke; im obern standen zwei Steinböller
+oder Kanonen von kleinem Kaliber; zu ebener Erde hausten zwei
+Soldaten, die von einer indianischen Familie bedient wurden. Die
+Eingeborenen, mit denen man im Frieden lebte, legten ihre
+Pflanzungen um die <em>Casa fuerte</em> an. Hatte man einen
+feindlichen Angriff zu fürchten, so wurden sie von den Soldaten mit
+dem Horn oder einem <strong>Botuto</strong> aus gebrannter Erde
+zusammengerusen. So waren die neunzehn angeblichen christlichen
+Niederlassungen beschaffen, die Don Antonio Santos auf dem Wege von
+Esmeralda bis zum Everato gegründet. Militärposten, die mit der
+Civilisation der Eingeborenen gar nichts zu thun hatten, waren auf
+den Karten und in den Schriften der Missionäre als Dörfer
+(<em>pueblos</em>) und <em>redicciones apostolicas</em> angegeben.
+Die Militärbehörde behielt am Orinoco die Oberhand bis zum Jahr
+1785, mit dem das Regiment der Franciskaner seinen Anfang nimmt.
+Die wenigen Missionen, die seitdem gegründet oder vielmehr
+wiederhergestelIt worden, sind das Werk der Observanten und die
+Soldaten, die in den Missionen liegen, stehen jetzt unter den
+Missionären, oder die geistliche Hierarchie maßt sich doch dieses
+Verhältniß an.</p>
+<p>Die Indianer, die wir in San Francisco Solano trafen. gehörten
+zwei Nationen an, den Pacimonales und den Cheruvichahenas. Da
+letztere Glieder eines ansehnlichen Stammes sind, der am Rio Tomo
+in der Nachbarschaft der Manivas am obern Rio Negro haust, so
+suchte ich von ihnen über den obern Lauf und die Quellen dieses
+Flusses Erkundigung einzuziehen; aber mein Dolmetscher konnte ihnen
+den Sinn meiner Fragen nicht deutlich machen. Sie wiederholten nur
+zum Ueberdruß, die Quellen des Rio Negro und des Inirida seyen so
+nahe beisammen, »wie zwei Finger der Hand«. In einer Hütte der
+Pacimonales kauften wir zwei schöne, große Vögel, einen Tucan
+(Piapoco), der dem <em>Ramphastos erythrorynchos</em> nahe steht,
+und den <strong>Ana</strong>, eine Art Aras, 17 Zoll lang mit
+durchaus purpurrothem Gefieder, gleich dem <em>Psittacus
+Macao</em>. Wir hatten in unserer Pirogue bereits sieben Papagaien,
+zwei Felshühner, einen Motmot, zwei Guans oder Paoas de Monte, zwei
+Manaviris (<em>Cercoleptes</em> oder <em>Viverra caudivolvula</em>)
+und acht Affen, nämlich zwei Atelen (die Marimonda von den grossen
+Katarakten, Brissots <em>Simia Belzebuth</em>), zwei Titi’s
+(<em>Simia sciurea</em>, Buffon’s Saimiri), eine Viudita (<em>Simia
+lugens</em>), zwei Douroucoulis oder Nachtaffen (Cusicusi oder
+<em>Simia trivirgata</em>), und den Cacajao mit kurzem Schwanz
+(<em>Simia melanocephala</em>).<sup><a href="#fn1" class=
+"footnoteRef" id="fnref1" name="fnref1">1</a></sup> Pater Zea war
+auch im Stillen sehr schlecht damit zufrieden, daß sich unsere
+wandernde Menagerie mit jedem Tag vermehrte. Der Tucan gleicht nach
+Lebensweise und geistiger Anlage dem Raben; es ist ein muthiges,
+leicht zu zähmendes Thier. Sein langer Schnabel dient ihm als
+Vertheidigungswaffe. Er macht sich zum Herrn im Hause, stiehlt, was
+er erreichen kann, badet sich oft und fischt gern am Ufer des
+Stroms. Der Tucan, den wir gekauft, war sehr jung, dennoch neckte
+er auf der ganzen Fahrt mit sichtbarer Lust die Cusicusis, die
+trübseligen, zornmüthigen Nachtaffen. Ich habe nicht bemerkt, daß,
+wie in manchen naturgeschichtlichen Werken steht, der Tucan in
+Folge des Baus seines Schnabels sein Futter in die Luft werfen und
+so verschlingen müßte. Allerdings nimmt er dasselbe etwas schwer
+vom Boden auf; hat er es aber einmal mit der Spitze seines
+ungeheuern Schnabels gefaßt, so darf er nur den Kopf zurückwerfen
+und den Schnabel, so lange er schlingt, aufrecht halten. Wenn er
+trinken will, macht der Vogel ganz seltsame Geberden. Die Mönche
+sagen, er mache das Zeichen des Kreuzes über dem Wasser, und wegen
+dieses Volksglaubens haben die Creolen dem Tucan den sonderbaren
+Namen <strong>Diostedè</strong> (Gott vergelt’s dir) geschöpft.</p>
+<p>Unsere Thiere waren meist in kleinen Holzkäfigten, manche liefen
+aber frei überall auf der Pirogue herum. Wenn Regen drohte, erhoben
+die Aras ein furchtbares Geschrei, und der Tucan wollte ans Ufer,
+um Fische zu fangen, die kleinen Titiaffen liefen Pater Zea zu und
+krochen in die ziemlich weiten Aermel seiner Franciskanerkutte.
+Dergleichen Auftritte kamen oft vor und wir vergaßen darüber der
+Plage der Moskitos. Nachts im Bivouac stellte man in die Mitte
+einen ledernen Kasten (<em>petaca</em>) mit dem Mundvorrath,
+daneben unsere Instrumente und die Käfige mit den Thieren, ringsum
+wurden unsere Hängematten befestigt und weiterhin die der Indianer.
+Die äußerste Grenze bildeten die Feuer, die man anzündet, um die
+Jaguars im Walde fern zu halten. So war unser Nachtlager am Ufer
+des Cassiquiare angeordnet. Die Indianer sprachen oft von einem
+kleinen Nachtthier mit langer Nase, das die jungen Papagaien im
+Nest überfalle und mit den Händen fresse wie die Affen und die
+Manaviri’s oder Kinkajous. Sie nannten es <strong>Guachi</strong>;
+es ist wahrscheinlich ein Coati, vielleicht <em>Viverra nasua</em>,
+die ich in Mexico im freien Zustand gesehen, nicht aber in den
+Strichen von Südamerika, die ich bereist. Die Missionäre verbieten
+den Eingeborenen alles Ernstes, das Fleisch des Guachy zu essen, da
+sie einen weit verbreiteten Glauben theilen und diesem Fleisch
+stimulirende Eigenschaften zuschreiben, wie die Orientalen dem
+Fleisch der Skinkos (<em>Lacerta scincus</em>) und die Amerikaner
+dem der Caymans.</p>
+<p>Am 11. Mai. Wir brachen ziemlich spät von der Mission San
+Francisco Solano auf, da wir nur eine kleine Tagreise machen
+wollten. Die untere Dunstschicht fing an sich in Wolken mit festen
+Umrissen zu theilen, und in den obern Luftregionen ging etwas
+Ostwind. Diese Zeichen deuteten auf einen bevorstehenden
+Witterungswechsel, und wir wollten uns nicht weit von der Mündung
+des Cassiquiare entfernen, da wir hoffen durften, in der folgenden
+Nacht den Durchgang eines Sterns durch den Meridian beobachten zu
+können. Wir sahen südwärts den Caño Daquiapo, nordwärts den
+Guachaparu und einige Seemeilen weiterhin die Stromschnellen von
+Cananivacari. Die Strömung betrug 6,3 Fuß in der Secunde, und so
+hatten wir im Raudal mit Wellen zu kämpfen, die ein ziemlich
+starkes Scholken verursachten. Wir stiegen aus und Bonpland
+entdeckte wenige Schritte vom Ufer einen <strong>Almandron</strong>
+(Juvia), einen prachtvollen Stamm der <em>Bertholletia
+excelsa</em>. Die Indianer vetsicherten uns, in San Francisco
+Solano, Vasiva und Esmeralda wisse man nichts davon, daß dieser
+kostbare Baum am Cassiquiare wachse. Sie glaubten übrigens nicht,
+daß der Baum, der über 60 Fuß hoch war, aus Saamen aufgewachsen,
+die zufällig ein Reisender verstreut. Nach Versuchen, die man in
+San Carlos gemacht, weiß man, daß die Bertholletia wegen der
+holzigten Fruchthülle und des leicht ranzigt werdenden Oels der
+Mandel sehr selten zum Keimen zu bringen ist. Vielleicht war dieser
+Stamm ein Anzeichen, daß tiefer im Lande gegen Ost und Nordost eine
+Waldung von Bertholletia besteht. Wir wissen wenigstens bestimmt,
+daß dieser schöne Baum unter dem dritten Grad der Breite in den
+Cerros von Guanaya wild vorkommt. Die gesellig lebenden Gewächse
+haben selten scharf abgeschnittene Grenzen, und häufig stößt man,
+bevor man zu einem <strong>Palmar</strong> oder einem
+<strong>Pinal</strong><sup><a href="#fn2" class="footnoteRef" id=
+"fnref2" name="fnref2">2</a></sup> gelangt, auf einzelne Palmen
+oder Fichten. Dieselben gleichen Colonisten, die in ein mit andern
+Gewächsen bevölkertes Land sich hinausgewagt haben.</p>
+<p>Vier Seemeilen von den Stromschnellen von Cananivacari stehen
+mitten in der Ebene seltsam gestaltete Felsen. Zuerst kommt eine
+schmale, 80 Fuß hohe senkrechte Mauer, und dann, am südlichen Ende
+derselben, erscheinen zwei Thürmchen mit fast horizontalen
+Granitschichten. Diese Felsen von Guanari sind so symmetrisch
+gruppirt, daß sie wie die Trümmer eines alten Gebäudes erscheinen.
+Sind es Ueberbleibsel von Eilanden in einem Binnenmeer, das einst
+das völlig ebene Land zwischen der Sierra Parime und der Sierra dos
+Parecis bedeckte,<sup><a href="#fn3" class="footnoteRef" id=
+"fnref3" name="fnref3">3</a></sup> oder wurden diese Felswände,
+diese Granitthürme von den elastischen Kräften, die noch immer im
+Innern unseres Planeten thätig sind, emporgehoben? Von selbst
+grübelt der Gedanke über die Entstehung der Berge, wenn man in
+Mexico Vulkane und Trachytgipfel aus einer langen Spalte stehen, in
+den Anden von Südamerika Urgebirgs- und vulkanische Bildungen in
+Einer Bergkette lang hingestreckt sah, wenn man der ungemein hohen
+Insel von drei Seemeilen Umfang gedenkt, die in jüngster Zeit bei
+Unalashka vom Boden des Weltmeeres aufgestiegen.</p>
+<p>Eine Zierde der Ufer des Cassiquiare ist die
+<strong>Chirivapalme</strong> mit gefiederten, an der untern Fläche
+silberweißen Blättern. Sonst besteht der Wald nur aus Bäumen mit
+großen lederartigen, glänzenden, nicht gezahnten Blättern. Diesen
+eigenthümlichen Charakter erhält die Vegetation am Rio Negro,
+Tuamini und Cassiquiare dadurch, daß in der Nähe des Aequators die
+Familien der Guttiferen, der Sapotillen und der Lorbeeren
+vorherrschen. Da der heitere Himmel uns eine schöne Nacht verhieß,
+schlugen wir schon um fünf Uhr Abends unser Nachtlager bei der
+<strong>Piedra de Culimacari</strong> auf, einem frei stehenden
+Granitfelsen, gleich allen zwischen Atabapo und Cassiquiare, deren
+ich Erwähnung gethan. Da wir die Flußkrümmungen aufnahmen, zeigte
+es sich, daß dieser Fels ungefähr unter dem Parallel der Mission
+San Francisco Solano liegt. In diesen wüsten Ländern, wo der Mensch
+bis jetzt nur flüchtige Spuren seines Daseyns hinterlassen hat,
+suchte ich meine Beobachtungen immer an einer Flußmündung oder am
+Fuße eines an seiner Gestalt leicht kenntlichen Felsen anzustellen.
+Nur solche von Natur unverrückbare Punkte können bei Entwerfung
+geographischer Karten als Grundlagen dienen.</p>
+<p>In der Nacht vom 10. zum 11. Mai konnte ich an α des südlichen
+Kreuzes die Breite gut beobachten; die Länge wurde, indessen nicht
+so genau, nach den zwei schönen Sternen an den Füßen des Centauren
+chronometrisch bestimmt. Durch diese Beobachtung wurde, und zwar
+für geographische Zwecke hinlänglich genau, die Lage der Mündung
+des Rio Pacimoni, der Schanze San Carlos und des Einflusses des
+Cassiquiare in den Rio Negro zumal ermittelt. Der Fels Culimacari
+liegt ganz genau unter 2°0′42″ der Breite und wahrscheinlich unter
+69°33′50″ der Länge. In zwei spanisch geschriebenen Abhandlungen,
+die ich dem Generalcapitän von Caracas und dem Minister
+Staatssekretär d’Urquijo überreicht, habe ich den Werth dieser
+astronomischen Bestimmungen für die Berichtigung der Grenzen der
+portugiesischen Colonien auseinandergesetzt. Zur Zeit von Solanos
+Expedition setzte man den Einfluß des Cassiquiare in den Rio Negro
+einen halben Grad nördlich vom Aequator, und obgleich die
+Grenzcommission niemals zu einem Endresultat gelangte, galt in den
+Missionen immer der Aequator als vorläufig anerkannte Grenze. Aus
+meinen Beobachtungen ergibt sich nun aber, daß San Carlos am Rio
+Negro, oder, wie man sich hier vornehm ausdrückt, die Grenzfestung
+keineswegs unter 0°20′, wie Pater Caulin behauptet, noch unter
+0°53′, wie La Cruz und Surville (die officiellen Geographen der
+<em>Real Expedition de limites</em>) annehmen, sondern unter
+1°53′42″ der Breite liegt. Der Aequator läuft also nicht nördlich
+vom portugiesischen Fort San Jose de Marabitanos, wie bis jetzt
+alle Karten mit Ausnahme der neuen Ausgabe der Arrowsmith’schen
+Karte angeben, sondern 25 Meilen weiter gegen Süd zwischen San
+Felipe und der Mündung des Rio Guape. Aus der handschriftlichen
+Karte Requenas, die ich besitze, geht hervor, daß diese Thatsache
+den portugiesischen Astronomen schon im Jahr 1783 bekannt war, also
+35 Jahre bevor man in Europa anfing dieselbe in die Karten
+aufzunehmen.</p>
+<p>Da man in der <em>Capitania general</em> von Caracas von jeher
+der Meinung war, der geschickte Ingenieur Don Gabriel Clavero habe
+die Schanze San Carlos del Rio Negro gerade auf die
+Aequinoctiallinie gebaut, und da in der Nähe derselben die
+beobachteten Breiten, nach La Condamine, gegen Süd zu groß
+angenommen waren, so war ich darauf gefaßt, den Aequator einen Grad
+nördlich von San Carlos, demnach an den Ufern des Temi und Tuamini
+zu finden. Schon die Beobachtungen in der Mission San Balthasar
+(Durchgang dreier Sterne durch den Meridian) ließen mich vermuthen,
+daß diese Annahme unrichtig sey; aber erst durch die Breite der
+Piedra Culimacari lernte ich die wirkliche Lage der Grenze kennen.
+Die Insel San Jose im Rio Negro, die bisher als Grenze zwischen den
+spanischen und portugiesischen Besitzungen galt, liegt wenigstens
+unter 1°38′ nördlicher Breite, und hätte Ituriagas und Solanos
+Commission ihre langen Verhandlungen zum Abschluß gebracht, wäre
+der Aequator vom Hofe zu Lissabon definitiv als Grenze beider
+Staaten anerkannt worden, so gehörten jetzt sechs portugiesische
+Dörfer und das Fort San Jose selbst, die nördlich vom Rio Guape
+liegen, der spanischen Krone. Was man damals mit ein paar genauen
+astronomischen Beobachtungen erworben hätte, ist von größerem
+Belang, als was man jezt besitzt; es ist aber zu hoffen, daß zwei
+Völker, welche auf einer ungeheuern Landstrecke Südamerikas
+ostwärts von den Anden die ersten Keime der Cultur gelegt haben,
+den Grenzstreit um einen 33 Meilen breiten Landstrich und um den
+Besitz eines Flusses, auf dem die Schifffahrt frei seyn muß, wie
+auf dem Orinoco und dem Amazonenstrom, nicht wieder aufnehmen
+werden.</p>
+<p>Am 12. Mai. Befriedigt vom Erfolg unserer Beobachtungen, brachen
+wir um halb zwei Uhr in der Nacht von der Piedra Culimacari aus.
+Die Plage der Moskitos, der wir jetzt wieder Unterlagen, wurde
+ärger, je weiter wir vom Rio Negro wegkamen. Im Thale des
+Cassiquiare gibt es keine Zancudos (<em>Culex</em>), aber die
+Insekten aus der Gattung <em>Simulium</em> und alle andern aus der
+Familie der <em>Tipulae</em> sind um so häufiger und
+giftiger.<sup><a href="#fn4" class="footnoteRef" id="fnref4" name=
+"fnref4">4</a></sup> Da wir, ehe wir in die Mission Esmeralda
+kamen, in diesem nassen, ungesunden Klima noch acht Nächte unter
+freiem Himmel zuzubringen hatten, so war es der Steuermann wohl
+zufrieden, die Fahrt so einzurichten, daß wir die Gastfreundschaft
+des Missionärs von Mandavaca in Anspruch nehmen und im Dorfe Vasiva
+Obdach finden konnten. Nur mit Anstrengung kamen wir gegen die
+Strömung vorwärts, die 9&nbsp;Fuß, an manchen Stellen, wo ich sie
+genau gemessen, 11&nbsp;Fuß 8&nbsp;Zoll in der Secunde, also gegen
+acht Seemeilen in der Stunde betrug. Unser Nachtlager war in
+gerader Linie schwerlich drei Meilen von der Mission Mandavaca
+entfernt, unsere Ruderer waren nichts weniger als unfleißig, und
+doch brauchten wir 14 Stunden zu der kurzen Strecke.</p>
+<p>Gegen Sonnenuntergang kamen wir an der Mündung des Rio Pacimoni
+vorüber. Es ist dieß der Fluß, von dem oben bei Gelegenheit des
+Handels mit Sarsaparille die Rede war<sup><a href="#fn5" class=
+"footnoteRef" id="fnref5" name="fnref5">5</a></sup> und der in so
+auffallender Weise (durch den Baria) mit dem Cababuri verzweigt
+ist. Der Pacimoni entspringt in einem bergigten Landstrich und aus
+der Vereinigung dreier kleiner Gewässer, die auf den Karten der
+Missionäre nicht verzeichnet sind. Sein Wasser ist schwarz, doch
+nicht so stark als das des See’s bei Vasiva, der auch in den
+Cassiquiare mündet. Zwischen diesen beiden Zuflüssen von Ost her
+liegt die Mündung des Rio Idapa, der weißes Wasser hat. Ich komme
+nicht darauf zurück, wie schwer es zu erklären ist, daß dicht neben
+einander verschieden gefärbte Flüsse vorkommen; ich erwähne nur,
+daß uns an der Mündung des Pacimoni und am Ufer des See’s Vasiva
+die Reinheit und ungemeine Durchsichtigkeit dieser braunen Wasser
+von Neuem auffiel. Bereits alte arabische Reisende haben die
+Bemerkung gemacht, daß der aus dem Hochgebirg kommende Nilarm, der
+sich bei Halfaja mit dem Behar-el-Abiad vereinigt, grünes Wasser
+hat, das so durchsichtig ist, daß man die Fische auf dem Grund des
+Flusses sieht.<sup><a href="#fn6" class="footnoteRef" id="fnref6"
+name="fnref6">6</a></sup></p>
+<p>Ehe wir in die Mission Mandavaca kamen, liefen wir durch
+ziemlich ungestüme Stromschnellen. Das Dorf, das auch Quirabuena
+heißt, zählt nur 60 Eingeborene. Diese christlichen Niederlassungen
+befinden sich meist in so kläglichem Zustande, daß längs des ganzen
+Cassiquiare auf einer Strecke von 50 Meilen keine 200 Menschen
+leben. Ja die Ufer dieses Flusses waren bevölkerter, ehe die
+Missionäre ins Land kamen. Die Indianer zogen sich in die Wälder
+gegen Ost, denn die Ebenen gegen West sind fast menschenleer. Die
+Eingeborenen leben einen Theil des Jahrs von den großen Ameisen,
+von denen oben die Rede war. Diese Insekten sind hier zu Lande so
+stark gesucht, wie in der südlichen Halbkugel die Spinnen der Sippe
+Epeira, die für die Wilden auf Neuholland ein Leckerbissen sind. In
+Mandavaca fanden wir den guten alten Missionär, der bereits »seine
+zwanzig Moskitojahre in den <em>Bosques del Cassiquiare</em>«
+zugebracht hatte, und dessen Beine von den Stichen der Insekten so
+gefleckt waren, daß man kaum sah, daß er eine weiße Haut hatte. Er
+sprach uns von seiner Verlassenheit, und wie er sich in der
+traurigen Nothwendigkeit sehe, in den beiden Missionen Mandavaca
+und Vasiva häufig die abscheulichsten Verbrechen straflos zu
+lassen. Vor wenigen Jahren hatte im letzteren Ort ein indianischer
+Alcade eines seiner Weiber verzehrt, die er in seinen
+<strong>Conuco</strong><sup><a href="#fn7" class="footnoteRef" id=
+"fnref7" name="fnref7">7</a></sup> hinausgenommen und gut genährt
+hatte, um sie fett zu machen. Wenn die Völker in Guyana
+Menschenfleisch essen, so werden sie nie durch Mangel oder durch
+gottesdienstlichen Aberglauben dazu getrieben, wie die Menschen auf
+den Südseeinseln; es beruht meist auf Rachsucht des Siegers und —
+wie die Missionäre sagen — auf »Verirrung des Appetits.« Der Sieg
+über eine feindliche Horde wird durch ein Mahl gefeiert, wobei der
+Leichnam eines Gefangenen zum Theil verzehrt wird. Ein andermal
+überfällt man bei Nacht eine wehrlose Familie oder tödtet einen
+Feind, auf den man zufällig im Walde stößt, mit einem vergifteten
+Pfeil. Der Leichnam wird zerstückt und als Trophäe nach Hause
+getragen. Erst die Cultur hat dem Menschen die Einheit des
+Menschengeschlechts zum Bewußtseyn gebracht und ihm offenbart, daß
+ihn auch mit Wesen, deren Sprache und Sitten ihm fremd sind, ein
+Band der Blutsverwandtschaft verbindet. Die Wilden kennen nur ihre
+Familie, und ein Stamm erscheint ihnen nur als ein größerer
+Verwandtschaftskreis. Kommen Indianer, die sie nicht kennen, aus
+dem Walde in die Mission, so brauchen sie einen Ausdruck, dessen
+naive Einfalt mir oft aufgefallen ist: »Gewiß sind dieß Verwandte
+von mir, denn ich verstehe sie, wenn sie mit mir sprechen.« Die
+Wilden verabscheuen Alles, was nicht zu ihrer Familie oder ihrem
+Stamme gehört, und Indianer einer benachbarten Völkerschaft, mit
+der sie im Kriege leben, jagen sie, wie wir das Wild. Die Pflichten
+gegen Familie und Verwandtschaft sind ihnen wohl bekannt,
+keineswegs aber die Pflichten der Menschlichkeit, die auf dem
+Bewußtseyn beruhen, daß alle Wesen, die geschaffen sind wie wir,
+Ein Band umschlingt. Keine Regung von Mitleid hält sie ab, Weiber
+oder Kinder eines feindlichen Stammes ums Leben zu bringen.
+Letztere werden bei den Mahlzeiten nach einem Gefecht oder einem
+Ueberfall vorzugsweise verzehrt.</p>
+<p>Der Haß der Wilden fast gegen alle Menschen, die eine andere
+Sprache reden und ihnen als <strong>Barbaren</strong> von
+niedrigerer Race als sie selbst erscheinen, bricht in den Missionen
+nicht selten wieder zu Tage, nachdem er lange geschlummert. Wenige
+Monate vor unserer Ankunft in Esmeralda war ein im
+Walde<sup><a href="#fn8" class="footnoteRef" id="fnref8" name=
+"fnref8">8</a></sup> hinter dem Duida gebotener Indianer allein
+unterwegs mit einem andern, der von den Spaniern am Ventuario
+gefangen worden war und ruhig im Dorfe, oder, wie man hier sagt,
+»unter der Glocke«, »debaxo de la campaña«, lebte. Letzterer konnte
+nur langsam gehen, weil er an einem Fieber litt, wie sie die
+Eingeborenen häufig befallen, wenn sie in die Missionen kommen und
+rasch die Lebensweise ändern.</p>
+<p>Sein Reisegefährte, ärgerlich über den Aufenthalt, schlug ihn
+todt und versteckte den Leichnam in dichtem Gebüsch in der Nähe von
+Esmeralda. Dieses Verbrechen, wie so manches dergleichen, was unter
+den Indianern vorfällt, wäre unentdeckt geblieben, hätte nicht der
+Mörder Anstalt gemacht, Tags darauf eine Mahlzeit zu halten. Er
+wollte seine Kinder, die in der Mission geboren und Christen
+geworden waren, bereden, mit ihm einige Stücke des Leichnams zu
+holen. Mit Mühe brachten ihn die Kinder davon ab, und durch den
+Zank, zu dem die Sache in der Familie führte, erfuhr der Soldat,
+der in Esmeralda lag, was die Indianer ihm gerne verborgen
+hätten.</p>
+<p>Anthropophagie und Menschenopfer, die so oft damit verknüpft
+sind, kommen bekanntlich überall auf dem Erdball und bei Völkern
+der verschiedensten Racen vor;<sup><a href="#fn9" class=
+"footnoteRef" id="fnref9" name="fnref9">9</a></sup> aber besonders
+auffallend erscheint in der Geschichte der Zug, daß die
+Menschenopfer sich auch bei bedeutendem Culturfortschritt erhalten,
+und daß die Völker, die eine Ehre darin suchen, ihre Gefangenen zu
+verzehren, keineswegs immer die versunkensten und wildesten sind.
+Diese Bemerkung hat etwas peinlich Ergreifendes, Niederschlagendes;
+sie entging auch nicht den Missionären, die gebildet genug sind, um
+über die Sitten der Völkerschaften, unter denen sie leben,
+nachzudenken. Die Cabres, die Guipunavis und die Caraiben waren von
+jeher mächtiger und civilisirter als die andern Horden am Orinoco,
+und doch sind die beiden ersteren Menschenfresser, während es die
+letzteren niemals waren. Man muß zwischen den verschiedenen
+Zweigen, in welche die große Familie der caraibischen Völker
+zerfällt, genau unterscheiden. Diese Zweige sind so zahlreich wie
+die Stämme der Mongolen und westlichen Tartaren oder Turcomannen.
+Die Caraiben auf dem Festlande, auf den Ebenen zwischen dem untern
+Orinoco, dem Rio Branco, dem Essequebo und den Quellen des Oyapoc
+verabscheuen die Sitte, die Gefangenen zu verzehren. Diese
+barbarische Sitte<sup><a href="#fn10" class="footnoteRef" id=
+"fnref10" name="fnref10">10</a></sup> bestand bei der Entdeckung
+von Amerika nur bei den Caraiben aus den antillischen Inseln. Durch
+sie sind die Worte Cannibalen, Caraiben und Menschenfresser
+gleichbedeutend geworden, und die von ihnen verübten Grausamkeiten
+veranlaßten das im Jahr 1504 erlassene Gesetz, das den Spaniern
+gestattet, jeden Amerikaner, der erweislich caraibischen Stammes
+ist, zum Sklaven zu machen. Ich glaube übrigens, daß die
+Menschenfresserei der Bewohner der Antillen in den Berichten der
+ersten Seefahrer stark übertrieben ist. Ein ernster, scharfsinniger
+Geschichtschreiber, Herera, hat sich nicht gescheut, diese
+Geschichten in die <em>Decades historicas</em> aufzunehmen; er
+glaubt sogar an den merkwürdigen Fall, der die Caraiben veranlaßt
+haben soll, ihrer barbarischen Sitte zu entsagen. »Die Eingeborenen
+einer kleinen Insel hatten einen Dominikanermönch verzehrt; den sie
+von der Küste von Portorico fortgeschleppt. Sie wurden alle krank,
+und mochten fortan weder Mönch noch Laien verzehren.«</p>
+<p>Wenn die Caraiben am Orinoco schon zu Anfang des sechzehnten
+Jahrhunderts andere Sitten hatten als die auf den Antillen, wenn
+sie immer mit Unrecht der Anthropophagie beschuldigt worden sind,
+so ist dieser Unterschied nicht wohl daher zu erklären, daß sie
+gesellschaftlich höher standen. Man begegnet den seltsamsten
+Contrasten in diesem Völkergewirre, wo die einen nur von Fischen,
+Affen und Ameisen leben, andere mehr oder weniger Ackerbauer sind,
+mehr oder weniger das Verfertigen und Bemalen von Geschirren, die
+Weberei von Hängematten und Baumwollenzeug als Gewerbe treiben.
+Manche der letzteren halten an unmenschlichen Gebräuchen fest, von
+denen die ersteren gar nichts wissen. Im Charakter und in den
+Sitten eines Volks wie in seiner Sprache spiegeln sich sowohl seine
+vergangenen Zustände als die gegenwärtigen; man müßte die ganze
+Geschichte der Gesittung oder der Verwilderung einer Horde kennen,
+man müßte den menschlichen Vereinen in ihrer ganzen Entwicklung und
+auf ihren verschiedenen Lebensstufen nachgehen können, wollte man
+Probleme lösen, die ewig Räthsel bleiben werden, wenn man nur die
+gegenwärtigen Verhältnisse ins Auge fassen kann.</p>
+<p>»Sie machen sich keine Vorstellung davon,« sagte der alte
+Missionär in Mandavaca, »wie verdorben diese <em>famiglia de
+Indios</em> ist. Man nimmt Leute von einem neuen Stamm im Dorfe
+auf; sie scheinen sanftmüthig, redlich, gute Arbeiter; man erlaubt
+ihnen einen Streifzug (<em>entrada</em>) mitzumachen, um
+Eingeborene einzubringen, und hat genug zu thun, zu verhindern, daß
+sie nicht alles, was ihnen in die Hände kommt, umbringen und Stücke
+der Leichname verstecken.« Denkt man über die Sitten dieser
+Indianer nach, so erschrickt man ordentlich über diese
+Verschmelzung von Gefühlen, die sich auszuschließen scheinen, über
+die Unfähigkeit dieser Völker, sich anders als nur theilweise zu
+humanisiren, über diese Uebermacht der Bräuche, Vorurtheile und
+Ueberlieferungen über die natürlichen Regungen des Gemüths. Wir
+hatten in unserer Pirogue einen Indianer, der vom Rio Guaisia
+entlaufen war und sich in wenigen Wochen soweit civilisirt hatte,
+daß er uns beim Aufstellen der Instrumente zu den nächtlichen
+Beobachtungen gute Dienste leisten konnte. Er schien so gutmüthig
+als gescheit und wir hatten nicht übel Lust, ihn in unsern Dienst
+zu nehmen. Wie groß war unser Verdruß, als wir im Gespräch mittelst
+eines Dolmetschers von ihm hören mußten, »das Fleisch der
+Manimondas-Affen sey allerdings schwärzer, er meine aber doch, es
+schmecke wie Menschenfleisch.« Er versicherte, »seine
+<strong>Verwandten</strong> (das heißt seine Stammverwandten) essen
+vom Menschen wie vom Bären die Handflächen am liebsten.« Und bei
+diesem Ausspruch äußerte er durch Geberden seine rohe Lust. Wir
+ließen den sonst sehr ruhigen und bei den kleinen Diensten, die er
+uns leistete, sehr gefälligen jungen Mann fragen, ob er hie und da
+noch Lust spüre, »Cheruvichahena-Fleisch zu essen;« er erwiederte
+ganz unbefangen, in der Mission werde er nur essen, was er <em>los
+padres</em> essen sehe. Den Eingeborenen wegen des abscheulichen
+Brauchs, von dem hier die Rede ist, Vorwürfe zu machen, hilft rein
+zu nichts; es ist gerade als ob ein Bramine vom Ganges, der in
+Europa reiste, uns darüber anließe, daß wir das Fleisch der Thiere
+essen. In den Augen des Indianers vom Rio Guaisia war der
+Cheruvichahena ein von ihm selbst völlig verschiedenes Wesen; ihn
+umzubringen war ihm kein größeres Unrecht, als die Jaguars im Walde
+umzubringen. Es war nur Gefühl für Anstand, wenn er, so lange er in
+der Mission war, nur essen wollte, was <em>los padres</em>
+genossen. Entlaufen die Eingeborenen zu den Ihrigen (<em>al
+monte</em>), oder treibt sie der Hunger, so werden sie alsbald
+wieder Menschenfresser wie zuvor. Und wie sollten wir uns über
+diesen Unbestand der Völker am Orinoco wundern, da uns aufs
+glaubwürdigste bezeugt ist, was sich in Hungersnoth bei
+civilisirten Völkern schon Gräßliches ereignet hat? In Egypten
+griff im dreizehnten Jahrhundert die Sucht, Menschenfleisch zu
+essen, unter allen Ständen um sich; besonders aber stellte man den
+Aerzten nach. Hatte einer Hunger, so gab er sich für krank aus und
+ließ einen Arzt rufen, aber nicht um sich bei ihm Raths zu erholen,
+sondern um ihn zu verzehren. Ein sehr glaubwürdiger Schriftsteller,
+Abd-Allatif, erzählt uns, »wie eine Sitte, die Anfangs Abscheu und
+Entsetzen einflößte, bald gar nicht mehr auffiel.«<sup><a href=
+"#fn11" class="footnoteRef" id="fnref11" name=
+"fnref11">11</a></sup></p>
+<p>So leicht die Indianer am Cassiquiare in ihre barbarischen
+Gewohnheiten zurückfallen, so zeigen sie doch in den Missionen
+Verstand und einige auch für Arbeit, besonders aber große
+Fertigkeit, sich spanisch auszudrücken. Da in den Dörfern meist
+drei vier Nationen beisammen leben, die einander nicht verstehen,
+so hat eine fremde Sprache, die zugleich die Sprache der
+bürgerlichen Behörde, des Missionärs ist, den Vortheil, daß sie als
+allgemeines Verkehrsmittel dient. Ich sah einen Poignave-Indianer
+sich spanisch mit einem Huairiba-Indianer unterhalten, und doch
+hatten beide erst seit drei Monaten ihre Wälder verlassen. Alle
+Viertelstunden brachten sie einen mühselig zusammengestammelten
+Satz zu Tage, und dabei war das Zeitwort, ohne Zweifel nach der
+Contur ihrer eigenen Sprachen, immer im Gerundium gesetzt.
+<em>Quando io mirando Padre. Padre me dimendo.</em> Statt: als ich
+den Pater sah, sagte er mir. Ich habe oben erwähnt, wie verständig
+mir die Idee der Jesuiten schien, eine der cultivirten
+amerikanischen Sprachen, etwa das Peruanische, die <em>lingua del
+Inga</em>, zur allgemeinen Sprache zu machen und die Indianer in
+einer Mundart zu unterrichten, die wohl in den Wurzeln, aber nicht
+im Bau und in den grammatischen Formen von den ihrigen abweicht.
+Man that damit nur, was die Incas oder priesterlichen Könige von
+Peru seit Jahrhunderten zur Ausführung gebracht, um die
+barbarischen Völkerschaften am obern Amazonenstrom unter ihrer
+Gewalt zu behalten und zu humanisiren, und solch ein System ist
+doch nicht ganz so seltsam als der Vorschlag, der auf einem
+Provinzialconcil in Mexico alles Ernstes gemacht worden, man solle
+die Eingeborenen Amerikas lateinisch sprechen lehren.</p>
+<p>Wie man uns sagte, zieht man am untern Orinoco, besonders in
+Angostura, die Indianer vom Cassiquiare und Rio Negro wegen ihres
+Verstandes und ihrer Rührigkeit den Bewohnern der andern Missionen
+vor. Die in Mandavaca sind bei den Völkern ihrer Race berühmt, weil
+sie ein Curare-Gift bereiten, das in der Stärke dem von Esmeralda
+nicht nachsteht. Leider geben sich die Eingeborenen damit weit mehr
+ab als mit dem Ackerbau, und doch ist an den Ufern des Cassiquiare
+der Boden ausgezeichnet. Es findet sich daselbst ein schwarzbrauner
+Granitsand, der in den Wäldern mit dicken Humusschichten, am Ufer
+mit einem Thon bedeckt ist, der fast kein Wasser durchläßt. Am
+Cassiquiare scheint der Boden fruchtbarer als im Thal des Rio
+Negro, wo der Mais ziemlich schlecht geräth. Reis, Bohnen,
+Baumwolle, Zucker und Indigo geben reichen Ertrag, wo man sie nur
+anzubauen versucht hat. Bei den Missionen San Miguel de Davipe, San
+Carlos und Mandavaca sahen wir Indigo wild wachsen. Es läßt sich
+nicht in Abrede ziehen, daß mehrere amerikanische Völker,
+namentlich die Mexicaner, sich lange vor der Eroberung zu ihren
+hieroglyphischen Malereien eines wirklichen Indigo bedienten, und
+daß dieser Farbstoff in kleinen Broden auf dem großen Markt von
+Tenochtitlan verkauft wurde. Aber ein chemisch identischer
+Farbstoff kann aus Pflanzen gezogen werden, die einander nahe
+stehenden Gattungen angehören, und so möchte ich jetzt nicht
+entscheiden, ob die in Amerika einheimischen <em>Indigofera</em>
+sich nicht generisch von <em>Indigofera anil</em> und
+<em>Indigofera argentea</em> der alten Welt unterscheiden. Bei den
+Kaffeebäumen der beiden Welten ist ein solcher Unterschied wirklich
+beobachtet.</p>
+<p>Die feuchte Luft und, als natürliche Folge davon, die Masse von
+Insekten lassen hier wie am Rio Negro neue Culturen fast gar nicht
+aufkommen. Selbst bei hellem, blauem Himmel sahen wir das Delucsche
+Hygrometer niemals unter 52 Grad stehen. Ueberall trifft man jene
+großen Ameisen, die in gedrängten Haufen einherziehen und sich
+desto eifriger über die Culturpflanzen hermachen, da dieselben
+krautartig und saftreich sind, während in den Wäldern nur Gewächse
+mit holzigten Stengeln stehen. Will ein Missionär versuchen, Salat
+oder irgend ein europäisches Küchenkraut zu ziehen, so muß er
+seinen Garten gleichsam in die Luft hängen. Er füllt ein altes
+Canoe mit gutem Boden und hängt es vier Fuß über dem Boden an
+Chiquichiquistricken auf; meist aber stellt er es auf ein leichtes
+Gerüste. Die jungen Pflanzen sind dabei vor Unkraut, vor Erdwürmern
+und vor den Ameisen geschützt, die immer geradeaus ziehen, und da
+sie nicht wissen, was über ihnen wächst, nicht leicht von ihrem
+Wege ablenken, um an Pfählen ohne Rinde hinaufzukriechen. Ich
+erwähne dieses Umstandes zum Beweis, wie schwer es unter den
+Tropen, an den Ufern der großen Ströme dem Menschen Anfangs wird,
+wenn er es versucht, in diesem unermeßlichen Naturgebiete, wo die
+Thiere herrschen und der wilde Pflanzenwuchs den Boden überwuchert,
+einen kleinen Erdwinkel sich zu eigen zu machen.</p>
+<p>Am 13. Mai. Ich hatte in der Nacht einige gute
+Sternbeobachtungen machen können, leider die letzten am
+Cassiquiare. Mandavaca liegt unter 2°47′ der Breite und, nach dem
+Chronometer, 69°27′ der Länge. Die Inclination der Magnetnadel fand
+ich gleich 25°25. Dieselbe hatte also seit der Schanze San Carlos
+bedeutend zugenommen; Das anstehende Gestein war indessen derselbe,
+etwas hornblendehaltige Granit, den wir in Javita getroffen, und
+der syenitartig aussieht. Wir brachen von Mandavaca um zwei ein
+halb Uhr in der Nacht auf. Wir hatten noch acht ganze Tage mit der
+Strömung des Cassiquiare zu kämpfen, und das Land, durch das wir zu
+fahren hatten, bis wir wieder nach San Fernando de Atabapo kamen,
+ist so menschenleer, daß wir erst nach dreizehn Tagen hoffen
+durften wieder zu einem Observanten, zum Missionär von Santa
+Barbara zu gelangen. Nach sechsstündiger Fahrt liefen wir am
+Einfluß des Rio Jdapa oder Siapa vorbei, der ostwärts aus dem Berg
+Unturan entspringt und zwischen dessen Quellen und dem Rio Mavaca,
+der in den Orinoco läuft, ein Trageplatz ist. Dieser Fluß hat
+weißes Wasser; er ist nur halb so breit als der Pacimoni, dessen
+Wasser schwarz ist. Sein oberer Lauf ist auf den Karten von La Cruz
+und Surville, die allen späteren als Vorbild gedient haben, seltsam
+entstellt. Ich werde, wenn von den Quellen des Orinoco die Rede
+ist, Gelegenheit finden, von den Voraussetzungen zu sprechen die zu
+diesen Irrthümern Anlaß gegeben haben. Hätte Pater Caulin die Karte
+sehen können, die man seinem Werke beigegeben, so hätte er sich
+wohl nicht wenig gewundert, daß man darin die Fictionen wieder
+aufgenommen, die er mit zuverlässigen, an Ort und Stelle
+eingezogenen Nachrichten widerlegt hat. Dieser Missionär sagt
+lediglich, der Idapa entspringe in einem bergigten Land, bei dem
+die Amuisanas-Indianer hausen. Aus diesen Indianern wurden
+Amoizanas oder Amazonas gemacht, und den Rio Idapa ließ man aus
+einer Quelle entspringen, die am Flecke selbst, wo sie aus der Erde
+sprudelt, sich in zwei Zweige theilt, die nach gerade
+entgegengesetzten Seiten laufen. Eine solche Gabelung einer Quelle
+ist ein reines Phantasiebild.</p>
+<p>Wir übernachteten unter freiem Himmel beim Raudal des Cunuri.
+Das Getöse des kleinen Katarakts wurde in der Nacht auffallend
+stärker. Unsere Indianer behaupteten, dieß sey ein sicheres
+Vorzeichen des Regens. Ich erinnerte mich, daß auch die Bewohner
+der Alpen auf dieses Wetterzeichen<sup><a href="#fn12" class=
+"footnoteRef" id="fnref12" name="fnref12">12</a></sup> sehr viel
+halten. Wirklich regnete es lange vor Sonnenaufgang. Uebrigens
+hatte uns das lange anhaltende Geheul der Araguatos, lange bevor
+der Wasserfall lauter wurde, verkündet, daß ein Regenguß im Anzug
+sey.</p>
+<p>Am 14. Mai. Die Moskitos und mehr noch die Ameisen jagten uns
+vor zwei Uhr in der Nacht vom Ufer. Wir hatten bisher geglaubt, die
+letzteren kriechen nicht an den Stricken der Hängematten hinauf; ob
+dieß nun aber unbegründet ist, oder ob die Ameisen aus den
+Baumgipfeln auf uns herabfielen, wir hatten vollauf zu thun, uns
+dieser lästigen Insekten zu entledigen. Je weiter wir fuhren, desto
+schmaler wurde der Fluß und die Ufer waren so sumpfigt, daß
+Bonpland sich nur mit großer Mühe an den Fuß einer mit großen
+purpurrothen Blüthen bedeckten <em>Carolinea princeps</em>
+durcharbeiten konnte. Dieser Baum ist die herrlichste Zierde der
+Wälder hier und am Rio Negro. Wir untersuchten mehrmals am Tage die
+Temperatur des Cassiquiare. Das Wasser zeigte an der Oberfläche nur
+24° (in der Luft stand der Thermometer auf 25°,6), also ungefähr so
+viel als der Rio Negro, aber 4—5° weniger als der Orinoco. Nachdem
+wir westwärts die Mündung des Caño Caterico, der schwarzes,
+ungemein durchsichtiges Wasser hat, hinter uns gelassen, verließen
+wir das Flußbett und landeten an einer Insel, auf der die Mission
+Vasiva liegt. Der See, der die Mission umgibt, ist eine Meile breit
+und hängt durch drei Canäle mit dem Cassiquiare zusammen. Das Land
+umher ist sehr sumpfigt und fiebererzeugend. Der See, dessen Wasser
+bei durchgehendem Lichte gelb ist, trocknet in der heißen
+Jahreszeit aus und dann können es selbst die Indianer in den
+Miasmen, welche sich aus dem Schlamm entwickeln, nicht aushalten.
+Daß gar kein Wind weht, trägt viel dazu bei, daß diese Landstriche
+so ungemein ungesund sind. Ich habe die Zeichnung des Grundrisses
+von Vasiva, den ich am Tage unserer Ankunft aufgenommen, stechen
+lassen. Das Dorf wurde zum Theil an einen trockeneren Platz gegen
+Nord verlegt, und daraus entspann sich ein langer Streit zwischen
+dem Statthalter von Guyana und den Mönchen. Der Statthalter
+behauptete, letzteren stehe nicht das Recht zu, ohne Genehmigung
+der bürgerlichen Behörde ihre Dörfer zu verlegen; da er aber gar
+nicht wußte, wo der Cassiquiare liegt, richtete er seine Beschwerde
+an den Missionär von Carichana, der 150 Meilen von Vasiva haust und
+nicht begriff, von was es sich handelte. Dergleichen geographische
+Mißverständnisse kommen sehr häufig vor, wo die Leute fast nie im
+Besitz einer Karte der Länder sind, die sie zu regieren haben. Im
+Jahr 1785 übertrug man die Mission Padamo dem Pater Valor mit der
+Weisung, »sich unverzüglich zu den Indianern zu verfügen, die ohne
+Seelenhirten seyen.« Und seit länger als fünfzehn Jahren gab es
+kein Dorf Padamo mehr und die Indianer waren <em>al monte</em>
+gelaufen.</p>
+<p>Vom 14. bis 21. Mai brachten wir die Nacht immer unter freiem
+Himmel zu — ich kann aber die Orte, wo wir unser Nachtlager
+aufschlugen, nicht angeben. Dieser Landstrich ist so wild und so
+wenig von Menschen betreten, daß die Indianer, ein paar Flüsse
+ausgenommen, keinen der Punkte, die ich mit dem Compaß aufnahm, mit
+Namen zu nennen wußten. Einen ganzen Grad weit konnte ich durch
+keine Sternbeobachtung die Breite bestimmen. Oberhalb des Punktes,
+wo der Itinivini vom Cassiquiare abgeht und westwärts den
+Granithügeln von Daripabo zuläuft, sahen wir die sumpfigten Ufer
+des Stroms mit Bambusrohr bewachsen. Diese baumartigen Gräser
+werden 20 Fuß hoch; ihr Halm ist gegen die Spitze immer umgebogen.
+Es ist eine neue Art <em>Bambusa</em> mit sehr breiten Blättern.
+Bonpland war so glücklich, ein blühendes Exemplar zu finden. Ich
+erwähne dieses Umstandes, weil die Gattungen <em>Nastus</em> und
+<em>Bambusa</em> bis jetzt sehr schlecht auseinander gehalten
+waren, und man in der neuen Welt diese gewaltigen Gräser ungemein
+selten blühend antrifft. Mutis botanisirte zwanzig Jahre in einem
+Land, wo die <em>Bambusa Guadua</em> mehrere Meilen breite
+sumpfigte Wälder bildet, und war nie im Stande einer Blüthe habhaft
+zu werden. Wir schickten diesem Gelehrten die ersten Bambusa-Aehren
+aus den gemäßigten Thälern von Popayan. Wie kommt es, daß sich die
+Befruchtungsorgane so selten bei einer Pflanze entwickeln, die im
+Lande zu Hause ist und vom Meeresspiegel bis in 900 Toisen Höhe
+äußerst kräftig wächst, also in eine subalpinische Region
+hinaufreicht, wo unter den Tropen das Klima dem des mittägigen
+Spaniens gleicht? Die <em>Bambusa latifolia</em> scheint den Becken
+des obern Orinoco, des Cassiquiare und des Amazonenstroms
+eigenthümlich zu seyn; es ist ein geselliges Gewächs, wie alle
+Gräser aus der Familie der Nastoiden; aber in dem Striche von
+spanisch Guyana, durch den wir gekommen, tritt sie nicht in den
+gewaltigen Massen auf, welche die Hispano-Amerikaner
+<strong>Guaduales</strong> oder Bambuswälder nennen.</p>
+<p>Unser erstes Nachtlager oberhalb Vasiva war bald aufgeschlagen.
+Wir trafen einen kleinen trockenen, von Büschen freien Fleck
+südlich vom Caño Curamuni, an einem Ort, wo wir
+Kapuzineraffen,<sup><a href="#fn13" class="footnoteRef" id=
+"fnref13" name="fnref13">13</a></sup> kenntlich am schwarzen Bart
+und der trübseligen, scheuen Miene, langsam auf den horizontalen
+Aesten einer Genipa hin und hergehen sahen. Die fünf folgenden
+Nächte wurden immer beschwerlicher, je näher wir der Gabeltheilung
+des Orinoco kamen. Die Ueppigkeit des Pflanzenwuchses steigerte
+sich in einem Grade, von dem man sich keinen Begriff macht, selbst
+wenn man mit dem Anblick der tropischen Wälder vertraut ist. Ein
+Gelände ist gar nicht mehr vorhanden; ein Pfahlwerk aus
+dichtbelaubten Bäumen bildet das Flußufer. Man hat einen 200 Toisen
+breiten Canal vor sich, den zwei ungeheure mit Laub und Lianen
+bedeckte Wände einfassen; Wir versuchten öfters zu landen, konnten
+aber nicht aus dem Canoe kommen. Gegen Sonnenuntergang fuhren wir
+zuweilen eine Stunde lang am Ufer hin, um, nicht eine Lichtung
+(dergleichen gibt es gar nicht), sondern nur einen weniger dicht
+bewachsenen Fleck zu entdecken, wo unsere Indianer mit der Axt so
+weit aufräumen konnten, um für 12 bis 13 Personen ein Lager
+aufzuschlagen. In der Pirogue konnten wir die Nacht unmöglich
+zubringen. Die Moskitos, die uns den Tag über plagten, setzten sich
+gegen Abend haufenweise unter den <strong>Toldo</strong>,
+d.&nbsp;h. unter das Dach aus Palmblättern, das uns vor dem Regen
+schützte. Rio waren uns Hände und Gesicht so stark geschwollen
+gewesen. Pater Zea, der sich bis dahin immer gerühmt, er habe in
+seinen Missionen an den Katarakten die größten und wildesten
+(<em>las mas feroces</em>) Moskitos, gab nach und nach zu, nie
+haben ihn die Insektenstiche ärger geschmerzt, als hier am
+Cassiquiare. Mitten im dicken Walde konnten wir uns nur mit
+schwerer Mühe Brennholz verschaffen; denn in diesen Ländern am
+Aequator, wo es beständig regnet, sind die Baumzweige so saftreich,
+daß sie fast gar nicht brennen. Wo es keine trockenen Ufer gibt,
+findet man auch so gut wie kein altes Holz, das, wie die Indier
+sagen, <strong>an der Sonne gekocht</strong> ist. Feuer bedurften
+wir übrigens nur als Schutzwehr gegen die Thiere des Waldes; unser
+Vorrath an Lebensmitteln war so gering, daß wir zur Zubereitung der
+Speisen des Feuers ziemlich hätten entbehren können.</p>
+<p>Am 18. Mai gegen Abend kamen wir an einen Ort, wo wilde
+Cacaobäume das Ufer säumen. Die Bohne derselben ist klein und
+bitter; die Indianer in den Wäldern saugen das Mark aus und werfen
+die Bohnen weg, und diese werden von den Indianern in den Missionen
+aufgelesen und an solche verkauft, die es bei der Bereitung ihrer
+Chokolate nicht genau nehmen. »Hier ist der <strong>Puerto del
+Cacao</strong>,« sagte der Steuermann, »hier übernachten <em>los
+Padres</em>, wenn sie nach Esmeralda fahren, um Blaseröhren und
+<strong>Juvia</strong> (die wohlschmeckenden Mandeln der
+<em>Bertholletia</em>) zu kaufen.« Indessen befahren im Jahre nicht
+fünf Canoes den Cassiquiare, und seit Maypures, also seit einem
+Monat, war uns auf den Flüssen, die wir hinauffuhren, keine Seele
+begegnet, außer in der nächsten Nähe der Missionen. Südwärts vom
+See Duractumini übernachteten wir in einem Palmenwalde. Der Regen
+goß in Strömen herab; aber die Pothos, die Arum und die
+Schlinggewächse bildeten eine natürliche, so dichte Laube, daß wir
+darunter Schutz fanden, wie unter dichtbelaubten Bäumen. Die
+Indianer, die am Ufer lagen, hatten Heliconien und Musaceen in
+einander verschlungen und damit über ihren Hängematten eine Art
+Dach gebildet. Unsere Feuer beleuchteten auf 50, 60 Fuß Höhe die
+Palmstämme, die mit Blüthen bedeckten Schlinggewächse und die
+weißlichten Rauchsäulen, die gerade gen Himmel stiegen; ein
+prachtvoller Anblick, aber um desselben mit Ruhe zu genießen, hätte
+man eine Luft athmen müssen, die nicht von Insekten wimmelte.</p>
+<p>Unter allen körperlichen Leiden wirken diejenigen am
+niederschlagendsten, die in ihrer Dauer immer dieselben sind, und
+gegen die es kein Mittel gibt als Geduld. Die Ausdünstungen in den
+Wäldern am Cassiquiare haben wahrscheinlich bei Bonpland den Keim
+zu der schweren Krankheit gelegt, der er bei unserer Ankunft in
+Angostura beinahe erlegen wäre. Zu unserem Glück ahnte er so wenig
+als ich die Gefahr, die ihm drohte. Der Anblick des Flusses und das
+Summen der Moskitos kamen uns allerdings etwas einförmig vor; aber
+unser natürlicher Frohsinn war nicht ganz gebrochen und half uns
+über die lange Oede weg. Wir machten die Bemerkung, daß wir uns den
+Hunger auf mehrere Stunden vertrieben, wenn wir etwas trockenen
+geriebenen Cacao ohne Zucker aßen. Die Ameisen und die Moskitos
+machten uns mehr zu schaffen als die Nässe und der Mangel an
+Nahrung. So großen Entbehrungen wir auch auf unsern Zügen in den
+Cordilleren ausgesetzt gewesen, die Flußfahrt von Mandavaca nach
+Esmeralda erschien uns immer als das beschwerdereichste Stück
+unseres Aufenthalts in Amerika. Ich rathe den Reisenden, den Weg
+über den Cassiquiare dem über den Atabapo nicht vorzuziehen, sie
+müßten denn sehr großes Verlangen haben, die große Gabeltheilung
+des Orinoco mit eigenen Augen zu sehen.</p>
+<p>Oberhalb des Caño Duractumuni läuft der Cassiquiare geradeaus
+von Nordost nach Südwest. Hier hat man am rechten Ufer mit dem Bau
+des neuen Dorfes Vasiva begonnen. Die Missionen Pacimona, Capivari,
+Buenaguardia, so wie die angebliche Schanze am See bei Vasiva auf
+unsern Karten sind lauter Fictionen. Es fiel uns auf, wie stark
+durch die raschen Anschwellungen des Cassiquiare die beiderseitigen
+Uferabhänge unterhöhlt waren. Entwurzelte Bäume bilden wie
+natürliche Flöße; sie stecken halb im Schlamm und können den
+Piroguen sehr gefährlich werden. Hätte man das Unglück, in diesen
+unbewohnten Strichen zu scheitern, so verschwände man ohne Zweifel,
+ohne daß eine Spur des Schiffbruchs verriethe, wo und wie man
+untergegangen. Man erführe nur an der Küste, und das sehr spät, ein
+Canoe, das von Vasiva abgegangen, sey hundert Meilen weiterhin, in
+den Missionen Santa Barbara und San Fernando de Atabapo nicht
+gesehen worden.</p>
+<p>Die Nacht des 20. Mai, die letzte unserer Fahrt auf dem
+Cassiquiare, brachten wir an der Stelle zu, wo der Orinoco sich
+gabelt. Wir hatten einige Aussicht, eine astronomische Beobachtung
+machen zu können; denn ungewöhnlich große Sternschnuppen
+schimmerten durch die Dunsthülle, die den Himmel umzog. Wir
+schlossen daraus, die Dunstschicht müsse sehr dünn seyn, da man
+solche Meteore fast niemals unter dem Gewölk sieht. Die uns zu
+Gesicht kamen, liefen nach Nord und folgten auf einander fast in
+gleichen Pausen. Die Indianer, welche die Zerrbilder ihrer
+Phantasie nicht leicht durch den Ausdruck veredeln, nennen die
+Sternschnuppen den <strong>Urin</strong> und den Thau den
+<strong>Speichel der Sterne</strong>. Aber das Gewölk wurde wieder
+dicker und wir sahen weder die Meteore mehr noch die wahren Sterne,
+deren wir seit mehreren Tagen mit so großer Ungeduld harrten.</p>
+<p>Man hatte uns gesagt, in Esmeralda werden wir die Insekten »noch
+grausamer und gieriger« finden, als auf dem Arm des Orinoco, den
+wir jetzt hinauffuhren; trotz dieser Aussicht erheiterte uns die
+Hoffnung, endlich einmal wieder an einem bewohnten Orte schlafen
+und uns beim Botanisiren einige Bewegung machen zu können. Beim
+letzten Nachtlager am Cassiquiare wurde unsere Freude getrübt. Ich
+nehme keinen Anstand, hier einen Vorfall zu erzählen, der für den
+Leser von keinem großen Belang ist, der aber in einem Tagebuch, das
+die Begebnisse auf der Fahrt durch ein so wildes Land schildert,
+immerhin eine Stelle finden mag. Wir lagerten am Waldsaum. Mitten
+in der Nacht meldeten uns die Indianer, man höre den Jaguar ganz in
+der Nähe brüllen, und zwar von den nahestehenden Bäumen herab. Die
+Wälder sind hier so dicht, daß fast keine andern Thiere darin
+vorkommen, als solche, die auf die Bäume klettern, Vierhänder,
+Cercolepten, Viverren und verschiedene Katzenarten. Da unsere Feuer
+hell brannten, und da man durch lange Gewöhnung Gefahren, die
+durchaus nicht eingebildet sind, ich möchte sagen, systematisch
+nicht achten lernt, so machten wir uns aus dem Brüllen der Jaguars
+nicht viel. Der Geruch und die Stimme unseres Hundes hatten sie
+hergelockt. Der Hund (eine große Dogge) bellte Anfangs; als aber
+der Tiger näher kam, fing er an zu heulen und kroch unter unsere
+Hängematten, als wollte er beim Menschen Schutz suchen. Seit unsern
+Nachtlagern am Rio Apure waren wir daran gewöhnt, bei dem Thier,
+das jung, sanftmüthig und sehr einschmeichelnd war, in dieser Weise
+Muth und Schüchternheit wechseln zu sehen. Wie groß war unser
+Verdruß, als uns am Morgen, da wir eben das Fahrzeug besteigen
+wollten, die Indianer meldeten, der Hund sey verschwunden! Es war
+kein Zweifel, die Jaguars hatten ihn fortgeschleppt. Vielleicht war
+er, da er sie nicht mehr brüllen hörte, von den Feuern weg dem Ufer
+zu gegangen; vielleicht aber auch hatten wir den Hund nicht winseln
+hören, da wir im tiefsten Schlafe lagen. Am Orinoco und am
+Magdalenenstrom versicherte man uns oft, die ältesten Jaguars (also
+solche, die viele Jahre bei Nacht gejagt haben) seyen so
+verschlagen, daß sie mitten aus einem Nachtlager Thiere
+herausholen, indem sie ihnen den Hals zudrücken, damit sie nicht
+schreien können. Wir warteten am Morgen lange, in der Hoffnung, der
+Hund möchte sich nur verlaufen haben. Drei Tage später kamen wir an
+denselben Platz zurück. Auch jetzt hörten wir die Jaguars wieder
+brüllen, denn diese Thiere haben eine Vorliebe für gewisse Orte;
+aber all unser Suchen war vergeblich. Die Dogge, die seit Caracas
+unser Begleiter gewesen und so oft schwimmend den Krokodilen
+entgangen war, war im Walde zerrissen worden. Ich erwähne dieses
+Vorfalls nur, weil er einiges Licht auf die Kunstgriffe dieser
+großen Katzen mit geflecktem Fell wirft.</p>
+<p>Am 21. Mai liefen wir drei Meilen unterhalb der Mission
+Esmeralda wieder in das Bett des Orinoco ein. Vor einem Monat
+hatten wir diesen Fluß bei der Einmündung des Guaviare verlassen.
+Wir hatten nun noch 750 Seemeilen<sup><a href="#fn14" class=
+"footnoteRef" id="fnref14" name="fnref14">14</a></sup> nach
+Angostura, aber es ging den Strom abwärts, und dieser Gedanke war
+geeignet, uns unsere Leiden erträglicher zu machen. Fährt man die
+großen Ströme hinab, so bleibt man im Thalweg, wo es nur wenige
+Moskitos gibt; stromaufwärts dagegen muß man sich, um die Wirbel
+und Gegenströmungen zu benützen, nahe am Ufer halten, wo es wegen
+der Nähe der Wälder und des organischen Detritus, der aufs Ufer
+geworfen wird, von Mücken wimmelt.<sup><a href="#fn15" class=
+"footnoteRef" id="fnref15" name="fnref15">15</a></sup> Der Punkt,
+wo die vielberufene Gabeltheilung des Orinoco stattfindet, gewährt
+einen ungemein großartigen Anblick. Am nördlichen Ufer erheben sich
+hohe Granitberge; in der Ferne erkennt man unter denselben den
+Maraguaca und den Duida. Auf dem linken Ufer des Orinoco, westlich
+und südlich von der Gabelung, sind keine Berge bis dem Einfluß des
+Tamatama gegenüber. Hier liegt der Fels Guaraco, der in der
+Regenzeit zuweilen Feuer speien soll. Da wo der Orinoco gegen Süd
+nicht mehr von Bergen umgeben ist und er die Oeffnung eines Thals
+oder vielmehr einer Senkung erreicht, welche sich nach dem Rio
+Negro hinunterzieht, theilt er sich in zwei Aeste. Der Hauptast
+(der Rio Paragua der Indianer) setzt seinen Lauf
+west-nord-westwärts um die Berggruppe der Parime herum fort; der
+Arm, der die Verbindung mit dem Amazonenstrom herstellt, läuft über
+Ebenen, die im Ganzen ihr Gefäll gegen Süd haben, wobei aber die
+einzelnen Gehänge im Cassiquiare gegen Südwest, im Becken des Rio
+Negro gegen Südost fallen. Eine scheinbar so auffallende
+Erscheinung, die ich an Ort und Stelle untersucht habe, verdient
+ganz besondere Aufmerksamkeit, um so mehr, als sie über ähnliche
+Fälle, die man im innern Afrika beobachtet zu haben glaubt, einigen
+Aufschluß geben kann. Ich beschließe dieses Capitel mit allgemeinen
+Betrachtungen über das <strong>hydraulische System</strong> von
+spanisch Guyana, und versuche es, durch Anführung von Fällen auf
+dem alten Continent darzuthun, daß diese Gabeltheilung, die für die
+Geographen, welche Karten von Amerika entwarfen, so lange ein
+Schreckbild war, immerhin etwas Seltenes ist, aber in beiden
+Halbkugeln vorkommt.</p>
+<p>Wir sind gewöhnt, die europäischen Flüsse nur in dem Theil ihres
+Laufs zu betrachten, wo sie zwischen zwei Wasserscheiden liegen,
+somit in Thäler eingeschlossen sind; wir beachten nicht, daß, die
+Bodenhindernisse, welche Nebenflüsse und Hauptwasserbehälter
+ablenken, gar nicht so oft Bergketten sind, als vielmehr sanfte
+Böschungen von Gegenhängen; und so fällt es uns schwer, uns eine
+Vorstellung davon zu machen, wie in der neuen Welt die Ströme sich
+so stark krümmen, sich gabelig theilen und in einander münden
+sollen. An diesem ungeheuern Continent fällt die weite Erstreckung
+und Einförmigkeit seiner Ebenen noch mehr auf als die riesenhafte
+Höhe seiner Cordilleren. Erscheinungen, wie wir sie in unserer
+Halbkugel an den Meeresküsten oder in den Steppen von Bactriana um
+Binnenmeere, um den Aral und das caspische Meer beobachten, kommen
+in Amerika drei-, vierhundert Meilen von den Strommündungen vor.
+Die kleinen Bäche, die sich durch unsere Wiesengründe (die
+vollkommensten Ebenen bei uns) schlängeln, geben im Kleinen ein
+Bild jener Verzweigungen und Gabeltheilungen; man hält es aber
+nicht der Mühe werth, bei solchen Kleinigkeiten zu verweilen, und
+so fällt einem bei den hydraulischen Systemen der beiden Welten
+mehr der Contrast auf als die Analogie. Die Vorstellung, der Rhein
+könnte an die Donau, die Weichsel an die Oder, die Seine an die
+Loire einen Arm abgeben, erscheint uns auf den ersten Blick so
+ausschweifend, daß wir, wenn wir auch nicht daran zweifeln, daß
+Orinoco und Amazonenstrom in Verbindung stehen, den Beweis
+verlangen, daß was wirklich ist, auch möglich ist.</p>
+<p>Fährt man über das Delta des Orinoco nach Angostura und zum
+Einfluß des Rio Apure hinauf, so hat man die hohe Gebirgskette der
+Parime fortwährend zur Linken. Diese Kette bildet nun keineswegs,
+wie mehrere berühmte Geographen angenommen haben, eine
+Wasserscheide zwischen dem Becken des Orinoco und dem des
+Amazonenstroms, vielmehr entspringen am Südabhang derselben die
+Quellen des ersteren Stroms. Der Orinoco beschreibt (ganz wie der
+Arno in der bekannten <strong>Voltata</strong> zwischen Bibieno und
+Ponta Sieve) drei Viertheile eines Ovals, dessen große Achse in der
+Richtung eines Parallels liegt. Er läuft um einen Bergstock herum,
+von dessen beiden entgegengesetzten Abhängen die Gewässer ihm
+zulaufen. Von den« Alpenthälern des Maraguaca an läuft der Fluß
+zuerst gegen West oder West-Nord-West, als sollte er sich in die
+Südsee ergießen; darauf, beim Einfluß des Guaviare, fängt er an
+nach Nord umzubiegen und läuft in der Richtung eines Meridians bis
+zur Mündung des Apure, wo ein zweiter »Wiederkehrungspunkt« liegt.
+Auf diesem Stücke seines Laufs füllt der Orinoco eine Art
+<strong>Rinne</strong>, die durch das sanfte Gefälle, das sich von
+der sehr fernen Andenkette von Neu-Grenada herunterzieht, und durch
+den ganz kurzen Gegenhang, der ostwärts zur steilen Gebirgswand der
+Parime hinaufläuft, gebildet wird. In Folge dieser Bodenbildung
+kommen die bedeutendsten Zuflüsse dem Orinoco von Westen herzu. Da
+der Hauptbehälter ganz nahe an den Gebirgen der Parime liegt, um
+die er sich von Süd nach Nord herumbiegt (als sollte er
+Portocabello an der Nordküste von Venezuela zu laufen), so ist sein
+Bett von Felsmassen verstopft. Dieß ist der Strich der großen
+Katarakten; der Strom bricht sich brüllend Bahn durch die
+Ausläufer, die gegen West fortstreichen, so daß aus der großen
+»Land-Meerenge«<sup><a href="#fn16" class="footnoteRef" id=
+"fnref16" name="fnref16">16</a></sup> (<em>détroit terrestre</em>)
+zwischen den Cordilleren von Neu-Grenada und der Sierra Parime die
+Felsen am westlichen Ufer des Stroms noch dieser Sierra angehören.
+Beim Einfluß des Rio Apure sieht man nun den Orinoco zum
+zweitenmal, und fast plötzlich, aus seiner Richtung von Süd nach
+Nord in die von West nach Ost umbiegen, wie weiter oben der Einfluß
+des Guaviare den Punkt bezeichnet, wo der westliche Lauf rasch zum
+nördlichen wird. Bei diesen beiden Biegungen wird die Richtung des
+Hauptbehälters nicht allein durch den Stoß der Gewässer des
+Nebenflusses bestimmt, sondern auch durch die eigenthümliche Lage
+der Hänge und Gegenhänge, die sowohl auf die Richtung der
+Nebenflüsse als auf die des Orinoco selbst ihren Einfluß äußern.
+Umsonst sieht man sich bei diesen geographisch so wichtigen
+»Wiederkehrungspunkten« nach Bergen oder Hügeln um, die den Strom
+seinen bisherigen Lauf nicht fortsetzen ließen. Beim Einfluß des
+Guaviare sind keine vorhanden, und bei der Mündung des Apure konnte
+der niedrige Hügel von Cabruta auf die Richtung des Orinoco sicher
+keinen Einfluß äußern. Diese Veränderungen der Richtung sind Folgen
+allgemeinerer Ursachen; sie rühren her von der Lage der großen
+geneigten Ebenen, aus denen die polyedrische Fläche der Niederungen
+besteht. Die Bergketten steigen nicht wie Mauern auf wagrechten
+Grundflächen empor; ihre mehr oder weniger prismatischen Stöcke
+stehen immer auf Plateaux, und diese Plateaux streichen mit
+stärkerer oder geringerer Abdachung dem Thalweg des Stromes zu. Der
+Umstand, daß die Ebenen gegen die Berge ansteigen, ist somit die
+Ursache, daß sich die Flüsse so selten an den Bergen selbst brechen
+und den Einfluß dieser Wasserscheiden, so zu sagen, in bedeutender
+Entfernung fühlen. Geographen, welche Topographie nach der Natur
+studirt und selbst Bodenvermessungen vorgenommen haben, können sich
+nicht wundern, daß auf Karten, auf denen wegen ihres Maßstabes ein
+Gefälle von 3—5 Grad sich nicht angeben läßt, die Ursachen der
+großen Flußkrümmungen materiell gar nicht ersichtlich sind. Der
+Orinoco läuft von der Mündung des Apure bis zu seinem Ausfluß an
+der Ostküste von Amerika parallel mit seiner anfänglichen Richtung,
+aber derselben entgegen; sein Thalweg wird dort gegen Norden durch
+eine fast unmerkliche Abdachung, die sich gegen die Küstenkette von
+Venezuela hinaufzieht, gegen Süden durch den kurzen steilen
+Gegenhang an der Sierra Parime gebildet. In Folge dieser
+eigenthümlichen Terrainbildung umgibt der Orinoco denselben
+granitischen Gebirgsstock in Süd, West und Nord, und befindet sich
+nach einem Lauf von 1350 Seemeilen (zu 950 Toisen) 300 Seemeilen
+von seinem Ursprung. Es ist ein Fluß, dessen Mündung bis auf zwei
+Grad im Meridian seiner Quellen liegt.</p>
+<p>Der Lauf des Orinoco, wie wir ihn hier flüchtig geschildert,
+zeigt drei sehr bemerkenswerthe Eigenthümlichkeiten: 1) daß er dem
+Bergstock, um den er in Süd, West und Nord herläuft, immer so nahe
+bleibt; 2) daß seine Quellen in einem Landstrich liegen, der, wie
+man glauben sollte, dem Becken des Rio Negro und des Amazonenstroms
+angehört; 3) daß er sich gabelt und einem andern Flußsystem einen
+Arm zusendet. Nach bloß theoretischen Vorstellungen sollte man
+annehmen, die Flüsse, wenn sie einmal aus den Alpenthälern heraus
+sind, in deren obern Enden sie entsprungen, müßten rasch von den
+Bergen weg auf einer mehr oder weniger geneigten Ebene fortziehen,
+deren stärkster Fall senkrecht ist auf die große Achse der Kette
+oder die Hauptwasserscheide. Eine solche Voraussetzung widerspräche
+aber dem Verhalten der großartigsten Ströme Indiens und Chinas. Es
+ist eine Eigenthümlichkeit dieser Flüsse, daß sie nach ihrem
+Austritt aus dem Gebirge mit der Kette parallel laufen. Die Ebenen
+deren Gehänge gegen die Gebirge ansteigen, sind am Fuße derselben
+unregelmäßig gestaltet. Nicht selten mag die Erscheinung, von der
+hier die Rede ist, von der Beschaffenheit des geschichteten
+Gesteins und daher rühren, daß die Schichten den großen Ketten
+parallel streichen; da aber der Granit der Sierra Parime fast
+durchaus massig, nicht geschichtet ist, so deutet der Umstand, daß
+der Orinoco sich so nahe um diesen Gebirgsstock herumschlingt, auf
+eine Terrainsenkung hin, die mit einer allgemeineren geologischen
+Erscheinung zusammenhängt, auf eine Ursache, die vielleicht bei der
+Bildung der Cordilleren selbst im Spiele war. In den Meeren und den
+Binnenseen finden sich die tiefsten Stellen da, wo die Ufer am
+höchsten und steilsten sind. Fährt man von Esmeralda nach Angostura
+den Orinoco hinab, so sieht man (ob die Richtung West, Nord oder
+Ost ist) 250 Meilen weit am rechten Ufer beständig sehr hohe Berge,
+am linken dagegen Ebenen, so weit das Auge reicht. Die Linie der
+größten Tiefen, die Maxima der Senkung liegen also am Fuß der
+Cordillere selbst, am Umriß der Sierra Parime.</p>
+<p>Eine andere Eigenthümlichkeit, die uns auf den ersten Anblick am
+Laufe des Orinoco auffällig erscheint, ist, daß das Becken dieses
+Stroms ursprünglich mit dem Becken eines andern, des
+Amazonenstroms, zusammenzufallen scheint. Wirft man einen Blick auf
+die Karte, so sieht man, daß der obere Orinoco von Ost nach West
+über dieselbe Ebene läuft, durch die der Amazonenstrom parallel mit
+ihm, aber in entgegengesetzter Richtung, von West nach Ost zieht.
+Aber das Becken ist nur scheinbar ein gemeinschaftliches; man darf
+nicht vergessen, daß die großen Bodenflächen, die wir Ebenen
+nennen, ihre Thäler haben, so gut wie die Berge. Jede Ebene besteht
+aus verschiedenen Systemen alternativer Hänge,<sup><a href="#fn17"
+class="footnoteRef" id="fnref17" name="fnref17">17</a></sup> und
+diese Systeme sind von einander durch <strong>secundäre</strong>
+Wasserscheiden von so geringer Höhe getrennt, daß das Auge sie fast
+nicht bemerkt. Eine ununterbrochene, waldbedeckte Ebene füllt den
+ungeheuern Raum zwischen dem 3½ Grad nördlicher und dem
+14.&nbsp;Grad südlicher Breite, zwischen der Cordillere der Parime
+und der Cordillere von Chiquitos und der brasilianischen. Bis zum
+Parallel der Quellen des Rio Temi (2°45′ nördlicher Breite), auf
+einer Oberfläche von 204,000 Quadratmeilen,<sup><a href="#fn18"
+class="footnoteRef" id="fnref18" name="fnref18">18</a></sup> laufen
+alle Gewässer dem Amazonenstrom als Hauptbehälter zu; aber weiter
+gegen Norden hat in Folge eigenthümlicher Terrainbildung auf einer
+Fläche von nicht 1500 Quadratmeilen ein anderer großer Strom, der
+Orinoco, sein eigenes hydraulisches System. Die Centralebene von
+Südamerika umfaßt also zwei <strong>Strombecken</strong>; denn ein
+Becken ist die Gesammtheit aller umliegenden Bodenflächen, deren
+stärkste Falllinien dem Thalweg, das heißt der Längenvertiefung,
+welche das Bett des Hauptbehälters bildet, zulaufen. Auf dem kurzen
+Strich zwischen dem 68&nbsp;und 70.&nbsp;Grad der Länge nimmt der
+Orinoco die Gewässer auf, die vom Südabhang der Cordillere der
+Parime herabkommen; aber die Nebenflüsse, die am selben Abhang
+östlich vom Meridian von 68° zwischen dem Berge Maraguaca und den
+Bergen des portugiesischen Guyana entspringen, gehen in den
+Amazonenstrom. Also nur auf einer 50 Meilen langen Strecke haben in
+diesem ungeheuern Thal unter dem Aequator die Bodenflächen zunächst
+am Fuß der Cordillere der Parime ihren stärksten Fall in einer
+Richtung, die <strong>aus dem Thal hinaus</strong> zuerst
+nordwärts, dann ostwärts weist. In Ungarn sehen wir einen
+ähnlichen, sehr merkwürdigen Fall, wo Flüsse, die südwärts von
+einer Bergkette entspringen, dem hydraulischen System des Nordhangs
+angehören. Die Wasserscheide zwischen dem baltischen und dem
+schwarzen Meer liegt südlich vom Tatra, einem Ausläufer der
+Carpathen, zwischen Teplicz und Ganocz, auf einem nur 300 Toisen
+hohen Plateau. Waag und Hernad laufen südwärts der Donau zu,
+während der Poprad um das Tatragebirge gegen West herumläuft und
+mit dem Dunajetz nordwärts der Weichsel zufließt. Der Poprad, der
+seiner Lage nach zu den Gewässern zu gehören scheint, die dem
+schwarzen Meer zufließen, trennt sich scheinbar vom Becken
+derselben los und wendet sich dem baltischen Meere zu.</p>
+<p>In Südamerika enthält eine ungeheure Ebene das Becken des
+Amazonenstroms und einen Theil des Beckens des Orinoco; aber in
+Deutschland, zwischen Melle und Osnabrück, haben wir den seltenen
+Fall, daß ein sehr enges Thal die Becken zweier kleiner, von
+einander unabhängiger Flüsse verbindet. Die Else und die Haase
+laufen Anfangs nahe bei einander und parallel von Süd nach Nord; wo
+sie aber in die Ebene treten, weichen sie nach Ost und West
+auseinander und schließen sich zwei ganz gesonderten Flußsystemen,
+dem der Werra und dem der Ems, an.</p>
+<p>Ich komme zur dritten Eigenthümlichkeit im Laufe des Orinoco, zu
+jener Gabeltheilung, die man im Moment, da ich nach Amerika
+abreiste, wieder in Zweifel gezogen hatte. Diese Gabeltheilung
+(<em>divergium amnis</em>) liegt nach meinen astronomischen
+Beobachtungen in der Mission Esmeralda unter dem 3°10′ nördlicher
+Breite und dem 68°37′ westlicher Länge vom Meridian von Paris. Im
+Innern von Südamerika erfolgt dasselbe, was wir unter allen
+Landstrichen an den Küsten vorkommen sehen. Nach den einfachsten
+geometrischen Grundsätzen haben wir anzunehmen, daß die
+Bodenbildung und der Stoß der Zuflüsse die Richtung der strömenden
+Gewässer nach festen, gleichförmigen Gesetzen bestimmen. Die
+<strong>Deltas</strong> entstehen dadurch, daß auf der Ebene eines
+Küstenlandes eine Gabeltheilung erfolgt, und bei näherer
+Betrachtung zeigen sich zuweilen in der Nähe dieser oceanischen
+Gabelung Verzweigungen mit andern Flüssen, von denen Arme nicht
+weit abliegen. Kommen nun aber Bodenflächen, so eben wie das
+Küstenland, im Innern der Festländer gleichfalls vor, so müssen
+sich dort auch dieselben Erscheinungen wiederholen. Aus denselben
+Ursachen, welche an der Mündung eines großen Stroms Gabeltheilungen
+herbeiführen, können dergleichen auch an seinen Quellen und in
+seinem obern Laufe entstehen. Drei Umstände tragen vorzugsweise
+dazu bei: die höchst unbedeutenden wellenförmigen Steigungen und
+Senkungen einer Ebene, die zwei Strombecken zugleich umfaßt, die
+Breite des einen der Hauptbehälter, und die Lage des Thalwegs am
+Rande selbst, der beide Becken scheidet.</p>
+<p>Wenn die Linie des stärksten Falls durch einen gegebenen Punkt
+läuft, und wenn sie, noch so weit verlängert, nicht auf den Fluß
+trifft, so kann dieser Punkt, er mag noch so nahe am Thalweg
+liegen, nicht wohl demselben Becken angehören. In anstoßenden
+Becken sehen wir häufig die Zuflüsse des einen Behälters ganz nahe
+bei dem andern zwischen zwei Zuflüssen des letzteren entspringen.
+In Folge dieser eigenthümlichen Coordinationsverhältnisse zwischen
+den alternativen Gehängen werden die Grenzen der Becken mehr oder
+weniger gekrümmt. Die Längenfurche oder der Thalweg ist keineswegs
+nothwendig in der Mitte des Beckens; er befindet sich nicht einmal
+immer an den tiefsten Stellen, denn diese können von Kämmen umgeben
+seyn, so daß die Linien des stärksten Falls nicht hinlaufen. Nach
+der ungleichen Länge der Zuflüsse an beiden Ufern eines Flusses
+schätzen wir ziemlich sicher, welche Lage der Thalweg den Grenzen
+des Beckens gegenüber hat. Am leichtesten erfolgt nun eine
+Gabeltheilung, wenn der Hauptbehälter einer dieser Grenzen nahe
+gerückt ist, wenn er längs dem Kamm hinläuft, der die Wasserscheide
+zwischen beiden Becken bildet. Die geringste Erniedrigung dieses
+Kamms kann dann die Erscheinung herbeiführen, von der hier die Rede
+ist, wenn nicht der Fluß, vermöge der einmal angenommenen
+Geschwindigkeit, ganz in seinem Bette zurückbleibt. Erfolgt aber
+die Gabeltheilung, so läuft die Grenze zwischen beiden Becken der
+Länge nach durch das Bett des Hauptbehälters, und ein Theil des
+Thalwegs von a enthält Punkte, von denen die Linien des stärksten
+Falls zum Thalweg von b weisen. Der Arm, der sich absondert, kann
+nicht mehr zu a zurückkommen, denn ein Wasserfaden, der einmal in
+ein Becken gelangt ist, kann diesem nicht mehr entweichen, ohne
+durch das Bett des Flusses, der alle Gewässer desselben vereinigt,
+hindurchzugehen.</p>
+<p>Es ist nun noch zu betrachten, in wie fern die Breite eines
+Flusses unter sonst gleichen Umständen die Bildung solcher
+Gabeltheilungen begünstigt, welche, gleich den <strong>Kanälen mit
+Theilungspunkten</strong>, in Folge der natürlichen Bodenbildung
+eine schiffbare Linie zwischen zwei benachbarten Strombecken
+herstellen. Sondirt man einen Fluß nach dem Querdurchschnitt, so
+zeigt sich, daß sein Bett gewöhnlich aus mehreren Rinnen von
+ungleicher Tiefe besteht. Je breiter der Strom ist, desto mehr sind
+dieser Rinnen; sie laufen sogar große Strecken weit mehr oder
+weniger einander parallel. Es folgt daraus, daß die meisten Flüsse
+betrachtet werden können als aus mehreren dicht an einander
+gerückten Kanälen bestehend, und daß eine Gabelung sich bildet,
+wenn ein kleiner Bodenabschnitt am Ufer niedriger liegt, als der
+Grund einer Seitenrinne. Den hier auseinandergesetzten
+Verhältnissen zufolge bilden sich Flußgabelungen entweder im selben
+Becken oder auf der Wasserscheide zwischen zweien. Im ersteren Fall
+sind es entweder Arme, die in den Thalweg, von dem sie sich
+abgezweigt, früher oder später wieder einmünden, oder aber Arme,
+die sich mit weiter abwärts gelegenen Nebenflüssen vereinigen.
+Zuweilen sind es auch Deltas,<sup><a href="#fn19" class=
+"footnoteRef" id="fnref19" name="fnref19">19</a></sup> die sich
+entweder nahe der Mündung der Flüsse ins Meer oder beim
+Zusammenfluß mit einem andern Strom bilden. Erfolgt die Gabelung an
+der Grenze zweier Becken, und läuft diese Grenze durch das Bett des
+Hauptbehälters selbst, so stellt der sich abzweigende Arm eine
+hydraulische Verbindung zwischen zwei Flußsystemen her und verdient
+desto mehr unsere Aufmerksamkeit, je breiter und schiffbarer er
+ist. Nun ist aber der Cassiquiare zwei- bis dreimal breiter als die
+Seine beim <em>Jardin des plantes</em> in Paris, und zum Beweis,
+wie merkwürdig dieser Fluß ist, bemerke ich, daß eine sorgfältige
+Forschung nach Fällen von Gabeltheilungen im Innern der Länder,
+selbst zwischen weit weniger bedeutenden Flüssen, ihrer bis jetzt
+nur drei bis vier unzweifelhaft zu Tage gefördert hat. Ich spreche
+nicht von den Verzweigungen der großen indisch-chinesischen Flüsse,
+von den natürlichen Canälen, durch welche die Flüsse in Ava und
+Pegu, wie in Siam und Cambodja zusammenzuhängen scheinen; die Art
+dieser Verbindungen ist noch nicht gehörig aufgeklärt. Ich
+beschränke mich darauf, einer hydraulischen Erscheinung zu
+erwähnen, welche durch Baron Hermelins schöne Karten von Norwegen
+nach allen Theilen bekannt geworden ist. In Lappland sendet der
+Torneofluß einen Arm (den Tärendo-Elf) zum Calix-Elf, der ein
+kleines hydraulisches System für sich bildet. Dieser Cassiquiare
+der nördlichen Zone ist nur 10—12 Meilen lang, er macht aber alles
+Land am bothnischen Busen zu einer wahren Flußinsel. Durch Leopold
+von Buch wissen wir, daß die Existenz dieses natürlichen Canals
+lange so hartnäckig geläugnet wurde, wie die eines Arms des
+Orinoco, der in das Becken des Amazonenstroms läuft. Eine andere
+Gabeltheilung, die wegen des alten Verkehrs zwischen den Völkern
+Latiums und Etruriens noch mehr Interesse hat, scheint ehemals am
+Thrasimenischen See stattgefunden zu haben. Auf seiner
+vielberufenen <strong>Voltata</strong> von Süd nach West und Nord
+zwischen Bibieno und Ponta Sieve theilte sich der Arno bei Arezzo
+in zwei Arme, deren einer, wie jetzt, über Florenz und Pisa dem
+Meere zulief, während der andere durch das Thal von Chiana floß und
+sich mit dem Tiber vereinigte, entweder unmittelbar oder durch die
+Paglia als Zwischenglied. Fossombroni hat dargethan, wie sich im
+Mittelalter durch Anschwemmungen im Thal von Chiana eine
+Wasserscheide bildete, und wie jetzt das nördliche Stück des
+<strong>Arno Teverino</strong> von Süd nach Nord (auf dem
+Gegenhang) aus dem kleinen See von Montepulciano in den Arno
+fließt. So hatte denn der klassische Boden Italiens neben so vielen
+Wundern der Natur und der Kunst auch eine Gabeltheilung
+aufzuweisen, wie sie in den Wäldern der neuen Welt in ungleich
+größerem Maßstab auftritt.</p>
+<p>Ich bin nach meiner Rückkehr vom Orinoco oft gefragt worden, ob
+ich glaube, daß der Canal des Cassiquiare allmählig durch
+Anschwemmungen verstopft werden möchte, ob ich nicht der Ansicht
+sey, daß die zwei größten Flußsysteme Amerikas unter den Tropen im
+Laufe der Jahrhunderte sich ganz von einander trennen werden. Da
+ich es mir zum Gesetz gemacht habe, nur Thatsächliches zu
+beschreiben und die Verhältnisse, die in verschiedenen Ländern
+zwischen der Bodenbildung und dem Laufe der Gewässer bestehen, zu
+vergleichen, so habe ich alles bloß Hypothetische zu vermeiden.
+Zunachst bemerke ich, daß der Cassiquiare in seinem gegenwärtigen
+Zustand keineswegs <em>placidus et mitissimus amnis</em> ist, wie
+es bei den Poeten Latiums heißt; er gleicht durchaus nicht dem
+<em>errans languido flumine Cocytus</em>, da er im größten Theile
+seines Laufs die ungemeine Geschwindigkeit von 6—8 Fuß in der
+Sekunde hat. Es ist also wohl nicht zu fürchten, daß er ein mehrere
+hundert Toisen breites Bett ganz verstopft. Dieser Arm des obern
+Orinoco ist eine zu großartige Erscheinung, als daß die kleinen
+Umwandlungen, die wir an der Erdoberfläche vorgehen sehen,
+demselben ein Ende machen oder auch nur viel daran verändern
+könnten. Wir bestreiten nicht, vollends wenn es sich von minder
+breiten und sehr langsam strömenden Gewässern handelt, daß alle
+Flüsse eine Neigung haben, ihre Verzweigungen zu vermindern und
+ihre Becken zu isoliren. Die majestätischsten Ströme erscheinen,
+wenn man die steilen Hänge der alten weitab liegenden Ufer
+betrachtet, nur als Wasserfäden, die sich durch Thäler winden, die
+sie selbst sich nicht haben graben können. Der heutige Zustand
+ihres Bettes weist deutlich darauf hin, daß die strömenden Gewässer
+allmählig abgenommen haben. Ueberall treffen wir die Spuren alter
+ausgetrockneter Arme und Gabelungen, für die kaum ein historisches
+Zeugniß vorliegt. Die verschiedenen, mehr oder weniger parallelen
+Rinnen, aus denen die Betten der amerikanischen Flüsse bestehen,
+und die sie weit wasserreicher erscheinen lassen, als sie wirklich
+sind, verändern allgemach ihre Richtung; sie werden breiter und
+verschmelzen dadurch, daß die Längsgräten zwischen denselben
+abbröckeln. Was anfangs nur ein Arm war, wird bald der einzige
+Wasserbehälter, und bei Strömen, die langsam ziehen, verschwinden
+die Gabeltheilungen oder Verzweigungen zwischen zwei hydraulischen
+Systemen auf dreierlei Wegen: entweder der
+<strong>Verbindungscanal</strong> zieht den ganzen gegabelten Strom
+in sein Becken hinüber, oder der Canal verstopft sich durch
+Anschwemmungen an der Stelle, wo er vom Strome abgeht, oder endlich
+in der Mitte seines Laufs bildet sich ein Querkamm, eine
+Wasserscheide, wodurch das obere Stück einen Gegenhang erhält und
+das Wasser in umgekehrter Richtung zurückfließt. Sehr niedrige und
+großen periodischen Ueberschwemmungen ausgesetzte Länder, wie
+Guyana in Amerika und Dar-Saley oder Baghermi in
+Afrika,<sup><a href="#fn20" class="footnoteRef" id="fnref20" name=
+"fnref20">20</a></sup> geben uns ein Bild davon, wie viel häufiger
+dergleichen Verbindungen durch natürliche Canäle früher gewesen
+seyn mögen als jetzt.</p>
+<p>Nachdem ich die Gabeltheilung des Orinoco aus dem Gesichtspunkt
+der <strong>vergleichenden Hydrographie</strong> betrachtet, habe
+ich noch kurz die Geschichte der Entdeckung dieses merkwürdigen
+Phänomens zu besprechen. Es ging mit der Verbindung zwischen zwei
+großen Flußsystemen wie mit dem Lauf des Nigers gegen Ost. Man
+mußte mehreremale entdecken, was auf den ersten Anblick der
+Analogie und angenommenen Hypothesen widersprach. Als bereits durch
+Reisende ausgemacht war, auf welche Weise Orinoco und Amazonenstrom
+zusammenhängen, wurde noch, und zwar zu wiederholtenmalen
+bezweifelt, ob die Sache überhaupt möglich sey. Eine Bergkette, die
+der Geograph Hondius zu Ende des sechzehnten Jahrhunderts als
+Grenzscheide beider Flüsse gefabelt hatte, wurde bald angenommen,
+bald geläugnet. Man dachte nicht daran, daß selbst wenn diese Berge
+vorhanden wären, deßhalb die beiden hydraulischen Systeme nicht
+nothwendig getrennt feyn müßten, da ja die Gewässer durch die
+Cordillere der Anden und die Himalayakette,<sup><a href="#fn21"
+class="footnoteRef" id="fnref21" name="fnref21">21</a></sup> die
+höchste bekannte der Welt, sich Bahn gebrochen haben. Man
+behauptete, und nicht ohne Grund, Fahrten, die mit demselben Canoe
+sollten gemacht worden seyn, schließen die Möglichkeit nicht aus,
+daß die Wasserstraße durch Trageplätze unterbrochen gewesen. Ich
+habe diese so lange bestrittene Gabeltheilung nach ihrem ganzen
+Verhalten selbst beobachtet, bin aber deßhalb weit entfernt,
+Gelehrte zu tadeln, die, gerade weil es ihnen nur um die Wahrheit
+zu thun war, Bedenken trugen, als wirklich gelten zu lassen, was
+ihnen noch nicht genau genug untersucht zu seyn schien.</p>
+<p>Da der Amazonenstrom von den Portugiesen und den Spaniern schon
+lange befahren wurde, ehe die beiden Nebenbuhler den obern Orinoco
+kennen lernten, so kam die erste unsichere Kunde von der
+Verzweigung zweier Ströme von der Mündung des Rio Negro nach
+Europa. Die Conquistadoren und mehrere Geschichtschreiber, wie
+Herera, Fray Pedro Simon und der Pater Garcia, verwechselten unter
+den Namen <strong><em>Rio Grande</em></strong> und <strong><em>Mar
+dulce</em></strong> den Orinoco und den Maragnon. Der Name des
+ersteren Flusses kommt noch nicht einmal auf Diego Riberos
+vielberufener Karte von Amerika aus dem Jahr 1529 vor. Durch die
+Expeditionen des Orellana (1540) und des Lope de Aguirre (1560)
+erfuhr man nichts über die Gabeltheilung des Orinoco; da aber
+Aguirre so auffallend schnell die Insel Margarita erreicht hatte,
+glaubte man lange, derselbe sey nicht durch eine der großen
+Mündungen des Amazonenstromes, sondern durch eine Flußverbindung im
+Innern auf die See gelangt. Der Jesuit Acuña hat solches als
+Behauptung aufgestellt; aber das Ergebniß meiner Nachforschungen in
+den Schriften der frühesten Geschichtschreiber der Eroberung
+spricht nicht dafür. »Wie kann man glauben,« sagt dieser Missionär,
+»daß Gott es zugelassen, daß ein Tyrann es hinausführe und die
+schöne Entdeckung der Mündung des Maragnon mache!« Acuña setzt
+voraus, Aguirre sey durch den Rio Felipe an die See gelangt, und
+dieser Fluß »sey nur wenige Meilen von Cabo del Norte
+entfernt.«</p>
+<p>Ralegh brachte auf verschiedenen Fahrten, die er selbst gemacht
+oder die auf seine Kosten unternommen worden, nichts über eine
+hydraulische Verbindung zwischen Orinoco und Amazonenstrom in
+Erfahrung; aber sein Unterbefehlshaber Keymis, der aus Schmeichelei
+(besonders aber wegen des Vorgangs, daß der Maragnon nach Orellana
+benannt worden) dem Orinoco den Namen <strong>Raleana</strong>
+beigelegt, bekam zuerst eine unbestimmte Vorstellung von den
+Trageplätzen zwischen dem Essequebo, dem Carony und dem Rio Branco
+oder Parime. Aus diesen Trageplätzen machte er einen großen
+Salzsee, und in dieser Gestalt erschienen sie auf der Karte, die
+1599 nach Raleghs Berichten entworfen wurde. Zwischen Orinoco und
+Amazonenstrom zeichnet man eine Cordillere ein, und statt der
+wirklichen Gabelung gibt Hondius eine andere, völlig eingebildete
+an: er läßt den Amazonenstrom (mittelst des Rio Tocantines) mit dem
+Parana und dem San Francisco in Verbindung treten. Diese Verbindung
+blieb über ein Jahrhundert auf den Karten stehen, wie auch eine
+angebliche Gabeltheilung des Magdalenenstroms, von dem ein Arm zum
+Golf von Maracaybo laufen sollte.</p>
+<p>Im Jahr 1639 machten die Jesuiten Christoval de Acuña und Andres
+de Artedia, im Gefolge des Capitäns Texeira, die Fahrt von Quito
+nach Gran-Para. Am Einfluß des Rio Negro in den Amazonenstrom
+erfuhren sie, »ersterer Fluß, von den Eingeborenen wegen der
+braunen Farbe seines sehr hellen Wassers
+<strong>Curiguacura</strong> oder <strong>Uruna</strong> genannt,
+gebe einen Arm an den <strong>Rio Grande</strong> ab, der sich in
+die nördliche See ergießt und an dessen Mündung sich holländische
+Niederlassungen befinden.« Acuña gibt den Rath, »nicht am Einfluß
+des Rio Negro in den Amazonenstrom, sondern am Punkt, wo der
+Verbindungsast abgeht,« eine Festung zu bauen. Er bespricht die
+Frage, was wohl dieser Rio Grande seyn möge, und kommt zum Schluß,
+der Orinoco sey es sicher nicht, vielleicht aber der <strong>Rio
+Dulce</strong> oder der <strong>Rio de Felipe</strong>, derselbe,
+durch den Aguirre zur See gekommen. Letztere dieser Annahmen
+scheint ihm die wahrscheinlichste. Man muß bei dergleichen Angaben
+unterscheiden zwischen dem, was die Reisenden an der Mündung des
+Rio Negro von den Indianern erfahren, und dem, was jene nach den
+Vorstellungen, die ihnen der Zustand der Geographie zu ihrer Zeit
+an die Hand gab, selbst hinzusetzten. Ein Flußarm, der vom Rio
+Negro abgeht, soll sich in einen sehr großen Fluß ergießen, der in
+das nördliche Meer läuft an einer Küste, auf der <strong>Menschen
+mit rothen Haaren</strong> wohnen; so bezeichneten die Indianer die
+Holländer, da sie gewöhnt waren, nur <strong>Weiße mit schwarzen
+oder braunen Haaren</strong>, Spanier oder Portugiesen, zu sehen.
+Wir kennen nun aber jetzt, vom Einfluß des Rio Negro in den
+Amazonenstrom bis zum Caño Pimichin, auf dem ich in den ersteren
+Fluß gekommen, alle Nebenflüsse von Nord und Ost her. Nur ein
+einziger darunter, der Cassiquiare, steht mit einem andern Fluß in
+Verbindung. Die Quellen des Rio Branco sind auf den neuen Karten
+des brasilianischen hydrographischen Depots sehr genau aufgenommen,
+und wir wissen, daß dieser Fluß keineswegs durch einen See mit dem
+Carony, dem Essequebo oder irgend einem andern Gewässer der Küste
+von Surinam und Cayenne in Verbindung steht. Eine hohe Bergkette,
+die von Pacaraymo, liegt zwischen den Quellen des Paraguamusi
+(eines Nebenflusses des Carony) und denen des Rio Branco, wie es
+von Don Antonio Santos auf seiner Reise von Angostura nach
+Gran-Para im Jahr 1775 ausgemacht worden. Südwärts von der
+Bergkette Pacaraymo und Quimiropaca besindet sich ein Trageplatz
+von drei Tagereisen zwischen dem Sarauri (einem Arm des Rio Branco)
+und dem Rupunuri (einem Arm des Essequebo). Ueber diesen Trageplatz
+kam im Jahr 1759 der Chirurg Nicolas Hortsmann, ein Hildesheimer,
+dessen Tagebuch ich in Händen gehabt; es ist dieß derselbe Weg, auf
+dem Don Francisco Jose Rodrigues Barata, Obristlieutenant des
+ersten Linienregiments in Para, im Jahr 1793 im Auftrag seiner
+Regierung zweimal vom Amazonenstrom nach Surinam ging. In noch
+neuerer Zeit, im Februar 1811, kamen englische und holländische
+Colonisten zum Trageplatz am Rupunuri und ließen den Befehlshaber
+am Rio Negro um die Erlaubniß bitten, zum Rio Branco sich begeben
+zu dürfen; der Commandant willfahrte dem Gesuch und so kamen die
+Colonisten in ihren Canoes zum Fort San Joaquin am Rio Branco. Wir
+werden in der Folge noch einmal auf diese Landenge zurückkommen,
+einen theils bergigten, theils sumpfigten Landstrich, auf den
+Kaymis (der Verfasser des Berichts von Raleghs zweiter Reise) den
+Dorado und die große Stadt Manoa verlegt, der aber, wie wir jetzt
+bestimmt wissen, die Quellen des Carony, des Rupunuri und des Rio
+Branco trennt, die drei verschiedenen Flußsystemen angehören, dem
+Orinoco, dem Essequebo und dem Rio Negro oder Amazonenstrom.</p>
+<p>Aus dem Bisherigen geht hervor, daß die Eingeborenen, die
+Texeira und Acuña von der Verbindung zweier großen Ströme sprachen,
+vielleicht selbst über die Richtung des Cassiquiare im Irrthum
+waren, oder daß Acuña ihre Aeußerungen mißverstanden hat. Letzteres
+ist um so wahrscheinlicher, da ich, wenn ich mich, gleich dem
+spanischen Reisenden, eines Dolmetschers bediente, oft selbst die
+Erfahrung gemacht habe, wie leicht man etwas falsch auffaßt, wenn
+davon die Rede ist, ob ein Fluß Arme abgibt oder aufnimmt, ob ein
+Nebenfluß mit der Sonne geht oder »gegen die Sonne« läuft. Ich
+bezweifle, daß die Indianer mit dem, was sie gegen Acuña geäußert,
+die Verbindung mit den holländischen Besitzungen über die
+Trageplätze zwischen dem Rio Branco und dem Rio Gssequebo gemeint
+haben. Die Caraiben kamen an den Rio Negro auf beiden Wegen, über
+die Landenge beim Rupunuri und auf dem Cassiquiare; aber eine
+ununterbrochene Wasserstraße mußte den Indianern als etwas
+erscheinen, das für die Fremden ungleich mehr Belang habe, und der
+Orinoco mündet allerdings nicht in den holländischen Besitzungen
+aus, liegt aber doch denselben sehr nahe. Acuñas Aufenthalt an der
+Mündung des Rio Negro verdankt Europa nicht nur die erste Kunde von
+der Verbindung zwischen Amazonenstrom und Orinoco, derselbe hatte
+auch aus dem Gesichtspunkte der Humanität gute Folgen. Texeiras
+Mannschaft wollte den Befehlshaber zwingen, in den Rio Negro
+einzulaufen, um Sklaven zu holen. Die beiden Geistlichen, Acuña und
+Artedia, legten schriftliche Verwahrung gegen ein solch ungerechtes
+und politisch unkluges Unternehmen ein. Sie behaupteten dabei (und
+der Satz ist sonderbar genug), »das Gewissen gestatte den Christen
+nicht, Eingeborene zu Sklaven zu machen, solche ausgenommen, die
+als Dolmetscher zu dienen hätten.« Was man auch von diesem Satze
+halten mag, auf die hochherzige, muthvolIe Verwahrung der beiden
+Geistlichen unterblieb der beabsichtigte Raubzug.</p>
+<p>Im Jahr 1680 entwarf der Geograph Sanson nach Acuñas
+Reisebericht eine Karte vom Orinoco und dem Amazonenstrom. Sie ist
+für den Amazonenstrom, was Gumillas Karte so lange für den untern
+Orinoco gewesen. Im ganzen Strich nördlich vom Aequator ist sie
+rein hypothetisch, und der Caqueta, wie schon oben bemerkt, gabelt
+sich darauf unter einem rechten Winkel. Der eine Arm des Caqueta
+ist der Orinoco, der andere der Rio Negro. In dieser Weise glaubte
+Sanson auf der erwähnten Karte, und auf einer andern von ganz
+Südamerika aus dem Jahr 1656, die unbestimmten Nachrichten, welche
+Acuña im Jahr 1639 über die Verzweigungen des Caqueta und über die
+Verbindungen zwischen Amazonenstrom und Orinoco erhalten,
+vereinigen zu können. Die irrige Vorstellung, der Rio Negro
+entspringe aus dem Orinoco oder aus dem Caqueta, von dem der
+Orinoco nur ein Zweig wäre, hat sich bis in die Mitte des
+achtzehnten Jahrhunderts erhalten, wo der Cassiquiare entdeckt
+wurde.</p>
+<p>Pater Fritz war mit einem andern deutschen Jesuiten, dem Pater
+Richler, nach Quito gekommen; er entwarf im Jahr 1690 eine Karte
+des Amazonenstroms, die beste, die man vor La Condamines Reise
+besaß. Nach dieser Karte richtete sich der französische Akademiker
+auf seiner Flußfahrt, wie ich auf dem Orinoco nach den Karten von
+La Cruz und Caulin. Es ist auffallend, daß Pater Fritz bei seinem
+langen Aufenthalt am Amazonenstrom (der Commandant eines
+portugiesischen Forts hielt ihn zwei Jahre gefangen) keine Kunde
+vom Cassiquiare erhalten haben soll. Die geschichtlichen Notizen,
+die er auf dem Rand seiner handschriftlichen Karte beigesetzt und
+die ich in neuester Zeit sorgfältig untersucht habe, sind sehr
+mangelhaft; auch sind ihrer nicht viele. Er läßt eine Bergkette
+zwischen den beiden Flußsystemen streichen und rückt nur einen der
+Zweige, die den Rio Negro bilden, nahe an einen Nebenfluß des
+Orinoco, der, der Lage nach, der Rio Caura zu seyn scheint. In den
+hundert Jahren zwischen Acuñas Reise und der Entdeckung des
+Cassiquiare durch Pater Roman blieb Alles im Ungewissen.</p>
+<p>Die Verzweigung des Orinoco und des Amazonenstroms durch den Rio
+Negro und eine Gabeltheilung des Caqueta, die Sanson aufgebracht
+und die Pater Fritz und Blaeuw verwarfen, erschienen auf de l’Isles
+ersten Karten wieder; aber gegen das Ende seines Lebens gab der
+berühmte Geograph sie wieder auf.<sup><a href="#fn22" class=
+"footnoteRef" id="fnref22" name="fnref22">22</a></sup> Da man sich
+hinsichtlich der Art und Weise der Verbindung geirrt, war man
+schnell bei der Hand und zog die Verbindung selbst in Abrede. Es
+ist wirklich sehr merkwürdig, daß zur Zeit, wo die Portugiesen am
+häufigsten den Amazonenstrom, den Rio Negro und den Cassiquiare
+hinauffuhren, und wo Pater Gumillas Briefe (durch die natürliche
+Flußverzweigung) vom untern Orinoco nach Gran-Para gelangten,
+dieser selbe Missionär sich alle Mühe gab, in Europa die Meinung zu
+verbreiten, daß die Becken des Orinoco und des Amazonenstroms
+völlig von einander geschieden seyen. Er versichert, »er sey öfters
+ersteren Fluß bis zum Raudal von Tabaje, unter 1°4′ der Breite,
+hinaufgefahren und habe niemals einen Fluß, den man für den Rio
+Negro hätte halten können, abgehen oder hereinkommen sehen.«
+»Zudem,« fährt er fort, »läuft eine große Cordillere<sup><a href=
+"#fn23" class="footnoteRef" id="fnref23" name=
+"fnref23">23</a></sup> von Ost und West und läßt die Gewässer nicht
+in einander münden, wie sie auch alle Erörterung über die
+angebliche Verbindung beider Ströme ganz überflüssig macht.« Pater
+Gumillas Irrthümer entspringen daher, daß er der festen
+Ueberzeugung war, auf dem Orinoco bis zum Parallel von 1°4′
+gekommen zu seyn. Er irrte sich um mehr als fünf Grad zehn Minuten
+in der Breite; denn in der Mission Atures, 13 Meilen südwärts von
+den Stromschnellen von Tabaje, fand ich die Breite 5°37′34″. Da
+Pater Gumilla nicht weit über den Einfluß des Meta hinaufgekommen,
+so ist es nicht zu verwundern, daß er die Gabeltheilung des Orinoco
+nicht gekannt hat, die, den Krümmungen des Flusses nach, 120 Meilen
+vom Raudal von Tabaje liegt. Dieser Missionär, der drei Jahre am
+untern Orinoco gelebt hat (nicht dreißig, wie durch seine
+Uebersetzer in Umlauf gekommen), hätte sich darauf beschränken
+sollen, zu berichten, was er bei seinen Fahrten auf dem Apure, dem
+Meta und Orinoco von Guayana Vieja bis in die Nähe des ersten
+großen Katarakts mit eigenen Augen gesehn. Sein Werk (das erste
+über diese Länder vor Caulins und Gilis Schriften) wurde Anfangs
+gewaltig erhoben, und später in den spanischen Colonien um so
+weiter und zu weit herabgesetzt. Allerdings begegnet man im
+<strong>Orinoco illustrado</strong> nicht der genauen Kenntniß der
+Oertlichkeiten, der naiven Einfalt, wodurch die Berichte der
+Missionäre einen gewissen Reiz erhalten; der Styl ist gekünstelt
+und die Sucht zu übertreiben gibt sich überall kund; trotz dieser
+Fehler finden sich in Pater Gumillas Buch sehr richtige Ansichten
+über die Sitten und die natürlichen Anlagen der verschiedenen
+Völkerschaften am untern Orinoco und in den Llanos am Casanare.</p>
+<p>Auf seiner denkwürdigen Fahrt auf dem Amazonenstrom im Jahr 1743
+hatte La Condamine zahlreiche Belege für die vom spanischen
+Jesuiten geläugnete Verbindung zwischen beiden Strömen gesammelt.
+Als den bündigsten derselben sah er damals die nicht verdächtige
+Aussage einer Cauriacani-Indianerin an, mit der er gesprochen und
+die vom Orinoco (von der Mission Pararuma<sup><a href="#fn24"
+class="footnoteRef" id="fnref24" name="fnref24">24</a></sup>) im
+Canoe nach Gran-Para gelangt war. Ehe La Condamine in das Vaterland
+zurückkam, setzten die Fahrt des Pater Manuel Roman und der
+Umstand, daß Missionäre vom Orinoco und vom Amazonenstrom sich
+zufällig begegneten, die Thatsache, die zuerst Acuña kund geworden,
+außer allen Zweifel.</p>
+<p>Auf den Streifzügen zur Sklavenjagd, welche seit der Mitte des
+siebzehnten Jahrhunderts unternommen wurden, waren die Portugiesen
+nach und nach aus dem Rio Negro über den Cassiquiare in das Bett
+eines großen Stromes gekommen, von dem sie nicht wußten, daß es der
+Orinoco sey. Ein fliegendes Lager der <em>Tropa de
+rescate</em><sup><a href="#fn25" class="footnoteRef" id="fnref25"
+name="fnref25">25</a></sup> leistete diesem unmenschlichen Handel
+Vorschub. Man hetzte die Eingeborenen, sich zu bekriegen, und
+kaufte dann die Gefangenen los; und um dem Sklavenhandel einen
+Anstrich von Rechtmäßigkeit zu geben, gingen Geistliche mit der
+<em>Tropa de rescate</em>, die untersuchten, »ob diejenigen, welche
+Sklaven verkauften, auch dazu berechtigt seyen, weil sie dieselben
+in offenem Kampfe zu Gefangenen gemacht« Vom Jahr 1737 an
+wiederholten sich diese Züge der Portugiesen an den obern Orinoco
+sehr oft. Die Gier, Sklaven (<em>poitos</em>) gegen Beile,
+Fischangeln und Glaswaaren zu vertauschen, trieb die indianischen
+Völkerschaften zum blutigen Streit gegen einander. Die Quipunaves,
+unter ihrem tapfern und grausamen Häuptling Macapu, waren vom
+Inirida zum Zusammenfluß des Atabapo und des Orinoco herabgekommen.
+»Sie verkauften«, sagt der Missionär Gili, »die Gefangenen, die sie
+nicht verzehrten.« Ueber diesem Treiben wurden die Jesuiten am
+untern Orinoco unruhig, und der Superior der spanischen Missionen,
+Pater Roman, ein vertrauter Freund Gumillas, faßte muthig den
+Entschluß, ohne Begleitung von spanischen Soldaten über die großen
+Katarakten hinaufzugehen und die Quipunaves heimzusuchen. Er ging
+am 4.&nbsp;Februar 1744 von Carichana ab; angelangt am Zusammenfluß
+des Guaviare, des Atabapo und des Orinoco, an der Stelle, wo
+letzterer Fluß aus seiner Richtung von Ost nach West rasch in die
+von Süd nach Nord übergeht, sah er von weitem eine Pirogue, so groß
+wie die seinige, voll von europäisch gekleideten Leuten. Er ließ,
+gemäß der Sitte der Missionäre, wenn sie in unbekanntem -Land auf
+dem Wasser sind, als Friedenszeichen das Crucifix am Vordertheil
+seines Fahrzeugs aufpflanzen. Die Weißen (es waren portugiesische
+Sklavenhändler vom Rio Negro) erkannten mit Jubel das Ordenskleid
+des heiligen Ignatius. Sie verwunderten sich, als sie hörten, der
+Fluß, auf dem diese Begegnung stattgefunden, sey der Orinoco, und
+sie nahmen Pater Roman über den Cassiquiare in die Niederlassungen
+am Rio Negro mit sich. Der Superior der spanischen Missionen sah
+sich genöthigt, beim fliegenden Lager der <em>Tropa de rescate</em>
+zu verweilen, bis der portugiesische Jesuit Avogadri, der in
+Geschäften nach Gran-Para gegangen, zurück war. Auf demselben Wege,
+über den Cassiquiare und den obern Orinoco, fuhr Pater Roman mit
+seinen Salivas-Indianern nach Pararuma, etwas nördlich von
+Carichana, zurück, nachdem er sieben Monate ausgewesen. Er ist der
+erste Weiße, der vom Rio Negro, und somit aus dem Becken des
+Amazonenstroms (ohne seine Canoes über einen Trageplatz schaffen zu
+lassen) in das Becken des Orinoco gelangt ist.</p>
+<p>Die Kunde dieser merkwürdigen Fahrt verbreitete sich so rasch,
+daß La Condamine in einer öffentlichen Sitzung der Akademie sieben
+Monate nach Pater Romans Rückkehr nach Pararuma Mittheilung davon
+machen konnte. Er sagt: »Die nunmehr beglaubigte Verbindung des
+Orinoco und des Amazonenstroms kann um so mehr für eine
+geographische Entdeckung gelten, als zwar diese Verbindung auf den
+alten Karten (nach Acuñas Berichten) angegeben ist, aber von den
+heutigen Geographen auf den neuen Karten, wie auf Verabredung,
+weggelassen wird. Es ist dieß nicht das erstemal, daß etwas für
+fabelhaft gegolten hat, was doch vollkommen richtig war, daß man
+die Kritik zu weit trieb, und daß diese Verbindung von Leuten für
+chimärisch erklärt wurde, die am besten davon hätten wissen
+sollen.« Seit Pater Romans Fahrt im Jahr 1744 hat in spanisch
+Guyana und an den Küsten von Cumana und Caracas kein Mensch mehr
+die Existenz des Cassiquiare und die Gabeltheilung des Orinoco in
+Zweifel gezogen. Sogar Pater Gumilla, den Bouguer in Carthagena de
+Indias getroffen hatte, gestand, daß er sich geirrt, und kurz vor
+seinem Tode las er Pater Gili ein für eine neue Ausgabe seiner
+Geschichte des Orinoco bestimmtes Supplement vor, in dem er
+munter<sup><a href="#fn26" class="footnoteRef" id="fnref26" name=
+"fnref26">26</a></sup> erzählte, in welcher Weise er enttäuscht
+worden. Durch Ituriagas und Solanos Grenzexpedition wurden die
+geographischen Verhältnisse des obern Orinoco und die Verzweigung
+dieses Flusses mit dem Rio Negro vollends genau bekannt. Solano
+ließ sich im Jahr 1756 an der Mündung des Atabapo nieder, und von
+nun an fuhren spanische und portugiesische Commissäre mit ihren
+Piroguen oft über den Cassiquiare vom untern Orinoco an den Rio
+Negro, um sich in ihren Hauptquartieren Cabruta<sup><a href="#fn27"
+class="footnoteRef" id="fnref27" name="fnref27">27</a></sup> und
+Mariva zu besuchen. Seit 1767 kamen regelmäßig jedes Jahr zwei bis
+drei Piroguen von der Schanze San Carlos über die Gabeltheilung des
+Orinoco nach Angostura, um Salz und den Sold für die Truppen zu
+holen. Diese Fahrten von einem Flußbecken in das andere durch den
+natürlichen Canal des Cassiquiare machen jetzt bei den Colonisten
+so wenig Aufsehen mehr, als wenn Schiffe die Loire herab auf dem
+Canal von Orleans in die Seine kommen.</p>
+<p>Seit Pater Romans Fahrt im Jahr 1744 war man in den spanischen
+Besitzungen in Amerika von der Richtung des obern Orinoco von Ost
+nach West und von der Art seiner Verbindung mit dem Rio Negro genau
+unterrichtet, aber in Europa wurde letztere erst weit später
+bekannt. Noch im Jahr 1750 nahmen La Condamine und d’AnvilIe an,
+der Orinoco sey ein Arm des Caqueta, der von Südost herkomme, und
+der Rio Negro entspringe unmittelbar daraus. Erst in einer zweiten
+Ausgabe seines Südamerika läßt d’Anville, ohne gleichwohl eine
+Verzweigung des Caqueta vermittelst des Iniricha (Inirida) mit dem
+Orinoco und dem Rio Negro aufzugeben, den Orinoco im Osten in der
+Nähe der Quellen des Rio Branco entspringen und gibt er den Rio
+Cassiquiare an, der vom obern Orinoco zum Rio Negro läuft.
+Wahrscheinlich hatte sich der unermüdliche Forscher durch seinen
+starken Verkehr mit den Missionären, die damals, wie noch jetzt,
+für das eigentliche Herz der Festländer die einzigen geographischen
+Autoritäten waren, Nachweisungen über die Art der Gabeltheilung
+verschafft. Hinsichtlich des Zusammenflusses des Cassiquiare mit
+dem Rio Negro irrte er sich um 3½&nbsp;Breitegrade, aber die Lage
+des Atabapo und der bewaldeten Landenge, über die ich von Javita an
+den Rio Negro gekommen, gibt er schon ziemlich richtig an. Durch
+die in den Jahren 1775 und 1778 veröffentlichten Karten von la Cruz
+Olmedilla<sup><a href="#fn28" class="footnoteRef" id="fnref28"
+name="fnref28">28</a></sup> und Surville sind, neben Pater Caulins
+Werke, die Arbeiten der Grenzexpedition am besten bekannt geworden;
+denn die zahlreichen Widersprüche darauf beziehen sich auf die
+Quellen des Orinoco und des Rio Branco, nicht auf den Lauf des
+Cassiquiare und des Rio Negro, die so richtig angegeben sind, als
+man es beim gänzlichen Mangel an astronomischen Beobachtungen
+verlangen kann.</p>
+<p>So stand es mit den hydrographischen Entdeckungen im Innern von
+Guyana, als kurze Zeit vor meinem Abgang von Europa ein Gelehrter,
+dessen Arbeiten die Geographie so bedeutend gefördert haben, Acuñas
+Bericht, die Karte des Paters Samuel Fritz und la Cruz Olmedillas
+»Südamerika« noch einmal näher prüfen zu müssen glaubte. Die
+politischen Verhältnisse in Frankreich machten vielleicht, daß sich
+Buache nicht verschaffen oder nicht benützen konnte, was Caulin und
+Gili geschrieben, die zwei Missionäre, die am Orinoco lebten, als
+die Grenzexpedition zwischen der spanischen Schanze am Rio Negro
+und der Stadt Angostura, über den Cassiquiare und den obern
+Orinoco, den Verkehr eröffnete, der über ein halbes Jahrhundert
+regelmäßig im Gange war. Auf der im Jahr 1798 erschienenen
+<em>Carte général de la Guyane</em> ist der Cassiquiare und das
+Stück des obern Orinoco ostwärts von Esmeralda als ein Nebenfluß
+des Rio Negro, der mit dem Orinoco gar nicht zusammenhängt,
+dargestellt. Eine Bergkette streicht über die Ebene, welche die
+Landenge zwischen dem Tuamini und dem Pimichin bildet. Diese Kette
+läßt die Karte gegen Nordost fortlaufen und zwischen den Gewässern
+des Orinoco und denen des Rio Negro und Cassiquiare, zwanzig Meilen
+westlich von Esmeralda, eine Wasserscheide bilden. In einer
+Anmerkung auf der Karte heißt es: »die schon lange her angenommene
+Verbindung zwischen dem Orinoco und dem Amazonenstrom sey eine
+geographische Ungeheuerlichkeit, die Olmedillas Karte ohne allen
+Grund in der Welt verbreitet, und um die Vorstellungen über diesen
+Punkt zu berichtigen, habe man die Richtung der großen Bergkette,
+welche die Wasserscheide bilde, zu ermitteln.«</p>
+<p>Ich war so glücklich, diese Bergkette an Ort und Stelle zu
+ermitteln. Ich übernachtete am 24. Mai mit meiner Pirogue am Stücke
+des Orinoco, wo nach Buaches Annahme eine Cordillere über das
+Flußbett laufen sollte. Befände sich an diesem Punkt eine
+Wasserscheide, so hätte ich die ersten zwanzig Meilen westwärts von
+Esmeralda einen Fluß hinauf, statt, wie ich gethan, mit rascher
+Strömung hinabfahren müssen. Derselbe Fluß, der ostwärts von dieser
+Mission entspringt und einen Arm (den Cassiquiare) an den Rio Negro
+abgibt, läuft ohne Unterbrechung Santa Barbara und San Fernando de
+Atabapo zu. Es ist dieß das Stück des Orinoco, das von Südost nach
+Nordwest gerichtet ist und bei den Indianern Rio Paragua heißt.
+Nachdem er seine Gewässer mit denen des Guaviare und des Atabapo
+vermischt, wendet sich derselbe Fluß gegen Norden und geht durch
+die großen Katarakten. Alle diese Punkte sind auf der großen Karte
+von la Cruz im Ganzen gut angegeben; ohne Zweifel hat aber Buache
+vorausgesetzt, bei den verschiedenen Fahrten, die zwischen
+Amazonenstrom und Orinoco ausgeführt worden seyn sollten, seyen die
+Canoes von einem Nebenfluß zum andern über irgend einen Trageplatz
+(<em>arastradero</em>) geschleppt worden. Dem geachteten Geographen
+lag die Annahme, die Flüsse laufen in Wirklichkeit nicht so, wie
+die neueren spanischen Karten angeben, desto näher, als auf
+denselben Karten um den See Parime herum (das angebliche, 600
+Quadratmeilen große <strong>weiße Meer</strong>) die seltsamsten,
+unwahrscheinlichsten Flußverzweigungen vorkommen. Man könnte auf
+den Orinoco anwenden, was Pater Acuña vom Amazonenstrom sagt,
+dessen Wunder er beschreibt: »Nacieron hermanadas en las cosas
+grandes la novedad y el descredito.«<sup><a href="#fn29" class=
+"footnoteRef" id="fnref29" name="fnref29">29</a></sup></p>
+<p>Hätten die Völker in den Niederungen von Südamerika Theil gehabt
+an der Cultur, welche in der kalten Alpregion verbreitet war, so
+hätte dieses ungeheure Mesopotamien zwischen Orinoco und
+Amazonenstrom die Entwicklung ihres Gewerbfleißes gefördert, ihren
+Handel belebt, den gesellschaftlichen Fortschritt beschleunigt. In
+der alten Welt sehen wir überall einen solchen Einfluß der
+Oertlichkeit auf die keimende Cultur der Völker. Die Insel Meroe
+zwischen dem Astaboras und dem Nil, das Pendjab des Indus, das Duab
+des Ganges, das Mesopotamien des Euphrat sind glänzende Belege
+dafür in den Annalen des Menschengeschlechts. Aber die schwachen
+Völkerstämme, die auf den Grasfluren und in den Wäldern von
+Südamerika herumziehen, haben aus den Vorzügen ihres Bodens und den
+Verzweigungen ihrer Flüsse gar wenig Nutzen gezogen. Die Einfälle
+der Caraiben, die weither den Orinoco, den Cassiquiare und Rio
+Negro heraufkamen, um Sklaven zu rauben, rüttelten ein paar
+versunkene Völkerschaften aus ihrer Trägheit auf und zwangen sie
+Vereine zur gemeinsamen Vertheidigung zu bilden; aber das wenige
+Gute, das diese Kriege mit den Caraiben (den Beduinen der Ströme
+Guyanas) mit sich gebracht, war ein schlechter Ersatz für die
+Uebel, die sie zur Folge hatten, Verwilderung der Sitten und
+Verminderung der Bevölkerung. Unzweifelhaft hat die Terrainbildung
+Griechenlands, die mannigfaltige Gestaltung des Landes, seine
+Zertheilung durch kleine Bergketten und Busen des Mittelmeers, in
+den Anfängen der Cultur die geistige Entwicklung der Hellenen
+bedeutend gefördert. Aber dieser Einfluß des Klimas und der
+Bodenbildung äußert sich nur da in seiner ganzen Stärke, wo
+Menschenstämme mit glücklicher Begabung nach Geist und Gemüth einen
+Anstoß von außen erhalten. Gewinnt man einen Ueberblick über die
+Geschichte unseres Geschlechts, so sieht man diese Mittelpunkte
+antiker Cultur da und dort gleich Lichtpunkten über den Erdball
+verstreut, und gewahrt mit Ueberraschung, wie ungleich die
+Gesittung unter Völkern ist, die fast unter demselben
+Himmelsstriche wohnen und über deren Wohnsitze scheinbar die Natur
+dieselben Segnungen verbreitet hat.</p>
+<p>Seit ich den Orinoco und den Amazonenstrom verlassen habe,
+bereitet sich für die gesellschaftlichen Verhältnisse der Völker
+des Occidents eine neue Aera vor. Auf den Jammer der bürgerlichen
+Zwiste werden die Segnungen des Friedens und eine freiere
+Entwicklung aller Gewerbthätigkeit folgen. Da wird denn die
+europäische Handelswelt jene Gabeltheilung des Orinoco, jene
+Landenge am Puamini, durch die so leicht ein künstlicher Kanal zu
+ziehen ist, ins Auge fassen. Da wird der Cassiquiare, ein Strom, so
+breit wie der Rhein und 180 Seemeilen lang, nicht mehr umsonst eine
+schiffbare Linie zwischen zwei Strombecken bilden, die 190,000
+Quadratmeilen Oberfläche haben. Das Getreide aus Neu-Grenada wird
+an die Ufer des Rio Negro kommen, von den Quellen des Napo und des
+Ucayale, von den Anden von Quito und Ober-Peru wird man zur Mündung
+des Orinoco herabfahren, und dieß ist so weit, wie von Tombuctu
+nach Marseille. Ein Land, neun bis zehnmal größer als Spanien und
+reich an den mannigfaltigsten Produkten, kann mittelst des
+Naturcanals des Cassiquiare und der Gabeltheilung der Flüsse nach
+allen Richtungen hin befahren werden. Eine Erscheinung, die eines
+Tags von bedeutendem Einfluß auf die politischen Verhältnisse der
+Völker seyn muß, verdiente es gewiß, daß man sie genau ins Auge
+faßte.</p>
+<h1 id="funfundzwanzigstes-kapitel."><a href=
+"#TOC">Fünfundzwanzigstes Kapitel.</a></h1>
+<p>Der obere Orinoco von Esmeralda bis zum Einfluß des Guaviare. —
+Zweite Fahrt durch die Katarakten von Atures und Maypures. — Der
+untere Orinoco zwischen der Mündung des Apure und Angostura, der
+Hauptstadt von spanisch Guyana.</p>
+<p>Noch habe ich von der einsamsten, abgelegensten christlichen
+Niederlassung am obern Orinoco zu sprechen. Gegenüber dem Punkte,
+wo die Gabeltheilung erfolgt, auf dem rechten Ufer des Flusses
+erhebt sich amphitheatralisch der Granitbergstock des Duida. Dieser
+Berg, den die Missionäre einen Vulkan nennen, ist gegen 8000 Fuß
+hoch. Er nimmt sich, da er nach Süd und West steil abfällt, äußerst
+großartig aus. Sein Gipfel ist kahl und steinigt; aber überall, wo
+auf den weniger steilen Abhängen Dammerde haftet, hängen an den
+Seiten des Duida gewaltige Wälder wie in der Luft. An seinem Fuße
+liegt die Mission Esmeralda, ein Dörschen mit 80 Einwohnern, auf
+einer herrlichen, von Bächen mit schwarzem, aber klarem Wasser
+durchzogenen Ebene, einem wahren Wiesengrund, auf dem in Gruppen
+die Mauritiapalme, der amerikanische Sagobaum, steht. Dem Berge zu,
+der nach meiner Messung 7300 Toisen vom Missionskreuz liegt, wird
+die sumpfigte Wiese zur Savane, die um die untere Region der
+Cordillere herläuft. Hier trifft man ungemein große Ananas von
+köstlichem Geruch: Diese Bromeliaart wächst immer einzeln zwischen
+den Gräsern, wie bei uns <em>Colchicum autumnale</em>, während der
+Karatas, eine andere Art derselben Gattung, ein geselliges Gewächs
+ist gleich unsern Heiden und Heidelbeeren. Die Ananas von Esmeralda
+sind in ganz Guyana berühmt. In Amerika wie in Europa gibt es für
+die verschiedenen Früchte gewisse Landstriche, wo sie zur größten
+Vollkommenheit gedeihen. Man muß auf der Insel Margarita oder in
+Cumana Sapotillen (Achras), in Loxa in Peru Chilimoyas (sehr
+verschieden vom Corossol oder der Anona der Antillen), in Caracas
+Granadillas oder Parchas, in Esmeralda und auf Cuba Ananas gegessen
+haben, um die Lobsprüche, womit die ältesten Reisenden die
+Köstlichkeit der Produkte der heißen Zone preisen, nicht
+übertrieben zu finden. Die Ananas sind die Zierde der Felder bei
+der Havana, wo sie in Reihen neben einander gezogen werden; an den
+Abhängen des Duida schmücken sie den Rasen der Savanen, wenn ihre
+gelben, mit einem Büschel silberglänzender Blätter gekrönten
+Früchte über den Setarien, den Paspalum und ein paar Cyperaceen
+emporragen. Dieses Gewächs, das die Indianer
+<strong><em>Ana-curua</em></strong> nennen, verbreitete sich schon
+im sechzehnten Jahrhundert im innern China, und noch in neuester
+Zeit fanden es englische Reisende mit andern, unzweifelhaft
+amerikanischen Gewächsen (Mais, Manioc, Melonenbaum, Tabak, Piment)
+an den Ufern des Rio Congo in Afrika. In Esmeralda ist kein
+Missionär. Der Geistliche, der hier Messe lesen soll, sitzt in
+Santa Barbara, über 50 Meilen weit. Er braucht den Fluß herauf vier
+Tage, er kommt daher auch nur fünf oder sechsmal im Jahr. Wir
+wurden von einem alten Soldaten sehr freundlich aufgenommen; der
+Mann hielt uns für catalonische Krämer, die in den Missionen ihren
+Kleinhandel treiben wollten. Als er unsere Papierballen zum
+Pflanzentrocknen sah, lächelte er über unsere naive Unwissenheit
+»Ihr kommt in ein Land,« sagte er, »wo dergleichen Waare keinen
+Absatz findet. Geschrieben wird hier nicht viel, und trockene
+Mais-, Platano- (Bananen) und Vijaho- (Heliconia) Blätter brauchen
+wir hier, wie in Europa das Papier, um Nadeln, Fischangeln und
+andere kleine Sachen, die man sorgfältig aufbewahren will,
+einzuwickeln.« Der alte Soldat vereinigte in seiner Person die
+bürgerliche und die geistliche Behörde. Er lehrte die Kinder, ich
+sage nicht den Catechismus, aber doch den Rosenkranz beten, er
+läutete die Glocken zum Zeitvertreib, und im geistlichen Amtseifer
+bediente er sich zuweilen seines Küsterstocks in einer Weise, die
+den Eingeborenen schlecht behagte.</p>
+<p>So klein die Mission ist, werden in Esmeralda doch drei
+indianische Sprachen gesprochen: Idapaminarisch, Catarapeñisch und
+Maquiritanisch. Letztere Sprache ist am obern Orinoco vom Einfluß
+des Ventuari bis zu dem des Padamo die herrschende, wie am untern
+Orinoco das Caraibische, am Einfluß des Apure das Otomakische, bei
+den großen Katarakten das Tamanakische und Maypurische und am Rio
+Negro das Maravitanische. Es sind dieß die fünf oder sechs
+verbreitetsten Sprachen. Wir wunderten uns, in Esmeralda viele
+Zambos, Mulatten und andere Farbige anzutreffen, die sich aus
+Eitelkeit <strong>Spanier</strong> nennen und sich für weiß halten,
+weil sie nicht roth sind wie die Indianer. Diese Menschen führen
+ein jämmerliches Leben. Sie sind meist als Verwiesene
+(<em>desterrados</em>) hier. Um im innern Lande, das man gegen die
+Portugiesen absperren wollte, in der Eile Colonien zu gründen,
+hatte Solano in den Llanos und bis zur Insel Margarita hin
+Landstreicher und Uebelthäter, denen die Justiz bis dahin
+vergeblich nachgespürt, zusammengerafft und sie den Orinoco
+hinaufgeführt, wo sie mit den unglücklichen, aus den Wäldern
+weggeschleppten Indianern zusammengethan wurden. Durch ein
+mineralogisches Mißverständniß wurde Esmeralda berühmt. Der Granit
+des Duida und des Maraguaca enthält in offenen Gängen schöne
+Bergkrystalle, die zum Theil sehr durchsichtig, zum Theil mit
+Chlorit (Talkglimmer) gefärbt und mit Actinot (Strahlstein) gemengt
+sind; man hatte sie für Diamanten und Smaragden
+(<em>Esmeralda</em>) gehalten. So nahe den Quellen des Orinoco
+träumte man in diesen Bergen von nichts als vom Dorado, der nicht
+weit seyn konnte, vom See Parime und von den Trümmern der großen
+Stadt Manoa. Ein Mann, der wegen seiner Leichtgläubigkeit und
+seiner Sucht zur Uebertreibung noch jetzt im Lande wohlbekannt ist,
+Don Apollinario Diez de la Fuente, nahm den vollklingenden Titel
+eines <em>Capitan poblador</em> und <em>Cabo militar</em> des Forts
+am Cassiquiare an. Dieses Fort bestand in ein paar mit Brettern
+verbundenen Baumstämmen, und um die Täuschung vollständig zu
+machen, sprach man in Madrid für die Mission Esmeralda, ein
+Dörschen von zwölf bis fünfzehn Hütten, die Gerechtsame einer
+<strong>Villa</strong> an. Es ist zu besorgen, daß Don Apollinario,
+der in der Folge Statthalter der Provinz los Quixos im Königreich
+Quito wurde, bei Entwerfung der Karten von la Cruz und Surville die
+Hand im Spiel gehabt hat. Da er die Windstriche des Compasses
+kannte, nahm er keinen Anstand, in den zahlreichen Denkschriften,
+die er dem Hof übermachte, sich Cosmograph der Grenzexpedition zu
+nennen.</p>
+<p>Während die Befehlshaber dieser Expedition Von der Existenz der
+Nueva Villa de Esmeralda überzeugt waren, so wie vom Reichthum des
+Cerro Duida an kostbaren Mineralien, da doch nichts darin zu finden
+ist, als Glimmer, Bergkrystall, Actinot und Rutil, ging eine aus
+den ungleichartigsten Elementen bestehende Colonie allgemach wieder
+zu Grunde. Die Landstreicher aus den Llanos hatten so wenig Lust
+zur Arbeit als die Indianer, die gezwungen »unter der Glocke«
+lebten. Ersteren diente ihr Hochmuth zu weiterer Rechtfertigung
+ihrer Faulheit. In den Missionen nennt sich jeder Farbige, der
+nicht geradezu schwarz ist wie ein Afrikaner oder kupferfarbig wie
+ein Indianer, einen <strong>Spanier</strong>; er gehört zur
+<strong><em>gente de razon</em></strong>, zur vernunftbegabten
+Race, und diese, wie nicht zu läugnen, hie und da übermüthige und
+arbeitsscheue Vernunft redet den Weißen und denen, die es zu seyn
+glauben, ein, der Landbau sey ein Geschäft für Sklaven, für Poitos,
+und für neubekehrte Indianer. Die Colonie Esmeralda war nach dem
+Muster der neuholländischen gegründet, wurde aber keineswegs eben
+so weise regiert. Da die amerikanischen Colonisten von ihrem
+Heimathland nicht durch Meere, sondern durch Wälder und Savanen
+geschieden waren, so verliefen sie sich, die einen nach Nord, dem
+Caura und Carony zu, die andern nach Süd in die portugiesischen
+Besitzungen. So hatte es mit der Herrlichkeit der Villa und den
+Smaragdgruben am Duida nach wenigen Jahren ein Ende, und Esmeralda
+galt wegen der furchtbaren Insektenmasse, welche das ganze Jahr die
+Luft verfinstert, bei den Ordensleuten für einen fluchwürdigen
+Verbannungsort.</p>
+<p>Ich erwähnte oben, daß der Vorsteher der Missionen den
+Laienbrüdern, um sie in der Zucht zu halten, zuweilen droht, sie
+nach Esmeralda zu schicken; man wird damit, wie die Mönche sagen,
+»zu den Moskitos verurtheilt, verurtheilt, von den summenden Mücken
+(<em>zancudos gritones</em>) gefressen zu werden, die Gott den
+Menschen zur Strafe erschaffen hat.« Einer so seltsamen Strafe
+unterlagen aber nicht immer nur Laienbrüder. Im Jahr 1788 brach in
+der Ordenswelt eine der Revolutionen aus, die einem in Europa nach
+den Vorstellungen, die man von den friedlichen Zuständen der
+christlichen Niederlassungen in der neuen Welt hat, fast
+unbegreiflich sind. Schon längst hätten die Franciskaner, die in
+Guyana saßen, gerne eine Republik für sich gebildet und sich vom
+Collegium von Piritu in Nueva Barcelona unabhängig gemacht.
+Mißvergnügt, daß zum wichtigen Amte eines Präsidenten der Missionen
+Fray Gutierez de Aquilera von einem Generalcapitel gewählt und vom
+Könige bestätigt worden, traten fünf oder sechs Mönche vom obern
+Orinoco, Cassiquiare und Rio Negro in San Fernando de Atabapo
+zusammen, wählten in aller Eile, und aus ihrer eigenen Mitte, einen
+neuen Superior und ließen den alten, der zu seinem Unglück zur
+Visitation ins Land kam, festnehmen. Man legte ihm Fußschellen an,
+warf ihn in ein Canoe und führte ihn nach Esmeralda als
+Verbannungsort. Da es von der Küste zum Schauplatz dieser Empörung
+so weit war, so hofften die Mönche, ihre Frevelthat werde jenseits
+der großen Katarakten lange nicht bekannt werden. Man wollte Zeit
+gewinnen, um zu intriguiren, zu negociiren, um Anklageakten
+aufzusetzen und all die kleinen Ränke spielen zu lassen, durch die
+man überall in der Welt die Ungültigkeit einer ersten Wahl darthut.
+Der alte Superior seufzte in seinem Kerker zu Esmeralda; ja er
+wurde von der furchtbaren Hitze und dem beständigen Hautreiz durch
+die Moskitos ernstlich krank. Zum Glück für die gestürzte Autorität
+blieben die meuterischen Mönche nicht einig. Einem Missionär vom
+Cassiquiare wurde bange, wie dieser Handel enden sollte; er
+fürchtete verhaftet und nach Cadix geschickt zu werden, oder, wie
+man in den Colonien sagt, <em>baxo partido de registro</em>; aus
+Angst wurde er seiner Partei untreu und machte sich unversehens
+davon. Man stellte an der Mündung des Atabapo, bei den großen
+Katarakten, überall wo der Flüchtling auf dem Weg zum untern
+Orinoco vorüberkommen mußte, Indianer als Wachen auf. Trotz dieser
+Maaßregeln kam er nach Angostura und von da in das
+Missionscollegium von Piritu; er gab seine Collegen an und erhielt
+zum Lohn für seine Aussage den Auftrag, die zu verhaften, mit denen
+er sich gegen den Präsidenten der Missionen verschworen hatte. In
+Esmeralda, wo man von den politischen Stürmen, die seit dreißig
+Jahren das alte Europa erschüttern, noch gar nicht hat sprechen
+hören, ist der sogenannte <em>alboroto de los frailes</em> (die
+Meuterei der Mönche) noch immer eine wichtige Begebenheit. Hier zu
+Land, wie im Orient, weiß man nur von Revolutionen, die von den
+Gewalthabern selbst ausgehen, und wir haben gesehen, daß sie in
+ihren Folgen eben nicht sehr bedenklich sind.</p>
+<p>Wenn die <strong>Villa</strong> Esmeralda mit ihrer Bevölkerung
+von 12—15 Familien gegenwärtig für einen schrecklichen
+Aufenthaltsort gilt, so kommt dieß nur vom Mangel an Anbau, von der
+Entlegenheit von allen bewohnten Landstrichen und von der
+furchtbaren Menge der Moskitos. Die Lage der Mission ist ungemein
+malerisch, das Land umher äußerst freundlich und sehr fruchtbar.
+Nie habe ich so gewaltig große Bananenbüschel gesehen; Indigo,
+Zucker, Cacao kämen vortrefflich fort, aber man mag sich nicht die
+Mühe geben, sie zu bauen. Um den Cerro Duida herum gibt es schöne
+Weiden, und wenn die Observanten aus dem Collegium von Piritu nur
+etwas von der Betriebsamkeit der catalonischen Kapuziner am Carony
+hätten, so liefen zwischen dem Cunucunumo und dem Padamo zahlreiche
+Heerden. Wie die Sachen jetzt stehen, ist keine Kuh, kein Pferd
+vorhanden und die Einwohner haben oft, zur Buße ihrer Faulheit,
+nichts zu essen als Schinken von Brüllaffen und das Mehl von
+Fischknochen, von dem in der Folge die Rede seyn wird. Man baut nur
+etwas Manioc und Bananen; und wenn der Fischfang nicht reichlich
+ausfällt, so ist die Bevölkerung eines von der Natur so hoch
+begünstigten Landes dem grausamsten Mangel preisgegeben.</p>
+<p>Da die wenigen Canoes, die vom Rio Negro über den Cassiquiare
+nach Angostura gehen, nicht gerne nach Esmeralda hinausfahren, so
+läge die Mission weit besser an der Stelle, wo der Orinoco sich
+gabelt. Sicher wird dieses große Land nicht immer so verwahrlost
+bleiben wie bisher, da die Unvernunft des Mönchsregiments und der
+Geist des Monopols, der nun einmal allen Körperschaften eigen ist,
+es niederhielten; ja es läßt sich voraussagen, an welchen Punkten
+längs des Orinoco Gewerbfleiß und Handel sich am kräftigsten
+entwickeln werden. Unter allen Himmelsstrichen drängt sich die
+Bevölkerung vorzüglich an den Mündungen der Nebenflüsse zusammen.
+Durch den Rio Apure, auf dem die Erzeugnisse der Provinzen Barinas
+und Metida ausgeführt werden, muß die kleine Stadt Cabruta eine
+große Bedeutung erhalten; sie wird mit San Fernando de Apure
+concurriren, wo bis jetzt der ganze Handel concentrirt war. Weiter
+oben wird sich eine neue Niederlassung am Einfluß des Meta bilden,
+der über die Llanos am Casanare mit Neu-Grenada in Verbindung
+steht. Die zwei Missionen bei den Katarakten werden sich
+vergrößern, weil diese Punkte durch den Transport der Piroguen sehr
+lebhaft werden müssen; denn das ungesunde, nasse Klima und die
+furchtbare Menge der Moskitos werden dem Fortschritt der Cultur am
+Orinoco so wenig Einhalt thun als am Magdalenenstrom, sobald einmal
+ernstliches kaufmännisches Interesse neue Ansiedler herzieht.
+Gewohnte Uebel werden leichter ertragen, und wer in Amerika geboren
+ist, hat keine so großen Schmerzen zu leiden wie der frisch
+angekommene Europäer. Auch wird wohl die allmählige Ausrodung der
+Wälder in der Nähe der bewohnten Orte die schreckliche Plage der
+Mücken etwas vermindern. In San Fernando de Atabapo, Javita, San
+Carlos, Esmeralda werden wohl (wegen ihrer Lage an der Mündung des
+Guaviare, am Trageplatz zwischen Tuamini und Rio Negro, am Ausfluß
+des Cassiquiare und am Gabelungspunkt des obern Orinoco)
+Bevölkerung und Wohlstand bedeutend zunehmen. Mit diesen
+fruchtbaren, aber brach liegenden Ländern, durch welche der
+Guallaga, der Amazonenstrom und der Orinoco ziehen, wird es gehen
+wie mit der Landenge von Panama, dem Nicaraguasee und dem Rio
+Huasacualco, durch welche zwei Meere mit einander in Verbindung
+stehen. Mangelhafte Staatsformen konnten seit Jahrhunderten Orte,
+in denen der Welthandel seine Mittelpunkte haben sollte, in Wüsten
+verwandeln; aber die Zeit ist nicht mehr fern, wo diese Fesseln
+fallen werden; eine widersinnige Verwaltung kann sich nicht ewig
+dem Gesammtinteresse der Menschheit entgegenstemmen, und
+unwiderstehlich muß die Cultur in Ländern einziehen, welche die
+Natur selbst durch die physische Gestaltung des Bodens, durch die
+erstaunliche Verzweigung der Flüsse und durch die Nähe zweier
+Meere, welche die Küsten Europas und Indiens bespülen, zu großen
+Geschicken ausersehen hat.</p>
+<p>Esmeralda ist berühmt als der Ort, wo am besten am Orinoco das
+starke Gift bereitet wird, das im Krieg, zur Jagd, und, was seltsam
+klingt, als Mittel gegen gastrische Beschwerden dient. Das Gift der
+Ticunas am Amazonenstrom, das Upas-Tieute auf Java und das
+<strong>Curare</strong> in Guyana sind die tödtlichsten Substanzen,
+die man kennt. Bereits am Ende des sechzehnten Jahrhunderts hatte
+Ralegh das Wort <strong>Urari</strong> gehört, wie man einen
+Pflanzenstoff nannte, mit dem man die Pfeile vergiftete. Indessen
+war nichts Zuverlässiges über dieses Gift in Europa bekannt
+geworden. Die Missionäre Gumilla und Gili hatten nicht bis in die
+Länder kommen können, wo das Curare bereitet wird. Gumilla
+behauptete, »diese Bereitung werde sehr geheim gehalten; der
+Hauptbestandtheil komme von einem unterirdischen Gewächs, von einer
+knolligten Wurzel, die niemals Blätter treibe und <em>rais de si
+misma</em> (die Wurzel an sich) sey; durch die giftigen Dünste aus
+den Kesseln gehen die alten Weiber (die
+<strong>unnützesten</strong>), die man zur Arbeit verwende, zu
+Grunde; endlich, die Pflanzensäfte erscheinen erst dann concentrirt
+genug, wenn ein paar Tropfen des Safts <strong>auf eine gewisse
+Entfernung</strong> eine Repulsivkraft auf das Blut ausüben. Ein
+Indianer ritzt sich die Haut; man taucht einen Pfeil in das
+flüssige Curare und bringt ihn der Stichwunde nahe. Das Gift gilt
+für gehörig concentrirt, wenn es das Blut in die Gefäße
+zurücktreibt, ohne damit in Berührung gekommen zu seyn.« — Ich
+halte mich nicht dabei auf, diese von Pater Gumilla
+zusammengebrachten Volksmähren zu widerlegen. Warum hätte der
+Missionär nicht glauben sollen, daß das Curare aus der Ferne wirke,
+da er unbedenklich an die Eigenschaften einer Pflanze glaubte,
+deren Blätter erbrechen machen oder purgiren, je nachdem man sie
+von oben herab oder von unten herauf vom Stiele reißt?</p>
+<p>Als wir nach Esmeralda kamen, kehrten die meisten Indianer von
+einem Ausflug ostwärts über den Rio Padamo zurück, wobei sie
+<strong>Juvias</strong> oder die Früchte der Bertholletia und eine
+Schlingpflanze, welche das Curare gibt, gesammelt hatten. Diese
+Heimkehr wurde durch eine Festlichkeit begangen, die in der Mission
+<em>la fiesta de las Juvias</em> heißt und unsern Ernte- und
+Weinlesefesten entspricht. Die Weiber hatten viel gegohrenes
+Getränke bereitet, und zwei Tage lang sah man nur betrunkene
+Indianer. Bei Völkern, für welche die Früchte der Palmen und
+einiger andern Bäume, welche Nahrungsstoff geben, von großer
+Wichtigkeit sind, wird die Ernte der Früchte durch öffentliche
+Lustbarkeiten gefeiert, und man theilt das Jahr nach diesen Festen
+ein, die immer auf dieselben Zeitpunkte fallen.</p>
+<p>Das Glück wollte, daß wir einen alten Indianer trafen, der
+weniger betrunken als die andern und eben beschäftigt war, das
+Curaregift aus den frischen Pflanzen zu bereiten. Der Mann war der
+Chemiker des Orts. Wir fanden bei ihm große thönerne Pfannen zum
+Kochen der Pflanzensäfte, flachere Gefäße, die durch ihre große
+Oberfläche die Verdunstung befördern, dütenförmig aufgerolIte
+Bananenblätter zum Durchseihen. der mehr oder weniger faserigte
+Substanzen enthaltenden Flüssigkeiten. Die größte Ordnung und
+Reinlichkeit herrschten in dieser zum chemischen Laboratorium
+eingerichteten Hütte. Der Indianer, der uns Auskunft ertheilen
+sollte, heißt in der Mission der <strong>Giftmeister</strong>
+(<em>amo del Curare</em>); er hatte das steife Wesen und den
+pedantischen Ton, den man früher in Europa den Apothekern zum
+Vorwurf machte. »Ich weiß,« sagte er, »die Weißen verstehen die
+Kunst, Seife zu machen und das schwarze Pulver, bei dem das Ueble
+ist, daß es Lärm macht und die Thiere verscheucht, wenn man sie
+fehlt. Das Curare, dessen Bereitung bei uns vom Vater auf den Sohn
+übergeht, ist besser als Alles, was ihr dort drüben (über dem
+Meere) zu machen wißt. Es ist der Saft einer Pflanze, der
+<strong>ganz leise</strong> tödtet (ohne daß man weiß, woher der
+Schuß kommt).«</p>
+<p>Diese chemische Operation, auf die der <strong>Meister des
+Curare</strong> so großes Gewicht legte, schien uns sehr einfach.
+Das Schlinggewächs (<em>bejuco</em>), aus dem man in Esmeralda das
+Gift bereitet, heißt hier wie in den Wäldern bei Javita. Es ist der
+<em>Bejuco de Mavacure</em>, und er kommt östlich von der Mission
+am linken Ufer des Orinoco, jenseits des Rio Amaguaca im
+granitischen Bergland von Guanaya und Yumariquin in Menge vor.
+Obgleich die Bejucobündel, die wir im Hause des Indianers fanden,
+gar keine Blätter mehr hatten, blieb uns doch kein Zweifel, daß es
+dasselbe Gewächs aus der Familie der Strychneen war (Aublets
+Rouhamon sehr nahe stehend), das wir im Wald beim Pimichin
+untersucht. Der <strong>Mavacure</strong> wird ohne Unterschied
+frisch oder seit mehreren Wochen getrocknet verarbeitet. Der
+frische Saft der Liane gilt nicht für giftig; vielleicht zeigt er
+sich nur wirksam, wenn er stark concentrirt ist. Das furchtbare
+Gift ist in der Rinde und einem Theil des Splints enthalten. Man
+schabt mit einem Messer 4—5 Linien dicke Mavacurezweige ab und
+zerstößt die abgeschabte Rinde auf einem Stein, wie er zum Reiben
+des Maniocmehls dient, in ganz dünne Fasern. Da der giftige Saft
+gelb ist, so nimmt die ganze faserigte Masse die nämliche Farbe an.
+Man bringt dieselbe in einen 9 Zoll hohen, 4 Zoll weiten Trichter.
+Diesen Trichter strich der Giftmeister unter allen Geräthschaften
+des indianischen Laboratoriums am meisten heraus. Er fragte uns
+mehreremale, ob wir <em>por alla</em> (dort drüben, das heißt in
+Europa) jemals etwas gesehen hätten, das seinem <em>Embado</em>
+gleiche? Es war ein dütenförmig aufgerolltes Bananenblatt, das in
+einer andern stärkeren Düte aus Palmblättern steckte; die ganze
+Vorrichtung ruhte auf einem leichten Gestell von Plattstielen und
+Fruchtspindeln einer Palme. Man macht zuerst einen kalten Aufguß,
+indem man Wasser an den faserigten Stoff, die gestoßene Rinde des
+Mavacure, gießt. Mehrere Stunden lang tropft ein gelblichtes Wasser
+vom Embudo, dem Blatttrichter, ab. Dieses durchsickernde Wasser ist
+die giftige Flüssigkeit; sie erhält aber die gehörige Kraft erst
+dadurch, daß man sie wie die Melasse in einem großen thönernen
+Gefäß abdampft. Der Indianer forderte uns von Zeit zu Zeit auf, die
+Flüssigkeit zu kosten; nach dem mehr oder minder bittern Geschmack
+beurtheilt man, ob der Saft eingedickt genug ist. Dabei ist keine
+Gefahr, da das Curare nur dann tödtlich wirkt, wenn es unmittelbar
+mit dem Blut in Berührung kommt. Deßhalb sind auch, was auch die
+Missionäre am Orinoco in dieser Beziehung gesagt haben mögen, die
+Dämpfe vom Kessel nicht schädlich. Fontana hat durch seine schönen
+Versuche mit dem Ticunasgift vom Amazonenstrom längst dargethan,
+daß die Dämpfe, die das Gift entwickelt, wenn man es auf glühende
+Kohlen wirft, ohne Schaden eingeathmet werden, und daß es unrichtig
+ist, wenn La Condamine behauptet, zum Tode verurtheilte indianische
+Weiber seyen durch die Dämpfe des Ticunasgifts getödtet worden.</p>
+<p>Der noch so stark eingedickte Saft des Mavacure ist nicht dick
+genug, um an den Pfeilen zu haften. Also bloß um dem Gift
+<strong>Körper zu geben</strong>, setzt man dem eingedickten Ausguß
+einen andern sehr klebrigten Pflanzensaft bei, der von einem Baum
+mit großen Blättern, genannt <strong>Kiracaguero</strong>, kommt.
+Da dieser Baum sehr weit von Esmeralda wächst, und er damals so
+wenig als der Bejuco de Mavacure Blüthen und Früchte hatte, so
+können wir ihn botanisch nicht bestimmen. Ich habe schon mehrmals
+davon gesprochen, wie oft ein eigenes Mißgeschick die
+interessantesten Gewächse der Untersuchung der Reisenden entzieht,
+während tausend andere, bei denen man nichts von chemischen
+Eigenschaften weiß, voll Blüthen und Früchten hängen. Reist man
+schnell, so bekommt man selbst unter den Tropen, wo die Blüthezeit
+der holzigten Gewächse so lange dauert, kaum an einem Achttheil der
+Gewächse die Fructificationsorgane zu sehen. Die
+Wahrscheinlichkeit, daß man, ich sage nicht die Familie, aber
+Gattung und Art bestimmen kann, ist demnach gleich 1 zu 8, und
+dieses nachtheilige Verhältniß empfindet man begreiflich noch
+schwerer, wenn man dadurch um die nähere Kenntniß von Gegenständen
+kommt, die noch in anderer Hinsicht als nur für die beschreibende
+Botanik von Bedeutung sind.</p>
+<p>Sobald der klebrigte Saft des Kiracaguero-Baums dem
+eingedickten, kochenden Giftsaft zugegossen wird, schwärzt sich
+dieser und gerinnt zu einer Masse von der Consistenz des Theers
+oder eines dicken Syrups. Diese Masse ist nun das Curare, wie es in
+den Handel kommt. Hört man die Indianer sagen, zur Bereitung des
+Giftes sey der Kiracaguero so nothwendig als der Bejuco de
+Mavacure, so kann man auf die falsche Vermuthung kommen, auch
+ersterer enthalte einen schädlichen Stoff, während er nur dazu
+dient, dem eingedickten Curaresaft mehr Körper zu geben (was auch
+der <strong>Algarobbo</strong> und jede gummiartige Substanz
+thäten). Der Farbenwechsel der Mischung rührt von der Zersetzung
+einer Verbindung von Kohlenstoff und Wasserstoff her. Der
+Wasserstoff verbrennt und der Kohlenstoff wird frei. Das Curare
+wird in den Früchten der Crescentia verkauft; da aber die Bereitung
+desselben in den Händen weniger Familien ist und an jedem Pfeile
+nur unendlich wenig Gift haftet, so ist das Curare bester Qualität,
+das von Esmeralda und Mandavaca, sehr theuer. Ich sah für zwei
+Unzen 5—6 Franken bezahlen. Getrocknet gleicht der Stoff dem Opium;
+er zieht aber die Feuchtigkeit stark an, wenn er der Luft
+ausgesetzt wird. Er schmeckt sehr angenehm bitter und Bonpland und
+ich haben oft kleine Mengen verschluckt. Gefahr ist keine dabei,
+wenn man nur sicher ist, daß man an den Lippen oder am Zahnfleisch
+nicht blutet. Bei Mangilis neuen Versuchen mit dem Viperngift
+verschluckte einer der Anwesenden alles Gift, das von vier großen
+italienischen Vipern gesammelt werden konnte, ohne etwas darauf zu
+spüren. Bei den Indianern gilt das Curare, innerlich genommen, als
+ein treffliches Magenmittel. Die Piravas- und Salivas-Indianer
+bereiten dasselbe Gift; es hat auch ziemlichen Ruf, ist aber doch
+nicht so gesucht wie das von Esmeralda. Die Bereitungsart scheint
+überall ungefähr dieselbe; es liegt aber kein Beweis vor, daß die
+verschiedenen Gifte, welche unter demselben Namen am Orinoco und am
+Amazonenstrom verkauft werden, identisch sind und von derselben
+Pflanze herrühren. Orfila hat daher sehr wohl gethan, wenn er in
+seiner <em>Toxicologie générale</em> das Woorara aus holländisch
+Guyana, das Curare vom Orinoco, das Ticuna vom Amazonenstrom und
+all die Substanzen, welche man unter dem unbestimmten Namen
+»amerikanische Gifte« zusammenwirft, für sich betrachtet.
+Vielleicht findet man einmal in Giftpflanzen aus verschiedenen
+Gattungen eine gemeinschaftliche alkalische Basis, ähnlich dem
+Morphium im Opium und der Vauqueline in den Strychnosarten.</p>
+<p>Man unterscheidet am Orinoco zwischen <em>Curare de raiz</em>
+(aus Wurzeln) und <em>Curare de bejuco</em> (aus Lianen oder der
+Rinde der Zweige). Wir haben nur letzteres bereiten sehen; erstens
+ist schwächer und weit weniger gesucht. Am Amazonenstrom lernten
+wir die Gifte verschiedener Indianerstämme kennen, der Ticunas,
+Yaguas, Pevas und Xibaros, die von derselben Pflanze kommen und
+vielleicht nur mehr oder weniger sorgfältig zubereitet sind. Das
+<em>Toxique des Ticunas</em>, das durch La Condamine in Europa so
+berühmt geworden ist und das man jetzt, etwas uneigentlich,
+»Ticuna« zu nennen anfängt, kommt von einer Liane, die auf der
+Insel Mormorote im obern Maragnon wächst. Dieses Gift wird zum
+Theil von den Ticunas-Indianern bezogen, die auf spanischem Gebiet
+bei den Quellen des Yacarique unabhängig geblieben sind, zum Theil
+von den Indianern desselben Stammes, die in der portugiesischen
+Mission Loreto leben. Da Gifte in diesem Klima für Jägervölker ein
+unentbehrliches Bedürfniß sind, so widersetzen sich die Missionäre
+am Orinoco und Amazonenstrom der Bereitung derselben nicht leicht.
+Die hier genannten Gifte sind völlig verschieden vom Gift von la
+Peca<sup><a href="#fn30" class="footnoteRef" id="fnref30" name=
+"fnref30">30</a></sup> und vom Gift von Lamas und Moyobamba. Ich
+führe diese Einzelnheiten an, weil die Pflanzenreste, die wir
+untersuchen konnten, uns (gegen die allgemeine Annahme) den Beweis
+geliefert haben, daß die drei Gifte, das der Ticunas, das von la
+Pera und das von Moyobamba, nicht von derselben Art kommen,
+wahrscheinlich nicht einmal von verwandten Gewächsen. So einfach
+das Curare ist, so langwierig und verwickelt ist die
+Bereitungsweise des Giftes von Moyobamba. Mit dem Saft des
+<strong>Bejuco de Ambihuasca</strong>, dem Hauptingrediens, mischt
+man Piment (<em>Capsicum</em>), Tabak, Barbasco (<em>Jacquinia
+armillaris</em>), Sanango (<em>Tabernaemontana</em>) und die Milch
+einiger andern Apocyneen. Der frische Saft der
+<strong>Ambihuasca</strong> wirkt tödtlich, wenn er mit dem Blut in
+Berührung kommt; der Saft des <strong>Mavacure</strong> wird erst
+durch Einkochen ein tödtliches Gift, und der Saft der Wurzel der
+<em>Jatropha Manihot</em> verliert durch Kochen ganz seine
+schädliche Eigenschaft. Als ich bei sehr großer Hitze die Liane,
+von der das schreckliche Gift von la Pera kommt, lange zwischen den
+Fingern rieb, wurden mir die Hände pelzigt; eine Person, die mit
+mir arbeitete, spürte gleich mir diese Folgen einer raschen
+Aufsaugung durch die unverletzten Hautdecken.</p>
+<p>Ich lasse mich hier auf keine Erörterung der physiologischen
+Wirkungen dieser Gifte der neuen Welt ein, die so rasch tödten, wie
+die Strychnosarten Asiens (die Brechnuß, das Upas-Tieute und die
+Ignatiusbohne), aber ohne, wenn sie in den Magen kommen, Erbrechen
+zu erregen und ohne die gewaltige Reizung des Rückenmarks, welche
+den bevorstehenden Tod verkündet. Wir haben während unseres
+Aufenthalts in Amerika Curare vom Orinoco und Bambusrohrstücke mit
+Gift der Ticunas und von Moyobamba den Chemikern Fourcroy und
+Vauquelin übermacht; wir haben ferner nach unserer Rückkehr
+Magendie und Delille, die mit den Giften der neuen Welt so schöne
+Versuche angestellt, Curare mitgetheilt, das auf dem Transport
+durch feuchte Länder schwächer geworden war. Am Orinoco wird selten
+ein Huhn gespeist, das nicht durch einen Stich mit einem
+vergifteten Pfeil getödtet worden wäre; ja die Missionäre
+behaupten, das Fleisch der Thiere sey nur dann gut, wenn man dieses
+Mittel anwende. Unser Reisebegleiter, der am dreitägigen Fieber
+leidende Pater Zea, ließ sich jeden Morgen einen Pfeil und das
+Huhn, das wir speisen sollten, lebend in seine Hängematte bringen.
+Er hätte eine Operation, auf die er trotz seines Schwächezustandes
+ein sehr großes Gewicht legte, keinem Andern überlassen mögen.
+Große Vögel, z.&nbsp;B. ein Guan (<em>Pava de monte</em>) oder ein
+Hocco (<em>Alector</em>) sterben, wenn man sie in den Schenkel
+sticht, in 2—3 Minuten; bei einem Schwein oder Pecari dauert es oft
+10—12. Bonpland fand, daß dasselbe Gift in verschiedenen Dörfern,
+wo man es kaufte, sehr verschieden war. Wir bekamen am
+Amazonenstrom ächtes Gift der Ticunas-Indianer, das schwächer war
+als alle Sorten des Curare vom Orinoco. Es wäre unnütz, den
+Reisenden die Angst ausreden zu wollen, die sie häufig äußern, wenn
+sie bei der Ankunft in den Missionen hören, daß die Hühner, die
+Affen, die Leguans, die großen Flußfische, die sie essen, mit
+vergifteten Pfeilen getödtet sind. Gewöhnung und Nachdenken machen
+dieser Angst bald ein Ende. Magendie hat sogar durch sinnreiche
+Versuche mit der Transfusion dargethan, daß das Blut von Thieren,
+die mit den ostindischen bittern Strychnosarten getödtet worden
+sind, auf andere Thiere keine schädliche Wirkung äußert. Einem Hund
+wurde eine bedeutende Menge vergifteten Bluts in die Venen
+gespritzt; es zeigte sich aber keine Spur von Reizung des
+Rückenmarks.</p>
+<p>Ich brachte das stärkste Curare mit den Schenkelnerven eines
+Frosches in Berührung, ohne, wenn ich den Grad der Irritabilität
+der Organe mittelst eines aus heterogenen Metallen bestehenden
+Bogens maß, eine merkliche Veränderung wahrzunehmen. Aber bei
+Vögeln, wenige Minuten nachdem ich sie mit einem vergifteten Pfeile
+getödtet, wollten die galvanischen Versuche so gut wie nicht
+gelingen. Diese Beobachtungen sind von Interesse, da ermittelt ist,
+daß auch eine Auflösung von Upas Tieute, wenn man sie auf den
+Hüftnerven gießt oder in das Nervengewebe selbst bringt, wenn sie
+also mit der Marksubstanz selbst in Berührung kommt, gleichfalls
+auf die Irritabilität der Organe keinen merkbaren Einfluß äußert.
+Das Curare, wie die meisten andern Strychneen (denn wir glauben
+immer noch, daß der Mavacure einer nahe verwandten Familie
+angehört) werden nur dann gefährlich, wenn das Gift auf das
+Gefäßsystem wirkt. In Maypures rüstete ein Farbiger (ein Zambo, ein
+Mischling von Indianer und Neger) für Bonpland giftige Pfeile, wie
+man sie in die Blaserohre steckt, wenn man kleine Affen und Vögel
+jagt. Es war ein Zimmermann von ungemeiner Muskelkraft. Er hatte
+die Unvorsichtigkeit, das Curare zwischen den Fingern zu reiben,
+nachdem er sich unbedeutend verletzt, und stürzte zu Boden, von
+einem Schwindel ergriffen, der eine halbe Stunde anhielt. Zum Glück
+war es nur schwaches (<em>destemplado</em>) Curare, dessen man sich
+bedient, um sehr kleine Thiere zu schießen, das heißt solche,
+welche man wieder zum Leben bringen will, indem man salzsaures
+Natron in die Wunde reibt. Auf unserer Rückfahrt von Esmeralda nach
+Atures entging ich selbst einer ziemlich nahen Gefahr. Das Curare
+hatte Feuchtigkeit angezogen, war flüssig geworden und aus dem
+schlecht verschlossenen Gefäß über unsere Wäsche gelaufen. Beim
+Waschen vergaß man einen Strumpf innen zu untersuchen, der voll
+Curare war, und erst als ich den klebrigten Stoff mit der Hand
+berührte, merkte ich, daß ich einen vergifteten Strumpf angezogen
+hätte. Die Gefahr war desto größer, da ich gerade an den Zehen
+blutete, weil mir Sandflöhe (<em>pulex penetrans</em>) schlecht
+ausgegraben worden waren. Aus diesem Fall mögen Reisende abnehmen,
+wie vorsichtig man seyn muß, wenn man Gift mit sich führt.</p>
+<p>In Europa wird die Untersuchung der Eigenschaften der Gifte der
+neuen Welt eine schöne Aufgabe für Chemie und Physiologie seyn,
+wenn man sich einmal bei stärkerem Verkehr aus den Ländern, wo sie
+bereitet werden, und so, daß sie nicht zu verwechseln sind, all die
+Gifte verschaffen kann, das <em>Curare de Bejuco</em>, das
+<em>Curare de Raiz</em>, und die verschiedenen Sorten vom
+Amazonenstrom, vom Guallaga und aus Brasilien. Da die Chemie die
+reine Blausäure und so viele neue sehr giftige Stoffe entdeckt hat,
+wird man in Europa hinsichtlich der Einführung dieser von wilden
+Völkern bereiteten Gifte nicht mehr so ångstlich seyn; indessen
+kann man doch allen, die in sehr volkreichen Städten (den
+Mittelpunkten der Cultur, des Elends und der Sittenverderbniß) so
+heftig wirkende Stoffe in Händen haben, nicht genug Vorsicht
+empfehlen. Was unsere botanische Kenntniß der Gewächse betrifft,
+aus denen Gift bereitet wird, so werden sie sich nur äußerst
+langsam berichtigen. Die meisten Indianer, die sich mit der
+Verfertigung vergifteter Pfeile abgeben, sind mit dem Wesen der
+giftigen Substanzen, die sie aus den Händen anderer Völker
+erhalten, völlig unbekannt. Ueber der Geschichte der Gifte und
+Gegengifte liegt überall der Schleier des Geheimnisses. Ihre
+Bereitung ist bei den Wilden Monopol der <strong>Piaches</strong>,
+die zugleich Priester, Gaukler und Aerzte sind, und nur von den in
+die Missionen versetzten Eingeborenen kann man über diese
+räthselhaften Stoffe etwas Sicheres erfahren. Jahrhunderte
+vergingen, ehe Mutis’ Beobachtungsgeist die Europäer mit dem
+<em>Bejuco del Guaco</em> (<em>Mikania Guako</em>) bekannt machte,
+welch das kräftigste Gegengift gegen den Schlangenbiß ist und das
+wir zuerst botanisch beschreiben konnten.</p>
+<p>In den Missionen herrscht allgemein die Meinung, Rettung sey
+unmöglich, wenn das Curare frisch und stark eingedickt und so lange
+in der Wunde geblieben ist, daß viel davon in den Blutlauf
+übergegangen. Unter allen Gegenmitteln, die man am Orinoco und
+(nach Leschenault) im indischen Archipel braucht, ist das salzsaure
+Natron das verbreitetste.<sup><a href="#fn31" class="footnoteRef"
+id="fnref31" name="fnref31">31</a></sup> Man reibt die Wunde mit
+dem Salz und nimmt es innerlich. Ich selbst kenne keinen gehörig
+beglaubigten Fall, der die Wirksamkeit des Mittels bewiese, und
+Magendies und Delilles Versuche sprechen vielmehr dagegen. Am
+Amazonenstrom gilt der Zucker für das beste Gegengift, und da das
+salzsaure Natron den Indianern in den Wäldern fast ganz unbekannt
+ist, so ist wahrscheinlich der Bienenhonig und der mehligte Zucker,
+den die an der Sonne getrockneten Bananen ausschwitzen, früher in
+ganz Guyana zu diesem Zweck gebraucht worden. Ammoniak und
+Lucienwasser sind ohne Erfolg gegen das Curare versucht worden; man
+weiß jetzt, wie unzuverlässig diese angeblichen specifischen Mittel
+auch gegen Schlangenbiß sind. Sir Everard Home hat dargethan, daß
+man die Heilung meist einem Mittel zuschreibt, während sie nur
+erfolgt ist, weil die Verwundung unbedeutend und die Wirkung des
+Giftes eine sehr beschränkte war. Man kann Thiere ohne Schaden mit
+vergifteten Pfeilen verwunden, wenn die Wunde offen bleibt und man
+die vergiftete Spitze nach der Verwundung sogleich zurückzieht.
+Wendet man in solchen Fällen Salz oder Zucker an, so wird man
+verführt, sie für vortreffliche specifische Mittel zu halten. Nach
+der Schilderung von Indianern, die im Krieg mit Waffen, die in
+Curare getaucht gewesen, verwundet worden, sind die Symptome ganz
+ähnlich wie beim Schlangenbiß. Der Verwundete fühlt Congestionen
+gegen den Kopf, und der Schwindel nöthigt ihn, sich niederzusetzen;
+sodann Uebelseyn, wiederholtes Erbrechen, brennender Durst und das
+Gefühl von Pelzigtseyn am verwundeten Körpertheil.</p>
+<p>Dem alten Indianer, dem <strong>Giftmeister</strong>, schien es
+zu schmeicheln, daß wir ihm bei seinem Laboriren mit so großem
+Interesse zusahen. Er fand uns so gescheit, daß er nicht zweifelte,
+wir könnten Seife machen; diese Kunst erschien ihm, nach der
+Bereitung des Curare, als eine der schönsten Erfindungen des
+menschlichen Geistes. Als das flüssige Gift in die zu seiner
+Aufnahme bestimmten Gefässe gegossen war, begleiteten wir den
+Indianer zum <strong>Juvias-Feste</strong>. Man feierte durch Tänze
+die Ernte der Juvias, der Früchte der <em>Bertholletia
+excelsa</em>, und überließ sich der rohesten Völlerei. In der
+Hütte, wo die Indianer seit mehreren Tagen zusammenkamen, sah es
+ganz seltsam aus. Es waren weder Tische noch Bänke darin, aber
+große gebratene, vom Rauch geschwärzte Affen sah man symmetrisch an
+die Wand gelehnt. Es waren <strong>Marimondas</strong> (<em>Ateles
+Belzebuth</em>) und die bärtigen sogenannten Kapuzineraffen, die
+man nicht mit dem Machi oder Saï (Buffons <em>Simia capucina</em>)
+verwechseln darf. Die Art, wie diese menschenähnlichen Thiere
+gebraten werden, trägt viel dazu bei, wenn ihr Anblick dem
+civilisirten Menschen so widerwärtig ist. Ein kleiner Rost oder
+Gitter aus sehr hartem Holz wird einen Fuß über dem Boden
+befestigt. Der abgezogene Affe wird zusammengebogen, als säße er;
+meist legt man ihn so, daß er sich auf seine langen, mageren Arme
+stützt, zuweilen kreuzt man ihm die Hände auf dem Rücken. Ist er
+auf dem Gitter befestigt, so zündet man ein helles Feuer darunter
+an. Flammen und Rauch umspielen den Affen und er wird zugleich
+gebraten und berußt.<sup><a href="#fn32" class="footnoteRef" id=
+"fnref32" name="fnref32">32</a></sup> Sieht man nun die
+Eingeborenen Arm oder Bein eines gebratenen Affen verzehren, so
+kann man sich kaum des Gedankens erwehren, die Gewohnheit, Thiere
+zu essen, die im Körperbau dem Menschen so nahe stehen, möge in
+gewissem Grade dazu beitragen, daß die Wilden so wenig Abscheu vor
+dem Essen von Menschenfieisch haben. Die gebratenen Affen,
+besonders solche mit sehr rundem Kopf, gleichen auf schauerliche
+Weise Kindern, daher auch Europäer, wenn sie sich von Vierhändern
+nähren müssen, lieber Kopf und Hände abschneiden und nur den Rumpf
+auftragen lassen. Das Affenfleisch ist so mager und trocken, daß
+Bonpland in seinen Sammlungen in Paris einen Arm und eine Hand
+aufbewahrt hat, die in Esmeralda am Feuer geröstet worden; nach
+vielen Jahren rochen diese Theile nicht im Geringsten.</p>
+<p>Wir sahen die Indianer tanzen. Der Tanz ist um so einförmiger,
+da die Weiber nicht daran Theil nehmen dürfen. Die Männer, alt und
+jung, fassen sich bei den Händen, bilden einen Kreis und drehen
+sich so, bald rechts, bald links, stundenlang, in schweigsamem
+Ernst. Meist machen die Tänzer selbst die Musik dazu. Schwache
+Töne, auf einer Reihe von Rohrstücken von verschiedener Länge
+geblasen, bilden eine langsame, melancholische Begleitung. Um den
+Takt anzugeben, beugt der Vortänzer im Rhythmus beide Kniee.
+Zuweilen bleiben alle stehen und machen kleine schwingende
+Bewegungen, indem sie den Körper seitlich hin und her werfen. Jene
+in eine Reihe geordneten und zusammengebundenen Rohrstücke gleichen
+der Pansflöte, wie wir sie bei bacchischen Aufzügen auf
+großgriechischen Vasen abgebildet sehen. Es ist ein höchst
+einfacher Gedanke, der allen Völkern kommen mußte, Rohre von
+verschiedener Länge zu vereinigen und sie nach einander, während
+man sie an den Lippen vorbeiführt, anzublasen. Nicht ohne
+Verwunderung sahen wir, wie rasch junge Indianer, wenn sie am Fluß
+Rohr (<em>carices</em>) fanden, dergleichen Pfeifen schnitten und
+stimmten. In allen Himmelsstrichen leisten diese Gräser mit hohem
+Halme den Menschen im Naturzustand mancherlei Dienste. Die Griechen
+sagten mit Recht, das Rohr sey ein Mittel gewesen zur Unterjochung
+der Völker, weil es Pfeile liefere, zur Milderung der Sitten durch
+den Reiz der Musik, zur Geistesentwicklung, weil es das erste
+Werkzeug geboten, mit dem man Buchstaben geschrieben. Diese
+verschiedenen Verwendungsarten des Rohrs bezeichnen gleichsam drei
+Abschnitte im Leben der Völker. Die Horden am Orinoco stehen
+unläugbar auf der untersten Stufe einer beginnenden
+Culturentwicklung. Das Rohr dient ihnen nur zu Krieg und Jagd und
+Pans Flöte sind auf jenen fernen Ufern noch keine Töne entlockt
+worden, die sanfte, menschliche Empfindungen wecken können.</p>
+<p>In der Festhütte fanden wir verschiedene vegetabilische
+Produkte, welche die Indianer aus den Bergen von Guanaya
+mitgebracht und die unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen.
+Ich verweile hier nur bei der Frucht des <strong>Juvia</strong>,
+bei den Rohren von ganz ungewöhnlicher Länge und bei den Hemden aus
+der Rinde des <strong>Marimabaums</strong>. Der
+<strong>Almendron</strong> oder <strong>Juvia</strong>, einer der
+großartigsten Bäume in den Wäldern der neuen Welt, war vor unserer
+Reise an den Rio Negro so gut wie unbekannt. Vier Tagreisen östlich
+von Esmeralda, zwischen dem Padamo und dem Ocamo am Fuß des Cerro
+Mapaya, am rechten Ufer des Orinoco, tritt er nach und nach auf;
+noch häufiger ist er auf dem linken Ufer beim Cerro Guanaya
+zwischen dem Rio Amaguaca und dem Gehette. Die Einwohner von
+Esmeralda versicherten uns, oberhalb des Gehette und des Chiguire
+werde der Juvia und der Cacaobaum so gemein, daß die wilden
+Indianer (die Guaicas und Guaharibos <strong>blancos</strong>) die
+Indianer aus den Missionen ungestört die Früchte sammeln lassen.
+Sie mißgönnen ihnen nicht, was ihnen die Natur auf ihrem eigenen
+Grund und Boden so reichlich schenkt. Kaum noch hat man es am obern
+Orinoco versucht, den Almendron fortzupflanzen. Die Trägheit der
+Einwohner läßt es noch weniger dazu kommen als der Umstand, daß das
+Oel in den mandelförmigen Samen so schnell ranzigt wird. Wir fanden
+in der Mission San Carlos nur drei Bäume und in Esmeralda zwei. Die
+majestätischen Stämme waren acht bis zehn Jahre alt und hatten noch
+nicht geblüht. Wie oben erwähnt, fand Bonpland Almendrons unter den
+Bäumen am Ufer des Cassiquiare in der Nähe der Stromschnellen von
+Cananivacari.</p>
+<p>Schon im sechzehnten Jahrhundert sah man in Europa, nicht die
+große Steinfrucht in der Form einer Cocosnuß, welche die Mandeln
+enthält, wohl aber die Samen mit holzigter dreieckigter Hülle. Ich
+erkenne diese auf einer ziemlich mangelhaften Zeichnung des
+Clusius. Dieser Botaniker nennt sie <strong>Almendras del
+Peru</strong>, vielleicht weil sie als eine sehr seltene Frucht an
+den obern Amazonenstrom und von dort über die Cordilleren nach
+Quito und Peru gekommen waren. Jean de Laet’s <em>Novus Orbis</em>,
+in dem ich die erste Nachricht vom Kuhbaum fand, enthält auch eine
+Beschreibung und ganz richtige Abbildung des Samens der
+<em>Bertholletia</em>. Laet nennt den Baum <strong>Totocke</strong>
+und erwähnt der Steinfrucht von der Größe eines Menschenkopfs,
+welche die Samen enthält. Diese Früchte, erzählt er, seyen so
+ungemein schwer, daß die Wilden es nicht leicht wagen, die Wälder
+zu betreten, ohne Kopf und Schultern mit einem Schild aus sehr
+hartem Holz zu bedenken. Von solchen Schilden wissen die
+Eingeborenen in Esmeralda nichts, wohl aber sprachen sie uns auch
+davon, daß es gefährlich sey, wenn die Früchte reifen und 50 bis 60
+Fuß hoch herabfallen. In Portugal und England verkauft man die
+dreieckigten Samen des Juvia unter dem unbestimmten Namen Kastanien
+(Castañas) oder Nüsse aus Brasilien und vom Amazonenstrom, und man
+meinte lange, sie wachsen, wie die Frucht der Pekea, einzeln auf
+Fruchtstielen. Die Einwohner von Gran-Para treiben seit einem
+Jahrhundert einen ziemlich starken Handel damit. Sie schicken sie
+entweder direkt nach Europa oder nach Cayenne, wo sie
+<strong>Touka</strong> heißen. Der bekannte Botaniker Correa de
+Serra sagte uns, der Baum sey in den Wäldern bei Macapa an der
+Mündung des Amazonenstroms sehr häufig und die Einwohner sammeln
+die Mandeln, wie die der Lecythis, um Oel daraus zu schlagen. Eine
+Ladung Juviamandeln, die im Jahr 1807 in Havre einlief und von
+einem Caper aufgebracht war, wurde gleichfalls so benützt.</p>
+<p>Der Baum, von dem die die »brasilianischen Kastanien« kommen,
+ist meist nur 2 bis 3 Fuß dick, wird aber 100 bis 120 Fuß hoch. Er
+hat nicht den Habitus der Mammea, des Sternapfelbaums und
+verschiedener anderer tropischer Bäume, bei denen die Zweige (wie
+bei den Lorbeeren der gemäßigten Zone) fast gerade gen Himmel
+stehen. Bei der Bertholletia stehen die Aeste weit auseinander,
+sind sehr lang, dem Stamm zu fast blätterlos und an der Spitze mit
+dichten Laubbüscheln besetzt. Durch diese Stellung der halb
+lederartigen, unterhalb leicht silberfarbigen, über zwei Fuß langen
+Blätter beugen sich die Aeste abwärts, wie die Wedel der Palmen.
+Wir haben den majestätischen Baum nicht blühen sehen. Er setzt vor
+dem fünfzehnten Jahr keine Blüthen an, und dieselben brechen zu
+Ende März oder Anfangs April auf. Die Früchte reifen gegen Ende
+Mai, und an manchen Stämmen bleiben sie bis in den August hängen.
+Da dieselben so groß sind wie ein Kindskopf und oft 12 bis 13 Zoll
+Durchmesser haben, so fallen sie mit gewaltigem Geräusch vom
+Baumgipfel. Ich weiß nichts, woran einem die wunderbare Kraft des
+organischen Lebens im heißen Erdstrich augenfälliger entgegenträte,
+als der Anblick der mächtigen holzigten Fruchthüllen, z.&nbsp;B.
+des Cocosbaums (<em>Lodoicea</em>) unter den Monocotyledonen, und
+der Bertholletia und der Lecythis unter den Dicotyledonen. In
+unsern Klimaten bringen allein die Kürbisarten innerhalb weniger
+Monate Früchte von auffallender Größe hervor; aber diese Früchte
+sind fleischigt und saftreich. Unter den Tropen bildet die
+Bertholletia innerhalb 50 bis 60 Tagen eine Fruchthülle, deren
+holzigter Theil einen halben Zoll dick und mit den schärfsten
+Werkzeugen kaum zu durchsägen ist. Ein bedeutender Naturforscher
+(Richard) hat bereits die Bemerkung gemacht, daß das <strong>Holz
+der Früchte</strong> meist so hart wird, wie das Holz der
+Baumstämme nur selten. Die Fruchthülle der Bertholletia zeigt die
+Rudimente von vier Fächern; zuweilen habe ich ihrer auch fünf
+gefunden. Die Samen haben zwei scharf gesonderte Hüllen, und damit
+ist der Bau der Frucht complicirter als bei den Lecythis-, Pekea-
+und Saouvari-Arten. Die erste Hülle ist beinartig oder holzigt,
+dreieckigt, außen höckerigt und zimmtfarbig. Vier bis fünf,
+zuweilen acht solcher dreieckigten Nüsse sind an einer Scheidewand
+befestigt. Da sie sich mit der Zeit ablösen, liegen sie frei in der
+großen kugligten Fruchthülle. Die Kapuzineraffen (<em>Simia
+chiropotes</em>) lieben ungemein die »brasilianischen Kastanien,«
+und schon das Rasseln der Samen, wenn man die Frucht, wie sie vom
+Baum fällt, schüttelt, macht die Eßlust dieser Thiere in hohem
+Grade rege. Meist habe ich nur 15 bis 22 Nüsse in einer Frucht
+gefunden. Der zweite Ueberzug der Mandeln ist häutig und braungelb.
+Der Geschmack derselben ist sehr angenehm, so lange sie frisch
+sind; aber das sehr reichliche Oel, durch das sie ökonomisch so
+nützlich werden, wird leicht ranzigt. Wir haben am obern Orinoco
+häufig, weil sonst nichts zu haben war, diese Mandeln in
+bedeutender Menge gegessen und nie einen Nachtheil davon empfunden.
+Die kugligte Fruchthülle der Bertholletia ist oben durchbohrt,
+springt aber nicht auf; das obere bauchigte Ende des Säulchens
+bildet allerdings (nach Kunth) eine Art innern Deckel, wie bei der
+Frucht der Lecythis, aber er öffnet sich nicht wohl von selbst.
+Viele Samen verlieren durch die Zersetzung des Oels in den
+Samenlappen die Keimkraft, bevor in der Regenzeit die Holzkapsel
+der Fruchthülle in Folge der Fäulniß aufgeht. Nach einem am untem
+Orinoco weit verbreiteten Mährchen setzen sich die Kapuziner- und
+Cacajao-Affen (<em>Simia chiropotes</em> und <em>Simia
+melanocephala</em>) im Kreis umher, klopfen mit einem Stein auf die
+Frucht und zerschlagen sie wirklich, so daß sie zu den dreieckigten
+Mandeln kommen können. Dieß wäre wegen der ausnehmenden Härte und
+Dicke der Fruchthülle geradezu unmöglich. Man mag gesehen haben,
+wie Affen die Früchte der Bertholletia am Boden rollten, und
+dieselben haben zwar ein kleines Loch, an welches das obere Ende
+des Säulchens befestigt ist, aber die Natur hat es den Affen nicht
+so leicht gemacht, die holzigte Fruchthülle der Juvia zu öffnen,
+wie bei der Lechthis, wo sie den Deckel abnehmen, der in den
+Missionen <em>la tapa</em> (Deckel) <em>del coca de monos</em>
+heißt. Nach der Aussage mehrerer sehr glaubwürdiger Indianer
+gelingt es nur den kleinen Nagern, namentlich den Agutis (<em>Cavia
+Aguti</em>, <em>Cavia Paca</em>), vermöge des Baues ihrer Zähne und
+der unglaublichen Ausdauer, mit der sie ihrem Zerstörungswerk
+obliegen, die Frucht der Bertholletia zu durchbohren. Sobald die
+dreieckigten Nüsse auf den Boden ausgestreut sind, kommen alle
+Thiere des Waldes herbeigeeilt; Affen, Manaviris, Eichhörner,
+Agutis, Papagaien und Aras streiten sich um die Beute. Sie sind
+alle stark genug, um den holzigten Ueberzug des Samens zu
+zerbrechen; sie nehmen die Mandel heraus und klettern damit auf die
+Bäume. »So haben sie auch ihr Fest,« sagten die Indianer, die von
+der Ernte kamen, und hört man sie sich über die Thiere beschweren,
+so merkt man wohl, daß sie sich für die alleinigen rechtmäßigen
+Herren des Waldes halten.</p>
+<p>Das häufige Vorkommen des Juvia ostwärts von Esmeralda scheint
+darauf hinzudeuten, daß die Flora des Amazonenstroms an dem Stück
+des obern Orinoco beginnt, das im Süden der Gebirge hinläuft. Es
+ist dieß gewissermaßen ein weiterer Beweis dafür, daß hier zwei
+Flußbecken vereinigt sind. Bonpland hat sehr gut
+auseinandergesetzt, wie man zu verfahren hätte, um die
+<em>Bertholletia excelsa</em> am Ufer des Orinoco, des Apure, des
+Meta, überhaupt in der Provinz Venezuela anzupflanzen. Man müßte
+da, wo der Baum wild wächst, die bereits keimenden Samen zu
+Tausenden sammeln und sie in Kasten mit derselben Erde legen, in
+der sie zu vegetiren angefangen. Die jungen Pflanzen, durch Blätter
+von Musaceen oder Palmblätter gegen die Sonnenstrahlen geschützt,
+würden auf Piroguen oder Flöße gebracht. Man weiß, wie schwer in
+Europa (trotz der Anwendung von Chlor, wovon ich anderswo
+gesprochen) Samen mit hornartiger Fruchthülle, Palmen, Kaffeearten,
+Chinaarten und große holzigte Nüsse mit leicht ranzigt werdendem
+Oel, zum Keimen zu bringen sind. Alle diese Schwierigkeiten wären
+beseitigt, wenn man nur Samen sammelte, die unter dem Baum selbst
+gekeimt haben. Auf diese Weise ist es uns gelungen, zahlreiche
+Exemplare sehr seltener Pflanzen, z.&nbsp;B. die <em>Coumarouna
+odora</em> oder Tongabohne, von den Katarakten des Orinoco nach
+Angostura zu bringen und in den benachbarten Pflanzungen zu
+verbreiten.</p>
+<p>Eine der vier Piroguen, mit denen die Indianer auf der
+Juviasernte gewesen waren, war großentheils mit der Rohrart
+(<em>Carice</em>) gefüllt, aus der Blaserohre gemacht werden. Die
+Rohre waren 15 bis 17 Fuß lang, und doch war keine Spur von Knoten
+zum Ansatz von Blättern oder Zweigen zu bemerken. Sie waren
+vollkommen gerade, außen glatt und völlig cylindrisch. Diese
+<strong>Carices</strong> kommen vom Fuß der Berge von Yumariquin
+und Guanaja. Sie sind selbst jenseits des Orinoco unter dem Namen
+»Rohr von Esmeralda« sehr gesucht. Ein Jäger führt sein ganzes
+Leben dasselbe Blaserohr; er rühmt die Leichtigkeit, Genauigkeit
+und Politur desselben, wie wir an unsern Feuergewehren dieselben
+Eigenschaften rühmen. Was mag dieß für ein monocotyledonisches
+Gewächs<sup><a href="#fn33" class="footnoteRef" id="fnref33" name=
+"fnref33">33</a></sup> seyn, von dem diese herrlichen Rohre kommen?
+Haben wir wirklich die Internodia einer Grasart aus der Sippe der
+Nostoiden vor uns gehabt? oder sollte dieser Carice eine
+Cyperacea<sup><a href="#fn34" class="footnoteRef" id="fnref34"
+name="fnref34">34</a></sup> ohne Knoten seyn? Ich vermag diese
+Fragen« nicht zu beantworten, so wenig ich weiß, welcher Gattung
+ein anderes Gewächs angehört, von dem die
+<strong>Marimahemden</strong> kommen. Wir sahen am Abhang des Cerro
+Duida über 50 Fuß hohe Stämme des <strong>Hemdbaums</strong>. Die
+Indianer schneiden cylindrische Stücke von zwei Fuß Durchmesser
+davon ab und nehmen die rothe, faserigte Rinde weg, wobei sie sich
+in Acht nehmen, keinen Längsschnitt zu machen. Diese Rinde gibt
+ihnen eine Art Kleidungsstück, das Säcken ohne Nath von sehr grobem
+Stoffe gleicht. Durch die obere Oeffnung steckt man den Kopf, und
+um die Arme durchzustecken, schneidet man zur Seite zwei Löcher
+ein. Der Eingeborene trägt diese Marimahemden bei sehr starkem
+Regen; sie haben die Form der baumwollenen <strong>Ponchos</strong>
+und <strong>Ruanas</strong>, die in Neu-Grenada, Quito und Peru
+allgemein getragen werden. Da die überschwengliche Freigebigkeit
+der Natur in diesen Himmelsstrichen für die Hauptursache gilt,
+warum die Menschen so träge sind, so vergessen die Missionäre, wenn
+sie Marimahemden vorweisen, nie die Bemerkung zu machen, »in den
+Wäldern am Orinoco wachsen die Kleider fertig auf den Bäumen«. Zu
+dieser Geschichte von den Hemden gehören auch die spitzen Mützen,
+welche die Blumenscheiden gewisser Palmen liefern und die einem
+weitmaschigen Gewebe gleichen.</p>
+<p>Beim Feste, dem wir beiwohnten, waren die Weiber vom Tanz und
+jeder öffentlichen Lustbarkeit ausgeschlossen; ihr trauriges
+Geschäft bestand darin, den Männern Affenbraten, gegohrenes Getränk
+und Palmkohl aufzutragen. Des letzteren Produkts, das wie unser
+Blumenkohl schmeckt, erwähne ich nur, weil wir in keinem Lande so
+ausnehmend große Stücke gesehen haben. Die noch nicht entwickelten
+Blätter sind mit dem·jungen Stengel verschmolzen, und wir haben
+Cylinder gemessen, die sechs Fuß lang und fünf Zoll dick waren.
+Eine andere, weit nahrhaftere Substanz kommt aus dem Thierreich,
+das <strong>Fischmehl</strong> (<em>manioc de pescado</em>).
+Ueberall am obern Orinoco braten die Indianer die Fische, dörren
+sie an der Sonne und stoßen sie zu Pulver, ohne die Gräten davon zu
+trennen. Ich sah Quantitäten von 50 bis 60 Pfund dieses Mehls, das
+aussieht wie Maniocmehl. Zum Essen rührt man es mit Wasser zu einem
+Teige an. Unter allen Klimaten, wo es viele Fische gibt, ist man
+auf dieselben Mittel zur Aufbewahrung derselben gekommen. So
+beschreiben Plinius und Diodor von Sicilien das
+<strong>Fischbrod</strong> der Ichthyophagen<sup><a href="#fn35"
+class="footnoteRef" id="fnref35" name="fnref35">35</a></sup> am
+persischen Meerbusen und am rothen Meer.</p>
+<p>In Esmeralda, wie überall in den Missionen, leben die Indianer,
+die sich nicht taufen lassen wollten und sich nur frei der Gemeinde
+angeschlossen haben, in Polygamie. Die Zahl der Weiber ist bei den
+verschiedenen Stämmen sehr verschieden, am größten bei den Caraiben
+und bei all den Völkerschaften, bei denen sich die Sitte, junge
+Mädchen von benachbarten Stämmen zu entführen, lange erhalten hat.
+Wie kann bei einer so ungleichen Verbindung von häuslichem Glück
+die Rede seyn! Die Weiber leben in einer Art Sklaverei, wie bei den
+meisten sehr versunkenen Völkern. Da die Männer im Besitz der
+unumschränkten Gewalt sind, so wird in ihrer Gegenwart keine Klage
+laut. Im Hause herrscht scheinbar Ruhe und die Weiber beeifern sich
+alle, den Wünschen eines anspruchsvollen, übellaunigen Gebieters
+zuvorzukommen. Sie pflegen ohne Unterschied ihre eigenen Kinder und
+die der andern Weiber. Die Missionäre versichern (und was sie
+sagen, ist sehr glaublich), dieser innere Frieden, die Frucht
+gemeinsamer Furcht, werde gewaltig gestört, sobald der Mann länger
+von Hause abwesend sey. Dann behandelt diejenige, mit der sich der
+Mann zuerst verbunden, die andern als Beischläferinnen und Mägde.
+Der Zank nimmt kein Ende, bis der Gebieter wieder kommt, der durch
+einen Laut, durch eine bloße Geberde, und wenn er es zweckdienlich
+erachtet, durch etwas schärfere Mittel die Leidenschaften
+niederzuschlagen weiß. Bei den Tamanacas ist eine gewisse
+Ungleichheit unter den Weibern hinsichtlich ihrer Rechte durch den
+Sprachgebrauch bezeichnet. Der Mann nennt die zweite und dritte
+Frau <strong>Gefährtinnen</strong> der ersten; die erste behandelt
+die <strong>Gefährtinnen</strong> als Nebenbuhlerinnen und
+<strong>Feinde</strong> (<em>ipucjatoje</em>), was allerdings nicht
+so höflich ist, aber wahrer und ausdrucksvoller. Da alle Last der
+Arbeit auf den unglücklichen Weibern liegt, so ist es nicht zu
+verwundern, daß bei manchen Nationen ihre Anzahl auffallend gering
+ist. In solchem Falle bildet sich eine Art Vielmännerei, wie wir
+sie, nur entwickelter, in Tibet und im Gebirge am Ende der
+ostindischen Halbinsel finden. Bei den Avanos und Maypures haben
+oft mehrere Brüder nur Eine Frau. Wird ein Indianer, der mehrere
+Weiber hat, Christ, so zwingen ihn die Missionäre, eine zu wählen,
+die er behalten will, und die andern zu verstoßen. Der Moment der
+Trennung ist nun der kritische; der Neubekehrte findet, daß seine
+Weiber doch höchst schätzbare Eigenschaften haben: die eine
+versteht sich gut auf die Gärtnerei, die andere weiß
+<strong>Chiza</strong> zu bereiten, das berauschende Getränk aus
+der Maniocwurzel; eine erscheint ihm so unentbehrlich wie die
+andere. Zuweilen siegt beim Indianer das Verlangen, seine Weiber zu
+behalten, über die Neigung zum Christenthum; meist aber läßt der
+Mann den Missionär wählen, und nimmt dieß hin wie einen Spruch des
+Schicksals.</p>
+<p>Die Indianer, die vom Mai bis August Fahrten ostwärts von
+Esmeralda unternehmen, um in den Bergen von Yumariquin
+Pflanzenprodukte zu sammeln, konnten uns genaue Auskunft über den
+Lauf des Orinoco, im Osten der Mission geben. Dieser Theil meiner
+Reisekarte weicht von den früheren völlig ab. Ich beginne die
+Beschreibung dieser Länder mit dem Granitstock des Duida, an dessen
+Fuße wir weilten. Derselbe wird im Westen vom Rio Tamatama, im
+Osten vom Rio Guapo begrenzt. Zwischen diesen beiden Nebenflüssen
+des Orinoco, durch die <strong>Morichales</strong> oder die
+Gebüsche von Mauritiapalmen, die Esmeralda umgeben, kommt der Rio
+Sodomoni herab, vielberufen wegen der vortrefflichen Ananas, die an
+seinen Ufern wachsen. Am 22. Mai maß ich auf einer Grasflur am Fuß
+des Duida eine Standlinie von 475 Metern; der Winkel, unter dem die
+Spitze des Berges in 13,327 Meter Entfernung erscheint, beträgt
+noch 9&nbsp;Grad. Nach meiner genauen trigonometrischen Messung ist
+der Duida (das heißt der höchste Gipfel südwestlich vom Cerro
+Maraguaca) 2179 Meter oder 1118 Toisen über der Ebene von Esmeralda
+hoch, also wahrscheinlich gegen 1300 über dem Meeresspiegel; ich
+sage wahrscheinlich, denn leider war mein Barometer zerbrochen, ehe
+wir nach Esmeralda kamen. Der Regen war so stark, daß wir in den
+Nachtlagern das Instrument nicht vor Feuchtigkeit schützen konnten,
+und bei der ungleichen Ausdehnung des Holzes zerbrach die Röhre.
+Der Unfall war mir desto verdrießlicher, weil wohl nie ein
+Barometer größere Reisen mitgemacht hat. Ich hatte dasselbe schon
+seit drei Jahren in Europa in den Gebirgen von Steiermark,
+Frankreich und Spanien, in Amerika auf dem Wege von Cumana an den
+obern Orinoco geführt. Das Land zwischen Javita, Vasiva und
+Esmeralda ist eine weite Ebene, und da ich an den beiden ersteren
+Orten den Barometer beobachtet habe, so kann ich mich hinsichtlich
+der absoluten Höhe der Savanen am Sodomoni höchstens um 15—20
+Toisen irren. Der Cerro Duida steht an Höhe dem St. Gotthard und
+der Silla bei Caracas am Küstenland von Venezuela nur wenig (kaum
+80—100 Toisen) nach. Er gilt auch hier zu Lande für einen
+colossalen Berg, woraus wir ziemlich sicher auf die mittlere Höhe
+der Sierra Parime und aller Berge im östlichen Amerika schließen
+können. Oestlich von der Sierra Nevada de Merida, sowie südöstlich
+vom Paramo de las Rosas erreicht keine der Bergketten, die in der
+Richtung eines Parallels streichen, die Höhe des Centralkamms der
+Pyrenäen. Der Granitgipfel des Duida fällt so steil ab, daß die
+Indianer vergeblich versucht haben hinaufzukommen. Bekanntlich sind
+gar nicht hohe Berge oft am unzugänglichsten. Zu Anfang und zu Ende
+der Regenzeit sieht man auf der Spitze des Duida kleine Flammen,
+und zwar, wie es scheint, nicht immer am selben Ort. Wegen dieser
+Erscheinung, die bei den übereinstimmenden Aussagen nicht wohl in
+Zweifel zu ziehen ist, hat man den Berg mit Unrecht einen Vulkan
+genannt. Da er ziemlich isolirt liegt, könnte man denken, der Blitz
+zünde zuweilen das Strauchwerk an; dieß erscheint aber
+unwahrscheinlich, wenn man bedenkt, wie schwer in diesem nassen
+Klima die Gewächse brennen. Noch mehr: man versichert, es zeigen
+sich oft kleine Flammen an Stellen, wo das Gestein kaum mit Rasen
+bedeckt scheint; auch beobachte man ganz ähnliche
+Feuererscheinungen, und zwar an Tagen ohne alles Gewitter, am
+Gipfel des Guaraco oder Murcielago, eines Hügels gegenüber der
+Mündung des Rio Tamatama auf dem südlichen Ufer des Orinoco. Dieser
+Hügel erhebt sich kaum 100 Toisen über die umliegende Ebene. Sind
+die Aussagen der Eingeborenen begründet, so rühren beim Duida und
+dem Guaraco die Flammen wahrscheinlich von einer unterirdischen
+Ursach her; denn man sieht dergleichen niemals auf den hohen Bergen
+am Rio Jao und am Berg Maraguaca, um den so oft die Gewitter toben.
+Der Granit des Cerro Duida ist von theils offenen, theils mit
+Quarzkrystallen und Kiesen gefüllten Gängen durchzogen Durch
+dieselben mögen gasförmige, brennbare Emanationen (Wasserstoff oder
+Naphta) aufsteigen. In den Gebirgen von Caramanien, im Hindu-Khu
+und im Himalaya sind dergleichen Erscheinungen häufig. In vielen
+Landstrichen des östlichen Amerika, die den Erdbeben ausgesetzt
+sind, sieht man sogar (wie am Cuchivano bei Cumanacoa)<sup><a href=
+"#fn36" class="footnoteRef" id="fnref36" name=
+"fnref36">36</a></sup> aus secundären Gebirgsbildungen Flammen aus
+dem Boden brechen. Dieselben zeigen sich, wenn der erste Regen auf
+den von der Sonne stark erhitzten Boden fällt, oder wenn dieser
+nach starken Niederschlägen wieder zu trocknen anfängt. Die
+Grundursach dieser Feuererscheinungen ist in ungeheurer Tiefe, weit
+unter den secundären Formationen, in den Urgebirgsarten zu suchen;
+der Regen und die Zersetzung des atmosphärischen Wassers spielen
+dabei nur eine untergeordnete Rolle. Die heißesten Quellen in der
+Welt kommen unmittelbar aus dem Granit; das Steinöl quillt aus dem
+Glimmerschiefer; in Encaramada zwischen den Flüssen Arauca und
+Cuchivero, mitten auf dem Granitboden der Sierra Parime am Orinoco,
+hört man furchtbares Getöse. Hier, wie überall auf dem Erdball,
+liegt der Herd der Vulkane in den ältesten Bildungen, und zwischen
+den großen Phänomenen, wobei die Rinde unseres Planeten
+emporgehoben und geschmolzen wird, und den Feuermeteoren, die sich
+zuweilen an der Oberfläche zeigen und die man, ihrer
+Unbedeutendheit wegen, nur atmosphärischen Einflüssen zuschreiben
+möchte, scheint ein Causalzusammenhang zu bestehen.</p>
+<p>Der Duida hat zwar nicht die Höhe, welche der Volksglaube ihm
+zuschreibt, er ist aber im ganzen Bergstock zwischen Orinoco und
+Amazonenstrom der beherrschende Punkt. Diese Berge fallen gegen
+Nordwest, gegen den Puruname, noch rascher ab als gegen Ost, gegen
+den Padamo und den Rio Ocamo. In der ersteren Richtung sind die
+höchsten Gipfel nach dem Duida der <strong>Cuneva</strong>, an den
+Quellen des Rio Paru (eines Nebenflusses des Ventuari), der
+<strong>Sipapo</strong>, der <strong>Calitamini</strong>, der mit
+dem <strong>Cunavami</strong> und dem <strong>Pic Uniana</strong>
+zu Einer Gruppe gehört. Ostwärts vom Duida zeichnen sich durch ihre
+Höhe aus, am rechten Ufer des Orinoco der <strong>Maravaca</strong>
+oder die Sierra Maraguaca zwischen dem Rio Caurimoni und dem
+Padamo, auf dem linken Ufer die Berge von <strong>Guanaja</strong>
+und <strong>Yumariquin</strong> zwischen den Flüssen Amaguaca und
+Gehette. Ich brauche kaum noch einmal zu bemerken, daß die Linie,
+welche über diese hohen Gipfel läuft (wie in den Pyrenäen, den
+Karpathen und so vielen Bergketten der alten Welt), keineswegs mit
+der Wasserscheide zusammenfällt. Die Wasserscheide zwischen den
+Zuflüssen des untern und des obern Orinoco schneidet den Meridian
+von 64° unter dem vierten Grad der Breite. Sie läuft zuerst
+zwischen den Quellen des Rio Branco und des Carony durch und dann
+nach Nordwest, so daß die Gewässer des Padamo, Jao und Ventuari
+nach Süd, die Gewässer des Arui, Caura und Cuchivero nach Nord
+fließen.</p>
+<p>Man kann von Esmeralda den Orinoco gefahrlos hinausfahren bis zu
+den Katarakten, an denen die Guaicas-Indianer sitzen, welche die
+Spanier nicht weiter hinauf kommen lassen; es ist dieß eine Fahrt
+von sechs und einem halben Tag. In den zwei ersten kommt man an den
+Einfluß des Rio Padamo, nachdem man gegen Nord die kleinen Flüsse
+Tamatama, Sodomoni, Guapo, Caurimoni und Simirimoni, gegen Süd dem
+Einfluß des Cuca zwischen dem Hügel Guaraco, der Flammen auswerfen
+soll, und dem Cerro Canelilla, hinter sich gelassen. Auf diesem
+Strich bleibt der Orinoco 300—400 Toisen breit. Auf dem rechten
+Ufer kommen mehr Flüsse herein, weil sich an dieser Seite die hohen
+Berge Duida und Maraguaca hinziehen, auf welchen sich die Wolken
+lagern, während das linke Ufer niedrig ist und an die Ebene stößt,
+die im Großen gegen Südwest abfällt. Prachtvolle Wälder mit Bauholz
+bedecken die nördlichen Cordilleren. In diesem heißen, beständig
+feuchten Landstrich ist das Wachsthum so stark, daß es Stämme von
+Bombax Ceiba von 16 Fuß Durchmesser gibt. Der Rio Padamo oder
+Patamo, über den früher die Missionäre am obern Orinoco mit denen
+am Rio Caura verkehrten, ist für die Geographen zu einer Quelle von
+Irrthümern geworden. Pater Caulin nennt ihn Macoma und setzt einen
+andern Rio Patamo zwischen den Punkt der Gabeltheilung des Orinoco
+und einen Berg Ruida, womit ohne Zweifel der Cerro Duida gemeint
+ist. Surville läßt den Padamo sich mit dem Rio Ocamo (Ucamu)
+verbinden, der ganz unabhängig von ihm ist; auf der großen Karte
+von La Cruz endlich ist ein kleiner Nebenfluß des Orinoco, westlich
+von der Gabeltheilung, als Rio Padamo bezeichnet und der
+eigentliche Fluß dieses Namens heißt Rio Maquiritari. Von der
+Mündung dieses Flusses, der ziemlich breit ist, kommen die Indianer
+in einem und einem halben Tag an den Rio Mavaca, der in den hohen
+Gebirgen von Unturan entspringt, von denen oben die Rede
+war.<sup><a href="#fn37" class="footnoteRef" id="fnref37" name=
+"fnref37">37</a></sup> Der Trageplatz zwischen den Quellen dieses
+Nebenflusses und denen des Jdapa oder Siapa hat zu der Fabel vom
+Zusammenhang des Jdapa mit dem obern Orinoco Anlaß gegeben. Der Rio
+Mavaca steht mit einem See in Verbindung, an dessen Ufer die
+Portugiesen, ohne Vorwissen der Spanier in Esmeralda, vom Rio Negro
+her kommen, um die aromatischen Samen des <em>Laurus Pucheri</em>
+zu sammeln, die im Handel als <strong>Pichurimbohne</strong> und
+<strong>Toda Specie</strong> bekannt sind. Zwischen den Mündungen
+des Padamo und des Mavaca nimmt der Orinoco von Nord her den Ocamo
+aus, in den sich der Rio Matacona ergießt. An den Quellen des
+letzteren Flusses wohnen die Guainares, die lange nicht so stark
+kupferfarbig oder braun sind als die übrigen Bewohner dieser
+Länder. Dieser Stamm gehört zu denen, welche bei den Missionären
+<em>Indios blancas</em> heißen, und über die ich bald mehr sagen
+werde. An der Mündung des Ocamo zeigt man den Reisenden einen Fels,
+der im Lande für ein Wunder gilt. Es ist ein Granit, der in Gneiß
+übergeht, ausgezeichnet durch die eigenthümliche Vertheilung des
+schwarzen Glimmers, der kleine verzweigte Adern bildet. Die Spanier
+nennen den Fels <em>piedra mapaya</em> (Landkartenstein).</p>
+<p>Ueber dem Einfluß des Mavaca nimmt der Orinoco an Breite und
+Tiefe auf einmal ab. Sein Lauf wird sehr gekrümmt, wie bei einem
+Alpstrom. An beiden Ufern stehen Gebirge; von Süden her kommen
+jetzt bedeutend mehr Gewässer herein, indessen bleibt die
+Cordillere im Norden am höchsten. Von der Mündung des Mavaca bis
+zum Rio Gehette sind es zwei Tagereisen, weil die Fahrt sehr
+beschwerlich ist und man oft, wegen zu seichten Wassers, die
+Pirogue am Ufer schleppen muß. Auf dieser Strecke kommen von Süd
+der Daracapo und der Amaguaca herein; sie laufen nach West und Ost
+um die Berge von Guanaya und Yumariquin herum, wo man die Früchte
+der Bertholletia sammelt. Von den Bergen gegen Nord, deren Höhe vom
+Cerro Maraguaca an allmählich abnimmt, kommt der Rio Manaviche
+herab. Je weiter man auf dem Orinoco hinaufkommt, desto häufiger
+werden die Krümmungen und die kleinen Stromschnellen (<em>chorros y
+remolinos</em>). Man läßt links den Caño Chiguire, an dem die
+Guaicas, gleichfalls ein Stamm weißer Indianer, wohnen, und zwei
+Meilen weiter kommt man zur Mündung des Gehette, wo sich ein großer
+Katarakt befindet. Ein Damm von Granitfelsen läuft über den
+Orinoco; dieß sind die Säulen des Hercules, über die noch kein
+Weißer hinausgekommen ist. Dieser Punkt, der sogenannte <em>Raudal
+de Guaharibos</em>, scheint ¾ Grad ostwärts von Esmeralda, also
+unter 67°38′ der Länge zu liegen. Durch eine militärische
+Expedition, die der Commandant von San Carlos, Don Francisco
+Bovadilla, unternommen, um die Quellen des Orinoco aufzusuchen, hat
+man die genauesten Nachrichten über die Katarakten der Guaharibos.
+Er hatte erfahren, daß Neger, welche in holländisch Guyana
+entsprungen, nach West (über die Landenge zwischen den Quellen des
+Rio Carony und des Rio Branco hinaus) gelaufen seyen und sich zu
+unabhängigen Indianern gesellt haben. Er unternahm eine
+<em>Entrada</em> (Einfall) ohne Erlaubniß des Statthalters; der
+Wunsch, afrikanische Sklaven zu bekommen, die zur Arbeit besser
+taugen als die kupferfarbigen Menschen, war dabei ungleich stärker
+im Spiel, als der Eifer für die Förderung der Erdkunde. Ich hatte
+in Esmeralda und am Rio Negro Gelegenheit, mehrere sehr verständige
+Militärs zu befragen, die den Zug mitgemacht. Bovadilla kam ohne
+Schwierigkeit bis zum kleinen Raudal dem Gehette gegenüber; aber am
+Fuß des Felsdamms, welcher den großen Katarakt bildet, wurde er
+unversehens, während des Frühstücks, von den Guaharibos und den
+Guaicas überfallen, zwei kriegerischen und wegen der Stärke des
+Curare, mit dem sie ihre Pfeile vergiften, vielberufenen Stämmen.
+Die Indianer besetzten die Felsen mitten im Fluß. Sie sahen keine
+Bogen in den Händen der Spanier, von Feuergewehr wußten sie nichts,
+und so gingen sie Leuten zu Leibe, die sie für wehrlos hielten.
+Mehrere Weiße wurden gefährlich verwundet, und Bovadilla mußte die
+Waffen brauchen. Es erfolgte ein furchtbares Gemetzel unter den
+Eingeborenen, aber von den holländischen Negern, die sich hieher
+geflüchtet haben sollten, wurde keiner gefunden. Trotz des Sieges,
+der ihnen nicht schwer geworden, wagten es die Spanier nicht, in
+gebirgigtem Land auf einem tief eingeschnittenen Flusse weiter
+gegen Ost hinaufzugehen.</p>
+<p>Die Guaharibos blancos haben über den Katarakt aus Lianen eine
+Brücke geschlagen, die an den Felsen befestigt ist, welche sich,
+wie meistens in den <strong>Pongos</strong> im obern Maragnon,
+mitten aus dem Flußbett erheben. Diese Brücke, die sämmtliche
+Einwohner in Esmeralda wohl kennen, scheint zu beweisen, daß der
+Orinoco an dieser Stelle bereits ziemlich schmal ist. Die Indianer
+geben seine Breite meist nur zu 200—300 Fuß an; sie behaupten,
+oberhalb des Raudals der Guaharibos sey der Orinoco kein Fluß mehr,
+sondern ein <em>Riachuelo</em> (ein Bergwasser), wogegen ein sehr
+unterrichteter Geistlicher, Fray Juan Gonzales, der das Land
+besucht hat, mich versicherte, da, wo man den weiteren Lauf des
+Orinoco nicht mehr kenne, sey er immer noch zu zwei Drittheilen so
+breit als der Rio Negro bei San Carlos. Letztere Angabe scheint mir
+unwahrscheinlicher; ich gebe aber nur wieder, was ich in Erfahrung
+bringen konnte, und spreche über nichts ab. Nach den vielen
+Messungen, die ich vorgenommen, weiß ich gut, wie leicht man sich
+hinsichtlich der Größe der Flußbetten irren kann. Ueberall
+erscheinen die Flüsse breiter oder schmaler, je nachdem sie von
+Bergen oder von Ebenen umgeben, frei oder voll Rissen, von
+Regengüssen geschwellt oder nach langer Trockenheit wasserarm sind.
+Es verhält sich übrigens mit dem Orinoco wie mit dem Ganges, dessen
+Lauf nordwärts von Gangutra nicht bekannt ist; auch hier glaubt man
+wegen der geringen Breite des Flusses, der Punkt könne nicht weit
+von der Quelle liegen.</p>
+<p>Im Felsdamm, der über den Orinoco läuft und den Raudal der
+Guaharibos bildet, wollen spanische Soldaten die schöne Art
+Saussurit (den Amazonenstein), von dem oben die Rede war, gefunden
+haben. Es ist dieß eine sehr zweifelhafte Geschichte, und die
+Indianer, die ich darüber befragt, versicherten mich, die grünen
+Steine, die man in Esmeralda <em>Piedras de Macagua</em> nennt,
+seyen von den Guaicas und Guaharibos gekauft, die mit viel weiter
+ostwärts lebenden Horden Handel treiben.&nbsp;Es geht mit diesen
+Steinen, wie mit so vielen andern kostbaren Produkten beider
+Indien. An den Küsten, einige hundert Meilen weit weg, nennt man
+das Land, wo sie vorkommen, mit voller Bestimmtheit; kommt man aber
+mit Mühe und Noth in dieses Land, so zeigt es sich, daß die
+Eingeborenen das Ding, das man sucht, nicht einmal dem Namen nach
+kennen. Man könnte glauben, die Amulette aus Saussurit, die man bei
+den Indianern am Rio Negro gefunden, kommen vom untern
+Amazonenstrom, und die, welche man über die Missionen am obern
+Orinoco und Rio Carony bezieht, aus einem Landstrich zwischen den
+Quellen des Essequebo und des Rio Branco. Indessen haben weder der
+Chirurg Hortsmann, ein gebotener Hildesheimer, noch Don Antonio
+Santos, dessen Reisetagebuch mir zu Gebot stand, den Amazonenstein
+auf der Lagerstätte gesehen, und es ist eine ganz grundlose,
+obgleich in Angostura stark verbreitete Meinung, dieser Stein komme
+in weichem, teigigtem Zustand aus dem kleinen See Amucu, aus dem
+man die <strong>Laguna del Dorado</strong> gemacht hat. So ist denn
+in diesem östlichen Strich von Amerika noch eine schöne
+geognostische Entdeckung zu machen, nämlich im Urgebirg ein
+Euphotidgestein (Gabbro) aufzufinden, das die <em>Piedra de
+Macagna</em> enthält.</p>
+<p>Ich gebe hier einigen Aufschluß über die Indianerstämme von
+weißlichter Hautfarbe und sehr kleinem Wuchs, die alte Sagen seit
+Jahrhunderten an die Quellen des Orinoco setzen. Ich hatte
+Gelegenheit, in Esmeralda einige zu sehen, und kann versichern, daß
+man die Kleinheit der Guaicas und die Weiße der Guaharibos, die
+Pater Caulin <em>Guaribos blancos</em> nennt, in gleichem Maasse
+übertrieben hat. Die Guaicas, die ich gemessen, messen im
+Durchschnitt 4&nbsp;Fuß 7&nbsp;Zoll bis 4&nbsp;Fuß 8&nbsp;Zoll
+(nach altem französischem Maß). Man behauptet, der ganze Stamm sey
+so ausnehmend klein; man darf aber nicht vergessen, daß das, was
+man hier einen Stamm nennt, im Grunde nur eine einzige Familie ist.
+Wo alle Vermischung mit Fremden ausgeschlossen ist, pflanzen sich
+Spielarten und Abweichungen vom gemeinsamen Typus leichter fort.
+Nach den Guaicas sind die Guainares und die Poignaves die kleinsten
+unter den Indianern. Es ist sehr auffallend, daß alle diese
+Völkerschaften neben den Caraiben wohnen, die von ungemein hohem
+Wuchse sind. Beide leben im selben Klima und haben dieselben
+Nahrungsmittel. Es sind Racenspielarten, deren Bildung ohne Zweifel
+weit über die Zeit hinausreicht, wo diese Stämme (große und kleine,
+weißlichte und dunkelbraune) sich neben einander niedergelassen.
+Die vier weißesten Nationen am obern Orinoco schienen mir die
+Guaharibos am Rio Gehette, die Guainares am Ocomo, die Guaicas am
+Caño Chiguire und die Maquiritares an den Quellen des Padamo, des
+Jao und des Ventuari. Da Eingeborene mit weißlichter Haut unter
+einem glühenden Himmel und mitten unter sehr dunkelfarbigen Völkern
+eine auffalIende Erscheinung sind, so haben die Spanier zur
+Erklärung derselben zwei sehr gewagte Hypothesen aufgebracht. Die
+einen meinen, Holländer aus Surinam und vom Rio Essequebo mögen
+sich mit Guaharibos und Guainares vermischt haben; andere behaupten
+aus Haß gegen die Kapuziner am Carony und die Observanten am
+Orinoco, diese weißlichten Indianer seyen, was man in Dalmatien
+<em>Muso di frate</em> nennt, Kinder, deren eheliche Geburt einigem
+Zweifel unterliegt. In beiden Fällen wären die Indios blancos
+Mestizen, Abkömmlinge einer Indianerin und eines Weißen. Ich habe
+aber Tausende von Mestizen gesehen und kann behaupten, daß die
+Vergleichung durchaus unrichtig ist. Die Individuen der weißlichten
+Stämme, die wir zu untersuchen Gelegenheit hatten, haben die
+Gesichtsbildung, den Wuchs, die schlichten, glatten, schwarzen
+Haare, wie sie allen andern Indianern zukommen. Unmöglich könnte
+man sie für Mischlinge halten, ähnlich den Abkömmlingen von
+Eingeborenen und Europäern. Manche sind dabei sehr klein, andere
+haben den gewöhnlichen Wuchs der kupferrothen Indianer. Sie sind
+weder schwächlich, noch kränklich, noch Albinos; sie unterscheiden
+sich von den kupferfarbigen Stämmen allein durch weit weniger
+dunkle Hautfarbe. Nach diesen Bemerkungen braucht man den weiten
+Weg vom obern Orinoco zum Küstenland, auf dem die Holländer sich
+niedergelassen, gar nicht in Anschlag zu bringen. Ich läugne nicht,
+daß man Abkömmlinge entlaufener Neger (<em>negros alzados de
+palenque</em>) unter den Caraiben an den Quellen des Essequebo
+gefunden haben mag; aber niemals ist ein Weißer von den Ostküsten
+so tief in Guyana hinein, an den Rio Gehette und an den Ocamo
+gekommen. Noch mehr: so auffallend es erscheinen mag, daß
+Völkerschaften mit weißlichter Haut östlich von Esmeralda neben
+einander wohnen, so ist doch soviel gewiß, daß man auch in andern
+Ländern Amerikas Stämme gefunden hat, die sich von ihren Nachbarn
+durch weit weniger dunkle Hautfarbe unterscheiden. Dahin gehören
+die Arivirianos und Maquiritares am Rio Ventuario und am Padamo,
+die Paudacotos und Paravenas am Erevato, die Viras und Ariguas am
+Caura, die Mologagos in Brasilien und die Guayanas am
+Uruguay.<sup><a href="#fn38" class="footnoteRef" id="fnref38" name=
+"fnref38">38</a></sup></p>
+<p>Alle diese Erscheinungen verdienen desto mehr Aufmerksamkeit,
+als sie den großen Zweig der amerikanischen Völker betreffen, den
+man gemeiniglich dem am Pole lebenden Zweig, den Eskimo-Tschugasen,
+entgegenstellt, deren Kinder weiß sind und die mongolisch gelbe
+Farbe erst durch den Einfluß der Luft und der Feuchtigkeit
+annehmen. In Guyana sind die Horden, welche mitten in den
+dichtesten Wäldern leben, meist nicht so dunkel als solche, welche
+an den Ufern des Orinoco Fischfang treiben. Aber dieser
+unbedeutende Unterschied, der ja auch in Europa zwischen den
+städtischen Handwerkern und den Landbauern oder Küstenfischern
+vorkommt, erklärt keineswegs das Phänomen der Indios blancos, die
+Existenz von Indianerstämmen mit einer Haut wie die der Mestizen.
+Dieselben sind von andern Waldindianern (<em>Indios del monte</em>)
+umgeben, die, obgleich ganz den nämlichen physischen Einflüssen
+ausgesetzt, braunroth sind. Die Ursachen dieser Erscheinungen
+liegen in der Zeit sehr weit rückwärts, und wir sagen wieder mit
+Tacitus: »Est durans originis vis.«</p>
+<p>Diese Stämme mit weißlichter Haut, welche wir in der Mission
+Esmeralda zu sehen Gelegenheit gehabt, bewohnen einen Strich des
+Berglandes zwischen den Quellen von sechs Nebenflüssen des Orinoco,
+des Padamo, Jao, Ventuari, Erevato, Aruy und Paragua. Bei den
+spanischen und portugiesischen Missionären heißt dieses Land
+gemeiniglich die <strong>Parime</strong>. Hier, wie in
+verschiedenen andern Ländern von spanisch Amerika, haben die Wilden
+wieder erobert, was die Civilisation oder vielmehr die Missionäre,
+die nur die Vorläufer der Civilisation sind, ihnen abgerungen.
+Solanos Grenzexpedition und der abenteuerliche Eifer, mit dem ein
+Statthalter von Guyana<sup><a href="#fn39" class="footnoteRef" id=
+"fnref39" name="fnref39">39</a></sup> den Dorado suchte, hatten in
+der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts den
+Unternehmungsgeist wieder wach gerufen, der die Castilianer bei der
+Entdeckung von Amerika beseelte. Man hatte am Rio Padamo hinauf
+durch Wälder und Savanen einen Weg von zehen Tagereisen von
+Esmeralda zu den Quellen des Ventuari entdeckt; in zwei weiteren
+Tagen war man von diesen Quellen auf dem Erevato in die Missionen
+am Rio Caura gelangt. Zwei verständige, beherzte Männer, Don
+Antonio Santos und der Capitän Bareto, hatten mit Hülfe der
+Maquiritares auf dieser Linie von Esmeralda an den Rio Erevato eine
+militärische Postenkette angelegt; dieselbe bestand aus
+zweistockigten, mit Steinböllern besetzten Häusern (<em>casas
+fuertes</em>), wie ich sie oben beschrieben und die auf den Karten,
+die zu Madrid herauskamen, als neunzehn Dörfer figurirten. Die sich
+selbst überlassenen Soldaten bedrückten in jeder Weise die
+Indianer, die ihre Pflanzungen bei den <em>Casas fuertes</em>
+hatten, und da diese Plackereien nicht so methodisch waren, das
+heißt nicht so gut in einander griffen, wie die in den Missionen,
+an die sich die Indianer nach und nach gewöhnen, so verbündeten
+sich im Jahr 1776 mehrere Stämme gegen die Spanier. In Einer Nacht
+wurden alle Militärposten auf der ganzen 50 Meilen langen Linie
+angegriffen, die Häuser niedergebrannt, viele Soldaten
+niedergemacht; nur wenige verdankten ihr Leben dem Erbarmen der
+indianischen Weiber. Noch jetzt spricht mnn mit Entsetzen von
+diesem nächtlichen Ueberfall. Derselbe wurde in der tiefsten
+Heimlichkeit verabredet und mit der Uebereinstimmung ausgeführt,
+die bei den Eingeborenen von Süd- wie von Nordamerika, welche
+feindselige Gefühle so meisterhaft in sich zu verschließen wissen,
+niemals fehlt, wo es sich um gemeinsamen Vortheil handelt. Seit
+1776 hat nun kein Mensch mehr daran gedacht, den Landweg vom obern
+an den untern Orinoco wiederherzustellen, und konnte kein Weißer
+von Esmeralda an den Erevato gehen. Und doch ist kein Zweifel
+darüber, daß es in diesem Gebirgslande zwischen den Quellen des
+Padamo und des Ventuari (bei den Orten, welche bei den Indianern
+Aurichapa, Ichuana und Irique heißen) mehrere Gegenden mit
+gemäßigtem Klima und mit Weiden gibt, die Vieh in Menge nähren
+könnten. Die Militärposten leisteten ihrer Zeit sehr gute Dienste
+gegen die Einfälle der Caraiben, die von Zeit zu Zeit zwischen dem
+Erevato und dem Padamo Sklaven fortschleppten, wenn auch nur
+wenige. Sie hätten wohl auch den Angriffen der Eingeborenen
+widerstanden, wenn man sie, statt sie ganz vereinzelt und nur in
+den Händen der Soldaten zu lassen, in Dörfer verwandelt und wie die
+Gemeinden der neubekehrten Indianer verwaltet hätte.</p>
+<p>Wir verließen die Mission Esmeralda am 17. Mai. Wir waren eben
+nicht krank, aber wir fühlten uns alle matt und schwach in Folge
+der Insektenplage, der schlechten Nahrung und der langen Fahrt in
+engen, nassen Canoes. Wir gingen den Orinoco nicht über den Einfluß
+des Rio Guapo hinauf; wir hätten es gethan, wenn wir hätten
+versuchen können, zu den Quellen des Flusses zu gelangen. Unter den
+gegenwärtigen Verhältnissen müssen sich bloße Privatleute, welche
+Erlaubniß haben, die Missionen zu betreten, bei ihren Wanderungen
+auf die friedlichen Striche des Landes beschränken. Vom Guapo bis
+zum Raudal der Guaharibos sind noch 15 Meilen. Bei diesem Katarakt,
+über den man aus einer Brücke aus Lianen geht, stehen Indianer mit
+Bogen und Pfeilen, die keinen Weißen und keinen, der aus dem Gebiet
+der Weißen kommt, weiter nach Osten lassen. Wie konnten wir hoffen,
+aber einen Punkt hinaus zu kommen, wo der Befehlshaber am Rio
+Negro, Don Francisco Bovadilla, hatte Halt machen müssen, als er
+mit bewaffneter Macht jenseits des Gehette vordringen wollte? Durch
+das Blutbad, das man unter ihnen angerichtet, sind die Eingeborenen
+gegen die Bewohner der Missionen noch grimmiger und mißtrauischer
+geworden. Man erinnere sich, daß beim Orinoco bis jetzt den
+Geographen zwei besondere, aber gleich wichtige Probleme vorlagen:
+die Lage seiner Quellen und die Art seiner Verbindung mit dem
+Amazonenstrom. Das letztere war der Zweck der Reise, die ich im
+Bisherigen beschrieben; was die endliche Auffindung der Quellen
+betrifft, so ist dieß Sache der spanischen und der portugiesischen
+Regierung. Eine kleine Abtheilung Soldaten, die von Angostura oder
+vom Rio Negro ausbrüche, könnte den Guaharibos, Guaicas und
+Caraiben, deren Kraft und Anzahl man in gleichem Maaße übertreibt,
+die Spitze bieten. Diese Expedition könnte entweder von Esmeralda
+ostwärts oder auf dem Rio Carony und dem Paragua südwestwärts, oder
+endlich auf dem Rio Padaviri oder dem Rio Branco und dem Urariquera
+nach Nordwest gehen. Da der Orinoco in der Nähe seines Ursprungs
+wahrscheinlich weder unter diesem Namen noch unter dem Namen
+Paragua<sup><a href="#fn40" class="footnoteRef" id="fnref40" name=
+"fnref40">40</a></sup> bekannt ist, so wäre es sicherer auf ihm
+über den Gehette hinaufzugehen, nachdem man das Land zwischen
+Esmeralda und dem Raudal der Guaharibos, das ich oben genau
+beschrieben, hinter sich gelassen. Auf diese Weise verwechselte man
+nicht den Hauptstamm des Flusses mit einem oberen Nebenfluß, und wo
+das Bett mit Felsen verstopft wäre, ginge man bald am einen, bald
+am andern Ufer am Orinoco hinauf. Wollte man aber, statt sich nach
+Ost zu wenden, die Quellen westwärts auf dem Rio Carony, dem
+Essequebo oder dem Rio Branco suchen, so müßte man den Zweck der
+Expedition erst dann als erreicht ansehen, wenn man auf dem Fluß,
+den man für den Orinoco angesehen, bis zum Einfluß des Gehette und
+zur Mission Esmeralda herabgekommen wäre. Das portugiesische Fort
+San Joaquim, am linken Ufer des Rio Branco beim Einfluß des Tacutu,
+wäre ein weiterer günstig gelegener Ausgangspunkt; ich empfehle
+ihn, weil ich nicht weiß, ob die Mission Santa Rosa, die vom
+Statthalter Don Manuel Centurion, als die <strong>Ciudad</strong>
+Guirior angelegt wurde, weiter nach West am Ufer des Urariapara
+gegründet worden, nicht bereits wieder eingegangen ist. Verfolgte
+man den Lauf des Paragua westwärts vom Destacamento oder
+Militärposten Guirior, der in den Missionen der catalonischen
+Capuziner liegt, oder ginge man vom portugiesischen Fort San
+Joaquim im Thale des Rio Uruariquera gegen West, so käme man am
+sichersten zu den Quellen des Orinoco. Die Längenbeobachtungen, die
+ich in Esmeralda angestellt, können das Suchen erleichtern, wie ich
+in einer an das spanische Ministerium unter König Carl&nbsp;IV.
+gerichteten Denkschrift auseinandergesetzt habe.</p>
+<p>Wenn das große, nützliche Werk der amerikanischen Missionen
+allmählich die Verbesserungen erhielte, auf die mehrere Bischöfe
+angetragen haben, wem man, statt die Missionäre fast auf
+Gerathewohl aus den spanischen Klöstern zu ergänzen, junge
+Geistliche in Amerika selbst in Seminarien oder Missionskollegien
+erzöge, so würden militärische Expeditionen, wie ich sie eben
+vorgeschlagen, überflüssig. Das Ordenskleid des heiligen
+Franciscus, ob es nun braun ist wie bei den Capuzinern am Carony,
+oder blau wie bei den Observanten am Orinoco, übt immer noch einen
+gewissen Zauber über die Indianer dieser Länder. Sie knüpfen daran
+gewisse Vorstellungen von Wohlstand und Behagen, die Aussicht, in
+den Besitz von Aexten, Messern und Fischereigeräthe zu gelangen.
+Selbst solche, die an Unabhängigkeit und Vereinzelung zäh
+festhalten und es verschmähen, sich »vom Glockenklang regieren zu
+lassen,« sind erfreut, wenn ein benachbarter Missionär sie besucht.
+Ohne die Bedrückungen der Soldaten und die feindlichen Einfälle der
+Mönche, ohne die <em>entradas</em> und <em>conquistas
+apostolicas</em>, hätten sich die Eingeborenen nicht von den Ufern
+des Stroms weggezogen. Gäbe man das unvernünftige System auf, die
+Klosterzucht in den Wäldern und Savanen Amerikas einführen zu
+wollen, ließe man die Indianer der Früchte ihrer Arbeit froh
+werden, regierte man sie nicht so viel, das heißt, legte man nicht
+ihrer natürlichen Freiheit bei jedem Schritt Fesseln an, so würden
+die Missionäre rasch den Kreis ihrer Thätigkeit sich erweitern
+sehen, deren Ziel ja kein anderes ist, als menschliche
+Gesittung.</p>
+<p>Die Niederlassungen der Mönche haben in den Aequinoctialländern
+der neuen Welt wie im nördlichen Europa die ersten Keime des
+gesellschaftlichen Lebens ausgestreut. Noch jetzt bilden sie einen
+weiten Gürtel um die europäischen Besitzungen, und wie viele und
+große Mißbräuche sich auch in ein Regiment eingeschlichen haben
+mögen, wobei alle Gewalten in einer einzigen verschmolzen sind, so
+würde es doch schwer halten, dasselbe durch ein anderes zu
+ersetzen, das nicht noch weit größere Uebelstände mit sich führte,
+und dabei eben so wohlfeil und dem schweigsamen Phlegma der
+Eingeborenen eben so angemessen wäre. Ich komme später auf diese
+christlichen Anstalten zurück, deren politische Wichtigkeit in
+Europa nicht genug gewürdigt wird. Hier sey nur bemerkt, daß die
+von der Küste entlegensten gegenwärtig am meisten verwahrlost sind.
+Die Ordensleute leben dort im tiefsten Elend. Allein von der Sorge
+für den täglichen Unterhalt befangen, beständig darauf bedacht, auf
+eine Mission versetzt zu werden, die näher bei der civilisirten
+Welt liegt, das heißt bei <strong>weißen und vernünftigen
+Leuten,</strong><sup><a href="#fn41" class="footnoteRef" id=
+"fnref41" name="fnref41">41</a></sup> kommen sie nicht leicht in
+Versuchung, weiter ins Land zu dringen. Es wird rasch vorwärts
+gehen, sobald man (nach dem Vorgang der Jesuiten) den entlegensten
+Missionen außerordentliche Unterstützungen zu Theil werden läßt,
+und auf die äußersten Posten, Guirior, San Luis del Erevato und
+Esmeralda,<sup><a href="#fn42" class="footnoteRef" id="fnref42"
+name="fnref42">42</a></sup> die muthigsten, verständigsten und in
+den Indianersprachen bewandertsten Missionäre stellt. Das kleine
+Stück, das vom Orinoco noch zu berichtigen ist (wahrscheinlich eine
+Strecke von 25—30 Meilen), wird bald entdeckt seyn; in Süd- wie in
+Nordamerika sind die Missionäre überall zuerst auf dem Platz, weil
+ihnen Vortheile zu statten kommen, die andern Reisenden abgehen.
+»Ihr thut groß damit, wie weit ihr über den Obersee
+hinaufgekommen,« sagte ein Indianer aus Canada zu Pelzhändlern aus
+den Vereinigten Staaten; »ihr denkt also nicht daran, daß die
+»Schwarzröcke« vorher dagewesen, und daß diese euch den Weg nach
+Westen gewiesen haben!« Unsere Pirogue war erst gegen drei Uhr
+Abends bereit uns aufzunehmen. Während der Fahrt auf dem
+Cassiquiare hatten sich unzählige Ameisen darin eingenistet und nur
+mit Mühe säuberte man davon den <strong>Toldo</strong>, das Dach
+aus Palmblättern, unter dem wir nun wieder zwei und zwanzig Tage
+lang ausgestreckt liegen sollten. Einen Theil des Vormittags
+verwendeten wir dazu, um die Bewohner von Esmeralda nochmals über
+einen See auszufragen, der gegen Ost liegen sollte. Wir zeigten den
+alten Soldaten, die in der Mission seit ihrer Gründung lagen, die
+Karten von Surville und la Cruz. Sie lachten über die angebliche
+Verbindung zwischen dem Orinoco und dem Rio Idapa und über das
+<strong>weiße Meer</strong>, durch das ersterer Fluß laufen soll.
+Was wir höflich Fictionen der Geographen nennen, hießen sie »Lügen
+von dort drüben« (<em>mentiras de por allá</em>). Die guten Leute
+konnten nicht begreifen, wie man von Ländern, in denen man nie
+gewesen, Karten machen kann, und aufs genaueste Dinge wissen will,
+wovon man an Ort und Stelle gar nichts weiß. Der See der Parime,
+die Sierra Mey, die Quellen, die vom Punkt an, wo sie aus dem Boden
+kommen, auseinander laufen — von all dem weiß man in Esmeralda
+nichts. Immer hieß es, kein Mensch sey je ostwärts über den Raudal
+der Guaharibos hinaufgekommen; oberhalb dieses Punktes komme wie
+manche Indianer glauben, der Orinoco als ein kleiner Bergstrom von
+einem Gebirgsstock herab, an dem die Corotos-Indianer wohnen. Diese
+Umstände verdienen wohl Beachtung; denn wäre bei der königlichen
+Grenzexpedition oder nach dieser denkwürdigen Zeit ein weißer
+Mensch wirklich zu den Quellen des Orinoco und zu dem angeblichen
+See der Parime gekommen, so müßte sich die Erinnerung daran in der
+nächstgelegenen Mission, über die man kommen mußte, um eine so
+wichtige Entdeckung zu machen, erhalten haben. Nun machen aber die
+drei Personen, die mit den Ergebnissen der Grenzexpedition bekannt
+wurden, Pater Caulin, la Cruz und Surville, Angaben, die sich
+geradezu widersprechen. Wären solche Widersprüche denkbar, wenn
+diese Gelehrten, statt ihre Karten nach Annahmen und Hypothesen zu
+entwerfen, die in Madrid ausgeheckt worden, einen wirklichen
+Reisebericht vor Augen gehabt hätten? Pater Gili, der achtzehn
+Jahre (von 1749 bis 1767) am Oriuoco gelebt hat, sagt ausdrücklich,
+»Don Apollinario Diez sey abgesandt worden, um die Quellen des
+Orinoco zu suchen; er habe ostwärts von Esmeralda den Strom voll
+Klippen gefunden; er habe aus Mangel an Lebensmitteln umgekehrt und
+von der Existenz eines Sees nichts, gar nichts vernommen.« Diese
+Angabe stimmt vollkommen mit dem, was ich fünf und dreißig Jahre
+später in Esmeralda gehört, wo Don Apollinarios Name noch im Munde
+aller Einwohner ist und von wo man fortwährend über den Einfluß des
+Gehette hinauffährt.</p>
+<p>Die Wahrscheinlichkeit einer Thatsache vermindert sich
+bedeutend, wenn sich nachweisen läßt, daß man an dem Ort, wo man am
+besten damit bekannt seyn müßte, nichts davon weiß, und wenn
+diejenigen, die sie mittheilen, sich widersprechen, nicht etwa in
+minder wesentlichen Umständen, sondern gerade in allen wichtigen.
+Ich verfolge diese rein geographische Erörterung hier nicht weiter;
+ich werde in der Folge zeigen, wie die Verstöße auf den neuen
+Karten von der Sitte herrühren, sie den alten nachzuzeichnen, wie
+Trageplätze für Flußverzweigungen gehalten wurden, wie man Flüsse,
+die bei den Indianern <strong>große Wasser</strong> heißen, in Seen
+verwandelte, wie man zwei dieser Seen (den Cassipa und den Parime)
+seit dem sechzehnten Jahrhundert verwechselte und hin und her
+schob, wie man endlich in den Namen der Nebenflüsse des Rio Branco
+den Schlüssel zu den meisten dieser uralten Fictionen findet.</p>
+<p>Als wir im Begriff waren uns einzuschiffen, drängten sich die
+Einwohner um uns, die weiß und von spanischer Abkunft seyn wollen.
+Die armen Leute beschworen uns, beim Statthalter von Angostura ein
+gutes Wort für sie einzulegen, daß sie in die Steppen (Llanos)
+zurückkehren dürften, oder, wenn man ihnen diese Gnade versage, daß
+man sie in die Missionen am Rio Negro versetze, wo es doch kühler
+sey und nicht so viele Insekten gebe. »Wie sehr wir uns auch
+verfehlt haben mögen,« sagten sie, »wir haben es abgebüßt durch
+zwanzig Jahre der Qual in diesem Moskitoschwarm«. Ich nahm mich in
+einem Bericht an die Regierung über die industriellen und
+commerciellen Verhältnisse dieser Länder der Verwiesenen an, aber
+die Schritte, die ich that, blieben erfolglos. Die Regierung war
+zur Zeit meiner Reise mild und zu gelinden Maßregeln geneigt; wer
+aber das verwickelte Räderwerk der alten spanischen Monarchie
+kennt, weiß auch, daß der Geist eines Ministeriums auf das Wohl der
+Bevölkerung am Orinoco, in Neu-Californien und auf den Philippinen
+von sehr geringem Einfluß war.</p>
+<p>Halten sich die Reisenden nur an ihr eigenes Gefühl, so streiten
+sie sich über die Menge der Moskitos, wie über die allmähliche
+Zunahme und Abnahme der Temperatur. Die Stimmung unserer Organe,
+die Bewegung der Luft, das Maß der Feuchtigkeit oder Trockenheit,
+die elektrische Spannung, tausenderlei Umstände wirken zusammen,
+daß wir von der Hitze und den Insekten bald mehr bald weniger
+leiden. Meine Reisegefährten waren einstimmig der Meinung, in
+Esmeralda peinigen die Moskitos ärger als am Cassiquiare und selbst
+in den beiden Missionen an den großen Katarakten; mir meinerseits,
+der ich für die hohe Lufttemperatur weniger empfindlich war als
+sie, schien der Hautreiz, den die Insekten verursachen, in
+Esmeralda nicht so stark als an der Grenze des obern Orinoco. Wir
+brauchten kühlende Waschwasser; Citronsaft und noch mehr der Saft
+der Ananas lindern das Jucken der alten Stiche bedeutend; die
+Geschwulst vergeht nicht davon, wird aber weniger schmerzhaft. Hört
+man von diesen leidigen Insekten der heißen Länder sprechen, so
+findet man es kaum glaublich, daß man unruhig werden kann, wenn sie
+nicht da sind, oder vielmehr wenn sie unerwartet verschwinden. In
+Esmeralda erzählte man uns, im Jahr 1795 sey eine Stunde vor
+Sonnenuntergang, wo sonst die Moskitos eine sehr dichte Wolke
+bilden, die Luft auf einmal 20 Minuten lang ganz frei gewesen. Kein
+einziges Insekt ließ sich blicken, und doch war der Himmel
+wolkenlos und kein Wind deutete auf Regen. Man muß in diesen
+Ländern selbst gelebt haben, um zu begreifen, in welchem Maße
+dieses plötzliche Verschwinden der Insekten überraschen mußte. Man
+wünschte einander Glück, man fragte sich, ob diese
+<em>Felicidad</em>, dieses <em>Alivio</em> (Erleichterung) wohl von
+Dauer seyn könne. Nicht lange aber, und statt des Augenblickes zu
+genießen, fürchtete man sich vor selbstgemachten Schreckbildern;
+man bildete sich ein, die Ordnung der Natur habe sich verkehrt.
+Alte Indianer, die Lokalgelehrten, behaupteten, das Verschwinden
+der Moskitos könne nichts anderes bedeuten als ein großes Erdbeben.
+Man stritt hitzig hin und her, man lauschte auf das leiseste
+Geräusch im Baumlaub, und als sich die Luft wieder mit Moskitos
+füllte, freute man sich ordentlich, daß sie wieder da waren.
+Welcher Vorgang in der Atmosphäre mag nun diese Erscheinung
+verursacht haben, die man nicht damit verwechseln darf, daß zu
+bestimmten Tageszeiten die eine Insektenart die andere ablöst? Wir
+konnten diese Frage nicht beantworten, aber die lebendige
+Schilderung der Einwohner war uns interessant. Mißtrauisch,
+ängstlich, was ihm bevorstehen möge, seine alten Schmerzen
+zurückwünschen, das ist so ächt menschlich.</p>
+<p>Bei unserem Abgang von Esmeralda war das Wetter sehr stürmisch.
+Der Gipfel des Duida war in Wolken gehüllt, aber diese schwarzen,
+stark verdichteten Dunstmassen standen noch 900 Toisen über der
+Niederung. Schätzt man die mittlere Höhe der Wolken, d.&nbsp;h.
+ihre untere Schicht, in verschiedenen Zonen, so darf man nicht die
+zerstreuten einzelnen Gruppen mit den Wolkendecken verwechseln, die
+gleichförmig über den Niederungen gelagert sind und an eine
+Bergkette stoßen. Nur die letzteren können sichere Resultate geben;
+einzelne Wolkengruppen verfangen sich in Thälern, oft nur durch die
+niedergehenden Luftströme. Wir sahen welche bei der Stadt Caracas
+in 500 Toisen Meereshöhe; es ist aber schwer zu glauben, daß die
+Wolken, die man über den Küsten von Cumana und der Insel Margarita
+sieht, nicht höher stehen sollten. Das Gewitter, das sich am Gipfel
+des Duida entlud, zog nicht in das Thal des Orinoco herunter;
+überhaupt haben wir in diesem Thal nicht die starken elektrischen
+Entladungen beobachtet, wie sie in der Regenzeit den Reisenden,
+wenn er von Carthagena nach Honda den Magdalenenstrom hinauffährt,
+fast jede Nacht ängstigen. Es scheint, daß in einem flachen Lande
+die Gewitter regelmäßiger dem Bett eines großen Flusses nachziehen,
+als in einem ungleichförmig mit Bergen besetzten Lande, wo viele
+Seitenthäler durch einander laufen. Wir beobachteten zu
+wiederholten malen die Temperatur des Orinoco an der Wasserfläche
+bei 30° Lufttemperatur; wir fanden nur 26°, also 3° weniger als in
+den großen Katarakten, und 2° mehr als im Rio Negro. In der
+gemäßigten Zone in Europa steigt die Temperatur der Donau und der
+Elbe mitten im Sommer nicht über 17 bis 19°. Am Orinoco konnte ich
+niemals einen Unterschied zwischen der Wärme des Wassers bei Tag
+und bei Nacht bemerken, wenn ich nicht den Thermometer da in den
+Fluß brachte, wo das Wasser wenig Tiefe hat und sehr langsam über
+ein breites sandiges Gestade fließt, wie bei Uruana und bei den
+Mündungen des Apure. Obgleich in den Wäldern von Guyana unter einem
+meistens bedeckten Himmel die Strahlung des Bodens bedeutend
+verlangsamt ist, so sinkt doch die Lufttemperatur bei Nacht nicht
+unbedeutend. Die obere Wasserschicht ist dann wärmer als der
+umgebende Erdboden, und wenn die Mischung zweier mit Feuchtigkeit
+fast gesättigter Luftmassen über dem Wald und über dem Fluß keinen
+sichtbaren Nebel erzeugt, so kann man dieß nicht dem Umstand
+zuschreiben, daß die Nacht nicht kühl genug sey. Während meines
+Aufenthalts am Orinoco und Rio Negro war das Flußwasser oft um 2
+bis 3° bei Nacht wärmer als die windstille Luft.</p>
+<p>Nach vierstündiger Fahrt flußabwärts kamen wir an die Stelle der
+Gabeltheilung. Wir schlugen unser Nachtlager am Ufer des
+Cassiquiare am selben Fleck auf, wo wenige Tage zuvor die Jaguars
+höchst wahrscheinlich uns unsere große Dogge geraubt hatten. Alles
+Suchen der Indianer nach einer Spur des Thieres war vergebens. Der
+Himmel blieb umzogen und ich wartete vergeblich auf die Sterne; ich
+beobachtete aber hier wieder, wie schon in Esmeralda, die
+Inclination der Magnetnadel. Am Fuß des Cerro Duida hatte ich 28°25
+gefunden, fast 3° mehr als in Mandavaca. An der Mündung des
+Cassiquiare erhielt ich 28°75; der Duida schien also keinen
+merklichen Einfluß geäußert zu haben. Die Jaguars ließen sich die
+ganze Nacht hören.<sup><a href="#fn43" class="footnoteRef" id=
+"fnref43" name="fnref43">43</a></sup> Sie sind in dieser Gegend
+zwischen dem Cerro Maraguaca, dem Unturan und den Ufern des Pamoni
+ungemein häufig. Hier kommt auch der <strong>schwarze
+Tiger</strong><sup><a href="#fn44" class="footnoteRef" id="fnref44"
+name="fnref44">44</a></sup> vor, von dem ich in Esmeralda schöne
+Felle gesehen. Dieses Thier ist wegen seiner Stärke und Wildheit
+vielberufen und es&nbsp;scheint noch größer zu seyn als der gemeine
+Jaguar. Die schwarzen Flecken sind auf dem schwarzbraunen Grund
+seines Felles kaum sichtbar. Nach der Angabe der Indianer sind die
+schwarzen Tiger sehr selten, vermischen sich nie mit den gemeinen
+Jaguars und »sind eine andere Race.« Ich glaube Prinz Maximilian
+von Neuwied, der die Zoologie von Amerika mit so vielen wichtigen
+Beobachtungen bereichert hat, ist weiter nach Süd, im heißen
+Landstrich von Brasilien ebenso berichtet worden. In Paraguay sind
+<strong>Albinos</strong> von Jaguars vorgekommen; denn diese
+Thiere, die man den schönen amerikanischen Panther nennen könnte,
+haben zuweilen so blasse Flecken, daß man sie auf dem ganz weißen
+Grunde kaum bemerkt. Beim schwarzen Jaguar werden im Gegentheil die
+Flecken unsichtbar, weil der Grund dunkel ist. Man müßte lange in
+dieser Gegend leben, und die Indianer in Esmeralda auf der
+gefährlichen Tigerjagd begleiten, um sich bestimmt darüber
+aussprechen zu können, was bei ihnen Art und was nur Spielart ist.
+Bei allen Säugethieren, besonders aber bei der großen Familie der
+Affen, hat man, glaube ich, weniger auf die Farbenübergänge bei
+einzelnen Exemplaren sein Augenmerk zu richten, als auf den Trieb
+der Thiere sich abzusondern und Rudel für sich zu bilden.</p>
+<p>Am 24. Mai. Wir brachen von unserem Nachtlager vor Sonnenaufgang
+auf. In einer Felsbucht, wo die Durimundi-Indianer gehaust hatten,
+war der aromatische Duft der Gewächse so stark, daß es uns lästig
+fiel, obgleich wir unter freiem Himmel lagen und bei unserer
+Gewöhnung an ein Leben voll Beschwerden unser Nervensystem eben
+nicht sehr reizbar war. Wir konnten nicht ermitteln, was für
+Blüthen es waren, die diesen Geruch verbreiteten; der Wald war
+undurchdringlich. Bonpland glaubte, in den benachbarten Sümpfen
+werden große Büsche von Pancratium und einigen andern
+Liliengewächsen stecken. Wir kamen sofort den Orinoco abwärts
+zuerst am Einfluß des Cunucunumo, dann am Guanami und Puruname
+vorüber. Beide Ufer des Hauptstroms sind völlig unbewohnt; gegen
+Norden erheben sich hohe Gebirge, gegen Süden dehnt sich, soweit
+das Auge reicht, eine Ebene bis über die Quellen des Atacavi
+hinaus, der weiter unten Atabapo heißt. Der Anblick eines Flusses,
+auf dem man nicht einmal einem Fischerboot begegnet, hat etwas
+Trauriges, Niederschlagendes. Unabhängige Völkerschaften, die
+Abirianos und Maquiritares, leben hier im Gebirgsland, aber auf den
+Grasfluren zwischen Cassiquiare, Atabapo, Orinoco und Rio Negro
+findet man gegenwärtig fast keine Spur einer menschlichen Wohnung.
+Ich sage gegenwärtig; denn hier, wie anderswo in Guyana, findet man
+auf den härtesten Granitfelsen rohe Bilder<sup><a href="#fn45"
+class="footnoteRef" id="fnref45" name="fnref45">45</a></sup>
+eingegraben, welche Sonne, Mond und verschiedene Thiere vorstellen
+und darauf hinweisen, daß hier früher ein ganz anderes Volk lebte,
+als das wir an den Ufern des Orinoco kennen gelernt. Nach den
+Aussagen der Indianer und der verständigsten Missionäre kommen
+diese symbolischen Bilder ganz mit denen überein, die wir hundert
+Meilen weiter nördlich bei Caycara, der Einmündung des Apure
+gegenüber, gesehen haben.</p>
+<p>Diese Ueberreste einer alten Cultur fallen um so mehr auf, je
+größer der Flächenraum ist, auf dem sie vorkommen, und je schärfer
+sie von der Verwilderung abstechen, in die wir seit der Eroberung
+alle Horden in den heißen östlichen Landstrichen Amerikas versunken
+sehen. Hundert vierzig Meilen ostwärts von den Ebenen am
+Cassiquiare und Conorichite, zwischen den Quellen des Rio Branco
+und des Rio Essequebo, findet man gleichfalls Felsen mit
+symbolischen Bildern. Ich entnehme diesen Umstand, der mir sehr
+merkwürdig scheint, dem Tagebuch des Reisenden Hortsmann, das mir
+in einer Abschrift von der Hand des berühmten d’Anville vorliegt.
+Dieser Reisende, dessen ich in diesem Buche schon mehreremale
+gedacht, fuhr den Rupunuvini, einen Nebenfluß des Essequebo,
+herauf. Da wo der Fluß eine Menge kleiner Fälle bildet und sich
+zwischen den Bergen von Maracana durchschlängelt, fand
+er,<sup><a href="#fn46" class="footnoteRef" id="fnref46" name=
+"fnref46">46</a></sup> bevor er an den See Amucu kam, »Felsen,
+bedeckt mit Figuren oder (wie er sich portugiesisch ausdrückt)
+<em>varias letras</em>.« Dieses Wort <strong>Buchstaben</strong>
+haben wir nicht in seinem eigentlichen Sinn zu nehmen. Man hat auch
+uns am Felsen Culimacari am Ufer des Cassiquiare und im Hafen von
+Caycara am untern Orinoco Striche gezeigt, die man für aneinander
+gereihte Buchstaben hält. Es waren aber nur unförmliche Figuren,
+welche die Himmelskörper, Tiger, Krokodile, Boas und Werkzeuge zur
+Bereitung des Maniocmehls vorstellen sollen. An den gemalten Felsen
+(so nennen die Indianer diese mit Figuren bedeckten Steine) ist
+durchaus keine symmetrische Anordnung, keine regelmäßige Abtheilung
+in Schriftzeichen zu bemerken. Die Striche, die der Missionär Fray
+Ramon Bueno in den Bergen von Uruana entdeckt hat, nähern sich
+allerdings einer Buchstabenschrift mehr, indessen ist man über
+diese Züge, von denen ich anderswo gehandelt, noch sehr im
+Unklaren.</p>
+<p>Was auch diese Figuren bedeuten sollen und zu welchem Zweck sie
+in den Granit gegraben worden, immer verdienen sie von Seiten des
+Geschichtsphilosophen die größte Beachtung. Reist man von der Küste
+von Caracas dem Aequator zu, so kommt man zuerst zur Ansicht, diese
+Denkmale seyen der Bergkette der Encaramada eigenthümlich; man
+findet sie beim Hafen von Sedeño bei Caycara, bei San Rafael del
+Capuchino, Cabruta gegenüber, fast überall, wo in der Savane
+zwischen dem Cerro Curiquima und dem Ufer des Caura das
+Granitgestein zu Tage kommt. Die Völker von tamanakischem Stamm,
+die alten Bewohner dieses Landes, haben eine lokale Mythologie,
+Sagen, die sich auf diese Felsen mit Bildern beziehen.
+<strong>Amalivaca</strong>, der Vater der Tamanaken, das heißt der
+Schöpfer des Menschengeschlechts (jedes Volk hält sich für den
+Urstamm der andern Völker), kam in einer Barke an, als sich bei der
+großen Ueberschwemmung, welche die »Wasserzeit«<sup><a href="#fn47"
+class="footnoteRef" id="fnref47" name="fnref47">47</a></sup> heißt,
+die Wellen des Oceans mitten im Lande an den Bergen der Encaramada
+brachen. Alle Menschen, oder vielmehr alle Tamanaken, ertranken,
+mit Ausnahme eines Mannes und einer Frau, die sich auf einen Berg
+am Ufer des Asiveru, von den Spaniern Cuchivero genannt,
+flüchteten.<sup><a href="#fn48" class="footnoteRef" id="fnref48"
+name="fnref48">48</a></sup> Dieser Berg ist der Ararat der
+arameischen oder semitischen Völker, der Tlaloc oder Colhuacan der
+Mexicaner. Amalivaca fuhr in seiner Barke herum und grub die Bilder
+von Sonne und Mond auf den <strong>gemalten Fels</strong>
+(Tepumereme) an der Encaramada. Granitblöcke, die sich gegen
+einander lehnen und eine Art Höhle bilden, heißen noch heute das
+Haus des großen Stammvaters der Tamanaken. Bei dieser Höhle auf den
+Ebenen von Maita zeigt man auch einen großen Stein, der, wie die
+Indianer sagen, ein musikalisches Instrument Amalivacas, seine
+<strong>Trommel</strong>, war. Wir erwähnen bei dieser Gelegenheit,
+daß dieser Heros einen Bruder, <strong>Vochi</strong>, hatte, der
+ihm zur Hand ging, als er der Erdoberfläche ihre jetzige Gestalt
+gab. Die beiden Brüder, so erzählen die Tamanaken, wollten bei
+ihren eigenen Vorstellungen von Perfektibilität den Orinoco zuerst
+so legen, daß man hinab und hinauf immer mit der Strömung fahren
+könnte. Sie gedachten damit den Menschen die Mühe des Ruderns zu
+ersparen, wenn sie den Quellen der Flüsse zuführen; aber so mächtig
+diese Erneuerer der Welt waren, es wollte ihnen nie gelingen, dem
+Orinoco einen doppelten Fall zu geben, und sie mußten es aufgeben,
+eines so wunderlichen hydraulischen Problems Meister zu werden.
+Amalivaca besaß Töchter, die große Neigung zum Umherziehen hatten;
+die Sage erzählt, ohne Zweifel im bildlichen Sinne, er habe ihnen
+die Beine zerschlagen, damit sie an Ort und Stelle bleiben und die
+Erde mit Tamanaken bevölkern müßten Nachdem er in Amerika,
+diesseits des <strong>großen Wassers</strong>, Alles in Ordnung
+gebracht, schiffte sich Amalivaca wieder ein und fuhr <strong>ans
+andere Ufer</strong> zurück an den Ort, von dem er gekommen. Seit
+die Eingeborenen Missionäre zu sich kommen sehen, denken sie,
+dieses »andere Ufer« sey Europa, und einer fragte Pater Gili naiv,
+ob er <strong>dort drüben</strong> den großen Amalivaca gesehen
+habe, den Vater der Tamanaken, der auf die Felsen symbolische
+Figuren gezeichnet.</p>
+<p>Diese Vorstellungen von einer großen Fluth; das Paar, das sich
+auf einen Berggipfel flüchtet und Früchte der Mauritiapalme hinter
+sich wirft, um die Welt wieder zu bevölkern;<sup><a href="#fn49"
+class="footnoteRef" id="fnref49" name="fnref49">49</a></sup> dieser
+Nationalgott Amalivaca, der zu Wasser aus fernem Lande kommt, der
+Natur Gesetze vorschreibt und die Völker zwingt, ihr Wanderleben
+aufzugeben — alle diese Züge eines uralten Glaubens verdienen alle
+Beachtung. Was die Tamanaken und die Stämme, die mit dem
+Tamanakischen verwandte Sprachen haben, uns jetzt erzählen, ist
+ihnen ohne Zweifel von andern Völkern überliefert, die vor ihnen
+dasselbe Land bewohnt haben. Der Name Amalivaca ist über einen
+Landstrich von mehr als 5000 Quadratmeilen verbreitet; er kommt mit
+der Bedeutung <strong>Vater der Menschen</strong> (unser
+<strong>Urvater</strong>) selbst bei den caraibischen Völkern vor,
+deren Sprache mit dem Tamanakischen nur verwandt ist wie das
+Deutsche mit dem Griechischen, dem Persischen und dem Sanskrit.
+Amalivaca ist ursprünglich nicht der <strong>große Geist</strong>,
+der <strong>Alte im Himmel</strong>, das unsichtbare Wesen, dessen
+Verehrung aus der Verehrung der Naturkräfte entspringt, wenn in den
+Völkern allmahlig das Bewußtsein: der Einheit dieser Kräfte
+erwacht; er ist vielmehr eine Person aus dem heroischen Zeitalter,
+ein Mann, der aus weiter Ferne gekommen, im Lande der Tamanaken und
+Caraiben gelebt, symbolische Zeichen in die Felsen gegraben hat
+und, wieder verschwunden ist, weil er sich zum Land über dem
+Weltmeer, wo er früher gewohnt, wieder zurückgewendet. Der
+Anthropomorphismus bei der Gestaltung der Gottheit hat zwei gerade
+entgegengesetzte Quellen,<sup><a href="#fn50" class="footnoteRef"
+id="fnref50" name="fnref50">50</a></sup> und dieser Gegensatz
+scheint nicht sowohl auf dem verschiedenen Grade der Geistesbildung
+zu beruhen, als darauf, daß manche Völker von Natur mehr zur Mystik
+neigen, während andere unter der Herrschaft der Sinne, der äußeren
+Eindrücke stehen. Bald läßt der Mensch die Gottheiten zur Erde
+niedersteigen und es über sich nehmen, die Völker zu regieren und
+ihnen Gesetze zu geben, wie in den Mythen des Orients; bald, wie
+bei den Griechen und andern Völkern des Occidents, werden die
+ersten Herrscher, die Priesterkönige, dessen, was menschlich an
+ihnen ist, entkIeidet und zu Nationalgottheiten erhoben. Amalivaca
+war ein Fremdling, wie Manco-Capac, Vochica und Quetzalcohuatl,
+diese außerordentlichen Menschen, die im alpinischen oder
+civilisirten Striche Amerikas, auf den Hochebenen von Peru,
+Neu-Grenada und Anahuac, die bürgerliche Gesellschaft geordnet, den
+Opferdienst eingerichtet und religiöse Brüderschaften gestiftet
+haben. Der mexikanische Quetzalcohuatl, dessen Nachkommen Montezuma
+in den Begleitern des Cortes zu erkennen glaubte, hat noch einen
+weiteren Zug mit Amalivaca, der mythischen Person des barbarischen
+Amerikas, der Ebenen der heißen Zone, gemein. In hohem Alter
+verließ der Hohepriester von Tula das Land Anahuac, das er mit
+seinen Wundern erfüllt, und ging zurück in ein unbekanntes Land,
+genannt Tlalpallan. Als der Mönch Bernhard von Sahagun nach Mexico
+kam, richtete man genau dieselben Fragen an ihn, wie zweihundert
+Jahre später in den Wäldern am Orinoco an den Missionär Gili: man
+wollte wissen, ob er vom <strong>andern Ufer</strong> komme, aus
+dem Lande, wohin Quetzalcohuatl gegangen.</p>
+<p>Wir haben oben gesehen, daß die Region der Felsen mit Bildwerk
+oder der <strong>gemalten Steine</strong> weit über den untern
+Orinoco, über den Landstrich (7°5′—7°40′ der Breite, 68°50′—69°45′
+der Länge) hinausreicht, dem die Sage angehört, die man als den
+<strong>Localmythus</strong> der Tamanaken bezeichnen kann. Man
+findet dergleichen Felsen mit Bildern zwischen dem Cassiquiare und
+Atabapo (2°5′—3°20′ der Breite, 69°—70° der Länge), zwischen den
+Quellen des Essequebo und des Rio Branco (3°50′ der Breite, 62°32′
+der Länge). Ich behaupte nicht, daß diese Bilder beweisen, daß ihre
+Verfertiger den Gebrauch des Eisens gekannt, auch nicht, daß sie
+auf eine bedeutende Culturstufe hinweisen; setzte man aber auch
+voraus, sie haben keine symbolische Bedeutung, sondern seyen rein
+Erzeugnisse mäßiger Jägervölker, so müßte man doch immer annehmen,
+daß vor den Völkern, die jetzt am Orinoco und Rupunuri leben, eine
+ganz andere Menschenart hier gelebt. Je weniger in einem Lande
+Erinnerungen an vergangene Geschlechter leben, desto wichtiger ist
+es, wo man ein Denkmal vor sich zu haben glaubt, auch die
+unbedeutendsten Spuren zu verfolgen. Auf den Ebenen im Osten
+Nordamerikas findet man nur jene merkwürdigen Ringwälle, die an die
+festen Lager (die angeblichen Städte von ungeheurem Umfang) der
+alten und der heutigen nomadischen Völker in Asien erinnern. Auf
+den östlichen Ebenen Südamerikas ist durch die Uebermacht des
+Pflanzenwuchses, des heißen Klimas und die allzu große
+Freigebigkeit der Natur der Fortschritt der menschlichen Cultur in
+noch engeren Schranken gehalten worden, Zwischen Orinoco und
+Amazonenstrom habe ich von keinem Erdwall, von keinem Ueberbleibsel
+eines Damms, von keinem Grabhügel sprechen hören; nur auf den
+Felsen, und zwar auf einer weiten Landstrecke, sieht man, in
+unbekannter Zeit von Menschenhand eingegraben, rohe Umrisse, die
+sich an religiöse Ueberlieferungen knüpfen. Wenn einmal die
+Bewohner des doppelten Amerika mit weniger Geringschätzung auf den
+Boden sehen, der sie ernährt, so werden sich die Spuren früherer
+Jahrhunderte unter unsern Augen von Tag zu Tag mehren. Ein
+schwacher Schimmer wird sich dann über die Geschichte dieser
+barbarischen Völker verbreiten, über die Felswände, die uns
+verkünden, daß diese jetzt so öden Länder einst von thätigeren,
+geisteskräftigeren Geschlechtern bewohnt waren.</p>
+<p>Ich glaubte, bevor ich vom wildesten Strich des obern Orinoco
+scheide, Erscheinungen besprechen zu müssen, die nur dann von
+Bedeutung werden, wenn man sie aus Einem Gesichtspunkt betrachtet.
+Was ich von unserer Fahrt von Esmeralda bis zum Einfluß des Atabapo
+berichten könnte, wäre nur eine trockene Aufzählung von Flüssen und
+unbewohnten Orten. Vom 24. bis 27. Mai schliefen wir nur zweimal am
+Land, und zwar das erstemal am Einfluß des Rio Jao, und dann
+oberhalb der Mission Santa Barbara auf der Insel Minisi. Da der
+Orinoco hier frei von Klippen ist, führte uns der indianische
+Steuermann die Nacht durch fort, indem er die Pirogue der Strömung
+überließ. Dieses Stück meiner Karte zwischen dem Jao und dem
+Ventuari ist daher auch hinsichtlich der Krümmungen des Flusses
+nicht sehr genau. Rechnet man den Aufenthalt am Ufer, um den Reis
+und die Bananen zuzubereiten, ab, so brauchten wir von Esmeralda
+nach Santa Barbara nur 35 Stunden. Diese Mission liegt nach dem
+Chronometer unter dem 70°3′ der Länge; wir hatten also gegen 4
+Seemeilen in der Stunde zurückgelegt, eine Geschwindigkeit (1,05
+Toise in der Secunde), die zugleich auf Rechnung der Strömung und
+der Bewegung der Ruder kommt. Die Indiana behaupten, die Krokodile
+gehen im Orinoco nicht über den Einfluß des Rio Jao hinaus, und die
+Seekühe kommen sogar oberhalb des Katarakts von Maypures nicht mehr
+vor. Hinsichtlich der ersteren kann man sich leicht täuschen. Wenn
+der Reisende an ihren Anblick noch so sehr gewöhnt ist, kann er
+einen 12—15 Fuß langen Baumstamm für ein schwimmendes Krokodil
+halten, von dem man nur Kopf und Schwanz zum Theil über dem Wasser
+sieht.</p>
+<p>Die Mission Santa Barbara liegt etwas westlich vom Einfluß des
+Rio Ventuari oder Venituari, den Pater Francisco Valor im Jahr 1800
+untersucht hat. Wir fanden im kleinen Dorfe von 120 Einwohnern
+einige Spuren von Industrie. Der Ertrag derselben kommt aber sehr
+wenig den Indianern zu gut, sondern nur den Mönchen oder, wie man
+hier zu Lande sagt, der Kirche und dem Kloster. Man versicherte
+uns, eine große Lampe, massiv von Silber, die auf Kosten der
+Bekehrten angeschafft worden, werde aus Madrid erwartet. Wenn sie
+da ist, wird man hoffentlich auch daran denken, die Indianer zu
+kleiden, ihnen einiges Ackergeräthe anzuschaffen und für ihre
+Kinder eine Schule einzurichten. In den Savanen bei der Mission
+läuft wohl einiges Vieh, man braucht es aber selten, um die Mühle
+zum Auspressen des Zuckerrohrs (<em>trapiche</em>) zu treiben; das
+ist ein Geschäft der Indianer, die dabei ohne Lohn arbeiten, wie
+überall, wo die Arbeit auf Rechnung der Kirche geht. Am Fuß der
+Berge um Santa Barbara herum sind die Weiden nicht so fett wie bei
+Esmeralda, aber doch besser als bei San Fernando de Atabapo. Der
+Rasen ist kurz und dicht, und doch ist die oberste Bodenschicht nur
+trockener, dürrer Granitsand. Diese nicht sehr üppigen Grasfluren
+am Guaviare, Meta und obern Orinoco sind sowohl ohne Dammerde, die
+in den benachbarten Wäldern so massenhaft daliegt, als ohne die
+dicke Thonschicht, die in den Llanos von Venezuela den Sandstein
+bedeckt. Kleine krautartige Mimosen helfen in dieser Zone das Vieh
+satt machen, sie werden aber zwischen dem Rio Jao und-der Mündung
+des Guaviare sehr selten.</p>
+<p>In den wenigen Stunden, die wir uns in der Mission Santa Barbara
+aufhielten, erhielten wir ziemlich genaue Angaben über den Rio
+Ventuari, der mir nach dem Guaviare der bedeutendste unter allen
+Nebenflüssen des obern Orinoco schien. Seine Ufer, an denen früher
+die Maypures gesessen, sind noch jetzt von einer Menge unabhängiger
+Völkerschaften bewohnt. Fährt man durch die Mündung des Ventuari,
+die ein mit Palmen bewachsenes Delta bildet, hinauf, so kommen nach
+drei Tagereisen von Ost der Cumaruita und der Paru herein, welche
+zwei Nebenflüsse am Fuß der hohen Berge von Cuneva, entspringen.
+Weiter oben, von West her, kommen der Mariata und der Manipiare, an
+denen die Macos- und Curacicanas-Indianer wohnen. Letztere Nation
+zeichnet sich durch ihren Eifer für den Baumwollenbau aus. Bei
+einem Streifzug (<em>entrada</em>) fand man ein großes Haus, in dem
+30—40 sehr fein gewobene Hängematten, gesponnene Baumwolle,
+Seilwerk und Fischereigeräthe waren. Die Eingeborenen waren
+davongelaufen und Pater Valor erzählte uns, »die Indianer aus
+seiner Mission, die er bei sich hatte, haben das Haus in Brand
+gesteckt, ehe er diese Produkte des Gewerbfleißes der Curacicanas
+retten konnte.« Die neuen Christen in Santa Barbara, die sich über
+diesen sogenannten Wilden weit erhaben dünken, schienen mir lange
+nicht so gewerbthätig. Der Rio Manipiare, einer der Hauptäste des
+Ventuari, liegt, seiner Quelle zu, in der Nähe der hohen Berge, an
+deren Nordabhang der Cuchivero entspringt. Sie sind ein Ausläufer
+der Kette des Baraguan, und hieher setzt Pater Gili die »Hochebene
+des Siamacu,« deren gemäßigtes Klima er preist. Der obere Lauf des
+Ventuari, oberhalb des Einflusses des Asisi und der »großen
+Raudales« ist so gut wie unbekannt. Ich hörte nur, der obere
+Ventuari ziehe sich so stark gegen Ost, daß die alte Straße von
+Esmeralda an den Rio Caura über das Flußbett laufe. Dadurch, daß
+die Nebenflüsse des Carony, des Caura und des Ventuari einander so
+nahe liegen, kamen die Caraiben seit Jahrhunderten an den obern
+Orinoco. Banden dieses kriegerischen Handelsvolkes zogen vom Rio
+Carony über den Paragua an die Quellen des Paruspa. Ueber einen
+Trageplatz gelangten sie an den Chavarro, einen östlichen Nebenfluß
+des Caura; sie fuhren auf ihren Piroguen zuerst diesen Nebenfluß
+und dann den Caura selbst hinunter bis zur Mündung des Erevato.
+Nachdem sie diesen gegen Südwest hinaufgefahren, kamen sie drei
+Tagereisen weit über große Grasfluren und endlich über den
+Manipiare in den großen Rio Ventuari. Ich beschreibe diesen Weg so
+genau, nicht nur weil auf dieser Straße der Handel mit eingeborenen
+Sklaven betrieben wurde, sondern auch um die Männer, welche einst
+nach wiederhergestellter Ruhe Guyana regieren werden, auf die
+Wichtigkeit dieses Flußlabyrinths aufmerksam zu machen.</p>
+<p>Auf vier Nebenflüssen des Orinoco, den größten unter denen, die
+von rechts her in diesen majestätischen Strom sich ergießen, auf
+dem Carony und dem Caura, dem Padamo und dem Ventuari, wird die
+europäische Cultur in das 10,600 Quadratmeilen große Wald- und
+Gebirgsland dringen, das der Orinoco gegen Nord, West und Süd
+umschlingt. Bereits haben Kapuziner aus Catalonien und Observanten
+aus Andalusien und Valencia Niederlassungen in den Thälern des
+Carony und des Caura gegründet; es war natürlich, daß an die
+Nebenflüsse des untern Orinoco, als die der Küste und dem
+angebauten Strich von Venezuela zunächst liegenden, Missionäre und
+mit ihnen einige Keime des gesellschaftlichen Lebens zuerst kamen.
+Bereits im Jahr 1797 zählten die Niederlassungen der Kapuziner am
+Carony 16,600 Indianer, die friedlich in Dörfern lebten. Am Rio
+Caura waren es zu jener Zeit unter der Obhut der Observanten, nach
+gleichfalls officiellen Zählungen, nur 640. Dieser Unterschied
+rührt daher, daß die sehr ausgedehnten Weiden am Carony, Upatu und
+Cuyuni von vorzüglicher Güte sind, und daß die Missionen der
+Kapuziner näher bei der Mündung des Orinoco und der Hauptstadt von
+Guyana liegen, aber auch vom innern Getriebe der Verwaltung, von
+der industriellen Rührigkeit und dem Handelsgeist der catalonischen
+Mönche. Dem Carony und Caura, die gegen Nord fließen, entsprechen
+zwei große Nebenflüsse des obern Orinoco, die gegen Süd herunter
+kommen, der Padamo und der Ventuari. Bis jetzt steht an ihren Ufern
+kein Dorf, und doch bieten sie für Ackerbau und Viehzucht günstige
+Verhältnisse, wie man sie im Thale des großen Stroms, in den sie
+sich ergießen, vergeblich suchen würde.</p>
+<p>Wir brachen am 26. Mai Morgens vom kleinen Dorfe Santa Barbara
+auf, wo wir mehrere Indianer aus Esmeralda getroffen hatten, die
+der Missionär zu ihrem großen Verdruß hatte kommen lassen, weil er
+sich ein zweistockigtes Haus bauen wollte. Den ganzen Tag genossen
+wir der Aussicht auf die schönen Gebirge von Sipapo<sup><a href=
+"#fn51" class="footnoteRef" id="fnref51" name=
+"fnref51">51</a></sup>, die in 18&nbsp;Meilen Entfernung gegen
+Nord-Nord-West sich hinbreiten. Die Vegetation an den Ufern des
+Orinoco ist hier ausnehmend mannigfaltig; Baumfarn kommen von den
+Bergen herunter und mischen sich unter die Palmen in der Niederung.
+Wir übernachteten auf der Insel Minisi und langten, nachdem wir an
+den Mündungen der kleinen Flüsse Quejanuma, Ubua und Masao
+vorübergekommen, am 27. Mai in San Fernando de Atabapo an. Vor
+einem Monat, auf dem Weg zum Rio Negro, hatten wir im selben Hause
+des Präsidenten der Missionen gewohnt. Wir waren damals gegen Süd,
+den Atabapo und Temi hinaufgefahren; jetzt kamen wir von West her
+nach einem weiten Umweg über den Cassiquiare und den obern Orinoco
+zurück. Während unserer langen Abwesenheit waren dem Präsidenten
+der Missionen über den eigentlichen Zweck unserer Reise, über mein
+Verhältniss zu den Mitgliedern des hohen Clerus in Spanien, über
+die Kenntniß des Zustandes der Missionen, die ich mir verschafft,
+bedeutende Bedenken aufgestiegen. Bei unserem Aufbruch nach
+Angostura, der Hauptstadt von Guyana, drang er in mich, ihm ein
+Schreiben zu hinterlassen, in dem ich bezeugte, daß ich die
+christlichen Niederlassungen am Orinoco in guter Ordnung
+angetroffen, und daß die Eingeborenen im Allgemeinen milde
+behandelt würden. Diesem Ansinnen des Superiors lag gewiß ein sehr
+löblicher Eifer für das Beste seines Ordens zu Grunde, nichts desto
+weniger setzte es mich in Verlegenheit. Ich erwiderte, das Zeugniß
+eines im Schooße der reformirten Kirche geborenen Reisenden könne
+in dem endlosen Streite, in dem fast überall in der neuen Welt
+weltliche und geistliche Macht mit einander liegen, doch wohl von
+keinem großen Gewichte seyn. Ich gab ihm zu verstehen, da ich
+zweihundert Meilen von der Küste, mitten in den Missionen und, wie
+die Cumaner boshaft sagen, <em>en el poder de los frayles</em> (in
+der Gewalt der Mönche) sey, möchte das Schreiben, das wir am Ufer
+des Atabapo mit einander abfaßten, wohl schwerlich als ein ganz
+freier Willensakt von meiner Seite angesehen werden. Der Gedanke,
+daß er einen Calvinisten gastfreundlich aufgenommen, erschreckte
+den Präsidenten nicht. Ich glaube allerdings, daß man vor meiner
+Ankunft schwerlich je einen in den Missionen des heiligen
+Franciscus gesehen hat; aber Unduldsamkeit kann man den Missionären
+in Amerika nicht zur Last legen. Die Ketzereien des alten Europa
+machen ihnen nicht zu schaffen, es müßte denn an den Grenzen von
+holländisch Guyana seyn, wo sich die Prädicanten auch mit dem
+Missionswesen abgeben. Der Präsident bestand nicht weiter auf der
+Schrift, die ich hätte unterzeichnen sollen, und wir benützten die
+wenigen Augenblicke, die wir noch beisammen waren, um den Zustand
+des Landes, und ob Aussicht sey, die Indianer an den Segnungen der
+Cultur theilnehmen zu lassen, freimüthig zu besprechen. Ich sprach
+mich stark darüber aus, wie viel Schaden die Entradas, die
+feindlichen Einfälle angerichtet, wie unbillig es sey, daß man die
+Eingeborenen der Früchte ihrer Arbeit so wenig genießen lasse, wie
+ungerechtfertigt, daß man sie zwinge, in Angelegenheiten, die sie
+nichts angehen, weite Reisen zu machen, endlich wie nothwendig es
+erscheine, den jungen Geistlichen, die berufen seyen, großen
+Gemeinden vorzustehen, in einem besondern Collegium einige Bildung
+zu geben. Der Präsident schien mich freundlich anzuhören; indessen
+glaube ich doch, er wünschte im Herzen (ohne Zweifel im Interesse
+der Naturwissenschaft), Leute, welche Pflanzen auflesen und das
+Gestein untersuchen, möchten sich nicht so vorlaut mit dem Wohl der
+kupferfarbigen Race und mit den Angelegenheiten der menschlichen
+Gesellschaft befassen. Dieser Wunsch ist in beiden Welten gar weit
+verbreitet; man begegnet ihm überall, wo der Gewalt bange ist, weil
+sie meint, sie stehe nicht auf festen Füßen.</p>
+<p>Wir blieben nur einen Tag in San Fernando de Atabapo, obgleich
+dieses Dorf mit seinen schönen Pihiguao-Palmen<sup><a href="#fn52"
+class="footnoteRef" id="fnref52" name="fnref52">52</a></sup> mit
+Pfirsichfrüchten uns ein köstlicher Aufenthalt schien. Zahme
+<strong>Pauxis</strong><sup><a href="#fn53" class="footnoteRef" id=
+"fnref53" name="fnref53">53</a></sup> liefen um die Hütten der
+Indianer her. In einer derselben sahen wir einen sehr seltenen
+Affen, der am Guaviare lebt. Es ist dieß der
+<strong>Caparro</strong>, den ich in meinen <em>Observations de
+zoologie et d’anatomie comparée</em> bekannt gemacht, und der nach
+Geoffroy eine neue Gattung (<em>Lagothrix</em>) bildet, die
+zwischen den Atelen und den Alouatos in der Mitte steht. Der Pelz
+dieses Affen ist mardergrau und fühlt sich ungemein zart an. Der
+Caparro zeichnet sich ferner durch einen runden Kopf und einen
+sanften, angenehmen Gesichtsausdruck aus. Der Missionär Gili ist,
+glaube ich, der einzige Schriftsteller, der vor mir von diesem
+interessanten Thiere gesprochen hat, um das die Zoologen andere,
+und zwar brasilianische Affen zu gruppiren anfangen.</p>
+<p>Am 27. Mai kamen wir von San Fernando mit der raschen Strömung
+des Orinoco in nicht ganz sieben Stunden zum Einfluß des Rio
+Mataveni. Wir brachten die Nacht unter freiem Himmel unterhalb des
+Granitfelsens <em>el castillito</em><sup><a href="#fn54" class=
+"footnoteRef" id="fnref54" name="fnref54">54</a></sup> zu, der
+mitten aus dem Flusse aufsteigt und dessen Gestalt an den
+Mäusethurm im Rhein, Bingen gegenüber, erinnert. Hier wie an den
+Ufern des Atabapo fiel uns eine kleine Art Drosera auf, die ganz
+den Habitus der europäischen Drosera hat. Der Orinoco war in der
+Nacht beträchtlich gestiegen, und die bedeutend beschleunigte
+Strömung trug uns in zehn Stunden von der Mündung des Mataveni zum
+obern großen Katarakt, dem von Maypures oder Quittuna; der
+zurückgelegte Weg betrug 13 Meilen. Mit Interesse erinnerten wir
+uns der Orte, wo wir stromaufwärts übernachtet; wir trafen Indianer
+wieder, die uns beim Botanisiren begleitet, und wir besuchten
+nochmals die schöne Quelle, die hinter dem Hause des Missionärs aus
+einem geschichteten Granitfelsen kommt; ihre Temperatur hatte sich
+nicht um 0,3° verändert. Von der Mündung des Atabapo bis zu der des
+Apure war uns, als reisten wir in einem Land, in dem wir lange
+gewohnt. Wir lebten eben so schmal, wir wurden von denselben Mücken
+gestochen, aber die gewisse Aussicht, daß in wenigen Wochen unsere
+physischen Leiden ein Ende hätten, hielt uns aufrecht.</p>
+<p>Der Transport der Pirogue über den großen Katarakt hielt uns in
+Maypures zwei Tage auf; Pater Bernardo Zea, der Missionär bei den
+Raudales, der uns an den Rio Negro begleitet hatte, wollte,
+obgleich leidend, uns mit seinen Indianern vollends nach Atures
+führen. Einer derselben, <strong>Zerepe</strong>, der Dolmetscher,
+den man auf dem Strande von Pararuma so unbarmherzig
+geprügelt,<sup><a href="#fn55" class="footnoteRef" id="fnref55"
+name="fnref55">55</a></sup> fiel uns durch seine tiefe
+Niedergeschlagenheit auf. Wir hörten, er habe die Indianerin
+verloren, mit der er verlobt gewesen, und zwar in Folge einer
+falschen Nachricht, die über die Richtung unserer Reise in Umlauf
+gekommen. Zerepe war in Maypures geboren, aber bei seinen Eltern
+vom Stamme der Macos im Walde erzogen. Er hatte in die Mission ein
+zwölfjähriges Mädchen mitgebracht, das er nach unserer Rückkehr zu
+den Katarakten zum Weibe nehmen wollte. Das Leben in den Missionen
+behagte der jungen Indianerin schlecht, denn man hatte ihr gesagt,
+die Weißen gehen ins Land der Portugiesen (nach Brasilien) und
+nehmen Zerepe mit. Da es ihr nicht ging, wie sie gehofft,
+bemächtigte sie sich eines Canoe, fuhr mit einem andern Mädchen vom
+selben Alter durch den Raudal und lief <em>al monte</em> zu den
+Ihrigen. Dieser kecke Streich war die Tagesneuigkeit; Zerepes
+Niedergeschlagenheit hielt übrigens nicht lange an. Er war unter
+Christen geboren, er war bis zur Schanze am Rio Negro gekommen, er
+verstand Spanisch und die Sprache der Macos, und dünkte sich weit
+erhaben über die Leute seines Stammes; wie hätte er da nicht ein
+Mädchen vergessen sollen, das im Walde aufgewachsen?</p>
+<p>Am 31. Mai fuhren wir über die Stromschnellen der Guahibos und
+bei Garcita. Die Inseln mitten im Strom glänzten im herrlichsten
+Grün. Der winterliche Regen hatte die Blumenscheiden der
+Vadgiai-Palmen entwickelt, deren Blätter gerade himmelan
+stehen.<sup><a href="#fn56" class="footnoteRef" id="fnref56" name=
+"fnref56">56</a></sup> Man wird nicht müde, Punkte zu betrachten,
+wo Baum und Fels der Landschaft den großartigen, ernsten Charakter
+geben, den man auf dem Hintergrund von Titians und Poussins Bildern
+bewundert. Kurz vor Sonnenuntergang stiegen wir am östlichen Ufer
+des Orinoco, beim <strong>Puerto de la Expedicion</strong>, ans
+Land, und zwar um die Höhle von Ataruipe zu besuchen, von der oben
+die Rede war,<sup><a href="#fn57" class="footnoteRef" id="fnref57"
+name="fnref57">57</a></sup> und wo ein ganzer ausgestorbener
+Volksstamm seine Grabstätte zu haben scheint. Ich versuche diese
+bei den Eingeborenen vielberufene Höhle zu beschreiben.</p>
+<p>Man ersteigt mühsam und nicht ganz gefahrlos einen steilen,
+völlig kahlen Granitfelsberg. Man könnte auf der glatten, stark
+geneigten Fläche fast unmöglich Fuß fassen, wenn nicht große
+Feldspathkrystalle, welche nicht so leicht verwittern,
+hervorständen und Anhaltspunkte böten. Auf dem Gipfel des Berges
+angelangt, erstaunten wir über den außerordentlichen Anblick des
+Landes in der Runde. Ein Archipel mit Palmen bewachsener Inseln
+füllt das schäumende Strombett. Westwärts, am linken Ufer des
+Orinoco, breiten sich die Savanen am Meta und Casanare hin, wie
+eine grüne See, deren dunstiger Horizont von der untergehenden
+Sonne beleuchtet war. Das Gestirn, das wie ein Feuerball über der
+Ebene hing, der einzeln stehende Spitzberg Uniana, der um so höher
+erschien, da seine Umrisse im Dunst verschwammen, alles wirkte
+zusammen, die großartige Scenerie noch erhabener zu machen. Wir
+sahen zunächst in ein tiefes, ringsum geschlossenes Thal hinunter.
+Raubvögel und Ziegenmelker schwirrten einzeln durch den
+unzugänglichen Circus. Mit Vergnügen verfolgten wir ihre flüchtigen
+Schatten, wie sie langsam an den Felswänden hinglitten.</p>
+<p>Ueber einen schmalen Grat gelangten wir auf einen benachbarten
+Berg, auf dessen abgerundetem Gipfel ungeheure Granitblöcke lagen.
+Diese Massen haben 40 bis 50 Fuß Durchmesser und sind so vollkommen
+kugelförmig, daß man, da sie nur mit wenigen Punkten den Boden zu
+berühren schienen, meint, beim geringsten Stoß eines Erdbebens
+müßten sie in die Tiefe rollen. Ich erinnere mich nicht, unter den
+Verwitterungserscheinungen des Granits irgendwo etwas Aehnliches
+gesehen zu haben. Lägen die Kugeln auf einer andern Gebirgsart, wie
+die Blöcke im Jura, so könnte man meinen, sie seyen im Wasser
+gerollt oder durch den Stoß eines elastischen Fluidums
+hergeschleudert; da sie aber auf einem Gipfel liegen, der
+gleichfalls aus Granit besteht, so ist wahrscheinlicher, daß sie
+von allmähliger Verwitterung des Gesteins herrühren.</p>
+<p>Zu hinterst ist das Thal mit dichtem Wald bedeckt. An diesem
+schattigen, einsamen Ort, am steilen Abhang eines Berges, ist der
+Eingang der Höhle von Ataruipe. Es ist übrigens nicht sowohl eine
+Höhle, als ein vorspringender Fels, in dem die Gewässer, als sie
+bei den alten Umwälzungen unseres Planeten so weit herausreichten,
+ein weites Loch ausgewaschen haben. In dieser Grabstätte einer
+ganzen ausgestorbenen Völkerschaft zählten wir in kurzer Zeit gegen
+600 wohlerhaltene und so regelmäßig vertheilte Skelette, daß man
+sich hinsichtlich ihrer Zahl nicht leicht hätte irren können. Jedes
+Skelett liegt in einer Art Korb aus Palmblattstielen. Diese Körbe,
+von den Eingeborenen <strong>Mapires</strong> genannt, bilden eine
+Art viereckigter Säcke. Ihre Größe entspricht dem Alter der
+Leichen; es gibt sogar welche für Kinder, die während der Geburt
+gestorben. Sie wechseln in der Länge von 10&nbsp;Zoll bis
+3&nbsp;Fuß 4&nbsp;Zoll. Die Skelette sind alle zusammengebogen und
+so vollständig, daß keine Rippe, kein Fingerglied fehlt. Die
+Knochen sind auf dreierlei Weisen zubereitet, entweder an Luft und
+Sonne gebleicht, oder mit <strong>Onoto</strong>, dem Farbstoff der
+Bixa Orellana, roth gefärbt, oder mumienartig zwischen
+wohlriechenden Harzen in Heliconia- und Bananenblätter eingeknetet.
+Die Indianer erzählten uns, man lege die frische Leiche in die
+feuchte Erde, damit sich das Fleisch allmählig verzehre. Nach
+einigen Monaten nehme man sie wieder heraus und schabe mit scharfen
+Steinen den Rest des Fleisches von den Knochen. Mehrere Horden in
+Guyana haben noch jetzt diesen Brauch. Neben den »Mapires« oder
+Körben sieht man Gefäße von halb gebranntem Thon, welche die
+Gebeine einer ganzen Familie zu enthalten schienen. Die größten
+dieser Graburnen sind 3&nbsp;Fuß hoch und 4&nbsp;Fuß 3&nbsp;Zoll
+lang. Sie sind graugrün, oval, von ganz gefälligem Ansehen, mit
+Henkeln in Gestalt von Krokodilen und Schlangen, am Rand mit
+Mäandern, Labyrinthen und mannigfach combinirten geraden Linien
+geschmückt. Dergleichen Malereien kommen unter allen
+Himmelsstrichen vor, bei allen Völkern, mögen sie geographisch und
+dem Grade der Cultur nach noch so weit auseinanderliegen. Die
+Bewohner der kleinen Mission Maypures bringen sie noch jetzt auf
+ihrem gemeinsten Geschirr an; sie zieren die Schilder der Tahitier,
+das Fischergeräthe der Eskimos, die Wände des mexicanischen
+Palastes in Mitla und die Gefäße Großgriechenlands. Ueberall
+schmeichelt eine rhythmische Wiederholung derselben Formen dem
+Auge, wie eine taktmäßige Wiederkehr von Tönen dem Ohre.
+Aehnlichkeiten, welche im innersten Wesen unserer Empfindungen, in
+unserer natürlichen Geistesanlage ihren Grund haben, sind wenig
+geeignet, über die Verwandtschaft und die alten Verbindungen der
+Völker Licht zu verbreiten.</p>
+<p>Hinsichtlich der Zeit, aus der sich die Mapires und die bemalten
+Gefäße in der Knochenhöhle von Ataruipe herschreiben, konnten wir
+uns keine bestimmte Vorstellung bilden. Die meisten schienen nicht
+über hundert Jahre alt, da sie aber vor jeder Feuchtigkeit
+geschützt und in sehr gleichförmiger Temperatur sind, so wären sie
+wohl gleich gut erhalten, wenn sie auch aus weit früherer Zeit
+herrührten. Nach einer Sage der Guahibos-Indianer flüchteten sich
+die kriegerischen Atures, von den Caraiben verfolgt, auf die Felsen
+mitten in den großen Katarakten, und hier erlosch nach und nach
+diese einst so zahlreiche Nation und mit ihr die Sprache. Noch im
+Jahre 1767, zur Zeit des Missionärs Gili, lebten die letzten
+Familien derselben; auf unserer Reise zeigte man in Maypures ein
+sonderbares Faktum: einen alten Papagai, von dem die Einwohner
+behaupten, »man verstehe ihn nicht, weil er aturisch spreche«.</p>
+<p>Wir öffneten, zum großen Aergerniß unserer Führer, mehrere
+Mapires, um die Schädelbildung genau zu untersuchen. Alle zeigten
+den Topus der amerikanischen Race; nur zwei oder drei näherten sich
+dem kaukasischen. Wir haben oben erwähnt,<sup><a href="#fn58"
+class="footnoteRef" id="fnref58" name="fnref58">58</a></sup> daß
+man mitten in den« Katarakten, an den unzugänglichsten Orten
+eisenbeschlagene Kisten mit europäischen Werkzeugen, mit Resten von
+Kleidungsstücken und Glaswaaren findet. Diese Sachen, die zu den
+abgeschmacktesten Gerüchten, als hätten die Jesuiten dort ihre
+Schätze versteckt, Anlaß gegeben, gehörten wahrscheinlich
+portugiesischen Handelsleuten, die sich in diese wilden Länder
+herausgewagt. Läßt sich nun wohl auch annehmen, daß die Schädel von
+europäischer Bildung, die wir unter den Skeletten der Eingeborenen
+und eben so sorgfältig aufbewahrt gefunden, portugiesischen
+Reisenden angehörten, die hier einer Krankheit Unterlagen oder im
+Kampfe erschlagen worden? Der Widerwillen der Eingeborenen gegen
+Alles, was nicht ihres Stammes ist, macht dieß nicht
+wahrscheinlich; vielleicht hatten sich Mestizen, die aus den
+Missionen am Meta und Apure entlaufen, an den Katarakten
+niedergelassen und Weiber aus dem Stamme der Atures genommen.
+Dergleichen Verbindungen kommen in dieser Zone zuweilen vor,
+freilich nicht so häufig wie in Canada und in Nordamerika
+überhaupt, wo Jäger europäischer Abkunft unter die Wilden gehen,
+ihre Sitten annehmen und es oft zu großem Ansehen unter ihnen
+bringen.</p>
+<p>Wir nahmen aus der Höhle von Ataruipe mehrere Schädel, das
+Skelett eines Kindes von sechs bis sieben Jahren und die Skelette
+zweier Erwachsenen von der Nation der Atures mit. Alle diese zum
+Theil roth bemalten, zum Theil mit Harz überzogenen Gebeine lagen
+in den oben beschriebenen Körben (<em>Mapires</em> oder
+<em>Canastos</em>). Sie machten fast eine ganze Maulthierladung
+aus, und da uns der abergläubische Widerwillen der Indianer gegen
+einmal beigesetzte Leichen wohl bekannt war, hatten wir die
+»Canastos« in frisch geflochtene Matten einwickeln lassen. Bei dem
+Spürsinn der Indianer und ihrem feinen Geruch half aber diese
+Vorsicht leider zu nichts. Ueberall, wo wir in den Missionen der
+Caraiben, auf den Llanos zwischen Angostura und Nueva Barcelona
+Halt machten, liefen die Eingeborenen um unsere Maulthiere
+zusammen, um die Affen zu bewundern, die wir am Orinoco gekauft.
+Kaum aber hatten die guten Leute unser Gepäcke angerührt, so
+prophezeiten sie, daß das Lastthier, »das den Todten trage,« zu
+Grund gehen werde. Umsonst versicherten wir, sie irren sich, in den
+Körben seyen Krokodil- und Seekuhknochen; sie blieben dabei, sie
+riechen das Harz, womit die Skelette überzogen seyen, und »das
+seyen ihre alten Verwandten.« Wir mußten die Autorität der Mönche
+in Anspruch nehmen, um des Widerwillens der Eingeborenen Herr zu
+werden und frische Maulthiere zu bekommen. Einer der Schädel, den
+wir aus der Höhle von Ataruipe mitgenommen, ist in meines alten
+Lehrers Blumenbach schönem Werke über die Varietäten des
+Menschengeschlechts gezeichnet; aber die Skelette der Indianer
+gingen mit einem bedeutenden Theil unserer Sammlungen an der Küste
+von Afrika bei einem Schiffbruch verloren, der unserem Freund und
+Reisegefährten, Fray Juan Gonzales,<sup><a href="#fn59" class=
+"footnoteRef" id="fnref59" name="fnref59">59</a></sup> einem jungen
+Franciskaner, das Leben kostete.</p>
+<p>Schweigend gingen wir von der Höhle von Ataruipe nach Hause. Es
+war eine der stillen, heitern Nächte, welche im heißen Erdstrich so
+gewöhnlich sind. Die Sterne glänzten in mildem, planetarischem
+Licht. Ein Funkeln war kaum am Horizont bemerkbar,<sup><a href=
+"#fn60" class="footnoteRef" id="fnref60" name=
+"fnref60">60</a></sup> den die großen Nebelflecken der südlichen
+Halbkugel zu beleuchten schienen. Ungeheure Insektenschwärme
+verbreiteten ein röthliches Licht in der Luft. Der dicht bewachsene
+Boden glühte von lebendigem Feuer, als hätte sich die gestirnte
+Himmelsdecke auf die Grasflur niedergesenkt. Vor der Höhle blieben
+wir noch öfters stehen und bewunderten den Reiz des merkwürdigen
+Orts. Duftende Vanille und Gewinde von Bignonien schmücken den
+Eingang, und darüber, auf der Spitze des Hügels, wiegten sich
+säuselnd die Schafte der Palmen.</p>
+<p>Wir gingen an den Fluß hinab und schlugen den Weg zur Mission
+ein, wo wir ziemlich spät in der Nacht eintrafen. Was wir gesehen,
+hatte starken Eindruck auf unsere Einbildungskraft gemacht. In
+einem Lande, wo einem die menschliche Gesellschaft als eine
+Schöpfung der neuesten Zeit erscheint, hat Alles, was an eine
+Vergangenheit erinnert, doppelten Reiz. Sehr alt waren nun hier die
+Erinnerungen nicht; aber in Allem, was Denkmal heißt, ist das Alter
+nur ein relativer Begriff, und leicht verwechseln wir alt und
+räthselhaft. Den Egyptern erschienen die geschichtlichen
+Erinnerungen der Griechen gar jung; hätten die Chinesen, oder wie
+sie sich selbst lieber nennen, die Bewohner des »himmlischen
+Reichs,« mit den Priestern von Heliopolis verkehren können, so
+hätten sie wohl zu den Ansprüchen der alten Egypter gelacht. Ebenso
+auffallende Gegensätze finden sich im nördlichen Europa und Asien,
+in der neuen Welt, überall, wo die Menschheit sich auf ihr eigenes
+Leben nicht weit zurückbesinnt. Auf der Hochebene von Anahuac
+reicht die älteste geschichtliche Begebenheit, die Wanderung der
+Tolteken, nicht über das sechste Jahrhundert unserer Zeitrechnung
+hinauf. Die unentbehrlichen Grundlagen einer genauen Zeitrechnung,
+ein gutes Schaltsystem, überhaupt die Kalenderreform stammen aus
+dem Jahr 1091. Diese Zeitpunkte, die uns so nahe scheinen, fallen
+in fabelhafte Zeiten, wenn wir auf die Geschichte unseres
+Geschlechts zwischen Orinoco und Amazonenfluß blicken. Wir finden
+dort auf Felsen symbolische Bilder, aber keine Sage gibt über ihren
+Ursprung Aufschluß. Im heißen Striche von Guyana kommen wir nicht
+weiter zurück als zu der Zeit, wo castilianische und portugiesische
+Eroberer, und später friedliche Mönche unter den barbarischen
+Völkerschaften auftraten.</p>
+<p>Nordwärts von den Katarakten, am Engpaß beim Baraguan, scheint
+es ähnliche, mit Knochen gefüllte Höhlen zu geben, wie die oben
+beschriebenen. Ich hörte dieß erst nach meiner Rückkehr, und die
+indianischen Steuerleute sagten uns nichts davon, als wir im Engpaß
+anlegten. Diese Gräber haben ohne Zweifel Anlaß zu einer Sage der
+Otomaken gegeben, nach der die einzeln stehenden Granitfelsen am
+Baraguan, die sehr seltsame Gestalten zeigen, die
+<strong>Großväter</strong>, die <strong>alten Häuptlinge</strong>
+des Stammes sind. Der Brauch, das Fleisch sorgfältig von den
+Knochen zu trennen, der im Alterthum bei den Massageten herrschte,
+hat sich bei mehreren Horden am Orinoco erhalten. Man behauptet
+sogar, und es ist ganz wahrscheinlich, die Guaraons legen die
+Leichen in Netzen ins Wasser, wo dann die kleinen
+Caraibenfische<sup><a href="#fn61" class="footnoteRef" id="fnref61"
+name="fnref61">61</a></sup> die »Serra-Solmes,« die wir überall in
+ungeheurer Menge antrafen, in wenigen Tagen das Muskelfleisch
+verzehren und das Skelett »präpariren.« Begreiflich ist solches nur
+an Orten thunlich, wo es nicht viele Krokodile gibt. Manche Stämme,
+z.&nbsp;B. die Tamanaken, haben den Brauch, die Felder des
+Verstorbenen zu verwüsten und die Bäume, die er gepflanzt,
+umzuhauen. Sie sagen, »Dinge sehen zu müssen, die Eigenthum ihrer
+Angehörigen gewesen, mache sie traurig«. Sie vernichten das
+Andenken lieber, als daß sie es erhalten. Diese indianische
+Empfindsamkeit wirkt sehr nachtheilig auf den Landbau, und die
+Mönche widersetzen sich mit Macht den abergläubischen Gebräuchen,
+welche die zum Christenthum bekehrten Eingeborenen in den Missionen
+beibehalten.</p>
+<p>Die indianischen Gräber am Orinoco sind bis jetzt nicht gehörig
+untersucht worden, weil sie keine Kostbarkeiten enthalten wie die
+in Peru, und weil man jetzt an Ort und Stelle an die früheren
+Mähren vom Reichthum der alten Einwohner des
+<strong>Dorado</strong> nicht mehr glaubt. Der Golddurst geht aller
+Orten dem Trieb zur Belehrung und dem Sinn für die Erforschung des
+Alterthums voraus. Im gebirgigen Theil von Südamerika, von Merida
+und Santa Maria bis zu den Hochebenen von Quito und Ober-Peru hat
+man bergmännisch nach Gräbern, oder wie es die Creolen mit einem
+verdorbenen Worte der Incasprache nennen, nach
+<strong>Guacas</strong> gesucht. Ich war an der Küste von Peru, in
+Manciche, in der <strong>Guaca</strong> von Toledo, aus der man
+Goldmassen erhoben hat, die im sechzehnten Jahrhundert fünf
+Millionen Livres Tournois werth waren.<sup><a href="#fn62" class=
+"footnoteRef" id="fnref62" name="fnref62">62</a></sup> Aber in den
+Höhlen, die seit den ältesten Zeiten den Eingeborenen in Guyana als
+Grabstätten dienen, hat man nie eine Spur von kostbaren Metallen
+entdeckt. Aus diesem Umstand geht hervor, daß auch zur Zeit, wo die
+Caraiben und andere Wandervölker gegen Südwest Streifzüge
+unternahmen, das Gold nur in ganz unbedeutender Menge von den
+Gebirgen von Peru den Niederungen im Osten zufloß.</p>
+<p>Ueberall, wo sich im Granit nicht die großen Höhlungen finden,
+wie sie sich durch die Verwitterung des Gesteins oder durch die
+Aufeinanderthürmung der Blöcke bilden, bestatten die Indianer den
+Leichnam in die Erde. Die Hängematte (<em>chinchorro</em>), eine
+Art Netz, worin der Verstorbene im Leben geschlafen, dient ihm als
+Sarg. Man schnürt dieses Netz fest um den Körper zusammen, gräbt
+ein Loch in der Hütte selbst und legt den Todten darin nieder. Dieß
+ist nach dem Bericht des Missionärs Gili und nach dem, was ich aus
+Pater Zeas Munde weiß, das gewöhnliche Verfahren. Ich glaube nicht,
+daß es in ganz Guyana einen Grabhügel gibt, nicht einmal in den
+Ebenen am Cassiquiare und Essequebo. In den Savanen von
+Varinas<sup><a href="#fn63" class="footnoteRef" id="fnref63" name=
+"fnref63">63</a></sup> dagegen, wie in Canada westlich von den
+Aleghanis,<sup><a href="#fn64" class="footnoteRef" id="fnref64"
+name="fnref64">64</a></sup> trifft man welche an. Es erscheint
+übrigens ziemlich auffallend, daß die Eingeborenen am Orinoco,
+trotz des Ueberflusses an Holz im Lande, so wenig als die alten
+Scythen ihre Todten verbrennen. Scheiterhaufen errichten sie nur
+nach einem Gefechte, wenn der Gebliebenen sehr viele sind. So
+verbrannten die Parecas im Jahr 1748 nicht allein die Leichen ihrer
+Feinde, der Tamanaken, sondern auch die der Ihrigen, die auf dem
+Schlachtfelde geblieben. Wie alle Völker im Naturstande haben auch
+die Indianer in Südamerika die größte Anhänglichkeit an die Orte,
+wo die Gebeine ihrer Völker ruhen. Dieses Gefühl, das ein großer
+Schriftsteller in einer Episode der <strong>Atala</strong> so
+rührend schildert, hat sich in seiner vollen ursprünglichen Stärke
+bei den Chinesen erhalten. Diese Menschen, bei denen Alles
+Kunstprodukt, um nicht zu sagen Ausfluß einer uralten Cultur ist,
+wechseln nie den Wohnort, ohne die Gebeine ihrer Ahnen mit sich zu
+führen. An den Ufern der großen Flüsse sieht man Särge stehen, die
+mit dem Hausrath der Familie zu Schiff in eine ferne Provinz
+wandern sollen. Dieses Mitsichführen der Gebeine, das früher unter
+den nordamerikanischen Wilden noch häufiger war, kommt bei den
+Stämmen in Guyana nicht vor. Diese sind aber auch keine Nomaden,
+wie Völker, die ausschließlich von der Jagd leben.</p>
+<p>In der Mission Atures verweilten wir nur, bis unsere Pirogue
+durch den großen Katarakt geschafft war. Der Boden unseres kleinen
+Fahrzeugs war so dünn geworden, daß große Vorsicht nöthig war,
+damit er nicht sprang. Wir nahmen Abschied vom Missionär Bernardo
+Zea, der in Atures blieb, nachdem er zwei Monate lang unser
+Begleiter gewesen und alle unsere Beschwerden getheilt hatte. Der
+arme Mann hatte immer noch seine alten Anfälle von Tertianfieber,
+aber sie waren für ihn ein gewohntes Uebel geworden und er achtete
+wenig mehr darauf. Bei unserem zweiten Aufenthalt in Atures
+herrschten daselbst andere gefährlichen Fieber. Die Mehrzahl der
+Indianer war an die Hängematte gefesselt, und um etwas Cassavebrod
+(das unentbehrlichste Nahrungsmittel hier zu Lande) mußten wir zum
+unabhängigen, aber nahebei wohnenden Stamme der Piraoas schicken.
+Bis jetzt blieben wir von diesen bösartigen Fiebern verschont, die
+ich nicht immer für ansteckend halte.</p>
+<p>Wir wagten es, in unserer Pirogue durch die letzte Hälfte des
+Raudals von Atures zu fahren. Wir stiegen mehreremale aus und
+kletterten auf die Felsen, die wie schmale Dämme die Inseln unter
+einander verbinden. Bald stürzen die Wasser über die Dämme weg,
+bald fallen sie mit dumpfem Getöse in das Innere derselben. Wir
+fanden ein betrachtliches Stück des Orinoco trocken gelegt, weil
+sich der Strom durch unterirdische Canäle einen Weg gebrochen hat.
+An diesen einsamen Orten nistet dass Felshuhn mit goldigem Gefieder
+(<em>Pipra rupicola</em>), einer der schönsten tropischen Vögel.
+Wir hielten uns im <strong>Raudalito</strong> von Canucari auf, der
+durch ungeheure, auf einander gethürmte Granitblöcke gebildet wird.
+Diese Blöcke, worunter Sphäroide von 5 bis 6&nbsp;Fuß Durchmesser,
+sind so über einander geschoben, daß sie geräumige Höhlen bilden.
+Wir gingen in eine derselben, um Conserven zu pflücken, womit die
+Spalten und die nassen Felswände bekleidet waren. Dieser Ort bot
+eines der merkwürdigsten Naturschauspiele, die wir am Orinoco
+gesehen. Ueber unsern Köpfen rauschte der Strom weg,<sup><a href=
+"#fn65" class="footnoteRef" id="fnref65" name=
+"fnref65">65</a></sup> und es brauste, wie wenn das Meer sich an
+Klippen bricht; aber am Eingang der Höhle konnte man trocken hinter
+einer breiten Wassermasse stehen, die sich im Bogen über den
+Steindamm stürzte. In andern tieferen, aber nicht so großen Höhlen
+war das Gestein durch lang dauernde Einsickerung durchbohrt. Wir
+sahen 8 bis 9&nbsp;Zoll dicke Wassersäulen von der Decke des
+Gewölbes herabkommen und durch Spalten entweichen, die auf weite
+Strecken zusammenzuhängen schienen.</p>
+<p>Die Wasserfälle in Europa, die aus einem einzigen Sturz oder aus
+mehreren dicht hinter einander bestehen, können keine so
+mannigfaltigen Landschaftsbilder erzeugen. Diese Mannigfaltigkeit
+kommt nur »Stromschnellen« zu, wo auf mehrere Seemeilen weit viele
+kleine Fälle in einer Reihe hinter einander liegen, Flüssen, die
+sich über Felsdämme und durch aufgethürmte Blöcke Bahn brechen. Wir
+genossen des Anblicks dieses außerordentlichen Naturbildes länger,
+als uns lieb war. Unser Canoe sollte am östlichen Ufer einer
+schmalen Insel hinfahren und uns nach einem weiten Umweg wieder
+aufnehmen. Wir warteten anderthalb Stunden vergeblich. Die Nacht
+kam heran und mit ihr ein furchtbares Gewitter; der Regen goß in
+Strömen herab. Wir fürchteten nachgerade, unser schwaches Fahrzeug
+möchte an den Felsen zerschellt seyn, und die Indianer mit ihrer
+gewöhnlichen Gleichgültigkeit beim Ungemach Anderer sich auf den
+Weg zur Mission gemacht haben. Wir waren nur unser drei; stark
+durchnäßt und voll Sorge um unsere Pirogue bangten wir vor der
+Aussicht, eine lange Aequinoctialnacht schlaflos im Lärm der
+Raudales zuzubringen. Bonpland faßte den Entschluß, mich mit Don
+Nicolas Sotto<sup><a href="#fn66" class="footnoteRef" id="fnref66"
+name="fnref66">66</a></sup> der Insel zu lassen und über die
+Flußarme zwischen den Granitdämmen zu schwimmen. Er hoffte den Wald
+erreichen und in der Mission bei Pater Zea Beistand holen zu
+können. Nur mit Mühe hielten wir ihn von diesem gewagten Beginnen
+ab. Er war unbekannt mit dem Labyrinth von Wasserrinnen, in die der
+Orinoco zerschlagen ist und in denen meist starke Wirbel sind. Und
+was jetzt, da wir eben über unsere Lage berathschlagten, unter
+unsern Augen vorging, bewies hinreichend, daß die Indianer
+fälschlich behauptet hatten, in den Katarakten gebe es keine
+Krokodile. Die kleinen Affen, die wir seit mehreren Monaten mit uns
+führten, hatten wir auf die Spitze unserer Insel gestellt; vom
+Gewitterregen durchnäßt und für die geringste Wårmeabnahme
+empfindlich, wie sie sind, erhoben die zärtlichen Thiere ein
+klägliches Geschrei und lockten damit zwei nach ihrer Größe und
+ihrer bleigrauen Farbe sehr alte Krokodile herbei. Bei dieser
+unerwarteten Erscheinung war uns der Gedanke, daß wir bei unserm
+ersten Aufenthalt in Atures mitten im Raudal gebadet, eben nicht
+behaglich. Nach langem Warten kamen die Indianer endlich, als schon
+der Tag sich neigte. Die Staffel, über die sie hatten herab wollen,
+um die Insel zu umfahren, war wegen zu seichten Wassers nicht
+fahrbar, und der Steuermann hatte im Gewirre von Felsen und kleinen
+Inseln lange nach einer besseren Durchfahrt suchen müssen. Zum
+Glück war unsere Pirogue nicht beschädigt, und in weniger als einer
+halben Stunde waren unsere Instrumente, unsere Mundvorräthe und
+unsere Thiere eingeschifft.</p>
+<p>Wir fuhren einen Theil der Nacht durch, um unser Nachtlager
+wieder auf der Insel Panumana aufzuschlagen· Mit Vergnügen
+erkannten wir die Plätze wieder, wo wir bei der Fahrt den Orinoco
+hinauf botanisirt hatten. Wir untersuchten noch einmal am Ufer die
+kleine Sandsteinformation, die unmittelbar dem Granit aufgelagert
+ist. Das Vorkommen ist dasselbe wie beim Sandstein, den mein
+unglücklicher Landsmann Burckhardt an der Grenze von Nubien dem
+Granit von Syene aufgelagert gesehen hat. Wir fuhren, ohne sie zu
+betreten, an der neuen Mission San Borja vorüber und hörten einige
+Tage darauf mit Bedauern, die kleine Colonie von Guahibos-Indianern
+sey <em>al monte</em> gelaufen, da sie sich eingebildet, wir wollen
+sie fortschleppen und als Poitos, das heißt als Sklaven
+verkaufen.<sup><a href="#fn67" class="footnoteRef" id="fnref67"
+name="fnref67">67</a></sup> Nachdem wir durch die Stromschnellen
+Tabaje und den Raudal Cariven am Einfluß des großen Rio Meta
+gegangen, langten wir wohlbehalten in Carichana an. Der Missionär,
+Fray Jose Antonio de Torre, nahm uns mit der herzlichen
+Gastfreundschaft auf, die er uns schon bei unserem ersten
+Aufenthalt hatte zu Theil werden lassen. Zu astronomischen
+Beobachtungen war der Himmel nicht günstig; in den großen
+Katarakten hatten wir wieder welche gemacht, aber von dort bis zum
+Einfluß des Apure mußte man darauf verzichten. In Carichana konnte
+Bonpland zu seiner Befriedigung eine neun Fuß lange Seekuh seciren.
+Es war ein Weibchen und ihr Fleisch glich dem Rindfleisch. Ich habe
+oben vom Fang dieses grasfressenden Wassersäugethiers
+gesprochen.<sup><a href="#fn68" class="footnoteRef" id="fnref68"
+name="fnref68">68</a></sup> Die Piraoas, von denen einige Familien
+in der Mission Carichana leben, verabscheuen dieses Thier so sehr,
+daß sie sich versteckten um es nicht anrühren zu müssen, als es in
+unsere Hütte geschafft wurde. Sie behaupten, »die Leute ihres
+Stammes sterben unfehlbar, wenn sie davon essen«. Dieses Vorurtheil
+ist desto auffallender, da die Nachbarn der Pitaoas, die Guamos und
+Otomacos, nach dem Seekuhfleisch sehr lüstern sind. Wir werden bald
+sehen, daß in diesem Gewirre von Völkerschaften das Fleisch des
+Krokodils bald verabscheut, bald stark gesucht ist.</p>
+<p>Ich erwähne hier eines wenig bekannten Umstandes, als Beitrag
+zur Geschichte der Seekuh. Südlich vom Meerbusen von Xagua auf
+Cuba, mehrere Seemeilen von der Küste, sind Quellen süßen Wassers
+mitten im Meer. Man erklärt sich dieselben aus einem
+hydrostatischen Druck von den hohen Gebirgen von Trinidad herab
+durch unterirdische Canäle. Kleine Fahrzeuge nehmen in diesem
+Strich zuweilen Wasser ein, und was sehr merkwürdig ist, große
+Seekühe halten sich dort auf. Ich habe die Forscher bereits darauf
+aufmerksam gemacht, daß die Krokodile aus den Flußmündungen weit in
+die See hinausgehen. Bei den alten Umwälzungen unseres Planeten
+mögen ähnliche Umstände das sonderbare Gemenge von Knochen und von
+Versteinerungen, die der See, und solchen, die dem süßen Wasser
+angehören, wie es in manchen neuen Formationen vorkommt, verursacht
+haben.</p>
+<p>Der Aufenthalt in Carichana kam uns sehr zu statten, um uns von
+unsern Strapazen zu erholen. Bonpland trug den Keim einer schweren
+Krankheit in sich; er hätte dringend der Ruhe bedurft, da aber das
+<strong>Nebenfluß-Delta</strong><sup><a href="#fn69" class=
+"footnoteRef" id="fnref69" name="fnref69">69</a></sup> zwischen dem
+Horeda und dem Paruasi mit dem üppigsten Pflanzenwuchse bedeckt
+ist, konnte er der Lust nicht widerstehen, große botanische
+Excursionen zu machen, und wurde den Tag über mehrere male
+durchnäßt. Im Hause des Missionärs wurde für alle unsere
+Bedürfnisse zuvorkommend gesorgt; man verschaffte uns Maismehl,
+sogar Milch. Die Kühe geben in den Niederungen der heißen Zone
+reichlich Milch, und es fehlt nirgends daran, wo es gute Weiden
+gibt. Ich erwähne dieß ausdrücklich, weil in Folge örtlicher
+Verhältnisse im indischen Archipelagus das Vorurtheil verbreitet
+ist, als ob ein heißes Klima auf die Milchabsonderung ungünstig
+wirkte. Es begreift sich, daß die Eingeborenen des neuen Continents
+sich aus der Milch nicht viel machen, da das Land ursprünglich
+keine Thiere hatte, welche Milch geben; aber billig wundert man
+sich, daß die ungeheure chinesische Bevölkerung, die doch
+großentheils außerhalb der Tropen unter denselben Breiten wie die
+nomadischen Stämme in Centralasien lebt, eben so gleichgültig
+dagegen ist. Wenn die Chinesen einmal ein Hirtenvolk waren, wie
+geht es zu, daß sie Sitten und einem Geschmack, die ihrem früheren
+Zustande so ganz angemessen sind, ungetreu geworden? Diese Fragen
+scheinen mir von großer Bedeutung sowohl für die Geschichte der
+Völker von Ostasien als hinsichtlich der alten Verbindungen die,
+wie man glaubt, zwischen diesem Welttheil und dem nördlichen Mexico
+stattgefunden haben können.</p>
+<p>Wir fuhren in zwei Tagen den Orinoco von Carichana zur Mission
+Uruana hinab, nachdem wir wieder durch den vielberufenen Engpaß
+beim Baraguan gegangen<sup><a href="#fn70" class="footnoteRef" id=
+"fnref70" name="fnref70">70</a></sup> Wir hielten öfters an, um die
+Geschwindigkeit des Stroms und seine Temperatur an der Oberfläche
+zu messen. Letztere betrug 27°4, die Geschwindigkeit 2&nbsp;Fuß in
+der Secunde (62&nbsp;Toisen in 3 Minuten 6 Secunden), an Stellen,
+wo das Bett des Orinoco über 12,000 Fuß breit und 10 bis 12 Faden
+tief war. Der Fall des Flusses ist allerdings von den Katarakten
+bis Angostura höchst unbedeutend,<sup><a href="#fn71" class=
+"footnoteRef" id="fnref71" name="fnref71">71</a></sup> und ohne
+barometrische Messung ließe sich der Höhenunterschied ungefähr
+schätzen, wenn man von Zeit zu Zeit die Geschwindigkeit und die
+Breite und Tiefe des Stromstücks mäße. In Uruana konnten wir einige
+Sternbeobachtungen machen. Ich fand die Breite der Mission gleich
+7°8′, da aber die verschiedenen Sterne abweichende Resultate gaben,
+blieb sie um mehr als eine Minute unsicher. Die Moskitoschicht am
+Boden war so dicht, daß ich mit dem Richten des künstlichen
+Horizonts nicht fertig werden konnte, und ich bedauerte, nicht mit
+einem Quecksilberhorizont versehen zu seyn. Am 7.&nbsp;Juni erhielt
+ich durch gute absolute Sonnenhöhen eine Länge von 69°40′. Seit
+Esmeralda waren wir um 1&nbsp;Grad 17 Minuten gegen West
+vorgerückt, und diese chronometrische Bestimmung verdient volles
+Zutrauen, weil wir auf dem Hin- und dem Herweg, in den großen
+Katarakten und an den Mündungen des Atabapo und des Apure
+beobachtet hatten.</p>
+<p>Die Mission Uruana ist ungemein malerisch gelegen; das kleine
+indianische Dorf lehnt sich an einen hohen Granitberg. Ueberall
+steigen Felsen wie Pfeiler über dem Walde auf und ragen über die
+höchsten Baumwipfel empor. Nirgends nimmt sich der Orinoco
+majestätischer aus als bei der Hütte des Missionärs Fray Ramon
+Bueno. Er ist hier über 2600 Toisen breit und läuft gerade gegen
+Ost, ohne Krümmung, wie ein ungeheurer Canal. Durch zwei lange,
+schmale Inseln (<em>Isla de Uruana</em> und <em>Isla vieja de la
+Manteca</em>) wird das Flußbett noch ausgedehnter; indessen laufen
+die Ufer parallel und man kann nicht sagen, der Orinoco theile sich
+in mehrere Arme.</p>
+<p>Die Mission ist von Otomacos bewohnt, einem versunkenen Stamm,
+an dem man eine der merkwürdigsten physiologischen Erscheinungen
+beobachtet. Die Otomaken essen Erde, das heißt sie verschlingen sie
+mehrere Monate lang täglich in ziemlich bedeutender Menge, um den
+Hunger zu beschwichtigen, ohne daß ihre Gesundheit dabei leidet.
+Diese unzweifelhafte Thatsache hat seit meiner Rückkehr nach Europa
+lebhaften Widerspruch gefunden, weil man zwei ganz verschiedene
+Sätze: <strong>Erde essen</strong>, und <strong>sich von Erde
+nähren</strong>, zusammenwarf. Wir konnten uns zwar nur einen
+einzigen Tag in Uruana aufhalten, aber dieß reichte hin, um die
+Bereitung der <strong>Poya</strong> (der Erdkugeln) kennen zu
+lernen, die Vorräthe, welche die Eingeborenen davon angelegt, zu
+untersuchen und die Quantität Erde, die sie in 24 Stunden
+verschlingen, zu bestimmen. Uebrigens sind die Otomaken nicht das
+einzige Volk am Orinoco, bei dem Thon für ein Nahrungsmittel gilt.
+Auch bei den Guamos findet man Spuren von dieser Verirrung des
+Nahrungstriebs, und zwischen den Einflüssen des Meta und des Apure
+spricht Jedermann von der <strong>Geophagie</strong> als von etwas
+Altbekanntem. Ich theile hier nur mit, was wir mit eigenen Augen
+gesehen oder aus dem Munde des Missionärs vernommen, den ein
+schlimmes Geschick dazu verurtheilt hat, zwölf Jahre unter dem
+wilden, unruhigen Volke der Otomaken zu leben.</p>
+<p>Die Einwohner von Uruana gehören zu den
+<strong>Savanenvölkern</strong> (<em>Indios andantes</em>), die
+schwerer zu civilisiren sind als die <strong>Waldvölker</strong>
+(<em>Indios del monte</em>), starke Abneigung gegen den Landbau
+haben und fast ausschließlich von Jagd und Fischfang leben. Es sind
+Menschen von sehr starkem Körperbau, aber häßlich, wild,
+rachsüchtig, den gegohrenen Getränken leidenschaftlich ergeben. Sie
+sind im höchsten Grad »omnivore Thiere«; die andern Indianer, die
+sie als Barbaren ansehen, sagen daher auch, »nichts sey so
+ekelhaft, das ein Otomake nicht esse.« So lange das Wasser im
+Orinoco und seinen Nebenflüssen tief steht, leben die Otomaken von
+Fischen und Schildkröten. Sie schießen jene mit überraschender
+Fertigkeit mit Pfeilen, wenn sie sich an der Wasserfläche blicken
+lassen. Sobald die Anschwellungen der Flüsse erfolgen, die man in
+Südamerika wie in Aegypten und Nubien irrthümlich dem Schmelzen des
+Schnees zuschreibt, und die in der ganzen heißen Zone periodisch
+eintreten, ist es mit dem Fischfang fast ganz vorbei. Es ist dann
+so schwer, in den tiefen Flüssen Fische zu bekommen, als auf
+offener See. Die armen Missionäre am Orinoco haben gar oft keine,
+weder an Fasttagen, noch an Nichtfasttagen, obgleich alle jungen
+Indianer im Dorf verpflichtet sind, »für das Kloster zu fischen«.
+Zur Zeit der Ueberschwemmungen nun, die zwei bis drei Monate
+dauern, verschlingen die Otomaken Erde in unglaublicher Masse. Wir
+fanden in ihren Hütten pyramidalisch aufgesetzte, 3—4 Fuß hohe
+Kugelhaufen; die Kugeln hatten 3—4 Zoll im Dnrchmesser. Die Erde,
+welche die Otomaken essen, ist ein sehr feiner, sehr fetter Letten;
+er ist gelbgrau, und da er ein wenig am Feuer gebrannt wird, so
+sticht die harte Kruste etwas ins Rothe, was vom darin enthaltenen
+Eisenoxyd herrührt. Wir haben von dieser Erde, die wir vom
+Wintervorrath der Indianer genommen, mitgebracht. Daß sie
+specksteinartig sey und Magnesia enthalte, ist durchaus unrichtig.
+Vauquelin fand keine Spur davon darin, dagegen mehr Kieselerde als
+Alaunerde und 3—4 Procent Kalk.</p>
+<p>Die Otomaken essen nicht jede Art Thon ohne Unterschied; sie
+suchen die Alluvialschichten auf, welche die fetteste, am feinsten
+anzufühlende Erde enthalten. Ich fragte den Missionär, ob man den
+befeuchteten Thon wirklich, wie Pater Gumilla behauptet, die Art
+von Zersetzung durchmachen lasse, wobei sich Kohlensäure und
+Schwefelwasserstoff entwickeln, und die in allen Sprachen
+<strong>faulen</strong> heißt; er versicherte uns aber, die
+Eingeborenen lassen den Thon niemals faulen, und vermischen ihn
+auch weder mit Maismehl, noch mit Schildkrötenöl oder Krokodilfett.
+Wir selbst haben schon am Orinoco und nach unserer Heimkehr in
+Paris die mitgebrachten Kugeln untersucht und keine Spur einer
+organischen, sey es mehligten oder öligten Substanz darin gefunden.
+Dem Wilden gilt Alles für nahrhaft, was den Hunger beschwichtigt;
+fragt man daher den Otomaken, von was er in den zwei Monaten, wo
+der Fluß am vollsten ist, lebe, so deutet er auf seine
+Lettenkugeln. Er nennt sie seine Hauptnahrung, denn in dieser Zeit
+bekommt er nur selten eine Eidechse, eine Farnwurzel, einen todten
+Fisch, der auf dem Wasser schwimmt. Ißt nun der Indianer zwei
+Monate lang Erde aus Noth (und zwar ¾ bis ⁵⁄₄ Pfund in
+vierundzwanzig Stunden), so läßt er sie sich doch auch das übrige
+Jahr schmecken. In der trockenen Jahreszeit, beim ergiebigsten
+Fischfang, reibt er seine Poyaklöße und mengt etwas Thon unter
+seine Speisen. Das Auffallendste ist, daß die Otomaken nicht vom
+Fleische fallen, solange sie Erde in so bedeutender Menge
+verzehren. Sie sind im Gegentheil sehr kräftig und haben keineswegs
+einen gespannten, aufgetriebenen Bauch. Der Missionär Fray Ramon
+Bueno versichert, er habe nie bemerkt, daß die Gesundheit der
+Eingeborenen während der Ueberschwemmung des Orinoco eine Störung
+erlitten hätte.</p>
+<p>Das Thatsächliche, das wir ermitteln konnten, ist ganz einfach
+Folgendes. Die Otomaken essen mehrere Monate lang täglich
+dreiviertel Pfund am Feuer etwas gehärteten Letten, ohne daß ihre
+Gesundheit dadurch merklich leidet. Sie netzen die Erde wieder an,
+bevor sie sie verschlucken. Es ließ sich bis jetzt nicht genau
+ermitteln, wie viel nährende vegetabi- lische oder thierische
+Substanz sie während dieser Zeit in der Woche zu sich nehmen; so
+viel ist aber sicher, sie selbst schreiben ihr Gefühl der Sättigung
+dem Letten zu und nicht den kümmerlichen Nahrungsmitteln, die sie
+von Zeit zu Zeit daneben genießen. Keine physiologische Erscheinung
+steht für sich allein da, und so wird es nicht ohne Interesse seyn,
+wenn ich mehrere ähnliche Erscheinungen, die ich zusammengebracht,
+hier bespreche.</p>
+<p>In der heißen Zone habe ich aller Orten bei vielen Individuen,
+bei Kindern, Weibern, zuweilen aber auch bei erwachsenen Männern
+einen abnormen, fast unwiderstehlichen Trieb bemerkt, Erde zu
+essen, keineswegs alkalische oder kalkhaltige Erde, um (wie man
+gemeiniglich glaubt) saure Säfte zu neutralisiren, sondern einen
+fetten, schlüpfrigen, stark riechenden Thon. Oft muß man den
+Kindern die Hände binden oder sie einsperren, um sie vom Erdeessen
+abzuhalten, wenn der Regen aufhört. Im Dorfe Banco am
+Magdalenenstrom sah ich indianische Weiber, die Töpfergeschirr
+verfertigen, fortwährend große Stücke Thon verzehren. Dieselben
+waren nicht schwanger und versicherten, »die Erde sey eine Speise,
+die ihnen nicht schade.« Bei andern amerikanischen Völkerschaften
+werden die Menschen bald krank und zehren aus, wenn sie sich von
+der Sucht, Thon zu verschlucken, zu sehr hinreißen lassen. In der
+Mission San Borja sahen wir ein Kind von der Nation der Guahibos,
+das mager war wie ein Skelett. Die Mutter ließ uns durch den
+Dolmetscher sagen, diese Abzehrung komme von unordentlicher Eßlust
+her. Seit vier Monaten wollte das kleine Mädchen fast nichts
+Anderes zu sich nehmen als Letten. Und doch sind es nur 25 Meilen
+von San Borja nach Uruana, wo der Stamm der Otomaken wohnt, die,
+ohne Zweifel in Folge allmähliger Angewöhnung, die
+<strong>Poya</strong> ohne Nachtheil verschlucken. Pater Gumilla
+behauptet, trete bei den Otomaken Verstopfung ein, so führen sie
+mit Krokodilöl, oder vielmehr mit geschmolzenem Krokodilfett ab;
+aber der Missionär, den wir bei ihnen antrafen, wollte hievon
+nichts wissen. Man fragt sich, warum in kalten und gemäßigten
+Himmelsstrichen die Sucht Erde zu essen weit seltener ist als in
+der heißen Zone, warum sie in Europa nur bei schwangern Weibern und
+schwächlichen Kindern vorkommt? Dieser Unterschied zwischen der
+heißen und der gemäßigten Zone rührt vielleicht nur von der
+Trägheit der Function des Magens in Folge der starken
+Hautausdünstung her. Man meinte die Beobachtung zu machen, daß bei
+den afrikanischen Sklaven der abnorme Trieb Erde zu essen zunimmt
+und schädlicher wird, wenn sie auf reine Pflanzenkost gesetzt
+werden und man ihnen die geistigen Getränke entzieht. Wird durch
+letztere das Lettenessen weniger schädlich, so hätte man den
+Otomaken beinahe Glück dazu zu wünschen, daß sie so große
+Trunkenbolde sind.</p>
+<p>Auf der Küste von Guinea essen die Neger als Leckerbissen eine
+gelblichte Erde, die sie <strong>Caouac</strong> nennen. Die nach
+Amerika gebrachten Sklaven suchen sich denselben Genuß zu
+verschaffen, aber immer auf Kosten ihrer Gesundheit. Sie sagen,
+»die Erde auf den Antillen sey nicht so verdaulich, wie die in
+ihrem Landes.« Thibaut de Chanvalon äußert in seiner Reise nach
+Martinique über diese pathologische Erscheinung sehr richtig: »Eine
+andere Ursache des Magenwehs ist, daß manche Neger, die von der
+Küste von Guinea herüberkommen, Erde essen. Es ist dieß bei ihnen
+nicht verdorbener Geschmack oder Folge einer Krankheit, sondern
+Gewöhnung von Afrika her, wo sie, wie sie sagen, eine gewisse Erde
+essen, die ihnen wohlschmeckt, und zwar ohne davon belästigt zu
+werden. Auf unsern Inseln sehen sie sich nun nach der Erde um, die
+jener am nächsten kommt, und greifen zu einem rothgelben
+(vulkanischen) Tuff. Man verkauft denselben heimlich auf den
+Märkten, ein Mißbrauch, dem die Polizei steuern sollte. Die Neger,
+welche diese Unsitte haben, sind so lüstern nach Caouac, daß keine
+Strafe sie vom Genuß desselben abzuhalten vermag.«</p>
+<p>Im indischen Archipel, auf Java, sah Labillardière zwischen
+Sourabaya und Samarang kleine viereckigte, röthlichte Kuchen
+verkaufen. Diese Kuchen, <strong>Tanaampo</strong> genannt, waren
+Waffeln aus leicht geröstetem Thon, den die Eingeborenen mit
+Appetit verzehren. Da seit meiner Rückkehr vom Orinoco die
+Physiologen auf diese Erscheinungen von <strong>Geophagie</strong>
+aufmerksam geworden waren, so machte Leschenault (einer der
+Naturforscher bei der Entdeckungsreise nach Australien unter
+Capitän Baudin) interessante Angaben über den
+<strong>Tanaampo</strong> oder <strong>Ampo</strong> der Javaner.
+»Man legt,« sagt er, »den röthlichten, etwas eisenschüssigen Thon,
+den die Einwohner von Java zuweilen als Leckerei genießen, in
+kleinen Rollen, in der Form wie die Zimmtrinde, auf eine
+Blechplatte und röstet ihn; in dieser Form heißt er
+<strong>Ampo</strong> und ist auf dem Markte feil. Die Substanz hat
+einen eigenthümlichen Geschmack, der vom Rösten herrührt; sie ist
+stark absorbirend, klebt an der Zunge und macht sie trocken. Der
+Ampo wird fast nur von den javanesischen Weibern gegessen, entweder
+in der Schwangerschaft, oder weil sie mager werden wollen, denn
+Mangel an Körperfülle gilt dort zu Lande für schön. Der Erdegenuß
+ist der Gesundheit nachtheilig; die Weiber verlieren allmählich die
+Eßlust und nehmen nur mit Widerwillen sehr wenig Speise zu sich.
+Aber der Wunsch, mager und schlank zu bleiben, läßt sie aller
+Gefahr trotzen und erhält den Ampo bei Credit.«« — Auch die
+barbarischen Bewohner von Neu-Caledonien essen zur Zeit der Noth,
+um den Hunger zu beschwichtigen, mächtige Stücke eines weißen,
+zerreiblichen Topfsteins. Vauquelin fand darin bei der Analyse,
+neben Magnesia und Kieselerde zu gleichen Theilen, eine kleine
+Menge Kupferoxyd. Eine Erde, welche Golberry die Neger in Afrika
+auf den Inseln Bunck und los Idolos essen sah und von der er ohne
+Beschwerde selbst gegessen, ist gleichfalls ein weißer,
+zerreiblicher Speckstein. Alle diese Fälle gehören der heißen Zone
+an; überblickt man sie, so muß es auffallen, daß ein Trieb, von dem
+man glauben sollte, die Natur werde ihn nur den Bewohnern der
+unfruchtbarsten Landstriche eingepflanzt haben, bei verwilderten,
+trägen Völkern vorkommt, die gerade die herrlichsten, fruchtbarsten
+Länder der Erde bewohnen. In Popayan und mehreren Gebirgsstrichen
+von Peru sahen wir auf offenem Markte an die Eingeborenen unter
+andern Waaren auch sehr fein gepulverten Kalk verkaufen. Man mengt
+dieses Pulver mit <strong>Coca</strong>, das heißt mit den Blättern
+des <em>Erythroxylon peruvianum</em>. Bekanntlich nehmen die
+indianischen Botenläufer mehrere Tage lang keine andere Nahrung zu
+sich als Kalk und Coca; beide befördern die Absonderung des
+Speichels und des Magensaftes; sie benehmen die Eßlust, ohne dem
+Körper Nahrungsstoff zuzuführen. Anderswo in Südamerika, am Rio de
+la Hacha, verschlucken die Guajiros nur den Kalk ohne Zusatz von
+Pflanzenstoff. Sie führen beständig eine kleine Büchse mit Kalk bei
+sich, wie wir die Tabaksdose und die Asiaten die Betelbüchse. Diese
+amerikanische Sitte war schon den ersten spanischen Seefahrern
+auffallend erschienen. Der Kalk schwärzt die Zähne, und im
+ostindischen Archipel, wie bei manchen amerikanischen Horden,
+gelten schwarze Zähne für schön. Im kalten Landstrich des
+Königreichs Quito essen in Tigua die Eingeborenen täglich aus
+Leckerei und ohne Beschwerde einen sehr feinen, mit Quarzsand
+gemengten Thon. Dieser Thon macht das Wasser, in dem er suspendirt
+ist, milchigt. Man sieht in ihren Hütten große Gefäße mit diesem
+Wasser, das als Getränke dient und bei den Indianern <em>agua</em>
+oder <strong><em>leche de Llanka.</em></strong> (Thonmilch)
+heißt.</p>
+<p>Ueberblickt man alle diese Fälle, so zeigt sich, daß dieser
+abnorme Trieb zum Genuß von Thonerde, Talkerde und Kalk am
+häufigsten bei Bewohnern der heißen Zone vorkommt, daß er nicht
+immer Krankheit zur Folge hat, und daß manche Stamme Erde aus
+Leckerei essen, während andere (die Otomaken in Amerika und die
+Neu-Caledonier in der Südsee) sie aus Noth verzehren, um den Hunger
+zu beschwichtigen. Aus sehr vielen physiologischen Erscheinungen
+geht hervor, daß der Hunger augenblicklich gestillt werden kann,
+ohne daß die Substanzen, die man der Wirkung der Verdauungsorgane
+unterwirft, eigentlich nahrhaft sind. Der Letten der Otomaken, der
+aus Thonerde und Kieselerde besteht, enthält wahrscheinlich nichts
+oder so gut wie nichts was zur Bildung der Organe des Menschen
+beiträgt. Kalkerde und Talkerde sind enthalten in den Knochen, in
+der Lymphe des Brustgangs, im Farbstoff des Bluts und in den weißen
+Haaren; Kieselerde in sehr kleiner Menge in den schwarzen Haaren
+und, nach Vauquelin, Thonerde nur in ein paar Atomen in den
+Knochen, obgleich sie in vielen Pflanzenstoffen, die uns als
+Nahrung dienen, in Menge vorkommt. Es ist beim Menschen nicht wie
+bei belebten Wesen auf niedrigerer Organisationsstufe. Bei jenem
+werden nur die Stoffe assimilirt, aus denen die Knochen, die
+Muskeln, das Nervenmark und das Gehirn wesentlich zusammengesetzt
+sind; die Gewächse dagegen saugen aus dem Boden die Salze auf, die
+sich zufällig darin vorfinden, und die Beschaffenheit ihres
+Fasergewebes richtet sich nach dem Wesen der Erdarten, die an ihrem
+Standort die vorherrschenden sind. Es ist ein Punkt, der zur
+eifrigsten Forschung auffordert und der auch mich schon lange
+beschäftigt hat, daß so wenige einfache Stoffe (Erden und Metalle)
+in den Geweben der belebten Wesen enthalten sind, und daß nur sie
+geeignet scheinen, den chemischen Lebensproceß, wenn man so sagen
+darf, zu unterhalten.</p>
+<p>Das Gefühl des Hungers und das unbestimmte Schwächegefühl in
+Folge von Nahrungsmangel und andern pathologischen Ursachen sind
+nicht zu verwechseln. Das Gefühl des Hungers hört auf, lange bevor
+die Verdauung vorüber oder der Chymus in Chylus verwandelt ist. Es
+hört auf entweder weil die Nahrungsstoffe auf die Magenwände
+tonisch wirken, oder weil der Verdauungsapparat mit Stoffen gefüllt
+ist, welche die Schleimhäute zu reichlicher Absonderung des
+Magensaftes reizen. Diesem tonischen Eindruck auf die Magennerven
+kann man die rasche heilsame Wirkung der sogenannten nährenden
+Arzneimittel zuschreiben, der Chocolate und aller Stoffe, die
+gelinde reizen und zugleich nähren. Für sich allein gebraucht ist
+ein Nahrungsstoff (Stärkmehl, Gummi oder Zucker) zur Assimilation
+und zum Ersatz der Verluste, welche der menschliche Körper
+erlitten, weniger geeignet, weil es dabei an einem Nervenreiz
+fehlt. Das Opium, das nicht nährt, wird in Asien mit Erfolg bei
+großer Hungersnoth gebraucht: es wirkt als tonisches Mittel. Ist
+aber der Stoff, der den Magen füllt, weder als ein Nahrungsmittel,
+das heißt als assimilirbar, noch als ein tonischer Nervenreiz zu
+betrachten, so rührt die Beschwichtigung des Hungers wahrscheinlich
+von der reichlichen Absonderung des Magensaftes her. Wir berühren
+hier ein Gebiet der Physiologie, auf dem noch Manches dunkel ist.
+Der Hunger wird beschwichtigt, das unangenehme Gefühl der Leere
+hört auf, so bald der Magen angefüllt ist. Man sagt, der Magen
+müsse <strong>Ballast</strong> haben; in allen Sprachen gibt es
+figürliche Ausdrücke für die Vorstellung, daß eine mechanische
+Ausdehnung des Magens ein angenehmes Gefühl verursacht. Zum Theil
+noch in ganz neuen physiologischen Werken ist von der schmerzhaften
+Zusammenziehung des Magens im Hunger, von der Reibung der
+Magenwände an einander, von der Wirkung des sauren Magensaftes auf
+das Gewebe der Verdauungsorgane die Rede. Bichats Beobachtungen,
+besonders aber Magendies interessante Versuche widersprechen diesen
+veralteten Vorstellungen. Nach 24-, 48-, sogar 60stündiger
+Entziehung aller Nahrungsmittel beobachtet man noch keine
+Zusammenziehung des Magens; erst am vierten und fünften Tag
+scheinen die Dimensionen des Organs etwas abzunehmen. Je länger die
+Nahrungsentziehung dauert, desto mehr vermindert sich der
+Magensaft. Derselbe häuft sich keineswegs an, er wird vielmehr
+wahrscheinlich wie ein Nahrungsmittel verdaut. Läßt man Katzen oder
+Hunde einen unverdaulichen Körper, zum Beispiel einen Kiesel,
+schlucken, so wird in die Magenhöhle in Menge eine schleimigte,
+saure Flüssigkeit ausgesondert, die nach ihrer Zusammensetzung dem
+menschlichen Magensaft nahe steht. Nach diesen Thatsachen scheint
+es mir wahrscheinlich, daß, wenn der Mangel an Nahrungsstoff die
+Otomaken und die Neu-Caledonier antreibt, einen Theil des Jahres
+hindurch Thon und Speckstein zu verschlingen, diese Erden im
+Verdauungsapparat dieser Menschen eine vermehrte Absonderung der
+eigenthümlichen Säfte des Magens und der Bauchspeicheldrüse zur
+Folge haben. Meine Beobachtungen am Orinoco wurden in neuester Zeit
+durch direkte Versuche zweier ausgezeichneter junger Physiologen,
+Hippolyt Cloquet und Breschet, bestätigt. Sie ließen sich hungrig
+werden und aßen dann fünf Unzen eines grünlich silberfarbigen,
+blättrigen, sehr biegsamen Talks, und eine Nahrung, an welche ihre
+Organe so gar nicht gewöhnt waren, verursachte ihnen keine
+Beschwerde. Bekanntlich werden im Orient Bolus und Siegelerde von
+Lemnos, die Thon mit Eisenoxyd sind, noch jetzt stark gebraucht. In
+Deutschland streichen die Arbeiter in den Sandsteinbrüchen am
+Kiffhäuser, statt der Butter, einen sehr seinen Thon, den sie
+<strong>Steinbutter</strong><sup><a href="#fn72" class=
+"footnoteRef" id="fnref72" name="fnref72">72</a></sup> nennen, auf
+ihr Brod. Derselbe gilt bei ihnen für sehr sättigend und leicht
+verdaulich.</p>
+<p>Wenn einmal in Folge der Aenderungen, welche der Verfassung der
+spanischen Colonien bevorstehen, die Missionen am Orinoco häufiger
+von unterrichteten Reisenden besucht werden, so wird man genau
+ermitteln, wie viele Tage die Otomaken leben können, ohne neben der
+Erde wirklichen thierischen oder vegetabilischen Nahrungsstoff zu
+sich zu nehmen. Es ist eine bedeutende Menge Magensaft und Saft der
+Bauchspeicheldrüse erforderlich, um eine solche Masse Thon zu
+verdauen oder vielmehr einzuhüllen und mit dem Koth auszutreiben.
+Daß die Absonderung dieser Säfte, welche bestimmt sind, sich mit
+dem Thymus zu verbinden, durch den Thon im Magen und im Darm
+gesteigert wird, ist leicht zu begreifen; wie kommt es aber, daß
+eine so reichliche Secretion, die dem Körper keineswegs neue
+Bestandtheile zuführt, sondern nur Bestandtheile, die auf andern
+Wegen bereits da sind, anderswohin schafft, auf die Länge kein
+Gefühl der Erschöpfung zur Folge hat? Die vollkommene Gesundheit,
+deren die Otomaken genießen, so lange sie sich wenig Bewegung
+machen und sich auf so ungewöhnliche Weise nähren, ist eine schwer
+zu erklärende Erscheinung. Man kann sie nur einer durch lange
+Geschlechtsfolge erworbenen Gewöhnung zuschreiben. Der
+Verdauungsapparat ist sehr verschieden gebaut, je nachdem die
+Thiere ausschließlich von Fleisch oder von Pflanzenstoff leben;
+wahrscheinlich ist auch der Magensaft verschieden, je nachdem er
+thierische oder vegetabilische Substanzen zu verdauen hat, und doch
+bringt man es allmählig dahin, daß Pflanzenfresser und
+Fleischfresser ihre Kost vertauschen, daß jene Fleisch, diese
+Körner fressen. Der Mensch kann sich daran gewöhnen, ungemein wenig
+Nahrung zu sich zu nehmen, und zwar ohne Sehmerzgefühl, wenn er
+tonische oder reizende Mittel anwendet (verschiedene Arzneimittel,
+kleine Mengen Opium, Betel, Tabak, Cocablätter), oder wenn er von
+Zeit zu Zeit den Magen mit erdigen, geschmacklosen, für sich nicht
+nährenden Stoffen anfüllt. Gleich dem wilden Menschen verschlucken
+auch manche Thiere im Winter aus Hunger Thon oder zerreiblichen
+Speckstein, namentlich die Wölfe im nordöstlichen Europa, die
+Rennthiere, und, nach Patrins Beobachtung, die Rehe in Sibirien. Am
+Jenisei und Amur brauchen die russischen Jäger einen Thon, den sie
+<strong>Felsbutter</strong> nennen, als Köder. Die Thiere wittern
+den Thon von weitem, sie riechen ihn gerne, wie die Weiber in
+Spanien und Portugal den
+<strong>Bucaros-Thon</strong>,<sup><a href="#fn73" class=
+"footnoteRef" id="fnref73" name="fnref73">73</a></sup> die
+sogenannten wohlriechenden Erden (<em>tierras olorosas</em>). Brown
+erzählt in seiner Geschichte von Jamaica, die Krokodile in
+Südamerika verschlingen kleine Steine oder Stücke sehr harten
+Holzes, wenn die Seen, in denen sie leben, ausgetrocknet sind oder
+sie sonst keine Nahrung finden. Im Magen eines eilf Fuß langen
+Krokodils, das Bonpland und ich in Batallez am Magdalenenstrom
+zergliederten, fanden wir halbverdaute Fische und runde, drei bis
+vier Zoll starke Granitstücke. Es ist nicht anzunehmen, daß die
+Krokodile diese Steine zufällig verschlucken, denn wenn sie die
+Fische unten im Strome packen, ruht ihre untere Kinnlade nicht auf
+dem Boden. Die Indianer haben die abgeschmackte Idee ausgeheckt,
+diese trägen Thiere machen sich gerne schwerer, um leichter zu
+tauchen. Ich glaube vielmehr, sie nehmen große Kiesel in den Magen
+auf, um dadurch eine reichliche Absonderung des Magensaftes
+herbeizuführen. Magendies Versuche sprechen für diese Auffassung.
+Was die Gewohnheit der körnerfressenden Vögel, namentlich der
+hühnerartigen und der Strauße betrifft, Sand und kleine Steine zu
+verschlucken, so hat man sie bisher dem instinktmäßigen Trieb der
+Thiere zugeschrieben, die Zerreibung der Nahrung in ihrem dicken
+Muskelmagen zu beschleunigen.</p>
+<p>Wir haben oben gesehen, daß Negerstämme am Gambia Thon unter
+ihren Reis mischen; vielleicht hatten früher manche Familien der
+Otomaken den Brauch, Mais und andere mehligte Samen in ihrer
+<strong>Poya</strong> »faulen« zu lassen, um Erde und
+stärkemehlhaltigen Stoff zugleich zu genießen; vielleicht ist es
+eine unklare Beschreibung einer solchen Zubereitung, wenn Pater
+Gumilla im ersten Band seines Werkes behauptet, »die Guamos und
+Otomacos nähren sich nur deßhalb von Erde, weil dieselbe mit
+<strong><em>substancia del maiz</em></strong> und Kaimanfett
+getränkt sey.« Ich habe schon oben erwähnt, daß weder der
+gegenwärtige Missionär in Uriana, noch Fray Juan Gonzales, der
+lange in diesen Ländern gelebt, von dieser Vermengung thierischen
+und vegetabilischen Stoffes mit der Poya etwas wissen. Vielleicht
+hat Pater Gumilla die Zubereitung der Erde, welche die Eingeborenen
+essen, mit einem andern Brauche derselben verwechselt (von dem sich
+Bonpland an Ort und Stelle überzeugte), nämlich die Bohnen einer
+Mimosenart in den Boden zu graben, dieselben sich zersetzen zu
+lassen und ein weißes, schmackhaftes, aber schwer verdauliches Brod
+daraus zu bereiten. Die Poyakugeln, die wir dem Wintervorrath der
+Indianer entnommen, enthielten, ich wiederhole es, keine Spur von
+thierischem Fett oder von Stärkmehl. Gumilla ist einer der
+leichtgläubigsten Reisenden, die wir kennen und so sieht man sich
+fast versucht, an Umstände zu glauben, die er meint läugnen zu
+müssen. Zum Glück nimmt der Jesuit im zweiten Band seines Werkes
+großentheils wieder zurück, was er im ersten behauptet: er zweifelt
+jetzt nicht daran, »daß das Brod der Otomacos und Guamos wenigstens
+(<em>a lo menos</em>) zur Hälfte Thon enthält; er versichert,
+Kinder und Erwachsene essen, ohne Schaden für die Gesundheit, nicht
+nur dieses Brod, sondern auch große Massen reinen Thon (<em>muchos
+terrones de pura greda</em>).« Er sagt weiter, wer davon den Magen
+beschwert fühle, führe ein paar Tage mit Krokodilfett ab, und
+dieses Fett bringe ihnen die Eßlust wieder, so daß sie von neuem
+bloße Erde essen können. Ich bezweifle, daß die <em>Manteca de
+Caiman</em> ein Abführmittel ist, da sie aber sehr flüssig ist, so
+mag sie die Erde, die nicht mit dem Koth weggeschafft worden ist,
+einhüllen helfen. So viel ist gewiß, daß die Guamos wenn nicht das
+Fett, so doch das Fleisch des Krokodils, das uns weiß und ohne
+Bisamgeruch schien, sehr gerne essen. In Sennaar ist dasselbe, nach
+Burckhardt, gleichfalls gesucht und wird auf dem Markt
+verkauft.</p>
+<p>Ich kann hier Fragen nicht unberührt lassen, die in mehreren
+Abhandlungen, zu denen meine Reise auf dem Orinoco Anlaß gegeben,
+besprochen worden sind. Leschenaut wirft die Frage auf, ob nicht
+der Gebrauch des <strong>Ampo</strong> (des javanischen Thons)
+dadurch gute Dienste leisten könnte, daß er augenblicklich den
+Hunger beschwichtigt, wenn man keine Nahrungsmittel hat oder zu
+ungesunden, schädlichen, wenn auch organischen Substanzen greifen
+müßte. Ich glaube, bei Versuchen über die Folgen langer Entziehung
+der Nahrung würde sich zeigen, daß ein Thier, das man (nach der Art
+der Otomaken) Thon verschlucken ließe, weniger zu leiden hätte als
+ein anderes, in dessen Magen man gar keine Nahrung brächte. Ein
+italienischer Physiolog hebt hervor, wie wenig phosphorsaure Kalk-
+und Bittererde, Kieselerde, Schwefel, Natron, Fluor, Eisen und
+Mangan, und dagegen wie viel Kohlensäure, Sauerstoff, Stickstoff
+und Wasserstoff in den festen und flüssigen Theilen des
+menschlichen Körpers enthalten sey, und fragt, ob die Athmung nicht
+als ein <strong>fortwährender Ernährungsakt</strong> zu betrachten
+sey, während der Verdauungsapparat mit Lehm gefüllt ist? Die
+chemische Analyse der eingeathmeten und der ausgeathmeten Luft
+spricht nicht für diese Annahme. Der Verlust einer sehr kleinen
+Menge Stickstoff ist schwer zu ermitteln, und es ist anzunehmen,
+daß sich die Funktion des Athmens im Allgemeinen darauf beschränkt,
+Kohlenstoff und Wasserstoff dem Körper zu entziehen.</p>
+<p>Ein befeuchtetes Gemische von phosphorsaurem und kohlensaurem
+Kalk kann nicht nährend seyn, wie gleichfalls stickstofflose, aber
+dem organischen Reich angehörende Substanzen (Zucker, Gummi,
+Stärkmehl). Unsere Verdauungsapparate sind gleichsam galvanische
+Säulen, die nicht alle Substanzen zerlegen. Die Assimilation hört
+auf, nicht allein weil die Stoffe, die in den Magen gelangen, keine
+Elemente enthalten, die mit denen, aus welchen der menschliche
+Körper besteht, übereinkommen, sondern auch weil die Verdauung (die
+chemische Zersetzung) nicht alle Verbindungen ohne Unterschied in
+ihren Bereich zieht. Beschäftigt man sich übrigens mit solchen
+allgemeinen physiologischen Problemen, so fragt man sich
+unwillkürlich, wie es mit der Gesellschaft, oder vielmehr mit dem
+Menschengeschlecht stände, wenn der Mensch keine Produkte der
+Organisation und der Lebenskraft als Nahrungsmittel nöthig hätte.
+Keine Gewöhnung kann die Art und Weise der Ernährung wesentlich
+abändern. Wir werden niemals Erde verdauen und assimiliren lernen;
+seit aber Gay-Lussacs und Thenards wichtige Forschungen uns belehrt
+haben, daß das härteste Holz und das Stärkmehl sich nur dadurch
+unterscheiden, daß die Verhältnisse zwischen Sauerstoff,
+Wasserstoff und Kohlenstoff dort und hier ein klein wenig anders
+sind, wie sollte man da bestreiten, daß es der Chemie noch gelingen
+könnte, jene ungeheuren vegetabilischen Massen, jene Gewebe
+verhärteter Fasern, aus denen die Stämme unserer Waldbäume
+bestehen, in Nahrungsstoff zu verwandeln? Von Belang könnte eine
+solche Entdeckung nur werden, wenn das Verfahren einfach und nicht
+kostspielig wäre; unter dieser, allerdings keineswegs
+wahrscheinlichen Voraussetzung müßten aber dadurch in der ganzen
+Verfassung des Gesellschaftskörpers, im Taglohn, in der Vertheilung
+der Bevölkerung über die Erdoberfläche die größten Veränderungen
+eintreten. Einerseits würde der Mensch damit unabhängiger,
+andererseits wäre die nothwendige Folge, daß die Bande der
+Gesellschaft sich lösten und die Grundlagen des Gewerbfleißes und
+der Cultur untergraben würden.</p>
+<p>Das kleine Dorf Uruana ist schwerer zu regieren als die meisten
+andern Missionen. Die Otomaken sind ein unruhiges, lärmendes, in
+seinen Leidenschaften ungezügeltes Volk. Nicht nur sind sie dem
+Genuß der gegohrenden Getränke aus Manioc und Mais und des
+Palmweins im Uebermaß ergeben, sie versetzen sich auch noch in
+einen eigenthümlichen Zustand von Rausch, man könnte fast sagen von
+Wahnsinn, durch den Gebrauch des
+<strong>Niopo-Pulvers</strong>.<sup><a href="#fn74" class=
+"footnoteRef" id="fnref74" name="fnref74">74</a></sup> Sie sammeln
+die langen Schoten einer Mimosenart, die wir unter dem Namen
+<em>Acacia Niopo</em> bekannt gemacht haben; sie reißen sie in
+Stücke, feuchten sie an und lassen sie gähren. Wenn die
+durchweichten Samen anfangen schwarz zu werden, kneten sie
+dieselben wie einen Teig, mengen Maniocmehl und Kalk, der aus der
+Muschel einer Ampullaria gebrannt wird, darunter und setzen die
+Masse auf einem Rost von hartem Holz einem starken Feuer aus. Der
+erhärtete Teig bildet kleine Kuchen. Will man sich derselben
+bedienen, so werden sie zu seinem Pulver zerrieben und dieses auf
+einen fünf bis sechs Zoll breiten Teller gestreut. Der Otomake hält
+den Teller, der einen Stiel hat, in der rechten Hand und zieht das
+Niopo durch einen gabelförmigen Vogelknochen, dessen zwei Enden in
+die Naslöcher gesteckt sind, in die Nase. Der Knochen, ohne den der
+Otomake diese Art Schnupftaback nicht nehmen zu können meinte, ist
+sieben Zoll lang und es schien mir der Fußwurzelknochen eines
+großen Stelzenläufers zu seyn. Ich habe das <strong>Niopo</strong>
+sammt dem ganzen seltsamen Apparat Fourcroy in Paris übermacht. Das
+Niopo ist so reizend, daß ganz wenig davon heftiges Niesen
+verursacht, wenn man nicht daran gewöhnt ist. Pater Gumilla sagt,
+»dieses Teufelspulver der Otomaken, das von einem baumartigen Tabak
+komme, berausche sie durch die Naslöcher (<em>emboracha por las
+narices</em>), raube ihnen auf einige Stunden die Vernunft und
+mache sie im Gefechte rasend.« Die Samen, Säfte und Wurzeln der
+Familie der Schotengewächse haben auffallend verschiedene chemische
+und arzneiliche Eigenschaften; wenn aber auch der Saft der Frucht
+der <em>Mimosa nilotica</em> stark adstringirend ist, so ist doch
+nicht wohl zu glauben, daß die Schote der <em>Acacia Niopo</em> dem
+Tabak der Otomaken zunächst seine reizende Eigenschaft verleiht.
+Dieselbe rührt vielmehr vom frischgebrannten Kalk her. Wir haben
+oben gesehen, daß die Bergbewohner in den Anden von Popayan und die
+Guajiros, die zwischen dem See Maracaybo und dem Rio la Hacha
+umherziehen, auch Kalk verschlucken, und zwar als Reizmittel, um
+die Absonderung des Speichels und des Magensaftes zu befördern.</p>
+<p>Dadurch, daß die umständliche Vorrichtung, deren sich die
+Otomaken zum Aufziehen des Niopopulvers bedienen, durch mich nach
+Europa kam, wurden die Gelehrten auf einen ähnlichen Brauch
+aufmerksam gemacht, den La Condamine am obern Maragnon beobachtet
+hat. Die Omaguas, deren Name durch ihre Züge zur Entdeckung des
+Dorado vielberufen ist, haben denselben Teller, dieselben hohlen
+Vogelknochen, durch die sie ihr <strong>Curupa</strong>pulver in
+die Nase ziehen. Der Samen, von dem dieses Pulver kommt, ist ohne
+Zweifel auch eine Mimose; denn die Otomaken nennen, dem Pater Gili,
+zufolge, noch jetzt, 260 Meilen vom Amazonenstrom, die <em>Acacia
+Niopo</em> <strong>Curupa</strong>. Seit meinen neuerlichen
+geographischen Untersuchungen über den Schauplatz der Thaten
+Philipps von Hutten und über die wahre Lage der Provinz
+Papamene<sup><a href="#fn75" class="footnoteRef" id="fnref75" name=
+"fnref75">75</a></sup> oder der Omaguas hat die Vermuthung einer
+früheren Verbindung zwischen den Otomaken am Orinoco und den
+Omaguas am Amazonenstrom an Bedeutung und Wahrscheinlichkeit
+gewonnen. Erstere kamen vom Rio Meta, vielleicht aus dem Lande
+zwischen diesem Fluß und dem Guaviare; letztere wollen selbst in
+großer Anzahl über den Rio Japura, vom östlichen Abhang der Anden
+von Neu-Grenada her, an den Maragnon gekommen seyn. Nun scheint
+aber das Land der Omaguas, das die Abenteurer von Coro und Tocuyo
+vergeblich zu erobern suchten, gerade zwischen dem Guayavero, der
+in den Guaviare fällt, und dem Caqueta zu liegen, der weiter unten
+Japura heißt. Allerdings besteht ein auffallender Gegensatz
+zwischen der jetzigen Versunkenheit der Otomaken und der früheren
+Civilisation der Omaguas; vielleicht waren aber nicht alle
+Unterabtheilungen dieser Nation in der Cultur gleich
+vorgeschritten, und an Beispielen, daß Stämme völlig versinken
+können, ist die Geschichte unseres Geschlechts leider nur zu reich.
+Zwischen Otomaken und Omaguas läßt sich noch eine weitere
+Uebereinstimmung bemerklich machen. Beide sind unter den
+Völkerschaften am Orinoco und am Amazonenstrom deßhalb berufen,
+weil sie vom Cautschuc oder der verdicken Milch der Euphorbiaceen
+und Urticeen so ausgedehnten Gebrauch machen.</p>
+<p>Der eigentliche krautartige Tabak,<sup><a href="#fn76" class=
+"footnoteRef" id="fnref76" name="fnref76">76</a></sup> denn die
+Missionäre nennen das <strong>Niopo</strong> oder Curupa
+»Baumtabak,« wird seit unvordenklicher Zeit von allen eingeborenen
+Völkern am Orinoco gebaut; man fand auch bei der Eroberung die
+Sitte des Rauchens in beiden Amerikas gleich verbreitet. Die
+Tamanaken und Maypuren in Guyana umwickeln die Cigarren mit Mais,
+wie bereits die Mexikaner vor Cortes Ankunft gethan. Nach diesem
+Vorgang nehmen die Spanier statt Maisblättern Papier. Die armen
+Indianer in den Wäldern am Orinoco wissen so gut als die großen
+Herren am Hofe Montezumas, daß der Tabaksrauch ein vortreffliches
+Narcoticum ist; sie bedienen sich desselben nicht nur, um ihre
+Siesta zu halten, sondern auch um sich in den Zustand von
+Quietismus zu versetzen, den sie ein »Träumen mit offenen Augen«,
+»Träumen bei Tag« nennen. In allen amerikanischen Missionen wird
+jetzt, wie mir schien, ungemein wenig Tabak verbraucht, und in
+Neuspanien rauchen die Eingeborenen, die fast sämmtlich von der
+untersten Classe des aztekischen Volkes abstammen, zum großen
+Leidwesen des Fiscus, gar nicht. Pater Gili versichert, den
+Indianern am untern Orinoco sey die Sitte des Tabakkauens
+unbekannt. Ich möchte die Richtigkeit dieser Behauptung bezweifeln;
+denn die Sercucumas am Erevato und Caura, Nachbarn der weißlichten
+Paparitos, verschlucken, wie man mir sagte, zerhackten und mit
+andern stark reizenden Säften getränkten Tabak, wenn sie sich zum
+Gefechte anschicken. Von den vier Nicotianaarten, die in Europa
+gebaut werden (<em>N. tabacum</em>, <em>N. rustica</em>, <em>N.
+paniculata</em>, und <em>N. glutinosa</em>) sahen wir nur die
+beiden letzteren wild; aber <em>Nicotiana lolaxensis</em> und
+<em>N. Audicola</em>, die ich in 1850&nbsp;Toisen Meereshöhe auf
+dem Rücken der Anden gefunden, stehen <em>Nicotiana tabacum</em>
+und <em>rustica</em> sehr nahe. Die ganze Gattung ist übrigens fast
+ausschließlich amerikanisch und die meisten Arten schienen mir dem
+gebirgigten und gemäßigten Landstrich unter den Tropen
+anzugehören.</p>
+<p>Weder aus Virginien noch aus Südamerika, wie irrthümlich in
+mehreren agronomischen und botanischen Schriften steht, sondern aus
+der mexicanischen Provinz Yucatan ist um das Jahr 1559 der erste
+Tabakssamen nach Europa gekommen.<sup><a href="#fn77" class=
+"footnoteRef" id="fnref77" name="fnref77">77</a></sup>Der Mann, der
+die Fruchtbarkeit der Ufer des Orinoco am lautesten gepriesen, der
+berühmte Ralegh, hat auch die Sitte des Rauchens unter den«
+nordischen Völkern am meisten befördert. Bereits am Schluß des
+sechzehnten Jahrhunderts beschwerte man sich in England bitter über
+»diese Nachahmung der Gebräuche eines barbarischen Volkes« Man
+fürchtete bei dem überhandnehmenden Tabakrauchen, »<em>ne Anglorum
+corpora in barbarorum naturam degenerent</em>.«<sup><a href="#fn78"
+class="footnoteRef" id="fnref78" name="fnref78">78</a></sup></p>
+<p>Wenn sich die Otomaken in Uruana durch den Genuß des Niopo
+(ihres Baumtabaks) und gegohrener Getränke in einen Zustand von
+Trunkenheit versetzt haben, der mehrere Tage dauert, so bringen sie
+einander um, ohne sich mit Waffen zu schlagen. Die bösartigsten
+vergiften sich den Daumennagel mit Curare, und nach der Aussage der
+Missionäre kann der geringste Ritz mit diesem vergifteten Nagel
+tödtlich werden, wenn das Curare sehr stark ist und unmittelbar in
+die Blutmasse gelangt. Begehen die Indianer bei Nacht in Folge
+eines Zanks einen Todtschlag, so werfen sie den Leichnam in den
+Fluß, weil sie fürchten, es möchten Spuren der erlittenen Gewalt an
+ihm zu bemerken seyn. »So oft ich,« äußerte Pater Bueno gegen uns,
+»die Weiber an einer andern Stelle des Ufers als gewöhnlich Wasser
+schöpfen sehe, vermuthe ich, daß ein Mord in meiner Mission
+begangen worden.«</p>
+<p>Wir fanden in Uruana in den Hütten der Indianer denselben
+vegetabilischen Stoff (<em>yesca de hormigas</em>, Ameisenzunder),
+den wir bei den großen Katarakten hatten kennen lernen und den man
+zum Blutstillen braucht. Dieser Zunder, der weniger uneigentlich
+<strong>Ameisennester</strong> hieße, ist in einem Lande, dessen
+Bewohner nichts weniger als friedfertig sind, sehr gesucht. Eine
+neue schön smaragdgrüne Art Ameisen (<em>Formica spinicollis</em>)
+sammelt auf den Blättern einer Melastomenart zu ihrem Nest einen
+baumwollenartigen, gelbbraunen, sehr zart anzufühlenden Flaum. Ich
+glaube, daß der »Yesca oder Ameisenzunder« vom obern Orinoco (das
+Thier kommt, wie versichert wird, nur südlich von Apures vor)
+einmal ein Handelsartikel werden kann. Der Stoff ist weit
+vorzüglicher als die »Ameisennester« von Cayenne, die man in Europa
+in den Hospitälern verwendet, die aber schwer zu bekommen sind.</p>
+<p>Ungern schieden wir (am 7. Juni) vom Pater Ramon Bueno. Unter
+den zehn Missionären, die wir auf dem ungeheuren Gebiete von Guyana
+kennen gelernt, schien mir nur er auf alle Verhältnisse der
+eingeborenen Völkerschaften zu achten. Er hoffte in Kurzem nach
+Madrid zurückkehren und das Ergebniß seiner Untersuchungen über die
+Bilder und Züge auf den Felsen bei Uruana bekannt machen zu
+können.</p>
+<p>In den Ländern, die wir eben bereist, zwischen dem Meta, Arauca
+und Apure, fand man bei den ersten Entdeckungszügen an den Orinoco,
+z.&nbsp;B. bei dem des Alonzo de Herrera im Jahr 1535,
+<strong>stumme Hunde</strong>, von den Eingeborenen
+<strong>Maios</strong> und <strong>Auries</strong> genannt. Dieser
+Umstand ist in mehr als Einer Beziehung interessant. Was auch Pater
+Gili sagen mag, es unterliegt keinem Zweifel, daß der Hund in
+Südamerika einheimisch ist. Die verschiedenen indianischen Sprachen
+haben Namen für das Thier, die nicht wohl von europäischen Sprachen
+herkommen können. Das Wort <strong>Auri</strong>, das Alonzo de
+Herrera vor dreihundert Jahren nannte, kommt noch jetzt im
+Maypurischen vor. Die Hunde, welche wir am Orinoco gesehen, mögen
+von denen abstammen, welche die Spanier an die Küsten von Caracas
+gebracht; aber nichts desto weniger steht fest, daß es vor der
+Eroberung in Peru, Neu-Grenada und Guyana eine unsern Schäferhunden
+ähnliche Hunderace gab. Der <strong>Allco</strong> der Eingeborenen
+in Peru, und fast alle Hunde, die wir in den wildesten Strichen von
+Südamerika angetroffen, bellen häufig; die ältesten
+Geschichtschreiber sprechen aber alle von stummen Hunden
+(<em>perros mudos</em>). Es gibt noch dergleichen in Canada, und,
+was mir sehr zu beachten scheint, die stumme Spielart wurde in
+Mexico und am Orinoco vorzugsweise gegessen. Ein sehr
+unterrichteter Reisende, Giesecke, der sechs Jahre in Grönland
+gelebt hat, versicherte mich, die Hunde der Eskimos, die beständig
+in freier Luft sind und sich Winters in den Schnee graben, bellen
+auch nicht, sondern heulen wie die Wölfe.<sup><a href="#fn79"
+class="footnoteRef" id="fnref79" name="fnref79">79</a></sup></p>
+<p>Gegenwärtig ist der Gebrauch, Hundefleisch zu essen, am Orinoco
+ganz unbekannt; da aber diese Sitte im östlichen Asien ganz
+allgemein ist, scheint mir der Beweis, daß dieselbe früher in den
+heißen Strichen von Guyana und auf der Hochebene von Mexiko zu
+Hause war, von großem Belang für die Völkergeschichte. Ich bemerke
+auch, daß auf den Grenzen der Provinz Durango, am nördlichen Ende
+von Neuspanien, die Cumanches-Indianer noch jetzt große Hunde, die
+sie auf ihren Zügen begleiten, mit ihren Zelten aus Büffelfellen
+beladen. Bekanntlich dient auch am Sklavensee und in Sibirien der
+Hund gewöhnlich als Last- und Zugthier. Ich hebe solche Züge von
+Uebereinstimmung in den Sitten der Völker absichtlich hervor; sie
+erhalten einiges Gewicht, wenn sie nicht für sich allein dastehen,
+und Aehnlichkeiten im Sprachbau, in der Zeitrechnung, im Glauben
+und den gottesdienstlichen Gebräuchen dazu kommen.</p>
+<p>Wir übernachteten auf der Insel Cucuruparu, auch <em>Playa de la
+Tortuga</em> genannt, weil die Indianer von Uruana dort
+Schildkröteneier holen. Es ist dieß einer der Punkte am Orinoco,
+deren Breite am genauesten bestimmt ist. Das Glück wollte, daß ich
+drei Durchgänge von Sternen durch den Meridian beobachten konnte.
+Ostwärts von der Insel ist die Mündung des Caño de la Tortuga, der
+von den Bergen der Cerbatana herunter kommt, an denen beständig
+Gewitterwolken hängen. Am südlichen Ufer dieses Caño liegt die fast
+ganz eingegangene Mission San Miguel de la Tortuga. Die Indianer
+versicherten uns, in der Nähe dieser kleinen Mission gebe es eine
+Menge Fischottern mit sehr feinem Pelz, welche bei den Spaniern
+<em>perritos de agua</em>, Wasserhunde heißen, und, was
+merkwürdiger ist, Eidechsen (<em>lagartos</em>) <strong>mit zwei
+Füßen</strong>. Dieser ganze Landstrich zwischen dem Rio Cuchivero
+und der Stromenge am Baragnan sollte einmal von einem guten
+Zoologen besucht werden. Der Lagarto ohne Hinterbeine ist
+vielleicht eine Art Siren, abweichend vom <em>Siren lacertina</em>
+in Carolina. Wäre es ein Saurier, ein eigentlicher »Bimane«
+(<em>Chirotes</em>, Cuvier), so hätten die Eingeborenen das Thier
+nicht mit einer Eidechse verglichen. Außer den Arau-Schildkröten,
+von denen ich oben ausführlich gesprochen,<sup><a href="#fn80"
+class="footnoteRef" id="fnref80" name="fnref80">80</a></sup> leben
+am Orinoco zwischen Uruana und Encaramada auch Landschildkröten,
+die sogenannten <strong>Morocoi</strong>, in zahlloser Menge. In
+der großen Sonnenhitze und Trockenheit stecken diese Thiere, ohne
+zu fressen, unter Steinen oder in Löchern, die sie gegraben. Erst
+wenn sie nach den ersten Regen spüren, daß die Erde feucht wird,
+kommen sie aus ihrem Versteck hervor und fangen wieder an zu
+fressen. Die <strong>Terekays</strong> oder
+<strong>Tajelus</strong>, Süßwasserschildkröten, haben dieselbe
+Lebensweise. Ich habe schon oben vom <strong>Sommerschlaf</strong>
+mancher Thiere unter den Tropen gesprochen.<sup><a href="#fn81"
+class="footnoteRef" id="fnref81" name="fnref81">81</a></sup> Die
+Eingeborenen kennen die Löcher, in denen die Schildkröten im
+ausgetrockneten Boden schlafen, und graben sie 15—18 Zoll tief in
+Menge auf einmal aus. Nach Pater Gili, der solches mit angesehen,
+ist dieß nicht gefahrlos, weil sich im Sommer häufig Schlangen mit
+den <strong>Terekays</strong> eingraben.</p>
+<p>Von der Insel Cucuruparu hatten wir bis zur Hauptstadt von
+Guyana, gemeiniglich <strong>Angostura</strong> genannt, noch neun
+Tage zu fahren; es sind nicht ganz 95 Meilen. Wir brachten die
+Nacht selten am Lande zu; aber die Plage der Moskitos nahm merklich
+ab, je weiter wir hinab kamen. Am 8.&nbsp;Juni gingen wir bei einem
+Hofe (<em>Hato de san Rafael del Capuchino</em>), dem Einfluß des
+Rio Apure gegenüber, ans Land. Ich konnte gute Breiten- und
+Längenbeobachtungen machen. Ich hatte vor zwei Monaten auf dem
+andern Ufer Stundenwinkel aufgenommen, und diese Bestimmungen waren
+jetzt von Werth, um den Gang meines Chronometers zu controliren und
+die Beobachtungsorte am Orinoco mit denen an der Küste von
+Venezuela in Verbindung zu bringen. Die Lage dieses Hofes am Punkt,
+wo der Orinoco aus der Richtung von Süd nach Nord in die von West
+nach Ost umbiegt, ist sehr malerisch. Granitfelsen erheben sich wie
+Eilande auf den weiten Prairien. Von ihrer Spitze sahen wir
+nordwärts die Llanos oder Steppen von Calabozo sich bis zum
+Horizont ausbreiten. Da wir seit lange an den Anblick der Wälder
+gewöhnt waren, machte diese Aussicht einen großen Eindruck auf uns.
+Nach Sonnenuntergang bekam die Steppe ein graugrünes Colorit, und
+da die Sehlinie nur durch die Krümmung der Erde abgebrochen wird,
+so gingen die Sterne wie aus dem Schoße des Meeres auf und der
+erfahrenste Seemann hätte glauben müssen, er stehe auf einer
+Felsenküste, auf einem hinausspringenden Vorgebirge. Unser Wirth
+war ein Franzose (François Doizan), der unter seinen zahlreichen
+Heerden lebte. Er hatte seine Muttersprache verlernt, schien aber
+doch mit Vergnügen zu hören, daß wir aus seiner Heimath kamen. Er
+hatte dieselbe vor vierzig Jahren verlassen, und er hätte uns gerne
+ein paar Tage in seinem Hofe behalten. Von den politischen
+Umwälzungen in Europa war ihm so gut wie nichts zu Ohren gekommen.
+Er sah darin nur eine Empörung gegen den Clerus und die Mönche;
+»diese Empörung,« sagte er, »wird fortdauern, so lange die Mönche
+Widerstand leisten.« Bei einem Manne, der sein ganzes Leben an der
+Grenze» der Missionen zugebracht, wo von nichts die Rede ist als
+vom Streit zwischen der geistlichen und der weltlichen Gewalt, war
+eine solche Ansicht ziemlich natürlich. Die kleinen Städte Caycara
+und Cabruta sind nur ein paar Seemeilen vom Hofe, aber unser Wirth
+war einen Theil des Jahres hindurch völlig abgeschnitten. Durch die
+Ueberschwemmungen des Apure und des Orinoco wird der Capuchino zur
+Insel und man kann mit den benachbarten Höfen nur zu Schiff
+verkehren. Das Hornvieh zieht sich dann auf den höher gelegenen
+Landstrich, der südwärts der Bergkette der Encaramada zuläuft.</p>
+<p>Am 9. Juni Morgens begegneten uns eine Menge Fahrzeuge mit
+Waaren, die mit Segeln den Orinoco und dann den Apure hinauffuhren.
+Es ist dieß eine stark befahrene Handelsstraße zwischen Angostura
+und dem Hafen von Torunos in der Provinz Varinas. Unser
+Reisebegleiter, Don Nicolas Sotto, der Schwager des Statthalters
+von Varinas, schlug denselben Weg ein, um zu seiner Familie
+zurückzukehren. Bei Hochwasser braucht man mehrere Monate gegen die
+Strömung des Orinoco, des Apure und des Rio Santo Domingo. Die
+Schiffsleute müssen ihre Fahrzeuge an Baumstämme binden und sie am
+Tau den Fluß hinaufziehen. In den starken Krümmungen des Flusses«
+kommen sie oft in ganzen Tagen nicht über zwei, dreihundert Toisen
+vorwärts. Seit meiner Rückkehr nach Europa ist der Verkehr zwischen
+der Mündung des Orinoco und den Provinzen am östlichen Abhang der
+Gebirge von Merida, Pamplona und Santa Fe de Bogota ungleich
+lebhafter geworden, und es ist zu erwarten, daß die lange Fahrt auf
+dem Orinoco, dem Apure, der Portuguesa, dem Rio Santo Domingo, dem
+Orivante, Meta und Guaviare durch Dampfschiffe abgekürzt wird. Man
+könnte, wie an den großen Strömen in den Vereinigten Staaten, an
+den Ufern gefälltes Holz unter Schuppen niederlegen. Solche
+Veranstaltung wäre um so nöthiger, da man sich in den Ländern, die
+wir bereist, nicht leicht trockenes Holz verschafft, wie man es zum
+starken Feuer unter dem Kessel einer Dampfmaschine braucht.</p>
+<p>Unterhalb San Rafael del Capuchino gingen wir rechts bei Villa
+Caycara, an einer Bucht, Puerto Sedeñio genannt, ans Land. Es
+stehen hier ein paar Häuser beisammen und diese führen den
+vornehmen Titel <strong>Villa</strong>. Alta Gracia, Ciudad de la
+Piedra, Real Corona, Borbon, lauter <strong>Villas</strong>
+zwischen dem Einfluß des Apure und Angostura, sind eben so elend.
+Ich habe oben erwähnt, daß es bei den Präsidenten der Missionen und
+den Statthaltern der Provinzen Brauch war, wenn eben der Grund zu
+einer Kirche gelegt wurde, in Madrid für den Ort das Privilegium
+als Villa oder Ciudad nachzusuchen. Man wollte damit das
+Ministerium glauben machen, daß Bevölkerung und Wohlstand in den
+Colonien in rascher Zunahme begriffen seyen. Bei Caycara, am »Cerro
+del Tirano,« sieht man Bilder von Sonne und Mond, wovon oben die
+Rede war, eingehauen. »Das ist ein Werk der <strong>Alten</strong>«
+(das heißt unserer Väter), sagen die Eingeborenen. Man versichert,
+auf einem Fels weiter vom Ufer ab, <strong>Tecoma</strong> genannt,
+stehen die symbolischen Figuren hundert Fuß hoch. Die Indianer
+kannten früher einen Landweg von Caycara nach Demerary und
+Essequebo. Sind etwa die Völker, welche die vom Reisenden Hortsmann
+beschriebenen Bilder eingehauen, auf diesem Wege an den See Amucu
+gekommen?«</p>
+<p>Caycara gegenüber, am nördlichen Ufer des Orinoco, liegt die
+Mission Cabruta, die als vorgeschobener Posten gegen die Caraiben
+im Jahr 1740 vom Jesuiten Rotella angelegt wurde. Schon seit
+mehreren Jahrhunderten hatten die Indianer an diesem Fleck ein Dorf
+Namens <strong>Cabritu</strong>. Als der kleine Ort eine
+christliche Niederlassung wurde, glaubte man, derselbe liege unter
+dem 5.&nbsp;Grad der Breite, also um 2°40′ weiter nach Süd, als ich
+durch direkte Beobachtungen in San Rafael und an der Mündung des
+Rio Apure gefunden. Man hatte damals keinen Begriff davon, welche
+Richtung ein Landweg nach Nueva Valencia und Caracas haben müßte,
+von welchen Orten man sich unendlich weit entfernt dachte. Ein Weib
+ist zu allererst von Villa de San Juan Baptista del Pao über die
+Llanos nach Cabruta gegangen. Pater Gili erzählt, Donna Maria
+Bargas habe mit solcher Leidenschaft an den Jesuiten gehangen, daß
+sie es unternahm, auf eigene Hand einen Weg in die Missionen zu
+suchen. Man wunderte sich nicht wenig, als man sie in Cabruta von
+Norden her ankommen sah. Sie ließ sich bei den Jüngern des heiligen
+Ignatius nieder und starb in ihren Missionen am Orinoco. Von dieser
+Zeit an bevölkerte sich der südliche Strich der Llanos ziemlich
+stark, und der Weg aus den Thälern von Aragua über Calabozo nach
+San Fernando de Apure und nach Cabruta ist jetzt stark begangen. Am
+letzteren Ort hatte auch im Jahr 1754 der Befehlshaber der
+vielberufenen Grenzexpedition Werften angelegt und die Fahrzeuge
+zum Transport der Truppen an den obern Orinoco bauen lassen. Der
+kleine Berg nordöstlich von Cabruta ist sehr weit in den Steppen
+sichtbar und dient den Reisenden als Landmarke.</p>
+<p>Wir schifften uns Morgens in Caycara ein und fuhren mit der
+Strömung des Orinoco zuerst am Einfluß des Rio Cuchivero, wohin
+eine alte Sage die <strong>Aikeam-benanos</strong> oder
+<strong>Weiber ohne Männer</strong><sup><a href="#fn82" class=
+"footnoteRef" id="fnref82" name="fnref82">82</a></sup> versetzt,
+dann am kleinen Dorf <strong>Alta Gracia</strong>, nach einer
+spanischen Stadt so genannt, vorüber. Hier in der Nähe hatte Don
+Jose de Iturriaga den <em>pueblo de Ciudad Real</em> angelegt, der
+noch auf den neuesten Karten vorkommt, obgleich der Ort wegen der
+ungesunden Lage seit fünfzig Jahren gar nicht mehr besteht.
+Unterhalb der Stelle, wo sich der Orinoco gegen Ost wendet, hat man
+fortwährend zur rechten Hand Wälder, zur linken die Llanos oder
+Steppen von Venezuela. Die Wälder, die sich am Strom hinziehen,
+sind indessen nicht mehr so dicht, wie am obern Orinoco. Die
+Bevölkerung nimmt merkbar zu, je näher man der Hauptstadt kommt;
+man trifft wenige Indianer mehr; dagegen Weiße, Neger und
+Mischlinge. Der Neger sind nicht viele, und leider ist hier, wie
+überall, die Armuth ihrer Herren daran Schuld, daß sie nicht besser
+behandelt werden und ihr Leben nicht mehr geschont wird. Ein
+Einwohner von Caycara, V—a, war vor Kurzem zu vierjährigem
+Gefängniß und hundert Piastern Geldbuße verurtheilt worden, weil er
+in der Zornwuth eine Negerin mit den Beinen an den Schweif seines
+Pferdes gebunden und sie im vollen Galopp über die Savane
+geschleift hatte, bis sie vor Schmerz den Geist aufgab. Mit
+Vergnügen bemerke ich, daß die Audiencia allgemein getadelt wurde,
+weil sie eine so schändliche Handlung nicht härter bestraft habe.
+Nur einige wenige Personen (und zwar gerade die, welche sich für
+die aufgeklärtesten und klügsten hielten) meinten, einen Weißen zu
+bestrafen, während die Schwarzen auf St. Domingo in offenem
+Aufstand begriffen seyen, erscheine nicht als staatsklug. Wenn
+Institutionen, die sich verhaßt gemacht haben, bedroht sind, fehlt
+es nie an Leuten, die zu Aufrechthaltung derselben den Rath geben,
+daran festzuhalten, wenn sie der Gerechtigkeit und der Vernunft
+noch so offen widersprächen. Seit ich von diesen Ländern Abschied
+genommen, hat der Bürgerkrieg den Sklaven die Waffen in die Hände
+gegeben, und nach einer schrecklichen Erfahrung haben es die
+Einwohner von Venezuela zu bereuen, daß sie nicht auf die Stimme
+Don Domingo Tovars und anderer hochherziger Bürger gehört, die
+schon im Jahr 1795 im <strong>Cabildo</strong> von Caracas sich
+laut gegen die weitere Einführung von Negern ausgesprochen und
+Mittel, ihre Lage zu verbessern, in Vorschlag gebracht haben.</p>
+<p>Nachdem wir am 10. Juni auf einer Insel mitten im Strom (ich
+glaube auf der, welche bei Pater Caulin Acaru heißt) die Nacht
+zugebracht, fuhren wir an der Mündung des Rio Caura vorüber, der
+neben dem Aruy und Carony der größte Nebenfluß des untern Orinoco
+von rechts her ist. Da ich während meines Aufenthalts in den
+Missionen der Franciskaner viel geographisches Material über den
+Caura sammeln konnte, habe ich eine Specialkarte desselben
+entworfen.<sup><a href="#fn83" class="footnoteRef" id="fnref83"
+name="fnref83">83</a></sup> Alle christlichen Niederlassungen
+befinden sich gegenwärtig nahe an der Mündung des Flusses, und die
+Dörfer San Pedro, Aripao, Urbani und Guaraguaraico liegen nur
+wenige Meilen hinter einander. Das erste ist das volkreichste und
+hat doch nur 250 Seelen; San Luis de Guaraguaraico ist eine Colonie
+freigelassener oder flüchtiger Neger vom Essequebo und verdient
+Aufmunterung von Seiten der Regierung. Die Versuche, die Sklaven an
+den Boden zu fesseln und sie als Pächter der Früchte ihrer Arbeit
+als Landbauer genießen zu lassen, sind höchst empfehlenswerth. Der
+zum großen Theil noch unberührte Boden am Rio Caura ist ungemein
+fruchtbar; man findet dort Weiden für mehr als 15,000 Stücke Vieh;
+aber den armen Ansiedlern fehlt es gänzlich an Pferden und an
+Hornvieh. Mehr als sechs Siebentheile der Uferstriche am Caura
+liegen wüste oder sind in den Händen wilder, unabhängiger Stämme.
+Das Flußbett wird zweimal durch Felsen eingeengt, und an diesen
+Stellen sind die Raudales Mura und Para oder Paru; letzterer hat
+einen Trageplatz, weil die Pirognen nicht darüber gehen können. Bei
+der Grenzexpedition war am nördlichen Katarakt, dem von Mura, eine
+kleine Schanze angelegt worden. Der Statthalter Don Manuel
+Centurion hatte alsbald ein paar Häusern, welche spanische (das
+heißt nicht indianische) Familien, Weiße und Mulatten, bei der
+Schanze gebaut, den Titel <strong>Ciudad de San Carlos</strong>
+gegeben. Südlich vom Katarakt Para, gerade am Einfluß des Erevato
+in den Caura, lag damals die Mission San Luis und von da führte ein
+Landweg nach der Hauptstadt Angostura. Alle diese
+Civilisationsversuche führten zu nichts. Oberhalb des Raudals von
+Mura steht kein Dorf mehr, und die Eingeborenen haben so zu sagen
+das Land wieder zurückerobert. Indessen kann das Thal des Caura
+wegen seines reichen Ertrags, und wegen der leichten Verbindung mit
+dem Rio Ventuari, dem Carony und Cuyuni, eines Tags von großer
+Bedeutung werden. Ich habe oben auseinandergesetzt, wie wichtig die
+vier Flüsse sind, die von den Gebirgen der Parime in den Orinoco
+gehen. In der Nähe der Mündung des Caura, zwischen den Dörfern San
+Pedro de Alcantara und San Francisco de Aripao, bildete sich im
+Jahr 1792 durch einen Erdfall und in Folge eines Erdbebens ein
+kleiner See von 400 Toisen Durchmesser. Ein Stück Wald bei Aripao
+senkte sich 80 bis 100 Fuß unter das Niveau des anstoßenden Bodens.
+Die Bäume blieben mehrere Monate grün; man glaubte sogar, manche
+haben noch unter Wasser Blätter getrieben. Diese Erscheinung
+verdient um so mehr Beachtung, da der Boden dort wahrscheinlich
+Granit ist. Ich bezweifle, daß die secundären Formationen der
+Llanos sich südwärts bis zum Thale des Caura erstrecken.</p>
+<p>Am 11. Juni landeten wir, um Sonnenhöhen aufzunehmen, am rechten
+Orinocoufer beim <strong>Puerto de los Frailes,</strong> drei
+Meilen oberhalb <strong>Ciudad de la Piedra</strong>. Der Punkt
+liegt unter 67°26′20″ der Länge oder 1°41′ ostwärts vom Einfluß des
+Apure. Weiterhin zwischen den Villas de la Piedra und Muitaco oder
+Real Corona kommt der <strong>Torno</strong> und der
+<strong>Höllenschlund</strong>, zwei Punkte, die früher von den
+Schiffern gefürchtet wurden. Der Orinoco ändert auf einmal seine
+Richtung; er fließt anfangs nach Ost, dann nach Nord-Nord-West und
+endlich wieder nach Ost. Etwas oberhalb des Caño Marapiche, der am
+nördlichen Ufer hereinkommt, theilt eine sehr lange Insel den Fluß
+in zwei Arme. Wir fuhren ohne Schwierigkeit südwärts an derselben
+vorbei; gegen Norden bildet eine Reihe kleiner, bei hohem Wasser
+halb bedeckter Felsen Wirbel und Stromschnellen. Dieß heißt nun
+<strong><em>Boca del Infierno</em></strong> und der <strong>Raudal
+von Camiseta</strong>. Durch Diego de Ordaz (1531) und Alonzo de
+Hereras (1535) erste Expeditionen wurde diese Stromsperre
+vielberufen. Die großen Katarakten von Atures und Maypures kannte
+man damals noch nicht, und mit den plumpen Fahrzeugen
+(<em>vergantines</em>), mit denen man eigensinnig den Strom hinauf
+wollte, war sehr schwer über die Stromschnellen zu kommen.
+Gegenwärtig fährt man den Orinoco zu jeder Jahreszeit von der
+Mündung bis zum Einfluß des Apure und des Meta ohne Besorgniß auf
+und ab. Die einzigen Fälle auf dieser Strecke sind die beim Torno
+oder Camiseta, bei Marimara und bei Cariven oder Carichana
+Vieja.<sup><a href="#fn84" class="footnoteRef" id="fnref84" name=
+"fnref84">84</a></sup> Keines dieser drei Hindernisse ist zu
+fürchten, wenn man erfahrene indianische Steuerleute hat. Ich gehe
+auf diese hydrographischen Angaben darum ein, weil die Verbindung
+zwischen Angostura und den Ufern des Meta und des Apure, welche zum
+Ostabhang der Cordilleren von Neu-Grenada führen, jetzt in
+politischer und commercieller Beziehung von großem Belang ist. Die
+Fahrt auf dem untern Orinoco von der Mündung bis zur Provinz
+Varinas ist allein wegen der starken Strömung beschwerlich. Im
+Flußbett selbst sind nirgends stärkere Hindernisse zu überwinden,
+als auf der Donau zwischen Wien und Linz. Große Felsschwellen,
+eigentliche Wasserfälle kommen erst oberhalb des Meta. Daher bildet
+auch der obere Orinoco mit dem Cassiquiare und dem Rio Negro ein
+besonderes Flußsystem, das dem industriellen Leben in Angostura und
+auf dem Küstenland von Caracas noch lange fremd bleiben wird.</p>
+<p>Ich konnte auf einer Insel mitten in der <em>Boca del
+Infierno</em>, wo wir unsere Instrumente aufgestellt hatten,
+Stundenwinkel der Sonne aufnehmen. Der Punkt liegt nach dem
+Chronometer unter 67°10′31″ der Länge. Ich wollte die Inclination
+der Magnetnadel und die Intensität der Kraft beobachten, aber ein
+Gewitterregen vereitelte den Versuch. Da der Himmel Nachmittags
+wieder heiter wurde, schlugen wir unser Lager auf einem breiten
+Gestade am südlichen Ufer des Orinoco, beinahe im Meridian der
+kleinen Stadt Muitaco oder Real Corona, auf. Mittelst dreier Sterne
+fand ich die Breite 8°0′26″, die Länge 67°5′19″. Als die
+Observanten im Jahr 1752 ihre ersten <strong>Entradas</strong> auf
+das Gebiet der Caraiben machten, bauten sie an diesem Punkt ein
+kleines Fort oder eine <strong><em>casa fuerte</em></strong>. Durch
+den Umstand, daß die hohen Gebirge von Araguacais so nahe liegen,
+ist Muitaco einer der gesundesten Orte am untern Drinoco. Hier
+schlug Iturriaga im Jahr 1756 seinen Wohnsitz auf, um sich von den
+Strapazen der Grenzexpedition zu erholen, und da er seine Genesung
+dem mehr heißen als feuchten Klima zuschrieb, erhielt die Stadt
+oder vielmehr das Dorf Real Corona den Namen <em>pueblo del puerto
+sano</em>. Weiterhin gegen Ost ließen wir nordwärts den Einfluß des
+Rio Pao, südwärts den des Rio Arui. Letzterer Fluß ist ziemlich
+bedeutend; er kommt in Raleghs Berichten häufig vor. Lange ließen
+die Geographen den <strong>Aroy</strong> oder <strong>Arvi</strong>
+(Arui), den <strong>Caroli</strong> (Carony) und den
+<strong>Coari</strong> (Caura) aus dem vielberufenen See Cassipa
+entspringen, der später der <em>laguna del Dorado</em> Platz
+machte. Je weiter wir abwärts kamen, desto langsamer wurde die
+Strömung des Orinoco. Ich maß mehrmals am Ufer eine Linie ab, um zu
+bestimmen, wie viel Zeit schwimmende Körper brauchten, um eine
+bekannte Strecke zurückzulegen. Oberhalb Alta Gracia, beim Einfluß
+des Rio Ujape, hatte ich 2³⁄₁₀ Fuß in der Secunde gefunden;
+zwischen Muitaco und Bomben war die Geschwindigkeit nur noch 1⁷⁄₁₀
+Fuß. Aus den barometrischen Messungen in den benachbarten Steppen
+geht hervor, um wie wenig der Boden vom 69.&nbsp;Grad der Länge bis
+zur Ostküste von Guyana fällt. Muitaco war der letzte Ort, wo wir
+am Ufer des Orinoco die Nacht unter freiem Himmel zubrachten; wir
+fuhren noch zwei Nächte durch, ehe wir unser Reiseziel, Angostura
+erreichten. Eine solche Fahrt auf dem Thalweg eines großen Stroms
+ist ungemein bequem; man hat nichts zu fürchten außer den
+natürlichen Flößen aus Bäumen, die der Fluß, wenn er austritt, von
+den Ufern abreißt. In dunkeln Nächten scheitern die Piroguen an
+diesen schwimmenden Eilanden wie an Sandbänken.</p>
+<p>Nur schwer vermöchte ich das angenehme Gefühl zu schildern, mit
+dem wir in Angostura, der Hauptstadt von spanisch Guyana, das Land
+betraten. Die Beschwerden, denen man in kleinen Fahrzeugen zur See
+unterworfen ist, sind nichts gegen das, was man auszustehen hat,
+wenn man unter einem glühenden Himmel, in einem Schwarm von
+Moskitos, Monate lang in einer Pirogue liegen muß, in der man sich
+wegen ihrer Unstetigkeit gar keine Bewegung machen kann. Wir hatten
+in 75 Tagen auf den fünf großen Flüssen Apure, Orinoco, Atabapo,
+Rio Negro und Cassiquiare 500 Meilen (20 auf den Grad)
+zurückgelegt, und auf dieser ungeheuren Strecke nur sehr wenige
+bewohnte Orte angetroffen. Obgleich nach unserem Leben in den
+Wäldern unser Anzug nichts weniger als gewählt war, säumten wir
+doch nicht, uns Don Felipe de Ynciarte, dem Statthalter der Provinz
+Guyana, vorzustellen. Er nahm uns auf das Zuvorkommendste auf und
+wies uns beim Sekretär der Intendanz unsere Wohnung an. Da wir aus
+fast menschenleeren Ländern kamen, fiel uns das Treiben in einer
+Stadt, die keine 6000 Einwohner hat, ungemein auf. Wir staunten an,
+was Gewerbfleiß und Handel dem civilisirten Menschen an
+Bequemlichkeiten bieten; bescheidene Wohnräume kamen uns prachtvoll
+vor, wer uns anredete, erschien uns geistreich. Nach langer
+Entbehrung gewähren Kleinigkeiten hohen Genuß, und mit
+unbeschreiblicher Freude sahen wir zum erstenmal wieder Weizenbrod
+auf der Tafel des Statthalters. Vielleicht brauchte ich nicht bei
+Empfindungen zu verweilen, die Jedem, der weite Reisen gemacht hat,
+wohl bekannt sind. Sich wieder im Schoße der Cultur zu wissen, ist
+ein großer Genuß, aber er hält nicht lange an, wenn man für die
+Wunder der Natur im heißen Erdstrich ein lebendiges Gefühl hat. Die
+überstandenen Beschwerden sind bald vergessen, und kaum ist man auf
+der Küste, auf dem von den spanischen Colonisten bewohnten Boden,
+so entwirft man den Plan, wieder ins Binnenland zu gehen.</p>
+<p>Ein schlimmer Umstand nöthigte uns, einen ganzen Monat in
+Angostura zu verweilen. In den ersten Tagen nach unserer Ankunft
+fühlten wir uns matt und schwach, aber vollkommen gesund. Bonpland
+fing an, die wenigen Pflanzen zu untersuchen, welche er vor den
+Wirkungen des feuchten Klimas hatte schützen können; ich war
+beschäftigt, Länge und Breite der Hauptstadt<sup><a href="#fn85"
+class="footnoteRef" id="fnref85" name="fnref85">85</a></sup> zu
+bestimmen und die Inclination der Magnetnadel zu beobachten. Aber
+nicht lange, so wurden wir in der Arbeit unterbrochen; fast. am
+selben Tage befiel uns eine Krankheit, die bei meinem
+Reisegefährten den Charakter eines ataktischen Fiebers annahm. Die
+Luft war zur Zeit in Angostura vollkommen gesund, und da sich bei
+dem einzigen Diener, den wir von Cumana mitgebracht, einem
+Mulatten, die Vorboten desselben Uebels einstellten, so zweifelte
+unsere Umgebung, von der wir aufs sorgfältigste gepflegt wurden,
+nicht daran, daß wir den Keim des Typhus aus den feuchten Wäldern
+am Cassiquiare mitgebracht. Es kommt häufig vor, daß sich bei
+Reisenden die Folgen der Miasmen erst dann äußern, wenn sie wieder
+in reinerer Luft sind und sich zu erholen anfangen. Eine gewisse
+geistige Anspannung kann eine Zeitlang die Wirkung krankmachender
+Ursachen hinausschieben. Da unser Diener dem heftigen Regen weit
+mehr als wir ausgesetzt gewesen war, entwickelte sich die Krankheit
+bei ihm furchtbar rasch. Seine Kräfte lagen so darnieder, daß man
+uns am neunten Tage seinen Tod meldete. Es war aber nur eine
+mehrstündige Ohnmacht, auf die eine heilsame Krise eintrat. Zur
+selben Zeit wurde auch ich von einem sehr heftigen Fieber befallen;
+man gab mir mitten im Anfall ein Gemisch von Honig und Extract der
+China Vom Rio Carony (<em>Extractum corticis Angosturae</em>). Es
+ist dieß ein Mittel, das die Kapuziner in den Missionen höchlich
+preisen. Das Fieber wurde darauf stärker, hörte aber gleich am
+andern Tage auf. Bonplands Zustand war sehr bedenklich, und wir
+schwebten mehrere Wochen in der höchsten Besorgniß. Zum Glück
+behielt der Kranke Kraft genug, um sich selbst behandeln zu können.
+Er nahm gelindere, seiner Constitution angemessenere Mittel als die
+China vom Rio Carony. Das Fieber war anhaltend und wurde, wie fast
+immer unter den Tropen, durch eine Complication mit Ruhr noch
+gesteigert. Während der ganzen schmerzhaften Krankheit behielt
+Bonpland die Charakterstärke und die Sanftmuth, die ihn auch in der
+schlimmsten Lage niemals verlassen haben. Mich ängstigten trübe
+Ahnungen. Der Botaniker Löffling, ein Schüler Linné’s, war nicht
+weit von Angostura, am Ufer des Carony, ein Opfer seines Eifers für
+die Naturwissenschaft geworden. Wir hatten noch kein volles Jahr im
+heißen Erdstrich zugebracht, und mein nur zu treues Gedächtniß
+vergegenwärtigte mir alles, was ich in Europa über die
+Gefährlichkeit der Luft in den Wäldern gelesen hatte. Statt den
+Orinoco hinaufzufahren, hätten wir ein paar Monate im gemäßigten,
+gesunden Klima der Sierra Nevada von Merida zubringen können. Den
+Weg über die Flüsse hatte ich selbst gewählt, und in der Gefahr, in
+der mein Reisegefährte schwebte, erblickte ich die unselige Folge
+dieser unvorsichtigen Wahl.</p>
+<p>Nachdem das Fieber in wenigen Tagen einen ungemeinen Grad von
+Heftigkeit erreicht hatte, nahm es einen weniger beunruhigenden
+Charakter an. Die Entzündung des Darmcanals wich auf die Anwendung
+erweichender Mittel, wozu Malvenarten dienten. Die Sida- und
+Melochia-Arten sind im heißen Erdstrich ungemein wirksam. Indessen
+ging es mit der Wiedergenesung des Kranken sehr langsam, wie immer
+bei noch nicht ganz acclimatisirten Europäern. Die Regenzeit
+dauerte noch immer an, und an die Küste von Cumana zurück mußten
+wir wieder über die Llanos, wo man auf halbüberschwemmtem Boden
+selten ein Obdach und etwas anderes als an der Sonne gedörrtes
+Fleisch zu essen findet. Um nicht Bonpland einem gefährlichen
+Rückfall auszusetzen, beschlossen wir bis zum 10.&nbsp;Juli in
+Angostura zu bleiben. Wir brachten diese Zeit zum Theil auf einer
+Pflanzung<sup><a href="#fn86" class="footnoteRef" id="fnref86"
+name="fnref86">86</a></sup> in der Nachbarschaft zu, wo Mangobäume
+und Brodfruchtbäume (<em>Artocarpus incisa</em>) gezogen werden.
+Letztere waren im sechsten Jahr bereits über 40 Fuß hoch. Manche
+Artocarpusblätter, die wir maßen, waren 3&nbsp;Fuß lang und
+18&nbsp;Zoll breit, bei einem Gewächs aus der Familie der
+Dicotyledonen eine sehr auffallende Größe.</p>
+<p>Ich beschließe dieses Kapitel mit einer kurzen Beschreibung des
+spanischen Guyana (<em>Provincia de la Guayana</em>), welche einen
+Theil der alten <em>Capitania general</em> von Caracas ausmacht.
+Nachdem ich ausführlich berichtet, was die Flüsse Apure, Orinoco,
+Atabapo, Rio Negro und Cassiquiare an Momenten zur Geschichte
+unseres Geschlechts und an Naturerzeugnissen bemerkenswerthes
+bieten, erscheint es von Werth, diese zerstreuten Züge
+zusammenzufassen und ein allgemeines Bild eines Landes zu
+entwerfen, das einer großen Zukunft entgegengeht und schon jetzt
+die Augen Europas auf sich zieht. Ich beschreibe zuerst die Lage
+von Angostura, der jetzigen Hauptstadt der Provinz, und verfolge
+dann den Orinoco bis zum Delta, das er an seiner Mündung bildet.
+Ich entwickle darauf den wahren Lauf des Rio Carony, an dessen
+fruchtbaren Ufern die Mehrzahl der indianischen Bevölkerung der
+Provinz lebt, und beweise aus der Geschichte der Geographie, wie
+die fabelhaften Seen entstanden sind, die so lange unsere Karten
+verunziert haben.</p>
+<p>Seit dem Ende des sechzehnten Jahrhunderts haben hinter einander
+drei Städte den Namen <strong>Santo Thome de la Guayana</strong>
+geführt. Die erste lag der Insel Faxardo gegenüber beim Einfluß des
+Carony in den Orinoco; sie wurde von den Holländern unter dem
+Befehl des Capitäns Adrian Janson im Jahr 1579 zerstört. Die
+zweite, gegründet im Jahr 1591 von Antonio de Berrio, etwa 12
+Meilen ostwärts vom Einfluß des Carony, wehrte sich muthig gegen
+Sir Walter Ralegh, den die spanischen Geschichtschreiber der
+Eroberung nur unter dem Namen des Corsaren <strong>Reali</strong>
+kennen. Die dritte Stadt, der jetzige Hauptort der Provinz, liegt
+52 Meilen westwärts vom Einfluß des Carony. Sie wurde im Jahr 1764
+unter dem Statthalter Don Juacquin Moreno de Mendoza angelegt, und
+man unterscheidet sie in den officiellen Schriftstücken von der
+zweiten Stadt, die gewöhnlich die Festung (<em>el castillo</em>
+oder <em>las fortalezas</em>) oder Alt-Guayana (<em>Vieja
+Guayana</em>) heißt, als <strong>Santo Thome de la Nueva
+Guayana</strong>. Da dieser Name sehr lang ist, so sagt man dafür
+im gemeinen Leben Angostura (Engpaß).<sup><a href="#fn87" class=
+"footnoteRef" id="fnref87" name="fnref87">87</a></sup> Die
+Bevölkerung dieser Länder weiß kaum, daß die Namen Santiago de Leon
+und Santo Thome auf unsern Karten die beiden Hauptstädte von
+Venezuela und Guyana bedeuten.</p>
+<p>Angostura, dessen Länge und Breite ich nach astronomischen
+Beobachtungen schon oben angegeben, lehnt sich an einen kahlen
+Hügel von Hornblendeschiefer. Die Straßen sind gerade und laufen
+meist dem Strome parallel. Viele Häuser stehen auf dem nackten
+Fels, und hier, wie in Carichana und in manchen Missionen, glaubt
+man, daß durch die schwarzen stark von der Sonne erhitzten
+Steinflächen die Luft ungesund werde. Für gefährlicher halte ich
+die kleinen Lachen stehenden Wassers (<em>lagunas y
+anegadizos</em>), die hinter der Stadt gegen Südost sich hinziehen.
+Die Häuser in Angostura sind hoch, angenehm und meistens aus Stein.
+Diese Bauart beweist, daß man sich hier zu Lande vor den Erdbeben
+nicht sehr fürchtet; leider gründet sich aber diese Sicherheit
+keineswegs auf einen Schluß aus zuverlässigen Beobachtungen. Im
+Küstenland von Neu-Andalusien spürt man allerdings zuweilen sehr
+starke Stöße, die sich nicht über die Llanos hinüber fortpflanzen.
+Von der furchtbaren Katastrophe in Cumana am 4.&nbsp;Februar 1797
+fühlte man in Angostura nichts, aber beim großen Erdbeben vom Jahr
+1766, das jene Stadt gleichfalls zerstörte, wurde der Granitboden
+beider Orinocoufer bis zu den Katarakten von Atures und Maypures
+erschüttert. Südlich von denselben spürt man zuweilen Stöße, die
+sich auf das Becken des obern Orinoco und des Rio Negro
+beschränken. Dieselben scheinen von einem vulkanischen Herd
+auszugehen, der von dem auf den kleinen Antillen weit abliegt. Nach
+den Angaben der Missionäre in Javita und San Fernando de Atabapo
+waren im Jahr 1798 zwischen dem Guaviare und dem Rio Negro sehr
+starke Erdbeben, die nordwärts, Maypures zu, nicht mehr gespürt
+wurden. Man kann nicht aufmerksam genug Alles beachten, was die
+Gleichzeitigkeit der Bodenschwingungen und die Unabhängigkeit
+derselben auf zusammenhängenden Landstrichen betrifft. Alles weist
+darauf hin, daß die Bewegung sich nicht an der Oberfläche
+fortpflanzt, sondern durch sehr tiefe Spalten, die in verschiedene
+Herde auslaufen.</p>
+<p>Die Umgebung der Stadt Angostura bietet wenig Abwechselung;
+indessen ist die Aussicht auf den Strom, der einen ungeheuern von
+Südwest nach Nordost laufenden Canal darstellt, höchst großartig.
+Nach einem langen Streit über die Vertheidigung des Platzes und die
+Kanonenschußweite wollte die Regierung genau wissen, wie breit der
+Strom bei dem Punkte sey, welcher der <strong>Engpaß</strong>
+heißt, und wo ein Fels liegt (<em>el Peñon</em>), der bei
+Hochwasser ganz bedeckt wird. Obgleich bei der Provinzialregierung
+ein Ingenieur angestellt ist, hatte man wenige Monate vor meiner
+Ankunft in Angostura aus Caracas Don Mathias Yturbur hergeschickt,
+um den Orinoco zwischen der geschleiften Schanze San Gabriel und
+der Redoute San Rafael messen zu lassen. Ich hörte in nicht
+zuverlässiger Weise, bei dieser Messung haben sich etwas über 800
+<em>varas castellanas</em> ergeben. Der Stadtplan, welcher der
+großen Karte von Südamerika von la Cruz Olmedilla beigegeben ist,
+gibt 940 an. Ich selbst habe den Strom zweimal sehr genau
+trigonometrisch gemessen, einmal beim Engpaß selbst zwischen den
+beiden Schanzen San Gabriel und San Rafael, und dann ostwärts von
+Angostura auf dem großen Spaziergang (Alameda) beim <em>Embarcadero
+del ganado</em>. Ich fand für den ersteren Punkt (als Minimum der
+Breite) 580 Toisen, für letzteren 490. Der Strom ist also hier noch
+immer vier bis fünfmal breiter als die Seine beim Pflanzengarten,
+und doch heißt diese Strecke am Orinoco eine Einschnürung, ein
+<strong>Engpaß</strong>. Nichts gibt einen besseren Begriff von der
+Wassermasse der großen Ströme Amerikas als die Dimensionen dieser
+sogenannten Engpässe. Der Amazonenstrom ist nach meiner Messung
+beim <strong>Pongo</strong> de Rentema 217 Toisen, beim
+<strong>Pongo</strong> de Manseriche, nach La Condamine, 25, und
+beim <strong>Engpaß</strong> Pauxis 900 Toisen breit. Letzterer
+Engpaß ist also beinahe so breit als der Orinoco im Engpaß beim
+Baraguan.<sup><a href="#fn88" class="footnoteRef" id="fnref88"
+name="fnref88">88</a></sup></p>
+<p>Bei Hochwasser überschwemmt der Strom die Kais, und es kommt
+vor, daß Unvorsichtige in der Stadt selbst den Krokodilen zur Beute
+werden. Ich sehe aus meinem Tagebuche einen Fall her, der während
+Bonplands Krankheit vorgekommen. Ein Guayqueri-Indianer von der
+Insel Margarita wollte seine Pirogue in einer Bucht anbinden, die
+nicht drei Fuß tief war. Ein sehr wildes Krokodil, das immer in der
+Gegend herumstrich, packte ihn beim Bein und schwamm vom Ufer weg,
+wobei es an der Wasserfläche blieb. Das Geschrei des Indianers zog
+eine Menge Zuschauer herbei. Man sah, wie der Unglückliche mit
+unerhörter Entschlossenheit zuerst ein Messer in der Tasche seines
+Beinkleids suchte. Da er es nicht fand, packte er den Kopf des
+Krokodils und stieß ihm die Finger in die Augen. In den heißen
+Landstrichen Amerikas ist es Jedermann bekannt, daß dieses mit
+einem harten, trockenen Schuppenpanzer bedeckte fleischfressende
+Reptil an den wenigen weichen, nicht geschützten Körpertheilen, wie
+an den Augen, den Achselhöhlen, den Naslöchern und unterhalb des
+Unterkiefers, wo zwei Bisamdrüsen sitzen, sehr empfindlich ist. Der
+Guayqueri ergriff das Mittel, durch das Mungo-Parks Neger und das
+Mädchen in Uritucu, von denen oben die Rede war,<sup><a href=
+"#fn89" class="footnoteRef" id="fnref89" name=
+"fnref89">89</a></sup>sich gerettet; aber er war nicht so glücklich
+wie sie, und das Krokodil machte den Rachen nicht auf, um seine
+Beute fahren zu lassen. Im Schmerz tauchte aber das Thier unter,
+ertränkte den Indianer, erschien wieder auf der Wasserfläche und
+schleppte den Leichnam auf eine Insel dem Hafen gegenüber. Ich kam
+im Moment an Ort und Stelle, wo viele Einwohner von Angostura das
+schreckliche Ereigniß mit angesehen hatten.</p>
+<p>Da das Krokodil vermöge des Baues seines Kehlkopfs, seines
+Zungenbeins und der Faltung seiner Zunge seine Beute unter Wasser
+wohl packen, aber nicht verschlingen kann, so verschwindet selten
+ein Mensch, ohne daß man ganz nahe an der Stelle, wo das Unglück
+geschehen, nach ein paar Stunden das Thier zum Vorschein kommen und
+am nächsten Ufer seine Beute verschlingen sieht. Weit mehr
+Menschen, als man in Europa glaubt, werden alljährlich Opfer ihrer
+Unvorsichtigkeit und der Gier der Reptilien. Es kommt besonders in
+den Dörfern vor, deren Umgegend häufig überschwemmt wird. Dieselben
+Krokodile halten sich lange am nämlichen Orte auf. Sie werden von
+Jahr zu Jahr kecker, zumal, wie die Indianer behaupten, wenn sie
+einmal Menschenfleisch gekostet haben. Die Thiere sind so schlau,
+daß sie sehr schwer zu erlegen sind. Eine Kugel dringt nicht durch
+ihre Haut, und der Schuß ist nur dann tödtlich, wenn er in den
+Rachen oder in die Achselhöhle trifft. Die Indianer, welche sich
+selten der Feuerwaffen bedienen, greifen das Krokodil mit Lanzen
+an, sobald es an starken, spitzen eisernen Hacken, auf die Fleisch
+gesteckt ist und die mit einer Kette an einem Baumstamm befestigt
+sind, angebissen hat. Man geht dem Thier erst dann zu Leibe, wenn
+es sich lange abgemüht hat, um vom Eisen, das ihm in der oberen
+Kinnlade steckt, loszukommen. Es ist nicht wahrscheinlich, daß man
+es je dahin bringt, das Land von Krokodilen zu säubern, da aus
+einem Labyrinth zahlloser Flüsse Tag für Tag neue Schwärme vom
+Ostabhang der Anden über den Meta und den Apure an die Küsten von
+spanisch Guyana herabkommen. Mit dem Fortschritt der Cultur wird
+man es nur dahin bringen, daß die Thiere scheuer werden und
+leichter zu verscheuchen sind.</p>
+<p>Man erzählt rührende Fälle, wo afrikanische Sklaven ihr Leben
+aufs Spiel setzten, um ihren Herren das Leben zu retten, die in den
+Rachen eines Krokodils gerathen waren. Vor wenigen Jahren ergriff
+zwischen Uritucu und der Mission <em>de abaxo</em> in den Llanos
+von Calabozo ein Neger auf das Geschrei seines Herrn ein langes
+Messer (<em>machette</em>) und sprang in den Fluß. Er stach dem
+Thiere die Augen aus und zwang es so, seine Beute fahren zu lassen
+und sich unter dem Wasser zu verbergen. Der Sklave trug seinen
+sterbenden Herrn ans Ufer, aber alle Versuche, ihn wieder zum Leben
+zu bringen, blieben fruchtlos; er war ertrunken, denn seine Wunden
+waren nicht tief. Das Krokodil scheint, wie der Hund, beim
+Schwimmen die Kinnladen nicht fest zu schließen. Es braucht kaum
+erwähnt zu werden, daß die Kinder des Verstorbenen, obgleich sie
+sehr arm waren, dem Sklaven die Freiheit schenkten.</p>
+<p>Für die Anwohner des Orinoco und seiner Nebenflüsse sind die
+Gefahren, denen sie ausgesetzt sind, ein Gegenstand der täglichen
+Unterhaltung. Sie haben die Sitten des Krokodils beobachtet, wie
+der <strong>Torero</strong> die Sitten des Stiers. Sie wissen die
+Bewegungen des Thiers, seine Angriffsmittel, den Grad seiner
+Keckheit gleichsam voraus zu berechnen. Sehen sie sich angegriffen,
+so greifen sie mit der Geistesgegenwart und Entschlossenheit, die
+den Indianern, den Zambos, überhaupt den Farbigen eigen sind, zu
+all den Mitteln, die man sie von Kindheit auf kennen gelehrt. In
+Ländern, wo die Natur so gewaltig und furchtbar erscheint, ist der
+Mensch beständig gegen die Gefahr gerüstet. Wir haben oben erwähnt,
+was das junge indianische Mädchen sagte, das sich selbst aus dem
+Rachen des Krokodils losgemacht: »Ich wußte, daß es mich fahren
+ließ, wenn ich ihm die Finger in die Augen drückte.« Dieses Mädchen
+gehörte der dürftigen Volksklasse an, wo die Gewöhnung an physische
+Noth die moralische Kraft steigert; es ist aber wahrhaft
+überraschend, wenn man in von schrecklichen Erdbeben zerrütteten
+Ländern, auf der Hochebene von Quito Frauen aus den höchsten
+Gesellschaftsklassen im Augenblick der Gefahr dieselbe
+Kaltblütigkeit, dieselbe überlegte Entschlossenheit entwickeln
+sieht.</p>
+<p>Ich gebe zum Beleg dafür nur Ein Beispiel. Als am 4. Februar
+1797 36,000 Indianer in wenigen Minuten ihren Tod fanden, rettete
+eine junge Mutter sich und ihre Kinder dadurch, daß sie im
+Augenblick, wo der geborstene Boden sie verschlingen wollte, ihnen
+zurief, die Arme auszustrecken. Als man gegen das muthige Weib
+Verwunderung über eine so außerordentliche Geistesgegenwart
+äußerte, erwiderte sie ganz einfach: »Ich habe von Jugend auf
+gehört: überrascht dich das Erdbeben im Hause, so stelle dich unter
+die Verbindungsthür zwischen zwei Zimmern; bist du im Freien und
+fühlst du, daß der Boden unter dir sich aufthut, so strecke beide
+Arme aus und suche dich an den Rändern der Spalte zu halten.« So
+ist der Mensch in diesen wilden oder häufigen Zerrüttungen
+unterworfenen Ländern gerüstet, den Thieren des Waldes
+entgegenzutreten, sich aus dem Rachen der Krokodile zu befreien,
+sich aus dem Kampf der Elemente zu retten.</p>
+<p>So oft in sehr heißen und nassen Jahren bösartige Fieber in
+Angostura herrschen, streitet man darüber, ob die Regierung wohl
+gethan, die Stadt von <strong>Vieja Guayana</strong> an den
+<strong>Engpaß</strong> zwischen der Insel Maruanta und dem Einfluß
+des Rio Orocopiche zu verlegen. Man behauptet, der alten Stadt
+seyen, da sie näher an der See gelegen, die kühlen Seewinde mehr zu
+gut gekommen, und die große Sterblichkeit, die dort geherrscht, sey
+nicht sowohl örtlichen Ursachen als der Lebensweise der Einwohner
+zuzuschreiben gewesen. An den fruchtbaren, feuchten Ufern des
+Orinoco unterhalb des Einflusses des Carony wachsen in
+überschwenglicher Menge Wassermelonen (<em>Patillas</em>), Bananen
+und Papayas.<sup><a href="#fn90" class="footnoteRef" id="fnref90"
+name="fnref90">90</a></sup> Diese Früchte wurden roh gegessen,
+sogar unreif, und da das Volk zugleich dem Genuß geistiger Getränke
+übermäßig ergeben war, so nahm in Folge dieser unordentlichen
+Lebensweise die Volkszahl Jahr um Jahr ab. In den Archiven von
+Caracas liegen eine Menge Schriften, die davon handeln, daß die
+jeweilige Hauptstadt von Guyana nothwendig verlegt werden müsse.
+Nach den mir mitgetheilten Aktenstücken schlug man bald vor, wieder
+in die <strong>Fortaleza</strong>, das heißt nach <strong>Vieja
+Guayana</strong> zu ziehen, bald die Hauptstadt ganz nahe an der
+großen Mündung des Orinoco (zehn Meilen westwärts vom Cap Barima,
+am Einfluß des Rio Acquire) anzulegen, bald sie 25 Meilen unterhalb
+Angostura auf die schöne Savane zu stellen, auf der das Dorf San
+Miguel liegt. Es war allerdings eine engherzige Politik, wenn die
+Regierung glaubte, »zur besseren Vertheidigung der Provinz den
+Hauptort in der ungeheuern Entfernung von 85 Meilen von der See
+anlegen zu müssen und auf dieser Strecke keine Stadt erbauen zu
+dürfen, die den Einfällen des Feindes bloßgestellt wäre«. Zu dem
+Umstand, daß europäische Fahrzeuge den Orinoco sehr schwer bis
+Angostura hinaufkommen (weit schwerer als auf dem Potomac bis
+Washington), kommt noch der andere für die Agriculturindustrie sehr
+nachtheilige, daß der Mittelpunkt des Handels oberhalb der Stelle
+liegt, wo die Ufer des Stroms den Fleiß des Colonisten am meisten
+lohnen. Es ist nicht einmal richtig, daß die Stadt Angostura oder
+Santo Thome de la Nueva Guayana da angelegt worden, wo im Jahr 1764
+das bebaute Land anfing; damals wie jetzt war die Hauptmasse der
+Bevölkerung von Guyana in den Missionen der catalonischen Kapuziner
+zwischen den Flüssen Carony und Cuyuni. Nun ist aber dieses Gebiet,
+das wichtigste in der ganzen Provinz, wo sich der Feind Hülfsmittel
+aller Art verschaffen kann, eben durch <strong>Vieja
+Guayana</strong> geschützt — oder man nimmt dieß doch an — in
+keiner Weise aber durch die Werke der neuen Stadt Angostura.</p>
+<p>Die in Vorschlag gebrachte Stelle bei San Miguel liegt ein Stück
+ostwärts vom Einfluß des Carony, also zwischen der See und dem
+bevölkertsten Landstriche. Legt man den Hauptort der Provinz noch
+weiter unten, ganz nahe am Ausfluß des Orinoco an, wie de Pons
+will, so hat man weniger von der Nähe der Caraiben zu besorgen, die
+man sich leicht vom Leibe hielte, als vom Umstand, daß der Feind
+über die kleinen westlichen Mündungen des Orinoco, die Caños
+Macareo und Manamo, den Platz umgehen und in das Innere der Provinz
+vordringen könnte. Bei einem Flusse, dessen Delta schon 45 Meilen
+von der See den Anfang nimmt, kommen, wenn es sich von der Anlage
+einer großen Stadt handelt, zwei Interessen ins Spiel, die
+militärische Vertheidigung und die Rücksicht auf Handel und
+Ackerbau. Der Handel verlangt, daß die Stadt so nahe als möglich
+bei der großen Mündung, der <em>Boca de Navios</em> liege; aus dem
+Gesichtspunkt der militärischen Sicherung stände sie besser
+oberhalb des Beginns des Delta, westlich vom Punkt, wo der Caño
+Manamo vom Hauptstrom abgeht und durch mannigfache Verzweigungen
+mit den acht kleinen Mündungen (<em>Boca chicas</em>) zwischen der
+Insel Cangrejos und der Mündung des Rio Guarapiche in Verbindung
+steht. Die Lage von <strong>Vieja</strong> wie von
+<strong>Nueva</strong> Guayana entspricht der letzteren Bedingung.
+Die der alten Stadt hat noch den weiteren Vortheil, daß sie in
+gewissem Grade die schönen Niederlassungen der catalonischen
+Kapuziner am Carony deckt. Man könnte dieselben angreifen, wenn man
+am rechten Ufer des <strong>Brazo Imataca</strong> ans Land ginge;
+aber die Mündung des Carony, in der die Piroguen die Unruhe des
+Wassers von den nahen Katarakten her (<em>Salto de Carony</em>)
+spüren, ist durch die Werke von Alt-Guayana vertheidigt.</p>
+<p>Ich bin bei dieser Erörterung ins Einzelne gegangen, weil diese
+dünn bevölkerten Länder durch die politischen Ereignisse in
+neuester Zeit große Wichtigkeit erhalten haben. Ich habe die
+verschiedenen Plane besprochen, so weit ich bei meiner Lage und
+meinem Verhältniß zur spanischen Regierung die Oertlichkeiten am
+untern Orinoco habe kennen lernen. Es ist Zeit, daß man der in den
+spanischen und portugiesischen Colonien herrschenden Sucht, Städte
+zu versetzen, wie Nomadenlager, entgegentritt. Nicht als ob die
+Gebäude in Angostura zu bedeutend und zu fest wären, als daß man an
+eine Zerstörung der Stadt denken könnte; bei ihrer Lage am Fuße
+eines Felsens scheint sie sich schwer weiter ausdehnen zu können;
+aber trotz dieser Uebelstände läßt man doch lieber stehen, was seit
+fünfzig Jahren gediehen ist. Unmerklich verknüpft sich mit der
+Existenz einer Hauptstadt, so klein sie auch seyn mag, das
+Bewußtseyn gesicherter öffentlicher Zustände, und wenn das
+Handelsinteresse eine theilweise Abänderung durchaus verlangt, so
+könnte man ja später, während Angostura der Sitz der Verwaltung und
+der Mittelpunkt der Geschäfte bliebe, näher an der großen Mündung
+des Orinoco einen andern Hafen anlegen. So ist ja Guayra der
+Stapelplatz von Caracas, und so mag eines Tags Vera Cruz der Hafen
+von Xalapa werden. Die Fahrzeuge aus Europa und aus den Vereinigten
+Staaten, die mehrere Monate in diesen Strichen verweilen, könnten,
+wenn sie wollten, bis Angostura hinauf gehen, die andern nähmen
+ihre Ladung im Hafen zunächst der Punta Barima ein, wo sich in
+Friedenszeit die Magazine, die Seilerbahnen und die Werfte
+befanden. Zur Deckung des Landes zwischen der Hauptstadt und dem
+Stapelplatz oder dem <em>Puerto de la Boca grande</em> gegen einen
+feindlichen Einfall befestigte man die Ufer des Orinoco may einem
+dem Terrain angepaßten Vertheidigungssystem, etwa bei Imataca oder
+Zacupana, bei Barancas oder San Rafael (an der Stelle, wo der Caño
+Manamo vom Hauptstrom abgeht), bei Vieja Guayana, bei der Insel
+Faxardo (dem Einfluß des Carony gegenüber) und beim Einfluß des
+Mamo. In diese Werke, die ohne große Kosten zu beschaffen wären,
+flüchteten sich auch die Kanonierschaluppen, die an den Punkten
+stationirt sind, welche die feindlichen Fahrzeuge, wenn sie gegen
+die Strömung heraufsegeln, in Sicht haben müssen, um neue Schläge
+zu machen. Diese Vertheidigungsmittel scheinen mir um so dringender
+geboten, da sie nur zu lange vernachlässigt worden
+sind.<sup><a href="#fn91" class="footnoteRef" id="fnref91" name=
+"fnref91">91</a></sup></p>
+<p>Die Nordküsten von Südamerika sind größtentheils durch eine
+Bergkette gedeckt, die von West nach Ost streichend zwischen dem
+Uferstrich und den Llanos von Neu-Andalusien, Barcelona, Venezuela
+und Varinas liegt. Diese Küsten haben die Aufmerksamkeit des
+Mutterlandes wohl zu ausschließlich in Anspruch genommen: dort
+liegen sechs feste Plätze mit schönem, zahlreichem Geschütz,
+nämlich Carthagena, San Carlos de Maracaybo, Porto Cabello, la
+Guayra, der Moro de Nueva Barcelona und Cumana. Die Ostküsten von
+spanisch Amerika, die von Guyana und Buenos Ayres sind niedrig und
+ohne Schutz; einem unternehmenden Feinde fällt es nicht schwer, ins
+Innere des Landes bis zum Ostabbang der Cordilleren von Neu-Grenada
+und Chili vorzudringen. Die Richtung des Rio de la
+Plata,<sup><a href="#fn92" class="footnoteRef" id="fnref92" name=
+"fnref92">92</a></sup> der durch den Uruguay, Parana und Paraguay
+gebildet wird, nöthigt das angreifende Heer, wenn es ostwärts
+vordringen will, über die Steppen (Pampas) bis Cordova oder Mendoza
+zu ziehen; aber nördlich vom Aequator, in spanisch Guyana bietet
+der Lauf des Orinoco<sup><a href="#fn93" class="footnoteRef" id=
+"fnref93" name="fnref93">93</a></sup> und seiner beiden großen
+Nebenflüsse Apure und Meta in der Richtung eines Parallelkreises
+eine Wasserstraße, auf der sich Munition und Lebensmittel leicht
+fortbringen lassen. Wer Herr von Angostura ist, dringt nach
+Gefallen nordwärts in die Steppen von Cumana, Barcelona und
+Caracas, nordwestwärts in die Provinz Varinas, westwärts in die
+Provinzen am Casanare bis an den Fuß der Gebirge von Pamplona,
+Tunja und Santa Fe de Bogota vor. Zwischen der Provinz spanisch
+Guyana und dem reichen, stark bevölkerten, gut angebauten
+Uferstrich liegen nur die Niederungen am Orinoco, Apure und Meta.
+Die festen Plätze (Cumana, la Guayra und Porto-Cabello) schützen
+diese Länder kaum vor einer Landung an der Nordküste. An diesen
+Angaben über die Bodenbildung und die gegenwärtige Vertheilung der
+festen Punkte mag es genügen. Man ersieht daraus wohl hinlänglich,
+daß zur politischen Sicherung der vereinigten Provinzen Caracas und
+Neu-Grenada eine Deckung der Orinocomündungen unumgänglich ist, und
+daß spanisch Guyana, obgleich kaum urbar gemacht und so dünn
+bevölkert, im Kampfe zwischen den Colonien und dem Mutterlande eine
+große Bedeutung erlangt. Diese militärische Bedeutung des Landes
+erkannte der berühmte Ralegh schon vor zweihundert Jahren. Im
+Bericht über seine erste Expedition kommt er öfters daraus zurück,
+wie leicht es der Königin Elisabeth wäre, »auf dem Orinoco und den
+zahllosen Flüssen, die sich in denselben ergießen,« einen großen
+Theil der spanischen Colonien zu erobern. Wir haben oben angeführt,
+daß Girolamo Benzoni im Jahr 1545 die Revolutionen auf
+St.&nbsp;Domingo, »das in Kurzem Eigenthum der Schwarzen werden
+müsse,« vorhersagte. Hier finden wir in einem Werke, das 1596
+erschien, einen Feldzugsplan, der sich durch Ereignisse der
+jüngsten Zeit als ganz richtig erwiesen hat.</p>
+<p>In den ersten Jahren nach der Gründung stand die Stadt Angostura
+in keinem unmittelbaren Verkehr mit dem Mutterland. Die Einwohner
+beschränkten sich darauf, dürres Fleisch und Tabak auf die Antillen
+und über den Rio Cuyuni in die holländische Provinz am Essequebo zu
+schmuggeln. Man erhielt unmittelbar aus Spanien weder Wein, noch
+Oel, noch Mehl, die drei gesuchtesten Einfuhrartikel. Im Jahr 1771
+schickten einige Handelsleute die erste Goelette nach Cadix, und
+seitdem wurde der direkte Tauschhandel mit den andalusischen und
+catalonischen Hafen sehr lebhaft. Seit 1785 nahm die Bevölkerung
+von Angostura,<sup><a href="#fn94" class="footnoteRef" id="fnref94"
+name="fnref94">94</a></sup> nachdem sie lange sehr zurückgeblieben
+war, stark zu; indessen war sie bei meinem Aufenthalt in Guyana
+noch weit hinter der Bevölkerung der nächsten englischen Stadt
+Stabrock zurück. Die Mündungen des Orinoco haben etwas vor allen
+Hafen von Terra Firma voraus: man verkehrt aus denselben am
+raschesten mit der spanischen Halbinsel. Man fährt zuweilen von
+Cadix zur Punta Barima in 18 bis 20, und nach Europa zurück in 30
+bis 35 Tagen. Da diese Mündungen unter dem Winde aller Inseln
+liegen, so können die Schiffe von Angostura einen vortheilhafteren
+Verkehr mit den Colonien auf den Antillen unterhalten als Guayra
+und Porto Cabello. Die Handelsleute in Caracas sehen daher auch
+immer mit eifersüchtigen Blicken auf die Fortschritte der Industrie
+in spanisch Guyana, und da Caracas bisher der höchste
+Regierungssitz war, so wurde der Hafen von Angostura noch weniger
+begünstigt als die Häfen von Cumana und Nueva Barcelona. Der innere
+Verkehr ist am lebhaftesten mit der Provinz Varinas. Aus derselben
+kommen nach Angostura Maulthiere, Cacao, Indigo, Baumwolle und
+Zucker, und sie erhält dafür »<em>Generos</em>,« das heißt
+europäische Manufakturprodukte. Ich sah lange Fahrzeuge
+(<em>Lanchas</em>) abgehen, deren Ladung auf acht bis zehntausend
+Piaster geschätzt wurde. Diese Fahrzeuge fahren zuerst den Orinoco
+bis Cabruta, dann den Apure bis San Vicente, endlich den Rio Santo
+Domingo bis Torunos hinauf, welches der Stapelplatz von Varinas
+Nuevas ist. Die kleine Stadt San Fernando de Apure, die ich oben
+beschrieben,<sup><a href="#fn95" class="footnoteRef" id="fnref95"
+name="fnref95">95</a></sup> dient als Niederlage bei diesem
+Flußhandel, der durch die Einführung der Dampfschifffahrt noch weit
+bedeutender werden kann.</p>
+<p>Das linke Ufer des Orinoco und alle Mündungen des Stroms, mit
+Ausnahme der Boca de Navios, gehören zu der Provinz Cumana. Dieser
+Umstand hat schon lange Anlaß zum Projekt gegeben, Angostura
+gegenüber (da wo gegenwärtig die Batterie San Rafael steht) eine
+neue Stadt zu gründen, um vom Gebiet der Provinz Cumana selbst, und
+ohne über den Orinoco sehen zu müssen, die Maulthiere und das dürre
+Fleisch der Llanos ausführen zu können. Kleinlichte
+Eifersüchteleien, wie sie immer zwischen zwei benachbarten
+Regierungen im Schwange sind, werden diesem Plane Vorschub leisten;
+aber beim gegenwärtigen Zustand des Ackerbaus im Lande ist zu
+wünschen, daß er noch lange vertagt bleibt. Warum sollte man an den
+Ufern des Orinoco zwei concurrirende Städte bauen, die kaum 400
+Toisen auseinander lägen?</p>
+<p>Ich habe im Bisherigen das Land beschrieben, das wir auf einer
+500 Meilen langen Flußfahrt durchzogen; es bleibt jetzt nur noch
+das kleine 3,52 Längengrade betragende Stück zwischen der
+gegenwärtigen Hauptstadt und Mündung des Orinoco übrig. Eine genaue
+Kenntniß des Delta und des Laufs des Rio Carony ist für die
+Hydrographie und den europäischen Handel von gleichem Belang. Um
+den Flächenraum und die Bildung eines von Flußarmen
+durchschnittenen und periodischen Ueberschwemmungen unterworfenen
+Landes beurtheilen zu können, hatte ich die astronomische Lage der
+Punkte, wo die Spitze und die äußersten Arme des Delta liegen, zu
+ermitteln. Churruca, der mit Don Juacquin Fidalgo den Auftrag
+hatte, die Nordküsten von Terra Firma und die Antillen aufzunehmen,
+hat Länge und Breite der Boca de Manamo, der Punta Baxa und von
+Vieja Guayana bestimmt. Aus Espinosas Denkschriften kennen wir die
+wahre Lage der Punta Barima, und ich glaube daher, wenn ich nach
+den Punkten Puerto España auf der Insel Trinidad und dem Schloß San
+Antonio bei Cumana (Punkten, welche durch meine eigenen
+Beobachtungen und durch Oltmanns scharfsinnige Untersuchungen
+gegeben sind) eine Reduction vornehme und dadurch die absoluten
+Längen näher bestimme, hinlänglich genaue Angaben machen zu können.
+Es ist wünschenswerth, daß einmal auf einer ununterbrochenen Fahrt
+auf chronometrischem Wege die Meridianunterschiede zwischen Puerto
+España und den kleinen Mündungen des Orinoco, zwischen San Rafael
+(der Spitze des Delta) und Santo Thome de Angostura bestimmt
+werden.</p>
+<p>Die ganze Ostküste von Südamerika vom Cap San Roque, und
+besonders vom Hafen von Maranham bis zum Gebirgsstock von Paria ist
+so niedrig, daß, nach meiner Ansicht, das Delta des Orinoco und
+seine Bodenbildung nicht wohl den Anschwemmungen Eines Stromes
+zugeschrieben werden kann. Ich will nach der Aussage der Alten
+nicht in Abrede ziehen, daß das Nildelta einst ein Busen des
+Mittelmeers war, der allmählig durch Anschwemmung ausgefüllt wurde.
+Es begreift sich leicht, daß sich an der Mündung aller großen
+Ströme da, wo die Geschwindigkeit der Strömung rasch abnimmt, eine
+Bank, ein Eiland bildet, daß sich Material absetzt, das nicht
+weiter geschwemmt werden kann. Es ist ebenso begreiflich, daß der
+Fluß, da er um diese Bank herum muß, sich in zwei Arme spaltet, und
+daß die Anschwemmungen, da sie an der Spitze des Delta einen
+Stützpunkt finden, sich immer weiter ausbreiten, während die
+Flußarme aus einander weichen. Der Vorgang bei der ersten Gabelung
+wiederholt sich bei jedem einzelnen Stromstück, so daß die Natur
+durch denselben Proceß ein Labyrinth kleiner gegabelter Canäle
+hervorbringen kann, die sich im Laufe der Jahrhunderte, je nach der
+Stärke und der Richtung der Hochgewässer, ausfüllen oder vertiefen.
+Auf diese Weise hat sich unzweifelhaft der Hauptstamm des Orinoco
+25 Meilen westwärts von der Boca de Ravios in zwei Arme, den von
+Zacupana und den von Imataca, getheilt. Das Netz kleinerer Zweige
+dagegen, die gegen Nord vom Flusse abgehen und deren Mündungen
+<em>bocas chicas</em> (die kleinen Mündungen) heißen, scheint mir
+eine Erscheinung, die ganz mit der Bildung der <strong>Deltas von
+Nebenflüssen</strong> übereinkommt.<sup><a href="#fn96" class=
+"footnoteRef" id="fnref96" name="fnref96">96</a></sup> Wenn mehrere
+hundert Meilen von der Küste ein Fluß (z.&nbsp;B. der Apure oder
+Jupura) sich mittelst einer Menge von Zweigen mit einem andern Fluß
+verbindet, so sind diese mannigfachen Gabelungen nur Rinnen in
+einem völlig ebenen Boden. Ebenso verhält es sich mit den
+<strong>oceanischen</strong> Deltas überall, wo bei allgemeinen
+Ueberfluthungen in Zeiten, bevor Orinoco und Amazonenstrom
+bestanden, die Küsten mit erdigen Niederschlägen bedeckt wurden.
+Ich bezweifle, daß alle oceanischen Deltas einst Meerbusen, oder,
+wie einige neuere Geographen sich ausdrücken, <strong>negative
+Deltas</strong> waren. Wem einmal die Mündungen des Ganges, des
+Indus, des Senegal, der Donau, des Amazonenstroms, des Orinoco und
+des Mississippi geologisch genauer untersucht sind, wird sich
+zeigen, daß nicht alle denselben Ursprung haben; man wird dann
+zwischen Küsten unterscheiden, die in Folge der sich häufenden
+Anschwemmungen rasch in die See hinaus vorrücken, und Küsten, die
+sich innerhalb des allgemeinen Umrisses der Continente halten; man
+wird unterscheiden zwischen einem, von einem
+<strong>gegabelten</strong> Strom gebildeten Landstrich, und den
+von ein paar Seitenarmen durchzogenen Niederungen, die zu einem
+aufgeschwemmten Lande gehören, das mehrere tausend Quadratmeilen
+Flächenraum hat.</p>
+<p>Das Delta des Orinoco zwischen der Insel Cangrejos und der Boca
+de Manamo (der Landstrich, wo die Guaraons wohnen) läßt sich mit
+der Insel Marajo oder Joanes an der Mündung des Amazonenstroms
+vergleichen. Dort liegt das aufgeschwemmte Land nördlich, hier
+südlich vom Hauptstamm des Stroms. Aber die Insel Joanes schließt
+sich nach ihrer Form der allgemeinen Bodenbildung in der Provinz
+Maranhao gerade so an, wie die Küste bei den <em>Bocas chicas</em>
+des Orinoco den Küsten am Rio Essequebo und am Meerbusen von Paria.
+Nichts weist darauf hin, daß einmal letzterer Meerbusen südwärts
+von der Boca de Manamo bis Vieja Guayana ins Land hinein gereicht,
+oder daß der Amazonenstrom die ganze Bucht zwischen Villa Vistosa
+und Gran Para mit seinen Gewässern gefüllt hat. Nicht Alles, was an
+den Flüssen liegt, ist ihr Werk. Meist haben sie sich in
+aufgeschwemmtem Land ein Bett gegraben, aber diese Anschwemmungen
+sind von höherem geologischem Alter, hängen mit den großen
+Umwälzungen zusammen, die unser Planet erlitten. Es ist zu
+ermitteln, ob zwischen den gegabelten Zweigen eines Flusses der
+Schlick nicht auf einer Schicht von Geschieben liegt, wie man sie
+sehr weit vom fließenden Wasser findet. Die Arme des Orinoco
+weichen auf 47 Seemeilen auseinander; es ist dieß die Breite des
+oceanischen Deltas zwischen Punta Barima und der am weitesten nach
+West gelegenen <em>Boca chica</em>. Dieser Landstrich ist bis jetzt
+nicht genau aufgenommen, und so kennt man auch nicht die Zahl der
+Mündungen. Nach der gemeinen Annahme hat der Orinoco ihrer sieben,
+und dieß erinnert an die im Alterthum so berufenen <em>septem ostia
+Nili</em>. Aber das egyptische Delikt war nicht immer auf diese
+Zahl beschränkt, und an den überschwemmten Küsten von Guyana kann
+man wenigstens elf ganz ansehnliche Mündungen zählen. Nach der Boca
+de Navios, welche die Schiffer an der Punta Barima erkennen, sind
+vom größten Werth für die Schifffahrt die Bocas Mariusas, Macareo,
+Pedernales und Manamo grande. Der Strich des Deltas westwärts von
+der Boca Macareo wird von den Gewässern des Meerbusens von Paria
+oder <em>Golfo triste</em> bespült. Dieses Becken wird durch die
+Ostküste der Provinz Cumana und die Westküste der Insel Trinidad
+gebildet; es steht mit dem Meer der Antillen durch die
+vielberufenen <em>Bocas de Dragos</em> (Mündungen des Drachen) in
+Verbindung, welche die Küstenpiloten seit Christoph Columbus Zeit
+ziemlich uneigentlich als die Mündungen des Orinoco betrachten.</p>
+<p>Will ein Schiff von der hohen See her in die Hauptmündung des
+Orinoco, die Boca de Navios einlaufen, so muß es die Punta Barima
+in Sicht bekommen. Das rechte, südliche Ufer ist das höhere; es
+kommt auch nicht weit davon landeinwärts, zwischen dem Caño Barima,
+dem Aquire und dem Cuyuni, das Granitgestein auf dem morastigen
+Boden zu Tage. Das linke oder nördliche Stromufer, welches über das
+Delta bis zur Boca de Mariusas und der Punta Baxa läuft, ist ganz
+niedrig; man erkennt es von weitem nur an den Gruppen von
+Mauritiapalmen, welche die Landschaft zieren. Der Baum ist der
+Sagobaum dieses Landstrichs;<sup><a href="#fn97" class=
+"footnoteRef" id="fnref97" name="fnref97">97</a></sup> man gewinnt
+daraus das Mehl zum <strong>Yurumabrod</strong>, und die Mauritia
+ist keineswegs eine »Küstenpalme«, wie <em>Chamaerops humilis</em>,
+wie der gemeine Cocosbaum und Commersons <em>Lodoicea</em>, sondern
+geht, als »Sumpfpalme«, bis zu den Quellen des Orinoco
+hinauf.<sup><a href="#fn98" class="footnoteRef" id="fnref98" name=
+"fnref98">98</a></sup> Während der Ueberschwemmungen nehmen sich
+diese Mauritiabüsche wie ein Wald aus, der aus dem Wasser taucht.
+Der Schiffer, wenn er bei Nacht durch die Canäle des Orinocodeltas
+fährt, sieht mit Ueberraschung die Wipfel der Palmen von großen
+Feuern beleuchtet. Dieß sind die an den Baumästen aufgehängten
+Wohnungen der Guaraons (Raleghs Tivitivas und Uarauetis). Diese
+Völkerschaften spannen Matten in der Luft aus, füllen sie mit Erde
+und machen auf einer befeuchteten Thonschicht ihr Haushaltungsfeuer
+an. Seit Jahrhunderten verdanken sie ihre Freiheit und politische
+Unabhängigkeit dem unfesten, schlammigten Boden, auf dem sie in der
+trockenen Jahreszeit umherziehen und auf dem nur sie sicher gehen
+können, ihrer Abgeschiedenheit auf dem Delta des Orinoco, ihrem
+Leben auf den Bäumen, wohin religiöse Schwärmerei schwerlich je
+amerikanische <strong>Styliten</strong><sup><a href="#fn99" class=
+"footnoteRef" id="fnref99" name="fnref99">99</a></sup> treibt. Ich
+habe schon anderswo bemerkt, daß die Mauritiapalme, der
+»Lebensbaum« der Missionäre, den Guaraons nicht nur beim Hochwasser
+des Orinoco eine sichere Behausung bietet, sondern ihnen in seinen
+schuppigten Früchten, in seinem mehligten Mark, in seinem
+zuckerreichen Saft, endlich in den Fasern seiner Blattstiele,
+Nahrungsmittel, Wein und Schnüre zu Stricken und Hängematten gibt.
+Gleiche Gebräuche wie bei den Indianern auf dem Delta des Orinoco
+herrschten früher im Meerbusen von Darien (Uraba) und auf den
+meisten zeitweise unter Wasser stehenden Landstrichen zwischen dem
+Guarapiche und der Mündung des Amazonenstroms. Es ist sehr
+merkwürdig, auf der niedrigsten Stufe menschlicher Cultur das Leben
+einer ganzen Völkerschaft an eine einzige Palmenart gekettet zu
+sehen, Insekten gleich, die sich nur von Einer Blüthe, vom selben
+Theil eines Gewächses nähren.</p>
+<p>Es ist nicht zu verwundern, daß die Breite der Hauptmündung des
+Orinoco (<em>Boca de Navios</em>) so verschieden geschätzt wird.
+Die große Insel Cangrejos ist nur durch einen schmalen Canal von
+dem unter Wasser stehenden Boden getrennt, der zwischen den Bocas
+Nuina und Mariusas liegt, so daß 20 oder 14 Seemeilen (zu 950
+Toisen) herauskommen, je nachdem man (in einer der Strömung
+entgegengesetzten Richtung) von der Punta Barima zum nächsten
+gegenüberliegenden Ufer, oder von derselben Punta zum östlichen
+Theil der Insel Cangrejos mißt. Ueber die Wasserstraße läuft eine
+Sandbank, eine Barre, in 17&nbsp;Fuß Tiefe; man gibt derselben eine
+Breite von 2500 bis 2800 Toisen. Wie beim Amazonenstrom, beim Nil
+und allen Flüssen, die sich in mehrere Arme theilen, ist auch beim
+Orinoco die Mündung nicht so groß, als man nach der Länge seines
+Laufes und nach der Breite, die er noch mehrere hundert Meilen weit
+im Lande hat, vermuthen sollte. Man weiß nach Malaspinas Aufnahme,
+daß der Rio de la Plata von Punta del Este bei Maldonado bis zum
+Cabo San Antonio über 124 Seemeilen (41,3 französische Lieues)
+breit ist; fährt man aber nach Buenos Ayres hinauf, so nimmt die
+Breite so rasch ab, daß sie <em>Colonia del Sacramento</em>
+gegenüber nur noch 21 Seemeilen beträgt. Was man gemeiniglich die
+Mündung des Rio de la Plata heißt, ist eben ein Meerbusen, in den
+sich der Uruguay und der Parana ergießen, zwei Flüsse, die nicht so
+breit sind wie der Orinoco. Um die Größe der Mündung des
+Amazonenstroms zu übertreiben, rechnet man die Inseln Marajo und
+Caviana dazu, so daß von Punta Tigioca bis zu Cabo del Norte die
+ungeheure Breite von 3½ Grad oder 70 französischen Meilen
+herauskommt; betrachtet man aber näher das hydraulische System des
+Canals Tagypuru, des Rio Tocantins, des Amazonenstroms und des
+Araguari, die ihre ungeheuren Wassermassen vereinigen, so sieht
+man, daß diese Schätzung rein aus der Luft gegriffen ist. Zwischen
+Macapa und dem westlichen Ufer der Insel Marajo (<em>Ilha de
+Joanes</em>) ist der eigentliche Amazonenstrom in zwei Arme
+getheilt, die zusammen nur 32 Seemeilen (11 Lieues) breit sind.
+Weiter unten läuft das Nordufer der Insel Marajo in der Richtung
+eines Parallels fort, während die Küste von portugiesisch Guyana
+zwischen Macapa und Cabo del Norte von Süd nach Nord streicht. So
+kommt es, daß der Amazonenstrom bei den Inseln Maxiana und Caviana,
+da wo die Gewässer des Stroms und die des atlantischen Oeeans
+zuerst auf einander stoßen, einen gegen 40 Seemeilen breiten
+Meerbusen bildet. Der Orinoco steht noch mehr hinsichtlich der
+Länge des Laufs als der Breite im Binnenlande dem Amazonenstrom
+nach, er ist ein Fluß zweiter Ordnung; man darf aber nicht
+vergessen, daß alle diese Eintheilungen nach der Länge des Laufs
+oder der Breite der Mündungen sehr willkürlich sind. Die Flüsse der
+britannischen Inseln laufen in Meerbusen oder Süßwasserseen aus, in
+denen durch die Ebbe und Fluth des Meeres die Wasser periodisch hin
+und hergetrieben werden; sie weisen uns deutlich darauf hin, daß
+man die Bedeutung eines hydraulischen Systems nicht einzig nach der
+Breite der Mündungen schätzen darf. Jede Vorstellung von
+<strong>relativer Größe</strong> ist schwankend, so lange man nicht
+durch Messung der Geschwindigkeit und des Flächenraums von
+Querschnitten die Wassermassen vergleichen kann. Leider sind
+Ausnahmen der Art an Bedingungen geknüpft, die der einzelne
+Reisende nicht erfüllen kann. So muß man das ganze Flußbett
+sondiren können, und zwar in verschiedenen Jahreszeiten. Da
+scheinbar sehr breite Flüsse meist nicht sehr tiefe, von mehreren
+parallelen Rinnen durchzogene Becken sind<sup><a href="#fn100"
+class="footnoteRef" id="fnref100" name="fnref100">100</a></sup> so
+führen sie auch weit weniger Wasser, als man auf den ersten Blick
+glaubt. Zwischen dem Maximum und dem Minimum des Wasserstandes
+während der großen Ueberschwemmungen und in der trockenen
+Jahreszeit kann die Wassermasse um das Fünfzehn- bis Zwanzigfache
+größer oder kleiner seyn.</p>
+<p>Sobald man Punta Barima umsegelt hat und in das Bett des Orinoco
+selbst eingelaufen ist, findet man dieses nur 3000 Toisen breit.
+Höhere Angaben beruhen auf dem Versehen, daß die Steuerleute den
+Fluß auf einer Linie messen, die nicht senkrecht auf die Richtung
+der Strömung gezogen ist. Die Insel Cangrejos zu befestigen, bei
+der das Wasser vier bis fünf Faden tief ist, wäre unnütz; die
+Fahrzeuge wären hier außerhalb Kanonenschußweite. Das Labyrinth von
+Canälen, die zu den kleinen Mündungen führen, wechselt Tag für Tag
+nach Gestalt und Tiefe. Viele Steuerleute sind der festen Ansicht,
+die Caños Cocuina, Pedernales und Macareo, durch welche der
+Küstenhandel mit der Insel Trinidad getrieben wird, seyen in den
+letzten Jahren tiefer geworden und der Strom ziehe sich immer mehr
+von der Boca de Navios weg und wende sich mehr nach Nordwest. Vor
+dem Jahr 1760 wagten sich Fahrzeuge mit mehr als 10 bis 12 Fuß
+Tiefgang selten in die kleinen Canäle des Delta. Gegenwärtig scheut
+man die »kleinen Mündungen« des Okinoco fast gar nicht mehr, und
+feindliche Schiffe, welche nie diese Striche befahren haben, finden
+an den Guaraons willige, geübte Wegweiser. Die Civilisirung dieser
+Völkerschaft, deren Wohnsitze sich zum Orinoco verhalten wie die
+der Nhengahybas oder Igaruanas zum Amazonenstrom, ist für jede
+Regierung, die am Orinoco Herr bleiben will, von großem Belang.</p>
+<p>Ebbe und Fluth sind im April, beim tiefsten Wasserstand, bis
+über Angostura hinauf zu spüren, also mehr als 85 Meilen
+landeinwärts. Beim Einfluß des Carony, 60 Meilen von der Küste,
+steigt das Wasser durch Stauung um einen Fuß drei Zoll. Diese
+Schwingungen der Wasserfläche, diese Unterbrechung des Laufs sind
+nicht mit der aufsteigenden Fluth zu verwechseln. Bei der großen
+Mündung des Orinoco an Cap Barima beträgt die Fluthhöhe 2&nbsp;bis
+3&nbsp;Fuß, dagegen weiter gegen Nordwest, im <em>Golfo
+triste</em>, zwischen der Boca Pedernales, dem Rio Guarapiche und
+der Westküste von Trinidad, 7&nbsp;bis 8, sogar 10&nbsp;Fuß. So
+viel macht auf einer Strecke von 30 bis 40 Meilen der Einfluß des
+Umrisses der Küsten aus, sowie der Umstand, daß die Gewässer durch
+die Bocas de Dragos langsamer abfließen. Wenn man in ganz neuen
+Werken angegeben findet, der Orinoco verursache 2&nbsp;bis
+3&nbsp;Grad in die hohe See hinaus besondere Strömungen, die Farbe
+des Seewassers verändere sich dadurch und im <em>Golfo triste</em>
+sey süßes Wasser (Gumillas <em>Mar dulce</em>), so sind das lauter
+Fabeln. Die Strömung geht an dieser ganzen Küste von Cap Orange an
+nach Nordwest, und der Einfluß der süßen Gewässer des Orinoco auf
+die Stärke dieser allgemeinen Strömung, auf die Durchsichtigkeit
+und die Farbe des Meerwassers bei reflektirtem Licht ist selten
+weiter als 3&nbsp;bis 4 Meilen nordostwärts von der Insel Cangrejos
+zu spüren. Das Wasser im <em>Golfo triste</em> ist gesalzen, nur
+weniger als im übrigen Meer der Antillen wegen der kleinen
+Mündungen des Orinocodelta und der Wassermasse, welche der Rio
+Guarapiche hineinbringt. Aus denselben Gründen gibt es keine
+Salzwerke an diesen Küsten, und ich habe in Angostura Schiffe aus
+Cadix ankommen sehen, die Salz, ja, was für die Industrie in den
+Colonien bezeichnend ist, Backsteine zum Bau der Hauptkirche
+geladen hatten.</p>
+<p>Den Umstand, daß die unbedeutende Fluth an der Küste im Bette
+des Orinoco und des Amazonenstroms so ungemein weit aufwärts zu
+spüren ist, hat man bis jetzt als einen sichern Beweis angesehen,
+daß beide Ströme auf einer Strecke von 85 und 200 Meilen nur um
+wenige Fuß fallen können. Dieser Beweis erscheint aber durchaus
+nicht als stichhaltig, wenn man bedenkt, daß die Stärke der sich
+fortpflanzenden Schwankungen im Niveau von vielen örtlichen
+Umständen abhängig ist, von der Form, den Krümmungen und der Zahl
+der in einander mündenden Canäle, vom Widerstand des Grundes, auf
+dem die Fluthwelle herauskommt, vom Abprallen des Wassers an den
+gegenüberliegenden Ufern und von der Einschnürung des Stroms in
+einem Engpaß. Ein gewandter Ingenieur, Bremontier, hat in neuester
+Zeit dargethan, daß im Bett der Garonne die Fluthwellen wie auf
+einer geneigten Ebene weit über das Niveau der See an der Mündung
+des Flusses hinaufgehen. Im Orinoco kommen die ungleich hohen
+Fluthen von Punta Barima und vom <em>Golfo triste</em> in
+ungleichen Intervallen durch die große Wasserstraße der Boca de
+Navios und durch die engen, gewundenen, zahlreichen <em>bocas
+chicas</em> herauf. Da diese kleinen Canäle am selben Punkt, bei
+San Rafael, vom Hauptstamm abgehen, so wäre es von Interesse, die
+Verzögerung des Eintritts der Fluth und die Fortpflanzung der
+Fluthwellen im Bett des Orinoco oberhalb und unterhalb San Rafael,
+auf der See bei Cap Barima und im <em>Golfo triste</em> bei der
+Boca Manamo zu beobachten. Die Wasserbaukunst und die Theorie der
+Bewegung von Flüssigkeiten in engen Canälen müßten beide Nutzen aus
+einer Arbeit ziehen, für welche der Orinoco und der Amazonenstrom
+besonders günstige Gelegenheit boten.</p>
+<p>Bei der Fahrt auf dem Fluß, ob nun die Schiffe durch die Boca de
+Navios einlaufen oder sich durch das Labyrinth der <em>bocas
+chicas</em> wagen, sind besondere Vorsichtsmaßregeln erforderlich,
+je nachdem das Bett voll oder der Wasserstand sehr tief ist. Die
+Regelmäßigkeit, mit der der Orinoco zu bestimmten Zeiten
+anschwillt, war von jeher für die Reisenden ein Gegenstand der
+Verwunderung, wie ja auch das Austreten des Nils für die
+Philosophen des Alterthums ein schwer zu lösendes Problem war. Der
+Orinoco und der Nil laufen, der Richtung des Ganges, Indus, Rio de
+la Plata und Euphrat entgegen, von Süd nach Nord; aber die Quellen
+des Orinoco liegen um 5&nbsp;bis 6&nbsp;Grad näher am Aequator als
+die des Nil. Da uns die zufälligen Wechsel im Luftkreise täglich so
+stark auffallen, wird uns die Anschauung schwer, daß in großen
+Zeiträumen die Wirkungen dieses Wechsels sich gegenseitig
+ausgleichen sollen, daß in einer langen Reihe von Jahren die
+Unterschiede im durchschnittlichen Betrag der Temperatur, der
+Feuchtigkeit und des Luftdrucks von Monat zu Monat ganz unbedeutend
+sind, und daß die Natur, trotz der häufigen partiellen Störungen,
+in der Reihenfolge der meteorologischen Erscheinungen einen festen
+Typus befolgt. Die großen Ströme sammeln die Wasser, die auf einer
+mehrere tausend Quadratmeilen großen Erdfläche niederfallen, in
+Einen Behälter. So ungleich auch die Regenmenge seyn mag, die im
+Lauf der Jahre in diesem oder jenem Thale fällt, auf den
+Wasserstand der Ströme von langem Lauf haben dergleichen locale
+Wechsel so gut wie keinen Einfluß. Die Anschwellungen sind der
+Ausdruck des <strong>mittleren</strong> Feuchtigkeitsstandes im
+ganzen Becken; sie treten Jahr für Jahr in denselben Verhältnissen
+auf, weil ihr Anfang und ihre Dauer eben auch vom
+<strong>Durchschnitt</strong> der scheinbar sehr veränderlichen
+Epochen des Eintritts und des Endes der Regenzeit unter den
+Breiten, durch welche der Hauptstrom und seine Nebenflüsse laufen,
+abhängig sind. Es folgt daraus, daß die periodischen Schwankungen
+im Wasserstand der Ströme, gerade wie die unveränderliche
+Temperatur der Höhlen und der Quellen, sichtbar darauf hinweisen,
+daß Feuchtigkeit und Wärme auf einem Striche von beträchtlichem
+Flächenraum von einem Jahr zum andern regelmäßig vertheilt sind.
+Dieselben machen starken Eindruck auf die Einbildungskraft des
+Volks, wie ja Ordnung in allen Dingen überrascht, wo die ersten
+Ursachen schwer zu erfassen sind, wie ja die
+Durchschnittstemperaturen aus einer langen Reihe von Monaten und
+Jahren den in Verwunderung setzen, der zum erstenmal eine
+Abhandlung über klimatische Verhältnisse zu Gesicht bekommt.
+Ströme, die ganz in der heißen Zone liegen, zeigen in ihren
+periodischen Bewegungen die wundervolle Regelmäßigkeit, die einem
+Erdstrich eigen ist, wo derselbe Wind fast immer Luftschichten von
+derselben Temperatur herführt, und wo die Declinationsbewegung der
+Sonne jedes Jahr zur selben Zeit mit der elektrischen Spannung, mit
+dem Aufhören der Seewinde und dem Eintritt der Regenzeit eine
+Störung des Gleichgewichts verursacht.<sup><a href="#fn101" class=
+"footnoteRef" id="fnref101" name="fnref101">101</a></sup> Der
+Orinoco, der Rio Magdalena und der Congo oder Zaire sind die
+einzigen großen Ströme im Aequinoctialstrich des Erdballs, die in
+der Nähe des Aequators entspringen und deren Mündung in weit
+höherer Breite, aber noch innerhalb der Tropen liegt. Der Nil und
+der Rio de la Plata laufen in zwei entgegengesetzten Halbkugeln aus
+der heißen in die gemäßigte Zone.<sup><a href="#fn102" class=
+"footnoteRef" id="fnref102" name="fnref102">102</a></sup> So lange
+man den Rio Paragua bei Esmeralda mit dem Rio Guaviare verwechseln
+und die Quellen des Orinoco südwestwärts am Ostabhang der Anden
+suchte, schrieb man das Steigen des Stroms dem periodischen
+Schmelzen des Schnees zu. Dieser Schluß war so unrichtig, als wenn
+man früher den Nil durch das Schneewasser aus Abyssinien austreten
+ließ. Die Cordilleren von Neu-Grenada, in deren Nähe die
+<strong>westlichen Nebenflüsse</strong> des Orinoco, der Guaviare,
+der Meta und der Apure entspringen, reichen, mit einziger Ausnahme
+der <strong>Paramos</strong> von Chita und Mucuchies, so wenig zu
+der Grenze des ewigen Schnees hinauf als die abyssinischen Alpen.
+Schneeberge sind im heißen Erdstrich weit seltener, als man
+gewöhnlich glaubt; und die Schneeschmelze, die in keiner Jahreszeit
+bedeutend ist, wird zur Zeit der Hochwasser des Orinoco keineswegs
+stärker. Die Quellen dieses Stroms liegen (ostwärts von Esmeralda)
+in <strong>den Gebirgen der Parime</strong>, deren höchste Gipfel
+nicht über 1200 bis 1300 Toisen hoch sind, und von Grita bis Neiva
+(von 7½&nbsp;bis 3&nbsp;Grad der Breite) hat der östliche Zweig der
+Cordillere viele Paramos von 1800 bis 1900 Toisen Höhe, aber nur
+Eine Gruppe von <strong>Nevados</strong>, das heißt Bergen, höher
+als 2400 Toisen, und zwar die fünf <strong>Pichacos de
+Chita</strong>. In den schneelosen Paramos von Cundinamarca
+entspringen die drei großen Nebenflüsse des Orinoco von Westen her.
+Nur kleinere Nebenflüsse, die in den Meta und Apure fallen, nehmen
+einige <em>aguas de nieve</em> auf, wie der Rio Casanare, der vom
+Nevado de Chita, und der Rio de Santo Domingo, der von der Sierra
+Nevada de Merida herunterkommt und durch die Provinz Varinas
+läuft.</p>
+<p>Die Ursache des periodischen Austretens des Orinoco wirkt in
+gleichem Maaße auf alle Flüsse, die im heißen Erdstrich
+entspringen. Nach der Frühlings- Tag- und Nachtgleiche verkündet
+das Aufhören der Seewinde den Eintritt der Regenzeit. Das Steigen
+der Flüsse, die man als natürliche <strong>Regenmesser</strong>
+betrachten kann, ist der Regenmenge, die in den verschiedenen
+Landstrichen fällt, proportional. Mitten in den Wäldern am obern
+Orinoco und Rio Negro schienen mir über 90 bis 100 Zoll Regen im
+Jahr zu fallen.<sup><a href="#fn103" class="footnoteRef" id=
+"fnref103" name="fnref103">103</a></sup> Die Eingeborenen unter dem
+trüben Himmel von Esmeralda und am Atabapo wissen daher auch ohne
+die geringste Kenntniß von der Physik, so gut wie einst Eudoxus und
+Eratosthenes,<sup><a href="#fn104" class="footnoteRef" id=
+"fnref104" name="fnref104">104</a></sup> daß das Austreten großer
+Ströme allein vom tropischen Regen herrührt. Der ordnungsmäßige
+Verlauf im Steigen und Fallen des Orinoco ist folgender. Gleich
+nach der Frühlings- Tag- und Nachtgleiche (das Volk nimmt den 25.
+März an) bemerkt man, daß der Fluß zu steigen anfängt, Anfangs nur
+um einen Zoll in vierundzwanzig Stunden; im April fällt der Fluß
+zuweilen wieder; das Maximum des Hochwassers erreicht er im Juli,
+bleibt voll (im selben Niveau) vom Ende Juli bis zum 25. August,
+und fällt dann allmählich, aber langsamer, als er gestiegen. Im
+Januar und Februar ist er auf dem Minimum. In beiden Welten haben
+die Ströme der nördlichen heißen Zone ihre Hochwasser ungefähr zur
+selben Zeit. Ganges, Niger und Gambia erreichen wie der Orinoco ihr
+Maximum im August.<sup><a href="#fn105" class="footnoteRef" id=
+"fnref105" name="fnref105">105</a></sup> Der Nil bleibt um zwei
+Monate zurück, sey es in Folge gewisser localer klimatischer
+Verhältnisse in Abyssinien, sey es wegen der Länge seines Laufs vom
+Lande Berber oder vom 17.&nbsp;Breitengrad bis zur Theilung am
+Delta. Die arabischen Geographen behaupten, in Sennaar und
+Abyssinien steige der Nil schon im April (ungefähr wie der
+Orinoco); in Cairo wird aber das Steigen erst gegen das
+Sommersolstitium merklich und der höchste Wasserstand tritt Ende
+September ein.<sup><a href="#fn106" class="footnoteRef" id=
+"fnref106" name="fnref106">106</a></sup> Aus diesem erhält sich der
+Fluß bis Mitte October; das Minimum fällt in April und Mai, also in
+eine Zeit, wo in Guyana die Flüsse schon wieder zu steigen
+anfangen. Aus dieser raschen Uebersicht ergibt sich, daß, wenn auch
+die Form der natürlichen Canäle und locale klimatische Verhältnisse
+eine Verzögerung herbeiführen, die große Erscheinung des Steigens
+und Fallens der Flüsse in der heißen Zone sich überall gleich
+bleibt. Auf den beiden Thierkreisen, die man gewöhnlich den
+<strong>tartarischen</strong> und <strong>chaldäischen</strong>
+oder egyptischen nennt (auf dem Thierkreis, der das Bild der Ratte,
+und auf dem, der die Bilder der Fische und des Wassermanns hat)
+beziehen sich besondere Constellationen auf die periodischen
+Ueberschwemmungen der Flüsse. Wahre Cykeln, Zeiteintheilungen,
+wurden allmählig zu Theilungen des Raums; da aber die physikalische
+Erscheinung der Ueberschwemmungen eine so allgemeine ist, so konnte
+der Thierkreis, der durch die Griechen auf uns gekommen und der
+durch das Vorrücken der Tag- und Nachtgleichen ein geschichtliches
+Denkmal von hohem Alter wird, weit von Theben und dem heiligen
+Nilthal entstanden seyn. Auf den Thierkreisen der neuen Welt,
+z.&nbsp;B. auf dem mexicanischen, kommen auch Zeichen für
+<strong>Regen</strong> und <strong>Ueberschwemmung</strong> vor,
+die dem Chu (der Ratte) des chinesischen und tibetanischen Cyclus
+der Tse und den Fischen und dem Wassermann des zwölftheiligen
+Thierkreises entsprechen. Diese zwei mexicanischen Zeichen sind das
+<strong>Wasser</strong> (<em>atl</em>) und der
+<strong>Cipactli</strong>, das Seeungeheuer mit einem Horn. Dieses
+Thier ist zugleich die <strong>Fischgazelle</strong> der Hindus,
+der <strong>Steinbock</strong> unseres Thierkreises, der
+<strong>Deucalion</strong> der Griechen und der Noah
+(<em>Coxcox</em>) der Azteken. So finden wir denn die allgemeinen
+Ergebnisse der <strong>vergleichenden Hydrographie</strong> schon
+aus den astrologischen Denkmälern, in den Zeiteintheilungen und den
+religiösen Ueberlieferungen von Völkern, die geographisch und dem
+Grad ihrer Geistesbildung nach am weitesten auseinander liegen.</p>
+<p>Da die Aequatorialregen auf den Niederungen eintreten, wenn die
+Sonne durch das Zenith des Ortes geht, das heißt wenn ihre
+Declination der Zone zwischen dem Aequator und einem der
+Wendekreise gleichnamig wird, so fällt das Wasser im Amazonenstrom,
+während es im Orinoco merklich steigt. In einer sehr scharfsinnigen
+Erörterung über den Ursprung des Rio Congo hat man die Physiker
+bereits auf die Modificationen aufmerksam gemacht, welche das
+periodische Steigen im Laufe eines Flusses erleiden muß, bei dem
+Quellen und Mündung nicht auf derselben Seite der Aequinoctiallinie
+liegen. Bei den hydraulischen Systemen des Orinoco und des
+Amazonenstromes verwickeln sich die Umstände in noch auffallenderer
+Weise. Sie sind durch den Rio Negro und den Cassiquiare, einen Arm
+des Orinoco, verbunden, und diese Verbindung bildet zwischen zwei
+großen Flußbecken eine schiffbare Linie, über welche der Aequator
+läuft. Der Amazonenstrom hält nach Angaben, die mir an den Ufern
+desselben gemacht worden, die Epochen des Steigens und Fallens
+lange nicht so regelmäßig ein, als der Orinoco; indessen fängt er
+meist im December an zu steigen und erreicht sein Maximum im März.
+Mit dem Mai fällt er wieder und im Juli und August, also zur Zeit,
+wo der untere Orinoco das Land weit und breit überschwemmt, ist
+sein Wasser stand im Minimum. Da in Folge der allgemeinen
+Bodenbildung kein südamerikanischer Fluß von Süd nach Nord über den
+Aequator laufen kann, so äußern die Ueberschwemmungen des Orinoco
+Einfluß auf den Amazonenstrom, durch die des letzteren dagegen
+erleiden die Oscillationen des Orinoco keine Störung in ihrem Gang.
+Aus diesen Verhältnissen ergibt sich, daß beim Amazonenstrom und
+dem Orinoco die <strong>concaven und die convexen Spitzen</strong>
+der Curve, welche der steigende und fallende Wasserstand
+beschreibt, einander sehr regelmäßig entsprechen, da sie den
+sechsmonatlichen Unterschied bezeichnen, der durch die Lage der
+Ströme in entgegengesetzten Hemisphären bedingt wird. Nur dauert es
+beim Orinoco nicht so lange, bis er zu steigen anfängt; er steigt
+merklich, sobald die Sonne über den Aequator gegangen ist; der
+Amazonenstrom dagegen wächst erst zwei Monate nach dem
+Aequinoctium. Bekanntlich tritt in den Wäldern nördlich von der
+Linie der Regen früher ein, als in den nicht so stark bewaldeten
+Niederungen der südlichen heißen Zone. Zu dieser örtlichen Ursache
+kommt eine andere, die vielleicht auch im Spiel ist, wenn der Nil
+so spät steigt. Der Amazonenstrom erhält einen großen Theil seiner
+Gewässer von der Cordillere der Anden, wo, wie überall in den
+Gebirgen, die Jahreszeiten einen eigenthümlichen, dem der
+Niederungen meist entgegengesetzten Typus haben.</p>
+<p>Das Gesetz des Steigens und Fallens des Orinoco ist in Bezug auf
+das räumliche Moment oder die Größe der Schwankungen schwerer zu
+ermitteln als hinsichtlich des Zeitlichen, des Eintretens der
+Maxima und Minima. Da meine eigenen Messungen des Wasserstandes
+sehr unvollständig sind, theile ich Schätzungen, die sehr stark von
+einander abweichen, nur unter allem Vorbehalt mit. Die fremden
+Schiffer nehmen an, daß der untere Orinoco gewöhnlich um 90 Fuß
+steige; Pons, der bei seinem Aufenthalt in Caracas im Allgemeinen
+sehr genaue Notizen gesammelt hat, bleibt bei 13 Faden stehen. Der
+Wasserstand wechselt natürlich nach der Breite des Betts und der
+Zahl der Nebenflüsse, die in den Hauptstamm des Stroms
+hereinkommen. Der Nil steigt in Oberegypten um 30&nbsp;bis 35, bei
+Cairo um 25, an der Nordseite des Delta um 4&nbsp;Fuß. Bei
+Angostura scheint der Strom im Durchschnitt nicht über 24 oder
+25&nbsp;Fuß zu steigen. Es liegt hier mitten im Fluß eine Insel, wo
+man den Wasserstand so bequem beobachten könnte, wie am Nilmesser
+(Megyas) an der Spitze der Insel Rudah. Ein ausgezeichneter
+Gelehrter, der sich in neuester Zeit am Orinoco aufgehalten hat,
+Zea, wird meine Beobachtungen über einen so wichtigen Punkt
+ergänzen: Das Volk glaubt, alle 25 Jahre steige der Orinoco um drei
+Fuß höher als sonst; auf diesen Cyclus ist man aber keineswegs
+durch genaue Messungen gekommen. Aus den Zeugnissen des Alterthums
+geht hervor, daß die Niveauschwankungen des Nil nach Höhe und Dauer
+seit Jahrtausenden sich gleich geblieben sind. Es ist dieß ein sehr
+beachtenswerther Beweis, daß der mittlere Feuchtigkeits- und
+Wärmezustand im weiten Nilbecken sich nicht verändert. Wird diese
+Stetigkeit der physikalischen Erscheinungen, dieses Gleichgewicht
+der Elemente sich auch in der neuen Welt erhalten, wenn einmal die
+Cultur ein paar hundert Jahre alt ist? Ich denke, man kann die
+Frage bejahen, denn alles, was die Gesammtkraft des Menschen
+vermag, kann auf die allgemeinen Ursachen, von denen das Klima
+Guyanas abhängt, keinen Einfluß äußern.</p>
+<p>Nach der Barometerhöhe von San Fernando de Apure finde ich, daß
+der Fall des Apure und untern Orinoco von dieser Stadt bis zur Boca
+de Navios 3½&nbsp;Zoll auf die Seemeile von 930&nbsp;Toisen
+beträgt.<sup><a href="#fn107" class="footnoteRef" id="fnref107"
+name="fnref107">107</a></sup> Man könnte sich wundern, daß bei
+einem solchen kaum merklichen Fall die Strömung so stark ist; ich
+erinnere aber bei dieser Gelegenheit daran, daß nach Messungen, die
+von Hastings angeordnet worden, der Ganges auf einer Strecke von
+60&nbsp;Seemeilen (die Krümmungen eingerechnet) auch nur
+4&nbsp;Zoll auf die Meile fällt und daß die mittlere
+Geschwindigkeit dieses Stroms in der trockenen Jahreszeit 3, in der
+Regenzeit 6 bis 8 Seemeilen in der Stunde beträgt. Die Stärke der
+Strömung hängt also, beim Ganges wie beim Orinoco, nicht sowohl vom
+Gefälle des Bettes ab, als von der starken Anhäufung des Wassers im
+obern Stromlauf in Folge der starken Regenniederschläge und der
+vielen Zuflüsse. Schon seit 250 Jahren sitzen europäische Ansiedler
+an den Mündungen des Orinoco, und in dieser langen Zeit haben sich,
+nach einer von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzten
+Ueberlieferung, die periodischen Oscillationen des Stroms (der
+Zeitpunkt, wo er zu steigen anfängt und der höchste Wasserstand)
+sich nie um mehr als 12 bis 15 Tage verzögert.</p>
+<p>Wenn Fahrzeuge mit großem Tiefgang im Januar und Februar mit dem
+Seewind und der Fluth nach Angostura hinaufgehen, so laufen sie
+Gefahr, auf dem Schlamm aufzufahren. Die Wasserstraße ändert sich
+häufig nach Breite und Richtung; bis jetzt aber bezeichnet noch
+nirgends eine Bake die Anschwemmungen, die sich überall im Fluß
+bilden, wo das Wasser seine ursprüngliche Geschwindigkeit verloren
+hat. Südlich vom Cap Barima besteht sowohl über den Fluß dieses
+Namens als über den Rio Moroca und mehrere <em>Esteres
+(aestuaria)</em> eine Verbindung mit der englischen Colonie am
+Essequebo. Man kann mit kleinen Fahrzeugen bis zum Rio Poumaron, an
+dem die alten Niederlassungen Zeland und Middelburg liegen, ins
+Land hinein kommen. Diese Verbindung hatte früher für die Regierung
+in Caracas nur darum einige Wichtigkeit, weil dadurch dem
+Schleichhandel Vorschub geleistet wurde; seit aber Berbice,
+Demerary und Essequebo einem mächtigeren Nachbar in die Hände
+gefallen sind, betrachten die Hispano-Amerikaner dieselbe aus dem
+Gesichtspunkt der Sicherheit der Grenze. Flüsse, die der Küste
+parallel laufen und nur 5 bis 6 Seemeilen davon entfernt bleiben,
+sind dem Uferstrich zwischen dem Orinoco und dem Amazonenstrom
+eigenthümlich.</p>
+<p>Zehn Meilen von Cap Barima theilt sich das große Bett des
+Orinoco zum erstenmal in zwei 2000 Toisen breite Arme; dieselben
+sind unter den indianischen Namen Zacupana und Imataca bekannt. Der
+erstere, nördlichere, steht westwärts von den Inseln Cangrejos und
+Burro mit den <em>bocas chicas</em> Lauran, Nuina und Mariusas in
+Verbindung. Die Insel Burro verschwindet beim Hochwasser, ist also
+leider nicht zu befestigen. Das südliche Ufer des <em>brazo</em>
+Imataca ist von einem Labyrinth kleiner Wasserrinnen zerschnitten,
+in welche sich der Rio Imataca und der Rio Aquire ergießen. Auf den
+fruchtbaren Savanen zwischen dem Imataca und dem Cuyuni erhebt sich
+eine lange Reihe Granithügel, Ausläufer der Cordillere der Parime,
+die südlich von Angostura den Horizont begrenzt, die vielberufenen
+Katarakten des Rio Carony bildet und dem Orinoco beim Fort Vieja
+Guayana wie ein vorgeschobenes Cap nahe rückt. Die volkreichen
+Missionen der Caraiben und Guayanos unter der Obhut der
+catalonischen Kapuziner liegen den Quellen des Imataca und des
+Aquire zu. Am weitesten gegen Ost liegen die Missionen Miamu,
+Cumamu und Palmar auf einem bergigten Landstrich, der sich gegen
+Tupuquen, Santa Maria und Villa de Upata hinzieht. Geht man den Rio
+Aquire hinauf und über die Weiden gegen Süd, so kommt man zur
+Mission Belem de Tumeremo und von da an den Zusammenfluß des Curumu
+mit dem Rio Cuyuni, wo früher der spanische Posten oder
+<em>destacamento de Cuyuni</em> lag. Ich mache diese einzelnen
+topographischen Angaben, weil der Rio Cuyuni oder Cuduvini auf eine
+Strecke von 2½ bis 3 Längegraden dem Orinoco parallel von Ost nach
+West läuft, und eine vortreffliche natürliche Grenze zwischen dem
+Gebiet von Caracas und englisch Guyana abgibt.</p>
+<p>Die beiden Arme des Orinoco, der Zacupana und Imataca, bleiben
+14 Meilen weit getrennt; weiter oben findet man die Gewässer des
+Stroms in Einem sehr breiten Bett beisammen. Dieses Stromstück ist
+gegen 8 Meilen lang; an seinem westlichen Ende erscheint eine
+zweite Gabelung, und da die Spitze des Deltas im nördlichen Arm des
+gegebenen Flusses liegt, so ist dieser Theil des Orinoco für die
+militärische Vertheidigung des Landes von großer Bedeutung. Alle
+Canäle, die den <em>bocas chicas</em> zulaufen, entspringen am
+selben Punkt aus dem Stamme des Orinoco. Der Arm (Caño Manamo), der
+beim Dorfe San Rafael abgeht, verzweigt sich erst nach einem Lauf
+von 3 bis 4 Meilen, und ein Werk, das man oberhalb der Insel
+Chaguanes anlegte, würde Angostura gegen einen Feind decken, der
+durch eine der <em>bocas chicas</em> eindringen wollte. Zu meiner
+Zeit lagen die Kanonierschaluppen östlich von San Rafael, am
+nördlichen Ufer des Orinoco. Diesen Punkt müssen die Fahrzeuge in
+Sicht bekommen, die durch die nördliche Wasserstraße bei San
+Rafael, welche die breiteste, aber seichteste ist, nach Angostura
+hinaufsegeln.</p>
+<p>Sechs Meilen oberhalb des Punktes, wo der Orinoco einen Zweig an
+die <em>bocas chicas</em> abgibt, liegt das alte Fort (<em>los
+castillos de la Vieja</em> oder <em>Antigua Guayana</em>), das im
+sechzehnten Jahrhundert zuerst angelegt wurde. An diesem Punkt
+liegen viele felsigte Eilande im Strom, der hier gegen 650 Toisen
+breit seyn soll. Die Stadt ist fast ganz zerstört, aber die Werke
+stehen noch und verdienen alle Aufmerksamkeit von Seiten der
+Regierung von Terra Firma. In der Batterie auf einem Hügel
+nordwestwärts von der alten Stadt hat man eine prachtvolle
+Aussicht. Bei Hochwasser ist die alte Stadt ganz von Wasser
+umgeben. Lachen, die in den Orinoco münden, bilden natürliche
+Bassins für Schiffe, welche auszubessern sind. Hoffentlich, wenn
+der Frieden diesen schönen Ländern wieder geschenkt ist und keine
+engherzige Staatskunst mehr den Fortschritt der Industrie hemmt,
+werden sich Werften an diesen Lachen bei Vieja Guayana erheben.
+Kein Strom nach dem Amazonenstrom kann aus den Wäldern, durch die
+er läuft, so prächtiges Schiffsbauholz liefern. Diese Hölzer aus
+den großen Familien der Laurineen, der Guttiferen, der Rutaceen und
+der baumartigen Schotengewächse bieten nach Dichtigkeit,
+specifischer Schwere und mehr oder weniger harziger Beschaffenheit
+alle nur wünschenswerthen Abstufungen. Was im Lande allein fehlt,
+das ist ein leichtes, elastisches Mastholz mit parallelen Fasern,
+wie die Nadelhölzer der gemäßigten Landstriche und der hohen
+Gebirge unter den Tropen es liefern.</p>
+<p>Ist man an den Werken von Vieja Guayana vorbei, so wird der
+Orinoco wieder breiter. Hinsichtlich des Anbaus des Landes zeigen
+beide Ufer einen auffallenden Contrast. Gegen Nord sieht man nur
+den öden Strich der Provinz Cumana, die unbewohnten Steppen
+(<em>Llanos</em>), die sich bis jenseits der Quellen des Rio Maine,
+dem Plateau oder der Mesa von Guanipa zu, erstrecken. Südwärts
+sieht man drei volkreiche Dörfer, die zu den Missionen am Carony
+gehören, San Miguel de Uriala, San Felix und San Joaquin. Letzteres
+Dorf, am Carony unmittelbar unterhalb des großen Katarakts gelegen,
+gilt für den Stapelplatz der catalonischen Missionen. Fährt man
+weiter gegen West, so hat der Steuermann zwischen der Mündung des
+Carony und Angostura die Klippen Guarampo, die Untiefe des Mamo und
+die <em>Piedra del Rosario</em> zu vermeiden. Ich habe nach dem
+umfangreichen Material, das ich mitgebracht, und nach den
+astronomischen Untersuchungen, deren Hauptergebnisse ich oben
+mitgetheilt, eine Karte des Landes zwischen dem Delta des Orinoco,
+dem Carony und dem Cuyuni entworfen. Es ist dieß der Theil von
+Guyana, der wegen der Nähe der Küste eines Tags für europäische
+Ansiedler die meiste Anziehungskraft haben wird.</p>
+<p>In ihrem gegenwärtigen Zustande steht die ganze Bevölkerung
+dieser großen Provinz, mit Ausnahme einiger spanischer Kirchspiele
+(<em>Pueblos y villas de Espanoles</em>), unter der Regierung
+zweier Mönchsorden. Schätzt man die Zahl der Einwohner von Guyana,
+die nicht in wilder Unabhängigkeit leben, auf 35,000, so leben etwa
+24,000 in den Missionen und sind dem unmittelbaren Einfluß des
+weltlichen Arms so gut wie entzogen. Zur Zeit meiner Reise hatte
+das Gebiet der Franciskaner von der Congregation der Observanten
+7300 Einwohner, das der <em>Capuchinos catalanes</em> 17,000; ein
+auffallendes Mißverhältniß, wenn man bedenkt, wie klein letzteres
+Gebiet ist gegenüber den ungeheuren Uferstrecken am obern Orinoco,
+Atabapo, Cassiquiare und Rio Negro. Aus diesen Angaben geht hervor,
+daß gegen zwei Drittheile der Bevölkerung einer Provinz von 16,800
+Meilen Flächeninhalt zwischen dem Rio Imataca und der Stadt Santo
+Thome de Angostura auf einem 55 Meilen langen und 30 Meilen breiten
+Strich zusammengedrängt sind. Diese beiden mönchischen Regierungen
+sind den Weißen gleich unzugänglich und bilden einen <em>status in
+statu</em>. Ich habe bisher nach meinen eigenen Beobachtungen die
+der Observanten beschrieben, und es bleibt mir jetzt noch übrig
+mitzutheilen, was ich über das andere Regiment, das der
+catalonischen Kapuziner, in Erfahrung gebracht. Verderbliche
+bürgerliche Zwiste und epidemische Fieber haben in den letzten
+Jahren den Wohlstand der Missionen am Carony, nachdem er lange im
+Zunehmen gewesen, heruntergebracht; aber trotz dieser Verluste ist
+der Landstrich, den wir besuchen wollen, noch immer
+nationalökonomisch sehr interessant.</p>
+<p>Die Missionen der catalonischen Kapuziner hatten im Jahr 1804
+zum wenigsten 60,000 Stücke Vieh auf den Savanen, die sich vom
+östlichen Ufer des Carony und Paragua bis zu den Ufern des Imataca,
+Curumu und Cuyuni erstrecken; sie grenzen gegen Südost an das
+englische Guyana oder die Colonie Essequebo, gegen Süd, an den öden
+Ufern des Paragua und Paraguamusi hinauf und über die Cordillere
+von Pacaraimo, laufen sie bis zu den portugiesischen
+Niederlassungen am Rio Branco. Dieser ganze Landstrich ist offen,
+voll schöner Savanen, ganz anders als das Land, über das wir am
+obern Orinoco gekommen sind. Undurchdringlich werden die Wälder
+erst dem Süden zu, gegen Nord sind Wiesgründe, von bewaldeten
+Hügeln durchschnitten. Die malerischsten Landschaften sind bei den
+Fällen des Carony und in der 250 Toisen hohen Bergkette zwischen
+den Neben- flüssen des Orinoco und denen des Cuyuni. Hier liegen
+Villa de Upata, der Hauptort der Missionen, Santa Maria und
+Cupapui. Auf kleinen Hochebenen herrscht ein gesundes, gemäßigtes
+Klima; Cacao, Reis, Baumwolle, Indigo und Zucker wachsen überall in
+Fülle, wo der unberührte, mit dicker Grasnarbe bedeckte Boden
+beackert wird. Die ersten christlichen Niederlassungen reichen,
+glaube ich, nicht über das Jahr 1721 hinauf. Die Elemente der
+gegenwärtigen Bevölkerung sind drei indianische Völkerschaften, die
+Guayanos, die Caraiben und die Guaicas. Letztere sind ein
+Gebirgsvolk und lange nicht von so kleinem Wuchse, wie die Guaicas,
+die wir in Esmeralda getroffen<sup><a href="#fn108" class=
+"footnoteRef" id="fnref108" name="fnref108">108</a></sup> Sie sind
+schwer an die Scholle zu fesseln und die drei jüngsten Missionen,
+in denen sie beisammen lebten, Cura, Curucuy und Arechica, find
+bereits wieder eingegangen. Von den Guayanos erhielt im sechzehnten
+Jahrhundert diese ganze weite Provinz ihren Namen; sie sind nicht
+so intelligent, aber sanftmüthiger, und leichter, wenn nicht zu
+civilisiren, doch zu bändigen, als die Caraiben. Ihre Sprache
+scheint zum großen Stamm der caraibischen und tamanakischen
+Sprachen zu gehören. Sie ist mit denselben in den Wurzeln und
+grammatischen Formen verwandt, wie unter sich Sanscrit, Persisch,
+Griechisch und Deutsch. Bei etwas, das seinem Wesen nach unbestimmt
+ist, lassen sich nicht leicht feste Formen aufstellen, und man
+verständigt sich sehr schwer über die Unterschiede zwischen
+Dialekt, abgeleiteter Sprache und Stammsprache. Durch die Jesuiten
+in Paraguay kennen wir in der südlichen Halbkugel eine andere Horde
+Guayanos, die in den dichten Wäldern am Parana leben. Obgleich sich
+nicht in Abrede ziehen läßt, daß die Völker, die nördlich und
+südlich vom Amazonenstrom hausen, durch weite Wanderzüge in
+gegenseitige Verbindung getreten sind, so möchte ich doch nicht
+entscheiden, ob jene Guayanos am Parana und Uragay mit denen am
+Carony mehr gemein haben, als einen gleichlautenden Namen, was auf
+einem Zufall beruhen kann.</p>
+<p>Die bedeutendsten christlichen Niederlassungen liegen jetzt
+zwischen den Bergen bei Santa Maria, der Mission San Miguel und dem
+östlichen Ufer des Carony, von San Buenaventura bis Guri und dem
+Stapelplatz San Joaquin, auf einem Landstrich von nur 460
+Quadratmeilen beisammen. Gegen Ost und Süd sind die Savanen fast
+gar nicht bewohnt; dort liegen nur weit zerstreut die Missionen
+Belem, Tumuremo, Tupuquen, Puedpa und Santa Clara. Es wäre zu
+wünschen, daß der Boden vorzugsweise abwärts von den Flüssen bebaut
+würde, wo das Terrain höher und die Luft gesunder ist. Der Rio
+Carony, ein herrlich klares, an Fischen armes Wasser, ist von Villa
+de Barceloneta an, die etwas über dem Einfluß des Paragua liegt,
+bis zum Dorfe Guri frei von Klippen. Weiter nordwärts schlängelt er
+sich zwischen zahllosen Eilanden und Felsen durch, und nur die
+kleinen Canoes der Caraiben wagen sich in diese Raudales oder
+Stromschnellen des Carony hinein. Zum Glück theilt sich der Fluß
+häufig in mehrere Arme, so daß man denjenigen wählen kann, der nach
+dem Wasserstand am wenigsten Wirbel und Klippen über dem Wasser
+hat. Der große <strong>Salto</strong>, vielberufen wegen der
+malerischen Reize der Landschaft, liegt etwas oberhalb des Dorfes
+Aguacagua oder Carony, das zu meiner Zeit eine Bevölkerung von 700
+Indianern hatte. Der Wasserfall soll 15—20 Fuß hoch seyn, aber die
+Schwelle läuft nicht über das ganze mehr als 300 Fuß breite
+Flußbett. Wenn sich einmal die Bevölkerung mehr gegen Ost
+ausbreitet, so kann sie die kleinen Flüsse Imataca und Aquire
+benützen, die ziemlich gefahrlos zu befahren sind. Die Mönche, die
+gern einsam hausen, um sich der Aufsicht der weltlichen Macht zu
+entziehen, wollten sich bis jetzt nicht am Orinoco ansiedeln.
+Indessen können die Missionen am Carony nur auf diesem Fluß oder
+auf dem Cuyuni und dem Essequebo ihre Produkte ausführen. Der
+letztere Weg ist noch nicht versucht worden, obgleich an einem der
+bedeutendsten Nebenflüsse des Cuyuni, am Rio Juruario, bereits
+mehrere christliche Niederlassungen liegen. Dieser Nebenfluß zeigt
+bei Hochgewässer die merkwürdige Erscheinung einer Gabelung; er
+steht dann über den Juraricuima und den Aurapa mit dem Rio Carony
+in Verbindung, so daß der Landstrich zwischen dem Orinoco, der See,
+dem Cuyuni und dem Carony zu einer wirklichen Insel wird.
+Furchtbare Stromschnellen erschweren die Schifffahrt auf dem obern
+Cuyuni; man hat daher in der neuesten Zeit versucht, einen Weg in
+die Colonie Essequebo viel weiter gegen Südost zu bahnen, wobei man
+an den Cuyuni weit unterhalb der Mündung des Cucumu käme.</p>
+<p>In diesem ganzen südlichen Landstrich ziehen Horden unabhängiger
+Caraiben umher, die schwachen Reste des kriegerischen Volksstammes,
+der sich bis zu den Jahren 1733 und 1735 den Missionären so
+furchtbar machte, um welche Zeit der ehrwürdige Bischof Gervais de
+Labrid,<sup><a href="#fn109" class="footnoteRef" id="fnref109"
+name="fnref109">109</a></sup> Canonicus des Metropolitancapitels zu
+Lyon, der Pater Lopez und mehrere andere Geistliche von den
+Caraiben erschlagen wurden. Dergleichen Unfälle, die früher
+ziemlich häufig vorkamen, sind jetzt nicht mehr zu befahren, weder
+in den Missionen am Carony noch in denen am Orinoco; aber die
+unabhängigen Caraiben sind wegen ihres Verkehrs mit den
+holländischen Colonisten am Essequebo für die Regierung von Guyana
+noch immer ein Gegenstand des Mißtrauens und des Hasses. Diese
+Stämme leisten dem Schleichhandel an den Küsten und durch die
+Canäle oder <em>Esteres</em> zwischen dem Rio Barima und dem Rio
+Moroca Vorschub; sie treiben den Missionären das Vieh weg und
+verleiten die neubekehrten Indianer (die <strong>unter der
+Glocke</strong> leben), wieder in den Wald zu laufen. Die freien
+Horden haben überall den natürlichen Trieb, sich den Fort-
+schritten der Cultur und dem Vordringen der Weißen zu widersetzen.
+Die Caraiben und Aruacas verschaffen sich in Essequebo und Demerary
+Feuergewehre, und als der Handel mit amerikanischen Sklaven
+(<em>poitos</em>) in Blüthe stand, betheiligten sich Abenteurer von
+holländischem Blut an den Einfällen an den Paragua, Erevato und
+Ventuario. Die <strong>Menschenjagd</strong> wurde an diesen
+Flüssen betrieben, wie wahrscheinlich noch jetzt am Senegal und
+Gambia. In beiden Welten haben die Europäer dieselben Kunstgriffe
+gebraucht, dieselben Unthaten begangen, um einen Handel zu treiben,
+der die Menschheit schändet. Die Missionäre am Carony und Orinoco
+schreiben alles Ungemach, das sie von den freien Caraiben zu
+erdulden haben, dem Hasse ihrer Nachbarn, der calvinistischen
+Prädicanten am Essequebo, zu. Ihre Schriften sind daher auch voll
+Klagen über die <em>secta diabolica de Calvins y de Lutero</em> und
+gegen die Ketzer in holländisch Guyana, die sich zuweilen
+herausnehmen, das Missionswesen zu treiben und Keime der Gesittung
+unter den Wilden ausstreuen zu wollen.</p>
+<p>Unter allen vegetabilischen Erzeugnissen dieses Landes ist durch
+die Betriebsamkeit der catalonischen Kapuziner der Baum, von dem
+die <strong>Cortex Angosturae</strong> kommt, fälschlich »China von
+Carony« genannt, am berühmtesten geworden. Wir haben ihn zuerst als
+eine neue von der <em>Cinchona</em> ganz verschiedene Gattung der
+Familie der Meliaceen bekannt gemacht. Früher meinte man, dieses
+wirksame Arzneimittel aus Südamerika komme von der <em>Brucea
+ferruginea</em>, die in Abyssinien wächst, von der <em>Magnolia
+glauca</em> und der <em>Magnolia Plumieri</em>. Während der
+schweren Krankheit meines Reisegefährten schickte Navago einen
+vertrauten Mann in die Missionen am Carony und ließ uns durch die
+Kapuziner in Upata blühende Zweige des Baumes verschaffen, den wir
+wünschten beschreiben zu können. Wir bekamen sehr schöne Exemplare,
+deren 18 Zoll lange Blätter einen sehr angenehmen aromatischen
+Geruch verbreiteten. Wir sahen bald, daß der
+<strong>Cuspare</strong> (dieß ist der indianische Name der
+Cascarilla oder der <em>Corteza del Angostura</em>) eine neue
+Gattung bildet; und bei Uebersendung von Orinocopflanzen an
+Willdenow ersuchte ich diesen, die Gattung nach Bonpland zu
+benennen. Der jetzt unter dem Namen <em>Bonplandia trifoliata</em>
+bekannte Baum wächst 5 bis 6 Meilen vom östlichen Ufer des Carony
+am Fuß der Hügel, welche die Missionen Copapui, Upata und Alta
+Gracia einschließen. Die Caraiben gebrauchen einen Aufguß der Rinde
+des Cuspare als ein stärkendes Mittel. Bonpland hat denselben Baum
+westwärts von Cumana im Meerbusen Santa Fe entdeckt, und dort kann
+er für Neu-Andalusien ein Ausfuhrartikel werden.</p>
+<p>Die catalonischen Mönche bereiten ein Extrakt aus der <em>Cortex
+Angosturae</em>, das sie in die Klöster ihrer Provinz versenden und
+das im nördlichen Europa bekannter zu seyn verdiente. Hoffentlich
+wird die gegen Fieber und Ruhr so wirksame Rinde der Bonplandia
+auch ferner angewendet, obgleich man unter dem Namen »falsche
+Angostura« eine andere Rinde eingeführt hat, die mit jener häufig
+verwechselt wird. Diese »falsche Angostura« oder »Angostura
+pseudo-ferruginosa« kommt, wie man behauptet, von der <em>Brucea
+antidysenterica</em>; sie wirkt sehr stark auf die Nerven, bringt
+heftige Anfälle von Starrkrampf hervor und enthält nach Pelletiers
+und Caventous Versuchen ein eigenthümliches Alcali, das mit dem
+Morphium und dem Strychnin Aehnlichkeit hat. Der Baum, von dem die
+ächte <em>Cortex Angosturae</em> kommt, ist nicht sehr häufig, und
+es erscheint daher als wünschenswerth, daß man ihn anpflanzt. Die
+catalonischen Ordensleute sind ganz dazu geeignet, diesen
+Culturzweig in Aufnahme zu bringen. Sie sind haushälterischer,
+betriebsamer und rühriger als die andern Missionäre. Bereits haben
+sie in einigen Dörfern Gerbereien und Baumwollenspinnereien
+angelegt, und wenn sie fortan die Indianer der Früchte ihrer Arbeit
+genießen lassen, so finden sie sicher an der eingeborenen
+Bevölkerung kräftige Unterstützung. Da hier die Mönche auf kleinem
+Gebiet beisammen leben, fühlen sie ihre politische Bedeutung, und
+sie haben zu wiederholten malen der weltlichen Gewalt, wie der des
+Bischofs Widerstand geleistet. Die Statthalter in Angostura haben
+mit sehr ungleichem Erfolg mit ihnen gekämpft, je nachdem das
+Ministerium in Madrid sich der kirchlichen Hierarchie gefällig
+erzeigen wollte oder ihre Macht zu beschränken suchte. Im Jahr 1768
+ließ Don Manuel Centurion den Missionären über 20,000 Stücke Vieh
+wegnehmen und sie unter die dürftigsten Einwohner vertheilen. Diese
+auf ziemlich ungesetzliche Weise geübte Freigebigkeit hatte
+wichtige Folgen. Der Statthalter wurde auf die Klage der
+catalonischen Mönche abgesetzt, obgleich er das Gebiet der
+Missionen gegen Süd bedeutend erweitert und über dem Zusammenfluß
+des Carony mit dem Paragua die <strong>Villa</strong> Barceloneta
+und bei der Vereinigung des Paragua mit dem Paraguamusi die
+<strong>Ciudad</strong> Guirior gegründet hatte. Seit jener Zeit
+bis auf die politischen Stürme, welche gegenwärtig in den
+spanischen Colonien toben, vermied die bürgerliche Behörde
+sorgfältig jede Einmischung in die Angelegenheiten der Kapuziner.
+Man gefällt sich darin, ihren Wohlstand zu übertreiben, wie man
+früher bei den Jesuiten in Paraguay gethan.</p>
+<p>Die Missionen am Carony vereinigen in Folge der
+Bodenbildung<sup><a href="#fn110" class="footnoteRef" id="fnref110"
+name="fnref110">110</a></sup> und des Wechsels von Savanen und
+Ackerland die Vorzüge der Llanos von Calabozo und der Thäler von
+Aragua. Der wahre Reichthum des Landes beruht auf der Viehzucht und
+dem Bau von Colonialprodukten. Es ist zu wünschen, daß hier, wie in
+der schönen, fruchtbaren Provinz Venezuela, die Bevölkerung dem
+Landbau treu bleibt und nicht so bald darauf ausgeht, Erzgruben zu
+suchen. Deutschlands und Mexikos Beispiel beweist allerdings, daß
+Bergbau und eine blühende Landwirthschaft keineswegs unverträglich
+sind; aber nach Volkssagen kommt man über die Ufer des Carony zum
+See Dorado und zum Palast des <strong>vergoldeten
+Mannes</strong>,<sup><a href="#fn111" class="footnoteRef" id=
+"fnref111" name="fnref111">111</a></sup> und da dieser See und
+dieser Palast ein <strong>Localmythus</strong> sind, so wäre es
+gefährlich Erinnerungen zu wecken, die sich allmählig zu verwischen
+beginnen. Man hat mich versichert, noch bis zum Jahr 1760 seyen die
+freien Caraiben zum Cerro de Pajarcima, einem Berg südlich von
+Vieja Guyana gekommen, um das verwitterte Gestein auszuwaschen. Der
+dabei gewonnene Goldstaub wurde in Calebassen der Crescentia Cujete
+aufbewahrt und in Essequebo an die Holländer verkauft. Noch später
+mißbrauchten mexicanische Bergleute die Leichtgläubigkeit des
+Intendanten von Caracas, Don Jose Avalo, und legten mitten in den
+Missionen am Carony, bei der Villa Upata in den Cerros del Potrero
+und Chirika große Hüttenwerke an. Sie erklärten, die ganze
+Gebirgsart sey goldhaltig und man baute Werkstätten und
+Schmelzöfen. Nachdem man beträchtliche Summen verschleudert, zeigte
+es sich, daß die Kiese keine Spur von Gold enthielten. Diese
+Versuche, so fruchtlos sie waren, riefen den alten
+Aberglauben<sup><a href="#fn112" class="footnoteRef" id="fnref112"
+name="fnref112">112</a></sup> wach, daß in Guyana »jedes glänzende
+Gestein <em>una madre del oro</em> sey.« Man begnügte sich nicht
+damit, Glimmerschiefer zu schmelzen; bei Angostura zeigte man mir
+Schichten von Hornblendeschiefer ohne fremdartige Beimengung, die
+man unter dem wunderlichen Namen: schwarzes Golderz, <em>oro
+negro</em>, ausbeutete.</p>
+<p>Zur Vervollständigung der Beschreibung des Orinoco theile ich an
+dieser Stelle die Hauptergebnisse meiner Untersuchungen über den
+<strong>Dorado</strong>, über das <strong>weiße Meer</strong> oder
+<strong>Laguna Parime</strong> und die Quellen des Orinoco mit, wie
+sie auf den neuesten Karten gezeichnet sind. Die Vorstellung von
+einem überschwenglich reichen Goldlande war seit dem Ende des
+sechzehnten Jahrhunderts mit der andern verbunden, daß ein großer
+Binnensee den Orinoco, Rio Branco und den Rio Essequebo zugleich
+mit Wasser speise. Ich glaube durch genauere Kenntniß der
+Oertlichleiten, durch langes, mühsames Studium der spanischen
+Schriftsteller, die vom <strong>Dorado</strong> handeln, besonders
+aber durch Vergleichung sehr vieler alten, chronologisch geordneten
+Karten den Quellen dieses Irrthums auf die Spur gekommen zu seyn.
+Allen Mährchen liegt etwas Wirkliches zu Grunde; das vom Dorado
+gleicht den Mythen des Alterthums, die bei ihrer Wanderung von Land
+zu Land immer den verschiedenen Oertlichkeiten angepaßt wurden. Um
+Wahrheit und Irrthum zu unterscheiden, braucht man in den
+Wissenschaften meistens nur die Geschichte der Vorstellungen und
+ihre allmählige Entwicklung zu verfolgen. Die Untersuchung, mit der
+ich dieses Kapitel beschließe, ist nicht allein deßhalb von Belang,
+weil sie Licht verbreitet über die Vorgänge bei der Eroberung und
+über die lange Reihe unglücklicher Expeditionen, die unternommen
+worden, um den Dorado zu suchen, und deren letzte (man schämt sich,
+es sagen zu müssen) in das Jahr 1775 fällt; neben diesem rein
+historischen Interesse haben sie noch ein anderes unmittelbareres
+und allgemeineres: sie können dazu dienen, die Geographie von
+Südamerika zu berichtigen, und auf den Karten, die gegenwärtig
+erscheinen, die großen Seen und das seltsame Flußnetz auszumerzen,
+die wie auf gerathewohl zwischen dem 60. und 69. Längengrad
+eingezeichnet werden. In Europa glaubt kein Mensch mehr an die
+Schätze in Guyana und an das Reich des großen
+<strong>Patiti</strong>. Die Stadt Manoa und ihre mit massiven
+Goldplatten bedeckten Paläste sind längst verschwunden; aber der
+geographische Apparat, mit dem die Sage vom Dorado aufgeputzt war,
+der See Parime, in dem sich, wie im See bei Mexiko, so viele
+herrliche Gebäude spiegelten, wurde von den Geographen gewissenhaft
+beibehalten. Im Laufe von drei Jahrhunderten erlitten dieselben
+Sagen verschiedene Umwandlungen; aus Unkenntniß der amerikanischen
+Sprachen hielt man Flüsse für Seen und Trageplätze für
+Flußverzweigungen; man rückte einen See (den Cassipa) um 5
+Breitegrade zu weit nach Süd, während man einen andern (den Parime
+oder Dorado) hundert Meilen weit weg vom westlichen Ufer des Rio
+Branco auf das östliche versetzte. Durch solch mancherlei
+Umwandlungen ist das Problem, das uns hier vorliegt, weit
+verwickelter geworden, als man gewöhnlich glaubt. Der Geographen,
+welche bei Entwerfung einer Karte die drei Fundamentalpunkte, die
+Maße, die Vergleichung der beschreibenden Schriften und die
+etymologische Untersuchung der Namen immer im Auge haben, sind sehr
+wenige. Fast alle seit 1775 erschienenen Karten von Südamerika
+sind, was das Binnenland zwischen den Steppen von Venezuela und dem
+Amazonenstrom, zwischen dem Ostabhang der Anden und den Küsten von
+Cayenne betrifft, reine Copien der großen spanischen Karte des la
+Cruz Olmedilla. Eine Linie darauf, welche den Landstrich
+bezeichnet, den Don Jose Solano entdeckt und durch seine Truppen
+und Emissäre zur Ruhe gebracht haben wollte, hielt man für den
+<strong>Weg</strong>, den der Commissär zurückgelegt, während er
+nie über San Fernando de Atabapo, das 160 Meilen vom angeblichen
+See Parime liegt, hinausgekommen ist. Man versäumte es, das Werk
+des Pater Caulin zu Rathe zu ziehen, des Geschichtschreibers von
+Solanos Expedition, der nach den Angaben der Indianer sehr klar
+auseinandersetzt, »wie der Name des Flusses Parime das Mährchen vom
+Dorado und einem Binnenmeer veranlaßt hat«. Ganz unbenützt ließ man
+ferner eine Karte vom Orinoco, die <strong>drei Jahre
+jünger</strong> ist als die von la Cruz; und die von Surville nach
+dem ganzen zuverlässigen wie hypothetischen Material in den
+Archiven des <em>Despacho universal de Indias</em> gezeichnet
+wurde. Die Fortschritte der Geographie, soweit sie sich auf den
+Karten zu erkennen geben, sind weit langsamer, als man nach der
+Menge brauchbarer Resultate, die in den Literaturen der
+verschiedenen Völker zerstreut sind, glauben sollte. Astronomische
+Beobachtungen, topographische Nachweisungen häufen sich viele Jahre
+lang an, ohne daß sie benützt werden, und aus sonst sehr
+lobenswerthem Conservatismus wollen die Kartenzeichner oft lieber
+nichts Neues bringen, als einen See, eine Bergkette oder ein
+Flußnetz opfern, die man nun einmal seit Jahrhunderten
+eingezeichnet hat.</p>
+<p>Da die fabelhaften Sagen vom Dorado und vom See Parime nach dem
+Charakter der Länder, denen man sie anpassen wollte,
+verschiedentlich gewendet worden sind, so ist herauszufinden, was
+daran richtig seyn mag und was rein chimärisch ist. Um nicht zu
+sehr ins Einzelne zu gehen, was besser der »Analyse des
+geographischen Atlas« vorbehalten bleibt, mache ich den Leser vor
+allem auf die Oertlichkeiten aufmerksam, welche zu verschiedenen
+Zeiten der Schauplatz der Expeditionen zur Entdeckung des Dorado
+gewesen. Hat man sich mit der Physiognomie des Landes und mit den
+örtlichen Umständen, wie wir sie jetzt zu beschreiben im Stande
+sind, bekannt gemacht, so wird einem klar, wie die verschiedenen
+Voraussetzungen auf unsern Karten nach und nach entstehen und
+einander modificiren konnten. Um einen Irrthum zu berichtigen, hat
+man nur die wechselnden Gestalten zu betrachten, unter denen er zu
+verschiedenen Zeiten aufgetreten ist.</p>
+<p>Bis zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts war das ungeheure
+Gebiet zwischen den Bergen von französisch Guyana und den Wäldern
+am obern Orinoro, zwischen den Quellen des Rio Carony und dem
+Amazonenstrom (von 0 bis 4 Grad nördlicher Breite und vom 57. bis
+68. Grad der Länge) so wenig bekannt, daß die Geographen nach
+Gefallen Seen, Flußverbindungen, mehr oder weniger hohe Berge
+einzeichnen konnten. Sie haben sich dieser Freiheit in vollem Maße
+bedient, und die Lage der Seen, wie der Lauf und die Verzweigungen
+der Flüsse wurden so verschiedenartig dargestellt, daß es nicht zu
+wundern wäre, wenn sich unter den zahllosen Karten ein paar fänden,
+die das Richtige getroffen hätten. Heutzutage ist das Feld der
+Hypothesen sehr bedeutend kleiner geworden. Die Länge von Esmeralda
+am obern Orinoco ist von mir bestimmt; weiter nach Ost, mitten in
+den Niederungen der Parime (ein unbekanntes Land, wie Wangara und
+Dar-Saley in Afrika), ist ein 20 Meilen breiter Strich von Nord
+nach Süd an den Ufern des Rio Carony und des Rio Branca) hin, unter
+dem 63. Grad der Länge, bereits begangen. Es ist dieß der
+gefährliche Weg, den Don Antonio Santos von Santo Thome de
+Angostura an den Rio Negro und den Amazonenstrom eingeschlagen,
+derselbe, auf dem in neuester Zeit Ansiedler aus Surinam mit den
+Bewohnern von Gran-Para verkehrt haben.<sup><a href="#fn113" class=
+"footnoteRef" id="fnref113" name="fnref113">113</a></sup> Dieser
+Weg schneidet die <em>terra incognita</em> der Parime in zwei
+ungleiche Stücke; zugleich setzt er den Quellen des Orinoco
+Grenzen, so daß man dieselben nicht mehr nach Belieben gegen Ost
+schieben kann, weil sonst das Bett des obern Orinoco, der von Ost
+nach West läuft, über das Bett des Rio Branco liefe, der von Nord
+nach Süd fließt. Verfolgt man den Rio Branco oder den Streifen
+Bauland, der zur <em>Capitania general</em> von Gran-Para gehört,
+so sieht man Seen, die von den Geographen zum Theil aus der Luft
+gegriffen, zum Theil vergrößert sind, zwei gesonderte Gruppen
+bilden. Die erste derselben begreift die Seen, die man zwischen
+Esmeralda und den Rio Branco verlegt, zur zweiten gehören die,
+welche man auf dem Landstrich zwischen dem Rio Branco und den
+Bergen von französisch und holländisch Guyana einander gegenüber
+liegen läßt. Aus dieser Uebersicht ergibt sich, daß die Frage, ob
+es ostwärts vom Rio Branco einen See Parime gibt, mit der Frage
+nach den Quellen des Orinoco gar nichts zu thun hat.</p>
+<p>Außer dem eben bezeichneten Landstrich (dem <em>Dorado de la
+Parime</em>, durch den der Rio Branco läuft) gibt es 260 Meilen
+gegen West am Ostabhang der Cordilleren der Anden ein anderes Land,
+das in den Expeditionen zur Aufsuchung des Dorado ebenso berufen
+ist. Es ist dieß das Mesopotamien zwischen dem Caqueta, dem Rio
+Negro, dem Uaupes und dem Jurubesh, von dem ich oben ausführlich
+gesprochen,<sup><a href="#fn114" class="footnoteRef" id="fnref114"
+name="fnref114">114</a></sup> der <strong>Dorado der
+Omaguas</strong>, wo der See <strong>Manoa</strong> des Pater
+Acuña, die <em>laguna de oro</em> der Guanes-Indianer und das
+Goldland liegen, aus dem Pater Fritz gegen das Ende des siebzehnten
+Jahrhunderts in seiner Mission am Amazonenstrom Goldbleche erhalten
+hat.</p>
+<p>Die ersten und zumal berühmtesten Unternehmungen zur Auffindung
+des Dorado waren gegen den Ostabhang der Anden von Neu-Grenada
+gerichtet. Voll Verwunderung über den Bericht eines Indianers aus
+Tacunga von den Schätzen des Königs oder Zague von »Cundirumarca,«
+schickte Sebastian de Belalcazar im Jahr 1535 die Hauptleute Añasco
+und Ampudia aus, das <em>valle del Dorado</em> zu suchen, das zwölf
+Tagereisen von Guallabamba, also in den Gebirgen zwischen Pasto und
+Popayan liegen sollte. Die Nachrichten, welche Pedro de Añasco von
+den Eingeborenen eingezogen, in Verbindung mit den späteren
+Mittheilungen des Diaz de Pineda (1536), der die Provinzen Quixos
+und Canela zwischen dem Rio Napo und dem Rio Pastaca entdeckt
+hatte, brachten auf die Vorstellung, daß östlich von den Nevados
+von Tunguragua, Cayambe und Popayan »weite Ebenen liegen, reich an
+edlen Metallen, wo die Eingeborenen Rüstungen aus massivem Golde
+trügen«. Als man nun diese Schätze aufsuchte, entdeckte Gonzalo
+Pizarro (1539) zufällig den amerikanischen Zimmtbaum (<em>Laurus
+cinnamomoides</em>) und gelangte Francisco de Orellana über den
+Napo hinunter in den Amazonenstrom. Von da an wurden zu gleicher
+Zeit von Venezuela, Neu-Grenada, Quito und Peru, ja von Brasilien
+und vom Rio de la Plata aus Expeditionen zur Eroberung des Dorado
+unternommen. Am längsten haben sich die Züge in das Land südlich
+vom Guaviare, Rio Fragua und Caqueta im Gedächtniß erhalten, und
+durch sie vor allen hat das Mährchen von den Schätzen der Manaos,
+der Omaguas und Guaypes, wie von der Existenz der <em>Lagunas de
+oro</em> und der Stadt des <strong>vergoldeten Königs</strong> (der
+<strong>große Patiti</strong>, der <strong>große Moxo</strong>, der
+<strong>große Paru</strong> oder <strong>Enim</strong>) Verbreitung
+gefunden. Da Orellana zwischen den Nebenflüssen des Jupura und des
+Rio Negro Götzenbilder von massivem Golde gefunden hatte, so
+glaubte man an ein Goldland zwischen dem Papamene und dem Guaviare.
+Seine Erzählung und die Reiseberichte Jorge’s de Espira (Georg von
+Speier), Hernans Perez de Guezada und Felipe’s de Urre (Philipp von
+Hutten) verrathen, neben vielen Uebertreibungen, genaue
+Localkenntnisse. Betrachtet man sie rein aus geographischem
+Gesichtspunkt, so sieht man, daß das Bestreben der ersten
+Conquistadoren fortwährend dahin ging, zum Landstrich zwischen den
+Quellen des Rio Negro, des Uaupes (Guape) und des Jupura oder
+Caqueta zu gelangen. Diesen Landstrich haben wir oben, zum
+Unterschied vom <strong>Dorado der Parime</strong>, den
+<strong>Dorado der Omaguas</strong> genannt. Allerdings hieß alles
+Land zwischen dem Amazonenstrom und dem Orinoco im Allgemeinen
+»Provincias del Dorado;« aber auf diesem ungeheuern, mit Wäldern,
+Savanen und Gebirgen bedeckten Raum strebte man, wenn man den
+großen See mit goldreichen Ufern und den vergoldeten König suchte,
+doch immer nur zwei Punkten zu, nordöstlich und südwestlich vom Rio
+Negro, nämlich der Parime (dem Isthmus zwischen dem Carony,
+Essequebo und Rio Branco) und den alten Wohnplätzen der Manaos an
+den Ufern des Jurubesh. Die Lage des letzteren Landstrichs, der in
+der Geschichte der »Eroberung« vom Jahr 1535 bis zum Jahr 1560
+vielberufen war, habe ich oben angegeben; ich habe nun noch von der
+Bodenbildung zwischen den spanischen Missionen am Carony und den
+portugiesischen am Rio Branco zu sprechen. Es ist dieß das Land in
+der Nähe des obern Orinoco, Esmeraldas und von holländisch und
+französisch Guyana, das am Ende des sechzehnten Jahrhunderts
+Raleghs Unternehmungen und übertriebene Berichte in so hellem
+Glanze strahlen ließen.</p>
+<p>In Folge des Laufs des Orinoco, indem er nach einander erst
+gegen West, dann gegen Nord und endlich gegen Ost fließt, liegt
+seine Mündung fast im selben Meridian wie seine Quellen; geht man
+daher von Alt-Guayana gegen Süd, so kommt man über das ganze Land,
+in das die Geographen nach einander ein Binnenmeer (<em>Mar
+blanco</em>) und die verschiedenen Seen versetzen, die mit der Sage
+vom <strong>Dorado der Parime</strong> verknüpft sind. Zuerst kommt
+man an den Rio Carony, zu dem zwei fast gleich starke Zweige
+zusammentreten, der eigentliche Carony und der Rio Paragua. Die
+Missionäre von Piritu nennen letzteren Fluß einen See
+(<em>laguna</em>). Er ist voll Klippen und kleiner Wasserfälle; »da
+er aber über ein völlig ebenes Land läuft, tritt er zugleich häufig
+sehr stark aus und man kann sein eigentliches Bett (<em>su
+verdadera caxa</em>) kaum erkennen«. Die Eingeborenen nennen ihn
+<strong>Paragua</strong> oder <strong>Parava</strong>, was auf
+caraibisch <strong>Meer</strong> oder <strong>großer See</strong>
+bedeutet. Diese örtlichen Verhältnisse und diese Benennung sind
+ohne Zweifel die Veranlassung geworden, daß man aus dem Rio
+Paragua, einem Nebenfluß des Carony, einen See gemacht und
+denselben <strong>Cassipa</strong> genannt hat, nach den
+Cassipagotos, die in der Gegend wohnten. Ralegh gab diesem
+Wasserbecken 13 Meilen Breite, und da alle Seen der Parime Goldsand
+haben müssen, so ermangelt er nicht zu versichern, wenn Sommers das
+Wasser falle, finde man daselbst Goldgeschiebe von bedeutenden
+Gewicht.</p>
+<p>Da die Quellen der Nebenflüsse des Carony, Arui und Caura
+(Caroli, Arvi und Caora der alten Geographen) ganz nahe bei
+einander liegen, so kam man auf den Gedanken, alle diese Flüsse aus
+dem angeblichen See Cassipa entspringen zu lassen. Sanson
+vergrößert den See auf 42 Meilen Länge und 15 Meilen Breite. Die
+alten Geographen kümmern sich wenig darum, ob sie die Zuflüsse an
+beiden Ufern immer in derselben Weise einander gegenübersetzen, und
+so geben sie die Mündung des Carony und den See Cassipa, der durch
+den Carony mit dem Orinoco zusammenbringt, zuweilen
+<strong>oberhalb</strong> des Einflusses des Meta an. So schiebt
+Hondius den See bis zum 2.&nbsp;und 3.&nbsp;Breitengrad hinunter
+und gibt ihm die Gestalt eines Rechtecks, dessen größten Seiten Von
+Nord nach Süd gerichtet sind. Dieser Umstand ist bemerkenswerth,
+weil man, indem man nach und nach dem See Cassipa eine südlichere
+Breite gab, denselben vom Carony und Arui loslöste und ihn Parime
+nannte. Will man diese Metamorphose in ihrer allmähligen
+Entwicklung verfolgen, so muß man die Karten, die seit Raleghs
+Reise bis heute erschienen sind, vergleichen. La Cruz, dem alle
+neueren Geographen nachgezeichnet haben, läßt seinem See Parime die
+länglichte Gestalt des Sees Cassipa, obgleich diese Gestalt von der
+des alten Sees Parime oder Rupunuwini, dessen große Achse von Ost
+nach West gerichtet war, völlig abweicht. Ferner war dieser alte
+See (der des Hondius, Sanson und Coronelli) von Bergen umgeben und
+es entsprang kein Fluß daraus, während der See Parime des la Cruz
+und der neueren Geographen mit dem obern Orinoco zusammenhängt, wie
+der Cassipa mit dem untern Orinoco.</p>
+<p>Ich habe hiemit den Ursprung der Fabel vom See Cassipa erklärt,
+so wie den Einfluß, den sie auf die Vorstellung gehabt, als ob der
+Orinoco aus dem See Parime entspränge. Sehen wir jetzt, wie es sich
+mit dem letzteren Wasserbecken verhält, mit dem angeblichen
+<strong>Binnenmeer</strong>, das bei den Geographen des sechzehnten
+Jahrhunderts <strong>Rupunuwini</strong> heißt. Unter dem
+4.&nbsp;oder 4½&nbsp;Grad der Breite (leider fehlt es in dieser
+Richtung, südlich von Santo Thome de Angostura, auf 8&nbsp;Grade
+weit ganz an astronomischen Beobachtungen) verbindet eine lange,
+schmale Cordillere, Pacaraimo, Quimiropaca und Ucucuamo genannt,
+die von Ost nach Südwest streicht, den Bergstock der Parime mit den
+Bergen von holländisch und französisch Guyana. Sie bildet die
+Wasserscheide zwischen dem Carony, Rupunury oder Rupunuwini und dem
+Rio Branco, und somit zwischen den Thälern des untern Orinoco, des
+Essequebo und des Rio Negro. Nordwestlich von dieser Cordillere von
+Pacaraimo, über die nur wenige Europäer gekommen sind (im Jahr 1739
+der deutsche Chirurg Nicolaus Hortsmann, im Jahr 1775 sein
+spanischer Officier, Don Antonio Santos, im Jahr 1791 der
+portugiesische Obrist Barata, und im Jahr 1811 mehrere englische
+Colonisten) kommen der Nocapra, der Paraguamusi und der Paragua
+herab, die in den Carony fallen; gegen Nordost kommt der Rupunuwini
+herunter, ein Nebenfluß des Essequebo; gegen Süd vereinigen sich
+der Tacutu und der Uraricuera zum vielberufenen Rio Parime oder Rio
+Branco.</p>
+<p>Dieser Isthmus zwischen den Zweigen des Rio Essequebo und des
+Rio Branco (das heißt zwischen dem Rupunuwini einerseits, und dem
+Pirara, Mahu und Uraricuera oder Rio Parime andererseits) ist als
+der eigentliche classische Boden des <strong>Dorado der
+Parime</strong> zu betrachten. Am Fuße der Berge von Pacaraimo
+treten die Flüsse häufig aus, und oberhalb Santa Rosa heißt das
+rechte Ufer des Urariapara, der sich in den Utaricuera ergießt,
+»<em>el valle de la inundacion</em>«. Ferner findet man zwischen
+dem Rio Parime und dem Xurumu große Lachen; auf den in neuester
+Zeit in Brasilien gezeichneten Karten, die über diesen Landstrich
+sehr genau sind, finden sich diese Wasserstücke angegeben. Weiter
+nach West kommt der Caño Pirara, der in den Mahu läuft, aus einem
+Binsensee. Das ist der von Nicolaus Hortsmann beschriebene See
+Amucu, derselbe, über den mir Portugiesen aus Barcelos, die am Rio
+Branco (Rio Parime oder Rio Paravigiana) gewesen waren, während
+meines Aufenthaltes in San Carlos del Rio Negro genaue Notizen
+gegeben haben. Der See Amucu ist mehrere Meilen breit und hat zwei
+kleine Inseln, die Santos Islas Ipomucena nennen hörte. Der
+Rupunuwini, an dessen Ufer Hortsmann Felsen mit hieroglyphischen
+Bildern entdeckt hat, kommt diesem See ganz nahe, steht aber in
+keiner Verbindung mit demselben. Der Trageplatz zwischen dem
+Rupunuwini und dem Mahu liegt weiter gegen Nord, wo der Berg
+Ucucuamo sich erhebt, der bei den Eingeborenen noch jetzt der
+<strong>Goldberg</strong> heißt. Sie gaben Hortsmann den Rath, um
+den Rio Mahu herum eine Silbergrube (ohne Zweifel großblätteriger
+Glimmer), Diamanten und Smaragde zu suchen; der Reisende fand aber
+nichts als Bergkrystall. Aus seinem Bericht scheint hervorzugehen,
+daß der ganze nach Ost streichende Zug der Gebirge am obern Orinoco
+(<em>Sierra Parime</em>) aus Graniten besteht, in denen, wie am Pic
+Duida,<sup><a href="#fn115" class="footnoteRef" id="fnref115" name=
+"fnref115">115</a></sup> häufig Drusen und offene Gänge vorkommen.
+In dieser Gegend, die noch immer für sehr goldreich gilt, leben an
+der Westgrenze von holländisch Guyana die Macusis, Aturajos und
+Acuvajos; später fand Santos diese Völkerschaften zwischen dem
+Rupunuwini, dem Mahu und der Bergkette Pacaraimo angesiedelt.
+<strong>Das glimmerreiche Gestein am Berg Ucucuamo, der Name des
+Rio Parime, das Austreten der Flüsse Urariapara, Parime und Xurumu,
+besonders aber der See Amucu (der nahe beim Rio Rupunuwini liegt
+und für die Hauptquelle des Rio Parime gilt) haben die Fabel vom
+weißen Meer und dem Dorado der Parime veranlaßt</strong>. Alle
+diese Momente (und eben dadurch wirkten sie zu Einer Vorstellung
+zusammen) finden sich auf einer von Nord nach Süd 8 bis 9 Meilen
+breiten, von Ost nach West 40 Meilen langen Strecke neben einander.
+Diese Lage gab man auch bis zum Anfang des sechzehnten Jahrhunderts
+dem <strong>weißen Meer</strong>, nur daß man es in der Richtung
+eines Parallels verlängerte. Dieses <strong>weiße Meer</strong> ist
+nun aber nichts anderes als der Rio Parime, der auch <strong>weißer
+Fluß, Rio Branco</strong> oder <em>de aguas blancas</em> heißt und
+diesen ganzen Landstrich, über den er läuft, unter Wasser setzt.
+Auf den ältesten Karten heißt das weiße Meer Rupunuwini, und daraus
+geht hervor, daß die Sage eben hier zu Hause ist, da unter allen
+Nebenflüssen des Essequebo der Rio Rupunuwini dem See Amucu am
+nächsten kommt. Bei seiner ersten Reise (1595) machte sich Ralegh
+noch keine bestimmte Vorstellung von der Lage des Dorado und des
+Sees Parime, den er für gesalzen hielt und den er »ein zweites
+caspisches Meer« nennt. Erst bei der zweiten, gleichfalls auf
+Raleghs Kosten unternommenen Reise (1596) gab Lawrence Keymis die
+Oertlichkeiten des Dorado so bestimmt an, daß, wie mir dünkt, an
+der Identität der <strong>Parime de Manoa</strong> mit dem See
+Amucu und dem Isthmus zwischen dem Rupunuwini (der in den Essequebo
+läuft) und dem Rio Parime oder Rio Branco gar nicht zu zweifeln
+ist. »Die Indianer,« sagt Keymis, »fahren den Essequebo südwärts in
+zwanzig Tagen hinauf. Um die Stärke des Flusses anzudeuten, nennen
+sie ihn den <strong>Bruder des Orinoco</strong>. Nach
+zwanzigtägiger Fahrt schaffen sie ihre Canoes über einen Trageplatz
+<strong>in einem einzigen Tage</strong> aus dem Flusse Dessekebe
+auf einen See, den die Jaos Roponowini, die Caraiben Parime nennen.
+Dieser See ist groß wie ein Meer; es fahren unzählige Canoes
+darauf, und ich vermuthe (die Indianer hatten ihm also nichts davon
+gesagt), daß es derselbe See ist, an dem die Stadt Manoa liegt.«
+Hondius gibt eine merkwürdige Abbildung von jenem Trageplatz, und
+da nach der damaligen Vorstellung die Mündung des Carony unter dem
+4.&nbsp;Breitengrad (statt unter 8°8′) lag, so setzte man den
+Trageplatz ganz nahe an den Aequator. Zur selben Zeit ließ man den
+Viapoco (Oyapoc) und den Rio Cayane (Maroni?) aus jenem See Parime
+kommen. Der Umstand, daß die Caraiben den westlichen Zweig des Rio
+Branco ebenso nennen, hat vielleicht so viel dazu beigetragen, den
+See Amucu in der Einbildung zu vergrößern, als die
+Ueberschwemmungen der verschiedenen Nebenflüsse des Uraricuera von
+der Mündung des Tacutu bis zum <em>valle de la inundacion</em>.</p>
+<p>Wir haben oben gesehen, daß die Spanier den Rio Paragua oder
+Parava, der in den Carony fällt, für einen See hielten, weil das
+Wort <em>Parava</em> <strong>Meer, See, Fluß</strong> bedeutet.
+Ebenso scheint Parime <strong>großes Wasser</strong> im Allgemeinen
+zu bedeuten, denn die Wurzel <em>par</em> kommt in caraibischen
+Benennungen von Flüssen, Lachen, Seen und Meeren Vor. Im Arabischen
+und im Persischen dienen ebenso <em>bahr</em> und <em>deria</em>
+gleichmäßig zur Bezeichnung des Meeres, der Seen und der Flüsse,
+und dieser Brauch, der sich bei vielen Völkern in beiden Welten
+findet, hat auf den alten Karten Seen in Flüsse und Flüsse in Seen
+umgewandelt. Zur Bekräftigung des eben Gesagten führe ich einen
+sehr achtbaren Zeugen auf, Pater Caulin. »Als ich,« sagt dieser
+Missionär, der sich länger als ich am untern Orinoco aufgehalten
+hat, »die Indianer fragte, was denn <strong>die Parime</strong>
+sey, so erwiederten sie, es sey nichts als ein Fluß, der aus einer
+Bergkette komme, an deren anderem Abhang der Essequebo entspringe.«
+Caulin weiß nichts vom See Amucu, und erklärt den Glauben an ein
+Binnenmeer nur aus den Ueberschwemmungen der Ebenen, <em>a las
+inundaciones dilatadas per los bajos del pays</em>.<sup><a href=
+"#fn116" class="footnoteRef" id="fnref116" name=
+"fnref116">116</a></sup> Ihm zufolge rühren alle Mißgriffe der
+Geographen von dem leidigen Umstand her, daß alle Flüsse in Guyana
+an ihren Mündungen andere Namen haben als an ihren Quellen. »Ich
+zweifle nicht,« sagt er weiter, »daß einer der obern Zweige des Rio
+Branco derselbe Rio Parime ist, den die Spanier für einen See
+gehalten haben (<em>a quien suponian laguna</em>).« Diese Notizen
+hatte der Geschichtschreiber der Grenzexpedition an Ort und Stelle
+gesammelt, und er hätte wohl nicht geglaubt, daß la Cruz und
+Surville richtige Begriffe und alte Vorstellungen vermengen und auf
+ihren Karten das Mar Dorado oder Mar Blanco wieder zum Vorschein
+bringen würden. So kommt es, daß, obgleich ich seit meiner Rückkehr
+aus Amerika vielfach den Beweis geführt, daß ein Binnenmeer, aus
+dem der Orinoco entspränge, gar nicht existirt, in neuester Zeit
+unter meinem Namen eine Karte<sup><a href="#fn117" class=
+"footnoteRef" id="fnref117" name="fnref117">117</a></sup>
+erschienen ist, auf der die <em>Laguna de Parime</em> wiederum
+auftritt.</p>
+<p>Aus allem Bisherigen geht hervor: 1) daß die Laguna Rupunuwini
+oder Parime aus Raleghs Reise und auf den Karten des Hondius ein
+chimärischer See ist, zu dem der See Amucu und die häufigen
+Ueberschwemmungen der Nebenflüsse des Uraricuera Veranlassung
+gegeben; 2) daß die Laguna Parime auf Survilles Karte der See Amucu
+ist, aus dem der Rio Pirara und (zugleich mit dem Mahu, dem Tacutu,
+dein Uraricuera oder dem eigentlich sogenannten Rio Parime) der Rio
+Branco entspringt; 3) daß die Laguna Parime des la Cruz eine
+eingebildete Erweiterung des Rio Parime (der mit dem Orinoco
+verwechselt wird) unterhalb der Vereinigung des Mahu mit dem Xurumu
+ist. Von der Mündung des Mahu bis zu der des Tacutu beträgt die
+Entfernung kaum 0°40′; la Cruz macht 7&nbsp;Breitengrade daraus. Er
+nennt das obere Stück des Rio Branco (in das der Mahu fällt)
+Orinoco oder <strong>Puruma</strong>. Dieß ist ohne allen Zweifel
+der <strong>Xurumu</strong>, ein Nebenfluß des Tacutu, der den
+Einwohnern des benachbarten Forts San Joaquim wohl bekannt ist.
+Alle Namen, die in der Sage vom Dorado vorkommen, finden sich unter
+den Nebenflüssen des Rio Branco. Geringfügige örtliche Verhältnisse
+und die Erinnerung an den Salzsee in Mexico, zumal aber an den See
+Manoa im <strong>Dorado der Omaguas</strong> wirkten zusammen zur
+Ausmalung eines Bildes, das der Einbildungskraft Raleghs und seiner
+beiden Unterbefehlshaber, Keymis und Masham, den Ursprung verdankt.
+Nach meiner Ansicht lassen sich die Ueberschwemmungen des Rio
+Branco höchstens mit denen des Red River in Louisiana zwischen
+Natchitotches und Cados vergleichen, keineswegs aber mit der Laguna
+de los Xarayes, die eine periodische Ausbreitung des Rio Paraguay
+ist.<sup><a href="#fn118" class="footnoteRef" id="fnref118" name=
+"fnref118">118</a></sup></p>
+<p>Wir haben im Bisherigen ein <strong>weißes Meer</strong>
+besprochen, durch das man den Hauptstamm des Rio Branco laufen
+läßt, und ein zweites,<sup><a href="#fn119" class="footnoteRef" id=
+"fnref119" name="fnref119">119</a></sup> das man ostwärts von
+diesem Flusse setzt, und das mit demselben mittelst des Caño Pirara
+zusammenhängt. Noch gibt es einen dritten See,<sup><a href="#fn120"
+class="footnoteRef" id="fnref120" name="fnref120">120</a></sup> den
+man westwärts vom Rio Branco verlegt, und über den ich erst
+kürzlich interessante Angaben im handschriftlichen Tagebuch des
+Chirurgen Hortsmann gefunden habe. »Zwei Tagereisen unterhalb des
+Einflusses des Mahu (Tacutu) in den Rio Parime (Uraricuera) liegt
+auf einem Berggipfel ein See, in dem dieselben Fische vorkommen,
+wie im Rio Parime; aber die Wasser des ersteren sind schwarz, die
+des letzteren weiß.« Hat nun nicht vielleicht Surville nach einer
+dunkeln Kunde von diesem Wasserbecken auf der Karte, die er zu
+Pater Caulins Werk entworfen, sich einen 10 Meilen langen Alpensee
+ausgedacht, bei dem (gegen Ost) der Orinoco und der Idapa, ein
+Nebenfluß des Rio Negro, zumal entspringen? So unbestimmt die
+Angabe des Chirurgen aus Hildesheim lautet, so läßt sich doch
+unmöglich annehmen, daß der Berg, auf dessen Gipfel sich ein See
+befindet, nördlich vom Parallel von 2°½, liege, und diese Breite
+kommt ungefähr mit der des Cerro Unturan überein. Es ergibt sich
+daraus, daß Hortsmanns Alpsee, der d’Anvilles Aufmerksamkeit
+entgangen ist, und der vielleicht mitten in einer Berggruppe liegt,
+nordöstlich vom Trageplatz zwischen dem Idapa und Mavaca und
+südöstlich vom Orinoco, oberhalb Esmeralda, zu suchen ist.</p>
+<p>Die meisten Geschichtschreiber, welche die ersten Jahrhunderte
+nach der Eroberung beschrieben haben, schienen der festen Ansicht,
+daß die Namen <strong>Provincias</strong> und <strong>Pais del
+Dorado</strong> ursprünglich jeden goldreichen Landstrich
+bedeuteten. Sie vergessen den etymologischen Sinn des Wortes
+<strong>Dorado</strong> (<strong>der Vergoldete</strong>) und
+bemerken nicht, daß diese Sage ein Localmythus ist, wie ja auch
+fast alle Mythen der Griechen, Hindus und Perser. Die Geschichte
+vom <strong>vergoldeten Mann</strong> ist ursprünglich in den Anden
+von Neu-Grenada zu Hause, besonders aus den Niederungen am
+Ostabhange derselben; nur allmählig, wie ich oben gezeigt, sieht
+man sie 300 Meilen gegen Ost-Nord-Ost von den Quellen des Caqueta
+an die des Rio Branco und des Essequebo herüberrücken. Man hat in
+verschiedenen Gegenden von Südamerika bis zum Jahr 1536 Gold
+gesucht, ohne daß das Wort <strong>Dorado</strong> ausgesprochen
+worden wäre, und ohne daß man an die Existenz eines andern
+Mittelpunktes der Cultur und der Schätze als das Reich der Inca von
+Cuzco geglaubt hätte. Länder, aus denen gegenwärtig auch nicht die
+kleinste Menge edlen Metalls in den Handel kommt, die Küste von
+Paria, Terra Firma (<em>Castilla del Oro</em>), die Berge von
+St.&nbsp;Martha und die Landenge Darien waren damals so
+vielberufen, wie in neuerer Zeit der goldhaltige Boden in Senora,
+Choco und Brasilien.</p>
+<p>Diego de Ordaz (1531) und Alonzo de Herera (1535) zogen auf
+ihren Entdeckungsreisen an den Ufern des untern Orinoco hin.
+Ersterer ist der berüchtigte Conquistador von Mexico, der sich
+rühmte, Schwefel aus dem Krater des Pics Popocatepetl geholt zu
+haben, und dem Karl V.&nbsp;die Erlaubniß ertheilte, einen
+brennenden Vulkan im Wappen zu führen. Ordaz war zum Adelantado
+allen Landes ernannt worden, das er zwischen Brasilien und
+Venezuela erobern könnte, und das damals das Land der deutschen
+Compagnie der Welser (Belzares) hieß, und er ging auf seinem Zuge
+von der Mündung des Amazonenstromes aus. Er sah dort in den Händen
+der Eingeborenen »faustgroße Smaragde«. Es waren ohne Zweifel
+Stücke Saussurit, von dem dichten Feldspath, den wir vom Orinoco
+zurückgebracht, und den La Condamine an der Mündung des Rio Topayos
+in Menge angetroffen.<sup><a href="#fn121" class="footnoteRef" id=
+"fnref121" name="fnref121">121</a></sup> Die Indianer sagten Diego
+de Ordaz, »wenn er so und so viele Sonnen gegen West hinauffahre,
+komme er an einen großen Fels (<em>peña</em>) von grünem Gestein«;
+bevor er aber diesen vermeintlichen Smaragdberg (Euphotitgestein?)
+erreichte, machte ein Schiffbruch allen weiteren Entdeckungen ein
+Ende. Mit genauer Noth retteten sich die Spanier in zwei kleinen
+Fahrzeugen. Sie eilten, aus der Mündung des Amazonenstroms
+hinauszukommen, und die Strömungen, die in diesen Strichen stark
+nach Nordwest gehen, führten Ordaz an die Küste von Paria oder auf
+das Gebiet des Caziken von Yuripari (Uriapari, Viapari). Sedeño
+hatte die <em>Casa fuerte de Paria</em> gebaut, und da dieser
+Posten ganz nahe an der Mündung des Orinoco lag, beschloß der
+mexikanische Conquistador, eine Expedition auf diesem großen Strom
+zu versuchen. Er hielt sieh zuerst in Carao (Caroa, Carora) auf,
+einem großen indianischen Dorf, das mir etwas ostwärts vom Einfluß
+des Carony gelegen zu haben scheint; er fuhr sofort nach Cabruta
+(Cabuta, Cabritu) hinauf und an den Einfluß des Meta (Metacuyu), wo
+er mit großen Fährlichkeiten seine Fahrzeuge über den Raudal von
+Cariven schaffte. Wir haben oben gesehen, daß das Bett des Orinoco
+bei der Einmündung des Meta voll Klippen ist. Die Aruacas-Indianer,
+die Ordaz als Wegweiser dienten, riethen ihm, den Meta
+hinaufzufahren; sie versicherten ihn, weiter gegen West finde er
+bekleidete Menschen und Gold in Menge. Ordaz wollte lieber auf dem
+Orinoco weiterfahren, aber die Katarakten bei Tabaje (vielleicht
+sogar die bei Atures) nöthigten ihn, seine Entdeckungen
+aufzugeben.</p>
+<p>Auf diesem Zuge, der lange vor den des Orellana fällt und also
+der bedeutendste war, den die Spanier bis dahin auf einem Strome
+der neuen Welt unternommen, hörte man zum erstenmal den Namen
+<strong>Orinoco</strong> aussprechen. Ordaz, der Anführer der
+Expedition, versichert, von der Mündung bis zum Einfluß des Meta
+heiße der Strom <strong>Uriaparia</strong>, oberhalb dieses
+Einflusses aber <strong>Orinucu</strong>. Dieses Wort (ähnlich
+gebildet wie die Worte <strong>Tamanacu</strong>,
+<strong>Otomacu</strong>, <strong>Sinarucu</strong>) gehört
+wirklich der tamanakischen Sprache an, und da die Tamanacas
+süd-östlich von Encaramada wohnen, so ist es natürlich, daß die
+Conquistadoren den jetzigen Namen des Stromes erst in der Nähe des
+Rio Meta zu hören bekamen. Auf diesem Nebenfluß erhielt Diego de
+Ordaz von den Eingeborenen die erste Kunde von civilisirten
+Völkern, welche auf den Hochebenen der Anden von Neu-Grenada
+wohnten, »von einem gewaltigen, einäugigen Fürsten und von Thieren,
+kleiner als Hirsche, auf denen man aber reiten könne, wie die
+Spanier auf den Pferden.« Ordaz zweifelte nicht, daß diese Thiere
+Llamas oder <em>Ovejas del Peru</em> seyen. Soll man annehmen, daß
+die Llamas, die man in den Anden vor dem Pflug und als Lastthiere,
+aber nicht zum Reiten brauchte, früher nördlich und östlich von
+Quito verbreitet gewesen? Ich finde wirklich, daß Orellana welche
+am Amazonenstrom gesehm hat, oberhalb des Einflusses des Rio Negro,
+also in einem Klima, das von dem der Hochebene der Anden bedeutend
+abweicht. Das Mährchen von einem auf Llamas berittenen Heere von
+Omaguas mußte dazu dienen, den Bericht der Begleiter Felipes de
+Urre über ihren ritterlichen Zug an den obern Orinoco
+auszuschmücken. Dergleichen Sagen sind äußerst beachtenswerth, weil
+sie darauf hinzuweisen scheinen, daß die Hausthiere Quitos und
+Perus bereits angefangen hatten von den Cordilleren herabzukommen
+und sich allmählig in den östlichen Landstrichen von Südamerika zu
+verbreiten.</p>
+<p>Im Jahr 1533 wurde Herera, der Schatzmeister bei Diegos de Ordaz
+Expedition, vom Statthalter Geronimo de Ortal mit der weiteren
+Erforschung des Orinoco und des Meta beauftragt. Er brachte
+zwischen Punta Barima und dem Einfluß des Carony fast dreizehn
+Monate mit dem Bau platter Fahrzeuge und den nothwendigen
+Zurüstungen zu einer langen Reise hin. Man liest nicht ohne
+Verwunderung die Erzählung dieser kühnen Unternehmungen, wobei man
+drei, vierhundert Pferde einschiffte, um sie ans Land zu setzen, so
+oft die Reiterei am einen oder dem andern Ufer etwas ausrichten
+konnte. Wir finden bei Hereras Expedition dieselben Stationen
+wieder, die wir bereits kennen gelernt: die Feste Paria, das
+indianische Dorf Uriaparia (wahrscheinlich unterhalb Imataca an
+einem Punkt, wo sich die Spanier wegen der Ueberschwemmung des
+Delta kein Brennholz verschaffen konnten), Caroa in der Provinz
+Carora, die Flüsse Caranaca (Caura?) und Caxavana (Cuchivero?), das
+Dorf Cabritu (Cabruta) und den Raudal am Einfluß des Meta. Da der
+Rio Meta sehr berühmt war, weil seine Quellen und seine Nebenflüsse
+den goldhaltigen Cordilleren von Neu-Grenada (Cundinamarca) nahe
+liegen, so versuchte er ihn hinaufzufahren. Er fand daselbst
+civilisirtere Völker als am Orinoco, die aber das Fleisch
+<strong>stummer Hunde</strong> aßen.<sup><a href="#fn122" class=
+"footnoteRef" id="fnref122" name="fnref122">122</a></sup> In einem
+Gefecht wurde Herera durch einen mit Curaresaft (Yierva)
+vergifteten Pfeile getödtet; sterbend ernannte er Alvaro de Ordaz
+zu seinem Stellvertreter. Dieser führte (1535) die Trümmer der
+Expedition nach der Feste Paria zurück, nachdem er vollends die
+wenigen Pferde eingebüßt, die einen achtzehnmonatlichen Feldzug
+ausgehalten.</p>
+<p>Dunkle Gerüchte über die Schätze der Völker am Meta und andern
+Nebenflüssen am Ostabhang der Cordilleren von Neu-Grenada
+veranlaßten nacheinander, in den Jahren 1535 und 1536, Geronimo de
+Ortal, Nicolaus Federmann und Jorge de Espira (Georg von Speier) zu
+Expeditionen auf Landwegen gegen Süd und Südwest. Vom Vorgebirge
+Paria bis zum Cabo de la Vela hatte man schon seit den Jahren 1498
+und 1500 in den Händen der Eingeborenen kleine gegossene Goldbilder
+gesehen. Die Hauptmärkte für diese Amulette, die den Weibern als
+Schmuck dienten, waren die Dörfer Curiana (Coro) und Cauchieto
+(beim Rio la Hacha). Die Gießer in Cauchieto erhielten das Metall
+aus einem Bergland weiter gegen Süden. Die Expeditionen des Ordaz
+und des Herera hatten das Verlangen, diese goldreichen Landstriche
+zu erreichen, natürlich gesteigert. Georg von Speier brach (1535)
+von Coro auf und zog über die Gebirge von Merida an den Apure und
+Meta. Er ging über diese beiden Flüsse nahe bei ihren Quellen, wo
+sie noch nicht breit sind. Die Indianer erzählten ihm, weiter
+vorwärts ziehen weiße Menschen auf den Ebenen umher. Speier, der
+sich nahe am Amazonenstrom glaubte, zweifelte nicht, daß diese
+umherziehenden Spanier Schiffbrüchige von der Expedition des Ordaz
+seyen. Er zog über die Savanen von San Juan de los Llanos, die
+reich an Gold seyn sollten, und blieb lange in einem indianischen
+Dorf, Pueblo de Nuestra Señora, später Fragua genannt, südöstlich
+vom Paramo de la Suma Paz. Ich war am Westabhang dieses Bergstocks,
+in Fusagasuga, und hörte, die Ebenen gegen Ost am Fuß der Berge
+seyen noch jetzt bei den Eingeborenen wegen ihres Reichthums
+berufen. Im volkreichen Dorfe Fragua fand Speier eine <em>Casa del
+Sol</em> (Sonnentempel) und ein Jungfrauenkloster, ähnlich denen in
+Peru und Neu-Grenada. Hatte sich hier der Cultus gegen Ost
+ausgebreitet, oder sind etwa die Ebenen bei San Juan die Wiege
+desselben? Nach der Sage war allerdings Bochica, der Gesetzgeber
+von Neu-Grenada und Oberpriester von Iraca, von den Ebenen gegen
+Ost auf das Plateau von Bogota herausgekommen. Da aber Bochica in
+Einer Person Sohn und Sinnbild der Sonne ist, so kann seine
+Geschichte rein astrologische Allegorien enthalten. Auf seinem
+weiteren Zuge nach Süd ging Speier über die zwei Zweige des
+Guaviare, den Ariare und Guayavero, und gelangte ans Ufer des
+großen Rio Papamene<sup><a href="#fn123" class="footnoteRef" id=
+"fnref123" name="fnref123">123</a></sup> oder Caqueta. Der
+Widerstand, den er ein ganzes Jahr lang in der Provinz los Choques
+fand, machte dieser denkwürdigen Expedition ein Ende (1537),
+Nicolaus Federmann und Geronimo de Ortal verfolgten von Macarapana
+und der Mündung des Rio Neveri aus Jorges de Espira Spuren.
+Ersterer suchte Gold im großen Magdalenenstrom, letzterer wollte
+einen Sonnentempel am Ufer des Meta entdecken. Da man die
+Landessprache nicht verstand, sah man am Fuße der Cordilleren
+überall einen Abglanz der großartigen Tempel von Iraca (Sogamozo),
+dem damaligen Mittelpunkt der Cultur in Cundinamarca.</p>
+<p>Ich habe bis jetzt aus geographischem Gesichtspunkt die Reisen
+besprochen, welche auf dem Orinoco und gegen West und Süd an den
+Ostabhang der Anden unternommen wurden, bevor sich die Sage vom
+<strong>Dorado</strong> unter den Conquistadoren verbreitet hatte.
+Diese Sage stammt, wie wir oben angeführt, aus dem Königreich
+Quito, wo Luis Daça im Jahr 1535 einen Indianer aus Neu-Grenada
+traf, der von seinem Fürsten (ohne Zweifel vom
+<strong>Zippa</strong> von Bogota oder vom <strong>Zaque</strong>
+von Tunja) abgesandt war, um von Atahualpa, dem Inca von Peru,
+Kriegshülfe zu erbitten. Dieser Abgesandte pries, wie gewöhnlich,
+die Schätze seiner Heimath; was aber den Spaniern, die mit Daça in
+der Stadt Tacunga (Llactaconga) waren, ganz besonders auffiel, das
+war die Geschichte von einem vornehmen Mann, »der, den Körper mit
+Goldstaub bedeckt, in einen See mitten im Gebirge ging.« Dieser See
+könnte die Laguna de Totta, etwas ostwärts von Sogamozo (Iraca) und
+Tunja (Hunca) seyn, wo das geistliche und das weltliche Haupt des
+Reiches Cundinamarca oder Cundirumarca ihren Sitz hatten; da sich
+aber keinerlei geschichtliche Erinnerung an diesen See knüpft, so
+glaube ich vielmehr, daß mit dem, in welchen man den
+<strong>vergoldeten großen Herrn</strong> gehen ließ, der
+<strong>heilige See Guatavita</strong>, ostwärts von den
+Steinsalzgruben von Zipaquira, gemeint ist. Ich sah am Rande dieses
+Wasserbeckens die Reste einer in den Fels gehauenen Treppe, die bei
+den gottesdienstlichen Waschungen gebraucht wurde. Die Indianer
+erzählen, man habe Goldstaub und Goldgeschirr hineingeworfen, als
+Opfer für die Götzen des <em>adoratorio de Guatavita</em>. Man
+sieht noch die Spuren eines Einschnitts, den die Spanier gemacht,
+um den See trocken zu legen. Da der Sonnentempel von Sogamozo den
+Nordküsten von Terra Firma ziemlich nahe liegt, so wurden die
+Vorstellungen vom vergoldeten Mann bald auf einen Oberpriester von
+der Sekte des Bochica oder Idacanzas übergetragen, der sich
+gleichfalls jeden Morgen, um das Opfer zu verrichten, auf Gesicht
+und Hände, nachdem er dieselben mit Fett eingerieben, Goldstaub
+kleben ließ. Nach andern Nachrichten, die in einem Schreiben
+Oviedos an den berühmten Cardinal Bembo aufbehalten sind, suchte
+Gonzalo Pizarro, als er den Landstrich entdeckte, wo die Zimmtbäume
+wachsen, zugleich »einen großen Fürsten, von dem hier zu Lande viel
+die Rede geht, der immer mit Goldstaub überzogen ist, so daß er vom
+Kopf zum Fuß aussieht wie <em>una figura. d’oro lavorata di mano
+d’un buonissimo orifice</em>. Der Goldstaub wird mittelst eines
+wohlriechenden Harzes am Leibe befestigt; da aber diese Art
+<strong>Anzug</strong> ihm beim Schlafen unbequem wäre, so wascht
+sich der Fürst jeden Abend und läßt sich Morgens wieder vergolden,
+welches beweist, daß das Reich des <strong>Dorado</strong> ungemein
+viele Goldgruben haben muß.« Es ist ganz wohl anzunehmen, daß unter
+den von Bochica eingeführten gottesdienstlichen Ceremonien eine
+war, die zu einer so allgemein verbreiteten Sage Anlaß gab. Fand
+man doch in der neuen Welt die allerwunderlichsten Gebräuche. In
+Mexico bemalten sich die Opferpriester den Körper; ja sie trugen
+eine Art Meßgewand mit hängenden Aermeln aus gegerbter
+Menschenhaut. Ich habe Zeichnungen derselben bekannt gemacht, die
+von den alten Einwohnern von Anahuac herrühren und in ihren
+gottesdienstlichen Büchern aufbehalten sind.</p>
+<p>Am Rio Caura und in andern wilden Landstrichen von Guyana, wo
+der Körper <strong>bemalt</strong> statt <strong>tätowirt</strong>
+wird, reiben sich die Eingeborenen mit Schildkrötenfett ein und
+kleben sich metallisch glänzende, silberweiße und kupferrothe
+Glimmerblättchen auf die Haut. Von weitem sieht dieß aus, als
+trügen sie mit Borten besetzte Kleider. Der Sage vom
+<strong>vergoldeten Mann</strong> liegt vielleicht ein ähnlicher
+Brauch zu Grunde, und da es in Neu-Grenada zwei souveräne Fürsten
+gab,<sup><a href="#fn124" class="footnoteRef" id="fnref124" name=
+"fnref124">124</a></sup> den Lama in Iraca und das weltliche
+Oberhaupt oder den Zaque in Tunja, so ist es nicht zu verwundern,
+daß dasselbe Ceremoniell bald dem König, bald dem Oberpriester
+zugeschrieben wird. Auffallender erscheint es, daß man vom Jahr
+1535 an das Land des Dorado ostwärts von den Anden gesucht hat.
+Robertson nimmt in seiner Geschichte des neuen Continents an, die
+Sage sey zuerst Orellana (1540) am Amazonenstrom zu Ohren gekommen;
+aber das Buch des Fray Pedro Simon, dem Quesadas, des Eroberers von
+Cundirumarca, Aufzeichnungen zu Grunde liegen, beweist das
+Gegentheil, und bereits im Jahr 1536 suchte Gonzalo Diaz de Pineda
+den <strong>vergoldeten Mann</strong> jenseits der Niederungen der
+Provinz Quixos. Der Gesandte aus Bogota, den Daça im Königreich
+Quito angetroffen, hatte von einem ostwärts gelegenen Lande
+gesprochen; that er etwa so, weil die Hochebene von Neu-Grenada
+nicht nordwärts, sondern nordostwärts von Quito liegt? Man sollte
+meinen, die Sage von einem nackten, mit Goldstaub überzogenen Mann
+müßte ursprünglich in einem heißen Lande zu Hause seyn, und nicht
+auf den kalten Hochebenen von Cundirumarca, wo ich den Thermometer
+oft unter 4 oder 5 Grad fallen sah; indessen ist das Klima in Folge
+der ungewöhnlichen Bodenbildung auch in Guatavita, Tunja, Iraca und
+am Ufer des Sogamozo sehr verschieden. Nicht selten behält man
+gottesdienstliche Gebräuche bei, die aus einem andern Erdstrich
+herrühren, und nach alten Sagen ließen die Muyscas ihren ersten
+Gesetzgeber und Stifter ihres Gottesdienstes, Bochica, aus den
+Ebenen ostwärts von den Cordilleren herkommen. Ich lasse
+unentschieden, ob diese Sagen auf einer geschichtlichen Thatsache
+beruhten oder ob damit, wie schon oben bemerkt, nur angedeutet seyn
+sollte, daß der erste Lama, der Sohn und Sinnbild der Sonne ist,
+nothwendig aus Ländern gegen Aufgang gekommen seyn müsse. Wie dem
+sey, so viel ist gewiß, der Ruf, den der Orinoco, der Meta und die
+Provinz Papamene zwischen den Quellen des Guaviare und Caqueta
+durch die Expeditionen des Ordaz, Herera und Georgs von Speier
+bereits erlangt, trug dazu bei, die Sage vom Dorado in der Nähe des
+Ostabhangs der Cordilleren zu fixiren.</p>
+<p>Daß auf der Hochebene von Neu-Grenada drei Heerhaufen
+zusammentrafen, machte, daß sich in ganz Amerika, so weit es von
+den Spaniern besetzt war, die Kunde von einem noch zu erobernden
+reichen, stark bevölkerten Lande verbreitete. Sebastian de
+Belalcazar zog von Quito über Popayan nach Bogota (1536); Nicolaus
+Federmann kam von Venezuela, von Ost her über die Ebenen am Meta.
+Diese beiden Anführer trafen auf der Hochebene von Cundirumarca
+bereits den vielberufenen <strong>Adelantado</strong> Gonzalo
+Ximenes de Quesada, von dem ich einen Nachkommen bei Zipaquira
+barfuß das Vieh habe hüten sehen. Das zufällige Zusammentreffen der
+drei Conquistadoren, eines der merkwürdigsten und dramatischsten
+Ereignisse in der Geschichte der Eroberung, fand im Jahr 1538
+statt. Belalcazar erhitzte durch seine Berichte die Phantasie
+abenteuerlustiger Krieger; man verglich, was der Indianer aus
+Tacunga Luis Daça erzählt, mit den verworrenen Vorstellungen von
+den Schätzen eines großen einäugigen Königs und von einem
+bekleideten, auf Lamas reitenden Volke, die Ordaz vom Meta
+mitgebracht. Pedro de Limpias, ein alter Soldat, der mit Federmann
+auf der Hochebene von Bogota gewesen war, brachte die erste Kunde
+vom Dorado nach Coro, wo das Andenken an die Expedition Georgs von
+Speier (1535—37) an den Rio Papamene noch ganz frisch war. Von
+dieser selben Stadt Coro aus unternahm auch Felipe de Hutten (Urre,
+Utre) seine vielberufene Reise in das Gebiet der Omaguas, während
+Pizarro, Orellana und Hernan Perez de Quesada, der Bruder des
+Adelantado, das Goldland am Rio Napo, längs des Amazonenstroms und
+in der östlichen Kette der Anden von Neu-Grenada suchten. Die
+Eingeborenen, um ihrer unbequemen Gäste los zu werden, versicherten
+aller Orten, zum Dorado sey leicht zu kommen, und zwar ganz in der
+Nähe. Es war wie ein Phantom, das vor den Spaniern entwich und
+ihnen beständig zurief. Es liegt in der Natur des flüchtigen
+Erdenbewohners, daß er das Glück in der unbekannten Weite sucht.
+Der Dorado, gleich dem Atlas und den hesperischen Inseln, rückte
+allgemach vom Gebiet der Geographie auf das der Mythendichtung
+hinüber.</p>
+<p>Die vielfachen Unternehmungen zur Aufsuchung dieses
+eingebildeten Landes zu erzählen, liegt nicht in meiner Absicht.
+Ohne Zweifel verdankt man denselben großentheils die Kenntniß vom
+Innern Amerikas; sie leisteten der Geographie Dienste, wie ja der
+Irrthum oder gewagte Theorien nicht selten zur Wahrheit führen;
+aber in der vorliegenden Erörterung kann ich mich nur bei den
+Umständen aufhalten, die auf die Entwerfung der alten und neuen
+Karten unmittelbar Einfluß gehabt haben. Hernan Perez de Quesada
+suchte nach der Abreise seines Bruders, des Adelantado, nach Europa
+von neuem (1539), dießmal aber im Berglande nordöstlich von Bogota,
+den Sonnentempel (<em>Casa del sol</em>), von dem Geronimo de Ortal
+(1536) am Meta hatte sprechen hören. Der von Bochica eingeführte
+Sonnendienst und der hohe Ruf des Heiligthums zu Iraca oder
+Sogamozo gaben Anlaß zu jenen verworrenen Gerüchten von Tempeln und
+Götzenbildern aus massivem Golde; aber auf den Bergen wie in den
+Niederungen glaubte man immer weit davon zu seyn, weil die
+Wirklichkeit den chimärischen Träumen der Einbildungskraft so wenig
+entsprach. Francisco de Orellana fuhr, nachdem er mit Pizarro den
+Dorado in der <em>Provincia de los canelos</em> und an den
+goldhaltigen Ufern des Napo vergebens gesucht, den großen
+Amazonenstrom hinunter (1540). Er fand dort zwischen den Mündungen
+des Javari und des Rio de la Trinidad (Yupura?) einen goldreichen
+Landstrich, genannt Machiparo (Muchifaro), in der Nähe des Aomaguas
+oder Omaguas. Diese Kunde trug dazu bei, daß der Dorado südostwärts
+verlegt wurde, denn <strong>Omaguas</strong> (Om-aguas, Aguas),
+<strong>Dit-Aguas</strong> und <strong>Papamene</strong> waren
+Benennungen für dasselbe Land, für das, welches Georg von Speier
+auf seinem Zuge an den Caqueta entdeckt hatte. Mitten auf den
+Niederungen nordwärts vom Amazonenstrom wohnten die
+<strong>Omaguas</strong>, die <strong>Manaos</strong> oder Manoas
+und die <strong>Guaypes</strong> (Uaupes oder Guayupes), drei
+mächtige Völker, deren letzteres, dessen Wohnsitze westwärts am
+Guaupe oder Uaupe liegen, schon in den Reiseberichten Quesadas und
+Huttens erwähnt wird. Diese beiden in der Geschichte Amerikas
+gleich berühmten Conquistadoren kamen auf verschiedenen Wegen in
+die Llanos von San Juan, die damals <strong>Valle de Nuestra
+Señora</strong> hießen. Hernan Perez de Quesada ging (1541) über
+die Cordilleren von Cundirumarca, wahrscheinlich zwischen den
+Paramos Chingasa und Suma Paz, während Felipe de Hutten, in
+Begleitung Pedros de Limpias (desselben, der von den Hochebenen von
+Bogota die erste Kunde vom Dorado nach Venezuela gebracht hatte)
+von Nord nach Süd den Weg einschlug, auf dem Georg von Speier am
+Ostabhang der Gebirge hingezogen war. Hutten brach von Coro, dem
+Hauptsitz der <strong>deutschen Faktorei</strong> oder Gesellschaft
+der Welser auf, als Heinrich Remboldt an der Spitze derselben
+stand. Nachdem er über die Ebenen am Casanare, Meta und Caguan
+gezogen (1541), kam er an den obern Guaviare (Guayuare), den man
+lange für den Ursprung des Orinoco gehalten hat und dessen Mündung
+ich auf dem Wege von San Fernando de Atabapo an den Rio Negro
+gesehen habe. Nicht weit vom rechten Ufer des Guaviare kam Hutten
+in die Stadt der Guaypes, Macatoa. »Das Volk daselbst trug Kleider,
+die Felder schienen gut angebaut, alles deutete auf eine Cultur,
+die sonst diesem heißen Landstrich im Osten der Cordilleren fremd
+war. Wahrscheinlich war Georg von Speier bei seinem Zuge an den Rio
+Caqueta und in die Provinz Papamene weit oberhalb Macatoa über den
+Guaviare gegangen, bevor die beiden Zweige dieses Flusses, der
+Ariari und der Guayavero, sich vereinigen. Hutten erfuhr, auf dem
+Wege weiter nach Südost komme er auf das Gebiet der großen Nation
+der Omaguas, deren Priester-König Quareca heiße und große Heerden
+von Llamas besitze. Diese Spuren von Cultur, diese alten
+Verbindungen mit der Hochebene von Quito scheinen mir sehr
+bemerkenswerth. Wir haben schon oben erwähnt, daß Orellana bei
+einem indianischen Häuptling am Amazonenstrom Llamas gesehen, und
+daß Ordaz auf den Ebenen am Meta davon hatte sprechen hören.</p>
+<p>Ich halte mich nur an das, was in das Bereich der Geographie
+fällt, und beschreibe weder nach Hutten jene unermeßlich große
+Stadt, <strong>die er von weitem gesehen</strong>, noch das Gefecht
+mit den Omaguas, wobei 39 Spanier (ihrer 14 sind in den Nachrichten
+aus jener Zeit namentlich aufgeführt) mit 15,000 Indianern zu thun
+hatten. Diese lügenhaften Berichte haben zur Ausschmückung der Sage
+vom Dorado sehr viel beigetragen. Der Namen der Stadt der Omaguas
+kommt in Huttens Bericht nicht vor, aber die Manoas, von denen
+Pater Fritz noch im siebzehnten Jahrhundert in seiner Mission
+Yurimaguas Goldbleche erhielt, sind Nachbarn der Omaguas. Später
+wurde der Namen Manoa aus dem Lande der Amazonen auf eine
+eingebildete Stadt im <strong>Dorado der Parime</strong>
+übergetragen. Der bedeutende Ruf, in dem die Länder zwischen dem
+Caqueta (Papamene) und Guaupe (einem Nebenfluß des Rio Negro)
+standen, veranlaßte (1560) Pedro de Ursua zu der unheilvollen
+Expedition, welche mit der Empörung des Tyrannen
+Aguirre<sup><a href="#fn125" class="footnoteRef" id="fnref125"
+name="fnref125">125</a></sup> endigte. Als er den Caqueta
+hinabfuhr, um sofort in den Amazonenstrom zu gelangen, hörte Ursua
+von der Provinz <strong>Caricuri</strong> sprechen. Diese Benennung
+weist deutlich auf das Goldland hin, denn, wie ich sehe, heißt Gold
+auf tamanakisch <strong>Caricuri</strong>, auf caraibisch
+<strong>Carucuru</strong>. Sollte der Ausdruck für
+<strong>Gold</strong> bei den Völkern am Orinoco ein Fremdwort
+seyn, wie <strong>Zucker</strong> und <strong>Coton</strong> in den
+europäischen Sprachen? Dieß wiese wohl darauf hin, daß diese Völker
+die edlen Metalle mit den fremden Erzeugnissen haben kennen lernen,
+die ihnen von den Cordilleren<sup><a href="#fn126" class=
+"footnoteRef" id="fnref126" name="fnref126">126</a></sup> oder von
+den Ebenen am Ostabhang der Anden zugekommen.</p>
+<p>Wir kommen jetzt zum Zeitpunkt, wo der Mythus vom Dorado sich im
+östlichen Strich von Guyana, zuerst beim angeblichen See Cassipa
+(an den Ufern des Paragua, eines Nebenflusses des Carony), und dann
+zwischen den Quellen des Rio Essequebo und des Rio Branco,
+festsetzte. Dieser Umstand ist vom bedeutendsten Einfluß auf die
+Geographie dieser Länder gewesen. Antonio de Verrio, der
+Schwiegersohn und einzige Erbe des großen Adelantado Ximenez de
+Quesada, ging westwärts von Tunja über die Cordilleren, schiffte
+sich auf dem Rio Casanare ein und fuhr auf diesem Fluß, auf dem
+Meta und Orinoco hinab nach der Insel Trinidad. Wir wissen von
+dieser Reise fast nur, was Ralegh davon berichtet; sie scheint
+wenige Jahre vor die erste Gründung von Vieja Guayana im Jahr 1591
+zu fallen. Einige Jahre darauf (1595) ließ Berrio durch seinen
+<em>Maese de Campo</em>, Domingo de Vera, eine Expedition von 2000
+Mann ausrüsten, welche den Orinoco hinaufgehen und den Dorado
+erobern sollte, den man jetzt das <strong>Land Manoa</strong>,
+sogar <strong>Laguna de la Gran Manoa</strong> zu nennen anfing.
+Reiche Grundeigenthümer verkauften ihre Höfe, um den Kreuzzug
+mitzumachen, dem sich zwölf Observanten und zehn Weltgeistliche
+anschlossen. Die Mähren eines gewissen Martinez (Juan Martin de
+Albujar?), der bei der Expedition des Diego de Ordaz wollte
+zurückgelassen und von Stadt zu Stadt in die Hauptstadt des Dorado
+geschleppt worden seyn, hatten Berrios Phantasie erhitzt. Was
+dieser Conquistador auf der Fahrt den Orinoco herab selbst
+beobachtet, ist schwer von dem zu unterscheiden, was er, wie er
+angiebt, aus einem in Portorico aufbewahrten Tagebuche des Martinez
+geschöpft hat. Man sieht, man hatte damals vom neuen Continent im
+Allgemeinen dieselben Vorstellungen, wie wir so lange von Afrika.
+Man meinte tiefer im Lande mehr Cultur anzutreffen als an den
+Küsten. Bereits Juan Gonzalez, den Diego de Ordaz abgesandt hatte,
+die Ufer des Orinoco zu untersuchen (1531), behauptete, »je weiter
+man auf dem Orinoco hinauf komme, desto stärker werde die
+Bevölkerung«. Berrio erwähnt zwischen den Mündungen des Meta und
+des Cuchivero der häufig unter Wasser stehenden Provinz Amapaja, wo
+er viele kleine gegossene goldene Götzenbilder gefunden, ähnlich
+denen, welche in Cauchieto östlich von Coro verfertigt wurden. Er
+meinte, dieses Gold komme aus dem Granitboden des bergigten Landes
+zwischen Carichana, Uruana und dem Cuchivero. Und allerdings haben
+in neuerer Zeit die Eingeborenen in der <em>Quebadra del tigre</em>
+bei der Mission Encaramada ein Goldgeschiebe gefunden.<sup><a href=
+"#fn127" class="footnoteRef" id="fnref127" name=
+"fnref127">127</a></sup> Ostwärts von der Provinz Amapaja erwähnt
+Berrio des Rio Carony (Caroly), den man aus einem großen See
+entspringen ließ, weil man einen der Nebenflüsse des Carony, den
+Rio Paragua (Fluß des <strong>großen Wassers</strong>), aus
+Unbekanntschaft mit den indianischen Sprachen, für ein
+<strong>Binnenmeer</strong> gehalten hatte. Mehrere spanische
+Geschichtschreiber glaubten, dieser See, die Quelle des Carony, sey
+Berrios <strong>Gran Manoa</strong>; aber aus den Nachrichten, die
+Berrio Ralegh mitgetheilt, ist ersichtlich, daß man annahm, die
+<strong>Laguna de Manoa</strong> (del <strong>Dorado</strong> oder
+<strong>de Parime</strong>) liege südlich vom Rio Paragua, aus dem
+man die <strong>Laguna Cassipa</strong> gemacht hatte. »Diese
+beiden Wasserbecken hatten goldhaltigen Sand; aber am Ufer des
+Cassipa lag Macureguaira (Margureguaira), die Hauptstadt des
+Caziken Aromaja und die vornehmste Stadt des ein- gebildeten
+Reiches Guyana.«</p>
+<p>Da diese häufig überschwemmten Landstriche von jeher von Völkern
+caraibischen Stammes bewohnt waren, die tief ins Land hinein mit
+den entlegensten Gegenden einen ungemein lebhaften Handel trieben,
+so ist nicht zu verwundern, daß man hier bei den Indianern mehr
+Gold fand als irgendwo. Die Eingeborenen im Küstenland brauchten
+dieses Metall nicht allein zum Schmuck und zu Amuletten, sondern
+auch in gewissen Fällen als Tauschmittel. Es erscheint daher ganz
+natürlich, daß das Gold an den Küsten von Paria und bei den Völkern
+am Orinoco verschwunden ist, seit der Verkehr mit dem Innern durch
+die Europäer abgeschnitten wurde. Die unabhängig gebliebenen
+Eingeborenen sind gegenwärtig unzweifelhaft elender, träger und
+versunkener als vor der Eroberung. Der König von Morequito,
+derselbe, dessen Sohn Ralegh nach England mitgenommen hatte, war im
+Jahr 1594 nach Cumana gekommen, um gegen eine große Menge massiver
+Goldbilder eiserne Geräthe und europäische Waaren einzutauschen.
+Dieses unerwartete Auftreten eines indianischen Häuptlings
+steigerte noch den Ruf der Schätze des Orinoco. Man stellte sich
+vor, der Dorado müsse nicht weit vom Lande seyn, aus dem der König
+von Morequito gekommen; und da das Land dort häufig unter Wasser
+stand, und die Flüsse die allgemeinen Namen: »großes Meer,« »großes
+Wasserstück« führten, so mußte sich der Dorado am Ufer eines Sees
+befinden. Man dachte nicht daran, daß das Gold, das die Caraiben
+und andere Handelsvölker mitbrachten, so wenig ein Erzeugniß ihres
+Bodens war, als die brasilianischen und ostindischen Diamanten
+Erzeugnisse der europäischen Länder sind, wo sie sich am meisten
+zusammenhäuft. Berrios Expedition, die, während die Schiffe in
+Cumana, bei Margarita und Trinidad anlegten, sehr stark an
+Mannschaft geworden war, ging über Morequito (bei Vieja Guayana)
+dem Rio Paragua, einem Nebenfluß des Carony, zu; aber Krankheiten,
+der wilde Muth der Eingeborenen und der Mangel an Lebensmitteln
+setzten dem Zug der Spanier unübersteigliche Hindernisse entgegen.
+Alle gingen zu Grunde bis auf dreißig, welche im kläglichsten
+Zustand zum Posten Santo Thome zurückkamen.</p>
+<p>Diese Unfälle kühlten den Eifer, mit dem bis zur Mitte des
+siebzehnten Jahrhunderts der Dorado aufgesucht wurde, keineswegs
+ab. Der Statthalter von Trinidad, Antonio de Berrio, wurde von Sir
+Walter Ralegh gefangen genommen, als dieser im Jahr 1595 den
+vielberufenen Einfall auf die Küste von Venezuela und an die
+Mündungen des Orinoco machte. Von Berrio und andern Gefangenen, die
+Capitän Preston bei der Einnahme von Caracas gemacht, konnte Ralegh
+Alles in Erfahrung bringen, was man damals von den Ländern südwärts
+von Vieja Guayana. wußte. Er glaubte an die Mährchen, welche Juan
+Martin de Ulbujar ausgeheckt, und zweifelte weder an der Existenz
+der beiden Seen Cassipa und Ropunuwini, noch am Bestehen des großen
+Reichs des Inca, das flüchtige Fürsten (nach Atahualpas Tode) an
+den Quellen des Rio Essequebo gegründet haben sollten. Die Karte,
+welche Ralegh entworfen und deren Geheimhaltung er Lord Charles
+Howard empfahl, besitzen wir nicht mehr; aber der Geograph Hondius
+hat diese Lücke ausgefüllt; ja er gibt seiner Karte ein Verzeichniß
+von Längen- und Breitenangaben bei, wobei die <strong>Laguna del
+Dorado</strong> und die <strong>kaiserliche Stadt Manoas</strong>
+vorkommen. Während Ralegh an der Punta del Gallo (auf der Insel
+Trinidad) sich aufhielt, ließ er durch seine Unterbefehlshaber die
+Mündungen des Orinoco, namentlich die von Capuri, Gran Amana
+(Manamo grande) und Macureo (Macareo)<sup><a href="#fn128" class=
+"footnoteRef" id="fnref128" name="fnref128">128</a></sup>
+untersuchen. Da seine Schiffe einen bedeutenden Tiefgang hatten,
+hielt es sehr schwer, in die <strong>bocas chicas</strong>
+einzulaufen, und er mußte sich flache Fahrzeuge bauen lassen. Er
+bemerkte die Feuer der Tivitivas (Tibitibies) vom Stamme der
+Guaraons auf den Mauritiapalmen, deren Frucht,<sup><a href="#fn129"
+class="footnoteRef" id="fnref129" name="fnref129">129</a></sup>
+<em>fructum squamorum, similem Palmae Pini</em>, er zuerst nach
+Europa gebracht hat. Es wundert mich, daß von der Niederlassung,
+die Berrio unter dem Namen Santo Thome (<em>la Vieja Guayana</em>)
+gegründet, so gut wie gar nicht die Rede ist; und doch reicht
+dieselbe bis zum Jahr 1591 hinauf, und obgleich nach Fray Pedro
+Simon »Religion und Politik jeden Handelsverkehr zwischen Christen
+(Spaniern) und Ketzern (Holländern und Engländern) verbieten,«
+wurde damals, am Ende des sechzehnten Jahrhunderts, wie
+gegenwärtig, ein lebhafter Schleichhandel über die Mündungen des
+Orinoco getrieben. Ralegh ging über den Fluß
+<strong>Europa</strong> (Guarapo) und »die Ebenen der
+<strong>Saymas</strong> (Chaymas),<sup><a href="#fn130" class=
+"footnoteRef" id="fnref130" name="fnref130">130</a></sup> die im
+selben Niveau bis Cumana und Caracas fortstreichen;« in Morequito
+(vielleicht etwas nordwärts von Villa de Upata in den Missionen am
+Carony) machte er Halt, und hier bestätigte ihm ein alter Cazike
+alle phantastischen Vorstellungen Berrios von einem Einfall fremder
+Völker (Orejones und Epuremei) in Guyana. Die Katarakten des Caroli
+(Carony), welcher Fluß damals für den kürzesten Weg zu den beiden
+am See Cassipa und am See Nupunuwini oder <strong>Dorado</strong>
+gelegenen Städten Macureguarai und Manoa galt, steckten der
+Expedition ein Ziel.</p>
+<p>Ralegh hat den Orinoco nur auf einer Strecke von kaum 60 Meilen
+befahren; er nennt aber nach den schwankenden Angaben, die er
+zusammengebracht, die obern Zuflüsse, den Cari, den Pao, den Apure
+(Capuri?), den Guarico (Voari?), den Meta, sogar »in der Provinz
+Baraguan den großen Wasserfall Athule (Atures), der aller weiteren
+Flußfahrt ein Ende macht«. Trotz seiner Uebertreibungen, die sich
+für einen Staatsmann wenig ziemen, bieten Raleghs Berichte
+wichtiges Material zur Geschichte der Geographie. Der Orinoco
+oberhalb des Einflusses des Apure war damals den Europäern so wenig
+bekannt, als heutzutage der Lauf des Niger unterhalb Sego. Man
+hatte die Namen verschiedener, weit entfernten Nebenflüsse
+vernommen, aber man wußte nicht, wo sie lagen; man zählte ihrer
+mehr auf, als wirklich sind, wenn derselbe Name, verschieden
+ausgesprochen oder vom Ohr unrichtig aufgefaßt, verschieden klang.
+Andere Irrthümer hatten vielleicht ihre Quellen darin, daß dem
+spanischen Statthalter Antonio de Berrio wenig daran gelegen seyn
+konnte, Ralegh richtige, genaue Notizen zu geben; letzterer beklagt
+sich auch über seinen Gefangenen »als einen Menschen ohne Bildung,
+der Ost und West nicht zu unterscheiden wisse.« Ob Ralegh an Alles,
+was er vorbringt, an die Binnenmeere, so groß wie das caspische
+Meer, an die kaiserliche Stadt Manoa (<em>imperial and golden
+city</em>), an die prächtigen Paläste, welche der »Kaiser Inga von
+Guyana« nach dem Vorbild seiner peruanischen Ahnen erbaut, — ob er
+an all das wirklich geglaubt oder sich nur so angestellt, das will
+ich hier nicht untersuchen. Der gelehrte Geschichtschreiber von
+Brasilien, Southey, und der Biograph Raleghs, Cayley, haben in
+neuester Zeit viel Licht über diesen Punkt verbreitet. Daß der
+Führer der Expedition und die unter ihm Befehlenden ungemein
+leichtgläubig waren, ist schwerlich zu bezweifeln. Man sieht,
+Ralegh paßte Alles von vornherein angenommenen Voraussetzungen an.
+Sicher war er selbst getäuscht, wenn es aber galt, die Phantasie
+der Königin Elisabeth zu erhitzen und die Plane seiner ehrgeizigen
+Politik durchzusetzen, so ließ er keinen Kunstgriff der
+Schmeichelei unversucht. Er schildert der Königin »das Entzücken
+dieser barbarischen Völker beim Anblick ihres Bildnisses; der Name
+der erhabenen Jungfrau, welche sich Reiche zu unterwerfen weiß,
+soll bis zum Lande der kriegerischen Weiber am Orinoco und
+Amazonenstrom dringen; er versichert, als die Spanier den Thron von
+Cuzco umgestoßen, habe man eine alte Prophezeiung gefunden, der
+zufolge die Dynastie der Incas dereinst Großbritannien ihre
+Wiederherstellung zu danken haben werde; er gibt den Rath, unter
+dem Vorwand, das Gebiet gegen äußere Feinde schützen zu wollen,
+Besatzungen von drei, viertausend Mann in die Städte des Inca zu
+legen und diesen so zu einem jährlichen Tribut von 300,000 Pfund
+Sterling an Königin Elisabeth zu nöthigen; endlich äußert er mit
+einem Blick in die Zukunft, alle diese gewaltigen Länder
+Südamerikas werden eines Tages Eigenthum der englischen Nation
+seyn.«</p>
+<p>Raleghs vier Fahrten auf dem untern Orinoco fallen zwischen die
+Jahre 1595 und 1617. Nach all diesen vergeblichen Unternehmungen
+ließ der Eifer, mit dem man den Dorado aufsuchte, allmählig nach.
+Fortan kam keine Expedition mehr zu Stande, an der sich zahlreiche
+Colonisten betheiligten, wohl aber Unternehmungen Einzelner, zu
+denen nicht selten die Statthalter der Provinzen aufmunterten. Die
+Kunde vom Goldland der Manoas-Indianer am Jurubesh und von der
+<em>Laguna de oro</em> die durch die Reisen der Patres Acuña (1688)
+und Fritz (1637) in Umlauf kam, trugen das Ihrige dazu bei, daß die
+Vorstellungen vom Dorado in den portugiesischen und spanischen
+Colonien im Norden und Süden des Aequators wieder rege wurden. In
+Cuença im Königreich Quito traf ich Leute, die im Auftrag des
+Bischofs Marfil östlich von den Cordilleren auf den Ebenen von
+Macas die Trümmer der Stadt Logroño, die in einem goldreichen Lande
+liegen sollte, aufgesucht hatten. Aus dem schon mehrmals erwähnten
+Tagebuche Hortsmanns ersehen wir, daß man im Jahr 1740 von
+holländisch Guyana her zum Dorado zu gelangen glaubte, wenn man den
+Essequebo hinauffuhr. In Santo Thome de Angostura entwickelte der
+Statthalter Don Manuel Centurion ungemeinen Eifer, um zum
+eingebildeten See Manoa zu dringen. Arimuicaipi, ein Indianer von
+der Nation der Ipurucotos, fuhr den Rio Carony hinab und entzündete
+durch lügenhafte Berichte die Phantasie der spanischen Colonisten.
+Er zeigte ihnen am Südhimmel die Magellanschen Wolken, deren
+weißlichtes Licht er für den Widerschein der silberhaltigen Felsen
+mitten in der Laguna Parime erklärte. Es war dieß eine sehr
+poetische Schilderung des Glanzes des Glimmer- und Talkschiefers
+seines Landes. Ein anderer indianischer Häuptling, bei den Caraiben
+am Essequebo als <strong>Capitän Jurado</strong> bekannt, gab sich
+vergebliche Mühe, den Statthalter Centurion zu enttåuschen. Man
+machte fruchtlose Versuche auf dem Caura und dem Rio Paragua.
+Mehrere hundert Menschen kamen bei diesen tollen Unternehmungen
+elend ums Leben. Die Geographie zog indessen einigen Nutzen daraus.
+Nicolas Rodriguez und Antonio Santos wurden vom spanischen
+Statthalter auf diese Weise gebraucht (1775 bis 1780). Letzterer
+gelangte auf dem Carony, dem Paragua, dem Paraguamusi, dem Anocapra
+und über die Berge Pacaraimo und Quimiropaca an den Uraricuera und
+den Rio Branco. Die Reisetagebücher dieser abenteuerlichen
+Unternehmungen haben mir treffliche Notizen geliefert.</p>
+<p>Die Seekarten, welche der Florentiner Reisende Amerigo
+Vespucci<sup><a href="#fn131" class="footnoteRef" id="fnref131"
+name="fnref131">131</a></sup> in den ersten Jahren des sechzehnten
+Jahrhunderts als <em>piloto mayor</em> der <em>Casa de
+Contratacion</em> zu Sevilla entworfen, und auf die er, vielleicht
+in schlauer Absicht, den Namen <em>Terra de Amerigo</em> gesetzt,
+sind nicht auf uns gekommen. Die älteste geographische Urkunde des
+neuen Continents ist die einer römischen Ausgabe des Ptolemäus vom
+Jahr 1508 beigegebene Weltkarte des Johann Ruysch.<sup><a href=
+"#fn132" class="footnoteRef" id="fnref132" name=
+"fnref132">132</a></sup> Man erkennt darauf Yucatan und Honduras
+(den südlichsten Theil von Mexico), die als eine Insel unter dem
+Namen <strong>Culicar</strong> dargestellt sind. Eine Landenge von
+Panama ist nicht vorhanden, sondern eine Meerenge, durch die man
+geradeaus von Europa nach Indien fahren kann. Auf der großen
+südlichen Insel (Südamerika) steht der Name <em>Terra de
+Careas</em>, die von zwei Flüssen, dem Rio Lareno und dem Rio
+Formoso begrenzt ist. Diese <strong>Careas</strong> sind ohne
+Zweifel die Einwohner von <strong>Caria</strong>, welchen Namen
+Cristoph Columbus bereits im Jahr 1498 vernommen hatte und mit dem
+lange Zeit ein großer Theil von Amerika bezeichnet wurde. Der
+Bischof Geraldini sagt in einem Briefe an Pabst Leo X. aus dem Jahr
+1516 deutlich: »Insula illa, quae Europa et Asia est major, quam
+indocti continentem Asiae appellant, et alii Americam vel Pariam
+nuncupant.« Auf der Weltkarte von 1508 finde ich noch keine Spur
+vom Orinoco. Dieser Strom erscheint zum erstenmal unter dem Namen
+<em>Rio dulce</em> auf der berühmten Karte, die Diego Ribero,
+Kosmograph Kaiser Karls V. im Jahr 1529 entworfen, und die Sprengel
+im Jahr 1795 mit einem gelehrten Commentar herausgegeben hat. Weder
+Columbus (1498) noch Alonso de Guda, bei dem Amerigo Vespucci war
+(1499), hatten die eigentliche Mündung des Orinoco gesehen. Sie
+hatten dieselbe mit der nördlichen Oeffnung des Meerbusens von
+Paria verwechselt, dem man, wie denn Uebertreibungen der Art bei
+den Seefahrern jener Zeit so häufig vorkommen, eine ungeheure Masse
+süßen Wassers zuschrieb. Vicente Yañez Pinçon, nachdem er die
+Mündung des Rio Maragnon entdeckt, war auch der Erste, der die
+Mündung des Orinoco sah (1500). Er nannte diesen Strom <em>Rio
+dulce</em>, welcher Name sich seit Ribero lange auf den Karten
+erhalten hat und zuweilen irrthümlich dem Maroni und dem Essequebo
+beigelegt wurde.<sup><a href="#fn133" class="footnoteRef" id=
+"fnref133" name="fnref133">133</a></sup></p>
+<p>Der große See Parime erscheint auf den Karten erst nach Raleghs
+erster Reise. Jodocus Hondius war der Mann, der mit dem Jahr 1599
+den Vorstellungen der Geographen eine bestimmte Richtung gab und
+das Innere von spanisch Guyana als ein völlig bekanntes Land
+darstellte. Der Isthmus zwischen dem Rio Branco und dem Rio
+Rupunuwini (einem Nebenfluß des Essequebo) wird von ihm in den 200
+Meilen langen, 40 Meilen breiten See <strong>Rupunuwini</strong>,
+<strong>Carime</strong> oder <strong>Dorado</strong>, zwischen dem
+1°45′ südlicher und dem 2° nördlicher Breite verwandelt. Dieses
+Binnenmeer, größer als das caspische Meer, wird bald mitten in ein
+gebirgigtes Land, ohne Verbindung mit irgend einem andem Fluß,
+hineingezeichnet, bald läßt man den Rio Oyapok (Waiapago, Joapoc,
+Vinpoco) und den Rio de Cayana daraus entspringen. Der erstere Fluß
+wurde im achten Artikel des Utrechter Vertrags mit dem Rio de
+Vicente Pinçon (Rio Calsoene oder Mayacari?) verwechselt und blieb
+bis zum letzten Wiener Congreß der Gegenstand endloser
+Streitigkeiten zwischen den französischen und den portugiesischen
+Diplomaten. Der letztere ist eine chimärische Verlängerung des
+Tonnegrande, oder aber des Oyac (Wia?). Das Binnenmeer (<em>Laguna
+Parime</em>) wurde anfangs so gestellt, daß sein westliches Ende in
+den Meridian des Zusammenflusses des Apure und des Orinoco fiel;
+allmählig aber schob man es nach Ost vor, so daß das westliche Ende
+südlich von den Mündungen des Orinoco zu liegen kam. Dieser Wechsel
+zog auch Abänderungen in der respektiven Lage des Sees Parime und
+des Sees Cassipa, so wie in der Richtung des Laufs des Orinoco nach
+sich. Diesen großen Strom läßt man von seiner Mündung bis über den
+Meta hinauf, gleich dem Magdalenenstrom, von Süd nach Nord laufen.
+Die Nebenflüsse, die man aus dem See Cassipa kommen ließ, der
+Carony, der Arui und der Caura, laufen damit in der Richtung eines
+Parallels, während sie in der Wirklichkeit in der Richtung eines
+Meridians liegen. Außer dem Parime und dem Cassipa gab man auf den
+Karten einen dritten See an, aus dem man den Aprouague (Apurwaca)
+kommen ließ. Es war damals bei den Geographen allgemeiner Brauch,
+alle Flüsse mit großen Seen in Verbindung zu bringen. Auf diese
+Weise verband Ortelius den Nil mit dem Zaire oder Rio Congo, die
+Weichsel mit der Wolga und dem Dnieper. Im nördlichen Mexiko, in
+den angeblichen Königreichen Guivira und Cibola, die durch die
+Lügen des Mönchs Marcos de Niza berühmt geworden, hatte man ein
+großes Binnenmeer eingezeichnet, aus dem man den californischen Rio
+Colorado entspringen ließ.<sup><a href="#fn134" class="footnoteRef"
+id="fnref134" name="fnref134">134</a></sup> Vom Rio Magdalena lief
+ein Arm in den See Maracaybo, und der See Xarayes, in dessen Nähe
+man einen <strong>südlichen Dorado</strong> setzte, stand mit dem
+Amazonenstrom, mit dem Miari (Meary) und dem Rio San Francisco in
+Verbindung. Die meisten dieser hydrographischen Träume sind
+verschwunden; nur die Seen Cassipa und Dorado haben sich lange
+neben einander auf unsern Karten erhalten.</p>
+<p>Verfolgt man die Geschichte der Geographie, so sieht man den
+Cassipa, der als ein rechtwinklichtes Viereck dargestellt wird,
+sich allmählig auf Kosten des Dorado vergrößern. Letzterer wurde
+zuweilen ganz weggelassen, aber nie wagte man es, sich am ersteren
+zu vergreifen, der nichts ist, als der durch periodische
+Ueberschwemmungen geschwellte Rio Paragua (ein Nebenfluß des
+Carony). Als d’AnvilIe durch Solanos Expedition in Erfahrung
+brachte, daß der Orinoco seine Quellen keineswegs westwärts am
+Abhang der Anden von Pasto habe, sondern von Osten her von den
+Gebirgen der Parime herabkomme, nahm er in der zweiten Ausgabe
+seiner schönen Karte von Amerika (1760) die <strong>Laguna
+Parime</strong> wieder auf und ließ sie ganz willkürlich durch den
+Mazuruni und den Cuyuni mit drei Flüssen (dem Orinoco, dem Rio
+Branco und dem Essequebo) in Verbindung stehen. Er verlegte sie
+unter den 3—4. Grad nördlicher Breite, wohin man bisher den See
+Cassipa gesetzt hatte.</p>
+<p>Der spanische Geograph la Cruz Olmedilla (1775) folgte
+d’Anvilles Vorgang. Der alte, unter dem Aequator gelegene See
+Parime war vom Orinoco ganz unabhängig; der neue, der an der Stelle
+des Cassipa und wieder in der Gestalt eines Vierecks austrat,
+dessen längsten Seiten von Süd nach Nord laufen,<sup><a href=
+"#fn135" class="footnoteRef" id="fnref135" name=
+"fnref135">135</a></sup> zeigt die seltsamsten hydraulischen
+Verbindungen. Bei la Cruz entspringt der Orinoco, unter dem Namen
+Parime und Puruma (Xuruma?) im gebirgigten Lande zwischen den
+Quellen des Ventuari und des Caura (unter dem 5.&nbsp;Grad der
+Breite im Meridian der Mission Esmeralda) aus einem kleinen See,
+der <strong>Ipava</strong> heißt. Dieser See läge auf meiner
+Reisekarte nordöstlich von den Granitbergen von Cunevo, woraus zur
+Genüge hervorgeht, daß wohl ein Nebenfluß des Rio Branco oder des
+Orinoco daraus entspringen könnte, nicht aber der Orinoco selbst.
+Dieser Rio Parime oder Puruma nimmt nach einem Lauf von 40 Meilen
+gegen Ost-Nord-Ost und von 60 Meilen gegen Südost den Rio Mahu auf,
+den wir bereits als einen der Hauptzweige des Rio Branco kennen;
+darauf läuft er in den See Parime, den man 30 Meilen lang und 20
+Meilen breit macht. Aus diesem See entspringen unmittelbar drei
+Flüsse, der Rio Ucamu (Ocamo), der Rio Idapa (Siapa) und der Rio
+Branco. Der Orinoco oder Puruma ist als unterirdische
+Durchsickerung am Westabhang der <strong>Sierra Mei</strong>,
+welche den See oder das <strong>weiße Meer</strong> gegen Westen
+begrenzt, gezeichnet. Diese zweite Quelle des Orinoco liegt unter
+dem zweiten Grad nördlicher Breite und 3½ Grad ostwärts vom
+Meridian von Esmeralda. Nachdem der neue Fluß 50 Meilen gegen
+West-Nord-West gelaufen, nimmt er zuerst den Ucamu auf, der aus dem
+See Parime kommt, sodann den Rio Maquiritari (Padamo), der zwischen
+dem See Ipava und einem andern Alpsee, von la Cruz <strong>Laguna
+Cavija</strong> genannt, entspringt. Da <strong>See</strong>
+maypurisch <strong>Cavia</strong> heißt, so bedeutet das Wort
+<strong>Laguna Cavia</strong>, wie Laguna Parime, nichts als
+Wasserbecken, <em>laguna de agua</em>. Diese seltsame Flußzeichnung
+ist nun das Vorbild fast für alle neueren Karten von Guyana
+geworden. Ein Mißverständniß, das aus der Unkenntniß des Spanischen
+entsprang, hat der Karte des la Cruz, auf der richtige Angaben mit
+systematischen, den alten Karten entnommenen Vorstellungen vermengt
+sind, vollends großes Ansehen verschafft. Eine punktirte Linie
+umgibt den Landstrich, über den Solano einige Erkundigung hatte
+einziehen können; diese Linie hielt man nun für den <strong>von
+Solano zurückgelegten Weg</strong>, so daß dieser das südwestliche
+Ende des weißen Meeres gesehen haben müßte. Auf der Karte des la
+Cruz steht geschrieben: »Dieser Weg bezeichnet, was vom Statthalter
+von Caracas, Don Jose Solano, entdeckt und zur Ruhe gebracht worden
+ist.« Nun weiß man aber in den Missionen, daß Solano nie über San
+Fernando de Atabapo hinausgekommen ist, daß er den Orinoco ostwärts
+vom Einfluß des Guaviare gar nicht gesehen, und daß er seine
+Nachrichten über diese Länder nur von gemeinen Soldaten haben
+konnte, die der Sprachen der Eingeborenen unkundig waren. Das Werk
+des Pater Caulin, der ja der Geschichtschreiber der Expedition war,
+das Zeugniß Don Apollinarios Diaz de la Fuente und Santos’ Reise
+thun zur Genüge dar, daß nie ein Mensch das weiße Meer des la Cruz
+gesehen hat, das, wie aus den Namen der sich darein ergießenden
+Flüsse hervorgeht, nichts ist als eine eingebildete Ausbreitung des
+westlichen Zweigs des Rio Branco oberhalb des Einflusses des Tacutu
+und des Uraricuera oder Rio Parime. Ließe man aber auch Angaben
+gelten, deren Unrichtigkeit jetzt zur Genüge dargethan ist, so sähe
+man nach allgemein anerkannten hydrographischen Grundsätzen nicht
+ein, mit welchem Recht der See Ipava die Quelle des Orinoco heißen
+könnte. Wenn ein Fluß in einen See fällt und von diesem selben
+Wasserbecken drei andere abgehen, so weiß man nicht, welchem von
+diesen man den Namen des ersteren beilegen soll. Noch viel weniger
+ist es zu rechtfertigen, wenn der Geograph denselben Namen einem
+Flusse läßt, dessen Quelle durch eine hohe Bergkette vom See
+getrennt ist, und der durch Durchsickerung unterirdisch entstanden
+seyn soll.</p>
+<p>Vier Jahre nach der großen Karte von la Cruz Olmedilla erschien
+das Werk des Pater Caulin, der die Grenzexpedition mitgemacht
+hatte. Das Buch wurde 1759 am Ufer des Orinoco selbst geschrieben,
+und nur einige Anmerkungen wurden später in Europa beigefügt. Der
+Verfasser, ein Franciskaner von der Congregation der Observanten,
+zeichnet sich durch seine Aufrichtigkeit aus und an kritischem
+Geist ist er allen seinen Vorgångem überlegen. Er selbst ist nicht
+über den großen Katarakt bei Atures hinausgekommen, aber Alles, was
+Solano und Ituriaga Wahres und Schwankendes zusammengebracht, stand
+zu seiner Verfügung. Zwei Karten, die Pater Caulin im Jahr 1756
+entworfen, wurden von Surville, einem Archivbeamten beim
+Staatssekretariat, in Eine zusammengezogen und nach angeblichen
+Entdeckungen vervollständigt (1778). Schon oben, als von unserem
+Aufenthalt in Esmeralda (dem den unbekannten Quellen des Orinoco
+zunächst gelegenen Punkte) die Rede war, habe ich bemerkt, wie
+willkürlich man bei diesen Abänderungen zu Werke ging. Sie
+gründeten sich auf die lügenhaften Berichte, mit denen man die
+Leichtgläubigkeit des Statthalters Centurion und Don Apollinarios
+Diaz de la Fuente, eines Kosmographen, der weder Instrumente, noch
+Kenntnisse, noch Bücher hatte, Tag für Tag bediente.</p>
+<p>Das Tagebuch Pater Caulins steht mit der Karte, die demselben
+beigegeben ist, in fortwährendem Widerspruch. Der Verfasser setzt
+die Umstände aus einander, welche zu der Fabel vom See Parime Anlaß
+gegeben haben; aber die Karte bringt diesen See auch wieder, nur
+schiebt sie ihn weit weg von den Quellen des Orinoco, ostwärts vom
+Rio Branco. Nach Pater Caulin heißt der Orinoco Rio Maraguaca unter
+dem Meridian des Granitberges dieses Namens, der auf meiner
+Reisekarte gezeichnet ist. »Es ist vielmehr ein Bergstrom als ein
+Fluß; er kommt zugleich mit dem Rio Omaguaca und dem Macoma, unter
+2½ Grad der Breite, aus dem kleinen See Cabiya.« Dieß ist der See,
+aus dem la Cruz den Maquiritari (Padamo) entspringen läßt und den
+er unter 5½ Grad der Breite, nördlich vom See Ipava, setzt. Die
+Existenz von Caulins Rio <strong>Macoma</strong> scheint sich auf
+ein verworrenes Bild der Flüsse Padamo, Ocamo und Matacona zu
+gründen, von denen man vor meiner Reise glaubte, sie stehen mit
+einander in Verbindung. Vielleicht gab auch der See, aus dem der
+Mavaca kommt (etwas westlich vom Amaguaca) Anlaß zu diesen
+Irrthümern hinsichtlich des Ursprungs des Orinoco und der Quellen
+des Idapa in der Nähe.</p>
+<p>Surville setzt unter 2°10′ der Breite an die Stelle des Sees
+Parime des la Cruz einen andern See ohne Namen, der nach ihm die
+Quelle des Ucamu (Ocamo) ist. In der Nähe dieses Alpsees
+entspringen aus derselben Quelle der Orinoco und der Idapa, ein
+Nebenfluß des Cassiquiare. Der See Amucu, die Quelle des Mahu, wird
+zum <strong>Mar Dorado</strong> oder zur <strong>Laguna
+Parime</strong> erweitert. Der Rio Branca hängt nur noch durch zwei
+seiner schwächsten Nebenflüsse mit dem Wasserbecken zusammen, aus
+dem der Ucamu kommt. Aus dieser rein hypothetischen Anordnung
+ergibt sich, daß der Orinoco aus keinem See entspringt und daß die
+Quellen desselben vom See Parime und dem Rio Branco durchaus
+unabhängig find. Trotz der <strong>sich gabelnden Quelle</strong>
+ist das hydrographische System der Surville’schen Karte nicht so
+abgeschmackt als das auf der Karte des la Cruz. Wenn die neueren
+Geographen sich so lange beharrlich an die spanischen Karten
+gehalten haben, ohne dieselben mit einander zu vergleichen, so
+erscheint es doch auffallend, daß sie nicht wenigstens der neuesten
+Karte den Vorzug gegeben haben, der Surville’schen, die auf
+königliche Kosten und auf Befehl des Ministers für Indien, Don Jose
+de Galvez, erschienen ist.</p>
+<p>Ich habe hiermit, wie ich eben ungebändigt, die wechselnden
+Gestalten entwickelt, welche die geographischen Irrthümer zu
+verschiedenen Zeiten angenommen. Ich habe auseinandergesetzt, wie
+die Bodenbildung, der Lauf der Ströme, die Namen der Nebenflüsse
+und die zahlreichen Trageplätze zur Annahme eines Binnenmeers im
+Herzen von Guyana führen konnten. So trocken Erörterungen der Art
+seyn mögen, für unnütz und unfruchtbar darf man sie nicht halten.
+Man ersieht daraus, was Alles die Reisenden noch zu entdecken
+haben; sie stellen uns vor Augen, welcher Grad von Zuverlåßigkeit
+lange Zeit wiederholten Behauptungen zukommt. Es verhält sich mit
+den Karten wie mit den Tafeln astronomischer Positionen in unsern
+für die Seefahrer bestimmten Ephemeriden. Von lange her ist zu
+ihrer Entwerfung das verschiedenartigste Material zusammengetragen
+worden, und zöge man nicht die Geschichte der Geographie zu Rathe,
+so wäre später so gut wie gar nicht auszumitteln, auf welcher
+Autorität jede einzelne Angabe beruht.</p>
+<p>Ehe ich den Faden meiner Erzählung wieder aufnehme, habe ich
+noch einige allgemeine Bemerkungen über die goldhaltigen
+Gebirgsarten zwischen dem Amazonenstrom und dem Orinoco
+beizubringen. Wir haben dargethan, daß der Mythus vom
+<strong>Dorado</strong>, gleich den berühmtesten Mythen der Völker
+der alten Welt, nach einander auf verschiedene Oertlichkeiten
+bezogen worden ist. Wir haben denselben von Südwest nach Nordost,
+vom Ostabhang der Anden gegen die Ebenen am Rio Branco und
+Essequebo vorrücken sehen, ganz in der Richtung, in der die
+Caraiben seit Jahrhunderten ihre Kriegs- und Handelszüge machten.
+Man sieht leicht, wie das Gold von den Cordilleren von Hand zu Hand
+durch eine Menge Völkerschaften bis an das Küstenland von Guyana
+gelangen konnte; waren doch, lange bevor der Pelzhandel englische,
+russische und amerikanische Schiffe an die Nordwestküsten von
+Amerika zog, eiserne Werkzeuge von Neumexico und Canada bis über
+die Rocky Mountains gewandert. In Folge eines Irrthums in der
+Länge, dessen Spuren man auf sämmtlichen Karten des sechzehnten
+Jahrhunderts begegnet, nahm man die goldführenden Gebirge von Peru
+und Neu-Grenada weit näher bei den Mündungen des Orinoco und des
+Amazonenstromes an, als sie in Wirklichkeit sind. Es ist einmal
+Sitte bei den Geographen, neu entdeckte Länder übermäßig zu
+vergrößern und ins Breite zu ziehen. Auf der Karte von Peru, welche
+Paulo di Forlani in Verona herausgab, liegt die Stadt Quito 400
+Meilen von der Küste der Südsee unter dem Meridian von Cumana; die
+Cordillere der Anden füllt fast die ganze Oberfläche des
+spanischen, französischen und holländischen Guyana aus. Diese
+falsche Ansicht von der Breite der Anden ist ohne Zweifel im Spiel,
+wenn man den granitischen Ebenen am Ostabhang derselben so große
+Wichtigkeit zugeschrieben hat. Da man die Nebenflüsse des
+Amazonenstroms und des Orinoco, oder (wie Raleghs Unterbefehlshaber
+aus Schmeichelei für ihren Obern sagten) des <strong>Rio
+Raleana</strong> beständig verwechselte, so bezog man auf diesen
+alle Sagen, die einem über den Dorado von Quixos, über die Omaguas
+und Manoas zu Ohren gekommen. Nach des Geographen Hondius Annahme
+lagen die durch ihre Chinawälder berühmten Anden von Loxa nur 20
+Meilen vom See Parime und dem Ufer des Rio Branco. Bei dieser Nähe
+erschien die Kunde, daß sich der Inca in die Wälder von Guyana
+geflüchtet, und daß die Schätze aus Cuzco in die östlichsten
+Striche von Guyana geschafft worden, glaubwürdig. Fuhr man den Meta
+oder den Amazonenstrom hinauf, so sah man allerdings zwischen dem
+Puruz, dem Jupura und dem Iquiari die Eingeborenen civilisirter
+werden. Man fand dort Amulette und kleine Götzenbilder aus
+gegossenem Gold, künstlich geschnitzte Stühle und dergleichen; aber
+von solchen Spuren einer aufkeimenden Cultur zu den Städten und
+steinernen Häusern, wie Ralegh und seine Nachfolger sie
+beschreiben, ist ein großer Sprung. Wir haben ostwärts von den
+Cordilleren, in der Provinz Jaen de Bracamoros, auf dem Wege von
+Loxa an den Amazonenstrom herab, die Trümmer großer Gebäude
+gezeichnet; bis hieher waren die Incas mit ihren Waffen, mit ihrer
+Religion und mit ihren Künsten vorgedrungen. Die sich selbst
+überlassenen Eingeborenen am Orinoco waren vor der Eroberung etwas
+civilisirter als jetzt die unabhängigen Horden. Sie hatten dem
+Flusse entlang volkreiche Dörfer und standen mit südlicher
+wohnenden Völkern in regelmäßigem Handelsverkehr; aber nichts weist
+darauf hin, daß sie je ein steinernes Gebäude errichtet hätten. Wir
+haben auf unserer ganzen Flußfahrt nie die Spur eines solchen
+gesehen.</p>
+<p>Obgleich nun aber spanisch Guyana seinen Ruf, ein reiches Land
+zu seyn, großentheils seiner geographisehen Lage und den Irrthümern
+der alten Karten zu danken hat, so ist man deßhalb doch nicht zu
+der Behauptung berechtigt, daß auf diesem Flächenraum von 82,000
+Quadratmeilen zwischen dem Orinoco und dem Amazonenstrom, ostwärts
+von den Anden von Quito und Neu-Grenada, gar keine goldhaltige
+Gebirgsart vorkomme. Soweit ich dieses Land zwischen dem 2. und
+8.&nbsp;Grad der Breite und dem 66. und 71.&nbsp;Grad der Länge
+kennen gelernt habe, besteht es durchgängig aus Granit und aus
+einem Gneiß, der in Glimmerschiefer und Talkschiefer übergeht.
+Diese Gebirgsarten kommen in den hohen Gebirgen der Parime, wie in
+den Niederungen am Atabapo und Cassiquiare zu Tage. Der Granit
+überwiegt über die andern Gebirgsarten, und wenn auch der Granit
+von alter Formation überall fast durchgängig keine Golderze
+enthält, so ist daraus doch nicht zu folgern, daß der Granit der
+Parime gar keinen Gang, keine Schicht goldhaltigen Quarzes
+einschließe. Ostwärts vom Cassiquiare, den Quellen des Orinoco zu,
+sahen wir dergleichen Schichten und Gänge häufiger auftreten. Nach
+seinem Bau, nach der Beimischung von Hornblende und andern gleich
+bedeutsamen geologischen Merkmalen scheint mir der Granit in diesem
+Landstrich von neuerer Formation zu seyn, vielleicht jünger als der
+Gneiß und analog den zinnhaltigen Graniten, den Hyalomicten und
+Pegmatiten. Die jüngeren Granite sind nun aber nicht so arm an
+Metallen, und manche goldführende Flüsse und Bäche in den Anden, im
+Salzburgschen, im Fichtelgebirge und auf der Hochebene beider
+Castilien machen es wahrscheinlich, daß diese Granite hin und
+wieder gediegenes Gold und in der ganzen Gebirgsmasse goldhaltigen
+Schwefelkies und Bleiglanz eingesprengt enthalten, wie Zinn,
+Magneteisenstein und Eisenglimmer. Der Bergstock der Parime, in dem
+mehrere Gipfel 1300 Toisen Meereshöhe erreichen, war vor unserer
+Reise an den Orinoco fast ganz unbekannt, und doch ist er gegen
+hundert Meilen lang und achtzig breit, und wenn er auch überall, wo
+Bonpland und ich darüber gekommen sind, uns in seinem Bau sehr
+gleichförmig schien, so läßt sich doch keineswegs behaupten, daß
+nicht im Innern dieses gewaltigen Bergstocks sehr metallreiche
+Glimmerschiefer und Uebergangsgebirgsarten dem Granit aufgelagert
+seyn könnten.</p>
+<p>Wie oben bemerkt, verdankt Guyana seinen hohen Ruf als
+metallreiches Land zum Theil dem Silberglanz des so häufig
+vorkommenden Glimmers. Der Spitzberg Calitamini, der jeden Abend
+bei Sonnenuntergang in röthlichtem Feuer strahlt, nimmt noch jetzt
+die Aufmerksamkeit der Einwohner von Maypures in Anspruch. Eilande
+aus Glimmerschiefer im See Amucu steigern, wie die Eingeborenen
+einem vorlügen, den Glanz der Nebelflecken am Südhimmel. »Jeder
+Berg,« sagt Ralegh, »jeder Stein in den Wäldern am Orinoco glänzt
+gleich edlen Metallen; ist das kein Gold, so ist es doch <em>madre
+del oro</em>.« Er versichert Stufen von weißem goldhaltigem Quarz
+(<em>harde withe spar</em>) mitgebracht zu haben, und zum Beweis,
+wie reich diese Erze seyen, beruft er sich auf die von den
+Münzbeamten zu London angestellten Versuche. Ich habe keinen Grund
+zu vermuthen, daß die damaligen Scheidekünstler Königin Elisabeth
+täuschen wollten; ich will Raleghs Andenken keineswegs zu nahe
+treten und mit seinen Zeitgenossen argwöhnen, der goldhaltige
+Quarz, den er mitgebracht, sey gar nicht in Amerika erhoben worden.
+Ueber Dinge, die in der Zeit so weit abliegen, läßt sich kein
+Urtheil stillen. Der Gneiß der Küstenkette enthält Spuren von edlen
+Metallen, und in den Gebirgen der Parime bei der Mission Encaramada
+hat man hin und wieder Goldkörner gefunden. Wie sollte man nach
+einem rein negativen Zeugnis, nach dem Umstand, daß wir auf einer
+dreimonatlichen Reise keinen Gang gesehen, der am Ausgehenden
+goldhaltig gewesen wäre, auf die absolute Taubheit der
+Urgebirgsarten in Guyana schließen?</p>
+<p>Um hier Alles zusammenzufassen, was die Regierung dieses Landes
+über einen so lange bestrittenen Punkt aufzuklären im Stande ist,
+mache ich einige allgemeinere geologische Bemerkungen. — Die
+Gebirge Brasiliens liefern, trotz der zahlreichen Spuren von
+Erzlagern zwischen Sanct Paul und Villarica, bis jetzt nur
+Waschgold. Von den 78,000 Mark Gold,<sup><a href="#fn136" class=
+"footnoteRef" id="fnref136" name="fnref136">136</a></sup> welche zu
+Anfang des neunzehnten Jahrhunderts jährlich aus Amerika in den
+europäischen Handel geflossen sind, kommen mehr als sechs
+Siebentheile nicht aus der hohen Cordillere der Anden, sondern aus
+dem aufgeschwemmten Land östlich und westlich von den Cordilleren.
+Diese Striche haben geringe Meereshöhe, wie die bei la Sonora (in
+Mexico), bei Choco und Barbacoas (in Neu-Grenada), oder das
+Alluvium liegt auf Hochebenen, wie im Innern
+Brasiliens.<sup><a href="#fn137" class="footnoteRef" id="fnref137"
+name="fnref137">137</a></sup> Ist es nun nicht wahrscheinlich, daß
+andere goldhaltige Anschwemmungen der nördlichen Halbkugel zu, bis
+an die Ufer des obern Orinoco und des Rio Negro, streichen, deren
+Becken ja mit dem des Amazonenstroms zusammenfällt? Als vom Dorado
+de Canelas, von dem der Omaguas und am Iquiare die Rede war,
+bemerkte ich, daß alle Flüsse, welche von West her kommen,
+reichlich Gold führen, und zwar sehr weit von den Cordilleren weg.
+Von Loxa bis Popayan bestehen die Cordilleren abwechselnd aus
+Trachyt und aus Urgebirge. Die Ebenen bei Zamora, Logroño und Macas
+(Sevilla del Oro), der große Rio Napo mit seinen Nebenflüssen (dem
+Ansupi und dem Coca in der Provinz Quixos), der Caqueta von Mocoa
+bis zum Einfluß des Fragua, endlich alles Land zwischen Jaen de
+Bracamoros und dem Guaviare behaupten noch immer ihren alten Ruf
+großen Metallreichthums. Weiter gegen Ost, zwischen den Quellen des
+Guainia (Rio Negro), des Uaupes, Iquiari und Jurubesh finden wir
+ein anderes unstreitig goldhaltiges Gebiet. Hieher setzen Acuña und
+Pater Fritz ihre <em>Laguna del oro</em>, und Manches, was ich in
+San Carlos aus dem Munde der portugiesischen Amerikaner vernommen,
+macht vollkommen erklärlich, was La Condamine von den Goldblechen
+erzählt, die bei den Eingeborenen gefunden worden. Gehen wir vom
+Iquiari auf das linke Ufer des Rio Negro, so betreten wir ein
+völlig unbekanntes Land zwischen dem Rio Branco, den Quellen des
+Essequebo und den Gebirgen von portugiesisch Guyana. Acuña spricht
+vom Golde, das die nördlichen Nebenflüsse des Amazonenstroms
+führen, wie der Rio Trombetas (Oriximina), der Curupatuba und der
+Sitipape (Rio de Paru). Alle diese Flüsse, und dieser Umstand
+scheint mir bemerkenswerth, kommen von derselben Hochebene herab,
+auf deren nördlichem Abhang der See Amucu, der
+<strong>Dorado</strong> Raleghs und der Holländer, der Isthmus
+zwischen dem Rupunuri (Rupunuwini) und dem Rio Mahu liegen. Nichts
+streitet wider die Annahme, daß aufgeschwemmtes goldhaltiges Land
+weit von den Cordilleren der Anden nördlich vom Amazonenstrom
+vorkommt, wie südlich von demselben in den Gebirgen Brasiliens. Die
+Caraiben am Carony, Cuyuni und Essequebo haben von jeher im
+aufgeschwemmten Land Goldwäscherei im Kleinen getrieben. Das Becken
+des Orinoco, des Rio Negro und des Amazonenstroms wird nordwärts
+von den Gebirgen der Parime, südwärts von denen von Minas Geraes
+und Matogrosso begrenzt. Häufig stimmen die einander
+gegenüberliegenden Abhange desselben Thales im geologischen
+Verhalten überein.</p>
+<p>Ich habe in diesem Bande die großen Provinzen Venezuela und
+spanisch Guyana beschrieben. Die Untersuchung ihrer natürlichen
+Grenzen, ihrer klimatischen Verhältnisse und ihrer Produkte hat
+mich dazu geführt, den Einfluß der Bodenbildung auf den Ackerbau,
+den Handel und den mehr oder weniger langsamen Gang der
+gesellschaftlichen Entwicklung zu erörtern. Ich habe nach einander
+die drei Zonen durchwandert, die von Nord nach Süd, vom Mittelmeer
+der Antillen bis in die Wälder am obern Orinoco und am
+Amazonenstrom hinter einander liegen. Hinter dem fruchtbaren
+Uferstriche, dem Mittelpunkt des auf den Ackerbau gegründeten
+Wohlstandes, kommen die von Hirtenvölkern bewohnten Steppen. Diese
+Steppen sind wiederum begrenzt von der Waldregion, wo der Mensch,
+ich sage nicht der Freiheit, die immer eine Frucht der Cultur ist,
+aber einer wilden Unabhängigkeit genießt. Die Grenze dieser zwei
+letzteren Zonen ist gegenwärtig der Schauplatz des Kampfes, der
+über die Unabhängigkeit und das Wohl Amerikas entscheiden soll. Die
+Umwandlungen, die bevorstehen, können den eigenthümlichen Charakter
+jeder Region nicht verwischen; aber die Sitten und die ganzen
+Zustände der Einwohner müssen sich gleichförmiger färben. Durch
+diese Rücksicht mag eine zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts
+unternommene Reise einen Reiz weiter erhalten. Gerne sieht man wohl
+in Einem Bilde neben einander die Schilderung der civilisirten
+Völker am Meeresufer und der schwachen Ueberreste der Eingeborenen
+am Orinoco, die von keinem andern Gottesdienste wissen, außer der
+Verehrung der Naturkräfte, und, gleich den Germanen des Tacitus,
+<em>deorum nominibus appellant secretum illud, quod sola reverentia
+vident</em>.</p>
+<h1 id="sechsundzwanzigstes-kapitel."><a href=
+"#TOC">Sechsundzwanzigstes Kapitel.</a></h1>
+<p>Die Llanos del Pao oder des östlichen Strichs der Steppen von
+Venezuela. — Missionen der Caraiben. — Letzter Aufenthalt auf den
+Küsten von Nueva Barcelona, Cumana und Araya.</p>
+<p>Es war bereits Nacht, als wir zum letztenmal über das Bett des
+Orinoco fuhren. Wir wollten bei der Schanze San Rafael übernachten
+und dann mit Tages Anbruch die Reise durch die Steppen von
+Venezuela antreten. Fast sechs Wochen waren seit unserer Ankunft in
+Angostura verflossen; wir sehnten uns nach der Küste, um entweder
+in Cumana oder in Nueva Barcelona ein Fahrzeug zu besteigen, das
+uns auf die Insel Cuba und von dort nach Mexico brächte. Nach den
+Beschwerden, die wir mehrere Monate lang in engen Canoes auf von
+Mücken wimmelnden Flüssen durchgemacht, hatte der Gedanke an eine
+lange Seereise für unsere Einbildungskraft einen gewissen Reiz. Wir
+gedachten nicht mehr nach Südamerika zurückzukommen. Wir brachten
+die Anden von Peru dem noch so wenig bekannten Archipel der
+Philippinen zum Opfer und beharrten bei unserem alten Plan, uns ein
+Jahr in Neuspanien aufzuhalten, mit der Galione von Acapulco nach
+Manilla zu gehen und über Basora und Aleppo nach Europa
+zurückzukehren. Wir dachten, wenn wir einmal die spanischen
+Besitzungen in Amerika im Rücken hätten, könnte der Sturz eines
+Ministeriums, dessen großherzigem Vertrauen ich so unbeschränkte
+Befugnisse zu danken hatte, der Durchführung unseres Unternehmens
+nicht mehr hinderlich werden. Lebhaft bewegten uns diese Gedanken
+während der einförmigen Reise durch die Steppen. Nichts hilft so
+leicht über die kleinen Widerwärtigkeiten des Lebens weg, als wenn
+der Geist mit der bevorstehenden Ausführung eines gewagten
+Unternehmens beschäftigt ist.</p>
+<p>Unsere Maulthiere warteten unser am linken Ufer des Orinoco.
+Durch die Pflanzensammlungen und die geologischen Suiten, die wir
+seit Esmeralda und dem Rio Negro mit uns führten, war unser Gepäck
+bedeutend stärker geworden. Da es mißlich gewesen wäre, uns von
+unsern Herbarien zu trennen, so mußten wir uns auf eine sehr
+langsame Reise durch die Llanos gefaßt machen. Durch das
+Zurückprallen der Sonnenstrahlen vom fast pflanzenlosen Boden war
+die Hitze ungemein stark. Indessen stand der hunderttheilige
+Thermometer bei Tag doch nur auf 30 bis 34, bei Nacht auf 27 bis 28
+Grad. Wie fast überall unter den Tropen war es daher nicht sowohl
+der absolute Hitzegrad als das Andauern derselben, was widrig auf
+unsere Organe wirkte. Wir brauchten dreizehn Tage, um über die
+Steppen zu kommen, wobei wir uns in den Missionen der Caraiben und
+in der kleinen Stadt Pao etwas aufhielten. Ich habe
+oben<sup><a href="#fn138" class="footnoteRef" id="fnref138" name=
+"fnref138">138</a></sup> das physische Gemälde dieser unermeßlichen
+Ebenen entworfen, die zwischen den Wäldern von Guyana und der
+Küstenkette liegen. Der östliche Strich der Llanos, über den wir
+von Angostura nach Nueva Barcelona kamen, bietet denselben öden
+Anblick wie der westliche, über den wir von den Thälern von Aragua
+nach San Fernando am Apure gegangen waren. In der trockenen
+Jahreszeit, welche hier <strong>Sommer</strong> heißt, obgleich
+dann die Sonne in der südlichen Halbkugel ist, weht der Seewind in
+den Steppen von Cumana weit stärker als in denen von Caracas; denn
+diese weiten Ebenen bilden, gleich den angebauten Fluren der
+Lombardei, ein nach Ost offenes, nach Nord, Süd und West durch hohe
+Urgebirgsketten geschlossenes Becken. Leider kam uns dieser
+erfrischende Wind, von dem die Llaneros (die Steppenbewohner) mit
+Entzücken sprechen, nicht zu gute. Nordwärts vom Aequator war
+Regenzeit; in den Llanos selbst regnete es freilich nicht, aber
+durch den Wechsel in der Abweichung der Sonne hatte das Spiel der
+Polarströmungen längst aufgehört. In diesen Landstrichen am
+Aequator, wo man sich nach dem Zug der Wolken orientiren kann, und
+wo die Schwankungen des Quecksilbers im Barometer fast wie eine Uhr
+die Stunde weisen, ist Alles einem regelmäßigen, gleichförmigen
+Typus unterworfen. Das Aufhören der Seewinde, der Eintritt der
+Regenzeit und die Häufigkeit elektrischer Entladungen sind durch
+unabänderliche Gesetze verknüpfte Erscheinungen.</p>
+<p>Beim Einfluß des Apure in den Orinoco, am Berge Sacuima, hatten
+wir einen französischen Landwirth getroffen, der unter seinen
+Heerden in völliger Abgeschiedenheit lebte.<sup><a href="#fn139"
+class="footnoteRef" id="fnref139" name="fnref139">139</a></sup> Es
+war das der Mann, der in seiner Einfalt glaubte, die politischen
+Revolutionen in der alten Welt und die daraus entsprungenen Kriege
+rühren nur »vom langen Widerstande der Observanten« her. Kaum
+hatten wir die Llanos von Neu-Barcelona betreten, so brachten wir
+die erste Nacht wieder bei einem Franzosen zu, der uns mit der
+liebenswürdigsten Gastfreundlichkeit aufnahm. Er war aus Lyon
+gebürtig, hatte das Vaterland in früher Jugend verlassen und schien
+sich um Alles, was jenseits des atlantischen Meeres, oder, wie man
+hier für Europa ziemlich geringschätzig sagt, »auf der andern Seite
+der großen Lache« (<em>del otro lado del charco</em>) vorgeht, sehr
+wenig zu kümmern. Wir sahen unsern Wirth beschäftigt, große
+Holzstücke mittelst eines Leims, der <strong>Guayca</strong> heißt,
+an einander zu fügen. Dieser Stoff, dessen sich auch die Tischler
+in Angostura bedienen, gleicht dem besten aus dem Thierreich
+gewonnenen Leim. Derselbe liegt ganz fertig zwischen Rinde und
+Splint einer Liane aus der Familie der Combretaceen.<sup><a href=
+"#fn140" class="footnoteRef" id="fnref140" name=
+"fnref140">140</a></sup> Wahrscheinlich kommt er in seinem
+chemischen Verhalten nahe überein mit dem Vogelleim, einem
+vegetabilischen Stoff, der aus den Beeren der Mistel und der innern
+Rinde der Stechpalme gewonnen wird. Man erstaunt, in welcher Masse
+dieser klebrigte Stoff ausfließt, wenn man die rankenden Zweige des
+<strong>Vejuco de Guayca</strong> abschneidet. So findet man denn
+unter den Tropen in reinem Zustand und in besondern Organen
+abgelagert, was man sich in der gemäßigten Zone nur auf künstlichem
+Wege verschaffen kann.<sup><a href="#fn141" class="footnoteRef" id=
+"fnref141" name="fnref141">141</a></sup></p>
+<p>Erst am dritten Tage kamen wir in die caraibischen Missionen am
+Cari. Wir fanden hier den Boden durch die Trockenheit nicht so
+stark aufgesprungen wie in den Llanos von Calabozo. Ein paar
+Regengüsse hatten der Vegetation neues Leben gegeben. Kleine
+Grasarten und besonders jene krautartigen Sensitiven, von denen das
+halbwilde Vieh so fett wird, bildeten einen dichten Rasen. Weit
+auseinander standen hie und da Stämme der Fächerpalme (<em>Corypha
+tectorum</em>), der Rhopala (Chaparro) und Malpighia mit
+lederartigen, glänzenden Blättern. Die feuchten Stellen erkennt man
+von weitem an den Büschen von Mauritia, welche der Sagobaum dieses
+Landstrichs ist. Auf den Küsten ist diese Palme das ganze
+Besitzthum der Guaraons-Indianer, und, was ziemlich auffallend ist,
+wir haben sie 160 Meilen weiter gegen Süd mitten in den Wäldern am
+obern Orinoco, auf den Grasfluren um den Granitgipfel des Duida
+angetroffen. Der Baum hing in dieser Jahreszeit voll ungeheurer
+Büschel rother, den Tannenzapfen ähnlicher Früchte. Unsere Affen
+waren sehr lüstern nach diesen Früchten, deren gelbes Fleisch
+schmeckt wie überreife Apfel. Die Thiere saßen zwischen unserem
+Gepäck auf dem Rücken der Maulthiere und strengten sich gewaltig
+an, um der über ihren Köpfen hängenden Büschel habhaft zu werden.
+Die Ebene schwankte wellenförmig in Folge der
+Luftspiegelung,<sup><a href="#fn142" class="footnoteRef" id=
+"fnref142" name="fnref142">142</a></sup> und als wir nach einer
+Stunde Wegs diese Palmstämme, die sich am Horizont wie Masten
+ausnahmen, erreichten, sahen wir mit Ueberraschung, wie viele Dinge
+an das Daseyn eines einzigen Gewächses geknüpft sind. Die Winde,
+vom Laub und den Zweigen im raschen Zuge aufgehalten, häufen den
+Sand um den Stamm auf. Der Geruch der Früchte, das glänzende Grün
+locken von weitem die Zugvögel her, die sich gern auf den Wedeln
+der Palme wiegen. Ringsum vernimmt man ein leises Rauschen.
+Niedergedrückt von der Hitze, gewöhnt an die trübselige Stille der
+Steppe, meint man gleich einige Kühlung zu spüren, wenn sich das
+Laub auch nur ein wenig rührt. Untersucht man den Boden an der
+Seite abwärts vom Winde, so findet man ihn noch lange nach der
+Regenzeit feucht. Insekten und Würmer<sup><a href="#fn143" class=
+"footnoteRef" id="fnref143" name="fnref143">143</a></sup>, sonst in
+den Llanos so selten, ziehen sich hieher und pflanzen sich fort. So
+verbreitet ein einzeln stehender, häufig verkrüppelter Baum, den
+der Reisende in den Wäldern am Orinoco gar nicht beachtete, in der
+Wüste Leben um sich her.</p>
+<p>Wir langten am 13. Juli im Dorfe Cari<sup><a href="#fn144"
+class="footnoteRef" id="fnref144" name="fnref144">144</a></sup> an,
+der ersten der caraibischen Missionen, die unter den Mönchen von
+der Congregation der Observanten aus dem Collegium von
+Piritu<sup><a href="#fn145" class="footnoteRef" id="fnref145" name=
+"fnref145">145</a></sup> stehen. Wir wohnten, wie gewöhnlich, im
+<strong>Kloster</strong>, das heißt beim Pfarrer. Wir hatten, außer
+den Pässen des Generalcapitäns der Provinz, Empfehlungen der
+Bischöfe und des Gardians der Missionen am Orinoco. Von den Küsten
+von Neu-Californien bis Valdivia und an die Mündung des Rio de la
+Plata, auf einer Strecke von 2000 Meilen, lassen sich alle
+Schwierigkeiten einer langen Landreise überwinden, wenn man des
+Schutzes der amerikanischen Geistlichkeit genießt. Die Macht,
+welche diese Körperschaft im Staate ausübt, ist zu fest begründet,
+als daß sie in einer neuen Ordnung der Dinge so bald erschüttert
+werden könnte. Unserem Wirth war unbegreiflich, »wie Leute aus dem
+nördlichen Europa von den Grenzen von Brasilien her, über Rio Negro
+und Orinoco, und nicht auf dem Wege von Cumana her zu ihm kamen.«
+Er behandelte uns ungemein freundlich, verläugnete indessen
+keineswegs die etwas lästige Neugier, welche das Erscheinen eines
+nicht spanischen Europäers in Südamerika immer rege macht. Die
+Mineralien, die wir gesammelt, mußten Gold enthalten; so sorgfältig
+getrocknete Pflanzen konnten nur Arzneigewächse seyn. Hier, wie in
+so vielen Ländern in Europa, meint man, die Wissenschaft sey nur
+dann eine würdige Beschäftigung für den Geist, wenn dabei für die
+Welt ein materieller Nutzen herauskomme.</p>
+<p>Wir fanden im Dorfe Cari über 500 Caraiben und in den Missionen
+umher sahen wir ihrer noch viele. Es ist höchst merkwürdig, ein
+Volk vor sich zu haben, das, früher nomadisch, erst kürzlich an
+feste Wohnsitze gefesselt worden und sich durch Körper- und
+Geisteskraft von allen andern Indianern unterscheidet. Ich habe
+nirgends anderswo einen ganzen so hochgewachsenen (5 Fuß 6 Zoll bis
+5 Fuß 10 Zoll) und so colossal gebauten Volksstamm gesehen. Die
+Männer, und dieß kommt in Amerika ziemlich häufig vor, sind mehr
+bekleidet als die Weiber. Diese tragen nur den
+<strong>Guayuco</strong> oder Gürtel in Form eines Bandes, bei den
+Männern ist der ganze Untertheil des Körpers bis zu den Hüften in
+ein Stück dunkelblauen, fast schwarzen Tuches gehüllt. Diese
+Bekleidung ist so weit, daß die Caraiben, wenn gegen Abend die
+Temperatur abnimmt, sich eine Schulter damit bedecken. Da ihr
+Körper mit <strong>Onoto</strong> bemalt ist, so gleichen ihre
+großen, malerisch drapirten Gestalten von weitem, wenn sie sich in
+der Steppe vom Himmel abheben, antiken Broncestatuen. Bei den
+Männern ist das Haar sehr charakteristisch verschnitten, nämlich
+wie bei den Mönchen oder den Chorknaben. Die Stirne ist zum Theil
+glatt geschoren, wodurch sie sehr hoch erscheint. Ein starker,
+kreisrund geschnittener Haarbüschel fängt erst ganz nahe am
+Scheitel an. Diese Aehnlichkeit der Caraiben mit den Mönchen ist
+nicht etwa eine Folge des Lebens in den Missionen; sie rührt nicht,
+wie man fälschlich behauptet hat, daher, daß es die Eingeborenen
+ihren Herren und Meistern, den Patres Franciskanern, gleich thun
+wollen. Die Stämme, die zwischen den Quellen des Carony und des Rio
+Branco in wilder Unabhängigkeit verharren, zeichnen sich durch eben
+diesen <em>cerquillo de frailes</em> aus, den schon bei der
+Entdeckung von Amerika die frühesten spanischen Geschichtschreiber
+den Völkern von caraibischem Stamme zuschrieben. Alle Glieder
+dieses Stammes, die wir bei unserer Fahrt auf dem untern Orinoco
+und in den Missionen von Piritu gesehen, unterscheiden sich von den
+übrigen Indianern nicht allein durch ihren hohen Wuchs, sondern
+auch durch ihre regelmäßigen Züge. Ihre Nase ist nicht so breit und
+platt, ihre Backenknochen springen nicht so stark vor, der ganze
+Gesichtsausdruck ist weniger mongolisch. Aus ihren Augen, die
+schwarzer sind als bei den andern Horden in Guyana, spricht
+Verstand, fast möchte man sagen Nachdenklichkeit. Die Caraiben
+haben etwas Ernstes in ihrem Benehmen und etwas Schwermüthiges im
+Blick, wie die Mehrzahl der Ureinwohner der neuen Welt. Der ernste
+Ausdruck ihrer Züge wird noch bedeutend dadurch gesteigert, daß sie
+die Augbrauen mit dem Saft des Caruto<sup><a href="#fn146" class=
+"footnoteRef" id="fnref146" name="fnref146">146</a></sup> färben,
+sie stärker machen und zusammenlaufen lassen; häufig machen sie
+fast im ganzen Gesicht schwarze Flecke, um grimmiger auszusehen.
+Die Gemeindebeamten, der Governador und die Alcalden, die allein
+das Recht haben, lange Stöcke zu tragen, machten uns ihre
+Aufwartung. Es waren junge Indianer von achtzehn, zwanzig Jahren
+darunter; denn ihre Wahl hängt einzig vom Gutdünken des Missionärs
+ab. Wir wunderten uns nicht wenig, als uns an diesen mit Onoto
+bemalten Caraiben das wichtig thuende Wesen, die gemessene Haltung,
+das kalte, herabsehende Benehmen entgegentraten, wie man sie hin
+und wieder bei Beamten in der alten Welt findet. Die caraibischen
+Weiber sind nicht so kräftig und häßlicher als die Männer. Die Last
+der häuslichen Geschäfte und der Feldarbeit liegt fast ganz auf
+ihnen. Sie baten uns dringend um Stecknadeln, die sie in Ermanglung
+von Taschen unter die Unterlippe steckten; sie durchstechen damit
+die Haut so, daß der Kopf der Nadel im Munde bleibt. Diesen Brauch
+haben sie aus ihrem wilden Zustand mit herübergenommen. Die jungen
+Mädchen sind roth bemalt und außer dem Guayuco ganz nackt. Bei den
+verschiedenen Völkern beider Welten ist der Begriff der Nacktheit
+nur ein relativer. In einigen Ländern Asiens ist es einem Weibe
+nicht gestattet, auch nur die Fingerspitzen sehen zu lassen,
+während eine Indianerin von caraibischem Stamme sich gar nicht für
+nackt hält, wenn sie einen zwei Zoll breiten Guahuco trägt. Dabei
+gilt noch diese Leibbinde für ein weniger wesentliches
+Kleidungsstück als die Färbung der Haut. Aus der Hütte zu gehen,
+ohne mit Onoto gefärbt zu seyn, wäre ein Verstoß gegen allen
+caraibischen Anstand.</p>
+<p>Die Indianer in den Missionen von Piritu nahmen unsere
+Aufmerksamkeit umso mehr in Anspruch, als sie einem Volke
+angehören, das durch seine Kühnheit, durch seine Kriegszüge und
+seinen Handelsgeist auf die weite Landstrecke zwischen dem Aequator
+und den Nordküsten bedeutenden Einfluß geübt hat. Aller Orten am
+Orinoco hatten wir das Andenken an jene feindlichen Einfälle der
+Caraiben lebendig gefunden; dieselben erstreckten sich früher von
+den Quellen des Carony und des Erevato bis zum Ventuari, Atacavi
+und Rio Negro.<sup><a href="#fn147" class="footnoteRef" id=
+"fnref147" name="fnref147">147</a></sup> Die caraibische Sprache
+ist daher auch eine der verbreitetsten in diesem Theile der Welt;
+sie ist sogar (wie im Westen der Alleghanis die Sprache der
+Lenni-Lenepas oder Algonkins und die der Natchez oder Muskoghees)
+auf Völker übergegangen, die nicht desselben Stammes sind.</p>
+<p>Ueberblickt man den Schwarm von Völkern, die in Süd- und
+Nordamerika ostwärts von den Cordilleren der Anden hausen, so
+verweilt man vorzugsweise bei solchen, die lange über ihre Nachbarn
+geherrscht und auf dem Schauplatz der Welt eine wichtigere Rolle
+gespielt haben. Der Geschichtschreiber fühlt das Bedürfniß, die
+Ereignisse zu gruppiren, Massen zu sondern, zu den gemeinsamen
+Quellen so vieler Bewegungen und Wanderungen im Leben der Völker
+zurückzugehen. Große Reiche, eine förmlich organisirte
+priesterliche Hierarchie und eine Cultur, wie sie auf den ersten
+Entwicklungsstufen der Gesellschaft durch eine solche Organisation
+gefördert wird, fanden sich nur auf den Hochgebirgen im Westen. In
+Mexico sehen wir eine große Monarchie, die zerstreute kleine
+Republiken einschließt, in Cundinamarca und Peru wahre
+Priesterstaaten. Befestigte Städte, Straßen und große steinerne
+Gebäude, ein merkwürdig enttvickeltes Lehenssystem, Sonderung der
+Kasten, Männer- und Frauenklöster, geistliche Brüderschaften mit
+mehr oder minder strenger Regel, sehr verwickelte
+Zeiteintheilungen, die mit den Kalendern, den Thierkreisen und der
+Astrologie der cultivirten asiatischen Völker Verwandtschaft haben,
+all das gehört in Amerika nur einem einzigen Landstrich an, dem
+langen und schmalen Streifen Alpenland, der sich vom 30.&nbsp; Grad
+nördlicher bis zum 25.&nbsp;südlicher Breite erstreckt. In der
+alten Welt ging der Zug der Völker von Ost nach West; nach einander
+traten Basken oder Iberier, Kelten, Germanen und Pelasger auf. In
+der neuen Welt gingen ähnliche Wanderungen in der Richtung von Nord
+nach Süd. In beiden Halbkugeln richtete sich die Bewegung der
+Völker nach dem Zug der Gebirge; aber im heißen Erdstrich wurden
+die gemäßigten Hochebenen der Cordilleren von bedeutenderem Einfluß
+auf die Geschicke des Menschengeschlechts, als die Gebirge in
+Centralasien und Europa. Da nun nur civilisirte Völker eine
+eigentliche Geschichte haben, so geht die Geschichte der Amerikaner
+in der Geschichte einiger weniger Gebirgsvölker auf. Tiefes Dunkel
+liegt auf dem unermeßlichen Lande, das sich vom Ostabhang der
+Cordilleren zum atlantischen Ocean erstreckt, und gerade deßhalb
+nimmt Alles, was in diesem Lande auf das Uebergewicht einer Nation
+über die andere, auf weite Wanderzüge, auf physiognomische, fremde
+Abstammung verrathende Züge deutet, unser Interesse so lebhaft in
+Anspruch.</p>
+<p>Mitten auf den Niederungen von Nordamerika hat ein mächtiges
+ausgestorbenes Volk kreisrunde, viereckigte, achteckigte
+Festungswerke gebaut, Mauern, 6000 Toisen lang, Erdhügel von
+600—700 Fuß Durchmesser und 140 Fuß Höhe, die bald rund sind, bald
+mehrere Stockwerke haben und Tausende von Skeletten enthalten.
+Diese Skelette gehörten Menschen an, die nicht so hoch gewachsen,
+untersetzter waren als die gegenwärtigen Bewohner dieser Länder.
+Andere Gebeine, in Gewebe gehüllt, die mit denen auf den Sandwichs-
+und Fidji-Inseln Aehnlichkeit haben, findet man in natürlichen
+Höhlen in Kentucky. Was ist aus jenen Völkern in Louisiana
+geworden, die vor den Lenni-Lenapas, den Shawanoes im Lande saßen,
+vielleicht sogar vor den Sioux (Nadowessier, Narcota) am Missouri,
+die stark »mongolisirt« sind und von denen man, nach ihren eigenen
+Sagen, annimmt, daß sie von den asiatischen Küsten herübergekommen?
+Auf den Niederungen von Südamerika trifft man, wie oben bemerkt,
+kaum ein paar künstliche Hügel (<em>cerros hechos a mano</em>) an,
+nirgends Befestigungen wie am Ohio. Auf einem sehr großen
+Landstrich, am untern Orinoco wie am Cassiquiare und zwischen den
+Quellen des Essequebo und Rio Branco, findet man indessen
+Granitfelsen, die mit symbolischen Bildern bedeckt sind. Diese
+Bildwerke weisen darauf hin, daß die ausgestorbenen Geschlechter
+andern Völkern angehörten, als die jetzt diese Länder bewohnen. Im
+Westen, auf dem Rücken der Cordillere der Anden erscheinen die
+Geschichte von Mexico und die von Cundinamarca und Peru ganz
+unabhängig von einander; aber auf den Niederungen gegen Osten zeigt
+eine kriegerische Nation, die lange als die herrschende
+aufgetreten, in den Gesichtszügen und dem Körperbau Spuren fremder
+Abstammung. Die Caraiben haben noch Sagen, die auf einen Verkehr
+zwischen beiden Hälften Amerikas in alter Zeit hinzudeuten
+scheinen. Eine solche Erscheinung verdient ganz besondere
+Aufmerksamkeit; sie verdient solche, wie tief auch die
+Versunkenheit und die Barbarei seyn mag, in der die Europäer am
+Ende des fünfzehnten Jahrhunderts alle Völker des neuen Continents
+mit Ausnahme der Gebirgsvölker antrafen. Wenn es wahr ist, daß die
+meisten Wilden, wie ihre Sprachen, ihre kosmogonischen Mythen und
+so viele andere Merkmale darzuthun scheinen, nur verwilderte
+Geschlechter sind, Trümmer, die einem großen gemeinsamen
+Schiffbruch entgangen, so wird es doppelt von Wichtigkeit, zu
+untersuchen, auf welchen Wegen diese Trümmer aus einer Halbkugel in
+die andere geworfen worden sind.</p>
+<p>Das schöne Volk der Caraiben bewohnt heutzutage nur einen
+kleinen Theil der Länder, die es vor der Entdeckung von Amerika
+inne hatte. Durch die Greuel der Europäer ist dasselbe auf den
+Antillen und auf den Küsten von Darien völlig ausgerottet, wogegen
+es unter der Missionszucht in den Provinzen Nueva Barcelona und
+spanisch Guyana volkreiche Dörfer gegründet hat. Man kann, glaube
+ich, die Zahl der Caraiben, die in den Llanos von Piritu und am
+Carony und Cuyuni wohnen, auf mehr als 35,000 veranschlagen.
+Rechnete man dazu die unabhängigen Caraiben, die westwärts von den
+Gebirgen von Cayenne und Pacaraimo zwischen den Quellen des
+Essequebo und des Rio Branco hausen, so käme vielleicht eine
+Gesammtzahl von 40,000 Köpfen von einer, mit andern eingeborenen
+Stämmen nicht gemischten Race heraus. Ich lege auf diese Angaben um
+so mehr Gewicht, als vor meiner Reise in vielen geographischen
+Werken von den Caraiben nur wie von einem ausgestorbenen Volksstamm
+die Rede war. Da man vom Innern der spanischen Colonien auf dem
+Festland nichts wußte, setzte man voraus, die kleinen Inseln
+Dominica, Guadeloupe und St.&nbsp;Vincent seyen der Hauptwohnsitz
+dieses Volkes gewesen, und von demselben bestehe (auf allen
+östlichen Antillen) nichts mehr, als versteinerte oder vielmehr in
+einem Madreporenkalk eingeschlossene Skelette.<sup><a href="#fn148"
+class="footnoteRef" id="fnref148" name="fnref148">148</a></sup>
+Nach dieser Voraussetzung wären die Caraiben in Amerika
+ausgestorben, wie die Guanchen auf dem Archipel der Canarien.</p>
+<p>Stämme, welche, demselben Volke angehörig, sich gemeinsamen
+Ursprung zuschreiben, werden auch mit denselben Namen bezeichnet.
+Meist wird der Namen einer einzelnen Herde von den benachbarten
+Völkern allen andern beigelegt; zuweilen werden auch Ortsnamen zu
+Volksnamen, oder letztere entspringen aus Spottnamen oder aus der
+zufälligen Verdrehung eines Wortes in Folge schlechter Aussprache.
+Das Wort »Caribes«, das ich zuerst in einem Briefe des Peter Martyr
+d’Anghiera finde, kommt von Calina und Caripuna, wobei aus l und p
+r und b wurden. Ja es ist sehr merkwürdig, daß dieser Name, den
+Columbus aus dem Munde der haitischen Völker hörte, bei den
+Caraiben auf den Inseln und bei denen auf dem Festland zugleich
+vorkam. Aus Carina oder Calina machte man Galibi (Caribi), wie in
+französisch Guyana eine Völkerschaft heißt, die Von weit kleinerem
+Wuchse ist als die Einwohner am Cari, aber eine der zahlreichen
+Mundarten der caraibischen Sprache spricht. Die Bewohner der Inseln
+nannten sich in der Männersprache Calinago, in der Weibersprache
+Callipinan. Dieser Unterschied zwischen beiden Geschlechtern in der
+Sprechweise ist bei den Völkern von caraibischem Stamm auffallender
+als bei andern amerikanischen Nationen (den Omaguas, Guaranis und
+Chiquitos), bei welchen derselbe nur wenige Begriffe betrifft, wie
+z.&nbsp;B. die Worte Mutter und Kind. Es begreift sich, wie die
+Weiber bei ihrer abgeschlossenen Lebensweise sich Redensarten
+bilden, welche die Männer nicht annehmen mögen. Schon
+Cicero<sup><a href="#fn149" class="footnoteRef" id="fnref149" name=
+"fnref149">149</a></sup> bemerkt, daß die alten Sprachformen sich
+vorzugsweise im Munde der Weiber erhalten, weil sie bei ihrer
+Stellung in der Gesellschaft nicht so sehr den Lebenswechseln (dem
+Wechsel von Wohnort und Beschäftigung) ausgesetzt sind, wodurch bei
+den Männern die ursprüngliche Reinheit der Sprache leicht leidet.
+Bei den caraibischen Völkern ist aber der Unterschied zwischen den
+Mundarten beider Geschlechter so groß und auffallend, daß man zur
+befriedigenden Erklärung desselben sich nach einer andern Quelle
+umsehen muß. Diese glaubte man nun in dem barbarischen Brauche zu
+finden, die männlichen Gefangenen zu tödten und die Weiber der
+Besiegten als Sklaven fortzuschleppen. Als die Caraiben in den
+Archipel der kleinen Antillen einfielen, kamen sie als eine
+kriegerische Horde, nicht als Colonisten, die ihre Familien bei
+sich hatten. Die Weibersprache bildete sich nun im Maße, als die
+Sieger sich mit fremden Weibern verbanden. Damit kamen neue
+Elemente herein, Worte, wesentlich verschieden von den caraibischen
+Worten,<sup><a href="#fn150" class="footnoteRef" id="fnref150"
+name="fnref150">150</a></sup> die sich im Frauengemach von
+Geschlecht zu Geschlecht fortpflanzten, doch so, daß der Bau, die
+Combinationen und die grammatischen Formen der Männersprache
+Einfluß darauf äußerten. So vollzog sich hier in einem beschränkten
+Verein von Individuen, was wir an der ganzen Völkergruppe des neuen
+Continents beobachten. Völlige Verschiedenheit hinsichtlich der
+Worte neben großer Aehnlichkeit im Bau, das ist die
+Eigenthümlichkeit der amerikanischen Sprachen von der Hudsonsbai
+bis zur Magellanschen Meerenge. Es ist verschiedenes Material in
+ähnlichen Formen. Bedenkt man nun, daß die Erscheinung fast von
+einem Pol zum andern über die ganze Hälfte unseres Planeten reicht,
+betrachtet man die Eigenthümlichkeiten in den grammatischen
+Combinationen (die Formen für die Genera bei den drei Personen des
+Zeitworts, die Reduplicationen, die Frequentative, die Duale), so
+kann man sich nicht genug wundern, wie einförmig bei einem so
+beträchtlichen Bruchtheil des Menschengeschlechts der
+Entwicklungsgang in Geist und Sprache ist.</p>
+<p>Wir haben gesehen, daß die Mundart der caraibischen Weiber auf
+den Antillen Reste einer ausgestorbenen Sprache enthält. Was war
+dieß für eine Sprache? Wir wissen es nicht. Einige Schriftsteller
+vermuthen, es könnte die Sprache der Ygneris oder der Ureinwohner
+der caraibischen Inseln seyn, von denen sich schwache Ueberreste
+auf Guadeloupe erhalten haben; andere fanden darin Aehnlichkeit mit
+der alten Sprache von Cuba oder mit den Sprachen der Aruacas und
+Apalachiten in Florida; allein alle diese Annahmen gründen sich auf
+eine höchst mangelhafte Kenntniß der Mundarten, die man zu
+vergleichen unternommen.</p>
+<p>Liest man die spanischen Schriftsteller des sechzehnten
+Jahrhunderts mit Aufmerksamkeit, so sieht man, daß die caraibischen
+Völkerschaften damals aus einer Strecke von 18 bis
+19&nbsp;Breitegraden, von den Jungfraueninseln ostwärts von
+Portorico bis zu den Mündungen des Amazonenstroms ausgebreitet
+waren. Daß ihre Wohnsitze auch gegen West, längs der Küstenkette
+von Santa Martha und Venezuela sich erstreckt, erscheint weniger
+gewiß. Indessen nennen Lopez de Gomara und die ältesten
+Geschichtschreiber <strong>Caribana</strong> nicht, wie seitdem
+geschehen, das Land zwischen den Quellen des Orinoco und den
+Gebirgen von französisch Guyana,<sup><a href="#fn151" class=
+"footnoteRef" id="fnref151" name="fnref151">151</a></sup> sondern
+die sumpfigten Niederungen zwischen den Mündungen des Rio Atrato
+und des Rio Sinu. Ich war, als ich von der Havana nach Portobelo
+wollte, selbst auf diesen Küsten und hörte dort, das Vorgebirge,
+das den Meerbusen von Darien oder Uraba gegen Ost begrenzt, heiße
+noch jetzt Punta Caribana. Früher war so ziemlich die Ansicht
+herrschend, die Caraiben der antillischen Inseln stammen von den
+kriegerischen Völkern in Darien ab, und haben sogar den Namen von
+ihnen. »<em>Inde Uraban ab orientali prehendit ora, quam appellant
+indigenae Caribana, unde Caribes insulares originem habere nomenque
+retinere dicuntur.</em>« So drückt sich Anghiera in den Oceanica
+aus. Ein Neffe Amerigos Vespucci hatte ihm gesagt, von dort bis zu
+den Schneegebirgen von Santa Martha seyen alle Eingeborenen »<em>e
+genere Caribium sive Canibalium.</em>« Ich ziehe nicht in Abrede,
+daß ächte Caraiben am Meerbusen von Darien gehaust haben können,
+und daß sie durch die östlichen Strömungen dahin getrieben worden
+seyn mögen; es kann aber eben so gut seyn, daß die spanischen
+Seefahrer, die auf die Sprachen wenig achteten, jede Völkerschaft
+von hohem Wuchs und wilder Gemüthsart Caribe und Canibale nannten.
+Jedenfalls erscheint es sehr unwahrscheinlich, daß das caraibische
+Volk auf den Antillen und in der Parime sich selbst nach dem Lande,
+in dem es ursprünglich lebte, genannt haben sollte. Ostwärts von
+den Anden und überall, wohin die Cultur noch nicht gedrungen ist,
+geben vielmehr die Völker den Landstrichen, wo sie sich
+niedergelassen, die Namen. Wir haben schon mehrmals Gelegenheit
+gehabt zu bemerken, daß die Worte <strong>Caribes</strong> und
+<strong>Canibales</strong> bedeutsam zu seyn scheinen, daß es wohl
+Beinamen sind, die auf Muth und Kraft, selbst auf
+Geistesüberlegenheit anspielen<sup><a href="#fn152" class=
+"footnoteRef" id="fnref152" name="fnref152">152</a></sup> Es ist
+sehr bemerkenswerth, daß die Brasilianer, als die Portugiesen ins
+Land kamen, ihre Zauberer gleichfalls <strong>Caraibes</strong>
+nannten. Wir wissen, daß die Caraiben in der Parime das
+wanderlustigste Volk in Amerika waren; vielleicht spielten schlaue
+Köpfe in diesem umherziehenden Volk dieselbe Rolle wie die
+<strong>Chaldäer</strong> in der alten Welt. Völkernamen hängen
+sich leicht an gewisse Gewerbe, und als unter den Cäsaren so viele
+Formen des Aberglaubens aus dem Orient in Italien eindrangen, kamen
+die Chaldaer so wenig von den Ufern des Euphrat, als die Menschen,
+die man in Frankreich <em>Egyptiens</em> und <em>Bohémiens</em>
+nennt (die einen indischen Dialekt reden, Zigeuner), vom Nil und
+von der Elbe.</p>
+<p>Wenn eine und dieselbe Nation auf dem Festland und auf
+benachbarten Inseln lebt, so hat man die Wahl zwischen zwei
+Annahmen: sie sind entweder von den Inseln auf den Continent, oder
+vom Continent auf die Inseln gewandert. Diese Streitfrage erhebt
+sich auch bei den Iberiern (Basken), die sowohl in Spanien als auf
+den Inseln im Mittelmeer ihre Wohnsitze hatten;<sup><a href=
+"#fn153" class="footnoteRef" id="fnref153" name=
+"fnref153">153</a></sup> ebenso bei den Malayen, die auf der
+Halbinsel Malaca und im Distrikt Menangkabao auf der Insel Sumatra
+Autochthonen zu seyn scheinen.<sup><a href="#fn154" class=
+"footnoteRef" id="fnref154" name="fnref154">154</a></sup> Der
+Archipel der großen und der kleinen Antillen hat die Gestalt einer
+schmalen, zerrissenen Landzunge, die der Landenge von Panama
+parallel läuft und nach der Annahme mancher Geographen einst
+Florida mit dem nordöstlichen Ende von Südamerika verband. Es ist
+gleichsam das östliche Ufer eines Binnenmeeres, das man ein Becken
+mit mehreren Ausgängen nennen kann. Diese sonderbare Bildung des
+Landes hat den verschiedenen Wandersystemen, nach denen man die
+Niederlassung der caraibischen Völker auf den Inseln und auf dem
+benachbarten Festland zu erklären suchte, zur Stütze gedient. Die
+Caraiben des Festlandes behaupten, die kleinen Antillen seyen vor
+Zeiten von den Aruacas bewohnt gewesen, einer kriegerischen Nation,
+deren Hauptmasse noch jetzt an den ungesunden Ufern des Surinam und
+des Berbice lebt. Diese Aruacas sollen, mit Ausnahme der Weiber,
+von den Caraiben, die von den Mündungen des Orinoco
+hinübergekommen, sämmtlich ausgerottet worden seyn, und sie berufen
+sich zu Bewahrheitung dieser Sage auf die Aehnlichkeit zwischen der
+Sprache der Aruacas und der Weibersprache bei den Caraiben. Man muß
+aber bedenken, daß die Aruacas, wenn sie gleich Feinde der Caraiben
+sind, doch mit ihnen zur selben Völkerfamilie gehören, und daß das
+Aruakische und das Caraibische einander so nahe stehen wie
+Griechisch und Persisch, Deutsch und Sanskrit. Nach einer andern
+Sage sind die Caraiben auf den Inseln von Süden hergekommen, nicht
+als Eroberer, sondern aus Guyana von den Aruacas vertrieben, die
+ursprünglich über alle benachbarten Völker das Uebergewicht hatten.
+Endlich eine dritte, weit verbreitetere und auch wahrscheinlichere
+Sage läßt die Caraiben aus Nordamerika, namentlich aus Florida
+kommen. Ein Reisender, der sich rühmt, Alles zusammengebracht zu
+haben, was auf diese Wanderungen von Nord nach Süd Bezug hat,
+Bristok, behauptet, ein Stamm der Confachiqui habe lange mit den
+Apalachiten im Kriege gelegen; diese haben jenem Stamm den
+fruchtbaren Distrikt Amana abgetteten und sofort ihre neuen
+Bundesgenossen Caribes (d.&nbsp;h. <strong>tapfere
+Fremdlinge</strong>) genannt; aber in Folge eines Zwistes über den
+Gottesdienst seyen die Confachiqui-Caribes aus Florida vertrieben
+worden. Sie gingen zuerst in ihren kleinen Canoes auf die Yucayas
+oder die lucayischen Inseln (auf Cigateo und die zunächst liegenden
+Inseln), von da nach Ayay (Hayhay, heutzutage Santa Cruz) und auf
+die kleinen Antillen, endlich auf das Festland von Südamerika.
+Dieß, glaubt man, sey gegen das Jahr 1100 unserer Zeitrechnung
+geschehen; allein bei dieser Schätzung nimmt man an (wie bei
+manchen orientalischen Mythen), »bei der Mäßigkeit und
+Sitteneinfalt der Wilden« könne die mittlere Dauer einer Generation
+180 bis 200 Jahre betragen haben, wodurch dann eine bestimmte
+Zeitangabe als völlig aus der Luft gegriffen erscheint. Auf dieser
+ganzen langen Wanderung hatten die Caraiben die großen Antillen
+nicht berührt, wo indessen die Eingeborenen gleichfalls aus Florida
+zu stammen glaubten. Die Insulaner aus Cuba, Haiti und Borriken
+(Portorico) waren nach der einstimmigen Aussage der ersten
+Conquistadoren von den Caraiben völlig verschieden; ja bei der
+Entdeckung von Amerika waren diese bereits von der Gruppe der
+kleinen lucayischen Inseln abgezogen, auf denen, wie in allen von
+Schiffbrüchigen und Flüchtlingen bewohnten Ländern, eine
+erstaunliche Mannigfaltigkeit von Sprachen herrschte.</p>
+<p>Die Herrschaft, welche die Caraiben so lange über einen großen
+Theil des Festlandes ausgeübt, und das Andenken an ihre alte Größe
+gaben ihnen ein Gefühl von Würde und nationaler Ueberlegenheit, das
+in ihrem Benehmen und ihren Aeußerungen zu Tage kommt. »Nur wir
+sind ein Volk,« sagen sie sprüchwörtlich, »die andern Menschen
+(<em>oquili</em>) sind dazu da, uns zu dienen.« Die Caraiben sehen
+auf ihre alten Feinde so hoch herab, daß ich ein zehnjähriges Kind
+vor Wuth schäumen sah, weil man es einen <strong>Cabre</strong>
+oder <strong>Cavere</strong> nannte. Und doch hatte es in seinem
+Leben keinen Menschen dieses unglücklichen Volkes<sup><a href=
+"#fn155" class="footnoteRef" id="fnref155" name=
+"fnref155">155</a></sup> gesehen, von dem die Stadt Cabruta
+(Cabritu) ihren Namen hat und das von den Caraiben fast völlig
+ausgerottet wurde. Ueberall, bei halb barbarischen Horden, wie bei
+den civilisirtesten Völkern in Europa, finden wir diesen
+eingewurzelten Haß und die Namen feindlicher Völker als die
+gröbsten Schimpfworte gebraucht.</p>
+<p>Der Missionär führte uns in mehrere indianische Hütten, wo
+Ordnung und die größte Reinlichkeit herrschten. Mit Verdruß sahen
+wir hier, wie die caraibischen Mütter schon die kleinsten Kinder
+quälen, um ihnen nicht nur die Waden größer zu machen, sondern am
+ganzen Bein vom Knöchel bis oben am Schenkel das Fleisch
+stellenweise hervorzutreiben. Bänder von Leder oder Baumwollenzeug
+werden 2 bis 3&nbsp;Zoll von einander fest umgelegt und immer
+stärker angezogen, so daß die Muskeln zwischen zwei Bandstreifen
+überquellen. Unsere Kinder im Wickelzeug haben lange nicht so viel
+zu leiden als die Kinder bei den caraibischen Völkern, bei einer
+Nation, die dem Naturzustand noch so viel näher seyn soll. Umsonst
+arbeiten die Mönche in den Missionen, ohne Rousseaus Werke oder
+auch nur den Namen des Mannes zu kennen, diesem alten System des
+Kinderaufziehens entgegen; der Mensch, der eben aus den Wäldern
+kommt, an dessen Sitteneinfalt wir glauben, ist keineswegs
+gelehrig, wenn es sich von seinem Putz und von seinen Vorstellungen
+von Schönheit und Anstand handelt. Ich wunderte mich übrigens, daß
+der Zwang, dem man die armen Kinder unterwirft, und der den
+Blutumlauf hemmen sollte, der Muskelbewegung keinen Eintrag thut.
+Es gibt auf der Welt kein kräftigeres und schnellfüßigeres Volk als
+die Caraiben.</p>
+<p>Wenn die Weiber ihren Kindern Beine und Schenkel modeln, um
+Wellenlinien hervorzubringen, wie die Maler es nennen, so
+unterlassen sie es in den Llanos wenigstens ihnen von der Geburt an
+den Kopf zwischen Kissen und Brettern platt zu drücken. Dieser
+Brauch, der früher auf den Inseln und bei manchen caraibischen
+Stämmen in der Parime und in französisch Guyana so verbreitet war,
+kommt in den Missionen, die wir besucht haben, nicht vor. Die Leute
+haben dort gewölbtere Stirnen als die Chaymas, Otomacos, Macos,
+Maravitanos und die meisten Eingeborenen am Orinoco. Nach
+systematischem Begriffe sind ihre Stirnen, wie sie ihren geistigen
+Fähigkeiten entsprechen. Diese Beobachtung überraschte uns um so
+mehr, da die in manchen anatomischen Werken abgebildeten
+Caraibenschädel sich von allen Menschenschädeln durch die
+niedrigste Stirne und den kleinsten Gesichtswinkel unterscheiden.
+Man hat aber in unsern osteologischen Sammlungen Kunstprodukte mit
+Naturbildungen verwechselt. Die »fast stirnlosen« sogenannten
+Caraibenschädel<sup><a href="#fn156" class="footnoteRef" id=
+"fnref156" name="fnref156">156</a></sup> von der Insel Sanct
+Vincent sind zwischen Brettern gemodelte Köpfe von Zambos
+(schwarzen Caraiben), Abkömmlingen von Negern und wirklichen
+Caraiben. Der barbarische Brauch, die Stirne platt zu drücken,
+kommt übrigens bei mehreren Völkern vor, die nicht desselben
+Stammes sind; man hat denselben in neuester Zeit auch in
+Nordamerika angetroffen; aber der Schluß von einer gewissen
+Uebereinstimmung in Sitten und Gebräuchen auf gleiche Abstammung
+ist sehr gewagt.</p>
+<p>Reist man in den caraibischen Missionen, so sollte man bei dem
+daselbst herrschenden Geiste der Ordnung und des Gehorsams gar
+nicht glauben, daß man sich unter Canibalen befindet. Dieses
+amerikanische Wort von nicht ganz sicherer Bedeutung stammt
+wahrscheinlich aus der Sprache von Hain oder Portorico. Es ist
+schon zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, als gleichbedentend mit
+Menschenfresser, in die europäischen Sprachen übergegangen.
+»<em>Edaces humanarum carnium novi anthropophagi, quos diximus
+Caribes, alias Canibales appellari</em>«, sagt Anghiera in der
+dritten Decade seiner Papst Leo X. gewidmeten Oceanica. Ich
+bezweifle keineswegs, daß die Inselcaraiben als eroberndes Volk die
+Ygneris oder alten Bewohner der Antillen, die schwach und
+unkriegerisch waren, grausam behandelt haben; dennoch ist
+anzunehmen, daß diese Grausamkeiten von den ersten Reisenden,
+welche nur Völker hörten, die von jeher Feinde der Caraiben
+gewesen, übertrieben wurden. Nicht immer werden nur die Besiegten
+von den Zeitgenossen verläumdet; auch am Uebermuth des Siegers
+rächt man sich, indem man das Register seiner Gräuel
+vergrößert.</p>
+<p>Alle Missionäre am Carony, am untern Orinoco und in den
+<em>Llanos del Cari</em>, die wir zu befragen Gelegenheit gehabt,
+versichern, unter allen Völkern des neuen Continents seyen die
+Caraiben vielleicht am wenigsten Menschenfresser; und solches
+behaupten sie sogar von den unabhängigen Horden, die ostwärts von
+Esmeralda zwischen den Quellen des Rio Branco und des Essequebo
+umherziehen. Es begreift sich, daß die verzweifelte Erbitterung,
+mit der sich die unglücklichen Caraiben gegen die Spanier wehrten,
+nachdem im Jahr 1504 ein königliches Ausschreiben sie für Sklaven
+erklärt hatte, sie vollends in den Ruf der Wildheit brachte, in dem
+sie stehen.<sup><a href="#fn157" class="footnoteRef" id="fnref157"
+name="fnref157">157</a></sup> Der erste Gedanke, diesem Volke zu
+Leibe zu gehen und es seiner Freiheit und seiner natürlichen Rechte
+zu berauben, rührt von Christoph Columbus her, der die Ansichten
+des fünfzehnten Jahrhunderts theilte und durchaus nicht immer so
+menschlich war, als man im achtzehnten aus Haß gegen seine
+Verkleinerer behauptete. Später wurde der Licenciat Rodrigo de
+Figueroa vom Hofe beauftragt (1520), auszumachen, welche
+Völkerschaften in Südamerika für caraibischen oder
+<strong>canibalischen</strong> Stammes gelten könnten, und welche
+<strong>Guatiaos</strong> wären, das heißt friedliche, von lange
+her mit den Castilianern befreundete Indianer. Dieses
+ethnographische Actenstück, »el auto de Figueroa« genannt, ist eine
+der merkwürdigsten Urkunden für die Barbarei der ersten
+Conquistadoren. Nie hatte Systemsucht so trefflich dazu gedient,
+die Leidenschaften zu beschönigen. Unsere Geographen gehen nicht
+willkürlicher zu Werke, wenn sie in Centralasien mongolische und
+tartarische Völker unterscheiden, als Figueroa, wenn er zwischen
+Canibalen und Guatiaos die Grenze zog. Ohne auf die
+Sprachverwandtschaft zu achten, erklärte man willkürlich alle
+Horden, denen man Schuld geben konnte, daß sie nach dem Gefechte
+einen Gefangenen verzehrt, für caraibisch. Die Einwohner von
+Uriapari (der Halbinsel Paria) wurden Caraiben, die Urinacos (die
+Uferbewohner am untern Orinoco oder Urinucu) Guatiaos genannt. Alle
+Stämme, die Figueroa als Caraiben bezeichnete, waren der Sklaverei
+verfallen; man konnte sie nach Belieben verkaufen oder
+niedermachen. In diesen blutigen Kämpfen wehrten sich die
+caraibischen Weiber nach dem Tode ihrer Männer mit so verzweifeltem
+Muthe, daß man sie, wie Anghiera sagt, für Amazonenvölker hielt.
+Die gehässigen Declamationen eines Dominicanermönchs (Thomas
+Hortiz) trugen dazu bei, den Jammer zu verlängern, der auf ganzen
+Völkern lastete. Indessen, und man spricht es mit Vergnügen aus,
+gab es auch beherzte Männer, die mitten in den an den Caraiben
+verübten Greueln die Stimme der Menschlichkeit und Gerechtigkeit
+hören ließen. Manche Geistliche sprachen sich in entgegengesetztem
+Sinne aus, als sie Anfangs gethan. In einem Jahrhundert, in dem man
+nicht hoffen durfte, die öffentliche Freiheit auf bürgerliche
+Einrichtungen zu gründen, suchte man wenigstens die persönliche
+Freiheit zu vertheidigen. »Es ist,« sagt Gomara im Jahr 1551, »ein
+heiliges Gesetz (<em>lex sanctissima</em>), durch das unser Kaiser
+verboten hat, die Indianer zu Sklaven zu machen. Es ist gerecht,
+daß die Menschen, die alle frei zur Welt kommen, nicht einer des
+andern Sklaven werden.«</p>
+<p>Bei unserem Aufenthalt in den caraibischen Missionen überraschte
+es uns, mit welcher Gewandtheit junge, achtzehn-, zwanzigjährige
+Indianer, wenn sie zum Amte eines <strong>Alguatil</strong> oder
+<strong>Fiscal</strong> herangebildet sind, stundenlange Anreden an
+die Gemeinde halten. Die Betonung, die ernste Haltung, die
+Geberden, mit denen der Vortrag begleitet wird, Alles verräth ein
+begabtes, einer hohen Culturentwicklung fähiges Volk. Ein
+Franciskaner, der so viel caraibisch verstand, daß er zuweilen in
+dieser Sprache predigen konnte, machte uns darauf aufmerksam, wie
+lang und gehäuft die Sätze in den Reden der Indianer sind, und doch
+nie verworren und unklar werden. Eigenthümliche Flexionen des
+Verbums bezeichnen zum voraus die Beschaffenheit des regierten
+Worts, je nachdem es belebt ist oder unbelebt, in der Einzahl oder
+in der Mehrzahl. Durch kleine angehängte Formen (Suffixe) wird der
+Empfindung ein eigener Ausdruck gegeben, und hier, wie in allen auf
+dem Wege ungehemmter Entwicklung entstandenen Sprachen, entspringt
+die Klarheit aus dem ordnenden Instinct,<sup><a href="#fn158"
+class="footnoteRef" id="fnref158" name="fnref158">158</a></sup> der
+auf den verschiedensten Stufen der Barbarei und der Cultur als das
+eigentliche Wesen der menschlichen Geisteskraft erscheint. An
+Festtagen versammelt sich nach der Messe die ganze Gemeinde vor der
+Kirche. Die jungen Mädchen legen zu den Füßen des Missionärs
+Holzbündel, Mais, Bananenbüschel und andere Lebensmittel nieder,
+deren er in seinem Haushalt bedarf. Zugleich treten der
+<strong>Governador</strong>, der <strong>Fiscal</strong> und die
+Gemeindebeamten, lauter Indianer, auf, ermahnen die Eingeborenen
+zum Fleiß, theilen die Arbeiten, welche die Woche über vorzunehmen
+sind, aus, geben den Trägen Verweise, und — es soll nicht
+verschwiegen werden — prügeln die Unbotmäßigen unbarmherzig durch.
+Die Stockstreiche werden so kaltblütig hingenommen als ausgetheilt.
+Diese Acte der vollziehenden Justiz kommen dem Reisenden, der von
+Angostura an die Küste über die Llanos geht, sehr gedehnt vor und
+allzu sehr gehäuft. Man sähe es lieber, wenn der Priester nicht vom
+Altar weg körperliche Züchtigungen verhängte, man wünschte, er
+möchte es nicht im priesterlichen Gewande mit ansehen, wie Männer
+und Weiber abgestraft werden; aber dieser Mißbrauch, oder, wenn man
+will, dieser Verstoß gegen den Anstand fließt aus dem Grundsatz,
+auf dem das ganze seltsame Missionsregiment beruht. Die
+willkürlichste bürgerliche Gewalt ist mit den Rechten, welche dem
+Geistlichen der kleinen Gemeinde zustehen, völlig verschmolzen, und
+obgleich die Caraiben so gut wie keine <strong>Canibalen</strong>
+sind, und so sehr man wünschen mag, daß sie mit Milde und Vorsicht
+behandelt werden, so sieht man doch ein, daß es zuweilen etwas
+kräftiger Mittel bedarf, um in einem so jungen Gemeinwesen die Ruhe
+aufrecht zu erhalten.</p>
+<p>Die Caraiben sind um so schwerer an feste Wohnsitze zu fesseln,
+da sie seit Jahrhunderten auf den Flüssen Handel getrieben haben.
+Wir haben dieses rührige Volk, ein Volk von Handelsleuten und von
+Kriegern, schon oben kennen gelernt,<sup><a href="#fn159" class=
+"footnoteRef" id="fnref159" name="fnref159">159</a></sup> wie es
+Sklavenhandel trieb und mit seinen Waaren von den Küsten von
+holländisch Guyana bis in das Becken des Amazonenstromes zog. Die
+wandernden Caraiben waren die Bukharen des tropischen Amerika, und
+so hatte sie denn auch das tägliche Bedürfniß, die Gegenstände
+ihres kleinen Handels zu berechnen und einander Nachrichten
+mitzutheilen, dazu gebracht, die Handhabung der
+<strong>Quippos</strong>, oder, wie man in den Missionen sagt, der
+<em>cordoncillos con nudos</em>, zu verbessern und zu erweitern.
+Diese Quippos oder Schnüre kommen in Canada, in Mexiko (wo Boturini
+welche bei den Tlascalteken bekam), in Peru, auf den Niederungen
+von Guyana, in Centralasien, in China und in Indien vor. Als
+Rosenkränze wurden sie in den Händen der abendländischen Christen
+Werkzeuge der Andacht; als <strong>Suampan</strong> dienten sie zu
+den Griffen der <strong>palpabeln</strong> oder Handarithmetik der
+Chinesen, Tartaren und Russen.<sup><a href="#fn160" class=
+"footnoteRef" id="fnref160" name="fnref160">160</a></sup> Die
+unabhängigen Caraiben, welche in dem noch so wenig bekannten Lande
+zwischen den Quellen des Orinoco und den Flüssen Essequebo, Carony
+und Parime (Rio Branco oder <em>Rio de aguas blancas</em>) hausen,
+theilen sich in Stämme; ähnlich den Völkern am Missouri, in Chili
+und im alten Germanien bilden sie eine Art politischer
+Bundesgenossenschaft. Eine solche Verfassung sagt am besten der
+Freiheitsliebe dieser kriegerischen Horden zu, die
+gesellschaftliche Bande nur dann vortheilhaft finden, wenn es
+gemeinsame Vertheidigung gilt. In ihrem Stolze sondern sich die
+Caraiben von allen andern Stämmen ab, selbst von solchen, die der
+Sprache nach ihnen verwandt sind. Auf dieser Absonderung bestehen
+sie auch in den Missionen. Diese sind selten gediehen, wenn man den
+Versuch gemacht hat, Caraiben gemischten Gemeinden einzuverleiben,
+das heißt solchen, wo jede Hütte von einer Familie bewohnt ist, die
+wieder einem andern Volke angehört und eine andere Mundart hat. Bei
+den unabhängigen Caraiben vererbt sich die Häuptlingswürde vom
+Vater auf den Sohn, nicht durch die Schwesterkinder. Letztere
+Erbfolge beruht auf einem grundsätzlichen Mißtrauen, dass eben
+nicht für große Sittenreinheit spricht; dieselbe herrscht in
+Indien, bei den Ashantees in Asrika, und bei mehreren wilden Horden
+in Nordamerika.<sup><a href="#fn161" class="footnoteRef" id=
+"fnref161" name="fnref161">161</a></sup> Bei den Caraiben müssen
+die jungen Häuptlinge, wie die Jünglinge, die heirathen wollen,
+fasten und sich den seltsamsten Büßungen unterziehen. Man purgirt
+sie mit der Frucht gewisser Euphorbien, man läßt sie in Kasten
+schwitzen und gibt ihnen von den <strong>Marirris</strong> oder
+<strong>Piaches</strong> bereitete Mittel ein, die in den
+Landstrichen jenseits der Alleghanis <strong>Kriegstränke</strong>,
+<strong>Tränke zum Muthmachen</strong> (<em>war-phisicks</em>)
+heißen. Die caraibischen Marirris sind die berühmtesten von allen;
+sie sind Priester, Gaukler und Aerzte in Einer Person und ihre
+Lehre, ihre Kunstgriffe und ihre Arzneien vererben sich. Letztere
+werden unter Auflegen der Hände gereicht und mit verschiedenen
+geheimnißvollen Geberden oder Handlungen, wie es scheint, von
+Uralters her bekannte Manipulationen des thierischen Magnetismus.
+Ich hatte Gelegenheit, mehrere Leute zu sprechen, welche die
+verbündeten Caraiben genau hatten beobachten können, ich konnte
+aber nicht erfahren, ob die <strong>Marirris</strong> eine Caste
+für sich bilden. In Nordamerika hat man gefunden, daß bei den
+Shawanoes, die in mehrere Stämme zerfallen, die Priester, die die
+Opfer vornehmen (wie bei den Hebräern), nur aus Einem Stamme, dem
+der Mequachakes, seyn dürfen. Wie mir dünkt, muß Alles, was man
+noch in Amerika über die Spuren einer alten Priestercaste ausfindig
+macht, von bedeutendem Interesse seyn, wegen jener Priesterkönige
+in Peru, die sich Söhne der Sonne nannten, und jener
+<strong>Sonnenkönige</strong> bei den Natchez, bei denen man
+unwillkürlich an die Heliaden der ersten östlichen Colonie von
+Rhodus denkt.<sup><a href="#fn162" class="footnoteRef" id=
+"fnref162" name="fnref162">162</a></sup> Um Sitten und Gebräuche
+des caraibischen Volkes vollkommen kennen zu lernen, müßte man die
+Missionen in den Llanos, die am Carony und die Savanen südlich von
+den Gebirgen von Pacaraimo zugleich besuchen. Je mehr man sie
+kennen lernt, versichern die Franciskaner, desto mehr müssen die
+Vorurtheile schwinden, die man gegen sie in Europa hat, wo sie für
+wilder, oder, um mich des naiven Ausdrucks eines Herrn von
+Montmartin zu bedienen, für weit weniger <strong>liberal</strong>
+gelten, als andere Völkerschaften in Guyana.<sup><a href="#fn163"
+class="footnoteRef" id="fnref163" name="fnref163">163</a></sup> Die
+Sprache der Caraiben auf dem Festlande ist dieselbe von den Quellen
+des Rio Branco bis zu den Steppen von Cumana. Ich war so glücklich,
+in Besitz einer Handschrift zu gelangen, die einen Auszug des
+Paters Sebastian Garcia aus der »<em>Grammatica de la lengua Caribe
+del P. Fernando Ximenez</em>« enthielt. Diese werthvolle
+Handschrift wurde bei Vaters<sup><a href="#fn164" class=
+"footnoteRef" id="fnref164" name="fnref164">164</a></sup> und
+meines Bruders, Wilhelm von Humboldt, nach noch weit umfassenderem
+Plane angelegten Untersuchungen über den Bau der amerikanischen
+Sprachen benützt.</p>
+<p>Als wir von der Mission Cari aufbrechen wollten, geriethen wir
+in einen Wortwechsel mit unsern indianischen Maulthiertreibern. Sie
+hatten, zu unserer nicht geringen Verwunderung, ausfindig gemacht,
+daß wir Skelette aus der Höhle von Ataruipe mit uns führten, und
+sie waren fest überzeugt, daß das Lastthier, das »die Körper ihrer
+alten Verwandten« trug, auf dem Wege zu Grunde gehen müsse. Alle
+unsere Vorsichtsmaßregeln, um die Skelette zu verbergen, waren
+vergeblich; nichts entgeht dem Scharfsinn und dem Geruch eines
+Caraiben, und es brauchte das ganze Ansehen des Missionärs, um
+unser Gepäck in Gang zu bringen. Ueber den Rio Cari mußten wir im
+Boote fahren, über den <em>Rio de agua clara</em> waten, fast
+könnte ich sagen schwimmen. Wegen des Triebsands am Boden ist
+letzterer Uebergang bei Hochwasser sehr beschwerlich. Man wundert
+sich, daß in einem so ebenen Lande die Strömung so stark ist; die
+Steppenflüsse drängen aber auch, um mich eines ganz richtigen
+Ausdrucks des jüngeren Plinius zu bedienen, »nicht sowohl wegen des
+Bodenfalls, als wegen ihrer Fülle und wie durch ihr eigenes Gewicht
+vorwärts.«<sup><a href="#fn165" class="footnoteRef" id="fnref165"
+name="fnref165">165</a></sup> Wir hatten, ehe wir in die kleine
+Stadt Pao kamen, zwei schlechte Nachtlager in Matagorda und los
+Niecietos. Ueberall dasselbe: kleine Rohrhütten mit Leder gedeckt,
+berittene Leute mit Lanzen, die das Vieh hüten, halb wilde
+Hornviehherden von auffallend gleicher Färbung, die den Pferden und
+Maulthieren die Weide streitig machen. Keine Schafe, keine Ziegen
+auf diesen unermeßlichen Steppen! Die Schafe pflanzen sich in
+Amerika nur auf Plateaus, die über tausend Toisen hoch liegen, gut
+fort; nur dort wird die Wolle lang und zuweilen sehr schön. Im
+glühend heißen Klima der Niederungen, wo statt der Wölfe die
+Jaguars auftreten, können sich diese kleinen wehrlosen und in ihren
+Bewegungen schwerfälligen Wiederkäuer nicht in Masse halten.</p>
+<p>Am 15. Juli langten wir in der <strong>Fundacion</strong> oder
+Villa del Pao an, die im Jahr 1744 gegründet wurde und sehr
+vortheilhaft gelegen ist, um zwischen Nueva Barcelona und Angostura
+als Stapelplatz zu dienen. Ihr eigentlicher Name ist <em>Conception
+del Pao</em>; Alcedo, la Cruz Olmedilla und viele andere Geographen
+gaben ihre Lage falsch an, weil sie den Ort entweder mit San Juan
+Baptista del Pao in den Llanos von Caracas, oder mit el Valle del
+Pao am Zarate verwechselten. Trotz des bedeckten Himmels erhielt
+ich einige Höhen von α im Centauren, nach denen sich die Breite des
+Orts bestimmen ließ. Dieselbe beträgt 8°37′57″. Aus Sonnenhöhen
+ergab sich eine Länge von 67°8′12″, Angostura unter 66°15′21″
+angenommen. Die astronomischen Bestimmungen in
+Calabozo<sup><a href="#fn166" class="footnoteRef" id="fnref166"
+name="fnref166">166</a></sup> und in Conception del Pao sind nicht
+ohne Belang für die Geographie dieser Landstriche, wo es inmitten
+der Grasfluren durchaus an festen Punkten fehlt. In der Umgegend
+von Pao findet man einige Fruchtbäume, eine seltene Erscheinung in
+den Steppen. Wir sahen sogar Cocosbäume, die trotz der weiten
+Entfernung von der See ganz kräftig schienen. Ich lege einiges
+Gewicht auf letztere Wahrnehmung, da man die Glaubwürdigkeit von
+Reisenden, welche den Cocosbaum, eine <strong>Küstenpalme</strong>,
+in Tombuctu, mitten in Afrika, angetroffen haben wollten, in
+Zweifel gezogen hat. Wir hatten öfters Gelegenheit, Cocosbäume
+mitten im Baulande am Magdalenenstrom, hundert Meilen von der
+Küste, zu sehen.</p>
+<p>In fünf Tagen, die uns sehr lang vorkamen, gelangten wir von der
+Villa del Pao in den Hafen von Nueva Barcelona. Je weiter wir
+kamen, desto heiterer wurde der Himmel, desto staubigter der Boden,
+desto glühender die Luft. Diese ungemein drückende Hitze rührt
+nicht von der Lufttemperatur her, sondern vom feinen Sand, der in
+der Luft schwebt, nach allen Seiten Wärme strahlt und dem Reisenden
+ins Gesicht schlägt, wie an die Kugel des Thermometers. Indessen
+habe ich in Amerika den hunderttheiligen Thermometer mitten im
+<strong>Sandwinde</strong> niemals über 45°8 steigen sehen. Capitän
+Lyon, den ich nach seiner Rückkehr von Mourzouk zu sprechen das
+Vergnügen hatte, schien mir auch geneigt anzunehmen, daß die
+Temperatur von 52 Grad, der man in Fezzan so oft ausgesetzt ist,
+großentheils von den Quarzkörnern herrührt, die in der Luft
+suspendirt sind. Zwischen Pao und dem im Jahr 1749 gegründeten, von
+500 Caraiben bewohnten Dorfe Santa Cruz de Cachipo<sup><a href=
+"#fn167" class="footnoteRef" id="fnref167" name=
+"fnref167">167</a></sup> kamen wir über den westlichen Strich des
+kleinen Plateau, das unter dem Namen Mesa de Amana bekannt ist.
+Dieses Plateau bildet die Wasserscheide zwischen dem Orinoco, dem
+Guarapiche und dem Küstenland von Neu-Andalusien. Die Erhöhung
+desselben ist so gering, daß es der Schiffbarmachung dieses Strichs
+der Llanos wenig Hinderniß in den Weg legen wird. Indessen konnte
+der Rio Mamo, der oberhalb des Einflusses des Carony in den Orinoco
+fällt und den d’Anville (ich weiß nicht, nach wessen Angabe) auf
+der ersten Ausgabe seiner großen Karte aus dem See von Valencia
+kommen und die Sewässer des Guayre aufnehmen läßt, nie als
+natürlicher Canal zwischen zwei Flußbecken dienen. Es besteht in
+der Steppe nirgends eine Gabeltheilung der Art. Sehr viele
+Caraiben, welche jetzt in den Missionen von Piritu leben, saßen
+früher nördlich und westlich vom Plateau Amana zwischen Maturin,
+der Mündung des Rio Areo und dem Guarapiche; die Einfälle Don
+Josephs Careño, eines der unternehmendsten Statthalter der Provinz
+Cumana, gaben im Jahr 1720 Anlaß zu einer allgemeinen Wanderung der
+unabhängigen Caraiben an den untern Orinoco.</p>
+<p>Dieser ganze weit gedehnte Landstrich besteht, wie wir schon
+oben bemerkt,<sup><a href="#fn168" class="footnoteRef" id=
+"fnref168" name="fnref168">168</a></sup> aus secundären
+Gebirgsbildungen, die sich gegen Süden unmittelbar an die
+Granitgebirge am Orinoco lehnen. Gegen Nordwest trennt sie ein
+ziemlich schmaler Streif von Uebergangsgebirg von den aus Urgebirg
+bestehenden Bergen auf dem Küstenland von Caracas. Dieses gewaltige
+Auftreten von secundären Bildungen, die ohne Unterbrechung einen
+Flächenraum von 7200 Quadratmeilen bedecken (wobei nur der gegen
+Süd vom Rio Apure, gegen West von der Sierra Nevada de Merida und
+vom Paramo de las Rosas begrenzte Theil der Llanos gerechnet ist),
+ist in diesen Erdstrichen eine um so merkwürdigere Erscheinung, da
+in der ganzen Sierra de la Parime, zwischen dem rechten Ufer des
+Orinoco und dem Rio Negro, gerade wie in Scandinavien, die
+secundären Bildungen auffallenderweise gänzlich fehlen. Der rothe
+Sandstein, der hie und da Stricke fossilen Holzes (aus der Familie
+der Monocotyledonen) enthält, kommt in den Steppen von Calabozo
+überall zu Tage. Weiter gegen Ost sind Kalkstein und Gips demselben
+aufgelagert und machen ihn der geologischen Forschung unzugänglich.
+Weiter gegen Norden, der Mission San Joses de Curataquiche zu, fand
+Bonpland schöne gebänderte Stücke Jaspis oder »egyptische Kiesel.«
+Wir sahen dieselben nicht in der Gebirgsart eingeschlossen und
+wissen daher nicht, ob sie einem ganz neuen Conglomerat angehören
+oder dem Kalkstein, den wir am Morro von Nueva Barcelona
+angetroffen, und der kein Uebergangsgestein ist, obgleich er
+Schichten von Kieselschiefer enthält.</p>
+<p>Man kann die Steppen oder Grasfluren von Südamerika nicht
+durchziehen, ohne in Gedanken bei der Aussicht zu verweilen, daß
+man sie eines Tags zu dem benützen wird, zu dem sie sich besser
+eignen, als irgend ein Landstrich des Erdballs, zur Messung der
+Grade eines Erdbogens in der Richtung eines Meridians oder einer
+auf dem Meridian senkrechten Linie. Diese Operation wäre für die
+genaue Kenntniß der Gestalt der Erde von großer Wichtigkeit. Die
+Llanos von Venezuela liegen 13 Grade ostwärts von den Punkten, wo
+einerseits die französischen Akademiker mittelst Dreiecken, die
+sich auf die Gipfel der Cordilleren stützten, andererseits Mason
+und Dixon, ohne trigonometrische Mittel (auf den Ebenen von
+Pennsylvanien), ihre Messungen ausgeführt haben; sie liegen fast
+unter demselben Parallel (und dieser Umstand ist von großem Belang)
+wie die indische Hochebene zwischen Junne und Madura, wo Oberst
+Lambton so ausgezeichnet operirte. So viele Bedenken auch noch
+hinsichtlich der Genauigkeit der Instrumente, der
+Beobachtungsfehler und der Einflüsse örtlicher Anziehungen bestehen
+mögen, beim jetzigen Zustand unserer Kenntnisse ist nicht wohl in
+Abrede zu ziehen, daß die Erde ungleichförmig abgeplattet ist. Ist
+einmal zwischen den freien Regierungen von la Plata und Venezuela
+ein innigeres Verhältniß hergestellt, so wird man sich ohne Zweifel
+diesen Vortheil und den allgemeinen Frieden zu Nutze machen und
+nördlich und südlich vom Aequator, in den Llanos und in den Pampas
+die Messungen vornehmen, die wir hier in Vorschlag bringen. Die
+Llanos von Pao und Calabozo sind fast unter demselben Meridian
+gelegen, wie die Pampas südlich von Cordova, und der
+Breitenunterschied dieser Niederungen, die so vollkommen eben sind,
+als hätte lange Wasser darauf gestanden, beträgt 45&nbsp;Grad.
+Diese geodätischen und astronomischen Operationen wären bei der
+Beschaffenheit des Terrains auch gar nicht kostspielig. Schon La
+Condamine hat im Jahr 1734 dargethan, wie vortheilhafter und
+besonders weniger zeitraubend es gewesen wäre, wenn man die
+Akademiker in die (vielleicht etwas zu stark bewachsenen und
+sumpfigten) Ebenen im Süden von Cayenne, dem Einfluß des Rio Xingu
+in den Amazonenstrom zu, geschickt hätte, statt sie auf den
+Hochebenen von Quito mit Frost, Stürmen und vulkanischen Ausbrüchen
+kämpfen zu lassen.</p>
+<p>Die spanisch-amerikanischen Regierungen dürfen keineswegs
+meinen, daß die in Rede stehenden, mit Pendelbeobachtungen
+verbundenen Messungen in den Llanos nur ein rein wissenschaftliches
+Interesse hätten: dieselben gäben zugleich die Hauptgrundlagen für
+Karten ab, ohne welche keine regelmäßige Verwaltung in einem Lande
+bestehen kann. Bis jetzt mußte man sich auf eine rein astronomische
+Aufnahme beschränken, und es ist dieß das sicherste und rascheste
+Verfahren bei einer Oberfläche von sehr großer Ausdehnung. Man
+suchte einige Punkte an den Küsten und im Innern
+<strong>absolut</strong> zu bestimmen, das heißt nach
+Himmelserscheinungen oder Reihen von Monddistanzen. Man stellte die
+Lage der bedeutendsten Orte nach den drei Coordinaten der Breite,
+der Länge und der Höhe fest. Die dazwischenliegenden Punkte wurden
+mit den Hauptpunkten auf <strong>chronometrischem</strong> Wege
+verknüpft. Durch den sehr gleichförmigen Gang der Chronometer in
+Canoes und durch die sonderbaren Krümmungen des Orinoco wurde diese
+Anknüpfung erleichtert. Man brachte die Chronometer zum
+Ausgangspunkte zurück, oder man beobachtete zweimal (im Hinweg und
+im Herweg) an einem dazwischen liegenden Punkte, man knüpfte die
+Enden der <strong>chronometrischen Linien</strong><sup><a href=
+"#fn169" class="footnoteRef" id="fnref169" name=
+"fnref169">169</a></sup> an sehr weitaus einander liegende
+Lokalitäten, deren Lage nach absoluten, d.&nbsp;h. rein
+astronomischen Erscheinungen bestimmt ist, und so konnte man die
+Summe der etwa begangenen Fehler schätzen. Auf diese Weise (und vor
+meiner Reise war im Binnenlande die Länge keines Punktes bestimmt
+worden) habe ich Cumana, Angostura, Esmeralda, San Carlos del Rio
+Negro, San Fernando de Apure, Porto-Cabello und Caracas
+astronomisch verknüpft. Diese Beobachtungen umfassen eine
+Bodenfläche von mehr als 10,000&nbsp;Quadratmeilen. Das System der
+Beobachtungspunkte auf dem Küstenland und die werthvollen
+Ergebnisse der Aufnahme bei Fidalgos Seereise wurden mit dem System
+der Beobachtungspunkte am Orinoco und Rio Negro durch zwei
+chronometrische Linien in Verbindung gebracht, deren eine über die
+Llanos von Catabozo, die andere über die Llanos von Pao läuft. Die
+Beobachtungen in der Parime bilden einen Streifen, der eine
+ungeheure Landstrecke (73,000 Quadratmeilen), auf der bis jetzt
+nicht ein einziger Punkt astronomisch bestimmt ist, in zwei Theile
+theilt. Durch diese verschiedenen Arbeiten, die ich mit geringen
+Mitteln, aber nach einem allgemeinen Plane unternommen, wurde, wie
+ich mir wohl schmeicheln darf, der erste astronomische Grund zur
+Geographie dieser Länder gelegt; es ist aber Zeit, dieselben
+vielfach wieder aufzunehmen, sie zu berichtigen, besonders aber da,
+wo der Anbau des Landes es gestattet, trigonometrische Messungen an
+ihre Stelle treten zu lassen. An beiden Rändern der Llanos, die
+sich gleich einem Meerbusen vom Delta des Orinoco bis zu den
+Schneegebirgen von Meridia ausdehnen, streichen im Norden und im
+Süden zwei Granitketten parallel mit dem Aequator. Diese früheren
+Küsten eines innern Seebeckens sind in den Steppen von weitem
+sichtbar und können zur Aufstellung von Signalen dienen. Der
+Spitzberg Guacharo, der Corollor und Turimiquiri, der Bergantin,
+die Morros San Juan und San Sebastian, die Galera, welche die
+Llanos wie eine Felsmauer begrenzt, der kleine Cerro de Flores, den
+ich in Calabozo, und zwar in einem Moment gesehen habe, wo die
+Luftspiegelung beinahe Null war, werden am Nordrande der
+Niederungen zum Dreiecknetz dienen. Diese Berggipfel sind
+großentheils sowohl in den Llanos als im angebauten Küstenlande
+sichtbar. Gegen Süden liegen die Granitketten am Orinoco oder in
+der Parime etwas abwärts von den Rändern der Steppen und sind für
+geodätische Operationen nicht ganz so günstig. Indessen werden die
+Berge oberhalb Angostura und Muitaco, der Cerro del Tirano bei
+Caycara, der Pan de Azucar und der Sacuima beim Einfluß des Apure
+in den Orinoco gute Dienste leisten, namentlich wenn man die Winkel
+bei bedecktem Himmel aufnimmt, damit nicht das Spiel der
+ungewöhnlichen Refractionen über einem stark erhitzten Boden die
+Berggipfel, welche unter zu kleinen Höhenwinkeln erscheinen,
+verzieht und verrückt. Pulversignale, deren Widerschein am Himmel
+so weit hin sichtbar ist, werden sehr förderlich seyn. Ich glaubte
+hier im Interesse der Sache angeben zu sollen, was meine
+Ortskenntniß und das Studium der Geographie von Amerika mir an die
+Hand gegeben. Ein ausgezeichneter Geometer, Lenz, der bei
+mannigfaltigen Kenntnissen in allen Zweigen der Mathematik im
+Gebrauch astronomischer Instrumente sehr geübt ist, beschäftigt
+sich gegenwärtig damit, die Geographie dieser Länder weiter
+auszubilden und im Auftrag der Regierung von Venezuela die Plane,
+die ich bereits im Jahr 1799 der Beachtung des spanischen
+Ministeriums vergeblich empfohlen hatte, zum Theil auszuführen.</p>
+<p>Am 26. Juli brachten wir die Nacht im indianischen Dorfe Santa
+Cruz de Cachipo zu. Diese Mission wurde im Jahr 1749 mit mehreren
+caraibischen Familien gegründet, welche an den überschwemmten,
+ungesunden Ufern der <em>Lagunetas de Anache</em>, gegenüber dem
+Einfluß des Rio Puruay in den Orinoco, lebten. Wir wohnten beim
+Missionär<sup><a href="#fn170" class="footnoteRef" id="fnref170"
+name="fnref170">170</a></sup> und ersahen aus den Kirchenbüchern,
+welch rasche Fortschritte der Wohlstand der Gemeinde durch seinen
+Eifer und seine Einsicht gemacht hatte. Seit wir in die Mitte der
+Steppen gelangt waren, hatte die Hitze so zugenommen, daß wir gerne
+gar nicht mehr bei Tage gereist wären; wir waren aber unbewaffnet
+und die Llanos waren damals von ganzen Räuberbanden unsicher
+gemacht, die mit raffinirter Grausamkeit die Weißen, welche ihnen
+in die Hände fielen, mordeten. Nichts kläglicher als die
+Rechtspflege in diesen überseeischen Colonien! Ueberall fanden wir
+die Gefängnisse mit Verbrechern gefüllt, deren Urtheil sieben, acht
+Jahre auf sich warten läßt. Etwa ein Drittheil der Verhafteten
+entspringt, und die menschenleeren, aber von Heerden wimmelnden
+Ebenen bieten ihnen Zuflucht und Unterhalt. Sie treiben ihr
+Räubergewerbe zu Pferde in der Weise der Beduinen. Die Ungesundheit
+der Gefängnisse überstiege alles Maaß, wenn sie sich nicht von Zeit
+zu Zeit durch das Entspringen der Verhafteten leerten. Es kommt
+auch nicht selten vor, daß Todesurtheile, wenn sie endlich spät
+genug von der Audiencia zu Caracas gefällt sind, nicht vollzogen
+werden können, weil es an einem Nachrichter fehlt. Nach einem schon
+oben erwähnten barbarischen Brauch begnadigt man denjenigen der
+Uebelthäter, der es auf sich nehmen will, die andern zu hängen.
+Unsere Führer erzählten uns, kurz vor unserer Ankunft auf der Küste
+von Cumana habe ein wegen seiner Rohheit berüchtigter Zambo sich
+entschlossen, Henker zu werden und sich so der Strafe zu entziehen.
+Die Zurüstungen zur Hinrichtung machten ihn aber in seinem
+Entschlusse wankend; er entsetzte sich über sich selbst, er zog den
+Tod der Schande vor, die er vollends auf sich häufte, wenn er sich
+das Leben rettete, und ließ sich die Ketten, die man ihm
+abgenommen, wieder anlegen. Er saß nicht mehr lange; die
+Niederträchtigkeit eines Mitschuldigen half ihm zum Vollzug seiner
+Strafe. Ein solches Erwachen des Ehrgefühls in der Seele eines
+Mörders ist eine psychologische Erscheinung, die zum Nachdenken
+auffordert. Ein Mensch, der beim Berauben der Reisenden in der
+Steppe schon so oft Blut vergessen hat, schaudert beim Gedanken,
+sich zum Werkzeug der Gerechtigkeit hergeben, an andern eine Strafe
+vollziehen zu sollen, die er, wie er vielleicht fühlt, selbst
+verdient hat.</p>
+<p>Wenn schon in den ruhigen Zeiten, in denen Bonpland und ich das
+Glück hatten, die beiden Amerika zu bereisen, die Llanos den
+Uebelthätern, welche in den Missionen am Orinoco ein Verbrechen
+begangen, oder aus den Gefängnissen des Küstenlandes entsprungen
+waren, als Versteck dienten, wie viel schlimmer mußte dieß noch in
+Folge der bürgerlichen Unruhen werden, im blutigen Kampfe, der mit
+der Freiheit und Unabhängigkeit dieser gewaltigen Länder seine
+Endschaft erreichte! Die französischen »Landes« und unsere Heiden
+geben nur ein entferntes Bild jener Grasfluren auf dem neuen
+Continent, wo Flächen von acht und zehntausend Quadratmeilen so
+eben sind, wie der Meeresspiegel. Die Unermeßlichkeit des Raumes
+sichert dem Landstreicher die Straflosigkeit; in den Savanen
+versteckt man sich leichter als in unsern Gebirgen und Wäldern, und
+die Kunstgriffe der europäischen Polizei sind schwer anwendbar, wo
+es wohl Reisende gibt, aber keine Wege, Herden, aber keine Hirten,
+und wo die Höfe so dünn gesäet sind, daß man, trotz des bedeutenden
+Einflusses der Luftspiegelung, ganze Tagereisen machen kann, ohne
+daß man einen am Horizont auftauchen sieht.</p>
+<p>Zieht man über die Llanos von Caracas, Barcelona und Cumana, die
+von West nach Ost von den Bergen bei Truxillo und Merida bis zur
+Mündung des Orinoco hinter einander liegen, so fragt man sich, ob
+diese ungeheuren Landstrecken von der Natur dazu bestimmt sind,
+ewig als Weideland zu dienen, oder ob Pflug und Hacke sie eines
+Tages für den Ackerbau erobern werden? Diese Frage ist um so
+wichtiger, da die an beiden Enden von Südamerika gelegenen Llanos
+der politischen Verbindung der Provinzen, die sie auseinander
+halten, Hindernisse in den Weg legen. Sie machen, daß der Ackerban
+sich nicht von den Küsten von Venezuela Guyana zu, sich nicht von
+Potosi gegen die Mündung des Rio de la Plata ausbreiten kann. Die
+dazwischen geschobenen Steppen behalten mit dem Hirtenleben einen
+Charakter von Rohheit und Wildheit, der sie isolirt und von der
+Cultur der schon lange urbar gemachten Landstriche fern hält. Aus
+demselben Grunde wurden sie im Freiheitskriege der Schauplatz des
+Kampfes zwischen den feindlichen Parteien und sahen die Einwohner
+von Calabozo fast unter ihren Mauern das Geschick der verbündeten
+Provinzen Venezuela und Cundinamarca sich entscheiden. Ich will
+wünschen, daß man bei den Grenzbestimmungen der neuen Staaten und
+ihrer Unterabtheilungen nicht zuweilen zu bereuen habe, die
+Bedeutung der Llanos außer Augen gesetzt zu haben, sofern sie dahin
+wirken, Gemeinheiten auseinander zu halten, welche durch gemeinsame
+Interessen auf einander angewiesen sind. Die Steppen würden, wie
+Meere oder die Urwälder unter den Tropen, als natürliche Grenzen
+dienen, wenn sie nicht von Heeren um so leichter durchzogen würden,
+da sie mit ihren unzähligen Pferde-, Maulthier- und Viehherden
+Transport- und Unterhaltsmittel aller Art bieten.</p>
+<p>Nirgends in der Welt ist die Bodenbildung und die Beschaffenheit
+der Oberfläche so fest ausgeprägt; nirgends äußern sie aber auch so
+bedeutenden Einfluß auf die Spaltung des Gesellschaftskörpers, der
+durch die Ungleichheit nach Abstammung, Farbe und persönlicher
+Freiheit schon genug zerrissen ist. Es steht nicht in der Macht des
+Menschen, die klimatischen Unterschiede zu ändern, die aus der auf
+kleinem Flächenraum rasch wechselnden Bodenhöhe hervorgehen, und
+welche die Quelle des Widerwillens sind, der zwischen den Bewohnern
+der der <strong>terra caliente</strong> und denen der <strong>terra
+fria</strong> besteht, eines Widerwillens, der auf Gegensätzen im
+Charakter, in Sitten und Gebrauchen beruht. Diese moralischen und
+politischen Einflüsse machen sich besonders in Ländern geltend, wo
+die Extreme von Landhöhe und Tiefland am auffallendsten sind, wo
+Gebirge und Niederungen am massenhaftesten auftreten und sich am
+weitesten ausdehnen. Hieher gehören Neu-Grenada oder Cundinamarca,
+Chili und Peru, wo die Incasprache reich ist an treffenden, naiven
+Ausdrücken für diese klimatischen Gegensätze in Temperament,
+Neigungen und geistigen Fähigkeiten. Im Staate Venezuela dagegen
+bilden die »Montaneros« in den Hochgebirgen von Bocono, Timotes und
+Merida nur einen unbedeutenden Bruchtheil der Gesammtbevölkerung,
+und die volkreichen Thäler der Küstenkette von Caracas und Caripe
+liegen nur drei- bis vierhundert Toisen über dem Meer. So kam es,
+daß, als die Staaten Venezuela und Neu-Grenada unter dem Namen
+Columbia verschmolzen wurden, die bedeutende Gebirgsbevölkerung von
+Santa Fe, Popayan, Pasto und Quito, wo nicht ganz, doch über die
+Hälfte durch den Zuwachs von acht- bis neunmalhunderttausend
+Bewohnern der <strong>terra caliente</strong> aufgewogen wurde. Der
+Oberflächenzustand des Bodens ist nicht so unveränderlich als seine
+Reliefbildung, und so erscheint es als möglich, daß die scharfen
+Gegensätze zwischen den undurchdringlichen Wäldern Guyanas und den
+baumlosen, grasbewachsenen Llanos eines Tags verschwinden könnten;
+aber wie viele Jahrhunderte brauchte es wohl, bis ein solcher
+Wechsel in den unermeßlichen Steppen von Venezuela, am Meta, am
+Caqueta und in Buenos Ayres merkbar würde? Die Beweise, die der
+Mensch von seiner Macht im Kampfe gegen die Naturkräfte in Gallien,
+in Germanien und in neuerer Zeit in den Vereinigten Staaten, immer
+aber außerhalb der Tropen, gegeben hat, kann nicht wohl als Maßstab
+für die voraussichtlichen Fortschritte der Cultur im heißen
+Erdstrich dienen. Es war oben davon die Rede, wie langsam man mit
+Feuer und Axt Wälder ausrodet, wenn die Baumstämme 8 bis 16 Fuß
+dick sind, wenn sie im Fallen sich an einander lehnen, und wenn das
+Holz, vom unaufhörlichen Regen befeuchtet, so ungemein hart ist.
+Die Frage, ob die Llanos oder Pampas urbar zu machen sind, wird von
+den Colonisten, die darin leben, keineswegs einstimmig bejaht, und
+ganz im Allgemeinen läßt sich auch gar nicht darüber entscheiden.
+Die Savanen von Venezuela entbehren größtentheils des Vortheils,
+den die Savanen in Nordamerika dadurch haben, daß sie der Länge
+nach von drei großen Flüssen, dem Missouri, dem Arkansas und dem
+Red River von Natchitoches durchzogen werden; durch die Savanen am
+Araure, bei Calabozo und am Pao laufen die Nebenflüsse des Orinoco,
+von denen die östlichsten (Cari, Pao, Acaru und Manapire) in der
+trockenen Jahreszeit sehr wasserarm find, nur der Quere nach. Alle
+diese Flüsse reichen nicht weit gegen Nord, so daß in der Mitte
+Steppen, weite, entsetzlich dürre Landstriche (<em>bancos</em> und
+<em>mesas</em>) bleiben. Am culturfähigsten sind die westlichen,
+von der Portuguesa, vom Masparro und Orivante und den nahe bei
+einander liegenden Nebenflüssen derselben bewässerten Striche. Der
+Boden besteht aus mit Thon gemengtem Sand über einer Schicht von
+Quarzgeschieben. Die Dammerde, die Hauptnahrungsquelle der
+Gewächse, ist aller Orten sehr dünn; sie erhält so gut wie keinen
+Zuwachs durch das dürre Laub, das in den Wäldern der heißen Zone
+abfällt wie in den gemäßigten Klimaten, wenn auch nicht so streng
+periodisch. Seit Jahrtausenden wächst aber auf den Llanos weder
+Baum noch Buschwerk; die einzelnen, in der Savane zerstreuten
+Palmen liefern sehr wenig von jener Kohlen- und
+Wasserstoffverbindung, von jenem Extractivstoff, auf dem (nach den
+Versuchen von Saussure, Davy und Braconnot) die Fruchtbarkeit des
+Bodens beruht. Die geselligen Gewächse, die in den Steppen fast
+ausschließlich herrschen, sind Monocotyledonen, und es ist bekannt,
+wie stark die Gräser den Boden aussaugen, in den sie ihre Wurzeln
+mit dicht gedrängten Fasern treiben. Diese Wirkung der Killingia-,
+Paspalum- und Cenchrusarten, aus denen der Rasen besteht, äußert
+sich überall gleich; wo aber das Gestein beinahe zu Tag kommt, da
+ist der Boden verschieden, je nachdem er auf rothem Sandstein oder
+auf festem Kalkstein und auf Gyps liegt; so wie je nachdem die
+periodischen Ueberschwemmungen an den tiefsten Stellen Erdreich
+angeschwemmt haben, oder das Wasser von den kleinen Plateaus die
+wenige Dammerde vollends weggespült hat. Bereits bestehen mitten im
+Weideland einzelne Pflanzungen an Stellen, wo sich fließendes
+Wasser oder ein paar Büsche der Mauritiapalme fanden. Diese Höfe,
+bei denen man Mais und Manioc baut, werden sich bedeutend
+vermehren, wenn es gelingt, mehr Bäume und Gebüsch
+fortzubringen.</p>
+<p>Die Dürre der <strong>Mesas</strong><sup><a href="#fn171" class=
+"footnoteRef" id="fnref171" name="fnref171">171</a></sup> und die
+große Hitze, die darauf herrscht, rühren nicht allein von der
+Beschaffenheit ihrer Oberfläche und der örtlichen Reverberation des
+Bodens her; ihre klimatischen Verhältnisse hängen ab von der
+Umgebung, von der ganzen Steppe, von der die Mesas ein Theil sind.
+Bei den Wüsten in Afrika oder in Arabien, bei den Llanos in
+Südamerika, bei den großen Heiden, die von der Spitze von Jütland
+bis zur Mündung der Schelde fortstreichen, beruht die feste
+Begrenzung der Wüsten, der Llanos, der Heiden großentheils auf
+ihrer unermeßlichen Ausdehnung, auf der Kahlheit dieser Landstriche
+in Folge einer Umwälzung, welche den früheren Pflanzenwuchs unseres
+Planeten vernichtet hat. Durch ihre Ausdehnung, ihr
+ununterbrochenes Fortstreichen und ihre Masse widerstehen sie dem
+Eindringen der Cultur, behalten sie, als wären sie in das Land
+einschneidende Buchten, ihren festen Uferumriß. Ich lasse mich
+nicht auf die große Frage ein, ob in der Sahara, diesem Mittelmeer
+von Flugsand, der Keime des organischen Lebens heutzutage mehr
+werden. Je ausgebreiteter unsere geographischen Kenntnisse wurden,
+desto zahlreicher sahen wir im östlichen Theil der Wüste grüne
+Eilande, mit Palmen bedeckte Oasen zu Archipelen sich
+zusammendrängen und den Caravanen ihre Häfen öffnen; wir wissen
+aber nicht, ob seit Herodots Tode der Umriß der Oasen nicht
+fortwährend derselbe geblieben ist. Unsere Geschichtsbücher sind
+von zu kurzem Datum und zu unvollständig, als daß wir der Natur in
+ihrem langsamen, stetigen Gange folgen könnten.</p>
+<p>Von diesen völlig öden Räumen, von denen ein gewaltsames
+Ereigniß die Pflanzendecke und die Dammerde weggerissen hat, von
+den syrischen und afrikanischen Wüsten, die in ihrem versteinerten
+Holz noch die Urkunden der erlittenen Veränderungen aufweisen,
+blicken wir zurück auf die mit Gräsern bewachsenen Llanos. Hier ist
+die Erörterung der Erscheinungen dem Kreise unserer täglichen
+Beobachtungen näher gerückt. In den amerikanischen Steppen
+angesiedelte Landwirthe sind hinsichtlich der Möglichkeit eines
+umfassenderen Anbaus derselben ganz zu den Ansichten gekommen, wie
+ich sie aus dem klimatischen Einfluß der Steppen unter dem
+Gesichtspunkt als ununterbrochene Flächen oder Massen hergeleitet
+habe. Sie haben die Beobachtung gemacht, daß Heiden, die rings von
+angebautem oder mit Holz bewachsenem Lande umgeben sind, nicht so
+lange dem Anbau Widerstand leisten, als Striche vom selben Umfang,
+die aber einer weiten Fläche von gleicher Beschaffenheit angehören.
+Die Beobachtung ist richtig, ob nun das eingeschlossene Stück eine
+Grasflur ist, oder mit Heiden bewachsen, wie im nördlichen Europa,
+oder mit Cistus, Lentisken und Chamärops, wie in Spanien, oder mit
+Cactus, Argemone und Brathys wie im tropischen Amerika. Einen je
+größeren Raum der Pflanzenverein einnimmt, desto stärkeren
+Widerstand leisten die geselligen Gewächse dem Anbau. Zu dieser
+allgemeinen Ursache kommt in den Llanos von Venezuela der Umstand,
+daß die kleinen Grasarten während der Reife der Saamen den Boden
+aussaugen, ferner der gänzliche Mangel an Bäumen und Buschwerk, die
+Sandwinde, deren Gluthhitze gesteigert wird durch die Berührung mit
+einem Boden, der zwölf Stunden lang die Sonnenstrahlen einsaugt,
+ohne daß je ein anderer Schatten als der der Aristiden, Cenchrus
+und Paspalum darauf fällt. Die Fortschritte, welche der große
+Baumwuchs und der Anbau dicotyledonischer Gewächse in der Umgebung
+der Städte, zum Beispiel um Calabozo und Pao, gemacht haben,
+beweisen, daß man der Steppe Boden abgewinnen könnte, wenn man sie
+in kleinen Stücken angriffe, sie nach und nach von der Masse
+abschlöße, sie durch Einschnitte und Bewässerungscanäle zerstückte.
+Vielleicht gelänge es, den Einfluß der den Boden ausdörrenden Winde
+zu verringern, wenn man im Großen, auf 15 bis 20 Morgen, Psidium,
+Croton, Cassia, Tamarinden ansäete, Pflanzen, welche trockene,
+offene Stellen lieben. Ich bin weit entfernt zu glauben, daß der
+Mensch je die Savanen ganz austilgen wird, und daß die Llanos, die
+ja als Weiden und für den Viehhandel so nutzbar sind, jemals
+angebaut seyn werden, wie die Thäler von Aragua oder andere den
+Küsten von Caracas und Cumana nahe gelegene Landstriche; aber ich
+bin überzeugt, daß ein beträchtliches Stück dieser Ebenen im Laufe
+der Jahrhunderte, unter einer den Gewerbfleiß fördernden Regierung,
+das wilde Aussehen verlieren wird, das sie seit der ersten
+»Eroberung« durch die Europäer behauptet haben.</p>
+<p>Dieser allmählige Wechsel, dieses Wachsen der Bevölkerung werden
+nicht nur den Wohlstand dieser Länder steigern, sie werden auch auf
+die sittlichen und politischen Zustände günstigen Einfluß äußern.
+Die Llanos machen über zwei Dritttheile des Stücks von Venezuela
+oder der alten <em>Capitania general</em> von Caracas aus, das
+nördlich vom Orinoco und Rio Apure liegt. Bei bürgerlichen Unruhen
+dienen nun aber die Llanos durch ihre Oede und den Ueberfluß an
+Nahrungsmitteln, die ihre zahllosen Herden liefern, der Partei,
+welche die Fahne des Aufruhrs entfalten will, zugleich als
+Schlupfwinkel und als Stützpunkt. Bewaffnete Banden (Guerillas)
+können sich darin halten und die Bewohner des Küstenlandes, des
+Mittelpunktes der Cultur und des Bodenreichthums, beunruhigen. Wäre
+nicht der untere Orinoco durch den Patriotismus einer kräftigen,
+kriegsgewohnten Bevölkerung hinlänglich vertheidigt, so wäre beim
+gegenwärtigen Zustand der Llanos ein feindlicher Einfall auf den
+Westküsten doppelt gefährlich. Die Vertheidigung der Ebenen und
+spanisch Guyanas hängen aufs Engste zusammen, und schon oben, wo
+von der militärischen Bedeutung der Mündungen des Orinoco die Rede
+war, habe ich gezeigt, daß die Festungswerke und die Batterien,
+womit man die Nordküste von Cumana bis Carthagena gespickt hat,
+keineswegs die eigentlichen Bollwerke der vereinigten Provinzen von
+Venezuela sind. Zu diesem politischen Interesse kommt ein anderes,
+noch wichtigeres und dauernderes. Eine erleuchtete Regierung kann
+nur mit Bedauern sehen, daß das Hirtenleben mit seinen Sitten,
+welche Faulheit und Landstreicherei so sehr befördern, auf mehr als
+zwei Dritttheilen ihres Gebiets herrscht. Der Theil der
+Küstenbevölkerung, der jährlich in die Llanos abfließt, um sich in
+den <em>hatos de ganado</em><sup><a href="#fn172" class=
+"footnoteRef" id="fnref172" name="fnref172">172</a></sup>
+niederzulassen und die Heerden zu hüten, macht einen Rückschritt in
+der Cultur. Wer möchte bezweifeln, daß durch die Fortschritte des
+Ackerbaus, durch die Anlage von Dörfern an allen Punkten, wo
+fließendes Wasser ist, sich die sittlichen Zustände der
+Steppenbewohner wesentlich bessern müssen? Mit dem Ackerbau müssen
+mildere Sitten, die Liebe zum festen Wohnsitz und die häuslichen
+Tugenden ihren Einzug halten.</p>
+<p>Nach dreitägigem Marsch kam uns allmählig die Bergkette von
+Cumana zu Gesicht, die zwischen den Llanos, oder, wie man hier oft
+sagen hört, »dem großen Meer von Grün«<sup><a href="#fn173" class=
+"footnoteRef" id="fnref173" name="fnref173">173</a></sup> und der
+Küste des Meeres der Antillen liegt. Ist der Bergantin über 800
+Toisen hoch, so kann man ihn, auch nur eine gewöhnliche Refraction
+von ¹⁄₁₄ des Bogens angenommen, auf 27 Seemeilen Entfernung
+sehen;<sup><a href="#fn174" class="footnoteRef" id="fnref174" name=
+"fnref174">174</a></sup> aber die Luftbeschaffenheit entzog uns
+lange den schönen Anblick dieser Bergwand. Sie erschien zuerst wie
+eine Wolkenschicht, welche die Sterne in der Nähe des Pols beim
+Auf- und Untergang bedeckte; allmählig schien diese Dunstmasse
+größer zu werden, sich zu verdichten, sich bläulich zu färben,
+einen gezackten, festen Umriß anzunehmen. Was der Seefahrer
+beobachtet, wenn er sich einem neuen Lande nähert, das bemerkt der
+Reisende auch am Rande der Steppe. Der Horizont fing an sich gegen
+Nord zu erweitern, und das Himmelsgewölbe schien dort nicht mehr in
+gleicher Entfernung auf dem grasbewachsenen Boden auszuruhen.</p>
+<p>Einem <strong>Llanero</strong> oder Steppenbewohner ist nur
+wohl, wenn er, nach dem naiven Volksausdruck, ȟberall um sich
+sehen kann.« Was uns als ein bewachsenes, leicht gewelltes, kaum
+hie und da hügligtes Land erscheint, ist für ihn ein schreckliches,
+von Bergen starrendes Land. Unser Urtheil über die Unebenheit des
+Bodens und die Beschaffenheit seiner Oberfläche ist ein durchaus
+relatives. Hat man mehrere Monate in den dichten Wäldern am Orinoco
+zugebracht, hat man sich dort daran gewöhnt, daß man, sobald man
+vom Strome abgeht, die Sterne nur in der Nähe des Zenith und wie
+aus einem Brunnen heraus sehen kann, so hat eine Wanderung über die
+Steppen etwas Angenehmes, Anziehendes. Die neuen Bilder, die man
+aufnimmt, machen großen Eindruck; wie dem Llanero ist einem ganz
+wohl, »daß man so gut um sich sehen kann.« Aber dieses Behagen (wir
+haben es an uns selbst erfahren) ist nicht von langer Dauer.
+Allerdings hat der Anblick eines unabsehbaren Horizonts etwas
+Ernstes, Großartiges. Dieses Schauspiel erfüllt uns mit
+Bewunderung, ob wir nun auf dem Gipfel der Anden und der Hochalpen
+uns befinden, oder mitten auf dem unermeßlichen Ocean, oder auf den
+weiten Ebenen von Venezuela und Tucuman. Die Unermeßlichkeit des
+Raumes (die Dichter aller Zungen haben solches ausgesprochen)
+spiegelt sich in uns selbst wieder; sie verknüpft sich mit
+Vorstellungen höherer Ordnung, sie weitet die Seele dessen aus, der
+in der Stille einsamer Betrachtung seinen Genuß findet. Allerdings
+aber hat der Anblick eines schrankenlosen Raumes an jedem Orte
+wieder einen eigenen Charakter. Das Schauspiel, dessen man auf
+einem freistehenden Berggipfel genießt, wechselt, je nachdem die
+Wolken, die auf der Niederung lagern, sich in Schichten ausbreiten,
+sich zu Massen ballen, oder den erstaunten Blick durch weite Ritzen
+auf die Wohnsitze des Menschen, das bebaute Land, den ganzen grünen
+Boden des Luftoceans niedertauchen lassen. Eine ungeheure
+Wasserfläche, belebt bis auf den Grund von tausenderlei
+verschiedenen Wesen, nach Färbung und Anblick wechselnd, beweglich
+an der Oberfläche, gleich dem Element, von dem sie aufgerührt wird,
+hat auf langer Seereise großen Reiz für die Einbildungskraft, aber
+die einen großen Theil des Jahrs hindurch staubigte, aufgerissene
+Steppe stimmt trübe durch ihre ewige Eintönigkeit. Ist man nach
+acht- oder zehntägigem Marsch gewöhnt an das Spiel der
+Luftspiegelung und an das glänzende Grün der
+Mauritiabüsche,<sup><a href="#fn175" class="footnoteRef" id=
+"fnref175" name="fnref175">175</a></sup> die von Meile zu Meile zum
+Vorschein kommen, so fühlt man das Bedürfniß mannigfaltigerer
+Eindrücke; man sehnt sich nach dem Anblick der gewaltigen Bäume der
+Tropen, des wilden Sturzes der Bergströme, der Gelände und
+Thalgründe, bebaut von der Hand des Landmanns. Wenn
+unglücklicherweise das Phänomen der afrikanischen Wüsten und der
+Llanos oder Savanen der neuen Welt (ein Phänomen, dessen Ursache
+sich in dem Dunkel der frühesten Geschichte unseres Planeten
+verliert) noch einen größeren Raum befaßte, so wäre die Natur um
+einen Theil der herrlichen, dem heißen Erdstrich eigenthümlichen
+Producte ärmer.<sup><a href="#fn176" class="footnoteRef" id=
+"fnref176" name="fnref176">176</a></sup> Die nordischen Heiden, die
+Steppen an Wolga und Don sind kaum ärmer an Pflanzen und Thierarten
+als unter dem herrlichsten Himmel der Welt, im Erdstrich der
+Bananen und des Brodfruchtbaums, 28,000 Quadratmeilen Savanen, die
+im Halbkreise von Nordost nach Südwest, von den Mündungen des
+Orinoco bis zum Caqueta und Putumayo sich fortziehen. Der überall
+sonst belebende Einfluß des tropischen Klima macht sich da nicht
+fühlbar, wo ein mächtiger Verein von Grasarten fast jedes andere
+Gewächs ausgeschlossen hat. Beim Anblick des Bodens, an Punkten, wo
+die zerstreuten Palmen fehlen, hätten wir glauben können in der
+gemäßigten Zone, ja noch viel weiter gegen Norden zu seyn; aber bei
+Einbruch der Nacht mahnten uns die schönen Sternbilder am Südhimmel
+(der Centaur, Canopus, und die zahllosen Nebelflecken, von denen
+das Schiff Argo glänzt) daran, daß wir nur 8 Grade vom Aequator
+waren.</p>
+<p>Eine Erscheinung, auf die bereits Deluc aufmerksam geworden und
+an der sich in den letzten Jahren der Scharfsinn der Geologen geübt
+hat, machte uns auf der Reise durch die Steppen viel zu schaffen.
+Ich meine nicht die Urgebirgsblöcke, die man (wie am Jura) am
+Abhang der Kalkgebirge findet, sondern die ungeheuern Granit- und
+Syenitblöcke, die, innerhalb von der Natur scharf gezogener
+Grenzen, im nördlichen Holland und Deutschland und in den
+baltischen Ländern zerstreut vorkommen. Es scheint jetzt bewiesen,
+daß diese wie strahlenförmig vertheilten Gesteine bei den alten
+Umwälzungen unseres Erdballs aus der scandinavischen Halbinsel
+gegen Süd herabgekommen sind, und daß sie nicht von den
+Granitketten des Harzes und in Sachsen stammen, denen sie nahe
+kommen, ohne indessen ihren Fuß zu erreichen. Ich bin auf den
+sandigten Ebenen der baltischen Länder geboren, und bis zu meinem
+achtzehnten Jahre wußte ich, was eine Gebirgsart sey, nur von
+diesen zerstreuten Blöcken her, und so mußte ich doppelt neugierig
+seyn, ob die neue Welt eine ähnliche Erscheinung aufzuweisen habe.
+Und ich sah zu meiner Ueberraschung auch nicht einen einzigen Block
+der Art in den Llanos von Venezuela, obgleich diese unermeßlichen
+Ebenen gegen Süd unmittelbar von einem ganz aus Granit gebauten
+Bergstock [Die Sierra Parime] begrenzt werden, der in seinen
+gezackten, fast säulenförmigen Gipfeln die Spuren der gewaltigsten
+Zerrüttung zeigt.<sup><a href="#fn177" class="footnoteRef" id=
+"fnref177" name="fnref177">177</a></sup> Gegen Nord sind die Llanos
+von der Granitkette der Silla bei Caracas und von Portocabello
+durch eine Bergwand getrennt, die zwischen Villa de Cum und
+Pavapara aus Schiefergebirg, zwischen dem Bergantin und Caripe aus
+Kalkstein besteht. Das Nichtvorhandenseyn von Blöcken fiel mir
+ebenso an den Ufern des Amazonenstromes auf. Schon La Condamine
+hatte versichert, vom Pongo de Manseriche bis zum Engpasse der
+Pauxis sey auch nicht der kleinste Stein zu finden. Das Becken des
+Rio Negro und des Amazonenstromes ist aber auch nichts als ein
+<strong>Llano</strong>, eine Ebene wie die in Venezuela und Buenos
+Ayres, und der Unterschied besteht allein in der Art des
+Pflanzenwuchses. Die beiden Llanos am Nord- und am Südende von
+Südamerika sind mit Gras bewachsen, es sind baumlose Grasfluren;
+das dazwischenliegende Llano, das am Amazonenstrom, welches im
+Striche der fast unaufhörlichen Aequatorialregen liegt, ist ein
+dichter Wald. Ich erinnere mich nicht gehört zu haben, daß auf den
+Pampas von Buenos Ayres oder auf den Savanen am
+Missouri<sup><a href="#fn178" class="footnoteRef" id="fnref178"
+name="fnref178">178</a></sup> und in Neumexico Granitblöcke
+vorkommen. Die Erscheinung scheint in der neuen Welt überhaupt ganz
+zu fehlen, und wahrscheinlich auch in der afrikanischen Sahara;
+denn die Gesteinmassen, welche mitten in der Wüste zu Tage kommen
+und deren die Reisenden häufig erwähnen, sind nicht mit bloßen
+zerstreuten Bruchstücken zu verwechseln. Aus diesen Beobachtungen
+scheint hervorzugehen, daß die scandinavischen Granitblöcke, welche
+die sandigten Ebenen im Süden des baltischen Meeres, in Westphalen
+und Holland bedecken, von einer besondern, von Norden her
+eingebrochenen Wasserfluth, von einem rein örtlichen Vorgang
+herrühren. Das alte Conglomerat (der rothe Sandstein), das nach
+meinen Beobachtungen zum großen Theil die Llanos von Venezuela und
+das Becken des Amazonenstromes bedeckt, schließt ohne Zweifel
+Trümmer der Urgebirgsbildungen ein, aus denen die benachbarten
+Berge bestehen; aber die Umwälzungen, von denen diese Gebirge so
+deutliche Spuren aufzuweisen haben, scheinen nicht von den
+Umständen begleitet gewesen zu seyn, durch welche die Wegführung
+dieser Blocke in weite Ferne begünstigt wurde. Diese geognostische
+Erscheinung ist um so unerwarteter, da sonst nirgends in der Welt
+eine Erdfläche vorkommt, die so eben wäre und sich so ohne alle
+Unterbrechung bis zum steilen Abhang einer ganz aus Granit
+aufgebauten Cordillere fortzöge. Bereits vor meinem Abgang von
+Europa war mir ausgefallen, daß die Urgebirgsblöcke weder in der
+Lombardei vorkommen, noch auf der großen bayerischen Ebene, die ein
+alter, 250 Toisen über dem Meeresspiegel liegender Seeboden ist.
+Diese Ebene wird gegen Nord vom Granit der Oberpfalz, gegen Süd vom
+Alpenkalk, dem Uebergangsthonschiefer und Glimmerschiefer Tyrols
+begrenzt.</p>
+<p>Am 23. Juli langten wir in der Stadt Nueva Barcelona an, weniger
+angegriffen von der Hitze in den Llanos, an die wir längst gewöhnt
+waren, als von den Sandwinden, die auf die Länge schmerzhafte
+Schrunden in der Haut verursachen. Vor sieben Monaten hatten wir
+auf dem Wege von Cumana nach Caracas ein paar Stunden am
+<strong>Morro</strong> von Barcelona angelegt, einem befestigten
+Felsen, der dem Dorfe Pozuelos zu nur durch eine Landzunge mit dem
+Festlande zusammenhängt. Im Hause eines reichen Handelsmanns von
+französischer Abkunft, Don Pedro Lavie, fanden wir die
+freundlichste Aufnahme und Alles, was zuvorkommende
+Gastfreundschaft bieten kann. Lavie war beschuldigt worden, den
+unglücklichen España, als er im Jahr 17096 sich als Flüchtling auf
+dieser Küste befand, aufgenommen zu haben, und wurde auf Befehl der
+Audiencia aufgehoben und nach Caracas ins Gefängniß geführt. Die
+Freundschaft des Statthalters von Cumana und die Erinnerung an die
+Dienste, die er dem aufkeimenden Gewerbfleiß des Landes geleistet,
+verhalfen ihm wieder zur Freiheit. Wir hatten ihn im Gefängniß
+besucht und uns bemüht ihn zu zerstreuen; jetzt hatten wir die
+Freude, ihn wieder im Schooße seiner Familie zu finden. Seine
+physischen Leiden hatten sich durch die Haft verschlimmert, und er
+erlag, bevor der Tag der Unabhängigkeit Amerikas angebrochen war,
+den sein Freund Don Josef España bei seiner Hinrichtung verkündigt
+hatte. »Ich sterbe,« sprach dieser Mann, ein Mann, wie geschaffen
+zur Durchführung großer Unternehmungen, »ich sterbe eines
+schimpflichen Todes; aber in Kurzem werden meine Mitbürger mit
+Ehrfurcht meine Asche sammeln und mein Name wird mit Ehren genannt
+werden.« Diese merkwürdigen Worte wurden am 8.&nbsp;Mai 1799 auf
+dem großen Platze zu Caracas gesprochen; sie wurden mir noch im
+selben Jahr von Leuten mitgetheilt, von denen manche Españas
+Absichten so sehr verabscheuten, als andere sein Loos
+betrauerten.</p>
+<p>Schon oben<sup><a href="#fn179" class="footnoteRef" id=
+"fnref179" name="fnref179">179</a></sup> war von der Bedeutung des
+Handels von Nueva Barcelona die Rede. Die kleine Stadt, die im Jahr
+1790 kaum 10,000 Einwohner, im Jahr 1800 über 16,000 hatte, wurde
+1637 von einem catalonischen Conquistador, Juan Urpin, gegründet.
+Man versuchte damals, aber vergeblich, der ganzen Provinz den Namen
+<strong>Neu-Catalonien</strong> zu geben. Da auf unsern Karten
+häufig zwei Städte statt Einer, Barcelona und Cumanagoto, angegeben
+sind, oder man diese zwei Namen für gleichbedeutend hält, so
+erscheint es nicht nutzlos, die Quelle dieses Irrthums hier
+anzugeben. An der Mündung des Rio Neveri stand früher eine
+<strong>indianische</strong>, von Lucas Faxardo im Jahr 1588
+gebaute Stadt, unter dem Namen <strong>San Cristoval de los
+Cumanagotos</strong>. Dieselbe war nur von Eingeborenen bewohnt,
+die von den Salzwerken bei Apaicuare hieher gezogen waren. Im Jahr
+1637 gründete Urpin zwei Meilen herwärts vom innern Lande mit
+einigen Einwohnern von Cumanagoto und vielen Cataloniern die
+<strong>spanische Stadt</strong> Nueva Barcelona. Vierunddreißig
+Jahre lang lagen die Nachbargemeinden in beständigem Streit, bis im
+Jahr 1671 der Statthalter Angulo es dahin brachte, daß sie sich an
+einer dritten Baustelle vereinigten, wo nunmehr die Stadt Barcelona
+steht, die nach meinen Beobachtungen unter dem 10°6′52″ der Breite
+liegt. Die alte Stadt Cumanagoto ist im Lande vielberufen wegen
+eines wunderthätigen Bildes der h.&nbsp;Jungfrau,<sup><a href=
+"#fn180" class="footnoteRef" id="fnref180" name=
+"fnref180">180</a></sup> das, wie die Indianer erzählen, im hohlen
+Stamm eines <strong>Tutumo</strong>, oder alten Flaschenkürbisbaums
+(<em>Crescentia Cujete</em>) gefunden worden ist. Dasselbe wurde in
+Procession nach Neu-Barcelona gebracht; aber so oft die
+Geistlichkeit mit den Bewohnern der neuen Stadt unzufrieden war,
+entfloh es bei Nacht und kehrte in den Baumstamm an der Mündung des
+Flusses zurück. Dieses Wunder hörte nicht eher auf, als bis man den
+Mönchen von der Regel des heiligen Franciscus ein großes Kloster
+(das Collegium der Propaganda) gebaut hatte. Wir haben oben
+gesehen, daß der Bischof von Caracas in einem ähnlichen Fall das
+Bild Unserer lieben Frau de los Valencianos in die bischöflichen
+Archive bringen ließ, und daß es dort dreißig Jahre unter Siegel
+blieb.</p>
+<p>Das Klima von Barcelona ist nicht so heiß als das von Cumana,
+aber feucht und in der Regenzeit etwas ungesund. Bonpland hatte die
+beschwerliche Reise über die Llanos ganz gut ausgehalten; er war
+wieder ganz bei Kräften und seine große Thätigkeit die alte; ich
+dagegen war in Barcelona unwohler als in Angostura, unmittelbar
+nachdem die Reise auf den Flüssen hinter uns lag. Einer der
+tropischen Regen, bei denen bei Sonnenuntergang weit auseinander
+außerordentlich große Tropfen fallen, hatte mir ein Unwohlseyn
+zugezogen, das einen Anfall des Typhus, der eben auf der Küste
+herrschte, befürchten ließ. Wir verweilten fast einen Monat in
+Barcelona, im Genuß aller Bequemlichkeiten, welche die
+aufmerksamste Freundschaft bieten kann. Wir trafen hier auch wieder
+den trefflichen Ordensmann, Fray Juan Gouzales, dessen ich schon
+oft erwähnt habe, und der vor uns am obern Orinoco gewesen war. Er
+bedauerte, und mit Recht, daß wir auf den Besuch dieses unbekannten
+Landes nur so wenige Zeit hatten verwenden können; er musterte
+unsere Pflanzen und Thiere mit dem Interesse, das auch der
+Ungebildetste für die Produkte eines Landes hat, wo er lange
+gelebt. Fray Juan hatte beschlossen, nach Europa zurückzukehren und
+uns dabei bis auf die Insel Cuba zu begleiten. Wir blieben fortan
+sieben Monate beisammen; der Mann war munter, geistreich und
+dienstfertig. Wer mochte ahnen, welches Unglück seiner wartete! Er
+nahm einen Theil unserer Sammlungen mit; ein gemeinschastlicher
+Freund vertraute ihm ein Kind an, das man in Spanien erziehen
+lassen wollte; die Sammlungen, das Kind, der junge Geistliche,
+Alles wurde von den Wellen verschlungen.</p>
+<p>Zwei Meilen südostwärts von Nueva Barcelona erhebt sich eine
+hohe Bergkette, die sich an den Cerro del Bergantin lehnt, den man
+von Cumana aus sieht.<sup><a href="#fn181" class="footnoteRef" id=
+"fnref181" name="fnref181">181</a></sup> Der Ort ist unter dem
+Namen <em>Aguas calientes</em> bekannt. Als ich mich gehörig
+hergestellt fühlte, unternahmen wir an einem frischen, nebligten,
+Morgen einen Ausflug dahin. Das mit Schwefelwasserstoff
+geschwängerte Wasser kommt aus einem quarzigen Sandstein, der
+demselben dichten Kalkstein ausgelagert ist, den wir beim Morro
+untersucht hatten. Die Temperatur desselben ist nur 43°2 (bei einer
+Lufttemperatur von 27°); es fließt zuerst vierzig Toisen weit über
+den Felsboden, stürzt sich dann in eine natürliche Höhle, dringt
+durch den Kalkstein und kommt am Fuß des Berges, am linken Ufer des
+kleinen Flusses Narigual wieder zu Tage. Durch die Berührung mit
+dem Sauerstoff der Luft schlagen die Quellen viel Schwefel nieder.
+Die Luftblasen, welche sich stoßweise aus den Thermen entwickeln,
+habe ich hier nicht gesammelt, wie in Mariara. Sie enthalten ohne
+Zweifel viel Stickstoff, weil der Schwefelwasserstoff das in der
+Quelle aufgelöste Gemenge von Sauerstoff und Stickstoff zersetzt.
+Die Schwefelwasser von San Juan, die wie die am Bergantin aus dem
+Kalkstein kommen, haben auch nur eine geringe Temperatur (31°3),
+während im selben Landstrich die Schwefelwasser von Mariara und las
+Tricheras (bei Portocabello), die unmittelbar aus dem granitischen
+Gneiß kommen, 58°9 und 90°4 heiß sind.<sup><a href="#fn182" class=
+"footnoteRef" id="fnref182" name="fnref182">182</a></sup> Es ist
+als ob die Wärme, welche die Quellen im Erdinnern angenommen,
+abnähme, je weiter sie aus dem Urgebirge in die aufgelagerten
+secundären Formationen gelangen. Unser Ausflug zu den <em>Aguas
+calientes</em> am Bergantin endete mit einem leidigen Unfall. Unser
+Gastfreund hatte uns seine schönsten Reitpferde gegeben. Man hatte
+uns zugleich gewarnt, nicht durch den kleinen Fluß Narigual zu
+reiten. Wir gingen daher über eine Art Brücke oder vielmehr an
+einander gelegte Baumstämme, und ließen unsere Pferde am Zügel
+hinüberschwimmen. Da verschwand das meinige auf einmal; es schlug
+noch eine Weile unter dem Wasser um sich, aber trotz alles Suchens
+konnten wir nicht ausfindig machen, was den Unfall veranlaßt haben
+mochte. Unsere Führer vermutheten, das Thier werde von den Caymans,
+die hier sehr häufig sind, an den Beinen gepackt worden seyn. Meine
+Verlegenheit war sehr groß; denn bei dem Zartgefühl und dem großen
+Wohlstand unseres Gastfreundes konnte ich kaum daran denken, ihm
+einen solchen Verlust ersetzen zu wollen. Lavie ging unsere
+Betroffenheit näher als der Verlust seines Pferdes, und er suchte
+uns zu beruhigen, indem er, wohl mit Uebertreibung, versicherte,
+wie leicht man sich in den benachbarten Savanen schöne Pferde
+verschaffen könne.</p>
+<p>Die Krokodile sind im Rio Neveri groß und zahlreich, besonders
+der Mündung zu; im Ganzen aber sind sie nicht so bösartig als die
+im Orinoco. In der Gemüthsart dieser Thiere beobachtet man in
+Amerika dieselben Contraste wie in Egypten und Nubien, wie man
+deutlich sieht, wenn man die Berichte des unglücklichen Burckhard
+und die Belzonis aufmerksam vergleicht. Nach dem Culturzustand der
+verschiedenen Länder, nach der mehr oder weniger dichten
+Bevölkerung in der Ruhe der Flüsse ändern sich auch die Sitten
+dieser großen Saurier, die auf trockenem Lande schüchtern sind und
+vor dem Menschen sogar im Wasser fliehen, wenn sie reichliche
+Nahrung haben und der Angriff mit einiger Gefahr verbunden ist. In
+Nueva Barcelona sieht man die Indianer das Holz auf sonderbare
+Weise zu Markt bringen. Große Scheite von Zygophyllum und
+Cäsalpinia werden in den Fluß geworfen; sie treiben mit der
+Strömung fort und der Eigenthümer mit seinen ältesten Söhnen
+schwimmt bald hier bald dorthin, um die Stücke, die in den
+Krümmungen des Flusses stecken bleiben, wieder flott zu machen. In
+den meisten amerikanischen Flüssen, in denen Krokodile vorkommen,
+verböte sich ein solches Verfahren von selbst. Die Stadt Barcelona
+hat nicht, wie Cumana, eine indianische Vorstadt, und sieht man hie
+und da einen Indianer, so sind sie aus den benachbarten Missionen,
+oder aus den über die Ebene zerstreuten Hütten. Beide sind nicht
+von caraibischem Stamm, sondern ein Mischvolk von Cumanagotos,
+Palenques und Piritus, von kleinem Wuchs, untersetzt, arbeitsscheu
+und dem Trunk ergeben. Der gegohrene Manioc ist hier das
+beliebteste Getränk; der Palmwein, den man am Orinoco hat, ist an
+den Küsten so gut wie unbekannt. Es ist merkwürdig, wie in den
+verschiedenen Erdstrichen der Mensch, um den Hang zur Trunkenheit
+zu befriedigen, nicht nur alle Familien monocotyledonischer und
+dicotyledonischer Gewächse herbeizieht, sondern sogar den giftigen
+Fliegenschwamm (<em>Amanita muscaria</em>), von dem die Koriäken
+denselben Saft zu wiederholten malen fünf Tage hinter einander
+trinken, worauf sie aus ekelhafter Sparsamkeit gekommen
+sind.<sup><a href="#fn183" class="footnoteRef" id="fnref183" name=
+"fnref183">183</a></sup> Die Paketboote (<em>correos</em>), die von
+Corunna nach der Havana und nach Mexico laufen, waren seit drei
+Monaten ausgeblieben. Man vermuthete, sie seyen von den englischen
+Kreuzern aufgebracht worden. Da wir Eile hatten, nach Cumana zu
+kommen, um mit der ersten Gelegenheit nach Vera Cruz gehen zu
+können, so mietheten wir (am 26. August 1800) ein Canoe ohne
+Verdeck (Lancha). Solcher Fahrzeuge bedient man sich gewöhnlich in
+diesen Strichen, wo ostwärts vom Cap Codera die See fast nie
+unruhig ist. Die Lancha war mit Cacao beladen und trieb
+Schleichhandel mit der Insel Trinidad. Gerade deßhalb glaubte der
+Eigner von den feindlichen Fahrzeugen, welche damals alle
+spanischen Hafen blokirten, nichts zu fürchten zu haben. Wir
+schifften unsere Pflanzensammlungen, unsere Instrumente und unsere
+Affen ein und hofften bei herrlichem Wetter eine ganz kurze
+Ueberfahrt von der Mündung des Rio Neveri nach Cumana zu haben;
+aber kaum waren wir im engen Canal zwischen dem Festland und den
+Felseneilanden Borracha und Chimanas, so stießen wir zu unserer
+großen Ueberraschung auf ein bewaffnetes Fahrzeug, das uns anrief
+und zugleich auf große Entfernung einige Flintenschüsse auf uns
+abfeuerte. Es waren Matrosen, die zu einem Caper aus Halifax
+gehörten, und unter ihnen erkannte ich an der Gesichtsbildung und
+der Mundart einen Preußen, aus Memel gebürtig. Seit ich in Amerika
+war, hatte ich nicht mehr Gelegenheit gehabt, meine Muttersprache
+zu sprechen, und ich hätte mir wohl einen erfreulicheren Anlaß dazu
+gewünscht. Unser Protestiren half nichts und man brachte uns an
+Bord des Capers, der that, als ob er von den Pässen, die der
+Gouverneur von Trinidad für den Schmuggel ausstellte, nichts wüßte,
+und uns für gute Prise erklärte. Da ich mich im Englischen ziemlich
+fertig ausdrücke, so ließ ich mich mit dem Capitän in
+Unterhandlungen ein, um nicht nach Neuschottland gebracht zu
+werden; ich bat ihn, mich an der nahen Küste ans Land zu setzen.
+Während ich in der Cajüte meine und des Eigners des Canoes Rechte
+zu verfechten suchte, hörte ich Lärm auf dem Verdeck. Einer kam und
+sagte dem Capitän etwas ins Ohr. Dieser schien bestürzt und ging
+hinaus. Zu unserem Glück kreuzte auch eine englische Corvette (die
+Sloop <strong>Hawk</strong>) in diesen Gewässern. Sie hatte durch
+Signale den Capitän des Capers zu sich gerufen, und da dieser sich
+nicht beeilte Folge zu leisten, feuerte sie eine Kanone ab und
+schickte einen Midshipman zu uns an Bord. Dieser war ein sehr
+artiger junger Mann und machte mir Hoffnung, daß man das Canoe mit
+Cacao herausgeben und uns des andern Tags werde weiter fahren
+lassen. Er schlug mir zugleich vor, mit ihm zu gehen, mit der
+Versicherung, sein Commandant, Capitän Garnier von der königlichen
+Marine, werde mir ein angenehmeres Nachtlager anbieten, als ich auf
+einem Fahrzeug aus Halifax fände.</p>
+<p>Ich nahm das freundliche Anerbieten an und wurde von Capitän
+Garnier aufs höflichste ausgenommen. Er hatte mit Vancouver die
+Reise an die Nordwestküste gemacht, und Alles, was ich ihm von den
+großen Katarakten bei Atures und Maypures, von der Gabeltheilung
+des Orinoco und von seiner Verbindung mit dem Amazonenstrom
+erzählte, schien ihn höchlich zu interessiren. Er nannte mir unter
+seinen Officieren mehrere, die mit Lord Macartney in China gewesen
+waren. Seit einem Jahre war ich nicht mehr mit so vielen
+unterrichteten Männern beisammen gewesen. Man war aus den
+englischen Zeitungen über den Zweck meiner Reise im Allgemeinen
+unterrichtet; man bewies mir großes Zutrauen und ich erhielt mein
+Nachtlager im Zimmer des Capitäns. Beim Abschied wurde ich mit den
+Jahrgängen der astronomischen Ephemeriden beschenkt, die ich in
+Frankreich und Spanien nicht hatte bekommen können. Capitän Garnier
+habe ich die Trabantenbeobachtungen zu verdanken, die ich jenseits
+des Aequators angestellt, und es wird mir zur Pflicht, hier dem
+aufrichtigen Danke für seine Gefälligkeit Ausdruck zu geben. Wenn
+man aus den Wäldern am Cassiquiare kommt und Monate lang in den
+engen Lebenskreis der Missionäre wie gebannt war, so fühlt man sich
+ganz glücklich, wenn man zum erstenmal wieder Männer trifft, die
+das Leben zur See durchgemacht und auf einem so wechselvollen
+Schauplatz den Kreis ihrer Ideen erweitert haben. Ich schied vom
+englischen Schiff mit Empfindungen, die in mir unverwischt
+geblieben find und meine Anhänglichkeit an die Laufbahn, der ich
+meine Kräfte gewidmet, noch steigerten.</p>
+<p>Am folgenden Tag setzten wir unsere Ueberfahrt fort und
+wunderten uns sehr über die Tiefe der Canäle zwischen den
+Caracasinseln, die so bedeutend ist, daß die Corvette beim Wenden
+fast an den Felsen streifte. Welch ein Contrast im ganzen Ansehen
+zwischen diesen Kalkeilanden, die nach Richtung und Gestaltung an
+die große Katastrophe erinnern, die sie vom Festlande losgerissen,
+und jenem vulkanischen Archipel nordwärts von
+Lancerota,<sup><a href="#fn184" class="footnoteRef" id="fnref184"
+name="fnref184">184</a></sup> wo Basaltkuppen durch Hebung aus dem
+Meer emporgestiegen scheinen! Die vielen Alcatras, die größer sind
+als unsere Schwanen, und Flamingos, die in den Buchten fischten
+oder den Pelikans ihre Beute abzujagen suchten, sagten uns, daß wir
+nicht mehr weit von Cumana waren. Es ist sehr interessant, bei
+Sonnenaufgang die Seevögel auf einmal erscheinen und die Landschaft
+beleben zu sehen. Solches erinnert an den einsamsten Orten an das
+rege Leben in unsern Städten beim ersten Morgengrauen. Gegen neun
+Uhr Morgens befanden wir uns vor dem Meerbusen von Cariaco, welcher
+der Stadt Cumana als Rhede dient. Der Hügel, aus dem das Schloß San
+Antonio liegt, hob sich weiß von der dunkeln Bergwand im Innern ab.
+Mit lebhafter Empfindung sahen wir das Ufer wieder, wo wir die
+ersten Pflanzen in Amerika gepflückt und wo ein paar Monate darauf
+Bonpland in so großer Gefahr geschwebt hatte. Zwischen den Cactus,
+die zwanzig Fuß hoch in Säulen- oder Candelaberform dastehen, kamen
+die Hütten der Guayqueries zum Vorschein. Die ganze Landschaft war
+uns so wohl bekannt, der Cactuswald, und die zerstreuten Hütten,
+und der gewaltige Ceibabaum, unter dem wir bei Einspruch der Nacht
+so gerne gebadet. Unsere Freunde kamen uns aus Cumana entgegen;
+Menschen aller Stände, die auf unsern vielen botanischen
+Excursionen mit uns in Berührung gekommen waren, äußerten ihre
+Freude um so lebhafter, da sich seit mehreren Monaten das Gerücht
+verbreitet hatte, wir haben an den Ufern des Orinoco den Tod
+gefunden. Anlaß dazu mochte Bonplands schwere Krankheit gegeben
+haben, oder auch der Umstand, daß unser Canoe durch einen Windstoß
+oberhalb der Mission Uruanas beinahe umgesehlagen wäre.</p>
+<p>Wir eilten, uns dem Statthalter Don Vicente Emparan
+vorzustellen, dessen Empfehlungen und beständige Vorsorge uns auf
+der langen, nunmehr vollendeten Reise so ungemein förderlich
+gewesen waren. Er verschaffte uns mitten in der Stadt ein
+Haus,<sup><a href="#fn185" class="footnoteRef" id="fnref185" name=
+"fnref185">185</a></sup> das für ein Land, das starken Erdbeben
+ausgesetzt ist, vielleicht zu hoch, aber für unsere Instrumente
+ungemein bequem war. Es hatte Terrassen (<em>azoteas</em>), auf
+denen man einer herrlichen Aussicht auf die See, auf die Landenge
+Araya und auf den Archipel der Caracas-, Picuita- und
+Borracha-Inseln genoß. Der Hafen von Cumana wurde täglich strenger
+blokirt und durch das Ausbleiben der spanischen Postschiffe wurden
+wir noch drittehalb Monate festgehalten. Oft fühlten wir uns
+versucht, auf die dänischen Inseln überzusetzen, die einer
+glücklichen Neutralität genossen; wir besorgten aber, hätten wir
+einmal die spanischen Colonien verlassen, möchte es schwer halten,
+dahin zurückzukommen. Bei den umfassenden Befugnissen, wie sie uns
+in einer guten Stunde zu Theil geworden, durfte man sich auf nichts
+einlassen, was den Lokalbehörden mißfallen konnte. Wir wendeten
+unsere Zeit dazu an, die Flora von Cumana zu vervollständigen, den
+östlichen Theil der Halbinsel Araya geognostisch zu untersuchen und
+eine ansehnliche Reihe von Trabantenimmersionen zu beobachten,
+wodurch die auf anderem Wege gefundene Länge des Orts bestätigt
+wurde. Wir stellten auch Versuche an über ungewöhnliche
+Strahlenbrechung, über Verdunstung und Luftelektricität.</p>
+<p>Die lebenden Thiere, die wir vom Orinoco mitgebracht, waren für
+die Einwohner von Cumana ein Gegenstand lebhafter Neugier. Der
+<strong>Kapuziner</strong> von Esmeralda (<em>Simia
+chiropotes</em>), der im Gesichtsausdruck so große
+Menschenähnlichkeit hat, Und der Schlafaffe (<em>Simia
+trivirgata</em>), der Typus einer neuen Gruppe, waren an dieser
+Küste noch nie gesehen worden. Wir dachten dieselben der Menagerie
+im Pariser Pflanzengarten zu; denn die Ankunft einer französischen
+Escadre, die ihren Angriff auf Curaçao hatte mißlingen sehen, bot
+uns unerwartet eine treffliche Gelegenheit nach Guadeloupe. General
+Jeannet und der Commissär Bresseau, Agent der vollziehenden Gewalt
+auf den Antillen, versprachen uns, die Sendung zu besorgen. Aber
+Affen und Vögel gingen auf Guadeloupe zu Grunde, und nur durch
+einen glücklichen Zufall gelangte der Balg des <em>Simia
+chiropotes</em>, der sonst in Europa gar nicht existirt, vor
+einigen Jahren in den Pflanzengarten, nachdem schon früher der
+Couxio (<em>Simia satanas</em>) and der Stentor oder Alouato aus
+den Steppen von Caracas (<em>Simia ursina</em>), die ich in meinem
+<em>Recueil de zoologie et d’anatomie comparées</em> abgebildet,
+daselbst angekommen waren. Die Anwesenheit so vieler französischer
+Soldaten und die Aeußerung politischer und religiöser Ansichten,
+die eben nicht ganz mit denen übereinstimmten, durch welche die
+Mutterländer ihre Macht zu befestigen meinen, brachten die
+Bevölkerung von Cumana in gewaltige Aufregung. Der Statthalter
+beobachtete den französischen Behörden gegenüber die angenehmen
+Formen, wie der Anstand und das innige Verhältniß, das damals
+zwischen Frankreich und Spanien bestand, sie vorschrieben. Auf den
+Straßen sah man die Farbigen sich um den Agenten des Direktoriums
+drängen, der reich und theatralisch gekleidet war; da aber Leute
+mit ganz weißer Haut, wo sie sich nur verständlich machen konnten,
+mit unbescheidener Neugier sich auch darnach erkundigten, wie viel
+Einfluß auf die Regierung von Guadeloupe die französische Republik
+den Colonisten einräume, so entwickelten die königlichen Beamten
+doppelten Eifer in der Verproviantirung der kleinen Escadre.
+Fremde, die sich rühmten frei zu seyn, schienen ihnen überlästige
+Gäste, und in einem Lande, dessen fortwährend steigender Wohlstand
+auf dem Schleichverkehr mit den Inseln beruhte und auf einer Art
+Handelsfreiheit, die man dem Ministerium abgerungen, erlebte ich
+es, daß die Hispano-Europäer sich nicht entblödeten, die alte
+Weisheit des Gesetzbuchs (<em>leyes de Indias</em>), dem zufolge
+die Hafen keinen fremden Fahrzeugen geöffnet werden sollen außer in
+äußersten Nothfällen, bis zu den Wolken zu erheben. Ich hebe diese
+Gegensätze zwischen den unruhigen Wünschen der Colonisten und der
+argwöhnischen Starrheit der herrschenden Kaste hervor, weil sie
+einiges Licht auf die großen politischen Ereignisse werfen, welche,
+von lange her vorbereitet, Spanien von seinen Colonien oder —
+vielleicht richtiger gesagt — von seinen überseeischen Provinzen
+losgerissen haben.</p>
+<p>Vom 3. zum 5. November verbrachten wir wieder einige sehr
+angenehme Tage auf der Halbinsel Araya, über dem Meerbusen von
+Cariaco, Cumana gegenüber, deren Perlen, deren Salzlager und
+unterseeische Quellen flüssigen, farblosen Steinöls ich schon oben
+beschrieben habe.<sup><a href="#fn186" class="footnoteRef" id=
+"fnref186" name="fnref186">186</a></sup> Wir hatten gehört, die
+Indianer bringen von Zeit zu Zeit <strong>natürlichen
+Alaun</strong>, der in den benachbarten Bergen vorkomme, in
+bedeutenden Massen in die Stadt. An den Proben, die man uns zeigte,
+sah man gleich, daß es weder Alaunstein war, ähnlich dem Gestein
+von Tolfa und Piombino, noch jene haarförmigen, seidenartigen Salze
+von schwefelsaurer Thon- und Bittererde, welche Gebirgsspalten und
+Höhlen auskleiden, sondern wirklich Massen natürlichen Alauns, mit
+muschligtem oder unvollkommen blättrigem Bruch. Man machte uns
+Hoffnung, daß wir die <strong>Alaungrube</strong> im Schiefergebirg
+bei Maniquarez finden könnten: Eine so neue geognostische
+Erscheinung mußte unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen.
+Frater Juan Gonzalez und der Schatzmeister Don Manuel Navarete, der
+uns seit unserer Ankunft auf dieser Küste mit seinem Rath
+beigestanden hatte, begleiteten uns auf dem kleinen Ausflug. Wir
+gingen am Vorgebirge Caney ans Land und besuchten wieder das alte
+Salzwerk, das durch den Einbruch des Meeres in einen See verwandelt
+worden, die schönen Trümmer des Schlosses Araya und den Kalkberg
+Barigon, der, weil er gegen West schroff abfällt, ziemlich schwer
+zu besteigen ist. Der Salzthon, vermischt mit Erdpech und
+linsenförmigem Gyps, und zuweilen in einen schwarzbraunen,
+salzfreien Thon übergehend, ist eine auf dieser Halbinsel, auf der
+Insel Margarita und auf dem gegenüberliegenden Festland beim Schloß
+San Antonio in Cumana sehr verbreitete Formation. Sehr
+wahrscheinlich hat sie sogar zum Theil die Spalten und das ganze
+zerrissene Wesen des Bodens veranlaßt, das dem Geognosten auffällt,
+wenn er auf einer der Anhöhen der Halbinsel Araya steht. Die aus
+Glimmerschiefer und Thonschiefer bestehende Cordillere derselben
+ist gegen Nord durch den Canal von Cubagua von der ähnlich
+gebildeten Bergkette der Insel Margarita getrennt; gegen Süd liegt
+der Meerbusen von Cariaco zwischen der Cordillere und der hohen
+Kalkgebirgskette des Festlandes. Der ganze dazwischen liegende
+Boden scheint einst mit Salzthon ausgefüllt gewesen zu seyn, und
+vom Meere beständig angefressen, verschwand ohne Zweifel die
+Formation allmählig und aus der Ebene wurden zuerst Lagunen, dann
+Buchten und zuletzt schiffbare Canäle. Der neueste Vorgang am
+Schlosse Araya beim Einbruch des Meeres in das alte Salzwerk, die
+Form der Lagune Chacopata und ein vier Meilen langer See, der die
+Insel Margarita beinahe in zwei Stücke theilt, sind offenbare
+Beweise dieser allmähligen Abspülungen. Im seltsamen Umriß der
+Küsten, im Morro von Chacopata, in den kleinen Inseln Caribes,
+Lobos und Tunal, in der großen Insel Coche und dem Vorgebirg
+Carnero und dein »der Manglebäume« glaubt man auch die Trümmer
+einer Landenge vor sich zu haben, welche einst in der Richtung von
+Nord nach Süd die Halbinsel Araya und die Insel Margarita verband.
+Auf letzterer verbindet nur noch eine ganz niedrige, 3000 Toisen
+lange und nicht 200 Toisen breite Landzunge gegen Nord die zwei
+unter dem Namen Vega de San Juan und Macanao bekannten Berggruppen.
+Die <em>Laguna grande</em> auf Margarita hat gegen Süd eine sehr
+enge Oeffnung und kleine Canoes kommen »arastradas,« das heißt über
+einen Trageplatz, über die Landzunge oder den Damm im Norden
+hinüber. Wenn sich auch heutzutage in diesen Seestrichen das Wasser
+vom Festland zurückzuziehen scheint, so wird doch höchst
+wahrscheinlich im Laufe der Jahrhunderte entweder durch ein
+Erdbeben oder durch ein plötzliches Anschwellen des Oceans die
+große langgestreckte Insel Margarita in zwei viereckigte
+Felseneilande zerfallen.</p>
+<p>Bei der Besteigung des Cerro del Barigon wiederholten wir die
+Versuche, die wir am Orinoco über den Unterschied zwischen der
+Temperatur der Luft und des verwitterten Gesteins gemacht hatten.
+Erstere betrug gegen 11 Uhr Vormittags, des Seewinds wegen, nur 27
+Grad, letztere dagegen 49°6. Der Saft in den Fackeldisteln
+(<em>Cactus quadrangularis</em>) zeigte 38-41°; soviel zeigte ein
+Thermometer, dessen Kugel ich in den fleischigten, saftigen Stamm
+der Cactus hineinsteckte. Diese innere Temperatur eines Gewächses
+ist das Produkt der Wärme des Sandes, in dem die Wurzeln sich
+verbreiten, der Lusfttemperatur, der Oberflächenbeschaffenheit des
+den Sonnenstrahlen ausgesetzten Stammes und der Leitungsfähigkeit
+des Holzes. Es wirken somit sehr verwickelte Vorgänge zum Resultat
+zusammen. Der Kalkstein des Barigon, der zu der großen Sandstein-
+und Kalkformation von Cumana gehört, besteht fast ganz aus
+Seeschalthieren, die so wohl erhalten sind, wie die in den andern
+tertiären Kalkgebilden in Frankreich und Italien. Wir brachen für
+das königliche Cabinet zu Madrid Blöcke ab, die Austern von acht
+Zoll Durchmesser, Kammmuscheln, Venusmuscheln und Polypengehäuse
+enthielten. Ich möchte Naturforscher, welche bessere Paläontologen
+sind, als ich damals war, auffordern, diese Felsenküste genau zu
+untersuchen. Sie ist europäischen Fahrzeugen, die nach Cumana,
+Guayra oder Curacao gehen, leicht zugänglich. Es wäre von großem
+Interesse, auszumachen, ob manche dieser versteinerten Mollusken-
+und Zoophytenarten noch jetzt das Meer der Antillen bewohnen, wie
+es Bonpland vorkam, und wie es auf der Insel Timor und wohl auch
+bei Grand-Terre auf Guadeloupe der Fall ist.</p>
+<p>Am 4. November um 1 Uhr Nachts gingen wir unter Segel, um die
+natürliche Alaungrube aufzusuchen. Ich hatte den Chronometer und
+mein großes Dollond’sches Fernrohr mit eingeschifft, um bei der
+<em>Laguna chica</em>, östlich vom Dorfe Maniquarez, die Immension
+des ersten Jupiterstrabanten zu beobachten. Daraus wurde indessen
+nichts, da wir des widrigen Windes wegen nicht vor Tag hinkamen.
+Nur das Schaufpiel des Meerleuchtens, dessen Pracht durch die um
+unsere Pirogue gaukelnden Delphine noch erhöht wurde, konnte uns
+für diese Verzögerung entschädigen. Wir fuhren wieder über den
+Strich, wo auf dem Meeresboden aus dem Glimmerschiefer Quellen von
+Bergöl brechen, die man sehr weit riecht.<sup><a href="#fn187"
+class="footnoteRef" id="fnref187" name="fnref187">187</a></sup>
+Bedenkt man, daß weiter nach Ost, bei Cariaco, warme unterseeische
+Quellen so stark sind, daß sie die Temperatur des Meerbusens an der
+Oberfläche erhöhen, so läßt sich wohl nicht bezweifeln, daß das
+Bergöl aus ungeheuren Tiefen wie herauf destillirt wird, daß es aus
+den Urgebirgsbildungen kommt, unter denen der Herd aller
+Vulkanischen Erschütterungen liegt.</p>
+<p>Die <em>Laguna chica</em>, ist eine von steil abfallenden Bergen
+umgebene Bucht, die mit dem Meerbusen von Cariaco nur durch einen
+engen, 25&nbsp;Faden tiefen Canal zusammenhängt. Es sieht aus, als
+wäre sie, wie auch der schöne Hafen von Acapulco, durch ein
+Erdbeben gebildet. Ein kleiner flacher Uferstrich scheint darauf
+hinzudeuten, daß die See sich hier vom Lande zurückzieht, wie an
+der gegenüberliegenden Küste von Cumana. Die Halbinsel Araya
+verengert sich zwischen den Vorgebirgen Mero und las Minas auf 1400
+Toisen und ist bei der <em>Laguna chica</em> von einem Seestrich
+zum andern etwas über 4000 Toisen breit. Diese unbedeutende Strecke
+hatten wir zurückzulegen, um zum natürlichen Alaun und zum
+Vorgebirge, genannt Punta de Chuparuparu, zu gelangen. Der Gang ist
+nur darum beschwerlich, weil gar kein Weg gebahnt ist und man
+zwischen ziemlich tiefen Abgründen über völlig kahle Felsgräten mit
+stark fallenden Schichten gehen muß. Der höchste Punkt liegt gegen
+220 Toisen hoch, aber die Berge zeigen, wie so häufig auf felsigten
+Landengen, die seltsamsten Bildungen. Die Tetas de Chacopata und de
+Cariaco, halbwegs zwischen der <em>Laguna chica</em> und der Stadt
+Cariaco, sind wahre Spitzberge, die von der Platform des Schlosses
+in Cumana aus ganz frei zu stehen scheinen. Dammerde findet sich in
+diesem Landstrich nur bis zur Höhe von 30 Toisen über dem Meer. Oft
+regnet es 15 Monate lang gar nicht;<sup><a href="#fn188" class=
+"footnoteRef" id="fnref188" name="fnref188">188</a></sup> fallen
+aber auch nur ein paar Tropfen Wasser unmittelbar nach der Blüthe
+der Melonen, der Wassermelonen und Kürbisse, so tragen dieselben,
+trotz der anscheinenden Trockenheit der Luft, Früchte von 60 bis 70
+Pfund. Ich sage die anscheinende Trockenheit der Luft, denn aus
+meinen hygrometrischen Beobachtungen geht hervor, daß in Cumana und
+Araya die Luft fast zu neun Zehntheilen mit Wasserdunst gesättigt
+ist. Diese zugleich heiße und feuchte Luft speist die
+<strong>vegetabilischen Quellen</strong>, die kürbisartigen
+Gewächse, die Agaven und Melocactus, die halb im Sand vergraben
+sind. Als wir die Halbinsel im vorigen Jahr besuchten, herrschte da
+furchtbarer Wassermangel. Die Ziegen, die kein Gras mehr fanden,
+gingen zu Hunderten zu Grunde. Während unseres Aufenthalts am
+Orinoco schien sich die Reihefolge der Jahreszeiten völlig
+umgekehrt zu haben. Es hatte in Araya, auf Cochen, sogar auf der
+Insel Margarita reichlich geregnet, und diese Güsse machten noch in
+der Erinnerung den Einwohnern so viel zu schaffen, als den
+Physikern in Europa ein Aerolithenfall.</p>
+<p>Unser indianischer Führer kannte kaum die Richtung, in der wir
+den Alaun zu suchen hatten; die eigentliche Lagerstätte war ihm
+ganz unbekannt. Dieser Mangel an Ortskenntniß ist hier fast allen
+Führern eigen, die der faulsten Volksklasse angehören. Wir liefen
+fast auf Gerathewohl sieben, acht Stunden zwischen den Felsen
+herum, auf denen nicht das Geringste wuchs. Der Glimmerschiefer
+geht zuweilen in schwarzgrauen Thonschiefer über. Auch hier fiel
+mir wieder die ungemeine Regelmäßigkeit im Streichen und Fallen der
+Schichten auf. Sie streichen Nord 50 Grad Ost und fallen unter
+einem Winkel von 60—70° nach Nordwest. Dieses allgemeine
+Streichungsverhältniß hatte ich auch am granitischen Gneiß bei
+Caracas und am Orinoco, an den Hornblendeschiefern bei Angostura
+beobachtet, sogar an den meisten secundären Formationen, die wir
+untersucht. Auf sehr weite Strecken bilden die Schichten denselben
+Winkel mit dem Meridian des Orts; sie zeigen einrn Parallelismus
+(oder vielmehr <strong>Loxodromismus</strong>), der als eines der
+großen geognostischen Gesetze zu betrachten ist, die durch genaue
+Messung zu ermitteln sind. Gegen das Cap Chuparuparu zu sahen wir
+die Quarzgänge im Glimmerschiefer mächtiger werden. Wir fanden
+welche, ein bis zwei Klafter breit, voll kleiner büschelförmiger
+Krystalle von Titanerz. Vergeblich suchten wir darin nach Cyanit,
+den wir in Blöcken bei Maniquarez gefunden. Weiterhin erscheinen im
+Glimmerschiefer nicht Gänge, sondern kleine Schichten von Graphit
+oder Kohlenstoffeisen. Sie sind 2—3 Zoll dick und streichen und
+fallen genau wie die Gebirgsart. Mit dem Graphit im Urgebirge tritt
+zum erstenmal in den Gebirgsschichten der Kohlenstoff auf, und zwar
+als nicht an Wasserstoff gebundener Kohlenstoff. Er ist älter als
+die Zeit, wo sich die Erde mit monocotyledonischen Gewächsen
+bedeckte.</p>
+<p>Von diesen öden Bergen herab hatten wir eine großartige Aussicht
+auf die Insel Margarita. Zwei Berggruppen, die bereits genannten,
+der Macanao und die Vega de San Juan, steigen gerade aus dem Wasser
+auf. In der letzteren, der östlichsten, liegt der Hauptort der
+Insel, la Asuncion, der Hafen Pampatar und die Dörfer Pueblo de la
+Mar, Pneblo del Norte und San Juan. Die westliche Gruppe, der
+Macanao, ist fast ganz unbewohnt. Die Landenge, welche diese
+gewaltigen Glimmerschiefermassen verbindet, war kaum sichtbar; sie
+erschien durch die Luftspiegelung verzogen und man erkannte dieses
+Zwischenglied des Landes, durch das die <em>Laguna grande</em>
+läuft, nur an zwei kleinen zuckerhutförmigen Bergen, die unter dem
+Meridian der Punta de Piedras liegen. Weiter herwärts sahen wir auf
+den kleinen öden Archipel der vier Morros del Tunal, der Caribes
+und Lobos hinab.</p>
+<p>Nach langem vergeblichem Suchen fanden wir endlich, ehe wir zur
+Nordküste der Halbinsel Araya hinabgingen, in einer ungemein schwer
+zugänglichen Schlucht (<em>Aroyo del Robalo</em>) das Mineral, das
+man uns in Cumana gezeigt hatte. Der Glimmerschiefer ging rasch in
+kohlenhaltigen, glänzenden Thonschiefer über. Es war Ampelit; das
+Wasser (denn es gibt hier kleine Quellen, und kürzlich hat man
+selbst beim Dorfe Maniquarez eine gefunden) war mit gelbem
+Eisenoxyd geschwängert und hatte einen zusammenziehenden Geschmack.
+Die anstehenden Felswände waren mit ausgewitterter haarförmiger
+schwefelsaurer Thonerde bedeckt, und wirkliche zwei bis drei Zoll
+dicke Schichten natürlichen Alauns strichen im Thonschiefer fort,
+so weit das Auge reichte. Der Alaun ist weissgrau, an der
+Oberfläche etwas matt, im Innern hat er fast Glasglanz; der Bruch
+ist nicht faserigt, sondern unvollkommen muschligt. An nicht
+starken Bruchstücken ist er halb durchsichtig. Der Geschmack ist
+süßlicht, adstringirend, ohne Bitterkeit. Ich fragte mich noch an
+Ort und Stelle, ob dieser so reine Alaun, der ohne die geringste
+Lücke eine Schicht im Thonschiefer bildet, gleichzeitig mit der
+Gebirgsart gebildet, oder ob ihm ein neuerer, so zu sagen
+secundärer Ursprung zuzuschreiben ist, wie dem salzsauren Natron,
+das man zuweilen in kleinen Gängen an Stellen findet, wo
+hochsöhlige Salzquellen durch Gyps- oder Thonschichten
+hindurchgehen? Nichts weist aber hier auf eine Bildungsweise hin,
+die auch noch gegenwärtig vorkommen könnte. Das Schiefergestein hat
+lediglich keine offene Spalte, zumal keine, die dem Streichen der
+Blätter parallel liefe. Man fragt sich ferner, ob dieser
+Alaunschiefer eine dem Urglimmerschiefer von Araya aufgelagerte
+Uebergangsbildung ist, oder ob er nur dadurch entsteht, daß die
+Glimmerschieferschichten nach Zusammensetzung und Textur eine
+Veränderung erlitten haben? Ich halte letztere Annahme für die
+wahrscheinlichere; denn der Uebergang ist allmählig und
+Thonschiefer und Glimmerschiefer scheinen mir hier einer und
+derselben Formation anzugehören. Das Vorkommen von Cyanit, Titanerz
+und Granaten, und daß kein lydischer Stein, daß nirgends ein
+Trümmergestein zu finden ist, scheinen die Formation, die wir hier
+beschreiben, dem Urgebirge zuzuweisen.</p>
+<p>Als sich im Jahr 1783 bei einem Erdbeben im Aroyo del Robalo
+eine große Felsmasse abgelöst hatte, lasen die Guayqueries in los
+Serritos 5—6 Zoll starke, ungemein durchsichtige und reine
+Alaunstücke auf. Zu meiner Zeit verkaufte man in Cumana an Färber
+und Gerber das Pfund zu zwei Realen (ein Viertheil eines harten
+Piasters), während der spanische Alaun zwölf Realen kostete. Dieser
+Preisunterschied rührte weit mehr von Vorurtheilen und von
+Hemmungen im Handel her, als davon, daß der einheimische Alaun, der
+vor der Anwendung durchaus nicht gereinigt wird, von geringerer
+Güte wäre. Derselbe kommt auch in der Glimmer- und
+Thonschieferlette an der Nordwestküste von Trinidad vor, ferner auf
+Margarita und beim Cap Chuparuparu nördlich vom Cerro del
+Distiladero. Die Indianer lieben von Natur das Geheimniß, und so
+verheimlichen sie auch gern die Orte, wo sie den natürlichen Alaun
+graben; das Mineral muß aber ziemlich reich sehn, denn ich habe in
+ihren Händen ganz ansehnliche Massen auf einmal gesehen. Es wäre
+für die Regierung von Belang, entweder das oben beschriebene
+Mineral oder die Alaunschiefer, die damit vorkommen, ordentlich
+abbauen zu lassen. Letztere könnte man rösten und sie zur
+Auslaugung an der glühenden tropischen Sonne gradiren. Südamerika
+erhält gegenwärtig seinen Alaun aus Europa, wie ihn Europa
+seinerseits bis zum fünfzehnten Jahrhundert von den asiatischen
+Völkern erhielt. Vor meiner Reise kannten die Mineralogen keine
+andern Substanzen, aus denen man, geröstet oder nicht, unmittelbar
+Alaun (schwefel- saures Alaunerdekali) gewann, als Gebirgsarten aus
+der Trachytformation und kleine Gänge, welche Schichten von
+Braunkohlen und bituminösem Holz durchsetzen. Beide Substanzen, so
+verschiedenen Ursprungs sie sind, enthalten alle Elemente des
+Alauns, nämlich Thonerde, Schwefelsäure und Kali. Die alaunhaltigen
+Gesteine im Trachyt verschiedener Länder rühren unzweifelhaft
+daher, daß schwefligtsaure Dämpfe die Gebirgsart durchdrungen
+haben. Sie sind, wie man sich in den Solfataren bei Puzzuoli und
+auf dem Pic von Teneriffa überzeugen kann, Produkte einer
+schwachen, lange andauernden vulkanischen Thätigkeit. Das Wasser,
+das diese alaunhaltigen Gebirgsarten vulkanischer Herkunft
+durchdringt, setzt indessen keine Massen natürlichen Alauns ab; zur
+Gewinnung desselben müssen die Gesteine geröstet werden. Ich kenne
+nirgends Alaunniederschläge, ähnlich denen, wie ich sie aus Cumana
+mitgebracht; denn die haarförmigen und fasrigten Massen, die man in
+Gängen in Braunkohlenschichten findet (an den Ufern der Egra,
+zwischen Saatz und Commothau in Böhmen) oder sich in Hohlräumen
+(Freienwalde in Brandenburg, Segario in Sardinien) durch
+Auswitterung bilden, sind unreine Salze, oft ohne Kaki, vermengt
+mit schwefelsaurem Ammoniak und schwefelsaurer Bittererde. Eine
+langsame Zersetzung der Schwefelkiese, die vielleicht als eben so
+viele kleine galvanische Säulen wirken, macht die Gewässer, welche
+die Braunkohle und die Alaunerde durchziehen, alaunhaltig.
+Aehnliche chemische Vorgänge können nun aber in Ur- und
+Uebergangsschiefern so gut wie in tertiären Bildungen stattfinden.
+Alle Schiefer, und dieser Umstand ist sehr wichtig, enthalten gegen
+fünf Procent Kali, Schwefeleisen, Eisenperoxyd, Kohle
+u.&nbsp;s.&nbsp;w. So viele ungleichartige Stoffe, in gegenseitiger
+Berührung und von Wasser befeuchtet, müssen nothwendig Neigung
+haben, sich nach Form und Zusammensetzung zu verändern. Die
+ausgewitterten Salze, welche in der Schlucht Robalo die
+Alaunschiefer in Menge bedecken, zeigen, wie sehr diese chemischen
+Vorgänge durch die hohe Temperatur dieses Klimas gefördert werden;
+aber — ich wiederhole es — in einem Gestein ohne Spalten, ohne dem
+Streichen und Fallen seiner Schichten parallel laufende Hohlräume
+ist ein natürlicher, seine Lagerstätte völlig ausfüllender,
+halbdurchsichtiger Alaun mit muschligtem Bruch als gleichen Alters
+mit der einschließenden Gebirgsart zu betrachten.</p>
+<p>Nachdem wir lange in dieser Einöde unter den völlig kahlen
+Felsen umhergeirrt, ruhten unsere Blicke mit Lust auf den
+Malpighia- und Crotonbüschen, die wir auf dem Wege zur Küste hinab
+trafen. Diese baumartigen Croton waren sogar zwei neue, durch ihren
+Habitus sehr interessante, der Halbinsel Araya allein angehörige
+Arten.<sup><a href="#fn189" class="footnoteRef" id="fnref189" name=
+"fnref189">189</a></sup> Wir kamen zu spät zur <em>Laguna
+chica</em> um noch eine andere Bucht weiter ostwärts, als
+<em>Laguna grande</em> oder <em>del olispo</em> vielberufen,
+besuchen zu können. Wir begnügten uns, dieselbe von den sie
+beherrschenden Bergen herab zu bewundern. Außer den Häfen von
+Ferrol und Acapulco gibt es vielleicht keinen mehr von so
+sonderbarer Bildung. Es ist eine von Ost nach West dritthalb
+Seemeilen lange, eine Seemeile breite geschlossene Bucht. Die
+Glimmerschieferfelsen, die den Hafen einschließen, lassen nur eine
+250 Toisen breite Einfahrt. Ueberall findet man 15 bis 20 Faden
+Wassertiefe. Wahrscheinlich wird die Regierung von Cumana diese
+geschlossene Bucht und die von Mochima, die acht Seemeilen ostwärts
+von der schlechten Rhede von Nueva Barcelona liegt, einmal zu
+benützen wissen. Navaretes Familie erwartete uns mit Ungeduld am
+Strand, und obgleich unser Canoe ein großes Segel führte, kamen wir
+doch erst bei Nacht nach Maniquarez.</p>
+<p>Wir blieben nur noch vierzehn Tage in Cumana. Da wir alle
+Hoffnung aufgegeben hatten, ein Postschiff aus Corunna eintreffen
+zu sehen, so benützten wir ein amerikanisches Fahrzeug, das in
+Nueva Barcelona Salzfleisch lud, um es auf die Insel Cuba zu
+bringen. Wir hatten sechzehn Monate auf diesen Küsten und im Innern
+von Venezuela zugebracht. Wir hatten zwar noch über 50,000 Francs
+in Wechseln auf die ersten Häuser in der Havana; dennoch wären wir
+hinsichtlich der baaren Mittel in großer Verlegenheit gewesen, wenn
+uns nicht der Statthalter von Cumana vorgeschossen hätte, so viel
+wir verlangen mochten. Das Zartgefühl, mit dem Herr von Emparan ihm
+ganz unbekannte Fremde behandelte, verdient die höchste Anerkennung
+und meinen lebhaftesten Dank. Ich erwähne dieser Umstände, die nur
+unsere Person betrafen, um die Reisenden zu warnen, daß sie sich
+nicht zu sehr auf den Verkehr unter den verschiedenen Colonien
+desselben Mutterlandes verlassen. Wie es im Jahr 1799 in Cumana und
+Caracas mit dem Handel stand, hätte man einen Wechsel leichter auf
+Cadix und London ziehen können, als auf Carthagena de Indias, die
+Havana oder Vera Cruz.</p>
+<p>Am 16. November verabschiedeten wir uns von unsern Freunden, um
+nun zum dritten male von der Mündung des Busens von Cariaco nach
+Nueva Barcelona überzufahren. Die Nacht war köstlich kühl. Nicht
+ohne Rührung sahen wir die Mondscheibe zum letztenmal die Spitzen
+der Cocospalmen an den Ufern des Manzanares beleuchten. Lange
+hingen unsere Blicke an der weißlichten Küste, wo wir uns nur ein
+einziges mal über die Menschen zu beklagen gehabt hatten. Der
+Seewind war so stark, daß wir nach nicht ganz sechs Stunden beim
+Morro von Nueva Barcelona den Anker auswarfen. Das Fahrzeug, das
+uns nach der Havana bringen sollte, lag segelfertig da.</p>
+<h1 id="siebenundzwanzigstes-kapitel."><a href=
+"#TOC">Siebenundzwanzigstes Kapitel.</a></h1>
+<p>Allgemeine Bemerkungen über das Verhältniß des neuen zum alten
+Continent. — Ueberfahrt von den Küsten von Venezuela nach der
+Havana.</p>
+<p>Als ich nach meiner Rückkehr nach Deutschland den »<em>Essai
+politique sur la nouvelle Espagne</em>« herausgab, veröffentlichte
+ich zugleich einen Theil des von mir über den Bodenreichthum von
+Südamerika gesammelten Materials. Diese vergleichende Schilderung
+der Bevölkerung, des Ackerbaus und des Handels aller spanischen
+Colonien wurde zu einer Zeit entworfen, wo große Mängel in der
+gesellschaftlichen Verfassung, das Prohibitivsystem und andere
+gleich verderbliche Mißgriffe in der Regierungskunst die
+Entwicklung der Cultur niederhielten. Seit ich auseinandergesetzt,
+welch unermeßliche Hülfsmittel den Völkern des gedoppelten Amerika
+durch ihre Lage an sich und durch ihren Handelsverkehr mit Europa
+und Asien in Aussicht ständen, sobald sie der Segnungen einer
+vernünftigen Freiheit genößen, hat eine der großen Umwälzungen,
+welche von Zeit zu Zeit das Menschengeschlecht aufrütteln, die
+gesellschaftlichen Zustände in den von mir durchreisten gewaltigen
+Ländern umgewandelt. Gegenwärtig theilen sich, kann man wohl sagen,
+drei Völker europäischer Abkunft in das Festland der neuen Welt:
+das eine, das mächtigste, ist germanischen Stammes, die beiden
+andern gehören nach Sprache, Literatur und Sitten dem lateinischen
+Europa an. Die Theile der alten Welt, die am weitesten gegen West
+vorspringen, die iberische Halbinsel und die britannischen Inseln,
+sind auch diejenigen, deren Colonien die bedeutendste Ausdehnung
+haben; aber ein viertausend Meilen langer, nur von Nachkommen von
+Spaniern und Portugiesen bewohnter Küstenstrich legt Zeugniß dafür
+ab, wie hoch sich die Völker der Halbinsel im fünfzehnten und
+sechzehnten Jahrhundert durch ihre Unternehmungen zur See über die
+andern seefahrenden Völker emporgeschwungen hatten. Die Verbreitung
+ihrer Sprachen von Californien bis an den Rio de la Plata, auf dem
+Rücken der Cordilleren wie in den Wäldern am Amazonenstrom ist ein
+Denkmal nationalen Ruhms, das alle politischen Revolutionen
+überdauern wird.</p>
+<p>Gegenwärtig überwiegt die Bevölkerung des spanischen und
+portugiesischen Amerika die von englischer Race ums Doppelte. Die
+französischen, holländischen und dänischen Besitzungen auf dem
+neuen Continent sind von geringem Umfang; zählt man aber die Völker
+her, welche auf das Geschick der andern Halbkugel Einfluß äußern
+können, so sind noch zwei nicht zu übergehen, einerseits die
+Ansiedler slavischer Abkunft, die von der Halbinsel Alaska bis nach
+Californien Niederlassungen suchen, andererseits die freien
+Afrikaner auf Haiti, welche wahr gemacht haben, was der Mailänder
+Reisende Benzoni schon im Jahr 1545 vorausgesagt. Daß die Afrikaner
+auf einer Insel, zweieinhalbmal größer als Sicilien, im Schoße des
+Mittelmeeres der Antillen hausen, macht sie politisch um so
+wichtiger. Alle Freunde der Menschheit wünschen aufrichtig, daß
+eine Civilisation, welche wider alles Erwarten nach so viel Gräueln
+und Blut Wurzel geschlagen, sich fort und fort entwickeln möge. Das
+russische Amerika gleicht bis jetzt nicht sowohl einer
+Ackerbaucolonie als einem der Comptoirs, wie sie die Europa zum
+Verderben der Eingeborenen auf den Küsten von Afrika errichtet. Es
+besteht nur aus Militärposten, aus Sammelplätzen für Fischer und
+sibirische Jäger. Allerdings ist es eine merkwürdige Erscheinung,
+daß sich der Ritus der griechischen Kirche auf einem Striche
+Amerikas festgesetzt hat, und daß zwei Nationen, welche das Ost-
+und das Westende von Europa bewohnen, Russen und Spanier, Nachbarn
+werden auf einem Festlande, in das sie auf entgegengesetzten Wegen
+gekommen; aber beim halb wilden Zustand der Küsten von Ochotsk und
+Kamtschatka, bei der Geringfügigkeit der Mittel, welche die
+asiatischen Häfen liefern können, und bei der Art und Weise, wie
+bis jetzt die slavischen Colonien in der neuen Welt verwaltet
+worden, müssen diese noch lange in der Kindheit verharren. Da man
+nun bei nationalökonomischen Untersuchungen gewöhnt ist, nur Massen
+ins Auge zu fassen, so stellt es sich heraus, daß das amerikanische
+Festland eigentlich nur unter drei große Nationen von englischer,
+spanischer und portugiesischer Abkunft getheilt ist. Die erste
+derselben, die Angloamerikaner, ist zugleich nach dem englischen
+Volk in Europa diejenige, welche ihre Flagge über die weitesten
+Meeresstrecken trägt. Ohne entlegene Colonien hat sich ihr Handel
+zu einer Höhe aufgeschwungen, zu der niemals ein Volk der alten
+Welt gelangt ist, mit Ausnahme desjenigen, das seine Sprache, den
+Glanz seiner Literatur, seine Arbeitslust, seinen Hang zur Freiheit
+und einen Theil seiner bürgerlichen Einrichtungen nach Nordamerika
+hinübergetragen hat.</p>
+<p>Die englischen und portugiesischen Ansiedler haben nur die
+Europa gegenüberliegenden Küsten bevölkert; die Castilianer dagegen
+sind gleich zu Anfang der Eroberung über die Kette der Anden
+gedrungen und haben selbst in den am weitesten nach West gelegenen
+Landstrichen Niederlassungen gegründet. Nur dort, in Mexico,
+Cundinamarca, Quito und Peru, fanden sie Spuren einer alten Cultur,
+ackerbauende Völker, blühende Reiche. Durch diesen Umstand, durch
+die rasche Zunahme einer eingeborenen Gebirgsbevölkerung, durch den
+fast ausschließlichen Besitz großer Metallschätze, und durch die
+Handelsverbindungen mit dem indischen Archipel, die gleich mit dem
+Anfang des sechzehnten Jahrhunderts in Gang kamen, erhielten die
+spanischen Besitzungen in Amerika ein ganz eigenes Gepräge. In den
+östlichen, von den englischen und portugiesischen Ansiedlern in
+Besitz genommenen Landstrichen waren die Eingeborenen umherziehende
+Jägervölker. Statt, wie auf der Hochebene von Anahuac, in Guatimala
+und im obern Peru, einen Bestandtheil der arbeitsamen,
+ackerbauenden Bevölkerung zu bilden, zogen sie sich vor den
+vorrückenden Weißen größtentheils zurück. Man brauchte
+Arbeiterhände, man baute vorzugsweise Zuckerrohr, Indigo und
+Baumwolle, und dieß, mit der Habsucht, welche so oft die
+Begleiterin des Gewerbfleißes ist und sein Schandfleck, führte den
+schändlichen Negerhandel herbei, der in seinen Folgen für beide
+Welten gleich verderblich geworden ist. Zum Glück ist auf dem
+Festlande von spanisch Amerika die Zahl der afrikanischen Sklaven
+so unbedeutend, daß sie sich zur Sklavenbevölkerung in Brasilien
+und in den südlichen Theilen der Vereinigten Staaten wie 1 zu 5
+verhält. Die gesammten spanischen Colonien, mit Einschluß der
+Inseln Cuba und Portorico, haben auf einem Areal, das mindestens um
+ein Fünftheil größer ist als Europa, nicht so viel Neger als der
+Staat Virginien allein. Mit den vereinigten Ländern Neuspanien und
+Guatimala liefern die Hispano-Amerikaner das einzige Beispiel im
+heißen Erdstrich, daß eine Nation von acht Millionen nach
+europäischen Gesetzen und Einrichtungen regiert wird, Zucker,
+Cacao, Getreide und Wein zumal baut, und fast keine Sklaven
+besitzt, die dem Boden von Afrika gewaltsam entführt worden.</p>
+<p>Die Bevölkerung des neuen Continents ist bis jetzt kaum etwas
+stärker als die von Frankreich oder Deutschland. In den Vereinigten
+Staaten verdoppelt sie sich in dreiundzwanzig bis fünfundzwanzig
+Jahren; in Mexiko hat sie sich, sogar unter der Herrschaft des
+Mutterlandes, in vierzig bis fünfundvierzig Jahren verdoppelt. Ohne
+der Zukunft allzuviel zuzutrauen, läßt sich annehmen, daß in
+weniger als anderthalbhundert Jahren Amerika so stark bevölkert
+seyn wird als Europa. Dieser schöne Wetteifer in der Cultur, in den
+Künsten des Gewerbfleißes und des Handels wird keineswegs, wie man
+so oft prophezeien hört, den alten Continent auf Kosten des neuen
+ärmer machen; er wird nur die Consumtionsmittel und die Nachfrage
+darnach, die Masse der productiven Arbeit und die Lebhaftigkeit des
+Austausches steigern. Allerdings ist in Folge der großen
+Umwälzungen, denen die menschlichen Gesellschaftsvereine
+unterliegen, das Gesammtvermögen, das gemeinschaftliche Erbgut der
+Cultur, unter die Völker beider Welten ungleich vertheilt; aber
+allgemach stellt sich das Gleichgewicht her, und es ist ein
+verderbliches, ja ich möchte sagen gottloses Vorurtheil, zu meinen,
+es sey ein Unheil für das alte Europa, wenn auf irgend einem andern
+Stück unseres Planeten der öffentliche Wohlstand gedeiht. Die
+Unabhängigkeit der Colonien wird nicht zur Folge haben, sie zu
+isoliren, sie werden vielmehr dadurch den Völkern von alter Cultur
+näher gebracht werden. Der Handel wirkt naturgemäß dahin, zu
+verbinden, was eifersüchtige Staatskunst so lange
+auseinandergehalten. Noch mehr: es liegt im Wesen der Civilisation,
+daß sie sich ausbreiten kann, ohne deßhalb da, von wo sie
+ausgegangen, zu erlöschen. Ihr allmähliges Vorrücken von Ost nach
+West, von Asien nach Europa, beweist nichts gegen diesen Satz. Ein
+starkes Licht behält seinen Glanz, auch wenn es einen größerm Raum
+beleuchtet. Geistesbildung, die fruchtbare Quelle des
+Nationalwohlstands, theilt sich durch Berührung mit; sie breitet
+sich aus, ohne von der Stelle zu rücken. Ihre Bewegung vorwärts ist
+keine Wanderung; im Orient kam uns dieß nur so vor, weil
+barbarische Horden sich Egyptens, Kleinasiens bemächtigt hatten,
+und Griechenlands, des einst freien, der verlassenen Wiege der
+Cultur unserer Väter.</p>
+<p>Die Verwilderung der Völker ist eine Folge der Unterdrückung
+durch einheimischen Despotismus oder durch einen fremden Eroberer;
+mit ihr Hand in Hand geht immer steigende Verarmung, Versiegung des
+öffentlichen Wohlstands. Freie, starke, den Interessen Aller
+entsprechende Staatsformen halten diese Gefahren fern, und die
+Zunahme der Cultur in der Welt, die Mitwerbung in Arbeit und
+Austausch bringen Staaten nicht herab, deren Gedeihen aus
+natürlicher Quelle fließt. Das gewerbfleißige und handeltreibende
+Europa wird aus der neuen Ordnung der Dinge, wie sie sich im
+spanischen Amerika gestaltet, seinen Nutzen ziehen, wie ihm die
+Steigerung der Consumtion zu gute käme, wenn der Weltlauf der
+Barbarei in Griechenland, auf der Nordküste von Afrika und in
+andern Ländern, auf denen die Tyrannei der Ottomanen lastet, ein
+Ende machte. Die einzige Gefahr, die den Wohlstand des alten
+Continents bedrohte, wäre, wenn die innern Zwiste kein Ende nahmen,
+weiche die Production niederhalten und die Zahl der Verzehrenden
+und zu gleicher Zeit deren Bedürfnisse verringern. Im spanischen
+Amerika geht der Kampf, der sechs Jahre, nachdem ich es verlassen,
+ausgebrochen, allmählich seinem Ende entgegen. Bald werden wir
+unabhängige, unter sehr verschiedenen Verfassungsformen lebende,
+aber durch das Andenken gemeinsamer Herkunft, durch dieselbe
+Sprache und durch die Bedürfnisse, wie sie von selbst aus der
+Cultur entspringen, verknüpfte Völker auf beiden Ufern des
+atlantischen Oceans wohnen sehen. Man kann wohl sagen, durch die
+ungeheuren Fortschritte in der Schifffahrtskunst sind die
+Meeresbecken enger geworden. Schon jetzt erscheint unsern Blicken
+das atlantische Meer als ein schmaler Canal, der die neue Welt und
+die europäischen Handelsstaaten nicht weiter auseinander hält, als
+in der Kindheit der Schifffahrt das Mittelmeer die Griechen in
+Peloponnes und die in Ionien, auf Sicilien und in Cyrenaica
+auseinander hielt.</p>
+<p>Allerdings wird noch manches Jahr vergehen, bis siebzehn
+Millionen, über eine Länderstrecke zerstreut, die um ein Fünftheil
+größer ist als ganz Europa, durch Selbstregierung zu einem festen
+Gleichgewicht kommen. Der eigentlich kritische Zeitpunkt ist der,
+wo es lange Zeit unterjochten Völkern auf einmal in die Hand
+gegeben ist, ihr Leben nach den Erfordernissen ihres Wohlergehens
+einzurichten. Man hört immer wieder behaupten, die
+Hispano-Amerikaner seyen für freie Institutionen nicht weit genug
+in der Cultur vorgeschritten. Es ist noch nicht lange her, so sagte
+man dasselbe von andern Völkern aus, bei denen aber die
+Civilisation überreif seyn sollte. Die Erfahrung lehrt, daß bei
+Nationen wie beim Einzelnen das Glück ohne Talent und Wissen
+bestehen kann; aber ohne läugnen zu wollen, daß ein gewisser Grad
+von Aufklärung und Volksbildung zum Bestand von Republiken oder
+constitutionellen Monarchien unentbehrlich ist, sind wir der
+Ansicht, daß dieser Bestand lange nicht so sehr vom Grade der
+geistigen Bildung abhängt, als von der Stärke des Volkscharakters,
+vom Verein von Thatkraft und Ruhe, von Leidenschaftlichkeit und
+Geduld, der eine Verfassung aufrecht und am Leben erhält, ferner
+von den örtlichen Zuständen, in denen sich das Volk befindet, und
+von den politischen Verhältnissen zwischen einem Staate und seinen
+Nachbarstaaten.</p>
+<p>Wenn die heutigen Colonien nach ihrer Emancipation mehr oder
+weniger zu republikanischer Verfassungsform hinneigen, so ist die
+Ursache dieser Erscheinung nicht allein im Nachahmungstrieb zu
+suchen, der bei Volksmassen noch mächtiger ist als beim Einzelnen;
+sie liegt vielmehr zunächst im eigenthümlichen Verhältniss, in dem
+eine Gesellschaft sich befindet, die sich auf einmal von einer Welt
+mit älterer Cultur losgetrennt, aller äußern Bande entledigt sieht
+und aus Individuen besteht, die nicht Einer Kaste das Uebergewicht
+im Staate zugestehen. Durch die Vorrechte, welche das Mutterland
+einer sehr beschränkten Anzahl von Familien in Amerika ertheilte,
+hat sich dort durchaus nicht gebildet, was in Europa eine
+Adelsaristokratie heißt. Die Freiheit mag in Anarchie oder durch
+die vorübergehende Usurpation eines verwegenen Parteihauptes zu
+Grunde gehen, aber die wahren Grundlagen der Monarchie sind im
+Schooße der heutigen Colonien nirgends zu finden. Nach Brasilien
+wurden sie von außen hereingebracht zur Zeit, da dieses gewaltige
+Land des tiefsten Friedens genoß, während das Mutterland unter ein
+fremdes Joch gerathen war.</p>
+<p>Ueberdenkt man die Verkettung menschlicher Geschicke, so sieht
+man leicht ein, wie die Existenz der heutigen Colonien, oder
+vielmehr wie die Entdeckung eines halb mensehenleeren Continents,
+auf dem allein eine so erstaunliche Entwicklung des Colonialsystems
+möglich war, republikanische Staatsformen in großem Maßstab und in
+so großer Zahl wieder ins Leben rufen mußte. Nach der Anschauung
+berühmter Schriftsteller sind die Umwandlungen auf dem Boden der
+Gesellschaft, welche ein bedeutender Theil von Europa in unsern
+Tagen erlitten hat, eine Nachwirkung der religiösen Reform zu
+Anfang des sechzehnten Jahrhunderts. Es ist nicht zu vergessen, daß
+in diese denkwürdige Zeit, in der ungezügelte Leidenschaften und
+der Hang zu starren Dogmen die Klippen der europäischen Staatskunst
+waren, auch die Eroberung von Mexico, Peru und Cundinamarca fällt,
+eine Eroberung, durch die, wie sich der Verfasser des <em>Esprit
+des lois</em> so schön ausdrückt, das Mutterland eine unermeßliche
+Schuld auf sich genommen, die es der Menschheit abzutragen hat.
+Ungeheure Provinzen wurden durch castilianische Tapferkeit den
+Ansiedlern aufgethan und durch die Bande gemeinsamer Sprache, Sitte
+und Gottesverehrung verknüpft. Und so hat denn durch das
+merkwürdigste Zusammentreffen von Ereignissen die Regierung des
+mächtigsten und unumschränktesten Monarchen Europas, Carls&nbsp;V.,
+die Keime ausgestreut zum Kampfe des neunzehnten Jahrhunderts und
+den Grund gelegt zu den staatlichen Vereinen, die, eben erst ins
+Leben getreten, uns durch ihren Umfang und die Gleichförmigkeit der
+dabei herrschenden Grundsätze in Erstaunen setzen. Befestigt sich
+die Emancipation des spanischen Amerika, wie man bis jetzt mit
+allem Grund hoffen darf, so sieht ein Meeresarm, der atlantische
+Ocean, auf seinen beiden Ufern Regierungsformen, die, so
+grundverschieden sie sind, einander nicht nothwendig feindselig
+gegenübertreten. Nicht allen Völkern beider Welten mag dieselbe
+Verfassung zum Heile gereichen; der wachsende Wohlstand einer
+Republik ist kein Schimpf für monarchische Staaten, so lange sie
+mit Weisheit und Achtung vor den Gesetzen und den öffentlichen
+Freiheiten regiert werden.</p>
+<p>Seit die Entwicklung der Schifffahrtskunst und die sich
+steigernde Thätigkeit der Handelsvölker die Küsten der beiden
+Festländer einander näher gerückt haben, seit die Havana, Rio
+Janeiro und der Senegal uns kaum entlegener vorkommen als Cadix,
+Smyrna und die Häfen des baltischen Meeres, nimmt man Anstand, die
+Leser mit einer Ueberfahrt von der Küste von Caracas nach der Insel
+Cuba zu behelligen. Das Meer der Antillen ist so bekannt wie das
+Becken des Mittelmeers, und wenn ich hier aus meinem Seetagebuch
+einige Beobachtungen niederlege, so thue ich es nur, um den Faden
+meiner Reisebeschreibung nicht zu verlieren und allgemeine
+Betrachtungen über Meteorologie und physische Geographie daran zu
+knüpfen. Um die wechselnden Zustände der Atmosphäre recht kennen zu
+lernen, muß man am Abhang der Gebirge und auf der unermeßlichen
+Meeresfläche beobachten; in einem Forscher, der seinen Scharfsinn
+im Befragen der Natur lange nur im Studirzimmer geübt hat, mögen
+schon auf der kleinsten Ueberfahrt, auf einer Reise von den
+Canarien nach Madera, ganz neue Ansichten sich gestalten.</p>
+<p>Am 24. November um neun Uhr Abends gingen wir auf der Rhede von
+Nueva Barcelona unter Segel und fuhren um die kleine Felseninsel
+Borrachita herum. Zwischen derselben und Gran Borracha ist eine
+tiefe Straße. Die Nacht brachte die Kühle, welche den tropischen
+Nächten eigen ist und einen angenehmen Eindruck macht, von dem man
+sich erst Rechenschaft geben kann, wenn man die nächtliche
+Temperatur von 23 bis 24 Graden des hunderttheiligen Thermometers
+mit der mittleren Tagestemperatur vergleicht, die in diesen
+Strichen, selbst auf den Küsten, meist 28 bis 29 Grad beträgt. Tags
+darauf, kurz nach der Beobachtung um Mittag, befanden wir uns im
+Meridian der Insel Tortuga; sie ist, gleich den Eilanden Coche und
+Cubagua, ohne Pflanzenwuchs und erhebt sich auffallend wenig über
+den Meeresspiegel. Da man in neuester Zeit über die astronomische
+Lage von Tortuga Zweifel geäußert hat, so bemerke ich hier, daß
+Louis Berthouds Chronometer mir für den Mittelpunkt der Insel
+0°49′40″ westwärts von Nueva Barcelona ergab; diese Länge ist aber
+doch wohl noch ein wenig zu weit westlich.</p>
+<p>Am 26. November. — Windstille, auf die wir um so weniger gefaßt
+waren, da der Ostwind in diesen Strichen von Anfang Novembers an
+meist sehr stark ist, während vom Mai bis Oktober von Zeit zu Zeit
+die Nordwest- und die Südwinde auftreten. Bei Nordwestwind bemerkt
+man eine Strömung von West nach Ost, welche zuweilen zwei, drei
+Wochen lang die Fahrt von Carthagena nach Trinidad beschleunigt.
+Der Südwind gilt auf der ganzen Küste von Terra firma für sehr
+ungesund, weil er (so sagt das Volk) die fauligten Effluvien aus
+den Wäldern am Orinoco herführt. Gegen neun Uhr Morgens bildete
+sich ein schöner Hof um die Sonne, und im selben Moment fiel in der
+tiefen Luftregion der Thermometer plötzlich um 3½ Grad. War dieses
+Fallen die Folge eines niedergehenden Luftstroms? Der einen Grad
+breite Streif, der den Hof bildete, war nicht weiß, sondern hatte
+die lebhaftesten Regenbogenfarben, während das Innere des Hofes und
+das ganze Himmelsgewölbe blau waren ohne eine Spur von Dunst.</p>
+<p>Wir verloren nachgerade die Insel Margarita aus dem Gesicht, und
+ich versuchte die Höhe der Felsgruppe Macanao zu bestimmen. Sie
+erschien unter einem Winkel von 0°16′35″, woraus sich beim
+geschätzten Abstand von 60 Seemeilen für den Glimmerschieferstock
+Macanao eine Höhe von etwa 660 Toisen ergäbe, und dieses
+Resultat<sup><a href="#fn190" class="footnoteRef" id="fnref190"
+name="fnref190">190</a></sup> läßt mich in einem Erdstrich, wo die
+irdischen Refractionen so gleichförmig sind, vermuthen, daß wir uns
+nicht so weit von der Insel befanden, als wir meinten. Die Kuppel
+der Silla bei Caracas, die in Süd&nbsp;62°&nbsp;West liegen blieb,
+fesselte lange unsern Blick. Mit Vergnügen betrachtet man den
+Gipfel eines hohen Berges, den man nicht ohne Gefahr bestiegen hat,
+wie er nach und nach unter den Horizont sinkt. Wenn die Küste
+dunstfrei ist, muß die Silla auf hoher See, den Einfluß der
+Refraction nicht gerechnet, auf 33 Meilen zu sehen
+seyn.<sup><a href="#fn191" class="footnoteRef" id="fnref191" name=
+"fnref191">191</a></sup> An diesem und den folgenden Tagen war die
+See mit einer bläulichten Haut bedeckt, die unter dem
+zusammengesetzten Microscop aus zahllosen Fäden zu bestehen schien.
+Man findet dergleichen Fäden häufig im Golfstrom und im Canal von
+Bahama, so wie im Seestrich von Buenos Ayres. Manche Naturforscher
+halten sie für Reste von Molluskeneiern, mir schienen sie vielmehr
+zerriebene Algen zu seyn. Indessen scheint das Leuchten der See
+durch sie gesteigert zu werden, namentlich zwischen dem 28. und
+30.&nbsp;Grad der Breite, was allerdings auf thierischen Ursprung
+hindeutete.</p>
+<p>Am 27. November. Wir rückten langsam auf die Insel Orchila zu;
+wie alle kleinen Eilande in der Nähe der fruchtbaren Küste von
+Terra firma ist sie unbewohnt geblieben. Ich fand die Breite des
+nördlichen Vorgebirges 11°51′44″ und die Länge des östlichen
+Vorgebirges 68°26′5″ (Nueva Barcelona zu 67°4′48″ angenommen). Dem
+westlichen Cap gegenüber liegt ein Fels, an dem sich die Wellen mit
+starkem Getöse brechen. Einige mit dem Sextanten aufgenommene
+Winkel ergaben für die Länge der Insel von Ost nach West
+8,4&nbsp;Seemeilen (zu 950 Toisen), für die Breite kaum
+3&nbsp;Seemeilen. Die Insel Orchila, die ich mir nach ihrem Namen
+als ein dürres, mit Flechten bedecktes Eiland vorgestellt hatte,
+zeigte sich jetzt in schönem Grün; die Gneißhügel waren mit Gräsern
+bewachsen. Im geologischen Bau scheint Orchila im Kleinen mit der
+Insel Margarita übereinzukommen; sie besteht aus zwei, durch eine
+Landzunge verbundenen Felsgruppen; jene ist ein mit Sand bedeckter
+Isthmus, der aussieht, als wäre er beim allmähligen Sinken des
+Meeresspiegels aus dem Wasser gestiegen. Die Felsen erschienen
+hier, wie überall, wo sie sich einzeln steil aus der See erheben,
+weit höher, als sie wirklich sind; sie sind kaum 80 bis
+90&nbsp;Toisen hoch. Gegen Nordwest streicht die <em>Punta
+rasa</em> hinaus und verliert sich als Untiefe im Wasser. Sie kann
+den Schiffen gefährlich werden, wie auch der
+<strong>Mogote</strong>, der, zwei Seemeilen vom westlichen Cap,
+von Klippen umgeben ist. Wir betrachteten diese Felsen ganz in der
+Nähe und sahen die Gneißschichten nach Nordwest fallen und von
+dicken Quarzlagern durchzogen. Von der Verwitterung dieser Lager
+rührt ohne Zweifel der Sand des umgebenden Strandes her. Ein paar
+Baumgruppen beschatten die Gründe; oben auf den Hügeln stehen
+Palmen mit fächerförmigem Laub. Es ist wahrscheinlich die <em>Palma
+de sombrero</em> der Llanos (<em>Corypha tectorum</em>). Es regnet
+wenig in diesen Strichen, indessen fände man auf der Insel Orchila
+wahrscheinlich doch einige Quellen, wenn man sie so eifrig suchte,
+wie im Glimmerschiefergestein auf Punta Araya. Wenn man bedenkt,
+wie viele dürre Felseneilande zwischen dem 16. und 26.&nbsp;Grad
+der Breite im Archipel der kleinen Antillen und der Bahama-Inseln
+bewohnt und gut angebaut sind, so wundert man sich, diese den
+Küsten von Cumana, Barcelona und Caracas so nahe gelegenen Eilande
+wüste liegen zu sehen. Es wäre längst anders, wenn sie unter einer
+andern Regierung als unter der von Terra firma ständen. Nichts kann
+Menschen veranlassen, ihre Thätigkeit auf den engen Bezirk einer
+Insel zu beschränken, wenn das nahe Festland ihnen größere
+Vortheile bietet.</p>
+<p>Bei Sonnenuntergang kamen uns die zwei Spitzen der <em>Roca de
+afuera</em> zu Gesicht, die sich wie Thürme aus der See erheben.
+Nach der Aufnahme mit dem Compaß liegt der östlichste dieser Felsen
+0°19′ westwärts vom westlichen Cap von Orchila. Die Wolken blieben
+lange um diese Insel geballt, so daß man ihre Lage weit in See
+erkannte. Der Einfluß, den eine kleine Landmasse auf die
+Verdichtung der 800 Toisen hoch schwebenden Wasserdünste äußert,
+ist eine sehr auffallende Erscheinung, aber allen Seefahrern wohl
+bekannt. Durch diese Ansammlung von Wolken erkennt man die Lage der
+niedrigsten Inseln in sehr bedeutender Entfernung.</p>
+<p>Am 29. November. Bei Sonnenaufgang sahen wir fast dicht am
+Meereshorizont die Kuppel der Silla bei Caracas noch ganz deutlich.
+Wir glaubten 39 bis 40 Meilen (Lieues) davon entfernt zu seyn,
+woraus, die Höhe des Berges (1350 Toisen), seine astronomische Lage
+und den Schiffsort als richtig bestimmt angenommen, eine für diese
+Breite etwas starke Refraction zwischen ¹⁄₆ und ¹⁄₇, folgte. Um
+Mittag verkündeten alle Zeichen am Himmel gegen Nord einen
+Witterungswechsel; die Luft kühlte sich auf einmal auf 22°8 ab,
+während die See an der Oberfläche eine Temperatur von 25°6 behielt.
+Während der Beobachtung um Mittag brachten daher auch die
+Schwingungen des Horizonts, der von schwarzen Streifen oder Bändern
+von sehr veränderlicher Breite durchzogen war, einen Wechsel von 3
+bis 4 Minuten in der Refraction hervor. Bei ganz stiller Luft fing
+die See an hoch zu gehen; Alles deutete auf einen Sturm zwischen
+den Caymanseilanden und dem Cap San Antonio. Und wirklich sprang am
+30.&nbsp;November der Wind auf einmal nach Nordnordost um, und die
+Wogen wurden ausnehmend hoch. Gegen Nord war der Himmel
+schwarzblau, und unser kleines Fahrzeug schlingerte um so stärker,
+da man im Anschlagen der Wellen zwei sich kreuzende Seen
+unterschied, eine aus Nord, eine andere aus Nordnordost. Auf eine
+Seemeile weit bildeten sich Wasserhosen und liefen rasch von
+Nordnordost nach Nordnordwest. So oft die Wasserhose uns am
+nächsten kam, fühlten wir den Wind stärker werden. Gegen Abend
+brach durch die Unvorsichtigkeit unseres amerikanischen Kochs Feuer
+auf dem Oberleuf aus. Es wurde leicht gelöscht; bei sehr schlimmem
+Wetter mit Windstößen, und da wir Fleisch geladen hatten, das des
+Fettes wegen ungemein leicht brennt, hätte aber das Feuer rasch um
+sich greifen können. Am 1.&nbsp;December Morgens wurde die See
+allmählig ruhiger, je mehr sich der Wind in Nordost festsetzte. Ich
+war zu dieser Zeit des gleichförmigen Ganges meines Chronometers
+ziemlich gewiß; der Capitän wollte aber zur Beruhigung einige
+Punkte der Insel St.&nbsp;Domingo peilen. Am 2.&nbsp;December kam
+wirklich Cap Beata in Sieht, an einem Punkt, wo wir schon lange
+Wolkenhaufen gesehen hatten. Nach Höhen des Achernar, die ich in
+der Nacht aufnahm, waren wir 64&nbsp;Seemeilen davon entfernt. In
+dieser Nacht beobachtete ich eine sehr interessante optische
+Erscheinung, die ich aber nicht zu erklären versuche. Es war über
+zwölf ein halb Uhr; der Wind wehte schwach aus Ost; der Thermometer
+stand auf 23°2, der Fischbein-Hygrometer auf 57°. Ich war ans dem
+Oberleuf geblieben, um die Culmination einiger großen Sterne zu
+beobachten. Der volle Mond stand sehr hoch. Da auf einmal bildete
+sich auf der Seite des Mondes, 45&nbsp;Minuten vor seinem Durchgang
+durch den Meridian, ein großer Bogen in allen Farben des Spectrums,
+aber unheimlich anzusehen. Der Bogen reichte über den Mond hinaus;
+der Streifen in den Farben des Regenbogens war gegen zwei Grad
+breit und seine Spitze schien etwa 80 bis 85 Grad über dem
+Meereshorizont zu liegen. Der Himmel war vollkommen rein, von Regen
+keine Spur; am auffallendsten war mir aber, daß die Erscheinung,
+die vollkommen einem Mondregenbogen glich, sich nicht dem Mond
+gegenüber zeigte. Der Bogen blieb 8 bis 10 Minuten, scheinbar
+wenigstens, unverrückt; im Moment aber, wo ich versuchte, ob er
+durch Reflexion im Spiegel des Sextanten zu sehen seyn werde, fing
+er an sich zu bewegen und über den Mond und Jupiter, der nicht weit
+unterhalb des Mondes stand, hinabzurücken. Es war zwölf Uhr
+vierundfünfzig Minuten (wahre Zeit), als die Spitze des Bogens
+unter dem Horizont verschwand. Diese Bewegung eines farbigen Bogens
+setzte die wachhabenden Matrosen auf dem Oberlauf in Erstaunen; sie
+behaupteten, wie beim Erscheinen jedes auffallenden Meteors, »das
+bedeute Sturm.« Arago hat die Zeichnung dieses Bogens in meinem
+Reisetagebuche untersucht; nach seiner Ansicht hätte das im Wasser
+reflektirte Bild des Mondes keinen Hof von so großem Durchmesser
+geben können. Die Raschheit der Bewegung ist ein weiteres Moment,
+das diese Erscheinung, die alle Beachtung verdient, ebenso schwer
+erklärlich macht.</p>
+<p>Am 3. December. Man war unruhig, weil sich ein Fahrzeug sehen
+ließ, das man für einen Caper hielt. Als es auf uns zukam, sah man,
+daß es die <strong>Balandra del Frayle</strong> (Goelette des
+Mönchs) war. Was eine so seltsame Benennung sagen wollte, war mir
+unklar. Es war aber nur das Fahrzeug eines Missionärs vom
+Franciscanerorden (<em>Frayle Observante</em>), eines sehr reichen
+Pfarrers eines indianischen Dorfs in den Llanos von Barcelona, der
+seit mehreren Jahren einen kleinen, ziemlich einträglichen
+Schmuggelhandel mit den dänischen Inseln trieb. In der Nacht sahen
+Bonpland und mehrere andere Passagiere auf eine Viertels-Seemeile
+unter dem Wind eine kleine Flamme an der Meeresfläche, die gegen
+Südwest fortlief und die Luft erhellte. Man spürte keinen Erdstoß,
+keine Aenderung in der Richtung der Wellen. War es ein
+phosphorischer Schein, den eine große Masse faulender Mollusken
+verbreitete, oder kam die Flamme vom Meeresboden herauf, wie
+solches zuweilen in von Vulkanen erschütterten Seestrichen
+beobachtet worden seyn soll? Letztere Annahme scheint mir durchaus
+unwahrscheinlich. Vulkanische Flammen können nur dann aus den
+Wellen hervorbrechen, wenn der feste Boden des Meeres bereits
+emporgehoben ist, so daß Flammen und glühende Schlacken aus dem
+obern gewölbten und zerklüfteten Theil hervorkommen und nicht durch
+das Wasser selbst hindurchgehen.</p>
+<p>Am 4. December. Um zehn ein halb Uhr Morgens befanden wir uns
+unter dem Meridian des Vorgebirgs Bacco (Punta Abaccu), dessen
+Länge ich gleich 76°7′50″ oder 90°3′2″ von Nueva Barcelona fand. Im
+Frieden laufen, nach dem alten Brauch der spanischen Schiffer, die
+Fahrzeuge, die zwischen Cumana oder Barcelona und der Havana mit
+Salzfleisch Handel treiben, durch den Canal von Portorico und über
+»den alten« Canal nördlich von Cuba; zuweilen gehen sie auch
+zwischen Cap Tiburon und Cap Morant durch und fahren an der
+Nordküste von Jamaica hin. In Kriegszeiten gelten diese Wege für
+gleich gefährlich, weil man zu lange im Angesicht des Landes
+bleibt. Aus Furcht vor den Capern fuhren wir daher, sobald wir den
+Parallel von 17 Grad erreicht hatten, gerade über die Bank Vibora,
+bekannter unter dem Namen Pedro Shoals. Diese Bank ist über 280
+Quadratseemeilen groß und ihr Umriß fällt dem Geologen stark ins
+Auge, weil derselbe mit dem des benachbarten Jamaica so große
+Aehnlichkeit hat. Es ist als hätte eine Erhebung des Meerbodens die
+Wasserfläche nicht erreichen können, um sofort eine Insel zu
+bilden, fast so groß wie Portorico. Seit dem fünften December
+glaubten die Steuerleute in großer Entfernung nach einander die
+Ranaseilande (Morant Kays), Cap Portland und Pedro Kays zu peilen.
+Wahrscheinlich irrte man sich bei mehreren dieser Peilungen vom
+Mastkorbe aus; ich habe dieser Bestimmungen anderswo Erwähnung
+gethan,<sup><a href="#fn192" class="footnoteRef" id="fnref192"
+name="fnref192">192</a></sup> nicht um sie gegen die Beobachtungen
+geübter englischer Seefahrer in diesen stark befahrenen Seestrichen
+aufzustellen, sondern allein, um die Punkte, die ich in den Wäldern
+am Orinoco und im Archipel der Antillen bestimmt, zu Einem System
+von Beobachtungen zu verknüpfen. Die milchigte Farbe des Wassers
+zeigte uns, daß wir uns am östlichen Rande der Bank befanden; der
+hunderttheilige Thermometer, der an der Meeresfläche weit ab von
+der Bank seit mehreren Tagen auf 27° und 27°3 gestanden hatte (bei
+einer Lufttemperatur von 21°2), fiel schnell auf 25°7. Das Wetter
+war vom vierten bis zum sechsten December sehr schlecht; es regnete
+in Strömen, in der Ferne tobte ein Gewitter und die Windstöße aus
+Nordnordwest wurden immer heftiger. In der Nacht befanden wir uns
+eine Zeitlang in einer ziemlich bedenklichen Lage. Man hörte vor
+dem Vordertheil die See an Klippen branden, auf die das Schiff
+zulief. Beim phosphorischen Schein des schäumenden Meeres sah man,
+in welcher Richtung die Riffe lagen. Das sah fast aus wie der
+Raudal von Garcita und andere Stromschnellen, die wir im Bett des
+Orinoco gesehen. Der Capitän schob die Schuld weniger auf die
+Nachlässigkeit des Steuermanns, als auf die Mangelhaftigkeit der
+Seekarten. Es gelang das Schiff zu wenden, und in weniger als einer
+Viertelstunde waren wir außer aller Gefahr. Das Senkblei zeigte
+zuerst 9, dann 12, dann 15 Faden. Wir legten die Nacht vollends
+bei; der Nordwind drückte den Thermometer auf 19°7 (15°7 Reaumur)
+herab. Am andern Tag fand ich nach chronometrischer Beobachtung in
+Verbindung mit der corrigirten Schätzung vom vorigen Tag, daß jene
+Klippen ungefähr unter 16°50′ der Breite und 80°43′49″ der Länge
+liegen. Die Klippe, an der das spanische Schiff el Monarca im Jahr
+1798 beinahe zu Grunde gegangen wäre, liegt unter 16°44′ der Breite
+und 80°23′ der Länge, also viel weiter gegen Ost. Während wir von
+Südsüdost nach Nordnordwest über die Bank Vibora fuhren, versuchte
+ich es oft die Temperatur des Meerwassers an der Oberfläche zu
+messen. Mitten auf der Bank war die Abkühlung nicht so stark als an
+den Rändern, was wir den Strömungen zuschrieben, die in diesen
+Strichen die Wasser verschiedener Breiten mischen. Südwärts von
+Pedro Kays zeigte die Meeresfläche bei 25 Faden Tiefe 26°4, bei 15
+Faden Tiefe 26°2. Oestlich von der Bank war die Temperatur der See
+26°8 gewesen. Diese Versuche können in diesen Strichen nur dann
+genaue Resultate geben, wenn man sie zu einer Zeit anstellt, wo der
+Wind nicht aus Nord bläst und die Strömungen nicht so stark sind.
+Die Nordwinde und die Strömungen kühlen nach und nach das Wasser
+ab, selbst wo die See sehr tief ist. Südwärts vom Cap Corientes
+unter 20°43′ der Breite fand ich die Temperatur des Meeres an der
+Oberfläche 24°6, die der Luft 19°8. Manche amerikanische Schiffer
+versichern, zwischen den Bahamainseln merken sie oft, wenn sie in
+der Cajüte sitzen, ob sie sich über Untiefen befinden; sie
+behaupten, die Lichter bekommen kleine Höfe in den Regenbogenfarben
+und die ausgeathmete Luft verdichte sich zu sichtbarem Dunst.
+Letzteres Factum ist denn doch wohl zu bezweifeln; unterhalb dem
+30.&nbsp;Grad der Breite ist die Erkältung durch das Wasser der
+Untiefen nicht bedeutend genug, um diese Erscheinung
+hervorzubringen. Während wir über die Bank Vibora liefen, war der
+Zustand der Luft ganz anders, als gleich nachdem wir sie verlassen
+hatten. Der Regen hielt sich innerhalb der Grenzen der Bank, und
+wir konnten von ferne ihren Umriß an den Dunstmassen erkennen, die
+darauf lagerten.</p>
+<p>Am 9. December. Je näher wir den Caymanseilanden<sup><a href=
+"#fn193" class="footnoteRef" id="fnref193" name=
+"fnref193">193</a></sup> kamen, desto stärker wurde wieder der
+Nordostwind. Trotz des stürmischen Wetters konnte ich einige
+Sonnenhöhen aufnehmen, als wir uns auf 12 Seemeilen Entfernung im
+Meridian des Gran-Cayman, der mit Cocosbäumen bewachsen ist, zu
+befinden glaubten. Ich habe anderswo die Lage des Gran-Cayman und
+der beiden Eilande ostwärts von demselben erörtert. Seit lange find
+diese Punkte auf unsern hydrographischen Karten sehr unsicher, und
+ich fürchte nicht glücklicher gewesen zu seyn als andere
+Beobachter, die ihre wahre Lage ausgemacht zu haben glaubten. Die
+schönen Karten des Deposito zu Madrid gaben dem Ostcap von
+Gran-Cayman zu verschiedenen Zeiten 82°58′ (von 1799—1804), 83°43′
+(1809), wieder 82°59′ (1821). Letztere Angabe, die auf der Karte
+von Barcaiztegui aufgenommen ist, stimmt mit der überein, bei der
+ich stehen geblieben war; aber nach der Versicherung eines
+ausgezeichneten Seefahrers, des Contreadmirals Roussin, dem man
+eine ausgezeichnete Arbeit über die Küsten von Brasilien verdankt,
+scheint es jetzt ausgemacht, daß das westliche Vorgebirge von
+Gran-Cayman unter 83°45′ der Länge liegt.</p>
+<p>Das Wetter war fortwährend schlecht und die See ging ungemein
+hoch; der Thermometer stand zwischen 19°2 und 20°3 (15°4—16°2
+Reaumur). Bei dieser niedrigen Temperatur wurde der Geruch des
+Salzfleisches, mit dem das Schiff beladen war, noch unerträglicher.
+Der Himmel zeigte zwei Wolkenschichten; die untere war sehr dick
+und wurde ausnehmend rasch gegen Südost gejagt, die obere stand
+still und war in gleichen Abständen in gekräuselte Streifen
+getheilt. In der Nähe des Cap San Antonio legte sich der Wind
+endlich. Ich fand die Nordspitze des Caps unter 87°17′22″, oder
+2°34′14″ ostwärts vom Morro von Havana gelegen. Diese Länge geben
+demselben die besten Karten noch jetzt. Wir waren noch drei
+Seemeilen vom Lande, und doch verrieth sich die Nähe von Cuba durch
+einen köstlichen aromatischen Geruch. Die Seeleute versichern, wenn
+man sich dem Vorgebirge Catoche an der dürren Küste von Mexico
+nähere, sey kein solcher Geruch zu spüren. Sobald das Wetter
+heiterer wurde, stieg der Thermometer im Schatten nach und nach auf
+27&nbsp;Grad; wir rückten rasch nach Norden vor mittelst einer
+Strömung aus Süd-Süd-Ost, deren Temperatur an der Wasserfläche 26°7
+betrug, während ich außerhalb derselben Strömung nur 24°6 gefunden
+hatte. In der Besorgniß, ostwärts von der Havana zu kommen, wollte
+man anfangs die Schildkröteninseln (<em>Dry Tortugas</em>) am
+Südwestende der Halbinsel Florida aufsuchen; aber seit Cap San
+Antonio in Sicht gewesen, hatten wir zu Louis Berthouds Chronometer
+so großes Zutrauen gefaßt, daß solches überflüssig erschien. Wir
+ankerten im Hafen der Havana am 19.&nbsp;December nach einer fünf
+und zwanzigtägigen Fahrt bei beständig schlechtem Wetter.</p>
+<h1 id="anmerkungen-zur-transkription"><a href="#TOC">Anmerkungen
+zur Transkription</a></h1>
+<p>Zwei Google-Digitalisate dienten als Vorlage, tesseract besorgte
+die OCR und pandoc die Konversion nach HTML, EPUB und TXT.</p>
+<p>Die Markdown-Source steht unter
+http://github.com/rwst/book-humboldt-reise zur Verfügung. Für
+Fehlermeldungen benutzen Sie bitte den dortigen Tracker.</p>
+<div class="footnotes">
+<hr />
+<ol>
+<li id="fn1">
+<p>Die drei letztgenannten Arten sind neu.<a href=
+"#fnref1">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn2">
+<p>Zwei spanische Worte, die, entsprechend einer lateinischen Form,
+Palmwälder (<em>palmetum</em>) und Fichtenwälder (<em>pinetum</em>)
+bedeuten.<a href="#fnref2">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn3">
+<p>Ich nenne hier die zwei von Ost nach West streichenden
+Bergketten, welche zwischen dem 3°30′ nördlicher und dem 14°
+südlicher Breite die Thäler oder Becken des Cassiquiare, Rio Negro
+und Amazonenstroms begrenzen.<a href="#fnref3">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn4">
+<p>S. Bd. III. Seite 198.<a href="#fnref4">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn5">
+<p>S. Bd. III. Seite 390.<a href="#fnref5">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn6">
+<p>Es ist auffallend, daß der <strong>blaue Nil</strong> (<em>Bahar
+el azrek</em>) bei manchen arabischen Geographen der <strong>grüne
+Nil</strong> heißt, und daß die persischen Dichter zuweilen den
+Himmel grün (<em>akhza</em>), sowie den Beryll blau (<em>zark</em>)
+nennen. Man kann doch nicht annehmen, daß die Völker vom
+semitischen Stamm in ihren Sinneseindrücken grün und blau
+verwechseln, wie nicht selten ihr Ohr die Vokale o und u, e und i
+verwechselt. Das Wort <em>azrek</em> wird von jedem sehr klaren,
+nicht milchigten Wasser gebraucht, und <em>abirank</em>
+(wasserfarbig) bedeutet blau. Abd-Allatif, wo er vom klaren grünen
+Arm des Nils spricht, der aus einem See im Gebirge südöstlich von
+Sennaar entspringt, schreibt bereits die grüne Farbe dieses Alpsees
+»vegetabilischen Substanzen zu, die sich in den stehenden Wassern
+in Menge finden.« Weiter oben (Bd. III. Seite 266) habe ich die
+gefärbten, unrichtig <em>aguas negras</em> genannten Wasser ebenso
+erklärt. Ueberall sind die klarsten, durchsichtigsten Wasser gerade
+solche, die nicht weiß sind.<a href="#fnref6">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn7">
+<p>Eine Hütte aus einem angebauten Grundstück, eine Art Landhaus,
+wo sich die Eingeborenen lieber aufhalten als in den
+Missionen.<a href="#fnref7">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn8">
+<p><em>En el monte.</em> Man unterscheidet zwischen Indianern, die
+in den Missionen, und solchen die in den Wäldern geboren sind. Das
+Wort <strong>Monte</strong> wird in den Colonien häufiger für Wald
+(<em>bosque</em>) gebraucht als für Berg, und dieser Umstand hat
+auf unsern Karten große Irrthümer veranlaßt, indem man Bergletten
+(<em>sierras</em>) einzeichnete, wo nichts als dicker Wald,
+<em>monte espeso</em>so, ist.<a href="#fnref8">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn9">
+<p>Einige Fälle, wo von Negern auf Tuba Kinder geraubt wurden,
+gaben in den spanischen Colonien Anlaß zum Glauben, als gebe es
+unter den afrikanischen Völkerschaften Anthropophagen. Einige
+Reisende behaupten solches, es wird aber durch Barrow’s
+Beobachtungen im innern Afrika widerlegt. Abergläubische Gebräuche
+mögen Anlaß zu Beschuldigungen gegeben haben, die wohl so ungerecht
+sind als die, unter denen in den Zeiten der Intoleranz und der
+Verfolgungssucht die Juden zu leiden hatten.<a href=
+"#fnref9">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn10">
+<p>Cardinal Bembo sagt: »<em>Insularum partem homines incolebant
+feri trucesque, qui puerorum et virorum carnibus, quos allüs in
+insulis bello aut latrocinüs coepissent, vescebantur; a feminis
+abstinebant, Canibales appellati.</em>« Ist das Wort Cannibale, das
+hier von den Caraiben auf den Antillen gebraucht wird, aus einer
+der Sprachen dieses Archipels (der haitischen) oder hat man es in
+einer Mundart zu suchen, die in Florida zu Hause ist, das nach
+einigen Sagen die ursprüngliche Heimath der Caraiben seyn soll? Hat
+das Wort überhaupt einen Sinn, so scheint es vielmehr »starke,
+tapfere Fremde« als Menschenfresser zu bedeuten. Garcia in seinen
+etymologischen Phantasieen erklärt es geradezu für phönikisch.
+<strong>Annibal</strong> und <strong>Cannibal</strong> können nach
+ihm nur von derselben semitischen Wurzel herkommen.<a href=
+"#fnref10">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn11">
+<p><em>Abd-Allatif, Médecin de Bagdad, Relation de l’Égypte, trad.
+par Silvestre de Sacy.</em> —- »Als die Armen anfingen
+Menschenfleisch zu essen, war der Abscheu und das Entsetzen über so
+gräßliche Gerichte so groß, daß von nichts als von diesen Greueln
+gesprochen wurde; man gewöhnte sich aber in der Folge dergestalt
+daran und man fand so großen Geschmack an der entsetzlichen Speise,
+daß man reiche und ganz ehrbare Leute sie für gewöhnlich genießen,
+zum Festessen machen, ja Vorräthe davon anlegen sah. Es kamen
+verschiedene Zubereitungsarten des Fleisches auf, und da der Brauch
+einmal bestand, verbreitete er sich auch über die Provinzen, so daß
+aller Orten in Egypten Fälle vorkamen. Und da verwunderte man sich
+gar nicht mehr darüber; das Entsetzen, das man zu Anfang darob
+empfunden, schwand ganz und gar, und man sprach davon und hörte
+davon sprechen als von etwas Gleichgültigem und Alltäglichem. Die
+Suche, einander aufzuessen, griff unter den Armen dergestalt um
+sich, daß die meisten auf diese Weise umkamen. Die Gierenden
+brauchten alle möglichen Listen, um Menschen zu überfallen oder sie
+unter falschem Vorgeben zu sich ins Haus zu locken. Von den
+Aerzten, die zu mir kamen, verfielen drei diesem Loos, und ein
+Buchhändler, der Bücher an mich verkaufte, ein alter, sehr fetter
+Mann, fiel in ihre Netze und kam nur mit knapper Noth davon. Alle
+Vorfälle, von denen wir als Augenzeugen berichten, sind uns
+zufällig vor Augen gekommen, denn meist gingen wir einem Anblick
+aus dem Wege, der uns mit solchem Entsetzen erfüllte.«<a href=
+"#fnref11">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn12">
+<p>»Es gibt Regen, weil man die Gießbäche näher rauschen hört,«
+heißt es in den Alpen wie in den Anden. Deluc hat die Erscheinung
+dadurch zu erklären versucht, daß in Folge eines Wechsels im
+barometrischen Druck mehr Luftblasen an der Wasserfläche platzen.
+Diese Erklärung ist so gezwungen als unbefriedigend. Ich will ihr
+keine andere Hypothese entgegenstellen, ich mache nur darauf
+aufmerksam, daß die Erscheinung auf einer Modifikation der Luft
+beruht, welche auf die <strong>Schallwellen</strong> und auf die
+<strong>Lichtwellen</strong> zumal Einfluß äußert. Wenn die
+Verstärkung des Schalls als Wetterzeichen gilt, so hängt dieß ganz
+genau damit zusammen, daß man der geringeren Schwächung des Lichts
+dieselbe Bedeutung beilegt. Die Aelpler behaupten mit Zuversicht,
+das Wetter ändere sich, wenn bei ruhiger Luft die mit ewigem Schnee
+bedecken Alpen dem Beobachter auf einmal nahe gerückt scheinen und
+sich ihre Umrisse ungewöhnlich scharf vom Himmelsblau abheben. Was
+ist die Ursache, daß in den vertikalen Luftschichten der Mangel an
+Homogeneität so rasch aufgehoben wird?<a href="#fnref12">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn13">
+<p><em>Simia chiropotes</em>, eine neue Art.<a href=
+"#fnref13">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn14">
+<p>Zu 950 Toisen.<a href="#fnref14">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn15">
+<p>Orellana hat auf dem Amazonenstrom dieselbe Beobachtung
+gemacht.<a href="#fnref15">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn16">
+<p>Es ist dieß eine 80 Meilen breite Oeffnung, die einzige, durch
+welche die <strong>vereinigten Becken des obern Orinoco und des
+Amazonenstroms mit dem Becken des untern Orinoco oder den Llanos
+von Venezuela</strong> in Verbindung stehen. Wir betrachten diese
+Oeffnung geologisch als ein <em>détroit terrestre</em>, als eine
+Land-Meerenge, weil sie macht, daß aus einem dieser Becken in das
+andere Gewässer strömen, und weil ohne sie die Bergkette der
+Parime, die, gleich den Ketten des Küstenlandes von Caracas und
+denen von Mato-Grosso oder Chiquitos, von Ost nach West streicht,
+unmittelbar mit den Anden von Neu-Grenada zusammenhinge. (S. Bd.
+II. Seite 379.) <a href="#fnref16">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn17">
+<p>Hänge, die in entgegengesetzter Richtung gegen den Horizont
+geneigt sind.<a href="#fnref17">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn18">
+<p>Eine Oberfläche zehnmal größer als Frankreich.<a href=
+"#fnref18">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn19">
+<p>Es gibt 1) <strong>oceanische Deltas</strong>, wie an den
+Mündungen des Orinoco, des Rio Magdalena, des Ganges; 2)
+<strong>Deltas an den Ufern von Binnenmeeren</strong>, wie die des
+Oxus und Sihon; 3) <strong>Deltas von Nebenflüssen</strong>, wie an
+den Mündungen des Apure, des Arauca und des Rio Branco. Fließen
+mehrere untergeordnete Gewässer in der Nähe der Deltas von
+Nebenflüssen, so wiederholt sich im Binnenland ganz, was im
+Küstenland an den oceanischen Deltas vorgeht. Die einander zunächst
+gelegenen Zweige theilen sich ihre Gewässer mit und bilden ein
+Flußnetz, das zur Zeit der großen Ueberschwemmungen fast
+unkenntlich wird.<a href="#fnref19">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn20">
+<p>Südöstlich von Bornou und dem See Nou, in dem Theile von Soudan,
+wo, nach den letzten Ermittelungen meines unglücklichen Freundes
+Ritchie, der Niger den Shary aufnimmt und sich in den weißen Nil
+ergießt.<a href="#fnref20">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn21">
+<p>Der Sutledge, der Gogra, der Gunduk, der Arun, der Teesla und
+der Buramputer laufen durch Querthäler, d.&nbsp;h. senkrecht auf
+die große Achse der Himalayakette. Alle diese Flüsse durchbrechen
+also die Kette, wie der Amazonenstrom, der Paute und der Pastaza
+die Cordillere der Anden.<a href="#fnref21">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn22">
+<p>S. Bd. III. Seite 359.<a href="#fnref22">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn23">
+<p>Pater Caulin, der im Jahr 1759 schrieb, obgleich sein
+wahrheitgetreues, sehr werthvolles Buch (<em>Historia corografica
+de la Nueva Andalusia y vertientes del Rio Orinoco</em>) erst 1779
+erschien, bestreitet mit vielem Scharfsinn die Vorstellung, daß
+eine Bergkette jede Verbindung zwischen den Betten des Orinoco und
+des Amazonenstroms ausschließe. »Pater Gumillas Irrthum,« sagt er,
+»besteht darin, daß er sich vorstellt, Von den Grenzen von
+Neu-Grenada bis Cayenne müsse sich eine Cordillere ununterbrochen,
+wie eine ungeheure Mauer fortziehen. Er beachtet nicht, daß
+Bergketten häufig von tiefen (Quer-) Thälern durchschnitten sind,
+während sie, aus der Ferne gesehen, sich als <em>contiguas ò
+indivisas</em> darstellen.«<a href="#fnref23">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn24">
+<p>S. Bd. III. Seite 86.<a href="#fnref24">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn25">
+<p>Von <em>rescatar</em>, loskaufen.<a href="#fnref25">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn26">
+<p><em>Lepidamente, al suo solito</em>, sagt der Missionär
+Gili.<a href="#fnref26">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn27">
+<p>General Ituriaga, der zuerst in Muitaco oder Real Corona, später
+in Cabruta krank lag, wurde schon im Jahr 1760 vom portugiesischen
+Obristen Don Gabriel de Sousa y Figueira besucht, der von Gran-Para
+aus gegen 900 Meilen im Canoe zurückgelegt hatte. Der schwedische
+Botaniker Löfling, der dazu ausersehen war, die Grenzexpedition auf
+Kosten der spanischen Regierung zu begleiten, häufte in seiner
+lebhaften Phantasie die Verzweigungen der großen Ströme Südamerikas
+dergestalt, daß er überzeugt war, er konnte aus dem Rio Negro und
+dem Amazonenstrom in den Rio de la Plata fahren.<a href=
+"#fnref27">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn28">
+<p>Die Karte von la Cruz liegt allen neuen Karten von Amerika zu
+Grunde. (<em>Mapa geografica de America meridional por D. Juan de
+la Cruz Cano y Olmedilla.</em> 1775.) Die Originalausgabe, die ich
+besitze, ist desto seltener, als, wie man allgemein glaubt, die
+Kupferplatten auf Befehl eines Colonialministers zerbrochen worden
+sind, weil derselbe besorgte, die Karte möchte allzu genau seyn.
+Ich kann versichern, daß sie diesen Vorwurf nur hinsichtlich
+weniger Punkte verdient.<a href="#fnref28">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn29">
+<p>In großen Dingen (bei außerordentlichen Naturerscheinungen)
+gehen Neuheit und Unglauben Hand in Hand.<a href=
+"#fnref29">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn30">
+<p>Dorf in der Provinz Jaen de Bracamoros.<a href=
+"#fnref30">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn31">
+<p>Schon Oviedo rühmt das Seewasser als Gegengift gegen
+vegetabilische Gifte. In den Missionen verfehlt man nicht, den
+europäischen Reisenden alles Ernstes zu versichern, mit Salz im
+Mund habe man in Curare getauchte Pfeile so wenig zu fürchten, als
+die Schläge des Gymnotus, wenn man Tabak kaue. Ralegh empfiehlt
+Knoblauchsaft als Gegengift gegen das <strong>Ourari</strong>
+(Curare).<a href="#fnref31">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn32">
+<p>Kurz nach unserer Rückkehr nach Europa kam in Deutschland nach
+einer geistvollen Zeichnung Schicks in Rom ein Kupferstich heraus,
+eines unserer Nachtlager am Orinoco vorstellend. Im Vordergrund
+sind Indianer beschäftigt einen Affen zu braten.<a href=
+"#fnref32">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn33">
+<p>Schon die glatte Oberfläche der Blaserohre beweist, daß sie von
+keinem Gewächs aus der Familie der Schirmpflanzen kommen
+können.<a href="#fnref33">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn34">
+<p>Der <em>Caricillo del Manati</em>, der an den Ufern des Orinoco
+in Menge wächst, wird 8 bis 12 Fuß lang.<a href=
+"#fnref34">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn35">
+<p>Diese Völker, die noch roher waren, ais die Eingeborenen am
+Orinoco, dörrten geradezu die frischen Fische an der Sonne. Bei
+ihnen hatte der Fischteig die Form von Backsteinen, und man setzte
+zuweilen den aromatischen Samen des Paliurus (Rhamnus) zu, gerade
+wie man in Deutschland und andern nördlichen Ländern Kümmel und
+Fenchel in das Brod thut.<a href="#fnref35">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn36">
+<p>S. Bd. I. Seite 330<a href="#fnref36">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn37">
+<p>S. Bd. III. Seite 389.<a href="#fnref37">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn38">
+<p>Die dunkelfarbigsten (man könnte fast sagen die schwärzesten)
+Spielarten der amerikanischen Race sind die Otomaken und die
+Guamos, und sie haben vielleicht zu den verworrenen Vorstellungen
+von <strong>amerikanischen Negern</strong>, die in der ersten Zeit
+der Eroberung in Europa verbreitet waren, Anlaß gegeben. Was waren
+die <em>Negros de Quareca</em>, die Gomara auf denselben Isthmus
+von Panama versetzt, woher uns zuerst die albernen Geschichten von
+einem Volk von Albinos in Amerika zugekommen? Liest man die
+Geschichtschreiber aus dem Anfang des sechzehnten Jahrhunderts mit
+Aufmerksamkeit, so sieht man, daß durch die Entdeckung von Amerika,
+wodurch auch eine neue Menschenrace entdeckt worden war, die
+Reisenden großes Interesse für die Abarten unseres Geschlechts
+gewonnen hatten. Hätte nun unter den kupferfarbigen Menschen eine
+schwarze Race gelebt, wie auf den Inseln der Südsee, so hätten die
+Conquistadoren sich sicher bestimmt darüber ausgesprochen. Zudem
+kommen in den religiösen Ueberlieferungen der Amerikaner in ihren
+heroischen Zeiten wohl weiße bärtige Männer als Priester und
+Gesetzgeber vor, aber in keiner dieser Sagen ist von einem
+schwarzen Volksstamm die Rede.<a href="#fnref38">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn39">
+<p>Don Manuel Centurion, <em>Governador y Comendante general de la
+Guayana</em> von 1766—1777.<a href="#fnref39">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn40">
+<p>Dieß ist der indianische Name des obern Orinoco. S. Bd. III.
+Seite 286.<a href="#fnref40">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn41">
+<p>S. Bd. III. Seite 320.<a href="#fnref41">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn42">
+<p>Diese drei Punkte liegen auf den Grenzen der Missionen am Rio
+Carony, am Rio Caura und am obern Orinoco.<a href=
+"#fnref42">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn43">
+<p>Daß die großen Jaguars in einem Lande, wo es kein Vieh gibt, so
+häufig sind, ist ziemlich auffallend. Die Tiger am obern Orinoco
+führen ein elendes Leben gegenüber denen in den Pampas von Buenos
+Ayres, in den Llanos von Caracas und auf andern mit Heerden von
+Hornvieh bedeckten Ebenen. In den spanischen Colonien werden
+jährlich über 4000 Jaguars erlegt, von denen manche die mittlere
+Größe des asiatischen Königstigers erreichen. Buenos Ayres führte
+früher 2000 Jaguarhäute jährlich aus, die bei den Pelzhändlern in
+Europa »große Pantherfelle« heißen.<a href="#fnref43">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn44">
+<p>Gmelin zählt dieses Thier unter dem Namen <em>Felis
+discolor</em> auf. Es ist nicht zu verwechseln mit dem großen
+amerikanischen Löwen, <em>Felis concolor</em>, der vom kleinen
+Löwen (Puma) der Anden von Quito sehr verschieden ist.<a href=
+"#fnref44">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn45">
+<p>S. Bd. III.<a href="#fnref45">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn46">
+<p>Am 18. April 1749. Nicolaus Hortsmann schrieb Tag für Tag an Ort
+und Stelle auf, was ihm Bemerkenswerthes vorgekommen. Er verdient
+um so mehr Zutrauen, da er, höchst mißvergnügt, daß er nicht
+gefunden, was er gesucht (den See Dorado und Gold- und
+Diamantengruben), auf Alles, was ihm unterwegs vorkommt, mit
+Geringschätzung zu blicken scheint.<a href="#fnref46">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn47">
+<p>Es ist dieß das <strong>Atonatiuh</strong> der Mexicaner, das
+vierte Zeitalter, die vierte Erneuerung der Welt.<a href=
+"#fnref47">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn48">
+<p>S. Bd. III. Seite 61.<a href="#fnref48">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn49">
+<p>S. Bd. III. Seite 61.<a href="#fnref49">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn50">
+<p><strong>Creuzer</strong>, Symbolik, III. 89.<a href=
+"#fnref50">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn51">
+<p>S. Bd. III. Seite 254.<a href="#fnref51">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn52">
+<p>S. Bd. III. Seite 281, 300.<a href="#fnref52">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn53">
+<p>Es ist dieß nicht Cuviers Ourax (<em>Crax Pauxi</em>, Lin.),
+sondern der <em>Crax alector</em>.<a href="#fnref53">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn54">
+<p>S. Bd. III. Seite 267.<a href="#fnref54">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn55">
+<p>S. Bd. III. Seite 104.<a href="#fnref55">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn56">
+<p>S. Bd. III. Seite 232.<a href="#fnref56">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn57">
+<p>S. Bd. III. Seite 219.<a href="#fnref57">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn58">
+<p>S. Bd. III. Seite 221.<a href="#fnref58">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn59">
+<p>S. Bd. II. Seite 81.<a href="#fnref59">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn60">
+<p>S. Bd. II. Seite 61.<a href="#fnref60">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn61">
+<p>S. Bd. III. Seite 41.<a href="#fnref61">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn62">
+<p>Diese Berechnung gründet sich auf den Quint, der in den Jahren
+1576 und 1592 an das Schatzamt (<em>caxas reales</em>) von Truxillo
+bezahlt wurde. Die Register sind noch vorhanden. In Persien, in
+Hochasien, in Egypten, wo man auch Gräber aus sehr verschiedenen
+Zeitaltern öffnet, hat man, so viel ich weiß, niemals Schätze von
+Belang entdeckt.<a href="#fnref62">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn63">
+<p>S. Bd. III. Seite 380.<a href="#fnref63">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn64">
+<p>Eine Art Mumien und Skeletie in Körben wurden vor Kurzem in den
+Vereinigten Staaten in einer Höhle entdeckt. Sie sollen einer
+Menschenart angehören, die mit der auf den Sandwichsinseln
+Aehnlichkeit hat. Die Beschreibung dieser Gräber erinnert
+einigermaßen an das, was ich in den Gräbern von Ataruipe
+beobachtet. — Die Missionäre in den Vereinigten Staaten beklagen
+sich über den Gestank, den die Nanticokes verbreiten, wenn sie mit
+den Gebeinen ihrer Ahnen umherziehen.<a href="#fnref64">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn65">
+<p>S. Bd. III. Seite 172.<a href="#fnref65">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn66">
+<p>S. Bd. III. Seite 20.<a href="#fnref66">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn67">
+<p>S. Bd. III. Seite 132.<a href="#fnref67">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn68">
+<p>S. Bd. III. Seite 44.<a href="#fnref68">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn69">
+<p>S. Bd. IV. Seite 47.<a href="#fnref69">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn70">
+<p>S. Bd. III. Seite 82.<a href="#fnref70">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn71">
+<p>Der Nil hat von Cairo bis Rosette auf einer Strecke von 59
+Meilen nur 4 Zoll Fall auf die Meile.<a href="#fnref71">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn72">
+<p>Diese <strong>Steinbutter</strong> ist nicht zu verwechseln mit
+der <strong>Bergbutter</strong>, einer salzigten Substanz, die aus
+der Zersetzung des Alaunschiefers entsteht.<a href=
+"#fnref72">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn73">
+<p><em>Bucaro, vas fictile odoriferum.</em> Man trinkt gerne aus
+diesen Gefäßen wegen des Geruchs des Thons. Die Weiber in der
+Provinz Alemtejo gewöhnen sich an, die Bucaroerde zu kauen, und sie
+empfinden es als eine große Entbehrung, wenn sie dieses abnorme
+Gelüste nicht befriedigen können.<a href="#fnref73">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn74">
+<p>Maypurisch <strong>Nupa</strong>; die Missionäre sagen
+<strong>Nopo</strong>.<a href="#fnref74">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn75">
+<p>S.&nbsp;Bd. III. Seite 356.<a href="#fnref75">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn76">
+<p>Das Wort <strong>Tabak</strong> (<em>tabacco</em>) gehört, wie
+die Worte Savane, Mais, Cazike, Maguey (Agave) und Manati (Seekuh),
+der alten Sprache von Haiti oder St. Domingo an. Es bedeutete
+eigentlich nicht das Kraut, sondern die Röhre, das Werkzeug,
+mittelst dessen man den Rauch einzog. Es muß auffallen, daß ein so
+allgemein verbreitetes vegetabilisches Produkt bei benachbarten
+Völkern verschiedene Namen hatte.<a href="#fnref76">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn77">
+<p>Die Spanier lernten den Tabak am Ende des sechzehnten
+Jahrhunderts auf den Antillen kennen. Ich habe oben bemerkt (Bd.
+II. Seite 320), daß der Anbau dieses narcotischen Gewächses um 120
+bis 140 Jahre älter ist als die segensreiche Anpflanzung der
+Kartoffel. Als Ralegh im Jahr 1586 den Tabak aus Virginien nach
+England brachte, gab es in Portugal bereits ganze Felder voll
+davon.<a href="#fnref77">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn78">
+<p>Die merkwürdige Stelle lautet bei <strong>Camden</strong>,
+<em>Annal. Elizab.</em> p.&nbsp;143. (1585) wie folgt: »<em>Ex illo
+sane tempore (tabacum) usu cepit esse creberrimo in Anglia et magno
+pretio, dum quamplurimi graveolentem illius fumum per tubulum
+testaceum hauriunt et mox e naribus afflant, adeo ut Anglorum
+corpora in barbarorum naturam degenerasse videantur, quum iidem ac
+barbari delectentur.</em>« Man sieht aus dieser Stelle, daß man
+durch die Nase rauchte, während man am Hofe Montezumas in der einen
+Hand die Pfeife hatte und mit der andern die Nase zuhielt, um den
+Rauch leichter schlucken zu können.<a href="#fnref78">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn79">
+<p>Sie hocken im Kreise umher; zuerst heult einer allein und dann
+fallen die andern im selben Tone ein. Gerade so heulen die Rudel
+von Alouatos, unter denen die Indianer den »Vorsänger«
+herauskennen, (vgl. Bd.&nbsp;III. Seite 360). In Mexico wurde der
+stumme Hund (Techichi) verschnitten, damit er fett werde, und dieß
+mußte zur Veränderung des Stimmorgans des Hundes beitragen.<a href=
+"#fnref79">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn80">
+<p>S. Bd. III. Seite 67.<a href="#fnref80">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn81">
+<p>S. Bd. II. Seite 412. III. 81.<a href="#fnref81">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn82">
+<p>S. Bd. III. Seite 399.<a href="#fnref82">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn83">
+<p>S. über den Rio Caura Bd. III. 158. IV. 117. 133. 142.<a href=
+"#fnref83">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn84">
+<p>S. Bd. III. Seite 114, 125.<a href="#fnref84">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn85">
+<p>Die Hauptkirche von <strong>Santo Thome de la Nueva
+Guayana</strong>, gemeiniglich <strong>Angostura</strong>, oder der
+<strong>Engpaß</strong> genannt, liegt nach meinen Beobachtungen
+unter 8°8′11″ der Breite und 66°15′21″ der Länge.<a href=
+"#fnref85">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn86">
+<p>Trapiche, Eigenthum von Don Felix Fereras.<a href=
+"#fnref86">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn87">
+<p>Daß es eine Stadt <strong>Angostura</strong> gebe, erfuhr man in
+Europa durch den Handel der Catalonier mit der China vom Rio
+Carony, welche die heilkräftige Rinde der <em>Bonplandia
+trifoliata</em> ist. Da diese Rinde von Nueva Guayana kam, so
+nannte man sie <strong><em>corteza</em></strong> oder
+<strong><em>cascarilla del Angostura, cortex
+Angosturae</em></strong>. Die Botaniker wußten so wenig, woher
+diese geographische Benennung rührte, daß sie Anfangs
+<strong>Angustura</strong> und dann <strong>Augusta</strong>
+schrieben.<a href="#fnref87">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn88">
+<p>Ich fand denselben 889 Toisen breit. S. Bd. III. Seite
+83.<a href="#fnref88">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn89">
+<p>S. Bd. III. Seite 25.<a href="#fnref89">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn90">
+<p>Die Frucht der <em>Carica Papaya</em>.<a href=
+"#fnref90">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn91">
+<p>Man sollte es kaum glauben, daß während meines Aufenthalts in
+Angostura die Gesammtvertheidigungsmittel der Provinz aus 7
+<em>lanchas canoneras</em> und 600 Mann aller Farben und
+Waffengattungen bestanden, eingerechnet die sogenannten Garnisonen
+der vier Grenzforts, der <em>destacamentos</em> von Nueva Guayana,
+San Carlos del Rio Negro, Guirior und Cuyuni.<a href=
+"#fnref91">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn92">
+<p>Von Süd nach Nord auf 22 Breitegrade.<a href=
+"#fnref92">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn93">
+<p>Von West nach Ost auf 13 Längengrade.<a href=
+"#fnref93">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn94">
+<p>Im Jahr 1768 hatte Angostura nur 500 Einwohner. Eine im Jahr
+1780 vorgenommene Zählung ergab 1513 (nämlich 455 Weiße, 449 Neger,
+363 Mulatten und Zambos, 246 Indianer). Im Jahr 1789 war die
+Bevölkerung auf 4590 und 1800 auf 6600 Seelen gestiegen. Der
+Hauptort der englischen Colonie Demerary, die Stadt Stabrock, liegt
+nur 50 Meilen südostwärts von der Mündung des Orinoco. Sie hat,
+nach Bolingbrok, gegen 10,000 Einwohner.<a href=
+"#fnref94">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn95">
+<p>S. Bd. III. Seite 3.<a href="#fnref95">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn96">
+<p>S. über diese Deltas von Nebenflüssen gegenüber den oceanischen
+Deltas Bd. III. 6. IV. 47. 163.<a href="#fnref96">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn97">
+<p>Das nahrhafte Satzmehl oder <em>farine médullaire</em> der
+Sagobäume findet sich vorzugsweise bei einer Gruppe von Palmen, die
+Kunth <strong>Calameen</strong> nennt; es kommt indessen auch in
+den Stämmen von <em>Cycas revoluta</em>, <em>Pheni farinifera</em>,
+<em>Corypha umbraculifera</em> und <em>Caryoa urens</em> vor und
+wird im indischen Archipel von diesen Bäumen gesammelt und in den
+Handel gebracht. Der ächte asiatische Sagobaum (<em>Sagus
+Rumphii</em>, oder <em>Metroxylon Sagu</em>, Roxburgh) gibt mehr
+Nahrungsstoff als alle andern nutzbaren Gewächse. Von einem
+einzigen Stamm gewinnt man im fünfzehnten Jahr zuweilen
+600&nbsp;Pfund Sago oder Mehl, (denn das Wort <em>Sagu</em>
+bedeutet im amboinischen Dialekt Mehl). Crawfurd, der sich so lange
+auf dem indischen Archipel aufgehalten hat, berechnet, daß auf
+einem englischen Acre (4029&nbsp;Quadratmeter) 435&nbsp;Sagobäume
+wachsen können, die über 8000&nbsp;Pfund Mehl jährlich geben.
+Dieser Ertrag ist dreimal so hoch als beim Getreide, und doppelt so
+hoch als bei der Kartoffel in Frankreich. Die Bananen geben auf
+derselben Bodenfläche noch mehr Nahrungsstoff als der
+Sagobaum.<a href="#fnref97">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn98">
+<p>S. S. 70.<a href="#fnref98">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn99">
+<p>Simeon Sisanites, ein Syrier, war der Stifter dieser Sekte. Er
+brachte in mystischer Beschaulichkeit 37&nbsp;Jahre auf fünf Säulen
+zu, von denen die letzte 36&nbsp;Ellen hoch war. Die
+<strong>Säulenheiligen</strong>, <em>sancti columnares</em>,
+wollten auch in Deutschland, im Trierschen, ihre luftigen Klöster
+einführen, aber die Bischöfe widersetzten sich einem so tollen,
+halsbrecherischen Unternehmen.<a href="#fnref99">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn100">
+<p>S. Seite 47.<a href="#fnref100">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn101">
+<p>S. die oben entwickelte Theorie Bd. III. Seite 13.<a href=
+"#fnref101">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn102">
+<p>In Asien laufen der Ganges, der Buramputer und die
+majestätischen indisch-chinesischen Flüsse <strong>dem
+Aequator</strong> zu. Die ersteren kommen aus der gemäßigten Zone
+in die heiße. Der Umstand, daß die Flüsse entgegengesetzte
+Richtungen haben (dem Aequator oder den gemäßigten Erdstrichen zu),
+äußert Einfluß auf den Eintritt und die Größe der
+Ueberschwemmungen, auf die Art und die Mannigfaltigkeit der
+Produkte längs der Ufer, auf die größere oder geringere
+Lebhaftigkeit des Handels, und, darf ich nach dem, was wir über die
+Völker Egyptens, Meroes und Indiens wissen, wohl sagen, auf den
+Gang der Cultur die Stromthäler entlang.<a href=
+"#fnref102">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn103">
+<p>S. Bd. III. Seite 370.<a href="#fnref103">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn104">
+<p>Strabo, Lib. XVII. Diodorus Siculus Lib. I. c. 5.<a href=
+"#fnref104">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn105">
+<p>Etwa 40 bis 50 Tage nach dem Sommersolstitium.<a href=
+"#fnref105">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn106">
+<p>Etwa 80 bis 90 Tage nach dem Sommersolstitium.<a href=
+"#fnref106">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn107">
+<p>Der Apure für sich hat einen Fall von 13 Zoll auf die Seemeile.
+S. Bd. III. Seite 49.<a href="#fnref107">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn108">
+<p>S. Seite 113.<a href="#fnref108">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn109">
+<p>Von Benedikt XIII. zum Bischof für die vier Welttheile
+(<em>obispo para los quatro partes del mundo</em>) geweiht.<a href=
+"#fnref109">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn110">
+<p>Kleine Hochebenen zwischen den Bergen bei Upata, Cumamu und
+Tupuquen scheinen über 150 Toisen Meereshöhe zu haben.<a href=
+"#fnref110">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn111">
+<p><em>El Dorado</em>, d. h. <em>el rey ó hombre dorodo.</em> S.
+Bd. III. Seite 398.<a href="#fnref111">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn112">
+<p>S. Bd. I. 329. II. 245. III. 366.<a href="#fnref112">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn113">
+<p>S. Seite 194.<a href="#fnref113">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn114">
+<p>S. Bd. III. Seite 352 ff.<a href="#fnref114">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn115">
+<p>S. Seite 73.<a href="#fnref115">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn116">
+<p>Dieß ist auch Walkenaers und Malte Bruns Ansicht.<a href=
+"#fnref116">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn117">
+<p><em>Carte de l’Amérique, dressé sur les observations de Mr. de
+Humboldt, par Fried</em>. Wien 1818.<a href="#fnref117">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn118">
+<p>Diese periodischen Ueberschwemmungen des Rio Paraguay haben in
+der südlichen Halbkugel lange dieselbe Rolle gespielt wie der See
+Parime in der nördlichen. Hondius und Sanson ließen aus der
+<em>Lugano de los Xarayes</em> den Rio de la Plata, den Rio Topajos
+(einen Nebenfluß des Amazonenstroms), den Rio Tocantinos und den
+Rio de San Francisco entspringen.<a href="#fnref118">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn119">
+<p>Survilles See, der für den See Amucu steht.<a href=
+"#fnref119">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn120">
+<p>Der See, den Surville <em>Laguna tenida hasta ahora por la
+Laguna Parime</em> nennt.<a href="#fnref120">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn121">
+<p>S. Bd. III. Seite 392 ff.<a href="#fnref121">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn122">
+<p>S. Seite 189 ff.<a href="#fnref122">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn123">
+<p>S. Bd. III, Seite 356.<a href="#fnref123">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn124">
+<p>Gerade wie im alten Reiche Meroe, in Tibet, und wie« der Dairi
+und der Kubo in Japan.<a href="#fnref124">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn125">
+<p>S. Bd. I. Seite 233<a href="#fnref125">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn126">
+<p>Im Peruvianischen oder dem Oquichua (*Lengua del Inga) heißt
+Gold <strong>Cori</strong>, woher <strong>Chichicori</strong>,
+Goldstaub, und <strong>Corikoya</strong>, Golderz<a href=
+"#fnref126">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn127">
+<p>S. Bd. III. Seite 61.<a href="#fnref127">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn128">
+<p>S. Seite 222ff.<a href="#fnref128">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn129">
+<p>S. Seite 226<a href="#fnref129">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn130">
+<p>S. Bd. II. Seite 12.<a href="#fnref130">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn131">
+<p>Gestorben im Jahr 1512, wie Munnoz aus Urkunden in den Archiven
+von Simancas erwiesen hat.<a href="#fnref131">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn132">
+<p>Auf den Karten, die dem Ptolemäus von 1506 beigegeben sind,
+sieht man noch keine Spur von den Entdeckungen des
+Columbus.<a href="#fnref132">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn133">
+<p>S. Seite 54.<a href="#fnref133">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn134">
+<p>Es ist dieß der mexicanische Dorado, wo man auf den Küsten
+Schiffe voll Waaren aus Catayo (China) gefunden haben wollte, und
+wo Fray Marcos (wie Hutten im Lande der Omaguas) die vergoldeten
+Dächer einer großen Stadt, einer der <em>Siete Ciudades</em>,
+<strong>von weitem sah</strong>. Die Einwohner haben große Hunde,
+<em>en los quales quando se mudan cargan su menage</em>. Spätere
+Entdeckungen lassen übrigens keinen Zweifel, daß dieser Landstrich
+früher ein Mittelpunkt der Cultur war.<a href="#fnref134">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn135">
+<p>Die große Achse des eigentlichen Sees Parime war von Ost nach
+West gerichtet<a href="#fnref135">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn136">
+<p>Im Werth von 65,878,000 Francs.<a href="#fnref136">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn137">
+<p>Billarica liegt 650 Toisen hoch, aber das große Plateau der
+Capitania Minas Geraes nur 300.<a href="#fnref137">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn138">
+<p>S. Bd. II. Seite 366ff.<a href="#fnref138">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn139">
+<p>S. Seite 192.<a href="#fnref139">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn140">
+<p><em>Combretum guayca</em><a href="#fnref140">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn141">
+<p>S. Bd. III. Seite 331.<a href="#fnref141">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn142">
+<p>S. Bd. I. Seite 198, 216. II. 87, 389.<a href=
+"#fnref142">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn143">
+<p>Zu welcher Gattung gehören die Würmer (arabisch Loul), welche
+Capitän Lyon, der Reisebegleiter meines muthigen, unglücklichen
+Freundes Ritchie, in der Wüste Fezzan in Lachen gesunden, die von
+den Arabern gegessen werden und wie Caviar schmecken? Sollten es
+nicht Insekteneier seyn, ähnlich dem <strong>Aguautle</strong>, den
+ich in Mexico auf dem Markt habe verkaufen sehen und der an der
+Oberfläche des Sees Tezcuco gefischt wird?<a href=
+"#fnref143">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn144">
+<p><em>Nuestra Señora del Socorro del Cari</em>, gegründet im Jahr
+1761.<a href="#fnref144">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn145">
+<p>Diese Missionäre nennen sich <em>Padres Missioneros Observantes
+del Colegio de la purissima Conception de propaganda fide en la
+Nueva Barcelona</em>.<a href="#fnref145">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn146">
+<p>S. Bd. III. Seite 95.<a href="#fnref146">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn147">
+<p>S. Bd. III. Seite 275, 378.<a href="#fnref147">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn148">
+<p>Diese Skelette wurden im Jahr 1805 von Cortes gefunden. Sie sind
+in einer Madreporen-Breccie eingeschlossen, welche die Neger sehr
+naiv <em>maçonne bon Dieu</em> nennen, und die, neuer Formation wie
+der italienische Travertin, Topfscherben und andere Produkte der
+Menschenhand enthält. Dauxiou Lavaysse und Dr. König machten in
+Europa zuerst diese Erscheinung bekannt, die eine Zeit lang die
+Aufmerksamkeit der Geologen in Anspruch nahm<a href=
+"#fnref148">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn149">
+<p><em>Cicero de oratore. Lib. III. c. 12.</em> <a href=
+"#fnref149">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn150">
+<p>Ich gebe hier einige Beispiele von diesem Unterschied zwischen
+der Sprache der Männer (M) und der Weiber (W):
+<strong>Insel</strong> <em>oubao</em> (M), <em>acaera</em> (W);
+<strong>Mensch</strong> <em>ouekelli</em> (M), <em>eyeri</em> (W);
+<strong>Mais</strong> <em>ichen</em> (M), <em>atica</em>
+(W).<a href="#fnref150">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn151">
+<p>Karte des Hondius von 1599, die der lateinischen Ausgabe von
+Raleghs Reisebeschreibung beigegeben ist. In der holländischen
+Ausgabe heißen die Llanos von Caracas zwischen den Gebirgen von
+Merida und dem Rio Pao »Caribana.« Man sieht hier wieder, was so
+oft in der Geschichte der Geographie vorkommt, daß eine Benennung
+allmählig von West nach Ost gerückt wurde.<a href=
+"#fnref151">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn152">
+<p>Vespucci sagt: <em>Se eorum lingua Charaibi, hoc est magnae
+sapientiae viros vocantes.</em><a href="#fnref152">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn153">
+<p>Wilhelm von Humboldt: »Urbewohner Hispaniens«, Seite
+167.<a href="#fnref153">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn154">
+<p>Wenn ich das Wort Autochthone brauche, so will ich damit
+keineswegs aussprechen, daß die Völker hier
+<strong>geschaffen</strong> worden, was gar nicht Sache der
+Geschichte ist, sondern nur so viel sagen, daß wir von keinem
+andern Volke wissen, das älter wäre als das autochthone.<a href=
+"#fnref154">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn155">
+<p>S.Bd. III. Seite 261. 275. 278. IV. 218.<a href=
+"#fnref155">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn156">
+<p>Ich führe als Beispiel nur eine vom berühmten Pater Camper
+gezeichnete Tafel an: <em>Viri adulti cranium ex Caraibensium
+insula Sancti Vicenti in Museo Clinii asservatum,
+1785.</em><a href="#fnref156">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn157">
+<p><em>Dati erant in preaedam Caribes ex diplomate regio. Missus
+est Johannes Poncius, qui Caribum terras depopuletur et in
+servitutem obscoenos hominum voratores redigat.</em> Anghiera,
+Decas. I. Lib. 1. Dec. III. Lib. 6.<a href="#fnref157">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn158">
+<p>Wilhelm von Humboldt, ȟber das vergleichende Sprachstadium in
+Beziehung auf die verschiedenen Epochen der Sprachentwicklung.« (S.
+13). S. auch Bd. II. Seite 28—47.<a href="#fnref158">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn159">
+<p>S. Bd. III. Seite 275. 378. 393.<a href="#fnref159">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn160">
+<p>Die Quippos oder Schnüre der Völker im obern Louisiana heißen
+<strong>Wampum</strong>. Anghiera (<em>Dec. III. Lib. 9.</em>)
+erzählt einen sehr merkwürdigen Fall, aus dem hervorzugehen
+scheint, daß die umherziehenden Caraiben mit gebundenen Büchern,
+wie denen der Mexicaner und den unsern, nicht ganz unbekannt waren.
+Der interessanten Entdeckung von Bilderheften bei den
+Panos-Indianern am Ucayale habe ich anderswo gedacht (<em>Vues des
+cordilleres; T. I. pag. 72</em>). Auch die Peruaner hatten neben
+den Quippos hieroglyphische Malereien, ähnlich den mexicanischen,
+nur roher. Bemalter Blätter bedienten sie sich seit der Eroberung
+zum Beichten in der Kirche. Vielleicht hatte der Caraibe, der, nach
+Anghieras Erzählung, tief aus dem Lande nach Darien kam,
+Gelegenheit gehabt in Quito oder Cundinamarca ein peruanisches Buch
+zu sehen. Ich brauche, wie die ersten spanischen Reisenden, das
+Wort Buch, weil dasselbe keineswegs den Gebrauch einer
+Buchstabenschrift voraussetzt.<a href="#fnref160">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn161">
+<p>Bei den Huronen (Wiandots) und Natchez vererbt sich die oberste
+Würde in der weiblichen Linie; nicht der Sohn ist der Nachfolger,
+sondern der Sohn der Schwester oder der nächste Verwandte von
+weiblicher Seite. Bei dieser Erbfolge ist man sicher, daß die
+oberste Gewalt beim Blute des letzten Häuptlings bleibt; der Brauch
+ist eine Gewähr für die Legitimität. Ich habe bei den königlichen
+Dynastien auf den Antillen alte Spuren dieser in Afrika und
+Ostindien sehr verbreiteten Erbfolge gefunden. »<em>In testamentis
+autem quam fatue sese habeant, intelligamus: ex sorore prima
+primogenitum, si insit, reliquunt regnorum haeredem; sin minus, ex
+altera, vel tertia, si ex secunda proles desit: quia a suo sanguine
+creatam sobolem eam certum est. Filios autem uxorum suarum pro non
+legitimis habent. Uxores ducunt quotquot placet. Ex uxoribus
+cariores cum regulo sepeliri patiuntur.</em> (Anghiera, <em>Decas
+III. Lib. 9.</em>)<a href="#fnref161">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn162">
+<p>Diodorus Siculus. <em>Lib. V.</em> §. 56.<a href=
+"#fnref162">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn163">
+<p>»Die Caraiben sind ziemlich hübsch gewachsen und fleischigt; sie
+sind aber nicht sehr liberal, denn sie essen gern Menschenfleisch,
+Eidechsen und Krokodile.« (<em>Description générale de l’Amérique
+par Pierre d’Avity, Seigneur de Montmartin, 1660</em>).<a href=
+"#fnref163">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn164">
+<p>Mithridates, Bd. III. Seite 685.<a href="#fnref164">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn165">
+<p><em>Epistolae Lib. VIII. 8. Clitumnus non loci declivitate, sed
+ipsa sui copia et quasi pondere impellitur.</em><a href=
+"#fnref165">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn166">
+<p>S. Bd. II. Seite 410.<a href="#fnref166">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn167">
+<p>Im Jahr 1754 hatte das Dorf nur 120 Seelen.<a href=
+"#fnref167">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn168">
+<p>S. Bd. II. Seite 414.<a href="#fnref168">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn169">
+<p>Mit diesem nicht gebräuchlichen Ausdruck bezeichne ich Linien,
+welche durch die Punkte laufen, die mittelst Uebertragung der Zeit
+bestimmt worden und somit von einander abhängig sind. Von der
+zweckmäßigen Richtung dieser Linien hängt die Genauigkeit einer
+rein astronomischen Aufnahme ab.<a href="#fnref169">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn170">
+<p>Fray Jose de las Piedras.<a href="#fnref170">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn171">
+<p>Kleine Plateaus, Bänke, die etwas höher liegen als die übrige
+Steppe.<a href="#fnref171">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn172">
+<p>Eine Art Hof, bestehend aus Schuppen, wo die <em>hateros</em>
+und <em>peones para et rodeo</em> wohnen, d.&nbsp;h. die Leute,
+welche die halbwilden Pferde- und Viehheerden warten oder vielmehr
+beaussichtigen.<a href="#fnref172">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn173">
+<p>»<em>Los Llanos son como <strong>un mar de
+yerbas</strong>.</em>«<a href="#fnref173">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn174">
+<p>S. Bd. I. Seite 51 ff.<a href="#fnref174">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn175">
+<p>Die Fächerpalme, der guyanische Sagobaum.<a href=
+"#fnref175">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn176">
+<p>Berechnungen nach Karten in sehr großem Maßstab haben mir
+Folgendes ergeben: Die Llanos von Cumana, Barceiona und Caracas vom
+Delta des Orinoco bis zum nördlichen Ufer des Apure umfassen 7900
+Quadratmeilen; die Llanos zwischen dem Apure und dem obern
+Amazonenstrom 21,000; die Pampas nordwestlich von Buenos Ayres
+40,000; die Pampas südwärts vom Parallel von Buenos Abtes 30,000.
+Der Gesammtflächenraum der grasbewachsenen Llanos in Südamerika
+beträgt demnach 98,900 Quadratmeilen (20 auf den Grad des
+Aequators). (Spanien hat 16,200 solcher Quadratmeilen.) Die große
+afrikanische Ebene, die sogenannte Sahara ist 194,000 Quadratmeilen
+groß, die verschiedenen Oasen dazu gerechnet, aber nicht Bornu und
+Darfur. (Das Mittelmeer hat nur 79,800 Quadratmeilen
+Oberfläche).<a href="#fnref176">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn177">
+<p>S. Bd. III. Seite 54. 80. 83. 126. 145. 256. 303. IV. 148.
+159.<a href="#fnref177">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn178">
+<p>Kommen in Nordamerika nordwärts von den großen Seen Blöcke
+vor?<a href="#fnref178">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn179">
+<p>S. Bd. II. Seite 90.<a href="#fnref179">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn180">
+<p><em>La milagrosa imagen de Maria Santissima del Socorro</em>,
+auch <em>Virgen del Tutumo</em> genannt.<a href=
+"#fnref180">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn181">
+<p>S. Bd. I. Seite 212. IV. 350.<a href="#fnref181">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn182">
+<p>S. Bd. II. Seite 298 ff. 318.<a href="#fnref182">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn183">
+<p>Langsdorf (Wetterauisches Journal. Th I. Seite 254) hat diese
+sehr merkwürdige physiologische Erscheinung zuerst bekannt gemacht.
+Ich beschreibe sie hier, doch lieber lateinisch. — <em>Coriaecorum
+gens, in ora Asiae septentrioni opposita, potum sibi excogitavit ex
+succo inebriante Agarici muscarii, qui succus (aeque ut
+asparagorum), vel per humanum corpus transfusus, temulentiam
+nihilominus facit. Quare gens misera et inops, quo rarius mentis
+sit suae, propriam urinam bibit. identidem; continuoque mingens
+rursusqne hauriens eundem succum (dicas, ne ulla in parte mundi
+desit. ebrietas) pauculis agaricis producere in diem quintum
+temulentiam potest.</em><a href="#fnref183">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn184">
+<p>S. Bd. I. Seite 62.<a href="#fnref184">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn185">
+<p><em>Casa de Don Pasqual Martinez</em>, nordwestlich vom großen
+Platz, an dem ich vom 28.&nbsp;Jan bis 17.&nbsp;November 1799
+beobachtet hatte. Alle astronomischen Beobachtungen, so wie die
+über die Luftspiegelung, nach dem 29. August 1800 sind im Hause
+Martinez angestellt. Ich erwähne dieses Umstands, da er von
+Interesse seyn mag, wenn einmal Einer die Genauigkeit meiner
+Beobachtungen prüfen will.<a href="#fnref185">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn186">
+<p>S. Bd. I. Seite 252 ff.<a href="#fnref186">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn187">
+<p>S.&nbsp;Bd. I. Seite 276.<a href="#fnref187">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn188">
+<p>S. Bd. I. Seite 402.<a href="#fnref188">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn189">
+<p><em>Croton argyrophyllus</em> und <em>C. marginatus</em><a href=
+"#fnref189">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn190">
+<p>S. Bd. I. Seite 203.<a href="#fnref190">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn191">
+<p>S. Bd. II. Seite 187 ff.<a href="#fnref191">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn192">
+<p>Observations astronomiques. T. I. p. XLIII. T. II. p.
+7—10.<a href="#fnref192">↩</a></p>
+</li>
+<li id="fn193">
+<p>Christoph Columbus hatte im Jahr 1503 den Caymanseilanden den
+Namen <em>Penascales de las tortugas</em> gegeben, wegen der
+Seeschildkröten, die er in diesem Striche schwimmen sah.<a href=
+"#fnref193">↩</a></p>
+</li>
+</ol>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Reise in die Aequinoctial-Gegenden des
+neuen Continents v. 4, by Alexander v. Humboldt
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+works. See paragraph 1.E below.
+
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
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+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
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+Literary Archive Foundation
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+works.
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+
+
+</pre>
+
+</body>
+</html>