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+<title>The Project Gutenberg eBook of R&ouml;merinnen, by Stendhal.</title>
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+The Project Gutenberg EBook of Römerinnen, by Stendhal
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Römerinnen
+ Zwei Novellen
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+Author: Stendhal
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+Release Date: January 10, 2012 [EBook #38547]
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+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RÖMERINNEN ***
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+Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
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+<h1 style="margin-top: 2em;">Römerinnen</h1>
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+<p class="front" style="line-height: 1.6; margin-top: 3em;">Zwei Novellen<br/>
+von<br/>
+<big style="font-size: 150%;">Stendhal</big></p>
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+
+<p class="front gesperrt" style="font-size: 120%; line-height: 1.6; margin-bottom: 5em;">Im Insel-Verlag<br/>
+zu Leipzig</p>
+
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_03" id="Pg_03">[S. 3]</a></span></p>
+
+<h2><a name="I" id="I"></a>Vanina Vanini</h2>
+
+
+<p>Es war an einem Frühlingsabend des Jahres 1829. Ganz Rom war in
+Bewegung. Der Duca di Bracciano (der berühmte Bankier Torlonia) gab in
+seinem neuen Palazzo an der Piazza di Venezia einen Ball. Was die Künste
+Italiens, was der Luxus von Paris und London an Prunk und Pracht
+nur aufbieten konnten, hatte zum Schmucke des Palastes beigetragen.
+Britanniens kühle blonde Schönheiten waren ob der Ehre der Einladung
+in Wallung geraten. Sie kamen in Menge, und die schönsten Römerinnen
+machten ihnen den Ruhm ihrer Schönheit streitig.</p>
+
+<p>So war auch eine junge Dame in Begleitung ihres Vaters erschienen,
+der man ihre römische Herkunft auf den ersten Blick an ihrem
+ebenholzschwarzen Haar und ihren flammenden Augen ansah. Die allgemeine
+Aufmerksamkeit wandte sich ihr zu. Aus jeder ihrer Bewegungen sprach
+seltsamer Hochmut.</p>
+
+<p>Angesichts all des Glanzes waren die anwesenden Ausländer sichtlich
+verblüfft. »Kein König in ganz Europa gibt solch ein Fest!« sagten
+sie.</p>
+
+<p>Die europäischen Potentaten haben aber auch keine Paläste in
+römischer Architektur, und sie müssen ihre Damen nach der Hofrangordnung
+einladen, während der Duca di Torlonia nur hübsche Frauen in sein
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_04" id="Pg_04">[S. 4]</a></span>
+
+Haus bittet. An diesem Abend hatte er dabei besonderes Glück. Die Männer
+waren wie geblendet, und es war nur die Frage, welche unter so vielen
+schönen Frauen die allerschönste sei. Eine Zeitlang war man sich
+hierüber nicht einig; aber schließlich erklärte man die Principessa
+Vanina Vanini, jene junge Dame mit dem tiefschwarzen Haar und den
+Glutaugen, für die Königin des Abends. Alsobald strömten Fremde wie
+Römer in den Saal, in dem sie sich gerade aufhielt.</p>
+
+<p>Gemäß dem Wunsche ihres Vaters, des Fürsten Asdrubale Vanini, tanzte
+Vanina zunächst mit etlichen deutschen Prinzen aus regierenden Häusern.
+Darauf ließ sie sich von einigen bildschönen hochvornehmen Engländern
+auffordern. Das steife Gebaren dieser Gentlemen langweilte sie. Mehr
+Vergnügen bereitete es ihr, den jungen, sichtlich maßlos verliebten
+Livio Savelli zu quälen, den glänzendsten jungen Römer, gleichfalls
+fürstlichen Blutes. Allerdings, einen Roman hätte man ihm nicht zu lesen
+geben dürfen; er hätte ihn nach den ersten zwanzig Seiten in die Ecke
+geworfen und behauptet, er bekäme Kopfschmerzen davon. In Vaninas Augen
+war dies sein Fehler.</p>
+
+<p>Gegen Mitternacht verbreitete sich unter der Ballgesellschaft eine
+Neuigkeit, die ziemliches Aufsehen erregte. Ein junger Karbonaro, der in
+der Engelsburg
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_05" id="Pg_05">[S. 5]</a></span>
+
+gefangen gehalten worden war, hatte sich soeben gerettet. Dank seiner
+Verkleidung und seiner romantischen Tollkühnheit war er bis zu den
+Außenposten gedrungen. Mit einem Dolche war er auf die Soldaten
+losgestürmt und, wenn auch verwundet, durchgekommen. Sbirren
+folgten seinen Blutspuren durch die Gassen Roms. Man hoffte, ihn
+wiedereinzufangen.</p>
+
+<p>Als diese Geschichte die Runde machte, führte Livio Savelli Vanina,
+mit der er getanzt hatte, gerade zu ihrem Platz zurück. Im Banne ihrer
+Schönheit und stolz auf den Eindruck, den sie ringsum machte, flüsterte
+er ihr, fast toll vor Liebe, zu:</p>
+
+<p>»Bitte, sagen Sie mir einmal, wer könnte Ihnen denn eigentlich
+gefallen?«</p>
+
+<p>»Der junge Karbonaro, der eben entronnen ist!« erwiderte ihm Vanina.
+»Er hat zum mindesten etwas mehr getan, als sich bloß ins irdische
+Dasein bemüht ...«</p>
+
+<p>Ihr Vater, der an die beiden herantrat, machte der Unterhaltung ein
+Ende.</p>
+
+<p>Fürst Hasdrubal Vanini war ein reicher Mann, der sich von seinem
+Verwalter seit zwanzig Jahren keine Abrechnung vorlegen ließ. Wer ihm
+auf der Straße begegnete, hielt ihn für einen alten Schauspieler. Seine
+beiden Söhne waren Jesuiten geworden und in Verrücktheit gestorben. Der
+Fürst hatte sie
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_06" id="Pg_06">[S. 6]</a></span>
+
+vergessen. Sein größter Schmerz war der Umstand, daß seine Tochter
+Vanina keine Lust zum Heiraten zeigte. Sie war schon neunzehn Jahre alt
+und hatte die glänzendsten Partien ausgeschlagen. Welchen Grund hatte
+sie dazu? Den nämlichen, der Sulla zur Abdankung veranlaßte: sie
+verachtete die Römer.</p>
+
+<p>Am Tage nach dem Balle fiel es Vanina auf, daß ihr Vater, sonst
+der sorgloseste Mensch von der Welt, der nie in seinem Leben von einem
+Schlüssel Gebrauch gemacht hatte, die Türe zu einer kleinen Treppe
+sorglich abschloß, die in ein Zimmer des dritten Stockes führte. Dieses
+Gemach lag nach einer Terrasse hinaus, auf der Orangenbäume standen.</p>
+
+<p>Vanina machte ein paar Besuche in der Stadt. Als sie wieder nach
+Hause kam, war das Hauptportal des Palastes infolge der Vorbereitungen
+zu einer Illumination versperrt. Der Wagen mußte deshalb durch das
+Hoftor einfahren. Dabei überblickte Vanina die Rückfassade des Hauses
+und sah, daß eins der Fenster des von ihrem Vater abgesperrten Zimmers
+offen stand.</p>
+
+<p>Nachdem sie ihre Gesellschafterin weggeschickt hatte, stieg sie auf
+den Oberboden des Palastes und fand nach langem Suchen ein vergittertes
+Fensterchen, von dem aus man auf die Terrasse mit den Orangenbäumen
+hinabsehen konnte. Das offene Fenster, das Vanina vom
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_07" id="Pg_07">[S. 7]</a></span>
+
+Hofe aus gesehen hatte, lag von hier nicht weit. Ohne Zweifel war das
+Zimmer bewohnt. Aber von wem?</p>
+
+<p>Am Tage darauf war Vanina im Besitze des Schlüssels zu einer Türe,
+die auf die mit Orangenbäumen besetzte Terrasse ging. Wie ein Luchs
+schlich sie an das Fenster, das noch immer offen stand. Der Vorhang
+war dicht zugezogen. Trotzdem erspähte Vanina, daß im Hintergrunde des
+Gemaches ein Bett stand und daß jemand darin lag. Unwillkürlich fuhr sie
+zurück. Da erblickte sie einen Frauenrock auf einem der Stühle. Nunmehr
+lugte sie schärfer nach der im Bette liegenden Person. Sie war blond und
+sichtlich sehr jung. Vanina war überzeugt, es müsse ein weibliches Wesen
+sein. Der auf den Stuhl geworfene Rock hatte Blutflecke. Auch an
+den Frauenschuhen, die auf einem Tische standen, waren Blutspuren zu
+sehen.</p>
+
+<p>Als die Unbekannte eine Bewegung machte, bemerkte Vanina, daß sie
+verwundet war. Über ihrer Brust lag ein großes blutgetränktes Stück
+Leinwand, nur mit Bändern befestigt. So sah ein von einem Wundarzt
+angelegter Verband nicht aus!</p>
+
+<p>Vanina stellte fest, daß sich ihr Vater täglich um vier Uhr in seine
+Zimmer zurückzog und regelmäßig kurz darauf die Kranke besuchte.
+Er verließ sie stets sehr bald wieder und pflegte sodann zur Gräfin
+Vitelleschi
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_08" id="Pg_08">[S. 8]</a></span>
+
+zu fahren. Sobald er fort war, ging Vanina hinauf nach der Terrasse und
+beobachtete die Fremde. Ihre empfindsame Natur entflammte sich rasch für
+die unglückliche junge Frau. Was für ein Abenteuer hatte sie bestanden?
+Ihr blutiges Kleid war augenscheinlich von Dolchstößen durchbohrt. Man
+konnte die Löcher zählen.</p>
+
+<p>Eines Tages sah Vanina die Unbekannte deutlicher. Ihre schönen blauen
+Augen starrten gen Himmel. Offenbar betete sie. Sodann kamen ihr Tränen.
+Die junge Prinzessin konnte sich kaum noch bezwingen. Am liebsten hätte
+sie die Unglückliche angesprochen.</p>
+
+<p>Am nächsten Tage wagte sich Vanina draußen auf der Terrasse zu
+verstecken, ehe ihr Vater kam. Von da aus beobachtete sie, wie Fürst
+Hasdrubal ins Zimmer der Unbekannten trat. Er brachte einen Korb mit
+Lebensmitteln und sah beunruhigt aus. Er sprach wenig und so leise, daß
+die Lauschende die einzelnen Worte nicht verstand, obwohl das Fenster
+offen war. Bald verschwand er wieder.</p>
+
+<p>»Die arme Frau muß furchtbare Feinde haben,« sagte sich Vanina. »Mein
+sonst so sorgloser Vater wagt niemanden ins Geheimnis zu ziehen und
+läßt sichs nicht verdrießen, täglich die enge steile Treppe
+hinaufzugehen.«</p>
+
+<p>Eines Abends, als Vanina ihren Kopf zwischen
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_09" id="Pg_09">[S. 9]</a></span>
+
+die Vorhänge des offenen Fensters hindurchsteckte, hatte die Unbekannte
+ihren Blick gerade dahin gerichtet. Vanina sah sich entdeckt.</p>
+
+<p>»Ich habe Sie in mein Herz geschlossen!« rief sie aus.</p>
+
+<p>Die Unbekannte winkte ihr einzutreten.</p>
+
+<p>»Ich muß Sie vielmals um Entschuldigung bitten,« erklärte Vanina.
+»Meine törichte Neugier mag Ihnen sehr ärgerlich sein. Ich schwöre
+Ihnen Geheimhaltung, und wenn Sie es verlangen, komme ich niemals wieder
+her.«</p>
+
+<p>»Wer sollte Ihren Anblick nicht als Glück empfinden?« erwiderte die
+Fremde. »Wohnen Sie hier im Palaste?«</p>
+
+<p>»Gewiß!« antwortete Vanina. »Sie kennen mich also nicht! Ich bin
+Vanina, die Tochter des Hauses.«</p>
+
+<p>Die Unbekannte machte ein erstauntes Gesicht und wurde rot.</p>
+
+<p>»Gönnen Sie mir die Hoffnung, Sie alle Tage hier zu sehen,«
+sagte sie. »Nur möchte ich nicht, daß der Fürst von Ihren Besuchen
+erfährt.«</p>
+
+<p>Vanina, die starkes Herzklopfen hatte, fand das Benehmen der
+Unbekannten vornehm. Gewiß hatte die arme junge Frau irgendeinen
+Machthaber beleidigt, oder vielleicht in einem Anfalle von Eifersucht
+ihren Liebhaber umgebracht. Einen gemeinen Grund hatte ihr Unglück
+sicherlich nicht.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_10" id="Pg_10">[S. 10]</a></span>
+
+Die Unbekannte gestand ihr, daß sie an der Schulter verwundet sei. Die
+Wunde reiche bis in die Brust und sei sehr schmerzhaft.</p>
+
+<p>»Und Sie haben keinen Wundarzt?« rief Vanina aus.</p>
+
+<p>»Wie Sie wissen, sind in Rom die Ärzte verpflichtet, der Polizei über
+alle Wunden, die sie behandeln, genau zu rapportieren. Der Fürst hat mir
+diesen Verband hier eigenhändig anzulegen geruht.«</p>
+
+<p>Mit vollendetem Geschick vermied die Unbekannte jegliche
+Rührseligkeit. Vanina war toll verliebt. Etwas freilich störte die junge
+Prinzessin stark. Sie machte nämlich die Wahrnehmung, daß die Fremde
+einmal mitten in der doch so ernsten Unterhaltung Mühe hatte, eine
+plötzliche Lachlust zu unterdrücken.</p>
+
+<p>»Ich möchte Ihren Namen gern wissen,« sagte Vanina zu ihr.</p>
+
+<p>»Ich heiße Clementina.«</p>
+
+<p>»Also, liebe Clementina, morgen um fünf komme ich wieder!«</p>
+
+<p>Am nächsten Tage traf Vanina ihre neue Freundin in verschlimmertem
+Zustande an.</p>
+
+<p>»Ich werde einen Wundarzt holen lassen,« schlug Vanina vor, indem sie
+die Kranke umarmte.</p>
+
+<p>»Lieber will ich sterben,« erwiderte diese, »als daß ich meinen
+Wohltäter in Gefahr brächte.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_11" id="Pg_11">[S. 11]</a></span>
+
+Vanina redete ihr eifrig zu:</p>
+
+<p>»Der Wundarzt von Monsignore Savelli-Catanzara, dem Stadtkommandanten
+Roms, ist der Sohn eines unsrer Dienstboten. Er ist uns ergeben und
+braucht in seiner Stellung vor niemandem Furcht zu haben. Mein Vater
+tut ihm unrecht, indem er ihn nicht für unbedingt zuverlässig hält. Ich
+werde ihn rufen lassen ...«</p>
+
+<p>»Nein, nein! Ich will keinen Arzt!« rief die Unbekannte mit einer
+Lebhaftigkeit, die Vanina hätte stutzig machen müssen. »Nur Sie sollen
+kommen und mich besuchen. Und wenn es Gott gefällt, mich zu sich zu
+rufen, so werde ich glücklich sterben in Ihren Armen.«</p>
+
+<p>Am folgenden Tage war ihr Befinden noch schlechter. Beim Weggehen
+sagte Vanina:</p>
+
+<p>»Wenn Sie mich lieben, dann erlauben Sie mir, daß ich endlich einen
+Wundarzt holen lasse.«</p>
+
+<p>»Wenn er kommt, ist mein Glück dahin.«</p>
+
+<p>»Ich muß es tun,« erklärte Vanina.</p>
+
+<p>Die Unbekannte hielt sie zurück, indem sie ohne ein Wort zu sagen
+ihre Rechte ergriff und Küsse darauf drückte. Lange sprach keins von
+beiden. Der Fremden standen Tränen in den Augen. Endlich gab sie Vaninas
+Hand frei und sagte in einem Tone, als gehe sie in den Tod:</p>
+
+<p>»Ich muß Ihnen ein Geständnis machen. Vorgestern,
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_12" id="Pg_12">[S. 12]</a></span>
+
+als ich Ihnen sagte, ich hieße Clementina, da hab ich gelogen. Ich bin
+ein unglücklicher Karbonaro ...«</p>
+
+<p>Vanina war tief betroffen. Sie rückte ihren Stuhl zurück, und bald
+darauf erhob sie sich.</p>
+
+<p>Der Kranke seufzte.</p>
+
+<p>»Ich weiß wohl,« sagte er, »mein Bekenntnis beraubt mich des einzigen
+Glückes, das mich noch ans Leben bindet. Aber es wäre meiner unwürdig,
+wenn ich Sie weiter täuschte. Ich heiße Pietro Missirilli und bin
+neunzehn Jahre alt. Mein Vater ist ein armer Arzt in San Angelo in Vado,
+und ich bin Karbonaro. Wir sind bei unsrer letzten Venta überrumpelt
+worden. Man hat mich in Ketten von der Romagna nach Rom geschleppt.
+Dreizehn Monate lag ich in einem Kerkerloche, Tag und Nacht bei trübem
+Laternenlicht. Da geriet eine barmherzige Seele auf den Gedanken, mich
+retten zu wollen. Man zog mir Frauenkleider an. So entrann ich meiner
+Zelle und war schon an der Außenwache vorbei, da hörte ich, daß einer
+der Posten auf die Karbonari schimpfte. Ich verabreichte ihm eine
+Ohrfeige. Ich versichere Sie: das war nicht etwa eitle Prahlerei. Es
+geschah aus Geistesabwesenheit. Nach dieser Unbesonnenheit wurde ich
+durch die Straßen Roms verfolgt. Es war Nacht. Ich bekam Bajonettstiche
+und schon verließen
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_13" id="Pg_13">[S. 13]</a></span>
+
+mich meine Kräfte ... Da laufe ich in ein Haus, dessen Türe offen stand.
+Ich höre, wie die Soldaten hinter mir die Treppe hinaufrennen. Ich
+springe in den Nachbargarten und falle zu Boden, ein paar Schritte vor
+einer Dame, die dort spazieren geht ...«</p>
+
+<p>»Das war die Contessa Vitelleschi, die Freundin meines Vaters ...«
+unterbrach ihn Vanina.</p>
+
+<p>»Was! Sie hat es Ihnen erzählt?« rief Missirilli aus. »Wie dem auch
+sei: diese Dame, deren Name nie genannt werden soll, hat mir das Leben
+gerettet! Als die Soldaten in ihr Haus drangen, um mich zu ergreifen,
+brachte mich Ihr Herr Vater in seinem Wagen hierher ... Es geht mir gar
+nicht gut. Der Bajonettstich in der Schulter erschwert mir seit mehreren
+Tagen das Atmen. Ich werde sterben ... und zwar, wenn ich Sie nicht
+wiedersehe, in der unseligsten Stimmung ...«</p>
+
+<p>Vanina hatte geduldig zugehört. Eilends ging sie dann fort.
+Missirilli glaubte in ihren schönen Augen nicht die Spur von Mitgefühl,
+sondern nichts als gekränkten Stolz gesehen zu haben.</p>
+
+<p>In der Nacht stellte sich ein Wundarzt ein. Er kam allein. Missirilli
+war in Verzweiflung. Er fürchtete, Vanina nie wiederzusehen. Er fragte
+den Arzt aus. Der waltete seines Amtes, gab aber keine Antwort. Ebenso
+schweigsam blieb er an den nächsten Tagen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_14" id="Pg_14">[S. 14]</a></span>
+
+Unverwandt ruhten Pietros Augen auf der Fenstertüre nach der
+Terrasse, durch die Vanina eingetreten war. Er fühlte sich
+sterbensunglücklich.</p>
+
+<p>Einmal, gegen Mitternacht, kam es ihm vor, als husche ein Schatten
+über die Terrasse. War das Vanina?</p>
+
+<p>Allnächtlich preßte Vanina ihre Wangen an die Fensterscheibe des
+Gemachs des Karbonaro.</p>
+
+<p>»Wenn ich mit ihm spreche, bin ich verloren!« sagte sie sich. »Nein!
+Ich darf das niemals wieder tun.«</p>
+
+<p>Nachdem sie diesen Entschluß gefaßt hatte, kam ihr wider willen die
+Freundschaft in den Sinn, die sie für den jungen Mann gefühlt, als sie
+ihn törichterweise noch für ein Weib gehalten hatte. »Erst habe ich
+mich ihm so zärtlich und zutraulich gezeigt, und jetzt meide ich ihn
+vollständig!« warf sie sich vor.</p>
+
+<p>In vernünftigen Augenblicken erschrak sie über den Wandel, der in
+ihrer Seele vorgegangen war. Seit sich Missirilli entdeckt hatte, war
+ihre ganze bisherige Gedankenwelt wie in Nebel verhüllt und in weite
+Ferne gerückt.</p>
+
+<p>Noch waren keine acht Tage verronnen, als Vanina, bleich und zaghaft,
+zusammen mit dem Arzt in das Gemach des Kranken trat. Sie verblieb nur
+ein paar flüchtige Augenblicke. Aber nach einigen Tagen erschien
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_15" id="Pg_15">[S. 15]</a></span>
+
+sie nochmals, wieder mit dem Arzte: aus Menschlichkeit. Und schließlich,
+als es Missirilli wieder viel besser ging und Vanina nicht mehr den
+Vorwand hatte, sich um sein Leben zu ängstigen, wagte sie eines Abends
+allein zu kommen.</p>
+
+<p>Als Missirilli sie erblickte, war er namenlos glücklich; aber er
+suchte seine Liebe zu verbergen. Um alles in der Welt wollte er die
+Manneswürde nicht verletzen. Vanina war mit schamrotem Gesicht zu
+ihm gegangen. Sie fürchtete, Liebesbeteuerungen zu hören. Um so mehr
+wunderte sie sich über die edle, demütige, fast zu wenig zärtliche
+Freundschaft, die er ihr erwies. Als sie von ihm schied, machte er
+keinen Versuch, sie zurückzuhalten.</p>
+
+<p>Ein paar Tage später kam Vanina abermals. Pietro verhielt sich genau
+wieder so. Er versicherte sie seiner verehrungsvollen Ehrerbietung und
+ewigen Dankbarkeit.</p>
+
+<p>Da Vanina auch nicht das geringste getan hatte, was den jungen
+Karbonaro hätte veranlassen können, seinen Gefühlen Zwang anzutun, so
+fragte sie sich: »Bin ich der allein liebende Teil?« Voll Bitternis
+empfand das bis dahin so stolze junge Mädchen, wie ungeheuerlich toll
+sie war. Sie heuchelte Frohsinn und sogar Gleichgültigkeit. Sie erschien
+seltener, brachte es indessen nicht über sich, den jungen Kranken gar
+nicht mehr zu besuchen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_16" id="Pg_16">[S. 16]</a></span>
+
+Missirilli war halb wahnsinnig vor Liebe, aber er vergaß weder seine
+niedere Herkunft noch das, was er sich selbst schuldig war. Er hatte
+sich fest vorgenommen, nur dann aus sich herauszugehen und seine Liebe
+zu verraten, wenn Vanina ihn acht Tage lang nicht besuchte.</p>
+
+<p>Der Hochmut der Prinzessin kämpfte den letzten Kampf. Schließlich
+sagte sie sich:</p>
+
+<p>»Wenn ich ihn besuche, so tue ich das meinetwegen, weil es mir Freude
+bereitet. Nie und nimmer werde ich ihm das Mitgefühl eingestehen, das er
+in mir erweckt hat.«</p>
+
+<p>Fortan verweilte sie länger und länger bei Missirilli, aber er sprach
+mit ihr, als ob ein Dutzend andrer Menschen dabei sei.</p>
+
+<p>Eines Abends, nachdem sie ihn den ganzen Tag über verwünscht und
+sich gelobt hatte, noch kälter und herber denn bisher gegen ihn zu
+sein, gestand sie ihm ihre Liebe. Bald hatte sie ihm nichts mehr zu
+versagen.</p>
+
+<p>Die Torheit war groß, aber Vanina war glückselig. Missirilli vergaß,
+was er seiner Manneswürde schuldig zu sein wähnte. Er liebte, wie ein
+Neunzehnjähriger unter Italiens Himmel zum ersten Male liebt. Er machte
+alle Wirren der Liebe aus Leidenschaft durch; ja, er gestand der stolzen
+jungen Fürstin,
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_17" id="Pg_17">[S. 17]</a></span>
+
+durch welche Politik er sie erobert hatte. Das Übermaß ihres Glückes war
+ihm erstaunlich.</p>
+
+<p>Vier Monate eilten dahin. Eines Tages erklärte der Arzt seinen
+Patienten für völlig wiederhergestellt.</p>
+
+<p>»Was soll ich nun beginnen?« fragte sich Missirilli. »Bei einer
+der schönsten Römerinnen versteckt bleiben? Aber dann bilden sich die
+schnöden Tyrannen, die mich dreizehn Monate lang im stockdunklen
+Kerker haben schmachten lassen, am Ende gar ein, sie hätten meinen Mut
+gebrochen. Italia, du hast wirklich kein Glück, da dich deine Kinder so
+leicht im Stiche lassen!«</p>
+
+<p>Vanina zweifelte nicht daran, daß Pietro das höchste Glück darin
+erblickte, stets mit ihr vereint zu bleiben. Dies schien in der Tat so
+zu sein. Aber in seiner jungen Seele hatte ein bittres Wort des Generals
+Bonaparte Widerhall gefunden und ihn von jeher in seinem Verhalten gegen
+Frauen beeinflußt. Als Bonaparte im Jahre 1796 aus Brescia marschierte,
+versicherten ihn die Häupter der Stadt, die ihm das Geleit bis ans
+Stadttor gaben, die Brescianer liebten die Freiheit mehr denn alle
+anderen Italiener.</p>
+
+<p>»Das weiß ich!« gab der Korse zur Antwort. »Das sagen sie mit
+Vorliebe ihren Liebsten!«</p>
+
+<p>In beklommenem Tone erklärte Pietro:</p>
+
+<p>»Wenn die Nacht kommt, muß ich fort.«</p>
+
+<p>»Sieh aber zu, daß du bei Tagesanbruch wieder
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_18" id="Pg_18">[S. 18]</a></span>
+
+im Palast bist,« erwiderte Vanina. »Ich werde aufbleiben.«</p>
+
+<p>»Bei Tagesanbruch bin ich schon mehrere Meilen weg von Rom.«</p>
+
+<p>»So!« sagte Vanina kalt. »Wohin gehst du?«</p>
+
+<p>»Nach der Romagna, um mich zu rächen.«</p>
+
+<p>»Da ich reich bin,« sagte Vanina im ruhigsten Tone, »nimmst du
+hoffentlich Waffen und Geld von mir an.«</p>
+
+<p>Ein paar Sekunden schaute Missirilli sie starr an; dann fiel er ihr
+um den Hals.</p>
+
+<p>»Stern meines Lebens!« rief er aus. »Deinetwegen könnte ich alles
+vergessen, selbst meine Pflicht! Aber je edler dein Herz ist, um so mehr
+mußt du mich verstehen!«</p>
+
+<p>Vanina begann heftig zu weinen. Sie kamen überein, daß Pietro erst am
+übernächsten Tage Rom verlassen solle.</p>
+
+<p>Am andern Morgen sagte Vanina:</p>
+
+<p>»Pietro, du hast bereits mehrfach gesagt, eine bekannte
+Persönlichkeit, ein römischer Fürst zum Beispiel, der über viel Geld
+verfügt, könnte der Sache der Freiheit den größten Dienst leisten,
+sobald Österreich einmal mit irgendeiner Großmacht im Kriege läge.«</p>
+
+<p>»Gewiß!« gab Missirilli erstaunt zur Antwort.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_19" id="Pg_19">[S. 19]</a></span>
+
+»Höre! Mut hast du. Dir fehlt es nur an Macht. Ich biete dir meine
+Hand und ein Jahreseinkommen von zweimalhunderttausend Lires. Die
+Einwilligung meines Vaters verpflichte ich mich zu bringen.«</p>
+
+<p>Pietro sank ihr zu Füßen nieder. Vanina strahlte vor Freude.</p>
+
+<p>»Ich liebe dich von ganzem Herzen,« sagte er. »Aber ich bin ein
+armer Diener meines Vaterlandes. Und je unglücklicher Italien ist, um so
+treuer muß ich an ihm hängen. Um deines Vaters Einwilligung zu erringen,
+müßte ich jahrelang eine traurige Rolle spielen ... Vanina, ich schlage
+deine Hand aus!«</p>
+
+<p>Missirilli klammerte sich an seinen Patriotismus. Sein Mut brach fast
+zusammen.</p>
+
+<p>»Es ist mein Unglück,« fuhr er fort, »daß ich dich mehr liebe als
+das Leben. Rom verlassen zu sollen, ist mir fürchterlich. Ach, warum
+ist Italien noch immer nicht von den Barbaren befreit! Mit welcher
+Wonne würde ich dann mit dir über den Ozean gehen, um in Amerika zu
+leben!«</p>
+
+<p>Vanina stand da wie eine Marmorstatue. Pietro hatte ihre Hand
+ausgeschlagen! Ihr Stolz bäumte sich. Dann aber warf sie sich in seine
+Arme.</p>
+
+<p>»Nie bist du mir liebenswerter gewesen!« rief sie. »Mein
+Landdoktorchen, ich bin doch dein auf ewig! Du bist ein ganzer Mann, ein
+wahrer alter Römer!«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_20" id="Pg_20">[S. 20]</a></span>
+
+Alle Zukunftsgedanken, alle die trübseligen Regungen des gesunden
+Menschenverstandes waren zunichte. Vanina wie Pietro waren voll reinster
+Liebe.</p>
+
+<p>Als sie wieder vernünftig zu reden vermochten, sagte die
+Principessa:</p>
+
+<p>»Ich werde dir sehr bald in die Romagna nachfolgen. Ich lasse mir die
+Bäder von Poretto verordnen. In unserm Schlosse zu San Nicolo bei Forli
+mache ich Station ...«</p>
+
+<p>»Dort will ich mein Leben mit dir verbringen!« beteuerte
+Missirilli.</p>
+
+<p>»Mein Schicksal ist fortan, alles aufs Spiel zu setzen,« sagte Vanina
+und seufzte. »Ich werde mich für dich zugrunde richten. Was tuts? Kannst
+du eine Entehrte lieben?«</p>
+
+<p>»Bist du nicht mein Weib?« sagte Missirilli. »Mein immerdar
+angebetetes Weib! Ich werde dich lieben und schützen!«</p>
+
+<p>Vanina hatte gesellschaftliche Pflichten. Kaum war sie fort, da
+dünkte es Missirilli, er habe sich wie ein Barbar benommen.</p>
+
+<p>»Was heißt Vaterland?« fragte er sich. »Es ist kein lebendiges Wesen,
+dem wir für eine Wohltat Dank schuldeten. Wenn wir unsre angebliche
+Pflicht ihm gegenüber nicht erfüllen, wird es nicht unglücklich.
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_21" id="Pg_21">[S. 21]</a></span>
+
+Es kann uns nicht verfluchen. Vaterland und Freiheit, das ist, nicht
+anders wie ein Mantel, ein Ding, das mir nützlich ist. Ich muß es mir
+erwerben, wenn ich es nicht von meinem Vater ererbt habe. Im Grunde
+liebe ich beides nur, weil es mir nützliche Dinge sind. Wenn ich sie zu
+nichts gebrauchen könnte &ndash; etwa wie einen Pelzmantel im Hochsommer &ndash;
+wozu wollte ich sie mir erwerben. Um einen so ungeheuerlichen Preis?
+Vanina ist wunderschön. Sie hat eine erlesene Seele. Andere werden um
+sie werben. Sie wird mich vergessen. Welche Frau hätte es je bei einem
+Liebhaber belassen? Die römischen Fürsten, die ich schlichter Bürger
+verachte, haben so manches vor mir voraus. Sie <em class="gesperrt">müssen</em>
+verführen. Ach, wenn ich scheide, so vergißt mich Vanina, und ich habe
+sie auf ewig verloren!«</p>
+
+<p>Mitten in der Nacht kam sie zu ihm. Er gestand ihr seinen Wankelmut
+und den Kampf, der zwischen seiner Liebe und dem großen Worte
+<em class="gesperrt">Vaterland</em> tobte. Vanina war glückselig.</p>
+
+<p>Sie sagte sich: »Hätte er die reine Wahl zwischen dem Vaterland und
+mir, so entschiede er sich für mich.«</p>
+
+<p>Die Uhr des nahen Kirchturms schlug drei. Der Augenblick des letzten
+Abschieds war gekommen. Pietro entriß sich den Armen seiner Geliebten.
+Eben wollte er
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_22" id="Pg_22">[S. 22]</a></span>
+
+die kleine Treppe hinunterschleichen, als Vanina unter Bezwingung ihrer
+Tränen zu ihm sagte:</p>
+
+<p>»Wenn dich eine arme Bäurin in einem Dorfe gepflegt hätte, würdest du
+dich ihr nicht irgendwie erkenntlich zeigen? Vielleicht würdest du sie
+bezahlen wollen ... Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt. Du begibst
+dich mitten unter deine Feinde. Schenk mir aus Dankbarkeit drei
+Tage. Nimm an, ich wäre ein armes Weib, das du für deine Pflege
+bezahltest!«</p>
+
+<p>Missirilli blieb.</p>
+
+<p>Endlich verließ er Rom mit einem Paß, der auf einer ausländischen
+Gesandtschaft erkauft war. So gelangte er in seine Heimat. Die Freude
+der Seinen war groß. Man hatte ihn tot gewähnt. Seine Freunde wollten
+zur Feier seiner Wiederkehr sogleich ein paar Karabinieri töten. So
+hießen die Gendarmen im Kirchenstaat.</p>
+
+<p>Missirilli hielt sie davon ab:</p>
+
+<p>»Tötet ohne Not keinen Italiener, der sich auf das Waffenhandwerk
+versteht. Unser Vaterland ist keine Insel wie das glückliche Britannien.
+Es fehlt uns an Soldaten, um die Einmischungen der europäischen
+Monarchen abzuwehren.«</p>
+
+<p>Kurz darauf ward Missirilli von Karabinieri angehalten. Zwei
+von ihnen schoß er mit den Pistolen nieder, die ihm Vanina gegeben
+hatte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_23" id="Pg_23">[S. 23]</a></span>
+
+Jetzt setzte man einen Preis auf seinen Kopf aus.</p>
+
+<p>Vanina erschien nicht in der Romagna, so daß sich Missirilli
+vergessen wähnte. In seiner Eitelkeit verletzt, begann er sich häufig
+Gedanken über den Standesunterschied zu machen, der ihn von seiner
+Geliebten trennte. In einem Anfall von zärtlicher Sehnsucht nach dem
+verlorenen Glücke geriet er auf den Einfall, nach Rom zurückzukehren, um
+nachzusehen, was Vanina treibe. Dieser tolle Gedanke triumphierte über
+das, was ihn seine Pflicht deuchte ...</p>
+
+<p>Da läutete eines Abends die Glocke eines Bergkirchleins den Angelus
+auf seltsame Weise. Es klang, als würde der Glöckner mitten beim Läuten
+abgerufen. Dies war das Zeichen zur Venta der Gruppe Karbonari, zu der
+Missirilli gehörte, seit er in seine Heimat zurückgekehrt war.</p>
+
+<p>In der folgenden Nacht versammelten sich alle Verschwörer in
+einer Einsiedelei im Gebirge. Die beiden Einsiedler waren durch Opium
+eingeschläfert worden, so daß sie nicht wahrnahmen, wozu man ihr
+Häuschen benutzte. Missirilli kam in trüber Stimmung hin. Er erfuhr,
+daß das Haupt der Venta verhaftet worden und daß er, trotzdem er erst
+zwanzig Jahre zählte, zum Führer des Geheimbundes gewählt war, der
+Männer zu seinen Mitgliedern zählte, die Fünfziger
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_24" id="Pg_24">[S. 24]</a></span>
+
+waren und bereits seit Murats Expedition vom Jahre 1815 an der
+Verschwörung teilnahmen.</p>
+
+<p>Als Pietro die unverhoffte Ehre entgegennahm, pochte sein Herz
+heftig, und als er wieder allein war, faßte er den Entschluß, nicht mehr
+der jungen Römerin zu gedenken, die ihn offenbar vergessen hatte. Er
+gelobte sich, all sein Tun und Denken der Pflicht zu weihen,
+<em class="gesperrt">Italien von den Barbaren</em> zu befreien.</p>
+
+<p>Man weiß, daß dieses geflügelte Wort von Petrarka stammt, von Julius
+dem Zweiten und Machiavell wiederholt und zu guter Letzt vom Grafen
+Alfieri von neuem auf das Banner geschrieben worden ist.</p>
+
+<p>Zwei Tage danach ersah Missirilli aus einem der Ankunfts- und
+Abgangs-Rapporte, die man ihm als Karbonariführer von allen Orten der
+Umgegend regelmäßig zusandte, daß die Prinzessin Vanina Vanini eben in
+ihrem Schlosse zu San Nicolo eingetroffen war. Beim Lesen ihres Namens
+erfüllte sich seine Seele eher mit Wankelmut denn mit Freude. Wohl
+glaubte er, seine Treue gegen das Vaterland sei felsenfest, dieweil er
+sich vornahm, nicht noch am nämlichen Abend nach dem Schlosse San Nicolo
+hinzueilen. Aber es war nicht an dem. Die Sehnsucht nach Vanina, die er
+zu bezwingen sich Mühe gab, zog ihn doch von der vollen Erfüllung seiner
+Pflicht ab. Am Tage darauf suchte er Vanina auf.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_25" id="Pg_25">[S. 25]</a></span>
+
+Sie liebte ihn noch genau so wie in Rom. Aber ihr Vater, der sie
+verheiraten wollte, hatte ihre Abreise verzögert.</p>
+
+<p>Vanina brachte zweitausend Zechinen mit. Dieser unerwartete Zuschuß
+festigte Pietros Ansehen in seiner neuen Würde in erstaunlicher
+Weise. Man bestellte Dolche in Korfu. Ferner bestach man in Forli den
+Geheimsekretär des päpstlichen Legaten, der mit der Verfolgung der
+Karbonari betraut war, wodurch man die Liste der Pfarrer in die Hände
+bekam, die für die Regierung spionierten.</p>
+
+<p>Um diese Zeit bildete sich eine der am wenigsten törichten
+Verschwörungen, die je im unglücklichen Italien versucht worden sind.
+Einzelheiten hierüber würden zu weit abseits führen. So viel aber sei
+erwähnt: wenn das Unternehmen von Erfolg gekrönt worden wäre, hätte
+Missirilli einen guten Teil des Ruhmes für sich beanspruchen können.
+Es wäre sein Verdienst gewesen, daß sich auf ein zu gebendes Zeichen
+mehrere Tausend Rebellen erhoben und sich gutbewaffnet einem höheren
+Führer zur Verfügung gestellt hätten. Der entscheidende Augenblick war
+bereits ganz nahe: da wurde die ganze Verschwörung durch die Verhaftung
+der Rädelsführer völlig lahmgelegt, wie dies meist zu geschehen
+pflegt.</p>
+
+<p>Vanina weilte noch nicht lange in der Romagna,
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_26" id="Pg_26">[S. 26]</a></span>
+
+aber schon glaubte sie zu erkennen, daß die Liebe zum Vaterlande
+jede andere Leidenschaft im Herzen ihres Geliebten verjagt habe.
+Die hochmütige stolze Römerin war empört. Umsonst versuchte sie sich
+Vernunft zu predigen. Sie verfiel dem düstersten Kummer. Ja, sie
+ertappte sich bei einer Verwünschung der Freiheit ihres Vaterlandes.</p>
+
+<p>Eines Tages begab sie sich nach Forli, um Missirilli aufzusuchen. Bis
+dahin war ihr Hochmut stärker gewesen. Jetzt war sie nicht mehr Herrin
+ihres Herzeleids.</p>
+
+<p>»Wahrlich,« sagte sie zu ihm, »du liebst mich, als seien wir
+Eheleute. Das ist nicht nach meinem Geschmack.«</p>
+
+<p>Alsbald flossen ihre Tränen, Tränen der Scham, sich so weit
+erniedrigt zu haben, daß sie Worte des Vorwurfs geäußert hatte.
+Missirilli antwortete auf diesen Ausbruch wie just ein Mann, der ganz
+andre Dinge im Kopfe hat. Plötzlich bekam Vanina den Gedanken, ihn zu
+verlassen und nach Rom zurückzukehren. Es bereitete ihr grausame Freude,
+sich für die Schwachheit zu strafen, nicht stumm geblieben zu sein. In
+wenigen Augenblicken des Schweigens war ihr Entschluß gefaßt. Sie hätte
+sich Missirilli nicht für ebenbürtig gehalten, wenn sie ihn nicht hätte
+verlassen wollen. Und schon weidete sie sich an der
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_27" id="Pg_27">[S. 27]</a></span>
+
+Vorstellung, wie schmerzlich überrascht er wohl wäre, wenn er sie
+vergeblich im Schlosse zu San Nicolo suchte.</p>
+
+<p>Der Gedanke, daß sie die Liebe des Mannes, für den sie so viele
+Torheiten begangen, nicht hatte erringen können, ließ sie nicht los.
+Jetzt brach sie das Stillschweigen und begann alles erdenkliche, um
+ihm ein paar Liebesworte abzulocken. Zerstreut sagte er ihr einige
+überzärtliche Dinge. Aber mit viel herzlicherem Tone sprach er alsbald
+von seinem politischen Vorhaben. Schmerzerfüllt rief er aus:</p>
+
+<p>»Wenn mir auch diese Unternehmung mißglückt, wenn die Regierung
+abermals dahinter kommt, dann mache ich nicht mehr mit!«</p>
+
+<p>Vanina hörte regungslos zu. Seit einer Stunde hatte sie das Gefühl,
+daß sie den Geliebten zum letzten Male sähe. Was er eben gesagt hatte,
+brachte ihre Gedanken in eine neue, verhängnisvolle Richtung.</p>
+
+<p>Vanina sagte sich: »Die Karbonari haben von mir ein paar tausend
+Zechinen bekommen. Niemand zweifelt daran, daß ich die Verschwörung
+begünstige.«</p>
+
+<p>Sie verlor sich in Grübeleien, von denen sie sich nur losriß, um
+Pietro zu sagen:</p>
+
+<p>»Willst du vierundzwanzig Stunden mit mir im Schloß San Nicolo
+verbringen? Die Venta wird wohl deine Anwesenheit eine Nacht entbehren
+können. Morgen früh werden wir im Parke des Schlosses
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_28" id="Pg_28">[S. 28]</a></span>
+
+spazieren gehen. Das wird deine Erregung mildern und dir die
+Kaltblütigkeit verschaffen, die du bei deiner großen Unternehmung nötig
+hast.«</p>
+
+<p>Pietro willigte ein.</p>
+
+<p>Alsbald verließ ihn Vanina unter dem Vorwande, die Vorbereitungen
+zur Fahrt nach San Nicolo zu treffen. Sie eilte zu einer ihrer früheren
+Kammerjungfern, die geheiratet und einen kleinen Handel in Forli
+begonnen hatte. Bei dieser Frau schrieb sie in ein Gebetbuch, das sie
+im Schlafzimmer liegen sah, in aller Hast die genaue Ortsangabe, wo die
+Verschwörer in der kommenden Nacht ihre Venta abhalten wollten. Ihre
+Denunziation schloß mit den Worten: »Die Versammlung wird aus folgenden
+neunzehn Teilnehmern bestehen:&nbsp;....« Es folgten die Namen und
+Wohnungsangaben.</p>
+
+<p>Als Vanina die Liste fertig hatte, in der einzig und allein
+Missirillis Name fehlte, sagte sie zu der Frau, deren Zuverlässigkeit
+ihr sicher war:</p>
+
+<p>»Bring dieses Buch zum Kardinal-Legaten. Er soll lesen, was
+hineingeschrieben worden ist, und dir das Buch dann zurückgeben. Hier
+hast du zehn Zechinen. Wenn der Legat jemals deinen Namen erfährt,
+bist du des Todes. Aber du rettest mir das Leben, wenn du ihm das darin
+beschriebene Blatt zu lesen gibst.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_29" id="Pg_29">[S. 29]</a></span>
+
+Alles ging tadellos nach Erwarten. Der Legat war dermaßen furchtsam, daß
+er auf die Rolle eines großen Herrn verzichtete. Er erlaubte der Frau
+aus dem Volke, die ihn so dringend zu sprechen begehrte, maskiert
+vor ihm zu erscheinen, allerdings mit gebundenen Händen. So wurde
+die Krämersfrau vor den Machthaber geführt. Als sie eintrat, saß er
+verschanzt hinter einem mit grünem Tuche überzogenen großen Tische.</p>
+
+<p>Der Legat las das beschriebene Blatt des Gebetbuches, wobei er es
+weit von sich abhielt, aus Angst vor einem Gifte. Alsdann reichte er es
+der Frau zurück. Auch ließ er sie nicht verfolgen.</p>
+
+<p>Vanina hatte auf die Wiederkehr ihrer ehemaligen Jungfer gewartet.
+Keine dreiviertel Stunde, nachdem sie den Geliebten verlassen, stellte
+sie sich wieder bei ihm ein, fest überzeugt, daß er ihr fortan allein
+gehöre. Sie erzählte ihm, in der Stadt herrsche ungewöhnliche Bewegung.
+Karabinieripatrouillen ritten durch Gassen, in die sie sonst nie
+kämen.</p>
+
+<p>»Wenn du mir Gehör schenken willst,« fügte sie hinzu, »so brechen wir
+sofort nach San Nicolo auf.«</p>
+
+<p>Missirilli war damit einverstanden. Zu Fuß erreichten sie den
+Wagen der Prinzessin, der ebenso wie ihre Gesellschaftsdame, eine
+verschwiegene, gutbezahlte Vertraute, eine halbe Wegstunde vor der Stadt
+wartete.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_30" id="Pg_30">[S. 30]</a></span>
+
+Im Schlosse von San Nicolo angelangt, war Vanina zärtlicher denn je zu
+Pietro. Die sonderbare Tat lastete auf ihrem Gemüt. Und so kamen ihr
+ihre Liebesworte selber wie Komödie vor. Der Verrat am Tage zuvor
+hatte ihr keine Skrupel bereitet. In den Armen des Geliebten sagte sie
+sich:</p>
+
+<p>»Ich brauche ihm nur ein einziges Wort zuzurufen, und von Stund an
+haßt er mich bis in alle Ewigkeit!«</p>
+
+<p>Mitten in der Nacht drang einer von Vaninas Dienern plötzlich in das
+Zimmer. Ohne daß es Vanina geahnt, war auch er Karbonaro. Missirilli
+hatte also Geheimnisse vor ihr, sogar in derlei Nebensachen. Sie
+erbebte.</p>
+
+<p>Der Mann meldete Pietro, daß in Forli in der Nacht die Häuser
+von neunzehn Karbonari umstellt worden seien. Im Augenblick, da die
+Verschwörer von der Venta heimkehrten, habe man sie verhaftet. Von den
+Überrumpelten hätten sich trotz alledem neun retten können. Zehn seien
+von den Karabinieri nach der Zitadelle abgeführt. Beim Betreten des
+Burghofes habe sich einer der Gefangenen in den tiefen Brunnen gestürzt.
+Er sei tot.</p>
+
+<p>Vanina verlor völlig ihre Fassung. Zum Glück bemerkte es Pietro
+nicht; sonst hätte er ihr die Untat an den Augen abgelesen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_31" id="Pg_31">[S. 31]</a></span>
+
+Der Diener berichtete einige weitere Einzelheiten. Die ganze Garnison
+von Forli sei alarmiert. Als er hinaus war, versank Missirilli in
+Nachdenken, aber nur ein paar Minuten.</p>
+
+<p>»Im Augenblick ist nichts zu machen,« erklärte er.</p>
+
+<p>Vanina war halbtot. Sie zitterte unter den Blicken des Geliebten.</p>
+
+<p>»Was regt dich denn das so auf?« fragte er. Aber schon dachte er
+wieder an andre Dinge und sah Vanina nicht weiter an.</p>
+
+<p>Gegen Mittag wagte sie ihm zu sagen:</p>
+
+<p>»Schon wieder eine entdeckte Venta! Ich denke, du hast nun für eine
+Weile genug ...«</p>
+
+<p>»Übergenug!« unterbrach er sie und lachte, daß es Vanina graute.</p>
+
+<p>Sie machte dem Pfarrer von San Nicolo einen Anstandsbesuch. Er konnte
+ein Spion der Jesuiten sein. Als sie um sieben Uhr zum Pranzo wieder
+heimkam, fand sie das Gelaß leer, das sie dem Geliebten zum Versteck
+angewiesen hatte. Außer sich suchte sie ihn sofort im ganzen Schlosse.
+Er war nicht mehr da. In ihrer Verzweiflung lief sie nochmals in seine
+Stube. Jetzt erst fand sie einen Zettel, auf dem geschrieben stand:</p>
+
+<p>»Ich stelle mich dem Legaten, weil ich an unsrer Sache verzweifle.
+Der Himmel ist wider uns. Wer
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_32" id="Pg_32">[S. 32]</a></span>
+
+mag uns verraten haben? Offenbar der Schurke, der sich in den Brunnen
+gestürzt hat. Da mein Leben dem armen Italien nichts nützt, so will ich
+nicht, daß mich meine Kameraden allein auf freiem Fuße sehen und sich
+am Ende gar einbilden, ich sei der Verräter. Lebe wohl! Wenn Du mich
+liebst, so sei darauf bedacht, mich zu rächen! Wenn Du den Verräter
+entdecken solltest, so vernichte den Nichtswürdigen, und wäre es mein
+Vater!«</p>
+
+<p>Halb von Sinnen und in den Tod unglücklich sank Vanina in einen
+Stuhl. Sie war keines Wortes mächtig. Die tränenlosen Augen brannten
+ihr. Schließlich fiel sie in die Knie.</p>
+
+<p>»Allmächtiger!« betete sie. »Nimm mein Gelübde an! Ich will den
+nichtswürdigen Verräter strafen. Aber vorher muß ich Pietro die Freiheit
+verschaffen!«</p>
+
+<p>Eine Stunde später war sie unterwegs nach Rom. Ihr Vater hatte sie
+schon lange zur Heimkehr gedrängt und hatte in ihrer Abwesenheit dem
+Principe Livio Savelli ihre Hand fest versprochen. Kaum war Vanina
+wieder zu Hause, als der Fürst zaghaft davon zu sprechen begann. Zu
+seinem großen Erstaunen ging Vanina sofort darauf ein. Noch am selbigen
+Abend ward ihr Savelli im Hause der Gräfin Vitelleschi feierlich als
+Bräutigam zugeführt.</p>
+
+<p>Vanina zeigte sich ihm sehr gesprächig. Er war
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_33" id="Pg_33">[S. 33]</a></span>
+
+der eleganteste Mensch und besaß die schönsten Pferde; aber wenn man
+ihn auch für sehr intelligent hielt, so galt er doch für derartig
+leichtsinnig, daß er der Regierung niemals verdächtig werden konnte.
+Damit rechnete Vanina. Wenn sie ihm den Kopf verdrehte, konnte sie
+ihn bequem zu allerhand gebrauchen. Ihm, dem Neffen des Monsignore
+Savelli-Catanzara, des Stadtkommandanten und Polizeipräsidenten von Rom,
+wagte kein Spion nachzustellen.</p>
+
+<p>Nachdem Vanina den galanten Livio mehrere Tage auf das beste
+behandelt hatte, erklärte sie ihm, sie werde nie seine Gattin. Er wäre
+ihr viel zu leichtsinnig.</p>
+
+<p>»Wenn Sie nicht das reine Kind wären,« sagte sie zu ihm, »hätten
+die Beamten Ihres Onkels keine Geheimnisse vor Ihnen. Wissen Sie zum
+Beispiel, was mit den Karbonari geschehen wird, die man neulich in Forli
+erwischt hat?«</p>
+
+<p>Nach zwei Tagen kam Livio und meldete Vanina, alle in Forli
+verhafteten Karbonari seien entwischt.</p>
+
+<p>Vanina sah ihn mit ihren großen schwarzen Augen eindringlich an,
+lächelte bitter und unsagbar verächtlich und würdigte ihn den ganzen
+Abend keines Wortes. Zwei Tage danach kam Livio abermals und gestand,
+man habe ihn vor zwei Tagen falsch unterrichtet.</p>
+
+<p>»Jetzt aber«, erzählte er, »habe ich mir einen Schlüssel zum
+Arbeitszimmer meines Onkels verschafft.
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_34" id="Pg_34">[S. 34]</a></span>
+
+Aus den Akten, die ich daselbst in den Händen gehabt habe, weiß ich,
+daß eine Kommission von Kardinälen und hochangesehenen Prälaten in einer
+Geheimsitzung erörtert hat, ob es besser sei, den Karbonari in Ravenna
+oder in Rom den Prozeß zu machen. Die neun in Forli festgenommenen
+Verschwörer und ihr Führer, ein gewisser Missirilli, der so dumm gewesen
+ist, sich selbst zu stellen, werden augenblicklich im Kastell San Leo
+gefangen gehalten ...«</p>
+
+<p>Bei den Worten »so dumm« kniff Vanina den jungen Fürsten mit aller
+Kraft in den Arm.</p>
+
+<p>»Ich will die offiziellen Akten selber einsehen. Nehmen Sie mich mit
+in das Arbeitszimmer Ihres Onkels! Sie haben sich jedenfalls beim Lesen
+geirrt.«</p>
+
+<p>Livio erschrak zu Tode. Vanina forderte etwas geradezu Unmögliches
+von ihm; aber ihr seltsames Wesen verdoppelte seine Verliebtheit. Nach
+einigen Tagen konnte Vanina, als Lakai verkleidet, in der kleidsamen
+Livree der Casa Savelli, eine halbe Stunde lang in den geheimsten
+Papieren des Polizeipräsidenten herumkramen. Als sie den »Tagesbericht
+über pp. Pietro Missirilli« las, empfand sie einen Anflug von Glück.
+Kaum vermochten ihre zitternden Hände das Schriftstück zu halten. Als
+sie den Namen des Geliebten las, ward sie fast ohnmächtig.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_35" id="Pg_35">[S. 35]</a></span>
+
+Als sie den Palast des Polizeipräsidenten wieder verließen, durfte Livio
+sie küssen.</p>
+
+<p>»Sie bestehen die Proben, die ich Ihnen auferlege, recht gut,«
+erklärte ihm Vanina.</p>
+
+<p>Im Besitze dieses Lobes hätte der junge Principe Vanina zu Gefallen
+den Vatikan angesteckt.</p>
+
+<p>Am Abend war Ball in der französischen Gesandtschaft. Vanina tanzte
+viel und fast stets mit Livio. Er war trunken vor Glück. Vanina durfte
+ihn nicht zur Besinnung kommen lassen. Des war sie entschlossen.</p>
+
+<p>»Mein Vater ist manchmal wunderlich,« sagte sie eines Tages zu ihm.
+»Heute morgen hat er zwei von seinen Leuten von dannen gejagt. Sie sind
+weinend zu mir gekommen. Der eine hat mich gebeten, ihm eine Stelle bei
+Ihrem Onkel, dem Stadtkommandanten von Rom, zu verschaffen. Der andre,
+ein ehemaliger napoleonischer Artillerist, möchte auf der Engelsburg
+angestellt werden.«</p>
+
+<p>»Ich nehme sie alle beide in meine Dienste,« erklärte der junge
+Principe eifrig.</p>
+
+<p>»Habe ich Sie darum gebeten?« fragte Vanina hochmütig. »Ich habe
+Ihnen die Bitte der beiden armen Schelme wörtlich wiederholt. Sie sollen
+bekommen, was sie wünschen, und nichts andres!«</p>
+
+<p>Das war nichts weniger als einfach. Monsignore
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_36" id="Pg_36">[S. 36]</a></span>
+
+Catanzara war ein höchst eigenwilliger Herr, der nur Leute in sein Haus
+nahm, die er sehr gut kannte.</p>
+
+<p>Inmitten von tausend äußerlichen Vergnügungen ward Vanina von
+Reue gequält. Sie fühlte sich grenzenlos unglücklich. Die so langsame
+Entwicklung der Dinge brachte sie beinahe um. Der Bankier ihres Vaters
+hatte ihr Geld versorgt. Sollte sie aus dem Vaterhause fliehen, nach der
+Romagna gehen und ihren Geliebten zu befreien suchen? So unvernünftig
+dieser Gedanke war, so hätte sie ihn doch wohl ausgeführt, wenn sich der
+Zufall nicht ihrer erbarmt hätte.</p>
+
+<p>Livio vermeldete ihr:</p>
+
+<p>»Missirilli und seine neun Mitverschworenen werden nach Rom
+überführt, nachdem sie in Ravenna abgeurteilt worden sind. Das hat mein
+Onkel heute abend beim Papste durchgesetzt. Sie und ich, wir sind in
+ganz Rom die einzigen, die dieses Geheimnis wissen. Sind Sie zufrieden
+mit mir?«</p>
+
+<p>»Sie werden ein Mann!« erwiderte Vanina. »Schenken Sie mir Ihr
+Bild!«</p>
+
+<p>Am Tage, ehe Missirilli in Rom eintreffen sollte, fand Vanina einen
+Vorwand, nach Civita Castellana zu fahren. Im Gefängnis dieser Stadt
+wurden Gefangene, die man von der Romagna nach Rom beförderte, stets
+eine Nacht verquartiert. In der Tat sah Vanina ihren Missirilli, als er
+aus dem Gefängnis
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_37" id="Pg_37">[S. 37]</a></span>
+
+herausgebracht ward. Er saß kettenbelastet auf einem Karren für sich. Er
+kam ihr sehr bleich, aber durchaus nicht gebrochen vor. Eine alte Frau
+warf ihm ein Veilchensträußchen zu. Pietro lächelte ihr Dank zu.</p>
+
+<p>Nachdem Vanina den Geliebten gesehen hatte, fühlte sie sich erstarkt
+und von neuem Mut beseelt. Bereits seit geraumer Zeit hatte sie den
+Abbate Cari, den Almosenier der Engelsburg, in der Pietro nunmehr
+eingekerkert war, in seiner Karriere ein gutes Stück vorwärts gebracht,
+indem sie ihn zum Beichtvater genommen. Er war ein gutmütiger Mensch. Es
+ist in Rom nicht unwichtig, Beichtiger einer Prinzessin zu sein, deren
+Onkel Stadtkommandant ist.</p>
+
+<p>Mit den Karbonari von Forli wurde nunmehr kurzer Prozeß gemacht.
+Ärgerlich darüber, daß die Sache nach Rom abgewälzt worden war, sorgte
+die reaktionäre Partei dafür, daß die Kommission, der das Urteil
+oblag, aus den ehrgeizigsten Prälaten bestand. Den Vorsitz führte der
+Polizeipräsident.</p>
+
+<p>Das Gesetz gegen den Karbonarismus ist klipp und klar. Den Rebellen
+von Forli blieb keine Hoffnung. Trotzdem verteidigten sie ihr Leben
+durch alle nur möglichen Ausflüchte. Die Richter verurteilten sie nicht
+nur zum Tode, sondern obendrein zu allerlei schrecklichen Nebenstrafen.
+Es sollten ihnen die Hände abgehauen
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_38" id="Pg_38">[S. 38]</a></span>
+
+werden usw. Der Polizeipräsident, der keine Streberei mehr nötig hatte
+(man vertauscht diesen Posten nur mit dem Kardinalshut), hatte kein
+Begehr nach abgehauenen Händen. Als er das Urteil Seiner Heiligkeit
+vorlegte, befürwortete er die Verwandlung sämtlicher Strafen in bloßes
+Gefängnis. Nur mit Missirilli ward eine Ausnahme gemacht. In diesem
+jungen Manne erblickte der Polizeipräsident einen gefährlichen
+Fanatiker. Überdies hatte er wegen der Ermordung der beiden Karabinieri
+den Tod verdient.</p>
+
+<p>Vanina erfuhr das Urteil und dessen Umwandlung wenige Augenblicke,
+nachdem Monsignore Catanzara den Vatikan verlassen hatte.</p>
+
+<p>Als er am Abend darauf gegen Mitternacht in seinen Palast zurückkam,
+war sein Kammerdiener nicht zur Stelle. Erstaunt klingelte Catanzara
+mehrmals. Endlich erschien ein alter gebrechlicher Lakai. Der Präsident
+verlor die Geduld und beschloß, sich selbst auszukleiden. Als der Diener
+hinaus war, verschloß er die Tür.</p>
+
+<p>Es war sehr heiß. Er zog den Rock aus und warf ihn achtlos auf
+einen Stuhl, warf ihn aber mit solcher Wucht, daß er über den Stuhl
+hinwegflog, gegen den Musselinvorhang eines der Fenster. Da ward die
+Form eines hinter dem Vorhang stehenden Menschen erkennbar.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_39" id="Pg_39">[S. 39]</a></span>
+
+Monsignore stürzte nach dem Nachttisch und ergriff seine Pistole. Als er
+sich dem Fenster näherte, trat ein junger Mann in der Livree des Hauses
+hervor, ebenfalls eine Pistole in der Hand.</p>
+
+<p>Catanzara erhob die seine und wollte losdrücken. Da rief ihm der
+junge Mann lachend zu:</p>
+
+<p>»Monsignore, erkennen Sie Vanina Vanini nicht?«</p>
+
+<p>»Was soll der schlechte Scherz?« fragte er zornig.</p>
+
+<p>»Sprechen wir in aller Ruhe!« sagte die Principessa. »Übrigens ist
+Ihre Pistole entladen.«</p>
+
+<p>Der betroffene Präsident überzeugte sich von der Tatsache. Dann zog
+er einen Dolch aus seiner Westentasche.</p>
+
+<p>»Setzen wir uns, Monsignore!« schlug Vanina mit einer entzückend
+gebieterischen Gebärde vor und nahm ruhig auf einem Sofa Platz.</p>
+
+<p>»Sind Sie wenigstens allein?« fragte der Polizeipräsident.</p>
+
+<p>»Gänzlich allein! Das schwör' ich Ihnen,« rief Vanina.</p>
+
+<p>Monsignore stellte dies genauestens fest, indem er im ganzen
+Zimmer herumging und alles durchsuchte. Darauf setzte er sich in einen
+Lehnstuhl, drei Schritte von Vanina entfernt.</p>
+
+<p>Sie sagte im friedlichsten Tone:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_40" id="Pg_40">[S. 40]</a></span>
+
+»Welches Interesse könnte ich wohl haben, einem politisch
+maßvollen Manne nach dem Leben zu trachten, damit an seine Stelle
+höchstwahrscheinlich ein jähzorniger Schwachkopf träte, der imstande
+wäre, sich und die anderen zugrunde zu richten?«</p>
+
+<p>»Was wollen Sie eigentlich, Principessa?« fragte Catanzara ärgerlich.
+»Die Geschichte paßt mir nicht. Sie hat schon lange genug gedauert.«</p>
+
+<p>Hochmütig und ihre Grazie plötzlich verlassend, entgegnete ihm
+Vanina:</p>
+
+<p>»Was ich noch zu sagen habe, ist für Sie wichtiger als für mich. Man
+will, daß der Karbonaro Missirilli mit dem Leben davonkommt. Wenn er
+hingerichtet wird, ist es binnen acht Tagen auch um Sie geschehen. Ich
+selbst habe keinerlei Interesse an der Sache. Die Torheit, die Ihnen
+unangenehm ist, begehe ich erstens zu meinem Vergnügen und zweitens, um
+einer meiner Freundinnen gefällig zu sein ...« Indem sie ihren früheren
+artigen Ton wieder annahm, fuhr sie fort: »Auch wollte ich einem klugen
+Manne einen Dienst erweisen, der demnächst mein Onkel wird und offenbar
+den Glanz seines Hauses noch strahlender machen kann.«</p>
+
+<p>Der Polizeipräsident verlor seine ärgerliche Miene. Vaninas Schönheit
+trug zweifellos zu diesem plötzlichen Stimmungswechsel bei. Monsignore
+Catanzaras
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_41" id="Pg_41">[S. 41]</a></span>
+
+Vorliebe für hübsche Frauen war stadtbekannt, und in ihrer Maskerade als
+Lakai mit straffsitzenden seidenen Strümpfen, roter Weste und kokettem
+himmelblauen silberbetreßten Rocke, die Pistole in der Hand, sah Vanina
+verführerisch aus.</p>
+
+<p>»Meine liebe Nichte <i>in spe</i>,« sagte Catanzara, fast lachend.
+»Sie begehen eine große Torheit. Es wird wohl nicht die letzte
+sein.«</p>
+
+<p>Vanina erwiderte:</p>
+
+<p>»Ich hoffe, ein so kluger Grandseigneur wird mein Geheimnis wahren,
+besonders vor Ihrem Neffen Livio. Um Sie darauf zu verpflichten,
+verehrter Onkel, und wenn Sie dem Schützling meiner Freundin das Leben
+retten wollen, sollen Sie einen Kuß von mir bekommen.«</p>
+
+<p>In diesem halb scherzhaften Tone, mit dem die vornehmen Römerinnen
+die wichtigsten Angelegenheiten zu behandeln verstehen, führte Vanina
+die Unterhaltung fort. Dadurch wurde aus der Pistolenszene schließlich
+eine Art Besuch, den die künftige Principessa Savelli ihrem Onkel, dem
+Stadtkommandanten von Rom, machte.</p>
+
+<p>Wenn Monsignore Catanzara auch den Gedanken, man könne ihn durch
+Furcht einschüchtern, stolz von sich wies, so war er doch bald so
+weit umgestimmt, daß er seiner Nichte genau darlegte, welche großen
+Schwierigkeiten es mit sich brachte, dem Karbonaro
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_42" id="Pg_42">[S. 42]</a></span>
+
+das Leben zu erhalten. Schließlich aber versprach er ihr beinahe
+Missirillis Rettung.</p>
+
+<p>»Unser Geschäft ist gemacht!« frohlockte Vanina. »Zur Besiegelung
+haben Sie hier Ihren Lohn!«</p>
+
+<p>Sie fiel ihm um den Hals, und Monsignore nahm seinen Lohn
+entgegen.</p>
+
+<p>»Meine liebe Vanina,« sagte er, »Sie müssen wissen, daß ich kein
+Freund vom Blutvergießen bin. Außerdem bin ich noch jung, wenngleich
+ich Ihnen wohl recht alt erscheine. Ich kann sehr wohl noch die Zeit
+erleben, wo das heute vergossene Blut auf mein Haupt kommt.«</p>
+
+<p>Es schlug zwei Uhr, als Monsignore Catanzara die schöne Vanina nach
+dem Gartenpförtchen seines Palastes geleitete.</p>
+
+<p>Zwei Tage darauf erschien er vor dem Papst, ein wenig über sein
+Anliegen verlegen.</p>
+
+<p>Seine Heiligkeit empfing ihn mit den Worten:</p>
+
+<p>»Vor allem erwarte ich, daß Sie mir eine Begnadigung unterbreiten.
+Einer der Karbonari von Forli ist zum Tode verurteilt. Der Gedanke daran
+hat mich nicht schlafen lassen. Der Mann muß gerettet werden!«</p>
+
+<p>Als der Polizeipräsident sah, daß der Papst dasselbe wollte wie er,
+machte er allerlei Einwände. Schließlich setzte er aber eine Verfügung
+auf, die der Papst
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_43" id="Pg_43">[S. 43]</a></span>
+
+ganz gegen seine Gewohnheit <i>motu proprio</i> unterzeichnete.</p>
+
+<p>Vanina glaubte zwar an die Möglichkeit, die Begnadigung ihres
+Geliebten zu erreichen, aber sie befürchtete, man könne ihn vergiften.
+Schon am Tage vor der Begnadigung erhielt Missirilli durch den Abbate
+Cari ein paar Pakete Zwiebäcke und die Warnung, die Gefängniskost nicht
+mehr anzurühren.</p>
+
+<p>Nunmehr erfuhr Vanina, daß die gefangenen Karbonari wieder nach
+dem Kastell San Leo überführt werden sollten. Sofort faßte sie den
+Entschluß, Pietro bei seinem Durchzuge durch Civita Castellana zu sehen.
+Vierundzwanzig Stunden vor den Gefangenen langte sie daselbst an, wo
+sie mit dem Abbate Cari zusammentraf, der bereits einige Tage dort
+verweilte. Er hatte den Kerkermeister dazu gebracht, daß Missirilli um
+Mitternacht in der Gefängniskapelle der Messe beiwohnen durfte. Ja, wenn
+Missirilli damit einverstanden wäre, sich Arme und Beine in Ketten legen
+zu lassen, so war der Kerkermeister bereit, sich in den Hintergrund der
+Kapelle zurückzuziehen, allerdings ohne den Gefangenen außer Sehweite zu
+lassen. Hören konnte er da nichts von dem, was mit Missirilli gesprochen
+werden würde.</p>
+
+<p>Endlich kam der Tag, an dem sich Vaninas Schicksal entscheiden
+sollte. Ganz früh am Morgen schloß
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_44" id="Pg_44">[S. 44]</a></span>
+
+sie sich in der Gefängniskapelle ein. Sie litt tausend Qualen. Immer
+wieder fragte sie sich, ob Missirillis Liebe groß genug sei, um ihr zu
+verzeihen. Sie hatte seine Mitverschworenen denunziert, aber ihm selbst
+hatte sie das Leben gerettet. Jedesmal, wenn die Vernunft in ihres
+Herzens Kämpfen die Oberhand gewann, war sie voller Hoffnung, er würde
+einwilligen, mit ihr zusammen aus Italien zu fliehen. Wenn sie auch
+Böses getan hatte, so war es doch aus Übermaß von Liebe geschehen.</p>
+
+<p>Als es vier Uhr schlug, hörte Vanina von weitem auf dem
+Straßenpflaster die Hufschläge der Karabinieri. Bei jedem einzelnen
+Schlag erzitterte ihr Herz. Bald vernahm sie auch das Rollen der Karren,
+auf denen die Gefangenen befördert wurden.</p>
+
+<p>Auf dem kleinen Platze vor dem Gefängnis machte der Zug halt. Vanina
+beobachtete, wie zwei Karabinieri Missirilli herunterhoben. Er befand
+sich allein in einem der Karren und war derart mit Ketten belastet, daß
+er sich nicht rühren konnte.</p>
+
+<p>»Er ist wenigstens noch am Leben,« sagte sich Vanina, Tränen in den
+Augen. »Man hat ihn nicht mit Gift aus der Welt geschafft.«</p>
+
+<p>Der Abend war grauenhaft. Die düstere Kapelle ward nur beleuchtet
+durch eine hochhängende Altarlampe, an der man mit dem Öl sparte.
+Vaninas
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_45" id="Pg_45">[S. 45]</a></span>
+
+Augen irrten über die Grabmäler etlicher Grandseigneurs des
+Mittelalters, die vor Zeiten im benachbarten Kerker umgekommen waren.
+Die Steinbilder starrten sie grimmig an. Längst waren alle Geräusche
+verstummt. Vanina war einsam und allein, in ihre finsteren Grübeleien
+versunken.</p>
+
+<p>Kurz nachdem es Mitternacht geschlagen hatte, vernahm sie ein leises
+Geräusch, als ob eine Fledermaus durch den Raum schwirre. Sie wollte ein
+paar Schritte machen, sank aber halb ohnmächtig an die Balustrade des
+Altars. Im nämlichen Augenblick sah sie dicht vor sich zwei nebelhafte
+Gestalten, deren Herannahen sie nicht gehört hatte. Es war der
+Kerkermeister mit Missirilli. Der letztere war mit Ketten geradezu
+umwickelt.</p>
+
+<p>Der Kerkermeister klappte seine Laterne auf und stellte sie in
+Vaninas Nähe auf die Altarbalustrade. Dann zog er sich nach der Tür
+zurück. Kaum war er verschwunden, da fiel Vanina dem Gefesselten um den
+Hals. Sie drückte ihn an sich, aber sie spürte nichts als seine kalten
+harten Ketten. So empfand sie nicht die geringste Freude. Aber ihrem
+Schmerze darüber folgte noch ein viel schlimmerer. Missirillis Benehmen
+war so eisig, daß Vanina einen Augenblick lang glaubte, er wisse alle
+ihre Übeltaten.</p>
+
+<p>Schließlich begann er zu sprechen:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_46" id="Pg_46">[S. 46]</a></span>
+
+»Liebe Vanina, ich bedaure, daß du dich in mich verliebt hast.
+Vergeblich suche ich an mir nach Vorzügen, durch die ich deine Liebe
+verdient hätte ... Reden wir von christlicheren Dingen! Vergessen wir
+die Illusionen, die uns einstmals in die Irre geführt haben! Ich
+darf nicht mehr der Deine sein. Das fortgesetzte Unglück, das meine
+Unternehmungen verfolgt, hat seine Ursache vielleicht darin, daß ich
+mich dauernd im Zustande der Todsünde befunden habe. Es fällt mir
+schwer, das alles vom Standpunkte der nüchternen Vernunft zu beurteilen.
+Warum ward ich in jener verhängnisvollen Nacht in Forli nicht ebenso
+verhaftet wie meine Genossen? Warum war ich in der Stunde der
+Gefahr nicht auf meinem Posten? Warum hat meine Abwesenheit den
+allerschrecklichsten Verdacht aufkommen lassen: ich hätte eine andre
+Leidenschaft als die Befreiung Italiens?«</p>
+
+<p>Vanina vermochte sich nicht von ihrer Verwunderung zu erholen,
+Missirilli so gewandelt zu sehen. Er sah eigentlich nicht magerer aus
+als früher, aber er erschien ihr wie zehn Jahre älter geworden. Sie
+schob diese Veränderung auf die schlechte Behandlung, die er offenbar in
+der Gefangenschaft erfahren hatte. In Tränen ausbrechend, sagte sie:</p>
+
+<p>»Ach, die Kerkermeister haben ihr Wort nicht gehalten, dich gut zu
+behandeln!«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_47" id="Pg_47">[S. 47]</a></span>
+
+In Wirklichkeit hatten sich angesichts des sicheren Todes in der Seele
+des jungen Karbonaro allerhand fromme Skrupel zu seiner Leidenschaft
+für die Befreiung Italiens gesellt. Allmählich begriff Vanina, daß die
+erstaunliche Veränderung, die sie an ihrem Geliebten wahrnahm, rein
+innerlicher Art war, keineswegs aber die Wirkung von schlechter
+körperlicher Behandlung. Wenn sie erst schon geglaubt hatte, ihr Schmerz
+sei ungeheuer, so fühlte sie ihn jetzt ins Maßlose wachsen.</p>
+
+<p>Missirilli war verstummt. Vanina erstickte fast vor Schluchzen. Ein
+wenig bewegt begann er von neuem:</p>
+
+<p>»Vanina, wenn ich hienieden etwas geliebt habe, so bist du das
+gewesen! Aber gottlob hat mein Dasein nur noch ein Ziel: den Tod, sei es
+im Kerker, sei es bei neuen Versuchen für Italiens Freiheit!«</p>
+
+<p>Wiederum herrschte Stillschweigen. Vanina vermochte kein
+Wort hervorzubringen. Das sah man ihr an. Vergeblich machte sie
+Anstrengungen, zu reden. Missirilli fuhr fort:</p>
+
+<p>»Liebe Vanina, die Pflicht ist grausam, aber wenn ihre Erfüllung gar
+nicht schwer wäre: wo gäbe es dann Heldentum? Gib mir dein Wort, daß du
+nie wieder den Versuch machen wirst, mich zu sehen!«</p>
+
+<p>Soweit das ihm seine Ketten gestatteten, machte er eine Bewegung und
+reichte Vanina die Finger.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_48" id="Pg_48">[S. 48]</a></span>
+
+»Wenn du dem, der dir lieb und wert war, Gehör schenkst, so sei
+vernünftig und heirate irgendeinen angesehenen Mann, den dir dein Vater
+wählen wird! Mach ihm kein peinliches Geständnis! Aber ebensowenig
+versuche, mich wiederzusehen! Seien wir fortan einander fremd! Du hast
+dem Wohle des Vaterlandes eine beträchtliche Summe gespendet. Wird es je
+von seinen Tyrannen befreit, so wird dir dieses Geld aus dem Nationalgut
+getreulich wiedererstattet.«</p>
+
+<p>Vanina war trostlos. Während Pietro so sprach, hatten seine Augen nur
+einmal aufgeleuchtet: bei dem Worte <em class="gesperrt">Vaterland</em>.</p>
+
+<p>Schließlich brach der Stolz der jungen Römerin durch. Sie hatte sich
+mit einem Päckchen Diamanten und etlichen kleinen Feilen versehen. Dies
+bot sie Missirilli an, ohne ihm etwas zu erwidern.</p>
+
+<p>»Ich nehme es an,« sagte der Karbonaro, »denn das erheischt
+meine Pflicht. Ich muß zu entkommen suchen. Aber ich werde dich nie
+wiedersehen. Das schwöre ich dir angesichts deiner neuen Wohltat! Lebe
+wohl, Vanina! Versprich mir, niemals an mich zu schreiben und keinen
+Versuch zu machen, mich wiederzusehen! Laß mich ganz dem Vaterlande! Ich
+bin für dich gestorben. Lebe wohl!«</p>
+
+<p>»Nein!« rief Vanina in Raserei. »Du sollst erfahren, was ich getan,
+aus Liebe zu dir!«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_49" id="Pg_49">[S. 49]</a></span>
+
+Nun erzählte sie ihm alle ihre Handlungen von dem Augenblick ab, da
+Missirilli das Schloß von San Nicolo verlassen hatte, um sich dem
+Legaten zu stellen. Als sie ihren Bericht beendet hatte, sagte sie:</p>
+
+<p>»Aber alles das ist noch nichts. Aus Liebe zu dir hab ich noch mehr
+getan!«</p>
+
+<p>Jetzt erzählte sie ihm ihren Verrat.</p>
+
+<p>»Bestie du!« schrie Missirilli voller Empörung. Er stürzte auf sie
+los, um sie mit seinen Ketten zu erschlagen. Es wäre ihm auch gelungen,
+wäre nicht der Kerkermeister bei seinem ersten Aufschrei herbeigeeilt.
+Er packte den Wütenden.</p>
+
+<p>»Bestie! Dir will ich nichts zu danken haben! Da!«</p>
+
+<p>Er warf ihr die Feilen und die Edelsteine, so gut er konnte, vor die
+Füße.</p>
+
+<p>Sodann ward er rasch abgeführt.</p>
+
+<p>Vanina blieb besinnungslos zurück. Dann kehrte sie heim nach Rom.
+Kurz darauf vermeldeten die Zeitungen ihre Heirat mit Livio Savelli.</p>
+
+<hr style="width: 20%;" />
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_50" id="Pg_50">[S. 50]</a></span></p>
+
+<h2><a name="II" id="II"></a>Die Fürstin von Campobasso</h2>
+
+
+<p>Es war im Jahre 1726, also zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts, in
+Rom. Der Nepotismus trieb seine übelsten Blüten. Aber zu keiner Zeit
+war der römische Hof glänzender gewesen. Benedikt der Dreizehnte aus
+dem Hause Orsini regierte, oder vielmehr sein Neffe, der Fürst von
+Campobasso, der im Namen des Papstes alle Geschäfte führte, die großen
+wie die kleinen. Von überallher strömten die Fremden in die ewige Stadt.
+Italienische Nobili und spanische Granden, damals noch im Überflusse
+des Goldes der Neuen Welt, kamen in Scharen. Jeder Reiche und jeder
+Machthaber stand über den Gesetzen. Galanterie und Prunk waren
+offenkundig die einzigen Betätigungen im Gewimmel der Fremden und der
+Einheimischen.</p>
+
+<p>Die beiden Nichten des Papstes, die Gräfin Orsini und die Fürstin
+von Campobasso, teilten sich in die Macht ihres Onkels und in die
+Huldigungen des Hofes. Die Schönheit beider Frauen wäre aufgefallen,
+selbst wenn sie der Hefe des Volkes angehört hätten. Die Orsini, wie
+man in Rom familiär zu sagen pflegte, war heiter und lebenslustig, die
+Campobasso verträumt und fromm. Aber gerade diese zarte Seele war der
+wildesten Leidenschaft fähig. Ohne
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_51" id="Pg_51">[S. 51]</a></span>
+
+erklärte Feindinnen zu sein, wiewohl sie sich tagtäglich beim Papste
+trafen und sich oft besuchten, waren die beiden Damen Nebenbuhlerinnen
+in allem, in ihrer Schönheit, ihrem Ansehen, ihrem Reichtum.</p>
+
+<p>Die Gräfin Orsini war weniger schön, aber sie war verführerisch,
+leichtlebig, tatenlustig, intrigant. Sie hatte Liebhaber, aber ihr
+Herz blieb ewig frei. Keiner herrschte länger denn einen Tag. Ihr Glück
+bestand darin, zweihundert Menschen in ihren Sälen zu empfangen und
+unter ihnen als Königin zu erscheinen. Arg spottete sie ihrer Kusine,
+der Campobasso. Diese hatte die Ausdauer gehabt, sich drei Jahre lang
+allerorts mit einem spanischen Granden zu zeigen, bis sie ihm zu guter
+Letzt sagen ließ, er möge Rom binnen vierundzwanzig Stunden verlassen,
+wenn ihm sein Leben lieb sei. »Seit dieser Großtat«, scherzte die
+Orsini, »hat meine erhabene Kusine das Lachen ganz verlernt. Das ist
+nun schon etliche Monate her. Zweifellos geht die Ärmste an Mißmut oder
+Liebessehnsucht langsam zugrunde. Und ihr Gatte, dieser Schlaukopf,
+verfehlt nicht, Seiner Heiligkeit, unserm Onkel, diese Gemütsöde als das
+Ideal frommen In-sich-gehens zu preisen. Ich denke, eines schönen Tages
+unternimmt die fromme Büßerin eine Wallfahrt nach Hispania.«</p>
+
+<p>Die Campobasso war indessen himmelweit davon entfernt, sich nach
+ihrem spanischen Herzog zu sehnen.
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_52" id="Pg_52">[S. 52]</a></span>
+
+Sie hatte sich während seiner Regierungszeit zu Tode gelangweilt. Hätte
+sie Verlangen nach ihm gefühlt, so hätte sie ihn einfach wieder holen
+lassen. Sie gehörte zu den in Rom nicht raren Menschenkindern, die in
+der Alltäglichkeit wie in der Leidenschaft immerdar natürlich und naiv
+sind. Obgleich kaum dreiundzwanzig Jahre alt und in der vollen Blüte
+ihrer Schönheit, war sie in der Tat fanatisch fromm. Es geschah, daß sie
+vor ihrem Onkel auf die Knie sank und seinen päpstlichen Segen erflehte.
+Man weiß sattsam genug, daß der gute Benedikt der Dreizehnte von
+jedweder Gewissenslast, mit Ausnahme von zwei oder drei Todsünden,
+auch ohne Beichte absolvierte. Er weinte vor Rührung. »Stehe auf, liebe
+Nichte!« sprach er. »Du bedarfst meines Segens nicht. In den Augen des
+Herrn stehst du höher als ich.«</p>
+
+<p>Hierin täuschte sich Seine Heiligkeit trotz aller Unfehlbarkeit. Und
+mit ihm ganz Rom. Die Campobasso war toll verliebt. Ihr neuer Liebhaber
+liebte sie ebenso leidenschaftlich wie sie ihn. Aber trotzdem war sie
+tief unglücklich.</p>
+
+<p>Seit mehreren Monaten sah sie bei sich fast täglich den Attaché
+Chevalier von Senecé, einen Neffen des Herzogs von Saint-Aignan, des
+damaligen Gesandten Ludwigs des Fünfzehnten in Rom.</p>
+
+<p>Der junge Senecé war als Sohn einer Favoritin
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_53" id="Pg_53">[S. 53]</a></span>
+
+des Regenten Philipp von Orleans der Empfänger ausgesuchter Ehren. Er
+war kaum zweiundzwanzig Jahre alt und schon längst Oberst. In seinem
+Wesen hatte er etwelche dandyhafte Angewohnheiten, aber er war nicht
+anmaßend. Heiterkeit, nimmermüde Vergnügungssucht, Unbesonnenheit,
+Schneid und Gutmütigkeit waren die Haupteigenschaften seines
+eigenartigen Charakters, und man konnte zum Lobe seiner Nation sagen,
+daß er ein vollauf mustergültiger Vertreter von ihr war. Gerade das
+typisch Gallische hatte die Fürstin vom ersten Augenblick an bestochen.
+»Ich traue dir nicht über den Weg,« sagte sie einmal zu ihm. »Du bist
+Franzose. Und eines erkläre ich dir im voraus: An dem Tage, wo Rom
+erfährt, daß ich dich manchmal heimlich bei mir habe, weiß ich, daß du
+mich verraten hast. Dann ist meine Liebe aus.«</p>
+
+<p>Sie hatte mit der Liebe gespielt und war dabei der wildesten
+Leidenschaft verfallen. Auch Senecé hatte sie geliebt, wie bereits
+gesagt, aber das Einvernehmen beider währte bereits acht Monate, und
+in der Zeit, da sich die Liebe einer Italienerin verdoppelt, stirbt
+die eines Franzosen. Die Eitelkeit tröstete den Chevalier ein wenig in
+seiner Langenweile. Bereits hatte er zwei oder drei Porträts der Fürstin
+nach Paris gesandt. Übrigens war er von Jugend auf in jeder Hinsicht ein
+begnadetes Glückskind, so daß er seine sorglose Natur
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_54" id="Pg_54">[S. 54]</a></span>
+
+selbst in Dingen der Eitelkeit nicht verleugnete, die doch sonst die
+Herzen seiner Landsleute nicht in Ruhe läßt.</p>
+
+<p>Senecé hatte für den Charakter seiner Geliebten nicht das geringste
+Verständnis. Infolgedessen kam ihm ihre Bizarrerie bisweilen spaßig vor.
+Sehr oft, ganz besonders am Festtage der Heiligen Balbina, deren
+Namen sie trug, hatte er die Herzenskämpfe und Gewissensbisse dieser
+aufrichtig frommen Schwärmerin zu beschwichtigen. Bei aller Liebe
+und Leidenschaft hatte sie, gerade wie eine Frau aus dem Volke, ihren
+Glauben nicht vergessen. Der Chevalier hatte diese Regung nur mit Gewalt
+besiegt und mußte sie so immer von neuem besiegen.</p>
+
+<p>Dies Hindernis war das erste, das dem mit allen Gaben des Zufalls
+überschütteten jungen Mann in seinem Leben begegnete. Es war der Anlaß,
+daß er der Fürstin gegenüber zärtlich und aufmerksam blieb. Von Zeit zu
+Zeit hielt er es für seine Pflicht, sie zu lieben.</p>
+
+<p>Er hatte in Rom nur einen Vertrauten. Das war sein Gesandter, der
+Herzog von Saint-Aignan, dem er durch die Campobasso, der er alles
+erzählte, ein paarmal Dienste leistete. Nicht zu vergessen: die
+Wichtigkeit, die er dadurch in den Augen des Gesandten gewann,
+schmeichelte ihm ungemein.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_55" id="Pg_55">[S. 55]</a></span>
+
+Die Campobasso war auch hierin so ganz anders als Senecé. Die
+gesellschaftlichen Vorzüge des Geliebten machten gar keinen Eindruck auf
+sie. Geliebt oder nicht geliebt werden war ihr ein und alles. »Ich opfre
+ihm auf ewig mein Seelenheil,« dachte sie oft bei sich. »Er ist ein
+Ausländer. Ein Ketzer. Er kann mir derlei Opfer gar nicht entgelten.«
+Aber wenn dann der Chevalier erschien, in seinem Frohsinn, der so
+entzückend und so ungezwungen war, dann staunte sie wie vor einem Wunder
+und ließ sich so gern bezaubern. Bei seinem Anblicke vergaß sie alles,
+was sie sich vorgenommen hatte ihm zu sagen, und alle ihre düsteren
+Gedanken waren verflogen. Das war für sie ein Zustand, den ihre
+erdenferne Seele noch nie erlebt hatte. Er dauerte weiter, wenn Senecé
+längst von ihr wieder fort war. Schließlich ward sie sich klar, daß sie
+ohne den Geliebten nicht denken, nicht leben konnte.</p>
+
+<p>Die Mode, die in Rom zwei Jahrhunderte hindurch die Spanier bevorzugt
+hatte, begann sich schon damals den Franzosen zuzuwenden. Man fing an,
+ihren Charakter zu verstehen, der Freude und Glück überall hinträgt, wo
+er sich zeigt. Diesen Charakter gab es einstmals nur in Frankreich. Seit
+der großen Revolution von 1789 ist er nirgends mehr zu finden. Denn ein
+so beständiger Frohsinn gedeiht nur bei
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_56" id="Pg_56">[S. 56]</a></span>
+
+Sorglosigkeit. Heutzutage gibt es in Frankreich für niemanden mehr eine
+sichere Laufbahn und ruhige Lebensentwicklung, nicht einmal mehr für das
+Genie, das so seltene. Zwischen den Angehörigen der Kaste Senecés und
+dem Reste der Nation herrscht Kriegszustand. Auch in Rom war es damals
+bei weitem anders als in unsren Tagen. Im Jahre 1726 ahnte man nichts
+von dem allen, was sich daselbst zwei Menschenalter später zutragen
+sollte, als das Volk, von etlichen Pfaffen bestochen, den Jakobiner
+Basseville umbrachte, der die Hauptstadt der Christenheit angeblich
+zivilisieren wollte.</p>
+
+<p>Dem Chevalier gegenüber hatte die Campobasso, was ihr noch
+nie widerfahren, die Vernunft verloren. Dinge, die der gesunde
+Menschenverstand nicht billigt, hatten sie himmelhoch jauchzend und
+zu Tode betrübt gemacht. Nachdem Senecé einmal die Religiosität ihres
+strengen ehrlichen Herzens besiegt hatte, also etwas, was ihr hehrer
+und höher gewesen als die irdische Vernunft &ndash; seitdem war ihre Liebe
+lodernde Leidenschaft geworden.</p>
+
+<p>Die Fürstin hatte einem Monsignore Ferraterra ihr Wohlwollen
+geschenkt und sich vorgenommen, ihn emporzubringen. Ihr ward ganz
+seltsam zumute, als Ferraterra ihr eines Tages vermeldete, Senecé ginge
+nicht nur auffällig viel zur Orsini, sondern er
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_57" id="Pg_57">[S. 57]</a></span>
+
+wäre auch daran schuld, daß die Gräfin ihrem offiziellen Liebhaber,
+einem berühmten Sänger, den Laufpaß gegeben hatte.</p>
+
+<p>Es war an dem Abend, da die Campobasso diese schicksalsschwere
+Nachricht erhalten hatte.</p>
+
+<p>Regungslos saß sie im Erdgeschoß ihres Palastes in einem riesigen
+Lehnstuhl von vergoldetem Leder. Neben ihr, auf einem Tischchen mit
+schwarzer Marmorplatte, stand ein mächtiger zweiarmiger Leuchter auf
+hohem Fuß, ein Meisterwerk von Benvenuto Cellini. Das Licht der dicken
+Kerzen durchhellte das weite Gemach und ließ Einzelheiten aus der
+Finsternis hervortreten. An den Wänden hingen Gemälde, vom Alter
+gedunkelt; denn die Zeit der großen Meister war längst vorüber.</p>
+
+<p>Der Fürstin gegenüber, fast zu ihren Füßen, auf einem niedrigen
+Ebenholzschemel, der mit massivem Goldzierat geschmückt war, hockte
+die rassige Gestalt des jungen Franzosen. Die Römerin schaute ihn an.
+Ununterbrochen. Seit er den Saal betreten, hatte sie noch kein Wort an
+ihn gerichtet. Sonst war sie ihm immer entgegengeeilt und ihm in die
+Arme geflogen.</p>
+
+<p>Im Jahre 1726 war Paris bereits die Königin der Eleganz und des
+Schicks. Der Chevalier ließ sich von dort durch die Post regelmäßig
+allerlei kommen, was das schmucke Aussehen auch des feschesten Franzosen
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_58" id="Pg_58">[S. 58]</a></span>
+
+noch erhöht. Senecé hatte seine weltmännische Schulung durch die großen
+Mondänen am Hofe des Regenten und unter der Anleitung des berüchtigten
+Canillac, eines Roués am Hofe Philipps, empfangen. Aber trotz seiner bei
+einem Manne seines Ranges so natürlichen Sicherheit war er einigermaßen
+verlegen. Seine Miene verriet es deutlich. Er sah ihr ins Gesicht.
+Ihr schönes blondes Haar war nicht ganz in Ordnung. Ihre großen
+schwarzblauen Augen starrten ihn an. Aber er verstand nicht, was ihr
+düsterer Ausdruck besagte. Sann sie auf tödliche Rache? Oder war es nur
+der tiefe Ernst leidenschaftlicher Liebe?</p>
+
+<p>»Also du liebst mich nicht mehr?« stieß sie endlich hervor.</p>
+
+<p>Dieser Kriegserklärung folgte neues langes Schweigen.</p>
+
+<p>Es fiel der Fürstin schwer, auf diesen verführerischen entzückenden
+Mann verzichten zu sollen. Wenn sie ihm keine Szene machte, war er stets
+bereit, ihr tausend Torheiten zu sagen. Des war sie überzeugt. Aber sie
+war viel zu stolz, als daß sie die Aussprache hinausgeschoben hätte.
+Eine gefallsüchtige Frau ist eifersüchtig aus Eigenliebe. Eine
+leichtlebige, weil sie das so gewohnt ist. Eine Frau jedoch, die
+wahrhaftig und leidenschaftlich liebt, hegt das Bewußtsein ihrer
+Rechte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_59" id="Pg_59">[S. 59]</a></span>
+
+Die sonderbare Art ihres Blickes, die der römischen Leidenschaft
+eigentümlich ist, belustigte Senecé. Er sah in eine Tiefe voller
+Geheimnisse und Rätsel. Das war Seelennacktheit. Die Orsini besaß diesen
+Reiz nicht.</p>
+
+<p>Trotz dieser Entdeckung dauerte dem jungen Franzosen das
+Stillschweigen über die Maßen an. Da er in der Kunst, die geheime
+Innenwelt eines italienischen Herzens zu ergründen, so gar kein Meister
+war, fand er seine ruhige vernünftige Miene wieder und geriet in sein
+gewohntes Wohlbehagen. Das heißt: einen Kummer hatte er in diesem
+Augenblick doch. Beim Durchschreiten des Kellerganges, der aus einem
+Nachbarhause in den tiefgelegenen Saal führte, in dem die Fürstin ihn
+empfing, war an der blitzsauberen Stickerei seines wunderfeinen, erst
+gestern aus Paris angekommenen Rockes eine Spinnewebe hängengeblieben.
+Das verdroß ihn. Vor Spinnen hatte er Abscheu.</p>
+
+<p>Senecé bildete sich ein, in den Augen der Geliebten die Stille vor
+dem Sturm zu erkennen. »Um einen Auftritt zu vermeiden,« dachte er,
+»gehe ich ihren Vorwürfen aus dem Wege. Dann brauche ich nicht Rede
+und Antwort zu stehen.« Dann aber, in einem Stimmungsmischmasch von
+Ärgerlichkeit und Ernst, sagte er sich folgendes:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_60" id="Pg_60">[S. 60]</a></span>
+
+»Wäre hier nicht eine günstige Gelegenheit da, ihr die Wahrheit leise
+anzudeuten? Sie wirft die Frage aus freien Stücken auf. Damit ist schon
+der halbe Verdruß überstanden. Ganz bestimmt: ich bin wirklich nicht
+für die Liebe geschaffen. Aber nie habe ich etwas Schöneres gesehen als
+diese Frau mit ihren Sphinxaugen. Sie hat schlechte Manieren. Sie läßt
+mich durch abscheuliche Keller schleichen. Andrerseits ist sie die
+Nichte des Souveräns, an dessen Hof mich mein König und Herr gesandt
+hat. Mehr noch: sie ist blond in einem Lande, wo alle Frauen brünett
+sind. Das ist ein ganz besonderer Vorzug. Es vergeht kein Tag, an dem
+ich nicht hörte, daß sie himmlisch schön sei, und das sagen Leute, deren
+Zeugnis unparteiisch ist, Leute, die nicht im entferntesten ahnen, daß
+sie mit dem glücklichen Besitzer so vieler Reize sprechen. Was die Macht
+anbelangt, die ein Mann über seine Geliebte haben soll, so brauche
+ich mir in dieser Hinsicht keine Sorgen zu machen. Wenn ich es darauf
+ankommen lassen wollte, so genügt ein einzig Wort und ich entführe sie
+aus diesem Palaste mit seinen Goldmöbeln, weg von ihrem Onkel und all
+dem Glanz seines Hofes, nach Frankreich, nach einem meiner Güter,
+in einen Winkel der Provinz, in ein obskures Dasein ... Hol mich der
+Teufel: die Aussicht auf diese selbstlose Treue veranlaßt mich zu dem
+festen Entschluß, sie lieber
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_61" id="Pg_61">[S. 61]</a></span>
+
+nicht zu fordern. Die Orsini ist lange nicht so hübsch. Wenn sie
+mich liebt, liebt sie mich eben. Vielleicht ein bißchen mehr als den
+Kastraten Butafoco, den sie gestern in Gnaden entlassen hat, mir zu
+Ehren. Aber sie ist ein Weltkind. Sie hat Lebensart. Man kann bei ihr
+im Wagen vorfahren. Und eins weiß ich ganz bestimmt: eine Szene wird sie
+mir niemals machen. Dazu liebt sie mich viel zu wenig.«</p>
+
+<p>Während des langen Schweigens hatte die Fürstin ihren starren Blick
+nicht abgewandt von der sonnigen Stirn des jungen Franzosen.</p>
+
+<p>»Ich sehe ihn zum letzten Male,« klagte sie bei sich. Und urplötzlich
+warf sie sich in seine Arme und drückte heiße Küsse auf seine Stirn und
+auf seine Augen, die längst nicht mehr leuchteten, wenn er sich bei ihr
+einstellte.</p>
+
+<p>Der Chevalier hätte sich selber verachtet, hätte er nicht
+augenblicklich all seine Pläne, mit ihr zu brechen, vergessen. Sie
+freilich, sie war zu erregt und empört, um von ihrer Eifersucht zu
+lassen. Im nächsten Augenblick sah Senecé zu seiner Verwunderung, daß
+Tränen der Wut über ihre Wangen jagten. Halblaut redete sie mit sich
+selbst: »Wie? Ich erniedrige mich so sehr, daß ich ihm seinen Wankelmut
+vorwerfe! Ich, die ich mir geschworen habe, mir nie etwas davon anmerken
+zu lassen! Ach, meine Niedrigkeit ist noch viel schlimmer.
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_62" id="Pg_62">[S. 62]</a></span>
+
+Ich muß der Leidenschaft nachgeben, mit der mich dieser Verführer
+vergiftet hat! Ach, ich verworfene, verworfene, verworfene Fürstin! Ich
+muß ein Ende machen.«</p>
+
+<p>Sie trocknete ihre Tränen und gab sich den Anschein, als beruhige sie
+sich.</p>
+
+<p>»Chevalier,« sagte sie fast friedsam, »wir müssen ein Ende machen!
+Sie gehen oft zur Gräfin ...«</p>
+
+<p>Hier ward sie totenbleich.</p>
+
+<p>»Wenn du sie liebst, so gehe alle Tage hin! Meinetwegen. Aber komme
+nie wieder hierher ...«</p>
+
+<p>Sie hielt inne, als ob es ihr schwer fiele, weiter zu reden. Sie
+wartete auf ein Wort des Chevaliers. Aber dieses Wort ward nicht
+gesprochen. Sie mußte einen leichten Krampf in sich überwinden, und aus
+aufeinandergebissenen Zähnen drangen ihre weiteren Worte hervor:</p>
+
+<p>»Das ist mein Todesurteil und das Ihre!«</p>
+
+<p>Diese Drohung machte die schwankende Seele des Chevaliers wieder
+fest. Zunächst war er über den unvermittelten Wandel von zärtlicher
+Liebkosung zu Zorn erstaunt gewesen. Jetzt begann er zu lachen.</p>
+
+<p>Rasche Röte überflutete die Wangen der Fürstin, bis sie scharlachrot
+wurden. »Jetzt erstickt sie vor Wut,« dachte Senecé. »Sie kriegt einen
+Schlaganfall.«</p>
+
+<p>Er eilte auf sie zu, um ihr das Kleid am Halse
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_63" id="Pg_63">[S. 63]</a></span>
+
+zu öffnen. Sie stieß ihn zurück, mit einer Entschlossenheit und einer
+Kraft, die er nicht gewohnt war. Später erinnerte er sich, daß sie mit
+sich selber gesprochen hatte, als er den Versuch gemacht, sie in seine
+Arme zu nehmen. Im Moment trat er ein wenig zurück, ohne recht zu
+wissen, warum. Seine halb unbewußte Diskretion war unnötig. Offenbar sah
+sie ihn gar nicht mehr. Er war ihr tausend Meilen fern. Halblaut, aus
+zusammengepreßter Kehle, stammelte sie: »Er beschimpft mich. Er höhnt
+mich. Ich weiß, jung wie er ist, und bei der Plauderhaftigkeit, die
+hierzulande herrscht, wird er der Orsini meine ganze Würdelosigkeit
+erzählen, meine Selbsterniedrigung ... Ich bin meiner nicht mehr sicher.
+Ich habe nicht einmal mehr die Macht über mich, vor seinen hübschen
+Augen kalt zu bleiben ...«</p>
+
+<p>Wiederum ward sie schweigsam. Der Chevalier langweilte sich gräßlich.
+Endlich erhob sich die Fürstin und sagte abermals in noch unheilvollerem
+Tone:</p>
+
+<p>»Wir müssen ein Ende machen!«</p>
+
+<p>Senecé, der unter ihren Küssen auf den Gedanken einer ernsten
+Erklärung verzichtet hatte, sagte ein paar Scherzworte, die ein Ereignis
+betrafen, über das man in Rom zurzeit gerade viel redete.</p>
+
+<p>»Lassen Sie mich, Chevalier!« unterbrach sie ihn unwillig. »Ich fühle
+mich nicht wohl.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_64" id="Pg_64">[S. 64]</a></span>
+
+»Diese Frau ist mißlaunig,« dachte Senecé bei sich und beeilte sich zu
+gehorchen. »Nichts ist so ansteckend wie schlechte Laune.«</p>
+
+<p>Die Fürstin folgte ihm mit den Augen, bis er aus dem Saale
+verschwunden war. Mit bitterem Lächeln sagte sie sich:</p>
+
+<p>»Und ich wollte blindlings über mein Lebensgeschick entscheiden! Es
+war ein Glück, daß mich seine unangebrachten Scherze aufgerüttelt haben.
+Wie beschränkt ist dieser Mann! Wie kann ich ein Wesen lieben, das mich
+so wenig versteht? Er will mich durch einen Scherz erheitern, zu einer
+Stunde, da mein und sein Leben auf dem Spiele steht! Ach, wie klar wird
+mir hierbei das unheimliche dunkle Element in meiner Natur, das mein
+Unglück ist!«</p>
+
+<p>Sie fuhr wild aus ihrem Lehnstuhl auf.</p>
+
+<p>»Wie herrlich waren seine Augen, als er mir jene heiteren Worte
+sagte! Ja, ich kann es nicht leugnen: die Absicht des armen Jungen war
+liebenswert. Er kennt den Unglückszug meines Charakters. Er wollte mich
+über das schwarze Herzeleid hinwegtrösten, das mich quält. Andre hätten
+mich nach dem Grund gefragt. Liebenswürdiger Franzose! Mein Gott, was
+wußte ich vom Glück, eh ich ihn liebte?«</p>
+
+<p>Der Gedanke an die guten Seiten ihres Geliebten verführte sie zu
+köstlicher Träumerei. Dann aber fielen
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_65" id="Pg_65">[S. 65]</a></span>
+
+ihr die Vorzüge der Gräfin Orsini ein. Wiederum ward ihr die Seele
+finster. Die Qualen der schrecklichsten Eifersucht peinigten ihr
+das Herz. In Wahrheit stand sie seit zwei Monaten im Banne düsterer
+Vorahnung. Erträgliche Augenblicke hatte sie nur in der Gegenwart des
+Chevaliers gehabt, und doch hatte sie ihm beinahe immer, wenn sie in
+seinen Armen gelegen, bittere Worte gesagt.</p>
+
+<p>Der Abend war furchtbar für sie. Erschöpft und durch den Schmerz
+gewissermaßen sanfter gestimmt, erwog sie den Gedanken, noch einmal mit
+dem Chevalier zu reden. »Er hat wohl gesehen, daß ich empört bin, aber
+er kennt den Grund meiner Klage nicht. Vielleicht liebt er die Gräfin
+gar nicht. Vielleicht geht er nur zu ihr, weil er als Fremder die
+geselligen Zustände des Landes kennen lernen, insonderheit in der
+Familie des Herrschers verkehren muß. Wenn ich mir Senecé offiziell in
+mein Haus einführen lasse, wenn er vor aller Augen hierher kommen
+kann, dann bleibt er vielleicht ebenso stundenlang bei mir wie bei der
+Orsini.«</p>
+
+<p>»Nein!« rief sie in Raserei. »Ich erniedrige mich, wenn ich
+spreche. Er würde mich verachten. Weiter käme nichts dabei heraus. Der
+Flattersinn der Orsini, den ich in meiner Tollheit oft verachtet habe,
+ist wahrlich angenehmer als mein Charakter, zumal in den Augen eines
+Franzosen. Ich bin dazu geschaffen, mürrisch
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_66" id="Pg_66">[S. 66]</a></span>
+
+mit einem Spanier dahinzuleben. Was ist verrückter, als immer ernst zu
+sein, als ob die Tatsachen des Daseins nicht schon an und für sich ernst
+genug wären! Was soll aus mir werden, wenn ich meinen Chevalier nicht
+mehr habe, der frohes Leben in mich bringt, der die warme Sonne in mein
+Herz trägt, die sonst nicht drinnen scheint?«</p>
+
+<p>Sie hatte befohlen, niemanden vorzulassen außer Monsignore
+Ferraterra. Er kam, um ihr Bericht zu erstatten, was sich im Hause der
+Gräfin Orsini bis ein Uhr nachts zugetragen hatte. Der Prälat hatte der
+Fürstin in ihrer Liebesgeschichte ehrlich gedient. Er zweifelte
+seit gestern nicht mehr, daß Senecé sehr bald mit der Orsini die
+allerintimsten Beziehungen haben würde, ja, vielleicht bereits
+hätte.</p>
+
+<p>Sein Gedankengang war nun folgender:</p>
+
+<p>»Die Fürstin wird mir mehr nützen, wenn sie sich von ihrer Sünde
+kehrt, denn als Dame der großen Welt. Dort wird sie immer einen haben,
+der ihr lieber ist als ich, einen Liebhaber. Eines Tages kann diese
+Rolle ein Römer spielen. Er kann einen nahen Verwandten haben, der
+Kardinal werden will. Bekehre ich sie aber zu einem frommen Wandel,
+so wird sie immer zuerst an ihren Gewissensrat denken, und bei ihrem
+leidenschaftlichen Sinn ... was kann ich da nicht alles von ihrem Onkel
+erhoffen!«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_67" id="Pg_67">[S. 67]</a></span>
+
+So wiegte sich der ehrgeizige Prälat in den verlockendsten
+Zukunftsträumen. Im Geiste sah er, wie sich die Fürstin dem Papste zu
+Füßen warf und den Kardinalshut für ihn erbat. Seine Heiligkeit würde
+ihr dies allergnädigst gewähren, schon aus Erkenntlichkeit gegen ihn. Er
+hatte nämlich die Absicht, sobald die Fürstin bekehrt wäre, Benedikt dem
+Dreizehnten unwiderlegliche Beweise ihres Verhältnisses mit dem jungen
+Ausländer vorzulegen. Der Papst, fromm, sittenstreng und voller Abscheu
+vor den Franzosen, würde demjenigen ewige Dankbarkeit bewahren, der eine
+Seiner Heiligkeit so mißfällige Sache aus der Welt geschafft hätte.</p>
+
+<p>Ferraterra gehörte dem Hochadel von Ferrara an. Er war reich
+und schon über fünfzig Jahre alt. Durch die nahe Aussicht auf den
+Kardinalshut vollbrachte er Wunder. Alsbald änderte er seine Rolle
+bei der Campobasso. Der Prälat, der sich in Senecés Charakter schlecht
+zurechtfand, hielt ihn für ehrgeizig. Es war zwei Monate her, daß der
+Chevalier die Fürstin vernachlässigte. Ihm zu nahe zu treten, dünkte ihn
+gefährlich.</p>
+
+<p>Der Prälat hatte eine sehr lange Zwiesprache mit der vor Liebe und
+Eifersucht tollen Fürstin. Er begann mit einem ausführlichen Geständnis
+der traurigen Wahrheit. Nach dieser wuchtigen Einleitung war es
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_68" id="Pg_68">[S. 68]</a></span>
+
+nicht schwierig, die religiösen und moralischen Gefühle, die im
+Herzensgrund der Römerin schlummerten, in Bewegung zu bringen. Es war
+echte Frömmigkeit in ihr.</p>
+
+<p>»Jedwede gottlose Leidenschaft muß mit Unglück und Schande enden!«
+sagte Ferraterra salbungsvoll.</p>
+
+<p>Als er den Palazzo Campobasso verließ, war es hellichter Tag. Er
+hatte der Bußfertigen das Gelübde abgenommen, Senecé an diesem Tage
+nicht einzulassen.</p>
+
+<p>Dies zu versprechen, war der Fürstin nicht schwer gefallen. Sie
+wollte fromm sein. Außerdem fürchtete sie, sich in den Augen des
+Geliebten verächtlich zu machen, wenn sie sich schwach zeigte.</p>
+
+<p>Ihr Entschluß hielt bis vier Uhr nachmittags an. Das war die Stunde,
+da der Chevalier sie zu besuchen pflegte. In der Tat erschien er auf dem
+Wege, der an der Rückfront des Palazzo Campobasso vorbeiführte. Als er
+das Zeichen bemerkte, das ihm kundtat, sein Eintritt sei unmöglich, ging
+er höchst zufrieden von dannen, zur Orsini.</p>
+
+<p>Die Einsame fühlte, wie der Wahnsinn sie langsam überkam. In ihrem
+Hirn jagten sich die seltsamsten Pläne und Entschlüsse. Plötzlich lief
+sie wie eine Rasende die große Treppe ihres Hauses hinunter, befahl
+ihren Wagen und rief dem Kutscher zu:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_69" id="Pg_69">[S. 69]</a></span>
+
+»Palazzo Orsini!«</p>
+
+<p>Das Übermaß ihres Leids zwang sie, ohne rechten Willen, ihre Kusine
+aufzusuchen. Sie traf sie in einer Gesellschaft von fünfzig Personen.
+Alles, was in Rom Witz und Ehrgeiz hatte, ging im Palazzo Orsini ein und
+aus. Im Palazzo Campobasso fand man nicht so leicht Eingang.</p>
+
+<p>Das plötzliche Erscheinen der Fürstin erregte großes Aufsehen.
+Ehrerbietig machte ihr alle Welt Platz. Sie bemerkte das gar nicht. Sie
+sah nichts als ihre Rivalin und staunte sie an. Zu ihrer Qual und Pein
+fand sie eine Menge reizender Dinge an ihr. Stumm und versonnen saß sie
+da.</p>
+
+<p>Nach ein paar Höflichkeitsphrasen begann die Orsini wie vorerst in
+ihrer witzigen, munteren losen Art zu plaudern. Die Campobasso dachte
+bei sich:</p>
+
+<p>»Dieser Frohsinn paßt tausendmal besser zum Chevalier als meine tolle
+grüblerische Liebe.«</p>
+
+<p>In einer ihr selber unerklärlichen Aufwallung von Bewunderung und Haß
+fiel sie der Gräfin um den Hals. Sie hatte für nichts Augen als für
+den Charme ihrer Kusine. Aus der Nähe wie von ferne schien sie ihr in
+gleichem Maße anbetungswürdig. Sie verglich ihr Haar, ihren Teint, ihre
+Augen mit den eigenen. Das Ergebnis dieser wunderlichen Prüfung war, daß
+die Fürstin an sich selbst alles häßlich und abscheulich
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_70" id="Pg_70">[S. 70]</a></span>
+
+fand. An ihrer Rivalin hingegen dünkte sie alles unvergleichlich und
+köstlich.</p>
+
+<p>Starr und finster saß die Campobasso inmitten der schwatzenden und
+gestikulierenden Menschenmenge wie eine Basaltstatue. Man kam und ging,
+laut und lärmend. Alles das verursachte ihr Unbehagen, geradezu Pein. Da
+hörte sie, daß man den Chevalier von Senecé meldete. Es wurde ihr ganz
+seltsam zumute.</p>
+
+<p>Zu Beginn ihrer heimlichen Beziehungen war sie mit ihm
+übereingekommen, daß er in Gesellschaft wenig mit ihr reden und sich so
+benehmen solle, wie sich das für einen ausländischen Diplomaten geziemt,
+der einer Nichte des Souveräns, bei dem er beglaubigt ist, just zwei-
+oder dreimal den Monat begegnet.</p>
+
+<p>Senecé begrüßte die Fürstin mit dem gewohnten Respekt und Ernst.
+Sodann gesellte er sich wieder zur Gräfin Orsini, bei der er den
+heiteren, fast vertraulichen Ton anschlug, dessen man sich vor einer
+lebhaften Frau bedient, die einen gern und täglich sieht. Die Campobasso
+war zu Tode verwundet.</p>
+
+<p>»Die Gräfin zeigt mir, wie ich hätte sein sollen,« sagte sie sich und
+ging hinweg. Sie hatte die letzte Leidensstation erreicht. Unglücklicher
+konnte kein menschliches Wesen werden. Sie war entschlossen, Gift zu
+nehmen. Alle Wonnen, die ihr der Geliebte je geschenkt, vermochten die
+Wagschale mit den grenzenlosen
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_71" id="Pg_71">[S. 71]</a></span>
+
+Herzensqualen nicht zu halten, die sie in der Nacht heimsuchten.
+Römerinnen haben tausendmal mehr Leidenschaft als andere Frauen.</p>
+
+<p>Am nächsten Tage kam Senecé wiederum am Palast vorüber. Wiederum
+grüßte ihn das Zeichen der Ablehnung. Wiederum ging er fröhlich von
+dannen. Trotzdem war er gekränkt.</p>
+
+<p>»Also war das neulich doch der Laufpaß!« meinte er, und seine
+Eitelkeit flüsterte ihm zu: »Du mußt sie in Tränen sehen!«</p>
+
+<p>Bei dem Gedanken, ein so schönes Weib, die Nichte Seiner Heiligkeit,
+auf immerdar verloren zu haben, empfand er eine verliebte Regung.
+Er kroch in den wenig sauberen Kellergang, der ihm jedesmal gräßlich
+unangenehm war, und trat die Tür ein, die zu dem Saale des Erdgeschosses
+führte, in dem ihn die Fürstin zu empfangen pflegte.</p>
+
+<p>»Unerhört!« rief die Fürstin, die in diesem Raume ihrem Leid
+nachhing. »Sie wagen es, hier zu erscheinen?«</p>
+
+<p>»Ihre Entrüstung ist Heuchelei!« dachte der junge Franzose bei sich.
+»Diesen Saal betritt sie nur, wenn sie meiner harrt.«</p>
+
+<p>Der Chevalier ergriff ihre Hand. Sie zitterte. Ihre Augen füllten
+sich mit Tränen. Er sah sie an. Nie war sie ihm hübscher erschienen. Im
+Augenblick liebte
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_72" id="Pg_72">[S. 72]</a></span>
+
+er sie. Sie aber vergaß alle die frommen Gelübde der letzten zwei Tage
+und warf sich in seine Arme. »Und dieses Glück soll fortan die Orsini
+haben!« rief sie.</p>
+
+<p>Senecé, der wie immer die römische Seele mißverstand, wähnte, sie
+wolle sich von ihm in guter Freundschaft trennen, wolle einen Bruch
+unter Wahrung des äußeren Scheins. Dies wäre so recht nach seinem Sinn
+gewesen. »Als Attaché der königlichen Gesandtschaft«, sagte er sich,
+»wäre es inkorrekt von mir, wenn ich mir die Nichte des Souveräns, bei
+dem ich beglaubigt bin, zur Todfeindin machte. Viel fehlte dazu
+nicht.« Im voraus stolz auf den glücklichen Ausgang, zu dem er es
+höchstwahrscheinlich, wie er meinte, bringen würde, begann er der
+Fürstin Vernunft zu predigen. Sie würden im angenehmsten Verein
+leben. Warum sollten sie nicht sehr glücklich sein? Was hätte sie
+ihm eigentlich vorzuwerfen? Die Liebe mache einer guten traulichen
+Freundschaft Platz. Er bäte inständig um das Vorrecht, von Zeit zu Zeit
+an diesen lieben, alten Ort zurückkehren zu dürfen. Ihre Beziehungen
+würden immer zärtlich sein ...</p>
+
+<p>Zuerst verstand ihn die Fürstin nicht. Als sie endlich zu ihrem
+Entsetzen begriff, erstarrte sie. Unbeweglich, stieren Blicks stand
+sie da. Schließlich, bei seiner letzten Torheit, »den immer zärtlichen
+Beziehungen«, unterbrach sie ihn mit dumpfer, wie aus der untersten
+Tiefe
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_73" id="Pg_73">[S. 73]</a></span>
+
+ihres Herzens dringender Stimme, wobei sie langsam Wort für Wort
+betonte:</p>
+
+<p>»Sie wollen wohl sagen, Sie finden mich immer noch hübsch genug, um
+mich als Dirne zu gebrauchen!«</p>
+
+<p>»Aber beste, teuerste Freundin,« erwiderte ihr Senecé in
+ungeheuchelter Verwunderung, »habe ich denn Ihre Eigenliebe verletzt?
+Wie kann es Ihnen nur in den Sinn kommen, Worte des Vorwurfs zu äußern?
+Glücklicherweise ahnt ja kein Mensch etwas von unserm Einverständnis.
+Ich bin ein Edelmann. Ich gebe Ihnen von neuem mein Ehrenwort: niemals
+soll ein lebendes Wesen von dem Glück erfahren, das Sie mir geschenkt
+haben!«</p>
+
+<p>»Auch die Orsini nicht?« fragte sie in so kühlem Tone, daß des
+Chevaliers Verblendung weiterwährte. Naiv gab er die Antwort:</p>
+
+<p>»Habe ich Ihnen je die Namen derer genannt, die ich vielleicht
+geliebt habe, ehe ich Ihr Sklave ward?«</p>
+
+<p>»Bei aller meiner Hochachtung vor Ihrem Ehrenworte, stehe ich hier
+doch vor einer Gefahr, die ich vermeiden möchte.«</p>
+
+<p>Das klang so fest und feierlich, daß der junge Franzose endlich
+stutzte.</p>
+
+<p>»Leben Sie wohl, Chevalier!«</p>
+
+<p>Ihre Stimme zitterte mit einem Male. Aber schon wiederholte sie klar
+und bestimmt:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_74" id="Pg_74">[S. 74]</a></span>
+
+»Leben Sie wohl, Chevalier!«</p>
+
+<p>Er ging.</p>
+
+<p>Die Fürstin ließ Ferraterra holen.</p>
+
+<p>»Es gilt, mich zu rächen!« erklärte sie ihm.</p>
+
+<p>Der Prälat war hocherfreut.</p>
+
+<p>»Jetzt gibt sie sich in meine Hände!« frohlockte er. »Nun ist sie
+mein für ewig!«</p>
+
+<p>Zwei Tage später, nach einem erdrückend heißen Tage, ging Senecé um
+Mitternacht auf dem Korso spazieren, um frische Luft zu schöpfen. Ganz
+Rom war auf den Beinen. Als er wieder in seinen Wagen steigen wollte,
+vermochte ihm sein Diener kaum zu antworten. Er war betrunken. Der
+Kutscher war verschwunden. Der Diener meldete ihm lallend, der Kutscher
+hätte einen Streit mit einem »Feinde« gehabt.</p>
+
+<p>»Großartig! Mein Kutscher hat Feinde!« lachte der Chevalier und
+schickte sich an, zu Fuß nach Haus zu gehen.</p>
+
+<p>Unterwegs, kaum zwei oder drei Straßen vom Korso weg, nahm er wahr,
+daß er verfolgt wurde. Drei, vier oder fünf Männer blieben jedesmal
+stehen, sobald er haltmachte. Wenn er weiterging, setzten auch sie ihren
+Weg fort.</p>
+
+<p>»Ich könnte einen Bogen machen und auf einer andern Straße nach dem
+Korso zurückkehren,« überlegte sich Senecé. »Unsinn!« meinte er dann
+wieder. »Was stören mich diese Kerle? Ich bin ja bewaffnet.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_75" id="Pg_75">[S. 75]</a></span>
+
+Er nahm den blanken Dolch in die Hand.</p>
+
+<p>Mit diesen Gedanken schritt Senecé weiter, durch mehrere abgelegene
+Straßen, von denen eine immer einsamer war als die andere. Er hörte,
+daß die Männer hinter ihm schneller gingen. Er spähte nach vorwärts.
+Da bemerkte er gerade vor sich eine kleine Kirche, die den
+Franziskanermönchen gehörte. Seltsamer Schimmer leuchtete hinter den
+hohen Fenstern.</p>
+
+<p>Senecé stürzte auf das Portal und pochte mit dem Holzknauf stark an
+die Tür. Die Männer, die ihm nachgegangen, waren fünfzig Schritt von ihm
+entfernt. Jetzt begannen sie auf ihn zuzulaufen. In diesem Augenblick
+öffnete ein Mönch die Tür. Senecé trat eilends in die Kirche. Der Mönch
+schlug die Tür rasch zu. Gleich darauf donnerten die Banditen mit den
+Füßen gegen die Türe.</p>
+
+<p>»Gottlose Buben!« murmelte der Mönch.</p>
+
+<p>Senecé gab ihm eine Zechine.</p>
+
+<p>»Offenbar wollten sie mir ans Leben,« sagte er.</p>
+
+<p>Die Kirche strahlte im Glanze von mindestens tausend Kerzen.</p>
+
+<p>»Seltsam! Messe zu dieser Stunde?« fragte der Chevalier den
+Mönch.</p>
+
+<p>»Zu Befehlen, Eccellenza! Mit besonderer Erlaubnis Seiner Eminenz des
+Herrn Kardinal-Vikar.«</p>
+
+<p>Das Chor der kleinen Kirche &ndash; genannt <i>San Francesco a Ripa</i>
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_76" id="Pg_76">[S. 76]</a></span>
+
+&ndash; war auf das prächtigste zu einer Trauerfeier hergerichtet. Man sang
+die Totenmesse.</p>
+
+<p>»Wer ist der Verstorbene?« erkundigte sich Senecé. »Ein Fürst?«</p>
+
+<p>»Ich glaube,« antwortete der Priester. »Denn man hat nichts gespart.
+Wahrlich, das ist Geld- und Lichtverschwendung! Der Herr Pfarrer hat
+uns übrigens erzählt, der Entschlafene sei ohne das Sakrament
+gestorben.«</p>
+
+<p>Senecé ging näher heran und erblickte ein Wappenschild von
+französischer Form. Seine Neugier steigerte sich. Er trat dicht an
+den aufgebahrten Sarg und erkannte sein eigenes Wappen und las die
+lateinische Inschrift:</p>
+
+<div style="max-width: 16em; padding: 1em; border: 1px solid black; text-align: center; margin: 1em auto;">
+NOBILIS HOMO<br/>
+IOANNES NOBERTVS SENECE<br/>
+EQVES<br/>
+DECESSIT ROMAE<br/>
+A. D. MDCCXXVI
+</div>
+
+<p>Zu deutsch: Der edle Herr Johann Norbert Chevalier von Senecé,
+gestorben zu Rom im Jahre des Herrn 1726.</p>
+
+<p>»So habe ich also den Vorzug, meiner eigenen Leichenfeier
+beizuwohnen,« sagte sich Senecé halblaut.
+
+<span class="pagenum"><a name="Pg_77" id="Pg_77">[S. 77]</a></span>
+
+»Bisher hat sich meines Wissens nur Kaiser Karl der Fünfte dieses
+Vergnügen geleistet. Mir scheint, hier weiter zu verweilen ist vom
+Übel.«</p>
+
+<p>Er gab dem Mesner ein zweites Goldstück.</p>
+
+<p>»Pater, laßt mich durch das Hinterpförtchen Eures Klosters
+hinaus!«</p>
+
+<p>»Sehr gern, Eccellenza!« erwiderte der Mönch.</p>
+
+<p>Kaum war der Chevalier auf der Straße, da begann er, in der Linken
+den Dolch, in der Rechten sein Pistol, zu laufen, was er nur konnte.
+Bald hörte er wiederum hinter sich Verfolger. Als er vor seinem Haus
+anlangte, schien ihm die Türe verschlossen zu sein. Ein Mann stand
+davor.</p>
+
+<p>»Jetzt gibts einen Kampf!« dachte der junge Franzose. Eben wollte er
+den Dastehenden niederknallen, da gewahrte er, daß es sein Kammerdiener
+war.</p>
+
+<p>»Schließ auf!« rief er ihm zu.</p>
+
+<p>Die Türe war offen. Beide huschten hinein und verriegelten die
+Türe.</p>
+
+<p>»Gnädiger Herr,« meldete der Diener. »Ich habe Euer Gnaden überall
+gesucht. Ich habe Trauriges zu berichten. Der arme Johann, der Kutscher,
+ist erdolcht worden. Die Mörder stießen Flüche auf Euer Gnaden aus. Der
+Dolchstoß hat dem gnädigen Herrn gegolten ...«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_78" id="Pg_78">[S. 78]</a></span>
+
+Der Diener wollte noch mehr sagen. Da schlugen ein halbes Dutzend
+Flintenschüsse gleichzeitig durch eins der offenen Fenster, die von der
+Halle des Hauses nach dem Garten hinaus gingen.</p>
+
+<p>Senecé und sein Kammerdiener stürzten tot nieder, beide von mehreren
+Kugeln durchbohrt.</p>
+
+<p>Zwei Jahre später stand die Fürstin von Campobasso im Gerücht, die
+frömmste Frau Roms zu sein. Monsignore Ferraterra war längst Kardinal.</p>
+
+<hr style="width: 20%;" />
+
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Pg_79" id="Pg_79">[S. 79]</a></span></p>
+
+<h2><a name="III" id="III"></a>Bemerkung des Übersetzers</h2>
+
+
+<p>Die beiden Novellen, die Stendhals Ideal in der <i>arte di
+novellare</i> so recht repräsentieren, den kahlen reflexionslosen
+Chronikenstil, sind um die gleiche Zeit, um 1829, wie sein großer
+Roman »Rot und Schwarz« entstanden. Beide gehen sie auf tatsächliche
+Geschehnisse zurück. Beider Heldinnen sind Schwestern der Mathilde von
+La Mole, gleichsam Vorstudien. Stendhals »Vanina Vanini« hat Paul Heyse
+den Stoff zu einem vieraktigen Trauerspiel »Vanina Vanini« (gedruckt
+1896) gegeben.</p>
+
+<p style="text-align: right;">Arthur Schurig.</p>
+
+
+<hr style="margin-top: 6em; width: 70%;" />
+
+<p style="margin-bottom: 6em; text-align: center; font-size:75%;" class="gesperrt">
+Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig</p>
+
+
+
+
+<div style="padding: 10px; background: rgb(200, 200, 200) none repeat
+scroll 0% 50%; margin-top: 2em;">
+
+<h2>Hinweise zur Transkription</h2>
+
+<p>Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Offensichtliche Fehler
+wurden korrigiert, eine Liste der vorgenommenen Änderungen befindet
+sich hier am Buchende.</p>
+
+
+<h2><a name="Aenderungen" id="Aenderungen"></a>Liste der Änderungen</h2>
+
+<table summary="Korrekturen" border="1">
+<thead>
+<tr>
+ <th>Original</th>
+ <th>Änderung</th>
+</tr>
+</thead>
+
+<tbody>
+<tr>
+ <th colspan="2"><a href="#Pg_04">Seite 4</a></th>
+</tr>
+<tr>
+ <td>In Vaninis Augen war dies sein Fehler.</td>
+ <td>In Vanin<b>a</b>s Augen war dies sein Fehler.</td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <th colspan="2"><a href="#Pg_39">Seite 39</a></th>
+</tr>
+<tr>
+ <td>»Monsignore, erkennen Sie Vanina Vanini nicht!«</td>
+ <td>»Monsignore, erkennen Sie Vanina Vanini nicht<b>?</b>«</td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <th colspan="2"><a href="#Pg_68">Seite 68</a></th>
+</tr>
+<tr>
+ <td>Gefühle, die im Herzensgrund der Römerin schlummerte</td>
+ <td>Gefühle, die im Herzensgrund der Römerin schlummerte<b>n</b></td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <th colspan="2"><a href="#Pg_69">Seite 69</a></th>
+</tr>
+<tr>
+ <td>für nichts Augen als für die Charme ihrer Kusine</td>
+ <td>für nichts Augen als für <b>den</b> Charme ihrer Kusine</td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <th colspan="2"><a href="#Pg_74">Seite 74</a></th>
+</tr>
+<tr>
+ <td>schickte sich an, zu Fuß nach Haus zugehen</td>
+ <td>schickte sich an, zu Fuß nach Haus z<b>u g</b>ehen</td>
+</tr>
+
+
+</tbody>
+</table>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Römerinnen, by Stendhal
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RÖMERINNEN ***
+
+***** This file should be named 38547-h.htm or 38547-h.zip *****
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+
+Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
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+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+
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+
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
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+1.E.9.
+
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+
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+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
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+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
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+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
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+
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
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+1.F.
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+opportunities to fix the problem.
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
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+
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+</pre>
+
+</body>
+</html>
+
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+
+
+
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