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Humboldt + +Translator: Hermann Hauff + +Release Date: January 21, 2012 [EBook #38638] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AEQUINOCTIAL-GEGENDEN *** + + + + +Produced by Ralf Stephan + + + + +Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. +Alexander von Humboldt +1865 + +In deutscher Bearbeitung von Hermann Hauff. + +Nach der Anordnung und unter Mitwirkung des Verfassers. + +Einzige von A. v. Humboldt anerkannte Ausgabe in deutscher Sprache. + +Band 4 + +1865 + +Vierundzwanzigstes Kapitel. +=========================== + +Der Cassiquiare. — Gabeltheilung des Orinoco. + +Am 10. Mai. In der Nacht war unsere Pirogue geladen worden, und wir +schifften uns etwas vor Sonnenaufgang ein, um wieder den Rio Negro bis +zur Mündung des Cassiquiare hinaufzufahren und den wahren Lauf dieses +Flusses, der Orinoco und Amazonenstrom verbindet, zu untersuchen. Der +Morgen war schön; aber mit der steigenden Wärme fing auch der Himmel an +sich zu bewölken. Die Luft ist in diesen Wäldern so mit Wasser +gesättigt, daß, sobald die Verdunstung an der Oberfläche des Bodens auch +noch so wenig zunimmt, die Dunstbläschen sichtbar werden. Da der Ostwind +fast niemals zu spüren ist, so werden die feuchten Schichten nicht durch +trockenere Luft ersetzt. Dieser bedeckte Himmel machte uns mit jedem +Tage verdrüßlicher. Bonpland verdarben bei der übermäßigen Feuchtigkeit +seine gesammelten Pflanzen und ich besorgte auch im Thal des Cassiquiare +das trübe Wetter des Rio Negro anzutreffen. Seit einem halben +Jahrhundert zweifelte kein Mensch in diesen Missionen mehr daran, daß +hier wirklich zwei große Stromsysteme mit einander in Verbindung stehen; +der Hauptzweck unserer Flußfahrt beschränkte sich also darauf, mittelst +astronomischer Beobachtungen den Lauf des Cassiquiare aufzunehmen, +besonders den Punkt, wo er in den Rio Negro tritt, und den andern, wo +der Orinoco sich gabelt. Waren weder Sonne noch Sterne sichtbar, so war +dieser Zweck nicht zu erreichen und wir hatten uns vergeblich langen, +schweren Mühseligkeiten unterzogen. Unsere Reisegefährten wären gerne +auf dem kürzesten Weg über den Pimichin und die kleinen Flüsse +heimgekehrt; aber Bonpland beharrte mit mir auf dem Reiseplan, den wir +auf der Fahrt durch die großen Katarakten entworfen. Bereits hatten wir +von San Fernando de Apure nach San Carlos (über den Apure, Orinoco, +Atabapo, Temi, Tuamini und Rio Negro) 180 Meilen zurückgelegt. Gingen +wir auf dem Cassiquiare in den Orinoco zurück, so hatten wir von San +Carlos bis Angostura wieder 320 Meilen zu machen. Auf diesem Wege hatten +wir zehn Tage lang mit der Strömung zu kämpfen, im Uebrigen ging es +immer den Orinoco hinab. Es wäre eine Schande für uns gewesen, hätte uns +der Aerger wegen des trüben Himmels oder die Furcht vor den Moskitos auf +dem Cassiquiare den Muth benommen. Unser indianischer Steuermann, der +erst kürzlich in Mandavaca gewesen war, stellte uns die Sonne und »die +großen Sterne, welche die Wolken essen,« in Aussicht, sobald wir die +schwarzen Wasser des Rio Negro hinter uns haben würden. So brachten wir +denn unser erstes Vorhaben, über den Cassiquiare nach San Fernando am +Atabapo zurückzugehen, in Ausführung, und zum Glück für unsere Arbeiten +ging die Prophezeiung des Indianers in Erfüllung. Die weißen Wasser +brachten uns nach und nach wieder heitereren Himmel, Sterne, Moskitos +und Krokodile. + +Wir fuhren zwischen den dicht bewachsenen Inseln Zaruma und Mini oder +Mibita durch, und liefen, nachdem wir die Stromschnellen an der Piedra +de Uinumane hinaufgegangen, acht Seemeilen weit von der Schanze San +Carlos in den Rio Cassiquiare ein. Jene Piedra, das Granitgestein, das +den kleinen Katarakt bildet, zog durch die vielen Quarzgänge darin +unsere Aufmerksamkeit auf sich. Die Gänge waren mehrere Zoll breit, und +ihren Massen nach waren sie augenscheinlich nach Alter und Formation +unter einander sehr verschieden. Ich sah deutlich, daß überall an den +Kreuzungsstellen die Gänge, welche Glimmer und schwarzen Schörl führten, +die andern, welche nur weißen Quarz und Feldspath enthielten, +durchsetzten und verwarfen. Nach Werners Theorie waren also die +schwarzen Gänge von neuerer Formation als die weißen. Als Zögling der +Freiberger Bergschule mußte ich mit einer gewissen Befriedigung beim +Fels Uinumane verweilen und in der Nähe des Aequators Erscheinungen +beobachten, die ich in den heimischen Bergen so oft vor Augen gehabt. +Ich gestehe, die Theorie, nach welcher die Gänge Spalten sind, die mit +verschiedenen Substanzen von oben her ausgefüllt worden, behagt mir +jetzt nicht mehr so ganz wie damals; aber dieses sich Durchkreuzen und +Verwerfen von Gestein- und Metalladern verdient darum doch, als eines +der allgemeinsten und gleichförmigsten geologischen Phänomene, die volle +Aufmerksamkeit des Reisenden. Ostwärts von Javita, längs des ganzen +Cassiquiare, besonders aber in den Bergen von Duida vermehren sich die +Gänge im Granit. Dieselben sind voll von Drusen, und ihr häufiges +Vorkommen scheint auf ein nicht sehr hohes Alter des Granits in diesem +Landstrich hinzudeuten. + +Wir fanden einige Flechten auf dem Fels Uinumane, der Insel Chamanare +gegenüber, am Rand der Stromschnellen; und da der Cassiquiare bei seiner +Mündung eine rasche Wendung von Ost nach Südwest macht, so lag jetzt zum +erstenmal dieser majestätische Arm des Orinoco in seiner ganzen Breite +vor uns da. Er gleicht, was den allgemeinen Charakter der Landschaft +betrifft, so ziemlich dem Rio Negro. Wie im Becken dieses Flusses laufen +die Waldbäume bis ans Ufer vor und bilden ein Dickicht; aber der +Cassiquiare hat weißes Wasser und ändert seine Richtung öfter. Bei den +Stromschnellen am Uinumare ist er fast breiter als der Rio Negro und bis +über Vasiva hinaus fand ich ihn überall 250 bis 280 Toisen breit. Ehe +wir an der Insel Garigave vorbei kamen, sahen wir gegen Nordosten +beinahe am Horizont einen Hügel mit halbkugligtem Gipfel. Diese Form ist +in allen Himmelsstrichen den Granitbergen eigenthümlich. Da man +fortwährend von weiten Ebenen umgeben ist, so hängt sich die +Aufmerksamkeit des Reisenden an jeden freistehenden Fels und Hügel. +Zusammenhängende Berge kommen erst weiter nach Ost, den Quellen des +Pacimoni, Siapa und Mavaca zu. Südlich vom Raudal von Caravine bemerkten +wir, daß der Cassiquiare auf seinem gekrümmten Lauf San Carlos wieder +nahe kommt. Von der Schanze in die Mission San Francisco, wo wir +übernachteten, sind es zu Lande nur zwei und eine halbe Meile, während +man auf dem Fluß 7—8 rechnet. Ich verweilte einen Theil der Nacht im +Freien in der vergeblichen Hoffnung, die Sterne zum Vorschein kommen zu +sehen. Die Luft war nebligt trotz der weißen Wasser, die uns einem +allezeit sternhellen Himmel entgegen führen sollten. + +Die Mission San Francisco Solano auf dem linken Ufer des Cassiquiare +heißt so zu Ehren eines der Befehlshaber bei der »Grenzexpedition,« Don +Joseph Solano, von dem wir in diesem Werke schon öfter zu sprechen +Gelegenheit gehabt. Dieser gebildete Officier ist nie über das Dorf San +Fernando am Atabapo hinausgekommen; er hat weder die Gewässer des Rio +Negro und des Cassiquiare, noch den Orinoco ostwärts vom Einfluß des +Guaviare gesehen. In Folge eines Mißverständnisses, das aus der +Unkenntniß der spanischen Sprache entsprang, meinten manche Geographen +auf La Cruz Olmedillas berühmter Karte einen 400 Meilen langen Weg +angegeben zu finden, auf dem Don Joseph Solano zu den Quellen des +Orinoco, an den See Parime oder das weiße Meer, an die Ufer des Cababury +und Uteta gekommen seyn sollte. Die Mission San Francisco wurde, wie die +meisten christlichen Niederlassungen südlich von den großen Katarakten +des Orinoco, nicht von Mönchen, sondern von Militärbehörden gegründet. +Bei der Grenzexpedition legte man Dörfer an, wo ein Subteniente oder +Corporal mit seiner Mannschaft Posto gefaßt hatte. Die Eingeborenen, die +ihre Unabhängigkeit behaupten wollten, zogen sich ohne Gefecht zurück, +andere, deren einflußreichste Häuptlinge man gewonnen, schlossen sich +den Missionen an. Wo man keine Kirche hatte, richtete man nur ein großes +Kreuz aus rothem Holze auf und baute daneben eine Casa fuerte, das heißt +ein Haus, dessen Wände aus starken, wagrecht übereinander gelegten +Balken bestanden. Dasselbe hatte zwei Stockwerke; im obern standen zwei +Steinböller oder Kanonen von kleinem Kaliber; zu ebener Erde hausten +zwei Soldaten, die von einer indianischen Familie bedient wurden. Die +Eingeborenen, mit denen man im Frieden lebte, legten ihre Pflanzungen um +die Casa fuerte an. Hatte man einen feindlichen Angriff zu fürchten, so +wurden sie von den Soldaten mit dem Horn oder einem Botuto aus +gebrannter Erde zusammengerusen. So waren die neunzehn angeblichen +christlichen Niederlassungen beschaffen, die Don Antonio Santos auf dem +Wege von Esmeralda bis zum Everato gegründet. Militärposten, die mit der +Civilisation der Eingeborenen gar nichts zu thun hatten, waren auf den +Karten und in den Schriften der Missionäre als Dörfer (pueblos) und +redicciones apostolicas angegeben. Die Militärbehörde behielt am Orinoco +die Oberhand bis zum Jahr 1785, mit dem das Regiment der Franciskaner +seinen Anfang nimmt. Die wenigen Missionen, die seitdem gegründet oder +vielmehr wiederhergestelIt worden, sind das Werk der Observanten und die +Soldaten, die in den Missionen liegen, stehen jetzt unter den +Missionären, oder die geistliche Hierarchie maßt sich doch dieses +Verhältniß an. + +Die Indianer, die wir in San Francisco Solano trafen. gehörten zwei +Nationen an, den Pacimonales und den Cheruvichahenas. Da letztere +Glieder eines ansehnlichen Stammes sind, der am Rio Tomo in der +Nachbarschaft der Manivas am obern Rio Negro haust, so suchte ich von +ihnen über den obern Lauf und die Quellen dieses Flusses Erkundigung +einzuziehen; aber mein Dolmetscher konnte ihnen den Sinn meiner Fragen +nicht deutlich machen. Sie wiederholten nur zum Ueberdruß, die Quellen +des Rio Negro und des Inirida seyen so nahe beisammen, »wie zwei Finger +der Hand«. In einer Hütte der Pacimonales kauften wir zwei schöne, große +Vögel, einen Tucan (Piapoco), der dem Ramphastos erythrorynchos nahe +steht, und den Ana, eine Art Aras, 17 Zoll lang mit durchaus +purpurrothem Gefieder, gleich dem Psittacus Macao. Wir hatten in unserer +Pirogue bereits sieben Papagaien, zwei Felshühner, einen Motmot, zwei +Guans oder Paoas de Monte, zwei Manaviris (Cercoleptes oder Viverra +caudivolvula) und acht Affen, nämlich zwei Atelen (die Marimonda von den +grossen Katarakten, Brissots Simia Belzebuth), zwei Titi’s (Simia +sciurea, Buffon’s Saimiri), eine Viudita (Simia lugens), zwei +Douroucoulis oder Nachtaffen (Cusicusi oder Simia trivirgata), und den +Cacajao mit kurzem Schwanz (Simia melanocephala).[^1] Pater Zea war auch +im Stillen sehr schlecht damit zufrieden, daß sich unsere wandernde +Menagerie mit jedem Tag vermehrte. Der Tucan gleicht nach Lebensweise +und geistiger Anlage dem Raben; es ist ein muthiges, leicht zu zähmendes +Thier. Sein langer Schnabel dient ihm als Vertheidigungswaffe. Er macht +sich zum Herrn im Hause, stiehlt, was er erreichen kann, badet sich oft +und fischt gern am Ufer des Stroms. Der Tucan, den wir gekauft, war sehr +jung, dennoch neckte er auf der ganzen Fahrt mit sichtbarer Lust die +Cusicusis, die trübseligen, zornmüthigen Nachtaffen. Ich habe nicht +bemerkt, daß, wie in manchen naturgeschichtlichen Werken steht, der +Tucan in Folge des Baus seines Schnabels sein Futter in die Luft werfen +und so verschlingen müßte. Allerdings nimmt er dasselbe etwas schwer vom +Boden auf; hat er es aber einmal mit der Spitze seines ungeheuern +Schnabels gefaßt, so darf er nur den Kopf zurückwerfen und den Schnabel, +so lange er schlingt, aufrecht halten. Wenn er trinken will, macht der +Vogel ganz seltsame Geberden. Die Mönche sagen, er mache das Zeichen des +Kreuzes über dem Wasser, und wegen dieses Volksglaubens haben die +Creolen dem Tucan den sonderbaren Namen Diostedè (Gott vergelt’s dir) +geschöpft. + +Unsere Thiere waren meist in kleinen Holzkäfigten, manche liefen aber +frei überall auf der Pirogue herum. Wenn Regen drohte, erhoben die Aras +ein furchtbares Geschrei, und der Tucan wollte ans Ufer, um Fische zu +fangen, die kleinen Titiaffen liefen Pater Zea zu und krochen in die +ziemlich weiten Aermel seiner Franciskanerkutte. Dergleichen Auftritte +kamen oft vor und wir vergaßen darüber der Plage der Moskitos. Nachts im +Bivouac stellte man in die Mitte einen ledernen Kasten (petaca) mit dem +Mundvorrath, daneben unsere Instrumente und die Käfige mit den Thieren, +ringsum wurden unsere Hängematten befestigt und weiterhin die der +Indianer. Die äußerste Grenze bildeten die Feuer, die man anzündet, um +die Jaguars im Walde fern zu halten. So war unser Nachtlager am Ufer des +Cassiquiare angeordnet. Die Indianer sprachen oft von einem kleinen +Nachtthier mit langer Nase, das die jungen Papagaien im Nest überfalle +und mit den Händen fresse wie die Affen und die Manaviri’s oder +Kinkajous. Sie nannten es Guachi; es ist wahrscheinlich ein Coati, +vielleicht Viverra nasua, die ich in Mexico im freien Zustand gesehen, +nicht aber in den Strichen von Südamerika, die ich bereist. Die +Missionäre verbieten den Eingeborenen alles Ernstes, das Fleisch des +Guachy zu essen, da sie einen weit verbreiteten Glauben theilen und +diesem Fleisch stimulirende Eigenschaften zuschreiben, wie die +Orientalen dem Fleisch der Skinkos (Lacerta scincus) und die Amerikaner +dem der Caymans. + +Am 11. Mai. Wir brachen ziemlich spät von der Mission San Francisco +Solano auf, da wir nur eine kleine Tagreise machen wollten. Die untere +Dunstschicht fing an sich in Wolken mit festen Umrissen zu theilen, und +in den obern Luftregionen ging etwas Ostwind. Diese Zeichen deuteten auf +einen bevorstehenden Witterungswechsel, und wir wollten uns nicht weit +von der Mündung des Cassiquiare entfernen, da wir hoffen durften, in der +folgenden Nacht den Durchgang eines Sterns durch den Meridian beobachten +zu können. Wir sahen südwärts den Caño Daquiapo, nordwärts den +Guachaparu und einige Seemeilen weiterhin die Stromschnellen von +Cananivacari. Die Strömung betrug 6,3 Fuß in der Secunde, und so hatten +wir im Raudal mit Wellen zu kämpfen, die ein ziemlich starkes Scholken +verursachten. Wir stiegen aus und Bonpland entdeckte wenige Schritte vom +Ufer einen Almandron (Juvia), einen prachtvollen Stamm der Bertholletia +excelsa. Die Indianer vetsicherten uns, in San Francisco Solano, Vasiva +und Esmeralda wisse man nichts davon, daß dieser kostbare Baum am +Cassiquiare wachse. Sie glaubten übrigens nicht, daß der Baum, der über +60 Fuß hoch war, aus Saamen aufgewachsen, die zufällig ein Reisender +verstreut. Nach Versuchen, die man in San Carlos gemacht, weiß man, daß +die Bertholletia wegen der holzigten Fruchthülle und des leicht ranzigt +werdenden Oels der Mandel sehr selten zum Keimen zu bringen ist. +Vielleicht war dieser Stamm ein Anzeichen, daß tiefer im Lande gegen Ost +und Nordost eine Waldung von Bertholletia besteht. Wir wissen wenigstens +bestimmt, daß dieser schöne Baum unter dem dritten Grad der Breite in +den Cerros von Guanaya wild vorkommt. Die gesellig lebenden Gewächse +haben selten scharf abgeschnittene Grenzen, und häufig stößt man, bevor +man zu einem Palmar oder einem Pinal[^2] gelangt, auf einzelne Palmen +oder Fichten. Dieselben gleichen Colonisten, die in ein mit andern +Gewächsen bevölkertes Land sich hinausgewagt haben. + +Vier Seemeilen von den Stromschnellen von Cananivacari stehen mitten in +der Ebene seltsam gestaltete Felsen. Zuerst kommt eine schmale, 80 Fuß +hohe senkrechte Mauer, und dann, am südlichen Ende derselben, erscheinen +zwei Thürmchen mit fast horizontalen Granitschichten. Diese Felsen von +Guanari sind so symmetrisch gruppirt, daß sie wie die Trümmer eines +alten Gebäudes erscheinen. Sind es Ueberbleibsel von Eilanden in einem +Binnenmeer, das einst das völlig ebene Land zwischen der Sierra Parime +und der Sierra dos Parecis bedeckte,[^3] oder wurden diese Felswände, +diese Granitthürme von den elastischen Kräften, die noch immer im Innern +unseres Planeten thätig sind, emporgehoben? Von selbst grübelt der +Gedanke über die Entstehung der Berge, wenn man in Mexico Vulkane und +Trachytgipfel aus einer langen Spalte stehen, in den Anden von +Südamerika Urgebirgs- und vulkanische Bildungen in Einer Bergkette lang +hingestreckt sah, wenn man der ungemein hohen Insel von drei Seemeilen +Umfang gedenkt, die in jüngster Zeit bei Unalashka vom Boden des +Weltmeeres aufgestiegen. + +Eine Zierde der Ufer des Cassiquiare ist die Chirivapalme mit +gefiederten, an der untern Fläche silberweißen Blättern. Sonst besteht +der Wald nur aus Bäumen mit großen lederartigen, glänzenden, nicht +gezahnten Blättern. Diesen eigenthümlichen Charakter erhält die +Vegetation am Rio Negro, Tuamini und Cassiquiare dadurch, daß in der +Nähe des Aequators die Familien der Guttiferen, der Sapotillen und der +Lorbeeren vorherrschen. Da der heitere Himmel uns eine schöne Nacht +verhieß, schlugen wir schon um fünf Uhr Abends unser Nachtlager bei der +Piedra de Culimacari auf, einem frei stehenden Granitfelsen, gleich +allen zwischen Atabapo und Cassiquiare, deren ich Erwähnung gethan. Da +wir die Flußkrümmungen aufnahmen, zeigte es sich, daß dieser Fels +ungefähr unter dem Parallel der Mission San Francisco Solano liegt. In +diesen wüsten Ländern, wo der Mensch bis jetzt nur flüchtige Spuren +seines Daseyns hinterlassen hat, suchte ich meine Beobachtungen immer an +einer Flußmündung oder am Fuße eines an seiner Gestalt leicht +kenntlichen Felsen anzustellen. Nur solche von Natur unverrückbare +Punkte können bei Entwerfung geographischer Karten als Grundlagen +dienen. + +In der Nacht vom 10. zum 11. Mai konnte ich an α des südlichen Kreuzes +die Breite gut beobachten; die Länge wurde, indessen nicht so genau, +nach den zwei schönen Sternen an den Füßen des Centauren chronometrisch +bestimmt. Durch diese Beobachtung wurde, und zwar für geographische +Zwecke hinlänglich genau, die Lage der Mündung des Rio Pacimoni, der +Schanze San Carlos und des Einflusses des Cassiquiare in den Rio Negro +zumal ermittelt. Der Fels Culimacari liegt ganz genau unter 2°0′42″ der +Breite und wahrscheinlich unter 69°33′50″ der Länge. In zwei spanisch +geschriebenen Abhandlungen, die ich dem Generalcapitän von Caracas und +dem Minister Staatssekretär d’Urquijo überreicht, habe ich den Werth +dieser astronomischen Bestimmungen für die Berichtigung der Grenzen der +portugiesischen Colonien auseinandergesetzt. Zur Zeit von Solanos +Expedition setzte man den Einfluß des Cassiquiare in den Rio Negro einen +halben Grad nördlich vom Aequator, und obgleich die Grenzcommission +niemals zu einem Endresultat gelangte, galt in den Missionen immer der +Aequator als vorläufig anerkannte Grenze. Aus meinen Beobachtungen +ergibt sich nun aber, daß San Carlos am Rio Negro, oder, wie man sich +hier vornehm ausdrückt, die Grenzfestung keineswegs unter 0°20′, wie +Pater Caulin behauptet, noch unter 0°53′, wie La Cruz und Surville (die +officiellen Geographen der Real Expedition de limites) annehmen, sondern +unter 1°53′42″ der Breite liegt. Der Aequator läuft also nicht nördlich +vom portugiesischen Fort San Jose de Marabitanos, wie bis jetzt alle +Karten mit Ausnahme der neuen Ausgabe der Arrowsmith’schen Karte +angeben, sondern 25 Meilen weiter gegen Süd zwischen San Felipe und der +Mündung des Rio Guape. Aus der handschriftlichen Karte Requenas, die ich +besitze, geht hervor, daß diese Thatsache den portugiesischen Astronomen +schon im Jahr 1783 bekannt war, also 35 Jahre bevor man in Europa anfing +dieselbe in die Karten aufzunehmen. + +Da man in der Capitania general von Caracas von jeher der Meinung war, +der geschickte Ingenieur Don Gabriel Clavero habe die Schanze San Carlos +del Rio Negro gerade auf die Aequinoctiallinie gebaut, und da in der +Nähe derselben die beobachteten Breiten, nach La Condamine, gegen Süd zu +groß angenommen waren, so war ich darauf gefaßt, den Aequator einen Grad +nördlich von San Carlos, demnach an den Ufern des Temi und Tuamini zu +finden. Schon die Beobachtungen in der Mission San Balthasar (Durchgang +dreier Sterne durch den Meridian) ließen mich vermuthen, daß diese +Annahme unrichtig sey; aber erst durch die Breite der Piedra Culimacari +lernte ich die wirkliche Lage der Grenze kennen. Die Insel San Jose im +Rio Negro, die bisher als Grenze zwischen den spanischen und +portugiesischen Besitzungen galt, liegt wenigstens unter 1°38′ +nördlicher Breite, und hätte Ituriagas und Solanos Commission ihre +langen Verhandlungen zum Abschluß gebracht, wäre der Aequator vom Hofe +zu Lissabon definitiv als Grenze beider Staaten anerkannt worden, so +gehörten jetzt sechs portugiesische Dörfer und das Fort San Jose selbst, +die nördlich vom Rio Guape liegen, der spanischen Krone. Was man damals +mit ein paar genauen astronomischen Beobachtungen erworben hätte, ist +von größerem Belang, als was man jezt besitzt; es ist aber zu hoffen, +daß zwei Völker, welche auf einer ungeheuern Landstrecke Südamerikas +ostwärts von den Anden die ersten Keime der Cultur gelegt haben, den +Grenzstreit um einen 33 Meilen breiten Landstrich und um den Besitz +eines Flusses, auf dem die Schifffahrt frei seyn muß, wie auf dem +Orinoco und dem Amazonenstrom, nicht wieder aufnehmen werden. + +Am 12. Mai. Befriedigt vom Erfolg unserer Beobachtungen, brachen wir um +halb zwei Uhr in der Nacht von der Piedra Culimacari aus. Die Plage der +Moskitos, der wir jetzt wieder Unterlagen, wurde ärger, je weiter wir +vom Rio Negro wegkamen. Im Thale des Cassiquiare gibt es keine Zancudos +(Culex), aber die Insekten aus der Gattung Simulium und alle andern aus +der Familie der Tipulae sind um so häufiger und giftiger.[^4] Da wir, +ehe wir in die Mission Esmeralda kamen, in diesem nassen, ungesunden +Klima noch acht Nächte unter freiem Himmel zuzubringen hatten, so war es +der Steuermann wohl zufrieden, die Fahrt so einzurichten, daß wir die +Gastfreundschaft des Missionärs von Mandavaca in Anspruch nehmen und im +Dorfe Vasiva Obdach finden konnten. Nur mit Anstrengung kamen wir gegen +die Strömung vorwärts, die 9 Fuß, an manchen Stellen, wo ich sie genau +gemessen, 11 Fuß 8 Zoll in der Secunde, also gegen acht Seemeilen in der +Stunde betrug. Unser Nachtlager war in gerader Linie schwerlich drei +Meilen von der Mission Mandavaca entfernt, unsere Ruderer waren nichts +weniger als unfleißig, und doch brauchten wir 14 Stunden zu der kurzen +Strecke. + +Gegen Sonnenuntergang kamen wir an der Mündung des Rio Pacimoni vorüber. +Es ist dieß der Fluß, von dem oben bei Gelegenheit des Handels mit +Sarsaparille die Rede war[^5] und der in so auffallender Weise (durch +den Baria) mit dem Cababuri verzweigt ist. Der Pacimoni entspringt in +einem bergigten Landstrich und aus der Vereinigung dreier kleiner +Gewässer, die auf den Karten der Missionäre nicht verzeichnet sind. Sein +Wasser ist schwarz, doch nicht so stark als das des See’s bei Vasiva, +der auch in den Cassiquiare mündet. Zwischen diesen beiden Zuflüssen von +Ost her liegt die Mündung des Rio Idapa, der weißes Wasser hat. Ich +komme nicht darauf zurück, wie schwer es zu erklären ist, daß dicht +neben einander verschieden gefärbte Flüsse vorkommen; ich erwähne nur, +daß uns an der Mündung des Pacimoni und am Ufer des See’s Vasiva die +Reinheit und ungemeine Durchsichtigkeit dieser braunen Wasser von Neuem +auffiel. Bereits alte arabische Reisende haben die Bemerkung gemacht, +daß der aus dem Hochgebirg kommende Nilarm, der sich bei Halfaja mit dem +Behar-el-Abiad vereinigt, grünes Wasser hat, das so durchsichtig ist, +daß man die Fische auf dem Grund des Flusses sieht.[^6] + +Ehe wir in die Mission Mandavaca kamen, liefen wir durch ziemlich +ungestüme Stromschnellen. Das Dorf, das auch Quirabuena heißt, zählt nur +60 Eingeborene. Diese christlichen Niederlassungen befinden sich meist +in so kläglichem Zustande, daß längs des ganzen Cassiquiare auf einer +Strecke von 50 Meilen keine 200 Menschen leben. Ja die Ufer dieses +Flusses waren bevölkerter, ehe die Missionäre ins Land kamen. Die +Indianer zogen sich in die Wälder gegen Ost, denn die Ebenen gegen West +sind fast menschenleer. Die Eingeborenen leben einen Theil des Jahrs von +den großen Ameisen, von denen oben die Rede war. Diese Insekten sind +hier zu Lande so stark gesucht, wie in der südlichen Halbkugel die +Spinnen der Sippe Epeira, die für die Wilden auf Neuholland ein +Leckerbissen sind. In Mandavaca fanden wir den guten alten Missionär, +der bereits »seine zwanzig Moskitojahre in den Bosques del Cassiquiare« +zugebracht hatte, und dessen Beine von den Stichen der Insekten so +gefleckt waren, daß man kaum sah, daß er eine weiße Haut hatte. Er +sprach uns von seiner Verlassenheit, und wie er sich in der traurigen +Nothwendigkeit sehe, in den beiden Missionen Mandavaca und Vasiva häufig +die abscheulichsten Verbrechen straflos zu lassen. Vor wenigen Jahren +hatte im letzteren Ort ein indianischer Alcade eines seiner Weiber +verzehrt, die er in seinen Conuco[^7] hinausgenommen und gut genährt +hatte, um sie fett zu machen. Wenn die Völker in Guyana Menschenfleisch +essen, so werden sie nie durch Mangel oder durch gottesdienstlichen +Aberglauben dazu getrieben, wie die Menschen auf den Südseeinseln; es +beruht meist auf Rachsucht des Siegers und — wie die Missionäre sagen — +auf »Verirrung des Appetits.« Der Sieg über eine feindliche Horde wird +durch ein Mahl gefeiert, wobei der Leichnam eines Gefangenen zum Theil +verzehrt wird. Ein andermal überfällt man bei Nacht eine wehrlose +Familie oder tödtet einen Feind, auf den man zufällig im Walde stößt, +mit einem vergifteten Pfeil. Der Leichnam wird zerstückt und als Trophäe +nach Hause getragen. Erst die Cultur hat dem Menschen die Einheit des +Menschengeschlechts zum Bewußtseyn gebracht und ihm offenbart, daß ihn +auch mit Wesen, deren Sprache und Sitten ihm fremd sind, ein Band der +Blutsverwandtschaft verbindet. Die Wilden kennen nur ihre Familie, und +ein Stamm erscheint ihnen nur als ein größerer Verwandtschaftskreis. +Kommen Indianer, die sie nicht kennen, aus dem Walde in die Mission, so +brauchen sie einen Ausdruck, dessen naive Einfalt mir oft aufgefallen +ist: »Gewiß sind dieß Verwandte von mir, denn ich verstehe sie, wenn sie +mit mir sprechen.« Die Wilden verabscheuen Alles, was nicht zu ihrer +Familie oder ihrem Stamme gehört, und Indianer einer benachbarten +Völkerschaft, mit der sie im Kriege leben, jagen sie, wie wir das Wild. +Die Pflichten gegen Familie und Verwandtschaft sind ihnen wohl bekannt, +keineswegs aber die Pflichten der Menschlichkeit, die auf dem Bewußtseyn +beruhen, daß alle Wesen, die geschaffen sind wie wir, Ein Band +umschlingt. Keine Regung von Mitleid hält sie ab, Weiber oder Kinder +eines feindlichen Stammes ums Leben zu bringen. Letztere werden bei den +Mahlzeiten nach einem Gefecht oder einem Ueberfall vorzugsweise +verzehrt. + +Der Haß der Wilden fast gegen alle Menschen, die eine andere Sprache +reden und ihnen als Barbaren von niedrigerer Race als sie selbst +erscheinen, bricht in den Missionen nicht selten wieder zu Tage, nachdem +er lange geschlummert. Wenige Monate vor unserer Ankunft in Esmeralda +war ein im Walde[^8] hinter dem Duida gebotener Indianer allein +unterwegs mit einem andern, der von den Spaniern am Ventuario gefangen +worden war und ruhig im Dorfe, oder, wie man hier sagt, »unter der +Glocke«, »debaxo de la campaña«, lebte. Letzterer konnte nur langsam +gehen, weil er an einem Fieber litt, wie sie die Eingeborenen häufig +befallen, wenn sie in die Missionen kommen und rasch die Lebensweise +ändern. + +Sein Reisegefährte, ärgerlich über den Aufenthalt, schlug ihn todt und +versteckte den Leichnam in dichtem Gebüsch in der Nähe von Esmeralda. +Dieses Verbrechen, wie so manches dergleichen, was unter den Indianern +vorfällt, wäre unentdeckt geblieben, hätte nicht der Mörder Anstalt +gemacht, Tags darauf eine Mahlzeit zu halten. Er wollte seine Kinder, +die in der Mission geboren und Christen geworden waren, bereden, mit ihm +einige Stücke des Leichnams zu holen. Mit Mühe brachten ihn die Kinder +davon ab, und durch den Zank, zu dem die Sache in der Familie führte, +erfuhr der Soldat, der in Esmeralda lag, was die Indianer ihm gerne +verborgen hätten. + +Anthropophagie und Menschenopfer, die so oft damit verknüpft sind, +kommen bekanntlich überall auf dem Erdball und bei Völkern der +verschiedensten Racen vor;[^9] aber besonders auffallend erscheint in +der Geschichte der Zug, daß die Menschenopfer sich auch bei bedeutendem +Culturfortschritt erhalten, und daß die Völker, die eine Ehre darin +suchen, ihre Gefangenen zu verzehren, keineswegs immer die versunkensten +und wildesten sind. Diese Bemerkung hat etwas peinlich Ergreifendes, +Niederschlagendes; sie entging auch nicht den Missionären, die gebildet +genug sind, um über die Sitten der Völkerschaften, unter denen sie +leben, nachzudenken. Die Cabres, die Guipunavis und die Caraiben waren +von jeher mächtiger und civilisirter als die andern Horden am Orinoco, +und doch sind die beiden ersteren Menschenfresser, während es die +letzteren niemals waren. Man muß zwischen den verschiedenen Zweigen, in +welche die große Familie der caraibischen Völker zerfällt, genau +unterscheiden. Diese Zweige sind so zahlreich wie die Stämme der +Mongolen und westlichen Tartaren oder Turcomannen. Die Caraiben auf dem +Festlande, auf den Ebenen zwischen dem untern Orinoco, dem Rio Branco, +dem Essequebo und den Quellen des Oyapoc verabscheuen die Sitte, die +Gefangenen zu verzehren. Diese barbarische Sitte[^10] bestand bei der +Entdeckung von Amerika nur bei den Caraiben aus den antillischen Inseln. +Durch sie sind die Worte Cannibalen, Caraiben und Menschenfresser +gleichbedeutend geworden, und die von ihnen verübten Grausamkeiten +veranlaßten das im Jahr 1504 erlassene Gesetz, das den Spaniern +gestattet, jeden Amerikaner, der erweislich caraibischen Stammes ist, +zum Sklaven zu machen. Ich glaube übrigens, daß die Menschenfresserei +der Bewohner der Antillen in den Berichten der ersten Seefahrer stark +übertrieben ist. Ein ernster, scharfsinniger Geschichtschreiber, Herera, +hat sich nicht gescheut, diese Geschichten in die Decades historicas +aufzunehmen; er glaubt sogar an den merkwürdigen Fall, der die Caraiben +veranlaßt haben soll, ihrer barbarischen Sitte zu entsagen. »Die +Eingeborenen einer kleinen Insel hatten einen Dominikanermönch verzehrt; +den sie von der Küste von Portorico fortgeschleppt. Sie wurden alle +krank, und mochten fortan weder Mönch noch Laien verzehren.« + +Wenn die Caraiben am Orinoco schon zu Anfang des sechzehnten +Jahrhunderts andere Sitten hatten als die auf den Antillen, wenn sie +immer mit Unrecht der Anthropophagie beschuldigt worden sind, so ist +dieser Unterschied nicht wohl daher zu erklären, daß sie +gesellschaftlich höher standen. Man begegnet den seltsamsten Contrasten +in diesem Völkergewirre, wo die einen nur von Fischen, Affen und Ameisen +leben, andere mehr oder weniger Ackerbauer sind, mehr oder weniger das +Verfertigen und Bemalen von Geschirren, die Weberei von Hängematten und +Baumwollenzeug als Gewerbe treiben. Manche der letzteren halten an +unmenschlichen Gebräuchen fest, von denen die ersteren gar nichts +wissen. Im Charakter und in den Sitten eines Volks wie in seiner Sprache +spiegeln sich sowohl seine vergangenen Zustände als die gegenwärtigen; +man müßte die ganze Geschichte der Gesittung oder der Verwilderung einer +Horde kennen, man müßte den menschlichen Vereinen in ihrer ganzen +Entwicklung und auf ihren verschiedenen Lebensstufen nachgehen können, +wollte man Probleme lösen, die ewig Räthsel bleiben werden, wenn man nur +die gegenwärtigen Verhältnisse ins Auge fassen kann. + +»Sie machen sich keine Vorstellung davon,« sagte der alte Missionär in +Mandavaca, »wie verdorben diese famiglia de Indios ist. Man nimmt Leute +von einem neuen Stamm im Dorfe auf; sie scheinen sanftmüthig, redlich, +gute Arbeiter; man erlaubt ihnen einen Streifzug (entrada) mitzumachen, +um Eingeborene einzubringen, und hat genug zu thun, zu verhindern, daß +sie nicht alles, was ihnen in die Hände kommt, umbringen und Stücke der +Leichname verstecken.« Denkt man über die Sitten dieser Indianer nach, +so erschrickt man ordentlich über diese Verschmelzung von Gefühlen, die +sich auszuschließen scheinen, über die Unfähigkeit dieser Völker, sich +anders als nur theilweise zu humanisiren, über diese Uebermacht der +Bräuche, Vorurtheile und Ueberlieferungen über die natürlichen Regungen +des Gemüths. Wir hatten in unserer Pirogue einen Indianer, der vom Rio +Guaisia entlaufen war und sich in wenigen Wochen soweit civilisirt +hatte, daß er uns beim Aufstellen der Instrumente zu den nächtlichen +Beobachtungen gute Dienste leisten konnte. Er schien so gutmüthig als +gescheit und wir hatten nicht übel Lust, ihn in unsern Dienst zu nehmen. +Wie groß war unser Verdruß, als wir im Gespräch mittelst eines +Dolmetschers von ihm hören mußten, »das Fleisch der Manimondas-Affen sey +allerdings schwärzer, er meine aber doch, es schmecke wie +Menschenfleisch.« Er versicherte, »seine Verwandten (das heißt seine +Stammverwandten) essen vom Menschen wie vom Bären die Handflächen am +liebsten.« Und bei diesem Ausspruch äußerte er durch Geberden seine rohe +Lust. Wir ließen den sonst sehr ruhigen und bei den kleinen Diensten, +die er uns leistete, sehr gefälligen jungen Mann fragen, ob er hie und +da noch Lust spüre, »Cheruvichahena-Fleisch zu essen;« er erwiederte +ganz unbefangen, in der Mission werde er nur essen, was er los padres +essen sehe. Den Eingeborenen wegen des abscheulichen Brauchs, von dem +hier die Rede ist, Vorwürfe zu machen, hilft rein zu nichts; es ist +gerade als ob ein Bramine vom Ganges, der in Europa reiste, uns darüber +anließe, daß wir das Fleisch der Thiere essen. In den Augen des +Indianers vom Rio Guaisia war der Cheruvichahena ein von ihm selbst +völlig verschiedenes Wesen; ihn umzubringen war ihm kein größeres +Unrecht, als die Jaguars im Walde umzubringen. Es war nur Gefühl für +Anstand, wenn er, so lange er in der Mission war, nur essen wollte, was +los padres genossen. Entlaufen die Eingeborenen zu den Ihrigen (al +monte), oder treibt sie der Hunger, so werden sie alsbald wieder +Menschenfresser wie zuvor. Und wie sollten wir uns über diesen Unbestand +der Völker am Orinoco wundern, da uns aufs glaubwürdigste bezeugt ist, +was sich in Hungersnoth bei civilisirten Völkern schon Gräßliches +ereignet hat? In Egypten griff im dreizehnten Jahrhundert die Sucht, +Menschenfleisch zu essen, unter allen Ständen um sich; besonders aber +stellte man den Aerzten nach. Hatte einer Hunger, so gab er sich für +krank aus und ließ einen Arzt rufen, aber nicht um sich bei ihm Raths zu +erholen, sondern um ihn zu verzehren. Ein sehr glaubwürdiger +Schriftsteller, Abd-Allatif, erzählt uns, »wie eine Sitte, die Anfangs +Abscheu und Entsetzen einflößte, bald gar nicht mehr auffiel.«[^11] + +So leicht die Indianer am Cassiquiare in ihre barbarischen Gewohnheiten +zurückfallen, so zeigen sie doch in den Missionen Verstand und einige +auch für Arbeit, besonders aber große Fertigkeit, sich spanisch +auszudrücken. Da in den Dörfern meist drei vier Nationen beisammen +leben, die einander nicht verstehen, so hat eine fremde Sprache, die +zugleich die Sprache der bürgerlichen Behörde, des Missionärs ist, den +Vortheil, daß sie als allgemeines Verkehrsmittel dient. Ich sah einen +Poignave-Indianer sich spanisch mit einem Huairiba-Indianer unterhalten, +und doch hatten beide erst seit drei Monaten ihre Wälder verlassen. Alle +Viertelstunden brachten sie einen mühselig zusammengestammelten Satz zu +Tage, und dabei war das Zeitwort, ohne Zweifel nach der Contur ihrer +eigenen Sprachen, immer im Gerundium gesetzt. Quando io mirando Padre. +Padre me dimendo. Statt: als ich den Pater sah, sagte er mir. Ich habe +oben erwähnt, wie verständig mir die Idee der Jesuiten schien, eine der +cultivirten amerikanischen Sprachen, etwa das Peruanische, die lingua +del Inga, zur allgemeinen Sprache zu machen und die Indianer in einer +Mundart zu unterrichten, die wohl in den Wurzeln, aber nicht im Bau und +in den grammatischen Formen von den ihrigen abweicht. Man that damit +nur, was die Incas oder priesterlichen Könige von Peru seit +Jahrhunderten zur Ausführung gebracht, um die barbarischen +Völkerschaften am obern Amazonenstrom unter ihrer Gewalt zu behalten und +zu humanisiren, und solch ein System ist doch nicht ganz so seltsam als +der Vorschlag, der auf einem Provinzialconcil in Mexico alles Ernstes +gemacht worden, man solle die Eingeborenen Amerikas lateinisch sprechen +lehren. + +Wie man uns sagte, zieht man am untern Orinoco, besonders in Angostura, +die Indianer vom Cassiquiare und Rio Negro wegen ihres Verstandes und +ihrer Rührigkeit den Bewohnern der andern Missionen vor. Die in +Mandavaca sind bei den Völkern ihrer Race berühmt, weil sie ein +Curare-Gift bereiten, das in der Stärke dem von Esmeralda nicht +nachsteht. Leider geben sich die Eingeborenen damit weit mehr ab als mit +dem Ackerbau, und doch ist an den Ufern des Cassiquiare der Boden +ausgezeichnet. Es findet sich daselbst ein schwarzbrauner Granitsand, +der in den Wäldern mit dicken Humusschichten, am Ufer mit einem Thon +bedeckt ist, der fast kein Wasser durchläßt. Am Cassiquiare scheint der +Boden fruchtbarer als im Thal des Rio Negro, wo der Mais ziemlich +schlecht geräth. Reis, Bohnen, Baumwolle, Zucker und Indigo geben +reichen Ertrag, wo man sie nur anzubauen versucht hat. Bei den Missionen +San Miguel de Davipe, San Carlos und Mandavaca sahen wir Indigo wild +wachsen. Es läßt sich nicht in Abrede ziehen, daß mehrere amerikanische +Völker, namentlich die Mexicaner, sich lange vor der Eroberung zu ihren +hieroglyphischen Malereien eines wirklichen Indigo bedienten, und daß +dieser Farbstoff in kleinen Broden auf dem großen Markt von Tenochtitlan +verkauft wurde. Aber ein chemisch identischer Farbstoff kann aus +Pflanzen gezogen werden, die einander nahe stehenden Gattungen +angehören, und so möchte ich jetzt nicht entscheiden, ob die in Amerika +einheimischen Indigofera sich nicht generisch von Indigofera anil und +Indigofera argentea der alten Welt unterscheiden. Bei den Kaffeebäumen +der beiden Welten ist ein solcher Unterschied wirklich beobachtet. + +Die feuchte Luft und, als natürliche Folge davon, die Masse von Insekten +lassen hier wie am Rio Negro neue Culturen fast gar nicht aufkommen. +Selbst bei hellem, blauem Himmel sahen wir das Delucsche Hygrometer +niemals unter 52 Grad stehen. Ueberall trifft man jene großen Ameisen, +die in gedrängten Haufen einherziehen und sich desto eifriger über die +Culturpflanzen hermachen, da dieselben krautartig und saftreich sind, +während in den Wäldern nur Gewächse mit holzigten Stengeln stehen. Will +ein Missionär versuchen, Salat oder irgend ein europäisches Küchenkraut +zu ziehen, so muß er seinen Garten gleichsam in die Luft hängen. Er +füllt ein altes Canoe mit gutem Boden und hängt es vier Fuß über dem +Boden an Chiquichiquistricken auf; meist aber stellt er es auf ein +leichtes Gerüste. Die jungen Pflanzen sind dabei vor Unkraut, vor +Erdwürmern und vor den Ameisen geschützt, die immer geradeaus ziehen, +und da sie nicht wissen, was über ihnen wächst, nicht leicht von ihrem +Wege ablenken, um an Pfählen ohne Rinde hinaufzukriechen. Ich erwähne +dieses Umstandes zum Beweis, wie schwer es unter den Tropen, an den +Ufern der großen Ströme dem Menschen Anfangs wird, wenn er es versucht, +in diesem unermeßlichen Naturgebiete, wo die Thiere herrschen und der +wilde Pflanzenwuchs den Boden überwuchert, einen kleinen Erdwinkel sich +zu eigen zu machen. + +Am 13. Mai. Ich hatte in der Nacht einige gute Sternbeobachtungen machen +können, leider die letzten am Cassiquiare. Mandavaca liegt unter 2°47′ +der Breite und, nach dem Chronometer, 69°27′ der Länge. Die Inclination +der Magnetnadel fand ich gleich 25°25. Dieselbe hatte also seit der +Schanze San Carlos bedeutend zugenommen; Das anstehende Gestein war +indessen derselbe, etwas hornblendehaltige Granit, den wir in Javita +getroffen, und der syenitartig aussieht. Wir brachen von Mandavaca um +zwei ein halb Uhr in der Nacht auf. Wir hatten noch acht ganze Tage mit +der Strömung des Cassiquiare zu kämpfen, und das Land, durch das wir zu +fahren hatten, bis wir wieder nach San Fernando de Atabapo kamen, ist so +menschenleer, daß wir erst nach dreizehn Tagen hoffen durften wieder zu +einem Observanten, zum Missionär von Santa Barbara zu gelangen. Nach +sechsstündiger Fahrt liefen wir am Einfluß des Rio Jdapa oder Siapa +vorbei, der ostwärts aus dem Berg Unturan entspringt und zwischen dessen +Quellen und dem Rio Mavaca, der in den Orinoco läuft, ein Trageplatz +ist. Dieser Fluß hat weißes Wasser; er ist nur halb so breit als der +Pacimoni, dessen Wasser schwarz ist. Sein oberer Lauf ist auf den Karten +von La Cruz und Surville, die allen späteren als Vorbild gedient haben, +seltsam entstellt. Ich werde, wenn von den Quellen des Orinoco die Rede +ist, Gelegenheit finden, von den Voraussetzungen zu sprechen die zu +diesen Irrthümern Anlaß gegeben haben. Hätte Pater Caulin die Karte +sehen können, die man seinem Werke beigegeben, so hätte er sich wohl +nicht wenig gewundert, daß man darin die Fictionen wieder aufgenommen, +die er mit zuverlässigen, an Ort und Stelle eingezogenen Nachrichten +widerlegt hat. Dieser Missionär sagt lediglich, der Idapa entspringe in +einem bergigten Land, bei dem die Amuisanas-Indianer hausen. Aus diesen +Indianern wurden Amoizanas oder Amazonas gemacht, und den Rio Idapa ließ +man aus einer Quelle entspringen, die am Flecke selbst, wo sie aus der +Erde sprudelt, sich in zwei Zweige theilt, die nach gerade +entgegengesetzten Seiten laufen. Eine solche Gabelung einer Quelle ist +ein reines Phantasiebild. + +Wir übernachteten unter freiem Himmel beim Raudal des Cunuri. Das Getöse +des kleinen Katarakts wurde in der Nacht auffallend stärker. Unsere +Indianer behaupteten, dieß sey ein sicheres Vorzeichen des Regens. Ich +erinnerte mich, daß auch die Bewohner der Alpen auf dieses +Wetterzeichen[^12] sehr viel halten. Wirklich regnete es lange vor +Sonnenaufgang. Uebrigens hatte uns das lange anhaltende Geheul der +Araguatos, lange bevor der Wasserfall lauter wurde, verkündet, daß ein +Regenguß im Anzug sey. + +Am 14. Mai. Die Moskitos und mehr noch die Ameisen jagten uns vor zwei +Uhr in der Nacht vom Ufer. Wir hatten bisher geglaubt, die letzteren +kriechen nicht an den Stricken der Hängematten hinauf; ob dieß nun aber +unbegründet ist, oder ob die Ameisen aus den Baumgipfeln auf uns +herabfielen, wir hatten vollauf zu thun, uns dieser lästigen Insekten zu +entledigen. Je weiter wir fuhren, desto schmaler wurde der Fluß und die +Ufer waren so sumpfigt, daß Bonpland sich nur mit großer Mühe an den Fuß +einer mit großen purpurrothen Blüthen bedeckten Carolinea princeps +durcharbeiten konnte. Dieser Baum ist die herrlichste Zierde der Wälder +hier und am Rio Negro. Wir untersuchten mehrmals am Tage die Temperatur +des Cassiquiare. Das Wasser zeigte an der Oberfläche nur 24° (in der +Luft stand der Thermometer auf 25°,6), also ungefähr so viel als der Rio +Negro, aber 4—5° weniger als der Orinoco. Nachdem wir westwärts die +Mündung des Caño Caterico, der schwarzes, ungemein durchsichtiges Wasser +hat, hinter uns gelassen, verließen wir das Flußbett und landeten an +einer Insel, auf der die Mission Vasiva liegt. Der See, der die Mission +umgibt, ist eine Meile breit und hängt durch drei Canäle mit dem +Cassiquiare zusammen. Das Land umher ist sehr sumpfigt und +fiebererzeugend. Der See, dessen Wasser bei durchgehendem Lichte gelb +ist, trocknet in der heißen Jahreszeit aus und dann können es selbst die +Indianer in den Miasmen, welche sich aus dem Schlamm entwickeln, nicht +aushalten. Daß gar kein Wind weht, trägt viel dazu bei, daß diese +Landstriche so ungemein ungesund sind. Ich habe die Zeichnung des +Grundrisses von Vasiva, den ich am Tage unserer Ankunft aufgenommen, +stechen lassen. Das Dorf wurde zum Theil an einen trockeneren Platz +gegen Nord verlegt, und daraus entspann sich ein langer Streit zwischen +dem Statthalter von Guyana und den Mönchen. Der Statthalter behauptete, +letzteren stehe nicht das Recht zu, ohne Genehmigung der bürgerlichen +Behörde ihre Dörfer zu verlegen; da er aber gar nicht wußte, wo der +Cassiquiare liegt, richtete er seine Beschwerde an den Missionär von +Carichana, der 150 Meilen von Vasiva haust und nicht begriff, von was es +sich handelte. Dergleichen geographische Mißverständnisse kommen sehr +häufig vor, wo die Leute fast nie im Besitz einer Karte der Länder sind, +die sie zu regieren haben. Im Jahr 1785 übertrug man die Mission Padamo +dem Pater Valor mit der Weisung, »sich unverzüglich zu den Indianern zu +verfügen, die ohne Seelenhirten seyen.« Und seit länger als fünfzehn +Jahren gab es kein Dorf Padamo mehr und die Indianer waren al monte +gelaufen. + +Vom 14. bis 21. Mai brachten wir die Nacht immer unter freiem Himmel zu +— ich kann aber die Orte, wo wir unser Nachtlager aufschlugen, nicht +angeben. Dieser Landstrich ist so wild und so wenig von Menschen +betreten, daß die Indianer, ein paar Flüsse ausgenommen, keinen der +Punkte, die ich mit dem Compaß aufnahm, mit Namen zu nennen wußten. +Einen ganzen Grad weit konnte ich durch keine Sternbeobachtung die +Breite bestimmen. Oberhalb des Punktes, wo der Itinivini vom Cassiquiare +abgeht und westwärts den Granithügeln von Daripabo zuläuft, sahen wir +die sumpfigten Ufer des Stroms mit Bambusrohr bewachsen. Diese +baumartigen Gräser werden 20 Fuß hoch; ihr Halm ist gegen die Spitze +immer umgebogen. Es ist eine neue Art Bambusa mit sehr breiten Blättern. +Bonpland war so glücklich, ein blühendes Exemplar zu finden. Ich erwähne +dieses Umstandes, weil die Gattungen Nastus und Bambusa bis jetzt sehr +schlecht auseinander gehalten waren, und man in der neuen Welt diese +gewaltigen Gräser ungemein selten blühend antrifft. Mutis botanisirte +zwanzig Jahre in einem Land, wo die Bambusa Guadua mehrere Meilen breite +sumpfigte Wälder bildet, und war nie im Stande einer Blüthe habhaft zu +werden. Wir schickten diesem Gelehrten die ersten Bambusa-Aehren aus den +gemäßigten Thälern von Popayan. Wie kommt es, daß sich die +Befruchtungsorgane so selten bei einer Pflanze entwickeln, die im Lande +zu Hause ist und vom Meeresspiegel bis in 900 Toisen Höhe äußerst +kräftig wächst, also in eine subalpinische Region hinaufreicht, wo unter +den Tropen das Klima dem des mittägigen Spaniens gleicht? Die Bambusa +latifolia scheint den Becken des obern Orinoco, des Cassiquiare und des +Amazonenstroms eigenthümlich zu seyn; es ist ein geselliges Gewächs, wie +alle Gräser aus der Familie der Nastoiden; aber in dem Striche von +spanisch Guyana, durch den wir gekommen, tritt sie nicht in den +gewaltigen Massen auf, welche die Hispano-Amerikaner Guaduales oder +Bambuswälder nennen. + +Unser erstes Nachtlager oberhalb Vasiva war bald aufgeschlagen. Wir +trafen einen kleinen trockenen, von Büschen freien Fleck südlich vom +Caño Curamuni, an einem Ort, wo wir Kapuzineraffen,[^13] kenntlich am +schwarzen Bart und der trübseligen, scheuen Miene, langsam auf den +horizontalen Aesten einer Genipa hin und hergehen sahen. Die fünf +folgenden Nächte wurden immer beschwerlicher, je näher wir der +Gabeltheilung des Orinoco kamen. Die Ueppigkeit des Pflanzenwuchses +steigerte sich in einem Grade, von dem man sich keinen Begriff macht, +selbst wenn man mit dem Anblick der tropischen Wälder vertraut ist. Ein +Gelände ist gar nicht mehr vorhanden; ein Pfahlwerk aus dichtbelaubten +Bäumen bildet das Flußufer. Man hat einen 200 Toisen breiten Canal vor +sich, den zwei ungeheure mit Laub und Lianen bedeckte Wände einfassen; +Wir versuchten öfters zu landen, konnten aber nicht aus dem Canoe +kommen. Gegen Sonnenuntergang fuhren wir zuweilen eine Stunde lang am +Ufer hin, um, nicht eine Lichtung (dergleichen gibt es gar nicht), +sondern nur einen weniger dicht bewachsenen Fleck zu entdecken, wo +unsere Indianer mit der Axt so weit aufräumen konnten, um für 12 bis 13 +Personen ein Lager aufzuschlagen. In der Pirogue konnten wir die Nacht +unmöglich zubringen. Die Moskitos, die uns den Tag über plagten, setzten +sich gegen Abend haufenweise unter den Toldo, d. h. unter das Dach aus +Palmblättern, das uns vor dem Regen schützte. Rio waren uns Hände und +Gesicht so stark geschwollen gewesen. Pater Zea, der sich bis dahin +immer gerühmt, er habe in seinen Missionen an den Katarakten die größten +und wildesten (las mas feroces) Moskitos, gab nach und nach zu, nie +haben ihn die Insektenstiche ärger geschmerzt, als hier am Cassiquiare. +Mitten im dicken Walde konnten wir uns nur mit schwerer Mühe Brennholz +verschaffen; denn in diesen Ländern am Aequator, wo es beständig regnet, +sind die Baumzweige so saftreich, daß sie fast gar nicht brennen. Wo es +keine trockenen Ufer gibt, findet man auch so gut wie kein altes Holz, +das, wie die Indier sagen, an der Sonne gekocht ist. Feuer bedurften wir +übrigens nur als Schutzwehr gegen die Thiere des Waldes; unser Vorrath +an Lebensmitteln war so gering, daß wir zur Zubereitung der Speisen des +Feuers ziemlich hätten entbehren können. + +Am 18. Mai gegen Abend kamen wir an einen Ort, wo wilde Cacaobäume das +Ufer säumen. Die Bohne derselben ist klein und bitter; die Indianer in +den Wäldern saugen das Mark aus und werfen die Bohnen weg, und diese +werden von den Indianern in den Missionen aufgelesen und an solche +verkauft, die es bei der Bereitung ihrer Chokolate nicht genau nehmen. +»Hier ist der Puerto del Cacao,« sagte der Steuermann, »hier übernachten +los Padres, wenn sie nach Esmeralda fahren, um Blaseröhren und Juvia +(die wohlschmeckenden Mandeln der Bertholletia) zu kaufen.« Indessen +befahren im Jahre nicht fünf Canoes den Cassiquiare, und seit Maypures, +also seit einem Monat, war uns auf den Flüssen, die wir hinauffuhren, +keine Seele begegnet, außer in der nächsten Nähe der Missionen. Südwärts +vom See Duractumini übernachteten wir in einem Palmenwalde. Der Regen +goß in Strömen herab; aber die Pothos, die Arum und die Schlinggewächse +bildeten eine natürliche, so dichte Laube, daß wir darunter Schutz +fanden, wie unter dichtbelaubten Bäumen. Die Indianer, die am Ufer +lagen, hatten Heliconien und Musaceen in einander verschlungen und damit +über ihren Hängematten eine Art Dach gebildet. Unsere Feuer beleuchteten +auf 50, 60 Fuß Höhe die Palmstämme, die mit Blüthen bedeckten +Schlinggewächse und die weißlichten Rauchsäulen, die gerade gen Himmel +stiegen; ein prachtvoller Anblick, aber um desselben mit Ruhe zu +genießen, hätte man eine Luft athmen müssen, die nicht von Insekten +wimmelte. + +Unter allen körperlichen Leiden wirken diejenigen am +niederschlagendsten, die in ihrer Dauer immer dieselben sind, und gegen +die es kein Mittel gibt als Geduld. Die Ausdünstungen in den Wäldern am +Cassiquiare haben wahrscheinlich bei Bonpland den Keim zu der schweren +Krankheit gelegt, der er bei unserer Ankunft in Angostura beinahe +erlegen wäre. Zu unserem Glück ahnte er so wenig als ich die Gefahr, die +ihm drohte. Der Anblick des Flusses und das Summen der Moskitos kamen +uns allerdings etwas einförmig vor; aber unser natürlicher Frohsinn war +nicht ganz gebrochen und half uns über die lange Oede weg. Wir machten +die Bemerkung, daß wir uns den Hunger auf mehrere Stunden vertrieben, +wenn wir etwas trockenen geriebenen Cacao ohne Zucker aßen. Die Ameisen +und die Moskitos machten uns mehr zu schaffen als die Nässe und der +Mangel an Nahrung. So großen Entbehrungen wir auch auf unsern Zügen in +den Cordilleren ausgesetzt gewesen, die Flußfahrt von Mandavaca nach +Esmeralda erschien uns immer als das beschwerdereichste Stück unseres +Aufenthalts in Amerika. Ich rathe den Reisenden, den Weg über den +Cassiquiare dem über den Atabapo nicht vorzuziehen, sie müßten denn sehr +großes Verlangen haben, die große Gabeltheilung des Orinoco mit eigenen +Augen zu sehen. + +Oberhalb des Caño Duractumuni läuft der Cassiquiare geradeaus von +Nordost nach Südwest. Hier hat man am rechten Ufer mit dem Bau des neuen +Dorfes Vasiva begonnen. Die Missionen Pacimona, Capivari, Buenaguardia, +so wie die angebliche Schanze am See bei Vasiva auf unsern Karten sind +lauter Fictionen. Es fiel uns auf, wie stark durch die raschen +Anschwellungen des Cassiquiare die beiderseitigen Uferabhänge unterhöhlt +waren. Entwurzelte Bäume bilden wie natürliche Flöße; sie stecken halb +im Schlamm und können den Piroguen sehr gefährlich werden. Hätte man das +Unglück, in diesen unbewohnten Strichen zu scheitern, so verschwände man +ohne Zweifel, ohne daß eine Spur des Schiffbruchs verriethe, wo und wie +man untergegangen. Man erführe nur an der Küste, und das sehr spät, ein +Canoe, das von Vasiva abgegangen, sey hundert Meilen weiterhin, in den +Missionen Santa Barbara und San Fernando de Atabapo nicht gesehen +worden. + +Die Nacht des 20. Mai, die letzte unserer Fahrt auf dem Cassiquiare, +brachten wir an der Stelle zu, wo der Orinoco sich gabelt. Wir hatten +einige Aussicht, eine astronomische Beobachtung machen zu können; denn +ungewöhnlich große Sternschnuppen schimmerten durch die Dunsthülle, die +den Himmel umzog. Wir schlossen daraus, die Dunstschicht müsse sehr dünn +seyn, da man solche Meteore fast niemals unter dem Gewölk sieht. Die uns +zu Gesicht kamen, liefen nach Nord und folgten auf einander fast in +gleichen Pausen. Die Indianer, welche die Zerrbilder ihrer Phantasie +nicht leicht durch den Ausdruck veredeln, nennen die Sternschnuppen den +Urin und den Thau den Speichel der Sterne. Aber das Gewölk wurde wieder +dicker und wir sahen weder die Meteore mehr noch die wahren Sterne, +deren wir seit mehreren Tagen mit so großer Ungeduld harrten. + +Man hatte uns gesagt, in Esmeralda werden wir die Insekten »noch +grausamer und gieriger« finden, als auf dem Arm des Orinoco, den wir +jetzt hinauffuhren; trotz dieser Aussicht erheiterte uns die Hoffnung, +endlich einmal wieder an einem bewohnten Orte schlafen und uns beim +Botanisiren einige Bewegung machen zu können. Beim letzten Nachtlager am +Cassiquiare wurde unsere Freude getrübt. Ich nehme keinen Anstand, hier +einen Vorfall zu erzählen, der für den Leser von keinem großen Belang +ist, der aber in einem Tagebuch, das die Begebnisse auf der Fahrt durch +ein so wildes Land schildert, immerhin eine Stelle finden mag. Wir +lagerten am Waldsaum. Mitten in der Nacht meldeten uns die Indianer, man +höre den Jaguar ganz in der Nähe brüllen, und zwar von den nahestehenden +Bäumen herab. Die Wälder sind hier so dicht, daß fast keine andern +Thiere darin vorkommen, als solche, die auf die Bäume klettern, +Vierhänder, Cercolepten, Viverren und verschiedene Katzenarten. Da +unsere Feuer hell brannten, und da man durch lange Gewöhnung Gefahren, +die durchaus nicht eingebildet sind, ich möchte sagen, systematisch +nicht achten lernt, so machten wir uns aus dem Brüllen der Jaguars nicht +viel. Der Geruch und die Stimme unseres Hundes hatten sie hergelockt. +Der Hund (eine große Dogge) bellte Anfangs; als aber der Tiger näher +kam, fing er an zu heulen und kroch unter unsere Hängematten, als wollte +er beim Menschen Schutz suchen. Seit unsern Nachtlagern am Rio Apure +waren wir daran gewöhnt, bei dem Thier, das jung, sanftmüthig und sehr +einschmeichelnd war, in dieser Weise Muth und Schüchternheit wechseln zu +sehen. Wie groß war unser Verdruß, als uns am Morgen, da wir eben das +Fahrzeug besteigen wollten, die Indianer meldeten, der Hund sey +verschwunden! Es war kein Zweifel, die Jaguars hatten ihn +fortgeschleppt. Vielleicht war er, da er sie nicht mehr brüllen hörte, +von den Feuern weg dem Ufer zu gegangen; vielleicht aber auch hatten wir +den Hund nicht winseln hören, da wir im tiefsten Schlafe lagen. Am +Orinoco und am Magdalenenstrom versicherte man uns oft, die ältesten +Jaguars (also solche, die viele Jahre bei Nacht gejagt haben) seyen so +verschlagen, daß sie mitten aus einem Nachtlager Thiere herausholen, +indem sie ihnen den Hals zudrücken, damit sie nicht schreien können. Wir +warteten am Morgen lange, in der Hoffnung, der Hund möchte sich nur +verlaufen haben. Drei Tage später kamen wir an denselben Platz zurück. +Auch jetzt hörten wir die Jaguars wieder brüllen, denn diese Thiere +haben eine Vorliebe für gewisse Orte; aber all unser Suchen war +vergeblich. Die Dogge, die seit Caracas unser Begleiter gewesen und so +oft schwimmend den Krokodilen entgangen war, war im Walde zerrissen +worden. Ich erwähne dieses Vorfalls nur, weil er einiges Licht auf die +Kunstgriffe dieser großen Katzen mit geflecktem Fell wirft. + +Am 21. Mai liefen wir drei Meilen unterhalb der Mission Esmeralda wieder +in das Bett des Orinoco ein. Vor einem Monat hatten wir diesen Fluß bei +der Einmündung des Guaviare verlassen. Wir hatten nun noch 750 +Seemeilen[^14] nach Angostura, aber es ging den Strom abwärts, und +dieser Gedanke war geeignet, uns unsere Leiden erträglicher zu machen. +Fährt man die großen Ströme hinab, so bleibt man im Thalweg, wo es nur +wenige Moskitos gibt; stromaufwärts dagegen muß man sich, um die Wirbel +und Gegenströmungen zu benützen, nahe am Ufer halten, wo es wegen der +Nähe der Wälder und des organischen Detritus, der aufs Ufer geworfen +wird, von Mücken wimmelt.[^15] Der Punkt, wo die vielberufene +Gabeltheilung des Orinoco stattfindet, gewährt einen ungemein +großartigen Anblick. Am nördlichen Ufer erheben sich hohe Granitberge; +in der Ferne erkennt man unter denselben den Maraguaca und den Duida. +Auf dem linken Ufer des Orinoco, westlich und südlich von der Gabelung, +sind keine Berge bis dem Einfluß des Tamatama gegenüber. Hier liegt der +Fels Guaraco, der in der Regenzeit zuweilen Feuer speien soll. Da wo der +Orinoco gegen Süd nicht mehr von Bergen umgeben ist und er die Oeffnung +eines Thals oder vielmehr einer Senkung erreicht, welche sich nach dem +Rio Negro hinunterzieht, theilt er sich in zwei Aeste. Der Hauptast (der +Rio Paragua der Indianer) setzt seinen Lauf west-nord-westwärts um die +Berggruppe der Parime herum fort; der Arm, der die Verbindung mit dem +Amazonenstrom herstellt, läuft über Ebenen, die im Ganzen ihr Gefäll +gegen Süd haben, wobei aber die einzelnen Gehänge im Cassiquiare gegen +Südwest, im Becken des Rio Negro gegen Südost fallen. Eine scheinbar so +auffallende Erscheinung, die ich an Ort und Stelle untersucht habe, +verdient ganz besondere Aufmerksamkeit, um so mehr, als sie über +ähnliche Fälle, die man im innern Afrika beobachtet zu haben glaubt, +einigen Aufschluß geben kann. Ich beschließe dieses Capitel mit +allgemeinen Betrachtungen über das hydraulische System von spanisch +Guyana, und versuche es, durch Anführung von Fällen auf dem alten +Continent darzuthun, daß diese Gabeltheilung, die für die Geographen, +welche Karten von Amerika entwarfen, so lange ein Schreckbild war, +immerhin etwas Seltenes ist, aber in beiden Halbkugeln vorkommt. + +Wir sind gewöhnt, die europäischen Flüsse nur in dem Theil ihres Laufs +zu betrachten, wo sie zwischen zwei Wasserscheiden liegen, somit in +Thäler eingeschlossen sind; wir beachten nicht, daß, die +Bodenhindernisse, welche Nebenflüsse und Hauptwasserbehälter ablenken, +gar nicht so oft Bergketten sind, als vielmehr sanfte Böschungen von +Gegenhängen; und so fällt es uns schwer, uns eine Vorstellung davon zu +machen, wie in der neuen Welt die Ströme sich so stark krümmen, sich +gabelig theilen und in einander münden sollen. An diesem ungeheuern +Continent fällt die weite Erstreckung und Einförmigkeit seiner Ebenen +noch mehr auf als die riesenhafte Höhe seiner Cordilleren. +Erscheinungen, wie wir sie in unserer Halbkugel an den Meeresküsten oder +in den Steppen von Bactriana um Binnenmeere, um den Aral und das +caspische Meer beobachten, kommen in Amerika drei-, vierhundert Meilen +von den Strommündungen vor. Die kleinen Bäche, die sich durch unsere +Wiesengründe (die vollkommensten Ebenen bei uns) schlängeln, geben im +Kleinen ein Bild jener Verzweigungen und Gabeltheilungen; man hält es +aber nicht der Mühe werth, bei solchen Kleinigkeiten zu verweilen, und +so fällt einem bei den hydraulischen Systemen der beiden Welten mehr der +Contrast auf als die Analogie. Die Vorstellung, der Rhein könnte an die +Donau, die Weichsel an die Oder, die Seine an die Loire einen Arm +abgeben, erscheint uns auf den ersten Blick so ausschweifend, daß wir, +wenn wir auch nicht daran zweifeln, daß Orinoco und Amazonenstrom in +Verbindung stehen, den Beweis verlangen, daß was wirklich ist, auch +möglich ist. + +Fährt man über das Delta des Orinoco nach Angostura und zum Einfluß des +Rio Apure hinauf, so hat man die hohe Gebirgskette der Parime +fortwährend zur Linken. Diese Kette bildet nun keineswegs, wie mehrere +berühmte Geographen angenommen haben, eine Wasserscheide zwischen dem +Becken des Orinoco und dem des Amazonenstroms, vielmehr entspringen am +Südabhang derselben die Quellen des ersteren Stroms. Der Orinoco +beschreibt (ganz wie der Arno in der bekannten Voltata zwischen Bibieno +und Ponta Sieve) drei Viertheile eines Ovals, dessen große Achse in der +Richtung eines Parallels liegt. Er läuft um einen Bergstock herum, von +dessen beiden entgegengesetzten Abhängen die Gewässer ihm zulaufen. Von +den« Alpenthälern des Maraguaca an läuft der Fluß zuerst gegen West oder +West-Nord-West, als sollte er sich in die Südsee ergießen; darauf, beim +Einfluß des Guaviare, fängt er an nach Nord umzubiegen und läuft in der +Richtung eines Meridians bis zur Mündung des Apure, wo ein zweiter +»Wiederkehrungspunkt« liegt. Auf diesem Stücke seines Laufs füllt der +Orinoco eine Art Rinne, die durch das sanfte Gefälle, das sich von der +sehr fernen Andenkette von Neu-Grenada herunterzieht, und durch den ganz +kurzen Gegenhang, der ostwärts zur steilen Gebirgswand der Parime +hinaufläuft, gebildet wird. In Folge dieser Bodenbildung kommen die +bedeutendsten Zuflüsse dem Orinoco von Westen herzu. Da der +Hauptbehälter ganz nahe an den Gebirgen der Parime liegt, um die er sich +von Süd nach Nord herumbiegt (als sollte er Portocabello an der +Nordküste von Venezuela zu laufen), so ist sein Bett von Felsmassen +verstopft. Dieß ist der Strich der großen Katarakten; der Strom bricht +sich brüllend Bahn durch die Ausläufer, die gegen West fortstreichen, so +daß aus der großen »Land-Meerenge«[^16] (détroit terrestre) zwischen den +Cordilleren von Neu-Grenada und der Sierra Parime die Felsen am +westlichen Ufer des Stroms noch dieser Sierra angehören. Beim Einfluß +des Rio Apure sieht man nun den Orinoco zum zweitenmal, und fast +plötzlich, aus seiner Richtung von Süd nach Nord in die von West nach +Ost umbiegen, wie weiter oben der Einfluß des Guaviare den Punkt +bezeichnet, wo der westliche Lauf rasch zum nördlichen wird. Bei diesen +beiden Biegungen wird die Richtung des Hauptbehälters nicht allein durch +den Stoß der Gewässer des Nebenflusses bestimmt, sondern auch durch die +eigenthümliche Lage der Hänge und Gegenhänge, die sowohl auf die +Richtung der Nebenflüsse als auf die des Orinoco selbst ihren Einfluß +äußern. Umsonst sieht man sich bei diesen geographisch so wichtigen +»Wiederkehrungspunkten« nach Bergen oder Hügeln um, die den Strom seinen +bisherigen Lauf nicht fortsetzen ließen. Beim Einfluß des Guaviare sind +keine vorhanden, und bei der Mündung des Apure konnte der niedrige Hügel +von Cabruta auf die Richtung des Orinoco sicher keinen Einfluß äußern. +Diese Veränderungen der Richtung sind Folgen allgemeinerer Ursachen; sie +rühren her von der Lage der großen geneigten Ebenen, aus denen die +polyedrische Fläche der Niederungen besteht. Die Bergketten steigen +nicht wie Mauern auf wagrechten Grundflächen empor; ihre mehr oder +weniger prismatischen Stöcke stehen immer auf Plateaux, und diese +Plateaux streichen mit stärkerer oder geringerer Abdachung dem Thalweg +des Stromes zu. Der Umstand, daß die Ebenen gegen die Berge ansteigen, +ist somit die Ursache, daß sich die Flüsse so selten an den Bergen +selbst brechen und den Einfluß dieser Wasserscheiden, so zu sagen, in +bedeutender Entfernung fühlen. Geographen, welche Topographie nach der +Natur studirt und selbst Bodenvermessungen vorgenommen haben, können +sich nicht wundern, daß auf Karten, auf denen wegen ihres Maßstabes ein +Gefälle von 3—5 Grad sich nicht angeben läßt, die Ursachen der großen +Flußkrümmungen materiell gar nicht ersichtlich sind. Der Orinoco läuft +von der Mündung des Apure bis zu seinem Ausfluß an der Ostküste von +Amerika parallel mit seiner anfänglichen Richtung, aber derselben +entgegen; sein Thalweg wird dort gegen Norden durch eine fast +unmerkliche Abdachung, die sich gegen die Küstenkette von Venezuela +hinaufzieht, gegen Süden durch den kurzen steilen Gegenhang an der +Sierra Parime gebildet. In Folge dieser eigenthümlichen Terrainbildung +umgibt der Orinoco denselben granitischen Gebirgsstock in Süd, West und +Nord, und befindet sich nach einem Lauf von 1350 Seemeilen (zu 950 +Toisen) 300 Seemeilen von seinem Ursprung. Es ist ein Fluß, dessen +Mündung bis auf zwei Grad im Meridian seiner Quellen liegt. + +Der Lauf des Orinoco, wie wir ihn hier flüchtig geschildert, zeigt drei +sehr bemerkenswerthe Eigenthümlichkeiten: 1) daß er dem Bergstock, um +den er in Süd, West und Nord herläuft, immer so nahe bleibt; 2) daß +seine Quellen in einem Landstrich liegen, der, wie man glauben sollte, +dem Becken des Rio Negro und des Amazonenstroms angehört; 3) daß er sich +gabelt und einem andern Flußsystem einen Arm zusendet. Nach bloß +theoretischen Vorstellungen sollte man annehmen, die Flüsse, wenn sie +einmal aus den Alpenthälern heraus sind, in deren obern Enden sie +entsprungen, müßten rasch von den Bergen weg auf einer mehr oder weniger +geneigten Ebene fortziehen, deren stärkster Fall senkrecht ist auf die +große Achse der Kette oder die Hauptwasserscheide. Eine solche +Voraussetzung widerspräche aber dem Verhalten der großartigsten Ströme +Indiens und Chinas. Es ist eine Eigenthümlichkeit dieser Flüsse, daß sie +nach ihrem Austritt aus dem Gebirge mit der Kette parallel laufen. Die +Ebenen deren Gehänge gegen die Gebirge ansteigen, sind am Fuße derselben +unregelmäßig gestaltet. Nicht selten mag die Erscheinung, von der hier +die Rede ist, von der Beschaffenheit des geschichteten Gesteins und +daher rühren, daß die Schichten den großen Ketten parallel streichen; da +aber der Granit der Sierra Parime fast durchaus massig, nicht +geschichtet ist, so deutet der Umstand, daß der Orinoco sich so nahe um +diesen Gebirgsstock herumschlingt, auf eine Terrainsenkung hin, die mit +einer allgemeineren geologischen Erscheinung zusammenhängt, auf eine +Ursache, die vielleicht bei der Bildung der Cordilleren selbst im Spiele +war. In den Meeren und den Binnenseen finden sich die tiefsten Stellen +da, wo die Ufer am höchsten und steilsten sind. Fährt man von Esmeralda +nach Angostura den Orinoco hinab, so sieht man (ob die Richtung West, +Nord oder Ost ist) 250 Meilen weit am rechten Ufer beständig sehr hohe +Berge, am linken dagegen Ebenen, so weit das Auge reicht. Die Linie der +größten Tiefen, die Maxima der Senkung liegen also am Fuß der Cordillere +selbst, am Umriß der Sierra Parime. + +Eine andere Eigenthümlichkeit, die uns auf den ersten Anblick am Laufe +des Orinoco auffällig erscheint, ist, daß das Becken dieses Stroms +ursprünglich mit dem Becken eines andern, des Amazonenstroms, +zusammenzufallen scheint. Wirft man einen Blick auf die Karte, so sieht +man, daß der obere Orinoco von Ost nach West über dieselbe Ebene läuft, +durch die der Amazonenstrom parallel mit ihm, aber in entgegengesetzter +Richtung, von West nach Ost zieht. Aber das Becken ist nur scheinbar ein +gemeinschaftliches; man darf nicht vergessen, daß die großen +Bodenflächen, die wir Ebenen nennen, ihre Thäler haben, so gut wie die +Berge. Jede Ebene besteht aus verschiedenen Systemen alternativer +Hänge,[^17] und diese Systeme sind von einander durch secundäre +Wasserscheiden von so geringer Höhe getrennt, daß das Auge sie fast +nicht bemerkt. Eine ununterbrochene, waldbedeckte Ebene füllt den +ungeheuern Raum zwischen dem 3½ Grad nördlicher und dem 14. Grad +südlicher Breite, zwischen der Cordillere der Parime und der Cordillere +von Chiquitos und der brasilianischen. Bis zum Parallel der Quellen des +Rio Temi (2°45′ nördlicher Breite), auf einer Oberfläche von 204,000 +Quadratmeilen,[^18] laufen alle Gewässer dem Amazonenstrom als +Hauptbehälter zu; aber weiter gegen Norden hat in Folge eigenthümlicher +Terrainbildung auf einer Fläche von nicht 1500 Quadratmeilen ein anderer +großer Strom, der Orinoco, sein eigenes hydraulisches System. Die +Centralebene von Südamerika umfaßt also zwei Strombecken; denn ein +Becken ist die Gesammtheit aller umliegenden Bodenflächen, deren +stärkste Falllinien dem Thalweg, das heißt der Längenvertiefung, welche +das Bett des Hauptbehälters bildet, zulaufen. Auf dem kurzen Strich +zwischen dem 68 und 70. Grad der Länge nimmt der Orinoco die Gewässer +auf, die vom Südabhang der Cordillere der Parime herabkommen; aber die +Nebenflüsse, die am selben Abhang östlich vom Meridian von 68° zwischen +dem Berge Maraguaca und den Bergen des portugiesischen Guyana +entspringen, gehen in den Amazonenstrom. Also nur auf einer 50 Meilen +langen Strecke haben in diesem ungeheuern Thal unter dem Aequator die +Bodenflächen zunächst am Fuß der Cordillere der Parime ihren stärksten +Fall in einer Richtung, die aus dem Thal hinaus zuerst nordwärts, dann +ostwärts weist. In Ungarn sehen wir einen ähnlichen, sehr merkwürdigen +Fall, wo Flüsse, die südwärts von einer Bergkette entspringen, dem +hydraulischen System des Nordhangs angehören. Die Wasserscheide zwischen +dem baltischen und dem schwarzen Meer liegt südlich vom Tatra, einem +Ausläufer der Carpathen, zwischen Teplicz und Ganocz, auf einem nur 300 +Toisen hohen Plateau. Waag und Hernad laufen südwärts der Donau zu, +während der Poprad um das Tatragebirge gegen West herumläuft und mit dem +Dunajetz nordwärts der Weichsel zufließt. Der Poprad, der seiner Lage +nach zu den Gewässern zu gehören scheint, die dem schwarzen Meer +zufließen, trennt sich scheinbar vom Becken derselben los und wendet +sich dem baltischen Meere zu. + +In Südamerika enthält eine ungeheure Ebene das Becken des Amazonenstroms +und einen Theil des Beckens des Orinoco; aber in Deutschland, zwischen +Melle und Osnabrück, haben wir den seltenen Fall, daß ein sehr enges +Thal die Becken zweier kleiner, von einander unabhängiger Flüsse +verbindet. Die Else und die Haase laufen Anfangs nahe bei einander und +parallel von Süd nach Nord; wo sie aber in die Ebene treten, weichen sie +nach Ost und West auseinander und schließen sich zwei ganz gesonderten +Flußsystemen, dem der Werra und dem der Ems, an. + +Ich komme zur dritten Eigenthümlichkeit im Laufe des Orinoco, zu jener +Gabeltheilung, die man im Moment, da ich nach Amerika abreiste, wieder +in Zweifel gezogen hatte. Diese Gabeltheilung (divergium amnis) liegt +nach meinen astronomischen Beobachtungen in der Mission Esmeralda unter +dem 3°10′ nördlicher Breite und dem 68°37′ westlicher Länge vom Meridian +von Paris. Im Innern von Südamerika erfolgt dasselbe, was wir unter +allen Landstrichen an den Küsten vorkommen sehen. Nach den einfachsten +geometrischen Grundsätzen haben wir anzunehmen, daß die Bodenbildung und +der Stoß der Zuflüsse die Richtung der strömenden Gewässer nach festen, +gleichförmigen Gesetzen bestimmen. Die Deltas entstehen dadurch, daß auf +der Ebene eines Küstenlandes eine Gabeltheilung erfolgt, und bei näherer +Betrachtung zeigen sich zuweilen in der Nähe dieser oceanischen Gabelung +Verzweigungen mit andern Flüssen, von denen Arme nicht weit abliegen. +Kommen nun aber Bodenflächen, so eben wie das Küstenland, im Innern der +Festländer gleichfalls vor, so müssen sich dort auch dieselben +Erscheinungen wiederholen. Aus denselben Ursachen, welche an der Mündung +eines großen Stroms Gabeltheilungen herbeiführen, können dergleichen +auch an seinen Quellen und in seinem obern Laufe entstehen. Drei +Umstände tragen vorzugsweise dazu bei: die höchst unbedeutenden +wellenförmigen Steigungen und Senkungen einer Ebene, die zwei +Strombecken zugleich umfaßt, die Breite des einen der Hauptbehälter, und +die Lage des Thalwegs am Rande selbst, der beide Becken scheidet. + +Wenn die Linie des stärksten Falls durch einen gegebenen Punkt läuft, +und wenn sie, noch so weit verlängert, nicht auf den Fluß trifft, so +kann dieser Punkt, er mag noch so nahe am Thalweg liegen, nicht wohl +demselben Becken angehören. In anstoßenden Becken sehen wir häufig die +Zuflüsse des einen Behälters ganz nahe bei dem andern zwischen zwei +Zuflüssen des letzteren entspringen. In Folge dieser eigenthümlichen +Coordinationsverhältnisse zwischen den alternativen Gehängen werden die +Grenzen der Becken mehr oder weniger gekrümmt. Die Längenfurche oder der +Thalweg ist keineswegs nothwendig in der Mitte des Beckens; er befindet +sich nicht einmal immer an den tiefsten Stellen, denn diese können von +Kämmen umgeben seyn, so daß die Linien des stärksten Falls nicht +hinlaufen. Nach der ungleichen Länge der Zuflüsse an beiden Ufern eines +Flusses schätzen wir ziemlich sicher, welche Lage der Thalweg den +Grenzen des Beckens gegenüber hat. Am leichtesten erfolgt nun eine +Gabeltheilung, wenn der Hauptbehälter einer dieser Grenzen nahe gerückt +ist, wenn er längs dem Kamm hinläuft, der die Wasserscheide zwischen +beiden Becken bildet. Die geringste Erniedrigung dieses Kamms kann dann +die Erscheinung herbeiführen, von der hier die Rede ist, wenn nicht der +Fluß, vermöge der einmal angenommenen Geschwindigkeit, ganz in seinem +Bette zurückbleibt. Erfolgt aber die Gabeltheilung, so läuft die Grenze +zwischen beiden Becken der Länge nach durch das Bett des Hauptbehälters, +und ein Theil des Thalwegs von a enthält Punkte, von denen die Linien +des stärksten Falls zum Thalweg von b weisen. Der Arm, der sich +absondert, kann nicht mehr zu a zurückkommen, denn ein Wasserfaden, der +einmal in ein Becken gelangt ist, kann diesem nicht mehr entweichen, +ohne durch das Bett des Flusses, der alle Gewässer desselben vereinigt, +hindurchzugehen. + +Es ist nun noch zu betrachten, in wie fern die Breite eines Flusses +unter sonst gleichen Umständen die Bildung solcher Gabeltheilungen +begünstigt, welche, gleich den Kanälen mit Theilungspunkten, in Folge +der natürlichen Bodenbildung eine schiffbare Linie zwischen zwei +benachbarten Strombecken herstellen. Sondirt man einen Fluß nach dem +Querdurchschnitt, so zeigt sich, daß sein Bett gewöhnlich aus mehreren +Rinnen von ungleicher Tiefe besteht. Je breiter der Strom ist, desto +mehr sind dieser Rinnen; sie laufen sogar große Strecken weit mehr oder +weniger einander parallel. Es folgt daraus, daß die meisten Flüsse +betrachtet werden können als aus mehreren dicht an einander gerückten +Kanälen bestehend, und daß eine Gabelung sich bildet, wenn ein kleiner +Bodenabschnitt am Ufer niedriger liegt, als der Grund einer Seitenrinne. +Den hier auseinandergesetzten Verhältnissen zufolge bilden sich +Flußgabelungen entweder im selben Becken oder auf der Wasserscheide +zwischen zweien. Im ersteren Fall sind es entweder Arme, die in den +Thalweg, von dem sie sich abgezweigt, früher oder später wieder +einmünden, oder aber Arme, die sich mit weiter abwärts gelegenen +Nebenflüssen vereinigen. Zuweilen sind es auch Deltas,[^19] die sich +entweder nahe der Mündung der Flüsse ins Meer oder beim Zusammenfluß mit +einem andern Strom bilden. Erfolgt die Gabelung an der Grenze zweier +Becken, und läuft diese Grenze durch das Bett des Hauptbehälters selbst, +so stellt der sich abzweigende Arm eine hydraulische Verbindung zwischen +zwei Flußsystemen her und verdient desto mehr unsere Aufmerksamkeit, je +breiter und schiffbarer er ist. Nun ist aber der Cassiquiare zwei- bis +dreimal breiter als die Seine beim Jardin des plantes in Paris, und zum +Beweis, wie merkwürdig dieser Fluß ist, bemerke ich, daß eine +sorgfältige Forschung nach Fällen von Gabeltheilungen im Innern der +Länder, selbst zwischen weit weniger bedeutenden Flüssen, ihrer bis +jetzt nur drei bis vier unzweifelhaft zu Tage gefördert hat. Ich spreche +nicht von den Verzweigungen der großen indisch-chinesischen Flüsse, von +den natürlichen Canälen, durch welche die Flüsse in Ava und Pegu, wie in +Siam und Cambodja zusammenzuhängen scheinen; die Art dieser Verbindungen +ist noch nicht gehörig aufgeklärt. Ich beschränke mich darauf, einer +hydraulischen Erscheinung zu erwähnen, welche durch Baron Hermelins +schöne Karten von Norwegen nach allen Theilen bekannt geworden ist. In +Lappland sendet der Torneofluß einen Arm (den Tärendo-Elf) zum +Calix-Elf, der ein kleines hydraulisches System für sich bildet. Dieser +Cassiquiare der nördlichen Zone ist nur 10—12 Meilen lang, er macht aber +alles Land am bothnischen Busen zu einer wahren Flußinsel. Durch Leopold +von Buch wissen wir, daß die Existenz dieses natürlichen Canals lange so +hartnäckig geläugnet wurde, wie die eines Arms des Orinoco, der in das +Becken des Amazonenstroms läuft. Eine andere Gabeltheilung, die wegen +des alten Verkehrs zwischen den Völkern Latiums und Etruriens noch mehr +Interesse hat, scheint ehemals am Thrasimenischen See stattgefunden zu +haben. Auf seiner vielberufenen Voltata von Süd nach West und Nord +zwischen Bibieno und Ponta Sieve theilte sich der Arno bei Arezzo in +zwei Arme, deren einer, wie jetzt, über Florenz und Pisa dem Meere +zulief, während der andere durch das Thal von Chiana floß und sich mit +dem Tiber vereinigte, entweder unmittelbar oder durch die Paglia als +Zwischenglied. Fossombroni hat dargethan, wie sich im Mittelalter durch +Anschwemmungen im Thal von Chiana eine Wasserscheide bildete, und wie +jetzt das nördliche Stück des Arno Teverino von Süd nach Nord (auf dem +Gegenhang) aus dem kleinen See von Montepulciano in den Arno fließt. So +hatte denn der klassische Boden Italiens neben so vielen Wundern der +Natur und der Kunst auch eine Gabeltheilung aufzuweisen, wie sie in den +Wäldern der neuen Welt in ungleich größerem Maßstab auftritt. + +Ich bin nach meiner Rückkehr vom Orinoco oft gefragt worden, ob ich +glaube, daß der Canal des Cassiquiare allmählig durch Anschwemmungen +verstopft werden möchte, ob ich nicht der Ansicht sey, daß die zwei +größten Flußsysteme Amerikas unter den Tropen im Laufe der Jahrhunderte +sich ganz von einander trennen werden. Da ich es mir zum Gesetz gemacht +habe, nur Thatsächliches zu beschreiben und die Verhältnisse, die in +verschiedenen Ländern zwischen der Bodenbildung und dem Laufe der +Gewässer bestehen, zu vergleichen, so habe ich alles bloß Hypothetische +zu vermeiden. Zunachst bemerke ich, daß der Cassiquiare in seinem +gegenwärtigen Zustand keineswegs placidus et mitissimus amnis ist, wie +es bei den Poeten Latiums heißt; er gleicht durchaus nicht dem errans +languido flumine Cocytus, da er im größten Theile seines Laufs die +ungemeine Geschwindigkeit von 6—8 Fuß in der Sekunde hat. Es ist also +wohl nicht zu fürchten, daß er ein mehrere hundert Toisen breites Bett +ganz verstopft. Dieser Arm des obern Orinoco ist eine zu großartige +Erscheinung, als daß die kleinen Umwandlungen, die wir an der +Erdoberfläche vorgehen sehen, demselben ein Ende machen oder auch nur +viel daran verändern könnten. Wir bestreiten nicht, vollends wenn es +sich von minder breiten und sehr langsam strömenden Gewässern handelt, +daß alle Flüsse eine Neigung haben, ihre Verzweigungen zu vermindern und +ihre Becken zu isoliren. Die majestätischsten Ströme erscheinen, wenn +man die steilen Hänge der alten weitab liegenden Ufer betrachtet, nur +als Wasserfäden, die sich durch Thäler winden, die sie selbst sich nicht +haben graben können. Der heutige Zustand ihres Bettes weist deutlich +darauf hin, daß die strömenden Gewässer allmählig abgenommen haben. +Ueberall treffen wir die Spuren alter ausgetrockneter Arme und +Gabelungen, für die kaum ein historisches Zeugniß vorliegt. Die +verschiedenen, mehr oder weniger parallelen Rinnen, aus denen die Betten +der amerikanischen Flüsse bestehen, und die sie weit wasserreicher +erscheinen lassen, als sie wirklich sind, verändern allgemach ihre +Richtung; sie werden breiter und verschmelzen dadurch, daß die +Längsgräten zwischen denselben abbröckeln. Was anfangs nur ein Arm war, +wird bald der einzige Wasserbehälter, und bei Strömen, die langsam +ziehen, verschwinden die Gabeltheilungen oder Verzweigungen zwischen +zwei hydraulischen Systemen auf dreierlei Wegen: entweder der +Verbindungscanal zieht den ganzen gegabelten Strom in sein Becken +hinüber, oder der Canal verstopft sich durch Anschwemmungen an der +Stelle, wo er vom Strome abgeht, oder endlich in der Mitte seines Laufs +bildet sich ein Querkamm, eine Wasserscheide, wodurch das obere Stück +einen Gegenhang erhält und das Wasser in umgekehrter Richtung +zurückfließt. Sehr niedrige und großen periodischen Ueberschwemmungen +ausgesetzte Länder, wie Guyana in Amerika und Dar-Saley oder Baghermi in +Afrika,[^20] geben uns ein Bild davon, wie viel häufiger dergleichen +Verbindungen durch natürliche Canäle früher gewesen seyn mögen als +jetzt. + +Nachdem ich die Gabeltheilung des Orinoco aus dem Gesichtspunkt der +vergleichenden Hydrographie betrachtet, habe ich noch kurz die +Geschichte der Entdeckung dieses merkwürdigen Phänomens zu besprechen. +Es ging mit der Verbindung zwischen zwei großen Flußsystemen wie mit dem +Lauf des Nigers gegen Ost. Man mußte mehreremale entdecken, was auf den +ersten Anblick der Analogie und angenommenen Hypothesen widersprach. Als +bereits durch Reisende ausgemacht war, auf welche Weise Orinoco und +Amazonenstrom zusammenhängen, wurde noch, und zwar zu wiederholtenmalen +bezweifelt, ob die Sache überhaupt möglich sey. Eine Bergkette, die der +Geograph Hondius zu Ende des sechzehnten Jahrhunderts als Grenzscheide +beider Flüsse gefabelt hatte, wurde bald angenommen, bald geläugnet. Man +dachte nicht daran, daß selbst wenn diese Berge vorhanden wären, deßhalb +die beiden hydraulischen Systeme nicht nothwendig getrennt feyn müßten, +da ja die Gewässer durch die Cordillere der Anden und die +Himalayakette,[^21] die höchste bekannte der Welt, sich Bahn gebrochen +haben. Man behauptete, und nicht ohne Grund, Fahrten, die mit demselben +Canoe sollten gemacht worden seyn, schließen die Möglichkeit nicht aus, +daß die Wasserstraße durch Trageplätze unterbrochen gewesen. Ich habe +diese so lange bestrittene Gabeltheilung nach ihrem ganzen Verhalten +selbst beobachtet, bin aber deßhalb weit entfernt, Gelehrte zu tadeln, +die, gerade weil es ihnen nur um die Wahrheit zu thun war, Bedenken +trugen, als wirklich gelten zu lassen, was ihnen noch nicht genau genug +untersucht zu seyn schien. + +Da der Amazonenstrom von den Portugiesen und den Spaniern schon lange +befahren wurde, ehe die beiden Nebenbuhler den obern Orinoco kennen +lernten, so kam die erste unsichere Kunde von der Verzweigung zweier +Ströme von der Mündung des Rio Negro nach Europa. Die Conquistadoren und +mehrere Geschichtschreiber, wie Herera, Fray Pedro Simon und der Pater +Garcia, verwechselten unter den Namen Rio Grande und Mar dulce den +Orinoco und den Maragnon. Der Name des ersteren Flusses kommt noch nicht +einmal auf Diego Riberos vielberufener Karte von Amerika aus dem Jahr +1529 vor. Durch die Expeditionen des Orellana (1540) und des Lope de +Aguirre (1560) erfuhr man nichts über die Gabeltheilung des Orinoco; da +aber Aguirre so auffallend schnell die Insel Margarita erreicht hatte, +glaubte man lange, derselbe sey nicht durch eine der großen Mündungen +des Amazonenstromes, sondern durch eine Flußverbindung im Innern auf die +See gelangt. Der Jesuit Acuña hat solches als Behauptung aufgestellt; +aber das Ergebniß meiner Nachforschungen in den Schriften der frühesten +Geschichtschreiber der Eroberung spricht nicht dafür. »Wie kann man +glauben,« sagt dieser Missionär, »daß Gott es zugelassen, daß ein Tyrann +es hinausführe und die schöne Entdeckung der Mündung des Maragnon +mache!« Acuña setzt voraus, Aguirre sey durch den Rio Felipe an die See +gelangt, und dieser Fluß »sey nur wenige Meilen von Cabo del Norte +entfernt.« + +Ralegh brachte auf verschiedenen Fahrten, die er selbst gemacht oder die +auf seine Kosten unternommen worden, nichts über eine hydraulische +Verbindung zwischen Orinoco und Amazonenstrom in Erfahrung; aber sein +Unterbefehlshaber Keymis, der aus Schmeichelei (besonders aber wegen des +Vorgangs, daß der Maragnon nach Orellana benannt worden) dem Orinoco den +Namen Raleana beigelegt, bekam zuerst eine unbestimmte Vorstellung von +den Trageplätzen zwischen dem Essequebo, dem Carony und dem Rio Branco +oder Parime. Aus diesen Trageplätzen machte er einen großen Salzsee, und +in dieser Gestalt erschienen sie auf der Karte, die 1599 nach Raleghs +Berichten entworfen wurde. Zwischen Orinoco und Amazonenstrom zeichnet +man eine Cordillere ein, und statt der wirklichen Gabelung gibt Hondius +eine andere, völlig eingebildete an: er läßt den Amazonenstrom (mittelst +des Rio Tocantines) mit dem Parana und dem San Francisco in Verbindung +treten. Diese Verbindung blieb über ein Jahrhundert auf den Karten +stehen, wie auch eine angebliche Gabeltheilung des Magdalenenstroms, von +dem ein Arm zum Golf von Maracaybo laufen sollte. + +Im Jahr 1639 machten die Jesuiten Christoval de Acuña und Andres de +Artedia, im Gefolge des Capitäns Texeira, die Fahrt von Quito nach +Gran-Para. Am Einfluß des Rio Negro in den Amazonenstrom erfuhren sie, +»ersterer Fluß, von den Eingeborenen wegen der braunen Farbe seines sehr +hellen Wassers Curiguacura oder Uruna genannt, gebe einen Arm an den Rio +Grande ab, der sich in die nördliche See ergießt und an dessen Mündung +sich holländische Niederlassungen befinden.« Acuña gibt den Rath, »nicht +am Einfluß des Rio Negro in den Amazonenstrom, sondern am Punkt, wo der +Verbindungsast abgeht,« eine Festung zu bauen. Er bespricht die Frage, +was wohl dieser Rio Grande seyn möge, und kommt zum Schluß, der Orinoco +sey es sicher nicht, vielleicht aber der Rio Dulce oder der Rio de +Felipe, derselbe, durch den Aguirre zur See gekommen. Letztere dieser +Annahmen scheint ihm die wahrscheinlichste. Man muß bei dergleichen +Angaben unterscheiden zwischen dem, was die Reisenden an der Mündung des +Rio Negro von den Indianern erfahren, und dem, was jene nach den +Vorstellungen, die ihnen der Zustand der Geographie zu ihrer Zeit an die +Hand gab, selbst hinzusetzten. Ein Flußarm, der vom Rio Negro abgeht, +soll sich in einen sehr großen Fluß ergießen, der in das nördliche Meer +läuft an einer Küste, auf der Menschen mit rothen Haaren wohnen; so +bezeichneten die Indianer die Holländer, da sie gewöhnt waren, nur Weiße +mit schwarzen oder braunen Haaren, Spanier oder Portugiesen, zu sehen. +Wir kennen nun aber jetzt, vom Einfluß des Rio Negro in den +Amazonenstrom bis zum Caño Pimichin, auf dem ich in den ersteren Fluß +gekommen, alle Nebenflüsse von Nord und Ost her. Nur ein einziger +darunter, der Cassiquiare, steht mit einem andern Fluß in Verbindung. +Die Quellen des Rio Branco sind auf den neuen Karten des brasilianischen +hydrographischen Depots sehr genau aufgenommen, und wir wissen, daß +dieser Fluß keineswegs durch einen See mit dem Carony, dem Essequebo +oder irgend einem andern Gewässer der Küste von Surinam und Cayenne in +Verbindung steht. Eine hohe Bergkette, die von Pacaraymo, liegt zwischen +den Quellen des Paraguamusi (eines Nebenflusses des Carony) und denen +des Rio Branco, wie es von Don Antonio Santos auf seiner Reise von +Angostura nach Gran-Para im Jahr 1775 ausgemacht worden. Südwärts von +der Bergkette Pacaraymo und Quimiropaca besindet sich ein Trageplatz von +drei Tagereisen zwischen dem Sarauri (einem Arm des Rio Branco) und dem +Rupunuri (einem Arm des Essequebo). Ueber diesen Trageplatz kam im Jahr +1759 der Chirurg Nicolas Hortsmann, ein Hildesheimer, dessen Tagebuch +ich in Händen gehabt; es ist dieß derselbe Weg, auf dem Don Francisco +Jose Rodrigues Barata, Obristlieutenant des ersten Linienregiments in +Para, im Jahr 1793 im Auftrag seiner Regierung zweimal vom Amazonenstrom +nach Surinam ging. In noch neuerer Zeit, im Februar 1811, kamen +englische und holländische Colonisten zum Trageplatz am Rupunuri und +ließen den Befehlshaber am Rio Negro um die Erlaubniß bitten, zum Rio +Branco sich begeben zu dürfen; der Commandant willfahrte dem Gesuch und +so kamen die Colonisten in ihren Canoes zum Fort San Joaquin am Rio +Branco. Wir werden in der Folge noch einmal auf diese Landenge +zurückkommen, einen theils bergigten, theils sumpfigten Landstrich, auf +den Kaymis (der Verfasser des Berichts von Raleghs zweiter Reise) den +Dorado und die große Stadt Manoa verlegt, der aber, wie wir jetzt +bestimmt wissen, die Quellen des Carony, des Rupunuri und des Rio Branco +trennt, die drei verschiedenen Flußsystemen angehören, dem Orinoco, dem +Essequebo und dem Rio Negro oder Amazonenstrom. + +Aus dem Bisherigen geht hervor, daß die Eingeborenen, die Texeira und +Acuña von der Verbindung zweier großen Ströme sprachen, vielleicht +selbst über die Richtung des Cassiquiare im Irrthum waren, oder daß +Acuña ihre Aeußerungen mißverstanden hat. Letzteres ist um so +wahrscheinlicher, da ich, wenn ich mich, gleich dem spanischen +Reisenden, eines Dolmetschers bediente, oft selbst die Erfahrung gemacht +habe, wie leicht man etwas falsch auffaßt, wenn davon die Rede ist, ob +ein Fluß Arme abgibt oder aufnimmt, ob ein Nebenfluß mit der Sonne geht +oder »gegen die Sonne« läuft. Ich bezweifle, daß die Indianer mit dem, +was sie gegen Acuña geäußert, die Verbindung mit den holländischen +Besitzungen über die Trageplätze zwischen dem Rio Branco und dem Rio +Gssequebo gemeint haben. Die Caraiben kamen an den Rio Negro auf beiden +Wegen, über die Landenge beim Rupunuri und auf dem Cassiquiare; aber +eine ununterbrochene Wasserstraße mußte den Indianern als etwas +erscheinen, das für die Fremden ungleich mehr Belang habe, und der +Orinoco mündet allerdings nicht in den holländischen Besitzungen aus, +liegt aber doch denselben sehr nahe. Acuñas Aufenthalt an der Mündung +des Rio Negro verdankt Europa nicht nur die erste Kunde von der +Verbindung zwischen Amazonenstrom und Orinoco, derselbe hatte auch aus +dem Gesichtspunkte der Humanität gute Folgen. Texeiras Mannschaft wollte +den Befehlshaber zwingen, in den Rio Negro einzulaufen, um Sklaven zu +holen. Die beiden Geistlichen, Acuña und Artedia, legten schriftliche +Verwahrung gegen ein solch ungerechtes und politisch unkluges +Unternehmen ein. Sie behaupteten dabei (und der Satz ist sonderbar +genug), »das Gewissen gestatte den Christen nicht, Eingeborene zu +Sklaven zu machen, solche ausgenommen, die als Dolmetscher zu dienen +hätten.« Was man auch von diesem Satze halten mag, auf die hochherzige, +muthvolIe Verwahrung der beiden Geistlichen unterblieb der beabsichtigte +Raubzug. + +Im Jahr 1680 entwarf der Geograph Sanson nach Acuñas Reisebericht eine +Karte vom Orinoco und dem Amazonenstrom. Sie ist für den Amazonenstrom, +was Gumillas Karte so lange für den untern Orinoco gewesen. Im ganzen +Strich nördlich vom Aequator ist sie rein hypothetisch, und der Caqueta, +wie schon oben bemerkt, gabelt sich darauf unter einem rechten Winkel. +Der eine Arm des Caqueta ist der Orinoco, der andere der Rio Negro. In +dieser Weise glaubte Sanson auf der erwähnten Karte, und auf einer +andern von ganz Südamerika aus dem Jahr 1656, die unbestimmten +Nachrichten, welche Acuña im Jahr 1639 über die Verzweigungen des +Caqueta und über die Verbindungen zwischen Amazonenstrom und Orinoco +erhalten, vereinigen zu können. Die irrige Vorstellung, der Rio Negro +entspringe aus dem Orinoco oder aus dem Caqueta, von dem der Orinoco nur +ein Zweig wäre, hat sich bis in die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts +erhalten, wo der Cassiquiare entdeckt wurde. + +Pater Fritz war mit einem andern deutschen Jesuiten, dem Pater Richler, +nach Quito gekommen; er entwarf im Jahr 1690 eine Karte des +Amazonenstroms, die beste, die man vor La Condamines Reise besaß. Nach +dieser Karte richtete sich der französische Akademiker auf seiner +Flußfahrt, wie ich auf dem Orinoco nach den Karten von La Cruz und +Caulin. Es ist auffallend, daß Pater Fritz bei seinem langen Aufenthalt +am Amazonenstrom (der Commandant eines portugiesischen Forts hielt ihn +zwei Jahre gefangen) keine Kunde vom Cassiquiare erhalten haben soll. +Die geschichtlichen Notizen, die er auf dem Rand seiner +handschriftlichen Karte beigesetzt und die ich in neuester Zeit +sorgfältig untersucht habe, sind sehr mangelhaft; auch sind ihrer nicht +viele. Er läßt eine Bergkette zwischen den beiden Flußsystemen streichen +und rückt nur einen der Zweige, die den Rio Negro bilden, nahe an einen +Nebenfluß des Orinoco, der, der Lage nach, der Rio Caura zu seyn +scheint. In den hundert Jahren zwischen Acuñas Reise und der Entdeckung +des Cassiquiare durch Pater Roman blieb Alles im Ungewissen. + +Die Verzweigung des Orinoco und des Amazonenstroms durch den Rio Negro +und eine Gabeltheilung des Caqueta, die Sanson aufgebracht und die Pater +Fritz und Blaeuw verwarfen, erschienen auf de l’Isles ersten Karten +wieder; aber gegen das Ende seines Lebens gab der berühmte Geograph sie +wieder auf.[^22] Da man sich hinsichtlich der Art und Weise der +Verbindung geirrt, war man schnell bei der Hand und zog die Verbindung +selbst in Abrede. Es ist wirklich sehr merkwürdig, daß zur Zeit, wo die +Portugiesen am häufigsten den Amazonenstrom, den Rio Negro und den +Cassiquiare hinauffuhren, und wo Pater Gumillas Briefe (durch die +natürliche Flußverzweigung) vom untern Orinoco nach Gran-Para gelangten, +dieser selbe Missionär sich alle Mühe gab, in Europa die Meinung zu +verbreiten, daß die Becken des Orinoco und des Amazonenstroms völlig von +einander geschieden seyen. Er versichert, »er sey öfters ersteren Fluß +bis zum Raudal von Tabaje, unter 1°4′ der Breite, hinaufgefahren und +habe niemals einen Fluß, den man für den Rio Negro hätte halten können, +abgehen oder hereinkommen sehen.« »Zudem,« fährt er fort, »läuft eine +große Cordillere[^23] von Ost und West und läßt die Gewässer nicht in +einander münden, wie sie auch alle Erörterung über die angebliche +Verbindung beider Ströme ganz überflüssig macht.« Pater Gumillas +Irrthümer entspringen daher, daß er der festen Ueberzeugung war, auf dem +Orinoco bis zum Parallel von 1°4′ gekommen zu seyn. Er irrte sich um +mehr als fünf Grad zehn Minuten in der Breite; denn in der Mission +Atures, 13 Meilen südwärts von den Stromschnellen von Tabaje, fand ich +die Breite 5°37′34″. Da Pater Gumilla nicht weit über den Einfluß des +Meta hinaufgekommen, so ist es nicht zu verwundern, daß er die +Gabeltheilung des Orinoco nicht gekannt hat, die, den Krümmungen des +Flusses nach, 120 Meilen vom Raudal von Tabaje liegt. Dieser Missionär, +der drei Jahre am untern Orinoco gelebt hat (nicht dreißig, wie durch +seine Uebersetzer in Umlauf gekommen), hätte sich darauf beschränken +sollen, zu berichten, was er bei seinen Fahrten auf dem Apure, dem Meta +und Orinoco von Guayana Vieja bis in die Nähe des ersten großen +Katarakts mit eigenen Augen gesehn. Sein Werk (das erste über diese +Länder vor Caulins und Gilis Schriften) wurde Anfangs gewaltig erhoben, +und später in den spanischen Colonien um so weiter und zu weit +herabgesetzt. Allerdings begegnet man im Orinoco illustrado nicht der +genauen Kenntniß der Oertlichkeiten, der naiven Einfalt, wodurch die +Berichte der Missionäre einen gewissen Reiz erhalten; der Styl ist +gekünstelt und die Sucht zu übertreiben gibt sich überall kund; trotz +dieser Fehler finden sich in Pater Gumillas Buch sehr richtige Ansichten +über die Sitten und die natürlichen Anlagen der verschiedenen +Völkerschaften am untern Orinoco und in den Llanos am Casanare. + +Auf seiner denkwürdigen Fahrt auf dem Amazonenstrom im Jahr 1743 hatte +La Condamine zahlreiche Belege für die vom spanischen Jesuiten +geläugnete Verbindung zwischen beiden Strömen gesammelt. Als den +bündigsten derselben sah er damals die nicht verdächtige Aussage einer +Cauriacani-Indianerin an, mit der er gesprochen und die vom Orinoco (von +der Mission Pararuma[^24]) im Canoe nach Gran-Para gelangt war. Ehe La +Condamine in das Vaterland zurückkam, setzten die Fahrt des Pater Manuel +Roman und der Umstand, daß Missionäre vom Orinoco und vom Amazonenstrom +sich zufällig begegneten, die Thatsache, die zuerst Acuña kund geworden, +außer allen Zweifel. + +Auf den Streifzügen zur Sklavenjagd, welche seit der Mitte des +siebzehnten Jahrhunderts unternommen wurden, waren die Portugiesen nach +und nach aus dem Rio Negro über den Cassiquiare in das Bett eines großen +Stromes gekommen, von dem sie nicht wußten, daß es der Orinoco sey. Ein +fliegendes Lager der Tropa de rescate[^25] leistete diesem +unmenschlichen Handel Vorschub. Man hetzte die Eingeborenen, sich zu +bekriegen, und kaufte dann die Gefangenen los; und um dem Sklavenhandel +einen Anstrich von Rechtmäßigkeit zu geben, gingen Geistliche mit der +Tropa de rescate, die untersuchten, »ob diejenigen, welche Sklaven +verkauften, auch dazu berechtigt seyen, weil sie dieselben in offenem +Kampfe zu Gefangenen gemacht« Vom Jahr 1737 an wiederholten sich diese +Züge der Portugiesen an den obern Orinoco sehr oft. Die Gier, Sklaven +(poitos) gegen Beile, Fischangeln und Glaswaaren zu vertauschen, trieb +die indianischen Völkerschaften zum blutigen Streit gegen einander. Die +Quipunaves, unter ihrem tapfern und grausamen Häuptling Macapu, waren +vom Inirida zum Zusammenfluß des Atabapo und des Orinoco herabgekommen. +»Sie verkauften«, sagt der Missionär Gili, »die Gefangenen, die sie +nicht verzehrten.« Ueber diesem Treiben wurden die Jesuiten am untern +Orinoco unruhig, und der Superior der spanischen Missionen, Pater Roman, +ein vertrauter Freund Gumillas, faßte muthig den Entschluß, ohne +Begleitung von spanischen Soldaten über die großen Katarakten +hinaufzugehen und die Quipunaves heimzusuchen. Er ging am 4. Februar +1744 von Carichana ab; angelangt am Zusammenfluß des Guaviare, des +Atabapo und des Orinoco, an der Stelle, wo letzterer Fluß aus seiner +Richtung von Ost nach West rasch in die von Süd nach Nord übergeht, sah +er von weitem eine Pirogue, so groß wie die seinige, voll von europäisch +gekleideten Leuten. Er ließ, gemäß der Sitte der Missionäre, wenn sie in +unbekanntem -Land auf dem Wasser sind, als Friedenszeichen das Crucifix +am Vordertheil seines Fahrzeugs aufpflanzen. Die Weißen (es waren +portugiesische Sklavenhändler vom Rio Negro) erkannten mit Jubel das +Ordenskleid des heiligen Ignatius. Sie verwunderten sich, als sie +hörten, der Fluß, auf dem diese Begegnung stattgefunden, sey der +Orinoco, und sie nahmen Pater Roman über den Cassiquiare in die +Niederlassungen am Rio Negro mit sich. Der Superior der spanischen +Missionen sah sich genöthigt, beim fliegenden Lager der Tropa de rescate +zu verweilen, bis der portugiesische Jesuit Avogadri, der in Geschäften +nach Gran-Para gegangen, zurück war. Auf demselben Wege, über den +Cassiquiare und den obern Orinoco, fuhr Pater Roman mit seinen +Salivas-Indianern nach Pararuma, etwas nördlich von Carichana, zurück, +nachdem er sieben Monate ausgewesen. Er ist der erste Weiße, der vom Rio +Negro, und somit aus dem Becken des Amazonenstroms (ohne seine Canoes +über einen Trageplatz schaffen zu lassen) in das Becken des Orinoco +gelangt ist. + +Die Kunde dieser merkwürdigen Fahrt verbreitete sich so rasch, daß La +Condamine in einer öffentlichen Sitzung der Akademie sieben Monate nach +Pater Romans Rückkehr nach Pararuma Mittheilung davon machen konnte. Er +sagt: »Die nunmehr beglaubigte Verbindung des Orinoco und des +Amazonenstroms kann um so mehr für eine geographische Entdeckung gelten, +als zwar diese Verbindung auf den alten Karten (nach Acuñas Berichten) +angegeben ist, aber von den heutigen Geographen auf den neuen Karten, +wie auf Verabredung, weggelassen wird. Es ist dieß nicht das erstemal, +daß etwas für fabelhaft gegolten hat, was doch vollkommen richtig war, +daß man die Kritik zu weit trieb, und daß diese Verbindung von Leuten +für chimärisch erklärt wurde, die am besten davon hätten wissen sollen.« +Seit Pater Romans Fahrt im Jahr 1744 hat in spanisch Guyana und an den +Küsten von Cumana und Caracas kein Mensch mehr die Existenz des +Cassiquiare und die Gabeltheilung des Orinoco in Zweifel gezogen. Sogar +Pater Gumilla, den Bouguer in Carthagena de Indias getroffen hatte, +gestand, daß er sich geirrt, und kurz vor seinem Tode las er Pater Gili +ein für eine neue Ausgabe seiner Geschichte des Orinoco bestimmtes +Supplement vor, in dem er munter[^26] erzählte, in welcher Weise er +enttäuscht worden. Durch Ituriagas und Solanos Grenzexpedition wurden +die geographischen Verhältnisse des obern Orinoco und die Verzweigung +dieses Flusses mit dem Rio Negro vollends genau bekannt. Solano ließ +sich im Jahr 1756 an der Mündung des Atabapo nieder, und von nun an +fuhren spanische und portugiesische Commissäre mit ihren Piroguen oft +über den Cassiquiare vom untern Orinoco an den Rio Negro, um sich in +ihren Hauptquartieren Cabruta[^27] und Mariva zu besuchen. Seit 1767 +kamen regelmäßig jedes Jahr zwei bis drei Piroguen von der Schanze San +Carlos über die Gabeltheilung des Orinoco nach Angostura, um Salz und +den Sold für die Truppen zu holen. Diese Fahrten von einem Flußbecken in +das andere durch den natürlichen Canal des Cassiquiare machen jetzt bei +den Colonisten so wenig Aufsehen mehr, als wenn Schiffe die Loire herab +auf dem Canal von Orleans in die Seine kommen. + +Seit Pater Romans Fahrt im Jahr 1744 war man in den spanischen +Besitzungen in Amerika von der Richtung des obern Orinoco von Ost nach +West und von der Art seiner Verbindung mit dem Rio Negro genau +unterrichtet, aber in Europa wurde letztere erst weit später bekannt. +Noch im Jahr 1750 nahmen La Condamine und d’AnvilIe an, der Orinoco sey +ein Arm des Caqueta, der von Südost herkomme, und der Rio Negro +entspringe unmittelbar daraus. Erst in einer zweiten Ausgabe seines +Südamerika läßt d’Anville, ohne gleichwohl eine Verzweigung des Caqueta +vermittelst des Iniricha (Inirida) mit dem Orinoco und dem Rio Negro +aufzugeben, den Orinoco im Osten in der Nähe der Quellen des Rio Branco +entspringen und gibt er den Rio Cassiquiare an, der vom obern Orinoco +zum Rio Negro läuft. Wahrscheinlich hatte sich der unermüdliche Forscher +durch seinen starken Verkehr mit den Missionären, die damals, wie noch +jetzt, für das eigentliche Herz der Festländer die einzigen +geographischen Autoritäten waren, Nachweisungen über die Art der +Gabeltheilung verschafft. Hinsichtlich des Zusammenflusses des +Cassiquiare mit dem Rio Negro irrte er sich um 3½ Breitegrade, aber die +Lage des Atabapo und der bewaldeten Landenge, über die ich von Javita an +den Rio Negro gekommen, gibt er schon ziemlich richtig an. Durch die in +den Jahren 1775 und 1778 veröffentlichten Karten von la Cruz +Olmedilla[^28] und Surville sind, neben Pater Caulins Werke, die +Arbeiten der Grenzexpedition am besten bekannt geworden; denn die +zahlreichen Widersprüche darauf beziehen sich auf die Quellen des +Orinoco und des Rio Branco, nicht auf den Lauf des Cassiquiare und des +Rio Negro, die so richtig angegeben sind, als man es beim gänzlichen +Mangel an astronomischen Beobachtungen verlangen kann. + +So stand es mit den hydrographischen Entdeckungen im Innern von Guyana, +als kurze Zeit vor meinem Abgang von Europa ein Gelehrter, dessen +Arbeiten die Geographie so bedeutend gefördert haben, Acuñas Bericht, +die Karte des Paters Samuel Fritz und la Cruz Olmedillas »Südamerika« +noch einmal näher prüfen zu müssen glaubte. Die politischen Verhältnisse +in Frankreich machten vielleicht, daß sich Buache nicht verschaffen oder +nicht benützen konnte, was Caulin und Gili geschrieben, die zwei +Missionäre, die am Orinoco lebten, als die Grenzexpedition zwischen der +spanischen Schanze am Rio Negro und der Stadt Angostura, über den +Cassiquiare und den obern Orinoco, den Verkehr eröffnete, der über ein +halbes Jahrhundert regelmäßig im Gange war. Auf der im Jahr 1798 +erschienenen Carte général de la Guyane ist der Cassiquiare und das +Stück des obern Orinoco ostwärts von Esmeralda als ein Nebenfluß des Rio +Negro, der mit dem Orinoco gar nicht zusammenhängt, dargestellt. Eine +Bergkette streicht über die Ebene, welche die Landenge zwischen dem +Tuamini und dem Pimichin bildet. Diese Kette läßt die Karte gegen +Nordost fortlaufen und zwischen den Gewässern des Orinoco und denen des +Rio Negro und Cassiquiare, zwanzig Meilen westlich von Esmeralda, eine +Wasserscheide bilden. In einer Anmerkung auf der Karte heißt es: »die +schon lange her angenommene Verbindung zwischen dem Orinoco und dem +Amazonenstrom sey eine geographische Ungeheuerlichkeit, die Olmedillas +Karte ohne allen Grund in der Welt verbreitet, und um die Vorstellungen +über diesen Punkt zu berichtigen, habe man die Richtung der großen +Bergkette, welche die Wasserscheide bilde, zu ermitteln.« + +Ich war so glücklich, diese Bergkette an Ort und Stelle zu ermitteln. +Ich übernachtete am 24. Mai mit meiner Pirogue am Stücke des Orinoco, wo +nach Buaches Annahme eine Cordillere über das Flußbett laufen sollte. +Befände sich an diesem Punkt eine Wasserscheide, so hätte ich die ersten +zwanzig Meilen westwärts von Esmeralda einen Fluß hinauf, statt, wie ich +gethan, mit rascher Strömung hinabfahren müssen. Derselbe Fluß, der +ostwärts von dieser Mission entspringt und einen Arm (den Cassiquiare) +an den Rio Negro abgibt, läuft ohne Unterbrechung Santa Barbara und San +Fernando de Atabapo zu. Es ist dieß das Stück des Orinoco, das von +Südost nach Nordwest gerichtet ist und bei den Indianern Rio Paragua +heißt. Nachdem er seine Gewässer mit denen des Guaviare und des Atabapo +vermischt, wendet sich derselbe Fluß gegen Norden und geht durch die +großen Katarakten. Alle diese Punkte sind auf der großen Karte von la +Cruz im Ganzen gut angegeben; ohne Zweifel hat aber Buache +vorausgesetzt, bei den verschiedenen Fahrten, die zwischen Amazonenstrom +und Orinoco ausgeführt worden seyn sollten, seyen die Canoes von einem +Nebenfluß zum andern über irgend einen Trageplatz (arastradero) +geschleppt worden. Dem geachteten Geographen lag die Annahme, die Flüsse +laufen in Wirklichkeit nicht so, wie die neueren spanischen Karten +angeben, desto näher, als auf denselben Karten um den See Parime herum +(das angebliche, 600 Quadratmeilen große weiße Meer) die seltsamsten, +unwahrscheinlichsten Flußverzweigungen vorkommen. Man könnte auf den +Orinoco anwenden, was Pater Acuña vom Amazonenstrom sagt, dessen Wunder +er beschreibt: »Nacieron hermanadas en las cosas grandes la novedad y el +descredito.«[^29] + +Hätten die Völker in den Niederungen von Südamerika Theil gehabt an der +Cultur, welche in der kalten Alpregion verbreitet war, so hätte dieses +ungeheure Mesopotamien zwischen Orinoco und Amazonenstrom die +Entwicklung ihres Gewerbfleißes gefördert, ihren Handel belebt, den +gesellschaftlichen Fortschritt beschleunigt. In der alten Welt sehen wir +überall einen solchen Einfluß der Oertlichkeit auf die keimende Cultur +der Völker. Die Insel Meroe zwischen dem Astaboras und dem Nil, das +Pendjab des Indus, das Duab des Ganges, das Mesopotamien des Euphrat +sind glänzende Belege dafür in den Annalen des Menschengeschlechts. Aber +die schwachen Völkerstämme, die auf den Grasfluren und in den Wäldern +von Südamerika herumziehen, haben aus den Vorzügen ihres Bodens und den +Verzweigungen ihrer Flüsse gar wenig Nutzen gezogen. Die Einfälle der +Caraiben, die weither den Orinoco, den Cassiquiare und Rio Negro +heraufkamen, um Sklaven zu rauben, rüttelten ein paar versunkene +Völkerschaften aus ihrer Trägheit auf und zwangen sie Vereine zur +gemeinsamen Vertheidigung zu bilden; aber das wenige Gute, das diese +Kriege mit den Caraiben (den Beduinen der Ströme Guyanas) mit sich +gebracht, war ein schlechter Ersatz für die Uebel, die sie zur Folge +hatten, Verwilderung der Sitten und Verminderung der Bevölkerung. +Unzweifelhaft hat die Terrainbildung Griechenlands, die mannigfaltige +Gestaltung des Landes, seine Zertheilung durch kleine Bergketten und +Busen des Mittelmeers, in den Anfängen der Cultur die geistige +Entwicklung der Hellenen bedeutend gefördert. Aber dieser Einfluß des +Klimas und der Bodenbildung äußert sich nur da in seiner ganzen Stärke, +wo Menschenstämme mit glücklicher Begabung nach Geist und Gemüth einen +Anstoß von außen erhalten. Gewinnt man einen Ueberblick über die +Geschichte unseres Geschlechts, so sieht man diese Mittelpunkte antiker +Cultur da und dort gleich Lichtpunkten über den Erdball verstreut, und +gewahrt mit Ueberraschung, wie ungleich die Gesittung unter Völkern ist, +die fast unter demselben Himmelsstriche wohnen und über deren Wohnsitze +scheinbar die Natur dieselben Segnungen verbreitet hat. + +Seit ich den Orinoco und den Amazonenstrom verlassen habe, bereitet sich +für die gesellschaftlichen Verhältnisse der Völker des Occidents eine +neue Aera vor. Auf den Jammer der bürgerlichen Zwiste werden die +Segnungen des Friedens und eine freiere Entwicklung aller +Gewerbthätigkeit folgen. Da wird denn die europäische Handelswelt jene +Gabeltheilung des Orinoco, jene Landenge am Puamini, durch die so leicht +ein künstlicher Kanal zu ziehen ist, ins Auge fassen. Da wird der +Cassiquiare, ein Strom, so breit wie der Rhein und 180 Seemeilen lang, +nicht mehr umsonst eine schiffbare Linie zwischen zwei Strombecken +bilden, die 190,000 Quadratmeilen Oberfläche haben. Das Getreide aus +Neu-Grenada wird an die Ufer des Rio Negro kommen, von den Quellen des +Napo und des Ucayale, von den Anden von Quito und Ober-Peru wird man zur +Mündung des Orinoco herabfahren, und dieß ist so weit, wie von Tombuctu +nach Marseille. Ein Land, neun bis zehnmal größer als Spanien und reich +an den mannigfaltigsten Produkten, kann mittelst des Naturcanals des +Cassiquiare und der Gabeltheilung der Flüsse nach allen Richtungen hin +befahren werden. Eine Erscheinung, die eines Tags von bedeutendem +Einfluß auf die politischen Verhältnisse der Völker seyn muß, verdiente +es gewiß, daß man sie genau ins Auge faßte. + +Fünfundzwanzigstes Kapitel. +=========================== + +Der obere Orinoco von Esmeralda bis zum Einfluß des Guaviare. — Zweite +Fahrt durch die Katarakten von Atures und Maypures. — Der untere Orinoco +zwischen der Mündung des Apure und Angostura, der Hauptstadt von +spanisch Guyana. + +Noch habe ich von der einsamsten, abgelegensten christlichen +Niederlassung am obern Orinoco zu sprechen. Gegenüber dem Punkte, wo die +Gabeltheilung erfolgt, auf dem rechten Ufer des Flusses erhebt sich +amphitheatralisch der Granitbergstock des Duida. Dieser Berg, den die +Missionäre einen Vulkan nennen, ist gegen 8000 Fuß hoch. Er nimmt sich, +da er nach Süd und West steil abfällt, äußerst großartig aus. Sein +Gipfel ist kahl und steinigt; aber überall, wo auf den weniger steilen +Abhängen Dammerde haftet, hängen an den Seiten des Duida gewaltige +Wälder wie in der Luft. An seinem Fuße liegt die Mission Esmeralda, ein +Dörschen mit 80 Einwohnern, auf einer herrlichen, von Bächen mit +schwarzem, aber klarem Wasser durchzogenen Ebene, einem wahren +Wiesengrund, auf dem in Gruppen die Mauritiapalme, der amerikanische +Sagobaum, steht. Dem Berge zu, der nach meiner Messung 7300 Toisen vom +Missionskreuz liegt, wird die sumpfigte Wiese zur Savane, die um die +untere Region der Cordillere herläuft. Hier trifft man ungemein große +Ananas von köstlichem Geruch: Diese Bromeliaart wächst immer einzeln +zwischen den Gräsern, wie bei uns Colchicum autumnale, während der +Karatas, eine andere Art derselben Gattung, ein geselliges Gewächs ist +gleich unsern Heiden und Heidelbeeren. Die Ananas von Esmeralda sind in +ganz Guyana berühmt. In Amerika wie in Europa gibt es für die +verschiedenen Früchte gewisse Landstriche, wo sie zur größten +Vollkommenheit gedeihen. Man muß auf der Insel Margarita oder in Cumana +Sapotillen (Achras), in Loxa in Peru Chilimoyas (sehr verschieden vom +Corossol oder der Anona der Antillen), in Caracas Granadillas oder +Parchas, in Esmeralda und auf Cuba Ananas gegessen haben, um die +Lobsprüche, womit die ältesten Reisenden die Köstlichkeit der Produkte +der heißen Zone preisen, nicht übertrieben zu finden. Die Ananas sind +die Zierde der Felder bei der Havana, wo sie in Reihen neben einander +gezogen werden; an den Abhängen des Duida schmücken sie den Rasen der +Savanen, wenn ihre gelben, mit einem Büschel silberglänzender Blätter +gekrönten Früchte über den Setarien, den Paspalum und ein paar +Cyperaceen emporragen. Dieses Gewächs, das die Indianer Ana-curua +nennen, verbreitete sich schon im sechzehnten Jahrhundert im innern +China, und noch in neuester Zeit fanden es englische Reisende mit +andern, unzweifelhaft amerikanischen Gewächsen (Mais, Manioc, +Melonenbaum, Tabak, Piment) an den Ufern des Rio Congo in Afrika. In +Esmeralda ist kein Missionär. Der Geistliche, der hier Messe lesen soll, +sitzt in Santa Barbara, über 50 Meilen weit. Er braucht den Fluß herauf +vier Tage, er kommt daher auch nur fünf oder sechsmal im Jahr. Wir +wurden von einem alten Soldaten sehr freundlich aufgenommen; der Mann +hielt uns für catalonische Krämer, die in den Missionen ihren +Kleinhandel treiben wollten. Als er unsere Papierballen zum +Pflanzentrocknen sah, lächelte er über unsere naive Unwissenheit »Ihr +kommt in ein Land,« sagte er, »wo dergleichen Waare keinen Absatz +findet. Geschrieben wird hier nicht viel, und trockene Mais-, Platano- +(Bananen) und Vijaho- (Heliconia) Blätter brauchen wir hier, wie in +Europa das Papier, um Nadeln, Fischangeln und andere kleine Sachen, die +man sorgfältig aufbewahren will, einzuwickeln.« Der alte Soldat +vereinigte in seiner Person die bürgerliche und die geistliche Behörde. +Er lehrte die Kinder, ich sage nicht den Catechismus, aber doch den +Rosenkranz beten, er läutete die Glocken zum Zeitvertreib, und im +geistlichen Amtseifer bediente er sich zuweilen seines Küsterstocks in +einer Weise, die den Eingeborenen schlecht behagte. + +So klein die Mission ist, werden in Esmeralda doch drei indianische +Sprachen gesprochen: Idapaminarisch, Catarapeñisch und Maquiritanisch. +Letztere Sprache ist am obern Orinoco vom Einfluß des Ventuari bis zu +dem des Padamo die herrschende, wie am untern Orinoco das Caraibische, +am Einfluß des Apure das Otomakische, bei den großen Katarakten das +Tamanakische und Maypurische und am Rio Negro das Maravitanische. Es +sind dieß die fünf oder sechs verbreitetsten Sprachen. Wir wunderten +uns, in Esmeralda viele Zambos, Mulatten und andere Farbige anzutreffen, +die sich aus Eitelkeit Spanier nennen und sich für weiß halten, weil sie +nicht roth sind wie die Indianer. Diese Menschen führen ein jämmerliches +Leben. Sie sind meist als Verwiesene (desterrados) hier. Um im innern +Lande, das man gegen die Portugiesen absperren wollte, in der Eile +Colonien zu gründen, hatte Solano in den Llanos und bis zur Insel +Margarita hin Landstreicher und Uebelthäter, denen die Justiz bis dahin +vergeblich nachgespürt, zusammengerafft und sie den Orinoco +hinaufgeführt, wo sie mit den unglücklichen, aus den Wäldern +weggeschleppten Indianern zusammengethan wurden. Durch ein +mineralogisches Mißverständniß wurde Esmeralda berühmt. Der Granit des +Duida und des Maraguaca enthält in offenen Gängen schöne Bergkrystalle, +die zum Theil sehr durchsichtig, zum Theil mit Chlorit (Talkglimmer) +gefärbt und mit Actinot (Strahlstein) gemengt sind; man hatte sie für +Diamanten und Smaragden (Esmeralda) gehalten. So nahe den Quellen des +Orinoco träumte man in diesen Bergen von nichts als vom Dorado, der +nicht weit seyn konnte, vom See Parime und von den Trümmern der großen +Stadt Manoa. Ein Mann, der wegen seiner Leichtgläubigkeit und seiner +Sucht zur Uebertreibung noch jetzt im Lande wohlbekannt ist, Don +Apollinario Diez de la Fuente, nahm den vollklingenden Titel eines +Capitan poblador und Cabo militar des Forts am Cassiquiare an. Dieses +Fort bestand in ein paar mit Brettern verbundenen Baumstämmen, und um +die Täuschung vollständig zu machen, sprach man in Madrid für die +Mission Esmeralda, ein Dörschen von zwölf bis fünfzehn Hütten, die +Gerechtsame einer Villa an. Es ist zu besorgen, daß Don Apollinario, der +in der Folge Statthalter der Provinz los Quixos im Königreich Quito +wurde, bei Entwerfung der Karten von la Cruz und Surville die Hand im +Spiel gehabt hat. Da er die Windstriche des Compasses kannte, nahm er +keinen Anstand, in den zahlreichen Denkschriften, die er dem Hof +übermachte, sich Cosmograph der Grenzexpedition zu nennen. + +Während die Befehlshaber dieser Expedition Von der Existenz der Nueva +Villa de Esmeralda überzeugt waren, so wie vom Reichthum des Cerro Duida +an kostbaren Mineralien, da doch nichts darin zu finden ist, als +Glimmer, Bergkrystall, Actinot und Rutil, ging eine aus den +ungleichartigsten Elementen bestehende Colonie allgemach wieder zu +Grunde. Die Landstreicher aus den Llanos hatten so wenig Lust zur Arbeit +als die Indianer, die gezwungen »unter der Glocke« lebten. Ersteren +diente ihr Hochmuth zu weiterer Rechtfertigung ihrer Faulheit. In den +Missionen nennt sich jeder Farbige, der nicht geradezu schwarz ist wie +ein Afrikaner oder kupferfarbig wie ein Indianer, einen Spanier; er +gehört zur gente de razon, zur vernunftbegabten Race, und diese, wie +nicht zu läugnen, hie und da übermüthige und arbeitsscheue Vernunft +redet den Weißen und denen, die es zu seyn glauben, ein, der Landbau sey +ein Geschäft für Sklaven, für Poitos, und für neubekehrte Indianer. Die +Colonie Esmeralda war nach dem Muster der neuholländischen gegründet, +wurde aber keineswegs eben so weise regiert. Da die amerikanischen +Colonisten von ihrem Heimathland nicht durch Meere, sondern durch Wälder +und Savanen geschieden waren, so verliefen sie sich, die einen nach +Nord, dem Caura und Carony zu, die andern nach Süd in die +portugiesischen Besitzungen. So hatte es mit der Herrlichkeit der Villa +und den Smaragdgruben am Duida nach wenigen Jahren ein Ende, und +Esmeralda galt wegen der furchtbaren Insektenmasse, welche das ganze +Jahr die Luft verfinstert, bei den Ordensleuten für einen fluchwürdigen +Verbannungsort. + +Ich erwähnte oben, daß der Vorsteher der Missionen den Laienbrüdern, um +sie in der Zucht zu halten, zuweilen droht, sie nach Esmeralda zu +schicken; man wird damit, wie die Mönche sagen, »zu den Moskitos +verurtheilt, verurtheilt, von den summenden Mücken (zancudos gritones) +gefressen zu werden, die Gott den Menschen zur Strafe erschaffen hat.« +Einer so seltsamen Strafe unterlagen aber nicht immer nur Laienbrüder. +Im Jahr 1788 brach in der Ordenswelt eine der Revolutionen aus, die +einem in Europa nach den Vorstellungen, die man von den friedlichen +Zuständen der christlichen Niederlassungen in der neuen Welt hat, fast +unbegreiflich sind. Schon längst hätten die Franciskaner, die in Guyana +saßen, gerne eine Republik für sich gebildet und sich vom Collegium von +Piritu in Nueva Barcelona unabhängig gemacht. Mißvergnügt, daß zum +wichtigen Amte eines Präsidenten der Missionen Fray Gutierez de Aquilera +von einem Generalcapitel gewählt und vom Könige bestätigt worden, traten +fünf oder sechs Mönche vom obern Orinoco, Cassiquiare und Rio Negro in +San Fernando de Atabapo zusammen, wählten in aller Eile, und aus ihrer +eigenen Mitte, einen neuen Superior und ließen den alten, der zu seinem +Unglück zur Visitation ins Land kam, festnehmen. Man legte ihm +Fußschellen an, warf ihn in ein Canoe und führte ihn nach Esmeralda als +Verbannungsort. Da es von der Küste zum Schauplatz dieser Empörung so +weit war, so hofften die Mönche, ihre Frevelthat werde jenseits der +großen Katarakten lange nicht bekannt werden. Man wollte Zeit gewinnen, +um zu intriguiren, zu negociiren, um Anklageakten aufzusetzen und all +die kleinen Ränke spielen zu lassen, durch die man überall in der Welt +die Ungültigkeit einer ersten Wahl darthut. Der alte Superior seufzte in +seinem Kerker zu Esmeralda; ja er wurde von der furchtbaren Hitze und +dem beständigen Hautreiz durch die Moskitos ernstlich krank. Zum Glück +für die gestürzte Autorität blieben die meuterischen Mönche nicht einig. +Einem Missionär vom Cassiquiare wurde bange, wie dieser Handel enden +sollte; er fürchtete verhaftet und nach Cadix geschickt zu werden, oder, +wie man in den Colonien sagt, baxo partido de registro; aus Angst wurde +er seiner Partei untreu und machte sich unversehens davon. Man stellte +an der Mündung des Atabapo, bei den großen Katarakten, überall wo der +Flüchtling auf dem Weg zum untern Orinoco vorüberkommen mußte, Indianer +als Wachen auf. Trotz dieser Maaßregeln kam er nach Angostura und von da +in das Missionscollegium von Piritu; er gab seine Collegen an und +erhielt zum Lohn für seine Aussage den Auftrag, die zu verhaften, mit +denen er sich gegen den Präsidenten der Missionen verschworen hatte. In +Esmeralda, wo man von den politischen Stürmen, die seit dreißig Jahren +das alte Europa erschüttern, noch gar nicht hat sprechen hören, ist der +sogenannte alboroto de los frailes (die Meuterei der Mönche) noch immer +eine wichtige Begebenheit. Hier zu Land, wie im Orient, weiß man nur von +Revolutionen, die von den Gewalthabern selbst ausgehen, und wir haben +gesehen, daß sie in ihren Folgen eben nicht sehr bedenklich sind. + +Wenn die Villa Esmeralda mit ihrer Bevölkerung von 12—15 Familien +gegenwärtig für einen schrecklichen Aufenthaltsort gilt, so kommt dieß +nur vom Mangel an Anbau, von der Entlegenheit von allen bewohnten +Landstrichen und von der furchtbaren Menge der Moskitos. Die Lage der +Mission ist ungemein malerisch, das Land umher äußerst freundlich und +sehr fruchtbar. Nie habe ich so gewaltig große Bananenbüschel gesehen; +Indigo, Zucker, Cacao kämen vortrefflich fort, aber man mag sich nicht +die Mühe geben, sie zu bauen. Um den Cerro Duida herum gibt es schöne +Weiden, und wenn die Observanten aus dem Collegium von Piritu nur etwas +von der Betriebsamkeit der catalonischen Kapuziner am Carony hätten, so +liefen zwischen dem Cunucunumo und dem Padamo zahlreiche Heerden. Wie +die Sachen jetzt stehen, ist keine Kuh, kein Pferd vorhanden und die +Einwohner haben oft, zur Buße ihrer Faulheit, nichts zu essen als +Schinken von Brüllaffen und das Mehl von Fischknochen, von dem in der +Folge die Rede seyn wird. Man baut nur etwas Manioc und Bananen; und +wenn der Fischfang nicht reichlich ausfällt, so ist die Bevölkerung +eines von der Natur so hoch begünstigten Landes dem grausamsten Mangel +preisgegeben. + +Da die wenigen Canoes, die vom Rio Negro über den Cassiquiare nach +Angostura gehen, nicht gerne nach Esmeralda hinausfahren, so läge die +Mission weit besser an der Stelle, wo der Orinoco sich gabelt. Sicher +wird dieses große Land nicht immer so verwahrlost bleiben wie bisher, da +die Unvernunft des Mönchsregiments und der Geist des Monopols, der nun +einmal allen Körperschaften eigen ist, es niederhielten; ja es läßt sich +voraussagen, an welchen Punkten längs des Orinoco Gewerbfleiß und Handel +sich am kräftigsten entwickeln werden. Unter allen Himmelsstrichen +drängt sich die Bevölkerung vorzüglich an den Mündungen der Nebenflüsse +zusammen. Durch den Rio Apure, auf dem die Erzeugnisse der Provinzen +Barinas und Metida ausgeführt werden, muß die kleine Stadt Cabruta eine +große Bedeutung erhalten; sie wird mit San Fernando de Apure +concurriren, wo bis jetzt der ganze Handel concentrirt war. Weiter oben +wird sich eine neue Niederlassung am Einfluß des Meta bilden, der über +die Llanos am Casanare mit Neu-Grenada in Verbindung steht. Die zwei +Missionen bei den Katarakten werden sich vergrößern, weil diese Punkte +durch den Transport der Piroguen sehr lebhaft werden müssen; denn das +ungesunde, nasse Klima und die furchtbare Menge der Moskitos werden dem +Fortschritt der Cultur am Orinoco so wenig Einhalt thun als am +Magdalenenstrom, sobald einmal ernstliches kaufmännisches Interesse neue +Ansiedler herzieht. Gewohnte Uebel werden leichter ertragen, und wer in +Amerika geboren ist, hat keine so großen Schmerzen zu leiden wie der +frisch angekommene Europäer. Auch wird wohl die allmählige Ausrodung der +Wälder in der Nähe der bewohnten Orte die schreckliche Plage der Mücken +etwas vermindern. In San Fernando de Atabapo, Javita, San Carlos, +Esmeralda werden wohl (wegen ihrer Lage an der Mündung des Guaviare, am +Trageplatz zwischen Tuamini und Rio Negro, am Ausfluß des Cassiquiare +und am Gabelungspunkt des obern Orinoco) Bevölkerung und Wohlstand +bedeutend zunehmen. Mit diesen fruchtbaren, aber brach liegenden +Ländern, durch welche der Guallaga, der Amazonenstrom und der Orinoco +ziehen, wird es gehen wie mit der Landenge von Panama, dem Nicaraguasee +und dem Rio Huasacualco, durch welche zwei Meere mit einander in +Verbindung stehen. Mangelhafte Staatsformen konnten seit Jahrhunderten +Orte, in denen der Welthandel seine Mittelpunkte haben sollte, in Wüsten +verwandeln; aber die Zeit ist nicht mehr fern, wo diese Fesseln fallen +werden; eine widersinnige Verwaltung kann sich nicht ewig dem +Gesammtinteresse der Menschheit entgegenstemmen, und unwiderstehlich muß +die Cultur in Ländern einziehen, welche die Natur selbst durch die +physische Gestaltung des Bodens, durch die erstaunliche Verzweigung der +Flüsse und durch die Nähe zweier Meere, welche die Küsten Europas und +Indiens bespülen, zu großen Geschicken ausersehen hat. + +Esmeralda ist berühmt als der Ort, wo am besten am Orinoco das starke +Gift bereitet wird, das im Krieg, zur Jagd, und, was seltsam klingt, als +Mittel gegen gastrische Beschwerden dient. Das Gift der Ticunas am +Amazonenstrom, das Upas-Tieute auf Java und das Curare in Guyana sind +die tödtlichsten Substanzen, die man kennt. Bereits am Ende des +sechzehnten Jahrhunderts hatte Ralegh das Wort Urari gehört, wie man +einen Pflanzenstoff nannte, mit dem man die Pfeile vergiftete. Indessen +war nichts Zuverlässiges über dieses Gift in Europa bekannt geworden. +Die Missionäre Gumilla und Gili hatten nicht bis in die Länder kommen +können, wo das Curare bereitet wird. Gumilla behauptete, »diese +Bereitung werde sehr geheim gehalten; der Hauptbestandtheil komme von +einem unterirdischen Gewächs, von einer knolligten Wurzel, die niemals +Blätter treibe und rais de si misma (die Wurzel an sich) sey; durch die +giftigen Dünste aus den Kesseln gehen die alten Weiber (die +unnützesten), die man zur Arbeit verwende, zu Grunde; endlich, die +Pflanzensäfte erscheinen erst dann concentrirt genug, wenn ein paar +Tropfen des Safts auf eine gewisse Entfernung eine Repulsivkraft auf das +Blut ausüben. Ein Indianer ritzt sich die Haut; man taucht einen Pfeil +in das flüssige Curare und bringt ihn der Stichwunde nahe. Das Gift gilt +für gehörig concentrirt, wenn es das Blut in die Gefäße zurücktreibt, +ohne damit in Berührung gekommen zu seyn.« — Ich halte mich nicht dabei +auf, diese von Pater Gumilla zusammengebrachten Volksmähren zu +widerlegen. Warum hätte der Missionär nicht glauben sollen, daß das +Curare aus der Ferne wirke, da er unbedenklich an die Eigenschaften +einer Pflanze glaubte, deren Blätter erbrechen machen oder purgiren, je +nachdem man sie von oben herab oder von unten herauf vom Stiele reißt? + +Als wir nach Esmeralda kamen, kehrten die meisten Indianer von einem +Ausflug ostwärts über den Rio Padamo zurück, wobei sie Juvias oder die +Früchte der Bertholletia und eine Schlingpflanze, welche das Curare +gibt, gesammelt hatten. Diese Heimkehr wurde durch eine Festlichkeit +begangen, die in der Mission la fiesta de las Juvias heißt und unsern +Ernte- und Weinlesefesten entspricht. Die Weiber hatten viel gegohrenes +Getränke bereitet, und zwei Tage lang sah man nur betrunkene Indianer. +Bei Völkern, für welche die Früchte der Palmen und einiger andern Bäume, +welche Nahrungsstoff geben, von großer Wichtigkeit sind, wird die Ernte +der Früchte durch öffentliche Lustbarkeiten gefeiert, und man theilt das +Jahr nach diesen Festen ein, die immer auf dieselben Zeitpunkte fallen. + +Das Glück wollte, daß wir einen alten Indianer trafen, der weniger +betrunken als die andern und eben beschäftigt war, das Curaregift aus +den frischen Pflanzen zu bereiten. Der Mann war der Chemiker des Orts. +Wir fanden bei ihm große thönerne Pfannen zum Kochen der Pflanzensäfte, +flachere Gefäße, die durch ihre große Oberfläche die Verdunstung +befördern, dütenförmig aufgerolIte Bananenblätter zum Durchseihen. der +mehr oder weniger faserigte Substanzen enthaltenden Flüssigkeiten. Die +größte Ordnung und Reinlichkeit herrschten in dieser zum chemischen +Laboratorium eingerichteten Hütte. Der Indianer, der uns Auskunft +ertheilen sollte, heißt in der Mission der Giftmeister (amo del Curare); +er hatte das steife Wesen und den pedantischen Ton, den man früher in +Europa den Apothekern zum Vorwurf machte. »Ich weiß,« sagte er, »die +Weißen verstehen die Kunst, Seife zu machen und das schwarze Pulver, bei +dem das Ueble ist, daß es Lärm macht und die Thiere verscheucht, wenn +man sie fehlt. Das Curare, dessen Bereitung bei uns vom Vater auf den +Sohn übergeht, ist besser als Alles, was ihr dort drüben (über dem +Meere) zu machen wißt. Es ist der Saft einer Pflanze, der ganz leise +tödtet (ohne daß man weiß, woher der Schuß kommt).« + +Diese chemische Operation, auf die der Meister des Curare so großes +Gewicht legte, schien uns sehr einfach. Das Schlinggewächs (bejuco), aus +dem man in Esmeralda das Gift bereitet, heißt hier wie in den Wäldern +bei Javita. Es ist der Bejuco de Mavacure, und er kommt östlich von der +Mission am linken Ufer des Orinoco, jenseits des Rio Amaguaca im +granitischen Bergland von Guanaya und Yumariquin in Menge vor. Obgleich +die Bejucobündel, die wir im Hause des Indianers fanden, gar keine +Blätter mehr hatten, blieb uns doch kein Zweifel, daß es dasselbe +Gewächs aus der Familie der Strychneen war (Aublets Rouhamon sehr nahe +stehend), das wir im Wald beim Pimichin untersucht. Der Mavacure wird +ohne Unterschied frisch oder seit mehreren Wochen getrocknet +verarbeitet. Der frische Saft der Liane gilt nicht für giftig; +vielleicht zeigt er sich nur wirksam, wenn er stark concentrirt ist. Das +furchtbare Gift ist in der Rinde und einem Theil des Splints enthalten. +Man schabt mit einem Messer 4—5 Linien dicke Mavacurezweige ab und +zerstößt die abgeschabte Rinde auf einem Stein, wie er zum Reiben des +Maniocmehls dient, in ganz dünne Fasern. Da der giftige Saft gelb ist, +so nimmt die ganze faserigte Masse die nämliche Farbe an. Man bringt +dieselbe in einen 9 Zoll hohen, 4 Zoll weiten Trichter. Diesen Trichter +strich der Giftmeister unter allen Geräthschaften des indianischen +Laboratoriums am meisten heraus. Er fragte uns mehreremale, ob wir por +alla (dort drüben, das heißt in Europa) jemals etwas gesehen hätten, das +seinem Embado gleiche? Es war ein dütenförmig aufgerolltes Bananenblatt, +das in einer andern stärkeren Düte aus Palmblättern steckte; die ganze +Vorrichtung ruhte auf einem leichten Gestell von Plattstielen und +Fruchtspindeln einer Palme. Man macht zuerst einen kalten Aufguß, indem +man Wasser an den faserigten Stoff, die gestoßene Rinde des Mavacure, +gießt. Mehrere Stunden lang tropft ein gelblichtes Wasser vom Embudo, +dem Blatttrichter, ab. Dieses durchsickernde Wasser ist die giftige +Flüssigkeit; sie erhält aber die gehörige Kraft erst dadurch, daß man +sie wie die Melasse in einem großen thönernen Gefäß abdampft. Der +Indianer forderte uns von Zeit zu Zeit auf, die Flüssigkeit zu kosten; +nach dem mehr oder minder bittern Geschmack beurtheilt man, ob der Saft +eingedickt genug ist. Dabei ist keine Gefahr, da das Curare nur dann +tödtlich wirkt, wenn es unmittelbar mit dem Blut in Berührung kommt. +Deßhalb sind auch, was auch die Missionäre am Orinoco in dieser +Beziehung gesagt haben mögen, die Dämpfe vom Kessel nicht schädlich. +Fontana hat durch seine schönen Versuche mit dem Ticunasgift vom +Amazonenstrom längst dargethan, daß die Dämpfe, die das Gift entwickelt, +wenn man es auf glühende Kohlen wirft, ohne Schaden eingeathmet werden, +und daß es unrichtig ist, wenn La Condamine behauptet, zum Tode +verurtheilte indianische Weiber seyen durch die Dämpfe des Ticunasgifts +getödtet worden. + +Der noch so stark eingedickte Saft des Mavacure ist nicht dick genug, um +an den Pfeilen zu haften. Also bloß um dem Gift Körper zu geben, setzt +man dem eingedickten Ausguß einen andern sehr klebrigten Pflanzensaft +bei, der von einem Baum mit großen Blättern, genannt Kiracaguero, kommt. +Da dieser Baum sehr weit von Esmeralda wächst, und er damals so wenig +als der Bejuco de Mavacure Blüthen und Früchte hatte, so können wir ihn +botanisch nicht bestimmen. Ich habe schon mehrmals davon gesprochen, wie +oft ein eigenes Mißgeschick die interessantesten Gewächse der +Untersuchung der Reisenden entzieht, während tausend andere, bei denen +man nichts von chemischen Eigenschaften weiß, voll Blüthen und Früchten +hängen. Reist man schnell, so bekommt man selbst unter den Tropen, wo +die Blüthezeit der holzigten Gewächse so lange dauert, kaum an einem +Achttheil der Gewächse die Fructificationsorgane zu sehen. Die +Wahrscheinlichkeit, daß man, ich sage nicht die Familie, aber Gattung +und Art bestimmen kann, ist demnach gleich 1 zu 8, und dieses +nachtheilige Verhältniß empfindet man begreiflich noch schwerer, wenn +man dadurch um die nähere Kenntniß von Gegenständen kommt, die noch in +anderer Hinsicht als nur für die beschreibende Botanik von Bedeutung +sind. + +Sobald der klebrigte Saft des Kiracaguero-Baums dem eingedickten, +kochenden Giftsaft zugegossen wird, schwärzt sich dieser und gerinnt zu +einer Masse von der Consistenz des Theers oder eines dicken Syrups. +Diese Masse ist nun das Curare, wie es in den Handel kommt. Hört man die +Indianer sagen, zur Bereitung des Giftes sey der Kiracaguero so +nothwendig als der Bejuco de Mavacure, so kann man auf die falsche +Vermuthung kommen, auch ersterer enthalte einen schädlichen Stoff, +während er nur dazu dient, dem eingedickten Curaresaft mehr Körper zu +geben (was auch der Algarobbo und jede gummiartige Substanz thäten). Der +Farbenwechsel der Mischung rührt von der Zersetzung einer Verbindung von +Kohlenstoff und Wasserstoff her. Der Wasserstoff verbrennt und der +Kohlenstoff wird frei. Das Curare wird in den Früchten der Crescentia +verkauft; da aber die Bereitung desselben in den Händen weniger Familien +ist und an jedem Pfeile nur unendlich wenig Gift haftet, so ist das +Curare bester Qualität, das von Esmeralda und Mandavaca, sehr theuer. +Ich sah für zwei Unzen 5—6 Franken bezahlen. Getrocknet gleicht der +Stoff dem Opium; er zieht aber die Feuchtigkeit stark an, wenn er der +Luft ausgesetzt wird. Er schmeckt sehr angenehm bitter und Bonpland und +ich haben oft kleine Mengen verschluckt. Gefahr ist keine dabei, wenn +man nur sicher ist, daß man an den Lippen oder am Zahnfleisch nicht +blutet. Bei Mangilis neuen Versuchen mit dem Viperngift verschluckte +einer der Anwesenden alles Gift, das von vier großen italienischen +Vipern gesammelt werden konnte, ohne etwas darauf zu spüren. Bei den +Indianern gilt das Curare, innerlich genommen, als ein treffliches +Magenmittel. Die Piravas- und Salivas-Indianer bereiten dasselbe Gift; +es hat auch ziemlichen Ruf, ist aber doch nicht so gesucht wie das von +Esmeralda. Die Bereitungsart scheint überall ungefähr dieselbe; es liegt +aber kein Beweis vor, daß die verschiedenen Gifte, welche unter +demselben Namen am Orinoco und am Amazonenstrom verkauft werden, +identisch sind und von derselben Pflanze herrühren. Orfila hat daher +sehr wohl gethan, wenn er in seiner Toxicologie générale das Woorara aus +holländisch Guyana, das Curare vom Orinoco, das Ticuna vom Amazonenstrom +und all die Substanzen, welche man unter dem unbestimmten Namen +»amerikanische Gifte« zusammenwirft, für sich betrachtet. Vielleicht +findet man einmal in Giftpflanzen aus verschiedenen Gattungen eine +gemeinschaftliche alkalische Basis, ähnlich dem Morphium im Opium und +der Vauqueline in den Strychnosarten. + +Man unterscheidet am Orinoco zwischen Curare de raiz (aus Wurzeln) und +Curare de bejuco (aus Lianen oder der Rinde der Zweige). Wir haben nur +letzteres bereiten sehen; erstens ist schwächer und weit weniger +gesucht. Am Amazonenstrom lernten wir die Gifte verschiedener +Indianerstämme kennen, der Ticunas, Yaguas, Pevas und Xibaros, die von +derselben Pflanze kommen und vielleicht nur mehr oder weniger sorgfältig +zubereitet sind. Das Toxique des Ticunas, das durch La Condamine in +Europa so berühmt geworden ist und das man jetzt, etwas uneigentlich, +»Ticuna« zu nennen anfängt, kommt von einer Liane, die auf der Insel +Mormorote im obern Maragnon wächst. Dieses Gift wird zum Theil von den +Ticunas-Indianern bezogen, die auf spanischem Gebiet bei den Quellen des +Yacarique unabhängig geblieben sind, zum Theil von den Indianern +desselben Stammes, die in der portugiesischen Mission Loreto leben. Da +Gifte in diesem Klima für Jägervölker ein unentbehrliches Bedürfniß +sind, so widersetzen sich die Missionäre am Orinoco und Amazonenstrom +der Bereitung derselben nicht leicht. Die hier genannten Gifte sind +völlig verschieden vom Gift von la Peca[^30] und vom Gift von Lamas und +Moyobamba. Ich führe diese Einzelnheiten an, weil die Pflanzenreste, die +wir untersuchen konnten, uns (gegen die allgemeine Annahme) den Beweis +geliefert haben, daß die drei Gifte, das der Ticunas, das von la Pera +und das von Moyobamba, nicht von derselben Art kommen, wahrscheinlich +nicht einmal von verwandten Gewächsen. So einfach das Curare ist, so +langwierig und verwickelt ist die Bereitungsweise des Giftes von +Moyobamba. Mit dem Saft des Bejuco de Ambihuasca, dem Hauptingrediens, +mischt man Piment (Capsicum), Tabak, Barbasco (Jacquinia armillaris), +Sanango (Tabernaemontana) und die Milch einiger andern Apocyneen. Der +frische Saft der Ambihuasca wirkt tödtlich, wenn er mit dem Blut in +Berührung kommt; der Saft des Mavacure wird erst durch Einkochen ein +tödtliches Gift, und der Saft der Wurzel der Jatropha Manihot verliert +durch Kochen ganz seine schädliche Eigenschaft. Als ich bei sehr großer +Hitze die Liane, von der das schreckliche Gift von la Pera kommt, lange +zwischen den Fingern rieb, wurden mir die Hände pelzigt; eine Person, +die mit mir arbeitete, spürte gleich mir diese Folgen einer raschen +Aufsaugung durch die unverletzten Hautdecken. + +Ich lasse mich hier auf keine Erörterung der physiologischen Wirkungen +dieser Gifte der neuen Welt ein, die so rasch tödten, wie die +Strychnosarten Asiens (die Brechnuß, das Upas-Tieute und die +Ignatiusbohne), aber ohne, wenn sie in den Magen kommen, Erbrechen zu +erregen und ohne die gewaltige Reizung des Rückenmarks, welche den +bevorstehenden Tod verkündet. Wir haben während unseres Aufenthalts in +Amerika Curare vom Orinoco und Bambusrohrstücke mit Gift der Ticunas und +von Moyobamba den Chemikern Fourcroy und Vauquelin übermacht; wir haben +ferner nach unserer Rückkehr Magendie und Delille, die mit den Giften +der neuen Welt so schöne Versuche angestellt, Curare mitgetheilt, das +auf dem Transport durch feuchte Länder schwächer geworden war. Am +Orinoco wird selten ein Huhn gespeist, das nicht durch einen Stich mit +einem vergifteten Pfeil getödtet worden wäre; ja die Missionäre +behaupten, das Fleisch der Thiere sey nur dann gut, wenn man dieses +Mittel anwende. Unser Reisebegleiter, der am dreitägigen Fieber leidende +Pater Zea, ließ sich jeden Morgen einen Pfeil und das Huhn, das wir +speisen sollten, lebend in seine Hängematte bringen. Er hätte eine +Operation, auf die er trotz seines Schwächezustandes ein sehr großes +Gewicht legte, keinem Andern überlassen mögen. Große Vögel, z. B. ein +Guan (Pava de monte) oder ein Hocco (Alector) sterben, wenn man sie in +den Schenkel sticht, in 2—3 Minuten; bei einem Schwein oder Pecari +dauert es oft 10—12. Bonpland fand, daß dasselbe Gift in verschiedenen +Dörfern, wo man es kaufte, sehr verschieden war. Wir bekamen am +Amazonenstrom ächtes Gift der Ticunas-Indianer, das schwächer war als +alle Sorten des Curare vom Orinoco. Es wäre unnütz, den Reisenden die +Angst ausreden zu wollen, die sie häufig äußern, wenn sie bei der +Ankunft in den Missionen hören, daß die Hühner, die Affen, die Leguans, +die großen Flußfische, die sie essen, mit vergifteten Pfeilen getödtet +sind. Gewöhnung und Nachdenken machen dieser Angst bald ein Ende. +Magendie hat sogar durch sinnreiche Versuche mit der Transfusion +dargethan, daß das Blut von Thieren, die mit den ostindischen bittern +Strychnosarten getödtet worden sind, auf andere Thiere keine schädliche +Wirkung äußert. Einem Hund wurde eine bedeutende Menge vergifteten Bluts +in die Venen gespritzt; es zeigte sich aber keine Spur von Reizung des +Rückenmarks. + +Ich brachte das stärkste Curare mit den Schenkelnerven eines Frosches in +Berührung, ohne, wenn ich den Grad der Irritabilität der Organe mittelst +eines aus heterogenen Metallen bestehenden Bogens maß, eine merkliche +Veränderung wahrzunehmen. Aber bei Vögeln, wenige Minuten nachdem ich +sie mit einem vergifteten Pfeile getödtet, wollten die galvanischen +Versuche so gut wie nicht gelingen. Diese Beobachtungen sind von +Interesse, da ermittelt ist, daß auch eine Auflösung von Upas Tieute, +wenn man sie auf den Hüftnerven gießt oder in das Nervengewebe selbst +bringt, wenn sie also mit der Marksubstanz selbst in Berührung kommt, +gleichfalls auf die Irritabilität der Organe keinen merkbaren Einfluß +äußert. Das Curare, wie die meisten andern Strychneen (denn wir glauben +immer noch, daß der Mavacure einer nahe verwandten Familie angehört) +werden nur dann gefährlich, wenn das Gift auf das Gefäßsystem wirkt. In +Maypures rüstete ein Farbiger (ein Zambo, ein Mischling von Indianer und +Neger) für Bonpland giftige Pfeile, wie man sie in die Blaserohre +steckt, wenn man kleine Affen und Vögel jagt. Es war ein Zimmermann von +ungemeiner Muskelkraft. Er hatte die Unvorsichtigkeit, das Curare +zwischen den Fingern zu reiben, nachdem er sich unbedeutend verletzt, +und stürzte zu Boden, von einem Schwindel ergriffen, der eine halbe +Stunde anhielt. Zum Glück war es nur schwaches (destemplado) Curare, +dessen man sich bedient, um sehr kleine Thiere zu schießen, das heißt +solche, welche man wieder zum Leben bringen will, indem man salzsaures +Natron in die Wunde reibt. Auf unserer Rückfahrt von Esmeralda nach +Atures entging ich selbst einer ziemlich nahen Gefahr. Das Curare hatte +Feuchtigkeit angezogen, war flüssig geworden und aus dem schlecht +verschlossenen Gefäß über unsere Wäsche gelaufen. Beim Waschen vergaß +man einen Strumpf innen zu untersuchen, der voll Curare war, und erst +als ich den klebrigten Stoff mit der Hand berührte, merkte ich, daß ich +einen vergifteten Strumpf angezogen hätte. Die Gefahr war desto größer, +da ich gerade an den Zehen blutete, weil mir Sandflöhe (pulex penetrans) +schlecht ausgegraben worden waren. Aus diesem Fall mögen Reisende +abnehmen, wie vorsichtig man seyn muß, wenn man Gift mit sich führt. + +In Europa wird die Untersuchung der Eigenschaften der Gifte der neuen +Welt eine schöne Aufgabe für Chemie und Physiologie seyn, wenn man sich +einmal bei stärkerem Verkehr aus den Ländern, wo sie bereitet werden, +und so, daß sie nicht zu verwechseln sind, all die Gifte verschaffen +kann, das Curare de Bejuco, das Curare de Raiz, und die verschiedenen +Sorten vom Amazonenstrom, vom Guallaga und aus Brasilien. Da die Chemie +die reine Blausäure und so viele neue sehr giftige Stoffe entdeckt hat, +wird man in Europa hinsichtlich der Einführung dieser von wilden Völkern +bereiteten Gifte nicht mehr so ångstlich seyn; indessen kann man doch +allen, die in sehr volkreichen Städten (den Mittelpunkten der Cultur, +des Elends und der Sittenverderbniß) so heftig wirkende Stoffe in Händen +haben, nicht genug Vorsicht empfehlen. Was unsere botanische Kenntniß +der Gewächse betrifft, aus denen Gift bereitet wird, so werden sie sich +nur äußerst langsam berichtigen. Die meisten Indianer, die sich mit der +Verfertigung vergifteter Pfeile abgeben, sind mit dem Wesen der giftigen +Substanzen, die sie aus den Händen anderer Völker erhalten, völlig +unbekannt. Ueber der Geschichte der Gifte und Gegengifte liegt überall +der Schleier des Geheimnisses. Ihre Bereitung ist bei den Wilden Monopol +der Piaches, die zugleich Priester, Gaukler und Aerzte sind, und nur von +den in die Missionen versetzten Eingeborenen kann man über diese +räthselhaften Stoffe etwas Sicheres erfahren. Jahrhunderte vergingen, +ehe Mutis’ Beobachtungsgeist die Europäer mit dem Bejuco del Guaco +(Mikania Guako) bekannt machte, welch das kräftigste Gegengift gegen den +Schlangenbiß ist und das wir zuerst botanisch beschreiben konnten. + +In den Missionen herrscht allgemein die Meinung, Rettung sey unmöglich, +wenn das Curare frisch und stark eingedickt und so lange in der Wunde +geblieben ist, daß viel davon in den Blutlauf übergegangen. Unter allen +Gegenmitteln, die man am Orinoco und (nach Leschenault) im indischen +Archipel braucht, ist das salzsaure Natron das verbreitetste.[^31] Man +reibt die Wunde mit dem Salz und nimmt es innerlich. Ich selbst kenne +keinen gehörig beglaubigten Fall, der die Wirksamkeit des Mittels +bewiese, und Magendies und Delilles Versuche sprechen vielmehr dagegen. +Am Amazonenstrom gilt der Zucker für das beste Gegengift, und da das +salzsaure Natron den Indianern in den Wäldern fast ganz unbekannt ist, +so ist wahrscheinlich der Bienenhonig und der mehligte Zucker, den die +an der Sonne getrockneten Bananen ausschwitzen, früher in ganz Guyana zu +diesem Zweck gebraucht worden. Ammoniak und Lucienwasser sind ohne +Erfolg gegen das Curare versucht worden; man weiß jetzt, wie +unzuverlässig diese angeblichen specifischen Mittel auch gegen +Schlangenbiß sind. Sir Everard Home hat dargethan, daß man die Heilung +meist einem Mittel zuschreibt, während sie nur erfolgt ist, weil die +Verwundung unbedeutend und die Wirkung des Giftes eine sehr beschränkte +war. Man kann Thiere ohne Schaden mit vergifteten Pfeilen verwunden, +wenn die Wunde offen bleibt und man die vergiftete Spitze nach der +Verwundung sogleich zurückzieht. Wendet man in solchen Fällen Salz oder +Zucker an, so wird man verführt, sie für vortreffliche specifische +Mittel zu halten. Nach der Schilderung von Indianern, die im Krieg mit +Waffen, die in Curare getaucht gewesen, verwundet worden, sind die +Symptome ganz ähnlich wie beim Schlangenbiß. Der Verwundete fühlt +Congestionen gegen den Kopf, und der Schwindel nöthigt ihn, sich +niederzusetzen; sodann Uebelseyn, wiederholtes Erbrechen, brennender +Durst und das Gefühl von Pelzigtseyn am verwundeten Körpertheil. + +Dem alten Indianer, dem Giftmeister, schien es zu schmeicheln, daß wir +ihm bei seinem Laboriren mit so großem Interesse zusahen. Er fand uns so +gescheit, daß er nicht zweifelte, wir könnten Seife machen; diese Kunst +erschien ihm, nach der Bereitung des Curare, als eine der schönsten +Erfindungen des menschlichen Geistes. Als das flüssige Gift in die zu +seiner Aufnahme bestimmten Gefässe gegossen war, begleiteten wir den +Indianer zum Juvias-Feste. Man feierte durch Tänze die Ernte der Juvias, +der Früchte der Bertholletia excelsa, und überließ sich der rohesten +Völlerei. In der Hütte, wo die Indianer seit mehreren Tagen +zusammenkamen, sah es ganz seltsam aus. Es waren weder Tische noch Bänke +darin, aber große gebratene, vom Rauch geschwärzte Affen sah man +symmetrisch an die Wand gelehnt. Es waren Marimondas (Ateles Belzebuth) +und die bärtigen sogenannten Kapuzineraffen, die man nicht mit dem Machi +oder Saï (Buffons Simia capucina) verwechseln darf. Die Art, wie diese +menschenähnlichen Thiere gebraten werden, trägt viel dazu bei, wenn ihr +Anblick dem civilisirten Menschen so widerwärtig ist. Ein kleiner Rost +oder Gitter aus sehr hartem Holz wird einen Fuß über dem Boden +befestigt. Der abgezogene Affe wird zusammengebogen, als säße er; meist +legt man ihn so, daß er sich auf seine langen, mageren Arme stützt, +zuweilen kreuzt man ihm die Hände auf dem Rücken. Ist er auf dem Gitter +befestigt, so zündet man ein helles Feuer darunter an. Flammen und Rauch +umspielen den Affen und er wird zugleich gebraten und berußt.[^32] Sieht +man nun die Eingeborenen Arm oder Bein eines gebratenen Affen verzehren, +so kann man sich kaum des Gedankens erwehren, die Gewohnheit, Thiere zu +essen, die im Körperbau dem Menschen so nahe stehen, möge in gewissem +Grade dazu beitragen, daß die Wilden so wenig Abscheu vor dem Essen von +Menschenfieisch haben. Die gebratenen Affen, besonders solche mit sehr +rundem Kopf, gleichen auf schauerliche Weise Kindern, daher auch +Europäer, wenn sie sich von Vierhändern nähren müssen, lieber Kopf und +Hände abschneiden und nur den Rumpf auftragen lassen. Das Affenfleisch +ist so mager und trocken, daß Bonpland in seinen Sammlungen in Paris +einen Arm und eine Hand aufbewahrt hat, die in Esmeralda am Feuer +geröstet worden; nach vielen Jahren rochen diese Theile nicht im +Geringsten. + +Wir sahen die Indianer tanzen. Der Tanz ist um so einförmiger, da die +Weiber nicht daran Theil nehmen dürfen. Die Männer, alt und jung, fassen +sich bei den Händen, bilden einen Kreis und drehen sich so, bald rechts, +bald links, stundenlang, in schweigsamem Ernst. Meist machen die Tänzer +selbst die Musik dazu. Schwache Töne, auf einer Reihe von Rohrstücken +von verschiedener Länge geblasen, bilden eine langsame, melancholische +Begleitung. Um den Takt anzugeben, beugt der Vortänzer im Rhythmus beide +Kniee. Zuweilen bleiben alle stehen und machen kleine schwingende +Bewegungen, indem sie den Körper seitlich hin und her werfen. Jene in +eine Reihe geordneten und zusammengebundenen Rohrstücke gleichen der +Pansflöte, wie wir sie bei bacchischen Aufzügen auf großgriechischen +Vasen abgebildet sehen. Es ist ein höchst einfacher Gedanke, der allen +Völkern kommen mußte, Rohre von verschiedener Länge zu vereinigen und +sie nach einander, während man sie an den Lippen vorbeiführt, +anzublasen. Nicht ohne Verwunderung sahen wir, wie rasch junge Indianer, +wenn sie am Fluß Rohr (carices) fanden, dergleichen Pfeifen schnitten +und stimmten. In allen Himmelsstrichen leisten diese Gräser mit hohem +Halme den Menschen im Naturzustand mancherlei Dienste. Die Griechen +sagten mit Recht, das Rohr sey ein Mittel gewesen zur Unterjochung der +Völker, weil es Pfeile liefere, zur Milderung der Sitten durch den Reiz +der Musik, zur Geistesentwicklung, weil es das erste Werkzeug geboten, +mit dem man Buchstaben geschrieben. Diese verschiedenen Verwendungsarten +des Rohrs bezeichnen gleichsam drei Abschnitte im Leben der Völker. Die +Horden am Orinoco stehen unläugbar auf der untersten Stufe einer +beginnenden Culturentwicklung. Das Rohr dient ihnen nur zu Krieg und +Jagd und Pans Flöte sind auf jenen fernen Ufern noch keine Töne entlockt +worden, die sanfte, menschliche Empfindungen wecken können. + +In der Festhütte fanden wir verschiedene vegetabilische Produkte, welche +die Indianer aus den Bergen von Guanaya mitgebracht und die unsere ganze +Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. Ich verweile hier nur bei der Frucht +des Juvia, bei den Rohren von ganz ungewöhnlicher Länge und bei den +Hemden aus der Rinde des Marimabaums. Der Almendron oder Juvia, einer +der großartigsten Bäume in den Wäldern der neuen Welt, war vor unserer +Reise an den Rio Negro so gut wie unbekannt. Vier Tagreisen östlich von +Esmeralda, zwischen dem Padamo und dem Ocamo am Fuß des Cerro Mapaya, am +rechten Ufer des Orinoco, tritt er nach und nach auf; noch häufiger ist +er auf dem linken Ufer beim Cerro Guanaya zwischen dem Rio Amaguaca und +dem Gehette. Die Einwohner von Esmeralda versicherten uns, oberhalb des +Gehette und des Chiguire werde der Juvia und der Cacaobaum so gemein, +daß die wilden Indianer (die Guaicas und Guaharibos blancos) die +Indianer aus den Missionen ungestört die Früchte sammeln lassen. Sie +mißgönnen ihnen nicht, was ihnen die Natur auf ihrem eigenen Grund und +Boden so reichlich schenkt. Kaum noch hat man es am obern Orinoco +versucht, den Almendron fortzupflanzen. Die Trägheit der Einwohner läßt +es noch weniger dazu kommen als der Umstand, daß das Oel in den +mandelförmigen Samen so schnell ranzigt wird. Wir fanden in der Mission +San Carlos nur drei Bäume und in Esmeralda zwei. Die majestätischen +Stämme waren acht bis zehn Jahre alt und hatten noch nicht geblüht. Wie +oben erwähnt, fand Bonpland Almendrons unter den Bäumen am Ufer des +Cassiquiare in der Nähe der Stromschnellen von Cananivacari. + +Schon im sechzehnten Jahrhundert sah man in Europa, nicht die große +Steinfrucht in der Form einer Cocosnuß, welche die Mandeln enthält, wohl +aber die Samen mit holzigter dreieckigter Hülle. Ich erkenne diese auf +einer ziemlich mangelhaften Zeichnung des Clusius. Dieser Botaniker +nennt sie Almendras del Peru, vielleicht weil sie als eine sehr seltene +Frucht an den obern Amazonenstrom und von dort über die Cordilleren nach +Quito und Peru gekommen waren. Jean de Laet’s Novus Orbis, in dem ich +die erste Nachricht vom Kuhbaum fand, enthält auch eine Beschreibung und +ganz richtige Abbildung des Samens der Bertholletia. Laet nennt den Baum +Totocke und erwähnt der Steinfrucht von der Größe eines Menschenkopfs, +welche die Samen enthält. Diese Früchte, erzählt er, seyen so ungemein +schwer, daß die Wilden es nicht leicht wagen, die Wälder zu betreten, +ohne Kopf und Schultern mit einem Schild aus sehr hartem Holz zu +bedenken. Von solchen Schilden wissen die Eingeborenen in Esmeralda +nichts, wohl aber sprachen sie uns auch davon, daß es gefährlich sey, +wenn die Früchte reifen und 50 bis 60 Fuß hoch herabfallen. In Portugal +und England verkauft man die dreieckigten Samen des Juvia unter dem +unbestimmten Namen Kastanien (Castañas) oder Nüsse aus Brasilien und vom +Amazonenstrom, und man meinte lange, sie wachsen, wie die Frucht der +Pekea, einzeln auf Fruchtstielen. Die Einwohner von Gran-Para treiben +seit einem Jahrhundert einen ziemlich starken Handel damit. Sie schicken +sie entweder direkt nach Europa oder nach Cayenne, wo sie Touka heißen. +Der bekannte Botaniker Correa de Serra sagte uns, der Baum sey in den +Wäldern bei Macapa an der Mündung des Amazonenstroms sehr häufig und die +Einwohner sammeln die Mandeln, wie die der Lecythis, um Oel daraus zu +schlagen. Eine Ladung Juviamandeln, die im Jahr 1807 in Havre einlief +und von einem Caper aufgebracht war, wurde gleichfalls so benützt. + +Der Baum, von dem die die »brasilianischen Kastanien« kommen, ist meist +nur 2 bis 3 Fuß dick, wird aber 100 bis 120 Fuß hoch. Er hat nicht den +Habitus der Mammea, des Sternapfelbaums und verschiedener anderer +tropischer Bäume, bei denen die Zweige (wie bei den Lorbeeren der +gemäßigten Zone) fast gerade gen Himmel stehen. Bei der Bertholletia +stehen die Aeste weit auseinander, sind sehr lang, dem Stamm zu fast +blätterlos und an der Spitze mit dichten Laubbüscheln besetzt. Durch +diese Stellung der halb lederartigen, unterhalb leicht silberfarbigen, +über zwei Fuß langen Blätter beugen sich die Aeste abwärts, wie die +Wedel der Palmen. Wir haben den majestätischen Baum nicht blühen sehen. +Er setzt vor dem fünfzehnten Jahr keine Blüthen an, und dieselben +brechen zu Ende März oder Anfangs April auf. Die Früchte reifen gegen +Ende Mai, und an manchen Stämmen bleiben sie bis in den August hängen. +Da dieselben so groß sind wie ein Kindskopf und oft 12 bis 13 Zoll +Durchmesser haben, so fallen sie mit gewaltigem Geräusch vom Baumgipfel. +Ich weiß nichts, woran einem die wunderbare Kraft des organischen Lebens +im heißen Erdstrich augenfälliger entgegenträte, als der Anblick der +mächtigen holzigten Fruchthüllen, z. B. des Cocosbaums (Lodoicea) unter +den Monocotyledonen, und der Bertholletia und der Lecythis unter den +Dicotyledonen. In unsern Klimaten bringen allein die Kürbisarten +innerhalb weniger Monate Früchte von auffallender Größe hervor; aber +diese Früchte sind fleischigt und saftreich. Unter den Tropen bildet die +Bertholletia innerhalb 50 bis 60 Tagen eine Fruchthülle, deren holzigter +Theil einen halben Zoll dick und mit den schärfsten Werkzeugen kaum zu +durchsägen ist. Ein bedeutender Naturforscher (Richard) hat bereits die +Bemerkung gemacht, daß das Holz der Früchte meist so hart wird, wie das +Holz der Baumstämme nur selten. Die Fruchthülle der Bertholletia zeigt +die Rudimente von vier Fächern; zuweilen habe ich ihrer auch fünf +gefunden. Die Samen haben zwei scharf gesonderte Hüllen, und damit ist +der Bau der Frucht complicirter als bei den Lecythis-, Pekea- und +Saouvari-Arten. Die erste Hülle ist beinartig oder holzigt, dreieckigt, +außen höckerigt und zimmtfarbig. Vier bis fünf, zuweilen acht solcher +dreieckigten Nüsse sind an einer Scheidewand befestigt. Da sie sich mit +der Zeit ablösen, liegen sie frei in der großen kugligten Fruchthülle. +Die Kapuzineraffen (Simia chiropotes) lieben ungemein die +»brasilianischen Kastanien,« und schon das Rasseln der Samen, wenn man +die Frucht, wie sie vom Baum fällt, schüttelt, macht die Eßlust dieser +Thiere in hohem Grade rege. Meist habe ich nur 15 bis 22 Nüsse in einer +Frucht gefunden. Der zweite Ueberzug der Mandeln ist häutig und +braungelb. Der Geschmack derselben ist sehr angenehm, so lange sie +frisch sind; aber das sehr reichliche Oel, durch das sie ökonomisch so +nützlich werden, wird leicht ranzigt. Wir haben am obern Orinoco häufig, +weil sonst nichts zu haben war, diese Mandeln in bedeutender Menge +gegessen und nie einen Nachtheil davon empfunden. Die kugligte +Fruchthülle der Bertholletia ist oben durchbohrt, springt aber nicht +auf; das obere bauchigte Ende des Säulchens bildet allerdings (nach +Kunth) eine Art innern Deckel, wie bei der Frucht der Lecythis, aber er +öffnet sich nicht wohl von selbst. Viele Samen verlieren durch die +Zersetzung des Oels in den Samenlappen die Keimkraft, bevor in der +Regenzeit die Holzkapsel der Fruchthülle in Folge der Fäulniß aufgeht. +Nach einem am untem Orinoco weit verbreiteten Mährchen setzen sich die +Kapuziner- und Cacajao-Affen (Simia chiropotes und Simia melanocephala) +im Kreis umher, klopfen mit einem Stein auf die Frucht und zerschlagen +sie wirklich, so daß sie zu den dreieckigten Mandeln kommen können. Dieß +wäre wegen der ausnehmenden Härte und Dicke der Fruchthülle geradezu +unmöglich. Man mag gesehen haben, wie Affen die Früchte der Bertholletia +am Boden rollten, und dieselben haben zwar ein kleines Loch, an welches +das obere Ende des Säulchens befestigt ist, aber die Natur hat es den +Affen nicht so leicht gemacht, die holzigte Fruchthülle der Juvia zu +öffnen, wie bei der Lechthis, wo sie den Deckel abnehmen, der in den +Missionen la tapa (Deckel) del coca de monos heißt. Nach der Aussage +mehrerer sehr glaubwürdiger Indianer gelingt es nur den kleinen Nagern, +namentlich den Agutis (Cavia Aguti, Cavia Paca), vermöge des Baues ihrer +Zähne und der unglaublichen Ausdauer, mit der sie ihrem Zerstörungswerk +obliegen, die Frucht der Bertholletia zu durchbohren. Sobald die +dreieckigten Nüsse auf den Boden ausgestreut sind, kommen alle Thiere +des Waldes herbeigeeilt; Affen, Manaviris, Eichhörner, Agutis, Papagaien +und Aras streiten sich um die Beute. Sie sind alle stark genug, um den +holzigten Ueberzug des Samens zu zerbrechen; sie nehmen die Mandel +heraus und klettern damit auf die Bäume. »So haben sie auch ihr Fest,« +sagten die Indianer, die von der Ernte kamen, und hört man sie sich über +die Thiere beschweren, so merkt man wohl, daß sie sich für die +alleinigen rechtmäßigen Herren des Waldes halten. + +Das häufige Vorkommen des Juvia ostwärts von Esmeralda scheint darauf +hinzudeuten, daß die Flora des Amazonenstroms an dem Stück des obern +Orinoco beginnt, das im Süden der Gebirge hinläuft. Es ist dieß +gewissermaßen ein weiterer Beweis dafür, daß hier zwei Flußbecken +vereinigt sind. Bonpland hat sehr gut auseinandergesetzt, wie man zu +verfahren hätte, um die Bertholletia excelsa am Ufer des Orinoco, des +Apure, des Meta, überhaupt in der Provinz Venezuela anzupflanzen. Man +müßte da, wo der Baum wild wächst, die bereits keimenden Samen zu +Tausenden sammeln und sie in Kasten mit derselben Erde legen, in der sie +zu vegetiren angefangen. Die jungen Pflanzen, durch Blätter von Musaceen +oder Palmblätter gegen die Sonnenstrahlen geschützt, würden auf Piroguen +oder Flöße gebracht. Man weiß, wie schwer in Europa (trotz der Anwendung +von Chlor, wovon ich anderswo gesprochen) Samen mit hornartiger +Fruchthülle, Palmen, Kaffeearten, Chinaarten und große holzigte Nüsse +mit leicht ranzigt werdendem Oel, zum Keimen zu bringen sind. Alle diese +Schwierigkeiten wären beseitigt, wenn man nur Samen sammelte, die unter +dem Baum selbst gekeimt haben. Auf diese Weise ist es uns gelungen, +zahlreiche Exemplare sehr seltener Pflanzen, z. B. die Coumarouna odora +oder Tongabohne, von den Katarakten des Orinoco nach Angostura zu +bringen und in den benachbarten Pflanzungen zu verbreiten. + +Eine der vier Piroguen, mit denen die Indianer auf der Juviasernte +gewesen waren, war großentheils mit der Rohrart (Carice) gefüllt, aus +der Blaserohre gemacht werden. Die Rohre waren 15 bis 17 Fuß lang, und +doch war keine Spur von Knoten zum Ansatz von Blättern oder Zweigen zu +bemerken. Sie waren vollkommen gerade, außen glatt und völlig +cylindrisch. Diese Carices kommen vom Fuß der Berge von Yumariquin und +Guanaja. Sie sind selbst jenseits des Orinoco unter dem Namen »Rohr von +Esmeralda« sehr gesucht. Ein Jäger führt sein ganzes Leben dasselbe +Blaserohr; er rühmt die Leichtigkeit, Genauigkeit und Politur desselben, +wie wir an unsern Feuergewehren dieselben Eigenschaften rühmen. Was mag +dieß für ein monocotyledonisches Gewächs[^33] seyn, von dem diese +herrlichen Rohre kommen? Haben wir wirklich die Internodia einer Grasart +aus der Sippe der Nostoiden vor uns gehabt? oder sollte dieser Carice +eine Cyperacea[^34] ohne Knoten seyn? Ich vermag diese Fragen« nicht zu +beantworten, so wenig ich weiß, welcher Gattung ein anderes Gewächs +angehört, von dem die Marimahemden kommen. Wir sahen am Abhang des Cerro +Duida über 50 Fuß hohe Stämme des Hemdbaums. Die Indianer schneiden +cylindrische Stücke von zwei Fuß Durchmesser davon ab und nehmen die +rothe, faserigte Rinde weg, wobei sie sich in Acht nehmen, keinen +Längsschnitt zu machen. Diese Rinde gibt ihnen eine Art Kleidungsstück, +das Säcken ohne Nath von sehr grobem Stoffe gleicht. Durch die obere +Oeffnung steckt man den Kopf, und um die Arme durchzustecken, schneidet +man zur Seite zwei Löcher ein. Der Eingeborene trägt diese Marimahemden +bei sehr starkem Regen; sie haben die Form der baumwollenen Ponchos und +Ruanas, die in Neu-Grenada, Quito und Peru allgemein getragen werden. Da +die überschwengliche Freigebigkeit der Natur in diesen Himmelsstrichen +für die Hauptursache gilt, warum die Menschen so träge sind, so +vergessen die Missionäre, wenn sie Marimahemden vorweisen, nie die +Bemerkung zu machen, »in den Wäldern am Orinoco wachsen die Kleider +fertig auf den Bäumen«. Zu dieser Geschichte von den Hemden gehören auch +die spitzen Mützen, welche die Blumenscheiden gewisser Palmen liefern +und die einem weitmaschigen Gewebe gleichen. + +Beim Feste, dem wir beiwohnten, waren die Weiber vom Tanz und jeder +öffentlichen Lustbarkeit ausgeschlossen; ihr trauriges Geschäft bestand +darin, den Männern Affenbraten, gegohrenes Getränk und Palmkohl +aufzutragen. Des letzteren Produkts, das wie unser Blumenkohl schmeckt, +erwähne ich nur, weil wir in keinem Lande so ausnehmend große Stücke +gesehen haben. Die noch nicht entwickelten Blätter sind mit dem·jungen +Stengel verschmolzen, und wir haben Cylinder gemessen, die sechs Fuß +lang und fünf Zoll dick waren. Eine andere, weit nahrhaftere Substanz +kommt aus dem Thierreich, das Fischmehl (manioc de pescado). Ueberall am +obern Orinoco braten die Indianer die Fische, dörren sie an der Sonne +und stoßen sie zu Pulver, ohne die Gräten davon zu trennen. Ich sah +Quantitäten von 50 bis 60 Pfund dieses Mehls, das aussieht wie +Maniocmehl. Zum Essen rührt man es mit Wasser zu einem Teige an. Unter +allen Klimaten, wo es viele Fische gibt, ist man auf dieselben Mittel +zur Aufbewahrung derselben gekommen. So beschreiben Plinius und Diodor +von Sicilien das Fischbrod der Ichthyophagen[^35] am persischen +Meerbusen und am rothen Meer. + +In Esmeralda, wie überall in den Missionen, leben die Indianer, die sich +nicht taufen lassen wollten und sich nur frei der Gemeinde angeschlossen +haben, in Polygamie. Die Zahl der Weiber ist bei den verschiedenen +Stämmen sehr verschieden, am größten bei den Caraiben und bei all den +Völkerschaften, bei denen sich die Sitte, junge Mädchen von benachbarten +Stämmen zu entführen, lange erhalten hat. Wie kann bei einer so +ungleichen Verbindung von häuslichem Glück die Rede seyn! Die Weiber +leben in einer Art Sklaverei, wie bei den meisten sehr versunkenen +Völkern. Da die Männer im Besitz der unumschränkten Gewalt sind, so wird +in ihrer Gegenwart keine Klage laut. Im Hause herrscht scheinbar Ruhe +und die Weiber beeifern sich alle, den Wünschen eines anspruchsvollen, +übellaunigen Gebieters zuvorzukommen. Sie pflegen ohne Unterschied ihre +eigenen Kinder und die der andern Weiber. Die Missionäre versichern (und +was sie sagen, ist sehr glaublich), dieser innere Frieden, die Frucht +gemeinsamer Furcht, werde gewaltig gestört, sobald der Mann länger von +Hause abwesend sey. Dann behandelt diejenige, mit der sich der Mann +zuerst verbunden, die andern als Beischläferinnen und Mägde. Der Zank +nimmt kein Ende, bis der Gebieter wieder kommt, der durch einen Laut, +durch eine bloße Geberde, und wenn er es zweckdienlich erachtet, durch +etwas schärfere Mittel die Leidenschaften niederzuschlagen weiß. Bei den +Tamanacas ist eine gewisse Ungleichheit unter den Weibern hinsichtlich +ihrer Rechte durch den Sprachgebrauch bezeichnet. Der Mann nennt die +zweite und dritte Frau Gefährtinnen der ersten; die erste behandelt die +Gefährtinnen als Nebenbuhlerinnen und Feinde (ipucjatoje), was +allerdings nicht so höflich ist, aber wahrer und ausdrucksvoller. Da +alle Last der Arbeit auf den unglücklichen Weibern liegt, so ist es +nicht zu verwundern, daß bei manchen Nationen ihre Anzahl auffallend +gering ist. In solchem Falle bildet sich eine Art Vielmännerei, wie wir +sie, nur entwickelter, in Tibet und im Gebirge am Ende der ostindischen +Halbinsel finden. Bei den Avanos und Maypures haben oft mehrere Brüder +nur Eine Frau. Wird ein Indianer, der mehrere Weiber hat, Christ, so +zwingen ihn die Missionäre, eine zu wählen, die er behalten will, und +die andern zu verstoßen. Der Moment der Trennung ist nun der kritische; +der Neubekehrte findet, daß seine Weiber doch höchst schätzbare +Eigenschaften haben: die eine versteht sich gut auf die Gärtnerei, die +andere weiß Chiza zu bereiten, das berauschende Getränk aus der +Maniocwurzel; eine erscheint ihm so unentbehrlich wie die andere. +Zuweilen siegt beim Indianer das Verlangen, seine Weiber zu behalten, +über die Neigung zum Christenthum; meist aber läßt der Mann den +Missionär wählen, und nimmt dieß hin wie einen Spruch des Schicksals. + +Die Indianer, die vom Mai bis August Fahrten ostwärts von Esmeralda +unternehmen, um in den Bergen von Yumariquin Pflanzenprodukte zu +sammeln, konnten uns genaue Auskunft über den Lauf des Orinoco, im Osten +der Mission geben. Dieser Theil meiner Reisekarte weicht von den +früheren völlig ab. Ich beginne die Beschreibung dieser Länder mit dem +Granitstock des Duida, an dessen Fuße wir weilten. Derselbe wird im +Westen vom Rio Tamatama, im Osten vom Rio Guapo begrenzt. Zwischen +diesen beiden Nebenflüssen des Orinoco, durch die Morichales oder die +Gebüsche von Mauritiapalmen, die Esmeralda umgeben, kommt der Rio +Sodomoni herab, vielberufen wegen der vortrefflichen Ananas, die an +seinen Ufern wachsen. Am 22. Mai maß ich auf einer Grasflur am Fuß des +Duida eine Standlinie von 475 Metern; der Winkel, unter dem die Spitze +des Berges in 13,327 Meter Entfernung erscheint, beträgt noch 9 Grad. +Nach meiner genauen trigonometrischen Messung ist der Duida (das heißt +der höchste Gipfel südwestlich vom Cerro Maraguaca) 2179 Meter oder 1118 +Toisen über der Ebene von Esmeralda hoch, also wahrscheinlich gegen 1300 +über dem Meeresspiegel; ich sage wahrscheinlich, denn leider war mein +Barometer zerbrochen, ehe wir nach Esmeralda kamen. Der Regen war so +stark, daß wir in den Nachtlagern das Instrument nicht vor Feuchtigkeit +schützen konnten, und bei der ungleichen Ausdehnung des Holzes zerbrach +die Röhre. Der Unfall war mir desto verdrießlicher, weil wohl nie ein +Barometer größere Reisen mitgemacht hat. Ich hatte dasselbe schon seit +drei Jahren in Europa in den Gebirgen von Steiermark, Frankreich und +Spanien, in Amerika auf dem Wege von Cumana an den obern Orinoco +geführt. Das Land zwischen Javita, Vasiva und Esmeralda ist eine weite +Ebene, und da ich an den beiden ersteren Orten den Barometer beobachtet +habe, so kann ich mich hinsichtlich der absoluten Höhe der Savanen am +Sodomoni höchstens um 15—20 Toisen irren. Der Cerro Duida steht an Höhe +dem St. Gotthard und der Silla bei Caracas am Küstenland von Venezuela +nur wenig (kaum 80—100 Toisen) nach. Er gilt auch hier zu Lande für +einen colossalen Berg, woraus wir ziemlich sicher auf die mittlere Höhe +der Sierra Parime und aller Berge im östlichen Amerika schließen können. +Oestlich von der Sierra Nevada de Merida, sowie südöstlich vom Paramo de +las Rosas erreicht keine der Bergketten, die in der Richtung eines +Parallels streichen, die Höhe des Centralkamms der Pyrenäen. Der +Granitgipfel des Duida fällt so steil ab, daß die Indianer vergeblich +versucht haben hinaufzukommen. Bekanntlich sind gar nicht hohe Berge oft +am unzugänglichsten. Zu Anfang und zu Ende der Regenzeit sieht man auf +der Spitze des Duida kleine Flammen, und zwar, wie es scheint, nicht +immer am selben Ort. Wegen dieser Erscheinung, die bei den +übereinstimmenden Aussagen nicht wohl in Zweifel zu ziehen ist, hat man +den Berg mit Unrecht einen Vulkan genannt. Da er ziemlich isolirt liegt, +könnte man denken, der Blitz zünde zuweilen das Strauchwerk an; dieß +erscheint aber unwahrscheinlich, wenn man bedenkt, wie schwer in diesem +nassen Klima die Gewächse brennen. Noch mehr: man versichert, es zeigen +sich oft kleine Flammen an Stellen, wo das Gestein kaum mit Rasen +bedeckt scheint; auch beobachte man ganz ähnliche Feuererscheinungen, +und zwar an Tagen ohne alles Gewitter, am Gipfel des Guaraco oder +Murcielago, eines Hügels gegenüber der Mündung des Rio Tamatama auf dem +südlichen Ufer des Orinoco. Dieser Hügel erhebt sich kaum 100 Toisen +über die umliegende Ebene. Sind die Aussagen der Eingeborenen begründet, +so rühren beim Duida und dem Guaraco die Flammen wahrscheinlich von +einer unterirdischen Ursach her; denn man sieht dergleichen niemals auf +den hohen Bergen am Rio Jao und am Berg Maraguaca, um den so oft die +Gewitter toben. Der Granit des Cerro Duida ist von theils offenen, +theils mit Quarzkrystallen und Kiesen gefüllten Gängen durchzogen Durch +dieselben mögen gasförmige, brennbare Emanationen (Wasserstoff oder +Naphta) aufsteigen. In den Gebirgen von Caramanien, im Hindu-Khu und im +Himalaya sind dergleichen Erscheinungen häufig. In vielen Landstrichen +des östlichen Amerika, die den Erdbeben ausgesetzt sind, sieht man sogar +(wie am Cuchivano bei Cumanacoa)[^36] aus secundären Gebirgsbildungen +Flammen aus dem Boden brechen. Dieselben zeigen sich, wenn der erste +Regen auf den von der Sonne stark erhitzten Boden fällt, oder wenn +dieser nach starken Niederschlägen wieder zu trocknen anfängt. Die +Grundursach dieser Feuererscheinungen ist in ungeheurer Tiefe, weit +unter den secundären Formationen, in den Urgebirgsarten zu suchen; der +Regen und die Zersetzung des atmosphärischen Wassers spielen dabei nur +eine untergeordnete Rolle. Die heißesten Quellen in der Welt kommen +unmittelbar aus dem Granit; das Steinöl quillt aus dem Glimmerschiefer; +in Encaramada zwischen den Flüssen Arauca und Cuchivero, mitten auf dem +Granitboden der Sierra Parime am Orinoco, hört man furchtbares Getöse. +Hier, wie überall auf dem Erdball, liegt der Herd der Vulkane in den +ältesten Bildungen, und zwischen den großen Phänomenen, wobei die Rinde +unseres Planeten emporgehoben und geschmolzen wird, und den +Feuermeteoren, die sich zuweilen an der Oberfläche zeigen und die man, +ihrer Unbedeutendheit wegen, nur atmosphärischen Einflüssen zuschreiben +möchte, scheint ein Causalzusammenhang zu bestehen. + +Der Duida hat zwar nicht die Höhe, welche der Volksglaube ihm +zuschreibt, er ist aber im ganzen Bergstock zwischen Orinoco und +Amazonenstrom der beherrschende Punkt. Diese Berge fallen gegen +Nordwest, gegen den Puruname, noch rascher ab als gegen Ost, gegen den +Padamo und den Rio Ocamo. In der ersteren Richtung sind die höchsten +Gipfel nach dem Duida der Cuneva, an den Quellen des Rio Paru (eines +Nebenflusses des Ventuari), der Sipapo, der Calitamini, der mit dem +Cunavami und dem Pic Uniana zu Einer Gruppe gehört. Ostwärts vom Duida +zeichnen sich durch ihre Höhe aus, am rechten Ufer des Orinoco der +Maravaca oder die Sierra Maraguaca zwischen dem Rio Caurimoni und dem +Padamo, auf dem linken Ufer die Berge von Guanaja und Yumariquin +zwischen den Flüssen Amaguaca und Gehette. Ich brauche kaum noch einmal +zu bemerken, daß die Linie, welche über diese hohen Gipfel läuft (wie in +den Pyrenäen, den Karpathen und so vielen Bergketten der alten Welt), +keineswegs mit der Wasserscheide zusammenfällt. Die Wasserscheide +zwischen den Zuflüssen des untern und des obern Orinoco schneidet den +Meridian von 64° unter dem vierten Grad der Breite. Sie läuft zuerst +zwischen den Quellen des Rio Branco und des Carony durch und dann nach +Nordwest, so daß die Gewässer des Padamo, Jao und Ventuari nach Süd, die +Gewässer des Arui, Caura und Cuchivero nach Nord fließen. + +Man kann von Esmeralda den Orinoco gefahrlos hinausfahren bis zu den +Katarakten, an denen die Guaicas-Indianer sitzen, welche die Spanier +nicht weiter hinauf kommen lassen; es ist dieß eine Fahrt von sechs und +einem halben Tag. In den zwei ersten kommt man an den Einfluß des Rio +Padamo, nachdem man gegen Nord die kleinen Flüsse Tamatama, Sodomoni, +Guapo, Caurimoni und Simirimoni, gegen Süd dem Einfluß des Cuca zwischen +dem Hügel Guaraco, der Flammen auswerfen soll, und dem Cerro Canelilla, +hinter sich gelassen. Auf diesem Strich bleibt der Orinoco 300—400 +Toisen breit. Auf dem rechten Ufer kommen mehr Flüsse herein, weil sich +an dieser Seite die hohen Berge Duida und Maraguaca hinziehen, auf +welchen sich die Wolken lagern, während das linke Ufer niedrig ist und +an die Ebene stößt, die im Großen gegen Südwest abfällt. Prachtvolle +Wälder mit Bauholz bedecken die nördlichen Cordilleren. In diesem +heißen, beständig feuchten Landstrich ist das Wachsthum so stark, daß es +Stämme von Bombax Ceiba von 16 Fuß Durchmesser gibt. Der Rio Padamo oder +Patamo, über den früher die Missionäre am obern Orinoco mit denen am Rio +Caura verkehrten, ist für die Geographen zu einer Quelle von Irrthümern +geworden. Pater Caulin nennt ihn Macoma und setzt einen andern Rio +Patamo zwischen den Punkt der Gabeltheilung des Orinoco und einen Berg +Ruida, womit ohne Zweifel der Cerro Duida gemeint ist. Surville läßt den +Padamo sich mit dem Rio Ocamo (Ucamu) verbinden, der ganz unabhängig von +ihm ist; auf der großen Karte von La Cruz endlich ist ein kleiner +Nebenfluß des Orinoco, westlich von der Gabeltheilung, als Rio Padamo +bezeichnet und der eigentliche Fluß dieses Namens heißt Rio Maquiritari. +Von der Mündung dieses Flusses, der ziemlich breit ist, kommen die +Indianer in einem und einem halben Tag an den Rio Mavaca, der in den +hohen Gebirgen von Unturan entspringt, von denen oben die Rede war.[^37] +Der Trageplatz zwischen den Quellen dieses Nebenflusses und denen des +Jdapa oder Siapa hat zu der Fabel vom Zusammenhang des Jdapa mit dem +obern Orinoco Anlaß gegeben. Der Rio Mavaca steht mit einem See in +Verbindung, an dessen Ufer die Portugiesen, ohne Vorwissen der Spanier +in Esmeralda, vom Rio Negro her kommen, um die aromatischen Samen des +Laurus Pucheri zu sammeln, die im Handel als Pichurimbohne und Toda +Specie bekannt sind. Zwischen den Mündungen des Padamo und des Mavaca +nimmt der Orinoco von Nord her den Ocamo aus, in den sich der Rio +Matacona ergießt. An den Quellen des letzteren Flusses wohnen die +Guainares, die lange nicht so stark kupferfarbig oder braun sind als die +übrigen Bewohner dieser Länder. Dieser Stamm gehört zu denen, welche bei +den Missionären Indios blancas heißen, und über die ich bald mehr sagen +werde. An der Mündung des Ocamo zeigt man den Reisenden einen Fels, der +im Lande für ein Wunder gilt. Es ist ein Granit, der in Gneiß übergeht, +ausgezeichnet durch die eigenthümliche Vertheilung des schwarzen +Glimmers, der kleine verzweigte Adern bildet. Die Spanier nennen den +Fels piedra mapaya (Landkartenstein). + +Ueber dem Einfluß des Mavaca nimmt der Orinoco an Breite und Tiefe auf +einmal ab. Sein Lauf wird sehr gekrümmt, wie bei einem Alpstrom. An +beiden Ufern stehen Gebirge; von Süden her kommen jetzt bedeutend mehr +Gewässer herein, indessen bleibt die Cordillere im Norden am höchsten. +Von der Mündung des Mavaca bis zum Rio Gehette sind es zwei Tagereisen, +weil die Fahrt sehr beschwerlich ist und man oft, wegen zu seichten +Wassers, die Pirogue am Ufer schleppen muß. Auf dieser Strecke kommen +von Süd der Daracapo und der Amaguaca herein; sie laufen nach West und +Ost um die Berge von Guanaya und Yumariquin herum, wo man die Früchte +der Bertholletia sammelt. Von den Bergen gegen Nord, deren Höhe vom +Cerro Maraguaca an allmählich abnimmt, kommt der Rio Manaviche herab. Je +weiter man auf dem Orinoco hinaufkommt, desto häufiger werden die +Krümmungen und die kleinen Stromschnellen (chorros y remolinos). Man +läßt links den Caño Chiguire, an dem die Guaicas, gleichfalls ein Stamm +weißer Indianer, wohnen, und zwei Meilen weiter kommt man zur Mündung +des Gehette, wo sich ein großer Katarakt befindet. Ein Damm von +Granitfelsen läuft über den Orinoco; dieß sind die Säulen des Hercules, +über die noch kein Weißer hinausgekommen ist. Dieser Punkt, der +sogenannte Raudal de Guaharibos, scheint ¾ Grad ostwärts von Esmeralda, +also unter 67°38′ der Länge zu liegen. Durch eine militärische +Expedition, die der Commandant von San Carlos, Don Francisco Bovadilla, +unternommen, um die Quellen des Orinoco aufzusuchen, hat man die +genauesten Nachrichten über die Katarakten der Guaharibos. Er hatte +erfahren, daß Neger, welche in holländisch Guyana entsprungen, nach West +(über die Landenge zwischen den Quellen des Rio Carony und des Rio +Branco hinaus) gelaufen seyen und sich zu unabhängigen Indianern gesellt +haben. Er unternahm eine Entrada (Einfall) ohne Erlaubniß des +Statthalters; der Wunsch, afrikanische Sklaven zu bekommen, die zur +Arbeit besser taugen als die kupferfarbigen Menschen, war dabei ungleich +stärker im Spiel, als der Eifer für die Förderung der Erdkunde. Ich +hatte in Esmeralda und am Rio Negro Gelegenheit, mehrere sehr +verständige Militärs zu befragen, die den Zug mitgemacht. Bovadilla kam +ohne Schwierigkeit bis zum kleinen Raudal dem Gehette gegenüber; aber am +Fuß des Felsdamms, welcher den großen Katarakt bildet, wurde er +unversehens, während des Frühstücks, von den Guaharibos und den Guaicas +überfallen, zwei kriegerischen und wegen der Stärke des Curare, mit dem +sie ihre Pfeile vergiften, vielberufenen Stämmen. Die Indianer besetzten +die Felsen mitten im Fluß. Sie sahen keine Bogen in den Händen der +Spanier, von Feuergewehr wußten sie nichts, und so gingen sie Leuten zu +Leibe, die sie für wehrlos hielten. Mehrere Weiße wurden gefährlich +verwundet, und Bovadilla mußte die Waffen brauchen. Es erfolgte ein +furchtbares Gemetzel unter den Eingeborenen, aber von den holländischen +Negern, die sich hieher geflüchtet haben sollten, wurde keiner gefunden. +Trotz des Sieges, der ihnen nicht schwer geworden, wagten es die Spanier +nicht, in gebirgigtem Land auf einem tief eingeschnittenen Flusse weiter +gegen Ost hinaufzugehen. + +Die Guaharibos blancos haben über den Katarakt aus Lianen eine Brücke +geschlagen, die an den Felsen befestigt ist, welche sich, wie meistens +in den Pongos im obern Maragnon, mitten aus dem Flußbett erheben. Diese +Brücke, die sämmtliche Einwohner in Esmeralda wohl kennen, scheint zu +beweisen, daß der Orinoco an dieser Stelle bereits ziemlich schmal ist. +Die Indianer geben seine Breite meist nur zu 200—300 Fuß an; sie +behaupten, oberhalb des Raudals der Guaharibos sey der Orinoco kein Fluß +mehr, sondern ein Riachuelo (ein Bergwasser), wogegen ein sehr +unterrichteter Geistlicher, Fray Juan Gonzales, der das Land besucht +hat, mich versicherte, da, wo man den weiteren Lauf des Orinoco nicht +mehr kenne, sey er immer noch zu zwei Drittheilen so breit als der Rio +Negro bei San Carlos. Letztere Angabe scheint mir unwahrscheinlicher; +ich gebe aber nur wieder, was ich in Erfahrung bringen konnte, und +spreche über nichts ab. Nach den vielen Messungen, die ich vorgenommen, +weiß ich gut, wie leicht man sich hinsichtlich der Größe der Flußbetten +irren kann. Ueberall erscheinen die Flüsse breiter oder schmaler, je +nachdem sie von Bergen oder von Ebenen umgeben, frei oder voll Rissen, +von Regengüssen geschwellt oder nach langer Trockenheit wasserarm sind. +Es verhält sich übrigens mit dem Orinoco wie mit dem Ganges, dessen Lauf +nordwärts von Gangutra nicht bekannt ist; auch hier glaubt man wegen der +geringen Breite des Flusses, der Punkt könne nicht weit von der Quelle +liegen. + +Im Felsdamm, der über den Orinoco läuft und den Raudal der Guaharibos +bildet, wollen spanische Soldaten die schöne Art Saussurit (den +Amazonenstein), von dem oben die Rede war, gefunden haben. Es ist dieß +eine sehr zweifelhafte Geschichte, und die Indianer, die ich darüber +befragt, versicherten mich, die grünen Steine, die man in Esmeralda +Piedras de Macagua nennt, seyen von den Guaicas und Guaharibos gekauft, +die mit viel weiter ostwärts lebenden Horden Handel treiben. Es geht mit +diesen Steinen, wie mit so vielen andern kostbaren Produkten beider +Indien. An den Küsten, einige hundert Meilen weit weg, nennt man das +Land, wo sie vorkommen, mit voller Bestimmtheit; kommt man aber mit Mühe +und Noth in dieses Land, so zeigt es sich, daß die Eingeborenen das +Ding, das man sucht, nicht einmal dem Namen nach kennen. Man könnte +glauben, die Amulette aus Saussurit, die man bei den Indianern am Rio +Negro gefunden, kommen vom untern Amazonenstrom, und die, welche man +über die Missionen am obern Orinoco und Rio Carony bezieht, aus einem +Landstrich zwischen den Quellen des Essequebo und des Rio Branco. +Indessen haben weder der Chirurg Hortsmann, ein gebotener Hildesheimer, +noch Don Antonio Santos, dessen Reisetagebuch mir zu Gebot stand, den +Amazonenstein auf der Lagerstätte gesehen, und es ist eine ganz +grundlose, obgleich in Angostura stark verbreitete Meinung, dieser Stein +komme in weichem, teigigtem Zustand aus dem kleinen See Amucu, aus dem +man die Laguna del Dorado gemacht hat. So ist denn in diesem östlichen +Strich von Amerika noch eine schöne geognostische Entdeckung zu machen, +nämlich im Urgebirg ein Euphotidgestein (Gabbro) aufzufinden, das die +Piedra de Macagna enthält. + +Ich gebe hier einigen Aufschluß über die Indianerstämme von weißlichter +Hautfarbe und sehr kleinem Wuchs, die alte Sagen seit Jahrhunderten an +die Quellen des Orinoco setzen. Ich hatte Gelegenheit, in Esmeralda +einige zu sehen, und kann versichern, daß man die Kleinheit der Guaicas +und die Weiße der Guaharibos, die Pater Caulin Guaribos blancos nennt, +in gleichem Maasse übertrieben hat. Die Guaicas, die ich gemessen, +messen im Durchschnitt 4 Fuß 7 Zoll bis 4 Fuß 8 Zoll (nach altem +französischem Maß). Man behauptet, der ganze Stamm sey so ausnehmend +klein; man darf aber nicht vergessen, daß das, was man hier einen Stamm +nennt, im Grunde nur eine einzige Familie ist. Wo alle Vermischung mit +Fremden ausgeschlossen ist, pflanzen sich Spielarten und Abweichungen +vom gemeinsamen Typus leichter fort. Nach den Guaicas sind die Guainares +und die Poignaves die kleinsten unter den Indianern. Es ist sehr +auffallend, daß alle diese Völkerschaften neben den Caraiben wohnen, die +von ungemein hohem Wuchse sind. Beide leben im selben Klima und haben +dieselben Nahrungsmittel. Es sind Racenspielarten, deren Bildung ohne +Zweifel weit über die Zeit hinausreicht, wo diese Stämme (große und +kleine, weißlichte und dunkelbraune) sich neben einander niedergelassen. +Die vier weißesten Nationen am obern Orinoco schienen mir die Guaharibos +am Rio Gehette, die Guainares am Ocomo, die Guaicas am Caño Chiguire und +die Maquiritares an den Quellen des Padamo, des Jao und des Ventuari. Da +Eingeborene mit weißlichter Haut unter einem glühenden Himmel und mitten +unter sehr dunkelfarbigen Völkern eine auffalIende Erscheinung sind, so +haben die Spanier zur Erklärung derselben zwei sehr gewagte Hypothesen +aufgebracht. Die einen meinen, Holländer aus Surinam und vom Rio +Essequebo mögen sich mit Guaharibos und Guainares vermischt haben; +andere behaupten aus Haß gegen die Kapuziner am Carony und die +Observanten am Orinoco, diese weißlichten Indianer seyen, was man in +Dalmatien Muso di frate nennt, Kinder, deren eheliche Geburt einigem +Zweifel unterliegt. In beiden Fällen wären die Indios blancos Mestizen, +Abkömmlinge einer Indianerin und eines Weißen. Ich habe aber Tausende +von Mestizen gesehen und kann behaupten, daß die Vergleichung durchaus +unrichtig ist. Die Individuen der weißlichten Stämme, die wir zu +untersuchen Gelegenheit hatten, haben die Gesichtsbildung, den Wuchs, +die schlichten, glatten, schwarzen Haare, wie sie allen andern Indianern +zukommen. Unmöglich könnte man sie für Mischlinge halten, ähnlich den +Abkömmlingen von Eingeborenen und Europäern. Manche sind dabei sehr +klein, andere haben den gewöhnlichen Wuchs der kupferrothen Indianer. +Sie sind weder schwächlich, noch kränklich, noch Albinos; sie +unterscheiden sich von den kupferfarbigen Stämmen allein durch weit +weniger dunkle Hautfarbe. Nach diesen Bemerkungen braucht man den weiten +Weg vom obern Orinoco zum Küstenland, auf dem die Holländer sich +niedergelassen, gar nicht in Anschlag zu bringen. Ich läugne nicht, daß +man Abkömmlinge entlaufener Neger (negros alzados de palenque) unter den +Caraiben an den Quellen des Essequebo gefunden haben mag; aber niemals +ist ein Weißer von den Ostküsten so tief in Guyana hinein, an den Rio +Gehette und an den Ocamo gekommen. Noch mehr: so auffallend es +erscheinen mag, daß Völkerschaften mit weißlichter Haut östlich von +Esmeralda neben einander wohnen, so ist doch soviel gewiß, daß man auch +in andern Ländern Amerikas Stämme gefunden hat, die sich von ihren +Nachbarn durch weit weniger dunkle Hautfarbe unterscheiden. Dahin +gehören die Arivirianos und Maquiritares am Rio Ventuario und am Padamo, +die Paudacotos und Paravenas am Erevato, die Viras und Ariguas am Caura, +die Mologagos in Brasilien und die Guayanas am Uruguay.[^38] + +Alle diese Erscheinungen verdienen desto mehr Aufmerksamkeit, als sie +den großen Zweig der amerikanischen Völker betreffen, den man +gemeiniglich dem am Pole lebenden Zweig, den Eskimo-Tschugasen, +entgegenstellt, deren Kinder weiß sind und die mongolisch gelbe Farbe +erst durch den Einfluß der Luft und der Feuchtigkeit annehmen. In Guyana +sind die Horden, welche mitten in den dichtesten Wäldern leben, meist +nicht so dunkel als solche, welche an den Ufern des Orinoco Fischfang +treiben. Aber dieser unbedeutende Unterschied, der ja auch in Europa +zwischen den städtischen Handwerkern und den Landbauern oder +Küstenfischern vorkommt, erklärt keineswegs das Phänomen der Indios +blancos, die Existenz von Indianerstämmen mit einer Haut wie die der +Mestizen. Dieselben sind von andern Waldindianern (Indios del monte) +umgeben, die, obgleich ganz den nämlichen physischen Einflüssen +ausgesetzt, braunroth sind. Die Ursachen dieser Erscheinungen liegen in +der Zeit sehr weit rückwärts, und wir sagen wieder mit Tacitus: »Est +durans originis vis.« + +Diese Stämme mit weißlichter Haut, welche wir in der Mission Esmeralda +zu sehen Gelegenheit gehabt, bewohnen einen Strich des Berglandes +zwischen den Quellen von sechs Nebenflüssen des Orinoco, des Padamo, +Jao, Ventuari, Erevato, Aruy und Paragua. Bei den spanischen und +portugiesischen Missionären heißt dieses Land gemeiniglich die Parime. +Hier, wie in verschiedenen andern Ländern von spanisch Amerika, haben +die Wilden wieder erobert, was die Civilisation oder vielmehr die +Missionäre, die nur die Vorläufer der Civilisation sind, ihnen +abgerungen. Solanos Grenzexpedition und der abenteuerliche Eifer, mit +dem ein Statthalter von Guyana[^39] den Dorado suchte, hatten in der +zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts den Unternehmungsgeist +wieder wach gerufen, der die Castilianer bei der Entdeckung von Amerika +beseelte. Man hatte am Rio Padamo hinauf durch Wälder und Savanen einen +Weg von zehen Tagereisen von Esmeralda zu den Quellen des Ventuari +entdeckt; in zwei weiteren Tagen war man von diesen Quellen auf dem +Erevato in die Missionen am Rio Caura gelangt. Zwei verständige, +beherzte Männer, Don Antonio Santos und der Capitän Bareto, hatten mit +Hülfe der Maquiritares auf dieser Linie von Esmeralda an den Rio Erevato +eine militärische Postenkette angelegt; dieselbe bestand aus +zweistockigten, mit Steinböllern besetzten Häusern (casas fuertes), wie +ich sie oben beschrieben und die auf den Karten, die zu Madrid +herauskamen, als neunzehn Dörfer figurirten. Die sich selbst +überlassenen Soldaten bedrückten in jeder Weise die Indianer, die ihre +Pflanzungen bei den Casas fuertes hatten, und da diese Plackereien nicht +so methodisch waren, das heißt nicht so gut in einander griffen, wie die +in den Missionen, an die sich die Indianer nach und nach gewöhnen, so +verbündeten sich im Jahr 1776 mehrere Stämme gegen die Spanier. In Einer +Nacht wurden alle Militärposten auf der ganzen 50 Meilen langen Linie +angegriffen, die Häuser niedergebrannt, viele Soldaten niedergemacht; +nur wenige verdankten ihr Leben dem Erbarmen der indianischen Weiber. +Noch jetzt spricht mnn mit Entsetzen von diesem nächtlichen Ueberfall. +Derselbe wurde in der tiefsten Heimlichkeit verabredet und mit der +Uebereinstimmung ausgeführt, die bei den Eingeborenen von Süd- wie von +Nordamerika, welche feindselige Gefühle so meisterhaft in sich zu +verschließen wissen, niemals fehlt, wo es sich um gemeinsamen Vortheil +handelt. Seit 1776 hat nun kein Mensch mehr daran gedacht, den Landweg +vom obern an den untern Orinoco wiederherzustellen, und konnte kein +Weißer von Esmeralda an den Erevato gehen. Und doch ist kein Zweifel +darüber, daß es in diesem Gebirgslande zwischen den Quellen des Padamo +und des Ventuari (bei den Orten, welche bei den Indianern Aurichapa, +Ichuana und Irique heißen) mehrere Gegenden mit gemäßigtem Klima und mit +Weiden gibt, die Vieh in Menge nähren könnten. Die Militärposten +leisteten ihrer Zeit sehr gute Dienste gegen die Einfälle der Caraiben, +die von Zeit zu Zeit zwischen dem Erevato und dem Padamo Sklaven +fortschleppten, wenn auch nur wenige. Sie hätten wohl auch den Angriffen +der Eingeborenen widerstanden, wenn man sie, statt sie ganz vereinzelt +und nur in den Händen der Soldaten zu lassen, in Dörfer verwandelt und +wie die Gemeinden der neubekehrten Indianer verwaltet hätte. + +Wir verließen die Mission Esmeralda am 17. Mai. Wir waren eben nicht +krank, aber wir fühlten uns alle matt und schwach in Folge der +Insektenplage, der schlechten Nahrung und der langen Fahrt in engen, +nassen Canoes. Wir gingen den Orinoco nicht über den Einfluß des Rio +Guapo hinauf; wir hätten es gethan, wenn wir hätten versuchen können, zu +den Quellen des Flusses zu gelangen. Unter den gegenwärtigen +Verhältnissen müssen sich bloße Privatleute, welche Erlaubniß haben, die +Missionen zu betreten, bei ihren Wanderungen auf die friedlichen Striche +des Landes beschränken. Vom Guapo bis zum Raudal der Guaharibos sind +noch 15 Meilen. Bei diesem Katarakt, über den man aus einer Brücke aus +Lianen geht, stehen Indianer mit Bogen und Pfeilen, die keinen Weißen +und keinen, der aus dem Gebiet der Weißen kommt, weiter nach Osten +lassen. Wie konnten wir hoffen, aber einen Punkt hinaus zu kommen, wo +der Befehlshaber am Rio Negro, Don Francisco Bovadilla, hatte Halt +machen müssen, als er mit bewaffneter Macht jenseits des Gehette +vordringen wollte? Durch das Blutbad, das man unter ihnen angerichtet, +sind die Eingeborenen gegen die Bewohner der Missionen noch grimmiger +und mißtrauischer geworden. Man erinnere sich, daß beim Orinoco bis +jetzt den Geographen zwei besondere, aber gleich wichtige Probleme +vorlagen: die Lage seiner Quellen und die Art seiner Verbindung mit dem +Amazonenstrom. Das letztere war der Zweck der Reise, die ich im +Bisherigen beschrieben; was die endliche Auffindung der Quellen +betrifft, so ist dieß Sache der spanischen und der portugiesischen +Regierung. Eine kleine Abtheilung Soldaten, die von Angostura oder vom +Rio Negro ausbrüche, könnte den Guaharibos, Guaicas und Caraiben, deren +Kraft und Anzahl man in gleichem Maaße übertreibt, die Spitze bieten. +Diese Expedition könnte entweder von Esmeralda ostwärts oder auf dem Rio +Carony und dem Paragua südwestwärts, oder endlich auf dem Rio Padaviri +oder dem Rio Branco und dem Urariquera nach Nordwest gehen. Da der +Orinoco in der Nähe seines Ursprungs wahrscheinlich weder unter diesem +Namen noch unter dem Namen Paragua[^40] bekannt ist, so wäre es sicherer +auf ihm über den Gehette hinaufzugehen, nachdem man das Land zwischen +Esmeralda und dem Raudal der Guaharibos, das ich oben genau beschrieben, +hinter sich gelassen. Auf diese Weise verwechselte man nicht den +Hauptstamm des Flusses mit einem oberen Nebenfluß, und wo das Bett mit +Felsen verstopft wäre, ginge man bald am einen, bald am andern Ufer am +Orinoco hinauf. Wollte man aber, statt sich nach Ost zu wenden, die +Quellen westwärts auf dem Rio Carony, dem Essequebo oder dem Rio Branco +suchen, so müßte man den Zweck der Expedition erst dann als erreicht +ansehen, wenn man auf dem Fluß, den man für den Orinoco angesehen, bis +zum Einfluß des Gehette und zur Mission Esmeralda herabgekommen wäre. +Das portugiesische Fort San Joaquim, am linken Ufer des Rio Branco beim +Einfluß des Tacutu, wäre ein weiterer günstig gelegener Ausgangspunkt; +ich empfehle ihn, weil ich nicht weiß, ob die Mission Santa Rosa, die +vom Statthalter Don Manuel Centurion, als die Ciudad Guirior angelegt +wurde, weiter nach West am Ufer des Urariapara gegründet worden, nicht +bereits wieder eingegangen ist. Verfolgte man den Lauf des Paragua +westwärts vom Destacamento oder Militärposten Guirior, der in den +Missionen der catalonischen Capuziner liegt, oder ginge man vom +portugiesischen Fort San Joaquim im Thale des Rio Uruariquera gegen +West, so käme man am sichersten zu den Quellen des Orinoco. Die +Längenbeobachtungen, die ich in Esmeralda angestellt, können das Suchen +erleichtern, wie ich in einer an das spanische Ministerium unter König +Carl IV. gerichteten Denkschrift auseinandergesetzt habe. + +Wenn das große, nützliche Werk der amerikanischen Missionen allmählich +die Verbesserungen erhielte, auf die mehrere Bischöfe angetragen haben, +wem man, statt die Missionäre fast auf Gerathewohl aus den spanischen +Klöstern zu ergänzen, junge Geistliche in Amerika selbst in Seminarien +oder Missionskollegien erzöge, so würden militärische Expeditionen, wie +ich sie eben vorgeschlagen, überflüssig. Das Ordenskleid des heiligen +Franciscus, ob es nun braun ist wie bei den Capuzinern am Carony, oder +blau wie bei den Observanten am Orinoco, übt immer noch einen gewissen +Zauber über die Indianer dieser Länder. Sie knüpfen daran gewisse +Vorstellungen von Wohlstand und Behagen, die Aussicht, in den Besitz von +Aexten, Messern und Fischereigeräthe zu gelangen. Selbst solche, die an +Unabhängigkeit und Vereinzelung zäh festhalten und es verschmähen, sich +»vom Glockenklang regieren zu lassen,« sind erfreut, wenn ein +benachbarter Missionär sie besucht. Ohne die Bedrückungen der Soldaten +und die feindlichen Einfälle der Mönche, ohne die entradas und +conquistas apostolicas, hätten sich die Eingeborenen nicht von den Ufern +des Stroms weggezogen. Gäbe man das unvernünftige System auf, die +Klosterzucht in den Wäldern und Savanen Amerikas einführen zu wollen, +ließe man die Indianer der Früchte ihrer Arbeit froh werden, regierte +man sie nicht so viel, das heißt, legte man nicht ihrer natürlichen +Freiheit bei jedem Schritt Fesseln an, so würden die Missionäre rasch +den Kreis ihrer Thätigkeit sich erweitern sehen, deren Ziel ja kein +anderes ist, als menschliche Gesittung. + +Die Niederlassungen der Mönche haben in den Aequinoctialländern der +neuen Welt wie im nördlichen Europa die ersten Keime des +gesellschaftlichen Lebens ausgestreut. Noch jetzt bilden sie einen +weiten Gürtel um die europäischen Besitzungen, und wie viele und große +Mißbräuche sich auch in ein Regiment eingeschlichen haben mögen, wobei +alle Gewalten in einer einzigen verschmolzen sind, so würde es doch +schwer halten, dasselbe durch ein anderes zu ersetzen, das nicht noch +weit größere Uebelstände mit sich führte, und dabei eben so wohlfeil und +dem schweigsamen Phlegma der Eingeborenen eben so angemessen wäre. Ich +komme später auf diese christlichen Anstalten zurück, deren politische +Wichtigkeit in Europa nicht genug gewürdigt wird. Hier sey nur bemerkt, +daß die von der Küste entlegensten gegenwärtig am meisten verwahrlost +sind. Die Ordensleute leben dort im tiefsten Elend. Allein von der Sorge +für den täglichen Unterhalt befangen, beständig darauf bedacht, auf eine +Mission versetzt zu werden, die näher bei der civilisirten Welt liegt, +das heißt bei weißen und vernünftigen Leuten,[^41] kommen sie nicht +leicht in Versuchung, weiter ins Land zu dringen. Es wird rasch vorwärts +gehen, sobald man (nach dem Vorgang der Jesuiten) den entlegensten +Missionen außerordentliche Unterstützungen zu Theil werden läßt, und auf +die äußersten Posten, Guirior, San Luis del Erevato und Esmeralda,[^42] +die muthigsten, verständigsten und in den Indianersprachen bewandertsten +Missionäre stellt. Das kleine Stück, das vom Orinoco noch zu berichtigen +ist (wahrscheinlich eine Strecke von 25—30 Meilen), wird bald entdeckt +seyn; in Süd- wie in Nordamerika sind die Missionäre überall zuerst auf +dem Platz, weil ihnen Vortheile zu statten kommen, die andern Reisenden +abgehen. »Ihr thut groß damit, wie weit ihr über den Obersee +hinaufgekommen,« sagte ein Indianer aus Canada zu Pelzhändlern aus den +Vereinigten Staaten; »ihr denkt also nicht daran, daß die »Schwarzröcke« +vorher dagewesen, und daß diese euch den Weg nach Westen gewiesen +haben!« Unsere Pirogue war erst gegen drei Uhr Abends bereit uns +aufzunehmen. Während der Fahrt auf dem Cassiquiare hatten sich unzählige +Ameisen darin eingenistet und nur mit Mühe säuberte man davon den Toldo, +das Dach aus Palmblättern, unter dem wir nun wieder zwei und zwanzig +Tage lang ausgestreckt liegen sollten. Einen Theil des Vormittags +verwendeten wir dazu, um die Bewohner von Esmeralda nochmals über einen +See auszufragen, der gegen Ost liegen sollte. Wir zeigten den alten +Soldaten, die in der Mission seit ihrer Gründung lagen, die Karten von +Surville und la Cruz. Sie lachten über die angebliche Verbindung +zwischen dem Orinoco und dem Rio Idapa und über das weiße Meer, durch +das ersterer Fluß laufen soll. Was wir höflich Fictionen der Geographen +nennen, hießen sie »Lügen von dort drüben« (mentiras de por allá). Die +guten Leute konnten nicht begreifen, wie man von Ländern, in denen man +nie gewesen, Karten machen kann, und aufs genaueste Dinge wissen will, +wovon man an Ort und Stelle gar nichts weiß. Der See der Parime, die +Sierra Mey, die Quellen, die vom Punkt an, wo sie aus dem Boden kommen, +auseinander laufen — von all dem weiß man in Esmeralda nichts. Immer +hieß es, kein Mensch sey je ostwärts über den Raudal der Guaharibos +hinaufgekommen; oberhalb dieses Punktes komme wie manche Indianer +glauben, der Orinoco als ein kleiner Bergstrom von einem Gebirgsstock +herab, an dem die Corotos-Indianer wohnen. Diese Umstände verdienen wohl +Beachtung; denn wäre bei der königlichen Grenzexpedition oder nach +dieser denkwürdigen Zeit ein weißer Mensch wirklich zu den Quellen des +Orinoco und zu dem angeblichen See der Parime gekommen, so müßte sich +die Erinnerung daran in der nächstgelegenen Mission, über die man kommen +mußte, um eine so wichtige Entdeckung zu machen, erhalten haben. Nun +machen aber die drei Personen, die mit den Ergebnissen der +Grenzexpedition bekannt wurden, Pater Caulin, la Cruz und Surville, +Angaben, die sich geradezu widersprechen. Wären solche Widersprüche +denkbar, wenn diese Gelehrten, statt ihre Karten nach Annahmen und +Hypothesen zu entwerfen, die in Madrid ausgeheckt worden, einen +wirklichen Reisebericht vor Augen gehabt hätten? Pater Gili, der +achtzehn Jahre (von 1749 bis 1767) am Oriuoco gelebt hat, sagt +ausdrücklich, »Don Apollinario Diez sey abgesandt worden, um die Quellen +des Orinoco zu suchen; er habe ostwärts von Esmeralda den Strom voll +Klippen gefunden; er habe aus Mangel an Lebensmitteln umgekehrt und von +der Existenz eines Sees nichts, gar nichts vernommen.« Diese Angabe +stimmt vollkommen mit dem, was ich fünf und dreißig Jahre später in +Esmeralda gehört, wo Don Apollinarios Name noch im Munde aller Einwohner +ist und von wo man fortwährend über den Einfluß des Gehette hinauffährt. + +Die Wahrscheinlichkeit einer Thatsache vermindert sich bedeutend, wenn +sich nachweisen läßt, daß man an dem Ort, wo man am besten damit bekannt +seyn müßte, nichts davon weiß, und wenn diejenigen, die sie mittheilen, +sich widersprechen, nicht etwa in minder wesentlichen Umständen, sondern +gerade in allen wichtigen. Ich verfolge diese rein geographische +Erörterung hier nicht weiter; ich werde in der Folge zeigen, wie die +Verstöße auf den neuen Karten von der Sitte herrühren, sie den alten +nachzuzeichnen, wie Trageplätze für Flußverzweigungen gehalten wurden, +wie man Flüsse, die bei den Indianern große Wasser heißen, in Seen +verwandelte, wie man zwei dieser Seen (den Cassipa und den Parime) seit +dem sechzehnten Jahrhundert verwechselte und hin und her schob, wie man +endlich in den Namen der Nebenflüsse des Rio Branco den Schlüssel zu den +meisten dieser uralten Fictionen findet. + +Als wir im Begriff waren uns einzuschiffen, drängten sich die Einwohner +um uns, die weiß und von spanischer Abkunft seyn wollen. Die armen Leute +beschworen uns, beim Statthalter von Angostura ein gutes Wort für sie +einzulegen, daß sie in die Steppen (Llanos) zurückkehren dürften, oder, +wenn man ihnen diese Gnade versage, daß man sie in die Missionen am Rio +Negro versetze, wo es doch kühler sey und nicht so viele Insekten gebe. +»Wie sehr wir uns auch verfehlt haben mögen,« sagten sie, »wir haben es +abgebüßt durch zwanzig Jahre der Qual in diesem Moskitoschwarm«. Ich +nahm mich in einem Bericht an die Regierung über die industriellen und +commerciellen Verhältnisse dieser Länder der Verwiesenen an, aber die +Schritte, die ich that, blieben erfolglos. Die Regierung war zur Zeit +meiner Reise mild und zu gelinden Maßregeln geneigt; wer aber das +verwickelte Räderwerk der alten spanischen Monarchie kennt, weiß auch, +daß der Geist eines Ministeriums auf das Wohl der Bevölkerung am +Orinoco, in Neu-Californien und auf den Philippinen von sehr geringem +Einfluß war. + +Halten sich die Reisenden nur an ihr eigenes Gefühl, so streiten sie +sich über die Menge der Moskitos, wie über die allmähliche Zunahme und +Abnahme der Temperatur. Die Stimmung unserer Organe, die Bewegung der +Luft, das Maß der Feuchtigkeit oder Trockenheit, die elektrische +Spannung, tausenderlei Umstände wirken zusammen, daß wir von der Hitze +und den Insekten bald mehr bald weniger leiden. Meine Reisegefährten +waren einstimmig der Meinung, in Esmeralda peinigen die Moskitos ärger +als am Cassiquiare und selbst in den beiden Missionen an den großen +Katarakten; mir meinerseits, der ich für die hohe Lufttemperatur weniger +empfindlich war als sie, schien der Hautreiz, den die Insekten +verursachen, in Esmeralda nicht so stark als an der Grenze des obern +Orinoco. Wir brauchten kühlende Waschwasser; Citronsaft und noch mehr +der Saft der Ananas lindern das Jucken der alten Stiche bedeutend; die +Geschwulst vergeht nicht davon, wird aber weniger schmerzhaft. Hört man +von diesen leidigen Insekten der heißen Länder sprechen, so findet man +es kaum glaublich, daß man unruhig werden kann, wenn sie nicht da sind, +oder vielmehr wenn sie unerwartet verschwinden. In Esmeralda erzählte +man uns, im Jahr 1795 sey eine Stunde vor Sonnenuntergang, wo sonst die +Moskitos eine sehr dichte Wolke bilden, die Luft auf einmal 20 Minuten +lang ganz frei gewesen. Kein einziges Insekt ließ sich blicken, und doch +war der Himmel wolkenlos und kein Wind deutete auf Regen. Man muß in +diesen Ländern selbst gelebt haben, um zu begreifen, in welchem Maße +dieses plötzliche Verschwinden der Insekten überraschen mußte. Man +wünschte einander Glück, man fragte sich, ob diese Felicidad, dieses +Alivio (Erleichterung) wohl von Dauer seyn könne. Nicht lange aber, und +statt des Augenblickes zu genießen, fürchtete man sich vor +selbstgemachten Schreckbildern; man bildete sich ein, die Ordnung der +Natur habe sich verkehrt. Alte Indianer, die Lokalgelehrten, +behaupteten, das Verschwinden der Moskitos könne nichts anderes bedeuten +als ein großes Erdbeben. Man stritt hitzig hin und her, man lauschte auf +das leiseste Geräusch im Baumlaub, und als sich die Luft wieder mit +Moskitos füllte, freute man sich ordentlich, daß sie wieder da waren. +Welcher Vorgang in der Atmosphäre mag nun diese Erscheinung verursacht +haben, die man nicht damit verwechseln darf, daß zu bestimmten +Tageszeiten die eine Insektenart die andere ablöst? Wir konnten diese +Frage nicht beantworten, aber die lebendige Schilderung der Einwohner +war uns interessant. Mißtrauisch, ängstlich, was ihm bevorstehen möge, +seine alten Schmerzen zurückwünschen, das ist so ächt menschlich. + +Bei unserem Abgang von Esmeralda war das Wetter sehr stürmisch. Der +Gipfel des Duida war in Wolken gehüllt, aber diese schwarzen, stark +verdichteten Dunstmassen standen noch 900 Toisen über der Niederung. +Schätzt man die mittlere Höhe der Wolken, d. h. ihre untere Schicht, in +verschiedenen Zonen, so darf man nicht die zerstreuten einzelnen Gruppen +mit den Wolkendecken verwechseln, die gleichförmig über den Niederungen +gelagert sind und an eine Bergkette stoßen. Nur die letzteren können +sichere Resultate geben; einzelne Wolkengruppen verfangen sich in +Thälern, oft nur durch die niedergehenden Luftströme. Wir sahen welche +bei der Stadt Caracas in 500 Toisen Meereshöhe; es ist aber schwer zu +glauben, daß die Wolken, die man über den Küsten von Cumana und der +Insel Margarita sieht, nicht höher stehen sollten. Das Gewitter, das +sich am Gipfel des Duida entlud, zog nicht in das Thal des Orinoco +herunter; überhaupt haben wir in diesem Thal nicht die starken +elektrischen Entladungen beobachtet, wie sie in der Regenzeit den +Reisenden, wenn er von Carthagena nach Honda den Magdalenenstrom +hinauffährt, fast jede Nacht ängstigen. Es scheint, daß in einem flachen +Lande die Gewitter regelmäßiger dem Bett eines großen Flusses +nachziehen, als in einem ungleichförmig mit Bergen besetzten Lande, wo +viele Seitenthäler durch einander laufen. Wir beobachteten zu +wiederholten malen die Temperatur des Orinoco an der Wasserfläche bei +30° Lufttemperatur; wir fanden nur 26°, also 3° weniger als in den +großen Katarakten, und 2° mehr als im Rio Negro. In der gemäßigten Zone +in Europa steigt die Temperatur der Donau und der Elbe mitten im Sommer +nicht über 17 bis 19°. Am Orinoco konnte ich niemals einen Unterschied +zwischen der Wärme des Wassers bei Tag und bei Nacht bemerken, wenn ich +nicht den Thermometer da in den Fluß brachte, wo das Wasser wenig Tiefe +hat und sehr langsam über ein breites sandiges Gestade fließt, wie bei +Uruana und bei den Mündungen des Apure. Obgleich in den Wäldern von +Guyana unter einem meistens bedeckten Himmel die Strahlung des Bodens +bedeutend verlangsamt ist, so sinkt doch die Lufttemperatur bei Nacht +nicht unbedeutend. Die obere Wasserschicht ist dann wärmer als der +umgebende Erdboden, und wenn die Mischung zweier mit Feuchtigkeit fast +gesättigter Luftmassen über dem Wald und über dem Fluß keinen sichtbaren +Nebel erzeugt, so kann man dieß nicht dem Umstand zuschreiben, daß die +Nacht nicht kühl genug sey. Während meines Aufenthalts am Orinoco und +Rio Negro war das Flußwasser oft um 2 bis 3° bei Nacht wärmer als die +windstille Luft. + +Nach vierstündiger Fahrt flußabwärts kamen wir an die Stelle der +Gabeltheilung. Wir schlugen unser Nachtlager am Ufer des Cassiquiare am +selben Fleck auf, wo wenige Tage zuvor die Jaguars höchst wahrscheinlich +uns unsere große Dogge geraubt hatten. Alles Suchen der Indianer nach +einer Spur des Thieres war vergebens. Der Himmel blieb umzogen und ich +wartete vergeblich auf die Sterne; ich beobachtete aber hier wieder, wie +schon in Esmeralda, die Inclination der Magnetnadel. Am Fuß des Cerro +Duida hatte ich 28°25 gefunden, fast 3° mehr als in Mandavaca. An der +Mündung des Cassiquiare erhielt ich 28°75; der Duida schien also keinen +merklichen Einfluß geäußert zu haben. Die Jaguars ließen sich die ganze +Nacht hören.[^43] Sie sind in dieser Gegend zwischen dem Cerro +Maraguaca, dem Unturan und den Ufern des Pamoni ungemein häufig. Hier +kommt auch der schwarze Tiger[^44] vor, von dem ich in Esmeralda schöne +Felle gesehen. Dieses Thier ist wegen seiner Stärke und Wildheit +vielberufen und es scheint noch größer zu seyn als der gemeine Jaguar. +Die schwarzen Flecken sind auf dem schwarzbraunen Grund seines Felles +kaum sichtbar. Nach der Angabe der Indianer sind die schwarzen Tiger +sehr selten, vermischen sich nie mit den gemeinen Jaguars und »sind eine +andere Race.« Ich glaube Prinz Maximilian von Neuwied, der die Zoologie +von Amerika mit so vielen wichtigen Beobachtungen bereichert hat, ist +weiter nach Süd, im heißen Landstrich von Brasilien ebenso berichtet +worden. In Paraguay sind Albinos von Jaguars vorgekommen; denn diese +Thiere, die man den schönen amerikanischen Panther nennen könnte, haben +zuweilen so blasse Flecken, daß man sie auf dem ganz weißen Grunde kaum +bemerkt. Beim schwarzen Jaguar werden im Gegentheil die Flecken +unsichtbar, weil der Grund dunkel ist. Man müßte lange in dieser Gegend +leben, und die Indianer in Esmeralda auf der gefährlichen Tigerjagd +begleiten, um sich bestimmt darüber aussprechen zu können, was bei ihnen +Art und was nur Spielart ist. Bei allen Säugethieren, besonders aber bei +der großen Familie der Affen, hat man, glaube ich, weniger auf die +Farbenübergänge bei einzelnen Exemplaren sein Augenmerk zu richten, als +auf den Trieb der Thiere sich abzusondern und Rudel für sich zu bilden. + +Am 24. Mai. Wir brachen von unserem Nachtlager vor Sonnenaufgang auf. In +einer Felsbucht, wo die Durimundi-Indianer gehaust hatten, war der +aromatische Duft der Gewächse so stark, daß es uns lästig fiel, obgleich +wir unter freiem Himmel lagen und bei unserer Gewöhnung an ein Leben +voll Beschwerden unser Nervensystem eben nicht sehr reizbar war. Wir +konnten nicht ermitteln, was für Blüthen es waren, die diesen Geruch +verbreiteten; der Wald war undurchdringlich. Bonpland glaubte, in den +benachbarten Sümpfen werden große Büsche von Pancratium und einigen +andern Liliengewächsen stecken. Wir kamen sofort den Orinoco abwärts +zuerst am Einfluß des Cunucunumo, dann am Guanami und Puruname vorüber. +Beide Ufer des Hauptstroms sind völlig unbewohnt; gegen Norden erheben +sich hohe Gebirge, gegen Süden dehnt sich, soweit das Auge reicht, eine +Ebene bis über die Quellen des Atacavi hinaus, der weiter unten Atabapo +heißt. Der Anblick eines Flusses, auf dem man nicht einmal einem +Fischerboot begegnet, hat etwas Trauriges, Niederschlagendes. +Unabhängige Völkerschaften, die Abirianos und Maquiritares, leben hier +im Gebirgsland, aber auf den Grasfluren zwischen Cassiquiare, Atabapo, +Orinoco und Rio Negro findet man gegenwärtig fast keine Spur einer +menschlichen Wohnung. Ich sage gegenwärtig; denn hier, wie anderswo in +Guyana, findet man auf den härtesten Granitfelsen rohe Bilder[^45] +eingegraben, welche Sonne, Mond und verschiedene Thiere vorstellen und +darauf hinweisen, daß hier früher ein ganz anderes Volk lebte, als das +wir an den Ufern des Orinoco kennen gelernt. Nach den Aussagen der +Indianer und der verständigsten Missionäre kommen diese symbolischen +Bilder ganz mit denen überein, die wir hundert Meilen weiter nördlich +bei Caycara, der Einmündung des Apure gegenüber, gesehen haben. + +Diese Ueberreste einer alten Cultur fallen um so mehr auf, je größer der +Flächenraum ist, auf dem sie vorkommen, und je schärfer sie von der +Verwilderung abstechen, in die wir seit der Eroberung alle Horden in den +heißen östlichen Landstrichen Amerikas versunken sehen. Hundert vierzig +Meilen ostwärts von den Ebenen am Cassiquiare und Conorichite, zwischen +den Quellen des Rio Branco und des Rio Essequebo, findet man gleichfalls +Felsen mit symbolischen Bildern. Ich entnehme diesen Umstand, der mir +sehr merkwürdig scheint, dem Tagebuch des Reisenden Hortsmann, das mir +in einer Abschrift von der Hand des berühmten d’Anville vorliegt. Dieser +Reisende, dessen ich in diesem Buche schon mehreremale gedacht, fuhr den +Rupunuvini, einen Nebenfluß des Essequebo, herauf. Da wo der Fluß eine +Menge kleiner Fälle bildet und sich zwischen den Bergen von Maracana +durchschlängelt, fand er,[^46] bevor er an den See Amucu kam, »Felsen, +bedeckt mit Figuren oder (wie er sich portugiesisch ausdrückt) varias +letras.« Dieses Wort Buchstaben haben wir nicht in seinem eigentlichen +Sinn zu nehmen. Man hat auch uns am Felsen Culimacari am Ufer des +Cassiquiare und im Hafen von Caycara am untern Orinoco Striche gezeigt, +die man für aneinander gereihte Buchstaben hält. Es waren aber nur +unförmliche Figuren, welche die Himmelskörper, Tiger, Krokodile, Boas +und Werkzeuge zur Bereitung des Maniocmehls vorstellen sollen. An den +gemalten Felsen (so nennen die Indianer diese mit Figuren bedeckten +Steine) ist durchaus keine symmetrische Anordnung, keine regelmäßige +Abtheilung in Schriftzeichen zu bemerken. Die Striche, die der Missionär +Fray Ramon Bueno in den Bergen von Uruana entdeckt hat, nähern sich +allerdings einer Buchstabenschrift mehr, indessen ist man über diese +Züge, von denen ich anderswo gehandelt, noch sehr im Unklaren. + +Was auch diese Figuren bedeuten sollen und zu welchem Zweck sie in den +Granit gegraben worden, immer verdienen sie von Seiten des +Geschichtsphilosophen die größte Beachtung. Reist man von der Küste von +Caracas dem Aequator zu, so kommt man zuerst zur Ansicht, diese Denkmale +seyen der Bergkette der Encaramada eigenthümlich; man findet sie beim +Hafen von Sedeño bei Caycara, bei San Rafael del Capuchino, Cabruta +gegenüber, fast überall, wo in der Savane zwischen dem Cerro Curiquima +und dem Ufer des Caura das Granitgestein zu Tage kommt. Die Völker von +tamanakischem Stamm, die alten Bewohner dieses Landes, haben eine lokale +Mythologie, Sagen, die sich auf diese Felsen mit Bildern beziehen. +Amalivaca, der Vater der Tamanaken, das heißt der Schöpfer des +Menschengeschlechts (jedes Volk hält sich für den Urstamm der andern +Völker), kam in einer Barke an, als sich bei der großen Ueberschwemmung, +welche die »Wasserzeit«[^47] heißt, die Wellen des Oceans mitten im +Lande an den Bergen der Encaramada brachen. Alle Menschen, oder vielmehr +alle Tamanaken, ertranken, mit Ausnahme eines Mannes und einer Frau, die +sich auf einen Berg am Ufer des Asiveru, von den Spaniern Cuchivero +genannt, flüchteten.[^48] Dieser Berg ist der Ararat der arameischen +oder semitischen Völker, der Tlaloc oder Colhuacan der Mexicaner. +Amalivaca fuhr in seiner Barke herum und grub die Bilder von Sonne und +Mond auf den gemalten Fels (Tepumereme) an der Encaramada. Granitblöcke, +die sich gegen einander lehnen und eine Art Höhle bilden, heißen noch +heute das Haus des großen Stammvaters der Tamanaken. Bei dieser Höhle +auf den Ebenen von Maita zeigt man auch einen großen Stein, der, wie die +Indianer sagen, ein musikalisches Instrument Amalivacas, seine Trommel, +war. Wir erwähnen bei dieser Gelegenheit, daß dieser Heros einen Bruder, +Vochi, hatte, der ihm zur Hand ging, als er der Erdoberfläche ihre +jetzige Gestalt gab. Die beiden Brüder, so erzählen die Tamanaken, +wollten bei ihren eigenen Vorstellungen von Perfektibilität den Orinoco +zuerst so legen, daß man hinab und hinauf immer mit der Strömung fahren +könnte. Sie gedachten damit den Menschen die Mühe des Ruderns zu +ersparen, wenn sie den Quellen der Flüsse zuführen; aber so mächtig +diese Erneuerer der Welt waren, es wollte ihnen nie gelingen, dem +Orinoco einen doppelten Fall zu geben, und sie mußten es aufgeben, eines +so wunderlichen hydraulischen Problems Meister zu werden. Amalivaca +besaß Töchter, die große Neigung zum Umherziehen hatten; die Sage +erzählt, ohne Zweifel im bildlichen Sinne, er habe ihnen die Beine +zerschlagen, damit sie an Ort und Stelle bleiben und die Erde mit +Tamanaken bevölkern müßten Nachdem er in Amerika, diesseits des großen +Wassers, Alles in Ordnung gebracht, schiffte sich Amalivaca wieder ein +und fuhr ans andere Ufer zurück an den Ort, von dem er gekommen. Seit +die Eingeborenen Missionäre zu sich kommen sehen, denken sie, dieses +»andere Ufer« sey Europa, und einer fragte Pater Gili naiv, ob er dort +drüben den großen Amalivaca gesehen habe, den Vater der Tamanaken, der +auf die Felsen symbolische Figuren gezeichnet. + +Diese Vorstellungen von einer großen Fluth; das Paar, das sich auf einen +Berggipfel flüchtet und Früchte der Mauritiapalme hinter sich wirft, um +die Welt wieder zu bevölkern;[^49] dieser Nationalgott Amalivaca, der zu +Wasser aus fernem Lande kommt, der Natur Gesetze vorschreibt und die +Völker zwingt, ihr Wanderleben aufzugeben — alle diese Züge eines +uralten Glaubens verdienen alle Beachtung. Was die Tamanaken und die +Stämme, die mit dem Tamanakischen verwandte Sprachen haben, uns jetzt +erzählen, ist ihnen ohne Zweifel von andern Völkern überliefert, die vor +ihnen dasselbe Land bewohnt haben. Der Name Amalivaca ist über einen +Landstrich von mehr als 5000 Quadratmeilen verbreitet; er kommt mit der +Bedeutung Vater der Menschen (unser Urvater) selbst bei den caraibischen +Völkern vor, deren Sprache mit dem Tamanakischen nur verwandt ist wie +das Deutsche mit dem Griechischen, dem Persischen und dem Sanskrit. +Amalivaca ist ursprünglich nicht der große Geist, der Alte im Himmel, +das unsichtbare Wesen, dessen Verehrung aus der Verehrung der +Naturkräfte entspringt, wenn in den Völkern allmahlig das Bewußtsein: +der Einheit dieser Kräfte erwacht; er ist vielmehr eine Person aus dem +heroischen Zeitalter, ein Mann, der aus weiter Ferne gekommen, im Lande +der Tamanaken und Caraiben gelebt, symbolische Zeichen in die Felsen +gegraben hat und, wieder verschwunden ist, weil er sich zum Land über +dem Weltmeer, wo er früher gewohnt, wieder zurückgewendet. Der +Anthropomorphismus bei der Gestaltung der Gottheit hat zwei gerade +entgegengesetzte Quellen,[^50] und dieser Gegensatz scheint nicht sowohl +auf dem verschiedenen Grade der Geistesbildung zu beruhen, als darauf, +daß manche Völker von Natur mehr zur Mystik neigen, während andere unter +der Herrschaft der Sinne, der äußeren Eindrücke stehen. Bald läßt der +Mensch die Gottheiten zur Erde niedersteigen und es über sich nehmen, +die Völker zu regieren und ihnen Gesetze zu geben, wie in den Mythen des +Orients; bald, wie bei den Griechen und andern Völkern des Occidents, +werden die ersten Herrscher, die Priesterkönige, dessen, was menschlich +an ihnen ist, entkIeidet und zu Nationalgottheiten erhoben. Amalivaca +war ein Fremdling, wie Manco-Capac, Vochica und Quetzalcohuatl, diese +außerordentlichen Menschen, die im alpinischen oder civilisirten Striche +Amerikas, auf den Hochebenen von Peru, Neu-Grenada und Anahuac, die +bürgerliche Gesellschaft geordnet, den Opferdienst eingerichtet und +religiöse Brüderschaften gestiftet haben. Der mexikanische +Quetzalcohuatl, dessen Nachkommen Montezuma in den Begleitern des Cortes +zu erkennen glaubte, hat noch einen weiteren Zug mit Amalivaca, der +mythischen Person des barbarischen Amerikas, der Ebenen der heißen Zone, +gemein. In hohem Alter verließ der Hohepriester von Tula das Land +Anahuac, das er mit seinen Wundern erfüllt, und ging zurück in ein +unbekanntes Land, genannt Tlalpallan. Als der Mönch Bernhard von Sahagun +nach Mexico kam, richtete man genau dieselben Fragen an ihn, wie +zweihundert Jahre später in den Wäldern am Orinoco an den Missionär +Gili: man wollte wissen, ob er vom andern Ufer komme, aus dem Lande, +wohin Quetzalcohuatl gegangen. + +Wir haben oben gesehen, daß die Region der Felsen mit Bildwerk oder der +gemalten Steine weit über den untern Orinoco, über den Landstrich +(7°5′—7°40′ der Breite, 68°50′—69°45′ der Länge) hinausreicht, dem die +Sage angehört, die man als den Localmythus der Tamanaken bezeichnen +kann. Man findet dergleichen Felsen mit Bildern zwischen dem Cassiquiare +und Atabapo (2°5′—3°20′ der Breite, 69°—70° der Länge), zwischen den +Quellen des Essequebo und des Rio Branco (3°50′ der Breite, 62°32′ der +Länge). Ich behaupte nicht, daß diese Bilder beweisen, daß ihre +Verfertiger den Gebrauch des Eisens gekannt, auch nicht, daß sie auf +eine bedeutende Culturstufe hinweisen; setzte man aber auch voraus, sie +haben keine symbolische Bedeutung, sondern seyen rein Erzeugnisse +mäßiger Jägervölker, so müßte man doch immer annehmen, daß vor den +Völkern, die jetzt am Orinoco und Rupunuri leben, eine ganz andere +Menschenart hier gelebt. Je weniger in einem Lande Erinnerungen an +vergangene Geschlechter leben, desto wichtiger ist es, wo man ein +Denkmal vor sich zu haben glaubt, auch die unbedeutendsten Spuren zu +verfolgen. Auf den Ebenen im Osten Nordamerikas findet man nur jene +merkwürdigen Ringwälle, die an die festen Lager (die angeblichen Städte +von ungeheurem Umfang) der alten und der heutigen nomadischen Völker in +Asien erinnern. Auf den östlichen Ebenen Südamerikas ist durch die +Uebermacht des Pflanzenwuchses, des heißen Klimas und die allzu große +Freigebigkeit der Natur der Fortschritt der menschlichen Cultur in noch +engeren Schranken gehalten worden, Zwischen Orinoco und Amazonenstrom +habe ich von keinem Erdwall, von keinem Ueberbleibsel eines Damms, von +keinem Grabhügel sprechen hören; nur auf den Felsen, und zwar auf einer +weiten Landstrecke, sieht man, in unbekannter Zeit von Menschenhand +eingegraben, rohe Umrisse, die sich an religiöse Ueberlieferungen +knüpfen. Wenn einmal die Bewohner des doppelten Amerika mit weniger +Geringschätzung auf den Boden sehen, der sie ernährt, so werden sich die +Spuren früherer Jahrhunderte unter unsern Augen von Tag zu Tag mehren. +Ein schwacher Schimmer wird sich dann über die Geschichte dieser +barbarischen Völker verbreiten, über die Felswände, die uns verkünden, +daß diese jetzt so öden Länder einst von thätigeren, geisteskräftigeren +Geschlechtern bewohnt waren. + +Ich glaubte, bevor ich vom wildesten Strich des obern Orinoco scheide, +Erscheinungen besprechen zu müssen, die nur dann von Bedeutung werden, +wenn man sie aus Einem Gesichtspunkt betrachtet. Was ich von unserer +Fahrt von Esmeralda bis zum Einfluß des Atabapo berichten könnte, wäre +nur eine trockene Aufzählung von Flüssen und unbewohnten Orten. Vom 24. +bis 27. Mai schliefen wir nur zweimal am Land, und zwar das erstemal am +Einfluß des Rio Jao, und dann oberhalb der Mission Santa Barbara auf der +Insel Minisi. Da der Orinoco hier frei von Klippen ist, führte uns der +indianische Steuermann die Nacht durch fort, indem er die Pirogue der +Strömung überließ. Dieses Stück meiner Karte zwischen dem Jao und dem +Ventuari ist daher auch hinsichtlich der Krümmungen des Flusses nicht +sehr genau. Rechnet man den Aufenthalt am Ufer, um den Reis und die +Bananen zuzubereiten, ab, so brauchten wir von Esmeralda nach Santa +Barbara nur 35 Stunden. Diese Mission liegt nach dem Chronometer unter +dem 70°3′ der Länge; wir hatten also gegen 4 Seemeilen in der Stunde +zurückgelegt, eine Geschwindigkeit (1,05 Toise in der Secunde), die +zugleich auf Rechnung der Strömung und der Bewegung der Ruder kommt. Die +Indiana behaupten, die Krokodile gehen im Orinoco nicht über den Einfluß +des Rio Jao hinaus, und die Seekühe kommen sogar oberhalb des Katarakts +von Maypures nicht mehr vor. Hinsichtlich der ersteren kann man sich +leicht täuschen. Wenn der Reisende an ihren Anblick noch so sehr gewöhnt +ist, kann er einen 12—15 Fuß langen Baumstamm für ein schwimmendes +Krokodil halten, von dem man nur Kopf und Schwanz zum Theil über dem +Wasser sieht. + +Die Mission Santa Barbara liegt etwas westlich vom Einfluß des Rio +Ventuari oder Venituari, den Pater Francisco Valor im Jahr 1800 +untersucht hat. Wir fanden im kleinen Dorfe von 120 Einwohnern einige +Spuren von Industrie. Der Ertrag derselben kommt aber sehr wenig den +Indianern zu gut, sondern nur den Mönchen oder, wie man hier zu Lande +sagt, der Kirche und dem Kloster. Man versicherte uns, eine große Lampe, +massiv von Silber, die auf Kosten der Bekehrten angeschafft worden, +werde aus Madrid erwartet. Wenn sie da ist, wird man hoffentlich auch +daran denken, die Indianer zu kleiden, ihnen einiges Ackergeräthe +anzuschaffen und für ihre Kinder eine Schule einzurichten. In den +Savanen bei der Mission läuft wohl einiges Vieh, man braucht es aber +selten, um die Mühle zum Auspressen des Zuckerrohrs (trapiche) zu +treiben; das ist ein Geschäft der Indianer, die dabei ohne Lohn +arbeiten, wie überall, wo die Arbeit auf Rechnung der Kirche geht. Am +Fuß der Berge um Santa Barbara herum sind die Weiden nicht so fett wie +bei Esmeralda, aber doch besser als bei San Fernando de Atabapo. Der +Rasen ist kurz und dicht, und doch ist die oberste Bodenschicht nur +trockener, dürrer Granitsand. Diese nicht sehr üppigen Grasfluren am +Guaviare, Meta und obern Orinoco sind sowohl ohne Dammerde, die in den +benachbarten Wäldern so massenhaft daliegt, als ohne die dicke +Thonschicht, die in den Llanos von Venezuela den Sandstein bedeckt. +Kleine krautartige Mimosen helfen in dieser Zone das Vieh satt machen, +sie werden aber zwischen dem Rio Jao und-der Mündung des Guaviare sehr +selten. + +In den wenigen Stunden, die wir uns in der Mission Santa Barbara +aufhielten, erhielten wir ziemlich genaue Angaben über den Rio Ventuari, +der mir nach dem Guaviare der bedeutendste unter allen Nebenflüssen des +obern Orinoco schien. Seine Ufer, an denen früher die Maypures gesessen, +sind noch jetzt von einer Menge unabhängiger Völkerschaften bewohnt. +Fährt man durch die Mündung des Ventuari, die ein mit Palmen bewachsenes +Delta bildet, hinauf, so kommen nach drei Tagereisen von Ost der +Cumaruita und der Paru herein, welche zwei Nebenflüsse am Fuß der hohen +Berge von Cuneva, entspringen. Weiter oben, von West her, kommen der +Mariata und der Manipiare, an denen die Macos- und Curacicanas-Indianer +wohnen. Letztere Nation zeichnet sich durch ihren Eifer für den +Baumwollenbau aus. Bei einem Streifzug (entrada) fand man ein großes +Haus, in dem 30—40 sehr fein gewobene Hängematten, gesponnene Baumwolle, +Seilwerk und Fischereigeräthe waren. Die Eingeborenen waren +davongelaufen und Pater Valor erzählte uns, »die Indianer aus seiner +Mission, die er bei sich hatte, haben das Haus in Brand gesteckt, ehe er +diese Produkte des Gewerbfleißes der Curacicanas retten konnte.« Die +neuen Christen in Santa Barbara, die sich über diesen sogenannten Wilden +weit erhaben dünken, schienen mir lange nicht so gewerbthätig. Der Rio +Manipiare, einer der Hauptäste des Ventuari, liegt, seiner Quelle zu, in +der Nähe der hohen Berge, an deren Nordabhang der Cuchivero entspringt. +Sie sind ein Ausläufer der Kette des Baraguan, und hieher setzt Pater +Gili die »Hochebene des Siamacu,« deren gemäßigtes Klima er preist. Der +obere Lauf des Ventuari, oberhalb des Einflusses des Asisi und der +»großen Raudales« ist so gut wie unbekannt. Ich hörte nur, der obere +Ventuari ziehe sich so stark gegen Ost, daß die alte Straße von +Esmeralda an den Rio Caura über das Flußbett laufe. Dadurch, daß die +Nebenflüsse des Carony, des Caura und des Ventuari einander so nahe +liegen, kamen die Caraiben seit Jahrhunderten an den obern Orinoco. +Banden dieses kriegerischen Handelsvolkes zogen vom Rio Carony über den +Paragua an die Quellen des Paruspa. Ueber einen Trageplatz gelangten sie +an den Chavarro, einen östlichen Nebenfluß des Caura; sie fuhren auf +ihren Piroguen zuerst diesen Nebenfluß und dann den Caura selbst +hinunter bis zur Mündung des Erevato. Nachdem sie diesen gegen Südwest +hinaufgefahren, kamen sie drei Tagereisen weit über große Grasfluren und +endlich über den Manipiare in den großen Rio Ventuari. Ich beschreibe +diesen Weg so genau, nicht nur weil auf dieser Straße der Handel mit +eingeborenen Sklaven betrieben wurde, sondern auch um die Männer, welche +einst nach wiederhergestellter Ruhe Guyana regieren werden, auf die +Wichtigkeit dieses Flußlabyrinths aufmerksam zu machen. + +Auf vier Nebenflüssen des Orinoco, den größten unter denen, die von +rechts her in diesen majestätischen Strom sich ergießen, auf dem Carony +und dem Caura, dem Padamo und dem Ventuari, wird die europäische Cultur +in das 10,600 Quadratmeilen große Wald- und Gebirgsland dringen, das der +Orinoco gegen Nord, West und Süd umschlingt. Bereits haben Kapuziner aus +Catalonien und Observanten aus Andalusien und Valencia Niederlassungen +in den Thälern des Carony und des Caura gegründet; es war natürlich, daß +an die Nebenflüsse des untern Orinoco, als die der Küste und dem +angebauten Strich von Venezuela zunächst liegenden, Missionäre und mit +ihnen einige Keime des gesellschaftlichen Lebens zuerst kamen. Bereits +im Jahr 1797 zählten die Niederlassungen der Kapuziner am Carony 16,600 +Indianer, die friedlich in Dörfern lebten. Am Rio Caura waren es zu +jener Zeit unter der Obhut der Observanten, nach gleichfalls officiellen +Zählungen, nur 640. Dieser Unterschied rührt daher, daß die sehr +ausgedehnten Weiden am Carony, Upatu und Cuyuni von vorzüglicher Güte +sind, und daß die Missionen der Kapuziner näher bei der Mündung des +Orinoco und der Hauptstadt von Guyana liegen, aber auch vom innern +Getriebe der Verwaltung, von der industriellen Rührigkeit und dem +Handelsgeist der catalonischen Mönche. Dem Carony und Caura, die gegen +Nord fließen, entsprechen zwei große Nebenflüsse des obern Orinoco, die +gegen Süd herunter kommen, der Padamo und der Ventuari. Bis jetzt steht +an ihren Ufern kein Dorf, und doch bieten sie für Ackerbau und Viehzucht +günstige Verhältnisse, wie man sie im Thale des großen Stroms, in den +sie sich ergießen, vergeblich suchen würde. + +Wir brachen am 26. Mai Morgens vom kleinen Dorfe Santa Barbara auf, wo +wir mehrere Indianer aus Esmeralda getroffen hatten, die der Missionär +zu ihrem großen Verdruß hatte kommen lassen, weil er sich ein +zweistockigtes Haus bauen wollte. Den ganzen Tag genossen wir der +Aussicht auf die schönen Gebirge von Sipapo[^51], die in 18 Meilen +Entfernung gegen Nord-Nord-West sich hinbreiten. Die Vegetation an den +Ufern des Orinoco ist hier ausnehmend mannigfaltig; Baumfarn kommen von +den Bergen herunter und mischen sich unter die Palmen in der Niederung. +Wir übernachteten auf der Insel Minisi und langten, nachdem wir an den +Mündungen der kleinen Flüsse Quejanuma, Ubua und Masao vorübergekommen, +am 27. Mai in San Fernando de Atabapo an. Vor einem Monat, auf dem Weg +zum Rio Negro, hatten wir im selben Hause des Präsidenten der Missionen +gewohnt. Wir waren damals gegen Süd, den Atabapo und Temi +hinaufgefahren; jetzt kamen wir von West her nach einem weiten Umweg +über den Cassiquiare und den obern Orinoco zurück. Während unserer +langen Abwesenheit waren dem Präsidenten der Missionen über den +eigentlichen Zweck unserer Reise, über mein Verhältniss zu den +Mitgliedern des hohen Clerus in Spanien, über die Kenntniß des Zustandes +der Missionen, die ich mir verschafft, bedeutende Bedenken aufgestiegen. +Bei unserem Aufbruch nach Angostura, der Hauptstadt von Guyana, drang er +in mich, ihm ein Schreiben zu hinterlassen, in dem ich bezeugte, daß ich +die christlichen Niederlassungen am Orinoco in guter Ordnung +angetroffen, und daß die Eingeborenen im Allgemeinen milde behandelt +würden. Diesem Ansinnen des Superiors lag gewiß ein sehr löblicher Eifer +für das Beste seines Ordens zu Grunde, nichts desto weniger setzte es +mich in Verlegenheit. Ich erwiderte, das Zeugniß eines im Schooße der +reformirten Kirche geborenen Reisenden könne in dem endlosen Streite, in +dem fast überall in der neuen Welt weltliche und geistliche Macht mit +einander liegen, doch wohl von keinem großen Gewichte seyn. Ich gab ihm +zu verstehen, da ich zweihundert Meilen von der Küste, mitten in den +Missionen und, wie die Cumaner boshaft sagen, en el poder de los frayles +(in der Gewalt der Mönche) sey, möchte das Schreiben, das wir am Ufer +des Atabapo mit einander abfaßten, wohl schwerlich als ein ganz freier +Willensakt von meiner Seite angesehen werden. Der Gedanke, daß er einen +Calvinisten gastfreundlich aufgenommen, erschreckte den Präsidenten +nicht. Ich glaube allerdings, daß man vor meiner Ankunft schwerlich je +einen in den Missionen des heiligen Franciscus gesehen hat; aber +Unduldsamkeit kann man den Missionären in Amerika nicht zur Last legen. +Die Ketzereien des alten Europa machen ihnen nicht zu schaffen, es müßte +denn an den Grenzen von holländisch Guyana seyn, wo sich die Prädicanten +auch mit dem Missionswesen abgeben. Der Präsident bestand nicht weiter +auf der Schrift, die ich hätte unterzeichnen sollen, und wir benützten +die wenigen Augenblicke, die wir noch beisammen waren, um den Zustand +des Landes, und ob Aussicht sey, die Indianer an den Segnungen der +Cultur theilnehmen zu lassen, freimüthig zu besprechen. Ich sprach mich +stark darüber aus, wie viel Schaden die Entradas, die feindlichen +Einfälle angerichtet, wie unbillig es sey, daß man die Eingeborenen der +Früchte ihrer Arbeit so wenig genießen lasse, wie ungerechtfertigt, daß +man sie zwinge, in Angelegenheiten, die sie nichts angehen, weite Reisen +zu machen, endlich wie nothwendig es erscheine, den jungen Geistlichen, +die berufen seyen, großen Gemeinden vorzustehen, in einem besondern +Collegium einige Bildung zu geben. Der Präsident schien mich freundlich +anzuhören; indessen glaube ich doch, er wünschte im Herzen (ohne Zweifel +im Interesse der Naturwissenschaft), Leute, welche Pflanzen auflesen und +das Gestein untersuchen, möchten sich nicht so vorlaut mit dem Wohl der +kupferfarbigen Race und mit den Angelegenheiten der menschlichen +Gesellschaft befassen. Dieser Wunsch ist in beiden Welten gar weit +verbreitet; man begegnet ihm überall, wo der Gewalt bange ist, weil sie +meint, sie stehe nicht auf festen Füßen. + +Wir blieben nur einen Tag in San Fernando de Atabapo, obgleich dieses +Dorf mit seinen schönen Pihiguao-Palmen[^52] mit Pfirsichfrüchten uns +ein köstlicher Aufenthalt schien. Zahme Pauxis[^53] liefen um die Hütten +der Indianer her. In einer derselben sahen wir einen sehr seltenen +Affen, der am Guaviare lebt. Es ist dieß der Caparro, den ich in meinen +Observations de zoologie et d’anatomie comparée bekannt gemacht, und der +nach Geoffroy eine neue Gattung (Lagothrix) bildet, die zwischen den +Atelen und den Alouatos in der Mitte steht. Der Pelz dieses Affen ist +mardergrau und fühlt sich ungemein zart an. Der Caparro zeichnet sich +ferner durch einen runden Kopf und einen sanften, angenehmen +Gesichtsausdruck aus. Der Missionär Gili ist, glaube ich, der einzige +Schriftsteller, der vor mir von diesem interessanten Thiere gesprochen +hat, um das die Zoologen andere, und zwar brasilianische Affen zu +gruppiren anfangen. + +Am 27. Mai kamen wir von San Fernando mit der raschen Strömung des +Orinoco in nicht ganz sieben Stunden zum Einfluß des Rio Mataveni. Wir +brachten die Nacht unter freiem Himmel unterhalb des Granitfelsens el +castillito[^54] zu, der mitten aus dem Flusse aufsteigt und dessen +Gestalt an den Mäusethurm im Rhein, Bingen gegenüber, erinnert. Hier wie +an den Ufern des Atabapo fiel uns eine kleine Art Drosera auf, die ganz +den Habitus der europäischen Drosera hat. Der Orinoco war in der Nacht +beträchtlich gestiegen, und die bedeutend beschleunigte Strömung trug +uns in zehn Stunden von der Mündung des Mataveni zum obern großen +Katarakt, dem von Maypures oder Quittuna; der zurückgelegte Weg betrug +13 Meilen. Mit Interesse erinnerten wir uns der Orte, wo wir +stromaufwärts übernachtet; wir trafen Indianer wieder, die uns beim +Botanisiren begleitet, und wir besuchten nochmals die schöne Quelle, die +hinter dem Hause des Missionärs aus einem geschichteten Granitfelsen +kommt; ihre Temperatur hatte sich nicht um 0,3° verändert. Von der +Mündung des Atabapo bis zu der des Apure war uns, als reisten wir in +einem Land, in dem wir lange gewohnt. Wir lebten eben so schmal, wir +wurden von denselben Mücken gestochen, aber die gewisse Aussicht, daß in +wenigen Wochen unsere physischen Leiden ein Ende hätten, hielt uns +aufrecht. + +Der Transport der Pirogue über den großen Katarakt hielt uns in Maypures +zwei Tage auf; Pater Bernardo Zea, der Missionär bei den Raudales, der +uns an den Rio Negro begleitet hatte, wollte, obgleich leidend, uns mit +seinen Indianern vollends nach Atures führen. Einer derselben, Zerepe, +der Dolmetscher, den man auf dem Strande von Pararuma so unbarmherzig +geprügelt,[^55] fiel uns durch seine tiefe Niedergeschlagenheit auf. Wir +hörten, er habe die Indianerin verloren, mit der er verlobt gewesen, und +zwar in Folge einer falschen Nachricht, die über die Richtung unserer +Reise in Umlauf gekommen. Zerepe war in Maypures geboren, aber bei +seinen Eltern vom Stamme der Macos im Walde erzogen. Er hatte in die +Mission ein zwölfjähriges Mädchen mitgebracht, das er nach unserer +Rückkehr zu den Katarakten zum Weibe nehmen wollte. Das Leben in den +Missionen behagte der jungen Indianerin schlecht, denn man hatte ihr +gesagt, die Weißen gehen ins Land der Portugiesen (nach Brasilien) und +nehmen Zerepe mit. Da es ihr nicht ging, wie sie gehofft, bemächtigte +sie sich eines Canoe, fuhr mit einem andern Mädchen vom selben Alter +durch den Raudal und lief al monte zu den Ihrigen. Dieser kecke Streich +war die Tagesneuigkeit; Zerepes Niedergeschlagenheit hielt übrigens +nicht lange an. Er war unter Christen geboren, er war bis zur Schanze am +Rio Negro gekommen, er verstand Spanisch und die Sprache der Macos, und +dünkte sich weit erhaben über die Leute seines Stammes; wie hätte er da +nicht ein Mädchen vergessen sollen, das im Walde aufgewachsen? + +Am 31. Mai fuhren wir über die Stromschnellen der Guahibos und bei +Garcita. Die Inseln mitten im Strom glänzten im herrlichsten Grün. Der +winterliche Regen hatte die Blumenscheiden der Vadgiai-Palmen +entwickelt, deren Blätter gerade himmelan stehen.[^56] Man wird nicht +müde, Punkte zu betrachten, wo Baum und Fels der Landschaft den +großartigen, ernsten Charakter geben, den man auf dem Hintergrund von +Titians und Poussins Bildern bewundert. Kurz vor Sonnenuntergang stiegen +wir am östlichen Ufer des Orinoco, beim Puerto de la Expedicion, ans +Land, und zwar um die Höhle von Ataruipe zu besuchen, von der oben die +Rede war,[^57] und wo ein ganzer ausgestorbener Volksstamm seine +Grabstätte zu haben scheint. Ich versuche diese bei den Eingeborenen +vielberufene Höhle zu beschreiben. + +Man ersteigt mühsam und nicht ganz gefahrlos einen steilen, völlig +kahlen Granitfelsberg. Man könnte auf der glatten, stark geneigten +Fläche fast unmöglich Fuß fassen, wenn nicht große Feldspathkrystalle, +welche nicht so leicht verwittern, hervorständen und Anhaltspunkte +böten. Auf dem Gipfel des Berges angelangt, erstaunten wir über den +außerordentlichen Anblick des Landes in der Runde. Ein Archipel mit +Palmen bewachsener Inseln füllt das schäumende Strombett. Westwärts, am +linken Ufer des Orinoco, breiten sich die Savanen am Meta und Casanare +hin, wie eine grüne See, deren dunstiger Horizont von der untergehenden +Sonne beleuchtet war. Das Gestirn, das wie ein Feuerball über der Ebene +hing, der einzeln stehende Spitzberg Uniana, der um so höher erschien, +da seine Umrisse im Dunst verschwammen, alles wirkte zusammen, die +großartige Scenerie noch erhabener zu machen. Wir sahen zunächst in ein +tiefes, ringsum geschlossenes Thal hinunter. Raubvögel und Ziegenmelker +schwirrten einzeln durch den unzugänglichen Circus. Mit Vergnügen +verfolgten wir ihre flüchtigen Schatten, wie sie langsam an den +Felswänden hinglitten. + +Ueber einen schmalen Grat gelangten wir auf einen benachbarten Berg, auf +dessen abgerundetem Gipfel ungeheure Granitblöcke lagen. Diese Massen +haben 40 bis 50 Fuß Durchmesser und sind so vollkommen kugelförmig, daß +man, da sie nur mit wenigen Punkten den Boden zu berühren schienen, +meint, beim geringsten Stoß eines Erdbebens müßten sie in die Tiefe +rollen. Ich erinnere mich nicht, unter den Verwitterungserscheinungen +des Granits irgendwo etwas Aehnliches gesehen zu haben. Lägen die Kugeln +auf einer andern Gebirgsart, wie die Blöcke im Jura, so könnte man +meinen, sie seyen im Wasser gerollt oder durch den Stoß eines +elastischen Fluidums hergeschleudert; da sie aber auf einem Gipfel +liegen, der gleichfalls aus Granit besteht, so ist wahrscheinlicher, daß +sie von allmähliger Verwitterung des Gesteins herrühren. + +Zu hinterst ist das Thal mit dichtem Wald bedeckt. An diesem schattigen, +einsamen Ort, am steilen Abhang eines Berges, ist der Eingang der Höhle +von Ataruipe. Es ist übrigens nicht sowohl eine Höhle, als ein +vorspringender Fels, in dem die Gewässer, als sie bei den alten +Umwälzungen unseres Planeten so weit herausreichten, ein weites Loch +ausgewaschen haben. In dieser Grabstätte einer ganzen ausgestorbenen +Völkerschaft zählten wir in kurzer Zeit gegen 600 wohlerhaltene und so +regelmäßig vertheilte Skelette, daß man sich hinsichtlich ihrer Zahl +nicht leicht hätte irren können. Jedes Skelett liegt in einer Art Korb +aus Palmblattstielen. Diese Körbe, von den Eingeborenen Mapires genannt, +bilden eine Art viereckigter Säcke. Ihre Größe entspricht dem Alter der +Leichen; es gibt sogar welche für Kinder, die während der Geburt +gestorben. Sie wechseln in der Länge von 10 Zoll bis 3 Fuß 4 Zoll. Die +Skelette sind alle zusammengebogen und so vollständig, daß keine Rippe, +kein Fingerglied fehlt. Die Knochen sind auf dreierlei Weisen +zubereitet, entweder an Luft und Sonne gebleicht, oder mit Onoto, dem +Farbstoff der Bixa Orellana, roth gefärbt, oder mumienartig zwischen +wohlriechenden Harzen in Heliconia- und Bananenblätter eingeknetet. Die +Indianer erzählten uns, man lege die frische Leiche in die feuchte Erde, +damit sich das Fleisch allmählig verzehre. Nach einigen Monaten nehme +man sie wieder heraus und schabe mit scharfen Steinen den Rest des +Fleisches von den Knochen. Mehrere Horden in Guyana haben noch jetzt +diesen Brauch. Neben den »Mapires« oder Körben sieht man Gefäße von halb +gebranntem Thon, welche die Gebeine einer ganzen Familie zu enthalten +schienen. Die größten dieser Graburnen sind 3 Fuß hoch und 4 Fuß 3 Zoll +lang. Sie sind graugrün, oval, von ganz gefälligem Ansehen, mit Henkeln +in Gestalt von Krokodilen und Schlangen, am Rand mit Mäandern, +Labyrinthen und mannigfach combinirten geraden Linien geschmückt. +Dergleichen Malereien kommen unter allen Himmelsstrichen vor, bei allen +Völkern, mögen sie geographisch und dem Grade der Cultur nach noch so +weit auseinanderliegen. Die Bewohner der kleinen Mission Maypures +bringen sie noch jetzt auf ihrem gemeinsten Geschirr an; sie zieren die +Schilder der Tahitier, das Fischergeräthe der Eskimos, die Wände des +mexicanischen Palastes in Mitla und die Gefäße Großgriechenlands. +Ueberall schmeichelt eine rhythmische Wiederholung derselben Formen dem +Auge, wie eine taktmäßige Wiederkehr von Tönen dem Ohre. Aehnlichkeiten, +welche im innersten Wesen unserer Empfindungen, in unserer natürlichen +Geistesanlage ihren Grund haben, sind wenig geeignet, über die +Verwandtschaft und die alten Verbindungen der Völker Licht zu +verbreiten. + +Hinsichtlich der Zeit, aus der sich die Mapires und die bemalten Gefäße +in der Knochenhöhle von Ataruipe herschreiben, konnten wir uns keine +bestimmte Vorstellung bilden. Die meisten schienen nicht über hundert +Jahre alt, da sie aber vor jeder Feuchtigkeit geschützt und in sehr +gleichförmiger Temperatur sind, so wären sie wohl gleich gut erhalten, +wenn sie auch aus weit früherer Zeit herrührten. Nach einer Sage der +Guahibos-Indianer flüchteten sich die kriegerischen Atures, von den +Caraiben verfolgt, auf die Felsen mitten in den großen Katarakten, und +hier erlosch nach und nach diese einst so zahlreiche Nation und mit ihr +die Sprache. Noch im Jahre 1767, zur Zeit des Missionärs Gili, lebten +die letzten Familien derselben; auf unserer Reise zeigte man in Maypures +ein sonderbares Faktum: einen alten Papagai, von dem die Einwohner +behaupten, »man verstehe ihn nicht, weil er aturisch spreche«. + +Wir öffneten, zum großen Aergerniß unserer Führer, mehrere Mapires, um +die Schädelbildung genau zu untersuchen. Alle zeigten den Topus der +amerikanischen Race; nur zwei oder drei näherten sich dem kaukasischen. +Wir haben oben erwähnt,[^58] daß man mitten in den« Katarakten, an den +unzugänglichsten Orten eisenbeschlagene Kisten mit europäischen +Werkzeugen, mit Resten von Kleidungsstücken und Glaswaaren findet. Diese +Sachen, die zu den abgeschmacktesten Gerüchten, als hätten die Jesuiten +dort ihre Schätze versteckt, Anlaß gegeben, gehörten wahrscheinlich +portugiesischen Handelsleuten, die sich in diese wilden Länder +herausgewagt. Läßt sich nun wohl auch annehmen, daß die Schädel von +europäischer Bildung, die wir unter den Skeletten der Eingeborenen und +eben so sorgfältig aufbewahrt gefunden, portugiesischen Reisenden +angehörten, die hier einer Krankheit Unterlagen oder im Kampfe +erschlagen worden? Der Widerwillen der Eingeborenen gegen Alles, was +nicht ihres Stammes ist, macht dieß nicht wahrscheinlich; vielleicht +hatten sich Mestizen, die aus den Missionen am Meta und Apure entlaufen, +an den Katarakten niedergelassen und Weiber aus dem Stamme der Atures +genommen. Dergleichen Verbindungen kommen in dieser Zone zuweilen vor, +freilich nicht so häufig wie in Canada und in Nordamerika überhaupt, wo +Jäger europäischer Abkunft unter die Wilden gehen, ihre Sitten annehmen +und es oft zu großem Ansehen unter ihnen bringen. + +Wir nahmen aus der Höhle von Ataruipe mehrere Schädel, das Skelett eines +Kindes von sechs bis sieben Jahren und die Skelette zweier Erwachsenen +von der Nation der Atures mit. Alle diese zum Theil roth bemalten, zum +Theil mit Harz überzogenen Gebeine lagen in den oben beschriebenen +Körben (Mapires oder Canastos). Sie machten fast eine ganze +Maulthierladung aus, und da uns der abergläubische Widerwillen der +Indianer gegen einmal beigesetzte Leichen wohl bekannt war, hatten wir +die »Canastos« in frisch geflochtene Matten einwickeln lassen. Bei dem +Spürsinn der Indianer und ihrem feinen Geruch half aber diese Vorsicht +leider zu nichts. Ueberall, wo wir in den Missionen der Caraiben, auf +den Llanos zwischen Angostura und Nueva Barcelona Halt machten, liefen +die Eingeborenen um unsere Maulthiere zusammen, um die Affen zu +bewundern, die wir am Orinoco gekauft. Kaum aber hatten die guten Leute +unser Gepäcke angerührt, so prophezeiten sie, daß das Lastthier, »das +den Todten trage,« zu Grund gehen werde. Umsonst versicherten wir, sie +irren sich, in den Körben seyen Krokodil- und Seekuhknochen; sie blieben +dabei, sie riechen das Harz, womit die Skelette überzogen seyen, und +»das seyen ihre alten Verwandten.« Wir mußten die Autorität der Mönche +in Anspruch nehmen, um des Widerwillens der Eingeborenen Herr zu werden +und frische Maulthiere zu bekommen. Einer der Schädel, den wir aus der +Höhle von Ataruipe mitgenommen, ist in meines alten Lehrers Blumenbach +schönem Werke über die Varietäten des Menschengeschlechts gezeichnet; +aber die Skelette der Indianer gingen mit einem bedeutenden Theil +unserer Sammlungen an der Küste von Afrika bei einem Schiffbruch +verloren, der unserem Freund und Reisegefährten, Fray Juan +Gonzales,[^59] einem jungen Franciskaner, das Leben kostete. + +Schweigend gingen wir von der Höhle von Ataruipe nach Hause. Es war eine +der stillen, heitern Nächte, welche im heißen Erdstrich so gewöhnlich +sind. Die Sterne glänzten in mildem, planetarischem Licht. Ein Funkeln +war kaum am Horizont bemerkbar,[^60] den die großen Nebelflecken der +südlichen Halbkugel zu beleuchten schienen. Ungeheure Insektenschwärme +verbreiteten ein röthliches Licht in der Luft. Der dicht bewachsene +Boden glühte von lebendigem Feuer, als hätte sich die gestirnte +Himmelsdecke auf die Grasflur niedergesenkt. Vor der Höhle blieben wir +noch öfters stehen und bewunderten den Reiz des merkwürdigen Orts. +Duftende Vanille und Gewinde von Bignonien schmücken den Eingang, und +darüber, auf der Spitze des Hügels, wiegten sich säuselnd die Schafte +der Palmen. + +Wir gingen an den Fluß hinab und schlugen den Weg zur Mission ein, wo +wir ziemlich spät in der Nacht eintrafen. Was wir gesehen, hatte starken +Eindruck auf unsere Einbildungskraft gemacht. In einem Lande, wo einem +die menschliche Gesellschaft als eine Schöpfung der neuesten Zeit +erscheint, hat Alles, was an eine Vergangenheit erinnert, doppelten +Reiz. Sehr alt waren nun hier die Erinnerungen nicht; aber in Allem, was +Denkmal heißt, ist das Alter nur ein relativer Begriff, und leicht +verwechseln wir alt und räthselhaft. Den Egyptern erschienen die +geschichtlichen Erinnerungen der Griechen gar jung; hätten die Chinesen, +oder wie sie sich selbst lieber nennen, die Bewohner des »himmlischen +Reichs,« mit den Priestern von Heliopolis verkehren können, so hätten +sie wohl zu den Ansprüchen der alten Egypter gelacht. Ebenso auffallende +Gegensätze finden sich im nördlichen Europa und Asien, in der neuen +Welt, überall, wo die Menschheit sich auf ihr eigenes Leben nicht weit +zurückbesinnt. Auf der Hochebene von Anahuac reicht die älteste +geschichtliche Begebenheit, die Wanderung der Tolteken, nicht über das +sechste Jahrhundert unserer Zeitrechnung hinauf. Die unentbehrlichen +Grundlagen einer genauen Zeitrechnung, ein gutes Schaltsystem, überhaupt +die Kalenderreform stammen aus dem Jahr 1091. Diese Zeitpunkte, die uns +so nahe scheinen, fallen in fabelhafte Zeiten, wenn wir auf die +Geschichte unseres Geschlechts zwischen Orinoco und Amazonenfluß +blicken. Wir finden dort auf Felsen symbolische Bilder, aber keine Sage +gibt über ihren Ursprung Aufschluß. Im heißen Striche von Guyana kommen +wir nicht weiter zurück als zu der Zeit, wo castilianische und +portugiesische Eroberer, und später friedliche Mönche unter den +barbarischen Völkerschaften auftraten. + +Nordwärts von den Katarakten, am Engpaß beim Baraguan, scheint es +ähnliche, mit Knochen gefüllte Höhlen zu geben, wie die oben +beschriebenen. Ich hörte dieß erst nach meiner Rückkehr, und die +indianischen Steuerleute sagten uns nichts davon, als wir im Engpaß +anlegten. Diese Gräber haben ohne Zweifel Anlaß zu einer Sage der +Otomaken gegeben, nach der die einzeln stehenden Granitfelsen am +Baraguan, die sehr seltsame Gestalten zeigen, die Großväter, die alten +Häuptlinge des Stammes sind. Der Brauch, das Fleisch sorgfältig von den +Knochen zu trennen, der im Alterthum bei den Massageten herrschte, hat +sich bei mehreren Horden am Orinoco erhalten. Man behauptet sogar, und +es ist ganz wahrscheinlich, die Guaraons legen die Leichen in Netzen ins +Wasser, wo dann die kleinen Caraibenfische[^61] die »Serra-Solmes,« die +wir überall in ungeheurer Menge antrafen, in wenigen Tagen das +Muskelfleisch verzehren und das Skelett »präpariren.« Begreiflich ist +solches nur an Orten thunlich, wo es nicht viele Krokodile gibt. Manche +Stämme, z. B. die Tamanaken, haben den Brauch, die Felder des +Verstorbenen zu verwüsten und die Bäume, die er gepflanzt, umzuhauen. +Sie sagen, »Dinge sehen zu müssen, die Eigenthum ihrer Angehörigen +gewesen, mache sie traurig«. Sie vernichten das Andenken lieber, als daß +sie es erhalten. Diese indianische Empfindsamkeit wirkt sehr nachtheilig +auf den Landbau, und die Mönche widersetzen sich mit Macht den +abergläubischen Gebräuchen, welche die zum Christenthum bekehrten +Eingeborenen in den Missionen beibehalten. + +Die indianischen Gräber am Orinoco sind bis jetzt nicht gehörig +untersucht worden, weil sie keine Kostbarkeiten enthalten wie die in +Peru, und weil man jetzt an Ort und Stelle an die früheren Mähren vom +Reichthum der alten Einwohner des Dorado nicht mehr glaubt. Der +Golddurst geht aller Orten dem Trieb zur Belehrung und dem Sinn für die +Erforschung des Alterthums voraus. Im gebirgigen Theil von Südamerika, +von Merida und Santa Maria bis zu den Hochebenen von Quito und Ober-Peru +hat man bergmännisch nach Gräbern, oder wie es die Creolen mit einem +verdorbenen Worte der Incasprache nennen, nach Guacas gesucht. Ich war +an der Küste von Peru, in Manciche, in der Guaca von Toledo, aus der man +Goldmassen erhoben hat, die im sechzehnten Jahrhundert fünf Millionen +Livres Tournois werth waren.[^62] Aber in den Höhlen, die seit den +ältesten Zeiten den Eingeborenen in Guyana als Grabstätten dienen, hat +man nie eine Spur von kostbaren Metallen entdeckt. Aus diesem Umstand +geht hervor, daß auch zur Zeit, wo die Caraiben und andere Wandervölker +gegen Südwest Streifzüge unternahmen, das Gold nur in ganz unbedeutender +Menge von den Gebirgen von Peru den Niederungen im Osten zufloß. + +Ueberall, wo sich im Granit nicht die großen Höhlungen finden, wie sie +sich durch die Verwitterung des Gesteins oder durch die +Aufeinanderthürmung der Blöcke bilden, bestatten die Indianer den +Leichnam in die Erde. Die Hängematte (chinchorro), eine Art Netz, worin +der Verstorbene im Leben geschlafen, dient ihm als Sarg. Man schnürt +dieses Netz fest um den Körper zusammen, gräbt ein Loch in der Hütte +selbst und legt den Todten darin nieder. Dieß ist nach dem Bericht des +Missionärs Gili und nach dem, was ich aus Pater Zeas Munde weiß, das +gewöhnliche Verfahren. Ich glaube nicht, daß es in ganz Guyana einen +Grabhügel gibt, nicht einmal in den Ebenen am Cassiquiare und Essequebo. +In den Savanen von Varinas[^63] dagegen, wie in Canada westlich von den +Aleghanis,[^64] trifft man welche an. Es erscheint übrigens ziemlich +auffallend, daß die Eingeborenen am Orinoco, trotz des Ueberflusses an +Holz im Lande, so wenig als die alten Scythen ihre Todten verbrennen. +Scheiterhaufen errichten sie nur nach einem Gefechte, wenn der +Gebliebenen sehr viele sind. So verbrannten die Parecas im Jahr 1748 +nicht allein die Leichen ihrer Feinde, der Tamanaken, sondern auch die +der Ihrigen, die auf dem Schlachtfelde geblieben. Wie alle Völker im +Naturstande haben auch die Indianer in Südamerika die größte +Anhänglichkeit an die Orte, wo die Gebeine ihrer Völker ruhen. Dieses +Gefühl, das ein großer Schriftsteller in einer Episode der Atala so +rührend schildert, hat sich in seiner vollen ursprünglichen Stärke bei +den Chinesen erhalten. Diese Menschen, bei denen Alles Kunstprodukt, um +nicht zu sagen Ausfluß einer uralten Cultur ist, wechseln nie den +Wohnort, ohne die Gebeine ihrer Ahnen mit sich zu führen. An den Ufern +der großen Flüsse sieht man Särge stehen, die mit dem Hausrath der +Familie zu Schiff in eine ferne Provinz wandern sollen. Dieses +Mitsichführen der Gebeine, das früher unter den nordamerikanischen +Wilden noch häufiger war, kommt bei den Stämmen in Guyana nicht vor. +Diese sind aber auch keine Nomaden, wie Völker, die ausschließlich von +der Jagd leben. + +In der Mission Atures verweilten wir nur, bis unsere Pirogue durch den +großen Katarakt geschafft war. Der Boden unseres kleinen Fahrzeugs war +so dünn geworden, daß große Vorsicht nöthig war, damit er nicht sprang. +Wir nahmen Abschied vom Missionär Bernardo Zea, der in Atures blieb, +nachdem er zwei Monate lang unser Begleiter gewesen und alle unsere +Beschwerden getheilt hatte. Der arme Mann hatte immer noch seine alten +Anfälle von Tertianfieber, aber sie waren für ihn ein gewohntes Uebel +geworden und er achtete wenig mehr darauf. Bei unserem zweiten +Aufenthalt in Atures herrschten daselbst andere gefährlichen Fieber. Die +Mehrzahl der Indianer war an die Hängematte gefesselt, und um etwas +Cassavebrod (das unentbehrlichste Nahrungsmittel hier zu Lande) mußten +wir zum unabhängigen, aber nahebei wohnenden Stamme der Piraoas +schicken. Bis jetzt blieben wir von diesen bösartigen Fiebern verschont, +die ich nicht immer für ansteckend halte. + +Wir wagten es, in unserer Pirogue durch die letzte Hälfte des Raudals +von Atures zu fahren. Wir stiegen mehreremale aus und kletterten auf die +Felsen, die wie schmale Dämme die Inseln unter einander verbinden. Bald +stürzen die Wasser über die Dämme weg, bald fallen sie mit dumpfem +Getöse in das Innere derselben. Wir fanden ein betrachtliches Stück des +Orinoco trocken gelegt, weil sich der Strom durch unterirdische Canäle +einen Weg gebrochen hat. An diesen einsamen Orten nistet dass Felshuhn +mit goldigem Gefieder (Pipra rupicola), einer der schönsten tropischen +Vögel. Wir hielten uns im Raudalito von Canucari auf, der durch +ungeheure, auf einander gethürmte Granitblöcke gebildet wird. Diese +Blöcke, worunter Sphäroide von 5 bis 6 Fuß Durchmesser, sind so über +einander geschoben, daß sie geräumige Höhlen bilden. Wir gingen in eine +derselben, um Conserven zu pflücken, womit die Spalten und die nassen +Felswände bekleidet waren. Dieser Ort bot eines der merkwürdigsten +Naturschauspiele, die wir am Orinoco gesehen. Ueber unsern Köpfen +rauschte der Strom weg,[^65] und es brauste, wie wenn das Meer sich an +Klippen bricht; aber am Eingang der Höhle konnte man trocken hinter +einer breiten Wassermasse stehen, die sich im Bogen über den Steindamm +stürzte. In andern tieferen, aber nicht so großen Höhlen war das Gestein +durch lang dauernde Einsickerung durchbohrt. Wir sahen 8 bis 9 Zoll +dicke Wassersäulen von der Decke des Gewölbes herabkommen und durch +Spalten entweichen, die auf weite Strecken zusammenzuhängen schienen. + +Die Wasserfälle in Europa, die aus einem einzigen Sturz oder aus +mehreren dicht hinter einander bestehen, können keine so mannigfaltigen +Landschaftsbilder erzeugen. Diese Mannigfaltigkeit kommt nur +»Stromschnellen« zu, wo auf mehrere Seemeilen weit viele kleine Fälle in +einer Reihe hinter einander liegen, Flüssen, die sich über Felsdämme und +durch aufgethürmte Blöcke Bahn brechen. Wir genossen des Anblicks dieses +außerordentlichen Naturbildes länger, als uns lieb war. Unser Canoe +sollte am östlichen Ufer einer schmalen Insel hinfahren und uns nach +einem weiten Umweg wieder aufnehmen. Wir warteten anderthalb Stunden +vergeblich. Die Nacht kam heran und mit ihr ein furchtbares Gewitter; +der Regen goß in Strömen herab. Wir fürchteten nachgerade, unser +schwaches Fahrzeug möchte an den Felsen zerschellt seyn, und die +Indianer mit ihrer gewöhnlichen Gleichgültigkeit beim Ungemach Anderer +sich auf den Weg zur Mission gemacht haben. Wir waren nur unser drei; +stark durchnäßt und voll Sorge um unsere Pirogue bangten wir vor der +Aussicht, eine lange Aequinoctialnacht schlaflos im Lärm der Raudales +zuzubringen. Bonpland faßte den Entschluß, mich mit Don Nicolas +Sotto[^66] der Insel zu lassen und über die Flußarme zwischen den +Granitdämmen zu schwimmen. Er hoffte den Wald erreichen und in der +Mission bei Pater Zea Beistand holen zu können. Nur mit Mühe hielten wir +ihn von diesem gewagten Beginnen ab. Er war unbekannt mit dem Labyrinth +von Wasserrinnen, in die der Orinoco zerschlagen ist und in denen meist +starke Wirbel sind. Und was jetzt, da wir eben über unsere Lage +berathschlagten, unter unsern Augen vorging, bewies hinreichend, daß die +Indianer fälschlich behauptet hatten, in den Katarakten gebe es keine +Krokodile. Die kleinen Affen, die wir seit mehreren Monaten mit uns +führten, hatten wir auf die Spitze unserer Insel gestellt; vom +Gewitterregen durchnäßt und für die geringste Wårmeabnahme empfindlich, +wie sie sind, erhoben die zärtlichen Thiere ein klägliches Geschrei und +lockten damit zwei nach ihrer Größe und ihrer bleigrauen Farbe sehr alte +Krokodile herbei. Bei dieser unerwarteten Erscheinung war uns der +Gedanke, daß wir bei unserm ersten Aufenthalt in Atures mitten im Raudal +gebadet, eben nicht behaglich. Nach langem Warten kamen die Indianer +endlich, als schon der Tag sich neigte. Die Staffel, über die sie hatten +herab wollen, um die Insel zu umfahren, war wegen zu seichten Wassers +nicht fahrbar, und der Steuermann hatte im Gewirre von Felsen und +kleinen Inseln lange nach einer besseren Durchfahrt suchen müssen. Zum +Glück war unsere Pirogue nicht beschädigt, und in weniger als einer +halben Stunde waren unsere Instrumente, unsere Mundvorräthe und unsere +Thiere eingeschifft. + +Wir fuhren einen Theil der Nacht durch, um unser Nachtlager wieder auf +der Insel Panumana aufzuschlagen· Mit Vergnügen erkannten wir die Plätze +wieder, wo wir bei der Fahrt den Orinoco hinauf botanisirt hatten. Wir +untersuchten noch einmal am Ufer die kleine Sandsteinformation, die +unmittelbar dem Granit aufgelagert ist. Das Vorkommen ist dasselbe wie +beim Sandstein, den mein unglücklicher Landsmann Burckhardt an der +Grenze von Nubien dem Granit von Syene aufgelagert gesehen hat. Wir +fuhren, ohne sie zu betreten, an der neuen Mission San Borja vorüber und +hörten einige Tage darauf mit Bedauern, die kleine Colonie von +Guahibos-Indianern sey al monte gelaufen, da sie sich eingebildet, wir +wollen sie fortschleppen und als Poitos, das heißt als Sklaven +verkaufen.[^67] Nachdem wir durch die Stromschnellen Tabaje und den +Raudal Cariven am Einfluß des großen Rio Meta gegangen, langten wir +wohlbehalten in Carichana an. Der Missionär, Fray Jose Antonio de Torre, +nahm uns mit der herzlichen Gastfreundschaft auf, die er uns schon bei +unserem ersten Aufenthalt hatte zu Theil werden lassen. Zu +astronomischen Beobachtungen war der Himmel nicht günstig; in den großen +Katarakten hatten wir wieder welche gemacht, aber von dort bis zum +Einfluß des Apure mußte man darauf verzichten. In Carichana konnte +Bonpland zu seiner Befriedigung eine neun Fuß lange Seekuh seciren. Es +war ein Weibchen und ihr Fleisch glich dem Rindfleisch. Ich habe oben +vom Fang dieses grasfressenden Wassersäugethiers gesprochen.[^68] Die +Piraoas, von denen einige Familien in der Mission Carichana leben, +verabscheuen dieses Thier so sehr, daß sie sich versteckten um es nicht +anrühren zu müssen, als es in unsere Hütte geschafft wurde. Sie +behaupten, »die Leute ihres Stammes sterben unfehlbar, wenn sie davon +essen«. Dieses Vorurtheil ist desto auffallender, da die Nachbarn der +Pitaoas, die Guamos und Otomacos, nach dem Seekuhfleisch sehr lüstern +sind. Wir werden bald sehen, daß in diesem Gewirre von Völkerschaften +das Fleisch des Krokodils bald verabscheut, bald stark gesucht ist. + +Ich erwähne hier eines wenig bekannten Umstandes, als Beitrag zur +Geschichte der Seekuh. Südlich vom Meerbusen von Xagua auf Cuba, mehrere +Seemeilen von der Küste, sind Quellen süßen Wassers mitten im Meer. Man +erklärt sich dieselben aus einem hydrostatischen Druck von den hohen +Gebirgen von Trinidad herab durch unterirdische Canäle. Kleine Fahrzeuge +nehmen in diesem Strich zuweilen Wasser ein, und was sehr merkwürdig +ist, große Seekühe halten sich dort auf. Ich habe die Forscher bereits +darauf aufmerksam gemacht, daß die Krokodile aus den Flußmündungen weit +in die See hinausgehen. Bei den alten Umwälzungen unseres Planeten mögen +ähnliche Umstände das sonderbare Gemenge von Knochen und von +Versteinerungen, die der See, und solchen, die dem süßen Wasser +angehören, wie es in manchen neuen Formationen vorkommt, verursacht +haben. + +Der Aufenthalt in Carichana kam uns sehr zu statten, um uns von unsern +Strapazen zu erholen. Bonpland trug den Keim einer schweren Krankheit in +sich; er hätte dringend der Ruhe bedurft, da aber das +Nebenfluß-Delta[^69] zwischen dem Horeda und dem Paruasi mit dem +üppigsten Pflanzenwuchse bedeckt ist, konnte er der Lust nicht +widerstehen, große botanische Excursionen zu machen, und wurde den Tag +über mehrere male durchnäßt. Im Hause des Missionärs wurde für alle +unsere Bedürfnisse zuvorkommend gesorgt; man verschaffte uns Maismehl, +sogar Milch. Die Kühe geben in den Niederungen der heißen Zone reichlich +Milch, und es fehlt nirgends daran, wo es gute Weiden gibt. Ich erwähne +dieß ausdrücklich, weil in Folge örtlicher Verhältnisse im indischen +Archipelagus das Vorurtheil verbreitet ist, als ob ein heißes Klima auf +die Milchabsonderung ungünstig wirkte. Es begreift sich, daß die +Eingeborenen des neuen Continents sich aus der Milch nicht viel machen, +da das Land ursprünglich keine Thiere hatte, welche Milch geben; aber +billig wundert man sich, daß die ungeheure chinesische Bevölkerung, die +doch großentheils außerhalb der Tropen unter denselben Breiten wie die +nomadischen Stämme in Centralasien lebt, eben so gleichgültig dagegen +ist. Wenn die Chinesen einmal ein Hirtenvolk waren, wie geht es zu, daß +sie Sitten und einem Geschmack, die ihrem früheren Zustande so ganz +angemessen sind, ungetreu geworden? Diese Fragen scheinen mir von großer +Bedeutung sowohl für die Geschichte der Völker von Ostasien als +hinsichtlich der alten Verbindungen die, wie man glaubt, zwischen diesem +Welttheil und dem nördlichen Mexico stattgefunden haben können. + +Wir fuhren in zwei Tagen den Orinoco von Carichana zur Mission Uruana +hinab, nachdem wir wieder durch den vielberufenen Engpaß beim Baraguan +gegangen[^70] Wir hielten öfters an, um die Geschwindigkeit des Stroms +und seine Temperatur an der Oberfläche zu messen. Letztere betrug 27°4, +die Geschwindigkeit 2 Fuß in der Secunde (62 Toisen in 3 Minuten 6 +Secunden), an Stellen, wo das Bett des Orinoco über 12,000 Fuß breit und +10 bis 12 Faden tief war. Der Fall des Flusses ist allerdings von den +Katarakten bis Angostura höchst unbedeutend,[^71] und ohne barometrische +Messung ließe sich der Höhenunterschied ungefähr schätzen, wenn man von +Zeit zu Zeit die Geschwindigkeit und die Breite und Tiefe des +Stromstücks mäße. In Uruana konnten wir einige Sternbeobachtungen +machen. Ich fand die Breite der Mission gleich 7°8′, da aber die +verschiedenen Sterne abweichende Resultate gaben, blieb sie um mehr als +eine Minute unsicher. Die Moskitoschicht am Boden war so dicht, daß ich +mit dem Richten des künstlichen Horizonts nicht fertig werden konnte, +und ich bedauerte, nicht mit einem Quecksilberhorizont versehen zu seyn. +Am 7. Juni erhielt ich durch gute absolute Sonnenhöhen eine Länge von +69°40′. Seit Esmeralda waren wir um 1 Grad 17 Minuten gegen West +vorgerückt, und diese chronometrische Bestimmung verdient volles +Zutrauen, weil wir auf dem Hin- und dem Herweg, in den großen Katarakten +und an den Mündungen des Atabapo und des Apure beobachtet hatten. + +Die Mission Uruana ist ungemein malerisch gelegen; das kleine +indianische Dorf lehnt sich an einen hohen Granitberg. Ueberall steigen +Felsen wie Pfeiler über dem Walde auf und ragen über die höchsten +Baumwipfel empor. Nirgends nimmt sich der Orinoco majestätischer aus als +bei der Hütte des Missionärs Fray Ramon Bueno. Er ist hier über 2600 +Toisen breit und läuft gerade gegen Ost, ohne Krümmung, wie ein +ungeheurer Canal. Durch zwei lange, schmale Inseln (Isla de Uruana und +Isla vieja de la Manteca) wird das Flußbett noch ausgedehnter; indessen +laufen die Ufer parallel und man kann nicht sagen, der Orinoco theile +sich in mehrere Arme. + +Die Mission ist von Otomacos bewohnt, einem versunkenen Stamm, an dem +man eine der merkwürdigsten physiologischen Erscheinungen beobachtet. +Die Otomaken essen Erde, das heißt sie verschlingen sie mehrere Monate +lang täglich in ziemlich bedeutender Menge, um den Hunger zu +beschwichtigen, ohne daß ihre Gesundheit dabei leidet. Diese +unzweifelhafte Thatsache hat seit meiner Rückkehr nach Europa lebhaften +Widerspruch gefunden, weil man zwei ganz verschiedene Sätze: Erde essen, +und sich von Erde nähren, zusammenwarf. Wir konnten uns zwar nur einen +einzigen Tag in Uruana aufhalten, aber dieß reichte hin, um die +Bereitung der Poya (der Erdkugeln) kennen zu lernen, die Vorräthe, +welche die Eingeborenen davon angelegt, zu untersuchen und die Quantität +Erde, die sie in 24 Stunden verschlingen, zu bestimmen. Uebrigens sind +die Otomaken nicht das einzige Volk am Orinoco, bei dem Thon für ein +Nahrungsmittel gilt. Auch bei den Guamos findet man Spuren von dieser +Verirrung des Nahrungstriebs, und zwischen den Einflüssen des Meta und +des Apure spricht Jedermann von der Geophagie als von etwas +Altbekanntem. Ich theile hier nur mit, was wir mit eigenen Augen gesehen +oder aus dem Munde des Missionärs vernommen, den ein schlimmes Geschick +dazu verurtheilt hat, zwölf Jahre unter dem wilden, unruhigen Volke der +Otomaken zu leben. + +Die Einwohner von Uruana gehören zu den Savanenvölkern (Indios +andantes), die schwerer zu civilisiren sind als die Waldvölker (Indios +del monte), starke Abneigung gegen den Landbau haben und fast +ausschließlich von Jagd und Fischfang leben. Es sind Menschen von sehr +starkem Körperbau, aber häßlich, wild, rachsüchtig, den gegohrenen +Getränken leidenschaftlich ergeben. Sie sind im höchsten Grad »omnivore +Thiere«; die andern Indianer, die sie als Barbaren ansehen, sagen daher +auch, »nichts sey so ekelhaft, das ein Otomake nicht esse.« So lange das +Wasser im Orinoco und seinen Nebenflüssen tief steht, leben die Otomaken +von Fischen und Schildkröten. Sie schießen jene mit überraschender +Fertigkeit mit Pfeilen, wenn sie sich an der Wasserfläche blicken +lassen. Sobald die Anschwellungen der Flüsse erfolgen, die man in +Südamerika wie in Aegypten und Nubien irrthümlich dem Schmelzen des +Schnees zuschreibt, und die in der ganzen heißen Zone periodisch +eintreten, ist es mit dem Fischfang fast ganz vorbei. Es ist dann so +schwer, in den tiefen Flüssen Fische zu bekommen, als auf offener See. +Die armen Missionäre am Orinoco haben gar oft keine, weder an Fasttagen, +noch an Nichtfasttagen, obgleich alle jungen Indianer im Dorf +verpflichtet sind, »für das Kloster zu fischen«. Zur Zeit der +Ueberschwemmungen nun, die zwei bis drei Monate dauern, verschlingen die +Otomaken Erde in unglaublicher Masse. Wir fanden in ihren Hütten +pyramidalisch aufgesetzte, 3—4 Fuß hohe Kugelhaufen; die Kugeln hatten +3—4 Zoll im Dnrchmesser. Die Erde, welche die Otomaken essen, ist ein +sehr feiner, sehr fetter Letten; er ist gelbgrau, und da er ein wenig am +Feuer gebrannt wird, so sticht die harte Kruste etwas ins Rothe, was vom +darin enthaltenen Eisenoxyd herrührt. Wir haben von dieser Erde, die wir +vom Wintervorrath der Indianer genommen, mitgebracht. Daß sie +specksteinartig sey und Magnesia enthalte, ist durchaus unrichtig. +Vauquelin fand keine Spur davon darin, dagegen mehr Kieselerde als +Alaunerde und 3—4 Procent Kalk. + +Die Otomaken essen nicht jede Art Thon ohne Unterschied; sie suchen die +Alluvialschichten auf, welche die fetteste, am feinsten anzufühlende +Erde enthalten. Ich fragte den Missionär, ob man den befeuchteten Thon +wirklich, wie Pater Gumilla behauptet, die Art von Zersetzung +durchmachen lasse, wobei sich Kohlensäure und Schwefelwasserstoff +entwickeln, und die in allen Sprachen faulen heißt; er versicherte uns +aber, die Eingeborenen lassen den Thon niemals faulen, und vermischen +ihn auch weder mit Maismehl, noch mit Schildkrötenöl oder Krokodilfett. +Wir selbst haben schon am Orinoco und nach unserer Heimkehr in Paris die +mitgebrachten Kugeln untersucht und keine Spur einer organischen, sey es +mehligten oder öligten Substanz darin gefunden. Dem Wilden gilt Alles +für nahrhaft, was den Hunger beschwichtigt; fragt man daher den +Otomaken, von was er in den zwei Monaten, wo der Fluß am vollsten ist, +lebe, so deutet er auf seine Lettenkugeln. Er nennt sie seine +Hauptnahrung, denn in dieser Zeit bekommt er nur selten eine Eidechse, +eine Farnwurzel, einen todten Fisch, der auf dem Wasser schwimmt. Ißt +nun der Indianer zwei Monate lang Erde aus Noth (und zwar ¾ bis ⁵⁄₄ +Pfund in vierundzwanzig Stunden), so läßt er sie sich doch auch das +übrige Jahr schmecken. In der trockenen Jahreszeit, beim ergiebigsten +Fischfang, reibt er seine Poyaklöße und mengt etwas Thon unter seine +Speisen. Das Auffallendste ist, daß die Otomaken nicht vom Fleische +fallen, solange sie Erde in so bedeutender Menge verzehren. Sie sind im +Gegentheil sehr kräftig und haben keineswegs einen gespannten, +aufgetriebenen Bauch. Der Missionär Fray Ramon Bueno versichert, er habe +nie bemerkt, daß die Gesundheit der Eingeborenen während der +Ueberschwemmung des Orinoco eine Störung erlitten hätte. + +Das Thatsächliche, das wir ermitteln konnten, ist ganz einfach +Folgendes. Die Otomaken essen mehrere Monate lang täglich dreiviertel +Pfund am Feuer etwas gehärteten Letten, ohne daß ihre Gesundheit dadurch +merklich leidet. Sie netzen die Erde wieder an, bevor sie sie +verschlucken. Es ließ sich bis jetzt nicht genau ermitteln, wie viel +nährende vegetabi- lische oder thierische Substanz sie während dieser +Zeit in der Woche zu sich nehmen; so viel ist aber sicher, sie selbst +schreiben ihr Gefühl der Sättigung dem Letten zu und nicht den +kümmerlichen Nahrungsmitteln, die sie von Zeit zu Zeit daneben genießen. +Keine physiologische Erscheinung steht für sich allein da, und so wird +es nicht ohne Interesse seyn, wenn ich mehrere ähnliche Erscheinungen, +die ich zusammengebracht, hier bespreche. + +In der heißen Zone habe ich aller Orten bei vielen Individuen, bei +Kindern, Weibern, zuweilen aber auch bei erwachsenen Männern einen +abnormen, fast unwiderstehlichen Trieb bemerkt, Erde zu essen, +keineswegs alkalische oder kalkhaltige Erde, um (wie man gemeiniglich +glaubt) saure Säfte zu neutralisiren, sondern einen fetten, +schlüpfrigen, stark riechenden Thon. Oft muß man den Kindern die Hände +binden oder sie einsperren, um sie vom Erdeessen abzuhalten, wenn der +Regen aufhört. Im Dorfe Banco am Magdalenenstrom sah ich indianische +Weiber, die Töpfergeschirr verfertigen, fortwährend große Stücke Thon +verzehren. Dieselben waren nicht schwanger und versicherten, »die Erde +sey eine Speise, die ihnen nicht schade.« Bei andern amerikanischen +Völkerschaften werden die Menschen bald krank und zehren aus, wenn sie +sich von der Sucht, Thon zu verschlucken, zu sehr hinreißen lassen. In +der Mission San Borja sahen wir ein Kind von der Nation der Guahibos, +das mager war wie ein Skelett. Die Mutter ließ uns durch den Dolmetscher +sagen, diese Abzehrung komme von unordentlicher Eßlust her. Seit vier +Monaten wollte das kleine Mädchen fast nichts Anderes zu sich nehmen als +Letten. Und doch sind es nur 25 Meilen von San Borja nach Uruana, wo der +Stamm der Otomaken wohnt, die, ohne Zweifel in Folge allmähliger +Angewöhnung, die Poya ohne Nachtheil verschlucken. Pater Gumilla +behauptet, trete bei den Otomaken Verstopfung ein, so führen sie mit +Krokodilöl, oder vielmehr mit geschmolzenem Krokodilfett ab; aber der +Missionär, den wir bei ihnen antrafen, wollte hievon nichts wissen. Man +fragt sich, warum in kalten und gemäßigten Himmelsstrichen die Sucht +Erde zu essen weit seltener ist als in der heißen Zone, warum sie in +Europa nur bei schwangern Weibern und schwächlichen Kindern vorkommt? +Dieser Unterschied zwischen der heißen und der gemäßigten Zone rührt +vielleicht nur von der Trägheit der Function des Magens in Folge der +starken Hautausdünstung her. Man meinte die Beobachtung zu machen, daß +bei den afrikanischen Sklaven der abnorme Trieb Erde zu essen zunimmt +und schädlicher wird, wenn sie auf reine Pflanzenkost gesetzt werden und +man ihnen die geistigen Getränke entzieht. Wird durch letztere das +Lettenessen weniger schädlich, so hätte man den Otomaken beinahe Glück +dazu zu wünschen, daß sie so große Trunkenbolde sind. + +Auf der Küste von Guinea essen die Neger als Leckerbissen eine +gelblichte Erde, die sie Caouac nennen. Die nach Amerika gebrachten +Sklaven suchen sich denselben Genuß zu verschaffen, aber immer auf +Kosten ihrer Gesundheit. Sie sagen, »die Erde auf den Antillen sey nicht +so verdaulich, wie die in ihrem Landes.« Thibaut de Chanvalon äußert in +seiner Reise nach Martinique über diese pathologische Erscheinung sehr +richtig: »Eine andere Ursache des Magenwehs ist, daß manche Neger, die +von der Küste von Guinea herüberkommen, Erde essen. Es ist dieß bei +ihnen nicht verdorbener Geschmack oder Folge einer Krankheit, sondern +Gewöhnung von Afrika her, wo sie, wie sie sagen, eine gewisse Erde +essen, die ihnen wohlschmeckt, und zwar ohne davon belästigt zu werden. +Auf unsern Inseln sehen sie sich nun nach der Erde um, die jener am +nächsten kommt, und greifen zu einem rothgelben (vulkanischen) Tuff. Man +verkauft denselben heimlich auf den Märkten, ein Mißbrauch, dem die +Polizei steuern sollte. Die Neger, welche diese Unsitte haben, sind so +lüstern nach Caouac, daß keine Strafe sie vom Genuß desselben abzuhalten +vermag.« + +Im indischen Archipel, auf Java, sah Labillardière zwischen Sourabaya +und Samarang kleine viereckigte, röthlichte Kuchen verkaufen. Diese +Kuchen, Tanaampo genannt, waren Waffeln aus leicht geröstetem Thon, den +die Eingeborenen mit Appetit verzehren. Da seit meiner Rückkehr vom +Orinoco die Physiologen auf diese Erscheinungen von Geophagie aufmerksam +geworden waren, so machte Leschenault (einer der Naturforscher bei der +Entdeckungsreise nach Australien unter Capitän Baudin) interessante +Angaben über den Tanaampo oder Ampo der Javaner. »Man legt,« sagt er, +»den röthlichten, etwas eisenschüssigen Thon, den die Einwohner von Java +zuweilen als Leckerei genießen, in kleinen Rollen, in der Form wie die +Zimmtrinde, auf eine Blechplatte und röstet ihn; in dieser Form heißt er +Ampo und ist auf dem Markte feil. Die Substanz hat einen eigenthümlichen +Geschmack, der vom Rösten herrührt; sie ist stark absorbirend, klebt an +der Zunge und macht sie trocken. Der Ampo wird fast nur von den +javanesischen Weibern gegessen, entweder in der Schwangerschaft, oder +weil sie mager werden wollen, denn Mangel an Körperfülle gilt dort zu +Lande für schön. Der Erdegenuß ist der Gesundheit nachtheilig; die +Weiber verlieren allmählich die Eßlust und nehmen nur mit Widerwillen +sehr wenig Speise zu sich. Aber der Wunsch, mager und schlank zu +bleiben, läßt sie aller Gefahr trotzen und erhält den Ampo bei Credit.«« +— Auch die barbarischen Bewohner von Neu-Caledonien essen zur Zeit der +Noth, um den Hunger zu beschwichtigen, mächtige Stücke eines weißen, +zerreiblichen Topfsteins. Vauquelin fand darin bei der Analyse, neben +Magnesia und Kieselerde zu gleichen Theilen, eine kleine Menge +Kupferoxyd. Eine Erde, welche Golberry die Neger in Afrika auf den +Inseln Bunck und los Idolos essen sah und von der er ohne Beschwerde +selbst gegessen, ist gleichfalls ein weißer, zerreiblicher Speckstein. +Alle diese Fälle gehören der heißen Zone an; überblickt man sie, so muß +es auffallen, daß ein Trieb, von dem man glauben sollte, die Natur werde +ihn nur den Bewohnern der unfruchtbarsten Landstriche eingepflanzt +haben, bei verwilderten, trägen Völkern vorkommt, die gerade die +herrlichsten, fruchtbarsten Länder der Erde bewohnen. In Popayan und +mehreren Gebirgsstrichen von Peru sahen wir auf offenem Markte an die +Eingeborenen unter andern Waaren auch sehr fein gepulverten Kalk +verkaufen. Man mengt dieses Pulver mit Coca, das heißt mit den Blättern +des Erythroxylon peruvianum. Bekanntlich nehmen die indianischen +Botenläufer mehrere Tage lang keine andere Nahrung zu sich als Kalk und +Coca; beide befördern die Absonderung des Speichels und des Magensaftes; +sie benehmen die Eßlust, ohne dem Körper Nahrungsstoff zuzuführen. +Anderswo in Südamerika, am Rio de la Hacha, verschlucken die Guajiros +nur den Kalk ohne Zusatz von Pflanzenstoff. Sie führen beständig eine +kleine Büchse mit Kalk bei sich, wie wir die Tabaksdose und die Asiaten +die Betelbüchse. Diese amerikanische Sitte war schon den ersten +spanischen Seefahrern auffallend erschienen. Der Kalk schwärzt die +Zähne, und im ostindischen Archipel, wie bei manchen amerikanischen +Horden, gelten schwarze Zähne für schön. Im kalten Landstrich des +Königreichs Quito essen in Tigua die Eingeborenen täglich aus Leckerei +und ohne Beschwerde einen sehr feinen, mit Quarzsand gemengten Thon. +Dieser Thon macht das Wasser, in dem er suspendirt ist, milchigt. Man +sieht in ihren Hütten große Gefäße mit diesem Wasser, das als Getränke +dient und bei den Indianern agua oder leche de Llanka. (Thonmilch) +heißt. + +Ueberblickt man alle diese Fälle, so zeigt sich, daß dieser abnorme +Trieb zum Genuß von Thonerde, Talkerde und Kalk am häufigsten bei +Bewohnern der heißen Zone vorkommt, daß er nicht immer Krankheit zur +Folge hat, und daß manche Stamme Erde aus Leckerei essen, während andere +(die Otomaken in Amerika und die Neu-Caledonier in der Südsee) sie aus +Noth verzehren, um den Hunger zu beschwichtigen. Aus sehr vielen +physiologischen Erscheinungen geht hervor, daß der Hunger augenblicklich +gestillt werden kann, ohne daß die Substanzen, die man der Wirkung der +Verdauungsorgane unterwirft, eigentlich nahrhaft sind. Der Letten der +Otomaken, der aus Thonerde und Kieselerde besteht, enthält +wahrscheinlich nichts oder so gut wie nichts was zur Bildung der Organe +des Menschen beiträgt. Kalkerde und Talkerde sind enthalten in den +Knochen, in der Lymphe des Brustgangs, im Farbstoff des Bluts und in den +weißen Haaren; Kieselerde in sehr kleiner Menge in den schwarzen Haaren +und, nach Vauquelin, Thonerde nur in ein paar Atomen in den Knochen, +obgleich sie in vielen Pflanzenstoffen, die uns als Nahrung dienen, in +Menge vorkommt. Es ist beim Menschen nicht wie bei belebten Wesen auf +niedrigerer Organisationsstufe. Bei jenem werden nur die Stoffe +assimilirt, aus denen die Knochen, die Muskeln, das Nervenmark und das +Gehirn wesentlich zusammengesetzt sind; die Gewächse dagegen saugen aus +dem Boden die Salze auf, die sich zufällig darin vorfinden, und die +Beschaffenheit ihres Fasergewebes richtet sich nach dem Wesen der +Erdarten, die an ihrem Standort die vorherrschenden sind. Es ist ein +Punkt, der zur eifrigsten Forschung auffordert und der auch mich schon +lange beschäftigt hat, daß so wenige einfache Stoffe (Erden und Metalle) +in den Geweben der belebten Wesen enthalten sind, und daß nur sie +geeignet scheinen, den chemischen Lebensproceß, wenn man so sagen darf, +zu unterhalten. + +Das Gefühl des Hungers und das unbestimmte Schwächegefühl in Folge von +Nahrungsmangel und andern pathologischen Ursachen sind nicht zu +verwechseln. Das Gefühl des Hungers hört auf, lange bevor die Verdauung +vorüber oder der Chymus in Chylus verwandelt ist. Es hört auf entweder +weil die Nahrungsstoffe auf die Magenwände tonisch wirken, oder weil der +Verdauungsapparat mit Stoffen gefüllt ist, welche die Schleimhäute zu +reichlicher Absonderung des Magensaftes reizen. Diesem tonischen +Eindruck auf die Magennerven kann man die rasche heilsame Wirkung der +sogenannten nährenden Arzneimittel zuschreiben, der Chocolate und aller +Stoffe, die gelinde reizen und zugleich nähren. Für sich allein +gebraucht ist ein Nahrungsstoff (Stärkmehl, Gummi oder Zucker) zur +Assimilation und zum Ersatz der Verluste, welche der menschliche Körper +erlitten, weniger geeignet, weil es dabei an einem Nervenreiz fehlt. Das +Opium, das nicht nährt, wird in Asien mit Erfolg bei großer Hungersnoth +gebraucht: es wirkt als tonisches Mittel. Ist aber der Stoff, der den +Magen füllt, weder als ein Nahrungsmittel, das heißt als assimilirbar, +noch als ein tonischer Nervenreiz zu betrachten, so rührt die +Beschwichtigung des Hungers wahrscheinlich von der reichlichen +Absonderung des Magensaftes her. Wir berühren hier ein Gebiet der +Physiologie, auf dem noch Manches dunkel ist. Der Hunger wird +beschwichtigt, das unangenehme Gefühl der Leere hört auf, so bald der +Magen angefüllt ist. Man sagt, der Magen müsse Ballast haben; in allen +Sprachen gibt es figürliche Ausdrücke für die Vorstellung, daß eine +mechanische Ausdehnung des Magens ein angenehmes Gefühl verursacht. Zum +Theil noch in ganz neuen physiologischen Werken ist von der +schmerzhaften Zusammenziehung des Magens im Hunger, von der Reibung der +Magenwände an einander, von der Wirkung des sauren Magensaftes auf das +Gewebe der Verdauungsorgane die Rede. Bichats Beobachtungen, besonders +aber Magendies interessante Versuche widersprechen diesen veralteten +Vorstellungen. Nach 24-, 48-, sogar 60stündiger Entziehung aller +Nahrungsmittel beobachtet man noch keine Zusammenziehung des Magens; +erst am vierten und fünften Tag scheinen die Dimensionen des Organs +etwas abzunehmen. Je länger die Nahrungsentziehung dauert, desto mehr +vermindert sich der Magensaft. Derselbe häuft sich keineswegs an, er +wird vielmehr wahrscheinlich wie ein Nahrungsmittel verdaut. Läßt man +Katzen oder Hunde einen unverdaulichen Körper, zum Beispiel einen +Kiesel, schlucken, so wird in die Magenhöhle in Menge eine schleimigte, +saure Flüssigkeit ausgesondert, die nach ihrer Zusammensetzung dem +menschlichen Magensaft nahe steht. Nach diesen Thatsachen scheint es mir +wahrscheinlich, daß, wenn der Mangel an Nahrungsstoff die Otomaken und +die Neu-Caledonier antreibt, einen Theil des Jahres hindurch Thon und +Speckstein zu verschlingen, diese Erden im Verdauungsapparat dieser +Menschen eine vermehrte Absonderung der eigenthümlichen Säfte des Magens +und der Bauchspeicheldrüse zur Folge haben. Meine Beobachtungen am +Orinoco wurden in neuester Zeit durch direkte Versuche zweier +ausgezeichneter junger Physiologen, Hippolyt Cloquet und Breschet, +bestätigt. Sie ließen sich hungrig werden und aßen dann fünf Unzen eines +grünlich silberfarbigen, blättrigen, sehr biegsamen Talks, und eine +Nahrung, an welche ihre Organe so gar nicht gewöhnt waren, verursachte +ihnen keine Beschwerde. Bekanntlich werden im Orient Bolus und +Siegelerde von Lemnos, die Thon mit Eisenoxyd sind, noch jetzt stark +gebraucht. In Deutschland streichen die Arbeiter in den Sandsteinbrüchen +am Kiffhäuser, statt der Butter, einen sehr seinen Thon, den sie +Steinbutter[^72] nennen, auf ihr Brod. Derselbe gilt bei ihnen für sehr +sättigend und leicht verdaulich. + +Wenn einmal in Folge der Aenderungen, welche der Verfassung der +spanischen Colonien bevorstehen, die Missionen am Orinoco häufiger von +unterrichteten Reisenden besucht werden, so wird man genau ermitteln, +wie viele Tage die Otomaken leben können, ohne neben der Erde wirklichen +thierischen oder vegetabilischen Nahrungsstoff zu sich zu nehmen. Es ist +eine bedeutende Menge Magensaft und Saft der Bauchspeicheldrüse +erforderlich, um eine solche Masse Thon zu verdauen oder vielmehr +einzuhüllen und mit dem Koth auszutreiben. Daß die Absonderung dieser +Säfte, welche bestimmt sind, sich mit dem Thymus zu verbinden, durch den +Thon im Magen und im Darm gesteigert wird, ist leicht zu begreifen; wie +kommt es aber, daß eine so reichliche Secretion, die dem Körper +keineswegs neue Bestandtheile zuführt, sondern nur Bestandtheile, die +auf andern Wegen bereits da sind, anderswohin schafft, auf die Länge +kein Gefühl der Erschöpfung zur Folge hat? Die vollkommene Gesundheit, +deren die Otomaken genießen, so lange sie sich wenig Bewegung machen und +sich auf so ungewöhnliche Weise nähren, ist eine schwer zu erklärende +Erscheinung. Man kann sie nur einer durch lange Geschlechtsfolge +erworbenen Gewöhnung zuschreiben. Der Verdauungsapparat ist sehr +verschieden gebaut, je nachdem die Thiere ausschließlich von Fleisch +oder von Pflanzenstoff leben; wahrscheinlich ist auch der Magensaft +verschieden, je nachdem er thierische oder vegetabilische Substanzen zu +verdauen hat, und doch bringt man es allmählig dahin, daß +Pflanzenfresser und Fleischfresser ihre Kost vertauschen, daß jene +Fleisch, diese Körner fressen. Der Mensch kann sich daran gewöhnen, +ungemein wenig Nahrung zu sich zu nehmen, und zwar ohne Sehmerzgefühl, +wenn er tonische oder reizende Mittel anwendet (verschiedene +Arzneimittel, kleine Mengen Opium, Betel, Tabak, Cocablätter), oder wenn +er von Zeit zu Zeit den Magen mit erdigen, geschmacklosen, für sich +nicht nährenden Stoffen anfüllt. Gleich dem wilden Menschen verschlucken +auch manche Thiere im Winter aus Hunger Thon oder zerreiblichen +Speckstein, namentlich die Wölfe im nordöstlichen Europa, die +Rennthiere, und, nach Patrins Beobachtung, die Rehe in Sibirien. Am +Jenisei und Amur brauchen die russischen Jäger einen Thon, den sie +Felsbutter nennen, als Köder. Die Thiere wittern den Thon von weitem, +sie riechen ihn gerne, wie die Weiber in Spanien und Portugal den +Bucaros-Thon,[^73] die sogenannten wohlriechenden Erden (tierras +olorosas). Brown erzählt in seiner Geschichte von Jamaica, die Krokodile +in Südamerika verschlingen kleine Steine oder Stücke sehr harten Holzes, +wenn die Seen, in denen sie leben, ausgetrocknet sind oder sie sonst +keine Nahrung finden. Im Magen eines eilf Fuß langen Krokodils, das +Bonpland und ich in Batallez am Magdalenenstrom zergliederten, fanden +wir halbverdaute Fische und runde, drei bis vier Zoll starke +Granitstücke. Es ist nicht anzunehmen, daß die Krokodile diese Steine +zufällig verschlucken, denn wenn sie die Fische unten im Strome packen, +ruht ihre untere Kinnlade nicht auf dem Boden. Die Indianer haben die +abgeschmackte Idee ausgeheckt, diese trägen Thiere machen sich gerne +schwerer, um leichter zu tauchen. Ich glaube vielmehr, sie nehmen große +Kiesel in den Magen auf, um dadurch eine reichliche Absonderung des +Magensaftes herbeizuführen. Magendies Versuche sprechen für diese +Auffassung. Was die Gewohnheit der körnerfressenden Vögel, namentlich +der hühnerartigen und der Strauße betrifft, Sand und kleine Steine zu +verschlucken, so hat man sie bisher dem instinktmäßigen Trieb der Thiere +zugeschrieben, die Zerreibung der Nahrung in ihrem dicken Muskelmagen zu +beschleunigen. + +Wir haben oben gesehen, daß Negerstämme am Gambia Thon unter ihren Reis +mischen; vielleicht hatten früher manche Familien der Otomaken den +Brauch, Mais und andere mehligte Samen in ihrer Poya »faulen« zu lassen, +um Erde und stärkemehlhaltigen Stoff zugleich zu genießen; vielleicht +ist es eine unklare Beschreibung einer solchen Zubereitung, wenn Pater +Gumilla im ersten Band seines Werkes behauptet, »die Guamos und Otomacos +nähren sich nur deßhalb von Erde, weil dieselbe mit substancia del maiz +und Kaimanfett getränkt sey.« Ich habe schon oben erwähnt, daß weder der +gegenwärtige Missionär in Uriana, noch Fray Juan Gonzales, der lange in +diesen Ländern gelebt, von dieser Vermengung thierischen und +vegetabilischen Stoffes mit der Poya etwas wissen. Vielleicht hat Pater +Gumilla die Zubereitung der Erde, welche die Eingeborenen essen, mit +einem andern Brauche derselben verwechselt (von dem sich Bonpland an Ort +und Stelle überzeugte), nämlich die Bohnen einer Mimosenart in den Boden +zu graben, dieselben sich zersetzen zu lassen und ein weißes, +schmackhaftes, aber schwer verdauliches Brod daraus zu bereiten. Die +Poyakugeln, die wir dem Wintervorrath der Indianer entnommen, +enthielten, ich wiederhole es, keine Spur von thierischem Fett oder von +Stärkmehl. Gumilla ist einer der leichtgläubigsten Reisenden, die wir +kennen und so sieht man sich fast versucht, an Umstände zu glauben, die +er meint läugnen zu müssen. Zum Glück nimmt der Jesuit im zweiten Band +seines Werkes großentheils wieder zurück, was er im ersten behauptet: er +zweifelt jetzt nicht daran, »daß das Brod der Otomacos und Guamos +wenigstens (a lo menos) zur Hälfte Thon enthält; er versichert, Kinder +und Erwachsene essen, ohne Schaden für die Gesundheit, nicht nur dieses +Brod, sondern auch große Massen reinen Thon (muchos terrones de pura +greda).« Er sagt weiter, wer davon den Magen beschwert fühle, führe ein +paar Tage mit Krokodilfett ab, und dieses Fett bringe ihnen die Eßlust +wieder, so daß sie von neuem bloße Erde essen können. Ich bezweifle, daß +die Manteca de Caiman ein Abführmittel ist, da sie aber sehr flüssig +ist, so mag sie die Erde, die nicht mit dem Koth weggeschafft worden +ist, einhüllen helfen. So viel ist gewiß, daß die Guamos wenn nicht das +Fett, so doch das Fleisch des Krokodils, das uns weiß und ohne +Bisamgeruch schien, sehr gerne essen. In Sennaar ist dasselbe, nach +Burckhardt, gleichfalls gesucht und wird auf dem Markt verkauft. + +Ich kann hier Fragen nicht unberührt lassen, die in mehreren +Abhandlungen, zu denen meine Reise auf dem Orinoco Anlaß gegeben, +besprochen worden sind. Leschenaut wirft die Frage auf, ob nicht der +Gebrauch des Ampo (des javanischen Thons) dadurch gute Dienste leisten +könnte, daß er augenblicklich den Hunger beschwichtigt, wenn man keine +Nahrungsmittel hat oder zu ungesunden, schädlichen, wenn auch +organischen Substanzen greifen müßte. Ich glaube, bei Versuchen über die +Folgen langer Entziehung der Nahrung würde sich zeigen, daß ein Thier, +das man (nach der Art der Otomaken) Thon verschlucken ließe, weniger zu +leiden hätte als ein anderes, in dessen Magen man gar keine Nahrung +brächte. Ein italienischer Physiolog hebt hervor, wie wenig +phosphorsaure Kalk- und Bittererde, Kieselerde, Schwefel, Natron, Fluor, +Eisen und Mangan, und dagegen wie viel Kohlensäure, Sauerstoff, +Stickstoff und Wasserstoff in den festen und flüssigen Theilen des +menschlichen Körpers enthalten sey, und fragt, ob die Athmung nicht als +ein fortwährender Ernährungsakt zu betrachten sey, während der +Verdauungsapparat mit Lehm gefüllt ist? Die chemische Analyse der +eingeathmeten und der ausgeathmeten Luft spricht nicht für diese +Annahme. Der Verlust einer sehr kleinen Menge Stickstoff ist schwer zu +ermitteln, und es ist anzunehmen, daß sich die Funktion des Athmens im +Allgemeinen darauf beschränkt, Kohlenstoff und Wasserstoff dem Körper zu +entziehen. + +Ein befeuchtetes Gemische von phosphorsaurem und kohlensaurem Kalk kann +nicht nährend seyn, wie gleichfalls stickstofflose, aber dem organischen +Reich angehörende Substanzen (Zucker, Gummi, Stärkmehl). Unsere +Verdauungsapparate sind gleichsam galvanische Säulen, die nicht alle +Substanzen zerlegen. Die Assimilation hört auf, nicht allein weil die +Stoffe, die in den Magen gelangen, keine Elemente enthalten, die mit +denen, aus welchen der menschliche Körper besteht, übereinkommen, +sondern auch weil die Verdauung (die chemische Zersetzung) nicht alle +Verbindungen ohne Unterschied in ihren Bereich zieht. Beschäftigt man +sich übrigens mit solchen allgemeinen physiologischen Problemen, so +fragt man sich unwillkürlich, wie es mit der Gesellschaft, oder vielmehr +mit dem Menschengeschlecht stände, wenn der Mensch keine Produkte der +Organisation und der Lebenskraft als Nahrungsmittel nöthig hätte. Keine +Gewöhnung kann die Art und Weise der Ernährung wesentlich abändern. Wir +werden niemals Erde verdauen und assimiliren lernen; seit aber +Gay-Lussacs und Thenards wichtige Forschungen uns belehrt haben, daß das +härteste Holz und das Stärkmehl sich nur dadurch unterscheiden, daß die +Verhältnisse zwischen Sauerstoff, Wasserstoff und Kohlenstoff dort und +hier ein klein wenig anders sind, wie sollte man da bestreiten, daß es +der Chemie noch gelingen könnte, jene ungeheuren vegetabilischen Massen, +jene Gewebe verhärteter Fasern, aus denen die Stämme unserer Waldbäume +bestehen, in Nahrungsstoff zu verwandeln? Von Belang könnte eine solche +Entdeckung nur werden, wenn das Verfahren einfach und nicht kostspielig +wäre; unter dieser, allerdings keineswegs wahrscheinlichen Voraussetzung +müßten aber dadurch in der ganzen Verfassung des Gesellschaftskörpers, +im Taglohn, in der Vertheilung der Bevölkerung über die Erdoberfläche +die größten Veränderungen eintreten. Einerseits würde der Mensch damit +unabhängiger, andererseits wäre die nothwendige Folge, daß die Bande der +Gesellschaft sich lösten und die Grundlagen des Gewerbfleißes und der +Cultur untergraben würden. + +Das kleine Dorf Uruana ist schwerer zu regieren als die meisten andern +Missionen. Die Otomaken sind ein unruhiges, lärmendes, in seinen +Leidenschaften ungezügeltes Volk. Nicht nur sind sie dem Genuß der +gegohrenden Getränke aus Manioc und Mais und des Palmweins im Uebermaß +ergeben, sie versetzen sich auch noch in einen eigenthümlichen Zustand +von Rausch, man könnte fast sagen von Wahnsinn, durch den Gebrauch des +Niopo-Pulvers.[^74] Sie sammeln die langen Schoten einer Mimosenart, die +wir unter dem Namen Acacia Niopo bekannt gemacht haben; sie reißen sie +in Stücke, feuchten sie an und lassen sie gähren. Wenn die durchweichten +Samen anfangen schwarz zu werden, kneten sie dieselben wie einen Teig, +mengen Maniocmehl und Kalk, der aus der Muschel einer Ampullaria +gebrannt wird, darunter und setzen die Masse auf einem Rost von hartem +Holz einem starken Feuer aus. Der erhärtete Teig bildet kleine Kuchen. +Will man sich derselben bedienen, so werden sie zu seinem Pulver +zerrieben und dieses auf einen fünf bis sechs Zoll breiten Teller +gestreut. Der Otomake hält den Teller, der einen Stiel hat, in der +rechten Hand und zieht das Niopo durch einen gabelförmigen Vogelknochen, +dessen zwei Enden in die Naslöcher gesteckt sind, in die Nase. Der +Knochen, ohne den der Otomake diese Art Schnupftaback nicht nehmen zu +können meinte, ist sieben Zoll lang und es schien mir der +Fußwurzelknochen eines großen Stelzenläufers zu seyn. Ich habe das Niopo +sammt dem ganzen seltsamen Apparat Fourcroy in Paris übermacht. Das +Niopo ist so reizend, daß ganz wenig davon heftiges Niesen verursacht, +wenn man nicht daran gewöhnt ist. Pater Gumilla sagt, »dieses +Teufelspulver der Otomaken, das von einem baumartigen Tabak komme, +berausche sie durch die Naslöcher (emboracha por las narices), raube +ihnen auf einige Stunden die Vernunft und mache sie im Gefechte rasend.« +Die Samen, Säfte und Wurzeln der Familie der Schotengewächse haben +auffallend verschiedene chemische und arzneiliche Eigenschaften; wenn +aber auch der Saft der Frucht der Mimosa nilotica stark adstringirend +ist, so ist doch nicht wohl zu glauben, daß die Schote der Acacia Niopo +dem Tabak der Otomaken zunächst seine reizende Eigenschaft verleiht. +Dieselbe rührt vielmehr vom frischgebrannten Kalk her. Wir haben oben +gesehen, daß die Bergbewohner in den Anden von Popayan und die Guajiros, +die zwischen dem See Maracaybo und dem Rio la Hacha umherziehen, auch +Kalk verschlucken, und zwar als Reizmittel, um die Absonderung des +Speichels und des Magensaftes zu befördern. + +Dadurch, daß die umständliche Vorrichtung, deren sich die Otomaken zum +Aufziehen des Niopopulvers bedienen, durch mich nach Europa kam, wurden +die Gelehrten auf einen ähnlichen Brauch aufmerksam gemacht, den La +Condamine am obern Maragnon beobachtet hat. Die Omaguas, deren Name +durch ihre Züge zur Entdeckung des Dorado vielberufen ist, haben +denselben Teller, dieselben hohlen Vogelknochen, durch die sie ihr +Curupapulver in die Nase ziehen. Der Samen, von dem dieses Pulver kommt, +ist ohne Zweifel auch eine Mimose; denn die Otomaken nennen, dem Pater +Gili, zufolge, noch jetzt, 260 Meilen vom Amazonenstrom, die Acacia +Niopo Curupa. Seit meinen neuerlichen geographischen Untersuchungen über +den Schauplatz der Thaten Philipps von Hutten und über die wahre Lage +der Provinz Papamene[^75] oder der Omaguas hat die Vermuthung einer +früheren Verbindung zwischen den Otomaken am Orinoco und den Omaguas am +Amazonenstrom an Bedeutung und Wahrscheinlichkeit gewonnen. Erstere +kamen vom Rio Meta, vielleicht aus dem Lande zwischen diesem Fluß und +dem Guaviare; letztere wollen selbst in großer Anzahl über den Rio +Japura, vom östlichen Abhang der Anden von Neu-Grenada her, an den +Maragnon gekommen seyn. Nun scheint aber das Land der Omaguas, das die +Abenteurer von Coro und Tocuyo vergeblich zu erobern suchten, gerade +zwischen dem Guayavero, der in den Guaviare fällt, und dem Caqueta zu +liegen, der weiter unten Japura heißt. Allerdings besteht ein +auffallender Gegensatz zwischen der jetzigen Versunkenheit der Otomaken +und der früheren Civilisation der Omaguas; vielleicht waren aber nicht +alle Unterabtheilungen dieser Nation in der Cultur gleich +vorgeschritten, und an Beispielen, daß Stämme völlig versinken können, +ist die Geschichte unseres Geschlechts leider nur zu reich. Zwischen +Otomaken und Omaguas läßt sich noch eine weitere Uebereinstimmung +bemerklich machen. Beide sind unter den Völkerschaften am Orinoco und am +Amazonenstrom deßhalb berufen, weil sie vom Cautschuc oder der verdicken +Milch der Euphorbiaceen und Urticeen so ausgedehnten Gebrauch machen. + +Der eigentliche krautartige Tabak,[^76] denn die Missionäre nennen das +Niopo oder Curupa »Baumtabak,« wird seit unvordenklicher Zeit von allen +eingeborenen Völkern am Orinoco gebaut; man fand auch bei der Eroberung +die Sitte des Rauchens in beiden Amerikas gleich verbreitet. Die +Tamanaken und Maypuren in Guyana umwickeln die Cigarren mit Mais, wie +bereits die Mexikaner vor Cortes Ankunft gethan. Nach diesem Vorgang +nehmen die Spanier statt Maisblättern Papier. Die armen Indianer in den +Wäldern am Orinoco wissen so gut als die großen Herren am Hofe +Montezumas, daß der Tabaksrauch ein vortreffliches Narcoticum ist; sie +bedienen sich desselben nicht nur, um ihre Siesta zu halten, sondern +auch um sich in den Zustand von Quietismus zu versetzen, den sie ein +»Träumen mit offenen Augen«, »Träumen bei Tag« nennen. In allen +amerikanischen Missionen wird jetzt, wie mir schien, ungemein wenig +Tabak verbraucht, und in Neuspanien rauchen die Eingeborenen, die fast +sämmtlich von der untersten Classe des aztekischen Volkes abstammen, zum +großen Leidwesen des Fiscus, gar nicht. Pater Gili versichert, den +Indianern am untern Orinoco sey die Sitte des Tabakkauens unbekannt. Ich +möchte die Richtigkeit dieser Behauptung bezweifeln; denn die Sercucumas +am Erevato und Caura, Nachbarn der weißlichten Paparitos, verschlucken, +wie man mir sagte, zerhackten und mit andern stark reizenden Säften +getränkten Tabak, wenn sie sich zum Gefechte anschicken. Von den vier +Nicotianaarten, die in Europa gebaut werden (N. tabacum, N. rustica, N. +paniculata, und N. glutinosa) sahen wir nur die beiden letzteren wild; +aber Nicotiana lolaxensis und N. Audicola, die ich in 1850 Toisen +Meereshöhe auf dem Rücken der Anden gefunden, stehen Nicotiana tabacum +und rustica sehr nahe. Die ganze Gattung ist übrigens fast +ausschließlich amerikanisch und die meisten Arten schienen mir dem +gebirgigten und gemäßigten Landstrich unter den Tropen anzugehören. + +Weder aus Virginien noch aus Südamerika, wie irrthümlich in mehreren +agronomischen und botanischen Schriften steht, sondern aus der +mexicanischen Provinz Yucatan ist um das Jahr 1559 der erste Tabakssamen +nach Europa gekommen.[^77]Der Mann, der die Fruchtbarkeit der Ufer des +Orinoco am lautesten gepriesen, der berühmte Ralegh, hat auch die Sitte +des Rauchens unter den« nordischen Völkern am meisten befördert. Bereits +am Schluß des sechzehnten Jahrhunderts beschwerte man sich in England +bitter über »diese Nachahmung der Gebräuche eines barbarischen Volkes« +Man fürchtete bei dem überhandnehmenden Tabakrauchen, »ne Anglorum +corpora in barbarorum naturam degenerent.«[^78] + +Wenn sich die Otomaken in Uruana durch den Genuß des Niopo (ihres +Baumtabaks) und gegohrener Getränke in einen Zustand von Trunkenheit +versetzt haben, der mehrere Tage dauert, so bringen sie einander um, +ohne sich mit Waffen zu schlagen. Die bösartigsten vergiften sich den +Daumennagel mit Curare, und nach der Aussage der Missionäre kann der +geringste Ritz mit diesem vergifteten Nagel tödtlich werden, wenn das +Curare sehr stark ist und unmittelbar in die Blutmasse gelangt. Begehen +die Indianer bei Nacht in Folge eines Zanks einen Todtschlag, so werfen +sie den Leichnam in den Fluß, weil sie fürchten, es möchten Spuren der +erlittenen Gewalt an ihm zu bemerken seyn. »So oft ich,« äußerte Pater +Bueno gegen uns, »die Weiber an einer andern Stelle des Ufers als +gewöhnlich Wasser schöpfen sehe, vermuthe ich, daß ein Mord in meiner +Mission begangen worden.« + +Wir fanden in Uruana in den Hütten der Indianer denselben +vegetabilischen Stoff (yesca de hormigas, Ameisenzunder), den wir bei +den großen Katarakten hatten kennen lernen und den man zum Blutstillen +braucht. Dieser Zunder, der weniger uneigentlich Ameisennester hieße, +ist in einem Lande, dessen Bewohner nichts weniger als friedfertig sind, +sehr gesucht. Eine neue schön smaragdgrüne Art Ameisen (Formica +spinicollis) sammelt auf den Blättern einer Melastomenart zu ihrem Nest +einen baumwollenartigen, gelbbraunen, sehr zart anzufühlenden Flaum. Ich +glaube, daß der »Yesca oder Ameisenzunder« vom obern Orinoco (das Thier +kommt, wie versichert wird, nur südlich von Apures vor) einmal ein +Handelsartikel werden kann. Der Stoff ist weit vorzüglicher als die +»Ameisennester« von Cayenne, die man in Europa in den Hospitälern +verwendet, die aber schwer zu bekommen sind. + +Ungern schieden wir (am 7. Juni) vom Pater Ramon Bueno. Unter den zehn +Missionären, die wir auf dem ungeheuren Gebiete von Guyana kennen +gelernt, schien mir nur er auf alle Verhältnisse der eingeborenen +Völkerschaften zu achten. Er hoffte in Kurzem nach Madrid zurückkehren +und das Ergebniß seiner Untersuchungen über die Bilder und Züge auf den +Felsen bei Uruana bekannt machen zu können. + +In den Ländern, die wir eben bereist, zwischen dem Meta, Arauca und +Apure, fand man bei den ersten Entdeckungszügen an den Orinoco, z. B. +bei dem des Alonzo de Herrera im Jahr 1535, stumme Hunde, von den +Eingeborenen Maios und Auries genannt. Dieser Umstand ist in mehr als +Einer Beziehung interessant. Was auch Pater Gili sagen mag, es +unterliegt keinem Zweifel, daß der Hund in Südamerika einheimisch ist. +Die verschiedenen indianischen Sprachen haben Namen für das Thier, die +nicht wohl von europäischen Sprachen herkommen können. Das Wort Auri, +das Alonzo de Herrera vor dreihundert Jahren nannte, kommt noch jetzt im +Maypurischen vor. Die Hunde, welche wir am Orinoco gesehen, mögen von +denen abstammen, welche die Spanier an die Küsten von Caracas gebracht; +aber nichts desto weniger steht fest, daß es vor der Eroberung in Peru, +Neu-Grenada und Guyana eine unsern Schäferhunden ähnliche Hunderace gab. +Der Allco der Eingeborenen in Peru, und fast alle Hunde, die wir in den +wildesten Strichen von Südamerika angetroffen, bellen häufig; die +ältesten Geschichtschreiber sprechen aber alle von stummen Hunden +(perros mudos). Es gibt noch dergleichen in Canada, und, was mir sehr zu +beachten scheint, die stumme Spielart wurde in Mexico und am Orinoco +vorzugsweise gegessen. Ein sehr unterrichteter Reisende, Giesecke, der +sechs Jahre in Grönland gelebt hat, versicherte mich, die Hunde der +Eskimos, die beständig in freier Luft sind und sich Winters in den +Schnee graben, bellen auch nicht, sondern heulen wie die Wölfe.[^79] + +Gegenwärtig ist der Gebrauch, Hundefleisch zu essen, am Orinoco ganz +unbekannt; da aber diese Sitte im östlichen Asien ganz allgemein ist, +scheint mir der Beweis, daß dieselbe früher in den heißen Strichen von +Guyana und auf der Hochebene von Mexiko zu Hause war, von großem Belang +für die Völkergeschichte. Ich bemerke auch, daß auf den Grenzen der +Provinz Durango, am nördlichen Ende von Neuspanien, die +Cumanches-Indianer noch jetzt große Hunde, die sie auf ihren Zügen +begleiten, mit ihren Zelten aus Büffelfellen beladen. Bekanntlich dient +auch am Sklavensee und in Sibirien der Hund gewöhnlich als Last- und +Zugthier. Ich hebe solche Züge von Uebereinstimmung in den Sitten der +Völker absichtlich hervor; sie erhalten einiges Gewicht, wenn sie nicht +für sich allein dastehen, und Aehnlichkeiten im Sprachbau, in der +Zeitrechnung, im Glauben und den gottesdienstlichen Gebräuchen dazu +kommen. + +Wir übernachteten auf der Insel Cucuruparu, auch Playa de la Tortuga +genannt, weil die Indianer von Uruana dort Schildkröteneier holen. Es +ist dieß einer der Punkte am Orinoco, deren Breite am genauesten +bestimmt ist. Das Glück wollte, daß ich drei Durchgänge von Sternen +durch den Meridian beobachten konnte. Ostwärts von der Insel ist die +Mündung des Caño de la Tortuga, der von den Bergen der Cerbatana +herunter kommt, an denen beständig Gewitterwolken hängen. Am südlichen +Ufer dieses Caño liegt die fast ganz eingegangene Mission San Miguel de +la Tortuga. Die Indianer versicherten uns, in der Nähe dieser kleinen +Mission gebe es eine Menge Fischottern mit sehr feinem Pelz, welche bei +den Spaniern perritos de agua, Wasserhunde heißen, und, was merkwürdiger +ist, Eidechsen (lagartos) mit zwei Füßen. Dieser ganze Landstrich +zwischen dem Rio Cuchivero und der Stromenge am Baragnan sollte einmal +von einem guten Zoologen besucht werden. Der Lagarto ohne Hinterbeine +ist vielleicht eine Art Siren, abweichend vom Siren lacertina in +Carolina. Wäre es ein Saurier, ein eigentlicher »Bimane« (Chirotes, +Cuvier), so hätten die Eingeborenen das Thier nicht mit einer Eidechse +verglichen. Außer den Arau-Schildkröten, von denen ich oben ausführlich +gesprochen,[^80] leben am Orinoco zwischen Uruana und Encaramada auch +Landschildkröten, die sogenannten Morocoi, in zahlloser Menge. In der +großen Sonnenhitze und Trockenheit stecken diese Thiere, ohne zu +fressen, unter Steinen oder in Löchern, die sie gegraben. Erst wenn sie +nach den ersten Regen spüren, daß die Erde feucht wird, kommen sie aus +ihrem Versteck hervor und fangen wieder an zu fressen. Die Terekays oder +Tajelus, Süßwasserschildkröten, haben dieselbe Lebensweise. Ich habe +schon oben vom Sommerschlaf mancher Thiere unter den Tropen +gesprochen.[^81] Die Eingeborenen kennen die Löcher, in denen die +Schildkröten im ausgetrockneten Boden schlafen, und graben sie 15—18 +Zoll tief in Menge auf einmal aus. Nach Pater Gili, der solches mit +angesehen, ist dieß nicht gefahrlos, weil sich im Sommer häufig +Schlangen mit den Terekays eingraben. + +Von der Insel Cucuruparu hatten wir bis zur Hauptstadt von Guyana, +gemeiniglich Angostura genannt, noch neun Tage zu fahren; es sind nicht +ganz 95 Meilen. Wir brachten die Nacht selten am Lande zu; aber die +Plage der Moskitos nahm merklich ab, je weiter wir hinab kamen. Am +8. Juni gingen wir bei einem Hofe (Hato de san Rafael del Capuchino), +dem Einfluß des Rio Apure gegenüber, ans Land. Ich konnte gute Breiten- +und Längenbeobachtungen machen. Ich hatte vor zwei Monaten auf dem +andern Ufer Stundenwinkel aufgenommen, und diese Bestimmungen waren +jetzt von Werth, um den Gang meines Chronometers zu controliren und die +Beobachtungsorte am Orinoco mit denen an der Küste von Venezuela in +Verbindung zu bringen. Die Lage dieses Hofes am Punkt, wo der Orinoco +aus der Richtung von Süd nach Nord in die von West nach Ost umbiegt, ist +sehr malerisch. Granitfelsen erheben sich wie Eilande auf den weiten +Prairien. Von ihrer Spitze sahen wir nordwärts die Llanos oder Steppen +von Calabozo sich bis zum Horizont ausbreiten. Da wir seit lange an den +Anblick der Wälder gewöhnt waren, machte diese Aussicht einen großen +Eindruck auf uns. Nach Sonnenuntergang bekam die Steppe ein graugrünes +Colorit, und da die Sehlinie nur durch die Krümmung der Erde abgebrochen +wird, so gingen die Sterne wie aus dem Schoße des Meeres auf und der +erfahrenste Seemann hätte glauben müssen, er stehe auf einer +Felsenküste, auf einem hinausspringenden Vorgebirge. Unser Wirth war ein +Franzose (François Doizan), der unter seinen zahlreichen Heerden lebte. +Er hatte seine Muttersprache verlernt, schien aber doch mit Vergnügen zu +hören, daß wir aus seiner Heimath kamen. Er hatte dieselbe vor vierzig +Jahren verlassen, und er hätte uns gerne ein paar Tage in seinem Hofe +behalten. Von den politischen Umwälzungen in Europa war ihm so gut wie +nichts zu Ohren gekommen. Er sah darin nur eine Empörung gegen den +Clerus und die Mönche; »diese Empörung,« sagte er, »wird fortdauern, so +lange die Mönche Widerstand leisten.« Bei einem Manne, der sein ganzes +Leben an der Grenze» der Missionen zugebracht, wo von nichts die Rede +ist als vom Streit zwischen der geistlichen und der weltlichen Gewalt, +war eine solche Ansicht ziemlich natürlich. Die kleinen Städte Caycara +und Cabruta sind nur ein paar Seemeilen vom Hofe, aber unser Wirth war +einen Theil des Jahres hindurch völlig abgeschnitten. Durch die +Ueberschwemmungen des Apure und des Orinoco wird der Capuchino zur Insel +und man kann mit den benachbarten Höfen nur zu Schiff verkehren. Das +Hornvieh zieht sich dann auf den höher gelegenen Landstrich, der +südwärts der Bergkette der Encaramada zuläuft. + +Am 9. Juni Morgens begegneten uns eine Menge Fahrzeuge mit Waaren, die +mit Segeln den Orinoco und dann den Apure hinauffuhren. Es ist dieß eine +stark befahrene Handelsstraße zwischen Angostura und dem Hafen von +Torunos in der Provinz Varinas. Unser Reisebegleiter, Don Nicolas Sotto, +der Schwager des Statthalters von Varinas, schlug denselben Weg ein, um +zu seiner Familie zurückzukehren. Bei Hochwasser braucht man mehrere +Monate gegen die Strömung des Orinoco, des Apure und des Rio Santo +Domingo. Die Schiffsleute müssen ihre Fahrzeuge an Baumstämme binden und +sie am Tau den Fluß hinaufziehen. In den starken Krümmungen des Flusses« +kommen sie oft in ganzen Tagen nicht über zwei, dreihundert Toisen +vorwärts. Seit meiner Rückkehr nach Europa ist der Verkehr zwischen der +Mündung des Orinoco und den Provinzen am östlichen Abhang der Gebirge +von Merida, Pamplona und Santa Fe de Bogota ungleich lebhafter geworden, +und es ist zu erwarten, daß die lange Fahrt auf dem Orinoco, dem Apure, +der Portuguesa, dem Rio Santo Domingo, dem Orivante, Meta und Guaviare +durch Dampfschiffe abgekürzt wird. Man könnte, wie an den großen Strömen +in den Vereinigten Staaten, an den Ufern gefälltes Holz unter Schuppen +niederlegen. Solche Veranstaltung wäre um so nöthiger, da man sich in +den Ländern, die wir bereist, nicht leicht trockenes Holz verschafft, +wie man es zum starken Feuer unter dem Kessel einer Dampfmaschine +braucht. + +Unterhalb San Rafael del Capuchino gingen wir rechts bei Villa Caycara, +an einer Bucht, Puerto Sedeñio genannt, ans Land. Es stehen hier ein +paar Häuser beisammen und diese führen den vornehmen Titel Villa. Alta +Gracia, Ciudad de la Piedra, Real Corona, Borbon, lauter Villas zwischen +dem Einfluß des Apure und Angostura, sind eben so elend. Ich habe oben +erwähnt, daß es bei den Präsidenten der Missionen und den Statthaltern +der Provinzen Brauch war, wenn eben der Grund zu einer Kirche gelegt +wurde, in Madrid für den Ort das Privilegium als Villa oder Ciudad +nachzusuchen. Man wollte damit das Ministerium glauben machen, daß +Bevölkerung und Wohlstand in den Colonien in rascher Zunahme begriffen +seyen. Bei Caycara, am »Cerro del Tirano,« sieht man Bilder von Sonne +und Mond, wovon oben die Rede war, eingehauen. »Das ist ein Werk der +Alten« (das heißt unserer Väter), sagen die Eingeborenen. Man +versichert, auf einem Fels weiter vom Ufer ab, Tecoma genannt, stehen +die symbolischen Figuren hundert Fuß hoch. Die Indianer kannten früher +einen Landweg von Caycara nach Demerary und Essequebo. Sind etwa die +Völker, welche die vom Reisenden Hortsmann beschriebenen Bilder +eingehauen, auf diesem Wege an den See Amucu gekommen?« + +Caycara gegenüber, am nördlichen Ufer des Orinoco, liegt die Mission +Cabruta, die als vorgeschobener Posten gegen die Caraiben im Jahr 1740 +vom Jesuiten Rotella angelegt wurde. Schon seit mehreren Jahrhunderten +hatten die Indianer an diesem Fleck ein Dorf Namens Cabritu. Als der +kleine Ort eine christliche Niederlassung wurde, glaubte man, derselbe +liege unter dem 5. Grad der Breite, also um 2°40′ weiter nach Süd, als +ich durch direkte Beobachtungen in San Rafael und an der Mündung des Rio +Apure gefunden. Man hatte damals keinen Begriff davon, welche Richtung +ein Landweg nach Nueva Valencia und Caracas haben müßte, von welchen +Orten man sich unendlich weit entfernt dachte. Ein Weib ist zu allererst +von Villa de San Juan Baptista del Pao über die Llanos nach Cabruta +gegangen. Pater Gili erzählt, Donna Maria Bargas habe mit solcher +Leidenschaft an den Jesuiten gehangen, daß sie es unternahm, auf eigene +Hand einen Weg in die Missionen zu suchen. Man wunderte sich nicht +wenig, als man sie in Cabruta von Norden her ankommen sah. Sie ließ sich +bei den Jüngern des heiligen Ignatius nieder und starb in ihren +Missionen am Orinoco. Von dieser Zeit an bevölkerte sich der südliche +Strich der Llanos ziemlich stark, und der Weg aus den Thälern von Aragua +über Calabozo nach San Fernando de Apure und nach Cabruta ist jetzt +stark begangen. Am letzteren Ort hatte auch im Jahr 1754 der +Befehlshaber der vielberufenen Grenzexpedition Werften angelegt und die +Fahrzeuge zum Transport der Truppen an den obern Orinoco bauen lassen. +Der kleine Berg nordöstlich von Cabruta ist sehr weit in den Steppen +sichtbar und dient den Reisenden als Landmarke. + +Wir schifften uns Morgens in Caycara ein und fuhren mit der Strömung des +Orinoco zuerst am Einfluß des Rio Cuchivero, wohin eine alte Sage die +Aikeam-benanos oder Weiber ohne Männer[^82] versetzt, dann am kleinen +Dorf Alta Gracia, nach einer spanischen Stadt so genannt, vorüber. Hier +in der Nähe hatte Don Jose de Iturriaga den pueblo de Ciudad Real +angelegt, der noch auf den neuesten Karten vorkommt, obgleich der Ort +wegen der ungesunden Lage seit fünfzig Jahren gar nicht mehr besteht. +Unterhalb der Stelle, wo sich der Orinoco gegen Ost wendet, hat man +fortwährend zur rechten Hand Wälder, zur linken die Llanos oder Steppen +von Venezuela. Die Wälder, die sich am Strom hinziehen, sind indessen +nicht mehr so dicht, wie am obern Orinoco. Die Bevölkerung nimmt merkbar +zu, je näher man der Hauptstadt kommt; man trifft wenige Indianer mehr; +dagegen Weiße, Neger und Mischlinge. Der Neger sind nicht viele, und +leider ist hier, wie überall, die Armuth ihrer Herren daran Schuld, daß +sie nicht besser behandelt werden und ihr Leben nicht mehr geschont +wird. Ein Einwohner von Caycara, V—a, war vor Kurzem zu vierjährigem +Gefängniß und hundert Piastern Geldbuße verurtheilt worden, weil er in +der Zornwuth eine Negerin mit den Beinen an den Schweif seines Pferdes +gebunden und sie im vollen Galopp über die Savane geschleift hatte, bis +sie vor Schmerz den Geist aufgab. Mit Vergnügen bemerke ich, daß die +Audiencia allgemein getadelt wurde, weil sie eine so schändliche +Handlung nicht härter bestraft habe. Nur einige wenige Personen (und +zwar gerade die, welche sich für die aufgeklärtesten und klügsten +hielten) meinten, einen Weißen zu bestrafen, während die Schwarzen auf +St. Domingo in offenem Aufstand begriffen seyen, erscheine nicht als +staatsklug. Wenn Institutionen, die sich verhaßt gemacht haben, bedroht +sind, fehlt es nie an Leuten, die zu Aufrechthaltung derselben den Rath +geben, daran festzuhalten, wenn sie der Gerechtigkeit und der Vernunft +noch so offen widersprächen. Seit ich von diesen Ländern Abschied +genommen, hat der Bürgerkrieg den Sklaven die Waffen in die Hände +gegeben, und nach einer schrecklichen Erfahrung haben es die Einwohner +von Venezuela zu bereuen, daß sie nicht auf die Stimme Don Domingo +Tovars und anderer hochherziger Bürger gehört, die schon im Jahr 1795 im +Cabildo von Caracas sich laut gegen die weitere Einführung von Negern +ausgesprochen und Mittel, ihre Lage zu verbessern, in Vorschlag gebracht +haben. + +Nachdem wir am 10. Juni auf einer Insel mitten im Strom (ich glaube auf +der, welche bei Pater Caulin Acaru heißt) die Nacht zugebracht, fuhren +wir an der Mündung des Rio Caura vorüber, der neben dem Aruy und Carony +der größte Nebenfluß des untern Orinoco von rechts her ist. Da ich +während meines Aufenthalts in den Missionen der Franciskaner viel +geographisches Material über den Caura sammeln konnte, habe ich eine +Specialkarte desselben entworfen.[^83] Alle christlichen Niederlassungen +befinden sich gegenwärtig nahe an der Mündung des Flusses, und die +Dörfer San Pedro, Aripao, Urbani und Guaraguaraico liegen nur wenige +Meilen hinter einander. Das erste ist das volkreichste und hat doch nur +250 Seelen; San Luis de Guaraguaraico ist eine Colonie freigelassener +oder flüchtiger Neger vom Essequebo und verdient Aufmunterung von Seiten +der Regierung. Die Versuche, die Sklaven an den Boden zu fesseln und sie +als Pächter der Früchte ihrer Arbeit als Landbauer genießen zu lassen, +sind höchst empfehlenswerth. Der zum großen Theil noch unberührte Boden +am Rio Caura ist ungemein fruchtbar; man findet dort Weiden für mehr als +15,000 Stücke Vieh; aber den armen Ansiedlern fehlt es gänzlich an +Pferden und an Hornvieh. Mehr als sechs Siebentheile der Uferstriche am +Caura liegen wüste oder sind in den Händen wilder, unabhängiger Stämme. +Das Flußbett wird zweimal durch Felsen eingeengt, und an diesen Stellen +sind die Raudales Mura und Para oder Paru; letzterer hat einen +Trageplatz, weil die Pirognen nicht darüber gehen können. Bei der +Grenzexpedition war am nördlichen Katarakt, dem von Mura, eine kleine +Schanze angelegt worden. Der Statthalter Don Manuel Centurion hatte +alsbald ein paar Häusern, welche spanische (das heißt nicht indianische) +Familien, Weiße und Mulatten, bei der Schanze gebaut, den Titel Ciudad +de San Carlos gegeben. Südlich vom Katarakt Para, gerade am Einfluß des +Erevato in den Caura, lag damals die Mission San Luis und von da führte +ein Landweg nach der Hauptstadt Angostura. Alle diese +Civilisationsversuche führten zu nichts. Oberhalb des Raudals von Mura +steht kein Dorf mehr, und die Eingeborenen haben so zu sagen das Land +wieder zurückerobert. Indessen kann das Thal des Caura wegen seines +reichen Ertrags, und wegen der leichten Verbindung mit dem Rio Ventuari, +dem Carony und Cuyuni, eines Tags von großer Bedeutung werden. Ich habe +oben auseinandergesetzt, wie wichtig die vier Flüsse sind, die von den +Gebirgen der Parime in den Orinoco gehen. In der Nähe der Mündung des +Caura, zwischen den Dörfern San Pedro de Alcantara und San Francisco de +Aripao, bildete sich im Jahr 1792 durch einen Erdfall und in Folge eines +Erdbebens ein kleiner See von 400 Toisen Durchmesser. Ein Stück Wald bei +Aripao senkte sich 80 bis 100 Fuß unter das Niveau des anstoßenden +Bodens. Die Bäume blieben mehrere Monate grün; man glaubte sogar, manche +haben noch unter Wasser Blätter getrieben. Diese Erscheinung verdient um +so mehr Beachtung, da der Boden dort wahrscheinlich Granit ist. Ich +bezweifle, daß die secundären Formationen der Llanos sich südwärts bis +zum Thale des Caura erstrecken. + +Am 11. Juni landeten wir, um Sonnenhöhen aufzunehmen, am rechten +Orinocoufer beim Puerto de los Frailes, drei Meilen oberhalb Ciudad de +la Piedra. Der Punkt liegt unter 67°26′20″ der Länge oder 1°41′ ostwärts +vom Einfluß des Apure. Weiterhin zwischen den Villas de la Piedra und +Muitaco oder Real Corona kommt der Torno und der Höllenschlund, zwei +Punkte, die früher von den Schiffern gefürchtet wurden. Der Orinoco +ändert auf einmal seine Richtung; er fließt anfangs nach Ost, dann nach +Nord-Nord-West und endlich wieder nach Ost. Etwas oberhalb des Caño +Marapiche, der am nördlichen Ufer hereinkommt, theilt eine sehr lange +Insel den Fluß in zwei Arme. Wir fuhren ohne Schwierigkeit südwärts an +derselben vorbei; gegen Norden bildet eine Reihe kleiner, bei hohem +Wasser halb bedeckter Felsen Wirbel und Stromschnellen. Dieß heißt nun +Boca del Infierno und der Raudal von Camiseta. Durch Diego de Ordaz +(1531) und Alonzo de Hereras (1535) erste Expeditionen wurde diese +Stromsperre vielberufen. Die großen Katarakten von Atures und Maypures +kannte man damals noch nicht, und mit den plumpen Fahrzeugen +(vergantines), mit denen man eigensinnig den Strom hinauf wollte, war +sehr schwer über die Stromschnellen zu kommen. Gegenwärtig fährt man den +Orinoco zu jeder Jahreszeit von der Mündung bis zum Einfluß des Apure +und des Meta ohne Besorgniß auf und ab. Die einzigen Fälle auf dieser +Strecke sind die beim Torno oder Camiseta, bei Marimara und bei Cariven +oder Carichana Vieja.[^84] Keines dieser drei Hindernisse ist zu +fürchten, wenn man erfahrene indianische Steuerleute hat. Ich gehe auf +diese hydrographischen Angaben darum ein, weil die Verbindung zwischen +Angostura und den Ufern des Meta und des Apure, welche zum Ostabhang der +Cordilleren von Neu-Grenada führen, jetzt in politischer und +commercieller Beziehung von großem Belang ist. Die Fahrt auf dem untern +Orinoco von der Mündung bis zur Provinz Varinas ist allein wegen der +starken Strömung beschwerlich. Im Flußbett selbst sind nirgends stärkere +Hindernisse zu überwinden, als auf der Donau zwischen Wien und Linz. +Große Felsschwellen, eigentliche Wasserfälle kommen erst oberhalb des +Meta. Daher bildet auch der obere Orinoco mit dem Cassiquiare und dem +Rio Negro ein besonderes Flußsystem, das dem industriellen Leben in +Angostura und auf dem Küstenland von Caracas noch lange fremd bleiben +wird. + +Ich konnte auf einer Insel mitten in der Boca del Infierno, wo wir +unsere Instrumente aufgestellt hatten, Stundenwinkel der Sonne +aufnehmen. Der Punkt liegt nach dem Chronometer unter 67°10′31″ der +Länge. Ich wollte die Inclination der Magnetnadel und die Intensität der +Kraft beobachten, aber ein Gewitterregen vereitelte den Versuch. Da der +Himmel Nachmittags wieder heiter wurde, schlugen wir unser Lager auf +einem breiten Gestade am südlichen Ufer des Orinoco, beinahe im Meridian +der kleinen Stadt Muitaco oder Real Corona, auf. Mittelst dreier Sterne +fand ich die Breite 8°0′26″, die Länge 67°5′19″. Als die Observanten im +Jahr 1752 ihre ersten Entradas auf das Gebiet der Caraiben machten, +bauten sie an diesem Punkt ein kleines Fort oder eine casa fuerte. Durch +den Umstand, daß die hohen Gebirge von Araguacais so nahe liegen, ist +Muitaco einer der gesundesten Orte am untern Drinoco. Hier schlug +Iturriaga im Jahr 1756 seinen Wohnsitz auf, um sich von den Strapazen +der Grenzexpedition zu erholen, und da er seine Genesung dem mehr heißen +als feuchten Klima zuschrieb, erhielt die Stadt oder vielmehr das Dorf +Real Corona den Namen pueblo del puerto sano. Weiterhin gegen Ost ließen +wir nordwärts den Einfluß des Rio Pao, südwärts den des Rio Arui. +Letzterer Fluß ist ziemlich bedeutend; er kommt in Raleghs Berichten +häufig vor. Lange ließen die Geographen den Aroy oder Arvi (Arui), den +Caroli (Carony) und den Coari (Caura) aus dem vielberufenen See Cassipa +entspringen, der später der laguna del Dorado Platz machte. Je weiter +wir abwärts kamen, desto langsamer wurde die Strömung des Orinoco. Ich +maß mehrmals am Ufer eine Linie ab, um zu bestimmen, wie viel Zeit +schwimmende Körper brauchten, um eine bekannte Strecke zurückzulegen. +Oberhalb Alta Gracia, beim Einfluß des Rio Ujape, hatte ich 2³⁄₁₀ Fuß in +der Secunde gefunden; zwischen Muitaco und Bomben war die +Geschwindigkeit nur noch 1⁷⁄₁₀ Fuß. Aus den barometrischen Messungen in +den benachbarten Steppen geht hervor, um wie wenig der Boden vom +69. Grad der Länge bis zur Ostküste von Guyana fällt. Muitaco war der +letzte Ort, wo wir am Ufer des Orinoco die Nacht unter freiem Himmel +zubrachten; wir fuhren noch zwei Nächte durch, ehe wir unser Reiseziel, +Angostura erreichten. Eine solche Fahrt auf dem Thalweg eines großen +Stroms ist ungemein bequem; man hat nichts zu fürchten außer den +natürlichen Flößen aus Bäumen, die der Fluß, wenn er austritt, von den +Ufern abreißt. In dunkeln Nächten scheitern die Piroguen an diesen +schwimmenden Eilanden wie an Sandbänken. + +Nur schwer vermöchte ich das angenehme Gefühl zu schildern, mit dem wir +in Angostura, der Hauptstadt von spanisch Guyana, das Land betraten. Die +Beschwerden, denen man in kleinen Fahrzeugen zur See unterworfen ist, +sind nichts gegen das, was man auszustehen hat, wenn man unter einem +glühenden Himmel, in einem Schwarm von Moskitos, Monate lang in einer +Pirogue liegen muß, in der man sich wegen ihrer Unstetigkeit gar keine +Bewegung machen kann. Wir hatten in 75 Tagen auf den fünf großen Flüssen +Apure, Orinoco, Atabapo, Rio Negro und Cassiquiare 500 Meilen (20 auf +den Grad) zurückgelegt, und auf dieser ungeheuren Strecke nur sehr +wenige bewohnte Orte angetroffen. Obgleich nach unserem Leben in den +Wäldern unser Anzug nichts weniger als gewählt war, säumten wir doch +nicht, uns Don Felipe de Ynciarte, dem Statthalter der Provinz Guyana, +vorzustellen. Er nahm uns auf das Zuvorkommendste auf und wies uns beim +Sekretär der Intendanz unsere Wohnung an. Da wir aus fast menschenleeren +Ländern kamen, fiel uns das Treiben in einer Stadt, die keine 6000 +Einwohner hat, ungemein auf. Wir staunten an, was Gewerbfleiß und Handel +dem civilisirten Menschen an Bequemlichkeiten bieten; bescheidene +Wohnräume kamen uns prachtvoll vor, wer uns anredete, erschien uns +geistreich. Nach langer Entbehrung gewähren Kleinigkeiten hohen Genuß, +und mit unbeschreiblicher Freude sahen wir zum erstenmal wieder +Weizenbrod auf der Tafel des Statthalters. Vielleicht brauchte ich nicht +bei Empfindungen zu verweilen, die Jedem, der weite Reisen gemacht hat, +wohl bekannt sind. Sich wieder im Schoße der Cultur zu wissen, ist ein +großer Genuß, aber er hält nicht lange an, wenn man für die Wunder der +Natur im heißen Erdstrich ein lebendiges Gefühl hat. Die überstandenen +Beschwerden sind bald vergessen, und kaum ist man auf der Küste, auf dem +von den spanischen Colonisten bewohnten Boden, so entwirft man den Plan, +wieder ins Binnenland zu gehen. + +Ein schlimmer Umstand nöthigte uns, einen ganzen Monat in Angostura zu +verweilen. In den ersten Tagen nach unserer Ankunft fühlten wir uns matt +und schwach, aber vollkommen gesund. Bonpland fing an, die wenigen +Pflanzen zu untersuchen, welche er vor den Wirkungen des feuchten Klimas +hatte schützen können; ich war beschäftigt, Länge und Breite der +Hauptstadt[^85] zu bestimmen und die Inclination der Magnetnadel zu +beobachten. Aber nicht lange, so wurden wir in der Arbeit unterbrochen; +fast. am selben Tage befiel uns eine Krankheit, die bei meinem +Reisegefährten den Charakter eines ataktischen Fiebers annahm. Die Luft +war zur Zeit in Angostura vollkommen gesund, und da sich bei dem +einzigen Diener, den wir von Cumana mitgebracht, einem Mulatten, die +Vorboten desselben Uebels einstellten, so zweifelte unsere Umgebung, von +der wir aufs sorgfältigste gepflegt wurden, nicht daran, daß wir den +Keim des Typhus aus den feuchten Wäldern am Cassiquiare mitgebracht. Es +kommt häufig vor, daß sich bei Reisenden die Folgen der Miasmen erst +dann äußern, wenn sie wieder in reinerer Luft sind und sich zu erholen +anfangen. Eine gewisse geistige Anspannung kann eine Zeitlang die +Wirkung krankmachender Ursachen hinausschieben. Da unser Diener dem +heftigen Regen weit mehr als wir ausgesetzt gewesen war, entwickelte +sich die Krankheit bei ihm furchtbar rasch. Seine Kräfte lagen so +darnieder, daß man uns am neunten Tage seinen Tod meldete. Es war aber +nur eine mehrstündige Ohnmacht, auf die eine heilsame Krise eintrat. Zur +selben Zeit wurde auch ich von einem sehr heftigen Fieber befallen; man +gab mir mitten im Anfall ein Gemisch von Honig und Extract der China Vom +Rio Carony (Extractum corticis Angosturae). Es ist dieß ein Mittel, das +die Kapuziner in den Missionen höchlich preisen. Das Fieber wurde darauf +stärker, hörte aber gleich am andern Tage auf. Bonplands Zustand war +sehr bedenklich, und wir schwebten mehrere Wochen in der höchsten +Besorgniß. Zum Glück behielt der Kranke Kraft genug, um sich selbst +behandeln zu können. Er nahm gelindere, seiner Constitution +angemessenere Mittel als die China vom Rio Carony. Das Fieber war +anhaltend und wurde, wie fast immer unter den Tropen, durch eine +Complication mit Ruhr noch gesteigert. Während der ganzen schmerzhaften +Krankheit behielt Bonpland die Charakterstärke und die Sanftmuth, die +ihn auch in der schlimmsten Lage niemals verlassen haben. Mich +ängstigten trübe Ahnungen. Der Botaniker Löffling, ein Schüler Linné’s, +war nicht weit von Angostura, am Ufer des Carony, ein Opfer seines +Eifers für die Naturwissenschaft geworden. Wir hatten noch kein volles +Jahr im heißen Erdstrich zugebracht, und mein nur zu treues Gedächtniß +vergegenwärtigte mir alles, was ich in Europa über die Gefährlichkeit +der Luft in den Wäldern gelesen hatte. Statt den Orinoco hinaufzufahren, +hätten wir ein paar Monate im gemäßigten, gesunden Klima der Sierra +Nevada von Merida zubringen können. Den Weg über die Flüsse hatte ich +selbst gewählt, und in der Gefahr, in der mein Reisegefährte schwebte, +erblickte ich die unselige Folge dieser unvorsichtigen Wahl. + +Nachdem das Fieber in wenigen Tagen einen ungemeinen Grad von Heftigkeit +erreicht hatte, nahm es einen weniger beunruhigenden Charakter an. Die +Entzündung des Darmcanals wich auf die Anwendung erweichender Mittel, +wozu Malvenarten dienten. Die Sida- und Melochia-Arten sind im heißen +Erdstrich ungemein wirksam. Indessen ging es mit der Wiedergenesung des +Kranken sehr langsam, wie immer bei noch nicht ganz acclimatisirten +Europäern. Die Regenzeit dauerte noch immer an, und an die Küste von +Cumana zurück mußten wir wieder über die Llanos, wo man auf +halbüberschwemmtem Boden selten ein Obdach und etwas anderes als an der +Sonne gedörrtes Fleisch zu essen findet. Um nicht Bonpland einem +gefährlichen Rückfall auszusetzen, beschlossen wir bis zum 10. Juli in +Angostura zu bleiben. Wir brachten diese Zeit zum Theil auf einer +Pflanzung[^86] in der Nachbarschaft zu, wo Mangobäume und +Brodfruchtbäume (Artocarpus incisa) gezogen werden. Letztere waren im +sechsten Jahr bereits über 40 Fuß hoch. Manche Artocarpusblätter, die +wir maßen, waren 3 Fuß lang und 18 Zoll breit, bei einem Gewächs aus der +Familie der Dicotyledonen eine sehr auffallende Größe. + +Ich beschließe dieses Kapitel mit einer kurzen Beschreibung des +spanischen Guyana (Provincia de la Guayana), welche einen Theil der +alten Capitania general von Caracas ausmacht. Nachdem ich ausführlich +berichtet, was die Flüsse Apure, Orinoco, Atabapo, Rio Negro und +Cassiquiare an Momenten zur Geschichte unseres Geschlechts und an +Naturerzeugnissen bemerkenswerthes bieten, erscheint es von Werth, diese +zerstreuten Züge zusammenzufassen und ein allgemeines Bild eines Landes +zu entwerfen, das einer großen Zukunft entgegengeht und schon jetzt die +Augen Europas auf sich zieht. Ich beschreibe zuerst die Lage von +Angostura, der jetzigen Hauptstadt der Provinz, und verfolge dann den +Orinoco bis zum Delta, das er an seiner Mündung bildet. Ich entwickle +darauf den wahren Lauf des Rio Carony, an dessen fruchtbaren Ufern die +Mehrzahl der indianischen Bevölkerung der Provinz lebt, und beweise aus +der Geschichte der Geographie, wie die fabelhaften Seen entstanden sind, +die so lange unsere Karten verunziert haben. + +Seit dem Ende des sechzehnten Jahrhunderts haben hinter einander drei +Städte den Namen Santo Thome de la Guayana geführt. Die erste lag der +Insel Faxardo gegenüber beim Einfluß des Carony in den Orinoco; sie +wurde von den Holländern unter dem Befehl des Capitäns Adrian Janson im +Jahr 1579 zerstört. Die zweite, gegründet im Jahr 1591 von Antonio de +Berrio, etwa 12 Meilen ostwärts vom Einfluß des Carony, wehrte sich +muthig gegen Sir Walter Ralegh, den die spanischen Geschichtschreiber +der Eroberung nur unter dem Namen des Corsaren Reali kennen. Die dritte +Stadt, der jetzige Hauptort der Provinz, liegt 52 Meilen westwärts vom +Einfluß des Carony. Sie wurde im Jahr 1764 unter dem Statthalter Don +Juacquin Moreno de Mendoza angelegt, und man unterscheidet sie in den +officiellen Schriftstücken von der zweiten Stadt, die gewöhnlich die +Festung (el castillo oder las fortalezas) oder Alt-Guayana (Vieja +Guayana) heißt, als Santo Thome de la Nueva Guayana. Da dieser Name sehr +lang ist, so sagt man dafür im gemeinen Leben Angostura (Engpaß).[^87] +Die Bevölkerung dieser Länder weiß kaum, daß die Namen Santiago de Leon +und Santo Thome auf unsern Karten die beiden Hauptstädte von Venezuela +und Guyana bedeuten. + +Angostura, dessen Länge und Breite ich nach astronomischen Beobachtungen +schon oben angegeben, lehnt sich an einen kahlen Hügel von +Hornblendeschiefer. Die Straßen sind gerade und laufen meist dem Strome +parallel. Viele Häuser stehen auf dem nackten Fels, und hier, wie in +Carichana und in manchen Missionen, glaubt man, daß durch die schwarzen +stark von der Sonne erhitzten Steinflächen die Luft ungesund werde. Für +gefährlicher halte ich die kleinen Lachen stehenden Wassers (lagunas y +anegadizos), die hinter der Stadt gegen Südost sich hinziehen. Die +Häuser in Angostura sind hoch, angenehm und meistens aus Stein. Diese +Bauart beweist, daß man sich hier zu Lande vor den Erdbeben nicht sehr +fürchtet; leider gründet sich aber diese Sicherheit keineswegs auf einen +Schluß aus zuverlässigen Beobachtungen. Im Küstenland von Neu-Andalusien +spürt man allerdings zuweilen sehr starke Stöße, die sich nicht über die +Llanos hinüber fortpflanzen. Von der furchtbaren Katastrophe in Cumana +am 4. Februar 1797 fühlte man in Angostura nichts, aber beim großen +Erdbeben vom Jahr 1766, das jene Stadt gleichfalls zerstörte, wurde der +Granitboden beider Orinocoufer bis zu den Katarakten von Atures und +Maypures erschüttert. Südlich von denselben spürt man zuweilen Stöße, +die sich auf das Becken des obern Orinoco und des Rio Negro beschränken. +Dieselben scheinen von einem vulkanischen Herd auszugehen, der von dem +auf den kleinen Antillen weit abliegt. Nach den Angaben der Missionäre +in Javita und San Fernando de Atabapo waren im Jahr 1798 zwischen dem +Guaviare und dem Rio Negro sehr starke Erdbeben, die nordwärts, Maypures +zu, nicht mehr gespürt wurden. Man kann nicht aufmerksam genug Alles +beachten, was die Gleichzeitigkeit der Bodenschwingungen und die +Unabhängigkeit derselben auf zusammenhängenden Landstrichen betrifft. +Alles weist darauf hin, daß die Bewegung sich nicht an der Oberfläche +fortpflanzt, sondern durch sehr tiefe Spalten, die in verschiedene Herde +auslaufen. + +Die Umgebung der Stadt Angostura bietet wenig Abwechselung; indessen ist +die Aussicht auf den Strom, der einen ungeheuern von Südwest nach +Nordost laufenden Canal darstellt, höchst großartig. Nach einem langen +Streit über die Vertheidigung des Platzes und die Kanonenschußweite +wollte die Regierung genau wissen, wie breit der Strom bei dem Punkte +sey, welcher der Engpaß heißt, und wo ein Fels liegt (el Peñon), der bei +Hochwasser ganz bedeckt wird. Obgleich bei der Provinzialregierung ein +Ingenieur angestellt ist, hatte man wenige Monate vor meiner Ankunft in +Angostura aus Caracas Don Mathias Yturbur hergeschickt, um den Orinoco +zwischen der geschleiften Schanze San Gabriel und der Redoute San Rafael +messen zu lassen. Ich hörte in nicht zuverlässiger Weise, bei dieser +Messung haben sich etwas über 800 varas castellanas ergeben. Der +Stadtplan, welcher der großen Karte von Südamerika von la Cruz Olmedilla +beigegeben ist, gibt 940 an. Ich selbst habe den Strom zweimal sehr +genau trigonometrisch gemessen, einmal beim Engpaß selbst zwischen den +beiden Schanzen San Gabriel und San Rafael, und dann ostwärts von +Angostura auf dem großen Spaziergang (Alameda) beim Embarcadero del +ganado. Ich fand für den ersteren Punkt (als Minimum der Breite) 580 +Toisen, für letzteren 490. Der Strom ist also hier noch immer vier bis +fünfmal breiter als die Seine beim Pflanzengarten, und doch heißt diese +Strecke am Orinoco eine Einschnürung, ein Engpaß. Nichts gibt einen +besseren Begriff von der Wassermasse der großen Ströme Amerikas als die +Dimensionen dieser sogenannten Engpässe. Der Amazonenstrom ist nach +meiner Messung beim Pongo de Rentema 217 Toisen, beim Pongo de +Manseriche, nach La Condamine, 25, und beim Engpaß Pauxis 900 Toisen +breit. Letzterer Engpaß ist also beinahe so breit als der Orinoco im +Engpaß beim Baraguan.[^88] + +Bei Hochwasser überschwemmt der Strom die Kais, und es kommt vor, daß +Unvorsichtige in der Stadt selbst den Krokodilen zur Beute werden. Ich +sehe aus meinem Tagebuche einen Fall her, der während Bonplands +Krankheit vorgekommen. Ein Guayqueri-Indianer von der Insel Margarita +wollte seine Pirogue in einer Bucht anbinden, die nicht drei Fuß tief +war. Ein sehr wildes Krokodil, das immer in der Gegend herumstrich, +packte ihn beim Bein und schwamm vom Ufer weg, wobei es an der +Wasserfläche blieb. Das Geschrei des Indianers zog eine Menge Zuschauer +herbei. Man sah, wie der Unglückliche mit unerhörter Entschlossenheit +zuerst ein Messer in der Tasche seines Beinkleids suchte. Da er es nicht +fand, packte er den Kopf des Krokodils und stieß ihm die Finger in die +Augen. In den heißen Landstrichen Amerikas ist es Jedermann bekannt, daß +dieses mit einem harten, trockenen Schuppenpanzer bedeckte +fleischfressende Reptil an den wenigen weichen, nicht geschützten +Körpertheilen, wie an den Augen, den Achselhöhlen, den Naslöchern und +unterhalb des Unterkiefers, wo zwei Bisamdrüsen sitzen, sehr empfindlich +ist. Der Guayqueri ergriff das Mittel, durch das Mungo-Parks Neger und +das Mädchen in Uritucu, von denen oben die Rede war,[^89]sich gerettet; +aber er war nicht so glücklich wie sie, und das Krokodil machte den +Rachen nicht auf, um seine Beute fahren zu lassen. Im Schmerz tauchte +aber das Thier unter, ertränkte den Indianer, erschien wieder auf der +Wasserfläche und schleppte den Leichnam auf eine Insel dem Hafen +gegenüber. Ich kam im Moment an Ort und Stelle, wo viele Einwohner von +Angostura das schreckliche Ereigniß mit angesehen hatten. + +Da das Krokodil vermöge des Baues seines Kehlkopfs, seines Zungenbeins +und der Faltung seiner Zunge seine Beute unter Wasser wohl packen, aber +nicht verschlingen kann, so verschwindet selten ein Mensch, ohne daß man +ganz nahe an der Stelle, wo das Unglück geschehen, nach ein paar Stunden +das Thier zum Vorschein kommen und am nächsten Ufer seine Beute +verschlingen sieht. Weit mehr Menschen, als man in Europa glaubt, werden +alljährlich Opfer ihrer Unvorsichtigkeit und der Gier der Reptilien. Es +kommt besonders in den Dörfern vor, deren Umgegend häufig überschwemmt +wird. Dieselben Krokodile halten sich lange am nämlichen Orte auf. Sie +werden von Jahr zu Jahr kecker, zumal, wie die Indianer behaupten, wenn +sie einmal Menschenfleisch gekostet haben. Die Thiere sind so schlau, +daß sie sehr schwer zu erlegen sind. Eine Kugel dringt nicht durch ihre +Haut, und der Schuß ist nur dann tödtlich, wenn er in den Rachen oder in +die Achselhöhle trifft. Die Indianer, welche sich selten der Feuerwaffen +bedienen, greifen das Krokodil mit Lanzen an, sobald es an starken, +spitzen eisernen Hacken, auf die Fleisch gesteckt ist und die mit einer +Kette an einem Baumstamm befestigt sind, angebissen hat. Man geht dem +Thier erst dann zu Leibe, wenn es sich lange abgemüht hat, um vom Eisen, +das ihm in der oberen Kinnlade steckt, loszukommen. Es ist nicht +wahrscheinlich, daß man es je dahin bringt, das Land von Krokodilen zu +säubern, da aus einem Labyrinth zahlloser Flüsse Tag für Tag neue +Schwärme vom Ostabhang der Anden über den Meta und den Apure an die +Küsten von spanisch Guyana herabkommen. Mit dem Fortschritt der Cultur +wird man es nur dahin bringen, daß die Thiere scheuer werden und +leichter zu verscheuchen sind. + +Man erzählt rührende Fälle, wo afrikanische Sklaven ihr Leben aufs Spiel +setzten, um ihren Herren das Leben zu retten, die in den Rachen eines +Krokodils gerathen waren. Vor wenigen Jahren ergriff zwischen Uritucu +und der Mission de abaxo in den Llanos von Calabozo ein Neger auf das +Geschrei seines Herrn ein langes Messer (machette) und sprang in den +Fluß. Er stach dem Thiere die Augen aus und zwang es so, seine Beute +fahren zu lassen und sich unter dem Wasser zu verbergen. Der Sklave trug +seinen sterbenden Herrn ans Ufer, aber alle Versuche, ihn wieder zum +Leben zu bringen, blieben fruchtlos; er war ertrunken, denn seine Wunden +waren nicht tief. Das Krokodil scheint, wie der Hund, beim Schwimmen die +Kinnladen nicht fest zu schließen. Es braucht kaum erwähnt zu werden, +daß die Kinder des Verstorbenen, obgleich sie sehr arm waren, dem +Sklaven die Freiheit schenkten. + +Für die Anwohner des Orinoco und seiner Nebenflüsse sind die Gefahren, +denen sie ausgesetzt sind, ein Gegenstand der täglichen Unterhaltung. +Sie haben die Sitten des Krokodils beobachtet, wie der Torero die Sitten +des Stiers. Sie wissen die Bewegungen des Thiers, seine Angriffsmittel, +den Grad seiner Keckheit gleichsam voraus zu berechnen. Sehen sie sich +angegriffen, so greifen sie mit der Geistesgegenwart und +Entschlossenheit, die den Indianern, den Zambos, überhaupt den Farbigen +eigen sind, zu all den Mitteln, die man sie von Kindheit auf kennen +gelehrt. In Ländern, wo die Natur so gewaltig und furchtbar erscheint, +ist der Mensch beständig gegen die Gefahr gerüstet. Wir haben oben +erwähnt, was das junge indianische Mädchen sagte, das sich selbst aus +dem Rachen des Krokodils losgemacht: »Ich wußte, daß es mich fahren +ließ, wenn ich ihm die Finger in die Augen drückte.« Dieses Mädchen +gehörte der dürftigen Volksklasse an, wo die Gewöhnung an physische Noth +die moralische Kraft steigert; es ist aber wahrhaft überraschend, wenn +man in von schrecklichen Erdbeben zerrütteten Ländern, auf der Hochebene +von Quito Frauen aus den höchsten Gesellschaftsklassen im Augenblick der +Gefahr dieselbe Kaltblütigkeit, dieselbe überlegte Entschlossenheit +entwickeln sieht. + +Ich gebe zum Beleg dafür nur Ein Beispiel. Als am 4. Februar 1797 36,000 +Indianer in wenigen Minuten ihren Tod fanden, rettete eine junge Mutter +sich und ihre Kinder dadurch, daß sie im Augenblick, wo der geborstene +Boden sie verschlingen wollte, ihnen zurief, die Arme auszustrecken. Als +man gegen das muthige Weib Verwunderung über eine so außerordentliche +Geistesgegenwart äußerte, erwiderte sie ganz einfach: »Ich habe von +Jugend auf gehört: überrascht dich das Erdbeben im Hause, so stelle dich +unter die Verbindungsthür zwischen zwei Zimmern; bist du im Freien und +fühlst du, daß der Boden unter dir sich aufthut, so strecke beide Arme +aus und suche dich an den Rändern der Spalte zu halten.« So ist der +Mensch in diesen wilden oder häufigen Zerrüttungen unterworfenen Ländern +gerüstet, den Thieren des Waldes entgegenzutreten, sich aus dem Rachen +der Krokodile zu befreien, sich aus dem Kampf der Elemente zu retten. + +So oft in sehr heißen und nassen Jahren bösartige Fieber in Angostura +herrschen, streitet man darüber, ob die Regierung wohl gethan, die Stadt +von Vieja Guayana an den Engpaß zwischen der Insel Maruanta und dem +Einfluß des Rio Orocopiche zu verlegen. Man behauptet, der alten Stadt +seyen, da sie näher an der See gelegen, die kühlen Seewinde mehr zu gut +gekommen, und die große Sterblichkeit, die dort geherrscht, sey nicht +sowohl örtlichen Ursachen als der Lebensweise der Einwohner +zuzuschreiben gewesen. An den fruchtbaren, feuchten Ufern des Orinoco +unterhalb des Einflusses des Carony wachsen in überschwenglicher Menge +Wassermelonen (Patillas), Bananen und Papayas.[^90] Diese Früchte wurden +roh gegessen, sogar unreif, und da das Volk zugleich dem Genuß geistiger +Getränke übermäßig ergeben war, so nahm in Folge dieser unordentlichen +Lebensweise die Volkszahl Jahr um Jahr ab. In den Archiven von Caracas +liegen eine Menge Schriften, die davon handeln, daß die jeweilige +Hauptstadt von Guyana nothwendig verlegt werden müsse. Nach den mir +mitgetheilten Aktenstücken schlug man bald vor, wieder in die Fortaleza, +das heißt nach Vieja Guayana zu ziehen, bald die Hauptstadt ganz nahe an +der großen Mündung des Orinoco (zehn Meilen westwärts vom Cap Barima, am +Einfluß des Rio Acquire) anzulegen, bald sie 25 Meilen unterhalb +Angostura auf die schöne Savane zu stellen, auf der das Dorf San Miguel +liegt. Es war allerdings eine engherzige Politik, wenn die Regierung +glaubte, »zur besseren Vertheidigung der Provinz den Hauptort in der +ungeheuern Entfernung von 85 Meilen von der See anlegen zu müssen und +auf dieser Strecke keine Stadt erbauen zu dürfen, die den Einfällen des +Feindes bloßgestellt wäre«. Zu dem Umstand, daß europäische Fahrzeuge +den Orinoco sehr schwer bis Angostura hinaufkommen (weit schwerer als +auf dem Potomac bis Washington), kommt noch der andere für die +Agriculturindustrie sehr nachtheilige, daß der Mittelpunkt des Handels +oberhalb der Stelle liegt, wo die Ufer des Stroms den Fleiß des +Colonisten am meisten lohnen. Es ist nicht einmal richtig, daß die Stadt +Angostura oder Santo Thome de la Nueva Guayana da angelegt worden, wo im +Jahr 1764 das bebaute Land anfing; damals wie jetzt war die Hauptmasse +der Bevölkerung von Guyana in den Missionen der catalonischen Kapuziner +zwischen den Flüssen Carony und Cuyuni. Nun ist aber dieses Gebiet, das +wichtigste in der ganzen Provinz, wo sich der Feind Hülfsmittel aller +Art verschaffen kann, eben durch Vieja Guayana geschützt — oder man +nimmt dieß doch an — in keiner Weise aber durch die Werke der neuen +Stadt Angostura. + +Die in Vorschlag gebrachte Stelle bei San Miguel liegt ein Stück +ostwärts vom Einfluß des Carony, also zwischen der See und dem +bevölkertsten Landstriche. Legt man den Hauptort der Provinz noch weiter +unten, ganz nahe am Ausfluß des Orinoco an, wie de Pons will, so hat man +weniger von der Nähe der Caraiben zu besorgen, die man sich leicht vom +Leibe hielte, als vom Umstand, daß der Feind über die kleinen westlichen +Mündungen des Orinoco, die Caños Macareo und Manamo, den Platz umgehen +und in das Innere der Provinz vordringen könnte. Bei einem Flusse, +dessen Delta schon 45 Meilen von der See den Anfang nimmt, kommen, wenn +es sich von der Anlage einer großen Stadt handelt, zwei Interessen ins +Spiel, die militärische Vertheidigung und die Rücksicht auf Handel und +Ackerbau. Der Handel verlangt, daß die Stadt so nahe als möglich bei der +großen Mündung, der Boca de Navios liege; aus dem Gesichtspunkt der +militärischen Sicherung stände sie besser oberhalb des Beginns des +Delta, westlich vom Punkt, wo der Caño Manamo vom Hauptstrom abgeht und +durch mannigfache Verzweigungen mit den acht kleinen Mündungen (Boca +chicas) zwischen der Insel Cangrejos und der Mündung des Rio Guarapiche +in Verbindung steht. Die Lage von Vieja wie von Nueva Guayana entspricht +der letzteren Bedingung. Die der alten Stadt hat noch den weiteren +Vortheil, daß sie in gewissem Grade die schönen Niederlassungen der +catalonischen Kapuziner am Carony deckt. Man könnte dieselben angreifen, +wenn man am rechten Ufer des Brazo Imataca ans Land ginge; aber die +Mündung des Carony, in der die Piroguen die Unruhe des Wassers von den +nahen Katarakten her (Salto de Carony) spüren, ist durch die Werke von +Alt-Guayana vertheidigt. + +Ich bin bei dieser Erörterung ins Einzelne gegangen, weil diese dünn +bevölkerten Länder durch die politischen Ereignisse in neuester Zeit +große Wichtigkeit erhalten haben. Ich habe die verschiedenen Plane +besprochen, so weit ich bei meiner Lage und meinem Verhältniß zur +spanischen Regierung die Oertlichkeiten am untern Orinoco habe kennen +lernen. Es ist Zeit, daß man der in den spanischen und portugiesischen +Colonien herrschenden Sucht, Städte zu versetzen, wie Nomadenlager, +entgegentritt. Nicht als ob die Gebäude in Angostura zu bedeutend und zu +fest wären, als daß man an eine Zerstörung der Stadt denken könnte; bei +ihrer Lage am Fuße eines Felsens scheint sie sich schwer weiter +ausdehnen zu können; aber trotz dieser Uebelstände läßt man doch lieber +stehen, was seit fünfzig Jahren gediehen ist. Unmerklich verknüpft sich +mit der Existenz einer Hauptstadt, so klein sie auch seyn mag, das +Bewußtseyn gesicherter öffentlicher Zustände, und wenn das +Handelsinteresse eine theilweise Abänderung durchaus verlangt, so könnte +man ja später, während Angostura der Sitz der Verwaltung und der +Mittelpunkt der Geschäfte bliebe, näher an der großen Mündung des +Orinoco einen andern Hafen anlegen. So ist ja Guayra der Stapelplatz von +Caracas, und so mag eines Tags Vera Cruz der Hafen von Xalapa werden. +Die Fahrzeuge aus Europa und aus den Vereinigten Staaten, die mehrere +Monate in diesen Strichen verweilen, könnten, wenn sie wollten, bis +Angostura hinauf gehen, die andern nähmen ihre Ladung im Hafen zunächst +der Punta Barima ein, wo sich in Friedenszeit die Magazine, die +Seilerbahnen und die Werfte befanden. Zur Deckung des Landes zwischen +der Hauptstadt und dem Stapelplatz oder dem Puerto de la Boca grande +gegen einen feindlichen Einfall befestigte man die Ufer des Orinoco may +einem dem Terrain angepaßten Vertheidigungssystem, etwa bei Imataca oder +Zacupana, bei Barancas oder San Rafael (an der Stelle, wo der Caño +Manamo vom Hauptstrom abgeht), bei Vieja Guayana, bei der Insel Faxardo +(dem Einfluß des Carony gegenüber) und beim Einfluß des Mamo. In diese +Werke, die ohne große Kosten zu beschaffen wären, flüchteten sich auch +die Kanonierschaluppen, die an den Punkten stationirt sind, welche die +feindlichen Fahrzeuge, wenn sie gegen die Strömung heraufsegeln, in +Sicht haben müssen, um neue Schläge zu machen. Diese +Vertheidigungsmittel scheinen mir um so dringender geboten, da sie nur +zu lange vernachlässigt worden sind.[^91] + +Die Nordküsten von Südamerika sind größtentheils durch eine Bergkette +gedeckt, die von West nach Ost streichend zwischen dem Uferstrich und +den Llanos von Neu-Andalusien, Barcelona, Venezuela und Varinas liegt. +Diese Küsten haben die Aufmerksamkeit des Mutterlandes wohl zu +ausschließlich in Anspruch genommen: dort liegen sechs feste Plätze mit +schönem, zahlreichem Geschütz, nämlich Carthagena, San Carlos de +Maracaybo, Porto Cabello, la Guayra, der Moro de Nueva Barcelona und +Cumana. Die Ostküsten von spanisch Amerika, die von Guyana und Buenos +Ayres sind niedrig und ohne Schutz; einem unternehmenden Feinde fällt es +nicht schwer, ins Innere des Landes bis zum Ostabbang der Cordilleren +von Neu-Grenada und Chili vorzudringen. Die Richtung des Rio de la +Plata,[^92] der durch den Uruguay, Parana und Paraguay gebildet wird, +nöthigt das angreifende Heer, wenn es ostwärts vordringen will, über die +Steppen (Pampas) bis Cordova oder Mendoza zu ziehen; aber nördlich vom +Aequator, in spanisch Guyana bietet der Lauf des Orinoco[^93] und seiner +beiden großen Nebenflüsse Apure und Meta in der Richtung eines +Parallelkreises eine Wasserstraße, auf der sich Munition und +Lebensmittel leicht fortbringen lassen. Wer Herr von Angostura ist, +dringt nach Gefallen nordwärts in die Steppen von Cumana, Barcelona und +Caracas, nordwestwärts in die Provinz Varinas, westwärts in die +Provinzen am Casanare bis an den Fuß der Gebirge von Pamplona, Tunja und +Santa Fe de Bogota vor. Zwischen der Provinz spanisch Guyana und dem +reichen, stark bevölkerten, gut angebauten Uferstrich liegen nur die +Niederungen am Orinoco, Apure und Meta. Die festen Plätze (Cumana, la +Guayra und Porto-Cabello) schützen diese Länder kaum vor einer Landung +an der Nordküste. An diesen Angaben über die Bodenbildung und die +gegenwärtige Vertheilung der festen Punkte mag es genügen. Man ersieht +daraus wohl hinlänglich, daß zur politischen Sicherung der vereinigten +Provinzen Caracas und Neu-Grenada eine Deckung der Orinocomündungen +unumgänglich ist, und daß spanisch Guyana, obgleich kaum urbar gemacht +und so dünn bevölkert, im Kampfe zwischen den Colonien und dem +Mutterlande eine große Bedeutung erlangt. Diese militärische Bedeutung +des Landes erkannte der berühmte Ralegh schon vor zweihundert Jahren. Im +Bericht über seine erste Expedition kommt er öfters daraus zurück, wie +leicht es der Königin Elisabeth wäre, »auf dem Orinoco und den zahllosen +Flüssen, die sich in denselben ergießen,« einen großen Theil der +spanischen Colonien zu erobern. Wir haben oben angeführt, daß Girolamo +Benzoni im Jahr 1545 die Revolutionen auf St. Domingo, »das in Kurzem +Eigenthum der Schwarzen werden müsse,« vorhersagte. Hier finden wir in +einem Werke, das 1596 erschien, einen Feldzugsplan, der sich durch +Ereignisse der jüngsten Zeit als ganz richtig erwiesen hat. + +In den ersten Jahren nach der Gründung stand die Stadt Angostura in +keinem unmittelbaren Verkehr mit dem Mutterland. Die Einwohner +beschränkten sich darauf, dürres Fleisch und Tabak auf die Antillen und +über den Rio Cuyuni in die holländische Provinz am Essequebo zu +schmuggeln. Man erhielt unmittelbar aus Spanien weder Wein, noch Oel, +noch Mehl, die drei gesuchtesten Einfuhrartikel. Im Jahr 1771 schickten +einige Handelsleute die erste Goelette nach Cadix, und seitdem wurde der +direkte Tauschhandel mit den andalusischen und catalonischen Hafen sehr +lebhaft. Seit 1785 nahm die Bevölkerung von Angostura,[^94] nachdem sie +lange sehr zurückgeblieben war, stark zu; indessen war sie bei meinem +Aufenthalt in Guyana noch weit hinter der Bevölkerung der nächsten +englischen Stadt Stabrock zurück. Die Mündungen des Orinoco haben etwas +vor allen Hafen von Terra Firma voraus: man verkehrt aus denselben am +raschesten mit der spanischen Halbinsel. Man fährt zuweilen von Cadix +zur Punta Barima in 18 bis 20, und nach Europa zurück in 30 bis 35 +Tagen. Da diese Mündungen unter dem Winde aller Inseln liegen, so können +die Schiffe von Angostura einen vortheilhafteren Verkehr mit den +Colonien auf den Antillen unterhalten als Guayra und Porto Cabello. Die +Handelsleute in Caracas sehen daher auch immer mit eifersüchtigen +Blicken auf die Fortschritte der Industrie in spanisch Guyana, und da +Caracas bisher der höchste Regierungssitz war, so wurde der Hafen von +Angostura noch weniger begünstigt als die Häfen von Cumana und Nueva +Barcelona. Der innere Verkehr ist am lebhaftesten mit der Provinz +Varinas. Aus derselben kommen nach Angostura Maulthiere, Cacao, Indigo, +Baumwolle und Zucker, und sie erhält dafür »Generos,« das heißt +europäische Manufakturprodukte. Ich sah lange Fahrzeuge (Lanchas) +abgehen, deren Ladung auf acht bis zehntausend Piaster geschätzt wurde. +Diese Fahrzeuge fahren zuerst den Orinoco bis Cabruta, dann den Apure +bis San Vicente, endlich den Rio Santo Domingo bis Torunos hinauf, +welches der Stapelplatz von Varinas Nuevas ist. Die kleine Stadt San +Fernando de Apure, die ich oben beschrieben,[^95] dient als Niederlage +bei diesem Flußhandel, der durch die Einführung der Dampfschifffahrt +noch weit bedeutender werden kann. + +Das linke Ufer des Orinoco und alle Mündungen des Stroms, mit Ausnahme +der Boca de Navios, gehören zu der Provinz Cumana. Dieser Umstand hat +schon lange Anlaß zum Projekt gegeben, Angostura gegenüber (da wo +gegenwärtig die Batterie San Rafael steht) eine neue Stadt zu gründen, +um vom Gebiet der Provinz Cumana selbst, und ohne über den Orinoco sehen +zu müssen, die Maulthiere und das dürre Fleisch der Llanos ausführen zu +können. Kleinlichte Eifersüchteleien, wie sie immer zwischen zwei +benachbarten Regierungen im Schwange sind, werden diesem Plane Vorschub +leisten; aber beim gegenwärtigen Zustand des Ackerbaus im Lande ist zu +wünschen, daß er noch lange vertagt bleibt. Warum sollte man an den +Ufern des Orinoco zwei concurrirende Städte bauen, die kaum 400 Toisen +auseinander lägen? + +Ich habe im Bisherigen das Land beschrieben, das wir auf einer 500 +Meilen langen Flußfahrt durchzogen; es bleibt jetzt nur noch das kleine +3,52 Längengrade betragende Stück zwischen der gegenwärtigen Hauptstadt +und Mündung des Orinoco übrig. Eine genaue Kenntniß des Delta und des +Laufs des Rio Carony ist für die Hydrographie und den europäischen +Handel von gleichem Belang. Um den Flächenraum und die Bildung eines von +Flußarmen durchschnittenen und periodischen Ueberschwemmungen +unterworfenen Landes beurtheilen zu können, hatte ich die astronomische +Lage der Punkte, wo die Spitze und die äußersten Arme des Delta liegen, +zu ermitteln. Churruca, der mit Don Juacquin Fidalgo den Auftrag hatte, +die Nordküsten von Terra Firma und die Antillen aufzunehmen, hat Länge +und Breite der Boca de Manamo, der Punta Baxa und von Vieja Guayana +bestimmt. Aus Espinosas Denkschriften kennen wir die wahre Lage der +Punta Barima, und ich glaube daher, wenn ich nach den Punkten Puerto +España auf der Insel Trinidad und dem Schloß San Antonio bei Cumana +(Punkten, welche durch meine eigenen Beobachtungen und durch Oltmanns +scharfsinnige Untersuchungen gegeben sind) eine Reduction vornehme und +dadurch die absoluten Längen näher bestimme, hinlänglich genaue Angaben +machen zu können. Es ist wünschenswerth, daß einmal auf einer +ununterbrochenen Fahrt auf chronometrischem Wege die +Meridianunterschiede zwischen Puerto España und den kleinen Mündungen +des Orinoco, zwischen San Rafael (der Spitze des Delta) und Santo Thome +de Angostura bestimmt werden. + +Die ganze Ostküste von Südamerika vom Cap San Roque, und besonders vom +Hafen von Maranham bis zum Gebirgsstock von Paria ist so niedrig, daß, +nach meiner Ansicht, das Delta des Orinoco und seine Bodenbildung nicht +wohl den Anschwemmungen Eines Stromes zugeschrieben werden kann. Ich +will nach der Aussage der Alten nicht in Abrede ziehen, daß das Nildelta +einst ein Busen des Mittelmeers war, der allmählig durch Anschwemmung +ausgefüllt wurde. Es begreift sich leicht, daß sich an der Mündung aller +großen Ströme da, wo die Geschwindigkeit der Strömung rasch abnimmt, +eine Bank, ein Eiland bildet, daß sich Material absetzt, das nicht +weiter geschwemmt werden kann. Es ist ebenso begreiflich, daß der Fluß, +da er um diese Bank herum muß, sich in zwei Arme spaltet, und daß die +Anschwemmungen, da sie an der Spitze des Delta einen Stützpunkt finden, +sich immer weiter ausbreiten, während die Flußarme aus einander weichen. +Der Vorgang bei der ersten Gabelung wiederholt sich bei jedem einzelnen +Stromstück, so daß die Natur durch denselben Proceß ein Labyrinth +kleiner gegabelter Canäle hervorbringen kann, die sich im Laufe der +Jahrhunderte, je nach der Stärke und der Richtung der Hochgewässer, +ausfüllen oder vertiefen. Auf diese Weise hat sich unzweifelhaft der +Hauptstamm des Orinoco 25 Meilen westwärts von der Boca de Ravios in +zwei Arme, den von Zacupana und den von Imataca, getheilt. Das Netz +kleinerer Zweige dagegen, die gegen Nord vom Flusse abgehen und deren +Mündungen bocas chicas (die kleinen Mündungen) heißen, scheint mir eine +Erscheinung, die ganz mit der Bildung der Deltas von Nebenflüssen +übereinkommt.[^96] Wenn mehrere hundert Meilen von der Küste ein Fluß +(z. B. der Apure oder Jupura) sich mittelst einer Menge von Zweigen mit +einem andern Fluß verbindet, so sind diese mannigfachen Gabelungen nur +Rinnen in einem völlig ebenen Boden. Ebenso verhält es sich mit den +oceanischen Deltas überall, wo bei allgemeinen Ueberfluthungen in +Zeiten, bevor Orinoco und Amazonenstrom bestanden, die Küsten mit +erdigen Niederschlägen bedeckt wurden. Ich bezweifle, daß alle +oceanischen Deltas einst Meerbusen, oder, wie einige neuere Geographen +sich ausdrücken, negative Deltas waren. Wem einmal die Mündungen des +Ganges, des Indus, des Senegal, der Donau, des Amazonenstroms, des +Orinoco und des Mississippi geologisch genauer untersucht sind, wird +sich zeigen, daß nicht alle denselben Ursprung haben; man wird dann +zwischen Küsten unterscheiden, die in Folge der sich häufenden +Anschwemmungen rasch in die See hinaus vorrücken, und Küsten, die sich +innerhalb des allgemeinen Umrisses der Continente halten; man wird +unterscheiden zwischen einem, von einem gegabelten Strom gebildeten +Landstrich, und den von ein paar Seitenarmen durchzogenen Niederungen, +die zu einem aufgeschwemmten Lande gehören, das mehrere tausend +Quadratmeilen Flächenraum hat. + +Das Delta des Orinoco zwischen der Insel Cangrejos und der Boca de +Manamo (der Landstrich, wo die Guaraons wohnen) läßt sich mit der Insel +Marajo oder Joanes an der Mündung des Amazonenstroms vergleichen. Dort +liegt das aufgeschwemmte Land nördlich, hier südlich vom Hauptstamm des +Stroms. Aber die Insel Joanes schließt sich nach ihrer Form der +allgemeinen Bodenbildung in der Provinz Maranhao gerade so an, wie die +Küste bei den Bocas chicas des Orinoco den Küsten am Rio Essequebo und +am Meerbusen von Paria. Nichts weist darauf hin, daß einmal letzterer +Meerbusen südwärts von der Boca de Manamo bis Vieja Guayana ins Land +hinein gereicht, oder daß der Amazonenstrom die ganze Bucht zwischen +Villa Vistosa und Gran Para mit seinen Gewässern gefüllt hat. Nicht +Alles, was an den Flüssen liegt, ist ihr Werk. Meist haben sie sich in +aufgeschwemmtem Land ein Bett gegraben, aber diese Anschwemmungen sind +von höherem geologischem Alter, hängen mit den großen Umwälzungen +zusammen, die unser Planet erlitten. Es ist zu ermitteln, ob zwischen +den gegabelten Zweigen eines Flusses der Schlick nicht auf einer Schicht +von Geschieben liegt, wie man sie sehr weit vom fließenden Wasser +findet. Die Arme des Orinoco weichen auf 47 Seemeilen auseinander; es +ist dieß die Breite des oceanischen Deltas zwischen Punta Barima und der +am weitesten nach West gelegenen Boca chica. Dieser Landstrich ist bis +jetzt nicht genau aufgenommen, und so kennt man auch nicht die Zahl der +Mündungen. Nach der gemeinen Annahme hat der Orinoco ihrer sieben, und +dieß erinnert an die im Alterthum so berufenen septem ostia Nili. Aber +das egyptische Delikt war nicht immer auf diese Zahl beschränkt, und an +den überschwemmten Küsten von Guyana kann man wenigstens elf ganz +ansehnliche Mündungen zählen. Nach der Boca de Navios, welche die +Schiffer an der Punta Barima erkennen, sind vom größten Werth für die +Schifffahrt die Bocas Mariusas, Macareo, Pedernales und Manamo grande. +Der Strich des Deltas westwärts von der Boca Macareo wird von den +Gewässern des Meerbusens von Paria oder Golfo triste bespült. Dieses +Becken wird durch die Ostküste der Provinz Cumana und die Westküste der +Insel Trinidad gebildet; es steht mit dem Meer der Antillen durch die +vielberufenen Bocas de Dragos (Mündungen des Drachen) in Verbindung, +welche die Küstenpiloten seit Christoph Columbus Zeit ziemlich +uneigentlich als die Mündungen des Orinoco betrachten. + +Will ein Schiff von der hohen See her in die Hauptmündung des Orinoco, +die Boca de Navios einlaufen, so muß es die Punta Barima in Sicht +bekommen. Das rechte, südliche Ufer ist das höhere; es kommt auch nicht +weit davon landeinwärts, zwischen dem Caño Barima, dem Aquire und dem +Cuyuni, das Granitgestein auf dem morastigen Boden zu Tage. Das linke +oder nördliche Stromufer, welches über das Delta bis zur Boca de +Mariusas und der Punta Baxa läuft, ist ganz niedrig; man erkennt es von +weitem nur an den Gruppen von Mauritiapalmen, welche die Landschaft +zieren. Der Baum ist der Sagobaum dieses Landstrichs;[^97] man gewinnt +daraus das Mehl zum Yurumabrod, und die Mauritia ist keineswegs eine +»Küstenpalme«, wie Chamaerops humilis, wie der gemeine Cocosbaum und +Commersons Lodoicea, sondern geht, als »Sumpfpalme«, bis zu den Quellen +des Orinoco hinauf.[^98] Während der Ueberschwemmungen nehmen sich diese +Mauritiabüsche wie ein Wald aus, der aus dem Wasser taucht. Der +Schiffer, wenn er bei Nacht durch die Canäle des Orinocodeltas fährt, +sieht mit Ueberraschung die Wipfel der Palmen von großen Feuern +beleuchtet. Dieß sind die an den Baumästen aufgehängten Wohnungen der +Guaraons (Raleghs Tivitivas und Uarauetis). Diese Völkerschaften spannen +Matten in der Luft aus, füllen sie mit Erde und machen auf einer +befeuchteten Thonschicht ihr Haushaltungsfeuer an. Seit Jahrhunderten +verdanken sie ihre Freiheit und politische Unabhängigkeit dem unfesten, +schlammigten Boden, auf dem sie in der trockenen Jahreszeit umherziehen +und auf dem nur sie sicher gehen können, ihrer Abgeschiedenheit auf dem +Delta des Orinoco, ihrem Leben auf den Bäumen, wohin religiöse +Schwärmerei schwerlich je amerikanische Styliten[^99] treibt. Ich habe +schon anderswo bemerkt, daß die Mauritiapalme, der »Lebensbaum« der +Missionäre, den Guaraons nicht nur beim Hochwasser des Orinoco eine +sichere Behausung bietet, sondern ihnen in seinen schuppigten Früchten, +in seinem mehligten Mark, in seinem zuckerreichen Saft, endlich in den +Fasern seiner Blattstiele, Nahrungsmittel, Wein und Schnüre zu Stricken +und Hängematten gibt. Gleiche Gebräuche wie bei den Indianern auf dem +Delta des Orinoco herrschten früher im Meerbusen von Darien (Uraba) und +auf den meisten zeitweise unter Wasser stehenden Landstrichen zwischen +dem Guarapiche und der Mündung des Amazonenstroms. Es ist sehr +merkwürdig, auf der niedrigsten Stufe menschlicher Cultur das Leben +einer ganzen Völkerschaft an eine einzige Palmenart gekettet zu sehen, +Insekten gleich, die sich nur von Einer Blüthe, vom selben Theil eines +Gewächses nähren. + +Es ist nicht zu verwundern, daß die Breite der Hauptmündung des Orinoco +(Boca de Navios) so verschieden geschätzt wird. Die große Insel +Cangrejos ist nur durch einen schmalen Canal von dem unter Wasser +stehenden Boden getrennt, der zwischen den Bocas Nuina und Mariusas +liegt, so daß 20 oder 14 Seemeilen (zu 950 Toisen) herauskommen, je +nachdem man (in einer der Strömung entgegengesetzten Richtung) von der +Punta Barima zum nächsten gegenüberliegenden Ufer, oder von derselben +Punta zum östlichen Theil der Insel Cangrejos mißt. Ueber die +Wasserstraße läuft eine Sandbank, eine Barre, in 17 Fuß Tiefe; man gibt +derselben eine Breite von 2500 bis 2800 Toisen. Wie beim Amazonenstrom, +beim Nil und allen Flüssen, die sich in mehrere Arme theilen, ist auch +beim Orinoco die Mündung nicht so groß, als man nach der Länge seines +Laufes und nach der Breite, die er noch mehrere hundert Meilen weit im +Lande hat, vermuthen sollte. Man weiß nach Malaspinas Aufnahme, daß der +Rio de la Plata von Punta del Este bei Maldonado bis zum Cabo San +Antonio über 124 Seemeilen (41,3 französische Lieues) breit ist; fährt +man aber nach Buenos Ayres hinauf, so nimmt die Breite so rasch ab, daß +sie Colonia del Sacramento gegenüber nur noch 21 Seemeilen beträgt. Was +man gemeiniglich die Mündung des Rio de la Plata heißt, ist eben ein +Meerbusen, in den sich der Uruguay und der Parana ergießen, zwei Flüsse, +die nicht so breit sind wie der Orinoco. Um die Größe der Mündung des +Amazonenstroms zu übertreiben, rechnet man die Inseln Marajo und Caviana +dazu, so daß von Punta Tigioca bis zu Cabo del Norte die ungeheure +Breite von 3½ Grad oder 70 französischen Meilen herauskommt; betrachtet +man aber näher das hydraulische System des Canals Tagypuru, des Rio +Tocantins, des Amazonenstroms und des Araguari, die ihre ungeheuren +Wassermassen vereinigen, so sieht man, daß diese Schätzung rein aus der +Luft gegriffen ist. Zwischen Macapa und dem westlichen Ufer der Insel +Marajo (Ilha de Joanes) ist der eigentliche Amazonenstrom in zwei Arme +getheilt, die zusammen nur 32 Seemeilen (11 Lieues) breit sind. Weiter +unten läuft das Nordufer der Insel Marajo in der Richtung eines +Parallels fort, während die Küste von portugiesisch Guyana zwischen +Macapa und Cabo del Norte von Süd nach Nord streicht. So kommt es, daß +der Amazonenstrom bei den Inseln Maxiana und Caviana, da wo die Gewässer +des Stroms und die des atlantischen Oeeans zuerst auf einander stoßen, +einen gegen 40 Seemeilen breiten Meerbusen bildet. Der Orinoco steht +noch mehr hinsichtlich der Länge des Laufs als der Breite im Binnenlande +dem Amazonenstrom nach, er ist ein Fluß zweiter Ordnung; man darf aber +nicht vergessen, daß alle diese Eintheilungen nach der Länge des Laufs +oder der Breite der Mündungen sehr willkürlich sind. Die Flüsse der +britannischen Inseln laufen in Meerbusen oder Süßwasserseen aus, in +denen durch die Ebbe und Fluth des Meeres die Wasser periodisch hin und +hergetrieben werden; sie weisen uns deutlich darauf hin, daß man die +Bedeutung eines hydraulischen Systems nicht einzig nach der Breite der +Mündungen schätzen darf. Jede Vorstellung von relativer Größe ist +schwankend, so lange man nicht durch Messung der Geschwindigkeit und des +Flächenraums von Querschnitten die Wassermassen vergleichen kann. Leider +sind Ausnahmen der Art an Bedingungen geknüpft, die der einzelne +Reisende nicht erfüllen kann. So muß man das ganze Flußbett sondiren +können, und zwar in verschiedenen Jahreszeiten. Da scheinbar sehr breite +Flüsse meist nicht sehr tiefe, von mehreren parallelen Rinnen +durchzogene Becken sind[^100] so führen sie auch weit weniger Wasser, +als man auf den ersten Blick glaubt. Zwischen dem Maximum und dem +Minimum des Wasserstandes während der großen Ueberschwemmungen und in +der trockenen Jahreszeit kann die Wassermasse um das Fünfzehn- bis +Zwanzigfache größer oder kleiner seyn. + +Sobald man Punta Barima umsegelt hat und in das Bett des Orinoco selbst +eingelaufen ist, findet man dieses nur 3000 Toisen breit. Höhere Angaben +beruhen auf dem Versehen, daß die Steuerleute den Fluß auf einer Linie +messen, die nicht senkrecht auf die Richtung der Strömung gezogen ist. +Die Insel Cangrejos zu befestigen, bei der das Wasser vier bis fünf +Faden tief ist, wäre unnütz; die Fahrzeuge wären hier außerhalb +Kanonenschußweite. Das Labyrinth von Canälen, die zu den kleinen +Mündungen führen, wechselt Tag für Tag nach Gestalt und Tiefe. Viele +Steuerleute sind der festen Ansicht, die Caños Cocuina, Pedernales und +Macareo, durch welche der Küstenhandel mit der Insel Trinidad getrieben +wird, seyen in den letzten Jahren tiefer geworden und der Strom ziehe +sich immer mehr von der Boca de Navios weg und wende sich mehr nach +Nordwest. Vor dem Jahr 1760 wagten sich Fahrzeuge mit mehr als 10 bis 12 +Fuß Tiefgang selten in die kleinen Canäle des Delta. Gegenwärtig scheut +man die »kleinen Mündungen« des Okinoco fast gar nicht mehr, und +feindliche Schiffe, welche nie diese Striche befahren haben, finden an +den Guaraons willige, geübte Wegweiser. Die Civilisirung dieser +Völkerschaft, deren Wohnsitze sich zum Orinoco verhalten wie die der +Nhengahybas oder Igaruanas zum Amazonenstrom, ist für jede Regierung, +die am Orinoco Herr bleiben will, von großem Belang. + +Ebbe und Fluth sind im April, beim tiefsten Wasserstand, bis über +Angostura hinauf zu spüren, also mehr als 85 Meilen landeinwärts. Beim +Einfluß des Carony, 60 Meilen von der Küste, steigt das Wasser durch +Stauung um einen Fuß drei Zoll. Diese Schwingungen der Wasserfläche, +diese Unterbrechung des Laufs sind nicht mit der aufsteigenden Fluth zu +verwechseln. Bei der großen Mündung des Orinoco an Cap Barima beträgt +die Fluthhöhe 2 bis 3 Fuß, dagegen weiter gegen Nordwest, im Golfo +triste, zwischen der Boca Pedernales, dem Rio Guarapiche und der +Westküste von Trinidad, 7 bis 8, sogar 10 Fuß. So viel macht auf einer +Strecke von 30 bis 40 Meilen der Einfluß des Umrisses der Küsten aus, +sowie der Umstand, daß die Gewässer durch die Bocas de Dragos langsamer +abfließen. Wenn man in ganz neuen Werken angegeben findet, der Orinoco +verursache 2 bis 3 Grad in die hohe See hinaus besondere Strömungen, die +Farbe des Seewassers verändere sich dadurch und im Golfo triste sey +süßes Wasser (Gumillas Mar dulce), so sind das lauter Fabeln. Die +Strömung geht an dieser ganzen Küste von Cap Orange an nach Nordwest, +und der Einfluß der süßen Gewässer des Orinoco auf die Stärke dieser +allgemeinen Strömung, auf die Durchsichtigkeit und die Farbe des +Meerwassers bei reflektirtem Licht ist selten weiter als 3 bis 4 Meilen +nordostwärts von der Insel Cangrejos zu spüren. Das Wasser im Golfo +triste ist gesalzen, nur weniger als im übrigen Meer der Antillen wegen +der kleinen Mündungen des Orinocodelta und der Wassermasse, welche der +Rio Guarapiche hineinbringt. Aus denselben Gründen gibt es keine +Salzwerke an diesen Küsten, und ich habe in Angostura Schiffe aus Cadix +ankommen sehen, die Salz, ja, was für die Industrie in den Colonien +bezeichnend ist, Backsteine zum Bau der Hauptkirche geladen hatten. + +Den Umstand, daß die unbedeutende Fluth an der Küste im Bette des +Orinoco und des Amazonenstroms so ungemein weit aufwärts zu spüren ist, +hat man bis jetzt als einen sichern Beweis angesehen, daß beide Ströme +auf einer Strecke von 85 und 200 Meilen nur um wenige Fuß fallen können. +Dieser Beweis erscheint aber durchaus nicht als stichhaltig, wenn man +bedenkt, daß die Stärke der sich fortpflanzenden Schwankungen im Niveau +von vielen örtlichen Umständen abhängig ist, von der Form, den +Krümmungen und der Zahl der in einander mündenden Canäle, vom Widerstand +des Grundes, auf dem die Fluthwelle herauskommt, vom Abprallen des +Wassers an den gegenüberliegenden Ufern und von der Einschnürung des +Stroms in einem Engpaß. Ein gewandter Ingenieur, Bremontier, hat in +neuester Zeit dargethan, daß im Bett der Garonne die Fluthwellen wie auf +einer geneigten Ebene weit über das Niveau der See an der Mündung des +Flusses hinaufgehen. Im Orinoco kommen die ungleich hohen Fluthen von +Punta Barima und vom Golfo triste in ungleichen Intervallen durch die +große Wasserstraße der Boca de Navios und durch die engen, gewundenen, +zahlreichen bocas chicas herauf. Da diese kleinen Canäle am selben +Punkt, bei San Rafael, vom Hauptstamm abgehen, so wäre es von Interesse, +die Verzögerung des Eintritts der Fluth und die Fortpflanzung der +Fluthwellen im Bett des Orinoco oberhalb und unterhalb San Rafael, auf +der See bei Cap Barima und im Golfo triste bei der Boca Manamo zu +beobachten. Die Wasserbaukunst und die Theorie der Bewegung von +Flüssigkeiten in engen Canälen müßten beide Nutzen aus einer Arbeit +ziehen, für welche der Orinoco und der Amazonenstrom besonders günstige +Gelegenheit boten. + +Bei der Fahrt auf dem Fluß, ob nun die Schiffe durch die Boca de Navios +einlaufen oder sich durch das Labyrinth der bocas chicas wagen, sind +besondere Vorsichtsmaßregeln erforderlich, je nachdem das Bett voll oder +der Wasserstand sehr tief ist. Die Regelmäßigkeit, mit der der Orinoco +zu bestimmten Zeiten anschwillt, war von jeher für die Reisenden ein +Gegenstand der Verwunderung, wie ja auch das Austreten des Nils für die +Philosophen des Alterthums ein schwer zu lösendes Problem war. Der +Orinoco und der Nil laufen, der Richtung des Ganges, Indus, Rio de la +Plata und Euphrat entgegen, von Süd nach Nord; aber die Quellen des +Orinoco liegen um 5 bis 6 Grad näher am Aequator als die des Nil. Da uns +die zufälligen Wechsel im Luftkreise täglich so stark auffallen, wird +uns die Anschauung schwer, daß in großen Zeiträumen die Wirkungen dieses +Wechsels sich gegenseitig ausgleichen sollen, daß in einer langen Reihe +von Jahren die Unterschiede im durchschnittlichen Betrag der Temperatur, +der Feuchtigkeit und des Luftdrucks von Monat zu Monat ganz unbedeutend +sind, und daß die Natur, trotz der häufigen partiellen Störungen, in der +Reihenfolge der meteorologischen Erscheinungen einen festen Typus +befolgt. Die großen Ströme sammeln die Wasser, die auf einer mehrere +tausend Quadratmeilen großen Erdfläche niederfallen, in Einen Behälter. +So ungleich auch die Regenmenge seyn mag, die im Lauf der Jahre in +diesem oder jenem Thale fällt, auf den Wasserstand der Ströme von langem +Lauf haben dergleichen locale Wechsel so gut wie keinen Einfluß. Die +Anschwellungen sind der Ausdruck des mittleren Feuchtigkeitsstandes im +ganzen Becken; sie treten Jahr für Jahr in denselben Verhältnissen auf, +weil ihr Anfang und ihre Dauer eben auch vom Durchschnitt der scheinbar +sehr veränderlichen Epochen des Eintritts und des Endes der Regenzeit +unter den Breiten, durch welche der Hauptstrom und seine Nebenflüsse +laufen, abhängig sind. Es folgt daraus, daß die periodischen +Schwankungen im Wasserstand der Ströme, gerade wie die unveränderliche +Temperatur der Höhlen und der Quellen, sichtbar darauf hinweisen, daß +Feuchtigkeit und Wärme auf einem Striche von beträchtlichem Flächenraum +von einem Jahr zum andern regelmäßig vertheilt sind. Dieselben machen +starken Eindruck auf die Einbildungskraft des Volks, wie ja Ordnung in +allen Dingen überrascht, wo die ersten Ursachen schwer zu erfassen sind, +wie ja die Durchschnittstemperaturen aus einer langen Reihe von Monaten +und Jahren den in Verwunderung setzen, der zum erstenmal eine Abhandlung +über klimatische Verhältnisse zu Gesicht bekommt. Ströme, die ganz in +der heißen Zone liegen, zeigen in ihren periodischen Bewegungen die +wundervolle Regelmäßigkeit, die einem Erdstrich eigen ist, wo derselbe +Wind fast immer Luftschichten von derselben Temperatur herführt, und wo +die Declinationsbewegung der Sonne jedes Jahr zur selben Zeit mit der +elektrischen Spannung, mit dem Aufhören der Seewinde und dem Eintritt +der Regenzeit eine Störung des Gleichgewichts verursacht.[^101] Der +Orinoco, der Rio Magdalena und der Congo oder Zaire sind die einzigen +großen Ströme im Aequinoctialstrich des Erdballs, die in der Nähe des +Aequators entspringen und deren Mündung in weit höherer Breite, aber +noch innerhalb der Tropen liegt. Der Nil und der Rio de la Plata laufen +in zwei entgegengesetzten Halbkugeln aus der heißen in die gemäßigte +Zone.[^102] So lange man den Rio Paragua bei Esmeralda mit dem Rio +Guaviare verwechseln und die Quellen des Orinoco südwestwärts am +Ostabhang der Anden suchte, schrieb man das Steigen des Stroms dem +periodischen Schmelzen des Schnees zu. Dieser Schluß war so unrichtig, +als wenn man früher den Nil durch das Schneewasser aus Abyssinien +austreten ließ. Die Cordilleren von Neu-Grenada, in deren Nähe die +westlichen Nebenflüsse des Orinoco, der Guaviare, der Meta und der Apure +entspringen, reichen, mit einziger Ausnahme der Paramos von Chita und +Mucuchies, so wenig zu der Grenze des ewigen Schnees hinauf als die +abyssinischen Alpen. Schneeberge sind im heißen Erdstrich weit seltener, +als man gewöhnlich glaubt; und die Schneeschmelze, die in keiner +Jahreszeit bedeutend ist, wird zur Zeit der Hochwasser des Orinoco +keineswegs stärker. Die Quellen dieses Stroms liegen (ostwärts von +Esmeralda) in den Gebirgen der Parime, deren höchste Gipfel nicht über +1200 bis 1300 Toisen hoch sind, und von Grita bis Neiva (von 7½ bis +3 Grad der Breite) hat der östliche Zweig der Cordillere viele Paramos +von 1800 bis 1900 Toisen Höhe, aber nur Eine Gruppe von Nevados, das +heißt Bergen, höher als 2400 Toisen, und zwar die fünf Pichacos de +Chita. In den schneelosen Paramos von Cundinamarca entspringen die drei +großen Nebenflüsse des Orinoco von Westen her. Nur kleinere Nebenflüsse, +die in den Meta und Apure fallen, nehmen einige aguas de nieve auf, wie +der Rio Casanare, der vom Nevado de Chita, und der Rio de Santo Domingo, +der von der Sierra Nevada de Merida herunterkommt und durch die Provinz +Varinas läuft. + +Die Ursache des periodischen Austretens des Orinoco wirkt in gleichem +Maaße auf alle Flüsse, die im heißen Erdstrich entspringen. Nach der +Frühlings- Tag- und Nachtgleiche verkündet das Aufhören der Seewinde den +Eintritt der Regenzeit. Das Steigen der Flüsse, die man als natürliche +Regenmesser betrachten kann, ist der Regenmenge, die in den +verschiedenen Landstrichen fällt, proportional. Mitten in den Wäldern am +obern Orinoco und Rio Negro schienen mir über 90 bis 100 Zoll Regen im +Jahr zu fallen.[^103] Die Eingeborenen unter dem trüben Himmel von +Esmeralda und am Atabapo wissen daher auch ohne die geringste Kenntniß +von der Physik, so gut wie einst Eudoxus und Eratosthenes,[^104] daß das +Austreten großer Ströme allein vom tropischen Regen herrührt. Der +ordnungsmäßige Verlauf im Steigen und Fallen des Orinoco ist folgender. +Gleich nach der Frühlings- Tag- und Nachtgleiche (das Volk nimmt den 25. +März an) bemerkt man, daß der Fluß zu steigen anfängt, Anfangs nur um +einen Zoll in vierundzwanzig Stunden; im April fällt der Fluß zuweilen +wieder; das Maximum des Hochwassers erreicht er im Juli, bleibt voll (im +selben Niveau) vom Ende Juli bis zum 25. August, und fällt dann +allmählich, aber langsamer, als er gestiegen. Im Januar und Februar ist +er auf dem Minimum. In beiden Welten haben die Ströme der nördlichen +heißen Zone ihre Hochwasser ungefähr zur selben Zeit. Ganges, Niger und +Gambia erreichen wie der Orinoco ihr Maximum im August.[^105] Der Nil +bleibt um zwei Monate zurück, sey es in Folge gewisser localer +klimatischer Verhältnisse in Abyssinien, sey es wegen der Länge seines +Laufs vom Lande Berber oder vom 17. Breitengrad bis zur Theilung am +Delta. Die arabischen Geographen behaupten, in Sennaar und Abyssinien +steige der Nil schon im April (ungefähr wie der Orinoco); in Cairo wird +aber das Steigen erst gegen das Sommersolstitium merklich und der +höchste Wasserstand tritt Ende September ein.[^106] Aus diesem erhält +sich der Fluß bis Mitte October; das Minimum fällt in April und Mai, +also in eine Zeit, wo in Guyana die Flüsse schon wieder zu steigen +anfangen. Aus dieser raschen Uebersicht ergibt sich, daß, wenn auch die +Form der natürlichen Canäle und locale klimatische Verhältnisse eine +Verzögerung herbeiführen, die große Erscheinung des Steigens und Fallens +der Flüsse in der heißen Zone sich überall gleich bleibt. Auf den beiden +Thierkreisen, die man gewöhnlich den tartarischen und chaldäischen oder +egyptischen nennt (auf dem Thierkreis, der das Bild der Ratte, und auf +dem, der die Bilder der Fische und des Wassermanns hat) beziehen sich +besondere Constellationen auf die periodischen Ueberschwemmungen der +Flüsse. Wahre Cykeln, Zeiteintheilungen, wurden allmählig zu Theilungen +des Raums; da aber die physikalische Erscheinung der Ueberschwemmungen +eine so allgemeine ist, so konnte der Thierkreis, der durch die Griechen +auf uns gekommen und der durch das Vorrücken der Tag- und Nachtgleichen +ein geschichtliches Denkmal von hohem Alter wird, weit von Theben und +dem heiligen Nilthal entstanden seyn. Auf den Thierkreisen der neuen +Welt, z. B. auf dem mexicanischen, kommen auch Zeichen für Regen und +Ueberschwemmung vor, die dem Chu (der Ratte) des chinesischen und +tibetanischen Cyclus der Tse und den Fischen und dem Wassermann des +zwölftheiligen Thierkreises entsprechen. Diese zwei mexicanischen +Zeichen sind das Wasser (atl) und der Cipactli, das Seeungeheuer mit +einem Horn. Dieses Thier ist zugleich die Fischgazelle der Hindus, der +Steinbock unseres Thierkreises, der Deucalion der Griechen und der Noah +(Coxcox) der Azteken. So finden wir denn die allgemeinen Ergebnisse der +vergleichenden Hydrographie schon aus den astrologischen Denkmälern, in +den Zeiteintheilungen und den religiösen Ueberlieferungen von Völkern, +die geographisch und dem Grad ihrer Geistesbildung nach am weitesten +auseinander liegen. + +Da die Aequatorialregen auf den Niederungen eintreten, wenn die Sonne +durch das Zenith des Ortes geht, das heißt wenn ihre Declination der +Zone zwischen dem Aequator und einem der Wendekreise gleichnamig wird, +so fällt das Wasser im Amazonenstrom, während es im Orinoco merklich +steigt. In einer sehr scharfsinnigen Erörterung über den Ursprung des +Rio Congo hat man die Physiker bereits auf die Modificationen aufmerksam +gemacht, welche das periodische Steigen im Laufe eines Flusses erleiden +muß, bei dem Quellen und Mündung nicht auf derselben Seite der +Aequinoctiallinie liegen. Bei den hydraulischen Systemen des Orinoco und +des Amazonenstromes verwickeln sich die Umstände in noch auffallenderer +Weise. Sie sind durch den Rio Negro und den Cassiquiare, einen Arm des +Orinoco, verbunden, und diese Verbindung bildet zwischen zwei großen +Flußbecken eine schiffbare Linie, über welche der Aequator läuft. Der +Amazonenstrom hält nach Angaben, die mir an den Ufern desselben gemacht +worden, die Epochen des Steigens und Fallens lange nicht so regelmäßig +ein, als der Orinoco; indessen fängt er meist im December an zu steigen +und erreicht sein Maximum im März. Mit dem Mai fällt er wieder und im +Juli und August, also zur Zeit, wo der untere Orinoco das Land weit und +breit überschwemmt, ist sein Wasser stand im Minimum. Da in Folge der +allgemeinen Bodenbildung kein südamerikanischer Fluß von Süd nach Nord +über den Aequator laufen kann, so äußern die Ueberschwemmungen des +Orinoco Einfluß auf den Amazonenstrom, durch die des letzteren dagegen +erleiden die Oscillationen des Orinoco keine Störung in ihrem Gang. Aus +diesen Verhältnissen ergibt sich, daß beim Amazonenstrom und dem Orinoco +die concaven und die convexen Spitzen der Curve, welche der steigende +und fallende Wasserstand beschreibt, einander sehr regelmäßig +entsprechen, da sie den sechsmonatlichen Unterschied bezeichnen, der +durch die Lage der Ströme in entgegengesetzten Hemisphären bedingt wird. +Nur dauert es beim Orinoco nicht so lange, bis er zu steigen anfängt; er +steigt merklich, sobald die Sonne über den Aequator gegangen ist; der +Amazonenstrom dagegen wächst erst zwei Monate nach dem Aequinoctium. +Bekanntlich tritt in den Wäldern nördlich von der Linie der Regen früher +ein, als in den nicht so stark bewaldeten Niederungen der südlichen +heißen Zone. Zu dieser örtlichen Ursache kommt eine andere, die +vielleicht auch im Spiel ist, wenn der Nil so spät steigt. Der +Amazonenstrom erhält einen großen Theil seiner Gewässer von der +Cordillere der Anden, wo, wie überall in den Gebirgen, die Jahreszeiten +einen eigenthümlichen, dem der Niederungen meist entgegengesetzten Typus +haben. + +Das Gesetz des Steigens und Fallens des Orinoco ist in Bezug auf das +räumliche Moment oder die Größe der Schwankungen schwerer zu ermitteln +als hinsichtlich des Zeitlichen, des Eintretens der Maxima und Minima. +Da meine eigenen Messungen des Wasserstandes sehr unvollständig sind, +theile ich Schätzungen, die sehr stark von einander abweichen, nur unter +allem Vorbehalt mit. Die fremden Schiffer nehmen an, daß der untere +Orinoco gewöhnlich um 90 Fuß steige; Pons, der bei seinem Aufenthalt in +Caracas im Allgemeinen sehr genaue Notizen gesammelt hat, bleibt bei 13 +Faden stehen. Der Wasserstand wechselt natürlich nach der Breite des +Betts und der Zahl der Nebenflüsse, die in den Hauptstamm des Stroms +hereinkommen. Der Nil steigt in Oberegypten um 30 bis 35, bei Cairo um +25, an der Nordseite des Delta um 4 Fuß. Bei Angostura scheint der Strom +im Durchschnitt nicht über 24 oder 25 Fuß zu steigen. Es liegt hier +mitten im Fluß eine Insel, wo man den Wasserstand so bequem beobachten +könnte, wie am Nilmesser (Megyas) an der Spitze der Insel Rudah. Ein +ausgezeichneter Gelehrter, der sich in neuester Zeit am Orinoco +aufgehalten hat, Zea, wird meine Beobachtungen über einen so wichtigen +Punkt ergänzen: Das Volk glaubt, alle 25 Jahre steige der Orinoco um +drei Fuß höher als sonst; auf diesen Cyclus ist man aber keineswegs +durch genaue Messungen gekommen. Aus den Zeugnissen des Alterthums geht +hervor, daß die Niveauschwankungen des Nil nach Höhe und Dauer seit +Jahrtausenden sich gleich geblieben sind. Es ist dieß ein sehr +beachtenswerther Beweis, daß der mittlere Feuchtigkeits- und +Wärmezustand im weiten Nilbecken sich nicht verändert. Wird diese +Stetigkeit der physikalischen Erscheinungen, dieses Gleichgewicht der +Elemente sich auch in der neuen Welt erhalten, wenn einmal die Cultur +ein paar hundert Jahre alt ist? Ich denke, man kann die Frage bejahen, +denn alles, was die Gesammtkraft des Menschen vermag, kann auf die +allgemeinen Ursachen, von denen das Klima Guyanas abhängt, keinen +Einfluß äußern. + +Nach der Barometerhöhe von San Fernando de Apure finde ich, daß der Fall +des Apure und untern Orinoco von dieser Stadt bis zur Boca de Navios +3½ Zoll auf die Seemeile von 930 Toisen beträgt.[^107] Man könnte sich +wundern, daß bei einem solchen kaum merklichen Fall die Strömung so +stark ist; ich erinnere aber bei dieser Gelegenheit daran, daß nach +Messungen, die von Hastings angeordnet worden, der Ganges auf einer +Strecke von 60 Seemeilen (die Krümmungen eingerechnet) auch nur 4 Zoll +auf die Meile fällt und daß die mittlere Geschwindigkeit dieses Stroms +in der trockenen Jahreszeit 3, in der Regenzeit 6 bis 8 Seemeilen in der +Stunde beträgt. Die Stärke der Strömung hängt also, beim Ganges wie beim +Orinoco, nicht sowohl vom Gefälle des Bettes ab, als von der starken +Anhäufung des Wassers im obern Stromlauf in Folge der starken +Regenniederschläge und der vielen Zuflüsse. Schon seit 250 Jahren sitzen +europäische Ansiedler an den Mündungen des Orinoco, und in dieser langen +Zeit haben sich, nach einer von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzten +Ueberlieferung, die periodischen Oscillationen des Stroms (der +Zeitpunkt, wo er zu steigen anfängt und der höchste Wasserstand) sich +nie um mehr als 12 bis 15 Tage verzögert. + +Wenn Fahrzeuge mit großem Tiefgang im Januar und Februar mit dem Seewind +und der Fluth nach Angostura hinaufgehen, so laufen sie Gefahr, auf dem +Schlamm aufzufahren. Die Wasserstraße ändert sich häufig nach Breite und +Richtung; bis jetzt aber bezeichnet noch nirgends eine Bake die +Anschwemmungen, die sich überall im Fluß bilden, wo das Wasser seine +ursprüngliche Geschwindigkeit verloren hat. Südlich vom Cap Barima +besteht sowohl über den Fluß dieses Namens als über den Rio Moroca und +mehrere Esteres (aestuaria) eine Verbindung mit der englischen Colonie +am Essequebo. Man kann mit kleinen Fahrzeugen bis zum Rio Poumaron, an +dem die alten Niederlassungen Zeland und Middelburg liegen, ins Land +hinein kommen. Diese Verbindung hatte früher für die Regierung in +Caracas nur darum einige Wichtigkeit, weil dadurch dem Schleichhandel +Vorschub geleistet wurde; seit aber Berbice, Demerary und Essequebo +einem mächtigeren Nachbar in die Hände gefallen sind, betrachten die +Hispano-Amerikaner dieselbe aus dem Gesichtspunkt der Sicherheit der +Grenze. Flüsse, die der Küste parallel laufen und nur 5 bis 6 Seemeilen +davon entfernt bleiben, sind dem Uferstrich zwischen dem Orinoco und dem +Amazonenstrom eigenthümlich. + +Zehn Meilen von Cap Barima theilt sich das große Bett des Orinoco zum +erstenmal in zwei 2000 Toisen breite Arme; dieselben sind unter den +indianischen Namen Zacupana und Imataca bekannt. Der erstere, +nördlichere, steht westwärts von den Inseln Cangrejos und Burro mit den +bocas chicas Lauran, Nuina und Mariusas in Verbindung. Die Insel Burro +verschwindet beim Hochwasser, ist also leider nicht zu befestigen. Das +südliche Ufer des brazo Imataca ist von einem Labyrinth kleiner +Wasserrinnen zerschnitten, in welche sich der Rio Imataca und der Rio +Aquire ergießen. Auf den fruchtbaren Savanen zwischen dem Imataca und +dem Cuyuni erhebt sich eine lange Reihe Granithügel, Ausläufer der +Cordillere der Parime, die südlich von Angostura den Horizont begrenzt, +die vielberufenen Katarakten des Rio Carony bildet und dem Orinoco beim +Fort Vieja Guayana wie ein vorgeschobenes Cap nahe rückt. Die +volkreichen Missionen der Caraiben und Guayanos unter der Obhut der +catalonischen Kapuziner liegen den Quellen des Imataca und des Aquire +zu. Am weitesten gegen Ost liegen die Missionen Miamu, Cumamu und Palmar +auf einem bergigten Landstrich, der sich gegen Tupuquen, Santa Maria und +Villa de Upata hinzieht. Geht man den Rio Aquire hinauf und über die +Weiden gegen Süd, so kommt man zur Mission Belem de Tumeremo und von da +an den Zusammenfluß des Curumu mit dem Rio Cuyuni, wo früher der +spanische Posten oder destacamento de Cuyuni lag. Ich mache diese +einzelnen topographischen Angaben, weil der Rio Cuyuni oder Cuduvini auf +eine Strecke von 2½ bis 3 Längegraden dem Orinoco parallel von Ost nach +West läuft, und eine vortreffliche natürliche Grenze zwischen dem Gebiet +von Caracas und englisch Guyana abgibt. + +Die beiden Arme des Orinoco, der Zacupana und Imataca, bleiben 14 Meilen +weit getrennt; weiter oben findet man die Gewässer des Stroms in Einem +sehr breiten Bett beisammen. Dieses Stromstück ist gegen 8 Meilen lang; +an seinem westlichen Ende erscheint eine zweite Gabelung, und da die +Spitze des Deltas im nördlichen Arm des gegebenen Flusses liegt, so ist +dieser Theil des Orinoco für die militärische Vertheidigung des Landes +von großer Bedeutung. Alle Canäle, die den bocas chicas zulaufen, +entspringen am selben Punkt aus dem Stamme des Orinoco. Der Arm (Caño +Manamo), der beim Dorfe San Rafael abgeht, verzweigt sich erst nach +einem Lauf von 3 bis 4 Meilen, und ein Werk, das man oberhalb der Insel +Chaguanes anlegte, würde Angostura gegen einen Feind decken, der durch +eine der bocas chicas eindringen wollte. Zu meiner Zeit lagen die +Kanonierschaluppen östlich von San Rafael, am nördlichen Ufer des +Orinoco. Diesen Punkt müssen die Fahrzeuge in Sicht bekommen, die durch +die nördliche Wasserstraße bei San Rafael, welche die breiteste, aber +seichteste ist, nach Angostura hinaufsegeln. + +Sechs Meilen oberhalb des Punktes, wo der Orinoco einen Zweig an die +bocas chicas abgibt, liegt das alte Fort (los castillos de la Vieja oder +Antigua Guayana), das im sechzehnten Jahrhundert zuerst angelegt wurde. +An diesem Punkt liegen viele felsigte Eilande im Strom, der hier gegen +650 Toisen breit seyn soll. Die Stadt ist fast ganz zerstört, aber die +Werke stehen noch und verdienen alle Aufmerksamkeit von Seiten der +Regierung von Terra Firma. In der Batterie auf einem Hügel nordwestwärts +von der alten Stadt hat man eine prachtvolle Aussicht. Bei Hochwasser +ist die alte Stadt ganz von Wasser umgeben. Lachen, die in den Orinoco +münden, bilden natürliche Bassins für Schiffe, welche auszubessern sind. +Hoffentlich, wenn der Frieden diesen schönen Ländern wieder geschenkt +ist und keine engherzige Staatskunst mehr den Fortschritt der Industrie +hemmt, werden sich Werften an diesen Lachen bei Vieja Guayana erheben. +Kein Strom nach dem Amazonenstrom kann aus den Wäldern, durch die er +läuft, so prächtiges Schiffsbauholz liefern. Diese Hölzer aus den großen +Familien der Laurineen, der Guttiferen, der Rutaceen und der baumartigen +Schotengewächse bieten nach Dichtigkeit, specifischer Schwere und mehr +oder weniger harziger Beschaffenheit alle nur wünschenswerthen +Abstufungen. Was im Lande allein fehlt, das ist ein leichtes, +elastisches Mastholz mit parallelen Fasern, wie die Nadelhölzer der +gemäßigten Landstriche und der hohen Gebirge unter den Tropen es +liefern. + +Ist man an den Werken von Vieja Guayana vorbei, so wird der Orinoco +wieder breiter. Hinsichtlich des Anbaus des Landes zeigen beide Ufer +einen auffallenden Contrast. Gegen Nord sieht man nur den öden Strich +der Provinz Cumana, die unbewohnten Steppen (Llanos), die sich bis +jenseits der Quellen des Rio Maine, dem Plateau oder der Mesa von +Guanipa zu, erstrecken. Südwärts sieht man drei volkreiche Dörfer, die +zu den Missionen am Carony gehören, San Miguel de Uriala, San Felix und +San Joaquin. Letzteres Dorf, am Carony unmittelbar unterhalb des großen +Katarakts gelegen, gilt für den Stapelplatz der catalonischen Missionen. +Fährt man weiter gegen West, so hat der Steuermann zwischen der Mündung +des Carony und Angostura die Klippen Guarampo, die Untiefe des Mamo und +die Piedra del Rosario zu vermeiden. Ich habe nach dem umfangreichen +Material, das ich mitgebracht, und nach den astronomischen +Untersuchungen, deren Hauptergebnisse ich oben mitgetheilt, eine Karte +des Landes zwischen dem Delta des Orinoco, dem Carony und dem Cuyuni +entworfen. Es ist dieß der Theil von Guyana, der wegen der Nähe der +Küste eines Tags für europäische Ansiedler die meiste Anziehungskraft +haben wird. + +In ihrem gegenwärtigen Zustande steht die ganze Bevölkerung dieser +großen Provinz, mit Ausnahme einiger spanischer Kirchspiele (Pueblos y +villas de Espanoles), unter der Regierung zweier Mönchsorden. Schätzt +man die Zahl der Einwohner von Guyana, die nicht in wilder +Unabhängigkeit leben, auf 35,000, so leben etwa 24,000 in den Missionen +und sind dem unmittelbaren Einfluß des weltlichen Arms so gut wie +entzogen. Zur Zeit meiner Reise hatte das Gebiet der Franciskaner von +der Congregation der Observanten 7300 Einwohner, das der Capuchinos +catalanes 17,000; ein auffallendes Mißverhältniß, wenn man bedenkt, wie +klein letzteres Gebiet ist gegenüber den ungeheuren Uferstrecken am +obern Orinoco, Atabapo, Cassiquiare und Rio Negro. Aus diesen Angaben +geht hervor, daß gegen zwei Drittheile der Bevölkerung einer Provinz von +16,800 Meilen Flächeninhalt zwischen dem Rio Imataca und der Stadt Santo +Thome de Angostura auf einem 55 Meilen langen und 30 Meilen breiten +Strich zusammengedrängt sind. Diese beiden mönchischen Regierungen sind +den Weißen gleich unzugänglich und bilden einen status in statu. Ich +habe bisher nach meinen eigenen Beobachtungen die der Observanten +beschrieben, und es bleibt mir jetzt noch übrig mitzutheilen, was ich +über das andere Regiment, das der catalonischen Kapuziner, in Erfahrung +gebracht. Verderbliche bürgerliche Zwiste und epidemische Fieber haben +in den letzten Jahren den Wohlstand der Missionen am Carony, nachdem er +lange im Zunehmen gewesen, heruntergebracht; aber trotz dieser Verluste +ist der Landstrich, den wir besuchen wollen, noch immer +nationalökonomisch sehr interessant. + +Die Missionen der catalonischen Kapuziner hatten im Jahr 1804 zum +wenigsten 60,000 Stücke Vieh auf den Savanen, die sich vom östlichen +Ufer des Carony und Paragua bis zu den Ufern des Imataca, Curumu und +Cuyuni erstrecken; sie grenzen gegen Südost an das englische Guyana oder +die Colonie Essequebo, gegen Süd, an den öden Ufern des Paragua und +Paraguamusi hinauf und über die Cordillere von Pacaraimo, laufen sie bis +zu den portugiesischen Niederlassungen am Rio Branco. Dieser ganze +Landstrich ist offen, voll schöner Savanen, ganz anders als das Land, +über das wir am obern Orinoco gekommen sind. Undurchdringlich werden die +Wälder erst dem Süden zu, gegen Nord sind Wiesgründe, von bewaldeten +Hügeln durchschnitten. Die malerischsten Landschaften sind bei den +Fällen des Carony und in der 250 Toisen hohen Bergkette zwischen den +Neben- flüssen des Orinoco und denen des Cuyuni. Hier liegen Villa de +Upata, der Hauptort der Missionen, Santa Maria und Cupapui. Auf kleinen +Hochebenen herrscht ein gesundes, gemäßigtes Klima; Cacao, Reis, +Baumwolle, Indigo und Zucker wachsen überall in Fülle, wo der +unberührte, mit dicker Grasnarbe bedeckte Boden beackert wird. Die +ersten christlichen Niederlassungen reichen, glaube ich, nicht über das +Jahr 1721 hinauf. Die Elemente der gegenwärtigen Bevölkerung sind drei +indianische Völkerschaften, die Guayanos, die Caraiben und die Guaicas. +Letztere sind ein Gebirgsvolk und lange nicht von so kleinem Wuchse, wie +die Guaicas, die wir in Esmeralda getroffen[^108] Sie sind schwer an die +Scholle zu fesseln und die drei jüngsten Missionen, in denen sie +beisammen lebten, Cura, Curucuy und Arechica, find bereits wieder +eingegangen. Von den Guayanos erhielt im sechzehnten Jahrhundert diese +ganze weite Provinz ihren Namen; sie sind nicht so intelligent, aber +sanftmüthiger, und leichter, wenn nicht zu civilisiren, doch zu +bändigen, als die Caraiben. Ihre Sprache scheint zum großen Stamm der +caraibischen und tamanakischen Sprachen zu gehören. Sie ist mit +denselben in den Wurzeln und grammatischen Formen verwandt, wie unter +sich Sanscrit, Persisch, Griechisch und Deutsch. Bei etwas, das seinem +Wesen nach unbestimmt ist, lassen sich nicht leicht feste Formen +aufstellen, und man verständigt sich sehr schwer über die Unterschiede +zwischen Dialekt, abgeleiteter Sprache und Stammsprache. Durch die +Jesuiten in Paraguay kennen wir in der südlichen Halbkugel eine andere +Horde Guayanos, die in den dichten Wäldern am Parana leben. Obgleich +sich nicht in Abrede ziehen läßt, daß die Völker, die nördlich und +südlich vom Amazonenstrom hausen, durch weite Wanderzüge in gegenseitige +Verbindung getreten sind, so möchte ich doch nicht entscheiden, ob jene +Guayanos am Parana und Uragay mit denen am Carony mehr gemein haben, als +einen gleichlautenden Namen, was auf einem Zufall beruhen kann. + +Die bedeutendsten christlichen Niederlassungen liegen jetzt zwischen den +Bergen bei Santa Maria, der Mission San Miguel und dem östlichen Ufer +des Carony, von San Buenaventura bis Guri und dem Stapelplatz San +Joaquin, auf einem Landstrich von nur 460 Quadratmeilen beisammen. Gegen +Ost und Süd sind die Savanen fast gar nicht bewohnt; dort liegen nur +weit zerstreut die Missionen Belem, Tumuremo, Tupuquen, Puedpa und Santa +Clara. Es wäre zu wünschen, daß der Boden vorzugsweise abwärts von den +Flüssen bebaut würde, wo das Terrain höher und die Luft gesunder ist. +Der Rio Carony, ein herrlich klares, an Fischen armes Wasser, ist von +Villa de Barceloneta an, die etwas über dem Einfluß des Paragua liegt, +bis zum Dorfe Guri frei von Klippen. Weiter nordwärts schlängelt er sich +zwischen zahllosen Eilanden und Felsen durch, und nur die kleinen Canoes +der Caraiben wagen sich in diese Raudales oder Stromschnellen des Carony +hinein. Zum Glück theilt sich der Fluß häufig in mehrere Arme, so daß +man denjenigen wählen kann, der nach dem Wasserstand am wenigsten Wirbel +und Klippen über dem Wasser hat. Der große Salto, vielberufen wegen der +malerischen Reize der Landschaft, liegt etwas oberhalb des Dorfes +Aguacagua oder Carony, das zu meiner Zeit eine Bevölkerung von 700 +Indianern hatte. Der Wasserfall soll 15—20 Fuß hoch seyn, aber die +Schwelle läuft nicht über das ganze mehr als 300 Fuß breite Flußbett. +Wenn sich einmal die Bevölkerung mehr gegen Ost ausbreitet, so kann sie +die kleinen Flüsse Imataca und Aquire benützen, die ziemlich gefahrlos +zu befahren sind. Die Mönche, die gern einsam hausen, um sich der +Aufsicht der weltlichen Macht zu entziehen, wollten sich bis jetzt nicht +am Orinoco ansiedeln. Indessen können die Missionen am Carony nur auf +diesem Fluß oder auf dem Cuyuni und dem Essequebo ihre Produkte +ausführen. Der letztere Weg ist noch nicht versucht worden, obgleich an +einem der bedeutendsten Nebenflüsse des Cuyuni, am Rio Juruario, bereits +mehrere christliche Niederlassungen liegen. Dieser Nebenfluß zeigt bei +Hochgewässer die merkwürdige Erscheinung einer Gabelung; er steht dann +über den Juraricuima und den Aurapa mit dem Rio Carony in Verbindung, so +daß der Landstrich zwischen dem Orinoco, der See, dem Cuyuni und dem +Carony zu einer wirklichen Insel wird. Furchtbare Stromschnellen +erschweren die Schifffahrt auf dem obern Cuyuni; man hat daher in der +neuesten Zeit versucht, einen Weg in die Colonie Essequebo viel weiter +gegen Südost zu bahnen, wobei man an den Cuyuni weit unterhalb der +Mündung des Cucumu käme. + +In diesem ganzen südlichen Landstrich ziehen Horden unabhängiger +Caraiben umher, die schwachen Reste des kriegerischen Volksstammes, der +sich bis zu den Jahren 1733 und 1735 den Missionären so furchtbar +machte, um welche Zeit der ehrwürdige Bischof Gervais de Labrid,[^109] +Canonicus des Metropolitancapitels zu Lyon, der Pater Lopez und mehrere +andere Geistliche von den Caraiben erschlagen wurden. Dergleichen +Unfälle, die früher ziemlich häufig vorkamen, sind jetzt nicht mehr zu +befahren, weder in den Missionen am Carony noch in denen am Orinoco; +aber die unabhängigen Caraiben sind wegen ihres Verkehrs mit den +holländischen Colonisten am Essequebo für die Regierung von Guyana noch +immer ein Gegenstand des Mißtrauens und des Hasses. Diese Stämme leisten +dem Schleichhandel an den Küsten und durch die Canäle oder Esteres +zwischen dem Rio Barima und dem Rio Moroca Vorschub; sie treiben den +Missionären das Vieh weg und verleiten die neubekehrten Indianer (die +unter der Glocke leben), wieder in den Wald zu laufen. Die freien Horden +haben überall den natürlichen Trieb, sich den Fort- schritten der Cultur +und dem Vordringen der Weißen zu widersetzen. Die Caraiben und Aruacas +verschaffen sich in Essequebo und Demerary Feuergewehre, und als der +Handel mit amerikanischen Sklaven (poitos) in Blüthe stand, betheiligten +sich Abenteurer von holländischem Blut an den Einfällen an den Paragua, +Erevato und Ventuario. Die Menschenjagd wurde an diesen Flüssen +betrieben, wie wahrscheinlich noch jetzt am Senegal und Gambia. In +beiden Welten haben die Europäer dieselben Kunstgriffe gebraucht, +dieselben Unthaten begangen, um einen Handel zu treiben, der die +Menschheit schändet. Die Missionäre am Carony und Orinoco schreiben +alles Ungemach, das sie von den freien Caraiben zu erdulden haben, dem +Hasse ihrer Nachbarn, der calvinistischen Prädicanten am Essequebo, zu. +Ihre Schriften sind daher auch voll Klagen über die secta diabolica de +Calvins y de Lutero und gegen die Ketzer in holländisch Guyana, die sich +zuweilen herausnehmen, das Missionswesen zu treiben und Keime der +Gesittung unter den Wilden ausstreuen zu wollen. + +Unter allen vegetabilischen Erzeugnissen dieses Landes ist durch die +Betriebsamkeit der catalonischen Kapuziner der Baum, von dem die Cortex +Angosturae kommt, fälschlich »China von Carony« genannt, am berühmtesten +geworden. Wir haben ihn zuerst als eine neue von der Cinchona ganz +verschiedene Gattung der Familie der Meliaceen bekannt gemacht. Früher +meinte man, dieses wirksame Arzneimittel aus Südamerika komme von der +Brucea ferruginea, die in Abyssinien wächst, von der Magnolia glauca und +der Magnolia Plumieri. Während der schweren Krankheit meines +Reisegefährten schickte Navago einen vertrauten Mann in die Missionen am +Carony und ließ uns durch die Kapuziner in Upata blühende Zweige des +Baumes verschaffen, den wir wünschten beschreiben zu können. Wir bekamen +sehr schöne Exemplare, deren 18 Zoll lange Blätter einen sehr angenehmen +aromatischen Geruch verbreiteten. Wir sahen bald, daß der Cuspare (dieß +ist der indianische Name der Cascarilla oder der Corteza del Angostura) +eine neue Gattung bildet; und bei Uebersendung von Orinocopflanzen an +Willdenow ersuchte ich diesen, die Gattung nach Bonpland zu benennen. +Der jetzt unter dem Namen Bonplandia trifoliata bekannte Baum wächst 5 +bis 6 Meilen vom östlichen Ufer des Carony am Fuß der Hügel, welche die +Missionen Copapui, Upata und Alta Gracia einschließen. Die Caraiben +gebrauchen einen Aufguß der Rinde des Cuspare als ein stärkendes Mittel. +Bonpland hat denselben Baum westwärts von Cumana im Meerbusen Santa Fe +entdeckt, und dort kann er für Neu-Andalusien ein Ausfuhrartikel werden. + +Die catalonischen Mönche bereiten ein Extrakt aus der Cortex Angosturae, +das sie in die Klöster ihrer Provinz versenden und das im nördlichen +Europa bekannter zu seyn verdiente. Hoffentlich wird die gegen Fieber +und Ruhr so wirksame Rinde der Bonplandia auch ferner angewendet, +obgleich man unter dem Namen »falsche Angostura« eine andere Rinde +eingeführt hat, die mit jener häufig verwechselt wird. Diese »falsche +Angostura« oder »Angostura pseudo-ferruginosa« kommt, wie man behauptet, +von der Brucea antidysenterica; sie wirkt sehr stark auf die Nerven, +bringt heftige Anfälle von Starrkrampf hervor und enthält nach +Pelletiers und Caventous Versuchen ein eigenthümliches Alcali, das mit +dem Morphium und dem Strychnin Aehnlichkeit hat. Der Baum, von dem die +ächte Cortex Angosturae kommt, ist nicht sehr häufig, und es erscheint +daher als wünschenswerth, daß man ihn anpflanzt. Die catalonischen +Ordensleute sind ganz dazu geeignet, diesen Culturzweig in Aufnahme zu +bringen. Sie sind haushälterischer, betriebsamer und rühriger als die +andern Missionäre. Bereits haben sie in einigen Dörfern Gerbereien und +Baumwollenspinnereien angelegt, und wenn sie fortan die Indianer der +Früchte ihrer Arbeit genießen lassen, so finden sie sicher an der +eingeborenen Bevölkerung kräftige Unterstützung. Da hier die Mönche auf +kleinem Gebiet beisammen leben, fühlen sie ihre politische Bedeutung, +und sie haben zu wiederholten malen der weltlichen Gewalt, wie der des +Bischofs Widerstand geleistet. Die Statthalter in Angostura haben mit +sehr ungleichem Erfolg mit ihnen gekämpft, je nachdem das Ministerium in +Madrid sich der kirchlichen Hierarchie gefällig erzeigen wollte oder +ihre Macht zu beschränken suchte. Im Jahr 1768 ließ Don Manuel Centurion +den Missionären über 20,000 Stücke Vieh wegnehmen und sie unter die +dürftigsten Einwohner vertheilen. Diese auf ziemlich ungesetzliche Weise +geübte Freigebigkeit hatte wichtige Folgen. Der Statthalter wurde auf +die Klage der catalonischen Mönche abgesetzt, obgleich er das Gebiet der +Missionen gegen Süd bedeutend erweitert und über dem Zusammenfluß des +Carony mit dem Paragua die Villa Barceloneta und bei der Vereinigung des +Paragua mit dem Paraguamusi die Ciudad Guirior gegründet hatte. Seit +jener Zeit bis auf die politischen Stürme, welche gegenwärtig in den +spanischen Colonien toben, vermied die bürgerliche Behörde sorgfältig +jede Einmischung in die Angelegenheiten der Kapuziner. Man gefällt sich +darin, ihren Wohlstand zu übertreiben, wie man früher bei den Jesuiten +in Paraguay gethan. + +Die Missionen am Carony vereinigen in Folge der Bodenbildung[^110] und +des Wechsels von Savanen und Ackerland die Vorzüge der Llanos von +Calabozo und der Thäler von Aragua. Der wahre Reichthum des Landes +beruht auf der Viehzucht und dem Bau von Colonialprodukten. Es ist zu +wünschen, daß hier, wie in der schönen, fruchtbaren Provinz Venezuela, +die Bevölkerung dem Landbau treu bleibt und nicht so bald darauf +ausgeht, Erzgruben zu suchen. Deutschlands und Mexikos Beispiel beweist +allerdings, daß Bergbau und eine blühende Landwirthschaft keineswegs +unverträglich sind; aber nach Volkssagen kommt man über die Ufer des +Carony zum See Dorado und zum Palast des vergoldeten Mannes,[^111] und +da dieser See und dieser Palast ein Localmythus sind, so wäre es +gefährlich Erinnerungen zu wecken, die sich allmählig zu verwischen +beginnen. Man hat mich versichert, noch bis zum Jahr 1760 seyen die +freien Caraiben zum Cerro de Pajarcima, einem Berg südlich von Vieja +Guyana gekommen, um das verwitterte Gestein auszuwaschen. Der dabei +gewonnene Goldstaub wurde in Calebassen der Crescentia Cujete aufbewahrt +und in Essequebo an die Holländer verkauft. Noch später mißbrauchten +mexicanische Bergleute die Leichtgläubigkeit des Intendanten von +Caracas, Don Jose Avalo, und legten mitten in den Missionen am Carony, +bei der Villa Upata in den Cerros del Potrero und Chirika große +Hüttenwerke an. Sie erklärten, die ganze Gebirgsart sey goldhaltig und +man baute Werkstätten und Schmelzöfen. Nachdem man beträchtliche Summen +verschleudert, zeigte es sich, daß die Kiese keine Spur von Gold +enthielten. Diese Versuche, so fruchtlos sie waren, riefen den alten +Aberglauben[^112] wach, daß in Guyana »jedes glänzende Gestein una madre +del oro sey.« Man begnügte sich nicht damit, Glimmerschiefer zu +schmelzen; bei Angostura zeigte man mir Schichten von Hornblendeschiefer +ohne fremdartige Beimengung, die man unter dem wunderlichen Namen: +schwarzes Golderz, oro negro, ausbeutete. + +Zur Vervollständigung der Beschreibung des Orinoco theile ich an dieser +Stelle die Hauptergebnisse meiner Untersuchungen über den Dorado, über +das weiße Meer oder Laguna Parime und die Quellen des Orinoco mit, wie +sie auf den neuesten Karten gezeichnet sind. Die Vorstellung von einem +überschwenglich reichen Goldlande war seit dem Ende des sechzehnten +Jahrhunderts mit der andern verbunden, daß ein großer Binnensee den +Orinoco, Rio Branco und den Rio Essequebo zugleich mit Wasser speise. +Ich glaube durch genauere Kenntniß der Oertlichleiten, durch langes, +mühsames Studium der spanischen Schriftsteller, die vom Dorado handeln, +besonders aber durch Vergleichung sehr vieler alten, chronologisch +geordneten Karten den Quellen dieses Irrthums auf die Spur gekommen zu +seyn. Allen Mährchen liegt etwas Wirkliches zu Grunde; das vom Dorado +gleicht den Mythen des Alterthums, die bei ihrer Wanderung von Land zu +Land immer den verschiedenen Oertlichkeiten angepaßt wurden. Um Wahrheit +und Irrthum zu unterscheiden, braucht man in den Wissenschaften meistens +nur die Geschichte der Vorstellungen und ihre allmählige Entwicklung zu +verfolgen. Die Untersuchung, mit der ich dieses Kapitel beschließe, ist +nicht allein deßhalb von Belang, weil sie Licht verbreitet über die +Vorgänge bei der Eroberung und über die lange Reihe unglücklicher +Expeditionen, die unternommen worden, um den Dorado zu suchen, und deren +letzte (man schämt sich, es sagen zu müssen) in das Jahr 1775 fällt; +neben diesem rein historischen Interesse haben sie noch ein anderes +unmittelbareres und allgemeineres: sie können dazu dienen, die +Geographie von Südamerika zu berichtigen, und auf den Karten, die +gegenwärtig erscheinen, die großen Seen und das seltsame Flußnetz +auszumerzen, die wie auf gerathewohl zwischen dem 60. und 69. Längengrad +eingezeichnet werden. In Europa glaubt kein Mensch mehr an die Schätze +in Guyana und an das Reich des großen Patiti. Die Stadt Manoa und ihre +mit massiven Goldplatten bedeckten Paläste sind längst verschwunden; +aber der geographische Apparat, mit dem die Sage vom Dorado aufgeputzt +war, der See Parime, in dem sich, wie im See bei Mexiko, so viele +herrliche Gebäude spiegelten, wurde von den Geographen gewissenhaft +beibehalten. Im Laufe von drei Jahrhunderten erlitten dieselben Sagen +verschiedene Umwandlungen; aus Unkenntniß der amerikanischen Sprachen +hielt man Flüsse für Seen und Trageplätze für Flußverzweigungen; man +rückte einen See (den Cassipa) um 5 Breitegrade zu weit nach Süd, +während man einen andern (den Parime oder Dorado) hundert Meilen weit +weg vom westlichen Ufer des Rio Branco auf das östliche versetzte. Durch +solch mancherlei Umwandlungen ist das Problem, das uns hier vorliegt, +weit verwickelter geworden, als man gewöhnlich glaubt. Der Geographen, +welche bei Entwerfung einer Karte die drei Fundamentalpunkte, die Maße, +die Vergleichung der beschreibenden Schriften und die etymologische +Untersuchung der Namen immer im Auge haben, sind sehr wenige. Fast alle +seit 1775 erschienenen Karten von Südamerika sind, was das Binnenland +zwischen den Steppen von Venezuela und dem Amazonenstrom, zwischen dem +Ostabhang der Anden und den Küsten von Cayenne betrifft, reine Copien +der großen spanischen Karte des la Cruz Olmedilla. Eine Linie darauf, +welche den Landstrich bezeichnet, den Don Jose Solano entdeckt und durch +seine Truppen und Emissäre zur Ruhe gebracht haben wollte, hielt man für +den Weg, den der Commissär zurückgelegt, während er nie über San +Fernando de Atabapo, das 160 Meilen vom angeblichen See Parime liegt, +hinausgekommen ist. Man versäumte es, das Werk des Pater Caulin zu Rathe +zu ziehen, des Geschichtschreibers von Solanos Expedition, der nach den +Angaben der Indianer sehr klar auseinandersetzt, »wie der Name des +Flusses Parime das Mährchen vom Dorado und einem Binnenmeer veranlaßt +hat«. Ganz unbenützt ließ man ferner eine Karte vom Orinoco, die drei +Jahre jünger ist als die von la Cruz; und die von Surville nach dem +ganzen zuverlässigen wie hypothetischen Material in den Archiven des +Despacho universal de Indias gezeichnet wurde. Die Fortschritte der +Geographie, soweit sie sich auf den Karten zu erkennen geben, sind weit +langsamer, als man nach der Menge brauchbarer Resultate, die in den +Literaturen der verschiedenen Völker zerstreut sind, glauben sollte. +Astronomische Beobachtungen, topographische Nachweisungen häufen sich +viele Jahre lang an, ohne daß sie benützt werden, und aus sonst sehr +lobenswerthem Conservatismus wollen die Kartenzeichner oft lieber nichts +Neues bringen, als einen See, eine Bergkette oder ein Flußnetz opfern, +die man nun einmal seit Jahrhunderten eingezeichnet hat. + +Da die fabelhaften Sagen vom Dorado und vom See Parime nach dem +Charakter der Länder, denen man sie anpassen wollte, verschiedentlich +gewendet worden sind, so ist herauszufinden, was daran richtig seyn mag +und was rein chimärisch ist. Um nicht zu sehr ins Einzelne zu gehen, was +besser der »Analyse des geographischen Atlas« vorbehalten bleibt, mache +ich den Leser vor allem auf die Oertlichkeiten aufmerksam, welche zu +verschiedenen Zeiten der Schauplatz der Expeditionen zur Entdeckung des +Dorado gewesen. Hat man sich mit der Physiognomie des Landes und mit den +örtlichen Umständen, wie wir sie jetzt zu beschreiben im Stande sind, +bekannt gemacht, so wird einem klar, wie die verschiedenen +Voraussetzungen auf unsern Karten nach und nach entstehen und einander +modificiren konnten. Um einen Irrthum zu berichtigen, hat man nur die +wechselnden Gestalten zu betrachten, unter denen er zu verschiedenen +Zeiten aufgetreten ist. + +Bis zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts war das ungeheure Gebiet +zwischen den Bergen von französisch Guyana und den Wäldern am obern +Orinoro, zwischen den Quellen des Rio Carony und dem Amazonenstrom (von +0 bis 4 Grad nördlicher Breite und vom 57. bis 68. Grad der Länge) so +wenig bekannt, daß die Geographen nach Gefallen Seen, Flußverbindungen, +mehr oder weniger hohe Berge einzeichnen konnten. Sie haben sich dieser +Freiheit in vollem Maße bedient, und die Lage der Seen, wie der Lauf und +die Verzweigungen der Flüsse wurden so verschiedenartig dargestellt, daß +es nicht zu wundern wäre, wenn sich unter den zahllosen Karten ein paar +fänden, die das Richtige getroffen hätten. Heutzutage ist das Feld der +Hypothesen sehr bedeutend kleiner geworden. Die Länge von Esmeralda am +obern Orinoco ist von mir bestimmt; weiter nach Ost, mitten in den +Niederungen der Parime (ein unbekanntes Land, wie Wangara und Dar-Saley +in Afrika), ist ein 20 Meilen breiter Strich von Nord nach Süd an den +Ufern des Rio Carony und des Rio Branca) hin, unter dem 63. Grad der +Länge, bereits begangen. Es ist dieß der gefährliche Weg, den Don +Antonio Santos von Santo Thome de Angostura an den Rio Negro und den +Amazonenstrom eingeschlagen, derselbe, auf dem in neuester Zeit +Ansiedler aus Surinam mit den Bewohnern von Gran-Para verkehrt +haben.[^113] Dieser Weg schneidet die terra incognita der Parime in zwei +ungleiche Stücke; zugleich setzt er den Quellen des Orinoco Grenzen, so +daß man dieselben nicht mehr nach Belieben gegen Ost schieben kann, weil +sonst das Bett des obern Orinoco, der von Ost nach West läuft, über das +Bett des Rio Branco liefe, der von Nord nach Süd fließt. Verfolgt man +den Rio Branco oder den Streifen Bauland, der zur Capitania general von +Gran-Para gehört, so sieht man Seen, die von den Geographen zum Theil +aus der Luft gegriffen, zum Theil vergrößert sind, zwei gesonderte +Gruppen bilden. Die erste derselben begreift die Seen, die man zwischen +Esmeralda und den Rio Branco verlegt, zur zweiten gehören die, welche +man auf dem Landstrich zwischen dem Rio Branco und den Bergen von +französisch und holländisch Guyana einander gegenüber liegen läßt. Aus +dieser Uebersicht ergibt sich, daß die Frage, ob es ostwärts vom Rio +Branco einen See Parime gibt, mit der Frage nach den Quellen des Orinoco +gar nichts zu thun hat. + +Außer dem eben bezeichneten Landstrich (dem Dorado de la Parime, durch +den der Rio Branco läuft) gibt es 260 Meilen gegen West am Ostabhang der +Cordilleren der Anden ein anderes Land, das in den Expeditionen zur +Aufsuchung des Dorado ebenso berufen ist. Es ist dieß das Mesopotamien +zwischen dem Caqueta, dem Rio Negro, dem Uaupes und dem Jurubesh, von +dem ich oben ausführlich gesprochen,[^114] der Dorado der Omaguas, wo +der See Manoa des Pater Acuña, die laguna de oro der Guanes-Indianer und +das Goldland liegen, aus dem Pater Fritz gegen das Ende des siebzehnten +Jahrhunderts in seiner Mission am Amazonenstrom Goldbleche erhalten hat. + +Die ersten und zumal berühmtesten Unternehmungen zur Auffindung des +Dorado waren gegen den Ostabhang der Anden von Neu-Grenada gerichtet. +Voll Verwunderung über den Bericht eines Indianers aus Tacunga von den +Schätzen des Königs oder Zague von »Cundirumarca,« schickte Sebastian de +Belalcazar im Jahr 1535 die Hauptleute Añasco und Ampudia aus, das valle +del Dorado zu suchen, das zwölf Tagereisen von Guallabamba, also in den +Gebirgen zwischen Pasto und Popayan liegen sollte. Die Nachrichten, +welche Pedro de Añasco von den Eingeborenen eingezogen, in Verbindung +mit den späteren Mittheilungen des Diaz de Pineda (1536), der die +Provinzen Quixos und Canela zwischen dem Rio Napo und dem Rio Pastaca +entdeckt hatte, brachten auf die Vorstellung, daß östlich von den +Nevados von Tunguragua, Cayambe und Popayan »weite Ebenen liegen, reich +an edlen Metallen, wo die Eingeborenen Rüstungen aus massivem Golde +trügen«. Als man nun diese Schätze aufsuchte, entdeckte Gonzalo Pizarro +(1539) zufällig den amerikanischen Zimmtbaum (Laurus cinnamomoides) und +gelangte Francisco de Orellana über den Napo hinunter in den +Amazonenstrom. Von da an wurden zu gleicher Zeit von Venezuela, +Neu-Grenada, Quito und Peru, ja von Brasilien und vom Rio de la Plata +aus Expeditionen zur Eroberung des Dorado unternommen. Am längsten haben +sich die Züge in das Land südlich vom Guaviare, Rio Fragua und Caqueta +im Gedächtniß erhalten, und durch sie vor allen hat das Mährchen von den +Schätzen der Manaos, der Omaguas und Guaypes, wie von der Existenz der +Lagunas de oro und der Stadt des vergoldeten Königs (der große Patiti, +der große Moxo, der große Paru oder Enim) Verbreitung gefunden. Da +Orellana zwischen den Nebenflüssen des Jupura und des Rio Negro +Götzenbilder von massivem Golde gefunden hatte, so glaubte man an ein +Goldland zwischen dem Papamene und dem Guaviare. Seine Erzählung und die +Reiseberichte Jorge’s de Espira (Georg von Speier), Hernans Perez de +Guezada und Felipe’s de Urre (Philipp von Hutten) verrathen, neben +vielen Uebertreibungen, genaue Localkenntnisse. Betrachtet man sie rein +aus geographischem Gesichtspunkt, so sieht man, daß das Bestreben der +ersten Conquistadoren fortwährend dahin ging, zum Landstrich zwischen +den Quellen des Rio Negro, des Uaupes (Guape) und des Jupura oder +Caqueta zu gelangen. Diesen Landstrich haben wir oben, zum Unterschied +vom Dorado der Parime, den Dorado der Omaguas genannt. Allerdings hieß +alles Land zwischen dem Amazonenstrom und dem Orinoco im Allgemeinen +»Provincias del Dorado;« aber auf diesem ungeheuern, mit Wäldern, +Savanen und Gebirgen bedeckten Raum strebte man, wenn man den großen See +mit goldreichen Ufern und den vergoldeten König suchte, doch immer nur +zwei Punkten zu, nordöstlich und südwestlich vom Rio Negro, nämlich der +Parime (dem Isthmus zwischen dem Carony, Essequebo und Rio Branco) und +den alten Wohnplätzen der Manaos an den Ufern des Jurubesh. Die Lage des +letzteren Landstrichs, der in der Geschichte der »Eroberung« vom Jahr +1535 bis zum Jahr 1560 vielberufen war, habe ich oben angegeben; ich +habe nun noch von der Bodenbildung zwischen den spanischen Missionen am +Carony und den portugiesischen am Rio Branco zu sprechen. Es ist dieß +das Land in der Nähe des obern Orinoco, Esmeraldas und von holländisch +und französisch Guyana, das am Ende des sechzehnten Jahrhunderts Raleghs +Unternehmungen und übertriebene Berichte in so hellem Glanze strahlen +ließen. + +In Folge des Laufs des Orinoco, indem er nach einander erst gegen West, +dann gegen Nord und endlich gegen Ost fließt, liegt seine Mündung fast +im selben Meridian wie seine Quellen; geht man daher von Alt-Guayana +gegen Süd, so kommt man über das ganze Land, in das die Geographen nach +einander ein Binnenmeer (Mar blanco) und die verschiedenen Seen +versetzen, die mit der Sage vom Dorado der Parime verknüpft sind. Zuerst +kommt man an den Rio Carony, zu dem zwei fast gleich starke Zweige +zusammentreten, der eigentliche Carony und der Rio Paragua. Die +Missionäre von Piritu nennen letzteren Fluß einen See (laguna). Er ist +voll Klippen und kleiner Wasserfälle; »da er aber über ein völlig ebenes +Land läuft, tritt er zugleich häufig sehr stark aus und man kann sein +eigentliches Bett (su verdadera caxa) kaum erkennen«. Die Eingeborenen +nennen ihn Paragua oder Parava, was auf caraibisch Meer oder großer See +bedeutet. Diese örtlichen Verhältnisse und diese Benennung sind ohne +Zweifel die Veranlassung geworden, daß man aus dem Rio Paragua, einem +Nebenfluß des Carony, einen See gemacht und denselben Cassipa genannt +hat, nach den Cassipagotos, die in der Gegend wohnten. Ralegh gab diesem +Wasserbecken 13 Meilen Breite, und da alle Seen der Parime Goldsand +haben müssen, so ermangelt er nicht zu versichern, wenn Sommers das +Wasser falle, finde man daselbst Goldgeschiebe von bedeutenden Gewicht. + +Da die Quellen der Nebenflüsse des Carony, Arui und Caura (Caroli, Arvi +und Caora der alten Geographen) ganz nahe bei einander liegen, so kam +man auf den Gedanken, alle diese Flüsse aus dem angeblichen See Cassipa +entspringen zu lassen. Sanson vergrößert den See auf 42 Meilen Länge und +15 Meilen Breite. Die alten Geographen kümmern sich wenig darum, ob sie +die Zuflüsse an beiden Ufern immer in derselben Weise einander +gegenübersetzen, und so geben sie die Mündung des Carony und den See +Cassipa, der durch den Carony mit dem Orinoco zusammenbringt, zuweilen +oberhalb des Einflusses des Meta an. So schiebt Hondius den See bis zum +2. und 3. Breitengrad hinunter und gibt ihm die Gestalt eines Rechtecks, +dessen größten Seiten Von Nord nach Süd gerichtet sind. Dieser Umstand +ist bemerkenswerth, weil man, indem man nach und nach dem See Cassipa +eine südlichere Breite gab, denselben vom Carony und Arui loslöste und +ihn Parime nannte. Will man diese Metamorphose in ihrer allmähligen +Entwicklung verfolgen, so muß man die Karten, die seit Raleghs Reise bis +heute erschienen sind, vergleichen. La Cruz, dem alle neueren Geographen +nachgezeichnet haben, läßt seinem See Parime die länglichte Gestalt des +Sees Cassipa, obgleich diese Gestalt von der des alten Sees Parime oder +Rupunuwini, dessen große Achse von Ost nach West gerichtet war, völlig +abweicht. Ferner war dieser alte See (der des Hondius, Sanson und +Coronelli) von Bergen umgeben und es entsprang kein Fluß daraus, während +der See Parime des la Cruz und der neueren Geographen mit dem obern +Orinoco zusammenhängt, wie der Cassipa mit dem untern Orinoco. + +Ich habe hiemit den Ursprung der Fabel vom See Cassipa erklärt, so wie +den Einfluß, den sie auf die Vorstellung gehabt, als ob der Orinoco aus +dem See Parime entspränge. Sehen wir jetzt, wie es sich mit dem +letzteren Wasserbecken verhält, mit dem angeblichen Binnenmeer, das bei +den Geographen des sechzehnten Jahrhunderts Rupunuwini heißt. Unter dem +4. oder 4½ Grad der Breite (leider fehlt es in dieser Richtung, südlich +von Santo Thome de Angostura, auf 8 Grade weit ganz an astronomischen +Beobachtungen) verbindet eine lange, schmale Cordillere, Pacaraimo, +Quimiropaca und Ucucuamo genannt, die von Ost nach Südwest streicht, den +Bergstock der Parime mit den Bergen von holländisch und französisch +Guyana. Sie bildet die Wasserscheide zwischen dem Carony, Rupunury oder +Rupunuwini und dem Rio Branco, und somit zwischen den Thälern des untern +Orinoco, des Essequebo und des Rio Negro. Nordwestlich von dieser +Cordillere von Pacaraimo, über die nur wenige Europäer gekommen sind (im +Jahr 1739 der deutsche Chirurg Nicolaus Hortsmann, im Jahr 1775 sein +spanischer Officier, Don Antonio Santos, im Jahr 1791 der portugiesische +Obrist Barata, und im Jahr 1811 mehrere englische Colonisten) kommen der +Nocapra, der Paraguamusi und der Paragua herab, die in den Carony +fallen; gegen Nordost kommt der Rupunuwini herunter, ein Nebenfluß des +Essequebo; gegen Süd vereinigen sich der Tacutu und der Uraricuera zum +vielberufenen Rio Parime oder Rio Branco. + +Dieser Isthmus zwischen den Zweigen des Rio Essequebo und des Rio Branco +(das heißt zwischen dem Rupunuwini einerseits, und dem Pirara, Mahu und +Uraricuera oder Rio Parime andererseits) ist als der eigentliche +classische Boden des Dorado der Parime zu betrachten. Am Fuße der Berge +von Pacaraimo treten die Flüsse häufig aus, und oberhalb Santa Rosa +heißt das rechte Ufer des Urariapara, der sich in den Utaricuera +ergießt, »el valle de la inundacion«. Ferner findet man zwischen dem Rio +Parime und dem Xurumu große Lachen; auf den in neuester Zeit in +Brasilien gezeichneten Karten, die über diesen Landstrich sehr genau +sind, finden sich diese Wasserstücke angegeben. Weiter nach West kommt +der Caño Pirara, der in den Mahu läuft, aus einem Binsensee. Das ist der +von Nicolaus Hortsmann beschriebene See Amucu, derselbe, über den mir +Portugiesen aus Barcelos, die am Rio Branco (Rio Parime oder Rio +Paravigiana) gewesen waren, während meines Aufenthaltes in San Carlos +del Rio Negro genaue Notizen gegeben haben. Der See Amucu ist mehrere +Meilen breit und hat zwei kleine Inseln, die Santos Islas Ipomucena +nennen hörte. Der Rupunuwini, an dessen Ufer Hortsmann Felsen mit +hieroglyphischen Bildern entdeckt hat, kommt diesem See ganz nahe, steht +aber in keiner Verbindung mit demselben. Der Trageplatz zwischen dem +Rupunuwini und dem Mahu liegt weiter gegen Nord, wo der Berg Ucucuamo +sich erhebt, der bei den Eingeborenen noch jetzt der Goldberg heißt. Sie +gaben Hortsmann den Rath, um den Rio Mahu herum eine Silbergrube (ohne +Zweifel großblätteriger Glimmer), Diamanten und Smaragde zu suchen; der +Reisende fand aber nichts als Bergkrystall. Aus seinem Bericht scheint +hervorzugehen, daß der ganze nach Ost streichende Zug der Gebirge am +obern Orinoco (Sierra Parime) aus Graniten besteht, in denen, wie am Pic +Duida,[^115] häufig Drusen und offene Gänge vorkommen. In dieser Gegend, +die noch immer für sehr goldreich gilt, leben an der Westgrenze von +holländisch Guyana die Macusis, Aturajos und Acuvajos; später fand +Santos diese Völkerschaften zwischen dem Rupunuwini, dem Mahu und der +Bergkette Pacaraimo angesiedelt. Das glimmerreiche Gestein am Berg +Ucucuamo, der Name des Rio Parime, das Austreten der Flüsse Urariapara, +Parime und Xurumu, besonders aber der See Amucu (der nahe beim Rio +Rupunuwini liegt und für die Hauptquelle des Rio Parime gilt) haben die +Fabel vom weißen Meer und dem Dorado der Parime veranlaßt. Alle diese +Momente (und eben dadurch wirkten sie zu Einer Vorstellung zusammen) +finden sich auf einer von Nord nach Süd 8 bis 9 Meilen breiten, von Ost +nach West 40 Meilen langen Strecke neben einander. Diese Lage gab man +auch bis zum Anfang des sechzehnten Jahrhunderts dem weißen Meer, nur +daß man es in der Richtung eines Parallels verlängerte. Dieses weiße +Meer ist nun aber nichts anderes als der Rio Parime, der auch weißer +Fluß, Rio Branco oder de aguas blancas heißt und diesen ganzen +Landstrich, über den er läuft, unter Wasser setzt. Auf den ältesten +Karten heißt das weiße Meer Rupunuwini, und daraus geht hervor, daß die +Sage eben hier zu Hause ist, da unter allen Nebenflüssen des Essequebo +der Rio Rupunuwini dem See Amucu am nächsten kommt. Bei seiner ersten +Reise (1595) machte sich Ralegh noch keine bestimmte Vorstellung von der +Lage des Dorado und des Sees Parime, den er für gesalzen hielt und den +er »ein zweites caspisches Meer« nennt. Erst bei der zweiten, +gleichfalls auf Raleghs Kosten unternommenen Reise (1596) gab Lawrence +Keymis die Oertlichkeiten des Dorado so bestimmt an, daß, wie mir dünkt, +an der Identität der Parime de Manoa mit dem See Amucu und dem Isthmus +zwischen dem Rupunuwini (der in den Essequebo läuft) und dem Rio Parime +oder Rio Branco gar nicht zu zweifeln ist. »Die Indianer,« sagt Keymis, +»fahren den Essequebo südwärts in zwanzig Tagen hinauf. Um die Stärke +des Flusses anzudeuten, nennen sie ihn den Bruder des Orinoco. Nach +zwanzigtägiger Fahrt schaffen sie ihre Canoes über einen Trageplatz in +einem einzigen Tage aus dem Flusse Dessekebe auf einen See, den die Jaos +Roponowini, die Caraiben Parime nennen. Dieser See ist groß wie ein +Meer; es fahren unzählige Canoes darauf, und ich vermuthe (die Indianer +hatten ihm also nichts davon gesagt), daß es derselbe See ist, an dem +die Stadt Manoa liegt.« Hondius gibt eine merkwürdige Abbildung von +jenem Trageplatz, und da nach der damaligen Vorstellung die Mündung des +Carony unter dem 4. Breitengrad (statt unter 8°8′) lag, so setzte man +den Trageplatz ganz nahe an den Aequator. Zur selben Zeit ließ man den +Viapoco (Oyapoc) und den Rio Cayane (Maroni?) aus jenem See Parime +kommen. Der Umstand, daß die Caraiben den westlichen Zweig des Rio +Branco ebenso nennen, hat vielleicht so viel dazu beigetragen, den See +Amucu in der Einbildung zu vergrößern, als die Ueberschwemmungen der +verschiedenen Nebenflüsse des Uraricuera von der Mündung des Tacutu bis +zum valle de la inundacion. + +Wir haben oben gesehen, daß die Spanier den Rio Paragua oder Parava, der +in den Carony fällt, für einen See hielten, weil das Wort Parava Meer, +See, Fluß bedeutet. Ebenso scheint Parime großes Wasser im Allgemeinen +zu bedeuten, denn die Wurzel par kommt in caraibischen Benennungen von +Flüssen, Lachen, Seen und Meeren Vor. Im Arabischen und im Persischen +dienen ebenso bahr und deria gleichmäßig zur Bezeichnung des Meeres, der +Seen und der Flüsse, und dieser Brauch, der sich bei vielen Völkern in +beiden Welten findet, hat auf den alten Karten Seen in Flüsse und Flüsse +in Seen umgewandelt. Zur Bekräftigung des eben Gesagten führe ich einen +sehr achtbaren Zeugen auf, Pater Caulin. »Als ich,« sagt dieser +Missionär, der sich länger als ich am untern Orinoco aufgehalten hat, +»die Indianer fragte, was denn die Parime sey, so erwiederten sie, es +sey nichts als ein Fluß, der aus einer Bergkette komme, an deren anderem +Abhang der Essequebo entspringe.« Caulin weiß nichts vom See Amucu, und +erklärt den Glauben an ein Binnenmeer nur aus den Ueberschwemmungen der +Ebenen, a las inundaciones dilatadas per los bajos del pays.[^116] Ihm +zufolge rühren alle Mißgriffe der Geographen von dem leidigen Umstand +her, daß alle Flüsse in Guyana an ihren Mündungen andere Namen haben als +an ihren Quellen. »Ich zweifle nicht,« sagt er weiter, »daß einer der +obern Zweige des Rio Branco derselbe Rio Parime ist, den die Spanier für +einen See gehalten haben (a quien suponian laguna).« Diese Notizen hatte +der Geschichtschreiber der Grenzexpedition an Ort und Stelle gesammelt, +und er hätte wohl nicht geglaubt, daß la Cruz und Surville richtige +Begriffe und alte Vorstellungen vermengen und auf ihren Karten das Mar +Dorado oder Mar Blanco wieder zum Vorschein bringen würden. So kommt es, +daß, obgleich ich seit meiner Rückkehr aus Amerika vielfach den Beweis +geführt, daß ein Binnenmeer, aus dem der Orinoco entspränge, gar nicht +existirt, in neuester Zeit unter meinem Namen eine Karte[^117] +erschienen ist, auf der die Laguna de Parime wiederum auftritt. + +Aus allem Bisherigen geht hervor: 1) daß die Laguna Rupunuwini oder +Parime aus Raleghs Reise und auf den Karten des Hondius ein chimärischer +See ist, zu dem der See Amucu und die häufigen Ueberschwemmungen der +Nebenflüsse des Uraricuera Veranlassung gegeben; 2) daß die Laguna +Parime auf Survilles Karte der See Amucu ist, aus dem der Rio Pirara und +(zugleich mit dem Mahu, dem Tacutu, dein Uraricuera oder dem eigentlich +sogenannten Rio Parime) der Rio Branco entspringt; 3) daß die Laguna +Parime des la Cruz eine eingebildete Erweiterung des Rio Parime (der mit +dem Orinoco verwechselt wird) unterhalb der Vereinigung des Mahu mit dem +Xurumu ist. Von der Mündung des Mahu bis zu der des Tacutu beträgt die +Entfernung kaum 0°40′; la Cruz macht 7 Breitengrade daraus. Er nennt das +obere Stück des Rio Branco (in das der Mahu fällt) Orinoco oder Puruma. +Dieß ist ohne allen Zweifel der Xurumu, ein Nebenfluß des Tacutu, der +den Einwohnern des benachbarten Forts San Joaquim wohl bekannt ist. Alle +Namen, die in der Sage vom Dorado vorkommen, finden sich unter den +Nebenflüssen des Rio Branco. Geringfügige örtliche Verhältnisse und die +Erinnerung an den Salzsee in Mexico, zumal aber an den See Manoa im +Dorado der Omaguas wirkten zusammen zur Ausmalung eines Bildes, das der +Einbildungskraft Raleghs und seiner beiden Unterbefehlshaber, Keymis und +Masham, den Ursprung verdankt. Nach meiner Ansicht lassen sich die +Ueberschwemmungen des Rio Branco höchstens mit denen des Red River in +Louisiana zwischen Natchitotches und Cados vergleichen, keineswegs aber +mit der Laguna de los Xarayes, die eine periodische Ausbreitung des Rio +Paraguay ist.[^118] + +Wir haben im Bisherigen ein weißes Meer besprochen, durch das man den +Hauptstamm des Rio Branco laufen läßt, und ein zweites,[^119] das man +ostwärts von diesem Flusse setzt, und das mit demselben mittelst des +Caño Pirara zusammenhängt. Noch gibt es einen dritten See,[^120] den man +westwärts vom Rio Branco verlegt, und über den ich erst kürzlich +interessante Angaben im handschriftlichen Tagebuch des Chirurgen +Hortsmann gefunden habe. »Zwei Tagereisen unterhalb des Einflusses des +Mahu (Tacutu) in den Rio Parime (Uraricuera) liegt auf einem Berggipfel +ein See, in dem dieselben Fische vorkommen, wie im Rio Parime; aber die +Wasser des ersteren sind schwarz, die des letzteren weiß.« Hat nun nicht +vielleicht Surville nach einer dunkeln Kunde von diesem Wasserbecken auf +der Karte, die er zu Pater Caulins Werk entworfen, sich einen 10 Meilen +langen Alpensee ausgedacht, bei dem (gegen Ost) der Orinoco und der +Idapa, ein Nebenfluß des Rio Negro, zumal entspringen? So unbestimmt die +Angabe des Chirurgen aus Hildesheim lautet, so läßt sich doch unmöglich +annehmen, daß der Berg, auf dessen Gipfel sich ein See befindet, +nördlich vom Parallel von 2°½, liege, und diese Breite kommt ungefähr +mit der des Cerro Unturan überein. Es ergibt sich daraus, daß Hortsmanns +Alpsee, der d’Anvilles Aufmerksamkeit entgangen ist, und der vielleicht +mitten in einer Berggruppe liegt, nordöstlich vom Trageplatz zwischen +dem Idapa und Mavaca und südöstlich vom Orinoco, oberhalb Esmeralda, zu +suchen ist. + +Die meisten Geschichtschreiber, welche die ersten Jahrhunderte nach der +Eroberung beschrieben haben, schienen der festen Ansicht, daß die Namen +Provincias und Pais del Dorado ursprünglich jeden goldreichen Landstrich +bedeuteten. Sie vergessen den etymologischen Sinn des Wortes Dorado (der +Vergoldete) und bemerken nicht, daß diese Sage ein Localmythus ist, wie +ja auch fast alle Mythen der Griechen, Hindus und Perser. Die Geschichte +vom vergoldeten Mann ist ursprünglich in den Anden von Neu-Grenada zu +Hause, besonders aus den Niederungen am Ostabhange derselben; nur +allmählig, wie ich oben gezeigt, sieht man sie 300 Meilen gegen +Ost-Nord-Ost von den Quellen des Caqueta an die des Rio Branco und des +Essequebo herüberrücken. Man hat in verschiedenen Gegenden von +Südamerika bis zum Jahr 1536 Gold gesucht, ohne daß das Wort Dorado +ausgesprochen worden wäre, und ohne daß man an die Existenz eines andern +Mittelpunktes der Cultur und der Schätze als das Reich der Inca von +Cuzco geglaubt hätte. Länder, aus denen gegenwärtig auch nicht die +kleinste Menge edlen Metalls in den Handel kommt, die Küste von Paria, +Terra Firma (Castilla del Oro), die Berge von St. Martha und die +Landenge Darien waren damals so vielberufen, wie in neuerer Zeit der +goldhaltige Boden in Senora, Choco und Brasilien. + +Diego de Ordaz (1531) und Alonzo de Herera (1535) zogen auf ihren +Entdeckungsreisen an den Ufern des untern Orinoco hin. Ersterer ist der +berüchtigte Conquistador von Mexico, der sich rühmte, Schwefel aus dem +Krater des Pics Popocatepetl geholt zu haben, und dem Karl V. die +Erlaubniß ertheilte, einen brennenden Vulkan im Wappen zu führen. Ordaz +war zum Adelantado allen Landes ernannt worden, das er zwischen +Brasilien und Venezuela erobern könnte, und das damals das Land der +deutschen Compagnie der Welser (Belzares) hieß, und er ging auf seinem +Zuge von der Mündung des Amazonenstromes aus. Er sah dort in den Händen +der Eingeborenen »faustgroße Smaragde«. Es waren ohne Zweifel Stücke +Saussurit, von dem dichten Feldspath, den wir vom Orinoco +zurückgebracht, und den La Condamine an der Mündung des Rio Topayos in +Menge angetroffen.[^121] Die Indianer sagten Diego de Ordaz, »wenn er so +und so viele Sonnen gegen West hinauffahre, komme er an einen großen +Fels (peña) von grünem Gestein«; bevor er aber diesen vermeintlichen +Smaragdberg (Euphotitgestein?) erreichte, machte ein Schiffbruch allen +weiteren Entdeckungen ein Ende. Mit genauer Noth retteten sich die +Spanier in zwei kleinen Fahrzeugen. Sie eilten, aus der Mündung des +Amazonenstroms hinauszukommen, und die Strömungen, die in diesen +Strichen stark nach Nordwest gehen, führten Ordaz an die Küste von Paria +oder auf das Gebiet des Caziken von Yuripari (Uriapari, Viapari). Sedeño +hatte die Casa fuerte de Paria gebaut, und da dieser Posten ganz nahe an +der Mündung des Orinoco lag, beschloß der mexikanische Conquistador, +eine Expedition auf diesem großen Strom zu versuchen. Er hielt sieh +zuerst in Carao (Caroa, Carora) auf, einem großen indianischen Dorf, das +mir etwas ostwärts vom Einfluß des Carony gelegen zu haben scheint; er +fuhr sofort nach Cabruta (Cabuta, Cabritu) hinauf und an den Einfluß des +Meta (Metacuyu), wo er mit großen Fährlichkeiten seine Fahrzeuge über +den Raudal von Cariven schaffte. Wir haben oben gesehen, daß das Bett +des Orinoco bei der Einmündung des Meta voll Klippen ist. Die +Aruacas-Indianer, die Ordaz als Wegweiser dienten, riethen ihm, den Meta +hinaufzufahren; sie versicherten ihn, weiter gegen West finde er +bekleidete Menschen und Gold in Menge. Ordaz wollte lieber auf dem +Orinoco weiterfahren, aber die Katarakten bei Tabaje (vielleicht sogar +die bei Atures) nöthigten ihn, seine Entdeckungen aufzugeben. + +Auf diesem Zuge, der lange vor den des Orellana fällt und also der +bedeutendste war, den die Spanier bis dahin auf einem Strome der neuen +Welt unternommen, hörte man zum erstenmal den Namen Orinoco aussprechen. +Ordaz, der Anführer der Expedition, versichert, von der Mündung bis zum +Einfluß des Meta heiße der Strom Uriaparia, oberhalb dieses Einflusses +aber Orinucu. Dieses Wort (ähnlich gebildet wie die Worte Tamanacu, +Otomacu, Sinarucu) gehört wirklich der tamanakischen Sprache an, und da +die Tamanacas süd-östlich von Encaramada wohnen, so ist es natürlich, +daß die Conquistadoren den jetzigen Namen des Stromes erst in der Nähe +des Rio Meta zu hören bekamen. Auf diesem Nebenfluß erhielt Diego de +Ordaz von den Eingeborenen die erste Kunde von civilisirten Völkern, +welche auf den Hochebenen der Anden von Neu-Grenada wohnten, »von einem +gewaltigen, einäugigen Fürsten und von Thieren, kleiner als Hirsche, auf +denen man aber reiten könne, wie die Spanier auf den Pferden.« Ordaz +zweifelte nicht, daß diese Thiere Llamas oder Ovejas del Peru seyen. +Soll man annehmen, daß die Llamas, die man in den Anden vor dem Pflug +und als Lastthiere, aber nicht zum Reiten brauchte, früher nördlich und +östlich von Quito verbreitet gewesen? Ich finde wirklich, daß Orellana +welche am Amazonenstrom gesehm hat, oberhalb des Einflusses des Rio +Negro, also in einem Klima, das von dem der Hochebene der Anden +bedeutend abweicht. Das Mährchen von einem auf Llamas berittenen Heere +von Omaguas mußte dazu dienen, den Bericht der Begleiter Felipes de Urre +über ihren ritterlichen Zug an den obern Orinoco auszuschmücken. +Dergleichen Sagen sind äußerst beachtenswerth, weil sie darauf +hinzuweisen scheinen, daß die Hausthiere Quitos und Perus bereits +angefangen hatten von den Cordilleren herabzukommen und sich allmählig +in den östlichen Landstrichen von Südamerika zu verbreiten. + +Im Jahr 1533 wurde Herera, der Schatzmeister bei Diegos de Ordaz +Expedition, vom Statthalter Geronimo de Ortal mit der weiteren +Erforschung des Orinoco und des Meta beauftragt. Er brachte zwischen +Punta Barima und dem Einfluß des Carony fast dreizehn Monate mit dem Bau +platter Fahrzeuge und den nothwendigen Zurüstungen zu einer langen Reise +hin. Man liest nicht ohne Verwunderung die Erzählung dieser kühnen +Unternehmungen, wobei man drei, vierhundert Pferde einschiffte, um sie +ans Land zu setzen, so oft die Reiterei am einen oder dem andern Ufer +etwas ausrichten konnte. Wir finden bei Hereras Expedition dieselben +Stationen wieder, die wir bereits kennen gelernt: die Feste Paria, das +indianische Dorf Uriaparia (wahrscheinlich unterhalb Imataca an einem +Punkt, wo sich die Spanier wegen der Ueberschwemmung des Delta kein +Brennholz verschaffen konnten), Caroa in der Provinz Carora, die Flüsse +Caranaca (Caura?) und Caxavana (Cuchivero?), das Dorf Cabritu (Cabruta) +und den Raudal am Einfluß des Meta. Da der Rio Meta sehr berühmt war, +weil seine Quellen und seine Nebenflüsse den goldhaltigen Cordilleren +von Neu-Grenada (Cundinamarca) nahe liegen, so versuchte er ihn +hinaufzufahren. Er fand daselbst civilisirtere Völker als am Orinoco, +die aber das Fleisch stummer Hunde aßen.[^122] In einem Gefecht wurde +Herera durch einen mit Curaresaft (Yierva) vergifteten Pfeile getödtet; +sterbend ernannte er Alvaro de Ordaz zu seinem Stellvertreter. Dieser +führte (1535) die Trümmer der Expedition nach der Feste Paria zurück, +nachdem er vollends die wenigen Pferde eingebüßt, die einen +achtzehnmonatlichen Feldzug ausgehalten. + +Dunkle Gerüchte über die Schätze der Völker am Meta und andern +Nebenflüssen am Ostabhang der Cordilleren von Neu-Grenada veranlaßten +nacheinander, in den Jahren 1535 und 1536, Geronimo de Ortal, Nicolaus +Federmann und Jorge de Espira (Georg von Speier) zu Expeditionen auf +Landwegen gegen Süd und Südwest. Vom Vorgebirge Paria bis zum Cabo de la +Vela hatte man schon seit den Jahren 1498 und 1500 in den Händen der +Eingeborenen kleine gegossene Goldbilder gesehen. Die Hauptmärkte für +diese Amulette, die den Weibern als Schmuck dienten, waren die Dörfer +Curiana (Coro) und Cauchieto (beim Rio la Hacha). Die Gießer in +Cauchieto erhielten das Metall aus einem Bergland weiter gegen Süden. +Die Expeditionen des Ordaz und des Herera hatten das Verlangen, diese +goldreichen Landstriche zu erreichen, natürlich gesteigert. Georg von +Speier brach (1535) von Coro auf und zog über die Gebirge von Merida an +den Apure und Meta. Er ging über diese beiden Flüsse nahe bei ihren +Quellen, wo sie noch nicht breit sind. Die Indianer erzählten ihm, +weiter vorwärts ziehen weiße Menschen auf den Ebenen umher. Speier, der +sich nahe am Amazonenstrom glaubte, zweifelte nicht, daß diese +umherziehenden Spanier Schiffbrüchige von der Expedition des Ordaz +seyen. Er zog über die Savanen von San Juan de los Llanos, die reich an +Gold seyn sollten, und blieb lange in einem indianischen Dorf, Pueblo de +Nuestra Señora, später Fragua genannt, südöstlich vom Paramo de la Suma +Paz. Ich war am Westabhang dieses Bergstocks, in Fusagasuga, und hörte, +die Ebenen gegen Ost am Fuß der Berge seyen noch jetzt bei den +Eingeborenen wegen ihres Reichthums berufen. Im volkreichen Dorfe Fragua +fand Speier eine Casa del Sol (Sonnentempel) und ein Jungfrauenkloster, +ähnlich denen in Peru und Neu-Grenada. Hatte sich hier der Cultus gegen +Ost ausgebreitet, oder sind etwa die Ebenen bei San Juan die Wiege +desselben? Nach der Sage war allerdings Bochica, der Gesetzgeber von +Neu-Grenada und Oberpriester von Iraca, von den Ebenen gegen Ost auf das +Plateau von Bogota herausgekommen. Da aber Bochica in Einer Person Sohn +und Sinnbild der Sonne ist, so kann seine Geschichte rein astrologische +Allegorien enthalten. Auf seinem weiteren Zuge nach Süd ging Speier über +die zwei Zweige des Guaviare, den Ariare und Guayavero, und gelangte ans +Ufer des großen Rio Papamene[^123] oder Caqueta. Der Widerstand, den er +ein ganzes Jahr lang in der Provinz los Choques fand, machte dieser +denkwürdigen Expedition ein Ende (1537), Nicolaus Federmann und Geronimo +de Ortal verfolgten von Macarapana und der Mündung des Rio Neveri aus +Jorges de Espira Spuren. Ersterer suchte Gold im großen Magdalenenstrom, +letzterer wollte einen Sonnentempel am Ufer des Meta entdecken. Da man +die Landessprache nicht verstand, sah man am Fuße der Cordilleren +überall einen Abglanz der großartigen Tempel von Iraca (Sogamozo), dem +damaligen Mittelpunkt der Cultur in Cundinamarca. + +Ich habe bis jetzt aus geographischem Gesichtspunkt die Reisen +besprochen, welche auf dem Orinoco und gegen West und Süd an den +Ostabhang der Anden unternommen wurden, bevor sich die Sage vom Dorado +unter den Conquistadoren verbreitet hatte. Diese Sage stammt, wie wir +oben angeführt, aus dem Königreich Quito, wo Luis Daça im Jahr 1535 +einen Indianer aus Neu-Grenada traf, der von seinem Fürsten (ohne +Zweifel vom Zippa von Bogota oder vom Zaque von Tunja) abgesandt war, um +von Atahualpa, dem Inca von Peru, Kriegshülfe zu erbitten. Dieser +Abgesandte pries, wie gewöhnlich, die Schätze seiner Heimath; was aber +den Spaniern, die mit Daça in der Stadt Tacunga (Llactaconga) waren, +ganz besonders auffiel, das war die Geschichte von einem vornehmen Mann, +»der, den Körper mit Goldstaub bedeckt, in einen See mitten im Gebirge +ging.« Dieser See könnte die Laguna de Totta, etwas ostwärts von +Sogamozo (Iraca) und Tunja (Hunca) seyn, wo das geistliche und das +weltliche Haupt des Reiches Cundinamarca oder Cundirumarca ihren Sitz +hatten; da sich aber keinerlei geschichtliche Erinnerung an diesen See +knüpft, so glaube ich vielmehr, daß mit dem, in welchen man den +vergoldeten großen Herrn gehen ließ, der heilige See Guatavita, ostwärts +von den Steinsalzgruben von Zipaquira, gemeint ist. Ich sah am Rande +dieses Wasserbeckens die Reste einer in den Fels gehauenen Treppe, die +bei den gottesdienstlichen Waschungen gebraucht wurde. Die Indianer +erzählen, man habe Goldstaub und Goldgeschirr hineingeworfen, als Opfer +für die Götzen des adoratorio de Guatavita. Man sieht noch die Spuren +eines Einschnitts, den die Spanier gemacht, um den See trocken zu legen. +Da der Sonnentempel von Sogamozo den Nordküsten von Terra Firma ziemlich +nahe liegt, so wurden die Vorstellungen vom vergoldeten Mann bald auf +einen Oberpriester von der Sekte des Bochica oder Idacanzas +übergetragen, der sich gleichfalls jeden Morgen, um das Opfer zu +verrichten, auf Gesicht und Hände, nachdem er dieselben mit Fett +eingerieben, Goldstaub kleben ließ. Nach andern Nachrichten, die in +einem Schreiben Oviedos an den berühmten Cardinal Bembo aufbehalten +sind, suchte Gonzalo Pizarro, als er den Landstrich entdeckte, wo die +Zimmtbäume wachsen, zugleich »einen großen Fürsten, von dem hier zu +Lande viel die Rede geht, der immer mit Goldstaub überzogen ist, so daß +er vom Kopf zum Fuß aussieht wie una figura. d’oro lavorata di mano d’un +buonissimo orifice. Der Goldstaub wird mittelst eines wohlriechenden +Harzes am Leibe befestigt; da aber diese Art Anzug ihm beim Schlafen +unbequem wäre, so wascht sich der Fürst jeden Abend und läßt sich +Morgens wieder vergolden, welches beweist, daß das Reich des Dorado +ungemein viele Goldgruben haben muß.« Es ist ganz wohl anzunehmen, daß +unter den von Bochica eingeführten gottesdienstlichen Ceremonien eine +war, die zu einer so allgemein verbreiteten Sage Anlaß gab. Fand man +doch in der neuen Welt die allerwunderlichsten Gebräuche. In Mexico +bemalten sich die Opferpriester den Körper; ja sie trugen eine Art +Meßgewand mit hängenden Aermeln aus gegerbter Menschenhaut. Ich habe +Zeichnungen derselben bekannt gemacht, die von den alten Einwohnern von +Anahuac herrühren und in ihren gottesdienstlichen Büchern aufbehalten +sind. + +Am Rio Caura und in andern wilden Landstrichen von Guyana, wo der Körper +bemalt statt tätowirt wird, reiben sich die Eingeborenen mit +Schildkrötenfett ein und kleben sich metallisch glänzende, silberweiße +und kupferrothe Glimmerblättchen auf die Haut. Von weitem sieht dieß +aus, als trügen sie mit Borten besetzte Kleider. Der Sage vom +vergoldeten Mann liegt vielleicht ein ähnlicher Brauch zu Grunde, und da +es in Neu-Grenada zwei souveräne Fürsten gab,[^124] den Lama in Iraca +und das weltliche Oberhaupt oder den Zaque in Tunja, so ist es nicht zu +verwundern, daß dasselbe Ceremoniell bald dem König, bald dem +Oberpriester zugeschrieben wird. Auffallender erscheint es, daß man vom +Jahr 1535 an das Land des Dorado ostwärts von den Anden gesucht hat. +Robertson nimmt in seiner Geschichte des neuen Continents an, die Sage +sey zuerst Orellana (1540) am Amazonenstrom zu Ohren gekommen; aber das +Buch des Fray Pedro Simon, dem Quesadas, des Eroberers von Cundirumarca, +Aufzeichnungen zu Grunde liegen, beweist das Gegentheil, und bereits im +Jahr 1536 suchte Gonzalo Diaz de Pineda den vergoldeten Mann jenseits +der Niederungen der Provinz Quixos. Der Gesandte aus Bogota, den Daça im +Königreich Quito angetroffen, hatte von einem ostwärts gelegenen Lande +gesprochen; that er etwa so, weil die Hochebene von Neu-Grenada nicht +nordwärts, sondern nordostwärts von Quito liegt? Man sollte meinen, die +Sage von einem nackten, mit Goldstaub überzogenen Mann müßte +ursprünglich in einem heißen Lande zu Hause seyn, und nicht auf den +kalten Hochebenen von Cundirumarca, wo ich den Thermometer oft unter 4 +oder 5 Grad fallen sah; indessen ist das Klima in Folge der +ungewöhnlichen Bodenbildung auch in Guatavita, Tunja, Iraca und am Ufer +des Sogamozo sehr verschieden. Nicht selten behält man gottesdienstliche +Gebräuche bei, die aus einem andern Erdstrich herrühren, und nach alten +Sagen ließen die Muyscas ihren ersten Gesetzgeber und Stifter ihres +Gottesdienstes, Bochica, aus den Ebenen ostwärts von den Cordilleren +herkommen. Ich lasse unentschieden, ob diese Sagen auf einer +geschichtlichen Thatsache beruhten oder ob damit, wie schon oben +bemerkt, nur angedeutet seyn sollte, daß der erste Lama, der Sohn und +Sinnbild der Sonne ist, nothwendig aus Ländern gegen Aufgang gekommen +seyn müsse. Wie dem sey, so viel ist gewiß, der Ruf, den der Orinoco, +der Meta und die Provinz Papamene zwischen den Quellen des Guaviare und +Caqueta durch die Expeditionen des Ordaz, Herera und Georgs von Speier +bereits erlangt, trug dazu bei, die Sage vom Dorado in der Nähe des +Ostabhangs der Cordilleren zu fixiren. + +Daß auf der Hochebene von Neu-Grenada drei Heerhaufen zusammentrafen, +machte, daß sich in ganz Amerika, so weit es von den Spaniern besetzt +war, die Kunde von einem noch zu erobernden reichen, stark bevölkerten +Lande verbreitete. Sebastian de Belalcazar zog von Quito über Popayan +nach Bogota (1536); Nicolaus Federmann kam von Venezuela, von Ost her +über die Ebenen am Meta. Diese beiden Anführer trafen auf der Hochebene +von Cundirumarca bereits den vielberufenen Adelantado Gonzalo Ximenes de +Quesada, von dem ich einen Nachkommen bei Zipaquira barfuß das Vieh habe +hüten sehen. Das zufällige Zusammentreffen der drei Conquistadoren, +eines der merkwürdigsten und dramatischsten Ereignisse in der Geschichte +der Eroberung, fand im Jahr 1538 statt. Belalcazar erhitzte durch seine +Berichte die Phantasie abenteuerlustiger Krieger; man verglich, was der +Indianer aus Tacunga Luis Daça erzählt, mit den verworrenen +Vorstellungen von den Schätzen eines großen einäugigen Königs und von +einem bekleideten, auf Lamas reitenden Volke, die Ordaz vom Meta +mitgebracht. Pedro de Limpias, ein alter Soldat, der mit Federmann auf +der Hochebene von Bogota gewesen war, brachte die erste Kunde vom Dorado +nach Coro, wo das Andenken an die Expedition Georgs von Speier (1535—37) +an den Rio Papamene noch ganz frisch war. Von dieser selben Stadt Coro +aus unternahm auch Felipe de Hutten (Urre, Utre) seine vielberufene +Reise in das Gebiet der Omaguas, während Pizarro, Orellana und Hernan +Perez de Quesada, der Bruder des Adelantado, das Goldland am Rio Napo, +längs des Amazonenstroms und in der östlichen Kette der Anden von +Neu-Grenada suchten. Die Eingeborenen, um ihrer unbequemen Gäste los zu +werden, versicherten aller Orten, zum Dorado sey leicht zu kommen, und +zwar ganz in der Nähe. Es war wie ein Phantom, das vor den Spaniern +entwich und ihnen beständig zurief. Es liegt in der Natur des flüchtigen +Erdenbewohners, daß er das Glück in der unbekannten Weite sucht. Der +Dorado, gleich dem Atlas und den hesperischen Inseln, rückte allgemach +vom Gebiet der Geographie auf das der Mythendichtung hinüber. + +Die vielfachen Unternehmungen zur Aufsuchung dieses eingebildeten Landes +zu erzählen, liegt nicht in meiner Absicht. Ohne Zweifel verdankt man +denselben großentheils die Kenntniß vom Innern Amerikas; sie leisteten +der Geographie Dienste, wie ja der Irrthum oder gewagte Theorien nicht +selten zur Wahrheit führen; aber in der vorliegenden Erörterung kann ich +mich nur bei den Umständen aufhalten, die auf die Entwerfung der alten +und neuen Karten unmittelbar Einfluß gehabt haben. Hernan Perez de +Quesada suchte nach der Abreise seines Bruders, des Adelantado, nach +Europa von neuem (1539), dießmal aber im Berglande nordöstlich von +Bogota, den Sonnentempel (Casa del sol), von dem Geronimo de Ortal +(1536) am Meta hatte sprechen hören. Der von Bochica eingeführte +Sonnendienst und der hohe Ruf des Heiligthums zu Iraca oder Sogamozo +gaben Anlaß zu jenen verworrenen Gerüchten von Tempeln und Götzenbildern +aus massivem Golde; aber auf den Bergen wie in den Niederungen glaubte +man immer weit davon zu seyn, weil die Wirklichkeit den chimärischen +Träumen der Einbildungskraft so wenig entsprach. Francisco de Orellana +fuhr, nachdem er mit Pizarro den Dorado in der Provincia de los canelos +und an den goldhaltigen Ufern des Napo vergebens gesucht, den großen +Amazonenstrom hinunter (1540). Er fand dort zwischen den Mündungen des +Javari und des Rio de la Trinidad (Yupura?) einen goldreichen +Landstrich, genannt Machiparo (Muchifaro), in der Nähe des Aomaguas oder +Omaguas. Diese Kunde trug dazu bei, daß der Dorado südostwärts verlegt +wurde, denn Omaguas (Om-aguas, Aguas), Dit-Aguas und Papamene waren +Benennungen für dasselbe Land, für das, welches Georg von Speier auf +seinem Zuge an den Caqueta entdeckt hatte. Mitten auf den Niederungen +nordwärts vom Amazonenstrom wohnten die Omaguas, die Manaos oder Manoas +und die Guaypes (Uaupes oder Guayupes), drei mächtige Völker, deren +letzteres, dessen Wohnsitze westwärts am Guaupe oder Uaupe liegen, schon +in den Reiseberichten Quesadas und Huttens erwähnt wird. Diese beiden in +der Geschichte Amerikas gleich berühmten Conquistadoren kamen auf +verschiedenen Wegen in die Llanos von San Juan, die damals Valle de +Nuestra Señora hießen. Hernan Perez de Quesada ging (1541) über die +Cordilleren von Cundirumarca, wahrscheinlich zwischen den Paramos +Chingasa und Suma Paz, während Felipe de Hutten, in Begleitung Pedros de +Limpias (desselben, der von den Hochebenen von Bogota die erste Kunde +vom Dorado nach Venezuela gebracht hatte) von Nord nach Süd den Weg +einschlug, auf dem Georg von Speier am Ostabhang der Gebirge hingezogen +war. Hutten brach von Coro, dem Hauptsitz der deutschen Faktorei oder +Gesellschaft der Welser auf, als Heinrich Remboldt an der Spitze +derselben stand. Nachdem er über die Ebenen am Casanare, Meta und Caguan +gezogen (1541), kam er an den obern Guaviare (Guayuare), den man lange +für den Ursprung des Orinoco gehalten hat und dessen Mündung ich auf dem +Wege von San Fernando de Atabapo an den Rio Negro gesehen habe. Nicht +weit vom rechten Ufer des Guaviare kam Hutten in die Stadt der Guaypes, +Macatoa. »Das Volk daselbst trug Kleider, die Felder schienen gut +angebaut, alles deutete auf eine Cultur, die sonst diesem heißen +Landstrich im Osten der Cordilleren fremd war. Wahrscheinlich war Georg +von Speier bei seinem Zuge an den Rio Caqueta und in die Provinz +Papamene weit oberhalb Macatoa über den Guaviare gegangen, bevor die +beiden Zweige dieses Flusses, der Ariari und der Guayavero, sich +vereinigen. Hutten erfuhr, auf dem Wege weiter nach Südost komme er auf +das Gebiet der großen Nation der Omaguas, deren Priester-König Quareca +heiße und große Heerden von Llamas besitze. Diese Spuren von Cultur, +diese alten Verbindungen mit der Hochebene von Quito scheinen mir sehr +bemerkenswerth. Wir haben schon oben erwähnt, daß Orellana bei einem +indianischen Häuptling am Amazonenstrom Llamas gesehen, und daß Ordaz +auf den Ebenen am Meta davon hatte sprechen hören. + +Ich halte mich nur an das, was in das Bereich der Geographie fällt, und +beschreibe weder nach Hutten jene unermeßlich große Stadt, die er von +weitem gesehen, noch das Gefecht mit den Omaguas, wobei 39 Spanier +(ihrer 14 sind in den Nachrichten aus jener Zeit namentlich aufgeführt) +mit 15,000 Indianern zu thun hatten. Diese lügenhaften Berichte haben +zur Ausschmückung der Sage vom Dorado sehr viel beigetragen. Der Namen +der Stadt der Omaguas kommt in Huttens Bericht nicht vor, aber die +Manoas, von denen Pater Fritz noch im siebzehnten Jahrhundert in seiner +Mission Yurimaguas Goldbleche erhielt, sind Nachbarn der Omaguas. Später +wurde der Namen Manoa aus dem Lande der Amazonen auf eine eingebildete +Stadt im Dorado der Parime übergetragen. Der bedeutende Ruf, in dem die +Länder zwischen dem Caqueta (Papamene) und Guaupe (einem Nebenfluß des +Rio Negro) standen, veranlaßte (1560) Pedro de Ursua zu der unheilvollen +Expedition, welche mit der Empörung des Tyrannen Aguirre[^125] endigte. +Als er den Caqueta hinabfuhr, um sofort in den Amazonenstrom zu +gelangen, hörte Ursua von der Provinz Caricuri sprechen. Diese Benennung +weist deutlich auf das Goldland hin, denn, wie ich sehe, heißt Gold auf +tamanakisch Caricuri, auf caraibisch Carucuru. Sollte der Ausdruck für +Gold bei den Völkern am Orinoco ein Fremdwort seyn, wie Zucker und Coton +in den europäischen Sprachen? Dieß wiese wohl darauf hin, daß diese +Völker die edlen Metalle mit den fremden Erzeugnissen haben kennen +lernen, die ihnen von den Cordilleren[^126] oder von den Ebenen am +Ostabhang der Anden zugekommen. + +Wir kommen jetzt zum Zeitpunkt, wo der Mythus vom Dorado sich im +östlichen Strich von Guyana, zuerst beim angeblichen See Cassipa (an den +Ufern des Paragua, eines Nebenflusses des Carony), und dann zwischen den +Quellen des Rio Essequebo und des Rio Branco, festsetzte. Dieser Umstand +ist vom bedeutendsten Einfluß auf die Geographie dieser Länder gewesen. +Antonio de Verrio, der Schwiegersohn und einzige Erbe des großen +Adelantado Ximenez de Quesada, ging westwärts von Tunja über die +Cordilleren, schiffte sich auf dem Rio Casanare ein und fuhr auf diesem +Fluß, auf dem Meta und Orinoco hinab nach der Insel Trinidad. Wir wissen +von dieser Reise fast nur, was Ralegh davon berichtet; sie scheint +wenige Jahre vor die erste Gründung von Vieja Guayana im Jahr 1591 zu +fallen. Einige Jahre darauf (1595) ließ Berrio durch seinen Maese de +Campo, Domingo de Vera, eine Expedition von 2000 Mann ausrüsten, welche +den Orinoco hinaufgehen und den Dorado erobern sollte, den man jetzt das +Land Manoa, sogar Laguna de la Gran Manoa zu nennen anfing. Reiche +Grundeigenthümer verkauften ihre Höfe, um den Kreuzzug mitzumachen, dem +sich zwölf Observanten und zehn Weltgeistliche anschlossen. Die Mähren +eines gewissen Martinez (Juan Martin de Albujar?), der bei der +Expedition des Diego de Ordaz wollte zurückgelassen und von Stadt zu +Stadt in die Hauptstadt des Dorado geschleppt worden seyn, hatten +Berrios Phantasie erhitzt. Was dieser Conquistador auf der Fahrt den +Orinoco herab selbst beobachtet, ist schwer von dem zu unterscheiden, +was er, wie er angiebt, aus einem in Portorico aufbewahrten Tagebuche +des Martinez geschöpft hat. Man sieht, man hatte damals vom neuen +Continent im Allgemeinen dieselben Vorstellungen, wie wir so lange von +Afrika. Man meinte tiefer im Lande mehr Cultur anzutreffen als an den +Küsten. Bereits Juan Gonzalez, den Diego de Ordaz abgesandt hatte, die +Ufer des Orinoco zu untersuchen (1531), behauptete, »je weiter man auf +dem Orinoco hinauf komme, desto stärker werde die Bevölkerung«. Berrio +erwähnt zwischen den Mündungen des Meta und des Cuchivero der häufig +unter Wasser stehenden Provinz Amapaja, wo er viele kleine gegossene +goldene Götzenbilder gefunden, ähnlich denen, welche in Cauchieto +östlich von Coro verfertigt wurden. Er meinte, dieses Gold komme aus dem +Granitboden des bergigten Landes zwischen Carichana, Uruana und dem +Cuchivero. Und allerdings haben in neuerer Zeit die Eingeborenen in der +Quebadra del tigre bei der Mission Encaramada ein Goldgeschiebe +gefunden.[^127] Ostwärts von der Provinz Amapaja erwähnt Berrio des Rio +Carony (Caroly), den man aus einem großen See entspringen ließ, weil man +einen der Nebenflüsse des Carony, den Rio Paragua (Fluß des großen +Wassers), aus Unbekanntschaft mit den indianischen Sprachen, für ein +Binnenmeer gehalten hatte. Mehrere spanische Geschichtschreiber +glaubten, dieser See, die Quelle des Carony, sey Berrios Gran Manoa; +aber aus den Nachrichten, die Berrio Ralegh mitgetheilt, ist +ersichtlich, daß man annahm, die Laguna de Manoa (del Dorado oder de +Parime) liege südlich vom Rio Paragua, aus dem man die Laguna Cassipa +gemacht hatte. »Diese beiden Wasserbecken hatten goldhaltigen Sand; aber +am Ufer des Cassipa lag Macureguaira (Margureguaira), die Hauptstadt des +Caziken Aromaja und die vornehmste Stadt des ein- gebildeten Reiches +Guyana.« + +Da diese häufig überschwemmten Landstriche von jeher von Völkern +caraibischen Stammes bewohnt waren, die tief ins Land hinein mit den +entlegensten Gegenden einen ungemein lebhaften Handel trieben, so ist +nicht zu verwundern, daß man hier bei den Indianern mehr Gold fand als +irgendwo. Die Eingeborenen im Küstenland brauchten dieses Metall nicht +allein zum Schmuck und zu Amuletten, sondern auch in gewissen Fällen als +Tauschmittel. Es erscheint daher ganz natürlich, daß das Gold an den +Küsten von Paria und bei den Völkern am Orinoco verschwunden ist, seit +der Verkehr mit dem Innern durch die Europäer abgeschnitten wurde. Die +unabhängig gebliebenen Eingeborenen sind gegenwärtig unzweifelhaft +elender, träger und versunkener als vor der Eroberung. Der König von +Morequito, derselbe, dessen Sohn Ralegh nach England mitgenommen hatte, +war im Jahr 1594 nach Cumana gekommen, um gegen eine große Menge +massiver Goldbilder eiserne Geräthe und europäische Waaren +einzutauschen. Dieses unerwartete Auftreten eines indianischen +Häuptlings steigerte noch den Ruf der Schätze des Orinoco. Man stellte +sich vor, der Dorado müsse nicht weit vom Lande seyn, aus dem der König +von Morequito gekommen; und da das Land dort häufig unter Wasser stand, +und die Flüsse die allgemeinen Namen: »großes Meer,« »großes +Wasserstück« führten, so mußte sich der Dorado am Ufer eines Sees +befinden. Man dachte nicht daran, daß das Gold, das die Caraiben und +andere Handelsvölker mitbrachten, so wenig ein Erzeugniß ihres Bodens +war, als die brasilianischen und ostindischen Diamanten Erzeugnisse der +europäischen Länder sind, wo sie sich am meisten zusammenhäuft. Berrios +Expedition, die, während die Schiffe in Cumana, bei Margarita und +Trinidad anlegten, sehr stark an Mannschaft geworden war, ging über +Morequito (bei Vieja Guayana) dem Rio Paragua, einem Nebenfluß des +Carony, zu; aber Krankheiten, der wilde Muth der Eingeborenen und der +Mangel an Lebensmitteln setzten dem Zug der Spanier unübersteigliche +Hindernisse entgegen. Alle gingen zu Grunde bis auf dreißig, welche im +kläglichsten Zustand zum Posten Santo Thome zurückkamen. + +Diese Unfälle kühlten den Eifer, mit dem bis zur Mitte des siebzehnten +Jahrhunderts der Dorado aufgesucht wurde, keineswegs ab. Der Statthalter +von Trinidad, Antonio de Berrio, wurde von Sir Walter Ralegh gefangen +genommen, als dieser im Jahr 1595 den vielberufenen Einfall auf die +Küste von Venezuela und an die Mündungen des Orinoco machte. Von Berrio +und andern Gefangenen, die Capitän Preston bei der Einnahme von Caracas +gemacht, konnte Ralegh Alles in Erfahrung bringen, was man damals von +den Ländern südwärts von Vieja Guayana. wußte. Er glaubte an die +Mährchen, welche Juan Martin de Ulbujar ausgeheckt, und zweifelte weder +an der Existenz der beiden Seen Cassipa und Ropunuwini, noch am Bestehen +des großen Reichs des Inca, das flüchtige Fürsten (nach Atahualpas Tode) +an den Quellen des Rio Essequebo gegründet haben sollten. Die Karte, +welche Ralegh entworfen und deren Geheimhaltung er Lord Charles Howard +empfahl, besitzen wir nicht mehr; aber der Geograph Hondius hat diese +Lücke ausgefüllt; ja er gibt seiner Karte ein Verzeichniß von Längen- +und Breitenangaben bei, wobei die Laguna del Dorado und die kaiserliche +Stadt Manoas vorkommen. Während Ralegh an der Punta del Gallo (auf der +Insel Trinidad) sich aufhielt, ließ er durch seine Unterbefehlshaber die +Mündungen des Orinoco, namentlich die von Capuri, Gran Amana (Manamo +grande) und Macureo (Macareo)[^128] untersuchen. Da seine Schiffe einen +bedeutenden Tiefgang hatten, hielt es sehr schwer, in die bocas chicas +einzulaufen, und er mußte sich flache Fahrzeuge bauen lassen. Er +bemerkte die Feuer der Tivitivas (Tibitibies) vom Stamme der Guaraons +auf den Mauritiapalmen, deren Frucht,[^129] fructum squamorum, similem +Palmae Pini, er zuerst nach Europa gebracht hat. Es wundert mich, daß +von der Niederlassung, die Berrio unter dem Namen Santo Thome (la Vieja +Guayana) gegründet, so gut wie gar nicht die Rede ist; und doch reicht +dieselbe bis zum Jahr 1591 hinauf, und obgleich nach Fray Pedro Simon +»Religion und Politik jeden Handelsverkehr zwischen Christen (Spaniern) +und Ketzern (Holländern und Engländern) verbieten,« wurde damals, am +Ende des sechzehnten Jahrhunderts, wie gegenwärtig, ein lebhafter +Schleichhandel über die Mündungen des Orinoco getrieben. Ralegh ging +über den Fluß Europa (Guarapo) und »die Ebenen der Saymas +(Chaymas),[^130] die im selben Niveau bis Cumana und Caracas +fortstreichen;« in Morequito (vielleicht etwas nordwärts von Villa de +Upata in den Missionen am Carony) machte er Halt, und hier bestätigte +ihm ein alter Cazike alle phantastischen Vorstellungen Berrios von einem +Einfall fremder Völker (Orejones und Epuremei) in Guyana. Die Katarakten +des Caroli (Carony), welcher Fluß damals für den kürzesten Weg zu den +beiden am See Cassipa und am See Nupunuwini oder Dorado gelegenen +Städten Macureguarai und Manoa galt, steckten der Expedition ein Ziel. + +Ralegh hat den Orinoco nur auf einer Strecke von kaum 60 Meilen +befahren; er nennt aber nach den schwankenden Angaben, die er +zusammengebracht, die obern Zuflüsse, den Cari, den Pao, den Apure +(Capuri?), den Guarico (Voari?), den Meta, sogar »in der Provinz +Baraguan den großen Wasserfall Athule (Atures), der aller weiteren +Flußfahrt ein Ende macht«. Trotz seiner Uebertreibungen, die sich für +einen Staatsmann wenig ziemen, bieten Raleghs Berichte wichtiges +Material zur Geschichte der Geographie. Der Orinoco oberhalb des +Einflusses des Apure war damals den Europäern so wenig bekannt, als +heutzutage der Lauf des Niger unterhalb Sego. Man hatte die Namen +verschiedener, weit entfernten Nebenflüsse vernommen, aber man wußte +nicht, wo sie lagen; man zählte ihrer mehr auf, als wirklich sind, wenn +derselbe Name, verschieden ausgesprochen oder vom Ohr unrichtig +aufgefaßt, verschieden klang. Andere Irrthümer hatten vielleicht ihre +Quellen darin, daß dem spanischen Statthalter Antonio de Berrio wenig +daran gelegen seyn konnte, Ralegh richtige, genaue Notizen zu geben; +letzterer beklagt sich auch über seinen Gefangenen »als einen Menschen +ohne Bildung, der Ost und West nicht zu unterscheiden wisse.« Ob Ralegh +an Alles, was er vorbringt, an die Binnenmeere, so groß wie das +caspische Meer, an die kaiserliche Stadt Manoa (imperial and golden +city), an die prächtigen Paläste, welche der »Kaiser Inga von Guyana« +nach dem Vorbild seiner peruanischen Ahnen erbaut, — ob er an all das +wirklich geglaubt oder sich nur so angestellt, das will ich hier nicht +untersuchen. Der gelehrte Geschichtschreiber von Brasilien, Southey, und +der Biograph Raleghs, Cayley, haben in neuester Zeit viel Licht über +diesen Punkt verbreitet. Daß der Führer der Expedition und die unter ihm +Befehlenden ungemein leichtgläubig waren, ist schwerlich zu bezweifeln. +Man sieht, Ralegh paßte Alles von vornherein angenommenen +Voraussetzungen an. Sicher war er selbst getäuscht, wenn es aber galt, +die Phantasie der Königin Elisabeth zu erhitzen und die Plane seiner +ehrgeizigen Politik durchzusetzen, so ließ er keinen Kunstgriff der +Schmeichelei unversucht. Er schildert der Königin »das Entzücken dieser +barbarischen Völker beim Anblick ihres Bildnisses; der Name der +erhabenen Jungfrau, welche sich Reiche zu unterwerfen weiß, soll bis zum +Lande der kriegerischen Weiber am Orinoco und Amazonenstrom dringen; er +versichert, als die Spanier den Thron von Cuzco umgestoßen, habe man +eine alte Prophezeiung gefunden, der zufolge die Dynastie der Incas +dereinst Großbritannien ihre Wiederherstellung zu danken haben werde; er +gibt den Rath, unter dem Vorwand, das Gebiet gegen äußere Feinde +schützen zu wollen, Besatzungen von drei, viertausend Mann in die Städte +des Inca zu legen und diesen so zu einem jährlichen Tribut von 300,000 +Pfund Sterling an Königin Elisabeth zu nöthigen; endlich äußert er mit +einem Blick in die Zukunft, alle diese gewaltigen Länder Südamerikas +werden eines Tages Eigenthum der englischen Nation seyn.« + +Raleghs vier Fahrten auf dem untern Orinoco fallen zwischen die Jahre +1595 und 1617. Nach all diesen vergeblichen Unternehmungen ließ der +Eifer, mit dem man den Dorado aufsuchte, allmählig nach. Fortan kam +keine Expedition mehr zu Stande, an der sich zahlreiche Colonisten +betheiligten, wohl aber Unternehmungen Einzelner, zu denen nicht selten +die Statthalter der Provinzen aufmunterten. Die Kunde vom Goldland der +Manoas-Indianer am Jurubesh und von der Laguna de oro die durch die +Reisen der Patres Acuña (1688) und Fritz (1637) in Umlauf kam, trugen +das Ihrige dazu bei, daß die Vorstellungen vom Dorado in den +portugiesischen und spanischen Colonien im Norden und Süden des +Aequators wieder rege wurden. In Cuença im Königreich Quito traf ich +Leute, die im Auftrag des Bischofs Marfil östlich von den Cordilleren +auf den Ebenen von Macas die Trümmer der Stadt Logroño, die in einem +goldreichen Lande liegen sollte, aufgesucht hatten. Aus dem schon +mehrmals erwähnten Tagebuche Hortsmanns ersehen wir, daß man im Jahr +1740 von holländisch Guyana her zum Dorado zu gelangen glaubte, wenn man +den Essequebo hinauffuhr. In Santo Thome de Angostura entwickelte der +Statthalter Don Manuel Centurion ungemeinen Eifer, um zum eingebildeten +See Manoa zu dringen. Arimuicaipi, ein Indianer von der Nation der +Ipurucotos, fuhr den Rio Carony hinab und entzündete durch lügenhafte +Berichte die Phantasie der spanischen Colonisten. Er zeigte ihnen am +Südhimmel die Magellanschen Wolken, deren weißlichtes Licht er für den +Widerschein der silberhaltigen Felsen mitten in der Laguna Parime +erklärte. Es war dieß eine sehr poetische Schilderung des Glanzes des +Glimmer- und Talkschiefers seines Landes. Ein anderer indianischer +Häuptling, bei den Caraiben am Essequebo als Capitän Jurado bekannt, gab +sich vergebliche Mühe, den Statthalter Centurion zu enttåuschen. Man +machte fruchtlose Versuche auf dem Caura und dem Rio Paragua. Mehrere +hundert Menschen kamen bei diesen tollen Unternehmungen elend ums Leben. +Die Geographie zog indessen einigen Nutzen daraus. Nicolas Rodriguez und +Antonio Santos wurden vom spanischen Statthalter auf diese Weise +gebraucht (1775 bis 1780). Letzterer gelangte auf dem Carony, dem +Paragua, dem Paraguamusi, dem Anocapra und über die Berge Pacaraimo und +Quimiropaca an den Uraricuera und den Rio Branco. Die Reisetagebücher +dieser abenteuerlichen Unternehmungen haben mir treffliche Notizen +geliefert. + +Die Seekarten, welche der Florentiner Reisende Amerigo Vespucci[^131] in +den ersten Jahren des sechzehnten Jahrhunderts als piloto mayor der Casa +de Contratacion zu Sevilla entworfen, und auf die er, vielleicht in +schlauer Absicht, den Namen Terra de Amerigo gesetzt, sind nicht auf uns +gekommen. Die älteste geographische Urkunde des neuen Continents ist die +einer römischen Ausgabe des Ptolemäus vom Jahr 1508 beigegebene +Weltkarte des Johann Ruysch.[^132] Man erkennt darauf Yucatan und +Honduras (den südlichsten Theil von Mexico), die als eine Insel unter +dem Namen Culicar dargestellt sind. Eine Landenge von Panama ist nicht +vorhanden, sondern eine Meerenge, durch die man geradeaus von Europa +nach Indien fahren kann. Auf der großen südlichen Insel (Südamerika) +steht der Name Terra de Careas, die von zwei Flüssen, dem Rio Lareno und +dem Rio Formoso begrenzt ist. Diese Careas sind ohne Zweifel die +Einwohner von Caria, welchen Namen Cristoph Columbus bereits im Jahr +1498 vernommen hatte und mit dem lange Zeit ein großer Theil von Amerika +bezeichnet wurde. Der Bischof Geraldini sagt in einem Briefe an Pabst +Leo X. aus dem Jahr 1516 deutlich: »Insula illa, quae Europa et Asia est +major, quam indocti continentem Asiae appellant, et alii Americam vel +Pariam nuncupant.« Auf der Weltkarte von 1508 finde ich noch keine Spur +vom Orinoco. Dieser Strom erscheint zum erstenmal unter dem Namen Rio +dulce auf der berühmten Karte, die Diego Ribero, Kosmograph Kaiser Karls +V. im Jahr 1529 entworfen, und die Sprengel im Jahr 1795 mit einem +gelehrten Commentar herausgegeben hat. Weder Columbus (1498) noch Alonso +de Guda, bei dem Amerigo Vespucci war (1499), hatten die eigentliche +Mündung des Orinoco gesehen. Sie hatten dieselbe mit der nördlichen +Oeffnung des Meerbusens von Paria verwechselt, dem man, wie denn +Uebertreibungen der Art bei den Seefahrern jener Zeit so häufig +vorkommen, eine ungeheure Masse süßen Wassers zuschrieb. Vicente Yañez +Pinçon, nachdem er die Mündung des Rio Maragnon entdeckt, war auch der +Erste, der die Mündung des Orinoco sah (1500). Er nannte diesen Strom +Rio dulce, welcher Name sich seit Ribero lange auf den Karten erhalten +hat und zuweilen irrthümlich dem Maroni und dem Essequebo beigelegt +wurde.[^133] + +Der große See Parime erscheint auf den Karten erst nach Raleghs erster +Reise. Jodocus Hondius war der Mann, der mit dem Jahr 1599 den +Vorstellungen der Geographen eine bestimmte Richtung gab und das Innere +von spanisch Guyana als ein völlig bekanntes Land darstellte. Der +Isthmus zwischen dem Rio Branco und dem Rio Rupunuwini (einem Nebenfluß +des Essequebo) wird von ihm in den 200 Meilen langen, 40 Meilen breiten +See Rupunuwini, Carime oder Dorado, zwischen dem 1°45′ südlicher und dem +2° nördlicher Breite verwandelt. Dieses Binnenmeer, größer als das +caspische Meer, wird bald mitten in ein gebirgigtes Land, ohne +Verbindung mit irgend einem andem Fluß, hineingezeichnet, bald läßt man +den Rio Oyapok (Waiapago, Joapoc, Vinpoco) und den Rio de Cayana daraus +entspringen. Der erstere Fluß wurde im achten Artikel des Utrechter +Vertrags mit dem Rio de Vicente Pinçon (Rio Calsoene oder Mayacari?) +verwechselt und blieb bis zum letzten Wiener Congreß der Gegenstand +endloser Streitigkeiten zwischen den französischen und den +portugiesischen Diplomaten. Der letztere ist eine chimärische +Verlängerung des Tonnegrande, oder aber des Oyac (Wia?). Das Binnenmeer +(Laguna Parime) wurde anfangs so gestellt, daß sein westliches Ende in +den Meridian des Zusammenflusses des Apure und des Orinoco fiel; +allmählig aber schob man es nach Ost vor, so daß das westliche Ende +südlich von den Mündungen des Orinoco zu liegen kam. Dieser Wechsel zog +auch Abänderungen in der respektiven Lage des Sees Parime und des Sees +Cassipa, so wie in der Richtung des Laufs des Orinoco nach sich. Diesen +großen Strom läßt man von seiner Mündung bis über den Meta hinauf, +gleich dem Magdalenenstrom, von Süd nach Nord laufen. Die Nebenflüsse, +die man aus dem See Cassipa kommen ließ, der Carony, der Arui und der +Caura, laufen damit in der Richtung eines Parallels, während sie in der +Wirklichkeit in der Richtung eines Meridians liegen. Außer dem Parime +und dem Cassipa gab man auf den Karten einen dritten See an, aus dem man +den Aprouague (Apurwaca) kommen ließ. Es war damals bei den Geographen +allgemeiner Brauch, alle Flüsse mit großen Seen in Verbindung zu +bringen. Auf diese Weise verband Ortelius den Nil mit dem Zaire oder Rio +Congo, die Weichsel mit der Wolga und dem Dnieper. Im nördlichen Mexiko, +in den angeblichen Königreichen Guivira und Cibola, die durch die Lügen +des Mönchs Marcos de Niza berühmt geworden, hatte man ein großes +Binnenmeer eingezeichnet, aus dem man den californischen Rio Colorado +entspringen ließ.[^134] Vom Rio Magdalena lief ein Arm in den See +Maracaybo, und der See Xarayes, in dessen Nähe man einen südlichen +Dorado setzte, stand mit dem Amazonenstrom, mit dem Miari (Meary) und +dem Rio San Francisco in Verbindung. Die meisten dieser hydrographischen +Träume sind verschwunden; nur die Seen Cassipa und Dorado haben sich +lange neben einander auf unsern Karten erhalten. + +Verfolgt man die Geschichte der Geographie, so sieht man den Cassipa, +der als ein rechtwinklichtes Viereck dargestellt wird, sich allmählig +auf Kosten des Dorado vergrößern. Letzterer wurde zuweilen ganz +weggelassen, aber nie wagte man es, sich am ersteren zu vergreifen, der +nichts ist, als der durch periodische Ueberschwemmungen geschwellte Rio +Paragua (ein Nebenfluß des Carony). Als d’AnvilIe durch Solanos +Expedition in Erfahrung brachte, daß der Orinoco seine Quellen +keineswegs westwärts am Abhang der Anden von Pasto habe, sondern von +Osten her von den Gebirgen der Parime herabkomme, nahm er in der zweiten +Ausgabe seiner schönen Karte von Amerika (1760) die Laguna Parime wieder +auf und ließ sie ganz willkürlich durch den Mazuruni und den Cuyuni mit +drei Flüssen (dem Orinoco, dem Rio Branco und dem Essequebo) in +Verbindung stehen. Er verlegte sie unter den 3—4. Grad nördlicher +Breite, wohin man bisher den See Cassipa gesetzt hatte. + +Der spanische Geograph la Cruz Olmedilla (1775) folgte d’Anvilles +Vorgang. Der alte, unter dem Aequator gelegene See Parime war vom +Orinoco ganz unabhängig; der neue, der an der Stelle des Cassipa und +wieder in der Gestalt eines Vierecks austrat, dessen längsten Seiten von +Süd nach Nord laufen,[^135] zeigt die seltsamsten hydraulischen +Verbindungen. Bei la Cruz entspringt der Orinoco, unter dem Namen Parime +und Puruma (Xuruma?) im gebirgigten Lande zwischen den Quellen des +Ventuari und des Caura (unter dem 5. Grad der Breite im Meridian der +Mission Esmeralda) aus einem kleinen See, der Ipava heißt. Dieser See +läge auf meiner Reisekarte nordöstlich von den Granitbergen von Cunevo, +woraus zur Genüge hervorgeht, daß wohl ein Nebenfluß des Rio Branco oder +des Orinoco daraus entspringen könnte, nicht aber der Orinoco selbst. +Dieser Rio Parime oder Puruma nimmt nach einem Lauf von 40 Meilen gegen +Ost-Nord-Ost und von 60 Meilen gegen Südost den Rio Mahu auf, den wir +bereits als einen der Hauptzweige des Rio Branco kennen; darauf läuft er +in den See Parime, den man 30 Meilen lang und 20 Meilen breit macht. Aus +diesem See entspringen unmittelbar drei Flüsse, der Rio Ucamu (Ocamo), +der Rio Idapa (Siapa) und der Rio Branco. Der Orinoco oder Puruma ist +als unterirdische Durchsickerung am Westabhang der Sierra Mei, welche +den See oder das weiße Meer gegen Westen begrenzt, gezeichnet. Diese +zweite Quelle des Orinoco liegt unter dem zweiten Grad nördlicher Breite +und 3½ Grad ostwärts vom Meridian von Esmeralda. Nachdem der neue Fluß +50 Meilen gegen West-Nord-West gelaufen, nimmt er zuerst den Ucamu auf, +der aus dem See Parime kommt, sodann den Rio Maquiritari (Padamo), der +zwischen dem See Ipava und einem andern Alpsee, von la Cruz Laguna +Cavija genannt, entspringt. Da See maypurisch Cavia heißt, so bedeutet +das Wort Laguna Cavia, wie Laguna Parime, nichts als Wasserbecken, +laguna de agua. Diese seltsame Flußzeichnung ist nun das Vorbild fast +für alle neueren Karten von Guyana geworden. Ein Mißverständniß, das aus +der Unkenntniß des Spanischen entsprang, hat der Karte des la Cruz, auf +der richtige Angaben mit systematischen, den alten Karten entnommenen +Vorstellungen vermengt sind, vollends großes Ansehen verschafft. Eine +punktirte Linie umgibt den Landstrich, über den Solano einige +Erkundigung hatte einziehen können; diese Linie hielt man nun für den +von Solano zurückgelegten Weg, so daß dieser das südwestliche Ende des +weißen Meeres gesehen haben müßte. Auf der Karte des la Cruz steht +geschrieben: »Dieser Weg bezeichnet, was vom Statthalter von Caracas, +Don Jose Solano, entdeckt und zur Ruhe gebracht worden ist.« Nun weiß +man aber in den Missionen, daß Solano nie über San Fernando de Atabapo +hinausgekommen ist, daß er den Orinoco ostwärts vom Einfluß des Guaviare +gar nicht gesehen, und daß er seine Nachrichten über diese Länder nur +von gemeinen Soldaten haben konnte, die der Sprachen der Eingeborenen +unkundig waren. Das Werk des Pater Caulin, der ja der Geschichtschreiber +der Expedition war, das Zeugniß Don Apollinarios Diaz de la Fuente und +Santos’ Reise thun zur Genüge dar, daß nie ein Mensch das weiße Meer des +la Cruz gesehen hat, das, wie aus den Namen der sich darein ergießenden +Flüsse hervorgeht, nichts ist als eine eingebildete Ausbreitung des +westlichen Zweigs des Rio Branco oberhalb des Einflusses des Tacutu und +des Uraricuera oder Rio Parime. Ließe man aber auch Angaben gelten, +deren Unrichtigkeit jetzt zur Genüge dargethan ist, so sähe man nach +allgemein anerkannten hydrographischen Grundsätzen nicht ein, mit +welchem Recht der See Ipava die Quelle des Orinoco heißen könnte. Wenn +ein Fluß in einen See fällt und von diesem selben Wasserbecken drei +andere abgehen, so weiß man nicht, welchem von diesen man den Namen des +ersteren beilegen soll. Noch viel weniger ist es zu rechtfertigen, wenn +der Geograph denselben Namen einem Flusse läßt, dessen Quelle durch eine +hohe Bergkette vom See getrennt ist, und der durch Durchsickerung +unterirdisch entstanden seyn soll. + +Vier Jahre nach der großen Karte von la Cruz Olmedilla erschien das Werk +des Pater Caulin, der die Grenzexpedition mitgemacht hatte. Das Buch +wurde 1759 am Ufer des Orinoco selbst geschrieben, und nur einige +Anmerkungen wurden später in Europa beigefügt. Der Verfasser, ein +Franciskaner von der Congregation der Observanten, zeichnet sich durch +seine Aufrichtigkeit aus und an kritischem Geist ist er allen seinen +Vorgångem überlegen. Er selbst ist nicht über den großen Katarakt bei +Atures hinausgekommen, aber Alles, was Solano und Ituriaga Wahres und +Schwankendes zusammengebracht, stand zu seiner Verfügung. Zwei Karten, +die Pater Caulin im Jahr 1756 entworfen, wurden von Surville, einem +Archivbeamten beim Staatssekretariat, in Eine zusammengezogen und nach +angeblichen Entdeckungen vervollständigt (1778). Schon oben, als von +unserem Aufenthalt in Esmeralda (dem den unbekannten Quellen des Orinoco +zunächst gelegenen Punkte) die Rede war, habe ich bemerkt, wie +willkürlich man bei diesen Abänderungen zu Werke ging. Sie gründeten +sich auf die lügenhaften Berichte, mit denen man die Leichtgläubigkeit +des Statthalters Centurion und Don Apollinarios Diaz de la Fuente, eines +Kosmographen, der weder Instrumente, noch Kenntnisse, noch Bücher hatte, +Tag für Tag bediente. + +Das Tagebuch Pater Caulins steht mit der Karte, die demselben beigegeben +ist, in fortwährendem Widerspruch. Der Verfasser setzt die Umstände aus +einander, welche zu der Fabel vom See Parime Anlaß gegeben haben; aber +die Karte bringt diesen See auch wieder, nur schiebt sie ihn weit weg +von den Quellen des Orinoco, ostwärts vom Rio Branco. Nach Pater Caulin +heißt der Orinoco Rio Maraguaca unter dem Meridian des Granitberges +dieses Namens, der auf meiner Reisekarte gezeichnet ist. »Es ist +vielmehr ein Bergstrom als ein Fluß; er kommt zugleich mit dem Rio +Omaguaca und dem Macoma, unter 2½ Grad der Breite, aus dem kleinen See +Cabiya.« Dieß ist der See, aus dem la Cruz den Maquiritari (Padamo) +entspringen läßt und den er unter 5½ Grad der Breite, nördlich vom See +Ipava, setzt. Die Existenz von Caulins Rio Macoma scheint sich auf ein +verworrenes Bild der Flüsse Padamo, Ocamo und Matacona zu gründen, von +denen man vor meiner Reise glaubte, sie stehen mit einander in +Verbindung. Vielleicht gab auch der See, aus dem der Mavaca kommt (etwas +westlich vom Amaguaca) Anlaß zu diesen Irrthümern hinsichtlich des +Ursprungs des Orinoco und der Quellen des Idapa in der Nähe. + +Surville setzt unter 2°10′ der Breite an die Stelle des Sees Parime des +la Cruz einen andern See ohne Namen, der nach ihm die Quelle des Ucamu +(Ocamo) ist. In der Nähe dieses Alpsees entspringen aus derselben Quelle +der Orinoco und der Idapa, ein Nebenfluß des Cassiquiare. Der See Amucu, +die Quelle des Mahu, wird zum Mar Dorado oder zur Laguna Parime +erweitert. Der Rio Branca hängt nur noch durch zwei seiner schwächsten +Nebenflüsse mit dem Wasserbecken zusammen, aus dem der Ucamu kommt. Aus +dieser rein hypothetischen Anordnung ergibt sich, daß der Orinoco aus +keinem See entspringt und daß die Quellen desselben vom See Parime und +dem Rio Branco durchaus unabhängig find. Trotz der sich gabelnden Quelle +ist das hydrographische System der Surville’schen Karte nicht so +abgeschmackt als das auf der Karte des la Cruz. Wenn die neueren +Geographen sich so lange beharrlich an die spanischen Karten gehalten +haben, ohne dieselben mit einander zu vergleichen, so erscheint es doch +auffallend, daß sie nicht wenigstens der neuesten Karte den Vorzug +gegeben haben, der Surville’schen, die auf königliche Kosten und auf +Befehl des Ministers für Indien, Don Jose de Galvez, erschienen ist. + +Ich habe hiermit, wie ich eben ungebändigt, die wechselnden Gestalten +entwickelt, welche die geographischen Irrthümer zu verschiedenen Zeiten +angenommen. Ich habe auseinandergesetzt, wie die Bodenbildung, der Lauf +der Ströme, die Namen der Nebenflüsse und die zahlreichen Trageplätze +zur Annahme eines Binnenmeers im Herzen von Guyana führen konnten. So +trocken Erörterungen der Art seyn mögen, für unnütz und unfruchtbar darf +man sie nicht halten. Man ersieht daraus, was Alles die Reisenden noch +zu entdecken haben; sie stellen uns vor Augen, welcher Grad von +Zuverlåßigkeit lange Zeit wiederholten Behauptungen zukommt. Es verhält +sich mit den Karten wie mit den Tafeln astronomischer Positionen in +unsern für die Seefahrer bestimmten Ephemeriden. Von lange her ist zu +ihrer Entwerfung das verschiedenartigste Material zusammengetragen +worden, und zöge man nicht die Geschichte der Geographie zu Rathe, so +wäre später so gut wie gar nicht auszumitteln, auf welcher Autorität +jede einzelne Angabe beruht. + +Ehe ich den Faden meiner Erzählung wieder aufnehme, habe ich noch einige +allgemeine Bemerkungen über die goldhaltigen Gebirgsarten zwischen dem +Amazonenstrom und dem Orinoco beizubringen. Wir haben dargethan, daß der +Mythus vom Dorado, gleich den berühmtesten Mythen der Völker der alten +Welt, nach einander auf verschiedene Oertlichkeiten bezogen worden ist. +Wir haben denselben von Südwest nach Nordost, vom Ostabhang der Anden +gegen die Ebenen am Rio Branco und Essequebo vorrücken sehen, ganz in +der Richtung, in der die Caraiben seit Jahrhunderten ihre Kriegs- und +Handelszüge machten. Man sieht leicht, wie das Gold von den Cordilleren +von Hand zu Hand durch eine Menge Völkerschaften bis an das Küstenland +von Guyana gelangen konnte; waren doch, lange bevor der Pelzhandel +englische, russische und amerikanische Schiffe an die Nordwestküsten von +Amerika zog, eiserne Werkzeuge von Neumexico und Canada bis über die +Rocky Mountains gewandert. In Folge eines Irrthums in der Länge, dessen +Spuren man auf sämmtlichen Karten des sechzehnten Jahrhunderts begegnet, +nahm man die goldführenden Gebirge von Peru und Neu-Grenada weit näher +bei den Mündungen des Orinoco und des Amazonenstromes an, als sie in +Wirklichkeit sind. Es ist einmal Sitte bei den Geographen, neu entdeckte +Länder übermäßig zu vergrößern und ins Breite zu ziehen. Auf der Karte +von Peru, welche Paulo di Forlani in Verona herausgab, liegt die Stadt +Quito 400 Meilen von der Küste der Südsee unter dem Meridian von Cumana; +die Cordillere der Anden füllt fast die ganze Oberfläche des spanischen, +französischen und holländischen Guyana aus. Diese falsche Ansicht von +der Breite der Anden ist ohne Zweifel im Spiel, wenn man den +granitischen Ebenen am Ostabhang derselben so große Wichtigkeit +zugeschrieben hat. Da man die Nebenflüsse des Amazonenstroms und des +Orinoco, oder (wie Raleghs Unterbefehlshaber aus Schmeichelei für ihren +Obern sagten) des Rio Raleana beständig verwechselte, so bezog man auf +diesen alle Sagen, die einem über den Dorado von Quixos, über die +Omaguas und Manoas zu Ohren gekommen. Nach des Geographen Hondius +Annahme lagen die durch ihre Chinawälder berühmten Anden von Loxa nur 20 +Meilen vom See Parime und dem Ufer des Rio Branco. Bei dieser Nähe +erschien die Kunde, daß sich der Inca in die Wälder von Guyana +geflüchtet, und daß die Schätze aus Cuzco in die östlichsten Striche von +Guyana geschafft worden, glaubwürdig. Fuhr man den Meta oder den +Amazonenstrom hinauf, so sah man allerdings zwischen dem Puruz, dem +Jupura und dem Iquiari die Eingeborenen civilisirter werden. Man fand +dort Amulette und kleine Götzenbilder aus gegossenem Gold, künstlich +geschnitzte Stühle und dergleichen; aber von solchen Spuren einer +aufkeimenden Cultur zu den Städten und steinernen Häusern, wie Ralegh +und seine Nachfolger sie beschreiben, ist ein großer Sprung. Wir haben +ostwärts von den Cordilleren, in der Provinz Jaen de Bracamoros, auf dem +Wege von Loxa an den Amazonenstrom herab, die Trümmer großer Gebäude +gezeichnet; bis hieher waren die Incas mit ihren Waffen, mit ihrer +Religion und mit ihren Künsten vorgedrungen. Die sich selbst +überlassenen Eingeborenen am Orinoco waren vor der Eroberung etwas +civilisirter als jetzt die unabhängigen Horden. Sie hatten dem Flusse +entlang volkreiche Dörfer und standen mit südlicher wohnenden Völkern in +regelmäßigem Handelsverkehr; aber nichts weist darauf hin, daß sie je +ein steinernes Gebäude errichtet hätten. Wir haben auf unserer ganzen +Flußfahrt nie die Spur eines solchen gesehen. + +Obgleich nun aber spanisch Guyana seinen Ruf, ein reiches Land zu seyn, +großentheils seiner geographisehen Lage und den Irrthümern der alten +Karten zu danken hat, so ist man deßhalb doch nicht zu der Behauptung +berechtigt, daß auf diesem Flächenraum von 82,000 Quadratmeilen zwischen +dem Orinoco und dem Amazonenstrom, ostwärts von den Anden von Quito und +Neu-Grenada, gar keine goldhaltige Gebirgsart vorkomme. Soweit ich +dieses Land zwischen dem 2. und 8. Grad der Breite und dem 66. und +71. Grad der Länge kennen gelernt habe, besteht es durchgängig aus +Granit und aus einem Gneiß, der in Glimmerschiefer und Talkschiefer +übergeht. Diese Gebirgsarten kommen in den hohen Gebirgen der Parime, +wie in den Niederungen am Atabapo und Cassiquiare zu Tage. Der Granit +überwiegt über die andern Gebirgsarten, und wenn auch der Granit von +alter Formation überall fast durchgängig keine Golderze enthält, so ist +daraus doch nicht zu folgern, daß der Granit der Parime gar keinen Gang, +keine Schicht goldhaltigen Quarzes einschließe. Ostwärts vom +Cassiquiare, den Quellen des Orinoco zu, sahen wir dergleichen Schichten +und Gänge häufiger auftreten. Nach seinem Bau, nach der Beimischung von +Hornblende und andern gleich bedeutsamen geologischen Merkmalen scheint +mir der Granit in diesem Landstrich von neuerer Formation zu seyn, +vielleicht jünger als der Gneiß und analog den zinnhaltigen Graniten, +den Hyalomicten und Pegmatiten. Die jüngeren Granite sind nun aber nicht +so arm an Metallen, und manche goldführende Flüsse und Bäche in den +Anden, im Salzburgschen, im Fichtelgebirge und auf der Hochebene beider +Castilien machen es wahrscheinlich, daß diese Granite hin und wieder +gediegenes Gold und in der ganzen Gebirgsmasse goldhaltigen Schwefelkies +und Bleiglanz eingesprengt enthalten, wie Zinn, Magneteisenstein und +Eisenglimmer. Der Bergstock der Parime, in dem mehrere Gipfel 1300 +Toisen Meereshöhe erreichen, war vor unserer Reise an den Orinoco fast +ganz unbekannt, und doch ist er gegen hundert Meilen lang und achtzig +breit, und wenn er auch überall, wo Bonpland und ich darüber gekommen +sind, uns in seinem Bau sehr gleichförmig schien, so läßt sich doch +keineswegs behaupten, daß nicht im Innern dieses gewaltigen Bergstocks +sehr metallreiche Glimmerschiefer und Uebergangsgebirgsarten dem Granit +aufgelagert seyn könnten. + +Wie oben bemerkt, verdankt Guyana seinen hohen Ruf als metallreiches +Land zum Theil dem Silberglanz des so häufig vorkommenden Glimmers. Der +Spitzberg Calitamini, der jeden Abend bei Sonnenuntergang in röthlichtem +Feuer strahlt, nimmt noch jetzt die Aufmerksamkeit der Einwohner von +Maypures in Anspruch. Eilande aus Glimmerschiefer im See Amucu steigern, +wie die Eingeborenen einem vorlügen, den Glanz der Nebelflecken am +Südhimmel. »Jeder Berg,« sagt Ralegh, »jeder Stein in den Wäldern am +Orinoco glänzt gleich edlen Metallen; ist das kein Gold, so ist es doch +madre del oro.« Er versichert Stufen von weißem goldhaltigem Quarz +(harde withe spar) mitgebracht zu haben, und zum Beweis, wie reich diese +Erze seyen, beruft er sich auf die von den Münzbeamten zu London +angestellten Versuche. Ich habe keinen Grund zu vermuthen, daß die +damaligen Scheidekünstler Königin Elisabeth täuschen wollten; ich will +Raleghs Andenken keineswegs zu nahe treten und mit seinen Zeitgenossen +argwöhnen, der goldhaltige Quarz, den er mitgebracht, sey gar nicht in +Amerika erhoben worden. Ueber Dinge, die in der Zeit so weit abliegen, +läßt sich kein Urtheil stillen. Der Gneiß der Küstenkette enthält Spuren +von edlen Metallen, und in den Gebirgen der Parime bei der Mission +Encaramada hat man hin und wieder Goldkörner gefunden. Wie sollte man +nach einem rein negativen Zeugnis, nach dem Umstand, daß wir auf einer +dreimonatlichen Reise keinen Gang gesehen, der am Ausgehenden goldhaltig +gewesen wäre, auf die absolute Taubheit der Urgebirgsarten in Guyana +schließen? + +Um hier Alles zusammenzufassen, was die Regierung dieses Landes über +einen so lange bestrittenen Punkt aufzuklären im Stande ist, mache ich +einige allgemeinere geologische Bemerkungen. — Die Gebirge Brasiliens +liefern, trotz der zahlreichen Spuren von Erzlagern zwischen Sanct Paul +und Villarica, bis jetzt nur Waschgold. Von den 78,000 Mark Gold,[^136] +welche zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts jährlich aus Amerika in +den europäischen Handel geflossen sind, kommen mehr als sechs +Siebentheile nicht aus der hohen Cordillere der Anden, sondern aus dem +aufgeschwemmten Land östlich und westlich von den Cordilleren. Diese +Striche haben geringe Meereshöhe, wie die bei la Sonora (in Mexico), bei +Choco und Barbacoas (in Neu-Grenada), oder das Alluvium liegt auf +Hochebenen, wie im Innern Brasiliens.[^137] Ist es nun nicht +wahrscheinlich, daß andere goldhaltige Anschwemmungen der nördlichen +Halbkugel zu, bis an die Ufer des obern Orinoco und des Rio Negro, +streichen, deren Becken ja mit dem des Amazonenstroms zusammenfällt? Als +vom Dorado de Canelas, von dem der Omaguas und am Iquiare die Rede war, +bemerkte ich, daß alle Flüsse, welche von West her kommen, reichlich +Gold führen, und zwar sehr weit von den Cordilleren weg. Von Loxa bis +Popayan bestehen die Cordilleren abwechselnd aus Trachyt und aus +Urgebirge. Die Ebenen bei Zamora, Logroño und Macas (Sevilla del Oro), +der große Rio Napo mit seinen Nebenflüssen (dem Ansupi und dem Coca in +der Provinz Quixos), der Caqueta von Mocoa bis zum Einfluß des Fragua, +endlich alles Land zwischen Jaen de Bracamoros und dem Guaviare +behaupten noch immer ihren alten Ruf großen Metallreichthums. Weiter +gegen Ost, zwischen den Quellen des Guainia (Rio Negro), des Uaupes, +Iquiari und Jurubesh finden wir ein anderes unstreitig goldhaltiges +Gebiet. Hieher setzen Acuña und Pater Fritz ihre Laguna del oro, und +Manches, was ich in San Carlos aus dem Munde der portugiesischen +Amerikaner vernommen, macht vollkommen erklärlich, was La Condamine von +den Goldblechen erzählt, die bei den Eingeborenen gefunden worden. Gehen +wir vom Iquiari auf das linke Ufer des Rio Negro, so betreten wir ein +völlig unbekanntes Land zwischen dem Rio Branco, den Quellen des +Essequebo und den Gebirgen von portugiesisch Guyana. Acuña spricht vom +Golde, das die nördlichen Nebenflüsse des Amazonenstroms führen, wie der +Rio Trombetas (Oriximina), der Curupatuba und der Sitipape (Rio de +Paru). Alle diese Flüsse, und dieser Umstand scheint mir bemerkenswerth, +kommen von derselben Hochebene herab, auf deren nördlichem Abhang der +See Amucu, der Dorado Raleghs und der Holländer, der Isthmus zwischen +dem Rupunuri (Rupunuwini) und dem Rio Mahu liegen. Nichts streitet wider +die Annahme, daß aufgeschwemmtes goldhaltiges Land weit von den +Cordilleren der Anden nördlich vom Amazonenstrom vorkommt, wie südlich +von demselben in den Gebirgen Brasiliens. Die Caraiben am Carony, Cuyuni +und Essequebo haben von jeher im aufgeschwemmten Land Goldwäscherei im +Kleinen getrieben. Das Becken des Orinoco, des Rio Negro und des +Amazonenstroms wird nordwärts von den Gebirgen der Parime, südwärts von +denen von Minas Geraes und Matogrosso begrenzt. Häufig stimmen die +einander gegenüberliegenden Abhange desselben Thales im geologischen +Verhalten überein. + +Ich habe in diesem Bande die großen Provinzen Venezuela und spanisch +Guyana beschrieben. Die Untersuchung ihrer natürlichen Grenzen, ihrer +klimatischen Verhältnisse und ihrer Produkte hat mich dazu geführt, den +Einfluß der Bodenbildung auf den Ackerbau, den Handel und den mehr oder +weniger langsamen Gang der gesellschaftlichen Entwicklung zu erörtern. +Ich habe nach einander die drei Zonen durchwandert, die von Nord nach +Süd, vom Mittelmeer der Antillen bis in die Wälder am obern Orinoco und +am Amazonenstrom hinter einander liegen. Hinter dem fruchtbaren +Uferstriche, dem Mittelpunkt des auf den Ackerbau gegründeten +Wohlstandes, kommen die von Hirtenvölkern bewohnten Steppen. Diese +Steppen sind wiederum begrenzt von der Waldregion, wo der Mensch, ich +sage nicht der Freiheit, die immer eine Frucht der Cultur ist, aber +einer wilden Unabhängigkeit genießt. Die Grenze dieser zwei letzteren +Zonen ist gegenwärtig der Schauplatz des Kampfes, der über die +Unabhängigkeit und das Wohl Amerikas entscheiden soll. Die Umwandlungen, +die bevorstehen, können den eigenthümlichen Charakter jeder Region nicht +verwischen; aber die Sitten und die ganzen Zustände der Einwohner müssen +sich gleichförmiger färben. Durch diese Rücksicht mag eine zu Anfang des +neunzehnten Jahrhunderts unternommene Reise einen Reiz weiter erhalten. +Gerne sieht man wohl in Einem Bilde neben einander die Schilderung der +civilisirten Völker am Meeresufer und der schwachen Ueberreste der +Eingeborenen am Orinoco, die von keinem andern Gottesdienste wissen, +außer der Verehrung der Naturkräfte, und, gleich den Germanen des +Tacitus, deorum nominibus appellant secretum illud, quod sola reverentia +vident. + +Sechsundzwanzigstes Kapitel. +============================ + +Die Llanos del Pao oder des östlichen Strichs der Steppen von Venezuela. +— Missionen der Caraiben. — Letzter Aufenthalt auf den Küsten von Nueva +Barcelona, Cumana und Araya. + +Es war bereits Nacht, als wir zum letztenmal über das Bett des Orinoco +fuhren. Wir wollten bei der Schanze San Rafael übernachten und dann mit +Tages Anbruch die Reise durch die Steppen von Venezuela antreten. Fast +sechs Wochen waren seit unserer Ankunft in Angostura verflossen; wir +sehnten uns nach der Küste, um entweder in Cumana oder in Nueva +Barcelona ein Fahrzeug zu besteigen, das uns auf die Insel Cuba und von +dort nach Mexico brächte. Nach den Beschwerden, die wir mehrere Monate +lang in engen Canoes auf von Mücken wimmelnden Flüssen durchgemacht, +hatte der Gedanke an eine lange Seereise für unsere Einbildungskraft +einen gewissen Reiz. Wir gedachten nicht mehr nach Südamerika +zurückzukommen. Wir brachten die Anden von Peru dem noch so wenig +bekannten Archipel der Philippinen zum Opfer und beharrten bei unserem +alten Plan, uns ein Jahr in Neuspanien aufzuhalten, mit der Galione von +Acapulco nach Manilla zu gehen und über Basora und Aleppo nach Europa +zurückzukehren. Wir dachten, wenn wir einmal die spanischen Besitzungen +in Amerika im Rücken hätten, könnte der Sturz eines Ministeriums, dessen +großherzigem Vertrauen ich so unbeschränkte Befugnisse zu danken hatte, +der Durchführung unseres Unternehmens nicht mehr hinderlich werden. +Lebhaft bewegten uns diese Gedanken während der einförmigen Reise durch +die Steppen. Nichts hilft so leicht über die kleinen Widerwärtigkeiten +des Lebens weg, als wenn der Geist mit der bevorstehenden Ausführung +eines gewagten Unternehmens beschäftigt ist. + +Unsere Maulthiere warteten unser am linken Ufer des Orinoco. Durch die +Pflanzensammlungen und die geologischen Suiten, die wir seit Esmeralda +und dem Rio Negro mit uns führten, war unser Gepäck bedeutend stärker +geworden. Da es mißlich gewesen wäre, uns von unsern Herbarien zu +trennen, so mußten wir uns auf eine sehr langsame Reise durch die Llanos +gefaßt machen. Durch das Zurückprallen der Sonnenstrahlen vom fast +pflanzenlosen Boden war die Hitze ungemein stark. Indessen stand der +hunderttheilige Thermometer bei Tag doch nur auf 30 bis 34, bei Nacht +auf 27 bis 28 Grad. Wie fast überall unter den Tropen war es daher nicht +sowohl der absolute Hitzegrad als das Andauern derselben, was widrig auf +unsere Organe wirkte. Wir brauchten dreizehn Tage, um über die Steppen +zu kommen, wobei wir uns in den Missionen der Caraiben und in der +kleinen Stadt Pao etwas aufhielten. Ich habe oben[^138] das physische +Gemälde dieser unermeßlichen Ebenen entworfen, die zwischen den Wäldern +von Guyana und der Küstenkette liegen. Der östliche Strich der Llanos, +über den wir von Angostura nach Nueva Barcelona kamen, bietet denselben +öden Anblick wie der westliche, über den wir von den Thälern von Aragua +nach San Fernando am Apure gegangen waren. In der trockenen Jahreszeit, +welche hier Sommer heißt, obgleich dann die Sonne in der südlichen +Halbkugel ist, weht der Seewind in den Steppen von Cumana weit stärker +als in denen von Caracas; denn diese weiten Ebenen bilden, gleich den +angebauten Fluren der Lombardei, ein nach Ost offenes, nach Nord, Süd +und West durch hohe Urgebirgsketten geschlossenes Becken. Leider kam uns +dieser erfrischende Wind, von dem die Llaneros (die Steppenbewohner) mit +Entzücken sprechen, nicht zu gute. Nordwärts vom Aequator war Regenzeit; +in den Llanos selbst regnete es freilich nicht, aber durch den Wechsel +in der Abweichung der Sonne hatte das Spiel der Polarströmungen längst +aufgehört. In diesen Landstrichen am Aequator, wo man sich nach dem Zug +der Wolken orientiren kann, und wo die Schwankungen des Quecksilbers im +Barometer fast wie eine Uhr die Stunde weisen, ist Alles einem +regelmäßigen, gleichförmigen Typus unterworfen. Das Aufhören der +Seewinde, der Eintritt der Regenzeit und die Häufigkeit elektrischer +Entladungen sind durch unabänderliche Gesetze verknüpfte Erscheinungen. + +Beim Einfluß des Apure in den Orinoco, am Berge Sacuima, hatten wir +einen französischen Landwirth getroffen, der unter seinen Heerden in +völliger Abgeschiedenheit lebte.[^139] Es war das der Mann, der in +seiner Einfalt glaubte, die politischen Revolutionen in der alten Welt +und die daraus entsprungenen Kriege rühren nur »vom langen Widerstande +der Observanten« her. Kaum hatten wir die Llanos von Neu-Barcelona +betreten, so brachten wir die erste Nacht wieder bei einem Franzosen zu, +der uns mit der liebenswürdigsten Gastfreundlichkeit aufnahm. Er war aus +Lyon gebürtig, hatte das Vaterland in früher Jugend verlassen und schien +sich um Alles, was jenseits des atlantischen Meeres, oder, wie man hier +für Europa ziemlich geringschätzig sagt, »auf der andern Seite der +großen Lache« (del otro lado del charco) vorgeht, sehr wenig zu kümmern. +Wir sahen unsern Wirth beschäftigt, große Holzstücke mittelst eines +Leims, der Guayca heißt, an einander zu fügen. Dieser Stoff, dessen sich +auch die Tischler in Angostura bedienen, gleicht dem besten aus dem +Thierreich gewonnenen Leim. Derselbe liegt ganz fertig zwischen Rinde +und Splint einer Liane aus der Familie der Combretaceen.[^140] +Wahrscheinlich kommt er in seinem chemischen Verhalten nahe überein mit +dem Vogelleim, einem vegetabilischen Stoff, der aus den Beeren der +Mistel und der innern Rinde der Stechpalme gewonnen wird. Man erstaunt, +in welcher Masse dieser klebrigte Stoff ausfließt, wenn man die +rankenden Zweige des Vejuco de Guayca abschneidet. So findet man denn +unter den Tropen in reinem Zustand und in besondern Organen abgelagert, +was man sich in der gemäßigten Zone nur auf künstlichem Wege verschaffen +kann.[^141] + +Erst am dritten Tage kamen wir in die caraibischen Missionen am Cari. +Wir fanden hier den Boden durch die Trockenheit nicht so stark +aufgesprungen wie in den Llanos von Calabozo. Ein paar Regengüsse hatten +der Vegetation neues Leben gegeben. Kleine Grasarten und besonders jene +krautartigen Sensitiven, von denen das halbwilde Vieh so fett wird, +bildeten einen dichten Rasen. Weit auseinander standen hie und da Stämme +der Fächerpalme (Corypha tectorum), der Rhopala (Chaparro) und Malpighia +mit lederartigen, glänzenden Blättern. Die feuchten Stellen erkennt man +von weitem an den Büschen von Mauritia, welche der Sagobaum dieses +Landstrichs ist. Auf den Küsten ist diese Palme das ganze Besitzthum der +Guaraons-Indianer, und, was ziemlich auffallend ist, wir haben sie 160 +Meilen weiter gegen Süd mitten in den Wäldern am obern Orinoco, auf den +Grasfluren um den Granitgipfel des Duida angetroffen. Der Baum hing in +dieser Jahreszeit voll ungeheurer Büschel rother, den Tannenzapfen +ähnlicher Früchte. Unsere Affen waren sehr lüstern nach diesen Früchten, +deren gelbes Fleisch schmeckt wie überreife Apfel. Die Thiere saßen +zwischen unserem Gepäck auf dem Rücken der Maulthiere und strengten sich +gewaltig an, um der über ihren Köpfen hängenden Büschel habhaft zu +werden. Die Ebene schwankte wellenförmig in Folge der +Luftspiegelung,[^142] und als wir nach einer Stunde Wegs diese +Palmstämme, die sich am Horizont wie Masten ausnahmen, erreichten, sahen +wir mit Ueberraschung, wie viele Dinge an das Daseyn eines einzigen +Gewächses geknüpft sind. Die Winde, vom Laub und den Zweigen im raschen +Zuge aufgehalten, häufen den Sand um den Stamm auf. Der Geruch der +Früchte, das glänzende Grün locken von weitem die Zugvögel her, die sich +gern auf den Wedeln der Palme wiegen. Ringsum vernimmt man ein leises +Rauschen. Niedergedrückt von der Hitze, gewöhnt an die trübselige Stille +der Steppe, meint man gleich einige Kühlung zu spüren, wenn sich das +Laub auch nur ein wenig rührt. Untersucht man den Boden an der Seite +abwärts vom Winde, so findet man ihn noch lange nach der Regenzeit +feucht. Insekten und Würmer[^143], sonst in den Llanos so selten, ziehen +sich hieher und pflanzen sich fort. So verbreitet ein einzeln stehender, +häufig verkrüppelter Baum, den der Reisende in den Wäldern am Orinoco +gar nicht beachtete, in der Wüste Leben um sich her. + +Wir langten am 13. Juli im Dorfe Cari[^144] an, der ersten der +caraibischen Missionen, die unter den Mönchen von der Congregation der +Observanten aus dem Collegium von Piritu[^145] stehen. Wir wohnten, wie +gewöhnlich, im Kloster, das heißt beim Pfarrer. Wir hatten, außer den +Pässen des Generalcapitäns der Provinz, Empfehlungen der Bischöfe und +des Gardians der Missionen am Orinoco. Von den Küsten von +Neu-Californien bis Valdivia und an die Mündung des Rio de la Plata, auf +einer Strecke von 2000 Meilen, lassen sich alle Schwierigkeiten einer +langen Landreise überwinden, wenn man des Schutzes der amerikanischen +Geistlichkeit genießt. Die Macht, welche diese Körperschaft im Staate +ausübt, ist zu fest begründet, als daß sie in einer neuen Ordnung der +Dinge so bald erschüttert werden könnte. Unserem Wirth war +unbegreiflich, »wie Leute aus dem nördlichen Europa von den Grenzen von +Brasilien her, über Rio Negro und Orinoco, und nicht auf dem Wege von +Cumana her zu ihm kamen.« Er behandelte uns ungemein freundlich, +verläugnete indessen keineswegs die etwas lästige Neugier, welche das +Erscheinen eines nicht spanischen Europäers in Südamerika immer rege +macht. Die Mineralien, die wir gesammelt, mußten Gold enthalten; so +sorgfältig getrocknete Pflanzen konnten nur Arzneigewächse seyn. Hier, +wie in so vielen Ländern in Europa, meint man, die Wissenschaft sey nur +dann eine würdige Beschäftigung für den Geist, wenn dabei für die Welt +ein materieller Nutzen herauskomme. + +Wir fanden im Dorfe Cari über 500 Caraiben und in den Missionen umher +sahen wir ihrer noch viele. Es ist höchst merkwürdig, ein Volk vor sich +zu haben, das, früher nomadisch, erst kürzlich an feste Wohnsitze +gefesselt worden und sich durch Körper- und Geisteskraft von allen +andern Indianern unterscheidet. Ich habe nirgends anderswo einen ganzen +so hochgewachsenen (5 Fuß 6 Zoll bis 5 Fuß 10 Zoll) und so colossal +gebauten Volksstamm gesehen. Die Männer, und dieß kommt in Amerika +ziemlich häufig vor, sind mehr bekleidet als die Weiber. Diese tragen +nur den Guayuco oder Gürtel in Form eines Bandes, bei den Männern ist +der ganze Untertheil des Körpers bis zu den Hüften in ein Stück +dunkelblauen, fast schwarzen Tuches gehüllt. Diese Bekleidung ist so +weit, daß die Caraiben, wenn gegen Abend die Temperatur abnimmt, sich +eine Schulter damit bedecken. Da ihr Körper mit Onoto bemalt ist, so +gleichen ihre großen, malerisch drapirten Gestalten von weitem, wenn sie +sich in der Steppe vom Himmel abheben, antiken Broncestatuen. Bei den +Männern ist das Haar sehr charakteristisch verschnitten, nämlich wie bei +den Mönchen oder den Chorknaben. Die Stirne ist zum Theil glatt +geschoren, wodurch sie sehr hoch erscheint. Ein starker, kreisrund +geschnittener Haarbüschel fängt erst ganz nahe am Scheitel an. Diese +Aehnlichkeit der Caraiben mit den Mönchen ist nicht etwa eine Folge des +Lebens in den Missionen; sie rührt nicht, wie man fälschlich behauptet +hat, daher, daß es die Eingeborenen ihren Herren und Meistern, den +Patres Franciskanern, gleich thun wollen. Die Stämme, die zwischen den +Quellen des Carony und des Rio Branco in wilder Unabhängigkeit +verharren, zeichnen sich durch eben diesen cerquillo de frailes aus, den +schon bei der Entdeckung von Amerika die frühesten spanischen +Geschichtschreiber den Völkern von caraibischem Stamme zuschrieben. Alle +Glieder dieses Stammes, die wir bei unserer Fahrt auf dem untern Orinoco +und in den Missionen von Piritu gesehen, unterscheiden sich von den +übrigen Indianern nicht allein durch ihren hohen Wuchs, sondern auch +durch ihre regelmäßigen Züge. Ihre Nase ist nicht so breit und platt, +ihre Backenknochen springen nicht so stark vor, der ganze +Gesichtsausdruck ist weniger mongolisch. Aus ihren Augen, die schwarzer +sind als bei den andern Horden in Guyana, spricht Verstand, fast möchte +man sagen Nachdenklichkeit. Die Caraiben haben etwas Ernstes in ihrem +Benehmen und etwas Schwermüthiges im Blick, wie die Mehrzahl der +Ureinwohner der neuen Welt. Der ernste Ausdruck ihrer Züge wird noch +bedeutend dadurch gesteigert, daß sie die Augbrauen mit dem Saft des +Caruto[^146] färben, sie stärker machen und zusammenlaufen lassen; +häufig machen sie fast im ganzen Gesicht schwarze Flecke, um grimmiger +auszusehen. Die Gemeindebeamten, der Governador und die Alcalden, die +allein das Recht haben, lange Stöcke zu tragen, machten uns ihre +Aufwartung. Es waren junge Indianer von achtzehn, zwanzig Jahren +darunter; denn ihre Wahl hängt einzig vom Gutdünken des Missionärs ab. +Wir wunderten uns nicht wenig, als uns an diesen mit Onoto bemalten +Caraiben das wichtig thuende Wesen, die gemessene Haltung, das kalte, +herabsehende Benehmen entgegentraten, wie man sie hin und wieder bei +Beamten in der alten Welt findet. Die caraibischen Weiber sind nicht so +kräftig und häßlicher als die Männer. Die Last der häuslichen Geschäfte +und der Feldarbeit liegt fast ganz auf ihnen. Sie baten uns dringend um +Stecknadeln, die sie in Ermanglung von Taschen unter die Unterlippe +steckten; sie durchstechen damit die Haut so, daß der Kopf der Nadel im +Munde bleibt. Diesen Brauch haben sie aus ihrem wilden Zustand mit +herübergenommen. Die jungen Mädchen sind roth bemalt und außer dem +Guayuco ganz nackt. Bei den verschiedenen Völkern beider Welten ist der +Begriff der Nacktheit nur ein relativer. In einigen Ländern Asiens ist +es einem Weibe nicht gestattet, auch nur die Fingerspitzen sehen zu +lassen, während eine Indianerin von caraibischem Stamme sich gar nicht +für nackt hält, wenn sie einen zwei Zoll breiten Guahuco trägt. Dabei +gilt noch diese Leibbinde für ein weniger wesentliches Kleidungsstück +als die Färbung der Haut. Aus der Hütte zu gehen, ohne mit Onoto gefärbt +zu seyn, wäre ein Verstoß gegen allen caraibischen Anstand. + +Die Indianer in den Missionen von Piritu nahmen unsere Aufmerksamkeit +umso mehr in Anspruch, als sie einem Volke angehören, das durch seine +Kühnheit, durch seine Kriegszüge und seinen Handelsgeist auf die weite +Landstrecke zwischen dem Aequator und den Nordküsten bedeutenden Einfluß +geübt hat. Aller Orten am Orinoco hatten wir das Andenken an jene +feindlichen Einfälle der Caraiben lebendig gefunden; dieselben +erstreckten sich früher von den Quellen des Carony und des Erevato bis +zum Ventuari, Atacavi und Rio Negro.[^147] Die caraibische Sprache ist +daher auch eine der verbreitetsten in diesem Theile der Welt; sie ist +sogar (wie im Westen der Alleghanis die Sprache der Lenni-Lenepas oder +Algonkins und die der Natchez oder Muskoghees) auf Völker übergegangen, +die nicht desselben Stammes sind. + +Ueberblickt man den Schwarm von Völkern, die in Süd- und Nordamerika +ostwärts von den Cordilleren der Anden hausen, so verweilt man +vorzugsweise bei solchen, die lange über ihre Nachbarn geherrscht und +auf dem Schauplatz der Welt eine wichtigere Rolle gespielt haben. Der +Geschichtschreiber fühlt das Bedürfniß, die Ereignisse zu gruppiren, +Massen zu sondern, zu den gemeinsamen Quellen so vieler Bewegungen und +Wanderungen im Leben der Völker zurückzugehen. Große Reiche, eine +förmlich organisirte priesterliche Hierarchie und eine Cultur, wie sie +auf den ersten Entwicklungsstufen der Gesellschaft durch eine solche +Organisation gefördert wird, fanden sich nur auf den Hochgebirgen im +Westen. In Mexico sehen wir eine große Monarchie, die zerstreute kleine +Republiken einschließt, in Cundinamarca und Peru wahre Priesterstaaten. +Befestigte Städte, Straßen und große steinerne Gebäude, ein merkwürdig +enttvickeltes Lehenssystem, Sonderung der Kasten, Männer- und +Frauenklöster, geistliche Brüderschaften mit mehr oder minder strenger +Regel, sehr verwickelte Zeiteintheilungen, die mit den Kalendern, den +Thierkreisen und der Astrologie der cultivirten asiatischen Völker +Verwandtschaft haben, all das gehört in Amerika nur einem einzigen +Landstrich an, dem langen und schmalen Streifen Alpenland, der sich vom +30. Grad nördlicher bis zum 25. südlicher Breite erstreckt. In der +alten Welt ging der Zug der Völker von Ost nach West; nach einander +traten Basken oder Iberier, Kelten, Germanen und Pelasger auf. In der +neuen Welt gingen ähnliche Wanderungen in der Richtung von Nord nach +Süd. In beiden Halbkugeln richtete sich die Bewegung der Völker nach dem +Zug der Gebirge; aber im heißen Erdstrich wurden die gemäßigten +Hochebenen der Cordilleren von bedeutenderem Einfluß auf die Geschicke +des Menschengeschlechts, als die Gebirge in Centralasien und Europa. Da +nun nur civilisirte Völker eine eigentliche Geschichte haben, so geht +die Geschichte der Amerikaner in der Geschichte einiger weniger +Gebirgsvölker auf. Tiefes Dunkel liegt auf dem unermeßlichen Lande, das +sich vom Ostabhang der Cordilleren zum atlantischen Ocean erstreckt, und +gerade deßhalb nimmt Alles, was in diesem Lande auf das Uebergewicht +einer Nation über die andere, auf weite Wanderzüge, auf physiognomische, +fremde Abstammung verrathende Züge deutet, unser Interesse so lebhaft in +Anspruch. + +Mitten auf den Niederungen von Nordamerika hat ein mächtiges +ausgestorbenes Volk kreisrunde, viereckigte, achteckigte Festungswerke +gebaut, Mauern, 6000 Toisen lang, Erdhügel von 600—700 Fuß Durchmesser +und 140 Fuß Höhe, die bald rund sind, bald mehrere Stockwerke haben und +Tausende von Skeletten enthalten. Diese Skelette gehörten Menschen an, +die nicht so hoch gewachsen, untersetzter waren als die gegenwärtigen +Bewohner dieser Länder. Andere Gebeine, in Gewebe gehüllt, die mit denen +auf den Sandwichs- und Fidji-Inseln Aehnlichkeit haben, findet man in +natürlichen Höhlen in Kentucky. Was ist aus jenen Völkern in Louisiana +geworden, die vor den Lenni-Lenapas, den Shawanoes im Lande saßen, +vielleicht sogar vor den Sioux (Nadowessier, Narcota) am Missouri, die +stark »mongolisirt« sind und von denen man, nach ihren eigenen Sagen, +annimmt, daß sie von den asiatischen Küsten herübergekommen? Auf den +Niederungen von Südamerika trifft man, wie oben bemerkt, kaum ein paar +künstliche Hügel (cerros hechos a mano) an, nirgends Befestigungen wie +am Ohio. Auf einem sehr großen Landstrich, am untern Orinoco wie am +Cassiquiare und zwischen den Quellen des Essequebo und Rio Branco, +findet man indessen Granitfelsen, die mit symbolischen Bildern bedeckt +sind. Diese Bildwerke weisen darauf hin, daß die ausgestorbenen +Geschlechter andern Völkern angehörten, als die jetzt diese Länder +bewohnen. Im Westen, auf dem Rücken der Cordillere der Anden erscheinen +die Geschichte von Mexico und die von Cundinamarca und Peru ganz +unabhängig von einander; aber auf den Niederungen gegen Osten zeigt eine +kriegerische Nation, die lange als die herrschende aufgetreten, in den +Gesichtszügen und dem Körperbau Spuren fremder Abstammung. Die Caraiben +haben noch Sagen, die auf einen Verkehr zwischen beiden Hälften Amerikas +in alter Zeit hinzudeuten scheinen. Eine solche Erscheinung verdient +ganz besondere Aufmerksamkeit; sie verdient solche, wie tief auch die +Versunkenheit und die Barbarei seyn mag, in der die Europäer am Ende des +fünfzehnten Jahrhunderts alle Völker des neuen Continents mit Ausnahme +der Gebirgsvölker antrafen. Wenn es wahr ist, daß die meisten Wilden, +wie ihre Sprachen, ihre kosmogonischen Mythen und so viele andere +Merkmale darzuthun scheinen, nur verwilderte Geschlechter sind, Trümmer, +die einem großen gemeinsamen Schiffbruch entgangen, so wird es doppelt +von Wichtigkeit, zu untersuchen, auf welchen Wegen diese Trümmer aus +einer Halbkugel in die andere geworfen worden sind. + +Das schöne Volk der Caraiben bewohnt heutzutage nur einen kleinen Theil +der Länder, die es vor der Entdeckung von Amerika inne hatte. Durch die +Greuel der Europäer ist dasselbe auf den Antillen und auf den Küsten von +Darien völlig ausgerottet, wogegen es unter der Missionszucht in den +Provinzen Nueva Barcelona und spanisch Guyana volkreiche Dörfer +gegründet hat. Man kann, glaube ich, die Zahl der Caraiben, die in den +Llanos von Piritu und am Carony und Cuyuni wohnen, auf mehr als 35,000 +veranschlagen. Rechnete man dazu die unabhängigen Caraiben, die +westwärts von den Gebirgen von Cayenne und Pacaraimo zwischen den +Quellen des Essequebo und des Rio Branco hausen, so käme vielleicht eine +Gesammtzahl von 40,000 Köpfen von einer, mit andern eingeborenen Stämmen +nicht gemischten Race heraus. Ich lege auf diese Angaben um so mehr +Gewicht, als vor meiner Reise in vielen geographischen Werken von den +Caraiben nur wie von einem ausgestorbenen Volksstamm die Rede war. Da +man vom Innern der spanischen Colonien auf dem Festland nichts wußte, +setzte man voraus, die kleinen Inseln Dominica, Guadeloupe und +St. Vincent seyen der Hauptwohnsitz dieses Volkes gewesen, und von +demselben bestehe (auf allen östlichen Antillen) nichts mehr, als +versteinerte oder vielmehr in einem Madreporenkalk eingeschlossene +Skelette.[^148] Nach dieser Voraussetzung wären die Caraiben in Amerika +ausgestorben, wie die Guanchen auf dem Archipel der Canarien. + +Stämme, welche, demselben Volke angehörig, sich gemeinsamen Ursprung +zuschreiben, werden auch mit denselben Namen bezeichnet. Meist wird der +Namen einer einzelnen Herde von den benachbarten Völkern allen andern +beigelegt; zuweilen werden auch Ortsnamen zu Volksnamen, oder letztere +entspringen aus Spottnamen oder aus der zufälligen Verdrehung eines +Wortes in Folge schlechter Aussprache. Das Wort »Caribes«, das ich +zuerst in einem Briefe des Peter Martyr d’Anghiera finde, kommt von +Calina und Caripuna, wobei aus l und p r und b wurden. Ja es ist sehr +merkwürdig, daß dieser Name, den Columbus aus dem Munde der haitischen +Völker hörte, bei den Caraiben auf den Inseln und bei denen auf dem +Festland zugleich vorkam. Aus Carina oder Calina machte man Galibi +(Caribi), wie in französisch Guyana eine Völkerschaft heißt, die Von +weit kleinerem Wuchse ist als die Einwohner am Cari, aber eine der +zahlreichen Mundarten der caraibischen Sprache spricht. Die Bewohner der +Inseln nannten sich in der Männersprache Calinago, in der Weibersprache +Callipinan. Dieser Unterschied zwischen beiden Geschlechtern in der +Sprechweise ist bei den Völkern von caraibischem Stamm auffallender als +bei andern amerikanischen Nationen (den Omaguas, Guaranis und +Chiquitos), bei welchen derselbe nur wenige Begriffe betrifft, wie z. B. +die Worte Mutter und Kind. Es begreift sich, wie die Weiber bei ihrer +abgeschlossenen Lebensweise sich Redensarten bilden, welche die Männer +nicht annehmen mögen. Schon Cicero[^149] bemerkt, daß die alten +Sprachformen sich vorzugsweise im Munde der Weiber erhalten, weil sie +bei ihrer Stellung in der Gesellschaft nicht so sehr den Lebenswechseln +(dem Wechsel von Wohnort und Beschäftigung) ausgesetzt sind, wodurch bei +den Männern die ursprüngliche Reinheit der Sprache leicht leidet. Bei +den caraibischen Völkern ist aber der Unterschied zwischen den Mundarten +beider Geschlechter so groß und auffallend, daß man zur befriedigenden +Erklärung desselben sich nach einer andern Quelle umsehen muß. Diese +glaubte man nun in dem barbarischen Brauche zu finden, die männlichen +Gefangenen zu tödten und die Weiber der Besiegten als Sklaven +fortzuschleppen. Als die Caraiben in den Archipel der kleinen Antillen +einfielen, kamen sie als eine kriegerische Horde, nicht als Colonisten, +die ihre Familien bei sich hatten. Die Weibersprache bildete sich nun im +Maße, als die Sieger sich mit fremden Weibern verbanden. Damit kamen +neue Elemente herein, Worte, wesentlich verschieden von den caraibischen +Worten,[^150] die sich im Frauengemach von Geschlecht zu Geschlecht +fortpflanzten, doch so, daß der Bau, die Combinationen und die +grammatischen Formen der Männersprache Einfluß darauf äußerten. So +vollzog sich hier in einem beschränkten Verein von Individuen, was wir +an der ganzen Völkergruppe des neuen Continents beobachten. Völlige +Verschiedenheit hinsichtlich der Worte neben großer Aehnlichkeit im Bau, +das ist die Eigenthümlichkeit der amerikanischen Sprachen von der +Hudsonsbai bis zur Magellanschen Meerenge. Es ist verschiedenes Material +in ähnlichen Formen. Bedenkt man nun, daß die Erscheinung fast von einem +Pol zum andern über die ganze Hälfte unseres Planeten reicht, betrachtet +man die Eigenthümlichkeiten in den grammatischen Combinationen (die +Formen für die Genera bei den drei Personen des Zeitworts, die +Reduplicationen, die Frequentative, die Duale), so kann man sich nicht +genug wundern, wie einförmig bei einem so beträchtlichen Bruchtheil des +Menschengeschlechts der Entwicklungsgang in Geist und Sprache ist. + +Wir haben gesehen, daß die Mundart der caraibischen Weiber auf den +Antillen Reste einer ausgestorbenen Sprache enthält. Was war dieß für +eine Sprache? Wir wissen es nicht. Einige Schriftsteller vermuthen, es +könnte die Sprache der Ygneris oder der Ureinwohner der caraibischen +Inseln seyn, von denen sich schwache Ueberreste auf Guadeloupe erhalten +haben; andere fanden darin Aehnlichkeit mit der alten Sprache von Cuba +oder mit den Sprachen der Aruacas und Apalachiten in Florida; allein +alle diese Annahmen gründen sich auf eine höchst mangelhafte Kenntniß +der Mundarten, die man zu vergleichen unternommen. + +Liest man die spanischen Schriftsteller des sechzehnten Jahrhunderts mit +Aufmerksamkeit, so sieht man, daß die caraibischen Völkerschaften damals +aus einer Strecke von 18 bis 19 Breitegraden, von den Jungfraueninseln +ostwärts von Portorico bis zu den Mündungen des Amazonenstroms +ausgebreitet waren. Daß ihre Wohnsitze auch gegen West, längs der +Küstenkette von Santa Martha und Venezuela sich erstreckt, erscheint +weniger gewiß. Indessen nennen Lopez de Gomara und die ältesten +Geschichtschreiber Caribana nicht, wie seitdem geschehen, das Land +zwischen den Quellen des Orinoco und den Gebirgen von französisch +Guyana,[^151] sondern die sumpfigten Niederungen zwischen den Mündungen +des Rio Atrato und des Rio Sinu. Ich war, als ich von der Havana nach +Portobelo wollte, selbst auf diesen Küsten und hörte dort, das +Vorgebirge, das den Meerbusen von Darien oder Uraba gegen Ost begrenzt, +heiße noch jetzt Punta Caribana. Früher war so ziemlich die Ansicht +herrschend, die Caraiben der antillischen Inseln stammen von den +kriegerischen Völkern in Darien ab, und haben sogar den Namen von ihnen. +»Inde Uraban ab orientali prehendit ora, quam appellant indigenae +Caribana, unde Caribes insulares originem habere nomenque retinere +dicuntur.« So drückt sich Anghiera in den Oceanica aus. Ein Neffe +Amerigos Vespucci hatte ihm gesagt, von dort bis zu den Schneegebirgen +von Santa Martha seyen alle Eingeborenen »e genere Caribium sive +Canibalium.« Ich ziehe nicht in Abrede, daß ächte Caraiben am Meerbusen +von Darien gehaust haben können, und daß sie durch die östlichen +Strömungen dahin getrieben worden seyn mögen; es kann aber eben so gut +seyn, daß die spanischen Seefahrer, die auf die Sprachen wenig achteten, +jede Völkerschaft von hohem Wuchs und wilder Gemüthsart Caribe und +Canibale nannten. Jedenfalls erscheint es sehr unwahrscheinlich, daß das +caraibische Volk auf den Antillen und in der Parime sich selbst nach dem +Lande, in dem es ursprünglich lebte, genannt haben sollte. Ostwärts von +den Anden und überall, wohin die Cultur noch nicht gedrungen ist, geben +vielmehr die Völker den Landstrichen, wo sie sich niedergelassen, die +Namen. Wir haben schon mehrmals Gelegenheit gehabt zu bemerken, daß die +Worte Caribes und Canibales bedeutsam zu seyn scheinen, daß es wohl +Beinamen sind, die auf Muth und Kraft, selbst auf Geistesüberlegenheit +anspielen[^152] Es ist sehr bemerkenswerth, daß die Brasilianer, als die +Portugiesen ins Land kamen, ihre Zauberer gleichfalls Caraibes nannten. +Wir wissen, daß die Caraiben in der Parime das wanderlustigste Volk in +Amerika waren; vielleicht spielten schlaue Köpfe in diesem +umherziehenden Volk dieselbe Rolle wie die Chaldäer in der alten Welt. +Völkernamen hängen sich leicht an gewisse Gewerbe, und als unter den +Cäsaren so viele Formen des Aberglaubens aus dem Orient in Italien +eindrangen, kamen die Chaldaer so wenig von den Ufern des Euphrat, als +die Menschen, die man in Frankreich Egyptiens und Bohémiens nennt (die +einen indischen Dialekt reden, Zigeuner), vom Nil und von der Elbe. + +Wenn eine und dieselbe Nation auf dem Festland und auf benachbarten +Inseln lebt, so hat man die Wahl zwischen zwei Annahmen: sie sind +entweder von den Inseln auf den Continent, oder vom Continent auf die +Inseln gewandert. Diese Streitfrage erhebt sich auch bei den Iberiern +(Basken), die sowohl in Spanien als auf den Inseln im Mittelmeer ihre +Wohnsitze hatten;[^153] ebenso bei den Malayen, die auf der Halbinsel +Malaca und im Distrikt Menangkabao auf der Insel Sumatra Autochthonen zu +seyn scheinen.[^154] Der Archipel der großen und der kleinen Antillen +hat die Gestalt einer schmalen, zerrissenen Landzunge, die der Landenge +von Panama parallel läuft und nach der Annahme mancher Geographen einst +Florida mit dem nordöstlichen Ende von Südamerika verband. Es ist +gleichsam das östliche Ufer eines Binnenmeeres, das man ein Becken mit +mehreren Ausgängen nennen kann. Diese sonderbare Bildung des Landes hat +den verschiedenen Wandersystemen, nach denen man die Niederlassung der +caraibischen Völker auf den Inseln und auf dem benachbarten Festland zu +erklären suchte, zur Stütze gedient. Die Caraiben des Festlandes +behaupten, die kleinen Antillen seyen vor Zeiten von den Aruacas bewohnt +gewesen, einer kriegerischen Nation, deren Hauptmasse noch jetzt an den +ungesunden Ufern des Surinam und des Berbice lebt. Diese Aruacas sollen, +mit Ausnahme der Weiber, von den Caraiben, die von den Mündungen des +Orinoco hinübergekommen, sämmtlich ausgerottet worden seyn, und sie +berufen sich zu Bewahrheitung dieser Sage auf die Aehnlichkeit zwischen +der Sprache der Aruacas und der Weibersprache bei den Caraiben. Man muß +aber bedenken, daß die Aruacas, wenn sie gleich Feinde der Caraiben +sind, doch mit ihnen zur selben Völkerfamilie gehören, und daß das +Aruakische und das Caraibische einander so nahe stehen wie Griechisch +und Persisch, Deutsch und Sanskrit. Nach einer andern Sage sind die +Caraiben auf den Inseln von Süden hergekommen, nicht als Eroberer, +sondern aus Guyana von den Aruacas vertrieben, die ursprünglich über +alle benachbarten Völker das Uebergewicht hatten. Endlich eine dritte, +weit verbreitetere und auch wahrscheinlichere Sage läßt die Caraiben aus +Nordamerika, namentlich aus Florida kommen. Ein Reisender, der sich +rühmt, Alles zusammengebracht zu haben, was auf diese Wanderungen von +Nord nach Süd Bezug hat, Bristok, behauptet, ein Stamm der Confachiqui +habe lange mit den Apalachiten im Kriege gelegen; diese haben jenem +Stamm den fruchtbaren Distrikt Amana abgetteten und sofort ihre neuen +Bundesgenossen Caribes (d. h. tapfere Fremdlinge) genannt; aber in Folge +eines Zwistes über den Gottesdienst seyen die Confachiqui-Caribes aus +Florida vertrieben worden. Sie gingen zuerst in ihren kleinen Canoes auf +die Yucayas oder die lucayischen Inseln (auf Cigateo und die zunächst +liegenden Inseln), von da nach Ayay (Hayhay, heutzutage Santa Cruz) und +auf die kleinen Antillen, endlich auf das Festland von Südamerika. Dieß, +glaubt man, sey gegen das Jahr 1100 unserer Zeitrechnung geschehen; +allein bei dieser Schätzung nimmt man an (wie bei manchen orientalischen +Mythen), »bei der Mäßigkeit und Sitteneinfalt der Wilden« könne die +mittlere Dauer einer Generation 180 bis 200 Jahre betragen haben, +wodurch dann eine bestimmte Zeitangabe als völlig aus der Luft gegriffen +erscheint. Auf dieser ganzen langen Wanderung hatten die Caraiben die +großen Antillen nicht berührt, wo indessen die Eingeborenen gleichfalls +aus Florida zu stammen glaubten. Die Insulaner aus Cuba, Haiti und +Borriken (Portorico) waren nach der einstimmigen Aussage der ersten +Conquistadoren von den Caraiben völlig verschieden; ja bei der +Entdeckung von Amerika waren diese bereits von der Gruppe der kleinen +lucayischen Inseln abgezogen, auf denen, wie in allen von +Schiffbrüchigen und Flüchtlingen bewohnten Ländern, eine erstaunliche +Mannigfaltigkeit von Sprachen herrschte. + +Die Herrschaft, welche die Caraiben so lange über einen großen Theil des +Festlandes ausgeübt, und das Andenken an ihre alte Größe gaben ihnen ein +Gefühl von Würde und nationaler Ueberlegenheit, das in ihrem Benehmen +und ihren Aeußerungen zu Tage kommt. »Nur wir sind ein Volk,« sagen sie +sprüchwörtlich, »die andern Menschen (oquili) sind dazu da, uns zu +dienen.« Die Caraiben sehen auf ihre alten Feinde so hoch herab, daß ich +ein zehnjähriges Kind vor Wuth schäumen sah, weil man es einen Cabre +oder Cavere nannte. Und doch hatte es in seinem Leben keinen Menschen +dieses unglücklichen Volkes[^155] gesehen, von dem die Stadt Cabruta +(Cabritu) ihren Namen hat und das von den Caraiben fast völlig +ausgerottet wurde. Ueberall, bei halb barbarischen Horden, wie bei den +civilisirtesten Völkern in Europa, finden wir diesen eingewurzelten Haß +und die Namen feindlicher Völker als die gröbsten Schimpfworte +gebraucht. + +Der Missionär führte uns in mehrere indianische Hütten, wo Ordnung und +die größte Reinlichkeit herrschten. Mit Verdruß sahen wir hier, wie die +caraibischen Mütter schon die kleinsten Kinder quälen, um ihnen nicht +nur die Waden größer zu machen, sondern am ganzen Bein vom Knöchel bis +oben am Schenkel das Fleisch stellenweise hervorzutreiben. Bänder von +Leder oder Baumwollenzeug werden 2 bis 3 Zoll von einander fest umgelegt +und immer stärker angezogen, so daß die Muskeln zwischen zwei +Bandstreifen überquellen. Unsere Kinder im Wickelzeug haben lange nicht +so viel zu leiden als die Kinder bei den caraibischen Völkern, bei einer +Nation, die dem Naturzustand noch so viel näher seyn soll. Umsonst +arbeiten die Mönche in den Missionen, ohne Rousseaus Werke oder auch nur +den Namen des Mannes zu kennen, diesem alten System des Kinderaufziehens +entgegen; der Mensch, der eben aus den Wäldern kommt, an dessen +Sitteneinfalt wir glauben, ist keineswegs gelehrig, wenn es sich von +seinem Putz und von seinen Vorstellungen von Schönheit und Anstand +handelt. Ich wunderte mich übrigens, daß der Zwang, dem man die armen +Kinder unterwirft, und der den Blutumlauf hemmen sollte, der +Muskelbewegung keinen Eintrag thut. Es gibt auf der Welt kein +kräftigeres und schnellfüßigeres Volk als die Caraiben. + +Wenn die Weiber ihren Kindern Beine und Schenkel modeln, um Wellenlinien +hervorzubringen, wie die Maler es nennen, so unterlassen sie es in den +Llanos wenigstens ihnen von der Geburt an den Kopf zwischen Kissen und +Brettern platt zu drücken. Dieser Brauch, der früher auf den Inseln und +bei manchen caraibischen Stämmen in der Parime und in französisch Guyana +so verbreitet war, kommt in den Missionen, die wir besucht haben, nicht +vor. Die Leute haben dort gewölbtere Stirnen als die Chaymas, Otomacos, +Macos, Maravitanos und die meisten Eingeborenen am Orinoco. Nach +systematischem Begriffe sind ihre Stirnen, wie sie ihren geistigen +Fähigkeiten entsprechen. Diese Beobachtung überraschte uns um so mehr, +da die in manchen anatomischen Werken abgebildeten Caraibenschädel sich +von allen Menschenschädeln durch die niedrigste Stirne und den kleinsten +Gesichtswinkel unterscheiden. Man hat aber in unsern osteologischen +Sammlungen Kunstprodukte mit Naturbildungen verwechselt. Die »fast +stirnlosen« sogenannten Caraibenschädel[^156] von der Insel Sanct +Vincent sind zwischen Brettern gemodelte Köpfe von Zambos (schwarzen +Caraiben), Abkömmlingen von Negern und wirklichen Caraiben. Der +barbarische Brauch, die Stirne platt zu drücken, kommt übrigens bei +mehreren Völkern vor, die nicht desselben Stammes sind; man hat +denselben in neuester Zeit auch in Nordamerika angetroffen; aber der +Schluß von einer gewissen Uebereinstimmung in Sitten und Gebräuchen auf +gleiche Abstammung ist sehr gewagt. + +Reist man in den caraibischen Missionen, so sollte man bei dem daselbst +herrschenden Geiste der Ordnung und des Gehorsams gar nicht glauben, daß +man sich unter Canibalen befindet. Dieses amerikanische Wort von nicht +ganz sicherer Bedeutung stammt wahrscheinlich aus der Sprache von Hain +oder Portorico. Es ist schon zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, als +gleichbedentend mit Menschenfresser, in die europäischen Sprachen +übergegangen. »Edaces humanarum carnium novi anthropophagi, quos diximus +Caribes, alias Canibales appellari«, sagt Anghiera in der dritten Decade +seiner Papst Leo X. gewidmeten Oceanica. Ich bezweifle keineswegs, daß +die Inselcaraiben als eroberndes Volk die Ygneris oder alten Bewohner +der Antillen, die schwach und unkriegerisch waren, grausam behandelt +haben; dennoch ist anzunehmen, daß diese Grausamkeiten von den ersten +Reisenden, welche nur Völker hörten, die von jeher Feinde der Caraiben +gewesen, übertrieben wurden. Nicht immer werden nur die Besiegten von +den Zeitgenossen verläumdet; auch am Uebermuth des Siegers rächt man +sich, indem man das Register seiner Gräuel vergrößert. + +Alle Missionäre am Carony, am untern Orinoco und in den Llanos del Cari, +die wir zu befragen Gelegenheit gehabt, versichern, unter allen Völkern +des neuen Continents seyen die Caraiben vielleicht am wenigsten +Menschenfresser; und solches behaupten sie sogar von den unabhängigen +Horden, die ostwärts von Esmeralda zwischen den Quellen des Rio Branco +und des Essequebo umherziehen. Es begreift sich, daß die verzweifelte +Erbitterung, mit der sich die unglücklichen Caraiben gegen die Spanier +wehrten, nachdem im Jahr 1504 ein königliches Ausschreiben sie für +Sklaven erklärt hatte, sie vollends in den Ruf der Wildheit brachte, in +dem sie stehen.[^157] Der erste Gedanke, diesem Volke zu Leibe zu gehen +und es seiner Freiheit und seiner natürlichen Rechte zu berauben, rührt +von Christoph Columbus her, der die Ansichten des fünfzehnten +Jahrhunderts theilte und durchaus nicht immer so menschlich war, als man +im achtzehnten aus Haß gegen seine Verkleinerer behauptete. Später wurde +der Licenciat Rodrigo de Figueroa vom Hofe beauftragt (1520), +auszumachen, welche Völkerschaften in Südamerika für caraibischen oder +canibalischen Stammes gelten könnten, und welche Guatiaos wären, das +heißt friedliche, von lange her mit den Castilianern befreundete +Indianer. Dieses ethnographische Actenstück, »el auto de Figueroa« +genannt, ist eine der merkwürdigsten Urkunden für die Barbarei der +ersten Conquistadoren. Nie hatte Systemsucht so trefflich dazu gedient, +die Leidenschaften zu beschönigen. Unsere Geographen gehen nicht +willkürlicher zu Werke, wenn sie in Centralasien mongolische und +tartarische Völker unterscheiden, als Figueroa, wenn er zwischen +Canibalen und Guatiaos die Grenze zog. Ohne auf die Sprachverwandtschaft +zu achten, erklärte man willkürlich alle Horden, denen man Schuld geben +konnte, daß sie nach dem Gefechte einen Gefangenen verzehrt, für +caraibisch. Die Einwohner von Uriapari (der Halbinsel Paria) wurden +Caraiben, die Urinacos (die Uferbewohner am untern Orinoco oder Urinucu) +Guatiaos genannt. Alle Stämme, die Figueroa als Caraiben bezeichnete, +waren der Sklaverei verfallen; man konnte sie nach Belieben verkaufen +oder niedermachen. In diesen blutigen Kämpfen wehrten sich die +caraibischen Weiber nach dem Tode ihrer Männer mit so verzweifeltem +Muthe, daß man sie, wie Anghiera sagt, für Amazonenvölker hielt. Die +gehässigen Declamationen eines Dominicanermönchs (Thomas Hortiz) trugen +dazu bei, den Jammer zu verlängern, der auf ganzen Völkern lastete. +Indessen, und man spricht es mit Vergnügen aus, gab es auch beherzte +Männer, die mitten in den an den Caraiben verübten Greueln die Stimme +der Menschlichkeit und Gerechtigkeit hören ließen. Manche Geistliche +sprachen sich in entgegengesetztem Sinne aus, als sie Anfangs gethan. In +einem Jahrhundert, in dem man nicht hoffen durfte, die öffentliche +Freiheit auf bürgerliche Einrichtungen zu gründen, suchte man wenigstens +die persönliche Freiheit zu vertheidigen. »Es ist,« sagt Gomara im Jahr +1551, »ein heiliges Gesetz (lex sanctissima), durch das unser Kaiser +verboten hat, die Indianer zu Sklaven zu machen. Es ist gerecht, daß die +Menschen, die alle frei zur Welt kommen, nicht einer des andern Sklaven +werden.« + +Bei unserem Aufenthalt in den caraibischen Missionen überraschte es uns, +mit welcher Gewandtheit junge, achtzehn-, zwanzigjährige Indianer, wenn +sie zum Amte eines Alguatil oder Fiscal herangebildet sind, stundenlange +Anreden an die Gemeinde halten. Die Betonung, die ernste Haltung, die +Geberden, mit denen der Vortrag begleitet wird, Alles verräth ein +begabtes, einer hohen Culturentwicklung fähiges Volk. Ein Franciskaner, +der so viel caraibisch verstand, daß er zuweilen in dieser Sprache +predigen konnte, machte uns darauf aufmerksam, wie lang und gehäuft die +Sätze in den Reden der Indianer sind, und doch nie verworren und unklar +werden. Eigenthümliche Flexionen des Verbums bezeichnen zum voraus die +Beschaffenheit des regierten Worts, je nachdem es belebt ist oder +unbelebt, in der Einzahl oder in der Mehrzahl. Durch kleine angehängte +Formen (Suffixe) wird der Empfindung ein eigener Ausdruck gegeben, und +hier, wie in allen auf dem Wege ungehemmter Entwicklung entstandenen +Sprachen, entspringt die Klarheit aus dem ordnenden Instinct,[^158] der +auf den verschiedensten Stufen der Barbarei und der Cultur als das +eigentliche Wesen der menschlichen Geisteskraft erscheint. An Festtagen +versammelt sich nach der Messe die ganze Gemeinde vor der Kirche. Die +jungen Mädchen legen zu den Füßen des Missionärs Holzbündel, Mais, +Bananenbüschel und andere Lebensmittel nieder, deren er in seinem +Haushalt bedarf. Zugleich treten der Governador, der Fiscal und die +Gemeindebeamten, lauter Indianer, auf, ermahnen die Eingeborenen zum +Fleiß, theilen die Arbeiten, welche die Woche über vorzunehmen sind, +aus, geben den Trägen Verweise, und — es soll nicht verschwiegen werden +— prügeln die Unbotmäßigen unbarmherzig durch. Die Stockstreiche werden +so kaltblütig hingenommen als ausgetheilt. Diese Acte der vollziehenden +Justiz kommen dem Reisenden, der von Angostura an die Küste über die +Llanos geht, sehr gedehnt vor und allzu sehr gehäuft. Man sähe es +lieber, wenn der Priester nicht vom Altar weg körperliche Züchtigungen +verhängte, man wünschte, er möchte es nicht im priesterlichen Gewande +mit ansehen, wie Männer und Weiber abgestraft werden; aber dieser +Mißbrauch, oder, wenn man will, dieser Verstoß gegen den Anstand fließt +aus dem Grundsatz, auf dem das ganze seltsame Missionsregiment beruht. +Die willkürlichste bürgerliche Gewalt ist mit den Rechten, welche dem +Geistlichen der kleinen Gemeinde zustehen, völlig verschmolzen, und +obgleich die Caraiben so gut wie keine Canibalen sind, und so sehr man +wünschen mag, daß sie mit Milde und Vorsicht behandelt werden, so sieht +man doch ein, daß es zuweilen etwas kräftiger Mittel bedarf, um in einem +so jungen Gemeinwesen die Ruhe aufrecht zu erhalten. + +Die Caraiben sind um so schwerer an feste Wohnsitze zu fesseln, da sie +seit Jahrhunderten auf den Flüssen Handel getrieben haben. Wir haben +dieses rührige Volk, ein Volk von Handelsleuten und von Kriegern, schon +oben kennen gelernt,[^159] wie es Sklavenhandel trieb und mit seinen +Waaren von den Küsten von holländisch Guyana bis in das Becken des +Amazonenstromes zog. Die wandernden Caraiben waren die Bukharen des +tropischen Amerika, und so hatte sie denn auch das tägliche Bedürfniß, +die Gegenstände ihres kleinen Handels zu berechnen und einander +Nachrichten mitzutheilen, dazu gebracht, die Handhabung der Quippos, +oder, wie man in den Missionen sagt, der cordoncillos con nudos, zu +verbessern und zu erweitern. Diese Quippos oder Schnüre kommen in +Canada, in Mexiko (wo Boturini welche bei den Tlascalteken bekam), in +Peru, auf den Niederungen von Guyana, in Centralasien, in China und in +Indien vor. Als Rosenkränze wurden sie in den Händen der abendländischen +Christen Werkzeuge der Andacht; als Suampan dienten sie zu den Griffen +der palpabeln oder Handarithmetik der Chinesen, Tartaren und +Russen.[^160] Die unabhängigen Caraiben, welche in dem noch so wenig +bekannten Lande zwischen den Quellen des Orinoco und den Flüssen +Essequebo, Carony und Parime (Rio Branco oder Rio de aguas blancas) +hausen, theilen sich in Stämme; ähnlich den Völkern am Missouri, in +Chili und im alten Germanien bilden sie eine Art politischer +Bundesgenossenschaft. Eine solche Verfassung sagt am besten der +Freiheitsliebe dieser kriegerischen Horden zu, die gesellschaftliche +Bande nur dann vortheilhaft finden, wenn es gemeinsame Vertheidigung +gilt. In ihrem Stolze sondern sich die Caraiben von allen andern Stämmen +ab, selbst von solchen, die der Sprache nach ihnen verwandt sind. Auf +dieser Absonderung bestehen sie auch in den Missionen. Diese sind selten +gediehen, wenn man den Versuch gemacht hat, Caraiben gemischten +Gemeinden einzuverleiben, das heißt solchen, wo jede Hütte von einer +Familie bewohnt ist, die wieder einem andern Volke angehört und eine +andere Mundart hat. Bei den unabhängigen Caraiben vererbt sich die +Häuptlingswürde vom Vater auf den Sohn, nicht durch die Schwesterkinder. +Letztere Erbfolge beruht auf einem grundsätzlichen Mißtrauen, dass eben +nicht für große Sittenreinheit spricht; dieselbe herrscht in Indien, bei +den Ashantees in Asrika, und bei mehreren wilden Horden in +Nordamerika.[^161] Bei den Caraiben müssen die jungen Häuptlinge, wie +die Jünglinge, die heirathen wollen, fasten und sich den seltsamsten +Büßungen unterziehen. Man purgirt sie mit der Frucht gewisser +Euphorbien, man läßt sie in Kasten schwitzen und gibt ihnen von den +Marirris oder Piaches bereitete Mittel ein, die in den Landstrichen +jenseits der Alleghanis Kriegstränke, Tränke zum Muthmachen +(war-phisicks) heißen. Die caraibischen Marirris sind die berühmtesten +von allen; sie sind Priester, Gaukler und Aerzte in Einer Person und +ihre Lehre, ihre Kunstgriffe und ihre Arzneien vererben sich. Letztere +werden unter Auflegen der Hände gereicht und mit verschiedenen +geheimnißvollen Geberden oder Handlungen, wie es scheint, von Uralters +her bekannte Manipulationen des thierischen Magnetismus. Ich hatte +Gelegenheit, mehrere Leute zu sprechen, welche die verbündeten Caraiben +genau hatten beobachten können, ich konnte aber nicht erfahren, ob die +Marirris eine Caste für sich bilden. In Nordamerika hat man gefunden, +daß bei den Shawanoes, die in mehrere Stämme zerfallen, die Priester, +die die Opfer vornehmen (wie bei den Hebräern), nur aus Einem Stamme, +dem der Mequachakes, seyn dürfen. Wie mir dünkt, muß Alles, was man noch +in Amerika über die Spuren einer alten Priestercaste ausfindig macht, +von bedeutendem Interesse seyn, wegen jener Priesterkönige in Peru, die +sich Söhne der Sonne nannten, und jener Sonnenkönige bei den Natchez, +bei denen man unwillkürlich an die Heliaden der ersten östlichen Colonie +von Rhodus denkt.[^162] Um Sitten und Gebräuche des caraibischen Volkes +vollkommen kennen zu lernen, müßte man die Missionen in den Llanos, die +am Carony und die Savanen südlich von den Gebirgen von Pacaraimo +zugleich besuchen. Je mehr man sie kennen lernt, versichern die +Franciskaner, desto mehr müssen die Vorurtheile schwinden, die man gegen +sie in Europa hat, wo sie für wilder, oder, um mich des naiven Ausdrucks +eines Herrn von Montmartin zu bedienen, für weit weniger liberal gelten, +als andere Völkerschaften in Guyana.[^163] Die Sprache der Caraiben auf +dem Festlande ist dieselbe von den Quellen des Rio Branco bis zu den +Steppen von Cumana. Ich war so glücklich, in Besitz einer Handschrift zu +gelangen, die einen Auszug des Paters Sebastian Garcia aus der +»Grammatica de la lengua Caribe del P. Fernando Ximenez« enthielt. Diese +werthvolle Handschrift wurde bei Vaters[^164] und meines Bruders, +Wilhelm von Humboldt, nach noch weit umfassenderem Plane angelegten +Untersuchungen über den Bau der amerikanischen Sprachen benützt. + +Als wir von der Mission Cari aufbrechen wollten, geriethen wir in einen +Wortwechsel mit unsern indianischen Maulthiertreibern. Sie hatten, zu +unserer nicht geringen Verwunderung, ausfindig gemacht, daß wir Skelette +aus der Höhle von Ataruipe mit uns führten, und sie waren fest +überzeugt, daß das Lastthier, das »die Körper ihrer alten Verwandten« +trug, auf dem Wege zu Grunde gehen müsse. Alle unsere +Vorsichtsmaßregeln, um die Skelette zu verbergen, waren vergeblich; +nichts entgeht dem Scharfsinn und dem Geruch eines Caraiben, und es +brauchte das ganze Ansehen des Missionärs, um unser Gepäck in Gang zu +bringen. Ueber den Rio Cari mußten wir im Boote fahren, über den Rio de +agua clara waten, fast könnte ich sagen schwimmen. Wegen des Triebsands +am Boden ist letzterer Uebergang bei Hochwasser sehr beschwerlich. Man +wundert sich, daß in einem so ebenen Lande die Strömung so stark ist; +die Steppenflüsse drängen aber auch, um mich eines ganz richtigen +Ausdrucks des jüngeren Plinius zu bedienen, »nicht sowohl wegen des +Bodenfalls, als wegen ihrer Fülle und wie durch ihr eigenes Gewicht +vorwärts.«[^165] Wir hatten, ehe wir in die kleine Stadt Pao kamen, zwei +schlechte Nachtlager in Matagorda und los Niecietos. Ueberall dasselbe: +kleine Rohrhütten mit Leder gedeckt, berittene Leute mit Lanzen, die das +Vieh hüten, halb wilde Hornviehherden von auffallend gleicher Färbung, +die den Pferden und Maulthieren die Weide streitig machen. Keine Schafe, +keine Ziegen auf diesen unermeßlichen Steppen! Die Schafe pflanzen sich +in Amerika nur auf Plateaus, die über tausend Toisen hoch liegen, gut +fort; nur dort wird die Wolle lang und zuweilen sehr schön. Im glühend +heißen Klima der Niederungen, wo statt der Wölfe die Jaguars auftreten, +können sich diese kleinen wehrlosen und in ihren Bewegungen +schwerfälligen Wiederkäuer nicht in Masse halten. + +Am 15. Juli langten wir in der Fundacion oder Villa del Pao an, die im +Jahr 1744 gegründet wurde und sehr vortheilhaft gelegen ist, um zwischen +Nueva Barcelona und Angostura als Stapelplatz zu dienen. Ihr +eigentlicher Name ist Conception del Pao; Alcedo, la Cruz Olmedilla und +viele andere Geographen gaben ihre Lage falsch an, weil sie den Ort +entweder mit San Juan Baptista del Pao in den Llanos von Caracas, oder +mit el Valle del Pao am Zarate verwechselten. Trotz des bedeckten +Himmels erhielt ich einige Höhen von α im Centauren, nach denen sich die +Breite des Orts bestimmen ließ. Dieselbe beträgt 8°37′57″. Aus +Sonnenhöhen ergab sich eine Länge von 67°8′12″, Angostura unter +66°15′21″ angenommen. Die astronomischen Bestimmungen in Calabozo[^166] +und in Conception del Pao sind nicht ohne Belang für die Geographie +dieser Landstriche, wo es inmitten der Grasfluren durchaus an festen +Punkten fehlt. In der Umgegend von Pao findet man einige Fruchtbäume, +eine seltene Erscheinung in den Steppen. Wir sahen sogar Cocosbäume, die +trotz der weiten Entfernung von der See ganz kräftig schienen. Ich lege +einiges Gewicht auf letztere Wahrnehmung, da man die Glaubwürdigkeit von +Reisenden, welche den Cocosbaum, eine Küstenpalme, in Tombuctu, mitten +in Afrika, angetroffen haben wollten, in Zweifel gezogen hat. Wir hatten +öfters Gelegenheit, Cocosbäume mitten im Baulande am Magdalenenstrom, +hundert Meilen von der Küste, zu sehen. + +In fünf Tagen, die uns sehr lang vorkamen, gelangten wir von der Villa +del Pao in den Hafen von Nueva Barcelona. Je weiter wir kamen, desto +heiterer wurde der Himmel, desto staubigter der Boden, desto glühender +die Luft. Diese ungemein drückende Hitze rührt nicht von der +Lufttemperatur her, sondern vom feinen Sand, der in der Luft schwebt, +nach allen Seiten Wärme strahlt und dem Reisenden ins Gesicht schlägt, +wie an die Kugel des Thermometers. Indessen habe ich in Amerika den +hunderttheiligen Thermometer mitten im Sandwinde niemals über 45°8 +steigen sehen. Capitän Lyon, den ich nach seiner Rückkehr von Mourzouk +zu sprechen das Vergnügen hatte, schien mir auch geneigt anzunehmen, daß +die Temperatur von 52 Grad, der man in Fezzan so oft ausgesetzt ist, +großentheils von den Quarzkörnern herrührt, die in der Luft suspendirt +sind. Zwischen Pao und dem im Jahr 1749 gegründeten, von 500 Caraiben +bewohnten Dorfe Santa Cruz de Cachipo[^167] kamen wir über den +westlichen Strich des kleinen Plateau, das unter dem Namen Mesa de Amana +bekannt ist. Dieses Plateau bildet die Wasserscheide zwischen dem +Orinoco, dem Guarapiche und dem Küstenland von Neu-Andalusien. Die +Erhöhung desselben ist so gering, daß es der Schiffbarmachung dieses +Strichs der Llanos wenig Hinderniß in den Weg legen wird. Indessen +konnte der Rio Mamo, der oberhalb des Einflusses des Carony in den +Orinoco fällt und den d’Anville (ich weiß nicht, nach wessen Angabe) auf +der ersten Ausgabe seiner großen Karte aus dem See von Valencia kommen +und die Sewässer des Guayre aufnehmen läßt, nie als natürlicher Canal +zwischen zwei Flußbecken dienen. Es besteht in der Steppe nirgends eine +Gabeltheilung der Art. Sehr viele Caraiben, welche jetzt in den +Missionen von Piritu leben, saßen früher nördlich und westlich vom +Plateau Amana zwischen Maturin, der Mündung des Rio Areo und dem +Guarapiche; die Einfälle Don Josephs Careño, eines der unternehmendsten +Statthalter der Provinz Cumana, gaben im Jahr 1720 Anlaß zu einer +allgemeinen Wanderung der unabhängigen Caraiben an den untern Orinoco. + +Dieser ganze weit gedehnte Landstrich besteht, wie wir schon oben +bemerkt,[^168] aus secundären Gebirgsbildungen, die sich gegen Süden +unmittelbar an die Granitgebirge am Orinoco lehnen. Gegen Nordwest +trennt sie ein ziemlich schmaler Streif von Uebergangsgebirg von den aus +Urgebirg bestehenden Bergen auf dem Küstenland von Caracas. Dieses +gewaltige Auftreten von secundären Bildungen, die ohne Unterbrechung +einen Flächenraum von 7200 Quadratmeilen bedecken (wobei nur der gegen +Süd vom Rio Apure, gegen West von der Sierra Nevada de Merida und vom +Paramo de las Rosas begrenzte Theil der Llanos gerechnet ist), ist in +diesen Erdstrichen eine um so merkwürdigere Erscheinung, da in der +ganzen Sierra de la Parime, zwischen dem rechten Ufer des Orinoco und +dem Rio Negro, gerade wie in Scandinavien, die secundären Bildungen +auffallenderweise gänzlich fehlen. Der rothe Sandstein, der hie und da +Stricke fossilen Holzes (aus der Familie der Monocotyledonen) enthält, +kommt in den Steppen von Calabozo überall zu Tage. Weiter gegen Ost sind +Kalkstein und Gips demselben aufgelagert und machen ihn der geologischen +Forschung unzugänglich. Weiter gegen Norden, der Mission San Joses de +Curataquiche zu, fand Bonpland schöne gebänderte Stücke Jaspis oder +»egyptische Kiesel.« Wir sahen dieselben nicht in der Gebirgsart +eingeschlossen und wissen daher nicht, ob sie einem ganz neuen +Conglomerat angehören oder dem Kalkstein, den wir am Morro von Nueva +Barcelona angetroffen, und der kein Uebergangsgestein ist, obgleich er +Schichten von Kieselschiefer enthält. + +Man kann die Steppen oder Grasfluren von Südamerika nicht durchziehen, +ohne in Gedanken bei der Aussicht zu verweilen, daß man sie eines Tags +zu dem benützen wird, zu dem sie sich besser eignen, als irgend ein +Landstrich des Erdballs, zur Messung der Grade eines Erdbogens in der +Richtung eines Meridians oder einer auf dem Meridian senkrechten Linie. +Diese Operation wäre für die genaue Kenntniß der Gestalt der Erde von +großer Wichtigkeit. Die Llanos von Venezuela liegen 13 Grade ostwärts +von den Punkten, wo einerseits die französischen Akademiker mittelst +Dreiecken, die sich auf die Gipfel der Cordilleren stützten, +andererseits Mason und Dixon, ohne trigonometrische Mittel (auf den +Ebenen von Pennsylvanien), ihre Messungen ausgeführt haben; sie liegen +fast unter demselben Parallel (und dieser Umstand ist von großem Belang) +wie die indische Hochebene zwischen Junne und Madura, wo Oberst Lambton +so ausgezeichnet operirte. So viele Bedenken auch noch hinsichtlich der +Genauigkeit der Instrumente, der Beobachtungsfehler und der Einflüsse +örtlicher Anziehungen bestehen mögen, beim jetzigen Zustand unserer +Kenntnisse ist nicht wohl in Abrede zu ziehen, daß die Erde +ungleichförmig abgeplattet ist. Ist einmal zwischen den freien +Regierungen von la Plata und Venezuela ein innigeres Verhältniß +hergestellt, so wird man sich ohne Zweifel diesen Vortheil und den +allgemeinen Frieden zu Nutze machen und nördlich und südlich vom +Aequator, in den Llanos und in den Pampas die Messungen vornehmen, die +wir hier in Vorschlag bringen. Die Llanos von Pao und Calabozo sind fast +unter demselben Meridian gelegen, wie die Pampas südlich von Cordova, +und der Breitenunterschied dieser Niederungen, die so vollkommen eben +sind, als hätte lange Wasser darauf gestanden, beträgt 45 Grad. Diese +geodätischen und astronomischen Operationen wären bei der Beschaffenheit +des Terrains auch gar nicht kostspielig. Schon La Condamine hat im Jahr +1734 dargethan, wie vortheilhafter und besonders weniger zeitraubend es +gewesen wäre, wenn man die Akademiker in die (vielleicht etwas zu stark +bewachsenen und sumpfigten) Ebenen im Süden von Cayenne, dem Einfluß des +Rio Xingu in den Amazonenstrom zu, geschickt hätte, statt sie auf den +Hochebenen von Quito mit Frost, Stürmen und vulkanischen Ausbrüchen +kämpfen zu lassen. + +Die spanisch-amerikanischen Regierungen dürfen keineswegs meinen, daß +die in Rede stehenden, mit Pendelbeobachtungen verbundenen Messungen in +den Llanos nur ein rein wissenschaftliches Interesse hätten: dieselben +gäben zugleich die Hauptgrundlagen für Karten ab, ohne welche keine +regelmäßige Verwaltung in einem Lande bestehen kann. Bis jetzt mußte man +sich auf eine rein astronomische Aufnahme beschränken, und es ist dieß +das sicherste und rascheste Verfahren bei einer Oberfläche von sehr +großer Ausdehnung. Man suchte einige Punkte an den Küsten und im Innern +absolut zu bestimmen, das heißt nach Himmelserscheinungen oder Reihen +von Monddistanzen. Man stellte die Lage der bedeutendsten Orte nach den +drei Coordinaten der Breite, der Länge und der Höhe fest. Die +dazwischenliegenden Punkte wurden mit den Hauptpunkten auf +chronometrischem Wege verknüpft. Durch den sehr gleichförmigen Gang der +Chronometer in Canoes und durch die sonderbaren Krümmungen des Orinoco +wurde diese Anknüpfung erleichtert. Man brachte die Chronometer zum +Ausgangspunkte zurück, oder man beobachtete zweimal (im Hinweg und im +Herweg) an einem dazwischen liegenden Punkte, man knüpfte die Enden der +chronometrischen Linien[^169] an sehr weitaus einander liegende +Lokalitäten, deren Lage nach absoluten, d. h. rein astronomischen +Erscheinungen bestimmt ist, und so konnte man die Summe der etwa +begangenen Fehler schätzen. Auf diese Weise (und vor meiner Reise war im +Binnenlande die Länge keines Punktes bestimmt worden) habe ich Cumana, +Angostura, Esmeralda, San Carlos del Rio Negro, San Fernando de Apure, +Porto-Cabello und Caracas astronomisch verknüpft. Diese Beobachtungen +umfassen eine Bodenfläche von mehr als 10,000 Quadratmeilen. Das System +der Beobachtungspunkte auf dem Küstenland und die werthvollen Ergebnisse +der Aufnahme bei Fidalgos Seereise wurden mit dem System der +Beobachtungspunkte am Orinoco und Rio Negro durch zwei chronometrische +Linien in Verbindung gebracht, deren eine über die Llanos von Catabozo, +die andere über die Llanos von Pao läuft. Die Beobachtungen in der +Parime bilden einen Streifen, der eine ungeheure Landstrecke (73,000 +Quadratmeilen), auf der bis jetzt nicht ein einziger Punkt astronomisch +bestimmt ist, in zwei Theile theilt. Durch diese verschiedenen Arbeiten, +die ich mit geringen Mitteln, aber nach einem allgemeinen Plane +unternommen, wurde, wie ich mir wohl schmeicheln darf, der erste +astronomische Grund zur Geographie dieser Länder gelegt; es ist aber +Zeit, dieselben vielfach wieder aufzunehmen, sie zu berichtigen, +besonders aber da, wo der Anbau des Landes es gestattet, +trigonometrische Messungen an ihre Stelle treten zu lassen. An beiden +Rändern der Llanos, die sich gleich einem Meerbusen vom Delta des +Orinoco bis zu den Schneegebirgen von Meridia ausdehnen, streichen im +Norden und im Süden zwei Granitketten parallel mit dem Aequator. Diese +früheren Küsten eines innern Seebeckens sind in den Steppen von weitem +sichtbar und können zur Aufstellung von Signalen dienen. Der Spitzberg +Guacharo, der Corollor und Turimiquiri, der Bergantin, die Morros San +Juan und San Sebastian, die Galera, welche die Llanos wie eine Felsmauer +begrenzt, der kleine Cerro de Flores, den ich in Calabozo, und zwar in +einem Moment gesehen habe, wo die Luftspiegelung beinahe Null war, +werden am Nordrande der Niederungen zum Dreiecknetz dienen. Diese +Berggipfel sind großentheils sowohl in den Llanos als im angebauten +Küstenlande sichtbar. Gegen Süden liegen die Granitketten am Orinoco +oder in der Parime etwas abwärts von den Rändern der Steppen und sind +für geodätische Operationen nicht ganz so günstig. Indessen werden die +Berge oberhalb Angostura und Muitaco, der Cerro del Tirano bei Caycara, +der Pan de Azucar und der Sacuima beim Einfluß des Apure in den Orinoco +gute Dienste leisten, namentlich wenn man die Winkel bei bedecktem +Himmel aufnimmt, damit nicht das Spiel der ungewöhnlichen Refractionen +über einem stark erhitzten Boden die Berggipfel, welche unter zu kleinen +Höhenwinkeln erscheinen, verzieht und verrückt. Pulversignale, deren +Widerschein am Himmel so weit hin sichtbar ist, werden sehr förderlich +seyn. Ich glaubte hier im Interesse der Sache angeben zu sollen, was +meine Ortskenntniß und das Studium der Geographie von Amerika mir an die +Hand gegeben. Ein ausgezeichneter Geometer, Lenz, der bei mannigfaltigen +Kenntnissen in allen Zweigen der Mathematik im Gebrauch astronomischer +Instrumente sehr geübt ist, beschäftigt sich gegenwärtig damit, die +Geographie dieser Länder weiter auszubilden und im Auftrag der Regierung +von Venezuela die Plane, die ich bereits im Jahr 1799 der Beachtung des +spanischen Ministeriums vergeblich empfohlen hatte, zum Theil +auszuführen. + +Am 26. Juli brachten wir die Nacht im indianischen Dorfe Santa Cruz de +Cachipo zu. Diese Mission wurde im Jahr 1749 mit mehreren caraibischen +Familien gegründet, welche an den überschwemmten, ungesunden Ufern der +Lagunetas de Anache, gegenüber dem Einfluß des Rio Puruay in den +Orinoco, lebten. Wir wohnten beim Missionär[^170] und ersahen aus den +Kirchenbüchern, welch rasche Fortschritte der Wohlstand der Gemeinde +durch seinen Eifer und seine Einsicht gemacht hatte. Seit wir in die +Mitte der Steppen gelangt waren, hatte die Hitze so zugenommen, daß wir +gerne gar nicht mehr bei Tage gereist wären; wir waren aber unbewaffnet +und die Llanos waren damals von ganzen Räuberbanden unsicher gemacht, +die mit raffinirter Grausamkeit die Weißen, welche ihnen in die Hände +fielen, mordeten. Nichts kläglicher als die Rechtspflege in diesen +überseeischen Colonien! Ueberall fanden wir die Gefängnisse mit +Verbrechern gefüllt, deren Urtheil sieben, acht Jahre auf sich warten +läßt. Etwa ein Drittheil der Verhafteten entspringt, und die +menschenleeren, aber von Heerden wimmelnden Ebenen bieten ihnen Zuflucht +und Unterhalt. Sie treiben ihr Räubergewerbe zu Pferde in der Weise der +Beduinen. Die Ungesundheit der Gefängnisse überstiege alles Maaß, wenn +sie sich nicht von Zeit zu Zeit durch das Entspringen der Verhafteten +leerten. Es kommt auch nicht selten vor, daß Todesurtheile, wenn sie +endlich spät genug von der Audiencia zu Caracas gefällt sind, nicht +vollzogen werden können, weil es an einem Nachrichter fehlt. Nach einem +schon oben erwähnten barbarischen Brauch begnadigt man denjenigen der +Uebelthäter, der es auf sich nehmen will, die andern zu hängen. Unsere +Führer erzählten uns, kurz vor unserer Ankunft auf der Küste von Cumana +habe ein wegen seiner Rohheit berüchtigter Zambo sich entschlossen, +Henker zu werden und sich so der Strafe zu entziehen. Die Zurüstungen +zur Hinrichtung machten ihn aber in seinem Entschlusse wankend; er +entsetzte sich über sich selbst, er zog den Tod der Schande vor, die er +vollends auf sich häufte, wenn er sich das Leben rettete, und ließ sich +die Ketten, die man ihm abgenommen, wieder anlegen. Er saß nicht mehr +lange; die Niederträchtigkeit eines Mitschuldigen half ihm zum Vollzug +seiner Strafe. Ein solches Erwachen des Ehrgefühls in der Seele eines +Mörders ist eine psychologische Erscheinung, die zum Nachdenken +auffordert. Ein Mensch, der beim Berauben der Reisenden in der Steppe +schon so oft Blut vergessen hat, schaudert beim Gedanken, sich zum +Werkzeug der Gerechtigkeit hergeben, an andern eine Strafe vollziehen zu +sollen, die er, wie er vielleicht fühlt, selbst verdient hat. + +Wenn schon in den ruhigen Zeiten, in denen Bonpland und ich das Glück +hatten, die beiden Amerika zu bereisen, die Llanos den Uebelthätern, +welche in den Missionen am Orinoco ein Verbrechen begangen, oder aus den +Gefängnissen des Küstenlandes entsprungen waren, als Versteck dienten, +wie viel schlimmer mußte dieß noch in Folge der bürgerlichen Unruhen +werden, im blutigen Kampfe, der mit der Freiheit und Unabhängigkeit +dieser gewaltigen Länder seine Endschaft erreichte! Die französischen +»Landes« und unsere Heiden geben nur ein entferntes Bild jener +Grasfluren auf dem neuen Continent, wo Flächen von acht und zehntausend +Quadratmeilen so eben sind, wie der Meeresspiegel. Die Unermeßlichkeit +des Raumes sichert dem Landstreicher die Straflosigkeit; in den Savanen +versteckt man sich leichter als in unsern Gebirgen und Wäldern, und die +Kunstgriffe der europäischen Polizei sind schwer anwendbar, wo es wohl +Reisende gibt, aber keine Wege, Herden, aber keine Hirten, und wo die +Höfe so dünn gesäet sind, daß man, trotz des bedeutenden Einflusses der +Luftspiegelung, ganze Tagereisen machen kann, ohne daß man einen am +Horizont auftauchen sieht. + +Zieht man über die Llanos von Caracas, Barcelona und Cumana, die von +West nach Ost von den Bergen bei Truxillo und Merida bis zur Mündung des +Orinoco hinter einander liegen, so fragt man sich, ob diese ungeheuren +Landstrecken von der Natur dazu bestimmt sind, ewig als Weideland zu +dienen, oder ob Pflug und Hacke sie eines Tages für den Ackerbau erobern +werden? Diese Frage ist um so wichtiger, da die an beiden Enden von +Südamerika gelegenen Llanos der politischen Verbindung der Provinzen, +die sie auseinander halten, Hindernisse in den Weg legen. Sie machen, +daß der Ackerban sich nicht von den Küsten von Venezuela Guyana zu, sich +nicht von Potosi gegen die Mündung des Rio de la Plata ausbreiten kann. +Die dazwischen geschobenen Steppen behalten mit dem Hirtenleben einen +Charakter von Rohheit und Wildheit, der sie isolirt und von der Cultur +der schon lange urbar gemachten Landstriche fern hält. Aus demselben +Grunde wurden sie im Freiheitskriege der Schauplatz des Kampfes zwischen +den feindlichen Parteien und sahen die Einwohner von Calabozo fast unter +ihren Mauern das Geschick der verbündeten Provinzen Venezuela und +Cundinamarca sich entscheiden. Ich will wünschen, daß man bei den +Grenzbestimmungen der neuen Staaten und ihrer Unterabtheilungen nicht +zuweilen zu bereuen habe, die Bedeutung der Llanos außer Augen gesetzt +zu haben, sofern sie dahin wirken, Gemeinheiten auseinander zu halten, +welche durch gemeinsame Interessen auf einander angewiesen sind. Die +Steppen würden, wie Meere oder die Urwälder unter den Tropen, als +natürliche Grenzen dienen, wenn sie nicht von Heeren um so leichter +durchzogen würden, da sie mit ihren unzähligen Pferde-, Maulthier- und +Viehherden Transport- und Unterhaltsmittel aller Art bieten. + +Nirgends in der Welt ist die Bodenbildung und die Beschaffenheit der +Oberfläche so fest ausgeprägt; nirgends äußern sie aber auch so +bedeutenden Einfluß auf die Spaltung des Gesellschaftskörpers, der durch +die Ungleichheit nach Abstammung, Farbe und persönlicher Freiheit schon +genug zerrissen ist. Es steht nicht in der Macht des Menschen, die +klimatischen Unterschiede zu ändern, die aus der auf kleinem Flächenraum +rasch wechselnden Bodenhöhe hervorgehen, und welche die Quelle des +Widerwillens sind, der zwischen den Bewohnern der der terra caliente und +denen der terra fria besteht, eines Widerwillens, der auf Gegensätzen im +Charakter, in Sitten und Gebrauchen beruht. Diese moralischen und +politischen Einflüsse machen sich besonders in Ländern geltend, wo die +Extreme von Landhöhe und Tiefland am auffallendsten sind, wo Gebirge und +Niederungen am massenhaftesten auftreten und sich am weitesten +ausdehnen. Hieher gehören Neu-Grenada oder Cundinamarca, Chili und Peru, +wo die Incasprache reich ist an treffenden, naiven Ausdrücken für diese +klimatischen Gegensätze in Temperament, Neigungen und geistigen +Fähigkeiten. Im Staate Venezuela dagegen bilden die »Montaneros« in den +Hochgebirgen von Bocono, Timotes und Merida nur einen unbedeutenden +Bruchtheil der Gesammtbevölkerung, und die volkreichen Thäler der +Küstenkette von Caracas und Caripe liegen nur drei- bis vierhundert +Toisen über dem Meer. So kam es, daß, als die Staaten Venezuela und +Neu-Grenada unter dem Namen Columbia verschmolzen wurden, die bedeutende +Gebirgsbevölkerung von Santa Fe, Popayan, Pasto und Quito, wo nicht +ganz, doch über die Hälfte durch den Zuwachs von acht- bis +neunmalhunderttausend Bewohnern der terra caliente aufgewogen wurde. Der +Oberflächenzustand des Bodens ist nicht so unveränderlich als seine +Reliefbildung, und so erscheint es als möglich, daß die scharfen +Gegensätze zwischen den undurchdringlichen Wäldern Guyanas und den +baumlosen, grasbewachsenen Llanos eines Tags verschwinden könnten; aber +wie viele Jahrhunderte brauchte es wohl, bis ein solcher Wechsel in den +unermeßlichen Steppen von Venezuela, am Meta, am Caqueta und in Buenos +Ayres merkbar würde? Die Beweise, die der Mensch von seiner Macht im +Kampfe gegen die Naturkräfte in Gallien, in Germanien und in neuerer +Zeit in den Vereinigten Staaten, immer aber außerhalb der Tropen, +gegeben hat, kann nicht wohl als Maßstab für die voraussichtlichen +Fortschritte der Cultur im heißen Erdstrich dienen. Es war oben davon +die Rede, wie langsam man mit Feuer und Axt Wälder ausrodet, wenn die +Baumstämme 8 bis 16 Fuß dick sind, wenn sie im Fallen sich an einander +lehnen, und wenn das Holz, vom unaufhörlichen Regen befeuchtet, so +ungemein hart ist. Die Frage, ob die Llanos oder Pampas urbar zu machen +sind, wird von den Colonisten, die darin leben, keineswegs einstimmig +bejaht, und ganz im Allgemeinen läßt sich auch gar nicht darüber +entscheiden. Die Savanen von Venezuela entbehren größtentheils des +Vortheils, den die Savanen in Nordamerika dadurch haben, daß sie der +Länge nach von drei großen Flüssen, dem Missouri, dem Arkansas und dem +Red River von Natchitoches durchzogen werden; durch die Savanen am +Araure, bei Calabozo und am Pao laufen die Nebenflüsse des Orinoco, von +denen die östlichsten (Cari, Pao, Acaru und Manapire) in der trockenen +Jahreszeit sehr wasserarm find, nur der Quere nach. Alle diese Flüsse +reichen nicht weit gegen Nord, so daß in der Mitte Steppen, weite, +entsetzlich dürre Landstriche (bancos und mesas) bleiben. Am +culturfähigsten sind die westlichen, von der Portuguesa, vom Masparro +und Orivante und den nahe bei einander liegenden Nebenflüssen derselben +bewässerten Striche. Der Boden besteht aus mit Thon gemengtem Sand über +einer Schicht von Quarzgeschieben. Die Dammerde, die Hauptnahrungsquelle +der Gewächse, ist aller Orten sehr dünn; sie erhält so gut wie keinen +Zuwachs durch das dürre Laub, das in den Wäldern der heißen Zone abfällt +wie in den gemäßigten Klimaten, wenn auch nicht so streng periodisch. +Seit Jahrtausenden wächst aber auf den Llanos weder Baum noch Buschwerk; +die einzelnen, in der Savane zerstreuten Palmen liefern sehr wenig von +jener Kohlen- und Wasserstoffverbindung, von jenem Extractivstoff, auf +dem (nach den Versuchen von Saussure, Davy und Braconnot) die +Fruchtbarkeit des Bodens beruht. Die geselligen Gewächse, die in den +Steppen fast ausschließlich herrschen, sind Monocotyledonen, und es ist +bekannt, wie stark die Gräser den Boden aussaugen, in den sie ihre +Wurzeln mit dicht gedrängten Fasern treiben. Diese Wirkung der +Killingia-, Paspalum- und Cenchrusarten, aus denen der Rasen besteht, +äußert sich überall gleich; wo aber das Gestein beinahe zu Tag kommt, da +ist der Boden verschieden, je nachdem er auf rothem Sandstein oder auf +festem Kalkstein und auf Gyps liegt; so wie je nachdem die periodischen +Ueberschwemmungen an den tiefsten Stellen Erdreich angeschwemmt haben, +oder das Wasser von den kleinen Plateaus die wenige Dammerde vollends +weggespült hat. Bereits bestehen mitten im Weideland einzelne +Pflanzungen an Stellen, wo sich fließendes Wasser oder ein paar Büsche +der Mauritiapalme fanden. Diese Höfe, bei denen man Mais und Manioc +baut, werden sich bedeutend vermehren, wenn es gelingt, mehr Bäume und +Gebüsch fortzubringen. + +Die Dürre der Mesas[^171] und die große Hitze, die darauf herrscht, +rühren nicht allein von der Beschaffenheit ihrer Oberfläche und der +örtlichen Reverberation des Bodens her; ihre klimatischen Verhältnisse +hängen ab von der Umgebung, von der ganzen Steppe, von der die Mesas ein +Theil sind. Bei den Wüsten in Afrika oder in Arabien, bei den Llanos in +Südamerika, bei den großen Heiden, die von der Spitze von Jütland bis +zur Mündung der Schelde fortstreichen, beruht die feste Begrenzung der +Wüsten, der Llanos, der Heiden großentheils auf ihrer unermeßlichen +Ausdehnung, auf der Kahlheit dieser Landstriche in Folge einer +Umwälzung, welche den früheren Pflanzenwuchs unseres Planeten vernichtet +hat. Durch ihre Ausdehnung, ihr ununterbrochenes Fortstreichen und ihre +Masse widerstehen sie dem Eindringen der Cultur, behalten sie, als wären +sie in das Land einschneidende Buchten, ihren festen Uferumriß. Ich +lasse mich nicht auf die große Frage ein, ob in der Sahara, diesem +Mittelmeer von Flugsand, der Keime des organischen Lebens heutzutage +mehr werden. Je ausgebreiteter unsere geographischen Kenntnisse wurden, +desto zahlreicher sahen wir im östlichen Theil der Wüste grüne Eilande, +mit Palmen bedeckte Oasen zu Archipelen sich zusammendrängen und den +Caravanen ihre Häfen öffnen; wir wissen aber nicht, ob seit Herodots +Tode der Umriß der Oasen nicht fortwährend derselbe geblieben ist. +Unsere Geschichtsbücher sind von zu kurzem Datum und zu unvollständig, +als daß wir der Natur in ihrem langsamen, stetigen Gange folgen könnten. + +Von diesen völlig öden Räumen, von denen ein gewaltsames Ereigniß die +Pflanzendecke und die Dammerde weggerissen hat, von den syrischen und +afrikanischen Wüsten, die in ihrem versteinerten Holz noch die Urkunden +der erlittenen Veränderungen aufweisen, blicken wir zurück auf die mit +Gräsern bewachsenen Llanos. Hier ist die Erörterung der Erscheinungen +dem Kreise unserer täglichen Beobachtungen näher gerückt. In den +amerikanischen Steppen angesiedelte Landwirthe sind hinsichtlich der +Möglichkeit eines umfassenderen Anbaus derselben ganz zu den Ansichten +gekommen, wie ich sie aus dem klimatischen Einfluß der Steppen unter dem +Gesichtspunkt als ununterbrochene Flächen oder Massen hergeleitet habe. +Sie haben die Beobachtung gemacht, daß Heiden, die rings von angebautem +oder mit Holz bewachsenem Lande umgeben sind, nicht so lange dem Anbau +Widerstand leisten, als Striche vom selben Umfang, die aber einer weiten +Fläche von gleicher Beschaffenheit angehören. Die Beobachtung ist +richtig, ob nun das eingeschlossene Stück eine Grasflur ist, oder mit +Heiden bewachsen, wie im nördlichen Europa, oder mit Cistus, Lentisken +und Chamärops, wie in Spanien, oder mit Cactus, Argemone und Brathys wie +im tropischen Amerika. Einen je größeren Raum der Pflanzenverein +einnimmt, desto stärkeren Widerstand leisten die geselligen Gewächse dem +Anbau. Zu dieser allgemeinen Ursache kommt in den Llanos von Venezuela +der Umstand, daß die kleinen Grasarten während der Reife der Saamen den +Boden aussaugen, ferner der gänzliche Mangel an Bäumen und Buschwerk, +die Sandwinde, deren Gluthhitze gesteigert wird durch die Berührung mit +einem Boden, der zwölf Stunden lang die Sonnenstrahlen einsaugt, ohne +daß je ein anderer Schatten als der der Aristiden, Cenchrus und Paspalum +darauf fällt. Die Fortschritte, welche der große Baumwuchs und der Anbau +dicotyledonischer Gewächse in der Umgebung der Städte, zum Beispiel um +Calabozo und Pao, gemacht haben, beweisen, daß man der Steppe Boden +abgewinnen könnte, wenn man sie in kleinen Stücken angriffe, sie nach +und nach von der Masse abschlöße, sie durch Einschnitte und +Bewässerungscanäle zerstückte. Vielleicht gelänge es, den Einfluß der +den Boden ausdörrenden Winde zu verringern, wenn man im Großen, auf 15 +bis 20 Morgen, Psidium, Croton, Cassia, Tamarinden ansäete, Pflanzen, +welche trockene, offene Stellen lieben. Ich bin weit entfernt zu +glauben, daß der Mensch je die Savanen ganz austilgen wird, und daß die +Llanos, die ja als Weiden und für den Viehhandel so nutzbar sind, jemals +angebaut seyn werden, wie die Thäler von Aragua oder andere den Küsten +von Caracas und Cumana nahe gelegene Landstriche; aber ich bin +überzeugt, daß ein beträchtliches Stück dieser Ebenen im Laufe der +Jahrhunderte, unter einer den Gewerbfleiß fördernden Regierung, das +wilde Aussehen verlieren wird, das sie seit der ersten »Eroberung« durch +die Europäer behauptet haben. + +Dieser allmählige Wechsel, dieses Wachsen der Bevölkerung werden nicht +nur den Wohlstand dieser Länder steigern, sie werden auch auf die +sittlichen und politischen Zustände günstigen Einfluß äußern. Die Llanos +machen über zwei Dritttheile des Stücks von Venezuela oder der alten +Capitania general von Caracas aus, das nördlich vom Orinoco und Rio +Apure liegt. Bei bürgerlichen Unruhen dienen nun aber die Llanos durch +ihre Oede und den Ueberfluß an Nahrungsmitteln, die ihre zahllosen +Herden liefern, der Partei, welche die Fahne des Aufruhrs entfalten +will, zugleich als Schlupfwinkel und als Stützpunkt. Bewaffnete Banden +(Guerillas) können sich darin halten und die Bewohner des Küstenlandes, +des Mittelpunktes der Cultur und des Bodenreichthums, beunruhigen. Wäre +nicht der untere Orinoco durch den Patriotismus einer kräftigen, +kriegsgewohnten Bevölkerung hinlänglich vertheidigt, so wäre beim +gegenwärtigen Zustand der Llanos ein feindlicher Einfall auf den +Westküsten doppelt gefährlich. Die Vertheidigung der Ebenen und spanisch +Guyanas hängen aufs Engste zusammen, und schon oben, wo von der +militärischen Bedeutung der Mündungen des Orinoco die Rede war, habe ich +gezeigt, daß die Festungswerke und die Batterien, womit man die +Nordküste von Cumana bis Carthagena gespickt hat, keineswegs die +eigentlichen Bollwerke der vereinigten Provinzen von Venezuela sind. Zu +diesem politischen Interesse kommt ein anderes, noch wichtigeres und +dauernderes. Eine erleuchtete Regierung kann nur mit Bedauern sehen, daß +das Hirtenleben mit seinen Sitten, welche Faulheit und Landstreicherei +so sehr befördern, auf mehr als zwei Dritttheilen ihres Gebiets +herrscht. Der Theil der Küstenbevölkerung, der jährlich in die Llanos +abfließt, um sich in den hatos de ganado[^172] niederzulassen und die +Heerden zu hüten, macht einen Rückschritt in der Cultur. Wer möchte +bezweifeln, daß durch die Fortschritte des Ackerbaus, durch die Anlage +von Dörfern an allen Punkten, wo fließendes Wasser ist, sich die +sittlichen Zustände der Steppenbewohner wesentlich bessern müssen? Mit +dem Ackerbau müssen mildere Sitten, die Liebe zum festen Wohnsitz und +die häuslichen Tugenden ihren Einzug halten. + +Nach dreitägigem Marsch kam uns allmählig die Bergkette von Cumana zu +Gesicht, die zwischen den Llanos, oder, wie man hier oft sagen hört, +»dem großen Meer von Grün«[^173] und der Küste des Meeres der Antillen +liegt. Ist der Bergantin über 800 Toisen hoch, so kann man ihn, auch nur +eine gewöhnliche Refraction von ¹⁄₁₄ des Bogens angenommen, auf 27 +Seemeilen Entfernung sehen;[^174] aber die Luftbeschaffenheit entzog uns +lange den schönen Anblick dieser Bergwand. Sie erschien zuerst wie eine +Wolkenschicht, welche die Sterne in der Nähe des Pols beim Auf- und +Untergang bedeckte; allmählig schien diese Dunstmasse größer zu werden, +sich zu verdichten, sich bläulich zu färben, einen gezackten, festen +Umriß anzunehmen. Was der Seefahrer beobachtet, wenn er sich einem neuen +Lande nähert, das bemerkt der Reisende auch am Rande der Steppe. Der +Horizont fing an sich gegen Nord zu erweitern, und das Himmelsgewölbe +schien dort nicht mehr in gleicher Entfernung auf dem grasbewachsenen +Boden auszuruhen. + +Einem Llanero oder Steppenbewohner ist nur wohl, wenn er, nach dem +naiven Volksausdruck, »überall um sich sehen kann.« Was uns als ein +bewachsenes, leicht gewelltes, kaum hie und da hügligtes Land erscheint, +ist für ihn ein schreckliches, von Bergen starrendes Land. Unser Urtheil +über die Unebenheit des Bodens und die Beschaffenheit seiner Oberfläche +ist ein durchaus relatives. Hat man mehrere Monate in den dichten +Wäldern am Orinoco zugebracht, hat man sich dort daran gewöhnt, daß man, +sobald man vom Strome abgeht, die Sterne nur in der Nähe des Zenith und +wie aus einem Brunnen heraus sehen kann, so hat eine Wanderung über die +Steppen etwas Angenehmes, Anziehendes. Die neuen Bilder, die man +aufnimmt, machen großen Eindruck; wie dem Llanero ist einem ganz wohl, +»daß man so gut um sich sehen kann.« Aber dieses Behagen (wir haben es +an uns selbst erfahren) ist nicht von langer Dauer. Allerdings hat der +Anblick eines unabsehbaren Horizonts etwas Ernstes, Großartiges. Dieses +Schauspiel erfüllt uns mit Bewunderung, ob wir nun auf dem Gipfel der +Anden und der Hochalpen uns befinden, oder mitten auf dem unermeßlichen +Ocean, oder auf den weiten Ebenen von Venezuela und Tucuman. Die +Unermeßlichkeit des Raumes (die Dichter aller Zungen haben solches +ausgesprochen) spiegelt sich in uns selbst wieder; sie verknüpft sich +mit Vorstellungen höherer Ordnung, sie weitet die Seele dessen aus, der +in der Stille einsamer Betrachtung seinen Genuß findet. Allerdings aber +hat der Anblick eines schrankenlosen Raumes an jedem Orte wieder einen +eigenen Charakter. Das Schauspiel, dessen man auf einem freistehenden +Berggipfel genießt, wechselt, je nachdem die Wolken, die auf der +Niederung lagern, sich in Schichten ausbreiten, sich zu Massen ballen, +oder den erstaunten Blick durch weite Ritzen auf die Wohnsitze des +Menschen, das bebaute Land, den ganzen grünen Boden des Luftoceans +niedertauchen lassen. Eine ungeheure Wasserfläche, belebt bis auf den +Grund von tausenderlei verschiedenen Wesen, nach Färbung und Anblick +wechselnd, beweglich an der Oberfläche, gleich dem Element, von dem sie +aufgerührt wird, hat auf langer Seereise großen Reiz für die +Einbildungskraft, aber die einen großen Theil des Jahrs hindurch +staubigte, aufgerissene Steppe stimmt trübe durch ihre ewige +Eintönigkeit. Ist man nach acht- oder zehntägigem Marsch gewöhnt an das +Spiel der Luftspiegelung und an das glänzende Grün der +Mauritiabüsche,[^175] die von Meile zu Meile zum Vorschein kommen, so +fühlt man das Bedürfniß mannigfaltigerer Eindrücke; man sehnt sich nach +dem Anblick der gewaltigen Bäume der Tropen, des wilden Sturzes der +Bergströme, der Gelände und Thalgründe, bebaut von der Hand des +Landmanns. Wenn unglücklicherweise das Phänomen der afrikanischen Wüsten +und der Llanos oder Savanen der neuen Welt (ein Phänomen, dessen Ursache +sich in dem Dunkel der frühesten Geschichte unseres Planeten verliert) +noch einen größeren Raum befaßte, so wäre die Natur um einen Theil der +herrlichen, dem heißen Erdstrich eigenthümlichen Producte ärmer.[^176] +Die nordischen Heiden, die Steppen an Wolga und Don sind kaum ärmer an +Pflanzen und Thierarten als unter dem herrlichsten Himmel der Welt, im +Erdstrich der Bananen und des Brodfruchtbaums, 28,000 Quadratmeilen +Savanen, die im Halbkreise von Nordost nach Südwest, von den Mündungen +des Orinoco bis zum Caqueta und Putumayo sich fortziehen. Der überall +sonst belebende Einfluß des tropischen Klima macht sich da nicht +fühlbar, wo ein mächtiger Verein von Grasarten fast jedes andere Gewächs +ausgeschlossen hat. Beim Anblick des Bodens, an Punkten, wo die +zerstreuten Palmen fehlen, hätten wir glauben können in der gemäßigten +Zone, ja noch viel weiter gegen Norden zu seyn; aber bei Einbruch der +Nacht mahnten uns die schönen Sternbilder am Südhimmel (der Centaur, +Canopus, und die zahllosen Nebelflecken, von denen das Schiff Argo +glänzt) daran, daß wir nur 8 Grade vom Aequator waren. + +Eine Erscheinung, auf die bereits Deluc aufmerksam geworden und an der +sich in den letzten Jahren der Scharfsinn der Geologen geübt hat, machte +uns auf der Reise durch die Steppen viel zu schaffen. Ich meine nicht +die Urgebirgsblöcke, die man (wie am Jura) am Abhang der Kalkgebirge +findet, sondern die ungeheuern Granit- und Syenitblöcke, die, innerhalb +von der Natur scharf gezogener Grenzen, im nördlichen Holland und +Deutschland und in den baltischen Ländern zerstreut vorkommen. Es +scheint jetzt bewiesen, daß diese wie strahlenförmig vertheilten +Gesteine bei den alten Umwälzungen unseres Erdballs aus der +scandinavischen Halbinsel gegen Süd herabgekommen sind, und daß sie +nicht von den Granitketten des Harzes und in Sachsen stammen, denen sie +nahe kommen, ohne indessen ihren Fuß zu erreichen. Ich bin auf den +sandigten Ebenen der baltischen Länder geboren, und bis zu meinem +achtzehnten Jahre wußte ich, was eine Gebirgsart sey, nur von diesen +zerstreuten Blöcken her, und so mußte ich doppelt neugierig seyn, ob die +neue Welt eine ähnliche Erscheinung aufzuweisen habe. Und ich sah zu +meiner Ueberraschung auch nicht einen einzigen Block der Art in den +Llanos von Venezuela, obgleich diese unermeßlichen Ebenen gegen Süd +unmittelbar von einem ganz aus Granit gebauten Bergstock [Die Sierra +Parime] begrenzt werden, der in seinen gezackten, fast säulenförmigen +Gipfeln die Spuren der gewaltigsten Zerrüttung zeigt.[^177] Gegen Nord +sind die Llanos von der Granitkette der Silla bei Caracas und von +Portocabello durch eine Bergwand getrennt, die zwischen Villa de Cum und +Pavapara aus Schiefergebirg, zwischen dem Bergantin und Caripe aus +Kalkstein besteht. Das Nichtvorhandenseyn von Blöcken fiel mir ebenso an +den Ufern des Amazonenstromes auf. Schon La Condamine hatte versichert, +vom Pongo de Manseriche bis zum Engpasse der Pauxis sey auch nicht der +kleinste Stein zu finden. Das Becken des Rio Negro und des +Amazonenstromes ist aber auch nichts als ein Llano, eine Ebene wie die +in Venezuela und Buenos Ayres, und der Unterschied besteht allein in der +Art des Pflanzenwuchses. Die beiden Llanos am Nord- und am Südende von +Südamerika sind mit Gras bewachsen, es sind baumlose Grasfluren; das +dazwischenliegende Llano, das am Amazonenstrom, welches im Striche der +fast unaufhörlichen Aequatorialregen liegt, ist ein dichter Wald. Ich +erinnere mich nicht gehört zu haben, daß auf den Pampas von Buenos Ayres +oder auf den Savanen am Missouri[^178] und in Neumexico Granitblöcke +vorkommen. Die Erscheinung scheint in der neuen Welt überhaupt ganz zu +fehlen, und wahrscheinlich auch in der afrikanischen Sahara; denn die +Gesteinmassen, welche mitten in der Wüste zu Tage kommen und deren die +Reisenden häufig erwähnen, sind nicht mit bloßen zerstreuten +Bruchstücken zu verwechseln. Aus diesen Beobachtungen scheint +hervorzugehen, daß die scandinavischen Granitblöcke, welche die +sandigten Ebenen im Süden des baltischen Meeres, in Westphalen und +Holland bedecken, von einer besondern, von Norden her eingebrochenen +Wasserfluth, von einem rein örtlichen Vorgang herrühren. Das alte +Conglomerat (der rothe Sandstein), das nach meinen Beobachtungen zum +großen Theil die Llanos von Venezuela und das Becken des Amazonenstromes +bedeckt, schließt ohne Zweifel Trümmer der Urgebirgsbildungen ein, aus +denen die benachbarten Berge bestehen; aber die Umwälzungen, von denen +diese Gebirge so deutliche Spuren aufzuweisen haben, scheinen nicht von +den Umständen begleitet gewesen zu seyn, durch welche die Wegführung +dieser Blocke in weite Ferne begünstigt wurde. Diese geognostische +Erscheinung ist um so unerwarteter, da sonst nirgends in der Welt eine +Erdfläche vorkommt, die so eben wäre und sich so ohne alle Unterbrechung +bis zum steilen Abhang einer ganz aus Granit aufgebauten Cordillere +fortzöge. Bereits vor meinem Abgang von Europa war mir ausgefallen, daß +die Urgebirgsblöcke weder in der Lombardei vorkommen, noch auf der +großen bayerischen Ebene, die ein alter, 250 Toisen über dem +Meeresspiegel liegender Seeboden ist. Diese Ebene wird gegen Nord vom +Granit der Oberpfalz, gegen Süd vom Alpenkalk, dem +Uebergangsthonschiefer und Glimmerschiefer Tyrols begrenzt. + +Am 23. Juli langten wir in der Stadt Nueva Barcelona an, weniger +angegriffen von der Hitze in den Llanos, an die wir längst gewöhnt +waren, als von den Sandwinden, die auf die Länge schmerzhafte Schrunden +in der Haut verursachen. Vor sieben Monaten hatten wir auf dem Wege von +Cumana nach Caracas ein paar Stunden am Morro von Barcelona angelegt, +einem befestigten Felsen, der dem Dorfe Pozuelos zu nur durch eine +Landzunge mit dem Festlande zusammenhängt. Im Hause eines reichen +Handelsmanns von französischer Abkunft, Don Pedro Lavie, fanden wir die +freundlichste Aufnahme und Alles, was zuvorkommende Gastfreundschaft +bieten kann. Lavie war beschuldigt worden, den unglücklichen España, als +er im Jahr 17096 sich als Flüchtling auf dieser Küste befand, +aufgenommen zu haben, und wurde auf Befehl der Audiencia aufgehoben und +nach Caracas ins Gefängniß geführt. Die Freundschaft des Statthalters +von Cumana und die Erinnerung an die Dienste, die er dem aufkeimenden +Gewerbfleiß des Landes geleistet, verhalfen ihm wieder zur Freiheit. Wir +hatten ihn im Gefängniß besucht und uns bemüht ihn zu zerstreuen; jetzt +hatten wir die Freude, ihn wieder im Schooße seiner Familie zu finden. +Seine physischen Leiden hatten sich durch die Haft verschlimmert, und er +erlag, bevor der Tag der Unabhängigkeit Amerikas angebrochen war, den +sein Freund Don Josef España bei seiner Hinrichtung verkündigt hatte. +»Ich sterbe,« sprach dieser Mann, ein Mann, wie geschaffen zur +Durchführung großer Unternehmungen, »ich sterbe eines schimpflichen +Todes; aber in Kurzem werden meine Mitbürger mit Ehrfurcht meine Asche +sammeln und mein Name wird mit Ehren genannt werden.« Diese merkwürdigen +Worte wurden am 8. Mai 1799 auf dem großen Platze zu Caracas gesprochen; +sie wurden mir noch im selben Jahr von Leuten mitgetheilt, von denen +manche Españas Absichten so sehr verabscheuten, als andere sein Loos +betrauerten. + +Schon oben[^179] war von der Bedeutung des Handels von Nueva Barcelona +die Rede. Die kleine Stadt, die im Jahr 1790 kaum 10,000 Einwohner, im +Jahr 1800 über 16,000 hatte, wurde 1637 von einem catalonischen +Conquistador, Juan Urpin, gegründet. Man versuchte damals, aber +vergeblich, der ganzen Provinz den Namen Neu-Catalonien zu geben. Da auf +unsern Karten häufig zwei Städte statt Einer, Barcelona und Cumanagoto, +angegeben sind, oder man diese zwei Namen für gleichbedeutend hält, so +erscheint es nicht nutzlos, die Quelle dieses Irrthums hier anzugeben. +An der Mündung des Rio Neveri stand früher eine indianische, von Lucas +Faxardo im Jahr 1588 gebaute Stadt, unter dem Namen San Cristoval de los +Cumanagotos. Dieselbe war nur von Eingeborenen bewohnt, die von den +Salzwerken bei Apaicuare hieher gezogen waren. Im Jahr 1637 gründete +Urpin zwei Meilen herwärts vom innern Lande mit einigen Einwohnern von +Cumanagoto und vielen Cataloniern die spanische Stadt Nueva Barcelona. +Vierunddreißig Jahre lang lagen die Nachbargemeinden in beständigem +Streit, bis im Jahr 1671 der Statthalter Angulo es dahin brachte, daß +sie sich an einer dritten Baustelle vereinigten, wo nunmehr die Stadt +Barcelona steht, die nach meinen Beobachtungen unter dem 10°6′52″ der +Breite liegt. Die alte Stadt Cumanagoto ist im Lande vielberufen wegen +eines wunderthätigen Bildes der h. Jungfrau,[^180] das, wie die Indianer +erzählen, im hohlen Stamm eines Tutumo, oder alten Flaschenkürbisbaums +(Crescentia Cujete) gefunden worden ist. Dasselbe wurde in Procession +nach Neu-Barcelona gebracht; aber so oft die Geistlichkeit mit den +Bewohnern der neuen Stadt unzufrieden war, entfloh es bei Nacht und +kehrte in den Baumstamm an der Mündung des Flusses zurück. Dieses Wunder +hörte nicht eher auf, als bis man den Mönchen von der Regel des heiligen +Franciscus ein großes Kloster (das Collegium der Propaganda) gebaut +hatte. Wir haben oben gesehen, daß der Bischof von Caracas in einem +ähnlichen Fall das Bild Unserer lieben Frau de los Valencianos in die +bischöflichen Archive bringen ließ, und daß es dort dreißig Jahre unter +Siegel blieb. + +Das Klima von Barcelona ist nicht so heiß als das von Cumana, aber +feucht und in der Regenzeit etwas ungesund. Bonpland hatte die +beschwerliche Reise über die Llanos ganz gut ausgehalten; er war wieder +ganz bei Kräften und seine große Thätigkeit die alte; ich dagegen war in +Barcelona unwohler als in Angostura, unmittelbar nachdem die Reise auf +den Flüssen hinter uns lag. Einer der tropischen Regen, bei denen bei +Sonnenuntergang weit auseinander außerordentlich große Tropfen fallen, +hatte mir ein Unwohlseyn zugezogen, das einen Anfall des Typhus, der +eben auf der Küste herrschte, befürchten ließ. Wir verweilten fast einen +Monat in Barcelona, im Genuß aller Bequemlichkeiten, welche die +aufmerksamste Freundschaft bieten kann. Wir trafen hier auch wieder den +trefflichen Ordensmann, Fray Juan Gouzales, dessen ich schon oft erwähnt +habe, und der vor uns am obern Orinoco gewesen war. Er bedauerte, und +mit Recht, daß wir auf den Besuch dieses unbekannten Landes nur so +wenige Zeit hatten verwenden können; er musterte unsere Pflanzen und +Thiere mit dem Interesse, das auch der Ungebildetste für die Produkte +eines Landes hat, wo er lange gelebt. Fray Juan hatte beschlossen, nach +Europa zurückzukehren und uns dabei bis auf die Insel Cuba zu begleiten. +Wir blieben fortan sieben Monate beisammen; der Mann war munter, +geistreich und dienstfertig. Wer mochte ahnen, welches Unglück seiner +wartete! Er nahm einen Theil unserer Sammlungen mit; ein +gemeinschastlicher Freund vertraute ihm ein Kind an, das man in Spanien +erziehen lassen wollte; die Sammlungen, das Kind, der junge Geistliche, +Alles wurde von den Wellen verschlungen. + +Zwei Meilen südostwärts von Nueva Barcelona erhebt sich eine hohe +Bergkette, die sich an den Cerro del Bergantin lehnt, den man von Cumana +aus sieht.[^181] Der Ort ist unter dem Namen Aguas calientes bekannt. +Als ich mich gehörig hergestellt fühlte, unternahmen wir an einem +frischen, nebligten, Morgen einen Ausflug dahin. Das mit +Schwefelwasserstoff geschwängerte Wasser kommt aus einem quarzigen +Sandstein, der demselben dichten Kalkstein ausgelagert ist, den wir beim +Morro untersucht hatten. Die Temperatur desselben ist nur 43°2 (bei +einer Lufttemperatur von 27°); es fließt zuerst vierzig Toisen weit über +den Felsboden, stürzt sich dann in eine natürliche Höhle, dringt durch +den Kalkstein und kommt am Fuß des Berges, am linken Ufer des kleinen +Flusses Narigual wieder zu Tage. Durch die Berührung mit dem Sauerstoff +der Luft schlagen die Quellen viel Schwefel nieder. Die Luftblasen, +welche sich stoßweise aus den Thermen entwickeln, habe ich hier nicht +gesammelt, wie in Mariara. Sie enthalten ohne Zweifel viel Stickstoff, +weil der Schwefelwasserstoff das in der Quelle aufgelöste Gemenge von +Sauerstoff und Stickstoff zersetzt. Die Schwefelwasser von San Juan, die +wie die am Bergantin aus dem Kalkstein kommen, haben auch nur eine +geringe Temperatur (31°3), während im selben Landstrich die +Schwefelwasser von Mariara und las Tricheras (bei Portocabello), die +unmittelbar aus dem granitischen Gneiß kommen, 58°9 und 90°4 heiß +sind.[^182] Es ist als ob die Wärme, welche die Quellen im Erdinnern +angenommen, abnähme, je weiter sie aus dem Urgebirge in die +aufgelagerten secundären Formationen gelangen. Unser Ausflug zu den +Aguas calientes am Bergantin endete mit einem leidigen Unfall. Unser +Gastfreund hatte uns seine schönsten Reitpferde gegeben. Man hatte uns +zugleich gewarnt, nicht durch den kleinen Fluß Narigual zu reiten. Wir +gingen daher über eine Art Brücke oder vielmehr an einander gelegte +Baumstämme, und ließen unsere Pferde am Zügel hinüberschwimmen. Da +verschwand das meinige auf einmal; es schlug noch eine Weile unter dem +Wasser um sich, aber trotz alles Suchens konnten wir nicht ausfindig +machen, was den Unfall veranlaßt haben mochte. Unsere Führer +vermutheten, das Thier werde von den Caymans, die hier sehr häufig sind, +an den Beinen gepackt worden seyn. Meine Verlegenheit war sehr groß; +denn bei dem Zartgefühl und dem großen Wohlstand unseres Gastfreundes +konnte ich kaum daran denken, ihm einen solchen Verlust ersetzen zu +wollen. Lavie ging unsere Betroffenheit näher als der Verlust seines +Pferdes, und er suchte uns zu beruhigen, indem er, wohl mit +Uebertreibung, versicherte, wie leicht man sich in den benachbarten +Savanen schöne Pferde verschaffen könne. + +Die Krokodile sind im Rio Neveri groß und zahlreich, besonders der +Mündung zu; im Ganzen aber sind sie nicht so bösartig als die im +Orinoco. In der Gemüthsart dieser Thiere beobachtet man in Amerika +dieselben Contraste wie in Egypten und Nubien, wie man deutlich sieht, +wenn man die Berichte des unglücklichen Burckhard und die Belzonis +aufmerksam vergleicht. Nach dem Culturzustand der verschiedenen Länder, +nach der mehr oder weniger dichten Bevölkerung in der Ruhe der Flüsse +ändern sich auch die Sitten dieser großen Saurier, die auf trockenem +Lande schüchtern sind und vor dem Menschen sogar im Wasser fliehen, wenn +sie reichliche Nahrung haben und der Angriff mit einiger Gefahr +verbunden ist. In Nueva Barcelona sieht man die Indianer das Holz auf +sonderbare Weise zu Markt bringen. Große Scheite von Zygophyllum und +Cäsalpinia werden in den Fluß geworfen; sie treiben mit der Strömung +fort und der Eigenthümer mit seinen ältesten Söhnen schwimmt bald hier +bald dorthin, um die Stücke, die in den Krümmungen des Flusses stecken +bleiben, wieder flott zu machen. In den meisten amerikanischen Flüssen, +in denen Krokodile vorkommen, verböte sich ein solches Verfahren von +selbst. Die Stadt Barcelona hat nicht, wie Cumana, eine indianische +Vorstadt, und sieht man hie und da einen Indianer, so sind sie aus den +benachbarten Missionen, oder aus den über die Ebene zerstreuten Hütten. +Beide sind nicht von caraibischem Stamm, sondern ein Mischvolk von +Cumanagotos, Palenques und Piritus, von kleinem Wuchs, untersetzt, +arbeitsscheu und dem Trunk ergeben. Der gegohrene Manioc ist hier das +beliebteste Getränk; der Palmwein, den man am Orinoco hat, ist an den +Küsten so gut wie unbekannt. Es ist merkwürdig, wie in den verschiedenen +Erdstrichen der Mensch, um den Hang zur Trunkenheit zu befriedigen, +nicht nur alle Familien monocotyledonischer und dicotyledonischer +Gewächse herbeizieht, sondern sogar den giftigen Fliegenschwamm (Amanita +muscaria), von dem die Koriäken denselben Saft zu wiederholten malen +fünf Tage hinter einander trinken, worauf sie aus ekelhafter Sparsamkeit +gekommen sind.[^183] Die Paketboote (correos), die von Corunna nach der +Havana und nach Mexico laufen, waren seit drei Monaten ausgeblieben. Man +vermuthete, sie seyen von den englischen Kreuzern aufgebracht worden. Da +wir Eile hatten, nach Cumana zu kommen, um mit der ersten Gelegenheit +nach Vera Cruz gehen zu können, so mietheten wir (am 26. August 1800) +ein Canoe ohne Verdeck (Lancha). Solcher Fahrzeuge bedient man sich +gewöhnlich in diesen Strichen, wo ostwärts vom Cap Codera die See fast +nie unruhig ist. Die Lancha war mit Cacao beladen und trieb +Schleichhandel mit der Insel Trinidad. Gerade deßhalb glaubte der Eigner +von den feindlichen Fahrzeugen, welche damals alle spanischen Hafen +blokirten, nichts zu fürchten zu haben. Wir schifften unsere +Pflanzensammlungen, unsere Instrumente und unsere Affen ein und hofften +bei herrlichem Wetter eine ganz kurze Ueberfahrt von der Mündung des Rio +Neveri nach Cumana zu haben; aber kaum waren wir im engen Canal zwischen +dem Festland und den Felseneilanden Borracha und Chimanas, so stießen +wir zu unserer großen Ueberraschung auf ein bewaffnetes Fahrzeug, das +uns anrief und zugleich auf große Entfernung einige Flintenschüsse auf +uns abfeuerte. Es waren Matrosen, die zu einem Caper aus Halifax +gehörten, und unter ihnen erkannte ich an der Gesichtsbildung und der +Mundart einen Preußen, aus Memel gebürtig. Seit ich in Amerika war, +hatte ich nicht mehr Gelegenheit gehabt, meine Muttersprache zu +sprechen, und ich hätte mir wohl einen erfreulicheren Anlaß dazu +gewünscht. Unser Protestiren half nichts und man brachte uns an Bord des +Capers, der that, als ob er von den Pässen, die der Gouverneur von +Trinidad für den Schmuggel ausstellte, nichts wüßte, und uns für gute +Prise erklärte. Da ich mich im Englischen ziemlich fertig ausdrücke, so +ließ ich mich mit dem Capitän in Unterhandlungen ein, um nicht nach +Neuschottland gebracht zu werden; ich bat ihn, mich an der nahen Küste +ans Land zu setzen. Während ich in der Cajüte meine und des Eigners des +Canoes Rechte zu verfechten suchte, hörte ich Lärm auf dem Verdeck. +Einer kam und sagte dem Capitän etwas ins Ohr. Dieser schien bestürzt +und ging hinaus. Zu unserem Glück kreuzte auch eine englische Corvette +(die Sloop Hawk) in diesen Gewässern. Sie hatte durch Signale den +Capitän des Capers zu sich gerufen, und da dieser sich nicht beeilte +Folge zu leisten, feuerte sie eine Kanone ab und schickte einen +Midshipman zu uns an Bord. Dieser war ein sehr artiger junger Mann und +machte mir Hoffnung, daß man das Canoe mit Cacao herausgeben und uns des +andern Tags werde weiter fahren lassen. Er schlug mir zugleich vor, mit +ihm zu gehen, mit der Versicherung, sein Commandant, Capitän Garnier von +der königlichen Marine, werde mir ein angenehmeres Nachtlager anbieten, +als ich auf einem Fahrzeug aus Halifax fände. + +Ich nahm das freundliche Anerbieten an und wurde von Capitän Garnier +aufs höflichste ausgenommen. Er hatte mit Vancouver die Reise an die +Nordwestküste gemacht, und Alles, was ich ihm von den großen Katarakten +bei Atures und Maypures, von der Gabeltheilung des Orinoco und von +seiner Verbindung mit dem Amazonenstrom erzählte, schien ihn höchlich zu +interessiren. Er nannte mir unter seinen Officieren mehrere, die mit +Lord Macartney in China gewesen waren. Seit einem Jahre war ich nicht +mehr mit so vielen unterrichteten Männern beisammen gewesen. Man war aus +den englischen Zeitungen über den Zweck meiner Reise im Allgemeinen +unterrichtet; man bewies mir großes Zutrauen und ich erhielt mein +Nachtlager im Zimmer des Capitäns. Beim Abschied wurde ich mit den +Jahrgängen der astronomischen Ephemeriden beschenkt, die ich in +Frankreich und Spanien nicht hatte bekommen können. Capitän Garnier habe +ich die Trabantenbeobachtungen zu verdanken, die ich jenseits des +Aequators angestellt, und es wird mir zur Pflicht, hier dem aufrichtigen +Danke für seine Gefälligkeit Ausdruck zu geben. Wenn man aus den Wäldern +am Cassiquiare kommt und Monate lang in den engen Lebenskreis der +Missionäre wie gebannt war, so fühlt man sich ganz glücklich, wenn man +zum erstenmal wieder Männer trifft, die das Leben zur See durchgemacht +und auf einem so wechselvollen Schauplatz den Kreis ihrer Ideen +erweitert haben. Ich schied vom englischen Schiff mit Empfindungen, die +in mir unverwischt geblieben find und meine Anhänglichkeit an die +Laufbahn, der ich meine Kräfte gewidmet, noch steigerten. + +Am folgenden Tag setzten wir unsere Ueberfahrt fort und wunderten uns +sehr über die Tiefe der Canäle zwischen den Caracasinseln, die so +bedeutend ist, daß die Corvette beim Wenden fast an den Felsen streifte. +Welch ein Contrast im ganzen Ansehen zwischen diesen Kalkeilanden, die +nach Richtung und Gestaltung an die große Katastrophe erinnern, die sie +vom Festlande losgerissen, und jenem vulkanischen Archipel nordwärts von +Lancerota,[^184] wo Basaltkuppen durch Hebung aus dem Meer +emporgestiegen scheinen! Die vielen Alcatras, die größer sind als unsere +Schwanen, und Flamingos, die in den Buchten fischten oder den Pelikans +ihre Beute abzujagen suchten, sagten uns, daß wir nicht mehr weit von +Cumana waren. Es ist sehr interessant, bei Sonnenaufgang die Seevögel +auf einmal erscheinen und die Landschaft beleben zu sehen. Solches +erinnert an den einsamsten Orten an das rege Leben in unsern Städten +beim ersten Morgengrauen. Gegen neun Uhr Morgens befanden wir uns vor +dem Meerbusen von Cariaco, welcher der Stadt Cumana als Rhede dient. Der +Hügel, aus dem das Schloß San Antonio liegt, hob sich weiß von der +dunkeln Bergwand im Innern ab. Mit lebhafter Empfindung sahen wir das +Ufer wieder, wo wir die ersten Pflanzen in Amerika gepflückt und wo ein +paar Monate darauf Bonpland in so großer Gefahr geschwebt hatte. +Zwischen den Cactus, die zwanzig Fuß hoch in Säulen- oder Candelaberform +dastehen, kamen die Hütten der Guayqueries zum Vorschein. Die ganze +Landschaft war uns so wohl bekannt, der Cactuswald, und die zerstreuten +Hütten, und der gewaltige Ceibabaum, unter dem wir bei Einspruch der +Nacht so gerne gebadet. Unsere Freunde kamen uns aus Cumana entgegen; +Menschen aller Stände, die auf unsern vielen botanischen Excursionen mit +uns in Berührung gekommen waren, äußerten ihre Freude um so lebhafter, +da sich seit mehreren Monaten das Gerücht verbreitet hatte, wir haben an +den Ufern des Orinoco den Tod gefunden. Anlaß dazu mochte Bonplands +schwere Krankheit gegeben haben, oder auch der Umstand, daß unser Canoe +durch einen Windstoß oberhalb der Mission Uruanas beinahe umgesehlagen +wäre. + +Wir eilten, uns dem Statthalter Don Vicente Emparan vorzustellen, dessen +Empfehlungen und beständige Vorsorge uns auf der langen, nunmehr +vollendeten Reise so ungemein förderlich gewesen waren. Er verschaffte +uns mitten in der Stadt ein Haus,[^185] das für ein Land, das starken +Erdbeben ausgesetzt ist, vielleicht zu hoch, aber für unsere Instrumente +ungemein bequem war. Es hatte Terrassen (azoteas), auf denen man einer +herrlichen Aussicht auf die See, auf die Landenge Araya und auf den +Archipel der Caracas-, Picuita- und Borracha-Inseln genoß. Der Hafen von +Cumana wurde täglich strenger blokirt und durch das Ausbleiben der +spanischen Postschiffe wurden wir noch drittehalb Monate festgehalten. +Oft fühlten wir uns versucht, auf die dänischen Inseln überzusetzen, die +einer glücklichen Neutralität genossen; wir besorgten aber, hätten wir +einmal die spanischen Colonien verlassen, möchte es schwer halten, dahin +zurückzukommen. Bei den umfassenden Befugnissen, wie sie uns in einer +guten Stunde zu Theil geworden, durfte man sich auf nichts einlassen, +was den Lokalbehörden mißfallen konnte. Wir wendeten unsere Zeit dazu +an, die Flora von Cumana zu vervollständigen, den östlichen Theil der +Halbinsel Araya geognostisch zu untersuchen und eine ansehnliche Reihe +von Trabantenimmersionen zu beobachten, wodurch die auf anderem Wege +gefundene Länge des Orts bestätigt wurde. Wir stellten auch Versuche an +über ungewöhnliche Strahlenbrechung, über Verdunstung und +Luftelektricität. + +Die lebenden Thiere, die wir vom Orinoco mitgebracht, waren für die +Einwohner von Cumana ein Gegenstand lebhafter Neugier. Der Kapuziner von +Esmeralda (Simia chiropotes), der im Gesichtsausdruck so große +Menschenähnlichkeit hat, Und der Schlafaffe (Simia trivirgata), der +Typus einer neuen Gruppe, waren an dieser Küste noch nie gesehen worden. +Wir dachten dieselben der Menagerie im Pariser Pflanzengarten zu; denn +die Ankunft einer französischen Escadre, die ihren Angriff auf Curaçao +hatte mißlingen sehen, bot uns unerwartet eine treffliche Gelegenheit +nach Guadeloupe. General Jeannet und der Commissär Bresseau, Agent der +vollziehenden Gewalt auf den Antillen, versprachen uns, die Sendung zu +besorgen. Aber Affen und Vögel gingen auf Guadeloupe zu Grunde, und nur +durch einen glücklichen Zufall gelangte der Balg des Simia chiropotes, +der sonst in Europa gar nicht existirt, vor einigen Jahren in den +Pflanzengarten, nachdem schon früher der Couxio (Simia satanas) and der +Stentor oder Alouato aus den Steppen von Caracas (Simia ursina), die ich +in meinem Recueil de zoologie et d’anatomie comparées abgebildet, +daselbst angekommen waren. Die Anwesenheit so vieler französischer +Soldaten und die Aeußerung politischer und religiöser Ansichten, die +eben nicht ganz mit denen übereinstimmten, durch welche die Mutterländer +ihre Macht zu befestigen meinen, brachten die Bevölkerung von Cumana in +gewaltige Aufregung. Der Statthalter beobachtete den französischen +Behörden gegenüber die angenehmen Formen, wie der Anstand und das innige +Verhältniß, das damals zwischen Frankreich und Spanien bestand, sie +vorschrieben. Auf den Straßen sah man die Farbigen sich um den Agenten +des Direktoriums drängen, der reich und theatralisch gekleidet war; da +aber Leute mit ganz weißer Haut, wo sie sich nur verständlich machen +konnten, mit unbescheidener Neugier sich auch darnach erkundigten, wie +viel Einfluß auf die Regierung von Guadeloupe die französische Republik +den Colonisten einräume, so entwickelten die königlichen Beamten +doppelten Eifer in der Verproviantirung der kleinen Escadre. Fremde, die +sich rühmten frei zu seyn, schienen ihnen überlästige Gäste, und in +einem Lande, dessen fortwährend steigender Wohlstand auf dem +Schleichverkehr mit den Inseln beruhte und auf einer Art +Handelsfreiheit, die man dem Ministerium abgerungen, erlebte ich es, daß +die Hispano-Europäer sich nicht entblödeten, die alte Weisheit des +Gesetzbuchs (leyes de Indias), dem zufolge die Hafen keinen fremden +Fahrzeugen geöffnet werden sollen außer in äußersten Nothfällen, bis zu +den Wolken zu erheben. Ich hebe diese Gegensätze zwischen den unruhigen +Wünschen der Colonisten und der argwöhnischen Starrheit der herrschenden +Kaste hervor, weil sie einiges Licht auf die großen politischen +Ereignisse werfen, welche, von lange her vorbereitet, Spanien von seinen +Colonien oder — vielleicht richtiger gesagt — von seinen überseeischen +Provinzen losgerissen haben. + +Vom 3. zum 5. November verbrachten wir wieder einige sehr angenehme Tage +auf der Halbinsel Araya, über dem Meerbusen von Cariaco, Cumana +gegenüber, deren Perlen, deren Salzlager und unterseeische Quellen +flüssigen, farblosen Steinöls ich schon oben beschrieben habe.[^186] Wir +hatten gehört, die Indianer bringen von Zeit zu Zeit natürlichen Alaun, +der in den benachbarten Bergen vorkomme, in bedeutenden Massen in die +Stadt. An den Proben, die man uns zeigte, sah man gleich, daß es weder +Alaunstein war, ähnlich dem Gestein von Tolfa und Piombino, noch jene +haarförmigen, seidenartigen Salze von schwefelsaurer Thon- und +Bittererde, welche Gebirgsspalten und Höhlen auskleiden, sondern +wirklich Massen natürlichen Alauns, mit muschligtem oder unvollkommen +blättrigem Bruch. Man machte uns Hoffnung, daß wir die Alaungrube im +Schiefergebirg bei Maniquarez finden könnten: Eine so neue geognostische +Erscheinung mußte unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Frater +Juan Gonzalez und der Schatzmeister Don Manuel Navarete, der uns seit +unserer Ankunft auf dieser Küste mit seinem Rath beigestanden hatte, +begleiteten uns auf dem kleinen Ausflug. Wir gingen am Vorgebirge Caney +ans Land und besuchten wieder das alte Salzwerk, das durch den Einbruch +des Meeres in einen See verwandelt worden, die schönen Trümmer des +Schlosses Araya und den Kalkberg Barigon, der, weil er gegen West +schroff abfällt, ziemlich schwer zu besteigen ist. Der Salzthon, +vermischt mit Erdpech und linsenförmigem Gyps, und zuweilen in einen +schwarzbraunen, salzfreien Thon übergehend, ist eine auf dieser +Halbinsel, auf der Insel Margarita und auf dem gegenüberliegenden +Festland beim Schloß San Antonio in Cumana sehr verbreitete Formation. +Sehr wahrscheinlich hat sie sogar zum Theil die Spalten und das ganze +zerrissene Wesen des Bodens veranlaßt, das dem Geognosten auffällt, wenn +er auf einer der Anhöhen der Halbinsel Araya steht. Die aus +Glimmerschiefer und Thonschiefer bestehende Cordillere derselben ist +gegen Nord durch den Canal von Cubagua von der ähnlich gebildeten +Bergkette der Insel Margarita getrennt; gegen Süd liegt der Meerbusen +von Cariaco zwischen der Cordillere und der hohen Kalkgebirgskette des +Festlandes. Der ganze dazwischen liegende Boden scheint einst mit +Salzthon ausgefüllt gewesen zu seyn, und vom Meere beständig +angefressen, verschwand ohne Zweifel die Formation allmählig und aus der +Ebene wurden zuerst Lagunen, dann Buchten und zuletzt schiffbare Canäle. +Der neueste Vorgang am Schlosse Araya beim Einbruch des Meeres in das +alte Salzwerk, die Form der Lagune Chacopata und ein vier Meilen langer +See, der die Insel Margarita beinahe in zwei Stücke theilt, sind +offenbare Beweise dieser allmähligen Abspülungen. Im seltsamen Umriß der +Küsten, im Morro von Chacopata, in den kleinen Inseln Caribes, Lobos und +Tunal, in der großen Insel Coche und dem Vorgebirg Carnero und dein »der +Manglebäume« glaubt man auch die Trümmer einer Landenge vor sich zu +haben, welche einst in der Richtung von Nord nach Süd die Halbinsel +Araya und die Insel Margarita verband. Auf letzterer verbindet nur noch +eine ganz niedrige, 3000 Toisen lange und nicht 200 Toisen breite +Landzunge gegen Nord die zwei unter dem Namen Vega de San Juan und +Macanao bekannten Berggruppen. Die Laguna grande auf Margarita hat gegen +Süd eine sehr enge Oeffnung und kleine Canoes kommen »arastradas,« das +heißt über einen Trageplatz, über die Landzunge oder den Damm im Norden +hinüber. Wenn sich auch heutzutage in diesen Seestrichen das Wasser vom +Festland zurückzuziehen scheint, so wird doch höchst wahrscheinlich im +Laufe der Jahrhunderte entweder durch ein Erdbeben oder durch ein +plötzliches Anschwellen des Oceans die große langgestreckte Insel +Margarita in zwei viereckigte Felseneilande zerfallen. + +Bei der Besteigung des Cerro del Barigon wiederholten wir die Versuche, +die wir am Orinoco über den Unterschied zwischen der Temperatur der Luft +und des verwitterten Gesteins gemacht hatten. Erstere betrug gegen 11 +Uhr Vormittags, des Seewinds wegen, nur 27 Grad, letztere dagegen 49°6. +Der Saft in den Fackeldisteln (Cactus quadrangularis) zeigte 38-41°; +soviel zeigte ein Thermometer, dessen Kugel ich in den fleischigten, +saftigen Stamm der Cactus hineinsteckte. Diese innere Temperatur eines +Gewächses ist das Produkt der Wärme des Sandes, in dem die Wurzeln sich +verbreiten, der Lusfttemperatur, der Oberflächenbeschaffenheit des den +Sonnenstrahlen ausgesetzten Stammes und der Leitungsfähigkeit des +Holzes. Es wirken somit sehr verwickelte Vorgänge zum Resultat zusammen. +Der Kalkstein des Barigon, der zu der großen Sandstein- und +Kalkformation von Cumana gehört, besteht fast ganz aus Seeschalthieren, +die so wohl erhalten sind, wie die in den andern tertiären Kalkgebilden +in Frankreich und Italien. Wir brachen für das königliche Cabinet zu +Madrid Blöcke ab, die Austern von acht Zoll Durchmesser, Kammmuscheln, +Venusmuscheln und Polypengehäuse enthielten. Ich möchte Naturforscher, +welche bessere Paläontologen sind, als ich damals war, auffordern, diese +Felsenküste genau zu untersuchen. Sie ist europäischen Fahrzeugen, die +nach Cumana, Guayra oder Curacao gehen, leicht zugänglich. Es wäre von +großem Interesse, auszumachen, ob manche dieser versteinerten Mollusken- +und Zoophytenarten noch jetzt das Meer der Antillen bewohnen, wie es +Bonpland vorkam, und wie es auf der Insel Timor und wohl auch bei +Grand-Terre auf Guadeloupe der Fall ist. + +Am 4. November um 1 Uhr Nachts gingen wir unter Segel, um die natürliche +Alaungrube aufzusuchen. Ich hatte den Chronometer und mein großes +Dollond’sches Fernrohr mit eingeschifft, um bei der Laguna chica, +östlich vom Dorfe Maniquarez, die Immension des ersten Jupiterstrabanten +zu beobachten. Daraus wurde indessen nichts, da wir des widrigen Windes +wegen nicht vor Tag hinkamen. Nur das Schaufpiel des Meerleuchtens, +dessen Pracht durch die um unsere Pirogue gaukelnden Delphine noch +erhöht wurde, konnte uns für diese Verzögerung entschädigen. Wir fuhren +wieder über den Strich, wo auf dem Meeresboden aus dem Glimmerschiefer +Quellen von Bergöl brechen, die man sehr weit riecht.[^187] Bedenkt man, +daß weiter nach Ost, bei Cariaco, warme unterseeische Quellen so stark +sind, daß sie die Temperatur des Meerbusens an der Oberfläche erhöhen, +so läßt sich wohl nicht bezweifeln, daß das Bergöl aus ungeheuren Tiefen +wie herauf destillirt wird, daß es aus den Urgebirgsbildungen kommt, +unter denen der Herd aller Vulkanischen Erschütterungen liegt. + +Die Laguna chica, ist eine von steil abfallenden Bergen umgebene Bucht, +die mit dem Meerbusen von Cariaco nur durch einen engen, 25 Faden tiefen +Canal zusammenhängt. Es sieht aus, als wäre sie, wie auch der schöne +Hafen von Acapulco, durch ein Erdbeben gebildet. Ein kleiner flacher +Uferstrich scheint darauf hinzudeuten, daß die See sich hier vom Lande +zurückzieht, wie an der gegenüberliegenden Küste von Cumana. Die +Halbinsel Araya verengert sich zwischen den Vorgebirgen Mero und las +Minas auf 1400 Toisen und ist bei der Laguna chica von einem Seestrich +zum andern etwas über 4000 Toisen breit. Diese unbedeutende Strecke +hatten wir zurückzulegen, um zum natürlichen Alaun und zum Vorgebirge, +genannt Punta de Chuparuparu, zu gelangen. Der Gang ist nur darum +beschwerlich, weil gar kein Weg gebahnt ist und man zwischen ziemlich +tiefen Abgründen über völlig kahle Felsgräten mit stark fallenden +Schichten gehen muß. Der höchste Punkt liegt gegen 220 Toisen hoch, aber +die Berge zeigen, wie so häufig auf felsigten Landengen, die seltsamsten +Bildungen. Die Tetas de Chacopata und de Cariaco, halbwegs zwischen der +Laguna chica und der Stadt Cariaco, sind wahre Spitzberge, die von der +Platform des Schlosses in Cumana aus ganz frei zu stehen scheinen. +Dammerde findet sich in diesem Landstrich nur bis zur Höhe von 30 Toisen +über dem Meer. Oft regnet es 15 Monate lang gar nicht;[^188] fallen aber +auch nur ein paar Tropfen Wasser unmittelbar nach der Blüthe der +Melonen, der Wassermelonen und Kürbisse, so tragen dieselben, trotz der +anscheinenden Trockenheit der Luft, Früchte von 60 bis 70 Pfund. Ich +sage die anscheinende Trockenheit der Luft, denn aus meinen +hygrometrischen Beobachtungen geht hervor, daß in Cumana und Araya die +Luft fast zu neun Zehntheilen mit Wasserdunst gesättigt ist. Diese +zugleich heiße und feuchte Luft speist die vegetabilischen Quellen, die +kürbisartigen Gewächse, die Agaven und Melocactus, die halb im Sand +vergraben sind. Als wir die Halbinsel im vorigen Jahr besuchten, +herrschte da furchtbarer Wassermangel. Die Ziegen, die kein Gras mehr +fanden, gingen zu Hunderten zu Grunde. Während unseres Aufenthalts am +Orinoco schien sich die Reihefolge der Jahreszeiten völlig umgekehrt zu +haben. Es hatte in Araya, auf Cochen, sogar auf der Insel Margarita +reichlich geregnet, und diese Güsse machten noch in der Erinnerung den +Einwohnern so viel zu schaffen, als den Physikern in Europa ein +Aerolithenfall. + +Unser indianischer Führer kannte kaum die Richtung, in der wir den Alaun +zu suchen hatten; die eigentliche Lagerstätte war ihm ganz unbekannt. +Dieser Mangel an Ortskenntniß ist hier fast allen Führern eigen, die der +faulsten Volksklasse angehören. Wir liefen fast auf Gerathewohl sieben, +acht Stunden zwischen den Felsen herum, auf denen nicht das Geringste +wuchs. Der Glimmerschiefer geht zuweilen in schwarzgrauen Thonschiefer +über. Auch hier fiel mir wieder die ungemeine Regelmäßigkeit im +Streichen und Fallen der Schichten auf. Sie streichen Nord 50 Grad Ost +und fallen unter einem Winkel von 60—70° nach Nordwest. Dieses +allgemeine Streichungsverhältniß hatte ich auch am granitischen Gneiß +bei Caracas und am Orinoco, an den Hornblendeschiefern bei Angostura +beobachtet, sogar an den meisten secundären Formationen, die wir +untersucht. Auf sehr weite Strecken bilden die Schichten denselben +Winkel mit dem Meridian des Orts; sie zeigen einrn Parallelismus (oder +vielmehr Loxodromismus), der als eines der großen geognostischen Gesetze +zu betrachten ist, die durch genaue Messung zu ermitteln sind. Gegen das +Cap Chuparuparu zu sahen wir die Quarzgänge im Glimmerschiefer mächtiger +werden. Wir fanden welche, ein bis zwei Klafter breit, voll kleiner +büschelförmiger Krystalle von Titanerz. Vergeblich suchten wir darin +nach Cyanit, den wir in Blöcken bei Maniquarez gefunden. Weiterhin +erscheinen im Glimmerschiefer nicht Gänge, sondern kleine Schichten von +Graphit oder Kohlenstoffeisen. Sie sind 2—3 Zoll dick und streichen und +fallen genau wie die Gebirgsart. Mit dem Graphit im Urgebirge tritt zum +erstenmal in den Gebirgsschichten der Kohlenstoff auf, und zwar als +nicht an Wasserstoff gebundener Kohlenstoff. Er ist älter als die Zeit, +wo sich die Erde mit monocotyledonischen Gewächsen bedeckte. + +Von diesen öden Bergen herab hatten wir eine großartige Aussicht auf die +Insel Margarita. Zwei Berggruppen, die bereits genannten, der Macanao +und die Vega de San Juan, steigen gerade aus dem Wasser auf. In der +letzteren, der östlichsten, liegt der Hauptort der Insel, la Asuncion, +der Hafen Pampatar und die Dörfer Pueblo de la Mar, Pneblo del Norte und +San Juan. Die westliche Gruppe, der Macanao, ist fast ganz unbewohnt. +Die Landenge, welche diese gewaltigen Glimmerschiefermassen verbindet, +war kaum sichtbar; sie erschien durch die Luftspiegelung verzogen und +man erkannte dieses Zwischenglied des Landes, durch das die Laguna +grande läuft, nur an zwei kleinen zuckerhutförmigen Bergen, die unter +dem Meridian der Punta de Piedras liegen. Weiter herwärts sahen wir auf +den kleinen öden Archipel der vier Morros del Tunal, der Caribes und +Lobos hinab. + +Nach langem vergeblichem Suchen fanden wir endlich, ehe wir zur +Nordküste der Halbinsel Araya hinabgingen, in einer ungemein schwer +zugänglichen Schlucht (Aroyo del Robalo) das Mineral, das man uns in +Cumana gezeigt hatte. Der Glimmerschiefer ging rasch in kohlenhaltigen, +glänzenden Thonschiefer über. Es war Ampelit; das Wasser (denn es gibt +hier kleine Quellen, und kürzlich hat man selbst beim Dorfe Maniquarez +eine gefunden) war mit gelbem Eisenoxyd geschwängert und hatte einen +zusammenziehenden Geschmack. Die anstehenden Felswände waren mit +ausgewitterter haarförmiger schwefelsaurer Thonerde bedeckt, und +wirkliche zwei bis drei Zoll dicke Schichten natürlichen Alauns strichen +im Thonschiefer fort, so weit das Auge reichte. Der Alaun ist weissgrau, +an der Oberfläche etwas matt, im Innern hat er fast Glasglanz; der Bruch +ist nicht faserigt, sondern unvollkommen muschligt. An nicht starken +Bruchstücken ist er halb durchsichtig. Der Geschmack ist süßlicht, +adstringirend, ohne Bitterkeit. Ich fragte mich noch an Ort und Stelle, +ob dieser so reine Alaun, der ohne die geringste Lücke eine Schicht im +Thonschiefer bildet, gleichzeitig mit der Gebirgsart gebildet, oder ob +ihm ein neuerer, so zu sagen secundärer Ursprung zuzuschreiben ist, wie +dem salzsauren Natron, das man zuweilen in kleinen Gängen an Stellen +findet, wo hochsöhlige Salzquellen durch Gyps- oder Thonschichten +hindurchgehen? Nichts weist aber hier auf eine Bildungsweise hin, die +auch noch gegenwärtig vorkommen könnte. Das Schiefergestein hat +lediglich keine offene Spalte, zumal keine, die dem Streichen der +Blätter parallel liefe. Man fragt sich ferner, ob dieser Alaunschiefer +eine dem Urglimmerschiefer von Araya aufgelagerte Uebergangsbildung ist, +oder ob er nur dadurch entsteht, daß die Glimmerschieferschichten nach +Zusammensetzung und Textur eine Veränderung erlitten haben? Ich halte +letztere Annahme für die wahrscheinlichere; denn der Uebergang ist +allmählig und Thonschiefer und Glimmerschiefer scheinen mir hier einer +und derselben Formation anzugehören. Das Vorkommen von Cyanit, Titanerz +und Granaten, und daß kein lydischer Stein, daß nirgends ein +Trümmergestein zu finden ist, scheinen die Formation, die wir hier +beschreiben, dem Urgebirge zuzuweisen. + +Als sich im Jahr 1783 bei einem Erdbeben im Aroyo del Robalo eine große +Felsmasse abgelöst hatte, lasen die Guayqueries in los Serritos 5—6 Zoll +starke, ungemein durchsichtige und reine Alaunstücke auf. Zu meiner Zeit +verkaufte man in Cumana an Färber und Gerber das Pfund zu zwei Realen +(ein Viertheil eines harten Piasters), während der spanische Alaun zwölf +Realen kostete. Dieser Preisunterschied rührte weit mehr von +Vorurtheilen und von Hemmungen im Handel her, als davon, daß der +einheimische Alaun, der vor der Anwendung durchaus nicht gereinigt wird, +von geringerer Güte wäre. Derselbe kommt auch in der Glimmer- und +Thonschieferlette an der Nordwestküste von Trinidad vor, ferner auf +Margarita und beim Cap Chuparuparu nördlich vom Cerro del Distiladero. +Die Indianer lieben von Natur das Geheimniß, und so verheimlichen sie +auch gern die Orte, wo sie den natürlichen Alaun graben; das Mineral muß +aber ziemlich reich sehn, denn ich habe in ihren Händen ganz ansehnliche +Massen auf einmal gesehen. Es wäre für die Regierung von Belang, +entweder das oben beschriebene Mineral oder die Alaunschiefer, die damit +vorkommen, ordentlich abbauen zu lassen. Letztere könnte man rösten und +sie zur Auslaugung an der glühenden tropischen Sonne gradiren. +Südamerika erhält gegenwärtig seinen Alaun aus Europa, wie ihn Europa +seinerseits bis zum fünfzehnten Jahrhundert von den asiatischen Völkern +erhielt. Vor meiner Reise kannten die Mineralogen keine andern +Substanzen, aus denen man, geröstet oder nicht, unmittelbar Alaun +(schwefel- saures Alaunerdekali) gewann, als Gebirgsarten aus der +Trachytformation und kleine Gänge, welche Schichten von Braunkohlen und +bituminösem Holz durchsetzen. Beide Substanzen, so verschiedenen +Ursprungs sie sind, enthalten alle Elemente des Alauns, nämlich +Thonerde, Schwefelsäure und Kali. Die alaunhaltigen Gesteine im Trachyt +verschiedener Länder rühren unzweifelhaft daher, daß schwefligtsaure +Dämpfe die Gebirgsart durchdrungen haben. Sie sind, wie man sich in den +Solfataren bei Puzzuoli und auf dem Pic von Teneriffa überzeugen kann, +Produkte einer schwachen, lange andauernden vulkanischen Thätigkeit. Das +Wasser, das diese alaunhaltigen Gebirgsarten vulkanischer Herkunft +durchdringt, setzt indessen keine Massen natürlichen Alauns ab; zur +Gewinnung desselben müssen die Gesteine geröstet werden. Ich kenne +nirgends Alaunniederschläge, ähnlich denen, wie ich sie aus Cumana +mitgebracht; denn die haarförmigen und fasrigten Massen, die man in +Gängen in Braunkohlenschichten findet (an den Ufern der Egra, zwischen +Saatz und Commothau in Böhmen) oder sich in Hohlräumen (Freienwalde in +Brandenburg, Segario in Sardinien) durch Auswitterung bilden, sind +unreine Salze, oft ohne Kaki, vermengt mit schwefelsaurem Ammoniak und +schwefelsaurer Bittererde. Eine langsame Zersetzung der Schwefelkiese, +die vielleicht als eben so viele kleine galvanische Säulen wirken, macht +die Gewässer, welche die Braunkohle und die Alaunerde durchziehen, +alaunhaltig. Aehnliche chemische Vorgänge können nun aber in Ur- und +Uebergangsschiefern so gut wie in tertiären Bildungen stattfinden. Alle +Schiefer, und dieser Umstand ist sehr wichtig, enthalten gegen fünf +Procent Kali, Schwefeleisen, Eisenperoxyd, Kohle u. s. w. So viele +ungleichartige Stoffe, in gegenseitiger Berührung und von Wasser +befeuchtet, müssen nothwendig Neigung haben, sich nach Form und +Zusammensetzung zu verändern. Die ausgewitterten Salze, welche in der +Schlucht Robalo die Alaunschiefer in Menge bedecken, zeigen, wie sehr +diese chemischen Vorgänge durch die hohe Temperatur dieses Klimas +gefördert werden; aber — ich wiederhole es — in einem Gestein ohne +Spalten, ohne dem Streichen und Fallen seiner Schichten parallel +laufende Hohlräume ist ein natürlicher, seine Lagerstätte völlig +ausfüllender, halbdurchsichtiger Alaun mit muschligtem Bruch als +gleichen Alters mit der einschließenden Gebirgsart zu betrachten. + +Nachdem wir lange in dieser Einöde unter den völlig kahlen Felsen +umhergeirrt, ruhten unsere Blicke mit Lust auf den Malpighia- und +Crotonbüschen, die wir auf dem Wege zur Küste hinab trafen. Diese +baumartigen Croton waren sogar zwei neue, durch ihren Habitus sehr +interessante, der Halbinsel Araya allein angehörige Arten.[^189] Wir +kamen zu spät zur Laguna chica um noch eine andere Bucht weiter +ostwärts, als Laguna grande oder del olispo vielberufen, besuchen zu +können. Wir begnügten uns, dieselbe von den sie beherrschenden Bergen +herab zu bewundern. Außer den Häfen von Ferrol und Acapulco gibt es +vielleicht keinen mehr von so sonderbarer Bildung. Es ist eine von Ost +nach West dritthalb Seemeilen lange, eine Seemeile breite geschlossene +Bucht. Die Glimmerschieferfelsen, die den Hafen einschließen, lassen nur +eine 250 Toisen breite Einfahrt. Ueberall findet man 15 bis 20 Faden +Wassertiefe. Wahrscheinlich wird die Regierung von Cumana diese +geschlossene Bucht und die von Mochima, die acht Seemeilen ostwärts von +der schlechten Rhede von Nueva Barcelona liegt, einmal zu benützen +wissen. Navaretes Familie erwartete uns mit Ungeduld am Strand, und +obgleich unser Canoe ein großes Segel führte, kamen wir doch erst bei +Nacht nach Maniquarez. + +Wir blieben nur noch vierzehn Tage in Cumana. Da wir alle Hoffnung +aufgegeben hatten, ein Postschiff aus Corunna eintreffen zu sehen, so +benützten wir ein amerikanisches Fahrzeug, das in Nueva Barcelona +Salzfleisch lud, um es auf die Insel Cuba zu bringen. Wir hatten +sechzehn Monate auf diesen Küsten und im Innern von Venezuela +zugebracht. Wir hatten zwar noch über 50,000 Francs in Wechseln auf die +ersten Häuser in der Havana; dennoch wären wir hinsichtlich der baaren +Mittel in großer Verlegenheit gewesen, wenn uns nicht der Statthalter +von Cumana vorgeschossen hätte, so viel wir verlangen mochten. Das +Zartgefühl, mit dem Herr von Emparan ihm ganz unbekannte Fremde +behandelte, verdient die höchste Anerkennung und meinen lebhaftesten +Dank. Ich erwähne dieser Umstände, die nur unsere Person betrafen, um +die Reisenden zu warnen, daß sie sich nicht zu sehr auf den Verkehr +unter den verschiedenen Colonien desselben Mutterlandes verlassen. Wie +es im Jahr 1799 in Cumana und Caracas mit dem Handel stand, hätte man +einen Wechsel leichter auf Cadix und London ziehen können, als auf +Carthagena de Indias, die Havana oder Vera Cruz. + +Am 16. November verabschiedeten wir uns von unsern Freunden, um nun zum +dritten male von der Mündung des Busens von Cariaco nach Nueva Barcelona +überzufahren. Die Nacht war köstlich kühl. Nicht ohne Rührung sahen wir +die Mondscheibe zum letztenmal die Spitzen der Cocospalmen an den Ufern +des Manzanares beleuchten. Lange hingen unsere Blicke an der weißlichten +Küste, wo wir uns nur ein einziges mal über die Menschen zu beklagen +gehabt hatten. Der Seewind war so stark, daß wir nach nicht ganz sechs +Stunden beim Morro von Nueva Barcelona den Anker auswarfen. Das +Fahrzeug, das uns nach der Havana bringen sollte, lag segelfertig da. + +Siebenundzwanzigstes Kapitel. +============================= + +Allgemeine Bemerkungen über das Verhältniß des neuen zum alten +Continent. — Ueberfahrt von den Küsten von Venezuela nach der Havana. + +Als ich nach meiner Rückkehr nach Deutschland den »Essai politique sur +la nouvelle Espagne« herausgab, veröffentlichte ich zugleich einen Theil +des von mir über den Bodenreichthum von Südamerika gesammelten +Materials. Diese vergleichende Schilderung der Bevölkerung, des +Ackerbaus und des Handels aller spanischen Colonien wurde zu einer Zeit +entworfen, wo große Mängel in der gesellschaftlichen Verfassung, das +Prohibitivsystem und andere gleich verderbliche Mißgriffe in der +Regierungskunst die Entwicklung der Cultur niederhielten. Seit ich +auseinandergesetzt, welch unermeßliche Hülfsmittel den Völkern des +gedoppelten Amerika durch ihre Lage an sich und durch ihren +Handelsverkehr mit Europa und Asien in Aussicht ständen, sobald sie der +Segnungen einer vernünftigen Freiheit genößen, hat eine der großen +Umwälzungen, welche von Zeit zu Zeit das Menschengeschlecht aufrütteln, +die gesellschaftlichen Zustände in den von mir durchreisten gewaltigen +Ländern umgewandelt. Gegenwärtig theilen sich, kann man wohl sagen, drei +Völker europäischer Abkunft in das Festland der neuen Welt: das eine, +das mächtigste, ist germanischen Stammes, die beiden andern gehören nach +Sprache, Literatur und Sitten dem lateinischen Europa an. Die Theile der +alten Welt, die am weitesten gegen West vorspringen, die iberische +Halbinsel und die britannischen Inseln, sind auch diejenigen, deren +Colonien die bedeutendste Ausdehnung haben; aber ein viertausend Meilen +langer, nur von Nachkommen von Spaniern und Portugiesen bewohnter +Küstenstrich legt Zeugniß dafür ab, wie hoch sich die Völker der +Halbinsel im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert durch ihre +Unternehmungen zur See über die andern seefahrenden Völker +emporgeschwungen hatten. Die Verbreitung ihrer Sprachen von Californien +bis an den Rio de la Plata, auf dem Rücken der Cordilleren wie in den +Wäldern am Amazonenstrom ist ein Denkmal nationalen Ruhms, das alle +politischen Revolutionen überdauern wird. + +Gegenwärtig überwiegt die Bevölkerung des spanischen und portugiesischen +Amerika die von englischer Race ums Doppelte. Die französischen, +holländischen und dänischen Besitzungen auf dem neuen Continent sind von +geringem Umfang; zählt man aber die Völker her, welche auf das Geschick +der andern Halbkugel Einfluß äußern können, so sind noch zwei nicht zu +übergehen, einerseits die Ansiedler slavischer Abkunft, die von der +Halbinsel Alaska bis nach Californien Niederlassungen suchen, +andererseits die freien Afrikaner auf Haiti, welche wahr gemacht haben, +was der Mailänder Reisende Benzoni schon im Jahr 1545 vorausgesagt. Daß +die Afrikaner auf einer Insel, zweieinhalbmal größer als Sicilien, im +Schoße des Mittelmeeres der Antillen hausen, macht sie politisch um so +wichtiger. Alle Freunde der Menschheit wünschen aufrichtig, daß eine +Civilisation, welche wider alles Erwarten nach so viel Gräueln und Blut +Wurzel geschlagen, sich fort und fort entwickeln möge. Das russische +Amerika gleicht bis jetzt nicht sowohl einer Ackerbaucolonie als einem +der Comptoirs, wie sie die Europa zum Verderben der Eingeborenen auf den +Küsten von Afrika errichtet. Es besteht nur aus Militärposten, aus +Sammelplätzen für Fischer und sibirische Jäger. Allerdings ist es eine +merkwürdige Erscheinung, daß sich der Ritus der griechischen Kirche auf +einem Striche Amerikas festgesetzt hat, und daß zwei Nationen, welche +das Ost- und das Westende von Europa bewohnen, Russen und Spanier, +Nachbarn werden auf einem Festlande, in das sie auf entgegengesetzten +Wegen gekommen; aber beim halb wilden Zustand der Küsten von Ochotsk und +Kamtschatka, bei der Geringfügigkeit der Mittel, welche die asiatischen +Häfen liefern können, und bei der Art und Weise, wie bis jetzt die +slavischen Colonien in der neuen Welt verwaltet worden, müssen diese +noch lange in der Kindheit verharren. Da man nun bei +nationalökonomischen Untersuchungen gewöhnt ist, nur Massen ins Auge zu +fassen, so stellt es sich heraus, daß das amerikanische Festland +eigentlich nur unter drei große Nationen von englischer, spanischer und +portugiesischer Abkunft getheilt ist. Die erste derselben, die +Angloamerikaner, ist zugleich nach dem englischen Volk in Europa +diejenige, welche ihre Flagge über die weitesten Meeresstrecken trägt. +Ohne entlegene Colonien hat sich ihr Handel zu einer Höhe +aufgeschwungen, zu der niemals ein Volk der alten Welt gelangt ist, mit +Ausnahme desjenigen, das seine Sprache, den Glanz seiner Literatur, +seine Arbeitslust, seinen Hang zur Freiheit und einen Theil seiner +bürgerlichen Einrichtungen nach Nordamerika hinübergetragen hat. + +Die englischen und portugiesischen Ansiedler haben nur die Europa +gegenüberliegenden Küsten bevölkert; die Castilianer dagegen sind gleich +zu Anfang der Eroberung über die Kette der Anden gedrungen und haben +selbst in den am weitesten nach West gelegenen Landstrichen +Niederlassungen gegründet. Nur dort, in Mexico, Cundinamarca, Quito und +Peru, fanden sie Spuren einer alten Cultur, ackerbauende Völker, +blühende Reiche. Durch diesen Umstand, durch die rasche Zunahme einer +eingeborenen Gebirgsbevölkerung, durch den fast ausschließlichen Besitz +großer Metallschätze, und durch die Handelsverbindungen mit dem +indischen Archipel, die gleich mit dem Anfang des sechzehnten +Jahrhunderts in Gang kamen, erhielten die spanischen Besitzungen in +Amerika ein ganz eigenes Gepräge. In den östlichen, von den englischen +und portugiesischen Ansiedlern in Besitz genommenen Landstrichen waren +die Eingeborenen umherziehende Jägervölker. Statt, wie auf der Hochebene +von Anahuac, in Guatimala und im obern Peru, einen Bestandtheil der +arbeitsamen, ackerbauenden Bevölkerung zu bilden, zogen sie sich vor den +vorrückenden Weißen größtentheils zurück. Man brauchte Arbeiterhände, +man baute vorzugsweise Zuckerrohr, Indigo und Baumwolle, und dieß, mit +der Habsucht, welche so oft die Begleiterin des Gewerbfleißes ist und +sein Schandfleck, führte den schändlichen Negerhandel herbei, der in +seinen Folgen für beide Welten gleich verderblich geworden ist. Zum +Glück ist auf dem Festlande von spanisch Amerika die Zahl der +afrikanischen Sklaven so unbedeutend, daß sie sich zur +Sklavenbevölkerung in Brasilien und in den südlichen Theilen der +Vereinigten Staaten wie 1 zu 5 verhält. Die gesammten spanischen +Colonien, mit Einschluß der Inseln Cuba und Portorico, haben auf einem +Areal, das mindestens um ein Fünftheil größer ist als Europa, nicht so +viel Neger als der Staat Virginien allein. Mit den vereinigten Ländern +Neuspanien und Guatimala liefern die Hispano-Amerikaner das einzige +Beispiel im heißen Erdstrich, daß eine Nation von acht Millionen nach +europäischen Gesetzen und Einrichtungen regiert wird, Zucker, Cacao, +Getreide und Wein zumal baut, und fast keine Sklaven besitzt, die dem +Boden von Afrika gewaltsam entführt worden. + +Die Bevölkerung des neuen Continents ist bis jetzt kaum etwas stärker +als die von Frankreich oder Deutschland. In den Vereinigten Staaten +verdoppelt sie sich in dreiundzwanzig bis fünfundzwanzig Jahren; in +Mexiko hat sie sich, sogar unter der Herrschaft des Mutterlandes, in +vierzig bis fünfundvierzig Jahren verdoppelt. Ohne der Zukunft allzuviel +zuzutrauen, läßt sich annehmen, daß in weniger als anderthalbhundert +Jahren Amerika so stark bevölkert seyn wird als Europa. Dieser schöne +Wetteifer in der Cultur, in den Künsten des Gewerbfleißes und des +Handels wird keineswegs, wie man so oft prophezeien hört, den alten +Continent auf Kosten des neuen ärmer machen; er wird nur die +Consumtionsmittel und die Nachfrage darnach, die Masse der productiven +Arbeit und die Lebhaftigkeit des Austausches steigern. Allerdings ist in +Folge der großen Umwälzungen, denen die menschlichen +Gesellschaftsvereine unterliegen, das Gesammtvermögen, das +gemeinschaftliche Erbgut der Cultur, unter die Völker beider Welten +ungleich vertheilt; aber allgemach stellt sich das Gleichgewicht her, +und es ist ein verderbliches, ja ich möchte sagen gottloses Vorurtheil, +zu meinen, es sey ein Unheil für das alte Europa, wenn auf irgend einem +andern Stück unseres Planeten der öffentliche Wohlstand gedeiht. Die +Unabhängigkeit der Colonien wird nicht zur Folge haben, sie zu isoliren, +sie werden vielmehr dadurch den Völkern von alter Cultur näher gebracht +werden. Der Handel wirkt naturgemäß dahin, zu verbinden, was +eifersüchtige Staatskunst so lange auseinandergehalten. Noch mehr: es +liegt im Wesen der Civilisation, daß sie sich ausbreiten kann, ohne +deßhalb da, von wo sie ausgegangen, zu erlöschen. Ihr allmähliges +Vorrücken von Ost nach West, von Asien nach Europa, beweist nichts gegen +diesen Satz. Ein starkes Licht behält seinen Glanz, auch wenn es einen +größerm Raum beleuchtet. Geistesbildung, die fruchtbare Quelle des +Nationalwohlstands, theilt sich durch Berührung mit; sie breitet sich +aus, ohne von der Stelle zu rücken. Ihre Bewegung vorwärts ist keine +Wanderung; im Orient kam uns dieß nur so vor, weil barbarische Horden +sich Egyptens, Kleinasiens bemächtigt hatten, und Griechenlands, des +einst freien, der verlassenen Wiege der Cultur unserer Väter. + +Die Verwilderung der Völker ist eine Folge der Unterdrückung durch +einheimischen Despotismus oder durch einen fremden Eroberer; mit ihr +Hand in Hand geht immer steigende Verarmung, Versiegung des öffentlichen +Wohlstands. Freie, starke, den Interessen Aller entsprechende +Staatsformen halten diese Gefahren fern, und die Zunahme der Cultur in +der Welt, die Mitwerbung in Arbeit und Austausch bringen Staaten nicht +herab, deren Gedeihen aus natürlicher Quelle fließt. Das gewerbfleißige +und handeltreibende Europa wird aus der neuen Ordnung der Dinge, wie sie +sich im spanischen Amerika gestaltet, seinen Nutzen ziehen, wie ihm die +Steigerung der Consumtion zu gute käme, wenn der Weltlauf der Barbarei +in Griechenland, auf der Nordküste von Afrika und in andern Ländern, auf +denen die Tyrannei der Ottomanen lastet, ein Ende machte. Die einzige +Gefahr, die den Wohlstand des alten Continents bedrohte, wäre, wenn die +innern Zwiste kein Ende nahmen, weiche die Production niederhalten und +die Zahl der Verzehrenden und zu gleicher Zeit deren Bedürfnisse +verringern. Im spanischen Amerika geht der Kampf, der sechs Jahre, +nachdem ich es verlassen, ausgebrochen, allmählich seinem Ende entgegen. +Bald werden wir unabhängige, unter sehr verschiedenen Verfassungsformen +lebende, aber durch das Andenken gemeinsamer Herkunft, durch dieselbe +Sprache und durch die Bedürfnisse, wie sie von selbst aus der Cultur +entspringen, verknüpfte Völker auf beiden Ufern des atlantischen Oceans +wohnen sehen. Man kann wohl sagen, durch die ungeheuren Fortschritte in +der Schifffahrtskunst sind die Meeresbecken enger geworden. Schon jetzt +erscheint unsern Blicken das atlantische Meer als ein schmaler Canal, +der die neue Welt und die europäischen Handelsstaaten nicht weiter +auseinander hält, als in der Kindheit der Schifffahrt das Mittelmeer die +Griechen in Peloponnes und die in Ionien, auf Sicilien und in Cyrenaica +auseinander hielt. + +Allerdings wird noch manches Jahr vergehen, bis siebzehn Millionen, über +eine Länderstrecke zerstreut, die um ein Fünftheil größer ist als ganz +Europa, durch Selbstregierung zu einem festen Gleichgewicht kommen. Der +eigentlich kritische Zeitpunkt ist der, wo es lange Zeit unterjochten +Völkern auf einmal in die Hand gegeben ist, ihr Leben nach den +Erfordernissen ihres Wohlergehens einzurichten. Man hört immer wieder +behaupten, die Hispano-Amerikaner seyen für freie Institutionen nicht +weit genug in der Cultur vorgeschritten. Es ist noch nicht lange her, so +sagte man dasselbe von andern Völkern aus, bei denen aber die +Civilisation überreif seyn sollte. Die Erfahrung lehrt, daß bei Nationen +wie beim Einzelnen das Glück ohne Talent und Wissen bestehen kann; aber +ohne läugnen zu wollen, daß ein gewisser Grad von Aufklärung und +Volksbildung zum Bestand von Republiken oder constitutionellen +Monarchien unentbehrlich ist, sind wir der Ansicht, daß dieser Bestand +lange nicht so sehr vom Grade der geistigen Bildung abhängt, als von der +Stärke des Volkscharakters, vom Verein von Thatkraft und Ruhe, von +Leidenschaftlichkeit und Geduld, der eine Verfassung aufrecht und am +Leben erhält, ferner von den örtlichen Zuständen, in denen sich das Volk +befindet, und von den politischen Verhältnissen zwischen einem Staate +und seinen Nachbarstaaten. + +Wenn die heutigen Colonien nach ihrer Emancipation mehr oder weniger zu +republikanischer Verfassungsform hinneigen, so ist die Ursache dieser +Erscheinung nicht allein im Nachahmungstrieb zu suchen, der bei +Volksmassen noch mächtiger ist als beim Einzelnen; sie liegt vielmehr +zunächst im eigenthümlichen Verhältniss, in dem eine Gesellschaft sich +befindet, die sich auf einmal von einer Welt mit älterer Cultur +losgetrennt, aller äußern Bande entledigt sieht und aus Individuen +besteht, die nicht Einer Kaste das Uebergewicht im Staate zugestehen. +Durch die Vorrechte, welche das Mutterland einer sehr beschränkten +Anzahl von Familien in Amerika ertheilte, hat sich dort durchaus nicht +gebildet, was in Europa eine Adelsaristokratie heißt. Die Freiheit mag +in Anarchie oder durch die vorübergehende Usurpation eines verwegenen +Parteihauptes zu Grunde gehen, aber die wahren Grundlagen der Monarchie +sind im Schooße der heutigen Colonien nirgends zu finden. Nach Brasilien +wurden sie von außen hereingebracht zur Zeit, da dieses gewaltige Land +des tiefsten Friedens genoß, während das Mutterland unter ein fremdes +Joch gerathen war. + +Ueberdenkt man die Verkettung menschlicher Geschicke, so sieht man +leicht ein, wie die Existenz der heutigen Colonien, oder vielmehr wie +die Entdeckung eines halb mensehenleeren Continents, auf dem allein eine +so erstaunliche Entwicklung des Colonialsystems möglich war, +republikanische Staatsformen in großem Maßstab und in so großer Zahl +wieder ins Leben rufen mußte. Nach der Anschauung berühmter +Schriftsteller sind die Umwandlungen auf dem Boden der Gesellschaft, +welche ein bedeutender Theil von Europa in unsern Tagen erlitten hat, +eine Nachwirkung der religiösen Reform zu Anfang des sechzehnten +Jahrhunderts. Es ist nicht zu vergessen, daß in diese denkwürdige Zeit, +in der ungezügelte Leidenschaften und der Hang zu starren Dogmen die +Klippen der europäischen Staatskunst waren, auch die Eroberung von +Mexico, Peru und Cundinamarca fällt, eine Eroberung, durch die, wie sich +der Verfasser des Esprit des lois so schön ausdrückt, das Mutterland +eine unermeßliche Schuld auf sich genommen, die es der Menschheit +abzutragen hat. Ungeheure Provinzen wurden durch castilianische +Tapferkeit den Ansiedlern aufgethan und durch die Bande gemeinsamer +Sprache, Sitte und Gottesverehrung verknüpft. Und so hat denn durch das +merkwürdigste Zusammentreffen von Ereignissen die Regierung des +mächtigsten und unumschränktesten Monarchen Europas, Carls V., die Keime +ausgestreut zum Kampfe des neunzehnten Jahrhunderts und den Grund gelegt +zu den staatlichen Vereinen, die, eben erst ins Leben getreten, uns +durch ihren Umfang und die Gleichförmigkeit der dabei herrschenden +Grundsätze in Erstaunen setzen. Befestigt sich die Emancipation des +spanischen Amerika, wie man bis jetzt mit allem Grund hoffen darf, so +sieht ein Meeresarm, der atlantische Ocean, auf seinen beiden Ufern +Regierungsformen, die, so grundverschieden sie sind, einander nicht +nothwendig feindselig gegenübertreten. Nicht allen Völkern beider Welten +mag dieselbe Verfassung zum Heile gereichen; der wachsende Wohlstand +einer Republik ist kein Schimpf für monarchische Staaten, so lange sie +mit Weisheit und Achtung vor den Gesetzen und den öffentlichen +Freiheiten regiert werden. + +Seit die Entwicklung der Schifffahrtskunst und die sich steigernde +Thätigkeit der Handelsvölker die Küsten der beiden Festländer einander +näher gerückt haben, seit die Havana, Rio Janeiro und der Senegal uns +kaum entlegener vorkommen als Cadix, Smyrna und die Häfen des baltischen +Meeres, nimmt man Anstand, die Leser mit einer Ueberfahrt von der Küste +von Caracas nach der Insel Cuba zu behelligen. Das Meer der Antillen ist +so bekannt wie das Becken des Mittelmeers, und wenn ich hier aus meinem +Seetagebuch einige Beobachtungen niederlege, so thue ich es nur, um den +Faden meiner Reisebeschreibung nicht zu verlieren und allgemeine +Betrachtungen über Meteorologie und physische Geographie daran zu +knüpfen. Um die wechselnden Zustände der Atmosphäre recht kennen zu +lernen, muß man am Abhang der Gebirge und auf der unermeßlichen +Meeresfläche beobachten; in einem Forscher, der seinen Scharfsinn im +Befragen der Natur lange nur im Studirzimmer geübt hat, mögen schon auf +der kleinsten Ueberfahrt, auf einer Reise von den Canarien nach Madera, +ganz neue Ansichten sich gestalten. + +Am 24. November um neun Uhr Abends gingen wir auf der Rhede von Nueva +Barcelona unter Segel und fuhren um die kleine Felseninsel Borrachita +herum. Zwischen derselben und Gran Borracha ist eine tiefe Straße. Die +Nacht brachte die Kühle, welche den tropischen Nächten eigen ist und +einen angenehmen Eindruck macht, von dem man sich erst Rechenschaft +geben kann, wenn man die nächtliche Temperatur von 23 bis 24 Graden des +hunderttheiligen Thermometers mit der mittleren Tagestemperatur +vergleicht, die in diesen Strichen, selbst auf den Küsten, meist 28 bis +29 Grad beträgt. Tags darauf, kurz nach der Beobachtung um Mittag, +befanden wir uns im Meridian der Insel Tortuga; sie ist, gleich den +Eilanden Coche und Cubagua, ohne Pflanzenwuchs und erhebt sich +auffallend wenig über den Meeresspiegel. Da man in neuester Zeit über +die astronomische Lage von Tortuga Zweifel geäußert hat, so bemerke ich +hier, daß Louis Berthouds Chronometer mir für den Mittelpunkt der Insel +0°49′40″ westwärts von Nueva Barcelona ergab; diese Länge ist aber doch +wohl noch ein wenig zu weit westlich. + +Am 26. November. — Windstille, auf die wir um so weniger gefaßt waren, +da der Ostwind in diesen Strichen von Anfang Novembers an meist sehr +stark ist, während vom Mai bis Oktober von Zeit zu Zeit die Nordwest- +und die Südwinde auftreten. Bei Nordwestwind bemerkt man eine Strömung +von West nach Ost, welche zuweilen zwei, drei Wochen lang die Fahrt von +Carthagena nach Trinidad beschleunigt. Der Südwind gilt auf der ganzen +Küste von Terra firma für sehr ungesund, weil er (so sagt das Volk) die +fauligten Effluvien aus den Wäldern am Orinoco herführt. Gegen neun Uhr +Morgens bildete sich ein schöner Hof um die Sonne, und im selben Moment +fiel in der tiefen Luftregion der Thermometer plötzlich um 3½ Grad. War +dieses Fallen die Folge eines niedergehenden Luftstroms? Der einen Grad +breite Streif, der den Hof bildete, war nicht weiß, sondern hatte die +lebhaftesten Regenbogenfarben, während das Innere des Hofes und das +ganze Himmelsgewölbe blau waren ohne eine Spur von Dunst. + +Wir verloren nachgerade die Insel Margarita aus dem Gesicht, und ich +versuchte die Höhe der Felsgruppe Macanao zu bestimmen. Sie erschien +unter einem Winkel von 0°16′35″, woraus sich beim geschätzten Abstand +von 60 Seemeilen für den Glimmerschieferstock Macanao eine Höhe von etwa +660 Toisen ergäbe, und dieses Resultat[^190] läßt mich in einem +Erdstrich, wo die irdischen Refractionen so gleichförmig sind, +vermuthen, daß wir uns nicht so weit von der Insel befanden, als wir +meinten. Die Kuppel der Silla bei Caracas, die in Süd 62° West liegen +blieb, fesselte lange unsern Blick. Mit Vergnügen betrachtet man den +Gipfel eines hohen Berges, den man nicht ohne Gefahr bestiegen hat, wie +er nach und nach unter den Horizont sinkt. Wenn die Küste dunstfrei ist, +muß die Silla auf hoher See, den Einfluß der Refraction nicht gerechnet, +auf 33 Meilen zu sehen seyn.[^191] An diesem und den folgenden Tagen war +die See mit einer bläulichten Haut bedeckt, die unter dem +zusammengesetzten Microscop aus zahllosen Fäden zu bestehen schien. Man +findet dergleichen Fäden häufig im Golfstrom und im Canal von Bahama, so +wie im Seestrich von Buenos Ayres. Manche Naturforscher halten sie für +Reste von Molluskeneiern, mir schienen sie vielmehr zerriebene Algen zu +seyn. Indessen scheint das Leuchten der See durch sie gesteigert zu +werden, namentlich zwischen dem 28. und 30. Grad der Breite, was +allerdings auf thierischen Ursprung hindeutete. + +Am 27. November. Wir rückten langsam auf die Insel Orchila zu; wie alle +kleinen Eilande in der Nähe der fruchtbaren Küste von Terra firma ist +sie unbewohnt geblieben. Ich fand die Breite des nördlichen Vorgebirges +11°51′44″ und die Länge des östlichen Vorgebirges 68°26′5″ (Nueva +Barcelona zu 67°4′48″ angenommen). Dem westlichen Cap gegenüber liegt +ein Fels, an dem sich die Wellen mit starkem Getöse brechen. Einige mit +dem Sextanten aufgenommene Winkel ergaben für die Länge der Insel von +Ost nach West 8,4 Seemeilen (zu 950 Toisen), für die Breite kaum +3 Seemeilen. Die Insel Orchila, die ich mir nach ihrem Namen als ein +dürres, mit Flechten bedecktes Eiland vorgestellt hatte, zeigte sich +jetzt in schönem Grün; die Gneißhügel waren mit Gräsern bewachsen. Im +geologischen Bau scheint Orchila im Kleinen mit der Insel Margarita +übereinzukommen; sie besteht aus zwei, durch eine Landzunge verbundenen +Felsgruppen; jene ist ein mit Sand bedeckter Isthmus, der aussieht, als +wäre er beim allmähligen Sinken des Meeresspiegels aus dem Wasser +gestiegen. Die Felsen erschienen hier, wie überall, wo sie sich einzeln +steil aus der See erheben, weit höher, als sie wirklich sind; sie sind +kaum 80 bis 90 Toisen hoch. Gegen Nordwest streicht die Punta rasa +hinaus und verliert sich als Untiefe im Wasser. Sie kann den Schiffen +gefährlich werden, wie auch der Mogote, der, zwei Seemeilen vom +westlichen Cap, von Klippen umgeben ist. Wir betrachteten diese Felsen +ganz in der Nähe und sahen die Gneißschichten nach Nordwest fallen und +von dicken Quarzlagern durchzogen. Von der Verwitterung dieser Lager +rührt ohne Zweifel der Sand des umgebenden Strandes her. Ein paar +Baumgruppen beschatten die Gründe; oben auf den Hügeln stehen Palmen mit +fächerförmigem Laub. Es ist wahrscheinlich die Palma de sombrero der +Llanos (Corypha tectorum). Es regnet wenig in diesen Strichen, indessen +fände man auf der Insel Orchila wahrscheinlich doch einige Quellen, wenn +man sie so eifrig suchte, wie im Glimmerschiefergestein auf Punta Araya. +Wenn man bedenkt, wie viele dürre Felseneilande zwischen dem 16. und +26. Grad der Breite im Archipel der kleinen Antillen und der +Bahama-Inseln bewohnt und gut angebaut sind, so wundert man sich, diese +den Küsten von Cumana, Barcelona und Caracas so nahe gelegenen Eilande +wüste liegen zu sehen. Es wäre längst anders, wenn sie unter einer +andern Regierung als unter der von Terra firma ständen. Nichts kann +Menschen veranlassen, ihre Thätigkeit auf den engen Bezirk einer Insel +zu beschränken, wenn das nahe Festland ihnen größere Vortheile bietet. + +Bei Sonnenuntergang kamen uns die zwei Spitzen der Roca de afuera zu +Gesicht, die sich wie Thürme aus der See erheben. Nach der Aufnahme mit +dem Compaß liegt der östlichste dieser Felsen 0°19′ westwärts vom +westlichen Cap von Orchila. Die Wolken blieben lange um diese Insel +geballt, so daß man ihre Lage weit in See erkannte. Der Einfluß, den +eine kleine Landmasse auf die Verdichtung der 800 Toisen hoch +schwebenden Wasserdünste äußert, ist eine sehr auffallende Erscheinung, +aber allen Seefahrern wohl bekannt. Durch diese Ansammlung von Wolken +erkennt man die Lage der niedrigsten Inseln in sehr bedeutender +Entfernung. + +Am 29. November. Bei Sonnenaufgang sahen wir fast dicht am +Meereshorizont die Kuppel der Silla bei Caracas noch ganz deutlich. Wir +glaubten 39 bis 40 Meilen (Lieues) davon entfernt zu seyn, woraus, die +Höhe des Berges (1350 Toisen), seine astronomische Lage und den +Schiffsort als richtig bestimmt angenommen, eine für diese Breite etwas +starke Refraction zwischen ¹⁄₆ und ¹⁄₇, folgte. Um Mittag verkündeten +alle Zeichen am Himmel gegen Nord einen Witterungswechsel; die Luft +kühlte sich auf einmal auf 22°8 ab, während die See an der Oberfläche +eine Temperatur von 25°6 behielt. Während der Beobachtung um Mittag +brachten daher auch die Schwingungen des Horizonts, der von schwarzen +Streifen oder Bändern von sehr veränderlicher Breite durchzogen war, +einen Wechsel von 3 bis 4 Minuten in der Refraction hervor. Bei ganz +stiller Luft fing die See an hoch zu gehen; Alles deutete auf einen +Sturm zwischen den Caymanseilanden und dem Cap San Antonio. Und wirklich +sprang am 30. November der Wind auf einmal nach Nordnordost um, und die +Wogen wurden ausnehmend hoch. Gegen Nord war der Himmel schwarzblau, und +unser kleines Fahrzeug schlingerte um so stärker, da man im Anschlagen +der Wellen zwei sich kreuzende Seen unterschied, eine aus Nord, eine +andere aus Nordnordost. Auf eine Seemeile weit bildeten sich Wasserhosen +und liefen rasch von Nordnordost nach Nordnordwest. So oft die +Wasserhose uns am nächsten kam, fühlten wir den Wind stärker werden. +Gegen Abend brach durch die Unvorsichtigkeit unseres amerikanischen +Kochs Feuer auf dem Oberleuf aus. Es wurde leicht gelöscht; bei sehr +schlimmem Wetter mit Windstößen, und da wir Fleisch geladen hatten, das +des Fettes wegen ungemein leicht brennt, hätte aber das Feuer rasch um +sich greifen können. Am 1. December Morgens wurde die See allmählig +ruhiger, je mehr sich der Wind in Nordost festsetzte. Ich war zu dieser +Zeit des gleichförmigen Ganges meines Chronometers ziemlich gewiß; der +Capitän wollte aber zur Beruhigung einige Punkte der Insel St. Domingo +peilen. Am 2. December kam wirklich Cap Beata in Sieht, an einem Punkt, +wo wir schon lange Wolkenhaufen gesehen hatten. Nach Höhen des Achernar, +die ich in der Nacht aufnahm, waren wir 64 Seemeilen davon entfernt. In +dieser Nacht beobachtete ich eine sehr interessante optische +Erscheinung, die ich aber nicht zu erklären versuche. Es war über zwölf +ein halb Uhr; der Wind wehte schwach aus Ost; der Thermometer stand auf +23°2, der Fischbein-Hygrometer auf 57°. Ich war ans dem Oberleuf +geblieben, um die Culmination einiger großen Sterne zu beobachten. Der +volle Mond stand sehr hoch. Da auf einmal bildete sich auf der Seite des +Mondes, 45 Minuten vor seinem Durchgang durch den Meridian, ein großer +Bogen in allen Farben des Spectrums, aber unheimlich anzusehen. Der +Bogen reichte über den Mond hinaus; der Streifen in den Farben des +Regenbogens war gegen zwei Grad breit und seine Spitze schien etwa 80 +bis 85 Grad über dem Meereshorizont zu liegen. Der Himmel war vollkommen +rein, von Regen keine Spur; am auffallendsten war mir aber, daß die +Erscheinung, die vollkommen einem Mondregenbogen glich, sich nicht dem +Mond gegenüber zeigte. Der Bogen blieb 8 bis 10 Minuten, scheinbar +wenigstens, unverrückt; im Moment aber, wo ich versuchte, ob er durch +Reflexion im Spiegel des Sextanten zu sehen seyn werde, fing er an sich +zu bewegen und über den Mond und Jupiter, der nicht weit unterhalb des +Mondes stand, hinabzurücken. Es war zwölf Uhr vierundfünfzig Minuten +(wahre Zeit), als die Spitze des Bogens unter dem Horizont verschwand. +Diese Bewegung eines farbigen Bogens setzte die wachhabenden Matrosen +auf dem Oberlauf in Erstaunen; sie behaupteten, wie beim Erscheinen +jedes auffallenden Meteors, »das bedeute Sturm.« Arago hat die Zeichnung +dieses Bogens in meinem Reisetagebuche untersucht; nach seiner Ansicht +hätte das im Wasser reflektirte Bild des Mondes keinen Hof von so großem +Durchmesser geben können. Die Raschheit der Bewegung ist ein weiteres +Moment, das diese Erscheinung, die alle Beachtung verdient, ebenso +schwer erklärlich macht. + +Am 3. December. Man war unruhig, weil sich ein Fahrzeug sehen ließ, das +man für einen Caper hielt. Als es auf uns zukam, sah man, daß es die +Balandra del Frayle (Goelette des Mönchs) war. Was eine so seltsame +Benennung sagen wollte, war mir unklar. Es war aber nur das Fahrzeug +eines Missionärs vom Franciscanerorden (Frayle Observante), eines sehr +reichen Pfarrers eines indianischen Dorfs in den Llanos von Barcelona, +der seit mehreren Jahren einen kleinen, ziemlich einträglichen +Schmuggelhandel mit den dänischen Inseln trieb. In der Nacht sahen +Bonpland und mehrere andere Passagiere auf eine Viertels-Seemeile unter +dem Wind eine kleine Flamme an der Meeresfläche, die gegen Südwest +fortlief und die Luft erhellte. Man spürte keinen Erdstoß, keine +Aenderung in der Richtung der Wellen. War es ein phosphorischer Schein, +den eine große Masse faulender Mollusken verbreitete, oder kam die +Flamme vom Meeresboden herauf, wie solches zuweilen in von Vulkanen +erschütterten Seestrichen beobachtet worden seyn soll? Letztere Annahme +scheint mir durchaus unwahrscheinlich. Vulkanische Flammen können nur +dann aus den Wellen hervorbrechen, wenn der feste Boden des Meeres +bereits emporgehoben ist, so daß Flammen und glühende Schlacken aus dem +obern gewölbten und zerklüfteten Theil hervorkommen und nicht durch das +Wasser selbst hindurchgehen. + +Am 4. December. Um zehn ein halb Uhr Morgens befanden wir uns unter dem +Meridian des Vorgebirgs Bacco (Punta Abaccu), dessen Länge ich gleich +76°7′50″ oder 90°3′2″ von Nueva Barcelona fand. Im Frieden laufen, nach +dem alten Brauch der spanischen Schiffer, die Fahrzeuge, die zwischen +Cumana oder Barcelona und der Havana mit Salzfleisch Handel treiben, +durch den Canal von Portorico und über »den alten« Canal nördlich von +Cuba; zuweilen gehen sie auch zwischen Cap Tiburon und Cap Morant durch +und fahren an der Nordküste von Jamaica hin. In Kriegszeiten gelten +diese Wege für gleich gefährlich, weil man zu lange im Angesicht des +Landes bleibt. Aus Furcht vor den Capern fuhren wir daher, sobald wir +den Parallel von 17 Grad erreicht hatten, gerade über die Bank Vibora, +bekannter unter dem Namen Pedro Shoals. Diese Bank ist über 280 +Quadratseemeilen groß und ihr Umriß fällt dem Geologen stark ins Auge, +weil derselbe mit dem des benachbarten Jamaica so große Aehnlichkeit +hat. Es ist als hätte eine Erhebung des Meerbodens die Wasserfläche +nicht erreichen können, um sofort eine Insel zu bilden, fast so groß wie +Portorico. Seit dem fünften December glaubten die Steuerleute in großer +Entfernung nach einander die Ranaseilande (Morant Kays), Cap Portland +und Pedro Kays zu peilen. Wahrscheinlich irrte man sich bei mehreren +dieser Peilungen vom Mastkorbe aus; ich habe dieser Bestimmungen +anderswo Erwähnung gethan,[^192] nicht um sie gegen die Beobachtungen +geübter englischer Seefahrer in diesen stark befahrenen Seestrichen +aufzustellen, sondern allein, um die Punkte, die ich in den Wäldern am +Orinoco und im Archipel der Antillen bestimmt, zu Einem System von +Beobachtungen zu verknüpfen. Die milchigte Farbe des Wassers zeigte uns, +daß wir uns am östlichen Rande der Bank befanden; der hunderttheilige +Thermometer, der an der Meeresfläche weit ab von der Bank seit mehreren +Tagen auf 27° und 27°3 gestanden hatte (bei einer Lufttemperatur von +21°2), fiel schnell auf 25°7. Das Wetter war vom vierten bis zum +sechsten December sehr schlecht; es regnete in Strömen, in der Ferne +tobte ein Gewitter und die Windstöße aus Nordnordwest wurden immer +heftiger. In der Nacht befanden wir uns eine Zeitlang in einer ziemlich +bedenklichen Lage. Man hörte vor dem Vordertheil die See an Klippen +branden, auf die das Schiff zulief. Beim phosphorischen Schein des +schäumenden Meeres sah man, in welcher Richtung die Riffe lagen. Das sah +fast aus wie der Raudal von Garcita und andere Stromschnellen, die wir +im Bett des Orinoco gesehen. Der Capitän schob die Schuld weniger auf +die Nachlässigkeit des Steuermanns, als auf die Mangelhaftigkeit der +Seekarten. Es gelang das Schiff zu wenden, und in weniger als einer +Viertelstunde waren wir außer aller Gefahr. Das Senkblei zeigte zuerst +9, dann 12, dann 15 Faden. Wir legten die Nacht vollends bei; der +Nordwind drückte den Thermometer auf 19°7 (15°7 Reaumur) herab. Am +andern Tag fand ich nach chronometrischer Beobachtung in Verbindung mit +der corrigirten Schätzung vom vorigen Tag, daß jene Klippen ungefähr +unter 16°50′ der Breite und 80°43′49″ der Länge liegen. Die Klippe, an +der das spanische Schiff el Monarca im Jahr 1798 beinahe zu Grunde +gegangen wäre, liegt unter 16°44′ der Breite und 80°23′ der Länge, also +viel weiter gegen Ost. Während wir von Südsüdost nach Nordnordwest über +die Bank Vibora fuhren, versuchte ich es oft die Temperatur des +Meerwassers an der Oberfläche zu messen. Mitten auf der Bank war die +Abkühlung nicht so stark als an den Rändern, was wir den Strömungen +zuschrieben, die in diesen Strichen die Wasser verschiedener Breiten +mischen. Südwärts von Pedro Kays zeigte die Meeresfläche bei 25 Faden +Tiefe 26°4, bei 15 Faden Tiefe 26°2. Oestlich von der Bank war die +Temperatur der See 26°8 gewesen. Diese Versuche können in diesen +Strichen nur dann genaue Resultate geben, wenn man sie zu einer Zeit +anstellt, wo der Wind nicht aus Nord bläst und die Strömungen nicht so +stark sind. Die Nordwinde und die Strömungen kühlen nach und nach das +Wasser ab, selbst wo die See sehr tief ist. Südwärts vom Cap Corientes +unter 20°43′ der Breite fand ich die Temperatur des Meeres an der +Oberfläche 24°6, die der Luft 19°8. Manche amerikanische Schiffer +versichern, zwischen den Bahamainseln merken sie oft, wenn sie in der +Cajüte sitzen, ob sie sich über Untiefen befinden; sie behaupten, die +Lichter bekommen kleine Höfe in den Regenbogenfarben und die +ausgeathmete Luft verdichte sich zu sichtbarem Dunst. Letzteres Factum +ist denn doch wohl zu bezweifeln; unterhalb dem 30. Grad der Breite ist +die Erkältung durch das Wasser der Untiefen nicht bedeutend genug, um +diese Erscheinung hervorzubringen. Während wir über die Bank Vibora +liefen, war der Zustand der Luft ganz anders, als gleich nachdem wir sie +verlassen hatten. Der Regen hielt sich innerhalb der Grenzen der Bank, +und wir konnten von ferne ihren Umriß an den Dunstmassen erkennen, die +darauf lagerten. + +Am 9. December. Je näher wir den Caymanseilanden[^193] kamen, desto +stärker wurde wieder der Nordostwind. Trotz des stürmischen Wetters +konnte ich einige Sonnenhöhen aufnehmen, als wir uns auf 12 Seemeilen +Entfernung im Meridian des Gran-Cayman, der mit Cocosbäumen bewachsen +ist, zu befinden glaubten. Ich habe anderswo die Lage des Gran-Cayman +und der beiden Eilande ostwärts von demselben erörtert. Seit lange find +diese Punkte auf unsern hydrographischen Karten sehr unsicher, und ich +fürchte nicht glücklicher gewesen zu seyn als andere Beobachter, die +ihre wahre Lage ausgemacht zu haben glaubten. Die schönen Karten des +Deposito zu Madrid gaben dem Ostcap von Gran-Cayman zu verschiedenen +Zeiten 82°58′ (von 1799—1804), 83°43′ (1809), wieder 82°59′ (1821). +Letztere Angabe, die auf der Karte von Barcaiztegui aufgenommen ist, +stimmt mit der überein, bei der ich stehen geblieben war; aber nach der +Versicherung eines ausgezeichneten Seefahrers, des Contreadmirals +Roussin, dem man eine ausgezeichnete Arbeit über die Küsten von +Brasilien verdankt, scheint es jetzt ausgemacht, daß das westliche +Vorgebirge von Gran-Cayman unter 83°45′ der Länge liegt. + +Das Wetter war fortwährend schlecht und die See ging ungemein hoch; der +Thermometer stand zwischen 19°2 und 20°3 (15°4—16°2 Reaumur). Bei dieser +niedrigen Temperatur wurde der Geruch des Salzfleisches, mit dem das +Schiff beladen war, noch unerträglicher. Der Himmel zeigte zwei +Wolkenschichten; die untere war sehr dick und wurde ausnehmend rasch +gegen Südost gejagt, die obere stand still und war in gleichen Abständen +in gekräuselte Streifen getheilt. In der Nähe des Cap San Antonio legte +sich der Wind endlich. Ich fand die Nordspitze des Caps unter 87°17′22″, +oder 2°34′14″ ostwärts vom Morro von Havana gelegen. Diese Länge geben +demselben die besten Karten noch jetzt. Wir waren noch drei Seemeilen +vom Lande, und doch verrieth sich die Nähe von Cuba durch einen +köstlichen aromatischen Geruch. Die Seeleute versichern, wenn man sich +dem Vorgebirge Catoche an der dürren Küste von Mexico nähere, sey kein +solcher Geruch zu spüren. Sobald das Wetter heiterer wurde, stieg der +Thermometer im Schatten nach und nach auf 27 Grad; wir rückten rasch +nach Norden vor mittelst einer Strömung aus Süd-Süd-Ost, deren +Temperatur an der Wasserfläche 26°7 betrug, während ich außerhalb +derselben Strömung nur 24°6 gefunden hatte. In der Besorgniß, ostwärts +von der Havana zu kommen, wollte man anfangs die Schildkröteninseln (Dry +Tortugas) am Südwestende der Halbinsel Florida aufsuchen; aber seit Cap +San Antonio in Sicht gewesen, hatten wir zu Louis Berthouds Chronometer +so großes Zutrauen gefaßt, daß solches überflüssig erschien. Wir +ankerten im Hafen der Havana am 19. December nach einer fünf und +zwanzigtägigen Fahrt bei beständig schlechtem Wetter. + +Anmerkungen zur Transkription +============================= + +Zwei Google-Digitalisate dienten als Vorlage, tesseract besorgte die OCR +und pandoc die Konversion nach HTML, EPUB und TXT. + +Die Markdown-Source steht unter +http://github.com/rwst/book-humboldt-reise zur Verfügung. Für +Fehlermeldungen benutzen Sie bitte den dortigen Tracker. + +[^1]: Die drei letztgenannten Arten sind neu. + +[^2]: Zwei spanische Worte, die, entsprechend einer lateinischen Form, + Palmwälder (palmetum) und Fichtenwälder (pinetum) bedeuten. + +[^3]: Ich nenne hier die zwei von Ost nach West streichenden Bergketten, + welche zwischen dem 3°30′ nördlicher und dem 14° südlicher Breite + die Thäler oder Becken des Cassiquiare, Rio Negro und Amazonenstroms + begrenzen. + +[^4]: S. Bd. III. Seite 198. + +[^5]: S. Bd. III. Seite 390. + +[^6]: Es ist auffallend, daß der blaue Nil (Bahar el azrek) bei manchen + arabischen Geographen der grüne Nil heißt, und daß die persischen + Dichter zuweilen den Himmel grün (akhza), sowie den Beryll blau + (zark) nennen. Man kann doch nicht annehmen, daß die Völker vom + semitischen Stamm in ihren Sinneseindrücken grün und blau + verwechseln, wie nicht selten ihr Ohr die Vokale o und u, e und i + verwechselt. Das Wort azrek wird von jedem sehr klaren, nicht + milchigten Wasser gebraucht, und abirank (wasserfarbig) bedeutet + blau. Abd-Allatif, wo er vom klaren grünen Arm des Nils spricht, der + aus einem See im Gebirge südöstlich von Sennaar entspringt, schreibt + bereits die grüne Farbe dieses Alpsees »vegetabilischen Substanzen + zu, die sich in den stehenden Wassern in Menge finden.« Weiter oben + (Bd. III. Seite 266) habe ich die gefärbten, unrichtig aguas negras + genannten Wasser ebenso erklärt. Ueberall sind die klarsten, + durchsichtigsten Wasser gerade solche, die nicht weiß sind. + +[^7]: Eine Hütte aus einem angebauten Grundstück, eine Art Landhaus, wo + sich die Eingeborenen lieber aufhalten als in den Missionen. + +[^8]: En el monte. Man unterscheidet zwischen Indianern, die in den + Missionen, und solchen die in den Wäldern geboren sind. Das Wort + Monte wird in den Colonien häufiger für Wald (bosque) gebraucht als + für Berg, und dieser Umstand hat auf unsern Karten große Irrthümer + veranlaßt, indem man Bergletten (sierras) einzeichnete, wo nichts + als dicker Wald, monte espesoso, ist. + +[^9]: Einige Fälle, wo von Negern auf Tuba Kinder geraubt wurden, gaben + in den spanischen Colonien Anlaß zum Glauben, als gebe es unter den + afrikanischen Völkerschaften Anthropophagen. Einige Reisende + behaupten solches, es wird aber durch Barrow’s Beobachtungen im + innern Afrika widerlegt. Abergläubische Gebräuche mögen Anlaß zu + Beschuldigungen gegeben haben, die wohl so ungerecht sind als die, + unter denen in den Zeiten der Intoleranz und der Verfolgungssucht + die Juden zu leiden hatten. + +[^10]: Cardinal Bembo sagt: »Insularum partem homines incolebant feri + trucesque, qui puerorum et virorum carnibus, quos allüs in insulis + bello aut latrocinüs coepissent, vescebantur; a feminis abstinebant, + Canibales appellati.« Ist das Wort Cannibale, das hier von den + Caraiben auf den Antillen gebraucht wird, aus einer der Sprachen + dieses Archipels (der haitischen) oder hat man es in einer Mundart + zu suchen, die in Florida zu Hause ist, das nach einigen Sagen die + ursprüngliche Heimath der Caraiben seyn soll? Hat das Wort überhaupt + einen Sinn, so scheint es vielmehr »starke, tapfere Fremde« als + Menschenfresser zu bedeuten. Garcia in seinen etymologischen + Phantasieen erklärt es geradezu für phönikisch. Annibal und Cannibal + können nach ihm nur von derselben semitischen Wurzel herkommen. + +[^11]: Abd-Allatif, Médecin de Bagdad, Relation de l’Égypte, trad. par + Silvestre de Sacy. —- »Als die Armen anfingen Menschenfleisch zu + essen, war der Abscheu und das Entsetzen über so gräßliche Gerichte + so groß, daß von nichts als von diesen Greueln gesprochen wurde; man + gewöhnte sich aber in der Folge dergestalt daran und man fand so + großen Geschmack an der entsetzlichen Speise, daß man reiche und + ganz ehrbare Leute sie für gewöhnlich genießen, zum Festessen + machen, ja Vorräthe davon anlegen sah. Es kamen verschiedene + Zubereitungsarten des Fleisches auf, und da der Brauch einmal + bestand, verbreitete er sich auch über die Provinzen, so daß aller + Orten in Egypten Fälle vorkamen. Und da verwunderte man sich gar + nicht mehr darüber; das Entsetzen, das man zu Anfang darob + empfunden, schwand ganz und gar, und man sprach davon und hörte + davon sprechen als von etwas Gleichgültigem und Alltäglichem. Die + Suche, einander aufzuessen, griff unter den Armen dergestalt um + sich, daß die meisten auf diese Weise umkamen. Die Gierenden + brauchten alle möglichen Listen, um Menschen zu überfallen oder sie + unter falschem Vorgeben zu sich ins Haus zu locken. Von den Aerzten, + die zu mir kamen, verfielen drei diesem Loos, und ein Buchhändler, + der Bücher an mich verkaufte, ein alter, sehr fetter Mann, fiel in + ihre Netze und kam nur mit knapper Noth davon. Alle Vorfälle, von + denen wir als Augenzeugen berichten, sind uns zufällig vor Augen + gekommen, denn meist gingen wir einem Anblick aus dem Wege, der uns + mit solchem Entsetzen erfüllte.« + +[^12]: »Es gibt Regen, weil man die Gießbäche näher rauschen hört,« + heißt es in den Alpen wie in den Anden. Deluc hat die Erscheinung + dadurch zu erklären versucht, daß in Folge eines Wechsels im + barometrischen Druck mehr Luftblasen an der Wasserfläche platzen. + Diese Erklärung ist so gezwungen als unbefriedigend. Ich will ihr + keine andere Hypothese entgegenstellen, ich mache nur darauf + aufmerksam, daß die Erscheinung auf einer Modifikation der Luft + beruht, welche auf die Schallwellen und auf die Lichtwellen zumal + Einfluß äußert. Wenn die Verstärkung des Schalls als Wetterzeichen + gilt, so hängt dieß ganz genau damit zusammen, daß man der + geringeren Schwächung des Lichts dieselbe Bedeutung beilegt. Die + Aelpler behaupten mit Zuversicht, das Wetter ändere sich, wenn bei + ruhiger Luft die mit ewigem Schnee bedecken Alpen dem Beobachter auf + einmal nahe gerückt scheinen und sich ihre Umrisse ungewöhnlich + scharf vom Himmelsblau abheben. Was ist die Ursache, daß in den + vertikalen Luftschichten der Mangel an Homogeneität so rasch + aufgehoben wird? + +[^13]: Simia chiropotes, eine neue Art. + +[^14]: Zu 950 Toisen. + +[^15]: Orellana hat auf dem Amazonenstrom dieselbe Beobachtung gemacht. + +[^16]: Es ist dieß eine 80 Meilen breite Oeffnung, die einzige, durch + welche die vereinigten Becken des obern Orinoco und des + Amazonenstroms mit dem Becken des untern Orinoco oder den Llanos von + Venezuela in Verbindung stehen. Wir betrachten diese Oeffnung + geologisch als ein détroit terrestre, als eine Land-Meerenge, weil + sie macht, daß aus einem dieser Becken in das andere Gewässer + strömen, und weil ohne sie die Bergkette der Parime, die, gleich den + Ketten des Küstenlandes von Caracas und denen von Mato-Grosso oder + Chiquitos, von Ost nach West streicht, unmittelbar mit den Anden von + Neu-Grenada zusammenhinge. (S. Bd. II. Seite 379.) + +[^17]: Hänge, die in entgegengesetzter Richtung gegen den Horizont + geneigt sind. + +[^18]: Eine Oberfläche zehnmal größer als Frankreich. + +[^19]: Es gibt 1) oceanische Deltas, wie an den Mündungen des Orinoco, + des Rio Magdalena, des Ganges; 2) Deltas an den Ufern von + Binnenmeeren, wie die des Oxus und Sihon; 3) Deltas von + Nebenflüssen, wie an den Mündungen des Apure, des Arauca und des Rio + Branco. Fließen mehrere untergeordnete Gewässer in der Nähe der + Deltas von Nebenflüssen, so wiederholt sich im Binnenland ganz, was + im Küstenland an den oceanischen Deltas vorgeht. Die einander + zunächst gelegenen Zweige theilen sich ihre Gewässer mit und bilden + ein Flußnetz, das zur Zeit der großen Ueberschwemmungen fast + unkenntlich wird. + +[^20]: Südöstlich von Bornou und dem See Nou, in dem Theile von Soudan, + wo, nach den letzten Ermittelungen meines unglücklichen Freundes + Ritchie, der Niger den Shary aufnimmt und sich in den weißen Nil + ergießt. + +[^21]: Der Sutledge, der Gogra, der Gunduk, der Arun, der Teesla und der + Buramputer laufen durch Querthäler, d. h. senkrecht auf die große + Achse der Himalayakette. Alle diese Flüsse durchbrechen also die + Kette, wie der Amazonenstrom, der Paute und der Pastaza die + Cordillere der Anden. + +[^22]: S. Bd. III. Seite 359. + +[^23]: Pater Caulin, der im Jahr 1759 schrieb, obgleich sein + wahrheitgetreues, sehr werthvolles Buch (Historia corografica de la + Nueva Andalusia y vertientes del Rio Orinoco) erst 1779 erschien, + bestreitet mit vielem Scharfsinn die Vorstellung, daß eine Bergkette + jede Verbindung zwischen den Betten des Orinoco und des + Amazonenstroms ausschließe. »Pater Gumillas Irrthum,« sagt er, + »besteht darin, daß er sich vorstellt, Von den Grenzen von + Neu-Grenada bis Cayenne müsse sich eine Cordillere ununterbrochen, + wie eine ungeheure Mauer fortziehen. Er beachtet nicht, daß + Bergketten häufig von tiefen (Quer-) Thälern durchschnitten sind, + während sie, aus der Ferne gesehen, sich als contiguas ò indivisas + darstellen.« + +[^24]: S. Bd. III. Seite 86. + +[^25]: Von rescatar, loskaufen. + +[^26]: Lepidamente, al suo solito, sagt der Missionär Gili. + +[^27]: General Ituriaga, der zuerst in Muitaco oder Real Corona, später + in Cabruta krank lag, wurde schon im Jahr 1760 vom portugiesischen + Obristen Don Gabriel de Sousa y Figueira besucht, der von Gran-Para + aus gegen 900 Meilen im Canoe zurückgelegt hatte. Der schwedische + Botaniker Löfling, der dazu ausersehen war, die Grenzexpedition auf + Kosten der spanischen Regierung zu begleiten, häufte in seiner + lebhaften Phantasie die Verzweigungen der großen Ströme Südamerikas + dergestalt, daß er überzeugt war, er konnte aus dem Rio Negro und + dem Amazonenstrom in den Rio de la Plata fahren. + +[^28]: Die Karte von la Cruz liegt allen neuen Karten von Amerika zu + Grunde. (Mapa geografica de America meridional por D. Juan de la + Cruz Cano y Olmedilla. 1775.) Die Originalausgabe, die ich besitze, + ist desto seltener, als, wie man allgemein glaubt, die Kupferplatten + auf Befehl eines Colonialministers zerbrochen worden sind, weil + derselbe besorgte, die Karte möchte allzu genau seyn. Ich kann + versichern, daß sie diesen Vorwurf nur hinsichtlich weniger Punkte + verdient. + +[^29]: In großen Dingen (bei außerordentlichen Naturerscheinungen) gehen + Neuheit und Unglauben Hand in Hand. + +[^30]: Dorf in der Provinz Jaen de Bracamoros. + +[^31]: Schon Oviedo rühmt das Seewasser als Gegengift gegen + vegetabilische Gifte. In den Missionen verfehlt man nicht, den + europäischen Reisenden alles Ernstes zu versichern, mit Salz im Mund + habe man in Curare getauchte Pfeile so wenig zu fürchten, als die + Schläge des Gymnotus, wenn man Tabak kaue. Ralegh empfiehlt + Knoblauchsaft als Gegengift gegen das Ourari (Curare). + +[^32]: Kurz nach unserer Rückkehr nach Europa kam in Deutschland nach + einer geistvollen Zeichnung Schicks in Rom ein Kupferstich heraus, + eines unserer Nachtlager am Orinoco vorstellend. Im Vordergrund sind + Indianer beschäftigt einen Affen zu braten. + +[^33]: Schon die glatte Oberfläche der Blaserohre beweist, daß sie von + keinem Gewächs aus der Familie der Schirmpflanzen kommen können. + +[^34]: Der Caricillo del Manati, der an den Ufern des Orinoco in Menge + wächst, wird 8 bis 12 Fuß lang. + +[^35]: Diese Völker, die noch roher waren, ais die Eingeborenen am + Orinoco, dörrten geradezu die frischen Fische an der Sonne. Bei + ihnen hatte der Fischteig die Form von Backsteinen, und man setzte + zuweilen den aromatischen Samen des Paliurus (Rhamnus) zu, gerade + wie man in Deutschland und andern nördlichen Ländern Kümmel und + Fenchel in das Brod thut. + +[^36]: S. Bd. I. Seite 330 + +[^37]: S. Bd. III. Seite 389. + +[^38]: Die dunkelfarbigsten (man könnte fast sagen die schwärzesten) + Spielarten der amerikanischen Race sind die Otomaken und die Guamos, + und sie haben vielleicht zu den verworrenen Vorstellungen von + amerikanischen Negern, die in der ersten Zeit der Eroberung in + Europa verbreitet waren, Anlaß gegeben. Was waren die Negros de + Quareca, die Gomara auf denselben Isthmus von Panama versetzt, woher + uns zuerst die albernen Geschichten von einem Volk von Albinos in + Amerika zugekommen? Liest man die Geschichtschreiber aus dem Anfang + des sechzehnten Jahrhunderts mit Aufmerksamkeit, so sieht man, daß + durch die Entdeckung von Amerika, wodurch auch eine neue + Menschenrace entdeckt worden war, die Reisenden großes Interesse für + die Abarten unseres Geschlechts gewonnen hatten. Hätte nun unter den + kupferfarbigen Menschen eine schwarze Race gelebt, wie auf den + Inseln der Südsee, so hätten die Conquistadoren sich sicher bestimmt + darüber ausgesprochen. Zudem kommen in den religiösen + Ueberlieferungen der Amerikaner in ihren heroischen Zeiten wohl + weiße bärtige Männer als Priester und Gesetzgeber vor, aber in + keiner dieser Sagen ist von einem schwarzen Volksstamm die Rede. + +[^39]: Don Manuel Centurion, Governador y Comendante general de la + Guayana von 1766—1777. + +[^40]: Dieß ist der indianische Name des obern Orinoco. S. Bd. III. + Seite 286. + +[^41]: S. Bd. III. Seite 320. + +[^42]: Diese drei Punkte liegen auf den Grenzen der Missionen am Rio + Carony, am Rio Caura und am obern Orinoco. + +[^43]: Daß die großen Jaguars in einem Lande, wo es kein Vieh gibt, so + häufig sind, ist ziemlich auffallend. Die Tiger am obern Orinoco + führen ein elendes Leben gegenüber denen in den Pampas von Buenos + Ayres, in den Llanos von Caracas und auf andern mit Heerden von + Hornvieh bedeckten Ebenen. In den spanischen Colonien werden + jährlich über 4000 Jaguars erlegt, von denen manche die mittlere + Größe des asiatischen Königstigers erreichen. Buenos Ayres führte + früher 2000 Jaguarhäute jährlich aus, die bei den Pelzhändlern in + Europa »große Pantherfelle« heißen. + +[^44]: Gmelin zählt dieses Thier unter dem Namen Felis discolor auf. Es + ist nicht zu verwechseln mit dem großen amerikanischen Löwen, Felis + concolor, der vom kleinen Löwen (Puma) der Anden von Quito sehr + verschieden ist. + +[^45]: S. Bd. III. + +[^46]: Am 18. April 1749. Nicolaus Hortsmann schrieb Tag für Tag an Ort + und Stelle auf, was ihm Bemerkenswerthes vorgekommen. Er verdient um + so mehr Zutrauen, da er, höchst mißvergnügt, daß er nicht gefunden, + was er gesucht (den See Dorado und Gold- und Diamantengruben), auf + Alles, was ihm unterwegs vorkommt, mit Geringschätzung zu blicken + scheint. + +[^47]: Es ist dieß das Atonatiuh der Mexicaner, das vierte Zeitalter, + die vierte Erneuerung der Welt. + +[^48]: S. Bd. III. Seite 61. + +[^49]: S. Bd. III. Seite 61. + +[^50]: Creuzer, Symbolik, III. 89. + +[^51]: S. Bd. III. Seite 254. + +[^52]: S. Bd. III. Seite 281, 300. + +[^53]: Es ist dieß nicht Cuviers Ourax (Crax Pauxi, Lin.), sondern der + Crax alector. + +[^54]: S. Bd. III. Seite 267. + +[^55]: S. Bd. III. Seite 104. + +[^56]: S. Bd. III. Seite 232. + +[^57]: S. Bd. III. Seite 219. + +[^58]: S. Bd. III. Seite 221. + +[^59]: S. Bd. II. Seite 81. + +[^60]: S. Bd. II. Seite 61. + +[^61]: S. Bd. III. Seite 41. + +[^62]: Diese Berechnung gründet sich auf den Quint, der in den Jahren + 1576 und 1592 an das Schatzamt (caxas reales) von Truxillo bezahlt + wurde. Die Register sind noch vorhanden. In Persien, in Hochasien, + in Egypten, wo man auch Gräber aus sehr verschiedenen Zeitaltern + öffnet, hat man, so viel ich weiß, niemals Schätze von Belang + entdeckt. + +[^63]: S. Bd. III. Seite 380. + +[^64]: Eine Art Mumien und Skeletie in Körben wurden vor Kurzem in den + Vereinigten Staaten in einer Höhle entdeckt. Sie sollen einer + Menschenart angehören, die mit der auf den Sandwichsinseln + Aehnlichkeit hat. Die Beschreibung dieser Gräber erinnert + einigermaßen an das, was ich in den Gräbern von Ataruipe beobachtet. + — Die Missionäre in den Vereinigten Staaten beklagen sich über den + Gestank, den die Nanticokes verbreiten, wenn sie mit den Gebeinen + ihrer Ahnen umherziehen. + +[^65]: S. Bd. III. Seite 172. + +[^66]: S. Bd. III. Seite 20. + +[^67]: S. Bd. III. Seite 132. + +[^68]: S. Bd. III. Seite 44. + +[^69]: S. Bd. IV. Seite 47. + +[^70]: S. Bd. III. Seite 82. + +[^71]: Der Nil hat von Cairo bis Rosette auf einer Strecke von 59 Meilen + nur 4 Zoll Fall auf die Meile. + +[^72]: Diese Steinbutter ist nicht zu verwechseln mit der Bergbutter, + einer salzigten Substanz, die aus der Zersetzung des Alaunschiefers + entsteht. + +[^73]: Bucaro, vas fictile odoriferum. Man trinkt gerne aus diesen + Gefäßen wegen des Geruchs des Thons. Die Weiber in der Provinz + Alemtejo gewöhnen sich an, die Bucaroerde zu kauen, und sie + empfinden es als eine große Entbehrung, wenn sie dieses abnorme + Gelüste nicht befriedigen können. + +[^74]: Maypurisch Nupa; die Missionäre sagen Nopo. + +[^75]: S. Bd. III. Seite 356. + +[^76]: Das Wort Tabak (tabacco) gehört, wie die Worte Savane, Mais, + Cazike, Maguey (Agave) und Manati (Seekuh), der alten Sprache von + Haiti oder St. Domingo an. Es bedeutete eigentlich nicht das Kraut, + sondern die Röhre, das Werkzeug, mittelst dessen man den Rauch + einzog. Es muß auffallen, daß ein so allgemein verbreitetes + vegetabilisches Produkt bei benachbarten Völkern verschiedene Namen + hatte. + +[^77]: Die Spanier lernten den Tabak am Ende des sechzehnten + Jahrhunderts auf den Antillen kennen. Ich habe oben bemerkt (Bd. II. + Seite 320), daß der Anbau dieses narcotischen Gewächses um 120 bis + 140 Jahre älter ist als die segensreiche Anpflanzung der Kartoffel. + Als Ralegh im Jahr 1586 den Tabak aus Virginien nach England + brachte, gab es in Portugal bereits ganze Felder voll davon. + +[^78]: Die merkwürdige Stelle lautet bei Camden, Annal. Elizab. p. 143. + (1585) wie folgt: »Ex illo sane tempore (tabacum) usu cepit esse + creberrimo in Anglia et magno pretio, dum quamplurimi graveolentem + illius fumum per tubulum testaceum hauriunt et mox e naribus + afflant, adeo ut Anglorum corpora in barbarorum naturam degenerasse + videantur, quum iidem ac barbari delectentur.« Man sieht aus dieser + Stelle, daß man durch die Nase rauchte, während man am Hofe + Montezumas in der einen Hand die Pfeife hatte und mit der andern die + Nase zuhielt, um den Rauch leichter schlucken zu können. + +[^79]: Sie hocken im Kreise umher; zuerst heult einer allein und dann + fallen die andern im selben Tone ein. Gerade so heulen die Rudel von + Alouatos, unter denen die Indianer den »Vorsänger« herauskennen, + (vgl. Bd. III. Seite 360). In Mexico wurde der stumme Hund + (Techichi) verschnitten, damit er fett werde, und dieß mußte zur + Veränderung des Stimmorgans des Hundes beitragen. + +[^80]: S. Bd. III. Seite 67. + +[^81]: S. Bd. II. Seite 412. III. 81. + +[^82]: S. Bd. III. Seite 399. + +[^83]: S. über den Rio Caura Bd. III. 158. IV. 117. 133. 142. + +[^84]: S. Bd. III. Seite 114, 125. + +[^85]: Die Hauptkirche von Santo Thome de la Nueva Guayana, gemeiniglich + Angostura, oder der Engpaß genannt, liegt nach meinen Beobachtungen + unter 8°8′11″ der Breite und 66°15′21″ der Länge. + +[^86]: Trapiche, Eigenthum von Don Felix Fereras. + +[^87]: Daß es eine Stadt Angostura gebe, erfuhr man in Europa durch den + Handel der Catalonier mit der China vom Rio Carony, welche die + heilkräftige Rinde der Bonplandia trifoliata ist. Da diese Rinde von + Nueva Guayana kam, so nannte man sie corteza oder cascarilla del + Angostura, cortex Angosturae. Die Botaniker wußten so wenig, woher + diese geographische Benennung rührte, daß sie Anfangs Angustura und + dann Augusta schrieben. + +[^88]: Ich fand denselben 889 Toisen breit. S. Bd. III. Seite 83. + +[^89]: S. Bd. III. Seite 25. + +[^90]: Die Frucht der Carica Papaya. + +[^91]: Man sollte es kaum glauben, daß während meines Aufenthalts in + Angostura die Gesammtvertheidigungsmittel der Provinz aus 7 lanchas + canoneras und 600 Mann aller Farben und Waffengattungen bestanden, + eingerechnet die sogenannten Garnisonen der vier Grenzforts, der + destacamentos von Nueva Guayana, San Carlos del Rio Negro, Guirior + und Cuyuni. + +[^92]: Von Süd nach Nord auf 22 Breitegrade. + +[^93]: Von West nach Ost auf 13 Längengrade. + +[^94]: Im Jahr 1768 hatte Angostura nur 500 Einwohner. Eine im Jahr 1780 + vorgenommene Zählung ergab 1513 (nämlich 455 Weiße, 449 Neger, 363 + Mulatten und Zambos, 246 Indianer). Im Jahr 1789 war die Bevölkerung + auf 4590 und 1800 auf 6600 Seelen gestiegen. Der Hauptort der + englischen Colonie Demerary, die Stadt Stabrock, liegt nur 50 Meilen + südostwärts von der Mündung des Orinoco. Sie hat, nach Bolingbrok, + gegen 10,000 Einwohner. + +[^95]: S. Bd. III. Seite 3. + +[^96]: S. über diese Deltas von Nebenflüssen gegenüber den oceanischen + Deltas Bd. III. 6. IV. 47. 163. + +[^97]: Das nahrhafte Satzmehl oder farine médullaire der Sagobäume + findet sich vorzugsweise bei einer Gruppe von Palmen, die Kunth + Calameen nennt; es kommt indessen auch in den Stämmen von Cycas + revoluta, Pheni farinifera, Corypha umbraculifera und Caryoa urens + vor und wird im indischen Archipel von diesen Bäumen gesammelt und + in den Handel gebracht. Der ächte asiatische Sagobaum (Sagus + Rumphii, oder Metroxylon Sagu, Roxburgh) gibt mehr Nahrungsstoff als + alle andern nutzbaren Gewächse. Von einem einzigen Stamm gewinnt man + im fünfzehnten Jahr zuweilen 600 Pfund Sago oder Mehl, (denn das + Wort Sagu bedeutet im amboinischen Dialekt Mehl). Crawfurd, der sich + so lange auf dem indischen Archipel aufgehalten hat, berechnet, daß + auf einem englischen Acre (4029 Quadratmeter) 435 Sagobäume wachsen + können, die über 8000 Pfund Mehl jährlich geben. Dieser Ertrag ist + dreimal so hoch als beim Getreide, und doppelt so hoch als bei der + Kartoffel in Frankreich. Die Bananen geben auf derselben Bodenfläche + noch mehr Nahrungsstoff als der Sagobaum. + +[^98]: S. S. 70. + +[^99]: Simeon Sisanites, ein Syrier, war der Stifter dieser Sekte. Er + brachte in mystischer Beschaulichkeit 37 Jahre auf fünf Säulen zu, + von denen die letzte 36 Ellen hoch war. Die Säulenheiligen, sancti + columnares, wollten auch in Deutschland, im Trierschen, ihre + luftigen Klöster einführen, aber die Bischöfe widersetzten sich + einem so tollen, halsbrecherischen Unternehmen. + +[^100]: S. Seite 47. + +[^101]: S. die oben entwickelte Theorie Bd. III. Seite 13. + +[^102]: In Asien laufen der Ganges, der Buramputer und die + majestätischen indisch-chinesischen Flüsse dem Aequator zu. Die + ersteren kommen aus der gemäßigten Zone in die heiße. Der Umstand, + daß die Flüsse entgegengesetzte Richtungen haben (dem Aequator oder + den gemäßigten Erdstrichen zu), äußert Einfluß auf den Eintritt und + die Größe der Ueberschwemmungen, auf die Art und die + Mannigfaltigkeit der Produkte längs der Ufer, auf die größere oder + geringere Lebhaftigkeit des Handels, und, darf ich nach dem, was wir + über die Völker Egyptens, Meroes und Indiens wissen, wohl sagen, auf + den Gang der Cultur die Stromthäler entlang. + +[^103]: S. Bd. III. Seite 370. + +[^104]: Strabo, Lib. XVII. Diodorus Siculus Lib. I. c. 5. + +[^105]: Etwa 40 bis 50 Tage nach dem Sommersolstitium. + +[^106]: Etwa 80 bis 90 Tage nach dem Sommersolstitium. + +[^107]: Der Apure für sich hat einen Fall von 13 Zoll auf die Seemeile. + S. Bd. III. Seite 49. + +[^108]: S. Seite 113. + +[^109]: Von Benedikt XIII. zum Bischof für die vier Welttheile (obispo + para los quatro partes del mundo) geweiht. + +[^110]: Kleine Hochebenen zwischen den Bergen bei Upata, Cumamu und + Tupuquen scheinen über 150 Toisen Meereshöhe zu haben. + +[^111]: El Dorado, d. h. el rey ó hombre dorodo. S. Bd. III. Seite 398. + +[^112]: S. Bd. I. 329. II. 245. III. 366. + +[^113]: S. Seite 194. + +[^114]: S. Bd. III. Seite 352 ff. + +[^115]: S. Seite 73. + +[^116]: Dieß ist auch Walkenaers und Malte Bruns Ansicht. + +[^117]: Carte de l’Amérique, dressé sur les observations de Mr. de + Humboldt, par Fried. Wien 1818. + +[^118]: Diese periodischen Ueberschwemmungen des Rio Paraguay haben in + der südlichen Halbkugel lange dieselbe Rolle gespielt wie der See + Parime in der nördlichen. Hondius und Sanson ließen aus der Lugano + de los Xarayes den Rio de la Plata, den Rio Topajos (einen Nebenfluß + des Amazonenstroms), den Rio Tocantinos und den Rio de San Francisco + entspringen. + +[^119]: Survilles See, der für den See Amucu steht. + +[^120]: Der See, den Surville Laguna tenida hasta ahora por la Laguna + Parime nennt. + +[^121]: S. Bd. III. Seite 392 ff. + +[^122]: S. Seite 189 ff. + +[^123]: S. Bd. III, Seite 356. + +[^124]: Gerade wie im alten Reiche Meroe, in Tibet, und wie« der Dairi + und der Kubo in Japan. + +[^125]: S. Bd. I. Seite 233 + +[^126]: Im Peruvianischen oder dem Oquichua (*Lengua del Inga) heißt + Gold Cori, woher Chichicori, Goldstaub, und Corikoya, Golderz + +[^127]: S. Bd. III. Seite 61. + +[^128]: S. Seite 222ff. + +[^129]: S. Seite 226 + +[^130]: S. Bd. II. Seite 12. + +[^131]: Gestorben im Jahr 1512, wie Munnoz aus Urkunden in den Archiven + von Simancas erwiesen hat. + +[^132]: Auf den Karten, die dem Ptolemäus von 1506 beigegeben sind, + sieht man noch keine Spur von den Entdeckungen des Columbus. + +[^133]: S. Seite 54. + +[^134]: Es ist dieß der mexicanische Dorado, wo man auf den Küsten + Schiffe voll Waaren aus Catayo (China) gefunden haben wollte, und wo + Fray Marcos (wie Hutten im Lande der Omaguas) die vergoldeten Dächer + einer großen Stadt, einer der Siete Ciudades, von weitem sah. Die + Einwohner haben große Hunde, en los quales quando se mudan cargan su + menage. Spätere Entdeckungen lassen übrigens keinen Zweifel, daß + dieser Landstrich früher ein Mittelpunkt der Cultur war. + +[^135]: Die große Achse des eigentlichen Sees Parime war von Ost nach + West gerichtet + +[^136]: Im Werth von 65,878,000 Francs. + +[^137]: Billarica liegt 650 Toisen hoch, aber das große Plateau der + Capitania Minas Geraes nur 300. + +[^138]: S. Bd. II. Seite 366ff. + +[^139]: S. Seite 192. + +[^140]: Combretum guayca + +[^141]: S. Bd. III. Seite 331. + +[^142]: S. Bd. I. Seite 198, 216. II. 87, 389. + +[^143]: Zu welcher Gattung gehören die Würmer (arabisch Loul), welche + Capitän Lyon, der Reisebegleiter meines muthigen, unglücklichen + Freundes Ritchie, in der Wüste Fezzan in Lachen gesunden, die von + den Arabern gegessen werden und wie Caviar schmecken? Sollten es + nicht Insekteneier seyn, ähnlich dem Aguautle, den ich in Mexico auf + dem Markt habe verkaufen sehen und der an der Oberfläche des Sees + Tezcuco gefischt wird? + +[^144]: Nuestra Señora del Socorro del Cari, gegründet im Jahr 1761. + +[^145]: Diese Missionäre nennen sich Padres Missioneros Observantes del + Colegio de la purissima Conception de propaganda fide en la Nueva + Barcelona. + +[^146]: S. Bd. III. Seite 95. + +[^147]: S. Bd. III. Seite 275, 378. + +[^148]: Diese Skelette wurden im Jahr 1805 von Cortes gefunden. Sie sind + in einer Madreporen-Breccie eingeschlossen, welche die Neger sehr + naiv maçonne bon Dieu nennen, und die, neuer Formation wie der + italienische Travertin, Topfscherben und andere Produkte der + Menschenhand enthält. Dauxiou Lavaysse und Dr. König machten in + Europa zuerst diese Erscheinung bekannt, die eine Zeit lang die + Aufmerksamkeit der Geologen in Anspruch nahm + +[^149]: Cicero de oratore. Lib. III. c. 12. + +[^150]: Ich gebe hier einige Beispiele von diesem Unterschied zwischen + der Sprache der Männer (M) und der Weiber (W): Insel oubao (M), + acaera (W); Mensch ouekelli (M), eyeri (W); Mais ichen (M), atica + (W). + +[^151]: Karte des Hondius von 1599, die der lateinischen Ausgabe von + Raleghs Reisebeschreibung beigegeben ist. In der holländischen + Ausgabe heißen die Llanos von Caracas zwischen den Gebirgen von + Merida und dem Rio Pao »Caribana.« Man sieht hier wieder, was so oft + in der Geschichte der Geographie vorkommt, daß eine Benennung + allmählig von West nach Ost gerückt wurde. + +[^152]: Vespucci sagt: Se eorum lingua Charaibi, hoc est magnae + sapientiae viros vocantes. + +[^153]: Wilhelm von Humboldt: »Urbewohner Hispaniens«, Seite 167. + +[^154]: Wenn ich das Wort Autochthone brauche, so will ich damit + keineswegs aussprechen, daß die Völker hier geschaffen worden, was + gar nicht Sache der Geschichte ist, sondern nur so viel sagen, daß + wir von keinem andern Volke wissen, das älter wäre als das + autochthone. + +[^155]: S.Bd. III. Seite 261. 275. 278. IV. 218. + +[^156]: Ich führe als Beispiel nur eine vom berühmten Pater Camper + gezeichnete Tafel an: Viri adulti cranium ex Caraibensium insula + Sancti Vicenti in Museo Clinii asservatum, 1785. + +[^157]: Dati erant in preaedam Caribes ex diplomate regio. Missus est + Johannes Poncius, qui Caribum terras depopuletur et in servitutem + obscoenos hominum voratores redigat. Anghiera, Decas. I. Lib. 1. + Dec. III. Lib. 6. + +[^158]: Wilhelm von Humboldt, »über das vergleichende Sprachstadium in + Beziehung auf die verschiedenen Epochen der Sprachentwicklung.« (S. + 13). S. auch Bd. II. Seite 28—47. + +[^159]: S. Bd. III. Seite 275. 378. 393. + +[^160]: Die Quippos oder Schnüre der Völker im obern Louisiana heißen + Wampum. Anghiera (Dec. III. Lib. 9.) erzählt einen sehr merkwürdigen + Fall, aus dem hervorzugehen scheint, daß die umherziehenden Caraiben + mit gebundenen Büchern, wie denen der Mexicaner und den unsern, + nicht ganz unbekannt waren. Der interessanten Entdeckung von + Bilderheften bei den Panos-Indianern am Ucayale habe ich anderswo + gedacht (Vues des cordilleres; T. I. pag. 72). Auch die Peruaner + hatten neben den Quippos hieroglyphische Malereien, ähnlich den + mexicanischen, nur roher. Bemalter Blätter bedienten sie sich seit + der Eroberung zum Beichten in der Kirche. Vielleicht hatte der + Caraibe, der, nach Anghieras Erzählung, tief aus dem Lande nach + Darien kam, Gelegenheit gehabt in Quito oder Cundinamarca ein + peruanisches Buch zu sehen. Ich brauche, wie die ersten spanischen + Reisenden, das Wort Buch, weil dasselbe keineswegs den Gebrauch + einer Buchstabenschrift voraussetzt. + +[^161]: Bei den Huronen (Wiandots) und Natchez vererbt sich die oberste + Würde in der weiblichen Linie; nicht der Sohn ist der Nachfolger, + sondern der Sohn der Schwester oder der nächste Verwandte von + weiblicher Seite. Bei dieser Erbfolge ist man sicher, daß die + oberste Gewalt beim Blute des letzten Häuptlings bleibt; der Brauch + ist eine Gewähr für die Legitimität. Ich habe bei den königlichen + Dynastien auf den Antillen alte Spuren dieser in Afrika und + Ostindien sehr verbreiteten Erbfolge gefunden. »In testamentis autem + quam fatue sese habeant, intelligamus: ex sorore prima primogenitum, + si insit, reliquunt regnorum haeredem; sin minus, ex altera, vel + tertia, si ex secunda proles desit: quia a suo sanguine creatam + sobolem eam certum est. Filios autem uxorum suarum pro non legitimis + habent. Uxores ducunt quotquot placet. Ex uxoribus cariores cum + regulo sepeliri patiuntur. (Anghiera, Decas III. Lib. 9.) + +[^162]: Diodorus Siculus. Lib. V. §. 56. + +[^163]: »Die Caraiben sind ziemlich hübsch gewachsen und fleischigt; sie + sind aber nicht sehr liberal, denn sie essen gern Menschenfleisch, + Eidechsen und Krokodile.« (Description générale de l’Amérique par + Pierre d’Avity, Seigneur de Montmartin, 1660). + +[^164]: Mithridates, Bd. III. Seite 685. + +[^165]: Epistolae Lib. VIII. 8. Clitumnus non loci declivitate, sed ipsa + sui copia et quasi pondere impellitur. + +[^166]: S. Bd. II. Seite 410. + +[^167]: Im Jahr 1754 hatte das Dorf nur 120 Seelen. + +[^168]: S. Bd. II. Seite 414. + +[^169]: Mit diesem nicht gebräuchlichen Ausdruck bezeichne ich Linien, + welche durch die Punkte laufen, die mittelst Uebertragung der Zeit + bestimmt worden und somit von einander abhängig sind. Von der + zweckmäßigen Richtung dieser Linien hängt die Genauigkeit einer rein + astronomischen Aufnahme ab. + +[^170]: Fray Jose de las Piedras. + +[^171]: Kleine Plateaus, Bänke, die etwas höher liegen als die übrige + Steppe. + +[^172]: Eine Art Hof, bestehend aus Schuppen, wo die hateros und peones + para et rodeo wohnen, d. h. die Leute, welche die halbwilden Pferde- + und Viehheerden warten oder vielmehr beaussichtigen. + +[^173]: »Los Llanos son como un mar de yerbas.« + +[^174]: S. Bd. I. Seite 51 ff. + +[^175]: Die Fächerpalme, der guyanische Sagobaum. + +[^176]: Berechnungen nach Karten in sehr großem Maßstab haben mir + Folgendes ergeben: Die Llanos von Cumana, Barceiona und Caracas vom + Delta des Orinoco bis zum nördlichen Ufer des Apure umfassen 7900 + Quadratmeilen; die Llanos zwischen dem Apure und dem obern + Amazonenstrom 21,000; die Pampas nordwestlich von Buenos Ayres + 40,000; die Pampas südwärts vom Parallel von Buenos Abtes 30,000. + Der Gesammtflächenraum der grasbewachsenen Llanos in Südamerika + beträgt demnach 98,900 Quadratmeilen (20 auf den Grad des + Aequators). (Spanien hat 16,200 solcher Quadratmeilen.) Die große + afrikanische Ebene, die sogenannte Sahara ist 194,000 Quadratmeilen + groß, die verschiedenen Oasen dazu gerechnet, aber nicht Bornu und + Darfur. (Das Mittelmeer hat nur 79,800 Quadratmeilen Oberfläche). + +[^177]: S. Bd. III. Seite 54. 80. 83. 126. 145. 256. 303. IV. 148. 159. + +[^178]: Kommen in Nordamerika nordwärts von den großen Seen Blöcke vor? + +[^179]: S. Bd. II. Seite 90. + +[^180]: La milagrosa imagen de Maria Santissima del Socorro, auch Virgen + del Tutumo genannt. + +[^181]: S. Bd. I. Seite 212. IV. 350. + +[^182]: S. Bd. II. Seite 298 ff. 318. + +[^183]: Langsdorf (Wetterauisches Journal. Th I. Seite 254) hat diese + sehr merkwürdige physiologische Erscheinung zuerst bekannt gemacht. + Ich beschreibe sie hier, doch lieber lateinisch. — Coriaecorum gens, + in ora Asiae septentrioni opposita, potum sibi excogitavit ex succo + inebriante Agarici muscarii, qui succus (aeque ut asparagorum), vel + per humanum corpus transfusus, temulentiam nihilominus facit. Quare + gens misera et inops, quo rarius mentis sit suae, propriam urinam + bibit. identidem; continuoque mingens rursusqne hauriens eundem + succum (dicas, ne ulla in parte mundi desit. ebrietas) pauculis + agaricis producere in diem quintum temulentiam potest. + +[^184]: S. Bd. I. Seite 62. + +[^185]: Casa de Don Pasqual Martinez, nordwestlich vom großen Platz, an + dem ich vom 28. Jan bis 17. November 1799 beobachtet hatte. Alle + astronomischen Beobachtungen, so wie die über die Luftspiegelung, + nach dem 29. August 1800 sind im Hause Martinez angestellt. Ich + erwähne dieses Umstands, da er von Interesse seyn mag, wenn einmal + Einer die Genauigkeit meiner Beobachtungen prüfen will. + +[^186]: S. Bd. I. Seite 252 ff. + +[^187]: S. Bd. I. Seite 276. + +[^188]: S. Bd. I. Seite 402. + +[^189]: Croton argyrophyllus und C. marginatus + +[^190]: S. Bd. I. Seite 203. + +[^191]: S. Bd. II. Seite 187 ff. + +[^192]: Observations astronomiques. T. I. p. XLIII. T. II. p. 7—10. + +[^193]: Christoph Columbus hatte im Jahr 1503 den Caymanseilanden den + Namen Penascales de las tortugas gegeben, wegen der Seeschildkröten, + die er in diesem Striche schwimmen sah. + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Reise in die Aequinoctial-Gegenden des +neuen Continents v. 4, by Alexander v. Humboldt + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AEQUINOCTIAL-GEGENDEN *** + +***** This file should be named 38638-0.txt or 38638-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/8/6/3/38638/ + +Produced by Ralf Stephan + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. 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