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+The Project Gutenberg EBook of Reise in die Aequinoctial-Gegenden des
+neuen Continents v. 4, by Alexander v. Humboldt
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents v. 4
+ In deutscher Bearbeitung von Hermann Hauff
+
+Author: Alexander v. Humboldt
+
+Translator: Hermann Hauff
+
+Release Date: January 21, 2012 [EBook #38638]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AEQUINOCTIAL-GEGENDEN ***
+
+
+
+
+Produced by Ralf Stephan
+
+
+
+
+Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents.
+Alexander von Humboldt
+1865
+
+In deutscher Bearbeitung von Hermann Hauff.
+
+Nach der Anordnung und unter Mitwirkung des Verfassers.
+
+Einzige von A. v. Humboldt anerkannte Ausgabe in deutscher Sprache.
+
+Band 4
+
+1865
+
+Vierundzwanzigstes Kapitel.
+===========================
+
+Der Cassiquiare. — Gabeltheilung des Orinoco.
+
+Am 10. Mai. In der Nacht war unsere Pirogue geladen worden, und wir
+schifften uns etwas vor Sonnenaufgang ein, um wieder den Rio Negro bis
+zur Mündung des Cassiquiare hinaufzufahren und den wahren Lauf dieses
+Flusses, der Orinoco und Amazonenstrom verbindet, zu untersuchen. Der
+Morgen war schön; aber mit der steigenden Wärme fing auch der Himmel an
+sich zu bewölken. Die Luft ist in diesen Wäldern so mit Wasser
+gesättigt, daß, sobald die Verdunstung an der Oberfläche des Bodens auch
+noch so wenig zunimmt, die Dunstbläschen sichtbar werden. Da der Ostwind
+fast niemals zu spüren ist, so werden die feuchten Schichten nicht durch
+trockenere Luft ersetzt. Dieser bedeckte Himmel machte uns mit jedem
+Tage verdrüßlicher. Bonpland verdarben bei der übermäßigen Feuchtigkeit
+seine gesammelten Pflanzen und ich besorgte auch im Thal des Cassiquiare
+das trübe Wetter des Rio Negro anzutreffen. Seit einem halben
+Jahrhundert zweifelte kein Mensch in diesen Missionen mehr daran, daß
+hier wirklich zwei große Stromsysteme mit einander in Verbindung stehen;
+der Hauptzweck unserer Flußfahrt beschränkte sich also darauf, mittelst
+astronomischer Beobachtungen den Lauf des Cassiquiare aufzunehmen,
+besonders den Punkt, wo er in den Rio Negro tritt, und den andern, wo
+der Orinoco sich gabelt. Waren weder Sonne noch Sterne sichtbar, so war
+dieser Zweck nicht zu erreichen und wir hatten uns vergeblich langen,
+schweren Mühseligkeiten unterzogen. Unsere Reisegefährten wären gerne
+auf dem kürzesten Weg über den Pimichin und die kleinen Flüsse
+heimgekehrt; aber Bonpland beharrte mit mir auf dem Reiseplan, den wir
+auf der Fahrt durch die großen Katarakten entworfen. Bereits hatten wir
+von San Fernando de Apure nach San Carlos (über den Apure, Orinoco,
+Atabapo, Temi, Tuamini und Rio Negro) 180 Meilen zurückgelegt. Gingen
+wir auf dem Cassiquiare in den Orinoco zurück, so hatten wir von San
+Carlos bis Angostura wieder 320 Meilen zu machen. Auf diesem Wege hatten
+wir zehn Tage lang mit der Strömung zu kämpfen, im Uebrigen ging es
+immer den Orinoco hinab. Es wäre eine Schande für uns gewesen, hätte uns
+der Aerger wegen des trüben Himmels oder die Furcht vor den Moskitos auf
+dem Cassiquiare den Muth benommen. Unser indianischer Steuermann, der
+erst kürzlich in Mandavaca gewesen war, stellte uns die Sonne und »die
+großen Sterne, welche die Wolken essen,« in Aussicht, sobald wir die
+schwarzen Wasser des Rio Negro hinter uns haben würden. So brachten wir
+denn unser erstes Vorhaben, über den Cassiquiare nach San Fernando am
+Atabapo zurückzugehen, in Ausführung, und zum Glück für unsere Arbeiten
+ging die Prophezeiung des Indianers in Erfüllung. Die weißen Wasser
+brachten uns nach und nach wieder heitereren Himmel, Sterne, Moskitos
+und Krokodile.
+
+Wir fuhren zwischen den dicht bewachsenen Inseln Zaruma und Mini oder
+Mibita durch, und liefen, nachdem wir die Stromschnellen an der Piedra
+de Uinumane hinaufgegangen, acht Seemeilen weit von der Schanze San
+Carlos in den Rio Cassiquiare ein. Jene Piedra, das Granitgestein, das
+den kleinen Katarakt bildet, zog durch die vielen Quarzgänge darin
+unsere Aufmerksamkeit auf sich. Die Gänge waren mehrere Zoll breit, und
+ihren Massen nach waren sie augenscheinlich nach Alter und Formation
+unter einander sehr verschieden. Ich sah deutlich, daß überall an den
+Kreuzungsstellen die Gänge, welche Glimmer und schwarzen Schörl führten,
+die andern, welche nur weißen Quarz und Feldspath enthielten,
+durchsetzten und verwarfen. Nach Werners Theorie waren also die
+schwarzen Gänge von neuerer Formation als die weißen. Als Zögling der
+Freiberger Bergschule mußte ich mit einer gewissen Befriedigung beim
+Fels Uinumane verweilen und in der Nähe des Aequators Erscheinungen
+beobachten, die ich in den heimischen Bergen so oft vor Augen gehabt.
+Ich gestehe, die Theorie, nach welcher die Gänge Spalten sind, die mit
+verschiedenen Substanzen von oben her ausgefüllt worden, behagt mir
+jetzt nicht mehr so ganz wie damals; aber dieses sich Durchkreuzen und
+Verwerfen von Gestein- und Metalladern verdient darum doch, als eines
+der allgemeinsten und gleichförmigsten geologischen Phänomene, die volle
+Aufmerksamkeit des Reisenden. Ostwärts von Javita, längs des ganzen
+Cassiquiare, besonders aber in den Bergen von Duida vermehren sich die
+Gänge im Granit. Dieselben sind voll von Drusen, und ihr häufiges
+Vorkommen scheint auf ein nicht sehr hohes Alter des Granits in diesem
+Landstrich hinzudeuten.
+
+Wir fanden einige Flechten auf dem Fels Uinumane, der Insel Chamanare
+gegenüber, am Rand der Stromschnellen; und da der Cassiquiare bei seiner
+Mündung eine rasche Wendung von Ost nach Südwest macht, so lag jetzt zum
+erstenmal dieser majestätische Arm des Orinoco in seiner ganzen Breite
+vor uns da. Er gleicht, was den allgemeinen Charakter der Landschaft
+betrifft, so ziemlich dem Rio Negro. Wie im Becken dieses Flusses laufen
+die Waldbäume bis ans Ufer vor und bilden ein Dickicht; aber der
+Cassiquiare hat weißes Wasser und ändert seine Richtung öfter. Bei den
+Stromschnellen am Uinumare ist er fast breiter als der Rio Negro und bis
+über Vasiva hinaus fand ich ihn überall 250 bis 280 Toisen breit. Ehe
+wir an der Insel Garigave vorbei kamen, sahen wir gegen Nordosten
+beinahe am Horizont einen Hügel mit halbkugligtem Gipfel. Diese Form ist
+in allen Himmelsstrichen den Granitbergen eigenthümlich. Da man
+fortwährend von weiten Ebenen umgeben ist, so hängt sich die
+Aufmerksamkeit des Reisenden an jeden freistehenden Fels und Hügel.
+Zusammenhängende Berge kommen erst weiter nach Ost, den Quellen des
+Pacimoni, Siapa und Mavaca zu. Südlich vom Raudal von Caravine bemerkten
+wir, daß der Cassiquiare auf seinem gekrümmten Lauf San Carlos wieder
+nahe kommt. Von der Schanze in die Mission San Francisco, wo wir
+übernachteten, sind es zu Lande nur zwei und eine halbe Meile, während
+man auf dem Fluß 7—8 rechnet. Ich verweilte einen Theil der Nacht im
+Freien in der vergeblichen Hoffnung, die Sterne zum Vorschein kommen zu
+sehen. Die Luft war nebligt trotz der weißen Wasser, die uns einem
+allezeit sternhellen Himmel entgegen führen sollten.
+
+Die Mission San Francisco Solano auf dem linken Ufer des Cassiquiare
+heißt so zu Ehren eines der Befehlshaber bei der »Grenzexpedition,« Don
+Joseph Solano, von dem wir in diesem Werke schon öfter zu sprechen
+Gelegenheit gehabt. Dieser gebildete Officier ist nie über das Dorf San
+Fernando am Atabapo hinausgekommen; er hat weder die Gewässer des Rio
+Negro und des Cassiquiare, noch den Orinoco ostwärts vom Einfluß des
+Guaviare gesehen. In Folge eines Mißverständnisses, das aus der
+Unkenntniß der spanischen Sprache entsprang, meinten manche Geographen
+auf La Cruz Olmedillas berühmter Karte einen 400 Meilen langen Weg
+angegeben zu finden, auf dem Don Joseph Solano zu den Quellen des
+Orinoco, an den See Parime oder das weiße Meer, an die Ufer des Cababury
+und Uteta gekommen seyn sollte. Die Mission San Francisco wurde, wie die
+meisten christlichen Niederlassungen südlich von den großen Katarakten
+des Orinoco, nicht von Mönchen, sondern von Militärbehörden gegründet.
+Bei der Grenzexpedition legte man Dörfer an, wo ein Subteniente oder
+Corporal mit seiner Mannschaft Posto gefaßt hatte. Die Eingeborenen, die
+ihre Unabhängigkeit behaupten wollten, zogen sich ohne Gefecht zurück,
+andere, deren einflußreichste Häuptlinge man gewonnen, schlossen sich
+den Missionen an. Wo man keine Kirche hatte, richtete man nur ein großes
+Kreuz aus rothem Holze auf und baute daneben eine Casa fuerte, das heißt
+ein Haus, dessen Wände aus starken, wagrecht übereinander gelegten
+Balken bestanden. Dasselbe hatte zwei Stockwerke; im obern standen zwei
+Steinböller oder Kanonen von kleinem Kaliber; zu ebener Erde hausten
+zwei Soldaten, die von einer indianischen Familie bedient wurden. Die
+Eingeborenen, mit denen man im Frieden lebte, legten ihre Pflanzungen um
+die Casa fuerte an. Hatte man einen feindlichen Angriff zu fürchten, so
+wurden sie von den Soldaten mit dem Horn oder einem Botuto aus
+gebrannter Erde zusammengerusen. So waren die neunzehn angeblichen
+christlichen Niederlassungen beschaffen, die Don Antonio Santos auf dem
+Wege von Esmeralda bis zum Everato gegründet. Militärposten, die mit der
+Civilisation der Eingeborenen gar nichts zu thun hatten, waren auf den
+Karten und in den Schriften der Missionäre als Dörfer (pueblos) und
+redicciones apostolicas angegeben. Die Militärbehörde behielt am Orinoco
+die Oberhand bis zum Jahr 1785, mit dem das Regiment der Franciskaner
+seinen Anfang nimmt. Die wenigen Missionen, die seitdem gegründet oder
+vielmehr wiederhergestelIt worden, sind das Werk der Observanten und die
+Soldaten, die in den Missionen liegen, stehen jetzt unter den
+Missionären, oder die geistliche Hierarchie maßt sich doch dieses
+Verhältniß an.
+
+Die Indianer, die wir in San Francisco Solano trafen. gehörten zwei
+Nationen an, den Pacimonales und den Cheruvichahenas. Da letztere
+Glieder eines ansehnlichen Stammes sind, der am Rio Tomo in der
+Nachbarschaft der Manivas am obern Rio Negro haust, so suchte ich von
+ihnen über den obern Lauf und die Quellen dieses Flusses Erkundigung
+einzuziehen; aber mein Dolmetscher konnte ihnen den Sinn meiner Fragen
+nicht deutlich machen. Sie wiederholten nur zum Ueberdruß, die Quellen
+des Rio Negro und des Inirida seyen so nahe beisammen, »wie zwei Finger
+der Hand«. In einer Hütte der Pacimonales kauften wir zwei schöne, große
+Vögel, einen Tucan (Piapoco), der dem Ramphastos erythrorynchos nahe
+steht, und den Ana, eine Art Aras, 17 Zoll lang mit durchaus
+purpurrothem Gefieder, gleich dem Psittacus Macao. Wir hatten in unserer
+Pirogue bereits sieben Papagaien, zwei Felshühner, einen Motmot, zwei
+Guans oder Paoas de Monte, zwei Manaviris (Cercoleptes oder Viverra
+caudivolvula) und acht Affen, nämlich zwei Atelen (die Marimonda von den
+grossen Katarakten, Brissots Simia Belzebuth), zwei Titi’s (Simia
+sciurea, Buffon’s Saimiri), eine Viudita (Simia lugens), zwei
+Douroucoulis oder Nachtaffen (Cusicusi oder Simia trivirgata), und den
+Cacajao mit kurzem Schwanz (Simia melanocephala).[^1] Pater Zea war auch
+im Stillen sehr schlecht damit zufrieden, daß sich unsere wandernde
+Menagerie mit jedem Tag vermehrte. Der Tucan gleicht nach Lebensweise
+und geistiger Anlage dem Raben; es ist ein muthiges, leicht zu zähmendes
+Thier. Sein langer Schnabel dient ihm als Vertheidigungswaffe. Er macht
+sich zum Herrn im Hause, stiehlt, was er erreichen kann, badet sich oft
+und fischt gern am Ufer des Stroms. Der Tucan, den wir gekauft, war sehr
+jung, dennoch neckte er auf der ganzen Fahrt mit sichtbarer Lust die
+Cusicusis, die trübseligen, zornmüthigen Nachtaffen. Ich habe nicht
+bemerkt, daß, wie in manchen naturgeschichtlichen Werken steht, der
+Tucan in Folge des Baus seines Schnabels sein Futter in die Luft werfen
+und so verschlingen müßte. Allerdings nimmt er dasselbe etwas schwer vom
+Boden auf; hat er es aber einmal mit der Spitze seines ungeheuern
+Schnabels gefaßt, so darf er nur den Kopf zurückwerfen und den Schnabel,
+so lange er schlingt, aufrecht halten. Wenn er trinken will, macht der
+Vogel ganz seltsame Geberden. Die Mönche sagen, er mache das Zeichen des
+Kreuzes über dem Wasser, und wegen dieses Volksglaubens haben die
+Creolen dem Tucan den sonderbaren Namen Diostedè (Gott vergelt’s dir)
+geschöpft.
+
+Unsere Thiere waren meist in kleinen Holzkäfigten, manche liefen aber
+frei überall auf der Pirogue herum. Wenn Regen drohte, erhoben die Aras
+ein furchtbares Geschrei, und der Tucan wollte ans Ufer, um Fische zu
+fangen, die kleinen Titiaffen liefen Pater Zea zu und krochen in die
+ziemlich weiten Aermel seiner Franciskanerkutte. Dergleichen Auftritte
+kamen oft vor und wir vergaßen darüber der Plage der Moskitos. Nachts im
+Bivouac stellte man in die Mitte einen ledernen Kasten (petaca) mit dem
+Mundvorrath, daneben unsere Instrumente und die Käfige mit den Thieren,
+ringsum wurden unsere Hängematten befestigt und weiterhin die der
+Indianer. Die äußerste Grenze bildeten die Feuer, die man anzündet, um
+die Jaguars im Walde fern zu halten. So war unser Nachtlager am Ufer des
+Cassiquiare angeordnet. Die Indianer sprachen oft von einem kleinen
+Nachtthier mit langer Nase, das die jungen Papagaien im Nest überfalle
+und mit den Händen fresse wie die Affen und die Manaviri’s oder
+Kinkajous. Sie nannten es Guachi; es ist wahrscheinlich ein Coati,
+vielleicht Viverra nasua, die ich in Mexico im freien Zustand gesehen,
+nicht aber in den Strichen von Südamerika, die ich bereist. Die
+Missionäre verbieten den Eingeborenen alles Ernstes, das Fleisch des
+Guachy zu essen, da sie einen weit verbreiteten Glauben theilen und
+diesem Fleisch stimulirende Eigenschaften zuschreiben, wie die
+Orientalen dem Fleisch der Skinkos (Lacerta scincus) und die Amerikaner
+dem der Caymans.
+
+Am 11. Mai. Wir brachen ziemlich spät von der Mission San Francisco
+Solano auf, da wir nur eine kleine Tagreise machen wollten. Die untere
+Dunstschicht fing an sich in Wolken mit festen Umrissen zu theilen, und
+in den obern Luftregionen ging etwas Ostwind. Diese Zeichen deuteten auf
+einen bevorstehenden Witterungswechsel, und wir wollten uns nicht weit
+von der Mündung des Cassiquiare entfernen, da wir hoffen durften, in der
+folgenden Nacht den Durchgang eines Sterns durch den Meridian beobachten
+zu können. Wir sahen südwärts den Caño Daquiapo, nordwärts den
+Guachaparu und einige Seemeilen weiterhin die Stromschnellen von
+Cananivacari. Die Strömung betrug 6,3 Fuß in der Secunde, und so hatten
+wir im Raudal mit Wellen zu kämpfen, die ein ziemlich starkes Scholken
+verursachten. Wir stiegen aus und Bonpland entdeckte wenige Schritte vom
+Ufer einen Almandron (Juvia), einen prachtvollen Stamm der Bertholletia
+excelsa. Die Indianer vetsicherten uns, in San Francisco Solano, Vasiva
+und Esmeralda wisse man nichts davon, daß dieser kostbare Baum am
+Cassiquiare wachse. Sie glaubten übrigens nicht, daß der Baum, der über
+60 Fuß hoch war, aus Saamen aufgewachsen, die zufällig ein Reisender
+verstreut. Nach Versuchen, die man in San Carlos gemacht, weiß man, daß
+die Bertholletia wegen der holzigten Fruchthülle und des leicht ranzigt
+werdenden Oels der Mandel sehr selten zum Keimen zu bringen ist.
+Vielleicht war dieser Stamm ein Anzeichen, daß tiefer im Lande gegen Ost
+und Nordost eine Waldung von Bertholletia besteht. Wir wissen wenigstens
+bestimmt, daß dieser schöne Baum unter dem dritten Grad der Breite in
+den Cerros von Guanaya wild vorkommt. Die gesellig lebenden Gewächse
+haben selten scharf abgeschnittene Grenzen, und häufig stößt man, bevor
+man zu einem Palmar oder einem Pinal[^2] gelangt, auf einzelne Palmen
+oder Fichten. Dieselben gleichen Colonisten, die in ein mit andern
+Gewächsen bevölkertes Land sich hinausgewagt haben.
+
+Vier Seemeilen von den Stromschnellen von Cananivacari stehen mitten in
+der Ebene seltsam gestaltete Felsen. Zuerst kommt eine schmale, 80 Fuß
+hohe senkrechte Mauer, und dann, am südlichen Ende derselben, erscheinen
+zwei Thürmchen mit fast horizontalen Granitschichten. Diese Felsen von
+Guanari sind so symmetrisch gruppirt, daß sie wie die Trümmer eines
+alten Gebäudes erscheinen. Sind es Ueberbleibsel von Eilanden in einem
+Binnenmeer, das einst das völlig ebene Land zwischen der Sierra Parime
+und der Sierra dos Parecis bedeckte,[^3] oder wurden diese Felswände,
+diese Granitthürme von den elastischen Kräften, die noch immer im Innern
+unseres Planeten thätig sind, emporgehoben? Von selbst grübelt der
+Gedanke über die Entstehung der Berge, wenn man in Mexico Vulkane und
+Trachytgipfel aus einer langen Spalte stehen, in den Anden von
+Südamerika Urgebirgs- und vulkanische Bildungen in Einer Bergkette lang
+hingestreckt sah, wenn man der ungemein hohen Insel von drei Seemeilen
+Umfang gedenkt, die in jüngster Zeit bei Unalashka vom Boden des
+Weltmeeres aufgestiegen.
+
+Eine Zierde der Ufer des Cassiquiare ist die Chirivapalme mit
+gefiederten, an der untern Fläche silberweißen Blättern. Sonst besteht
+der Wald nur aus Bäumen mit großen lederartigen, glänzenden, nicht
+gezahnten Blättern. Diesen eigenthümlichen Charakter erhält die
+Vegetation am Rio Negro, Tuamini und Cassiquiare dadurch, daß in der
+Nähe des Aequators die Familien der Guttiferen, der Sapotillen und der
+Lorbeeren vorherrschen. Da der heitere Himmel uns eine schöne Nacht
+verhieß, schlugen wir schon um fünf Uhr Abends unser Nachtlager bei der
+Piedra de Culimacari auf, einem frei stehenden Granitfelsen, gleich
+allen zwischen Atabapo und Cassiquiare, deren ich Erwähnung gethan. Da
+wir die Flußkrümmungen aufnahmen, zeigte es sich, daß dieser Fels
+ungefähr unter dem Parallel der Mission San Francisco Solano liegt. In
+diesen wüsten Ländern, wo der Mensch bis jetzt nur flüchtige Spuren
+seines Daseyns hinterlassen hat, suchte ich meine Beobachtungen immer an
+einer Flußmündung oder am Fuße eines an seiner Gestalt leicht
+kenntlichen Felsen anzustellen. Nur solche von Natur unverrückbare
+Punkte können bei Entwerfung geographischer Karten als Grundlagen
+dienen.
+
+In der Nacht vom 10. zum 11. Mai konnte ich an α des südlichen Kreuzes
+die Breite gut beobachten; die Länge wurde, indessen nicht so genau,
+nach den zwei schönen Sternen an den Füßen des Centauren chronometrisch
+bestimmt. Durch diese Beobachtung wurde, und zwar für geographische
+Zwecke hinlänglich genau, die Lage der Mündung des Rio Pacimoni, der
+Schanze San Carlos und des Einflusses des Cassiquiare in den Rio Negro
+zumal ermittelt. Der Fels Culimacari liegt ganz genau unter 2°0′42″ der
+Breite und wahrscheinlich unter 69°33′50″ der Länge. In zwei spanisch
+geschriebenen Abhandlungen, die ich dem Generalcapitän von Caracas und
+dem Minister Staatssekretär d’Urquijo überreicht, habe ich den Werth
+dieser astronomischen Bestimmungen für die Berichtigung der Grenzen der
+portugiesischen Colonien auseinandergesetzt. Zur Zeit von Solanos
+Expedition setzte man den Einfluß des Cassiquiare in den Rio Negro einen
+halben Grad nördlich vom Aequator, und obgleich die Grenzcommission
+niemals zu einem Endresultat gelangte, galt in den Missionen immer der
+Aequator als vorläufig anerkannte Grenze. Aus meinen Beobachtungen
+ergibt sich nun aber, daß San Carlos am Rio Negro, oder, wie man sich
+hier vornehm ausdrückt, die Grenzfestung keineswegs unter 0°20′, wie
+Pater Caulin behauptet, noch unter 0°53′, wie La Cruz und Surville (die
+officiellen Geographen der Real Expedition de limites) annehmen, sondern
+unter 1°53′42″ der Breite liegt. Der Aequator läuft also nicht nördlich
+vom portugiesischen Fort San Jose de Marabitanos, wie bis jetzt alle
+Karten mit Ausnahme der neuen Ausgabe der Arrowsmith’schen Karte
+angeben, sondern 25 Meilen weiter gegen Süd zwischen San Felipe und der
+Mündung des Rio Guape. Aus der handschriftlichen Karte Requenas, die ich
+besitze, geht hervor, daß diese Thatsache den portugiesischen Astronomen
+schon im Jahr 1783 bekannt war, also 35 Jahre bevor man in Europa anfing
+dieselbe in die Karten aufzunehmen.
+
+Da man in der Capitania general von Caracas von jeher der Meinung war,
+der geschickte Ingenieur Don Gabriel Clavero habe die Schanze San Carlos
+del Rio Negro gerade auf die Aequinoctiallinie gebaut, und da in der
+Nähe derselben die beobachteten Breiten, nach La Condamine, gegen Süd zu
+groß angenommen waren, so war ich darauf gefaßt, den Aequator einen Grad
+nördlich von San Carlos, demnach an den Ufern des Temi und Tuamini zu
+finden. Schon die Beobachtungen in der Mission San Balthasar (Durchgang
+dreier Sterne durch den Meridian) ließen mich vermuthen, daß diese
+Annahme unrichtig sey; aber erst durch die Breite der Piedra Culimacari
+lernte ich die wirkliche Lage der Grenze kennen. Die Insel San Jose im
+Rio Negro, die bisher als Grenze zwischen den spanischen und
+portugiesischen Besitzungen galt, liegt wenigstens unter 1°38′
+nördlicher Breite, und hätte Ituriagas und Solanos Commission ihre
+langen Verhandlungen zum Abschluß gebracht, wäre der Aequator vom Hofe
+zu Lissabon definitiv als Grenze beider Staaten anerkannt worden, so
+gehörten jetzt sechs portugiesische Dörfer und das Fort San Jose selbst,
+die nördlich vom Rio Guape liegen, der spanischen Krone. Was man damals
+mit ein paar genauen astronomischen Beobachtungen erworben hätte, ist
+von größerem Belang, als was man jezt besitzt; es ist aber zu hoffen,
+daß zwei Völker, welche auf einer ungeheuern Landstrecke Südamerikas
+ostwärts von den Anden die ersten Keime der Cultur gelegt haben, den
+Grenzstreit um einen 33 Meilen breiten Landstrich und um den Besitz
+eines Flusses, auf dem die Schifffahrt frei seyn muß, wie auf dem
+Orinoco und dem Amazonenstrom, nicht wieder aufnehmen werden.
+
+Am 12. Mai. Befriedigt vom Erfolg unserer Beobachtungen, brachen wir um
+halb zwei Uhr in der Nacht von der Piedra Culimacari aus. Die Plage der
+Moskitos, der wir jetzt wieder Unterlagen, wurde ärger, je weiter wir
+vom Rio Negro wegkamen. Im Thale des Cassiquiare gibt es keine Zancudos
+(Culex), aber die Insekten aus der Gattung Simulium und alle andern aus
+der Familie der Tipulae sind um so häufiger und giftiger.[^4] Da wir,
+ehe wir in die Mission Esmeralda kamen, in diesem nassen, ungesunden
+Klima noch acht Nächte unter freiem Himmel zuzubringen hatten, so war es
+der Steuermann wohl zufrieden, die Fahrt so einzurichten, daß wir die
+Gastfreundschaft des Missionärs von Mandavaca in Anspruch nehmen und im
+Dorfe Vasiva Obdach finden konnten. Nur mit Anstrengung kamen wir gegen
+die Strömung vorwärts, die 9 Fuß, an manchen Stellen, wo ich sie genau
+gemessen, 11 Fuß 8 Zoll in der Secunde, also gegen acht Seemeilen in der
+Stunde betrug. Unser Nachtlager war in gerader Linie schwerlich drei
+Meilen von der Mission Mandavaca entfernt, unsere Ruderer waren nichts
+weniger als unfleißig, und doch brauchten wir 14 Stunden zu der kurzen
+Strecke.
+
+Gegen Sonnenuntergang kamen wir an der Mündung des Rio Pacimoni vorüber.
+Es ist dieß der Fluß, von dem oben bei Gelegenheit des Handels mit
+Sarsaparille die Rede war[^5] und der in so auffallender Weise (durch
+den Baria) mit dem Cababuri verzweigt ist. Der Pacimoni entspringt in
+einem bergigten Landstrich und aus der Vereinigung dreier kleiner
+Gewässer, die auf den Karten der Missionäre nicht verzeichnet sind. Sein
+Wasser ist schwarz, doch nicht so stark als das des See’s bei Vasiva,
+der auch in den Cassiquiare mündet. Zwischen diesen beiden Zuflüssen von
+Ost her liegt die Mündung des Rio Idapa, der weißes Wasser hat. Ich
+komme nicht darauf zurück, wie schwer es zu erklären ist, daß dicht
+neben einander verschieden gefärbte Flüsse vorkommen; ich erwähne nur,
+daß uns an der Mündung des Pacimoni und am Ufer des See’s Vasiva die
+Reinheit und ungemeine Durchsichtigkeit dieser braunen Wasser von Neuem
+auffiel. Bereits alte arabische Reisende haben die Bemerkung gemacht,
+daß der aus dem Hochgebirg kommende Nilarm, der sich bei Halfaja mit dem
+Behar-el-Abiad vereinigt, grünes Wasser hat, das so durchsichtig ist,
+daß man die Fische auf dem Grund des Flusses sieht.[^6]
+
+Ehe wir in die Mission Mandavaca kamen, liefen wir durch ziemlich
+ungestüme Stromschnellen. Das Dorf, das auch Quirabuena heißt, zählt nur
+60 Eingeborene. Diese christlichen Niederlassungen befinden sich meist
+in so kläglichem Zustande, daß längs des ganzen Cassiquiare auf einer
+Strecke von 50 Meilen keine 200 Menschen leben. Ja die Ufer dieses
+Flusses waren bevölkerter, ehe die Missionäre ins Land kamen. Die
+Indianer zogen sich in die Wälder gegen Ost, denn die Ebenen gegen West
+sind fast menschenleer. Die Eingeborenen leben einen Theil des Jahrs von
+den großen Ameisen, von denen oben die Rede war. Diese Insekten sind
+hier zu Lande so stark gesucht, wie in der südlichen Halbkugel die
+Spinnen der Sippe Epeira, die für die Wilden auf Neuholland ein
+Leckerbissen sind. In Mandavaca fanden wir den guten alten Missionär,
+der bereits »seine zwanzig Moskitojahre in den Bosques del Cassiquiare«
+zugebracht hatte, und dessen Beine von den Stichen der Insekten so
+gefleckt waren, daß man kaum sah, daß er eine weiße Haut hatte. Er
+sprach uns von seiner Verlassenheit, und wie er sich in der traurigen
+Nothwendigkeit sehe, in den beiden Missionen Mandavaca und Vasiva häufig
+die abscheulichsten Verbrechen straflos zu lassen. Vor wenigen Jahren
+hatte im letzteren Ort ein indianischer Alcade eines seiner Weiber
+verzehrt, die er in seinen Conuco[^7] hinausgenommen und gut genährt
+hatte, um sie fett zu machen. Wenn die Völker in Guyana Menschenfleisch
+essen, so werden sie nie durch Mangel oder durch gottesdienstlichen
+Aberglauben dazu getrieben, wie die Menschen auf den Südseeinseln; es
+beruht meist auf Rachsucht des Siegers und — wie die Missionäre sagen —
+auf »Verirrung des Appetits.« Der Sieg über eine feindliche Horde wird
+durch ein Mahl gefeiert, wobei der Leichnam eines Gefangenen zum Theil
+verzehrt wird. Ein andermal überfällt man bei Nacht eine wehrlose
+Familie oder tödtet einen Feind, auf den man zufällig im Walde stößt,
+mit einem vergifteten Pfeil. Der Leichnam wird zerstückt und als Trophäe
+nach Hause getragen. Erst die Cultur hat dem Menschen die Einheit des
+Menschengeschlechts zum Bewußtseyn gebracht und ihm offenbart, daß ihn
+auch mit Wesen, deren Sprache und Sitten ihm fremd sind, ein Band der
+Blutsverwandtschaft verbindet. Die Wilden kennen nur ihre Familie, und
+ein Stamm erscheint ihnen nur als ein größerer Verwandtschaftskreis.
+Kommen Indianer, die sie nicht kennen, aus dem Walde in die Mission, so
+brauchen sie einen Ausdruck, dessen naive Einfalt mir oft aufgefallen
+ist: »Gewiß sind dieß Verwandte von mir, denn ich verstehe sie, wenn sie
+mit mir sprechen.« Die Wilden verabscheuen Alles, was nicht zu ihrer
+Familie oder ihrem Stamme gehört, und Indianer einer benachbarten
+Völkerschaft, mit der sie im Kriege leben, jagen sie, wie wir das Wild.
+Die Pflichten gegen Familie und Verwandtschaft sind ihnen wohl bekannt,
+keineswegs aber die Pflichten der Menschlichkeit, die auf dem Bewußtseyn
+beruhen, daß alle Wesen, die geschaffen sind wie wir, Ein Band
+umschlingt. Keine Regung von Mitleid hält sie ab, Weiber oder Kinder
+eines feindlichen Stammes ums Leben zu bringen. Letztere werden bei den
+Mahlzeiten nach einem Gefecht oder einem Ueberfall vorzugsweise
+verzehrt.
+
+Der Haß der Wilden fast gegen alle Menschen, die eine andere Sprache
+reden und ihnen als Barbaren von niedrigerer Race als sie selbst
+erscheinen, bricht in den Missionen nicht selten wieder zu Tage, nachdem
+er lange geschlummert. Wenige Monate vor unserer Ankunft in Esmeralda
+war ein im Walde[^8] hinter dem Duida gebotener Indianer allein
+unterwegs mit einem andern, der von den Spaniern am Ventuario gefangen
+worden war und ruhig im Dorfe, oder, wie man hier sagt, »unter der
+Glocke«, »debaxo de la campaña«, lebte. Letzterer konnte nur langsam
+gehen, weil er an einem Fieber litt, wie sie die Eingeborenen häufig
+befallen, wenn sie in die Missionen kommen und rasch die Lebensweise
+ändern.
+
+Sein Reisegefährte, ärgerlich über den Aufenthalt, schlug ihn todt und
+versteckte den Leichnam in dichtem Gebüsch in der Nähe von Esmeralda.
+Dieses Verbrechen, wie so manches dergleichen, was unter den Indianern
+vorfällt, wäre unentdeckt geblieben, hätte nicht der Mörder Anstalt
+gemacht, Tags darauf eine Mahlzeit zu halten. Er wollte seine Kinder,
+die in der Mission geboren und Christen geworden waren, bereden, mit ihm
+einige Stücke des Leichnams zu holen. Mit Mühe brachten ihn die Kinder
+davon ab, und durch den Zank, zu dem die Sache in der Familie führte,
+erfuhr der Soldat, der in Esmeralda lag, was die Indianer ihm gerne
+verborgen hätten.
+
+Anthropophagie und Menschenopfer, die so oft damit verknüpft sind,
+kommen bekanntlich überall auf dem Erdball und bei Völkern der
+verschiedensten Racen vor;[^9] aber besonders auffallend erscheint in
+der Geschichte der Zug, daß die Menschenopfer sich auch bei bedeutendem
+Culturfortschritt erhalten, und daß die Völker, die eine Ehre darin
+suchen, ihre Gefangenen zu verzehren, keineswegs immer die versunkensten
+und wildesten sind. Diese Bemerkung hat etwas peinlich Ergreifendes,
+Niederschlagendes; sie entging auch nicht den Missionären, die gebildet
+genug sind, um über die Sitten der Völkerschaften, unter denen sie
+leben, nachzudenken. Die Cabres, die Guipunavis und die Caraiben waren
+von jeher mächtiger und civilisirter als die andern Horden am Orinoco,
+und doch sind die beiden ersteren Menschenfresser, während es die
+letzteren niemals waren. Man muß zwischen den verschiedenen Zweigen, in
+welche die große Familie der caraibischen Völker zerfällt, genau
+unterscheiden. Diese Zweige sind so zahlreich wie die Stämme der
+Mongolen und westlichen Tartaren oder Turcomannen. Die Caraiben auf dem
+Festlande, auf den Ebenen zwischen dem untern Orinoco, dem Rio Branco,
+dem Essequebo und den Quellen des Oyapoc verabscheuen die Sitte, die
+Gefangenen zu verzehren. Diese barbarische Sitte[^10] bestand bei der
+Entdeckung von Amerika nur bei den Caraiben aus den antillischen Inseln.
+Durch sie sind die Worte Cannibalen, Caraiben und Menschenfresser
+gleichbedeutend geworden, und die von ihnen verübten Grausamkeiten
+veranlaßten das im Jahr 1504 erlassene Gesetz, das den Spaniern
+gestattet, jeden Amerikaner, der erweislich caraibischen Stammes ist,
+zum Sklaven zu machen. Ich glaube übrigens, daß die Menschenfresserei
+der Bewohner der Antillen in den Berichten der ersten Seefahrer stark
+übertrieben ist. Ein ernster, scharfsinniger Geschichtschreiber, Herera,
+hat sich nicht gescheut, diese Geschichten in die Decades historicas
+aufzunehmen; er glaubt sogar an den merkwürdigen Fall, der die Caraiben
+veranlaßt haben soll, ihrer barbarischen Sitte zu entsagen. »Die
+Eingeborenen einer kleinen Insel hatten einen Dominikanermönch verzehrt;
+den sie von der Küste von Portorico fortgeschleppt. Sie wurden alle
+krank, und mochten fortan weder Mönch noch Laien verzehren.«
+
+Wenn die Caraiben am Orinoco schon zu Anfang des sechzehnten
+Jahrhunderts andere Sitten hatten als die auf den Antillen, wenn sie
+immer mit Unrecht der Anthropophagie beschuldigt worden sind, so ist
+dieser Unterschied nicht wohl daher zu erklären, daß sie
+gesellschaftlich höher standen. Man begegnet den seltsamsten Contrasten
+in diesem Völkergewirre, wo die einen nur von Fischen, Affen und Ameisen
+leben, andere mehr oder weniger Ackerbauer sind, mehr oder weniger das
+Verfertigen und Bemalen von Geschirren, die Weberei von Hängematten und
+Baumwollenzeug als Gewerbe treiben. Manche der letzteren halten an
+unmenschlichen Gebräuchen fest, von denen die ersteren gar nichts
+wissen. Im Charakter und in den Sitten eines Volks wie in seiner Sprache
+spiegeln sich sowohl seine vergangenen Zustände als die gegenwärtigen;
+man müßte die ganze Geschichte der Gesittung oder der Verwilderung einer
+Horde kennen, man müßte den menschlichen Vereinen in ihrer ganzen
+Entwicklung und auf ihren verschiedenen Lebensstufen nachgehen können,
+wollte man Probleme lösen, die ewig Räthsel bleiben werden, wenn man nur
+die gegenwärtigen Verhältnisse ins Auge fassen kann.
+
+»Sie machen sich keine Vorstellung davon,« sagte der alte Missionär in
+Mandavaca, »wie verdorben diese famiglia de Indios ist. Man nimmt Leute
+von einem neuen Stamm im Dorfe auf; sie scheinen sanftmüthig, redlich,
+gute Arbeiter; man erlaubt ihnen einen Streifzug (entrada) mitzumachen,
+um Eingeborene einzubringen, und hat genug zu thun, zu verhindern, daß
+sie nicht alles, was ihnen in die Hände kommt, umbringen und Stücke der
+Leichname verstecken.« Denkt man über die Sitten dieser Indianer nach,
+so erschrickt man ordentlich über diese Verschmelzung von Gefühlen, die
+sich auszuschließen scheinen, über die Unfähigkeit dieser Völker, sich
+anders als nur theilweise zu humanisiren, über diese Uebermacht der
+Bräuche, Vorurtheile und Ueberlieferungen über die natürlichen Regungen
+des Gemüths. Wir hatten in unserer Pirogue einen Indianer, der vom Rio
+Guaisia entlaufen war und sich in wenigen Wochen soweit civilisirt
+hatte, daß er uns beim Aufstellen der Instrumente zu den nächtlichen
+Beobachtungen gute Dienste leisten konnte. Er schien so gutmüthig als
+gescheit und wir hatten nicht übel Lust, ihn in unsern Dienst zu nehmen.
+Wie groß war unser Verdruß, als wir im Gespräch mittelst eines
+Dolmetschers von ihm hören mußten, »das Fleisch der Manimondas-Affen sey
+allerdings schwärzer, er meine aber doch, es schmecke wie
+Menschenfleisch.« Er versicherte, »seine Verwandten (das heißt seine
+Stammverwandten) essen vom Menschen wie vom Bären die Handflächen am
+liebsten.« Und bei diesem Ausspruch äußerte er durch Geberden seine rohe
+Lust. Wir ließen den sonst sehr ruhigen und bei den kleinen Diensten,
+die er uns leistete, sehr gefälligen jungen Mann fragen, ob er hie und
+da noch Lust spüre, »Cheruvichahena-Fleisch zu essen;« er erwiederte
+ganz unbefangen, in der Mission werde er nur essen, was er los padres
+essen sehe. Den Eingeborenen wegen des abscheulichen Brauchs, von dem
+hier die Rede ist, Vorwürfe zu machen, hilft rein zu nichts; es ist
+gerade als ob ein Bramine vom Ganges, der in Europa reiste, uns darüber
+anließe, daß wir das Fleisch der Thiere essen. In den Augen des
+Indianers vom Rio Guaisia war der Cheruvichahena ein von ihm selbst
+völlig verschiedenes Wesen; ihn umzubringen war ihm kein größeres
+Unrecht, als die Jaguars im Walde umzubringen. Es war nur Gefühl für
+Anstand, wenn er, so lange er in der Mission war, nur essen wollte, was
+los padres genossen. Entlaufen die Eingeborenen zu den Ihrigen (al
+monte), oder treibt sie der Hunger, so werden sie alsbald wieder
+Menschenfresser wie zuvor. Und wie sollten wir uns über diesen Unbestand
+der Völker am Orinoco wundern, da uns aufs glaubwürdigste bezeugt ist,
+was sich in Hungersnoth bei civilisirten Völkern schon Gräßliches
+ereignet hat? In Egypten griff im dreizehnten Jahrhundert die Sucht,
+Menschenfleisch zu essen, unter allen Ständen um sich; besonders aber
+stellte man den Aerzten nach. Hatte einer Hunger, so gab er sich für
+krank aus und ließ einen Arzt rufen, aber nicht um sich bei ihm Raths zu
+erholen, sondern um ihn zu verzehren. Ein sehr glaubwürdiger
+Schriftsteller, Abd-Allatif, erzählt uns, »wie eine Sitte, die Anfangs
+Abscheu und Entsetzen einflößte, bald gar nicht mehr auffiel.«[^11]
+
+So leicht die Indianer am Cassiquiare in ihre barbarischen Gewohnheiten
+zurückfallen, so zeigen sie doch in den Missionen Verstand und einige
+auch für Arbeit, besonders aber große Fertigkeit, sich spanisch
+auszudrücken. Da in den Dörfern meist drei vier Nationen beisammen
+leben, die einander nicht verstehen, so hat eine fremde Sprache, die
+zugleich die Sprache der bürgerlichen Behörde, des Missionärs ist, den
+Vortheil, daß sie als allgemeines Verkehrsmittel dient. Ich sah einen
+Poignave-Indianer sich spanisch mit einem Huairiba-Indianer unterhalten,
+und doch hatten beide erst seit drei Monaten ihre Wälder verlassen. Alle
+Viertelstunden brachten sie einen mühselig zusammengestammelten Satz zu
+Tage, und dabei war das Zeitwort, ohne Zweifel nach der Contur ihrer
+eigenen Sprachen, immer im Gerundium gesetzt. Quando io mirando Padre.
+Padre me dimendo. Statt: als ich den Pater sah, sagte er mir. Ich habe
+oben erwähnt, wie verständig mir die Idee der Jesuiten schien, eine der
+cultivirten amerikanischen Sprachen, etwa das Peruanische, die lingua
+del Inga, zur allgemeinen Sprache zu machen und die Indianer in einer
+Mundart zu unterrichten, die wohl in den Wurzeln, aber nicht im Bau und
+in den grammatischen Formen von den ihrigen abweicht. Man that damit
+nur, was die Incas oder priesterlichen Könige von Peru seit
+Jahrhunderten zur Ausführung gebracht, um die barbarischen
+Völkerschaften am obern Amazonenstrom unter ihrer Gewalt zu behalten und
+zu humanisiren, und solch ein System ist doch nicht ganz so seltsam als
+der Vorschlag, der auf einem Provinzialconcil in Mexico alles Ernstes
+gemacht worden, man solle die Eingeborenen Amerikas lateinisch sprechen
+lehren.
+
+Wie man uns sagte, zieht man am untern Orinoco, besonders in Angostura,
+die Indianer vom Cassiquiare und Rio Negro wegen ihres Verstandes und
+ihrer Rührigkeit den Bewohnern der andern Missionen vor. Die in
+Mandavaca sind bei den Völkern ihrer Race berühmt, weil sie ein
+Curare-Gift bereiten, das in der Stärke dem von Esmeralda nicht
+nachsteht. Leider geben sich die Eingeborenen damit weit mehr ab als mit
+dem Ackerbau, und doch ist an den Ufern des Cassiquiare der Boden
+ausgezeichnet. Es findet sich daselbst ein schwarzbrauner Granitsand,
+der in den Wäldern mit dicken Humusschichten, am Ufer mit einem Thon
+bedeckt ist, der fast kein Wasser durchläßt. Am Cassiquiare scheint der
+Boden fruchtbarer als im Thal des Rio Negro, wo der Mais ziemlich
+schlecht geräth. Reis, Bohnen, Baumwolle, Zucker und Indigo geben
+reichen Ertrag, wo man sie nur anzubauen versucht hat. Bei den Missionen
+San Miguel de Davipe, San Carlos und Mandavaca sahen wir Indigo wild
+wachsen. Es läßt sich nicht in Abrede ziehen, daß mehrere amerikanische
+Völker, namentlich die Mexicaner, sich lange vor der Eroberung zu ihren
+hieroglyphischen Malereien eines wirklichen Indigo bedienten, und daß
+dieser Farbstoff in kleinen Broden auf dem großen Markt von Tenochtitlan
+verkauft wurde. Aber ein chemisch identischer Farbstoff kann aus
+Pflanzen gezogen werden, die einander nahe stehenden Gattungen
+angehören, und so möchte ich jetzt nicht entscheiden, ob die in Amerika
+einheimischen Indigofera sich nicht generisch von Indigofera anil und
+Indigofera argentea der alten Welt unterscheiden. Bei den Kaffeebäumen
+der beiden Welten ist ein solcher Unterschied wirklich beobachtet.
+
+Die feuchte Luft und, als natürliche Folge davon, die Masse von Insekten
+lassen hier wie am Rio Negro neue Culturen fast gar nicht aufkommen.
+Selbst bei hellem, blauem Himmel sahen wir das Delucsche Hygrometer
+niemals unter 52 Grad stehen. Ueberall trifft man jene großen Ameisen,
+die in gedrängten Haufen einherziehen und sich desto eifriger über die
+Culturpflanzen hermachen, da dieselben krautartig und saftreich sind,
+während in den Wäldern nur Gewächse mit holzigten Stengeln stehen. Will
+ein Missionär versuchen, Salat oder irgend ein europäisches Küchenkraut
+zu ziehen, so muß er seinen Garten gleichsam in die Luft hängen. Er
+füllt ein altes Canoe mit gutem Boden und hängt es vier Fuß über dem
+Boden an Chiquichiquistricken auf; meist aber stellt er es auf ein
+leichtes Gerüste. Die jungen Pflanzen sind dabei vor Unkraut, vor
+Erdwürmern und vor den Ameisen geschützt, die immer geradeaus ziehen,
+und da sie nicht wissen, was über ihnen wächst, nicht leicht von ihrem
+Wege ablenken, um an Pfählen ohne Rinde hinaufzukriechen. Ich erwähne
+dieses Umstandes zum Beweis, wie schwer es unter den Tropen, an den
+Ufern der großen Ströme dem Menschen Anfangs wird, wenn er es versucht,
+in diesem unermeßlichen Naturgebiete, wo die Thiere herrschen und der
+wilde Pflanzenwuchs den Boden überwuchert, einen kleinen Erdwinkel sich
+zu eigen zu machen.
+
+Am 13. Mai. Ich hatte in der Nacht einige gute Sternbeobachtungen machen
+können, leider die letzten am Cassiquiare. Mandavaca liegt unter 2°47′
+der Breite und, nach dem Chronometer, 69°27′ der Länge. Die Inclination
+der Magnetnadel fand ich gleich 25°25. Dieselbe hatte also seit der
+Schanze San Carlos bedeutend zugenommen; Das anstehende Gestein war
+indessen derselbe, etwas hornblendehaltige Granit, den wir in Javita
+getroffen, und der syenitartig aussieht. Wir brachen von Mandavaca um
+zwei ein halb Uhr in der Nacht auf. Wir hatten noch acht ganze Tage mit
+der Strömung des Cassiquiare zu kämpfen, und das Land, durch das wir zu
+fahren hatten, bis wir wieder nach San Fernando de Atabapo kamen, ist so
+menschenleer, daß wir erst nach dreizehn Tagen hoffen durften wieder zu
+einem Observanten, zum Missionär von Santa Barbara zu gelangen. Nach
+sechsstündiger Fahrt liefen wir am Einfluß des Rio Jdapa oder Siapa
+vorbei, der ostwärts aus dem Berg Unturan entspringt und zwischen dessen
+Quellen und dem Rio Mavaca, der in den Orinoco läuft, ein Trageplatz
+ist. Dieser Fluß hat weißes Wasser; er ist nur halb so breit als der
+Pacimoni, dessen Wasser schwarz ist. Sein oberer Lauf ist auf den Karten
+von La Cruz und Surville, die allen späteren als Vorbild gedient haben,
+seltsam entstellt. Ich werde, wenn von den Quellen des Orinoco die Rede
+ist, Gelegenheit finden, von den Voraussetzungen zu sprechen die zu
+diesen Irrthümern Anlaß gegeben haben. Hätte Pater Caulin die Karte
+sehen können, die man seinem Werke beigegeben, so hätte er sich wohl
+nicht wenig gewundert, daß man darin die Fictionen wieder aufgenommen,
+die er mit zuverlässigen, an Ort und Stelle eingezogenen Nachrichten
+widerlegt hat. Dieser Missionär sagt lediglich, der Idapa entspringe in
+einem bergigten Land, bei dem die Amuisanas-Indianer hausen. Aus diesen
+Indianern wurden Amoizanas oder Amazonas gemacht, und den Rio Idapa ließ
+man aus einer Quelle entspringen, die am Flecke selbst, wo sie aus der
+Erde sprudelt, sich in zwei Zweige theilt, die nach gerade
+entgegengesetzten Seiten laufen. Eine solche Gabelung einer Quelle ist
+ein reines Phantasiebild.
+
+Wir übernachteten unter freiem Himmel beim Raudal des Cunuri. Das Getöse
+des kleinen Katarakts wurde in der Nacht auffallend stärker. Unsere
+Indianer behaupteten, dieß sey ein sicheres Vorzeichen des Regens. Ich
+erinnerte mich, daß auch die Bewohner der Alpen auf dieses
+Wetterzeichen[^12] sehr viel halten. Wirklich regnete es lange vor
+Sonnenaufgang. Uebrigens hatte uns das lange anhaltende Geheul der
+Araguatos, lange bevor der Wasserfall lauter wurde, verkündet, daß ein
+Regenguß im Anzug sey.
+
+Am 14. Mai. Die Moskitos und mehr noch die Ameisen jagten uns vor zwei
+Uhr in der Nacht vom Ufer. Wir hatten bisher geglaubt, die letzteren
+kriechen nicht an den Stricken der Hängematten hinauf; ob dieß nun aber
+unbegründet ist, oder ob die Ameisen aus den Baumgipfeln auf uns
+herabfielen, wir hatten vollauf zu thun, uns dieser lästigen Insekten zu
+entledigen. Je weiter wir fuhren, desto schmaler wurde der Fluß und die
+Ufer waren so sumpfigt, daß Bonpland sich nur mit großer Mühe an den Fuß
+einer mit großen purpurrothen Blüthen bedeckten Carolinea princeps
+durcharbeiten konnte. Dieser Baum ist die herrlichste Zierde der Wälder
+hier und am Rio Negro. Wir untersuchten mehrmals am Tage die Temperatur
+des Cassiquiare. Das Wasser zeigte an der Oberfläche nur 24° (in der
+Luft stand der Thermometer auf 25°,6), also ungefähr so viel als der Rio
+Negro, aber 4—5° weniger als der Orinoco. Nachdem wir westwärts die
+Mündung des Caño Caterico, der schwarzes, ungemein durchsichtiges Wasser
+hat, hinter uns gelassen, verließen wir das Flußbett und landeten an
+einer Insel, auf der die Mission Vasiva liegt. Der See, der die Mission
+umgibt, ist eine Meile breit und hängt durch drei Canäle mit dem
+Cassiquiare zusammen. Das Land umher ist sehr sumpfigt und
+fiebererzeugend. Der See, dessen Wasser bei durchgehendem Lichte gelb
+ist, trocknet in der heißen Jahreszeit aus und dann können es selbst die
+Indianer in den Miasmen, welche sich aus dem Schlamm entwickeln, nicht
+aushalten. Daß gar kein Wind weht, trägt viel dazu bei, daß diese
+Landstriche so ungemein ungesund sind. Ich habe die Zeichnung des
+Grundrisses von Vasiva, den ich am Tage unserer Ankunft aufgenommen,
+stechen lassen. Das Dorf wurde zum Theil an einen trockeneren Platz
+gegen Nord verlegt, und daraus entspann sich ein langer Streit zwischen
+dem Statthalter von Guyana und den Mönchen. Der Statthalter behauptete,
+letzteren stehe nicht das Recht zu, ohne Genehmigung der bürgerlichen
+Behörde ihre Dörfer zu verlegen; da er aber gar nicht wußte, wo der
+Cassiquiare liegt, richtete er seine Beschwerde an den Missionär von
+Carichana, der 150 Meilen von Vasiva haust und nicht begriff, von was es
+sich handelte. Dergleichen geographische Mißverständnisse kommen sehr
+häufig vor, wo die Leute fast nie im Besitz einer Karte der Länder sind,
+die sie zu regieren haben. Im Jahr 1785 übertrug man die Mission Padamo
+dem Pater Valor mit der Weisung, »sich unverzüglich zu den Indianern zu
+verfügen, die ohne Seelenhirten seyen.« Und seit länger als fünfzehn
+Jahren gab es kein Dorf Padamo mehr und die Indianer waren al monte
+gelaufen.
+
+Vom 14. bis 21. Mai brachten wir die Nacht immer unter freiem Himmel zu
+— ich kann aber die Orte, wo wir unser Nachtlager aufschlugen, nicht
+angeben. Dieser Landstrich ist so wild und so wenig von Menschen
+betreten, daß die Indianer, ein paar Flüsse ausgenommen, keinen der
+Punkte, die ich mit dem Compaß aufnahm, mit Namen zu nennen wußten.
+Einen ganzen Grad weit konnte ich durch keine Sternbeobachtung die
+Breite bestimmen. Oberhalb des Punktes, wo der Itinivini vom Cassiquiare
+abgeht und westwärts den Granithügeln von Daripabo zuläuft, sahen wir
+die sumpfigten Ufer des Stroms mit Bambusrohr bewachsen. Diese
+baumartigen Gräser werden 20 Fuß hoch; ihr Halm ist gegen die Spitze
+immer umgebogen. Es ist eine neue Art Bambusa mit sehr breiten Blättern.
+Bonpland war so glücklich, ein blühendes Exemplar zu finden. Ich erwähne
+dieses Umstandes, weil die Gattungen Nastus und Bambusa bis jetzt sehr
+schlecht auseinander gehalten waren, und man in der neuen Welt diese
+gewaltigen Gräser ungemein selten blühend antrifft. Mutis botanisirte
+zwanzig Jahre in einem Land, wo die Bambusa Guadua mehrere Meilen breite
+sumpfigte Wälder bildet, und war nie im Stande einer Blüthe habhaft zu
+werden. Wir schickten diesem Gelehrten die ersten Bambusa-Aehren aus den
+gemäßigten Thälern von Popayan. Wie kommt es, daß sich die
+Befruchtungsorgane so selten bei einer Pflanze entwickeln, die im Lande
+zu Hause ist und vom Meeresspiegel bis in 900 Toisen Höhe äußerst
+kräftig wächst, also in eine subalpinische Region hinaufreicht, wo unter
+den Tropen das Klima dem des mittägigen Spaniens gleicht? Die Bambusa
+latifolia scheint den Becken des obern Orinoco, des Cassiquiare und des
+Amazonenstroms eigenthümlich zu seyn; es ist ein geselliges Gewächs, wie
+alle Gräser aus der Familie der Nastoiden; aber in dem Striche von
+spanisch Guyana, durch den wir gekommen, tritt sie nicht in den
+gewaltigen Massen auf, welche die Hispano-Amerikaner Guaduales oder
+Bambuswälder nennen.
+
+Unser erstes Nachtlager oberhalb Vasiva war bald aufgeschlagen. Wir
+trafen einen kleinen trockenen, von Büschen freien Fleck südlich vom
+Caño Curamuni, an einem Ort, wo wir Kapuzineraffen,[^13] kenntlich am
+schwarzen Bart und der trübseligen, scheuen Miene, langsam auf den
+horizontalen Aesten einer Genipa hin und hergehen sahen. Die fünf
+folgenden Nächte wurden immer beschwerlicher, je näher wir der
+Gabeltheilung des Orinoco kamen. Die Ueppigkeit des Pflanzenwuchses
+steigerte sich in einem Grade, von dem man sich keinen Begriff macht,
+selbst wenn man mit dem Anblick der tropischen Wälder vertraut ist. Ein
+Gelände ist gar nicht mehr vorhanden; ein Pfahlwerk aus dichtbelaubten
+Bäumen bildet das Flußufer. Man hat einen 200 Toisen breiten Canal vor
+sich, den zwei ungeheure mit Laub und Lianen bedeckte Wände einfassen;
+Wir versuchten öfters zu landen, konnten aber nicht aus dem Canoe
+kommen. Gegen Sonnenuntergang fuhren wir zuweilen eine Stunde lang am
+Ufer hin, um, nicht eine Lichtung (dergleichen gibt es gar nicht),
+sondern nur einen weniger dicht bewachsenen Fleck zu entdecken, wo
+unsere Indianer mit der Axt so weit aufräumen konnten, um für 12 bis 13
+Personen ein Lager aufzuschlagen. In der Pirogue konnten wir die Nacht
+unmöglich zubringen. Die Moskitos, die uns den Tag über plagten, setzten
+sich gegen Abend haufenweise unter den Toldo, d. h. unter das Dach aus
+Palmblättern, das uns vor dem Regen schützte. Rio waren uns Hände und
+Gesicht so stark geschwollen gewesen. Pater Zea, der sich bis dahin
+immer gerühmt, er habe in seinen Missionen an den Katarakten die größten
+und wildesten (las mas feroces) Moskitos, gab nach und nach zu, nie
+haben ihn die Insektenstiche ärger geschmerzt, als hier am Cassiquiare.
+Mitten im dicken Walde konnten wir uns nur mit schwerer Mühe Brennholz
+verschaffen; denn in diesen Ländern am Aequator, wo es beständig regnet,
+sind die Baumzweige so saftreich, daß sie fast gar nicht brennen. Wo es
+keine trockenen Ufer gibt, findet man auch so gut wie kein altes Holz,
+das, wie die Indier sagen, an der Sonne gekocht ist. Feuer bedurften wir
+übrigens nur als Schutzwehr gegen die Thiere des Waldes; unser Vorrath
+an Lebensmitteln war so gering, daß wir zur Zubereitung der Speisen des
+Feuers ziemlich hätten entbehren können.
+
+Am 18. Mai gegen Abend kamen wir an einen Ort, wo wilde Cacaobäume das
+Ufer säumen. Die Bohne derselben ist klein und bitter; die Indianer in
+den Wäldern saugen das Mark aus und werfen die Bohnen weg, und diese
+werden von den Indianern in den Missionen aufgelesen und an solche
+verkauft, die es bei der Bereitung ihrer Chokolate nicht genau nehmen.
+»Hier ist der Puerto del Cacao,« sagte der Steuermann, »hier übernachten
+los Padres, wenn sie nach Esmeralda fahren, um Blaseröhren und Juvia
+(die wohlschmeckenden Mandeln der Bertholletia) zu kaufen.« Indessen
+befahren im Jahre nicht fünf Canoes den Cassiquiare, und seit Maypures,
+also seit einem Monat, war uns auf den Flüssen, die wir hinauffuhren,
+keine Seele begegnet, außer in der nächsten Nähe der Missionen. Südwärts
+vom See Duractumini übernachteten wir in einem Palmenwalde. Der Regen
+goß in Strömen herab; aber die Pothos, die Arum und die Schlinggewächse
+bildeten eine natürliche, so dichte Laube, daß wir darunter Schutz
+fanden, wie unter dichtbelaubten Bäumen. Die Indianer, die am Ufer
+lagen, hatten Heliconien und Musaceen in einander verschlungen und damit
+über ihren Hängematten eine Art Dach gebildet. Unsere Feuer beleuchteten
+auf 50, 60 Fuß Höhe die Palmstämme, die mit Blüthen bedeckten
+Schlinggewächse und die weißlichten Rauchsäulen, die gerade gen Himmel
+stiegen; ein prachtvoller Anblick, aber um desselben mit Ruhe zu
+genießen, hätte man eine Luft athmen müssen, die nicht von Insekten
+wimmelte.
+
+Unter allen körperlichen Leiden wirken diejenigen am
+niederschlagendsten, die in ihrer Dauer immer dieselben sind, und gegen
+die es kein Mittel gibt als Geduld. Die Ausdünstungen in den Wäldern am
+Cassiquiare haben wahrscheinlich bei Bonpland den Keim zu der schweren
+Krankheit gelegt, der er bei unserer Ankunft in Angostura beinahe
+erlegen wäre. Zu unserem Glück ahnte er so wenig als ich die Gefahr, die
+ihm drohte. Der Anblick des Flusses und das Summen der Moskitos kamen
+uns allerdings etwas einförmig vor; aber unser natürlicher Frohsinn war
+nicht ganz gebrochen und half uns über die lange Oede weg. Wir machten
+die Bemerkung, daß wir uns den Hunger auf mehrere Stunden vertrieben,
+wenn wir etwas trockenen geriebenen Cacao ohne Zucker aßen. Die Ameisen
+und die Moskitos machten uns mehr zu schaffen als die Nässe und der
+Mangel an Nahrung. So großen Entbehrungen wir auch auf unsern Zügen in
+den Cordilleren ausgesetzt gewesen, die Flußfahrt von Mandavaca nach
+Esmeralda erschien uns immer als das beschwerdereichste Stück unseres
+Aufenthalts in Amerika. Ich rathe den Reisenden, den Weg über den
+Cassiquiare dem über den Atabapo nicht vorzuziehen, sie müßten denn sehr
+großes Verlangen haben, die große Gabeltheilung des Orinoco mit eigenen
+Augen zu sehen.
+
+Oberhalb des Caño Duractumuni läuft der Cassiquiare geradeaus von
+Nordost nach Südwest. Hier hat man am rechten Ufer mit dem Bau des neuen
+Dorfes Vasiva begonnen. Die Missionen Pacimona, Capivari, Buenaguardia,
+so wie die angebliche Schanze am See bei Vasiva auf unsern Karten sind
+lauter Fictionen. Es fiel uns auf, wie stark durch die raschen
+Anschwellungen des Cassiquiare die beiderseitigen Uferabhänge unterhöhlt
+waren. Entwurzelte Bäume bilden wie natürliche Flöße; sie stecken halb
+im Schlamm und können den Piroguen sehr gefährlich werden. Hätte man das
+Unglück, in diesen unbewohnten Strichen zu scheitern, so verschwände man
+ohne Zweifel, ohne daß eine Spur des Schiffbruchs verriethe, wo und wie
+man untergegangen. Man erführe nur an der Küste, und das sehr spät, ein
+Canoe, das von Vasiva abgegangen, sey hundert Meilen weiterhin, in den
+Missionen Santa Barbara und San Fernando de Atabapo nicht gesehen
+worden.
+
+Die Nacht des 20. Mai, die letzte unserer Fahrt auf dem Cassiquiare,
+brachten wir an der Stelle zu, wo der Orinoco sich gabelt. Wir hatten
+einige Aussicht, eine astronomische Beobachtung machen zu können; denn
+ungewöhnlich große Sternschnuppen schimmerten durch die Dunsthülle, die
+den Himmel umzog. Wir schlossen daraus, die Dunstschicht müsse sehr dünn
+seyn, da man solche Meteore fast niemals unter dem Gewölk sieht. Die uns
+zu Gesicht kamen, liefen nach Nord und folgten auf einander fast in
+gleichen Pausen. Die Indianer, welche die Zerrbilder ihrer Phantasie
+nicht leicht durch den Ausdruck veredeln, nennen die Sternschnuppen den
+Urin und den Thau den Speichel der Sterne. Aber das Gewölk wurde wieder
+dicker und wir sahen weder die Meteore mehr noch die wahren Sterne,
+deren wir seit mehreren Tagen mit so großer Ungeduld harrten.
+
+Man hatte uns gesagt, in Esmeralda werden wir die Insekten »noch
+grausamer und gieriger« finden, als auf dem Arm des Orinoco, den wir
+jetzt hinauffuhren; trotz dieser Aussicht erheiterte uns die Hoffnung,
+endlich einmal wieder an einem bewohnten Orte schlafen und uns beim
+Botanisiren einige Bewegung machen zu können. Beim letzten Nachtlager am
+Cassiquiare wurde unsere Freude getrübt. Ich nehme keinen Anstand, hier
+einen Vorfall zu erzählen, der für den Leser von keinem großen Belang
+ist, der aber in einem Tagebuch, das die Begebnisse auf der Fahrt durch
+ein so wildes Land schildert, immerhin eine Stelle finden mag. Wir
+lagerten am Waldsaum. Mitten in der Nacht meldeten uns die Indianer, man
+höre den Jaguar ganz in der Nähe brüllen, und zwar von den nahestehenden
+Bäumen herab. Die Wälder sind hier so dicht, daß fast keine andern
+Thiere darin vorkommen, als solche, die auf die Bäume klettern,
+Vierhänder, Cercolepten, Viverren und verschiedene Katzenarten. Da
+unsere Feuer hell brannten, und da man durch lange Gewöhnung Gefahren,
+die durchaus nicht eingebildet sind, ich möchte sagen, systematisch
+nicht achten lernt, so machten wir uns aus dem Brüllen der Jaguars nicht
+viel. Der Geruch und die Stimme unseres Hundes hatten sie hergelockt.
+Der Hund (eine große Dogge) bellte Anfangs; als aber der Tiger näher
+kam, fing er an zu heulen und kroch unter unsere Hängematten, als wollte
+er beim Menschen Schutz suchen. Seit unsern Nachtlagern am Rio Apure
+waren wir daran gewöhnt, bei dem Thier, das jung, sanftmüthig und sehr
+einschmeichelnd war, in dieser Weise Muth und Schüchternheit wechseln zu
+sehen. Wie groß war unser Verdruß, als uns am Morgen, da wir eben das
+Fahrzeug besteigen wollten, die Indianer meldeten, der Hund sey
+verschwunden! Es war kein Zweifel, die Jaguars hatten ihn
+fortgeschleppt. Vielleicht war er, da er sie nicht mehr brüllen hörte,
+von den Feuern weg dem Ufer zu gegangen; vielleicht aber auch hatten wir
+den Hund nicht winseln hören, da wir im tiefsten Schlafe lagen. Am
+Orinoco und am Magdalenenstrom versicherte man uns oft, die ältesten
+Jaguars (also solche, die viele Jahre bei Nacht gejagt haben) seyen so
+verschlagen, daß sie mitten aus einem Nachtlager Thiere herausholen,
+indem sie ihnen den Hals zudrücken, damit sie nicht schreien können. Wir
+warteten am Morgen lange, in der Hoffnung, der Hund möchte sich nur
+verlaufen haben. Drei Tage später kamen wir an denselben Platz zurück.
+Auch jetzt hörten wir die Jaguars wieder brüllen, denn diese Thiere
+haben eine Vorliebe für gewisse Orte; aber all unser Suchen war
+vergeblich. Die Dogge, die seit Caracas unser Begleiter gewesen und so
+oft schwimmend den Krokodilen entgangen war, war im Walde zerrissen
+worden. Ich erwähne dieses Vorfalls nur, weil er einiges Licht auf die
+Kunstgriffe dieser großen Katzen mit geflecktem Fell wirft.
+
+Am 21. Mai liefen wir drei Meilen unterhalb der Mission Esmeralda wieder
+in das Bett des Orinoco ein. Vor einem Monat hatten wir diesen Fluß bei
+der Einmündung des Guaviare verlassen. Wir hatten nun noch 750
+Seemeilen[^14] nach Angostura, aber es ging den Strom abwärts, und
+dieser Gedanke war geeignet, uns unsere Leiden erträglicher zu machen.
+Fährt man die großen Ströme hinab, so bleibt man im Thalweg, wo es nur
+wenige Moskitos gibt; stromaufwärts dagegen muß man sich, um die Wirbel
+und Gegenströmungen zu benützen, nahe am Ufer halten, wo es wegen der
+Nähe der Wälder und des organischen Detritus, der aufs Ufer geworfen
+wird, von Mücken wimmelt.[^15] Der Punkt, wo die vielberufene
+Gabeltheilung des Orinoco stattfindet, gewährt einen ungemein
+großartigen Anblick. Am nördlichen Ufer erheben sich hohe Granitberge;
+in der Ferne erkennt man unter denselben den Maraguaca und den Duida.
+Auf dem linken Ufer des Orinoco, westlich und südlich von der Gabelung,
+sind keine Berge bis dem Einfluß des Tamatama gegenüber. Hier liegt der
+Fels Guaraco, der in der Regenzeit zuweilen Feuer speien soll. Da wo der
+Orinoco gegen Süd nicht mehr von Bergen umgeben ist und er die Oeffnung
+eines Thals oder vielmehr einer Senkung erreicht, welche sich nach dem
+Rio Negro hinunterzieht, theilt er sich in zwei Aeste. Der Hauptast (der
+Rio Paragua der Indianer) setzt seinen Lauf west-nord-westwärts um die
+Berggruppe der Parime herum fort; der Arm, der die Verbindung mit dem
+Amazonenstrom herstellt, läuft über Ebenen, die im Ganzen ihr Gefäll
+gegen Süd haben, wobei aber die einzelnen Gehänge im Cassiquiare gegen
+Südwest, im Becken des Rio Negro gegen Südost fallen. Eine scheinbar so
+auffallende Erscheinung, die ich an Ort und Stelle untersucht habe,
+verdient ganz besondere Aufmerksamkeit, um so mehr, als sie über
+ähnliche Fälle, die man im innern Afrika beobachtet zu haben glaubt,
+einigen Aufschluß geben kann. Ich beschließe dieses Capitel mit
+allgemeinen Betrachtungen über das hydraulische System von spanisch
+Guyana, und versuche es, durch Anführung von Fällen auf dem alten
+Continent darzuthun, daß diese Gabeltheilung, die für die Geographen,
+welche Karten von Amerika entwarfen, so lange ein Schreckbild war,
+immerhin etwas Seltenes ist, aber in beiden Halbkugeln vorkommt.
+
+Wir sind gewöhnt, die europäischen Flüsse nur in dem Theil ihres Laufs
+zu betrachten, wo sie zwischen zwei Wasserscheiden liegen, somit in
+Thäler eingeschlossen sind; wir beachten nicht, daß, die
+Bodenhindernisse, welche Nebenflüsse und Hauptwasserbehälter ablenken,
+gar nicht so oft Bergketten sind, als vielmehr sanfte Böschungen von
+Gegenhängen; und so fällt es uns schwer, uns eine Vorstellung davon zu
+machen, wie in der neuen Welt die Ströme sich so stark krümmen, sich
+gabelig theilen und in einander münden sollen. An diesem ungeheuern
+Continent fällt die weite Erstreckung und Einförmigkeit seiner Ebenen
+noch mehr auf als die riesenhafte Höhe seiner Cordilleren.
+Erscheinungen, wie wir sie in unserer Halbkugel an den Meeresküsten oder
+in den Steppen von Bactriana um Binnenmeere, um den Aral und das
+caspische Meer beobachten, kommen in Amerika drei-, vierhundert Meilen
+von den Strommündungen vor. Die kleinen Bäche, die sich durch unsere
+Wiesengründe (die vollkommensten Ebenen bei uns) schlängeln, geben im
+Kleinen ein Bild jener Verzweigungen und Gabeltheilungen; man hält es
+aber nicht der Mühe werth, bei solchen Kleinigkeiten zu verweilen, und
+so fällt einem bei den hydraulischen Systemen der beiden Welten mehr der
+Contrast auf als die Analogie. Die Vorstellung, der Rhein könnte an die
+Donau, die Weichsel an die Oder, die Seine an die Loire einen Arm
+abgeben, erscheint uns auf den ersten Blick so ausschweifend, daß wir,
+wenn wir auch nicht daran zweifeln, daß Orinoco und Amazonenstrom in
+Verbindung stehen, den Beweis verlangen, daß was wirklich ist, auch
+möglich ist.
+
+Fährt man über das Delta des Orinoco nach Angostura und zum Einfluß des
+Rio Apure hinauf, so hat man die hohe Gebirgskette der Parime
+fortwährend zur Linken. Diese Kette bildet nun keineswegs, wie mehrere
+berühmte Geographen angenommen haben, eine Wasserscheide zwischen dem
+Becken des Orinoco und dem des Amazonenstroms, vielmehr entspringen am
+Südabhang derselben die Quellen des ersteren Stroms. Der Orinoco
+beschreibt (ganz wie der Arno in der bekannten Voltata zwischen Bibieno
+und Ponta Sieve) drei Viertheile eines Ovals, dessen große Achse in der
+Richtung eines Parallels liegt. Er läuft um einen Bergstock herum, von
+dessen beiden entgegengesetzten Abhängen die Gewässer ihm zulaufen. Von
+den« Alpenthälern des Maraguaca an läuft der Fluß zuerst gegen West oder
+West-Nord-West, als sollte er sich in die Südsee ergießen; darauf, beim
+Einfluß des Guaviare, fängt er an nach Nord umzubiegen und läuft in der
+Richtung eines Meridians bis zur Mündung des Apure, wo ein zweiter
+»Wiederkehrungspunkt« liegt. Auf diesem Stücke seines Laufs füllt der
+Orinoco eine Art Rinne, die durch das sanfte Gefälle, das sich von der
+sehr fernen Andenkette von Neu-Grenada herunterzieht, und durch den ganz
+kurzen Gegenhang, der ostwärts zur steilen Gebirgswand der Parime
+hinaufläuft, gebildet wird. In Folge dieser Bodenbildung kommen die
+bedeutendsten Zuflüsse dem Orinoco von Westen herzu. Da der
+Hauptbehälter ganz nahe an den Gebirgen der Parime liegt, um die er sich
+von Süd nach Nord herumbiegt (als sollte er Portocabello an der
+Nordküste von Venezuela zu laufen), so ist sein Bett von Felsmassen
+verstopft. Dieß ist der Strich der großen Katarakten; der Strom bricht
+sich brüllend Bahn durch die Ausläufer, die gegen West fortstreichen, so
+daß aus der großen »Land-Meerenge«[^16] (détroit terrestre) zwischen den
+Cordilleren von Neu-Grenada und der Sierra Parime die Felsen am
+westlichen Ufer des Stroms noch dieser Sierra angehören. Beim Einfluß
+des Rio Apure sieht man nun den Orinoco zum zweitenmal, und fast
+plötzlich, aus seiner Richtung von Süd nach Nord in die von West nach
+Ost umbiegen, wie weiter oben der Einfluß des Guaviare den Punkt
+bezeichnet, wo der westliche Lauf rasch zum nördlichen wird. Bei diesen
+beiden Biegungen wird die Richtung des Hauptbehälters nicht allein durch
+den Stoß der Gewässer des Nebenflusses bestimmt, sondern auch durch die
+eigenthümliche Lage der Hänge und Gegenhänge, die sowohl auf die
+Richtung der Nebenflüsse als auf die des Orinoco selbst ihren Einfluß
+äußern. Umsonst sieht man sich bei diesen geographisch so wichtigen
+»Wiederkehrungspunkten« nach Bergen oder Hügeln um, die den Strom seinen
+bisherigen Lauf nicht fortsetzen ließen. Beim Einfluß des Guaviare sind
+keine vorhanden, und bei der Mündung des Apure konnte der niedrige Hügel
+von Cabruta auf die Richtung des Orinoco sicher keinen Einfluß äußern.
+Diese Veränderungen der Richtung sind Folgen allgemeinerer Ursachen; sie
+rühren her von der Lage der großen geneigten Ebenen, aus denen die
+polyedrische Fläche der Niederungen besteht. Die Bergketten steigen
+nicht wie Mauern auf wagrechten Grundflächen empor; ihre mehr oder
+weniger prismatischen Stöcke stehen immer auf Plateaux, und diese
+Plateaux streichen mit stärkerer oder geringerer Abdachung dem Thalweg
+des Stromes zu. Der Umstand, daß die Ebenen gegen die Berge ansteigen,
+ist somit die Ursache, daß sich die Flüsse so selten an den Bergen
+selbst brechen und den Einfluß dieser Wasserscheiden, so zu sagen, in
+bedeutender Entfernung fühlen. Geographen, welche Topographie nach der
+Natur studirt und selbst Bodenvermessungen vorgenommen haben, können
+sich nicht wundern, daß auf Karten, auf denen wegen ihres Maßstabes ein
+Gefälle von 3—5 Grad sich nicht angeben läßt, die Ursachen der großen
+Flußkrümmungen materiell gar nicht ersichtlich sind. Der Orinoco läuft
+von der Mündung des Apure bis zu seinem Ausfluß an der Ostküste von
+Amerika parallel mit seiner anfänglichen Richtung, aber derselben
+entgegen; sein Thalweg wird dort gegen Norden durch eine fast
+unmerkliche Abdachung, die sich gegen die Küstenkette von Venezuela
+hinaufzieht, gegen Süden durch den kurzen steilen Gegenhang an der
+Sierra Parime gebildet. In Folge dieser eigenthümlichen Terrainbildung
+umgibt der Orinoco denselben granitischen Gebirgsstock in Süd, West und
+Nord, und befindet sich nach einem Lauf von 1350 Seemeilen (zu 950
+Toisen) 300 Seemeilen von seinem Ursprung. Es ist ein Fluß, dessen
+Mündung bis auf zwei Grad im Meridian seiner Quellen liegt.
+
+Der Lauf des Orinoco, wie wir ihn hier flüchtig geschildert, zeigt drei
+sehr bemerkenswerthe Eigenthümlichkeiten: 1) daß er dem Bergstock, um
+den er in Süd, West und Nord herläuft, immer so nahe bleibt; 2) daß
+seine Quellen in einem Landstrich liegen, der, wie man glauben sollte,
+dem Becken des Rio Negro und des Amazonenstroms angehört; 3) daß er sich
+gabelt und einem andern Flußsystem einen Arm zusendet. Nach bloß
+theoretischen Vorstellungen sollte man annehmen, die Flüsse, wenn sie
+einmal aus den Alpenthälern heraus sind, in deren obern Enden sie
+entsprungen, müßten rasch von den Bergen weg auf einer mehr oder weniger
+geneigten Ebene fortziehen, deren stärkster Fall senkrecht ist auf die
+große Achse der Kette oder die Hauptwasserscheide. Eine solche
+Voraussetzung widerspräche aber dem Verhalten der großartigsten Ströme
+Indiens und Chinas. Es ist eine Eigenthümlichkeit dieser Flüsse, daß sie
+nach ihrem Austritt aus dem Gebirge mit der Kette parallel laufen. Die
+Ebenen deren Gehänge gegen die Gebirge ansteigen, sind am Fuße derselben
+unregelmäßig gestaltet. Nicht selten mag die Erscheinung, von der hier
+die Rede ist, von der Beschaffenheit des geschichteten Gesteins und
+daher rühren, daß die Schichten den großen Ketten parallel streichen; da
+aber der Granit der Sierra Parime fast durchaus massig, nicht
+geschichtet ist, so deutet der Umstand, daß der Orinoco sich so nahe um
+diesen Gebirgsstock herumschlingt, auf eine Terrainsenkung hin, die mit
+einer allgemeineren geologischen Erscheinung zusammenhängt, auf eine
+Ursache, die vielleicht bei der Bildung der Cordilleren selbst im Spiele
+war. In den Meeren und den Binnenseen finden sich die tiefsten Stellen
+da, wo die Ufer am höchsten und steilsten sind. Fährt man von Esmeralda
+nach Angostura den Orinoco hinab, so sieht man (ob die Richtung West,
+Nord oder Ost ist) 250 Meilen weit am rechten Ufer beständig sehr hohe
+Berge, am linken dagegen Ebenen, so weit das Auge reicht. Die Linie der
+größten Tiefen, die Maxima der Senkung liegen also am Fuß der Cordillere
+selbst, am Umriß der Sierra Parime.
+
+Eine andere Eigenthümlichkeit, die uns auf den ersten Anblick am Laufe
+des Orinoco auffällig erscheint, ist, daß das Becken dieses Stroms
+ursprünglich mit dem Becken eines andern, des Amazonenstroms,
+zusammenzufallen scheint. Wirft man einen Blick auf die Karte, so sieht
+man, daß der obere Orinoco von Ost nach West über dieselbe Ebene läuft,
+durch die der Amazonenstrom parallel mit ihm, aber in entgegengesetzter
+Richtung, von West nach Ost zieht. Aber das Becken ist nur scheinbar ein
+gemeinschaftliches; man darf nicht vergessen, daß die großen
+Bodenflächen, die wir Ebenen nennen, ihre Thäler haben, so gut wie die
+Berge. Jede Ebene besteht aus verschiedenen Systemen alternativer
+Hänge,[^17] und diese Systeme sind von einander durch secundäre
+Wasserscheiden von so geringer Höhe getrennt, daß das Auge sie fast
+nicht bemerkt. Eine ununterbrochene, waldbedeckte Ebene füllt den
+ungeheuern Raum zwischen dem 3½ Grad nördlicher und dem 14. Grad
+südlicher Breite, zwischen der Cordillere der Parime und der Cordillere
+von Chiquitos und der brasilianischen. Bis zum Parallel der Quellen des
+Rio Temi (2°45′ nördlicher Breite), auf einer Oberfläche von 204,000
+Quadratmeilen,[^18] laufen alle Gewässer dem Amazonenstrom als
+Hauptbehälter zu; aber weiter gegen Norden hat in Folge eigenthümlicher
+Terrainbildung auf einer Fläche von nicht 1500 Quadratmeilen ein anderer
+großer Strom, der Orinoco, sein eigenes hydraulisches System. Die
+Centralebene von Südamerika umfaßt also zwei Strombecken; denn ein
+Becken ist die Gesammtheit aller umliegenden Bodenflächen, deren
+stärkste Falllinien dem Thalweg, das heißt der Längenvertiefung, welche
+das Bett des Hauptbehälters bildet, zulaufen. Auf dem kurzen Strich
+zwischen dem 68 und 70. Grad der Länge nimmt der Orinoco die Gewässer
+auf, die vom Südabhang der Cordillere der Parime herabkommen; aber die
+Nebenflüsse, die am selben Abhang östlich vom Meridian von 68° zwischen
+dem Berge Maraguaca und den Bergen des portugiesischen Guyana
+entspringen, gehen in den Amazonenstrom. Also nur auf einer 50 Meilen
+langen Strecke haben in diesem ungeheuern Thal unter dem Aequator die
+Bodenflächen zunächst am Fuß der Cordillere der Parime ihren stärksten
+Fall in einer Richtung, die aus dem Thal hinaus zuerst nordwärts, dann
+ostwärts weist. In Ungarn sehen wir einen ähnlichen, sehr merkwürdigen
+Fall, wo Flüsse, die südwärts von einer Bergkette entspringen, dem
+hydraulischen System des Nordhangs angehören. Die Wasserscheide zwischen
+dem baltischen und dem schwarzen Meer liegt südlich vom Tatra, einem
+Ausläufer der Carpathen, zwischen Teplicz und Ganocz, auf einem nur 300
+Toisen hohen Plateau. Waag und Hernad laufen südwärts der Donau zu,
+während der Poprad um das Tatragebirge gegen West herumläuft und mit dem
+Dunajetz nordwärts der Weichsel zufließt. Der Poprad, der seiner Lage
+nach zu den Gewässern zu gehören scheint, die dem schwarzen Meer
+zufließen, trennt sich scheinbar vom Becken derselben los und wendet
+sich dem baltischen Meere zu.
+
+In Südamerika enthält eine ungeheure Ebene das Becken des Amazonenstroms
+und einen Theil des Beckens des Orinoco; aber in Deutschland, zwischen
+Melle und Osnabrück, haben wir den seltenen Fall, daß ein sehr enges
+Thal die Becken zweier kleiner, von einander unabhängiger Flüsse
+verbindet. Die Else und die Haase laufen Anfangs nahe bei einander und
+parallel von Süd nach Nord; wo sie aber in die Ebene treten, weichen sie
+nach Ost und West auseinander und schließen sich zwei ganz gesonderten
+Flußsystemen, dem der Werra und dem der Ems, an.
+
+Ich komme zur dritten Eigenthümlichkeit im Laufe des Orinoco, zu jener
+Gabeltheilung, die man im Moment, da ich nach Amerika abreiste, wieder
+in Zweifel gezogen hatte. Diese Gabeltheilung (divergium amnis) liegt
+nach meinen astronomischen Beobachtungen in der Mission Esmeralda unter
+dem 3°10′ nördlicher Breite und dem 68°37′ westlicher Länge vom Meridian
+von Paris. Im Innern von Südamerika erfolgt dasselbe, was wir unter
+allen Landstrichen an den Küsten vorkommen sehen. Nach den einfachsten
+geometrischen Grundsätzen haben wir anzunehmen, daß die Bodenbildung und
+der Stoß der Zuflüsse die Richtung der strömenden Gewässer nach festen,
+gleichförmigen Gesetzen bestimmen. Die Deltas entstehen dadurch, daß auf
+der Ebene eines Küstenlandes eine Gabeltheilung erfolgt, und bei näherer
+Betrachtung zeigen sich zuweilen in der Nähe dieser oceanischen Gabelung
+Verzweigungen mit andern Flüssen, von denen Arme nicht weit abliegen.
+Kommen nun aber Bodenflächen, so eben wie das Küstenland, im Innern der
+Festländer gleichfalls vor, so müssen sich dort auch dieselben
+Erscheinungen wiederholen. Aus denselben Ursachen, welche an der Mündung
+eines großen Stroms Gabeltheilungen herbeiführen, können dergleichen
+auch an seinen Quellen und in seinem obern Laufe entstehen. Drei
+Umstände tragen vorzugsweise dazu bei: die höchst unbedeutenden
+wellenförmigen Steigungen und Senkungen einer Ebene, die zwei
+Strombecken zugleich umfaßt, die Breite des einen der Hauptbehälter, und
+die Lage des Thalwegs am Rande selbst, der beide Becken scheidet.
+
+Wenn die Linie des stärksten Falls durch einen gegebenen Punkt läuft,
+und wenn sie, noch so weit verlängert, nicht auf den Fluß trifft, so
+kann dieser Punkt, er mag noch so nahe am Thalweg liegen, nicht wohl
+demselben Becken angehören. In anstoßenden Becken sehen wir häufig die
+Zuflüsse des einen Behälters ganz nahe bei dem andern zwischen zwei
+Zuflüssen des letzteren entspringen. In Folge dieser eigenthümlichen
+Coordinationsverhältnisse zwischen den alternativen Gehängen werden die
+Grenzen der Becken mehr oder weniger gekrümmt. Die Längenfurche oder der
+Thalweg ist keineswegs nothwendig in der Mitte des Beckens; er befindet
+sich nicht einmal immer an den tiefsten Stellen, denn diese können von
+Kämmen umgeben seyn, so daß die Linien des stärksten Falls nicht
+hinlaufen. Nach der ungleichen Länge der Zuflüsse an beiden Ufern eines
+Flusses schätzen wir ziemlich sicher, welche Lage der Thalweg den
+Grenzen des Beckens gegenüber hat. Am leichtesten erfolgt nun eine
+Gabeltheilung, wenn der Hauptbehälter einer dieser Grenzen nahe gerückt
+ist, wenn er längs dem Kamm hinläuft, der die Wasserscheide zwischen
+beiden Becken bildet. Die geringste Erniedrigung dieses Kamms kann dann
+die Erscheinung herbeiführen, von der hier die Rede ist, wenn nicht der
+Fluß, vermöge der einmal angenommenen Geschwindigkeit, ganz in seinem
+Bette zurückbleibt. Erfolgt aber die Gabeltheilung, so läuft die Grenze
+zwischen beiden Becken der Länge nach durch das Bett des Hauptbehälters,
+und ein Theil des Thalwegs von a enthält Punkte, von denen die Linien
+des stärksten Falls zum Thalweg von b weisen. Der Arm, der sich
+absondert, kann nicht mehr zu a zurückkommen, denn ein Wasserfaden, der
+einmal in ein Becken gelangt ist, kann diesem nicht mehr entweichen,
+ohne durch das Bett des Flusses, der alle Gewässer desselben vereinigt,
+hindurchzugehen.
+
+Es ist nun noch zu betrachten, in wie fern die Breite eines Flusses
+unter sonst gleichen Umständen die Bildung solcher Gabeltheilungen
+begünstigt, welche, gleich den Kanälen mit Theilungspunkten, in Folge
+der natürlichen Bodenbildung eine schiffbare Linie zwischen zwei
+benachbarten Strombecken herstellen. Sondirt man einen Fluß nach dem
+Querdurchschnitt, so zeigt sich, daß sein Bett gewöhnlich aus mehreren
+Rinnen von ungleicher Tiefe besteht. Je breiter der Strom ist, desto
+mehr sind dieser Rinnen; sie laufen sogar große Strecken weit mehr oder
+weniger einander parallel. Es folgt daraus, daß die meisten Flüsse
+betrachtet werden können als aus mehreren dicht an einander gerückten
+Kanälen bestehend, und daß eine Gabelung sich bildet, wenn ein kleiner
+Bodenabschnitt am Ufer niedriger liegt, als der Grund einer Seitenrinne.
+Den hier auseinandergesetzten Verhältnissen zufolge bilden sich
+Flußgabelungen entweder im selben Becken oder auf der Wasserscheide
+zwischen zweien. Im ersteren Fall sind es entweder Arme, die in den
+Thalweg, von dem sie sich abgezweigt, früher oder später wieder
+einmünden, oder aber Arme, die sich mit weiter abwärts gelegenen
+Nebenflüssen vereinigen. Zuweilen sind es auch Deltas,[^19] die sich
+entweder nahe der Mündung der Flüsse ins Meer oder beim Zusammenfluß mit
+einem andern Strom bilden. Erfolgt die Gabelung an der Grenze zweier
+Becken, und läuft diese Grenze durch das Bett des Hauptbehälters selbst,
+so stellt der sich abzweigende Arm eine hydraulische Verbindung zwischen
+zwei Flußsystemen her und verdient desto mehr unsere Aufmerksamkeit, je
+breiter und schiffbarer er ist. Nun ist aber der Cassiquiare zwei- bis
+dreimal breiter als die Seine beim Jardin des plantes in Paris, und zum
+Beweis, wie merkwürdig dieser Fluß ist, bemerke ich, daß eine
+sorgfältige Forschung nach Fällen von Gabeltheilungen im Innern der
+Länder, selbst zwischen weit weniger bedeutenden Flüssen, ihrer bis
+jetzt nur drei bis vier unzweifelhaft zu Tage gefördert hat. Ich spreche
+nicht von den Verzweigungen der großen indisch-chinesischen Flüsse, von
+den natürlichen Canälen, durch welche die Flüsse in Ava und Pegu, wie in
+Siam und Cambodja zusammenzuhängen scheinen; die Art dieser Verbindungen
+ist noch nicht gehörig aufgeklärt. Ich beschränke mich darauf, einer
+hydraulischen Erscheinung zu erwähnen, welche durch Baron Hermelins
+schöne Karten von Norwegen nach allen Theilen bekannt geworden ist. In
+Lappland sendet der Torneofluß einen Arm (den Tärendo-Elf) zum
+Calix-Elf, der ein kleines hydraulisches System für sich bildet. Dieser
+Cassiquiare der nördlichen Zone ist nur 10—12 Meilen lang, er macht aber
+alles Land am bothnischen Busen zu einer wahren Flußinsel. Durch Leopold
+von Buch wissen wir, daß die Existenz dieses natürlichen Canals lange so
+hartnäckig geläugnet wurde, wie die eines Arms des Orinoco, der in das
+Becken des Amazonenstroms läuft. Eine andere Gabeltheilung, die wegen
+des alten Verkehrs zwischen den Völkern Latiums und Etruriens noch mehr
+Interesse hat, scheint ehemals am Thrasimenischen See stattgefunden zu
+haben. Auf seiner vielberufenen Voltata von Süd nach West und Nord
+zwischen Bibieno und Ponta Sieve theilte sich der Arno bei Arezzo in
+zwei Arme, deren einer, wie jetzt, über Florenz und Pisa dem Meere
+zulief, während der andere durch das Thal von Chiana floß und sich mit
+dem Tiber vereinigte, entweder unmittelbar oder durch die Paglia als
+Zwischenglied. Fossombroni hat dargethan, wie sich im Mittelalter durch
+Anschwemmungen im Thal von Chiana eine Wasserscheide bildete, und wie
+jetzt das nördliche Stück des Arno Teverino von Süd nach Nord (auf dem
+Gegenhang) aus dem kleinen See von Montepulciano in den Arno fließt. So
+hatte denn der klassische Boden Italiens neben so vielen Wundern der
+Natur und der Kunst auch eine Gabeltheilung aufzuweisen, wie sie in den
+Wäldern der neuen Welt in ungleich größerem Maßstab auftritt.
+
+Ich bin nach meiner Rückkehr vom Orinoco oft gefragt worden, ob ich
+glaube, daß der Canal des Cassiquiare allmählig durch Anschwemmungen
+verstopft werden möchte, ob ich nicht der Ansicht sey, daß die zwei
+größten Flußsysteme Amerikas unter den Tropen im Laufe der Jahrhunderte
+sich ganz von einander trennen werden. Da ich es mir zum Gesetz gemacht
+habe, nur Thatsächliches zu beschreiben und die Verhältnisse, die in
+verschiedenen Ländern zwischen der Bodenbildung und dem Laufe der
+Gewässer bestehen, zu vergleichen, so habe ich alles bloß Hypothetische
+zu vermeiden. Zunachst bemerke ich, daß der Cassiquiare in seinem
+gegenwärtigen Zustand keineswegs placidus et mitissimus amnis ist, wie
+es bei den Poeten Latiums heißt; er gleicht durchaus nicht dem errans
+languido flumine Cocytus, da er im größten Theile seines Laufs die
+ungemeine Geschwindigkeit von 6—8 Fuß in der Sekunde hat. Es ist also
+wohl nicht zu fürchten, daß er ein mehrere hundert Toisen breites Bett
+ganz verstopft. Dieser Arm des obern Orinoco ist eine zu großartige
+Erscheinung, als daß die kleinen Umwandlungen, die wir an der
+Erdoberfläche vorgehen sehen, demselben ein Ende machen oder auch nur
+viel daran verändern könnten. Wir bestreiten nicht, vollends wenn es
+sich von minder breiten und sehr langsam strömenden Gewässern handelt,
+daß alle Flüsse eine Neigung haben, ihre Verzweigungen zu vermindern und
+ihre Becken zu isoliren. Die majestätischsten Ströme erscheinen, wenn
+man die steilen Hänge der alten weitab liegenden Ufer betrachtet, nur
+als Wasserfäden, die sich durch Thäler winden, die sie selbst sich nicht
+haben graben können. Der heutige Zustand ihres Bettes weist deutlich
+darauf hin, daß die strömenden Gewässer allmählig abgenommen haben.
+Ueberall treffen wir die Spuren alter ausgetrockneter Arme und
+Gabelungen, für die kaum ein historisches Zeugniß vorliegt. Die
+verschiedenen, mehr oder weniger parallelen Rinnen, aus denen die Betten
+der amerikanischen Flüsse bestehen, und die sie weit wasserreicher
+erscheinen lassen, als sie wirklich sind, verändern allgemach ihre
+Richtung; sie werden breiter und verschmelzen dadurch, daß die
+Längsgräten zwischen denselben abbröckeln. Was anfangs nur ein Arm war,
+wird bald der einzige Wasserbehälter, und bei Strömen, die langsam
+ziehen, verschwinden die Gabeltheilungen oder Verzweigungen zwischen
+zwei hydraulischen Systemen auf dreierlei Wegen: entweder der
+Verbindungscanal zieht den ganzen gegabelten Strom in sein Becken
+hinüber, oder der Canal verstopft sich durch Anschwemmungen an der
+Stelle, wo er vom Strome abgeht, oder endlich in der Mitte seines Laufs
+bildet sich ein Querkamm, eine Wasserscheide, wodurch das obere Stück
+einen Gegenhang erhält und das Wasser in umgekehrter Richtung
+zurückfließt. Sehr niedrige und großen periodischen Ueberschwemmungen
+ausgesetzte Länder, wie Guyana in Amerika und Dar-Saley oder Baghermi in
+Afrika,[^20] geben uns ein Bild davon, wie viel häufiger dergleichen
+Verbindungen durch natürliche Canäle früher gewesen seyn mögen als
+jetzt.
+
+Nachdem ich die Gabeltheilung des Orinoco aus dem Gesichtspunkt der
+vergleichenden Hydrographie betrachtet, habe ich noch kurz die
+Geschichte der Entdeckung dieses merkwürdigen Phänomens zu besprechen.
+Es ging mit der Verbindung zwischen zwei großen Flußsystemen wie mit dem
+Lauf des Nigers gegen Ost. Man mußte mehreremale entdecken, was auf den
+ersten Anblick der Analogie und angenommenen Hypothesen widersprach. Als
+bereits durch Reisende ausgemacht war, auf welche Weise Orinoco und
+Amazonenstrom zusammenhängen, wurde noch, und zwar zu wiederholtenmalen
+bezweifelt, ob die Sache überhaupt möglich sey. Eine Bergkette, die der
+Geograph Hondius zu Ende des sechzehnten Jahrhunderts als Grenzscheide
+beider Flüsse gefabelt hatte, wurde bald angenommen, bald geläugnet. Man
+dachte nicht daran, daß selbst wenn diese Berge vorhanden wären, deßhalb
+die beiden hydraulischen Systeme nicht nothwendig getrennt feyn müßten,
+da ja die Gewässer durch die Cordillere der Anden und die
+Himalayakette,[^21] die höchste bekannte der Welt, sich Bahn gebrochen
+haben. Man behauptete, und nicht ohne Grund, Fahrten, die mit demselben
+Canoe sollten gemacht worden seyn, schließen die Möglichkeit nicht aus,
+daß die Wasserstraße durch Trageplätze unterbrochen gewesen. Ich habe
+diese so lange bestrittene Gabeltheilung nach ihrem ganzen Verhalten
+selbst beobachtet, bin aber deßhalb weit entfernt, Gelehrte zu tadeln,
+die, gerade weil es ihnen nur um die Wahrheit zu thun war, Bedenken
+trugen, als wirklich gelten zu lassen, was ihnen noch nicht genau genug
+untersucht zu seyn schien.
+
+Da der Amazonenstrom von den Portugiesen und den Spaniern schon lange
+befahren wurde, ehe die beiden Nebenbuhler den obern Orinoco kennen
+lernten, so kam die erste unsichere Kunde von der Verzweigung zweier
+Ströme von der Mündung des Rio Negro nach Europa. Die Conquistadoren und
+mehrere Geschichtschreiber, wie Herera, Fray Pedro Simon und der Pater
+Garcia, verwechselten unter den Namen Rio Grande und Mar dulce den
+Orinoco und den Maragnon. Der Name des ersteren Flusses kommt noch nicht
+einmal auf Diego Riberos vielberufener Karte von Amerika aus dem Jahr
+1529 vor. Durch die Expeditionen des Orellana (1540) und des Lope de
+Aguirre (1560) erfuhr man nichts über die Gabeltheilung des Orinoco; da
+aber Aguirre so auffallend schnell die Insel Margarita erreicht hatte,
+glaubte man lange, derselbe sey nicht durch eine der großen Mündungen
+des Amazonenstromes, sondern durch eine Flußverbindung im Innern auf die
+See gelangt. Der Jesuit Acuña hat solches als Behauptung aufgestellt;
+aber das Ergebniß meiner Nachforschungen in den Schriften der frühesten
+Geschichtschreiber der Eroberung spricht nicht dafür. »Wie kann man
+glauben,« sagt dieser Missionär, »daß Gott es zugelassen, daß ein Tyrann
+es hinausführe und die schöne Entdeckung der Mündung des Maragnon
+mache!« Acuña setzt voraus, Aguirre sey durch den Rio Felipe an die See
+gelangt, und dieser Fluß »sey nur wenige Meilen von Cabo del Norte
+entfernt.«
+
+Ralegh brachte auf verschiedenen Fahrten, die er selbst gemacht oder die
+auf seine Kosten unternommen worden, nichts über eine hydraulische
+Verbindung zwischen Orinoco und Amazonenstrom in Erfahrung; aber sein
+Unterbefehlshaber Keymis, der aus Schmeichelei (besonders aber wegen des
+Vorgangs, daß der Maragnon nach Orellana benannt worden) dem Orinoco den
+Namen Raleana beigelegt, bekam zuerst eine unbestimmte Vorstellung von
+den Trageplätzen zwischen dem Essequebo, dem Carony und dem Rio Branco
+oder Parime. Aus diesen Trageplätzen machte er einen großen Salzsee, und
+in dieser Gestalt erschienen sie auf der Karte, die 1599 nach Raleghs
+Berichten entworfen wurde. Zwischen Orinoco und Amazonenstrom zeichnet
+man eine Cordillere ein, und statt der wirklichen Gabelung gibt Hondius
+eine andere, völlig eingebildete an: er läßt den Amazonenstrom (mittelst
+des Rio Tocantines) mit dem Parana und dem San Francisco in Verbindung
+treten. Diese Verbindung blieb über ein Jahrhundert auf den Karten
+stehen, wie auch eine angebliche Gabeltheilung des Magdalenenstroms, von
+dem ein Arm zum Golf von Maracaybo laufen sollte.
+
+Im Jahr 1639 machten die Jesuiten Christoval de Acuña und Andres de
+Artedia, im Gefolge des Capitäns Texeira, die Fahrt von Quito nach
+Gran-Para. Am Einfluß des Rio Negro in den Amazonenstrom erfuhren sie,
+»ersterer Fluß, von den Eingeborenen wegen der braunen Farbe seines sehr
+hellen Wassers Curiguacura oder Uruna genannt, gebe einen Arm an den Rio
+Grande ab, der sich in die nördliche See ergießt und an dessen Mündung
+sich holländische Niederlassungen befinden.« Acuña gibt den Rath, »nicht
+am Einfluß des Rio Negro in den Amazonenstrom, sondern am Punkt, wo der
+Verbindungsast abgeht,« eine Festung zu bauen. Er bespricht die Frage,
+was wohl dieser Rio Grande seyn möge, und kommt zum Schluß, der Orinoco
+sey es sicher nicht, vielleicht aber der Rio Dulce oder der Rio de
+Felipe, derselbe, durch den Aguirre zur See gekommen. Letztere dieser
+Annahmen scheint ihm die wahrscheinlichste. Man muß bei dergleichen
+Angaben unterscheiden zwischen dem, was die Reisenden an der Mündung des
+Rio Negro von den Indianern erfahren, und dem, was jene nach den
+Vorstellungen, die ihnen der Zustand der Geographie zu ihrer Zeit an die
+Hand gab, selbst hinzusetzten. Ein Flußarm, der vom Rio Negro abgeht,
+soll sich in einen sehr großen Fluß ergießen, der in das nördliche Meer
+läuft an einer Küste, auf der Menschen mit rothen Haaren wohnen; so
+bezeichneten die Indianer die Holländer, da sie gewöhnt waren, nur Weiße
+mit schwarzen oder braunen Haaren, Spanier oder Portugiesen, zu sehen.
+Wir kennen nun aber jetzt, vom Einfluß des Rio Negro in den
+Amazonenstrom bis zum Caño Pimichin, auf dem ich in den ersteren Fluß
+gekommen, alle Nebenflüsse von Nord und Ost her. Nur ein einziger
+darunter, der Cassiquiare, steht mit einem andern Fluß in Verbindung.
+Die Quellen des Rio Branco sind auf den neuen Karten des brasilianischen
+hydrographischen Depots sehr genau aufgenommen, und wir wissen, daß
+dieser Fluß keineswegs durch einen See mit dem Carony, dem Essequebo
+oder irgend einem andern Gewässer der Küste von Surinam und Cayenne in
+Verbindung steht. Eine hohe Bergkette, die von Pacaraymo, liegt zwischen
+den Quellen des Paraguamusi (eines Nebenflusses des Carony) und denen
+des Rio Branco, wie es von Don Antonio Santos auf seiner Reise von
+Angostura nach Gran-Para im Jahr 1775 ausgemacht worden. Südwärts von
+der Bergkette Pacaraymo und Quimiropaca besindet sich ein Trageplatz von
+drei Tagereisen zwischen dem Sarauri (einem Arm des Rio Branco) und dem
+Rupunuri (einem Arm des Essequebo). Ueber diesen Trageplatz kam im Jahr
+1759 der Chirurg Nicolas Hortsmann, ein Hildesheimer, dessen Tagebuch
+ich in Händen gehabt; es ist dieß derselbe Weg, auf dem Don Francisco
+Jose Rodrigues Barata, Obristlieutenant des ersten Linienregiments in
+Para, im Jahr 1793 im Auftrag seiner Regierung zweimal vom Amazonenstrom
+nach Surinam ging. In noch neuerer Zeit, im Februar 1811, kamen
+englische und holländische Colonisten zum Trageplatz am Rupunuri und
+ließen den Befehlshaber am Rio Negro um die Erlaubniß bitten, zum Rio
+Branco sich begeben zu dürfen; der Commandant willfahrte dem Gesuch und
+so kamen die Colonisten in ihren Canoes zum Fort San Joaquin am Rio
+Branco. Wir werden in der Folge noch einmal auf diese Landenge
+zurückkommen, einen theils bergigten, theils sumpfigten Landstrich, auf
+den Kaymis (der Verfasser des Berichts von Raleghs zweiter Reise) den
+Dorado und die große Stadt Manoa verlegt, der aber, wie wir jetzt
+bestimmt wissen, die Quellen des Carony, des Rupunuri und des Rio Branco
+trennt, die drei verschiedenen Flußsystemen angehören, dem Orinoco, dem
+Essequebo und dem Rio Negro oder Amazonenstrom.
+
+Aus dem Bisherigen geht hervor, daß die Eingeborenen, die Texeira und
+Acuña von der Verbindung zweier großen Ströme sprachen, vielleicht
+selbst über die Richtung des Cassiquiare im Irrthum waren, oder daß
+Acuña ihre Aeußerungen mißverstanden hat. Letzteres ist um so
+wahrscheinlicher, da ich, wenn ich mich, gleich dem spanischen
+Reisenden, eines Dolmetschers bediente, oft selbst die Erfahrung gemacht
+habe, wie leicht man etwas falsch auffaßt, wenn davon die Rede ist, ob
+ein Fluß Arme abgibt oder aufnimmt, ob ein Nebenfluß mit der Sonne geht
+oder »gegen die Sonne« läuft. Ich bezweifle, daß die Indianer mit dem,
+was sie gegen Acuña geäußert, die Verbindung mit den holländischen
+Besitzungen über die Trageplätze zwischen dem Rio Branco und dem Rio
+Gssequebo gemeint haben. Die Caraiben kamen an den Rio Negro auf beiden
+Wegen, über die Landenge beim Rupunuri und auf dem Cassiquiare; aber
+eine ununterbrochene Wasserstraße mußte den Indianern als etwas
+erscheinen, das für die Fremden ungleich mehr Belang habe, und der
+Orinoco mündet allerdings nicht in den holländischen Besitzungen aus,
+liegt aber doch denselben sehr nahe. Acuñas Aufenthalt an der Mündung
+des Rio Negro verdankt Europa nicht nur die erste Kunde von der
+Verbindung zwischen Amazonenstrom und Orinoco, derselbe hatte auch aus
+dem Gesichtspunkte der Humanität gute Folgen. Texeiras Mannschaft wollte
+den Befehlshaber zwingen, in den Rio Negro einzulaufen, um Sklaven zu
+holen. Die beiden Geistlichen, Acuña und Artedia, legten schriftliche
+Verwahrung gegen ein solch ungerechtes und politisch unkluges
+Unternehmen ein. Sie behaupteten dabei (und der Satz ist sonderbar
+genug), »das Gewissen gestatte den Christen nicht, Eingeborene zu
+Sklaven zu machen, solche ausgenommen, die als Dolmetscher zu dienen
+hätten.« Was man auch von diesem Satze halten mag, auf die hochherzige,
+muthvolIe Verwahrung der beiden Geistlichen unterblieb der beabsichtigte
+Raubzug.
+
+Im Jahr 1680 entwarf der Geograph Sanson nach Acuñas Reisebericht eine
+Karte vom Orinoco und dem Amazonenstrom. Sie ist für den Amazonenstrom,
+was Gumillas Karte so lange für den untern Orinoco gewesen. Im ganzen
+Strich nördlich vom Aequator ist sie rein hypothetisch, und der Caqueta,
+wie schon oben bemerkt, gabelt sich darauf unter einem rechten Winkel.
+Der eine Arm des Caqueta ist der Orinoco, der andere der Rio Negro. In
+dieser Weise glaubte Sanson auf der erwähnten Karte, und auf einer
+andern von ganz Südamerika aus dem Jahr 1656, die unbestimmten
+Nachrichten, welche Acuña im Jahr 1639 über die Verzweigungen des
+Caqueta und über die Verbindungen zwischen Amazonenstrom und Orinoco
+erhalten, vereinigen zu können. Die irrige Vorstellung, der Rio Negro
+entspringe aus dem Orinoco oder aus dem Caqueta, von dem der Orinoco nur
+ein Zweig wäre, hat sich bis in die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts
+erhalten, wo der Cassiquiare entdeckt wurde.
+
+Pater Fritz war mit einem andern deutschen Jesuiten, dem Pater Richler,
+nach Quito gekommen; er entwarf im Jahr 1690 eine Karte des
+Amazonenstroms, die beste, die man vor La Condamines Reise besaß. Nach
+dieser Karte richtete sich der französische Akademiker auf seiner
+Flußfahrt, wie ich auf dem Orinoco nach den Karten von La Cruz und
+Caulin. Es ist auffallend, daß Pater Fritz bei seinem langen Aufenthalt
+am Amazonenstrom (der Commandant eines portugiesischen Forts hielt ihn
+zwei Jahre gefangen) keine Kunde vom Cassiquiare erhalten haben soll.
+Die geschichtlichen Notizen, die er auf dem Rand seiner
+handschriftlichen Karte beigesetzt und die ich in neuester Zeit
+sorgfältig untersucht habe, sind sehr mangelhaft; auch sind ihrer nicht
+viele. Er läßt eine Bergkette zwischen den beiden Flußsystemen streichen
+und rückt nur einen der Zweige, die den Rio Negro bilden, nahe an einen
+Nebenfluß des Orinoco, der, der Lage nach, der Rio Caura zu seyn
+scheint. In den hundert Jahren zwischen Acuñas Reise und der Entdeckung
+des Cassiquiare durch Pater Roman blieb Alles im Ungewissen.
+
+Die Verzweigung des Orinoco und des Amazonenstroms durch den Rio Negro
+und eine Gabeltheilung des Caqueta, die Sanson aufgebracht und die Pater
+Fritz und Blaeuw verwarfen, erschienen auf de l’Isles ersten Karten
+wieder; aber gegen das Ende seines Lebens gab der berühmte Geograph sie
+wieder auf.[^22] Da man sich hinsichtlich der Art und Weise der
+Verbindung geirrt, war man schnell bei der Hand und zog die Verbindung
+selbst in Abrede. Es ist wirklich sehr merkwürdig, daß zur Zeit, wo die
+Portugiesen am häufigsten den Amazonenstrom, den Rio Negro und den
+Cassiquiare hinauffuhren, und wo Pater Gumillas Briefe (durch die
+natürliche Flußverzweigung) vom untern Orinoco nach Gran-Para gelangten,
+dieser selbe Missionär sich alle Mühe gab, in Europa die Meinung zu
+verbreiten, daß die Becken des Orinoco und des Amazonenstroms völlig von
+einander geschieden seyen. Er versichert, »er sey öfters ersteren Fluß
+bis zum Raudal von Tabaje, unter 1°4′ der Breite, hinaufgefahren und
+habe niemals einen Fluß, den man für den Rio Negro hätte halten können,
+abgehen oder hereinkommen sehen.« »Zudem,« fährt er fort, »läuft eine
+große Cordillere[^23] von Ost und West und läßt die Gewässer nicht in
+einander münden, wie sie auch alle Erörterung über die angebliche
+Verbindung beider Ströme ganz überflüssig macht.« Pater Gumillas
+Irrthümer entspringen daher, daß er der festen Ueberzeugung war, auf dem
+Orinoco bis zum Parallel von 1°4′ gekommen zu seyn. Er irrte sich um
+mehr als fünf Grad zehn Minuten in der Breite; denn in der Mission
+Atures, 13 Meilen südwärts von den Stromschnellen von Tabaje, fand ich
+die Breite 5°37′34″. Da Pater Gumilla nicht weit über den Einfluß des
+Meta hinaufgekommen, so ist es nicht zu verwundern, daß er die
+Gabeltheilung des Orinoco nicht gekannt hat, die, den Krümmungen des
+Flusses nach, 120 Meilen vom Raudal von Tabaje liegt. Dieser Missionär,
+der drei Jahre am untern Orinoco gelebt hat (nicht dreißig, wie durch
+seine Uebersetzer in Umlauf gekommen), hätte sich darauf beschränken
+sollen, zu berichten, was er bei seinen Fahrten auf dem Apure, dem Meta
+und Orinoco von Guayana Vieja bis in die Nähe des ersten großen
+Katarakts mit eigenen Augen gesehn. Sein Werk (das erste über diese
+Länder vor Caulins und Gilis Schriften) wurde Anfangs gewaltig erhoben,
+und später in den spanischen Colonien um so weiter und zu weit
+herabgesetzt. Allerdings begegnet man im Orinoco illustrado nicht der
+genauen Kenntniß der Oertlichkeiten, der naiven Einfalt, wodurch die
+Berichte der Missionäre einen gewissen Reiz erhalten; der Styl ist
+gekünstelt und die Sucht zu übertreiben gibt sich überall kund; trotz
+dieser Fehler finden sich in Pater Gumillas Buch sehr richtige Ansichten
+über die Sitten und die natürlichen Anlagen der verschiedenen
+Völkerschaften am untern Orinoco und in den Llanos am Casanare.
+
+Auf seiner denkwürdigen Fahrt auf dem Amazonenstrom im Jahr 1743 hatte
+La Condamine zahlreiche Belege für die vom spanischen Jesuiten
+geläugnete Verbindung zwischen beiden Strömen gesammelt. Als den
+bündigsten derselben sah er damals die nicht verdächtige Aussage einer
+Cauriacani-Indianerin an, mit der er gesprochen und die vom Orinoco (von
+der Mission Pararuma[^24]) im Canoe nach Gran-Para gelangt war. Ehe La
+Condamine in das Vaterland zurückkam, setzten die Fahrt des Pater Manuel
+Roman und der Umstand, daß Missionäre vom Orinoco und vom Amazonenstrom
+sich zufällig begegneten, die Thatsache, die zuerst Acuña kund geworden,
+außer allen Zweifel.
+
+Auf den Streifzügen zur Sklavenjagd, welche seit der Mitte des
+siebzehnten Jahrhunderts unternommen wurden, waren die Portugiesen nach
+und nach aus dem Rio Negro über den Cassiquiare in das Bett eines großen
+Stromes gekommen, von dem sie nicht wußten, daß es der Orinoco sey. Ein
+fliegendes Lager der Tropa de rescate[^25] leistete diesem
+unmenschlichen Handel Vorschub. Man hetzte die Eingeborenen, sich zu
+bekriegen, und kaufte dann die Gefangenen los; und um dem Sklavenhandel
+einen Anstrich von Rechtmäßigkeit zu geben, gingen Geistliche mit der
+Tropa de rescate, die untersuchten, »ob diejenigen, welche Sklaven
+verkauften, auch dazu berechtigt seyen, weil sie dieselben in offenem
+Kampfe zu Gefangenen gemacht« Vom Jahr 1737 an wiederholten sich diese
+Züge der Portugiesen an den obern Orinoco sehr oft. Die Gier, Sklaven
+(poitos) gegen Beile, Fischangeln und Glaswaaren zu vertauschen, trieb
+die indianischen Völkerschaften zum blutigen Streit gegen einander. Die
+Quipunaves, unter ihrem tapfern und grausamen Häuptling Macapu, waren
+vom Inirida zum Zusammenfluß des Atabapo und des Orinoco herabgekommen.
+»Sie verkauften«, sagt der Missionär Gili, »die Gefangenen, die sie
+nicht verzehrten.« Ueber diesem Treiben wurden die Jesuiten am untern
+Orinoco unruhig, und der Superior der spanischen Missionen, Pater Roman,
+ein vertrauter Freund Gumillas, faßte muthig den Entschluß, ohne
+Begleitung von spanischen Soldaten über die großen Katarakten
+hinaufzugehen und die Quipunaves heimzusuchen. Er ging am 4. Februar
+1744 von Carichana ab; angelangt am Zusammenfluß des Guaviare, des
+Atabapo und des Orinoco, an der Stelle, wo letzterer Fluß aus seiner
+Richtung von Ost nach West rasch in die von Süd nach Nord übergeht, sah
+er von weitem eine Pirogue, so groß wie die seinige, voll von europäisch
+gekleideten Leuten. Er ließ, gemäß der Sitte der Missionäre, wenn sie in
+unbekanntem -Land auf dem Wasser sind, als Friedenszeichen das Crucifix
+am Vordertheil seines Fahrzeugs aufpflanzen. Die Weißen (es waren
+portugiesische Sklavenhändler vom Rio Negro) erkannten mit Jubel das
+Ordenskleid des heiligen Ignatius. Sie verwunderten sich, als sie
+hörten, der Fluß, auf dem diese Begegnung stattgefunden, sey der
+Orinoco, und sie nahmen Pater Roman über den Cassiquiare in die
+Niederlassungen am Rio Negro mit sich. Der Superior der spanischen
+Missionen sah sich genöthigt, beim fliegenden Lager der Tropa de rescate
+zu verweilen, bis der portugiesische Jesuit Avogadri, der in Geschäften
+nach Gran-Para gegangen, zurück war. Auf demselben Wege, über den
+Cassiquiare und den obern Orinoco, fuhr Pater Roman mit seinen
+Salivas-Indianern nach Pararuma, etwas nördlich von Carichana, zurück,
+nachdem er sieben Monate ausgewesen. Er ist der erste Weiße, der vom Rio
+Negro, und somit aus dem Becken des Amazonenstroms (ohne seine Canoes
+über einen Trageplatz schaffen zu lassen) in das Becken des Orinoco
+gelangt ist.
+
+Die Kunde dieser merkwürdigen Fahrt verbreitete sich so rasch, daß La
+Condamine in einer öffentlichen Sitzung der Akademie sieben Monate nach
+Pater Romans Rückkehr nach Pararuma Mittheilung davon machen konnte. Er
+sagt: »Die nunmehr beglaubigte Verbindung des Orinoco und des
+Amazonenstroms kann um so mehr für eine geographische Entdeckung gelten,
+als zwar diese Verbindung auf den alten Karten (nach Acuñas Berichten)
+angegeben ist, aber von den heutigen Geographen auf den neuen Karten,
+wie auf Verabredung, weggelassen wird. Es ist dieß nicht das erstemal,
+daß etwas für fabelhaft gegolten hat, was doch vollkommen richtig war,
+daß man die Kritik zu weit trieb, und daß diese Verbindung von Leuten
+für chimärisch erklärt wurde, die am besten davon hätten wissen sollen.«
+Seit Pater Romans Fahrt im Jahr 1744 hat in spanisch Guyana und an den
+Küsten von Cumana und Caracas kein Mensch mehr die Existenz des
+Cassiquiare und die Gabeltheilung des Orinoco in Zweifel gezogen. Sogar
+Pater Gumilla, den Bouguer in Carthagena de Indias getroffen hatte,
+gestand, daß er sich geirrt, und kurz vor seinem Tode las er Pater Gili
+ein für eine neue Ausgabe seiner Geschichte des Orinoco bestimmtes
+Supplement vor, in dem er munter[^26] erzählte, in welcher Weise er
+enttäuscht worden. Durch Ituriagas und Solanos Grenzexpedition wurden
+die geographischen Verhältnisse des obern Orinoco und die Verzweigung
+dieses Flusses mit dem Rio Negro vollends genau bekannt. Solano ließ
+sich im Jahr 1756 an der Mündung des Atabapo nieder, und von nun an
+fuhren spanische und portugiesische Commissäre mit ihren Piroguen oft
+über den Cassiquiare vom untern Orinoco an den Rio Negro, um sich in
+ihren Hauptquartieren Cabruta[^27] und Mariva zu besuchen. Seit 1767
+kamen regelmäßig jedes Jahr zwei bis drei Piroguen von der Schanze San
+Carlos über die Gabeltheilung des Orinoco nach Angostura, um Salz und
+den Sold für die Truppen zu holen. Diese Fahrten von einem Flußbecken in
+das andere durch den natürlichen Canal des Cassiquiare machen jetzt bei
+den Colonisten so wenig Aufsehen mehr, als wenn Schiffe die Loire herab
+auf dem Canal von Orleans in die Seine kommen.
+
+Seit Pater Romans Fahrt im Jahr 1744 war man in den spanischen
+Besitzungen in Amerika von der Richtung des obern Orinoco von Ost nach
+West und von der Art seiner Verbindung mit dem Rio Negro genau
+unterrichtet, aber in Europa wurde letztere erst weit später bekannt.
+Noch im Jahr 1750 nahmen La Condamine und d’AnvilIe an, der Orinoco sey
+ein Arm des Caqueta, der von Südost herkomme, und der Rio Negro
+entspringe unmittelbar daraus. Erst in einer zweiten Ausgabe seines
+Südamerika läßt d’Anville, ohne gleichwohl eine Verzweigung des Caqueta
+vermittelst des Iniricha (Inirida) mit dem Orinoco und dem Rio Negro
+aufzugeben, den Orinoco im Osten in der Nähe der Quellen des Rio Branco
+entspringen und gibt er den Rio Cassiquiare an, der vom obern Orinoco
+zum Rio Negro läuft. Wahrscheinlich hatte sich der unermüdliche Forscher
+durch seinen starken Verkehr mit den Missionären, die damals, wie noch
+jetzt, für das eigentliche Herz der Festländer die einzigen
+geographischen Autoritäten waren, Nachweisungen über die Art der
+Gabeltheilung verschafft. Hinsichtlich des Zusammenflusses des
+Cassiquiare mit dem Rio Negro irrte er sich um 3½ Breitegrade, aber die
+Lage des Atabapo und der bewaldeten Landenge, über die ich von Javita an
+den Rio Negro gekommen, gibt er schon ziemlich richtig an. Durch die in
+den Jahren 1775 und 1778 veröffentlichten Karten von la Cruz
+Olmedilla[^28] und Surville sind, neben Pater Caulins Werke, die
+Arbeiten der Grenzexpedition am besten bekannt geworden; denn die
+zahlreichen Widersprüche darauf beziehen sich auf die Quellen des
+Orinoco und des Rio Branco, nicht auf den Lauf des Cassiquiare und des
+Rio Negro, die so richtig angegeben sind, als man es beim gänzlichen
+Mangel an astronomischen Beobachtungen verlangen kann.
+
+So stand es mit den hydrographischen Entdeckungen im Innern von Guyana,
+als kurze Zeit vor meinem Abgang von Europa ein Gelehrter, dessen
+Arbeiten die Geographie so bedeutend gefördert haben, Acuñas Bericht,
+die Karte des Paters Samuel Fritz und la Cruz Olmedillas »Südamerika«
+noch einmal näher prüfen zu müssen glaubte. Die politischen Verhältnisse
+in Frankreich machten vielleicht, daß sich Buache nicht verschaffen oder
+nicht benützen konnte, was Caulin und Gili geschrieben, die zwei
+Missionäre, die am Orinoco lebten, als die Grenzexpedition zwischen der
+spanischen Schanze am Rio Negro und der Stadt Angostura, über den
+Cassiquiare und den obern Orinoco, den Verkehr eröffnete, der über ein
+halbes Jahrhundert regelmäßig im Gange war. Auf der im Jahr 1798
+erschienenen Carte général de la Guyane ist der Cassiquiare und das
+Stück des obern Orinoco ostwärts von Esmeralda als ein Nebenfluß des Rio
+Negro, der mit dem Orinoco gar nicht zusammenhängt, dargestellt. Eine
+Bergkette streicht über die Ebene, welche die Landenge zwischen dem
+Tuamini und dem Pimichin bildet. Diese Kette läßt die Karte gegen
+Nordost fortlaufen und zwischen den Gewässern des Orinoco und denen des
+Rio Negro und Cassiquiare, zwanzig Meilen westlich von Esmeralda, eine
+Wasserscheide bilden. In einer Anmerkung auf der Karte heißt es: »die
+schon lange her angenommene Verbindung zwischen dem Orinoco und dem
+Amazonenstrom sey eine geographische Ungeheuerlichkeit, die Olmedillas
+Karte ohne allen Grund in der Welt verbreitet, und um die Vorstellungen
+über diesen Punkt zu berichtigen, habe man die Richtung der großen
+Bergkette, welche die Wasserscheide bilde, zu ermitteln.«
+
+Ich war so glücklich, diese Bergkette an Ort und Stelle zu ermitteln.
+Ich übernachtete am 24. Mai mit meiner Pirogue am Stücke des Orinoco, wo
+nach Buaches Annahme eine Cordillere über das Flußbett laufen sollte.
+Befände sich an diesem Punkt eine Wasserscheide, so hätte ich die ersten
+zwanzig Meilen westwärts von Esmeralda einen Fluß hinauf, statt, wie ich
+gethan, mit rascher Strömung hinabfahren müssen. Derselbe Fluß, der
+ostwärts von dieser Mission entspringt und einen Arm (den Cassiquiare)
+an den Rio Negro abgibt, läuft ohne Unterbrechung Santa Barbara und San
+Fernando de Atabapo zu. Es ist dieß das Stück des Orinoco, das von
+Südost nach Nordwest gerichtet ist und bei den Indianern Rio Paragua
+heißt. Nachdem er seine Gewässer mit denen des Guaviare und des Atabapo
+vermischt, wendet sich derselbe Fluß gegen Norden und geht durch die
+großen Katarakten. Alle diese Punkte sind auf der großen Karte von la
+Cruz im Ganzen gut angegeben; ohne Zweifel hat aber Buache
+vorausgesetzt, bei den verschiedenen Fahrten, die zwischen Amazonenstrom
+und Orinoco ausgeführt worden seyn sollten, seyen die Canoes von einem
+Nebenfluß zum andern über irgend einen Trageplatz (arastradero)
+geschleppt worden. Dem geachteten Geographen lag die Annahme, die Flüsse
+laufen in Wirklichkeit nicht so, wie die neueren spanischen Karten
+angeben, desto näher, als auf denselben Karten um den See Parime herum
+(das angebliche, 600 Quadratmeilen große weiße Meer) die seltsamsten,
+unwahrscheinlichsten Flußverzweigungen vorkommen. Man könnte auf den
+Orinoco anwenden, was Pater Acuña vom Amazonenstrom sagt, dessen Wunder
+er beschreibt: »Nacieron hermanadas en las cosas grandes la novedad y el
+descredito.«[^29]
+
+Hätten die Völker in den Niederungen von Südamerika Theil gehabt an der
+Cultur, welche in der kalten Alpregion verbreitet war, so hätte dieses
+ungeheure Mesopotamien zwischen Orinoco und Amazonenstrom die
+Entwicklung ihres Gewerbfleißes gefördert, ihren Handel belebt, den
+gesellschaftlichen Fortschritt beschleunigt. In der alten Welt sehen wir
+überall einen solchen Einfluß der Oertlichkeit auf die keimende Cultur
+der Völker. Die Insel Meroe zwischen dem Astaboras und dem Nil, das
+Pendjab des Indus, das Duab des Ganges, das Mesopotamien des Euphrat
+sind glänzende Belege dafür in den Annalen des Menschengeschlechts. Aber
+die schwachen Völkerstämme, die auf den Grasfluren und in den Wäldern
+von Südamerika herumziehen, haben aus den Vorzügen ihres Bodens und den
+Verzweigungen ihrer Flüsse gar wenig Nutzen gezogen. Die Einfälle der
+Caraiben, die weither den Orinoco, den Cassiquiare und Rio Negro
+heraufkamen, um Sklaven zu rauben, rüttelten ein paar versunkene
+Völkerschaften aus ihrer Trägheit auf und zwangen sie Vereine zur
+gemeinsamen Vertheidigung zu bilden; aber das wenige Gute, das diese
+Kriege mit den Caraiben (den Beduinen der Ströme Guyanas) mit sich
+gebracht, war ein schlechter Ersatz für die Uebel, die sie zur Folge
+hatten, Verwilderung der Sitten und Verminderung der Bevölkerung.
+Unzweifelhaft hat die Terrainbildung Griechenlands, die mannigfaltige
+Gestaltung des Landes, seine Zertheilung durch kleine Bergketten und
+Busen des Mittelmeers, in den Anfängen der Cultur die geistige
+Entwicklung der Hellenen bedeutend gefördert. Aber dieser Einfluß des
+Klimas und der Bodenbildung äußert sich nur da in seiner ganzen Stärke,
+wo Menschenstämme mit glücklicher Begabung nach Geist und Gemüth einen
+Anstoß von außen erhalten. Gewinnt man einen Ueberblick über die
+Geschichte unseres Geschlechts, so sieht man diese Mittelpunkte antiker
+Cultur da und dort gleich Lichtpunkten über den Erdball verstreut, und
+gewahrt mit Ueberraschung, wie ungleich die Gesittung unter Völkern ist,
+die fast unter demselben Himmelsstriche wohnen und über deren Wohnsitze
+scheinbar die Natur dieselben Segnungen verbreitet hat.
+
+Seit ich den Orinoco und den Amazonenstrom verlassen habe, bereitet sich
+für die gesellschaftlichen Verhältnisse der Völker des Occidents eine
+neue Aera vor. Auf den Jammer der bürgerlichen Zwiste werden die
+Segnungen des Friedens und eine freiere Entwicklung aller
+Gewerbthätigkeit folgen. Da wird denn die europäische Handelswelt jene
+Gabeltheilung des Orinoco, jene Landenge am Puamini, durch die so leicht
+ein künstlicher Kanal zu ziehen ist, ins Auge fassen. Da wird der
+Cassiquiare, ein Strom, so breit wie der Rhein und 180 Seemeilen lang,
+nicht mehr umsonst eine schiffbare Linie zwischen zwei Strombecken
+bilden, die 190,000 Quadratmeilen Oberfläche haben. Das Getreide aus
+Neu-Grenada wird an die Ufer des Rio Negro kommen, von den Quellen des
+Napo und des Ucayale, von den Anden von Quito und Ober-Peru wird man zur
+Mündung des Orinoco herabfahren, und dieß ist so weit, wie von Tombuctu
+nach Marseille. Ein Land, neun bis zehnmal größer als Spanien und reich
+an den mannigfaltigsten Produkten, kann mittelst des Naturcanals des
+Cassiquiare und der Gabeltheilung der Flüsse nach allen Richtungen hin
+befahren werden. Eine Erscheinung, die eines Tags von bedeutendem
+Einfluß auf die politischen Verhältnisse der Völker seyn muß, verdiente
+es gewiß, daß man sie genau ins Auge faßte.
+
+Fünfundzwanzigstes Kapitel.
+===========================
+
+Der obere Orinoco von Esmeralda bis zum Einfluß des Guaviare. — Zweite
+Fahrt durch die Katarakten von Atures und Maypures. — Der untere Orinoco
+zwischen der Mündung des Apure und Angostura, der Hauptstadt von
+spanisch Guyana.
+
+Noch habe ich von der einsamsten, abgelegensten christlichen
+Niederlassung am obern Orinoco zu sprechen. Gegenüber dem Punkte, wo die
+Gabeltheilung erfolgt, auf dem rechten Ufer des Flusses erhebt sich
+amphitheatralisch der Granitbergstock des Duida. Dieser Berg, den die
+Missionäre einen Vulkan nennen, ist gegen 8000 Fuß hoch. Er nimmt sich,
+da er nach Süd und West steil abfällt, äußerst großartig aus. Sein
+Gipfel ist kahl und steinigt; aber überall, wo auf den weniger steilen
+Abhängen Dammerde haftet, hängen an den Seiten des Duida gewaltige
+Wälder wie in der Luft. An seinem Fuße liegt die Mission Esmeralda, ein
+Dörschen mit 80 Einwohnern, auf einer herrlichen, von Bächen mit
+schwarzem, aber klarem Wasser durchzogenen Ebene, einem wahren
+Wiesengrund, auf dem in Gruppen die Mauritiapalme, der amerikanische
+Sagobaum, steht. Dem Berge zu, der nach meiner Messung 7300 Toisen vom
+Missionskreuz liegt, wird die sumpfigte Wiese zur Savane, die um die
+untere Region der Cordillere herläuft. Hier trifft man ungemein große
+Ananas von köstlichem Geruch: Diese Bromeliaart wächst immer einzeln
+zwischen den Gräsern, wie bei uns Colchicum autumnale, während der
+Karatas, eine andere Art derselben Gattung, ein geselliges Gewächs ist
+gleich unsern Heiden und Heidelbeeren. Die Ananas von Esmeralda sind in
+ganz Guyana berühmt. In Amerika wie in Europa gibt es für die
+verschiedenen Früchte gewisse Landstriche, wo sie zur größten
+Vollkommenheit gedeihen. Man muß auf der Insel Margarita oder in Cumana
+Sapotillen (Achras), in Loxa in Peru Chilimoyas (sehr verschieden vom
+Corossol oder der Anona der Antillen), in Caracas Granadillas oder
+Parchas, in Esmeralda und auf Cuba Ananas gegessen haben, um die
+Lobsprüche, womit die ältesten Reisenden die Köstlichkeit der Produkte
+der heißen Zone preisen, nicht übertrieben zu finden. Die Ananas sind
+die Zierde der Felder bei der Havana, wo sie in Reihen neben einander
+gezogen werden; an den Abhängen des Duida schmücken sie den Rasen der
+Savanen, wenn ihre gelben, mit einem Büschel silberglänzender Blätter
+gekrönten Früchte über den Setarien, den Paspalum und ein paar
+Cyperaceen emporragen. Dieses Gewächs, das die Indianer Ana-curua
+nennen, verbreitete sich schon im sechzehnten Jahrhundert im innern
+China, und noch in neuester Zeit fanden es englische Reisende mit
+andern, unzweifelhaft amerikanischen Gewächsen (Mais, Manioc,
+Melonenbaum, Tabak, Piment) an den Ufern des Rio Congo in Afrika. In
+Esmeralda ist kein Missionär. Der Geistliche, der hier Messe lesen soll,
+sitzt in Santa Barbara, über 50 Meilen weit. Er braucht den Fluß herauf
+vier Tage, er kommt daher auch nur fünf oder sechsmal im Jahr. Wir
+wurden von einem alten Soldaten sehr freundlich aufgenommen; der Mann
+hielt uns für catalonische Krämer, die in den Missionen ihren
+Kleinhandel treiben wollten. Als er unsere Papierballen zum
+Pflanzentrocknen sah, lächelte er über unsere naive Unwissenheit »Ihr
+kommt in ein Land,« sagte er, »wo dergleichen Waare keinen Absatz
+findet. Geschrieben wird hier nicht viel, und trockene Mais-, Platano-
+(Bananen) und Vijaho- (Heliconia) Blätter brauchen wir hier, wie in
+Europa das Papier, um Nadeln, Fischangeln und andere kleine Sachen, die
+man sorgfältig aufbewahren will, einzuwickeln.« Der alte Soldat
+vereinigte in seiner Person die bürgerliche und die geistliche Behörde.
+Er lehrte die Kinder, ich sage nicht den Catechismus, aber doch den
+Rosenkranz beten, er läutete die Glocken zum Zeitvertreib, und im
+geistlichen Amtseifer bediente er sich zuweilen seines Küsterstocks in
+einer Weise, die den Eingeborenen schlecht behagte.
+
+So klein die Mission ist, werden in Esmeralda doch drei indianische
+Sprachen gesprochen: Idapaminarisch, Catarapeñisch und Maquiritanisch.
+Letztere Sprache ist am obern Orinoco vom Einfluß des Ventuari bis zu
+dem des Padamo die herrschende, wie am untern Orinoco das Caraibische,
+am Einfluß des Apure das Otomakische, bei den großen Katarakten das
+Tamanakische und Maypurische und am Rio Negro das Maravitanische. Es
+sind dieß die fünf oder sechs verbreitetsten Sprachen. Wir wunderten
+uns, in Esmeralda viele Zambos, Mulatten und andere Farbige anzutreffen,
+die sich aus Eitelkeit Spanier nennen und sich für weiß halten, weil sie
+nicht roth sind wie die Indianer. Diese Menschen führen ein jämmerliches
+Leben. Sie sind meist als Verwiesene (desterrados) hier. Um im innern
+Lande, das man gegen die Portugiesen absperren wollte, in der Eile
+Colonien zu gründen, hatte Solano in den Llanos und bis zur Insel
+Margarita hin Landstreicher und Uebelthäter, denen die Justiz bis dahin
+vergeblich nachgespürt, zusammengerafft und sie den Orinoco
+hinaufgeführt, wo sie mit den unglücklichen, aus den Wäldern
+weggeschleppten Indianern zusammengethan wurden. Durch ein
+mineralogisches Mißverständniß wurde Esmeralda berühmt. Der Granit des
+Duida und des Maraguaca enthält in offenen Gängen schöne Bergkrystalle,
+die zum Theil sehr durchsichtig, zum Theil mit Chlorit (Talkglimmer)
+gefärbt und mit Actinot (Strahlstein) gemengt sind; man hatte sie für
+Diamanten und Smaragden (Esmeralda) gehalten. So nahe den Quellen des
+Orinoco träumte man in diesen Bergen von nichts als vom Dorado, der
+nicht weit seyn konnte, vom See Parime und von den Trümmern der großen
+Stadt Manoa. Ein Mann, der wegen seiner Leichtgläubigkeit und seiner
+Sucht zur Uebertreibung noch jetzt im Lande wohlbekannt ist, Don
+Apollinario Diez de la Fuente, nahm den vollklingenden Titel eines
+Capitan poblador und Cabo militar des Forts am Cassiquiare an. Dieses
+Fort bestand in ein paar mit Brettern verbundenen Baumstämmen, und um
+die Täuschung vollständig zu machen, sprach man in Madrid für die
+Mission Esmeralda, ein Dörschen von zwölf bis fünfzehn Hütten, die
+Gerechtsame einer Villa an. Es ist zu besorgen, daß Don Apollinario, der
+in der Folge Statthalter der Provinz los Quixos im Königreich Quito
+wurde, bei Entwerfung der Karten von la Cruz und Surville die Hand im
+Spiel gehabt hat. Da er die Windstriche des Compasses kannte, nahm er
+keinen Anstand, in den zahlreichen Denkschriften, die er dem Hof
+übermachte, sich Cosmograph der Grenzexpedition zu nennen.
+
+Während die Befehlshaber dieser Expedition Von der Existenz der Nueva
+Villa de Esmeralda überzeugt waren, so wie vom Reichthum des Cerro Duida
+an kostbaren Mineralien, da doch nichts darin zu finden ist, als
+Glimmer, Bergkrystall, Actinot und Rutil, ging eine aus den
+ungleichartigsten Elementen bestehende Colonie allgemach wieder zu
+Grunde. Die Landstreicher aus den Llanos hatten so wenig Lust zur Arbeit
+als die Indianer, die gezwungen »unter der Glocke« lebten. Ersteren
+diente ihr Hochmuth zu weiterer Rechtfertigung ihrer Faulheit. In den
+Missionen nennt sich jeder Farbige, der nicht geradezu schwarz ist wie
+ein Afrikaner oder kupferfarbig wie ein Indianer, einen Spanier; er
+gehört zur gente de razon, zur vernunftbegabten Race, und diese, wie
+nicht zu läugnen, hie und da übermüthige und arbeitsscheue Vernunft
+redet den Weißen und denen, die es zu seyn glauben, ein, der Landbau sey
+ein Geschäft für Sklaven, für Poitos, und für neubekehrte Indianer. Die
+Colonie Esmeralda war nach dem Muster der neuholländischen gegründet,
+wurde aber keineswegs eben so weise regiert. Da die amerikanischen
+Colonisten von ihrem Heimathland nicht durch Meere, sondern durch Wälder
+und Savanen geschieden waren, so verliefen sie sich, die einen nach
+Nord, dem Caura und Carony zu, die andern nach Süd in die
+portugiesischen Besitzungen. So hatte es mit der Herrlichkeit der Villa
+und den Smaragdgruben am Duida nach wenigen Jahren ein Ende, und
+Esmeralda galt wegen der furchtbaren Insektenmasse, welche das ganze
+Jahr die Luft verfinstert, bei den Ordensleuten für einen fluchwürdigen
+Verbannungsort.
+
+Ich erwähnte oben, daß der Vorsteher der Missionen den Laienbrüdern, um
+sie in der Zucht zu halten, zuweilen droht, sie nach Esmeralda zu
+schicken; man wird damit, wie die Mönche sagen, »zu den Moskitos
+verurtheilt, verurtheilt, von den summenden Mücken (zancudos gritones)
+gefressen zu werden, die Gott den Menschen zur Strafe erschaffen hat.«
+Einer so seltsamen Strafe unterlagen aber nicht immer nur Laienbrüder.
+Im Jahr 1788 brach in der Ordenswelt eine der Revolutionen aus, die
+einem in Europa nach den Vorstellungen, die man von den friedlichen
+Zuständen der christlichen Niederlassungen in der neuen Welt hat, fast
+unbegreiflich sind. Schon längst hätten die Franciskaner, die in Guyana
+saßen, gerne eine Republik für sich gebildet und sich vom Collegium von
+Piritu in Nueva Barcelona unabhängig gemacht. Mißvergnügt, daß zum
+wichtigen Amte eines Präsidenten der Missionen Fray Gutierez de Aquilera
+von einem Generalcapitel gewählt und vom Könige bestätigt worden, traten
+fünf oder sechs Mönche vom obern Orinoco, Cassiquiare und Rio Negro in
+San Fernando de Atabapo zusammen, wählten in aller Eile, und aus ihrer
+eigenen Mitte, einen neuen Superior und ließen den alten, der zu seinem
+Unglück zur Visitation ins Land kam, festnehmen. Man legte ihm
+Fußschellen an, warf ihn in ein Canoe und führte ihn nach Esmeralda als
+Verbannungsort. Da es von der Küste zum Schauplatz dieser Empörung so
+weit war, so hofften die Mönche, ihre Frevelthat werde jenseits der
+großen Katarakten lange nicht bekannt werden. Man wollte Zeit gewinnen,
+um zu intriguiren, zu negociiren, um Anklageakten aufzusetzen und all
+die kleinen Ränke spielen zu lassen, durch die man überall in der Welt
+die Ungültigkeit einer ersten Wahl darthut. Der alte Superior seufzte in
+seinem Kerker zu Esmeralda; ja er wurde von der furchtbaren Hitze und
+dem beständigen Hautreiz durch die Moskitos ernstlich krank. Zum Glück
+für die gestürzte Autorität blieben die meuterischen Mönche nicht einig.
+Einem Missionär vom Cassiquiare wurde bange, wie dieser Handel enden
+sollte; er fürchtete verhaftet und nach Cadix geschickt zu werden, oder,
+wie man in den Colonien sagt, baxo partido de registro; aus Angst wurde
+er seiner Partei untreu und machte sich unversehens davon. Man stellte
+an der Mündung des Atabapo, bei den großen Katarakten, überall wo der
+Flüchtling auf dem Weg zum untern Orinoco vorüberkommen mußte, Indianer
+als Wachen auf. Trotz dieser Maaßregeln kam er nach Angostura und von da
+in das Missionscollegium von Piritu; er gab seine Collegen an und
+erhielt zum Lohn für seine Aussage den Auftrag, die zu verhaften, mit
+denen er sich gegen den Präsidenten der Missionen verschworen hatte. In
+Esmeralda, wo man von den politischen Stürmen, die seit dreißig Jahren
+das alte Europa erschüttern, noch gar nicht hat sprechen hören, ist der
+sogenannte alboroto de los frailes (die Meuterei der Mönche) noch immer
+eine wichtige Begebenheit. Hier zu Land, wie im Orient, weiß man nur von
+Revolutionen, die von den Gewalthabern selbst ausgehen, und wir haben
+gesehen, daß sie in ihren Folgen eben nicht sehr bedenklich sind.
+
+Wenn die Villa Esmeralda mit ihrer Bevölkerung von 12—15 Familien
+gegenwärtig für einen schrecklichen Aufenthaltsort gilt, so kommt dieß
+nur vom Mangel an Anbau, von der Entlegenheit von allen bewohnten
+Landstrichen und von der furchtbaren Menge der Moskitos. Die Lage der
+Mission ist ungemein malerisch, das Land umher äußerst freundlich und
+sehr fruchtbar. Nie habe ich so gewaltig große Bananenbüschel gesehen;
+Indigo, Zucker, Cacao kämen vortrefflich fort, aber man mag sich nicht
+die Mühe geben, sie zu bauen. Um den Cerro Duida herum gibt es schöne
+Weiden, und wenn die Observanten aus dem Collegium von Piritu nur etwas
+von der Betriebsamkeit der catalonischen Kapuziner am Carony hätten, so
+liefen zwischen dem Cunucunumo und dem Padamo zahlreiche Heerden. Wie
+die Sachen jetzt stehen, ist keine Kuh, kein Pferd vorhanden und die
+Einwohner haben oft, zur Buße ihrer Faulheit, nichts zu essen als
+Schinken von Brüllaffen und das Mehl von Fischknochen, von dem in der
+Folge die Rede seyn wird. Man baut nur etwas Manioc und Bananen; und
+wenn der Fischfang nicht reichlich ausfällt, so ist die Bevölkerung
+eines von der Natur so hoch begünstigten Landes dem grausamsten Mangel
+preisgegeben.
+
+Da die wenigen Canoes, die vom Rio Negro über den Cassiquiare nach
+Angostura gehen, nicht gerne nach Esmeralda hinausfahren, so läge die
+Mission weit besser an der Stelle, wo der Orinoco sich gabelt. Sicher
+wird dieses große Land nicht immer so verwahrlost bleiben wie bisher, da
+die Unvernunft des Mönchsregiments und der Geist des Monopols, der nun
+einmal allen Körperschaften eigen ist, es niederhielten; ja es läßt sich
+voraussagen, an welchen Punkten längs des Orinoco Gewerbfleiß und Handel
+sich am kräftigsten entwickeln werden. Unter allen Himmelsstrichen
+drängt sich die Bevölkerung vorzüglich an den Mündungen der Nebenflüsse
+zusammen. Durch den Rio Apure, auf dem die Erzeugnisse der Provinzen
+Barinas und Metida ausgeführt werden, muß die kleine Stadt Cabruta eine
+große Bedeutung erhalten; sie wird mit San Fernando de Apure
+concurriren, wo bis jetzt der ganze Handel concentrirt war. Weiter oben
+wird sich eine neue Niederlassung am Einfluß des Meta bilden, der über
+die Llanos am Casanare mit Neu-Grenada in Verbindung steht. Die zwei
+Missionen bei den Katarakten werden sich vergrößern, weil diese Punkte
+durch den Transport der Piroguen sehr lebhaft werden müssen; denn das
+ungesunde, nasse Klima und die furchtbare Menge der Moskitos werden dem
+Fortschritt der Cultur am Orinoco so wenig Einhalt thun als am
+Magdalenenstrom, sobald einmal ernstliches kaufmännisches Interesse neue
+Ansiedler herzieht. Gewohnte Uebel werden leichter ertragen, und wer in
+Amerika geboren ist, hat keine so großen Schmerzen zu leiden wie der
+frisch angekommene Europäer. Auch wird wohl die allmählige Ausrodung der
+Wälder in der Nähe der bewohnten Orte die schreckliche Plage der Mücken
+etwas vermindern. In San Fernando de Atabapo, Javita, San Carlos,
+Esmeralda werden wohl (wegen ihrer Lage an der Mündung des Guaviare, am
+Trageplatz zwischen Tuamini und Rio Negro, am Ausfluß des Cassiquiare
+und am Gabelungspunkt des obern Orinoco) Bevölkerung und Wohlstand
+bedeutend zunehmen. Mit diesen fruchtbaren, aber brach liegenden
+Ländern, durch welche der Guallaga, der Amazonenstrom und der Orinoco
+ziehen, wird es gehen wie mit der Landenge von Panama, dem Nicaraguasee
+und dem Rio Huasacualco, durch welche zwei Meere mit einander in
+Verbindung stehen. Mangelhafte Staatsformen konnten seit Jahrhunderten
+Orte, in denen der Welthandel seine Mittelpunkte haben sollte, in Wüsten
+verwandeln; aber die Zeit ist nicht mehr fern, wo diese Fesseln fallen
+werden; eine widersinnige Verwaltung kann sich nicht ewig dem
+Gesammtinteresse der Menschheit entgegenstemmen, und unwiderstehlich muß
+die Cultur in Ländern einziehen, welche die Natur selbst durch die
+physische Gestaltung des Bodens, durch die erstaunliche Verzweigung der
+Flüsse und durch die Nähe zweier Meere, welche die Küsten Europas und
+Indiens bespülen, zu großen Geschicken ausersehen hat.
+
+Esmeralda ist berühmt als der Ort, wo am besten am Orinoco das starke
+Gift bereitet wird, das im Krieg, zur Jagd, und, was seltsam klingt, als
+Mittel gegen gastrische Beschwerden dient. Das Gift der Ticunas am
+Amazonenstrom, das Upas-Tieute auf Java und das Curare in Guyana sind
+die tödtlichsten Substanzen, die man kennt. Bereits am Ende des
+sechzehnten Jahrhunderts hatte Ralegh das Wort Urari gehört, wie man
+einen Pflanzenstoff nannte, mit dem man die Pfeile vergiftete. Indessen
+war nichts Zuverlässiges über dieses Gift in Europa bekannt geworden.
+Die Missionäre Gumilla und Gili hatten nicht bis in die Länder kommen
+können, wo das Curare bereitet wird. Gumilla behauptete, »diese
+Bereitung werde sehr geheim gehalten; der Hauptbestandtheil komme von
+einem unterirdischen Gewächs, von einer knolligten Wurzel, die niemals
+Blätter treibe und rais de si misma (die Wurzel an sich) sey; durch die
+giftigen Dünste aus den Kesseln gehen die alten Weiber (die
+unnützesten), die man zur Arbeit verwende, zu Grunde; endlich, die
+Pflanzensäfte erscheinen erst dann concentrirt genug, wenn ein paar
+Tropfen des Safts auf eine gewisse Entfernung eine Repulsivkraft auf das
+Blut ausüben. Ein Indianer ritzt sich die Haut; man taucht einen Pfeil
+in das flüssige Curare und bringt ihn der Stichwunde nahe. Das Gift gilt
+für gehörig concentrirt, wenn es das Blut in die Gefäße zurücktreibt,
+ohne damit in Berührung gekommen zu seyn.« — Ich halte mich nicht dabei
+auf, diese von Pater Gumilla zusammengebrachten Volksmähren zu
+widerlegen. Warum hätte der Missionär nicht glauben sollen, daß das
+Curare aus der Ferne wirke, da er unbedenklich an die Eigenschaften
+einer Pflanze glaubte, deren Blätter erbrechen machen oder purgiren, je
+nachdem man sie von oben herab oder von unten herauf vom Stiele reißt?
+
+Als wir nach Esmeralda kamen, kehrten die meisten Indianer von einem
+Ausflug ostwärts über den Rio Padamo zurück, wobei sie Juvias oder die
+Früchte der Bertholletia und eine Schlingpflanze, welche das Curare
+gibt, gesammelt hatten. Diese Heimkehr wurde durch eine Festlichkeit
+begangen, die in der Mission la fiesta de las Juvias heißt und unsern
+Ernte- und Weinlesefesten entspricht. Die Weiber hatten viel gegohrenes
+Getränke bereitet, und zwei Tage lang sah man nur betrunkene Indianer.
+Bei Völkern, für welche die Früchte der Palmen und einiger andern Bäume,
+welche Nahrungsstoff geben, von großer Wichtigkeit sind, wird die Ernte
+der Früchte durch öffentliche Lustbarkeiten gefeiert, und man theilt das
+Jahr nach diesen Festen ein, die immer auf dieselben Zeitpunkte fallen.
+
+Das Glück wollte, daß wir einen alten Indianer trafen, der weniger
+betrunken als die andern und eben beschäftigt war, das Curaregift aus
+den frischen Pflanzen zu bereiten. Der Mann war der Chemiker des Orts.
+Wir fanden bei ihm große thönerne Pfannen zum Kochen der Pflanzensäfte,
+flachere Gefäße, die durch ihre große Oberfläche die Verdunstung
+befördern, dütenförmig aufgerolIte Bananenblätter zum Durchseihen. der
+mehr oder weniger faserigte Substanzen enthaltenden Flüssigkeiten. Die
+größte Ordnung und Reinlichkeit herrschten in dieser zum chemischen
+Laboratorium eingerichteten Hütte. Der Indianer, der uns Auskunft
+ertheilen sollte, heißt in der Mission der Giftmeister (amo del Curare);
+er hatte das steife Wesen und den pedantischen Ton, den man früher in
+Europa den Apothekern zum Vorwurf machte. »Ich weiß,« sagte er, »die
+Weißen verstehen die Kunst, Seife zu machen und das schwarze Pulver, bei
+dem das Ueble ist, daß es Lärm macht und die Thiere verscheucht, wenn
+man sie fehlt. Das Curare, dessen Bereitung bei uns vom Vater auf den
+Sohn übergeht, ist besser als Alles, was ihr dort drüben (über dem
+Meere) zu machen wißt. Es ist der Saft einer Pflanze, der ganz leise
+tödtet (ohne daß man weiß, woher der Schuß kommt).«
+
+Diese chemische Operation, auf die der Meister des Curare so großes
+Gewicht legte, schien uns sehr einfach. Das Schlinggewächs (bejuco), aus
+dem man in Esmeralda das Gift bereitet, heißt hier wie in den Wäldern
+bei Javita. Es ist der Bejuco de Mavacure, und er kommt östlich von der
+Mission am linken Ufer des Orinoco, jenseits des Rio Amaguaca im
+granitischen Bergland von Guanaya und Yumariquin in Menge vor. Obgleich
+die Bejucobündel, die wir im Hause des Indianers fanden, gar keine
+Blätter mehr hatten, blieb uns doch kein Zweifel, daß es dasselbe
+Gewächs aus der Familie der Strychneen war (Aublets Rouhamon sehr nahe
+stehend), das wir im Wald beim Pimichin untersucht. Der Mavacure wird
+ohne Unterschied frisch oder seit mehreren Wochen getrocknet
+verarbeitet. Der frische Saft der Liane gilt nicht für giftig;
+vielleicht zeigt er sich nur wirksam, wenn er stark concentrirt ist. Das
+furchtbare Gift ist in der Rinde und einem Theil des Splints enthalten.
+Man schabt mit einem Messer 4—5 Linien dicke Mavacurezweige ab und
+zerstößt die abgeschabte Rinde auf einem Stein, wie er zum Reiben des
+Maniocmehls dient, in ganz dünne Fasern. Da der giftige Saft gelb ist,
+so nimmt die ganze faserigte Masse die nämliche Farbe an. Man bringt
+dieselbe in einen 9 Zoll hohen, 4 Zoll weiten Trichter. Diesen Trichter
+strich der Giftmeister unter allen Geräthschaften des indianischen
+Laboratoriums am meisten heraus. Er fragte uns mehreremale, ob wir por
+alla (dort drüben, das heißt in Europa) jemals etwas gesehen hätten, das
+seinem Embado gleiche? Es war ein dütenförmig aufgerolltes Bananenblatt,
+das in einer andern stärkeren Düte aus Palmblättern steckte; die ganze
+Vorrichtung ruhte auf einem leichten Gestell von Plattstielen und
+Fruchtspindeln einer Palme. Man macht zuerst einen kalten Aufguß, indem
+man Wasser an den faserigten Stoff, die gestoßene Rinde des Mavacure,
+gießt. Mehrere Stunden lang tropft ein gelblichtes Wasser vom Embudo,
+dem Blatttrichter, ab. Dieses durchsickernde Wasser ist die giftige
+Flüssigkeit; sie erhält aber die gehörige Kraft erst dadurch, daß man
+sie wie die Melasse in einem großen thönernen Gefäß abdampft. Der
+Indianer forderte uns von Zeit zu Zeit auf, die Flüssigkeit zu kosten;
+nach dem mehr oder minder bittern Geschmack beurtheilt man, ob der Saft
+eingedickt genug ist. Dabei ist keine Gefahr, da das Curare nur dann
+tödtlich wirkt, wenn es unmittelbar mit dem Blut in Berührung kommt.
+Deßhalb sind auch, was auch die Missionäre am Orinoco in dieser
+Beziehung gesagt haben mögen, die Dämpfe vom Kessel nicht schädlich.
+Fontana hat durch seine schönen Versuche mit dem Ticunasgift vom
+Amazonenstrom längst dargethan, daß die Dämpfe, die das Gift entwickelt,
+wenn man es auf glühende Kohlen wirft, ohne Schaden eingeathmet werden,
+und daß es unrichtig ist, wenn La Condamine behauptet, zum Tode
+verurtheilte indianische Weiber seyen durch die Dämpfe des Ticunasgifts
+getödtet worden.
+
+Der noch so stark eingedickte Saft des Mavacure ist nicht dick genug, um
+an den Pfeilen zu haften. Also bloß um dem Gift Körper zu geben, setzt
+man dem eingedickten Ausguß einen andern sehr klebrigten Pflanzensaft
+bei, der von einem Baum mit großen Blättern, genannt Kiracaguero, kommt.
+Da dieser Baum sehr weit von Esmeralda wächst, und er damals so wenig
+als der Bejuco de Mavacure Blüthen und Früchte hatte, so können wir ihn
+botanisch nicht bestimmen. Ich habe schon mehrmals davon gesprochen, wie
+oft ein eigenes Mißgeschick die interessantesten Gewächse der
+Untersuchung der Reisenden entzieht, während tausend andere, bei denen
+man nichts von chemischen Eigenschaften weiß, voll Blüthen und Früchten
+hängen. Reist man schnell, so bekommt man selbst unter den Tropen, wo
+die Blüthezeit der holzigten Gewächse so lange dauert, kaum an einem
+Achttheil der Gewächse die Fructificationsorgane zu sehen. Die
+Wahrscheinlichkeit, daß man, ich sage nicht die Familie, aber Gattung
+und Art bestimmen kann, ist demnach gleich 1 zu 8, und dieses
+nachtheilige Verhältniß empfindet man begreiflich noch schwerer, wenn
+man dadurch um die nähere Kenntniß von Gegenständen kommt, die noch in
+anderer Hinsicht als nur für die beschreibende Botanik von Bedeutung
+sind.
+
+Sobald der klebrigte Saft des Kiracaguero-Baums dem eingedickten,
+kochenden Giftsaft zugegossen wird, schwärzt sich dieser und gerinnt zu
+einer Masse von der Consistenz des Theers oder eines dicken Syrups.
+Diese Masse ist nun das Curare, wie es in den Handel kommt. Hört man die
+Indianer sagen, zur Bereitung des Giftes sey der Kiracaguero so
+nothwendig als der Bejuco de Mavacure, so kann man auf die falsche
+Vermuthung kommen, auch ersterer enthalte einen schädlichen Stoff,
+während er nur dazu dient, dem eingedickten Curaresaft mehr Körper zu
+geben (was auch der Algarobbo und jede gummiartige Substanz thäten). Der
+Farbenwechsel der Mischung rührt von der Zersetzung einer Verbindung von
+Kohlenstoff und Wasserstoff her. Der Wasserstoff verbrennt und der
+Kohlenstoff wird frei. Das Curare wird in den Früchten der Crescentia
+verkauft; da aber die Bereitung desselben in den Händen weniger Familien
+ist und an jedem Pfeile nur unendlich wenig Gift haftet, so ist das
+Curare bester Qualität, das von Esmeralda und Mandavaca, sehr theuer.
+Ich sah für zwei Unzen 5—6 Franken bezahlen. Getrocknet gleicht der
+Stoff dem Opium; er zieht aber die Feuchtigkeit stark an, wenn er der
+Luft ausgesetzt wird. Er schmeckt sehr angenehm bitter und Bonpland und
+ich haben oft kleine Mengen verschluckt. Gefahr ist keine dabei, wenn
+man nur sicher ist, daß man an den Lippen oder am Zahnfleisch nicht
+blutet. Bei Mangilis neuen Versuchen mit dem Viperngift verschluckte
+einer der Anwesenden alles Gift, das von vier großen italienischen
+Vipern gesammelt werden konnte, ohne etwas darauf zu spüren. Bei den
+Indianern gilt das Curare, innerlich genommen, als ein treffliches
+Magenmittel. Die Piravas- und Salivas-Indianer bereiten dasselbe Gift;
+es hat auch ziemlichen Ruf, ist aber doch nicht so gesucht wie das von
+Esmeralda. Die Bereitungsart scheint überall ungefähr dieselbe; es liegt
+aber kein Beweis vor, daß die verschiedenen Gifte, welche unter
+demselben Namen am Orinoco und am Amazonenstrom verkauft werden,
+identisch sind und von derselben Pflanze herrühren. Orfila hat daher
+sehr wohl gethan, wenn er in seiner Toxicologie générale das Woorara aus
+holländisch Guyana, das Curare vom Orinoco, das Ticuna vom Amazonenstrom
+und all die Substanzen, welche man unter dem unbestimmten Namen
+»amerikanische Gifte« zusammenwirft, für sich betrachtet. Vielleicht
+findet man einmal in Giftpflanzen aus verschiedenen Gattungen eine
+gemeinschaftliche alkalische Basis, ähnlich dem Morphium im Opium und
+der Vauqueline in den Strychnosarten.
+
+Man unterscheidet am Orinoco zwischen Curare de raiz (aus Wurzeln) und
+Curare de bejuco (aus Lianen oder der Rinde der Zweige). Wir haben nur
+letzteres bereiten sehen; erstens ist schwächer und weit weniger
+gesucht. Am Amazonenstrom lernten wir die Gifte verschiedener
+Indianerstämme kennen, der Ticunas, Yaguas, Pevas und Xibaros, die von
+derselben Pflanze kommen und vielleicht nur mehr oder weniger sorgfältig
+zubereitet sind. Das Toxique des Ticunas, das durch La Condamine in
+Europa so berühmt geworden ist und das man jetzt, etwas uneigentlich,
+»Ticuna« zu nennen anfängt, kommt von einer Liane, die auf der Insel
+Mormorote im obern Maragnon wächst. Dieses Gift wird zum Theil von den
+Ticunas-Indianern bezogen, die auf spanischem Gebiet bei den Quellen des
+Yacarique unabhängig geblieben sind, zum Theil von den Indianern
+desselben Stammes, die in der portugiesischen Mission Loreto leben. Da
+Gifte in diesem Klima für Jägervölker ein unentbehrliches Bedürfniß
+sind, so widersetzen sich die Missionäre am Orinoco und Amazonenstrom
+der Bereitung derselben nicht leicht. Die hier genannten Gifte sind
+völlig verschieden vom Gift von la Peca[^30] und vom Gift von Lamas und
+Moyobamba. Ich führe diese Einzelnheiten an, weil die Pflanzenreste, die
+wir untersuchen konnten, uns (gegen die allgemeine Annahme) den Beweis
+geliefert haben, daß die drei Gifte, das der Ticunas, das von la Pera
+und das von Moyobamba, nicht von derselben Art kommen, wahrscheinlich
+nicht einmal von verwandten Gewächsen. So einfach das Curare ist, so
+langwierig und verwickelt ist die Bereitungsweise des Giftes von
+Moyobamba. Mit dem Saft des Bejuco de Ambihuasca, dem Hauptingrediens,
+mischt man Piment (Capsicum), Tabak, Barbasco (Jacquinia armillaris),
+Sanango (Tabernaemontana) und die Milch einiger andern Apocyneen. Der
+frische Saft der Ambihuasca wirkt tödtlich, wenn er mit dem Blut in
+Berührung kommt; der Saft des Mavacure wird erst durch Einkochen ein
+tödtliches Gift, und der Saft der Wurzel der Jatropha Manihot verliert
+durch Kochen ganz seine schädliche Eigenschaft. Als ich bei sehr großer
+Hitze die Liane, von der das schreckliche Gift von la Pera kommt, lange
+zwischen den Fingern rieb, wurden mir die Hände pelzigt; eine Person,
+die mit mir arbeitete, spürte gleich mir diese Folgen einer raschen
+Aufsaugung durch die unverletzten Hautdecken.
+
+Ich lasse mich hier auf keine Erörterung der physiologischen Wirkungen
+dieser Gifte der neuen Welt ein, die so rasch tödten, wie die
+Strychnosarten Asiens (die Brechnuß, das Upas-Tieute und die
+Ignatiusbohne), aber ohne, wenn sie in den Magen kommen, Erbrechen zu
+erregen und ohne die gewaltige Reizung des Rückenmarks, welche den
+bevorstehenden Tod verkündet. Wir haben während unseres Aufenthalts in
+Amerika Curare vom Orinoco und Bambusrohrstücke mit Gift der Ticunas und
+von Moyobamba den Chemikern Fourcroy und Vauquelin übermacht; wir haben
+ferner nach unserer Rückkehr Magendie und Delille, die mit den Giften
+der neuen Welt so schöne Versuche angestellt, Curare mitgetheilt, das
+auf dem Transport durch feuchte Länder schwächer geworden war. Am
+Orinoco wird selten ein Huhn gespeist, das nicht durch einen Stich mit
+einem vergifteten Pfeil getödtet worden wäre; ja die Missionäre
+behaupten, das Fleisch der Thiere sey nur dann gut, wenn man dieses
+Mittel anwende. Unser Reisebegleiter, der am dreitägigen Fieber leidende
+Pater Zea, ließ sich jeden Morgen einen Pfeil und das Huhn, das wir
+speisen sollten, lebend in seine Hängematte bringen. Er hätte eine
+Operation, auf die er trotz seines Schwächezustandes ein sehr großes
+Gewicht legte, keinem Andern überlassen mögen. Große Vögel, z. B. ein
+Guan (Pava de monte) oder ein Hocco (Alector) sterben, wenn man sie in
+den Schenkel sticht, in 2—3 Minuten; bei einem Schwein oder Pecari
+dauert es oft 10—12. Bonpland fand, daß dasselbe Gift in verschiedenen
+Dörfern, wo man es kaufte, sehr verschieden war. Wir bekamen am
+Amazonenstrom ächtes Gift der Ticunas-Indianer, das schwächer war als
+alle Sorten des Curare vom Orinoco. Es wäre unnütz, den Reisenden die
+Angst ausreden zu wollen, die sie häufig äußern, wenn sie bei der
+Ankunft in den Missionen hören, daß die Hühner, die Affen, die Leguans,
+die großen Flußfische, die sie essen, mit vergifteten Pfeilen getödtet
+sind. Gewöhnung und Nachdenken machen dieser Angst bald ein Ende.
+Magendie hat sogar durch sinnreiche Versuche mit der Transfusion
+dargethan, daß das Blut von Thieren, die mit den ostindischen bittern
+Strychnosarten getödtet worden sind, auf andere Thiere keine schädliche
+Wirkung äußert. Einem Hund wurde eine bedeutende Menge vergifteten Bluts
+in die Venen gespritzt; es zeigte sich aber keine Spur von Reizung des
+Rückenmarks.
+
+Ich brachte das stärkste Curare mit den Schenkelnerven eines Frosches in
+Berührung, ohne, wenn ich den Grad der Irritabilität der Organe mittelst
+eines aus heterogenen Metallen bestehenden Bogens maß, eine merkliche
+Veränderung wahrzunehmen. Aber bei Vögeln, wenige Minuten nachdem ich
+sie mit einem vergifteten Pfeile getödtet, wollten die galvanischen
+Versuche so gut wie nicht gelingen. Diese Beobachtungen sind von
+Interesse, da ermittelt ist, daß auch eine Auflösung von Upas Tieute,
+wenn man sie auf den Hüftnerven gießt oder in das Nervengewebe selbst
+bringt, wenn sie also mit der Marksubstanz selbst in Berührung kommt,
+gleichfalls auf die Irritabilität der Organe keinen merkbaren Einfluß
+äußert. Das Curare, wie die meisten andern Strychneen (denn wir glauben
+immer noch, daß der Mavacure einer nahe verwandten Familie angehört)
+werden nur dann gefährlich, wenn das Gift auf das Gefäßsystem wirkt. In
+Maypures rüstete ein Farbiger (ein Zambo, ein Mischling von Indianer und
+Neger) für Bonpland giftige Pfeile, wie man sie in die Blaserohre
+steckt, wenn man kleine Affen und Vögel jagt. Es war ein Zimmermann von
+ungemeiner Muskelkraft. Er hatte die Unvorsichtigkeit, das Curare
+zwischen den Fingern zu reiben, nachdem er sich unbedeutend verletzt,
+und stürzte zu Boden, von einem Schwindel ergriffen, der eine halbe
+Stunde anhielt. Zum Glück war es nur schwaches (destemplado) Curare,
+dessen man sich bedient, um sehr kleine Thiere zu schießen, das heißt
+solche, welche man wieder zum Leben bringen will, indem man salzsaures
+Natron in die Wunde reibt. Auf unserer Rückfahrt von Esmeralda nach
+Atures entging ich selbst einer ziemlich nahen Gefahr. Das Curare hatte
+Feuchtigkeit angezogen, war flüssig geworden und aus dem schlecht
+verschlossenen Gefäß über unsere Wäsche gelaufen. Beim Waschen vergaß
+man einen Strumpf innen zu untersuchen, der voll Curare war, und erst
+als ich den klebrigten Stoff mit der Hand berührte, merkte ich, daß ich
+einen vergifteten Strumpf angezogen hätte. Die Gefahr war desto größer,
+da ich gerade an den Zehen blutete, weil mir Sandflöhe (pulex penetrans)
+schlecht ausgegraben worden waren. Aus diesem Fall mögen Reisende
+abnehmen, wie vorsichtig man seyn muß, wenn man Gift mit sich führt.
+
+In Europa wird die Untersuchung der Eigenschaften der Gifte der neuen
+Welt eine schöne Aufgabe für Chemie und Physiologie seyn, wenn man sich
+einmal bei stärkerem Verkehr aus den Ländern, wo sie bereitet werden,
+und so, daß sie nicht zu verwechseln sind, all die Gifte verschaffen
+kann, das Curare de Bejuco, das Curare de Raiz, und die verschiedenen
+Sorten vom Amazonenstrom, vom Guallaga und aus Brasilien. Da die Chemie
+die reine Blausäure und so viele neue sehr giftige Stoffe entdeckt hat,
+wird man in Europa hinsichtlich der Einführung dieser von wilden Völkern
+bereiteten Gifte nicht mehr so ångstlich seyn; indessen kann man doch
+allen, die in sehr volkreichen Städten (den Mittelpunkten der Cultur,
+des Elends und der Sittenverderbniß) so heftig wirkende Stoffe in Händen
+haben, nicht genug Vorsicht empfehlen. Was unsere botanische Kenntniß
+der Gewächse betrifft, aus denen Gift bereitet wird, so werden sie sich
+nur äußerst langsam berichtigen. Die meisten Indianer, die sich mit der
+Verfertigung vergifteter Pfeile abgeben, sind mit dem Wesen der giftigen
+Substanzen, die sie aus den Händen anderer Völker erhalten, völlig
+unbekannt. Ueber der Geschichte der Gifte und Gegengifte liegt überall
+der Schleier des Geheimnisses. Ihre Bereitung ist bei den Wilden Monopol
+der Piaches, die zugleich Priester, Gaukler und Aerzte sind, und nur von
+den in die Missionen versetzten Eingeborenen kann man über diese
+räthselhaften Stoffe etwas Sicheres erfahren. Jahrhunderte vergingen,
+ehe Mutis’ Beobachtungsgeist die Europäer mit dem Bejuco del Guaco
+(Mikania Guako) bekannt machte, welch das kräftigste Gegengift gegen den
+Schlangenbiß ist und das wir zuerst botanisch beschreiben konnten.
+
+In den Missionen herrscht allgemein die Meinung, Rettung sey unmöglich,
+wenn das Curare frisch und stark eingedickt und so lange in der Wunde
+geblieben ist, daß viel davon in den Blutlauf übergegangen. Unter allen
+Gegenmitteln, die man am Orinoco und (nach Leschenault) im indischen
+Archipel braucht, ist das salzsaure Natron das verbreitetste.[^31] Man
+reibt die Wunde mit dem Salz und nimmt es innerlich. Ich selbst kenne
+keinen gehörig beglaubigten Fall, der die Wirksamkeit des Mittels
+bewiese, und Magendies und Delilles Versuche sprechen vielmehr dagegen.
+Am Amazonenstrom gilt der Zucker für das beste Gegengift, und da das
+salzsaure Natron den Indianern in den Wäldern fast ganz unbekannt ist,
+so ist wahrscheinlich der Bienenhonig und der mehligte Zucker, den die
+an der Sonne getrockneten Bananen ausschwitzen, früher in ganz Guyana zu
+diesem Zweck gebraucht worden. Ammoniak und Lucienwasser sind ohne
+Erfolg gegen das Curare versucht worden; man weiß jetzt, wie
+unzuverlässig diese angeblichen specifischen Mittel auch gegen
+Schlangenbiß sind. Sir Everard Home hat dargethan, daß man die Heilung
+meist einem Mittel zuschreibt, während sie nur erfolgt ist, weil die
+Verwundung unbedeutend und die Wirkung des Giftes eine sehr beschränkte
+war. Man kann Thiere ohne Schaden mit vergifteten Pfeilen verwunden,
+wenn die Wunde offen bleibt und man die vergiftete Spitze nach der
+Verwundung sogleich zurückzieht. Wendet man in solchen Fällen Salz oder
+Zucker an, so wird man verführt, sie für vortreffliche specifische
+Mittel zu halten. Nach der Schilderung von Indianern, die im Krieg mit
+Waffen, die in Curare getaucht gewesen, verwundet worden, sind die
+Symptome ganz ähnlich wie beim Schlangenbiß. Der Verwundete fühlt
+Congestionen gegen den Kopf, und der Schwindel nöthigt ihn, sich
+niederzusetzen; sodann Uebelseyn, wiederholtes Erbrechen, brennender
+Durst und das Gefühl von Pelzigtseyn am verwundeten Körpertheil.
+
+Dem alten Indianer, dem Giftmeister, schien es zu schmeicheln, daß wir
+ihm bei seinem Laboriren mit so großem Interesse zusahen. Er fand uns so
+gescheit, daß er nicht zweifelte, wir könnten Seife machen; diese Kunst
+erschien ihm, nach der Bereitung des Curare, als eine der schönsten
+Erfindungen des menschlichen Geistes. Als das flüssige Gift in die zu
+seiner Aufnahme bestimmten Gefässe gegossen war, begleiteten wir den
+Indianer zum Juvias-Feste. Man feierte durch Tänze die Ernte der Juvias,
+der Früchte der Bertholletia excelsa, und überließ sich der rohesten
+Völlerei. In der Hütte, wo die Indianer seit mehreren Tagen
+zusammenkamen, sah es ganz seltsam aus. Es waren weder Tische noch Bänke
+darin, aber große gebratene, vom Rauch geschwärzte Affen sah man
+symmetrisch an die Wand gelehnt. Es waren Marimondas (Ateles Belzebuth)
+und die bärtigen sogenannten Kapuzineraffen, die man nicht mit dem Machi
+oder Saï (Buffons Simia capucina) verwechseln darf. Die Art, wie diese
+menschenähnlichen Thiere gebraten werden, trägt viel dazu bei, wenn ihr
+Anblick dem civilisirten Menschen so widerwärtig ist. Ein kleiner Rost
+oder Gitter aus sehr hartem Holz wird einen Fuß über dem Boden
+befestigt. Der abgezogene Affe wird zusammengebogen, als säße er; meist
+legt man ihn so, daß er sich auf seine langen, mageren Arme stützt,
+zuweilen kreuzt man ihm die Hände auf dem Rücken. Ist er auf dem Gitter
+befestigt, so zündet man ein helles Feuer darunter an. Flammen und Rauch
+umspielen den Affen und er wird zugleich gebraten und berußt.[^32] Sieht
+man nun die Eingeborenen Arm oder Bein eines gebratenen Affen verzehren,
+so kann man sich kaum des Gedankens erwehren, die Gewohnheit, Thiere zu
+essen, die im Körperbau dem Menschen so nahe stehen, möge in gewissem
+Grade dazu beitragen, daß die Wilden so wenig Abscheu vor dem Essen von
+Menschenfieisch haben. Die gebratenen Affen, besonders solche mit sehr
+rundem Kopf, gleichen auf schauerliche Weise Kindern, daher auch
+Europäer, wenn sie sich von Vierhändern nähren müssen, lieber Kopf und
+Hände abschneiden und nur den Rumpf auftragen lassen. Das Affenfleisch
+ist so mager und trocken, daß Bonpland in seinen Sammlungen in Paris
+einen Arm und eine Hand aufbewahrt hat, die in Esmeralda am Feuer
+geröstet worden; nach vielen Jahren rochen diese Theile nicht im
+Geringsten.
+
+Wir sahen die Indianer tanzen. Der Tanz ist um so einförmiger, da die
+Weiber nicht daran Theil nehmen dürfen. Die Männer, alt und jung, fassen
+sich bei den Händen, bilden einen Kreis und drehen sich so, bald rechts,
+bald links, stundenlang, in schweigsamem Ernst. Meist machen die Tänzer
+selbst die Musik dazu. Schwache Töne, auf einer Reihe von Rohrstücken
+von verschiedener Länge geblasen, bilden eine langsame, melancholische
+Begleitung. Um den Takt anzugeben, beugt der Vortänzer im Rhythmus beide
+Kniee. Zuweilen bleiben alle stehen und machen kleine schwingende
+Bewegungen, indem sie den Körper seitlich hin und her werfen. Jene in
+eine Reihe geordneten und zusammengebundenen Rohrstücke gleichen der
+Pansflöte, wie wir sie bei bacchischen Aufzügen auf großgriechischen
+Vasen abgebildet sehen. Es ist ein höchst einfacher Gedanke, der allen
+Völkern kommen mußte, Rohre von verschiedener Länge zu vereinigen und
+sie nach einander, während man sie an den Lippen vorbeiführt,
+anzublasen. Nicht ohne Verwunderung sahen wir, wie rasch junge Indianer,
+wenn sie am Fluß Rohr (carices) fanden, dergleichen Pfeifen schnitten
+und stimmten. In allen Himmelsstrichen leisten diese Gräser mit hohem
+Halme den Menschen im Naturzustand mancherlei Dienste. Die Griechen
+sagten mit Recht, das Rohr sey ein Mittel gewesen zur Unterjochung der
+Völker, weil es Pfeile liefere, zur Milderung der Sitten durch den Reiz
+der Musik, zur Geistesentwicklung, weil es das erste Werkzeug geboten,
+mit dem man Buchstaben geschrieben. Diese verschiedenen Verwendungsarten
+des Rohrs bezeichnen gleichsam drei Abschnitte im Leben der Völker. Die
+Horden am Orinoco stehen unläugbar auf der untersten Stufe einer
+beginnenden Culturentwicklung. Das Rohr dient ihnen nur zu Krieg und
+Jagd und Pans Flöte sind auf jenen fernen Ufern noch keine Töne entlockt
+worden, die sanfte, menschliche Empfindungen wecken können.
+
+In der Festhütte fanden wir verschiedene vegetabilische Produkte, welche
+die Indianer aus den Bergen von Guanaya mitgebracht und die unsere ganze
+Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. Ich verweile hier nur bei der Frucht
+des Juvia, bei den Rohren von ganz ungewöhnlicher Länge und bei den
+Hemden aus der Rinde des Marimabaums. Der Almendron oder Juvia, einer
+der großartigsten Bäume in den Wäldern der neuen Welt, war vor unserer
+Reise an den Rio Negro so gut wie unbekannt. Vier Tagreisen östlich von
+Esmeralda, zwischen dem Padamo und dem Ocamo am Fuß des Cerro Mapaya, am
+rechten Ufer des Orinoco, tritt er nach und nach auf; noch häufiger ist
+er auf dem linken Ufer beim Cerro Guanaya zwischen dem Rio Amaguaca und
+dem Gehette. Die Einwohner von Esmeralda versicherten uns, oberhalb des
+Gehette und des Chiguire werde der Juvia und der Cacaobaum so gemein,
+daß die wilden Indianer (die Guaicas und Guaharibos blancos) die
+Indianer aus den Missionen ungestört die Früchte sammeln lassen. Sie
+mißgönnen ihnen nicht, was ihnen die Natur auf ihrem eigenen Grund und
+Boden so reichlich schenkt. Kaum noch hat man es am obern Orinoco
+versucht, den Almendron fortzupflanzen. Die Trägheit der Einwohner läßt
+es noch weniger dazu kommen als der Umstand, daß das Oel in den
+mandelförmigen Samen so schnell ranzigt wird. Wir fanden in der Mission
+San Carlos nur drei Bäume und in Esmeralda zwei. Die majestätischen
+Stämme waren acht bis zehn Jahre alt und hatten noch nicht geblüht. Wie
+oben erwähnt, fand Bonpland Almendrons unter den Bäumen am Ufer des
+Cassiquiare in der Nähe der Stromschnellen von Cananivacari.
+
+Schon im sechzehnten Jahrhundert sah man in Europa, nicht die große
+Steinfrucht in der Form einer Cocosnuß, welche die Mandeln enthält, wohl
+aber die Samen mit holzigter dreieckigter Hülle. Ich erkenne diese auf
+einer ziemlich mangelhaften Zeichnung des Clusius. Dieser Botaniker
+nennt sie Almendras del Peru, vielleicht weil sie als eine sehr seltene
+Frucht an den obern Amazonenstrom und von dort über die Cordilleren nach
+Quito und Peru gekommen waren. Jean de Laet’s Novus Orbis, in dem ich
+die erste Nachricht vom Kuhbaum fand, enthält auch eine Beschreibung und
+ganz richtige Abbildung des Samens der Bertholletia. Laet nennt den Baum
+Totocke und erwähnt der Steinfrucht von der Größe eines Menschenkopfs,
+welche die Samen enthält. Diese Früchte, erzählt er, seyen so ungemein
+schwer, daß die Wilden es nicht leicht wagen, die Wälder zu betreten,
+ohne Kopf und Schultern mit einem Schild aus sehr hartem Holz zu
+bedenken. Von solchen Schilden wissen die Eingeborenen in Esmeralda
+nichts, wohl aber sprachen sie uns auch davon, daß es gefährlich sey,
+wenn die Früchte reifen und 50 bis 60 Fuß hoch herabfallen. In Portugal
+und England verkauft man die dreieckigten Samen des Juvia unter dem
+unbestimmten Namen Kastanien (Castañas) oder Nüsse aus Brasilien und vom
+Amazonenstrom, und man meinte lange, sie wachsen, wie die Frucht der
+Pekea, einzeln auf Fruchtstielen. Die Einwohner von Gran-Para treiben
+seit einem Jahrhundert einen ziemlich starken Handel damit. Sie schicken
+sie entweder direkt nach Europa oder nach Cayenne, wo sie Touka heißen.
+Der bekannte Botaniker Correa de Serra sagte uns, der Baum sey in den
+Wäldern bei Macapa an der Mündung des Amazonenstroms sehr häufig und die
+Einwohner sammeln die Mandeln, wie die der Lecythis, um Oel daraus zu
+schlagen. Eine Ladung Juviamandeln, die im Jahr 1807 in Havre einlief
+und von einem Caper aufgebracht war, wurde gleichfalls so benützt.
+
+Der Baum, von dem die die »brasilianischen Kastanien« kommen, ist meist
+nur 2 bis 3 Fuß dick, wird aber 100 bis 120 Fuß hoch. Er hat nicht den
+Habitus der Mammea, des Sternapfelbaums und verschiedener anderer
+tropischer Bäume, bei denen die Zweige (wie bei den Lorbeeren der
+gemäßigten Zone) fast gerade gen Himmel stehen. Bei der Bertholletia
+stehen die Aeste weit auseinander, sind sehr lang, dem Stamm zu fast
+blätterlos und an der Spitze mit dichten Laubbüscheln besetzt. Durch
+diese Stellung der halb lederartigen, unterhalb leicht silberfarbigen,
+über zwei Fuß langen Blätter beugen sich die Aeste abwärts, wie die
+Wedel der Palmen. Wir haben den majestätischen Baum nicht blühen sehen.
+Er setzt vor dem fünfzehnten Jahr keine Blüthen an, und dieselben
+brechen zu Ende März oder Anfangs April auf. Die Früchte reifen gegen
+Ende Mai, und an manchen Stämmen bleiben sie bis in den August hängen.
+Da dieselben so groß sind wie ein Kindskopf und oft 12 bis 13 Zoll
+Durchmesser haben, so fallen sie mit gewaltigem Geräusch vom Baumgipfel.
+Ich weiß nichts, woran einem die wunderbare Kraft des organischen Lebens
+im heißen Erdstrich augenfälliger entgegenträte, als der Anblick der
+mächtigen holzigten Fruchthüllen, z. B. des Cocosbaums (Lodoicea) unter
+den Monocotyledonen, und der Bertholletia und der Lecythis unter den
+Dicotyledonen. In unsern Klimaten bringen allein die Kürbisarten
+innerhalb weniger Monate Früchte von auffallender Größe hervor; aber
+diese Früchte sind fleischigt und saftreich. Unter den Tropen bildet die
+Bertholletia innerhalb 50 bis 60 Tagen eine Fruchthülle, deren holzigter
+Theil einen halben Zoll dick und mit den schärfsten Werkzeugen kaum zu
+durchsägen ist. Ein bedeutender Naturforscher (Richard) hat bereits die
+Bemerkung gemacht, daß das Holz der Früchte meist so hart wird, wie das
+Holz der Baumstämme nur selten. Die Fruchthülle der Bertholletia zeigt
+die Rudimente von vier Fächern; zuweilen habe ich ihrer auch fünf
+gefunden. Die Samen haben zwei scharf gesonderte Hüllen, und damit ist
+der Bau der Frucht complicirter als bei den Lecythis-, Pekea- und
+Saouvari-Arten. Die erste Hülle ist beinartig oder holzigt, dreieckigt,
+außen höckerigt und zimmtfarbig. Vier bis fünf, zuweilen acht solcher
+dreieckigten Nüsse sind an einer Scheidewand befestigt. Da sie sich mit
+der Zeit ablösen, liegen sie frei in der großen kugligten Fruchthülle.
+Die Kapuzineraffen (Simia chiropotes) lieben ungemein die
+»brasilianischen Kastanien,« und schon das Rasseln der Samen, wenn man
+die Frucht, wie sie vom Baum fällt, schüttelt, macht die Eßlust dieser
+Thiere in hohem Grade rege. Meist habe ich nur 15 bis 22 Nüsse in einer
+Frucht gefunden. Der zweite Ueberzug der Mandeln ist häutig und
+braungelb. Der Geschmack derselben ist sehr angenehm, so lange sie
+frisch sind; aber das sehr reichliche Oel, durch das sie ökonomisch so
+nützlich werden, wird leicht ranzigt. Wir haben am obern Orinoco häufig,
+weil sonst nichts zu haben war, diese Mandeln in bedeutender Menge
+gegessen und nie einen Nachtheil davon empfunden. Die kugligte
+Fruchthülle der Bertholletia ist oben durchbohrt, springt aber nicht
+auf; das obere bauchigte Ende des Säulchens bildet allerdings (nach
+Kunth) eine Art innern Deckel, wie bei der Frucht der Lecythis, aber er
+öffnet sich nicht wohl von selbst. Viele Samen verlieren durch die
+Zersetzung des Oels in den Samenlappen die Keimkraft, bevor in der
+Regenzeit die Holzkapsel der Fruchthülle in Folge der Fäulniß aufgeht.
+Nach einem am untem Orinoco weit verbreiteten Mährchen setzen sich die
+Kapuziner- und Cacajao-Affen (Simia chiropotes und Simia melanocephala)
+im Kreis umher, klopfen mit einem Stein auf die Frucht und zerschlagen
+sie wirklich, so daß sie zu den dreieckigten Mandeln kommen können. Dieß
+wäre wegen der ausnehmenden Härte und Dicke der Fruchthülle geradezu
+unmöglich. Man mag gesehen haben, wie Affen die Früchte der Bertholletia
+am Boden rollten, und dieselben haben zwar ein kleines Loch, an welches
+das obere Ende des Säulchens befestigt ist, aber die Natur hat es den
+Affen nicht so leicht gemacht, die holzigte Fruchthülle der Juvia zu
+öffnen, wie bei der Lechthis, wo sie den Deckel abnehmen, der in den
+Missionen la tapa (Deckel) del coca de monos heißt. Nach der Aussage
+mehrerer sehr glaubwürdiger Indianer gelingt es nur den kleinen Nagern,
+namentlich den Agutis (Cavia Aguti, Cavia Paca), vermöge des Baues ihrer
+Zähne und der unglaublichen Ausdauer, mit der sie ihrem Zerstörungswerk
+obliegen, die Frucht der Bertholletia zu durchbohren. Sobald die
+dreieckigten Nüsse auf den Boden ausgestreut sind, kommen alle Thiere
+des Waldes herbeigeeilt; Affen, Manaviris, Eichhörner, Agutis, Papagaien
+und Aras streiten sich um die Beute. Sie sind alle stark genug, um den
+holzigten Ueberzug des Samens zu zerbrechen; sie nehmen die Mandel
+heraus und klettern damit auf die Bäume. »So haben sie auch ihr Fest,«
+sagten die Indianer, die von der Ernte kamen, und hört man sie sich über
+die Thiere beschweren, so merkt man wohl, daß sie sich für die
+alleinigen rechtmäßigen Herren des Waldes halten.
+
+Das häufige Vorkommen des Juvia ostwärts von Esmeralda scheint darauf
+hinzudeuten, daß die Flora des Amazonenstroms an dem Stück des obern
+Orinoco beginnt, das im Süden der Gebirge hinläuft. Es ist dieß
+gewissermaßen ein weiterer Beweis dafür, daß hier zwei Flußbecken
+vereinigt sind. Bonpland hat sehr gut auseinandergesetzt, wie man zu
+verfahren hätte, um die Bertholletia excelsa am Ufer des Orinoco, des
+Apure, des Meta, überhaupt in der Provinz Venezuela anzupflanzen. Man
+müßte da, wo der Baum wild wächst, die bereits keimenden Samen zu
+Tausenden sammeln und sie in Kasten mit derselben Erde legen, in der sie
+zu vegetiren angefangen. Die jungen Pflanzen, durch Blätter von Musaceen
+oder Palmblätter gegen die Sonnenstrahlen geschützt, würden auf Piroguen
+oder Flöße gebracht. Man weiß, wie schwer in Europa (trotz der Anwendung
+von Chlor, wovon ich anderswo gesprochen) Samen mit hornartiger
+Fruchthülle, Palmen, Kaffeearten, Chinaarten und große holzigte Nüsse
+mit leicht ranzigt werdendem Oel, zum Keimen zu bringen sind. Alle diese
+Schwierigkeiten wären beseitigt, wenn man nur Samen sammelte, die unter
+dem Baum selbst gekeimt haben. Auf diese Weise ist es uns gelungen,
+zahlreiche Exemplare sehr seltener Pflanzen, z. B. die Coumarouna odora
+oder Tongabohne, von den Katarakten des Orinoco nach Angostura zu
+bringen und in den benachbarten Pflanzungen zu verbreiten.
+
+Eine der vier Piroguen, mit denen die Indianer auf der Juviasernte
+gewesen waren, war großentheils mit der Rohrart (Carice) gefüllt, aus
+der Blaserohre gemacht werden. Die Rohre waren 15 bis 17 Fuß lang, und
+doch war keine Spur von Knoten zum Ansatz von Blättern oder Zweigen zu
+bemerken. Sie waren vollkommen gerade, außen glatt und völlig
+cylindrisch. Diese Carices kommen vom Fuß der Berge von Yumariquin und
+Guanaja. Sie sind selbst jenseits des Orinoco unter dem Namen »Rohr von
+Esmeralda« sehr gesucht. Ein Jäger führt sein ganzes Leben dasselbe
+Blaserohr; er rühmt die Leichtigkeit, Genauigkeit und Politur desselben,
+wie wir an unsern Feuergewehren dieselben Eigenschaften rühmen. Was mag
+dieß für ein monocotyledonisches Gewächs[^33] seyn, von dem diese
+herrlichen Rohre kommen? Haben wir wirklich die Internodia einer Grasart
+aus der Sippe der Nostoiden vor uns gehabt? oder sollte dieser Carice
+eine Cyperacea[^34] ohne Knoten seyn? Ich vermag diese Fragen« nicht zu
+beantworten, so wenig ich weiß, welcher Gattung ein anderes Gewächs
+angehört, von dem die Marimahemden kommen. Wir sahen am Abhang des Cerro
+Duida über 50 Fuß hohe Stämme des Hemdbaums. Die Indianer schneiden
+cylindrische Stücke von zwei Fuß Durchmesser davon ab und nehmen die
+rothe, faserigte Rinde weg, wobei sie sich in Acht nehmen, keinen
+Längsschnitt zu machen. Diese Rinde gibt ihnen eine Art Kleidungsstück,
+das Säcken ohne Nath von sehr grobem Stoffe gleicht. Durch die obere
+Oeffnung steckt man den Kopf, und um die Arme durchzustecken, schneidet
+man zur Seite zwei Löcher ein. Der Eingeborene trägt diese Marimahemden
+bei sehr starkem Regen; sie haben die Form der baumwollenen Ponchos und
+Ruanas, die in Neu-Grenada, Quito und Peru allgemein getragen werden. Da
+die überschwengliche Freigebigkeit der Natur in diesen Himmelsstrichen
+für die Hauptursache gilt, warum die Menschen so träge sind, so
+vergessen die Missionäre, wenn sie Marimahemden vorweisen, nie die
+Bemerkung zu machen, »in den Wäldern am Orinoco wachsen die Kleider
+fertig auf den Bäumen«. Zu dieser Geschichte von den Hemden gehören auch
+die spitzen Mützen, welche die Blumenscheiden gewisser Palmen liefern
+und die einem weitmaschigen Gewebe gleichen.
+
+Beim Feste, dem wir beiwohnten, waren die Weiber vom Tanz und jeder
+öffentlichen Lustbarkeit ausgeschlossen; ihr trauriges Geschäft bestand
+darin, den Männern Affenbraten, gegohrenes Getränk und Palmkohl
+aufzutragen. Des letzteren Produkts, das wie unser Blumenkohl schmeckt,
+erwähne ich nur, weil wir in keinem Lande so ausnehmend große Stücke
+gesehen haben. Die noch nicht entwickelten Blätter sind mit dem·jungen
+Stengel verschmolzen, und wir haben Cylinder gemessen, die sechs Fuß
+lang und fünf Zoll dick waren. Eine andere, weit nahrhaftere Substanz
+kommt aus dem Thierreich, das Fischmehl (manioc de pescado). Ueberall am
+obern Orinoco braten die Indianer die Fische, dörren sie an der Sonne
+und stoßen sie zu Pulver, ohne die Gräten davon zu trennen. Ich sah
+Quantitäten von 50 bis 60 Pfund dieses Mehls, das aussieht wie
+Maniocmehl. Zum Essen rührt man es mit Wasser zu einem Teige an. Unter
+allen Klimaten, wo es viele Fische gibt, ist man auf dieselben Mittel
+zur Aufbewahrung derselben gekommen. So beschreiben Plinius und Diodor
+von Sicilien das Fischbrod der Ichthyophagen[^35] am persischen
+Meerbusen und am rothen Meer.
+
+In Esmeralda, wie überall in den Missionen, leben die Indianer, die sich
+nicht taufen lassen wollten und sich nur frei der Gemeinde angeschlossen
+haben, in Polygamie. Die Zahl der Weiber ist bei den verschiedenen
+Stämmen sehr verschieden, am größten bei den Caraiben und bei all den
+Völkerschaften, bei denen sich die Sitte, junge Mädchen von benachbarten
+Stämmen zu entführen, lange erhalten hat. Wie kann bei einer so
+ungleichen Verbindung von häuslichem Glück die Rede seyn! Die Weiber
+leben in einer Art Sklaverei, wie bei den meisten sehr versunkenen
+Völkern. Da die Männer im Besitz der unumschränkten Gewalt sind, so wird
+in ihrer Gegenwart keine Klage laut. Im Hause herrscht scheinbar Ruhe
+und die Weiber beeifern sich alle, den Wünschen eines anspruchsvollen,
+übellaunigen Gebieters zuvorzukommen. Sie pflegen ohne Unterschied ihre
+eigenen Kinder und die der andern Weiber. Die Missionäre versichern (und
+was sie sagen, ist sehr glaublich), dieser innere Frieden, die Frucht
+gemeinsamer Furcht, werde gewaltig gestört, sobald der Mann länger von
+Hause abwesend sey. Dann behandelt diejenige, mit der sich der Mann
+zuerst verbunden, die andern als Beischläferinnen und Mägde. Der Zank
+nimmt kein Ende, bis der Gebieter wieder kommt, der durch einen Laut,
+durch eine bloße Geberde, und wenn er es zweckdienlich erachtet, durch
+etwas schärfere Mittel die Leidenschaften niederzuschlagen weiß. Bei den
+Tamanacas ist eine gewisse Ungleichheit unter den Weibern hinsichtlich
+ihrer Rechte durch den Sprachgebrauch bezeichnet. Der Mann nennt die
+zweite und dritte Frau Gefährtinnen der ersten; die erste behandelt die
+Gefährtinnen als Nebenbuhlerinnen und Feinde (ipucjatoje), was
+allerdings nicht so höflich ist, aber wahrer und ausdrucksvoller. Da
+alle Last der Arbeit auf den unglücklichen Weibern liegt, so ist es
+nicht zu verwundern, daß bei manchen Nationen ihre Anzahl auffallend
+gering ist. In solchem Falle bildet sich eine Art Vielmännerei, wie wir
+sie, nur entwickelter, in Tibet und im Gebirge am Ende der ostindischen
+Halbinsel finden. Bei den Avanos und Maypures haben oft mehrere Brüder
+nur Eine Frau. Wird ein Indianer, der mehrere Weiber hat, Christ, so
+zwingen ihn die Missionäre, eine zu wählen, die er behalten will, und
+die andern zu verstoßen. Der Moment der Trennung ist nun der kritische;
+der Neubekehrte findet, daß seine Weiber doch höchst schätzbare
+Eigenschaften haben: die eine versteht sich gut auf die Gärtnerei, die
+andere weiß Chiza zu bereiten, das berauschende Getränk aus der
+Maniocwurzel; eine erscheint ihm so unentbehrlich wie die andere.
+Zuweilen siegt beim Indianer das Verlangen, seine Weiber zu behalten,
+über die Neigung zum Christenthum; meist aber läßt der Mann den
+Missionär wählen, und nimmt dieß hin wie einen Spruch des Schicksals.
+
+Die Indianer, die vom Mai bis August Fahrten ostwärts von Esmeralda
+unternehmen, um in den Bergen von Yumariquin Pflanzenprodukte zu
+sammeln, konnten uns genaue Auskunft über den Lauf des Orinoco, im Osten
+der Mission geben. Dieser Theil meiner Reisekarte weicht von den
+früheren völlig ab. Ich beginne die Beschreibung dieser Länder mit dem
+Granitstock des Duida, an dessen Fuße wir weilten. Derselbe wird im
+Westen vom Rio Tamatama, im Osten vom Rio Guapo begrenzt. Zwischen
+diesen beiden Nebenflüssen des Orinoco, durch die Morichales oder die
+Gebüsche von Mauritiapalmen, die Esmeralda umgeben, kommt der Rio
+Sodomoni herab, vielberufen wegen der vortrefflichen Ananas, die an
+seinen Ufern wachsen. Am 22. Mai maß ich auf einer Grasflur am Fuß des
+Duida eine Standlinie von 475 Metern; der Winkel, unter dem die Spitze
+des Berges in 13,327 Meter Entfernung erscheint, beträgt noch 9 Grad.
+Nach meiner genauen trigonometrischen Messung ist der Duida (das heißt
+der höchste Gipfel südwestlich vom Cerro Maraguaca) 2179 Meter oder 1118
+Toisen über der Ebene von Esmeralda hoch, also wahrscheinlich gegen 1300
+über dem Meeresspiegel; ich sage wahrscheinlich, denn leider war mein
+Barometer zerbrochen, ehe wir nach Esmeralda kamen. Der Regen war so
+stark, daß wir in den Nachtlagern das Instrument nicht vor Feuchtigkeit
+schützen konnten, und bei der ungleichen Ausdehnung des Holzes zerbrach
+die Röhre. Der Unfall war mir desto verdrießlicher, weil wohl nie ein
+Barometer größere Reisen mitgemacht hat. Ich hatte dasselbe schon seit
+drei Jahren in Europa in den Gebirgen von Steiermark, Frankreich und
+Spanien, in Amerika auf dem Wege von Cumana an den obern Orinoco
+geführt. Das Land zwischen Javita, Vasiva und Esmeralda ist eine weite
+Ebene, und da ich an den beiden ersteren Orten den Barometer beobachtet
+habe, so kann ich mich hinsichtlich der absoluten Höhe der Savanen am
+Sodomoni höchstens um 15—20 Toisen irren. Der Cerro Duida steht an Höhe
+dem St. Gotthard und der Silla bei Caracas am Küstenland von Venezuela
+nur wenig (kaum 80—100 Toisen) nach. Er gilt auch hier zu Lande für
+einen colossalen Berg, woraus wir ziemlich sicher auf die mittlere Höhe
+der Sierra Parime und aller Berge im östlichen Amerika schließen können.
+Oestlich von der Sierra Nevada de Merida, sowie südöstlich vom Paramo de
+las Rosas erreicht keine der Bergketten, die in der Richtung eines
+Parallels streichen, die Höhe des Centralkamms der Pyrenäen. Der
+Granitgipfel des Duida fällt so steil ab, daß die Indianer vergeblich
+versucht haben hinaufzukommen. Bekanntlich sind gar nicht hohe Berge oft
+am unzugänglichsten. Zu Anfang und zu Ende der Regenzeit sieht man auf
+der Spitze des Duida kleine Flammen, und zwar, wie es scheint, nicht
+immer am selben Ort. Wegen dieser Erscheinung, die bei den
+übereinstimmenden Aussagen nicht wohl in Zweifel zu ziehen ist, hat man
+den Berg mit Unrecht einen Vulkan genannt. Da er ziemlich isolirt liegt,
+könnte man denken, der Blitz zünde zuweilen das Strauchwerk an; dieß
+erscheint aber unwahrscheinlich, wenn man bedenkt, wie schwer in diesem
+nassen Klima die Gewächse brennen. Noch mehr: man versichert, es zeigen
+sich oft kleine Flammen an Stellen, wo das Gestein kaum mit Rasen
+bedeckt scheint; auch beobachte man ganz ähnliche Feuererscheinungen,
+und zwar an Tagen ohne alles Gewitter, am Gipfel des Guaraco oder
+Murcielago, eines Hügels gegenüber der Mündung des Rio Tamatama auf dem
+südlichen Ufer des Orinoco. Dieser Hügel erhebt sich kaum 100 Toisen
+über die umliegende Ebene. Sind die Aussagen der Eingeborenen begründet,
+so rühren beim Duida und dem Guaraco die Flammen wahrscheinlich von
+einer unterirdischen Ursach her; denn man sieht dergleichen niemals auf
+den hohen Bergen am Rio Jao und am Berg Maraguaca, um den so oft die
+Gewitter toben. Der Granit des Cerro Duida ist von theils offenen,
+theils mit Quarzkrystallen und Kiesen gefüllten Gängen durchzogen Durch
+dieselben mögen gasförmige, brennbare Emanationen (Wasserstoff oder
+Naphta) aufsteigen. In den Gebirgen von Caramanien, im Hindu-Khu und im
+Himalaya sind dergleichen Erscheinungen häufig. In vielen Landstrichen
+des östlichen Amerika, die den Erdbeben ausgesetzt sind, sieht man sogar
+(wie am Cuchivano bei Cumanacoa)[^36] aus secundären Gebirgsbildungen
+Flammen aus dem Boden brechen. Dieselben zeigen sich, wenn der erste
+Regen auf den von der Sonne stark erhitzten Boden fällt, oder wenn
+dieser nach starken Niederschlägen wieder zu trocknen anfängt. Die
+Grundursach dieser Feuererscheinungen ist in ungeheurer Tiefe, weit
+unter den secundären Formationen, in den Urgebirgsarten zu suchen; der
+Regen und die Zersetzung des atmosphärischen Wassers spielen dabei nur
+eine untergeordnete Rolle. Die heißesten Quellen in der Welt kommen
+unmittelbar aus dem Granit; das Steinöl quillt aus dem Glimmerschiefer;
+in Encaramada zwischen den Flüssen Arauca und Cuchivero, mitten auf dem
+Granitboden der Sierra Parime am Orinoco, hört man furchtbares Getöse.
+Hier, wie überall auf dem Erdball, liegt der Herd der Vulkane in den
+ältesten Bildungen, und zwischen den großen Phänomenen, wobei die Rinde
+unseres Planeten emporgehoben und geschmolzen wird, und den
+Feuermeteoren, die sich zuweilen an der Oberfläche zeigen und die man,
+ihrer Unbedeutendheit wegen, nur atmosphärischen Einflüssen zuschreiben
+möchte, scheint ein Causalzusammenhang zu bestehen.
+
+Der Duida hat zwar nicht die Höhe, welche der Volksglaube ihm
+zuschreibt, er ist aber im ganzen Bergstock zwischen Orinoco und
+Amazonenstrom der beherrschende Punkt. Diese Berge fallen gegen
+Nordwest, gegen den Puruname, noch rascher ab als gegen Ost, gegen den
+Padamo und den Rio Ocamo. In der ersteren Richtung sind die höchsten
+Gipfel nach dem Duida der Cuneva, an den Quellen des Rio Paru (eines
+Nebenflusses des Ventuari), der Sipapo, der Calitamini, der mit dem
+Cunavami und dem Pic Uniana zu Einer Gruppe gehört. Ostwärts vom Duida
+zeichnen sich durch ihre Höhe aus, am rechten Ufer des Orinoco der
+Maravaca oder die Sierra Maraguaca zwischen dem Rio Caurimoni und dem
+Padamo, auf dem linken Ufer die Berge von Guanaja und Yumariquin
+zwischen den Flüssen Amaguaca und Gehette. Ich brauche kaum noch einmal
+zu bemerken, daß die Linie, welche über diese hohen Gipfel läuft (wie in
+den Pyrenäen, den Karpathen und so vielen Bergketten der alten Welt),
+keineswegs mit der Wasserscheide zusammenfällt. Die Wasserscheide
+zwischen den Zuflüssen des untern und des obern Orinoco schneidet den
+Meridian von 64° unter dem vierten Grad der Breite. Sie läuft zuerst
+zwischen den Quellen des Rio Branco und des Carony durch und dann nach
+Nordwest, so daß die Gewässer des Padamo, Jao und Ventuari nach Süd, die
+Gewässer des Arui, Caura und Cuchivero nach Nord fließen.
+
+Man kann von Esmeralda den Orinoco gefahrlos hinausfahren bis zu den
+Katarakten, an denen die Guaicas-Indianer sitzen, welche die Spanier
+nicht weiter hinauf kommen lassen; es ist dieß eine Fahrt von sechs und
+einem halben Tag. In den zwei ersten kommt man an den Einfluß des Rio
+Padamo, nachdem man gegen Nord die kleinen Flüsse Tamatama, Sodomoni,
+Guapo, Caurimoni und Simirimoni, gegen Süd dem Einfluß des Cuca zwischen
+dem Hügel Guaraco, der Flammen auswerfen soll, und dem Cerro Canelilla,
+hinter sich gelassen. Auf diesem Strich bleibt der Orinoco 300—400
+Toisen breit. Auf dem rechten Ufer kommen mehr Flüsse herein, weil sich
+an dieser Seite die hohen Berge Duida und Maraguaca hinziehen, auf
+welchen sich die Wolken lagern, während das linke Ufer niedrig ist und
+an die Ebene stößt, die im Großen gegen Südwest abfällt. Prachtvolle
+Wälder mit Bauholz bedecken die nördlichen Cordilleren. In diesem
+heißen, beständig feuchten Landstrich ist das Wachsthum so stark, daß es
+Stämme von Bombax Ceiba von 16 Fuß Durchmesser gibt. Der Rio Padamo oder
+Patamo, über den früher die Missionäre am obern Orinoco mit denen am Rio
+Caura verkehrten, ist für die Geographen zu einer Quelle von Irrthümern
+geworden. Pater Caulin nennt ihn Macoma und setzt einen andern Rio
+Patamo zwischen den Punkt der Gabeltheilung des Orinoco und einen Berg
+Ruida, womit ohne Zweifel der Cerro Duida gemeint ist. Surville läßt den
+Padamo sich mit dem Rio Ocamo (Ucamu) verbinden, der ganz unabhängig von
+ihm ist; auf der großen Karte von La Cruz endlich ist ein kleiner
+Nebenfluß des Orinoco, westlich von der Gabeltheilung, als Rio Padamo
+bezeichnet und der eigentliche Fluß dieses Namens heißt Rio Maquiritari.
+Von der Mündung dieses Flusses, der ziemlich breit ist, kommen die
+Indianer in einem und einem halben Tag an den Rio Mavaca, der in den
+hohen Gebirgen von Unturan entspringt, von denen oben die Rede war.[^37]
+Der Trageplatz zwischen den Quellen dieses Nebenflusses und denen des
+Jdapa oder Siapa hat zu der Fabel vom Zusammenhang des Jdapa mit dem
+obern Orinoco Anlaß gegeben. Der Rio Mavaca steht mit einem See in
+Verbindung, an dessen Ufer die Portugiesen, ohne Vorwissen der Spanier
+in Esmeralda, vom Rio Negro her kommen, um die aromatischen Samen des
+Laurus Pucheri zu sammeln, die im Handel als Pichurimbohne und Toda
+Specie bekannt sind. Zwischen den Mündungen des Padamo und des Mavaca
+nimmt der Orinoco von Nord her den Ocamo aus, in den sich der Rio
+Matacona ergießt. An den Quellen des letzteren Flusses wohnen die
+Guainares, die lange nicht so stark kupferfarbig oder braun sind als die
+übrigen Bewohner dieser Länder. Dieser Stamm gehört zu denen, welche bei
+den Missionären Indios blancas heißen, und über die ich bald mehr sagen
+werde. An der Mündung des Ocamo zeigt man den Reisenden einen Fels, der
+im Lande für ein Wunder gilt. Es ist ein Granit, der in Gneiß übergeht,
+ausgezeichnet durch die eigenthümliche Vertheilung des schwarzen
+Glimmers, der kleine verzweigte Adern bildet. Die Spanier nennen den
+Fels piedra mapaya (Landkartenstein).
+
+Ueber dem Einfluß des Mavaca nimmt der Orinoco an Breite und Tiefe auf
+einmal ab. Sein Lauf wird sehr gekrümmt, wie bei einem Alpstrom. An
+beiden Ufern stehen Gebirge; von Süden her kommen jetzt bedeutend mehr
+Gewässer herein, indessen bleibt die Cordillere im Norden am höchsten.
+Von der Mündung des Mavaca bis zum Rio Gehette sind es zwei Tagereisen,
+weil die Fahrt sehr beschwerlich ist und man oft, wegen zu seichten
+Wassers, die Pirogue am Ufer schleppen muß. Auf dieser Strecke kommen
+von Süd der Daracapo und der Amaguaca herein; sie laufen nach West und
+Ost um die Berge von Guanaya und Yumariquin herum, wo man die Früchte
+der Bertholletia sammelt. Von den Bergen gegen Nord, deren Höhe vom
+Cerro Maraguaca an allmählich abnimmt, kommt der Rio Manaviche herab. Je
+weiter man auf dem Orinoco hinaufkommt, desto häufiger werden die
+Krümmungen und die kleinen Stromschnellen (chorros y remolinos). Man
+läßt links den Caño Chiguire, an dem die Guaicas, gleichfalls ein Stamm
+weißer Indianer, wohnen, und zwei Meilen weiter kommt man zur Mündung
+des Gehette, wo sich ein großer Katarakt befindet. Ein Damm von
+Granitfelsen läuft über den Orinoco; dieß sind die Säulen des Hercules,
+über die noch kein Weißer hinausgekommen ist. Dieser Punkt, der
+sogenannte Raudal de Guaharibos, scheint ¾ Grad ostwärts von Esmeralda,
+also unter 67°38′ der Länge zu liegen. Durch eine militärische
+Expedition, die der Commandant von San Carlos, Don Francisco Bovadilla,
+unternommen, um die Quellen des Orinoco aufzusuchen, hat man die
+genauesten Nachrichten über die Katarakten der Guaharibos. Er hatte
+erfahren, daß Neger, welche in holländisch Guyana entsprungen, nach West
+(über die Landenge zwischen den Quellen des Rio Carony und des Rio
+Branco hinaus) gelaufen seyen und sich zu unabhängigen Indianern gesellt
+haben. Er unternahm eine Entrada (Einfall) ohne Erlaubniß des
+Statthalters; der Wunsch, afrikanische Sklaven zu bekommen, die zur
+Arbeit besser taugen als die kupferfarbigen Menschen, war dabei ungleich
+stärker im Spiel, als der Eifer für die Förderung der Erdkunde. Ich
+hatte in Esmeralda und am Rio Negro Gelegenheit, mehrere sehr
+verständige Militärs zu befragen, die den Zug mitgemacht. Bovadilla kam
+ohne Schwierigkeit bis zum kleinen Raudal dem Gehette gegenüber; aber am
+Fuß des Felsdamms, welcher den großen Katarakt bildet, wurde er
+unversehens, während des Frühstücks, von den Guaharibos und den Guaicas
+überfallen, zwei kriegerischen und wegen der Stärke des Curare, mit dem
+sie ihre Pfeile vergiften, vielberufenen Stämmen. Die Indianer besetzten
+die Felsen mitten im Fluß. Sie sahen keine Bogen in den Händen der
+Spanier, von Feuergewehr wußten sie nichts, und so gingen sie Leuten zu
+Leibe, die sie für wehrlos hielten. Mehrere Weiße wurden gefährlich
+verwundet, und Bovadilla mußte die Waffen brauchen. Es erfolgte ein
+furchtbares Gemetzel unter den Eingeborenen, aber von den holländischen
+Negern, die sich hieher geflüchtet haben sollten, wurde keiner gefunden.
+Trotz des Sieges, der ihnen nicht schwer geworden, wagten es die Spanier
+nicht, in gebirgigtem Land auf einem tief eingeschnittenen Flusse weiter
+gegen Ost hinaufzugehen.
+
+Die Guaharibos blancos haben über den Katarakt aus Lianen eine Brücke
+geschlagen, die an den Felsen befestigt ist, welche sich, wie meistens
+in den Pongos im obern Maragnon, mitten aus dem Flußbett erheben. Diese
+Brücke, die sämmtliche Einwohner in Esmeralda wohl kennen, scheint zu
+beweisen, daß der Orinoco an dieser Stelle bereits ziemlich schmal ist.
+Die Indianer geben seine Breite meist nur zu 200—300 Fuß an; sie
+behaupten, oberhalb des Raudals der Guaharibos sey der Orinoco kein Fluß
+mehr, sondern ein Riachuelo (ein Bergwasser), wogegen ein sehr
+unterrichteter Geistlicher, Fray Juan Gonzales, der das Land besucht
+hat, mich versicherte, da, wo man den weiteren Lauf des Orinoco nicht
+mehr kenne, sey er immer noch zu zwei Drittheilen so breit als der Rio
+Negro bei San Carlos. Letztere Angabe scheint mir unwahrscheinlicher;
+ich gebe aber nur wieder, was ich in Erfahrung bringen konnte, und
+spreche über nichts ab. Nach den vielen Messungen, die ich vorgenommen,
+weiß ich gut, wie leicht man sich hinsichtlich der Größe der Flußbetten
+irren kann. Ueberall erscheinen die Flüsse breiter oder schmaler, je
+nachdem sie von Bergen oder von Ebenen umgeben, frei oder voll Rissen,
+von Regengüssen geschwellt oder nach langer Trockenheit wasserarm sind.
+Es verhält sich übrigens mit dem Orinoco wie mit dem Ganges, dessen Lauf
+nordwärts von Gangutra nicht bekannt ist; auch hier glaubt man wegen der
+geringen Breite des Flusses, der Punkt könne nicht weit von der Quelle
+liegen.
+
+Im Felsdamm, der über den Orinoco läuft und den Raudal der Guaharibos
+bildet, wollen spanische Soldaten die schöne Art Saussurit (den
+Amazonenstein), von dem oben die Rede war, gefunden haben. Es ist dieß
+eine sehr zweifelhafte Geschichte, und die Indianer, die ich darüber
+befragt, versicherten mich, die grünen Steine, die man in Esmeralda
+Piedras de Macagua nennt, seyen von den Guaicas und Guaharibos gekauft,
+die mit viel weiter ostwärts lebenden Horden Handel treiben. Es geht mit
+diesen Steinen, wie mit so vielen andern kostbaren Produkten beider
+Indien. An den Küsten, einige hundert Meilen weit weg, nennt man das
+Land, wo sie vorkommen, mit voller Bestimmtheit; kommt man aber mit Mühe
+und Noth in dieses Land, so zeigt es sich, daß die Eingeborenen das
+Ding, das man sucht, nicht einmal dem Namen nach kennen. Man könnte
+glauben, die Amulette aus Saussurit, die man bei den Indianern am Rio
+Negro gefunden, kommen vom untern Amazonenstrom, und die, welche man
+über die Missionen am obern Orinoco und Rio Carony bezieht, aus einem
+Landstrich zwischen den Quellen des Essequebo und des Rio Branco.
+Indessen haben weder der Chirurg Hortsmann, ein gebotener Hildesheimer,
+noch Don Antonio Santos, dessen Reisetagebuch mir zu Gebot stand, den
+Amazonenstein auf der Lagerstätte gesehen, und es ist eine ganz
+grundlose, obgleich in Angostura stark verbreitete Meinung, dieser Stein
+komme in weichem, teigigtem Zustand aus dem kleinen See Amucu, aus dem
+man die Laguna del Dorado gemacht hat. So ist denn in diesem östlichen
+Strich von Amerika noch eine schöne geognostische Entdeckung zu machen,
+nämlich im Urgebirg ein Euphotidgestein (Gabbro) aufzufinden, das die
+Piedra de Macagna enthält.
+
+Ich gebe hier einigen Aufschluß über die Indianerstämme von weißlichter
+Hautfarbe und sehr kleinem Wuchs, die alte Sagen seit Jahrhunderten an
+die Quellen des Orinoco setzen. Ich hatte Gelegenheit, in Esmeralda
+einige zu sehen, und kann versichern, daß man die Kleinheit der Guaicas
+und die Weiße der Guaharibos, die Pater Caulin Guaribos blancos nennt,
+in gleichem Maasse übertrieben hat. Die Guaicas, die ich gemessen,
+messen im Durchschnitt 4 Fuß 7 Zoll bis 4 Fuß 8 Zoll (nach altem
+französischem Maß). Man behauptet, der ganze Stamm sey so ausnehmend
+klein; man darf aber nicht vergessen, daß das, was man hier einen Stamm
+nennt, im Grunde nur eine einzige Familie ist. Wo alle Vermischung mit
+Fremden ausgeschlossen ist, pflanzen sich Spielarten und Abweichungen
+vom gemeinsamen Typus leichter fort. Nach den Guaicas sind die Guainares
+und die Poignaves die kleinsten unter den Indianern. Es ist sehr
+auffallend, daß alle diese Völkerschaften neben den Caraiben wohnen, die
+von ungemein hohem Wuchse sind. Beide leben im selben Klima und haben
+dieselben Nahrungsmittel. Es sind Racenspielarten, deren Bildung ohne
+Zweifel weit über die Zeit hinausreicht, wo diese Stämme (große und
+kleine, weißlichte und dunkelbraune) sich neben einander niedergelassen.
+Die vier weißesten Nationen am obern Orinoco schienen mir die Guaharibos
+am Rio Gehette, die Guainares am Ocomo, die Guaicas am Caño Chiguire und
+die Maquiritares an den Quellen des Padamo, des Jao und des Ventuari. Da
+Eingeborene mit weißlichter Haut unter einem glühenden Himmel und mitten
+unter sehr dunkelfarbigen Völkern eine auffalIende Erscheinung sind, so
+haben die Spanier zur Erklärung derselben zwei sehr gewagte Hypothesen
+aufgebracht. Die einen meinen, Holländer aus Surinam und vom Rio
+Essequebo mögen sich mit Guaharibos und Guainares vermischt haben;
+andere behaupten aus Haß gegen die Kapuziner am Carony und die
+Observanten am Orinoco, diese weißlichten Indianer seyen, was man in
+Dalmatien Muso di frate nennt, Kinder, deren eheliche Geburt einigem
+Zweifel unterliegt. In beiden Fällen wären die Indios blancos Mestizen,
+Abkömmlinge einer Indianerin und eines Weißen. Ich habe aber Tausende
+von Mestizen gesehen und kann behaupten, daß die Vergleichung durchaus
+unrichtig ist. Die Individuen der weißlichten Stämme, die wir zu
+untersuchen Gelegenheit hatten, haben die Gesichtsbildung, den Wuchs,
+die schlichten, glatten, schwarzen Haare, wie sie allen andern Indianern
+zukommen. Unmöglich könnte man sie für Mischlinge halten, ähnlich den
+Abkömmlingen von Eingeborenen und Europäern. Manche sind dabei sehr
+klein, andere haben den gewöhnlichen Wuchs der kupferrothen Indianer.
+Sie sind weder schwächlich, noch kränklich, noch Albinos; sie
+unterscheiden sich von den kupferfarbigen Stämmen allein durch weit
+weniger dunkle Hautfarbe. Nach diesen Bemerkungen braucht man den weiten
+Weg vom obern Orinoco zum Küstenland, auf dem die Holländer sich
+niedergelassen, gar nicht in Anschlag zu bringen. Ich läugne nicht, daß
+man Abkömmlinge entlaufener Neger (negros alzados de palenque) unter den
+Caraiben an den Quellen des Essequebo gefunden haben mag; aber niemals
+ist ein Weißer von den Ostküsten so tief in Guyana hinein, an den Rio
+Gehette und an den Ocamo gekommen. Noch mehr: so auffallend es
+erscheinen mag, daß Völkerschaften mit weißlichter Haut östlich von
+Esmeralda neben einander wohnen, so ist doch soviel gewiß, daß man auch
+in andern Ländern Amerikas Stämme gefunden hat, die sich von ihren
+Nachbarn durch weit weniger dunkle Hautfarbe unterscheiden. Dahin
+gehören die Arivirianos und Maquiritares am Rio Ventuario und am Padamo,
+die Paudacotos und Paravenas am Erevato, die Viras und Ariguas am Caura,
+die Mologagos in Brasilien und die Guayanas am Uruguay.[^38]
+
+Alle diese Erscheinungen verdienen desto mehr Aufmerksamkeit, als sie
+den großen Zweig der amerikanischen Völker betreffen, den man
+gemeiniglich dem am Pole lebenden Zweig, den Eskimo-Tschugasen,
+entgegenstellt, deren Kinder weiß sind und die mongolisch gelbe Farbe
+erst durch den Einfluß der Luft und der Feuchtigkeit annehmen. In Guyana
+sind die Horden, welche mitten in den dichtesten Wäldern leben, meist
+nicht so dunkel als solche, welche an den Ufern des Orinoco Fischfang
+treiben. Aber dieser unbedeutende Unterschied, der ja auch in Europa
+zwischen den städtischen Handwerkern und den Landbauern oder
+Küstenfischern vorkommt, erklärt keineswegs das Phänomen der Indios
+blancos, die Existenz von Indianerstämmen mit einer Haut wie die der
+Mestizen. Dieselben sind von andern Waldindianern (Indios del monte)
+umgeben, die, obgleich ganz den nämlichen physischen Einflüssen
+ausgesetzt, braunroth sind. Die Ursachen dieser Erscheinungen liegen in
+der Zeit sehr weit rückwärts, und wir sagen wieder mit Tacitus: »Est
+durans originis vis.«
+
+Diese Stämme mit weißlichter Haut, welche wir in der Mission Esmeralda
+zu sehen Gelegenheit gehabt, bewohnen einen Strich des Berglandes
+zwischen den Quellen von sechs Nebenflüssen des Orinoco, des Padamo,
+Jao, Ventuari, Erevato, Aruy und Paragua. Bei den spanischen und
+portugiesischen Missionären heißt dieses Land gemeiniglich die Parime.
+Hier, wie in verschiedenen andern Ländern von spanisch Amerika, haben
+die Wilden wieder erobert, was die Civilisation oder vielmehr die
+Missionäre, die nur die Vorläufer der Civilisation sind, ihnen
+abgerungen. Solanos Grenzexpedition und der abenteuerliche Eifer, mit
+dem ein Statthalter von Guyana[^39] den Dorado suchte, hatten in der
+zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts den Unternehmungsgeist
+wieder wach gerufen, der die Castilianer bei der Entdeckung von Amerika
+beseelte. Man hatte am Rio Padamo hinauf durch Wälder und Savanen einen
+Weg von zehen Tagereisen von Esmeralda zu den Quellen des Ventuari
+entdeckt; in zwei weiteren Tagen war man von diesen Quellen auf dem
+Erevato in die Missionen am Rio Caura gelangt. Zwei verständige,
+beherzte Männer, Don Antonio Santos und der Capitän Bareto, hatten mit
+Hülfe der Maquiritares auf dieser Linie von Esmeralda an den Rio Erevato
+eine militärische Postenkette angelegt; dieselbe bestand aus
+zweistockigten, mit Steinböllern besetzten Häusern (casas fuertes), wie
+ich sie oben beschrieben und die auf den Karten, die zu Madrid
+herauskamen, als neunzehn Dörfer figurirten. Die sich selbst
+überlassenen Soldaten bedrückten in jeder Weise die Indianer, die ihre
+Pflanzungen bei den Casas fuertes hatten, und da diese Plackereien nicht
+so methodisch waren, das heißt nicht so gut in einander griffen, wie die
+in den Missionen, an die sich die Indianer nach und nach gewöhnen, so
+verbündeten sich im Jahr 1776 mehrere Stämme gegen die Spanier. In Einer
+Nacht wurden alle Militärposten auf der ganzen 50 Meilen langen Linie
+angegriffen, die Häuser niedergebrannt, viele Soldaten niedergemacht;
+nur wenige verdankten ihr Leben dem Erbarmen der indianischen Weiber.
+Noch jetzt spricht mnn mit Entsetzen von diesem nächtlichen Ueberfall.
+Derselbe wurde in der tiefsten Heimlichkeit verabredet und mit der
+Uebereinstimmung ausgeführt, die bei den Eingeborenen von Süd- wie von
+Nordamerika, welche feindselige Gefühle so meisterhaft in sich zu
+verschließen wissen, niemals fehlt, wo es sich um gemeinsamen Vortheil
+handelt. Seit 1776 hat nun kein Mensch mehr daran gedacht, den Landweg
+vom obern an den untern Orinoco wiederherzustellen, und konnte kein
+Weißer von Esmeralda an den Erevato gehen. Und doch ist kein Zweifel
+darüber, daß es in diesem Gebirgslande zwischen den Quellen des Padamo
+und des Ventuari (bei den Orten, welche bei den Indianern Aurichapa,
+Ichuana und Irique heißen) mehrere Gegenden mit gemäßigtem Klima und mit
+Weiden gibt, die Vieh in Menge nähren könnten. Die Militärposten
+leisteten ihrer Zeit sehr gute Dienste gegen die Einfälle der Caraiben,
+die von Zeit zu Zeit zwischen dem Erevato und dem Padamo Sklaven
+fortschleppten, wenn auch nur wenige. Sie hätten wohl auch den Angriffen
+der Eingeborenen widerstanden, wenn man sie, statt sie ganz vereinzelt
+und nur in den Händen der Soldaten zu lassen, in Dörfer verwandelt und
+wie die Gemeinden der neubekehrten Indianer verwaltet hätte.
+
+Wir verließen die Mission Esmeralda am 17. Mai. Wir waren eben nicht
+krank, aber wir fühlten uns alle matt und schwach in Folge der
+Insektenplage, der schlechten Nahrung und der langen Fahrt in engen,
+nassen Canoes. Wir gingen den Orinoco nicht über den Einfluß des Rio
+Guapo hinauf; wir hätten es gethan, wenn wir hätten versuchen können, zu
+den Quellen des Flusses zu gelangen. Unter den gegenwärtigen
+Verhältnissen müssen sich bloße Privatleute, welche Erlaubniß haben, die
+Missionen zu betreten, bei ihren Wanderungen auf die friedlichen Striche
+des Landes beschränken. Vom Guapo bis zum Raudal der Guaharibos sind
+noch 15 Meilen. Bei diesem Katarakt, über den man aus einer Brücke aus
+Lianen geht, stehen Indianer mit Bogen und Pfeilen, die keinen Weißen
+und keinen, der aus dem Gebiet der Weißen kommt, weiter nach Osten
+lassen. Wie konnten wir hoffen, aber einen Punkt hinaus zu kommen, wo
+der Befehlshaber am Rio Negro, Don Francisco Bovadilla, hatte Halt
+machen müssen, als er mit bewaffneter Macht jenseits des Gehette
+vordringen wollte? Durch das Blutbad, das man unter ihnen angerichtet,
+sind die Eingeborenen gegen die Bewohner der Missionen noch grimmiger
+und mißtrauischer geworden. Man erinnere sich, daß beim Orinoco bis
+jetzt den Geographen zwei besondere, aber gleich wichtige Probleme
+vorlagen: die Lage seiner Quellen und die Art seiner Verbindung mit dem
+Amazonenstrom. Das letztere war der Zweck der Reise, die ich im
+Bisherigen beschrieben; was die endliche Auffindung der Quellen
+betrifft, so ist dieß Sache der spanischen und der portugiesischen
+Regierung. Eine kleine Abtheilung Soldaten, die von Angostura oder vom
+Rio Negro ausbrüche, könnte den Guaharibos, Guaicas und Caraiben, deren
+Kraft und Anzahl man in gleichem Maaße übertreibt, die Spitze bieten.
+Diese Expedition könnte entweder von Esmeralda ostwärts oder auf dem Rio
+Carony und dem Paragua südwestwärts, oder endlich auf dem Rio Padaviri
+oder dem Rio Branco und dem Urariquera nach Nordwest gehen. Da der
+Orinoco in der Nähe seines Ursprungs wahrscheinlich weder unter diesem
+Namen noch unter dem Namen Paragua[^40] bekannt ist, so wäre es sicherer
+auf ihm über den Gehette hinaufzugehen, nachdem man das Land zwischen
+Esmeralda und dem Raudal der Guaharibos, das ich oben genau beschrieben,
+hinter sich gelassen. Auf diese Weise verwechselte man nicht den
+Hauptstamm des Flusses mit einem oberen Nebenfluß, und wo das Bett mit
+Felsen verstopft wäre, ginge man bald am einen, bald am andern Ufer am
+Orinoco hinauf. Wollte man aber, statt sich nach Ost zu wenden, die
+Quellen westwärts auf dem Rio Carony, dem Essequebo oder dem Rio Branco
+suchen, so müßte man den Zweck der Expedition erst dann als erreicht
+ansehen, wenn man auf dem Fluß, den man für den Orinoco angesehen, bis
+zum Einfluß des Gehette und zur Mission Esmeralda herabgekommen wäre.
+Das portugiesische Fort San Joaquim, am linken Ufer des Rio Branco beim
+Einfluß des Tacutu, wäre ein weiterer günstig gelegener Ausgangspunkt;
+ich empfehle ihn, weil ich nicht weiß, ob die Mission Santa Rosa, die
+vom Statthalter Don Manuel Centurion, als die Ciudad Guirior angelegt
+wurde, weiter nach West am Ufer des Urariapara gegründet worden, nicht
+bereits wieder eingegangen ist. Verfolgte man den Lauf des Paragua
+westwärts vom Destacamento oder Militärposten Guirior, der in den
+Missionen der catalonischen Capuziner liegt, oder ginge man vom
+portugiesischen Fort San Joaquim im Thale des Rio Uruariquera gegen
+West, so käme man am sichersten zu den Quellen des Orinoco. Die
+Längenbeobachtungen, die ich in Esmeralda angestellt, können das Suchen
+erleichtern, wie ich in einer an das spanische Ministerium unter König
+Carl IV. gerichteten Denkschrift auseinandergesetzt habe.
+
+Wenn das große, nützliche Werk der amerikanischen Missionen allmählich
+die Verbesserungen erhielte, auf die mehrere Bischöfe angetragen haben,
+wem man, statt die Missionäre fast auf Gerathewohl aus den spanischen
+Klöstern zu ergänzen, junge Geistliche in Amerika selbst in Seminarien
+oder Missionskollegien erzöge, so würden militärische Expeditionen, wie
+ich sie eben vorgeschlagen, überflüssig. Das Ordenskleid des heiligen
+Franciscus, ob es nun braun ist wie bei den Capuzinern am Carony, oder
+blau wie bei den Observanten am Orinoco, übt immer noch einen gewissen
+Zauber über die Indianer dieser Länder. Sie knüpfen daran gewisse
+Vorstellungen von Wohlstand und Behagen, die Aussicht, in den Besitz von
+Aexten, Messern und Fischereigeräthe zu gelangen. Selbst solche, die an
+Unabhängigkeit und Vereinzelung zäh festhalten und es verschmähen, sich
+»vom Glockenklang regieren zu lassen,« sind erfreut, wenn ein
+benachbarter Missionär sie besucht. Ohne die Bedrückungen der Soldaten
+und die feindlichen Einfälle der Mönche, ohne die entradas und
+conquistas apostolicas, hätten sich die Eingeborenen nicht von den Ufern
+des Stroms weggezogen. Gäbe man das unvernünftige System auf, die
+Klosterzucht in den Wäldern und Savanen Amerikas einführen zu wollen,
+ließe man die Indianer der Früchte ihrer Arbeit froh werden, regierte
+man sie nicht so viel, das heißt, legte man nicht ihrer natürlichen
+Freiheit bei jedem Schritt Fesseln an, so würden die Missionäre rasch
+den Kreis ihrer Thätigkeit sich erweitern sehen, deren Ziel ja kein
+anderes ist, als menschliche Gesittung.
+
+Die Niederlassungen der Mönche haben in den Aequinoctialländern der
+neuen Welt wie im nördlichen Europa die ersten Keime des
+gesellschaftlichen Lebens ausgestreut. Noch jetzt bilden sie einen
+weiten Gürtel um die europäischen Besitzungen, und wie viele und große
+Mißbräuche sich auch in ein Regiment eingeschlichen haben mögen, wobei
+alle Gewalten in einer einzigen verschmolzen sind, so würde es doch
+schwer halten, dasselbe durch ein anderes zu ersetzen, das nicht noch
+weit größere Uebelstände mit sich führte, und dabei eben so wohlfeil und
+dem schweigsamen Phlegma der Eingeborenen eben so angemessen wäre. Ich
+komme später auf diese christlichen Anstalten zurück, deren politische
+Wichtigkeit in Europa nicht genug gewürdigt wird. Hier sey nur bemerkt,
+daß die von der Küste entlegensten gegenwärtig am meisten verwahrlost
+sind. Die Ordensleute leben dort im tiefsten Elend. Allein von der Sorge
+für den täglichen Unterhalt befangen, beständig darauf bedacht, auf eine
+Mission versetzt zu werden, die näher bei der civilisirten Welt liegt,
+das heißt bei weißen und vernünftigen Leuten,[^41] kommen sie nicht
+leicht in Versuchung, weiter ins Land zu dringen. Es wird rasch vorwärts
+gehen, sobald man (nach dem Vorgang der Jesuiten) den entlegensten
+Missionen außerordentliche Unterstützungen zu Theil werden läßt, und auf
+die äußersten Posten, Guirior, San Luis del Erevato und Esmeralda,[^42]
+die muthigsten, verständigsten und in den Indianersprachen bewandertsten
+Missionäre stellt. Das kleine Stück, das vom Orinoco noch zu berichtigen
+ist (wahrscheinlich eine Strecke von 25—30 Meilen), wird bald entdeckt
+seyn; in Süd- wie in Nordamerika sind die Missionäre überall zuerst auf
+dem Platz, weil ihnen Vortheile zu statten kommen, die andern Reisenden
+abgehen. »Ihr thut groß damit, wie weit ihr über den Obersee
+hinaufgekommen,« sagte ein Indianer aus Canada zu Pelzhändlern aus den
+Vereinigten Staaten; »ihr denkt also nicht daran, daß die »Schwarzröcke«
+vorher dagewesen, und daß diese euch den Weg nach Westen gewiesen
+haben!« Unsere Pirogue war erst gegen drei Uhr Abends bereit uns
+aufzunehmen. Während der Fahrt auf dem Cassiquiare hatten sich unzählige
+Ameisen darin eingenistet und nur mit Mühe säuberte man davon den Toldo,
+das Dach aus Palmblättern, unter dem wir nun wieder zwei und zwanzig
+Tage lang ausgestreckt liegen sollten. Einen Theil des Vormittags
+verwendeten wir dazu, um die Bewohner von Esmeralda nochmals über einen
+See auszufragen, der gegen Ost liegen sollte. Wir zeigten den alten
+Soldaten, die in der Mission seit ihrer Gründung lagen, die Karten von
+Surville und la Cruz. Sie lachten über die angebliche Verbindung
+zwischen dem Orinoco und dem Rio Idapa und über das weiße Meer, durch
+das ersterer Fluß laufen soll. Was wir höflich Fictionen der Geographen
+nennen, hießen sie »Lügen von dort drüben« (mentiras de por allá). Die
+guten Leute konnten nicht begreifen, wie man von Ländern, in denen man
+nie gewesen, Karten machen kann, und aufs genaueste Dinge wissen will,
+wovon man an Ort und Stelle gar nichts weiß. Der See der Parime, die
+Sierra Mey, die Quellen, die vom Punkt an, wo sie aus dem Boden kommen,
+auseinander laufen — von all dem weiß man in Esmeralda nichts. Immer
+hieß es, kein Mensch sey je ostwärts über den Raudal der Guaharibos
+hinaufgekommen; oberhalb dieses Punktes komme wie manche Indianer
+glauben, der Orinoco als ein kleiner Bergstrom von einem Gebirgsstock
+herab, an dem die Corotos-Indianer wohnen. Diese Umstände verdienen wohl
+Beachtung; denn wäre bei der königlichen Grenzexpedition oder nach
+dieser denkwürdigen Zeit ein weißer Mensch wirklich zu den Quellen des
+Orinoco und zu dem angeblichen See der Parime gekommen, so müßte sich
+die Erinnerung daran in der nächstgelegenen Mission, über die man kommen
+mußte, um eine so wichtige Entdeckung zu machen, erhalten haben. Nun
+machen aber die drei Personen, die mit den Ergebnissen der
+Grenzexpedition bekannt wurden, Pater Caulin, la Cruz und Surville,
+Angaben, die sich geradezu widersprechen. Wären solche Widersprüche
+denkbar, wenn diese Gelehrten, statt ihre Karten nach Annahmen und
+Hypothesen zu entwerfen, die in Madrid ausgeheckt worden, einen
+wirklichen Reisebericht vor Augen gehabt hätten? Pater Gili, der
+achtzehn Jahre (von 1749 bis 1767) am Oriuoco gelebt hat, sagt
+ausdrücklich, »Don Apollinario Diez sey abgesandt worden, um die Quellen
+des Orinoco zu suchen; er habe ostwärts von Esmeralda den Strom voll
+Klippen gefunden; er habe aus Mangel an Lebensmitteln umgekehrt und von
+der Existenz eines Sees nichts, gar nichts vernommen.« Diese Angabe
+stimmt vollkommen mit dem, was ich fünf und dreißig Jahre später in
+Esmeralda gehört, wo Don Apollinarios Name noch im Munde aller Einwohner
+ist und von wo man fortwährend über den Einfluß des Gehette hinauffährt.
+
+Die Wahrscheinlichkeit einer Thatsache vermindert sich bedeutend, wenn
+sich nachweisen läßt, daß man an dem Ort, wo man am besten damit bekannt
+seyn müßte, nichts davon weiß, und wenn diejenigen, die sie mittheilen,
+sich widersprechen, nicht etwa in minder wesentlichen Umständen, sondern
+gerade in allen wichtigen. Ich verfolge diese rein geographische
+Erörterung hier nicht weiter; ich werde in der Folge zeigen, wie die
+Verstöße auf den neuen Karten von der Sitte herrühren, sie den alten
+nachzuzeichnen, wie Trageplätze für Flußverzweigungen gehalten wurden,
+wie man Flüsse, die bei den Indianern große Wasser heißen, in Seen
+verwandelte, wie man zwei dieser Seen (den Cassipa und den Parime) seit
+dem sechzehnten Jahrhundert verwechselte und hin und her schob, wie man
+endlich in den Namen der Nebenflüsse des Rio Branco den Schlüssel zu den
+meisten dieser uralten Fictionen findet.
+
+Als wir im Begriff waren uns einzuschiffen, drängten sich die Einwohner
+um uns, die weiß und von spanischer Abkunft seyn wollen. Die armen Leute
+beschworen uns, beim Statthalter von Angostura ein gutes Wort für sie
+einzulegen, daß sie in die Steppen (Llanos) zurückkehren dürften, oder,
+wenn man ihnen diese Gnade versage, daß man sie in die Missionen am Rio
+Negro versetze, wo es doch kühler sey und nicht so viele Insekten gebe.
+»Wie sehr wir uns auch verfehlt haben mögen,« sagten sie, »wir haben es
+abgebüßt durch zwanzig Jahre der Qual in diesem Moskitoschwarm«. Ich
+nahm mich in einem Bericht an die Regierung über die industriellen und
+commerciellen Verhältnisse dieser Länder der Verwiesenen an, aber die
+Schritte, die ich that, blieben erfolglos. Die Regierung war zur Zeit
+meiner Reise mild und zu gelinden Maßregeln geneigt; wer aber das
+verwickelte Räderwerk der alten spanischen Monarchie kennt, weiß auch,
+daß der Geist eines Ministeriums auf das Wohl der Bevölkerung am
+Orinoco, in Neu-Californien und auf den Philippinen von sehr geringem
+Einfluß war.
+
+Halten sich die Reisenden nur an ihr eigenes Gefühl, so streiten sie
+sich über die Menge der Moskitos, wie über die allmähliche Zunahme und
+Abnahme der Temperatur. Die Stimmung unserer Organe, die Bewegung der
+Luft, das Maß der Feuchtigkeit oder Trockenheit, die elektrische
+Spannung, tausenderlei Umstände wirken zusammen, daß wir von der Hitze
+und den Insekten bald mehr bald weniger leiden. Meine Reisegefährten
+waren einstimmig der Meinung, in Esmeralda peinigen die Moskitos ärger
+als am Cassiquiare und selbst in den beiden Missionen an den großen
+Katarakten; mir meinerseits, der ich für die hohe Lufttemperatur weniger
+empfindlich war als sie, schien der Hautreiz, den die Insekten
+verursachen, in Esmeralda nicht so stark als an der Grenze des obern
+Orinoco. Wir brauchten kühlende Waschwasser; Citronsaft und noch mehr
+der Saft der Ananas lindern das Jucken der alten Stiche bedeutend; die
+Geschwulst vergeht nicht davon, wird aber weniger schmerzhaft. Hört man
+von diesen leidigen Insekten der heißen Länder sprechen, so findet man
+es kaum glaublich, daß man unruhig werden kann, wenn sie nicht da sind,
+oder vielmehr wenn sie unerwartet verschwinden. In Esmeralda erzählte
+man uns, im Jahr 1795 sey eine Stunde vor Sonnenuntergang, wo sonst die
+Moskitos eine sehr dichte Wolke bilden, die Luft auf einmal 20 Minuten
+lang ganz frei gewesen. Kein einziges Insekt ließ sich blicken, und doch
+war der Himmel wolkenlos und kein Wind deutete auf Regen. Man muß in
+diesen Ländern selbst gelebt haben, um zu begreifen, in welchem Maße
+dieses plötzliche Verschwinden der Insekten überraschen mußte. Man
+wünschte einander Glück, man fragte sich, ob diese Felicidad, dieses
+Alivio (Erleichterung) wohl von Dauer seyn könne. Nicht lange aber, und
+statt des Augenblickes zu genießen, fürchtete man sich vor
+selbstgemachten Schreckbildern; man bildete sich ein, die Ordnung der
+Natur habe sich verkehrt. Alte Indianer, die Lokalgelehrten,
+behaupteten, das Verschwinden der Moskitos könne nichts anderes bedeuten
+als ein großes Erdbeben. Man stritt hitzig hin und her, man lauschte auf
+das leiseste Geräusch im Baumlaub, und als sich die Luft wieder mit
+Moskitos füllte, freute man sich ordentlich, daß sie wieder da waren.
+Welcher Vorgang in der Atmosphäre mag nun diese Erscheinung verursacht
+haben, die man nicht damit verwechseln darf, daß zu bestimmten
+Tageszeiten die eine Insektenart die andere ablöst? Wir konnten diese
+Frage nicht beantworten, aber die lebendige Schilderung der Einwohner
+war uns interessant. Mißtrauisch, ängstlich, was ihm bevorstehen möge,
+seine alten Schmerzen zurückwünschen, das ist so ächt menschlich.
+
+Bei unserem Abgang von Esmeralda war das Wetter sehr stürmisch. Der
+Gipfel des Duida war in Wolken gehüllt, aber diese schwarzen, stark
+verdichteten Dunstmassen standen noch 900 Toisen über der Niederung.
+Schätzt man die mittlere Höhe der Wolken, d. h. ihre untere Schicht, in
+verschiedenen Zonen, so darf man nicht die zerstreuten einzelnen Gruppen
+mit den Wolkendecken verwechseln, die gleichförmig über den Niederungen
+gelagert sind und an eine Bergkette stoßen. Nur die letzteren können
+sichere Resultate geben; einzelne Wolkengruppen verfangen sich in
+Thälern, oft nur durch die niedergehenden Luftströme. Wir sahen welche
+bei der Stadt Caracas in 500 Toisen Meereshöhe; es ist aber schwer zu
+glauben, daß die Wolken, die man über den Küsten von Cumana und der
+Insel Margarita sieht, nicht höher stehen sollten. Das Gewitter, das
+sich am Gipfel des Duida entlud, zog nicht in das Thal des Orinoco
+herunter; überhaupt haben wir in diesem Thal nicht die starken
+elektrischen Entladungen beobachtet, wie sie in der Regenzeit den
+Reisenden, wenn er von Carthagena nach Honda den Magdalenenstrom
+hinauffährt, fast jede Nacht ängstigen. Es scheint, daß in einem flachen
+Lande die Gewitter regelmäßiger dem Bett eines großen Flusses
+nachziehen, als in einem ungleichförmig mit Bergen besetzten Lande, wo
+viele Seitenthäler durch einander laufen. Wir beobachteten zu
+wiederholten malen die Temperatur des Orinoco an der Wasserfläche bei
+30° Lufttemperatur; wir fanden nur 26°, also 3° weniger als in den
+großen Katarakten, und 2° mehr als im Rio Negro. In der gemäßigten Zone
+in Europa steigt die Temperatur der Donau und der Elbe mitten im Sommer
+nicht über 17 bis 19°. Am Orinoco konnte ich niemals einen Unterschied
+zwischen der Wärme des Wassers bei Tag und bei Nacht bemerken, wenn ich
+nicht den Thermometer da in den Fluß brachte, wo das Wasser wenig Tiefe
+hat und sehr langsam über ein breites sandiges Gestade fließt, wie bei
+Uruana und bei den Mündungen des Apure. Obgleich in den Wäldern von
+Guyana unter einem meistens bedeckten Himmel die Strahlung des Bodens
+bedeutend verlangsamt ist, so sinkt doch die Lufttemperatur bei Nacht
+nicht unbedeutend. Die obere Wasserschicht ist dann wärmer als der
+umgebende Erdboden, und wenn die Mischung zweier mit Feuchtigkeit fast
+gesättigter Luftmassen über dem Wald und über dem Fluß keinen sichtbaren
+Nebel erzeugt, so kann man dieß nicht dem Umstand zuschreiben, daß die
+Nacht nicht kühl genug sey. Während meines Aufenthalts am Orinoco und
+Rio Negro war das Flußwasser oft um 2 bis 3° bei Nacht wärmer als die
+windstille Luft.
+
+Nach vierstündiger Fahrt flußabwärts kamen wir an die Stelle der
+Gabeltheilung. Wir schlugen unser Nachtlager am Ufer des Cassiquiare am
+selben Fleck auf, wo wenige Tage zuvor die Jaguars höchst wahrscheinlich
+uns unsere große Dogge geraubt hatten. Alles Suchen der Indianer nach
+einer Spur des Thieres war vergebens. Der Himmel blieb umzogen und ich
+wartete vergeblich auf die Sterne; ich beobachtete aber hier wieder, wie
+schon in Esmeralda, die Inclination der Magnetnadel. Am Fuß des Cerro
+Duida hatte ich 28°25 gefunden, fast 3° mehr als in Mandavaca. An der
+Mündung des Cassiquiare erhielt ich 28°75; der Duida schien also keinen
+merklichen Einfluß geäußert zu haben. Die Jaguars ließen sich die ganze
+Nacht hören.[^43] Sie sind in dieser Gegend zwischen dem Cerro
+Maraguaca, dem Unturan und den Ufern des Pamoni ungemein häufig. Hier
+kommt auch der schwarze Tiger[^44] vor, von dem ich in Esmeralda schöne
+Felle gesehen. Dieses Thier ist wegen seiner Stärke und Wildheit
+vielberufen und es scheint noch größer zu seyn als der gemeine Jaguar.
+Die schwarzen Flecken sind auf dem schwarzbraunen Grund seines Felles
+kaum sichtbar. Nach der Angabe der Indianer sind die schwarzen Tiger
+sehr selten, vermischen sich nie mit den gemeinen Jaguars und »sind eine
+andere Race.« Ich glaube Prinz Maximilian von Neuwied, der die Zoologie
+von Amerika mit so vielen wichtigen Beobachtungen bereichert hat, ist
+weiter nach Süd, im heißen Landstrich von Brasilien ebenso berichtet
+worden. In Paraguay sind Albinos von Jaguars vorgekommen; denn diese
+Thiere, die man den schönen amerikanischen Panther nennen könnte, haben
+zuweilen so blasse Flecken, daß man sie auf dem ganz weißen Grunde kaum
+bemerkt. Beim schwarzen Jaguar werden im Gegentheil die Flecken
+unsichtbar, weil der Grund dunkel ist. Man müßte lange in dieser Gegend
+leben, und die Indianer in Esmeralda auf der gefährlichen Tigerjagd
+begleiten, um sich bestimmt darüber aussprechen zu können, was bei ihnen
+Art und was nur Spielart ist. Bei allen Säugethieren, besonders aber bei
+der großen Familie der Affen, hat man, glaube ich, weniger auf die
+Farbenübergänge bei einzelnen Exemplaren sein Augenmerk zu richten, als
+auf den Trieb der Thiere sich abzusondern und Rudel für sich zu bilden.
+
+Am 24. Mai. Wir brachen von unserem Nachtlager vor Sonnenaufgang auf. In
+einer Felsbucht, wo die Durimundi-Indianer gehaust hatten, war der
+aromatische Duft der Gewächse so stark, daß es uns lästig fiel, obgleich
+wir unter freiem Himmel lagen und bei unserer Gewöhnung an ein Leben
+voll Beschwerden unser Nervensystem eben nicht sehr reizbar war. Wir
+konnten nicht ermitteln, was für Blüthen es waren, die diesen Geruch
+verbreiteten; der Wald war undurchdringlich. Bonpland glaubte, in den
+benachbarten Sümpfen werden große Büsche von Pancratium und einigen
+andern Liliengewächsen stecken. Wir kamen sofort den Orinoco abwärts
+zuerst am Einfluß des Cunucunumo, dann am Guanami und Puruname vorüber.
+Beide Ufer des Hauptstroms sind völlig unbewohnt; gegen Norden erheben
+sich hohe Gebirge, gegen Süden dehnt sich, soweit das Auge reicht, eine
+Ebene bis über die Quellen des Atacavi hinaus, der weiter unten Atabapo
+heißt. Der Anblick eines Flusses, auf dem man nicht einmal einem
+Fischerboot begegnet, hat etwas Trauriges, Niederschlagendes.
+Unabhängige Völkerschaften, die Abirianos und Maquiritares, leben hier
+im Gebirgsland, aber auf den Grasfluren zwischen Cassiquiare, Atabapo,
+Orinoco und Rio Negro findet man gegenwärtig fast keine Spur einer
+menschlichen Wohnung. Ich sage gegenwärtig; denn hier, wie anderswo in
+Guyana, findet man auf den härtesten Granitfelsen rohe Bilder[^45]
+eingegraben, welche Sonne, Mond und verschiedene Thiere vorstellen und
+darauf hinweisen, daß hier früher ein ganz anderes Volk lebte, als das
+wir an den Ufern des Orinoco kennen gelernt. Nach den Aussagen der
+Indianer und der verständigsten Missionäre kommen diese symbolischen
+Bilder ganz mit denen überein, die wir hundert Meilen weiter nördlich
+bei Caycara, der Einmündung des Apure gegenüber, gesehen haben.
+
+Diese Ueberreste einer alten Cultur fallen um so mehr auf, je größer der
+Flächenraum ist, auf dem sie vorkommen, und je schärfer sie von der
+Verwilderung abstechen, in die wir seit der Eroberung alle Horden in den
+heißen östlichen Landstrichen Amerikas versunken sehen. Hundert vierzig
+Meilen ostwärts von den Ebenen am Cassiquiare und Conorichite, zwischen
+den Quellen des Rio Branco und des Rio Essequebo, findet man gleichfalls
+Felsen mit symbolischen Bildern. Ich entnehme diesen Umstand, der mir
+sehr merkwürdig scheint, dem Tagebuch des Reisenden Hortsmann, das mir
+in einer Abschrift von der Hand des berühmten d’Anville vorliegt. Dieser
+Reisende, dessen ich in diesem Buche schon mehreremale gedacht, fuhr den
+Rupunuvini, einen Nebenfluß des Essequebo, herauf. Da wo der Fluß eine
+Menge kleiner Fälle bildet und sich zwischen den Bergen von Maracana
+durchschlängelt, fand er,[^46] bevor er an den See Amucu kam, »Felsen,
+bedeckt mit Figuren oder (wie er sich portugiesisch ausdrückt) varias
+letras.« Dieses Wort Buchstaben haben wir nicht in seinem eigentlichen
+Sinn zu nehmen. Man hat auch uns am Felsen Culimacari am Ufer des
+Cassiquiare und im Hafen von Caycara am untern Orinoco Striche gezeigt,
+die man für aneinander gereihte Buchstaben hält. Es waren aber nur
+unförmliche Figuren, welche die Himmelskörper, Tiger, Krokodile, Boas
+und Werkzeuge zur Bereitung des Maniocmehls vorstellen sollen. An den
+gemalten Felsen (so nennen die Indianer diese mit Figuren bedeckten
+Steine) ist durchaus keine symmetrische Anordnung, keine regelmäßige
+Abtheilung in Schriftzeichen zu bemerken. Die Striche, die der Missionär
+Fray Ramon Bueno in den Bergen von Uruana entdeckt hat, nähern sich
+allerdings einer Buchstabenschrift mehr, indessen ist man über diese
+Züge, von denen ich anderswo gehandelt, noch sehr im Unklaren.
+
+Was auch diese Figuren bedeuten sollen und zu welchem Zweck sie in den
+Granit gegraben worden, immer verdienen sie von Seiten des
+Geschichtsphilosophen die größte Beachtung. Reist man von der Küste von
+Caracas dem Aequator zu, so kommt man zuerst zur Ansicht, diese Denkmale
+seyen der Bergkette der Encaramada eigenthümlich; man findet sie beim
+Hafen von Sedeño bei Caycara, bei San Rafael del Capuchino, Cabruta
+gegenüber, fast überall, wo in der Savane zwischen dem Cerro Curiquima
+und dem Ufer des Caura das Granitgestein zu Tage kommt. Die Völker von
+tamanakischem Stamm, die alten Bewohner dieses Landes, haben eine lokale
+Mythologie, Sagen, die sich auf diese Felsen mit Bildern beziehen.
+Amalivaca, der Vater der Tamanaken, das heißt der Schöpfer des
+Menschengeschlechts (jedes Volk hält sich für den Urstamm der andern
+Völker), kam in einer Barke an, als sich bei der großen Ueberschwemmung,
+welche die »Wasserzeit«[^47] heißt, die Wellen des Oceans mitten im
+Lande an den Bergen der Encaramada brachen. Alle Menschen, oder vielmehr
+alle Tamanaken, ertranken, mit Ausnahme eines Mannes und einer Frau, die
+sich auf einen Berg am Ufer des Asiveru, von den Spaniern Cuchivero
+genannt, flüchteten.[^48] Dieser Berg ist der Ararat der arameischen
+oder semitischen Völker, der Tlaloc oder Colhuacan der Mexicaner.
+Amalivaca fuhr in seiner Barke herum und grub die Bilder von Sonne und
+Mond auf den gemalten Fels (Tepumereme) an der Encaramada. Granitblöcke,
+die sich gegen einander lehnen und eine Art Höhle bilden, heißen noch
+heute das Haus des großen Stammvaters der Tamanaken. Bei dieser Höhle
+auf den Ebenen von Maita zeigt man auch einen großen Stein, der, wie die
+Indianer sagen, ein musikalisches Instrument Amalivacas, seine Trommel,
+war. Wir erwähnen bei dieser Gelegenheit, daß dieser Heros einen Bruder,
+Vochi, hatte, der ihm zur Hand ging, als er der Erdoberfläche ihre
+jetzige Gestalt gab. Die beiden Brüder, so erzählen die Tamanaken,
+wollten bei ihren eigenen Vorstellungen von Perfektibilität den Orinoco
+zuerst so legen, daß man hinab und hinauf immer mit der Strömung fahren
+könnte. Sie gedachten damit den Menschen die Mühe des Ruderns zu
+ersparen, wenn sie den Quellen der Flüsse zuführen; aber so mächtig
+diese Erneuerer der Welt waren, es wollte ihnen nie gelingen, dem
+Orinoco einen doppelten Fall zu geben, und sie mußten es aufgeben, eines
+so wunderlichen hydraulischen Problems Meister zu werden. Amalivaca
+besaß Töchter, die große Neigung zum Umherziehen hatten; die Sage
+erzählt, ohne Zweifel im bildlichen Sinne, er habe ihnen die Beine
+zerschlagen, damit sie an Ort und Stelle bleiben und die Erde mit
+Tamanaken bevölkern müßten Nachdem er in Amerika, diesseits des großen
+Wassers, Alles in Ordnung gebracht, schiffte sich Amalivaca wieder ein
+und fuhr ans andere Ufer zurück an den Ort, von dem er gekommen. Seit
+die Eingeborenen Missionäre zu sich kommen sehen, denken sie, dieses
+»andere Ufer« sey Europa, und einer fragte Pater Gili naiv, ob er dort
+drüben den großen Amalivaca gesehen habe, den Vater der Tamanaken, der
+auf die Felsen symbolische Figuren gezeichnet.
+
+Diese Vorstellungen von einer großen Fluth; das Paar, das sich auf einen
+Berggipfel flüchtet und Früchte der Mauritiapalme hinter sich wirft, um
+die Welt wieder zu bevölkern;[^49] dieser Nationalgott Amalivaca, der zu
+Wasser aus fernem Lande kommt, der Natur Gesetze vorschreibt und die
+Völker zwingt, ihr Wanderleben aufzugeben — alle diese Züge eines
+uralten Glaubens verdienen alle Beachtung. Was die Tamanaken und die
+Stämme, die mit dem Tamanakischen verwandte Sprachen haben, uns jetzt
+erzählen, ist ihnen ohne Zweifel von andern Völkern überliefert, die vor
+ihnen dasselbe Land bewohnt haben. Der Name Amalivaca ist über einen
+Landstrich von mehr als 5000 Quadratmeilen verbreitet; er kommt mit der
+Bedeutung Vater der Menschen (unser Urvater) selbst bei den caraibischen
+Völkern vor, deren Sprache mit dem Tamanakischen nur verwandt ist wie
+das Deutsche mit dem Griechischen, dem Persischen und dem Sanskrit.
+Amalivaca ist ursprünglich nicht der große Geist, der Alte im Himmel,
+das unsichtbare Wesen, dessen Verehrung aus der Verehrung der
+Naturkräfte entspringt, wenn in den Völkern allmahlig das Bewußtsein:
+der Einheit dieser Kräfte erwacht; er ist vielmehr eine Person aus dem
+heroischen Zeitalter, ein Mann, der aus weiter Ferne gekommen, im Lande
+der Tamanaken und Caraiben gelebt, symbolische Zeichen in die Felsen
+gegraben hat und, wieder verschwunden ist, weil er sich zum Land über
+dem Weltmeer, wo er früher gewohnt, wieder zurückgewendet. Der
+Anthropomorphismus bei der Gestaltung der Gottheit hat zwei gerade
+entgegengesetzte Quellen,[^50] und dieser Gegensatz scheint nicht sowohl
+auf dem verschiedenen Grade der Geistesbildung zu beruhen, als darauf,
+daß manche Völker von Natur mehr zur Mystik neigen, während andere unter
+der Herrschaft der Sinne, der äußeren Eindrücke stehen. Bald läßt der
+Mensch die Gottheiten zur Erde niedersteigen und es über sich nehmen,
+die Völker zu regieren und ihnen Gesetze zu geben, wie in den Mythen des
+Orients; bald, wie bei den Griechen und andern Völkern des Occidents,
+werden die ersten Herrscher, die Priesterkönige, dessen, was menschlich
+an ihnen ist, entkIeidet und zu Nationalgottheiten erhoben. Amalivaca
+war ein Fremdling, wie Manco-Capac, Vochica und Quetzalcohuatl, diese
+außerordentlichen Menschen, die im alpinischen oder civilisirten Striche
+Amerikas, auf den Hochebenen von Peru, Neu-Grenada und Anahuac, die
+bürgerliche Gesellschaft geordnet, den Opferdienst eingerichtet und
+religiöse Brüderschaften gestiftet haben. Der mexikanische
+Quetzalcohuatl, dessen Nachkommen Montezuma in den Begleitern des Cortes
+zu erkennen glaubte, hat noch einen weiteren Zug mit Amalivaca, der
+mythischen Person des barbarischen Amerikas, der Ebenen der heißen Zone,
+gemein. In hohem Alter verließ der Hohepriester von Tula das Land
+Anahuac, das er mit seinen Wundern erfüllt, und ging zurück in ein
+unbekanntes Land, genannt Tlalpallan. Als der Mönch Bernhard von Sahagun
+nach Mexico kam, richtete man genau dieselben Fragen an ihn, wie
+zweihundert Jahre später in den Wäldern am Orinoco an den Missionär
+Gili: man wollte wissen, ob er vom andern Ufer komme, aus dem Lande,
+wohin Quetzalcohuatl gegangen.
+
+Wir haben oben gesehen, daß die Region der Felsen mit Bildwerk oder der
+gemalten Steine weit über den untern Orinoco, über den Landstrich
+(7°5′—7°40′ der Breite, 68°50′—69°45′ der Länge) hinausreicht, dem die
+Sage angehört, die man als den Localmythus der Tamanaken bezeichnen
+kann. Man findet dergleichen Felsen mit Bildern zwischen dem Cassiquiare
+und Atabapo (2°5′—3°20′ der Breite, 69°—70° der Länge), zwischen den
+Quellen des Essequebo und des Rio Branco (3°50′ der Breite, 62°32′ der
+Länge). Ich behaupte nicht, daß diese Bilder beweisen, daß ihre
+Verfertiger den Gebrauch des Eisens gekannt, auch nicht, daß sie auf
+eine bedeutende Culturstufe hinweisen; setzte man aber auch voraus, sie
+haben keine symbolische Bedeutung, sondern seyen rein Erzeugnisse
+mäßiger Jägervölker, so müßte man doch immer annehmen, daß vor den
+Völkern, die jetzt am Orinoco und Rupunuri leben, eine ganz andere
+Menschenart hier gelebt. Je weniger in einem Lande Erinnerungen an
+vergangene Geschlechter leben, desto wichtiger ist es, wo man ein
+Denkmal vor sich zu haben glaubt, auch die unbedeutendsten Spuren zu
+verfolgen. Auf den Ebenen im Osten Nordamerikas findet man nur jene
+merkwürdigen Ringwälle, die an die festen Lager (die angeblichen Städte
+von ungeheurem Umfang) der alten und der heutigen nomadischen Völker in
+Asien erinnern. Auf den östlichen Ebenen Südamerikas ist durch die
+Uebermacht des Pflanzenwuchses, des heißen Klimas und die allzu große
+Freigebigkeit der Natur der Fortschritt der menschlichen Cultur in noch
+engeren Schranken gehalten worden, Zwischen Orinoco und Amazonenstrom
+habe ich von keinem Erdwall, von keinem Ueberbleibsel eines Damms, von
+keinem Grabhügel sprechen hören; nur auf den Felsen, und zwar auf einer
+weiten Landstrecke, sieht man, in unbekannter Zeit von Menschenhand
+eingegraben, rohe Umrisse, die sich an religiöse Ueberlieferungen
+knüpfen. Wenn einmal die Bewohner des doppelten Amerika mit weniger
+Geringschätzung auf den Boden sehen, der sie ernährt, so werden sich die
+Spuren früherer Jahrhunderte unter unsern Augen von Tag zu Tag mehren.
+Ein schwacher Schimmer wird sich dann über die Geschichte dieser
+barbarischen Völker verbreiten, über die Felswände, die uns verkünden,
+daß diese jetzt so öden Länder einst von thätigeren, geisteskräftigeren
+Geschlechtern bewohnt waren.
+
+Ich glaubte, bevor ich vom wildesten Strich des obern Orinoco scheide,
+Erscheinungen besprechen zu müssen, die nur dann von Bedeutung werden,
+wenn man sie aus Einem Gesichtspunkt betrachtet. Was ich von unserer
+Fahrt von Esmeralda bis zum Einfluß des Atabapo berichten könnte, wäre
+nur eine trockene Aufzählung von Flüssen und unbewohnten Orten. Vom 24.
+bis 27. Mai schliefen wir nur zweimal am Land, und zwar das erstemal am
+Einfluß des Rio Jao, und dann oberhalb der Mission Santa Barbara auf der
+Insel Minisi. Da der Orinoco hier frei von Klippen ist, führte uns der
+indianische Steuermann die Nacht durch fort, indem er die Pirogue der
+Strömung überließ. Dieses Stück meiner Karte zwischen dem Jao und dem
+Ventuari ist daher auch hinsichtlich der Krümmungen des Flusses nicht
+sehr genau. Rechnet man den Aufenthalt am Ufer, um den Reis und die
+Bananen zuzubereiten, ab, so brauchten wir von Esmeralda nach Santa
+Barbara nur 35 Stunden. Diese Mission liegt nach dem Chronometer unter
+dem 70°3′ der Länge; wir hatten also gegen 4 Seemeilen in der Stunde
+zurückgelegt, eine Geschwindigkeit (1,05 Toise in der Secunde), die
+zugleich auf Rechnung der Strömung und der Bewegung der Ruder kommt. Die
+Indiana behaupten, die Krokodile gehen im Orinoco nicht über den Einfluß
+des Rio Jao hinaus, und die Seekühe kommen sogar oberhalb des Katarakts
+von Maypures nicht mehr vor. Hinsichtlich der ersteren kann man sich
+leicht täuschen. Wenn der Reisende an ihren Anblick noch so sehr gewöhnt
+ist, kann er einen 12—15 Fuß langen Baumstamm für ein schwimmendes
+Krokodil halten, von dem man nur Kopf und Schwanz zum Theil über dem
+Wasser sieht.
+
+Die Mission Santa Barbara liegt etwas westlich vom Einfluß des Rio
+Ventuari oder Venituari, den Pater Francisco Valor im Jahr 1800
+untersucht hat. Wir fanden im kleinen Dorfe von 120 Einwohnern einige
+Spuren von Industrie. Der Ertrag derselben kommt aber sehr wenig den
+Indianern zu gut, sondern nur den Mönchen oder, wie man hier zu Lande
+sagt, der Kirche und dem Kloster. Man versicherte uns, eine große Lampe,
+massiv von Silber, die auf Kosten der Bekehrten angeschafft worden,
+werde aus Madrid erwartet. Wenn sie da ist, wird man hoffentlich auch
+daran denken, die Indianer zu kleiden, ihnen einiges Ackergeräthe
+anzuschaffen und für ihre Kinder eine Schule einzurichten. In den
+Savanen bei der Mission läuft wohl einiges Vieh, man braucht es aber
+selten, um die Mühle zum Auspressen des Zuckerrohrs (trapiche) zu
+treiben; das ist ein Geschäft der Indianer, die dabei ohne Lohn
+arbeiten, wie überall, wo die Arbeit auf Rechnung der Kirche geht. Am
+Fuß der Berge um Santa Barbara herum sind die Weiden nicht so fett wie
+bei Esmeralda, aber doch besser als bei San Fernando de Atabapo. Der
+Rasen ist kurz und dicht, und doch ist die oberste Bodenschicht nur
+trockener, dürrer Granitsand. Diese nicht sehr üppigen Grasfluren am
+Guaviare, Meta und obern Orinoco sind sowohl ohne Dammerde, die in den
+benachbarten Wäldern so massenhaft daliegt, als ohne die dicke
+Thonschicht, die in den Llanos von Venezuela den Sandstein bedeckt.
+Kleine krautartige Mimosen helfen in dieser Zone das Vieh satt machen,
+sie werden aber zwischen dem Rio Jao und-der Mündung des Guaviare sehr
+selten.
+
+In den wenigen Stunden, die wir uns in der Mission Santa Barbara
+aufhielten, erhielten wir ziemlich genaue Angaben über den Rio Ventuari,
+der mir nach dem Guaviare der bedeutendste unter allen Nebenflüssen des
+obern Orinoco schien. Seine Ufer, an denen früher die Maypures gesessen,
+sind noch jetzt von einer Menge unabhängiger Völkerschaften bewohnt.
+Fährt man durch die Mündung des Ventuari, die ein mit Palmen bewachsenes
+Delta bildet, hinauf, so kommen nach drei Tagereisen von Ost der
+Cumaruita und der Paru herein, welche zwei Nebenflüsse am Fuß der hohen
+Berge von Cuneva, entspringen. Weiter oben, von West her, kommen der
+Mariata und der Manipiare, an denen die Macos- und Curacicanas-Indianer
+wohnen. Letztere Nation zeichnet sich durch ihren Eifer für den
+Baumwollenbau aus. Bei einem Streifzug (entrada) fand man ein großes
+Haus, in dem 30—40 sehr fein gewobene Hängematten, gesponnene Baumwolle,
+Seilwerk und Fischereigeräthe waren. Die Eingeborenen waren
+davongelaufen und Pater Valor erzählte uns, »die Indianer aus seiner
+Mission, die er bei sich hatte, haben das Haus in Brand gesteckt, ehe er
+diese Produkte des Gewerbfleißes der Curacicanas retten konnte.« Die
+neuen Christen in Santa Barbara, die sich über diesen sogenannten Wilden
+weit erhaben dünken, schienen mir lange nicht so gewerbthätig. Der Rio
+Manipiare, einer der Hauptäste des Ventuari, liegt, seiner Quelle zu, in
+der Nähe der hohen Berge, an deren Nordabhang der Cuchivero entspringt.
+Sie sind ein Ausläufer der Kette des Baraguan, und hieher setzt Pater
+Gili die »Hochebene des Siamacu,« deren gemäßigtes Klima er preist. Der
+obere Lauf des Ventuari, oberhalb des Einflusses des Asisi und der
+»großen Raudales« ist so gut wie unbekannt. Ich hörte nur, der obere
+Ventuari ziehe sich so stark gegen Ost, daß die alte Straße von
+Esmeralda an den Rio Caura über das Flußbett laufe. Dadurch, daß die
+Nebenflüsse des Carony, des Caura und des Ventuari einander so nahe
+liegen, kamen die Caraiben seit Jahrhunderten an den obern Orinoco.
+Banden dieses kriegerischen Handelsvolkes zogen vom Rio Carony über den
+Paragua an die Quellen des Paruspa. Ueber einen Trageplatz gelangten sie
+an den Chavarro, einen östlichen Nebenfluß des Caura; sie fuhren auf
+ihren Piroguen zuerst diesen Nebenfluß und dann den Caura selbst
+hinunter bis zur Mündung des Erevato. Nachdem sie diesen gegen Südwest
+hinaufgefahren, kamen sie drei Tagereisen weit über große Grasfluren und
+endlich über den Manipiare in den großen Rio Ventuari. Ich beschreibe
+diesen Weg so genau, nicht nur weil auf dieser Straße der Handel mit
+eingeborenen Sklaven betrieben wurde, sondern auch um die Männer, welche
+einst nach wiederhergestellter Ruhe Guyana regieren werden, auf die
+Wichtigkeit dieses Flußlabyrinths aufmerksam zu machen.
+
+Auf vier Nebenflüssen des Orinoco, den größten unter denen, die von
+rechts her in diesen majestätischen Strom sich ergießen, auf dem Carony
+und dem Caura, dem Padamo und dem Ventuari, wird die europäische Cultur
+in das 10,600 Quadratmeilen große Wald- und Gebirgsland dringen, das der
+Orinoco gegen Nord, West und Süd umschlingt. Bereits haben Kapuziner aus
+Catalonien und Observanten aus Andalusien und Valencia Niederlassungen
+in den Thälern des Carony und des Caura gegründet; es war natürlich, daß
+an die Nebenflüsse des untern Orinoco, als die der Küste und dem
+angebauten Strich von Venezuela zunächst liegenden, Missionäre und mit
+ihnen einige Keime des gesellschaftlichen Lebens zuerst kamen. Bereits
+im Jahr 1797 zählten die Niederlassungen der Kapuziner am Carony 16,600
+Indianer, die friedlich in Dörfern lebten. Am Rio Caura waren es zu
+jener Zeit unter der Obhut der Observanten, nach gleichfalls officiellen
+Zählungen, nur 640. Dieser Unterschied rührt daher, daß die sehr
+ausgedehnten Weiden am Carony, Upatu und Cuyuni von vorzüglicher Güte
+sind, und daß die Missionen der Kapuziner näher bei der Mündung des
+Orinoco und der Hauptstadt von Guyana liegen, aber auch vom innern
+Getriebe der Verwaltung, von der industriellen Rührigkeit und dem
+Handelsgeist der catalonischen Mönche. Dem Carony und Caura, die gegen
+Nord fließen, entsprechen zwei große Nebenflüsse des obern Orinoco, die
+gegen Süd herunter kommen, der Padamo und der Ventuari. Bis jetzt steht
+an ihren Ufern kein Dorf, und doch bieten sie für Ackerbau und Viehzucht
+günstige Verhältnisse, wie man sie im Thale des großen Stroms, in den
+sie sich ergießen, vergeblich suchen würde.
+
+Wir brachen am 26. Mai Morgens vom kleinen Dorfe Santa Barbara auf, wo
+wir mehrere Indianer aus Esmeralda getroffen hatten, die der Missionär
+zu ihrem großen Verdruß hatte kommen lassen, weil er sich ein
+zweistockigtes Haus bauen wollte. Den ganzen Tag genossen wir der
+Aussicht auf die schönen Gebirge von Sipapo[^51], die in 18 Meilen
+Entfernung gegen Nord-Nord-West sich hinbreiten. Die Vegetation an den
+Ufern des Orinoco ist hier ausnehmend mannigfaltig; Baumfarn kommen von
+den Bergen herunter und mischen sich unter die Palmen in der Niederung.
+Wir übernachteten auf der Insel Minisi und langten, nachdem wir an den
+Mündungen der kleinen Flüsse Quejanuma, Ubua und Masao vorübergekommen,
+am 27. Mai in San Fernando de Atabapo an. Vor einem Monat, auf dem Weg
+zum Rio Negro, hatten wir im selben Hause des Präsidenten der Missionen
+gewohnt. Wir waren damals gegen Süd, den Atabapo und Temi
+hinaufgefahren; jetzt kamen wir von West her nach einem weiten Umweg
+über den Cassiquiare und den obern Orinoco zurück. Während unserer
+langen Abwesenheit waren dem Präsidenten der Missionen über den
+eigentlichen Zweck unserer Reise, über mein Verhältniss zu den
+Mitgliedern des hohen Clerus in Spanien, über die Kenntniß des Zustandes
+der Missionen, die ich mir verschafft, bedeutende Bedenken aufgestiegen.
+Bei unserem Aufbruch nach Angostura, der Hauptstadt von Guyana, drang er
+in mich, ihm ein Schreiben zu hinterlassen, in dem ich bezeugte, daß ich
+die christlichen Niederlassungen am Orinoco in guter Ordnung
+angetroffen, und daß die Eingeborenen im Allgemeinen milde behandelt
+würden. Diesem Ansinnen des Superiors lag gewiß ein sehr löblicher Eifer
+für das Beste seines Ordens zu Grunde, nichts desto weniger setzte es
+mich in Verlegenheit. Ich erwiderte, das Zeugniß eines im Schooße der
+reformirten Kirche geborenen Reisenden könne in dem endlosen Streite, in
+dem fast überall in der neuen Welt weltliche und geistliche Macht mit
+einander liegen, doch wohl von keinem großen Gewichte seyn. Ich gab ihm
+zu verstehen, da ich zweihundert Meilen von der Küste, mitten in den
+Missionen und, wie die Cumaner boshaft sagen, en el poder de los frayles
+(in der Gewalt der Mönche) sey, möchte das Schreiben, das wir am Ufer
+des Atabapo mit einander abfaßten, wohl schwerlich als ein ganz freier
+Willensakt von meiner Seite angesehen werden. Der Gedanke, daß er einen
+Calvinisten gastfreundlich aufgenommen, erschreckte den Präsidenten
+nicht. Ich glaube allerdings, daß man vor meiner Ankunft schwerlich je
+einen in den Missionen des heiligen Franciscus gesehen hat; aber
+Unduldsamkeit kann man den Missionären in Amerika nicht zur Last legen.
+Die Ketzereien des alten Europa machen ihnen nicht zu schaffen, es müßte
+denn an den Grenzen von holländisch Guyana seyn, wo sich die Prädicanten
+auch mit dem Missionswesen abgeben. Der Präsident bestand nicht weiter
+auf der Schrift, die ich hätte unterzeichnen sollen, und wir benützten
+die wenigen Augenblicke, die wir noch beisammen waren, um den Zustand
+des Landes, und ob Aussicht sey, die Indianer an den Segnungen der
+Cultur theilnehmen zu lassen, freimüthig zu besprechen. Ich sprach mich
+stark darüber aus, wie viel Schaden die Entradas, die feindlichen
+Einfälle angerichtet, wie unbillig es sey, daß man die Eingeborenen der
+Früchte ihrer Arbeit so wenig genießen lasse, wie ungerechtfertigt, daß
+man sie zwinge, in Angelegenheiten, die sie nichts angehen, weite Reisen
+zu machen, endlich wie nothwendig es erscheine, den jungen Geistlichen,
+die berufen seyen, großen Gemeinden vorzustehen, in einem besondern
+Collegium einige Bildung zu geben. Der Präsident schien mich freundlich
+anzuhören; indessen glaube ich doch, er wünschte im Herzen (ohne Zweifel
+im Interesse der Naturwissenschaft), Leute, welche Pflanzen auflesen und
+das Gestein untersuchen, möchten sich nicht so vorlaut mit dem Wohl der
+kupferfarbigen Race und mit den Angelegenheiten der menschlichen
+Gesellschaft befassen. Dieser Wunsch ist in beiden Welten gar weit
+verbreitet; man begegnet ihm überall, wo der Gewalt bange ist, weil sie
+meint, sie stehe nicht auf festen Füßen.
+
+Wir blieben nur einen Tag in San Fernando de Atabapo, obgleich dieses
+Dorf mit seinen schönen Pihiguao-Palmen[^52] mit Pfirsichfrüchten uns
+ein köstlicher Aufenthalt schien. Zahme Pauxis[^53] liefen um die Hütten
+der Indianer her. In einer derselben sahen wir einen sehr seltenen
+Affen, der am Guaviare lebt. Es ist dieß der Caparro, den ich in meinen
+Observations de zoologie et d’anatomie comparée bekannt gemacht, und der
+nach Geoffroy eine neue Gattung (Lagothrix) bildet, die zwischen den
+Atelen und den Alouatos in der Mitte steht. Der Pelz dieses Affen ist
+mardergrau und fühlt sich ungemein zart an. Der Caparro zeichnet sich
+ferner durch einen runden Kopf und einen sanften, angenehmen
+Gesichtsausdruck aus. Der Missionär Gili ist, glaube ich, der einzige
+Schriftsteller, der vor mir von diesem interessanten Thiere gesprochen
+hat, um das die Zoologen andere, und zwar brasilianische Affen zu
+gruppiren anfangen.
+
+Am 27. Mai kamen wir von San Fernando mit der raschen Strömung des
+Orinoco in nicht ganz sieben Stunden zum Einfluß des Rio Mataveni. Wir
+brachten die Nacht unter freiem Himmel unterhalb des Granitfelsens el
+castillito[^54] zu, der mitten aus dem Flusse aufsteigt und dessen
+Gestalt an den Mäusethurm im Rhein, Bingen gegenüber, erinnert. Hier wie
+an den Ufern des Atabapo fiel uns eine kleine Art Drosera auf, die ganz
+den Habitus der europäischen Drosera hat. Der Orinoco war in der Nacht
+beträchtlich gestiegen, und die bedeutend beschleunigte Strömung trug
+uns in zehn Stunden von der Mündung des Mataveni zum obern großen
+Katarakt, dem von Maypures oder Quittuna; der zurückgelegte Weg betrug
+13 Meilen. Mit Interesse erinnerten wir uns der Orte, wo wir
+stromaufwärts übernachtet; wir trafen Indianer wieder, die uns beim
+Botanisiren begleitet, und wir besuchten nochmals die schöne Quelle, die
+hinter dem Hause des Missionärs aus einem geschichteten Granitfelsen
+kommt; ihre Temperatur hatte sich nicht um 0,3° verändert. Von der
+Mündung des Atabapo bis zu der des Apure war uns, als reisten wir in
+einem Land, in dem wir lange gewohnt. Wir lebten eben so schmal, wir
+wurden von denselben Mücken gestochen, aber die gewisse Aussicht, daß in
+wenigen Wochen unsere physischen Leiden ein Ende hätten, hielt uns
+aufrecht.
+
+Der Transport der Pirogue über den großen Katarakt hielt uns in Maypures
+zwei Tage auf; Pater Bernardo Zea, der Missionär bei den Raudales, der
+uns an den Rio Negro begleitet hatte, wollte, obgleich leidend, uns mit
+seinen Indianern vollends nach Atures führen. Einer derselben, Zerepe,
+der Dolmetscher, den man auf dem Strande von Pararuma so unbarmherzig
+geprügelt,[^55] fiel uns durch seine tiefe Niedergeschlagenheit auf. Wir
+hörten, er habe die Indianerin verloren, mit der er verlobt gewesen, und
+zwar in Folge einer falschen Nachricht, die über die Richtung unserer
+Reise in Umlauf gekommen. Zerepe war in Maypures geboren, aber bei
+seinen Eltern vom Stamme der Macos im Walde erzogen. Er hatte in die
+Mission ein zwölfjähriges Mädchen mitgebracht, das er nach unserer
+Rückkehr zu den Katarakten zum Weibe nehmen wollte. Das Leben in den
+Missionen behagte der jungen Indianerin schlecht, denn man hatte ihr
+gesagt, die Weißen gehen ins Land der Portugiesen (nach Brasilien) und
+nehmen Zerepe mit. Da es ihr nicht ging, wie sie gehofft, bemächtigte
+sie sich eines Canoe, fuhr mit einem andern Mädchen vom selben Alter
+durch den Raudal und lief al monte zu den Ihrigen. Dieser kecke Streich
+war die Tagesneuigkeit; Zerepes Niedergeschlagenheit hielt übrigens
+nicht lange an. Er war unter Christen geboren, er war bis zur Schanze am
+Rio Negro gekommen, er verstand Spanisch und die Sprache der Macos, und
+dünkte sich weit erhaben über die Leute seines Stammes; wie hätte er da
+nicht ein Mädchen vergessen sollen, das im Walde aufgewachsen?
+
+Am 31. Mai fuhren wir über die Stromschnellen der Guahibos und bei
+Garcita. Die Inseln mitten im Strom glänzten im herrlichsten Grün. Der
+winterliche Regen hatte die Blumenscheiden der Vadgiai-Palmen
+entwickelt, deren Blätter gerade himmelan stehen.[^56] Man wird nicht
+müde, Punkte zu betrachten, wo Baum und Fels der Landschaft den
+großartigen, ernsten Charakter geben, den man auf dem Hintergrund von
+Titians und Poussins Bildern bewundert. Kurz vor Sonnenuntergang stiegen
+wir am östlichen Ufer des Orinoco, beim Puerto de la Expedicion, ans
+Land, und zwar um die Höhle von Ataruipe zu besuchen, von der oben die
+Rede war,[^57] und wo ein ganzer ausgestorbener Volksstamm seine
+Grabstätte zu haben scheint. Ich versuche diese bei den Eingeborenen
+vielberufene Höhle zu beschreiben.
+
+Man ersteigt mühsam und nicht ganz gefahrlos einen steilen, völlig
+kahlen Granitfelsberg. Man könnte auf der glatten, stark geneigten
+Fläche fast unmöglich Fuß fassen, wenn nicht große Feldspathkrystalle,
+welche nicht so leicht verwittern, hervorständen und Anhaltspunkte
+böten. Auf dem Gipfel des Berges angelangt, erstaunten wir über den
+außerordentlichen Anblick des Landes in der Runde. Ein Archipel mit
+Palmen bewachsener Inseln füllt das schäumende Strombett. Westwärts, am
+linken Ufer des Orinoco, breiten sich die Savanen am Meta und Casanare
+hin, wie eine grüne See, deren dunstiger Horizont von der untergehenden
+Sonne beleuchtet war. Das Gestirn, das wie ein Feuerball über der Ebene
+hing, der einzeln stehende Spitzberg Uniana, der um so höher erschien,
+da seine Umrisse im Dunst verschwammen, alles wirkte zusammen, die
+großartige Scenerie noch erhabener zu machen. Wir sahen zunächst in ein
+tiefes, ringsum geschlossenes Thal hinunter. Raubvögel und Ziegenmelker
+schwirrten einzeln durch den unzugänglichen Circus. Mit Vergnügen
+verfolgten wir ihre flüchtigen Schatten, wie sie langsam an den
+Felswänden hinglitten.
+
+Ueber einen schmalen Grat gelangten wir auf einen benachbarten Berg, auf
+dessen abgerundetem Gipfel ungeheure Granitblöcke lagen. Diese Massen
+haben 40 bis 50 Fuß Durchmesser und sind so vollkommen kugelförmig, daß
+man, da sie nur mit wenigen Punkten den Boden zu berühren schienen,
+meint, beim geringsten Stoß eines Erdbebens müßten sie in die Tiefe
+rollen. Ich erinnere mich nicht, unter den Verwitterungserscheinungen
+des Granits irgendwo etwas Aehnliches gesehen zu haben. Lägen die Kugeln
+auf einer andern Gebirgsart, wie die Blöcke im Jura, so könnte man
+meinen, sie seyen im Wasser gerollt oder durch den Stoß eines
+elastischen Fluidums hergeschleudert; da sie aber auf einem Gipfel
+liegen, der gleichfalls aus Granit besteht, so ist wahrscheinlicher, daß
+sie von allmähliger Verwitterung des Gesteins herrühren.
+
+Zu hinterst ist das Thal mit dichtem Wald bedeckt. An diesem schattigen,
+einsamen Ort, am steilen Abhang eines Berges, ist der Eingang der Höhle
+von Ataruipe. Es ist übrigens nicht sowohl eine Höhle, als ein
+vorspringender Fels, in dem die Gewässer, als sie bei den alten
+Umwälzungen unseres Planeten so weit herausreichten, ein weites Loch
+ausgewaschen haben. In dieser Grabstätte einer ganzen ausgestorbenen
+Völkerschaft zählten wir in kurzer Zeit gegen 600 wohlerhaltene und so
+regelmäßig vertheilte Skelette, daß man sich hinsichtlich ihrer Zahl
+nicht leicht hätte irren können. Jedes Skelett liegt in einer Art Korb
+aus Palmblattstielen. Diese Körbe, von den Eingeborenen Mapires genannt,
+bilden eine Art viereckigter Säcke. Ihre Größe entspricht dem Alter der
+Leichen; es gibt sogar welche für Kinder, die während der Geburt
+gestorben. Sie wechseln in der Länge von 10 Zoll bis 3 Fuß 4 Zoll. Die
+Skelette sind alle zusammengebogen und so vollständig, daß keine Rippe,
+kein Fingerglied fehlt. Die Knochen sind auf dreierlei Weisen
+zubereitet, entweder an Luft und Sonne gebleicht, oder mit Onoto, dem
+Farbstoff der Bixa Orellana, roth gefärbt, oder mumienartig zwischen
+wohlriechenden Harzen in Heliconia- und Bananenblätter eingeknetet. Die
+Indianer erzählten uns, man lege die frische Leiche in die feuchte Erde,
+damit sich das Fleisch allmählig verzehre. Nach einigen Monaten nehme
+man sie wieder heraus und schabe mit scharfen Steinen den Rest des
+Fleisches von den Knochen. Mehrere Horden in Guyana haben noch jetzt
+diesen Brauch. Neben den »Mapires« oder Körben sieht man Gefäße von halb
+gebranntem Thon, welche die Gebeine einer ganzen Familie zu enthalten
+schienen. Die größten dieser Graburnen sind 3 Fuß hoch und 4 Fuß 3 Zoll
+lang. Sie sind graugrün, oval, von ganz gefälligem Ansehen, mit Henkeln
+in Gestalt von Krokodilen und Schlangen, am Rand mit Mäandern,
+Labyrinthen und mannigfach combinirten geraden Linien geschmückt.
+Dergleichen Malereien kommen unter allen Himmelsstrichen vor, bei allen
+Völkern, mögen sie geographisch und dem Grade der Cultur nach noch so
+weit auseinanderliegen. Die Bewohner der kleinen Mission Maypures
+bringen sie noch jetzt auf ihrem gemeinsten Geschirr an; sie zieren die
+Schilder der Tahitier, das Fischergeräthe der Eskimos, die Wände des
+mexicanischen Palastes in Mitla und die Gefäße Großgriechenlands.
+Ueberall schmeichelt eine rhythmische Wiederholung derselben Formen dem
+Auge, wie eine taktmäßige Wiederkehr von Tönen dem Ohre. Aehnlichkeiten,
+welche im innersten Wesen unserer Empfindungen, in unserer natürlichen
+Geistesanlage ihren Grund haben, sind wenig geeignet, über die
+Verwandtschaft und die alten Verbindungen der Völker Licht zu
+verbreiten.
+
+Hinsichtlich der Zeit, aus der sich die Mapires und die bemalten Gefäße
+in der Knochenhöhle von Ataruipe herschreiben, konnten wir uns keine
+bestimmte Vorstellung bilden. Die meisten schienen nicht über hundert
+Jahre alt, da sie aber vor jeder Feuchtigkeit geschützt und in sehr
+gleichförmiger Temperatur sind, so wären sie wohl gleich gut erhalten,
+wenn sie auch aus weit früherer Zeit herrührten. Nach einer Sage der
+Guahibos-Indianer flüchteten sich die kriegerischen Atures, von den
+Caraiben verfolgt, auf die Felsen mitten in den großen Katarakten, und
+hier erlosch nach und nach diese einst so zahlreiche Nation und mit ihr
+die Sprache. Noch im Jahre 1767, zur Zeit des Missionärs Gili, lebten
+die letzten Familien derselben; auf unserer Reise zeigte man in Maypures
+ein sonderbares Faktum: einen alten Papagai, von dem die Einwohner
+behaupten, »man verstehe ihn nicht, weil er aturisch spreche«.
+
+Wir öffneten, zum großen Aergerniß unserer Führer, mehrere Mapires, um
+die Schädelbildung genau zu untersuchen. Alle zeigten den Topus der
+amerikanischen Race; nur zwei oder drei näherten sich dem kaukasischen.
+Wir haben oben erwähnt,[^58] daß man mitten in den« Katarakten, an den
+unzugänglichsten Orten eisenbeschlagene Kisten mit europäischen
+Werkzeugen, mit Resten von Kleidungsstücken und Glaswaaren findet. Diese
+Sachen, die zu den abgeschmacktesten Gerüchten, als hätten die Jesuiten
+dort ihre Schätze versteckt, Anlaß gegeben, gehörten wahrscheinlich
+portugiesischen Handelsleuten, die sich in diese wilden Länder
+herausgewagt. Läßt sich nun wohl auch annehmen, daß die Schädel von
+europäischer Bildung, die wir unter den Skeletten der Eingeborenen und
+eben so sorgfältig aufbewahrt gefunden, portugiesischen Reisenden
+angehörten, die hier einer Krankheit Unterlagen oder im Kampfe
+erschlagen worden? Der Widerwillen der Eingeborenen gegen Alles, was
+nicht ihres Stammes ist, macht dieß nicht wahrscheinlich; vielleicht
+hatten sich Mestizen, die aus den Missionen am Meta und Apure entlaufen,
+an den Katarakten niedergelassen und Weiber aus dem Stamme der Atures
+genommen. Dergleichen Verbindungen kommen in dieser Zone zuweilen vor,
+freilich nicht so häufig wie in Canada und in Nordamerika überhaupt, wo
+Jäger europäischer Abkunft unter die Wilden gehen, ihre Sitten annehmen
+und es oft zu großem Ansehen unter ihnen bringen.
+
+Wir nahmen aus der Höhle von Ataruipe mehrere Schädel, das Skelett eines
+Kindes von sechs bis sieben Jahren und die Skelette zweier Erwachsenen
+von der Nation der Atures mit. Alle diese zum Theil roth bemalten, zum
+Theil mit Harz überzogenen Gebeine lagen in den oben beschriebenen
+Körben (Mapires oder Canastos). Sie machten fast eine ganze
+Maulthierladung aus, und da uns der abergläubische Widerwillen der
+Indianer gegen einmal beigesetzte Leichen wohl bekannt war, hatten wir
+die »Canastos« in frisch geflochtene Matten einwickeln lassen. Bei dem
+Spürsinn der Indianer und ihrem feinen Geruch half aber diese Vorsicht
+leider zu nichts. Ueberall, wo wir in den Missionen der Caraiben, auf
+den Llanos zwischen Angostura und Nueva Barcelona Halt machten, liefen
+die Eingeborenen um unsere Maulthiere zusammen, um die Affen zu
+bewundern, die wir am Orinoco gekauft. Kaum aber hatten die guten Leute
+unser Gepäcke angerührt, so prophezeiten sie, daß das Lastthier, »das
+den Todten trage,« zu Grund gehen werde. Umsonst versicherten wir, sie
+irren sich, in den Körben seyen Krokodil- und Seekuhknochen; sie blieben
+dabei, sie riechen das Harz, womit die Skelette überzogen seyen, und
+»das seyen ihre alten Verwandten.« Wir mußten die Autorität der Mönche
+in Anspruch nehmen, um des Widerwillens der Eingeborenen Herr zu werden
+und frische Maulthiere zu bekommen. Einer der Schädel, den wir aus der
+Höhle von Ataruipe mitgenommen, ist in meines alten Lehrers Blumenbach
+schönem Werke über die Varietäten des Menschengeschlechts gezeichnet;
+aber die Skelette der Indianer gingen mit einem bedeutenden Theil
+unserer Sammlungen an der Küste von Afrika bei einem Schiffbruch
+verloren, der unserem Freund und Reisegefährten, Fray Juan
+Gonzales,[^59] einem jungen Franciskaner, das Leben kostete.
+
+Schweigend gingen wir von der Höhle von Ataruipe nach Hause. Es war eine
+der stillen, heitern Nächte, welche im heißen Erdstrich so gewöhnlich
+sind. Die Sterne glänzten in mildem, planetarischem Licht. Ein Funkeln
+war kaum am Horizont bemerkbar,[^60] den die großen Nebelflecken der
+südlichen Halbkugel zu beleuchten schienen. Ungeheure Insektenschwärme
+verbreiteten ein röthliches Licht in der Luft. Der dicht bewachsene
+Boden glühte von lebendigem Feuer, als hätte sich die gestirnte
+Himmelsdecke auf die Grasflur niedergesenkt. Vor der Höhle blieben wir
+noch öfters stehen und bewunderten den Reiz des merkwürdigen Orts.
+Duftende Vanille und Gewinde von Bignonien schmücken den Eingang, und
+darüber, auf der Spitze des Hügels, wiegten sich säuselnd die Schafte
+der Palmen.
+
+Wir gingen an den Fluß hinab und schlugen den Weg zur Mission ein, wo
+wir ziemlich spät in der Nacht eintrafen. Was wir gesehen, hatte starken
+Eindruck auf unsere Einbildungskraft gemacht. In einem Lande, wo einem
+die menschliche Gesellschaft als eine Schöpfung der neuesten Zeit
+erscheint, hat Alles, was an eine Vergangenheit erinnert, doppelten
+Reiz. Sehr alt waren nun hier die Erinnerungen nicht; aber in Allem, was
+Denkmal heißt, ist das Alter nur ein relativer Begriff, und leicht
+verwechseln wir alt und räthselhaft. Den Egyptern erschienen die
+geschichtlichen Erinnerungen der Griechen gar jung; hätten die Chinesen,
+oder wie sie sich selbst lieber nennen, die Bewohner des »himmlischen
+Reichs,« mit den Priestern von Heliopolis verkehren können, so hätten
+sie wohl zu den Ansprüchen der alten Egypter gelacht. Ebenso auffallende
+Gegensätze finden sich im nördlichen Europa und Asien, in der neuen
+Welt, überall, wo die Menschheit sich auf ihr eigenes Leben nicht weit
+zurückbesinnt. Auf der Hochebene von Anahuac reicht die älteste
+geschichtliche Begebenheit, die Wanderung der Tolteken, nicht über das
+sechste Jahrhundert unserer Zeitrechnung hinauf. Die unentbehrlichen
+Grundlagen einer genauen Zeitrechnung, ein gutes Schaltsystem, überhaupt
+die Kalenderreform stammen aus dem Jahr 1091. Diese Zeitpunkte, die uns
+so nahe scheinen, fallen in fabelhafte Zeiten, wenn wir auf die
+Geschichte unseres Geschlechts zwischen Orinoco und Amazonenfluß
+blicken. Wir finden dort auf Felsen symbolische Bilder, aber keine Sage
+gibt über ihren Ursprung Aufschluß. Im heißen Striche von Guyana kommen
+wir nicht weiter zurück als zu der Zeit, wo castilianische und
+portugiesische Eroberer, und später friedliche Mönche unter den
+barbarischen Völkerschaften auftraten.
+
+Nordwärts von den Katarakten, am Engpaß beim Baraguan, scheint es
+ähnliche, mit Knochen gefüllte Höhlen zu geben, wie die oben
+beschriebenen. Ich hörte dieß erst nach meiner Rückkehr, und die
+indianischen Steuerleute sagten uns nichts davon, als wir im Engpaß
+anlegten. Diese Gräber haben ohne Zweifel Anlaß zu einer Sage der
+Otomaken gegeben, nach der die einzeln stehenden Granitfelsen am
+Baraguan, die sehr seltsame Gestalten zeigen, die Großväter, die alten
+Häuptlinge des Stammes sind. Der Brauch, das Fleisch sorgfältig von den
+Knochen zu trennen, der im Alterthum bei den Massageten herrschte, hat
+sich bei mehreren Horden am Orinoco erhalten. Man behauptet sogar, und
+es ist ganz wahrscheinlich, die Guaraons legen die Leichen in Netzen ins
+Wasser, wo dann die kleinen Caraibenfische[^61] die »Serra-Solmes,« die
+wir überall in ungeheurer Menge antrafen, in wenigen Tagen das
+Muskelfleisch verzehren und das Skelett »präpariren.« Begreiflich ist
+solches nur an Orten thunlich, wo es nicht viele Krokodile gibt. Manche
+Stämme, z. B. die Tamanaken, haben den Brauch, die Felder des
+Verstorbenen zu verwüsten und die Bäume, die er gepflanzt, umzuhauen.
+Sie sagen, »Dinge sehen zu müssen, die Eigenthum ihrer Angehörigen
+gewesen, mache sie traurig«. Sie vernichten das Andenken lieber, als daß
+sie es erhalten. Diese indianische Empfindsamkeit wirkt sehr nachtheilig
+auf den Landbau, und die Mönche widersetzen sich mit Macht den
+abergläubischen Gebräuchen, welche die zum Christenthum bekehrten
+Eingeborenen in den Missionen beibehalten.
+
+Die indianischen Gräber am Orinoco sind bis jetzt nicht gehörig
+untersucht worden, weil sie keine Kostbarkeiten enthalten wie die in
+Peru, und weil man jetzt an Ort und Stelle an die früheren Mähren vom
+Reichthum der alten Einwohner des Dorado nicht mehr glaubt. Der
+Golddurst geht aller Orten dem Trieb zur Belehrung und dem Sinn für die
+Erforschung des Alterthums voraus. Im gebirgigen Theil von Südamerika,
+von Merida und Santa Maria bis zu den Hochebenen von Quito und Ober-Peru
+hat man bergmännisch nach Gräbern, oder wie es die Creolen mit einem
+verdorbenen Worte der Incasprache nennen, nach Guacas gesucht. Ich war
+an der Küste von Peru, in Manciche, in der Guaca von Toledo, aus der man
+Goldmassen erhoben hat, die im sechzehnten Jahrhundert fünf Millionen
+Livres Tournois werth waren.[^62] Aber in den Höhlen, die seit den
+ältesten Zeiten den Eingeborenen in Guyana als Grabstätten dienen, hat
+man nie eine Spur von kostbaren Metallen entdeckt. Aus diesem Umstand
+geht hervor, daß auch zur Zeit, wo die Caraiben und andere Wandervölker
+gegen Südwest Streifzüge unternahmen, das Gold nur in ganz unbedeutender
+Menge von den Gebirgen von Peru den Niederungen im Osten zufloß.
+
+Ueberall, wo sich im Granit nicht die großen Höhlungen finden, wie sie
+sich durch die Verwitterung des Gesteins oder durch die
+Aufeinanderthürmung der Blöcke bilden, bestatten die Indianer den
+Leichnam in die Erde. Die Hängematte (chinchorro), eine Art Netz, worin
+der Verstorbene im Leben geschlafen, dient ihm als Sarg. Man schnürt
+dieses Netz fest um den Körper zusammen, gräbt ein Loch in der Hütte
+selbst und legt den Todten darin nieder. Dieß ist nach dem Bericht des
+Missionärs Gili und nach dem, was ich aus Pater Zeas Munde weiß, das
+gewöhnliche Verfahren. Ich glaube nicht, daß es in ganz Guyana einen
+Grabhügel gibt, nicht einmal in den Ebenen am Cassiquiare und Essequebo.
+In den Savanen von Varinas[^63] dagegen, wie in Canada westlich von den
+Aleghanis,[^64] trifft man welche an. Es erscheint übrigens ziemlich
+auffallend, daß die Eingeborenen am Orinoco, trotz des Ueberflusses an
+Holz im Lande, so wenig als die alten Scythen ihre Todten verbrennen.
+Scheiterhaufen errichten sie nur nach einem Gefechte, wenn der
+Gebliebenen sehr viele sind. So verbrannten die Parecas im Jahr 1748
+nicht allein die Leichen ihrer Feinde, der Tamanaken, sondern auch die
+der Ihrigen, die auf dem Schlachtfelde geblieben. Wie alle Völker im
+Naturstande haben auch die Indianer in Südamerika die größte
+Anhänglichkeit an die Orte, wo die Gebeine ihrer Völker ruhen. Dieses
+Gefühl, das ein großer Schriftsteller in einer Episode der Atala so
+rührend schildert, hat sich in seiner vollen ursprünglichen Stärke bei
+den Chinesen erhalten. Diese Menschen, bei denen Alles Kunstprodukt, um
+nicht zu sagen Ausfluß einer uralten Cultur ist, wechseln nie den
+Wohnort, ohne die Gebeine ihrer Ahnen mit sich zu führen. An den Ufern
+der großen Flüsse sieht man Särge stehen, die mit dem Hausrath der
+Familie zu Schiff in eine ferne Provinz wandern sollen. Dieses
+Mitsichführen der Gebeine, das früher unter den nordamerikanischen
+Wilden noch häufiger war, kommt bei den Stämmen in Guyana nicht vor.
+Diese sind aber auch keine Nomaden, wie Völker, die ausschließlich von
+der Jagd leben.
+
+In der Mission Atures verweilten wir nur, bis unsere Pirogue durch den
+großen Katarakt geschafft war. Der Boden unseres kleinen Fahrzeugs war
+so dünn geworden, daß große Vorsicht nöthig war, damit er nicht sprang.
+Wir nahmen Abschied vom Missionär Bernardo Zea, der in Atures blieb,
+nachdem er zwei Monate lang unser Begleiter gewesen und alle unsere
+Beschwerden getheilt hatte. Der arme Mann hatte immer noch seine alten
+Anfälle von Tertianfieber, aber sie waren für ihn ein gewohntes Uebel
+geworden und er achtete wenig mehr darauf. Bei unserem zweiten
+Aufenthalt in Atures herrschten daselbst andere gefährlichen Fieber. Die
+Mehrzahl der Indianer war an die Hängematte gefesselt, und um etwas
+Cassavebrod (das unentbehrlichste Nahrungsmittel hier zu Lande) mußten
+wir zum unabhängigen, aber nahebei wohnenden Stamme der Piraoas
+schicken. Bis jetzt blieben wir von diesen bösartigen Fiebern verschont,
+die ich nicht immer für ansteckend halte.
+
+Wir wagten es, in unserer Pirogue durch die letzte Hälfte des Raudals
+von Atures zu fahren. Wir stiegen mehreremale aus und kletterten auf die
+Felsen, die wie schmale Dämme die Inseln unter einander verbinden. Bald
+stürzen die Wasser über die Dämme weg, bald fallen sie mit dumpfem
+Getöse in das Innere derselben. Wir fanden ein betrachtliches Stück des
+Orinoco trocken gelegt, weil sich der Strom durch unterirdische Canäle
+einen Weg gebrochen hat. An diesen einsamen Orten nistet dass Felshuhn
+mit goldigem Gefieder (Pipra rupicola), einer der schönsten tropischen
+Vögel. Wir hielten uns im Raudalito von Canucari auf, der durch
+ungeheure, auf einander gethürmte Granitblöcke gebildet wird. Diese
+Blöcke, worunter Sphäroide von 5 bis 6 Fuß Durchmesser, sind so über
+einander geschoben, daß sie geräumige Höhlen bilden. Wir gingen in eine
+derselben, um Conserven zu pflücken, womit die Spalten und die nassen
+Felswände bekleidet waren. Dieser Ort bot eines der merkwürdigsten
+Naturschauspiele, die wir am Orinoco gesehen. Ueber unsern Köpfen
+rauschte der Strom weg,[^65] und es brauste, wie wenn das Meer sich an
+Klippen bricht; aber am Eingang der Höhle konnte man trocken hinter
+einer breiten Wassermasse stehen, die sich im Bogen über den Steindamm
+stürzte. In andern tieferen, aber nicht so großen Höhlen war das Gestein
+durch lang dauernde Einsickerung durchbohrt. Wir sahen 8 bis 9 Zoll
+dicke Wassersäulen von der Decke des Gewölbes herabkommen und durch
+Spalten entweichen, die auf weite Strecken zusammenzuhängen schienen.
+
+Die Wasserfälle in Europa, die aus einem einzigen Sturz oder aus
+mehreren dicht hinter einander bestehen, können keine so mannigfaltigen
+Landschaftsbilder erzeugen. Diese Mannigfaltigkeit kommt nur
+»Stromschnellen« zu, wo auf mehrere Seemeilen weit viele kleine Fälle in
+einer Reihe hinter einander liegen, Flüssen, die sich über Felsdämme und
+durch aufgethürmte Blöcke Bahn brechen. Wir genossen des Anblicks dieses
+außerordentlichen Naturbildes länger, als uns lieb war. Unser Canoe
+sollte am östlichen Ufer einer schmalen Insel hinfahren und uns nach
+einem weiten Umweg wieder aufnehmen. Wir warteten anderthalb Stunden
+vergeblich. Die Nacht kam heran und mit ihr ein furchtbares Gewitter;
+der Regen goß in Strömen herab. Wir fürchteten nachgerade, unser
+schwaches Fahrzeug möchte an den Felsen zerschellt seyn, und die
+Indianer mit ihrer gewöhnlichen Gleichgültigkeit beim Ungemach Anderer
+sich auf den Weg zur Mission gemacht haben. Wir waren nur unser drei;
+stark durchnäßt und voll Sorge um unsere Pirogue bangten wir vor der
+Aussicht, eine lange Aequinoctialnacht schlaflos im Lärm der Raudales
+zuzubringen. Bonpland faßte den Entschluß, mich mit Don Nicolas
+Sotto[^66] der Insel zu lassen und über die Flußarme zwischen den
+Granitdämmen zu schwimmen. Er hoffte den Wald erreichen und in der
+Mission bei Pater Zea Beistand holen zu können. Nur mit Mühe hielten wir
+ihn von diesem gewagten Beginnen ab. Er war unbekannt mit dem Labyrinth
+von Wasserrinnen, in die der Orinoco zerschlagen ist und in denen meist
+starke Wirbel sind. Und was jetzt, da wir eben über unsere Lage
+berathschlagten, unter unsern Augen vorging, bewies hinreichend, daß die
+Indianer fälschlich behauptet hatten, in den Katarakten gebe es keine
+Krokodile. Die kleinen Affen, die wir seit mehreren Monaten mit uns
+führten, hatten wir auf die Spitze unserer Insel gestellt; vom
+Gewitterregen durchnäßt und für die geringste Wårmeabnahme empfindlich,
+wie sie sind, erhoben die zärtlichen Thiere ein klägliches Geschrei und
+lockten damit zwei nach ihrer Größe und ihrer bleigrauen Farbe sehr alte
+Krokodile herbei. Bei dieser unerwarteten Erscheinung war uns der
+Gedanke, daß wir bei unserm ersten Aufenthalt in Atures mitten im Raudal
+gebadet, eben nicht behaglich. Nach langem Warten kamen die Indianer
+endlich, als schon der Tag sich neigte. Die Staffel, über die sie hatten
+herab wollen, um die Insel zu umfahren, war wegen zu seichten Wassers
+nicht fahrbar, und der Steuermann hatte im Gewirre von Felsen und
+kleinen Inseln lange nach einer besseren Durchfahrt suchen müssen. Zum
+Glück war unsere Pirogue nicht beschädigt, und in weniger als einer
+halben Stunde waren unsere Instrumente, unsere Mundvorräthe und unsere
+Thiere eingeschifft.
+
+Wir fuhren einen Theil der Nacht durch, um unser Nachtlager wieder auf
+der Insel Panumana aufzuschlagen· Mit Vergnügen erkannten wir die Plätze
+wieder, wo wir bei der Fahrt den Orinoco hinauf botanisirt hatten. Wir
+untersuchten noch einmal am Ufer die kleine Sandsteinformation, die
+unmittelbar dem Granit aufgelagert ist. Das Vorkommen ist dasselbe wie
+beim Sandstein, den mein unglücklicher Landsmann Burckhardt an der
+Grenze von Nubien dem Granit von Syene aufgelagert gesehen hat. Wir
+fuhren, ohne sie zu betreten, an der neuen Mission San Borja vorüber und
+hörten einige Tage darauf mit Bedauern, die kleine Colonie von
+Guahibos-Indianern sey al monte gelaufen, da sie sich eingebildet, wir
+wollen sie fortschleppen und als Poitos, das heißt als Sklaven
+verkaufen.[^67] Nachdem wir durch die Stromschnellen Tabaje und den
+Raudal Cariven am Einfluß des großen Rio Meta gegangen, langten wir
+wohlbehalten in Carichana an. Der Missionär, Fray Jose Antonio de Torre,
+nahm uns mit der herzlichen Gastfreundschaft auf, die er uns schon bei
+unserem ersten Aufenthalt hatte zu Theil werden lassen. Zu
+astronomischen Beobachtungen war der Himmel nicht günstig; in den großen
+Katarakten hatten wir wieder welche gemacht, aber von dort bis zum
+Einfluß des Apure mußte man darauf verzichten. In Carichana konnte
+Bonpland zu seiner Befriedigung eine neun Fuß lange Seekuh seciren. Es
+war ein Weibchen und ihr Fleisch glich dem Rindfleisch. Ich habe oben
+vom Fang dieses grasfressenden Wassersäugethiers gesprochen.[^68] Die
+Piraoas, von denen einige Familien in der Mission Carichana leben,
+verabscheuen dieses Thier so sehr, daß sie sich versteckten um es nicht
+anrühren zu müssen, als es in unsere Hütte geschafft wurde. Sie
+behaupten, »die Leute ihres Stammes sterben unfehlbar, wenn sie davon
+essen«. Dieses Vorurtheil ist desto auffallender, da die Nachbarn der
+Pitaoas, die Guamos und Otomacos, nach dem Seekuhfleisch sehr lüstern
+sind. Wir werden bald sehen, daß in diesem Gewirre von Völkerschaften
+das Fleisch des Krokodils bald verabscheut, bald stark gesucht ist.
+
+Ich erwähne hier eines wenig bekannten Umstandes, als Beitrag zur
+Geschichte der Seekuh. Südlich vom Meerbusen von Xagua auf Cuba, mehrere
+Seemeilen von der Küste, sind Quellen süßen Wassers mitten im Meer. Man
+erklärt sich dieselben aus einem hydrostatischen Druck von den hohen
+Gebirgen von Trinidad herab durch unterirdische Canäle. Kleine Fahrzeuge
+nehmen in diesem Strich zuweilen Wasser ein, und was sehr merkwürdig
+ist, große Seekühe halten sich dort auf. Ich habe die Forscher bereits
+darauf aufmerksam gemacht, daß die Krokodile aus den Flußmündungen weit
+in die See hinausgehen. Bei den alten Umwälzungen unseres Planeten mögen
+ähnliche Umstände das sonderbare Gemenge von Knochen und von
+Versteinerungen, die der See, und solchen, die dem süßen Wasser
+angehören, wie es in manchen neuen Formationen vorkommt, verursacht
+haben.
+
+Der Aufenthalt in Carichana kam uns sehr zu statten, um uns von unsern
+Strapazen zu erholen. Bonpland trug den Keim einer schweren Krankheit in
+sich; er hätte dringend der Ruhe bedurft, da aber das
+Nebenfluß-Delta[^69] zwischen dem Horeda und dem Paruasi mit dem
+üppigsten Pflanzenwuchse bedeckt ist, konnte er der Lust nicht
+widerstehen, große botanische Excursionen zu machen, und wurde den Tag
+über mehrere male durchnäßt. Im Hause des Missionärs wurde für alle
+unsere Bedürfnisse zuvorkommend gesorgt; man verschaffte uns Maismehl,
+sogar Milch. Die Kühe geben in den Niederungen der heißen Zone reichlich
+Milch, und es fehlt nirgends daran, wo es gute Weiden gibt. Ich erwähne
+dieß ausdrücklich, weil in Folge örtlicher Verhältnisse im indischen
+Archipelagus das Vorurtheil verbreitet ist, als ob ein heißes Klima auf
+die Milchabsonderung ungünstig wirkte. Es begreift sich, daß die
+Eingeborenen des neuen Continents sich aus der Milch nicht viel machen,
+da das Land ursprünglich keine Thiere hatte, welche Milch geben; aber
+billig wundert man sich, daß die ungeheure chinesische Bevölkerung, die
+doch großentheils außerhalb der Tropen unter denselben Breiten wie die
+nomadischen Stämme in Centralasien lebt, eben so gleichgültig dagegen
+ist. Wenn die Chinesen einmal ein Hirtenvolk waren, wie geht es zu, daß
+sie Sitten und einem Geschmack, die ihrem früheren Zustande so ganz
+angemessen sind, ungetreu geworden? Diese Fragen scheinen mir von großer
+Bedeutung sowohl für die Geschichte der Völker von Ostasien als
+hinsichtlich der alten Verbindungen die, wie man glaubt, zwischen diesem
+Welttheil und dem nördlichen Mexico stattgefunden haben können.
+
+Wir fuhren in zwei Tagen den Orinoco von Carichana zur Mission Uruana
+hinab, nachdem wir wieder durch den vielberufenen Engpaß beim Baraguan
+gegangen[^70] Wir hielten öfters an, um die Geschwindigkeit des Stroms
+und seine Temperatur an der Oberfläche zu messen. Letztere betrug 27°4,
+die Geschwindigkeit 2 Fuß in der Secunde (62 Toisen in 3 Minuten 6
+Secunden), an Stellen, wo das Bett des Orinoco über 12,000 Fuß breit und
+10 bis 12 Faden tief war. Der Fall des Flusses ist allerdings von den
+Katarakten bis Angostura höchst unbedeutend,[^71] und ohne barometrische
+Messung ließe sich der Höhenunterschied ungefähr schätzen, wenn man von
+Zeit zu Zeit die Geschwindigkeit und die Breite und Tiefe des
+Stromstücks mäße. In Uruana konnten wir einige Sternbeobachtungen
+machen. Ich fand die Breite der Mission gleich 7°8′, da aber die
+verschiedenen Sterne abweichende Resultate gaben, blieb sie um mehr als
+eine Minute unsicher. Die Moskitoschicht am Boden war so dicht, daß ich
+mit dem Richten des künstlichen Horizonts nicht fertig werden konnte,
+und ich bedauerte, nicht mit einem Quecksilberhorizont versehen zu seyn.
+Am 7. Juni erhielt ich durch gute absolute Sonnenhöhen eine Länge von
+69°40′. Seit Esmeralda waren wir um 1 Grad 17 Minuten gegen West
+vorgerückt, und diese chronometrische Bestimmung verdient volles
+Zutrauen, weil wir auf dem Hin- und dem Herweg, in den großen Katarakten
+und an den Mündungen des Atabapo und des Apure beobachtet hatten.
+
+Die Mission Uruana ist ungemein malerisch gelegen; das kleine
+indianische Dorf lehnt sich an einen hohen Granitberg. Ueberall steigen
+Felsen wie Pfeiler über dem Walde auf und ragen über die höchsten
+Baumwipfel empor. Nirgends nimmt sich der Orinoco majestätischer aus als
+bei der Hütte des Missionärs Fray Ramon Bueno. Er ist hier über 2600
+Toisen breit und läuft gerade gegen Ost, ohne Krümmung, wie ein
+ungeheurer Canal. Durch zwei lange, schmale Inseln (Isla de Uruana und
+Isla vieja de la Manteca) wird das Flußbett noch ausgedehnter; indessen
+laufen die Ufer parallel und man kann nicht sagen, der Orinoco theile
+sich in mehrere Arme.
+
+Die Mission ist von Otomacos bewohnt, einem versunkenen Stamm, an dem
+man eine der merkwürdigsten physiologischen Erscheinungen beobachtet.
+Die Otomaken essen Erde, das heißt sie verschlingen sie mehrere Monate
+lang täglich in ziemlich bedeutender Menge, um den Hunger zu
+beschwichtigen, ohne daß ihre Gesundheit dabei leidet. Diese
+unzweifelhafte Thatsache hat seit meiner Rückkehr nach Europa lebhaften
+Widerspruch gefunden, weil man zwei ganz verschiedene Sätze: Erde essen,
+und sich von Erde nähren, zusammenwarf. Wir konnten uns zwar nur einen
+einzigen Tag in Uruana aufhalten, aber dieß reichte hin, um die
+Bereitung der Poya (der Erdkugeln) kennen zu lernen, die Vorräthe,
+welche die Eingeborenen davon angelegt, zu untersuchen und die Quantität
+Erde, die sie in 24 Stunden verschlingen, zu bestimmen. Uebrigens sind
+die Otomaken nicht das einzige Volk am Orinoco, bei dem Thon für ein
+Nahrungsmittel gilt. Auch bei den Guamos findet man Spuren von dieser
+Verirrung des Nahrungstriebs, und zwischen den Einflüssen des Meta und
+des Apure spricht Jedermann von der Geophagie als von etwas
+Altbekanntem. Ich theile hier nur mit, was wir mit eigenen Augen gesehen
+oder aus dem Munde des Missionärs vernommen, den ein schlimmes Geschick
+dazu verurtheilt hat, zwölf Jahre unter dem wilden, unruhigen Volke der
+Otomaken zu leben.
+
+Die Einwohner von Uruana gehören zu den Savanenvölkern (Indios
+andantes), die schwerer zu civilisiren sind als die Waldvölker (Indios
+del monte), starke Abneigung gegen den Landbau haben und fast
+ausschließlich von Jagd und Fischfang leben. Es sind Menschen von sehr
+starkem Körperbau, aber häßlich, wild, rachsüchtig, den gegohrenen
+Getränken leidenschaftlich ergeben. Sie sind im höchsten Grad »omnivore
+Thiere«; die andern Indianer, die sie als Barbaren ansehen, sagen daher
+auch, »nichts sey so ekelhaft, das ein Otomake nicht esse.« So lange das
+Wasser im Orinoco und seinen Nebenflüssen tief steht, leben die Otomaken
+von Fischen und Schildkröten. Sie schießen jene mit überraschender
+Fertigkeit mit Pfeilen, wenn sie sich an der Wasserfläche blicken
+lassen. Sobald die Anschwellungen der Flüsse erfolgen, die man in
+Südamerika wie in Aegypten und Nubien irrthümlich dem Schmelzen des
+Schnees zuschreibt, und die in der ganzen heißen Zone periodisch
+eintreten, ist es mit dem Fischfang fast ganz vorbei. Es ist dann so
+schwer, in den tiefen Flüssen Fische zu bekommen, als auf offener See.
+Die armen Missionäre am Orinoco haben gar oft keine, weder an Fasttagen,
+noch an Nichtfasttagen, obgleich alle jungen Indianer im Dorf
+verpflichtet sind, »für das Kloster zu fischen«. Zur Zeit der
+Ueberschwemmungen nun, die zwei bis drei Monate dauern, verschlingen die
+Otomaken Erde in unglaublicher Masse. Wir fanden in ihren Hütten
+pyramidalisch aufgesetzte, 3—4 Fuß hohe Kugelhaufen; die Kugeln hatten
+3—4 Zoll im Dnrchmesser. Die Erde, welche die Otomaken essen, ist ein
+sehr feiner, sehr fetter Letten; er ist gelbgrau, und da er ein wenig am
+Feuer gebrannt wird, so sticht die harte Kruste etwas ins Rothe, was vom
+darin enthaltenen Eisenoxyd herrührt. Wir haben von dieser Erde, die wir
+vom Wintervorrath der Indianer genommen, mitgebracht. Daß sie
+specksteinartig sey und Magnesia enthalte, ist durchaus unrichtig.
+Vauquelin fand keine Spur davon darin, dagegen mehr Kieselerde als
+Alaunerde und 3—4 Procent Kalk.
+
+Die Otomaken essen nicht jede Art Thon ohne Unterschied; sie suchen die
+Alluvialschichten auf, welche die fetteste, am feinsten anzufühlende
+Erde enthalten. Ich fragte den Missionär, ob man den befeuchteten Thon
+wirklich, wie Pater Gumilla behauptet, die Art von Zersetzung
+durchmachen lasse, wobei sich Kohlensäure und Schwefelwasserstoff
+entwickeln, und die in allen Sprachen faulen heißt; er versicherte uns
+aber, die Eingeborenen lassen den Thon niemals faulen, und vermischen
+ihn auch weder mit Maismehl, noch mit Schildkrötenöl oder Krokodilfett.
+Wir selbst haben schon am Orinoco und nach unserer Heimkehr in Paris die
+mitgebrachten Kugeln untersucht und keine Spur einer organischen, sey es
+mehligten oder öligten Substanz darin gefunden. Dem Wilden gilt Alles
+für nahrhaft, was den Hunger beschwichtigt; fragt man daher den
+Otomaken, von was er in den zwei Monaten, wo der Fluß am vollsten ist,
+lebe, so deutet er auf seine Lettenkugeln. Er nennt sie seine
+Hauptnahrung, denn in dieser Zeit bekommt er nur selten eine Eidechse,
+eine Farnwurzel, einen todten Fisch, der auf dem Wasser schwimmt. Ißt
+nun der Indianer zwei Monate lang Erde aus Noth (und zwar ¾ bis ⁵⁄₄
+Pfund in vierundzwanzig Stunden), so läßt er sie sich doch auch das
+übrige Jahr schmecken. In der trockenen Jahreszeit, beim ergiebigsten
+Fischfang, reibt er seine Poyaklöße und mengt etwas Thon unter seine
+Speisen. Das Auffallendste ist, daß die Otomaken nicht vom Fleische
+fallen, solange sie Erde in so bedeutender Menge verzehren. Sie sind im
+Gegentheil sehr kräftig und haben keineswegs einen gespannten,
+aufgetriebenen Bauch. Der Missionär Fray Ramon Bueno versichert, er habe
+nie bemerkt, daß die Gesundheit der Eingeborenen während der
+Ueberschwemmung des Orinoco eine Störung erlitten hätte.
+
+Das Thatsächliche, das wir ermitteln konnten, ist ganz einfach
+Folgendes. Die Otomaken essen mehrere Monate lang täglich dreiviertel
+Pfund am Feuer etwas gehärteten Letten, ohne daß ihre Gesundheit dadurch
+merklich leidet. Sie netzen die Erde wieder an, bevor sie sie
+verschlucken. Es ließ sich bis jetzt nicht genau ermitteln, wie viel
+nährende vegetabi- lische oder thierische Substanz sie während dieser
+Zeit in der Woche zu sich nehmen; so viel ist aber sicher, sie selbst
+schreiben ihr Gefühl der Sättigung dem Letten zu und nicht den
+kümmerlichen Nahrungsmitteln, die sie von Zeit zu Zeit daneben genießen.
+Keine physiologische Erscheinung steht für sich allein da, und so wird
+es nicht ohne Interesse seyn, wenn ich mehrere ähnliche Erscheinungen,
+die ich zusammengebracht, hier bespreche.
+
+In der heißen Zone habe ich aller Orten bei vielen Individuen, bei
+Kindern, Weibern, zuweilen aber auch bei erwachsenen Männern einen
+abnormen, fast unwiderstehlichen Trieb bemerkt, Erde zu essen,
+keineswegs alkalische oder kalkhaltige Erde, um (wie man gemeiniglich
+glaubt) saure Säfte zu neutralisiren, sondern einen fetten,
+schlüpfrigen, stark riechenden Thon. Oft muß man den Kindern die Hände
+binden oder sie einsperren, um sie vom Erdeessen abzuhalten, wenn der
+Regen aufhört. Im Dorfe Banco am Magdalenenstrom sah ich indianische
+Weiber, die Töpfergeschirr verfertigen, fortwährend große Stücke Thon
+verzehren. Dieselben waren nicht schwanger und versicherten, »die Erde
+sey eine Speise, die ihnen nicht schade.« Bei andern amerikanischen
+Völkerschaften werden die Menschen bald krank und zehren aus, wenn sie
+sich von der Sucht, Thon zu verschlucken, zu sehr hinreißen lassen. In
+der Mission San Borja sahen wir ein Kind von der Nation der Guahibos,
+das mager war wie ein Skelett. Die Mutter ließ uns durch den Dolmetscher
+sagen, diese Abzehrung komme von unordentlicher Eßlust her. Seit vier
+Monaten wollte das kleine Mädchen fast nichts Anderes zu sich nehmen als
+Letten. Und doch sind es nur 25 Meilen von San Borja nach Uruana, wo der
+Stamm der Otomaken wohnt, die, ohne Zweifel in Folge allmähliger
+Angewöhnung, die Poya ohne Nachtheil verschlucken. Pater Gumilla
+behauptet, trete bei den Otomaken Verstopfung ein, so führen sie mit
+Krokodilöl, oder vielmehr mit geschmolzenem Krokodilfett ab; aber der
+Missionär, den wir bei ihnen antrafen, wollte hievon nichts wissen. Man
+fragt sich, warum in kalten und gemäßigten Himmelsstrichen die Sucht
+Erde zu essen weit seltener ist als in der heißen Zone, warum sie in
+Europa nur bei schwangern Weibern und schwächlichen Kindern vorkommt?
+Dieser Unterschied zwischen der heißen und der gemäßigten Zone rührt
+vielleicht nur von der Trägheit der Function des Magens in Folge der
+starken Hautausdünstung her. Man meinte die Beobachtung zu machen, daß
+bei den afrikanischen Sklaven der abnorme Trieb Erde zu essen zunimmt
+und schädlicher wird, wenn sie auf reine Pflanzenkost gesetzt werden und
+man ihnen die geistigen Getränke entzieht. Wird durch letztere das
+Lettenessen weniger schädlich, so hätte man den Otomaken beinahe Glück
+dazu zu wünschen, daß sie so große Trunkenbolde sind.
+
+Auf der Küste von Guinea essen die Neger als Leckerbissen eine
+gelblichte Erde, die sie Caouac nennen. Die nach Amerika gebrachten
+Sklaven suchen sich denselben Genuß zu verschaffen, aber immer auf
+Kosten ihrer Gesundheit. Sie sagen, »die Erde auf den Antillen sey nicht
+so verdaulich, wie die in ihrem Landes.« Thibaut de Chanvalon äußert in
+seiner Reise nach Martinique über diese pathologische Erscheinung sehr
+richtig: »Eine andere Ursache des Magenwehs ist, daß manche Neger, die
+von der Küste von Guinea herüberkommen, Erde essen. Es ist dieß bei
+ihnen nicht verdorbener Geschmack oder Folge einer Krankheit, sondern
+Gewöhnung von Afrika her, wo sie, wie sie sagen, eine gewisse Erde
+essen, die ihnen wohlschmeckt, und zwar ohne davon belästigt zu werden.
+Auf unsern Inseln sehen sie sich nun nach der Erde um, die jener am
+nächsten kommt, und greifen zu einem rothgelben (vulkanischen) Tuff. Man
+verkauft denselben heimlich auf den Märkten, ein Mißbrauch, dem die
+Polizei steuern sollte. Die Neger, welche diese Unsitte haben, sind so
+lüstern nach Caouac, daß keine Strafe sie vom Genuß desselben abzuhalten
+vermag.«
+
+Im indischen Archipel, auf Java, sah Labillardière zwischen Sourabaya
+und Samarang kleine viereckigte, röthlichte Kuchen verkaufen. Diese
+Kuchen, Tanaampo genannt, waren Waffeln aus leicht geröstetem Thon, den
+die Eingeborenen mit Appetit verzehren. Da seit meiner Rückkehr vom
+Orinoco die Physiologen auf diese Erscheinungen von Geophagie aufmerksam
+geworden waren, so machte Leschenault (einer der Naturforscher bei der
+Entdeckungsreise nach Australien unter Capitän Baudin) interessante
+Angaben über den Tanaampo oder Ampo der Javaner. »Man legt,« sagt er,
+»den röthlichten, etwas eisenschüssigen Thon, den die Einwohner von Java
+zuweilen als Leckerei genießen, in kleinen Rollen, in der Form wie die
+Zimmtrinde, auf eine Blechplatte und röstet ihn; in dieser Form heißt er
+Ampo und ist auf dem Markte feil. Die Substanz hat einen eigenthümlichen
+Geschmack, der vom Rösten herrührt; sie ist stark absorbirend, klebt an
+der Zunge und macht sie trocken. Der Ampo wird fast nur von den
+javanesischen Weibern gegessen, entweder in der Schwangerschaft, oder
+weil sie mager werden wollen, denn Mangel an Körperfülle gilt dort zu
+Lande für schön. Der Erdegenuß ist der Gesundheit nachtheilig; die
+Weiber verlieren allmählich die Eßlust und nehmen nur mit Widerwillen
+sehr wenig Speise zu sich. Aber der Wunsch, mager und schlank zu
+bleiben, läßt sie aller Gefahr trotzen und erhält den Ampo bei Credit.««
+— Auch die barbarischen Bewohner von Neu-Caledonien essen zur Zeit der
+Noth, um den Hunger zu beschwichtigen, mächtige Stücke eines weißen,
+zerreiblichen Topfsteins. Vauquelin fand darin bei der Analyse, neben
+Magnesia und Kieselerde zu gleichen Theilen, eine kleine Menge
+Kupferoxyd. Eine Erde, welche Golberry die Neger in Afrika auf den
+Inseln Bunck und los Idolos essen sah und von der er ohne Beschwerde
+selbst gegessen, ist gleichfalls ein weißer, zerreiblicher Speckstein.
+Alle diese Fälle gehören der heißen Zone an; überblickt man sie, so muß
+es auffallen, daß ein Trieb, von dem man glauben sollte, die Natur werde
+ihn nur den Bewohnern der unfruchtbarsten Landstriche eingepflanzt
+haben, bei verwilderten, trägen Völkern vorkommt, die gerade die
+herrlichsten, fruchtbarsten Länder der Erde bewohnen. In Popayan und
+mehreren Gebirgsstrichen von Peru sahen wir auf offenem Markte an die
+Eingeborenen unter andern Waaren auch sehr fein gepulverten Kalk
+verkaufen. Man mengt dieses Pulver mit Coca, das heißt mit den Blättern
+des Erythroxylon peruvianum. Bekanntlich nehmen die indianischen
+Botenläufer mehrere Tage lang keine andere Nahrung zu sich als Kalk und
+Coca; beide befördern die Absonderung des Speichels und des Magensaftes;
+sie benehmen die Eßlust, ohne dem Körper Nahrungsstoff zuzuführen.
+Anderswo in Südamerika, am Rio de la Hacha, verschlucken die Guajiros
+nur den Kalk ohne Zusatz von Pflanzenstoff. Sie führen beständig eine
+kleine Büchse mit Kalk bei sich, wie wir die Tabaksdose und die Asiaten
+die Betelbüchse. Diese amerikanische Sitte war schon den ersten
+spanischen Seefahrern auffallend erschienen. Der Kalk schwärzt die
+Zähne, und im ostindischen Archipel, wie bei manchen amerikanischen
+Horden, gelten schwarze Zähne für schön. Im kalten Landstrich des
+Königreichs Quito essen in Tigua die Eingeborenen täglich aus Leckerei
+und ohne Beschwerde einen sehr feinen, mit Quarzsand gemengten Thon.
+Dieser Thon macht das Wasser, in dem er suspendirt ist, milchigt. Man
+sieht in ihren Hütten große Gefäße mit diesem Wasser, das als Getränke
+dient und bei den Indianern agua oder leche de Llanka. (Thonmilch)
+heißt.
+
+Ueberblickt man alle diese Fälle, so zeigt sich, daß dieser abnorme
+Trieb zum Genuß von Thonerde, Talkerde und Kalk am häufigsten bei
+Bewohnern der heißen Zone vorkommt, daß er nicht immer Krankheit zur
+Folge hat, und daß manche Stamme Erde aus Leckerei essen, während andere
+(die Otomaken in Amerika und die Neu-Caledonier in der Südsee) sie aus
+Noth verzehren, um den Hunger zu beschwichtigen. Aus sehr vielen
+physiologischen Erscheinungen geht hervor, daß der Hunger augenblicklich
+gestillt werden kann, ohne daß die Substanzen, die man der Wirkung der
+Verdauungsorgane unterwirft, eigentlich nahrhaft sind. Der Letten der
+Otomaken, der aus Thonerde und Kieselerde besteht, enthält
+wahrscheinlich nichts oder so gut wie nichts was zur Bildung der Organe
+des Menschen beiträgt. Kalkerde und Talkerde sind enthalten in den
+Knochen, in der Lymphe des Brustgangs, im Farbstoff des Bluts und in den
+weißen Haaren; Kieselerde in sehr kleiner Menge in den schwarzen Haaren
+und, nach Vauquelin, Thonerde nur in ein paar Atomen in den Knochen,
+obgleich sie in vielen Pflanzenstoffen, die uns als Nahrung dienen, in
+Menge vorkommt. Es ist beim Menschen nicht wie bei belebten Wesen auf
+niedrigerer Organisationsstufe. Bei jenem werden nur die Stoffe
+assimilirt, aus denen die Knochen, die Muskeln, das Nervenmark und das
+Gehirn wesentlich zusammengesetzt sind; die Gewächse dagegen saugen aus
+dem Boden die Salze auf, die sich zufällig darin vorfinden, und die
+Beschaffenheit ihres Fasergewebes richtet sich nach dem Wesen der
+Erdarten, die an ihrem Standort die vorherrschenden sind. Es ist ein
+Punkt, der zur eifrigsten Forschung auffordert und der auch mich schon
+lange beschäftigt hat, daß so wenige einfache Stoffe (Erden und Metalle)
+in den Geweben der belebten Wesen enthalten sind, und daß nur sie
+geeignet scheinen, den chemischen Lebensproceß, wenn man so sagen darf,
+zu unterhalten.
+
+Das Gefühl des Hungers und das unbestimmte Schwächegefühl in Folge von
+Nahrungsmangel und andern pathologischen Ursachen sind nicht zu
+verwechseln. Das Gefühl des Hungers hört auf, lange bevor die Verdauung
+vorüber oder der Chymus in Chylus verwandelt ist. Es hört auf entweder
+weil die Nahrungsstoffe auf die Magenwände tonisch wirken, oder weil der
+Verdauungsapparat mit Stoffen gefüllt ist, welche die Schleimhäute zu
+reichlicher Absonderung des Magensaftes reizen. Diesem tonischen
+Eindruck auf die Magennerven kann man die rasche heilsame Wirkung der
+sogenannten nährenden Arzneimittel zuschreiben, der Chocolate und aller
+Stoffe, die gelinde reizen und zugleich nähren. Für sich allein
+gebraucht ist ein Nahrungsstoff (Stärkmehl, Gummi oder Zucker) zur
+Assimilation und zum Ersatz der Verluste, welche der menschliche Körper
+erlitten, weniger geeignet, weil es dabei an einem Nervenreiz fehlt. Das
+Opium, das nicht nährt, wird in Asien mit Erfolg bei großer Hungersnoth
+gebraucht: es wirkt als tonisches Mittel. Ist aber der Stoff, der den
+Magen füllt, weder als ein Nahrungsmittel, das heißt als assimilirbar,
+noch als ein tonischer Nervenreiz zu betrachten, so rührt die
+Beschwichtigung des Hungers wahrscheinlich von der reichlichen
+Absonderung des Magensaftes her. Wir berühren hier ein Gebiet der
+Physiologie, auf dem noch Manches dunkel ist. Der Hunger wird
+beschwichtigt, das unangenehme Gefühl der Leere hört auf, so bald der
+Magen angefüllt ist. Man sagt, der Magen müsse Ballast haben; in allen
+Sprachen gibt es figürliche Ausdrücke für die Vorstellung, daß eine
+mechanische Ausdehnung des Magens ein angenehmes Gefühl verursacht. Zum
+Theil noch in ganz neuen physiologischen Werken ist von der
+schmerzhaften Zusammenziehung des Magens im Hunger, von der Reibung der
+Magenwände an einander, von der Wirkung des sauren Magensaftes auf das
+Gewebe der Verdauungsorgane die Rede. Bichats Beobachtungen, besonders
+aber Magendies interessante Versuche widersprechen diesen veralteten
+Vorstellungen. Nach 24-, 48-, sogar 60stündiger Entziehung aller
+Nahrungsmittel beobachtet man noch keine Zusammenziehung des Magens;
+erst am vierten und fünften Tag scheinen die Dimensionen des Organs
+etwas abzunehmen. Je länger die Nahrungsentziehung dauert, desto mehr
+vermindert sich der Magensaft. Derselbe häuft sich keineswegs an, er
+wird vielmehr wahrscheinlich wie ein Nahrungsmittel verdaut. Läßt man
+Katzen oder Hunde einen unverdaulichen Körper, zum Beispiel einen
+Kiesel, schlucken, so wird in die Magenhöhle in Menge eine schleimigte,
+saure Flüssigkeit ausgesondert, die nach ihrer Zusammensetzung dem
+menschlichen Magensaft nahe steht. Nach diesen Thatsachen scheint es mir
+wahrscheinlich, daß, wenn der Mangel an Nahrungsstoff die Otomaken und
+die Neu-Caledonier antreibt, einen Theil des Jahres hindurch Thon und
+Speckstein zu verschlingen, diese Erden im Verdauungsapparat dieser
+Menschen eine vermehrte Absonderung der eigenthümlichen Säfte des Magens
+und der Bauchspeicheldrüse zur Folge haben. Meine Beobachtungen am
+Orinoco wurden in neuester Zeit durch direkte Versuche zweier
+ausgezeichneter junger Physiologen, Hippolyt Cloquet und Breschet,
+bestätigt. Sie ließen sich hungrig werden und aßen dann fünf Unzen eines
+grünlich silberfarbigen, blättrigen, sehr biegsamen Talks, und eine
+Nahrung, an welche ihre Organe so gar nicht gewöhnt waren, verursachte
+ihnen keine Beschwerde. Bekanntlich werden im Orient Bolus und
+Siegelerde von Lemnos, die Thon mit Eisenoxyd sind, noch jetzt stark
+gebraucht. In Deutschland streichen die Arbeiter in den Sandsteinbrüchen
+am Kiffhäuser, statt der Butter, einen sehr seinen Thon, den sie
+Steinbutter[^72] nennen, auf ihr Brod. Derselbe gilt bei ihnen für sehr
+sättigend und leicht verdaulich.
+
+Wenn einmal in Folge der Aenderungen, welche der Verfassung der
+spanischen Colonien bevorstehen, die Missionen am Orinoco häufiger von
+unterrichteten Reisenden besucht werden, so wird man genau ermitteln,
+wie viele Tage die Otomaken leben können, ohne neben der Erde wirklichen
+thierischen oder vegetabilischen Nahrungsstoff zu sich zu nehmen. Es ist
+eine bedeutende Menge Magensaft und Saft der Bauchspeicheldrüse
+erforderlich, um eine solche Masse Thon zu verdauen oder vielmehr
+einzuhüllen und mit dem Koth auszutreiben. Daß die Absonderung dieser
+Säfte, welche bestimmt sind, sich mit dem Thymus zu verbinden, durch den
+Thon im Magen und im Darm gesteigert wird, ist leicht zu begreifen; wie
+kommt es aber, daß eine so reichliche Secretion, die dem Körper
+keineswegs neue Bestandtheile zuführt, sondern nur Bestandtheile, die
+auf andern Wegen bereits da sind, anderswohin schafft, auf die Länge
+kein Gefühl der Erschöpfung zur Folge hat? Die vollkommene Gesundheit,
+deren die Otomaken genießen, so lange sie sich wenig Bewegung machen und
+sich auf so ungewöhnliche Weise nähren, ist eine schwer zu erklärende
+Erscheinung. Man kann sie nur einer durch lange Geschlechtsfolge
+erworbenen Gewöhnung zuschreiben. Der Verdauungsapparat ist sehr
+verschieden gebaut, je nachdem die Thiere ausschließlich von Fleisch
+oder von Pflanzenstoff leben; wahrscheinlich ist auch der Magensaft
+verschieden, je nachdem er thierische oder vegetabilische Substanzen zu
+verdauen hat, und doch bringt man es allmählig dahin, daß
+Pflanzenfresser und Fleischfresser ihre Kost vertauschen, daß jene
+Fleisch, diese Körner fressen. Der Mensch kann sich daran gewöhnen,
+ungemein wenig Nahrung zu sich zu nehmen, und zwar ohne Sehmerzgefühl,
+wenn er tonische oder reizende Mittel anwendet (verschiedene
+Arzneimittel, kleine Mengen Opium, Betel, Tabak, Cocablätter), oder wenn
+er von Zeit zu Zeit den Magen mit erdigen, geschmacklosen, für sich
+nicht nährenden Stoffen anfüllt. Gleich dem wilden Menschen verschlucken
+auch manche Thiere im Winter aus Hunger Thon oder zerreiblichen
+Speckstein, namentlich die Wölfe im nordöstlichen Europa, die
+Rennthiere, und, nach Patrins Beobachtung, die Rehe in Sibirien. Am
+Jenisei und Amur brauchen die russischen Jäger einen Thon, den sie
+Felsbutter nennen, als Köder. Die Thiere wittern den Thon von weitem,
+sie riechen ihn gerne, wie die Weiber in Spanien und Portugal den
+Bucaros-Thon,[^73] die sogenannten wohlriechenden Erden (tierras
+olorosas). Brown erzählt in seiner Geschichte von Jamaica, die Krokodile
+in Südamerika verschlingen kleine Steine oder Stücke sehr harten Holzes,
+wenn die Seen, in denen sie leben, ausgetrocknet sind oder sie sonst
+keine Nahrung finden. Im Magen eines eilf Fuß langen Krokodils, das
+Bonpland und ich in Batallez am Magdalenenstrom zergliederten, fanden
+wir halbverdaute Fische und runde, drei bis vier Zoll starke
+Granitstücke. Es ist nicht anzunehmen, daß die Krokodile diese Steine
+zufällig verschlucken, denn wenn sie die Fische unten im Strome packen,
+ruht ihre untere Kinnlade nicht auf dem Boden. Die Indianer haben die
+abgeschmackte Idee ausgeheckt, diese trägen Thiere machen sich gerne
+schwerer, um leichter zu tauchen. Ich glaube vielmehr, sie nehmen große
+Kiesel in den Magen auf, um dadurch eine reichliche Absonderung des
+Magensaftes herbeizuführen. Magendies Versuche sprechen für diese
+Auffassung. Was die Gewohnheit der körnerfressenden Vögel, namentlich
+der hühnerartigen und der Strauße betrifft, Sand und kleine Steine zu
+verschlucken, so hat man sie bisher dem instinktmäßigen Trieb der Thiere
+zugeschrieben, die Zerreibung der Nahrung in ihrem dicken Muskelmagen zu
+beschleunigen.
+
+Wir haben oben gesehen, daß Negerstämme am Gambia Thon unter ihren Reis
+mischen; vielleicht hatten früher manche Familien der Otomaken den
+Brauch, Mais und andere mehligte Samen in ihrer Poya »faulen« zu lassen,
+um Erde und stärkemehlhaltigen Stoff zugleich zu genießen; vielleicht
+ist es eine unklare Beschreibung einer solchen Zubereitung, wenn Pater
+Gumilla im ersten Band seines Werkes behauptet, »die Guamos und Otomacos
+nähren sich nur deßhalb von Erde, weil dieselbe mit substancia del maiz
+und Kaimanfett getränkt sey.« Ich habe schon oben erwähnt, daß weder der
+gegenwärtige Missionär in Uriana, noch Fray Juan Gonzales, der lange in
+diesen Ländern gelebt, von dieser Vermengung thierischen und
+vegetabilischen Stoffes mit der Poya etwas wissen. Vielleicht hat Pater
+Gumilla die Zubereitung der Erde, welche die Eingeborenen essen, mit
+einem andern Brauche derselben verwechselt (von dem sich Bonpland an Ort
+und Stelle überzeugte), nämlich die Bohnen einer Mimosenart in den Boden
+zu graben, dieselben sich zersetzen zu lassen und ein weißes,
+schmackhaftes, aber schwer verdauliches Brod daraus zu bereiten. Die
+Poyakugeln, die wir dem Wintervorrath der Indianer entnommen,
+enthielten, ich wiederhole es, keine Spur von thierischem Fett oder von
+Stärkmehl. Gumilla ist einer der leichtgläubigsten Reisenden, die wir
+kennen und so sieht man sich fast versucht, an Umstände zu glauben, die
+er meint läugnen zu müssen. Zum Glück nimmt der Jesuit im zweiten Band
+seines Werkes großentheils wieder zurück, was er im ersten behauptet: er
+zweifelt jetzt nicht daran, »daß das Brod der Otomacos und Guamos
+wenigstens (a lo menos) zur Hälfte Thon enthält; er versichert, Kinder
+und Erwachsene essen, ohne Schaden für die Gesundheit, nicht nur dieses
+Brod, sondern auch große Massen reinen Thon (muchos terrones de pura
+greda).« Er sagt weiter, wer davon den Magen beschwert fühle, führe ein
+paar Tage mit Krokodilfett ab, und dieses Fett bringe ihnen die Eßlust
+wieder, so daß sie von neuem bloße Erde essen können. Ich bezweifle, daß
+die Manteca de Caiman ein Abführmittel ist, da sie aber sehr flüssig
+ist, so mag sie die Erde, die nicht mit dem Koth weggeschafft worden
+ist, einhüllen helfen. So viel ist gewiß, daß die Guamos wenn nicht das
+Fett, so doch das Fleisch des Krokodils, das uns weiß und ohne
+Bisamgeruch schien, sehr gerne essen. In Sennaar ist dasselbe, nach
+Burckhardt, gleichfalls gesucht und wird auf dem Markt verkauft.
+
+Ich kann hier Fragen nicht unberührt lassen, die in mehreren
+Abhandlungen, zu denen meine Reise auf dem Orinoco Anlaß gegeben,
+besprochen worden sind. Leschenaut wirft die Frage auf, ob nicht der
+Gebrauch des Ampo (des javanischen Thons) dadurch gute Dienste leisten
+könnte, daß er augenblicklich den Hunger beschwichtigt, wenn man keine
+Nahrungsmittel hat oder zu ungesunden, schädlichen, wenn auch
+organischen Substanzen greifen müßte. Ich glaube, bei Versuchen über die
+Folgen langer Entziehung der Nahrung würde sich zeigen, daß ein Thier,
+das man (nach der Art der Otomaken) Thon verschlucken ließe, weniger zu
+leiden hätte als ein anderes, in dessen Magen man gar keine Nahrung
+brächte. Ein italienischer Physiolog hebt hervor, wie wenig
+phosphorsaure Kalk- und Bittererde, Kieselerde, Schwefel, Natron, Fluor,
+Eisen und Mangan, und dagegen wie viel Kohlensäure, Sauerstoff,
+Stickstoff und Wasserstoff in den festen und flüssigen Theilen des
+menschlichen Körpers enthalten sey, und fragt, ob die Athmung nicht als
+ein fortwährender Ernährungsakt zu betrachten sey, während der
+Verdauungsapparat mit Lehm gefüllt ist? Die chemische Analyse der
+eingeathmeten und der ausgeathmeten Luft spricht nicht für diese
+Annahme. Der Verlust einer sehr kleinen Menge Stickstoff ist schwer zu
+ermitteln, und es ist anzunehmen, daß sich die Funktion des Athmens im
+Allgemeinen darauf beschränkt, Kohlenstoff und Wasserstoff dem Körper zu
+entziehen.
+
+Ein befeuchtetes Gemische von phosphorsaurem und kohlensaurem Kalk kann
+nicht nährend seyn, wie gleichfalls stickstofflose, aber dem organischen
+Reich angehörende Substanzen (Zucker, Gummi, Stärkmehl). Unsere
+Verdauungsapparate sind gleichsam galvanische Säulen, die nicht alle
+Substanzen zerlegen. Die Assimilation hört auf, nicht allein weil die
+Stoffe, die in den Magen gelangen, keine Elemente enthalten, die mit
+denen, aus welchen der menschliche Körper besteht, übereinkommen,
+sondern auch weil die Verdauung (die chemische Zersetzung) nicht alle
+Verbindungen ohne Unterschied in ihren Bereich zieht. Beschäftigt man
+sich übrigens mit solchen allgemeinen physiologischen Problemen, so
+fragt man sich unwillkürlich, wie es mit der Gesellschaft, oder vielmehr
+mit dem Menschengeschlecht stände, wenn der Mensch keine Produkte der
+Organisation und der Lebenskraft als Nahrungsmittel nöthig hätte. Keine
+Gewöhnung kann die Art und Weise der Ernährung wesentlich abändern. Wir
+werden niemals Erde verdauen und assimiliren lernen; seit aber
+Gay-Lussacs und Thenards wichtige Forschungen uns belehrt haben, daß das
+härteste Holz und das Stärkmehl sich nur dadurch unterscheiden, daß die
+Verhältnisse zwischen Sauerstoff, Wasserstoff und Kohlenstoff dort und
+hier ein klein wenig anders sind, wie sollte man da bestreiten, daß es
+der Chemie noch gelingen könnte, jene ungeheuren vegetabilischen Massen,
+jene Gewebe verhärteter Fasern, aus denen die Stämme unserer Waldbäume
+bestehen, in Nahrungsstoff zu verwandeln? Von Belang könnte eine solche
+Entdeckung nur werden, wenn das Verfahren einfach und nicht kostspielig
+wäre; unter dieser, allerdings keineswegs wahrscheinlichen Voraussetzung
+müßten aber dadurch in der ganzen Verfassung des Gesellschaftskörpers,
+im Taglohn, in der Vertheilung der Bevölkerung über die Erdoberfläche
+die größten Veränderungen eintreten. Einerseits würde der Mensch damit
+unabhängiger, andererseits wäre die nothwendige Folge, daß die Bande der
+Gesellschaft sich lösten und die Grundlagen des Gewerbfleißes und der
+Cultur untergraben würden.
+
+Das kleine Dorf Uruana ist schwerer zu regieren als die meisten andern
+Missionen. Die Otomaken sind ein unruhiges, lärmendes, in seinen
+Leidenschaften ungezügeltes Volk. Nicht nur sind sie dem Genuß der
+gegohrenden Getränke aus Manioc und Mais und des Palmweins im Uebermaß
+ergeben, sie versetzen sich auch noch in einen eigenthümlichen Zustand
+von Rausch, man könnte fast sagen von Wahnsinn, durch den Gebrauch des
+Niopo-Pulvers.[^74] Sie sammeln die langen Schoten einer Mimosenart, die
+wir unter dem Namen Acacia Niopo bekannt gemacht haben; sie reißen sie
+in Stücke, feuchten sie an und lassen sie gähren. Wenn die durchweichten
+Samen anfangen schwarz zu werden, kneten sie dieselben wie einen Teig,
+mengen Maniocmehl und Kalk, der aus der Muschel einer Ampullaria
+gebrannt wird, darunter und setzen die Masse auf einem Rost von hartem
+Holz einem starken Feuer aus. Der erhärtete Teig bildet kleine Kuchen.
+Will man sich derselben bedienen, so werden sie zu seinem Pulver
+zerrieben und dieses auf einen fünf bis sechs Zoll breiten Teller
+gestreut. Der Otomake hält den Teller, der einen Stiel hat, in der
+rechten Hand und zieht das Niopo durch einen gabelförmigen Vogelknochen,
+dessen zwei Enden in die Naslöcher gesteckt sind, in die Nase. Der
+Knochen, ohne den der Otomake diese Art Schnupftaback nicht nehmen zu
+können meinte, ist sieben Zoll lang und es schien mir der
+Fußwurzelknochen eines großen Stelzenläufers zu seyn. Ich habe das Niopo
+sammt dem ganzen seltsamen Apparat Fourcroy in Paris übermacht. Das
+Niopo ist so reizend, daß ganz wenig davon heftiges Niesen verursacht,
+wenn man nicht daran gewöhnt ist. Pater Gumilla sagt, »dieses
+Teufelspulver der Otomaken, das von einem baumartigen Tabak komme,
+berausche sie durch die Naslöcher (emboracha por las narices), raube
+ihnen auf einige Stunden die Vernunft und mache sie im Gefechte rasend.«
+Die Samen, Säfte und Wurzeln der Familie der Schotengewächse haben
+auffallend verschiedene chemische und arzneiliche Eigenschaften; wenn
+aber auch der Saft der Frucht der Mimosa nilotica stark adstringirend
+ist, so ist doch nicht wohl zu glauben, daß die Schote der Acacia Niopo
+dem Tabak der Otomaken zunächst seine reizende Eigenschaft verleiht.
+Dieselbe rührt vielmehr vom frischgebrannten Kalk her. Wir haben oben
+gesehen, daß die Bergbewohner in den Anden von Popayan und die Guajiros,
+die zwischen dem See Maracaybo und dem Rio la Hacha umherziehen, auch
+Kalk verschlucken, und zwar als Reizmittel, um die Absonderung des
+Speichels und des Magensaftes zu befördern.
+
+Dadurch, daß die umständliche Vorrichtung, deren sich die Otomaken zum
+Aufziehen des Niopopulvers bedienen, durch mich nach Europa kam, wurden
+die Gelehrten auf einen ähnlichen Brauch aufmerksam gemacht, den La
+Condamine am obern Maragnon beobachtet hat. Die Omaguas, deren Name
+durch ihre Züge zur Entdeckung des Dorado vielberufen ist, haben
+denselben Teller, dieselben hohlen Vogelknochen, durch die sie ihr
+Curupapulver in die Nase ziehen. Der Samen, von dem dieses Pulver kommt,
+ist ohne Zweifel auch eine Mimose; denn die Otomaken nennen, dem Pater
+Gili, zufolge, noch jetzt, 260 Meilen vom Amazonenstrom, die Acacia
+Niopo Curupa. Seit meinen neuerlichen geographischen Untersuchungen über
+den Schauplatz der Thaten Philipps von Hutten und über die wahre Lage
+der Provinz Papamene[^75] oder der Omaguas hat die Vermuthung einer
+früheren Verbindung zwischen den Otomaken am Orinoco und den Omaguas am
+Amazonenstrom an Bedeutung und Wahrscheinlichkeit gewonnen. Erstere
+kamen vom Rio Meta, vielleicht aus dem Lande zwischen diesem Fluß und
+dem Guaviare; letztere wollen selbst in großer Anzahl über den Rio
+Japura, vom östlichen Abhang der Anden von Neu-Grenada her, an den
+Maragnon gekommen seyn. Nun scheint aber das Land der Omaguas, das die
+Abenteurer von Coro und Tocuyo vergeblich zu erobern suchten, gerade
+zwischen dem Guayavero, der in den Guaviare fällt, und dem Caqueta zu
+liegen, der weiter unten Japura heißt. Allerdings besteht ein
+auffallender Gegensatz zwischen der jetzigen Versunkenheit der Otomaken
+und der früheren Civilisation der Omaguas; vielleicht waren aber nicht
+alle Unterabtheilungen dieser Nation in der Cultur gleich
+vorgeschritten, und an Beispielen, daß Stämme völlig versinken können,
+ist die Geschichte unseres Geschlechts leider nur zu reich. Zwischen
+Otomaken und Omaguas läßt sich noch eine weitere Uebereinstimmung
+bemerklich machen. Beide sind unter den Völkerschaften am Orinoco und am
+Amazonenstrom deßhalb berufen, weil sie vom Cautschuc oder der verdicken
+Milch der Euphorbiaceen und Urticeen so ausgedehnten Gebrauch machen.
+
+Der eigentliche krautartige Tabak,[^76] denn die Missionäre nennen das
+Niopo oder Curupa »Baumtabak,« wird seit unvordenklicher Zeit von allen
+eingeborenen Völkern am Orinoco gebaut; man fand auch bei der Eroberung
+die Sitte des Rauchens in beiden Amerikas gleich verbreitet. Die
+Tamanaken und Maypuren in Guyana umwickeln die Cigarren mit Mais, wie
+bereits die Mexikaner vor Cortes Ankunft gethan. Nach diesem Vorgang
+nehmen die Spanier statt Maisblättern Papier. Die armen Indianer in den
+Wäldern am Orinoco wissen so gut als die großen Herren am Hofe
+Montezumas, daß der Tabaksrauch ein vortreffliches Narcoticum ist; sie
+bedienen sich desselben nicht nur, um ihre Siesta zu halten, sondern
+auch um sich in den Zustand von Quietismus zu versetzen, den sie ein
+»Träumen mit offenen Augen«, »Träumen bei Tag« nennen. In allen
+amerikanischen Missionen wird jetzt, wie mir schien, ungemein wenig
+Tabak verbraucht, und in Neuspanien rauchen die Eingeborenen, die fast
+sämmtlich von der untersten Classe des aztekischen Volkes abstammen, zum
+großen Leidwesen des Fiscus, gar nicht. Pater Gili versichert, den
+Indianern am untern Orinoco sey die Sitte des Tabakkauens unbekannt. Ich
+möchte die Richtigkeit dieser Behauptung bezweifeln; denn die Sercucumas
+am Erevato und Caura, Nachbarn der weißlichten Paparitos, verschlucken,
+wie man mir sagte, zerhackten und mit andern stark reizenden Säften
+getränkten Tabak, wenn sie sich zum Gefechte anschicken. Von den vier
+Nicotianaarten, die in Europa gebaut werden (N. tabacum, N. rustica, N.
+paniculata, und N. glutinosa) sahen wir nur die beiden letzteren wild;
+aber Nicotiana lolaxensis und N. Audicola, die ich in 1850 Toisen
+Meereshöhe auf dem Rücken der Anden gefunden, stehen Nicotiana tabacum
+und rustica sehr nahe. Die ganze Gattung ist übrigens fast
+ausschließlich amerikanisch und die meisten Arten schienen mir dem
+gebirgigten und gemäßigten Landstrich unter den Tropen anzugehören.
+
+Weder aus Virginien noch aus Südamerika, wie irrthümlich in mehreren
+agronomischen und botanischen Schriften steht, sondern aus der
+mexicanischen Provinz Yucatan ist um das Jahr 1559 der erste Tabakssamen
+nach Europa gekommen.[^77]Der Mann, der die Fruchtbarkeit der Ufer des
+Orinoco am lautesten gepriesen, der berühmte Ralegh, hat auch die Sitte
+des Rauchens unter den« nordischen Völkern am meisten befördert. Bereits
+am Schluß des sechzehnten Jahrhunderts beschwerte man sich in England
+bitter über »diese Nachahmung der Gebräuche eines barbarischen Volkes«
+Man fürchtete bei dem überhandnehmenden Tabakrauchen, »ne Anglorum
+corpora in barbarorum naturam degenerent.«[^78]
+
+Wenn sich die Otomaken in Uruana durch den Genuß des Niopo (ihres
+Baumtabaks) und gegohrener Getränke in einen Zustand von Trunkenheit
+versetzt haben, der mehrere Tage dauert, so bringen sie einander um,
+ohne sich mit Waffen zu schlagen. Die bösartigsten vergiften sich den
+Daumennagel mit Curare, und nach der Aussage der Missionäre kann der
+geringste Ritz mit diesem vergifteten Nagel tödtlich werden, wenn das
+Curare sehr stark ist und unmittelbar in die Blutmasse gelangt. Begehen
+die Indianer bei Nacht in Folge eines Zanks einen Todtschlag, so werfen
+sie den Leichnam in den Fluß, weil sie fürchten, es möchten Spuren der
+erlittenen Gewalt an ihm zu bemerken seyn. »So oft ich,« äußerte Pater
+Bueno gegen uns, »die Weiber an einer andern Stelle des Ufers als
+gewöhnlich Wasser schöpfen sehe, vermuthe ich, daß ein Mord in meiner
+Mission begangen worden.«
+
+Wir fanden in Uruana in den Hütten der Indianer denselben
+vegetabilischen Stoff (yesca de hormigas, Ameisenzunder), den wir bei
+den großen Katarakten hatten kennen lernen und den man zum Blutstillen
+braucht. Dieser Zunder, der weniger uneigentlich Ameisennester hieße,
+ist in einem Lande, dessen Bewohner nichts weniger als friedfertig sind,
+sehr gesucht. Eine neue schön smaragdgrüne Art Ameisen (Formica
+spinicollis) sammelt auf den Blättern einer Melastomenart zu ihrem Nest
+einen baumwollenartigen, gelbbraunen, sehr zart anzufühlenden Flaum. Ich
+glaube, daß der »Yesca oder Ameisenzunder« vom obern Orinoco (das Thier
+kommt, wie versichert wird, nur südlich von Apures vor) einmal ein
+Handelsartikel werden kann. Der Stoff ist weit vorzüglicher als die
+»Ameisennester« von Cayenne, die man in Europa in den Hospitälern
+verwendet, die aber schwer zu bekommen sind.
+
+Ungern schieden wir (am 7. Juni) vom Pater Ramon Bueno. Unter den zehn
+Missionären, die wir auf dem ungeheuren Gebiete von Guyana kennen
+gelernt, schien mir nur er auf alle Verhältnisse der eingeborenen
+Völkerschaften zu achten. Er hoffte in Kurzem nach Madrid zurückkehren
+und das Ergebniß seiner Untersuchungen über die Bilder und Züge auf den
+Felsen bei Uruana bekannt machen zu können.
+
+In den Ländern, die wir eben bereist, zwischen dem Meta, Arauca und
+Apure, fand man bei den ersten Entdeckungszügen an den Orinoco, z. B.
+bei dem des Alonzo de Herrera im Jahr 1535, stumme Hunde, von den
+Eingeborenen Maios und Auries genannt. Dieser Umstand ist in mehr als
+Einer Beziehung interessant. Was auch Pater Gili sagen mag, es
+unterliegt keinem Zweifel, daß der Hund in Südamerika einheimisch ist.
+Die verschiedenen indianischen Sprachen haben Namen für das Thier, die
+nicht wohl von europäischen Sprachen herkommen können. Das Wort Auri,
+das Alonzo de Herrera vor dreihundert Jahren nannte, kommt noch jetzt im
+Maypurischen vor. Die Hunde, welche wir am Orinoco gesehen, mögen von
+denen abstammen, welche die Spanier an die Küsten von Caracas gebracht;
+aber nichts desto weniger steht fest, daß es vor der Eroberung in Peru,
+Neu-Grenada und Guyana eine unsern Schäferhunden ähnliche Hunderace gab.
+Der Allco der Eingeborenen in Peru, und fast alle Hunde, die wir in den
+wildesten Strichen von Südamerika angetroffen, bellen häufig; die
+ältesten Geschichtschreiber sprechen aber alle von stummen Hunden
+(perros mudos). Es gibt noch dergleichen in Canada, und, was mir sehr zu
+beachten scheint, die stumme Spielart wurde in Mexico und am Orinoco
+vorzugsweise gegessen. Ein sehr unterrichteter Reisende, Giesecke, der
+sechs Jahre in Grönland gelebt hat, versicherte mich, die Hunde der
+Eskimos, die beständig in freier Luft sind und sich Winters in den
+Schnee graben, bellen auch nicht, sondern heulen wie die Wölfe.[^79]
+
+Gegenwärtig ist der Gebrauch, Hundefleisch zu essen, am Orinoco ganz
+unbekannt; da aber diese Sitte im östlichen Asien ganz allgemein ist,
+scheint mir der Beweis, daß dieselbe früher in den heißen Strichen von
+Guyana und auf der Hochebene von Mexiko zu Hause war, von großem Belang
+für die Völkergeschichte. Ich bemerke auch, daß auf den Grenzen der
+Provinz Durango, am nördlichen Ende von Neuspanien, die
+Cumanches-Indianer noch jetzt große Hunde, die sie auf ihren Zügen
+begleiten, mit ihren Zelten aus Büffelfellen beladen. Bekanntlich dient
+auch am Sklavensee und in Sibirien der Hund gewöhnlich als Last- und
+Zugthier. Ich hebe solche Züge von Uebereinstimmung in den Sitten der
+Völker absichtlich hervor; sie erhalten einiges Gewicht, wenn sie nicht
+für sich allein dastehen, und Aehnlichkeiten im Sprachbau, in der
+Zeitrechnung, im Glauben und den gottesdienstlichen Gebräuchen dazu
+kommen.
+
+Wir übernachteten auf der Insel Cucuruparu, auch Playa de la Tortuga
+genannt, weil die Indianer von Uruana dort Schildkröteneier holen. Es
+ist dieß einer der Punkte am Orinoco, deren Breite am genauesten
+bestimmt ist. Das Glück wollte, daß ich drei Durchgänge von Sternen
+durch den Meridian beobachten konnte. Ostwärts von der Insel ist die
+Mündung des Caño de la Tortuga, der von den Bergen der Cerbatana
+herunter kommt, an denen beständig Gewitterwolken hängen. Am südlichen
+Ufer dieses Caño liegt die fast ganz eingegangene Mission San Miguel de
+la Tortuga. Die Indianer versicherten uns, in der Nähe dieser kleinen
+Mission gebe es eine Menge Fischottern mit sehr feinem Pelz, welche bei
+den Spaniern perritos de agua, Wasserhunde heißen, und, was merkwürdiger
+ist, Eidechsen (lagartos) mit zwei Füßen. Dieser ganze Landstrich
+zwischen dem Rio Cuchivero und der Stromenge am Baragnan sollte einmal
+von einem guten Zoologen besucht werden. Der Lagarto ohne Hinterbeine
+ist vielleicht eine Art Siren, abweichend vom Siren lacertina in
+Carolina. Wäre es ein Saurier, ein eigentlicher »Bimane« (Chirotes,
+Cuvier), so hätten die Eingeborenen das Thier nicht mit einer Eidechse
+verglichen. Außer den Arau-Schildkröten, von denen ich oben ausführlich
+gesprochen,[^80] leben am Orinoco zwischen Uruana und Encaramada auch
+Landschildkröten, die sogenannten Morocoi, in zahlloser Menge. In der
+großen Sonnenhitze und Trockenheit stecken diese Thiere, ohne zu
+fressen, unter Steinen oder in Löchern, die sie gegraben. Erst wenn sie
+nach den ersten Regen spüren, daß die Erde feucht wird, kommen sie aus
+ihrem Versteck hervor und fangen wieder an zu fressen. Die Terekays oder
+Tajelus, Süßwasserschildkröten, haben dieselbe Lebensweise. Ich habe
+schon oben vom Sommerschlaf mancher Thiere unter den Tropen
+gesprochen.[^81] Die Eingeborenen kennen die Löcher, in denen die
+Schildkröten im ausgetrockneten Boden schlafen, und graben sie 15—18
+Zoll tief in Menge auf einmal aus. Nach Pater Gili, der solches mit
+angesehen, ist dieß nicht gefahrlos, weil sich im Sommer häufig
+Schlangen mit den Terekays eingraben.
+
+Von der Insel Cucuruparu hatten wir bis zur Hauptstadt von Guyana,
+gemeiniglich Angostura genannt, noch neun Tage zu fahren; es sind nicht
+ganz 95 Meilen. Wir brachten die Nacht selten am Lande zu; aber die
+Plage der Moskitos nahm merklich ab, je weiter wir hinab kamen. Am
+8. Juni gingen wir bei einem Hofe (Hato de san Rafael del Capuchino),
+dem Einfluß des Rio Apure gegenüber, ans Land. Ich konnte gute Breiten-
+und Längenbeobachtungen machen. Ich hatte vor zwei Monaten auf dem
+andern Ufer Stundenwinkel aufgenommen, und diese Bestimmungen waren
+jetzt von Werth, um den Gang meines Chronometers zu controliren und die
+Beobachtungsorte am Orinoco mit denen an der Küste von Venezuela in
+Verbindung zu bringen. Die Lage dieses Hofes am Punkt, wo der Orinoco
+aus der Richtung von Süd nach Nord in die von West nach Ost umbiegt, ist
+sehr malerisch. Granitfelsen erheben sich wie Eilande auf den weiten
+Prairien. Von ihrer Spitze sahen wir nordwärts die Llanos oder Steppen
+von Calabozo sich bis zum Horizont ausbreiten. Da wir seit lange an den
+Anblick der Wälder gewöhnt waren, machte diese Aussicht einen großen
+Eindruck auf uns. Nach Sonnenuntergang bekam die Steppe ein graugrünes
+Colorit, und da die Sehlinie nur durch die Krümmung der Erde abgebrochen
+wird, so gingen die Sterne wie aus dem Schoße des Meeres auf und der
+erfahrenste Seemann hätte glauben müssen, er stehe auf einer
+Felsenküste, auf einem hinausspringenden Vorgebirge. Unser Wirth war ein
+Franzose (François Doizan), der unter seinen zahlreichen Heerden lebte.
+Er hatte seine Muttersprache verlernt, schien aber doch mit Vergnügen zu
+hören, daß wir aus seiner Heimath kamen. Er hatte dieselbe vor vierzig
+Jahren verlassen, und er hätte uns gerne ein paar Tage in seinem Hofe
+behalten. Von den politischen Umwälzungen in Europa war ihm so gut wie
+nichts zu Ohren gekommen. Er sah darin nur eine Empörung gegen den
+Clerus und die Mönche; »diese Empörung,« sagte er, »wird fortdauern, so
+lange die Mönche Widerstand leisten.« Bei einem Manne, der sein ganzes
+Leben an der Grenze» der Missionen zugebracht, wo von nichts die Rede
+ist als vom Streit zwischen der geistlichen und der weltlichen Gewalt,
+war eine solche Ansicht ziemlich natürlich. Die kleinen Städte Caycara
+und Cabruta sind nur ein paar Seemeilen vom Hofe, aber unser Wirth war
+einen Theil des Jahres hindurch völlig abgeschnitten. Durch die
+Ueberschwemmungen des Apure und des Orinoco wird der Capuchino zur Insel
+und man kann mit den benachbarten Höfen nur zu Schiff verkehren. Das
+Hornvieh zieht sich dann auf den höher gelegenen Landstrich, der
+südwärts der Bergkette der Encaramada zuläuft.
+
+Am 9. Juni Morgens begegneten uns eine Menge Fahrzeuge mit Waaren, die
+mit Segeln den Orinoco und dann den Apure hinauffuhren. Es ist dieß eine
+stark befahrene Handelsstraße zwischen Angostura und dem Hafen von
+Torunos in der Provinz Varinas. Unser Reisebegleiter, Don Nicolas Sotto,
+der Schwager des Statthalters von Varinas, schlug denselben Weg ein, um
+zu seiner Familie zurückzukehren. Bei Hochwasser braucht man mehrere
+Monate gegen die Strömung des Orinoco, des Apure und des Rio Santo
+Domingo. Die Schiffsleute müssen ihre Fahrzeuge an Baumstämme binden und
+sie am Tau den Fluß hinaufziehen. In den starken Krümmungen des Flusses«
+kommen sie oft in ganzen Tagen nicht über zwei, dreihundert Toisen
+vorwärts. Seit meiner Rückkehr nach Europa ist der Verkehr zwischen der
+Mündung des Orinoco und den Provinzen am östlichen Abhang der Gebirge
+von Merida, Pamplona und Santa Fe de Bogota ungleich lebhafter geworden,
+und es ist zu erwarten, daß die lange Fahrt auf dem Orinoco, dem Apure,
+der Portuguesa, dem Rio Santo Domingo, dem Orivante, Meta und Guaviare
+durch Dampfschiffe abgekürzt wird. Man könnte, wie an den großen Strömen
+in den Vereinigten Staaten, an den Ufern gefälltes Holz unter Schuppen
+niederlegen. Solche Veranstaltung wäre um so nöthiger, da man sich in
+den Ländern, die wir bereist, nicht leicht trockenes Holz verschafft,
+wie man es zum starken Feuer unter dem Kessel einer Dampfmaschine
+braucht.
+
+Unterhalb San Rafael del Capuchino gingen wir rechts bei Villa Caycara,
+an einer Bucht, Puerto Sedeñio genannt, ans Land. Es stehen hier ein
+paar Häuser beisammen und diese führen den vornehmen Titel Villa. Alta
+Gracia, Ciudad de la Piedra, Real Corona, Borbon, lauter Villas zwischen
+dem Einfluß des Apure und Angostura, sind eben so elend. Ich habe oben
+erwähnt, daß es bei den Präsidenten der Missionen und den Statthaltern
+der Provinzen Brauch war, wenn eben der Grund zu einer Kirche gelegt
+wurde, in Madrid für den Ort das Privilegium als Villa oder Ciudad
+nachzusuchen. Man wollte damit das Ministerium glauben machen, daß
+Bevölkerung und Wohlstand in den Colonien in rascher Zunahme begriffen
+seyen. Bei Caycara, am »Cerro del Tirano,« sieht man Bilder von Sonne
+und Mond, wovon oben die Rede war, eingehauen. »Das ist ein Werk der
+Alten« (das heißt unserer Väter), sagen die Eingeborenen. Man
+versichert, auf einem Fels weiter vom Ufer ab, Tecoma genannt, stehen
+die symbolischen Figuren hundert Fuß hoch. Die Indianer kannten früher
+einen Landweg von Caycara nach Demerary und Essequebo. Sind etwa die
+Völker, welche die vom Reisenden Hortsmann beschriebenen Bilder
+eingehauen, auf diesem Wege an den See Amucu gekommen?«
+
+Caycara gegenüber, am nördlichen Ufer des Orinoco, liegt die Mission
+Cabruta, die als vorgeschobener Posten gegen die Caraiben im Jahr 1740
+vom Jesuiten Rotella angelegt wurde. Schon seit mehreren Jahrhunderten
+hatten die Indianer an diesem Fleck ein Dorf Namens Cabritu. Als der
+kleine Ort eine christliche Niederlassung wurde, glaubte man, derselbe
+liege unter dem 5. Grad der Breite, also um 2°40′ weiter nach Süd, als
+ich durch direkte Beobachtungen in San Rafael und an der Mündung des Rio
+Apure gefunden. Man hatte damals keinen Begriff davon, welche Richtung
+ein Landweg nach Nueva Valencia und Caracas haben müßte, von welchen
+Orten man sich unendlich weit entfernt dachte. Ein Weib ist zu allererst
+von Villa de San Juan Baptista del Pao über die Llanos nach Cabruta
+gegangen. Pater Gili erzählt, Donna Maria Bargas habe mit solcher
+Leidenschaft an den Jesuiten gehangen, daß sie es unternahm, auf eigene
+Hand einen Weg in die Missionen zu suchen. Man wunderte sich nicht
+wenig, als man sie in Cabruta von Norden her ankommen sah. Sie ließ sich
+bei den Jüngern des heiligen Ignatius nieder und starb in ihren
+Missionen am Orinoco. Von dieser Zeit an bevölkerte sich der südliche
+Strich der Llanos ziemlich stark, und der Weg aus den Thälern von Aragua
+über Calabozo nach San Fernando de Apure und nach Cabruta ist jetzt
+stark begangen. Am letzteren Ort hatte auch im Jahr 1754 der
+Befehlshaber der vielberufenen Grenzexpedition Werften angelegt und die
+Fahrzeuge zum Transport der Truppen an den obern Orinoco bauen lassen.
+Der kleine Berg nordöstlich von Cabruta ist sehr weit in den Steppen
+sichtbar und dient den Reisenden als Landmarke.
+
+Wir schifften uns Morgens in Caycara ein und fuhren mit der Strömung des
+Orinoco zuerst am Einfluß des Rio Cuchivero, wohin eine alte Sage die
+Aikeam-benanos oder Weiber ohne Männer[^82] versetzt, dann am kleinen
+Dorf Alta Gracia, nach einer spanischen Stadt so genannt, vorüber. Hier
+in der Nähe hatte Don Jose de Iturriaga den pueblo de Ciudad Real
+angelegt, der noch auf den neuesten Karten vorkommt, obgleich der Ort
+wegen der ungesunden Lage seit fünfzig Jahren gar nicht mehr besteht.
+Unterhalb der Stelle, wo sich der Orinoco gegen Ost wendet, hat man
+fortwährend zur rechten Hand Wälder, zur linken die Llanos oder Steppen
+von Venezuela. Die Wälder, die sich am Strom hinziehen, sind indessen
+nicht mehr so dicht, wie am obern Orinoco. Die Bevölkerung nimmt merkbar
+zu, je näher man der Hauptstadt kommt; man trifft wenige Indianer mehr;
+dagegen Weiße, Neger und Mischlinge. Der Neger sind nicht viele, und
+leider ist hier, wie überall, die Armuth ihrer Herren daran Schuld, daß
+sie nicht besser behandelt werden und ihr Leben nicht mehr geschont
+wird. Ein Einwohner von Caycara, V—a, war vor Kurzem zu vierjährigem
+Gefängniß und hundert Piastern Geldbuße verurtheilt worden, weil er in
+der Zornwuth eine Negerin mit den Beinen an den Schweif seines Pferdes
+gebunden und sie im vollen Galopp über die Savane geschleift hatte, bis
+sie vor Schmerz den Geist aufgab. Mit Vergnügen bemerke ich, daß die
+Audiencia allgemein getadelt wurde, weil sie eine so schändliche
+Handlung nicht härter bestraft habe. Nur einige wenige Personen (und
+zwar gerade die, welche sich für die aufgeklärtesten und klügsten
+hielten) meinten, einen Weißen zu bestrafen, während die Schwarzen auf
+St. Domingo in offenem Aufstand begriffen seyen, erscheine nicht als
+staatsklug. Wenn Institutionen, die sich verhaßt gemacht haben, bedroht
+sind, fehlt es nie an Leuten, die zu Aufrechthaltung derselben den Rath
+geben, daran festzuhalten, wenn sie der Gerechtigkeit und der Vernunft
+noch so offen widersprächen. Seit ich von diesen Ländern Abschied
+genommen, hat der Bürgerkrieg den Sklaven die Waffen in die Hände
+gegeben, und nach einer schrecklichen Erfahrung haben es die Einwohner
+von Venezuela zu bereuen, daß sie nicht auf die Stimme Don Domingo
+Tovars und anderer hochherziger Bürger gehört, die schon im Jahr 1795 im
+Cabildo von Caracas sich laut gegen die weitere Einführung von Negern
+ausgesprochen und Mittel, ihre Lage zu verbessern, in Vorschlag gebracht
+haben.
+
+Nachdem wir am 10. Juni auf einer Insel mitten im Strom (ich glaube auf
+der, welche bei Pater Caulin Acaru heißt) die Nacht zugebracht, fuhren
+wir an der Mündung des Rio Caura vorüber, der neben dem Aruy und Carony
+der größte Nebenfluß des untern Orinoco von rechts her ist. Da ich
+während meines Aufenthalts in den Missionen der Franciskaner viel
+geographisches Material über den Caura sammeln konnte, habe ich eine
+Specialkarte desselben entworfen.[^83] Alle christlichen Niederlassungen
+befinden sich gegenwärtig nahe an der Mündung des Flusses, und die
+Dörfer San Pedro, Aripao, Urbani und Guaraguaraico liegen nur wenige
+Meilen hinter einander. Das erste ist das volkreichste und hat doch nur
+250 Seelen; San Luis de Guaraguaraico ist eine Colonie freigelassener
+oder flüchtiger Neger vom Essequebo und verdient Aufmunterung von Seiten
+der Regierung. Die Versuche, die Sklaven an den Boden zu fesseln und sie
+als Pächter der Früchte ihrer Arbeit als Landbauer genießen zu lassen,
+sind höchst empfehlenswerth. Der zum großen Theil noch unberührte Boden
+am Rio Caura ist ungemein fruchtbar; man findet dort Weiden für mehr als
+15,000 Stücke Vieh; aber den armen Ansiedlern fehlt es gänzlich an
+Pferden und an Hornvieh. Mehr als sechs Siebentheile der Uferstriche am
+Caura liegen wüste oder sind in den Händen wilder, unabhängiger Stämme.
+Das Flußbett wird zweimal durch Felsen eingeengt, und an diesen Stellen
+sind die Raudales Mura und Para oder Paru; letzterer hat einen
+Trageplatz, weil die Pirognen nicht darüber gehen können. Bei der
+Grenzexpedition war am nördlichen Katarakt, dem von Mura, eine kleine
+Schanze angelegt worden. Der Statthalter Don Manuel Centurion hatte
+alsbald ein paar Häusern, welche spanische (das heißt nicht indianische)
+Familien, Weiße und Mulatten, bei der Schanze gebaut, den Titel Ciudad
+de San Carlos gegeben. Südlich vom Katarakt Para, gerade am Einfluß des
+Erevato in den Caura, lag damals die Mission San Luis und von da führte
+ein Landweg nach der Hauptstadt Angostura. Alle diese
+Civilisationsversuche führten zu nichts. Oberhalb des Raudals von Mura
+steht kein Dorf mehr, und die Eingeborenen haben so zu sagen das Land
+wieder zurückerobert. Indessen kann das Thal des Caura wegen seines
+reichen Ertrags, und wegen der leichten Verbindung mit dem Rio Ventuari,
+dem Carony und Cuyuni, eines Tags von großer Bedeutung werden. Ich habe
+oben auseinandergesetzt, wie wichtig die vier Flüsse sind, die von den
+Gebirgen der Parime in den Orinoco gehen. In der Nähe der Mündung des
+Caura, zwischen den Dörfern San Pedro de Alcantara und San Francisco de
+Aripao, bildete sich im Jahr 1792 durch einen Erdfall und in Folge eines
+Erdbebens ein kleiner See von 400 Toisen Durchmesser. Ein Stück Wald bei
+Aripao senkte sich 80 bis 100 Fuß unter das Niveau des anstoßenden
+Bodens. Die Bäume blieben mehrere Monate grün; man glaubte sogar, manche
+haben noch unter Wasser Blätter getrieben. Diese Erscheinung verdient um
+so mehr Beachtung, da der Boden dort wahrscheinlich Granit ist. Ich
+bezweifle, daß die secundären Formationen der Llanos sich südwärts bis
+zum Thale des Caura erstrecken.
+
+Am 11. Juni landeten wir, um Sonnenhöhen aufzunehmen, am rechten
+Orinocoufer beim Puerto de los Frailes, drei Meilen oberhalb Ciudad de
+la Piedra. Der Punkt liegt unter 67°26′20″ der Länge oder 1°41′ ostwärts
+vom Einfluß des Apure. Weiterhin zwischen den Villas de la Piedra und
+Muitaco oder Real Corona kommt der Torno und der Höllenschlund, zwei
+Punkte, die früher von den Schiffern gefürchtet wurden. Der Orinoco
+ändert auf einmal seine Richtung; er fließt anfangs nach Ost, dann nach
+Nord-Nord-West und endlich wieder nach Ost. Etwas oberhalb des Caño
+Marapiche, der am nördlichen Ufer hereinkommt, theilt eine sehr lange
+Insel den Fluß in zwei Arme. Wir fuhren ohne Schwierigkeit südwärts an
+derselben vorbei; gegen Norden bildet eine Reihe kleiner, bei hohem
+Wasser halb bedeckter Felsen Wirbel und Stromschnellen. Dieß heißt nun
+Boca del Infierno und der Raudal von Camiseta. Durch Diego de Ordaz
+(1531) und Alonzo de Hereras (1535) erste Expeditionen wurde diese
+Stromsperre vielberufen. Die großen Katarakten von Atures und Maypures
+kannte man damals noch nicht, und mit den plumpen Fahrzeugen
+(vergantines), mit denen man eigensinnig den Strom hinauf wollte, war
+sehr schwer über die Stromschnellen zu kommen. Gegenwärtig fährt man den
+Orinoco zu jeder Jahreszeit von der Mündung bis zum Einfluß des Apure
+und des Meta ohne Besorgniß auf und ab. Die einzigen Fälle auf dieser
+Strecke sind die beim Torno oder Camiseta, bei Marimara und bei Cariven
+oder Carichana Vieja.[^84] Keines dieser drei Hindernisse ist zu
+fürchten, wenn man erfahrene indianische Steuerleute hat. Ich gehe auf
+diese hydrographischen Angaben darum ein, weil die Verbindung zwischen
+Angostura und den Ufern des Meta und des Apure, welche zum Ostabhang der
+Cordilleren von Neu-Grenada führen, jetzt in politischer und
+commercieller Beziehung von großem Belang ist. Die Fahrt auf dem untern
+Orinoco von der Mündung bis zur Provinz Varinas ist allein wegen der
+starken Strömung beschwerlich. Im Flußbett selbst sind nirgends stärkere
+Hindernisse zu überwinden, als auf der Donau zwischen Wien und Linz.
+Große Felsschwellen, eigentliche Wasserfälle kommen erst oberhalb des
+Meta. Daher bildet auch der obere Orinoco mit dem Cassiquiare und dem
+Rio Negro ein besonderes Flußsystem, das dem industriellen Leben in
+Angostura und auf dem Küstenland von Caracas noch lange fremd bleiben
+wird.
+
+Ich konnte auf einer Insel mitten in der Boca del Infierno, wo wir
+unsere Instrumente aufgestellt hatten, Stundenwinkel der Sonne
+aufnehmen. Der Punkt liegt nach dem Chronometer unter 67°10′31″ der
+Länge. Ich wollte die Inclination der Magnetnadel und die Intensität der
+Kraft beobachten, aber ein Gewitterregen vereitelte den Versuch. Da der
+Himmel Nachmittags wieder heiter wurde, schlugen wir unser Lager auf
+einem breiten Gestade am südlichen Ufer des Orinoco, beinahe im Meridian
+der kleinen Stadt Muitaco oder Real Corona, auf. Mittelst dreier Sterne
+fand ich die Breite 8°0′26″, die Länge 67°5′19″. Als die Observanten im
+Jahr 1752 ihre ersten Entradas auf das Gebiet der Caraiben machten,
+bauten sie an diesem Punkt ein kleines Fort oder eine casa fuerte. Durch
+den Umstand, daß die hohen Gebirge von Araguacais so nahe liegen, ist
+Muitaco einer der gesundesten Orte am untern Drinoco. Hier schlug
+Iturriaga im Jahr 1756 seinen Wohnsitz auf, um sich von den Strapazen
+der Grenzexpedition zu erholen, und da er seine Genesung dem mehr heißen
+als feuchten Klima zuschrieb, erhielt die Stadt oder vielmehr das Dorf
+Real Corona den Namen pueblo del puerto sano. Weiterhin gegen Ost ließen
+wir nordwärts den Einfluß des Rio Pao, südwärts den des Rio Arui.
+Letzterer Fluß ist ziemlich bedeutend; er kommt in Raleghs Berichten
+häufig vor. Lange ließen die Geographen den Aroy oder Arvi (Arui), den
+Caroli (Carony) und den Coari (Caura) aus dem vielberufenen See Cassipa
+entspringen, der später der laguna del Dorado Platz machte. Je weiter
+wir abwärts kamen, desto langsamer wurde die Strömung des Orinoco. Ich
+maß mehrmals am Ufer eine Linie ab, um zu bestimmen, wie viel Zeit
+schwimmende Körper brauchten, um eine bekannte Strecke zurückzulegen.
+Oberhalb Alta Gracia, beim Einfluß des Rio Ujape, hatte ich 2³⁄₁₀ Fuß in
+der Secunde gefunden; zwischen Muitaco und Bomben war die
+Geschwindigkeit nur noch 1⁷⁄₁₀ Fuß. Aus den barometrischen Messungen in
+den benachbarten Steppen geht hervor, um wie wenig der Boden vom
+69. Grad der Länge bis zur Ostküste von Guyana fällt. Muitaco war der
+letzte Ort, wo wir am Ufer des Orinoco die Nacht unter freiem Himmel
+zubrachten; wir fuhren noch zwei Nächte durch, ehe wir unser Reiseziel,
+Angostura erreichten. Eine solche Fahrt auf dem Thalweg eines großen
+Stroms ist ungemein bequem; man hat nichts zu fürchten außer den
+natürlichen Flößen aus Bäumen, die der Fluß, wenn er austritt, von den
+Ufern abreißt. In dunkeln Nächten scheitern die Piroguen an diesen
+schwimmenden Eilanden wie an Sandbänken.
+
+Nur schwer vermöchte ich das angenehme Gefühl zu schildern, mit dem wir
+in Angostura, der Hauptstadt von spanisch Guyana, das Land betraten. Die
+Beschwerden, denen man in kleinen Fahrzeugen zur See unterworfen ist,
+sind nichts gegen das, was man auszustehen hat, wenn man unter einem
+glühenden Himmel, in einem Schwarm von Moskitos, Monate lang in einer
+Pirogue liegen muß, in der man sich wegen ihrer Unstetigkeit gar keine
+Bewegung machen kann. Wir hatten in 75 Tagen auf den fünf großen Flüssen
+Apure, Orinoco, Atabapo, Rio Negro und Cassiquiare 500 Meilen (20 auf
+den Grad) zurückgelegt, und auf dieser ungeheuren Strecke nur sehr
+wenige bewohnte Orte angetroffen. Obgleich nach unserem Leben in den
+Wäldern unser Anzug nichts weniger als gewählt war, säumten wir doch
+nicht, uns Don Felipe de Ynciarte, dem Statthalter der Provinz Guyana,
+vorzustellen. Er nahm uns auf das Zuvorkommendste auf und wies uns beim
+Sekretär der Intendanz unsere Wohnung an. Da wir aus fast menschenleeren
+Ländern kamen, fiel uns das Treiben in einer Stadt, die keine 6000
+Einwohner hat, ungemein auf. Wir staunten an, was Gewerbfleiß und Handel
+dem civilisirten Menschen an Bequemlichkeiten bieten; bescheidene
+Wohnräume kamen uns prachtvoll vor, wer uns anredete, erschien uns
+geistreich. Nach langer Entbehrung gewähren Kleinigkeiten hohen Genuß,
+und mit unbeschreiblicher Freude sahen wir zum erstenmal wieder
+Weizenbrod auf der Tafel des Statthalters. Vielleicht brauchte ich nicht
+bei Empfindungen zu verweilen, die Jedem, der weite Reisen gemacht hat,
+wohl bekannt sind. Sich wieder im Schoße der Cultur zu wissen, ist ein
+großer Genuß, aber er hält nicht lange an, wenn man für die Wunder der
+Natur im heißen Erdstrich ein lebendiges Gefühl hat. Die überstandenen
+Beschwerden sind bald vergessen, und kaum ist man auf der Küste, auf dem
+von den spanischen Colonisten bewohnten Boden, so entwirft man den Plan,
+wieder ins Binnenland zu gehen.
+
+Ein schlimmer Umstand nöthigte uns, einen ganzen Monat in Angostura zu
+verweilen. In den ersten Tagen nach unserer Ankunft fühlten wir uns matt
+und schwach, aber vollkommen gesund. Bonpland fing an, die wenigen
+Pflanzen zu untersuchen, welche er vor den Wirkungen des feuchten Klimas
+hatte schützen können; ich war beschäftigt, Länge und Breite der
+Hauptstadt[^85] zu bestimmen und die Inclination der Magnetnadel zu
+beobachten. Aber nicht lange, so wurden wir in der Arbeit unterbrochen;
+fast. am selben Tage befiel uns eine Krankheit, die bei meinem
+Reisegefährten den Charakter eines ataktischen Fiebers annahm. Die Luft
+war zur Zeit in Angostura vollkommen gesund, und da sich bei dem
+einzigen Diener, den wir von Cumana mitgebracht, einem Mulatten, die
+Vorboten desselben Uebels einstellten, so zweifelte unsere Umgebung, von
+der wir aufs sorgfältigste gepflegt wurden, nicht daran, daß wir den
+Keim des Typhus aus den feuchten Wäldern am Cassiquiare mitgebracht. Es
+kommt häufig vor, daß sich bei Reisenden die Folgen der Miasmen erst
+dann äußern, wenn sie wieder in reinerer Luft sind und sich zu erholen
+anfangen. Eine gewisse geistige Anspannung kann eine Zeitlang die
+Wirkung krankmachender Ursachen hinausschieben. Da unser Diener dem
+heftigen Regen weit mehr als wir ausgesetzt gewesen war, entwickelte
+sich die Krankheit bei ihm furchtbar rasch. Seine Kräfte lagen so
+darnieder, daß man uns am neunten Tage seinen Tod meldete. Es war aber
+nur eine mehrstündige Ohnmacht, auf die eine heilsame Krise eintrat. Zur
+selben Zeit wurde auch ich von einem sehr heftigen Fieber befallen; man
+gab mir mitten im Anfall ein Gemisch von Honig und Extract der China Vom
+Rio Carony (Extractum corticis Angosturae). Es ist dieß ein Mittel, das
+die Kapuziner in den Missionen höchlich preisen. Das Fieber wurde darauf
+stärker, hörte aber gleich am andern Tage auf. Bonplands Zustand war
+sehr bedenklich, und wir schwebten mehrere Wochen in der höchsten
+Besorgniß. Zum Glück behielt der Kranke Kraft genug, um sich selbst
+behandeln zu können. Er nahm gelindere, seiner Constitution
+angemessenere Mittel als die China vom Rio Carony. Das Fieber war
+anhaltend und wurde, wie fast immer unter den Tropen, durch eine
+Complication mit Ruhr noch gesteigert. Während der ganzen schmerzhaften
+Krankheit behielt Bonpland die Charakterstärke und die Sanftmuth, die
+ihn auch in der schlimmsten Lage niemals verlassen haben. Mich
+ängstigten trübe Ahnungen. Der Botaniker Löffling, ein Schüler Linné’s,
+war nicht weit von Angostura, am Ufer des Carony, ein Opfer seines
+Eifers für die Naturwissenschaft geworden. Wir hatten noch kein volles
+Jahr im heißen Erdstrich zugebracht, und mein nur zu treues Gedächtniß
+vergegenwärtigte mir alles, was ich in Europa über die Gefährlichkeit
+der Luft in den Wäldern gelesen hatte. Statt den Orinoco hinaufzufahren,
+hätten wir ein paar Monate im gemäßigten, gesunden Klima der Sierra
+Nevada von Merida zubringen können. Den Weg über die Flüsse hatte ich
+selbst gewählt, und in der Gefahr, in der mein Reisegefährte schwebte,
+erblickte ich die unselige Folge dieser unvorsichtigen Wahl.
+
+Nachdem das Fieber in wenigen Tagen einen ungemeinen Grad von Heftigkeit
+erreicht hatte, nahm es einen weniger beunruhigenden Charakter an. Die
+Entzündung des Darmcanals wich auf die Anwendung erweichender Mittel,
+wozu Malvenarten dienten. Die Sida- und Melochia-Arten sind im heißen
+Erdstrich ungemein wirksam. Indessen ging es mit der Wiedergenesung des
+Kranken sehr langsam, wie immer bei noch nicht ganz acclimatisirten
+Europäern. Die Regenzeit dauerte noch immer an, und an die Küste von
+Cumana zurück mußten wir wieder über die Llanos, wo man auf
+halbüberschwemmtem Boden selten ein Obdach und etwas anderes als an der
+Sonne gedörrtes Fleisch zu essen findet. Um nicht Bonpland einem
+gefährlichen Rückfall auszusetzen, beschlossen wir bis zum 10. Juli in
+Angostura zu bleiben. Wir brachten diese Zeit zum Theil auf einer
+Pflanzung[^86] in der Nachbarschaft zu, wo Mangobäume und
+Brodfruchtbäume (Artocarpus incisa) gezogen werden. Letztere waren im
+sechsten Jahr bereits über 40 Fuß hoch. Manche Artocarpusblätter, die
+wir maßen, waren 3 Fuß lang und 18 Zoll breit, bei einem Gewächs aus der
+Familie der Dicotyledonen eine sehr auffallende Größe.
+
+Ich beschließe dieses Kapitel mit einer kurzen Beschreibung des
+spanischen Guyana (Provincia de la Guayana), welche einen Theil der
+alten Capitania general von Caracas ausmacht. Nachdem ich ausführlich
+berichtet, was die Flüsse Apure, Orinoco, Atabapo, Rio Negro und
+Cassiquiare an Momenten zur Geschichte unseres Geschlechts und an
+Naturerzeugnissen bemerkenswerthes bieten, erscheint es von Werth, diese
+zerstreuten Züge zusammenzufassen und ein allgemeines Bild eines Landes
+zu entwerfen, das einer großen Zukunft entgegengeht und schon jetzt die
+Augen Europas auf sich zieht. Ich beschreibe zuerst die Lage von
+Angostura, der jetzigen Hauptstadt der Provinz, und verfolge dann den
+Orinoco bis zum Delta, das er an seiner Mündung bildet. Ich entwickle
+darauf den wahren Lauf des Rio Carony, an dessen fruchtbaren Ufern die
+Mehrzahl der indianischen Bevölkerung der Provinz lebt, und beweise aus
+der Geschichte der Geographie, wie die fabelhaften Seen entstanden sind,
+die so lange unsere Karten verunziert haben.
+
+Seit dem Ende des sechzehnten Jahrhunderts haben hinter einander drei
+Städte den Namen Santo Thome de la Guayana geführt. Die erste lag der
+Insel Faxardo gegenüber beim Einfluß des Carony in den Orinoco; sie
+wurde von den Holländern unter dem Befehl des Capitäns Adrian Janson im
+Jahr 1579 zerstört. Die zweite, gegründet im Jahr 1591 von Antonio de
+Berrio, etwa 12 Meilen ostwärts vom Einfluß des Carony, wehrte sich
+muthig gegen Sir Walter Ralegh, den die spanischen Geschichtschreiber
+der Eroberung nur unter dem Namen des Corsaren Reali kennen. Die dritte
+Stadt, der jetzige Hauptort der Provinz, liegt 52 Meilen westwärts vom
+Einfluß des Carony. Sie wurde im Jahr 1764 unter dem Statthalter Don
+Juacquin Moreno de Mendoza angelegt, und man unterscheidet sie in den
+officiellen Schriftstücken von der zweiten Stadt, die gewöhnlich die
+Festung (el castillo oder las fortalezas) oder Alt-Guayana (Vieja
+Guayana) heißt, als Santo Thome de la Nueva Guayana. Da dieser Name sehr
+lang ist, so sagt man dafür im gemeinen Leben Angostura (Engpaß).[^87]
+Die Bevölkerung dieser Länder weiß kaum, daß die Namen Santiago de Leon
+und Santo Thome auf unsern Karten die beiden Hauptstädte von Venezuela
+und Guyana bedeuten.
+
+Angostura, dessen Länge und Breite ich nach astronomischen Beobachtungen
+schon oben angegeben, lehnt sich an einen kahlen Hügel von
+Hornblendeschiefer. Die Straßen sind gerade und laufen meist dem Strome
+parallel. Viele Häuser stehen auf dem nackten Fels, und hier, wie in
+Carichana und in manchen Missionen, glaubt man, daß durch die schwarzen
+stark von der Sonne erhitzten Steinflächen die Luft ungesund werde. Für
+gefährlicher halte ich die kleinen Lachen stehenden Wassers (lagunas y
+anegadizos), die hinter der Stadt gegen Südost sich hinziehen. Die
+Häuser in Angostura sind hoch, angenehm und meistens aus Stein. Diese
+Bauart beweist, daß man sich hier zu Lande vor den Erdbeben nicht sehr
+fürchtet; leider gründet sich aber diese Sicherheit keineswegs auf einen
+Schluß aus zuverlässigen Beobachtungen. Im Küstenland von Neu-Andalusien
+spürt man allerdings zuweilen sehr starke Stöße, die sich nicht über die
+Llanos hinüber fortpflanzen. Von der furchtbaren Katastrophe in Cumana
+am 4. Februar 1797 fühlte man in Angostura nichts, aber beim großen
+Erdbeben vom Jahr 1766, das jene Stadt gleichfalls zerstörte, wurde der
+Granitboden beider Orinocoufer bis zu den Katarakten von Atures und
+Maypures erschüttert. Südlich von denselben spürt man zuweilen Stöße,
+die sich auf das Becken des obern Orinoco und des Rio Negro beschränken.
+Dieselben scheinen von einem vulkanischen Herd auszugehen, der von dem
+auf den kleinen Antillen weit abliegt. Nach den Angaben der Missionäre
+in Javita und San Fernando de Atabapo waren im Jahr 1798 zwischen dem
+Guaviare und dem Rio Negro sehr starke Erdbeben, die nordwärts, Maypures
+zu, nicht mehr gespürt wurden. Man kann nicht aufmerksam genug Alles
+beachten, was die Gleichzeitigkeit der Bodenschwingungen und die
+Unabhängigkeit derselben auf zusammenhängenden Landstrichen betrifft.
+Alles weist darauf hin, daß die Bewegung sich nicht an der Oberfläche
+fortpflanzt, sondern durch sehr tiefe Spalten, die in verschiedene Herde
+auslaufen.
+
+Die Umgebung der Stadt Angostura bietet wenig Abwechselung; indessen ist
+die Aussicht auf den Strom, der einen ungeheuern von Südwest nach
+Nordost laufenden Canal darstellt, höchst großartig. Nach einem langen
+Streit über die Vertheidigung des Platzes und die Kanonenschußweite
+wollte die Regierung genau wissen, wie breit der Strom bei dem Punkte
+sey, welcher der Engpaß heißt, und wo ein Fels liegt (el Peñon), der bei
+Hochwasser ganz bedeckt wird. Obgleich bei der Provinzialregierung ein
+Ingenieur angestellt ist, hatte man wenige Monate vor meiner Ankunft in
+Angostura aus Caracas Don Mathias Yturbur hergeschickt, um den Orinoco
+zwischen der geschleiften Schanze San Gabriel und der Redoute San Rafael
+messen zu lassen. Ich hörte in nicht zuverlässiger Weise, bei dieser
+Messung haben sich etwas über 800 varas castellanas ergeben. Der
+Stadtplan, welcher der großen Karte von Südamerika von la Cruz Olmedilla
+beigegeben ist, gibt 940 an. Ich selbst habe den Strom zweimal sehr
+genau trigonometrisch gemessen, einmal beim Engpaß selbst zwischen den
+beiden Schanzen San Gabriel und San Rafael, und dann ostwärts von
+Angostura auf dem großen Spaziergang (Alameda) beim Embarcadero del
+ganado. Ich fand für den ersteren Punkt (als Minimum der Breite) 580
+Toisen, für letzteren 490. Der Strom ist also hier noch immer vier bis
+fünfmal breiter als die Seine beim Pflanzengarten, und doch heißt diese
+Strecke am Orinoco eine Einschnürung, ein Engpaß. Nichts gibt einen
+besseren Begriff von der Wassermasse der großen Ströme Amerikas als die
+Dimensionen dieser sogenannten Engpässe. Der Amazonenstrom ist nach
+meiner Messung beim Pongo de Rentema 217 Toisen, beim Pongo de
+Manseriche, nach La Condamine, 25, und beim Engpaß Pauxis 900 Toisen
+breit. Letzterer Engpaß ist also beinahe so breit als der Orinoco im
+Engpaß beim Baraguan.[^88]
+
+Bei Hochwasser überschwemmt der Strom die Kais, und es kommt vor, daß
+Unvorsichtige in der Stadt selbst den Krokodilen zur Beute werden. Ich
+sehe aus meinem Tagebuche einen Fall her, der während Bonplands
+Krankheit vorgekommen. Ein Guayqueri-Indianer von der Insel Margarita
+wollte seine Pirogue in einer Bucht anbinden, die nicht drei Fuß tief
+war. Ein sehr wildes Krokodil, das immer in der Gegend herumstrich,
+packte ihn beim Bein und schwamm vom Ufer weg, wobei es an der
+Wasserfläche blieb. Das Geschrei des Indianers zog eine Menge Zuschauer
+herbei. Man sah, wie der Unglückliche mit unerhörter Entschlossenheit
+zuerst ein Messer in der Tasche seines Beinkleids suchte. Da er es nicht
+fand, packte er den Kopf des Krokodils und stieß ihm die Finger in die
+Augen. In den heißen Landstrichen Amerikas ist es Jedermann bekannt, daß
+dieses mit einem harten, trockenen Schuppenpanzer bedeckte
+fleischfressende Reptil an den wenigen weichen, nicht geschützten
+Körpertheilen, wie an den Augen, den Achselhöhlen, den Naslöchern und
+unterhalb des Unterkiefers, wo zwei Bisamdrüsen sitzen, sehr empfindlich
+ist. Der Guayqueri ergriff das Mittel, durch das Mungo-Parks Neger und
+das Mädchen in Uritucu, von denen oben die Rede war,[^89]sich gerettet;
+aber er war nicht so glücklich wie sie, und das Krokodil machte den
+Rachen nicht auf, um seine Beute fahren zu lassen. Im Schmerz tauchte
+aber das Thier unter, ertränkte den Indianer, erschien wieder auf der
+Wasserfläche und schleppte den Leichnam auf eine Insel dem Hafen
+gegenüber. Ich kam im Moment an Ort und Stelle, wo viele Einwohner von
+Angostura das schreckliche Ereigniß mit angesehen hatten.
+
+Da das Krokodil vermöge des Baues seines Kehlkopfs, seines Zungenbeins
+und der Faltung seiner Zunge seine Beute unter Wasser wohl packen, aber
+nicht verschlingen kann, so verschwindet selten ein Mensch, ohne daß man
+ganz nahe an der Stelle, wo das Unglück geschehen, nach ein paar Stunden
+das Thier zum Vorschein kommen und am nächsten Ufer seine Beute
+verschlingen sieht. Weit mehr Menschen, als man in Europa glaubt, werden
+alljährlich Opfer ihrer Unvorsichtigkeit und der Gier der Reptilien. Es
+kommt besonders in den Dörfern vor, deren Umgegend häufig überschwemmt
+wird. Dieselben Krokodile halten sich lange am nämlichen Orte auf. Sie
+werden von Jahr zu Jahr kecker, zumal, wie die Indianer behaupten, wenn
+sie einmal Menschenfleisch gekostet haben. Die Thiere sind so schlau,
+daß sie sehr schwer zu erlegen sind. Eine Kugel dringt nicht durch ihre
+Haut, und der Schuß ist nur dann tödtlich, wenn er in den Rachen oder in
+die Achselhöhle trifft. Die Indianer, welche sich selten der Feuerwaffen
+bedienen, greifen das Krokodil mit Lanzen an, sobald es an starken,
+spitzen eisernen Hacken, auf die Fleisch gesteckt ist und die mit einer
+Kette an einem Baumstamm befestigt sind, angebissen hat. Man geht dem
+Thier erst dann zu Leibe, wenn es sich lange abgemüht hat, um vom Eisen,
+das ihm in der oberen Kinnlade steckt, loszukommen. Es ist nicht
+wahrscheinlich, daß man es je dahin bringt, das Land von Krokodilen zu
+säubern, da aus einem Labyrinth zahlloser Flüsse Tag für Tag neue
+Schwärme vom Ostabhang der Anden über den Meta und den Apure an die
+Küsten von spanisch Guyana herabkommen. Mit dem Fortschritt der Cultur
+wird man es nur dahin bringen, daß die Thiere scheuer werden und
+leichter zu verscheuchen sind.
+
+Man erzählt rührende Fälle, wo afrikanische Sklaven ihr Leben aufs Spiel
+setzten, um ihren Herren das Leben zu retten, die in den Rachen eines
+Krokodils gerathen waren. Vor wenigen Jahren ergriff zwischen Uritucu
+und der Mission de abaxo in den Llanos von Calabozo ein Neger auf das
+Geschrei seines Herrn ein langes Messer (machette) und sprang in den
+Fluß. Er stach dem Thiere die Augen aus und zwang es so, seine Beute
+fahren zu lassen und sich unter dem Wasser zu verbergen. Der Sklave trug
+seinen sterbenden Herrn ans Ufer, aber alle Versuche, ihn wieder zum
+Leben zu bringen, blieben fruchtlos; er war ertrunken, denn seine Wunden
+waren nicht tief. Das Krokodil scheint, wie der Hund, beim Schwimmen die
+Kinnladen nicht fest zu schließen. Es braucht kaum erwähnt zu werden,
+daß die Kinder des Verstorbenen, obgleich sie sehr arm waren, dem
+Sklaven die Freiheit schenkten.
+
+Für die Anwohner des Orinoco und seiner Nebenflüsse sind die Gefahren,
+denen sie ausgesetzt sind, ein Gegenstand der täglichen Unterhaltung.
+Sie haben die Sitten des Krokodils beobachtet, wie der Torero die Sitten
+des Stiers. Sie wissen die Bewegungen des Thiers, seine Angriffsmittel,
+den Grad seiner Keckheit gleichsam voraus zu berechnen. Sehen sie sich
+angegriffen, so greifen sie mit der Geistesgegenwart und
+Entschlossenheit, die den Indianern, den Zambos, überhaupt den Farbigen
+eigen sind, zu all den Mitteln, die man sie von Kindheit auf kennen
+gelehrt. In Ländern, wo die Natur so gewaltig und furchtbar erscheint,
+ist der Mensch beständig gegen die Gefahr gerüstet. Wir haben oben
+erwähnt, was das junge indianische Mädchen sagte, das sich selbst aus
+dem Rachen des Krokodils losgemacht: »Ich wußte, daß es mich fahren
+ließ, wenn ich ihm die Finger in die Augen drückte.« Dieses Mädchen
+gehörte der dürftigen Volksklasse an, wo die Gewöhnung an physische Noth
+die moralische Kraft steigert; es ist aber wahrhaft überraschend, wenn
+man in von schrecklichen Erdbeben zerrütteten Ländern, auf der Hochebene
+von Quito Frauen aus den höchsten Gesellschaftsklassen im Augenblick der
+Gefahr dieselbe Kaltblütigkeit, dieselbe überlegte Entschlossenheit
+entwickeln sieht.
+
+Ich gebe zum Beleg dafür nur Ein Beispiel. Als am 4. Februar 1797 36,000
+Indianer in wenigen Minuten ihren Tod fanden, rettete eine junge Mutter
+sich und ihre Kinder dadurch, daß sie im Augenblick, wo der geborstene
+Boden sie verschlingen wollte, ihnen zurief, die Arme auszustrecken. Als
+man gegen das muthige Weib Verwunderung über eine so außerordentliche
+Geistesgegenwart äußerte, erwiderte sie ganz einfach: »Ich habe von
+Jugend auf gehört: überrascht dich das Erdbeben im Hause, so stelle dich
+unter die Verbindungsthür zwischen zwei Zimmern; bist du im Freien und
+fühlst du, daß der Boden unter dir sich aufthut, so strecke beide Arme
+aus und suche dich an den Rändern der Spalte zu halten.« So ist der
+Mensch in diesen wilden oder häufigen Zerrüttungen unterworfenen Ländern
+gerüstet, den Thieren des Waldes entgegenzutreten, sich aus dem Rachen
+der Krokodile zu befreien, sich aus dem Kampf der Elemente zu retten.
+
+So oft in sehr heißen und nassen Jahren bösartige Fieber in Angostura
+herrschen, streitet man darüber, ob die Regierung wohl gethan, die Stadt
+von Vieja Guayana an den Engpaß zwischen der Insel Maruanta und dem
+Einfluß des Rio Orocopiche zu verlegen. Man behauptet, der alten Stadt
+seyen, da sie näher an der See gelegen, die kühlen Seewinde mehr zu gut
+gekommen, und die große Sterblichkeit, die dort geherrscht, sey nicht
+sowohl örtlichen Ursachen als der Lebensweise der Einwohner
+zuzuschreiben gewesen. An den fruchtbaren, feuchten Ufern des Orinoco
+unterhalb des Einflusses des Carony wachsen in überschwenglicher Menge
+Wassermelonen (Patillas), Bananen und Papayas.[^90] Diese Früchte wurden
+roh gegessen, sogar unreif, und da das Volk zugleich dem Genuß geistiger
+Getränke übermäßig ergeben war, so nahm in Folge dieser unordentlichen
+Lebensweise die Volkszahl Jahr um Jahr ab. In den Archiven von Caracas
+liegen eine Menge Schriften, die davon handeln, daß die jeweilige
+Hauptstadt von Guyana nothwendig verlegt werden müsse. Nach den mir
+mitgetheilten Aktenstücken schlug man bald vor, wieder in die Fortaleza,
+das heißt nach Vieja Guayana zu ziehen, bald die Hauptstadt ganz nahe an
+der großen Mündung des Orinoco (zehn Meilen westwärts vom Cap Barima, am
+Einfluß des Rio Acquire) anzulegen, bald sie 25 Meilen unterhalb
+Angostura auf die schöne Savane zu stellen, auf der das Dorf San Miguel
+liegt. Es war allerdings eine engherzige Politik, wenn die Regierung
+glaubte, »zur besseren Vertheidigung der Provinz den Hauptort in der
+ungeheuern Entfernung von 85 Meilen von der See anlegen zu müssen und
+auf dieser Strecke keine Stadt erbauen zu dürfen, die den Einfällen des
+Feindes bloßgestellt wäre«. Zu dem Umstand, daß europäische Fahrzeuge
+den Orinoco sehr schwer bis Angostura hinaufkommen (weit schwerer als
+auf dem Potomac bis Washington), kommt noch der andere für die
+Agriculturindustrie sehr nachtheilige, daß der Mittelpunkt des Handels
+oberhalb der Stelle liegt, wo die Ufer des Stroms den Fleiß des
+Colonisten am meisten lohnen. Es ist nicht einmal richtig, daß die Stadt
+Angostura oder Santo Thome de la Nueva Guayana da angelegt worden, wo im
+Jahr 1764 das bebaute Land anfing; damals wie jetzt war die Hauptmasse
+der Bevölkerung von Guyana in den Missionen der catalonischen Kapuziner
+zwischen den Flüssen Carony und Cuyuni. Nun ist aber dieses Gebiet, das
+wichtigste in der ganzen Provinz, wo sich der Feind Hülfsmittel aller
+Art verschaffen kann, eben durch Vieja Guayana geschützt — oder man
+nimmt dieß doch an — in keiner Weise aber durch die Werke der neuen
+Stadt Angostura.
+
+Die in Vorschlag gebrachte Stelle bei San Miguel liegt ein Stück
+ostwärts vom Einfluß des Carony, also zwischen der See und dem
+bevölkertsten Landstriche. Legt man den Hauptort der Provinz noch weiter
+unten, ganz nahe am Ausfluß des Orinoco an, wie de Pons will, so hat man
+weniger von der Nähe der Caraiben zu besorgen, die man sich leicht vom
+Leibe hielte, als vom Umstand, daß der Feind über die kleinen westlichen
+Mündungen des Orinoco, die Caños Macareo und Manamo, den Platz umgehen
+und in das Innere der Provinz vordringen könnte. Bei einem Flusse,
+dessen Delta schon 45 Meilen von der See den Anfang nimmt, kommen, wenn
+es sich von der Anlage einer großen Stadt handelt, zwei Interessen ins
+Spiel, die militärische Vertheidigung und die Rücksicht auf Handel und
+Ackerbau. Der Handel verlangt, daß die Stadt so nahe als möglich bei der
+großen Mündung, der Boca de Navios liege; aus dem Gesichtspunkt der
+militärischen Sicherung stände sie besser oberhalb des Beginns des
+Delta, westlich vom Punkt, wo der Caño Manamo vom Hauptstrom abgeht und
+durch mannigfache Verzweigungen mit den acht kleinen Mündungen (Boca
+chicas) zwischen der Insel Cangrejos und der Mündung des Rio Guarapiche
+in Verbindung steht. Die Lage von Vieja wie von Nueva Guayana entspricht
+der letzteren Bedingung. Die der alten Stadt hat noch den weiteren
+Vortheil, daß sie in gewissem Grade die schönen Niederlassungen der
+catalonischen Kapuziner am Carony deckt. Man könnte dieselben angreifen,
+wenn man am rechten Ufer des Brazo Imataca ans Land ginge; aber die
+Mündung des Carony, in der die Piroguen die Unruhe des Wassers von den
+nahen Katarakten her (Salto de Carony) spüren, ist durch die Werke von
+Alt-Guayana vertheidigt.
+
+Ich bin bei dieser Erörterung ins Einzelne gegangen, weil diese dünn
+bevölkerten Länder durch die politischen Ereignisse in neuester Zeit
+große Wichtigkeit erhalten haben. Ich habe die verschiedenen Plane
+besprochen, so weit ich bei meiner Lage und meinem Verhältniß zur
+spanischen Regierung die Oertlichkeiten am untern Orinoco habe kennen
+lernen. Es ist Zeit, daß man der in den spanischen und portugiesischen
+Colonien herrschenden Sucht, Städte zu versetzen, wie Nomadenlager,
+entgegentritt. Nicht als ob die Gebäude in Angostura zu bedeutend und zu
+fest wären, als daß man an eine Zerstörung der Stadt denken könnte; bei
+ihrer Lage am Fuße eines Felsens scheint sie sich schwer weiter
+ausdehnen zu können; aber trotz dieser Uebelstände läßt man doch lieber
+stehen, was seit fünfzig Jahren gediehen ist. Unmerklich verknüpft sich
+mit der Existenz einer Hauptstadt, so klein sie auch seyn mag, das
+Bewußtseyn gesicherter öffentlicher Zustände, und wenn das
+Handelsinteresse eine theilweise Abänderung durchaus verlangt, so könnte
+man ja später, während Angostura der Sitz der Verwaltung und der
+Mittelpunkt der Geschäfte bliebe, näher an der großen Mündung des
+Orinoco einen andern Hafen anlegen. So ist ja Guayra der Stapelplatz von
+Caracas, und so mag eines Tags Vera Cruz der Hafen von Xalapa werden.
+Die Fahrzeuge aus Europa und aus den Vereinigten Staaten, die mehrere
+Monate in diesen Strichen verweilen, könnten, wenn sie wollten, bis
+Angostura hinauf gehen, die andern nähmen ihre Ladung im Hafen zunächst
+der Punta Barima ein, wo sich in Friedenszeit die Magazine, die
+Seilerbahnen und die Werfte befanden. Zur Deckung des Landes zwischen
+der Hauptstadt und dem Stapelplatz oder dem Puerto de la Boca grande
+gegen einen feindlichen Einfall befestigte man die Ufer des Orinoco may
+einem dem Terrain angepaßten Vertheidigungssystem, etwa bei Imataca oder
+Zacupana, bei Barancas oder San Rafael (an der Stelle, wo der Caño
+Manamo vom Hauptstrom abgeht), bei Vieja Guayana, bei der Insel Faxardo
+(dem Einfluß des Carony gegenüber) und beim Einfluß des Mamo. In diese
+Werke, die ohne große Kosten zu beschaffen wären, flüchteten sich auch
+die Kanonierschaluppen, die an den Punkten stationirt sind, welche die
+feindlichen Fahrzeuge, wenn sie gegen die Strömung heraufsegeln, in
+Sicht haben müssen, um neue Schläge zu machen. Diese
+Vertheidigungsmittel scheinen mir um so dringender geboten, da sie nur
+zu lange vernachlässigt worden sind.[^91]
+
+Die Nordküsten von Südamerika sind größtentheils durch eine Bergkette
+gedeckt, die von West nach Ost streichend zwischen dem Uferstrich und
+den Llanos von Neu-Andalusien, Barcelona, Venezuela und Varinas liegt.
+Diese Küsten haben die Aufmerksamkeit des Mutterlandes wohl zu
+ausschließlich in Anspruch genommen: dort liegen sechs feste Plätze mit
+schönem, zahlreichem Geschütz, nämlich Carthagena, San Carlos de
+Maracaybo, Porto Cabello, la Guayra, der Moro de Nueva Barcelona und
+Cumana. Die Ostküsten von spanisch Amerika, die von Guyana und Buenos
+Ayres sind niedrig und ohne Schutz; einem unternehmenden Feinde fällt es
+nicht schwer, ins Innere des Landes bis zum Ostabbang der Cordilleren
+von Neu-Grenada und Chili vorzudringen. Die Richtung des Rio de la
+Plata,[^92] der durch den Uruguay, Parana und Paraguay gebildet wird,
+nöthigt das angreifende Heer, wenn es ostwärts vordringen will, über die
+Steppen (Pampas) bis Cordova oder Mendoza zu ziehen; aber nördlich vom
+Aequator, in spanisch Guyana bietet der Lauf des Orinoco[^93] und seiner
+beiden großen Nebenflüsse Apure und Meta in der Richtung eines
+Parallelkreises eine Wasserstraße, auf der sich Munition und
+Lebensmittel leicht fortbringen lassen. Wer Herr von Angostura ist,
+dringt nach Gefallen nordwärts in die Steppen von Cumana, Barcelona und
+Caracas, nordwestwärts in die Provinz Varinas, westwärts in die
+Provinzen am Casanare bis an den Fuß der Gebirge von Pamplona, Tunja und
+Santa Fe de Bogota vor. Zwischen der Provinz spanisch Guyana und dem
+reichen, stark bevölkerten, gut angebauten Uferstrich liegen nur die
+Niederungen am Orinoco, Apure und Meta. Die festen Plätze (Cumana, la
+Guayra und Porto-Cabello) schützen diese Länder kaum vor einer Landung
+an der Nordküste. An diesen Angaben über die Bodenbildung und die
+gegenwärtige Vertheilung der festen Punkte mag es genügen. Man ersieht
+daraus wohl hinlänglich, daß zur politischen Sicherung der vereinigten
+Provinzen Caracas und Neu-Grenada eine Deckung der Orinocomündungen
+unumgänglich ist, und daß spanisch Guyana, obgleich kaum urbar gemacht
+und so dünn bevölkert, im Kampfe zwischen den Colonien und dem
+Mutterlande eine große Bedeutung erlangt. Diese militärische Bedeutung
+des Landes erkannte der berühmte Ralegh schon vor zweihundert Jahren. Im
+Bericht über seine erste Expedition kommt er öfters daraus zurück, wie
+leicht es der Königin Elisabeth wäre, »auf dem Orinoco und den zahllosen
+Flüssen, die sich in denselben ergießen,« einen großen Theil der
+spanischen Colonien zu erobern. Wir haben oben angeführt, daß Girolamo
+Benzoni im Jahr 1545 die Revolutionen auf St. Domingo, »das in Kurzem
+Eigenthum der Schwarzen werden müsse,« vorhersagte. Hier finden wir in
+einem Werke, das 1596 erschien, einen Feldzugsplan, der sich durch
+Ereignisse der jüngsten Zeit als ganz richtig erwiesen hat.
+
+In den ersten Jahren nach der Gründung stand die Stadt Angostura in
+keinem unmittelbaren Verkehr mit dem Mutterland. Die Einwohner
+beschränkten sich darauf, dürres Fleisch und Tabak auf die Antillen und
+über den Rio Cuyuni in die holländische Provinz am Essequebo zu
+schmuggeln. Man erhielt unmittelbar aus Spanien weder Wein, noch Oel,
+noch Mehl, die drei gesuchtesten Einfuhrartikel. Im Jahr 1771 schickten
+einige Handelsleute die erste Goelette nach Cadix, und seitdem wurde der
+direkte Tauschhandel mit den andalusischen und catalonischen Hafen sehr
+lebhaft. Seit 1785 nahm die Bevölkerung von Angostura,[^94] nachdem sie
+lange sehr zurückgeblieben war, stark zu; indessen war sie bei meinem
+Aufenthalt in Guyana noch weit hinter der Bevölkerung der nächsten
+englischen Stadt Stabrock zurück. Die Mündungen des Orinoco haben etwas
+vor allen Hafen von Terra Firma voraus: man verkehrt aus denselben am
+raschesten mit der spanischen Halbinsel. Man fährt zuweilen von Cadix
+zur Punta Barima in 18 bis 20, und nach Europa zurück in 30 bis 35
+Tagen. Da diese Mündungen unter dem Winde aller Inseln liegen, so können
+die Schiffe von Angostura einen vortheilhafteren Verkehr mit den
+Colonien auf den Antillen unterhalten als Guayra und Porto Cabello. Die
+Handelsleute in Caracas sehen daher auch immer mit eifersüchtigen
+Blicken auf die Fortschritte der Industrie in spanisch Guyana, und da
+Caracas bisher der höchste Regierungssitz war, so wurde der Hafen von
+Angostura noch weniger begünstigt als die Häfen von Cumana und Nueva
+Barcelona. Der innere Verkehr ist am lebhaftesten mit der Provinz
+Varinas. Aus derselben kommen nach Angostura Maulthiere, Cacao, Indigo,
+Baumwolle und Zucker, und sie erhält dafür »Generos,« das heißt
+europäische Manufakturprodukte. Ich sah lange Fahrzeuge (Lanchas)
+abgehen, deren Ladung auf acht bis zehntausend Piaster geschätzt wurde.
+Diese Fahrzeuge fahren zuerst den Orinoco bis Cabruta, dann den Apure
+bis San Vicente, endlich den Rio Santo Domingo bis Torunos hinauf,
+welches der Stapelplatz von Varinas Nuevas ist. Die kleine Stadt San
+Fernando de Apure, die ich oben beschrieben,[^95] dient als Niederlage
+bei diesem Flußhandel, der durch die Einführung der Dampfschifffahrt
+noch weit bedeutender werden kann.
+
+Das linke Ufer des Orinoco und alle Mündungen des Stroms, mit Ausnahme
+der Boca de Navios, gehören zu der Provinz Cumana. Dieser Umstand hat
+schon lange Anlaß zum Projekt gegeben, Angostura gegenüber (da wo
+gegenwärtig die Batterie San Rafael steht) eine neue Stadt zu gründen,
+um vom Gebiet der Provinz Cumana selbst, und ohne über den Orinoco sehen
+zu müssen, die Maulthiere und das dürre Fleisch der Llanos ausführen zu
+können. Kleinlichte Eifersüchteleien, wie sie immer zwischen zwei
+benachbarten Regierungen im Schwange sind, werden diesem Plane Vorschub
+leisten; aber beim gegenwärtigen Zustand des Ackerbaus im Lande ist zu
+wünschen, daß er noch lange vertagt bleibt. Warum sollte man an den
+Ufern des Orinoco zwei concurrirende Städte bauen, die kaum 400 Toisen
+auseinander lägen?
+
+Ich habe im Bisherigen das Land beschrieben, das wir auf einer 500
+Meilen langen Flußfahrt durchzogen; es bleibt jetzt nur noch das kleine
+3,52 Längengrade betragende Stück zwischen der gegenwärtigen Hauptstadt
+und Mündung des Orinoco übrig. Eine genaue Kenntniß des Delta und des
+Laufs des Rio Carony ist für die Hydrographie und den europäischen
+Handel von gleichem Belang. Um den Flächenraum und die Bildung eines von
+Flußarmen durchschnittenen und periodischen Ueberschwemmungen
+unterworfenen Landes beurtheilen zu können, hatte ich die astronomische
+Lage der Punkte, wo die Spitze und die äußersten Arme des Delta liegen,
+zu ermitteln. Churruca, der mit Don Juacquin Fidalgo den Auftrag hatte,
+die Nordküsten von Terra Firma und die Antillen aufzunehmen, hat Länge
+und Breite der Boca de Manamo, der Punta Baxa und von Vieja Guayana
+bestimmt. Aus Espinosas Denkschriften kennen wir die wahre Lage der
+Punta Barima, und ich glaube daher, wenn ich nach den Punkten Puerto
+España auf der Insel Trinidad und dem Schloß San Antonio bei Cumana
+(Punkten, welche durch meine eigenen Beobachtungen und durch Oltmanns
+scharfsinnige Untersuchungen gegeben sind) eine Reduction vornehme und
+dadurch die absoluten Längen näher bestimme, hinlänglich genaue Angaben
+machen zu können. Es ist wünschenswerth, daß einmal auf einer
+ununterbrochenen Fahrt auf chronometrischem Wege die
+Meridianunterschiede zwischen Puerto España und den kleinen Mündungen
+des Orinoco, zwischen San Rafael (der Spitze des Delta) und Santo Thome
+de Angostura bestimmt werden.
+
+Die ganze Ostküste von Südamerika vom Cap San Roque, und besonders vom
+Hafen von Maranham bis zum Gebirgsstock von Paria ist so niedrig, daß,
+nach meiner Ansicht, das Delta des Orinoco und seine Bodenbildung nicht
+wohl den Anschwemmungen Eines Stromes zugeschrieben werden kann. Ich
+will nach der Aussage der Alten nicht in Abrede ziehen, daß das Nildelta
+einst ein Busen des Mittelmeers war, der allmählig durch Anschwemmung
+ausgefüllt wurde. Es begreift sich leicht, daß sich an der Mündung aller
+großen Ströme da, wo die Geschwindigkeit der Strömung rasch abnimmt,
+eine Bank, ein Eiland bildet, daß sich Material absetzt, das nicht
+weiter geschwemmt werden kann. Es ist ebenso begreiflich, daß der Fluß,
+da er um diese Bank herum muß, sich in zwei Arme spaltet, und daß die
+Anschwemmungen, da sie an der Spitze des Delta einen Stützpunkt finden,
+sich immer weiter ausbreiten, während die Flußarme aus einander weichen.
+Der Vorgang bei der ersten Gabelung wiederholt sich bei jedem einzelnen
+Stromstück, so daß die Natur durch denselben Proceß ein Labyrinth
+kleiner gegabelter Canäle hervorbringen kann, die sich im Laufe der
+Jahrhunderte, je nach der Stärke und der Richtung der Hochgewässer,
+ausfüllen oder vertiefen. Auf diese Weise hat sich unzweifelhaft der
+Hauptstamm des Orinoco 25 Meilen westwärts von der Boca de Ravios in
+zwei Arme, den von Zacupana und den von Imataca, getheilt. Das Netz
+kleinerer Zweige dagegen, die gegen Nord vom Flusse abgehen und deren
+Mündungen bocas chicas (die kleinen Mündungen) heißen, scheint mir eine
+Erscheinung, die ganz mit der Bildung der Deltas von Nebenflüssen
+übereinkommt.[^96] Wenn mehrere hundert Meilen von der Küste ein Fluß
+(z. B. der Apure oder Jupura) sich mittelst einer Menge von Zweigen mit
+einem andern Fluß verbindet, so sind diese mannigfachen Gabelungen nur
+Rinnen in einem völlig ebenen Boden. Ebenso verhält es sich mit den
+oceanischen Deltas überall, wo bei allgemeinen Ueberfluthungen in
+Zeiten, bevor Orinoco und Amazonenstrom bestanden, die Küsten mit
+erdigen Niederschlägen bedeckt wurden. Ich bezweifle, daß alle
+oceanischen Deltas einst Meerbusen, oder, wie einige neuere Geographen
+sich ausdrücken, negative Deltas waren. Wem einmal die Mündungen des
+Ganges, des Indus, des Senegal, der Donau, des Amazonenstroms, des
+Orinoco und des Mississippi geologisch genauer untersucht sind, wird
+sich zeigen, daß nicht alle denselben Ursprung haben; man wird dann
+zwischen Küsten unterscheiden, die in Folge der sich häufenden
+Anschwemmungen rasch in die See hinaus vorrücken, und Küsten, die sich
+innerhalb des allgemeinen Umrisses der Continente halten; man wird
+unterscheiden zwischen einem, von einem gegabelten Strom gebildeten
+Landstrich, und den von ein paar Seitenarmen durchzogenen Niederungen,
+die zu einem aufgeschwemmten Lande gehören, das mehrere tausend
+Quadratmeilen Flächenraum hat.
+
+Das Delta des Orinoco zwischen der Insel Cangrejos und der Boca de
+Manamo (der Landstrich, wo die Guaraons wohnen) läßt sich mit der Insel
+Marajo oder Joanes an der Mündung des Amazonenstroms vergleichen. Dort
+liegt das aufgeschwemmte Land nördlich, hier südlich vom Hauptstamm des
+Stroms. Aber die Insel Joanes schließt sich nach ihrer Form der
+allgemeinen Bodenbildung in der Provinz Maranhao gerade so an, wie die
+Küste bei den Bocas chicas des Orinoco den Küsten am Rio Essequebo und
+am Meerbusen von Paria. Nichts weist darauf hin, daß einmal letzterer
+Meerbusen südwärts von der Boca de Manamo bis Vieja Guayana ins Land
+hinein gereicht, oder daß der Amazonenstrom die ganze Bucht zwischen
+Villa Vistosa und Gran Para mit seinen Gewässern gefüllt hat. Nicht
+Alles, was an den Flüssen liegt, ist ihr Werk. Meist haben sie sich in
+aufgeschwemmtem Land ein Bett gegraben, aber diese Anschwemmungen sind
+von höherem geologischem Alter, hängen mit den großen Umwälzungen
+zusammen, die unser Planet erlitten. Es ist zu ermitteln, ob zwischen
+den gegabelten Zweigen eines Flusses der Schlick nicht auf einer Schicht
+von Geschieben liegt, wie man sie sehr weit vom fließenden Wasser
+findet. Die Arme des Orinoco weichen auf 47 Seemeilen auseinander; es
+ist dieß die Breite des oceanischen Deltas zwischen Punta Barima und der
+am weitesten nach West gelegenen Boca chica. Dieser Landstrich ist bis
+jetzt nicht genau aufgenommen, und so kennt man auch nicht die Zahl der
+Mündungen. Nach der gemeinen Annahme hat der Orinoco ihrer sieben, und
+dieß erinnert an die im Alterthum so berufenen septem ostia Nili. Aber
+das egyptische Delikt war nicht immer auf diese Zahl beschränkt, und an
+den überschwemmten Küsten von Guyana kann man wenigstens elf ganz
+ansehnliche Mündungen zählen. Nach der Boca de Navios, welche die
+Schiffer an der Punta Barima erkennen, sind vom größten Werth für die
+Schifffahrt die Bocas Mariusas, Macareo, Pedernales und Manamo grande.
+Der Strich des Deltas westwärts von der Boca Macareo wird von den
+Gewässern des Meerbusens von Paria oder Golfo triste bespült. Dieses
+Becken wird durch die Ostküste der Provinz Cumana und die Westküste der
+Insel Trinidad gebildet; es steht mit dem Meer der Antillen durch die
+vielberufenen Bocas de Dragos (Mündungen des Drachen) in Verbindung,
+welche die Küstenpiloten seit Christoph Columbus Zeit ziemlich
+uneigentlich als die Mündungen des Orinoco betrachten.
+
+Will ein Schiff von der hohen See her in die Hauptmündung des Orinoco,
+die Boca de Navios einlaufen, so muß es die Punta Barima in Sicht
+bekommen. Das rechte, südliche Ufer ist das höhere; es kommt auch nicht
+weit davon landeinwärts, zwischen dem Caño Barima, dem Aquire und dem
+Cuyuni, das Granitgestein auf dem morastigen Boden zu Tage. Das linke
+oder nördliche Stromufer, welches über das Delta bis zur Boca de
+Mariusas und der Punta Baxa läuft, ist ganz niedrig; man erkennt es von
+weitem nur an den Gruppen von Mauritiapalmen, welche die Landschaft
+zieren. Der Baum ist der Sagobaum dieses Landstrichs;[^97] man gewinnt
+daraus das Mehl zum Yurumabrod, und die Mauritia ist keineswegs eine
+»Küstenpalme«, wie Chamaerops humilis, wie der gemeine Cocosbaum und
+Commersons Lodoicea, sondern geht, als »Sumpfpalme«, bis zu den Quellen
+des Orinoco hinauf.[^98] Während der Ueberschwemmungen nehmen sich diese
+Mauritiabüsche wie ein Wald aus, der aus dem Wasser taucht. Der
+Schiffer, wenn er bei Nacht durch die Canäle des Orinocodeltas fährt,
+sieht mit Ueberraschung die Wipfel der Palmen von großen Feuern
+beleuchtet. Dieß sind die an den Baumästen aufgehängten Wohnungen der
+Guaraons (Raleghs Tivitivas und Uarauetis). Diese Völkerschaften spannen
+Matten in der Luft aus, füllen sie mit Erde und machen auf einer
+befeuchteten Thonschicht ihr Haushaltungsfeuer an. Seit Jahrhunderten
+verdanken sie ihre Freiheit und politische Unabhängigkeit dem unfesten,
+schlammigten Boden, auf dem sie in der trockenen Jahreszeit umherziehen
+und auf dem nur sie sicher gehen können, ihrer Abgeschiedenheit auf dem
+Delta des Orinoco, ihrem Leben auf den Bäumen, wohin religiöse
+Schwärmerei schwerlich je amerikanische Styliten[^99] treibt. Ich habe
+schon anderswo bemerkt, daß die Mauritiapalme, der »Lebensbaum« der
+Missionäre, den Guaraons nicht nur beim Hochwasser des Orinoco eine
+sichere Behausung bietet, sondern ihnen in seinen schuppigten Früchten,
+in seinem mehligten Mark, in seinem zuckerreichen Saft, endlich in den
+Fasern seiner Blattstiele, Nahrungsmittel, Wein und Schnüre zu Stricken
+und Hängematten gibt. Gleiche Gebräuche wie bei den Indianern auf dem
+Delta des Orinoco herrschten früher im Meerbusen von Darien (Uraba) und
+auf den meisten zeitweise unter Wasser stehenden Landstrichen zwischen
+dem Guarapiche und der Mündung des Amazonenstroms. Es ist sehr
+merkwürdig, auf der niedrigsten Stufe menschlicher Cultur das Leben
+einer ganzen Völkerschaft an eine einzige Palmenart gekettet zu sehen,
+Insekten gleich, die sich nur von Einer Blüthe, vom selben Theil eines
+Gewächses nähren.
+
+Es ist nicht zu verwundern, daß die Breite der Hauptmündung des Orinoco
+(Boca de Navios) so verschieden geschätzt wird. Die große Insel
+Cangrejos ist nur durch einen schmalen Canal von dem unter Wasser
+stehenden Boden getrennt, der zwischen den Bocas Nuina und Mariusas
+liegt, so daß 20 oder 14 Seemeilen (zu 950 Toisen) herauskommen, je
+nachdem man (in einer der Strömung entgegengesetzten Richtung) von der
+Punta Barima zum nächsten gegenüberliegenden Ufer, oder von derselben
+Punta zum östlichen Theil der Insel Cangrejos mißt. Ueber die
+Wasserstraße läuft eine Sandbank, eine Barre, in 17 Fuß Tiefe; man gibt
+derselben eine Breite von 2500 bis 2800 Toisen. Wie beim Amazonenstrom,
+beim Nil und allen Flüssen, die sich in mehrere Arme theilen, ist auch
+beim Orinoco die Mündung nicht so groß, als man nach der Länge seines
+Laufes und nach der Breite, die er noch mehrere hundert Meilen weit im
+Lande hat, vermuthen sollte. Man weiß nach Malaspinas Aufnahme, daß der
+Rio de la Plata von Punta del Este bei Maldonado bis zum Cabo San
+Antonio über 124 Seemeilen (41,3 französische Lieues) breit ist; fährt
+man aber nach Buenos Ayres hinauf, so nimmt die Breite so rasch ab, daß
+sie Colonia del Sacramento gegenüber nur noch 21 Seemeilen beträgt. Was
+man gemeiniglich die Mündung des Rio de la Plata heißt, ist eben ein
+Meerbusen, in den sich der Uruguay und der Parana ergießen, zwei Flüsse,
+die nicht so breit sind wie der Orinoco. Um die Größe der Mündung des
+Amazonenstroms zu übertreiben, rechnet man die Inseln Marajo und Caviana
+dazu, so daß von Punta Tigioca bis zu Cabo del Norte die ungeheure
+Breite von 3½ Grad oder 70 französischen Meilen herauskommt; betrachtet
+man aber näher das hydraulische System des Canals Tagypuru, des Rio
+Tocantins, des Amazonenstroms und des Araguari, die ihre ungeheuren
+Wassermassen vereinigen, so sieht man, daß diese Schätzung rein aus der
+Luft gegriffen ist. Zwischen Macapa und dem westlichen Ufer der Insel
+Marajo (Ilha de Joanes) ist der eigentliche Amazonenstrom in zwei Arme
+getheilt, die zusammen nur 32 Seemeilen (11 Lieues) breit sind. Weiter
+unten läuft das Nordufer der Insel Marajo in der Richtung eines
+Parallels fort, während die Küste von portugiesisch Guyana zwischen
+Macapa und Cabo del Norte von Süd nach Nord streicht. So kommt es, daß
+der Amazonenstrom bei den Inseln Maxiana und Caviana, da wo die Gewässer
+des Stroms und die des atlantischen Oeeans zuerst auf einander stoßen,
+einen gegen 40 Seemeilen breiten Meerbusen bildet. Der Orinoco steht
+noch mehr hinsichtlich der Länge des Laufs als der Breite im Binnenlande
+dem Amazonenstrom nach, er ist ein Fluß zweiter Ordnung; man darf aber
+nicht vergessen, daß alle diese Eintheilungen nach der Länge des Laufs
+oder der Breite der Mündungen sehr willkürlich sind. Die Flüsse der
+britannischen Inseln laufen in Meerbusen oder Süßwasserseen aus, in
+denen durch die Ebbe und Fluth des Meeres die Wasser periodisch hin und
+hergetrieben werden; sie weisen uns deutlich darauf hin, daß man die
+Bedeutung eines hydraulischen Systems nicht einzig nach der Breite der
+Mündungen schätzen darf. Jede Vorstellung von relativer Größe ist
+schwankend, so lange man nicht durch Messung der Geschwindigkeit und des
+Flächenraums von Querschnitten die Wassermassen vergleichen kann. Leider
+sind Ausnahmen der Art an Bedingungen geknüpft, die der einzelne
+Reisende nicht erfüllen kann. So muß man das ganze Flußbett sondiren
+können, und zwar in verschiedenen Jahreszeiten. Da scheinbar sehr breite
+Flüsse meist nicht sehr tiefe, von mehreren parallelen Rinnen
+durchzogene Becken sind[^100] so führen sie auch weit weniger Wasser,
+als man auf den ersten Blick glaubt. Zwischen dem Maximum und dem
+Minimum des Wasserstandes während der großen Ueberschwemmungen und in
+der trockenen Jahreszeit kann die Wassermasse um das Fünfzehn- bis
+Zwanzigfache größer oder kleiner seyn.
+
+Sobald man Punta Barima umsegelt hat und in das Bett des Orinoco selbst
+eingelaufen ist, findet man dieses nur 3000 Toisen breit. Höhere Angaben
+beruhen auf dem Versehen, daß die Steuerleute den Fluß auf einer Linie
+messen, die nicht senkrecht auf die Richtung der Strömung gezogen ist.
+Die Insel Cangrejos zu befestigen, bei der das Wasser vier bis fünf
+Faden tief ist, wäre unnütz; die Fahrzeuge wären hier außerhalb
+Kanonenschußweite. Das Labyrinth von Canälen, die zu den kleinen
+Mündungen führen, wechselt Tag für Tag nach Gestalt und Tiefe. Viele
+Steuerleute sind der festen Ansicht, die Caños Cocuina, Pedernales und
+Macareo, durch welche der Küstenhandel mit der Insel Trinidad getrieben
+wird, seyen in den letzten Jahren tiefer geworden und der Strom ziehe
+sich immer mehr von der Boca de Navios weg und wende sich mehr nach
+Nordwest. Vor dem Jahr 1760 wagten sich Fahrzeuge mit mehr als 10 bis 12
+Fuß Tiefgang selten in die kleinen Canäle des Delta. Gegenwärtig scheut
+man die »kleinen Mündungen« des Okinoco fast gar nicht mehr, und
+feindliche Schiffe, welche nie diese Striche befahren haben, finden an
+den Guaraons willige, geübte Wegweiser. Die Civilisirung dieser
+Völkerschaft, deren Wohnsitze sich zum Orinoco verhalten wie die der
+Nhengahybas oder Igaruanas zum Amazonenstrom, ist für jede Regierung,
+die am Orinoco Herr bleiben will, von großem Belang.
+
+Ebbe und Fluth sind im April, beim tiefsten Wasserstand, bis über
+Angostura hinauf zu spüren, also mehr als 85 Meilen landeinwärts. Beim
+Einfluß des Carony, 60 Meilen von der Küste, steigt das Wasser durch
+Stauung um einen Fuß drei Zoll. Diese Schwingungen der Wasserfläche,
+diese Unterbrechung des Laufs sind nicht mit der aufsteigenden Fluth zu
+verwechseln. Bei der großen Mündung des Orinoco an Cap Barima beträgt
+die Fluthhöhe 2 bis 3 Fuß, dagegen weiter gegen Nordwest, im Golfo
+triste, zwischen der Boca Pedernales, dem Rio Guarapiche und der
+Westküste von Trinidad, 7 bis 8, sogar 10 Fuß. So viel macht auf einer
+Strecke von 30 bis 40 Meilen der Einfluß des Umrisses der Küsten aus,
+sowie der Umstand, daß die Gewässer durch die Bocas de Dragos langsamer
+abfließen. Wenn man in ganz neuen Werken angegeben findet, der Orinoco
+verursache 2 bis 3 Grad in die hohe See hinaus besondere Strömungen, die
+Farbe des Seewassers verändere sich dadurch und im Golfo triste sey
+süßes Wasser (Gumillas Mar dulce), so sind das lauter Fabeln. Die
+Strömung geht an dieser ganzen Küste von Cap Orange an nach Nordwest,
+und der Einfluß der süßen Gewässer des Orinoco auf die Stärke dieser
+allgemeinen Strömung, auf die Durchsichtigkeit und die Farbe des
+Meerwassers bei reflektirtem Licht ist selten weiter als 3 bis 4 Meilen
+nordostwärts von der Insel Cangrejos zu spüren. Das Wasser im Golfo
+triste ist gesalzen, nur weniger als im übrigen Meer der Antillen wegen
+der kleinen Mündungen des Orinocodelta und der Wassermasse, welche der
+Rio Guarapiche hineinbringt. Aus denselben Gründen gibt es keine
+Salzwerke an diesen Küsten, und ich habe in Angostura Schiffe aus Cadix
+ankommen sehen, die Salz, ja, was für die Industrie in den Colonien
+bezeichnend ist, Backsteine zum Bau der Hauptkirche geladen hatten.
+
+Den Umstand, daß die unbedeutende Fluth an der Küste im Bette des
+Orinoco und des Amazonenstroms so ungemein weit aufwärts zu spüren ist,
+hat man bis jetzt als einen sichern Beweis angesehen, daß beide Ströme
+auf einer Strecke von 85 und 200 Meilen nur um wenige Fuß fallen können.
+Dieser Beweis erscheint aber durchaus nicht als stichhaltig, wenn man
+bedenkt, daß die Stärke der sich fortpflanzenden Schwankungen im Niveau
+von vielen örtlichen Umständen abhängig ist, von der Form, den
+Krümmungen und der Zahl der in einander mündenden Canäle, vom Widerstand
+des Grundes, auf dem die Fluthwelle herauskommt, vom Abprallen des
+Wassers an den gegenüberliegenden Ufern und von der Einschnürung des
+Stroms in einem Engpaß. Ein gewandter Ingenieur, Bremontier, hat in
+neuester Zeit dargethan, daß im Bett der Garonne die Fluthwellen wie auf
+einer geneigten Ebene weit über das Niveau der See an der Mündung des
+Flusses hinaufgehen. Im Orinoco kommen die ungleich hohen Fluthen von
+Punta Barima und vom Golfo triste in ungleichen Intervallen durch die
+große Wasserstraße der Boca de Navios und durch die engen, gewundenen,
+zahlreichen bocas chicas herauf. Da diese kleinen Canäle am selben
+Punkt, bei San Rafael, vom Hauptstamm abgehen, so wäre es von Interesse,
+die Verzögerung des Eintritts der Fluth und die Fortpflanzung der
+Fluthwellen im Bett des Orinoco oberhalb und unterhalb San Rafael, auf
+der See bei Cap Barima und im Golfo triste bei der Boca Manamo zu
+beobachten. Die Wasserbaukunst und die Theorie der Bewegung von
+Flüssigkeiten in engen Canälen müßten beide Nutzen aus einer Arbeit
+ziehen, für welche der Orinoco und der Amazonenstrom besonders günstige
+Gelegenheit boten.
+
+Bei der Fahrt auf dem Fluß, ob nun die Schiffe durch die Boca de Navios
+einlaufen oder sich durch das Labyrinth der bocas chicas wagen, sind
+besondere Vorsichtsmaßregeln erforderlich, je nachdem das Bett voll oder
+der Wasserstand sehr tief ist. Die Regelmäßigkeit, mit der der Orinoco
+zu bestimmten Zeiten anschwillt, war von jeher für die Reisenden ein
+Gegenstand der Verwunderung, wie ja auch das Austreten des Nils für die
+Philosophen des Alterthums ein schwer zu lösendes Problem war. Der
+Orinoco und der Nil laufen, der Richtung des Ganges, Indus, Rio de la
+Plata und Euphrat entgegen, von Süd nach Nord; aber die Quellen des
+Orinoco liegen um 5 bis 6 Grad näher am Aequator als die des Nil. Da uns
+die zufälligen Wechsel im Luftkreise täglich so stark auffallen, wird
+uns die Anschauung schwer, daß in großen Zeiträumen die Wirkungen dieses
+Wechsels sich gegenseitig ausgleichen sollen, daß in einer langen Reihe
+von Jahren die Unterschiede im durchschnittlichen Betrag der Temperatur,
+der Feuchtigkeit und des Luftdrucks von Monat zu Monat ganz unbedeutend
+sind, und daß die Natur, trotz der häufigen partiellen Störungen, in der
+Reihenfolge der meteorologischen Erscheinungen einen festen Typus
+befolgt. Die großen Ströme sammeln die Wasser, die auf einer mehrere
+tausend Quadratmeilen großen Erdfläche niederfallen, in Einen Behälter.
+So ungleich auch die Regenmenge seyn mag, die im Lauf der Jahre in
+diesem oder jenem Thale fällt, auf den Wasserstand der Ströme von langem
+Lauf haben dergleichen locale Wechsel so gut wie keinen Einfluß. Die
+Anschwellungen sind der Ausdruck des mittleren Feuchtigkeitsstandes im
+ganzen Becken; sie treten Jahr für Jahr in denselben Verhältnissen auf,
+weil ihr Anfang und ihre Dauer eben auch vom Durchschnitt der scheinbar
+sehr veränderlichen Epochen des Eintritts und des Endes der Regenzeit
+unter den Breiten, durch welche der Hauptstrom und seine Nebenflüsse
+laufen, abhängig sind. Es folgt daraus, daß die periodischen
+Schwankungen im Wasserstand der Ströme, gerade wie die unveränderliche
+Temperatur der Höhlen und der Quellen, sichtbar darauf hinweisen, daß
+Feuchtigkeit und Wärme auf einem Striche von beträchtlichem Flächenraum
+von einem Jahr zum andern regelmäßig vertheilt sind. Dieselben machen
+starken Eindruck auf die Einbildungskraft des Volks, wie ja Ordnung in
+allen Dingen überrascht, wo die ersten Ursachen schwer zu erfassen sind,
+wie ja die Durchschnittstemperaturen aus einer langen Reihe von Monaten
+und Jahren den in Verwunderung setzen, der zum erstenmal eine Abhandlung
+über klimatische Verhältnisse zu Gesicht bekommt. Ströme, die ganz in
+der heißen Zone liegen, zeigen in ihren periodischen Bewegungen die
+wundervolle Regelmäßigkeit, die einem Erdstrich eigen ist, wo derselbe
+Wind fast immer Luftschichten von derselben Temperatur herführt, und wo
+die Declinationsbewegung der Sonne jedes Jahr zur selben Zeit mit der
+elektrischen Spannung, mit dem Aufhören der Seewinde und dem Eintritt
+der Regenzeit eine Störung des Gleichgewichts verursacht.[^101] Der
+Orinoco, der Rio Magdalena und der Congo oder Zaire sind die einzigen
+großen Ströme im Aequinoctialstrich des Erdballs, die in der Nähe des
+Aequators entspringen und deren Mündung in weit höherer Breite, aber
+noch innerhalb der Tropen liegt. Der Nil und der Rio de la Plata laufen
+in zwei entgegengesetzten Halbkugeln aus der heißen in die gemäßigte
+Zone.[^102] So lange man den Rio Paragua bei Esmeralda mit dem Rio
+Guaviare verwechseln und die Quellen des Orinoco südwestwärts am
+Ostabhang der Anden suchte, schrieb man das Steigen des Stroms dem
+periodischen Schmelzen des Schnees zu. Dieser Schluß war so unrichtig,
+als wenn man früher den Nil durch das Schneewasser aus Abyssinien
+austreten ließ. Die Cordilleren von Neu-Grenada, in deren Nähe die
+westlichen Nebenflüsse des Orinoco, der Guaviare, der Meta und der Apure
+entspringen, reichen, mit einziger Ausnahme der Paramos von Chita und
+Mucuchies, so wenig zu der Grenze des ewigen Schnees hinauf als die
+abyssinischen Alpen. Schneeberge sind im heißen Erdstrich weit seltener,
+als man gewöhnlich glaubt; und die Schneeschmelze, die in keiner
+Jahreszeit bedeutend ist, wird zur Zeit der Hochwasser des Orinoco
+keineswegs stärker. Die Quellen dieses Stroms liegen (ostwärts von
+Esmeralda) in den Gebirgen der Parime, deren höchste Gipfel nicht über
+1200 bis 1300 Toisen hoch sind, und von Grita bis Neiva (von 7½ bis
+3 Grad der Breite) hat der östliche Zweig der Cordillere viele Paramos
+von 1800 bis 1900 Toisen Höhe, aber nur Eine Gruppe von Nevados, das
+heißt Bergen, höher als 2400 Toisen, und zwar die fünf Pichacos de
+Chita. In den schneelosen Paramos von Cundinamarca entspringen die drei
+großen Nebenflüsse des Orinoco von Westen her. Nur kleinere Nebenflüsse,
+die in den Meta und Apure fallen, nehmen einige aguas de nieve auf, wie
+der Rio Casanare, der vom Nevado de Chita, und der Rio de Santo Domingo,
+der von der Sierra Nevada de Merida herunterkommt und durch die Provinz
+Varinas läuft.
+
+Die Ursache des periodischen Austretens des Orinoco wirkt in gleichem
+Maaße auf alle Flüsse, die im heißen Erdstrich entspringen. Nach der
+Frühlings- Tag- und Nachtgleiche verkündet das Aufhören der Seewinde den
+Eintritt der Regenzeit. Das Steigen der Flüsse, die man als natürliche
+Regenmesser betrachten kann, ist der Regenmenge, die in den
+verschiedenen Landstrichen fällt, proportional. Mitten in den Wäldern am
+obern Orinoco und Rio Negro schienen mir über 90 bis 100 Zoll Regen im
+Jahr zu fallen.[^103] Die Eingeborenen unter dem trüben Himmel von
+Esmeralda und am Atabapo wissen daher auch ohne die geringste Kenntniß
+von der Physik, so gut wie einst Eudoxus und Eratosthenes,[^104] daß das
+Austreten großer Ströme allein vom tropischen Regen herrührt. Der
+ordnungsmäßige Verlauf im Steigen und Fallen des Orinoco ist folgender.
+Gleich nach der Frühlings- Tag- und Nachtgleiche (das Volk nimmt den 25.
+März an) bemerkt man, daß der Fluß zu steigen anfängt, Anfangs nur um
+einen Zoll in vierundzwanzig Stunden; im April fällt der Fluß zuweilen
+wieder; das Maximum des Hochwassers erreicht er im Juli, bleibt voll (im
+selben Niveau) vom Ende Juli bis zum 25. August, und fällt dann
+allmählich, aber langsamer, als er gestiegen. Im Januar und Februar ist
+er auf dem Minimum. In beiden Welten haben die Ströme der nördlichen
+heißen Zone ihre Hochwasser ungefähr zur selben Zeit. Ganges, Niger und
+Gambia erreichen wie der Orinoco ihr Maximum im August.[^105] Der Nil
+bleibt um zwei Monate zurück, sey es in Folge gewisser localer
+klimatischer Verhältnisse in Abyssinien, sey es wegen der Länge seines
+Laufs vom Lande Berber oder vom 17. Breitengrad bis zur Theilung am
+Delta. Die arabischen Geographen behaupten, in Sennaar und Abyssinien
+steige der Nil schon im April (ungefähr wie der Orinoco); in Cairo wird
+aber das Steigen erst gegen das Sommersolstitium merklich und der
+höchste Wasserstand tritt Ende September ein.[^106] Aus diesem erhält
+sich der Fluß bis Mitte October; das Minimum fällt in April und Mai,
+also in eine Zeit, wo in Guyana die Flüsse schon wieder zu steigen
+anfangen. Aus dieser raschen Uebersicht ergibt sich, daß, wenn auch die
+Form der natürlichen Canäle und locale klimatische Verhältnisse eine
+Verzögerung herbeiführen, die große Erscheinung des Steigens und Fallens
+der Flüsse in der heißen Zone sich überall gleich bleibt. Auf den beiden
+Thierkreisen, die man gewöhnlich den tartarischen und chaldäischen oder
+egyptischen nennt (auf dem Thierkreis, der das Bild der Ratte, und auf
+dem, der die Bilder der Fische und des Wassermanns hat) beziehen sich
+besondere Constellationen auf die periodischen Ueberschwemmungen der
+Flüsse. Wahre Cykeln, Zeiteintheilungen, wurden allmählig zu Theilungen
+des Raums; da aber die physikalische Erscheinung der Ueberschwemmungen
+eine so allgemeine ist, so konnte der Thierkreis, der durch die Griechen
+auf uns gekommen und der durch das Vorrücken der Tag- und Nachtgleichen
+ein geschichtliches Denkmal von hohem Alter wird, weit von Theben und
+dem heiligen Nilthal entstanden seyn. Auf den Thierkreisen der neuen
+Welt, z. B. auf dem mexicanischen, kommen auch Zeichen für Regen und
+Ueberschwemmung vor, die dem Chu (der Ratte) des chinesischen und
+tibetanischen Cyclus der Tse und den Fischen und dem Wassermann des
+zwölftheiligen Thierkreises entsprechen. Diese zwei mexicanischen
+Zeichen sind das Wasser (atl) und der Cipactli, das Seeungeheuer mit
+einem Horn. Dieses Thier ist zugleich die Fischgazelle der Hindus, der
+Steinbock unseres Thierkreises, der Deucalion der Griechen und der Noah
+(Coxcox) der Azteken. So finden wir denn die allgemeinen Ergebnisse der
+vergleichenden Hydrographie schon aus den astrologischen Denkmälern, in
+den Zeiteintheilungen und den religiösen Ueberlieferungen von Völkern,
+die geographisch und dem Grad ihrer Geistesbildung nach am weitesten
+auseinander liegen.
+
+Da die Aequatorialregen auf den Niederungen eintreten, wenn die Sonne
+durch das Zenith des Ortes geht, das heißt wenn ihre Declination der
+Zone zwischen dem Aequator und einem der Wendekreise gleichnamig wird,
+so fällt das Wasser im Amazonenstrom, während es im Orinoco merklich
+steigt. In einer sehr scharfsinnigen Erörterung über den Ursprung des
+Rio Congo hat man die Physiker bereits auf die Modificationen aufmerksam
+gemacht, welche das periodische Steigen im Laufe eines Flusses erleiden
+muß, bei dem Quellen und Mündung nicht auf derselben Seite der
+Aequinoctiallinie liegen. Bei den hydraulischen Systemen des Orinoco und
+des Amazonenstromes verwickeln sich die Umstände in noch auffallenderer
+Weise. Sie sind durch den Rio Negro und den Cassiquiare, einen Arm des
+Orinoco, verbunden, und diese Verbindung bildet zwischen zwei großen
+Flußbecken eine schiffbare Linie, über welche der Aequator läuft. Der
+Amazonenstrom hält nach Angaben, die mir an den Ufern desselben gemacht
+worden, die Epochen des Steigens und Fallens lange nicht so regelmäßig
+ein, als der Orinoco; indessen fängt er meist im December an zu steigen
+und erreicht sein Maximum im März. Mit dem Mai fällt er wieder und im
+Juli und August, also zur Zeit, wo der untere Orinoco das Land weit und
+breit überschwemmt, ist sein Wasser stand im Minimum. Da in Folge der
+allgemeinen Bodenbildung kein südamerikanischer Fluß von Süd nach Nord
+über den Aequator laufen kann, so äußern die Ueberschwemmungen des
+Orinoco Einfluß auf den Amazonenstrom, durch die des letzteren dagegen
+erleiden die Oscillationen des Orinoco keine Störung in ihrem Gang. Aus
+diesen Verhältnissen ergibt sich, daß beim Amazonenstrom und dem Orinoco
+die concaven und die convexen Spitzen der Curve, welche der steigende
+und fallende Wasserstand beschreibt, einander sehr regelmäßig
+entsprechen, da sie den sechsmonatlichen Unterschied bezeichnen, der
+durch die Lage der Ströme in entgegengesetzten Hemisphären bedingt wird.
+Nur dauert es beim Orinoco nicht so lange, bis er zu steigen anfängt; er
+steigt merklich, sobald die Sonne über den Aequator gegangen ist; der
+Amazonenstrom dagegen wächst erst zwei Monate nach dem Aequinoctium.
+Bekanntlich tritt in den Wäldern nördlich von der Linie der Regen früher
+ein, als in den nicht so stark bewaldeten Niederungen der südlichen
+heißen Zone. Zu dieser örtlichen Ursache kommt eine andere, die
+vielleicht auch im Spiel ist, wenn der Nil so spät steigt. Der
+Amazonenstrom erhält einen großen Theil seiner Gewässer von der
+Cordillere der Anden, wo, wie überall in den Gebirgen, die Jahreszeiten
+einen eigenthümlichen, dem der Niederungen meist entgegengesetzten Typus
+haben.
+
+Das Gesetz des Steigens und Fallens des Orinoco ist in Bezug auf das
+räumliche Moment oder die Größe der Schwankungen schwerer zu ermitteln
+als hinsichtlich des Zeitlichen, des Eintretens der Maxima und Minima.
+Da meine eigenen Messungen des Wasserstandes sehr unvollständig sind,
+theile ich Schätzungen, die sehr stark von einander abweichen, nur unter
+allem Vorbehalt mit. Die fremden Schiffer nehmen an, daß der untere
+Orinoco gewöhnlich um 90 Fuß steige; Pons, der bei seinem Aufenthalt in
+Caracas im Allgemeinen sehr genaue Notizen gesammelt hat, bleibt bei 13
+Faden stehen. Der Wasserstand wechselt natürlich nach der Breite des
+Betts und der Zahl der Nebenflüsse, die in den Hauptstamm des Stroms
+hereinkommen. Der Nil steigt in Oberegypten um 30 bis 35, bei Cairo um
+25, an der Nordseite des Delta um 4 Fuß. Bei Angostura scheint der Strom
+im Durchschnitt nicht über 24 oder 25 Fuß zu steigen. Es liegt hier
+mitten im Fluß eine Insel, wo man den Wasserstand so bequem beobachten
+könnte, wie am Nilmesser (Megyas) an der Spitze der Insel Rudah. Ein
+ausgezeichneter Gelehrter, der sich in neuester Zeit am Orinoco
+aufgehalten hat, Zea, wird meine Beobachtungen über einen so wichtigen
+Punkt ergänzen: Das Volk glaubt, alle 25 Jahre steige der Orinoco um
+drei Fuß höher als sonst; auf diesen Cyclus ist man aber keineswegs
+durch genaue Messungen gekommen. Aus den Zeugnissen des Alterthums geht
+hervor, daß die Niveauschwankungen des Nil nach Höhe und Dauer seit
+Jahrtausenden sich gleich geblieben sind. Es ist dieß ein sehr
+beachtenswerther Beweis, daß der mittlere Feuchtigkeits- und
+Wärmezustand im weiten Nilbecken sich nicht verändert. Wird diese
+Stetigkeit der physikalischen Erscheinungen, dieses Gleichgewicht der
+Elemente sich auch in der neuen Welt erhalten, wenn einmal die Cultur
+ein paar hundert Jahre alt ist? Ich denke, man kann die Frage bejahen,
+denn alles, was die Gesammtkraft des Menschen vermag, kann auf die
+allgemeinen Ursachen, von denen das Klima Guyanas abhängt, keinen
+Einfluß äußern.
+
+Nach der Barometerhöhe von San Fernando de Apure finde ich, daß der Fall
+des Apure und untern Orinoco von dieser Stadt bis zur Boca de Navios
+3½ Zoll auf die Seemeile von 930 Toisen beträgt.[^107] Man könnte sich
+wundern, daß bei einem solchen kaum merklichen Fall die Strömung so
+stark ist; ich erinnere aber bei dieser Gelegenheit daran, daß nach
+Messungen, die von Hastings angeordnet worden, der Ganges auf einer
+Strecke von 60 Seemeilen (die Krümmungen eingerechnet) auch nur 4 Zoll
+auf die Meile fällt und daß die mittlere Geschwindigkeit dieses Stroms
+in der trockenen Jahreszeit 3, in der Regenzeit 6 bis 8 Seemeilen in der
+Stunde beträgt. Die Stärke der Strömung hängt also, beim Ganges wie beim
+Orinoco, nicht sowohl vom Gefälle des Bettes ab, als von der starken
+Anhäufung des Wassers im obern Stromlauf in Folge der starken
+Regenniederschläge und der vielen Zuflüsse. Schon seit 250 Jahren sitzen
+europäische Ansiedler an den Mündungen des Orinoco, und in dieser langen
+Zeit haben sich, nach einer von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzten
+Ueberlieferung, die periodischen Oscillationen des Stroms (der
+Zeitpunkt, wo er zu steigen anfängt und der höchste Wasserstand) sich
+nie um mehr als 12 bis 15 Tage verzögert.
+
+Wenn Fahrzeuge mit großem Tiefgang im Januar und Februar mit dem Seewind
+und der Fluth nach Angostura hinaufgehen, so laufen sie Gefahr, auf dem
+Schlamm aufzufahren. Die Wasserstraße ändert sich häufig nach Breite und
+Richtung; bis jetzt aber bezeichnet noch nirgends eine Bake die
+Anschwemmungen, die sich überall im Fluß bilden, wo das Wasser seine
+ursprüngliche Geschwindigkeit verloren hat. Südlich vom Cap Barima
+besteht sowohl über den Fluß dieses Namens als über den Rio Moroca und
+mehrere Esteres (aestuaria) eine Verbindung mit der englischen Colonie
+am Essequebo. Man kann mit kleinen Fahrzeugen bis zum Rio Poumaron, an
+dem die alten Niederlassungen Zeland und Middelburg liegen, ins Land
+hinein kommen. Diese Verbindung hatte früher für die Regierung in
+Caracas nur darum einige Wichtigkeit, weil dadurch dem Schleichhandel
+Vorschub geleistet wurde; seit aber Berbice, Demerary und Essequebo
+einem mächtigeren Nachbar in die Hände gefallen sind, betrachten die
+Hispano-Amerikaner dieselbe aus dem Gesichtspunkt der Sicherheit der
+Grenze. Flüsse, die der Küste parallel laufen und nur 5 bis 6 Seemeilen
+davon entfernt bleiben, sind dem Uferstrich zwischen dem Orinoco und dem
+Amazonenstrom eigenthümlich.
+
+Zehn Meilen von Cap Barima theilt sich das große Bett des Orinoco zum
+erstenmal in zwei 2000 Toisen breite Arme; dieselben sind unter den
+indianischen Namen Zacupana und Imataca bekannt. Der erstere,
+nördlichere, steht westwärts von den Inseln Cangrejos und Burro mit den
+bocas chicas Lauran, Nuina und Mariusas in Verbindung. Die Insel Burro
+verschwindet beim Hochwasser, ist also leider nicht zu befestigen. Das
+südliche Ufer des brazo Imataca ist von einem Labyrinth kleiner
+Wasserrinnen zerschnitten, in welche sich der Rio Imataca und der Rio
+Aquire ergießen. Auf den fruchtbaren Savanen zwischen dem Imataca und
+dem Cuyuni erhebt sich eine lange Reihe Granithügel, Ausläufer der
+Cordillere der Parime, die südlich von Angostura den Horizont begrenzt,
+die vielberufenen Katarakten des Rio Carony bildet und dem Orinoco beim
+Fort Vieja Guayana wie ein vorgeschobenes Cap nahe rückt. Die
+volkreichen Missionen der Caraiben und Guayanos unter der Obhut der
+catalonischen Kapuziner liegen den Quellen des Imataca und des Aquire
+zu. Am weitesten gegen Ost liegen die Missionen Miamu, Cumamu und Palmar
+auf einem bergigten Landstrich, der sich gegen Tupuquen, Santa Maria und
+Villa de Upata hinzieht. Geht man den Rio Aquire hinauf und über die
+Weiden gegen Süd, so kommt man zur Mission Belem de Tumeremo und von da
+an den Zusammenfluß des Curumu mit dem Rio Cuyuni, wo früher der
+spanische Posten oder destacamento de Cuyuni lag. Ich mache diese
+einzelnen topographischen Angaben, weil der Rio Cuyuni oder Cuduvini auf
+eine Strecke von 2½ bis 3 Längegraden dem Orinoco parallel von Ost nach
+West läuft, und eine vortreffliche natürliche Grenze zwischen dem Gebiet
+von Caracas und englisch Guyana abgibt.
+
+Die beiden Arme des Orinoco, der Zacupana und Imataca, bleiben 14 Meilen
+weit getrennt; weiter oben findet man die Gewässer des Stroms in Einem
+sehr breiten Bett beisammen. Dieses Stromstück ist gegen 8 Meilen lang;
+an seinem westlichen Ende erscheint eine zweite Gabelung, und da die
+Spitze des Deltas im nördlichen Arm des gegebenen Flusses liegt, so ist
+dieser Theil des Orinoco für die militärische Vertheidigung des Landes
+von großer Bedeutung. Alle Canäle, die den bocas chicas zulaufen,
+entspringen am selben Punkt aus dem Stamme des Orinoco. Der Arm (Caño
+Manamo), der beim Dorfe San Rafael abgeht, verzweigt sich erst nach
+einem Lauf von 3 bis 4 Meilen, und ein Werk, das man oberhalb der Insel
+Chaguanes anlegte, würde Angostura gegen einen Feind decken, der durch
+eine der bocas chicas eindringen wollte. Zu meiner Zeit lagen die
+Kanonierschaluppen östlich von San Rafael, am nördlichen Ufer des
+Orinoco. Diesen Punkt müssen die Fahrzeuge in Sicht bekommen, die durch
+die nördliche Wasserstraße bei San Rafael, welche die breiteste, aber
+seichteste ist, nach Angostura hinaufsegeln.
+
+Sechs Meilen oberhalb des Punktes, wo der Orinoco einen Zweig an die
+bocas chicas abgibt, liegt das alte Fort (los castillos de la Vieja oder
+Antigua Guayana), das im sechzehnten Jahrhundert zuerst angelegt wurde.
+An diesem Punkt liegen viele felsigte Eilande im Strom, der hier gegen
+650 Toisen breit seyn soll. Die Stadt ist fast ganz zerstört, aber die
+Werke stehen noch und verdienen alle Aufmerksamkeit von Seiten der
+Regierung von Terra Firma. In der Batterie auf einem Hügel nordwestwärts
+von der alten Stadt hat man eine prachtvolle Aussicht. Bei Hochwasser
+ist die alte Stadt ganz von Wasser umgeben. Lachen, die in den Orinoco
+münden, bilden natürliche Bassins für Schiffe, welche auszubessern sind.
+Hoffentlich, wenn der Frieden diesen schönen Ländern wieder geschenkt
+ist und keine engherzige Staatskunst mehr den Fortschritt der Industrie
+hemmt, werden sich Werften an diesen Lachen bei Vieja Guayana erheben.
+Kein Strom nach dem Amazonenstrom kann aus den Wäldern, durch die er
+läuft, so prächtiges Schiffsbauholz liefern. Diese Hölzer aus den großen
+Familien der Laurineen, der Guttiferen, der Rutaceen und der baumartigen
+Schotengewächse bieten nach Dichtigkeit, specifischer Schwere und mehr
+oder weniger harziger Beschaffenheit alle nur wünschenswerthen
+Abstufungen. Was im Lande allein fehlt, das ist ein leichtes,
+elastisches Mastholz mit parallelen Fasern, wie die Nadelhölzer der
+gemäßigten Landstriche und der hohen Gebirge unter den Tropen es
+liefern.
+
+Ist man an den Werken von Vieja Guayana vorbei, so wird der Orinoco
+wieder breiter. Hinsichtlich des Anbaus des Landes zeigen beide Ufer
+einen auffallenden Contrast. Gegen Nord sieht man nur den öden Strich
+der Provinz Cumana, die unbewohnten Steppen (Llanos), die sich bis
+jenseits der Quellen des Rio Maine, dem Plateau oder der Mesa von
+Guanipa zu, erstrecken. Südwärts sieht man drei volkreiche Dörfer, die
+zu den Missionen am Carony gehören, San Miguel de Uriala, San Felix und
+San Joaquin. Letzteres Dorf, am Carony unmittelbar unterhalb des großen
+Katarakts gelegen, gilt für den Stapelplatz der catalonischen Missionen.
+Fährt man weiter gegen West, so hat der Steuermann zwischen der Mündung
+des Carony und Angostura die Klippen Guarampo, die Untiefe des Mamo und
+die Piedra del Rosario zu vermeiden. Ich habe nach dem umfangreichen
+Material, das ich mitgebracht, und nach den astronomischen
+Untersuchungen, deren Hauptergebnisse ich oben mitgetheilt, eine Karte
+des Landes zwischen dem Delta des Orinoco, dem Carony und dem Cuyuni
+entworfen. Es ist dieß der Theil von Guyana, der wegen der Nähe der
+Küste eines Tags für europäische Ansiedler die meiste Anziehungskraft
+haben wird.
+
+In ihrem gegenwärtigen Zustande steht die ganze Bevölkerung dieser
+großen Provinz, mit Ausnahme einiger spanischer Kirchspiele (Pueblos y
+villas de Espanoles), unter der Regierung zweier Mönchsorden. Schätzt
+man die Zahl der Einwohner von Guyana, die nicht in wilder
+Unabhängigkeit leben, auf 35,000, so leben etwa 24,000 in den Missionen
+und sind dem unmittelbaren Einfluß des weltlichen Arms so gut wie
+entzogen. Zur Zeit meiner Reise hatte das Gebiet der Franciskaner von
+der Congregation der Observanten 7300 Einwohner, das der Capuchinos
+catalanes 17,000; ein auffallendes Mißverhältniß, wenn man bedenkt, wie
+klein letzteres Gebiet ist gegenüber den ungeheuren Uferstrecken am
+obern Orinoco, Atabapo, Cassiquiare und Rio Negro. Aus diesen Angaben
+geht hervor, daß gegen zwei Drittheile der Bevölkerung einer Provinz von
+16,800 Meilen Flächeninhalt zwischen dem Rio Imataca und der Stadt Santo
+Thome de Angostura auf einem 55 Meilen langen und 30 Meilen breiten
+Strich zusammengedrängt sind. Diese beiden mönchischen Regierungen sind
+den Weißen gleich unzugänglich und bilden einen status in statu. Ich
+habe bisher nach meinen eigenen Beobachtungen die der Observanten
+beschrieben, und es bleibt mir jetzt noch übrig mitzutheilen, was ich
+über das andere Regiment, das der catalonischen Kapuziner, in Erfahrung
+gebracht. Verderbliche bürgerliche Zwiste und epidemische Fieber haben
+in den letzten Jahren den Wohlstand der Missionen am Carony, nachdem er
+lange im Zunehmen gewesen, heruntergebracht; aber trotz dieser Verluste
+ist der Landstrich, den wir besuchen wollen, noch immer
+nationalökonomisch sehr interessant.
+
+Die Missionen der catalonischen Kapuziner hatten im Jahr 1804 zum
+wenigsten 60,000 Stücke Vieh auf den Savanen, die sich vom östlichen
+Ufer des Carony und Paragua bis zu den Ufern des Imataca, Curumu und
+Cuyuni erstrecken; sie grenzen gegen Südost an das englische Guyana oder
+die Colonie Essequebo, gegen Süd, an den öden Ufern des Paragua und
+Paraguamusi hinauf und über die Cordillere von Pacaraimo, laufen sie bis
+zu den portugiesischen Niederlassungen am Rio Branco. Dieser ganze
+Landstrich ist offen, voll schöner Savanen, ganz anders als das Land,
+über das wir am obern Orinoco gekommen sind. Undurchdringlich werden die
+Wälder erst dem Süden zu, gegen Nord sind Wiesgründe, von bewaldeten
+Hügeln durchschnitten. Die malerischsten Landschaften sind bei den
+Fällen des Carony und in der 250 Toisen hohen Bergkette zwischen den
+Neben- flüssen des Orinoco und denen des Cuyuni. Hier liegen Villa de
+Upata, der Hauptort der Missionen, Santa Maria und Cupapui. Auf kleinen
+Hochebenen herrscht ein gesundes, gemäßigtes Klima; Cacao, Reis,
+Baumwolle, Indigo und Zucker wachsen überall in Fülle, wo der
+unberührte, mit dicker Grasnarbe bedeckte Boden beackert wird. Die
+ersten christlichen Niederlassungen reichen, glaube ich, nicht über das
+Jahr 1721 hinauf. Die Elemente der gegenwärtigen Bevölkerung sind drei
+indianische Völkerschaften, die Guayanos, die Caraiben und die Guaicas.
+Letztere sind ein Gebirgsvolk und lange nicht von so kleinem Wuchse, wie
+die Guaicas, die wir in Esmeralda getroffen[^108] Sie sind schwer an die
+Scholle zu fesseln und die drei jüngsten Missionen, in denen sie
+beisammen lebten, Cura, Curucuy und Arechica, find bereits wieder
+eingegangen. Von den Guayanos erhielt im sechzehnten Jahrhundert diese
+ganze weite Provinz ihren Namen; sie sind nicht so intelligent, aber
+sanftmüthiger, und leichter, wenn nicht zu civilisiren, doch zu
+bändigen, als die Caraiben. Ihre Sprache scheint zum großen Stamm der
+caraibischen und tamanakischen Sprachen zu gehören. Sie ist mit
+denselben in den Wurzeln und grammatischen Formen verwandt, wie unter
+sich Sanscrit, Persisch, Griechisch und Deutsch. Bei etwas, das seinem
+Wesen nach unbestimmt ist, lassen sich nicht leicht feste Formen
+aufstellen, und man verständigt sich sehr schwer über die Unterschiede
+zwischen Dialekt, abgeleiteter Sprache und Stammsprache. Durch die
+Jesuiten in Paraguay kennen wir in der südlichen Halbkugel eine andere
+Horde Guayanos, die in den dichten Wäldern am Parana leben. Obgleich
+sich nicht in Abrede ziehen läßt, daß die Völker, die nördlich und
+südlich vom Amazonenstrom hausen, durch weite Wanderzüge in gegenseitige
+Verbindung getreten sind, so möchte ich doch nicht entscheiden, ob jene
+Guayanos am Parana und Uragay mit denen am Carony mehr gemein haben, als
+einen gleichlautenden Namen, was auf einem Zufall beruhen kann.
+
+Die bedeutendsten christlichen Niederlassungen liegen jetzt zwischen den
+Bergen bei Santa Maria, der Mission San Miguel und dem östlichen Ufer
+des Carony, von San Buenaventura bis Guri und dem Stapelplatz San
+Joaquin, auf einem Landstrich von nur 460 Quadratmeilen beisammen. Gegen
+Ost und Süd sind die Savanen fast gar nicht bewohnt; dort liegen nur
+weit zerstreut die Missionen Belem, Tumuremo, Tupuquen, Puedpa und Santa
+Clara. Es wäre zu wünschen, daß der Boden vorzugsweise abwärts von den
+Flüssen bebaut würde, wo das Terrain höher und die Luft gesunder ist.
+Der Rio Carony, ein herrlich klares, an Fischen armes Wasser, ist von
+Villa de Barceloneta an, die etwas über dem Einfluß des Paragua liegt,
+bis zum Dorfe Guri frei von Klippen. Weiter nordwärts schlängelt er sich
+zwischen zahllosen Eilanden und Felsen durch, und nur die kleinen Canoes
+der Caraiben wagen sich in diese Raudales oder Stromschnellen des Carony
+hinein. Zum Glück theilt sich der Fluß häufig in mehrere Arme, so daß
+man denjenigen wählen kann, der nach dem Wasserstand am wenigsten Wirbel
+und Klippen über dem Wasser hat. Der große Salto, vielberufen wegen der
+malerischen Reize der Landschaft, liegt etwas oberhalb des Dorfes
+Aguacagua oder Carony, das zu meiner Zeit eine Bevölkerung von 700
+Indianern hatte. Der Wasserfall soll 15—20 Fuß hoch seyn, aber die
+Schwelle läuft nicht über das ganze mehr als 300 Fuß breite Flußbett.
+Wenn sich einmal die Bevölkerung mehr gegen Ost ausbreitet, so kann sie
+die kleinen Flüsse Imataca und Aquire benützen, die ziemlich gefahrlos
+zu befahren sind. Die Mönche, die gern einsam hausen, um sich der
+Aufsicht der weltlichen Macht zu entziehen, wollten sich bis jetzt nicht
+am Orinoco ansiedeln. Indessen können die Missionen am Carony nur auf
+diesem Fluß oder auf dem Cuyuni und dem Essequebo ihre Produkte
+ausführen. Der letztere Weg ist noch nicht versucht worden, obgleich an
+einem der bedeutendsten Nebenflüsse des Cuyuni, am Rio Juruario, bereits
+mehrere christliche Niederlassungen liegen. Dieser Nebenfluß zeigt bei
+Hochgewässer die merkwürdige Erscheinung einer Gabelung; er steht dann
+über den Juraricuima und den Aurapa mit dem Rio Carony in Verbindung, so
+daß der Landstrich zwischen dem Orinoco, der See, dem Cuyuni und dem
+Carony zu einer wirklichen Insel wird. Furchtbare Stromschnellen
+erschweren die Schifffahrt auf dem obern Cuyuni; man hat daher in der
+neuesten Zeit versucht, einen Weg in die Colonie Essequebo viel weiter
+gegen Südost zu bahnen, wobei man an den Cuyuni weit unterhalb der
+Mündung des Cucumu käme.
+
+In diesem ganzen südlichen Landstrich ziehen Horden unabhängiger
+Caraiben umher, die schwachen Reste des kriegerischen Volksstammes, der
+sich bis zu den Jahren 1733 und 1735 den Missionären so furchtbar
+machte, um welche Zeit der ehrwürdige Bischof Gervais de Labrid,[^109]
+Canonicus des Metropolitancapitels zu Lyon, der Pater Lopez und mehrere
+andere Geistliche von den Caraiben erschlagen wurden. Dergleichen
+Unfälle, die früher ziemlich häufig vorkamen, sind jetzt nicht mehr zu
+befahren, weder in den Missionen am Carony noch in denen am Orinoco;
+aber die unabhängigen Caraiben sind wegen ihres Verkehrs mit den
+holländischen Colonisten am Essequebo für die Regierung von Guyana noch
+immer ein Gegenstand des Mißtrauens und des Hasses. Diese Stämme leisten
+dem Schleichhandel an den Küsten und durch die Canäle oder Esteres
+zwischen dem Rio Barima und dem Rio Moroca Vorschub; sie treiben den
+Missionären das Vieh weg und verleiten die neubekehrten Indianer (die
+unter der Glocke leben), wieder in den Wald zu laufen. Die freien Horden
+haben überall den natürlichen Trieb, sich den Fort- schritten der Cultur
+und dem Vordringen der Weißen zu widersetzen. Die Caraiben und Aruacas
+verschaffen sich in Essequebo und Demerary Feuergewehre, und als der
+Handel mit amerikanischen Sklaven (poitos) in Blüthe stand, betheiligten
+sich Abenteurer von holländischem Blut an den Einfällen an den Paragua,
+Erevato und Ventuario. Die Menschenjagd wurde an diesen Flüssen
+betrieben, wie wahrscheinlich noch jetzt am Senegal und Gambia. In
+beiden Welten haben die Europäer dieselben Kunstgriffe gebraucht,
+dieselben Unthaten begangen, um einen Handel zu treiben, der die
+Menschheit schändet. Die Missionäre am Carony und Orinoco schreiben
+alles Ungemach, das sie von den freien Caraiben zu erdulden haben, dem
+Hasse ihrer Nachbarn, der calvinistischen Prädicanten am Essequebo, zu.
+Ihre Schriften sind daher auch voll Klagen über die secta diabolica de
+Calvins y de Lutero und gegen die Ketzer in holländisch Guyana, die sich
+zuweilen herausnehmen, das Missionswesen zu treiben und Keime der
+Gesittung unter den Wilden ausstreuen zu wollen.
+
+Unter allen vegetabilischen Erzeugnissen dieses Landes ist durch die
+Betriebsamkeit der catalonischen Kapuziner der Baum, von dem die Cortex
+Angosturae kommt, fälschlich »China von Carony« genannt, am berühmtesten
+geworden. Wir haben ihn zuerst als eine neue von der Cinchona ganz
+verschiedene Gattung der Familie der Meliaceen bekannt gemacht. Früher
+meinte man, dieses wirksame Arzneimittel aus Südamerika komme von der
+Brucea ferruginea, die in Abyssinien wächst, von der Magnolia glauca und
+der Magnolia Plumieri. Während der schweren Krankheit meines
+Reisegefährten schickte Navago einen vertrauten Mann in die Missionen am
+Carony und ließ uns durch die Kapuziner in Upata blühende Zweige des
+Baumes verschaffen, den wir wünschten beschreiben zu können. Wir bekamen
+sehr schöne Exemplare, deren 18 Zoll lange Blätter einen sehr angenehmen
+aromatischen Geruch verbreiteten. Wir sahen bald, daß der Cuspare (dieß
+ist der indianische Name der Cascarilla oder der Corteza del Angostura)
+eine neue Gattung bildet; und bei Uebersendung von Orinocopflanzen an
+Willdenow ersuchte ich diesen, die Gattung nach Bonpland zu benennen.
+Der jetzt unter dem Namen Bonplandia trifoliata bekannte Baum wächst 5
+bis 6 Meilen vom östlichen Ufer des Carony am Fuß der Hügel, welche die
+Missionen Copapui, Upata und Alta Gracia einschließen. Die Caraiben
+gebrauchen einen Aufguß der Rinde des Cuspare als ein stärkendes Mittel.
+Bonpland hat denselben Baum westwärts von Cumana im Meerbusen Santa Fe
+entdeckt, und dort kann er für Neu-Andalusien ein Ausfuhrartikel werden.
+
+Die catalonischen Mönche bereiten ein Extrakt aus der Cortex Angosturae,
+das sie in die Klöster ihrer Provinz versenden und das im nördlichen
+Europa bekannter zu seyn verdiente. Hoffentlich wird die gegen Fieber
+und Ruhr so wirksame Rinde der Bonplandia auch ferner angewendet,
+obgleich man unter dem Namen »falsche Angostura« eine andere Rinde
+eingeführt hat, die mit jener häufig verwechselt wird. Diese »falsche
+Angostura« oder »Angostura pseudo-ferruginosa« kommt, wie man behauptet,
+von der Brucea antidysenterica; sie wirkt sehr stark auf die Nerven,
+bringt heftige Anfälle von Starrkrampf hervor und enthält nach
+Pelletiers und Caventous Versuchen ein eigenthümliches Alcali, das mit
+dem Morphium und dem Strychnin Aehnlichkeit hat. Der Baum, von dem die
+ächte Cortex Angosturae kommt, ist nicht sehr häufig, und es erscheint
+daher als wünschenswerth, daß man ihn anpflanzt. Die catalonischen
+Ordensleute sind ganz dazu geeignet, diesen Culturzweig in Aufnahme zu
+bringen. Sie sind haushälterischer, betriebsamer und rühriger als die
+andern Missionäre. Bereits haben sie in einigen Dörfern Gerbereien und
+Baumwollenspinnereien angelegt, und wenn sie fortan die Indianer der
+Früchte ihrer Arbeit genießen lassen, so finden sie sicher an der
+eingeborenen Bevölkerung kräftige Unterstützung. Da hier die Mönche auf
+kleinem Gebiet beisammen leben, fühlen sie ihre politische Bedeutung,
+und sie haben zu wiederholten malen der weltlichen Gewalt, wie der des
+Bischofs Widerstand geleistet. Die Statthalter in Angostura haben mit
+sehr ungleichem Erfolg mit ihnen gekämpft, je nachdem das Ministerium in
+Madrid sich der kirchlichen Hierarchie gefällig erzeigen wollte oder
+ihre Macht zu beschränken suchte. Im Jahr 1768 ließ Don Manuel Centurion
+den Missionären über 20,000 Stücke Vieh wegnehmen und sie unter die
+dürftigsten Einwohner vertheilen. Diese auf ziemlich ungesetzliche Weise
+geübte Freigebigkeit hatte wichtige Folgen. Der Statthalter wurde auf
+die Klage der catalonischen Mönche abgesetzt, obgleich er das Gebiet der
+Missionen gegen Süd bedeutend erweitert und über dem Zusammenfluß des
+Carony mit dem Paragua die Villa Barceloneta und bei der Vereinigung des
+Paragua mit dem Paraguamusi die Ciudad Guirior gegründet hatte. Seit
+jener Zeit bis auf die politischen Stürme, welche gegenwärtig in den
+spanischen Colonien toben, vermied die bürgerliche Behörde sorgfältig
+jede Einmischung in die Angelegenheiten der Kapuziner. Man gefällt sich
+darin, ihren Wohlstand zu übertreiben, wie man früher bei den Jesuiten
+in Paraguay gethan.
+
+Die Missionen am Carony vereinigen in Folge der Bodenbildung[^110] und
+des Wechsels von Savanen und Ackerland die Vorzüge der Llanos von
+Calabozo und der Thäler von Aragua. Der wahre Reichthum des Landes
+beruht auf der Viehzucht und dem Bau von Colonialprodukten. Es ist zu
+wünschen, daß hier, wie in der schönen, fruchtbaren Provinz Venezuela,
+die Bevölkerung dem Landbau treu bleibt und nicht so bald darauf
+ausgeht, Erzgruben zu suchen. Deutschlands und Mexikos Beispiel beweist
+allerdings, daß Bergbau und eine blühende Landwirthschaft keineswegs
+unverträglich sind; aber nach Volkssagen kommt man über die Ufer des
+Carony zum See Dorado und zum Palast des vergoldeten Mannes,[^111] und
+da dieser See und dieser Palast ein Localmythus sind, so wäre es
+gefährlich Erinnerungen zu wecken, die sich allmählig zu verwischen
+beginnen. Man hat mich versichert, noch bis zum Jahr 1760 seyen die
+freien Caraiben zum Cerro de Pajarcima, einem Berg südlich von Vieja
+Guyana gekommen, um das verwitterte Gestein auszuwaschen. Der dabei
+gewonnene Goldstaub wurde in Calebassen der Crescentia Cujete aufbewahrt
+und in Essequebo an die Holländer verkauft. Noch später mißbrauchten
+mexicanische Bergleute die Leichtgläubigkeit des Intendanten von
+Caracas, Don Jose Avalo, und legten mitten in den Missionen am Carony,
+bei der Villa Upata in den Cerros del Potrero und Chirika große
+Hüttenwerke an. Sie erklärten, die ganze Gebirgsart sey goldhaltig und
+man baute Werkstätten und Schmelzöfen. Nachdem man beträchtliche Summen
+verschleudert, zeigte es sich, daß die Kiese keine Spur von Gold
+enthielten. Diese Versuche, so fruchtlos sie waren, riefen den alten
+Aberglauben[^112] wach, daß in Guyana »jedes glänzende Gestein una madre
+del oro sey.« Man begnügte sich nicht damit, Glimmerschiefer zu
+schmelzen; bei Angostura zeigte man mir Schichten von Hornblendeschiefer
+ohne fremdartige Beimengung, die man unter dem wunderlichen Namen:
+schwarzes Golderz, oro negro, ausbeutete.
+
+Zur Vervollständigung der Beschreibung des Orinoco theile ich an dieser
+Stelle die Hauptergebnisse meiner Untersuchungen über den Dorado, über
+das weiße Meer oder Laguna Parime und die Quellen des Orinoco mit, wie
+sie auf den neuesten Karten gezeichnet sind. Die Vorstellung von einem
+überschwenglich reichen Goldlande war seit dem Ende des sechzehnten
+Jahrhunderts mit der andern verbunden, daß ein großer Binnensee den
+Orinoco, Rio Branco und den Rio Essequebo zugleich mit Wasser speise.
+Ich glaube durch genauere Kenntniß der Oertlichleiten, durch langes,
+mühsames Studium der spanischen Schriftsteller, die vom Dorado handeln,
+besonders aber durch Vergleichung sehr vieler alten, chronologisch
+geordneten Karten den Quellen dieses Irrthums auf die Spur gekommen zu
+seyn. Allen Mährchen liegt etwas Wirkliches zu Grunde; das vom Dorado
+gleicht den Mythen des Alterthums, die bei ihrer Wanderung von Land zu
+Land immer den verschiedenen Oertlichkeiten angepaßt wurden. Um Wahrheit
+und Irrthum zu unterscheiden, braucht man in den Wissenschaften meistens
+nur die Geschichte der Vorstellungen und ihre allmählige Entwicklung zu
+verfolgen. Die Untersuchung, mit der ich dieses Kapitel beschließe, ist
+nicht allein deßhalb von Belang, weil sie Licht verbreitet über die
+Vorgänge bei der Eroberung und über die lange Reihe unglücklicher
+Expeditionen, die unternommen worden, um den Dorado zu suchen, und deren
+letzte (man schämt sich, es sagen zu müssen) in das Jahr 1775 fällt;
+neben diesem rein historischen Interesse haben sie noch ein anderes
+unmittelbareres und allgemeineres: sie können dazu dienen, die
+Geographie von Südamerika zu berichtigen, und auf den Karten, die
+gegenwärtig erscheinen, die großen Seen und das seltsame Flußnetz
+auszumerzen, die wie auf gerathewohl zwischen dem 60. und 69. Längengrad
+eingezeichnet werden. In Europa glaubt kein Mensch mehr an die Schätze
+in Guyana und an das Reich des großen Patiti. Die Stadt Manoa und ihre
+mit massiven Goldplatten bedeckten Paläste sind längst verschwunden;
+aber der geographische Apparat, mit dem die Sage vom Dorado aufgeputzt
+war, der See Parime, in dem sich, wie im See bei Mexiko, so viele
+herrliche Gebäude spiegelten, wurde von den Geographen gewissenhaft
+beibehalten. Im Laufe von drei Jahrhunderten erlitten dieselben Sagen
+verschiedene Umwandlungen; aus Unkenntniß der amerikanischen Sprachen
+hielt man Flüsse für Seen und Trageplätze für Flußverzweigungen; man
+rückte einen See (den Cassipa) um 5 Breitegrade zu weit nach Süd,
+während man einen andern (den Parime oder Dorado) hundert Meilen weit
+weg vom westlichen Ufer des Rio Branco auf das östliche versetzte. Durch
+solch mancherlei Umwandlungen ist das Problem, das uns hier vorliegt,
+weit verwickelter geworden, als man gewöhnlich glaubt. Der Geographen,
+welche bei Entwerfung einer Karte die drei Fundamentalpunkte, die Maße,
+die Vergleichung der beschreibenden Schriften und die etymologische
+Untersuchung der Namen immer im Auge haben, sind sehr wenige. Fast alle
+seit 1775 erschienenen Karten von Südamerika sind, was das Binnenland
+zwischen den Steppen von Venezuela und dem Amazonenstrom, zwischen dem
+Ostabhang der Anden und den Küsten von Cayenne betrifft, reine Copien
+der großen spanischen Karte des la Cruz Olmedilla. Eine Linie darauf,
+welche den Landstrich bezeichnet, den Don Jose Solano entdeckt und durch
+seine Truppen und Emissäre zur Ruhe gebracht haben wollte, hielt man für
+den Weg, den der Commissär zurückgelegt, während er nie über San
+Fernando de Atabapo, das 160 Meilen vom angeblichen See Parime liegt,
+hinausgekommen ist. Man versäumte es, das Werk des Pater Caulin zu Rathe
+zu ziehen, des Geschichtschreibers von Solanos Expedition, der nach den
+Angaben der Indianer sehr klar auseinandersetzt, »wie der Name des
+Flusses Parime das Mährchen vom Dorado und einem Binnenmeer veranlaßt
+hat«. Ganz unbenützt ließ man ferner eine Karte vom Orinoco, die drei
+Jahre jünger ist als die von la Cruz; und die von Surville nach dem
+ganzen zuverlässigen wie hypothetischen Material in den Archiven des
+Despacho universal de Indias gezeichnet wurde. Die Fortschritte der
+Geographie, soweit sie sich auf den Karten zu erkennen geben, sind weit
+langsamer, als man nach der Menge brauchbarer Resultate, die in den
+Literaturen der verschiedenen Völker zerstreut sind, glauben sollte.
+Astronomische Beobachtungen, topographische Nachweisungen häufen sich
+viele Jahre lang an, ohne daß sie benützt werden, und aus sonst sehr
+lobenswerthem Conservatismus wollen die Kartenzeichner oft lieber nichts
+Neues bringen, als einen See, eine Bergkette oder ein Flußnetz opfern,
+die man nun einmal seit Jahrhunderten eingezeichnet hat.
+
+Da die fabelhaften Sagen vom Dorado und vom See Parime nach dem
+Charakter der Länder, denen man sie anpassen wollte, verschiedentlich
+gewendet worden sind, so ist herauszufinden, was daran richtig seyn mag
+und was rein chimärisch ist. Um nicht zu sehr ins Einzelne zu gehen, was
+besser der »Analyse des geographischen Atlas« vorbehalten bleibt, mache
+ich den Leser vor allem auf die Oertlichkeiten aufmerksam, welche zu
+verschiedenen Zeiten der Schauplatz der Expeditionen zur Entdeckung des
+Dorado gewesen. Hat man sich mit der Physiognomie des Landes und mit den
+örtlichen Umständen, wie wir sie jetzt zu beschreiben im Stande sind,
+bekannt gemacht, so wird einem klar, wie die verschiedenen
+Voraussetzungen auf unsern Karten nach und nach entstehen und einander
+modificiren konnten. Um einen Irrthum zu berichtigen, hat man nur die
+wechselnden Gestalten zu betrachten, unter denen er zu verschiedenen
+Zeiten aufgetreten ist.
+
+Bis zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts war das ungeheure Gebiet
+zwischen den Bergen von französisch Guyana und den Wäldern am obern
+Orinoro, zwischen den Quellen des Rio Carony und dem Amazonenstrom (von
+0 bis 4 Grad nördlicher Breite und vom 57. bis 68. Grad der Länge) so
+wenig bekannt, daß die Geographen nach Gefallen Seen, Flußverbindungen,
+mehr oder weniger hohe Berge einzeichnen konnten. Sie haben sich dieser
+Freiheit in vollem Maße bedient, und die Lage der Seen, wie der Lauf und
+die Verzweigungen der Flüsse wurden so verschiedenartig dargestellt, daß
+es nicht zu wundern wäre, wenn sich unter den zahllosen Karten ein paar
+fänden, die das Richtige getroffen hätten. Heutzutage ist das Feld der
+Hypothesen sehr bedeutend kleiner geworden. Die Länge von Esmeralda am
+obern Orinoco ist von mir bestimmt; weiter nach Ost, mitten in den
+Niederungen der Parime (ein unbekanntes Land, wie Wangara und Dar-Saley
+in Afrika), ist ein 20 Meilen breiter Strich von Nord nach Süd an den
+Ufern des Rio Carony und des Rio Branca) hin, unter dem 63. Grad der
+Länge, bereits begangen. Es ist dieß der gefährliche Weg, den Don
+Antonio Santos von Santo Thome de Angostura an den Rio Negro und den
+Amazonenstrom eingeschlagen, derselbe, auf dem in neuester Zeit
+Ansiedler aus Surinam mit den Bewohnern von Gran-Para verkehrt
+haben.[^113] Dieser Weg schneidet die terra incognita der Parime in zwei
+ungleiche Stücke; zugleich setzt er den Quellen des Orinoco Grenzen, so
+daß man dieselben nicht mehr nach Belieben gegen Ost schieben kann, weil
+sonst das Bett des obern Orinoco, der von Ost nach West läuft, über das
+Bett des Rio Branco liefe, der von Nord nach Süd fließt. Verfolgt man
+den Rio Branco oder den Streifen Bauland, der zur Capitania general von
+Gran-Para gehört, so sieht man Seen, die von den Geographen zum Theil
+aus der Luft gegriffen, zum Theil vergrößert sind, zwei gesonderte
+Gruppen bilden. Die erste derselben begreift die Seen, die man zwischen
+Esmeralda und den Rio Branco verlegt, zur zweiten gehören die, welche
+man auf dem Landstrich zwischen dem Rio Branco und den Bergen von
+französisch und holländisch Guyana einander gegenüber liegen läßt. Aus
+dieser Uebersicht ergibt sich, daß die Frage, ob es ostwärts vom Rio
+Branco einen See Parime gibt, mit der Frage nach den Quellen des Orinoco
+gar nichts zu thun hat.
+
+Außer dem eben bezeichneten Landstrich (dem Dorado de la Parime, durch
+den der Rio Branco läuft) gibt es 260 Meilen gegen West am Ostabhang der
+Cordilleren der Anden ein anderes Land, das in den Expeditionen zur
+Aufsuchung des Dorado ebenso berufen ist. Es ist dieß das Mesopotamien
+zwischen dem Caqueta, dem Rio Negro, dem Uaupes und dem Jurubesh, von
+dem ich oben ausführlich gesprochen,[^114] der Dorado der Omaguas, wo
+der See Manoa des Pater Acuña, die laguna de oro der Guanes-Indianer und
+das Goldland liegen, aus dem Pater Fritz gegen das Ende des siebzehnten
+Jahrhunderts in seiner Mission am Amazonenstrom Goldbleche erhalten hat.
+
+Die ersten und zumal berühmtesten Unternehmungen zur Auffindung des
+Dorado waren gegen den Ostabhang der Anden von Neu-Grenada gerichtet.
+Voll Verwunderung über den Bericht eines Indianers aus Tacunga von den
+Schätzen des Königs oder Zague von »Cundirumarca,« schickte Sebastian de
+Belalcazar im Jahr 1535 die Hauptleute Añasco und Ampudia aus, das valle
+del Dorado zu suchen, das zwölf Tagereisen von Guallabamba, also in den
+Gebirgen zwischen Pasto und Popayan liegen sollte. Die Nachrichten,
+welche Pedro de Añasco von den Eingeborenen eingezogen, in Verbindung
+mit den späteren Mittheilungen des Diaz de Pineda (1536), der die
+Provinzen Quixos und Canela zwischen dem Rio Napo und dem Rio Pastaca
+entdeckt hatte, brachten auf die Vorstellung, daß östlich von den
+Nevados von Tunguragua, Cayambe und Popayan »weite Ebenen liegen, reich
+an edlen Metallen, wo die Eingeborenen Rüstungen aus massivem Golde
+trügen«. Als man nun diese Schätze aufsuchte, entdeckte Gonzalo Pizarro
+(1539) zufällig den amerikanischen Zimmtbaum (Laurus cinnamomoides) und
+gelangte Francisco de Orellana über den Napo hinunter in den
+Amazonenstrom. Von da an wurden zu gleicher Zeit von Venezuela,
+Neu-Grenada, Quito und Peru, ja von Brasilien und vom Rio de la Plata
+aus Expeditionen zur Eroberung des Dorado unternommen. Am längsten haben
+sich die Züge in das Land südlich vom Guaviare, Rio Fragua und Caqueta
+im Gedächtniß erhalten, und durch sie vor allen hat das Mährchen von den
+Schätzen der Manaos, der Omaguas und Guaypes, wie von der Existenz der
+Lagunas de oro und der Stadt des vergoldeten Königs (der große Patiti,
+der große Moxo, der große Paru oder Enim) Verbreitung gefunden. Da
+Orellana zwischen den Nebenflüssen des Jupura und des Rio Negro
+Götzenbilder von massivem Golde gefunden hatte, so glaubte man an ein
+Goldland zwischen dem Papamene und dem Guaviare. Seine Erzählung und die
+Reiseberichte Jorge’s de Espira (Georg von Speier), Hernans Perez de
+Guezada und Felipe’s de Urre (Philipp von Hutten) verrathen, neben
+vielen Uebertreibungen, genaue Localkenntnisse. Betrachtet man sie rein
+aus geographischem Gesichtspunkt, so sieht man, daß das Bestreben der
+ersten Conquistadoren fortwährend dahin ging, zum Landstrich zwischen
+den Quellen des Rio Negro, des Uaupes (Guape) und des Jupura oder
+Caqueta zu gelangen. Diesen Landstrich haben wir oben, zum Unterschied
+vom Dorado der Parime, den Dorado der Omaguas genannt. Allerdings hieß
+alles Land zwischen dem Amazonenstrom und dem Orinoco im Allgemeinen
+»Provincias del Dorado;« aber auf diesem ungeheuern, mit Wäldern,
+Savanen und Gebirgen bedeckten Raum strebte man, wenn man den großen See
+mit goldreichen Ufern und den vergoldeten König suchte, doch immer nur
+zwei Punkten zu, nordöstlich und südwestlich vom Rio Negro, nämlich der
+Parime (dem Isthmus zwischen dem Carony, Essequebo und Rio Branco) und
+den alten Wohnplätzen der Manaos an den Ufern des Jurubesh. Die Lage des
+letzteren Landstrichs, der in der Geschichte der »Eroberung« vom Jahr
+1535 bis zum Jahr 1560 vielberufen war, habe ich oben angegeben; ich
+habe nun noch von der Bodenbildung zwischen den spanischen Missionen am
+Carony und den portugiesischen am Rio Branco zu sprechen. Es ist dieß
+das Land in der Nähe des obern Orinoco, Esmeraldas und von holländisch
+und französisch Guyana, das am Ende des sechzehnten Jahrhunderts Raleghs
+Unternehmungen und übertriebene Berichte in so hellem Glanze strahlen
+ließen.
+
+In Folge des Laufs des Orinoco, indem er nach einander erst gegen West,
+dann gegen Nord und endlich gegen Ost fließt, liegt seine Mündung fast
+im selben Meridian wie seine Quellen; geht man daher von Alt-Guayana
+gegen Süd, so kommt man über das ganze Land, in das die Geographen nach
+einander ein Binnenmeer (Mar blanco) und die verschiedenen Seen
+versetzen, die mit der Sage vom Dorado der Parime verknüpft sind. Zuerst
+kommt man an den Rio Carony, zu dem zwei fast gleich starke Zweige
+zusammentreten, der eigentliche Carony und der Rio Paragua. Die
+Missionäre von Piritu nennen letzteren Fluß einen See (laguna). Er ist
+voll Klippen und kleiner Wasserfälle; »da er aber über ein völlig ebenes
+Land läuft, tritt er zugleich häufig sehr stark aus und man kann sein
+eigentliches Bett (su verdadera caxa) kaum erkennen«. Die Eingeborenen
+nennen ihn Paragua oder Parava, was auf caraibisch Meer oder großer See
+bedeutet. Diese örtlichen Verhältnisse und diese Benennung sind ohne
+Zweifel die Veranlassung geworden, daß man aus dem Rio Paragua, einem
+Nebenfluß des Carony, einen See gemacht und denselben Cassipa genannt
+hat, nach den Cassipagotos, die in der Gegend wohnten. Ralegh gab diesem
+Wasserbecken 13 Meilen Breite, und da alle Seen der Parime Goldsand
+haben müssen, so ermangelt er nicht zu versichern, wenn Sommers das
+Wasser falle, finde man daselbst Goldgeschiebe von bedeutenden Gewicht.
+
+Da die Quellen der Nebenflüsse des Carony, Arui und Caura (Caroli, Arvi
+und Caora der alten Geographen) ganz nahe bei einander liegen, so kam
+man auf den Gedanken, alle diese Flüsse aus dem angeblichen See Cassipa
+entspringen zu lassen. Sanson vergrößert den See auf 42 Meilen Länge und
+15 Meilen Breite. Die alten Geographen kümmern sich wenig darum, ob sie
+die Zuflüsse an beiden Ufern immer in derselben Weise einander
+gegenübersetzen, und so geben sie die Mündung des Carony und den See
+Cassipa, der durch den Carony mit dem Orinoco zusammenbringt, zuweilen
+oberhalb des Einflusses des Meta an. So schiebt Hondius den See bis zum
+2. und 3. Breitengrad hinunter und gibt ihm die Gestalt eines Rechtecks,
+dessen größten Seiten Von Nord nach Süd gerichtet sind. Dieser Umstand
+ist bemerkenswerth, weil man, indem man nach und nach dem See Cassipa
+eine südlichere Breite gab, denselben vom Carony und Arui loslöste und
+ihn Parime nannte. Will man diese Metamorphose in ihrer allmähligen
+Entwicklung verfolgen, so muß man die Karten, die seit Raleghs Reise bis
+heute erschienen sind, vergleichen. La Cruz, dem alle neueren Geographen
+nachgezeichnet haben, läßt seinem See Parime die länglichte Gestalt des
+Sees Cassipa, obgleich diese Gestalt von der des alten Sees Parime oder
+Rupunuwini, dessen große Achse von Ost nach West gerichtet war, völlig
+abweicht. Ferner war dieser alte See (der des Hondius, Sanson und
+Coronelli) von Bergen umgeben und es entsprang kein Fluß daraus, während
+der See Parime des la Cruz und der neueren Geographen mit dem obern
+Orinoco zusammenhängt, wie der Cassipa mit dem untern Orinoco.
+
+Ich habe hiemit den Ursprung der Fabel vom See Cassipa erklärt, so wie
+den Einfluß, den sie auf die Vorstellung gehabt, als ob der Orinoco aus
+dem See Parime entspränge. Sehen wir jetzt, wie es sich mit dem
+letzteren Wasserbecken verhält, mit dem angeblichen Binnenmeer, das bei
+den Geographen des sechzehnten Jahrhunderts Rupunuwini heißt. Unter dem
+4. oder 4½ Grad der Breite (leider fehlt es in dieser Richtung, südlich
+von Santo Thome de Angostura, auf 8 Grade weit ganz an astronomischen
+Beobachtungen) verbindet eine lange, schmale Cordillere, Pacaraimo,
+Quimiropaca und Ucucuamo genannt, die von Ost nach Südwest streicht, den
+Bergstock der Parime mit den Bergen von holländisch und französisch
+Guyana. Sie bildet die Wasserscheide zwischen dem Carony, Rupunury oder
+Rupunuwini und dem Rio Branco, und somit zwischen den Thälern des untern
+Orinoco, des Essequebo und des Rio Negro. Nordwestlich von dieser
+Cordillere von Pacaraimo, über die nur wenige Europäer gekommen sind (im
+Jahr 1739 der deutsche Chirurg Nicolaus Hortsmann, im Jahr 1775 sein
+spanischer Officier, Don Antonio Santos, im Jahr 1791 der portugiesische
+Obrist Barata, und im Jahr 1811 mehrere englische Colonisten) kommen der
+Nocapra, der Paraguamusi und der Paragua herab, die in den Carony
+fallen; gegen Nordost kommt der Rupunuwini herunter, ein Nebenfluß des
+Essequebo; gegen Süd vereinigen sich der Tacutu und der Uraricuera zum
+vielberufenen Rio Parime oder Rio Branco.
+
+Dieser Isthmus zwischen den Zweigen des Rio Essequebo und des Rio Branco
+(das heißt zwischen dem Rupunuwini einerseits, und dem Pirara, Mahu und
+Uraricuera oder Rio Parime andererseits) ist als der eigentliche
+classische Boden des Dorado der Parime zu betrachten. Am Fuße der Berge
+von Pacaraimo treten die Flüsse häufig aus, und oberhalb Santa Rosa
+heißt das rechte Ufer des Urariapara, der sich in den Utaricuera
+ergießt, »el valle de la inundacion«. Ferner findet man zwischen dem Rio
+Parime und dem Xurumu große Lachen; auf den in neuester Zeit in
+Brasilien gezeichneten Karten, die über diesen Landstrich sehr genau
+sind, finden sich diese Wasserstücke angegeben. Weiter nach West kommt
+der Caño Pirara, der in den Mahu läuft, aus einem Binsensee. Das ist der
+von Nicolaus Hortsmann beschriebene See Amucu, derselbe, über den mir
+Portugiesen aus Barcelos, die am Rio Branco (Rio Parime oder Rio
+Paravigiana) gewesen waren, während meines Aufenthaltes in San Carlos
+del Rio Negro genaue Notizen gegeben haben. Der See Amucu ist mehrere
+Meilen breit und hat zwei kleine Inseln, die Santos Islas Ipomucena
+nennen hörte. Der Rupunuwini, an dessen Ufer Hortsmann Felsen mit
+hieroglyphischen Bildern entdeckt hat, kommt diesem See ganz nahe, steht
+aber in keiner Verbindung mit demselben. Der Trageplatz zwischen dem
+Rupunuwini und dem Mahu liegt weiter gegen Nord, wo der Berg Ucucuamo
+sich erhebt, der bei den Eingeborenen noch jetzt der Goldberg heißt. Sie
+gaben Hortsmann den Rath, um den Rio Mahu herum eine Silbergrube (ohne
+Zweifel großblätteriger Glimmer), Diamanten und Smaragde zu suchen; der
+Reisende fand aber nichts als Bergkrystall. Aus seinem Bericht scheint
+hervorzugehen, daß der ganze nach Ost streichende Zug der Gebirge am
+obern Orinoco (Sierra Parime) aus Graniten besteht, in denen, wie am Pic
+Duida,[^115] häufig Drusen und offene Gänge vorkommen. In dieser Gegend,
+die noch immer für sehr goldreich gilt, leben an der Westgrenze von
+holländisch Guyana die Macusis, Aturajos und Acuvajos; später fand
+Santos diese Völkerschaften zwischen dem Rupunuwini, dem Mahu und der
+Bergkette Pacaraimo angesiedelt. Das glimmerreiche Gestein am Berg
+Ucucuamo, der Name des Rio Parime, das Austreten der Flüsse Urariapara,
+Parime und Xurumu, besonders aber der See Amucu (der nahe beim Rio
+Rupunuwini liegt und für die Hauptquelle des Rio Parime gilt) haben die
+Fabel vom weißen Meer und dem Dorado der Parime veranlaßt. Alle diese
+Momente (und eben dadurch wirkten sie zu Einer Vorstellung zusammen)
+finden sich auf einer von Nord nach Süd 8 bis 9 Meilen breiten, von Ost
+nach West 40 Meilen langen Strecke neben einander. Diese Lage gab man
+auch bis zum Anfang des sechzehnten Jahrhunderts dem weißen Meer, nur
+daß man es in der Richtung eines Parallels verlängerte. Dieses weiße
+Meer ist nun aber nichts anderes als der Rio Parime, der auch weißer
+Fluß, Rio Branco oder de aguas blancas heißt und diesen ganzen
+Landstrich, über den er läuft, unter Wasser setzt. Auf den ältesten
+Karten heißt das weiße Meer Rupunuwini, und daraus geht hervor, daß die
+Sage eben hier zu Hause ist, da unter allen Nebenflüssen des Essequebo
+der Rio Rupunuwini dem See Amucu am nächsten kommt. Bei seiner ersten
+Reise (1595) machte sich Ralegh noch keine bestimmte Vorstellung von der
+Lage des Dorado und des Sees Parime, den er für gesalzen hielt und den
+er »ein zweites caspisches Meer« nennt. Erst bei der zweiten,
+gleichfalls auf Raleghs Kosten unternommenen Reise (1596) gab Lawrence
+Keymis die Oertlichkeiten des Dorado so bestimmt an, daß, wie mir dünkt,
+an der Identität der Parime de Manoa mit dem See Amucu und dem Isthmus
+zwischen dem Rupunuwini (der in den Essequebo läuft) und dem Rio Parime
+oder Rio Branco gar nicht zu zweifeln ist. »Die Indianer,« sagt Keymis,
+»fahren den Essequebo südwärts in zwanzig Tagen hinauf. Um die Stärke
+des Flusses anzudeuten, nennen sie ihn den Bruder des Orinoco. Nach
+zwanzigtägiger Fahrt schaffen sie ihre Canoes über einen Trageplatz in
+einem einzigen Tage aus dem Flusse Dessekebe auf einen See, den die Jaos
+Roponowini, die Caraiben Parime nennen. Dieser See ist groß wie ein
+Meer; es fahren unzählige Canoes darauf, und ich vermuthe (die Indianer
+hatten ihm also nichts davon gesagt), daß es derselbe See ist, an dem
+die Stadt Manoa liegt.« Hondius gibt eine merkwürdige Abbildung von
+jenem Trageplatz, und da nach der damaligen Vorstellung die Mündung des
+Carony unter dem 4. Breitengrad (statt unter 8°8′) lag, so setzte man
+den Trageplatz ganz nahe an den Aequator. Zur selben Zeit ließ man den
+Viapoco (Oyapoc) und den Rio Cayane (Maroni?) aus jenem See Parime
+kommen. Der Umstand, daß die Caraiben den westlichen Zweig des Rio
+Branco ebenso nennen, hat vielleicht so viel dazu beigetragen, den See
+Amucu in der Einbildung zu vergrößern, als die Ueberschwemmungen der
+verschiedenen Nebenflüsse des Uraricuera von der Mündung des Tacutu bis
+zum valle de la inundacion.
+
+Wir haben oben gesehen, daß die Spanier den Rio Paragua oder Parava, der
+in den Carony fällt, für einen See hielten, weil das Wort Parava Meer,
+See, Fluß bedeutet. Ebenso scheint Parime großes Wasser im Allgemeinen
+zu bedeuten, denn die Wurzel par kommt in caraibischen Benennungen von
+Flüssen, Lachen, Seen und Meeren Vor. Im Arabischen und im Persischen
+dienen ebenso bahr und deria gleichmäßig zur Bezeichnung des Meeres, der
+Seen und der Flüsse, und dieser Brauch, der sich bei vielen Völkern in
+beiden Welten findet, hat auf den alten Karten Seen in Flüsse und Flüsse
+in Seen umgewandelt. Zur Bekräftigung des eben Gesagten führe ich einen
+sehr achtbaren Zeugen auf, Pater Caulin. »Als ich,« sagt dieser
+Missionär, der sich länger als ich am untern Orinoco aufgehalten hat,
+»die Indianer fragte, was denn die Parime sey, so erwiederten sie, es
+sey nichts als ein Fluß, der aus einer Bergkette komme, an deren anderem
+Abhang der Essequebo entspringe.« Caulin weiß nichts vom See Amucu, und
+erklärt den Glauben an ein Binnenmeer nur aus den Ueberschwemmungen der
+Ebenen, a las inundaciones dilatadas per los bajos del pays.[^116] Ihm
+zufolge rühren alle Mißgriffe der Geographen von dem leidigen Umstand
+her, daß alle Flüsse in Guyana an ihren Mündungen andere Namen haben als
+an ihren Quellen. »Ich zweifle nicht,« sagt er weiter, »daß einer der
+obern Zweige des Rio Branco derselbe Rio Parime ist, den die Spanier für
+einen See gehalten haben (a quien suponian laguna).« Diese Notizen hatte
+der Geschichtschreiber der Grenzexpedition an Ort und Stelle gesammelt,
+und er hätte wohl nicht geglaubt, daß la Cruz und Surville richtige
+Begriffe und alte Vorstellungen vermengen und auf ihren Karten das Mar
+Dorado oder Mar Blanco wieder zum Vorschein bringen würden. So kommt es,
+daß, obgleich ich seit meiner Rückkehr aus Amerika vielfach den Beweis
+geführt, daß ein Binnenmeer, aus dem der Orinoco entspränge, gar nicht
+existirt, in neuester Zeit unter meinem Namen eine Karte[^117]
+erschienen ist, auf der die Laguna de Parime wiederum auftritt.
+
+Aus allem Bisherigen geht hervor: 1) daß die Laguna Rupunuwini oder
+Parime aus Raleghs Reise und auf den Karten des Hondius ein chimärischer
+See ist, zu dem der See Amucu und die häufigen Ueberschwemmungen der
+Nebenflüsse des Uraricuera Veranlassung gegeben; 2) daß die Laguna
+Parime auf Survilles Karte der See Amucu ist, aus dem der Rio Pirara und
+(zugleich mit dem Mahu, dem Tacutu, dein Uraricuera oder dem eigentlich
+sogenannten Rio Parime) der Rio Branco entspringt; 3) daß die Laguna
+Parime des la Cruz eine eingebildete Erweiterung des Rio Parime (der mit
+dem Orinoco verwechselt wird) unterhalb der Vereinigung des Mahu mit dem
+Xurumu ist. Von der Mündung des Mahu bis zu der des Tacutu beträgt die
+Entfernung kaum 0°40′; la Cruz macht 7 Breitengrade daraus. Er nennt das
+obere Stück des Rio Branco (in das der Mahu fällt) Orinoco oder Puruma.
+Dieß ist ohne allen Zweifel der Xurumu, ein Nebenfluß des Tacutu, der
+den Einwohnern des benachbarten Forts San Joaquim wohl bekannt ist. Alle
+Namen, die in der Sage vom Dorado vorkommen, finden sich unter den
+Nebenflüssen des Rio Branco. Geringfügige örtliche Verhältnisse und die
+Erinnerung an den Salzsee in Mexico, zumal aber an den See Manoa im
+Dorado der Omaguas wirkten zusammen zur Ausmalung eines Bildes, das der
+Einbildungskraft Raleghs und seiner beiden Unterbefehlshaber, Keymis und
+Masham, den Ursprung verdankt. Nach meiner Ansicht lassen sich die
+Ueberschwemmungen des Rio Branco höchstens mit denen des Red River in
+Louisiana zwischen Natchitotches und Cados vergleichen, keineswegs aber
+mit der Laguna de los Xarayes, die eine periodische Ausbreitung des Rio
+Paraguay ist.[^118]
+
+Wir haben im Bisherigen ein weißes Meer besprochen, durch das man den
+Hauptstamm des Rio Branco laufen läßt, und ein zweites,[^119] das man
+ostwärts von diesem Flusse setzt, und das mit demselben mittelst des
+Caño Pirara zusammenhängt. Noch gibt es einen dritten See,[^120] den man
+westwärts vom Rio Branco verlegt, und über den ich erst kürzlich
+interessante Angaben im handschriftlichen Tagebuch des Chirurgen
+Hortsmann gefunden habe. »Zwei Tagereisen unterhalb des Einflusses des
+Mahu (Tacutu) in den Rio Parime (Uraricuera) liegt auf einem Berggipfel
+ein See, in dem dieselben Fische vorkommen, wie im Rio Parime; aber die
+Wasser des ersteren sind schwarz, die des letzteren weiß.« Hat nun nicht
+vielleicht Surville nach einer dunkeln Kunde von diesem Wasserbecken auf
+der Karte, die er zu Pater Caulins Werk entworfen, sich einen 10 Meilen
+langen Alpensee ausgedacht, bei dem (gegen Ost) der Orinoco und der
+Idapa, ein Nebenfluß des Rio Negro, zumal entspringen? So unbestimmt die
+Angabe des Chirurgen aus Hildesheim lautet, so läßt sich doch unmöglich
+annehmen, daß der Berg, auf dessen Gipfel sich ein See befindet,
+nördlich vom Parallel von 2°½, liege, und diese Breite kommt ungefähr
+mit der des Cerro Unturan überein. Es ergibt sich daraus, daß Hortsmanns
+Alpsee, der d’Anvilles Aufmerksamkeit entgangen ist, und der vielleicht
+mitten in einer Berggruppe liegt, nordöstlich vom Trageplatz zwischen
+dem Idapa und Mavaca und südöstlich vom Orinoco, oberhalb Esmeralda, zu
+suchen ist.
+
+Die meisten Geschichtschreiber, welche die ersten Jahrhunderte nach der
+Eroberung beschrieben haben, schienen der festen Ansicht, daß die Namen
+Provincias und Pais del Dorado ursprünglich jeden goldreichen Landstrich
+bedeuteten. Sie vergessen den etymologischen Sinn des Wortes Dorado (der
+Vergoldete) und bemerken nicht, daß diese Sage ein Localmythus ist, wie
+ja auch fast alle Mythen der Griechen, Hindus und Perser. Die Geschichte
+vom vergoldeten Mann ist ursprünglich in den Anden von Neu-Grenada zu
+Hause, besonders aus den Niederungen am Ostabhange derselben; nur
+allmählig, wie ich oben gezeigt, sieht man sie 300 Meilen gegen
+Ost-Nord-Ost von den Quellen des Caqueta an die des Rio Branco und des
+Essequebo herüberrücken. Man hat in verschiedenen Gegenden von
+Südamerika bis zum Jahr 1536 Gold gesucht, ohne daß das Wort Dorado
+ausgesprochen worden wäre, und ohne daß man an die Existenz eines andern
+Mittelpunktes der Cultur und der Schätze als das Reich der Inca von
+Cuzco geglaubt hätte. Länder, aus denen gegenwärtig auch nicht die
+kleinste Menge edlen Metalls in den Handel kommt, die Küste von Paria,
+Terra Firma (Castilla del Oro), die Berge von St. Martha und die
+Landenge Darien waren damals so vielberufen, wie in neuerer Zeit der
+goldhaltige Boden in Senora, Choco und Brasilien.
+
+Diego de Ordaz (1531) und Alonzo de Herera (1535) zogen auf ihren
+Entdeckungsreisen an den Ufern des untern Orinoco hin. Ersterer ist der
+berüchtigte Conquistador von Mexico, der sich rühmte, Schwefel aus dem
+Krater des Pics Popocatepetl geholt zu haben, und dem Karl V. die
+Erlaubniß ertheilte, einen brennenden Vulkan im Wappen zu führen. Ordaz
+war zum Adelantado allen Landes ernannt worden, das er zwischen
+Brasilien und Venezuela erobern könnte, und das damals das Land der
+deutschen Compagnie der Welser (Belzares) hieß, und er ging auf seinem
+Zuge von der Mündung des Amazonenstromes aus. Er sah dort in den Händen
+der Eingeborenen »faustgroße Smaragde«. Es waren ohne Zweifel Stücke
+Saussurit, von dem dichten Feldspath, den wir vom Orinoco
+zurückgebracht, und den La Condamine an der Mündung des Rio Topayos in
+Menge angetroffen.[^121] Die Indianer sagten Diego de Ordaz, »wenn er so
+und so viele Sonnen gegen West hinauffahre, komme er an einen großen
+Fels (peña) von grünem Gestein«; bevor er aber diesen vermeintlichen
+Smaragdberg (Euphotitgestein?) erreichte, machte ein Schiffbruch allen
+weiteren Entdeckungen ein Ende. Mit genauer Noth retteten sich die
+Spanier in zwei kleinen Fahrzeugen. Sie eilten, aus der Mündung des
+Amazonenstroms hinauszukommen, und die Strömungen, die in diesen
+Strichen stark nach Nordwest gehen, führten Ordaz an die Küste von Paria
+oder auf das Gebiet des Caziken von Yuripari (Uriapari, Viapari). Sedeño
+hatte die Casa fuerte de Paria gebaut, und da dieser Posten ganz nahe an
+der Mündung des Orinoco lag, beschloß der mexikanische Conquistador,
+eine Expedition auf diesem großen Strom zu versuchen. Er hielt sieh
+zuerst in Carao (Caroa, Carora) auf, einem großen indianischen Dorf, das
+mir etwas ostwärts vom Einfluß des Carony gelegen zu haben scheint; er
+fuhr sofort nach Cabruta (Cabuta, Cabritu) hinauf und an den Einfluß des
+Meta (Metacuyu), wo er mit großen Fährlichkeiten seine Fahrzeuge über
+den Raudal von Cariven schaffte. Wir haben oben gesehen, daß das Bett
+des Orinoco bei der Einmündung des Meta voll Klippen ist. Die
+Aruacas-Indianer, die Ordaz als Wegweiser dienten, riethen ihm, den Meta
+hinaufzufahren; sie versicherten ihn, weiter gegen West finde er
+bekleidete Menschen und Gold in Menge. Ordaz wollte lieber auf dem
+Orinoco weiterfahren, aber die Katarakten bei Tabaje (vielleicht sogar
+die bei Atures) nöthigten ihn, seine Entdeckungen aufzugeben.
+
+Auf diesem Zuge, der lange vor den des Orellana fällt und also der
+bedeutendste war, den die Spanier bis dahin auf einem Strome der neuen
+Welt unternommen, hörte man zum erstenmal den Namen Orinoco aussprechen.
+Ordaz, der Anführer der Expedition, versichert, von der Mündung bis zum
+Einfluß des Meta heiße der Strom Uriaparia, oberhalb dieses Einflusses
+aber Orinucu. Dieses Wort (ähnlich gebildet wie die Worte Tamanacu,
+Otomacu, Sinarucu) gehört wirklich der tamanakischen Sprache an, und da
+die Tamanacas süd-östlich von Encaramada wohnen, so ist es natürlich,
+daß die Conquistadoren den jetzigen Namen des Stromes erst in der Nähe
+des Rio Meta zu hören bekamen. Auf diesem Nebenfluß erhielt Diego de
+Ordaz von den Eingeborenen die erste Kunde von civilisirten Völkern,
+welche auf den Hochebenen der Anden von Neu-Grenada wohnten, »von einem
+gewaltigen, einäugigen Fürsten und von Thieren, kleiner als Hirsche, auf
+denen man aber reiten könne, wie die Spanier auf den Pferden.« Ordaz
+zweifelte nicht, daß diese Thiere Llamas oder Ovejas del Peru seyen.
+Soll man annehmen, daß die Llamas, die man in den Anden vor dem Pflug
+und als Lastthiere, aber nicht zum Reiten brauchte, früher nördlich und
+östlich von Quito verbreitet gewesen? Ich finde wirklich, daß Orellana
+welche am Amazonenstrom gesehm hat, oberhalb des Einflusses des Rio
+Negro, also in einem Klima, das von dem der Hochebene der Anden
+bedeutend abweicht. Das Mährchen von einem auf Llamas berittenen Heere
+von Omaguas mußte dazu dienen, den Bericht der Begleiter Felipes de Urre
+über ihren ritterlichen Zug an den obern Orinoco auszuschmücken.
+Dergleichen Sagen sind äußerst beachtenswerth, weil sie darauf
+hinzuweisen scheinen, daß die Hausthiere Quitos und Perus bereits
+angefangen hatten von den Cordilleren herabzukommen und sich allmählig
+in den östlichen Landstrichen von Südamerika zu verbreiten.
+
+Im Jahr 1533 wurde Herera, der Schatzmeister bei Diegos de Ordaz
+Expedition, vom Statthalter Geronimo de Ortal mit der weiteren
+Erforschung des Orinoco und des Meta beauftragt. Er brachte zwischen
+Punta Barima und dem Einfluß des Carony fast dreizehn Monate mit dem Bau
+platter Fahrzeuge und den nothwendigen Zurüstungen zu einer langen Reise
+hin. Man liest nicht ohne Verwunderung die Erzählung dieser kühnen
+Unternehmungen, wobei man drei, vierhundert Pferde einschiffte, um sie
+ans Land zu setzen, so oft die Reiterei am einen oder dem andern Ufer
+etwas ausrichten konnte. Wir finden bei Hereras Expedition dieselben
+Stationen wieder, die wir bereits kennen gelernt: die Feste Paria, das
+indianische Dorf Uriaparia (wahrscheinlich unterhalb Imataca an einem
+Punkt, wo sich die Spanier wegen der Ueberschwemmung des Delta kein
+Brennholz verschaffen konnten), Caroa in der Provinz Carora, die Flüsse
+Caranaca (Caura?) und Caxavana (Cuchivero?), das Dorf Cabritu (Cabruta)
+und den Raudal am Einfluß des Meta. Da der Rio Meta sehr berühmt war,
+weil seine Quellen und seine Nebenflüsse den goldhaltigen Cordilleren
+von Neu-Grenada (Cundinamarca) nahe liegen, so versuchte er ihn
+hinaufzufahren. Er fand daselbst civilisirtere Völker als am Orinoco,
+die aber das Fleisch stummer Hunde aßen.[^122] In einem Gefecht wurde
+Herera durch einen mit Curaresaft (Yierva) vergifteten Pfeile getödtet;
+sterbend ernannte er Alvaro de Ordaz zu seinem Stellvertreter. Dieser
+führte (1535) die Trümmer der Expedition nach der Feste Paria zurück,
+nachdem er vollends die wenigen Pferde eingebüßt, die einen
+achtzehnmonatlichen Feldzug ausgehalten.
+
+Dunkle Gerüchte über die Schätze der Völker am Meta und andern
+Nebenflüssen am Ostabhang der Cordilleren von Neu-Grenada veranlaßten
+nacheinander, in den Jahren 1535 und 1536, Geronimo de Ortal, Nicolaus
+Federmann und Jorge de Espira (Georg von Speier) zu Expeditionen auf
+Landwegen gegen Süd und Südwest. Vom Vorgebirge Paria bis zum Cabo de la
+Vela hatte man schon seit den Jahren 1498 und 1500 in den Händen der
+Eingeborenen kleine gegossene Goldbilder gesehen. Die Hauptmärkte für
+diese Amulette, die den Weibern als Schmuck dienten, waren die Dörfer
+Curiana (Coro) und Cauchieto (beim Rio la Hacha). Die Gießer in
+Cauchieto erhielten das Metall aus einem Bergland weiter gegen Süden.
+Die Expeditionen des Ordaz und des Herera hatten das Verlangen, diese
+goldreichen Landstriche zu erreichen, natürlich gesteigert. Georg von
+Speier brach (1535) von Coro auf und zog über die Gebirge von Merida an
+den Apure und Meta. Er ging über diese beiden Flüsse nahe bei ihren
+Quellen, wo sie noch nicht breit sind. Die Indianer erzählten ihm,
+weiter vorwärts ziehen weiße Menschen auf den Ebenen umher. Speier, der
+sich nahe am Amazonenstrom glaubte, zweifelte nicht, daß diese
+umherziehenden Spanier Schiffbrüchige von der Expedition des Ordaz
+seyen. Er zog über die Savanen von San Juan de los Llanos, die reich an
+Gold seyn sollten, und blieb lange in einem indianischen Dorf, Pueblo de
+Nuestra Señora, später Fragua genannt, südöstlich vom Paramo de la Suma
+Paz. Ich war am Westabhang dieses Bergstocks, in Fusagasuga, und hörte,
+die Ebenen gegen Ost am Fuß der Berge seyen noch jetzt bei den
+Eingeborenen wegen ihres Reichthums berufen. Im volkreichen Dorfe Fragua
+fand Speier eine Casa del Sol (Sonnentempel) und ein Jungfrauenkloster,
+ähnlich denen in Peru und Neu-Grenada. Hatte sich hier der Cultus gegen
+Ost ausgebreitet, oder sind etwa die Ebenen bei San Juan die Wiege
+desselben? Nach der Sage war allerdings Bochica, der Gesetzgeber von
+Neu-Grenada und Oberpriester von Iraca, von den Ebenen gegen Ost auf das
+Plateau von Bogota herausgekommen. Da aber Bochica in Einer Person Sohn
+und Sinnbild der Sonne ist, so kann seine Geschichte rein astrologische
+Allegorien enthalten. Auf seinem weiteren Zuge nach Süd ging Speier über
+die zwei Zweige des Guaviare, den Ariare und Guayavero, und gelangte ans
+Ufer des großen Rio Papamene[^123] oder Caqueta. Der Widerstand, den er
+ein ganzes Jahr lang in der Provinz los Choques fand, machte dieser
+denkwürdigen Expedition ein Ende (1537), Nicolaus Federmann und Geronimo
+de Ortal verfolgten von Macarapana und der Mündung des Rio Neveri aus
+Jorges de Espira Spuren. Ersterer suchte Gold im großen Magdalenenstrom,
+letzterer wollte einen Sonnentempel am Ufer des Meta entdecken. Da man
+die Landessprache nicht verstand, sah man am Fuße der Cordilleren
+überall einen Abglanz der großartigen Tempel von Iraca (Sogamozo), dem
+damaligen Mittelpunkt der Cultur in Cundinamarca.
+
+Ich habe bis jetzt aus geographischem Gesichtspunkt die Reisen
+besprochen, welche auf dem Orinoco und gegen West und Süd an den
+Ostabhang der Anden unternommen wurden, bevor sich die Sage vom Dorado
+unter den Conquistadoren verbreitet hatte. Diese Sage stammt, wie wir
+oben angeführt, aus dem Königreich Quito, wo Luis Daça im Jahr 1535
+einen Indianer aus Neu-Grenada traf, der von seinem Fürsten (ohne
+Zweifel vom Zippa von Bogota oder vom Zaque von Tunja) abgesandt war, um
+von Atahualpa, dem Inca von Peru, Kriegshülfe zu erbitten. Dieser
+Abgesandte pries, wie gewöhnlich, die Schätze seiner Heimath; was aber
+den Spaniern, die mit Daça in der Stadt Tacunga (Llactaconga) waren,
+ganz besonders auffiel, das war die Geschichte von einem vornehmen Mann,
+»der, den Körper mit Goldstaub bedeckt, in einen See mitten im Gebirge
+ging.« Dieser See könnte die Laguna de Totta, etwas ostwärts von
+Sogamozo (Iraca) und Tunja (Hunca) seyn, wo das geistliche und das
+weltliche Haupt des Reiches Cundinamarca oder Cundirumarca ihren Sitz
+hatten; da sich aber keinerlei geschichtliche Erinnerung an diesen See
+knüpft, so glaube ich vielmehr, daß mit dem, in welchen man den
+vergoldeten großen Herrn gehen ließ, der heilige See Guatavita, ostwärts
+von den Steinsalzgruben von Zipaquira, gemeint ist. Ich sah am Rande
+dieses Wasserbeckens die Reste einer in den Fels gehauenen Treppe, die
+bei den gottesdienstlichen Waschungen gebraucht wurde. Die Indianer
+erzählen, man habe Goldstaub und Goldgeschirr hineingeworfen, als Opfer
+für die Götzen des adoratorio de Guatavita. Man sieht noch die Spuren
+eines Einschnitts, den die Spanier gemacht, um den See trocken zu legen.
+Da der Sonnentempel von Sogamozo den Nordküsten von Terra Firma ziemlich
+nahe liegt, so wurden die Vorstellungen vom vergoldeten Mann bald auf
+einen Oberpriester von der Sekte des Bochica oder Idacanzas
+übergetragen, der sich gleichfalls jeden Morgen, um das Opfer zu
+verrichten, auf Gesicht und Hände, nachdem er dieselben mit Fett
+eingerieben, Goldstaub kleben ließ. Nach andern Nachrichten, die in
+einem Schreiben Oviedos an den berühmten Cardinal Bembo aufbehalten
+sind, suchte Gonzalo Pizarro, als er den Landstrich entdeckte, wo die
+Zimmtbäume wachsen, zugleich »einen großen Fürsten, von dem hier zu
+Lande viel die Rede geht, der immer mit Goldstaub überzogen ist, so daß
+er vom Kopf zum Fuß aussieht wie una figura. d’oro lavorata di mano d’un
+buonissimo orifice. Der Goldstaub wird mittelst eines wohlriechenden
+Harzes am Leibe befestigt; da aber diese Art Anzug ihm beim Schlafen
+unbequem wäre, so wascht sich der Fürst jeden Abend und läßt sich
+Morgens wieder vergolden, welches beweist, daß das Reich des Dorado
+ungemein viele Goldgruben haben muß.« Es ist ganz wohl anzunehmen, daß
+unter den von Bochica eingeführten gottesdienstlichen Ceremonien eine
+war, die zu einer so allgemein verbreiteten Sage Anlaß gab. Fand man
+doch in der neuen Welt die allerwunderlichsten Gebräuche. In Mexico
+bemalten sich die Opferpriester den Körper; ja sie trugen eine Art
+Meßgewand mit hängenden Aermeln aus gegerbter Menschenhaut. Ich habe
+Zeichnungen derselben bekannt gemacht, die von den alten Einwohnern von
+Anahuac herrühren und in ihren gottesdienstlichen Büchern aufbehalten
+sind.
+
+Am Rio Caura und in andern wilden Landstrichen von Guyana, wo der Körper
+bemalt statt tätowirt wird, reiben sich die Eingeborenen mit
+Schildkrötenfett ein und kleben sich metallisch glänzende, silberweiße
+und kupferrothe Glimmerblättchen auf die Haut. Von weitem sieht dieß
+aus, als trügen sie mit Borten besetzte Kleider. Der Sage vom
+vergoldeten Mann liegt vielleicht ein ähnlicher Brauch zu Grunde, und da
+es in Neu-Grenada zwei souveräne Fürsten gab,[^124] den Lama in Iraca
+und das weltliche Oberhaupt oder den Zaque in Tunja, so ist es nicht zu
+verwundern, daß dasselbe Ceremoniell bald dem König, bald dem
+Oberpriester zugeschrieben wird. Auffallender erscheint es, daß man vom
+Jahr 1535 an das Land des Dorado ostwärts von den Anden gesucht hat.
+Robertson nimmt in seiner Geschichte des neuen Continents an, die Sage
+sey zuerst Orellana (1540) am Amazonenstrom zu Ohren gekommen; aber das
+Buch des Fray Pedro Simon, dem Quesadas, des Eroberers von Cundirumarca,
+Aufzeichnungen zu Grunde liegen, beweist das Gegentheil, und bereits im
+Jahr 1536 suchte Gonzalo Diaz de Pineda den vergoldeten Mann jenseits
+der Niederungen der Provinz Quixos. Der Gesandte aus Bogota, den Daça im
+Königreich Quito angetroffen, hatte von einem ostwärts gelegenen Lande
+gesprochen; that er etwa so, weil die Hochebene von Neu-Grenada nicht
+nordwärts, sondern nordostwärts von Quito liegt? Man sollte meinen, die
+Sage von einem nackten, mit Goldstaub überzogenen Mann müßte
+ursprünglich in einem heißen Lande zu Hause seyn, und nicht auf den
+kalten Hochebenen von Cundirumarca, wo ich den Thermometer oft unter 4
+oder 5 Grad fallen sah; indessen ist das Klima in Folge der
+ungewöhnlichen Bodenbildung auch in Guatavita, Tunja, Iraca und am Ufer
+des Sogamozo sehr verschieden. Nicht selten behält man gottesdienstliche
+Gebräuche bei, die aus einem andern Erdstrich herrühren, und nach alten
+Sagen ließen die Muyscas ihren ersten Gesetzgeber und Stifter ihres
+Gottesdienstes, Bochica, aus den Ebenen ostwärts von den Cordilleren
+herkommen. Ich lasse unentschieden, ob diese Sagen auf einer
+geschichtlichen Thatsache beruhten oder ob damit, wie schon oben
+bemerkt, nur angedeutet seyn sollte, daß der erste Lama, der Sohn und
+Sinnbild der Sonne ist, nothwendig aus Ländern gegen Aufgang gekommen
+seyn müsse. Wie dem sey, so viel ist gewiß, der Ruf, den der Orinoco,
+der Meta und die Provinz Papamene zwischen den Quellen des Guaviare und
+Caqueta durch die Expeditionen des Ordaz, Herera und Georgs von Speier
+bereits erlangt, trug dazu bei, die Sage vom Dorado in der Nähe des
+Ostabhangs der Cordilleren zu fixiren.
+
+Daß auf der Hochebene von Neu-Grenada drei Heerhaufen zusammentrafen,
+machte, daß sich in ganz Amerika, so weit es von den Spaniern besetzt
+war, die Kunde von einem noch zu erobernden reichen, stark bevölkerten
+Lande verbreitete. Sebastian de Belalcazar zog von Quito über Popayan
+nach Bogota (1536); Nicolaus Federmann kam von Venezuela, von Ost her
+über die Ebenen am Meta. Diese beiden Anführer trafen auf der Hochebene
+von Cundirumarca bereits den vielberufenen Adelantado Gonzalo Ximenes de
+Quesada, von dem ich einen Nachkommen bei Zipaquira barfuß das Vieh habe
+hüten sehen. Das zufällige Zusammentreffen der drei Conquistadoren,
+eines der merkwürdigsten und dramatischsten Ereignisse in der Geschichte
+der Eroberung, fand im Jahr 1538 statt. Belalcazar erhitzte durch seine
+Berichte die Phantasie abenteuerlustiger Krieger; man verglich, was der
+Indianer aus Tacunga Luis Daça erzählt, mit den verworrenen
+Vorstellungen von den Schätzen eines großen einäugigen Königs und von
+einem bekleideten, auf Lamas reitenden Volke, die Ordaz vom Meta
+mitgebracht. Pedro de Limpias, ein alter Soldat, der mit Federmann auf
+der Hochebene von Bogota gewesen war, brachte die erste Kunde vom Dorado
+nach Coro, wo das Andenken an die Expedition Georgs von Speier (1535—37)
+an den Rio Papamene noch ganz frisch war. Von dieser selben Stadt Coro
+aus unternahm auch Felipe de Hutten (Urre, Utre) seine vielberufene
+Reise in das Gebiet der Omaguas, während Pizarro, Orellana und Hernan
+Perez de Quesada, der Bruder des Adelantado, das Goldland am Rio Napo,
+längs des Amazonenstroms und in der östlichen Kette der Anden von
+Neu-Grenada suchten. Die Eingeborenen, um ihrer unbequemen Gäste los zu
+werden, versicherten aller Orten, zum Dorado sey leicht zu kommen, und
+zwar ganz in der Nähe. Es war wie ein Phantom, das vor den Spaniern
+entwich und ihnen beständig zurief. Es liegt in der Natur des flüchtigen
+Erdenbewohners, daß er das Glück in der unbekannten Weite sucht. Der
+Dorado, gleich dem Atlas und den hesperischen Inseln, rückte allgemach
+vom Gebiet der Geographie auf das der Mythendichtung hinüber.
+
+Die vielfachen Unternehmungen zur Aufsuchung dieses eingebildeten Landes
+zu erzählen, liegt nicht in meiner Absicht. Ohne Zweifel verdankt man
+denselben großentheils die Kenntniß vom Innern Amerikas; sie leisteten
+der Geographie Dienste, wie ja der Irrthum oder gewagte Theorien nicht
+selten zur Wahrheit führen; aber in der vorliegenden Erörterung kann ich
+mich nur bei den Umständen aufhalten, die auf die Entwerfung der alten
+und neuen Karten unmittelbar Einfluß gehabt haben. Hernan Perez de
+Quesada suchte nach der Abreise seines Bruders, des Adelantado, nach
+Europa von neuem (1539), dießmal aber im Berglande nordöstlich von
+Bogota, den Sonnentempel (Casa del sol), von dem Geronimo de Ortal
+(1536) am Meta hatte sprechen hören. Der von Bochica eingeführte
+Sonnendienst und der hohe Ruf des Heiligthums zu Iraca oder Sogamozo
+gaben Anlaß zu jenen verworrenen Gerüchten von Tempeln und Götzenbildern
+aus massivem Golde; aber auf den Bergen wie in den Niederungen glaubte
+man immer weit davon zu seyn, weil die Wirklichkeit den chimärischen
+Träumen der Einbildungskraft so wenig entsprach. Francisco de Orellana
+fuhr, nachdem er mit Pizarro den Dorado in der Provincia de los canelos
+und an den goldhaltigen Ufern des Napo vergebens gesucht, den großen
+Amazonenstrom hinunter (1540). Er fand dort zwischen den Mündungen des
+Javari und des Rio de la Trinidad (Yupura?) einen goldreichen
+Landstrich, genannt Machiparo (Muchifaro), in der Nähe des Aomaguas oder
+Omaguas. Diese Kunde trug dazu bei, daß der Dorado südostwärts verlegt
+wurde, denn Omaguas (Om-aguas, Aguas), Dit-Aguas und Papamene waren
+Benennungen für dasselbe Land, für das, welches Georg von Speier auf
+seinem Zuge an den Caqueta entdeckt hatte. Mitten auf den Niederungen
+nordwärts vom Amazonenstrom wohnten die Omaguas, die Manaos oder Manoas
+und die Guaypes (Uaupes oder Guayupes), drei mächtige Völker, deren
+letzteres, dessen Wohnsitze westwärts am Guaupe oder Uaupe liegen, schon
+in den Reiseberichten Quesadas und Huttens erwähnt wird. Diese beiden in
+der Geschichte Amerikas gleich berühmten Conquistadoren kamen auf
+verschiedenen Wegen in die Llanos von San Juan, die damals Valle de
+Nuestra Señora hießen. Hernan Perez de Quesada ging (1541) über die
+Cordilleren von Cundirumarca, wahrscheinlich zwischen den Paramos
+Chingasa und Suma Paz, während Felipe de Hutten, in Begleitung Pedros de
+Limpias (desselben, der von den Hochebenen von Bogota die erste Kunde
+vom Dorado nach Venezuela gebracht hatte) von Nord nach Süd den Weg
+einschlug, auf dem Georg von Speier am Ostabhang der Gebirge hingezogen
+war. Hutten brach von Coro, dem Hauptsitz der deutschen Faktorei oder
+Gesellschaft der Welser auf, als Heinrich Remboldt an der Spitze
+derselben stand. Nachdem er über die Ebenen am Casanare, Meta und Caguan
+gezogen (1541), kam er an den obern Guaviare (Guayuare), den man lange
+für den Ursprung des Orinoco gehalten hat und dessen Mündung ich auf dem
+Wege von San Fernando de Atabapo an den Rio Negro gesehen habe. Nicht
+weit vom rechten Ufer des Guaviare kam Hutten in die Stadt der Guaypes,
+Macatoa. »Das Volk daselbst trug Kleider, die Felder schienen gut
+angebaut, alles deutete auf eine Cultur, die sonst diesem heißen
+Landstrich im Osten der Cordilleren fremd war. Wahrscheinlich war Georg
+von Speier bei seinem Zuge an den Rio Caqueta und in die Provinz
+Papamene weit oberhalb Macatoa über den Guaviare gegangen, bevor die
+beiden Zweige dieses Flusses, der Ariari und der Guayavero, sich
+vereinigen. Hutten erfuhr, auf dem Wege weiter nach Südost komme er auf
+das Gebiet der großen Nation der Omaguas, deren Priester-König Quareca
+heiße und große Heerden von Llamas besitze. Diese Spuren von Cultur,
+diese alten Verbindungen mit der Hochebene von Quito scheinen mir sehr
+bemerkenswerth. Wir haben schon oben erwähnt, daß Orellana bei einem
+indianischen Häuptling am Amazonenstrom Llamas gesehen, und daß Ordaz
+auf den Ebenen am Meta davon hatte sprechen hören.
+
+Ich halte mich nur an das, was in das Bereich der Geographie fällt, und
+beschreibe weder nach Hutten jene unermeßlich große Stadt, die er von
+weitem gesehen, noch das Gefecht mit den Omaguas, wobei 39 Spanier
+(ihrer 14 sind in den Nachrichten aus jener Zeit namentlich aufgeführt)
+mit 15,000 Indianern zu thun hatten. Diese lügenhaften Berichte haben
+zur Ausschmückung der Sage vom Dorado sehr viel beigetragen. Der Namen
+der Stadt der Omaguas kommt in Huttens Bericht nicht vor, aber die
+Manoas, von denen Pater Fritz noch im siebzehnten Jahrhundert in seiner
+Mission Yurimaguas Goldbleche erhielt, sind Nachbarn der Omaguas. Später
+wurde der Namen Manoa aus dem Lande der Amazonen auf eine eingebildete
+Stadt im Dorado der Parime übergetragen. Der bedeutende Ruf, in dem die
+Länder zwischen dem Caqueta (Papamene) und Guaupe (einem Nebenfluß des
+Rio Negro) standen, veranlaßte (1560) Pedro de Ursua zu der unheilvollen
+Expedition, welche mit der Empörung des Tyrannen Aguirre[^125] endigte.
+Als er den Caqueta hinabfuhr, um sofort in den Amazonenstrom zu
+gelangen, hörte Ursua von der Provinz Caricuri sprechen. Diese Benennung
+weist deutlich auf das Goldland hin, denn, wie ich sehe, heißt Gold auf
+tamanakisch Caricuri, auf caraibisch Carucuru. Sollte der Ausdruck für
+Gold bei den Völkern am Orinoco ein Fremdwort seyn, wie Zucker und Coton
+in den europäischen Sprachen? Dieß wiese wohl darauf hin, daß diese
+Völker die edlen Metalle mit den fremden Erzeugnissen haben kennen
+lernen, die ihnen von den Cordilleren[^126] oder von den Ebenen am
+Ostabhang der Anden zugekommen.
+
+Wir kommen jetzt zum Zeitpunkt, wo der Mythus vom Dorado sich im
+östlichen Strich von Guyana, zuerst beim angeblichen See Cassipa (an den
+Ufern des Paragua, eines Nebenflusses des Carony), und dann zwischen den
+Quellen des Rio Essequebo und des Rio Branco, festsetzte. Dieser Umstand
+ist vom bedeutendsten Einfluß auf die Geographie dieser Länder gewesen.
+Antonio de Verrio, der Schwiegersohn und einzige Erbe des großen
+Adelantado Ximenez de Quesada, ging westwärts von Tunja über die
+Cordilleren, schiffte sich auf dem Rio Casanare ein und fuhr auf diesem
+Fluß, auf dem Meta und Orinoco hinab nach der Insel Trinidad. Wir wissen
+von dieser Reise fast nur, was Ralegh davon berichtet; sie scheint
+wenige Jahre vor die erste Gründung von Vieja Guayana im Jahr 1591 zu
+fallen. Einige Jahre darauf (1595) ließ Berrio durch seinen Maese de
+Campo, Domingo de Vera, eine Expedition von 2000 Mann ausrüsten, welche
+den Orinoco hinaufgehen und den Dorado erobern sollte, den man jetzt das
+Land Manoa, sogar Laguna de la Gran Manoa zu nennen anfing. Reiche
+Grundeigenthümer verkauften ihre Höfe, um den Kreuzzug mitzumachen, dem
+sich zwölf Observanten und zehn Weltgeistliche anschlossen. Die Mähren
+eines gewissen Martinez (Juan Martin de Albujar?), der bei der
+Expedition des Diego de Ordaz wollte zurückgelassen und von Stadt zu
+Stadt in die Hauptstadt des Dorado geschleppt worden seyn, hatten
+Berrios Phantasie erhitzt. Was dieser Conquistador auf der Fahrt den
+Orinoco herab selbst beobachtet, ist schwer von dem zu unterscheiden,
+was er, wie er angiebt, aus einem in Portorico aufbewahrten Tagebuche
+des Martinez geschöpft hat. Man sieht, man hatte damals vom neuen
+Continent im Allgemeinen dieselben Vorstellungen, wie wir so lange von
+Afrika. Man meinte tiefer im Lande mehr Cultur anzutreffen als an den
+Küsten. Bereits Juan Gonzalez, den Diego de Ordaz abgesandt hatte, die
+Ufer des Orinoco zu untersuchen (1531), behauptete, »je weiter man auf
+dem Orinoco hinauf komme, desto stärker werde die Bevölkerung«. Berrio
+erwähnt zwischen den Mündungen des Meta und des Cuchivero der häufig
+unter Wasser stehenden Provinz Amapaja, wo er viele kleine gegossene
+goldene Götzenbilder gefunden, ähnlich denen, welche in Cauchieto
+östlich von Coro verfertigt wurden. Er meinte, dieses Gold komme aus dem
+Granitboden des bergigten Landes zwischen Carichana, Uruana und dem
+Cuchivero. Und allerdings haben in neuerer Zeit die Eingeborenen in der
+Quebadra del tigre bei der Mission Encaramada ein Goldgeschiebe
+gefunden.[^127] Ostwärts von der Provinz Amapaja erwähnt Berrio des Rio
+Carony (Caroly), den man aus einem großen See entspringen ließ, weil man
+einen der Nebenflüsse des Carony, den Rio Paragua (Fluß des großen
+Wassers), aus Unbekanntschaft mit den indianischen Sprachen, für ein
+Binnenmeer gehalten hatte. Mehrere spanische Geschichtschreiber
+glaubten, dieser See, die Quelle des Carony, sey Berrios Gran Manoa;
+aber aus den Nachrichten, die Berrio Ralegh mitgetheilt, ist
+ersichtlich, daß man annahm, die Laguna de Manoa (del Dorado oder de
+Parime) liege südlich vom Rio Paragua, aus dem man die Laguna Cassipa
+gemacht hatte. »Diese beiden Wasserbecken hatten goldhaltigen Sand; aber
+am Ufer des Cassipa lag Macureguaira (Margureguaira), die Hauptstadt des
+Caziken Aromaja und die vornehmste Stadt des ein- gebildeten Reiches
+Guyana.«
+
+Da diese häufig überschwemmten Landstriche von jeher von Völkern
+caraibischen Stammes bewohnt waren, die tief ins Land hinein mit den
+entlegensten Gegenden einen ungemein lebhaften Handel trieben, so ist
+nicht zu verwundern, daß man hier bei den Indianern mehr Gold fand als
+irgendwo. Die Eingeborenen im Küstenland brauchten dieses Metall nicht
+allein zum Schmuck und zu Amuletten, sondern auch in gewissen Fällen als
+Tauschmittel. Es erscheint daher ganz natürlich, daß das Gold an den
+Küsten von Paria und bei den Völkern am Orinoco verschwunden ist, seit
+der Verkehr mit dem Innern durch die Europäer abgeschnitten wurde. Die
+unabhängig gebliebenen Eingeborenen sind gegenwärtig unzweifelhaft
+elender, träger und versunkener als vor der Eroberung. Der König von
+Morequito, derselbe, dessen Sohn Ralegh nach England mitgenommen hatte,
+war im Jahr 1594 nach Cumana gekommen, um gegen eine große Menge
+massiver Goldbilder eiserne Geräthe und europäische Waaren
+einzutauschen. Dieses unerwartete Auftreten eines indianischen
+Häuptlings steigerte noch den Ruf der Schätze des Orinoco. Man stellte
+sich vor, der Dorado müsse nicht weit vom Lande seyn, aus dem der König
+von Morequito gekommen; und da das Land dort häufig unter Wasser stand,
+und die Flüsse die allgemeinen Namen: »großes Meer,« »großes
+Wasserstück« führten, so mußte sich der Dorado am Ufer eines Sees
+befinden. Man dachte nicht daran, daß das Gold, das die Caraiben und
+andere Handelsvölker mitbrachten, so wenig ein Erzeugniß ihres Bodens
+war, als die brasilianischen und ostindischen Diamanten Erzeugnisse der
+europäischen Länder sind, wo sie sich am meisten zusammenhäuft. Berrios
+Expedition, die, während die Schiffe in Cumana, bei Margarita und
+Trinidad anlegten, sehr stark an Mannschaft geworden war, ging über
+Morequito (bei Vieja Guayana) dem Rio Paragua, einem Nebenfluß des
+Carony, zu; aber Krankheiten, der wilde Muth der Eingeborenen und der
+Mangel an Lebensmitteln setzten dem Zug der Spanier unübersteigliche
+Hindernisse entgegen. Alle gingen zu Grunde bis auf dreißig, welche im
+kläglichsten Zustand zum Posten Santo Thome zurückkamen.
+
+Diese Unfälle kühlten den Eifer, mit dem bis zur Mitte des siebzehnten
+Jahrhunderts der Dorado aufgesucht wurde, keineswegs ab. Der Statthalter
+von Trinidad, Antonio de Berrio, wurde von Sir Walter Ralegh gefangen
+genommen, als dieser im Jahr 1595 den vielberufenen Einfall auf die
+Küste von Venezuela und an die Mündungen des Orinoco machte. Von Berrio
+und andern Gefangenen, die Capitän Preston bei der Einnahme von Caracas
+gemacht, konnte Ralegh Alles in Erfahrung bringen, was man damals von
+den Ländern südwärts von Vieja Guayana. wußte. Er glaubte an die
+Mährchen, welche Juan Martin de Ulbujar ausgeheckt, und zweifelte weder
+an der Existenz der beiden Seen Cassipa und Ropunuwini, noch am Bestehen
+des großen Reichs des Inca, das flüchtige Fürsten (nach Atahualpas Tode)
+an den Quellen des Rio Essequebo gegründet haben sollten. Die Karte,
+welche Ralegh entworfen und deren Geheimhaltung er Lord Charles Howard
+empfahl, besitzen wir nicht mehr; aber der Geograph Hondius hat diese
+Lücke ausgefüllt; ja er gibt seiner Karte ein Verzeichniß von Längen-
+und Breitenangaben bei, wobei die Laguna del Dorado und die kaiserliche
+Stadt Manoas vorkommen. Während Ralegh an der Punta del Gallo (auf der
+Insel Trinidad) sich aufhielt, ließ er durch seine Unterbefehlshaber die
+Mündungen des Orinoco, namentlich die von Capuri, Gran Amana (Manamo
+grande) und Macureo (Macareo)[^128] untersuchen. Da seine Schiffe einen
+bedeutenden Tiefgang hatten, hielt es sehr schwer, in die bocas chicas
+einzulaufen, und er mußte sich flache Fahrzeuge bauen lassen. Er
+bemerkte die Feuer der Tivitivas (Tibitibies) vom Stamme der Guaraons
+auf den Mauritiapalmen, deren Frucht,[^129] fructum squamorum, similem
+Palmae Pini, er zuerst nach Europa gebracht hat. Es wundert mich, daß
+von der Niederlassung, die Berrio unter dem Namen Santo Thome (la Vieja
+Guayana) gegründet, so gut wie gar nicht die Rede ist; und doch reicht
+dieselbe bis zum Jahr 1591 hinauf, und obgleich nach Fray Pedro Simon
+»Religion und Politik jeden Handelsverkehr zwischen Christen (Spaniern)
+und Ketzern (Holländern und Engländern) verbieten,« wurde damals, am
+Ende des sechzehnten Jahrhunderts, wie gegenwärtig, ein lebhafter
+Schleichhandel über die Mündungen des Orinoco getrieben. Ralegh ging
+über den Fluß Europa (Guarapo) und »die Ebenen der Saymas
+(Chaymas),[^130] die im selben Niveau bis Cumana und Caracas
+fortstreichen;« in Morequito (vielleicht etwas nordwärts von Villa de
+Upata in den Missionen am Carony) machte er Halt, und hier bestätigte
+ihm ein alter Cazike alle phantastischen Vorstellungen Berrios von einem
+Einfall fremder Völker (Orejones und Epuremei) in Guyana. Die Katarakten
+des Caroli (Carony), welcher Fluß damals für den kürzesten Weg zu den
+beiden am See Cassipa und am See Nupunuwini oder Dorado gelegenen
+Städten Macureguarai und Manoa galt, steckten der Expedition ein Ziel.
+
+Ralegh hat den Orinoco nur auf einer Strecke von kaum 60 Meilen
+befahren; er nennt aber nach den schwankenden Angaben, die er
+zusammengebracht, die obern Zuflüsse, den Cari, den Pao, den Apure
+(Capuri?), den Guarico (Voari?), den Meta, sogar »in der Provinz
+Baraguan den großen Wasserfall Athule (Atures), der aller weiteren
+Flußfahrt ein Ende macht«. Trotz seiner Uebertreibungen, die sich für
+einen Staatsmann wenig ziemen, bieten Raleghs Berichte wichtiges
+Material zur Geschichte der Geographie. Der Orinoco oberhalb des
+Einflusses des Apure war damals den Europäern so wenig bekannt, als
+heutzutage der Lauf des Niger unterhalb Sego. Man hatte die Namen
+verschiedener, weit entfernten Nebenflüsse vernommen, aber man wußte
+nicht, wo sie lagen; man zählte ihrer mehr auf, als wirklich sind, wenn
+derselbe Name, verschieden ausgesprochen oder vom Ohr unrichtig
+aufgefaßt, verschieden klang. Andere Irrthümer hatten vielleicht ihre
+Quellen darin, daß dem spanischen Statthalter Antonio de Berrio wenig
+daran gelegen seyn konnte, Ralegh richtige, genaue Notizen zu geben;
+letzterer beklagt sich auch über seinen Gefangenen »als einen Menschen
+ohne Bildung, der Ost und West nicht zu unterscheiden wisse.« Ob Ralegh
+an Alles, was er vorbringt, an die Binnenmeere, so groß wie das
+caspische Meer, an die kaiserliche Stadt Manoa (imperial and golden
+city), an die prächtigen Paläste, welche der »Kaiser Inga von Guyana«
+nach dem Vorbild seiner peruanischen Ahnen erbaut, — ob er an all das
+wirklich geglaubt oder sich nur so angestellt, das will ich hier nicht
+untersuchen. Der gelehrte Geschichtschreiber von Brasilien, Southey, und
+der Biograph Raleghs, Cayley, haben in neuester Zeit viel Licht über
+diesen Punkt verbreitet. Daß der Führer der Expedition und die unter ihm
+Befehlenden ungemein leichtgläubig waren, ist schwerlich zu bezweifeln.
+Man sieht, Ralegh paßte Alles von vornherein angenommenen
+Voraussetzungen an. Sicher war er selbst getäuscht, wenn es aber galt,
+die Phantasie der Königin Elisabeth zu erhitzen und die Plane seiner
+ehrgeizigen Politik durchzusetzen, so ließ er keinen Kunstgriff der
+Schmeichelei unversucht. Er schildert der Königin »das Entzücken dieser
+barbarischen Völker beim Anblick ihres Bildnisses; der Name der
+erhabenen Jungfrau, welche sich Reiche zu unterwerfen weiß, soll bis zum
+Lande der kriegerischen Weiber am Orinoco und Amazonenstrom dringen; er
+versichert, als die Spanier den Thron von Cuzco umgestoßen, habe man
+eine alte Prophezeiung gefunden, der zufolge die Dynastie der Incas
+dereinst Großbritannien ihre Wiederherstellung zu danken haben werde; er
+gibt den Rath, unter dem Vorwand, das Gebiet gegen äußere Feinde
+schützen zu wollen, Besatzungen von drei, viertausend Mann in die Städte
+des Inca zu legen und diesen so zu einem jährlichen Tribut von 300,000
+Pfund Sterling an Königin Elisabeth zu nöthigen; endlich äußert er mit
+einem Blick in die Zukunft, alle diese gewaltigen Länder Südamerikas
+werden eines Tages Eigenthum der englischen Nation seyn.«
+
+Raleghs vier Fahrten auf dem untern Orinoco fallen zwischen die Jahre
+1595 und 1617. Nach all diesen vergeblichen Unternehmungen ließ der
+Eifer, mit dem man den Dorado aufsuchte, allmählig nach. Fortan kam
+keine Expedition mehr zu Stande, an der sich zahlreiche Colonisten
+betheiligten, wohl aber Unternehmungen Einzelner, zu denen nicht selten
+die Statthalter der Provinzen aufmunterten. Die Kunde vom Goldland der
+Manoas-Indianer am Jurubesh und von der Laguna de oro die durch die
+Reisen der Patres Acuña (1688) und Fritz (1637) in Umlauf kam, trugen
+das Ihrige dazu bei, daß die Vorstellungen vom Dorado in den
+portugiesischen und spanischen Colonien im Norden und Süden des
+Aequators wieder rege wurden. In Cuença im Königreich Quito traf ich
+Leute, die im Auftrag des Bischofs Marfil östlich von den Cordilleren
+auf den Ebenen von Macas die Trümmer der Stadt Logroño, die in einem
+goldreichen Lande liegen sollte, aufgesucht hatten. Aus dem schon
+mehrmals erwähnten Tagebuche Hortsmanns ersehen wir, daß man im Jahr
+1740 von holländisch Guyana her zum Dorado zu gelangen glaubte, wenn man
+den Essequebo hinauffuhr. In Santo Thome de Angostura entwickelte der
+Statthalter Don Manuel Centurion ungemeinen Eifer, um zum eingebildeten
+See Manoa zu dringen. Arimuicaipi, ein Indianer von der Nation der
+Ipurucotos, fuhr den Rio Carony hinab und entzündete durch lügenhafte
+Berichte die Phantasie der spanischen Colonisten. Er zeigte ihnen am
+Südhimmel die Magellanschen Wolken, deren weißlichtes Licht er für den
+Widerschein der silberhaltigen Felsen mitten in der Laguna Parime
+erklärte. Es war dieß eine sehr poetische Schilderung des Glanzes des
+Glimmer- und Talkschiefers seines Landes. Ein anderer indianischer
+Häuptling, bei den Caraiben am Essequebo als Capitän Jurado bekannt, gab
+sich vergebliche Mühe, den Statthalter Centurion zu enttåuschen. Man
+machte fruchtlose Versuche auf dem Caura und dem Rio Paragua. Mehrere
+hundert Menschen kamen bei diesen tollen Unternehmungen elend ums Leben.
+Die Geographie zog indessen einigen Nutzen daraus. Nicolas Rodriguez und
+Antonio Santos wurden vom spanischen Statthalter auf diese Weise
+gebraucht (1775 bis 1780). Letzterer gelangte auf dem Carony, dem
+Paragua, dem Paraguamusi, dem Anocapra und über die Berge Pacaraimo und
+Quimiropaca an den Uraricuera und den Rio Branco. Die Reisetagebücher
+dieser abenteuerlichen Unternehmungen haben mir treffliche Notizen
+geliefert.
+
+Die Seekarten, welche der Florentiner Reisende Amerigo Vespucci[^131] in
+den ersten Jahren des sechzehnten Jahrhunderts als piloto mayor der Casa
+de Contratacion zu Sevilla entworfen, und auf die er, vielleicht in
+schlauer Absicht, den Namen Terra de Amerigo gesetzt, sind nicht auf uns
+gekommen. Die älteste geographische Urkunde des neuen Continents ist die
+einer römischen Ausgabe des Ptolemäus vom Jahr 1508 beigegebene
+Weltkarte des Johann Ruysch.[^132] Man erkennt darauf Yucatan und
+Honduras (den südlichsten Theil von Mexico), die als eine Insel unter
+dem Namen Culicar dargestellt sind. Eine Landenge von Panama ist nicht
+vorhanden, sondern eine Meerenge, durch die man geradeaus von Europa
+nach Indien fahren kann. Auf der großen südlichen Insel (Südamerika)
+steht der Name Terra de Careas, die von zwei Flüssen, dem Rio Lareno und
+dem Rio Formoso begrenzt ist. Diese Careas sind ohne Zweifel die
+Einwohner von Caria, welchen Namen Cristoph Columbus bereits im Jahr
+1498 vernommen hatte und mit dem lange Zeit ein großer Theil von Amerika
+bezeichnet wurde. Der Bischof Geraldini sagt in einem Briefe an Pabst
+Leo X. aus dem Jahr 1516 deutlich: »Insula illa, quae Europa et Asia est
+major, quam indocti continentem Asiae appellant, et alii Americam vel
+Pariam nuncupant.« Auf der Weltkarte von 1508 finde ich noch keine Spur
+vom Orinoco. Dieser Strom erscheint zum erstenmal unter dem Namen Rio
+dulce auf der berühmten Karte, die Diego Ribero, Kosmograph Kaiser Karls
+V. im Jahr 1529 entworfen, und die Sprengel im Jahr 1795 mit einem
+gelehrten Commentar herausgegeben hat. Weder Columbus (1498) noch Alonso
+de Guda, bei dem Amerigo Vespucci war (1499), hatten die eigentliche
+Mündung des Orinoco gesehen. Sie hatten dieselbe mit der nördlichen
+Oeffnung des Meerbusens von Paria verwechselt, dem man, wie denn
+Uebertreibungen der Art bei den Seefahrern jener Zeit so häufig
+vorkommen, eine ungeheure Masse süßen Wassers zuschrieb. Vicente Yañez
+Pinçon, nachdem er die Mündung des Rio Maragnon entdeckt, war auch der
+Erste, der die Mündung des Orinoco sah (1500). Er nannte diesen Strom
+Rio dulce, welcher Name sich seit Ribero lange auf den Karten erhalten
+hat und zuweilen irrthümlich dem Maroni und dem Essequebo beigelegt
+wurde.[^133]
+
+Der große See Parime erscheint auf den Karten erst nach Raleghs erster
+Reise. Jodocus Hondius war der Mann, der mit dem Jahr 1599 den
+Vorstellungen der Geographen eine bestimmte Richtung gab und das Innere
+von spanisch Guyana als ein völlig bekanntes Land darstellte. Der
+Isthmus zwischen dem Rio Branco und dem Rio Rupunuwini (einem Nebenfluß
+des Essequebo) wird von ihm in den 200 Meilen langen, 40 Meilen breiten
+See Rupunuwini, Carime oder Dorado, zwischen dem 1°45′ südlicher und dem
+2° nördlicher Breite verwandelt. Dieses Binnenmeer, größer als das
+caspische Meer, wird bald mitten in ein gebirgigtes Land, ohne
+Verbindung mit irgend einem andem Fluß, hineingezeichnet, bald läßt man
+den Rio Oyapok (Waiapago, Joapoc, Vinpoco) und den Rio de Cayana daraus
+entspringen. Der erstere Fluß wurde im achten Artikel des Utrechter
+Vertrags mit dem Rio de Vicente Pinçon (Rio Calsoene oder Mayacari?)
+verwechselt und blieb bis zum letzten Wiener Congreß der Gegenstand
+endloser Streitigkeiten zwischen den französischen und den
+portugiesischen Diplomaten. Der letztere ist eine chimärische
+Verlängerung des Tonnegrande, oder aber des Oyac (Wia?). Das Binnenmeer
+(Laguna Parime) wurde anfangs so gestellt, daß sein westliches Ende in
+den Meridian des Zusammenflusses des Apure und des Orinoco fiel;
+allmählig aber schob man es nach Ost vor, so daß das westliche Ende
+südlich von den Mündungen des Orinoco zu liegen kam. Dieser Wechsel zog
+auch Abänderungen in der respektiven Lage des Sees Parime und des Sees
+Cassipa, so wie in der Richtung des Laufs des Orinoco nach sich. Diesen
+großen Strom läßt man von seiner Mündung bis über den Meta hinauf,
+gleich dem Magdalenenstrom, von Süd nach Nord laufen. Die Nebenflüsse,
+die man aus dem See Cassipa kommen ließ, der Carony, der Arui und der
+Caura, laufen damit in der Richtung eines Parallels, während sie in der
+Wirklichkeit in der Richtung eines Meridians liegen. Außer dem Parime
+und dem Cassipa gab man auf den Karten einen dritten See an, aus dem man
+den Aprouague (Apurwaca) kommen ließ. Es war damals bei den Geographen
+allgemeiner Brauch, alle Flüsse mit großen Seen in Verbindung zu
+bringen. Auf diese Weise verband Ortelius den Nil mit dem Zaire oder Rio
+Congo, die Weichsel mit der Wolga und dem Dnieper. Im nördlichen Mexiko,
+in den angeblichen Königreichen Guivira und Cibola, die durch die Lügen
+des Mönchs Marcos de Niza berühmt geworden, hatte man ein großes
+Binnenmeer eingezeichnet, aus dem man den californischen Rio Colorado
+entspringen ließ.[^134] Vom Rio Magdalena lief ein Arm in den See
+Maracaybo, und der See Xarayes, in dessen Nähe man einen südlichen
+Dorado setzte, stand mit dem Amazonenstrom, mit dem Miari (Meary) und
+dem Rio San Francisco in Verbindung. Die meisten dieser hydrographischen
+Träume sind verschwunden; nur die Seen Cassipa und Dorado haben sich
+lange neben einander auf unsern Karten erhalten.
+
+Verfolgt man die Geschichte der Geographie, so sieht man den Cassipa,
+der als ein rechtwinklichtes Viereck dargestellt wird, sich allmählig
+auf Kosten des Dorado vergrößern. Letzterer wurde zuweilen ganz
+weggelassen, aber nie wagte man es, sich am ersteren zu vergreifen, der
+nichts ist, als der durch periodische Ueberschwemmungen geschwellte Rio
+Paragua (ein Nebenfluß des Carony). Als d’AnvilIe durch Solanos
+Expedition in Erfahrung brachte, daß der Orinoco seine Quellen
+keineswegs westwärts am Abhang der Anden von Pasto habe, sondern von
+Osten her von den Gebirgen der Parime herabkomme, nahm er in der zweiten
+Ausgabe seiner schönen Karte von Amerika (1760) die Laguna Parime wieder
+auf und ließ sie ganz willkürlich durch den Mazuruni und den Cuyuni mit
+drei Flüssen (dem Orinoco, dem Rio Branco und dem Essequebo) in
+Verbindung stehen. Er verlegte sie unter den 3—4. Grad nördlicher
+Breite, wohin man bisher den See Cassipa gesetzt hatte.
+
+Der spanische Geograph la Cruz Olmedilla (1775) folgte d’Anvilles
+Vorgang. Der alte, unter dem Aequator gelegene See Parime war vom
+Orinoco ganz unabhängig; der neue, der an der Stelle des Cassipa und
+wieder in der Gestalt eines Vierecks austrat, dessen längsten Seiten von
+Süd nach Nord laufen,[^135] zeigt die seltsamsten hydraulischen
+Verbindungen. Bei la Cruz entspringt der Orinoco, unter dem Namen Parime
+und Puruma (Xuruma?) im gebirgigten Lande zwischen den Quellen des
+Ventuari und des Caura (unter dem 5. Grad der Breite im Meridian der
+Mission Esmeralda) aus einem kleinen See, der Ipava heißt. Dieser See
+läge auf meiner Reisekarte nordöstlich von den Granitbergen von Cunevo,
+woraus zur Genüge hervorgeht, daß wohl ein Nebenfluß des Rio Branco oder
+des Orinoco daraus entspringen könnte, nicht aber der Orinoco selbst.
+Dieser Rio Parime oder Puruma nimmt nach einem Lauf von 40 Meilen gegen
+Ost-Nord-Ost und von 60 Meilen gegen Südost den Rio Mahu auf, den wir
+bereits als einen der Hauptzweige des Rio Branco kennen; darauf läuft er
+in den See Parime, den man 30 Meilen lang und 20 Meilen breit macht. Aus
+diesem See entspringen unmittelbar drei Flüsse, der Rio Ucamu (Ocamo),
+der Rio Idapa (Siapa) und der Rio Branco. Der Orinoco oder Puruma ist
+als unterirdische Durchsickerung am Westabhang der Sierra Mei, welche
+den See oder das weiße Meer gegen Westen begrenzt, gezeichnet. Diese
+zweite Quelle des Orinoco liegt unter dem zweiten Grad nördlicher Breite
+und 3½ Grad ostwärts vom Meridian von Esmeralda. Nachdem der neue Fluß
+50 Meilen gegen West-Nord-West gelaufen, nimmt er zuerst den Ucamu auf,
+der aus dem See Parime kommt, sodann den Rio Maquiritari (Padamo), der
+zwischen dem See Ipava und einem andern Alpsee, von la Cruz Laguna
+Cavija genannt, entspringt. Da See maypurisch Cavia heißt, so bedeutet
+das Wort Laguna Cavia, wie Laguna Parime, nichts als Wasserbecken,
+laguna de agua. Diese seltsame Flußzeichnung ist nun das Vorbild fast
+für alle neueren Karten von Guyana geworden. Ein Mißverständniß, das aus
+der Unkenntniß des Spanischen entsprang, hat der Karte des la Cruz, auf
+der richtige Angaben mit systematischen, den alten Karten entnommenen
+Vorstellungen vermengt sind, vollends großes Ansehen verschafft. Eine
+punktirte Linie umgibt den Landstrich, über den Solano einige
+Erkundigung hatte einziehen können; diese Linie hielt man nun für den
+von Solano zurückgelegten Weg, so daß dieser das südwestliche Ende des
+weißen Meeres gesehen haben müßte. Auf der Karte des la Cruz steht
+geschrieben: »Dieser Weg bezeichnet, was vom Statthalter von Caracas,
+Don Jose Solano, entdeckt und zur Ruhe gebracht worden ist.« Nun weiß
+man aber in den Missionen, daß Solano nie über San Fernando de Atabapo
+hinausgekommen ist, daß er den Orinoco ostwärts vom Einfluß des Guaviare
+gar nicht gesehen, und daß er seine Nachrichten über diese Länder nur
+von gemeinen Soldaten haben konnte, die der Sprachen der Eingeborenen
+unkundig waren. Das Werk des Pater Caulin, der ja der Geschichtschreiber
+der Expedition war, das Zeugniß Don Apollinarios Diaz de la Fuente und
+Santos’ Reise thun zur Genüge dar, daß nie ein Mensch das weiße Meer des
+la Cruz gesehen hat, das, wie aus den Namen der sich darein ergießenden
+Flüsse hervorgeht, nichts ist als eine eingebildete Ausbreitung des
+westlichen Zweigs des Rio Branco oberhalb des Einflusses des Tacutu und
+des Uraricuera oder Rio Parime. Ließe man aber auch Angaben gelten,
+deren Unrichtigkeit jetzt zur Genüge dargethan ist, so sähe man nach
+allgemein anerkannten hydrographischen Grundsätzen nicht ein, mit
+welchem Recht der See Ipava die Quelle des Orinoco heißen könnte. Wenn
+ein Fluß in einen See fällt und von diesem selben Wasserbecken drei
+andere abgehen, so weiß man nicht, welchem von diesen man den Namen des
+ersteren beilegen soll. Noch viel weniger ist es zu rechtfertigen, wenn
+der Geograph denselben Namen einem Flusse läßt, dessen Quelle durch eine
+hohe Bergkette vom See getrennt ist, und der durch Durchsickerung
+unterirdisch entstanden seyn soll.
+
+Vier Jahre nach der großen Karte von la Cruz Olmedilla erschien das Werk
+des Pater Caulin, der die Grenzexpedition mitgemacht hatte. Das Buch
+wurde 1759 am Ufer des Orinoco selbst geschrieben, und nur einige
+Anmerkungen wurden später in Europa beigefügt. Der Verfasser, ein
+Franciskaner von der Congregation der Observanten, zeichnet sich durch
+seine Aufrichtigkeit aus und an kritischem Geist ist er allen seinen
+Vorgångem überlegen. Er selbst ist nicht über den großen Katarakt bei
+Atures hinausgekommen, aber Alles, was Solano und Ituriaga Wahres und
+Schwankendes zusammengebracht, stand zu seiner Verfügung. Zwei Karten,
+die Pater Caulin im Jahr 1756 entworfen, wurden von Surville, einem
+Archivbeamten beim Staatssekretariat, in Eine zusammengezogen und nach
+angeblichen Entdeckungen vervollständigt (1778). Schon oben, als von
+unserem Aufenthalt in Esmeralda (dem den unbekannten Quellen des Orinoco
+zunächst gelegenen Punkte) die Rede war, habe ich bemerkt, wie
+willkürlich man bei diesen Abänderungen zu Werke ging. Sie gründeten
+sich auf die lügenhaften Berichte, mit denen man die Leichtgläubigkeit
+des Statthalters Centurion und Don Apollinarios Diaz de la Fuente, eines
+Kosmographen, der weder Instrumente, noch Kenntnisse, noch Bücher hatte,
+Tag für Tag bediente.
+
+Das Tagebuch Pater Caulins steht mit der Karte, die demselben beigegeben
+ist, in fortwährendem Widerspruch. Der Verfasser setzt die Umstände aus
+einander, welche zu der Fabel vom See Parime Anlaß gegeben haben; aber
+die Karte bringt diesen See auch wieder, nur schiebt sie ihn weit weg
+von den Quellen des Orinoco, ostwärts vom Rio Branco. Nach Pater Caulin
+heißt der Orinoco Rio Maraguaca unter dem Meridian des Granitberges
+dieses Namens, der auf meiner Reisekarte gezeichnet ist. »Es ist
+vielmehr ein Bergstrom als ein Fluß; er kommt zugleich mit dem Rio
+Omaguaca und dem Macoma, unter 2½ Grad der Breite, aus dem kleinen See
+Cabiya.« Dieß ist der See, aus dem la Cruz den Maquiritari (Padamo)
+entspringen läßt und den er unter 5½ Grad der Breite, nördlich vom See
+Ipava, setzt. Die Existenz von Caulins Rio Macoma scheint sich auf ein
+verworrenes Bild der Flüsse Padamo, Ocamo und Matacona zu gründen, von
+denen man vor meiner Reise glaubte, sie stehen mit einander in
+Verbindung. Vielleicht gab auch der See, aus dem der Mavaca kommt (etwas
+westlich vom Amaguaca) Anlaß zu diesen Irrthümern hinsichtlich des
+Ursprungs des Orinoco und der Quellen des Idapa in der Nähe.
+
+Surville setzt unter 2°10′ der Breite an die Stelle des Sees Parime des
+la Cruz einen andern See ohne Namen, der nach ihm die Quelle des Ucamu
+(Ocamo) ist. In der Nähe dieses Alpsees entspringen aus derselben Quelle
+der Orinoco und der Idapa, ein Nebenfluß des Cassiquiare. Der See Amucu,
+die Quelle des Mahu, wird zum Mar Dorado oder zur Laguna Parime
+erweitert. Der Rio Branca hängt nur noch durch zwei seiner schwächsten
+Nebenflüsse mit dem Wasserbecken zusammen, aus dem der Ucamu kommt. Aus
+dieser rein hypothetischen Anordnung ergibt sich, daß der Orinoco aus
+keinem See entspringt und daß die Quellen desselben vom See Parime und
+dem Rio Branco durchaus unabhängig find. Trotz der sich gabelnden Quelle
+ist das hydrographische System der Surville’schen Karte nicht so
+abgeschmackt als das auf der Karte des la Cruz. Wenn die neueren
+Geographen sich so lange beharrlich an die spanischen Karten gehalten
+haben, ohne dieselben mit einander zu vergleichen, so erscheint es doch
+auffallend, daß sie nicht wenigstens der neuesten Karte den Vorzug
+gegeben haben, der Surville’schen, die auf königliche Kosten und auf
+Befehl des Ministers für Indien, Don Jose de Galvez, erschienen ist.
+
+Ich habe hiermit, wie ich eben ungebändigt, die wechselnden Gestalten
+entwickelt, welche die geographischen Irrthümer zu verschiedenen Zeiten
+angenommen. Ich habe auseinandergesetzt, wie die Bodenbildung, der Lauf
+der Ströme, die Namen der Nebenflüsse und die zahlreichen Trageplätze
+zur Annahme eines Binnenmeers im Herzen von Guyana führen konnten. So
+trocken Erörterungen der Art seyn mögen, für unnütz und unfruchtbar darf
+man sie nicht halten. Man ersieht daraus, was Alles die Reisenden noch
+zu entdecken haben; sie stellen uns vor Augen, welcher Grad von
+Zuverlåßigkeit lange Zeit wiederholten Behauptungen zukommt. Es verhält
+sich mit den Karten wie mit den Tafeln astronomischer Positionen in
+unsern für die Seefahrer bestimmten Ephemeriden. Von lange her ist zu
+ihrer Entwerfung das verschiedenartigste Material zusammengetragen
+worden, und zöge man nicht die Geschichte der Geographie zu Rathe, so
+wäre später so gut wie gar nicht auszumitteln, auf welcher Autorität
+jede einzelne Angabe beruht.
+
+Ehe ich den Faden meiner Erzählung wieder aufnehme, habe ich noch einige
+allgemeine Bemerkungen über die goldhaltigen Gebirgsarten zwischen dem
+Amazonenstrom und dem Orinoco beizubringen. Wir haben dargethan, daß der
+Mythus vom Dorado, gleich den berühmtesten Mythen der Völker der alten
+Welt, nach einander auf verschiedene Oertlichkeiten bezogen worden ist.
+Wir haben denselben von Südwest nach Nordost, vom Ostabhang der Anden
+gegen die Ebenen am Rio Branco und Essequebo vorrücken sehen, ganz in
+der Richtung, in der die Caraiben seit Jahrhunderten ihre Kriegs- und
+Handelszüge machten. Man sieht leicht, wie das Gold von den Cordilleren
+von Hand zu Hand durch eine Menge Völkerschaften bis an das Küstenland
+von Guyana gelangen konnte; waren doch, lange bevor der Pelzhandel
+englische, russische und amerikanische Schiffe an die Nordwestküsten von
+Amerika zog, eiserne Werkzeuge von Neumexico und Canada bis über die
+Rocky Mountains gewandert. In Folge eines Irrthums in der Länge, dessen
+Spuren man auf sämmtlichen Karten des sechzehnten Jahrhunderts begegnet,
+nahm man die goldführenden Gebirge von Peru und Neu-Grenada weit näher
+bei den Mündungen des Orinoco und des Amazonenstromes an, als sie in
+Wirklichkeit sind. Es ist einmal Sitte bei den Geographen, neu entdeckte
+Länder übermäßig zu vergrößern und ins Breite zu ziehen. Auf der Karte
+von Peru, welche Paulo di Forlani in Verona herausgab, liegt die Stadt
+Quito 400 Meilen von der Küste der Südsee unter dem Meridian von Cumana;
+die Cordillere der Anden füllt fast die ganze Oberfläche des spanischen,
+französischen und holländischen Guyana aus. Diese falsche Ansicht von
+der Breite der Anden ist ohne Zweifel im Spiel, wenn man den
+granitischen Ebenen am Ostabhang derselben so große Wichtigkeit
+zugeschrieben hat. Da man die Nebenflüsse des Amazonenstroms und des
+Orinoco, oder (wie Raleghs Unterbefehlshaber aus Schmeichelei für ihren
+Obern sagten) des Rio Raleana beständig verwechselte, so bezog man auf
+diesen alle Sagen, die einem über den Dorado von Quixos, über die
+Omaguas und Manoas zu Ohren gekommen. Nach des Geographen Hondius
+Annahme lagen die durch ihre Chinawälder berühmten Anden von Loxa nur 20
+Meilen vom See Parime und dem Ufer des Rio Branco. Bei dieser Nähe
+erschien die Kunde, daß sich der Inca in die Wälder von Guyana
+geflüchtet, und daß die Schätze aus Cuzco in die östlichsten Striche von
+Guyana geschafft worden, glaubwürdig. Fuhr man den Meta oder den
+Amazonenstrom hinauf, so sah man allerdings zwischen dem Puruz, dem
+Jupura und dem Iquiari die Eingeborenen civilisirter werden. Man fand
+dort Amulette und kleine Götzenbilder aus gegossenem Gold, künstlich
+geschnitzte Stühle und dergleichen; aber von solchen Spuren einer
+aufkeimenden Cultur zu den Städten und steinernen Häusern, wie Ralegh
+und seine Nachfolger sie beschreiben, ist ein großer Sprung. Wir haben
+ostwärts von den Cordilleren, in der Provinz Jaen de Bracamoros, auf dem
+Wege von Loxa an den Amazonenstrom herab, die Trümmer großer Gebäude
+gezeichnet; bis hieher waren die Incas mit ihren Waffen, mit ihrer
+Religion und mit ihren Künsten vorgedrungen. Die sich selbst
+überlassenen Eingeborenen am Orinoco waren vor der Eroberung etwas
+civilisirter als jetzt die unabhängigen Horden. Sie hatten dem Flusse
+entlang volkreiche Dörfer und standen mit südlicher wohnenden Völkern in
+regelmäßigem Handelsverkehr; aber nichts weist darauf hin, daß sie je
+ein steinernes Gebäude errichtet hätten. Wir haben auf unserer ganzen
+Flußfahrt nie die Spur eines solchen gesehen.
+
+Obgleich nun aber spanisch Guyana seinen Ruf, ein reiches Land zu seyn,
+großentheils seiner geographisehen Lage und den Irrthümern der alten
+Karten zu danken hat, so ist man deßhalb doch nicht zu der Behauptung
+berechtigt, daß auf diesem Flächenraum von 82,000 Quadratmeilen zwischen
+dem Orinoco und dem Amazonenstrom, ostwärts von den Anden von Quito und
+Neu-Grenada, gar keine goldhaltige Gebirgsart vorkomme. Soweit ich
+dieses Land zwischen dem 2. und 8. Grad der Breite und dem 66. und
+71. Grad der Länge kennen gelernt habe, besteht es durchgängig aus
+Granit und aus einem Gneiß, der in Glimmerschiefer und Talkschiefer
+übergeht. Diese Gebirgsarten kommen in den hohen Gebirgen der Parime,
+wie in den Niederungen am Atabapo und Cassiquiare zu Tage. Der Granit
+überwiegt über die andern Gebirgsarten, und wenn auch der Granit von
+alter Formation überall fast durchgängig keine Golderze enthält, so ist
+daraus doch nicht zu folgern, daß der Granit der Parime gar keinen Gang,
+keine Schicht goldhaltigen Quarzes einschließe. Ostwärts vom
+Cassiquiare, den Quellen des Orinoco zu, sahen wir dergleichen Schichten
+und Gänge häufiger auftreten. Nach seinem Bau, nach der Beimischung von
+Hornblende und andern gleich bedeutsamen geologischen Merkmalen scheint
+mir der Granit in diesem Landstrich von neuerer Formation zu seyn,
+vielleicht jünger als der Gneiß und analog den zinnhaltigen Graniten,
+den Hyalomicten und Pegmatiten. Die jüngeren Granite sind nun aber nicht
+so arm an Metallen, und manche goldführende Flüsse und Bäche in den
+Anden, im Salzburgschen, im Fichtelgebirge und auf der Hochebene beider
+Castilien machen es wahrscheinlich, daß diese Granite hin und wieder
+gediegenes Gold und in der ganzen Gebirgsmasse goldhaltigen Schwefelkies
+und Bleiglanz eingesprengt enthalten, wie Zinn, Magneteisenstein und
+Eisenglimmer. Der Bergstock der Parime, in dem mehrere Gipfel 1300
+Toisen Meereshöhe erreichen, war vor unserer Reise an den Orinoco fast
+ganz unbekannt, und doch ist er gegen hundert Meilen lang und achtzig
+breit, und wenn er auch überall, wo Bonpland und ich darüber gekommen
+sind, uns in seinem Bau sehr gleichförmig schien, so läßt sich doch
+keineswegs behaupten, daß nicht im Innern dieses gewaltigen Bergstocks
+sehr metallreiche Glimmerschiefer und Uebergangsgebirgsarten dem Granit
+aufgelagert seyn könnten.
+
+Wie oben bemerkt, verdankt Guyana seinen hohen Ruf als metallreiches
+Land zum Theil dem Silberglanz des so häufig vorkommenden Glimmers. Der
+Spitzberg Calitamini, der jeden Abend bei Sonnenuntergang in röthlichtem
+Feuer strahlt, nimmt noch jetzt die Aufmerksamkeit der Einwohner von
+Maypures in Anspruch. Eilande aus Glimmerschiefer im See Amucu steigern,
+wie die Eingeborenen einem vorlügen, den Glanz der Nebelflecken am
+Südhimmel. »Jeder Berg,« sagt Ralegh, »jeder Stein in den Wäldern am
+Orinoco glänzt gleich edlen Metallen; ist das kein Gold, so ist es doch
+madre del oro.« Er versichert Stufen von weißem goldhaltigem Quarz
+(harde withe spar) mitgebracht zu haben, und zum Beweis, wie reich diese
+Erze seyen, beruft er sich auf die von den Münzbeamten zu London
+angestellten Versuche. Ich habe keinen Grund zu vermuthen, daß die
+damaligen Scheidekünstler Königin Elisabeth täuschen wollten; ich will
+Raleghs Andenken keineswegs zu nahe treten und mit seinen Zeitgenossen
+argwöhnen, der goldhaltige Quarz, den er mitgebracht, sey gar nicht in
+Amerika erhoben worden. Ueber Dinge, die in der Zeit so weit abliegen,
+läßt sich kein Urtheil stillen. Der Gneiß der Küstenkette enthält Spuren
+von edlen Metallen, und in den Gebirgen der Parime bei der Mission
+Encaramada hat man hin und wieder Goldkörner gefunden. Wie sollte man
+nach einem rein negativen Zeugnis, nach dem Umstand, daß wir auf einer
+dreimonatlichen Reise keinen Gang gesehen, der am Ausgehenden goldhaltig
+gewesen wäre, auf die absolute Taubheit der Urgebirgsarten in Guyana
+schließen?
+
+Um hier Alles zusammenzufassen, was die Regierung dieses Landes über
+einen so lange bestrittenen Punkt aufzuklären im Stande ist, mache ich
+einige allgemeinere geologische Bemerkungen. — Die Gebirge Brasiliens
+liefern, trotz der zahlreichen Spuren von Erzlagern zwischen Sanct Paul
+und Villarica, bis jetzt nur Waschgold. Von den 78,000 Mark Gold,[^136]
+welche zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts jährlich aus Amerika in
+den europäischen Handel geflossen sind, kommen mehr als sechs
+Siebentheile nicht aus der hohen Cordillere der Anden, sondern aus dem
+aufgeschwemmten Land östlich und westlich von den Cordilleren. Diese
+Striche haben geringe Meereshöhe, wie die bei la Sonora (in Mexico), bei
+Choco und Barbacoas (in Neu-Grenada), oder das Alluvium liegt auf
+Hochebenen, wie im Innern Brasiliens.[^137] Ist es nun nicht
+wahrscheinlich, daß andere goldhaltige Anschwemmungen der nördlichen
+Halbkugel zu, bis an die Ufer des obern Orinoco und des Rio Negro,
+streichen, deren Becken ja mit dem des Amazonenstroms zusammenfällt? Als
+vom Dorado de Canelas, von dem der Omaguas und am Iquiare die Rede war,
+bemerkte ich, daß alle Flüsse, welche von West her kommen, reichlich
+Gold führen, und zwar sehr weit von den Cordilleren weg. Von Loxa bis
+Popayan bestehen die Cordilleren abwechselnd aus Trachyt und aus
+Urgebirge. Die Ebenen bei Zamora, Logroño und Macas (Sevilla del Oro),
+der große Rio Napo mit seinen Nebenflüssen (dem Ansupi und dem Coca in
+der Provinz Quixos), der Caqueta von Mocoa bis zum Einfluß des Fragua,
+endlich alles Land zwischen Jaen de Bracamoros und dem Guaviare
+behaupten noch immer ihren alten Ruf großen Metallreichthums. Weiter
+gegen Ost, zwischen den Quellen des Guainia (Rio Negro), des Uaupes,
+Iquiari und Jurubesh finden wir ein anderes unstreitig goldhaltiges
+Gebiet. Hieher setzen Acuña und Pater Fritz ihre Laguna del oro, und
+Manches, was ich in San Carlos aus dem Munde der portugiesischen
+Amerikaner vernommen, macht vollkommen erklärlich, was La Condamine von
+den Goldblechen erzählt, die bei den Eingeborenen gefunden worden. Gehen
+wir vom Iquiari auf das linke Ufer des Rio Negro, so betreten wir ein
+völlig unbekanntes Land zwischen dem Rio Branco, den Quellen des
+Essequebo und den Gebirgen von portugiesisch Guyana. Acuña spricht vom
+Golde, das die nördlichen Nebenflüsse des Amazonenstroms führen, wie der
+Rio Trombetas (Oriximina), der Curupatuba und der Sitipape (Rio de
+Paru). Alle diese Flüsse, und dieser Umstand scheint mir bemerkenswerth,
+kommen von derselben Hochebene herab, auf deren nördlichem Abhang der
+See Amucu, der Dorado Raleghs und der Holländer, der Isthmus zwischen
+dem Rupunuri (Rupunuwini) und dem Rio Mahu liegen. Nichts streitet wider
+die Annahme, daß aufgeschwemmtes goldhaltiges Land weit von den
+Cordilleren der Anden nördlich vom Amazonenstrom vorkommt, wie südlich
+von demselben in den Gebirgen Brasiliens. Die Caraiben am Carony, Cuyuni
+und Essequebo haben von jeher im aufgeschwemmten Land Goldwäscherei im
+Kleinen getrieben. Das Becken des Orinoco, des Rio Negro und des
+Amazonenstroms wird nordwärts von den Gebirgen der Parime, südwärts von
+denen von Minas Geraes und Matogrosso begrenzt. Häufig stimmen die
+einander gegenüberliegenden Abhange desselben Thales im geologischen
+Verhalten überein.
+
+Ich habe in diesem Bande die großen Provinzen Venezuela und spanisch
+Guyana beschrieben. Die Untersuchung ihrer natürlichen Grenzen, ihrer
+klimatischen Verhältnisse und ihrer Produkte hat mich dazu geführt, den
+Einfluß der Bodenbildung auf den Ackerbau, den Handel und den mehr oder
+weniger langsamen Gang der gesellschaftlichen Entwicklung zu erörtern.
+Ich habe nach einander die drei Zonen durchwandert, die von Nord nach
+Süd, vom Mittelmeer der Antillen bis in die Wälder am obern Orinoco und
+am Amazonenstrom hinter einander liegen. Hinter dem fruchtbaren
+Uferstriche, dem Mittelpunkt des auf den Ackerbau gegründeten
+Wohlstandes, kommen die von Hirtenvölkern bewohnten Steppen. Diese
+Steppen sind wiederum begrenzt von der Waldregion, wo der Mensch, ich
+sage nicht der Freiheit, die immer eine Frucht der Cultur ist, aber
+einer wilden Unabhängigkeit genießt. Die Grenze dieser zwei letzteren
+Zonen ist gegenwärtig der Schauplatz des Kampfes, der über die
+Unabhängigkeit und das Wohl Amerikas entscheiden soll. Die Umwandlungen,
+die bevorstehen, können den eigenthümlichen Charakter jeder Region nicht
+verwischen; aber die Sitten und die ganzen Zustände der Einwohner müssen
+sich gleichförmiger färben. Durch diese Rücksicht mag eine zu Anfang des
+neunzehnten Jahrhunderts unternommene Reise einen Reiz weiter erhalten.
+Gerne sieht man wohl in Einem Bilde neben einander die Schilderung der
+civilisirten Völker am Meeresufer und der schwachen Ueberreste der
+Eingeborenen am Orinoco, die von keinem andern Gottesdienste wissen,
+außer der Verehrung der Naturkräfte, und, gleich den Germanen des
+Tacitus, deorum nominibus appellant secretum illud, quod sola reverentia
+vident.
+
+Sechsundzwanzigstes Kapitel.
+============================
+
+Die Llanos del Pao oder des östlichen Strichs der Steppen von Venezuela.
+— Missionen der Caraiben. — Letzter Aufenthalt auf den Küsten von Nueva
+Barcelona, Cumana und Araya.
+
+Es war bereits Nacht, als wir zum letztenmal über das Bett des Orinoco
+fuhren. Wir wollten bei der Schanze San Rafael übernachten und dann mit
+Tages Anbruch die Reise durch die Steppen von Venezuela antreten. Fast
+sechs Wochen waren seit unserer Ankunft in Angostura verflossen; wir
+sehnten uns nach der Küste, um entweder in Cumana oder in Nueva
+Barcelona ein Fahrzeug zu besteigen, das uns auf die Insel Cuba und von
+dort nach Mexico brächte. Nach den Beschwerden, die wir mehrere Monate
+lang in engen Canoes auf von Mücken wimmelnden Flüssen durchgemacht,
+hatte der Gedanke an eine lange Seereise für unsere Einbildungskraft
+einen gewissen Reiz. Wir gedachten nicht mehr nach Südamerika
+zurückzukommen. Wir brachten die Anden von Peru dem noch so wenig
+bekannten Archipel der Philippinen zum Opfer und beharrten bei unserem
+alten Plan, uns ein Jahr in Neuspanien aufzuhalten, mit der Galione von
+Acapulco nach Manilla zu gehen und über Basora und Aleppo nach Europa
+zurückzukehren. Wir dachten, wenn wir einmal die spanischen Besitzungen
+in Amerika im Rücken hätten, könnte der Sturz eines Ministeriums, dessen
+großherzigem Vertrauen ich so unbeschränkte Befugnisse zu danken hatte,
+der Durchführung unseres Unternehmens nicht mehr hinderlich werden.
+Lebhaft bewegten uns diese Gedanken während der einförmigen Reise durch
+die Steppen. Nichts hilft so leicht über die kleinen Widerwärtigkeiten
+des Lebens weg, als wenn der Geist mit der bevorstehenden Ausführung
+eines gewagten Unternehmens beschäftigt ist.
+
+Unsere Maulthiere warteten unser am linken Ufer des Orinoco. Durch die
+Pflanzensammlungen und die geologischen Suiten, die wir seit Esmeralda
+und dem Rio Negro mit uns führten, war unser Gepäck bedeutend stärker
+geworden. Da es mißlich gewesen wäre, uns von unsern Herbarien zu
+trennen, so mußten wir uns auf eine sehr langsame Reise durch die Llanos
+gefaßt machen. Durch das Zurückprallen der Sonnenstrahlen vom fast
+pflanzenlosen Boden war die Hitze ungemein stark. Indessen stand der
+hunderttheilige Thermometer bei Tag doch nur auf 30 bis 34, bei Nacht
+auf 27 bis 28 Grad. Wie fast überall unter den Tropen war es daher nicht
+sowohl der absolute Hitzegrad als das Andauern derselben, was widrig auf
+unsere Organe wirkte. Wir brauchten dreizehn Tage, um über die Steppen
+zu kommen, wobei wir uns in den Missionen der Caraiben und in der
+kleinen Stadt Pao etwas aufhielten. Ich habe oben[^138] das physische
+Gemälde dieser unermeßlichen Ebenen entworfen, die zwischen den Wäldern
+von Guyana und der Küstenkette liegen. Der östliche Strich der Llanos,
+über den wir von Angostura nach Nueva Barcelona kamen, bietet denselben
+öden Anblick wie der westliche, über den wir von den Thälern von Aragua
+nach San Fernando am Apure gegangen waren. In der trockenen Jahreszeit,
+welche hier Sommer heißt, obgleich dann die Sonne in der südlichen
+Halbkugel ist, weht der Seewind in den Steppen von Cumana weit stärker
+als in denen von Caracas; denn diese weiten Ebenen bilden, gleich den
+angebauten Fluren der Lombardei, ein nach Ost offenes, nach Nord, Süd
+und West durch hohe Urgebirgsketten geschlossenes Becken. Leider kam uns
+dieser erfrischende Wind, von dem die Llaneros (die Steppenbewohner) mit
+Entzücken sprechen, nicht zu gute. Nordwärts vom Aequator war Regenzeit;
+in den Llanos selbst regnete es freilich nicht, aber durch den Wechsel
+in der Abweichung der Sonne hatte das Spiel der Polarströmungen längst
+aufgehört. In diesen Landstrichen am Aequator, wo man sich nach dem Zug
+der Wolken orientiren kann, und wo die Schwankungen des Quecksilbers im
+Barometer fast wie eine Uhr die Stunde weisen, ist Alles einem
+regelmäßigen, gleichförmigen Typus unterworfen. Das Aufhören der
+Seewinde, der Eintritt der Regenzeit und die Häufigkeit elektrischer
+Entladungen sind durch unabänderliche Gesetze verknüpfte Erscheinungen.
+
+Beim Einfluß des Apure in den Orinoco, am Berge Sacuima, hatten wir
+einen französischen Landwirth getroffen, der unter seinen Heerden in
+völliger Abgeschiedenheit lebte.[^139] Es war das der Mann, der in
+seiner Einfalt glaubte, die politischen Revolutionen in der alten Welt
+und die daraus entsprungenen Kriege rühren nur »vom langen Widerstande
+der Observanten« her. Kaum hatten wir die Llanos von Neu-Barcelona
+betreten, so brachten wir die erste Nacht wieder bei einem Franzosen zu,
+der uns mit der liebenswürdigsten Gastfreundlichkeit aufnahm. Er war aus
+Lyon gebürtig, hatte das Vaterland in früher Jugend verlassen und schien
+sich um Alles, was jenseits des atlantischen Meeres, oder, wie man hier
+für Europa ziemlich geringschätzig sagt, »auf der andern Seite der
+großen Lache« (del otro lado del charco) vorgeht, sehr wenig zu kümmern.
+Wir sahen unsern Wirth beschäftigt, große Holzstücke mittelst eines
+Leims, der Guayca heißt, an einander zu fügen. Dieser Stoff, dessen sich
+auch die Tischler in Angostura bedienen, gleicht dem besten aus dem
+Thierreich gewonnenen Leim. Derselbe liegt ganz fertig zwischen Rinde
+und Splint einer Liane aus der Familie der Combretaceen.[^140]
+Wahrscheinlich kommt er in seinem chemischen Verhalten nahe überein mit
+dem Vogelleim, einem vegetabilischen Stoff, der aus den Beeren der
+Mistel und der innern Rinde der Stechpalme gewonnen wird. Man erstaunt,
+in welcher Masse dieser klebrigte Stoff ausfließt, wenn man die
+rankenden Zweige des Vejuco de Guayca abschneidet. So findet man denn
+unter den Tropen in reinem Zustand und in besondern Organen abgelagert,
+was man sich in der gemäßigten Zone nur auf künstlichem Wege verschaffen
+kann.[^141]
+
+Erst am dritten Tage kamen wir in die caraibischen Missionen am Cari.
+Wir fanden hier den Boden durch die Trockenheit nicht so stark
+aufgesprungen wie in den Llanos von Calabozo. Ein paar Regengüsse hatten
+der Vegetation neues Leben gegeben. Kleine Grasarten und besonders jene
+krautartigen Sensitiven, von denen das halbwilde Vieh so fett wird,
+bildeten einen dichten Rasen. Weit auseinander standen hie und da Stämme
+der Fächerpalme (Corypha tectorum), der Rhopala (Chaparro) und Malpighia
+mit lederartigen, glänzenden Blättern. Die feuchten Stellen erkennt man
+von weitem an den Büschen von Mauritia, welche der Sagobaum dieses
+Landstrichs ist. Auf den Küsten ist diese Palme das ganze Besitzthum der
+Guaraons-Indianer, und, was ziemlich auffallend ist, wir haben sie 160
+Meilen weiter gegen Süd mitten in den Wäldern am obern Orinoco, auf den
+Grasfluren um den Granitgipfel des Duida angetroffen. Der Baum hing in
+dieser Jahreszeit voll ungeheurer Büschel rother, den Tannenzapfen
+ähnlicher Früchte. Unsere Affen waren sehr lüstern nach diesen Früchten,
+deren gelbes Fleisch schmeckt wie überreife Apfel. Die Thiere saßen
+zwischen unserem Gepäck auf dem Rücken der Maulthiere und strengten sich
+gewaltig an, um der über ihren Köpfen hängenden Büschel habhaft zu
+werden. Die Ebene schwankte wellenförmig in Folge der
+Luftspiegelung,[^142] und als wir nach einer Stunde Wegs diese
+Palmstämme, die sich am Horizont wie Masten ausnahmen, erreichten, sahen
+wir mit Ueberraschung, wie viele Dinge an das Daseyn eines einzigen
+Gewächses geknüpft sind. Die Winde, vom Laub und den Zweigen im raschen
+Zuge aufgehalten, häufen den Sand um den Stamm auf. Der Geruch der
+Früchte, das glänzende Grün locken von weitem die Zugvögel her, die sich
+gern auf den Wedeln der Palme wiegen. Ringsum vernimmt man ein leises
+Rauschen. Niedergedrückt von der Hitze, gewöhnt an die trübselige Stille
+der Steppe, meint man gleich einige Kühlung zu spüren, wenn sich das
+Laub auch nur ein wenig rührt. Untersucht man den Boden an der Seite
+abwärts vom Winde, so findet man ihn noch lange nach der Regenzeit
+feucht. Insekten und Würmer[^143], sonst in den Llanos so selten, ziehen
+sich hieher und pflanzen sich fort. So verbreitet ein einzeln stehender,
+häufig verkrüppelter Baum, den der Reisende in den Wäldern am Orinoco
+gar nicht beachtete, in der Wüste Leben um sich her.
+
+Wir langten am 13. Juli im Dorfe Cari[^144] an, der ersten der
+caraibischen Missionen, die unter den Mönchen von der Congregation der
+Observanten aus dem Collegium von Piritu[^145] stehen. Wir wohnten, wie
+gewöhnlich, im Kloster, das heißt beim Pfarrer. Wir hatten, außer den
+Pässen des Generalcapitäns der Provinz, Empfehlungen der Bischöfe und
+des Gardians der Missionen am Orinoco. Von den Küsten von
+Neu-Californien bis Valdivia und an die Mündung des Rio de la Plata, auf
+einer Strecke von 2000 Meilen, lassen sich alle Schwierigkeiten einer
+langen Landreise überwinden, wenn man des Schutzes der amerikanischen
+Geistlichkeit genießt. Die Macht, welche diese Körperschaft im Staate
+ausübt, ist zu fest begründet, als daß sie in einer neuen Ordnung der
+Dinge so bald erschüttert werden könnte. Unserem Wirth war
+unbegreiflich, »wie Leute aus dem nördlichen Europa von den Grenzen von
+Brasilien her, über Rio Negro und Orinoco, und nicht auf dem Wege von
+Cumana her zu ihm kamen.« Er behandelte uns ungemein freundlich,
+verläugnete indessen keineswegs die etwas lästige Neugier, welche das
+Erscheinen eines nicht spanischen Europäers in Südamerika immer rege
+macht. Die Mineralien, die wir gesammelt, mußten Gold enthalten; so
+sorgfältig getrocknete Pflanzen konnten nur Arzneigewächse seyn. Hier,
+wie in so vielen Ländern in Europa, meint man, die Wissenschaft sey nur
+dann eine würdige Beschäftigung für den Geist, wenn dabei für die Welt
+ein materieller Nutzen herauskomme.
+
+Wir fanden im Dorfe Cari über 500 Caraiben und in den Missionen umher
+sahen wir ihrer noch viele. Es ist höchst merkwürdig, ein Volk vor sich
+zu haben, das, früher nomadisch, erst kürzlich an feste Wohnsitze
+gefesselt worden und sich durch Körper- und Geisteskraft von allen
+andern Indianern unterscheidet. Ich habe nirgends anderswo einen ganzen
+so hochgewachsenen (5 Fuß 6 Zoll bis 5 Fuß 10 Zoll) und so colossal
+gebauten Volksstamm gesehen. Die Männer, und dieß kommt in Amerika
+ziemlich häufig vor, sind mehr bekleidet als die Weiber. Diese tragen
+nur den Guayuco oder Gürtel in Form eines Bandes, bei den Männern ist
+der ganze Untertheil des Körpers bis zu den Hüften in ein Stück
+dunkelblauen, fast schwarzen Tuches gehüllt. Diese Bekleidung ist so
+weit, daß die Caraiben, wenn gegen Abend die Temperatur abnimmt, sich
+eine Schulter damit bedecken. Da ihr Körper mit Onoto bemalt ist, so
+gleichen ihre großen, malerisch drapirten Gestalten von weitem, wenn sie
+sich in der Steppe vom Himmel abheben, antiken Broncestatuen. Bei den
+Männern ist das Haar sehr charakteristisch verschnitten, nämlich wie bei
+den Mönchen oder den Chorknaben. Die Stirne ist zum Theil glatt
+geschoren, wodurch sie sehr hoch erscheint. Ein starker, kreisrund
+geschnittener Haarbüschel fängt erst ganz nahe am Scheitel an. Diese
+Aehnlichkeit der Caraiben mit den Mönchen ist nicht etwa eine Folge des
+Lebens in den Missionen; sie rührt nicht, wie man fälschlich behauptet
+hat, daher, daß es die Eingeborenen ihren Herren und Meistern, den
+Patres Franciskanern, gleich thun wollen. Die Stämme, die zwischen den
+Quellen des Carony und des Rio Branco in wilder Unabhängigkeit
+verharren, zeichnen sich durch eben diesen cerquillo de frailes aus, den
+schon bei der Entdeckung von Amerika die frühesten spanischen
+Geschichtschreiber den Völkern von caraibischem Stamme zuschrieben. Alle
+Glieder dieses Stammes, die wir bei unserer Fahrt auf dem untern Orinoco
+und in den Missionen von Piritu gesehen, unterscheiden sich von den
+übrigen Indianern nicht allein durch ihren hohen Wuchs, sondern auch
+durch ihre regelmäßigen Züge. Ihre Nase ist nicht so breit und platt,
+ihre Backenknochen springen nicht so stark vor, der ganze
+Gesichtsausdruck ist weniger mongolisch. Aus ihren Augen, die schwarzer
+sind als bei den andern Horden in Guyana, spricht Verstand, fast möchte
+man sagen Nachdenklichkeit. Die Caraiben haben etwas Ernstes in ihrem
+Benehmen und etwas Schwermüthiges im Blick, wie die Mehrzahl der
+Ureinwohner der neuen Welt. Der ernste Ausdruck ihrer Züge wird noch
+bedeutend dadurch gesteigert, daß sie die Augbrauen mit dem Saft des
+Caruto[^146] färben, sie stärker machen und zusammenlaufen lassen;
+häufig machen sie fast im ganzen Gesicht schwarze Flecke, um grimmiger
+auszusehen. Die Gemeindebeamten, der Governador und die Alcalden, die
+allein das Recht haben, lange Stöcke zu tragen, machten uns ihre
+Aufwartung. Es waren junge Indianer von achtzehn, zwanzig Jahren
+darunter; denn ihre Wahl hängt einzig vom Gutdünken des Missionärs ab.
+Wir wunderten uns nicht wenig, als uns an diesen mit Onoto bemalten
+Caraiben das wichtig thuende Wesen, die gemessene Haltung, das kalte,
+herabsehende Benehmen entgegentraten, wie man sie hin und wieder bei
+Beamten in der alten Welt findet. Die caraibischen Weiber sind nicht so
+kräftig und häßlicher als die Männer. Die Last der häuslichen Geschäfte
+und der Feldarbeit liegt fast ganz auf ihnen. Sie baten uns dringend um
+Stecknadeln, die sie in Ermanglung von Taschen unter die Unterlippe
+steckten; sie durchstechen damit die Haut so, daß der Kopf der Nadel im
+Munde bleibt. Diesen Brauch haben sie aus ihrem wilden Zustand mit
+herübergenommen. Die jungen Mädchen sind roth bemalt und außer dem
+Guayuco ganz nackt. Bei den verschiedenen Völkern beider Welten ist der
+Begriff der Nacktheit nur ein relativer. In einigen Ländern Asiens ist
+es einem Weibe nicht gestattet, auch nur die Fingerspitzen sehen zu
+lassen, während eine Indianerin von caraibischem Stamme sich gar nicht
+für nackt hält, wenn sie einen zwei Zoll breiten Guahuco trägt. Dabei
+gilt noch diese Leibbinde für ein weniger wesentliches Kleidungsstück
+als die Färbung der Haut. Aus der Hütte zu gehen, ohne mit Onoto gefärbt
+zu seyn, wäre ein Verstoß gegen allen caraibischen Anstand.
+
+Die Indianer in den Missionen von Piritu nahmen unsere Aufmerksamkeit
+umso mehr in Anspruch, als sie einem Volke angehören, das durch seine
+Kühnheit, durch seine Kriegszüge und seinen Handelsgeist auf die weite
+Landstrecke zwischen dem Aequator und den Nordküsten bedeutenden Einfluß
+geübt hat. Aller Orten am Orinoco hatten wir das Andenken an jene
+feindlichen Einfälle der Caraiben lebendig gefunden; dieselben
+erstreckten sich früher von den Quellen des Carony und des Erevato bis
+zum Ventuari, Atacavi und Rio Negro.[^147] Die caraibische Sprache ist
+daher auch eine der verbreitetsten in diesem Theile der Welt; sie ist
+sogar (wie im Westen der Alleghanis die Sprache der Lenni-Lenepas oder
+Algonkins und die der Natchez oder Muskoghees) auf Völker übergegangen,
+die nicht desselben Stammes sind.
+
+Ueberblickt man den Schwarm von Völkern, die in Süd- und Nordamerika
+ostwärts von den Cordilleren der Anden hausen, so verweilt man
+vorzugsweise bei solchen, die lange über ihre Nachbarn geherrscht und
+auf dem Schauplatz der Welt eine wichtigere Rolle gespielt haben. Der
+Geschichtschreiber fühlt das Bedürfniß, die Ereignisse zu gruppiren,
+Massen zu sondern, zu den gemeinsamen Quellen so vieler Bewegungen und
+Wanderungen im Leben der Völker zurückzugehen. Große Reiche, eine
+förmlich organisirte priesterliche Hierarchie und eine Cultur, wie sie
+auf den ersten Entwicklungsstufen der Gesellschaft durch eine solche
+Organisation gefördert wird, fanden sich nur auf den Hochgebirgen im
+Westen. In Mexico sehen wir eine große Monarchie, die zerstreute kleine
+Republiken einschließt, in Cundinamarca und Peru wahre Priesterstaaten.
+Befestigte Städte, Straßen und große steinerne Gebäude, ein merkwürdig
+enttvickeltes Lehenssystem, Sonderung der Kasten, Männer- und
+Frauenklöster, geistliche Brüderschaften mit mehr oder minder strenger
+Regel, sehr verwickelte Zeiteintheilungen, die mit den Kalendern, den
+Thierkreisen und der Astrologie der cultivirten asiatischen Völker
+Verwandtschaft haben, all das gehört in Amerika nur einem einzigen
+Landstrich an, dem langen und schmalen Streifen Alpenland, der sich vom
+30.  Grad nördlicher bis zum 25. südlicher Breite erstreckt. In der
+alten Welt ging der Zug der Völker von Ost nach West; nach einander
+traten Basken oder Iberier, Kelten, Germanen und Pelasger auf. In der
+neuen Welt gingen ähnliche Wanderungen in der Richtung von Nord nach
+Süd. In beiden Halbkugeln richtete sich die Bewegung der Völker nach dem
+Zug der Gebirge; aber im heißen Erdstrich wurden die gemäßigten
+Hochebenen der Cordilleren von bedeutenderem Einfluß auf die Geschicke
+des Menschengeschlechts, als die Gebirge in Centralasien und Europa. Da
+nun nur civilisirte Völker eine eigentliche Geschichte haben, so geht
+die Geschichte der Amerikaner in der Geschichte einiger weniger
+Gebirgsvölker auf. Tiefes Dunkel liegt auf dem unermeßlichen Lande, das
+sich vom Ostabhang der Cordilleren zum atlantischen Ocean erstreckt, und
+gerade deßhalb nimmt Alles, was in diesem Lande auf das Uebergewicht
+einer Nation über die andere, auf weite Wanderzüge, auf physiognomische,
+fremde Abstammung verrathende Züge deutet, unser Interesse so lebhaft in
+Anspruch.
+
+Mitten auf den Niederungen von Nordamerika hat ein mächtiges
+ausgestorbenes Volk kreisrunde, viereckigte, achteckigte Festungswerke
+gebaut, Mauern, 6000 Toisen lang, Erdhügel von 600—700 Fuß Durchmesser
+und 140 Fuß Höhe, die bald rund sind, bald mehrere Stockwerke haben und
+Tausende von Skeletten enthalten. Diese Skelette gehörten Menschen an,
+die nicht so hoch gewachsen, untersetzter waren als die gegenwärtigen
+Bewohner dieser Länder. Andere Gebeine, in Gewebe gehüllt, die mit denen
+auf den Sandwichs- und Fidji-Inseln Aehnlichkeit haben, findet man in
+natürlichen Höhlen in Kentucky. Was ist aus jenen Völkern in Louisiana
+geworden, die vor den Lenni-Lenapas, den Shawanoes im Lande saßen,
+vielleicht sogar vor den Sioux (Nadowessier, Narcota) am Missouri, die
+stark »mongolisirt« sind und von denen man, nach ihren eigenen Sagen,
+annimmt, daß sie von den asiatischen Küsten herübergekommen? Auf den
+Niederungen von Südamerika trifft man, wie oben bemerkt, kaum ein paar
+künstliche Hügel (cerros hechos a mano) an, nirgends Befestigungen wie
+am Ohio. Auf einem sehr großen Landstrich, am untern Orinoco wie am
+Cassiquiare und zwischen den Quellen des Essequebo und Rio Branco,
+findet man indessen Granitfelsen, die mit symbolischen Bildern bedeckt
+sind. Diese Bildwerke weisen darauf hin, daß die ausgestorbenen
+Geschlechter andern Völkern angehörten, als die jetzt diese Länder
+bewohnen. Im Westen, auf dem Rücken der Cordillere der Anden erscheinen
+die Geschichte von Mexico und die von Cundinamarca und Peru ganz
+unabhängig von einander; aber auf den Niederungen gegen Osten zeigt eine
+kriegerische Nation, die lange als die herrschende aufgetreten, in den
+Gesichtszügen und dem Körperbau Spuren fremder Abstammung. Die Caraiben
+haben noch Sagen, die auf einen Verkehr zwischen beiden Hälften Amerikas
+in alter Zeit hinzudeuten scheinen. Eine solche Erscheinung verdient
+ganz besondere Aufmerksamkeit; sie verdient solche, wie tief auch die
+Versunkenheit und die Barbarei seyn mag, in der die Europäer am Ende des
+fünfzehnten Jahrhunderts alle Völker des neuen Continents mit Ausnahme
+der Gebirgsvölker antrafen. Wenn es wahr ist, daß die meisten Wilden,
+wie ihre Sprachen, ihre kosmogonischen Mythen und so viele andere
+Merkmale darzuthun scheinen, nur verwilderte Geschlechter sind, Trümmer,
+die einem großen gemeinsamen Schiffbruch entgangen, so wird es doppelt
+von Wichtigkeit, zu untersuchen, auf welchen Wegen diese Trümmer aus
+einer Halbkugel in die andere geworfen worden sind.
+
+Das schöne Volk der Caraiben bewohnt heutzutage nur einen kleinen Theil
+der Länder, die es vor der Entdeckung von Amerika inne hatte. Durch die
+Greuel der Europäer ist dasselbe auf den Antillen und auf den Küsten von
+Darien völlig ausgerottet, wogegen es unter der Missionszucht in den
+Provinzen Nueva Barcelona und spanisch Guyana volkreiche Dörfer
+gegründet hat. Man kann, glaube ich, die Zahl der Caraiben, die in den
+Llanos von Piritu und am Carony und Cuyuni wohnen, auf mehr als 35,000
+veranschlagen. Rechnete man dazu die unabhängigen Caraiben, die
+westwärts von den Gebirgen von Cayenne und Pacaraimo zwischen den
+Quellen des Essequebo und des Rio Branco hausen, so käme vielleicht eine
+Gesammtzahl von 40,000 Köpfen von einer, mit andern eingeborenen Stämmen
+nicht gemischten Race heraus. Ich lege auf diese Angaben um so mehr
+Gewicht, als vor meiner Reise in vielen geographischen Werken von den
+Caraiben nur wie von einem ausgestorbenen Volksstamm die Rede war. Da
+man vom Innern der spanischen Colonien auf dem Festland nichts wußte,
+setzte man voraus, die kleinen Inseln Dominica, Guadeloupe und
+St. Vincent seyen der Hauptwohnsitz dieses Volkes gewesen, und von
+demselben bestehe (auf allen östlichen Antillen) nichts mehr, als
+versteinerte oder vielmehr in einem Madreporenkalk eingeschlossene
+Skelette.[^148] Nach dieser Voraussetzung wären die Caraiben in Amerika
+ausgestorben, wie die Guanchen auf dem Archipel der Canarien.
+
+Stämme, welche, demselben Volke angehörig, sich gemeinsamen Ursprung
+zuschreiben, werden auch mit denselben Namen bezeichnet. Meist wird der
+Namen einer einzelnen Herde von den benachbarten Völkern allen andern
+beigelegt; zuweilen werden auch Ortsnamen zu Volksnamen, oder letztere
+entspringen aus Spottnamen oder aus der zufälligen Verdrehung eines
+Wortes in Folge schlechter Aussprache. Das Wort »Caribes«, das ich
+zuerst in einem Briefe des Peter Martyr d’Anghiera finde, kommt von
+Calina und Caripuna, wobei aus l und p r und b wurden. Ja es ist sehr
+merkwürdig, daß dieser Name, den Columbus aus dem Munde der haitischen
+Völker hörte, bei den Caraiben auf den Inseln und bei denen auf dem
+Festland zugleich vorkam. Aus Carina oder Calina machte man Galibi
+(Caribi), wie in französisch Guyana eine Völkerschaft heißt, die Von
+weit kleinerem Wuchse ist als die Einwohner am Cari, aber eine der
+zahlreichen Mundarten der caraibischen Sprache spricht. Die Bewohner der
+Inseln nannten sich in der Männersprache Calinago, in der Weibersprache
+Callipinan. Dieser Unterschied zwischen beiden Geschlechtern in der
+Sprechweise ist bei den Völkern von caraibischem Stamm auffallender als
+bei andern amerikanischen Nationen (den Omaguas, Guaranis und
+Chiquitos), bei welchen derselbe nur wenige Begriffe betrifft, wie z. B.
+die Worte Mutter und Kind. Es begreift sich, wie die Weiber bei ihrer
+abgeschlossenen Lebensweise sich Redensarten bilden, welche die Männer
+nicht annehmen mögen. Schon Cicero[^149] bemerkt, daß die alten
+Sprachformen sich vorzugsweise im Munde der Weiber erhalten, weil sie
+bei ihrer Stellung in der Gesellschaft nicht so sehr den Lebenswechseln
+(dem Wechsel von Wohnort und Beschäftigung) ausgesetzt sind, wodurch bei
+den Männern die ursprüngliche Reinheit der Sprache leicht leidet. Bei
+den caraibischen Völkern ist aber der Unterschied zwischen den Mundarten
+beider Geschlechter so groß und auffallend, daß man zur befriedigenden
+Erklärung desselben sich nach einer andern Quelle umsehen muß. Diese
+glaubte man nun in dem barbarischen Brauche zu finden, die männlichen
+Gefangenen zu tödten und die Weiber der Besiegten als Sklaven
+fortzuschleppen. Als die Caraiben in den Archipel der kleinen Antillen
+einfielen, kamen sie als eine kriegerische Horde, nicht als Colonisten,
+die ihre Familien bei sich hatten. Die Weibersprache bildete sich nun im
+Maße, als die Sieger sich mit fremden Weibern verbanden. Damit kamen
+neue Elemente herein, Worte, wesentlich verschieden von den caraibischen
+Worten,[^150] die sich im Frauengemach von Geschlecht zu Geschlecht
+fortpflanzten, doch so, daß der Bau, die Combinationen und die
+grammatischen Formen der Männersprache Einfluß darauf äußerten. So
+vollzog sich hier in einem beschränkten Verein von Individuen, was wir
+an der ganzen Völkergruppe des neuen Continents beobachten. Völlige
+Verschiedenheit hinsichtlich der Worte neben großer Aehnlichkeit im Bau,
+das ist die Eigenthümlichkeit der amerikanischen Sprachen von der
+Hudsonsbai bis zur Magellanschen Meerenge. Es ist verschiedenes Material
+in ähnlichen Formen. Bedenkt man nun, daß die Erscheinung fast von einem
+Pol zum andern über die ganze Hälfte unseres Planeten reicht, betrachtet
+man die Eigenthümlichkeiten in den grammatischen Combinationen (die
+Formen für die Genera bei den drei Personen des Zeitworts, die
+Reduplicationen, die Frequentative, die Duale), so kann man sich nicht
+genug wundern, wie einförmig bei einem so beträchtlichen Bruchtheil des
+Menschengeschlechts der Entwicklungsgang in Geist und Sprache ist.
+
+Wir haben gesehen, daß die Mundart der caraibischen Weiber auf den
+Antillen Reste einer ausgestorbenen Sprache enthält. Was war dieß für
+eine Sprache? Wir wissen es nicht. Einige Schriftsteller vermuthen, es
+könnte die Sprache der Ygneris oder der Ureinwohner der caraibischen
+Inseln seyn, von denen sich schwache Ueberreste auf Guadeloupe erhalten
+haben; andere fanden darin Aehnlichkeit mit der alten Sprache von Cuba
+oder mit den Sprachen der Aruacas und Apalachiten in Florida; allein
+alle diese Annahmen gründen sich auf eine höchst mangelhafte Kenntniß
+der Mundarten, die man zu vergleichen unternommen.
+
+Liest man die spanischen Schriftsteller des sechzehnten Jahrhunderts mit
+Aufmerksamkeit, so sieht man, daß die caraibischen Völkerschaften damals
+aus einer Strecke von 18 bis 19 Breitegraden, von den Jungfraueninseln
+ostwärts von Portorico bis zu den Mündungen des Amazonenstroms
+ausgebreitet waren. Daß ihre Wohnsitze auch gegen West, längs der
+Küstenkette von Santa Martha und Venezuela sich erstreckt, erscheint
+weniger gewiß. Indessen nennen Lopez de Gomara und die ältesten
+Geschichtschreiber Caribana nicht, wie seitdem geschehen, das Land
+zwischen den Quellen des Orinoco und den Gebirgen von französisch
+Guyana,[^151] sondern die sumpfigten Niederungen zwischen den Mündungen
+des Rio Atrato und des Rio Sinu. Ich war, als ich von der Havana nach
+Portobelo wollte, selbst auf diesen Küsten und hörte dort, das
+Vorgebirge, das den Meerbusen von Darien oder Uraba gegen Ost begrenzt,
+heiße noch jetzt Punta Caribana. Früher war so ziemlich die Ansicht
+herrschend, die Caraiben der antillischen Inseln stammen von den
+kriegerischen Völkern in Darien ab, und haben sogar den Namen von ihnen.
+»Inde Uraban ab orientali prehendit ora, quam appellant indigenae
+Caribana, unde Caribes insulares originem habere nomenque retinere
+dicuntur.« So drückt sich Anghiera in den Oceanica aus. Ein Neffe
+Amerigos Vespucci hatte ihm gesagt, von dort bis zu den Schneegebirgen
+von Santa Martha seyen alle Eingeborenen »e genere Caribium sive
+Canibalium.« Ich ziehe nicht in Abrede, daß ächte Caraiben am Meerbusen
+von Darien gehaust haben können, und daß sie durch die östlichen
+Strömungen dahin getrieben worden seyn mögen; es kann aber eben so gut
+seyn, daß die spanischen Seefahrer, die auf die Sprachen wenig achteten,
+jede Völkerschaft von hohem Wuchs und wilder Gemüthsart Caribe und
+Canibale nannten. Jedenfalls erscheint es sehr unwahrscheinlich, daß das
+caraibische Volk auf den Antillen und in der Parime sich selbst nach dem
+Lande, in dem es ursprünglich lebte, genannt haben sollte. Ostwärts von
+den Anden und überall, wohin die Cultur noch nicht gedrungen ist, geben
+vielmehr die Völker den Landstrichen, wo sie sich niedergelassen, die
+Namen. Wir haben schon mehrmals Gelegenheit gehabt zu bemerken, daß die
+Worte Caribes und Canibales bedeutsam zu seyn scheinen, daß es wohl
+Beinamen sind, die auf Muth und Kraft, selbst auf Geistesüberlegenheit
+anspielen[^152] Es ist sehr bemerkenswerth, daß die Brasilianer, als die
+Portugiesen ins Land kamen, ihre Zauberer gleichfalls Caraibes nannten.
+Wir wissen, daß die Caraiben in der Parime das wanderlustigste Volk in
+Amerika waren; vielleicht spielten schlaue Köpfe in diesem
+umherziehenden Volk dieselbe Rolle wie die Chaldäer in der alten Welt.
+Völkernamen hängen sich leicht an gewisse Gewerbe, und als unter den
+Cäsaren so viele Formen des Aberglaubens aus dem Orient in Italien
+eindrangen, kamen die Chaldaer so wenig von den Ufern des Euphrat, als
+die Menschen, die man in Frankreich Egyptiens und Bohémiens nennt (die
+einen indischen Dialekt reden, Zigeuner), vom Nil und von der Elbe.
+
+Wenn eine und dieselbe Nation auf dem Festland und auf benachbarten
+Inseln lebt, so hat man die Wahl zwischen zwei Annahmen: sie sind
+entweder von den Inseln auf den Continent, oder vom Continent auf die
+Inseln gewandert. Diese Streitfrage erhebt sich auch bei den Iberiern
+(Basken), die sowohl in Spanien als auf den Inseln im Mittelmeer ihre
+Wohnsitze hatten;[^153] ebenso bei den Malayen, die auf der Halbinsel
+Malaca und im Distrikt Menangkabao auf der Insel Sumatra Autochthonen zu
+seyn scheinen.[^154] Der Archipel der großen und der kleinen Antillen
+hat die Gestalt einer schmalen, zerrissenen Landzunge, die der Landenge
+von Panama parallel läuft und nach der Annahme mancher Geographen einst
+Florida mit dem nordöstlichen Ende von Südamerika verband. Es ist
+gleichsam das östliche Ufer eines Binnenmeeres, das man ein Becken mit
+mehreren Ausgängen nennen kann. Diese sonderbare Bildung des Landes hat
+den verschiedenen Wandersystemen, nach denen man die Niederlassung der
+caraibischen Völker auf den Inseln und auf dem benachbarten Festland zu
+erklären suchte, zur Stütze gedient. Die Caraiben des Festlandes
+behaupten, die kleinen Antillen seyen vor Zeiten von den Aruacas bewohnt
+gewesen, einer kriegerischen Nation, deren Hauptmasse noch jetzt an den
+ungesunden Ufern des Surinam und des Berbice lebt. Diese Aruacas sollen,
+mit Ausnahme der Weiber, von den Caraiben, die von den Mündungen des
+Orinoco hinübergekommen, sämmtlich ausgerottet worden seyn, und sie
+berufen sich zu Bewahrheitung dieser Sage auf die Aehnlichkeit zwischen
+der Sprache der Aruacas und der Weibersprache bei den Caraiben. Man muß
+aber bedenken, daß die Aruacas, wenn sie gleich Feinde der Caraiben
+sind, doch mit ihnen zur selben Völkerfamilie gehören, und daß das
+Aruakische und das Caraibische einander so nahe stehen wie Griechisch
+und Persisch, Deutsch und Sanskrit. Nach einer andern Sage sind die
+Caraiben auf den Inseln von Süden hergekommen, nicht als Eroberer,
+sondern aus Guyana von den Aruacas vertrieben, die ursprünglich über
+alle benachbarten Völker das Uebergewicht hatten. Endlich eine dritte,
+weit verbreitetere und auch wahrscheinlichere Sage läßt die Caraiben aus
+Nordamerika, namentlich aus Florida kommen. Ein Reisender, der sich
+rühmt, Alles zusammengebracht zu haben, was auf diese Wanderungen von
+Nord nach Süd Bezug hat, Bristok, behauptet, ein Stamm der Confachiqui
+habe lange mit den Apalachiten im Kriege gelegen; diese haben jenem
+Stamm den fruchtbaren Distrikt Amana abgetteten und sofort ihre neuen
+Bundesgenossen Caribes (d. h. tapfere Fremdlinge) genannt; aber in Folge
+eines Zwistes über den Gottesdienst seyen die Confachiqui-Caribes aus
+Florida vertrieben worden. Sie gingen zuerst in ihren kleinen Canoes auf
+die Yucayas oder die lucayischen Inseln (auf Cigateo und die zunächst
+liegenden Inseln), von da nach Ayay (Hayhay, heutzutage Santa Cruz) und
+auf die kleinen Antillen, endlich auf das Festland von Südamerika. Dieß,
+glaubt man, sey gegen das Jahr 1100 unserer Zeitrechnung geschehen;
+allein bei dieser Schätzung nimmt man an (wie bei manchen orientalischen
+Mythen), »bei der Mäßigkeit und Sitteneinfalt der Wilden« könne die
+mittlere Dauer einer Generation 180 bis 200 Jahre betragen haben,
+wodurch dann eine bestimmte Zeitangabe als völlig aus der Luft gegriffen
+erscheint. Auf dieser ganzen langen Wanderung hatten die Caraiben die
+großen Antillen nicht berührt, wo indessen die Eingeborenen gleichfalls
+aus Florida zu stammen glaubten. Die Insulaner aus Cuba, Haiti und
+Borriken (Portorico) waren nach der einstimmigen Aussage der ersten
+Conquistadoren von den Caraiben völlig verschieden; ja bei der
+Entdeckung von Amerika waren diese bereits von der Gruppe der kleinen
+lucayischen Inseln abgezogen, auf denen, wie in allen von
+Schiffbrüchigen und Flüchtlingen bewohnten Ländern, eine erstaunliche
+Mannigfaltigkeit von Sprachen herrschte.
+
+Die Herrschaft, welche die Caraiben so lange über einen großen Theil des
+Festlandes ausgeübt, und das Andenken an ihre alte Größe gaben ihnen ein
+Gefühl von Würde und nationaler Ueberlegenheit, das in ihrem Benehmen
+und ihren Aeußerungen zu Tage kommt. »Nur wir sind ein Volk,« sagen sie
+sprüchwörtlich, »die andern Menschen (oquili) sind dazu da, uns zu
+dienen.« Die Caraiben sehen auf ihre alten Feinde so hoch herab, daß ich
+ein zehnjähriges Kind vor Wuth schäumen sah, weil man es einen Cabre
+oder Cavere nannte. Und doch hatte es in seinem Leben keinen Menschen
+dieses unglücklichen Volkes[^155] gesehen, von dem die Stadt Cabruta
+(Cabritu) ihren Namen hat und das von den Caraiben fast völlig
+ausgerottet wurde. Ueberall, bei halb barbarischen Horden, wie bei den
+civilisirtesten Völkern in Europa, finden wir diesen eingewurzelten Haß
+und die Namen feindlicher Völker als die gröbsten Schimpfworte
+gebraucht.
+
+Der Missionär führte uns in mehrere indianische Hütten, wo Ordnung und
+die größte Reinlichkeit herrschten. Mit Verdruß sahen wir hier, wie die
+caraibischen Mütter schon die kleinsten Kinder quälen, um ihnen nicht
+nur die Waden größer zu machen, sondern am ganzen Bein vom Knöchel bis
+oben am Schenkel das Fleisch stellenweise hervorzutreiben. Bänder von
+Leder oder Baumwollenzeug werden 2 bis 3 Zoll von einander fest umgelegt
+und immer stärker angezogen, so daß die Muskeln zwischen zwei
+Bandstreifen überquellen. Unsere Kinder im Wickelzeug haben lange nicht
+so viel zu leiden als die Kinder bei den caraibischen Völkern, bei einer
+Nation, die dem Naturzustand noch so viel näher seyn soll. Umsonst
+arbeiten die Mönche in den Missionen, ohne Rousseaus Werke oder auch nur
+den Namen des Mannes zu kennen, diesem alten System des Kinderaufziehens
+entgegen; der Mensch, der eben aus den Wäldern kommt, an dessen
+Sitteneinfalt wir glauben, ist keineswegs gelehrig, wenn es sich von
+seinem Putz und von seinen Vorstellungen von Schönheit und Anstand
+handelt. Ich wunderte mich übrigens, daß der Zwang, dem man die armen
+Kinder unterwirft, und der den Blutumlauf hemmen sollte, der
+Muskelbewegung keinen Eintrag thut. Es gibt auf der Welt kein
+kräftigeres und schnellfüßigeres Volk als die Caraiben.
+
+Wenn die Weiber ihren Kindern Beine und Schenkel modeln, um Wellenlinien
+hervorzubringen, wie die Maler es nennen, so unterlassen sie es in den
+Llanos wenigstens ihnen von der Geburt an den Kopf zwischen Kissen und
+Brettern platt zu drücken. Dieser Brauch, der früher auf den Inseln und
+bei manchen caraibischen Stämmen in der Parime und in französisch Guyana
+so verbreitet war, kommt in den Missionen, die wir besucht haben, nicht
+vor. Die Leute haben dort gewölbtere Stirnen als die Chaymas, Otomacos,
+Macos, Maravitanos und die meisten Eingeborenen am Orinoco. Nach
+systematischem Begriffe sind ihre Stirnen, wie sie ihren geistigen
+Fähigkeiten entsprechen. Diese Beobachtung überraschte uns um so mehr,
+da die in manchen anatomischen Werken abgebildeten Caraibenschädel sich
+von allen Menschenschädeln durch die niedrigste Stirne und den kleinsten
+Gesichtswinkel unterscheiden. Man hat aber in unsern osteologischen
+Sammlungen Kunstprodukte mit Naturbildungen verwechselt. Die »fast
+stirnlosen« sogenannten Caraibenschädel[^156] von der Insel Sanct
+Vincent sind zwischen Brettern gemodelte Köpfe von Zambos (schwarzen
+Caraiben), Abkömmlingen von Negern und wirklichen Caraiben. Der
+barbarische Brauch, die Stirne platt zu drücken, kommt übrigens bei
+mehreren Völkern vor, die nicht desselben Stammes sind; man hat
+denselben in neuester Zeit auch in Nordamerika angetroffen; aber der
+Schluß von einer gewissen Uebereinstimmung in Sitten und Gebräuchen auf
+gleiche Abstammung ist sehr gewagt.
+
+Reist man in den caraibischen Missionen, so sollte man bei dem daselbst
+herrschenden Geiste der Ordnung und des Gehorsams gar nicht glauben, daß
+man sich unter Canibalen befindet. Dieses amerikanische Wort von nicht
+ganz sicherer Bedeutung stammt wahrscheinlich aus der Sprache von Hain
+oder Portorico. Es ist schon zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, als
+gleichbedentend mit Menschenfresser, in die europäischen Sprachen
+übergegangen. »Edaces humanarum carnium novi anthropophagi, quos diximus
+Caribes, alias Canibales appellari«, sagt Anghiera in der dritten Decade
+seiner Papst Leo X. gewidmeten Oceanica. Ich bezweifle keineswegs, daß
+die Inselcaraiben als eroberndes Volk die Ygneris oder alten Bewohner
+der Antillen, die schwach und unkriegerisch waren, grausam behandelt
+haben; dennoch ist anzunehmen, daß diese Grausamkeiten von den ersten
+Reisenden, welche nur Völker hörten, die von jeher Feinde der Caraiben
+gewesen, übertrieben wurden. Nicht immer werden nur die Besiegten von
+den Zeitgenossen verläumdet; auch am Uebermuth des Siegers rächt man
+sich, indem man das Register seiner Gräuel vergrößert.
+
+Alle Missionäre am Carony, am untern Orinoco und in den Llanos del Cari,
+die wir zu befragen Gelegenheit gehabt, versichern, unter allen Völkern
+des neuen Continents seyen die Caraiben vielleicht am wenigsten
+Menschenfresser; und solches behaupten sie sogar von den unabhängigen
+Horden, die ostwärts von Esmeralda zwischen den Quellen des Rio Branco
+und des Essequebo umherziehen. Es begreift sich, daß die verzweifelte
+Erbitterung, mit der sich die unglücklichen Caraiben gegen die Spanier
+wehrten, nachdem im Jahr 1504 ein königliches Ausschreiben sie für
+Sklaven erklärt hatte, sie vollends in den Ruf der Wildheit brachte, in
+dem sie stehen.[^157] Der erste Gedanke, diesem Volke zu Leibe zu gehen
+und es seiner Freiheit und seiner natürlichen Rechte zu berauben, rührt
+von Christoph Columbus her, der die Ansichten des fünfzehnten
+Jahrhunderts theilte und durchaus nicht immer so menschlich war, als man
+im achtzehnten aus Haß gegen seine Verkleinerer behauptete. Später wurde
+der Licenciat Rodrigo de Figueroa vom Hofe beauftragt (1520),
+auszumachen, welche Völkerschaften in Südamerika für caraibischen oder
+canibalischen Stammes gelten könnten, und welche Guatiaos wären, das
+heißt friedliche, von lange her mit den Castilianern befreundete
+Indianer. Dieses ethnographische Actenstück, »el auto de Figueroa«
+genannt, ist eine der merkwürdigsten Urkunden für die Barbarei der
+ersten Conquistadoren. Nie hatte Systemsucht so trefflich dazu gedient,
+die Leidenschaften zu beschönigen. Unsere Geographen gehen nicht
+willkürlicher zu Werke, wenn sie in Centralasien mongolische und
+tartarische Völker unterscheiden, als Figueroa, wenn er zwischen
+Canibalen und Guatiaos die Grenze zog. Ohne auf die Sprachverwandtschaft
+zu achten, erklärte man willkürlich alle Horden, denen man Schuld geben
+konnte, daß sie nach dem Gefechte einen Gefangenen verzehrt, für
+caraibisch. Die Einwohner von Uriapari (der Halbinsel Paria) wurden
+Caraiben, die Urinacos (die Uferbewohner am untern Orinoco oder Urinucu)
+Guatiaos genannt. Alle Stämme, die Figueroa als Caraiben bezeichnete,
+waren der Sklaverei verfallen; man konnte sie nach Belieben verkaufen
+oder niedermachen. In diesen blutigen Kämpfen wehrten sich die
+caraibischen Weiber nach dem Tode ihrer Männer mit so verzweifeltem
+Muthe, daß man sie, wie Anghiera sagt, für Amazonenvölker hielt. Die
+gehässigen Declamationen eines Dominicanermönchs (Thomas Hortiz) trugen
+dazu bei, den Jammer zu verlängern, der auf ganzen Völkern lastete.
+Indessen, und man spricht es mit Vergnügen aus, gab es auch beherzte
+Männer, die mitten in den an den Caraiben verübten Greueln die Stimme
+der Menschlichkeit und Gerechtigkeit hören ließen. Manche Geistliche
+sprachen sich in entgegengesetztem Sinne aus, als sie Anfangs gethan. In
+einem Jahrhundert, in dem man nicht hoffen durfte, die öffentliche
+Freiheit auf bürgerliche Einrichtungen zu gründen, suchte man wenigstens
+die persönliche Freiheit zu vertheidigen. »Es ist,« sagt Gomara im Jahr
+1551, »ein heiliges Gesetz (lex sanctissima), durch das unser Kaiser
+verboten hat, die Indianer zu Sklaven zu machen. Es ist gerecht, daß die
+Menschen, die alle frei zur Welt kommen, nicht einer des andern Sklaven
+werden.«
+
+Bei unserem Aufenthalt in den caraibischen Missionen überraschte es uns,
+mit welcher Gewandtheit junge, achtzehn-, zwanzigjährige Indianer, wenn
+sie zum Amte eines Alguatil oder Fiscal herangebildet sind, stundenlange
+Anreden an die Gemeinde halten. Die Betonung, die ernste Haltung, die
+Geberden, mit denen der Vortrag begleitet wird, Alles verräth ein
+begabtes, einer hohen Culturentwicklung fähiges Volk. Ein Franciskaner,
+der so viel caraibisch verstand, daß er zuweilen in dieser Sprache
+predigen konnte, machte uns darauf aufmerksam, wie lang und gehäuft die
+Sätze in den Reden der Indianer sind, und doch nie verworren und unklar
+werden. Eigenthümliche Flexionen des Verbums bezeichnen zum voraus die
+Beschaffenheit des regierten Worts, je nachdem es belebt ist oder
+unbelebt, in der Einzahl oder in der Mehrzahl. Durch kleine angehängte
+Formen (Suffixe) wird der Empfindung ein eigener Ausdruck gegeben, und
+hier, wie in allen auf dem Wege ungehemmter Entwicklung entstandenen
+Sprachen, entspringt die Klarheit aus dem ordnenden Instinct,[^158] der
+auf den verschiedensten Stufen der Barbarei und der Cultur als das
+eigentliche Wesen der menschlichen Geisteskraft erscheint. An Festtagen
+versammelt sich nach der Messe die ganze Gemeinde vor der Kirche. Die
+jungen Mädchen legen zu den Füßen des Missionärs Holzbündel, Mais,
+Bananenbüschel und andere Lebensmittel nieder, deren er in seinem
+Haushalt bedarf. Zugleich treten der Governador, der Fiscal und die
+Gemeindebeamten, lauter Indianer, auf, ermahnen die Eingeborenen zum
+Fleiß, theilen die Arbeiten, welche die Woche über vorzunehmen sind,
+aus, geben den Trägen Verweise, und — es soll nicht verschwiegen werden
+— prügeln die Unbotmäßigen unbarmherzig durch. Die Stockstreiche werden
+so kaltblütig hingenommen als ausgetheilt. Diese Acte der vollziehenden
+Justiz kommen dem Reisenden, der von Angostura an die Küste über die
+Llanos geht, sehr gedehnt vor und allzu sehr gehäuft. Man sähe es
+lieber, wenn der Priester nicht vom Altar weg körperliche Züchtigungen
+verhängte, man wünschte, er möchte es nicht im priesterlichen Gewande
+mit ansehen, wie Männer und Weiber abgestraft werden; aber dieser
+Mißbrauch, oder, wenn man will, dieser Verstoß gegen den Anstand fließt
+aus dem Grundsatz, auf dem das ganze seltsame Missionsregiment beruht.
+Die willkürlichste bürgerliche Gewalt ist mit den Rechten, welche dem
+Geistlichen der kleinen Gemeinde zustehen, völlig verschmolzen, und
+obgleich die Caraiben so gut wie keine Canibalen sind, und so sehr man
+wünschen mag, daß sie mit Milde und Vorsicht behandelt werden, so sieht
+man doch ein, daß es zuweilen etwas kräftiger Mittel bedarf, um in einem
+so jungen Gemeinwesen die Ruhe aufrecht zu erhalten.
+
+Die Caraiben sind um so schwerer an feste Wohnsitze zu fesseln, da sie
+seit Jahrhunderten auf den Flüssen Handel getrieben haben. Wir haben
+dieses rührige Volk, ein Volk von Handelsleuten und von Kriegern, schon
+oben kennen gelernt,[^159] wie es Sklavenhandel trieb und mit seinen
+Waaren von den Küsten von holländisch Guyana bis in das Becken des
+Amazonenstromes zog. Die wandernden Caraiben waren die Bukharen des
+tropischen Amerika, und so hatte sie denn auch das tägliche Bedürfniß,
+die Gegenstände ihres kleinen Handels zu berechnen und einander
+Nachrichten mitzutheilen, dazu gebracht, die Handhabung der Quippos,
+oder, wie man in den Missionen sagt, der cordoncillos con nudos, zu
+verbessern und zu erweitern. Diese Quippos oder Schnüre kommen in
+Canada, in Mexiko (wo Boturini welche bei den Tlascalteken bekam), in
+Peru, auf den Niederungen von Guyana, in Centralasien, in China und in
+Indien vor. Als Rosenkränze wurden sie in den Händen der abendländischen
+Christen Werkzeuge der Andacht; als Suampan dienten sie zu den Griffen
+der palpabeln oder Handarithmetik der Chinesen, Tartaren und
+Russen.[^160] Die unabhängigen Caraiben, welche in dem noch so wenig
+bekannten Lande zwischen den Quellen des Orinoco und den Flüssen
+Essequebo, Carony und Parime (Rio Branco oder Rio de aguas blancas)
+hausen, theilen sich in Stämme; ähnlich den Völkern am Missouri, in
+Chili und im alten Germanien bilden sie eine Art politischer
+Bundesgenossenschaft. Eine solche Verfassung sagt am besten der
+Freiheitsliebe dieser kriegerischen Horden zu, die gesellschaftliche
+Bande nur dann vortheilhaft finden, wenn es gemeinsame Vertheidigung
+gilt. In ihrem Stolze sondern sich die Caraiben von allen andern Stämmen
+ab, selbst von solchen, die der Sprache nach ihnen verwandt sind. Auf
+dieser Absonderung bestehen sie auch in den Missionen. Diese sind selten
+gediehen, wenn man den Versuch gemacht hat, Caraiben gemischten
+Gemeinden einzuverleiben, das heißt solchen, wo jede Hütte von einer
+Familie bewohnt ist, die wieder einem andern Volke angehört und eine
+andere Mundart hat. Bei den unabhängigen Caraiben vererbt sich die
+Häuptlingswürde vom Vater auf den Sohn, nicht durch die Schwesterkinder.
+Letztere Erbfolge beruht auf einem grundsätzlichen Mißtrauen, dass eben
+nicht für große Sittenreinheit spricht; dieselbe herrscht in Indien, bei
+den Ashantees in Asrika, und bei mehreren wilden Horden in
+Nordamerika.[^161] Bei den Caraiben müssen die jungen Häuptlinge, wie
+die Jünglinge, die heirathen wollen, fasten und sich den seltsamsten
+Büßungen unterziehen. Man purgirt sie mit der Frucht gewisser
+Euphorbien, man läßt sie in Kasten schwitzen und gibt ihnen von den
+Marirris oder Piaches bereitete Mittel ein, die in den Landstrichen
+jenseits der Alleghanis Kriegstränke, Tränke zum Muthmachen
+(war-phisicks) heißen. Die caraibischen Marirris sind die berühmtesten
+von allen; sie sind Priester, Gaukler und Aerzte in Einer Person und
+ihre Lehre, ihre Kunstgriffe und ihre Arzneien vererben sich. Letztere
+werden unter Auflegen der Hände gereicht und mit verschiedenen
+geheimnißvollen Geberden oder Handlungen, wie es scheint, von Uralters
+her bekannte Manipulationen des thierischen Magnetismus. Ich hatte
+Gelegenheit, mehrere Leute zu sprechen, welche die verbündeten Caraiben
+genau hatten beobachten können, ich konnte aber nicht erfahren, ob die
+Marirris eine Caste für sich bilden. In Nordamerika hat man gefunden,
+daß bei den Shawanoes, die in mehrere Stämme zerfallen, die Priester,
+die die Opfer vornehmen (wie bei den Hebräern), nur aus Einem Stamme,
+dem der Mequachakes, seyn dürfen. Wie mir dünkt, muß Alles, was man noch
+in Amerika über die Spuren einer alten Priestercaste ausfindig macht,
+von bedeutendem Interesse seyn, wegen jener Priesterkönige in Peru, die
+sich Söhne der Sonne nannten, und jener Sonnenkönige bei den Natchez,
+bei denen man unwillkürlich an die Heliaden der ersten östlichen Colonie
+von Rhodus denkt.[^162] Um Sitten und Gebräuche des caraibischen Volkes
+vollkommen kennen zu lernen, müßte man die Missionen in den Llanos, die
+am Carony und die Savanen südlich von den Gebirgen von Pacaraimo
+zugleich besuchen. Je mehr man sie kennen lernt, versichern die
+Franciskaner, desto mehr müssen die Vorurtheile schwinden, die man gegen
+sie in Europa hat, wo sie für wilder, oder, um mich des naiven Ausdrucks
+eines Herrn von Montmartin zu bedienen, für weit weniger liberal gelten,
+als andere Völkerschaften in Guyana.[^163] Die Sprache der Caraiben auf
+dem Festlande ist dieselbe von den Quellen des Rio Branco bis zu den
+Steppen von Cumana. Ich war so glücklich, in Besitz einer Handschrift zu
+gelangen, die einen Auszug des Paters Sebastian Garcia aus der
+»Grammatica de la lengua Caribe del P. Fernando Ximenez« enthielt. Diese
+werthvolle Handschrift wurde bei Vaters[^164] und meines Bruders,
+Wilhelm von Humboldt, nach noch weit umfassenderem Plane angelegten
+Untersuchungen über den Bau der amerikanischen Sprachen benützt.
+
+Als wir von der Mission Cari aufbrechen wollten, geriethen wir in einen
+Wortwechsel mit unsern indianischen Maulthiertreibern. Sie hatten, zu
+unserer nicht geringen Verwunderung, ausfindig gemacht, daß wir Skelette
+aus der Höhle von Ataruipe mit uns führten, und sie waren fest
+überzeugt, daß das Lastthier, das »die Körper ihrer alten Verwandten«
+trug, auf dem Wege zu Grunde gehen müsse. Alle unsere
+Vorsichtsmaßregeln, um die Skelette zu verbergen, waren vergeblich;
+nichts entgeht dem Scharfsinn und dem Geruch eines Caraiben, und es
+brauchte das ganze Ansehen des Missionärs, um unser Gepäck in Gang zu
+bringen. Ueber den Rio Cari mußten wir im Boote fahren, über den Rio de
+agua clara waten, fast könnte ich sagen schwimmen. Wegen des Triebsands
+am Boden ist letzterer Uebergang bei Hochwasser sehr beschwerlich. Man
+wundert sich, daß in einem so ebenen Lande die Strömung so stark ist;
+die Steppenflüsse drängen aber auch, um mich eines ganz richtigen
+Ausdrucks des jüngeren Plinius zu bedienen, »nicht sowohl wegen des
+Bodenfalls, als wegen ihrer Fülle und wie durch ihr eigenes Gewicht
+vorwärts.«[^165] Wir hatten, ehe wir in die kleine Stadt Pao kamen, zwei
+schlechte Nachtlager in Matagorda und los Niecietos. Ueberall dasselbe:
+kleine Rohrhütten mit Leder gedeckt, berittene Leute mit Lanzen, die das
+Vieh hüten, halb wilde Hornviehherden von auffallend gleicher Färbung,
+die den Pferden und Maulthieren die Weide streitig machen. Keine Schafe,
+keine Ziegen auf diesen unermeßlichen Steppen! Die Schafe pflanzen sich
+in Amerika nur auf Plateaus, die über tausend Toisen hoch liegen, gut
+fort; nur dort wird die Wolle lang und zuweilen sehr schön. Im glühend
+heißen Klima der Niederungen, wo statt der Wölfe die Jaguars auftreten,
+können sich diese kleinen wehrlosen und in ihren Bewegungen
+schwerfälligen Wiederkäuer nicht in Masse halten.
+
+Am 15. Juli langten wir in der Fundacion oder Villa del Pao an, die im
+Jahr 1744 gegründet wurde und sehr vortheilhaft gelegen ist, um zwischen
+Nueva Barcelona und Angostura als Stapelplatz zu dienen. Ihr
+eigentlicher Name ist Conception del Pao; Alcedo, la Cruz Olmedilla und
+viele andere Geographen gaben ihre Lage falsch an, weil sie den Ort
+entweder mit San Juan Baptista del Pao in den Llanos von Caracas, oder
+mit el Valle del Pao am Zarate verwechselten. Trotz des bedeckten
+Himmels erhielt ich einige Höhen von α im Centauren, nach denen sich die
+Breite des Orts bestimmen ließ. Dieselbe beträgt 8°37′57″. Aus
+Sonnenhöhen ergab sich eine Länge von 67°8′12″, Angostura unter
+66°15′21″ angenommen. Die astronomischen Bestimmungen in Calabozo[^166]
+und in Conception del Pao sind nicht ohne Belang für die Geographie
+dieser Landstriche, wo es inmitten der Grasfluren durchaus an festen
+Punkten fehlt. In der Umgegend von Pao findet man einige Fruchtbäume,
+eine seltene Erscheinung in den Steppen. Wir sahen sogar Cocosbäume, die
+trotz der weiten Entfernung von der See ganz kräftig schienen. Ich lege
+einiges Gewicht auf letztere Wahrnehmung, da man die Glaubwürdigkeit von
+Reisenden, welche den Cocosbaum, eine Küstenpalme, in Tombuctu, mitten
+in Afrika, angetroffen haben wollten, in Zweifel gezogen hat. Wir hatten
+öfters Gelegenheit, Cocosbäume mitten im Baulande am Magdalenenstrom,
+hundert Meilen von der Küste, zu sehen.
+
+In fünf Tagen, die uns sehr lang vorkamen, gelangten wir von der Villa
+del Pao in den Hafen von Nueva Barcelona. Je weiter wir kamen, desto
+heiterer wurde der Himmel, desto staubigter der Boden, desto glühender
+die Luft. Diese ungemein drückende Hitze rührt nicht von der
+Lufttemperatur her, sondern vom feinen Sand, der in der Luft schwebt,
+nach allen Seiten Wärme strahlt und dem Reisenden ins Gesicht schlägt,
+wie an die Kugel des Thermometers. Indessen habe ich in Amerika den
+hunderttheiligen Thermometer mitten im Sandwinde niemals über 45°8
+steigen sehen. Capitän Lyon, den ich nach seiner Rückkehr von Mourzouk
+zu sprechen das Vergnügen hatte, schien mir auch geneigt anzunehmen, daß
+die Temperatur von 52 Grad, der man in Fezzan so oft ausgesetzt ist,
+großentheils von den Quarzkörnern herrührt, die in der Luft suspendirt
+sind. Zwischen Pao und dem im Jahr 1749 gegründeten, von 500 Caraiben
+bewohnten Dorfe Santa Cruz de Cachipo[^167] kamen wir über den
+westlichen Strich des kleinen Plateau, das unter dem Namen Mesa de Amana
+bekannt ist. Dieses Plateau bildet die Wasserscheide zwischen dem
+Orinoco, dem Guarapiche und dem Küstenland von Neu-Andalusien. Die
+Erhöhung desselben ist so gering, daß es der Schiffbarmachung dieses
+Strichs der Llanos wenig Hinderniß in den Weg legen wird. Indessen
+konnte der Rio Mamo, der oberhalb des Einflusses des Carony in den
+Orinoco fällt und den d’Anville (ich weiß nicht, nach wessen Angabe) auf
+der ersten Ausgabe seiner großen Karte aus dem See von Valencia kommen
+und die Sewässer des Guayre aufnehmen läßt, nie als natürlicher Canal
+zwischen zwei Flußbecken dienen. Es besteht in der Steppe nirgends eine
+Gabeltheilung der Art. Sehr viele Caraiben, welche jetzt in den
+Missionen von Piritu leben, saßen früher nördlich und westlich vom
+Plateau Amana zwischen Maturin, der Mündung des Rio Areo und dem
+Guarapiche; die Einfälle Don Josephs Careño, eines der unternehmendsten
+Statthalter der Provinz Cumana, gaben im Jahr 1720 Anlaß zu einer
+allgemeinen Wanderung der unabhängigen Caraiben an den untern Orinoco.
+
+Dieser ganze weit gedehnte Landstrich besteht, wie wir schon oben
+bemerkt,[^168] aus secundären Gebirgsbildungen, die sich gegen Süden
+unmittelbar an die Granitgebirge am Orinoco lehnen. Gegen Nordwest
+trennt sie ein ziemlich schmaler Streif von Uebergangsgebirg von den aus
+Urgebirg bestehenden Bergen auf dem Küstenland von Caracas. Dieses
+gewaltige Auftreten von secundären Bildungen, die ohne Unterbrechung
+einen Flächenraum von 7200 Quadratmeilen bedecken (wobei nur der gegen
+Süd vom Rio Apure, gegen West von der Sierra Nevada de Merida und vom
+Paramo de las Rosas begrenzte Theil der Llanos gerechnet ist), ist in
+diesen Erdstrichen eine um so merkwürdigere Erscheinung, da in der
+ganzen Sierra de la Parime, zwischen dem rechten Ufer des Orinoco und
+dem Rio Negro, gerade wie in Scandinavien, die secundären Bildungen
+auffallenderweise gänzlich fehlen. Der rothe Sandstein, der hie und da
+Stricke fossilen Holzes (aus der Familie der Monocotyledonen) enthält,
+kommt in den Steppen von Calabozo überall zu Tage. Weiter gegen Ost sind
+Kalkstein und Gips demselben aufgelagert und machen ihn der geologischen
+Forschung unzugänglich. Weiter gegen Norden, der Mission San Joses de
+Curataquiche zu, fand Bonpland schöne gebänderte Stücke Jaspis oder
+»egyptische Kiesel.« Wir sahen dieselben nicht in der Gebirgsart
+eingeschlossen und wissen daher nicht, ob sie einem ganz neuen
+Conglomerat angehören oder dem Kalkstein, den wir am Morro von Nueva
+Barcelona angetroffen, und der kein Uebergangsgestein ist, obgleich er
+Schichten von Kieselschiefer enthält.
+
+Man kann die Steppen oder Grasfluren von Südamerika nicht durchziehen,
+ohne in Gedanken bei der Aussicht zu verweilen, daß man sie eines Tags
+zu dem benützen wird, zu dem sie sich besser eignen, als irgend ein
+Landstrich des Erdballs, zur Messung der Grade eines Erdbogens in der
+Richtung eines Meridians oder einer auf dem Meridian senkrechten Linie.
+Diese Operation wäre für die genaue Kenntniß der Gestalt der Erde von
+großer Wichtigkeit. Die Llanos von Venezuela liegen 13 Grade ostwärts
+von den Punkten, wo einerseits die französischen Akademiker mittelst
+Dreiecken, die sich auf die Gipfel der Cordilleren stützten,
+andererseits Mason und Dixon, ohne trigonometrische Mittel (auf den
+Ebenen von Pennsylvanien), ihre Messungen ausgeführt haben; sie liegen
+fast unter demselben Parallel (und dieser Umstand ist von großem Belang)
+wie die indische Hochebene zwischen Junne und Madura, wo Oberst Lambton
+so ausgezeichnet operirte. So viele Bedenken auch noch hinsichtlich der
+Genauigkeit der Instrumente, der Beobachtungsfehler und der Einflüsse
+örtlicher Anziehungen bestehen mögen, beim jetzigen Zustand unserer
+Kenntnisse ist nicht wohl in Abrede zu ziehen, daß die Erde
+ungleichförmig abgeplattet ist. Ist einmal zwischen den freien
+Regierungen von la Plata und Venezuela ein innigeres Verhältniß
+hergestellt, so wird man sich ohne Zweifel diesen Vortheil und den
+allgemeinen Frieden zu Nutze machen und nördlich und südlich vom
+Aequator, in den Llanos und in den Pampas die Messungen vornehmen, die
+wir hier in Vorschlag bringen. Die Llanos von Pao und Calabozo sind fast
+unter demselben Meridian gelegen, wie die Pampas südlich von Cordova,
+und der Breitenunterschied dieser Niederungen, die so vollkommen eben
+sind, als hätte lange Wasser darauf gestanden, beträgt 45 Grad. Diese
+geodätischen und astronomischen Operationen wären bei der Beschaffenheit
+des Terrains auch gar nicht kostspielig. Schon La Condamine hat im Jahr
+1734 dargethan, wie vortheilhafter und besonders weniger zeitraubend es
+gewesen wäre, wenn man die Akademiker in die (vielleicht etwas zu stark
+bewachsenen und sumpfigten) Ebenen im Süden von Cayenne, dem Einfluß des
+Rio Xingu in den Amazonenstrom zu, geschickt hätte, statt sie auf den
+Hochebenen von Quito mit Frost, Stürmen und vulkanischen Ausbrüchen
+kämpfen zu lassen.
+
+Die spanisch-amerikanischen Regierungen dürfen keineswegs meinen, daß
+die in Rede stehenden, mit Pendelbeobachtungen verbundenen Messungen in
+den Llanos nur ein rein wissenschaftliches Interesse hätten: dieselben
+gäben zugleich die Hauptgrundlagen für Karten ab, ohne welche keine
+regelmäßige Verwaltung in einem Lande bestehen kann. Bis jetzt mußte man
+sich auf eine rein astronomische Aufnahme beschränken, und es ist dieß
+das sicherste und rascheste Verfahren bei einer Oberfläche von sehr
+großer Ausdehnung. Man suchte einige Punkte an den Küsten und im Innern
+absolut zu bestimmen, das heißt nach Himmelserscheinungen oder Reihen
+von Monddistanzen. Man stellte die Lage der bedeutendsten Orte nach den
+drei Coordinaten der Breite, der Länge und der Höhe fest. Die
+dazwischenliegenden Punkte wurden mit den Hauptpunkten auf
+chronometrischem Wege verknüpft. Durch den sehr gleichförmigen Gang der
+Chronometer in Canoes und durch die sonderbaren Krümmungen des Orinoco
+wurde diese Anknüpfung erleichtert. Man brachte die Chronometer zum
+Ausgangspunkte zurück, oder man beobachtete zweimal (im Hinweg und im
+Herweg) an einem dazwischen liegenden Punkte, man knüpfte die Enden der
+chronometrischen Linien[^169] an sehr weitaus einander liegende
+Lokalitäten, deren Lage nach absoluten, d. h. rein astronomischen
+Erscheinungen bestimmt ist, und so konnte man die Summe der etwa
+begangenen Fehler schätzen. Auf diese Weise (und vor meiner Reise war im
+Binnenlande die Länge keines Punktes bestimmt worden) habe ich Cumana,
+Angostura, Esmeralda, San Carlos del Rio Negro, San Fernando de Apure,
+Porto-Cabello und Caracas astronomisch verknüpft. Diese Beobachtungen
+umfassen eine Bodenfläche von mehr als 10,000 Quadratmeilen. Das System
+der Beobachtungspunkte auf dem Küstenland und die werthvollen Ergebnisse
+der Aufnahme bei Fidalgos Seereise wurden mit dem System der
+Beobachtungspunkte am Orinoco und Rio Negro durch zwei chronometrische
+Linien in Verbindung gebracht, deren eine über die Llanos von Catabozo,
+die andere über die Llanos von Pao läuft. Die Beobachtungen in der
+Parime bilden einen Streifen, der eine ungeheure Landstrecke (73,000
+Quadratmeilen), auf der bis jetzt nicht ein einziger Punkt astronomisch
+bestimmt ist, in zwei Theile theilt. Durch diese verschiedenen Arbeiten,
+die ich mit geringen Mitteln, aber nach einem allgemeinen Plane
+unternommen, wurde, wie ich mir wohl schmeicheln darf, der erste
+astronomische Grund zur Geographie dieser Länder gelegt; es ist aber
+Zeit, dieselben vielfach wieder aufzunehmen, sie zu berichtigen,
+besonders aber da, wo der Anbau des Landes es gestattet,
+trigonometrische Messungen an ihre Stelle treten zu lassen. An beiden
+Rändern der Llanos, die sich gleich einem Meerbusen vom Delta des
+Orinoco bis zu den Schneegebirgen von Meridia ausdehnen, streichen im
+Norden und im Süden zwei Granitketten parallel mit dem Aequator. Diese
+früheren Küsten eines innern Seebeckens sind in den Steppen von weitem
+sichtbar und können zur Aufstellung von Signalen dienen. Der Spitzberg
+Guacharo, der Corollor und Turimiquiri, der Bergantin, die Morros San
+Juan und San Sebastian, die Galera, welche die Llanos wie eine Felsmauer
+begrenzt, der kleine Cerro de Flores, den ich in Calabozo, und zwar in
+einem Moment gesehen habe, wo die Luftspiegelung beinahe Null war,
+werden am Nordrande der Niederungen zum Dreiecknetz dienen. Diese
+Berggipfel sind großentheils sowohl in den Llanos als im angebauten
+Küstenlande sichtbar. Gegen Süden liegen die Granitketten am Orinoco
+oder in der Parime etwas abwärts von den Rändern der Steppen und sind
+für geodätische Operationen nicht ganz so günstig. Indessen werden die
+Berge oberhalb Angostura und Muitaco, der Cerro del Tirano bei Caycara,
+der Pan de Azucar und der Sacuima beim Einfluß des Apure in den Orinoco
+gute Dienste leisten, namentlich wenn man die Winkel bei bedecktem
+Himmel aufnimmt, damit nicht das Spiel der ungewöhnlichen Refractionen
+über einem stark erhitzten Boden die Berggipfel, welche unter zu kleinen
+Höhenwinkeln erscheinen, verzieht und verrückt. Pulversignale, deren
+Widerschein am Himmel so weit hin sichtbar ist, werden sehr förderlich
+seyn. Ich glaubte hier im Interesse der Sache angeben zu sollen, was
+meine Ortskenntniß und das Studium der Geographie von Amerika mir an die
+Hand gegeben. Ein ausgezeichneter Geometer, Lenz, der bei mannigfaltigen
+Kenntnissen in allen Zweigen der Mathematik im Gebrauch astronomischer
+Instrumente sehr geübt ist, beschäftigt sich gegenwärtig damit, die
+Geographie dieser Länder weiter auszubilden und im Auftrag der Regierung
+von Venezuela die Plane, die ich bereits im Jahr 1799 der Beachtung des
+spanischen Ministeriums vergeblich empfohlen hatte, zum Theil
+auszuführen.
+
+Am 26. Juli brachten wir die Nacht im indianischen Dorfe Santa Cruz de
+Cachipo zu. Diese Mission wurde im Jahr 1749 mit mehreren caraibischen
+Familien gegründet, welche an den überschwemmten, ungesunden Ufern der
+Lagunetas de Anache, gegenüber dem Einfluß des Rio Puruay in den
+Orinoco, lebten. Wir wohnten beim Missionär[^170] und ersahen aus den
+Kirchenbüchern, welch rasche Fortschritte der Wohlstand der Gemeinde
+durch seinen Eifer und seine Einsicht gemacht hatte. Seit wir in die
+Mitte der Steppen gelangt waren, hatte die Hitze so zugenommen, daß wir
+gerne gar nicht mehr bei Tage gereist wären; wir waren aber unbewaffnet
+und die Llanos waren damals von ganzen Räuberbanden unsicher gemacht,
+die mit raffinirter Grausamkeit die Weißen, welche ihnen in die Hände
+fielen, mordeten. Nichts kläglicher als die Rechtspflege in diesen
+überseeischen Colonien! Ueberall fanden wir die Gefängnisse mit
+Verbrechern gefüllt, deren Urtheil sieben, acht Jahre auf sich warten
+läßt. Etwa ein Drittheil der Verhafteten entspringt, und die
+menschenleeren, aber von Heerden wimmelnden Ebenen bieten ihnen Zuflucht
+und Unterhalt. Sie treiben ihr Räubergewerbe zu Pferde in der Weise der
+Beduinen. Die Ungesundheit der Gefängnisse überstiege alles Maaß, wenn
+sie sich nicht von Zeit zu Zeit durch das Entspringen der Verhafteten
+leerten. Es kommt auch nicht selten vor, daß Todesurtheile, wenn sie
+endlich spät genug von der Audiencia zu Caracas gefällt sind, nicht
+vollzogen werden können, weil es an einem Nachrichter fehlt. Nach einem
+schon oben erwähnten barbarischen Brauch begnadigt man denjenigen der
+Uebelthäter, der es auf sich nehmen will, die andern zu hängen. Unsere
+Führer erzählten uns, kurz vor unserer Ankunft auf der Küste von Cumana
+habe ein wegen seiner Rohheit berüchtigter Zambo sich entschlossen,
+Henker zu werden und sich so der Strafe zu entziehen. Die Zurüstungen
+zur Hinrichtung machten ihn aber in seinem Entschlusse wankend; er
+entsetzte sich über sich selbst, er zog den Tod der Schande vor, die er
+vollends auf sich häufte, wenn er sich das Leben rettete, und ließ sich
+die Ketten, die man ihm abgenommen, wieder anlegen. Er saß nicht mehr
+lange; die Niederträchtigkeit eines Mitschuldigen half ihm zum Vollzug
+seiner Strafe. Ein solches Erwachen des Ehrgefühls in der Seele eines
+Mörders ist eine psychologische Erscheinung, die zum Nachdenken
+auffordert. Ein Mensch, der beim Berauben der Reisenden in der Steppe
+schon so oft Blut vergessen hat, schaudert beim Gedanken, sich zum
+Werkzeug der Gerechtigkeit hergeben, an andern eine Strafe vollziehen zu
+sollen, die er, wie er vielleicht fühlt, selbst verdient hat.
+
+Wenn schon in den ruhigen Zeiten, in denen Bonpland und ich das Glück
+hatten, die beiden Amerika zu bereisen, die Llanos den Uebelthätern,
+welche in den Missionen am Orinoco ein Verbrechen begangen, oder aus den
+Gefängnissen des Küstenlandes entsprungen waren, als Versteck dienten,
+wie viel schlimmer mußte dieß noch in Folge der bürgerlichen Unruhen
+werden, im blutigen Kampfe, der mit der Freiheit und Unabhängigkeit
+dieser gewaltigen Länder seine Endschaft erreichte! Die französischen
+»Landes« und unsere Heiden geben nur ein entferntes Bild jener
+Grasfluren auf dem neuen Continent, wo Flächen von acht und zehntausend
+Quadratmeilen so eben sind, wie der Meeresspiegel. Die Unermeßlichkeit
+des Raumes sichert dem Landstreicher die Straflosigkeit; in den Savanen
+versteckt man sich leichter als in unsern Gebirgen und Wäldern, und die
+Kunstgriffe der europäischen Polizei sind schwer anwendbar, wo es wohl
+Reisende gibt, aber keine Wege, Herden, aber keine Hirten, und wo die
+Höfe so dünn gesäet sind, daß man, trotz des bedeutenden Einflusses der
+Luftspiegelung, ganze Tagereisen machen kann, ohne daß man einen am
+Horizont auftauchen sieht.
+
+Zieht man über die Llanos von Caracas, Barcelona und Cumana, die von
+West nach Ost von den Bergen bei Truxillo und Merida bis zur Mündung des
+Orinoco hinter einander liegen, so fragt man sich, ob diese ungeheuren
+Landstrecken von der Natur dazu bestimmt sind, ewig als Weideland zu
+dienen, oder ob Pflug und Hacke sie eines Tages für den Ackerbau erobern
+werden? Diese Frage ist um so wichtiger, da die an beiden Enden von
+Südamerika gelegenen Llanos der politischen Verbindung der Provinzen,
+die sie auseinander halten, Hindernisse in den Weg legen. Sie machen,
+daß der Ackerban sich nicht von den Küsten von Venezuela Guyana zu, sich
+nicht von Potosi gegen die Mündung des Rio de la Plata ausbreiten kann.
+Die dazwischen geschobenen Steppen behalten mit dem Hirtenleben einen
+Charakter von Rohheit und Wildheit, der sie isolirt und von der Cultur
+der schon lange urbar gemachten Landstriche fern hält. Aus demselben
+Grunde wurden sie im Freiheitskriege der Schauplatz des Kampfes zwischen
+den feindlichen Parteien und sahen die Einwohner von Calabozo fast unter
+ihren Mauern das Geschick der verbündeten Provinzen Venezuela und
+Cundinamarca sich entscheiden. Ich will wünschen, daß man bei den
+Grenzbestimmungen der neuen Staaten und ihrer Unterabtheilungen nicht
+zuweilen zu bereuen habe, die Bedeutung der Llanos außer Augen gesetzt
+zu haben, sofern sie dahin wirken, Gemeinheiten auseinander zu halten,
+welche durch gemeinsame Interessen auf einander angewiesen sind. Die
+Steppen würden, wie Meere oder die Urwälder unter den Tropen, als
+natürliche Grenzen dienen, wenn sie nicht von Heeren um so leichter
+durchzogen würden, da sie mit ihren unzähligen Pferde-, Maulthier- und
+Viehherden Transport- und Unterhaltsmittel aller Art bieten.
+
+Nirgends in der Welt ist die Bodenbildung und die Beschaffenheit der
+Oberfläche so fest ausgeprägt; nirgends äußern sie aber auch so
+bedeutenden Einfluß auf die Spaltung des Gesellschaftskörpers, der durch
+die Ungleichheit nach Abstammung, Farbe und persönlicher Freiheit schon
+genug zerrissen ist. Es steht nicht in der Macht des Menschen, die
+klimatischen Unterschiede zu ändern, die aus der auf kleinem Flächenraum
+rasch wechselnden Bodenhöhe hervorgehen, und welche die Quelle des
+Widerwillens sind, der zwischen den Bewohnern der der terra caliente und
+denen der terra fria besteht, eines Widerwillens, der auf Gegensätzen im
+Charakter, in Sitten und Gebrauchen beruht. Diese moralischen und
+politischen Einflüsse machen sich besonders in Ländern geltend, wo die
+Extreme von Landhöhe und Tiefland am auffallendsten sind, wo Gebirge und
+Niederungen am massenhaftesten auftreten und sich am weitesten
+ausdehnen. Hieher gehören Neu-Grenada oder Cundinamarca, Chili und Peru,
+wo die Incasprache reich ist an treffenden, naiven Ausdrücken für diese
+klimatischen Gegensätze in Temperament, Neigungen und geistigen
+Fähigkeiten. Im Staate Venezuela dagegen bilden die »Montaneros« in den
+Hochgebirgen von Bocono, Timotes und Merida nur einen unbedeutenden
+Bruchtheil der Gesammtbevölkerung, und die volkreichen Thäler der
+Küstenkette von Caracas und Caripe liegen nur drei- bis vierhundert
+Toisen über dem Meer. So kam es, daß, als die Staaten Venezuela und
+Neu-Grenada unter dem Namen Columbia verschmolzen wurden, die bedeutende
+Gebirgsbevölkerung von Santa Fe, Popayan, Pasto und Quito, wo nicht
+ganz, doch über die Hälfte durch den Zuwachs von acht- bis
+neunmalhunderttausend Bewohnern der terra caliente aufgewogen wurde. Der
+Oberflächenzustand des Bodens ist nicht so unveränderlich als seine
+Reliefbildung, und so erscheint es als möglich, daß die scharfen
+Gegensätze zwischen den undurchdringlichen Wäldern Guyanas und den
+baumlosen, grasbewachsenen Llanos eines Tags verschwinden könnten; aber
+wie viele Jahrhunderte brauchte es wohl, bis ein solcher Wechsel in den
+unermeßlichen Steppen von Venezuela, am Meta, am Caqueta und in Buenos
+Ayres merkbar würde? Die Beweise, die der Mensch von seiner Macht im
+Kampfe gegen die Naturkräfte in Gallien, in Germanien und in neuerer
+Zeit in den Vereinigten Staaten, immer aber außerhalb der Tropen,
+gegeben hat, kann nicht wohl als Maßstab für die voraussichtlichen
+Fortschritte der Cultur im heißen Erdstrich dienen. Es war oben davon
+die Rede, wie langsam man mit Feuer und Axt Wälder ausrodet, wenn die
+Baumstämme 8 bis 16 Fuß dick sind, wenn sie im Fallen sich an einander
+lehnen, und wenn das Holz, vom unaufhörlichen Regen befeuchtet, so
+ungemein hart ist. Die Frage, ob die Llanos oder Pampas urbar zu machen
+sind, wird von den Colonisten, die darin leben, keineswegs einstimmig
+bejaht, und ganz im Allgemeinen läßt sich auch gar nicht darüber
+entscheiden. Die Savanen von Venezuela entbehren größtentheils des
+Vortheils, den die Savanen in Nordamerika dadurch haben, daß sie der
+Länge nach von drei großen Flüssen, dem Missouri, dem Arkansas und dem
+Red River von Natchitoches durchzogen werden; durch die Savanen am
+Araure, bei Calabozo und am Pao laufen die Nebenflüsse des Orinoco, von
+denen die östlichsten (Cari, Pao, Acaru und Manapire) in der trockenen
+Jahreszeit sehr wasserarm find, nur der Quere nach. Alle diese Flüsse
+reichen nicht weit gegen Nord, so daß in der Mitte Steppen, weite,
+entsetzlich dürre Landstriche (bancos und mesas) bleiben. Am
+culturfähigsten sind die westlichen, von der Portuguesa, vom Masparro
+und Orivante und den nahe bei einander liegenden Nebenflüssen derselben
+bewässerten Striche. Der Boden besteht aus mit Thon gemengtem Sand über
+einer Schicht von Quarzgeschieben. Die Dammerde, die Hauptnahrungsquelle
+der Gewächse, ist aller Orten sehr dünn; sie erhält so gut wie keinen
+Zuwachs durch das dürre Laub, das in den Wäldern der heißen Zone abfällt
+wie in den gemäßigten Klimaten, wenn auch nicht so streng periodisch.
+Seit Jahrtausenden wächst aber auf den Llanos weder Baum noch Buschwerk;
+die einzelnen, in der Savane zerstreuten Palmen liefern sehr wenig von
+jener Kohlen- und Wasserstoffverbindung, von jenem Extractivstoff, auf
+dem (nach den Versuchen von Saussure, Davy und Braconnot) die
+Fruchtbarkeit des Bodens beruht. Die geselligen Gewächse, die in den
+Steppen fast ausschließlich herrschen, sind Monocotyledonen, und es ist
+bekannt, wie stark die Gräser den Boden aussaugen, in den sie ihre
+Wurzeln mit dicht gedrängten Fasern treiben. Diese Wirkung der
+Killingia-, Paspalum- und Cenchrusarten, aus denen der Rasen besteht,
+äußert sich überall gleich; wo aber das Gestein beinahe zu Tag kommt, da
+ist der Boden verschieden, je nachdem er auf rothem Sandstein oder auf
+festem Kalkstein und auf Gyps liegt; so wie je nachdem die periodischen
+Ueberschwemmungen an den tiefsten Stellen Erdreich angeschwemmt haben,
+oder das Wasser von den kleinen Plateaus die wenige Dammerde vollends
+weggespült hat. Bereits bestehen mitten im Weideland einzelne
+Pflanzungen an Stellen, wo sich fließendes Wasser oder ein paar Büsche
+der Mauritiapalme fanden. Diese Höfe, bei denen man Mais und Manioc
+baut, werden sich bedeutend vermehren, wenn es gelingt, mehr Bäume und
+Gebüsch fortzubringen.
+
+Die Dürre der Mesas[^171] und die große Hitze, die darauf herrscht,
+rühren nicht allein von der Beschaffenheit ihrer Oberfläche und der
+örtlichen Reverberation des Bodens her; ihre klimatischen Verhältnisse
+hängen ab von der Umgebung, von der ganzen Steppe, von der die Mesas ein
+Theil sind. Bei den Wüsten in Afrika oder in Arabien, bei den Llanos in
+Südamerika, bei den großen Heiden, die von der Spitze von Jütland bis
+zur Mündung der Schelde fortstreichen, beruht die feste Begrenzung der
+Wüsten, der Llanos, der Heiden großentheils auf ihrer unermeßlichen
+Ausdehnung, auf der Kahlheit dieser Landstriche in Folge einer
+Umwälzung, welche den früheren Pflanzenwuchs unseres Planeten vernichtet
+hat. Durch ihre Ausdehnung, ihr ununterbrochenes Fortstreichen und ihre
+Masse widerstehen sie dem Eindringen der Cultur, behalten sie, als wären
+sie in das Land einschneidende Buchten, ihren festen Uferumriß. Ich
+lasse mich nicht auf die große Frage ein, ob in der Sahara, diesem
+Mittelmeer von Flugsand, der Keime des organischen Lebens heutzutage
+mehr werden. Je ausgebreiteter unsere geographischen Kenntnisse wurden,
+desto zahlreicher sahen wir im östlichen Theil der Wüste grüne Eilande,
+mit Palmen bedeckte Oasen zu Archipelen sich zusammendrängen und den
+Caravanen ihre Häfen öffnen; wir wissen aber nicht, ob seit Herodots
+Tode der Umriß der Oasen nicht fortwährend derselbe geblieben ist.
+Unsere Geschichtsbücher sind von zu kurzem Datum und zu unvollständig,
+als daß wir der Natur in ihrem langsamen, stetigen Gange folgen könnten.
+
+Von diesen völlig öden Räumen, von denen ein gewaltsames Ereigniß die
+Pflanzendecke und die Dammerde weggerissen hat, von den syrischen und
+afrikanischen Wüsten, die in ihrem versteinerten Holz noch die Urkunden
+der erlittenen Veränderungen aufweisen, blicken wir zurück auf die mit
+Gräsern bewachsenen Llanos. Hier ist die Erörterung der Erscheinungen
+dem Kreise unserer täglichen Beobachtungen näher gerückt. In den
+amerikanischen Steppen angesiedelte Landwirthe sind hinsichtlich der
+Möglichkeit eines umfassenderen Anbaus derselben ganz zu den Ansichten
+gekommen, wie ich sie aus dem klimatischen Einfluß der Steppen unter dem
+Gesichtspunkt als ununterbrochene Flächen oder Massen hergeleitet habe.
+Sie haben die Beobachtung gemacht, daß Heiden, die rings von angebautem
+oder mit Holz bewachsenem Lande umgeben sind, nicht so lange dem Anbau
+Widerstand leisten, als Striche vom selben Umfang, die aber einer weiten
+Fläche von gleicher Beschaffenheit angehören. Die Beobachtung ist
+richtig, ob nun das eingeschlossene Stück eine Grasflur ist, oder mit
+Heiden bewachsen, wie im nördlichen Europa, oder mit Cistus, Lentisken
+und Chamärops, wie in Spanien, oder mit Cactus, Argemone und Brathys wie
+im tropischen Amerika. Einen je größeren Raum der Pflanzenverein
+einnimmt, desto stärkeren Widerstand leisten die geselligen Gewächse dem
+Anbau. Zu dieser allgemeinen Ursache kommt in den Llanos von Venezuela
+der Umstand, daß die kleinen Grasarten während der Reife der Saamen den
+Boden aussaugen, ferner der gänzliche Mangel an Bäumen und Buschwerk,
+die Sandwinde, deren Gluthhitze gesteigert wird durch die Berührung mit
+einem Boden, der zwölf Stunden lang die Sonnenstrahlen einsaugt, ohne
+daß je ein anderer Schatten als der der Aristiden, Cenchrus und Paspalum
+darauf fällt. Die Fortschritte, welche der große Baumwuchs und der Anbau
+dicotyledonischer Gewächse in der Umgebung der Städte, zum Beispiel um
+Calabozo und Pao, gemacht haben, beweisen, daß man der Steppe Boden
+abgewinnen könnte, wenn man sie in kleinen Stücken angriffe, sie nach
+und nach von der Masse abschlöße, sie durch Einschnitte und
+Bewässerungscanäle zerstückte. Vielleicht gelänge es, den Einfluß der
+den Boden ausdörrenden Winde zu verringern, wenn man im Großen, auf 15
+bis 20 Morgen, Psidium, Croton, Cassia, Tamarinden ansäete, Pflanzen,
+welche trockene, offene Stellen lieben. Ich bin weit entfernt zu
+glauben, daß der Mensch je die Savanen ganz austilgen wird, und daß die
+Llanos, die ja als Weiden und für den Viehhandel so nutzbar sind, jemals
+angebaut seyn werden, wie die Thäler von Aragua oder andere den Küsten
+von Caracas und Cumana nahe gelegene Landstriche; aber ich bin
+überzeugt, daß ein beträchtliches Stück dieser Ebenen im Laufe der
+Jahrhunderte, unter einer den Gewerbfleiß fördernden Regierung, das
+wilde Aussehen verlieren wird, das sie seit der ersten »Eroberung« durch
+die Europäer behauptet haben.
+
+Dieser allmählige Wechsel, dieses Wachsen der Bevölkerung werden nicht
+nur den Wohlstand dieser Länder steigern, sie werden auch auf die
+sittlichen und politischen Zustände günstigen Einfluß äußern. Die Llanos
+machen über zwei Dritttheile des Stücks von Venezuela oder der alten
+Capitania general von Caracas aus, das nördlich vom Orinoco und Rio
+Apure liegt. Bei bürgerlichen Unruhen dienen nun aber die Llanos durch
+ihre Oede und den Ueberfluß an Nahrungsmitteln, die ihre zahllosen
+Herden liefern, der Partei, welche die Fahne des Aufruhrs entfalten
+will, zugleich als Schlupfwinkel und als Stützpunkt. Bewaffnete Banden
+(Guerillas) können sich darin halten und die Bewohner des Küstenlandes,
+des Mittelpunktes der Cultur und des Bodenreichthums, beunruhigen. Wäre
+nicht der untere Orinoco durch den Patriotismus einer kräftigen,
+kriegsgewohnten Bevölkerung hinlänglich vertheidigt, so wäre beim
+gegenwärtigen Zustand der Llanos ein feindlicher Einfall auf den
+Westküsten doppelt gefährlich. Die Vertheidigung der Ebenen und spanisch
+Guyanas hängen aufs Engste zusammen, und schon oben, wo von der
+militärischen Bedeutung der Mündungen des Orinoco die Rede war, habe ich
+gezeigt, daß die Festungswerke und die Batterien, womit man die
+Nordküste von Cumana bis Carthagena gespickt hat, keineswegs die
+eigentlichen Bollwerke der vereinigten Provinzen von Venezuela sind. Zu
+diesem politischen Interesse kommt ein anderes, noch wichtigeres und
+dauernderes. Eine erleuchtete Regierung kann nur mit Bedauern sehen, daß
+das Hirtenleben mit seinen Sitten, welche Faulheit und Landstreicherei
+so sehr befördern, auf mehr als zwei Dritttheilen ihres Gebiets
+herrscht. Der Theil der Küstenbevölkerung, der jährlich in die Llanos
+abfließt, um sich in den hatos de ganado[^172] niederzulassen und die
+Heerden zu hüten, macht einen Rückschritt in der Cultur. Wer möchte
+bezweifeln, daß durch die Fortschritte des Ackerbaus, durch die Anlage
+von Dörfern an allen Punkten, wo fließendes Wasser ist, sich die
+sittlichen Zustände der Steppenbewohner wesentlich bessern müssen? Mit
+dem Ackerbau müssen mildere Sitten, die Liebe zum festen Wohnsitz und
+die häuslichen Tugenden ihren Einzug halten.
+
+Nach dreitägigem Marsch kam uns allmählig die Bergkette von Cumana zu
+Gesicht, die zwischen den Llanos, oder, wie man hier oft sagen hört,
+»dem großen Meer von Grün«[^173] und der Küste des Meeres der Antillen
+liegt. Ist der Bergantin über 800 Toisen hoch, so kann man ihn, auch nur
+eine gewöhnliche Refraction von ¹⁄₁₄ des Bogens angenommen, auf 27
+Seemeilen Entfernung sehen;[^174] aber die Luftbeschaffenheit entzog uns
+lange den schönen Anblick dieser Bergwand. Sie erschien zuerst wie eine
+Wolkenschicht, welche die Sterne in der Nähe des Pols beim Auf- und
+Untergang bedeckte; allmählig schien diese Dunstmasse größer zu werden,
+sich zu verdichten, sich bläulich zu färben, einen gezackten, festen
+Umriß anzunehmen. Was der Seefahrer beobachtet, wenn er sich einem neuen
+Lande nähert, das bemerkt der Reisende auch am Rande der Steppe. Der
+Horizont fing an sich gegen Nord zu erweitern, und das Himmelsgewölbe
+schien dort nicht mehr in gleicher Entfernung auf dem grasbewachsenen
+Boden auszuruhen.
+
+Einem Llanero oder Steppenbewohner ist nur wohl, wenn er, nach dem
+naiven Volksausdruck, »überall um sich sehen kann.« Was uns als ein
+bewachsenes, leicht gewelltes, kaum hie und da hügligtes Land erscheint,
+ist für ihn ein schreckliches, von Bergen starrendes Land. Unser Urtheil
+über die Unebenheit des Bodens und die Beschaffenheit seiner Oberfläche
+ist ein durchaus relatives. Hat man mehrere Monate in den dichten
+Wäldern am Orinoco zugebracht, hat man sich dort daran gewöhnt, daß man,
+sobald man vom Strome abgeht, die Sterne nur in der Nähe des Zenith und
+wie aus einem Brunnen heraus sehen kann, so hat eine Wanderung über die
+Steppen etwas Angenehmes, Anziehendes. Die neuen Bilder, die man
+aufnimmt, machen großen Eindruck; wie dem Llanero ist einem ganz wohl,
+»daß man so gut um sich sehen kann.« Aber dieses Behagen (wir haben es
+an uns selbst erfahren) ist nicht von langer Dauer. Allerdings hat der
+Anblick eines unabsehbaren Horizonts etwas Ernstes, Großartiges. Dieses
+Schauspiel erfüllt uns mit Bewunderung, ob wir nun auf dem Gipfel der
+Anden und der Hochalpen uns befinden, oder mitten auf dem unermeßlichen
+Ocean, oder auf den weiten Ebenen von Venezuela und Tucuman. Die
+Unermeßlichkeit des Raumes (die Dichter aller Zungen haben solches
+ausgesprochen) spiegelt sich in uns selbst wieder; sie verknüpft sich
+mit Vorstellungen höherer Ordnung, sie weitet die Seele dessen aus, der
+in der Stille einsamer Betrachtung seinen Genuß findet. Allerdings aber
+hat der Anblick eines schrankenlosen Raumes an jedem Orte wieder einen
+eigenen Charakter. Das Schauspiel, dessen man auf einem freistehenden
+Berggipfel genießt, wechselt, je nachdem die Wolken, die auf der
+Niederung lagern, sich in Schichten ausbreiten, sich zu Massen ballen,
+oder den erstaunten Blick durch weite Ritzen auf die Wohnsitze des
+Menschen, das bebaute Land, den ganzen grünen Boden des Luftoceans
+niedertauchen lassen. Eine ungeheure Wasserfläche, belebt bis auf den
+Grund von tausenderlei verschiedenen Wesen, nach Färbung und Anblick
+wechselnd, beweglich an der Oberfläche, gleich dem Element, von dem sie
+aufgerührt wird, hat auf langer Seereise großen Reiz für die
+Einbildungskraft, aber die einen großen Theil des Jahrs hindurch
+staubigte, aufgerissene Steppe stimmt trübe durch ihre ewige
+Eintönigkeit. Ist man nach acht- oder zehntägigem Marsch gewöhnt an das
+Spiel der Luftspiegelung und an das glänzende Grün der
+Mauritiabüsche,[^175] die von Meile zu Meile zum Vorschein kommen, so
+fühlt man das Bedürfniß mannigfaltigerer Eindrücke; man sehnt sich nach
+dem Anblick der gewaltigen Bäume der Tropen, des wilden Sturzes der
+Bergströme, der Gelände und Thalgründe, bebaut von der Hand des
+Landmanns. Wenn unglücklicherweise das Phänomen der afrikanischen Wüsten
+und der Llanos oder Savanen der neuen Welt (ein Phänomen, dessen Ursache
+sich in dem Dunkel der frühesten Geschichte unseres Planeten verliert)
+noch einen größeren Raum befaßte, so wäre die Natur um einen Theil der
+herrlichen, dem heißen Erdstrich eigenthümlichen Producte ärmer.[^176]
+Die nordischen Heiden, die Steppen an Wolga und Don sind kaum ärmer an
+Pflanzen und Thierarten als unter dem herrlichsten Himmel der Welt, im
+Erdstrich der Bananen und des Brodfruchtbaums, 28,000 Quadratmeilen
+Savanen, die im Halbkreise von Nordost nach Südwest, von den Mündungen
+des Orinoco bis zum Caqueta und Putumayo sich fortziehen. Der überall
+sonst belebende Einfluß des tropischen Klima macht sich da nicht
+fühlbar, wo ein mächtiger Verein von Grasarten fast jedes andere Gewächs
+ausgeschlossen hat. Beim Anblick des Bodens, an Punkten, wo die
+zerstreuten Palmen fehlen, hätten wir glauben können in der gemäßigten
+Zone, ja noch viel weiter gegen Norden zu seyn; aber bei Einbruch der
+Nacht mahnten uns die schönen Sternbilder am Südhimmel (der Centaur,
+Canopus, und die zahllosen Nebelflecken, von denen das Schiff Argo
+glänzt) daran, daß wir nur 8 Grade vom Aequator waren.
+
+Eine Erscheinung, auf die bereits Deluc aufmerksam geworden und an der
+sich in den letzten Jahren der Scharfsinn der Geologen geübt hat, machte
+uns auf der Reise durch die Steppen viel zu schaffen. Ich meine nicht
+die Urgebirgsblöcke, die man (wie am Jura) am Abhang der Kalkgebirge
+findet, sondern die ungeheuern Granit- und Syenitblöcke, die, innerhalb
+von der Natur scharf gezogener Grenzen, im nördlichen Holland und
+Deutschland und in den baltischen Ländern zerstreut vorkommen. Es
+scheint jetzt bewiesen, daß diese wie strahlenförmig vertheilten
+Gesteine bei den alten Umwälzungen unseres Erdballs aus der
+scandinavischen Halbinsel gegen Süd herabgekommen sind, und daß sie
+nicht von den Granitketten des Harzes und in Sachsen stammen, denen sie
+nahe kommen, ohne indessen ihren Fuß zu erreichen. Ich bin auf den
+sandigten Ebenen der baltischen Länder geboren, und bis zu meinem
+achtzehnten Jahre wußte ich, was eine Gebirgsart sey, nur von diesen
+zerstreuten Blöcken her, und so mußte ich doppelt neugierig seyn, ob die
+neue Welt eine ähnliche Erscheinung aufzuweisen habe. Und ich sah zu
+meiner Ueberraschung auch nicht einen einzigen Block der Art in den
+Llanos von Venezuela, obgleich diese unermeßlichen Ebenen gegen Süd
+unmittelbar von einem ganz aus Granit gebauten Bergstock [Die Sierra
+Parime] begrenzt werden, der in seinen gezackten, fast säulenförmigen
+Gipfeln die Spuren der gewaltigsten Zerrüttung zeigt.[^177] Gegen Nord
+sind die Llanos von der Granitkette der Silla bei Caracas und von
+Portocabello durch eine Bergwand getrennt, die zwischen Villa de Cum und
+Pavapara aus Schiefergebirg, zwischen dem Bergantin und Caripe aus
+Kalkstein besteht. Das Nichtvorhandenseyn von Blöcken fiel mir ebenso an
+den Ufern des Amazonenstromes auf. Schon La Condamine hatte versichert,
+vom Pongo de Manseriche bis zum Engpasse der Pauxis sey auch nicht der
+kleinste Stein zu finden. Das Becken des Rio Negro und des
+Amazonenstromes ist aber auch nichts als ein Llano, eine Ebene wie die
+in Venezuela und Buenos Ayres, und der Unterschied besteht allein in der
+Art des Pflanzenwuchses. Die beiden Llanos am Nord- und am Südende von
+Südamerika sind mit Gras bewachsen, es sind baumlose Grasfluren; das
+dazwischenliegende Llano, das am Amazonenstrom, welches im Striche der
+fast unaufhörlichen Aequatorialregen liegt, ist ein dichter Wald. Ich
+erinnere mich nicht gehört zu haben, daß auf den Pampas von Buenos Ayres
+oder auf den Savanen am Missouri[^178] und in Neumexico Granitblöcke
+vorkommen. Die Erscheinung scheint in der neuen Welt überhaupt ganz zu
+fehlen, und wahrscheinlich auch in der afrikanischen Sahara; denn die
+Gesteinmassen, welche mitten in der Wüste zu Tage kommen und deren die
+Reisenden häufig erwähnen, sind nicht mit bloßen zerstreuten
+Bruchstücken zu verwechseln. Aus diesen Beobachtungen scheint
+hervorzugehen, daß die scandinavischen Granitblöcke, welche die
+sandigten Ebenen im Süden des baltischen Meeres, in Westphalen und
+Holland bedecken, von einer besondern, von Norden her eingebrochenen
+Wasserfluth, von einem rein örtlichen Vorgang herrühren. Das alte
+Conglomerat (der rothe Sandstein), das nach meinen Beobachtungen zum
+großen Theil die Llanos von Venezuela und das Becken des Amazonenstromes
+bedeckt, schließt ohne Zweifel Trümmer der Urgebirgsbildungen ein, aus
+denen die benachbarten Berge bestehen; aber die Umwälzungen, von denen
+diese Gebirge so deutliche Spuren aufzuweisen haben, scheinen nicht von
+den Umständen begleitet gewesen zu seyn, durch welche die Wegführung
+dieser Blocke in weite Ferne begünstigt wurde. Diese geognostische
+Erscheinung ist um so unerwarteter, da sonst nirgends in der Welt eine
+Erdfläche vorkommt, die so eben wäre und sich so ohne alle Unterbrechung
+bis zum steilen Abhang einer ganz aus Granit aufgebauten Cordillere
+fortzöge. Bereits vor meinem Abgang von Europa war mir ausgefallen, daß
+die Urgebirgsblöcke weder in der Lombardei vorkommen, noch auf der
+großen bayerischen Ebene, die ein alter, 250 Toisen über dem
+Meeresspiegel liegender Seeboden ist. Diese Ebene wird gegen Nord vom
+Granit der Oberpfalz, gegen Süd vom Alpenkalk, dem
+Uebergangsthonschiefer und Glimmerschiefer Tyrols begrenzt.
+
+Am 23. Juli langten wir in der Stadt Nueva Barcelona an, weniger
+angegriffen von der Hitze in den Llanos, an die wir längst gewöhnt
+waren, als von den Sandwinden, die auf die Länge schmerzhafte Schrunden
+in der Haut verursachen. Vor sieben Monaten hatten wir auf dem Wege von
+Cumana nach Caracas ein paar Stunden am Morro von Barcelona angelegt,
+einem befestigten Felsen, der dem Dorfe Pozuelos zu nur durch eine
+Landzunge mit dem Festlande zusammenhängt. Im Hause eines reichen
+Handelsmanns von französischer Abkunft, Don Pedro Lavie, fanden wir die
+freundlichste Aufnahme und Alles, was zuvorkommende Gastfreundschaft
+bieten kann. Lavie war beschuldigt worden, den unglücklichen España, als
+er im Jahr 17096 sich als Flüchtling auf dieser Küste befand,
+aufgenommen zu haben, und wurde auf Befehl der Audiencia aufgehoben und
+nach Caracas ins Gefängniß geführt. Die Freundschaft des Statthalters
+von Cumana und die Erinnerung an die Dienste, die er dem aufkeimenden
+Gewerbfleiß des Landes geleistet, verhalfen ihm wieder zur Freiheit. Wir
+hatten ihn im Gefängniß besucht und uns bemüht ihn zu zerstreuen; jetzt
+hatten wir die Freude, ihn wieder im Schooße seiner Familie zu finden.
+Seine physischen Leiden hatten sich durch die Haft verschlimmert, und er
+erlag, bevor der Tag der Unabhängigkeit Amerikas angebrochen war, den
+sein Freund Don Josef España bei seiner Hinrichtung verkündigt hatte.
+»Ich sterbe,« sprach dieser Mann, ein Mann, wie geschaffen zur
+Durchführung großer Unternehmungen, »ich sterbe eines schimpflichen
+Todes; aber in Kurzem werden meine Mitbürger mit Ehrfurcht meine Asche
+sammeln und mein Name wird mit Ehren genannt werden.« Diese merkwürdigen
+Worte wurden am 8. Mai 1799 auf dem großen Platze zu Caracas gesprochen;
+sie wurden mir noch im selben Jahr von Leuten mitgetheilt, von denen
+manche Españas Absichten so sehr verabscheuten, als andere sein Loos
+betrauerten.
+
+Schon oben[^179] war von der Bedeutung des Handels von Nueva Barcelona
+die Rede. Die kleine Stadt, die im Jahr 1790 kaum 10,000 Einwohner, im
+Jahr 1800 über 16,000 hatte, wurde 1637 von einem catalonischen
+Conquistador, Juan Urpin, gegründet. Man versuchte damals, aber
+vergeblich, der ganzen Provinz den Namen Neu-Catalonien zu geben. Da auf
+unsern Karten häufig zwei Städte statt Einer, Barcelona und Cumanagoto,
+angegeben sind, oder man diese zwei Namen für gleichbedeutend hält, so
+erscheint es nicht nutzlos, die Quelle dieses Irrthums hier anzugeben.
+An der Mündung des Rio Neveri stand früher eine indianische, von Lucas
+Faxardo im Jahr 1588 gebaute Stadt, unter dem Namen San Cristoval de los
+Cumanagotos. Dieselbe war nur von Eingeborenen bewohnt, die von den
+Salzwerken bei Apaicuare hieher gezogen waren. Im Jahr 1637 gründete
+Urpin zwei Meilen herwärts vom innern Lande mit einigen Einwohnern von
+Cumanagoto und vielen Cataloniern die spanische Stadt Nueva Barcelona.
+Vierunddreißig Jahre lang lagen die Nachbargemeinden in beständigem
+Streit, bis im Jahr 1671 der Statthalter Angulo es dahin brachte, daß
+sie sich an einer dritten Baustelle vereinigten, wo nunmehr die Stadt
+Barcelona steht, die nach meinen Beobachtungen unter dem 10°6′52″ der
+Breite liegt. Die alte Stadt Cumanagoto ist im Lande vielberufen wegen
+eines wunderthätigen Bildes der h. Jungfrau,[^180] das, wie die Indianer
+erzählen, im hohlen Stamm eines Tutumo, oder alten Flaschenkürbisbaums
+(Crescentia Cujete) gefunden worden ist. Dasselbe wurde in Procession
+nach Neu-Barcelona gebracht; aber so oft die Geistlichkeit mit den
+Bewohnern der neuen Stadt unzufrieden war, entfloh es bei Nacht und
+kehrte in den Baumstamm an der Mündung des Flusses zurück. Dieses Wunder
+hörte nicht eher auf, als bis man den Mönchen von der Regel des heiligen
+Franciscus ein großes Kloster (das Collegium der Propaganda) gebaut
+hatte. Wir haben oben gesehen, daß der Bischof von Caracas in einem
+ähnlichen Fall das Bild Unserer lieben Frau de los Valencianos in die
+bischöflichen Archive bringen ließ, und daß es dort dreißig Jahre unter
+Siegel blieb.
+
+Das Klima von Barcelona ist nicht so heiß als das von Cumana, aber
+feucht und in der Regenzeit etwas ungesund. Bonpland hatte die
+beschwerliche Reise über die Llanos ganz gut ausgehalten; er war wieder
+ganz bei Kräften und seine große Thätigkeit die alte; ich dagegen war in
+Barcelona unwohler als in Angostura, unmittelbar nachdem die Reise auf
+den Flüssen hinter uns lag. Einer der tropischen Regen, bei denen bei
+Sonnenuntergang weit auseinander außerordentlich große Tropfen fallen,
+hatte mir ein Unwohlseyn zugezogen, das einen Anfall des Typhus, der
+eben auf der Küste herrschte, befürchten ließ. Wir verweilten fast einen
+Monat in Barcelona, im Genuß aller Bequemlichkeiten, welche die
+aufmerksamste Freundschaft bieten kann. Wir trafen hier auch wieder den
+trefflichen Ordensmann, Fray Juan Gouzales, dessen ich schon oft erwähnt
+habe, und der vor uns am obern Orinoco gewesen war. Er bedauerte, und
+mit Recht, daß wir auf den Besuch dieses unbekannten Landes nur so
+wenige Zeit hatten verwenden können; er musterte unsere Pflanzen und
+Thiere mit dem Interesse, das auch der Ungebildetste für die Produkte
+eines Landes hat, wo er lange gelebt. Fray Juan hatte beschlossen, nach
+Europa zurückzukehren und uns dabei bis auf die Insel Cuba zu begleiten.
+Wir blieben fortan sieben Monate beisammen; der Mann war munter,
+geistreich und dienstfertig. Wer mochte ahnen, welches Unglück seiner
+wartete! Er nahm einen Theil unserer Sammlungen mit; ein
+gemeinschastlicher Freund vertraute ihm ein Kind an, das man in Spanien
+erziehen lassen wollte; die Sammlungen, das Kind, der junge Geistliche,
+Alles wurde von den Wellen verschlungen.
+
+Zwei Meilen südostwärts von Nueva Barcelona erhebt sich eine hohe
+Bergkette, die sich an den Cerro del Bergantin lehnt, den man von Cumana
+aus sieht.[^181] Der Ort ist unter dem Namen Aguas calientes bekannt.
+Als ich mich gehörig hergestellt fühlte, unternahmen wir an einem
+frischen, nebligten, Morgen einen Ausflug dahin. Das mit
+Schwefelwasserstoff geschwängerte Wasser kommt aus einem quarzigen
+Sandstein, der demselben dichten Kalkstein ausgelagert ist, den wir beim
+Morro untersucht hatten. Die Temperatur desselben ist nur 43°2 (bei
+einer Lufttemperatur von 27°); es fließt zuerst vierzig Toisen weit über
+den Felsboden, stürzt sich dann in eine natürliche Höhle, dringt durch
+den Kalkstein und kommt am Fuß des Berges, am linken Ufer des kleinen
+Flusses Narigual wieder zu Tage. Durch die Berührung mit dem Sauerstoff
+der Luft schlagen die Quellen viel Schwefel nieder. Die Luftblasen,
+welche sich stoßweise aus den Thermen entwickeln, habe ich hier nicht
+gesammelt, wie in Mariara. Sie enthalten ohne Zweifel viel Stickstoff,
+weil der Schwefelwasserstoff das in der Quelle aufgelöste Gemenge von
+Sauerstoff und Stickstoff zersetzt. Die Schwefelwasser von San Juan, die
+wie die am Bergantin aus dem Kalkstein kommen, haben auch nur eine
+geringe Temperatur (31°3), während im selben Landstrich die
+Schwefelwasser von Mariara und las Tricheras (bei Portocabello), die
+unmittelbar aus dem granitischen Gneiß kommen, 58°9 und 90°4 heiß
+sind.[^182] Es ist als ob die Wärme, welche die Quellen im Erdinnern
+angenommen, abnähme, je weiter sie aus dem Urgebirge in die
+aufgelagerten secundären Formationen gelangen. Unser Ausflug zu den
+Aguas calientes am Bergantin endete mit einem leidigen Unfall. Unser
+Gastfreund hatte uns seine schönsten Reitpferde gegeben. Man hatte uns
+zugleich gewarnt, nicht durch den kleinen Fluß Narigual zu reiten. Wir
+gingen daher über eine Art Brücke oder vielmehr an einander gelegte
+Baumstämme, und ließen unsere Pferde am Zügel hinüberschwimmen. Da
+verschwand das meinige auf einmal; es schlug noch eine Weile unter dem
+Wasser um sich, aber trotz alles Suchens konnten wir nicht ausfindig
+machen, was den Unfall veranlaßt haben mochte. Unsere Führer
+vermutheten, das Thier werde von den Caymans, die hier sehr häufig sind,
+an den Beinen gepackt worden seyn. Meine Verlegenheit war sehr groß;
+denn bei dem Zartgefühl und dem großen Wohlstand unseres Gastfreundes
+konnte ich kaum daran denken, ihm einen solchen Verlust ersetzen zu
+wollen. Lavie ging unsere Betroffenheit näher als der Verlust seines
+Pferdes, und er suchte uns zu beruhigen, indem er, wohl mit
+Uebertreibung, versicherte, wie leicht man sich in den benachbarten
+Savanen schöne Pferde verschaffen könne.
+
+Die Krokodile sind im Rio Neveri groß und zahlreich, besonders der
+Mündung zu; im Ganzen aber sind sie nicht so bösartig als die im
+Orinoco. In der Gemüthsart dieser Thiere beobachtet man in Amerika
+dieselben Contraste wie in Egypten und Nubien, wie man deutlich sieht,
+wenn man die Berichte des unglücklichen Burckhard und die Belzonis
+aufmerksam vergleicht. Nach dem Culturzustand der verschiedenen Länder,
+nach der mehr oder weniger dichten Bevölkerung in der Ruhe der Flüsse
+ändern sich auch die Sitten dieser großen Saurier, die auf trockenem
+Lande schüchtern sind und vor dem Menschen sogar im Wasser fliehen, wenn
+sie reichliche Nahrung haben und der Angriff mit einiger Gefahr
+verbunden ist. In Nueva Barcelona sieht man die Indianer das Holz auf
+sonderbare Weise zu Markt bringen. Große Scheite von Zygophyllum und
+Cäsalpinia werden in den Fluß geworfen; sie treiben mit der Strömung
+fort und der Eigenthümer mit seinen ältesten Söhnen schwimmt bald hier
+bald dorthin, um die Stücke, die in den Krümmungen des Flusses stecken
+bleiben, wieder flott zu machen. In den meisten amerikanischen Flüssen,
+in denen Krokodile vorkommen, verböte sich ein solches Verfahren von
+selbst. Die Stadt Barcelona hat nicht, wie Cumana, eine indianische
+Vorstadt, und sieht man hie und da einen Indianer, so sind sie aus den
+benachbarten Missionen, oder aus den über die Ebene zerstreuten Hütten.
+Beide sind nicht von caraibischem Stamm, sondern ein Mischvolk von
+Cumanagotos, Palenques und Piritus, von kleinem Wuchs, untersetzt,
+arbeitsscheu und dem Trunk ergeben. Der gegohrene Manioc ist hier das
+beliebteste Getränk; der Palmwein, den man am Orinoco hat, ist an den
+Küsten so gut wie unbekannt. Es ist merkwürdig, wie in den verschiedenen
+Erdstrichen der Mensch, um den Hang zur Trunkenheit zu befriedigen,
+nicht nur alle Familien monocotyledonischer und dicotyledonischer
+Gewächse herbeizieht, sondern sogar den giftigen Fliegenschwamm (Amanita
+muscaria), von dem die Koriäken denselben Saft zu wiederholten malen
+fünf Tage hinter einander trinken, worauf sie aus ekelhafter Sparsamkeit
+gekommen sind.[^183] Die Paketboote (correos), die von Corunna nach der
+Havana und nach Mexico laufen, waren seit drei Monaten ausgeblieben. Man
+vermuthete, sie seyen von den englischen Kreuzern aufgebracht worden. Da
+wir Eile hatten, nach Cumana zu kommen, um mit der ersten Gelegenheit
+nach Vera Cruz gehen zu können, so mietheten wir (am 26. August 1800)
+ein Canoe ohne Verdeck (Lancha). Solcher Fahrzeuge bedient man sich
+gewöhnlich in diesen Strichen, wo ostwärts vom Cap Codera die See fast
+nie unruhig ist. Die Lancha war mit Cacao beladen und trieb
+Schleichhandel mit der Insel Trinidad. Gerade deßhalb glaubte der Eigner
+von den feindlichen Fahrzeugen, welche damals alle spanischen Hafen
+blokirten, nichts zu fürchten zu haben. Wir schifften unsere
+Pflanzensammlungen, unsere Instrumente und unsere Affen ein und hofften
+bei herrlichem Wetter eine ganz kurze Ueberfahrt von der Mündung des Rio
+Neveri nach Cumana zu haben; aber kaum waren wir im engen Canal zwischen
+dem Festland und den Felseneilanden Borracha und Chimanas, so stießen
+wir zu unserer großen Ueberraschung auf ein bewaffnetes Fahrzeug, das
+uns anrief und zugleich auf große Entfernung einige Flintenschüsse auf
+uns abfeuerte. Es waren Matrosen, die zu einem Caper aus Halifax
+gehörten, und unter ihnen erkannte ich an der Gesichtsbildung und der
+Mundart einen Preußen, aus Memel gebürtig. Seit ich in Amerika war,
+hatte ich nicht mehr Gelegenheit gehabt, meine Muttersprache zu
+sprechen, und ich hätte mir wohl einen erfreulicheren Anlaß dazu
+gewünscht. Unser Protestiren half nichts und man brachte uns an Bord des
+Capers, der that, als ob er von den Pässen, die der Gouverneur von
+Trinidad für den Schmuggel ausstellte, nichts wüßte, und uns für gute
+Prise erklärte. Da ich mich im Englischen ziemlich fertig ausdrücke, so
+ließ ich mich mit dem Capitän in Unterhandlungen ein, um nicht nach
+Neuschottland gebracht zu werden; ich bat ihn, mich an der nahen Küste
+ans Land zu setzen. Während ich in der Cajüte meine und des Eigners des
+Canoes Rechte zu verfechten suchte, hörte ich Lärm auf dem Verdeck.
+Einer kam und sagte dem Capitän etwas ins Ohr. Dieser schien bestürzt
+und ging hinaus. Zu unserem Glück kreuzte auch eine englische Corvette
+(die Sloop Hawk) in diesen Gewässern. Sie hatte durch Signale den
+Capitän des Capers zu sich gerufen, und da dieser sich nicht beeilte
+Folge zu leisten, feuerte sie eine Kanone ab und schickte einen
+Midshipman zu uns an Bord. Dieser war ein sehr artiger junger Mann und
+machte mir Hoffnung, daß man das Canoe mit Cacao herausgeben und uns des
+andern Tags werde weiter fahren lassen. Er schlug mir zugleich vor, mit
+ihm zu gehen, mit der Versicherung, sein Commandant, Capitän Garnier von
+der königlichen Marine, werde mir ein angenehmeres Nachtlager anbieten,
+als ich auf einem Fahrzeug aus Halifax fände.
+
+Ich nahm das freundliche Anerbieten an und wurde von Capitän Garnier
+aufs höflichste ausgenommen. Er hatte mit Vancouver die Reise an die
+Nordwestküste gemacht, und Alles, was ich ihm von den großen Katarakten
+bei Atures und Maypures, von der Gabeltheilung des Orinoco und von
+seiner Verbindung mit dem Amazonenstrom erzählte, schien ihn höchlich zu
+interessiren. Er nannte mir unter seinen Officieren mehrere, die mit
+Lord Macartney in China gewesen waren. Seit einem Jahre war ich nicht
+mehr mit so vielen unterrichteten Männern beisammen gewesen. Man war aus
+den englischen Zeitungen über den Zweck meiner Reise im Allgemeinen
+unterrichtet; man bewies mir großes Zutrauen und ich erhielt mein
+Nachtlager im Zimmer des Capitäns. Beim Abschied wurde ich mit den
+Jahrgängen der astronomischen Ephemeriden beschenkt, die ich in
+Frankreich und Spanien nicht hatte bekommen können. Capitän Garnier habe
+ich die Trabantenbeobachtungen zu verdanken, die ich jenseits des
+Aequators angestellt, und es wird mir zur Pflicht, hier dem aufrichtigen
+Danke für seine Gefälligkeit Ausdruck zu geben. Wenn man aus den Wäldern
+am Cassiquiare kommt und Monate lang in den engen Lebenskreis der
+Missionäre wie gebannt war, so fühlt man sich ganz glücklich, wenn man
+zum erstenmal wieder Männer trifft, die das Leben zur See durchgemacht
+und auf einem so wechselvollen Schauplatz den Kreis ihrer Ideen
+erweitert haben. Ich schied vom englischen Schiff mit Empfindungen, die
+in mir unverwischt geblieben find und meine Anhänglichkeit an die
+Laufbahn, der ich meine Kräfte gewidmet, noch steigerten.
+
+Am folgenden Tag setzten wir unsere Ueberfahrt fort und wunderten uns
+sehr über die Tiefe der Canäle zwischen den Caracasinseln, die so
+bedeutend ist, daß die Corvette beim Wenden fast an den Felsen streifte.
+Welch ein Contrast im ganzen Ansehen zwischen diesen Kalkeilanden, die
+nach Richtung und Gestaltung an die große Katastrophe erinnern, die sie
+vom Festlande losgerissen, und jenem vulkanischen Archipel nordwärts von
+Lancerota,[^184] wo Basaltkuppen durch Hebung aus dem Meer
+emporgestiegen scheinen! Die vielen Alcatras, die größer sind als unsere
+Schwanen, und Flamingos, die in den Buchten fischten oder den Pelikans
+ihre Beute abzujagen suchten, sagten uns, daß wir nicht mehr weit von
+Cumana waren. Es ist sehr interessant, bei Sonnenaufgang die Seevögel
+auf einmal erscheinen und die Landschaft beleben zu sehen. Solches
+erinnert an den einsamsten Orten an das rege Leben in unsern Städten
+beim ersten Morgengrauen. Gegen neun Uhr Morgens befanden wir uns vor
+dem Meerbusen von Cariaco, welcher der Stadt Cumana als Rhede dient. Der
+Hügel, aus dem das Schloß San Antonio liegt, hob sich weiß von der
+dunkeln Bergwand im Innern ab. Mit lebhafter Empfindung sahen wir das
+Ufer wieder, wo wir die ersten Pflanzen in Amerika gepflückt und wo ein
+paar Monate darauf Bonpland in so großer Gefahr geschwebt hatte.
+Zwischen den Cactus, die zwanzig Fuß hoch in Säulen- oder Candelaberform
+dastehen, kamen die Hütten der Guayqueries zum Vorschein. Die ganze
+Landschaft war uns so wohl bekannt, der Cactuswald, und die zerstreuten
+Hütten, und der gewaltige Ceibabaum, unter dem wir bei Einspruch der
+Nacht so gerne gebadet. Unsere Freunde kamen uns aus Cumana entgegen;
+Menschen aller Stände, die auf unsern vielen botanischen Excursionen mit
+uns in Berührung gekommen waren, äußerten ihre Freude um so lebhafter,
+da sich seit mehreren Monaten das Gerücht verbreitet hatte, wir haben an
+den Ufern des Orinoco den Tod gefunden. Anlaß dazu mochte Bonplands
+schwere Krankheit gegeben haben, oder auch der Umstand, daß unser Canoe
+durch einen Windstoß oberhalb der Mission Uruanas beinahe umgesehlagen
+wäre.
+
+Wir eilten, uns dem Statthalter Don Vicente Emparan vorzustellen, dessen
+Empfehlungen und beständige Vorsorge uns auf der langen, nunmehr
+vollendeten Reise so ungemein förderlich gewesen waren. Er verschaffte
+uns mitten in der Stadt ein Haus,[^185] das für ein Land, das starken
+Erdbeben ausgesetzt ist, vielleicht zu hoch, aber für unsere Instrumente
+ungemein bequem war. Es hatte Terrassen (azoteas), auf denen man einer
+herrlichen Aussicht auf die See, auf die Landenge Araya und auf den
+Archipel der Caracas-, Picuita- und Borracha-Inseln genoß. Der Hafen von
+Cumana wurde täglich strenger blokirt und durch das Ausbleiben der
+spanischen Postschiffe wurden wir noch drittehalb Monate festgehalten.
+Oft fühlten wir uns versucht, auf die dänischen Inseln überzusetzen, die
+einer glücklichen Neutralität genossen; wir besorgten aber, hätten wir
+einmal die spanischen Colonien verlassen, möchte es schwer halten, dahin
+zurückzukommen. Bei den umfassenden Befugnissen, wie sie uns in einer
+guten Stunde zu Theil geworden, durfte man sich auf nichts einlassen,
+was den Lokalbehörden mißfallen konnte. Wir wendeten unsere Zeit dazu
+an, die Flora von Cumana zu vervollständigen, den östlichen Theil der
+Halbinsel Araya geognostisch zu untersuchen und eine ansehnliche Reihe
+von Trabantenimmersionen zu beobachten, wodurch die auf anderem Wege
+gefundene Länge des Orts bestätigt wurde. Wir stellten auch Versuche an
+über ungewöhnliche Strahlenbrechung, über Verdunstung und
+Luftelektricität.
+
+Die lebenden Thiere, die wir vom Orinoco mitgebracht, waren für die
+Einwohner von Cumana ein Gegenstand lebhafter Neugier. Der Kapuziner von
+Esmeralda (Simia chiropotes), der im Gesichtsausdruck so große
+Menschenähnlichkeit hat, Und der Schlafaffe (Simia trivirgata), der
+Typus einer neuen Gruppe, waren an dieser Küste noch nie gesehen worden.
+Wir dachten dieselben der Menagerie im Pariser Pflanzengarten zu; denn
+die Ankunft einer französischen Escadre, die ihren Angriff auf Curaçao
+hatte mißlingen sehen, bot uns unerwartet eine treffliche Gelegenheit
+nach Guadeloupe. General Jeannet und der Commissär Bresseau, Agent der
+vollziehenden Gewalt auf den Antillen, versprachen uns, die Sendung zu
+besorgen. Aber Affen und Vögel gingen auf Guadeloupe zu Grunde, und nur
+durch einen glücklichen Zufall gelangte der Balg des Simia chiropotes,
+der sonst in Europa gar nicht existirt, vor einigen Jahren in den
+Pflanzengarten, nachdem schon früher der Couxio (Simia satanas) and der
+Stentor oder Alouato aus den Steppen von Caracas (Simia ursina), die ich
+in meinem Recueil de zoologie et d’anatomie comparées abgebildet,
+daselbst angekommen waren. Die Anwesenheit so vieler französischer
+Soldaten und die Aeußerung politischer und religiöser Ansichten, die
+eben nicht ganz mit denen übereinstimmten, durch welche die Mutterländer
+ihre Macht zu befestigen meinen, brachten die Bevölkerung von Cumana in
+gewaltige Aufregung. Der Statthalter beobachtete den französischen
+Behörden gegenüber die angenehmen Formen, wie der Anstand und das innige
+Verhältniß, das damals zwischen Frankreich und Spanien bestand, sie
+vorschrieben. Auf den Straßen sah man die Farbigen sich um den Agenten
+des Direktoriums drängen, der reich und theatralisch gekleidet war; da
+aber Leute mit ganz weißer Haut, wo sie sich nur verständlich machen
+konnten, mit unbescheidener Neugier sich auch darnach erkundigten, wie
+viel Einfluß auf die Regierung von Guadeloupe die französische Republik
+den Colonisten einräume, so entwickelten die königlichen Beamten
+doppelten Eifer in der Verproviantirung der kleinen Escadre. Fremde, die
+sich rühmten frei zu seyn, schienen ihnen überlästige Gäste, und in
+einem Lande, dessen fortwährend steigender Wohlstand auf dem
+Schleichverkehr mit den Inseln beruhte und auf einer Art
+Handelsfreiheit, die man dem Ministerium abgerungen, erlebte ich es, daß
+die Hispano-Europäer sich nicht entblödeten, die alte Weisheit des
+Gesetzbuchs (leyes de Indias), dem zufolge die Hafen keinen fremden
+Fahrzeugen geöffnet werden sollen außer in äußersten Nothfällen, bis zu
+den Wolken zu erheben. Ich hebe diese Gegensätze zwischen den unruhigen
+Wünschen der Colonisten und der argwöhnischen Starrheit der herrschenden
+Kaste hervor, weil sie einiges Licht auf die großen politischen
+Ereignisse werfen, welche, von lange her vorbereitet, Spanien von seinen
+Colonien oder — vielleicht richtiger gesagt — von seinen überseeischen
+Provinzen losgerissen haben.
+
+Vom 3. zum 5. November verbrachten wir wieder einige sehr angenehme Tage
+auf der Halbinsel Araya, über dem Meerbusen von Cariaco, Cumana
+gegenüber, deren Perlen, deren Salzlager und unterseeische Quellen
+flüssigen, farblosen Steinöls ich schon oben beschrieben habe.[^186] Wir
+hatten gehört, die Indianer bringen von Zeit zu Zeit natürlichen Alaun,
+der in den benachbarten Bergen vorkomme, in bedeutenden Massen in die
+Stadt. An den Proben, die man uns zeigte, sah man gleich, daß es weder
+Alaunstein war, ähnlich dem Gestein von Tolfa und Piombino, noch jene
+haarförmigen, seidenartigen Salze von schwefelsaurer Thon- und
+Bittererde, welche Gebirgsspalten und Höhlen auskleiden, sondern
+wirklich Massen natürlichen Alauns, mit muschligtem oder unvollkommen
+blättrigem Bruch. Man machte uns Hoffnung, daß wir die Alaungrube im
+Schiefergebirg bei Maniquarez finden könnten: Eine so neue geognostische
+Erscheinung mußte unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Frater
+Juan Gonzalez und der Schatzmeister Don Manuel Navarete, der uns seit
+unserer Ankunft auf dieser Küste mit seinem Rath beigestanden hatte,
+begleiteten uns auf dem kleinen Ausflug. Wir gingen am Vorgebirge Caney
+ans Land und besuchten wieder das alte Salzwerk, das durch den Einbruch
+des Meeres in einen See verwandelt worden, die schönen Trümmer des
+Schlosses Araya und den Kalkberg Barigon, der, weil er gegen West
+schroff abfällt, ziemlich schwer zu besteigen ist. Der Salzthon,
+vermischt mit Erdpech und linsenförmigem Gyps, und zuweilen in einen
+schwarzbraunen, salzfreien Thon übergehend, ist eine auf dieser
+Halbinsel, auf der Insel Margarita und auf dem gegenüberliegenden
+Festland beim Schloß San Antonio in Cumana sehr verbreitete Formation.
+Sehr wahrscheinlich hat sie sogar zum Theil die Spalten und das ganze
+zerrissene Wesen des Bodens veranlaßt, das dem Geognosten auffällt, wenn
+er auf einer der Anhöhen der Halbinsel Araya steht. Die aus
+Glimmerschiefer und Thonschiefer bestehende Cordillere derselben ist
+gegen Nord durch den Canal von Cubagua von der ähnlich gebildeten
+Bergkette der Insel Margarita getrennt; gegen Süd liegt der Meerbusen
+von Cariaco zwischen der Cordillere und der hohen Kalkgebirgskette des
+Festlandes. Der ganze dazwischen liegende Boden scheint einst mit
+Salzthon ausgefüllt gewesen zu seyn, und vom Meere beständig
+angefressen, verschwand ohne Zweifel die Formation allmählig und aus der
+Ebene wurden zuerst Lagunen, dann Buchten und zuletzt schiffbare Canäle.
+Der neueste Vorgang am Schlosse Araya beim Einbruch des Meeres in das
+alte Salzwerk, die Form der Lagune Chacopata und ein vier Meilen langer
+See, der die Insel Margarita beinahe in zwei Stücke theilt, sind
+offenbare Beweise dieser allmähligen Abspülungen. Im seltsamen Umriß der
+Küsten, im Morro von Chacopata, in den kleinen Inseln Caribes, Lobos und
+Tunal, in der großen Insel Coche und dem Vorgebirg Carnero und dein »der
+Manglebäume« glaubt man auch die Trümmer einer Landenge vor sich zu
+haben, welche einst in der Richtung von Nord nach Süd die Halbinsel
+Araya und die Insel Margarita verband. Auf letzterer verbindet nur noch
+eine ganz niedrige, 3000 Toisen lange und nicht 200 Toisen breite
+Landzunge gegen Nord die zwei unter dem Namen Vega de San Juan und
+Macanao bekannten Berggruppen. Die Laguna grande auf Margarita hat gegen
+Süd eine sehr enge Oeffnung und kleine Canoes kommen »arastradas,« das
+heißt über einen Trageplatz, über die Landzunge oder den Damm im Norden
+hinüber. Wenn sich auch heutzutage in diesen Seestrichen das Wasser vom
+Festland zurückzuziehen scheint, so wird doch höchst wahrscheinlich im
+Laufe der Jahrhunderte entweder durch ein Erdbeben oder durch ein
+plötzliches Anschwellen des Oceans die große langgestreckte Insel
+Margarita in zwei viereckigte Felseneilande zerfallen.
+
+Bei der Besteigung des Cerro del Barigon wiederholten wir die Versuche,
+die wir am Orinoco über den Unterschied zwischen der Temperatur der Luft
+und des verwitterten Gesteins gemacht hatten. Erstere betrug gegen 11
+Uhr Vormittags, des Seewinds wegen, nur 27 Grad, letztere dagegen 49°6.
+Der Saft in den Fackeldisteln (Cactus quadrangularis) zeigte 38-41°;
+soviel zeigte ein Thermometer, dessen Kugel ich in den fleischigten,
+saftigen Stamm der Cactus hineinsteckte. Diese innere Temperatur eines
+Gewächses ist das Produkt der Wärme des Sandes, in dem die Wurzeln sich
+verbreiten, der Lusfttemperatur, der Oberflächenbeschaffenheit des den
+Sonnenstrahlen ausgesetzten Stammes und der Leitungsfähigkeit des
+Holzes. Es wirken somit sehr verwickelte Vorgänge zum Resultat zusammen.
+Der Kalkstein des Barigon, der zu der großen Sandstein- und
+Kalkformation von Cumana gehört, besteht fast ganz aus Seeschalthieren,
+die so wohl erhalten sind, wie die in den andern tertiären Kalkgebilden
+in Frankreich und Italien. Wir brachen für das königliche Cabinet zu
+Madrid Blöcke ab, die Austern von acht Zoll Durchmesser, Kammmuscheln,
+Venusmuscheln und Polypengehäuse enthielten. Ich möchte Naturforscher,
+welche bessere Paläontologen sind, als ich damals war, auffordern, diese
+Felsenküste genau zu untersuchen. Sie ist europäischen Fahrzeugen, die
+nach Cumana, Guayra oder Curacao gehen, leicht zugänglich. Es wäre von
+großem Interesse, auszumachen, ob manche dieser versteinerten Mollusken-
+und Zoophytenarten noch jetzt das Meer der Antillen bewohnen, wie es
+Bonpland vorkam, und wie es auf der Insel Timor und wohl auch bei
+Grand-Terre auf Guadeloupe der Fall ist.
+
+Am 4. November um 1 Uhr Nachts gingen wir unter Segel, um die natürliche
+Alaungrube aufzusuchen. Ich hatte den Chronometer und mein großes
+Dollond’sches Fernrohr mit eingeschifft, um bei der Laguna chica,
+östlich vom Dorfe Maniquarez, die Immension des ersten Jupiterstrabanten
+zu beobachten. Daraus wurde indessen nichts, da wir des widrigen Windes
+wegen nicht vor Tag hinkamen. Nur das Schaufpiel des Meerleuchtens,
+dessen Pracht durch die um unsere Pirogue gaukelnden Delphine noch
+erhöht wurde, konnte uns für diese Verzögerung entschädigen. Wir fuhren
+wieder über den Strich, wo auf dem Meeresboden aus dem Glimmerschiefer
+Quellen von Bergöl brechen, die man sehr weit riecht.[^187] Bedenkt man,
+daß weiter nach Ost, bei Cariaco, warme unterseeische Quellen so stark
+sind, daß sie die Temperatur des Meerbusens an der Oberfläche erhöhen,
+so läßt sich wohl nicht bezweifeln, daß das Bergöl aus ungeheuren Tiefen
+wie herauf destillirt wird, daß es aus den Urgebirgsbildungen kommt,
+unter denen der Herd aller Vulkanischen Erschütterungen liegt.
+
+Die Laguna chica, ist eine von steil abfallenden Bergen umgebene Bucht,
+die mit dem Meerbusen von Cariaco nur durch einen engen, 25 Faden tiefen
+Canal zusammenhängt. Es sieht aus, als wäre sie, wie auch der schöne
+Hafen von Acapulco, durch ein Erdbeben gebildet. Ein kleiner flacher
+Uferstrich scheint darauf hinzudeuten, daß die See sich hier vom Lande
+zurückzieht, wie an der gegenüberliegenden Küste von Cumana. Die
+Halbinsel Araya verengert sich zwischen den Vorgebirgen Mero und las
+Minas auf 1400 Toisen und ist bei der Laguna chica von einem Seestrich
+zum andern etwas über 4000 Toisen breit. Diese unbedeutende Strecke
+hatten wir zurückzulegen, um zum natürlichen Alaun und zum Vorgebirge,
+genannt Punta de Chuparuparu, zu gelangen. Der Gang ist nur darum
+beschwerlich, weil gar kein Weg gebahnt ist und man zwischen ziemlich
+tiefen Abgründen über völlig kahle Felsgräten mit stark fallenden
+Schichten gehen muß. Der höchste Punkt liegt gegen 220 Toisen hoch, aber
+die Berge zeigen, wie so häufig auf felsigten Landengen, die seltsamsten
+Bildungen. Die Tetas de Chacopata und de Cariaco, halbwegs zwischen der
+Laguna chica und der Stadt Cariaco, sind wahre Spitzberge, die von der
+Platform des Schlosses in Cumana aus ganz frei zu stehen scheinen.
+Dammerde findet sich in diesem Landstrich nur bis zur Höhe von 30 Toisen
+über dem Meer. Oft regnet es 15 Monate lang gar nicht;[^188] fallen aber
+auch nur ein paar Tropfen Wasser unmittelbar nach der Blüthe der
+Melonen, der Wassermelonen und Kürbisse, so tragen dieselben, trotz der
+anscheinenden Trockenheit der Luft, Früchte von 60 bis 70 Pfund. Ich
+sage die anscheinende Trockenheit der Luft, denn aus meinen
+hygrometrischen Beobachtungen geht hervor, daß in Cumana und Araya die
+Luft fast zu neun Zehntheilen mit Wasserdunst gesättigt ist. Diese
+zugleich heiße und feuchte Luft speist die vegetabilischen Quellen, die
+kürbisartigen Gewächse, die Agaven und Melocactus, die halb im Sand
+vergraben sind. Als wir die Halbinsel im vorigen Jahr besuchten,
+herrschte da furchtbarer Wassermangel. Die Ziegen, die kein Gras mehr
+fanden, gingen zu Hunderten zu Grunde. Während unseres Aufenthalts am
+Orinoco schien sich die Reihefolge der Jahreszeiten völlig umgekehrt zu
+haben. Es hatte in Araya, auf Cochen, sogar auf der Insel Margarita
+reichlich geregnet, und diese Güsse machten noch in der Erinnerung den
+Einwohnern so viel zu schaffen, als den Physikern in Europa ein
+Aerolithenfall.
+
+Unser indianischer Führer kannte kaum die Richtung, in der wir den Alaun
+zu suchen hatten; die eigentliche Lagerstätte war ihm ganz unbekannt.
+Dieser Mangel an Ortskenntniß ist hier fast allen Führern eigen, die der
+faulsten Volksklasse angehören. Wir liefen fast auf Gerathewohl sieben,
+acht Stunden zwischen den Felsen herum, auf denen nicht das Geringste
+wuchs. Der Glimmerschiefer geht zuweilen in schwarzgrauen Thonschiefer
+über. Auch hier fiel mir wieder die ungemeine Regelmäßigkeit im
+Streichen und Fallen der Schichten auf. Sie streichen Nord 50 Grad Ost
+und fallen unter einem Winkel von 60—70° nach Nordwest. Dieses
+allgemeine Streichungsverhältniß hatte ich auch am granitischen Gneiß
+bei Caracas und am Orinoco, an den Hornblendeschiefern bei Angostura
+beobachtet, sogar an den meisten secundären Formationen, die wir
+untersucht. Auf sehr weite Strecken bilden die Schichten denselben
+Winkel mit dem Meridian des Orts; sie zeigen einrn Parallelismus (oder
+vielmehr Loxodromismus), der als eines der großen geognostischen Gesetze
+zu betrachten ist, die durch genaue Messung zu ermitteln sind. Gegen das
+Cap Chuparuparu zu sahen wir die Quarzgänge im Glimmerschiefer mächtiger
+werden. Wir fanden welche, ein bis zwei Klafter breit, voll kleiner
+büschelförmiger Krystalle von Titanerz. Vergeblich suchten wir darin
+nach Cyanit, den wir in Blöcken bei Maniquarez gefunden. Weiterhin
+erscheinen im Glimmerschiefer nicht Gänge, sondern kleine Schichten von
+Graphit oder Kohlenstoffeisen. Sie sind 2—3 Zoll dick und streichen und
+fallen genau wie die Gebirgsart. Mit dem Graphit im Urgebirge tritt zum
+erstenmal in den Gebirgsschichten der Kohlenstoff auf, und zwar als
+nicht an Wasserstoff gebundener Kohlenstoff. Er ist älter als die Zeit,
+wo sich die Erde mit monocotyledonischen Gewächsen bedeckte.
+
+Von diesen öden Bergen herab hatten wir eine großartige Aussicht auf die
+Insel Margarita. Zwei Berggruppen, die bereits genannten, der Macanao
+und die Vega de San Juan, steigen gerade aus dem Wasser auf. In der
+letzteren, der östlichsten, liegt der Hauptort der Insel, la Asuncion,
+der Hafen Pampatar und die Dörfer Pueblo de la Mar, Pneblo del Norte und
+San Juan. Die westliche Gruppe, der Macanao, ist fast ganz unbewohnt.
+Die Landenge, welche diese gewaltigen Glimmerschiefermassen verbindet,
+war kaum sichtbar; sie erschien durch die Luftspiegelung verzogen und
+man erkannte dieses Zwischenglied des Landes, durch das die Laguna
+grande läuft, nur an zwei kleinen zuckerhutförmigen Bergen, die unter
+dem Meridian der Punta de Piedras liegen. Weiter herwärts sahen wir auf
+den kleinen öden Archipel der vier Morros del Tunal, der Caribes und
+Lobos hinab.
+
+Nach langem vergeblichem Suchen fanden wir endlich, ehe wir zur
+Nordküste der Halbinsel Araya hinabgingen, in einer ungemein schwer
+zugänglichen Schlucht (Aroyo del Robalo) das Mineral, das man uns in
+Cumana gezeigt hatte. Der Glimmerschiefer ging rasch in kohlenhaltigen,
+glänzenden Thonschiefer über. Es war Ampelit; das Wasser (denn es gibt
+hier kleine Quellen, und kürzlich hat man selbst beim Dorfe Maniquarez
+eine gefunden) war mit gelbem Eisenoxyd geschwängert und hatte einen
+zusammenziehenden Geschmack. Die anstehenden Felswände waren mit
+ausgewitterter haarförmiger schwefelsaurer Thonerde bedeckt, und
+wirkliche zwei bis drei Zoll dicke Schichten natürlichen Alauns strichen
+im Thonschiefer fort, so weit das Auge reichte. Der Alaun ist weissgrau,
+an der Oberfläche etwas matt, im Innern hat er fast Glasglanz; der Bruch
+ist nicht faserigt, sondern unvollkommen muschligt. An nicht starken
+Bruchstücken ist er halb durchsichtig. Der Geschmack ist süßlicht,
+adstringirend, ohne Bitterkeit. Ich fragte mich noch an Ort und Stelle,
+ob dieser so reine Alaun, der ohne die geringste Lücke eine Schicht im
+Thonschiefer bildet, gleichzeitig mit der Gebirgsart gebildet, oder ob
+ihm ein neuerer, so zu sagen secundärer Ursprung zuzuschreiben ist, wie
+dem salzsauren Natron, das man zuweilen in kleinen Gängen an Stellen
+findet, wo hochsöhlige Salzquellen durch Gyps- oder Thonschichten
+hindurchgehen? Nichts weist aber hier auf eine Bildungsweise hin, die
+auch noch gegenwärtig vorkommen könnte. Das Schiefergestein hat
+lediglich keine offene Spalte, zumal keine, die dem Streichen der
+Blätter parallel liefe. Man fragt sich ferner, ob dieser Alaunschiefer
+eine dem Urglimmerschiefer von Araya aufgelagerte Uebergangsbildung ist,
+oder ob er nur dadurch entsteht, daß die Glimmerschieferschichten nach
+Zusammensetzung und Textur eine Veränderung erlitten haben? Ich halte
+letztere Annahme für die wahrscheinlichere; denn der Uebergang ist
+allmählig und Thonschiefer und Glimmerschiefer scheinen mir hier einer
+und derselben Formation anzugehören. Das Vorkommen von Cyanit, Titanerz
+und Granaten, und daß kein lydischer Stein, daß nirgends ein
+Trümmergestein zu finden ist, scheinen die Formation, die wir hier
+beschreiben, dem Urgebirge zuzuweisen.
+
+Als sich im Jahr 1783 bei einem Erdbeben im Aroyo del Robalo eine große
+Felsmasse abgelöst hatte, lasen die Guayqueries in los Serritos 5—6 Zoll
+starke, ungemein durchsichtige und reine Alaunstücke auf. Zu meiner Zeit
+verkaufte man in Cumana an Färber und Gerber das Pfund zu zwei Realen
+(ein Viertheil eines harten Piasters), während der spanische Alaun zwölf
+Realen kostete. Dieser Preisunterschied rührte weit mehr von
+Vorurtheilen und von Hemmungen im Handel her, als davon, daß der
+einheimische Alaun, der vor der Anwendung durchaus nicht gereinigt wird,
+von geringerer Güte wäre. Derselbe kommt auch in der Glimmer- und
+Thonschieferlette an der Nordwestküste von Trinidad vor, ferner auf
+Margarita und beim Cap Chuparuparu nördlich vom Cerro del Distiladero.
+Die Indianer lieben von Natur das Geheimniß, und so verheimlichen sie
+auch gern die Orte, wo sie den natürlichen Alaun graben; das Mineral muß
+aber ziemlich reich sehn, denn ich habe in ihren Händen ganz ansehnliche
+Massen auf einmal gesehen. Es wäre für die Regierung von Belang,
+entweder das oben beschriebene Mineral oder die Alaunschiefer, die damit
+vorkommen, ordentlich abbauen zu lassen. Letztere könnte man rösten und
+sie zur Auslaugung an der glühenden tropischen Sonne gradiren.
+Südamerika erhält gegenwärtig seinen Alaun aus Europa, wie ihn Europa
+seinerseits bis zum fünfzehnten Jahrhundert von den asiatischen Völkern
+erhielt. Vor meiner Reise kannten die Mineralogen keine andern
+Substanzen, aus denen man, geröstet oder nicht, unmittelbar Alaun
+(schwefel- saures Alaunerdekali) gewann, als Gebirgsarten aus der
+Trachytformation und kleine Gänge, welche Schichten von Braunkohlen und
+bituminösem Holz durchsetzen. Beide Substanzen, so verschiedenen
+Ursprungs sie sind, enthalten alle Elemente des Alauns, nämlich
+Thonerde, Schwefelsäure und Kali. Die alaunhaltigen Gesteine im Trachyt
+verschiedener Länder rühren unzweifelhaft daher, daß schwefligtsaure
+Dämpfe die Gebirgsart durchdrungen haben. Sie sind, wie man sich in den
+Solfataren bei Puzzuoli und auf dem Pic von Teneriffa überzeugen kann,
+Produkte einer schwachen, lange andauernden vulkanischen Thätigkeit. Das
+Wasser, das diese alaunhaltigen Gebirgsarten vulkanischer Herkunft
+durchdringt, setzt indessen keine Massen natürlichen Alauns ab; zur
+Gewinnung desselben müssen die Gesteine geröstet werden. Ich kenne
+nirgends Alaunniederschläge, ähnlich denen, wie ich sie aus Cumana
+mitgebracht; denn die haarförmigen und fasrigten Massen, die man in
+Gängen in Braunkohlenschichten findet (an den Ufern der Egra, zwischen
+Saatz und Commothau in Böhmen) oder sich in Hohlräumen (Freienwalde in
+Brandenburg, Segario in Sardinien) durch Auswitterung bilden, sind
+unreine Salze, oft ohne Kaki, vermengt mit schwefelsaurem Ammoniak und
+schwefelsaurer Bittererde. Eine langsame Zersetzung der Schwefelkiese,
+die vielleicht als eben so viele kleine galvanische Säulen wirken, macht
+die Gewässer, welche die Braunkohle und die Alaunerde durchziehen,
+alaunhaltig. Aehnliche chemische Vorgänge können nun aber in Ur- und
+Uebergangsschiefern so gut wie in tertiären Bildungen stattfinden. Alle
+Schiefer, und dieser Umstand ist sehr wichtig, enthalten gegen fünf
+Procent Kali, Schwefeleisen, Eisenperoxyd, Kohle u. s. w. So viele
+ungleichartige Stoffe, in gegenseitiger Berührung und von Wasser
+befeuchtet, müssen nothwendig Neigung haben, sich nach Form und
+Zusammensetzung zu verändern. Die ausgewitterten Salze, welche in der
+Schlucht Robalo die Alaunschiefer in Menge bedecken, zeigen, wie sehr
+diese chemischen Vorgänge durch die hohe Temperatur dieses Klimas
+gefördert werden; aber — ich wiederhole es — in einem Gestein ohne
+Spalten, ohne dem Streichen und Fallen seiner Schichten parallel
+laufende Hohlräume ist ein natürlicher, seine Lagerstätte völlig
+ausfüllender, halbdurchsichtiger Alaun mit muschligtem Bruch als
+gleichen Alters mit der einschließenden Gebirgsart zu betrachten.
+
+Nachdem wir lange in dieser Einöde unter den völlig kahlen Felsen
+umhergeirrt, ruhten unsere Blicke mit Lust auf den Malpighia- und
+Crotonbüschen, die wir auf dem Wege zur Küste hinab trafen. Diese
+baumartigen Croton waren sogar zwei neue, durch ihren Habitus sehr
+interessante, der Halbinsel Araya allein angehörige Arten.[^189] Wir
+kamen zu spät zur Laguna chica um noch eine andere Bucht weiter
+ostwärts, als Laguna grande oder del olispo vielberufen, besuchen zu
+können. Wir begnügten uns, dieselbe von den sie beherrschenden Bergen
+herab zu bewundern. Außer den Häfen von Ferrol und Acapulco gibt es
+vielleicht keinen mehr von so sonderbarer Bildung. Es ist eine von Ost
+nach West dritthalb Seemeilen lange, eine Seemeile breite geschlossene
+Bucht. Die Glimmerschieferfelsen, die den Hafen einschließen, lassen nur
+eine 250 Toisen breite Einfahrt. Ueberall findet man 15 bis 20 Faden
+Wassertiefe. Wahrscheinlich wird die Regierung von Cumana diese
+geschlossene Bucht und die von Mochima, die acht Seemeilen ostwärts von
+der schlechten Rhede von Nueva Barcelona liegt, einmal zu benützen
+wissen. Navaretes Familie erwartete uns mit Ungeduld am Strand, und
+obgleich unser Canoe ein großes Segel führte, kamen wir doch erst bei
+Nacht nach Maniquarez.
+
+Wir blieben nur noch vierzehn Tage in Cumana. Da wir alle Hoffnung
+aufgegeben hatten, ein Postschiff aus Corunna eintreffen zu sehen, so
+benützten wir ein amerikanisches Fahrzeug, das in Nueva Barcelona
+Salzfleisch lud, um es auf die Insel Cuba zu bringen. Wir hatten
+sechzehn Monate auf diesen Küsten und im Innern von Venezuela
+zugebracht. Wir hatten zwar noch über 50,000 Francs in Wechseln auf die
+ersten Häuser in der Havana; dennoch wären wir hinsichtlich der baaren
+Mittel in großer Verlegenheit gewesen, wenn uns nicht der Statthalter
+von Cumana vorgeschossen hätte, so viel wir verlangen mochten. Das
+Zartgefühl, mit dem Herr von Emparan ihm ganz unbekannte Fremde
+behandelte, verdient die höchste Anerkennung und meinen lebhaftesten
+Dank. Ich erwähne dieser Umstände, die nur unsere Person betrafen, um
+die Reisenden zu warnen, daß sie sich nicht zu sehr auf den Verkehr
+unter den verschiedenen Colonien desselben Mutterlandes verlassen. Wie
+es im Jahr 1799 in Cumana und Caracas mit dem Handel stand, hätte man
+einen Wechsel leichter auf Cadix und London ziehen können, als auf
+Carthagena de Indias, die Havana oder Vera Cruz.
+
+Am 16. November verabschiedeten wir uns von unsern Freunden, um nun zum
+dritten male von der Mündung des Busens von Cariaco nach Nueva Barcelona
+überzufahren. Die Nacht war köstlich kühl. Nicht ohne Rührung sahen wir
+die Mondscheibe zum letztenmal die Spitzen der Cocospalmen an den Ufern
+des Manzanares beleuchten. Lange hingen unsere Blicke an der weißlichten
+Küste, wo wir uns nur ein einziges mal über die Menschen zu beklagen
+gehabt hatten. Der Seewind war so stark, daß wir nach nicht ganz sechs
+Stunden beim Morro von Nueva Barcelona den Anker auswarfen. Das
+Fahrzeug, das uns nach der Havana bringen sollte, lag segelfertig da.
+
+Siebenundzwanzigstes Kapitel.
+=============================
+
+Allgemeine Bemerkungen über das Verhältniß des neuen zum alten
+Continent. — Ueberfahrt von den Küsten von Venezuela nach der Havana.
+
+Als ich nach meiner Rückkehr nach Deutschland den »Essai politique sur
+la nouvelle Espagne« herausgab, veröffentlichte ich zugleich einen Theil
+des von mir über den Bodenreichthum von Südamerika gesammelten
+Materials. Diese vergleichende Schilderung der Bevölkerung, des
+Ackerbaus und des Handels aller spanischen Colonien wurde zu einer Zeit
+entworfen, wo große Mängel in der gesellschaftlichen Verfassung, das
+Prohibitivsystem und andere gleich verderbliche Mißgriffe in der
+Regierungskunst die Entwicklung der Cultur niederhielten. Seit ich
+auseinandergesetzt, welch unermeßliche Hülfsmittel den Völkern des
+gedoppelten Amerika durch ihre Lage an sich und durch ihren
+Handelsverkehr mit Europa und Asien in Aussicht ständen, sobald sie der
+Segnungen einer vernünftigen Freiheit genößen, hat eine der großen
+Umwälzungen, welche von Zeit zu Zeit das Menschengeschlecht aufrütteln,
+die gesellschaftlichen Zustände in den von mir durchreisten gewaltigen
+Ländern umgewandelt. Gegenwärtig theilen sich, kann man wohl sagen, drei
+Völker europäischer Abkunft in das Festland der neuen Welt: das eine,
+das mächtigste, ist germanischen Stammes, die beiden andern gehören nach
+Sprache, Literatur und Sitten dem lateinischen Europa an. Die Theile der
+alten Welt, die am weitesten gegen West vorspringen, die iberische
+Halbinsel und die britannischen Inseln, sind auch diejenigen, deren
+Colonien die bedeutendste Ausdehnung haben; aber ein viertausend Meilen
+langer, nur von Nachkommen von Spaniern und Portugiesen bewohnter
+Küstenstrich legt Zeugniß dafür ab, wie hoch sich die Völker der
+Halbinsel im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert durch ihre
+Unternehmungen zur See über die andern seefahrenden Völker
+emporgeschwungen hatten. Die Verbreitung ihrer Sprachen von Californien
+bis an den Rio de la Plata, auf dem Rücken der Cordilleren wie in den
+Wäldern am Amazonenstrom ist ein Denkmal nationalen Ruhms, das alle
+politischen Revolutionen überdauern wird.
+
+Gegenwärtig überwiegt die Bevölkerung des spanischen und portugiesischen
+Amerika die von englischer Race ums Doppelte. Die französischen,
+holländischen und dänischen Besitzungen auf dem neuen Continent sind von
+geringem Umfang; zählt man aber die Völker her, welche auf das Geschick
+der andern Halbkugel Einfluß äußern können, so sind noch zwei nicht zu
+übergehen, einerseits die Ansiedler slavischer Abkunft, die von der
+Halbinsel Alaska bis nach Californien Niederlassungen suchen,
+andererseits die freien Afrikaner auf Haiti, welche wahr gemacht haben,
+was der Mailänder Reisende Benzoni schon im Jahr 1545 vorausgesagt. Daß
+die Afrikaner auf einer Insel, zweieinhalbmal größer als Sicilien, im
+Schoße des Mittelmeeres der Antillen hausen, macht sie politisch um so
+wichtiger. Alle Freunde der Menschheit wünschen aufrichtig, daß eine
+Civilisation, welche wider alles Erwarten nach so viel Gräueln und Blut
+Wurzel geschlagen, sich fort und fort entwickeln möge. Das russische
+Amerika gleicht bis jetzt nicht sowohl einer Ackerbaucolonie als einem
+der Comptoirs, wie sie die Europa zum Verderben der Eingeborenen auf den
+Küsten von Afrika errichtet. Es besteht nur aus Militärposten, aus
+Sammelplätzen für Fischer und sibirische Jäger. Allerdings ist es eine
+merkwürdige Erscheinung, daß sich der Ritus der griechischen Kirche auf
+einem Striche Amerikas festgesetzt hat, und daß zwei Nationen, welche
+das Ost- und das Westende von Europa bewohnen, Russen und Spanier,
+Nachbarn werden auf einem Festlande, in das sie auf entgegengesetzten
+Wegen gekommen; aber beim halb wilden Zustand der Küsten von Ochotsk und
+Kamtschatka, bei der Geringfügigkeit der Mittel, welche die asiatischen
+Häfen liefern können, und bei der Art und Weise, wie bis jetzt die
+slavischen Colonien in der neuen Welt verwaltet worden, müssen diese
+noch lange in der Kindheit verharren. Da man nun bei
+nationalökonomischen Untersuchungen gewöhnt ist, nur Massen ins Auge zu
+fassen, so stellt es sich heraus, daß das amerikanische Festland
+eigentlich nur unter drei große Nationen von englischer, spanischer und
+portugiesischer Abkunft getheilt ist. Die erste derselben, die
+Angloamerikaner, ist zugleich nach dem englischen Volk in Europa
+diejenige, welche ihre Flagge über die weitesten Meeresstrecken trägt.
+Ohne entlegene Colonien hat sich ihr Handel zu einer Höhe
+aufgeschwungen, zu der niemals ein Volk der alten Welt gelangt ist, mit
+Ausnahme desjenigen, das seine Sprache, den Glanz seiner Literatur,
+seine Arbeitslust, seinen Hang zur Freiheit und einen Theil seiner
+bürgerlichen Einrichtungen nach Nordamerika hinübergetragen hat.
+
+Die englischen und portugiesischen Ansiedler haben nur die Europa
+gegenüberliegenden Küsten bevölkert; die Castilianer dagegen sind gleich
+zu Anfang der Eroberung über die Kette der Anden gedrungen und haben
+selbst in den am weitesten nach West gelegenen Landstrichen
+Niederlassungen gegründet. Nur dort, in Mexico, Cundinamarca, Quito und
+Peru, fanden sie Spuren einer alten Cultur, ackerbauende Völker,
+blühende Reiche. Durch diesen Umstand, durch die rasche Zunahme einer
+eingeborenen Gebirgsbevölkerung, durch den fast ausschließlichen Besitz
+großer Metallschätze, und durch die Handelsverbindungen mit dem
+indischen Archipel, die gleich mit dem Anfang des sechzehnten
+Jahrhunderts in Gang kamen, erhielten die spanischen Besitzungen in
+Amerika ein ganz eigenes Gepräge. In den östlichen, von den englischen
+und portugiesischen Ansiedlern in Besitz genommenen Landstrichen waren
+die Eingeborenen umherziehende Jägervölker. Statt, wie auf der Hochebene
+von Anahuac, in Guatimala und im obern Peru, einen Bestandtheil der
+arbeitsamen, ackerbauenden Bevölkerung zu bilden, zogen sie sich vor den
+vorrückenden Weißen größtentheils zurück. Man brauchte Arbeiterhände,
+man baute vorzugsweise Zuckerrohr, Indigo und Baumwolle, und dieß, mit
+der Habsucht, welche so oft die Begleiterin des Gewerbfleißes ist und
+sein Schandfleck, führte den schändlichen Negerhandel herbei, der in
+seinen Folgen für beide Welten gleich verderblich geworden ist. Zum
+Glück ist auf dem Festlande von spanisch Amerika die Zahl der
+afrikanischen Sklaven so unbedeutend, daß sie sich zur
+Sklavenbevölkerung in Brasilien und in den südlichen Theilen der
+Vereinigten Staaten wie 1 zu 5 verhält. Die gesammten spanischen
+Colonien, mit Einschluß der Inseln Cuba und Portorico, haben auf einem
+Areal, das mindestens um ein Fünftheil größer ist als Europa, nicht so
+viel Neger als der Staat Virginien allein. Mit den vereinigten Ländern
+Neuspanien und Guatimala liefern die Hispano-Amerikaner das einzige
+Beispiel im heißen Erdstrich, daß eine Nation von acht Millionen nach
+europäischen Gesetzen und Einrichtungen regiert wird, Zucker, Cacao,
+Getreide und Wein zumal baut, und fast keine Sklaven besitzt, die dem
+Boden von Afrika gewaltsam entführt worden.
+
+Die Bevölkerung des neuen Continents ist bis jetzt kaum etwas stärker
+als die von Frankreich oder Deutschland. In den Vereinigten Staaten
+verdoppelt sie sich in dreiundzwanzig bis fünfundzwanzig Jahren; in
+Mexiko hat sie sich, sogar unter der Herrschaft des Mutterlandes, in
+vierzig bis fünfundvierzig Jahren verdoppelt. Ohne der Zukunft allzuviel
+zuzutrauen, läßt sich annehmen, daß in weniger als anderthalbhundert
+Jahren Amerika so stark bevölkert seyn wird als Europa. Dieser schöne
+Wetteifer in der Cultur, in den Künsten des Gewerbfleißes und des
+Handels wird keineswegs, wie man so oft prophezeien hört, den alten
+Continent auf Kosten des neuen ärmer machen; er wird nur die
+Consumtionsmittel und die Nachfrage darnach, die Masse der productiven
+Arbeit und die Lebhaftigkeit des Austausches steigern. Allerdings ist in
+Folge der großen Umwälzungen, denen die menschlichen
+Gesellschaftsvereine unterliegen, das Gesammtvermögen, das
+gemeinschaftliche Erbgut der Cultur, unter die Völker beider Welten
+ungleich vertheilt; aber allgemach stellt sich das Gleichgewicht her,
+und es ist ein verderbliches, ja ich möchte sagen gottloses Vorurtheil,
+zu meinen, es sey ein Unheil für das alte Europa, wenn auf irgend einem
+andern Stück unseres Planeten der öffentliche Wohlstand gedeiht. Die
+Unabhängigkeit der Colonien wird nicht zur Folge haben, sie zu isoliren,
+sie werden vielmehr dadurch den Völkern von alter Cultur näher gebracht
+werden. Der Handel wirkt naturgemäß dahin, zu verbinden, was
+eifersüchtige Staatskunst so lange auseinandergehalten. Noch mehr: es
+liegt im Wesen der Civilisation, daß sie sich ausbreiten kann, ohne
+deßhalb da, von wo sie ausgegangen, zu erlöschen. Ihr allmähliges
+Vorrücken von Ost nach West, von Asien nach Europa, beweist nichts gegen
+diesen Satz. Ein starkes Licht behält seinen Glanz, auch wenn es einen
+größerm Raum beleuchtet. Geistesbildung, die fruchtbare Quelle des
+Nationalwohlstands, theilt sich durch Berührung mit; sie breitet sich
+aus, ohne von der Stelle zu rücken. Ihre Bewegung vorwärts ist keine
+Wanderung; im Orient kam uns dieß nur so vor, weil barbarische Horden
+sich Egyptens, Kleinasiens bemächtigt hatten, und Griechenlands, des
+einst freien, der verlassenen Wiege der Cultur unserer Väter.
+
+Die Verwilderung der Völker ist eine Folge der Unterdrückung durch
+einheimischen Despotismus oder durch einen fremden Eroberer; mit ihr
+Hand in Hand geht immer steigende Verarmung, Versiegung des öffentlichen
+Wohlstands. Freie, starke, den Interessen Aller entsprechende
+Staatsformen halten diese Gefahren fern, und die Zunahme der Cultur in
+der Welt, die Mitwerbung in Arbeit und Austausch bringen Staaten nicht
+herab, deren Gedeihen aus natürlicher Quelle fließt. Das gewerbfleißige
+und handeltreibende Europa wird aus der neuen Ordnung der Dinge, wie sie
+sich im spanischen Amerika gestaltet, seinen Nutzen ziehen, wie ihm die
+Steigerung der Consumtion zu gute käme, wenn der Weltlauf der Barbarei
+in Griechenland, auf der Nordküste von Afrika und in andern Ländern, auf
+denen die Tyrannei der Ottomanen lastet, ein Ende machte. Die einzige
+Gefahr, die den Wohlstand des alten Continents bedrohte, wäre, wenn die
+innern Zwiste kein Ende nahmen, weiche die Production niederhalten und
+die Zahl der Verzehrenden und zu gleicher Zeit deren Bedürfnisse
+verringern. Im spanischen Amerika geht der Kampf, der sechs Jahre,
+nachdem ich es verlassen, ausgebrochen, allmählich seinem Ende entgegen.
+Bald werden wir unabhängige, unter sehr verschiedenen Verfassungsformen
+lebende, aber durch das Andenken gemeinsamer Herkunft, durch dieselbe
+Sprache und durch die Bedürfnisse, wie sie von selbst aus der Cultur
+entspringen, verknüpfte Völker auf beiden Ufern des atlantischen Oceans
+wohnen sehen. Man kann wohl sagen, durch die ungeheuren Fortschritte in
+der Schifffahrtskunst sind die Meeresbecken enger geworden. Schon jetzt
+erscheint unsern Blicken das atlantische Meer als ein schmaler Canal,
+der die neue Welt und die europäischen Handelsstaaten nicht weiter
+auseinander hält, als in der Kindheit der Schifffahrt das Mittelmeer die
+Griechen in Peloponnes und die in Ionien, auf Sicilien und in Cyrenaica
+auseinander hielt.
+
+Allerdings wird noch manches Jahr vergehen, bis siebzehn Millionen, über
+eine Länderstrecke zerstreut, die um ein Fünftheil größer ist als ganz
+Europa, durch Selbstregierung zu einem festen Gleichgewicht kommen. Der
+eigentlich kritische Zeitpunkt ist der, wo es lange Zeit unterjochten
+Völkern auf einmal in die Hand gegeben ist, ihr Leben nach den
+Erfordernissen ihres Wohlergehens einzurichten. Man hört immer wieder
+behaupten, die Hispano-Amerikaner seyen für freie Institutionen nicht
+weit genug in der Cultur vorgeschritten. Es ist noch nicht lange her, so
+sagte man dasselbe von andern Völkern aus, bei denen aber die
+Civilisation überreif seyn sollte. Die Erfahrung lehrt, daß bei Nationen
+wie beim Einzelnen das Glück ohne Talent und Wissen bestehen kann; aber
+ohne läugnen zu wollen, daß ein gewisser Grad von Aufklärung und
+Volksbildung zum Bestand von Republiken oder constitutionellen
+Monarchien unentbehrlich ist, sind wir der Ansicht, daß dieser Bestand
+lange nicht so sehr vom Grade der geistigen Bildung abhängt, als von der
+Stärke des Volkscharakters, vom Verein von Thatkraft und Ruhe, von
+Leidenschaftlichkeit und Geduld, der eine Verfassung aufrecht und am
+Leben erhält, ferner von den örtlichen Zuständen, in denen sich das Volk
+befindet, und von den politischen Verhältnissen zwischen einem Staate
+und seinen Nachbarstaaten.
+
+Wenn die heutigen Colonien nach ihrer Emancipation mehr oder weniger zu
+republikanischer Verfassungsform hinneigen, so ist die Ursache dieser
+Erscheinung nicht allein im Nachahmungstrieb zu suchen, der bei
+Volksmassen noch mächtiger ist als beim Einzelnen; sie liegt vielmehr
+zunächst im eigenthümlichen Verhältniss, in dem eine Gesellschaft sich
+befindet, die sich auf einmal von einer Welt mit älterer Cultur
+losgetrennt, aller äußern Bande entledigt sieht und aus Individuen
+besteht, die nicht Einer Kaste das Uebergewicht im Staate zugestehen.
+Durch die Vorrechte, welche das Mutterland einer sehr beschränkten
+Anzahl von Familien in Amerika ertheilte, hat sich dort durchaus nicht
+gebildet, was in Europa eine Adelsaristokratie heißt. Die Freiheit mag
+in Anarchie oder durch die vorübergehende Usurpation eines verwegenen
+Parteihauptes zu Grunde gehen, aber die wahren Grundlagen der Monarchie
+sind im Schooße der heutigen Colonien nirgends zu finden. Nach Brasilien
+wurden sie von außen hereingebracht zur Zeit, da dieses gewaltige Land
+des tiefsten Friedens genoß, während das Mutterland unter ein fremdes
+Joch gerathen war.
+
+Ueberdenkt man die Verkettung menschlicher Geschicke, so sieht man
+leicht ein, wie die Existenz der heutigen Colonien, oder vielmehr wie
+die Entdeckung eines halb mensehenleeren Continents, auf dem allein eine
+so erstaunliche Entwicklung des Colonialsystems möglich war,
+republikanische Staatsformen in großem Maßstab und in so großer Zahl
+wieder ins Leben rufen mußte. Nach der Anschauung berühmter
+Schriftsteller sind die Umwandlungen auf dem Boden der Gesellschaft,
+welche ein bedeutender Theil von Europa in unsern Tagen erlitten hat,
+eine Nachwirkung der religiösen Reform zu Anfang des sechzehnten
+Jahrhunderts. Es ist nicht zu vergessen, daß in diese denkwürdige Zeit,
+in der ungezügelte Leidenschaften und der Hang zu starren Dogmen die
+Klippen der europäischen Staatskunst waren, auch die Eroberung von
+Mexico, Peru und Cundinamarca fällt, eine Eroberung, durch die, wie sich
+der Verfasser des Esprit des lois so schön ausdrückt, das Mutterland
+eine unermeßliche Schuld auf sich genommen, die es der Menschheit
+abzutragen hat. Ungeheure Provinzen wurden durch castilianische
+Tapferkeit den Ansiedlern aufgethan und durch die Bande gemeinsamer
+Sprache, Sitte und Gottesverehrung verknüpft. Und so hat denn durch das
+merkwürdigste Zusammentreffen von Ereignissen die Regierung des
+mächtigsten und unumschränktesten Monarchen Europas, Carls V., die Keime
+ausgestreut zum Kampfe des neunzehnten Jahrhunderts und den Grund gelegt
+zu den staatlichen Vereinen, die, eben erst ins Leben getreten, uns
+durch ihren Umfang und die Gleichförmigkeit der dabei herrschenden
+Grundsätze in Erstaunen setzen. Befestigt sich die Emancipation des
+spanischen Amerika, wie man bis jetzt mit allem Grund hoffen darf, so
+sieht ein Meeresarm, der atlantische Ocean, auf seinen beiden Ufern
+Regierungsformen, die, so grundverschieden sie sind, einander nicht
+nothwendig feindselig gegenübertreten. Nicht allen Völkern beider Welten
+mag dieselbe Verfassung zum Heile gereichen; der wachsende Wohlstand
+einer Republik ist kein Schimpf für monarchische Staaten, so lange sie
+mit Weisheit und Achtung vor den Gesetzen und den öffentlichen
+Freiheiten regiert werden.
+
+Seit die Entwicklung der Schifffahrtskunst und die sich steigernde
+Thätigkeit der Handelsvölker die Küsten der beiden Festländer einander
+näher gerückt haben, seit die Havana, Rio Janeiro und der Senegal uns
+kaum entlegener vorkommen als Cadix, Smyrna und die Häfen des baltischen
+Meeres, nimmt man Anstand, die Leser mit einer Ueberfahrt von der Küste
+von Caracas nach der Insel Cuba zu behelligen. Das Meer der Antillen ist
+so bekannt wie das Becken des Mittelmeers, und wenn ich hier aus meinem
+Seetagebuch einige Beobachtungen niederlege, so thue ich es nur, um den
+Faden meiner Reisebeschreibung nicht zu verlieren und allgemeine
+Betrachtungen über Meteorologie und physische Geographie daran zu
+knüpfen. Um die wechselnden Zustände der Atmosphäre recht kennen zu
+lernen, muß man am Abhang der Gebirge und auf der unermeßlichen
+Meeresfläche beobachten; in einem Forscher, der seinen Scharfsinn im
+Befragen der Natur lange nur im Studirzimmer geübt hat, mögen schon auf
+der kleinsten Ueberfahrt, auf einer Reise von den Canarien nach Madera,
+ganz neue Ansichten sich gestalten.
+
+Am 24. November um neun Uhr Abends gingen wir auf der Rhede von Nueva
+Barcelona unter Segel und fuhren um die kleine Felseninsel Borrachita
+herum. Zwischen derselben und Gran Borracha ist eine tiefe Straße. Die
+Nacht brachte die Kühle, welche den tropischen Nächten eigen ist und
+einen angenehmen Eindruck macht, von dem man sich erst Rechenschaft
+geben kann, wenn man die nächtliche Temperatur von 23 bis 24 Graden des
+hunderttheiligen Thermometers mit der mittleren Tagestemperatur
+vergleicht, die in diesen Strichen, selbst auf den Küsten, meist 28 bis
+29 Grad beträgt. Tags darauf, kurz nach der Beobachtung um Mittag,
+befanden wir uns im Meridian der Insel Tortuga; sie ist, gleich den
+Eilanden Coche und Cubagua, ohne Pflanzenwuchs und erhebt sich
+auffallend wenig über den Meeresspiegel. Da man in neuester Zeit über
+die astronomische Lage von Tortuga Zweifel geäußert hat, so bemerke ich
+hier, daß Louis Berthouds Chronometer mir für den Mittelpunkt der Insel
+0°49′40″ westwärts von Nueva Barcelona ergab; diese Länge ist aber doch
+wohl noch ein wenig zu weit westlich.
+
+Am 26. November. — Windstille, auf die wir um so weniger gefaßt waren,
+da der Ostwind in diesen Strichen von Anfang Novembers an meist sehr
+stark ist, während vom Mai bis Oktober von Zeit zu Zeit die Nordwest-
+und die Südwinde auftreten. Bei Nordwestwind bemerkt man eine Strömung
+von West nach Ost, welche zuweilen zwei, drei Wochen lang die Fahrt von
+Carthagena nach Trinidad beschleunigt. Der Südwind gilt auf der ganzen
+Küste von Terra firma für sehr ungesund, weil er (so sagt das Volk) die
+fauligten Effluvien aus den Wäldern am Orinoco herführt. Gegen neun Uhr
+Morgens bildete sich ein schöner Hof um die Sonne, und im selben Moment
+fiel in der tiefen Luftregion der Thermometer plötzlich um 3½ Grad. War
+dieses Fallen die Folge eines niedergehenden Luftstroms? Der einen Grad
+breite Streif, der den Hof bildete, war nicht weiß, sondern hatte die
+lebhaftesten Regenbogenfarben, während das Innere des Hofes und das
+ganze Himmelsgewölbe blau waren ohne eine Spur von Dunst.
+
+Wir verloren nachgerade die Insel Margarita aus dem Gesicht, und ich
+versuchte die Höhe der Felsgruppe Macanao zu bestimmen. Sie erschien
+unter einem Winkel von 0°16′35″, woraus sich beim geschätzten Abstand
+von 60 Seemeilen für den Glimmerschieferstock Macanao eine Höhe von etwa
+660 Toisen ergäbe, und dieses Resultat[^190] läßt mich in einem
+Erdstrich, wo die irdischen Refractionen so gleichförmig sind,
+vermuthen, daß wir uns nicht so weit von der Insel befanden, als wir
+meinten. Die Kuppel der Silla bei Caracas, die in Süd 62° West liegen
+blieb, fesselte lange unsern Blick. Mit Vergnügen betrachtet man den
+Gipfel eines hohen Berges, den man nicht ohne Gefahr bestiegen hat, wie
+er nach und nach unter den Horizont sinkt. Wenn die Küste dunstfrei ist,
+muß die Silla auf hoher See, den Einfluß der Refraction nicht gerechnet,
+auf 33 Meilen zu sehen seyn.[^191] An diesem und den folgenden Tagen war
+die See mit einer bläulichten Haut bedeckt, die unter dem
+zusammengesetzten Microscop aus zahllosen Fäden zu bestehen schien. Man
+findet dergleichen Fäden häufig im Golfstrom und im Canal von Bahama, so
+wie im Seestrich von Buenos Ayres. Manche Naturforscher halten sie für
+Reste von Molluskeneiern, mir schienen sie vielmehr zerriebene Algen zu
+seyn. Indessen scheint das Leuchten der See durch sie gesteigert zu
+werden, namentlich zwischen dem 28. und 30. Grad der Breite, was
+allerdings auf thierischen Ursprung hindeutete.
+
+Am 27. November. Wir rückten langsam auf die Insel Orchila zu; wie alle
+kleinen Eilande in der Nähe der fruchtbaren Küste von Terra firma ist
+sie unbewohnt geblieben. Ich fand die Breite des nördlichen Vorgebirges
+11°51′44″ und die Länge des östlichen Vorgebirges 68°26′5″ (Nueva
+Barcelona zu 67°4′48″ angenommen). Dem westlichen Cap gegenüber liegt
+ein Fels, an dem sich die Wellen mit starkem Getöse brechen. Einige mit
+dem Sextanten aufgenommene Winkel ergaben für die Länge der Insel von
+Ost nach West 8,4 Seemeilen (zu 950 Toisen), für die Breite kaum
+3 Seemeilen. Die Insel Orchila, die ich mir nach ihrem Namen als ein
+dürres, mit Flechten bedecktes Eiland vorgestellt hatte, zeigte sich
+jetzt in schönem Grün; die Gneißhügel waren mit Gräsern bewachsen. Im
+geologischen Bau scheint Orchila im Kleinen mit der Insel Margarita
+übereinzukommen; sie besteht aus zwei, durch eine Landzunge verbundenen
+Felsgruppen; jene ist ein mit Sand bedeckter Isthmus, der aussieht, als
+wäre er beim allmähligen Sinken des Meeresspiegels aus dem Wasser
+gestiegen. Die Felsen erschienen hier, wie überall, wo sie sich einzeln
+steil aus der See erheben, weit höher, als sie wirklich sind; sie sind
+kaum 80 bis 90 Toisen hoch. Gegen Nordwest streicht die Punta rasa
+hinaus und verliert sich als Untiefe im Wasser. Sie kann den Schiffen
+gefährlich werden, wie auch der Mogote, der, zwei Seemeilen vom
+westlichen Cap, von Klippen umgeben ist. Wir betrachteten diese Felsen
+ganz in der Nähe und sahen die Gneißschichten nach Nordwest fallen und
+von dicken Quarzlagern durchzogen. Von der Verwitterung dieser Lager
+rührt ohne Zweifel der Sand des umgebenden Strandes her. Ein paar
+Baumgruppen beschatten die Gründe; oben auf den Hügeln stehen Palmen mit
+fächerförmigem Laub. Es ist wahrscheinlich die Palma de sombrero der
+Llanos (Corypha tectorum). Es regnet wenig in diesen Strichen, indessen
+fände man auf der Insel Orchila wahrscheinlich doch einige Quellen, wenn
+man sie so eifrig suchte, wie im Glimmerschiefergestein auf Punta Araya.
+Wenn man bedenkt, wie viele dürre Felseneilande zwischen dem 16. und
+26. Grad der Breite im Archipel der kleinen Antillen und der
+Bahama-Inseln bewohnt und gut angebaut sind, so wundert man sich, diese
+den Küsten von Cumana, Barcelona und Caracas so nahe gelegenen Eilande
+wüste liegen zu sehen. Es wäre längst anders, wenn sie unter einer
+andern Regierung als unter der von Terra firma ständen. Nichts kann
+Menschen veranlassen, ihre Thätigkeit auf den engen Bezirk einer Insel
+zu beschränken, wenn das nahe Festland ihnen größere Vortheile bietet.
+
+Bei Sonnenuntergang kamen uns die zwei Spitzen der Roca de afuera zu
+Gesicht, die sich wie Thürme aus der See erheben. Nach der Aufnahme mit
+dem Compaß liegt der östlichste dieser Felsen 0°19′ westwärts vom
+westlichen Cap von Orchila. Die Wolken blieben lange um diese Insel
+geballt, so daß man ihre Lage weit in See erkannte. Der Einfluß, den
+eine kleine Landmasse auf die Verdichtung der 800 Toisen hoch
+schwebenden Wasserdünste äußert, ist eine sehr auffallende Erscheinung,
+aber allen Seefahrern wohl bekannt. Durch diese Ansammlung von Wolken
+erkennt man die Lage der niedrigsten Inseln in sehr bedeutender
+Entfernung.
+
+Am 29. November. Bei Sonnenaufgang sahen wir fast dicht am
+Meereshorizont die Kuppel der Silla bei Caracas noch ganz deutlich. Wir
+glaubten 39 bis 40 Meilen (Lieues) davon entfernt zu seyn, woraus, die
+Höhe des Berges (1350 Toisen), seine astronomische Lage und den
+Schiffsort als richtig bestimmt angenommen, eine für diese Breite etwas
+starke Refraction zwischen ¹⁄₆ und ¹⁄₇, folgte. Um Mittag verkündeten
+alle Zeichen am Himmel gegen Nord einen Witterungswechsel; die Luft
+kühlte sich auf einmal auf 22°8 ab, während die See an der Oberfläche
+eine Temperatur von 25°6 behielt. Während der Beobachtung um Mittag
+brachten daher auch die Schwingungen des Horizonts, der von schwarzen
+Streifen oder Bändern von sehr veränderlicher Breite durchzogen war,
+einen Wechsel von 3 bis 4 Minuten in der Refraction hervor. Bei ganz
+stiller Luft fing die See an hoch zu gehen; Alles deutete auf einen
+Sturm zwischen den Caymanseilanden und dem Cap San Antonio. Und wirklich
+sprang am 30. November der Wind auf einmal nach Nordnordost um, und die
+Wogen wurden ausnehmend hoch. Gegen Nord war der Himmel schwarzblau, und
+unser kleines Fahrzeug schlingerte um so stärker, da man im Anschlagen
+der Wellen zwei sich kreuzende Seen unterschied, eine aus Nord, eine
+andere aus Nordnordost. Auf eine Seemeile weit bildeten sich Wasserhosen
+und liefen rasch von Nordnordost nach Nordnordwest. So oft die
+Wasserhose uns am nächsten kam, fühlten wir den Wind stärker werden.
+Gegen Abend brach durch die Unvorsichtigkeit unseres amerikanischen
+Kochs Feuer auf dem Oberleuf aus. Es wurde leicht gelöscht; bei sehr
+schlimmem Wetter mit Windstößen, und da wir Fleisch geladen hatten, das
+des Fettes wegen ungemein leicht brennt, hätte aber das Feuer rasch um
+sich greifen können. Am 1. December Morgens wurde die See allmählig
+ruhiger, je mehr sich der Wind in Nordost festsetzte. Ich war zu dieser
+Zeit des gleichförmigen Ganges meines Chronometers ziemlich gewiß; der
+Capitän wollte aber zur Beruhigung einige Punkte der Insel St. Domingo
+peilen. Am 2. December kam wirklich Cap Beata in Sieht, an einem Punkt,
+wo wir schon lange Wolkenhaufen gesehen hatten. Nach Höhen des Achernar,
+die ich in der Nacht aufnahm, waren wir 64 Seemeilen davon entfernt. In
+dieser Nacht beobachtete ich eine sehr interessante optische
+Erscheinung, die ich aber nicht zu erklären versuche. Es war über zwölf
+ein halb Uhr; der Wind wehte schwach aus Ost; der Thermometer stand auf
+23°2, der Fischbein-Hygrometer auf 57°. Ich war ans dem Oberleuf
+geblieben, um die Culmination einiger großen Sterne zu beobachten. Der
+volle Mond stand sehr hoch. Da auf einmal bildete sich auf der Seite des
+Mondes, 45 Minuten vor seinem Durchgang durch den Meridian, ein großer
+Bogen in allen Farben des Spectrums, aber unheimlich anzusehen. Der
+Bogen reichte über den Mond hinaus; der Streifen in den Farben des
+Regenbogens war gegen zwei Grad breit und seine Spitze schien etwa 80
+bis 85 Grad über dem Meereshorizont zu liegen. Der Himmel war vollkommen
+rein, von Regen keine Spur; am auffallendsten war mir aber, daß die
+Erscheinung, die vollkommen einem Mondregenbogen glich, sich nicht dem
+Mond gegenüber zeigte. Der Bogen blieb 8 bis 10 Minuten, scheinbar
+wenigstens, unverrückt; im Moment aber, wo ich versuchte, ob er durch
+Reflexion im Spiegel des Sextanten zu sehen seyn werde, fing er an sich
+zu bewegen und über den Mond und Jupiter, der nicht weit unterhalb des
+Mondes stand, hinabzurücken. Es war zwölf Uhr vierundfünfzig Minuten
+(wahre Zeit), als die Spitze des Bogens unter dem Horizont verschwand.
+Diese Bewegung eines farbigen Bogens setzte die wachhabenden Matrosen
+auf dem Oberlauf in Erstaunen; sie behaupteten, wie beim Erscheinen
+jedes auffallenden Meteors, »das bedeute Sturm.« Arago hat die Zeichnung
+dieses Bogens in meinem Reisetagebuche untersucht; nach seiner Ansicht
+hätte das im Wasser reflektirte Bild des Mondes keinen Hof von so großem
+Durchmesser geben können. Die Raschheit der Bewegung ist ein weiteres
+Moment, das diese Erscheinung, die alle Beachtung verdient, ebenso
+schwer erklärlich macht.
+
+Am 3. December. Man war unruhig, weil sich ein Fahrzeug sehen ließ, das
+man für einen Caper hielt. Als es auf uns zukam, sah man, daß es die
+Balandra del Frayle (Goelette des Mönchs) war. Was eine so seltsame
+Benennung sagen wollte, war mir unklar. Es war aber nur das Fahrzeug
+eines Missionärs vom Franciscanerorden (Frayle Observante), eines sehr
+reichen Pfarrers eines indianischen Dorfs in den Llanos von Barcelona,
+der seit mehreren Jahren einen kleinen, ziemlich einträglichen
+Schmuggelhandel mit den dänischen Inseln trieb. In der Nacht sahen
+Bonpland und mehrere andere Passagiere auf eine Viertels-Seemeile unter
+dem Wind eine kleine Flamme an der Meeresfläche, die gegen Südwest
+fortlief und die Luft erhellte. Man spürte keinen Erdstoß, keine
+Aenderung in der Richtung der Wellen. War es ein phosphorischer Schein,
+den eine große Masse faulender Mollusken verbreitete, oder kam die
+Flamme vom Meeresboden herauf, wie solches zuweilen in von Vulkanen
+erschütterten Seestrichen beobachtet worden seyn soll? Letztere Annahme
+scheint mir durchaus unwahrscheinlich. Vulkanische Flammen können nur
+dann aus den Wellen hervorbrechen, wenn der feste Boden des Meeres
+bereits emporgehoben ist, so daß Flammen und glühende Schlacken aus dem
+obern gewölbten und zerklüfteten Theil hervorkommen und nicht durch das
+Wasser selbst hindurchgehen.
+
+Am 4. December. Um zehn ein halb Uhr Morgens befanden wir uns unter dem
+Meridian des Vorgebirgs Bacco (Punta Abaccu), dessen Länge ich gleich
+76°7′50″ oder 90°3′2″ von Nueva Barcelona fand. Im Frieden laufen, nach
+dem alten Brauch der spanischen Schiffer, die Fahrzeuge, die zwischen
+Cumana oder Barcelona und der Havana mit Salzfleisch Handel treiben,
+durch den Canal von Portorico und über »den alten« Canal nördlich von
+Cuba; zuweilen gehen sie auch zwischen Cap Tiburon und Cap Morant durch
+und fahren an der Nordküste von Jamaica hin. In Kriegszeiten gelten
+diese Wege für gleich gefährlich, weil man zu lange im Angesicht des
+Landes bleibt. Aus Furcht vor den Capern fuhren wir daher, sobald wir
+den Parallel von 17 Grad erreicht hatten, gerade über die Bank Vibora,
+bekannter unter dem Namen Pedro Shoals. Diese Bank ist über 280
+Quadratseemeilen groß und ihr Umriß fällt dem Geologen stark ins Auge,
+weil derselbe mit dem des benachbarten Jamaica so große Aehnlichkeit
+hat. Es ist als hätte eine Erhebung des Meerbodens die Wasserfläche
+nicht erreichen können, um sofort eine Insel zu bilden, fast so groß wie
+Portorico. Seit dem fünften December glaubten die Steuerleute in großer
+Entfernung nach einander die Ranaseilande (Morant Kays), Cap Portland
+und Pedro Kays zu peilen. Wahrscheinlich irrte man sich bei mehreren
+dieser Peilungen vom Mastkorbe aus; ich habe dieser Bestimmungen
+anderswo Erwähnung gethan,[^192] nicht um sie gegen die Beobachtungen
+geübter englischer Seefahrer in diesen stark befahrenen Seestrichen
+aufzustellen, sondern allein, um die Punkte, die ich in den Wäldern am
+Orinoco und im Archipel der Antillen bestimmt, zu Einem System von
+Beobachtungen zu verknüpfen. Die milchigte Farbe des Wassers zeigte uns,
+daß wir uns am östlichen Rande der Bank befanden; der hunderttheilige
+Thermometer, der an der Meeresfläche weit ab von der Bank seit mehreren
+Tagen auf 27° und 27°3 gestanden hatte (bei einer Lufttemperatur von
+21°2), fiel schnell auf 25°7. Das Wetter war vom vierten bis zum
+sechsten December sehr schlecht; es regnete in Strömen, in der Ferne
+tobte ein Gewitter und die Windstöße aus Nordnordwest wurden immer
+heftiger. In der Nacht befanden wir uns eine Zeitlang in einer ziemlich
+bedenklichen Lage. Man hörte vor dem Vordertheil die See an Klippen
+branden, auf die das Schiff zulief. Beim phosphorischen Schein des
+schäumenden Meeres sah man, in welcher Richtung die Riffe lagen. Das sah
+fast aus wie der Raudal von Garcita und andere Stromschnellen, die wir
+im Bett des Orinoco gesehen. Der Capitän schob die Schuld weniger auf
+die Nachlässigkeit des Steuermanns, als auf die Mangelhaftigkeit der
+Seekarten. Es gelang das Schiff zu wenden, und in weniger als einer
+Viertelstunde waren wir außer aller Gefahr. Das Senkblei zeigte zuerst
+9, dann 12, dann 15 Faden. Wir legten die Nacht vollends bei; der
+Nordwind drückte den Thermometer auf 19°7 (15°7 Reaumur) herab. Am
+andern Tag fand ich nach chronometrischer Beobachtung in Verbindung mit
+der corrigirten Schätzung vom vorigen Tag, daß jene Klippen ungefähr
+unter 16°50′ der Breite und 80°43′49″ der Länge liegen. Die Klippe, an
+der das spanische Schiff el Monarca im Jahr 1798 beinahe zu Grunde
+gegangen wäre, liegt unter 16°44′ der Breite und 80°23′ der Länge, also
+viel weiter gegen Ost. Während wir von Südsüdost nach Nordnordwest über
+die Bank Vibora fuhren, versuchte ich es oft die Temperatur des
+Meerwassers an der Oberfläche zu messen. Mitten auf der Bank war die
+Abkühlung nicht so stark als an den Rändern, was wir den Strömungen
+zuschrieben, die in diesen Strichen die Wasser verschiedener Breiten
+mischen. Südwärts von Pedro Kays zeigte die Meeresfläche bei 25 Faden
+Tiefe 26°4, bei 15 Faden Tiefe 26°2. Oestlich von der Bank war die
+Temperatur der See 26°8 gewesen. Diese Versuche können in diesen
+Strichen nur dann genaue Resultate geben, wenn man sie zu einer Zeit
+anstellt, wo der Wind nicht aus Nord bläst und die Strömungen nicht so
+stark sind. Die Nordwinde und die Strömungen kühlen nach und nach das
+Wasser ab, selbst wo die See sehr tief ist. Südwärts vom Cap Corientes
+unter 20°43′ der Breite fand ich die Temperatur des Meeres an der
+Oberfläche 24°6, die der Luft 19°8. Manche amerikanische Schiffer
+versichern, zwischen den Bahamainseln merken sie oft, wenn sie in der
+Cajüte sitzen, ob sie sich über Untiefen befinden; sie behaupten, die
+Lichter bekommen kleine Höfe in den Regenbogenfarben und die
+ausgeathmete Luft verdichte sich zu sichtbarem Dunst. Letzteres Factum
+ist denn doch wohl zu bezweifeln; unterhalb dem 30. Grad der Breite ist
+die Erkältung durch das Wasser der Untiefen nicht bedeutend genug, um
+diese Erscheinung hervorzubringen. Während wir über die Bank Vibora
+liefen, war der Zustand der Luft ganz anders, als gleich nachdem wir sie
+verlassen hatten. Der Regen hielt sich innerhalb der Grenzen der Bank,
+und wir konnten von ferne ihren Umriß an den Dunstmassen erkennen, die
+darauf lagerten.
+
+Am 9. December. Je näher wir den Caymanseilanden[^193] kamen, desto
+stärker wurde wieder der Nordostwind. Trotz des stürmischen Wetters
+konnte ich einige Sonnenhöhen aufnehmen, als wir uns auf 12 Seemeilen
+Entfernung im Meridian des Gran-Cayman, der mit Cocosbäumen bewachsen
+ist, zu befinden glaubten. Ich habe anderswo die Lage des Gran-Cayman
+und der beiden Eilande ostwärts von demselben erörtert. Seit lange find
+diese Punkte auf unsern hydrographischen Karten sehr unsicher, und ich
+fürchte nicht glücklicher gewesen zu seyn als andere Beobachter, die
+ihre wahre Lage ausgemacht zu haben glaubten. Die schönen Karten des
+Deposito zu Madrid gaben dem Ostcap von Gran-Cayman zu verschiedenen
+Zeiten 82°58′ (von 1799—1804), 83°43′ (1809), wieder 82°59′ (1821).
+Letztere Angabe, die auf der Karte von Barcaiztegui aufgenommen ist,
+stimmt mit der überein, bei der ich stehen geblieben war; aber nach der
+Versicherung eines ausgezeichneten Seefahrers, des Contreadmirals
+Roussin, dem man eine ausgezeichnete Arbeit über die Küsten von
+Brasilien verdankt, scheint es jetzt ausgemacht, daß das westliche
+Vorgebirge von Gran-Cayman unter 83°45′ der Länge liegt.
+
+Das Wetter war fortwährend schlecht und die See ging ungemein hoch; der
+Thermometer stand zwischen 19°2 und 20°3 (15°4—16°2 Reaumur). Bei dieser
+niedrigen Temperatur wurde der Geruch des Salzfleisches, mit dem das
+Schiff beladen war, noch unerträglicher. Der Himmel zeigte zwei
+Wolkenschichten; die untere war sehr dick und wurde ausnehmend rasch
+gegen Südost gejagt, die obere stand still und war in gleichen Abständen
+in gekräuselte Streifen getheilt. In der Nähe des Cap San Antonio legte
+sich der Wind endlich. Ich fand die Nordspitze des Caps unter 87°17′22″,
+oder 2°34′14″ ostwärts vom Morro von Havana gelegen. Diese Länge geben
+demselben die besten Karten noch jetzt. Wir waren noch drei Seemeilen
+vom Lande, und doch verrieth sich die Nähe von Cuba durch einen
+köstlichen aromatischen Geruch. Die Seeleute versichern, wenn man sich
+dem Vorgebirge Catoche an der dürren Küste von Mexico nähere, sey kein
+solcher Geruch zu spüren. Sobald das Wetter heiterer wurde, stieg der
+Thermometer im Schatten nach und nach auf 27 Grad; wir rückten rasch
+nach Norden vor mittelst einer Strömung aus Süd-Süd-Ost, deren
+Temperatur an der Wasserfläche 26°7 betrug, während ich außerhalb
+derselben Strömung nur 24°6 gefunden hatte. In der Besorgniß, ostwärts
+von der Havana zu kommen, wollte man anfangs die Schildkröteninseln (Dry
+Tortugas) am Südwestende der Halbinsel Florida aufsuchen; aber seit Cap
+San Antonio in Sicht gewesen, hatten wir zu Louis Berthouds Chronometer
+so großes Zutrauen gefaßt, daß solches überflüssig erschien. Wir
+ankerten im Hafen der Havana am 19. December nach einer fünf und
+zwanzigtägigen Fahrt bei beständig schlechtem Wetter.
+
+Anmerkungen zur Transkription
+=============================
+
+Zwei Google-Digitalisate dienten als Vorlage, tesseract besorgte die OCR
+und pandoc die Konversion nach HTML, EPUB und TXT.
+
+Die Markdown-Source steht unter
+http://github.com/rwst/book-humboldt-reise zur Verfügung. Für
+Fehlermeldungen benutzen Sie bitte den dortigen Tracker.
+
+[^1]: Die drei letztgenannten Arten sind neu.
+
+[^2]: Zwei spanische Worte, die, entsprechend einer lateinischen Form,
+ Palmwälder (palmetum) und Fichtenwälder (pinetum) bedeuten.
+
+[^3]: Ich nenne hier die zwei von Ost nach West streichenden Bergketten,
+ welche zwischen dem 3°30′ nördlicher und dem 14° südlicher Breite
+ die Thäler oder Becken des Cassiquiare, Rio Negro und Amazonenstroms
+ begrenzen.
+
+[^4]: S. Bd. III. Seite 198.
+
+[^5]: S. Bd. III. Seite 390.
+
+[^6]: Es ist auffallend, daß der blaue Nil (Bahar el azrek) bei manchen
+ arabischen Geographen der grüne Nil heißt, und daß die persischen
+ Dichter zuweilen den Himmel grün (akhza), sowie den Beryll blau
+ (zark) nennen. Man kann doch nicht annehmen, daß die Völker vom
+ semitischen Stamm in ihren Sinneseindrücken grün und blau
+ verwechseln, wie nicht selten ihr Ohr die Vokale o und u, e und i
+ verwechselt. Das Wort azrek wird von jedem sehr klaren, nicht
+ milchigten Wasser gebraucht, und abirank (wasserfarbig) bedeutet
+ blau. Abd-Allatif, wo er vom klaren grünen Arm des Nils spricht, der
+ aus einem See im Gebirge südöstlich von Sennaar entspringt, schreibt
+ bereits die grüne Farbe dieses Alpsees »vegetabilischen Substanzen
+ zu, die sich in den stehenden Wassern in Menge finden.« Weiter oben
+ (Bd. III. Seite 266) habe ich die gefärbten, unrichtig aguas negras
+ genannten Wasser ebenso erklärt. Ueberall sind die klarsten,
+ durchsichtigsten Wasser gerade solche, die nicht weiß sind.
+
+[^7]: Eine Hütte aus einem angebauten Grundstück, eine Art Landhaus, wo
+ sich die Eingeborenen lieber aufhalten als in den Missionen.
+
+[^8]: En el monte. Man unterscheidet zwischen Indianern, die in den
+ Missionen, und solchen die in den Wäldern geboren sind. Das Wort
+ Monte wird in den Colonien häufiger für Wald (bosque) gebraucht als
+ für Berg, und dieser Umstand hat auf unsern Karten große Irrthümer
+ veranlaßt, indem man Bergletten (sierras) einzeichnete, wo nichts
+ als dicker Wald, monte espesoso, ist.
+
+[^9]: Einige Fälle, wo von Negern auf Tuba Kinder geraubt wurden, gaben
+ in den spanischen Colonien Anlaß zum Glauben, als gebe es unter den
+ afrikanischen Völkerschaften Anthropophagen. Einige Reisende
+ behaupten solches, es wird aber durch Barrow’s Beobachtungen im
+ innern Afrika widerlegt. Abergläubische Gebräuche mögen Anlaß zu
+ Beschuldigungen gegeben haben, die wohl so ungerecht sind als die,
+ unter denen in den Zeiten der Intoleranz und der Verfolgungssucht
+ die Juden zu leiden hatten.
+
+[^10]: Cardinal Bembo sagt: »Insularum partem homines incolebant feri
+ trucesque, qui puerorum et virorum carnibus, quos allüs in insulis
+ bello aut latrocinüs coepissent, vescebantur; a feminis abstinebant,
+ Canibales appellati.« Ist das Wort Cannibale, das hier von den
+ Caraiben auf den Antillen gebraucht wird, aus einer der Sprachen
+ dieses Archipels (der haitischen) oder hat man es in einer Mundart
+ zu suchen, die in Florida zu Hause ist, das nach einigen Sagen die
+ ursprüngliche Heimath der Caraiben seyn soll? Hat das Wort überhaupt
+ einen Sinn, so scheint es vielmehr »starke, tapfere Fremde« als
+ Menschenfresser zu bedeuten. Garcia in seinen etymologischen
+ Phantasieen erklärt es geradezu für phönikisch. Annibal und Cannibal
+ können nach ihm nur von derselben semitischen Wurzel herkommen.
+
+[^11]: Abd-Allatif, Médecin de Bagdad, Relation de l’Égypte, trad. par
+ Silvestre de Sacy. —- »Als die Armen anfingen Menschenfleisch zu
+ essen, war der Abscheu und das Entsetzen über so gräßliche Gerichte
+ so groß, daß von nichts als von diesen Greueln gesprochen wurde; man
+ gewöhnte sich aber in der Folge dergestalt daran und man fand so
+ großen Geschmack an der entsetzlichen Speise, daß man reiche und
+ ganz ehrbare Leute sie für gewöhnlich genießen, zum Festessen
+ machen, ja Vorräthe davon anlegen sah. Es kamen verschiedene
+ Zubereitungsarten des Fleisches auf, und da der Brauch einmal
+ bestand, verbreitete er sich auch über die Provinzen, so daß aller
+ Orten in Egypten Fälle vorkamen. Und da verwunderte man sich gar
+ nicht mehr darüber; das Entsetzen, das man zu Anfang darob
+ empfunden, schwand ganz und gar, und man sprach davon und hörte
+ davon sprechen als von etwas Gleichgültigem und Alltäglichem. Die
+ Suche, einander aufzuessen, griff unter den Armen dergestalt um
+ sich, daß die meisten auf diese Weise umkamen. Die Gierenden
+ brauchten alle möglichen Listen, um Menschen zu überfallen oder sie
+ unter falschem Vorgeben zu sich ins Haus zu locken. Von den Aerzten,
+ die zu mir kamen, verfielen drei diesem Loos, und ein Buchhändler,
+ der Bücher an mich verkaufte, ein alter, sehr fetter Mann, fiel in
+ ihre Netze und kam nur mit knapper Noth davon. Alle Vorfälle, von
+ denen wir als Augenzeugen berichten, sind uns zufällig vor Augen
+ gekommen, denn meist gingen wir einem Anblick aus dem Wege, der uns
+ mit solchem Entsetzen erfüllte.«
+
+[^12]: »Es gibt Regen, weil man die Gießbäche näher rauschen hört,«
+ heißt es in den Alpen wie in den Anden. Deluc hat die Erscheinung
+ dadurch zu erklären versucht, daß in Folge eines Wechsels im
+ barometrischen Druck mehr Luftblasen an der Wasserfläche platzen.
+ Diese Erklärung ist so gezwungen als unbefriedigend. Ich will ihr
+ keine andere Hypothese entgegenstellen, ich mache nur darauf
+ aufmerksam, daß die Erscheinung auf einer Modifikation der Luft
+ beruht, welche auf die Schallwellen und auf die Lichtwellen zumal
+ Einfluß äußert. Wenn die Verstärkung des Schalls als Wetterzeichen
+ gilt, so hängt dieß ganz genau damit zusammen, daß man der
+ geringeren Schwächung des Lichts dieselbe Bedeutung beilegt. Die
+ Aelpler behaupten mit Zuversicht, das Wetter ändere sich, wenn bei
+ ruhiger Luft die mit ewigem Schnee bedecken Alpen dem Beobachter auf
+ einmal nahe gerückt scheinen und sich ihre Umrisse ungewöhnlich
+ scharf vom Himmelsblau abheben. Was ist die Ursache, daß in den
+ vertikalen Luftschichten der Mangel an Homogeneität so rasch
+ aufgehoben wird?
+
+[^13]: Simia chiropotes, eine neue Art.
+
+[^14]: Zu 950 Toisen.
+
+[^15]: Orellana hat auf dem Amazonenstrom dieselbe Beobachtung gemacht.
+
+[^16]: Es ist dieß eine 80 Meilen breite Oeffnung, die einzige, durch
+ welche die vereinigten Becken des obern Orinoco und des
+ Amazonenstroms mit dem Becken des untern Orinoco oder den Llanos von
+ Venezuela in Verbindung stehen. Wir betrachten diese Oeffnung
+ geologisch als ein détroit terrestre, als eine Land-Meerenge, weil
+ sie macht, daß aus einem dieser Becken in das andere Gewässer
+ strömen, und weil ohne sie die Bergkette der Parime, die, gleich den
+ Ketten des Küstenlandes von Caracas und denen von Mato-Grosso oder
+ Chiquitos, von Ost nach West streicht, unmittelbar mit den Anden von
+ Neu-Grenada zusammenhinge. (S. Bd. II. Seite 379.)
+
+[^17]: Hänge, die in entgegengesetzter Richtung gegen den Horizont
+ geneigt sind.
+
+[^18]: Eine Oberfläche zehnmal größer als Frankreich.
+
+[^19]: Es gibt 1) oceanische Deltas, wie an den Mündungen des Orinoco,
+ des Rio Magdalena, des Ganges; 2) Deltas an den Ufern von
+ Binnenmeeren, wie die des Oxus und Sihon; 3) Deltas von
+ Nebenflüssen, wie an den Mündungen des Apure, des Arauca und des Rio
+ Branco. Fließen mehrere untergeordnete Gewässer in der Nähe der
+ Deltas von Nebenflüssen, so wiederholt sich im Binnenland ganz, was
+ im Küstenland an den oceanischen Deltas vorgeht. Die einander
+ zunächst gelegenen Zweige theilen sich ihre Gewässer mit und bilden
+ ein Flußnetz, das zur Zeit der großen Ueberschwemmungen fast
+ unkenntlich wird.
+
+[^20]: Südöstlich von Bornou und dem See Nou, in dem Theile von Soudan,
+ wo, nach den letzten Ermittelungen meines unglücklichen Freundes
+ Ritchie, der Niger den Shary aufnimmt und sich in den weißen Nil
+ ergießt.
+
+[^21]: Der Sutledge, der Gogra, der Gunduk, der Arun, der Teesla und der
+ Buramputer laufen durch Querthäler, d. h. senkrecht auf die große
+ Achse der Himalayakette. Alle diese Flüsse durchbrechen also die
+ Kette, wie der Amazonenstrom, der Paute und der Pastaza die
+ Cordillere der Anden.
+
+[^22]: S. Bd. III. Seite 359.
+
+[^23]: Pater Caulin, der im Jahr 1759 schrieb, obgleich sein
+ wahrheitgetreues, sehr werthvolles Buch (Historia corografica de la
+ Nueva Andalusia y vertientes del Rio Orinoco) erst 1779 erschien,
+ bestreitet mit vielem Scharfsinn die Vorstellung, daß eine Bergkette
+ jede Verbindung zwischen den Betten des Orinoco und des
+ Amazonenstroms ausschließe. »Pater Gumillas Irrthum,« sagt er,
+ »besteht darin, daß er sich vorstellt, Von den Grenzen von
+ Neu-Grenada bis Cayenne müsse sich eine Cordillere ununterbrochen,
+ wie eine ungeheure Mauer fortziehen. Er beachtet nicht, daß
+ Bergketten häufig von tiefen (Quer-) Thälern durchschnitten sind,
+ während sie, aus der Ferne gesehen, sich als contiguas ò indivisas
+ darstellen.«
+
+[^24]: S. Bd. III. Seite 86.
+
+[^25]: Von rescatar, loskaufen.
+
+[^26]: Lepidamente, al suo solito, sagt der Missionär Gili.
+
+[^27]: General Ituriaga, der zuerst in Muitaco oder Real Corona, später
+ in Cabruta krank lag, wurde schon im Jahr 1760 vom portugiesischen
+ Obristen Don Gabriel de Sousa y Figueira besucht, der von Gran-Para
+ aus gegen 900 Meilen im Canoe zurückgelegt hatte. Der schwedische
+ Botaniker Löfling, der dazu ausersehen war, die Grenzexpedition auf
+ Kosten der spanischen Regierung zu begleiten, häufte in seiner
+ lebhaften Phantasie die Verzweigungen der großen Ströme Südamerikas
+ dergestalt, daß er überzeugt war, er konnte aus dem Rio Negro und
+ dem Amazonenstrom in den Rio de la Plata fahren.
+
+[^28]: Die Karte von la Cruz liegt allen neuen Karten von Amerika zu
+ Grunde. (Mapa geografica de America meridional por D. Juan de la
+ Cruz Cano y Olmedilla. 1775.) Die Originalausgabe, die ich besitze,
+ ist desto seltener, als, wie man allgemein glaubt, die Kupferplatten
+ auf Befehl eines Colonialministers zerbrochen worden sind, weil
+ derselbe besorgte, die Karte möchte allzu genau seyn. Ich kann
+ versichern, daß sie diesen Vorwurf nur hinsichtlich weniger Punkte
+ verdient.
+
+[^29]: In großen Dingen (bei außerordentlichen Naturerscheinungen) gehen
+ Neuheit und Unglauben Hand in Hand.
+
+[^30]: Dorf in der Provinz Jaen de Bracamoros.
+
+[^31]: Schon Oviedo rühmt das Seewasser als Gegengift gegen
+ vegetabilische Gifte. In den Missionen verfehlt man nicht, den
+ europäischen Reisenden alles Ernstes zu versichern, mit Salz im Mund
+ habe man in Curare getauchte Pfeile so wenig zu fürchten, als die
+ Schläge des Gymnotus, wenn man Tabak kaue. Ralegh empfiehlt
+ Knoblauchsaft als Gegengift gegen das Ourari (Curare).
+
+[^32]: Kurz nach unserer Rückkehr nach Europa kam in Deutschland nach
+ einer geistvollen Zeichnung Schicks in Rom ein Kupferstich heraus,
+ eines unserer Nachtlager am Orinoco vorstellend. Im Vordergrund sind
+ Indianer beschäftigt einen Affen zu braten.
+
+[^33]: Schon die glatte Oberfläche der Blaserohre beweist, daß sie von
+ keinem Gewächs aus der Familie der Schirmpflanzen kommen können.
+
+[^34]: Der Caricillo del Manati, der an den Ufern des Orinoco in Menge
+ wächst, wird 8 bis 12 Fuß lang.
+
+[^35]: Diese Völker, die noch roher waren, ais die Eingeborenen am
+ Orinoco, dörrten geradezu die frischen Fische an der Sonne. Bei
+ ihnen hatte der Fischteig die Form von Backsteinen, und man setzte
+ zuweilen den aromatischen Samen des Paliurus (Rhamnus) zu, gerade
+ wie man in Deutschland und andern nördlichen Ländern Kümmel und
+ Fenchel in das Brod thut.
+
+[^36]: S. Bd. I. Seite 330
+
+[^37]: S. Bd. III. Seite 389.
+
+[^38]: Die dunkelfarbigsten (man könnte fast sagen die schwärzesten)
+ Spielarten der amerikanischen Race sind die Otomaken und die Guamos,
+ und sie haben vielleicht zu den verworrenen Vorstellungen von
+ amerikanischen Negern, die in der ersten Zeit der Eroberung in
+ Europa verbreitet waren, Anlaß gegeben. Was waren die Negros de
+ Quareca, die Gomara auf denselben Isthmus von Panama versetzt, woher
+ uns zuerst die albernen Geschichten von einem Volk von Albinos in
+ Amerika zugekommen? Liest man die Geschichtschreiber aus dem Anfang
+ des sechzehnten Jahrhunderts mit Aufmerksamkeit, so sieht man, daß
+ durch die Entdeckung von Amerika, wodurch auch eine neue
+ Menschenrace entdeckt worden war, die Reisenden großes Interesse für
+ die Abarten unseres Geschlechts gewonnen hatten. Hätte nun unter den
+ kupferfarbigen Menschen eine schwarze Race gelebt, wie auf den
+ Inseln der Südsee, so hätten die Conquistadoren sich sicher bestimmt
+ darüber ausgesprochen. Zudem kommen in den religiösen
+ Ueberlieferungen der Amerikaner in ihren heroischen Zeiten wohl
+ weiße bärtige Männer als Priester und Gesetzgeber vor, aber in
+ keiner dieser Sagen ist von einem schwarzen Volksstamm die Rede.
+
+[^39]: Don Manuel Centurion, Governador y Comendante general de la
+ Guayana von 1766—1777.
+
+[^40]: Dieß ist der indianische Name des obern Orinoco. S. Bd. III.
+ Seite 286.
+
+[^41]: S. Bd. III. Seite 320.
+
+[^42]: Diese drei Punkte liegen auf den Grenzen der Missionen am Rio
+ Carony, am Rio Caura und am obern Orinoco.
+
+[^43]: Daß die großen Jaguars in einem Lande, wo es kein Vieh gibt, so
+ häufig sind, ist ziemlich auffallend. Die Tiger am obern Orinoco
+ führen ein elendes Leben gegenüber denen in den Pampas von Buenos
+ Ayres, in den Llanos von Caracas und auf andern mit Heerden von
+ Hornvieh bedeckten Ebenen. In den spanischen Colonien werden
+ jährlich über 4000 Jaguars erlegt, von denen manche die mittlere
+ Größe des asiatischen Königstigers erreichen. Buenos Ayres führte
+ früher 2000 Jaguarhäute jährlich aus, die bei den Pelzhändlern in
+ Europa »große Pantherfelle« heißen.
+
+[^44]: Gmelin zählt dieses Thier unter dem Namen Felis discolor auf. Es
+ ist nicht zu verwechseln mit dem großen amerikanischen Löwen, Felis
+ concolor, der vom kleinen Löwen (Puma) der Anden von Quito sehr
+ verschieden ist.
+
+[^45]: S. Bd. III.
+
+[^46]: Am 18. April 1749. Nicolaus Hortsmann schrieb Tag für Tag an Ort
+ und Stelle auf, was ihm Bemerkenswerthes vorgekommen. Er verdient um
+ so mehr Zutrauen, da er, höchst mißvergnügt, daß er nicht gefunden,
+ was er gesucht (den See Dorado und Gold- und Diamantengruben), auf
+ Alles, was ihm unterwegs vorkommt, mit Geringschätzung zu blicken
+ scheint.
+
+[^47]: Es ist dieß das Atonatiuh der Mexicaner, das vierte Zeitalter,
+ die vierte Erneuerung der Welt.
+
+[^48]: S. Bd. III. Seite 61.
+
+[^49]: S. Bd. III. Seite 61.
+
+[^50]: Creuzer, Symbolik, III. 89.
+
+[^51]: S. Bd. III. Seite 254.
+
+[^52]: S. Bd. III. Seite 281, 300.
+
+[^53]: Es ist dieß nicht Cuviers Ourax (Crax Pauxi, Lin.), sondern der
+ Crax alector.
+
+[^54]: S. Bd. III. Seite 267.
+
+[^55]: S. Bd. III. Seite 104.
+
+[^56]: S. Bd. III. Seite 232.
+
+[^57]: S. Bd. III. Seite 219.
+
+[^58]: S. Bd. III. Seite 221.
+
+[^59]: S. Bd. II. Seite 81.
+
+[^60]: S. Bd. II. Seite 61.
+
+[^61]: S. Bd. III. Seite 41.
+
+[^62]: Diese Berechnung gründet sich auf den Quint, der in den Jahren
+ 1576 und 1592 an das Schatzamt (caxas reales) von Truxillo bezahlt
+ wurde. Die Register sind noch vorhanden. In Persien, in Hochasien,
+ in Egypten, wo man auch Gräber aus sehr verschiedenen Zeitaltern
+ öffnet, hat man, so viel ich weiß, niemals Schätze von Belang
+ entdeckt.
+
+[^63]: S. Bd. III. Seite 380.
+
+[^64]: Eine Art Mumien und Skeletie in Körben wurden vor Kurzem in den
+ Vereinigten Staaten in einer Höhle entdeckt. Sie sollen einer
+ Menschenart angehören, die mit der auf den Sandwichsinseln
+ Aehnlichkeit hat. Die Beschreibung dieser Gräber erinnert
+ einigermaßen an das, was ich in den Gräbern von Ataruipe beobachtet.
+ — Die Missionäre in den Vereinigten Staaten beklagen sich über den
+ Gestank, den die Nanticokes verbreiten, wenn sie mit den Gebeinen
+ ihrer Ahnen umherziehen.
+
+[^65]: S. Bd. III. Seite 172.
+
+[^66]: S. Bd. III. Seite 20.
+
+[^67]: S. Bd. III. Seite 132.
+
+[^68]: S. Bd. III. Seite 44.
+
+[^69]: S. Bd. IV. Seite 47.
+
+[^70]: S. Bd. III. Seite 82.
+
+[^71]: Der Nil hat von Cairo bis Rosette auf einer Strecke von 59 Meilen
+ nur 4 Zoll Fall auf die Meile.
+
+[^72]: Diese Steinbutter ist nicht zu verwechseln mit der Bergbutter,
+ einer salzigten Substanz, die aus der Zersetzung des Alaunschiefers
+ entsteht.
+
+[^73]: Bucaro, vas fictile odoriferum. Man trinkt gerne aus diesen
+ Gefäßen wegen des Geruchs des Thons. Die Weiber in der Provinz
+ Alemtejo gewöhnen sich an, die Bucaroerde zu kauen, und sie
+ empfinden es als eine große Entbehrung, wenn sie dieses abnorme
+ Gelüste nicht befriedigen können.
+
+[^74]: Maypurisch Nupa; die Missionäre sagen Nopo.
+
+[^75]: S. Bd. III. Seite 356.
+
+[^76]: Das Wort Tabak (tabacco) gehört, wie die Worte Savane, Mais,
+ Cazike, Maguey (Agave) und Manati (Seekuh), der alten Sprache von
+ Haiti oder St. Domingo an. Es bedeutete eigentlich nicht das Kraut,
+ sondern die Röhre, das Werkzeug, mittelst dessen man den Rauch
+ einzog. Es muß auffallen, daß ein so allgemein verbreitetes
+ vegetabilisches Produkt bei benachbarten Völkern verschiedene Namen
+ hatte.
+
+[^77]: Die Spanier lernten den Tabak am Ende des sechzehnten
+ Jahrhunderts auf den Antillen kennen. Ich habe oben bemerkt (Bd. II.
+ Seite 320), daß der Anbau dieses narcotischen Gewächses um 120 bis
+ 140 Jahre älter ist als die segensreiche Anpflanzung der Kartoffel.
+ Als Ralegh im Jahr 1586 den Tabak aus Virginien nach England
+ brachte, gab es in Portugal bereits ganze Felder voll davon.
+
+[^78]: Die merkwürdige Stelle lautet bei Camden, Annal. Elizab. p. 143.
+ (1585) wie folgt: »Ex illo sane tempore (tabacum) usu cepit esse
+ creberrimo in Anglia et magno pretio, dum quamplurimi graveolentem
+ illius fumum per tubulum testaceum hauriunt et mox e naribus
+ afflant, adeo ut Anglorum corpora in barbarorum naturam degenerasse
+ videantur, quum iidem ac barbari delectentur.« Man sieht aus dieser
+ Stelle, daß man durch die Nase rauchte, während man am Hofe
+ Montezumas in der einen Hand die Pfeife hatte und mit der andern die
+ Nase zuhielt, um den Rauch leichter schlucken zu können.
+
+[^79]: Sie hocken im Kreise umher; zuerst heult einer allein und dann
+ fallen die andern im selben Tone ein. Gerade so heulen die Rudel von
+ Alouatos, unter denen die Indianer den »Vorsänger« herauskennen,
+ (vgl. Bd. III. Seite 360). In Mexico wurde der stumme Hund
+ (Techichi) verschnitten, damit er fett werde, und dieß mußte zur
+ Veränderung des Stimmorgans des Hundes beitragen.
+
+[^80]: S. Bd. III. Seite 67.
+
+[^81]: S. Bd. II. Seite 412. III. 81.
+
+[^82]: S. Bd. III. Seite 399.
+
+[^83]: S. über den Rio Caura Bd. III. 158. IV. 117. 133. 142.
+
+[^84]: S. Bd. III. Seite 114, 125.
+
+[^85]: Die Hauptkirche von Santo Thome de la Nueva Guayana, gemeiniglich
+ Angostura, oder der Engpaß genannt, liegt nach meinen Beobachtungen
+ unter 8°8′11″ der Breite und 66°15′21″ der Länge.
+
+[^86]: Trapiche, Eigenthum von Don Felix Fereras.
+
+[^87]: Daß es eine Stadt Angostura gebe, erfuhr man in Europa durch den
+ Handel der Catalonier mit der China vom Rio Carony, welche die
+ heilkräftige Rinde der Bonplandia trifoliata ist. Da diese Rinde von
+ Nueva Guayana kam, so nannte man sie corteza oder cascarilla del
+ Angostura, cortex Angosturae. Die Botaniker wußten so wenig, woher
+ diese geographische Benennung rührte, daß sie Anfangs Angustura und
+ dann Augusta schrieben.
+
+[^88]: Ich fand denselben 889 Toisen breit. S. Bd. III. Seite 83.
+
+[^89]: S. Bd. III. Seite 25.
+
+[^90]: Die Frucht der Carica Papaya.
+
+[^91]: Man sollte es kaum glauben, daß während meines Aufenthalts in
+ Angostura die Gesammtvertheidigungsmittel der Provinz aus 7 lanchas
+ canoneras und 600 Mann aller Farben und Waffengattungen bestanden,
+ eingerechnet die sogenannten Garnisonen der vier Grenzforts, der
+ destacamentos von Nueva Guayana, San Carlos del Rio Negro, Guirior
+ und Cuyuni.
+
+[^92]: Von Süd nach Nord auf 22 Breitegrade.
+
+[^93]: Von West nach Ost auf 13 Längengrade.
+
+[^94]: Im Jahr 1768 hatte Angostura nur 500 Einwohner. Eine im Jahr 1780
+ vorgenommene Zählung ergab 1513 (nämlich 455 Weiße, 449 Neger, 363
+ Mulatten und Zambos, 246 Indianer). Im Jahr 1789 war die Bevölkerung
+ auf 4590 und 1800 auf 6600 Seelen gestiegen. Der Hauptort der
+ englischen Colonie Demerary, die Stadt Stabrock, liegt nur 50 Meilen
+ südostwärts von der Mündung des Orinoco. Sie hat, nach Bolingbrok,
+ gegen 10,000 Einwohner.
+
+[^95]: S. Bd. III. Seite 3.
+
+[^96]: S. über diese Deltas von Nebenflüssen gegenüber den oceanischen
+ Deltas Bd. III. 6. IV. 47. 163.
+
+[^97]: Das nahrhafte Satzmehl oder farine médullaire der Sagobäume
+ findet sich vorzugsweise bei einer Gruppe von Palmen, die Kunth
+ Calameen nennt; es kommt indessen auch in den Stämmen von Cycas
+ revoluta, Pheni farinifera, Corypha umbraculifera und Caryoa urens
+ vor und wird im indischen Archipel von diesen Bäumen gesammelt und
+ in den Handel gebracht. Der ächte asiatische Sagobaum (Sagus
+ Rumphii, oder Metroxylon Sagu, Roxburgh) gibt mehr Nahrungsstoff als
+ alle andern nutzbaren Gewächse. Von einem einzigen Stamm gewinnt man
+ im fünfzehnten Jahr zuweilen 600 Pfund Sago oder Mehl, (denn das
+ Wort Sagu bedeutet im amboinischen Dialekt Mehl). Crawfurd, der sich
+ so lange auf dem indischen Archipel aufgehalten hat, berechnet, daß
+ auf einem englischen Acre (4029 Quadratmeter) 435 Sagobäume wachsen
+ können, die über 8000 Pfund Mehl jährlich geben. Dieser Ertrag ist
+ dreimal so hoch als beim Getreide, und doppelt so hoch als bei der
+ Kartoffel in Frankreich. Die Bananen geben auf derselben Bodenfläche
+ noch mehr Nahrungsstoff als der Sagobaum.
+
+[^98]: S. S. 70.
+
+[^99]: Simeon Sisanites, ein Syrier, war der Stifter dieser Sekte. Er
+ brachte in mystischer Beschaulichkeit 37 Jahre auf fünf Säulen zu,
+ von denen die letzte 36 Ellen hoch war. Die Säulenheiligen, sancti
+ columnares, wollten auch in Deutschland, im Trierschen, ihre
+ luftigen Klöster einführen, aber die Bischöfe widersetzten sich
+ einem so tollen, halsbrecherischen Unternehmen.
+
+[^100]: S. Seite 47.
+
+[^101]: S. die oben entwickelte Theorie Bd. III. Seite 13.
+
+[^102]: In Asien laufen der Ganges, der Buramputer und die
+ majestätischen indisch-chinesischen Flüsse dem Aequator zu. Die
+ ersteren kommen aus der gemäßigten Zone in die heiße. Der Umstand,
+ daß die Flüsse entgegengesetzte Richtungen haben (dem Aequator oder
+ den gemäßigten Erdstrichen zu), äußert Einfluß auf den Eintritt und
+ die Größe der Ueberschwemmungen, auf die Art und die
+ Mannigfaltigkeit der Produkte längs der Ufer, auf die größere oder
+ geringere Lebhaftigkeit des Handels, und, darf ich nach dem, was wir
+ über die Völker Egyptens, Meroes und Indiens wissen, wohl sagen, auf
+ den Gang der Cultur die Stromthäler entlang.
+
+[^103]: S. Bd. III. Seite 370.
+
+[^104]: Strabo, Lib. XVII. Diodorus Siculus Lib. I. c. 5.
+
+[^105]: Etwa 40 bis 50 Tage nach dem Sommersolstitium.
+
+[^106]: Etwa 80 bis 90 Tage nach dem Sommersolstitium.
+
+[^107]: Der Apure für sich hat einen Fall von 13 Zoll auf die Seemeile.
+ S. Bd. III. Seite 49.
+
+[^108]: S. Seite 113.
+
+[^109]: Von Benedikt XIII. zum Bischof für die vier Welttheile (obispo
+ para los quatro partes del mundo) geweiht.
+
+[^110]: Kleine Hochebenen zwischen den Bergen bei Upata, Cumamu und
+ Tupuquen scheinen über 150 Toisen Meereshöhe zu haben.
+
+[^111]: El Dorado, d. h. el rey ó hombre dorodo. S. Bd. III. Seite 398.
+
+[^112]: S. Bd. I. 329. II. 245. III. 366.
+
+[^113]: S. Seite 194.
+
+[^114]: S. Bd. III. Seite 352 ff.
+
+[^115]: S. Seite 73.
+
+[^116]: Dieß ist auch Walkenaers und Malte Bruns Ansicht.
+
+[^117]: Carte de l’Amérique, dressé sur les observations de Mr. de
+ Humboldt, par Fried. Wien 1818.
+
+[^118]: Diese periodischen Ueberschwemmungen des Rio Paraguay haben in
+ der südlichen Halbkugel lange dieselbe Rolle gespielt wie der See
+ Parime in der nördlichen. Hondius und Sanson ließen aus der Lugano
+ de los Xarayes den Rio de la Plata, den Rio Topajos (einen Nebenfluß
+ des Amazonenstroms), den Rio Tocantinos und den Rio de San Francisco
+ entspringen.
+
+[^119]: Survilles See, der für den See Amucu steht.
+
+[^120]: Der See, den Surville Laguna tenida hasta ahora por la Laguna
+ Parime nennt.
+
+[^121]: S. Bd. III. Seite 392 ff.
+
+[^122]: S. Seite 189 ff.
+
+[^123]: S. Bd. III, Seite 356.
+
+[^124]: Gerade wie im alten Reiche Meroe, in Tibet, und wie« der Dairi
+ und der Kubo in Japan.
+
+[^125]: S. Bd. I. Seite 233
+
+[^126]: Im Peruvianischen oder dem Oquichua (*Lengua del Inga) heißt
+ Gold Cori, woher Chichicori, Goldstaub, und Corikoya, Golderz
+
+[^127]: S. Bd. III. Seite 61.
+
+[^128]: S. Seite 222ff.
+
+[^129]: S. Seite 226
+
+[^130]: S. Bd. II. Seite 12.
+
+[^131]: Gestorben im Jahr 1512, wie Munnoz aus Urkunden in den Archiven
+ von Simancas erwiesen hat.
+
+[^132]: Auf den Karten, die dem Ptolemäus von 1506 beigegeben sind,
+ sieht man noch keine Spur von den Entdeckungen des Columbus.
+
+[^133]: S. Seite 54.
+
+[^134]: Es ist dieß der mexicanische Dorado, wo man auf den Küsten
+ Schiffe voll Waaren aus Catayo (China) gefunden haben wollte, und wo
+ Fray Marcos (wie Hutten im Lande der Omaguas) die vergoldeten Dächer
+ einer großen Stadt, einer der Siete Ciudades, von weitem sah. Die
+ Einwohner haben große Hunde, en los quales quando se mudan cargan su
+ menage. Spätere Entdeckungen lassen übrigens keinen Zweifel, daß
+ dieser Landstrich früher ein Mittelpunkt der Cultur war.
+
+[^135]: Die große Achse des eigentlichen Sees Parime war von Ost nach
+ West gerichtet
+
+[^136]: Im Werth von 65,878,000 Francs.
+
+[^137]: Billarica liegt 650 Toisen hoch, aber das große Plateau der
+ Capitania Minas Geraes nur 300.
+
+[^138]: S. Bd. II. Seite 366ff.
+
+[^139]: S. Seite 192.
+
+[^140]: Combretum guayca
+
+[^141]: S. Bd. III. Seite 331.
+
+[^142]: S. Bd. I. Seite 198, 216. II. 87, 389.
+
+[^143]: Zu welcher Gattung gehören die Würmer (arabisch Loul), welche
+ Capitän Lyon, der Reisebegleiter meines muthigen, unglücklichen
+ Freundes Ritchie, in der Wüste Fezzan in Lachen gesunden, die von
+ den Arabern gegessen werden und wie Caviar schmecken? Sollten es
+ nicht Insekteneier seyn, ähnlich dem Aguautle, den ich in Mexico auf
+ dem Markt habe verkaufen sehen und der an der Oberfläche des Sees
+ Tezcuco gefischt wird?
+
+[^144]: Nuestra Señora del Socorro del Cari, gegründet im Jahr 1761.
+
+[^145]: Diese Missionäre nennen sich Padres Missioneros Observantes del
+ Colegio de la purissima Conception de propaganda fide en la Nueva
+ Barcelona.
+
+[^146]: S. Bd. III. Seite 95.
+
+[^147]: S. Bd. III. Seite 275, 378.
+
+[^148]: Diese Skelette wurden im Jahr 1805 von Cortes gefunden. Sie sind
+ in einer Madreporen-Breccie eingeschlossen, welche die Neger sehr
+ naiv maçonne bon Dieu nennen, und die, neuer Formation wie der
+ italienische Travertin, Topfscherben und andere Produkte der
+ Menschenhand enthält. Dauxiou Lavaysse und Dr. König machten in
+ Europa zuerst diese Erscheinung bekannt, die eine Zeit lang die
+ Aufmerksamkeit der Geologen in Anspruch nahm
+
+[^149]: Cicero de oratore. Lib. III. c. 12.
+
+[^150]: Ich gebe hier einige Beispiele von diesem Unterschied zwischen
+ der Sprache der Männer (M) und der Weiber (W): Insel oubao (M),
+ acaera (W); Mensch ouekelli (M), eyeri (W); Mais ichen (M), atica
+ (W).
+
+[^151]: Karte des Hondius von 1599, die der lateinischen Ausgabe von
+ Raleghs Reisebeschreibung beigegeben ist. In der holländischen
+ Ausgabe heißen die Llanos von Caracas zwischen den Gebirgen von
+ Merida und dem Rio Pao »Caribana.« Man sieht hier wieder, was so oft
+ in der Geschichte der Geographie vorkommt, daß eine Benennung
+ allmählig von West nach Ost gerückt wurde.
+
+[^152]: Vespucci sagt: Se eorum lingua Charaibi, hoc est magnae
+ sapientiae viros vocantes.
+
+[^153]: Wilhelm von Humboldt: »Urbewohner Hispaniens«, Seite 167.
+
+[^154]: Wenn ich das Wort Autochthone brauche, so will ich damit
+ keineswegs aussprechen, daß die Völker hier geschaffen worden, was
+ gar nicht Sache der Geschichte ist, sondern nur so viel sagen, daß
+ wir von keinem andern Volke wissen, das älter wäre als das
+ autochthone.
+
+[^155]: S.Bd. III. Seite 261. 275. 278. IV. 218.
+
+[^156]: Ich führe als Beispiel nur eine vom berühmten Pater Camper
+ gezeichnete Tafel an: Viri adulti cranium ex Caraibensium insula
+ Sancti Vicenti in Museo Clinii asservatum, 1785.
+
+[^157]: Dati erant in preaedam Caribes ex diplomate regio. Missus est
+ Johannes Poncius, qui Caribum terras depopuletur et in servitutem
+ obscoenos hominum voratores redigat. Anghiera, Decas. I. Lib. 1.
+ Dec. III. Lib. 6.
+
+[^158]: Wilhelm von Humboldt, ȟber das vergleichende Sprachstadium in
+ Beziehung auf die verschiedenen Epochen der Sprachentwicklung.« (S.
+ 13). S. auch Bd. II. Seite 28—47.
+
+[^159]: S. Bd. III. Seite 275. 378. 393.
+
+[^160]: Die Quippos oder Schnüre der Völker im obern Louisiana heißen
+ Wampum. Anghiera (Dec. III. Lib. 9.) erzählt einen sehr merkwürdigen
+ Fall, aus dem hervorzugehen scheint, daß die umherziehenden Caraiben
+ mit gebundenen Büchern, wie denen der Mexicaner und den unsern,
+ nicht ganz unbekannt waren. Der interessanten Entdeckung von
+ Bilderheften bei den Panos-Indianern am Ucayale habe ich anderswo
+ gedacht (Vues des cordilleres; T. I. pag. 72). Auch die Peruaner
+ hatten neben den Quippos hieroglyphische Malereien, ähnlich den
+ mexicanischen, nur roher. Bemalter Blätter bedienten sie sich seit
+ der Eroberung zum Beichten in der Kirche. Vielleicht hatte der
+ Caraibe, der, nach Anghieras Erzählung, tief aus dem Lande nach
+ Darien kam, Gelegenheit gehabt in Quito oder Cundinamarca ein
+ peruanisches Buch zu sehen. Ich brauche, wie die ersten spanischen
+ Reisenden, das Wort Buch, weil dasselbe keineswegs den Gebrauch
+ einer Buchstabenschrift voraussetzt.
+
+[^161]: Bei den Huronen (Wiandots) und Natchez vererbt sich die oberste
+ Würde in der weiblichen Linie; nicht der Sohn ist der Nachfolger,
+ sondern der Sohn der Schwester oder der nächste Verwandte von
+ weiblicher Seite. Bei dieser Erbfolge ist man sicher, daß die
+ oberste Gewalt beim Blute des letzten Häuptlings bleibt; der Brauch
+ ist eine Gewähr für die Legitimität. Ich habe bei den königlichen
+ Dynastien auf den Antillen alte Spuren dieser in Afrika und
+ Ostindien sehr verbreiteten Erbfolge gefunden. »In testamentis autem
+ quam fatue sese habeant, intelligamus: ex sorore prima primogenitum,
+ si insit, reliquunt regnorum haeredem; sin minus, ex altera, vel
+ tertia, si ex secunda proles desit: quia a suo sanguine creatam
+ sobolem eam certum est. Filios autem uxorum suarum pro non legitimis
+ habent. Uxores ducunt quotquot placet. Ex uxoribus cariores cum
+ regulo sepeliri patiuntur. (Anghiera, Decas III. Lib. 9.)
+
+[^162]: Diodorus Siculus. Lib. V. §. 56.
+
+[^163]: »Die Caraiben sind ziemlich hübsch gewachsen und fleischigt; sie
+ sind aber nicht sehr liberal, denn sie essen gern Menschenfleisch,
+ Eidechsen und Krokodile.« (Description générale de l’Amérique par
+ Pierre d’Avity, Seigneur de Montmartin, 1660).
+
+[^164]: Mithridates, Bd. III. Seite 685.
+
+[^165]: Epistolae Lib. VIII. 8. Clitumnus non loci declivitate, sed ipsa
+ sui copia et quasi pondere impellitur.
+
+[^166]: S. Bd. II. Seite 410.
+
+[^167]: Im Jahr 1754 hatte das Dorf nur 120 Seelen.
+
+[^168]: S. Bd. II. Seite 414.
+
+[^169]: Mit diesem nicht gebräuchlichen Ausdruck bezeichne ich Linien,
+ welche durch die Punkte laufen, die mittelst Uebertragung der Zeit
+ bestimmt worden und somit von einander abhängig sind. Von der
+ zweckmäßigen Richtung dieser Linien hängt die Genauigkeit einer rein
+ astronomischen Aufnahme ab.
+
+[^170]: Fray Jose de las Piedras.
+
+[^171]: Kleine Plateaus, Bänke, die etwas höher liegen als die übrige
+ Steppe.
+
+[^172]: Eine Art Hof, bestehend aus Schuppen, wo die hateros und peones
+ para et rodeo wohnen, d. h. die Leute, welche die halbwilden Pferde-
+ und Viehheerden warten oder vielmehr beaussichtigen.
+
+[^173]: »Los Llanos son como un mar de yerbas.«
+
+[^174]: S. Bd. I. Seite 51 ff.
+
+[^175]: Die Fächerpalme, der guyanische Sagobaum.
+
+[^176]: Berechnungen nach Karten in sehr großem Maßstab haben mir
+ Folgendes ergeben: Die Llanos von Cumana, Barceiona und Caracas vom
+ Delta des Orinoco bis zum nördlichen Ufer des Apure umfassen 7900
+ Quadratmeilen; die Llanos zwischen dem Apure und dem obern
+ Amazonenstrom 21,000; die Pampas nordwestlich von Buenos Ayres
+ 40,000; die Pampas südwärts vom Parallel von Buenos Abtes 30,000.
+ Der Gesammtflächenraum der grasbewachsenen Llanos in Südamerika
+ beträgt demnach 98,900 Quadratmeilen (20 auf den Grad des
+ Aequators). (Spanien hat 16,200 solcher Quadratmeilen.) Die große
+ afrikanische Ebene, die sogenannte Sahara ist 194,000 Quadratmeilen
+ groß, die verschiedenen Oasen dazu gerechnet, aber nicht Bornu und
+ Darfur. (Das Mittelmeer hat nur 79,800 Quadratmeilen Oberfläche).
+
+[^177]: S. Bd. III. Seite 54. 80. 83. 126. 145. 256. 303. IV. 148. 159.
+
+[^178]: Kommen in Nordamerika nordwärts von den großen Seen Blöcke vor?
+
+[^179]: S. Bd. II. Seite 90.
+
+[^180]: La milagrosa imagen de Maria Santissima del Socorro, auch Virgen
+ del Tutumo genannt.
+
+[^181]: S. Bd. I. Seite 212. IV. 350.
+
+[^182]: S. Bd. II. Seite 298 ff. 318.
+
+[^183]: Langsdorf (Wetterauisches Journal. Th I. Seite 254) hat diese
+ sehr merkwürdige physiologische Erscheinung zuerst bekannt gemacht.
+ Ich beschreibe sie hier, doch lieber lateinisch. — Coriaecorum gens,
+ in ora Asiae septentrioni opposita, potum sibi excogitavit ex succo
+ inebriante Agarici muscarii, qui succus (aeque ut asparagorum), vel
+ per humanum corpus transfusus, temulentiam nihilominus facit. Quare
+ gens misera et inops, quo rarius mentis sit suae, propriam urinam
+ bibit. identidem; continuoque mingens rursusqne hauriens eundem
+ succum (dicas, ne ulla in parte mundi desit. ebrietas) pauculis
+ agaricis producere in diem quintum temulentiam potest.
+
+[^184]: S. Bd. I. Seite 62.
+
+[^185]: Casa de Don Pasqual Martinez, nordwestlich vom großen Platz, an
+ dem ich vom 28. Jan bis 17. November 1799 beobachtet hatte. Alle
+ astronomischen Beobachtungen, so wie die über die Luftspiegelung,
+ nach dem 29. August 1800 sind im Hause Martinez angestellt. Ich
+ erwähne dieses Umstands, da er von Interesse seyn mag, wenn einmal
+ Einer die Genauigkeit meiner Beobachtungen prüfen will.
+
+[^186]: S. Bd. I. Seite 252 ff.
+
+[^187]: S. Bd. I. Seite 276.
+
+[^188]: S. Bd. I. Seite 402.
+
+[^189]: Croton argyrophyllus und C. marginatus
+
+[^190]: S. Bd. I. Seite 203.
+
+[^191]: S. Bd. II. Seite 187 ff.
+
+[^192]: Observations astronomiques. T. I. p. XLIII. T. II. p. 7—10.
+
+[^193]: Christoph Columbus hatte im Jahr 1503 den Caymanseilanden den
+ Namen Penascales de las tortugas gegeben, wegen der Seeschildkröten,
+ die er in diesem Striche schwimmen sah.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Reise in die Aequinoctial-Gegenden des
+neuen Continents v. 4, by Alexander v. Humboldt
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AEQUINOCTIAL-GEGENDEN ***
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+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
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+
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
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+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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