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+The Project Gutenberg EBook of Römerinnen, by Stendhal
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Römerinnen
+ Zwei Novellen
+
+Author: Stendhal
+
+Release Date: January 10, 2012 [EBook #38547]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RÖMERINNEN ***
+
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+
+Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
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+Hinweise zur Transkription
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Offensichtliche Fehler
+wurden korrigiert, eine Liste der vorgenommenen Änderungen befindet
+sich am Buchende.
+
+ Textauszeichnungen wurden folgendermaßen ersetzt:
+ Sperrung: =gesperrter Text=
+ Antiquaschrift: _Antiquatext_
+
+
+
+
+ Römerinnen
+
+ Zwei Novellen
+ von
+ Stendhal
+
+
+ Im Insel-Verlag
+ zu Leipzig
+
+
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+
+Vanina Vanini
+
+
+Es war an einem Frühlingsabend des Jahres 1829. Ganz Rom war in
+Bewegung. Der Duca di Bracciano (der berühmte Bankier Torlonia) gab
+in seinem neuen Palazzo an der Piazza di Venezia einen Ball. Was die
+Künste Italiens, was der Luxus von Paris und London an Prunk und Pracht
+nur aufbieten konnten, hatte zum Schmucke des Palastes beigetragen.
+Britanniens kühle blonde Schönheiten waren ob der Ehre der Einladung
+in Wallung geraten. Sie kamen in Menge, und die schönsten Römerinnen
+machten ihnen den Ruhm ihrer Schönheit streitig.
+
+So war auch eine junge Dame in Begleitung ihres Vaters erschienen,
+der man ihre römische Herkunft auf den ersten Blick an ihrem
+ebenholzschwarzen Haar und ihren flammenden Augen ansah. Die allgemeine
+Aufmerksamkeit wandte sich ihr zu. Aus jeder ihrer Bewegungen sprach
+seltsamer Hochmut.
+
+Angesichts all des Glanzes waren die anwesenden Ausländer sichtlich
+verblüfft. »Kein König in ganz Europa gibt solch ein Fest!« sagten
+sie.
+
+Die europäischen Potentaten haben aber auch keine Paläste
+in römischer Architektur, und sie müssen ihre Damen nach der
+Hofrangordnung einladen, während der Duca di Torlonia nur hübsche
+Frauen in sein Haus bittet. An diesem Abend hatte er dabei besonderes
+Glück. Die Männer waren wie geblendet, und es war nur die Frage,
+welche unter so vielen schönen Frauen die allerschönste sei. Eine
+Zeitlang war man sich hierüber nicht einig; aber schließlich erklärte
+man die Principessa Vanina Vanini, jene junge Dame mit dem tiefschwarzen
+Haar und den Glutaugen, für die Königin des Abends. Alsobald strömten
+Fremde wie Römer in den Saal, in dem sie sich gerade aufhielt.
+
+Gemäß dem Wunsche ihres Vaters, des Fürsten Asdrubale Vanini,
+tanzte Vanina zunächst mit etlichen deutschen Prinzen aus regierenden
+Häusern. Darauf ließ sie sich von einigen bildschönen hochvornehmen
+Engländern auffordern. Das steife Gebaren dieser Gentlemen langweilte
+sie. Mehr Vergnügen bereitete es ihr, den jungen, sichtlich maßlos
+verliebten Livio Savelli zu quälen, den glänzendsten jungen Römer,
+gleichfalls fürstlichen Blutes. Allerdings, einen Roman hätte man
+ihm nicht zu lesen geben dürfen; er hätte ihn nach den ersten zwanzig
+Seiten in die Ecke geworfen und behauptet, er bekäme Kopfschmerzen
+davon. In Vaninas Augen war dies sein Fehler.
+
+Gegen Mitternacht verbreitete sich unter der Ballgesellschaft eine
+Neuigkeit, die ziemliches Aufsehen erregte. Ein junger Karbonaro, der in
+der Engelsburg gefangen gehalten worden war, hatte sich soeben gerettet.
+Dank seiner Verkleidung und seiner romantischen Tollkühnheit war er bis
+zu den Außenposten gedrungen. Mit einem Dolche war er auf die Soldaten
+losgestürmt und, wenn auch verwundet, durchgekommen. Sbirren
+folgten seinen Blutspuren durch die Gassen Roms. Man hoffte, ihn
+wiedereinzufangen.
+
+Als diese Geschichte die Runde machte, führte Livio Savelli Vanina,
+mit der er getanzt hatte, gerade zu ihrem Platz zurück. Im Banne
+ihrer Schönheit und stolz auf den Eindruck, den sie ringsum machte,
+flüsterte er ihr, fast toll vor Liebe, zu:
+
+»Bitte, sagen Sie mir einmal, wer könnte Ihnen denn eigentlich
+gefallen?«
+
+»Der junge Karbonaro, der eben entronnen ist!« erwiderte ihm Vanina.
+»Er hat zum mindesten etwas mehr getan, als sich bloß ins irdische
+Dasein bemüht ...«
+
+Ihr Vater, der an die beiden herantrat, machte der Unterhaltung ein
+Ende.
+
+Fürst Hasdrubal Vanini war ein reicher Mann, der sich von seinem
+Verwalter seit zwanzig Jahren keine Abrechnung vorlegen ließ. Wer ihm
+auf der Straße begegnete, hielt ihn für einen alten Schauspieler.
+Seine beiden Söhne waren Jesuiten geworden und in Verrücktheit
+gestorben. Der Fürst hatte sie vergessen. Sein größter Schmerz war
+der Umstand, daß seine Tochter Vanina keine Lust zum Heiraten zeigte.
+Sie war schon neunzehn Jahre alt und hatte die glänzendsten Partien
+ausgeschlagen. Welchen Grund hatte sie dazu? Den nämlichen, der Sulla
+zur Abdankung veranlaßte: sie verachtete die Römer.
+
+Am Tage nach dem Balle fiel es Vanina auf, daß ihr Vater, sonst der
+sorgloseste Mensch von der Welt, der nie in seinem Leben von einem
+Schlüssel Gebrauch gemacht hatte, die Türe zu einer kleinen Treppe
+sorglich abschloß, die in ein Zimmer des dritten Stockes führte.
+Dieses Gemach lag nach einer Terrasse hinaus, auf der Orangenbäume
+standen.
+
+Vanina machte ein paar Besuche in der Stadt. Als sie wieder nach Hause
+kam, war das Hauptportal des Palastes infolge der Vorbereitungen zu
+einer Illumination versperrt. Der Wagen mußte deshalb durch das Hoftor
+einfahren. Dabei überblickte Vanina die Rückfassade des Hauses und
+sah, daß eins der Fenster des von ihrem Vater abgesperrten Zimmers
+offen stand.
+
+Nachdem sie ihre Gesellschafterin weggeschickt hatte, stieg sie auf
+den Oberboden des Palastes und fand nach langem Suchen ein vergittertes
+Fensterchen, von dem aus man auf die Terrasse mit den Orangenbäumen
+hinabsehen konnte. Das offene Fenster, das Vanina vom Hofe aus gesehen
+hatte, lag von hier nicht weit. Ohne Zweifel war das Zimmer bewohnt.
+Aber von wem?
+
+Am Tage darauf war Vanina im Besitze des Schlüssels zu einer Türe, die
+auf die mit Orangenbäumen besetzte Terrasse ging. Wie ein Luchs schlich
+sie an das Fenster, das noch immer offen stand. Der Vorhang war dicht
+zugezogen. Trotzdem erspähte Vanina, daß im Hintergrunde des Gemaches
+ein Bett stand und daß jemand darin lag. Unwillkürlich fuhr sie
+zurück. Da erblickte sie einen Frauenrock auf einem der Stühle.
+Nunmehr lugte sie schärfer nach der im Bette liegenden Person. Sie
+war blond und sichtlich sehr jung. Vanina war überzeugt, es müsse
+ein weibliches Wesen sein. Der auf den Stuhl geworfene Rock hatte
+Blutflecke. Auch an den Frauenschuhen, die auf einem Tische standen,
+waren Blutspuren zu sehen.
+
+Als die Unbekannte eine Bewegung machte, bemerkte Vanina, daß sie
+verwundet war. Über ihrer Brust lag ein großes blutgetränktes Stück
+Leinwand, nur mit Bändern befestigt. So sah ein von einem Wundarzt
+angelegter Verband nicht aus!
+
+Vanina stellte fest, daß sich ihr Vater täglich um vier Uhr in seine
+Zimmer zurückzog und regelmäßig kurz darauf die Kranke besuchte.
+Er verließ sie stets sehr bald wieder und pflegte sodann zur Gräfin
+Vitelleschi zu fahren. Sobald er fort war, ging Vanina hinauf nach der
+Terrasse und beobachtete die Fremde. Ihre empfindsame Natur entflammte
+sich rasch für die unglückliche junge Frau. Was für ein Abenteuer
+hatte sie bestanden? Ihr blutiges Kleid war augenscheinlich von
+Dolchstößen durchbohrt. Man konnte die Löcher zählen.
+
+Eines Tages sah Vanina die Unbekannte deutlicher. Ihre schönen blauen
+Augen starrten gen Himmel. Offenbar betete sie. Sodann kamen ihr
+Tränen. Die junge Prinzessin konnte sich kaum noch bezwingen. Am
+liebsten hätte sie die Unglückliche angesprochen.
+
+Am nächsten Tage wagte sich Vanina draußen auf der Terrasse zu
+verstecken, ehe ihr Vater kam. Von da aus beobachtete sie, wie Fürst
+Hasdrubal ins Zimmer der Unbekannten trat. Er brachte einen Korb mit
+Lebensmitteln und sah beunruhigt aus. Er sprach wenig und so leise, daß
+die Lauschende die einzelnen Worte nicht verstand, obwohl das Fenster
+offen war. Bald verschwand er wieder.
+
+»Die arme Frau muß furchtbare Feinde haben,« sagte sich Vanina.
+»Mein sonst so sorgloser Vater wagt niemanden ins Geheimnis zu ziehen
+und läßt sichs nicht verdrießen, täglich die enge steile Treppe
+hinaufzugehen.«
+
+Eines Abends, als Vanina ihren Kopf zwischen die Vorhänge des offenen
+Fensters hindurchsteckte, hatte die Unbekannte ihren Blick gerade dahin
+gerichtet. Vanina sah sich entdeckt.
+
+»Ich habe Sie in mein Herz geschlossen!« rief sie aus.
+
+Die Unbekannte winkte ihr einzutreten.
+
+»Ich muß Sie vielmals um Entschuldigung bitten,« erklärte Vanina.
+»Meine törichte Neugier mag Ihnen sehr ärgerlich sein. Ich schwöre
+Ihnen Geheimhaltung, und wenn Sie es verlangen, komme ich niemals wieder
+her.«
+
+»Wer sollte Ihren Anblick nicht als Glück empfinden?« erwiderte die
+Fremde. »Wohnen Sie hier im Palaste?«
+
+»Gewiß!« antwortete Vanina. »Sie kennen mich also nicht! Ich bin
+Vanina, die Tochter des Hauses.«
+
+Die Unbekannte machte ein erstauntes Gesicht und wurde rot.
+
+»Gönnen Sie mir die Hoffnung, Sie alle Tage hier zu sehen,« sagte
+sie. »Nur möchte ich nicht, daß der Fürst von Ihren Besuchen
+erfährt.«
+
+Vanina, die starkes Herzklopfen hatte, fand das Benehmen der Unbekannten
+vornehm. Gewiß hatte die arme junge Frau irgendeinen Machthaber
+beleidigt, oder vielleicht in einem Anfalle von Eifersucht ihren
+Liebhaber umgebracht. Einen gemeinen Grund hatte ihr Unglück sicherlich
+nicht.
+
+Die Unbekannte gestand ihr, daß sie an der Schulter verwundet sei. Die
+Wunde reiche bis in die Brust und sei sehr schmerzhaft.
+
+»Und Sie haben keinen Wundarzt?« rief Vanina aus.
+
+»Wie Sie wissen, sind in Rom die Ärzte verpflichtet, der Polizei über
+alle Wunden, die sie behandeln, genau zu rapportieren. Der Fürst hat
+mir diesen Verband hier eigenhändig anzulegen geruht.«
+
+Mit vollendetem Geschick vermied die Unbekannte jegliche Rührseligkeit.
+Vanina war toll verliebt. Etwas freilich störte die junge Prinzessin
+stark. Sie machte nämlich die Wahrnehmung, daß die Fremde einmal
+mitten in der doch so ernsten Unterhaltung Mühe hatte, eine plötzliche
+Lachlust zu unterdrücken.
+
+»Ich möchte Ihren Namen gern wissen,« sagte Vanina zu ihr.
+
+»Ich heiße Clementina.«
+
+»Also, liebe Clementina, morgen um fünf komme ich wieder!«
+
+Am nächsten Tage traf Vanina ihre neue Freundin in verschlimmertem
+Zustande an.
+
+»Ich werde einen Wundarzt holen lassen,« schlug Vanina vor, indem sie
+die Kranke umarmte.
+
+»Lieber will ich sterben,« erwiderte diese, »als daß ich meinen
+Wohltäter in Gefahr brächte.«
+
+Vanina redete ihr eifrig zu:
+
+»Der Wundarzt von Monsignore Savelli-Catanzara, dem Stadtkommandanten
+Roms, ist der Sohn eines unsrer Dienstboten. Er ist uns ergeben und
+braucht in seiner Stellung vor niemandem Furcht zu haben. Mein Vater tut
+ihm unrecht, indem er ihn nicht für unbedingt zuverlässig hält. Ich
+werde ihn rufen lassen ...«
+
+»Nein, nein! Ich will keinen Arzt!« rief die Unbekannte mit einer
+Lebhaftigkeit, die Vanina hätte stutzig machen müssen. »Nur Sie
+sollen kommen und mich besuchen. Und wenn es Gott gefällt, mich zu sich
+zu rufen, so werde ich glücklich sterben in Ihren Armen.«
+
+Am folgenden Tage war ihr Befinden noch schlechter. Beim Weggehen sagte
+Vanina:
+
+»Wenn Sie mich lieben, dann erlauben Sie mir, daß ich endlich einen
+Wundarzt holen lasse.«
+
+»Wenn er kommt, ist mein Glück dahin.«
+
+»Ich muß es tun,« erklärte Vanina.
+
+Die Unbekannte hielt sie zurück, indem sie ohne ein Wort zu sagen
+ihre Rechte ergriff und Küsse darauf drückte. Lange sprach keins
+von beiden. Der Fremden standen Tränen in den Augen. Endlich gab sie
+Vaninas Hand frei und sagte in einem Tone, als gehe sie in den Tod:
+
+»Ich muß Ihnen ein Geständnis machen. Vorgestern, als ich Ihnen
+sagte, ich hieße Clementina, da hab ich gelogen. Ich bin ein
+unglücklicher Karbonaro ...«
+
+Vanina war tief betroffen. Sie rückte ihren Stuhl zurück, und bald
+darauf erhob sie sich.
+
+Der Kranke seufzte.
+
+»Ich weiß wohl,« sagte er, »mein Bekenntnis beraubt mich des
+einzigen Glückes, das mich noch ans Leben bindet. Aber es wäre meiner
+unwürdig, wenn ich Sie weiter täuschte. Ich heiße Pietro Missirilli
+und bin neunzehn Jahre alt. Mein Vater ist ein armer Arzt in San Angelo
+in Vado, und ich bin Karbonaro. Wir sind bei unsrer letzten Venta
+überrumpelt worden. Man hat mich in Ketten von der Romagna nach Rom
+geschleppt. Dreizehn Monate lag ich in einem Kerkerloche, Tag und Nacht
+bei trübem Laternenlicht. Da geriet eine barmherzige Seele auf den
+Gedanken, mich retten zu wollen. Man zog mir Frauenkleider an. So
+entrann ich meiner Zelle und war schon an der Außenwache vorbei, da
+hörte ich, daß einer der Posten auf die Karbonari schimpfte. Ich
+verabreichte ihm eine Ohrfeige. Ich versichere Sie: das war nicht
+etwa eitle Prahlerei. Es geschah aus Geistesabwesenheit. Nach dieser
+Unbesonnenheit wurde ich durch die Straßen Roms verfolgt. Es war Nacht.
+Ich bekam Bajonettstiche und schon verließen mich meine Kräfte ...
+Da laufe ich in ein Haus, dessen Türe offen stand. Ich höre, wie
+die Soldaten hinter mir die Treppe hinaufrennen. Ich springe in den
+Nachbargarten und falle zu Boden, ein paar Schritte vor einer Dame, die
+dort spazieren geht ...«
+
+»Das war die Contessa Vitelleschi, die Freundin meines Vaters ...«
+unterbrach ihn Vanina.
+
+»Was! Sie hat es Ihnen erzählt?« rief Missirilli aus. »Wie dem auch
+sei: diese Dame, deren Name nie genannt werden soll, hat mir das Leben
+gerettet! Als die Soldaten in ihr Haus drangen, um mich zu ergreifen,
+brachte mich Ihr Herr Vater in seinem Wagen hierher ... Es geht mir gar
+nicht gut. Der Bajonettstich in der Schulter erschwert mir seit mehreren
+Tagen das Atmen. Ich werde sterben ... und zwar, wenn ich Sie nicht
+wiedersehe, in der unseligsten Stimmung ...«
+
+Vanina hatte geduldig zugehört. Eilends ging sie dann fort. Missirilli
+glaubte in ihren schönen Augen nicht die Spur von Mitgefühl, sondern
+nichts als gekränkten Stolz gesehen zu haben.
+
+In der Nacht stellte sich ein Wundarzt ein. Er kam allein. Missirilli
+war in Verzweiflung. Er fürchtete, Vanina nie wiederzusehen. Er fragte
+den Arzt aus. Der waltete seines Amtes, gab aber keine Antwort. Ebenso
+schweigsam blieb er an den nächsten Tagen.
+
+Unverwandt ruhten Pietros Augen auf der Fenstertüre nach der Terrasse,
+durch die Vanina eingetreten war. Er fühlte sich sterbensunglücklich.
+
+Einmal, gegen Mitternacht, kam es ihm vor, als husche ein Schatten über
+die Terrasse. War das Vanina?
+
+Allnächtlich preßte Vanina ihre Wangen an die Fensterscheibe des
+Gemachs des Karbonaro.
+
+»Wenn ich mit ihm spreche, bin ich verloren!« sagte sie sich. »Nein!
+Ich darf das niemals wieder tun.«
+
+Nachdem sie diesen Entschluß gefaßt hatte, kam ihr wider willen die
+Freundschaft in den Sinn, die sie für den jungen Mann gefühlt, als sie
+ihn törichterweise noch für ein Weib gehalten hatte. »Erst habe ich
+mich ihm so zärtlich und zutraulich gezeigt, und jetzt meide ich ihn
+vollständig!« warf sie sich vor.
+
+In vernünftigen Augenblicken erschrak sie über den Wandel, der in
+ihrer Seele vorgegangen war. Seit sich Missirilli entdeckt hatte, war
+ihre ganze bisherige Gedankenwelt wie in Nebel verhüllt und in weite
+Ferne gerückt.
+
+Noch waren keine acht Tage verronnen, als Vanina, bleich und zaghaft,
+zusammen mit dem Arzt in das Gemach des Kranken trat. Sie verblieb nur
+ein paar flüchtige Augenblicke. Aber nach einigen Tagen erschien sie
+nochmals, wieder mit dem Arzte: aus Menschlichkeit. Und schließlich,
+als es Missirilli wieder viel besser ging und Vanina nicht mehr den
+Vorwand hatte, sich um sein Leben zu ängstigen, wagte sie eines Abends
+allein zu kommen.
+
+Als Missirilli sie erblickte, war er namenlos glücklich; aber er
+suchte seine Liebe zu verbergen. Um alles in der Welt wollte er die
+Manneswürde nicht verletzen. Vanina war mit schamrotem Gesicht zu
+ihm gegangen. Sie fürchtete, Liebesbeteuerungen zu hören. Um so mehr
+wunderte sie sich über die edle, demütige, fast zu wenig zärtliche
+Freundschaft, die er ihr erwies. Als sie von ihm schied, machte er
+keinen Versuch, sie zurückzuhalten.
+
+Ein paar Tage später kam Vanina abermals. Pietro verhielt sich genau
+wieder so. Er versicherte sie seiner verehrungsvollen Ehrerbietung und
+ewigen Dankbarkeit.
+
+Da Vanina auch nicht das geringste getan hatte, was den jungen Karbonaro
+hätte veranlassen können, seinen Gefühlen Zwang anzutun, so fragte
+sie sich: »Bin ich der allein liebende Teil?« Voll Bitternis empfand
+das bis dahin so stolze junge Mädchen, wie ungeheuerlich toll sie
+war. Sie heuchelte Frohsinn und sogar Gleichgültigkeit. Sie erschien
+seltener, brachte es indessen nicht über sich, den jungen Kranken gar
+nicht mehr zu besuchen.
+
+Missirilli war halb wahnsinnig vor Liebe, aber er vergaß weder seine
+niedere Herkunft noch das, was er sich selbst schuldig war. Er hatte
+sich fest vorgenommen, nur dann aus sich herauszugehen und seine Liebe
+zu verraten, wenn Vanina ihn acht Tage lang nicht besuchte.
+
+Der Hochmut der Prinzessin kämpfte den letzten Kampf. Schließlich
+sagte sie sich:
+
+»Wenn ich ihn besuche, so tue ich das meinetwegen, weil es mir Freude
+bereitet. Nie und nimmer werde ich ihm das Mitgefühl eingestehen, das
+er in mir erweckt hat.«
+
+Fortan verweilte sie länger und länger bei Missirilli, aber er sprach
+mit ihr, als ob ein Dutzend andrer Menschen dabei sei.
+
+Eines Abends, nachdem sie ihn den ganzen Tag über verwünscht und sich
+gelobt hatte, noch kälter und herber denn bisher gegen ihn zu sein,
+gestand sie ihm ihre Liebe. Bald hatte sie ihm nichts mehr zu versagen.
+
+Die Torheit war groß, aber Vanina war glückselig. Missirilli vergaß,
+was er seiner Manneswürde schuldig zu sein wähnte. Er liebte, wie ein
+Neunzehnjähriger unter Italiens Himmel zum ersten Male liebt. Er machte
+alle Wirren der Liebe aus Leidenschaft durch; ja, er gestand der
+stolzen jungen Fürstin, durch welche Politik er sie erobert hatte. Das
+Übermaß ihres Glückes war ihm erstaunlich.
+
+Vier Monate eilten dahin. Eines Tages erklärte der Arzt seinen
+Patienten für völlig wiederhergestellt.
+
+»Was soll ich nun beginnen?« fragte sich Missirilli. »Bei einer der
+schönsten Römerinnen versteckt bleiben? Aber dann bilden sich die
+schnöden Tyrannen, die mich dreizehn Monate lang im stockdunklen
+Kerker haben schmachten lassen, am Ende gar ein, sie hätten meinen Mut
+gebrochen. Italia, du hast wirklich kein Glück, da dich deine Kinder so
+leicht im Stiche lassen!«
+
+Vanina zweifelte nicht daran, daß Pietro das höchste Glück darin
+erblickte, stets mit ihr vereint zu bleiben. Dies schien in der Tat so
+zu sein. Aber in seiner jungen Seele hatte ein bittres Wort des Generals
+Bonaparte Widerhall gefunden und ihn von jeher in seinem Verhalten gegen
+Frauen beeinflußt. Als Bonaparte im Jahre 1796 aus Brescia marschierte,
+versicherten ihn die Häupter der Stadt, die ihm das Geleit bis ans
+Stadttor gaben, die Brescianer liebten die Freiheit mehr denn alle
+anderen Italiener.
+
+»Das weiß ich!« gab der Korse zur Antwort. »Das sagen sie mit
+Vorliebe ihren Liebsten!«
+
+In beklommenem Tone erklärte Pietro:
+
+»Wenn die Nacht kommt, muß ich fort.«
+
+»Sieh aber zu, daß du bei Tagesanbruch wieder im Palast bist,«
+erwiderte Vanina. »Ich werde aufbleiben.«
+
+»Bei Tagesanbruch bin ich schon mehrere Meilen weg von Rom.«
+
+»So!« sagte Vanina kalt. »Wohin gehst du?«
+
+»Nach der Romagna, um mich zu rächen.«
+
+»Da ich reich bin,« sagte Vanina im ruhigsten Tone, »nimmst du
+hoffentlich Waffen und Geld von mir an.«
+
+Ein paar Sekunden schaute Missirilli sie starr an; dann fiel er ihr um
+den Hals.
+
+»Stern meines Lebens!« rief er aus. »Deinetwegen könnte ich alles
+vergessen, selbst meine Pflicht! Aber je edler dein Herz ist, um so mehr
+mußt du mich verstehen!«
+
+Vanina begann heftig zu weinen. Sie kamen überein, daß Pietro erst am
+übernächsten Tage Rom verlassen solle.
+
+Am andern Morgen sagte Vanina:
+
+»Pietro, du hast bereits mehrfach gesagt, eine bekannte
+Persönlichkeit, ein römischer Fürst zum Beispiel, der über viel Geld
+verfügt, könnte der Sache der Freiheit den größten Dienst leisten,
+sobald Österreich einmal mit irgendeiner Großmacht im Kriege läge.«
+
+»Gewiß!« gab Missirilli erstaunt zur Antwort.
+
+»Höre! Mut hast du. Dir fehlt es nur an Macht. Ich biete dir meine
+Hand und ein Jahreseinkommen von zweimalhunderttausend Lires. Die
+Einwilligung meines Vaters verpflichte ich mich zu bringen.«
+
+Pietro sank ihr zu Füßen nieder. Vanina strahlte vor Freude.
+
+»Ich liebe dich von ganzem Herzen,« sagte er. »Aber ich bin ein armer
+Diener meines Vaterlandes. Und je unglücklicher Italien ist, um
+so treuer muß ich an ihm hängen. Um deines Vaters Einwilligung zu
+erringen, müßte ich jahrelang eine traurige Rolle spielen ... Vanina,
+ich schlage deine Hand aus!«
+
+Missirilli klammerte sich an seinen Patriotismus. Sein Mut brach fast
+zusammen.
+
+»Es ist mein Unglück,« fuhr er fort, »daß ich dich mehr liebe als
+das Leben. Rom verlassen zu sollen, ist mir fürchterlich. Ach, warum
+ist Italien noch immer nicht von den Barbaren befreit! Mit welcher Wonne
+würde ich dann mit dir über den Ozean gehen, um in Amerika zu leben!«
+
+Vanina stand da wie eine Marmorstatue. Pietro hatte ihre Hand
+ausgeschlagen! Ihr Stolz bäumte sich. Dann aber warf sie sich in seine
+Arme.
+
+»Nie bist du mir liebenswerter gewesen!« rief sie. »Mein
+Landdoktorchen, ich bin doch dein auf ewig! Du bist ein ganzer Mann, ein
+wahrer alter Römer!«
+
+Alle Zukunftsgedanken, alle die trübseligen Regungen des gesunden
+Menschenverstandes waren zunichte. Vanina wie Pietro waren voll reinster
+Liebe.
+
+Als sie wieder vernünftig zu reden vermochten, sagte die Principessa:
+
+»Ich werde dir sehr bald in die Romagna nachfolgen. Ich lasse mir die
+Bäder von Poretto verordnen. In unserm Schlosse zu San Nicolo bei Forli
+mache ich Station ...«
+
+»Dort will ich mein Leben mit dir verbringen!« beteuerte Missirilli.
+
+»Mein Schicksal ist fortan, alles aufs Spiel zu setzen,« sagte Vanina
+und seufzte. »Ich werde mich für dich zugrunde richten. Was tuts?
+Kannst du eine Entehrte lieben?«
+
+»Bist du nicht mein Weib?« sagte Missirilli. »Mein immerdar
+angebetetes Weib! Ich werde dich lieben und schützen!«
+
+Vanina hatte gesellschaftliche Pflichten. Kaum war sie fort, da dünkte
+es Missirilli, er habe sich wie ein Barbar benommen.
+
+»Was heißt Vaterland?« fragte er sich. »Es ist kein lebendiges
+Wesen, dem wir für eine Wohltat Dank schuldeten. Wenn wir unsre
+angebliche Pflicht ihm gegenüber nicht erfüllen, wird es nicht
+unglücklich. Es kann uns nicht verfluchen. Vaterland und Freiheit, das
+ist, nicht anders wie ein Mantel, ein Ding, das mir nützlich ist. Ich
+muß es mir erwerben, wenn ich es nicht von meinem Vater ererbt habe. Im
+Grunde liebe ich beides nur, weil es mir nützliche Dinge sind. Wenn
+ich sie zu nichts gebrauchen könnte -- etwa wie einen Pelzmantel
+im Hochsommer -- wozu wollte ich sie mir erwerben. Um einen so
+ungeheuerlichen Preis? Vanina ist wunderschön. Sie hat eine erlesene
+Seele. Andere werden um sie werben. Sie wird mich vergessen. Welche Frau
+hätte es je bei einem Liebhaber belassen? Die römischen Fürsten, die
+ich schlichter Bürger verachte, haben so manches vor mir voraus. Sie
+=müssen= verführen. Ach, wenn ich scheide, so vergißt mich Vanina,
+und ich habe sie auf ewig verloren!«
+
+Mitten in der Nacht kam sie zu ihm. Er gestand ihr seinen Wankelmut und
+den Kampf, der zwischen seiner Liebe und dem großen Worte =Vaterland=
+tobte. Vanina war glückselig.
+
+Sie sagte sich: »Hätte er die reine Wahl zwischen dem Vaterland und
+mir, so entschiede er sich für mich.«
+
+Die Uhr des nahen Kirchturms schlug drei. Der Augenblick des letzten
+Abschieds war gekommen. Pietro entriß sich den Armen seiner Geliebten.
+Eben wollte er die kleine Treppe hinunterschleichen, als Vanina unter
+Bezwingung ihrer Tränen zu ihm sagte:
+
+»Wenn dich eine arme Bäurin in einem Dorfe gepflegt hätte, würdest
+du dich ihr nicht irgendwie erkenntlich zeigen? Vielleicht würdest du
+sie bezahlen wollen ... Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt. Du
+begibst dich mitten unter deine Feinde. Schenk mir aus Dankbarkeit
+drei Tage. Nimm an, ich wäre ein armes Weib, das du für deine Pflege
+bezahltest!«
+
+Missirilli blieb.
+
+Endlich verließ er Rom mit einem Paß, der auf einer ausländischen
+Gesandtschaft erkauft war. So gelangte er in seine Heimat. Die Freude
+der Seinen war groß. Man hatte ihn tot gewähnt. Seine Freunde wollten
+zur Feier seiner Wiederkehr sogleich ein paar Karabinieri töten. So
+hießen die Gendarmen im Kirchenstaat.
+
+Missirilli hielt sie davon ab:
+
+»Tötet ohne Not keinen Italiener, der sich auf das Waffenhandwerk
+versteht. Unser Vaterland ist keine Insel wie das glückliche
+Britannien. Es fehlt uns an Soldaten, um die Einmischungen der
+europäischen Monarchen abzuwehren.«
+
+Kurz darauf ward Missirilli von Karabinieri angehalten. Zwei von ihnen
+schoß er mit den Pistolen nieder, die ihm Vanina gegeben hatte.
+
+Jetzt setzte man einen Preis auf seinen Kopf aus.
+
+Vanina erschien nicht in der Romagna, so daß sich Missirilli vergessen
+wähnte. In seiner Eitelkeit verletzt, begann er sich häufig Gedanken
+über den Standesunterschied zu machen, der ihn von seiner Geliebten
+trennte. In einem Anfall von zärtlicher Sehnsucht nach dem verlorenen
+Glücke geriet er auf den Einfall, nach Rom zurückzukehren, um
+nachzusehen, was Vanina treibe. Dieser tolle Gedanke triumphierte über
+das, was ihn seine Pflicht deuchte ...
+
+Da läutete eines Abends die Glocke eines Bergkirchleins den Angelus auf
+seltsame Weise. Es klang, als würde der Glöckner mitten beim Läuten
+abgerufen. Dies war das Zeichen zur Venta der Gruppe Karbonari, zu der
+Missirilli gehörte, seit er in seine Heimat zurückgekehrt war.
+
+In der folgenden Nacht versammelten sich alle Verschwörer in einer
+Einsiedelei im Gebirge. Die beiden Einsiedler waren durch Opium
+eingeschläfert worden, so daß sie nicht wahrnahmen, wozu man ihr
+Häuschen benutzte. Missirilli kam in trüber Stimmung hin. Er erfuhr,
+daß das Haupt der Venta verhaftet worden und daß er, trotzdem er erst
+zwanzig Jahre zählte, zum Führer des Geheimbundes gewählt war, der
+Männer zu seinen Mitgliedern zählte, die Fünfziger waren und bereits
+seit Murats Expedition vom Jahre 1815 an der Verschwörung teilnahmen.
+
+Als Pietro die unverhoffte Ehre entgegennahm, pochte sein Herz heftig,
+und als er wieder allein war, faßte er den Entschluß, nicht mehr
+der jungen Römerin zu gedenken, die ihn offenbar vergessen hatte. Er
+gelobte sich, all sein Tun und Denken der Pflicht zu weihen, =Italien
+von den Barbaren= zu befreien.
+
+Man weiß, daß dieses geflügelte Wort von Petrarka stammt, von Julius
+dem Zweiten und Machiavell wiederholt und zu guter Letzt vom Grafen
+Alfieri von neuem auf das Banner geschrieben worden ist.
+
+Zwei Tage danach ersah Missirilli aus einem der Ankunfts- und
+Abgangs-Rapporte, die man ihm als Karbonariführer von allen Orten der
+Umgegend regelmäßig zusandte, daß die Prinzessin Vanina Vanini eben
+in ihrem Schlosse zu San Nicolo eingetroffen war. Beim Lesen ihres
+Namens erfüllte sich seine Seele eher mit Wankelmut denn mit Freude.
+Wohl glaubte er, seine Treue gegen das Vaterland sei felsenfest, dieweil
+er sich vornahm, nicht noch am nämlichen Abend nach dem Schlosse San
+Nicolo hinzueilen. Aber es war nicht an dem. Die Sehnsucht nach
+Vanina, die er zu bezwingen sich Mühe gab, zog ihn doch von der vollen
+Erfüllung seiner Pflicht ab. Am Tage darauf suchte er Vanina auf.
+
+Sie liebte ihn noch genau so wie in Rom. Aber ihr Vater, der sie
+verheiraten wollte, hatte ihre Abreise verzögert.
+
+Vanina brachte zweitausend Zechinen mit. Dieser unerwartete Zuschuß
+festigte Pietros Ansehen in seiner neuen Würde in erstaunlicher
+Weise. Man bestellte Dolche in Korfu. Ferner bestach man in Forli den
+Geheimsekretär des päpstlichen Legaten, der mit der Verfolgung der
+Karbonari betraut war, wodurch man die Liste der Pfarrer in die Hände
+bekam, die für die Regierung spionierten.
+
+Um diese Zeit bildete sich eine der am wenigsten törichten
+Verschwörungen, die je im unglücklichen Italien versucht worden sind.
+Einzelheiten hierüber würden zu weit abseits führen. So viel aber sei
+erwähnt: wenn das Unternehmen von Erfolg gekrönt worden wäre, hätte
+Missirilli einen guten Teil des Ruhmes für sich beanspruchen können.
+Es wäre sein Verdienst gewesen, daß sich auf ein zu gebendes Zeichen
+mehrere Tausend Rebellen erhoben und sich gutbewaffnet einem höheren
+Führer zur Verfügung gestellt hätten. Der entscheidende Augenblick
+war bereits ganz nahe: da wurde die ganze Verschwörung durch die
+Verhaftung der Rädelsführer völlig lahmgelegt, wie dies meist zu
+geschehen pflegt.
+
+Vanina weilte noch nicht lange in der Romagna, aber schon glaubte sie
+zu erkennen, daß die Liebe zum Vaterlande jede andere Leidenschaft im
+Herzen ihres Geliebten verjagt habe. Die hochmütige stolze Römerin war
+empört. Umsonst versuchte sie sich Vernunft zu predigen. Sie verfiel
+dem düstersten Kummer. Ja, sie ertappte sich bei einer Verwünschung
+der Freiheit ihres Vaterlandes.
+
+Eines Tages begab sie sich nach Forli, um Missirilli aufzusuchen. Bis
+dahin war ihr Hochmut stärker gewesen. Jetzt war sie nicht mehr Herrin
+ihres Herzeleids.
+
+»Wahrlich,« sagte sie zu ihm, »du liebst mich, als seien wir
+Eheleute. Das ist nicht nach meinem Geschmack.«
+
+Alsbald flossen ihre Tränen, Tränen der Scham, sich so weit erniedrigt
+zu haben, daß sie Worte des Vorwurfs geäußert hatte. Missirilli
+antwortete auf diesen Ausbruch wie just ein Mann, der ganz andre Dinge
+im Kopfe hat. Plötzlich bekam Vanina den Gedanken, ihn zu verlassen und
+nach Rom zurückzukehren. Es bereitete ihr grausame Freude, sich für
+die Schwachheit zu strafen, nicht stumm geblieben zu sein. In wenigen
+Augenblicken des Schweigens war ihr Entschluß gefaßt. Sie hätte sich
+Missirilli nicht für ebenbürtig gehalten, wenn sie ihn nicht hätte
+verlassen wollen. Und schon weidete sie sich an der Vorstellung,
+wie schmerzlich überrascht er wohl wäre, wenn er sie vergeblich im
+Schlosse zu San Nicolo suchte.
+
+Der Gedanke, daß sie die Liebe des Mannes, für den sie so viele
+Torheiten begangen, nicht hatte erringen können, ließ sie nicht los.
+Jetzt brach sie das Stillschweigen und begann alles erdenkliche, um
+ihm ein paar Liebesworte abzulocken. Zerstreut sagte er ihr einige
+überzärtliche Dinge. Aber mit viel herzlicherem Tone sprach er alsbald
+von seinem politischen Vorhaben. Schmerzerfüllt rief er aus:
+
+»Wenn mir auch diese Unternehmung mißglückt, wenn die Regierung
+abermals dahinter kommt, dann mache ich nicht mehr mit!«
+
+Vanina hörte regungslos zu. Seit einer Stunde hatte sie das Gefühl,
+daß sie den Geliebten zum letzten Male sähe. Was er eben gesagt hatte,
+brachte ihre Gedanken in eine neue, verhängnisvolle Richtung.
+
+Vanina sagte sich: »Die Karbonari haben von mir ein paar tausend
+Zechinen bekommen. Niemand zweifelt daran, daß ich die Verschwörung
+begünstige.«
+
+Sie verlor sich in Grübeleien, von denen sie sich nur losriß, um
+Pietro zu sagen:
+
+»Willst du vierundzwanzig Stunden mit mir im Schloß San Nicolo
+verbringen? Die Venta wird wohl deine Anwesenheit eine Nacht entbehren
+können. Morgen früh werden wir im Parke des Schlosses spazieren gehen.
+Das wird deine Erregung mildern und dir die Kaltblütigkeit verschaffen,
+die du bei deiner großen Unternehmung nötig hast.«
+
+Pietro willigte ein.
+
+Alsbald verließ ihn Vanina unter dem Vorwande, die Vorbereitungen zur
+Fahrt nach San Nicolo zu treffen. Sie eilte zu einer ihrer früheren
+Kammerjungfern, die geheiratet und einen kleinen Handel in Forli
+begonnen hatte. Bei dieser Frau schrieb sie in ein Gebetbuch, das sie
+im Schlafzimmer liegen sah, in aller Hast die genaue Ortsangabe, wo die
+Verschwörer in der kommenden Nacht ihre Venta abhalten wollten.
+Ihre Denunziation schloß mit den Worten: »Die Versammlung wird aus
+folgenden neunzehn Teilnehmern bestehen: ....« Es folgten die Namen und
+Wohnungsangaben.
+
+Als Vanina die Liste fertig hatte, in der einzig und allein Missirillis
+Name fehlte, sagte sie zu der Frau, deren Zuverlässigkeit ihr sicher
+war:
+
+»Bring dieses Buch zum Kardinal-Legaten. Er soll lesen, was
+hineingeschrieben worden ist, und dir das Buch dann zurückgeben. Hier
+hast du zehn Zechinen. Wenn der Legat jemals deinen Namen erfährt,
+bist du des Todes. Aber du rettest mir das Leben, wenn du ihm das darin
+beschriebene Blatt zu lesen gibst.«
+
+Alles ging tadellos nach Erwarten. Der Legat war dermaßen furchtsam,
+daß er auf die Rolle eines großen Herrn verzichtete. Er erlaubte der
+Frau aus dem Volke, die ihn so dringend zu sprechen begehrte, maskiert
+vor ihm zu erscheinen, allerdings mit gebundenen Händen. So wurde
+die Krämersfrau vor den Machthaber geführt. Als sie eintrat, saß er
+verschanzt hinter einem mit grünem Tuche überzogenen großen Tische.
+
+Der Legat las das beschriebene Blatt des Gebetbuches, wobei er es weit
+von sich abhielt, aus Angst vor einem Gifte. Alsdann reichte er es der
+Frau zurück. Auch ließ er sie nicht verfolgen.
+
+Vanina hatte auf die Wiederkehr ihrer ehemaligen Jungfer gewartet. Keine
+dreiviertel Stunde, nachdem sie den Geliebten verlassen, stellte sie
+sich wieder bei ihm ein, fest überzeugt, daß er ihr fortan allein
+gehöre. Sie erzählte ihm, in der Stadt herrsche ungewöhnliche
+Bewegung. Karabinieripatrouillen ritten durch Gassen, in die sie sonst
+nie kämen.
+
+»Wenn du mir Gehör schenken willst,« fügte sie hinzu, »so brechen
+wir sofort nach San Nicolo auf.«
+
+Missirilli war damit einverstanden. Zu Fuß erreichten sie den Wagen der
+Prinzessin, der ebenso wie ihre Gesellschaftsdame, eine verschwiegene,
+gutbezahlte Vertraute, eine halbe Wegstunde vor der Stadt wartete.
+
+Im Schlosse von San Nicolo angelangt, war Vanina zärtlicher denn je zu
+Pietro. Die sonderbare Tat lastete auf ihrem Gemüt. Und so kamen ihr
+ihre Liebesworte selber wie Komödie vor. Der Verrat am Tage zuvor hatte
+ihr keine Skrupel bereitet. In den Armen des Geliebten sagte sie sich:
+
+»Ich brauche ihm nur ein einziges Wort zuzurufen, und von Stund an
+haßt er mich bis in alle Ewigkeit!«
+
+Mitten in der Nacht drang einer von Vaninas Dienern plötzlich in das
+Zimmer. Ohne daß es Vanina geahnt, war auch er Karbonaro. Missirilli
+hatte also Geheimnisse vor ihr, sogar in derlei Nebensachen. Sie
+erbebte.
+
+Der Mann meldete Pietro, daß in Forli in der Nacht die Häuser
+von neunzehn Karbonari umstellt worden seien. Im Augenblick, da die
+Verschwörer von der Venta heimkehrten, habe man sie verhaftet. Von
+den Überrumpelten hätten sich trotz alledem neun retten können. Zehn
+seien von den Karabinieri nach der Zitadelle abgeführt. Beim Betreten
+des Burghofes habe sich einer der Gefangenen in den tiefen Brunnen
+gestürzt. Er sei tot.
+
+Vanina verlor völlig ihre Fassung. Zum Glück bemerkte es Pietro nicht;
+sonst hätte er ihr die Untat an den Augen abgelesen.
+
+Der Diener berichtete einige weitere Einzelheiten. Die ganze Garnison
+von Forli sei alarmiert. Als er hinaus war, versank Missirilli in
+Nachdenken, aber nur ein paar Minuten.
+
+»Im Augenblick ist nichts zu machen,« erklärte er.
+
+Vanina war halbtot. Sie zitterte unter den Blicken des Geliebten.
+
+»Was regt dich denn das so auf?« fragte er. Aber schon dachte er
+wieder an andre Dinge und sah Vanina nicht weiter an.
+
+Gegen Mittag wagte sie ihm zu sagen:
+
+»Schon wieder eine entdeckte Venta! Ich denke, du hast nun für eine
+Weile genug ...«
+
+»Übergenug!« unterbrach er sie und lachte, daß es Vanina graute.
+
+Sie machte dem Pfarrer von San Nicolo einen Anstandsbesuch. Er konnte
+ein Spion der Jesuiten sein. Als sie um sieben Uhr zum Pranzo wieder
+heimkam, fand sie das Gelaß leer, das sie dem Geliebten zum Versteck
+angewiesen hatte. Außer sich suchte sie ihn sofort im ganzen Schlosse.
+Er war nicht mehr da. In ihrer Verzweiflung lief sie nochmals in seine
+Stube. Jetzt erst fand sie einen Zettel, auf dem geschrieben stand:
+
+»Ich stelle mich dem Legaten, weil ich an unsrer Sache verzweifle. Der
+Himmel ist wider uns. Wer mag uns verraten haben? Offenbar der Schurke,
+der sich in den Brunnen gestürzt hat. Da mein Leben dem armen Italien
+nichts nützt, so will ich nicht, daß mich meine Kameraden allein
+auf freiem Fuße sehen und sich am Ende gar einbilden, ich sei der
+Verräter. Lebe wohl! Wenn Du mich liebst, so sei darauf bedacht, mich
+zu rächen! Wenn Du den Verräter entdecken solltest, so vernichte den
+Nichtswürdigen, und wäre es mein Vater!«
+
+Halb von Sinnen und in den Tod unglücklich sank Vanina in einen Stuhl.
+Sie war keines Wortes mächtig. Die tränenlosen Augen brannten ihr.
+Schließlich fiel sie in die Knie.
+
+»Allmächtiger!« betete sie. »Nimm mein Gelübde an! Ich will den
+nichtswürdigen Verräter strafen. Aber vorher muß ich Pietro die
+Freiheit verschaffen!«
+
+Eine Stunde später war sie unterwegs nach Rom. Ihr Vater hatte sie
+schon lange zur Heimkehr gedrängt und hatte in ihrer Abwesenheit dem
+Principe Livio Savelli ihre Hand fest versprochen. Kaum war Vanina
+wieder zu Hause, als der Fürst zaghaft davon zu sprechen begann. Zu
+seinem großen Erstaunen ging Vanina sofort darauf ein. Noch am selbigen
+Abend ward ihr Savelli im Hause der Gräfin Vitelleschi feierlich als
+Bräutigam zugeführt.
+
+Vanina zeigte sich ihm sehr gesprächig. Er war der eleganteste Mensch
+und besaß die schönsten Pferde; aber wenn man ihn auch für sehr
+intelligent hielt, so galt er doch für derartig leichtsinnig, daß er
+der Regierung niemals verdächtig werden konnte. Damit rechnete Vanina.
+Wenn sie ihm den Kopf verdrehte, konnte sie ihn bequem zu allerhand
+gebrauchen. Ihm, dem Neffen des Monsignore Savelli-Catanzara, des
+Stadtkommandanten und Polizeipräsidenten von Rom, wagte kein Spion
+nachzustellen.
+
+Nachdem Vanina den galanten Livio mehrere Tage auf das beste behandelt
+hatte, erklärte sie ihm, sie werde nie seine Gattin. Er wäre ihr viel
+zu leichtsinnig.
+
+»Wenn Sie nicht das reine Kind wären,« sagte sie zu ihm, »hätten
+die Beamten Ihres Onkels keine Geheimnisse vor Ihnen. Wissen Sie zum
+Beispiel, was mit den Karbonari geschehen wird, die man neulich in Forli
+erwischt hat?«
+
+Nach zwei Tagen kam Livio und meldete Vanina, alle in Forli verhafteten
+Karbonari seien entwischt.
+
+Vanina sah ihn mit ihren großen schwarzen Augen eindringlich an,
+lächelte bitter und unsagbar verächtlich und würdigte ihn den ganzen
+Abend keines Wortes. Zwei Tage danach kam Livio abermals und gestand,
+man habe ihn vor zwei Tagen falsch unterrichtet.
+
+»Jetzt aber«, erzählte er, »habe ich mir einen Schlüssel zum
+Arbeitszimmer meines Onkels verschafft. Aus den Akten, die ich daselbst
+in den Händen gehabt habe, weiß ich, daß eine Kommission von
+Kardinälen und hochangesehenen Prälaten in einer Geheimsitzung
+erörtert hat, ob es besser sei, den Karbonari in Ravenna oder in Rom
+den Prozeß zu machen. Die neun in Forli festgenommenen Verschwörer
+und ihr Führer, ein gewisser Missirilli, der so dumm gewesen ist, sich
+selbst zu stellen, werden augenblicklich im Kastell San Leo gefangen
+gehalten ...«
+
+Bei den Worten »so dumm« kniff Vanina den jungen Fürsten mit aller
+Kraft in den Arm.
+
+»Ich will die offiziellen Akten selber einsehen. Nehmen Sie mich mit
+in das Arbeitszimmer Ihres Onkels! Sie haben sich jedenfalls beim Lesen
+geirrt.«
+
+Livio erschrak zu Tode. Vanina forderte etwas geradezu Unmögliches
+von ihm; aber ihr seltsames Wesen verdoppelte seine Verliebtheit. Nach
+einigen Tagen konnte Vanina, als Lakai verkleidet, in der kleidsamen
+Livree der Casa Savelli, eine halbe Stunde lang in den geheimsten
+Papieren des Polizeipräsidenten herumkramen. Als sie den »Tagesbericht
+über pp. Pietro Missirilli« las, empfand sie einen Anflug von Glück.
+Kaum vermochten ihre zitternden Hände das Schriftstück zu halten. Als
+sie den Namen des Geliebten las, ward sie fast ohnmächtig.
+
+Als sie den Palast des Polizeipräsidenten wieder verließen, durfte
+Livio sie küssen.
+
+»Sie bestehen die Proben, die ich Ihnen auferlege, recht gut,«
+erklärte ihm Vanina.
+
+Im Besitze dieses Lobes hätte der junge Principe Vanina zu Gefallen den
+Vatikan angesteckt.
+
+Am Abend war Ball in der französischen Gesandtschaft. Vanina tanzte
+viel und fast stets mit Livio. Er war trunken vor Glück. Vanina durfte
+ihn nicht zur Besinnung kommen lassen. Des war sie entschlossen.
+
+»Mein Vater ist manchmal wunderlich,« sagte sie eines Tages zu ihm.
+»Heute morgen hat er zwei von seinen Leuten von dannen gejagt. Sie sind
+weinend zu mir gekommen. Der eine hat mich gebeten, ihm eine Stelle bei
+Ihrem Onkel, dem Stadtkommandanten von Rom, zu verschaffen. Der andre,
+ein ehemaliger napoleonischer Artillerist, möchte auf der Engelsburg
+angestellt werden.«
+
+»Ich nehme sie alle beide in meine Dienste,« erklärte der junge
+Principe eifrig.
+
+»Habe ich Sie darum gebeten?« fragte Vanina hochmütig. »Ich habe
+Ihnen die Bitte der beiden armen Schelme wörtlich wiederholt. Sie
+sollen bekommen, was sie wünschen, und nichts andres!«
+
+Das war nichts weniger als einfach. Monsignore Catanzara war ein höchst
+eigenwilliger Herr, der nur Leute in sein Haus nahm, die er sehr gut
+kannte.
+
+Inmitten von tausend äußerlichen Vergnügungen ward Vanina von Reue
+gequält. Sie fühlte sich grenzenlos unglücklich. Die so langsame
+Entwicklung der Dinge brachte sie beinahe um. Der Bankier ihres Vaters
+hatte ihr Geld versorgt. Sollte sie aus dem Vaterhause fliehen, nach der
+Romagna gehen und ihren Geliebten zu befreien suchen? So unvernünftig
+dieser Gedanke war, so hätte sie ihn doch wohl ausgeführt, wenn sich
+der Zufall nicht ihrer erbarmt hätte.
+
+Livio vermeldete ihr:
+
+»Missirilli und seine neun Mitverschworenen werden nach Rom
+überführt, nachdem sie in Ravenna abgeurteilt worden sind. Das hat
+mein Onkel heute abend beim Papste durchgesetzt. Sie und ich, wir
+sind in ganz Rom die einzigen, die dieses Geheimnis wissen. Sind Sie
+zufrieden mit mir?«
+
+»Sie werden ein Mann!« erwiderte Vanina. »Schenken Sie mir Ihr
+Bild!«
+
+Am Tage, ehe Missirilli in Rom eintreffen sollte, fand Vanina einen
+Vorwand, nach Civita Castellana zu fahren. Im Gefängnis dieser Stadt
+wurden Gefangene, die man von der Romagna nach Rom beförderte, stets
+eine Nacht verquartiert. In der Tat sah Vanina ihren Missirilli, als er
+aus dem Gefängnis herausgebracht ward. Er saß kettenbelastet auf einem
+Karren für sich. Er kam ihr sehr bleich, aber durchaus nicht gebrochen
+vor. Eine alte Frau warf ihm ein Veilchensträußchen zu. Pietro
+lächelte ihr Dank zu.
+
+Nachdem Vanina den Geliebten gesehen hatte, fühlte sie sich erstarkt
+und von neuem Mut beseelt. Bereits seit geraumer Zeit hatte sie den
+Abbate Cari, den Almosenier der Engelsburg, in der Pietro nunmehr
+eingekerkert war, in seiner Karriere ein gutes Stück vorwärts
+gebracht, indem sie ihn zum Beichtvater genommen. Er war ein gutmütiger
+Mensch. Es ist in Rom nicht unwichtig, Beichtiger einer Prinzessin zu
+sein, deren Onkel Stadtkommandant ist.
+
+Mit den Karbonari von Forli wurde nunmehr kurzer Prozeß gemacht.
+Ärgerlich darüber, daß die Sache nach Rom abgewälzt worden war,
+sorgte die reaktionäre Partei dafür, daß die Kommission, der das
+Urteil oblag, aus den ehrgeizigsten Prälaten bestand. Den Vorsitz
+führte der Polizeipräsident.
+
+Das Gesetz gegen den Karbonarismus ist klipp und klar. Den Rebellen von
+Forli blieb keine Hoffnung. Trotzdem verteidigten sie ihr Leben durch
+alle nur möglichen Ausflüchte. Die Richter verurteilten sie nicht nur
+zum Tode, sondern obendrein zu allerlei schrecklichen Nebenstrafen. Es
+sollten ihnen die Hände abgehauen werden usw. Der Polizeipräsident,
+der keine Streberei mehr nötig hatte (man vertauscht diesen Posten nur
+mit dem Kardinalshut), hatte kein Begehr nach abgehauenen Händen.
+Als er das Urteil Seiner Heiligkeit vorlegte, befürwortete er
+die Verwandlung sämtlicher Strafen in bloßes Gefängnis. Nur mit
+Missirilli ward eine Ausnahme gemacht. In diesem jungen Manne erblickte
+der Polizeipräsident einen gefährlichen Fanatiker. Überdies hatte er
+wegen der Ermordung der beiden Karabinieri den Tod verdient.
+
+Vanina erfuhr das Urteil und dessen Umwandlung wenige Augenblicke,
+nachdem Monsignore Catanzara den Vatikan verlassen hatte.
+
+Als er am Abend darauf gegen Mitternacht in seinen Palast zurückkam,
+war sein Kammerdiener nicht zur Stelle. Erstaunt klingelte Catanzara
+mehrmals. Endlich erschien ein alter gebrechlicher Lakai. Der Präsident
+verlor die Geduld und beschloß, sich selbst auszukleiden. Als der
+Diener hinaus war, verschloß er die Tür.
+
+Es war sehr heiß. Er zog den Rock aus und warf ihn achtlos auf
+einen Stuhl, warf ihn aber mit solcher Wucht, daß er über den Stuhl
+hinwegflog, gegen den Musselinvorhang eines der Fenster. Da ward die
+Form eines hinter dem Vorhang stehenden Menschen erkennbar.
+
+Monsignore stürzte nach dem Nachttisch und ergriff seine Pistole. Als
+er sich dem Fenster näherte, trat ein junger Mann in der Livree des
+Hauses hervor, ebenfalls eine Pistole in der Hand.
+
+Catanzara erhob die seine und wollte losdrücken. Da rief ihm der junge
+Mann lachend zu:
+
+»Monsignore, erkennen Sie Vanina Vanini nicht?«
+
+»Was soll der schlechte Scherz?« fragte er zornig.
+
+»Sprechen wir in aller Ruhe!« sagte die Principessa. »Übrigens ist
+Ihre Pistole entladen.«
+
+Der betroffene Präsident überzeugte sich von der Tatsache. Dann zog er
+einen Dolch aus seiner Westentasche.
+
+»Setzen wir uns, Monsignore!« schlug Vanina mit einer entzückend
+gebieterischen Gebärde vor und nahm ruhig auf einem Sofa Platz.
+
+»Sind Sie wenigstens allein?« fragte der Polizeipräsident.
+
+»Gänzlich allein! Das schwör' ich Ihnen,« rief Vanina.
+
+Monsignore stellte dies genauestens fest, indem er im ganzen Zimmer
+herumging und alles durchsuchte. Darauf setzte er sich in einen
+Lehnstuhl, drei Schritte von Vanina entfernt.
+
+Sie sagte im friedlichsten Tone:
+
+»Welches Interesse könnte ich wohl haben, einem politisch
+maßvollen Manne nach dem Leben zu trachten, damit an seine Stelle
+höchstwahrscheinlich ein jähzorniger Schwachkopf träte, der imstande
+wäre, sich und die anderen zugrunde zu richten?«
+
+»Was wollen Sie eigentlich, Principessa?« fragte Catanzara ärgerlich.
+»Die Geschichte paßt mir nicht. Sie hat schon lange genug gedauert.«
+
+Hochmütig und ihre Grazie plötzlich verlassend, entgegnete ihm Vanina:
+
+»Was ich noch zu sagen habe, ist für Sie wichtiger als für mich. Man
+will, daß der Karbonaro Missirilli mit dem Leben davonkommt. Wenn er
+hingerichtet wird, ist es binnen acht Tagen auch um Sie geschehen. Ich
+selbst habe keinerlei Interesse an der Sache. Die Torheit, die Ihnen
+unangenehm ist, begehe ich erstens zu meinem Vergnügen und zweitens,
+um einer meiner Freundinnen gefällig zu sein ...« Indem sie ihren
+früheren artigen Ton wieder annahm, fuhr sie fort: »Auch wollte ich
+einem klugen Manne einen Dienst erweisen, der demnächst mein Onkel wird
+und offenbar den Glanz seines Hauses noch strahlender machen kann.«
+
+Der Polizeipräsident verlor seine ärgerliche Miene. Vaninas Schönheit
+trug zweifellos zu diesem plötzlichen Stimmungswechsel bei. Monsignore
+Catanzaras Vorliebe für hübsche Frauen war stadtbekannt, und in ihrer
+Maskerade als Lakai mit straffsitzenden seidenen Strümpfen, roter Weste
+und kokettem himmelblauen silberbetreßten Rocke, die Pistole in der
+Hand, sah Vanina verführerisch aus.
+
+»Meine liebe Nichte _in spe_,« sagte Catanzara, fast lachend. »Sie
+begehen eine große Torheit. Es wird wohl nicht die letzte sein.«
+
+Vanina erwiderte:
+
+»Ich hoffe, ein so kluger Grandseigneur wird mein Geheimnis wahren,
+besonders vor Ihrem Neffen Livio. Um Sie darauf zu verpflichten,
+verehrter Onkel, und wenn Sie dem Schützling meiner Freundin das Leben
+retten wollen, sollen Sie einen Kuß von mir bekommen.«
+
+In diesem halb scherzhaften Tone, mit dem die vornehmen Römerinnen die
+wichtigsten Angelegenheiten zu behandeln verstehen, führte Vanina die
+Unterhaltung fort. Dadurch wurde aus der Pistolenszene schließlich
+eine Art Besuch, den die künftige Principessa Savelli ihrem Onkel, dem
+Stadtkommandanten von Rom, machte.
+
+Wenn Monsignore Catanzara auch den Gedanken, man könne ihn durch
+Furcht einschüchtern, stolz von sich wies, so war er doch bald so
+weit umgestimmt, daß er seiner Nichte genau darlegte, welche großen
+Schwierigkeiten es mit sich brachte, dem Karbonaro das Leben zu
+erhalten. Schließlich aber versprach er ihr beinahe Missirillis
+Rettung.
+
+»Unser Geschäft ist gemacht!« frohlockte Vanina. »Zur Besiegelung
+haben Sie hier Ihren Lohn!«
+
+Sie fiel ihm um den Hals, und Monsignore nahm seinen Lohn entgegen.
+
+»Meine liebe Vanina,« sagte er, »Sie müssen wissen, daß ich kein
+Freund vom Blutvergießen bin. Außerdem bin ich noch jung, wenngleich
+ich Ihnen wohl recht alt erscheine. Ich kann sehr wohl noch die Zeit
+erleben, wo das heute vergossene Blut auf mein Haupt kommt.«
+
+Es schlug zwei Uhr, als Monsignore Catanzara die schöne Vanina nach dem
+Gartenpförtchen seines Palastes geleitete.
+
+Zwei Tage darauf erschien er vor dem Papst, ein wenig über sein
+Anliegen verlegen.
+
+Seine Heiligkeit empfing ihn mit den Worten:
+
+»Vor allem erwarte ich, daß Sie mir eine Begnadigung unterbreiten.
+Einer der Karbonari von Forli ist zum Tode verurteilt. Der Gedanke daran
+hat mich nicht schlafen lassen. Der Mann muß gerettet werden!«
+
+Als der Polizeipräsident sah, daß der Papst dasselbe wollte wie
+er, machte er allerlei Einwände. Schließlich setzte er aber eine
+Verfügung auf, die der Papst ganz gegen seine Gewohnheit _motu proprio_
+unterzeichnete.
+
+Vanina glaubte zwar an die Möglichkeit, die Begnadigung ihres Geliebten
+zu erreichen, aber sie befürchtete, man könne ihn vergiften. Schon am
+Tage vor der Begnadigung erhielt Missirilli durch den Abbate Cari ein
+paar Pakete Zwiebäcke und die Warnung, die Gefängniskost nicht mehr
+anzurühren.
+
+Nunmehr erfuhr Vanina, daß die gefangenen Karbonari wieder nach dem
+Kastell San Leo überführt werden sollten. Sofort faßte sie den
+Entschluß, Pietro bei seinem Durchzuge durch Civita Castellana zu
+sehen. Vierundzwanzig Stunden vor den Gefangenen langte sie daselbst an,
+wo sie mit dem Abbate Cari zusammentraf, der bereits einige Tage dort
+verweilte. Er hatte den Kerkermeister dazu gebracht, daß Missirilli
+um Mitternacht in der Gefängniskapelle der Messe beiwohnen durfte. Ja,
+wenn Missirilli damit einverstanden wäre, sich Arme und Beine in
+Ketten legen zu lassen, so war der Kerkermeister bereit, sich in den
+Hintergrund der Kapelle zurückzuziehen, allerdings ohne den Gefangenen
+außer Sehweite zu lassen. Hören konnte er da nichts von dem, was mit
+Missirilli gesprochen werden würde.
+
+Endlich kam der Tag, an dem sich Vaninas Schicksal entscheiden sollte.
+Ganz früh am Morgen schloß sie sich in der Gefängniskapelle ein. Sie
+litt tausend Qualen. Immer wieder fragte sie sich, ob Missirillis Liebe
+groß genug sei, um ihr zu verzeihen. Sie hatte seine Mitverschworenen
+denunziert, aber ihm selbst hatte sie das Leben gerettet. Jedesmal,
+wenn die Vernunft in ihres Herzens Kämpfen die Oberhand gewann, war sie
+voller Hoffnung, er würde einwilligen, mit ihr zusammen aus Italien zu
+fliehen. Wenn sie auch Böses getan hatte, so war es doch aus Übermaß
+von Liebe geschehen.
+
+Als es vier Uhr schlug, hörte Vanina von weitem auf dem
+Straßenpflaster die Hufschläge der Karabinieri. Bei jedem einzelnen
+Schlag erzitterte ihr Herz. Bald vernahm sie auch das Rollen der Karren,
+auf denen die Gefangenen befördert wurden.
+
+Auf dem kleinen Platze vor dem Gefängnis machte der Zug halt. Vanina
+beobachtete, wie zwei Karabinieri Missirilli herunterhoben. Er befand
+sich allein in einem der Karren und war derart mit Ketten belastet, daß
+er sich nicht rühren konnte.
+
+»Er ist wenigstens noch am Leben,« sagte sich Vanina, Tränen in den
+Augen. »Man hat ihn nicht mit Gift aus der Welt geschafft.«
+
+Der Abend war grauenhaft. Die düstere Kapelle ward nur beleuchtet durch
+eine hochhängende Altarlampe, an der man mit dem Öl sparte.
+Vaninas Augen irrten über die Grabmäler etlicher Grandseigneurs des
+Mittelalters, die vor Zeiten im benachbarten Kerker umgekommen waren.
+Die Steinbilder starrten sie grimmig an. Längst waren alle Geräusche
+verstummt. Vanina war einsam und allein, in ihre finsteren Grübeleien
+versunken.
+
+Kurz nachdem es Mitternacht geschlagen hatte, vernahm sie ein leises
+Geräusch, als ob eine Fledermaus durch den Raum schwirre. Sie wollte
+ein paar Schritte machen, sank aber halb ohnmächtig an die Balustrade
+des Altars. Im nämlichen Augenblick sah sie dicht vor sich zwei
+nebelhafte Gestalten, deren Herannahen sie nicht gehört hatte. Es war
+der Kerkermeister mit Missirilli. Der letztere war mit Ketten geradezu
+umwickelt.
+
+Der Kerkermeister klappte seine Laterne auf und stellte sie in Vaninas
+Nähe auf die Altarbalustrade. Dann zog er sich nach der Tür zurück.
+Kaum war er verschwunden, da fiel Vanina dem Gefesselten um den Hals.
+Sie drückte ihn an sich, aber sie spürte nichts als seine kalten
+harten Ketten. So empfand sie nicht die geringste Freude. Aber ihrem
+Schmerze darüber folgte noch ein viel schlimmerer. Missirillis Benehmen
+war so eisig, daß Vanina einen Augenblick lang glaubte, er wisse alle
+ihre Übeltaten.
+
+Schließlich begann er zu sprechen:
+
+»Liebe Vanina, ich bedaure, daß du dich in mich verliebt hast.
+Vergeblich suche ich an mir nach Vorzügen, durch die ich deine Liebe
+verdient hätte ... Reden wir von christlicheren Dingen! Vergessen wir
+die Illusionen, die uns einstmals in die Irre geführt haben! Ich
+darf nicht mehr der Deine sein. Das fortgesetzte Unglück, das meine
+Unternehmungen verfolgt, hat seine Ursache vielleicht darin, daß ich
+mich dauernd im Zustande der Todsünde befunden habe. Es fällt
+mir schwer, das alles vom Standpunkte der nüchternen Vernunft zu
+beurteilen. Warum ward ich in jener verhängnisvollen Nacht in Forli
+nicht ebenso verhaftet wie meine Genossen? Warum war ich in der Stunde
+der Gefahr nicht auf meinem Posten? Warum hat meine Abwesenheit den
+allerschrecklichsten Verdacht aufkommen lassen: ich hätte eine andre
+Leidenschaft als die Befreiung Italiens?«
+
+Vanina vermochte sich nicht von ihrer Verwunderung zu erholen,
+Missirilli so gewandelt zu sehen. Er sah eigentlich nicht magerer aus
+als früher, aber er erschien ihr wie zehn Jahre älter geworden. Sie
+schob diese Veränderung auf die schlechte Behandlung, die er offenbar
+in der Gefangenschaft erfahren hatte. In Tränen ausbrechend, sagte sie:
+
+»Ach, die Kerkermeister haben ihr Wort nicht gehalten, dich gut zu
+behandeln!«
+
+In Wirklichkeit hatten sich angesichts des sicheren Todes in der Seele
+des jungen Karbonaro allerhand fromme Skrupel zu seiner Leidenschaft
+für die Befreiung Italiens gesellt. Allmählich begriff Vanina, daß
+die erstaunliche Veränderung, die sie an ihrem Geliebten wahrnahm,
+rein innerlicher Art war, keineswegs aber die Wirkung von schlechter
+körperlicher Behandlung. Wenn sie erst schon geglaubt hatte, ihr
+Schmerz sei ungeheuer, so fühlte sie ihn jetzt ins Maßlose wachsen.
+
+Missirilli war verstummt. Vanina erstickte fast vor Schluchzen. Ein
+wenig bewegt begann er von neuem:
+
+»Vanina, wenn ich hienieden etwas geliebt habe, so bist du das gewesen!
+Aber gottlob hat mein Dasein nur noch ein Ziel: den Tod, sei es im
+Kerker, sei es bei neuen Versuchen für Italiens Freiheit!«
+
+Wiederum herrschte Stillschweigen. Vanina vermochte kein Wort
+hervorzubringen. Das sah man ihr an. Vergeblich machte sie
+Anstrengungen, zu reden. Missirilli fuhr fort:
+
+»Liebe Vanina, die Pflicht ist grausam, aber wenn ihre Erfüllung gar
+nicht schwer wäre: wo gäbe es dann Heldentum? Gib mir dein Wort, daß
+du nie wieder den Versuch machen wirst, mich zu sehen!«
+
+Soweit das ihm seine Ketten gestatteten, machte er eine Bewegung und
+reichte Vanina die Finger.
+
+»Wenn du dem, der dir lieb und wert war, Gehör schenkst, so sei
+vernünftig und heirate irgendeinen angesehenen Mann, den dir dein Vater
+wählen wird! Mach ihm kein peinliches Geständnis! Aber ebensowenig
+versuche, mich wiederzusehen! Seien wir fortan einander fremd! Du hast
+dem Wohle des Vaterlandes eine beträchtliche Summe gespendet. Wird
+es je von seinen Tyrannen befreit, so wird dir dieses Geld aus dem
+Nationalgut getreulich wiedererstattet.«
+
+Vanina war trostlos. Während Pietro so sprach, hatten seine Augen nur
+einmal aufgeleuchtet: bei dem Worte =Vaterland=.
+
+Schließlich brach der Stolz der jungen Römerin durch. Sie hatte sich
+mit einem Päckchen Diamanten und etlichen kleinen Feilen versehen. Dies
+bot sie Missirilli an, ohne ihm etwas zu erwidern.
+
+»Ich nehme es an,« sagte der Karbonaro, »denn das erheischt
+meine Pflicht. Ich muß zu entkommen suchen. Aber ich werde dich nie
+wiedersehen. Das schwöre ich dir angesichts deiner neuen Wohltat! Lebe
+wohl, Vanina! Versprich mir, niemals an mich zu schreiben und keinen
+Versuch zu machen, mich wiederzusehen! Laß mich ganz dem Vaterlande!
+Ich bin für dich gestorben. Lebe wohl!«
+
+»Nein!« rief Vanina in Raserei. »Du sollst erfahren, was ich getan,
+aus Liebe zu dir!«
+
+Nun erzählte sie ihm alle ihre Handlungen von dem Augenblick ab, da
+Missirilli das Schloß von San Nicolo verlassen hatte, um sich dem
+Legaten zu stellen. Als sie ihren Bericht beendet hatte, sagte sie:
+
+»Aber alles das ist noch nichts. Aus Liebe zu dir hab ich noch mehr
+getan!«
+
+Jetzt erzählte sie ihm ihren Verrat.
+
+»Bestie du!« schrie Missirilli voller Empörung. Er stürzte auf sie
+los, um sie mit seinen Ketten zu erschlagen. Es wäre ihm auch gelungen,
+wäre nicht der Kerkermeister bei seinem ersten Aufschrei herbeigeeilt.
+Er packte den Wütenden.
+
+»Bestie! Dir will ich nichts zu danken haben! Da!«
+
+Er warf ihr die Feilen und die Edelsteine, so gut er konnte, vor die
+Füße.
+
+Sodann ward er rasch abgeführt.
+
+Vanina blieb besinnungslos zurück. Dann kehrte sie heim nach Rom. Kurz
+darauf vermeldeten die Zeitungen ihre Heirat mit Livio Savelli.
+
+
+
+
+Die Fürstin von Campobasso
+
+
+Es war im Jahre 1726, also zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts, in
+Rom. Der Nepotismus trieb seine übelsten Blüten. Aber zu keiner Zeit
+war der römische Hof glänzender gewesen. Benedikt der Dreizehnte aus
+dem Hause Orsini regierte, oder vielmehr sein Neffe, der Fürst von
+Campobasso, der im Namen des Papstes alle Geschäfte führte, die
+großen wie die kleinen. Von überallher strömten die Fremden in die
+ewige Stadt. Italienische Nobili und spanische Granden, damals noch im
+Überflusse des Goldes der Neuen Welt, kamen in Scharen. Jeder Reiche
+und jeder Machthaber stand über den Gesetzen. Galanterie und Prunk
+waren offenkundig die einzigen Betätigungen im Gewimmel der Fremden und
+der Einheimischen.
+
+Die beiden Nichten des Papstes, die Gräfin Orsini und die Fürstin
+von Campobasso, teilten sich in die Macht ihres Onkels und in die
+Huldigungen des Hofes. Die Schönheit beider Frauen wäre aufgefallen,
+selbst wenn sie der Hefe des Volkes angehört hätten. Die Orsini, wie
+man in Rom familiär zu sagen pflegte, war heiter und lebenslustig, die
+Campobasso verträumt und fromm. Aber gerade diese zarte Seele war
+der wildesten Leidenschaft fähig. Ohne erklärte Feindinnen zu sein,
+wiewohl sie sich tagtäglich beim Papste trafen und sich oft besuchten,
+waren die beiden Damen Nebenbuhlerinnen in allem, in ihrer Schönheit,
+ihrem Ansehen, ihrem Reichtum.
+
+Die Gräfin Orsini war weniger schön, aber sie war verführerisch,
+leichtlebig, tatenlustig, intrigant. Sie hatte Liebhaber, aber ihr Herz
+blieb ewig frei. Keiner herrschte länger denn einen Tag. Ihr Glück
+bestand darin, zweihundert Menschen in ihren Sälen zu empfangen und
+unter ihnen als Königin zu erscheinen. Arg spottete sie ihrer Kusine,
+der Campobasso. Diese hatte die Ausdauer gehabt, sich drei Jahre lang
+allerorts mit einem spanischen Granden zu zeigen, bis sie ihm zu guter
+Letzt sagen ließ, er möge Rom binnen vierundzwanzig Stunden verlassen,
+wenn ihm sein Leben lieb sei. »Seit dieser Großtat«, scherzte die
+Orsini, »hat meine erhabene Kusine das Lachen ganz verlernt. Das ist
+nun schon etliche Monate her. Zweifellos geht die Ärmste an Mißmut
+oder Liebessehnsucht langsam zugrunde. Und ihr Gatte, dieser Schlaukopf,
+verfehlt nicht, Seiner Heiligkeit, unserm Onkel, diese Gemütsöde als
+das Ideal frommen In-sich-gehens zu preisen. Ich denke, eines schönen
+Tages unternimmt die fromme Büßerin eine Wallfahrt nach Hispania.«
+
+Die Campobasso war indessen himmelweit davon entfernt, sich nach
+ihrem spanischen Herzog zu sehnen. Sie hatte sich während seiner
+Regierungszeit zu Tode gelangweilt. Hätte sie Verlangen nach ihm
+gefühlt, so hätte sie ihn einfach wieder holen lassen. Sie gehörte zu
+den in Rom nicht raren Menschenkindern, die in der Alltäglichkeit wie
+in der Leidenschaft immerdar natürlich und naiv sind. Obgleich kaum
+dreiundzwanzig Jahre alt und in der vollen Blüte ihrer Schönheit, war
+sie in der Tat fanatisch fromm. Es geschah, daß sie vor ihrem Onkel auf
+die Knie sank und seinen päpstlichen Segen erflehte. Man weiß sattsam
+genug, daß der gute Benedikt der Dreizehnte von jedweder Gewissenslast,
+mit Ausnahme von zwei oder drei Todsünden, auch ohne Beichte
+absolvierte. Er weinte vor Rührung. »Stehe auf, liebe Nichte!« sprach
+er. »Du bedarfst meines Segens nicht. In den Augen des Herrn stehst du
+höher als ich.«
+
+Hierin täuschte sich Seine Heiligkeit trotz aller Unfehlbarkeit. Und
+mit ihm ganz Rom. Die Campobasso war toll verliebt. Ihr neuer Liebhaber
+liebte sie ebenso leidenschaftlich wie sie ihn. Aber trotzdem war sie
+tief unglücklich.
+
+Seit mehreren Monaten sah sie bei sich fast täglich den Attaché
+Chevalier von Senecé, einen Neffen des Herzogs von Saint-Aignan, des
+damaligen Gesandten Ludwigs des Fünfzehnten in Rom.
+
+Der junge Senecé war als Sohn einer Favoritin des Regenten Philipp von
+Orleans der Empfänger ausgesuchter Ehren. Er war kaum zweiundzwanzig
+Jahre alt und schon längst Oberst. In seinem Wesen hatte er etwelche
+dandyhafte Angewohnheiten, aber er war nicht anmaßend. Heiterkeit,
+nimmermüde Vergnügungssucht, Unbesonnenheit, Schneid und Gutmütigkeit
+waren die Haupteigenschaften seines eigenartigen Charakters, und man
+konnte zum Lobe seiner Nation sagen, daß er ein vollauf mustergültiger
+Vertreter von ihr war. Gerade das typisch Gallische hatte die Fürstin
+vom ersten Augenblick an bestochen. »Ich traue dir nicht über den
+Weg,« sagte sie einmal zu ihm. »Du bist Franzose. Und eines erkläre
+ich dir im voraus: An dem Tage, wo Rom erfährt, daß ich dich manchmal
+heimlich bei mir habe, weiß ich, daß du mich verraten hast. Dann ist
+meine Liebe aus.«
+
+Sie hatte mit der Liebe gespielt und war dabei der wildesten
+Leidenschaft verfallen. Auch Senecé hatte sie geliebt, wie bereits
+gesagt, aber das Einvernehmen beider währte bereits acht Monate, und
+in der Zeit, da sich die Liebe einer Italienerin verdoppelt, stirbt
+die eines Franzosen. Die Eitelkeit tröstete den Chevalier ein wenig
+in seiner Langenweile. Bereits hatte er zwei oder drei Porträts der
+Fürstin nach Paris gesandt. Übrigens war er von Jugend auf in jeder
+Hinsicht ein begnadetes Glückskind, so daß er seine sorglose Natur
+selbst in Dingen der Eitelkeit nicht verleugnete, die doch sonst die
+Herzen seiner Landsleute nicht in Ruhe läßt.
+
+Senecé hatte für den Charakter seiner Geliebten nicht das geringste
+Verständnis. Infolgedessen kam ihm ihre Bizarrerie bisweilen spaßig
+vor. Sehr oft, ganz besonders am Festtage der Heiligen Balbina, deren
+Namen sie trug, hatte er die Herzenskämpfe und Gewissensbisse dieser
+aufrichtig frommen Schwärmerin zu beschwichtigen. Bei aller Liebe
+und Leidenschaft hatte sie, gerade wie eine Frau aus dem Volke, ihren
+Glauben nicht vergessen. Der Chevalier hatte diese Regung nur mit Gewalt
+besiegt und mußte sie so immer von neuem besiegen.
+
+Dies Hindernis war das erste, das dem mit allen Gaben des Zufalls
+überschütteten jungen Mann in seinem Leben begegnete. Es war der
+Anlaß, daß er der Fürstin gegenüber zärtlich und aufmerksam blieb.
+Von Zeit zu Zeit hielt er es für seine Pflicht, sie zu lieben.
+
+Er hatte in Rom nur einen Vertrauten. Das war sein Gesandter, der Herzog
+von Saint-Aignan, dem er durch die Campobasso, der er alles erzählte,
+ein paarmal Dienste leistete. Nicht zu vergessen: die Wichtigkeit, die
+er dadurch in den Augen des Gesandten gewann, schmeichelte ihm ungemein.
+
+Die Campobasso war auch hierin so ganz anders als Senecé. Die
+gesellschaftlichen Vorzüge des Geliebten machten gar keinen Eindruck
+auf sie. Geliebt oder nicht geliebt werden war ihr ein und alles. »Ich
+opfre ihm auf ewig mein Seelenheil,« dachte sie oft bei sich. »Er
+ist ein Ausländer. Ein Ketzer. Er kann mir derlei Opfer gar nicht
+entgelten.« Aber wenn dann der Chevalier erschien, in seinem Frohsinn,
+der so entzückend und so ungezwungen war, dann staunte sie wie vor
+einem Wunder und ließ sich so gern bezaubern. Bei seinem Anblicke
+vergaß sie alles, was sie sich vorgenommen hatte ihm zu sagen, und alle
+ihre düsteren Gedanken waren verflogen. Das war für sie ein Zustand,
+den ihre erdenferne Seele noch nie erlebt hatte. Er dauerte weiter,
+wenn Senecé längst von ihr wieder fort war. Schließlich ward sie sich
+klar, daß sie ohne den Geliebten nicht denken, nicht leben konnte.
+
+Die Mode, die in Rom zwei Jahrhunderte hindurch die Spanier bevorzugt
+hatte, begann sich schon damals den Franzosen zuzuwenden. Man fing an,
+ihren Charakter zu verstehen, der Freude und Glück überall hinträgt,
+wo er sich zeigt. Diesen Charakter gab es einstmals nur in Frankreich.
+Seit der großen Revolution von 1789 ist er nirgends mehr zu finden.
+Denn ein so beständiger Frohsinn gedeiht nur bei Sorglosigkeit.
+Heutzutage gibt es in Frankreich für niemanden mehr eine sichere
+Laufbahn und ruhige Lebensentwicklung, nicht einmal mehr für das Genie,
+das so seltene. Zwischen den Angehörigen der Kaste Senecés und dem
+Reste der Nation herrscht Kriegszustand. Auch in Rom war es damals bei
+weitem anders als in unsren Tagen. Im Jahre 1726 ahnte man nichts von
+dem allen, was sich daselbst zwei Menschenalter später zutragen sollte,
+als das Volk, von etlichen Pfaffen bestochen, den Jakobiner Basseville
+umbrachte, der die Hauptstadt der Christenheit angeblich zivilisieren
+wollte.
+
+Dem Chevalier gegenüber hatte die Campobasso, was ihr noch
+nie widerfahren, die Vernunft verloren. Dinge, die der gesunde
+Menschenverstand nicht billigt, hatten sie himmelhoch jauchzend und zu
+Tode betrübt gemacht. Nachdem Senecé einmal die Religiosität ihres
+strengen ehrlichen Herzens besiegt hatte, also etwas, was ihr hehrer
+und höher gewesen als die irdische Vernunft -- seitdem war ihre Liebe
+lodernde Leidenschaft geworden.
+
+Die Fürstin hatte einem Monsignore Ferraterra ihr Wohlwollen geschenkt
+und sich vorgenommen, ihn emporzubringen. Ihr ward ganz seltsam zumute,
+als Ferraterra ihr eines Tages vermeldete, Senecé ginge nicht nur
+auffällig viel zur Orsini, sondern er wäre auch daran schuld, daß
+die Gräfin ihrem offiziellen Liebhaber, einem berühmten Sänger, den
+Laufpaß gegeben hatte.
+
+Es war an dem Abend, da die Campobasso diese schicksalsschwere Nachricht
+erhalten hatte.
+
+Regungslos saß sie im Erdgeschoß ihres Palastes in einem riesigen
+Lehnstuhl von vergoldetem Leder. Neben ihr, auf einem Tischchen mit
+schwarzer Marmorplatte, stand ein mächtiger zweiarmiger Leuchter auf
+hohem Fuß, ein Meisterwerk von Benvenuto Cellini. Das Licht der dicken
+Kerzen durchhellte das weite Gemach und ließ Einzelheiten aus der
+Finsternis hervortreten. An den Wänden hingen Gemälde, vom Alter
+gedunkelt; denn die Zeit der großen Meister war längst vorüber.
+
+Der Fürstin gegenüber, fast zu ihren Füßen, auf einem niedrigen
+Ebenholzschemel, der mit massivem Goldzierat geschmückt war, hockte
+die rassige Gestalt des jungen Franzosen. Die Römerin schaute ihn an.
+Ununterbrochen. Seit er den Saal betreten, hatte sie noch kein Wort an
+ihn gerichtet. Sonst war sie ihm immer entgegengeeilt und ihm in die
+Arme geflogen.
+
+Im Jahre 1726 war Paris bereits die Königin der Eleganz und des
+Schicks. Der Chevalier ließ sich von dort durch die Post regelmäßig
+allerlei kommen, was das schmucke Aussehen auch des feschesten Franzosen
+noch erhöht. Senecé hatte seine weltmännische Schulung durch die
+großen Mondänen am Hofe des Regenten und unter der Anleitung des
+berüchtigten Canillac, eines Roués am Hofe Philipps, empfangen. Aber
+trotz seiner bei einem Manne seines Ranges so natürlichen Sicherheit
+war er einigermaßen verlegen. Seine Miene verriet es deutlich. Er sah
+ihr ins Gesicht. Ihr schönes blondes Haar war nicht ganz in Ordnung.
+Ihre großen schwarzblauen Augen starrten ihn an. Aber er verstand
+nicht, was ihr düsterer Ausdruck besagte. Sann sie auf tödliche Rache?
+Oder war es nur der tiefe Ernst leidenschaftlicher Liebe?
+
+»Also du liebst mich nicht mehr?« stieß sie endlich hervor.
+
+Dieser Kriegserklärung folgte neues langes Schweigen.
+
+Es fiel der Fürstin schwer, auf diesen verführerischen entzückenden
+Mann verzichten zu sollen. Wenn sie ihm keine Szene machte, war er stets
+bereit, ihr tausend Torheiten zu sagen. Des war sie überzeugt. Aber sie
+war viel zu stolz, als daß sie die Aussprache hinausgeschoben hätte.
+Eine gefallsüchtige Frau ist eifersüchtig aus Eigenliebe. Eine
+leichtlebige, weil sie das so gewohnt ist. Eine Frau jedoch, die
+wahrhaftig und leidenschaftlich liebt, hegt das Bewußtsein ihrer
+Rechte.
+
+Die sonderbare Art ihres Blickes, die der römischen Leidenschaft
+eigentümlich ist, belustigte Senecé. Er sah in eine Tiefe voller
+Geheimnisse und Rätsel. Das war Seelennacktheit. Die Orsini besaß
+diesen Reiz nicht.
+
+Trotz dieser Entdeckung dauerte dem jungen Franzosen das Stillschweigen
+über die Maßen an. Da er in der Kunst, die geheime Innenwelt eines
+italienischen Herzens zu ergründen, so gar kein Meister war, fand er
+seine ruhige vernünftige Miene wieder und geriet in sein gewohntes
+Wohlbehagen. Das heißt: einen Kummer hatte er in diesem Augenblick
+doch. Beim Durchschreiten des Kellerganges, der aus einem Nachbarhause
+in den tiefgelegenen Saal führte, in dem die Fürstin ihn empfing, war
+an der blitzsauberen Stickerei seines wunderfeinen, erst gestern aus
+Paris angekommenen Rockes eine Spinnewebe hängengeblieben. Das verdroß
+ihn. Vor Spinnen hatte er Abscheu.
+
+Senecé bildete sich ein, in den Augen der Geliebten die Stille vor dem
+Sturm zu erkennen. »Um einen Auftritt zu vermeiden,« dachte er, »gehe
+ich ihren Vorwürfen aus dem Wege. Dann brauche ich nicht Rede und
+Antwort zu stehen.« Dann aber, in einem Stimmungsmischmasch von
+Ärgerlichkeit und Ernst, sagte er sich folgendes:
+
+»Wäre hier nicht eine günstige Gelegenheit da, ihr die Wahrheit leise
+anzudeuten? Sie wirft die Frage aus freien Stücken auf. Damit ist schon
+der halbe Verdruß überstanden. Ganz bestimmt: ich bin wirklich nicht
+für die Liebe geschaffen. Aber nie habe ich etwas Schöneres gesehen
+als diese Frau mit ihren Sphinxaugen. Sie hat schlechte Manieren. Sie
+läßt mich durch abscheuliche Keller schleichen. Andrerseits ist sie
+die Nichte des Souveräns, an dessen Hof mich mein König und Herr
+gesandt hat. Mehr noch: sie ist blond in einem Lande, wo alle Frauen
+brünett sind. Das ist ein ganz besonderer Vorzug. Es vergeht kein Tag,
+an dem ich nicht hörte, daß sie himmlisch schön sei, und das sagen
+Leute, deren Zeugnis unparteiisch ist, Leute, die nicht im entferntesten
+ahnen, daß sie mit dem glücklichen Besitzer so vieler Reize sprechen.
+Was die Macht anbelangt, die ein Mann über seine Geliebte haben soll,
+so brauche ich mir in dieser Hinsicht keine Sorgen zu machen. Wenn ich
+es darauf ankommen lassen wollte, so genügt ein einzig Wort und ich
+entführe sie aus diesem Palaste mit seinen Goldmöbeln, weg von ihrem
+Onkel und all dem Glanz seines Hofes, nach Frankreich, nach einem meiner
+Güter, in einen Winkel der Provinz, in ein obskures Dasein ... Hol mich
+der Teufel: die Aussicht auf diese selbstlose Treue veranlaßt mich zu
+dem festen Entschluß, sie lieber nicht zu fordern. Die Orsini ist lange
+nicht so hübsch. Wenn sie mich liebt, liebt sie mich eben. Vielleicht
+ein bißchen mehr als den Kastraten Butafoco, den sie gestern in
+Gnaden entlassen hat, mir zu Ehren. Aber sie ist ein Weltkind. Sie hat
+Lebensart. Man kann bei ihr im Wagen vorfahren. Und eins weiß ich ganz
+bestimmt: eine Szene wird sie mir niemals machen. Dazu liebt sie mich
+viel zu wenig.«
+
+Während des langen Schweigens hatte die Fürstin ihren starren Blick
+nicht abgewandt von der sonnigen Stirn des jungen Franzosen.
+
+»Ich sehe ihn zum letzten Male,« klagte sie bei sich. Und urplötzlich
+warf sie sich in seine Arme und drückte heiße Küsse auf seine Stirn
+und auf seine Augen, die längst nicht mehr leuchteten, wenn er sich bei
+ihr einstellte.
+
+Der Chevalier hätte sich selber verachtet, hätte er nicht
+augenblicklich all seine Pläne, mit ihr zu brechen, vergessen. Sie
+freilich, sie war zu erregt und empört, um von ihrer Eifersucht zu
+lassen. Im nächsten Augenblick sah Senecé zu seiner Verwunderung, daß
+Tränen der Wut über ihre Wangen jagten. Halblaut redete sie mit
+sich selbst: »Wie? Ich erniedrige mich so sehr, daß ich ihm seinen
+Wankelmut vorwerfe! Ich, die ich mir geschworen habe, mir nie etwas
+davon anmerken zu lassen! Ach, meine Niedrigkeit ist noch viel
+schlimmer. Ich muß der Leidenschaft nachgeben, mit der mich dieser
+Verführer vergiftet hat! Ach, ich verworfene, verworfene, verworfene
+Fürstin! Ich muß ein Ende machen.«
+
+Sie trocknete ihre Tränen und gab sich den Anschein, als beruhige sie
+sich.
+
+»Chevalier,« sagte sie fast friedsam, »wir müssen ein Ende machen!
+Sie gehen oft zur Gräfin ...«
+
+Hier ward sie totenbleich.
+
+»Wenn du sie liebst, so gehe alle Tage hin! Meinetwegen. Aber komme nie
+wieder hierher ...«
+
+Sie hielt inne, als ob es ihr schwer fiele, weiter zu reden. Sie wartete
+auf ein Wort des Chevaliers. Aber dieses Wort ward nicht gesprochen.
+Sie mußte einen leichten Krampf in sich überwinden, und aus
+aufeinandergebissenen Zähnen drangen ihre weiteren Worte hervor:
+
+»Das ist mein Todesurteil und das Ihre!«
+
+Diese Drohung machte die schwankende Seele des Chevaliers wieder
+fest. Zunächst war er über den unvermittelten Wandel von zärtlicher
+Liebkosung zu Zorn erstaunt gewesen. Jetzt begann er zu lachen.
+
+Rasche Röte überflutete die Wangen der Fürstin, bis sie scharlachrot
+wurden. »Jetzt erstickt sie vor Wut,« dachte Senecé. »Sie kriegt
+einen Schlaganfall.«
+
+Er eilte auf sie zu, um ihr das Kleid am Halse zu öffnen. Sie stieß
+ihn zurück, mit einer Entschlossenheit und einer Kraft, die er nicht
+gewohnt war. Später erinnerte er sich, daß sie mit sich selber
+gesprochen hatte, als er den Versuch gemacht, sie in seine Arme zu
+nehmen. Im Moment trat er ein wenig zurück, ohne recht zu wissen,
+warum. Seine halb unbewußte Diskretion war unnötig. Offenbar sah
+sie ihn gar nicht mehr. Er war ihr tausend Meilen fern. Halblaut, aus
+zusammengepreßter Kehle, stammelte sie: »Er beschimpft mich. Er höhnt
+mich. Ich weiß, jung wie er ist, und bei der Plauderhaftigkeit, die
+hierzulande herrscht, wird er der Orsini meine ganze Würdelosigkeit
+erzählen, meine Selbsterniedrigung ... Ich bin meiner nicht mehr
+sicher. Ich habe nicht einmal mehr die Macht über mich, vor seinen
+hübschen Augen kalt zu bleiben ...«
+
+Wiederum ward sie schweigsam. Der Chevalier langweilte sich
+gräßlich. Endlich erhob sich die Fürstin und sagte abermals in noch
+unheilvollerem Tone:
+
+»Wir müssen ein Ende machen!«
+
+Senecé, der unter ihren Küssen auf den Gedanken einer ernsten
+Erklärung verzichtet hatte, sagte ein paar Scherzworte, die ein
+Ereignis betrafen, über das man in Rom zurzeit gerade viel redete.
+
+»Lassen Sie mich, Chevalier!« unterbrach sie ihn unwillig. »Ich
+fühle mich nicht wohl.«
+
+»Diese Frau ist mißlaunig,« dachte Senecé bei sich und beeilte sich
+zu gehorchen. »Nichts ist so ansteckend wie schlechte Laune.«
+
+Die Fürstin folgte ihm mit den Augen, bis er aus dem Saale verschwunden
+war. Mit bitterem Lächeln sagte sie sich:
+
+»Und ich wollte blindlings über mein Lebensgeschick entscheiden! Es
+war ein Glück, daß mich seine unangebrachten Scherze aufgerüttelt
+haben. Wie beschränkt ist dieser Mann! Wie kann ich ein Wesen lieben,
+das mich so wenig versteht? Er will mich durch einen Scherz erheitern,
+zu einer Stunde, da mein und sein Leben auf dem Spiele steht! Ach, wie
+klar wird mir hierbei das unheimliche dunkle Element in meiner Natur,
+das mein Unglück ist!«
+
+Sie fuhr wild aus ihrem Lehnstuhl auf.
+
+»Wie herrlich waren seine Augen, als er mir jene heiteren Worte
+sagte! Ja, ich kann es nicht leugnen: die Absicht des armen Jungen war
+liebenswert. Er kennt den Unglückszug meines Charakters. Er wollte
+mich über das schwarze Herzeleid hinwegtrösten, das mich quält. Andre
+hätten mich nach dem Grund gefragt. Liebenswürdiger Franzose! Mein
+Gott, was wußte ich vom Glück, eh ich ihn liebte?«
+
+Der Gedanke an die guten Seiten ihres Geliebten verführte sie zu
+köstlicher Träumerei. Dann aber fielen ihr die Vorzüge der Gräfin
+Orsini ein. Wiederum ward ihr die Seele finster. Die Qualen der
+schrecklichsten Eifersucht peinigten ihr das Herz. In Wahrheit stand sie
+seit zwei Monaten im Banne düsterer Vorahnung. Erträgliche Augenblicke
+hatte sie nur in der Gegenwart des Chevaliers gehabt, und doch hatte
+sie ihm beinahe immer, wenn sie in seinen Armen gelegen, bittere Worte
+gesagt.
+
+Der Abend war furchtbar für sie. Erschöpft und durch den Schmerz
+gewissermaßen sanfter gestimmt, erwog sie den Gedanken, noch einmal
+mit dem Chevalier zu reden. »Er hat wohl gesehen, daß ich empört
+bin, aber er kennt den Grund meiner Klage nicht. Vielleicht liebt er die
+Gräfin gar nicht. Vielleicht geht er nur zu ihr, weil er als Fremder
+die geselligen Zustände des Landes kennen lernen, insonderheit in der
+Familie des Herrschers verkehren muß. Wenn ich mir Senecé offiziell in
+mein Haus einführen lasse, wenn er vor aller Augen hierher kommen
+kann, dann bleibt er vielleicht ebenso stundenlang bei mir wie bei der
+Orsini.«
+
+»Nein!« rief sie in Raserei. »Ich erniedrige mich, wenn ich spreche.
+Er würde mich verachten. Weiter käme nichts dabei heraus. Der
+Flattersinn der Orsini, den ich in meiner Tollheit oft verachtet habe,
+ist wahrlich angenehmer als mein Charakter, zumal in den Augen eines
+Franzosen. Ich bin dazu geschaffen, mürrisch mit einem Spanier
+dahinzuleben. Was ist verrückter, als immer ernst zu sein, als ob die
+Tatsachen des Daseins nicht schon an und für sich ernst genug wären!
+Was soll aus mir werden, wenn ich meinen Chevalier nicht mehr habe, der
+frohes Leben in mich bringt, der die warme Sonne in mein Herz trägt,
+die sonst nicht drinnen scheint?«
+
+Sie hatte befohlen, niemanden vorzulassen außer Monsignore Ferraterra.
+Er kam, um ihr Bericht zu erstatten, was sich im Hause der Gräfin
+Orsini bis ein Uhr nachts zugetragen hatte. Der Prälat hatte der
+Fürstin in ihrer Liebesgeschichte ehrlich gedient. Er zweifelte
+seit gestern nicht mehr, daß Senecé sehr bald mit der Orsini die
+allerintimsten Beziehungen haben würde, ja, vielleicht bereits hätte.
+
+Sein Gedankengang war nun folgender:
+
+»Die Fürstin wird mir mehr nützen, wenn sie sich von ihrer Sünde
+kehrt, denn als Dame der großen Welt. Dort wird sie immer einen haben,
+der ihr lieber ist als ich, einen Liebhaber. Eines Tages kann diese
+Rolle ein Römer spielen. Er kann einen nahen Verwandten haben, der
+Kardinal werden will. Bekehre ich sie aber zu einem frommen Wandel,
+so wird sie immer zuerst an ihren Gewissensrat denken, und bei ihrem
+leidenschaftlichen Sinn ... was kann ich da nicht alles von ihrem Onkel
+erhoffen!«
+
+So wiegte sich der ehrgeizige Prälat in den verlockendsten
+Zukunftsträumen. Im Geiste sah er, wie sich die Fürstin dem Papste
+zu Füßen warf und den Kardinalshut für ihn erbat. Seine Heiligkeit
+würde ihr dies allergnädigst gewähren, schon aus Erkenntlichkeit
+gegen ihn. Er hatte nämlich die Absicht, sobald die Fürstin
+bekehrt wäre, Benedikt dem Dreizehnten unwiderlegliche Beweise ihres
+Verhältnisses mit dem jungen Ausländer vorzulegen. Der Papst, fromm,
+sittenstreng und voller Abscheu vor den Franzosen, würde demjenigen
+ewige Dankbarkeit bewahren, der eine Seiner Heiligkeit so mißfällige
+Sache aus der Welt geschafft hätte.
+
+Ferraterra gehörte dem Hochadel von Ferrara an. Er war reich und schon
+über fünfzig Jahre alt. Durch die nahe Aussicht auf den Kardinalshut
+vollbrachte er Wunder. Alsbald änderte er seine Rolle bei der
+Campobasso. Der Prälat, der sich in Senecés Charakter schlecht
+zurechtfand, hielt ihn für ehrgeizig. Es war zwei Monate her, daß der
+Chevalier die Fürstin vernachlässigte. Ihm zu nahe zu treten, dünkte
+ihn gefährlich.
+
+Der Prälat hatte eine sehr lange Zwiesprache mit der vor Liebe
+und Eifersucht tollen Fürstin. Er begann mit einem ausführlichen
+Geständnis der traurigen Wahrheit. Nach dieser wuchtigen Einleitung
+war es nicht schwierig, die religiösen und moralischen Gefühle, die
+im Herzensgrund der Römerin schlummerten, in Bewegung zu bringen. Es war
+echte Frömmigkeit in ihr.
+
+»Jedwede gottlose Leidenschaft muß mit Unglück und Schande enden!«
+sagte Ferraterra salbungsvoll.
+
+Als er den Palazzo Campobasso verließ, war es hellichter Tag. Er hatte
+der Bußfertigen das Gelübde abgenommen, Senecé an diesem Tage nicht
+einzulassen.
+
+Dies zu versprechen, war der Fürstin nicht schwer gefallen. Sie wollte
+fromm sein. Außerdem fürchtete sie, sich in den Augen des Geliebten
+verächtlich zu machen, wenn sie sich schwach zeigte.
+
+Ihr Entschluß hielt bis vier Uhr nachmittags an. Das war die Stunde,
+da der Chevalier sie zu besuchen pflegte. In der Tat erschien er auf dem
+Wege, der an der Rückfront des Palazzo Campobasso vorbeiführte. Als
+er das Zeichen bemerkte, das ihm kundtat, sein Eintritt sei unmöglich,
+ging er höchst zufrieden von dannen, zur Orsini.
+
+Die Einsame fühlte, wie der Wahnsinn sie langsam überkam. In ihrem
+Hirn jagten sich die seltsamsten Pläne und Entschlüsse. Plötzlich
+lief sie wie eine Rasende die große Treppe ihres Hauses hinunter,
+befahl ihren Wagen und rief dem Kutscher zu:
+
+»Palazzo Orsini!«
+
+Das Übermaß ihres Leids zwang sie, ohne rechten Willen, ihre Kusine
+aufzusuchen. Sie traf sie in einer Gesellschaft von fünfzig Personen.
+Alles, was in Rom Witz und Ehrgeiz hatte, ging im Palazzo Orsini ein und
+aus. Im Palazzo Campobasso fand man nicht so leicht Eingang.
+
+Das plötzliche Erscheinen der Fürstin erregte großes Aufsehen.
+Ehrerbietig machte ihr alle Welt Platz. Sie bemerkte das gar nicht. Sie
+sah nichts als ihre Rivalin und staunte sie an. Zu ihrer Qual und Pein
+fand sie eine Menge reizender Dinge an ihr. Stumm und versonnen saß sie
+da.
+
+Nach ein paar Höflichkeitsphrasen begann die Orsini wie vorerst in
+ihrer witzigen, munteren losen Art zu plaudern. Die Campobasso dachte
+bei sich:
+
+»Dieser Frohsinn paßt tausendmal besser zum Chevalier als meine tolle
+grüblerische Liebe.«
+
+In einer ihr selber unerklärlichen Aufwallung von Bewunderung und Haß
+fiel sie der Gräfin um den Hals. Sie hatte für nichts Augen als für
+den Charme ihrer Kusine. Aus der Nähe wie von ferne schien sie ihr in
+gleichem Maße anbetungswürdig. Sie verglich ihr Haar, ihren Teint,
+ihre Augen mit den eigenen. Das Ergebnis dieser wunderlichen Prüfung
+war, daß die Fürstin an sich selbst alles häßlich und abscheulich
+fand. An ihrer Rivalin hingegen dünkte sie alles unvergleichlich und
+köstlich.
+
+Starr und finster saß die Campobasso inmitten der schwatzenden und
+gestikulierenden Menschenmenge wie eine Basaltstatue. Man kam und ging,
+laut und lärmend. Alles das verursachte ihr Unbehagen, geradezu Pein.
+Da hörte sie, daß man den Chevalier von Senecé meldete. Es wurde ihr
+ganz seltsam zumute.
+
+Zu Beginn ihrer heimlichen Beziehungen war sie mit ihm übereingekommen,
+daß er in Gesellschaft wenig mit ihr reden und sich so benehmen solle,
+wie sich das für einen ausländischen Diplomaten geziemt, der einer
+Nichte des Souveräns, bei dem er beglaubigt ist, just zwei- oder
+dreimal den Monat begegnet.
+
+Senecé begrüßte die Fürstin mit dem gewohnten Respekt und Ernst.
+Sodann gesellte er sich wieder zur Gräfin Orsini, bei der er den
+heiteren, fast vertraulichen Ton anschlug, dessen man sich vor
+einer lebhaften Frau bedient, die einen gern und täglich sieht. Die
+Campobasso war zu Tode verwundet.
+
+»Die Gräfin zeigt mir, wie ich hätte sein sollen,« sagte sie
+sich und ging hinweg. Sie hatte die letzte Leidensstation erreicht.
+Unglücklicher konnte kein menschliches Wesen werden. Sie war
+entschlossen, Gift zu nehmen. Alle Wonnen, die ihr der Geliebte je
+geschenkt, vermochten die Wagschale mit den grenzenlosen Herzensqualen
+nicht zu halten, die sie in der Nacht heimsuchten. Römerinnen haben
+tausendmal mehr Leidenschaft als andere Frauen.
+
+Am nächsten Tage kam Senecé wiederum am Palast vorüber. Wiederum
+grüßte ihn das Zeichen der Ablehnung. Wiederum ging er fröhlich von
+dannen. Trotzdem war er gekränkt.
+
+»Also war das neulich doch der Laufpaß!« meinte er, und seine
+Eitelkeit flüsterte ihm zu: »Du mußt sie in Tränen sehen!«
+
+Bei dem Gedanken, ein so schönes Weib, die Nichte Seiner Heiligkeit,
+auf immerdar verloren zu haben, empfand er eine verliebte Regung. Er
+kroch in den wenig sauberen Kellergang, der ihm jedesmal gräßlich
+unangenehm war, und trat die Tür ein, die zu dem Saale des
+Erdgeschosses führte, in dem ihn die Fürstin zu empfangen pflegte.
+
+»Unerhört!« rief die Fürstin, die in diesem Raume ihrem Leid
+nachhing. »Sie wagen es, hier zu erscheinen?«
+
+»Ihre Entrüstung ist Heuchelei!« dachte der junge Franzose bei sich.
+»Diesen Saal betritt sie nur, wenn sie meiner harrt.«
+
+Der Chevalier ergriff ihre Hand. Sie zitterte. Ihre Augen füllten sich
+mit Tränen. Er sah sie an. Nie war sie ihm hübscher erschienen. Im
+Augenblick liebte er sie. Sie aber vergaß alle die frommen Gelübde der
+letzten zwei Tage und warf sich in seine Arme. »Und dieses Glück soll
+fortan die Orsini haben!« rief sie.
+
+Senecé, der wie immer die römische Seele mißverstand, wähnte, sie
+wolle sich von ihm in guter Freundschaft trennen, wolle einen Bruch
+unter Wahrung des äußeren Scheins. Dies wäre so recht nach seinem
+Sinn gewesen. »Als Attaché der königlichen Gesandtschaft«, sagte
+er sich, »wäre es inkorrekt von mir, wenn ich mir die Nichte des
+Souveräns, bei dem ich beglaubigt bin, zur Todfeindin machte. Viel
+fehlte dazu nicht.« Im voraus stolz auf den glücklichen Ausgang, zu
+dem er es höchstwahrscheinlich, wie er meinte, bringen würde, begann
+er der Fürstin Vernunft zu predigen. Sie würden im angenehmsten Verein
+leben. Warum sollten sie nicht sehr glücklich sein? Was hätte sie
+ihm eigentlich vorzuwerfen? Die Liebe mache einer guten traulichen
+Freundschaft Platz. Er bäte inständig um das Vorrecht, von Zeit
+zu Zeit an diesen lieben, alten Ort zurückkehren zu dürfen. Ihre
+Beziehungen würden immer zärtlich sein ...
+
+Zuerst verstand ihn die Fürstin nicht. Als sie endlich zu ihrem
+Entsetzen begriff, erstarrte sie. Unbeweglich, stieren Blicks stand sie
+da. Schließlich, bei seiner letzten Torheit, »den immer zärtlichen
+Beziehungen«, unterbrach sie ihn mit dumpfer, wie aus der untersten
+Tiefe ihres Herzens dringender Stimme, wobei sie langsam Wort für Wort
+betonte:
+
+»Sie wollen wohl sagen, Sie finden mich immer noch hübsch genug, um
+mich als Dirne zu gebrauchen!«
+
+»Aber beste, teuerste Freundin,« erwiderte ihr Senecé in
+ungeheuchelter Verwunderung, »habe ich denn Ihre Eigenliebe verletzt?
+Wie kann es Ihnen nur in den Sinn kommen, Worte des Vorwurfs zu
+äußern? Glücklicherweise ahnt ja kein Mensch etwas von unserm
+Einverständnis. Ich bin ein Edelmann. Ich gebe Ihnen von neuem mein
+Ehrenwort: niemals soll ein lebendes Wesen von dem Glück erfahren, das
+Sie mir geschenkt haben!«
+
+»Auch die Orsini nicht?« fragte sie in so kühlem Tone, daß des
+Chevaliers Verblendung weiterwährte. Naiv gab er die Antwort:
+
+»Habe ich Ihnen je die Namen derer genannt, die ich vielleicht geliebt
+habe, ehe ich Ihr Sklave ward?«
+
+»Bei aller meiner Hochachtung vor Ihrem Ehrenworte, stehe ich hier doch
+vor einer Gefahr, die ich vermeiden möchte.«
+
+Das klang so fest und feierlich, daß der junge Franzose endlich
+stutzte.
+
+»Leben Sie wohl, Chevalier!«
+
+Ihre Stimme zitterte mit einem Male. Aber schon wiederholte sie klar und
+bestimmt:
+
+»Leben Sie wohl, Chevalier!«
+
+Er ging.
+
+Die Fürstin ließ Ferraterra holen.
+
+»Es gilt, mich zu rächen!« erklärte sie ihm.
+
+Der Prälat war hocherfreut.
+
+»Jetzt gibt sie sich in meine Hände!« frohlockte er. »Nun ist sie
+mein für ewig!«
+
+Zwei Tage später, nach einem erdrückend heißen Tage, ging Senecé um
+Mitternacht auf dem Korso spazieren, um frische Luft zu schöpfen. Ganz
+Rom war auf den Beinen. Als er wieder in seinen Wagen steigen wollte,
+vermochte ihm sein Diener kaum zu antworten. Er war betrunken. Der
+Kutscher war verschwunden. Der Diener meldete ihm lallend, der Kutscher
+hätte einen Streit mit einem »Feinde« gehabt.
+
+»Großartig! Mein Kutscher hat Feinde!« lachte der Chevalier und
+schickte sich an, zu Fuß nach Haus zu gehen.
+
+Unterwegs, kaum zwei oder drei Straßen vom Korso weg, nahm er wahr,
+daß er verfolgt wurde. Drei, vier oder fünf Männer blieben jedesmal
+stehen, sobald er haltmachte. Wenn er weiterging, setzten auch sie ihren
+Weg fort.
+
+»Ich könnte einen Bogen machen und auf einer andern Straße nach dem
+Korso zurückkehren,« überlegte sich Senecé. »Unsinn!« meinte er
+dann wieder. »Was stören mich diese Kerle? Ich bin ja bewaffnet.«
+
+Er nahm den blanken Dolch in die Hand.
+
+Mit diesen Gedanken schritt Senecé weiter, durch mehrere abgelegene
+Straßen, von denen eine immer einsamer war als die andere. Er hörte,
+daß die Männer hinter ihm schneller gingen. Er spähte nach
+vorwärts. Da bemerkte er gerade vor sich eine kleine Kirche, die den
+Franziskanermönchen gehörte. Seltsamer Schimmer leuchtete hinter den
+hohen Fenstern.
+
+Senecé stürzte auf das Portal und pochte mit dem Holzknauf stark an
+die Tür. Die Männer, die ihm nachgegangen, waren fünfzig Schritt
+von ihm entfernt. Jetzt begannen sie auf ihn zuzulaufen. In diesem
+Augenblick öffnete ein Mönch die Tür. Senecé trat eilends in die
+Kirche. Der Mönch schlug die Tür rasch zu. Gleich darauf donnerten die
+Banditen mit den Füßen gegen die Türe.
+
+»Gottlose Buben!« murmelte der Mönch.
+
+Senecé gab ihm eine Zechine.
+
+»Offenbar wollten sie mir ans Leben,« sagte er.
+
+Die Kirche strahlte im Glanze von mindestens tausend Kerzen.
+
+»Seltsam! Messe zu dieser Stunde?« fragte der Chevalier den Mönch.
+
+»Zu Befehlen, Eccellenza! Mit besonderer Erlaubnis Seiner Eminenz des
+Herrn Kardinal-Vikar.«
+
+Das Chor der kleinen Kirche -- genannt _San Francesco a Ripa_ -- war
+auf das prächtigste zu einer Trauerfeier hergerichtet. Man sang die
+Totenmesse.
+
+»Wer ist der Verstorbene?« erkundigte sich Senecé. »Ein Fürst?«
+
+»Ich glaube,« antwortete der Priester. »Denn man hat nichts gespart.
+Wahrlich, das ist Geld- und Lichtverschwendung! Der Herr Pfarrer hat uns
+übrigens erzählt, der Entschlafene sei ohne das Sakrament gestorben.«
+
+Senecé ging näher heran und erblickte ein Wappenschild von
+französischer Form. Seine Neugier steigerte sich. Er trat dicht an
+den aufgebahrten Sarg und erkannte sein eigenes Wappen und las die
+lateinische Inschrift:
+
+ +---------------------------+
+ | _NOBILIS HOMO |
+ | IOANNES NOBERTVS SENECE |
+ | EQVES |
+ | DECESSIT ROMAE |
+ | A. D. MDCCXXVI_ |
+ +---------------------------+
+
+Zu deutsch: Der edle Herr Johann Norbert Chevalier von Senecé,
+gestorben zu Rom im Jahre des Herrn 1726.
+
+»So habe ich also den Vorzug, meiner eigenen Leichenfeier
+beizuwohnen,« sagte sich Senecé halblaut. »Bisher hat sich meines
+Wissens nur Kaiser Karl der Fünfte dieses Vergnügen geleistet. Mir
+scheint, hier weiter zu verweilen ist vom Übel.«
+
+Er gab dem Mesner ein zweites Goldstück.
+
+»Pater, laßt mich durch das Hinterpförtchen Eures Klosters hinaus!«
+
+»Sehr gern, Eccellenza!« erwiderte der Mönch.
+
+Kaum war der Chevalier auf der Straße, da begann er, in der Linken den
+Dolch, in der Rechten sein Pistol, zu laufen, was er nur konnte.
+Bald hörte er wiederum hinter sich Verfolger. Als er vor seinem Haus
+anlangte, schien ihm die Türe verschlossen zu sein. Ein Mann stand
+davor.
+
+»Jetzt gibts einen Kampf!« dachte der junge Franzose. Eben wollte er
+den Dastehenden niederknallen, da gewahrte er, daß es sein Kammerdiener
+war.
+
+»Schließ auf!« rief er ihm zu.
+
+Die Türe war offen. Beide huschten hinein und verriegelten die Türe.
+
+»Gnädiger Herr,« meldete der Diener. »Ich habe Euer Gnaden überall
+gesucht. Ich habe Trauriges zu berichten. Der arme Johann, der Kutscher,
+ist erdolcht worden. Die Mörder stießen Flüche auf Euer Gnaden aus.
+Der Dolchstoß hat dem gnädigen Herrn gegolten ...«
+
+Der Diener wollte noch mehr sagen. Da schlugen ein halbes Dutzend
+Flintenschüsse gleichzeitig durch eins der offenen Fenster, die von der
+Halle des Hauses nach dem Garten hinaus gingen.
+
+Senecé und sein Kammerdiener stürzten tot nieder, beide von mehreren
+Kugeln durchbohrt.
+
+Zwei Jahre später stand die Fürstin von Campobasso im Gerücht, die
+frömmste Frau Roms zu sein. Monsignore Ferraterra war längst Kardinal.
+
+
+
+
+Bemerkung des Übersetzers
+
+
+Die beiden Novellen, die Stendhals Ideal in der _arte di novellare_ so
+recht repräsentieren, den kahlen reflexionslosen Chronikenstil, sind
+um die gleiche Zeit, um 1829, wie sein großer Roman »Rot und Schwarz«
+entstanden. Beide gehen sie auf tatsächliche Geschehnisse zurück.
+Beider Heldinnen sind Schwestern der Mathilde von La Mole, gleichsam
+Vorstudien. Stendhals »Vanina Vanini« hat Paul Heyse den Stoff zu
+einem vieraktigen Trauerspiel »Vanina Vanini« (gedruckt 1896) gegeben.
+
+ Arthur Schurig.
+
+
+
+
+Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
+
+
+
+
+Änderungen
+
+ Seitenangabe
+ originaler Text
+ geänderter Text
+
+ Seite 4
+ In Vaninis Augen war dies sein Fehler.
+ In Vaninas Augen war dies sein Fehler.
+
+ Seite 39
+ »Monsignore, erkennen Sie Vanina Vanini nicht!«
+ »Monsignore, erkennen Sie Vanina Vanini nicht?«
+
+ Seite 68
+ Gefühle, die im Herzensgrund der Römerin schlummerte
+ Gefühle, die im Herzensgrund der Römerin schlummerten
+
+ Seite 69
+ für nichts Augen als für die Charme ihrer Kusine
+ für nichts Augen als für den Charme ihrer Kusine
+
+ Seite 74
+ schickte sich an, zu Fuß nach Haus zugehen
+ schickte sich an, zu Fuß nach Haus zu gehen
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Römerinnen, by Stendhal
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RÖMERINNEN ***
+
+***** This file should be named 38547-8.txt or 38547-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+
+Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
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+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
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+Creating the works from public domain print editions means that no
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+research. They may be modified and printed and given away--you may do
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+redistribution.
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+used on or associated in any way with an electronic work by people who
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
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+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
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+electronic work, or any part of this electronic work, without
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+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.